Der Zorn des Himmels

  • Kapitel 27: Von Freunden und Göttern


    Die Nacht war frisch, trotz des Sommers hier in Hoenn und Melody fröstelte es. Nach der Dämmerung hatten kurze Schauer die Temperaturen fallen lassen, weshalb sie nun eine dünne Jacke übergestreift hatte und im Beisein von Andrew in den Hinterhof des Pokémoncenters schlenderte. Am Rande der Kamplätze erwartete Ryan die beiden bereits. Auf einer Bank hatte er sich augenscheinlich ermattet und antriebslos niedergelassen, die Arme auf den Lehnen ausgebreitet und den Kopf in den Nacken gelegt. Sterne sah er keine, da sich nach dem Schauer die Wolken nicht gänzlich hatten verziehen wollen, doch der Mond schien durch den Wolkenteppich hindurch. Das erleichterte Ryan und stimmte ihn gleichzeitig trübselig. Er wünschte noch immer, sich vor dem, was jetzt kam, drücken zu können.

    Nachdem sie der Geschichte von Mila und Sheila gehlauscht hatten, war es sehr lange still im Zimmer gewesen. Es war sehr viel gewesen, das es zu verarbeiten galt und so richtig konnte Ryan auch noch nicht fassen, dass er an die erwählte Kriegerin des Drachengottes und einer schonungslos gedrillten Killerin aus mittelalterlicher Zeit geraten war. Selbst für ihn, der bereits die ein oder andere unglaubliche Geschichte selbst durchlebt hatte, klang es etwas zu fantastisch. Und doch würde er einmal mehr eben dieser glauben, anstatt Mila der Lüge zu beschuldigen.

    Nachdem diese sich für heute verabschiedet hatte und ihre Partnerin eigens ein weiteres Mal auf Kundschaft gegangen war, hatte Ryan die Bitte an Melody gerichtet, Andrew bei Einbruch der Nacht nach draußen zu bringen. Er selbst hatte bis dahin noch etwas allein sein wollen, um sich mental ein wenig vorzubereiten, wenn er Andrew von den älteren Ereignissen erzählen würde, von denen sie besser erfahren sollten. Nein, in Anbetracht der neuen Lage mussten sie es unbedingt wissen.

    „Hey“, grüßte Andrew den Wartenden schließlich teilnahmslos. Er war natürlich noch immer sauer, da Ryan diesen Drachensplitter gestohlen und ihm die Sache mit Mila verschwiegen hatte. Aber er konnte es kaum noch zeigen, da ihn die Informationen zuvor derart vor den Kopf gestoßen hatten, dass er es beinahe verdrängte. Er musste sich sogar in Erinnerung rufen, dass er Ryan gerade eigentlich gern verprügeln würde.

    Der antwortete nur mit einem Murren. Melody sagte überhaupt nichts. Sie wusste, was Ryan seinem Kumpel hier zu zeigen gedachte und spürte die Anspannung zwischen ihnen. Andrew hatte sie flüchtig informiert, wie gut die beiden befreundet waren, auch wenn es gerade schwer zu beobachten war. Verständlicherweise.

    „Du hast mich ja schon früher in echt krasse Dinge mit reingezogen, aber das hier? Hut ab, Alter“, seufzte Andrew schließlich und vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeansjacke.

    „Darüber will ich mit dir reden.“

    Ryan ließ den Kopf langsam nach vorne sinken, um seinem besten Freund in die Augen zu blicken.

    „Das ist bislang nur Platz zwei.“

    Seine Iris schimmerte in der Farbe des Mondes. Silbern, ein kaltes Licht, doch unendlich schön. Als hätte man zwei Vollmonde auf seine Augen gepresst und sie mit den Pupillen einmal durchlöchert. Melody hatte diese Augen bereits bei ihrem letzten Treffen gesehen, doch wie mochte Andrew nun reagieren?

    Gar nicht. Er starrte einfach nur. Gar nicht fassungslos oder erstaunt. Er sah Ryan an, als warte er noch immer auf die Enthüllung.

    „Ich nehme nicht an, dass du die hast, um im Dunkeln zu lesen?“

    Ryan würdigte diesen schlechten Witz mit keinem einzigen Wort. Ein bloßer Blick genügte, um ihm klarzumachen, dass dies nicht der Augenblick dafür war.

    „Die Lüge mit den Kontaktlinsen kann ich mir ja jetzt wohl sparen. Aber wahrscheinlich hast du mir die eh nie abgekauft.“

    „Überzeugt war ich nicht“, antwortete Andrew wahrheitsgemäß. Hin und wieder gab es solche Situationen zwischen den beiden, in denen einer eine Lüge erzählte, die vom anderen durchschaut, aber nicht weiter hinterfragt wurde. Es war ihre Art, einander mitzuteilen, dass man darüber nicht reden konnte oder wollte. Hieß es zwar von vielen, dass beste Freunde keine Geheimnisse voreinander hatten, waren Ryan und Andrew der Ansicht, dass sich gerade solche zumindest ein paar gönnen durften, ohne sich gleich verletzt zu fühlen. Niemand sollte sich aufgrund einer Freundschaft dazu gezwungen fühlen, über Sachen zu reden, die man lieber für sich behielt. Wenigstens für eine Weile. Menschen – gerade Jugendliche – hatten nun mal Geheimnisse. Selbst vor ihrer Familie.

    „Du hast sicher gemerkt, dass Sheila das Mädchen von der Fähre nach Wurzelheim ist. Sie hat schon dort bemerkt, dass ich sie von einem Legendären habe und dann…, naja war ich auf ihrem Radar.“

    Andrew kam einen Schritt näher, nahm nun die Hände aus den Taschen und sah eindringlicher auf Ryan herab.

    „Dann sag mir warum und wie lange du die schon hast. Einfach gerade raus, keine lange Geschichtsstunde.“

    Der Blondschopf stockte einen Moment. Damit wurde ihm verdeutlicht, dass die Kurzfassung genügte, da Andrew seine Unannehmlichkeiten wohl aufgefallen waren und er ihm die Sache nicht unnötig erschweren wollte, wofür er dankend lächelte. Zumindest ganz kurz.

