Der Zorn des Himmels

  • Kapitel 27: Von Freunden und Göttern


    Die Nacht war frisch, trotz des Sommers hier in Hoenn und Melody fröstelte es. Nach der Dämmerung hatten kurze Schauer die Temperaturen fallen lassen, weshalb sie nun eine dünne Jacke übergestreift hatte und im Beisein von Andrew in den Hinterhof des Pokémoncenters schlenderte. Am Rande der Kamplätze erwartete Ryan die beiden bereits. Auf einer Bank hatte er sich augenscheinlich ermattet und antriebslos niedergelassen, die Arme auf den Lehnen ausgebreitet und den Kopf in den Nacken gelegt. Sterne sah er keine, da sich nach dem Schauer die Wolken nicht gänzlich hatten verziehen wollen, doch der Mond schien durch den Wolkenteppich hindurch. Das erleichterte Ryan und stimmte ihn gleichzeitig trübselig. Er wünschte noch immer, sich vor dem, was jetzt kam, drücken zu können.

    Nachdem sie der Geschichte von Mila und Sheila gehlauscht hatten, war es sehr lange still im Zimmer gewesen. Es war sehr viel gewesen, das es zu verarbeiten galt und so richtig konnte Ryan auch noch nicht fassen, dass er an die erwählte Kriegerin des Drachengottes und einer schonungslos gedrillten Killerin aus mittelalterlicher Zeit geraten war. Selbst für ihn, der bereits die ein oder andere unglaubliche Geschichte selbst durchlebt hatte, klang es etwas zu fantastisch. Und doch würde er einmal mehr eben dieser glauben, anstatt Mila der Lüge zu beschuldigen.

    Nachdem diese sich für heute verabschiedet hatte und ihre Partnerin eigens ein weiteres Mal auf Kundschaft gegangen war, hatte Ryan die Bitte an Melody gerichtet, Andrew bei Einbruch der Nacht nach draußen zu bringen. Er selbst hatte bis dahin noch etwas allein sein wollen, um sich mental ein wenig vorzubereiten, wenn er Andrew von den älteren Ereignissen erzählen würde, von denen sie besser erfahren sollten. Nein, in Anbetracht der neuen Lage mussten sie es unbedingt wissen.

    „Hey“, grüßte Andrew den Wartenden schließlich teilnahmslos. Er war natürlich noch immer sauer, da Ryan diesen Drachensplitter gestohlen und ihm die Sache mit Mila verschwiegen hatte. Aber er konnte es kaum noch zeigen, da ihn die Informationen zuvor derart vor den Kopf gestoßen hatten, dass er es beinahe verdrängte. Er musste sich sogar in Erinnerung rufen, dass er Ryan gerade eigentlich gern verprügeln würde.

    Der antwortete nur mit einem Murren. Melody sagte überhaupt nichts. Sie wusste, was Ryan seinem Kumpel hier zu zeigen gedachte und spürte die Anspannung zwischen ihnen. Andrew hatte sie flüchtig informiert, wie gut die beiden befreundet waren, auch wenn es gerade schwer zu beobachten war. Verständlicherweise.

    „Du hast mich ja schon früher in echt krasse Dinge mit reingezogen, aber das hier? Hut ab, Alter“, seufzte Andrew schließlich und vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeansjacke.

    „Darüber will ich mit dir reden.“

    Ryan ließ den Kopf langsam nach vorne sinken, um seinem besten Freund in die Augen zu blicken.

    „Das ist bislang nur Platz zwei.“

    Seine Iris schimmerte in der Farbe des Mondes. Silbern, ein kaltes Licht, doch unendlich schön. Als hätte man zwei Vollmonde auf seine Augen gepresst und sie mit den Pupillen einmal durchlöchert. Melody hatte diese Augen bereits bei ihrem letzten Treffen gesehen, doch wie mochte Andrew nun reagieren?

    Gar nicht. Er starrte einfach nur. Gar nicht fassungslos oder erstaunt. Er sah Ryan an, als warte er noch immer auf die Enthüllung.

    „Ich nehme nicht an, dass du die hast, um im Dunkeln zu lesen?“

    Ryan würdigte diesen schlechten Witz mit keinem einzigen Wort. Ein bloßer Blick genügte, um ihm klarzumachen, dass dies nicht der Augenblick dafür war.

    „Die Lüge mit den Kontaktlinsen kann ich mir ja jetzt wohl sparen. Aber wahrscheinlich hast du mir die eh nie abgekauft.“

    „Überzeugt war ich nicht“, antwortete Andrew wahrheitsgemäß. Hin und wieder gab es solche Situationen zwischen den beiden, in denen einer eine Lüge erzählte, die vom anderen durchschaut, aber nicht weiter hinterfragt wurde. Es war ihre Art, einander mitzuteilen, dass man darüber nicht reden konnte oder wollte. Hieß es zwar von vielen, dass beste Freunde keine Geheimnisse voreinander hatten, waren Ryan und Andrew der Ansicht, dass sich gerade solche zumindest ein paar gönnen durften, ohne sich gleich verletzt zu fühlen. Niemand sollte sich aufgrund einer Freundschaft dazu gezwungen fühlen, über Sachen zu reden, die man lieber für sich behielt. Wenigstens für eine Weile. Menschen – gerade Jugendliche – hatten nun mal Geheimnisse. Selbst vor ihrer Familie.

    „Du hast sicher gemerkt, dass Sheila das Mädchen von der Fähre nach Wurzelheim ist. Sie hat schon dort bemerkt, dass ich sie von einem Legendären habe und dann…, naja war ich auf ihrem Radar.“

    Andrew kam einen Schritt näher, nahm nun die Hände aus den Taschen und sah eindringlicher auf Ryan herab.

    „Dann sag mir warum und wie lange du die schon hast. Einfach gerade raus, keine lange Geschichtsstunde.“

    Der Blondschopf stockte einen Moment. Damit wurde ihm verdeutlicht, dass die Kurzfassung genügte, da Andrew seine Unannehmlichkeiten wohl aufgefallen waren und er ihm die Sache nicht unnötig erschweren wollte, wofür er dankend lächelte. Zumindest ganz kurz.

    „Es war vor acht Wochen, ungefähr.“

    „Ich sagte keine Geschichtsstunde bitte.“

    „Keine Angst, das ist schon die Kurzfassung. Ich hab ja auf meiner Reise durch Johto den Silberflügel gefunden und dann… nach Lugia gesucht.“

    Während ihrer Reise hatte es zwei oder drei Momente gegeben, in denen Ryan das Thema um den Silberflügel angeschnitten hatte. Andrew wusste mittlerweile bestens, wann, wo und wie er ihn gefunden hatte, doch dass der Fund an sich nur der Prolog zu etwas Größerem war, hatte er ihm verschwiegen.

    „Naja, ich hab ihn gefunden. Es gab einen wahnsinnigen Kampf. Ich habe mit Lugia zusammen versucht eine Katastrophe zu verhindern und…“

    Die Erinnerung an diesem Moment war nichts, das Ryan jeden Tag verfolgte. Schließlich war dieser Tag trotz all der irrsinnigen Gefahren und Strapazen vielleicht der größte seines Lebens gewesen. Doch wer rief sich schon gerne den Moment ins Gedächtnis, in dem man dachte, dass nun endgültig alles aus sei?

    „Und was?“

    Andrew konnte die Ungeduld noch weitestgehend aus seiner Stimme verbergen. Doch fast kam es ihm so vor, als ließe Ryan ihn auflaufen.

    „Ich war… praktisch… schon tot.“

    Die Sache mit den Augen hatte Andrew nicht viel Eindruck entlockt, doch diese Info tat es allemal. Man hätte wohl gar nicht vermutet, dass seine Brauen so weit nach oben wandern konnten. Melody setzte sich neben Ryan und legte ihm beistehend eine Hand auf die Schulter. Auch sie hatte an diesem Tag gelitten. Als zum Zusehen Verdammte, die nicht in der Lage gewesen war, Ryan irgendwie zu helfen. Die ihn alles allein hatte schultern lassen.

    „Ich mach keine Witze und bin auch nicht theatralisch. Frag Melody, wenn du Bestätigung brauchst. Ohne Lugia wäre ich dort drauf gegangen.“

    Ein kurzer Blick in ihre trüben Augen genügte. Andrew würde nicht wagen, einem von beiden eine Lüge zu unterstellen, wenn sie ihn derart ansahen. Es gab keinen Spielraum für Zweifel.

    „Ein Teil seiner Lebensenergie wird jetzt in mir fließen, solange ich atme. Naja und genau das... ist die Ursache hierfür“, vollendete Ryan die Erklärung und hielt sich eine Hand kurz unter das Auge. Der glanzvolle Schein darin trog in diesem Moment. Ihm war eher danach, sie zu schließen und zumindest für eine Zeit nicht wieder zu öffnen. Er wollte sie niemandem zeigen, wollten nicht, dass die Leute erkannten, dass er anders war. Auch Andrew nicht. Wie könnten die Dinge zwischen ihnen schließlich bleiben wie immer, wenn er plötzlich anfing, mit Götter zu kämpfen – gleich ob an ihrer Seite, wie damals oder gegen sie, wie vielleicht in naher Zukunft. Durch so etwas konnte er Andrew unmöglich mitschleifen.

    „Ist das alles?“

    Es war nicht so, dass Ryan erwartet hatte, sein bester Freund würde jetzt aus allen Wolken fallen. Obwohl es nicht einmal unverständlich wäre. Aber er stellte diese Frage, als hätte er erzählt, nicht zusammen mit dem legendären Wächter der Ozeane, sondern einem zerzausten Tauboga einen obendrein unwichtigen Kampf ausgetragen zu haben. Als sei es die banalste Sache der Welt gewesen.

    „Wenn du jetzt wieder Faksen machst, hau ich dir auf die Schnauze“, meinte Ryan nur. Hätte er vorher mal einen Moment nachgedacht.

    „Dazu hab ich mehr Gründe, als du. Aber doch nicht, weil du dicke mit einem legendären Pokémon bist.“

    Andrew hob die Arme an und zuckte mit den Schultern. Nahm er das gerade wirklich so leicht?

    „Du hast also beinahe ins Gras gebissen? Ist natürlich verdammt übel, aber du atmest ja noch. Oder wieder. Ist auch egal, Hauptsache du bist noch da. Und dazu musste ein Wesen wie Lugia herhalten?“

    Nun ging er vor dem Blondschopf in die Hocke und starrte direkt in seine leuchtenden Augen.

    „Findest du wirklich nicht, dass du´s etwas dramatischer als nötig machst?“

    Bei ihm zogen sich die Brauen zusammen. Er verstand nicht, wie Andrew das jetzt in Wahrheit alles aufnahm. War das Sarkasmus oder meinte er es ernst? Oder verarschte er ihn sogar?

    „Ich meine, bei mir sind vor kurzem auch fast für immer die Lichter ausgegangen und da war kein Gott nötig. Die Umstände sind mir so Schnuppe, du ahnst es ja nicht. Für mich ist das nichts, das man geheim halten muss. Menschen werden jeden Tag auf der Straße oder dem Bau fast umgebracht und lachen hinterher drüber.“

    Jetzt gab er ihm einen nicht gerade sachten, aber dennoch irgendwie aufmunternden Schlag gegen den Oberarm. Als wolle er einen müden Fußballspieler wachrütteln, der seine Leistung nicht brachte.

