Regeln, Information und Punkteliste der Saison '11

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    Wettbewerb Nr. 19: Unerzählte Pokémongeschichten
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    [tabmenu][tab='1. Platz']TCCPhreak


    Ewige Alte Villa


    Es war noch nicht wirklich Abend. Durch die dichten Baumkronen waren noch einige Sonnenstrahlen zu sehen; im Wald selbst war es aber schon so schummrig dunkel, dass die Gruppe beschloss, ihr Lager aufzuschlagen.


    Sie hatten sich in Zweiergruppen aufgeteilt, um Holz für das Lagerfeuer zu suchen. So war die Gefahr geringer, dass sie sich verirrten und auch für den Fall, dass ein übermütiges Haspiror angreifen sollte, war damit vorgesorgt.
    Tom und Anne kehrten später als die beiden anderen zurück. Sie hielten sich bei der Hand, hatten etwas weniger Zweige gesammelt und kicherten, als sie sich ans Feuer setzten.


    Cheryl ließ ihr Panflam mittels Glut das Feuer anstecken, bevor sie es dann schlafen schickte. Dann wandte sie sich an die anderen: "Und? Fürchtet Ihr Euch schon?"
    "Wovor sollten wir uns denn hier fürchten?" Anne ließ keinen Hauch Zweifel in ihre Stimme fließen, "Mein Dex meint, dass hier keinerlei Gespenster oder ähnliches zu finden sind."
    Tom kniff sie in die Seite: "Dein Dex kann auch nur sagen, was er selber weiß. Wenn erst heute abend ein" - er hielt kurz inne - "ein 'Etwas' aus der alten Villa einen Ausflug mag, weiß der das natürlich nicht."
    Anne antwortet schnippisch: "und vor welchem" - sie hielt ebenfalls kurz inne und lächelte dabei - "bösen 'Etwas' sollte ich Angst haben müssen?"
    Tom hob unschuldig die Schultern, "Ja was weiß ich denn, wer oder was sich da alles so in der alten Villa herumtreibt."
    Cheryl unterbrach die beiden, "War einer von euch schon einmal in der alten Villa?" In der Runde wurde es still.
    Schließlich hob Michael zögerlich die Hand. "Aber nur kurz."
    Cheryl fragte in seine Richtung: "Was hast Du denn da gemacht?"
    Michael antwortete: "Das war Teil einer Mutprobe, um in eine Clique aufgenommen zu werden. Ich sollte eine halbe Stunde lang dadrin bleiben."
    Anne konnte ihre Neugierde nicht zügeln: "und? wie war's? Was hast Du gesehen?"
    Michael war merklich unwohl, darüber zu sprechen: "Naja. Zuerst hab ich gedacht, ich bleib einfach die halbe Stunde direkt an der Tür sitzen. Raus konnte ich ja nicht - die Anderen bewachten die Ausgänge. Das war dann aber doch langweilig; also hab ich mich dann dort umgesehen." Als die anderen ihn nur aufmunternd ansahen, fuhr er fort: "Es war vollkommen still darin. Hier draußen hört man ja immer die Laute einiger Pokemon, aber direkt nachdem die Tür zu war, hörte ich gar nichts mehr."
    Tom hakte nach: "Absolute Stille? Gibt es so etwas heutzutage überhaupt noch?"
    Auch Anne mischte sich ein: "Ich hab mal gelesen, dass die meisten Menschen den Alltagskrach so sehr gewohnt sind, dass sie Stille gar nicht mehr aushalten können. Sie werden regelrecht.."
    Michael fiel ihr ins Wort: "So ging es mir auch. Meine Schritte zu hören war besser als gar nichts."
    "Quasi 'No Sound Except I Make It' - tolles Lied", Cheryl bemerkte Michaels bösen Blick, "Tschuldigung. Erzählst Du weiter?"
    Michael fing wieder an: "Naja, soviel zu erzählen gibt es da gar nicht. Es war halt einfach unheimlich. Ich hatte in einem Raum das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl da nur ein Gemälde darin war. Die Villa ist so groß und doch so leer. Da war ein langer Speiseraum und überall stand noch das Geschirr - als ob alles Leben von einen Moment auf den anderen verschwunden wäre. Einmal dachte ich, eine Bewegung gesehen zu haben."
    Annes Stimme zitterte nun schon mehr: "Gespenster?"
    Michael meinte: "Ich weiß es nicht. Ich hab geblinzelt und dann war alles wieder ruhig."
    Die Gruppe war still. Michael merkte, dass sie ihn weiterhin erwartungsvoll anstarrten - Anne hielt nun Toms Arm fest - und so seufzte er resigniert: "Ich hab die Mutprobe nicht bestanden. Nach einer Viertelstunde hab ich es einfach nicht mehr ausgehalten und wie wild an die Haustür geklopft. Die Clique fand aber auch schon die halbe Zeit okay und hat mich aufgenommen."


    Einen Moment lang rührte sich niemand. Selbst die Pokemon des Waldes schienen kurzfristig komplett still zu sein und darauf zu warten, dass sich wieder etwas bewegt.


    "Danke, Michael", Cheryl stand auf und nahm das Wort wieder an sich, "Wisst ihr, ich hab da mal eine interessante Legende über die alte Villa gehört. Ich kann sie mal erzählen, allerdings ist die ein wenig unheimlich."
    Tom wandte sich neckig zu Anne: "Ist das okay für Dich?"
    Anne war empört: "Aber sicher doch! Was wäre ein Lagerfeuer denn ohne eine schöne Spukgeschichte?"


    Cheryl nahm noch einen Schluck von ihrer Limonade und fing an: "Es heißt, dass vor langer Zeit eine große Familie mit ihrem Butler in dieser Villa lebte. Sie hatten sich extra ein Haus im Wald ausgesucht, weil es ihnen in der Stadt zu laut war."
    "Ist das nicht gefährlich?" rief Michael, "ganz allein im Wald und umgeben von all den Pokemon? An den Knospis und Waumpels kann man sich doch so schnell vergiften."
    "Manchmal treiben sich sogar Hornlius hier herum.", fügte Anne hinzu, "Hab' ich zumindest gehört."
    "Das war der Familie schon bewusst. Glücklicherweise hatten sie ja ihre Pokemon, außerdem hatten sie sich immer gut mit Gegengiften aus Ewigenau eingedeckt, um sich im Notfall heilen zu können. So ist ihnen dann nie etwas zugestoßen und sie haben dort lange Jahre glücklich gelebt. Das war allerdings, bevor es zu dem großen Streit kam."
    "Der große Streit?" Michael war neugierig.
    "Ja. Die Familie hatte eine Tochter. Sie hieß Laura und lief gerne alleine im Wald herum. Irgendwann traf sie auf ein Traunfugil und freundete sich mit ihm an. Sie nahm es mit nach Hause und hielt es dort erstmal versteckt, aber natürlich haben ihre Eltern das irgendwann entdeckt."
    "Kann mir vorstellen, dass sie nicht begeistert waren. Wer will schon ein Traunfugil im Haus haben?". Das war Tom.
    "Genau. Sie warfen es gewissermaßen aus dem Haus. Die kleine Laura fand das natürlich ziemlich ungerecht, konnte aber nichts dagegen tun. Das Traunfugil verschwand widerwillig aus dem Haus, aber als es über die Türschwelle flog, da drehte es sich noch einmal um und begann zu sprechen."
    Anne zweifelte, "aber Traunfugils können doch gar nicht sprechen!"
    "Es heißt, dieses Traunfugil hat es getan. Deswegen war die Familie auch so überrascht. Es verfluchte die Villa und die Familie darin. Es sprach 'Wenn ihr hier keine Gäste willkommen heißt, so sollt ihr selbst auch nicht mehr willkommen sein.' Danach flog es in einen Baum hinein und war verschwunden."


    Abermals war es einen Moment still. "Und was ist danach passiert?" fragte Tom schließlich.
    "Dann ist erstmal nichts passiert. Die Eltern hielten das für eine leere Drohung. Den Großeltern zuliebe hingen sie allerdings ein paar Bannsticker auf. Für einige Wochen war alles in Ordnung. Laura blieb natürlich beleidigt und hat im Wald nach dem Traunfugil gesucht - es aber nie wieder gefunden. Irgendann jedoch fühlten sich die Großeltern nicht mehr wohl in der Villa. Sie meinten, dass es Stellen im Haus gab, an denen es urplötzlich eiskalt würde. Sie schwörten, dass die Bilder sie beobachten würden. Obwohl Lauras Eltern meinten, dass das alles nur eingebildet wäre, weigerten sich die Großeltern dann, weiter in der Villa zu leben und zogen in die Wohnanlage in Ewigenau."
    Michael dachte an die Größe der Villa, "Aber dann muss das Haus doch unheimlich leer gewirkt haben."
    Cheryl fuhr fort, "So war es auch. Die Eltern meinten aber, sie wollten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und blieben. Allerdings hatte sich die Mutter danach ziemlich verändert. Zunächst schien es, als hätte sie sich von ihren Eltern verraten gefühlt. Sie verbot allen, jemals nach Ewigenau zu gehen. Später durfte niemand mehr das Haus verlassen. Wahrscheinlich aber wurde sie langsam wahnsinnig."
    Anne fragte nach, "Hat das Traunfugil vielleicht Besitz von ihr ergriffen?"
    Cheryl antwortete, "Das glauben Manche. Allerdings hatte das Traunfugil Laura ja lieb und hätte sie wahrscheinlich nicht umgebracht."


    "Umgebracht? Das Mädchen ist tot?", Tom konnte das nicht glauben.
    "Es war eine dunkle und stürmische Nacht als die Mutter entschloss, ihre Familie nie wieder gehen zu lassen. Sie hatte zuviel Angst, von ihnen verlassen zu werden und so fing sie ein Knospi im Wald, tötete es und entnahm ihm das Gift. Dieses Gift mischte sie dann ins Abendessen."
    "Aber die Familie hatte doch immer Gegengift im Haus!" Michael suchte einen Punkt, um die Geschichte nicht zu glauben.
    "Das hatte die Mutter schon bedacht. Deswegen hat sie sämtliche Vorräte weggeschmissen und im Medizinschrank nur Placebos aufgestellt."
    Michael wurde es auf einmal kalt, "Ich glaube, ich hab das gesehen. Ich war in der Küche und da war etwas im Mülleimer. Ich hab mich nur nicht getraut, das mitzunehmen."
    "Danach hat sie das Essen serviert und gelächelt, als ob alles in Ordnung wäre."


    "Es heißt, dass der Butler auch nach seinem Tode der Familie und der Villa treu blieb und auch heute noch für Ordnung sorgt. Angeblich hat sich ein Pokemon in einem Fernseher versteckt, um dem Tode zu entgehen. Es heißt auch, dass die kleine Laura nie aufgehört hat, nach dem Traunfugil zu suchen."


    "Ich hab eine andere Geschichte gehört", meine Anne schließlich, "der Boss von Team Galaktik soll dort gewohnt haben."


    Cheryl lächelte hämisch, "Wer sagt, dass die Familie nur ein Kind hatte?"



    [tab='2. Platz']Fröschchen


    Notlösung: Entwicklung!


    „Komm heraus, Evoli!“, gedämpft drang die Stimme meines Trainers Gary an meine sensiblen Ohren und ein Luftstrom erfasste meinen Körper. Endlich durfte ich mein Gefängnis, das die Menschen liebevoll Pokéball nannten, verlassen und spürte den kalten Luftzug auf meinem Gesicht. Das weisse Licht, welches mich umhüllte, wurde etwas schwächer und langsam erschienen die Umrisse eines gelben Zeltes. Es stand auf einer kleinen, verschneiten Lichtung mitten in einem dichten Wald. Die Sonne war bereits untergegangen und vor der gelben Konstruktion prasselte ein fröhliches Feuer, das einladende Wärme spendete und die Lichtung in romantisches Licht tauchte. Die Bäume warfen lange Schatten auf die Lichtung und der Mond schien durch die Wipfel der Bäume auf mich herab.
    „Na, alles zu deiner Zufriedenheit?“, fragte eine mir wohlbekannt Stimme freundlich.
    „Alles Bestens!“ gab ich glücklich zurück und kuschelte mich an Gary.
    „Ich nehme an, das heisst ja.“, lächelte er und kraulte mich sanft hinter den Ohren. Es ist eine Tatsache, dass die Menschen nicht verstehen, was wir Pokémon ihnen sagen. Am Anfang hatte mir das ganz schön Probleme bereitet, aber mittlerweile hatte ich gelernt Gary mit Gesten, der Lautstärke und dem Klang meiner Stimme sowie meinen, für mich persönlich völlig übertriebenen, Gesichtsausdrücken, klar zu machen, was Sache war.
    „Du weisst aber, dass wir sowas nur machen, wenn wir alleine sind, ja?“, Gary schaute sich nochmals prüfend um und kümmerte sich dann wieder um meine Wenigkeit. Er ist, was Kuscheleinheiten angeht, sehr Eigen. Ihn kümmert es sehr, was andere über uns denken und er will auf keinen Fall, dass seine Pokémon als verweichlicht gelten. Deswegen legte er grossen Wert darauf, dass wir möglichst grimmig guckten, sobald er uns aus unseren Gefängnissen befreite.
    Ich trottete zum Feuer und legte mich daneben in den Schnee. Mein Fell schützte mich vor der Kälte und ich spürte die Wärme des Feuers auf meiner Nasenspitze. Müde gähnte ich ausgiebig und sah nun meinen Trainer fragend an.
    Gary musste wohl meinen verlangenden Blick gespürt haben. Mit einem wissenden Lächeln kroch er in sein Zelt und kam wenig später mit einigen Brocken Pokéfutter zurück.
    Schnell verschlang ich die leckere Gabe und schmatze ihm ein lautes, „Danke!“ entgegen. Er grinste mich an und legte etwas Feuerholz nach.
    Die Leere in meinem Magen war verschwunden und nun machte sich ein warmes Gefühl der Zufriedenheit in mir breit. Meine Glieder wurden schwer und ich konnte kaum noch die Augen offen halten. Das gleichmässige Prasseln des Feuers und das leise Säuseln des Windes drangen nur noch leise an meine Ohren. Meine Welt verdunkelte sich und ich fiel in einen tiefen Schlaf.