    „Es war vor acht Wochen, ungefähr.“

    „Ich sagte keine Geschichtsstunde bitte.“

    „Keine Angst, das ist schon die Kurzfassung. Ich hab ja auf meiner Reise durch Johto den Silberflügel gefunden und dann… nach Lugia gesucht.“

    Während ihrer Reise hatte es zwei oder drei Momente gegeben, in denen Ryan das Thema um den Silberflügel angeschnitten hatte. Andrew wusste mittlerweile bestens, wann, wo und wie er ihn gefunden hatte, doch dass der Fund an sich nur der Prolog zu etwas Größerem war, hatte er ihm verschwiegen.

    „Naja, ich hab ihn gefunden. Es gab einen wahnsinnigen Kampf. Ich habe mit Lugia zusammen versucht eine Katastrophe zu verhindern und…“

    Die Erinnerung an diesem Moment war nichts, das Ryan jeden Tag verfolgte. Schließlich war dieser Tag trotz all der irrsinnigen Gefahren und Strapazen vielleicht der größte seines Lebens gewesen. Doch wer rief sich schon gerne den Moment ins Gedächtnis, in dem man dachte, dass nun endgültig alles aus sei?

    „Und was?“

    Andrew konnte die Ungeduld noch weitestgehend aus seiner Stimme verbergen. Doch fast kam es ihm so vor, als ließe Ryan ihn auflaufen.

    „Ich war… praktisch… schon tot.“

    Die Sache mit den Augen hatte Andrew nicht viel Eindruck entlockt, doch diese Info tat es allemal. Man hätte wohl gar nicht vermutet, dass seine Brauen so weit nach oben wandern konnten. Melody setzte sich neben Ryan und legte ihm beistehend eine Hand auf die Schulter. Auch sie hatte an diesem Tag gelitten. Als zum Zusehen Verdammte, die nicht in der Lage gewesen war, Ryan irgendwie zu helfen. Die ihn alles allein hatte schultern lassen.

    „Ich mach keine Witze und bin auch nicht theatralisch. Frag Melody, wenn du Bestätigung brauchst. Ohne Lugia wäre ich dort drauf gegangen.“

    Ein kurzer Blick in ihre trüben Augen genügte. Andrew würde nicht wagen, einem von beiden eine Lüge zu unterstellen, wenn sie ihn derart ansahen. Es gab keinen Spielraum für Zweifel.

    „Ein Teil seiner Lebensenergie wird jetzt in mir fließen, solange ich atme. Naja und genau das... ist die Ursache hierfür“, vollendete Ryan die Erklärung und hielt sich eine Hand kurz unter das Auge. Der glanzvolle Schein darin trog in diesem Moment. Ihm war eher danach, sie zu schließen und zumindest für eine Zeit nicht wieder zu öffnen. Er wollte sie niemandem zeigen, wollten nicht, dass die Leute erkannten, dass er anders war. Auch Andrew nicht. Wie könnten die Dinge zwischen ihnen schließlich bleiben wie immer, wenn er plötzlich anfing, mit Götter zu kämpfen – gleich ob an ihrer Seite, wie damals oder gegen sie, wie vielleicht in naher Zukunft. Durch so etwas konnte er Andrew unmöglich mitschleifen.

    „Ist das alles?“

    Es war nicht so, dass Ryan erwartet hatte, sein bester Freund würde jetzt aus allen Wolken fallen. Obwohl es nicht einmal unverständlich wäre. Aber er stellte diese Frage, als hätte er erzählt, nicht zusammen mit dem legendären Wächter der Ozeane, sondern einem zerzausten Tauboga einen obendrein unwichtigen Kampf ausgetragen zu haben. Als sei es die banalste Sache der Welt gewesen.

    „Wenn du jetzt wieder Faksen machst, hau ich dir auf die Schnauze“, meinte Ryan nur. Hätte er vorher mal einen Moment nachgedacht.

    „Dazu hab ich mehr Gründe, als du. Aber doch nicht, weil du dicke mit einem legendären Pokémon bist.“

    Andrew hob die Arme an und zuckte mit den Schultern. Nahm er das gerade wirklich so leicht?

    „Du hast also beinahe ins Gras gebissen? Ist natürlich verdammt übel, aber du atmest ja noch. Oder wieder. Ist auch egal, Hauptsache du bist noch da. Und dazu musste ein Wesen wie Lugia herhalten?“

    Nun ging er vor dem Blondschopf in die Hocke und starrte direkt in seine leuchtenden Augen.

    „Findest du wirklich nicht, dass du´s etwas dramatischer als nötig machst?“

    Bei ihm zogen sich die Brauen zusammen. Er verstand nicht, wie Andrew das jetzt in Wahrheit alles aufnahm. War das Sarkasmus oder meinte er es ernst? Oder verarschte er ihn sogar?

    „Ich meine, bei mir sind vor kurzem auch fast für immer die Lichter ausgegangen und da war kein Gott nötig. Die Umstände sind mir so Schnuppe, du ahnst es ja nicht. Für mich ist das nichts, das man geheim halten muss. Menschen werden jeden Tag auf der Straße oder dem Bau fast umgebracht und lachen hinterher drüber.“

    Jetzt gab er ihm einen nicht gerade sachten, aber dennoch irgendwie aufmunternden Schlag gegen den Oberarm. Als wolle er einen müden Fußballspieler wachrütteln, der seine Leistung nicht brachte.

