Der Zorn des Himmels

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  • Kapitel 69: Dress up


    Mit dem Verlassen des Konferenzsaals waren die drei noch nicht gänzlich von der medialen Aufmerksamkeit befreit. Schon am Ende des Flures, den sie auf dem Hinweg schon entlanggekommen waren, sah man weitere Männer in Anzügen oder mit Notizblöcken, sowie laminierten Ausweisen um den Hals. Einige wenige unter ihnen sprachen bereits mit anderen Turnierteilnehmern, doch die meisten warteten auf die großen, auf das Spitzentrio. Kaum hatte man die Presse vom Hals, schon kamen die Sponsoren an. Die genossen zugegebenermaßen einen weniger befleckten Ruf, da in der Regel beide Parteien von einer Zusammenarbeit profitierten. Es gab nur wenige bekannte Fälle von schlechten Sponsorings, in denen manche Firmen versucht hatten, das Gesicht bekannter Trainer und Trainerinnen schamlos für die eigene Publizität auszunutzen und ausschließlich sich selbst zu bereichern. Da man es sich in so einem Fall aber rasch mit der gesamten Trainerszene verscherzte, scheuten die Firmen, beziehungsweise deren Vertreter, kaum eine Mühe für ein korrektes und seriöses Auftreten sowie eine faire Behandlung der jeweiligen Partner.

    Ryan verließ den Flur als erstes, wurde von einem breiten Ein- und Ausgangsbereich empfangen, ähnlich dem, den die Zuschauer nutzten. Doch war diese Halle weit abgelegener und daher völlig frei von Zuschauern, von denen der Großteil das Stadion mittlerweile eh verlassen haben sollte. Sofort erspähte er Sandra, Audrey und Melody, die geduldig auf ihn und Andrew warteten. Sein süßer, Rotschopf hielt noch den Blumenstrauß, den er ihr vorhin zugeworfen hatte. Doch bevor er nur eine Chance hatte, sich seinen Freunden zuzuwenden, wurde er von einer Handvoll Menschen belagert, die um seine Aufmerksamkeit buhlten. Immerhin noch respektvoll und mit einem Höflichkeitsabstand, um ihn nicht zu bedrängen.

    „Wenn sie mir einen Augenblick ihrer Zeit schenken würden, Mister Carparso“, begann ein Mann um die vierzig und reichte ihm eine Visitenkarte. Er nahm sie entgegen, sah sie aber nicht an, sondern ihm stattdessen in die Augen. Das tat er immer, wenn er mit Sponsoren sprach, um sich einen äußerst raschen Ersteindruck zu verschaffen. Die glücklicherweise nicht allzu weit verbreiteten schwarzen Voltilamm, die sich bloß an ihn ranwanzen und ausnutzen wollten, erkannte man für gewöhnlich schnell. Gleichzeitig bewirkte diese Geste, dass sich die Person gegenüber trotz Karte anständig vorstellte, wie es sich gehörte.

    „Theodore Ross mein Name. Das ist meine Assistentin Miss Gwen.“

    Beide gaben ihm anständig die Hand, während die restlichen Männer geduldig warteten. Andrew erging es nicht anders. Auch er wurde gleich von einem Sponsoren-Trio empfangen und um die Erlaubnis gebeten, ihm ein Angebot zu unterbreiten. Mit einem halben Ohr lauschte Ryan aus deren Konversation heraus, dass Andrew sie schon nach wenigen Sätzen gehörig auf´s Korn zu nehmen begann.

    Es war nicht so, dass die beiden Johtonesen diese Werbung um ihre Person grundsätzlich ablehnten. Im Gegenteil. Nicht nur ließ sich das Trainerleben mit solchen Verträgen sehr gut finanzieren, sondern erlaubte gar einen gewissen Luxus. Wenn man sich den denn leisten wollte. Das taten vorausschauende Trainer jedoch tunlichst nicht, da man schließlich nie ahnen konnte, wie lange man den Erfolg am Leben erhalten und mit weiteren Sponsorings rechnen konnte. Mit etwas Pech wäre in zwei, drei Jahren die Karriere im Sinkflug und dann saß man da. Hart auf den kalten Boden der Realität zurückgeholt. Und selbst wenn man sich länger so weit oben in der Szene behaupten konnte, war es ja immer noch nicht so, dass man mit Ende zwanzig ausgesorgt hatte. So viel Geld lag dann doch nicht im Trainerdasein vergraben.

    Während Ryan und Andrew sich die Angebote anhörten, schaffte es Bella irgendwie, dem Trubel fast vollkommen zu entgehen. Sie hatten es selbst nicht einmal bemerkt, wie sie überhaupt an ihnen sowie ihren Verhandlungspartnern vorbeigekommen war. Ganz zu schweigen von dem vollen Dutzend Menschen, die es scheinbar nur auf sie abgesehen hatten. Es war wenig verwunderlich, dass die Turniersiegerin auch die begehrteste Imageträgerin war und die Mehrzahl es eben auf jene abgesehen hatte. Aber irgendwie war sie denen entwischt. Geschickt und unauffällig, wie ein schleichendes Raubtier. Da kamen ihre arbeitsbedingten Fähigkeiten zum Vorschein.

    Erst als doch noch ein Team aus zwei Männern sie geradeso abfangen konnte, bemerkten Ryan und Andrew sie, aber da befand sie sich schon außer Hörweite. Sie hatten Bella seit dem Verlassen des Konferenzsaals nicht wirklich beachtet. Was eigentlich töricht ubd fahrlässig war, wenn man bedachte, was sie ihnen auf diesen paar Metern hätte antun können. Vielleicht hatte sie es mit ihrer Offenheit und der simplen Art, wie sie die letzten zwei Tage über aufgetreten war, die beiden zur Nachlässigkeit verleitet. Aber vielleicht hatten sie auch ganz einfach verstanden, dass selbst sie noch Prinzipien besaß. Ein eigenes Kredo, sozusagen. Und dass es Dinge gab, die sich unter ihrem Niveau befanden. Erst wenn sie in den kommenden Stunden darüber nachdenken würden, sollten die beiden Trainer erkennen, dass Bella in diesem Moment nicht einmal erwogen hätte, sie anzugreifen – und sie dies bereits zu jeder Sekunde gewusst hatten. Doch anstatt zu grübeln, was man mit der Gewissheit anfing, dass Bella nicht ganz und gar durchtrieben und kein völliger Unmensch war, beschwor sich Ryan stattdessen, nicht nachlässig oder sorglos zu werden. Sheila hätte ihm so einiges zu erzählen, wenn sie davon wüsste.

    Während er und Andrew also einige Fragen zu ihren jeweiligen Angeboten abklärten und verhandelten, konnten nur Audrey, Melody und Sandra verfolgen, was denn der Turniersiegerin für ein Anliegen unterbreitet wurde. Wobei lediglich letztere das Interesse aufbrachte, auch wirklich zuzuhören. Die Arenaleiterin ließ Bella nicht eine Sekunde aus den Augen. Die vielen Stimmen in diesem weiten Raum machten es nicht leicht, eine einzelne herauszufiltern und dem Gespräch zu folgen. Die Agentin lächelte die beiden Männer fast an, wie kleine Kinder. Sie sah förmlich auf sie herab, was entweder nicht bemerkt oder nicht beachtet wurde. Von ihrem Anliegen ließen sie sich jedenfalls nicht abbringen. Der lange, schmale Typ in Hintergrund schien sogar schon seine Kamera vorzubereiten.

    „Perry Quint vom Hoenn Trainermagazin. Ich darf ihnen zunächst gratulieren, Miss Déreaux. Sie haben mich und meine Kollegen heute wirklich begeistert. Das sage ich ganz offen“, beteuerte der Mann und legte eine Hand auf seine Brust, neigte sich obendrein leicht nach vorne, als wolle er sich bedanken. Keine dieser Gesten wurde jedoch als Anlass genommen, etwas zu erwidern. Bella wartete einfach ab, dass der Mann zum Punkt kam und lächelte verträumt vor sich hin.

    „Wir würden uns freuen, wenn sie einem ausführlichen Interview zustimmen könnten. Es soll eine kleine Reportage werden über den diesjährigen Summer Clash werden. Mit dem neuen, aufstrebenden Star der Trainer-Szene im Mittelpunkt, wenn sie verstehen. Dafür…“

    „Das meint ihr doch nicht ernst“, unterbrach sie lachend und mit einem fassungslosen Griff gegen ihre Stirn. Sie musste geklungen haben, als sei sie geschmeichelt und fasse ihr Glück kaum. Anders konnte sie sich das eifrige Lächeln und Kopfnicken Quints nicht erklären. Sandra hatte jedoch den Spott herausgehört. Der arme Trottel wäre besser dran, wenn er sich einfach umdrehen und gehen würde, aber er missverstand ihre Worte als willkommen.

    „Glauben sie es ruhig, Miss Déreaux. Mit Sicherheit wird das für sie bald zur Gewohnheit und wenn sie uns gestatten, die ersten zu sein…“

    Bella schüttelte bereits den Kopf und schnitt ihm das Wort erneut ab.

    „Nein, nein, ich meine das wörtlich. Das kann nicht euer Ernst sein! Wie kommt ihr auf die Idee, dass ich bei so einem Zirkus mitmachen würde?“

    Dem Mann blieb im wahrsten Sinne der Mund offenstehen. Auch der Lulatsch an der Kamera hinter ihm machte ein perplexes Gesicht. So hatte wirklich noch niemand auf eine Anfrage für ein Interview reagiert. Nicht einmal, wenn sie – sehr bewusst! – zu aufdringlich um eines gebeten hatten. Bella sah zwischen den beiden hin und her und machte ein Gesicht, als wäre diese Schnapsidee, ausgerechnet sie interviewen zu wollen, für sie absolut unnachvollziehbar. Beinahe als müssten die Typen um ihre wahre Identität wissen, obwohl das natürlich Schwachsinn war. Sie schüttelte fassungslos den Kopf und machte einen ersten Schritt fort von den beiden, Richtung Ausgang.

    „Fragt einen der anderen Teilnehmer. Jeder ist dafür besser geeignet als ich“, winkte Bella ab und wandte sich völlig desinteressiert zum Gehen. Die Männer sahen einander nur planlos und irritiert an. Andere, die in angemessener Distanz auf das Ende der sogenannten Verhandlungen gewartet hatten, versuchten sie noch vor der Tür abzufangen oder riefen ihr nach. Natürlich machte sie keine Anstalten, zu warten oder umzudrehen. Und mit der schweren Tür, die hinter ihr zufiel, war die sonst so berüchtigte Hartnäckigkeit der Sponsoren gebrochen, sodass sie enttäuscht oder verärgert nur noch ihren Rücken durch das Glas anstarrten. Allerdings nur für wenige Momente. Es gab schließlich noch andere Trainer, die man anwerben konnte.

    Sandra schnaubte verdächtigend und sah der abgewanderten Turniersiegerin aus verengten Augen noch lange hinterher. Die Siegerehrung hatte sie offenbar noch ehrlich genossen, wie es Sandras Beobachtung verraten hatte. Auf die Aufmerksamkeit einzelner Personen schien sie jedoch völlig zu pfeifen. Vielleicht hatte sie aber auch nur Vorbereitungen zu treffen. Die Warnung durch den Informationshändler, von dem Peteb berichtet hatte, schwirrte ununterbrochen durch ihr Unterbewusstsein. Und egal, was sie geplant hatten, Bella würde garantiert eine Rolle dabei spielen. Vermutlich sogar eine tragende.

    Neben ihr machte Melody plötzlich einige eilige Schritte nach vorn und fiel Ryan hemmungslos um den Hals. Endlich hatte sie ihn wieder. Nach den Kämpfen und der Siegerehrung fühlte es sich an, als sei es ewig her. Und dabei hatte sie ihm etwas Dringendes zu sagen.

    „Mir egal, wer Gold hat. In meinen Augen bist du Nummer eins“, wisperte sie ihm ins Ohr. Ein bisschen schön geredet für seinen Geschmack und außerdem etwas kitschiger, als er von ihr erwartet hätte. Dennoch rang es ihm ein Lachen ab und er drückte sie herzallerliebst, hob sie sogar kurz vom Boden hoch. Dann sah sich das Pärchen einen Moment lang verträumt in die Augen. Sandra und Audrey war es offensichtlich, dass sie hier gerade eigentlich störten. Andererseits hatten sie hier eh keine Zeit für Techtelmechtel. Sie alle – Melody ausgeschlossen – mussten sich für den Sommerball fertig machen. Milas Plan – von dem Audrey natürlich als einzige nichts ahnte – sah nämlich vor, im Rahmen jenes die Agentin von Team Rocket endgültig auszuschalten.

    Wie es danach weitergehen sollte, wusste allerdings auch nur die Drachenpriesterin selbst. Vielleicht nicht einmal die. Aber Bellas Auftreten hier beim Summer Clash sowie der Tatsache, dass sie die Öffentlichkeit keineswegs scheute, hatte ihnen klar gemacht, dass nichts vorwärtsgehen konnte, solange sie da war. Und es war dieses Umstandes geschuldet, dass Ryan nicht wirklich ausgelassen sein konnte. Obwohl das Turnier nun hinter ihnen lag. Obwohl er Melody im Arm hatte. Er konnte mit seinen Gedanken nirgendwo anders sein als beim Ball. Wie schön würde der doch werden, wenn Melody dort sein könnte und weder Team Rocket noch Krieg wie das berüchtigte Damoklesschwert über ihnen hängen würde? Ja, noch lagen solche Wünsche in der Zukunft. Aber die erfüllten sich nicht von selbst.

    Audrey löste den angespannten Moment zufällig, indem sie Andrew heranwinkte, dessen Gespräche mit den Sponsoren ebenfalls beendet waren. Er wirkte wenig zufrieden.

    „Und, wie lief´s?“

    Wie er die Lippen schürzte, verriet eigentlich schon alles.

    „Nichts zu machen. Die wollten mich für einen Werbedreh, hier vor Ort. Aber Drehtag wäre erst in vier Wochen.“

    Fast alle ahmten seinen Gesichtsausdruck nach. Das war in der Tat unmöglich. Nicht, dass man den Planern einen Vorwurf machen konnte. Ein Termin dieser Sorte musste normalerweise noch weiter im Voraus festgelegt werden. Aber so lange würden sie auf keinen Fall mehr in der Stadt bleiben. Und, dass sie rechtzeitig – oder überhaupt – zurückkehrten, war ebenso unwahrscheinlich. Zumindest demnächst. Dennoch hatte er die Visitenkarte behalten sowie Kontaktdaten für künftige Anfragen hinterlassen. Damit die aber nicht in irgendeiner Schublade in Vergessenheit gerieten, würde Andrew auch als bald mal ein Turnier gewinnen müssen.

    „Und bei dir?“

    Ryan redete wenig über solche Geschäfte. Aber es kam ja auch selten vor, dass er bei Anfragen von so vielen Freunden umringt war. Er wäre an ihrer Stelle nicht weniger neugierig.

    „Könnte was werden. Einer will mit seinem Unternehmen nach Johto expandieren und sucht ein Gesicht für seine Plakate. Und dann kam noch ein Ausstatter für Outdoor Kleidung.“

    Angeblich speziell angefertigt für Reisende, wie eben auch Trainer. Ryan kannte die Marke sogar und war von dem Angebot durchaus angetan.

    „Ich soll mich in ihren Klamotten zeigen. Die schicken mir was zur Anprobe nach Hause. Von beiden hab ich die Nummer.“

    Im Gegensatz zu Andrews Angebot, unterlagen diese keinen zeitlichen Einschränkungen. Beide planten weit voraus, sodass das Thema nicht in ein paar Monaten wieder vom Tisch sein würde. So zumindest das Versprechen der Herren. Die Zeit würde zeigen, wie viel Wahrheit darin steckte.

    „Boah, die hätte ich auch gern als Sponsor, ganz ehrlich. Die greifen tief in die Tasche für ihre Werbung“, gestand Audrey mit etwas Neid, als sie die Karte des Ausstatters begutachtete. Verlockender als die Höhe der Summe wäre die Tatsache, dass sich die Aussicht auf einen langfristigen Deal bot und Ryan ein regelmäßiges Einkommen winken könnte. Sowas konnte man sich als Trainer nur wünschen. Solange man solche Verträge am Laufen hatte, brauchte man sich um Geld echt keine Sorgen machen. Audrey selbst konnte allerdings höchstens davon träumen. Da man eben noch die meiste Aufmerksamkeit in den regionalen Ligen erregte und sie in selbigen nicht antrat, war ihr Name bei weitem nicht so bekannt. Und auch heute war sie recht früh ausgeschieden, weshalb auch keiner der Sponsoren an sie herangetreten war. Aber das war schon okay so. Sie liebte die Leichtigkeit und Einfachheit in ihren Reisen und würde diese für kein Geld der Welt eintauschen. Weder dieses noch der Ruhm einer großen Trophäe waren der Grund gewesen, warum sie ihre Heimat einst verlassen hatte. Primär wäre es ihr in diesem konkreten Fall sowieso mehr um die Klamotten gegangen. Die machten nämlich echt was her.

    „Was ist mit dir, Sandra? Irgendwelche Angebote?“

    Die Drachenmeisterin hatte sich völlig im Hintergrund aufgehalten und gerade erst ihre Gedanken von Bella losreißen können, sodass sie ein wenig überrascht war und einen Moment verdächtig still blieb. Sie bemühte sich sofort um Lockerheit und Banalität, doch befürchtete sie, dass dieser winzige Ausrutscher bereits genügte, damit Ryan sie durchschaute. Er war sehr sensibel für sowas geworden.

    „Ich habe mit der Arena mehr als genug zu tun. Das haben diese Leute schon lange begriffen.“

    Sie log, ohne rot zu werden. Nicht, was ihre Beschäftigung anging. Mit ihrer Arena sowie ihren bestehenden, langjährigen Werbedeals und Partnerschaften hatte sie ausreichend um die Ohren. Und auch auf dem Konto. Dennoch waren zwei Firmen an sie herangetreten, aber sie hatte deren Anliegen sofort im Keim erstickt. Hier und jetzt konnte und wollte sie sich nicht mit Geschäften auseinandersetzen. Und wenn sie ganz ehrlich war, wünschte sie sich auch, dass Ryan und Andrew ebenfalls mit den Gedanken bei ihren Hauptproblemen bleiben würden.

    Sie behielt das allerdings für sich und konnte sie auch nicht so wirklich für ihre Offenheit gegenüber der Sponsoren verurteilen. Die Beiden leiteten schließlich keine Arena und mussten immer ein offenes Ohr für mögliche Geldquellen haben. Und ein wenig freute es sie für Ryan, weshalb sie sogar ein leichtes Lächeln beibehielt. Sie tolerierte das Gesprächsthema also weiterhin, während die Gruppe gemeinsam die breite Glastür ins Freie durchschritt. Besonders Melody war sehr wissbegierig, wie das mit solchen Deals und Verträgen grundsätzlich so ablief. Bei ihr daheim gab es eigentlich nur eine Möglichkeit, mit dem Training von Pokémon wirklich Geld zu verdienen. Als Arenaleiter nämlich. Und selbst davon hatten sie sowohl in der Anzahl als auch im Ansehen weniger als jede große Region mit einer Liga. Auf dem Festland aber waren die erfolgreichen Trainer echte Stars. Das kam ihr wie ein irrer Traum vor.

    Als sie sich dann aber den Pforten des Pokémoncenters näherten, nahm Andrey dies zum Anlass, das Thema zu wechseln.

    „Ich schätze, du gehst noch nach ihnen sehen?“, fragte sie mit einem Kopfnicken in Richtung des Centers an Ryans Adresse. Er bejahte das mit Selbstverständlichkeit. Sie bemerkte glücklicherweise nicht, wie er kurz an ihr vorbei sah. Ein schlanker Mann in Barista Uniform erregte seine Aufmerksamkeit. War immer noch komisch, ihn in diesem Fummel zu sehen, wo er doch keinen Kaffee in seiner Bar anbot.

    Audrey fuhr unbeirrt fort und ging gar schon einige Schritte voraus, redete im Rückwärtsgehen. Rasch sah sie an ihr Handgelenk und checkte die Uhrzeit.

    „Dann treffen wir uns hier wieder für den Ball. Sagen wir in 'ner Stunde?“

    „Schaffst du das?“, entfuhr es dem Blonden augenblicklich und er musste schuldbewusst lachen. Melody hatte den Wink durchaus kapiert und sah ihn ein klein wenig entsetzt an, konnte ein Grinsen aber ebenfalls kaum verstecken. Audrey war in vielen, ach was, den allermeisten Dingen einfach und locker gestrickt. Aber wenn sie sich mal aufbrezelte, war sie dann doch manchmal das verschriene Frauenklischee. Ryan wäre in der Vergangenheit echt froh gewesen, hätte er mal bloß eine Stunde warten müssen, bis ihr Styling und ihr Makeup saßen.

    Sie lachte ein wenig schuldbewusst, mimte aber die entrüstete Zicke.

    „Abwarten. Am Ende geh ich ohne euch los“, scherzte sie, woraufhin sie ihre Sonnenbrille hochschob, um ihnen allen zuzuzwinkern. Selbst Sandra und Andrew hatten längst begriffen, dass es verschwendete Zeit war, sie auf die Tageszeit hinzuweisen. Mittlerweise musste sie mit dem Ding auf der Nase fast blind sein.

    Letztlich ließ sich die Gruppe sogar ein wenig fallen, sodass die Trainerin aus Rosalia City gar nicht mehr bemerkte, wie der schwarzhaarige Mann am Eingang auf sie zuging. Pete wirkte angespannt. Ein wenig zumindest. Und ihm das anzusehen, erinnerte auch die zwei Jungen daran, welche Stunde es geschlagen hatte. Andrew war inzwischen selbstverständlich ebenfalls über den Plan in Kenntnis gesetzt worden. Er hatte ihn mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Zögern würde er nicht, so viel war gewiss. Der Eifer, den er beim Erhalt des Langdolches von Mila gezeigt hatte, war keineswegs verschwunden oder abgeflaut. Er hatte Bella schließlich im Stillen schon Schlimmeres gewünscht, als den Tod – in emotionalen Momenten, in denen die Wut einfach hochgekocht war, musste man anmerken, da Andrew Warrener eigentlich ein sehr friedlicher Mensch war. Zweifel und Hemmungen waren durchaus noch in ihm vorhanden, doch war er absolut überzeugt, diese zu überwinden, wenn die Situation es verlangte. Er war fest entschlossen dazu. Selbst wenn es bedeutete, den Mord an einer jungen Frau zu billigen und zu unterstützen. Allein, er fühlte sich furchtbar dabei. Doch auf seine Gefühle konnte weder die Gruppe im Allgemeinen noch er im Speziellen Rücksicht nehmen. Es stand zu viel auf dem Spiel.

    „Beim nächsten Mal verlang ich für solche Botengänge Geld“, versprach Pete etwas schnippisch. Wenn es bedeutete, dass er eine Bitte ohne Nörgelei erfüllte, hätte keiner von ihnen gezögert, ihn schon diesmal zu bezahlen.

    „Hast du alles?“, umging Ryan die zynische „Begrüßung“ und wurde nun wieder ernst. Jetzt war Schluss mit lustig. Und Nachsicht. Und Anstand. Ab jetzt würden sie sich schmutzig machen.

    „Liegt auf euren Zimmern.“

    Sandra und Melody neigten sich beide etwas nach vorn, um die beiden Trainer anzusehen. Letztere hielt trotzdem noch immer Ryans Hand fest.

    „Um was geht´s?“

    Ryan hatte Pete mit einer kurzen Nachricht per Handy kontaktiert, weshalb niemand sonst davon Wind bekommen hatte. Genaugenommen hatte er Mila kontaktiert, da er bloß ihre Nummer besaß. Weil er und Andrew bis über beide Ohren in wichtigeren Dingen steckten als einem Sommerball, hatten sie es völlig verschwitzt, angemessene Kleidung dafür zu besorgen. So hatte er sich erinnert, dass Pete ja angebliche so viele Kontakte besaß.

    „Neue Garderobe.“


    Andrew betrachtete sich in der Spiegelung derselben Eingangstür, durch die sie das Prime Stadium zuvor verlassen hatten. Austragungsort des Balls war ein Anbau auf der Nordseite, den man nur von innen erreichen konnte. Er strich sich ein letztes Mal die Haare zurecht und prüfte den Sitz seines Hemdes.

    „Eins muss ich Pete lassen. Den Zwirn hat er gut ausgesucht.“

    Ryan hatte dem Barbesitzer lediglich ihre Kleidergrößen mitteilen können, da keiner von beiden die genauen, eigenen Maße kannte. Auch das Outfit selbst hatten sie sich nicht aussuchen können. Pete hatte einfach was Passendes zum Dresscode, aber nichts Schwerfälliges organisieren sollen. Und trotz der Widrigkeiten hatte er in beiden Punkten zwei absolute Volltreffer gelandet. Dies befand auch Melody, die ihre Arme seit Minuten um Ryans Nacken geschlungen hatte und ihn anscheinend gar nicht mehr hergeben wollte. Wieso auch? Sie hatte ihn zwei Tage lang fast ausschließlich aus der Ferne beobachtet und musste ihn nun zu diesem verfluchten Ball ziehen lassen, dem die Agentin Team Rockets beiwohnen würde. Zuzüglich weiterer, getarnter Mitglieder, von denen sie nichts wussten. Davon sollten sie zumindest ausgehen. Es wäre naiv, zu glauben, Bella würde alleine dort aufschlagen.

    „Ich überlege noch immer, wie ich mich da rein schleichen kann.“

    Sie scherzte nur zur Hälfte. Ryan dagegen zu hundert Prozent.

    „Wenn ich eine Möglichkeit finde, geb ich dir ein Zeichen.“

    Leider war es den geladenen Teilnehmern – jenen, die es in die K.O. Phase geschafft hatten – nicht gestattet, in Begleitung zu erscheinen. Aber selbst wenn, würde er es nicht tun. Nicht, wenn Sheila ein Attentat zu begehen plante. Und wer wusste schon, was Team Rocket auf der anderen Seite im Schilde führte?

    „Es ist einfach unfair, dass ich heute Abend nichts von dir habe, wo du doch so schick aussiehst“, nörgelte sie und zupfte an seinem Kragen. Sie hätte ihn nicht besser einkleiden können. Er empfand genauso. Aber ihre Sicherheit stand weit vor ihren persönlichen Wünschen nach gemeinsamer Zeit.

    „Sobald alles vorbei ist, kannst du mich damit so oft haben, wie du willst“, flüsterte er in ihr Ohr, unternahm einen Versuch, sie aufzuheitern und von der verpassten Gelegenheit abzulenken. Zumindest brachte der Gedanke daran sie zum Schmunzeln. Mit einer verschmitzten Note, so erkannte Ryan und wurde daher nur wenig von dem Kuss überrascht, den sie keck von seinen Lippen stahl.

    Hinter ihm erklangen gerade gleichmäßige Schritte, die von hohen Absätzen in seine Richtung getragen wurden. Sandra hatte etwas länger gebraucht, weshalb auch Audrey, wie angekündigt, bereits vorgegangen war. Selbst Melody fand jedoch, dass das Ergebnis die extra Zeit wert gewesen war. Eigentlich schade um den heutigen Anlass, welcher die Bühne für dieses Outfit darstellte. Sie war fast schon zu perfekt für diesen Abend.

    „Dass gerade du jetzt am meisten starrst“, neckte die Arenaleiterin sie und lachte trocken auf. Es lag jedoch nicht daran, dass Ryan und Andrew gar nicht staunten. Aber ihre Münder blieben wenigstens geschlossen, was man von Melody nicht behaupten konnte. Wenn sie nicht so viel Vertrauen in Ryan besäße, würde sie sich nun glatt sorgen, dass er der Drachenmeisterin verfallen und sie links liegen lassen könnte. Und Audrey gab es ja auch noch. Sie schüttelte sich kurz. Sie sollte rasch zu Pete und sich ablenken. Ryan war nicht so oberflächlich. Ein Funken Neid blieb dennoch bei ihr zurück.

    Andrew stieß schließlich in die Runde dazu und klatschte einmal die Hände zusammen.

    „Wollen wir?“

    Er versuchte gar nicht, was vorzumachen. Auch er war nervös. Fühlte sich bei solchen Veranstaltungen oft fehl am Platz, obwohl ihm die Klamotten sogar gefielen. Ihm waren Bälle zu steif, zu fein, boten ihm einfach keine Unterhaltung. Die stand heute aber ohnehin nicht im Vordergrund.


    Die Gänge und Flure des Prime Stadiums waren nicht wiederzuerkennen. Vor nicht einmal zwei Stunden waren hier noch Menschenmassen hindurchgeströmt, hatte Lärm und Tumult geherrscht. Nun war fast alles leer und dunkel. Lediglich der Weg zur Nordseite war beschildert und ausgeleuchtet. Andere Trainer traf das Trio aus Ryan, Andrew und Sandra auf dem Weg nicht. Draußen hatte es noch ein paar Fans gegeben, die sie aus der Ferne beobachtet und gestaunt, sich zum Glück jedoch nicht nah an sie herangetraut hatten. Zum jetzigen Zeitpunkt hatte echt keiner mehr irgendwelche Nerven für Fans übrig. Vielleicht waren die auch einfach nur anständig gewesen und hatten ihnen an diesem Abend nicht auf die Pelle rücken wollen. Sie hatten mehr als genug von ihnen sehen und bestaunen dürfen. Der Rest dieses Tages gehörte den Trainern unter sich.

    Nach einer Minute kam eine große Flügeltür aus poliertem Holz in Sicht. Der Teppichboden verschluckte den Klang ihrer Schritte fast vollkommen und führte sie auf einem nachtblauen Weg heran. Davor wartete eine adrette junge Frau, scheinbar ungeduldig. Die Hände waren in die Seiten gestemmt und die Hüfte rausgestreckt. Und als Audrey sie alle kommen sah, verschränkte sie gar entrüstet die Arme. Wirklich schade, ruinierte diese Haltung doch völlig ihr umwerfendes Outfit.

    „Wieso hab ich gewusst, dass ihr mich warten lasst?“

    Die Entrüstung war vorgegaukelt. Sie strahlte über beide Ohren, in freudiger Erwartung dieses Abends. Wie gerne sich der Rest dem doch anschließen würde.

    „Daran bin aber allein ich schuld“, bekannte sich Sandra rasch, um jedem Vorwurf an die beiden entgegenzuwirken. Und obwohl sie nicht am Wahrheitsgehalt dieser Worte zweifelte, wollte Audrey sie auf keinen Fall akzeptieren, sondern ihr Spielchen weitertreiben.

    „Kein Grund, sie in Schutz zu nehmen, Sandra.“

    Andrew warf Ryan einen Blick zu, der still danach fragte, ob das immer so mit ihr lief. Der ignorierte die Faxen jedoch völlig und sah einmal an der Trainerin herunter. Nicht dieselbe elegante Note wie Sandra, aber definitiv ein Hingucker. Das hatte er von ihr auch nicht anders erwartet.

    „Gut siehst du aus.“

    „Schmeicheleien sind ein armer Ersatz für eine Entschuldigung.“

    Hier lachten sie beide nur noch und schüttelten den Kopf, verkniffen sich den Hinweis, dass sie auch keine Entschuldigung aussprechen wollten. Wenn sie mal wen veralbern wollte, ließ sie sich echt von niemandem den Wind aus den Segeln nehmen. Die Reaktion stellte sie glücklicherweise bereits zufrieden und sie lächelte noch ein wenig breiter. Ab hier wollte sie den Moment genießen.

    „Na jetzt seid ihr ja da“, winkte sie auf einmal ganz die alte, lässige Audrey ab und reckte Ryan sodann eine Hand entgegen. Die Finger waren gestreckt und nur ein klein wenig voneinander gespreizt. Diese Geste wusste er jedoch nicht sofort einzuordnen. Er hob bloß eine Braue, als es ihm dämmerte und fragte somit, ob es Audreys Ernst sei.

    „Stell dich nicht so an. Tu einfach, als wäre ich Guardevoir.“

    Einer seiner Mundwinkel zuckte nach oben. Audrey war trotz ihrer kumpelhaften Art eine sehr feminine und aufreizende Person. Die Eleganz und Sanftheit von Guardevoirs Bewegungen und Berührungen würde jedoch keine Frau jemals erreichen. Aber ihm gefiel die Anspielung, weshalb er ihre Hand so ergriff, wie die der Psychodame. Er merkte gleich, dass sie etwas rauer und deutlich kräftiger war. Dennoch führte er sie genauso mit sich und schließlich vor die Tür. Nun hakte sie sich ganz bei ihm ein. Andrew wollte bei dem Anblick erst lachen, doch wurde er von einem behandschuhten Arm überrascht, der sich mit einem unerwartet kräftigen Griff um seinen eigenen legte.

    „Komm schon, rein mit uns.“

    Sandra führte eher ihn, als dass er sie führte. Gemeinsam stießen die vier Johtonesen die beiden Türhälften auf.

    Sie wurden von weißem und goldenem Licht empfangen. Für eine Sekunde grell und fast ein wenig ausladend. Doch überstrahlten sie die Raumbeleuchtung rasch mit ihrem Auftreten. Zumindest ließen die Blicke der Leute darauf schließen. Jeder in der Nähe der Pforte staunte ähnlich begeistert, wie Melody es bei Sandra getan hatte. Die strich sich gerade ihr himmelblaues Haar zurück, das sie zu einem weiten Zopf geflochten hatte und über ihrer linken Schulter lag. Ihr Kleid war eine elegante Hommage an ihre alltägliche Garderobe. Sicherlich eine Sonderanfertigung, nur für sie. Gehalten in denselben Blautönen und gar fast demselben Muster spannte es sich wie eine zweite Haut an ihren Körper. Erst ab den Knien erlaubten Schlitze an den Seiten etwas Bewegungsfreiheit. Die Träger waren hauchdünn und es wurde viel Dekolletee enthüllt. Am Rücken war das Kleid gar völlig offen, doch verhüllte sie ihn dennoch zumindest teilweise durch eine Stola. Eine Seite Schwarz, die andere blutrot, genau wie ihr Umhang, den sie sonst trug. Silberne Ohrringe blitzen im Licht auf, welche an das Design des Ordens ihrer Arena erinnerten. Um ihren Hals lag eine Kette aus makellos rundgeschliffenen Steinen, deren Farbe fast im Einklang mit dem Teppichboden war. Zudem deckte sie sich perfekt mit den eleganten Lackschuhen, durch deren Absätze sie Andrew sogar um ein winziges Stück überragte.

    Der ging trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, stramm und stolz, um ja nicht von ihrer Ausstrahlung in den Schatten gestellt zu werden. Er selbst war in ein schwarzes Hemd mit braunem Saum und Kragen gekleidet. Das sonst so wilde Haar war mit Gel nach hinten gekämmt worden und nur ein paar der Blonden Strähnen hingen ihm charmant ins Gesicht. Breite Lederriemen spannten sich über seinen Oberkörper und über die Schultern. Ihm war egal, ob Hosenträger out waren oder nicht. Er fand sie schick und sie verliehen seinem Outfit etwas Rustikales. Ein bisschen zumindest. Pete hatte ein Sakko dazu gepackt, auf welches er wegen der ohnehin sommerlichen Temperaturen verzichtet hatte. Sollte er sich auf die Tanzfläche verirren, würde er darin eh bloß eingehen. Dass dies geschehen würde, stufte er gar nicht mal als unwahrscheinlich ein. Nur weil er ein leichtlebiger Spaßvogel voller Flausen im Kopf war, bedeutete das nicht, dass er nicht auch einige feinere Seiten besaß. Sein Aufzug war der Beweis dafür.

    Ryan kam im weißen Hemd, allerdings ohne Hosenträger. Dafür spannte sich eine enge, schwarze Stoffweste über seinen Körper und betonte die sportliche Figur. Seine Hände steckten in gleichfarbigen Halbhandschuhen – dünner und leichter als das abgenutzt Leder, das er gewohnt war, aber durchaus passend. Die Ärmel waren ordentlich bis zum Ellenbogen hochgekrempelt und er trug seine Halskette mit dem Silberflügel offen statt unter der Kleidung, wie er es sonst die meiste Zeit tat. Auch er hatte seine Frisur mit Gel zurechtgemacht und alles was ging auf die rechte Seite geworfen, sodass eine Gesichtshälfte etwas verdeckt wurde.

    So entging ihm das süffisante Lächeln Audreys, die seinen Unterarm überraschend fest umklammert hielt. Sie genoss den Moment wohl sehr, strich sich mit einem unbemerkten Seitenblick eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Kleid war farblich ihrer Frisur angepasst. Matter Stoff in Nachtschwarz, allerdings mit roten Rüschen am Saum und an den Trägern. Auch an ihren Handgelenken trug sie Rüschen bestückte Bänder und synergierten perfekt mit den schwarz lackierten Nägeln. Sowie mit dem Outfit insegesamt. Eine Corsage aus schwarzem, allerdings weniger mattem Stoff war in das Kleid eingenäht und mit roten Bändern eng zu gezurrt worden, was ihr eine beeindruckende Taille verpasste. Nicht, dass die nötig gewesen wäre, da ihr der Reifrock schon einen beachtlichen Bonus an Hüftumfang bescherte. Der reichte etwas über die Knie und präsentierte ein Paar wunderschöner Beine, die in schwarzen Absatzschuhen mit gebundenen Schlaufen um die Knöchel endeten. Allerdings nicht so hoch, wie bei Sandra und sicher weniger unangenehm beim Tanzen. In ihrer üblichen Kluft hätte man diese makellosen Konturen wohl kaum vermutet.

    Für einen Moment blieb die Vierergruppe stehen und observierte den Raum. Vor ihnen lag die Tanzfläche. Der Boden blitzte im Licht des Kronleuchters darüber makellos auf, war aus demselben Holz wie die Eingangspforte. Weiße Säulen flankierten ihn links und rechts, bildeten sozusagen eine Begrenzung. Dahinter war eine breite Glasfront, welche fast die gesamte Außenwand einnahm. Lange Tische mit Speisen und Getränken, Bowle und Cocktails eingeschlossen, waren darauf ausgebreitet. Definitiv die feine, pompöse Küche, die Show und Präsentation über allem anderen priorisierte.

    „Hier braucht´s einen anderen DJ“, scherzte Audrey völlig unerwartet und erntete dafür ein, zwei Lacher. Ja, die Atmosphäre war eine gehobenere. Verklemmt und spießig, wie sie es bezeichnen würde. Aber nichts, was sie nicht zum Besseren wenden könnte. Immerhin war die Begleitung exzellent.

    Eine Frau in perlweißer Bluse und schwarzer Stoffweste kam mit einem Tablett an sie herangetreten und bot Sektgläser an. Hinter ihr bemerkte Ryan die Blicke einiger Gäste. Trainer, Sponsoren und Verantwortliche aus der gesamten Szene waren hier vertreten. Auch den Chief erspähte er an der Bar weiter rechts im Saal. Auf der linken Seite waren Stehtische mit feinen Decken darüber verteilt, an denen sich Menschengruppen bildeten und sich in geschlossener Runde niederlassen konnten. In dieselbe Richtung marschierten auch sie und ignorierten dabei die Blicke der anderen Gäste. Bella schien noch nicht eingetroffen zu sein.

    „Also,“, verschaffte sich Audrey die Aufmerksamkeit aller drei, als sie an einem freien Tisch angekommen waren und hob ihr Glas.

    „Auf uns. Die schneidigsten Verlierer im Raum.“

    Sie hatte schon immer gut über sich selbst lachen können. Allerdings war ihre Niederlage auch weit weniger bitter gewesen als die von Ryan, Andrew und Sandra. Allein, da sie alle drei gegen denselben Gegner verloren hatten. Dennoch stieß die Arenaleiterin sofort mit an. Die jüngeren Trainer tauschten untereinander erst einen prüfenden Blick, stimmten aber mit ein.

    „Hoch die Gläser.“

    „Zum Wohl.“

    Der Sekt schmeckte sehr fruchtig und enthielt wohl nur einen geringen Anteil an Alkohol. Wenn überhaupt welchen. War ohnehin besser so. Dennoch überraschte es, dass Audrey ihres schon nach einem großen Zug geleert hatte.

    „Dann erklärt mal...“, setzte sie an und ihr Glas auf dem Tisch ab.

    „Wie laufen solche Abende in der Regel ab? Auf so einer Bonzen Veranstaltung bin ich zum ersten Mal.“

    Dessen erinnerte sich Ryan. Leider fiel ihm wenig ein, was ihre Hoffnungen für die nächsten Stunden hochschrauben würde.

    „Man redet, man tanzt, isst, trinkt. Manche machen auch nur ein oder zwei dieser Sachen.“

    „Ich kann euch jedenfalls sagen, was davon ich machen werde“, warf Andrew direkt ein und stahl sich davon. Direkt in Richtung Buffet. Wohl etwas Frust in sich hineinfressen. Nebst einiger viel zu teurer Delikatessen. Derweil wirkte Audrey, wie zu erwarten, etwas ernüchtert.

    „Ist das alles? Drei dieser Dinge können wir jederzeit machen.“

    Es war Sandra, deren Augenbrauen sich hier zusammenzogen und fragend in Richtung der Trainerin aus Rosalia starrte.

    „Was hast du beim Begriff Sommerball erwartet?“

    Hierauf hatte sie ausnahmsweise mal keine Antwort parat. Ohne die Teilnahme von neuen sowie alten Freunden, wäre sie hier vermutlich gar nicht erst aufgekreuzt. Bekanntlich war die Party ja nur so gut, wie die Gesellschaft. Trotzdem – enttäuscht zu werden, obwohl man ohne Erwartungen hergekommen war...

    „Dafür, dass du mit solchen Festen keine Erfahrung hast, passt dein Dresscode aber überraschend gut.“

    Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, noch ehe ihr Blick zu Ryan gewandert war. Auf dem kurzen Weg blieb er jedoch an einem Mann mit dünnem Haar und Spitzbart um die fünfzig hängen, der gerade an die Gruppe herantrat. Hinter ihm verweilte eine Dame im Anzug mit einem Schritt Abstand. Scheinbar seine Assistentin, vielleicht Sekretärin. Sein Blick war müde, wirkte offen gesagt ein wenig schmierig. Aber er grüßte höflich, vorsichtig, verschaffte sich mit einer unerwartet hohen Stimme die Aufmerksamkeit des gesamten Tisches.

    „Verzeihung, wenn ich kurz stören dürfte?“

    Sandra, welcher die Anrede offenbar gegolten hatte, neigte verblüfft den Kopf zur Seite. Sie erkannte den Mann sofort.

    „Herr Nowak. Wie klein die Welt doch ist.“

    Sie stellte sogleich ihr Glas ab und reichte ihm die Hand.

    „Ich habe Sie hier nicht erwartet. Ruhen die Pflichten in Johto?“

    „Genau wie Ihre, so scheint es.“

    Dahinter könnte man eine fiese Spitze vermuten, doch der Mann hob gleich beschwichtigend eine Hand, bevor Missverständnisse aufzukommen drohten.

    „Keine Sorge, ich weiß, dass die temporäre Schließung ihrer Arena konform und genehmigt ist.“

    Wenn es einer wusste, dann er. Von all den Anzugträgern, mit denen eine so zentrale Figur wie eine Arenaleiterin verkehren musste, sprach Sandra mit keinem so oft, wie mit ihm. Aber sie tat es selten ungern. Der Mann war so angenehm umgänglich, wie eine geschäftlich bedingte Bekanntschaft nur sein konnte.

    „Darf ich vorstellen?“, wandte sie sich um und trat einen Schritt beiseite.

    „Herr Nowak vom Generalamt für Johtos Arenen. Vereinfacht ausgedrückt könnte man ihn meinen Boss nennen, sowie den jedes anderen Arenaleiters der Region.“

    Soweit Ryan wusste, arbeiteten Arenaleiter völlig selbstständig, mussten aber in regelmäßigen Abständen Berichte und Statistiken ihrer Kämpfe dem Generalamt vorlegen und sich ein bis zwei Mal im Jahr deren Routineprüfung unterziehen. Das Amt legte fest, wer die Lizenz für eine Arena erhielt, auf welchem Niveau sie offiziell eingestuft wurde, aber auch, welcher Leiter den Ansprüchen nicht länger genügte. So eine Lizenz konnte auch mal wieder eingezogen werden. Ein Wunder, dass dies bei der Pfeife in Faustauhafen noch nicht passiert war.

    „Herr Nowak – Ryan Carparso ist ihnen sicher bekannt“, führte Sandra die Vorstellung weiter.

    „Sehr bekannt sogar. Es freut mich sehr, Sie einmal persönlich zu treffen, Mister Caraprso. Zwar haben Sie bestimmt mit einer gewissen Enttäuschung zu kämpfen, aber ich darf Ihnen hoffentlich dennoch zu Ihrem beeindruckenden Turnier gratulieren?“

    Man schüttelte einander mit viel Anstand die Hände. Ryan musste gestehen, es erfüllte ihn mit Stolz, von einem Menschen in so hoher Position so viel Respekt zu empfangen. Nicht so viel, wie von Trainern oder anderweitig Gleichgesinnten, aber dennoch. Daher begrüßte er Herrn Nowak mit derselben Ehrerbietung.

    „Danke vielmals. Ich weiß Komplimente jederzeit zu schätzen. Und meine Bemühungen werden von hier an nur größer.“

    „Sicher werden sie sehr bald entlohnt.“

    Ryan glaubte, ehrliche Glückwünsche für all seine künftigen Matches in diesen Worten zu erkennen.

    „Und das ist Audrey Miller. Ebenfalls eine herausragende junge Trainerin aus unserer Heimat.“

    Sie sollte trotz früheren Ausscheidens keinesfalls vergessen werden, aber Herr Nowak schüttelte auch ihre Hand sehr eifrig.

    „Aber natürlich. Auch Ihre Kämpfe habe ich mit großem Interesse verfolgt.“

    Na, das konnte was geben. Auf diese steifen Floskeln konnte Audrey sicher bestens verzichten. Hoffentlich würde er dieses Gespräch nicht allzu weit in die Länge ziehen. Wer wusste schon, zu welchen Späßen sich Audrey hinreißen lassen mochte, wenn es ihr mit irgendeinem Anzugträger mal zu bunt würde?

    „Sie können sicher sein, das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, antwortete sie mit einem breiten, charmanten Lächeln. Ryan musste alle Mühe aufbringen, sich nicht verdutzt nach ihr umzudrehen. War das wirklich Audrey, die da geantwortet hatte? Sie klang wie ein anderer Mensch. Glücklicherweise hatte Herr Nowak keine Ahnung, wie sie üblicherweise auftrat und war daher keineswegs irritiert, bemerkte auch nicht die Verwunderung des Blondschopfes daneben.

    „Sie haben meiner besten Arenaleiterin wirklich einen spektakulären Kampf geboten. Meine Hochachtung.“

    Sie spielte die Bescheidene. Der Anblick war noch ungewohnter als der gehobene Jargon.

    „Sie schmeicheln mir. Aber es ist offensichtlich, wie viel Arbeit noch vor mir liegt.“

    Nowak ballte eine Faust und redete motivierend auf Audrey ein. Er wirkte trotz fortgeschrittenen Alters sehr schwungvoll und positiv.

    „Nur nicht verzagen. Die Leiter ganz nach oben ist lang und beschwerlich, aber nach dem, was ich gesehen habe, bin ich überzeugt, dass Sie dem Anstieg gewachsen sind.“

    „Und ich werde jede Sprosse mit Zuversicht nehmen.“

    Boah, war das schwierig hier die Contenance zu bewahren. Hatte Audrey einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt?

    Mit dieser Antwort schien der Mann sehr zufrieden. Sandra hatte daneben lediglich eine Braue sowie einen Mundwinkel verschmitzt angehoben. Im Gegensatz zu Ryan wirkte dies aber natürlich und keineswegs unter zwanghafter Beherrschung. Obendrein vermochte die Arenaleiterin, beides sofort abzustellen, als sich Nowak wieder an sie wandte.

    „Sandra, dürfte ich Sie für einen Augenblick entführen? Es gibt da ein Anliegen, über das ich gerne mit Ihnen sprechen würde.“

    Eine ungewöhnliche Art, jemanden zu siezen und gleichzeitig mit dem Vornamen anzusprechen, wie Ryan bemerkte. Die Drachenmeisterin war verwundert, was es denn ausgerechnet hier und heute zu diskutieren gäbe, willigte jedoch ein und entschuldigte sich für eine Minute.

    In dem Moment, als die Beiden sich samt der Sekretärin entfernten, drehte Ryan langsam, geradezu mechanisch den Kopf in Audreys Richtung. Sein Blick sprach Bände. Nein, schrie sie regelrecht. Er brauchte nicht das Geringste zu sagen.

    „Was ist?“, meinte sie allerdings bloß schulterzuckend. Sie war bereits wieder ganz sie selbst.