    „Du hast doch früher auch allem ins Gesicht gelacht. Scheiß drauf, wie und wo der ganze Mist passiert ist. Das ist alles Vergangenheit. Und jetzt sieh zu, dass du deinen Trübsal los wirst, bevor ich sentimental werden muss. Dann wird’s nämlich erst richtig lächerlich.“

    Es gab Momente, in denen man sein Glück kaum fassen konnte. Als solches würde Ryan das Gefühl, welches in ihm aufstieg, zwar nicht betiteln, denn dafür hatte er gerade zu viele Sorgen. Aber das große Maß an Erleichterung sowie der Erkenntnis, was für ein lässiger Freund Andrew war, genügten ihm allemal. Er nahm einfach alles auf die leichte Schulter. Wie ein draufgängerischer Volltrottel. Aber er wusste, wann Schluss mit Lustig war, wie man bei der Erklärung über den Drachensplitter gemerkt hatte. Er verzieh nichts leichtfertig, was nicht leichtfertig zu verzeihen war. Doch er tat gerade genau das. Er verzieh Ryan. Er tat lediglich so, als wäre es ihm komplett egal, was von keinem Standpunkt aus logisch sein konnte. Doch das spielte hier keine Rolle. Es war alles im Reinen zwischen ihnen. Und das war mehr, als Ryan erwartet oder verdient hatte.

    „Hätte ich mir doch Sheila als beste Freundin ausgesucht. Die wäre bestimmt so hilfsbereit, mich zurück in die Besinnung zu prügeln, anstatt so eine Rede vom Zaun zu brechen.“

    „Ich werd drauf zurückkommen.“

    Andrew grinste bei der Bemerkung über beide Ohren.


    Für Andrew war das Thema für diese Nacht durch. Es wurde spät und wenn er noch was vom Abend Buffet in der Kantine des Centers sehen wollte, musste er sich beeilen. Er hatte ganz unverfroren angemerkt, dass ihm der Magen in den Kniekehlen hing und er sich jetzt eben dorthin aufmachte. Ryan hatte abgelehnt, ihn zu begleiten. Auch er hatte den Abend nichts gegessen und jetzt, da er sich nicht mehr so verknotet anfühlte, kehrte auch sein Appetit zurück. Allerdings gab es in diesem Augenblick nichts, das er der Zweisamkeit mit Melody vorziehen würde. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er sich auch dazu bereit erklärt, eine Woche dafür zu hungern.

    Anderw war bereits seit ein paar Minuten weg, aber so recht ergriff keiner das Wort. Wilde Pokémon hörte man hier natürlich nicht, dafür gedämpfte, ferne Laute des Graphitporter Nachtlebens. Eines, das Ryan in den kommenden Tagen vielleicht noch erkunden würde. Aber seine Gedanken waren noch fern von jeder Form des Amüsierens und Vergnügens. Es gab etliche Dinge, über die er sich mit Melody auszusprechen hatte. Sie wirkte dabei noch deutlich nervöser und versteifter, als Ryan. Während der die Ellenbögen auf die Knie stützte und die Hände vor der Naser faltete, saß sie stocksteif da, die Hände im Schoß vergraben, die Schultern angezogen und den Blick gen Boden gerichtet. Insgeheim könnte sie sich selbst ohrfeigen. Da hatte sie so lange und verbissen nach ihm gesucht, und jetzt, wo sie einander endlich wieder hatten, fiel ihr kein Wort ein, mit dem sie beginnen sollte.

    Vielleicht war es einfach zu merkwürdig, zu plötzlich, sich unter solch unerfreulichen Umständen wiederzusehen, obwohl ihr Abschied noch mit einem innigen Kuss erfolgt war.

    Ein langer Seufzer Ryans kündigte auch kein Ende des Schweigens an. Er lehnte sich weit auf der Bank zurück und betrachtete die Sterne. Sie schienen mit seinen silbernen Augen um die Wette zu glänzen. Komisch, auf einmal kamen die Worte fast wie von selbst über Melodys Lippen.

    „Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll.“

    Vermutlich ging es Ryan genauso. Aber irgendwie mussten sie ja beginnen.

    „Ich glaube, ich…“

    Weiter kam sie nicht. Vor Überraschung blieben ihr die Worte im Hals stecken. Ryan hatte sich wie vom Blitz getroffen zu ihr gebeugt und beide Arme fest um ihre Schulter geschlossen. Sie konnte sich kaum rühren und beinahe tat es sogar ein bisschen weh. Als wolle er sie niemals wieder aus seiner Umarmung entlassen.

    „Du bist verrückt, weißt du das?“

    Seine Stimme passte nicht so recht zu seiner Körpersprache. Sie war monoton, fast teilnahmslos. Seine Muskeln dagegen schienen in seinen Armen zu zittern.

    „Man sagt es mir so nach“, meinte sie darauf nur und erwiderte schließlich die Geste.

    „Was in aller Welt machst du hier?“, war die nächste Frage und Ryan drückte sie gar noch etwas fester. Das war die Frage, deren Antwort weniger angenehm aussah und Melodys Züge trübten sich. Ganz sachte ergriff sie seine Oberarme mit den Händen und drückte sich von ihm. Er ließ sie gewähren, sah aber fest und tief in ihre Augen. Sie waren glanzlos und voller Kummer, in diesem Moment.

    Ihr lag ein schwerer Kloß im Hals. Nichts von dem, was jetzt folgte, würde für einen der beiden angenehm sein. Vielleicht sogar noch weniger als Milas Erklärung vorhin. Sie konnte nicht in Ryan hineinsehen, obwohl sie sich doch so sehr einredete, ihn gut zu kennen. Doch das war eigentlich allein daher unmöglich, da sie einander nur wenige Tage gesehen hatten – den heutigen noch mit eingeschlossen. Aber so viel wusste sie über ihn – das Folgende würde ihn bekümmern.

    „Lugia war bei mir“, eröffnete sie. Das allein ließ Ryan noch nicht ins Staunen geraten. Seit ihrem gemeinsamen Erlebnis mit dem Wächter der Ozeane hatte dieser auch Ryan einmal besucht.

    „Hätte ich mir denken können. Er war auch bei mir, nachdem ich wegen der Silberkonferenz ein bisschen down war.“

    Noch während seines Satzes hatte Melody begonnen, den Kopf zu schütteln. Ryan redete wie aus dem Nähkästchen, als würden sie Small Talk halten. Doch davon war sie weit entfernt.

    „Er hat mich vage über das alles hier aufgeklärt. Er hat gewusst, dass du in Schwierigkeiten steckst.“

    So langsam dämmerte ihm, woher der Wind wehte. Es sollte ihn eigentlich nicht verwundern, dass einem legendären Pokémon, dessen Blut er gewissermaßen teilte, Angelegenheiten bezüglich ihm und anderer Legendärer nicht verborgen blieben. Ryan besaß derzeit einen Teil von Ryaquazas Herz in Form des Drachensplitters. Und das, obwohl er bereits seit Monaten schon die Feder Lugias um den Hals trug. Ihm wurde eben bewusst, dass er sie in letzter Zeit praktisch nie betrachtet hatte. Es wäre leicht sich einzureden, dass man des Anblicks nach einer gewissen Zeit müde würde oder der Reiz zumindest abnahm. Doch er wusste, dass er sich damit selbst belügen würde. Jedes Mal, wenn er während oder auch nach seiner Reise durch Johto den Silberflügel angesehen hatte, war er umso mehr von ihm fasziniert gewesen. Doch nicht mehr, seit er den Drachensplitter trug. Seitdem hatte er nur diesen so innig bewundert. Und das bereitete ihm Sorge. Mila hatte auf Faustauhafen bereits eine Warnung ausgesprochen und wenn er so darüber nachdachte, dann war Ryan der vermeintlichen Anziehungskraft dieses Kristalls vielleicht bereits erlegen.

    „Willst du damit sagen, er hat dich zu mir geschickt?“

    „Nein, nein. Ich habe ihn gebeten, mir alles zu erzählen. Er hat mich sogar noch gewarnt, aber ich konnte diese Ungewissheit nicht ertragen. Ich musste es einfach erfahren.“

    Ihr Kopf sank ebenso wie ihre Schultern ab, ihre Hände verkrampften sich und begannen leicht zu zittern.

    „Ich hatte solche Angst um dich, als ich in den Nachrichten von dem Garados Angriff gehört habe. Als du und Andrew vermisst wurden. Aber das, was Lugia mir dann erzählte....“

    Melodys Worte wurden lauter und lauter, schienen kaum überlegt. Ein Produkt ihrer Emotionen.

    „Ich verstehe nicht, was du meinst. Was hat er dir gesagt?“

    Melodys schreckte wieder auf, ihre Augen waren wässrig und ihre Stimme bebend.

    „Er hat mir gesagt, dass du in Gefahr bist. Und dass dir die Drachen bald nach dem Leben trachten würden!“

    Da erschütterte es auch Ryan. Nicht bloß wegen der Botschaft selbst. Ihm wurde mit einem Mal bewusst, was es mit dem Ärger der jüngsten Vergangenheit auf sich hatte. Terrys Maxax! Es hatte ihn angegriffen, genau in dem Moment, in dem er den Splitter berührt hatte. Und die Garados! Auch sie waren gekommen, direkt nachdem Ryan das Herz Rayquazas ergriffen und bestaunt hatte. Garados waren zwar keine wirklichen Drachen Typen, doch sie wurden als solche angesehen, ähnlich wie Glurak oder Aerodactyl. Hatten sie es gespürt? Waren sie auf Ryan losgegangen, weil sie den Drachensplitter in seinem Besitz wussten? Wenn das stimmte, würde er ihn künftig wohl kaum noch berühren können, ohne sich und die Menschen um sich herum damit in Gefahr zu bringen. Nachdem im nun klar war, welche Verführung von ihm ausging, musste er ohnehin mehr Acht geben.

    „Melody“, setzte er dennoch beruhigend an. Völlig egal, was zuletzt war oder demnächst sein würde. Er konnte Melody nicht so ansehen. Er ertrug das nicht. Eine behandschuhte Hand legt sich sacht auf ihre Wange.

    „Es geht mir blendend“ log er, denn wirklich gut war es ihm jüngst einfach nicht ergangen. Wegen diversen Dingen

    „Ich weiß, das ganze hier ist beängstigend. Mir geht es ja nicht anders. Aber du kennst mich doch, ich kriege meine Probleme irgendwie geregelt. Und Andrew ist ja auch noch da. Wir wissen schon aufeinander aufzupassen, frag ihn ruhig selbst.“

    „Das ist nicht der Punkt“, unterbrach sie. Ihr Blick eröffnete, dass keines seiner Worte auch nur im Entferntesten wirkte.

    „Lugia warnte mich vor noch jemandem. Jemand unberechenbares.“

    Ryan blinzelte ein paar Mal. Sollte das nun heißen, wild werdende Drachen in seinem Umfeld wären nicht seine größte Sorge? Der Gedanke bereitete auch ihm mehr und mehr Unbehagen. Und je mehr sich Melody sorgte, desto mehr tat er es selbst.

    „Wem?“

    Leere Augen vergossen je eine Träne.

    „Vor dir.“


    Ryan hatte seinen Weg zurück auf´s Zimmer kaum realisiert. Er fühlte sich noch immer wie nach einem Schlag auf den Hinterkopf. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nur immer wieder die Frage nach dem Wieso.

    Unter all den Problemen und potenziellen Angreifern, denen er von hier an gegenüberstehen würde, sollte er selbst die größte Gefahr von allen sein? Größer als der Krieg selbst? Oder sollte er mehr Auslöser für selbigen sein? Vielleicht war er das ja bereits geworden.

    Melody hatte ihm so sehr versichert, dass sie trotz Lugias Warnung, an der sie nicht ein bisschen zweifelte, keinen Groll und keine Furcht gegenüber Ryan verspürte. Und auch wenn er Melody nicht als ein Mädchen einschätzte, das in solchen Angelegenheiten log, tat es ihm weh, dass sie so rasch nach ihrem Gespräch hatte gehen wollen. Natürlich galt es eine Menge zu verarbeiten, doch dass sie dies so vehement allein tun wollte, bekümmerte Ryan und bereitete ihm Sorge. Sie war ein taffes Mädchen, aber innerlich sehr verletzbar. Und doch war an ihrer Entscheidung, sich in der Umgebung ein Hotel zu suchen, nicht zu rütteln gewesen. Dabei hätte Ryan so gerne einen versöhnlichen Abschied – generell ein angenehmeres Wiedersehen mit ihr gehabt.