    „Du hast doch früher auch allem ins Gesicht gelacht. Scheiß drauf, wie und wo der ganze Mist passiert ist. Das ist alles Vergangenheit. Und jetzt sieh zu, dass du deinen Trübsal los wirst, bevor ich sentimental werden muss. Dann wird’s nämlich erst richtig lächerlich.“

    Es gab Momente, in denen man sein Glück kaum fassen konnte. Als solches würde Ryan das Gefühl, welches in ihm aufstieg, zwar nicht betiteln, denn dafür hatte er gerade zu viele Sorgen. Aber das große Maß an Erleichterung sowie der Erkenntnis, was für ein lässiger Freund Andrew war, genügten ihm allemal. Er nahm einfach alles auf die leichte Schulter. Wie ein draufgängerischer Volltrottel. Aber er wusste, wann Schluss mit Lustig war, wie man bei der Erklärung über den Drachensplitter gemerkt hatte. Er verzieh nichts leichtfertig, was nicht leichtfertig zu verzeihen war. Doch er tat gerade genau das. Er verzieh Ryan. Er tat lediglich so, als wäre es ihm komplett egal, was von keinem Standpunkt aus logisch sein konnte. Doch das spielte hier keine Rolle. Es war alles im Reinen zwischen ihnen. Und das war mehr, als Ryan erwartet oder verdient hatte.

    „Hätte ich mir doch Sheila als beste Freundin ausgesucht. Die wäre bestimmt so hilfsbereit, mich zurück in die Besinnung zu prügeln, anstatt so eine Rede vom Zaun zu brechen.“

    „Ich werd drauf zurückkommen.“

    Andrew grinste bei der Bemerkung über beide Ohren.


    Für Andrew war das Thema für diese Nacht durch. Es wurde spät und wenn er noch was vom Abend Buffet in der Kantine des Centers sehen wollte, musste er sich beeilen. Er hatte ganz unverfroren angemerkt, dass ihm der Magen in den Kniekehlen hing und er sich jetzt eben dorthin aufmachte. Ryan hatte abgelehnt, ihn zu begleiten. Auch er hatte den Abend nichts gegessen und jetzt, da er sich nicht mehr so verknotet anfühlte, kehrte auch sein Appetit zurück. Allerdings gab es in diesem Augenblick nichts, das er der Zweisamkeit mit Melody vorziehen würde. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er sich auch dazu bereit erklärt, eine Woche dafür zu hungern.

    Anderw war bereits seit ein paar Minuten weg, aber so recht ergriff keiner das Wort. Wilde Pokémon hörte man hier natürlich nicht, dafür gedämpfte, ferne Laute des Graphitporter Nachtlebens. Eines, das Ryan in den kommenden Tagen vielleicht noch erkunden würde. Aber seine Gedanken waren noch fern von jeder Form des Amüsierens und Vergnügens. Es gab etliche Dinge, über die er sich mit Melody auszusprechen hatte. Sie wirkte dabei noch deutlich nervöser und versteifter, als Ryan. Während der die Ellenbögen auf die Knie stützte und die Hände vor der Naser faltete, saß sie stocksteif da, die Hände im Schoß vergraben, die Schultern angezogen und den Blick gen Boden gerichtet. Insgeheim könnte sie sich selbst ohrfeigen. Da hatte sie so lange und verbissen nach ihm gesucht, und jetzt, wo sie einander endlich wieder hatten, fiel ihr kein Wort ein, mit dem sie beginnen sollte.

    Vielleicht war es einfach zu merkwürdig, zu plötzlich, sich unter solch unerfreulichen Umständen wiederzusehen, obwohl ihr Abschied noch mit einem innigen Kuss erfolgt war.

    Ein langer Seufzer Ryans kündigte auch kein Ende des Schweigens an. Er lehnte sich weit auf der Bank zurück und betrachtete die Sterne. Sie schienen mit seinen silbernen Augen um die Wette zu glänzen. Komisch, auf einmal kamen die Worte fast wie von selbst über Melodys Lippen.

    „Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll.“

    Vermutlich ging es Ryan genauso. Aber irgendwie mussten sie ja beginnen.

    „Ich glaube, ich…“

    Weiter kam sie nicht. Vor Überraschung blieben ihr die Worte im Hals stecken. Ryan hatte sich wie vom Blitz getroffen zu ihr gebeugt und beide Arme fest um ihre Schulter geschlossen. Sie konnte sich kaum rühren und beinahe tat es sogar ein bisschen weh. Als wolle er sie niemals wieder aus seiner Umarmung entlassen.

    „Du bist verrückt, weißt du das?“

    Seine Stimme passte nicht so recht zu seiner Körpersprache. Sie war monoton, fast teilnahmslos. Seine Muskeln dagegen schienen in seinen Armen zu zittern.

    „Man sagt es mir so nach“, meinte sie darauf nur und erwiderte schließlich die Geste.

    „Was in aller Welt machst du hier?“, war die nächste Frage und Ryan drückte sie gar noch etwas fester. Das war die Frage, deren Antwort weniger angenehm aussah und Melodys Züge trübten sich. Ganz sachte ergriff sie seine Oberarme mit den Händen und drückte sich von ihm. Er ließ sie gewähren, sah aber fest und tief in ihre Augen. Sie waren glanzlos und voller Kummer, in diesem Moment.

    Ihr lag ein schwerer Kloß im Hals. Nichts von dem, was jetzt folgte, würde für einen der beiden angenehm sein. Vielleicht sogar noch weniger als Milas Erklärung vorhin. Sie konnte nicht in Ryan hineinsehen, obwohl sie sich doch so sehr einredete, ihn gut zu kennen. Doch das war eigentlich allein daher unmöglich, da sie einander nur wenige Tage gesehen hatten – den heutigen noch mit eingeschlossen. Aber so viel wusste sie über ihn – das Folgende würde ihn bekümmern.

    „Lugia war bei mir“, eröffnete sie. Das allein ließ Ryan noch nicht ins Staunen geraten. Seit ihrem gemeinsamen Erlebnis mit dem Wächter der Ozeane hatte dieser auch Ryan einmal besucht.

    „Hätte ich mir denken können. Er war auch bei mir, nachdem ich wegen der Silberkonferenz ein bisschen down war.“

    Noch während seines Satzes hatte Melody begonnen, den Kopf zu schütteln. Ryan redete wie aus dem Nähkästchen, als würden sie Small Talk halten. Doch davon war sie weit entfernt.