    „Noch nie 'ne scheinheilige Schleimerin gesehen?“

    Völlig unbehelligt griff sie beim vorbeigehenden Kellner nach einem neuen Glas Sekt und nippte daran. Richtig! Audrey hatte vor, irgendwann einmal selbst Arenaleiterin in Johto zu werden. Da war es alles andere als dumm, sich mit jemandem wie Herr Nowak gut zu stellen. Ganz egal, wie weit dieser Plan noch in der Zukunft lag. Diese Art war Ryan an Audrey allerdings neu und brachte ihn zum Lachen.

    „Ihr Frauen und euer verfluchter Charm“, meinte er mit einem fassungslosen Kopfschütteln und leerte sein Sektglas. Dies wurde von der letzten übrigen Person nebst ihm an diesem Tisch nur mit einem Zwinkern quittiert.

    „Würde gerne wissen, was er von Sandra will“, wechselte sie das Thema und lugte zu jener hinüber. Es war nicht leicht, in diesem großen Saal mit so vielen Menschen, eine einzelne Stimme herauszufiltern. Es klappte auch nur bruchstückhaft, doch konnten sie beide sich den Satzbau anhand einiger Fetzen zusammenreimen.

    „Ich wollte mit dieser Nachricht eigentlich warten, bis Sie wieder in Johto sind, doch ich würde diesen glücklichen Zufall gerne als Anlass nutzen.“

    Schien also um die Arbeit zu gehen. Und das Anliegen war scheinbar ein positives. Das erleichterte die Beiden und genügte ihnen, damit sie nicht weiter zu lauschen versuchten. Sandras Geschäft ging sie nichts an und sie waren nicht so ungeduldig, dass die nicht warten konnten, bis sie es ihnen persönlich erläuterte – sollte sie dazu bereit sein.

    „Was ist mit den anderen Gästen? Du kennst doch sicher ein paar Leute wie den da?“, erkundigte sich Audrey stattdessen. Der erste sporadische Rundblick hatte Ryan nicht viel Übersicht verschafft, weshalb er seine Position am Tisch änderte, sodass er nun in den Großteil des Saals sah. Es war nicht so, dass er sich besonders gut auskannte. Zumindest behauptete er das nicht von sich. Aber die ein oder andere Visage sollte er sicher erkennen.

    „Mal sehen. Den Chief hast du bei der Siegerehrung schon gesehen.“

    Und er sah noch haargenau so aus, wie bei dieser. Das dünne, schwarze Haar mit Gel nach hinten gerichtet und immer schön eine Hand auf dem Rücken. Das Kinn trug er hoch, wirkte aber nicht arrogant, sondern aufmerksam und aufgeschlossen. Sein Auftreten war dem eines Gentleman würdig.

    „Na den kenn' sogar ich“, beteuerte Audrey.

    „Spricht für den Namen des Turniers, wenn der Chef der PTG persönlich die Medaillen verleiht. Ich dachte der macht das nur bei den Ligen.“

    Was in der Tat wieder mal bewies, welchen Stellenwert der Summer Clash hatte. Nicht nur für Hoenn, sondern für die Szene im Allgemeinen.

    „Die Blondine da hinten kennt man als Madam Génevieve.“

    Wasserstoffblondine, wollte man konkretisieren. Die aufgetorkelte Frau um die Dreißig hatte so viele Farben im Gesicht wie ein Clown. Trug obendrein ein pfirsichfarbenes Kleid, das von oben bis unten mit Rüschen überzogen war. Sie sah aus wie ein wandelnder Blumenstrauß. Wieso sie dennoch so aufdrängend von zahlreichen Leuten – und dann noch ausschließlich Männern – umgeben war, entzog sich Audreys Verständnis. Mit so einer Erscheinung konnte man doch nicht gesehen werden wollen.

    „Die hat es sich zur Mission gemacht, nicht die Trainer, sondern deren Pokémon groß rauszubringen“, erklärte Ryan weiter. Das meinte er jedoch keineswegs im positiven Sinne.

    „Und glaub mir, wenn deine Pokémon einmal in ihrem Salon landen, erkennst du sie selbst nicht wieder.“

    Auch das konnte man im falschen, da positiven Sinne verstehen. Also musste er es klipp und klar aussprechen.

    „Die sehen dann genau so verkorkst aus, wie die Frau selbst.“

    Die Medien schienen die Dinge gern anders zu sehen, als Trainer wie Ryan es taten. Aber die Frau verstand es eben, sich zu vermarkten und die Verlage fraßen ihr aus der Hand. Eine Berühmtheit ohne Talent, nannte Ryan sie gern. Denn die wenigsten ließen sich auf mehr als ein Treffen mit Madam Génevieve ein. Man konnte froh sein, wenn man sein eigenes Pokémon wiedererkannte, wenn es einmal in ihrer Maske gesessen war.

    Das wollte sich Audrey lieber nicht bildlich vorstellen. Am besten gar nicht lange mit solchen Menschen aufhalten. Ryan observierte den Raum weiter.

    „Der Greis und der nervöse Stift daneben...“, fuhr er mit einem Deut Richtung Bar fort, wo ein schlaksiger Mann Anfang zwanzig seine Krawatte richtete und sich wohl wegen seines unsauberen Auftretens eine Predigt des alten Herrn daneben einbrockte.

    „Sind Fletcher Borrs und Neffe. Zwei verschiedene Generationen aus der größten Firma für Pokémon Medizin der Welt. Vom einfachen Supermarkt bis zum Pokémoncenter wird absolut alles mit ihren Waren beliefert.“

    Die jüngere Generation schien sich wirklich zu bemühen, dem Anspruch der älteren zu genügen. Dem kritischen Blick nach zu urteilen, scheiterte er aber samt und sonders.

    „Alle Achtung. Kennst dich ja doch ein bisschen aus.“

    Ryan spürte einen neckischen Ellenbogen in seiner Seite und schob ihn mit einem schuldbewussten Schmunzeln weg.

    „Ein paar sind schon irgendwie hängen geblieben. Ist aber nicht so, dass ich mir das merke.“

    So ganz kaufte sie ihm das nicht ab.

    „Sonst noch jemand?“

    Das ständige Weiterfragen wurde nun mit einem durchschauenden Seitenblick quittiert.

    „Du bist richtig scharf drauf, dir etwas Vitamin B zur Seite zu legen, oder?“

    Diese Anschuldigung entlockte der Trainerin einen bestürzten Gesichtsausdruck, doch das Lächeln verriet sofort, dass sie nur wieder spaßte.

    „Ryan Carparso, ich muss doch bitten. Solche Vorwürfe in Richtung einer unschuldigen Dame?“

    Sie erntete darauf nur eine Grimasse, als wollte er antworte, sie könne sich das Getue sparen.

    Ein oder zwei weitere Gesichter erkannte Ryan noch, fand aber keine Hintergründe zu ihnen in seinem Gedächtnis. So schwieg er lieber, anstatt Audreys Vorwurf weiter zu bestätigen. Stattdessen gingen sie die Trainer durch, die sie im Laufe des Tages beobachtet hatten. Nicht alle aus den besten sechzehn waren anwesend. Da fehlte zum Beispiel Jamie Gregory, der Märtyrer, den Andrew im Viertelfinale ausgeschaltet hatte. Ryans eigene Gegnerin, Ann Trevors, war dagegen erschienen. Erneut in einer Kombination aus weiß und schwarz. Und ebenfalls erneut trug sie etwas extrem Figurbetontes. Die Frau musste an ihrem Körper noch mehr gearbeitet haben als mit ihren Pokémon. Mitch Morrow, Tina Fergison und Chester Rome standen gar in derselben Runde und wechselten locker einige Worte. Auch Amy Valentine, eine Freundin Audreys, war anwesend und tat sich gerade am Buffet gütig. Direkt neben Andrew. Für beide waren die Speisen offenbar interessanter als die Person daneben. Ryan stellte fest, dass ansonsten wohl nur Terry Fuller zu fehlen schien. Naja, eine Person wäre da noch.


    Als hätte er es heraufbeschworen, öffnete sich die Saaltür und zog mit ihrem Knarzen die Aufmerksamkeit der halben Besucherschaft auf sich. Der Anblick der eintretenden Person erregte gar noch weitere Aufmerksamkeit. Ein paar bernsteinfarbener Katzenaugen sah seelenruhig einmal von links nach rechts, von rechts nach links. Das wellige, schwarze Haar hing ihr ein wenig ins Gesicht und verhüllte sie beinahe. Sie warf es mit einer eleganten Handbewegung zurück und man könnte meinen, ein Dutzend Männerherzen zerflossen dabei gerade. Vielleicht auch noch das ein oder andere Frauenherz. Ein Träger ihres Kleides rutschte dabei herunter, doch sie ließ ihn dort am Oberarm hängen, als sei es beabsichtigt gewesen. Das Oberteil ihres nachtschwarzen Kleides saß so eng, dass es ohnehin wohl kaum verrutschen konnte. Es war zweigeteilt, offenbarte eine Schneise nackter Haut vom großzugigen Ausschnitt bis zum Bauch. Ein paar Kreuznähte hielten sie beisammen, ähnlich wie bei Audreys Corsage. Überzogen wurde es von einem Muster, das an gefallenes Herbstlaub erinnerte und um den Hals trug sie einen Choker im selben Stil. Der voluminöse Rock mit Einschnitt bestand ebenfalls aus zwei Teilen. Die untere Hälfte war, bis auf drei abgestufte Reihen aus mit Rüschen besetzen Satin, ein halb durchsichtiger Schleier, unter dem sich ein grazilen Beinpaar mit festen, strammen Schritten bewegte. Die unterste Reihe bildete den Saum, unter welchem nur gerade so noch ihre eleganten und selbstverständlich ebenfalls schwarzen Schuhe bei jedem Schritt hervorlugten. Ein überlegenes Lächeln mit dunklem Lippenstift lag breit auf dem ansonsten nur dezent geschminkten Gesicht.

    Mit zielstrebigen Schritten war der Chief sogleich bei ihr und rief hemmungslos in die weite Runde.

    „Unsere große Turniersiegerin ist eingetroffen. Miss Bella Déreaux, meine Damen und Herren!“

    Er brauchte nicht um Applaus zu bitten. Der kam ganz von selbst. Manche verhalten und lediglich aus Höflichkeit. Einige aber auch sehr frenetisch und begeistert. Selbst unter den anderen Trainern war sich kaum einer für diese Geste der Bewunderung zu schade.

    „Tja, das war´s wohl mit dem entspannten Teil des Abends“, murmelte Ryan nüchtern zwischen seinen angespannten Kiefern hervor.

  • Hallo,


    jetzt habe ich endlich das Finale nachgeholt und während ich schon dachte, dass das Halbfinale gegen Terry spannend war, hast du den Kampf gegen Bella wirklich auf die Spitze getrieben. In fünf Kapiteln ein Drei gegen Drei so ausführlich, interessant und nervenzerreibend zu beschreiben ist dir außerordentlich gut gelungen. Insbesondere das Verwirrspiel mit Zoroark war so gut inszeniert. Mit jedem weiteren Angriff hat sich herausgestellt, dass etwas nicht stimmen kann und der gesamte Prozess der Auflösung war sehr gefinkelt umgesetzt. Einen großen Teil dazu hat auch Guardevoir beigesteuert. Ihre Emotionen haben viel zum positiven Gesamteindruck beigetragen.


    Wir lesen uns!

  • Kapitel 70: Maskenball


    Ryan war einer der wenigen, die Bellas Auftritt nicht mit Applaus quittierten, was zum Glück von keinem bemerkt wurde, da er und Audrey etwas abseits der Masse stationiert waren. Und nicht einmal die nahm Notiz davon. Dafür war sie zumindest für einen kurzen Moment selbst zu eingenommen von Bellas erhabener Erscheinung. Es frustrierte den Blonden zunehmend, dass sie nicht von ihrer wahren Identität wusste und gleichzeitig war er froh, solange sie im Unwissen verblieb. Er konnte nicht zulassen, dass sie in den Krieg mit Team Rocket verwickelt wurde. Freilich war sie eine überaus starke Trainerin und hasste diese genauso wie jede andere kriminelle Organisation, die Pokémon nur als Waffen einsetzten, um irgendwelche radikalen oder utopischen Interessen zu verfolgen. Aber das hier war einfach zu gefährlich. Bella war zu gefährlich. Und die war noch nicht einmal das größte Problem.

    Die Agentin schüttelte dem Chief weiteres Mal die Hand. Sie streckte sie gar aus, als erwarte sie einen Handkuss und so adrett, wie der Chef der PTG bislang aufgetreten war, hätte es kaum jemanden schockiert, wenn er das durchgezogen hätte.

    Andrew hatte lediglich einen Schulterblick Richtung Eingang gewagt. Ihm verging schon durch ihre Anwesenheit der Appetit was vollständig. Die Aufmerksamkeit, welche sie auf sich zog, war der bittere Beigeschmack zu jedem Bissen. Sie hätte sich wenigstens noch Zeit lassen können, bis er die Creme Brûlée probiert hatte. Jetzt konnte er nur noch aus Frust weiteressen.


    Wenig überraschend war der Chief nicht der Einzige, der Bella noch einmal persönlich gratulieren wollte. Mehrere Männer in Anzügen drängten sich an sie heran und versuchten mit ihr ins Gespräch zu kommen. Vermutlich ebenfalls Geschäftsmänner, die sich eine Partnerschaft erhofften. Taktloses Gesindel. Das war sicher nicht der Sinn dieses Balls. Allerdings hatte sich Bella davor auch ziemlich schnell aus dem Staub gemacht. Ein paar der anderen Trainer hatten sich ebenfalls in ihre Richtung gewagt, hielten aber etwas mehr Abstand. Scheinbar hatte sie auch unter jenen ein paar Bewunderer gewonnen. Madam Genevieve war wohl die einzige Person außerhalb von Milas Gefolgschaft, die so gar nicht von Bellas Anwesenheit erfreut war. Die gesamte Aufmerksamkeit, die sie bis eben noch genossen hatte, war zur Turniersiegerin gewechselt.

    Eben die ließ sich aber gar nicht groß auf irgendwelche Gespräche ein und schlüpfte einfach durch die Leute hindurch, war urplötzlich auf der Tanzfläche und flanierte schnurstracks darüber. Sie schien das Buffet anzusteuern, was Andrew augenblicklich zum Rückzug bewegte. Grantig goss er sich ein Glas Punsch ein und kehrte ihr den Rücken. Er ahnte es nicht, aber sie fand es fast ein bisschen schade. Sie hätte durchaus Lust gehabt, das Versäumnis vom Vorabend aus der Bar nachzuholen.

    Da traf es sich gut, dass scheinbar noch jemand anders Durst hatte. Auf halben Weg zurück an seinen Tisch, passierten Andrew und Ryan einander. Der Blonde sondierte mit seinen marineblauen Augen jedoch ausschließlich die Speisen und Getränke auf dem Tisch. Bella schenkte er nicht die geringste Beachtung. Mila hatte ihm empfohlen, kein Gespräch mit ihr zu suchen und er hatte vor, sich daran zu halten. Aber er würde ihr auch nicht ununterbrochen ausweichen. Das könnte nämlich denselben, negativen Effekt haben.

    „Bist du heute dran, mit mir zu plaudern?“

    Völlig unbeirrt schenkte er sich ein Glas Bowle ein, sah sie nicht einmal an, sondern starrte für einen Moment geradeaus, als müsse er die dumme Frage erstmal verarbeiten und schüttelte den Kopf über ihre Gedankenlosigkeit.

    „Was genau stellst du dir vor? Dass wir Strohhalme ziehen?“

    Er blickte durch die verglaste Außenwand auf die mäßig beleuchteten Straßen. Durch die inzwischen eingetretene Dunkelheit sowie das helle Licht hier im Saal, sah er jedoch fast ausschließlich sein Spiegelbild. Und das von Bella, die sich ihm mit einem süffisanten Grinsen näherte. Er gab sich allergrößte Mühe, um nicht vor Anspannung zu verkrampfen, beobachtete aber trotzdem ganz genau, was ihre Hände anstellten. Stellte sich heraus, dass sie lediglich ebenfalls nach einem Glas fischte und sich von der knallroten Flüssigkeit nahm, in der diverse Beeren am Boden der Schale schwammen.

    „Jetzt sei mal nicht so. Ich habe heute Abend nicht vor, jemanden aufzufressen.“

    Eine Hand legte sich auf seinen Oberarm, wie von einer Person, die trügerische Ehrlichkeit vorgaukeln und des Gegenübers Misstrauen senken wollte.

    „Du bist angespannt“, stellte sie fest. Hatte sie das jetzt echt anhand dieser sachten Berührung erkannt? Sie sagte dies lächelnd, aber nicht belustigt. Die Aussage war eher nüchterner Natur. Ryan lugte sie nur aus dem Augenwinkel an, ließ die Worte aber unkommentiert.

    Die Hand wurde jedoch zurückgezogen, nachdem Bella an der Bowle genippt hatte. Gleichzeitig verzog sich ihr Gesicht zu einer enttäuschten Visage.

    „Ist da überhaupt was drin?“

    Sicher sprach sie von Alkohol. Scheinbar hatte sie aber ihren Flachmann nicht dabei, um da nachzubessern. So ließ sie das Glas einfach stehen.

    Mit einem Stoßseufzer sah sie ebenfalls in ihrer beider Spiegelung in der Glaswand. Ihr Bick verändert. Weniger feist und vergnügt, sondern ernster.

    „Und? Bist du endlich überzeugt?“

    Es blieb noch lange still. Weder antwortete Ryan, noch wurde die Frage wiederholt. Er überlegte sehr genau, wie er antworten sollte. Mit einem scharfen Seitenblick in Bellas Richtung befeuchtete er die Lippen.

    „Von deinen Trinklaunen? Schon seit gestern Abend.“

    Sie allein hatte Petes halbe Bar leer gesoffen. Jeder normale Mensch wäre von diesem Gelage noch gar nicht wieder erwacht. Bella schmunzelte hierüber nur. Was eine Ironie. Ausgerechnet dann, wenn sie mal ernst mit ihm reden wollte, ließ er es wiederum sein, die Spaßbremse zu geben. Um dem einen Riegel vorzuschieben und zu verhindern, dass Ryan den Spieß hier umdrehte, zog sie ihn plötzlich mit einem strammen Ruck an seinem Ärmel zu sich heran. Ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Und nun funkelten ihre Augen wieder wie die eines Snobilikat, das die Fassade der Schmusekatze fallen ließ und sich als hungriges Raubtier zu erkennen gab.

    „Dass ihr chancenlos seid, meine ich.“

    Ryans Kiefer hatte sich arg angespannt. Diese Drohgebärde kam unerwartet. Aber er schaffte es irgendwie, sich unbeeindruckt zu geben. Mehr oder weniger. Und nach einem Moment des Sammelns konnte er sogar mit einem souveränen Grinsen antworten.

    „Na wenn dieses Finale für dich ein Totschlagargument ist.“

    Sie legte den Kopf schief. Fragte somit, was denn falsch an dieser Annahme wäre. Sein Grinsen wurde daraufhin breiter und er kam sogar noch ein bisschen näher.

    „Nur so. Seine besten Trümpfe verspielt man nicht in so einem unbedeutenden Kampf. Das sollte jemand wie du eigentlich wissen. Aber vielleicht hab ich dich auch zu klug eingeschätzt.“

    Er hatte noch nie so schamlos und mit so viel Überzeugung gelogen. Ryan hatte alle seine Register im Finale gezogen und wüsste auch jetzt im Nachhinein nicht, was er hätte besser machen können. Zudem war seine Schmähung absolut ungerechtfertigt, sollte sie lediglich vom eigentlichen Thema ablenken, vielleicht auch ein bisschen provozieren. Er schämte sich selbst ein bisschen dafür. Besser aber, er gewöhnte sich dran. Ans schmutzig machen.

    Dennoch war er felsenfest überzeugt, dass er und seine Pokémon bei ihrem nächsten Aufeinandertreffen noch stärker und letztlich auch siegreich sein würden. Einen Rückhalt für diese Überzeugung hatte er allerdings nicht. Außer die, dass er jetzt um Zoroarks Trick Bescheid wusste.

    Seine Selbstsicherheit, auch wenn sie teilweise Scharade war, bröckelte urplötzlich, als sich Bella unerwartet zu ihm hinauf streckte. Eine Hand griff nach seiner Schulter und hielt ihn nahe bei ihr. Er spürte ihrem Atem an seinem Ohr. Und vernahm ein schalkhaftes Geflüster.

    „Wer sagt denn, dass ich meine Trümpfe verspielt habe?“

    Der Johtonese schluckte und fühlte eine Schweißperle auf seiner Stirn. Das wurde ihm hier alles schlagartig doch zu brenzlig. Aber er musste sich zusammenreißen, durfte jetzt nicht Hals über Kopf die Flucht antreten. Er hielt dem Drang, zurückzuweichen und sich aus Bellas Reichweite zu entfernen stand.

    Glücklicherweise hielt sie diese Nähe nicht lange und trat nun wieder einen Schritt von ihm zurück. Ihre Arme verspielt auf dem Rücken verschränkt und mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Ryan machte sich nicht länger die Mühe, eine Maske aufzusetzen. Wie Mila es ihm gesagt hatte – das waren ihre Spielchen. Nicht seine. Er würde geduldig bleiben, bis er seinen Zug machen konnte. Bis er seine Stärken ausspielen konnte. Er atmete einmal tief durch. Natürlich wurde das mit einem schelmischen Heben der Augenbrauen quittiert und Bellas Lächeln wurde noch ein wenig breiter. Sollte sie doch. Er verschaffte sich mit einem Rundblick etwas Bedenkzeit, um zu überlegen, was er als nächstes sagte. Irgendetwas musste er sagen. Sie wartete regelrecht darauf. Und er musste irgendwie sein Gesicht wahren. Mit einem Stoßseufzer schüttelte er die Anspannung ab. Aus einer inzwischen ungewohnt gewordenen Gewohnheit hätte er beinahe in seine Hosentasche gegriffen. Wo der Drachensplitter mit sich trug. Fast musste er über den Impuls lachen, doch schämte er sich in erster Linie für ihn. Darüber war er doch hinaus. Er brauchte ihn nicht, um sich zur Ruhe zu zwingen. Er war stark genug, seine Emotionen auch ohne das Ding zu kontrollieren.

    „Wenn du dich so in der Öffentlichkeit an mich schmeißt, werden noch Gerüchte über uns entstehen.“

    Ihre Reaktion hierauf festigte nur Ryans Theorie, dass Bella wirklich an allem, was er oder Andrew von sich gaben, etwas Amüsantes finden konnte. Er konnte sich einfach nicht erklären, was genau sie jetzt zum Schmunzeln brachte, hatte jedoch aufgehört darüber zu spekulieren. Dennoch hielt sie es für angebracht, ihn etwas zurechtzustutzen.

    „Schmeichel dir nicht zu sehr.“

    „Dir so nahe zu sein hat nun wirklich nichts Schmeichelhaftes an sich“, konterte er überraschend schlagfertig, aber absolut wahrheitsgemäß. Ryan befand, dass seine Antwort einen guten Schlussstrich unter diesem Gespräch ziehen würde und drehte sich bereits auf dem Absatz. Bella machte seinen Plan allerdings zunichte. Wieso um alles in der Welt stoppte er eigentlich immer, wenn sie ihm hinterherrief?

    „Ihr seid euch wirklich ähnlich.“

    Meinte sie ihn und Andrew? Klar hatten sie Ähnlichkeiten. Da hatten beste Freunde meist an sich...

    „Mila muss einen großen Einfluss auf dich haben.“

    Die Stirn des jungen Pokémontrainers runzelte sich nur sehr leicht. Dafür wollte er sich glatt selbst auf die Schulter klopfen. Eigentlich fühlte er nämlich einen Drang, sie in tausend Falten zu legen. Er sah nun wirklich keine nennenswerten Gemeinsamkeiten zwischen sich selbst und der Drachenpriesterin. Was die Frage aufwarf, wessen Urteilsvermögen hier auf Abwegen war? Seines oder Bellas? Die Agentin lehnte sich an den Tisch und sah sich weiter im Saal um. Keine Spur von Mila oder ihrer Partnerin. Das war wenig verwunderlich.

    „Ist sie nicht hier?“

    Selbst wenn Ryan wüsste, wo sie sich gerade herumtrieb – wie kam Bella auf die Idee, er würde es ihr verraten? Sein trockenes Schnauben verriet ihr seinen Gedanken haargenau. Ein wenig entrüstet über das Misstrauen und die kalte Schulter, sah sie dennoch ein, dass die Frage gedankenlos gewesen und eine Antwort drauf eindeutig zu viel verlangt war.

    „Sie hält sich beeindruckend lange über Wasser“, meinte sie und griff sich einen Cocktailspieß.

    „Aber die See ist tief und dunkel. Sobald der Sturm losbricht, wird sie in den Wellen verschwinden.“

    Mit dieser Prophezeiung empfahl sie sich. Bestimmt gab es drüben an der Bar bessere Getränke, um sich den Abend schön zu saufen.


    Ryans schöner Abgang war dahin. Das letzte Wort hatte Bella gehört. Mal wieder. Definitiv aber zum letzten Mal. Das schwor sich der junge Trainer an Ort und Stelle, allerdings ohne bissige Rachegelüste.

    Auf seinem Weg zurück an den gemeinsamen Stehtisch machte er einen Schlenker zu einem der Kellner und erleichterte ihn um zwei Sektgläser. Bella würde ihn vermutlich auslachen, aber ihm reichte das vollkommen, um die Anspannung etwas zu lockern. Er atmete einmal tief durch, als er in die Runde aus Andrew, Sandra und Audrey zurückkehrte. Alle drei unterbrachen die Unterhaltung bei seiner Ankunft und die Menge an Getränken, die er scheinbar nur für sich mitgebracht hatte, besaß durchaus Anteil an ihrem Schweigen. Das erste Glas trank Ryan sofort in einem großen Zug aus. Er merkte er jetzt, wie heiß ihm war. Ein Glück war er vor Bella nicht in Schweiß ausgebrochen.

    „Die Frau scheint dich echt fertig zu machen“, spekulierte Audrey mit einem Blick über die Schulter, welcher der Turniersiegerin folgte. Sie lachte jedoch nicht darüber. Eher begann sie zu hinterfragen, was denn zwischen den Beiden passiert oder gesagt worden sein musste, dass es Ryan Carparso derart schlauchte. Er war nicht gerade das, was man ein Nervenbündel nannte. Die wenigsten Trainer gingen ihm unter die Haut.

    „Du hast ja keine Ahnung“, antwortete er, ohne Audrey anzusehen und nahm auch aus dem zweiten Glas den ersten Schluck. Eigentlich ein unkluger Kommentar, aber leider der Wahrheit entsprechend. Er sollte das Thema lieber schnell wechseln.

    „Alles okay mit Herrn Nowak?“, erkundigte er sich daher bei Sandra. Er irrte doch nicht. Sie machte einen durchaus glücklichen Eindruck.

    „Besser als okay“, antwortete Andrew für sie und forderte mit einem Nicken in ihre Richtung, dass sie auch Ryan die Neuigkeit mitteilte. Ausnahmsweise ließ sie sich da nicht zweimal bitten.

    „Das Generalamt schenkt mir scheinbar uneingeschränktes Vertrauen. Herr Nowak bietet an, meine Stelle als Arenaleiterin auf Lebenszeit zu gewährleisten.“

    Da staunte der Blonde nicht schlecht. Er hätte jetzt nicht einmal gewusst, dass sowas überhaupt möglich ist. Geschweige denn tatsächlich angeboten wird.

    „Im Ernst jetzt? Dann sind wohl Glückwünsche angebracht?“

    Mit dem Versuch, hiermit die Stimmung wieder etwas zu lockern hob er sein Glas und tatsächlich stießen Andrew und Audrey sofort mit an. Schön, dass es heute noch eine erfreuliche Botschaft gab. Und freuen taten sie sich alle drei für die Arenaleiterin. Sie besaß ihrer aller Respekt und hatte diese Ehrung in ihren Augen völlig verdient. Somit brauchte sie sich um die Zukunft nie wieder Gedanken machen. Sie konnte Arenaleiterin bleiben, solange sie wollte. Audrey kam dennoch nicht drum herum, sich über den Hintergrund dieses Angebots zu wundern. Angeblich bot man solche unbefristeten Lizenzen in der Regel an, um zu verhindern, dass ein Leiter oder eine Leiterin vom Generalamt einer anderen Region abgeworben werden konnte. Das geschah zwar nur selten und wer Sandra auch nur ein bisschen kannte, wusste ganz genau, dass kein Job oder Geld auf dieser Erde sie aus Ebenholz wegzulocken vermochte. Scheinbar war Herr Nowak wirklich ein Anständiger, wenn er dieses Angebot unterbreitete, obwohl er Kenntnis darüber haben und dieses Angebot daher gar nicht zwingend unterbreiten musste. Eine strategische Entscheidung war dies somit keineswegs, sondern ehrliche Anerkennung. Und das schon in so jungen Jahren! Es gab durchaus Arenaleiter, die als Sandras Großeltern durchgehen würden. Doch ihr Stolz und ihr Siegeswille würden auch in zehn oder selbst zwanzig Jahren kein bisschen nachgelassen haben. Dafür ehrte der Titel der stärksten Leiterin Johtos sie selbst und ihre geliebte Stadt viel zu sehr. Und Jugend ließ außerdem immer noch Spielraum für Wachstum.

    Während sie weitere Details erläuterte, bemerkte die Gruppe erst nacheinander den Kellner, der plötzlich an ihrem Tisch gestoppt hatte. Die Drachenmeisterin, in deren Rücken er stand, drehte sich ihrer aller Blicke folgend und wurde von dem jungen Mann direkt adressiert.

    „Eine Aufmerksamkeit für Sie, Miss.“

    Er hielt ein Tablett mit einem einzelnen Glas unter ihre Nase. Eine leicht trübe Flüssigkeit mit starkem Geruch war eingeschenkt worden. Definitiv kein Sekt, so viel stand fest. Das war was Stärkeres.

    „Ich habe keine solche verlangt“, entgegnete Sandra mit hochgezogener Braue. Sie war misstrauisch. Das konnte ja von jedem kommen. Vielleicht hatte Bella ihn geschickt und das Getränk mit Gift vermischt. Grenzte vielleicht ein bisschen an Paranoia, aber die hatte sie in den letzten Wochen mehr als einmal am Leben gehalten.

    „Ich darf dies von einem gewissen Pete überbringen. Bitte, Miss“, drängte der Mann weiter, blieb aber überaus höflich. Hätte er den Namen mal gleich genannt. Audrey, die als einzige nichts mit diesem anzufangen wusste, sah sich verwirrt in der Runde um. So entging ihr, ganz im Gegensatz zu Ryan, wie Sandras Augen für einen winzigen Moment groß wurden und ihre Brauen zuckten. Was hatte Pete ihnen denn hier und jetzt so Dringendes mitzuteilen? War der Kellner ein getarnter Kontakt von ihm? Sie nahm sich sodann nicht nur das Glas, sondern auch gleich den Untersetzer vom Tablett und hielt ihn gegen den Boden gedrückt. Sehr suspekt, befand der junge Pokémontrainer.

    „Hast du´n heimlichen Verehrer?“, fragte Audrey mit einem schelmischen, neugierigen Blick. Die Arenaleiterin war um eine banale Miene und Sorglosigkeit bemüht. Ryan und Andrew vermochte sie, nach all ihrer Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, nicht mehr zu täuschen. Aber in ihrem Fall war das auch nicht nötig.

    „Wäre zumindest nicht der erste.“

    Da sprach sie sogar die Wahrheit.

    „Angeberin“, stieß Andrew hierauf zwischen den Zähnen hervor, worauf die Trainerin aus Rosalia ihm eine spaßhafte Standpauke hielt. Nicht über Taktlosigkeit, sondern wie sehr Sandra jeden möglichen Verehrer auf dieser Welt verdient hätte. Fast schon, als würde sie sich selbst dazuzählen. Und wäre die Stimmung unter den drei Eingeweihten nicht schlagartig so ernst geworden, hätten sie nun alle darüber lachen müssen.

    Dieser Moment schuf zumindest eine Gelegenheit, die Botschaft von Pete zu überprüfen. Ryan erkannte, wie Sandra das Glas vom Untersetzer anhob und letzteren eingehend betrachtete. Stand etwas darauf geschrieben?

    Nicht nur das. Es musste sich um eine sehr bedeutende Botschaft handeln. Sonst hätte sich Pete sicher nicht die Mühe gemacht. Und sonst würde Sandras Gesicht sicher nicht so bleich werden. Ryans Herz begann schneller zu schlagen. Etwas war los. Etwas war passiert. Aber mit Audrey am Tisch konnten sie nicht frei reden. Ein Glück hatte sie sich erst so leicht von Andrew ablenken lassen. Jetzt aber musste er sie zumindest für einen Moment hier wegschaffen.

    „Hey Audrey, hast du Lust zu tanzen?“

    Etwas verblüfft drehte sie sich zu Ryan um. Eine Augenbraue war herausfordernd angehoben, genau wie die Mundwinkel. Diese Mimik legte den Vorschlag definitiv als mutig aus.

    „Willst du das echt riskieren?“

    Sie wusste, dass er das draufhatte. Bei ein, zwei Gelegenheiten hatte sie sich bereits davon überzeugen können. Aber ihre Zweifel betrafen auch nicht ihn, sondern sich selbst. Tanzen – zumindest in diesem Ambiente – war eigentlich nicht wirklich ihr Ding.

    Mit einem neckischen Zucken der Achseln forderte Ryan sie heraus. Er wusste genau, wie man sie zu überreden hatte.

    „Keine Sorge. Ich führe“, meinte er selbstsicher und reichte ihr eine Hand. Mit Eifer und Selbstvertrauen war Audrey immer leicht beizukommen. Es half auch durchaus, wenn man keine Scheu zeigte, sich ein wenig zu blamieren. Mit ihr als Partnerin auf dem Parkett war das fast garantiert, so ihre eigene Meinung.

    „Du weißt, dass ich das noch nie gemacht hab?“, fragte sie, obwohl sie sich bereits von Ryan mitziehen ließ.

    „Wen soll ich jetzt noch gleich wie Guardevoir behandeln?“

    Da hatte er sie erwischt. Und sie wusste nicht einmal eine schlagfertige Antwort, wie er an ihren rollenden Augen erkannte. Ein Nein akzeptierte er hier sowieso nicht und ließ daher auch nicht von Audrey ab.

    „Komm schon, du probierst doch gern Neues aus.“

    Der Rest ihres winzigen Widerstandes erlosch und die junge Trainerin winkte den anderen Beiden am Tisch einmal keck goodbye. Dass denen das Lächeln irgendwie abhandengekommen war, merkte sie zum Glück schon gar nicht mehr. Stattdessen ging sie nun an Ryan vorbei und somit selbst voraus, was ihm Gelegenheit gab, sich noch einmal rasch hinüberzulehnen die Nachricht zu lesen, die Sandra zugeschoben worden war und welche eben jene ihm mit ernster Miene vorzeigte.

    Der nächste Moment schien mehrere Minuten anzudauern. Ein winziger Augenblick, in dem Ryan Carparso zirka hundert Gedanken und Möglichkeiten auf einmal verfolgte. Die ihn beinahe vergessen ließen, wo er war und was er hier tat. So war es nun wiederrum Audrey, die an seinem Handgelenk zupfte und ihn Richtung Tanzfläche zerrte. Den kurzen Weg dahin fühlte sich der Blonde wie in Trance. In Gedanken ging er die fünf Worte, die er dort gelesen hatte, unzählige Male durch, stellte sich eine wispernde Stimme vor, die sie stetig wiederholte. Und doch war sie so laut, dass sie ihn in seinen Grundfesten erschütterte.

    Der Schwarze Lotus ist hier.


    Nur wenige Leute hatten sich bislang auf die Tanzfläche verirrt. Die Mehrzahl davon machten noch junge Turnierteilnehmer aus, die versuchten, etwas Schwung in den so ereignislosen Abend zu bringen und nacheinander ihre Schritte verglichen. Ein bisschen Fremdscham wurde dafür in Kauf genommen, da die Musik bislang nicht zum Party Hit taugte. Für einen ersten Tanz war ein flotter Walzer allerdings gar keine üble Wahl.

    „Wie fangen wir an?“, erkundigte sich Audrey plötzlich von der Neugier gepackt. Ryan musste sich jedoch erstmal wieder fassen. Dieser Tanz war in seinen Grundschritten sehr simpel und doch hatte er für ein paar Sekunden jeden einzelnen davon vergessen. Himmel, er hätte selbst seinen eigenen Namen nicht gewusst, wenn man ihn eben danach gefragt hätte. Die Gewissheit, dass Team Rockets Drahtzieherin anwesend war und ihn in diesem Augenblick wahrscheinlich beobachtete, bereitete ihm tatsächlich Übelkeit. Er musste unbedingt rausfinden, wer es war. Nur hatte er sich mit seiner Ablenkungsmethode gerade selbst ins Aus geschossen. Könnte er einen Hinweis erhaschen, wenn er Bella beobachtete? Wo war sie eigentlich gerade? Verdammt, er wusste ja nicht mal, wo Sheila oder Mila sich aufhielten! So viele Fragen und kein Weg, auch nur eine davon zu ergründen. Er hatte großes Glück, dass Audrey viel mehr damit beschäftigt war, auf ihre eigenen Füße zu starren und Acht zu geben, nicht jetzt schon auf seine zu treten.

    Schnell und unauffällig wischte Ryan den Schweiß von seinen Händen und griff nach der linken von Audrey. Hier lagen seine Chancen, die Identität des Schwarzen Lotus aufzudecken, praktisch bei null. Aber letztlich war dies auch nicht seine Rolle, nicht seine Aufgabe. Sondern die des Pokémontrainers, der einen spannenden Turniertag mit Tanz und Trank ausklingen ließ. Mehr brauchte er gar nicht sein. Und er hatte schließlich mehr als einmal gelernt, dass er sich auf die Drachenpriesterin sowie ihre Assassinen-Partnerin verlassen konnte – verlassen musste.

    „Ganz locker greifen“, wies er mit flacher Stimme an und verflocht seine Finger mit ihren. Er war so leise, dass sie ihn fast nicht hörte. Was daran lag, dass es sich bei diesem Satz um ein kurzes Selbstgespräch gehandelt hatte. Fortan konzentrierte sich Ryan aber auf Audrey. Er musste seinen Kopf tatsächlich kurz schütteln, um ihn zumindest ein wenig freizubekommen.

    „Die andere Hand kommt hierhin.“

    Er legte ihre Rechte an seinen Oberarm, mit den Fingerspitzen auf den Schulterballen. Seine eigene schlang sich um ihre Taille und griff sie fest am Rücken, was Audery ein anzügliches Schmunzeln entlockte. Wollte sie ihn aufziehen?

    „Jetzt fühl ich mich nicht wie Guardevoir, sondern wie Melody.“

    „Lenk deine Gedanken in eine andere Richtung oder ich lass dich fallen“, drohte er bestenfalls halb ernst und konnte sich ein nervöses Auflachen kaum verkneifen. Einfach nur auf die Schritte konzentrieren. Das sollte ihn ablenken und seine Anspannung lockern.

    „Zuerst die Grundschritte. Einfach folgen.“

    Bestimmt und mit dem höchsten Maß an Selbstvertrauen, das er in dieser Situation aufbringen konnte, führte Ryan sie mit sich. Er hielt es vorerst simpel, was in ihrer beider Interesse sein dürfte. Aus unterschiedlichen Gründen verstand sich.

    „Es sind sechs Stück. Einfach den Rhythmus fühlen.“

    Ein langsamerer Stil wäre vermutlich einfacher zu lernen, aber ein solcher hätte Audrey vermutlich eingeschläfert und gar nicht erst dazu verleitet, es mal selbst zu probieren. Wie jeder Anfänger sah sie oft nach unten, wofür sie mit einem scharfen Laut getadelt wurde.

    „Ich bin hier oben. Nicht gucken, nur fühlen!“

    Er zog sie etwas näher, sodass gar nicht erst der Platz blieb, um den Kopf zu senken. Daraufhin fühlte er eine wachsende Spannung in ihrem Rücken. Machte er sie etwa nervös? Zugegeben, sie waren sehr dicht beieinander und die ersten Leute begannen, ihnen zuzusehen. Manche fühlten sich sogar ebenfalls zum Tanzen animiert. Aber Ryan hatte keinerlei Hintergedanken. Er gehörte Melody. Sonst niemandem.

    Audrey schien langsam ein Gefühl für die Schrittfolge zu bekommen. Wenn die erstmal in Fleisch und Blut übergegangen war, brauchte man überhaupt nicht mehr denken. Die Muskeln übernahmen diesen Part. Die Stimmung im Saal wurde bald heiterer. Nur an einem der Stehtische herrschte eine eisige Atmosphäre. Andrew und Sandra hatten in den letzten Minuten keinen Ton geredet. Lediglich Blicke hatte man ausgetauscht, die immerzu dasselbe bedeutet hatten. Andrew sah sich um, versuchte eine Frau im Saal zu finden, die irgendwie suspekt erschien. Vielleicht mit Bella in Kontakt trat. Stumm teilte er Sandra seinen Misserfolg mit und jene schüttelte ebenfalls resignierend den Kopf. Ihnen fehlten Hinweise, Anhaltspunkte. Zu viele Menschen und zu wenige Augen, um sie alle zu überblicken.

    „Wir hätten Mila längst fragen sollen, wie der Schwarze Lotus überhaupt aussieht“, stellte die Arenaleiterin bitter fest. Wie in aller Welt hatte sie es versäumen können, sich danach zu erkundigen?

    „Die wird hier sicher nicht ohne Tarnung reingeschnallt sein.“

    Da hatte Andrew ein Argument. Sonst hätte sie sich niemals in eine so angreifbare Position manövriert. Allein schon auf dem Weg hierher oder während der Vorbereitungen auf den Ball wäre sie für eine Attentäterin wie Sheila ein perfektes Ziel gewesen. Es sei denn, sie fürchtete Milas Partnerin nicht. Ob hier noch mehr getarnte Agenten von Team Rocket waren? Oder sie Bella schon als ausreichend einstufte? Keiner wusste, wie diese Frau tickte, wie sie plante oder welches konkrete Ziel sie überhaupt verfolgte.

    „Hier rumzustehen, bringt uns nicht weiter. Lass und ein paar Runden drehen.“

    Welchen Erfolg sie sich davon versprachen, wussten sie selbst nicht. Aber es war vermutlich besser, als an Ort und Stelle zu verzweifeln. Sandra machte den Anfang, schlenderte um die Tanzfläche herum, passierte den Eingangsbereich und ließ sich neuen Sekt servieren, um nicht zu sehr aufzufallen. Dafür setzte sie außerdem ein makelloses Pokerface auf, lächelte, nickte anderen Teilnehmern oder Offiziellen grüßend zu und mimte die sorglose Arenaleiterin, die den Abend völlig entspannt genießen konnte. Die Teilnehmer Morrow und Trevors sprachen beiläufig ihre Bewunderung für die Drachenmeisterin aus, die sie dankend annahm, ohne sich von den Beiden aufhalten und in ein längeres Gespräch verwickeln zu lassen. Sobald sie an der Bar angekommen und somit eine halbe Runde durch war, setzte sich auch Andrew in Bewegung. Er folgte auf derselben Route, hielt sich aber näher an der Tanzfläche und tat so, als würde er zusehen. Daher kam er nur sehr langsam voran, wodurch er allerdings mehr Zeit hatte, um alle möglichen Personen zu inspizieren. Keiner hier schenkte ihm Beachtung. Alle sahen sie den Tanzenden zu. Primär Ryan und Audrey. Letztere schien wirklich Gefallen daran zu finden.

    Weder sie noch Ryan merkten etwas von diesem Beobachtungsrundgang. Auch, wie viele Augenpaare mittlerweile auf sie gerichtet waren, entging ihnen vollkommen. Der Blonde hatte sich in seiner Rolle völlig verloren und lächelte breit. Von der Anspannung und der Bedrohung, die wie eine dunkle Wolke über ihm hing, war keine Spur. Dafür amüsierte er sich viel zu sehr, woran Audrey einen maßgeblichen Anteil hatte. Die kam mit jeder Minute mehr und mehr in Fahrt und hielt immer besser mit ihm mit. Er begann, sie herumzuwirbeln und einige Vierteldrehungen zu machen. Ihr Bewegungsradius hatte sich seit dem Beginn mehr als verdoppelt. Man wurde mutiger, ausgelassener. Sie hatten ganz einfach Spaß. Aus Zufall, gar aus der Not heraus, wenn man so wollte. Das war etwas, das Ryan heute Abend nicht für möglich gehalten hatte.

    Als das Musikstück einen spürbaren Höhepunkt erreichte, wollte er Audrey sodann in eine letzte, schwungvolle Drehung führen. Gleich mehrfach um die eigene Achse. Vielleicht hatte er ihr damit zu viel zugemutet oder sie auch einfach bloß überrascht. Auf dem letzten Schritt fand sie keinen festen Stand mehr. Sie rutschte auf dem Absatz aus, wie auf einer Eisfläche. Ihre Hände krallen sich fest in die seinen, im vergeblichen Versuch sich zu fangen. Ryan erwiderte den Griff, spreizte die Beine und beugte sich mit ihr herunter, um Schwung zu holen. Ihre Blicke trafen sich einen winzigen Augenblick. Und doch reichte er aus, um mitzuteilen, was er vorhatte. Mit einem beherzten, vielleicht etwas zu starkem Ruck zerrte er Audrey wieder hinauf, sodass sie eine Sekunde in der Luft stand. Einige Zusehende riefen erschrocken oder begeistert auf, während andere die Luft anhielten. Mithilfe zweier Hände, die sie stützend an der Taille fingen, landete Audrey schließlich fest auf beiden Füßen. Bewundernswerterweise ohne sich die Knöchel zu brechen, angesichts der Landung und ihrem Schuhwerk. Ein wenig überrumpelt von dem Moment, ließ sie sich in Ryans Arme fallen, welcher sie weiter vorsichtig hielt und in eine elegante Ausgangspose brachte, genau als die Musik endete.

    Vereinzelt wurde applaudiert, sogar gejubelt. Audrey erholte sich noch von dem Schreck, lachte aber herzlich auf.

    „Gut gerettet“, komplimentierte sie Ryan und sah zu ihm hoch, während er sie in der Schräge hielt. Ein wenig lang, befand sie. Er sah selbst recht verblüfft aus. Seine Arme waren arg angespannt, hielten sie geradezu übervorsichtig fest, als würde sie loszulassen, eine Katastrophe bedeuten. Als würde er sonst eine gute Freundin für immer verlieren.

    Später würde er sich fragen, wie er zu dieser Annahme gekommen sein mochte. Wie er plötzlich in solche Verlustängste geraten konnte. Und selbst dann hätte er bestenfalls eine Theorie parat. Nämlich, dass er mit dem Schwarzen Lotus im Nacken niemals eine ruhige, unbeschwerte Sekunde haben würde. Mit einer Frau, die bereits einmal seine Freunde sowie ihn selbst angegriffen und bedroht hatte. Wenn auch nur durch ihre Untergebenen.

    „Danke“, hauchte er schließlich leicht abwesend und mit schwacher Stimme, als habe er einen Sprint hingelegt. Er zog Audrey wieder auf ihre Füße, die sich die Haare aus dem Gesicht warf. Sie wirkte etwas… überrumpelt. Aber heiter und fröhlich. Ein bisschen so, als wäre sie gerade aus einer Achterbahn gestiegen.

    „Das eben war ja fast wie einstudiert. Ich wusste ja, dass du tanzen kannst, aber das... Hut ab.“

    Leider hatte das wenig mit Können zu tun gehabt. Am meisten noch mit Glück. Sekundär mit Angst, auch wenn sie in dieser Situation unbegründet gewesen war. Andrew hatte das Ende des Tanzes beobachtet und konnte sich ein kurzes Lächeln nur schwer verkneifen. Ihn selbst würden gerade keine zehn Gallopa auf die Tanzfläche kriegen, obwohl er zuvor noch mit dem Gedanken gespielt hatte. Dieser seichte Anflug von Spaß, selbst wenn es nur durchs Zusehen war, verflog nämlich sofort wieder, wurde geradezu hinweggefegt, als er eine andere Person an Ryan herantreten sah.

    „Du warst auch verdammt gut für´s erste Mal“, beteuerte er gerade und lachte ein wenig über Audreys Keuchen.

    „Anstrengender als gedacht, oder?“

    Sie verkniff sich einen Kommentar und kam lieber erst einmal zu Atem. Noch davor erklang eine verspielte, süffisante Stimme hinter Ryan, aus welcher man das Lächeln förmlich heraushören konnte.

    „Ich hoffe doch, du hast noch Energie für eine zweite Runde?“

    Er hatte Bella nicht kommen sehen. Überhaupt niemanden hatte er in seinem Rücken bemerkt. Dabei war Ryan davon ausgegangen, dass dieser Instinkt zur Vorsicht und Umsicht mittlerweile ganz natürlich für ihn geworden war. Aber vielleicht überschätzte er diesen auch ganz einfach. Schließlich war Bella nicht irgendwer.