    So schlurfte er nun allein die Treppen hinauf zu dem Zimmer, das er sich mit Andrew teilte. Da Melody keine Trainerin war und folglich auch nicht am Clash teilnehmen würde, hätte sie hier so oder so kein Zimmer erhalten. Doch warum musste es denn jetzt sofort sein? Nicht einmal all seine Fragen hatte sie ihm beantwortet. Beim erneuten Überlegen stellte Ryan erst fest, wie anmaßend es gewesen wäre, dies von ihr zu verlangen und war froh, ihr das nicht vorgeworfen zu haben.

    Noch im Flur fischte er den Zimmerschlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür seiner Unterkunft. Es überraschte ihn gar nicht, dass Mila ihn bereits erwartete.

    „Bist du durch das Fenster reingekommen oder hast du dir wirklich die Mühe gemacht, das Schloss zu knacken und dann wieder zu verschließen?“

    Ryans Stimme klang entmutigt und müde. Vielleicht etwas angesäuert. Mila schürzte scheinbar etwas überrascht die Lippen. Er hätte nicht gedacht, dies durch solch eine banale Frage zu erreichen.

    „Euer Ruf ist nicht unbegründet, wie mir scheint.“

    „Wie darf ich das verstehen?“, fragte er bloß, während er teilnahmslos and ihr vorbei ging, seine Jacke abstreifte und über einen Stuhl schmiss, der den Fernsehtisch an der Wand gegenüber der Betten benachbarte. Ebenfalls darauf fand sich eine simple Tischlampe, welche für den Augenblick die einzige Lichtquelle darstellte und den Raum nur diffus beleuchtete.

    „Da es Team Rocket nie gelungen ist, unsere Aktionen zu erahnen, kann ich nicht so berechenbar sein, dass Ihr mich bereits hier erwartet habt. Es sei denn, ihr hättet eine beeindruckende Auffassungsgabe.“

    Ja, die sagte man Ryan in der Tat nach. Allerdings auf dem Kampffeld. Er hielt sich nicht wirklich für einen Menschenkenner.

    „Erwartet trifft es nicht wirklich. Ich bin nicht überrascht. Drücken wir es so aus.“

    Warum wollte er dieses Lob nicht annehmen? Normalerweise ergriff er solche Chancen. Es gefiel ihm für gewöhnlich, wenn andere seine Talente anerkannten.

    „Das genügt wohl.“

    Mila ließ sich lasch auf die Kante von Andrews Bett fallen, überschlug keck die Beine, stützte sich dabei auf einen Arm, während sie den anderen in ihren Schoß legte und lächelte Ryan mal wieder so vertraut an. Dabei legte sie den Kopf leicht schief, als würde er sie belustigen. Warum in aller Welt tat sie das immer bei ihm? Gerade jetzt sollte es eigentlich andersherum sein.

    „Ist deine Partnerin wieder unterwegs?“

    Nach einem knappen Nicken ließ sie unverhofft den Kopf weit in den Nacken fallen, brach den Kontakt mit ihren Himmelblauen Augen jedoch nicht einen Moment ab und hielt auch das Lächeln aufrecht.

    „Es ist in Ordnung, sie von jetzt an Sheila zu nennen.“

    Ryan ließ in einer stillen Minute noch einmal alles Revue passieren, was sie ihnen zuvor erzählt hatte. Wie sie ausgebildet worden war, wie sie ihren eigenen Vater und schließlich Mirjana ermordet hatte und dennoch von Mila aufgenommen worden war. Es klang absurd, unlogisch und unverzeihlich. Aber es passte irgendwie zu den beiden.

    „Sie hatte bis vorhin also wirklich keinen Namen. Über Jahrhunderte hinweg“, fasste er noch einmal auf.

    „Als sie mir dies damals erzählte und ich sie fragte, wie ich sie denn ansprechen solle, antwortete sie: Gut, gib mir einen Namen.“

    „Und das hast du nicht getan?“

    „Es war mir unangenehm“, war die simple Antwort. Dann beugte sie sich wieder vor und stützte das Kinn mit der behandschuhten Hand. Sie sah fast verträumt in Ryans Augen, war aber sehr offensichtlich mit ihren Gedanken nicht bei ihm. Er kreuzte nur zufällig ihren Blick, während sie an ihre Vergangenheit mit ihrer Partnerin dachte.

    „Ich glaube ihr voll und ganz, dass sie ihren Namen vergessen hat. Nicht weil sie sich nicht erinnert, sondern weil sie ihn vergessen wollte. Ich war zufrieden mit der Hoffnung, dass sie sich eines Tages doch erinnern würde, sollte sie den Willen dazu finden. Doch nun hat sie einen neuen Namen.“

    Und da blickte sie doch wieder in seine Augen. Diesmal wirkte das Glänzen darin nicht so verdächtig und unangenehm ehrlich. Sondern offen und… nun ja, auf eine angenehme Weise ehrlich.

    „Dafür danke ich Euch. Ich bin sicher, es wird ihr gut tun. Erwartet diese Dankbarkeit aber nicht von ihr.“

    „Der Gedanke liegt mir fern.“

    Alles andere wäre jenseits von gesundem Menschenverstand und der Gipfel der Naivität gewesen.

    „Hast du noch mehr solcher Kameraden“, fragte Ryan schließlich, klang dabei abfälliger, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

    „Irgendwelche Meuchelmörder oder Bluthunde?“

    Mila antwortete nicht sofort. Sie schien erst einige Sekunden nach dem Ursprung zu suchen, dem diese Frage entstammte. Und sie meinte, fündig geworden zu sein.

    „Ihr sprecht von unseren Verbündeten, die ich bei unserem letzten Treffen erwähnte, nicht?“

    „Du sagtest, ihr würdet die Hilfe von gewissen Leuten brauchen. Sind das auch solche, wie Sheila?“

    Ryan fragte nun alles geradeheraus, ohne nachzudenken und ohne irgendeine Form von Rücksicht. Er sah es als sein Recht an, nachdem sie ihn so lange mit Halbwissen und schleierhaften Andeutungen abgespeist hatte.

    „Es gibt niemanden, der so ist wie sie. Wir haben mit Mühe und Sturheit das Aussterben der Drachengarde verhindern können, doch ihre Mitglieder zu versammeln, würde Zeit beanspruchen, die wir voraussichtlich nicht haben. Allerdings haben wir andere Verbündete, die uns nicht offiziell angehören. Einer von ihnen ist glücklicherweise in dieser Stadt zu Hause und ein weiterer wird in den nächsten Tagen eintreffen“, erörterte sie ruhig. Ryan ließ kaum eine Pause entstehen.

    „Ach und wer soll das sein?“

    Ihn auf die Folter zu spannen, schien Mila wahrlich zu belustigen.

    „Geduld, Ryan Carparso“, meinte sie bloß geradezu beschwichtigend und lehnte sich erneut zurück.

    Die war nicht unbedingt seine größte Stärke und das ließ er sie sogleich wissen, indem er rasch an sie herantrat und sich vor ihr aufbaute. Jedoch zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. Schließlich war auch ihre eigene Auffassungsgabe recht passabel und sie sich daher sicher gewesen, dass er so reagieren würde. Doch Ryan sagte kein Wort. Er schaute nur auf sie herab, mit einem vorwurfsvollen, fordernden Blick und doch ohne Wut oder Zorn.

    „Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du deine Geheimnisse einfach offenlegen würdest.“

    Eigentlich hatte er seine Stimme erheben wollen. Ihm erschiene es sogar angebrachter zu schreien, anstatt sich so zu zügeln. Doch dazu sah er sich wiederum nicht im Recht.

    „Ich vertrete die Ansicht, dass es einen richtigen Zeitpunkt gibt, um über gewisse Dinge zu sprechen“, entgegnete Mila und erhob sich gelassen. Ihr schwarzer Mantel breitete sich durch den weiten Schnitt unterhalb ihrer Hüfte großzügig aus.

    „Ihr habt heute bereits genug verarbeiten müssen. Und erneut möchte ich demütigst um Entschuldigung bitten, für die unerfreulichen Umstände, unter denen wir Euch mit Melody zusammengeführt haben.“

    Gar deutete Mila eine leichte Verbeugung an, die Ryan plötzlich stark verunsicherte. Er versteinerte fast, während Mila an ihm vorbei ging und sich zur Tür wandte.

    „Ich werde Euch in den nächsten Tagen wieder aufsuchen. Dann erfahrt ihr, wann und wo wir unsere Verbündeten treffen werden. Verhaltet Euch bis dahin normal und bewegt euch stets im Schutz von Menschenmassen. Team Rockets Agentin könnte bereits wissen, dass Ihr hier seid und würde eine sich bietende Chance sicher nutzen.“

    Und fort war die Ruhe. Schon wieder so dreiste Anweisungen, ohne eine Erklärung zu liefern. Genau wie in Faustauhafen. Ryan knirschte wütend mit den Zähnen, die Augen einen Moment unter der Frisur verhüllt und wirbelte dann erzürnt herum.

    „Was erwartest du eigentlich von mir?“

    Sie hielt inne, hatte den Türknauf schon beinahe erfasst. Doch sie ergriff ihn nicht, rührte sich nicht, antwortete nicht. Für einige Momente war es völlig still.

    „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Brav deinen Befehlen folgen und keinen Mucks machen? Alles tun, was du verlangst, ohne Fragen zu stellen? Oder soll ich nicht doch einfach losgehen und Team Rocket im Alleingang zerlegen?“

    Auch als Ryan nicht weiter fragte, drehte sich Mila nicht um. Es gab keinen konkreten Weg, auf diese Fragen zu antworten. Mit einem Ja oder Nein würde sich dieser Konflikt nicht beilegen lassen. Mila war sich noch nicht sicher, ob sie den Konflikt zwischen ihnen beiden oder den, der in Ryans Innerem tobte, damit meinte. Sie dachte lange darüber nach, was sie sagen würde, denn sie spürte, wie der junge Trainer über all das hier empfand. Und sie fürchtete, dass seine Kooperation zu einem beträchtlichen Teil von ihrer Antwort abhängen würde.

    „Ich sagte doch, dass Team Rocket nicht der Feind ist, um den wir uns sorgen müssen. Und ich erteile Euch keine Befehle, Ryan Carparso.“

    Sie wandte sich so schnell um, dass ihr Mantel einen weiten Schwung machte, ebenso wie ihr goldenes Haar.

    „Und ich verlange auch nichts von Euch.“

    Sie trat wieder an ihn heran. Ihr Blick eisern und unerschütterlich mit seinem verbunden.

    „Doch wenn ich es täte, dann nur diese eine Sache.“

    Und plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter und zog ihn in eine tiefe Umarmung. Ryan was völlig erschüttert von dieser so unverhofften, innigen Geste und wollte protestieren, sich befreien, fragen welcher Teufel sie denn geritten hatte. Doch all dies verpuffte irgendwo zwischen ihren nächsten vier Worten.

    „Bitte bleibt am Leben.“

    Der junge Trainer war wie versteinert. Was in aller Welt war in Mila gefahren? Woher kam das auf einmal? Er hatte bislang wenig Gründe gefunden, auch nur einen Funken Sympathie für sie zu empfinden und plötzlich das? Sie wirkte fast mütterlich, was die Umarmung noch gruseliger machte. Doch seltsamerweise rührte er sich nicht. Sein Körper war erstarrt, doch er fühlte den festen Griff zweier starker Hände, die man einer Frau nicht zumuten würde. Eine um seine Schulter, die andere an seinem Hinterkopf. Und sie drückte ihn so fest an sich, dass er einfach nicht anders konnte als rot anzulaufen.

    „Mila, ich… wa…“

    „Ihr dürft auf keinen Fall sterben, hört Ihr? Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Euch etwas passieren sollte.“

    Genauso plötzlich löste sie die Umarmung wieder und ergriff Ryan stattdessen fest an den Schultern, um so tief in seine Augen zu blicken, dass es ihn beinahe verängstigte.