    „Er hat mich vage über das alles hier aufgeklärt. Er hat gewusst, dass du in Schwierigkeiten steckst.“

    So langsam dämmerte ihm, woher der Wind wehte. Es sollte ihn eigentlich nicht verwundern, dass einem legendären Pokémon, dessen Blut er gewissermaßen teilte, Angelegenheiten bezüglich ihm und anderer Legendärer nicht verborgen blieben. Ryan besaß derzeit einen Teil von Ryaquazas Herz in Form des Drachensplitters. Und das, obwohl er bereits seit Monaten schon die Feder Lugias um den Hals trug. Ihm wurde eben bewusst, dass er sie in letzter Zeit praktisch nie betrachtet hatte. Es wäre leicht sich einzureden, dass man des Anblicks nach einer gewissen Zeit müde würde oder der Reiz zumindest abnahm. Doch er wusste, dass er sich damit selbst belügen würde. Jedes Mal, wenn er während oder auch nach seiner Reise durch Johto den Silberflügel angesehen hatte, war er umso mehr von ihm fasziniert gewesen. Doch nicht mehr, seit er den Drachensplitter trug. Seitdem hatte er nur diesen so innig bewundert. Und das bereitete ihm Sorge. Mila hatte auf Faustauhafen bereits eine Warnung ausgesprochen und wenn er so darüber nachdachte, dann war Ryan der vermeintlichen Anziehungskraft dieses Kristalls vielleicht bereits erlegen.

    „Willst du damit sagen, er hat dich zu mir geschickt?“

    „Nein, nein. Ich habe ihn gebeten, mir alles zu erzählen. Er hat mich sogar noch gewarnt, aber ich konnte diese Ungewissheit nicht ertragen. Ich musste es einfach erfahren.“

    Ihr Kopf sank ebenso wie ihre Schultern ab, ihre Hände verkrampften sich und begannen leicht zu zittern.

    „Ich hatte solche Angst um dich, als ich in den Nachrichten von dem Garados Angriff gehört habe. Als du und Andrew vermisst wurden. Aber das, was Lugia mir dann erzählte....“

    Melodys Worte wurden lauter und lauter, schienen kaum überlegt. Ein Produkt ihrer Emotionen.

    „Ich verstehe nicht, was du meinst. Was hat er dir gesagt?“

    Melodys schreckte wieder auf, ihre Augen waren wässrig und ihre Stimme bebend.

    „Er hat mir gesagt, dass du in Gefahr bist. Und dass dir die Drachen bald nach dem Leben trachten würden!“

    Da erschütterte es auch Ryan. Nicht bloß wegen der Botschaft selbst. Ihm wurde mit einem Mal bewusst, was es mit dem Ärger der jüngsten Vergangenheit auf sich hatte. Terrys Maxax! Es hatte ihn angegriffen, genau in dem Moment, in dem er den Splitter berührt hatte. Und die Garados! Auch sie waren gekommen, direkt nachdem Ryan das Herz Rayquazas ergriffen und bestaunt hatte. Garados waren zwar keine wirklichen Drachen Typen, doch sie wurden als solche angesehen, ähnlich wie Glurak oder Aerodactyl. Hatten sie es gespürt? Waren sie auf Ryan losgegangen, weil sie den Drachensplitter in seinem Besitz wussten? Wenn das stimmte, würde er ihn künftig wohl kaum noch berühren können, ohne sich und die Menschen um sich herum damit in Gefahr zu bringen. Nachdem im nun klar war, welche Verführung von ihm ausging, musste er ohnehin mehr Acht geben.

    „Melody“, setzte er dennoch beruhigend an. Völlig egal, was zuletzt war oder demnächst sein würde. Er konnte Melody nicht so ansehen. Er ertrug das nicht. Eine behandschuhte Hand legt sich sacht auf ihre Wange.

    „Es geht mir blendend“ log er, denn wirklich gut war es ihm jüngst einfach nicht ergangen. Wegen diversen Dingen

    „Ich weiß, das ganze hier ist beängstigend. Mir geht es ja nicht anders. Aber du kennst mich doch, ich kriege meine Probleme irgendwie geregelt. Und Andrew ist ja auch noch da. Wir wissen schon aufeinander aufzupassen, frag ihn ruhig selbst.“

    „Das ist nicht der Punkt“, unterbrach sie. Ihr Blick eröffnete, dass keines seiner Worte auch nur im Entferntesten wirkte.

    „Lugia warnte mich vor noch jemandem. Jemand unberechenbares.“

    Ryan blinzelte ein paar Mal. Sollte das nun heißen, wild werdende Drachen in seinem Umfeld wären nicht seine größte Sorge? Der Gedanke bereitete auch ihm mehr und mehr Unbehagen. Und je mehr sich Melody sorgte, desto mehr tat er es selbst.

    „Wem?“

    Leere Augen vergossen je eine Träne.

    „Vor dir.“


    Ryan hatte seinen Weg zurück auf´s Zimmer kaum realisiert. Er fühlte sich noch immer wie nach einem Schlag auf den Hinterkopf. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nur immer wieder die Frage nach dem Wieso.

    Unter all den Problemen und potenziellen Angreifern, denen er von hier an gegenüberstehen würde, sollte er selbst die größte Gefahr von allen sein? Größer als der Krieg selbst? Oder sollte er mehr Auslöser für selbigen sein? Vielleicht war er das ja bereits geworden.

    Melody hatte ihm so sehr versichert, dass sie trotz Lugias Warnung, an der sie nicht ein bisschen zweifelte, keinen Groll und keine Furcht gegenüber Ryan verspürte. Und auch wenn er Melody nicht als ein Mädchen einschätzte, das in solchen Angelegenheiten log, tat es ihm weh, dass sie so rasch nach ihrem Gespräch hatte gehen wollen. Natürlich galt es eine Menge zu verarbeiten, doch dass sie dies so vehement allein tun wollte, bekümmerte Ryan und bereitete ihm Sorge. Sie war ein taffes Mädchen, aber innerlich sehr verletzbar. Und doch war an ihrer Entscheidung, sich in der Umgebung ein Hotel zu suchen, nicht zu rütteln gewesen. Dabei hätte Ryan so gerne einen versöhnlichen Abschied – generell ein angenehmeres Wiedersehen mit ihr gehabt.