    Die Agentin hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und sah ihn erwartungsvoll an. Gerne hätte er das abgelehnt. Am liebsten mit Spott oder gar Abscheu. Oder Audrey hätte ihn weiter als Partner beansprucht. Nichts davon stand länger zur Debatte, als der Chief, der sich extra hierfür ebenfalls auf die Tanzfläche begab, durch den Saal rief.

    „Déreaux und Carparso wagen einen weiteren Tanz! Diesmal buchstäblich!“

    Damit erregte er fast ungeteilte Aufmerksamkeit. Und die Idee wurde sofort mit Jubel befeuert. Eine Neuauflage des eben erst beendeten Finals. Diesmal nicht auf dem Sand, sondern auf dem Parkett. Wie könnte man dazu nein sagen?

    Als einer der beiden Protagonisten schon mal gar nicht. So viele Gäste starrten ihn auf einmal an. Sogar noch erwartungsvoller als Bella. Klatschten im Rhythmus, skandierten ihre Namen, um beide zu motivieren. Audrey flüsterte ihm obendrein zu, dass ihr das ganz gut in den Kram passe und sie lieber erstmal pausierte, um etwas zu trinken und zu verschnaufen. Es gab hieraus also keinen Ausweg für ihn. Das wusste Bella ebenso und hielt ihm eine Hand hin, forderte somit auf, dass er sie ergriff.

    „Darf ich um diesen Tanz bitten?“

    Ryans Kiefer spannten sich erneut an. Mit einem Stoßseufzer ergab er sich seinem Schicksal. Dann setzte er die Maske eben doch nochmal auf und bot allen, wonach sie verlangten. Er dehnte die Finger in seinen Handschuhen und fasste schließlich ihre Hand. Er führte sie zur Mitte der Tanzfläche, wo sie den meisten Platz hatten, doch als einzige würden sie zum Glück nicht tanzen. Der Kreis, der sich um sie gebildet hatte, löste sich weitestgehend auf und man begann selbst wieder die Beine zu schwingen. Wenigstens vor Publikum musste Ryan sich das nicht antun.

    Die Musik setzte wieder ein. Innerlich wollte er schreien vor Frust. Ein Tango, wirklich? Ausgerechnet jetzt? Bella schien die Wahl dagegen sehr zu gefallen, wie ihr Schmunzeln erahnen ließ. Sie zeigte sich auch nicht gerade geduldig, sondern griff sich gleich Ryans linke Hand. Ihre eigene schob sie unter seinen rechten Arm bis hin zum Schulterblatt. Seine Arme waren etwas länger, mussten daher ein wenig angewinkelt werden, selbst wenn sie sich ganz streckte. Ein unerwartet fester Griff war das. Und dabei hatte er so einiges von ihr erwartet. Scheinbar war sie sehr eifrig auf diesen Tanz. Oder aber versuchte, ihn in Verlegenheit zu bringen. Diese Genugtuung wollte er ihr jedoch keinesfalls geben, weswegen er sie sehr bestimmend an der Wirbelsäule fasste. Dadurch wurde ihr Schmunzeln nur breiter. Doch etwas schien ihr dann doch zu missfallen.

    „Warum schaust du weg?“

    Dass Ryan den Kopf sehr bewusst von ihr abwandte und in eine Linie mit der Führungshand lenkte, hatte tatsächlich keinen persönlichen Hintergrund.

    „Hast du schon mal Tango getanzt?“, fragt er abfällig und eindeutig nicht erpicht darauf, ihr großartig was zu erklären. Scheinbar fiel der Groschen aber schon von selbst.

    „Richtig, bei dem sieht man sich in der Regel nicht an“, wisperte sie auf einmal heißblütig und anzüglich, woraufhin sie sich eng an Ryans rechte Körperhälfte drückte. Schlagartig spannte sich alles in ihm und er scheiterte daran, ein verdutztes Schnaufen zu unterdrücken. Nun suchte er doch den Augenkontakt, wirkte empört, fast entsetzt, dass sie es mit ihren Späßen so weit trieb. Beinahe wäre er zurückgewichen. Der Tango war zwar ein Tanz mit viel Körpernähe, aber das war ihm definitiv zu viel davon mit der Agentin.

    „Die Kommunikation findet über den Körper statt, stimmt´s?“

    Dieses vulgäre Stück. Die legte es echt drauf an. Schön, dann eben auf Bellas Tour. Ryan hatte seine Maske schließlich schon wieder aufgesetzt und Melody war – Arceus sei Dank! – nicht anwesend. Mit einer knappen Neigung seines Kopfes und einem herausfordernden Funkeln in den Augen machte er den ersten Schritt. Das leichte Zusammenpressen seiner Lippen konnte Ryan leider nicht unterdrücken. Er sparte sich diesmal die Grundlagen und legte gleich voll los. Wenn er Glück hatte, würde er sie überrumpeln können. Wäre zu schön, sie mal umknicken zu sehen. Wen juckte es, falls er sich mit ihr zusammen blamierte? Hauptsache, er verpasste ihr mal einen Dämpfer.


    Andrews Unterkiefer hing so weit offen, dass er beinahe ausgerenkt war. Da musste doch was in seinem Sekt gewesen sein, dass er jetzt Bella mit Ryan zusammen das Tanzbein schwingen sah. Dass letzterer hier nicht wirklich hatte ablehnen können, leuchtete ihm durchaus ein, weswegen er es ihm nicht vorhalten würde. Dennoch war der Anblick einfach absurd. Aber was sollte er schon groß machen? Das Ganze unterbinden sicher nicht. Tatsächlich sollte seine eigene sowie Sandras Aufgabe durch dieses Duett bloß vereinfacht werden. So brauchte er die Agentin nicht noch zusätzlich beobachten, während er den Raum nach potentiellen Verdächtigen scannte.

    Jedoch war Andrew, nachdem er ebenfalls an der Bar angekommen war und somit eine halbe Runde vollzogen hatte, noch genauso ahnungslos, wie beim ersten Schritt. Ein vorausschauender Blick zeigte ihm, wie Sandra am Buffet gestoppt hatte und ebenfalls unschlüssig den Kopf abwechselnd nach links und rechts schwenkte. Wenn sie doch wenigstens wüssten, wonach sie Ausschau zu halten hatten.

    Derweil ging es auf dem Parkett feurig zu. Glücklicherweise waren Ryan und Bella körperlich fast auf Augenhöhe, weshalb der Johtonese ganz aufrecht stehen konnte und seine Größe nicht anzupassen brauchte. Er durfte sich frei bewegen. Im Rahmen der beengenden Umstände. Der Tango war ein schneller Tanz, bei dem viele Bewegungen sehr zackig und ruckartig vonstattengingen. Anstatt sich mit dem Partner zu heben und zu senken, war es hier eher ein hin und her, wobei mehr mit dem Oberkörper als der Hüfte gearbeitet wurde. Die Arme verharrten meist in derselben Position.

    „Du hast mich vorhin mit Mila verglichen“, setzte Ryan plötzlich an, ohne Bella dabei anzusehen. Er musste den Frust in seiner Stimme ein wenig verbergen. Jedes Mal, wenn er die Richtung änderte oder ein eine Drehung über ging, legte sich Bella ausgiebig hinein, wog sich in seinem Arm, streckte auch gern mal ein Bein in die Höhe. Und nie brachte er sie aus dem Schritt oder in irgendeine andere Verlegenheit.

    „Das habe ich“, erinnerte sie sich ihrer Worte mit einem weit geneigten Kopf, sowie einem Seitenblick, der nach dem Seinen suchte.

    „Worin ähneln wir uns in deinen Augen?“

    Es wäre so viel cleverer, diese Frage an Andrew oder Sandra zu richten, anstatt an seine Feindin. Aber vielleicht befand er, dass gerade diese eine bessere, da unbefangene Antwort darauf haben könnte. Außerdem war Ryan zuvor noch von niemandem mit der Drachenpriesterin verglichen worden.

    Bella ließ sich weit zurückfallen, machte ein Hohlkreuz und ließ sich von Ryans Führungsarm tragen. Arceus, war die Verlockung groß, sie einfach fallen zu lassen. Welch Ironie, schien ihn doch fast jeder andere Angehörige des männlichen Geschlechts gerade um seine Position zu beneiden. Er hätte glatt bezahlt für diesen Tausch.

    „Gestern nannte sie sich selbst verzweifelt.“

    Durch ihre ausschweifende Körperhaltung entging ihr glücklicherweise sein neugieriger und auch ein wenig entrüsteter Seitenblick. Mit so einer knappen Antwort wollte er sich nicht abspeisen lassen, doch es war nicht nötig, weiter nachzuhaken und ehrlich gesagt hätte er sich wohl auch nicht dazu herabgelassen.

    „Und genau wie sie klammerst du dich an jeden noch so dünnen, rettenden Faden.“

    Sie straffte ihren Körper wieder und nahm die Standardhaltung ein, woraufhin sie erneut Anspannung in Ryans Brustkorb fühlte. Es war offensichtlich, dass ihm die körperliche Nähe nervös machte. Umso mehr fand sie Gefallen daran. Ihre Gesichter waren nahe beieinander, allerdings voneinander abgewandt, folgten stattdessen der Richtung ihrer Schritte.

    „Diese Widerspenstigkeit, ist irgendwo bemerkenswert“, flüsterte sie an sein Ohr.

    „Es liegt einfach kein Vergnügen darin, ein Karpador zu angeln, das nicht einmal zappelt, wenn es am Haken hängt, verstehst du?“

    Tat er. Und er verachtete sie für diese sadistische Verspieltheit. Man spürte sofort, dass ein Aber folgen würde, weshalb er das Ende ihres Satzes abwartete, anstatt selbst weiterzureden.

    „Aber auch töricht.“

    Ryan wusste nicht, was ihn mehr zum Lachen anmutete. Dass er Recht behalten hatte oder die Wortwahl der Agentin, da sie eines von Sheilas meist verwendeten Wörtern zitierte. Letztlich unterdrückte er es jedoch, ließ lediglich einen Mundwinkel nach oben zucken. Und natürlich blieb ihr das nicht verborgen. Er tat ihr den Gefallen nicht, den Hintergrund dessen zu erklären.

    Dass Bella seiner Führung so spielend zu folgen vermochte, dabei gar noch eine Unterhaltung führte, ging ihm langsam gegen den Strich. Egal wo lang oder wie schnell Ryan die Agentin führte, sie hielt Schritt. Scheinbar sogar mühelos. Beinahe würde er sogar sagen, sie genoss es und war ganz in ihrem Element. Sie tat das, was er Audrey eben noch eingebläut hatte – sie fühlte, anstatt zu beobachten. Und zwar viel zu gut. Die war noch geübter als er selbst. Immerhin den engen Körperkontakt schaffte Ryan bald weitestgehend, wenn auch nicht vollständig, auszublenden. In erster Linie deswegen, weil er sich auf seine Schritte konzentrierte und sich allmählich von Bella herausgefordert fühlte.

    „Erklär mir wieso“, forderte sie dann plötzlich. Er verstand nicht gleich, was sie meinte.

    „Ihr habt doch mit alldem überhaupt nichts zu tun. Die Ziele meiner Klientin betreffen euch nicht.“

    Hier stoppten das Tanzpaar abrupt in einer tiefen, breitbeinigen Pose. Der junge Trainer drehte völlig unerwartet den Kopf in Bellas Richtung und sah ihr fest in die weit geöffneten öffnenden Augen. Mit einem Blick, der sich vor Anmaßung kaum beherrschen konnte. Mit gerunzelter Stirn und leicht geöffnetem Mund. Ihre markante Iris stach eingehend in seine und versuchte ein letztes Mal, an seinem Entschluss zu rütteln. Wer war hier jetzt töricht?

    „Ist das dein Ernst?“

    Einen schlechteren Witz hätte Bella nicht erzählen können. Wieder drehte sich Ryan und zog seine ungewollte Tanzpartnerin diesmal sehr schwungvoll mit sich, ehe er mit einem weiten Ausfallschritt stoppte. Zum ersten Mal hatte er dabei das Gefühl, dass ihr die Kontrolle zumindest ein wenig entglitt. Gleichermaßen musste er achtgeben, dass er selbst nicht die Beherrschung verlor und die Stimme zu weit erhob. Die meisten ihrer beider Worte waren arg unterdrückt gewesen, doch die folgenden waren gefährlich nahe an der Grenze und ganz sicher für niemandes Ohren hier bestimmt.

    „Deine Leute haben Sheila angeschossen. Haben mich und meine Freunde bedroht. Die Agenten, die mir zeitweise aufgelauert haben, habe ich vermutlich noch nicht mal alle bemerkt. In Team Rockets Versteck habe ich überhaupt erst den Drachensplitter gefunden, noch bevor ich wusste, was er wirklich ist. Und du meinst allen Ernstes, mich ginge das hier nichts an?“

    Ganz zu schweigen von der Frage, ob Rayquaza seinen Rachefeldzug nur gegen einige bestimmte Menschen richten würde. Spätestens wenn es so weit kommen sollte – Arceus bewahre –, würde Team Rockets Plan nicht nur ihn, sondern jeden Menschen etwas angehen.

    Er begann, Richtung und Schrittfolge spontan, willkürlich zu wechseln. Versuchte sie aus dem Takt und vielleicht sogar mal zum Stolpern zu bringen. Aber nichts. Kein Straucheln, kein Zaudern, kein Nachziehen. Die eben geglaubte Unsicherheit war schon wieder vollends verflogen. War vielleicht von vornherein nur Einbildung gewesen. Es war, als wüsste sie bereits im Voraus, welche Bewegung er gleich vorgeben würde. Lag das an der Nähe? Fühlte sie seine Führung wirklich so präzise?

    Bella seufzte sachte, fast als habe sie diese Argumentation bereits erahnt. Und ausnahmsweise konnte sie jene nur schwer kontern. Wäre die Zeit für Höflichkeiten nicht längst vorbei, würde sie sich gern bei ihm entschuldigen. Das Carlos und Lydia die Sache so weit treiben würde, hatte sie weder erwartet noch vorgesehen. Am liebsten wäre ihr gewesen, die armen Trottel hätten sich niemals in diese Geschichte eingemischt. Aber sie hatten es schließlich nicht ganz unfreiwillig getan.

    „Du hast lediglich zugelassen, dass dich Mila in ihre Pflichten einschleust. Ich gebe zu, ich weiß nicht, ob sie dich gedrängt hat, oder du nur aus übertriebener Hilfsbereitschaft mitziehst. Aber es spielt keine Rolle.“

    „Und wie es das tut!“, unterbrach Ryan mit gesenkter, dafür aber sehr fester und bissiger Stimme. Wenn sie glaubte, dass er allen Ernstes den Drachensplitter einfach an sie abtreten und sich aus der Affäre ziehen könne, schätzte sie ihn wahrlich schlecht ein. Das hatte schon mit seiner Ankunft in Graphitport nicht mehr zur Debatte gestanden. Spätestens nach Milas großspuriger Enthüllung. Dies Bella klarzumachen, oder es zumindest zu versuchen, lehnte Ryan jedoch ab. Er brauchte seine Feinde nicht über seinen Charakter zu informieren. Und die Zeit der Worte war ohnehin vorüber. Vor ein paar Wochen hätte dieses Gespräch vielleicht noch irgendetwas bewirken können. Jetzt nicht mehr. Jetzt war es zu spät, umzukehren. Und dass Mila ihn zu keiner Zeit zu etwas gezwungen hatte, sparte er sich ebenfalls, vor ihr auszubreiten. Vermutlich würde sie es eh nicht glauben wollen.

    Er wich von seiner eigenen anfänglichen Anweisung ab und beobachtete die Agentin jetzt stetig mit einem Seitenblick. Zumindest die meiste Zeit über. Ihre Augen waren doch wirklich geschlossen, die Mimik wirkte entspannt und unbekümmert, obwohl jede Faser ihres Körpers gespannt sein musste. Im Rahmen des feurigen Tanzes, verstand sich. Seine Worte schienen belanglos für sie und konnten ihre Überzeugung kein wenig ins Wanken bringen. Stattdessen schürzte Bella die Lippen, schien es wenigstens allmählich einzusehen, dass sie sich nicht einig werden würden. Noch, dass er seine Position abermals überdenken würde. Ryan meinte den Drang nach einem Kopfschütteln zu erkennen, den sie aber unterdrückte. Stattdessen folgte sie mit zackigen Nackenbewegungen dem Rhythmus der Musik und machte lange Schritte auf dem Parkett, drehte sich in Ryans Arm, bis sie erneut Wange an Wange lagen.

    „Trägst du ihn gerade bei dir?“

    Beinahe hätte er gezuckt, sich von ihr losgerissen und instinktiv seine Hand zu seiner Hosentasche, in welcher der Drachensplitter ruhte, wandern lassen. Er konnte von Glück sagen, dass es nicht die rechte war, sonst hätte Bella ihn durch die Nähe bereits gespürt.

    Er entspannte sich jedoch rasch wieder. Bella hatte schließlich selbst miterlebt, was geschah, wenn er oder Rayquazas Herz in Gefahr gerieten.

    „Legst du es auf ein Wiedersehen mit den Zwillingen an?“

    Die Agentin rümpfte trocken die Nase und wiegte sich ein weiteres Mal in Ryans Führung.

    „Die Zwillingsdrachen, Mila, der Drachensplitter…“

    Sie zählte auf, als sei sie all dieser Dinge überdrüssig. Und allzu bereit, sich ihnen zu entledigen. Bejahte sie seine Frage damit?

    „Alles nur wankende Säulen in einem alten Haus, das mit Rayquazas zornerfülltem Gebrüll einstürzen wird“, führte sie schließlich weiter aus. Und leider musste Ryan gestehen, dass diese Metapher sehr zutreffend war. Sie alle waren eine tragende Säule, mit deren Verschwinden einfach alles in sich zusammenbrechen würde. Somit gab es sehr viel zu beschützen. Und sehr viel zu verlieren.

    Nun suchte Bella den Augenkontakt. Ihre bernsteinfarbene Iris war fast gleichermaßen überwältigend, wie die tödlichen Rubine von Sheila. Einerseits verspielt und wunderschön, aber auch tückisch und gnadenlos. Diese Beiden verdienten dafür wahrlich den anspruchsvollen Begriff Seelenspiegel.

    „Wenn der Sturm losbricht, gib acht, dass du dich nicht unter den Trümmern wiederfindest.“

    Wie, um sie zum Schweigen zu bringen, nutzte Ryan die sich bietende musikalische Vorgabe, um Bella herumzuwirbeln. Etwas untypisch ließ sein rechter Arm sie frei und er drehte sich nur noch durch die Führungshand mit ihr verbunden, ehe er sie wieder in die Grundhaltung zurückzog. Selbst als sich ihre Körperkonturen wieder an ihn schmiegten, zeigte er diesmal keine Reaktion, als ließe ihn dies inzwischen völlig kalt. Und nun waren es seine Augen, die tief in die ihren blickten. Seine Hände umfassten sie weit stärker als zuvor. Seine Stimme war ungleich ruhig, dafür aber auf eine andere Weise gleichermaßen souverän, fast sogar einschüchternd.

    „Kennst du den Knofensa-Turm in Viola City? Seine Säule wankt ununterbrochen. Trotzdem steht der Turm seit Jahrhunderten.“

    Er hatte nicht erwartet, Bella hierauf lächeln zu sehen. Noch wusste er es zu interpretieren. Vielleicht gefiel ihr diese Widerspenstigkeit doch ein bisschen und ließ sie auf einen weiteren, feurigen Kampf hoffen. Darauf, dass das Karpador an ihrer Angel noch ein wenig weiter zappelte, sich wehrte. Möglicherweise amüsierte sie sich auch bloß über den Vergleich. Wer wusste schon, was in ihr vorging? Der Johtonese hatte das Raten schon aufgegeben.


    Sandra beobachtete nun selbst sehr genau, was Ryan und Bella dort trieben und ließ die Augen nur noch sporadisch schweifen. Sie war eben viel zu auffällig gewesen und wenn sich der Schwarze Lotus hier in der Menge versteckte, wusste sie inzwischen bestimmt, dass nach ihr Ausschau gehalten wurde. Trotzdem sollte die Drachenmeisterin es nicht so offensichtlich tun. Andrew erreichte ihre Position und tat so, als würde er sich unbekümmert am Buffet gütig tun, während er ohne Blickkontakt nach dem Offensichtlichen fragte.

    „Auch nichts, hm?“

    Dass es so einfach sein würde, hatten sie auch nicht wirklich erwartet. Änderte aber nichts an dem Druck, unter dem sie hier standen. Der Plan war schließlich gewesen, hier selbst zuzuschlagen und Bella aus dem Verkehr zu ziehen. Endgültig!

    Nun aber, mussten sie fürchten, dass der Gegner mal wieder den ersten Zug machen und den Abend in eine Katastrophe lenken könnte.

    „Wenn du hier untertauchen wollen würdest, wie würdest du vorgehen?“, fragte sie mit einem abwesenden Blick in den Saal. Mittlerweile waren mehr Leute auf als neben der Tanzfläche und die Hälfte davon schien bloß die beiden Finalisten zu beobachten, gar zu beklatschen. Auch Audrey hatte sich zu jenen gesellt.

    „Gute Frage“, murmelte Andrew nachdenklich und gesellte sich mit einem Glas Bowle an Sandras Seite. Man sah es ihm nicht an, aber in seinem Oberstübchen ratterte gerade jedes einzelne Zahnrad auf Hochtouren. Selbst da, wo es dunkel wurde, in seinen grauen Zellen.

    „Ich schätze ich würde versuchen den Mittelweg zwischen auffällig und unauffällig zu finden.“

    Er hatte wenig über die genauen Worte nachgedacht. Er sprach einfach aus, was ihm als erstes hierzu durch den Kopf ging. Völlig gedankenlos waren sie allerdings nicht.

    „Wer versucht, jeglicher Aufmerksamkeit zu entgehen, müsste erst recht welche auf sich ziehen. Zumindest, wenn man nach so jemandem sucht.“

    Da war was dran. Wenn die Frau vorhatte, sich sämtlichen Blicken vollkommen zu entziehen, würde sie gar nicht erst hier aufschlagen. Stattdessen würde sie versuchen, immer sichtbar zu sein, ohne einen Verdacht auf sich zu lenken. Wer käme dafür wohl am besten in Frage?

    Die Position hinter dem Bartresen wäre vermutlich eine gute Wahl, da man dort stets den ganzen Raum im Blick hatte. Doch dort war seit ihrem Eintreten ein junger Mann stationiert und sofern sie das hatten beobachten können, war er nicht einmal mit einer Frau nennenswert in Kontakt getreten. Dann vielleicht eine Kellnerin? Davon erspähte Sandra noch immer drei Stück, zuzüglich einiger männlicher Kollegen. Zu viele also, um eine direkte Konfrontation zu wagen. Und sie konnte ja noch immer einen Gast imitieren. Es gab hier haufenweise Gesichter, die Sandra und Andrew unbekannt waren und mit einer halbwegs ausgeklügelten falschen Identität, wäre es auch sicher nicht schwer, in Gespräche mit anderen Gästen zu treten, um unscheinbar zu wirken.

    „Drei Kellnerinnen und mindestens zehn Frauen im Ballkleid“, fasste Sandra zusammen. Wie ihre Chancen standen, musste sie nicht erläutern.

    „Man müsste sie irgendwie hervorlocken. Sie aus dem Konzept bringen.“

    Wie Andrew das zu bewerkstelligen gedachte, wusste er selbst nicht. Sein Blick schweifte ein weiteres Mal über die Tanzfläche. Wann war es dort so laut geworden? Mehr und mehr Menschen wandten ihre Aufmerksamkeit Ryan und Bella zu, deren Tanz immer gewagter, immer schneller und schwungvoller wurde. Die Agentin suchte nun öfter Augenkontakt. Ganz kokett und niemals um ein schalkhaftes Lächeln verlegen. Er blieb bei seinem Seitenblick und versuchte sie mehr zu fordern. Sie hatte mehr Mühe als am Anfang, das spürte er. Das erhöhte Tempo sorgte für einen festeren Griff auf beiden Seiten, der ihn eigentlich anwiderte. Und doch wagte er nicht, ihn zu lockern. Wagte nicht, vor etwas zurückzuschrecken, das sie nicht scheute.

    „Meinst du, sie beobachtet uns gerade?“, fragte Sandra nachdenklich und beanspruchte Andrews Aufmerksamkeit. Der bemerkte einen scharfen Blick ihrerseits. Formte sich da etwa eine Idee? Nach einem weiteren Rundblick schüttelte er jedoch den Kopf.

    „Glaube nicht, dass sie dieses Risiko eingehen würde.“

    Auch da hatte er nicht Unrecht. Wenn sie das auffällige Verhalten von Andrew und Sandra registriert hatte, würde sie keinen zufälligen, verräterischen Blickkontakt riskieren. Schon gar nicht jetzt.

    In Ryans Blickfeld begann der Saal mitsamt den Menschen zu verschwimmen. Um ihn und Bella herum drehte sich die Welt fast ununterbrochen. Der Wirbel zerrte sie in den Hintergrund. Selbst mit seinen längsten Schritten hielt sie trotz kürzerer Beine und hohen Absätzen mit. Aber auch ihr glänzte der Schweiß auf der Stirn. Das war kein Tanz mehr, das war ein Duell.

    „Sie versteckt sich nicht einfach bloß“, murmelte Sandra auf einmal nachdenklich. Die Augen nach wie vor verengt, nun aber, ebenso wie der Kopf, still und immer geradeaus gerichtet, als würde sie die Tanzenden beobachten. Tatsächlich sah sie an allem und jedem vorbei.

    „Sie ist hier offen vor uns, doch können wir sie nicht sehen.“

    Im Gegensatz zur ihr sah Andrew immer hektischer nach links, nach rechts, dann wieder nach links. Auch ihm rann ein erster Schweißtropfen die Stirn hinab und er biss unter wachsender Anspannung die Zähne zusammen.

    „Weil sie sich nicht versteckt, sondern eine Rolle angenommen hat.“

    Da blickte er wieder zu Sandra. Seine Stirn lag in Falten und sein Atem war angehalten.

    „Eine Fassade“, konkretisierte sie. Auch Andrews Augen begannen sich zu verengen.

    „Eine Maske.“

    So wie auch sie beide es taten. Und Ryan natürlich ebenfalls. Der sogar allen voran, wenn man ihn so beobachtete. Der musste mittlerweile sein Keuchen unterdrücken und nahm dafür ein Stechen in der Lunge in Kauf. Er war wie im Rausch. Focht einen Kampf unter den Augen dutzender Beistehender, ohne sie einen solchen erkennen zu lassen. Und obwohl seine Gegnerin ihm noch immer mit diesem süffisanten Lächeln begegnete, stieß auch sie an ihre Grenzen. Das sah er und spürte er. Die Musik wurde schneller und pompöser, spielte auf den Höhepunkt zu. Und die Tanzenden taten es ihr gleich.

    „Und wenn man darin versunken ist…“, fuhr Sandra fort.

    „Ist jeder Schritt, jedes Wort fest eingeplant, sodass das Gespür für den Moment verloren geht. Und man zu keiner spontanen, natürlichen Reaktion auf etwas Unerwartetes mehr fähig ist.“

    Andrew neigte den Kopf ein wenig und suchte den Augenkontakt, als würde sich die Antwort hinter ihrer Iris genauer erklären.

    „Etwas Unerwartetes?“

    Ihr fiel es selbst wie Schuppen vor den Augen. Mit einem eindringlichen Blick sah sie Andrew an, der Lösung für ihre Rätsel so nahe, und doch noch nicht in Reichweite.

    Der junge Trainer blinzelte hektisch und sah sich erneut um. Etwas Unerwartetes sollten sie tun? Was denn bitte? Lärm veranstalten? Die Aufmerksamkeit auf sich lenken?

    Wieder ein Blinzeln. Wieso eigentlich nicht?

    Eine blonde Kellnerin kam gerade mit einem vollen Tablett an ihnen vorbei stolziert. Andrew dachte gar nicht mehr über die Folgen dessen, was er im Begriff zu tun war, nach. Er vergewisserte sich nicht einmal, dass ihn keiner dabei beobachtete, wie er einen Fuß bei der Frau einhakte und ihr gleichzeitig einen Schubser verpasste, sodass sie unweigerlich zu Boden ging.

    Die Musik endete, Ryan fasste Bella ein letztes Mal fest an ihrem muskulösen Rücken und neigte sie nach hinten. Sie streckte ein Bein in die Luft, das er beherzt fasste und in Position hielt, während er über ihr gebeugt stand. Es erklang Applaus, sowie einige heitere Pfiffe. Sie sahen einander erneut tief in die Augen. Keuchend und schwitzend. Sie mit einem zufriedenen Lächeln, während er fast wie in Trance starrte, als wüsste er nicht, was ihn geritten hatte, so weit zu gehen.

    Das Tablett schepperte laut. Glas klirrte und zersprang, unterbrach den Jubel und zog die Aufmerksamkeit des gesamten Saals auf sich. Andrew beachtete die Kellnerin schon längst nicht mehr. Stattdessen ging sein Blick durch die Menge. An der Bar, auf der Tanzfläche, an den Stehtischen – überall hatte man sich in seine Richtung gedreht. Selbst Ryan und Bella drehten sich nach der Quelle des plötzlichen Krachs, verharrten sogar in ihrer engen Pose. Ausnahmslos alle Augenpaare ruhten auf ihm oder der Kellnerin.

    Bis auf eines.

  • Hallo,


    ich komme nicht umhin zu glauben, dass du nach dem intensiven Kampf der letzten Kapitel mit der Tanzfläche bewusst das nächste Areal für eine Auseinandersetzung ausgesucht hast. Obwohl es wesentlich ruhiger zugeht, sind die handelnden Charaktere weiterhin sehr angespannt unterwegs. Dadurch ergibt sich ein faszinierender Spagat aus kurzweiliger Downtime, gepaart mit der Dringlichkeit, mehr zu erfahren und jemand Bestimmtes zu suchen. Die Unterhaltung zwischen Ryan und Bella ist äußerst amüsant formuliert und führt, ebenso wie der Tango, beschwingt und mit viel Herantasten durch das Kapitel. Dem Feind gegenüberzustehen hast du somit auf sehr gekonnte Art dargestellt.


    Wir lesen uns!

  • Hello again, Rusalka


    Zitat

    ich komme nicht umhin zu glauben, dass du nach dem intensiven Kampf der letzten Kapitel mit der Tanzfläche bewusst das nächste Areal für eine Auseinandersetzung ausgesucht hast.

    Die Idee mit dem Sommerball stand tatsächlich schon seit einer ganzen Weile, aber der Tanz selber war eigentlich eine eher spontane Fügung. Mit gefiel einfach der Gedanke, dass die beiden nach dem brisanten Finale ein weiteres, aber kaum als solches zu erkennendes Duell in der Öffentlichkeit austragen und freue mich natürlich, wenn es dich auch angesprochen hat.


    Zitat

    Die Unterhaltung zwischen Ryan und Bella ist äußerst amüsant formuliert und führt, ebenso wie der Tango, beschwingt und mit viel Herantasten durch das Kapitel. Dem Feind gegenüberzustehen hast du somit auf sehr gekonnte Art dargestellt.

    Danke auch für dieses Lob. Wenn ich ehrlich bin, war ich mir oft unsicher, ob die ganzen Formulierungen nicht zu überschwänglich und übertrieben sein könnten. Eigentlich haben sich beide ja zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel zu sagen. Stattdessen war das auch eine Form von Duell. Eines von Bellas geliebten Spielchen, auf das sich Ryan eingelassen hat.


    Im nächsten Kapitel wird es ebenfalls flott und dramatisch zugehen, aber ohne das Tanzbein zu schwingen. Nur so viel - ich habe mein Pulver durch das Turnier noch nicht verschossen. 😉


    Wiederschauen 🤗

  • Kapitel 71: The storm rises


    Ganz hinten, im Eingangsbereich hatte eine andere Kellnerin ihm nach wie vor den Rücken gekehrt, obwohl sich die beiden Trainer, mit denen sie eben noch gesprochen hatte, in Richtung des Lärms erkundigten. Es war jene, von denen auch er, Ryan, Sandra und Audrey ihr erstes Sektglas des Abends erhalten hatten. Die Drachenmeisterin erspähte sie nun ebenfalls und machte einen Schritt nach vorn. Da spürte sie jedoch einen kräftigen Griff an ihrem Bein. Lange Fingernägel stachen in ihre Haut, als kralle sich da ein Fukano in ihre Wade. Die zu Boden gegangene Kellnerin hatte ihre Augen noch einen Moment lang unter ihrem Pony verdeckt. Als sie den Kopf in den Nacken legte, offenbarte sich darunter jedoch das diabolische Grinsen einer Furie. Es stand im Vergleich allerdings noch weit hinter den durchstechenden Augen ihrer „Kollegin“ vorne an der Tür. Sie trafen auf die von Andrew. Von jenem Moment an war das Versteckspiel vorbei.

    Die Blondine zu Sandras Füßen langte unter ihre Bluse, förderte eine Art schmalen Metallbolzen zutage, welcher sich mit einer ruckartigen Bewegung aus dem Handgelenk verlängerte. Ein Totschläger, so erkannte sie alarmiert.

    Es gab durchaus eine Stimme in Sandras Verstand, die laut und bedacht warnte, dass sie das nicht tun konnte, doch diese ward von unzähligen Schutzinstinkten und Alarmsirenen völlig übertönt. Sofort hob Sandra ein Bein, fing das Handgelenk mit dem Absatz ihres Schuhs auf und drückte es zu Boden. Blitzschnell wurde das Standbein gewechselt und der zweite Absatz traf ihr Kinn. Die junge Frau wurde sofort ohnmächtig durch den Schmerz. Ein erster, verschreckter Aufschrei ging durch den Saal.

    In Ryan spannte sich alles an. Bella registrierte das sofort. Sie wollte sich bereits von ihm losreißen und einen Dolch hervorholen, doch aus ihrer niedrigen Position vernahm sie etwas Verräterisches über ihr. Sie blickte an Ryan vorbei und erspähte eher zufällig einen Spalt in der Deckenverkleidung, teilweise noch verdeckt durch den Kronleuchter. Darüber war alles finster, doch eine winzige Regung hatte sie eben so erkannt. Sofort stieß sie sich nach hinten ab, stützte den Körper mit einer Hand auf dem Boden und vollführte ein Rad. Noch in dieser Bewegung ertönte über ihr ein kratzendes Knacken und plötzlich sauste die edle Beleuchtung aus Glas gen Boden. Mit ohrenbetäubendem Klirren und Scheppern schlug sie genau dort ein, wo Bella eben noch gestanden hatte, verfehlte Ryan, der einen Schritt zurückgetaumelt war, bloß um eine Armlänge. Im Falle der Agentin war es viel knapper gewesen.

    Damit brach nun endgültig Panik los. Mehr Schreie hallten durch den Saal. Menschen fielen unbeholfen zu Boden und versuchten Distanz zur Raummitte zu gewinnen, wo eben beinahe zwei Trainer erschlagen worden waren. Doch damit nicht genug.

    Aus dem Loch, das in die Decke gerissen worden war, sprang eine junge Frau hinunter. Ein Schleier aus Nachtblau fiel herab. Das war die Farbe ihres langen, wilden Haares, sowie des Schals, mit dem sie ihr Gesicht verhüllte. Sie landete mitten zwischen den abertausenden Scherben, langte an ihren Rücken und hielt urplötzlich zwei Dolche in ihren Händen. In einer fließenden Bewegung ging sie von der Landung zum Angriff über und hechtete auf Bella zu. Der wahnsinnige Lärm um sie herum, das Schreien das Trampeln und Rennen, ignorierte sie vollkommen. Sie hatte zielstrebig nur die Turniersiegerin im Fokus. Und die Intention, ihre Dolche in ihrem Körper zu versenken.

    Der Versuch, Bella zu überrumpeln, schlug jedoch fehl. Eine ihrer Klingen sauste ins Leere, das Handgelenk nun fest im Griff der Agentin. In der anderen Hand hielt sie ihre eigene Waffe. Stahl traf auf Stahl. Die scharfen Klingen kratzten und drückten. Doch wurde kein langer Wettstreit ausgetragen, wer kräftiger war. Stattdessen sprang Sheila vom Boden ab und rollte sich in der Luft. Die Drehung bewirkte, dass Bella ihr Handgelenk loslassen musste, sonst würde sie ihr eigenes verdrehen. Daher hechtete rückwärts und entging nur knapp einem Schlitzer auf Höhe ihres Halses. Sheila hatte ihr glatt ein paar Haarspitzen abgetrennt.

    Dieses versuchte Attentat hatte kaum noch Beobachter gehabt. Fast alle, Trainer, Journalisten, Veranstalter und Ehrengäste, eilten sie zur großen Tür. Einer der wenigen Ausnahmen war Herr Nowak, der unweit der Bar wie paralysiert dort stand. Völlig überwältigt von diesem Chaos, vermochte er sich nicht von der Stelle zu rühren. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, sein Mund stand offen und der Unterkiefer zitterte. Ein starker Griff zweier Hände an seinen Schultern ließ ihn heftig blinzeln. Auf einmal sah das Gesicht der Arenaleiterin von Ebenholz City vor sich. Sandras Augen funkelten scharf, geistesgegenwärtig.

    „Schaffen sie die Leute hier raus!“, wies sie energisch an und schubste ihn mit Nachsicht, aber doch bestimmend fort. Nur ein einziges Mal drehte er sich zu ihr um, doch da sah er schon nur noch ihren Rücken. Im wahrsten Sinne, da sie die störende Stola gerade heruntergerissen hatte, wodurch das tiefe Kleid selbigen nun fast gänzlich preisgab. Sandra bückte sich dann, fasste den Saum bei den seitlichen Einschnitten und riss schnörkellos den Stoff auseinander. Nun wieder aufgerichtet, hatten ihre Beine somit sehr viel mehr Bewegungsfreiheit. Außerdem erleichterte es den Zugang an einen schmalen Gürtel, der an ihrem Oberschenkel befestigt war und einige verkleinerte Pokébälle hielt.

    Es war jedoch ein anderer, der als erstes geöffnet wurde. Direkt vor Sheila materialisierte sich eine große Zikade mit messerscharfen Vorderläufen, die ihren nächsten Angriff unterband. Mit einem lauten Surren zog sie einen Kreis um die Assassine und schlug blitzschnell zu. Es war unglaublich, dass sie mit dieser Geschwindigkeit mithalten und dem Schlitzer ausweichen konnte.

    Ryan sah zu, dass er diesem Gefecht nicht zu nahe kam und eilte an die Seite von Andrew, der ebenfalls gerade einen Pokéball herausfischte, doch noch bevor er geöffnet wurde, sprang ihnen die angebliche Kellnerin ins Auge. Das Chaos und die flüchtenden Gäste nüchtern, geradezu unbekümmert hinter sich lassend, stolzierte sie seelenruhig auf die Tanzfläche und ließ das Tablett achtlos aus ihren Händen gleiten. Obwohl es keine Gläser mehr getragen hatte, gewann sie durch das Scheppern die allgemeine Aufmerksamkeit. Selbst Sheila erlaubte sich einen Seitenblick in ihre Richtung, beschwor sich allerdings, Ninjask nicht eine Sekunde unbeachtet zu lassen. Diese Zeitspanne würde bereits ausreichen, damit das insektenartige Pokémon sie aufschlitzte.

    „Wirklich schade“, seufzte sie mit äußerst wenig Ernüchterung in ihrem Ton. Sie lächelte sogar diebisch.

    „Der Abend begann gerade unterhaltsam zu werden.“

    Die Stimme der Frau war eine tiefe, wohnte etwas Autoritäres, allen voran aber etwas Boshaftes inne, dass keiner von ihnen auf die Schnelle genau betiteln konnte.

    „Findest du nicht auch?“

    Ihre Augen besaßen ein zartes Violet und taxierten Ryan mit erwartungsvollen Blicken. Der musterte die Frau ebenfalls sehr genau. Schlank, groß, nachtschwarzes Haar mit Stufenschnitt, die eine Seite nach hinten gekämmt, während die andere ins Gesicht lugte und eines ihrer Augen fast verdeckte. Ein unheilvolles Lächeln breitete sich auf den blutroten Lippen aus. War sie das? War sie der Schwarze Lotus?

    „Nun denn, was soll´s? Es ist klüger, einen Stein aus dem Weg zu treten, bevor man über ihn stolpert.“

    Hinter ihr hasteten die letzten Menschen hinaus auf die Flure. Ryan erkannte Herrn Nowak und daneben Audrey, die eindringlich auf ihn einzureden schien. Was immer jedoch ihr Anliegen war, er ließ es nicht durchgehen und wies sie offenbar an, stattdessen mit den Gästen vorauszugehen. Auch sein Blick war eindringlich, fast flehend. Als bitte er gerade um ihre Hilfe. Und als der Trainerin dies klar wurde, willigte sie schließlich ein. Ryan war tatsächlich erleichtert, sie fort vom Kampfgeschehen zu wissen. All das hier hatte nichts mit ihr zu tun. Sie hatte keinen Grund, sich dieser Gefahr auszusetzen. Nowak packte schließlich einen der Kellner, einen jungen Mann mit dunkelblondem Pferdeschwanz, der sich von dem dramatischen Schauspiel im Innenraum nicht abwenden wollte und nebenbei zu den allerletzten Personen im Saal gehörte, an der Schulter und drängte ihn zur Flucht.

    „Raus mit dir, Junge! Hier drinnen ist es…“

    „Halt den Rand und verzieh dich, alter Mann“, knurrte dieser bissig und funkelte Nowak aus dem Augenwinkel an. Der Blick vermittelte unmissverständlich, dass er ihm, ohne mit der Wimper zu zucken eine knallen würde, wenn er sich nicht schleunigst vom Acker machte. Zwei weitere seiner Kollegen traten aus der panischen Masse heraus und wagten ebenfalls einige Schritte in den Raum hinein. Auch der Mann von der Bar trat hinter selbiger hervor und bewegte sich Richtung Raummitte. Sandra wahrte einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihm und ließ sich daher hinüber zu Ryan und Andrew drängen. Herr Nowak starrte ihnen mit offenem Mund nach. Es dämmerte ihm wohl allmählich.

    Auch die beiden Jungen schürzten angespannt die Lippen. Das halbe Personal schien aus getarnten Rocket Agenten zu bestehen. Und alle langten nach einem Pokéball, nachdem sie sich hinter der offensichtlichen Anführerin positioniert hatten. Ryan öffnete mit einer Hand ruhig, aber bereits hochkonzentriert, sowie mit einer trotzigen Körperhaltung, seine Weste und griff in die Innentasche. Sodann hielt er ebenfalls eine rot-weiße Kapsel in der Hand. Andrew erleichterte sich ebenfalls in seiner Beweglichkeit und schob die ledernen Träger von seinen Schultern, sodass sie lose herunterhingen.

    „Bist du die, von der ich glaube, dass du´s bist?“

    „Das kommt darauf an.“

    Die Frau spreizte ihre Beine ein klein wenig und streckte die Hüfte raus. Ihre Arme verschränkten sich und eine Hand begann mit ihrer Aufzählung mitzuzählen.

    „Estella Riveria, Commander von Team Rocket, Oberbefehlshaberin von Team Rockets Hoenn-Zweig….“

    Die zählende Hand ging in eine fortwischende Bewegung über und der Kopf wurde weit in den Nacken gelegt. Sie erwiderte die feinseligen Blicke der jungen Trainer mit einem süffisanten Funkeln aus verengten Augen.

    „...der Schwarze Lotus.“

    Sodann wurden die Arme gänzlich entwirrt und weit ausgebreitet. Dazu gesellte sich ein widerliches und geringschätziges Lächeln an die Adresse der Johtonesen.

    „Sollte eines davon deine Vermutung gewesen sein, so lautet die Antwort: Ja.“


    Die Luft im Saal war zum Scheiden dick. Die Blicke aller Johtonesen hatten sich dermaßen verfinstert, als stünden sie alle ihrem größten Erzrivalen gegenüber.

    Nein…, das genügte nicht. Diese Frau war weit schlimmer als bloß ein verhasster Rivale. Sie war eine Feindin. Die Feindin. Die Strippenzieherin hinter allem, was seit Ryans und Andrews Ankunft in Hoenn geschehen war. Die Frau, die all die Spione, Agenten und Attentäter auf sie angesetzt hatte und einen Krieg mit dem Urvater aller Drachen zu beginnen drohte. Das war sie also.

    So viel war ihnen bereits im Voraus über den mysteriösen Schwarzen Lotus erzählt worden. So viel hatten sie über die Person mit diesem ehrfurchtsvollen Titel gesprochen und spekuliert und doch letztlich so wenig über sie gewusst. Viele Momente hatte es gegeben, in denen sie diese Begegnung herbeigesehnt hatten. Und nun, da sie endlich stattfand, schoss der Puls regelrecht in die Höhe. Vor Anspannung, aber auch Tatendrang. Dennoch traute sich niemand hier, etwas zu überstürzen. Tatsächlich sahen sich beide Parteien quälend lange einfach nur stumm an.

    „Also, wie geht´s jetzt weiter?“, fragte Andrew irgendwann säuerlich in die Runde. Seiner Stimme war jedoch klar zu entnehmen, dass er den Kampf nicht fürchtete. Nebst des Schwarzen Lotus hatten sie es mit fünf weiteren Gegnern zu tun, wenn man Sheila und Bella, sowie die bereits ohnmächtige Kellnerin außen vorließ. Sie selbst waren zu dritt. Ihre Chancen hatten schon mal sehr viel schlechter gestanden.

    „Erst quatschen oder gleich kämpfen?“

    Mit einem hochgezogenen Mundwinkel schüttelte die Frau nur sachte, sodass man es beinahe übersah, den Kopf.

    „Ich habe euch nichts weiter zu sagen. Noch nicht.“

    Diese nachgereichte Konkretisierung machte sie alle stutzig, aber sie änderte nichts an der wesentlichen Antwort. Ein fader Wink aus dem Handgelenk heraus war Zeichen genug für ihre Gefolgschaft, die Pokébälle zu öffnen, was wiederum alle drei Johtonesen dazu bewegte, dasselbe zu tun. Diverse Lichtblitze leuchteten zwischen den Fronten auf und entließen die verschiedensten Gestalten. Ironischerweise war es Andrew und nicht Sandra, der hier Dragonir zu sich rief. Die Drachenmeisterin holte Shardrago an ihre Seite, wollte ihr größtes Ass noch im Ärmel behalten. Vor Ryan baute sich Sumpex imposant auf und stemmte die Fäuste auf den Boden.

    Die Männer und Frauen niederen Ranges im Team Rocket besaßen erfahrungsgemäß keine eigens trainierten Pokémon, sondern willkürlich gekaufte oder erbeutete. Solche stellten für Trainer ihres Schlages keine Herausforderung dar. Aber keiner traute dem Schwarzen Lotus zu, sich mit solchen abzugeben. Und was sie hier vor sich sahen, bestätigte die Vermutung.

    Firnontor, Magenzone und Hariyama hießen die Gattungen. Die übrigen Agenten warteten ab. Sicher war das vorab besprochen worden. Der Platz hier reichte jetzt schon nicht, um vernünftig zu kämpfen. Und dann war da noch Sheila halb zwischen den Parteien im Standoff mit Bella und ihrem Ninjask. Zu behaupten, die Situation wäre knifflig, wäre die Untertreibung des Jahres. Ryan dachte an das Duell im Wald von Wurzelheim zurück, als der Boss des dortigen Verstecks ihn und Andrew beinahe im Alleingang niedergemacht hätte. Sicher waren diese hier mindestens eine Liga drüber. Eine Berührung an der Schulter riss den Blonden aus seinen Gedanken. Andrews Hand war ruhig, kein bisschen angespannt. Dafür ging sein Blick hochkonzentriert geradeaus und ließ nicht eine Sekunde von ihren Gegnern, ihren Feinden ab.

    „Ich schnapp mir Firnontor. Du machst die Blechbüchse fix“, wies er an. Seine Augen waren verengt, doch erkannte Ryan darin ein Feuer lodern. Endlich war die Zeit des Planens, Bangens und Quatschens vorbei. Endlich hatten Worte ausgedient und man ließ die Fäuste sprechen. Endlich war er am Zug. Hierauf verstand er sich. Hier konnte er etwas bewegen.

    Ryan grinste. Völlig unbewusst und eigentlich war ihm angesichts der Umstände auch nicht danach zumute. Aber Andrews Entschlossenheit hatte was Ansteckendes. Was kümmerte es schon, wie stark ihre Gegner waren? Sie selbst waren ja ebenfalls stärker geworden, seit ihrer Ankunft in Hoenn. Viel stärker!

    „Du nimmst freiwillig das Handicap?“, versicherte er sich trotz neu entflammten Tatendrangs. Ausgerechnet mit Dragonir suchte er sich einen Eis-Typen aus?