    „Ich flehe Euch an, bleibt unversehrt. Was auch passiert, begebt Euch unter keinen Umständen in Gefahr. Auch nicht für den Drachensplitter.“

    Für mehrere Sekunden hatte Ryan nicht die geringste Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Was gerade geschah, entsprach kein bisschen dem Bild, das er bislang von Mila gehabt hatte. Doch eine Frage kam ihm daraufhin über die Lippen, ohne dass er auch nur einen Moment wirklich über sie nachgedacht hatte.

    „Warum willst du dann, dass ich ihn behalte?“

    Da kehrte wieder Stille in den Raum. Mila löste sich und schien einen fernen Punkt irgendwo in Ryans Iris zu fixieren, ohne ihn wirklich anzusehen und ließ dann schließlich sehr langsam von ihm ab. Beinahe entschuldigend zog sie die Hände zurück und richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf, scheinbar um eine angemessene Haltung bemüht.

    „Verzeiht.“

    Die Situation hatte es unmöglich für Ryan gemacht, nicht zu erröten. Und diese Stille, die auf einmal entstanden war, war kaum weniger unangenehm.

    „Warum vertraust du ihn gerade mir an?“, wiederholte er daher seine Frage, schafft es sogar mit fester, aber auch sanfter Stimme zu fragen. Mila sah einen Moment auf ihre Hände hinab. Fixierte dabei besonders die in dem braunen Lederhandschuh, unter dem sie den Ring mit dem Drachenkopf verbarg. Erst nach ein paar Sekunden hatte die Frage sie wirklich erreicht und sah wieder zu Ryan auf.

    „Weil Ihr stärker seid, als ich es bin.“

    Sie erklärte nicht sofort weiter. Zunächst machte sie wieder einen Schritt an Ryan vorbei, ihr Blick wanderte unruhig über den Teppichboden des Zimmers, als würde sie etwas darauf suchen, was sie natürlich nicht tat.

    „Ich warnte Euch bereits vor der gefährlichen Verführungskraft des Drachensplitters. Und ich bin nicht überzeugt, ihr standhalten zu können.“

    Ihre Stimme wurde noch etwas leiser und fast melancholisch.

    „Ganz und gar nicht überzeugt.“

    Ihre Hand, an welcher der Ring steckte, ballte sich zur Faust. Ein Ventil für ihren Frust und ihren Tadel – beides gegen sich selbst gerichtet.

    „Daher bin ich nicht in der Position, Euch Befehle zu erteilen“, fuhr sie fort, sprach ganz plötzlich wieder mit der entschlossenen und wissenden Stimme, die Ryan von ihr gewohnt war.

    „Indem ich den Splitter an Team Rocket verloren und nicht alles Menschenmögliche unternommen habe, um zu verhindern, dass Ihr in diese Sache involviert werdet, habe ich jegliches Recht darauf verwirkt. Ich habe Euch eine Bürde auferlegt, die mein hätte sein sollen. Daher könnte ich es mir nie verzeihen, wenn Ihr durch meine feige Entscheidung zu Schaden kämt.“

    Zum ersten Mal sah Ryan die Festung namens Mila wanken. Ihr Mauern bröckelten, fielen. Ihre Tore barsten, brachen. Und sie stand auf dem höchsten ihrer Wachtürme, voller Reue für jeden Entschluss, der ihre Verbündeten das Leben kosten konnte. Im Gegenzug war sie bereit, dafür auf ihrem Turm zu verharren, zu brennen und unter seinen Trümmern begraben zu werden.

    „Wie soll jemand wie ich stärker sein, als jemand wie du? Warum sollte ich einen Teil eines Legendären tragen dürfen?“

    „Weil Ihr es schon lange tut, Ryan Carparso.“

    So lange trug er den Drachensplitter doch nicht, dass es in irgendeiner Form…

    Erst mitten in der Überlegung, erkannte Ryan, was sie wirklich meinte.

    Der Silberflügel!

    Seine Hand legte sich unbewusst auf sein Brustbein. Oft hatte er in letzter Zeit die silberne Feder Lugias, die er seit jeher um den Hals trug, fast vergessen. Er hatte öfter nach dem Drachensplitter gegriffen, wenn er Halt gebraucht hatte, den Wunsch nach Trost und Standhaftigkeit verspürt hatte. Früher war es immer der Silberflügel und der Gedanke daran, wie und von wem er ihn erhalten hatte, gewesen, der ihn in Momenten der Schwäche, Ziellosigkeit und Verletzbarkeit Mut gemacht hatte. Die Frage, woher Mila wusste, dass Ryan ihn um seinen Hals trug, ersparte er sich. Wenn sie und Sheila allein an seinen Augen erkannt hatten, dass er mit dem silbernen Vogel in Verbindung stand, war es naheliegend, ihn bei ihm zu vermuten.

    „Wie willst du Lugias Feder mit einem Teil von Rayquazas Herz vergleichen? Hinter dem Silberflügel steckt keine höhere Bedeutung. Zumindest nicht eine solch tiefgründige und weitreichende.“

    Tatsächlich hatte Lugia ihm seine Feder nur hinterlassen, um Ryan auf seine Spur und schließlich zu dem Ereignis zu führen, das die beiden so miteinander verband. Ja, auch damals war mehr auf dem Spiel gestanden, als bloß sein eigenes Leben. Doch nichts davon kam nur annähernd einem möglichen Krieg zwischen Menschen und Drachen gleich.

    „Der Gegenstand selbst ist nicht von essenzieller Bedeutung“, antwortete Mila und lehnte sich an die Kommode vor dem Fenster.

    „Wisst Ihr, Ryan, es hat etwas zu bedeuten, wenn die Götter uns Menschen einen Teil von sich hinterlassen. So etwas geschieht nur sehr selten und keineswegs leichtfertig. Es ist eine Art Symbol oder ein Versprechen.“

    Sie legte eine Hand auf ihre Brust, während sie weiter erklärte. Ryan war ihr Punkt noch nicht ganz klar. Sicher hatte es einen Sinn gehabt, dass er diese silberne Feder gefunden hatte, doch er entschied sich, einfach zuzuhören.

    „Nehmt Rayquaza und meine Familie als Beispiel. Der Drachensplitter entstand als Symbol für Rayquazas Gnade und erst durch ihn ist unsere Garde geboren. Wäre er von heute auf morgen fort, wäre sie nicht imstande, weiter zu existieren. Die Garde braucht ihn, damit sie etwas Handfestes hat, wofür sie kämpft und nicht nur für das Versprechen, das meine Mutter im Namen der gesamten Menschheit gegeben hat. Und euch eine seiner Federn zu überlassen bedeutet Lugia mit Sicherheit nicht weniger, als Rayquaza sein Herz und sein Volk bedeuten.“

    „Soll das heißen, ich darf mich als Lugias Diener betrachten?“, unterbrach er zynisch. Er wollte nicht so richtig, dass er und Lugia mit Mila und Rayquaza gleichgesetzt wurden. Lugia war ein absolut friedliebendes Wesen und würde sich eher selbst das Leben nehmen, als auch nur den Gedanken an solchen Völkermord, wie der Drachengott ihn im Sinne hatte und nach wie vor hat, anzudenken. Er hegte deshalb zwar keine zornigen Gedanken gegenüber dem Himmelsdrachen, doch waren die beiden einfach zu grundverschieden, um miteinander verglichen zu werden. Ryan dachte, dass dies einer jener Momente wäre, in denen Mila ihn eigentlich so verhasst anlächeln müsste, doch das hatte sie nach ihrem emotionalen Ausbruch irgendwie verloren. Und dafür fühlte er sich schuldig.

    „Von den Drachen abgesehen reicht mein Wissen über die Götter nicht allzu weit. Ich kenne Lugias Wesen nicht, doch ich schätze ihn aufgrund meiner Kenntnisse – so begrenzt sie auch sein mögen – als weniger hierarchisch ein. Er gehört zu jenen, die jedes Leben als gleichermaßen wertvoll erachten. Doch das wisst ihr sicher besser als ich.“

    Ja, das klang in der Tat deutlich mehr nach Lugia. So hatte Ryan ihn zumindest kennengelernt. Und die Aufrichtigkeit seines Wesens würde niemand, der ihn je getroffen hatte, in Frage stellen.

    „Daher glaube ich nicht, dass er Euch als Diener sieht. Eher als Vertrauten. Als einen Freund.“

    Da Ryan nun vermehrt an die Ereignisse von damals zurückdachte, war es schlussfolgernd nur richtig, ihn und Lugia als Freunde zu bezeichnen. Und dennoch zuckte er bei diesem Wort zusammen. Ihn überkam mit einem Mal ein Gefühl, das er gerade kürzlich verarbeitet hatte und das – obwohl froh, es gefunden zu haben – geschmerzt hatte. Es war die neulich erlangte Erkenntnis, wie er über seine Pokémon Partner gedacht hatte und nun fortan dachte. Wie er sie erst unbewusst ausgeblendet und anschließend doch vermisst hatte. Ein Gefühl, das ihn zu seinem früheren Ich führte und den verdunkelten Weg vor seinen Füßen mit silbrigen Licht erhellte.

    Ryan hatte Lugia nie die Schuld für irgendetwas gegeben, wie er es von einem gewissen Standpunkt aus bei seinen eigenen Pokémon getan hatte. Dennoch fühlte er sich, als habe er ihn verraten, indem er zunehmend dem Drachensplitter verfallen war und den Silberflügel fast vergessen hatte. Fühlte sich seiner Ehrung und Freundschaft unwürdig.

    „Außerdem…“, setzte Mila schließlich an und riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Teil von ihm war froh, dass sie das tat.

    „…tragt ihr nicht nur etwas von Lugia bei euch. Hab ich nicht recht?“

    Ryans Augen weiteten sich, als der Groschen stetig fiel. Seine Hand wanderte von seinem Brustbein, wo der Silberflügel von seinem Hals hing, hinab zu seinem Herzen. Das Herz, welches nur dank Lugia noch schlug. Oder eher wieder.

    „Lugias Lebensessenz strömt durch euren Körper. Eure Augen sind ein stetiger Beweis dafür.“

    Mila überkreuzte die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust. Fast sah sie ein bisschen neidisch, jedoch keinesfalls mit Missgunst zu ihm hinüber.

    „Gewissermaßen tragt ihr ebenfalls Lugias Herz.“

    Nun war es Ryan, der einen fernen Punkt im Nichts anzustarren schien, sich aber nach wenigen Sekunden abrupt erhob und an den Spiegel trat, der über dem Nachttisch hing, welcher die Betten teilte. Selbst im diffusen Licht gab es kein Anzeichen des silbrigen Leuchtens in seinen Augen, welches der Mond enthüllte. Doch das Marineblau war für ihn ebenso aussagekräftig und er selbst sich mit diesen Augen noch immer irgendwie fremd. War es merkwürdig, dass er sich noch immer nicht an sie gewöhnt hatte, obwohl sie ihm alles bedeuteten?

    „Es sind nicht bloß die Augen“, meinte er schließlich abwesend. Er sprach gerade laut genug, dass Mila ihn verstehen konnte. Und tatsächlich erlaubte er sich einen Seitenblick zu ihr herüber und ließ ihn von einem schwachen Lächeln begleiten.

    „Jeder Atemzug, den ich mache, ist ein Beweis.“

    Sie erwiderte das Lächeln. Und es war nicht das verhasste. Zum ersten Mal war es eines, das Ryan gefiel.