    So schlurfte er nun allein die Treppen hinauf zu dem Zimmer, das er sich mit Andrew teilte. Da Melody keine Trainerin war und folglich auch nicht am Clash teilnehmen würde, hätte sie hier so oder so kein Zimmer erhalten. Doch warum musste es denn jetzt sofort sein? Nicht einmal all seine Fragen hatte sie ihm beantwortet. Beim erneuten Überlegen stellte Ryan erst fest, wie anmaßend es gewesen wäre, dies von ihr zu verlangen und war froh, ihr das nicht vorgeworfen zu haben.

    Noch im Flur fischte er den Zimmerschlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür seiner Unterkunft. Es überraschte ihn gar nicht, dass Mila ihn bereits erwartete.

    „Bist du durch das Fenster reingekommen oder hast du dir wirklich die Mühe gemacht, das Schloss zu knacken und dann wieder zu verschließen?“

    Ryans Stimme klang entmutigt und müde. Vielleicht etwas angesäuert. Mila schürzte scheinbar etwas überrascht die Lippen. Er hätte nicht gedacht, dies durch solch eine banale Frage zu erreichen.

    „Euer Ruf ist nicht unbegründet, wie mir scheint.“

    „Wie darf ich das verstehen?“, fragte er bloß, während er teilnahmslos and ihr vorbei ging, seine Jacke abstreifte und über einen Stuhl schmiss, der den Fernsehtisch an der Wand gegenüber der Betten benachbarte. Ebenfalls darauf fand sich eine simple Tischlampe, welche für den Augenblick die einzige Lichtquelle darstellte und den Raum nur diffus beleuchtete.

    „Da es Team Rocket nie gelungen ist, unsere Aktionen zu erahnen, kann ich nicht so berechenbar sein, dass Ihr mich bereits hier erwartet habt. Es sei denn, ihr hättet eine beeindruckende Auffassungsgabe.“

    Ja, die sagte man Ryan in der Tat nach. Allerdings auf dem Kampffeld. Er hielt sich nicht wirklich für einen Menschenkenner.

    „Erwartet trifft es nicht wirklich. Ich bin nicht überrascht. Drücken wir es so aus.“

    Warum wollte er dieses Lob nicht annehmen? Normalerweise ergriff er solche Chancen. Es gefiel ihm für gewöhnlich, wenn andere seine Talente anerkannten.

    „Das genügt wohl.“

    Mila ließ sich lasch auf die Kante von Andrews Bett fallen, überschlug keck die Beine, stützte sich dabei auf einen Arm, während sie den anderen in ihren Schoß legte und lächelte Ryan mal wieder so vertraut an. Dabei legte sie den Kopf leicht schief, als würde er sie belustigen. Warum in aller Welt tat sie das immer bei ihm? Gerade jetzt sollte es eigentlich andersherum sein.

    „Ist deine Partnerin wieder unterwegs?“

    Nach einem knappen Nicken ließ sie unverhofft den Kopf weit in den Nacken fallen, brach den Kontakt mit ihren Himmelblauen Augen jedoch nicht einen Moment ab und hielt auch das Lächeln aufrecht.

    „Es ist in Ordnung, sie von jetzt an Sheila zu nennen.“

    Ryan ließ in einer stillen Minute noch einmal alles Revue passieren, was sie ihnen zuvor erzählt hatte. Wie sie ausgebildet worden war, wie sie ihren eigenen Vater und schließlich Mirjana ermordet hatte und dennoch von Mila aufgenommen worden war. Es klang absurd, unlogisch und unverzeihlich. Aber es passte irgendwie zu den beiden.

    „Sie hatte bis vorhin also wirklich keinen Namen. Über Jahrhunderte hinweg“, fasste er noch einmal auf.

    „Als sie mir dies damals erzählte und ich sie fragte, wie ich sie denn ansprechen solle, antwortete sie: Gut, gib mir einen Namen.“

    „Und das hast du nicht getan?“

    „Es war mir unangenehm“, war die simple Antwort. Dann beugte sie sich wieder vor und stützte das Kinn mit der behandschuhten Hand. Sie sah fast verträumt in Ryans Augen, war aber sehr offensichtlich mit ihren Gedanken nicht bei ihm. Er kreuzte nur zufällig ihren Blick, während sie an ihre Vergangenheit mit ihrer Partnerin dachte.

    „Ich glaube ihr voll und ganz, dass sie ihren Namen vergessen hat. Nicht weil sie sich nicht erinnert, sondern weil sie ihn vergessen wollte. Ich war zufrieden mit der Hoffnung, dass sie sich eines Tages doch erinnern würde, sollte sie den Willen dazu finden. Doch nun hat sie einen neuen Namen.“

    Und da blickte sie doch wieder in seine Augen. Diesmal wirkte das Glänzen darin nicht so verdächtig und unangenehm ehrlich. Sondern offen und… nun ja, auf eine angenehme Weise ehrlich.

    „Dafür danke ich Euch. Ich bin sicher, es wird ihr gut tun. Erwartet diese Dankbarkeit aber nicht von ihr.“

    „Der Gedanke liegt mir fern.“

    Alles andere wäre jenseits von gesundem Menschenverstand und der Gipfel der Naivität gewesen.

    „Hast du noch mehr solcher Kameraden“, fragte Ryan schließlich, klang dabei abfälliger, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

    „Irgendwelche Meuchelmörder oder Bluthunde?“

    Mila antwortete nicht sofort. Sie schien erst einige Sekunden nach dem Ursprung zu suchen, dem diese Frage entstammte. Und sie meinte, fündig geworden zu sein.