    „Ist dir Magnezone zu schwer, oder was?“

    Lediglich ein Kopfschütteln. Ein fassungsloses und mit einem spöttischen „Pff“ untermalt. Na, ihm sollte es recht sein. Da trat auf einmal eine junge Frau vor sie beide, als wollte sie sich vordrängeln. Ihr Rücken war frei, nur bedingt durch den himmelblauen Zopf verdeckt, und aus dem eigens zerstörten Kleid reckte ein Bein weit heraus. Sie beachtete die beiden Trainer gar nicht und baute sich stramm vor den Rockets auf. Ein Shardrago flankierte ihre Person und wirkte mindestens doppelt so kampfeslustig, wie Ryan und Andrew zusammen.

    „Nehmt es mir nicht übel,…“, raunte Sandra mit einer noch gezügelten Wildheit, die der ihres Drachen Partners in nichts nachstand. Man hörte es regelrecht in ihr brodeln.

    „…aber ich will die Gelegenheit ergreifen, unseren verletzten Stolz zu pflegen.“

    Das Raunen und Grollen Shardragos befürwortete diese Intention, unterband gleichzeitig jeglichen Protest im Voraus. Der Schwarze Lotus hob eine Augenbraue. Das überlegene Lächeln war ihr keineswegs abhandengekommen. Ihre drei-Personen-Vorhut jedoch fühlte sich unterschätzt und herabgewürdigt. Na sollte sie doch. Sie würde gleich am eigenen Leib erfahren, mit wem sie sich hier anlegte.


    Audrey hastete mit adrenalingeladenem Schwindelgefühl durch die Gänge, so schnell sie diese verdammten Schuhe trugen. Bräuchte sie nicht so lange, die Dinger von ihren Füßen zu schälen, würde sie sie einfach abwerfen und barfuß gehen. Ihr konnte gerade gar kein Tempo schnell genug sein. Eigentlich wollte sie ja nicht einmal weg. Nicht einfach so, ohne Ryan und Andrew, die sie noch immer im Tanzsaal vermutete. Zumindest hatte sie die Jungs dort noch gesehen. Sandra ebenso, wenn sie nicht alles täuschte. Alle paar Meter drehte sie beim Laufen den Kopf und hoffte, alle drei hinter sich zu sehen. Jedes Mal wurde sie enttäuscht. Selbst die Flucht zu ergreifen, während ihre Freunde sich den Attentätern – was auch immer das für Vögel waren – stellten, fraß sie innerlich regelrecht auf. Jede Faser ihres Körpers wollte umdrehen. Doch Herr Nowaks Bitte, sein Flehen, war leider deutlich weitsichtiger gewesen als ihre Impulse. Ryan, Andrew und Sandra vermochten sich selbst zu verteidigen. Die meisten der Leute hier allerdings nicht. Und so führte Audrey sie in der Rolle der Nachhut nach draußen und stellte sicher, dass es jeder unbeschadet aus dem Gebäude schaffte. Ein, zwei Personen musste sie gar vom Boden auflesen, da diese im Gedränge stürzten und von den anderen Flüchtenden fast niedergetrampelt wurden. Eine junge Frau, und außerdem eine der Teilnehmerinnen, wie sie sich zu erinnern glaubte, blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen, sodass Audrey sie hinauf hievte, einen Arm um ihre Schulter zog und sie auf dem Weg nach draußen stützte. Der Weg kam ihr so schon lang genug vor. Weit länger als vorhin, als sie ihn in die andere Richtung zurückgelegt hatte.

    Ihre Wahrnehmung mochte sie eventuell täuschen und die Strecke schon nach wenigen Minuten bewältigt sein, doch sie fühlte sich, als sei sie die halbe Nacht auf diesem scheiß Flur gewesen. Endlich draußen angekommen, wurde sie mit der Verletzten sofort von zwei ihrer Freunde erspäht, die sie ihr abnahmen und forttrugen. Einer hatte bereits sein Handy am Ohr. Genaugenommen hatten das locker ein Dutzend Personen und Audrey meinte sogar, in der Ferne bereits Polizeisirenen zu hören. Sie würde jedoch den Teufel tun, auf sie zu warten. Zurück in die Flure rannte sie aber auch nicht, sondern wählte den schnelleren Weg um das Gebäude herum. Sie musste nur schätzungsweise ein Viertel des Stadions umkreisen, bis sie den Anbau erreichte, aus dem sie eben noch geflohen war. Sie drängte sich eng an die Wand und huschte bis an die Glasfront vor. Gerade als sie ins Innere spähte, kam ihr noch die Idee, dass sie besser doch auf die Polizei gewartet hätte, um sie Situation zu erklären und den Beamten den Weg zu weisen.

    Den würden sie allerdings schon selbst finden. Audrey riss vor Schreck die Augen auf und wandte sich sofort ab, schützte das Gesicht mit ihren Armen. Es krachte und klirrte, tausende Scherben flogen durch den nächtlichen Laternenschein. Eine davon wurde von einem großen, runden Objekt getroffen, das laut und schmerzverzerrt den Namen „Firnontor“ stöhnte. Der Schlag war so gewaltig, dass die Laterne knickte und ächzte, beinahe ganz entzweibrach. Ihr Licht erlosch. Das Eispokémon zappelte wirr und desorientiert am Boden. Hatte wohl einen schweren Schlag abbekommen.

    Audrey scherte sich nicht eine Sekunde, ob nicht doch ein paar Scherben in ihre Haut geschnitten hatten oder ob gar noch ein weiteres Pokémon geflogen kommen könnte. Sie musste auf der Stelle wissen, was dort drinnen abging. Sie musste!

    Die Trainerin trat geradewegs in den Scherbenhaufen und erstarrte sofort. Sandras Shardrago befand sich im Nahkampf mit einem Hariyama und schlug ihm gerade mit der geballten Klaue auf den Kieferknochen. Dann griff es sich den Arm, mit dem das wuchtige Kampfpokémon eben selbst noch zugeschlagen hatte und riss es herum. Gerade rechtzeitig, um es in die Schussbahn eines grellen Stromstoßes zu werfen und sich somit selbst vor dem Angriff zu schützen. In Hariyamas Körper wurden für einige Sekunden sämtliche Muskeln taub. Der Geruch von verschmortem Fleisch drang an die Nase. Das Magnezone, von dem der Donnerblitz ausgegangen war, hatte nicht einmal Zeit, den Fehlschuss zu bereuen. Aus der Deckung seines Gegners heraus katapultierte sich Shardrago mithilfe seiner Flügel nach vorn. Seine Faust traf eines der äußeren Augen von oben, sodass Magnezone in der Luft schlingerte und sich kaum sicher in der Schwebe halten konnte. Sodann hallte Sandras energische Stimme durch den Saal.

    „Feuerzahn!“

    Das monströse Gebiss des kobaltblauen Drachen sprühte Funken. Die gewaltigen Kiefer schlossen, nein bohrten sich tatsächlich in das kalte Metall und Flammen quollen aus den Spalten zwischen seinen Zähnen. Ein metallisches Echo aus Jammern und Wehklagen war die Quittung. Es hielt jedoch nicht lange an. Wissend, dass Magenzone nicht sein einziger Gegner war, schleuderte Shardrago es mit einem einzigen Schwung aus dem Nacken heraus herum und einmal quer durch den halben Saal. Es landete direkt in der Bar. Der Tresen wurde in zwei Hälften zerteilt und der eiserne Körper durchschlug das Wandregal. Erneut erschallte ohrenbetäubendes Scheppern, als bestimmt einhundert Gläser und Flaschen zerschellten. Magnezone hatte selbst in die Wand dahinter noch ein Loch geschlagen und war tatsächlich darin stecken geblieben.

    Nicht einmal eine Sekunde hatte Shardrago Zeit, diesen Sieg zu feiern. Hariyama stieß seine gewaltigen Hände in seinen Rücken und versetzte ihm einen Schlag, der sämtliche Luft aus seinen Lungen presste und den Drachen trocken röcheln ließ. Er spuckte Speichel und die Pupillen in den weit aufgerissenen Augen wurden winzig klein. Für eine Sekunde zumindest. Sofort verengten sie sich rachsüchtig und blickten über die Schulter zu dem Verursacher. Mit einem Hieb des muskulösen Schweifs direkt in die Seite revanchierte er sich für den feigen Angriff von hinten.

    Sandra und Shardrago hielten der nummerischen Überlegenheit des Gegners stand. Zumindest für den Moment. Aber lange würde selbst er nicht gegen mehrere Widersacher auf einmal ankommen können. Zumal gerade die anderen zwei Rockets im Hintergrund ihre Pokébälle vergrößerten. Andrew erkannte das rechtzeitig.

    „Dragonir, halt sie auf! Eisenschweif!“

    Die Drachenschlange preschte vorwärts und machte peitschende Bewegungen mit ihrer Schweifspitze. Wie einen Morgenstern schwang sie ihn auf den Boden direkt vor dem Duo und zerschmetterte die Holzdielen des Tanzparketts. Alle taten sie einen alarmierten Schritt zurück. Es geschah sowohl zu ihrer als auch Dragonirs Überraschung, dass in ihrer Flanke doch noch ein weißer Lichtblitz aufflackerte. Dort, wo ihre Anführerin gestanden hatte. Sofort drehte Dragonir den Körper und fegte mit den durch Eisen verstärkten Kugeln an ihrem Schweif durch den Saal. Ein geistesgegenwärtiger Reflex war dies, ohne den Gegner überhaupt zu sehen. Und das Licht war noch nicht einmal gänzlich erloschen, als Eisenschweif ihn traf.

    Es erklang ein Geräusch, als zerschelle eine Abrissbirne an einer Stahlwand. Und trotz des Schwunges und der Kraft, mit der Dragonir hier um sich schlug, wurde ihr Schweif aufgefangen. Vom eisernen Griff einer bulligen Gliedmaße, die nicht einen Zentimeter zurückwich. Zwischen drei scharfen Krallen von dreieckiger Form steckten die Kristallkugeln am Schweifende Fest, wie in einem Schraubstock. Diese Kraft war allerdings nichts im Vergleich zu jener, mit der das Drachenpokémon sodann durch den Raum geschleudert wurde. Und zwar direkt gegen eine der Säulen, welche die Tanzfläche säumten. Ihr Körper bog sich arg bei dem Aufprall und das Gemäuer ächzte vor Erschütterung. Gar sprangen sofort einige Risse auf.

    Andrew verschlug es bei dem Anblick für eine Sekunde die Sprache. Seine Partnerin war einfach beiseite gefegt worden, wie ein lästiges Wadribie. Sein Dragonir! Eine weniger gelenkige Spezies hätte sich hier wohl obendrein die Wirbelsäule gebrochen, doch auch die Drachenschlange stöhnte trocken, und spuckte Blut.

    Andrew knirschte mit den Zähnen und besah sich des Kolosses, der für Dragonirs Schmerz verantwortlich war. Auch Ryan stoppte unweit von dessen Position und folgte seinem Blick.

    Von solchen Gliedmaßen, mit welcher der Eisenschweif ohne Weiteres aufgehalten worden war, besaß das Pokémon vier Stück. Allesamt wurden durch dünne Gelenke mit einem ansatzweise zylinderförmigen Körper verbunden, der aber viele unebene Kanten aufwies und die Größe von Firnontor noch in den Schatten stellte. Dieser war fast vollständig in Stahlblau getüncht, doch prangte auf der Frontseite ein großes Metallkreuz in stählernem Grau. Und darunter stachen zwei blutrote Augen aus schwarzen Vertiefungen hervor, die Dragonir gleich wieder fixierten, während das Wesen bedrohlich seinen Namen raunte.

    Metagross hieß die Gattung. Scheiße noch eins.

    Andrew schnaubte widerspenstig und befreite sein Gesicht mit einer ruckartigen Nackenbewegung von einer Haarsträhne. Er hatte keineswegs vor, sich ein weiteres Mal von einem Mitglied Team Rockets vorführen zu lassen. Aber mit Willenskraft würden er und Dragonir die Unterzahl nicht ausgleichen können. Er schärfte seinen Verstand und wies Windhose an. Dabei ignorierte er Ryans Warnung, sich zu weit aufzuteilen und rannte einmal um die Tanzfläche herum zu den Stehtischen, wo er bessere Sicht auf das Geschehen hatte. Fluchend folgte Ryan ihm.

    Dragonir schüttelte sich und schwang sich trotz pochender Schmerzen im Rücken wieder in die Luft. Mit einem peitschenden Schwung des Schweifes formte sie einen Luftwirbel, den sie in Richtung ihres eben erschienenen Gegners sandte. Dieser hob lediglich einen Arm, um die Augen zu schützen, stand ansonsten fest und unnachgiebig, wie der berüchtigte Fels in einer Brandung. Auch der Schwarze Lotus rührte sich nicht, befand sich die Frau doch genau hinter Metagross und somit in seiner schützenden Bahn. Lediglich an Kleidung und Haaren zerrte der Wind, doch da war nicht besonders viel, nach dem er greifen konnte. Die beiden Rockets, die eben schon von Dragonir angegangen worden waren, wurden dagegen von der Windhose eingesogen und quer durch den Saal geschleudert. Einer wurde sogar bis hoch an die Decke gewirbelt und fiel anschließend zu Boden, wobei sicherlich ein oder zwei Knochen mindestens angeknackst wurden.

    Metagross senkte den Arm wieder und raunte seinen Namen erneut. Er besaß ein tiefes, metallisches Echo und ließ etwas in der eigenen Brust vibrieren. Dieses Pokémon gehörte den Typen Stahl und Psycho an und war eine der zähsten Gattungen überhaupt. Von der Robustheit und der Zerstörungskraft einmal abgesehen, besaß es ganze vier Gehirne, die durch ein neurales Netzwerk miteinander verbunden waren. Diese Geschöpfe waren quasi wandelnde und manchmal schwebende Supercomputer.

    Ob es dieser Tatsache geschuldet war, dass Metagross Ryans Angriff vorhersah, wagte dieser nicht zu schätzen. Andererseits war Sumpex auch nicht auf Attacken aus dem Hinterhalt ausgelegt. Das merkte man schon, wenn ein über eineinhalb Meter hohes Amphibium mit dem Kampfgewicht eines Kleinwagens zum Sprung ansetzte. Metagross agierte ganz von selbst, ohne Anweisung der Frau hinter ihm. Deren überlegendes Grinsen war durchaus beunruhigend. Die Bewegungen ihres Ungetüms auf vier Beinen wirkten geradezu mechanisch. Metagross drehte sich zu seiner Rechten und hob diesmal beide der vorderen Gliedmaßen. Die blitzten in einem metallischen Glanz auf und prügelten mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, die man diesem bulligen Pokémon niemals zugetraut hätte, auf Sumpex ein. Binnen eines einzigen Wimperschlages hatte er bestimmt ein Dutzend Schläge einstecken müssen. Mehrere Organe wurden in seinem Körper gequetscht und malträtiert und durch einen Treffer auf das Kinn außerdem gleichzeitig beinahe der Unterkiefer ausgerenkt. Von so einem lächerlichen Patronenhieb ließ sich das Wasserpokémon jedoch ganz bestimmt nicht ins Boxhorn jagen. Ungeachtet dieser überwältigenden Kraft. Er hatte heute bereits einmal verloren. Ein zweites Mal würde er das nicht hinnehmen!

    Mit einem tiefen Grunzen hob Sumpex einen Unterarm und drückte den nächsten Schlag mit seinem Ellenbogen nach unten, wo er ein weiteres Loch in die Dielen riss, bis das Fundament aus Beton hervorkam. In derselben Bewegung wurde der Arm angewinkelt und holte zum Schlag aus. Feine Eiskristalle bildeten sich auf der ledrigen Haut und als die geballte Faust direkt auf das Metallkreuz traf, sprossen sofort spitze Zapfen und scharfkantige Klumpen in Metagross‘ Gesicht. Ein Frosthauch schlug allen Umstehenden entgegen. Der stählerne Körper drehte sich ein winziges Stück zur Seite. Gab der Kraft es Eishiebs nur äußerst bedingt nach. Oder eher gar nicht.

    „Hammerarm“, wies der Schwarze Lotus plötzlich, aber nach wie vor mit erschreckender Ruhe an. Die frei gewordene Hand schloss sich um Sumpex‘ Hals. Einer der Hinterläufe wurde ausgestreckt und wie durch eine maschinelle Drehbewegung gleich einer Keule auf seine Schläfe geschmettert. Das Amphibium wirkte auf einmal wie ein Leichtgewicht, als es bis an die Wand geschleudert wurde, ohne auch nur einmal den Boden zu berühren. Diese hielt den azurblauen Körper aber keineswegs auf. Sondern wurde geradewegs durchbrochen. Das Krachen und Poltern ging durch Mark und Bein. Der gesamte Anbau wurde regelrecht erschüttert. Ryan fluchte in sich hinein und eilte an das riesige Loch, das Sumpex im Mauerwerk hinterlassen hatte.

    Loch? Quatsch, der Wand fehlte ganz plötzlich ein Stück. Und nicht nur der einen. Der Flur dahinter war auf der anderen Seite ebenfalls durchbrochen. Sumpex fand sich in einem dunklen Raum wieder. Ryan hatte Schwierigkeiten, überhaupt die Staubwolke zu durchblicken, ganz zu schweigen von der Dunkelheit in dem unerleuchteten Raum.

    Während sich für einige Momente kaum einer im Saal zu rühren wagte, öffnete der Schwarze Lotus die beengenden Manschettenknöpfe ihrer Arbeitsuniform und ließ sie einfach lose offen. Sie sprach an die Adresse von Bella, ohne die Augen nur eine Sekunde von Ryan zu nehmen. In ihnen lag eine sadistische Begierde und schauerliche Vorfreude.

    „Du hast das Kommando über die Truppen, Bella. Sieh zu, dass sich keiner der anderen einmischt.“

    Sie wartete nicht auf eine Antwort ihrer Agentin. Sie zahlte ihr genug, um sich ihrer bedingungslosen Dienste sicher sein zu können. Wobei sie – das hatte sie inzwischen über sie gelernt – vermutlich auf jegliche Bezahlung verzichtet hätte, wäre ihr nur der Zweikampf mit Milas blutrünstiger Partnerin versprochen worden.

    Tatsache war, dass Bella die Anordnung mit einem lässigen Wink zur Kenntnis nahm. Schon im nächsten Augenblick hatte sie jedoch einem Dolchstoß auszuweichen, der ihr glatt einen feinen Riss in ihr Kleid schnitt. Da Sheila für diesen Angriff sehr geneigt stand, wollte sie ihr Knie direkt auf das Jochbein schmettern, doch schaffte sie es irgendwie, sich rechtzeitig in Rücklage zu begeben, sodass der Gegenschlag nur Millimeter vor ihrem Gesicht stoppte. Darüber hinaus wechselte Sheila sofort in eine tiefe Drehung und versuchte ihrerseits mit einem Tritt das Kinn zu treffen. Bella entging dem nur durch einen Satz nach hinten. Ihr Herz klopfte wie wild vor Aufregung. Endlich kämpfte sie Auge in Auge mit Sheila! Lange hatte sie die Grenze zwischen Tod und Vergnügen nicht mehr so dünn gesehen. Dies würde ein wundervoller Abend werden.

    Der schwarze Lotus marschierte mit eleganten Schritten Ryan nach. Sie sah Andrew überhaupt nicht. Oder schenkte ihm treffender formuliert einfach keine Beachtung. Der schickte sich, sie von der Seite zu überwältigen, doch noch ehe Dragonir ihre Drachenwut speien konnte, hatte sich Metagross schon schützend vor ihr aufgebaut. Mit einem mythischen, blauen Leuchten in den Augen ergriff eine unsichtbare Macht den schlangenartigen Körper und schmetterte ihn hoch an die Decke. Die bekam Risse und Staub rieselte herab. Der Schlag am Hinterkopf bewirkte fast schon eine sofortige Ohnmacht. Störte außerdem Dragonirs Orientierung, sodass sie, nachdem die Psychokinese sie plötzlich ganz einfach freiließ, nicht einmal die Schwebe halten konnte und mit dem Kinn voraus zu Boden fiel.

    Andrew keuchte konsterniert. Was hatte er sich noch geschworen? Sich nie wieder von einem Mitglied von Team Rocket vorführen lassen? Und was war dann das hier gerade? Dieses Metagross war irre stark. Aber etwas Anderes hatte er wohl auch nicht erwarten dürfen.


    Selbst als sich der Staub zu legen begann und Ryan bis an die zweite zerstörte Wand vorgedrungen war, konnte er nur schemenhaft ausmachen, was sich dahinter befand. Es hatte aber den Anschein, als sei Sumpex in einem Lagerraum für unbenutzte Möbel gelandet. Schränke, Schreibtische, dazu passende Stühle. Die meisten davon nun ein Fall für den Schrotthof.

    Ryan nahm Schritte hinter sich wahr. Sowie eine Blockade des einfallenden Lichts aus dem Tanzsaal. Mit einer lässigen Körperhaltung und einer Hand in die Hüfte gestemmt, sah sie auf ihn herab. Ihr Metagross direkt hinter ihr.

    „Ich habe mich lange hierauf gefreut. Bella hält sehr große Stücke auf dich.“

    Ein widerlicher Blick war es. Und ein Lächeln, dass Ryan schleunigst ausgelöscht sehen wollte. Damit war er nicht allein. In dem dunklen Raum hinter ihm polterte es. Mürrisch wurden Trümmer beiseitegeschoben und ein massiger Körper erhob sich mit gesenktem Kopf. Bruchstücke der zerstörten Wand rollten von seinen Schultern, wurden aber weniger beachtet als ein seichter Regen. Seine schweren Schritte erklangen. Unter jedem zweiten zerbarst weiteres Holz und Geröll. Auf dem letzten Meter leuchtete dann zwei orangefarbene Augen grell und voller Entschlossenheit auf. Sumpex trat zurück auf den breiten Flur. Die schaufelgroßen Fäuste wurden auf den Boden gehämmert und er streckte sich für ein lautes Grollen an die Adresse der überheblichen Frau. Diese zeigte sich reichlich unbeeindruckt von Sumpex‘ Erhebung. Ryan schnaubte grimmig, versuchte gar nicht erst, seinen pochenden Herzschlag zu beruhigen. Das war sie. Die Frau, von der alles ausging. Die hinter allem Steckte, was geschehen war. Die Frau, von der er bislang nur gehört hatte oder über die geredet worden war. Beides in Unmengen. Endlich sah er sie. Stand ihr gegenüber. Wenn er sie hier und jetzt niederringen konnte…

    Im weitsichtigen Blick auf ihre Situation vermochte Ryan hier und jetzt nicht einmal zu sagen, was dann genau erreicht oder gewonnen sein sollte. Das Hauptproblem hätte in jedem Fall noch Bestand und wäre keineswegs aus der Welt. Aber um eine verdammt große Sorge – nein, Gefahr! Um die wäre er dann ärmer. Und wenn er sich bloß in Erinnerung rief, was bereits alles im Namen dieser Frau geschehen war, brodelte es bereits in ihm. Da brauchte er nicht einmal daran denken, was sie noch anstrebte. Langsam erhob sich der junge Trainer zu voller Größe und ballte die Fäuste. Er und Sumpex hatten exakt dasselbe Funkeln in den Augen. Doch schien es dem Schwarzen Lotus zu gefallen. Ryan schwor sich, dass sie diesen Moment bitter bereuen sollte.

    „Lass mich ihre Worte eigens überprüfen.“

    Dies schien das Stichwort für Metagross. Der schwere Metallkörper wurde plötzlich schwerelos und schob sich mühelos durch die gewaltige Öffnung an ihr vorbei. Sumpex hob die Hände. Die angespannten Muskeln ließen mehrere Adern in Armen und Handrücken hervorstehen. Den Schlag von eben würde er hundertfach vergelten. Er war so bereit dafür. So bereit wie noch nie. Und das würde er sein müssen. Er hatte einen Gegner zu erwarten, der weit über allen von Bella stand.

  • Hallo,


    es war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Schwarze Lotus auftritt. Dass das gleich in Begleitung mehrerer Rocket-Rüpel passiert, war dann eigentlich nur das Sahnehäubchen, um die Party zu sprengen. Ich finde es auch gut, dass du direkt von Anfang ihre Übermacht klarstellst und sie sowie Metagross das Feld dominieren. Dadurch wirken plötzlich die Kämpfe beim Summer Clash wie ein Kindergeburtstag. In vielerlei Hinsicht bin ich gespannt, wie sich Sumpex präsentiert. Das ist ja nun doch eine Nummer größer als bisherige Herausforderungen.

    Davon abgesehen hoffe ich natürlich, dass du einen schönen Urlaub hattest.


    Wir lesen uns!

  • Huhu, Rusalka


    Zitat

    ...eigentlich nur das Sahnehäubchen, um die Party zu sprengen.

    Schön, dass du gerade diese Worte wählst - genau diese hab ich bei der Planung in meinem Kopf auch verwendet. Ich wollte mal einen Paukenschlag raushauen. Etwas, von dem Ryan und die anderen (und im besten Fall auch die Leser) niemals dachten, dass Team Rocket und vor allem Sheila so etwas in aller Öffentlichkeit wagen würde und schließlich alles im Chaos versinkt.


    Zitat

    ...und sie sowie Metagross das Feld dominieren. Dadurch wirken plötzlich die Kämpfe beim Summer Clash wie ein Kindergeburtstag.

    Unter den menschlichen Gegnern ist sie die Krönung. Der Endboss. Und der muss natürlich erstmal klarstellen, wer hier die Fäden in der Hand hat. 😉

    Und nur so viel: der Summer Clash war ein Turnier. Ein Wettkampf. Und ein Wettkampf hat Regeln. Das was jetzt sowie demnächst kommt, nicht. Und das will ich sowohl die Figuren als auch die Leser spüren lassen.


    Lass dir mal einen besonderen Dank aussprechen, Rusalka. Es ist schön, wenn wenigstens eine Person regelmäßig Kommentare dalässt. ❤️

  • Kapitel 72: Brave the storm


    Andrew und Sandra hörten es aus dem Flur bloß krachen und scheppern. Und zwar in einer Intensität, als würden im Sekundentakt weitere Wände durchschlagen. Mangel an Vertrauen gegenüber Ryan hatten sie mitnichten. Dennoch juckte es ihnen bei diesem Kampflärm gehörig in den Fingern und Füßen, ihm beizustehen. Gäbe es da nicht noch weitere Gegner zu bekämpfen.

    Gerade als Andrew Dragonir zurück in ihren Pokéball gerufen hatte und die Verfolgung aufnehmen wollte, erschienen zwei weiße Lichtblitze vor ihm, aus denen sich ein aufrecht gehender Pfeilgiftfrosch sowie ein schwarzer Löwe materialisierten. Letzterer ließ sogleich bedrohlich Blitze durch sein dunkles Fell zucken, begleitet von einem tiefen Grollen. Die beiden getarnten Agenten, zu denen die Pokémon gehörten, bauten sich vor dem Durchgang auf und versperrten Andrew den Weg.

    „Hier spielt die Musik, Kleiner.“

    Die Frau, die ihn da verhöhnte, maß einige Zentimeter weniger als Andrew, sowie auch ihr eigener Kamerad daneben. War sie arrogant oder versuchte sie, ihn zu provozieren? Der Dritte aus ihrem Bunde schien sich von seinem Sturz vorerst nicht zu erholen und kroch an eine Wand, um ja nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.

    Wie schade. Wenn Sandra es schon mit drei Gegner aufnahm und Ryan gar gegen den Schwarzen Lotus kämpfte, hatte er mit bloß zwei Widersachern die geringste Aussicht auf Ruhm. Dies sprach zumindest seine sarkastische Ader. Diese befahl ihm daher, die Beiden rasch aus dem Weg zu räumen und sich dem Kampf gegen den Team Rocket Commander anzuschließen. Gegen dieses Metagross konnte man wohl kaum zu viel Feuerkraft aufbieten.

    Andrew schüttelte das Handgelenk und fischte nach zwei neuen Pokébällen.

    „Den Ton geb aber ich an!“, stellte er klar und schickte Psiana zusammen mit Magnayen auf´s – man konnte es von hier an nicht anders nennen – Schlachtfeld. Da seine kleine Prinzessin in erster Linie durch Gift gefallen und man im Pokémoncenter für solche Fälle natürlich stets gewappnet war, konnte er glücklicherweise bereits wieder auf sie zurückgreifen. Auf Kangama traf dies nicht zu. Die hatte eine tiefe Wunde am Arm auszukurieren.

    Ein paar Meter hinter Andrew wurde bereits oder eher immer noch erbittert gekämpft. Dieses Hariyama war deutlich zäher, als zunächst vermutet. Shardrago hatte sich bereits als Sieger geglaubt und sich ein neues Ziel suchen wollen, da sah er das stämmige Kampfpokémon aus dem Augenwinkel plötzlich erneut heranrauschen. Ein Handballen landete direkt aus dem Kieferknochen. Im Schädel des Drachen erschallte ein schriller Ton, der ihn für die Stimme seiner Trainerin beinahe taub machte. Er war somit nicht gänzlich sicher, ob der den Befehl „Drachenklaue“ richtig verstanden hatte. Gleichwohl duckte er sich unter dem Folgeschlag weg und ließ seiner scharfen Krallen bläulich aufleuchten. Eine davon schlug ins Standbein, riss es fort und schlitzte tiefe Furchen in das muskulöse Fleisch. Hariyama fiel, als würde ein Teppich unter seinen Füßen weggerissen. Noch in der Luft holte Shardrago mit der zweiten Klaue aus und schmetterte seinen Gegner in den Boden. Es war längst kein Holz mehr unter ihm übrig. Hariyama wurde in das bloße Fundament geprügelt. Und diesmal war der Schlag verheerend.

    Währenddessen hatte sich Firnontor ungesehen und unbemerkt berappelt und schwebte nun keuchend von draußen wieder in den Tanzsaal, der mittlerweile einem baufälligen Abriss glich. Das Eis-Wesen befand sich mental in einem Tunnel. Nichts Anderes außer Shardrago hatte es im Visier. Und nichts als Vergeltung im Sinn. Die starren Augen verfinsterten sich voll boshafter Rachegelüste. Vor seinem Mund erschien eine eisblaue Energiekugel. Jetzt sein Eisstrahl, genau ins Genick. Das würde dieser verdammte Drache spüren! An besten schoss er seiner Trainerin noch gleich mit in den Rücken und fror sie an Ort und Stelle ein.

    „Flammenwurf, schnell!“

    Sandra war die Erste, die den Kopf herumriss. Zuerst hatte sie mit einer weiteren Rocket Agentin gerechnet, die sich von hinten angeschlichen hatte. Doch die würde nicht das Pokémon eines Kameraden angreifen. Ein Feuerstrahl schoss das zurückgekehrte Firnontor aus der Luft und fegte es vorbei an ihr und ihrem Shardrago, direkt vor die Füße des Rocket Trios. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Zappeln und Toben allerdings schon geendet und an dessen Stelle war die Ohnmacht getreten. Der getarnte Agent, welcher sich Firnontors Trainer schimpfte, belegte das Mädchen und das verantwortliche Vulnona an ihrer Seite mit üblen Flüchen. Und auch Sandra fluchte in sich hinein, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen.

    Wieso? Wieso war Audrey hier?

    „Dreh dich um, da stehen die Gegner!“, meinte die allerdings nur bestimmend auf den entgeisterten Blick der Drachenmeisterin und eilte sich zu ihr, während die Feuerfüchsin neben Shardrago Stellung bezog. Sie beide sondierten die Lage mit scharfen, konzentrierten Blicken. Drei junge Erwachsene hatten sich vor ihr aufgebaut. Dahinter hielt Andrew gleich zwei weitere im Alleingang in Schach. Psiana wich einem grellen Stromschlag aus, während sich Magnayen auf ein Toxiquak stürzte und in einen Arm verbiss. Links an der zerstörten Bar befand sich außerdem die Turniersiegerin Bella Déreaux in feinem Dress im Nahkampf mit einem ihr fremden Mädchen. Sandra starrte sie die ganze Zeit unentwegt an. Fassungslos und auch frustriert über ihre Anwesenheit, obgleich sie für die Hilfe wohl dankbar sein sollte.

    „Audrey…“ begann sie noch zu stammeln, wurde aber rasch abgewürgt.

    „Die Erklärungen können warten. Zuerst wird gekämpft.“

    Sie hatte nicht vorgehabt, hier und jetzt die ganze Situation darzulegen. Im Gegenteil. Am liebsten hätte sie das Mädchen aus Rosalia hochkant wieder hinausgeschmissen und fortgescheucht. Selbst auf Kosten ihrer neu entstandenen Freundschaft. Alles wäre bessern, als sie dieser Gefahr hier auszusetzen. Dies war kein fairer Kampf, der irgendwelchen Regeln folgte. Wenn man auf diesem Felde verlor, verlor man mehr als nur ein irgendein Match. Und ein Pokémon möglicherweise weit mehr als sein Bewusstsein.

    Die letzten beiden Rockets reifen gerade ihr geschlagenen Pokémon zurück und griffen allesamt nach neuen Bällen. Sie waren zweifellos erzürnt ob dieser ersten Niederlage. Ein einzelnes Drachenpokémon hatte gleich drei auf ihrer Seite geschlagen. Und nun hatte die Tussi auch noch Verstärkung erhalten. Beeindruckt zeigten sie sich davon allerdings nicht. Die Pokébälle wurden mit sehr viel Kampfeslust und auch Rachedurst vergrößert.

    „Denkt nicht einmal dran.“

    Bellas Stimme war mahnend, zurechtweisend. Sie selbst außerdem noch immer voll auf Sheila fokussiert und sah gar nicht zu den ihr unterstellten Agenten hinüber. Lediglich ihr Ninjask gestattete ihr überhaupt die Freiheit, neue Befehle zu erteilen, da die Zikade die Attentäterin stetig in Schach hielt. Zu jeder Zeit musste sie mit einer Attacke rechnen, was ihre Möglichkeiten zum eigenen Angriff stark begrenzte.

    „Die Bullen werden hier bald aufschlagen. Geht nach draußen und riegelt den Anbau ab.“

    Keinem gefiel dieser Befehl. Nur einer jedoch machte Anstalten, ihm zu widersprechen.

    „Aber wir können…“

    „Keiner soll uns hier stören“, unterbrach Bella sofort ruhig und beherrscht, aber mit einem sehr bestimmenden, ja gar bedrohlichen Unterton. Das Trio zögerte noch eine Sekunde. Keiner war je Zeuge der Skrupellosigkeit dieser käuflichen Agentin geworden, aber durch das Team Rocket kursierten zahlreiche Gerüchte über ihre Person. Nicht zuletzt wegen ihrer engen Beziehung zum Schwarzen Lotus, deren engste Vertraute sie unlängst geworden war. Die Geduld dieser Frau wollte keiner auf die Probe stellen. So sehr es auch jeden von ihnen kränkte, es dieser Drachentrainerin nicht heimzahlen zu können. Doch man entschied einstimmig, sich mit dem Gedanken zufrieden zu geben, was Bellas Pokémon mit ihr anstellen würden und marschierte ohne weitere Wiederworte geschlossen in einem weiten Bogen um Sandra und Audrey herum. Letztere überlegte noch, ob sie das einfach zulassen wollte, ehe sie die gesenkte Stimme der Arenaleiterin vernahm.

    „Du hättest nicht zurückkommen sollen.“

    Die Trainerin aus Rosalia suchte nach ihrem Blick, doch der ward durch ihren Schopf verborgen. Die angespannten Kiefer waren jedoch deutlich zu erkennen. Sie klang beklemmt. Und auf eine gewisse Weise frustriert. Frustriert über den erfolglosen Versuch, sie von alldem hier fernzuhalten. All die Bemühungen während des Turniers waren dahin. Dies war nicht ihr Kampf. Sie hätte sich dieser Gefahr nicht aussetzen müssen. Und es beschämte Sandra zutiefst, dass sie jetzt mit ihr auf diesem Schlachtfeld stand.

    „Das hier ist größer als du ahnst. Und gefährlicher.“

    Ihre feinen Handschuhe wurden einer Zerreißprobe unterstellt. Sandra ballte die Faust so fest, dass sie beinahe verkrampfte und ein paar Nähte platzten. Ohne den schützenden Stoff hätten ihre Nägel sicher blutige Schnitte in der Handfläche hinterlassen. Audrey entging das keineswegs. Auch nicht die Verbitterung. Ihr wurde in diesem Augenblick klar, dass Sandra, sowie mit Sicherheit auch Ryan und Andrew, bereits den ganzen Tag versucht hatten, sie in dem Glauben eines gewöhnlichen Turniers zu belassen. Dass sie alle sich dieser ständigen Gefahr, die nun endgültig über sie hereingebrochen war, zu jeder Sekunde gewahr gewesen sind und dennoch den Schein der Normalität zu wahren versucht hatten. Sie konnte sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie schwer das gewesen sein musste. Noch, wie bitter das Versagen nun schmecken mochte.

    Fast als wolle Bella dem Ganzen noch die Krone aufsetzen, warf sie den Johtonesen zwei Pokébälle vor die Füße. Sofort veränderte sich die Atmosphäre im Saal. Ein Windhauch, so meinte man, fegte hindurch, zerrte an Vorhängen und Tischdecken, wo sie noch nicht heruntergerissen waren und trug ein unheilvolles Flüstern mit sich. Vielleicht war es nur Einbildung. Vielleicht aber auch einer der Streiche von Absol und Kryppuk. Die beiden Finsterwesen traten vor, als sei ihr K.O. im Finale nie gewesen. Der verfluchte Geist grinste breit und hinterlistig, während die schneeweiße Unlichtkatze erhaben eine Pfote vorsetzte und die Klauen spreizte. Dabei fixierte sie besonders Shardrago, welcher sich unter größter Beherrschung dazu zwang, seine ersehnte Rache nicht augenblicklich in die eigene Hand zu nehmen. Er schuldete diesem Absol schließlich noch Schmerzen. Bella blickte ihnen noch mit einem verspielten Wink über die Schulter.

    „Ihr zwei Süßen regelt das, ja?“

    Mit dem größten Vergnügen würden sie das. So verriet jedenfalls die Drohgebärde aus Schattenenergie, die Absol und Kryppuk gerade um ihre Leiber tanzen ließen. Woraufhin die käufliche Agentin die Situation als geregelt einstufte und sich ganz Sheila widmete, die von Ninjask in Schach gehalten und ebenfalls stetig weiter nach draußen gedrängt wurde, wo sie mehr Platz hätten.

    „Und nun zu uns, meine Schöne“, schnurrte sie heißblütig, aber auch bedrohlich, was vom Funkeln zweier Rubine erwidert wurde. Schön, würde das hier für sie nicht enden. Das schwor sich die Assassine.

    Audrey biss sich auf die Unterlippe. Dass Déreaux hier zu den Bösen zählte, hatte sie nicht kommen sehen und machte die Situation alles andere als leichter. Sie bildete sich aber auch nicht ein, jene gänzlich zu verstehen. Oder die Gefühlswelt der Beteiligten begreifen zu können. Was sie wusste, genügte ihr jedoch, um zur Tat zu schreiten. Wer immer diese Truppe auch, wer immer Bella auch war – wenn sie es geschafft hatten, dass Ryan, Andrew und Sandra gegen sie in den Kampf zogen, würde sie sich ohne zu zögern anschließen. Und zwar weil es das einzig Richtige sein musste.

    „Jetzt bin ich halt hier“, meinte sie bloß mit einem Seufzer. Eine Hand wanderte an ihren Rücken und öffnete die Schnürung ihrer eingenähten Korsage. Abstreifen ließ sich diese nicht, aber zumindest etwas Bewegungsfreiraum konnte sich Audrey somit verschaffen und dehnte auch sogleich den Rücken.

    „Und ich werde den Teufel tun, meinen eigenen Arsch zu retten, wenn meine Freunde hier kämpfen.“

    Nun hob sich der Blick der Drachenmeisterin doch und ihr Blick suchte nach den Augen Audreys. Diese waren... einfach inspirierend. Sie sah einen Gegner, der ohne Zweifel stärker war als sie selbst. Und dennoch suchte man völlig vergebens nach der bloßen Erwägung einer Flucht. Allein die Idee schien ihr gar nicht zu kommen. Sandras Mundwinkel zuckten ganz unbewusst.

    Da standen sie also. Mit ihren hübschen, teils ruinierten Kleidern und schicken Schuhen, inmitten eines Schlachtfeldes. Vor der Brust zwei der stärksten und gefährlichsten Pokémon, die sie je sahen.

    „Schaffst du dieses Kryppuk?", erkundigte sich Sandra voll der Skepsis.

    „In fünf Jahren vielleicht.“

    Und da schätzte sie noch sehr optimistisch. Sandra konnte es ihr nicht verübeln. Sie selbst würde wohl kaum anders antworten. Aber was blieb ihr schon für eine Wahl? Aufgabe war sicher keine. Bevor sie sich dieser Schande ergab, versuchte sie lieber alles, um die Zeit, ihre Zeit, fünf Jahre vorzuspulen.


    Das Blaulicht und die Sirenen hatten mittlerweile das Gelände des Prime Stadiums erreicht. Oberkommissar Cleve Hendrickson war mit seinem Fahrzeug als einer der Ersten vor Ort. Schon aus der Ferne war der zerstörte Glasanbau an der Westseite ins Auge gesprungen. Die Richtungsweisung der Zivilisten am Haupteingang war gar nicht nötig gewesen.

    Ebenfalls war ein Trio aus Pokémon schwer zu übersehen, das sich im Halbkreis vor der gewaltsam geöffneten Fassade aufgebaut hatte. Samt den dazugehörigen Trainern, wie es schien. Sleimok, Rizeros und Walraisa, so erkannte Hendrickson. Sein Wagen hatte noch nicht einmal gänzlich gestoppt, als er ein dunkles, zähflüssiges Geschoss auf sich zukommen sah. Er riss das Lenkrad noch herum, aber es traf genau die Beifahrertür und schüttelte ihn, sowie die beiden Beamten, die ihn begleiteten, ordentlich durch. Während letztere vor Schreck fluchten, dass sich ihre Mütter schämen würden, haute er sofort mit aller Gewalt die Bremse rein und rollte sich aus dem Wagen. Der Officer auf dem Beifahrersitz wagte nicht, seine eigene Tür zu öffnen und sich somit ungedeckt in die Schussbahn der Pokémon zu begeben und kraxelte daher hastig über die Mittelkonsole seinem Einsatzleiter hinterher. Ein weiterer Schuss traf den vorderen Kotflügel und ein widerlicher Geruch erfüllte die Nase. Hendrickson spähte über den Motorblock und erkannte, wie das Blech verätzt wurde und regelrecht dahinschmolz. Das war eindeutig die Handschrift des Sleimok.

    „Achtung, Einsatzgebiet ist heiß!“, funkte der Kommissar rasch an alle Kollegen und die Zentrale.

    „Officer unter Beschuss durch Pokémon. Schickt sofort Verstärkung mit PKEs.“

    Dies war die Abkürzung für Pokémon-Kampf-Einheiten. Das hier würden sie mit einer simplen Fukano Staffel nicht in den Griff bekommen. Das hier war was Größeres, als sie zunächst gedacht hatten.

    Weitere Fahrzeuge kamen heulend und mit quietschenden Reifen herangerauscht. Diese wurden sogar noch von Schlimmerem empfangen, als Sleimoks Säure. Auf Anweisung des Mannes hinter ihm, bohrte Rizeros seinen Schweif in den Asphalt unter seinen Füßen. Er pflügte damit hindurch, als sei er nicht glatt, sondern rau und mit Widerhaken versehen. Brocken bis hin zu der Größe von Medizinbällen wurden herausgerissen und regneten auf die sich bildende Front aus Polizeiautos nieder. Eines wurde noch im Fahren getroffen und die Motorhaube geradewegs durchlöchert. Das Heck wurde hochgeworfen und die Insassen somit weit grober durchgeschüttelt, als Hendrickson.

    „Deckung! Sofort in Deckung!“, rief er immer wieder, um eintreffende Kollegen zu warnen. Da schlug ein weiterer Stein in seinen eigenen Dienstwagen, welcher durch die Federung einen Satz machte und alle Beamten in seinem Schatten auf den Boden stieß. Beim Auto hinter ihm wurde einfach mal das Dach eingeschlagen. Einen Sekundenbruchteil nahm er sich, um Arceus dafür zu danken, dass bereits niemand mehr darinnen gesessen hatte. Aus dem Wrack hätte man nur noch Leichen geborgen. Direkt vor seinen Augen musste der Einsatzleiter außerdem beobachten, wie einige Eissplitter mehrere Fahrzeuge durchlöcherten, wie einen Käse. Die spitzen Geschosse traten glatt auf der Rückseite wieder aus, wenn sie nicht in den Reifen oder den Sitzen im Inneren, stecken blieben. Mehrere Polizisten zuckten verschreckt und panisch, da ihnen ihre Autos nicht ausreichend Schutz boten. Ein junger Mann wurde am Unterarm getroffen und schrie wie am Spieß. Es war nur ein Streifschuss gewesen, doch der Schnitt war tief und böse. Ein direkter Treffer hätte wohl außerdem den Knochen entzweigebrochen.

    Hendrickson fragte sich, in was sie hier hineingeraten waren. Seit über zwölf Jahren bekleidete er nun seinen heutigen Posten. Seit fast dreißig trug er die Uniform. Und nie hatte er so etwas erlebt. Ein erneuter Spähblick verriet ihm, dass sich hinter den drei Pokémon und deren Trainern, die allesamt Uniformen von Kellnern trugen, zwei junge Frauen in einem Messerkampf befanden. Jeder Idiot sah gleich, dass dies jedoch keine stümperhafte Stecherei unter Gangstern war. Das waren ausgebildete Kämpferinnen. Was im dahinterliegenden Saal vor sich ging, schaffte er von hier nicht zu erkennen, doch es war sicher, dass auch dort gekämpft wurde. Möglicherweise gar noch erbitterter.


    Ryans Lungen begannen zu brennen. Die Muskeln in seinen Beinen pochten und heißer Schweiß durchnässte den Kragen seines Hemdes. Hinter den Wänden vernahm er das Poltern und Krachen, begleitet von wildem Kampfgebrüll. Er spürte das Donnern und die Erschütterungen bis ins Fundament den Prime Stadiums vordringen. Seine eigenen Beine zitterten bei jedem Mal, was es ihm erschwerte, mit den Kämpfenden mitzuhalten. Schon seit Minuten hatte er keinen Sichtkontakt mehr zu Sumpex und Metagross. Die Trümmer, die sie hinterließen, hatten die Verfolgung sehr bald unmöglich gemacht – zu welcher sich der Schwarze Lotus zu keiner Zeit bemüht hatte. Sie war unbekümmert zurückgeblieben, überließ das Kämpfen ganz und gar ihrem Pokémon allein. Ryan folgte dem ohrenbetäubenden Lärm über die Flure und versuchte so gut es ging in der Nähe zu bleiben. Sumpex und Metagross unterlagen keinen solchen Einschränkungen. Bestimmt zehn Räume hatten sie in ihrem Kampf schon verwüstet. Es war klar und deutlich zu hören, wann mal wieder eine Betonwand durchbrochen wurde. In einem Fall war es ihm definitiv zu deutlich.

    Der Flur knickte vor Ryan nach links ab. Gedanklich war er quasi schon um die Ecke, da brach ein azurblauer Körper durch die Wand hindurch und landete unmittelbar vor ihm. Einen Schritt weiter und er wäre von Sumpex zerquetscht worden. Er hatte die Arme diesmal vom Körper gespreizt und die zweite Wand durch die vergrößerte Aufprallfläche nicht gänzlich durchschlagen, jedoch massig Risse hinterlassen. Da sauste jedoch ein Metagross mit eingeklappten Gliedmaßen heran und schickte sich, dies nachzuholen. Das stämmige Amphibium jedoch bekam es an einem seiner Glieder zu fassen und schleuderte es herum. So war es der Körper des Stahlpokémons, der das Mauerwerk durchschlug. Ryan befand sich noch immer am Boden und kraxelte auf Knien davon, um nicht in diesen Kampf hineinzugeraten und unter den Pokémon oder mannshohen Betonklötzen zerquetscht zu werden.