  • Kapitel 28: Vertrauen, Hingabe, Alkohol


    Das Black Cat´s Roulette war wohl mit Abstand der letzte Club, in dessen Nähe sich gewissenhafte Menschen, die noch bei klarem Verstand waren, herumtreiben sollten. Es sei denn, man gehörte zu genau der Sorte, die regelmäßig dort ein und aus ging. Die Türen wurden hier erst nach Mitternacht geöffnet und herein kam ohnehin niemand, der keine Kontakte im Untergrund oder im Handel für illegale Waren hatte. Rauschmittel, sowie Waffen und auch Pokémon. Man traf sich hier, um über genau solche Dinge zu sprechen und sich dabei in Drinks zu ersaufen, für die man in jeder normalen Bar schief und ungläubig angestarrt werden würde. Denn das meiste wurde hier selbst gebrannt – ebenfalls eine Straftat, über die nur die wenigsten wussten und die man noch immer von der Öffentlichkeit geheim halten konnte. Nicht vor allem, versteht sich, doch der Teil der Gesetzeshüter, der nicht strohdumm war, war zum Glück ausnahmslos korrupt und bestechlich. Die Betreiber waren an so ziemlich jedem Handel, der auf dem Schwarzmarkt im Süden und Westen Hoenns von statten ging, beteiligt oder wussten zumindest darum. Es war nur logisch, dass ihre Kundschaft ausschließlich aus Menschen bestand, die ebenfalls in dieser Welt lebten. Wer das nicht tat, würde von dem sicher zwei Meter großen und mit Steroiden vollgepumpten Türsteher auf nicht allzu freundliche Weise zum Gehen aufgefordert, noch bevor man überhaupt ans Eintreten denken konnte.

    Für einen kleinen Laufburschen und Informanten – einer von diversen in einem ganzen Netz, das in vier verschiedenen Regionen tätig war – wie ihn, der seinem zwielichtigen Beruf gerade mal einen Monat lang nachging, war der Schuppen definitiv kein Wunschziel. Doch Informanten suchten halt den zu informierenden auf und nicht umgekehrt. Und die zu informierende Person verkehrte eben des Nachts gerne hier. Der bullige Türsteher blickte auf ihn herab, wie ein Berg auf einen Kieselstein, sah sich aber dennoch in aller Ruhe seinen Ausweis an. Solche persönlichen Dokumente konnte man natürlich fälschen und das wurde hier auch oft versucht. Doch dafür war hier clever vorgesorgt worden. Für jemanden, der von der anderen Straßenseite aus die Situation beobachtete, sah es so aus, als würde der Riese eine kleine Taschenlampe zur Hand ziehen, um das Bild auf dem Ausweis besser erkennen zu können. Nur wer tatsächlich daneben stand, konnte sehen, dass es sich um eine Lampe mit Schwarzlicht handelte, mit der er die Plastikkarte anleuchtete. Bekanntermaßen gab es spezielle Stifte, deren Spuren nur unter solchem Licht sichtbar wurden und mit genau so einem war ein Dolch groß auf den Ausweis gezeichnet worden. Mit einem Nicken bedeutete er dem Besucher, schleunigst nach drinnen zu verschwinden, was dieser eilig tat, um ja weg von dem Typen zu kommen. Gerade zu dieser späten – oder frühen, je nachdem wie man es betrachten wollte – Stunde würde man sofort die Straßenseite wechseln, sollte einem der Kerl entgegenkommen.

    Der leicht nervös wirkende Mann, öffnete seine schwarze Jacke mit Stehkragen, streifte sie auch nicht ab und übergab sie auch nicht der hässlichen Schreckschraube an der Garderobe. Noch in dem langen Gang drang dumpfe Musik an seine Ohren und eigentlich genügte ihm die Lautstärke schon von hier. Eine weitere schwere Tür führte ihn schließlich in die heiligen Hallen Trommelfell folternder Techno Musik. Vollgedröhnte Besucher tummelten sich auf der Tanzfläche, der Geruch von gestreckten Alkohol stieß von der Bar entlang der linken Wand rüber. Generell war die Luft muffig vom Zigarettenrauch. Sofern es denn nur Zigaretten waren. Wenn es eine Hölle geben sollte, dann war dieser Club ihr Mülleimer, so befand der Eintretende. Er hatte zwar selbst alles andere als eine weiße Weste, wusste aber genau, dass er mit den meisten hier am liebsten nichts zu tun haben wollte. In jeder Richtung, in die er blickte, sah er zwielichtige Gestalten, die entweder getarnt auf der Tanzfläche, betrunken an der Bar oder möglichst unauffällig tuschelnd in den Sitzecken hinten rechts. Von dort aus beobachtete man auch ihn, der einmal tief, jedoch nach Möglichkeit nicht so auffällig durchatmete. Er hätte das besser draußen gemacht, denn hier drinnen war es, als hätte man an den Steinen in einer Sauna seine Zigaretten zerdrückt.

    Er marschierte schnurstracks an der Tanzfläche vorbei, hielt sich weiter links. Der Bartresen endete kurz vor einer Treppe mit lediglich einer Handvoll Stufen an deren oberem Ende ein ähnlicher Berg von einem Mann stand, wie vor der Eingangstür, nur diesmal mit schulterlangem, schwarzen Haar und drei-Tage-Bart. Zudem waren hier zwei silberne Aluminiumpfosten, die durch ein rotes Absperrseil verbunden waren, positioniert. Offenkundig der VIP Bereich. Den hatte er gesucht. Den Kontakt mit noch so einem Rausschmeißer dagegen nicht unbedingt.

    „Was willst du Wurst hier?“, murmelte er den Ankömmling gelangweilt an und starrte auf ihn herab, als hätte er alles, bloß kein menschliches Wesen vor sich. Wie konnte der mit nur einem Satz und einem Blick so viel Geringschätzung vermitteln?

    „Bloß einen toten Flachmann trinken“, war die Antwort. Oder eher die Parole, die sein Boss ihm genannt hatte. Wäre der mal lieber selbst hier angetanzt, dann müsste sich nicht ein kleiner Fisch wie er dieser Situation aussetzen. Doch wenn er so drüber nachdachte, hätte er an dessen Stelle wohl ebenfalls den Laufburschen geschickt, anstatt selber zu kommen. Wer würde das schon freiwillig?

    Der Weg wurde ihm immerhin anstandslos frei gemacht, doch spürte er den Blick des Rausschmeißers noch unangenehm in seinem Rücken.

    Er folgte einem weiteren, langen Gang, die Wände schwarz und bröckelig, der Boden mit knallrotem PVC ausgelegt und die Neonröhren an der Decke flimmerten alle paar Sekunden. Der Bote hatte natürlich schon früher Clubs besucht. Sowohl im Rahmen der Arbeit als auch privat zum Vergnügen. Doch ganz waren sie nie seine Welt gewesen, obwohl er mit seinen zwanzig Jahren durchaus in die Zielgruppe passte. Hier allerdings fühlte er sich eher wie in der Höhle eines Löwen.

    Eine schwere Tür, die ebenso in den Hinterhof des Gebäudes hätte führen können, war alles, was sich im noch in den Weg stellte. Er atmete ein letztes Mal tief durch. Er hatte seine Kontaktperson noch nie getroffen, aber er war so weit informiert worden, dass Team Rocket derzeit ihre Dienste in Anspruch nahm. Nicht, dass er das verwerflich fände, denn hierfür war er nun wirklich nicht in der Position. Aber die Informationen, die er beschaffen hatte, konnten für die Zielpersonen nichts Gutes bedeuten, wenn sie bei dieser Organisation landen würden.

    Die Tür wurde aufgestoßen. Wieder schlug ihm Musik und Qualm entgegen, allerdings nicht so bitter und dröhnend, wie zuvor. Dafür war der Gestank des Alkohols hier wahrlich überwältigend. Als stecke man seinen Kopf in einen Braukessel, in dem ein tödlicher Cocktail aus allen bekannten Sorten des Alkohols gemixt und anschließend für 100 Jahre verschlossen worden war. So empfand der junge Mann es zumindest. Er musste sich alle Mühe geben, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen oder direkt den Rückzug anzutreten. Er zwang sich dazu, die Schwelle zu überschreiten. Vielleicht zwanzig Menschen befanden sich in diesem Raum. Er war sehr groß, ovalförmig angelegt, mit einigen flachen Glastischen samt Sesseln und einer roten Couchecke zu beiden Seiten. An zwei verchromten Stangen tanzten zwei wahre Prachtexemplare von Frauen – wie selbst einer wie er, dem dieser Ort eigentlich zuwider war – anerkennen musste. Dennoch war er froh, diese nicht weniger bekleidet zu sehen, als die Besucher draußen auf der Tanzfläche. Generell wirkten die nicht, als würden sie bezahlt werden. Sie gehörten zum Partyvolk und genossen die Aufmerksamkeit, wie er schätzte. Es wurde getrunken, gegrölt, gelacht, aber vor allem getrunken. Die Anzahl der Flaschen in diesem Raum übertraf die der Menschen um ein Vielfaches. Der Qualm, der für nebelartige Verhältnisse sorgte, kam zum Glück größtenteils aus Wasserpfeifen, die offensichtlich nicht mit illegalen Substanzen gefüllt waren. Nur vereinzelt rauchte hier und da einer seine Zigarette.

    Am hinteren Ende des Raumes stand eine ebenfalls rote und recht ausgefranzte Couch auf einer Art Podest. Mal davon abgesehen, dass er das Gesicht nicht erkennen konnte, wusste er auch gar nicht, wie seine Kontaktperson aussah. Das kam häufiger vor, in diesem Business. Doch er ging mal stark davon aus, dass sie dort oben sitzen würde. Und falls nicht, wüsste diese wohl am ehesten, wen er ansprechen musste. Kaum einer der Feiernden nahm wirklich Notiz von ihm, als er dich durch den Raum schob. Lediglich zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, beide mit violetten Haaren und einer weißen Strähne, sahen ihm misstrauisch hinterher. Beinahe als könnte er jeden Moment eine Waffe ziehen und warteten bloß auf einen Grund, das gleiche zu tun. Vor der Couch angekommen sah er sich seiner möglichen Kontaktperson gegenüber, die gerade einen tiefen Schluck aus einer Flasche Rum hinunterkippte, während sich eine aufgeplusterte Blondine auf dessen Schoß drängte.

    „Bist du der Agent des Schwarzen Lotus?“

    Die Person setzte die Flasche in aller Seelenruhe ab, stellte sie neben sich auf einem überfüllten Tisch aus Aluminium und funkelte den Neuankömmling mit zwei Bernsteinfarbenen Augen verschmitzt an. Eine Frau?

    „Fragt wer?“

    Tatsächlich. Und dann noch eine überaus junge und bildhübsche. Schwarzes Haar, lang und wellig, verspielte Gesichtszüge und ein durchstechender Blick. Gekleidet in einer eleganten Lederhose sowie stylischer Weste, beides ebenfalls schwarz.

    „Ich komme von A.J., ich habe Infos für den Agenten. Die Zielobjekte, nach denen...“

    „Ach, komm mir jetzt nicht damit.“

    Schon mitten im Satz hatte sie gelangweilt mit den Augen gerollt und mit einem Fingerschnipp einem ziemlich beschwipsten Typen bedeutet, ihr eine noch unangetastete Bierflasche rüber zu werfen. Die Agentin fing sie lässig aus der Luft und missbrauchte die Tischkante kurzerhand als Öffner, ehe sie ihm die Flasche anbot.

    „Jetzt heben wir erst mal einen.“

    Die junge Frau ließ sich plump wieder in die Lehne fallen und angelte erneut nach ihrer eigenen Flasche.

    „Mach dich locker, wir feiern hier. Schnapp dir ein Mädel und mach´s dir gemütlich.“

    Während der Bote nicht wirklich wusste, wie er darauf reagieren sollte, das Bier aber zögerlich entgegen nahm, leerte sie den restlichen Rum und drückte die Flasche der Blondine auf ihrem Schoß in die Hand.

    „Schätzchen, wir haben hier ein Problem. Ich kann den Boden sehen“, scherzte sie, gab ihrer offenkundigen Verehrerin noch einen Klaps mit, als diese von dannen zog.

    War er bei dieser Schnapsdrossel wirklich richtig? Er sah der Blondine nicht wirklich aus körperlichem Interesse hinterher – obwohl ihn dafür wohl kaum einer verurteilt hätte –, doch dem Grinsen der angeblichen Agentin nach zu urteilen schien sie genau das in seinem Blick hinein zu interpretieren. Sie verzichtete jedoch darauf, ihn anzustacheln.