    „Ihr sprecht von unseren Verbündeten, die ich bei unserem letzten Treffen erwähnte, nicht?“

    „Du sagtest, ihr würdet die Hilfe von gewissen Leuten brauchen. Sind das auch solche, wie Sheila?“

    Ryan fragte nun alles geradeheraus, ohne nachzudenken und ohne irgendeine Form von Rücksicht. Er sah es als sein Recht an, nachdem sie ihn so lange mit Halbwissen und schleierhaften Andeutungen abgespeist hatte.

    „Es gibt niemanden, der so ist wie sie. Wir haben mit Mühe und Sturheit das Aussterben der Drachengarde verhindern können, doch ihre Mitglieder zu versammeln, würde Zeit beanspruchen, die wir voraussichtlich nicht haben. Allerdings haben wir andere Verbündete, die uns nicht offiziell angehören. Einer von ihnen ist glücklicherweise in dieser Stadt zu Hause und ein weiterer wird in den nächsten Tagen eintreffen“, erörterte sie ruhig. Ryan ließ kaum eine Pause entstehen.

    „Ach und wer soll das sein?“

    Ihn auf die Folter zu spannen, schien Mila wahrlich zu belustigen.

    „Geduld, Ryan Carparso“, meinte sie bloß geradezu beschwichtigend und lehnte sich erneut zurück.

    Die war nicht unbedingt seine größte Stärke und das ließ er sie sogleich wissen, indem er rasch an sie herantrat und sich vor ihr aufbaute. Jedoch zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. Schließlich war auch ihre eigene Auffassungsgabe recht passabel und sie sich daher sicher gewesen, dass er so reagieren würde. Doch Ryan sagte kein Wort. Er schaute nur auf sie herab, mit einem vorwurfsvollen, fordernden Blick und doch ohne Wut oder Zorn.

    „Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du deine Geheimnisse einfach offenlegen würdest.“

    Eigentlich hatte er seine Stimme erheben wollen. Ihm erschiene es sogar angebrachter zu schreien, anstatt sich so zu zügeln. Doch dazu sah er sich wiederum nicht im Recht.

    „Ich vertrete die Ansicht, dass es einen richtigen Zeitpunkt gibt, um über gewisse Dinge zu sprechen“, entgegnete Mila und erhob sich gelassen. Ihr schwarzer Mantel breitete sich durch den weiten Schnitt unterhalb ihrer Hüfte großzügig aus.

    „Ihr habt heute bereits genug verarbeiten müssen. Und erneut möchte ich demütigst um Entschuldigung bitten, für die unerfreulichen Umstände, unter denen wir Euch mit Melody zusammengeführt haben.“

    Gar deutete Mila eine leichte Verbeugung an, die Ryan plötzlich stark verunsicherte. Er versteinerte fast, während Mila an ihm vorbei ging und sich zur Tür wandte.

    „Ich werde Euch in den nächsten Tagen wieder aufsuchen. Dann erfahrt ihr, wann und wo wir unsere Verbündeten treffen werden. Verhaltet Euch bis dahin normal und bewegt euch stets im Schutz von Menschenmassen. Team Rockets Agentin könnte bereits wissen, dass Ihr hier seid und würde eine sich bietende Chance sicher nutzen.“

    Und fort war die Ruhe. Schon wieder so dreiste Anweisungen, ohne eine Erklärung zu liefern. Genau wie in Faustauhafen. Ryan knirschte wütend mit den Zähnen, die Augen einen Moment unter der Frisur verhüllt und wirbelte dann erzürnt herum.

    „Was erwartest du eigentlich von mir?“

    Sie hielt inne, hatte den Türknauf schon beinahe erfasst. Doch sie ergriff ihn nicht, rührte sich nicht, antwortete nicht. Für einige Momente war es völlig still.

    „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Brav deinen Befehlen folgen und keinen Mucks machen? Alles tun, was du verlangst, ohne Fragen zu stellen? Oder soll ich nicht doch einfach losgehen und Team Rocket im Alleingang zerlegen?“

    Auch als Ryan nicht weiter fragte, drehte sich Mila nicht um. Es gab keinen konkreten Weg, auf diese Fragen zu antworten. Mit einem Ja oder Nein würde sich dieser Konflikt nicht beilegen lassen. Mila war sich noch nicht sicher, ob sie den Konflikt zwischen ihnen beiden oder den, der in Ryans Innerem tobte, damit meinte. Sie dachte lange darüber nach, was sie sagen würde, denn sie spürte, wie der junge Trainer über all das hier empfand. Und sie fürchtete, dass seine Kooperation zu einem beträchtlichen Teil von ihrer Antwort abhängen würde.

    „Ich sagte doch, dass Team Rocket nicht der Feind ist, um den wir uns sorgen müssen. Und ich erteile Euch keine Befehle, Ryan Carparso.“

    Sie wandte sich so schnell um, dass ihr Mantel einen weiten Schwung machte, ebenso wie ihr goldenes Haar.

    „Und ich verlange auch nichts von Euch.“

    Sie trat wieder an ihn heran. Ihr Blick eisern und unerschütterlich mit seinem verbunden.

    „Doch wenn ich es täte, dann nur diese eine Sache.“

    Und plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter und zog ihn in eine tiefe Umarmung. Ryan was völlig erschüttert von dieser so unverhofften, innigen Geste und wollte protestieren, sich befreien, fragen welcher Teufel sie denn geritten hatte. Doch all dies verpuffte irgendwo zwischen ihren nächsten vier Worten.

    „Bitte bleibt am Leben.“

    Der junge Trainer war wie versteinert. Was in aller Welt war in Mila gefahren? Woher kam das auf einmal? Er hatte bislang wenig Gründe gefunden, auch nur einen Funken Sympathie für sie zu empfinden und plötzlich das? Sie wirkte fast mütterlich, was die Umarmung noch gruseliger machte. Doch seltsamerweise rührte er sich nicht. Sein Körper war erstarrt, doch er fühlte den festen Griff zweier starker Hände, die man einer Frau nicht zumuten würde. Eine um seine Schulter, die andere an seinem Hinterkopf. Und sie drückte ihn so fest an sich, dass er einfach nicht anders konnte als rot anzulaufen.