    Es ward ihm jedoch kein noch so kurzer Moment vergönnt, um sich zu sammeln und zu besinnen. Schon als Sumpex in das von ihm geschaffene Loch spähte, kam Metagross gleich wieder herausgeschossen und rammte die mit blauem Licht umhüllte Front direkt auf seine Brust und drückte ihn zu Boden. Er röchelte trocken. Fast sämtliche Luft wurde aus seinen Lungen gepresst. Dieses elende Metagross hatte wahrlich eine ungeheure Kraft. Noch mehr als man ohnehin von der Gattung zu erwarten hatte. Doch dasselbe galt auch für ihn. Mit einem energischen Grunzen ballte Sumpex die gewaltigen Hände zu Fäusten und schlug mit Hammerarm einmal direkt auf das Metallkreuz, welches das Gesicht bedeckte. Der Klang war, als würde man direkt unter einer Kirchenglocke stehen. Nur tiefer und dumpfer. Und tatsächlich konnte sich Sumpex befreien, sowie einen weiteren Schlag, diesmal direkt auf die Schädeldecke, platzieren. Der stählerne Körper schlug so laut auf den Boden, dass Ryans Ohren schmerzten und sein ganzer Körper bis ins Knochenmark erschüttert wurde. Allerdings merkte er das kaum. Das Blut rauschte viel zu sehr darin und das Adrenalin machte ihn bemerkenswert, fast schon unheimlich unempfindlich.

    Metagross raffte sich reichlich unbeeindruckt von diesem Schlag wieder auf und warf seinen Gegner zurück, obwohl der sich mit all seinem Gewicht aufgestemmt hatte. Die Vorderläufe wurden von Sumpex‘ Händen umschlossen, woraufhin sie beide ihre rohe Kraft miteinander maßen. Die zwei schwergewichtigen Pokémon legten all ihre Kraft in ihre Arme und versuchten, den Gegenüber niederzuringen. Ein Paar blutroter Augen starrte tief und grimmig in eines von greller, orangener Farbe. Keiner wollte auch nur einen Millimeter nachgeben.

    Ryan rappelte sich endlich wieder auf. Dies war kein gewöhnlicher Kampf, kein offizielles Match mit Regeln und Schiedsrichter. Hier zählte nur Siegen. Mit allen Mittel. Alles war erlaubt. Das war ungewohnt, aber andererseits auch nicht völlig neu für ihn. Dass sein eigenes Leben mit gefährdet wurde, allerdings schon. Endlich schaffte er es wieder auf die Beine. Auf den Kampf allerdings konnte er hier unter solchen Bedingungen keinen Einfluss nehmen. Metagross drehte den Körper ein Stück, sodass einer seiner Hinterläufe in Reichweite zu Sumpex gelangte. Plötzlich von einer silbrigen Metalllegierung ummantelt, hieb er blitzschnell mehrfach in die ungeschützte Seite. Den meisten anderen Pokémon wären hier mindestens einige Rippen gebrochen. Sumpex ließ von einem der vorderen Glieder ab und schlug den Patronenhieb mit dem Faustrücken beiseite, wie ein lästiges Wadribie. Noch in der Bewegung glänzten auf einmal Eiskristalle darum, umspielt von kaltem, weißem Nebel. Der Eishieb landete auf der Schläfe, wo augenblicklich Ellenlange Zapfen sprossen. Mit der befreiten Vorderklaue wurde dies jedoch augenblicklich in Form eines Kinnhakens vergolten und das Eis einfach wieder abgeschlagen. Und Metagross setzte unerbittlich nach. Wieder wurde Sumpex in die Seite geprügelt. Der Oberkörper drehte und neigte sich, versuchte sich aus dem Clinch zu befreien. Doch da traf ihn ein weiterer Schlag direkt auf den Schädel. Und es war wie mit einem Dampfhammer. Das Gesicht wurde in den Boden gedroschen. Das sparsame PVC zerbrach wie Zwieback und selbst der Beton darunter riss punktuell auf. Dann drückte Metagross den Unterarm gnadenlos ins Genick des Wasserpokémons und begann, ihn gewaltsam vor sich herzuschieben. Die erste Wand war bereits zerstört, an dieser rieb sich keiner mehr auf. Die dahinter war noch unversehrt gewesen. Mit der Stirn durchschlug Sumpex sie unfreiwillig, während er weiterhin durch den Boden pflügte, als sei es lockere Erde. Er sah gar nicht, was er auf dem Wag alles zerstörte und beiseite räumte. Vor ihm wurde alles nur zunehmend dunkel. Er schmeckte rasch Blut. Es war fast unmöglich zu sagen, was gerade am schlimmsten schmerzte. Er durchschlug eine weitere Wand. Und noch eine. Dieses verdammte Metagross war mindestens so skrupellos wie Bella. In dieser Position vermochte sich Sumpex aber nicht zu wehren. Hilflos versuchte er sich in den Boden zu krallen oder auf seinem malträtierenden Pfad irgendetwas zu fassen zu kriegen, woran er sich halten oder das ihn ausbremsen könne. Es war vergebens. Und auch kein Trost, dass dieser Höllenritt mit der nächsten Betonwand endlich endete. Auf einmal wurde Sumpex in einem hohen Bogen fortgeschleudert. Mehrere Meter weit flog er und zertrümmerte beim Aufschlag diverse edle Bodenfliesen in dunklem Rot. Die Scherben schnitten in seine Haut und sein Unterkiefer hing einen Moment lang offen, da er ihn sich bei der Landung böse angeschlagen hatte. Er registrierte mit Mühe ein paar ferne Lichtquellen, obwohl der plötzliche viel weitläufigere Bereich nicht direkt erhellt war.

    Dies hier war er Nordeingang des Stadions, der seit einigen Stunden völlig verlassen war. Elegante Säulen schmückten den Bereich nahe der gläsernen Pforte und reichten viele Meter hoch bis unter das Dach, das hier im Halbdunkeln kaum zu erkennen war. Zwei Treppenläufe führten vom Eingangsbereich in je eine Richtung des Obergeschosses und Rundlaufes.

    Ryan erreichte den offenen Bereich nur wenige Momente später aus einem parallel verlaufenden Flur. Er hielt gar nicht erst an, als er Sumpex sogleich dort liegen sah. Der Körper zitterte, wie unter Krampfanfällen. Selbst auf den ähnlich farbigen Fliesen erkannte er deutlich die Blutspuren, wobei um das Amphibium herum kam noch heiler Boden übrig war. Dass Metagross noch in dem von ihm geschaffenen Loch in der Wand stand und ihn jederzeit attackieren könnte, daran dachte er in diesem Augenblick gar nicht. Doch glücklicherweise verweilte der Stahlkoloss an Ort und Stelle. Sah dem jungen Trainer lediglich mit mangelhaftem Mitgefühl hinterher. Aber sadistische oder gar boshafte Zufriedenheit zeigte der Blick ebenso wenig. Man würde fast meinen, man habe hier wirklich eine Maschine vor sich, die sich nüchtern und neutral ihrer zugeteilten Aufgabe annahm.

    „Sumpex!“

    Ryan kam durch die Scherben herangeschlittert und stützte den Kopf seines Partners. Er nahm keine Rücksicht auf sich selbst und hatte lediglich Glück, dass sich die Scherben nicht durch Kleidung und Haut schnitten.

    „Hey, hörst du mich? Bleib da!“

    Mit sanften Schlägen auf die Wange verhinderte Ryan, dass Sumpex doch in die Ohnmacht glitt. Für eine Sekunde waren die orangefarbenen Augen bereits leer und ohne Pupillen gewesen. Selbst jetzt hatte er den Eindruck, Sumpex schaue mehr durch ihn hindurch als in sein Gesicht. Als er dann doch endlich begriff, wer da vor ihm war, wer da nach ihm rief und mit welcher Dringlichkeit, wurde der Blick gleich wieder energisch. Sofort stützte er sich wieder auf die eigenen Arme, wollte nicht zulassen, dass sein Trainer ihn hier vom Feld tragen musste. Er verließ sich auf ihn. Und zu jeder Zeit, in jedem Moment, wollte er dies rechtfertigen. Wollte zeigen, dass das in ihn gesetzte Vertrauen niemals fehlplatziert sein würde. Ein unglaublicher Schmerz in der linken Schulter ließ ihn jedoch beinahe wieder zusammenbrechen. Es war, als stütze ihn dort nichts mehr und alles fiel bei der kleinsten Belastung in sich zusammen. Erst jetzt realisierte Sumpex die böse Schramme am Schulterballen und grunzte schmerzverzerrt. Die Stelle färbte sich bereits dunkel.

    Weit im Hintergrund drangen jedoch plötzlich noch andere Laute an Ryans Ohren. Waren das Schritte? Mehrere und hastig waren sie. Er drehte sich um und fand zwei verhasste Gesichter am oberen Ende der zwei Treppen. Zwei Personen in schwarzer Team Rocket Uniform und mit markanter, geradezu unverkennbarer Haarfärbung. Ryan verabscheute dieses auffällige Violett mittlerweile abgrundtief. Fast so sehr, wie die sadistischen Augenpaare, die hinter der weißen Strähne auf ihn herabsahen. Der Mann wurde von einem Rasaff flankiert, während ein Omot die Frau begleitete. Carlos und Lydia waren zwei der letzten Menschen, die er gerade gebrauchen konnte – wenn es doch nur diese Beiden wären. Aber zwischen ihnen hatten sich ganze acht weitere Rockets am Geländer aufgereiht. Jeder von ihnen hielt bereits einen Pokéball in der Hand.

    Für einige Sekunden blieb es völlig still. Keiner der schwarz gekleideten sagte etwas. Weitere Pokémon wurden ebenfalls – noch – nicht hinzugezogen. Dann hallten erneut Schritte durch die Eingangshalle. Langsamer diesmal. Gemächlich und rhythmisch. Eindeutig trugen hochhackige Frauenschuhe sie an Ryans Ohr. Mit dem Näherkommen vermochte Ryan nun die Richtung zu bestimmen. Die Schritte kamen aus dem Erdgeschoss, aus dem Rundlauf, der hinter den Treppenaufgängen verlief, wo sonst Buden mit Imbiss oder Fanartikeln offenstanden und welche natürlich allesamt längst geschlossen waren. Der junge Trainer fühlte sich, als warte er eine geschlagene Minute auf das Erscheinen der Person. Dabei ahnte er bereits sehr genau, um wen es sich handelte. Wer sich da näherte. Fühlte sich an, als ziehe sie es bewusst und gewollt in die Länge, um ihn weiter zu quälen. Ein böses Omen, ein dunkler Vorbote, war das leise Echo dieser Schritte. Und so sehr Ryan tief im Inneren auch wusste, dass es sinnlos war, betete er rasch nochmals, dass er sich irrte. Dass dort nicht gleich der Schwarze Lotus erschien und sich seine Lage damit nicht von beschissen zu ausweglos änderte.

    Natürlich wurde er nicht erhört. Die bittere, knallharte Realität versetzte ihm einen Schlag in der Magengegend und ließen ihn mit den Zähnen knirschen. So stark, dass es ihn kaum verwundert hätte, wenn er im Munde gleich etwas splittern spürte. Die elegante Frau war nach wie vor in ihrer tarnenden Uniform, hatte aber inzwischen eine schwarze Jacke übergeworfen, die lose über den Schultern lag. An dieser Stelle prangte das markante, rote „R“. in Ryans Augenwinkel begab sich Metagross in die Schwebe und bezog Stellung vor seiner Trainerin, blockierte den Sichtkontakt dabei so wenig wie möglich.

    „Ich fürchte ich bin von deinen Fähigkeiten noch nicht überzeugt“, sprach sie dann und legte die rechte Hand auf die Wange, während der linke Arm den anderen stützte.

    „Ich vertraue darauf, dass du noch nicht alles gegeben hast. Bella hält schließlich große Stücke auf dich.“

    Wenn sie ihn motivieren wollte, dass musste sie bloß weiterreden. Nur äußerst wenige Dinge stachelten Ryan mehr an als Herablassung und Geringschätzung. Und glücklicherweise lag die Zeit, in der ihn dies die Fassung gekostet hätte, in der Vergangenheit. Der Schwarze Lotus erkannte die steigende Kampfbereitschaft in den Augen des Jungen. Diese begannen in diesem spärlich beleuchteten Bereich leicht silbrig zu funkeln. Sie schmunzelte. Sie wollte mehr davon sehen.

    „Vielleicht bist du ja einer von jenen, die an ihrer Aufgabe wachsen“, überlegte sie laut und entschied gleich hierauf, den Druck noch etwas zu erhöhen.

    „Wollen wir es herausfinden?“

    Sie war gespannt, ob ihn dies anspornen oder zerbrechen lassen würde. Mit einem Fingerschnippen öffneten ihre Untergebenen im Obergeschoss ihre Pokébälle. Und was sie aufboten, war nicht ohne. Tauros, Sarzenia, Hypno, Zobiris und Groink stellten sich ihm geschlossen entgegen. Zu Luft sollten Ibitak, Staraptor und Drifzepeli angreifen.


    Ryan atmete tief ein und ließ die Luft langsam, aber geräuschvoll wieder heraus. Ruhig bleiben. Nicht in Panik oder Resignation verfallen. Egal wie stark diese Team Rocket Brigade war – solange kein ähnliches Kaliber wie Metagross auftrat, konnte die Situation nicht schlimmer werden. Und obwohl sich Guardevoir sowie Despotar noch im Center auskurierte, hatte er noch Hundemon in der Hinterhand.

    Neben ihm gewann ein aufmüpfiges Schnaufen Ryans Aufmerksamkeit. Sumpex wankte noch einen Moment, ehe sein Stand fest wurde. Der rechte Arm wanderte zur linken Schulter und versetzte ihr kompromisslos einen Ruck, auf welchen ein deutliches Knacken folgte. Es schauderte ihm förmlich dabei. Ein vorsichtiges Dehnen der Finger und Rudern mit dem Arm, bestätigte Sumpex jedoch, dass die Schulter wieder eingerenkt war. Dann wanderte sein Blick von der eigenen Flosse auf die vor ihm aufgereihten Gegner. Es war offensichtlich, dass keiner unter ihnen in dem alleinstehenden Wasserpokémon eine Bedrohung sah. Vor wenigen Stunden erst, hatte er schon ein gewisses Absol, das ihn ähnlich angesehen hatten, eines Besseren belehrt.

    Mit einem tiefen Schnaufen prustete Sumpex feines Sprühwasser aus seinen Nüstern und schlug nacheinander die Fäuste auf den Boden. Mit einem trotzigen Grollen nahm er seine gewohnte Kampfstellung ein. Sein Trainer sah nur unauffällig aus dem Augenwinkel zu ihm. Das wachsende Grinsen konnte er aber nicht unterdrücken. So richtig wollte er es auch nciht. Er öffnete den oberen Knopf seines Hemdes und zupfte die dünnen Handschuhe zurecht. Fühlte sich nicht so an, wie bei seinen eigenen aus robustem Leder, aber dennoch nicht schlecht. Nun wieder zu voller Größe erhoben, fuhr sich der junge Trainer durchs Haar und befreite störende Strähnen aus seinem Gesicht.

    „Kommt“, forderte er zunächst noch leise, aber nicht milde entschlossen. Nur der Schwarze Lotus erkannte sogleich den Kampfeswillen und lächelte bereits zufrieden – und sadistisch. Diese Zufriedenheit würde er ihr um die Ohren schlagen, so schwor sich Ryan. Er schlug einmal in die Hände, ehe er sie ausbreitete und diesmal lautstark zu der ganzen verdammten Mannschaft in Schwarz sprach.

    „Kommt alle auf einmal!“

    Einige der Pokémon schienen drauf und dran, dem mit Freuden nachzukommen. Selbst ohne Befehle. Tauros schabte bereits mit den Hufen und die beiden Wildvögel über ihm krächzten in einer Intensität um die Wette, die einen fast taub machte.

    Carlos und Lydia waren es dann letztendlich, die als erste ihre Pokémon voranschickten. Dazu genügten ein kurzer Blickkontakt und ein angebundenes Nicken. Besonders Rasaff grunzte wild und begierig auf Rache für die letzten Begegnungen mit dem Jungen. Mit dem größten Vergnügen würde er seinem Sumpex ein paar Knochen brechen.

    Obgleich er die erste Treppenstufe mit viel Enthusiasmus auch genommen hatte, blieb er sogleich an Ort und Stelle erstarrt. Ebenso wie Omot auf der anderen Seite. Über den Grund hatten die Rocket Agenten nur sehr kurz zu rätseln. Ryan schon etwas länger, da er mit dem Rücken zu dem ominösen Licht stand, das urplötzlich von draußen durch die Glasfassade schien. Ein rascher Blick über die Schulter genügte ihm jedoch, um die Quelle zu erahnen, obwohl dort nichts zu erkennen war. Ein perlweißer Schleier hatte sich dort ausgebreitet und ließ selbst die Laternen, nur wenige Meter vor den Türen, verschwinden. Das Licht blendete jedoch nicht. Und gerade daher war es so leicht wiederzuerkennen. Fast war Ryan nach Lachen zumute. Jetzt kamen sie sogar schon hierher, in die Innenstadt, um ihm den Arsch zu retten. Fast schämte er sich ein wenig dafür, dass er sie dazu trieb. Sei es drum. Ihm war jede Hilfe willkommen.

    Den Blick wieder abgewandt, wurde das Weiß immer kräftiger. Der gesamte Eingangsbereich wurde unnatürlich erhellt, sodass seine zierenden Säulen lange Schatten warfen.

    „Errichte uns einen Schutzschild“, ordnete er Sumpex ganz nüchtern an und hockte sich neben ihn, die Unterarme lässig auf den Knien hängend. Das Scheppern und Klirren, welches gleich danach folgte, stellte mit seiner Lautstärke alles, was zuvor im Tanzsaal zu Bruch gegangen war, weit in den Schatten. Ein Regen aus Glasscherben fiel über die grüne Lichtkuppel herein und prallte genauso wie Wassertropfen daran ab. Die Rockets samt ihrer Pokémon erschraken. Letztere machten gar zwei vorsichtige Schritte zurück. Die beiden Raubvögel krächzten empört und landeten auf dem Geländer des oberen Rundlaufes. Lediglich der Schwarze Lotus mit ihrem Metagross rührte sich nicht. Nicht einmal ihr Lächeln verlor sie.

    Das Licht ebbte ab. Ryan erhob sich unbehelligt, sowie der Schild aufgehoben wurde und sah dankend über die Schulter. Nur seine Worte unterstrichen diese Dankbarkeit nicht.

    „Sahen wir wirklich aus, als bräuchten wir Hilfe?“

    Eine Scherzfrage, natürlich. So sarkastisch gestellt, wie ein Mensch es vermochte. Er könnte Mila gerade umarmen. Die Drachenpriesterin ließ das unkommentiert. Ihr schwarzer Mantel und das goldene Haar flatterten in eine Böe. Sie schien froh, erleichtert, dass sie es rechtzeitig hergeschafft hatte. Die beiden Pokémon über ihr schwebten sodann ins Innere, bezogen demonstrativ Stellung direkt über Ryan und Sumpex. Nun wurde er schon zum zweiten Mal von Latios und Latias gerettet. Während letztere sich rasch ihrer Gesundheit versicherte und sogar ein hilfsbereites Lächeln schenkte, war ihr älterer Bruder ganz auf Team Rocket fixiert. Geistesgegenwärtig observierte er die Lage, zählte die Gegner, traktierte sie mit scharfen, verengten Augen. Diese waren sichtlich eingeschüchtert. Verständlicherweise. Anstalten zur Flucht machte allerdings keiner. Stattdessen rief Carlos zum Gehorsam auf.

    „Zusammenreißen, Männer. Wir kämpfen weiter nach Plan!“

    Er klang durchaus bedrohlich. Als riefe er außerdem in Erinnerung, was mit Befehlsverweigerern geschah. Ryan fragte sich, wie der Plan denn aussah. Im eins-gegen-eins würde sich der Schwarze Lotus sicherlich imstande sehen, wenn nicht gar in Gewissheit glauben, ihn zu schlagen. Mit ihrer Schar an Agenten auf der einen und den Zwillingsdrachen plus Drachenpriesterin auf der anderen Seite würde der Ausgang wohl unvorhersehbar. Aber was nützte es schon, in Chancen zu rechnen? Sie konnten es sich nicht leisten, zu verlieren. Und Ryan hatte heute ohnehin bereits einmal mehr verloren, als ihm lieb war.

    „Wir zahlen alles doppelt zurück, Sumpex.“

    Er sprach ihm aus der Seele. Obwohl es nicht Bella selbst war, würde dieser Haufen genügen, um seinen Vergeltungsdrang zufrieden zu stellen. Sumpex schlug kampfbereit die Fäuste aneinander. Die Schrammen und Kratzer linderten seine Imposanz nicht ein bisschen. Im Gegenteil. Dass er so geschunden und verwundet noch dermaßen selbstbewusst auftreten konnte, war enorm beeindruckend. So befand selbst der Schwarze Lotus. Auch sinnlos und unvernünftig, aber dennoch beeindruckend.

    Carlos und Lydia tauschten einen kurzen Blick. Ihnen ging diese Entwicklung enorm gegen den Strich. Dieser widerspenstige Scheißer hatte es nicht nur in Team Rockets Datenbank auf das maximale Feind-Level gebracht. Die eigene Liste führte er unlängst ebenso an. Und es war höchste Zeit, den Preis für diese Platzierung zu zahlen. Sie waren sich einig – diesmal würde der Bursche bluten.

  • Hallo,


    du hast mit dem Kampf ohne Regeln nicht gelogen und ich möchte hier gern bestätigen, dass das auch genau so rüberkommt. Obwohl die Situation chaotisch wirkt, lässt du die Szene und die einzelnen Kämpfe mit einer solchen Selbstverständlichkeit ablaufen, dass man nie Probleme zu folgen bekommt. Schade, dass die Kapitel nachgeschrieben werden mussten, aber ich finde, man merkt dem kaum etwas an. Wie sich Sumpex gegen Metagross wehrt, sich immer wieder aufrappelt und alles gibt, ist so faszinierend zu lesen. Man spürt regelrecht, dass da viel auf dem Spiel steht und Ryan nicht enttäuscht werden soll.


    Wir lesen uns!

  • Huhu Rusalka,

    Zitat

    ...du hast mit dem Kampf ohne Regeln nicht gelogen und ich möchte hier gern bestätigen, dass das auch genau so rüberkommt.

    Man merkt diese Veränderung aber sicher auch sehr schnell und sehr arg, wenn man gerade aus einem so langen Turnier-Arc kommt. Glaub mir dennoch, wenn ich sage, das war erst der Anfang.


    Zitat

    Schade, dass die Kapitel nachgeschrieben werden mussten, aber ich finde, man merkt dem kaum etwas an.

    Naja, der Leser kann das ja ohne Hinweis des Autors eigentlich gar nicht wirklich "bemerken". Ich kann´s auch jetzt noch nicht so ganz greifen oder begründen, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass die Erstfassung ein bisschen besser gelungen war, obwohl ich natürlich versucht hatte, diese so gut wie möglich zu rekonstruieren.


    Zitat

    Wie sich Sumpex gegen Metagross wehrt, sich immer wieder aufrappelt und alles gibt, ist so faszinierend zu lesen...

    :heart: :heart: :heart:

    Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich solche Momenten und solche Emotionen in künftigen Kapiteln noch toppen kann. Aber ich MUSS es irgendwie. :upsidedown:

  • Kapitel 73: Crossfire


    „Vorwärts!“, schrie Carlos in die Runde und warf einen Arm voraus. Es folgte eine Reihe von Befehlen, die Ryan in dem Durcheinander nicht verstehen konnte. Noch bevor einer davon erfolgen konnte, blitzte es jedoch über ihm auf. Latios und Latias waren auf einmal von pulsierenden Lichtpunkten umgeben. Weis, mit Schwaden aus Blau und Purpur, ähnlich wie er es von Guardevoirs Sondersensor kannte. Mythisch und wunderschön, ein bisschen wie Irrlichter, jedoch von einladender Helligkeit, anstatt der geisterhaften Tücke. Bis sie sich plötzlich in zerstörerische Geschosse verwandelten. Auf die Pokémon ging ein Sternenregen nieder, der allerdings mehr an ein Mörserfeuer erinnerte. Man vernahm kaum mehr als ein scharfes Zischen sowie das helle Aufblitzen beim Aufschlag. Mehrere innerhalb einer einzigen Sekunde hallten durch den Eingangsbereich, schlugen sie tiefe Löcher in den Boden, in welche man ein Voltoball versenken könnte. Aus jedem davon stieg eine schmale Rauchsäule empor, begleitet von einem verschmorten Geruch, vergleichbar mit Schießpulver. Eines der Geschosse schlug genau zu Füßen von Zobiris ein und hüllte es in schwarzen Rauch. Aus diesem trat es in hohem Bogen fliegend, hilflos und bereits ohnmächtig, gleich wieder aus. Der reglose Körper wurde bis hinauf zu seinem Trainer geschleudert, der einen Moment lang fassungslos, dann aber gleich rachsüchtig dreinblickte und nach einem anderen Ball fischte. Zobiris wurde achtlos liegengelassen. Um nicht zu sagen, aufgegeben. Der Streuschuss ließ leider keine echte Präzision zu, weswegen kaum Volltreffer dieser Art gelangen. Jedoch hielt das Sperrfeuer die Gruppe in Schach und zermürbe sie. Im Sekundentakt schoben und drängten die Druckwellen von allen Seiten und sowohl zerstörte Fliesen als auch herausgeschlagene Brocken des Fundaments darunter malträtierten besonders Tauros und Sarzenia. Die zwei Psychopokémon schützten sich mit Lichtschild, konnten den Angriff so weitestgehend schadlos überstehen. Anderen blieb nur die Flucht nach vorne. Staraptor und Ibitak kamen urplötzlich aus der Rauchwand hervorgeschossen und peilten Sumpex an. Beide zogen weiße Luftschlieren neben und hinter sich. Die Zwillingsdrachen direkt anzugreifen, wäre unter diesem Dauerbeschuss selbstmörderisch, weswegen sie sich erst um das leichtere Ziel kümmern würden.

    Ryan senkte das Haupt ein wenig und beobachtete die Angreifer aus einem tiefen Blick heraus. Er war trotz des Lärmes und des auf einmal herrschenden Chaos voller Konzentration. Und Entschlossenheit.

    „Hammerarm.“

    Diesen Befehl hatte Sumpex bereits erahnt. Und er selbst genug Sparringkämpfe mit Andrews Schwalboss ausgetragen, um Aero-Ass sicher einschätzen zu können. Mit einer rudernden Bewegung wurden die schaufelartigen Pranken durch die Luft geschwungen. Dann verschwanden Staraptor und Ibitiak für die Dauer eines Wimpernschlagens – und traten erst wieder in Erscheinung, als Sumpex sie miteinander niederschmetterte. Er traf beide direkt auf den Schädel. Der Nacken bog sich böse, sodass man schlimmste Verletzungen befürchten musste.

    Selbstredend waren auch sie sofort außer Gefecht und im selben Moment für ihre Trainer vergessen. Die wenigsten Flugpokémon vermochten einen Schlag von solcher Intensität wegzustecken. Die beiden Rockets warfen den entsprechenden Pokéball einfach weg und fischten nach einem anderen. Krebutak und Pinsir nahmen die Plätze ein. Das Käferpokémon hatte allerdings schon nach wenigen Sekunden einen Volltreffer durch Latios‘ anhaltendes Sperrfeuer zu beklagen und wurde gegen einen der Treppenaufgänge geschleudert. Ein paar Meter darüber in halbwegs sicherer Distanz erschuf Drifzepeli gerade einen Spukball zwischen den dünnen Vorderärmchen. Der wurde von einem hellen, aufblitzenden Eisstrahl jedoch zu einer schweren und somit nutzlosen Kugel gefroren und zerbrach gleich hiernach. Das ballonartige Geistwesen hatte sofort davon abgelassen und sich flüchtend in noch größere Höhen davongestohlen.

    Ryan sah zu Mila, die nun neben ihm Stellung bezog und von ihrem Milotic namens Noah flankiert wurde. Das anmutige Geschöpf schickte sich sogleich an einem weiteren Eisstrahl, als auf einmal Tauros aus dem Getümmel herangerauscht kam. Jeder einzelne Schritt mit seinen Hufen ließ den Boden splittern und das Fundament erbeben. Noah riss den Kopf herum und zielte auf die kräftigen Beine. Er hatte zu weit vorgehalten. Ein mannhoher Eisklotz spross direkt vor dem wütenden Stier, den dieser jedoch mit einem lauten Grunzen durchbrach, zudem gar noch ein, zwei Querschläger von Latios kassierte und dennoch nicht aufhalten. Wie in Raserei verfallen stürmte er präzise auf Sumpex zu. Der überließ es nicht Milotic, diese lebendige Dampfwalze abzufangen. Er kam ihm einen energischen Schritt entgegen und griff sich beide Hörner. Mit ausgestreckten Armen stemmte er sich dagegen und hielt den Angreifer tatsächlich mit bloßen Händen auf. Der abrupte Halt sorgte gar dafür, dass Tauros‘ Hinterläufe vom Boden abhoben. Ryan befahl schnell Aquahaubitze, bevor dessen Trainer einen neuen Plan fassen konnte. Zunächst wuchtete Sumpex seinen Widersacher auf die Seite und schmetterte seine Schädeldecke auf den immer poröser werdenden Untergrund, ehe ein leuchtender Orb aus Wasser vor seinem Maul erschien. Aus nächster Nähe abgefeuert war die Wirkung fatal. Da Sumpex die mächtigen Pranken noch um Tauros‘ Hörner hielt, anstatt für sicheren Stand zu sorgen, forcierte der Rückstoß ihn in eine aufrechte Haltung und er landete fast selbst auf dem Rücken. Wie schon beim Turnier zu beobachten gewesen war, schob die ausgespuckte Wasserkugel den Gegner einige Meter vor sich her, als sei sie massiv. Erst als dieser auf ein schockstarres Groink traf, platzte sie schäumend auf, sodass jedes einzelne Pokémon davon durchnässt, die meisten sogar umgeworfen wurden, ähnlich wie durch den Beschuss von Latios. Lediglich der Schwarze Lotus war aufmerksam hinter ihr Metagross getreten, das die Wasserattacke aus der hinteren Reihe, ohne mit der Wimper zu zucken, wegstecken konnte.

    Milas Blick ging nach oben zu den Rocket Agenten. Die Frau namens Lydia gab einigen von ihnen mit giftiger Stimme neue Anweisungen. Aus der Ferne wollte sie zurückschießen, und zwar gebündelt. Drifzepeli und ihr Omot hatten sich dazu bereits in Stellung gebracht. Noah unterband jedoch das Herbeirufen weiterer Pokémon mittels Hydropumpe. Der Hochdruckwasserstrahl fegte einmal quer über das Geländer des Obergeschosses. Man hörte das lackierte Aluminium ächzen und biegen. Die Mannen in Schwarz warfen sich auf die Knie, um dahinter Deckung zu suchen. Das Spritzwasser allein durchnässte sie fast völlig ihre Kleider. Lydia selbst war nicht so flink oder vielleicht auch nur zu stur gewesen, um dasselbe zu tun und von einem Streifschuss an der Schulter erwischt worden. Es war für einen Sekundenbruchteil so, als würde ein Machomei mit allen vier Fäusten gleichzeitig auf die Stelle einprügeln. Selbst das, was von der Schulter an ihre Wange abgeprallt war, fühlte sich noch an wie ein Peitschenhieb. Einer der Männer wollte ihr rasch zur Hilfe kommen, doch Lydia ließ nicht einmal zu, dass er sie anfasste und keifte ihn zurück an seine Position.

    Ryan dankte Mila und Noah innerlich für diese Unterstützung. Sumpex hatte dadurch genug Zeit, sich von dem Einsatz von Aquahaubitze zu erholen. Außerdem sorgten die Wasserattacken dafür, dass sich mehrere riesige Lachen um den Treppenbereich ausbreiteten, die den meisten von Team Rockets Pokémon bereits bis zu den Knöcheln reichte. Eine viel bessere Vorlage könnte er sich nicht wünschen.

    „Jetzt Eishieb!“

    Sumpex schnaufte, holte tief Luft. Latios und Latias unterbanden indes sofort ihre eigenen Angriffe, um nicht versehentlich ihren Verbündeten zu treffen. Vielleicht befanden sie den direkten Angriff Ryans daher auch als unbedacht, doch im Nahkampf lagen nun mal Sumpex‘ größte Stärken. So preschte das Amphibium vorwärts, pflügte durch das flache Wasser, wie ein Tohaido durch die offene See. Auch das hatte er beim Summer Clash bereits gezeigt. Schon diese geringen Mengen an Wasser steigerten sein Bewegungstempo enorm. Als gleite er über den Nassen Untergrund.

    Er nahm Hypno ins Visier, welches zusammen Groink die einzigen Gattungen mit defensiven Attacken verkörperte. Wenn Ryan sie ausschalten konnte, wäre die Schussbahn gänzlich frei für die Zwillingsdrachen. Das knallgelbe Psychogeschöpf vernahm in dem Wirrwarr aus Stimmen über seinem Kopf sogar noch den Befehl seines Trainers, ihn mit Psychokinese zu stoppen und streckte die Arme nach vorn. Ehe es die kinetische Energie hatte bündeln können, hakte Sumpex seinen Oberarm unter dem schmalen Kinn ein und schmetterte die Faust auf den nassen Boden. Noch in derselben Viertelsekunde schlug Hypnos Hinterkopf ebenfalls darauf. Der Anblick war brutal und wüst, doch den Schmerz würde es erst beim Erwachen in einigen Stunden spüren. Genau, wie den Frostbiss. Das Wasser gefror wie Blitzeis und spitze Eisdornen schossen höher empor, als Sumpex‘ Kopfflossen reichten. Ein eisiger Windhauch wehte selbst Ryan und Mila noch entgegen, sodass ihr Haar und ihr Mantel flatterten. Krebutak, sowie die noch am Boden jauchzenden Tauros und Groink wurden einfach festgefroren und waren als Statuen zum hilflosen Zusehen verdammt, während die Kälte in ihre Glieder kroch.

    Das bullige Wasserpokémon wirbelte sogleich herum und verschaffte sich einen Überblick über die weiteren Gegner. Gleich mehrere, darunter auch Omot und Rasaff, das wild schnaubend einfach über das Geländer nach unten sprang, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein inzwischen fest antrainierter Impuls veranlasste ihn, sich erneut mit Schutzschild zu verteidigen. Den Spukball von oben hatte er nicht mal kommen sehen. Doch der prallte ebenso wirkungslos ab, wie der Psystrahl und selbst Rasaffs Fäuste, obwohl deren Kraft diverse Risse sowie lautes Knacken und Splittern der Eisfläche unter ihnen bewirkte. Stattdessen fanden sie sich auf einmal selbst in der Rolle der Angegriffenen wieder. Eine blaue Aura hatte die Körper, von Carlos und Lydias Pokémon umhüllt und somit schwerelos gemacht. Schon im nächsten Moment warf die Psychokinese sie gegen die Seite der beiden Treppenaufgänge. Ryan sah nach oben und erkannte gerade noch, wie ein gleichfarbiger Lichtschein in Latios‘ Augen erlosch. Das aggressive Kampfpokémon hielt sich krampfhaft den Hinterkopf – und war bereits Auge in Auge mit einer Wasserkugel, die Sumpex vor seinem Maul erschuf.

    Diese zerplatzte allerdings, begleitet von einem tiefen Gurgeln und Würgen.

    „Sumpex!“

    Selbst Ryan hatte in diesem Chaos nicht jedes Pokémon von Team Rocket im Blick behalten können und Sarzenias Angriff zu spät bemerkt. Eine Ranke hatte sich um seinen Hals geschlungen und schnürte ihm unerbittlich die Luft ab. Selbst das Blut konnte an seinem Hals nicht mehr fließen. Hektisch versuchte er, sie zu von sich zu reißen, aber sie war zu dünn für seine großen Hände und saß viel zu eng. Damit nicht genug, spuckte Sarzenia eine dunkelviolette, ätzende Flüssigkeit über seinen Rücken. Es zischte und dampfte. Das Zeug brannte furchtbar auf seiner Haut und lähmte ihn tatsächlich für einige Sekunden. Ryan wurden unweigerlich und unfreiwillig die Bilder aus Andrews Halbfinalkampf gegen Bella ins Gedächtnis gerufen.

    Dann drang plötzlich das Gebrüll von Tauros an seine Ohren. Die Erschütterung von Rasaffs Angriff hatte Teile der Eisfläche tatsächlich so stark splittern lassen, dass sich das muskulöse Huftier mit wüsten Stampfern befreien konnte. Sogleich stürmte er abermals auf Sumpex zu, um den Rückschlag zu vergelten. Dabei räumte es sogar Krebutak rücksichtslos aus dem Weg. Nun war der Stier wirklich in Raserei verfallen. Und er nahm Sumpex buchstäblich auf die Hörner. Sie bohrten sich in seinen Unterbauch und trugen ihn vor sich her, als sein er von einem Zug erfasst. Sarzenia ließ sofort los, um da nicht mitgerissen zu werden. Der verantwortliche Rocket ballte eine Faust und peitschte Tauros weiter voran. Seine Kollegen jubelten fast schon für ihn und waren eindeutig voller Vorfreude, dieses verdammte Wasserpokémon endlich leiden zu sehen.

    Sumpex‘ Höllenritt dauerte nur wenige Sekunden. Es war ein Ende mit Schrecken. Und Schmerzen. Er wurde gegen eine der hohen Säulen gerammt. Mit einer Wucht, die sämtliche Luft aus seinen Lungen presste und ihn röchelnd Speichel sowie erneut Blut spucken ließ. Der Rücken, noch heiß und empfindlich durch die Säure, schmerzte so fürchterlich, als bohrten sich rostige Nägel hinein. Tauros versuchte sogar weiter zu rennen und das Hindernis ganz zu durchbrechen. Seine Hufe schabten unablässig über den Boden, wollten erst Halt machen, wenn die Säule ganz zertrümmert war.

    Ryans Kiefer spannte sich so stark, dass er glatt brechen könnte. Aus dieser Bredouille kam er aus eigener Kraft nicht heraus – wie auch Mila erkannte.

    „Noah!“

    Das Milotic holte bereits Luft und ein erneuter Eishauch kribbelte auf Ryans Haut. Doch in etwas größerem Abstand leuchtete noch etwas Anderes von vergleichbarer Farbe auf. Seine Augen wurden groß.

    „Achtung!“

    Die himmelblaue Energiekugel wäre sowohl Mila als auch Noah entgangen. Dank der rechtzeitigen Warnung konnte der Eisstrahl jedoch schnell genug herumgerissen und das Geschoss auf halbem Weg abgefangen werden. Die Druckwelle zerstob ihn zu feinem Schnee, der ihnen bissig entgegenschlug. Rasaff grunzte missmutig. Wieder war ihm kein Treffer gelungen. Und nachsetzen konnte es ebenfalls nicht. Eine erneute Salve von Latios und Latias zwang ihn zum Rückzug. Ein Dutzend Mal knallte und flimmerte es vor seinen Augen, bis ihm die Ohren dröhnten. Bis zum Fuße der beiden Treppen wurde er zurückgedrängt, entging aber einem direkten Treffer. Dann blitzte es dort einige weitere Male. Diesmal von Pokébällen. Die Rocket Agenten schickten die nächste Welle!


    Ryan erspähte Quappo, Gastrodon, Rossana, Snibunna und Frosdedje – vorwiegend Eis-Typen also. Und selbst die anderen Beiden waren zu Eis-Attacken absolut fähig. Das konnte nur bedeuten, dass der Fokus jetzt auf die Zwillingsdrachen wechseln würde. Eben der Ältere von ihnen sah sich nun gezwungen, Sumpex zur Hilfe zu kommen. Tauros verlor plötzlich den Boden unter den Füßen, als eine Aura aus mythischem Blau seinen Körper umschloss und in die Luft hob, als wiege er so viel wie eine Feder. Er zappelte und trampelte, aber aus diesem Griff vermochte man sich nicht mit Körperkraft zu befreien. Gleich darauf wurde er mitten in die Masse aus Pokémon geschleudert, die noch am unteren Treppenende positioniert war. Das angeschlagene Krebutak sowie das noch immer festgefrorene Groink schafften es nicht mehr aus der Gefahrenzone. Bei so einem Anblick wollte man lieber wegsehen. Der wuchtige, muskulöse Körper Tauros' polterte über das Eis, brach neue Spalte auf und erschlug seine hilflosen Kameraden womöglich beim Aufprall. Von etwas ähnlich Schlimmen war jedenfalls auszugehen. Ryan schüttelte es bei dem Anblick. Das war Krieg. Kein einfacher Kampf. Das war, wozu er sich bereit erklärt hatte. Und wenn Sumpex nicht so enden sollte, wäre er gut beraten, endlich dieselbe Bereitschaft an den Tag zu legen!

    Das Amphibium grunzte und nutzte den gewonnenen Moment zum Verschnaufen, doch da spürte er plötzlich einen heißen, zischenden Schlag direkt auf der Wange. Sarzenia hatte erneut mit Rankenhieb nachgesetzt und ihm einen blutenden Schnitt beigebracht. Der nächste Schlag jedoch wurde bereits von einer kräftigen Hand aufgefangen und hielt das schmale, verlängernde Glied fest, wie ein Schraubstock. Man konnte förmlich beobachten, wie Sarzenia ein Schauer über den Rücken lief, als Sumpex den Kopf langsam wieder zu ihr drehte. Und was sie in seinen Augen sah, weckte den Wunsch, lieber nicht zugeschlagen zu haben.

    Ryan war beinahe nach Schmunzeln zumute. Man könnte meinen, sie beide teilten den gleichen Gedanken.

    „Eishieb!“

    Mit einem einzigen Ruck zog er sie zu sich. Sie hob regelrecht ab und flog in seine Richtung. Mit dem Mute der Verzweiflung richtete sie sich aus, um ihre Säure direkt über sein Gesicht zu ergießen, doch ehe das geschehen konnte, fand sich Sumpex' Faust – ach was, sein ganzer Arm in ihrem Maul wieder. Bis zur Schulter war er im Schlund versenkt. Bereits in der nächsten Sekunde sprossen Zapfen und Eiskristalle daraus hervor. Ein äußerst kurzer und schriller Aufschrei, dann war Sarzenia still. Wer wusste schon für wie lange.

    Dessen nicht genug, festigte Sumpex mit der freien Hand erneut den Griff um ihre Ranke. Mit einer rücksichtslosen Befreiung des festsitzenden Armes, sodass beinahe sämtliches sichtbares Eis schon wieder zerbrach, ging er in eine Drehung über und schleuderte die Kannenpflanze herum. Zunächst gegen die Säule, die er selbst bereits unfreiwillig getroffen hatte. Sollte Sarzenia die ruhig auch mal spüren. Danach wechselte er die Richtung. Die Ranke dehnte und streckte sich so stark, dass sie fast riss. Diesmal landete sie an einer der beiden Treppen. Mit einem scheppernden Klong, das selbst die Organe aller Umstehenden vibrieren ließ und das Metall des Geländers verbog, ward sie aus diesem Kampf verabschiedet. Nur wenige Schritte daneben trafen Eisstrahlen und Spukbälle aufeinander. Die Zwillingsdrachen schafften es trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und Typennachteils, die Brigade aus Eispokémon in Schach zu halten. Sofort wollte Sumpex dazu eilen, da durchstach ein widerlicher Schmerz seinen Arm. Der Blick daran hinab bestätigte die Befürchtung, dass es giftige Substanzen aus Sarzenias Innerem waren, die da auf seiner Haut ätzten. Das ätzende Zeug verursachte ihm Schüttelfrost, zwang ihn tatsächlich für einen Augenblick in die Knie und bereitete ihm Schwindel. Gleichzeitig war ihm, als würde sein Fleisch mit einer glühenden Klinge aufgeschnitten.

    Mila und Noah hielten für ihn Rasaff und Omot in Schach. Das Milotic keuchte allerdings bedenklich. Das waren zu viele Angriffe in zu kurzen Abständen. Er kam gar nicht mehr zum Luftholen. Dadurch hatte Ryan jedoch freie Hand und könnte ungehindert zuschlagen! Tat er aber nicht. Er zögerte. Etwas stimmte hier gerade nicht. Da fehlte doch wer.

    Sein alarmierter Blick schoss in die Höhe. Dort senkte sich gerade Drifzepeli herab und manövrierte sich in die Flanke von Latias. Die sah den Ballon-Geist zu spät. Wann war der aus ihren Sichtfeld geraten? Ryan und Mila erkannten die Gefahr im selben Augenblick – und waren beide zu spät, zu langsam. Da ward Drifzepeli bereits einen Spukball auf sie. Latias hatte gar keine Zeit, zu reagieren. Sie war kalt erwischt worden. Doch da schon sich aus ihrem toten Winkel plötzlich jemand vor sie. Machte sich selbst zu ihrem Schild. Für einen Winzigen Moment war sie noch überzeugt, ihre Augen täuschten sie. Spielten ihr einen geschmacklosen Streich. Auf der anderen Seite sähe ihm eine solch törichte Tollkühnheit durchaus ähnlich. Und ältere Brüder beschützten nun mal ihre jüngeren Geschwister.


    „Latios!“

    Milas entsetzter Aufschrei wurde vom schwarzen Lotus mit einem zufriedenen Schnauben beobachtet. Ihr überlegenes Lächeln wurde noch etwas weiter. Obwohl sie gestehen musste, dass selbst sie beeindruckt war. Latios hatte sich tatsächlich in die Schussbahn geworfen. Aufopferungsvoll und völlig unbedacht auf die eigene Unversehrtheit. Der Spukball hatte genau seine Schädeldecke getroffen und ihn mitsamt seiner Schwester in dunkelvioletten Rauch gehüllt, durch den noch ein paar nachwirkende Schattenblitze zuckten. Die Kampfhandlungen erlebten eine unübliche Atempause. Ein merkwürdiger Moment war dies. Keiner konnte so recht glauben, was man da gesehen hatte, wobei es im Fall von Team Rocket wohl zutreffender war, dass man kaum wagte, daran zu glauben. Daran, dass endlich ein wirksamer Schuss gelungen war. Dass die verdammten Zwillingsdrachen tatsächlich angreifbar waren.

    Doch da beendete ein energisches Drachengeheul die kurzweilige Stille. Latios vertrieb den Rauch mit einer kinetischen Aura. Nicht nur sein Maul, sondern der ganze Körper leuchtete in himmelblauer Energie, die sich zu einer aberwitzigen Form von Drachenpuls formte. Sofort trat Drifzepeli den Rückzug an und suchte sein Heil erneut in der Höhe. Die Drachenenergie fegte haarscharf unter ihr hinweg, durchschlug, nein durchschnitt förmlich eine der dekorativen Säulen, welche erst eine geschlagene Sekunde später entzwei glitt. Sauber durchtrennt und fast ohne Risse oder Sprünge. Drachenpuls traf schließlich auf eine hohe Betonwand, bloß einige Meter über dem Loch, das Metagross vorhin mit Sumpex‘ hineingeschlagen hatte. Fast zeitgleich schlug die abgetrennte Säule auf und zertrümmerte in hunderte Stücke von Mannshöhe bis zur Größe seiner Faust. Fundament und Mauern krachten und bröckelten und tief in den Gewölben des Prime Stadiums hörte man ein empörtes Stöhnen und Ächzen. Das Geistwesen ward dieser Zerstörungskraft nur geradeso entkommen, musste jedoch gleich danach einem Eisstrahl ausweichen. Keiner anderen Gattung wäre das hier noch gelungen. Mila fluchte. Die Wendigkeit von Drifzepeli war unfassbar. Im Sinne von unfassbar problematisch. Seine Bewegungen waren unmöglich vorherzusehen. Vermutlich war es dieser wahnsinnigen Beweglichkeit gepaart mit der für Geister üblichen Tücke zu verdanken, dass der Angriff eben überhaupt gelungen war.

    Und da hallte auf einmal Carlos' energische Stimme durch den Eingangsbereich.

    „Jetzt! Alle Mann mit Eis angreifen!“

    Latios wandte sich wieder der Rocket-Front zu und stieß seine Schwester sofort zur Seite. Kristallisiertes Blau in verschiedensten Formen und Größen leuchtete bereits mehrfach auf. Da schossen messerscharfe Eissplitter hauchzart an ihm vorbei. Ebenso an Latias. Nur einen winzigen Moment hatte seine Aufmerksamkeit abermals ihr gegolten, hoffend, dass er sie weit genug aus der Schussbahn gestoßen hatte. Eher würde er alle diese Angriffe mit offenem Visier und breiter Brust auf sich nehmen, anstatt sie auch nur einem davon auszusetzen.

    Dieser Atemzug der Unachtsamkeit wurde ihm zum Verhängnis. Die Kälte war wie ein giftiger Stich. Beißend und in Windeseile in seinen Körper kriechend. Ein Eisstrahl hatte ihn am Rumpf getroffen und seine linke Flanke mit spitzen Kristallen überzogen. Gleich ging er in eine Schieflage, konnte sich nur mit der Hilfe seiner Schwester in der Schwebe halten. Deren Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie fühlte, wie radikal sein Körper unterkühlte. Dieser Idiot! Dieser verfluchte Idiot!

    Mila musste ganz ähnliche Gedanken haben. Doch im Gegensatz zu Latias trieb das Entsetzen sie zu eiligem Handeln, anstatt Schockstarre.