    „Wie ist dein Name, Kleiner?“

    Sie war vermutlich jünger als er. Wie kam sie dazu, ihn so anzusprechen? War sie so betrunken, dass sie schon gar nicht mehr drüber nachdachte? Sie machte eigentlich nicht den Eindruck, irgendetwas getrunken zu haben, obwohl sie zwischen einem engen Freundeskreis aus Rum-, Schnaps- und Wodkaflaschen thronte. Klar, sie war extrem… locker, aber weder gluckste noch nuschelte oder lallte sie und was den Geruch anging, konnte er keine einzelne Person ausmachen, die besonders stark roch. Jeder roch hier drinnen gleich.

    „Äh, nenn mich Eaves.“

    „Ist das dein Deckname? Klingt bescheuert“, lachte sie trocken und legte ihr rechtes Bein über das linke.

    Sie hatte sofort durchschaut, dass er nicht wirklich so hieß. Doch in dieser Branche gab man grundsätzlich nicht viel auf Ehrlichkeit und besonders Namen waren ein heißes Eisen. Aber sofern ihm nicht gedroht würde, hatte er auch nicht vor, seinen echten Namen preiszugeben.

    „Ist deiner denn besser?“

    „Hab keinen“, meinte das Mädchen knapp und durchpflügte den Dschungel aus Flaschen auf dem Tisch nach brauchbaren Resten, bis die Blondine wieder da war. Wenn sie nicht einmal mit dem Nachschub auf Zack war, dann bliebe ja gar kein Grund mehr, sie bei sich zu behalten. Die Kleine dachte wohl noch immer, dass sie echtes Interesse an ihr gehabt hatte. Doch das gehörte bloß einer einzigen Person mit rubinroten Augen.

    „Ich heiße Bella und hieß immer Bella.“

    Da war tatsächlich noch eine halbvolle Flasche mit Gin. Damit konnte sie arbeiten.

    „Übrigens hat es da, wo ich herkomme, was zu bedeuten, wenn man jemandem was zu trinken anbietet, aber der Kerl nicht trinkt“, erläuterte sie noch, während sie den Rand der Flasche kurz mit ihrer Handfläche sauber wischte. Sie feierte gerne mit den Leuten hier, aber deren Speichel brauchte sie nicht zu kosten.

    „Äh, sorry. Du hast Recht.“

    Rasch nahm Eaves einen großzügigen Schluck und Bella tat es ihm nach. Allerdings trank sie deutlich länger, obwohl sie es war, die Hochprozentiges konsumierte.

    „Ich hatte nicht erwartet, eingeladen zu werden. Ich bin eigentlich rein geschäftlich gekommen.“

    Bella machte ein Gesicht, als habe jemand eine schlechte Entscheidung getroffen und sie hatte gerade das Vergnügen, ihm das zu sagen.

    „Tja, scheiß Timing, Eaves. Das Geschäft kann warten, bis die Flaschen leer und die Leute wieder ausgenüchtert sind.“

    Sie rutschte ein Stück zur Seite und bedeute dem Boten, sich zu setzen. Das tat sie normalerweise nicht, aber sie hatte irgendwie eine Schwäche für Grünschnäbel. Und das er einer war, konnte jemand wie sie lesen, wie in einem Buch.

    „Du machst deinen Job noch nicht lange.“

    „Ist das so offensichtlich?“

    Hierauf nahm er direkt noch einem großen Schluck, der sich mit seinem Frust mischte. Ständig sahen ihm die Leute seine Unerfahrenheit an und jeder musste deswegen auf ihn herabsehen. Zum Kotzen. Wobei er fairerweise eingestehen musste, dass Bella ihn fast kumpelhaft behandelte. Was aber auch am Alkohol liegen könnte. Wenn die Menschen erst einmal betrunken genug waren und vorher nicht unter den Tisch fielen, könnten sie sich sogar mit einem Krawumms anfreunden.

    „Selbst wenn man es dir nicht ansehen würde, wär´s für mich klar. Veteranen wissen nämlich, dass ich um diese Zeit kein offenes Ohr für die Arbeit habe, wenn es nicht wichtig ist.“

    „Und woher weißt du, dass ich nichts Wichtiges für dich habe?“

    Bella grinste süffisant und stupste Eaves mit ihrer Flasche an.

    „Weil du von A.J. kommst.“

    Sie erlaubte sich ein kurzes Lachen sowie einen weiteren Schluck, worauf sich Eaves sogar ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Gut, dass sie seinen Boss auch nicht gerade schätzte. Dann brauchte er ihr nicht vorspielen.

    Die beiden lästerten einige Minuten lang über seinen Vorgesetzten und schienen bald schon beste Freunde zu sein. Wobei Eaves nur Stück für Stück seine steife Haltung ablegte und sich dem Rest der Feiernden anschloss.

    „Ich versteh sowieso nicht, warum ausgerechnet du etwas über jemanden in Johto erfahren müsstest. Eine einzelne Person kann unmöglich so wichtig sein.“

    Bella zog ihre Brauen zusammen. Was faselte der da gerade?

    „Aber naja, A.J. macht seinen Mund auf und dann muss Eaves halt ran. Für jeden Menschen würd ich die Drecksarbeit lieber machen, als für diesen Sack. Der kommt sich viel wichtiger vor, als er ist und reibt jedem seinen Posten unter die Nase.“

    Eaves begann langsam etwas zu locker zu werden. Lag vermutlich weniger am Alkohol – er hatte sein erstes Bier noch nicht ganz ausgetrunken – als an der Atmosphäre und nicht zuletzt Bellas Art. Doch was er da gerade sagte, ließ jene von einem Moment auf den anderen fast gänzlich nüchtern werden.

    „Warte, warte. Wen meinst du aus Johto?“

    Noch hatte sie sich auf ihre Couch gemütlich zurückgelehnt, aber die Stimmung schwankte gerade um 180 Grad um.

    „Ich denke, du hast um die Zeit keinen Nerv für die Arbeit?“, meinte der Bote bloß, der scheinbar nicht registrierte, dass die Agentin zunehmend alarmiert wirkte.

    „Hättest du zugehört, hättest du ein wenn es nicht wichtig ist vernommen. Jetzt spuck´s schon aus, bevor ich dir die Flasche in den Hals schiebe“, nörgelte Bella, klang dabei eher genervt als sonst irgendwas. Konnte ja noch immer sein, dass sie sich zu Unrecht aufregen würde. Doch wenn sich ihre Vermutung bestätigen sollte...

    „Eine Trainerin aus Ebenholz City sitzt gerade in einem Flieger hierher. Ich kenn die zwar nicht wirklich, aber ihr Name war Sa...“

    Bella hörte gar nicht weiter zu. Sie fasste sich mit einer Hand an die Stirn. In ihrem Kopf rangen gerade mehrere Gedanken und Möglichkeiten, diesen Eaves zurechtzustutzen, miteinander. Noch bevor einer von ihnen den Sieg erringen konnte, lachte sie leise, fast aufgesetzt auf, als habe jemand einen miesen Witz erzählt. Das war jetzt zum Glück nicht der Worst Case, aber dennoch ein Problem. Und es geschah nicht sehr oft, dass sie einzelne Personen als Problem ansah. Doch diese tat dies ohne Zweifel. Ebenfalls frei von Zweifeln war sie bezüglich der Anweisungen, die sie A.J. und der folglich seinem Untergebenen weitergereicht hatte. Eaves war also der Typ, den er auf die stärkste Trainerin in Ebenholz angesetzt hatte und der somit auch die Verantwortung trug, sie nicht nach Hoenn einreisen zu lassen. Und er war noch so dumm, ihr mit seinem Versagen im Gepäck so unbehelligt ins Gesicht zu lächeln. Schlimmer, er schien sich dessen nicht einmal bewusst.

    „Is was?“

    Eaves beugte sich leicht vor, da entriss Bella ihm seine Bierflasche und stürzte den Inhalt binnen einer Sekunde ihren Rachen runter. Sie schluckte gar nicht. Sie ließ es einfach hinablaufen. Kaum war sie leer, flippte sie die Flasche in der Luft und griff sie nun wie einen Hammer am Hals und schlug sie Eaves direkt auf´s Nasenbein. Das Glas splitterte, ein paar Tropfen Blut schlugen ihr entgegen und er landete durch die Wucht des Schlages tief in der Sofalehne. Doch schon im nächsten Augenblick packte Bella ihn am Nacken und warf ihn nach vorne direkt zwischen die tanzenden und saufenden Gäste. Erst einmal dort gelandet teilte sich die Masse um den Boten, der jammerte und zappelte wie ein Aalabyss auf dem Trockenen. Bella trank rasch ihren Gin ebenfalls aus und erhob sich schließlich.

    „Respekt.“

    Sie schlenderte langsam hinunter zu ihm, sämtliche Augen nun auf sie gerichtet und alle Feierlichkeiten unterbrochen, obwohl die Musik noch weiterlief.

    „Du hast gerade nicht nur bewiesen, was für ein riesiger und dämlicher Grünschnabel du wirklich bist, sondern auch, dass du immer bleiben wirst.“

    Man hatte zunächst nicht den Eindruck, dass Eaves sie überhaupt hören würde. Er war noch damit beschäftigt, sich am Boden zu winden und zähneknirschend den Schmerz niederzuringen.

    „Scheiße. Was soll das? Wieso...?“

    „A.J. muss echt auf dem letzten Loch pfeifen, wenn er einen wie dich schickt.“

    Aber wirklich, was hatte er sich gedacht, diesem Blindgänger so einen wichtigen Auftrag anzuvertrauen? Sie sollte mal dringend mit A.J. reden. Vielleicht war es Zeit, die Verbindungen zu ihm und seiner Gruppe zu lösen, wenn man dort nicht mehr gründlich arbeitete.

    Klar konnte man wohl kaum einfach zu besagter Trainerin gehen und sie überzeugen, daheim die Füße hochzulegen, wenn diese Mila tatsächlich nach ihr verlangt hatte. Doch ob man nun zu handfester Gewalt griff oder die Behörden an den Häfen und Flugplätzen schmierte, spiele keine Rolle. Es sollten nur alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit sie, sowie einige weitere potentielle Probleme, in Johto beziehungsweise Kanto blieben – so hatte sie verlauten lassen. Und das wäre in diesem Fall Eaves´ Pflicht gewesen.

    „Carlos, Lydia. Schmeißt den Typen raus. Sagt denen draußen, wenn der sich hier noch einmal blicken lässt, soll man ihm die Beine brechen.“

    Die zwei Violetthaarigen traten vor und fassten je einen Oberarm des verletzten Boten. Der wehrte sich gar nicht, jammerte bloß weiter und verstand Bellas Angriff scheinbar noch immer nicht im Geringsten.

    „Und werft ihn zur Hintertür raus, zu den Rattikarl. Die anderen Gäste sollen das Stück Elend nicht sehen müssen.“

    Sekunden später schloss sich die Tür hinter ihnen und ließ die nun nicht mehr feiernde Menge im vertrauten Kreis zurück. Die meisten Augen ruhten nach wie vor auf Bella. Die erspähte gerade mit einem Seitenblick die Blondine von vorhin mit zwei Pullen Wodka, die offenbar auf den Rückweg gehalten hatte. Dumme Pute. Keine Bestrafung eines unfähigen Versagers war es wehrt, ihren Flüssigkeitsmangel auszudehnen. Rasch winkte sie die Kleine heran und griff nach einer Flasche, die sie gleich hob, als wolle sie einen Toast ausbringen.

    „Ist schließlich ´ne Party hier“, grölte sie nun wieder erheitert, worauf auch die Gäste ihre Gläser erhoben und das Gejaule und die Freudenschüsse wieder erklangen. Binnen weniger Sekunden war alles wieder beim Alten. Nur die paar Scherben auf dem Boden erinnerten noch an den jüngsten Zwischenfall.