    Meine Muskeln verkrampften sich und meine Nackenhaare stellten sich auf. Schlagartig war ich hellwach, alle meine Sinne waren bis aufs Äusserste gespannt. Nennt es weibliche Intuition, aber ich wusste einfach das irgendwas nicht stimmte. Gary hatte mich ins Zelt getragen und schlief nun neben mir selig in seinem warmen Schlafsack. Er grinste im Schlaf und drehte sich auf den Rücken. Es schien alles normal, doch das Gefühl liess mich nicht los. Ich beschloss mich kurz zu vergewissern, dass auch ausserhalb unserer gemütlichen Unterkunft alles im grünen Bereich war. Leise, um meinen Trainer nicht zu wecken, schlich ich aus dem Zelt. Es hatte in der kurzen Zeit kräftig geschneit. Unser Zelt war fast völlig von der weissen Pracht bedenkt und auch die Bäume mussten viel von dem schweren Schnee tragen. Ich schlotterte. Auch hier konnte ich nichts entdecken, was auf Gefahr hindeutete. Ich drehte mich um und wollte bereits wieder in unser gelbes Zelt verschwinden, da durchbrach ein lautes Knacken die Stille der Nacht. Ich fuhr herum und konnte gerade noch erkennen wie eine Silhouette im Dickicht des Waldes verschwand. Noch bevor ich mir einen Reim darauf machen konnte, begann der Baum hinter dem sie gestanden hatte mächtig zu schwanken. Ein ohrenbetäubendes Knarren und Knirschen setzte ein und der Riese drohte umzukippen. Langsam neigte sich der Baum nach Vorne und kam immer schneller auf mich zu. Der Stumpf des Baumes wurde von Sekunde zu Sekunde grösser und ich sah das Blätterwerk in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit auf mich zu rasen. Meine Ohren dröhnten. Mein Herz raste und ich gab meinen Beinen den Befehl zum Ausweichen. Im selben Moment in dem ich mich vom weichen schneebedeckten Boden abstiess, um dem hölzernen Hammer auszuweichen, kam mir ein Gedanke: „Oh nein! Gary!“
    Die Zeit schien kurz still zu stehen. Ich blickte über meine Schultern und sah wie die ersten Äste das Zelt erreichten. Die Äste des hölzernen Riesen bohrten sich in die Plane und zerfetzen sie als bestünde sie aus einfacher Baumwolle. Mit Entsetzen sah ich zu, wie der Stamm langsam und mit einer Endgültigkeit auf das Zelt donnerte, als wolle er sagen: „So, und hier ist Endstation!“
    Schnee spritze auf und der Baum kam mit einem wüsten Knacken endgültig auf dem Boden auf.


    „Gary!“, schrie ich aus voller Kehle. So schnell ich konnte rappelte ich mich auf und rannte zu dem zerstörten gelben Haufen, der noch vor wenigen Sekunden unser Zelt war. Der Baumstamm hatte das Zelt zerquetscht als wär es eine Fliege. Der gelbe Stoff schimmerte durch den Schnee und die Zeltstangen standen abgebrochen in alle Richtungen ab.
    Ich kam neben dem Gebilde zum Stehen. meine Vorderbeine scharrten im Schnee und ich versuchte verzweifelt in das Zelt hinein zu kommen. Ich musste ihn da rausholen.
    „Gary? Hörst du mich?“, ich schluckte schwer und Tränen stiegen mir in die Augen. „Lebst du noch?“, flüsterte ich kaum hörbar.
    Plötzlich bewegte sich etwas unter der Plane. Ein leises Stöhnen drang an mein Ohr und ich hörte die schwache Stimme meines Trainers: „Das ist gar nicht gut …“
    „Gary, du lebst ja!“, rief ich mit neu aufkeimender Hoffnung und kroch sofort zu der Stelle wo ich ihn vermutete.
    „Evoli, bist du das?“, kam es schwach unter der Plane hervor, „Ich glaub ich bin irgendwie eingeklemmt. Ich kann mich kaum rühren. Mein rechtes Bein tut höllisch weh. Ich glaube, ich… „
    Plötzlich brach er ab und stöhnte leise.
    „Gary?“, wieder steig Panik in mir auf, „Sag doch etwas!“
    Doch er antwortete nicht …
    Noch lebte er, wurde mir bewusst, ich musste ihn da rausholen. Ich vergrub meine Zähne in der eisigen Zeltplane und riss mit aller Kraft daran. Mein kräftiges Gebiss zerre an den Fasern des Zeltes. Die Panik und das Adrenalin in meinem Körper verliehen mir ungeahnte Kräfte und ich schaffte es ein grosses Loch in die Plane zu beissen. Darunter kam das schmerzverzerrte Gesicht meines Weggefährten zum Vorschein. Ich kniete mich nieder und leckte ihm sanft über seine Wangen. Er reagierte nicht darauf. Kein Zucken, keine Bewegung der Augenlieder - Nichts.
    Meine Sicht verschleierte. Das durfte nicht sein! Nochmals nahm ich all meine Kraft zusammen - vielleicht konnte ich ihn herausziehen. Ich schnappte mir seinen Schlafsack mit den Zähnen und begann zu ziehen. Ich riss und zerrte, doch Gary bewegte sich kein Stückchen. Wie ein unbeweglicher Fels lag er da und sein flacher Atem bildete kleine Wölkchen, die sich im Schneefall verloren. Entkräftet sank ich zu Boden. Meine Beine brannten wie Feuer und meine Zähne fühlten sich an als hätte jemand versucht sie mir einzeln raus zu reissen. Ich spürte wie ein vernichtendes Gefühl mich erfüllte: Machtlosigkeit. Die Tränen stiegen mir in die Augen. So durfte es nicht enden. Noch einmal rappelte ich mich hoch und versuchte Gary aus seiner misslichen Lage zu befreien, doch vergeblich. Ich war zu schwach. Ich konnte ihm nicht Helfen. Ich war nutzlos …


    Plötzlich begann mein Körper zu glühen. Ich spürte, wie jede Faser von mir von einer unbändigen Energie durchflutet wurde und ich neue Kraft schöpfte. Meine Beine konnten meinen Körper wieder tragen und ich hatte das Gefühl, dass ich mächtiger war als je zuvor. Plötzlich kribbelte es in meiner Stirn und ich sah, wie der Baum sich langsam bewegte. Ich hatte keine Zeit mich darüber zu wundern, im Moment zähle nur, dass Gary wieder frei kam. Instinktiv konzentrierte ich mich auf den Baum und plötzlich flog er in hohem Bogen über die Lichtung. Krachend knallte das hölzerne Ungetüm gegen die umstehenden Bäume. Sofort rannte ich zu Gary und versuchte ihn aufzuwecken - ohne Erfolg. Noch immer lag er bewegungslos im Schnee. Ich musste Hilfe holen. Doch ich wollte Gary keinesfalls alleine lassen. Irgendwie musste ich jemanden auf uns aufmerksam machen. Ein weiteres Mal glühte mein Körper und ich begann zu leuchten. Die Lichtung wurde taghell und der Schnee reflektiere das grelle Licht in alle Richtungen. Schweissperlen traten auf meine Stirn, als ich versuchte, das Licht gegen Himmel zu schicken. Es musste einfach jemand auf uns Aufmerksam werden! Nur so konnte ich Gary noch retten. Er musste dringend in eines dieser Menschen-Center gebracht werden.
    Meine letzte Kraftreserven waren aufgebraucht und das Licht erlosch schlagartig. Meine Beine zitterten, ich schwankte und brach schliesslich erschöpft im Schnee zusammen. Ich hatte alles versucht.
    Von Weitem hörte ich zwei Stiefel durch den Schnee stapfen. Ein Mobiltelefon wurde gezückt, eine kurze Nummer gewählt und der Stiefelträger sprach: „Guten Tag. Ich stehe hier im Steineichenwald. Kommen Sie sofort. Ein bewusstloser Junge liegt hier und daneben sein Pokémon: Nachtara“


    [tab='3. Platz'](a) Rumo


    Der erste Kontakt


    „Die Geschichte, die du nun hören wirst, ist eine ganz besondere Geschichte. Noch keinem anderen Menschen habe ich sie bisher erzählt, meine Geschichte, die doch nur der Anfang ist einer viel größeren Geschichte – der gemeinsamen Geschichte von Pokémon und Menschen:



    Vor langer Zeit, als Menschen und Pokémon noch in verschiedenen Welten lebten ohne voneinander zu wissen, da war diese Welt, in der wir lebten eine ganz andere. Keine bessere und keine schlechtere, aber eben eine andere, denn sie gehörte uns allein. Nicht, weil wir sie erobert hätten oder erworben, sondern einzig aus dem Grund, dass es niemanden gab, der sie uns hätte streitig machen oder mit dem wir sie hätten teilen können. Wir waren darüber nicht traurig, aber auch nicht froh – denn seit wir denken konnten, lebten wir alleine in dieser Welt. Weder wussten wir, wie es ist, mit Feinden um seinen Lebensraum kämpfen zu müssen, noch was es bedeutet ihn mit Freunden teilen zu können.
    So war es auch an jenem Tag, wie es schon alle Zeit gewesen war, als an das Ufer unserer Welt ein Wesen gespült wurde, wie wir es noch nie zuvor gesehen hatten.


    Die Kunde von diesem außergewöhnlichen Fund verbreitete sich schnell und immer mehr von uns kamen, um das Wesen mit eigenen Augen zu sehen, denn um es zu beschreiben hatten wir noch nicht einmal die notwendigen Worte. Wir wussten nicht, ob es tot war oder ob es noch lebte, ja noch nicht einmal, ob es jemals gelebt hatte. Dennoch beschlossen wir es in eine nahegelegene Höhle zu bringen, um es genauer zu untersuchen. Denn obgleich es nur regungslos am Boden lag, übte das Wesen bereits eine unbegreifliche Faszination auf uns aus.
    Wie groß wurde da erst unsere Begeisterung, als es sich mit einem Mal zu bewegen begann: Es streckte seine Glieder, betastete seinen Körper und setzte sich endlich vorsichtig auf. Schließlich öffnete es seine Augen und blickte das erste Mal in die Augen eines der unseren. Eine ganze Weile saßen sich die beiden gegenüber und versuchten durch die Pupillen des jeweils anderen dessen Gedanken zu lesen.
    Wir anderen beobachteten stumm die Szene und warteten darauf, was passieren würde. Aber da war nichts. Niemand bewege sich, niemand tat irgendetwas, bis einer von uns etwas zu seinem Nachbarn flüsterte. Da wandte das Wesen in unserer Mitte plötzlich seinen Kopf um, dem Sprecher zu und starrte ihn fasziniert an. Jemand anders fragte etwas, erneut bewegte das Wesen seinen Kopf in dessen Richtung und wieder, als jemand antwortete. Dann schwiegen wir wieder und mit einem Mal begann das Wesen zu sprechen...


    Es waren uns vollkommen unbekannte, sinnlose Laute, die wir ebenso wenig verstanden, wie das Wesen unsere Worte. Der Anfang aber war gemacht, wir wussten nun, dass es möglich sein musste, durch Worten miteinander in Kontakt zu treten – auch wenn wir noch nicht wussten, welche Worte das waren. So verbrachten wir die nächsten Tage mit dem Versuch, die Sprache des anderen zu lernen, was uns erstaunlich schnell gelang. Da unser Findling noch zu schwach war um selbst aufzustehen oder gar die Höhle zu verlassen, brachten wir ihm die verschiedensten Dinge an sein Lager, auf die es dann deutete und uns ihren Namen nannte. Nur weniges war darunter, was es nicht wiedererkannte – so verschiedene Lebewesen unsere beiden Welten auch hervorgebracht hatten, schienen sie sich doch ansonsten überaus ähnlich zu sein.
    Ein regelrechter Wettbewerb entbrannte unter uns, wer unserem Findling die meisten neuen Worte würde entlocken können, und immer besser verstanden wir so diese andere Lebensform, die, je mehr wir sie kennen lernten, uns umso weniger unähnlich erschien. Nur in einem konnten wir keinen Sinn erkennen: Warum es uns jeden Morgen, wenn wir die Höhle betraten, als erstes darum bat, nach draußen auf Meer zu sehen und ihm zu berichten, was wir dort sahen. Denn dort gab es nichts zu sehen als das immer gleiche endlos weite, blaue Wasser. Erst an jenem Tag verstanden wir es, als wir ihm zu unserer großen Freude endlich etwas anderes berichten konnten:


    Ein hölzernes, schwimmendes Gefährt kam langsam auf die Küste zu, mit Wesen darin, die, obgleich sie alle von unterschiedlicher Größe und Statur waren, verschiedenste Fellfarben und Stimmen hatten, doch offensichtlich der selben Art angehörten, wie das Wesen in unserer Höhle.
    Dieses jedoch reagierte zu unserem Erstaunen nicht im Mindesten erfreut, sondern vielmehr entsetzt. Es versuchte aufzuspringen, knickte jedoch sofort wieder ein. Es rief uns zu, wir sollten uns in der Höhle verstecken, im nächsten Moment jedoch hörten wir Stimmen von draußen. Laute, kurze und schnell näher kommende Schreie, die wir jedoch nicht verstehen konnten. Unser Findling allerdings konnte das offenbar, denn es wurde plötzlich ganz ruhig.
    Es ginge nun zu Ende, sagte es und bat uns zu verschwinden. Dass es auf der Flucht vor seinen Artgenossen hierher gekommen wäre und diese es nun gefunden hätten, erklärte es hastig, als wir seiner Bitte nicht Folge leisten wollten. Noch einmal rief es, dass wir uns vor den Neuankömmlingen verstecken sollten, aber da war es schon zu spät.
    Mehrere Wesen kamen durch den Höhleneingang gesprungen, auch sie hatten vier Beine, aber sie waren kleiner, ihr Fell bedeckte den ganzen Körper und sie hatten spitze Zähne in ihren weit aufgerissenen Mäulern. Wild brüllend liefen sie auf unser Wesen zu, doch das wollten wir nicht zulassen: Wir umringten es und verstellten den Angreifern den Weg. Diese stoppten erstaunt und wichen zurück, blickten sich unsicher zum Eingang um und warteten unschlüssig, was sie tun sollten.
    Schließlich betraten zwei weitere Wesen unsere Höhle. Diese jedoch aufrecht gehend und etwa von der Größe unseres Freundes. Tatsächlich waren sie offenbar von der gleichen Art, denn sie redeten sogar die gleiche Sprache. Wir hörten wie sie, nachdem sie erst einen Moment irritiert auf uns gestarrt, dann aber in unserer Mitte ihren Artgenossen erblickt hatten, den Vierbeinern Befehle zuriefen. Den Befehl uns anzugreifen!
    Hilfesuchend sahen wir zu unserem Findling hinab, das noch einmal von den Angreifern zu uns blickte, und da endlich erkannte, dass wir es nicht im Stich lassen würden, selbst wenn es uns darum anflehte. Schnell rief es uns zu, wovor wir uns in Acht nehmen und wohin wir unsere Angriff richten sollten. Dass die Nase der Vierbeiner ihre empfindlichste Stelle sei und ihre scharfen Zähne ihre gefährlichste Waffe.
    Tatsächlich war dies die richtige Strategie, bald schon zogen sich die Angreifer winselnd zurück und als wir ihnen nachsetzten, flohen die Vierbeiner gefolgt von den Zweibeinern aus der Höhle, in ihr hölzernes Gefährt und weg auf das weite Meer.
    Nur einer von ihnen blieb zurück, unser Zweibeiner – denn zum ersten Mal stand nun auch er, mit dem Rücken an die Höhlenwand gelehnt, selbst auf nur zweien seiner Beine. Dankbar sah er uns entgegen, als wir zu ihm zurückkehrten. Erleichtert, aber auch ein wenig traurig.