    „Deckung geben!“, befahl sie Noah und gleichermaßen auch Ryan. Als nichts Anderes als eben einen Befehl nahm er diese zwei Worte wahr. Obwohl die Drachenpriesterin es bislang gänzlich abgelehnt hatte, ihm Befehle zu erteilen. Er war schließlich keiner ihrer Untergebenen. Doch hier und jetzt – und das sah Ryan absolut ein – musste sie es sich herausnehmen, ihn zu befehligen.

    Aus dem Augenwinkel sah der junge Trainer, wie das Milotic tief Luft holte und ein plötzlicher Kältehauch bereits seinen Atem sichtbar machte. Sofort ordnete er Aquawelle an. Und Mila verstand auch gleich die Intention dahinter. Sumpex wuchtete die Wasserkugel direkt vor sich auf dem Boden. Wie eine wütende Brandung rollte dies schäumende Welle auf die Gruppe zu, die noch immer am Fuße der Treppen die Stellung hielt. Snibunna und Frosdedje räumten allerdings sofort das Feld. Flink sprangen sie hinauf auf das Geländer oberhalb, wo Team Rockets Agenten verweilten. Rossana schützte sich mit einem Lichtschild, konnte aber Quappo und Gastrodon nicht zusätzlich abschirmen. Ohnehin zeigten die sich erwartet unbeeindruckt, waren sie doch selbst vom Typ Wasser. Dann heulte allerdings Noah auf. Wütend und voll der Kampfeslust. Die Luft knisterte vor seinem Maul und begleitet von seinem singenden Schrei schoss er seinerseits mit Eisstrahl zurück. Der würde, danke der Vorlage mit Aquawelle, die ganze Gruppe zu einem gewaltigen Block gefrieren!

    „Psystrahl!“, erklang es schrill und giftig aus dem Obergeschoss. Ein schmaler, aber unfassbar greller Lichtstrahl, der von allen Farben des Regenbogens durchzogen war, kreuzte die Schussbahn des Eisstrahls und unterbrach ihn auf halbem Wege zum Ziel. Milas Blick folgt der Richtung und fand Lydia dort sadistisch grinsend an der Seite ihres Omot. Ihr Partner konzentrierte sich überwiegend darauf, die übrigen Agenten anzuweisen, anstatt seines eigenen Pokémons, und befahl die nächste Angriffswelle.

    Erneut zielten Splitter und Strahlen nach den Zwillingsdrachen. Rossana griff sogar mit Blizzard an. Und schon wieder warf sich Latios vor seine Schwester – diesmal jedoch mit einer goldenen Schildwand geschützt. Einen Teil von dessen Kraft spürte er natürlich dennoch und der Frost in seiner Seite zerrte weiter an seinen Kräften, wurde langsam zu einem bitterbösem Gefrierbrand. Der Lichtschild flimmerte bereits nach wenigen Sekunden bedenklich unter dem Beschuss.

    Mila verfiel mehr und mehr in Panik. Sie ließ Noah mit Hydropumpe antworten, doch die Ziele waren zu zahlreich. Er konnte sie nicht alle unter Sperrfeuer setzen. Milas Kiefer spannte sich. Ihre Hände begannen zu krampfen. Sollte sie Neyla dazuholen? Konnte die denn gegen diese gebündelten Eis-Attacken überhaupt was ausrichten?

    Latios' Lichtschild fiel. Goldene Scherben wurden sofort von einem Hagelsturm aus Weiß und Blau verschluckt. Ein Eissplitter schnitt ihn direkt an der Wange und entlockte einen elenden Schmerzensschrei. Doch da leuchtete das Gold wieder auf. Mila staunte, was sie dort sah. Latios blinzelte gar beinahe ungläubig. Trübte der Kälteschock seine Sinne oder spielten ihm seine Augen einfach einen simplen Streich? Nein, es war tatsächlich seine Schwester, die nun wiederum ihn beschützte. Wann war dies das letzte Mal geschehen? Zumeist verabscheute Latias das Kämpfen, tat es selbst jetzt nur der Notwendigkeit wegen. Und er, der sich schon immer als den Beschützer gesehen hatte, war ohnehin seither der Stärkere von ihnen gewesen. Dies sah er, als großer Bruder, auch als nichts Geringeres als seine Pflicht an. Und hier war er nun und ließ sich von seiner geliebten Schwester verteidigen, obgleich sie größte Mühe damit hatte. Selbst jetzt durchschaute er sofort das Zittern ihres Körpers und die fest zusammengekniffenen Augen, während sie mit aller Kraft versuchte, dem Sturm aus Schnee und Eis standzuhalten. Ihr Umfeld nahm sie schon gar nicht mehr war. Alles in ihr fokussierte sich bloß auf die Aufgabe, ihren Lichtschild aufrecht zu halten. Sie zeigte eine Entschlossenheit, eine Verbissenheit, die Latios seit bestimmt hundert Jahren nicht mehr hatte beobachten können.

    Der violetthaarige Mann rief etwas. Laut und energisch, aber die Konzentration und das stetige Prasseln von Eiskristallen auf ihrem Schild ließen die Worte nicht zu ihr durchdringen. Die Angriffsflut stoppte urplötzlich. Gerade als Latias ihre Kräfte zu schwinden befürchtete, ebbte der Druck ab und das Gold vor ihr erstrahlte wieder in kräftigem Glanz. Da kam aus heiterem Himmel Rasaff herangesprungen. Die muskulösen Beine hatten ihn mehrere Meter hoch katapultiert und ein Arm war bereits erhoben. Mit der Handkante ließ er die schützende Wand in tausend Stücke zersplittern. Durchbruch, ganz ohne Zweifel. Latias selbst erreichte Rasaff damit allerdings nicht. Ihr Bruder, bereits wieder in der aufopferungsvollen Beschützerrolle, stieß sie zur Seite und ließ seine Augen blau aufleuchten. Doch dieses Mal hatte er sich verschätzt. Und Rasaffs Tempo unterschätzt. Er traf ihn genau auf der Schädeldecke. Nicht nur der Kopf fühlte den Schlag, auch Hals und Genick knacksten lautstark, sodass es einen schüttelte, und tatsächlich strauchelte Latios wackelig in seiner Schwebe, als würde er gleich fallen. Kaum gelandet, sah das Kampfpokémon jedoch einen Hochdruckwasserstrahl auf sich zukommen, der selbst einen Kleinbus fortgefegt hätte. Von diesem erfasst, wurde er geradewegs in die Treppenstufen zu den Füßen seines Trainers geschossen. Einige rissen und bröckelten – ach was, das ganze Konstrukt wankte plötzlich. Ebenso wie Carlos am oberen Ende davon.

    Latias rief sofort wieder nach ihrem Bruder, bemerkte aber aus dem Augenwinkel schon den nächsten Angriff. Jedoch zu spät, zu ihrem Leidwesen, da der Spukball just in diesem Augenblick schon ihren Rumpf traf. Mit einem elenden, hohen Heulen und eine dunkelviolette Rauchspur hinter sich herziehend stürzte die Drächin zu Boden. Mila rief ihr verzweifelt nach, fluchte entsetzt und wies Noah an, seine Hydropumpe auf Drifzepeli zu lenken, das da simultan zu Rasaff angegriffen hatte. Und diesmal gelang es endlich, das wendige Geisterwesen zu treffen. Es purzelte jaulend rückwärts, wie ein aus der Luft geschossenes Frisbee, konnte sich geradeso abfangen, bevor es nebst seines Trainers im oberen Rundlauf abgestürzt wäre.

    Dort sah Mila die nächste Welle an Eis-Attacken, die nun über Latios hereinbrach, der sich gleichermaßen stur wie verzweifelt zu wehren versuchte. Er schoss mit Drachenpuls zurück, flüchtete außerdem immer weiter in die Höhe und versuchte dem Beschuss auszuweichen. Bei jeder Bewegung tat er sich schwer. Ihm war sehr dunkel, fast schwarz vor Augen. Sein Schädel hämmerte und ein piepender Ton lag in seinen Ohren, der alle anderen Laute sowie Stimmen verschluckte. So überhörte er auch Lydias Anweisungen an Omot, die sich schickte, seiner Schwester den Rest zu geben. Latias lag noch immer am Boden. Der Spukball hatte sie empfindlich getroffen und einige seiner Schattenblitze zuckten noch um ihren Leib. Und noch ehe sie sich aufraffen konnte, trat die tückische Giftmotte auf den Plan. Mit starren, emotionslosen Käferaugen spielte sie demonstrativ mit ihren Beißwerkzeugen, bereit, ihr das Blut abzusaugen.


    Sie hatte Sumpex nicht kommen sehen. Ebenso wenig, wie ihre Trainerin. Zu sehr war sie auf Latias fixiert gewesen. Hatte sich zu arg danach gesehnt, einen der beiden Zwillingsdrachen endlich zu Fall zu bringen. Der Tunnelblick hatte ihre Umsicht vollständig getrübt. Wie sonst hätte sie dieses Vieh vergessen können, lediglich da es noch so weit abseits in der Flanke gestanden war?

    Der Eishieb traf Omot genau an der Schläfe. In einer völlig waagerechten Linie flog sie an ihren Kameraden vorbei, die verdutzt und verschreckt tatsächlich den Beschuss für einen Moment einstellten. Schleudernd und wirbelnd durch die ausgebreiteten Flügel traf Omot schließlich die zertrümmerten Reste der jüngst gefällten Säule. Selbst dieser zierliche Körper ließ beim Aufprall neue Risse aufspringen. Lydia knirschte mit den Zähnen, fauchte gar, und belegte Ryan mit wutentbrannten Blicken, als versuche sie, ihn mit der Macht ihres boshaften Willens in Flammen aufgehen zu lassen. Dieser verdammte Scheißer trieb sie noch zur Weißglut.

    Der Johtonese beachtete sie jedoch gar nicht. Wenn er es täte, würde er sie vermutlich mit Carlos‘ Rasaff verwechseln. Er drängte jetzt allerdings viel lieber darauf, den Beschuss der Eis-Attacken zu beenden, um Latios aus der Bredouille zu helfen.

    „Wir zerstreuen die Gruppe. Noah soll sie nacheinander abschießen“, lautete sein Plan. Er sah Mila dabei nur äußerst kurz aus dem Augenwinkel an. Es fühlte sich seltsam, geradezu dreist an, der Drachenpriesterin seine Strategie aufzuzwingen. Eigentlich sah er sie als Autorität an, ja fast schon als Anführerin, obwohl er nicht zu ihrer Garde gehörte. Aber etwas musste er, mussten sie jetzt versuchen, sonst würden sie hier untergehen. Und wenn es mit dem Mut der Verzweiflung war. Ryan wartete nicht auf ein Einverständnis oder eine Zustimmung, sondern schickte seinen Partner bereits tollkühn voraus.

    „Hol sie dir!“

    Mit großen Schritten und einem beherzten Satz warf er sich auf Quappo, der seinen Eisstrahl nicht schnell genug herumreißen konnte, um Sumpex abzufangen. Das bloße Körpergewicht des Amphibiums reichte aus, um die muskelbepackte Kaulquappe zu Boden zu werfen. Ein einzelner Schlag mit dem Ellenbogen direkt auf die Schädeldecke und schon waren die Augen weiß und die Gegenwehr erloschen. Noch bevor er gefallen ward, nahm sich Sumpex den nächsten Gegner in Form von Gastrodon vor. Die unbewegliche Landschnecke bespuckte ihn noch mit einer matschigen Flüssigkeit, versuchte die Augen zu treffen und ihm das Sehvermögen zu nehmen. Eine breite, schaufelartige Hand blockte den Lehmschuss jedoch ab. Der zähe Matsch spritzte zu allen Seiten umher, doch stoppte er das energische Wasserpokémon nicht. Die andere Hand wurde bereits zur Faust geballt.

    „Hammerarm!“

    Er schmetterte eben jenen genau auf Gastrodons Wirbelsäule. Ein hoher Schrei ging zur Decke des Prime Stadiums hinauf. Selbst unter diesem elastischen Körper, der solche Direktangriffe so gut absorbieren konnte, schlugen Staub sowie einige Bruchstücke des darunterliegenden Betons auf. Bevor Sumpex sich sein nächstes Ziel suchen konnte, verrieten ihm seine feinen Sinne in den Kopfflossen Gefahr von oben und tatsächlich hörte er den Spukball bereits knistern. Drifzepeli schon wieder!

    „Eisstrahl, Noah!“

    Das Geistwesen hatte dem Milotic den Rücken gekehrt und war daher endlich außerstande, dem Angriff auszuweichen. Am Hinterkopf traf der Eisstrahl und hinterließ ellenlange, spitze Zapfen. Drifzepeli kreischte entsetzt und warf sich auf den Boden. Zappelnd und wimmernd versuchte sie, das Eis abzuschlagen, doch da richtete Noah seine Attacke erneut auf sie aus und fror sie zu einem gewaltigen Eisblock, in dem sie nun regungslos festsaß.

    Eisstrahl hatte Sumpex für einen Augenblick von den übrigen Gegnern separiert, doch tauchte plötzlich Snibunna flink und leichtfüßig darunter hindurch und ließ seine Krallen aufblitzen. Der Tempounterschied dieser Gattungen war viel zu enorm. Sumpex konnte überhaupt nicht reagieren und fing sich einen tiefen Schlitz auf der Brust ein. Snibunna huschte dabei unter seinem Arm hinweg und begab sich in die ungeschützte rechte Flanke. Schon wieder wurde eine Klaue erhoben und zielte diesmal auf die Halsschlagader. Hier unterschätzte das Wiesel jedoch das antrainierte Kampfgespür seines Gegners, sowie die in Fleisch und Blut übergegangene Voraussicht, die von dessen Trainer abgefärbt war. Der erahnte das Manöver zeitig, winkelte den linken Arm vor dem Kinn an und nutzte die Pranke wie einen Schild. Nun sollte man meinen, dass die natürlichen Waffen eines Snibunna die ledrige Haut des Amphibiums spielend durchdringen würden. Taten sie auch. Allerdings nicht die angespannten Muskelstränge dahinter. Es war fast, als steche er auf Granit ein. Auf Granit, der sogar einen gezielten Gegendruck ausübte, sodass der eigene, ausgestreckte Arm einknickte, ja fast brach! Eben jenen Arm erfasste Sumpex nun mit einem eisernen Griff und zerrte seinen leichtgewichtigen Gegner zu sich heran, um seinen Hammerarm auf dessen Schädeldecke zu wuchten. Als das Kinn auf den Boden traf, wurde durch den Aufprall der ganze Körper in die Hohe geworfen. Sumpex spürte, wie der Arm des Snibunna hierbei aus dem Gelenk sprang. Dessen nicht genug, schleuderte er das Unlichtpokémon einmal herum, geradewegs in Noahs Richtung. Der hatte nur auf so eine Chance gewartet. Seine Hydropumpe erfasste Snibunna wie ein Zug und schoss ihn geradewegs wieder zurück. Er traf direkt auf Rossana, die gerade ihre Psychokräfte auf Sumpex konzentrieren wollte und daher völlig überrascht wurde. Sie fand sich mit dem Eis-Wiesel auf dem nassen Boden wieder und röchelte trocken. Der Schlag hatte ihr sämtliche Organe durchgeschüttelt.

    Ryan schöpfte neuen Mut. Das Manöver war geglückt und die Angriffslinie Team Rockets auseinandergerissen. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und seinen Körper mit Adrenalin durchströmte. Und würde er es denn realisieren, wäre das eine willkommene Ausrede dafür, dass eine Hand an seine Hosentasche wanderte und durch den Stoff hindurch den Drachensplitter umklammerte. Doch das geschah gänzlich außerhalb seiner Wahrnehmung.

    Währenddessen nutzte Latios die gewonnene Zeit und die vorübergehende Feuerpause aus. Leider nicht besonders clever. Anstatt Ryan zu unterstützen oder ihm gemeinsam mit Noah Feuerschutz zu geben, sank er hinab zu seiner Schwester. Fürsorglich und liebevoll wie eh und je. Aber auch dumm. Hätte er doch dieses eine Mal seinen Rachedurst vorgeschoben.

    Ryans Augen huschten hin und her, scannten und aktualisierten die Situation. Nur noch Quappo und Frosdedje blieben übrig. Falsch gedacht! Gerade als Sumpex sich jenen Beiden zuwandte, mischte sich Rasaff ein weiteres Mal ein und kam von hinten angesprungen.

    „Schutzschild!“, schrie Ryan sofort, laut und hastig, aber nicht panisch. Nur eine gewisse Verbissenheit lag in seiner Stimme. Man konnte ihr förmlich anhören, wie sich jede Faser seines Körpers anspannte. Eigentlich völlig nachvollziehbar, im Anbetracht der Situation. Dennoch löste sie bei Mila ein Stirnrunzeln aus. Und einmal mehr wurde die Technik zu einem Rettungsanker für das Wasserpokémon. Nicht nur die Faust von Rasaff prallte in seinem Rücken an der Lichtkuppel ab, sondern auch die von Quappo, sowie Rossanas Psychokinese, die sogar noch am Boden liegend angriff, aber ebenfalls nicht durch Schutzschild hindurch wirken konnte. Gleich darauf preschte Sumpex nach vorn, bevor überhaupt die Chance entstehen konnte, einen neuen Befehl zu geben – so, wie es ihm von Ryan eingetrichtert worden war. Mit einem beherzten Satz stieß er seine wuchtigen Handballen an die Stirn der Kaulquappe, riss sie um und hämmerte den Hinterkopf auf den Boden. In der Bewegung erfasste Sumpex außerdem den Schopf Rossanas und tat mit ihr genau dasselbe. Wasser und splitternde Reste des Eises schlugen hoch auf und verrieten selbst von weitem noch die Kraft dahinter, als wäre die Erschütterung im Fundament nicht bereits genug gewesen. Blieb also nur noch einer. Und der griff ebenfalls schon wieder an.

    „Rasaff, Kreuzhieb!“, schrie Carlos von oben herab. Jetzt musste die Attacke endlich sitzen. Ihm ging die Verstärkung aus!

    „Umdrehen und mit Eishieb kontern!“

    Sumpex hätte keiner Erinnerung bedurft, dass hinter ihm noch ein Gegner übrig war. Aus der Drehung heraus hielt er gar Rossana weiter am Schopf gepackt und schleuderte sie zur Seite in das Treppengeländer, das bereits durch Sarzenia verbogen worden war, sodass Lydia darüber ob der Erschütterung wankte. Es konnte nicht mehr viel fehlen, bis das Ding einkrachte.

    Sumpex unternahm indessen erst gar keinen Ausweichversuch. Dafür war er ohnehin zu langsam und schwerfällig. Gar ging er Rasaff einen Schritt entgegen, drehte ihm die Seite zu und hakte unter seinem rechten Arm ein, auch wenn das bedeutete, dass er selbst einen Schlag in die Rippen wegstecken musste. Er zögerte jedoch keine Sekunde. Grunzte zwar vor Schmerz, aber widerstand kompromisslos und energisch wie eh und je. Ein oder zwei Knochen sicher angeknackst, wie er spürte und mit einem widerspenstigen Grollen quittierte. Das Aufblitzen in den knallorangenen Augen versprach jedoch eine noch viel schmerzvollere Vergeltung. Sumpex zog den eigehakten Arm an. Rasaff quiekte erschrocken, als sich der Seine beinahe aus der Schulter drehte. Er wurde leicht angehoben, sodass seine Füße den Boden nicht mehr erreichten und er wild zu zappeln begann, während auf der freien Hand des Amphibiums bereits Eiskristalle die Haut benetzten. Ein satter Schlag auf das Jochbein wurde mit einem desorientierten Stöhnen beantwortet, der keinen Zweifel an der Kraft und der Wirksamkeit hinterließ. Dann ein zweiter. Und noch einer. Sumpex schrie Rasaff seinen Siegeswillen ins Gesicht. Das Eis brach nach und nach von seiner Faust ab und verzerrte sich in dem buschigen Fell. Nach dem vierten Hieb korrigierte Sumpex seinen Stand und wuchtete das halb ohnmächtige Kampfpokémon hoch in die Luft, drehte sich mit und schmetterte es mit seinem Groll auf den Rücken. Ein hohles Keuchen. Dann nichts mehr. Das Zappeln endete. Rasaff war still und endgültig geschlagen. Sumpex, derweil mehr und mehr im Kampfrausch, zog beide Fäuste an und schrie wie ein wütender Berserker zur Stadiondach empor. Und selbst Ryan, der alles mit schweren, mitfibernden Atemstößen beobachtet hatte, entwischte beinahe der Anflug eines Lächelns. Geradeso konnte er dem Impuls widerstehen, eine Siegerfaust zu ballen. Die wäre allerdings gänzlich verfrüht, wessen er sogleich erinnert wurde, und er könnte sich bereits eine Sekunde später für diese Naivität selbst eine runterhauen.

    Sumpex erahnte wieder eine Bewegung genau hinter sich, noch bevor Ryans lautstarke Warnung zu ihm durchdringen konnte. War Quappo schon wieder auf den Beinen? Völlig egal. Er ballte eine Faust und drehte sich mit der Wucht seines gesamten Körpers, den Hammerarm im Anschlag.


    Der Aufprall erinnerte an zwei kollidierende Stahlträger. Es schüttelte Ryan und Mila noch tief im Brustkorb – ganz zu schweigen von dem ohrenbetäubenden Schlag, den das Trommelfell wegzustecken hatte. Alles im und um das Hörorgan vibrierte so fürchterlich, dass ihnen schwindelte. Der junge Trainer schwor, der Schall klang hoch bis unter seine Schädeldecke, verzerrte ihm sogar einen Moment lang die Sicht. Dennoch hafteten seine Augen eisern an Sumpex. Und dessen Arm ebenso fest an dem stumpfen Ende des riesigen Metallbolzens, der ihn da gestoppt hatte, und der mit einem schweren, stahlblauen Körper verbunden war. Zwei blutrote Augen saßen dort einer Vertiefung und starrten ihn böswillig an. Sumpex Miene verfinsterte sich. Energisch und widerspenstig grollte er den Koloss an. Der zog die aufgefangene Faust daraufhin mit einer fast schon mechanisch wirkenden Bewegung zum Boden herunter und entblößte damit die offene Seite des Wasserpokémons. Aus einer Drehung heraus schlug der zweite Vorderarm wie eine Keule gegen seine Schläfe und hämmerte ihn seitlich in die Treppe, direkt neben Rossana, die es durch den Einschlag nach vorne warf und benommen hustete. Diesmal bog und barst das stählerne Geländer so stark, dass das ganze Konstrukt in Schieflage geriet und Lydia einen alarmierten Schritt zurücktat, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Lange Risse sprangen fast bis zur obersten Stufe und aus diversen weiteren brachen Brocken heraus. Der eben noch so bohrende Blick des Amphibiums war für einen Moment leer und erschüttert, zeigte Andeutung des Bewusstseinsverlustes.

    „Sumpex!“

    Ryan machte einen Schritt nach vorn, wurde jedoch von Mila gestoppt, ehe er auf die Idee kommen konnte, sich weiter zu nähern. Nicht, dass sie kein Verständnis für diesen zugegebenermaßen dummen Impuls verspürte. Sumpex‘ Anblick war elend und mitleiderregend. Er lag dort zwischen Trümmern und Metallstreben und suchte benommen mit einer freien Hand nach einem Halt, nach einer Stützte. Ein dicker Film aus Rot lief seine Schläfe hinab und auch aus der Brust verlor er weiter Blut. Metagross setzte selbst nicht nach, sah lediglich geringschätzig und teilnahmslos auf seinen Gegner herab, während hinter ihm ein sehr zufriedenes und sadistisches Lächeln über dem Kampf zu thronen schien. Der Schwarze Lotus hatte sich sehr bewusst zurückgehalten und das Feld den untergeordneten Agenten überlassen, wissend, dass sich diese, trotz ihres hohen Ranges, kaum Chancen auf einen Sieg ausrechnen konnten. Die allerbesten aus dem Hoenn-Zweig hatte sie herausgesucht. Und selbst deren Pokémon waren nichts als Bauernopfer gewesen, die sie Welle für Welle vorausgeschickt hatte, bis die schiere Überzahl, sowie die natürliche Schwäche gegen Eis, die Zwillingsdrachen in de Knie oder zumindest in die Defensive gezwungen hatte. Nun besaßen sie und Metagross sehr viel Spielraum – und nach wie vor unheimlich viel Kraft.

    Doch da leuchtete plötzlich etwas in Metagross‘ Augenwinkel auf. Ein grelles Weiß, begleitet von einem nach Gesang anmutenden Kampfschrei. Latios hatte seine Kräfte bündeln können und war bereit, diesen Kampf zu beenden. Sein Leib wurde erneut von weißen Lichtpunkten umtanzt, die blaue und purpurfarbene Reflexe absonderten. Gleich würde das Bombardement von neuem beginnen. Und es würde die kläglichen Überreste von Team Rockets Kampfkraft zersprengen wie Laub.

    Da erschrak Latios jedoch durch einen plötzlichen, verräterischen Laut in seiner Flanke. Es war das Wispern eines Geistes, der buchstäblich eine fröstelnder Kältehauch mit sich trug. Als würde man in eine Eishöhle treten, durch deren Tunnel der Wind ein schauriges Echo sandte. Frosdedje hatte sich mit ähnlicher Hinterlist an Latias herangeschlichen, wie Drifzepeli es vorgemacht hatte. Die Geisterdame hatte bereits einen Arm ausgestreckt. Mehrere spitze und scharfkantige Eissplitter zielten auf den Schädel seiner Schwester. Die war zwar noch bei Bewusstsein, aber unfähig, aufzustehen. Realisierte nicht einmal, dass sich der Feind direkt neben ihr Befand. Fast wie der Scharfrichter mit dem Henkersbeil. Mila erspähte es aus dem Augenwinkel. Zu spät. Sie rief Latias‘ Namen, genau wie ihr Bruder.

    Der Einschlag kam so plötzlich, dass Frosdedje später nicht einmal mehr wüsste, wer oder was sie da getroffen hatte. Latios hatte nicht sein ganzes Arsenal abgefeuert. Lediglich einen einzelnen Schuss. Dieser hatte bereits genügt, um ein tiefes Loch in den Boden zu sprengen und den hinterhältigen Angreifer die halbe Distanz zur Decke hinauf zu katapultieren. Die Arme ruderten schlaff und kraftlos in der Luft. Rein gar nichts regte sich mehr. Auch nicht bei der Landung, die erst eine gefühlte Minute später in der Ferne des Rundlaufes stattfand.


    Der Schwarze Lotus schmunzelte und legte den Kopf verträumt auf die Seite. Ein hohes Maß an Zufriedenheit und Amüsement zierte die dezent geschminkten Lippen. Aber auch ein winziger Hauch des Mitleids. Rayquazas Kinder waren so leicht zu lesen. Und daher auch so leicht zu manipulieren. Latios vergaß einfach alles um sich herum, sobald seine Schwester in Gefahr geriet. Das war einerseits überaus ehrbar und vorbildlich in seiner Rolle als großer Bruder. Welch rührender Geschwisterliebe sie hier Zeugin wurde. Jedoch war sie in gleichem Maße töricht und kurzsichtig in Bezug auf diesen Kampf. Latios besaß alle Mittel, um ihre Agenten in alle Winde zu zerstreuen und selbst ihr Metagross zu schlagen. Es handelte sich schließlich nach wie vor um legendäre Drachenpokémon, wenn auch beileibe nicht um die Mächtigsten ihrer Familie. Er hätte Latias ganz einfach aufgeben sollen. Oder wenigstens auf ihre Zähigkeit vertrauen und sich auf den Angriff konzentrieren. Seine Fürsorge war seine Schwäche. Sowie sein Verhängnis.

    Die Rocket Agenten benötigten keine konkrete Anweisung ihrerseits oder von Carlos. Dennoch schrie letzterer die Verbliebenen nochmals nach vorn. Er selbst hatte schließlich keine andere Möglichkeit, um weiter am Kampf teilzunehmen. Rasaff war nicht länger bei Bewusstsein, weswegen er bei nächster Gelegenheit in seinen Pokéball zurückgerufen wurde. Ganz im Gegensatz zu Lydia. Scheinbar zu frustriert über Omots erneute Niederlage ließ sie die Giftmotte fallen.

    Quappo und Gastrodon hatten sich gerade noch einmal aufgerafft und feuerten mit Eisstrahl. Latios erkannte die Gefahr gerade noch rechtzeitig und ließ sich mit einer Rolle etwas tiefer fallen. Womit er einem direkten Treffer entgangen war, doch da kreuzte einer seiner Flügel die Schussbahn von Gastrodons Attacke. Sofort fror dort ein schwerer Klumpen, der ihn gen Boden zu reißen versuchte und mit beißender Kälte an seinen Reserven zerrte. Zum ersten Mal schrie er vor Schmerz und sackte auf die Seite. Die Kälte kroch nicht langsam und quälend in seinen Körper, sondern überwältigte ihn, wie eine Flutwelle. Nicht nur die Nerven, sondern auch die Wahrnehmung wurde zu Teilen betäubt, sodass er völlig vergaß, wer sich noch vor ihm befand. Rossana war die letzte Verbliebene, obgleich sie arg wankte und ein Auge stetig zusammengekniffen hielt. Ihr Schädel pochte, als sie ihr ein Amboss darauf gefallen. Aber sie stand. Mit schweren Atemstößen setzte in Form von Blizzard nach. Diesmal gab es kein Entrinnen für den Drachen. Ryan und Mila sahen mit Entsetzen und vollkommen hilflos zu, wie ein Sturm aus Schnee und Eis über Latios hereinfiel und er zum ersten Mal gequält zum Himmel hinauf schrie.

    So wortgewandt und eloquent war er für sein junges Alter – und doch würde er den Menschen niemals nachvollziehbar erklären können, wie fürchterlich sich das Eis für ihn und seine Artgenossen anfühlte. Es biss, es stach, es brannte. Es krallte sich in Fleisch und Muskeln, fester and es jede Klaue der Pokémonwelt vermochte. Eiskristalle benetzten seine Haut, stachen giftig und erbarmungslos hinein, wie tausende rostige Nadeln. Was man zunächst für ein Zittern aufgrund der Kälte halten konnte, war in Wahrheit das Zucken geschädigter Nerven. Latios‘ Kraft versagte und das Bewusstsein verließ ihn mehr und mehr. Die Taubheit in den Gliedern setzte binnen weniger Sekunden ein und obwohl sein ach so zäher und willensstarker Geist noch arbeitete, entglitt ihm die Kontrolle über den eigenen Körper.

    „Latios!“, schrie Mila laut und entsetzt. Noah versuchte eigens, mit Hydropumpe Hilfe zu leisten, woraufhin sich auf einmal Gastrodon in den Vordergrund schob. Flink und geschmeidig glitt es über Eis und Wasser, und schützte Rossana mit nichts als seinem Körper. Mehr war auch nicht nötig. Diese Gattung besaß trotz des Boden-Typs eine natürliche Immunität gegen Wasser Attacken. Quappos Eisstrahl wurde indessen umgelenkt und traf Latios nun direkt auf die Brust. Die sprießenden Zapfen brachen ob des Blizzards teilweise wieder ab, doch linderte dies keinesfalls den Schmerz. Seine Schreie röchelten und erstarben. Der Blick wurde leer und ziellos. Bald verschwanden die Pupillen und die Schwebe versagte.

    „Nein! Aufhören!“

    Es war erbärmlich und tragisch, worum Mila da flehte und natürlich würde die Bitte unerhört bleiben. Doch sie konnte das einfach nicht mit ansehen. Ob Noah, Neyla, oder eines der vielen Pokémon, die sie frei begleiteten – sie alle zusammen würde sie lieber auf diesem Schlachtfeld sehen, würde sie eher opfern, anstelle der Zwillingsdrachen. Nun war sie das Wagnis dennoch eingegangen, um Ryan zu retten und auf die Chance zu pokern, den Schwarzen Lotus schlagen zu können. Und sie hatte verloren.

    Latios fiel. Seine Stimme versagte fast im selben Moment. Brust und Arme waren bereits unter einer schweren Eisschicht bedeckt, welche beim Aufprall mitsamt unzähliger Scherben aus Zapfen und Schollen sowie dem zerstörten Fußboden, fast vollständig wieder aufgeschlagen wurde, was einen so lauten Schlag auf dem Beton erzeugte, dass es Ryan und Mila in der Ohrmuschel schmerzte. Trotzdem zuckten sie kaum. Sahen stattdessen konsterniert auf die regungslosen Körper der Zwillingsdrachen. Der junge Trainer in seiner feinen, doch längst ruinierten Garderobe, war wie versteinert. Fassungslos und sich stur gegen das, was seine Augen ihm zeigten, sträubend, lenkte seinen Blick hilfesuchend zu Sumpex, der gerade nach vorn kippte, sich endlich aus den Trümmern aus Stahl und Beton zu befreien vermochte. Jedoch war dies kein Aufbäumen und kein letzter Akt des Willens. Sumpex ging in die Knie und sackte kraftlos nach vorn. Das Kinn schlug abermals Reste des Eises klein, das als Kampfspuren geblieben waren.

    Ryans Knie wurden ebenfalls weich. Sein Kiefer spannte sich dafür so stark, dass ihn jetzt ein lautes Knacken von selbigem kaum überrascht hätte. Himmel, er hätte es vermutlich nicht einmal gespürt. Dagegen blieb Mila noch geistesgegenwärtig, wenn auch nicht weniger ratlos. Aber irgendwas musste sie tun. Egal wie aussichtslos, egal wie verzweifelt. Das war sie schließlich seit Wochen, wenn nicht Monaten.

    „Noah!“

    Das Milotic schlängelte sich ein Stück nach vorne und holte bereits Luft für Eisstrahl, da Hydropumpe keine Option mehr darstellte, solange Gastrodon auf dem Feld war. Mila griff außerdem unter ihren Mantel und langte nach Neylas Pokéball. Den hatte sie noch nicht einmal vergrößert, als die Stimme des Schwarzen Lotus souverän durch den Eingangsbereich hallte.

    „Hyperstrahl.“

    Direkt vor dem grauen Metallkreuz auf Metagross‘ Gesicht glimmte eine goldene Energiekugel auf. Einen winzigen Moment lang war alles still. Die Säulen, stehend und zerstört, welche diesen Kampf bezeugten, warfen lange Schatten. Das Licht wurde so intensiv, dass die Drachenpriesterin nicht einmal mehr fünf Meter weit sehen konnte. Ryan gab dem Reflex nach, seine Augen zu schützen und dennoch schmerzte das Licht. Als erstes spürte er die Hitze. Nicht unmittelbar auf seiner Haut, sondern eher, als würde man sich zu nahe an einen Brand wagen. Und für sein Empfinden war es bereits viel zu nah!

  • Hallo,


    mit dem Kreuzfeuer hast du nicht übertrieben und eigentlich ist es irre, was hier alles passiert. Die kurzen Sätze zu Beginn des Kapitels ließen noch teilweise erahnen, dass du etwas Anlauf benötigst, aber das hat sich schnell gegeben. Jede Auseinandersetzung war so zufriedenstellend umgesetzt und spannend, dass ich teils aufgrund der Conclusio, einen Teilerfolg zu sehen, schmunzeln musste. Noch besser fand ich, als Frosdedje nach einmaligem Erwähnen unter- und gegen Ende wieder aufgetaucht ist. Rasaff hat so gut abgelenkt, dass der Twist umso stärker wirkt. Der Hyperstrahl wird nun zeigen, was da vom Kampffeld übrig bleibt.


    Wir lesen uns!

  • Hi Rusalka,


    ja, geht ganz schön drunter und drüber, in diesem Abschnitt. Mir ist dabei durchaus klar, dass es schwer sein kann, die Übersicht zu behalten. Tatsächlich hat das Kapitel (unter anderem) eben deswegen solange gebraucht, weil ich an verschiedenen Stellen immer nochmal nachdosieren musste, wer gerade im Fokus steht, wer mittlerweile vergessen worden sein könnte, welche Informationen gerade relevant für den Leser sind usw. Und vor allem, dass ja nicht zu viel Text auf zu wenig Aktion trifft - sprich, die Handlung keinen Fortschritt macht. Deine Wortwahl deckt sich da übrigens auch mein eigenes Empfinden: Es war zufriedenstellend. Nicht mehr, aber immerhin auch nicht weniger.


    Freut mich, dass immerhin die Twists und Überraschungsangriffe gut gezündet haben. Ich war erleichtert, dass ich, nun, da der Turnier Ark quasi bereits abgeschlossen ist, noch nicht vollkommen ausgebrannt bin, was Kämpfe angeht. Ich merke aber schon, dass ich mich damit schwerer tue als üblich. Obwohl dieser offene Kampf mit so vielen Teilnehmern sich natürlich irgendwo anders anfühlt und anders zu schreiben ist. Dafür hat diese Konstellation ihre ganz eigenen Tücken und Probleme an den Autor. :unsure:


    Bis zum nächsten, dann :glasses:

  • Kapitel 74: Collapse


    Pete zog gierig an seiner Zigarette, doch sie schaffte es ebenso wenig, ihn zu beruhigen, wie die drei davor. Normalerweise rauchte er nicht in solchen Maßen. Aber die Ungewissheit, wie es Mila gerade erging, setzte ihm übel zu. Selten war er so sehr um ihr Wohlergehen besorgt – ganz einfach, weil es für gewöhnlich wenig Anlass dazu gab. So viele ihrer Erlebnisse und Erfahrungen kannte er inzwischen detailgetreu und doch hatte die Frau mehr erlebt, erduldet und durchstanden, als er sich vorstellen konnte. Und er besaß eine starke Vorstellungskraft!

    Heute Nacht war der Gegner jedoch nicht gewöhnlich. Die Gefahr nicht kalkulierbar. Schon gar nicht, da sie sich zusätzlich um zwei halb-erwachsene Trainer kümmern musste, die sich in einem emotionalen Höhenflug am Heldentum versuchten. Er hatte sowohl vor als auch nach seinem Kennenlernen mit den beiden Johtonesen oft betont, dass Mila sie fortschicken solle. Dass dieser Ryan den Drachensplitter sofort an sie übergeben und sich vom Acker zu machen hätte. Eine klare, verbale Antwort war ihm die Drachenpriesterin ebenso schuldig geblieben, wie eine Begründung, warum sie seinen Rat ignorierte. Ihre einzige Reaktion war dieses verdammte Schmunzeln gewesen, das sie so oft aufsetzte. Als würde sie ein Kind belächeln, das etwas ganz Essenzielles nicht begreifen konnte oder wollte. Er mochte dieses Lächeln nicht. Mittlerweile hatte Pete begriffen, dass sie jedes Mal, wenn sie es aufsetzte, etwas Waghalsiges tat oder im Begriff war zu tun. Eventuell gar etwas Dummes. Allerdings hatte er sie noch nie eine Entscheidung leichtfertig treffen sehen. Schon gar nicht, wenn es um etwas auch nur annähernd Wichtiges ging, wie das Schicksal aller Drachenpokémon. Was entweder bedeutete, dass sie sehr bewusst und berechnend Risiken einging, oder sie aber vor Verzweiflung mindestens ratlos, wenn nicht gar verrückt wurde.

    Pete drückte die rasch aufgerauchte Kippe in den Aschenbecher auf der Wohnzimmerkommode. Sie war bis auf den Filter runtergebrannt, wie alle ihre Vorgänger auch. Und dennoch zog er gleich wieder die zerknitterte Schachtel aus der Brusttasche. Das knittrige Hemd saß längst nicht mehr ordentlich und die beiden obersten Knöpfe waren geöffnet. Die feine Hose hatte außerdem ein paar Spuren der Zigarettenasche abbekommen. Während der Arbeit würde er sich niemals so zeigen. Das Feuerzeug war schon erhoben, doch stoppte seine Bewegung, noch ehe die Flamme entfachte. Sein Blick war eher zufällig am Fenster gelandet und eigentlich überraschte es ihn auch nicht, dass er dort Melody hocken sah. Wie auch? Seit über eine Stunde hatte sie sich keinen Zentimeter von dort entfernt. Sie hockte auf dem Rahmen, eines ihrer Beine quer darauf hochgelegt und den Oberkörper eigentlich viel zu waghalsig nach draußen gebeugt. Pete ließ stöhnend den Kopf fallen und packte das Feuerzeug weg. Die Zigarette steckte er sich hinters Ohr, während er die paar Schritte zu Melody überbrückte. Das wievielte Mal versuchte er es jetzt nun? Das Vierte? Warum tat er sich das immer wieder an?

    „Sag wenigstens Bescheid, bevor du dich noch weiter rauslehnst, damit ich dich noch festbinden kann.“

    Die Kleine ging ihm zwar ziemlich auf den Sender, aber den Sturz wünschte er ihr natürlich trotzdem nicht. Wie sollte sie das Mila erklären? Und Ryan erst, obwohl er sich über den doch herzlich wenig sorgte. Natürlich wäre es aber auch in seinem Fall gelogen, wenn er behaupten würde, sein Schicksal sei ihm gänzlich egal.

    Melody sah bloß einmal kalt über die Schulter, antwortete allerdings nicht. Gleich spähte sie wieder rüber zum Prime Stadium, dessen erleuchtetes Dach man von hieraus noch gut erkennen konnte. Pete wohnte praktischerweise direkt über seiner eigenen Bar, die er aus offensichtlichen Gründen für heute geschlossen hielt. Dazu waren sie hier noch im obersten Stock des Gebäudes. In diesem Viertel reihten sich fast ausschließlich Wohnhäuser aneinander, weshalb man von hier aus allgemein eine gute Übersicht über Graphitport genoss. Die Firmensitze und Bürokomplexe waren weiter hinter dem Stadion sichtbar, doch die nahm das Mädchen überhaupt nicht wahr. Ihr Blick haftete am Prime Stadium, als verrieten das beleuchtete Dach und die glänzende Fassade ihr alles, was dahinter vor sich ging. Was Ryan gerade tat, wie es ihm ging. Ob er gerade kämpfte. Ober gewann. Ob er, Andrew, Sandra und Mila okay waren. Sie lehnte sich gefährlich weit hinaus, als verriete ihr jeder gewonnene Zentimeter etwas mehr. Eigentlich war sie davon ausgegangen, im Pokémoncenter abzuwarten, was Pete ihr jedoch ausgeredet oder eher verweigert hatte. Durch Worte allein war sie jedenfalls nicht mit ihm gegangen. Da hatte er ihr noch so oft sagen können, dass das Center viel zu nahe am Brennpunkt lag. Vorhin noch hatte sie Polizeisirenen gehört. Sehr viele, so glaubte sie. Natürlich war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie zum Stadion unterwegs gewesen waren. Sie hatte dennoch versucht, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Es war schließlich eine große Stadt und hier konnte alles Mögliche passieren. Das redete sie sich zumindest ein.

    „Du kannst ihm nicht immer die Hand halten“, redete Pete auf sie ein. Dergleichen hatte sie in der vergangenen Stunde öfter gehört, als sie – zumindest in diesem abwesenden Geisteszustand – zählen konnte. Dieser war auch der Grund, warum sie Pete nicht antwortete. Es riefen bereits genug Stimmen in ihrem Kopf durcheinander. Da konnte sich die der Vernunft schon lange nicht mehr durchsetzen. Geschweige denn die des Barbesitzers, der ironischerweise sehr ähnliche Dinge von sich gab.

    Pete seufzte resignierend und lehnte sich an die Wohnzimmerwand. Sein Blick wanderte über den nicht allzu sauberen Fußboden. Der Raum war nicht beleuchtet, doch tanzten im Schein des Mondlichtes einige Staubkörner über das Parkett. Die Stille war erdrückend. Wie konnte es denn sein, dass in einer so großen Metropole an einem sommerlichen Samstagabend alles schon zu pennen schien? Man hörte keine Nachbarn, keine feiernden Studenten auf Kneipentour und ausgenommen der Polizei von vorhin auch keine Autos. Es war fast, als hielt die ganze Stadt den Atem an und wartete gespannt auf den Ausgang dieses verfluchten Sommerballs. Und eigentlich wusste Pete ja besser als die Meisten, was der mit sich bringen sollte. Der Informant mit dem Decknamen Devon hatte ihn als allererstes vor diesem Ereignis gewarnt, aber gewiss nicht als Einziger. Nicht mal als Lautester. Und wie auch er, hatten alle anderen, die nach ihm gefolgt waren, Hoenn inzwischen verlassen. Zwei sogar, ohne Pete überhaupt Bericht zu erstatten oder sonst wie zu kontaktieren. Sie waren einfach untergetaucht. Was mehr als genug Anlass zur Sorge gab.

    „Wenn ich jetzt dort wäre…“

    Fast hätte sich Pete erschreckt, da Melody die Stille urplötzlich doch durchbrach, obwohl sie so unfassbar leise gesprochen hatte, als ob sie zu sich selbst und nicht mit ihm redete.

    „Wenn ich bei ihm wäre, dann…“

    „Dann hätte er noch jemanden, auf den er aufpassen muss. Und Team Rocket eine Zielscheibe mehr – die sich nicht mal selbst verteidigen könnte.“

    Melody biss sich auf die Unterlippe. Die Worte waren hart, aber nicht unwahr. Ob sie in der Lage waren, sie zu beruhigen, oder wenigstens davon abzuhalten, jetzt doch einfach loszustürmen, stand auf einem anderen Blatt. Zum ersten Mal drehte sie sich ganz zu Pete um und lächelte in einer Art und Weise, als versuchte sie nicht länger ihren Gegenüber davon zu überzeugen, dass die Idee nicht selbstmörderisch sei, sondern sich selbst. Dabei wusste sie natürlich, dass sie sich was vormachte. Dass sie sich dies bloß einredete.

    „Menschen werden stärker, wenn sie etwas zu beschützen haben, weißt du?“

    In ihrem Tonfall lag eine gewisse Selbstverständlichkeit. Vorgegaukelt natürlich, schien dennoch zu versuchen, etwas Offensichtliches darzulegen, dass ihre dumme Idee legitimierte. Die gerunzelte Stirn zeugte jedoch von wenig Einsicht. Schließlich war er auch nicht derjenige, dem es genau daran mangelte. Darüber hinaus stellte er anhand ihrer Aussage fest, dass Melody etwas sehr Grundlegendes noch gar nicht verstand. Er trat an ihre Seite und legte beide Hände fest auf dem Fensterrahmen vor ihrem hochgelegten Bein. Die beiden Augenpaare unterbrachen für einige Sekunden nicht den Kontakt. Sein Blick war ein Intensiver, Eindringlicher. Seine Stimme gar noch mehr, obwohl er einen ruhigen Tonfall behielt. Dabei wäre es langsam nicht unangebracht, ihr den Kopf zu waschen und die knallharte Wahrheit geradewegs ins Gesicht zu schmettern. Bei jedem Jungen in ihrem Alter oder sogar darunter hätte er es längst getan.

    „Er beschützt dich doch schon längst.“

    Ihr Blick schweifte wieder über die Hausdächer, blieb er irgendwo in der Ferne hängen, während sie langsam die warme Abendluft einsog und blinzelte, als fielen ihr Schuppen von den Augen.

    „Deswegen ist er jetzt dort“, führte Pete weiter aus und lenkte seinen eigenen Blick Richtung Prime Stadium. Er hatte selten ein gutes Wort über Ryan verloren. Er mochte den Burschen auch nicht besonders. Seinen Kumpel mit dem losen Mundwerk noch weniger. Aber seit der Sache mit Ruby empfand er so etwas wie Respekt für ihn, obgleich Pete seine Anwesenheit und sein Mitwirken in dieser ganzen Sache von vornherein für eine einzige Dummheit hielt. Jedoch, was er seit ihrem Kennenlernen getan hatte, was er heute tat – das verlangte nach sehr viel Mut. Und wer wusste denn schon in diesem jungen Alter, wo die Grenze zwischen Mut und Dummheit lang? Pete hatte es seinerzeit jedenfalls nicht gewusst. Und Melody schon gar nicht, weswegen seine Augen diesmal mit fast schon flehender Eindringlichkeit die Ihren auffingen. Er hatte sich gegens Schreien entschieden.

    „Und du hier.“

    Womit er ihr auf die subtilste und schonendste Weise, die ihm möglich war, klarmachte, dass sie nichts als ein Hindernissein würde. Dass sie ihn in seinem Bestreben, sie zu schützen, nur behindern, gar sabotieren würde, wenn sie jetzt aufbrach.

    Die Rothaarige atmete flach aus und ließ den Kopf an den Fensterrahmen fallen. Pete erkannte, dass sie sehr lange nicht einatmete. Als habe sie das Atmen vergessen. War das der Anflug von Einsicht und Vernunft, dem sie sich so lange entzogen hatte? Sich dagegen gewehrt hatte? Er wagte es kaum zu glauben, nach all den misslungenen Versuchen. Scheinbar hatte es jedoch nicht daran gelegen, was er ihr gesagt hatte, sondern wie. Auch wenn ihr Blick nach kurzer Zeit wieder wehmütig hinauswanderte.