    Bella schickte die schlampige Tussi nun endgültig fort. Nach so einer hatte ihr nie der Sinn gestanden und von hier an würde sie selbst ihre Anwesenheit ankotzen. In solchen Momenten, wenn diese leicht zu habenden Gören, die sich für erwachsen hielten, sich ihr näherten, dachte sie inzwischen immer sofort an Milas Partnerin und wie gerne Bella sie stattdessen hier hätte. Sie würde auf der Stelle mit ihr kämpfen. Scheiß auf die Feier und die Gäste. Selbst der Alkohol würde sie in diesem Moment nicht beeinflussen. In dem Moment, in dem sich eine Gelegenheit bieten würde, sich mit ihr zu duellieren, würde sie nicht zögern. Ungeachtet der Umstände. Und sie brannte darauf. Ihre Geduld würde bald aufgebraucht sein.

    Vielleicht würde sich Bella heute zu Abwechslung mal wirklich betrinken.


    Ryan hasste Liegestütze. Genau deshalb machte er sie. Er hatte zwar nicht immer so gedacht, aber mittlerweile fühlte es sich dennoch so an, als habe er schon immer an dem Grundsatz festgehalten, dass mit dem Hass auf eine Übung auch ihr Nutzen im gleichen Maße stieg. Moorabbel imitierte die Bewegungen seines Trainers akribisch, während Kirlia über die beiden höchstens den Kopf schütteln konnte. Nicht, dass Ryan von ihr je verlangt hatte, ihn ebenfalls nachzuahmen, doch sie hätte es ohnehin im Leben nicht getan. Sowas war etwas für Muskelhirne. Sie hatte sich so weit wie möglich von der Gruppe entfernt und schien ein paar grazile Tanzschritte zu üben, während sie zwei Spukbälle auf den Handflächen balancierte. Dieses Training für Konzentration und Kontrolle über Körper und Geist hatte sie schon praktiziert, bevor sie dumm genug gewesen war, sich von Ryan fangen zu lassen. Allerdings war dieses unerträglich rüpelhafte Despotar nicht gerade rücksichtsvoll bei seinem eigenen Training. Gerade ließ es wieder zwei Weiß glühende, sich überkreuzende Ringe um seinen Oberkörper rotieren. Aus dem Licht materialisierten sich binnen Sekunden Fußballgroße Steinbrocken, die auf eine Zielscheibe geschossen wurden. Ryan hatte sich zuvor von Joy den Schlüssel für den Geräteschuppen in der Ecke des Bereiches aushändigen lassen und dort diese aufstellbare Scheibe gefunden. Sie besaß einen Rahmen sowie schwere Füße aus Metall zur Stütze und das Material auf der Frontseite ähnelte dabei einer dieser schweren Turnmatten, die er noch aus dem Sportunterricht in der Schule kannte. Es war robust genug, um alle erdenklichen, physischen Krafteinwirkungen zu absorbieren und so musste Despotar nicht die Grundstücksmauer zertrümmern – was nur eine Frage der Zeit gewesen wäre. Einige Flammenwürfe oder ein Hyperstrahl hätten hier den Bogen wohl überspannt, doch solche Angriffe waren inmitten einer Stadt wie hier meist eh verboten. Zu groß war die Gefahr, dass zu starke Schäden angerichtet oder sogar Nachbarn verletzt würden. So hatte Ryan das Teil kurzerhand aufgestellt und Despotar die Zielübung mit seiner Steinkante angeordnet. Das war ohnehin eine Baustelle der wuchtigen Felsechse, die er bis zum Turnier beheben wollte. Manchmal wusste der seine Energie einfach nicht zu kontrollieren und ein, zwei Fehlschüsse waren ihm auch diesmal unterlaufen. Für die Schrammen in der Mauer würde er sich später vermutlich was anhören müssen, obgleich es beim genaueren Umsehen nicht den Anschein hatte, als wäre er der erste Trainer, dem dies passiert war.

    Die Mittagshitze brannte Ryan in den Nacken und auf seinen verschwitzten Rücken. Die Jacke hatte er gleich zu Beginn abgelegt, doch das Shirt und die Handschuhe klebten nicht weniger lästig vom Schweiß auf seiner Haut. Leider Gottes war es einfach unrühmlich, hier, in einem öffentlichen Center, mit freiem Oberkörper zu trainieren. Eigentlich dürfte das auch für das angestrengte Schnaufen gelten, das er bei jeder weiteren Stütze ausstieß, doch zum Glück war er völlig alleine. Andrew hatte seine erste Trainingseinheit des Tages bereits beendet und war nun mit Dragonir im städtischen Park, um ihr etwas Bewegung zu verschaffen. Dort war Ryan heute Morgen gleich als erstes gewesen, um gemeinsam mit Hundemon joggen zu gehen. Anschließend hatte der Schattenhund ebenfalls an der Präzision seiner Attacken gefeilt und ruhte sich bereits seit ein paar Minuten in seinem Pokéball aus. Als er durch Johto gereist war, hatte er dies jeden Morgen gemacht, schon als er damals noch ein überdrehtes Hunduster gewesen war. Dies war auch eine gute Methode gewesen, um in der ersten Tageshälfte viel Strecke zurücklegen zu können und selbst nachdem er heimgekehrt war, hatte er sich jeden Morgen dazu aufgerafft und war durch das Areal hinter seinem Haus gelaufen. Hierzu hatten sich gleich mehrere seiner Pokémon angeschlossen. Es war ein Ritual, das ihm seit der Silberkonferenz gefehlt hatte, aber ohne Hundemon hatte er sich irgendwie nicht dazu durchringen wollen. Ohne ihn wäre es einfach nicht dasselbe gewesen, sondern ganz einfacher Morgensport. Es war eine besondere Sache nur zwischen ihnen beiden. Mit fast jedem seiner Schützlinge hatte oder unternahm er ein bestimmtes Ritual, dem sich niemand sonst anschloss. So hatten alle ihren eigenen Grund, für Ryan besonders und unersetzlich zu sein. Natürlich nicht bloß deswegen, aber es schaffte ein brüderliches Gefühl. Despotar war eine der wenigen Ausnahmen, doch abgesehen vom Kämpfen und vom Essen gab es nicht viel, wofür man dieses Pokémon begeistern konnte. Er war halt simpel gestrickt.

    Die Liegestütze mit Moorabbel vermittelten ein ähnlich bindendes Gefühl, obwohl Impergator und Nidoking diese Übung auch schon mit ihm gemeinsam durchgezogen hatten. Der unterschiedliche Körperbau und nicht zuletzt der enorme Kräfteunterschied erlaubte ihnen allen nebenbei, gleich dreimal so viele Liegestütze zu absolvieren, wie ihr Trainer. Ganz so weit war Moorabbel jetzt zwar noch nicht, aber dennoch hatte er Ryan weit übertroffen. Doch seine Gattung war ohnehin für den Stand auf zwei Hinterläufen als auch auf allen Vieren gebaut, was die Übung erleichterte. In den kommenden Tagen müsste Ryan sich eine Alternative überlegen, die effektiver war.

    Für den Moment genügte es aber. In zweierlei Hinsicht, da der junge Trainer sein Limit erreicht hatte und sich nun in den Sand des Kampffeldes kniete. Den Kopf legte er in den Nacken und die Luft sog er gierig ein. Seine Oberarme brannten und pochten vor Schmerz. Das war gut so. Bevor man keinen Schmerz spürte, hatte man keine spürbaren Resultate zu erwarten. So zumindest seine Mentalität. Auf jeden Fall machte er dann irgendwas richtig. Auch das Wasserpokémon war sichtlich ausgelaugt, hielt jedoch aufmerksam die Ohren offen, für den Fall eines neuen Befehls. Doch Ryan war der Ansicht, dass es vorerst genug war.

    „Okay, das reicht!“, ließ er verkünden und stemmte sich auf die Beine. Er ruderte ein wenig mit den Armen in der Luft, um wieder ein Gefühl in den Fingerspitzen zu bekommen und dehnte fix seine Gelenke.

    „Wir warten die Mittagshitze ab und stärken uns ein bisschen.“

    Kirlia und Despotar stellten ihr Training ebenfalls ein und eilten an den Rand der Kampfplätze. Ryan hatte bereits zuvor ein paar Plastikschüsseln und das entsprechende Futter für jeden gestapelt und stellte nun alles auf. Er fütterte sie eigentlich nicht gerne mit dem Zeug. Ihm war bei der Tatsache, keine andere Wahl zu haben, als den Herstellern des Futters zu vertrauten, nicht ganz wohl. Wer wusste schon, ob neben einigen Variationen wie Stückchen von Fleisch, wahlweise Fisch für Räuber wie Hundemon oder Impergator oder Seetang wie im Wasser Lebende Pflanzenfresser wie Moorabbel nicht noch irgendein chemischer Mist da rein gemixt wurde. Solche Gedanken waren vielleicht etwas arg misstrauisch, möglicherweise gar paranoid, aber eben diesen hatte er zu verdanken, dass ihm seine Zeit nie zu kostbar gewesen war, um immer das bestmögliche zu beschaffen. Kampierte Ryan in der Wildnis, gestattete er seinen Pokémon öfter, sich an Pflanzen und Früchten zu bedienen oder gegebenenfalls auf die Jagd zu gehen, sofern es Wild gab und sie die Zeit entbehren konnten. So war es noch immer am besten, denn so hatte es die Natur vorgesehen. Aber dieses künstlich produzierte Zeug schienen sie auch zu mögen. Mit Ausnahme von Kirlia natürlich. Die hatte bereits nach dem ersten Anblick des Futters das Weite gesucht – lustigerweise hinter Hundemon, was Ryan insgeheim erfreut und den Schattenhund sichtlich verwundert hatte.

    Gerade kramte er sein Taschenmesser und eine Tupperdose mit Obst aus seinem Gepäck und begann wahllos ein paar davon in Stücke zu schneiden. Er hatte im Supermarkt die Straße runter echt alles bekommen. Gerade bot er der kleinen Göre, die eher abgeneigt dem Rest beim Verzehr zusah, ein Stück Mango an. Sie nahm es rasch entgegen, doch ihr Gesichtsausdruck ließ ihn vermuten, dass sie sehr bewusst keine Dankbarkeit zeigen wollte. Der leichte Rotschimmer auf ihren Wangen verriet sie jedoch wieder. Ryan hatte allerdings aufgehört, darüber zu lächeln, da er gemerkt hatte, dass ihr das unangenehm war. Er ignorierte abweisende Gesten oder Blicke einfach und behandelte sie unbeirrt genauso gut, wie den Rest. Seine Fürsorge war nun mal noch immer neu und ungewohnt für sie und ihr dickköpfiger Stolz würde sich so leicht nicht in Luft auflösen. Doch damit konnte Ryan leben. Der schob sich gerade einige Weintrauben in den Mund und schnibbelte unbeirrt weiter. Ein kleiner Imbiss vor dem Mittagessen konnte nicht schaden. Er überlegte noch, wohin er denn gehen sollte. Im Center gab es nur zu früher und zu später Stunde Buffet. Ein Anständiges Mittagessen bekam man hier nicht. Doch bereits am Vortag – dass Mila samt ihrer Partnerin mit Andrew und ihm Klartext geredet hatten, war nun drei Tage her – hatten die beiden Trainer auf einen Tipp von Joy hin die berühmte Restaurantstraße von Graphitport gefunden, in der sich ein Laden an den nächsten reihte. Dort war wahrscheinlich keine Art von Küche dieser Welt nicht vertreten und Ryan wünschte sich, demnächst mit Melody einmal dort essen zu gehen. Die war jedoch seit jeher nicht mehr aufgetaucht, hatte ihn nur einmal per SMS wissen lassen, dass es ihr gut ging und sie auch nicht sauer sei. Was jedoch bloß einen Schluss für ihre Abwesenheit zuließ, nämlich Angst. Ryan fragte sich, wo sie sich den ganzen Tag rumtrieb. Vermutlich meist in der Nähe von Mila und dafür sollte er eigentlich dankbar sein. Denn bei ihr war sie bestimmt noch am sichersten. Jedenfalls sicherer als bei einem Idioten, der sich zur Zielscheibe des organisierten Verbrechens und nicht zuletzt eines gigantischen Drachengottes gemacht hatte. Und dennoch wollte er sie sehen, einfach Zeit mit ihr verbringen. So wie damals bei dem traditionellen Fest auf ihrer Heimatinsel.