    Wir konnten erst gar nicht verstehen, warum, doch das Wesen erklärte uns, dass es nicht wisse, wie es uns danken könne für all das, was wir für es getan hätten. Und dass es so viel Hilfsbereitschaft noch nie erlebt hätte, bei seinen Artgenossen, den...
    Da huschte wieder ein Lächeln über sein Gesicht, denn nun wusste es, was es uns schenken könnte. Eine Sache, die wir bisher nie gebraucht hatten, die wir nun aber in Zukunft unbedingt benötigen würden: Erst zeigte es auf sich selbst und sagte „Mensch“, dann deutete es auf uns und sprach das Wort „Mew“, das fortan unser Name sein sollte – in der Sprache der Menschen ebenso wie in der Sprache von uns – den Mew.



    Dies war er, der Beginn einer neuen Welt und einer neuen Geschichte – unserer gemeinsamen Geschichte, der Geschichte von Menschen und Pokémon. Viele Legenden ranken sich seit dem um diesen ersten Kontakt und noch viel mehr um all das, was danach geschah. Dies jedoch ist die wahre Geschichte, denn sie entstammt meiner eigene Erinnerung an das, was sich damals zutrug.
    Und ich habe diese Geschichte heute zum ersten Mal einem Menschen erzählt, denn ich hoffe, dass sie dir auf deiner Suche den richtigen Weg weisen wird, Natural Gropius.“
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    (b) Paya


    Verschlossenes Herz


    Nummer Eins erwachte ruckartig und riss an den eisernen Ketten, die es in dem Versuchsraum fixierten. Seine mächtigen Schwingen waren auf seinem Rücken zusammengebunden und seine krallenbewehrten Füße mit zusätzlichen Fesseln versehen, um es so gut wie möglich in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken. Es kreischte aufgebracht, und peitschte mit seinem kräftigen Schweif gegen die Wände, bestehend aus drei Schichten Sicherheitsglas, die seinen Käfig bildeten. Obwohl Nummer Eins ein Maulkorb umgelegt worden war, um es an dem Einsatz mächtiger Attacken wie Hyperstrahl zu hindern, war das hohe Geräusch nur zu deutlich wahrnehmbar und fuhr Rufus durch Mark und Bein.
    Er war fasziniert und verschreckt zugleich von der Macht und Stärke, die das legendäre Lugia ausstrahlte. Zwar hatte er es zuvor auf zahlreichen Abbildungen betrachtet und sich alles Wissen über es angeeignet, was in irgendeiner Form irgendwo festgehalten worden war, doch wurde nichts von alledem dem lebenden Original auch nur ansatzweise gerecht. Nervös fuhr er durch sein kurzes, dunkelrotes Haar. Rufus glaubte nicht wirklich daran, dass ein paar Ketten und ein Raum aus Glas diese Naturgewalt würden halten können und er fragte sich, ob es überhaupt eine Chance gäbe dem Zorn des Lugia zu entkommen, sollte ihm der Ausbruch gelingen. Er ertappte sich dabei, wie er nach dem Pokéball an seinem Gürtel griff, in dem sich ein Brutalanda mit verschlossenem Herzen befand. Das Crypto-Pokémon war schnell und stark. Trotzdem hätte wohl selbst es dem legendären Vogel nicht lange etwas entgegenzusetzen. Um sich abzulenken ging er zu einem der Wissenschaftler, der seinen Blick abwechselnd dem Lugia und dann wieder seinem Computer zuwendete. Rufus wusste nicht genau, welche Daten dort gerade analysiert wurden, aber die Ruhe der vollkommen konzentrierten Laboranten sprang auch auf ihn über.
    Nummer Eins kreischte erneut und wankte hin und her. Es versuchte wohl, seinen Körper mit voller Wucht gegen eine der Wände zu rammen, doch die kurzen Ketten hinderten es daran. In seinen weit geöffneten Augen brannte glühend heiße Wut. Wieder schlug es mit dem Schweif gegen sein Gefängnis, was ein klatschendes Geräusch zur Folge hatte.
    „ Jemand hätte auch seinen Schweif fixieren sollen.“ Ertönte eine kalte Stimme hinter Rufus.
    Er wandte den Kopf und sah seinen Bruder Luzius auf sich zuschreiten. Sein langes blaues Haar wehte hinter ihm her und verschmolz mit seiner farblich dazu abgestimmten Kleidung. Aufgrund der dunklen Sonnenbrille, die er stets trug, war es unmöglich, ihm in die Augen zu sehen.
    Sofort ging Rufus einen Schritt zur Seite, um Platz für seinen Bruder zu machen. Der beachtete ihn gar nicht, sondern wandte sich direkt dem Computerbildschirm zu.
    „Scheint so, als sei es sehr wütend.“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand Bestimmten. „Nur noch ein bisschen mehr und wir können einen weiteren Versuch starten.“
    Die Arme auf dem Rücken verschränkt stolzierte Luzius auf den Käfig des Lugia zu, das ihn direkt mit festem Blick fixierte und ein drohendes Knurren von sich gab. Der Mann ignorierte es einfach, öffnete eine kleine Klappe, die in eine der Wände eingebaut war und warf einen Pokéball hinein. Mit einem lauten Zischen erschien, umgeben von grellem, rotem Licht, ein humanoid wirkendes, gelbes Pokémon dessen Fell von schwarzen Streifen durchsetzt war: Ein Elektek. Sofort richtete es den Blick auf das gefesselte, legendäre Pokémon und schlug drohend die kräftigen Fäuste aneinander. Rufus wusste, dass dieses Elektek wie auch sein Brutalanda ein Crypo-Pokémon mit verschlossenem Herz war. Es war daher kein Wunder, dass es sich blitzschnell auf das Lugia stürzte, um seiner ausgeprägten Aggression nachzukommen. Der legendäre Vogel hatte keine Chance, sich zu wehren und musste Schlag um Schlag einstecken. Funken und Blitze stoben immer wieder aus Elekteks Fäusten und den Antennen auf seinem Kopf. Nummer Eins kreischte wütend und schmerzverzerrt. Die Ketten klirrten, wenn sie von einer Attacke getroffen wurden oder in der Hitze des Gefechts gegen die gläsernen Wände prallten. Das Elektek kannte keine Gnade. Es war auf den Rücken des Lugia geklettert, riss ihm mit Schlitzer die reinen, weißen Federn aus und hinterließ Kratzwunden auf der darunter liegenden Haut. Die Anspannung in den Muskeln des Vogels konnte man selbst als Außenstehender erkennen. Es stemmte sich mit ganzer Kraft gegen die Ketten, schüttelte sich und versuchte, den Kopf zu wenden, um den Angreifer loswerden zu können. Doch scheinbar waren die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen doch ausreichend. Rufus beobachtete, mit einem kleinen Hauch von Entsetzen, wie die Bewegungen des wunderschönen Pokémon immer langsamer wurden, und es schließlich mit einem lauten Aufprall und unter Stöhnen zusammenbrach. Elektek, immer noch kampfeslustig, wollte einen weiteren Angriff starten, als Luzius es in seinen Pokéball zurückrief.
    „ Das sollte genügen, um seinen Geist zu brechen.“ sagte er zuversichtlich und erwiderte den hasserfüllten Blick Lugias.
    Rufus war sich da nicht so sicher. Soweit ihm bekannt war, war das bereits der fünfte Versuch, das legendäre Pokémon seelisch in die Knie zu zwingen. Er konnte sich nicht helfen: Nummer Eins tat ihm leid. Rufus Vater Phrenos, seines Zeichens Anführer des Team Crypto, wusste von dem weichen Herz seines Sohnes. Das war wohl der Grund, warum er erst jetzt die Erlaubnis erhalten hatte, sich das Lugia ebenfalls anzusehen. Er dachte manchmal darüber nach, aus dem Team auszutreten und ein ehrenhafteres Leben zu führen, anstatt die Misshandlung von Pokémon weiter zu unterstützen. Doch sein Vater hielt sowieso nicht sonderlich viel von ihm und Rufus wollte ihn unter keinen Umständen enttäuschen.
    Ein lautes Surren weckte ihn aus seinen Gedanken. Luzius hatte den Wissenschaftlern ein Handzeichen gegeben, die daraufhin den Prozess der künstlichen Versiegelung des Herzens des Lugias in Gang geleitet hatten. Es lief anders ab, als Rufus es gewöhnt war, was kein Wunder war, da das Herz des legendären Pokémon auf eine völlig neue Weise versiegelt werden sollte. Auf eine irreversible Weise. Im Gegensatz zu Rufus Brutalanda und dem Elektek, das Luzius bei sich trug, sollte es nie wieder in der Lage sein, sein Herz zu öffnen. Es sollte nie wieder etwas anderes spüren, als Hass und Wut. Bei dem Gedanken lief es Rufus kalt den Rücken herunter. Zwar war sein Vater sicher, das Lugia kontrollieren zu können, doch er selbst hatte das Gefühl, dass man das mächtige Wesen doch gehörig unterschätzte.
    Die metallenen, elektrisch gesteuerten Arme einer Maschine waren inzwischen durch die Klappe in das gläserne Gefängnis des vollkommen erschöpften Pokémon eingedrungen. Anstatt in Händen und Fingern wie bei Menschen endeten diese Arme jedoch in langen Injektionsspritzen, gefüllt mit einer in jahrelanger Arbeit entwickelten Flüssigkeit. Sie wirkte ziemlich unscheinbar, war farb-, und geruchlos, und doch enthielt sie ein kompliziertes Gemisch verschiedenster Stoffe, deren Bedeutung Rufus nicht nachvollziehen konnte. Alles was er wusste war, dass sie maßgeblich an der Verwandlung in das ultimative Crypto-Pokémon beteiligt sein sollte. Doch bisher hatte sich Nummer Eins immer erfolgreich gegen die Auswirkungen dieses Giftes wehren könnte. Tatsächlich schien es diesen Vorgang schon gewöhnt, denn es versuchte müde den Spritzen auszuweichen, zeigte jedoch keine Angst. Letztendlich war es jedoch viel zu erschöpft und verletzt, um den Bewegungen der herzlosen Maschine lange entkommen zu können. Die insgesamt fünf gefüllten Spritzen stachen zielsicher in die Haut des Lugia. Vier von ihnen in je eine seiner Gliedmaßen, die letzte direkt in das Herz des hilflosen Pokémon. Die Anspannung im Raum war deutlich spürbar. Die Wissenschaftler hatten sich von ihren Plätzen erhoben und blickten erwartungsvoll auf das schwer atmende Wesen. Luzius hatte sich direkt vor eine der Scheiben gestellt und wartete ebenfalls auf eine Reaktion, während Rufus sich bei dem Gedanken an den Wunsch ertappte, es möge weiterhin stark bleiben und sich widersetzen. Einige Augenblicke vergingen, ohne dass etwas geschah.
    Luzius wandte sich an den führenden Laboranten und teilte ihm seine Missgunst sehr deutlich mit. Selten hatte Rufus seinen sonst so ruhigen Bruder so aufgebracht erlebt. Doch im Gegensatz zu allen anderen Anwesenden, fühlte er sich erleichtert. Er konnte nicht anders, setzte ein leichtes Lächeln auf und blickte tief in die Augen des Lugia. Doch das was er sah, erschreckte ihn sehr. Die Augen des Pokémon färbten sich allmählich blutrot. Zunächst dachte er, es handle sich tatsächlich um Blut, doch nach und nach wurde ihm klar, dass es die ersten Auswirkungen des Mittels waren, das dem Lugia gespritzt worden war.
    Langsam stand es auf und gab ein undefinierbares Geräusch von sich, das ihm die erneute Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicherte. Jeder Blinde hätte die Veränderung des armen Wesens augenblicklich erkennen können. Mit maßlosem Schrecken beobachtete Rufus, wie sich die perlmuttweißen Federn des Vogels nach und nach in einem tiefdunklen Lila färbten und jeder Hauch von Gefühl aus den nunmehr blutroten Augen verschwand. Er konnte regelrecht spüren, wie sich nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere des bis vor kurzem noch so edel wirkenden Pokémon veränderte.
    Rufus machte unbewusst einen Schritt nach hinten, während sein Bruder Luzius synchron zu Nummer Eins, dessen Ketten per Knopfdruck gelöst worden waren, triumphierend die Arme ausbreitete und laut in die Runde rief:
    „ Begrüßt Extradunkel 001! Das ultimative Crypto-Pokémon!“


    [tab='5. Platz']Pika!