    Genau in diesem Augenblick wurden ihre Augen plötzlich groß. Man könnte regelrecht sehen, wie sich ihr ganzer Körper vor Schreck anspannte. Eine Hand klammerte sich krampfhaft an die Fensterbank. Selbst Pete, der in die andere Richtung geneigt stand und daher den Ursprung ihres Schocks nicht direkt gesehen hatte, merkte noch, wie die Straßen und Häuser plötzlich aus der Ferne angeleuchtet wurden, wie von einem gigantischen Blitz in einer stürmischen Nacht. Und der Donner folgte bloß eine Sekunde später. Ein Beben ging durch die Wände des alten Hauses, der Straße, sogar den gesamten Block. Fensterscheiben klirrten und zitternd in ihren Rahmen, Staub rieselte von der Zimmerdecke und bei einigen geparkten Autos wurde sogar der Alarm ausgelöst. Melody hangelte instinktiv nach einem sicheren Halt, fand aber bloß Pete, der ebenfalls strauchelte. Ihren Arm hielt er dennoch fest und bewahrte sie somit eventuell vor einem Sturz aus dem Fenster. Auf einmal wurden Stimmen laut in den Straßen und Gassen. Selbst aus ihren Wohnungen oder von ihren Balkons hallten die erschrockenen Aufschreie und nervösen Rufe nach der Ursache für das Beben. Die würde Melody ihnen nicht genau nennen können. Sehr wohl aber den Ort, von dem es ausgegangen war. Eine schwarze Rauchsäule erhob sich an der linken Seite des Prime Stadium, das folglich die Nordseite sein müsste. Selbst im Schleier der Nacht erkannte man sie noch deutlich durch die Straßenlaternen. Für den Bruchteil einer Sekunde waren dort alle angrenzenden Gebäude hell erleuchtet gewesen, als habe man hundert Suchscheinwerfer darauf gerichtet.

    Pete lehnte sich gerade raus, um ebenfalls die Richtung zu prüfen, da sprang Melody schon hoch und marschierte strammen Schrittes zur Tür.

    „Hey!“, rief der Barbesitzer ihr hinterher und bekam sie geradeso noch am Handgelenk zu fassen. Er glaubte fest, sie wollte ihn verarschen. Ausgerechnet jetzt, als er gerade geglaubt hatte, dass seine Worte endlich zu ihr durchgedrungen waren.

    „Was immer du jetzt denkst – schlag es dir aus dem Kopf.“

    Sie drehte sich nicht um. Nicht einmal aus dem Augenwinkel sah sie Pete an. Sie starrte einfach weiter geradeaus auf die Tür zum Flur.

    „Lass mich los.“

    „Erst, wenn du nichts Dummes mehr vorhast“, antwortete er trocken. Er zerrte nicht an ihr, hielt sie dafür aber so fest, dass ihr Arm zu schmerzen begann. Was natürlich nichts mit ihrer Forderung zu tun hatte. Genaugenommen zuckte sie nicht einmal mit einer Wimper.

    „Lass los!“, verlangte sie erneut. Lauter, nachdrücklicher. Fast schon wie eine Drohung ausgesprochen. Pete dachte gar nicht daran. Obwohl ihm das hier eigentlich zu dumm war und er wenig Lust hatte, Babysitter zu spielen. Aber wenn er sie jetzt gehen ließ und ihr etwas zustoßen sollte, könnte er Mila nie wieder unter die Augen treten. Sie hatte es ihn schwören lassen, dass er auf Melody aufpassen würde, während sie kämpften. Nicht nur heute Nacht, sondern fortan. Und es existierte kein Mensch, dessen Vertrauen er mehr schätzte als Milas.

    „Im Leben nicht.“

    Ihre Geduld war noch knapper bemessen als seine, wie sich herausstellte. Schon jetzt brach es aus ihr heraus.

    „Dann hau mich um!“, schrie sie plötzlich mit gesenktem Kopf und angezogenen Schultern. Pete blinzelte, als habe er sich verhört.

    „Was?“

    Endlich ließ der Zug nach. Sie kämpfte nicht länger gegen seinen Griff an, sondern wandte sich auf der Stelle um. Die Augen waren wässrig und Zähne wütend zusammengepresst.

    „Entweder du lässt mich gehen oder du musst mich umhauen. Wenn du’s nicht tust, werde ich kratzen, beißen und treten, bis du loslässt.“

    Dass es so ausartete, darauf war Pete nun wirklich nicht scharf. Wäre aber allemal besser, als Milas Vertrauen zu enttäuschen und somit zu verlieren.

    „Melody…“, setzte er an und langte präventiv auch nach ihrer anderen Hand. Pete wurde nun ebenfalls zunehmend wütend. Der Job als Aufpasser war eh schon ein beschissener. Wieso in aller Welt musste sie ihm diesen noch unnötig schwer machen? Sie wartete aber nicht auf seine sich ohnehin ständig wiederholenden Argumente oder Predigten von Vernunft und all dem Scheiß. Ein letztes Mal forderte sie ihn auf. Ihre freie Hand griff bereits nach seinem Gelenk und die geschliffenen Fingernägel krallten sich tief in seine Haut. Das spürte er durchaus, gab sie aber dennoch nicht frei. Lediglich seine Gesichtszüge verhärteten sich ein wenig.

    „Ich muss ihn sehen, Pete! Ich muss!“, flüsterte sie beinahe schon, wirkte dabei jedoch um ein Vielfaches eindringlicher als all die Male zuvor. Als stellten die Worte eine Warnung dar. Und als führe kein Weg um diese Notwendigkeit herum.

    „Ach und was dann?“

    Schon Melodys Tonfall entnahm er, dass es für sie keine Rolle spielte, was dann passierte. Vielleicht hatte sie noch nicht einmal so weit gedacht.

    „Ich weiß es nicht. Aber hier ich halte es nicht länger aus.“

    Mehr als eintausend Kilometer hatte sie per Schiff zurückgelegt und war durch mehrere von Hoenns Städten geirrt, um Ryan zu finden. Und jetzt sollte sie einfach hier sitzen bleiben und auf seine Rückkehr warten? Im Leben nicht!

    „Ist dir überhaupt klar, was du ihm damit antust? Du wärst bloß eine Ablenkung. Du würdest…“

    Sonnenklar ist mir das!“, unterbrach sie Pete fest und entschlossen. Ihre Augen waren schon wieder wässrig, doch der Blick unerschütterlich. Er raubte ihm tatsächlich für eine Sekunde den Atem und seine Hand lockerte sich. Widererwarten riss sich das Mädchen jedoch nicht bei erster Gelegenheit los. Stattdessen war es ihre Intention, ihn zu überzeugen, sie doch ziehen zu lassen und sich nicht länger in ihren Weg zu stellen. Nicht mithilfe von logischen Argumenten, sondern ihrem bloßen Willen. Pete wurde allmählich klar, was sie und Ryan zusammenschweißte. In dieser Hinsicht ähnelten sie einander sehr.

    „Du könntest ihn behindern. Er könnte verlieren, nur weil er in Sorge um dich sein müsste.“

    „Ich weiß“, antwortete Melody bitter und offenkundig auch schuldbewusst, aber nicht weniger entschlossen.

    „Auch, dass du dich selbst in Gefahr bringst? Das Team Rocket dich mit hoher Wahrscheinlichkeit angreifen oder als Geisel nehmen wird.“

    Sie könnte eigentlich auf der Stelle antworten. Wenigstens einen kurzen Moment wartete sie aber, um nicht überhastet und kopflos zu erscheinen. Er sollte ganz genau erkennen können, dass sie tatsächlich meinte, was sie sagte und sie ihre Entscheidung im Vollbesitzt ihrer geistigen Fähigkeiten traf.

    „Ja.“

    Pete lockerte seinen Griff noch ein wenig mehr, bis seine Finger gänzlich von Melodys Handgelenk glitten. Dies geschah mehr unbewusst, fast schon in Trance. Und sie nahm auch nicht direkt Reißaus, sondern wartete die nächste – und letzte – Frage ab, die dem Barbesitzer unübersehbar auf der Zunge brannte.

    „Und wenn wir annehmen, dass er deinetwegen abgelenkt wird und den Kampf verliert. Wenn wir annehmen, dass er die Schuld allein bei dir suchen und dich in einem Anfall von Zorn nach Hause scheuchen wird. Dass er dich hassen wird…“

    Pete verstand sich echt darauf, den Teufel an die Wand zu malen. Aber das trug Melody ihm nicht einmal nach. Denn so unwahrscheinlich dieser Verlauf auch wäre, so war er auch nicht ausgeschlossen. Und was hatte Sheila einst noch gesagt? Immer mit den widrigsten Umständen und dem schlimmsten Ausgange rechnen.

    Warum sie genau dies ausgerechnet hier und jetzt beherzigte, wusste sie selbst nicht zu beantworten. Und selbst das änderte nichts an ihrer Entscheidung. Sie nickte sachte, ohne den Augenkontakt zu unterbrechen.

    Pete machte einen Schritt zurück und fasste sich mit einem lauten Seufzer an die Stirn. Ihm war schon wieder nach einer neuen Kippe, prophezeite aber, dass der Tabak nicht ausreichen würde, um seinen innerlichen Konflikt aufzulösen. Wenn überhaupt, könnte das höchstens der stärkte Schnaps in seiner Bar schaffen. Der nicht auf der Karte stand und sich streng genommen in einer rechtlichen Grauzone befand.

    Mit einer noch widerwilligen und gleichzeitig kapitulierenden Handbewegung signalisierte Pete ihr den Weg hinaus. Die andere Hand wurde in die Seite gestemmt.

    Es folgte kein Lächeln, kein Zeichen der Dankbarkeit oder der Wertschätzung. Nur ein kurzes Innehalten, anstellte des hastigen Losrennens, das sie die ganze Zeit unterdrückt hielt. Es waren nicht ihre Augen gewesen, die sich frustriert abgewandt hatten, sondern seine. Und obwohl sich sein Blick nun irgendwo in der Zimmerecke verirrte, verharrte Melody noch einen Moment lang in ihrer Position. Das war hier und jetzt – zu ihrem Bedauern – die einzige Form des Dankes, die sie ausdrücken konnte. Sodann atmete sie einmal rasch und tief ein, ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und den Raum verließ. Erst jetzt sah Pete ihr doch hinterher und schüttelte fassungslos den Kopf.

    „Die sind doch alle irre“, meinte er bissig und folgte ihr hinaus.


    Unmittelbar nach dem Hitzeschwall folgte der Luftstrom. Er war vergleichbar mit einem Schnellzug, der den Bahnhof überfuhr und mit zweihundert Sachen an Ryan vorbeischoss. Und er Idiot war direkt am Gleis gestanden. Zum Schluss folgte ein ohrenbetäubender Knall, als wäre besagter Zug in ein Gebäude gekracht. Alles in Ryan zog sich zusammen. Würde Zapdos selbst einen Donnerkeil zu ihn hinabsenden, könnte der Schlag kaum eindrucksvoller sein. Glücklicherweise erfolgte dieser hier weit hinter ihm, vermutlich auf der Straße vor dem Stadioneingang. Und trotzdem warf ihn die darauffolgende Druckwelle so stark nach vorn, dass er einen Moment lang in der Luft stand, ehe er auf kalten Beton fiel und sich Splitter des zerstörten Fliesenbodens durch die leichten Handschuhe in seine Handflächen hineinschnitten. Eine Kniescheibe hatte er sich außerdem angeschlagen, pochte heiß und quälend, hinderte ihn für einen Augenblick am Aufstehen. Und der Krach hallte noch lange im Ohr nach, ließ ihn blinzeln und jede Faser des Körpers anspannen. Er zuckte erschrocken, als er eine Hand an seiner Schulter fühlte. Milas sonst so makelloses Haar war verschwitzt und zerzaust. Eine Strähne war verklebt an einer bösen Schramme auf ihrer Wange. Aber sie schien nicht ernsthaft versehrt zu sein. Als sie Gewissheit hatte, dass auch Ryan nichts Schwerwiegendes geschehen war, drehte sie sich um und begab sich in die Hocke. Auch der junge Trainer setzte sich auf, merkte dabei nicht einmal, wie er die Schnittwunden an seinen Händen verschlimmerte. Sein Blick folgte gebannt der schwarzen Schneise, deren äußerer Rand kaum mehr als einen Meter von ihnen entfernt den Boden verbrannt hatte. Sie führte nach draußen, vorbei an den völlig verbogenen Tür- und Fensterrahmen und hatte die Abermillionen Glasscherben der zerstörten Fassade fast alle hinfort gefegt. Im Zentrum der zerstörerischen Schneise glühten und zischten die Pflastersteine noch. Diese Spur wurde stetig breiter, bis sie in einem Krater endete, in dem man die beiden Menschen stehen versenken könnte. Eine schwarze Rauchsäule stieg aus diesem empor und trug den Geruch von verbranntem Teer mit sich. Und über den Rand des Kraters hinaus sah man geradeso den Kopf des Milotic ragen. Der ganze Körper war schwarz verkohlt und zitterte ob der verletzten Nerven, der Brandwunden, der gezerrten oder gar gerissenen Fasern und Muskeln. Sein wehklagendes Wimmern erreichte Milas Ohr nicht. Es hätte ihr wohl das Herz zugeschnürt. Wenn der Anblick allein dies nicht schon tat.

    Der schwarze Lotus wirkte nicht länger nur zufrieden. Eines von Milas Pokémon mit einem Schlag auszuschalten, schien ihr die allergrößte Genugtuung zu verschaffen. Zum ersten Mal lächelte sie nicht bloß überlegen und siegessicher, sondern breit und voll sadistischer Freude. Jedoch nur für ein paar Sekunden. Der Spaß war so gut wie vorbei. Die Arbeit allerdings noch nicht gänzlich erledigt. Es wurde Zeit, aufzuräumen.

    „Carlos, Lydia.“, ließ der Commander aufhorchen, ohne einen von ihnen eines Blickes zu würdigen. Auch Ryan Aufmerksamkeit zog sie dadurch auf sich, obgleich der noch nicht wieder ganz klar hören konnte.

    „Es ist Zeit.“

    Zu noch präziseren Anweisungen ließ sie sich nicht herab. Den Beiden war völlig klar, was von ihnen erwartet wurde, wie ein prüfender Blick, sowie das einheitliche Nicken versicherte. Ein Griff in die Hosentasche förderte jeweils einen Pokéball zutage. Keine Pokémon wurden daraus befreit. Im Gegenteil. Sie wurden zielsicher auf Latios und Latias geworfen.

    Ryan traute im wahrsten Sinne seinen Augen nicht länger. Das konnte nie und nimmer wirklich passieren. Konnte auf gar keinen Fall real sein. Vielleicht hatte er sich eben den Kopf geschlagen und bildete sich dieses wahnwitzige Schauspiel ein, wie die Körper der Zwillingsdrachen von einem roten Licht umhüllt und schließlich in die Kapseln gesogen wurden. Vielleicht träumte er auch ganz einfach und würde gleich in seinem gemieteten Zimmer im Pokémoncenter erwachen. Dann würde der zweite Tag des Summer Clash anstehen. Die K.O. Runden würden starten. Vielleicht würde sich die Chance ergeben, gegen Andrew zu kämpfen. Noch nie waren sie in einem offiziellen Match gegeneinander angetreten. Terry von seinem hohen Ross runterzuholen und ihm aufzuzeigen, dass er keineswegs über Ryan stand, klang ebenfalls verlockend. Und vor allem Bella. Sie zuschlagen und Team Rocket endlich einmal Kontra geben zu können…

    Von einem stechenden, weißen Licht, begleitet durch scharfes Zischen und Knistern, wurde Ryan wieder in die Realität geholt. Er konnte kaum zur Quelle sehen, hielt sich den Unterarm vor die Augen. Das Licht stach und blendete so böse, wie bei einem Schweißgerät. Auch der verschmorte Geruch erinnerte an ein solches. Der ganze Eingangsbereich wurde unnatürlich erhellt, sodass lange Schatten geworfen wurden. Kam dieser heiße Stromschlag aus dem Inneren der eben geworfenen Pokébälle? Solange er sich dessen nicht genau versichern konnte, würde er es jedenfalls nicht glauben. Wann erlosch das verdammte Licht endlich? Jedes Mal, wenn er glaubte, es sei vorüber, leuchteten doch nochmal grelle Funken auf und blendeten ihn. Als das Knistern und Flackern dann endlich doch endete, hatte der junge Trainer sein Sehvermögen selbst nach mehreren Sekunden noch immer nicht zurück. Schaffte es bestenfalls, seine Augen zur Hälfte zu öffnen und sah völlig verschwommen, wie an einem zu hellen Morgen nach einer viel zu kurzen Nacht. Doch mit klarer Sicht blieb das, was er suchte, nämlich die Zwillingsdrachen Latios und Latias, genauso unauffindbar. Stattdessen sah er zwei Pokébälle dort liegen, wo er sie zuletzt gelegen hatten. Die obere Hälfte war jedoch schwarz, anstelle des üblichen Rots. Dafür fand sich ein großen R in ebendieser Farbe darauf.


    Die Tüftler und Ingenieure von Team Rocket konnten nicht bei Sinnen sein. Was in aller Welt war das für eine perverse Variante eines Pokéballs? Wie herz- und skrupellos musste man denn sein, um ein Pokémon nach dem Einfangen zusätzlich mit Stromschlägen zu foltern? Der Anblick der Beiden war schon zuvor ein erbärmlicher, geradezu mitleiderregender gewesen. Geschlagen und geschunden mit ihrer größten, natürlichen Schwäche und letztlich völlig entkräftet. Und in diesem Zustand ward ihnen das angetan?

    Ryan und auch Mila waren noch immer dabei, das Gesehene zu verarbeiten – obwohl die Drachenpriesterin noch nicht einmal den Schock durch Noahs Zustand überwunden –, da stöhnten und ächzten die Mauern und Säulen um sie herum. Man hörte es in dem Wänden grummeln und knarzen, als erwache im Inneren ein schlafendes Ungetüm. In Wahrheit handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Risse, die sich Stück für Stück durch die tragenden Elemente des Gebäudes fraßen. Der Schwarze Lotus sah zur Decke hinauf, wo vereinzelt Staub hinabrieselte. Dies war wohl die Konsequenz der vielen Erschütterungen.

    „Zeit zu gehen“, schloss sie aus den warnenden Geräuschen über ihrem Kopf.

    „Carlos, Evakuierung vorbereiten“, wies sie nüchtern an. Ein wenig klang sie beinahe enttäuscht, dass der Spaß hier sein Ende fand. Andererseits waren ihre Gegner wohl sowieso zu nichts mehr zu gebrauchen. Während der Violethaarige den Befehl laut an den Rest wiederholte und anschließend in ein Funkgerät weiter übermittelte, schnaufte seine Partnerin Lydia nur angesäuert und entfernte sich bereits auf eigene Faust. Sie hätte diesen Carparso zu gerne selbst geschlagen. Ihr ohnmächtiges Omot ließ sie gänzlich unbeachtet, warf sogar ihren Pokéball achtlos über das Geländer, runter in den Schutt des Schlachtfeldes. Ein paar der übrigen Rocket Agenten taten es ihr nach und ließen die Kapseln jener Pokémon, die sie als zu schwach einstuften, einfach fallen. Fast die Hälfte der gefallenen Pokémon wurden in den Trümmern zurückgelassen. Waren es denn nicht ihre eigenen? Die sie selbst trainiert und aufgezogen, anstatt als Beute eines Diebstahls erhalten hatten? Jeder halbwegs anständige Trainer wäre erschüttert über diese Kaltherzigkeit. Die übriggebliebenen Quappo, Gastrodon und Rossana durften dagegen auch in Zukunft wieder für Team Rocket kämpfen. Oder eher mussten.

    Während die alarmierenden Geräusche im Mauerwerk lauter wurden, gab der Schwarze Lotus ihrem Metagross ein simples Handzeichen. Gleich darauf glimmte eine blaue Aura in seinen Augen auf und schloss sich sodann um die zwei schwarzen Ballkapseln inmitten der ganzen Zerstörung. Doch ehe diese schwerelos wurden, spürte er plötzlich etwas an seinem Bein. Dort lag Sumpex. In jämmerlichem Zustand und brutal gezeichnet von den Kämpfen. Eine Platzwunde über dem rechten Auge erblindete selbiges völlig durch das herablaufende Blut. Unter ihm begann sich gar eine Lache zu sammeln – sicher durch die Wunde, die Snibunna ihm zugefügt hatte. Die ledrige Haut wies an einigen Stellen abnormale Wölbungen auf, die vermuten ließen, dass darunter Knochen gebrochen waren und sich von innen nach außen zu bohren drohten. Und dennoch hielt das sture Amphibium Metagross mit einem eisernen Griff am Bein gepackt. Keuchend und krampfend klammerte er sich daran, mit wundgeschlagenen Fäusten und rot geschwollenen Fingerknöcheln. Das Orange im seinem geradeso müde geöffneten Auge war bereits trüb und eigentlich schon näher an der Ohnmacht. Wenn nicht gar dem Tod.

    Ryan Herz stand für einen Augenblick still. Sein Mund stand offen, doch entwich kein Atem. Den hatte er gänzlich angehalten. Sumpex hatte noch immer nicht aufgegeben. War noch immer fest entschlossen, sich Metagross zu stellen. Sich dem gesamten Team Rocket zu stellen. Und aufzuhalten! Uneigennützig stellte er die Zwillingsdrachen über seine eigene Gesundheit, obwohl die längst zu viel gelitten hatte.

    Der Schwarze Lotus sah beiläufig von oben auf Sumpex herab. Fast konnte man eine Spur von Mitleid erkennen. Jedoch nicht für die Zähigkeit und Hingabe, oder die zahlreichen Verletzungen, die zweifellos jede noch so kleine Bewegung mit einer Welle aus Schmerz straften. Er verdiente sich ihr Mitleid, da er so aufopferungsvoll für eine aussichtlose Sache kämpfte, die ihn doch eigentlich gar nichts anging. Mila sollte alleine dort stehen. Bestanfalls von ihrer Garde unterstützt. Nicht aber von Sumpex und seinem Trainer. Sein Blut wurde hier völlig unnötig vergossen. Sei es drum. Die Rolle war geschrieben und hatte mit dem heutigen Abend ausgedient. Dafür sorgte sie mit ihm nächsten Befehl, welchen sie selbst als Akt der Gnade einstufte.

    „Sternenhieb.“

    Wieder gingen Metagross‘ Bewegungen rasch und roboterhaft vonstatten. Mit einer Klaue griff er das breite Genick und stellte Sumpex auf. Der andere Vorderarm war bereits angewinkelt und von einer silbernen Legierung ummantelt. Auf dieser Oberfläche tanzten goldene Lichtreflexe und blendeten aus dieser Nähe so stark, dass er nur noch Weiß sah, ehe seine Wahrnehmung mit einem Mal gänzlich schwarz wurde.

    Der Schlag war härter und erbarmungsloser als alles, was Metagross ihm bislang entgegengeworfen hatte. Er traf genau den Kieferknochen und sandte Sumpex in hohem Bogen durch den gesamten Eingangsbereich. Ryan jauchzte mit starren, weit aufgerissenen Augen und runtergeklappter Kinnlade. Würde da oben ein Kleinwagen durch die Luft fliegen, wäre der Anblick kaum bizarrer, wenn man das Gewicht dieser Pokémongattung kannte. Er sah seinem Partner hinterher, beobachtete, wie er eine der Säulen nahe seiner eigenen Position streifte und schon durch den leichten Kontakt ein massives Stück daraus herausschlug und ins Wirbeln geriet. Das tragende Element wurde lautstark von Rissen durchzogen, doch sahen Ryan und Mila bloß Sumpex hinterher, der erst draußen auf der Straße wieder Boden unter sich fühlte. Mehrere Meter rollte und polterte er noch über den Asphalt, erreichte beinahe den Rand des Kraters, den der Hyperstrahl geschlagen hatte, und in welchem Noah noch zitternd und krampfend dalag.


    Der junge Trainer wagte einen zögerlichen Aufstehversuch, obwohl er das, was Metagross eben angerichtet hatte, eigentlich gar nicht aus nächster Nähe sehen wollte. Nicht bei seinem Sumpex. Seinem Freund und Partner. Einem Teil der Familie. Vermutlich war es allein die Angst vor dem Anblick, welche seine Beine versagen ließen, sodass er nach wenigen Schritten wieder auf die Knie sank. Er sah das Wasserpokémon bloß aus der Entfernung. Angestrahlt vom kalten Licht der Straßenlaternen. Sumpex lag auf der Seite, mit dem Gesicht zur ihm gerichtet und beide Arme regungslos vor sich. Auf die Entfernung ließ sich dennoch wenig über seinen genauen Zustand erkennen, doch was gäbe es da wohl noch groß zu ergründen, hatte er doch bereits vor diesem Sternenhieb schon mehr tot als lebendig ausgesehen?

    Ryan hatte sich selbst nie gefragt, wie weit er im Kampf gegen Team Rocket zu gehen bereit war. Um den drohenden Krieg aufzuhalten, hatte er sich allerdings geschworen, absolut alles in Kauf zu nehmen. Aber wie sah es eigentlich mit den Pokémon aus? Welche Verletzungen würde er riskieren, in Kauf nehmen, anstreben, um einen Sieg zu erringen? Er würde nicht beurteilen können, was er vor dem heutigen Abend darauf geantwortet hätte. Und so sehr er es eigentlich auch verabscheute, so fasste Ryan dennoch hier und jetzt den Entschluss, würde er nicht länger zögern, ein fremdes Pokémon nicht nur zu verletzten, sondern auch zu töten. Es war wohl treffender, zu sagen, er realisierte in diesem Augenblick, dass er diese Bereitschaft zeigen musste, wenn Team Rocket es schon tat. Auge um Auge. Natürlich hoffte er dennoch, mit allen guten Wünschen und Gebeten, die er aufbringen konnte, dass es in Sumpex‘ Fall nicht so weit gekommen war.

    Es war Mila – deren Blick mindestens genauso schockiert war, wie der Seine – die, seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne lenkte. Unfreiwillig, musste hinzugefügt werden, da in diesem Moment eine riesige Welle an Schuldgefühlen über sie hereingebrochen war. Das hier hatten Ryan und Sumpex nicht verdient und naiverweise wünschte sie sich für einen winzigen Moment in die Vergangenheit zurück, als sie den jungen Johtonesen zum ersten Mal getroffen hatte. Hätte sie den Drachensplitter doch damals von ihm eingefordert, ihn wenn nötig mit Gewalt an sich genommen, dann wäre ihm all das hier erspart geblieben. Wie so Vieles, was in den letzten Wochen geschehen war.

    „Halt!“, schrie die Drachenpriesterin dann plötzlich auf und sprang auf ihre Füße. Wie an einer unsichtbaren Schnur geführt, schwebten die zwei schwarzen Pokébälle mit Latias und Latios in ihrem Inneren durch die Luft. Metagross lenkte sie mittels Psychokinese direkt in die Hände des Team Rocket Commanders. Als Ryan sich, alarmiert durch Milas Aufschrei, umdrehte, fasste sie bereits beide auf und betrachtete sie scheinbar zufrieden. Obwohl das Lächeln auf ihren geschminkten Lippen nur ein äußerst schwaches war. Dieses wurde aber breiter, geradezu hämisch, als sie den Blick ihrer Widersacher auffing. Währenddessen verschwanden gerade die letzten Rocket Agenten in der oberen Etage durch einen der Gänge, die zum Innenraum führten.

    In Ryan brodelte es auf. Er fühlte sich verspottet, gedemütigt und bespuckt. In seinen marineblauen Augen flackerte es auf einmal, als würden Reshirams Flammen darin entzündet.

    „Nein“, stieß er giftig zwischen seinen Zähnen heraus.

    „Du machst dich jetzt nicht einfach vom Acker!“

    Auf keinen Fall würde er sie mit den Zwillingsdrachen gehen und Sumpex‘ Verletzungen ungesühnt lassen. Alles in ihm spannte sich an. Ein schier unstillbarer Durst nach Rache durchströmte seine Venen. Rasend und schnaubend vor Wut griff er in seine Hosentasche und wuchtete seinen müden Körper auf die Beine, als spüre er plötzlich keine Erschöpfung mehr. Ryan würde gar behaupten, er habe niemals zuvor einen solchen Adrenalinschub erfahren. Es war das berüchtigte Gefühl, als könne er Bäume ausreißen. Er mahnte sich zur Achtsamkeit, seinem Pokéball nicht versehentlich zu zerdrücken. Und nur weil er sich eben so sehr zügelte, realisierte er die Stimme Milas neben ihm überhaupt erst.

    „Ryan…“

    Sie klang schwach und erstickt. Lag Ungläubigkeit darin? Fassungslosigkeit? Ein Schock vielleicht? Aber warum?

    Er drehte den Kopf nach ihr und folgte anschließend ihrem erschütterten Blick, der an seinem Arm hinabführte. Was er da in der Hand hielt, war kein Pokéball. Es war der Drachensplitter. Etwas Blut aus seinen aufgeschnittenen Handflächen benetzte die glatte Oberfläche. Die makellosen Kanten schnitten sogar noch weiter in die Wunden hinein. Der naturgrüne Schimmer spiegelte sich in Ryans Augen, welche in diesem Augenblick einfach nur leer und konsterniert waren. Es würde Mila kein passender Vergleich in den Sinn kommen, der dem Ausdruck darin gerecht würde. Der, falls man diesen Moment weiterzuerzählen versuchte, auch nur eine grobe Ahnung darüber zu vermitteln vermochte, was dem Jungen ins Gesicht geschrieben stand. Ihr fehlten selbst die Worte.

    Wieso? Was hatte das zu bedeuten? Er war doch eigentlich längst darüber hinweg gewesen. Hatte doch zu sich und zu seiner eigenen Stärke zurückgefunden, ohne auch nur an das verdammte Herz Rayquazas zu denken. War es ein dummer Zufall gewesen, dass er nach dem Splitter anstelle eines Pokéballs gegriffen hatte? Eine unglückliche Fügung? Nein, das klang zu banal für so eine bedeutsame Geste. Allerdings war weder dem jungen Trainer noch Mila die nötige Zeit vergönnt, um über die Ursache zu spekulieren. Direkt neben Ryan sprangen schlagartig weitere Risse in der Säule auf, die Sumpex getroffen hatte. Ein Brocken von der Größe eines Basketballs brach heraus und landete mit der Kraft eines geschwungenen Vorschlaghammers direkt zu seinen Füßen, woraufhin er sofort zurückwich. Willkürlich fand sein Blick Metagross, wie er gar beiläufig, als schlage er ein lästiges Yanma zur Seite, die zweite Treppe zum Obergeschoss zertrümmerte. Seine Trainerin begann sich bereits abzuwenden, ohne weitere Worte zu verlieren. Dafür aber mit einem vielsagenden Blick in die Richtung Ryans – und nicht etwa Milas! Es war wie eine stille Verabschiedung. Gewiss und überzeugt, dass man sich nicht wiedersehen würde.

    Ryan wollte dem unbedingt widersprechen. Wollte sie aufhalten. Diese Schmach vergelten. Wollte Rache! Und, bei Arceus, die Zwillingsdrachen sofort befreien.

    „Nicht!“, hallte es plötzlich in sein Ohr. Da wurde er an der Schulter gehalten, nur eine Sekunde, bevor die Säule zu seiner Linken einknickte und ohrenbetäubend laut auf dem verwüsteten Boden zerschellte – und ihn womöglich erschlagen hätte. Das verräterische und bedrohliche Knacken und Knarzen setzte sich über ihren Köpfen fort. Bald regnete es Brocken aus Stein und Beton von der Decke. Weitere Risse zogen sich durch die übriggebliebenen Säulen, die das Gewicht der Dachkonstruktion in diesem Bereich nicht mehr zu stemmen vermochten. Vor ihnen sackte der Rundlauf des Obergeschosses ab, da die stützenden Treppen hinüber waren. Somit versperrten sie den Weg zum Flur, den der Schwarze Lotus eingeschlagen hatte. Gerade noch sah Ryan sie Metagross zurückrief und von dannen schritt. Gleichgültig und unbekümmert, wissend, dass hier alles gesagt und erledigt war.

    Ryan könnte schreien vor Wut. Tatsächlich staute es sich bereits in ihm an und war kurz davor, aus ihm herauszubrechen. Erst als sich Milas Griff an seiner Schulter verstärkte, wurde er aus seinem Tunnel gerissen, begann wieder zu realisieren, was um ihn herum geschah. Es krachte und polterte immer lauter. Mehr und mehr Brocken lösten sich aus der Decke, den Säulen, inzwischen auch dem Mauerwerk rings herum. Der gesamte Nordteil des Stadions stand vor dem Einsturz.

    „Es ist zu spät. Wir können nichts mehr tun“, redete die Drachenpriesterin auf ihn ein. Er sah in ihre himmelblauen Augen. Sollte sie nicht eigentlich diejenige sein, die um jeden Preis – um wirklich jeden! – die Verfolgung suchen müsste? Den Vorwurf braucht er allerdings gar nicht erst aussprechen. Nicht einmal denken hätte er ihn sollen. Ihre freie Hand war zu Faust geballt. Krampfte aber genauso, wie jene auf seiner Schulter. Ihre Pupillen zitterten. Vor Wut. Vor Schande. Voll des Vorwurfes und des Tadels. Beides gegen sich selbst. Aber es war so, wie sie sagte. Es war zu spät. Die Chance vertan. Die Schlacht verloren. Doch nur, wer das Feld leben verließ, konnte auch zurückkehren.

    Dennoch bedurfte es sanfter Gewalt ihrerseits, damit er sich vom Fleck bewegte. Ein letztes Mal sah er in die Richtung, in welche der Schwarze Lotus verschwunden war. Feiner Staub begann bereits, sein verschwitztes Haar zu bedecken. Um ihn herum schlugen mittlerweile fast im Sekundentakt Bruchstücke auf den Beton unter seinen Füßen, sodass er deren Erschütterung spürte. Sie wurden schwerer. Die herabfallenden Brocken, größer. Längst würden sie bei dieser Sturzhöhe ausreichen, um seinen Schädel zu zerschmettern. Mila versuchte, seinen Fokus in eine andere Richtung zu lenken, damit sich auch endlich der Körper in diese bewegen mochte, bevor sie hier noch begraben wurden.

    „Es wird noch eine Gelegenheit geben, Ryan. Bitte denkt nun an Sumpex.“

    Dies löste ein hektisches Blinzeln bei ihm aus. Natürlich! Wie hatte er ihn bereits vergessen können? Eigentlich durften seine Gedanken jetzt nur noch bei ihm sein. Die Zwillingsdrachen mochten wichtiger sein. Aber Sumpex war Familie. War sein Partner, der so treu und so erbittert für ihn gekämpft hatte. Darkrai sollte Ryan holen, wenn er ihn jetzt einfach dort liegen ließ. Vielleicht war das auch ein Effekt dieses verfluchten Kristalls in seiner Hand, der sein Herz und seine Fürsorge erkalten ließ. Für den Moment tat er es damit ab, wandte sich dennoch nur mit einem unendlich frustrierten Schnauben um. Gleichzeitig stopfte er den Drachensplitter voller Abscheu in die Hosentasche zurück. In einem wütenden Impuls war ihm fast danach, ihn fortzuwerfen.

    Der Weg war zwar ein kurzer, jedoch gar nicht so leicht bewältigt. Der Staub in der Luft trübte die Sicht und die Erschütterungen durch herabfallende Trümmer ließen die Knie bei jedem Schritt erzittern. Nur mit Mühe und durch gegenseitiges Stützen konnte Ryan und Mila vermeiden, zu stolpern und zu fallen. In dem Moment, in dem sie die Schwelle übertraten, krachte es beispiellos laut und wuchtig nur wenige Meter hinter ihnen und eine dichte, riesige Wolke aus Staub und Schutt rollte weit nach draußen, hüllte die Beiden vollständig ein. Wäre ein Augenzeuge vor Ort, hätte er glatt fürchten müssen, sie wären doch erschlagen worden. Zumindest bis das laute und trockene Husten ans Ohr gedrungen war. Ryan bekam kaum Luft. Die Atemwege waren völlig verstopft und seine Augen brannten fürchterlich. Mila hielt sich einen Ärmel vor dem Mund, aber auch sie schnappte gierig nach Luft, als sie endlich zur Gänze ins Freie traten.

    Der Atem stockte erneut, da sie unmittelbar vor dem Krater standen, in dem ein bewusstloses Milotic lag. Sumpex nur wenige Meter daneben. Einen winzigen Moment verfiel dessen Trainer abermals in eine Paralyse, da er nun das ganze Ausmaß von Metagross‘ Werk vor sich hatte. Mila stieg bereits in den Krater zu Noah. Er selbst benötigte einen Moment. Das Bild vor ihm war zu niederschmetternd. Zu unbarmherzig. Die Schockstarre löste sich jedoch abrupt, ohne erkennbaren Anlass und Ryan stolperte hastig an die Seite seines Partners. Der Schmerz in den angeschlagenen Knien, war gänzlich vergessen, fast verflogen, als er sich neben Sumpex fallen ließ. Schließlich war ihm viel Schlimmeres widerfahren. Ein Arm sowie die Hüfte schienen unnatürlich verdreht und aus dem offenen Maul lief kontinuierlich Blut heraus. Ryan sollte wohl froh sein, dass er auf diese Weise nicht daran ersticken konnte. Was davon Sumpex‘ Brustkorb verließ, war zunächst nicht weniger besorgniserregend. Doch eine Inspektion der Wunde verreit selbst seinem Leien Auge, dass sie immerhin nicht bis zu irgendwelchen Organen reichen und daher keine Lebensgefahr bestehen sollte. Es war allerdings nicht zu sagen, ob diese nicht durch einen der gebrochenen Knochen verletzt worden waren. Zweifellos hatte Sumpex einige davon, wie an den bereits rot und violett angelaufenen Schrammen im Rippenbereich zu erahnen war. Auch die Arme trugen vergleichbare Spuren.

    Ryan hob Sumpex‘ schweren Kopf an, so hoch er es konnte und wagte und führte sein Ohr heran. Er atmete. Ein Stein von der Größe und des Gewichtes eines Geowaz fiel ihm vom Herzen. Dennoch plagten ihn Mitleid und Wehmut so stark und schmerzvoll, dass er weinen könnte. Eine Hand strich fürsorglich über den Kopf. Eine andere legte sich kameradschaftlich und liebevoll auf eine unversehrte Stelle auf der Brust. In seiner eigenen stach es unerträglich. Vor Mitleid, vor Bedauern, aber am allerstärksten war selbst jetzt der Vergeltungsdrang. Das Verbrechen gegenüber Rayquaza und all seiner Kinder wog bereits schlimm genug. Ein Mitglied seiner eigenen Familie so zuzurichten, würde er sein Leben lang nicht verzeihen. Auch nicht im nächsten oder übernächsten. Er würde den Schwarzen Lotus bis ans Ende seiner Tage verfluchen!

    Ryan blinzelte benebelt. Sein Herzschlag war beinahe schmerzhaft stark. Und seine Atmung ging stoßweise. Was war das für ein starker Anflug von Emotionen? War das der Drachensplitter, der das Blut in seinen Adern erhitzte? Er wagte nicht, ihn erneut herauszuholen und sah stattdessen zu Mila. Die hielt Noahs Kopf genauso gestützt, wie er den von Sumpex. Ihr Blick haftete aber an dem jungen Trainer. Eindeutig war ihr sein mentaler Zustand nicht verborgen geblieben und Ryan fühlte sich sogleich schuldig, dass er ihr damit jetzt noch weitere Sorgen bereiten musste. Was dachte er sich hier eigentlich? Jetzt schon wieder ans Kämpfen und an Rache zu denken, wenn Sumpex so in seinen Armen lag? Mit einem langen Atemstoß ließ er den Kopf fallen und sah in die trüben Augen seines Partners. Sein Kiefer spannte sich, wohingegen seine Hände ihn sanfter fassten.

    „Danke“, hauchte er schwach und fast unhörbar. Welch tapferes Pokémon, das er seinen Partner nennen durfte. Und was hatte es ihm eingebracht? Welchen Lohn hatte er für seinen Mut erhalten? Ryan konnte sich nicht erinnern, je ein übler zugerichtetes Pokémon gesehen zu haben, das überlebt hatte. Er würde jedoch den Teufel tun, die Schuld dafür nun bei Mila oder irgendwem, außer sich selbst zu suchen. Sich selbst und Team Rocket.

    Ein lauter Knall drang an die Ohren beider, sodass sie die Köpfe drehten. Der Klang war aus der Richtung des Tanzsaals gekommen und je mehr er verhallte, desto deutlicher wurden menschliche Stimmen, die panisch und energisch durch die Nacht hallten. Wieder tauschten Ryan und Mila einen vielsagenden Blick aus. Andrew und Sandra könnte Ähnliches blühen, wie ihnen beiden. Immerhin waren sie von ihnen gemeinsam mit Bella dort zurückgelassen worden. Und was ihre Pokémon anrichten konnten, hatten sie bereits aus erster Hand erfahren.

    Es zerriss den Ryan förmlich, dass er Sumpex nicht auf der Stelle zur Behandlung bringen konnte. Aber er würde unter keinen Umständen riskieren, dass seinen Freunden und deren Partnern vergleichbare Verletzungen widerfuhren, weil er das Schlachtfeld vorzeitig verließ. Rasch suchte er nach Sumpex‘ Pokéball und war tatsächlich ein wenig erleichtert, ihn schnell gefunden zu haben, anstatt erneut den Drachensplitter in der eigenen Hand vorzufinden. Für eine einzige Sekunde zögerte er nochmal und presste bitter die Lippen aufeinander, ehe er ihn hineinverfrachtete. Aus dem Augenwinkel sah er Noahs in Rot getünchte Silhouette bereits verschwinden und anschließend wieder den Blick Milas auf sich. Sie wollte gerne etwas sagen. Irgendetwas, das Ryan wenigstens ein kleines bisschen helfen mochte. Ihn zumindest um etwas von seiner Schuld, seinem Frust oder seiner Niedergeschlagenheit zu erleichtern. Dass es nicht seine Schuld war. Dass er ehrenhaft und voller Hingabe gekämpft hatte – denn dies hatte er sehr wohl! Hatten sie beide! Es wollte jedoch einfach nichts über ihre Lippen kommen. Und leider war nun beileibe nicht die Zeit, über den Grund zu spekulieren.

    „Gehen wir, rasch“, meinte sie stattdessen nur und sprang auf die Beine. Ryan atmete zunächst ein weiteres Mal schwer durch, bevor er ihr folgte. Sein Blick ging den gesamten Weg über stur an der Fassade des Prime Stadiums entlang. Jedes Mal, wenn er eine Straßenlaterne passierte, tauchte entweder ein Bild von Andrew oder von Sandra vor seinem inneren Auge auf.

  • Kapitel 75: Ground Zero


    Der Vorplatz am Haupteingang von Graphitports Prime Stadium ähnelte in dieser Nacht mehr einem Kriegsschauplatz. Aus den Fahrzeugen der städtischen Polizei war eine schützende Front errichtet worden, die kontinuierlich unter Beschuss von Felsbrocken, Eiszapfen und giftigen Matschklumpen stand. Man wagte kaum, auch nur einen Zentimeter über die Deckung hinauszuspähen. Dabei versprach diese nicht einmal gänzlich Schutz. Ein weiterer Steinhagel erwischte einen Polizeiwagen so sauber auf der Flanke, dass der sich ein Stück verschob und dabei die drei Polizisten dahinter zu Boden warf. Beinahe hätte er sich sogar über sie geschoben und unter sich eingeklemmt.

    Dies geschah direkt vor den Augen von Einsatzleiter Hendrickson. Jedes Mal, wenn einer der Männer aufschrie, fürchtete er gar um deren Leben und biss sich noch ein wenig fester auf die Unterlippe. Sie kamen hier einfach nicht vorwärts. Das Sperrfeuer ihrer Gegner war zu heftig. Hinter ihm platzte gerade ein Autoreifen, durch den sich Eissplitter gebohrt hatten. Der Knall machte ihn für einige Sekunden fast taub. Ein Gummifetzen traf einen Beamten im Gesicht. Es war wie ein Schlag mit der Peitsche und die blutige Spur, die er davontrug, erinnerte ebenfalls daran. Ein Kollege zerrte ihn schleunigst aus dem Gefahrenbereich.

    Auf Kommando verließen einige dazugestoßene Pokémon die Deckung, feuerten mit Blitzschlägen, Wasserstrahlen und Flammenfäusten zurück. Die Elektro-Attacken schienen jedoch allesamt von Rizeros‘ Horn angezogen zu werden und wirkungslos zu verpuffen. Die übrigen Elemente vermochten Sleimok und Walraisa wenig anzuhaben. Sie waren hier einfach zu dünn aufgestellt. Oder waren diese Pokémon wirklich so stark?


    Andrews Atem war schwer und ging stoßweise. Ein hoher Ton lag in seinen Ohren, als sei neben ihm eine von Luxtras Donner-Attacken eingeschlagen. Doch glücklicherweise war er nicht das Ziel gewesen und das eigentliche – nämlich Psiana – obendrein verfehlt worden. Der letzte Knall war dann durch Magnayens Spukball erfolgt und hatte den schwarzen Löwen bis an die Wand befördert, wo er für den Moment liegen blieb. Schattenblitze zuckten um seinen Leib und die getroffene Flanke sonderte noch dunkelvioletten Rauch ab. Toxiquak war mit den Kräften ebenfalls dem Ende nahe und befand sich auf einem Knie zu den Füßen seines Trainers, sodass sich Andrew einen Rundblick durch den Tanzsaal erlaubte. Als solcher war er schon längst nicht mehr zu erkennen. Die Bar und die Stehtische waren allesamt zertrümmert und während der Gefechte aus dem Weg geräumt worden. Gleiches galt für den prunkvollen Kronleuchter, mit welchem Sandras Shardrago dieses verdammte Absol lebendig hatte begraben wollen. Natürlich war das missglückt, wie auch die meisten anderen seiner Angriffe. Der kobaltblaue Drache keuchte schwer und die Augen waren blutunterlaufen. Seine Kampfgefährtin Vulnona stand auf sehr, sehr wackeligen Beinen. Andrew erkannte die Überlegung in Audreys Mimik, ob sie die Feuerfüchsin zurückziehen sollte, doch wer wenn nicht sie hätte eine Chance gegen diese beiden Gegner? Absol und Kryppuk hatten bestenfalls leichte Blessuren zu beklagen. Kein Keuchen, kein Zittern, kein Jammern. Sie tat einen drohenden Schritt auf sie zu, setzte eine Pranke vor und fuhr die Krallen aus. Sie stand erhaben und überlegen. Sprach außerdem mit dieser Geste eine Warnung aus. Dass der nächste Schlag ein verheerender sein würde.

    Doch selbst wenn die Schattenkatze ihnen hoch und heilig versprechen könnte, dass sie einen Gegner, der aufgegeben hatte, nicht weiter verletzen würde, so würden Sandra und Shardrago jederzeit einen aussichtslosen Kampf der Kapitulation vorziehen. Lieber untergehen, anstatt sich zu unterwerfen. Denn unter ging man stehend. Und ihr Stolz gebot ihnen, zu stehen!


    Dann schien an der äußeren Front, wo Rocket Agenten und Einsatzkräfte der Polizei miteinander fochten, für einen Moment die Zeit einzufrieren. Gleichermaßen war es für eben jene unfassbar kurze Dauer plötzlich totenstill. Man musste meinen, ein Jeder hier hielt den Atem an, als der Lichtblitz über sie hereinbrach. Jedes einzelne Gebäude, das an den Vorplatz grenzte, ward auf einmal hell erleuchtet, wie im Sonnenschein des Mittags. Begleitet wurde dies durch einen unerträglich lauten Knall, der vermuten ließ, ein Flugzeug sei auf der anderen Seite des Prime Stadium abgestürzt. Ein Windstoß fegte durch die Straßen und wirbelte Glasscherben sowie kleinteiligen Schutt auf und zudem mehrere Beamte zu Boden. Eingeschüchtert durch den ungeheuerlichen Lärm kauerten sie sich auf dem Asphalt zusammen und drückten so fest sie nur konnten die Hände auf die Ohren. Besonders die empfindlichen Hörorgane der eben angerückten Arkani, sowie weitere Pokémon der PKE, litten so fürchterlich, dass das ein oder andere Exemplar fast eine Panikattacke erlitt. Alle Personen im Inneren des Gebäudes erschraken förmlich zu Tode und duckten sich, obwohl sie die Druckwelle gar nicht spürten. Stattdessen folgte eine ganze Lawine an Poltern und Donnern, Beben und Hämmern. Despotar musste erschienen sein, um Versäumtes vom Nachmittag nachzuholen und das Stadion mit einem Erdbeben einzureißen. Oder vielleicht war es doch Rayquaza persönlich, der wie ein Meteor vom Himmel herabgestürzt gekommen war?