    „Mila, ich… wa…“

    „Ihr dürft auf keinen Fall sterben, hört Ihr? Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Euch etwas passieren sollte.“

    Genauso plötzlich löste sie die Umarmung wieder und ergriff Ryan stattdessen fest an den Schultern, um so tief in seine Augen zu blicken, dass es ihn beinahe verängstigte.

    „Ich flehe Euch an, bleibt unversehrt. Was auch passiert, begebt Euch unter keinen Umständen in Gefahr. Auch nicht für den Drachensplitter.“

    Für mehrere Sekunden hatte Ryan nicht die geringste Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Was gerade geschah, entsprach kein bisschen dem Bild, das er bislang von Mila gehabt hatte. Doch eine Frage kam ihm daraufhin über die Lippen, ohne dass er auch nur einen Moment wirklich über sie nachgedacht hatte.

    „Warum willst du dann, dass ich ihn behalte?“

    Da kehrte wieder Stille in den Raum. Mila löste sich und schien einen fernen Punkt irgendwo in Ryans Iris zu fixieren, ohne ihn wirklich anzusehen und ließ dann schließlich sehr langsam von ihm ab. Beinahe entschuldigend zog sie die Hände zurück und richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf, scheinbar um eine angemessene Haltung bemüht.

    „Verzeiht.“

    Die Situation hatte es unmöglich für Ryan gemacht, nicht zu erröten. Und diese Stille, die auf einmal entstanden war, war kaum weniger unangenehm.

    „Warum vertraust du ihn gerade mir an?“, wiederholte er daher seine Frage, schafft es sogar mit fester, aber auch sanfter Stimme zu fragen. Mila sah einen Moment auf ihre Hände hinab. Fixierte dabei besonders die in dem braunen Lederhandschuh, unter dem sie den Ring mit dem Drachenkopf verbarg. Erst nach ein paar Sekunden hatte die Frage sie wirklich erreicht und sah wieder zu Ryan auf.

    „Weil Ihr stärker seid, als ich es bin.“

    Sie erklärte nicht sofort weiter. Zunächst machte sie wieder einen Schritt an Ryan vorbei, ihr Blick wanderte unruhig über den Teppichboden des Zimmers, als würde sie etwas darauf suchen, was sie natürlich nicht tat.

    „Ich warnte Euch bereits vor der gefährlichen Verführungskraft des Drachensplitters. Und ich bin nicht überzeugt, ihr standhalten zu können.“

    Ihre Stimme wurde noch etwas leiser und fast melancholisch.

    „Ganz und gar nicht überzeugt.“

    Ihre Hand, an welcher der Ring steckte, ballte sich zur Faust. Ein Ventil für ihren Frust und ihren Tadel – beides gegen sich selbst gerichtet.

    „Daher bin ich nicht in der Position, Euch Befehle zu erteilen“, fuhr sie fort, sprach ganz plötzlich wieder mit der entschlossenen und wissenden Stimme, die Ryan von ihr gewohnt war.

    „Indem ich den Splitter an Team Rocket verloren und nicht alles Menschenmögliche unternommen habe, um zu verhindern, dass Ihr in diese Sache involviert werdet, habe ich jegliches Recht darauf verwirkt. Ich habe Euch eine Bürde auferlegt, die mein hätte sein sollen. Daher könnte ich es mir nie verzeihen, wenn Ihr durch meine feige Entscheidung zu Schaden kämt.“

    Zum ersten Mal sah Ryan die Festung namens Mila wanken. Ihr Mauern bröckelten, fielen. Ihre Tore barsten, brachen. Und sie stand auf dem höchsten ihrer Wachtürme, voller Reue für jeden Entschluss, der ihre Verbündeten das Leben kosten konnte. Im Gegenzug war sie bereit, dafür auf ihrem Turm zu verharren, zu brennen und unter seinen Trümmern begraben zu werden.

    „Wie soll jemand wie ich stärker sein, als jemand wie du? Warum sollte ich einen Teil eines Legendären tragen dürfen?“

    „Weil Ihr es schon lange tut, Ryan Carparso.“

    So lange trug er den Drachensplitter doch nicht, dass es in irgendeiner Form…

    Erst mitten in der Überlegung, erkannte Ryan, was sie wirklich meinte.

    Der Silberflügel!

    Seine Hand legte sich unbewusst auf sein Brustbein. Oft hatte er in letzter Zeit die silberne Feder Lugias, die er seit jeher um den Hals trug, fast vergessen. Er hatte öfter nach dem Drachensplitter gegriffen, wenn er Halt gebraucht hatte, den Wunsch nach Trost und Standhaftigkeit verspürt hatte. Früher war es immer der Silberflügel und der Gedanke daran, wie und von wem er ihn erhalten hatte, gewesen, der ihn in Momenten der Schwäche, Ziellosigkeit und Verletzbarkeit Mut gemacht hatte. Die Frage, woher Mila wusste, dass Ryan ihn um seinen Hals trug, ersparte er sich. Wenn sie und Sheila allein an seinen Augen erkannt hatten, dass er mit dem silbernen Vogel in Verbindung stand, war es naheliegend, ihn bei ihm zu vermuten.

    „Wie willst du Lugias Feder mit einem Teil von Rayquazas Herz vergleichen? Hinter dem Silberflügel steckt keine höhere Bedeutung. Zumindest nicht eine solch tiefgründige und weitreichende.“

    Tatsächlich hatte Lugia ihm seine Feder nur hinterlassen, um Ryan auf seine Spur und schließlich zu dem Ereignis zu führen, das die beiden so miteinander verband. Ja, auch damals war mehr auf dem Spiel gestanden, als bloß sein eigenes Leben. Doch nichts davon kam nur annähernd einem möglichen Krieg zwischen Menschen und Drachen gleich.

    „Der Gegenstand selbst ist nicht von essenzieller Bedeutung“, antwortete Mila und lehnte sich an die Kommode vor dem Fenster.