    „Sie wird sich an Euch gewöhnen.“

    Ryan zuckte heftig zusammen. Er hatte sich nach wie vor in absoluter Einsamkeit geglaubt, sodass selbst die sanfte und ruhige Stimme von Mila ihn zu Tode erschreckte.

    „Ich hasse es, wenn du das tust“, fuhr er sie noch unter höchster Selbstbeherrschung an. Seinen Unmut könnte er in diesem Moment niemals unterdrücken, aber er wollte nach wie vor vermeiden, Mila gegenüber zu abweisend oder gar unsozial aufzutreten.

    Kaum hatte er den Satz beendet, da hielt er jedoch inne und besann sich ihrer Worte, die erst jetzt sein Gehirn zu erreichen schienen.

    „Verzeiht“, meinte sie, noch bevor Ryan das Wort wieder ergreifen konnte und mal wieder hatte er keine Zweifel an ihrer Reue.

    „Wer wird sich an mich gewöhnen?“

    Der junge Trainer traute der Drachenpriesterin eine ganze Menge zu, aber das Lesen seiner Gedanken zählte er nicht dazu. Unmöglich, dass sie Melody gemeint hatte.

    „Euer Kirlia.“

    Beide Augenpaare legten sich auf das Psychopokémon, das sich rasch beobachtet fühlte. Da Hundemon gerade nicht anwesend war, zeigte sie den beiden Menschen einfach die kalte Schulter und gab sich scheinbar unbeirrt ihrem Mahl hin. Eine schlechte Scharrade, wie man betonen musste.

    „Sie hält nicht allzu viel von Menschen, wie mir scheint.“

    Ryan nickte bloß langsam, nahm die Gelegenheit für einen kleinen Witz wahr, nachdem er zuvor mal wieder aggressiver reagiert hatte, als nötig gewesen wäre.

    „Ein Glück, ich dachte sie hält bloß nicht allzu viel von mir.“

    Tatsächlich reagierte Mila sogar. Leise und zurückhaltend, aber sie kicherte definitiv. Fühlte sich irgendwie gut an, sie mal lachen zu hören.

    „Wie lange hast du dort gestanden?“

    „Nicht lange. Aber lange genug, um mir den Tag von Euch versüßen zu lassen.“

    Konnte diese Frau nicht normal antworten? Was hatte er denn jetzt getan, was so toll sein sollte? Mila erkannte seine Verwirrung mit einem Seitenblick, begleitet von ihrem typischen Schmunzeln.

    „Euch mag es selbstverständlich erscheinen, zusammen mit euren Pokémon zu trainieren oder ihnen eigenhändig das Essen zu reichen. Gewiss geht es bestimmt vielen so.“

    „Natürlich, sollte auch selbstverständlich sein.“

    Ryan wusste, dass es Idioten gab, die ihre Pokémon wie Maschinen behandelten und Dinge wie die Fütterung als bestenfalls lästige Notwendigkeit und sonst nichts betrachteten. Doch seine Fürsorge jetzt so zu preisen, erschien ihm definitiv übertrieben. Kein Arschloch zu sein, bedeutete für ihn nicht gleich, besonders zu sein. Sicher gab es da draußen genügend Trainer, die sich viel besser um ihre Partner kümmerten.

    „An sich mag es auch zwar löblich, wenn auch nicht bemerkenswert sein. Doch wisst ihr…“

    Es geschah selten, dass Mila stotterte. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. Oder eher abzuwägen, ob ihre Worte die richtigen waren. Ob Ryan sie verstehen könne.

    „Es kann Liebe und Herzblut in allem stecken, was wir tun. So alltäglich es auch sein mag, alle Taten können Hingabe ausdrücken.“

    Ryan ließ diesen Satz einige Sekunden auf sich wirken. Er hatte nie einen Grund gesehen, bei der Pflege seiner Pokémon in eine emotionale Schiene abzudriften. Doch es stimmte. Man konnte die Dinge auf diese und auf jene Art tun. Alle Dinge! Und wenn er so drüber nachdachte, dann hatten einige seiner Pokémon ihn in der Vergangenheit durch ihre Treue, ihren Mut und Opferbereitschaft geradezu zu Tränen gerührt. Und das wollte er ihnen jeden Tag zurückgeben. Nicht bloß jenen gegenüber, denen er so viel zu verdanken hatte, sondern allen. Denn jeden gleich zu behandeln war schon immer ein fester Grundsatz bei der Aufzucht gewesen. Klar verbanden gewisse Erinnerungen ihn mit dem ein oder anderen seiner Pokémon ein bisschen mehr, aber deshalb war der Rest für ihn kein Gefolge zweiter Klasse. Sie waren ihm alle gleichermaßen wichtig. Und er freute sich auf die Momente, in denen er auch mit seinen jüngsten Teammitgliedern besondere Erinnerungen schaffen würde.

    Ryan war trotz alldem kein Mensch, der sich gern für Dinge, die er für banal hielt, loben ließ. Doch hier tat er es mit großer Dankbarkeit. Vielleicht war es einfach ganz gut, solche Worte von jemandem zu hören, der so viel Lebenserfahrung besaß. Besonders nachdem man Einige Zeit zuvor das Pech gehabt hatte, jemandem wie Terry Fuller zu begegnen.

    So entgegnete Ryan ihr ebenfalls mit einem Lächeln.

    „Danke, glaube ich.“

    „Oh, es war durchaus ein Kompliment.“

    Dies quittierte er wiederrum mit einem sachten Nicken. Doch so langsam wurde ihm die Situation etwas unangenehm. Er wollte nicht jedes Mal, wenn er mit Mila sprach, so emotional oder melancholisch werden und sich Weisheiten über dieses und jenes anhören. Obwohl das sicher noch keinem geschadet hatte.

    „Du hast doch bestimmt nicht so wenig zu tun, dass du uns aus Langeweile zusiehst, oder?“

    Er hatte es irgendwie geschafft, diese Frage nicht so zynisch klingen zu lassen. Er wollte ganz einfach sofort wissen, wenn es wichtige Neuigkeiten gab. Und er hatte hiermit auch sicher nichts Unwahres gesagt.

    „Bedauerlicherweise“, seufzte sie und wandte sich zum ersten Mal ganz zu ihm. Das blonde Haar tanzte ein wenig in einer leichten Brise.

    „Morgen Mittag muss ich euch unsere Verbündeten vorstellen. Ich habe gerade mit ihnen gesprochen und wir waren einstimmig dafür, dass alle so schnell wie möglich zusammenkommen.“

    Dann war es also an der Zeit, diese ominösen Verbündeten kennenzulernen. Ryan fragte sich seit der ersten Erwähnung, wen denn jemand wie Mila zu ihren Freunden, wenn man sie wirklich so nennen konnte, machte. Bestimmt niemand Gewöhnliches. Doch er stellte die Frage hinten an und zog die Brauen zusammen. Etwas anderes war ihn aufgefallen.

    „Alle?“

    „Melody, Andrew, Ihr. Alle. Meine Wenigkeit und Sheila selbstverständlich auch.“

    Ryan glaubte erst, er habe sich verhört.

    „Du willst Melody wirklich noch tiefer da mit reinziehen?“

    Es entstand eine kurze Pause, die nur vom flüsternden Wind unterbrochen wurde. Selbst Ryans Pokémon unterbrachen die Nahrungsaufnahme und sahen skeptisch zu den beiden auf. Sie konnten die ganze Situation selbst noch nicht vollends begreifen, da Ryan ihnen bislang nur von den wichtigsten Sachen erzählt hatte. Ihre Reaktion gründete ausschließlich auf dem Entsetzen, das ihr Trainer mit mäßigem Erfolg zu unterdrücken versucht hatte.

    „Nichts läge mir ferner“, versicherte Mila mit leiser, aber absolut ernster Stimme.

    „Doch sie bestand vehement darauf.“

    Hier könnte er glatt die Frage stellen, welche der beiden Frauen denn die Dümmere war. Es hatte zwar noch keinen Präzedenzfall gegeben, der Ryans Annahme, Mila würde sich niemals von anderen in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen, untermauerte. Aber er hätte dennoch einen kleinen Finger darauf verwettet. So viel also zu seiner Menschenkenntnis. Mila wirkte stets so felsenfest entschlossen und dann ließ sie sich von Melody einfach so in die Parade fahren? Das klang für ihn wie ein Scherz.

    Mila erahnte, was gerade in Ryan vorging. Wäre sie an seiner Stelle, würde sie wohl dasselbe denken.

    „Ich weiß, es ist unverantwortlich, aber wir können sie ohnehin kaum noch unbewacht lassen. Allein da sie nach euch gesucht hat, war sie schon auf dünnem Eis gelaufen. Und wenn wir schon bloß dadurch auf sie aufmerksam geworden sind, ist es möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass Team Rocket ebenfalls auf sie aufmerksam wird. Falls sie es nicht schon sind. In Sicherheit wäre sie höchstens, wenn wir sie runter von Hoenn schaffen und selbst dann haben wir keine Garantie. Aber sie hat sich vehement geweigert. Ich habe sie angefleht.“

    Ryan fuhr sich mit den Händen durchs Haar und machte einige Schritte hinaus auf den Kampfplatz. Er hörte Mila nur mit halbem Ohr zu und eigentlich wollte er unerschütterlich daran festhalten, dass es eine absolut dumme Idee wäre, sie noch weiter in diesen ganzen Mist hineinzuziehen. Doch das musste er eingestehen – sie hatte die Grenze wirklich überschritten. Auf eigenen Entschluss hin und doch ohne, dass man ihr einen Vorwurf machen dürfte.

    „Es ist ihr unerschütterlicher Entschluss, hier zu bleiben. Und wenn sie es tut, dann besser in der Nähe der Menschen, die für ihre Sicherheit sorgen können“, fuhr sie fort, wurde immer eindringlicher und ging Ryan nach.

    „Können das die beiden, ja? Können deine Verbündeten sie beschützen.?“

    Am liebsten würde er das selbst tun. Nichts täte er lieber, als Melody vor allem und jedem zu beschützen, was sie in nächster Zeit gefährden könnte. Doch ob er dazu in der Lage war, musste er einfach bezweifeln und wenn er ehrlich zu sich war, sah er sich dazu auch nicht im Recht. Die Kontroverse war, dass er es gleichzeitig auch als seine Pflicht sah. Schließlich hatte er die ganze Situation zu verschulden.

    „Sie erhöhen unsere Chancen.“

    Mila sagte es, als sei es mit Abstand die vernünftigste aller Optionen. Vermutlich behielt sie auch wieder einmal Recht. Gefährlich war es von nun an immer und überall für sie. Für jeden von ihnen! Doch wenn Melody in ihrer Reichweite blieb, würden sie nicht machtlos sein, falls sie in Gefahr geraten sollte.

    Ryan stemmte die Hände in die Seiten und sah resignierend zum Himmel. Jeden Tag bekam er mehr das Gefühl, dass er nur noch knapp der größte Idiot in ihrer Gruppe war. Und dass der Vorsprung kontinuierlich am Schrumpfen war.

    „Na schön.“

    Er ließ den Kopf fallen und massierte seine Stirn. Der Schweiß rann ihm noch immer davon hinab.

    „Dann lass uns jetzt gleich gehen und nicht erst morgen.“

    Der junge Trainer marschierte bereits an Mila vorbei und versuchte nun seinerseits, sie zu beeinflussen und ihre Pläne nach seinem Willen zu ändern. Doch das vermochte wohl bloß Melody. Auf jeden Fall vermochte sie, sein Vorhaben zu vereiteln – wenn auch nur indirekt.

    „Das werden wir nicht“, antwortete sie und neigte lediglich den Kopf in seine Richtung. Ryan stoppte und presste Augenlieder und Lippen verbissen aufeinander. Konnte sie nicht ein einziges Mal einlenken?

    „Melody will nämlich heute Abend kommen, um Euch zu sehen.“

    Sehr langsam und mit einem höchst ungläubigen Blick drehte er sich zu Mila um.

    „Sie will was?“