    Alle für einen


    Fauchende Flammen wie von den Schlünden des Chaos ausgespieen röhrten dröhnend um sie auf, verwandelten die Umgebung in ein einziges Inferno glutheißen Lichts. Der Waldbrand fraß sich viel schneller durch das trockene Gehölz, als die panisch Flüchtenden vor ihm fliehen konnten. Mittlerweile waren sie von allein Seiten eingekesselt und es wurde zunehmend schwieriger, einen Weg durch diese Gluthölle zu finden.
    Viridium ließ den Blick über die schmerzlich geschrumpfte Anzahl Überlebender schweifen, die sie und ihre Brüder zu retten sich geschworen hatten. So viele Waldbewohner waren bereits aufgrund des ungewöhnlich trockenen Sommers ums Leben gekommen; jetzt wurden die wenigen, die nicht dem Durst erlegen waren, heimatlos, wenn sie denn aus dem brennenden Wald gelangten. Die Menschen hatten es mit ihren Kriegen untereinander zu weit getrieben, und ihr ewiger Schlagabtausch war letztlich dafür verantwortlich, dass unschuldige, unbeteiligte Pokémon um ihr Leben fürchten mussten.
    Genau das taten sie nun, wie Viridium erschrocken feststellte, anstatt Kobalium weiter zu folgen. Zu groß war ihre Angst, von den nahen Flammen verschlungen zu werden, die in direkter Nähe über ihnen aufragten. Genau wie die Wiesenkämpferin waren die meisten von ihnen vom Typ Pflanze, andere Käfer, und daher besonders empfindlich gegen das tosende Glutlicht. Viridium und Terrakium, die die Nachhut der Elendsprozession bildeten und dafür Sorge trugen, dass möglichst niemand verloren ging, versuchten ihr Bestes, um die verängstigten Pokémon zum Weitergehen zu bewegen. Kobalium, das schaffen wir nicht!, ließ Viridium ihren Bruder telepathisch wissen, und der stolze Ritter mit dem Eisenherz nickte bedächtig. Wie eine aufschießende Feder richtete er sich auf die Hinterbeine und schlug mit den Vorderläufen so kraftvoll in den Boden, dass die Feuerwaldlichtung unter dem Stoß erzitterte. Augenblicklich verstummten ihre wehklagenden Schützlinge und sahen demütig zu Kobalium auf. Der respektheischende Blick ihres kobaltblauen Retters veranlasste sie schließlich dazu, ihm ohne weitere Proteste durch das Feuer zu folgen.
    Kobalium war der geborene Anführer und fand die schmalen, halbwegs sicheren Korridore durch die Flammen ohne Probleme. Seine Geschwister und die Pokémon vertrauten ihm, doch manchmal war die Angst einfach mächtiger.
    Die Zeit tröpfelte nur so dahin, während die Flüchtlinge dem Eisenritter in angebliche Sicherheit folgten, aber letztlich wusste keiner von ihnen, welches Hindernis sie hinter der nächsten Feuerwand erwartete. Bald schon rief Kobalium Terrakium zu sich nach vorn, damit der Felsenkrieger einige Gesteinsbrocken aus dem Weg räumte, die das Weiterkommen behinderten. Viridium beobachtete von ihrem hinteren Posten, wie sich ihr massiger Bruder gegen die Felsen stemmte und mit unglaublicher Stärke von ihren Plätzen schob. Die Wiesenkämpferin wurde einen Moment abgelenkt, als eine Flammenzunge nach den Nachzüglern leckte, die um sie herum geschart standen und daraufhin Angstschreie ausstießen. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verbrannt, sodass Viridium ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn richten konnte.
    Keinen Wimpernschlag zu spät, denn in genau diesem Augenblick stürzte ein hell lodernder Baum um, fiel direkt auf ihre Brüder und den Großteil ihrer Schützlinge zu. Ohne Zögern entsann sie sich ihrer überirdischen Schnelligkeit und preschte, zu einem einzigen blattfarbenen Schatten verzerrt, vor. Energie strömte in ihr stromlinienförmiges Geweih, sodass es grellgrün aufleuchtete. Mit einem gewaltigen Sprung brachte sie sich bedrohlich nahe an den umkippenden Feuerriesen, zerteilte diesen mit einer vernichtenden Sanctoklinge. Die beiden Hälften änderten abrupt ihre Fallrichtung und kamen in ungefährlicher Entfernung auf dem brennenden Waldboden auf. Auch Viridium landete zitternd auf allen Vieren; Brandflecken zogen sich schmerzhaft durch ihr Grasfell. Aber das war ihr egal – Hauptsache war, dass sie vorerst alle gerettet hatte. Sie keuchte und drohte einzuknicken, doch Kobalium trat neben sie und stützte sie mit seinem stählernen Körper.
    Wir müssen weiter, drängte seine Schwester, da sie nicht ausruhen wollte, nicht einmal konnte. Sie mussten die Pokémon in Sicherheit bringen, koste es, was es wolle!
    Das geht nicht, bemerkte Kobalium so ruhig und sachlich, wie er immer sprach, in jeder Situation, sei sie auch noch so brenzlig. Verwirrt hob Viridium den Kopf und erkannte, warum ihre körperliche wie geistige Stütze das sagte: Der umgefallene Baum, den sie in zwei Hälften getrennt hatte, versperrte den einzigen Durchgang aus dem Hölleninferno, den Terrakium zuvor freigelegt hatte. Sie saßen in der Falle, jetzt, da der letzte Ausweg ebenfalls in Flammen stand. Viridium überkam das Grauen, da ihr gewahr wurde, an ihrer misslichen Lage die Schuld zu tragen. Sie schwankte, als Kobalium zur Seite und nach vorn trat. Vielleicht kann ich ihn mit Sanctoklinge beseitigen, überlegte er laut, wollte weitergehen und seinen Plan in die Tat umsetzen, als Terrakium ihn daran hinderte, indem er mit tiefer, eindringlicher Gedankenstimme sagte: Bist du völlig verrückt geworden?! Der Felsenkrieger schnaubte aufgebracht. Deine Eisenhaut mag dich vor den meisten Elementen schützen, gegen Feuer aber macht sie dich nur umso verwundbarer. Wenn hier jemand direkt in die Flammen geht, dann bis das wohl ich!
    Terrakium, flüsterte Viridium, gerührt von der Solidarität ihres Bruders, ihren Fehler wiedergutmachen zu wollen. Kobalium musterte den Felsenkrieger berechnend, bevor er ihm stumm nickend die Erlaubnis gab. Terrakium walzte davon wie eine Gerölllawine und bewegte sich langsam auf den umgestürzten Baum zu. In seinem breiten Geweih glomm das Licht der Sanctoklinge auf, aber noch bevor er sie anwenden konnte, veränderte sich etwas an der herrschenden Atmosphäre...
    Die drei Retter spürten es noch vor ihren Schützlingen, und gleich darauf wurde es auch sichtbar: Ein gleißendes, magisches Licht strahlte zwischen den Flammen vor ihnen auf, ließ das Inferno gleichsam dunkel und blass wirken, so sehr blendete es, jedoch ohne in den Augen zu schmerzen. Das Leuchten schwoll an, nahm die Farbvarianz eines Regenbogens an und erfüllte die Gemüter die Anwesenden mit neuer Hoffnung. Als es erlosch, lag der Weg frei, und die beiden Baumhälften waren nunmehr nur noch glühendes Kleinholz.
    Terrakium... warst du das?, fragte Viridium in die angespannte Stille über das abgedämpfte Brausen der Brände, gab sich aber gleich selbst eine Antwort: Das war keine Sanctoklinge gewesen, sondern etwas ungleich Mächtigeres... ein Mystoschwert. Und sie wusste, im ganzen Universum gab es nur ein einziges Wesen, das diese machtvolle Attacke einzusetzen imstande war...
    In dem Moment, in dem Viridium, Terrakium und Kobalium realisierten, wer sie aus ihrem Kerker aus Feuer befreit hatte, trat das Wesen auch schon aus den Flammen, die sich ehrfürchtig von ihm wegneigten. Das Pokémon, das nun vor ihnen stand, hatte einen ähnlichen Körperbau wie die Drei, mit weißem, glattem Fell und breiten, dunkelblauen Hufen. Auf seiner Stirn befand sich ein spitzes, leicht nach hinten gebogenes Horn, dahinter erhob sich die rubinrote Mähne wie ein Geysir aus Wasser in die Höhe. Ihr Gegenüber peitschte begrüßend mit dem hellblau gefärbten Schweif und hob den Kopf dem rauchschwarzen Himmel entgegen. Es stieß einen langen, wunderschönen Sington aus, klar und hell, der sich anhörte, als schwängen darin noch tausend weitere Stimmen mit. Im gleichen Maße, wie der Ton immer weiter im Wald zu hören war, breitete sich kreisförmig vom Sänger ein hauchdünner, bläulich glühender Wasserfilm aus, der sämtliche, auch noch so kleine Oberflächen benetzte und dem Feuer direkt an seinem Ursprung die Überlebensgrundlage abschnürte. Auch über die Anwesenden lief dieses Wasser, und Viridium konnte spüren, wie es ihre Brandwunden kühlte und verheilen ließ.
    Als der Ton verstummte, war es in dem nächtlichen, von seinem feurigen Fluch erlösten Wald so still, dass nur noch das verhaltene Bersten dünner, verbrannter Zweige zu hören war. Viridium und Kobalium kamen zu Terrakium vor, der ihrem Retter fassungslos gegenüberstand.
    Du?, rief der Eisenritter ungläubig aus und warf den Kopf zurück. Wo kommst du auf einmal her? Viridium wusste, dass ihr Bruder vor hunderten Äonen mit ihrem blau-weißen Gegenüber um die Anführerschaft ihres Quartetts gewetteifert hatte und es ihm vielleicht gelegen gekommen war, dass sein Rivale im großen Krieg der Legenden verschwunden war.
    Wir dachten, du wärst damals gestorben, sagte Terrakium in Anspielung auf dieses Ereignis. Das Wesen, nur halb so hoch wie seine Geschwister, neigte das Haupt und schenkte ihnen ein verschmitztes Lächeln, das alles oder gar nichts bedeuten mochte. Ohne ein Wort drehte es sich um und machte Anstalten zu gehen.
    Warte!, hielt Viridium es zurück und trat hastig vor. Willst du uns schon wieder verlassen? Die Menschen wüten immer schrecklicher in dem Land, das unserem Schutz unterstellt ist. Wir brauchen deine Hilfe. Wir brauchen dich!
    Wir werden uns wiedersehen, Kobalium, Terrakium, meine Brüder, Viridium, meine Schwester, orakelte das Pokémon kryptisch, ohne auf Viridiums Ansprache einzugehen.
    Aber wann wird das sein?, fragte sie verzweifelt. So lange hatten sie ohne ihn auskommen müssen, und die Jahre schienen immer härter und länger geworden zu sein. Es war doch seine Pflicht, sie zu unterstützen!
    Wenn die Zeit reif dafür ist, erwiderte ihr dritter Bruder vielsagend und setzte sich in Bewegung. Zuerst wollte die Wiesenkämpferin ihm folgen, doch der allgegenwärtige Wasserdampf wurde mit einem Mal so dicht, dass sie ihn aus den Augen verlor. Bitte komm wieder, hauchte sie in den Nebel hinein, und Terrakium und Kobalium stellten sich links und rechts neben sie. Viridium spürte, dass jetzt nicht die Zeit dafür war, einem unerfüllbaren Traum nachzujagen. Sie mussten für die Waldbewohner da sein, ihnen beim Wiederaufbau ihrer Heimat helfen.
    Die Drei wandten sich ihren Schützlingen zu, die erwartungsvoll zu ihnen aufsahen. Es gibt wieder Hoffnung, sprach Kobalium ihnen allen Mut zu. Der Wassergladiator ist zurückgekehrt!
    [tab='6. Platz'](a) ~Kairi~


    Das letzte Glied der Kette


    Das Licht der Abenddämmerung färbte das Laub der Bäume rings um den Zinnturm herum blutrot, als eine Gestalt mit ihrem Gefolge dessen Spitze erklomm.
    Sie waren zu fünft: Zwei Mädchen, zwei Jungen und ein Mann, der sie anführte und ihnen schließlich etwa in der Mitte des Daches Einhalt gebot.
    Er trug eine schneeweiße Maske, die sein gesamtes Gesicht bedeckte und jeden Umstehenden mit einem bösartigen Grinsen bedachte. Über seine Schultern wallte sich eine lange Mähne aus ebenso weißem Haar und sein Körper war vollständig verhüllt durch einen undurchdringlichen schwarzen Umhang, dessen Saum über die nun dunkelrot wirkenden Ziegel strich und durch den Abendwind in Bewegung geriet.


    Sein Gefolge stellte sich in einer waagerechten Reihe hinter ihm auf, die ebenso maskierten Gesichter seinem Rücken zugewandt.
    Sie warteten. Schweigend.
    Ja, so mochte er sie: Still und gehorsam. Kein Laut, keine Bewegung, nichts ohne seinen Befehl.
    Der Junge ganz links war mit siebzehn Jahren der Älteste, weshalb er ihn in seiner Nummerierung mit der Ziffer eins bedacht hatte. Sein Name war Keane, er hatte kurzes schwarzes Haar.
    Das Mädchen neben ihm trug die Ziffer zwei und den Namen Chermaine. Sie stand aufrecht, das kurze blond-braune Haar straff gescheitelt, sodass eine Seite ihre Maske umrahmte und die andere fest hinter ihrem Ohr befestigt war. Man hätte sie für eine Erwachsene gehalten, hätte man nicht gewusst, dass sie erst vierzehn war.
    Die beiden bildeten ein Team, visuell vereinigt durch ihre Uniformen.
    Nachtschwarzes Leder umhüllte sie, wand sich schlangengleich um ihre Arme und Beine und bildete auf ihrer Brust einen Panzer.
    Die Füße wurden geschützt durch gleichfarbige Lederstiefel und die Hüften eingeschlossen von einem Gürtel, auf dessen Schnalle stolz sein Wappen prangte.
    Sie hatten sich vor ihm in den Schmutz geworfen für diese Großzügigkeit.
    Aber er empfand es als angemessene Entlohnung dafür, dass sie, bereits eine Woche nachdem er sie zu sich in die Festung geholt hatte, solch einen Gehorsam zeigten.