    „Wisst Ihr, Ryan, es hat etwas zu bedeuten, wenn die Götter uns Menschen einen Teil von sich hinterlassen. So etwas geschieht nur sehr selten und keineswegs leichtfertig. Es ist eine Art Symbol oder ein Versprechen.“

    Sie legte eine Hand auf ihre Brust, während sie weiter erklärte. Ryan war ihr Punkt noch nicht ganz klar. Sicher hatte es einen Sinn gehabt, dass er diese silberne Feder gefunden hatte, doch er entschied sich, einfach zuzuhören.

    „Nehmt Rayquaza und meine Familie als Beispiel. Der Drachensplitter entstand als Symbol für Rayquazas Gnade und erst durch ihn ist unsere Garde geboren. Wäre er von heute auf morgen fort, wäre sie nicht imstande, weiter zu existieren. Die Garde braucht ihn, damit sie etwas Handfestes hat, wofür sie kämpft und nicht nur für das Versprechen, das meine Mutter im Namen der gesamten Menschheit gegeben hat. Und euch eine seiner Federn zu überlassen bedeutet Lugia mit Sicherheit nicht weniger, als Rayquaza sein Herz und sein Volk bedeuten.“

    „Soll das heißen, ich darf mich als Lugias Diener betrachten?“, unterbrach er zynisch. Er wollte nicht so richtig, dass er und Lugia mit Mila und Rayquaza gleichgesetzt wurden. Lugia war ein absolut friedliebendes Wesen und würde sich eher selbst das Leben nehmen, als auch nur den Gedanken an solchen Völkermord, wie der Drachengott ihn im Sinne hatte und nach wie vor hat, anzudenken. Er hegte deshalb zwar keine zornigen Gedanken gegenüber dem Himmelsdrachen, doch waren die beiden einfach zu grundverschieden, um miteinander verglichen zu werden. Ryan dachte, dass dies einer jener Momente wäre, in denen Mila ihn eigentlich so verhasst anlächeln müsste, doch das hatte sie nach ihrem emotionalen Ausbruch irgendwie verloren. Und dafür fühlte er sich schuldig.

    „Von den Drachen abgesehen reicht mein Wissen über die Götter nicht allzu weit. Ich kenne Lugias Wesen nicht, doch ich schätze ihn aufgrund meiner Kenntnisse – so begrenzt sie auch sein mögen – als weniger hierarchisch ein. Er gehört zu jenen, die jedes Leben als gleichermaßen wertvoll erachten. Doch das wisst ihr sicher besser als ich.“

    Ja, das klang in der Tat deutlich mehr nach Lugia. So hatte Ryan ihn zumindest kennengelernt. Und die Aufrichtigkeit seines Wesens würde niemand, der ihn je getroffen hatte, in Frage stellen.

    „Daher glaube ich nicht, dass er Euch als Diener sieht. Eher als Vertrauten. Als einen Freund.“

    Da Ryan nun vermehrt an die Ereignisse von damals zurückdachte, war es schlussfolgernd nur richtig, ihn und Lugia als Freunde zu bezeichnen. Und dennoch zuckte er bei diesem Wort zusammen. Ihn überkam mit einem Mal ein Gefühl, das er gerade kürzlich verarbeitet hatte und das – obwohl froh, es gefunden zu haben – geschmerzt hatte. Es war die neulich erlangte Erkenntnis, wie er über seine Pokémon Partner gedacht hatte und nun fortan dachte. Wie er sie erst unbewusst ausgeblendet und anschließend doch vermisst hatte. Ein Gefühl, das ihn zu seinem früheren Ich führte und den verdunkelten Weg vor seinen Füßen mit silbrigen Licht erhellte.

    Ryan hatte Lugia nie die Schuld für irgendetwas gegeben, wie er es von einem gewissen Standpunkt aus bei seinen eigenen Pokémon getan hatte. Dennoch fühlte er sich, als habe er ihn verraten, indem er zunehmend dem Drachensplitter verfallen war und den Silberflügel fast vergessen hatte. Fühlte sich seiner Ehrung und Freundschaft unwürdig.

    „Außerdem…“, setzte Mila schließlich an und riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Teil von ihm war froh, dass sie das tat.

    „…tragt ihr nicht nur etwas von Lugia bei euch. Hab ich nicht recht?“

    Ryans Augen weiteten sich, als der Groschen stetig fiel. Seine Hand wanderte von seinem Brustbein, wo der Silberflügel von seinem Hals hing, hinab zu seinem Herzen. Das Herz, welches nur dank Lugia noch schlug. Oder eher wieder.

    „Lugias Lebensessenz strömt durch euren Körper. Eure Augen sind ein stetiger Beweis dafür.“

    Mila überkreuzte die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust. Fast sah sie ein bisschen neidisch, jedoch keinesfalls mit Missgunst zu ihm hinüber.

    „Gewissermaßen tragt ihr ebenfalls Lugias Herz.“

    Nun war es Ryan, der einen fernen Punkt im Nichts anzustarren schien, sich aber nach wenigen Sekunden abrupt erhob und an den Spiegel trat, der über dem Nachttisch hing, welcher die Betten teilte. Selbst im diffusen Licht gab es kein Anzeichen des silbrigen Leuchtens in seinen Augen, welches der Mond enthüllte. Doch das Marineblau war für ihn ebenso aussagekräftig und er selbst sich mit diesen Augen noch immer irgendwie fremd. War es merkwürdig, dass er sich noch immer nicht an sie gewöhnt hatte, obwohl sie ihm alles bedeuteten?

    „Es sind nicht bloß die Augen“, meinte er schließlich abwesend. Er sprach gerade laut genug, dass Mila ihn verstehen konnte. Und tatsächlich erlaubte er sich einen Seitenblick zu ihr herüber und ließ ihn von einem schwachen Lächeln begleiten.

    „Jeder Atemzug, den ich mache, ist ein Beweis.“

    Sie erwiderte das Lächeln. Und es war nicht das verhasste. Zum ersten Mal war es eines, das Ryan gefiel.