    Die anderen beiden hatten sich ihm freiwillig angeschlossen. Sie waren vor fünf Tagen plötzlich vor dem Tor seiner Festung aufgetaucht und hatten darum gebeten, dass er sie trainierte und ihnen endlich die Herausforderung bot, welche sie anderswo nicht fanden.
    Das Mädchen unter ihnen stand zur Rechten von Chermaine, hatte wallendes, lockiges, langes silbrig-blondes Haar und trug ein helles, knielanges Kleid und schwarze Sandalen. Der Nummerierung folgend beanspruchte sie die Ziffer drei für sich und hörte auf den Namen Melanie.
    Ihr Partner, die Nummer vier, nahm den Platz rechts von ihr ein und schloss damit ihre Reihe ab. Sein rabenschwarzes, mittellanges Haar reichte nicht ganz bis zu seinen Schultern, den Hals hatte er mit einer Krause umschlossen und seine Kleidung- eine bauchige gepunktete Hose, ein knallrotes Hemd, eine schwarze Jacke, spitz zulaufende Schuhe und ein bunt gepunkteter Schlips- ließ vermuten, dass er einem Zirkus entlaufen war.
    Will wollte er genannt werden, ein recht nüchterner Name, wenn man sich seine äußere Erscheinung ansah, doch ihm konnte diese Kleinigkeit egal sein.
    Bisher hatten sich die beiden äußerst engagiert hervorgehoben: Sie zeigten im Training ihr ganzes Können, lernten fleißig und ließen kaum durchblicken, dass sie erst elf und acht Jahre alt waren.


    Ja, sie waren jung, aber das Limit war noch nicht erreicht.
    Dafür hatte er jemand anderen auserkoren.
    Und in diesem Moment kündigte er sich durch einen Schatten am östlichen Horizont an.
    Reflexartig holte er ein silbernes Relikt aus seinem Umhang, das nun immer heller leuchtete, je näher der Schatten kam.
    Es handelte sich dabei um den Silberflügel, eine Feder des legendären Pokémon Lugia- ebenjenes Wesen, das sich ihnen mit atemberaubender Geschwindigkeit näherte.
    Lugia rauschte mit weit ausgebreiteten silbernen Schwingen über sie hinweg, öffnete seine Pranke und ließ ein Kind auf die harten Ziegel des Daches prallen.
    Es handelte sich um einen Jungen, ein Kleinkind, kaum zwei Jahre alt.
    Während der legendäre Bote langsam am westlichen Horizont verblasste, setzte der Mann mit der Maske sich in Bewegung, überwand die Strecke, die ihn und den Jungen voneinander trennte und baute sich über ihm auf.
    Der Kleine hatte von dem Aufprall Nasenbluten bekommen und einige Schrammen davongetragen. Die Tränen standen ihm in den winzigen Augen, als er sich mühsam aufrappelte und hinsetzte.
    Jeder normale Erwachsene hätte ihn getröstet, ihm das Blut und die Tränen aus dem Gesicht gewischt und ihn in den Arm genommen- doch er selbst hatte schon früh genug erfahren, wie schmerzvoll das Leben sein konnte und dass es dafür oft einfach keinen Trost gab.
    Nein. Es gab ihn niemals.


    Der Kleine hob den Blick um die Gestalt anzusehen, die ihn mit ihrem Schatten verdeckte.
    Er hatte große silberne Augen- die Augen seines Vaters.
    Aber der Rest unterschied sich himmelweit von ihm:
    Der rote Schopf wand sich wie eine Zwiebel über seinen Schädel und stand ihm im Nacken ab, die Gesichtsform war viel zu weich, die Nase zu klein. Nein, selbst wenn der Junge nach seinem Vater suchen würde- anhand seines Aussehens würde er ihn niemals finden.
    Man mochte ihn bemitleiden für diese Tatsache.
    Zumindest den schwarzen Pullover mit den roten Säumen und die hellblauen Jeans, die in den schwarzen Stiefelchen steckten, würde er ihm lassen- ob nun aus Großzügigkeit oder damit der Junge lernte, wie schnell man etwas verlieren konnte, sei dahingestellt.
    Er warf einen Blick über die Schulter auf seine Untergebenen, die ihm das kurze Stück gefolgt waren.
    Sie beobachteten das Geschehen schweigend durch ihre Masken.
    Ja, das durfte er nicht vergessen.
    Grob packte er den Jungen am Kragen, wischte ihm brutal mit dem weißen Handschuh die Tränen und das Blut aus dem Gesicht und holte dann etwas aus seinem Umhang heraus.
    Der Kleine starrte den Gegenstand an, der sich als weitere Maske entpuppte, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht.
    Scheinbar wusste er was ihn erwartete, denn er begann zu zappeln und zu versuchen sich von dem Mann loszureißen.
    Welch kläglicher Versuch. Eine kleine Verstärkung seines Griffes und der Junge fand sich mit dem Rücken am Boden wieder.
    Aufzugeben kam ihm aber scheinbar immernoch nicht in den Sinn. Unkontrolliert ließ er Hände und Füße durch die Luft sausen, in der Hoffnung irgendeinen Teil des Körpers des Mannes zu erwischen. Als ihm dies nicht gelang schrie und heulte er, wand sich wie eine Schlange, um seiner Umklammerung zu entkommen und versuchte sogar, seine kleinen Milchzähne in der Hand des Mannes zu versenken.
    Das war genug. Der Mann holte aus und verpasste dem Kleinen eine Ohrfeige, die ihn auf der Stelle verstummen ließ.
    Dicke Tränen quollen unaufhörlich aus den wässrigen Augen, als er mit letzter Kraft den Blick des Mannes suchte- in der Hoffnung irgendetwas wie Mitleid durch die grinsende Mauer zu erkennen.
    Doch selbst wenn er durch die Maske hätte blicken können, hätte er nichts weiter als kalte Verachtung gesehen.
    Ohne weiter zu zögern, drückte der Mann dem Kleinen die Maske auf das Gesicht und brach damit jeglichen Augenkontakt ab.
    Ja, so war es richtig. So sollte es sein.
    Der Kleine würde die Nummer sechs bekommen, sobald auch der letzte neue Diener eingetroffen war.
    Ob er sich wohl an seinen Namen erinnern würde? Kinder erinnerten sich für gewöhnlich nicht an das, was in ihren ersten beiden Lebensjahren geschehen war. Seinen Vater, der ihm seinen Namen gegeben hatte, würde er auch bald vergessen haben. Dabei musste man ihn sich nur näher ansehen, um diesen zu erfahren: Silver.
    Welch Geschmacklosigkeit mochte seinen Vater bloß ereilt haben, als er seinen Sohn nach dessen Augenfarbe benannt hatte? Es gab so viel schönere Namen auf der Welt, so viel passendere. Ob er ihm einfach einen Anderen geben sollte?


    Etwas rauschte über ihn hinweg und ein wenige Meter entfernter Aufprall sagte ihm, dass sein letztes Mitglied soeben eingetroffen war.
    Er warf einen kurzen Blick zum Horizont, an dem das legendäre Pokémon Ho-Oh verschwand, und ging dann schnellen Schrittes auf das braunhaarige Mädchen zu, das sich gerade aufrappelte und versuchte, sich von dem Sturz zu erholen.
    Sie war fünf- ein Zufall, dass ihr Alter ihrer Ziffer entsprach- und trug ein kurzes schwarzes Kleidchen sowie gleichfarbige Sandalen.
    Er beugte sich über sie, betrachtete ihr entsetztes, verwirrtes Gesicht einen Moment lang und verdeckte es dann mit einer seiner ausdruckslos grinsenden Masken.
    Sie wich verängstigt zurück und sah sich hektisch um, bis sie Silver erblickte.
    Der Kleine tappste sofort auf sie zu und suchte Schutz in den Armen des Mädchens- Blue.
    Die beiden umklammerten sich krampfhaft und zitterten vor Angst.
    Wenn sie auch nur halb so viel Talent besaßen wie Furcht, dann würden sie ihm hervorragende Dienste leisten.
    Ja. Die Zeit war gekommen.
    Er gab seinen Untergebenen das Zeichen zum Aufbruch, wandte sich nach Norden und sprang geübt Dach für Dach den Turm herab.
    Keane und Chermaine packten Blue und Silver und zerrten sie mit sich, ihrem Meister folgend.
    Als letztes blieben Melanie und Will.
    Sie standen noch ein paar Sekunden auf dem Dach, um schweigsam die untergehende Sonne zu beobachten, die nichts als schwarze Nacht hinterließ.
    Schließlich kehrten sie ihr den Rücken zu, gingen Schritt für Schritt zur gegenüberliegenden Seite des Turms und folgten ihrem Meister ebenfalls, die letzten Sonnenstrahlen hinter sich lassend, in die drückenden Schatten der Dunkelheit.
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    (b) Snake


    Fuego


    „Wie lange dauert es denn noch?“
    „Keine Sorge, wir sind bald da.“
    Mit seiner äußerst sanften und gleichzeitig unheimlichen Stimme deutet mir Lichtel an, ich solle mich noch etwas gedulden. Der Wald scheint in dieser ewigen Dunkelheit kein Ende zu nehmen und ich frage mich tatsächlich, ob ich ihn je wieder lebend verlassen werde.
    Ich weiß nicht, wie lange ich an diesem trüben, nebelverhangenen Abend umher geirrt bin, um endlich nach Hause zu finden. Es ist wie verhext, dass ich gerade an Hallowe’en das Glück haben durfte, im Nachbarort auszuhelfen, nur um dann die Orientierung aufgrund des kühlen Dunstes zu verlieren. Danke, Schicksal.
    Mein Weg führt mich dabei immer durch einen dichten Wald mit verschiedenartigen, kleinen und großen Nadelbäumen, die ich nicht einmal annähernd alle benennen könnte. Hoch oben lassen die Kronen zu meinem Leidwesen kein Mondlicht durch, aber vermutlich wäre mir die Sicht auch mit ihrer Hilfe nach wie vor verschleiert gewesen. Glücklicherweise bin ich dann aber ihr begegnet.
    Einem Lichtel, ihr Name ist Tamashii.
    Offenbar hat sie gewusst, dass ich mich, einer hilflosen Seele gleich, verirrt habe und hat sich bereit erklärt, mir zu helfen.
    Ich habe viele Geschichten über Lichtel gehört, vornehmlich Angst einflößende Sagen, um Kindern Respekt vor diesen Geisterkerzen beizubringen. Angeblich ernähren sie sich von den Seelen ihrer Opfer, denen sie den Weg weisen, und entziehen ihnen dabei stetig ihre Lebensenergie. Je länger man sich in ihrer Nähe aufhält, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich von ihrer hypnotisierenden Flamme bis in die Welt jenseits der unseren führen lässt.
    Das alles habe ich aus alten Erzählungen gehört, aber niemand, den ich kenne, weiß, ob etwas Wahres dran ist oder nicht. Selbst wenn sich meine Begleiterin als bösartig herausstellen sollte, so hätte ich nichts, mit dem ich mich wehren könnte. Kein Pokémon, auch keine andere Waffe, ich wäre allein auf mich und meinen Verstand gestellt.
    Der lange Marsch macht mir mittlerweile auch zu schaffen, was sich in einer langsam steigernden Paranoia widerspiegelt. Ich fürchte, dass sich zu jedem Zeitpunkt und jedem Schritt, den ich vorwärts gehe, etwas aus der schemenhaften, von Tamashiis violettem Licht erfüllten Umgebung auf mich stürzen will. Manchmal glaube ich sogar, einen Schatten vorbeihuschen zu sehen und schrecke leicht auf, woraufhin mich Lichtel nur ruhig darauf hinweise, ich brauche keine Angst zu haben. Mich beunruhigt die unheimliche Stimme der kleinen Kerze zwar noch mehr, aber nach jedem besinnlichen und beruhigenden Klang meiner Begleiterin vergesse ich die rätselhafte Silhouette, die ich mir wohl eingebildet habe.
    Mit einem Mal stolpere ich über eine unscheinbare Baumwurzel und küsse mit meiner Nase den Boden. Wehklagend und jammernd massiere ich sie, um den Schmerz schnell zu vertreiben, allerdings bemerke ich recht schnell, dass sich keine Lichtquelle mehr in meiner Nähe befindet.
    Lichtel!
    Offenbar ist sie ohne mich in den tiefen Nebelschwader vorgedrungen und hat mich zurück gelassen. Dadurch hat sich in mir erst recht wieder die Furcht stabilisiert und versucht mich zu übermannen. Die Dunkelheit dieser Nacht, diese Furcht einflößende Finsternis versucht mich zu verschlingen und in sich aufzunehmen. Ich kann nicht mehr und schreie, obwohl es mir vermutlich nicht hilft. Ein lang gezogener, verzerrter Schrei der Verzweiflung, der durch den ganzen Wald hallt und sämtliche Bewohner auf mich aufmerksam macht. Ich weiß es und trotzdem kann ich nicht aufhören. Ich bin verloren.
    „Hab keine Angst“, flüstert daraufhin eine mir wohl bekannte Stimme hauchend in mein Ohr.
    Ich muss nicht aufblicken, um zu wissen, dass es sich um Tamashii handelt, allerdings verbietet es mir meine derzeitige Situation, mich in die Irre führen zu lassen. Anstatt der kleinen Kerze mit der violetten Flamme und den durchdringenden gelben Augen sehe ich jedoch jemand anderes vor mir.
    Mein Gegenüber hat das Aussehen einer geisterhaften Laterne, die in der Luft schwebt und die Illusion einer solchen tatsächlich meisterhaft bewältigt. Der große schwarze Hut, der auf einer Art Glaskugel sitzt, gibt ihm dabei das nötige Ansehen und in dieser Sphäre erspähe ich dasselbe Licht, das mich bis jetzt geführt hat.
    „Ta… Tamashii!“
    Offenbar hat sie sich entwickelt, fernab von mir, um mich wohl nicht noch mehr zu ängstigen. Trotz der Geschichten, die ich gehört habe, kann ich nicht anders als ihr weiter zu vertrauen, da sie mir nicht bösartig gesinnt scheint.
    „Ja, da hast du recht“, sagt Laternecto mit leiser Stimme. „Auch deine Überlegungen sind richtig, ich wollte dir diese Qual in der finsteren Nacht ersparen und habe mich schnell an einen unzugänglichen Ort begeben.“
    Ich höre ihr immer weiter zu und wundere mich nicht einmal, warum sie von meinen neuesten Gedanken weiß. Geister haben wohl so eine Fähigkeit, aber bevor ich fragen kann, wo sie denn hingegangen sei, schaudert es mich. Im selben Moment wünsche ich mir, es wäre mir nie aufgefallen.
    In ihrer Stimme ist Bedauern festzustellen.
    Habe ich etwas Falsches gemacht oder warum begegnet sie mir ganz anders als zuvor?
    „Tamashii, was hast du? Du hörst dich an, als seiest du widerwillig gekommen, um mich aufzulesen.“
    Die nachfolgende Stille zerreißt förmlich den Wald und ich weiß, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Ich senke meinen Kopf, da ich Laternecto nicht in die von Kummer durchtränkten Augen sehen will. Nach unendlich erscheinenden Sekunden später spüre ich auf meiner linken Gesichtshälfte eine wohlige Wärme, die sich bis in die tiefsten Winkel meines Körpers und meiner Seele ausbreitet. Ich blicke auf und sehe meine Begleiterin, die mir mit ihren seltsam geformten Armen die Wange massiert.
    „Du weißt, was dich erwartet?“
    Ich schlucke, da ich auf eine solche Reaktion gewartet habe. Im nächsten Moment setzt sich ein Lächeln auf mein Gesicht, eine widerwärtige Antwort auf mein Schicksal.
    „Ja, aber warum gerade ich?“
    „Heute ist die Nacht der Geister und eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen, einen umherirrenden Menschen zu fangen und zu den anderen zu bringen. Aber du hast das Herz am rechten Fleck und deshalb möchte ich deiner Seele eine andere, würdigere Bestattung geben. Meine ältere Schwester hätte dich ohne zu zögern in Höllenqualen leiden lassen, aber ich bin von Natur aus sanfter.“
    Ich glaube, eine einzelne Träne von Tamashiis Auge perlen zu sehen. Habe ich mir das eingebildet aufgrund des Nebels oder hat sie tatsächlich Mitleid?
    „Weißt du …“, sie fährt mit bedauernder Stimme fort. „Du wärst heute Nacht ohnehin gestorben, an einer qualvollen, noch nicht ausgebrochenen Krankheit. Ich konnte es spüren, als ich mich in deiner Nähe aufgehalten habe und dir von deiner … Lebensenergie …“
    „Du musst dich nicht quälen, mir alles zu erzählen.“ Ich atme einmal tief ein und wieder aus. „Wenn mir das Schicksal so in die Hände spielt, soll es wohl sein. Und außerdem, wenn ich dir bei deiner Entwicklung helfen konnte, hat es doch etwas Gutes.“
    Laternecto sieht bestürzt aufgrund meiner Aussage aus, kann sich aber nicht weiter vor ihrer Natur verstecken. Mit leisem Hauch flüstert sie mir in mein Ohr ein paar Worte, die wohl nur mir allein gelten sollen.
    „Entschuldige vielmals, es liegt nicht an dir. Ich kenne dein unerträgliches Leid, dass du bis jetzt durchgemacht hast und deshalb hoffe ich, ich kann deiner Seele einen beruhigenden Tod schenken.“
    „Mach schon, ich kann es nicht ertragen, noch länger hier am Boden zu liegen“, sage ich mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
    „Wie du wünschst.“
    Ich höre einen eigenartigen, melancholischen Gesang durch den Wald hallen, voll mit melodischen und dissonanten, aber klaren und perfekt aufeinander abgestimmten Tönen. Meine Sicht verschwimmt vor meinen Augen und nimmt ein seltsames Farbenwirrwarr an. Plötzlich erscheinen mir vorher ungreifbare Erinnerungen, die sich in meinen Gedanken abspielen und mich an wichtige vergangene Ereignisse erinnern.
    Dinge, die mir wichtig waren.
    Dinge, die ich vergessen wollte.
    Dinge, die mir Angst machten.
    Und Dinge, die ich am liebsten für immer ausgekostet hätte.
    Ist mir Tamashii zufällig begegnet oder war es vorherbestimmt, dass wir uns treffen? Hat sich das Schicksal also doch nicht gegen mich gewendet? Habe ich selbst vor meinem letzten Atemzug noch einmal jemandem eine Freude bereitet?
    Ich lache. Obwohl ich meine eigene Stimme nicht mehr hören kann, weiß ich, dass ich lache.
    Von einer Krankheit weiß ich nichts. Vermutlich war es also besser, dass ich sie getroffen habe und sie mir diesen angenehmen Tod bereitet hat. Offenbar sind diese, von allen gefürchteten, Geister doch nicht so bösartig, wie immer gesagt wird.
    Aber warum lächele ich immer in den unpassendsten Momenten?


    [tab='8. Platz'](a) RockingScorpion


    Im Grunde hat sich nichts geändert


    Gary stieg die weißen Steinstufen zu dem Labor seines Großvaters hinaus. Er mochte das Gebäude mit seiner gelben Fassade, dem ihm so wohlbekannten Vordach und den großen Fenstern. Die Wände waren erst kürzlich gestrichen worden und er meinte, der Duft frischer Farbe würde hier noch leicht in der Luft liegen. Das Labor war für ihn seit jeher der Ort gewesen, an dem alles begann. Hier hatte er damals mit seiner ersten Pokemonreise angefangen, als hitzköpfiger Junge mit einiger Selbstüberschätzung. Er musste grinsen, als er daran dachte, wie Ash damals die Szene betreten hatte.
    Er öffnete die Tür, hing sein Hemd über den Kleiderständer, der fast gänzlich von weißen Laborkitteln in Beschlag genommen wurde, weshalb das schwarze Hemd ziemlich herausstach und rief kurz: "Hallo Opa! Ich bin wieder da!"
    Keine Antwort kam zurück, doch es beunruhigte Gary nicht. Für gewöhnlich steckte sein Opa auch jetzt noch in irgendwelchen Forschungen. Trotzdem ging er ins Forschungszimmer und sah seinen Opa wie erwartet an dem Becken mit Flüssigkeit stehen, welche Fossilien freilegen konnte. Gary schlich hinaus und in die Küche. Hätte er vorher etwas gesagt, wäre Professor Eich nur wie gehabt erschrocken aufgrund seiner Konzentration. Er würde es schon noch merken, dass er nun nicht mehr alleine war.
    Gary blickte aus dem Fenster der geräumigen Küche. Mittag war schon vorbei und die Sonne nahm langsam Kurs auf den Horizont. Trotzdem hatte er Hunger und warf sich eine kleine Portion Nudeln in den Topf. Während die Nudeln köchelten, machte er sich eine einfache Tomatensoße dazu. Vorausahnend hatte er etwas mehr berechnet als nur er selbst brauchen würde und wie er es vermutet hatte, hörte er bald Schritte im Flur und sein Großvater erschien im Türstock.
    "Hallo, Gary" , begrüßte ihn dieser: "Wieso hast du nicht gesagt, dass du da bist?"
    "Weil du in deiner Arbeit gesteckt hast, wie üblich. Außerdem hast du es doch lieber, wenn ich mich so ankündige, oder?"
    Professor Eich schnupperte einmal und lachte: "Ja, wohl war. Ich hatte..."
    "Das Essen fast vergessen, wie gehabt. Setz dich schonmal, lang kann es nicht mehr dauern."
    Und so saßen die Beiden zehn Minuten später an dem kleinen hölzernen Tischchen auf der Terasse des Labors, von der aus man das große Grundstück sehen konnte, auf dem die Pokemon hausten, die bei Professor Eich in Obhut waren. Es gab hier keine Zäune, meist blieben die Pokemon aus freien Stücken und oft kamen auch Pokemon hierher, die keinem Trainer gehörten, sondern einfach nur den Vorzug genießen wollten, hier zu leben. Familie Eich könnte bei der Artenvielfalt auf dem Grundstück, das ein kleines bisschen Wald miteinbezog, glattweg einen Zoo eröffnen und Eintritt verlangen - doch daran war absolut nicht zu denken. Orte wie dieser, wo niemand die Pokemon störte, mussten erhalten bleiben, dabei waren sich Enkel und Großvater einig.
    "Übrigens, Opa, es kann sein, das Ash heute Abend mal auf einen Sprung vorbeikommt, weil er heute sowieso hierher muss. Das ist doch kein Problem, oder?" , fragte Gary, während sie sich über die Nudeln hermachten und der Duft der Tomatensoße einige Taubsis anzog, die jetzt erwartungsvoll in einer Reihe auf dem hölzernen Geländer der Terasse saßen.
    Professor Eich winkte ab: "Nein, nein, überhaupt nicht, ich würd ihn gern mal wieder sehen. Er soll ruhig kommen."
    "Okay, ich ruf ihn nachher gleich an und sag Bescheid" , antwortete Gary, bevor er nachdenklich wurde und verstummte. Langsam bildete sich eine Idee und gleichzeitig eine Frage in seinem Kopf, die er seinem Großvater auch sofort mitteilte, wenn auch erst vorsichtig. Aber er wusste, seinem Großvater würde er alles erzählen können.


    Die untergehende Sonne färbte den Horizont und die Wolken, die am Himmel waren, tiefrot, durchzogen mit einigen Gelbtönen. Der rauchige Duft von glühender Holzkohle und frisch gebratenen Steaks oder Würsten hing in der Luft, eine leise wohlriechende Ankündigung der langen Grillabende, die der Sommer mit sich brachte. Plötzlich klingelte es im Eichschen Anwesen.
    "Bitte kommen sie aufs Grundstück, wir sind draußen!" , ertönte eine laute Stimme hinter dem Haus. Der schwarzhaarige junge Mann, auf dessen Schulter ein kleines, auffällig gelbes Pokemon saß, erkannte sie sofort und folgte der Bitte, wobei sich schon ein leichtes Lächeln auf dessen Gesicht stahl.
    Kaum war über die Steinplatten auf die Terasse gegangen, wurde er auch schon überschwänglich begrüßt, nachdem Professor Eich ihn erkannt hatte: "Hallo, Ash und Pikachu! Mensch, toll das ihr hier mal wieder reinschaut!"
    "Freut mich ebenso, wieder hierzusein" , entgegnete Ash und rieb sich die Hand nach dem festen Händedruck des Professors, während Pikachu freudig den alten Mann begrüßte. Nun fiel ihm die Ursache des appetitanregenden Duft auf und er sah den frisch aufgestellten Grill, an dem Professor Eich nun wieder gekonnt die Steaks wendete. Etwas verlegen fragte Ash: "Den Aufwand habt ihr euch doch nicht wegen mir gemacht, oder?"
    "Nun, mitnichten" , drang eine Stimme aus dem Labor heraus und Gary trat zur Tür heraus, um Ash und seinen ewig treuen Begleiter Pikachu ebenfalls willkommen zu heißen. Wie es sich herausstellte, hatten die beiden ohnehin grillen wollen und für ihn einfach noch ein Steak mehr auf den Rost geschmissen. Ash half aber seinerseits auch noch mit, da er sich wenigstens ein bisschen erkenntlich zeigen wollte und machte den Kartoffelsalat selbst, nach dem unschlagbar leckeren Rezept seiner Mutter. Nachdem nur noch die Steaks etwas brauchten, bot Gary Ash an, mit ihm zu seinen Pokemon zu gehen, woraufhin Ash begeistert das Besteck in die Schüssel fallen ließ, mit dem er eben noch die Kartoffeln prüfend herumgedreht hatte.
    Erst nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, bekam Ash doch kurze Gewissensbisse, weil sie Professor Eich mit der Arbeit alleingelassen hatten, doch Gary beruhigte ihn, indem er sagte, dass der Professor Bescheid wüsste.
    Endlich hatten sie das kleine, mit lichten Bäumen bedeckte Eck auf dem Grundstück erreicht, das im Laufe der Zeit zu einer Art Hauptsitz für Ashs Pokemon geworden war - bis auf die Taurosherde, die herumlief, wo immer sie wollte.
    Kaum hatte Ash einen Fuß in das Revier seiner Pokemon gesetzt, war er auch schon von ihnen umgeben, ohne sie nur gerufen zu haben. Er und Pikachu begrüßten Bisasam, Serpifeu, das erst kürzlich entwickelte Tornupto, ebenso Meganie und alle, die noch kamen. Karnimani war aufgekratzt wie immer, während Relaxo nur kurz brummend seinen Kopf und Arm hob - was, wie Ash wusste, schon beinahe Hochleistungssport für das Pokemon darstellte, solange es nicht ums Essen ging.
    "Ja, ist ja gut, ich hab euch doch auch gern!" , rief Ash lachend, der schon beinahe nicht mehr auszumachen war unter seinen Pokemon. Sanft, aber bestimmt befreite er sich von ihnen. trotzdem wuselte Bisasam immer noch um seine Füße, während seine Schultern jeweils von Pikachu und Serpifeu beansprucht wurden.
    "Ja, ich hab euch auch vermisst. Ich und Misty haben die Umbauten in der Azuria City - Arena bald erledigt, dann könnt ihr alle dort hinkommen und dann sehen wir uns jeden Tag", sagte Ash zu seinen Pokemon, was diese sehr freute.
    "Ash?", fragte Gary.
    "Ja, gibt es was?", fragte Ash verdutzt. Was würde Gary ihm sagen wollen? Er konnte aufgrund der Miene seines Freundes nicht erahnen, ob es etwas gutes oder Schlechtes werden würde."
    Gary schien kurz zu sinnieren, bevor er fortfuhr: "Wie du weißt, wird mein Opa in ein paar Jahren die Rente antreten und ich das Labor vollends übernehmen. Aber" , und hierbei schlich sich endlich eine Emotion in Form eines verschmitzten Lächelns in Garys Gesicht: "Aber ich will es anscheinend vorher doch noch einmal wissen."
    "Was soll das heißen?" , fragte Ash, der bereits eine Ahnung hatte.
    "Ich nehme noch einmal an einer Pokemonliga teil. Und zwar in Einall. Opa weiß schon Bescheid."
    Mit ersterem hatte Ash gerechnet, letzteres war eine Überraschung. Einall war so weit entfernt.
    "Und wie willst du das dir leisten? Die Gegend ist ja nicht gerade ums Eck" , fragte Ash.
    "Geld ist kein Problem, ich habe genügend gespart. Und außerdem kann ich so auch meinen Wunsch wahrmachen, den Freizeitpark in Rayono City zu besuchen."
    "Ash rollte mit den Augen: "Ja, dein Hang zu Achterbahnen, das war klar."
    Er musste lachen und hing an: "Aber mal davon abgesehen, glaub mir, du hast da ein tolles Ziel. Die Region ist sehr schön, ich würde sogar fast sagen, schöner als K..."
    "Sprich das nicht aus!" , grinste Gary: "Nichts geht über Kanto und Johto. Aber auch ich höre immer sehr viel Gutes von dort. Also, wollen wir dann wieder zurück zu Opa? Die Steaks sollten jetzt fertig sein."
    "Ja, gehen wir" , stimmte Ash sofort zu. Aber bevor du abreist, werde ich noch einmal gegen dich kämpfen wollen!"
    "So?" , antwortete Gary mit einer leicht höhnischen Stimme: "Schaffst du das auch?"
    "Was? Du..."


    Gary fing an zu laufen und Ash folgte ihm. Während er lief, kam Gary der Gedanke, vor seiner Abreise noch eine Feier mit allen Bekannten zu geben. Und als er Ashs Rufen hinter ihm hörte, wurde ihm eines klar. Sie beide waren nun erwachsen und vernünftig geworden, aber eine Sache hatte sich immer noch nicht im Geringsten geändert. Ging es darum, mit seinen Pokemon zu reisen, konnte sie nichts aufhalten.
    -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    (b) Eagle


    Der ewige Zweite


    Wie er es überhaupt geschafft hatte, den Weg von dem Indigo-Plateau zurück in sein beschauliches und verschlafenes Alabastia zurückzufinden, war Blau im Nachhinein ein absolutes Rätsel gewesen. Seine Füße hätten unter normalen Umständen Blasen schlagen, sein Magen nach dieser schier endlosen Reise empört aufschreien und sein Herz vor Glück, endlich wieder daheim sein zu dürfen, lauter schlagen müssen - doch nichts von alledem war der Fall. Noch als er die Peripherie seines Heimatortes überschritt, kreisten seine Gedanken noch immer einzig und allein um die Schmach, die er dort oben, auf dem Gipfel des Triumphs, dem Höhepunkt einer jeden Trainerkarriere erdulden hatte müssen.
    Er hatte es geschafft: Er hatte tatsächlich allen Widrigkeiten getrotzt, sich in unzähligen Kämpfen behauptet und schließlich die Top 4, die Pokémontrainer-Elite von Kanto, die Mächtigsten der Mächtigsten, geschlagen. Er war zum Champ aufgestiegen, zum mächtigsten Pokémon-Trainer der Region. Doch noch nicht einmal fünf Stunden hatte sein Siegeszug angehalten. Auf ewig hätte seine Glorie sein sollen, sein Epos mit ihm allein in der Hauptrolle, sein Triumph in die ewigen Annalen der Geschichte, sein Name gefürchtet und bewundert zugleich, Erzählungen über seine Heldentaten, die niemals zu verblassen drohten. Doch dann war er gekommen. Er hatte ihn von seinem Thron gestoßen, seinen Traum zerstört, mit Füßen getreten und ihm alles geraubt, wofür er so viel auf sich genommen hatte und erdulden musste ...


    Noch bitterer als sein Sturz in die Niederrungen seines Trainer-Daseins war aber das, was auf ihn wartete, als er die Türschwelle seines Familienhauses überquerte. Einem Stundenglas gleich, durch dessen Venen die Zeit, körniger Sand anstelle von Blut, sickerte, nahm auch die Fülle der Freude in den Gesichtern seiner Sippe Schritt für Schritt ab. Natürlich freute man sich, das verlorene Schaf nach langer Reise endlich wieder in dem Schoß der Familie zu wissen, doch überdeckte die traurige Nachricht von den in Stücke geschlagenen Träumen des Heimkehrers die Stimmung. Am Ende hob man die Gläser, trank auf die sichere Heimkehr des Bruders und des Sohnes zugleich. Der Schatten der Enttäuschung aber, die Empathie und das Mitleid für die in Stücke geschlagene Hoffnungen des Ex-Champs, hielten die Freude stark in Grenzen; insbesondere natürlich von Blau selbst, dessen Träume unerfüllt und das Streben nach Glanz und Ruhm ein niemals zu erreichendes Ziel bleiben sollten.


    Gott musste wahrhaft einen Sinn für Ironie haben, den neuen, unangefochtenen Champion der Pokémon-Liga ausgerechnet sein Nachbar und langjähriger Rivale sein zu lassen, anders konnte es sich Blau nicht erklären. Schon als sie beide noch in den Kinderschuhen gesteckt hatten, übten sie sich stets auf großer und gebührender Distanz zueinander. Zehn Meilen gegen den Wind konnte einer den anderen riechen. Ein Geruch, bei dem sich jedem von ihnen die Haare sträubten und die Hände zu Fäusten ballten. Auch dann, der ersehnte Tag, als sie endlich von dem renommierten Pokémon-Wissenschaftler Professor Eich ihr erstes Pokémon erhielten, hatte sich kaum etwas zwischen ihnen verändert. Keiner hatte dem anderen auch nur den Dreck unter den Fingernägeln gegönnt, geschweige denn das Pokémon des anderen. Immer wieder stellte man sich dem anderen zum Kampf, konfrontierte ihn mit neu gemachten Erfahrungen und zeigte ihm seine Überlegenheit. Stets konnte Blau ruhmreich aus diesen Scharmützeln hervortreten. Warum aber ... warum nicht auch dann, als es wirklich wichtig war? Der alles entscheidende Zeitpunkt, als er auf dem Gipfel des Glücks geschwebt hatte und dann plötzlich mit einer Niederlage aus allen Wolken fiel.


    Mit verschränkten Armen, gebettet auf seiner fast ein Jahr verwaisten Matratze, starrte Blau an diesem noch recht frühen Abend auf seine Schlafzimmerdecke, durchlebte immer und immer wieder den alles entscheidenden Kampf, der ihn seiner Träume beraubt hatte. Was nur, was hatte er nur falsch gemacht? Er konnte sich diese Frage einfach nicht beantworten; und schon gar nicht mit diesem Radau auf der Straße. Rot, sein Nachbar, Rivale, Meister des Indigo-Plateaus und somit der Vernichter seiner Träume war heimgekehrt. Eine Sause wurde abgehalten, auf seinen Namen kontinuierlich angestoßen, Ruhmeshymnen ihm zu Ehren besungen. Und doch verstand es der Gefeierte einfach nicht, wie man sich als Champ der Pokémon-Liga zu verhalten hat. Er wusste gar nichts, hatte nicht die leiseste Ahnung. Was nützte einem aller Ruhm dieser Welt, wenn man wie er einfach nichts damit anzufangen wusste? Blau sah seinen Nachbar genau, als er schließlich einen flüchtigen Blick aus seinem Zimmerfenster warf - und empfand nur noch mehr Hass und Missgunst für seinen Rivalen, als er ohnehin für ihn übrig hatte. Wie er nur so mit ausdrucksloser Miene dastand, umringt von seinen Fans und Bewunderern, fast keinen Gesichtsmuskel rührte, sich einfach so feiern ließ, als hätte er nichts weiter getan, wie einen Schluck Wasser zu trinken. Anstelle sich im Ruhm zu aalen, mit seinen Taten anzugeben, spöttisch auf diejenigen herabzulächeln, denen nicht so großes Glück zu Teil geworden war, stand er einfach nur da und nippte ausdruckslos an seinem Glas. Vielleicht, aber auch nur vielleicht tat er dies nur, um seinen geschlagenen Rivalen nur noch weiter zu demütigen. Er wusste schließlich genau, wie sehr solche eigentlich banalen Dinge Blau auf die Palme brachten. Und das taten sie auch! Blanker Abscheu führte Blaus Hand, als er wütend die Vorhänge seines Zimmerfensters zu zog, sich kraftlos auf sein Bett warf und bis zur Erschöpfung in sein Kopfkissen weinte.


    Während die Musik und die Klänge seiner feiernden Nachbarn Blau hämisch in den Schlaf wogen, fällte der gestürzte Champion einen Entschluss. Die Schmach der Niederlage, die öffentliche Demütigung, seine persönliche Kränkung – sie durften nicht länger als unbedingt nötig ungesühnt bleiben. Es dürstete ihn nach Wiedergutmachung, nach Vergeltung, nach Rache.


    Zweierlei war die Enttäuschung am darauffolgenden Tag groß. Die traurigen Überreste der gestrigen Feierlichkeiten seiner Nachbarn waren noch nicht gänzlich entsorgt, als Blau von den Familienangehörigen seines Rivalen erfuhr, dass selbiger bereits ein neues Kapitel in seinem Leben begonnen hatte. In jungfräulichen Morgenstunden war Rot zum Silberberg aufgebrochen, einem Ort, der nur der absoluten Elite der Trainerschaft vorbehalten war. Was er dort tat, lag klar auf der Hand: Er schottete sich von dem Rest der Welt ab, trainierte ganz für sich allein in den Tiefen dieses geweihten Ortes und feilte weiter an seinen Fähigkeiten.
    Dem aber noch nicht genug, beraubte er Blau gleichzeitig seiner Chance auf Revanche, denn die sturen Wachleute des Silberberges wollten die Glanzleistungen des fünfstündigen Champions nicht anerkennen und weigerten sich vehement, ihn passieren zu lassen. So blieb dem seelisch angeschlagenen Ex-Champ nichts anderes übrig, als geknickt wieder von dannen zu ziehen und den Rest seiner Tage mit der schmachvollen Gewissheit zu fristen, dass es jemanden gab, der besser als er selbst war.
    Seinen Rachefeldzug bekam er dennoch, auch wenn es letztendlich nicht ganz so befriedigend war, wie er es sich eigentlich erhofft hatte. Es dauerte nicht lange, bis ein jeder Pokémon-Trainer von nah und fern den Namen des gefassten Jungen kannte, der wie aus dem Nichts erschienen war und zur Spitze des in Vertania City gelegenen Trainer-Hauses stieg. Eine neue Ära begann. Einige munkelten, der ausdruckslose Blau käme aus einer weit entfernten Region und wäre sogar dort zum Champ der dortigen Pokémon-Liga aufgestiegen und er suche jetzt in anderen Gefilden nach ebenbürtigen Gegnern. Andere behaupten dagegen, er sei ein gleichmütiger Dissident, dessen Fähigkeiten es zwar mit jedem Trainer in Kanto hätten aufnehmen können, er jedoch gegen den Alltag des Trainer-Daseins rebellierte und sich weigerte, den Pfad eines jeden anderen zu wählen. So manch einer schwor aber darauf, der abgestumpfte Blau sei nichts weiter als ein übler Betrüger, dessen Siege weniger mit Raffinesse als mit Betrügereien zu tun hätten, bis diese dann aber selbst von seinen inzwischen als legendär gegoltenen Fähigkeiten überzeugt wurden.


    So vergingen Tage und Wochen. Auf eine jede Nacht folgte ein neuer Tag, auf einen jeden Kampf ein neuer Sieg – einer von vielen in einer ungebrochenen Serie und mit jedem Triumph, spross der Keim seiner Selbstzufriedenheit weiter an, bis Blau sogar wieder für ein recht zaghaftes Lächeln imstande war. Die Legende um den sagenumwobenen Trainer reichte zwar weit, doch die Kunde, dass auch er, der lieblose und nüchterne, so etwas wie Leidenschaft zeigen konnte, machte wie ein Lauffeuer seine Runde. Erst mit diesem Ereignis wurde Blau eine seltene Ehre zu Teil, nach der ein mancher sein ganzes Leben erfolglos hinarbeitete: Ihm wurde der Posten als Arenaleiter von Vertania City angeboten, mit allen dazugehörenden Pflichten und Privilegien. Die Ehre, sich mit dem Rang des Arenaleiters zu brüsten; die Ehre, den Erdorden als Zeichen der Anerkennung zu verleihen; die Ehre, sich mit den Stärksten der Starken zu messen.


    Und so wartet Blau noch heute darauf, von wackeren Trainern, die seiner würdig sind, herausgefordert zu werden. Er sucht die Herausforderung. Trainer, die ihm tatsächlich die Stirn bieten können. In seinem Herzen aber weiß er genau, dass es nur einen auf der Welt gibt, der es mit ihm aufnehmen kann. Eines Tages wird sich Blau wieder mit seinem Rivalen messen, denn nur er allein darf es sein, der Auserkorene, der Unumstrittene, der einzig wahre Champion des Indigo-Plateaus.
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  • Ergebnisse
    Wettbewerb Nr. 20: Gedicht
    Informationen | Vote


    [tabmenu]
    [tab='Platz 1']
    Gargoyle


    Sturmfront


    Fliegt die Schwalbe am Horizont,
    Vor Wolken grau und schwer.
    Hat grad die Federn noch gesonnt,
    Nun scheint das Licht nicht mehr.


    Nur fern, weit fort von ihrem Flug,
    Tief unter einer Wolkenschicht
    Etwas durchs Gewitter lugt:
    Es ist das letzte Sonnenlicht.


    Verlockend blitzt es übers Meer,
    Das vor dem Vogel sich erstreckt,
    Und stürmt es oben noch so sehr,
    Das Licht doch übers Wasser leckt.


    Obwohl die Winde an ihr ziehen,
    Der Sturm sie durch die Lüfte wirft,
    Dennoch möchte sie nicht fliehen,
    Bevor auf Licht die Hoffnung stirbt.


    Denn dafür lockt es sie zu sehr,
    Als dass ein Sturm sie stoppen könnt',
    Ruft doch die Sonne zu ihr her,
    Dort wäre ihr das Glück vergönnt.


    So kämpft sie sich durch Regenguss,
    Durch Blitze, Wind und Wolkenfront,
    Träumt bereits von dem Genuss
    Des Lichtes hinterm Horizont.


    Doch so lange sie auch fliegt,
    Sie nähert sich der Sonne nicht.
    Nur Wasser, Sturm, so weit sie sieht
    Und nirgends scheint mehr Sonnenlicht.


    Gierig greift die Luft nach ihr,
    Mit Klauen, kalt wie Eis.
    Feuchter Atem streift das Tier,
    Grelle Speere, schrecklich heiß.


    So schwinden schnell die Kräfte ihr,
    Der Sturm gewinnt die Überhand.
    Umschlingt sie, grölt und brüllt vor Gier,
    Wirft sie durch die Wolkenwand.


    Ein schreckliches Maul tut sich auf,
    Wasser sprudelt wild umher,
    Der schwache Vogel stürzt darauf,
    Genüsslich verschluckt vom schwarzen Meer.


    ---


    Stunden vergehen, der Sturm zieht fort,
    Die Sonne blinzelt ruhig hinab
    Als wüsste sie nichts von dem Mord,
    Als wäre dies ein schöner Tag.


    Doch dann, am menschenleeren Strand,
    Spuckt die See die Beute aus.
    Dort blickt, zerfetzt, im kalten Sand
    Die Tote auf das Meer hinaus.
    [tab='Platz 2']
    Koko


    Blutroter Ozean


    Still schau ich hinaus zum Ozean,
    Trauer umhüllt mein Herz aus Stahl,
    wenn ich daran denk was einst geschah.


    Höre wie ein Schifflein singet,
    bereit zur großen Fahrt.
    Frauen die mit weißen Tüchern,
    ihren Männern winken zum Wohl,
    auf dass sie wiederkehren,
    zum Abendmal nächst Jahr.


    Die Glockenuhr am Kirchesturm schlägt,
    ein Echo hallt herbei.
    Weiße Wolken hustet das Schiff,
    fährt heraus aufs Meer hinaus.


    Doch wie aus heitrem Himmel,
    färbt sich das Meer blutrot.
    Es breitet seine Schlingen aus,
    verschlingt das Schiff im Nu.


    Schreie, die die Nacht beirufen,
    ein Spiegel der zerbricht.
    Mein Traum entführte mich wiedermal.


    Höre wie ein Schifflein singet,
    bereit zur großen Fahrt.
    Auf dass sie wiederkehren.




    [tab='Platz 3']
    Leandy


    Zyklus der Flammen


    Ein Schrei vor zugeschloss'ner Tür
    Ein letzter Ruf in totem Tal
    krepiert hier an der Zeit Geschwür
    Wir hatten keine and're Wahl


    Wir sind die letzten uns'rer Art
    Die Welt vergeht in uns'rem Licht
    Wir flohen vor des Wahnsinns Saat
    Der Krieg war uns're letzte Pflicht


    Ein weiter Wasserlauf verlischt
    Du schließt die wunden Augen
    vor wilder, salz'ger Meere Gischt
    wenn Menschen dir das Blut aussaugen


    Wir werfen Flammen auf uns selbst
    Wir löschen Menschen lächelnd aus,
    sodass du über Leichen fällst
    Dein Weg, er führt dich nicht nach Haus


    Wir ahnen es und lachen.


    Ein Schleier legt sich auf die Welt
    Ein Schatten breitet Schwingen aus
    Ein Mann der sanft ins Blutbett fällt,
    er kehrt nicht mehr zurück nach Haus


    Ein Wald, der voller Bäume steht,
    er lebte seine letzten Stunden
    Die Leiche, die um Gnade fleht,
    hat in dein Herz die Reu' gesät


    Die Krähen picken im Gedärm
    im Wettstreit um die letzten Bissen
    Der Irrtum breitet solchen Lärm,
    dass Hunde auf die Knochen pissen


    Es klingen Glocken in der Nacht
    Du blickst in tausend leere Seelen
    Der Wahnsinn hat sich breitgemacht
    Es ist ein Schrei aus tausend Kehlen


    Wir fühlen es und lachen.


    Im letzten Licht auf dieser Welt
    Ein Phönix steigt aus Asche auf
    Der Schmerz, der zwischen Menschen fällt,
    er treibt die Zeit in ihren Lauf.


    Im roten Untergang der Stunde
    entfaltet er die schwarzen Schwingen
    wir richten uns nur selbst zu Grunde
    alsbald wir uns in Ketten fingen.


    Die Welt versinkt im Funkenregen
    Der Mensch zersetzt sein kaltes Herz
    Auf unsren einsam toten Wegen
    erleben wir den letzten März.


    Die Knochen sind zu Staub zerfallen
    Die alte Haut vom Fleisch gefetzt
    Der Krieger ist im Blut gefallen
    Hat euren reinen Schein benetzt


    Wir wissen es und sterben.


    [tab='Platz 4']
    Pika!


    Mit gespaltener Zunge


    Paradies, das ist ein tückisch Wort,
    beschreibt nur dürftig diesen Ort.
    Wie kannst du etwas so nennen,
    ohne das andere zu kennen?


    Sieh, ich will dich nicht stören,
    bitte dich nur, mich anzuhören:
    Ihr sitzt in eurem kleinen Garten,
    ohne Besseres zu erwarten.


    Dies ist nur ein winzig Teil der Welt,
    die der Schöpfer euch vorenthält.
    Drängt dich nicht zu wissen,
    was du bisher musstest missen?


    Sogar der Aufgabe, euch zu mehren,
    musstet ihr bisher verwehren,
    weil Er nicht will, dass ihr entdeckt,
    was alles in und an euch steckt.


    Du siehst, all das sind Fragen,
    an denen Kopf und Herz versagen.
    So koste, wer nach Antwort sucht,
    nur ein wenig von dieser Frucht.


    Zu essen von diesem Strauch,
    ist beiden euch verboten; auch
    der zweite gleich daneben
    soll euch nie ein Beerlein geben.


    Vergiss dies Verbot ohne Grund.
    Führe nur die Frucht zum Mund.
    So gehorche sie der Schlange,
    auf dass sie Erkenntnis erlange.


    Erkennst du nun, was ihr verpasst,
    was du noch nicht erfahren hast?
    So gehe und halte deine Reden,
    suche deinen Liebsten im Garten Eden.


    Sorg dich nicht, was da kommen mag.
    Denke nur an den heutigen Tag,
    an dem ihr ausbracht aus dem Schein,
    um endlich davon frei zu sein.



    [tab='Platz 5']
    Jingsel


    Ein Schicksal


    Ein Weinen hallt durch tiefe, dunkle Nacht
    Die Lavendelstadt schläft, ganz ohne Acht.
    Es hört kein Mensch das laute Klagen dort
    Ein Kind sucht seine Mutter - sie ist fort.


    Gehüllt in tiefes Schwarz, so kamen sie
    Die Mutter rief noch laut: "Mein Kind, nun flieh!"
    Sie raubten Leben, keines blieb verschont
    Das Kind lief weg - vom Berg, wo es gewohnt.


    Nun sitzt es hier, hat kein' mehr außer sich
    Ganz tief ins Herz bohrt sich der starke Stich.
    Bis dicht zur Stadt ist er gekommen nun
    Hat keine Kraft noch Ahnung, was zu tun.


    Ihn Schrecken Schritte aus der Trauer auf
    Ein alter Mann kommt von der Stadt herauf.
    Doch jenes Kind ist schwach und kann nicht fort
    Und jener Mann erreicht jetzt diesen Ort.


    Er stutzt und sieht des Kleinen Schmerz
    Es trauert ihn und rührt sein Herz.
    Mit freundlich' Stimm' verspricht er Mut:
    "Tragosso, es wird alles gut"


    [tab='Platz 6']
    (a) Atropaia


    Glückes Schmied


    Hör der Seele Widerhall
    Aus der Ferne zu dir kehren.
    Lausch dem Flüstern ihrer Qual,
    Das will deinen Schmerz dir lehren.


    Wehr dich nicht, du dummes Wesen.
    Ohne Seele bist du nichts.
    Wunden können nur genesen
    In dem Schattenspiel des Lichts.


    Sei nicht törricht, freudetrunken,
    Denn so bist du niemals ganz.
    Hol es, das so tief versunken.
    Wahre keinesfalls Distanz!


    Kannst nicht für den Schmerz erblinden,
    Doch des Glückes Licht erseh'n.
    Musst im Zwielicht Wege finden.
    Hand in Hand mit Qualen geh'n.


    -----------------------------------------------------------------------------------------
    (b) Misana


    Verloren im Wind


    Verloren in der Kälte; Verloren im Wind.
    Wie vergänglich uns're Leben doch sind.
    Verloren für immer, dies kommt nie zurück.
    Wie vergänglich ist unser Glück?
    Ein letzter Windhauch, dann ist es vorbei,
    Reißt die Teile des Lebens in zwei:
    Den Stamm allen Lebens, das atmende Blatt,
    Die Kälte sie getrennt nun hat.
    Verloren im Wind für den ewigen Kreis
    Sinken sie zur Erde leis',
    Die Blätter in des Herbstes Nacht.
    Bevor im Frühling neu erwacht,
    Das frische, junge, grüne Laub
    Aus des Winters altem Staub,
    Geht noch das Jahr zu Ende;
    Wie des Lebens Wende;
    Wie die Blätter, verloren im Wind
    Uns unser Leben doch entrinnt.


    [tab='Platz 8']
    Mistermax


    Der Ort meiner Träume


    Ein Ort voller Leben
    und voller Tod.
    Ein Ort welcher kann geben
    in größter Not.


    Der Ort meiner Träume
    er ist hier
    und wenn du fort bist
    schick ich ihn dir


    Ein Ort des Vergessens
    der ewigen Stimmen,
    welche sich sonst
    um dich ringen.


    Der Ort meiner Träume
    hat viel zu sagen,
    aber nichts
    von ewigen Klagen.


    Warum ist der Ort meiner Träume
    da wo du jetzt bist ?
    Der Grund ist,
    dass du mich nie vermisst


    Und wenn du bei ihm bist,
    denk immer an mich.
    Damit du weißt,
    Ich liebe dich



    [tab='Platz 9']
    Aurora


    Joker


    Du bist talentiert, weltweit anerkannt
    alle vier Ässe sind in deiner Hand
    nein nochmals soll man nicht aufteilen
    die Hände können so verweilen
    teilen mochtest du sowieso noch nie
    denn Teile zwingen Ganzes in die Knie.


    Ob Links- oder Rechtsspiel ist dir gleich
    du bist der Hochglanz in jedem Bereich
    und sollte sich etwas Staub legen
    macht du den Mantel einfach Segen.


    Deine Gedanken ziehen all zu viele Wege
    willst warten, bis der eine Moment sich rege
    verstummst zur besten Tageszeit -
    dann bist du in der Nacht bereit.


    Der Mond zeigt dir die Rückseiten der Karten
    die dunklen Medaillen die auf dich warten
    der Nebel er raubt dir langsam die Sicht
    der Nebel erzeugt von des Auges Licht.


    Bist zweimal erstickt, die Karten sind heil
    in der rechten sie ruh'n, links hältst du ein Beil
    und auch der Joker ist nicht genug
    statt dem Full House legst du den Betrug.


    [tab='Platz 10']
    (a) SaruPudding


    Hass


    Ein Schrei der Angst durchreisst die Nacht.
    Die Dunkelheit ist in ihm erwacht.
    Sie sorgt für Tod.


    Der Mensch der da schrie, wird niemals mehr schreien.
    Aus den Fängen des Todes konnt‘ er sich nicht befreien.
    Sie sorgt für Not.


    Das Wesen der Nacht, die Schwarze Frau,
    Sie trifft immer, denn sie zielt genau.
    Sie sorgt für Schmerz.


    Entsprungen aus des der dunklen Quelle
    Tötet sie ohne Furcht und auf der Stelle.
    Sie trifft ins Herz.


    Ihre Opfer, Menschen mit Eifersucht
    Sie niemals lange vergeblich sucht.
    Sie sorgt für Qual.


    Folter der Seele ist ihre Fähigkeit
    Angst und Schrecken zu bereiten, dazu ist sie bereit.
    Sie lässt keine Wahl.


    Die Gefühle des Opfers, die sind ihr Ziel
    Wenn sie sie erfasst, braucht es nicht mehr viel.
    Sie tötet aus Spass.


    Sie erschafft Visionen, voll Schmerz und Blut.
    Das Glück der Menschen erfüllt sie mit Wut.


    Sie verkörpert Hass.
    ---------------------------------------------------------------------------------------------
    (b) Laylie


    Der Kreislauf


    Ist der Mensch geboren
    Und ist Mensch auch gewachsen
    Dann muss er sterben
    ---------------------------------------------------------------------------------------------
    (c) Colonel Fortune


    "Liebe"


    Sonne scheint, da find ich Dich;
    auf dem allerersten Blicke
    reißt sie mich an sich, an Dich,
    aus dem Teppich, den ich flicke.


    Kommst wie aus dem Paradiese,
    trägst herum wohlig' Gerüche
    und die Blumen, die ich gieße,
    wandeln mich in Teufels Küche.


    Altes Tau die Brust mir fesselt,
    im Erwürgen neu entzücken,
    sie mich sanft im Topf einkesselt,
    mich verrücken zu verglücken.


    Rührst mich um im Sud der Liebe,
    bin gerührt, kann nur noch schwärmen,
    oder wohnt hier doch 'ne Fliege?
    Bin verführt, kann nicht mehr lernen.


    Packst mich nun auf Deinen Teller,
    das Produkt aus Deinen Mühen.
    Du verschlingst mich immer schneller,
    siehst die Nächte sich verfrühen.


    Wild und wilder, wie die Tiere
    sieht man Fleisch zusammenballen,
    prüfst mich denn auf Herz und Niere –
    bin aufs Härt'ste durchgefallen!


    Nichts zu nehmen, nichts zu geben,
    junges Glück davon sich schlich.
    Es diktiert der Schalk mein Leben,
    wenn ich glaub, Du liebtest mich.
    ----------------------------------------------------------------------------------------------
    (d) bluetime


    Ich


    Ich bin ich,
    bin der Anfang,
    bin die Sonne,
    bin der Mond.


    Ich suche,
    suche Hoffnung,
    suche Freude,
    suche Liebe,
    suche mich selbst.


    Ich versuche zu lieben,
    die Welt zu lieben,
    jeden zu lieben,
    ihn zu lieben,
    mich zu lieben.


    Ich spüre,
    spüre Schmerz,
    spüre Einsamkeit,
    spüre Hass,
    spüre, dass ich mich verliere.


    Ich sehe,
    sehe Leid,
    sehe Trauer,
    sehe Verrat,
    doch ich sehe mich nicht.


    Ich höre,
    höre Lügen,
    höre Streit,
    höre Schreie,
    höre meine Stimme nicht mehr.


    Ich bin,
    bin die Zeit,
    bin die Hoffnung,
    bin das Ende,
    denn ich bin ich.
    [/tabmenu]