    Andrews ganzer Körper war steifgefroren ob des Krachs und der Erschütterung. Dieser Knall war nicht wie der von vorhin noch, der aus der Ferne erklungen war und welchen er einer Pokémonattacke zuschrieb. Dies war eindeutig der Klang eines einstürzenden Gebäudes gewesen. Oder zumindest eines Teils davon, da trotz der massiven Erschütterungen der Anbau nicht weiter versehrt wurde, als er ohnehin schon war. Dennoch rieselte nicht länger bloß Feinstaub von der Decke herab. Faustgroße Bruchstücke zerschellten auf dem Boden, auf welchem das bis zur Unkenntlichkeit demolierte Dekor vibrierte und zitterte, wie Karpador und Goldini auf dem Trockenen. Genauso taten es Andrews Knie.

    Die beiden einzigen Menschen, die von den Auswirkungen der Explosion wenigstens nahezu unbeeinträchtigt blieben, waren Sheila und Bella. Deren Duell hatte allerdings für einen Augenblick gestoppt und die rubinroten Augen von Milas Attentäterin lugten mit einem präzisen Verdacht über den Vorplatz in Richtung Nordeingang. Ihre Gegnerin grinste feist und erlaubte sich eine aufrechte Haltung, um besser Luft zu bekommen. Die Lungen brannten längst, gleichermaßen wie die sechs Einschnitte, die sie - vorwiegend an den Armen – davongetragen hatte. Weniger dramatisch als die Wunde am Handgelenk, die sie Tage zuvor hatte hinnehmen müssen. Dennoch glühten sie heiß und schmerzten. Aber eigentlich glühte ihr ganzer Körper – und zwar voller Freude und erregender Kampfeslust.

    „Wer mag dort drüben wohl gewinnen?“, fragte sie gleichermaßen Sheila als auch sich selbst.

    „Ich schätze, das gerade war das Metagross meiner Klientin. Was ist dein Tipp?“

    Natürlich erhielt sie keine Antwort. Nur einen Blick aus noch schärfer verengten Augen. Sheila hielt wirklich alles, was sie sich von ihr erhofft hatte. Gerade wischte sie sich mit dem Daumen über die Wange, die von Bellas Dolch aufgeschnitten worden war. Das Blut stoppte allerdings noch nicht. Zu frisch war die Wunde.

    Flüche, sie musste Bella endlich erledigen und zu ihrer Herrin stoßen. Aber sie war viel besser als erwartet. Und sehr viel besser als alle anderen Rocket Agenten, denen Sheila gegenübergestanden war. Obendrein schmerzte die noch nicht völlig verheilte Schusswunde in ihrer Schulter und dieses elende Ninjask klebte an ihr, wie ein Schatten, was das Fenster zum Angriff enorm limitierte. Obwohl es die Anweisung erhalten hatte, sich nicht einzumischen, zweifelte sie stark daran, dass dies im Ernstfall befolgt werden würde. Zweifellos würde das Pokémon eher eingreifen, als seiner Trainerin beim Sterben zuzusehen.


    Andrew schluckte und spürte einen Schweißtropfen an seiner Schläfe hinablaufen. Er fühlte sich wie auf heißen Kohlen in diesem verdammten Tanzsaal. Arceus allein wusste, wie lange es noch dauern sollte, bis er einstürzte und sie alle lebendig begrub. Der Weg hinaus musste allerdings erst einmal freigekämpft werden. Und seine unmittelbaren Gegner waren nicht einmal die größte Hürde. Die hatte er einigermaßen im Griff, konnte aber mit Fug und Recht behaupten, dass sie, abgesehen von Bella und Terry, die stärksten waren, denen er seit Monaten gegenübergestanden war. Da wollte er sich gar nicht so genau vorstellen, was Ryan gerade mit dem Schwarzen Lotus zu stemmen hatte. Wobei der Lärm ihm wenig Fantasie abverlangte, um es sich vorstellen zu können.

    Noch hatte er hier aber seine eigenen Probleme. Eines davon hatte sich gerade auf die Pfoten zurückgekämpft und verkündete mit wütendem Gebrüll sein Wiedereingreifen in das Scharmützel. Die Rocket Agentin, für die er kämpfte, rümpfte die Nase und schlug mit ihrem Handrücken gegen den Oberarm ihres Partners.

    „Das Psiana kriegen wir so niemals klein. Die Schilde sind uns im Weg“, analysierte sie mit unterdrückter Stimme. Tatsächlich bissen sie sich an ihr geradezu die Zähne aus und ihre Psycho-Attacken waren milde ausgedrückt eine Wucht. Sie bewegte die Lippen so wenig wie möglich, während sie ihre Vorgehensweite erklärte, um Andrew keinen ungewollten Wink über ihr Vorhaben zu geben.

    Der schnaufte währenddessen und versuchte die Anspannung abzuschütteln. Nicht zu viel nachdenken. Schon gar nicht über Dinge, die er nicht beeinflussen konnte. Stattdessen sollte er nur das unmittelbarste aller Probleme angehen. Er musste hier endlich klar Schiff machen und zu Ryan stoßen. Wobei Sandra und Audrey seine Hilfe scheinbar mindestens genauso gut gebrauchen konnten. So oder so musste er Luxtra und Toxiquak endlich besiegen. Ihm wurde allerdings nicht die Initiative überlassen.

    „Toxiquak, Matschbombe auf Psiana!“

    Dieser Schachzug brachte Andrews Stirn zum Runzeln. Die Gift-Attacken auf die Psychokatze zu lenken, konnte wohl kaum die große Taktik sein, von der sie sich den Sieg versprachen. Er entschied sich jedoch, bei seinem Muster zu bleiben, solange er nicht gezwungen wurde, es zu ändern und befahl ihr, sich mit Lichtschild zu verteidigen.

    „Jetzt Donnerzahn, solange sie unter Beschuss ist!“, wies die Frau gleich darauf eilig an. Daher wehte also der strategische Wind. Einen direkten Angriff würde der Lichtschild natürlich nicht aufhalten, aber fallenlassen würde er ihn auch nur ungern. Psiana hatte heute mehr als genug Gift verkraften müssen.

    „Magnayen!“

    Der Schattenwolf kreuzte mit einem flinken Haken Luxtras Bahn und setzte zu einem Sprung an. Im Moment des Abspringens löste sich seine Gestalt plötzlich in Luft auf, sodass dem Donnerlöwen der Abbruch befohlen wurde. Kaum hatte der sich gebremst, erschien Magnayen in seiner rechten Flanke und führte die Sprungbewegung fort.

    „Gifthieb!“

    Andrew wurde für einen Moment flau in der Magengegend. Nicht er hatte hier die sprichwörtliche Finte aufgesetzt. Das wurde ihm schlagartig bewusst. Er hatte sein Angriffsmuster zu häufig wiederholt! Toxiquak hatte die Faust im Anschlag und der giftige Dorn an der Hand glühte bereits in einem kräftigen Violet. Er fing Magnayen in der Luft ab und rammte ihn geradewegs in seine Seite, bohrte sie durch Fell, Haut und Fleisch. Die Wucht des Schlages sorgte außerdem dafür, dass sich der gesamte Körper unnatürlich bog und dehnte. Ein Ziehen fuhr durch seine Organe, als würden sie zerrissen und er hechelte Speichel aus einem weit aufgerissenen Maul. In das aggressive und abschreckende Knurren und Bellen mischte sich ein gequältes Winseln. Wild fuchtelnd versuchte er mit seinen Krallen die Augen des Giftfrosches zu erwischen, damit er rasch von ihm abließ. Der warf ihn jedoch unbeeindruckt in hohem Bogen bis vor die Füße seines Trainers, was mit weiteren Klagelauten beantwortet wurde.

    Das Grinsen, in das Andrew daraufhin gleich doppelt blickte, war widerwärtig und voll sadistischer Genugtuung. Er würde am liebsten selbst direkt hineinschlagen. Oder sich selbst in den Arsch beißen. Man sollte meinen, da er so oft mit Ryan trainiert hatte, der nach zwei Zügen das Vorhaben seiner Gegner lesen konnte, wie aus einem Buch, hätte er es sich abgewöhnt, zu häufig dieselben Karten zu spielen. Nichtsdestotrotz blieb er mit Geist und Verstand voll und ganz bei der Sache, ließ sich durch den Rückschlag nicht aus der Ruhe bringen und gedachte stattdessen, ihn doppelt zu vergelten. Nichts Anderes würde Magnayen wollen.

    „Los, Psychokinese!“

    So gut das Täuschungsmanöver der Rockets auch gelungen war, besaß das Katzenwesen nun erstmals freie Schussbahn auf Toxiquak, ohne von Luxtra unter Druck gesetzt zu werden oder auf ihren Kameraden Rücksicht nehmen zu müssen. Die Gelegenheit war zu gut! Eine mythische, blaue Aura umhüllte das toxische Amphibium und warf es hoch an die Raumdecke. Die kräftige Nackenmuskulatur schlug glatt ein Loch hinein, ehe er gleich wieder gen Boden gezerrt wurde. Flach und mit ausgebreiteten Gliedmaßen schlug er dort auf, wobei er sich fast den Unterkiefer gebrochen hätte. Psiana stand in Ausgangposition mit gesenktem Kopf, sodass man problemlos das Stirnamulett aufleuchten sah, aus dem sie gleich mit Psystrahl nachsetzte. Sie riss das Haupt regelrecht nach oben und zog eine feine, aber zerstörerische Schneise durch den ganzen vorderen Teil des Saals. Zu ihren Füßen angesetzt, bis hinter zur Wand und gar die Decke hinauf, wirbelte mit einer Sekunde Verzögerung Staub aus den geschlagenen Furchen im freigelegten Beton sowie den Putz in den Wänden. An der Decke wurde weiteres Holz zerteilt und die getarnten Agenten mussten herabfallenden Bruchstücken ausweichen. Deren Grinsen war zähneknirschender Abscheu gewichen, wobei der Blick des jungen Mannes gleich darauf entsetzt der hohen Flugkurve seines Toxiquak folgte, das einmal wild durch den Raum geschleudert wurde. In der Nähe der Bar blieb er liegen. Und zwar endgültig.

    Andrew erlaubte sich daher einen winzigen Moment, um nach Magnayen zu sehen, der versuchte, wieder auf die Beine zu gelangen. Scheinbar zog sich sein Rumpf jedoch mit starken Krämpfen zusammen, sodass er keine aufrechte Haltung einnehmen konnte. Das dichte Fell ließ nicht viel von der Wunde erkennen, doch Blut sah er definitiv darin verkleben. Er konnte wohl von Glück reden, dass er keine größere Lache davon auf dem Boden fand, sondern nur einige Tropfen. Dennoch knurrte der Schattenwolf energisch und war wild entschlossen, geradezu versessen, den Kampf fortzusetzen. In dieser Verbissenheit sonderte er schattenhafte Schlieren aus Unlicht-Energie aus seinem Fell ab, was ihm, gepaart mit den wilden, leuchtend gelben Augen, eine gar unheimlich einschüchternde Aura verlieh.

    Der Rocket gegenüber rief Toxiquak zurück und griff bereits nach einem neuen Pokéball, was Andrew dazu veranlasste, dasselbe zu tun. Er würde Magnayens Gesundheit nicht weiter auf’s Spiel setzen.

    Ironischerweise sah nur jener allein den drohenden Querschläger aus dem hinteren Teil des Saals kommen. Absol hatte dort einen Flammenwurf mittels Psychoklinge in der Mitte zerteilt – und gleichzeitig eine zerstörerische Schneise in den Boden sowie die Deckenverkleidung geschlagen. Diese Hälften kamen dem Johtonesen auf der einen, sowie Team Rockets Agenten auf der anderen Seite gefährlich nahe! Magnayen baute sich schützend vor seinem Trainer auf und stieß eine dunkle Energiewelle ab. Die Finsteraura wirkte wie eine schützende Wand und erstickte die Flammen. Luxtra war dies nicht gelungen. Teile seines Fells wurden versengt und außerdem eine Bresche zwischen ihn und seiner Trainerin geschossen, die erschrocken zurücksprang. Alle Blicke folgten unweigerlich der Richtung, aus der dieser ungewollte Beschuss erfolgt war.

    Das Absol, nach dem die Feuer-Attacke gezielt hatte, stand unversehrt und überlegen. Hinter ihr positionierte sich Kryppuk welches gerade abermals Schattenschlieren absonderte. Ein Vorbote seiner Finsteraura. Die Fuchsdame ging in eine tiefe Körperhaltung über. Sofort stoppte die Bewegung und ein beißender Schmerz spannte all ihre Muskelstränge. Dies waren die Folgen der Unlicht Energie, deren schwarze Spuren das zerzauste Fell zeichneten und Vulnona bei jeder Rührung Höllenqualen bereiteten. Wie sollte sie das Ausweichmanöver jetzt noch schaffen? Sie hatte ja schon Schwierigkeiten, überhaupt aufrecht zu stehen.

    Da baute sich Sandras Shardrago schützend vor ihr auf. Der kobaltblaue Drache hatte gar mehr Spuren davongetragen als Vulnona. Und schlimmere. Aus einem Dutzend Wunden blutete er bereits. Einige davon sonderten noch dunklen, geisterhaften Rauch ab. Die schwarze Energiewelle brandete auf ihn zu, umging dabei Absol, wie Wasser einen Felsen im Flussbett. Wie um alles in der Welt konnte das Vieh die Attacke so kontrollieren?

    Ein Windstoß ging dem Angriff voraus, wirbelte Schutt und Staub auf, welcher Shardrago ins Gesicht schlug. Die wilde und doch beherrschte Stimme seiner geliebten Trainerin drang an sein Ohr und er begab sich in die Hocke. Hellblaue Drachenenergie hüllte seinen Körper ein. In deren unmittelbaren Radius wurde das Fundament noch weiter, noch tiefer zerrissen und zu Feinstaub zerbröselt.

    Kryppuk lächelte sadistisch und boshaft, während er seiner eigenen Attacke hinterher sah. Sie bewegte sich wie eine schwarze Wand auf Vulnona und Shardrago zu, deckte in her Höhe und in der Breite den gesamten Saal ab. Selbst für ein Wattzapf gab es keinen Spielraum zum Ausweichen.

    Die Finsteraura war so dicht, dass man den bläulichen Lichtschein hindurch nicht zu sehen vermochte. Erst als er sie durchbrach, gefror die Visage des verfluchten Geistes ungläubig. Ein gehörnter Kopf mit langer Schnauze und weit geöffnetem Maul raste auf ihn zu. In die Finsteraura war eine Bresche geschlagen, sodass sie sowohl Vulnona als auch die beiden Trainerinnen dahinter verfehlte und lediglich um sie herum noch mehr Verwüstung anrichtete.

    Brüllend und tollkühn, als leuchtender Torpedo, mitten durch den pechschwarzen Sturm, war er gekommen, um ihn zu verschlingen. Shargrago fühlte sich, als schlugen dutzende dornenbesetzte Peitschen auf einmal auf ihn ein. Seine Pupillen waren aus den Augen verschwunden und so nahe es auch lag, dies mit dem hellblauen Licht zu begründen, welches darin reflektiert wurde, war der Drache tatsächlich einfach wie von Sinnen. Versunken und ertränkt im Kampfesrausch. Und dieser erwischte Kryppuk völlig unerwartet – aber nicht Absol!

    Die Schattenkatze sprang über die Flugbahn Shardragos hinweg. Eine Vorderpfote war bereits in schwarze Energieschwaden gehüllt. Die blutroten Augen fixierten das Ziel konzentriert und berechnend, aber auch mit einer düsteren Zuversicht. Dieses Spiel hatten sie doch Stunden zuvor schon gespielt. Sie schlug präzise auf die Schläfe. Die blaue Aura, mit der er sich einhüllte, flimmerte, wie die Luft an einem heißen Sommertag.

    Jedoch hatte Absol unterschätzt, wie viel größer der Siegeswille des Shardrago nun war. Sie konnte den Drachenstoß nicht zurückschlagen. Aber ihn umzulenken hatte sie vermocht. Trotz noch lauteren Brüllens und noch intensiveren Lichtscheins verlor er die Stabilität, streifte nur für einen kurzen Moment mit dem Bein am Boden entlang. Dieser winzige Kontakt genügte, um seine Haltung zu brechen. Er geriet ins Schleudern und polterte hilflos über den Boden. Auf dem Weg riss er eine der übriggebliebenen Säulen mit sich und zertrümmerte sie wie einen Zweig. Hinter sich zog er eine mannshohe Spur aus Staub und Schutt nach. Seine Trainerin schrie ihm entsetzt hinterher. Durch Sandras Stimme alarmiert, riss Andrew den Kopf herum, machte dann mit weit aufgerissenen Augen einen alarmierten Schritt zurück und schützte das Gesicht. Hätte er nur einen Meter versetzt gestanden, wären ihm gerade sämtliche Knochen gebrochen worden.

    Erst an der Wand, unweit der Stelle, durch die Sumpex von Metagross geprügelt worden war, kam Shardrago zum Stillstand. Die Risse, die er hinterließ, zogen sich weit und der Aufprall außerdem ein neues Beben nach sich. Diesmal verebbte es allerdings nicht nach ein paar Sekunden. Gar meinte Andrew, dass es lauter wurde, sich ausbreitete. Mehr Brocken fielen von der Decke und die Wände ächzten lauter denn je. Der Anbau schien an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu geraten. Auch die Rockets ihm gegenüber schienen den unmittelbaren Gegner kurzzeitig zu vergessen. Mit wachsender Sorge, wenn nicht gar Angst, wanderten ihre Blicke die Decke und die Wände entlang. Schweiß glänzte durch die Hitze des Gefechts längst auf der Stirn. Der wurde nun plötzlich kalt und rann den Nacken herab. Bei der wachsenden Anspannung erschrak der junge Mann beinahe, als er plötzlich eine Stimme aus dem Funkknopf an seinem Kragen vernahm. Er hatte Mühe, die Durchsage zu verstehen.

    „Befehl zum Rückzug“, redete er zunächst bloß leise vor sich hin. Seine Partnerin runzelte die Stirn und lehnte sich näher zu ihm heran.

    „Was?“

    „Rückzug! Die Mission ist erfüllt.“

    Diesmal war die Lautstärke unmissverständlich. Dennoch benötigte sie ein paar Sekunden, um zu begreifen. Dann nickte sie fest und suchte nach dem Rest ihrer Gruppe. Die hielten nach wie vor draußen die Stellung und auch Bella war rasch gefunden, auch wenn sie den flinken Schritten und Bewegungen kaum folgen konnte. Selbst das ungeübte Auge erkannte gleich, dass sie und diese blauhaarige Killerin nicht bloß wild aufeinander einstachen. Das war ein Duell auf höchstem Niveau in Sachen Schnelligkeit und Geschick. Grinste sie dabei etwa?

    Die Frau eilte an Absol und Kryppuk vorbei, ließ sich von Luxtra decken, als sie die Drachentrainerin sowie deren dazugestoßene Freundin passierte. Die schienen aber eh nicht mehr in der Lage, sie aufzuhalten. Schon gar nicht mit diesen zwei Gegnern vor sich.

    „Alle Mann, wir ziehen uns zurück!“

    Bella glaubte fast, sie habe sich verhört.

    „Einen Scheiß tun wir!“, widersprach sie sehr bestimmen und giftig. Fast hätte sie das Weib mit einem drohenden Blick zurechtgewiesen – obwohl sich auch das Trio, das die Blockade hielt, nervös und mit schwindender Zuversicht umsah. Gerade noch konnte sie den Impuls unterdrücken, da sie sonst in der nächsten Sekunde wohl ihr Leben ausgehaucht hätte. Solche Möglichkeiten durfte sie Sheila auf keinen Fall eröffnen. Auch so schaffte sie es erneut, in ihr Fleisch zu schneiden, obwohl der Kratzer am Oberschenkel diesmal nur sehr oberflächlich und daher unbedeutend ausfiel. Da schmerzten die bisherigen Wunden schon deutlich mehr. Aber auch dies machte die Freude des Kampfes aus. Der Tanz auf der Klinge. Dieser unwirkliche, absurd schmale Grat zwischen Leben und Tod. Und sie beide tanzten auf ihm, wie die Wahnsinnigen. Sie selbst obendrein in diesem einst wunderschönen Kleid, das längst diverse Male gerissen und ruiniert war.

    Auf die Luxtra-Trainerin jedenfalls wirkten die Beiden definitiv wahnsinnig. Wobei Bella den Kampf eindeutig mehr genoss und besonders sie, mit diesem durchtriebenen Grinsen, konnte daher kaum anders betitelt werden. Dagegen wirkte die Andere absolut beherrscht, fokussiert, die Sinne so geschärft, wie ihre Messer. Dafür besaß sie diese mörderische Aura. Völlig kalt, fast animalisch, wie ein wilder Räuber. Aber für diesen Zirkus hatten sie keine Zeit. Das Gebäude konnte jeden Moment einstürzen und wenn der Haupttrupp jetzt abzog, würden sie hier über kurz oder lang aufgerieben.

    „Bella, die Order kommt vom Schwar…“

    „Keiner verlässt seinen Posten!“, unterbrach die bezahlte Agentin mit all ihrer Autorität, sowie einer unterschwelligen Drohung, die alle Widersprüche schon im Ansatz erstickte. Sie war allerdings der Meinung, dass dies nicht genügte.

    „Wagt es euch, mir euren Rücken zu zeigen. In jeden einzelnen werde ich ein Wurfmesser versenken. Das verspreche ich!“

    Kaum hatte sie ausgeredet sprang sie zur Seite, um Sheilas Dolch auszuweichen, der auf ihren Unterbauch gezielt hatte. Ihre freie Hand griff nach dem Gelenk, während sie zu einem Stoß in ihre offene Seite ansetzte. Die rubinfarbenen Augen blitzten auf. Sie verlagerte ihr Gewicht und vollführte einen sauberen Salto, für den jede Bodenturnerin die Höchstpunktzahl abstauben würde. Die Bewegung zwang Bella, von ihr abzulassen, sodass Sheila nun ihrerseits die bewaffnete Hand am Gelenk packte und versuchte, ihre Gegnerin herumzureißen. Die erahnte das Vorhaben, passte ihre Schritte an und zog mit. Eng umschlungen drehten sie sich miteinander, fast wie ein Pärchen beim Eiskunstlauf – jedoch mit den Klingen in den Händen, anstatt an den Füßen.

    Die übrigen Rockets tauschten erneut unentschlossene Blicke aus. Niemand wollte hier zurückgelassen werden. Sich Bellas Befehl zu widersetzen, wagte aber ebenfalls keiner – mit Ausnahme eines Rockets, der gerade sein geschlagenes Toxiquak zurückgerufen hatte und sich außer Hörweite befand. Der wurde ob der bröckelnden Wände immer nervöser und zappeliger, bis er schließlich allein und ohne noch einen Gedanken an Freund oder Feind zu verschwenden, durch die Eingangstür stürmte. Andrew atmete einmal lang aus. Sein Magnayen brach, nun, da die Anspannung von ihm abfiel und das Adrenalin nachließ, endgültig zusammen und natürlich war sein Trainer sowie auch Psiana sofort bei ihm. Andrews Kiefer spannten sich krampfhaft, als er den Wolf Blut husten sah. Auf ein elendes Röcheln hinter ihm, drehte er den Kopf und fand dort an der Wand liegend Shardrago vor. Auch er verlor Blut. Aus einer Platzwunde am Schädel rann es in das offenhängende Maul. Er war kaum bei Bewusstsein. Nun knirschte Andrew heftig mit den Zähnen. Das hier war mitnichten mehr ein Kampf. Es war eine Schlacht.

    An der äußeren Front hatte kein Rocket Agent bemerkt, wie ihr Kollege getürmt war. Stattdessen hielt man mit schwindender Zuversicht und dafür wachsender Nervosität die Blockade aufrecht. Die beste Chance bestand wohl darin, die Linie der Polizisten zu durchbrechen und sie zum Vorläufigen Rückzug zu zwingen. Das taten die üblicherweise immer, wenn die Zahl der Verletzten zu hoch wurde. Mit ein, zwei Donner-Attacken sollte das zu bewerkstelligen sein. Diese Kraft reichte gewiss aus, um deren Fahrzeuge hochzujagen. Mit etwas Glück würde sie damit ein paar der elenden Gesetzeshüter gleich über den Jordan befördern.

    „Luxtra, ziel mit Donner…“

    Der schwarze Löwe hörte kaum hin. Im Gegensatz zu seiner Trainerin hatte er die drohende Gefahr nämlich vorzeitig erahnt. Dennoch nicht zeitig genug. Ein goldenes Licht, begleitet von einem heißen Zischen, schoss auf einmal an der Frau vorbei und riss ihren Partner mit sich. Der schrie und brüllte wie am Spieß, während sie vor Schreck das Gleichgewicht verlor und zwischen die unzähligen Trümmer und Splitter fiel.

    Luxtras Klagelaute hielten jedoch nur für eine Sekunde, bis sein Rücken eine Straßenlaterne traf. Diese knickte fast ein. Es war wie ein Schlag mit dem Hammer und nicht alle Knochen überstanden ihn unbeschadet. Seine Augen waren bereits leer und ohne Pupillen, noch bevor er auf dem Asphalt landete. Zu ihren Füßen glühte auf einmal der Boden und ihr Blick folgte der hinterlassenen Spur, bis zu ihrem ohnmächtigen Luxtra, während sie zu verdrängen versuchte, was mit ihr geschehen wäre, hätte der Hyperstrahl sie ebenfalls erwischt.

    Anschließend suchte die Rocket Agentin entsetzt und zähneknirschend nach dem Verantwortlichen und fand ihn in Form eines Dragonir. Ein gleichfarbiger Lichtschein erlosch gerade noch an dessen Horn. Dahinter starrte diese Drachentrainerin aus Johto sie zurechtweisend an, entfernte beiläufig eine Strähne mit einer Nackenbewegung aus dem Gesicht. Als erteile sie ihr einen stummen Rat, sich nicht länger zu wehren oder aber direkt zu verschwinden. Alle sollten sie verschwinden! Vor allem, damit sie endlich nach Shardrago sehen konnte. Sie verfluchte jede Sekunde, in der es ihr nicht möglich war, sich vom Kampf abzuwenden.

    Ironischerweise dachte die blonde Agentin gar nicht mehr ans Zurückziehen, obwohl sie eben noch Bella dazu hatte drängen wollen. Jetzt aber dürstete ihr nach Vergeltung für den hinterhältigen Hyperstrahl und nicht zuletzt diese arrogante Geste. Sie konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, als sich Bellas Absol ihr Sichtfeld betrat und sich daran schickte, ihren Wunsch zu erfüllen. Sie setzte bereits zum Sprung an und hüllte eine Vorderpfote mit Dunkelklaue ein. Doch da glimmte etwas Rotes, etwas Flackerndes in ihrem Augenwinkel auf. Ein mächtiges Flammenkreuz, das bis unter die Decke brannte, schoss auf sie zu. Die Hitze war bereits auf der Haut zu spüren und das Feuer spiegelte sich in ihren Pupillen. Rauschend und züngelnd fegte der Feuersturm über Absol hinweg, wie eine rote Welle. Damit ward sie aus Audreys und Sandras Weltsicht entfernt.

    Jedenfalls für eine Sekunde. Dann tauchte sie plötzlich unversehrt wieder an eben der Position auf, wo sie gerade hätte verbrannt sein sollen. Und noch einmal direkt daneben. Und noch einmal. Die Drachentrainerin schnaufte bissig. Absol hatte sich mit Doppelteam aus der Affäre gezogen und lediglich eines der Trugbilder war getroffen worden. Der Feuersturm traf nun die Außenwand, sprühte Funken und Flammenklumpen. Eine Hitzewelle schlug ihr entgegen. Die Rocket Agentin schützte das Gesicht. Ihre Kameraden an der Außenfront, sowie die Polizisten, die sie trotz wachsender Unsicherheit auf Abstand hielten, zogen allesamt alarmiert den Kopf ein und suchten Deckung, aus Angst vor Verbrennungen. Und sehr bald würde diese Furcht ohne Ausnahme auf alle anwesenden Menschen sowie Pokémon übergehen. Denn der edle Teppichboden entzündete sich durch die Glut und nährte fortan einige winzige Brände. Manche davon gefährlich nahe der zerstörten Bar, wo dutzende, hochprozentige Spirituosen verschüttet worden waren.


    Absols Trugbilder bewegten sich fast im Einklang und wechselten das Ziel. Vulnona sollte nun ausgeschaltet werden. Als Quittung für ihre Einmischung. Gleich ein halbes Dutzend Absol setzten zu Sprung an und wetzten die Klauen. Doch die Füchsin trotzte der Todesangst, die sie im Angesicht dieses Gegners sicher verspürte. Sie ging in eine tiefe Kampfposition und streckte ihre neun Schweife aus.

    „Irrlicht!“, war der Befehl, den sie in ihrem Rücken vernahm. An jeder einzelnen Schweifspitze entfachte eine bläuliche und deutlich kleinere Flamme als gerade eben noch. Durch mehrere der Absol schossen sie glatt hindurch, sodass diese sich im Nichts auflösten. Doch eines krümmte sich plötzlich im Sprung, keuchte und schrie, und ließ sich zu Boden fallen. Dort versuchte sie die geisterhafte Flamme auf ihrer Brust zu ersticken. Genauso gut hätte sie versuchen können, die Luft mit ihren blanken Pfoten einzufangen. Wie von Zauberhand war das Feuer auf ihren ganzen Körper übergegangen und verursachte ihr für kaum mehr als eine Sekunde Höllenschmerzen, ehe es wieder erlosch.

    Der Aufschrei alarmierte Bella, die gerade den Abstand zu ihrer Gegnerin vergrößerte, um einen festeren Stand gewinnen zu können. So erlaubte sie sich einen kurzen Schulterblick zu ihrer geliebten Schattenkatze. Es genügte allerdings kaum, um die Lage richtig zu erfassen. Schon musste sie mehrere Wurfmesser abwehren. Dem letzten jedoch entkam sie nicht mehr und es schnitt in ihren Oberarm. Diesmal tiefer und schmerzhafter als die bisherigen Wunden. Sie spürte das Blut sofort am Arm herunterlaufen. Sheila setzte gleich nach und sprintete geradewegs auf Bella zu, nutzte einen herausgerissenen Brocken Asphalt für einen sehr hohen Sprung und hielt beide Dolche im Anschlag.

    In diesem Moment sprang ein Funke vom entflammten Teppich über auf die Lache, in welcher sich diverse, hochprozentige Getränke vermischten. Es hätte fast so gut Benzin sein können.

    Als erstes hörte man Glas splittern. Nicht, dass noch viel Heile gewesen wäre, doch der plötzliche Hitzestoß brachte bereits zerbrochenes, wie auch unversehrtes zum Springen. Dann erhob sich ein regelrechter Feuerball bis hinauf zur Decke, gefolgt von einer Hitzewelle durch den gesamten Saal. Kryppuk ließ sich davon als einziger nicht beeindrucken – obwohl selbst Absol und sogar Andrew und Psiana, die sich noch weiter entfernt befanden, vor dem Feuer zurückschreckten. Die giftgrünen Augen und das makabre Grinsen stachen durch den Funkenregen hindurch. Sekunden später stob selbiger durch einen Spukball auseinander, der auf eine unaufmerksame Vulnona zielte. Audreys Herz setzte für einen Schlag aus. Sie hatte den verdeckten Angriff zu spät erkannt. Nicht aber Sandra. Dragonir sprang für sie in die Bresche, drehte den gesamten Körper und entfachte auf blaues Licht um die Kristallkugel an ihrem Schweif. Wie eine Peitsche schlug die Drachenrute in die Schussbahn der dunklen Energiesphäre. Jedoch war die Drachenschlange nicht in der Lage, an Angriff abzulenken. Stattdessen explodierte der Spukball einfach und hüllte beide Pokémon in violetten Rauch. Dieser vermischte sich mehr und mehr mit gänzlich schwarzem, welcher der Brandquelle entsprang. Der Geruch von verkohltem Holz stieg Sandra und Audrey in die Nase und ihre Augen begannen zu tränen. Darüber hinaus wuchs das Feuer rasch weiter, breitete sich auf dem Teppichboden aus und griff auf die Holzbalken an der Decke über.

    Dragonir und Vulnona kamen sehr bald wieder zum Vorschein. Während die Feuerfüchsin sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, wies ihre Retterin nur leicht Spuren auf in Form von dunkelvioletten Flecken auf den Schuppen auf, die noch sachte Rauch absonderten. Der Blick in ihren sonst so sanften und erhabenen Augen war jedoch furchtbar energisch und eisern auf Absol fixiert. Sie war ebenso heiß auf Wiedergutmachung, wie ihr Kamerad Shardrago. Gleichwohl schien die Schattenkatze ganz und gar nicht abgeneigt, diese erhoffte Revanche zu gewähren und machte einen bedrohlichen Schritt nach vorn.

    Fast im selben Moment knarzte und krachte es über ihr und alle Blicke gingen nach oben. Die vielen Erschütterungen hatten die Belastbarkeit des Anbaus endgültig überstrapaziert. Der bereits geknickte Balken brach entzwei und ließ die Decke herunterkrachen. Gedankenschnell sprang Absol zur Seite und vergrößerte den Abstand zum Gefahrenbereich – bloß, um plötzlich gefährlich nahe an einen Flammenteppich zu graten.

    Währenddessen wurde es über ihr und Kryppuk, der sich dicht hinter ihr hielt, nicht stiller. Dieser erste Teil-Einsturz war wie einen Lawinenauslöser. Vom Zentrum des Saals aus kamen Holz, Beton und Bauschutt herunter. Der Boden fühlte sich plötzlich nicht mehr fest und sicher an und Audrey hätte durch den desorientierenden Lärm und die Erschütterungen beinahe das Gleichgewicht verloren. Sandras feste Hand bewahrte sie davon. Ihre Stimme war kaum noch zu verstehen, obwohl sie schrie.

    „Wir müssen raus, jetzt!“

    Die Trainerin aus Rosalia glaubte, sich verhört zu haben. Ginge es hier nur um sie beide, wäre das eine Sache. Aber dort hinten befand sich noch immer jemand. Andrew war noch immer bei Shardrago und sah sich hektisch um. Das Geröll kam von allen Seiten wie ein Regenschauer runter. In diesem Augenblick wurde somit die Ausgangstür blockiert und sein kürzester Fluchtweg somit abgeschnitten. Er zögerte, sich überhaupt von Fleck zu rühren. Nur ein falscher Schritt, und sein Kopf wäre Matsch. Audrey rief seinen Namen, wurde aber nicht gehört. Hilfesuchend sah sie zu Sandra und deutete in seine Richtung. Doch die Drachenmeisterin blieb eisern und unterband alle Proteste.

    „Jetzt sofort!“, wiederholte sie schreiend. Prügelte ihre Worte damit regelrecht in ihren Schädel.

    „Oder es ist aus mit uns!“

    Es war nur für einen äußerst geringen Sekundenbruchteil, doch Audrey meinte, gerade als Sandra sie an der Schulter zu zerren begann, ein wässriges Schimmern in ihren Augen zu sehen. Und der Kiefer sowie die Zähne waren keineswegs aus Angst oder des Kraftaufwandes wegen so angespannt und zusammengepresst. Sie hasste, was sie gerade tat. Hasste die Richtung, die sie einschlug. Mit jeder Faser ihres Körpers tat sie es. Wohlwissend, dass es die einzig vernünftige Entscheidung war, aus dem Gebäude zu fliehen. Alles andere hätte ihr Ende bedeutet. Und dennoch verfluchte sie diesen Moment, in dem sie Andrew und auch Shardrago zurücklassen musste und würde ihn wohl ihr Leben lang verfluchen. Das Gefühl, als sie Freunde und Kameraden hinter einer Lawine aus Baumaterial eingekesselt und schließlich verschwinden sah, während sie selbst sich abwandte und in die entgegengesetzte Richtung floh.

    Audrey würde sich später selbst eine verpassen, dass sie Sandra beinahe unterstellt hätte, Andrew und Shardrago im Stich zu lassen. Sie kannte sie erst zwei Tage lang, doch die waren mehr als genug gewesen, um zu lernen, was für ein Mensch sie war. Und auch, um eine präzise Ahnung zu erhalten, wie treu sie zu ihren Nächsten stand. Doch denen wäre auch nicht weitergeholfen, wenn sie beide hier mit begraben werden würden. Audrey schaffte es gerade noch, Vulnona in ihren Pokéball zurückzuholen, da die kaum noch einen Schritt mehr aus eigener Kraft geschafft hatte. Danach ließ sie sich widerstandlos mitziehen, während Dragonir uneigennützig die Nachhut bildete. Einen nennenswerten Schutz konnte sie ihnen aber nicht bieten. Dazu müsste sie schon den Schutzschild beherrschen. Oder Wunder vollbringen können. Selbst über diese wenigen Schritte hinweg, grenzte es bereits fast an ein solches, dass Audrey und Sandra lediglich von Staub bedeckt wurden. Der verhüllte ihnen allerdings fast gänzlich die Atemwege und die Sicht nach draußen. Nach der rettenden Schwelle. Auf dem letzten Meter hechteten die jungen Frauen einfach nur noch nach vorn und beteten zu Arceus.

  • Kapitel 76: Loss and ruin


    Draußen erlebten die Kampfhandlungen eine ungewohnte, da allererste Pause, als das Dach nun gänzlich herunterkrachte und eine gewaltige Staubwelle über den Vorplatz fegte. Polizisten, Pokémon und Team Rocket Agenten wanden sich alle gleichermaßen ab und schützten die Atemwege. Selbst Sheila und Bella unterbrechen ihr Duell für einen Moment.

    Noch ehe sich die Sicht wieder aufgeklart war, sprang eine schneeweiße Raubkatze von einem Trümmerhaufen herab und eilte sich an die Seite ihrer Trainerin. Ein blassvioletter Geist mit unheilvollem Grinsen folgte ihr schwebend und sah sich regelrecht erheitert um. Diese Zerstörung und das Chaos stimmten ihn äußerst heiter und zufrieden, wie Bella selbst wusste. Sie würde zwar nicht zulassen, dass jemand anders außer ihr selbst aus aussprach, aber Kryppuk hatte durchaus eine sadistische Ader und erfreute sich an Katastrophen.

    Einmal von ihren Pokémon flankiert, geriet Sheila nun zum ersten Mal ins Zögern und nahm eine defensivere Kampfhaltung ein. Schon mit Ninjask als Bellas Rückendeckung war es schwierig genug gewesen, eine Lücke zu finden, ohne das Käferpokémon dazu einzuladen, sie von hinten abzustechen. Mit diesen Beiden würde es völlig unmöglich. Sie schnaufte bitter. Sie fürchtete zwar keine Verletzungen. Nicht einmal den Tod selbst. Aber in einen sinnlosen würde sie sich nicht stürzen.


    Während sich die Staubwolke langsam zu lichten begann, vernahm man entfernt ein trockenes, röchelndes Husten. Oder eher zwei. Sandra und Audrey hatten es geradeso herausgeschafft. Mühten sich, wacklig und fast blind vom Feinstaub in ihren Augen, wieder auf die Beine. Weniger als einen Meter hinter ihnen türmte sich bereits Schutt in Massen auf. Es verlangte nicht nach viel Fantasie, um zu erahnen, wie es ihnen nun gehen würde, wären sie darunter begraben worden.

    Andrew hatte weniger Glück gehabt. Und es war Audrey, deren allererster Gedanke ihm galt, noch ehe sie sich vergewissert hatte, dass sie selbst wirklich unversehrt war. Mit den eleganten, wenn auch nicht allzu hohen Schuhen war es allerdings schwierig, über diesen gewaltigen Trümmerhaufen zu klettern. Sandra sah erst ihr hinterher, verschaffte sich dann einen Überblick an der Polizeifront. Sie war hin und hergerissen zwischen den Beamten auf der einen, sowie Shardrago und Andrew auf der anderen Seite.

    Bevor sie eine Entscheidung gefällt hatte, wem sie sich denn als erstes zuwenden sollte, blitzte es in ihrem Augenwinkel auf. Sie hatte gar keine Zeit, nach der Quelle zu sehen. Das Sleimok der Rocket Agenten wurde bereits von einem bläulichen Energiestrahl verschlungen, den sie selbstredend sofort als Drachenpuls identifizierte. Das Giftwesen erstarrte, fast wie bei einer lähmenden Elektro-Attacke. Der zähflüssige Körper zitterte und bebte, wie schlammiges Grundgestein in einer Goldwäsche, stob dabei langsam, doch stetig von der Quelle des Angriffs fort, bis er beinahe das benachbarte Rizeros erreichte. Zunächst verblüfft und irritiert durch die unverhoffte Flankierung, verschaffte es sich mit einem prüden Tritt wieder Platz. Dann erstarrte es jedoch im Angesicht der nächsten Attacke, die sich bereits in seinen Pupillen spiegelte und daher unmöglich auszuweichen oder abzuwehren war. Und sein Trainer hatte die neue Situation noch überhaupt nicht erfasst, ging lediglich selbst abermals in Deckung, als eine gewaltige, silberne Energiesphäre direkt an Rizeros kollidierte. Der Aufprall war gewaltvoll und aus dieser Nähe furchtbar ohrenbetäubend. Gleichwohl blendete das grelle Geschoss und hüllte den Vorplatz in purpurfarbenes Licht. Auch Sandra hob einen Arm und schützte einen Moment die Augen. Ein Sog zerrte an ihrem langen Haar und den Fetzen ihres Kleides. Das war doch Mondgewalt gewesen!

    Einer von Sandras Mundwinkel zuckte nach oben und verzog ihre Visage zu einem Grinsen voll überwältigender Erleichterung. Sie konnte ihr Glück kaum fassen.

    Guardevoir und Altaria traten dem Kampf bei. Mila und Ryan waren im Eiltempo direkt dahinter. Bella stand goldrichtig, sodass die Beiden ihr direktes Sichtfeld betraten. Dagegen wagte Sheila nicht, sich zu ihrer Gebieterin umzudrehen und dafür eventuell einen Dolch im eigenen Körper vorzufinden. Die käufliche Agentin schnaufte unzufrieden. Ganz ohne Zweifel würden sie sich in ihren Kampf mit Sheila einmischen. Und mit dieser Verstärkung auf der Gegen-, sowie lediglich dieser Handvoll Rockets auf der eigenen Seite, sah sie sich im Gesamtbild langsam als die unterlegene. Das dämmerte auch allmählich ihren temporären Untergebenen. Die Sleimok-Trainerin wies an, mit Matschbombe zurückzuschießen, welcher die anrückenden Pokémon jedoch mittels einer flotten Schraube und geschickten Tanzschritten auswichen. Walraisa nahm unterdessen den Schutzwall aus Polizeiwägen wieder unter Sperrfeuer, um die Politessen in Schach zu halten. Wenn die jetzt auch nochmal aufmuckten, würden sie hier überrannt werden.

    „Wir können die Position nicht mehr lange halten, Bella“, wandte sie sich hilfesuchend um. Die Agentin würde gar korrigieren, dass die Stellung quasi schon verloren war. Vermutlich waren die restlichen Truppen bereits eh abgerückt. Auf Nachzügler zu warten, deckte sich nicht mit der kompromisslosen Agenda der Gruppierung. Und schon gar nicht des Schwarzen Lotus.

    Neuen Mutes positionierten sich Sandra und Dragonir zu ihrer Rechten und somit genau im Rücken der Rockets. Absol stellte sich dagegen und zeigte ganz klar, bis wohin und nicht weiter sie gehen durfte, bevor sie ihre Krallen zu erwarten hatten. Eine Drohung, die fast an Verzweiflung grenzte. Auch die Schattenkatze wusste, wann ein Kampf aussichtlos wurde. Kämpfen würde sie ihn dennoch jederzeit. Bella hatte allerdings andere Pläne.

    „Ein andern Mal, Süße“, flüsterte sie ihrem Absol zu und wandte sich dann an Kryppuk, bevor überhaupt Proteste aufkommen konnten.

    „Verschaff uns einen Moment.“

    Weder hinterfragte noch zögerte das verfluchte Geistpokémon, sondern schwang sich in die Höhe, wo er das gesamte Schlachtfeld überblicken konnte. Sein Körper sonderte schwarze und violette Energiepulse ab, die Ryan sofort verrieten, was ihnen gleich entgegenkommen würde.

    „Schnell, Lichtschild!“

    Guardevoir nahm Altaria gleich mit in Deckung und positionierte sich zudem direkt vor Ryan und Mila. Kryppuks Finsteraura überrollte beinahe den gesamten Vorplatz. Polizeiwägen überschlugen sich. Die Beamten dahinter schützten sich mit Schilden und Gegenattacken ihrer Pokémon, doch vermochte keiner, diesem Sturm wirklich standzuhalten. Ihre Reihen wurden zerrissen. Menschen und Pokémon schrien vor Angst und Entsetzen. Auf sowas hätte keine Ausbildung sie vorbereiten können. Solch eine brutale Gegenwehr hatte keiner von ihnen jemals erlebt. Nicht einmal der routinierte Einsatzleiter Hendrickson. Was waren das hier für Terroristen?

    Auch Guardevoir musste ihre ganze, noch nicht ganz wiederhergestellte Kraft aufbringen, um der Finsteraura standzuhalten. Rechts und links stoben die dunklen Schlieren und Peitschen an ihr und Altaria vorbei, rissen Laternen mit sich und schwärzten den Straßenbelag. Ryan und Mila kauerten in tiefer Position und eng aneinandergedrängt direkt dahinter. Die finsteren Winde zerrten am Mantel und am Haar der Drachenpriesterin.

    Bella bemerkte nebenbei einige hoffnungsvolle Blicke von den Rocket Agenten auf sich ruhen. Wohl hofften sie nun auf die Wende und warteten auf weitere Befehle, die sie aus dieser Bredouille befreien sollten. Nichts dergleichen erhielten sie. Nur Absol ward angewiesen, Dragonir in Schach zu halten, während Ninjask dasselbe mit Sheila tat. Dafür reichte allein die Präsenz des flinken Käferpokémons aus. Kryppuk wurde sodann von einem roten Lichtstrahl erfasst und ward, zur Verblüffung aller, in seinen Pokéball zurückverfrachtet. Dahinter warf Absol das Haupt nach vorn und sandte eine weitere Psychoklinge quasi direkt zu Sandras Füßen, damit weder sie noch Dragonir auch nur auf die Idee kamen, einen Schritt zu tun. Außer zurück, verstand sich – was sie auch tat, um nicht zu riskieren, ein Bein zu verlieren. Das musste man scheinbar befürchte, sollte diese geformte, kinetische Energie sie treffen. Und dabei hatte sie nicht einmal mit voller Kraft angegriffen. Dennoch waren enorme Mengen an Staub dadurch aufgewirbelt, der Sandras Sicht behinderten und Bella zusätzlich Deckung gab. Mit einem letzten, prüfenden Blick wandte die sich bereits zur einzigen noch offenen Flanke und bedeutete ihren beiden Pokémon die Flucht. Das erkannten auch die Trainer von Walraisa, Sleimok und Rizeros – und starrten ihr völlig fassungslos nach. Konnten oder wollten viel mehr nicht glauben, dass sie hier einfach so zurückgelassen würden. Und durch die mangelhafte Aufmerksamkeit sah auch keiner den grünen Lichtblitz, der sich aus enormer Höhe auf das schwerfällige Walross stürzte.

    Wie eine grüne Sternschnuppe durchzog die Klinge den Nachthimmel und schnitt mit scharfer Präzision entlang Walraisas Hals. Die dicke Fettschicht verhinderte ernste Verletzungen, doch jaulte und klagte er fürchterlich durch diesen völlig unerwarteten Schmerz. Die Blicke der Rockets wechselten wieder die Richtung. Sandra, Ryan und Mila folgten den Klagelauten ebenfalls. Ein schlankes, laubgrünes Geschöpf, kaum größer als einen Meter, hastete auf Rizeros zu und schlug die Klingen an seinen dünnen Unterarmen über die raue Panzerhaut. Ein unglaublich widerlicher Schmerz glühte auf seinem Rücken und er wirbelte panisch herum, um den Verursacher zu verjagen. Der machte behände einen Satz und trat Rizeros keck auf die Stirn, nutze den Schädel als Sprunghilfe. Mit einem Rückwärtssalto brachte sich der Angreifer aus dem Gefahrenbereich und schoss obendrein mit dutzenden, gelben Samen aus seinem Maul zurück. Die Kugelsaat brachte das Felswesen zum Taumeln, sodass es beinahe über Sleimoks Körper stolperte.

    Wieder gelandet, hielt das flinke Pflanzenpokémon einen Moment inne, die Laubklingen jedoch weiterhin im Anschlag, als könne jeden Moment der Gegenangriff folgen. Ryan reckte sich in die Höhe, um durch die Überreste der Finsteraura sowie den Staub und Schutt des Schlachtfeldes blicken zu können. Dieses Reptain dort hatte er schon mal gesehen. Gerade erst gestern. Und den jungen Trainer dahinter ebenso.

    „Cody?“

    Er war es wirklich. Der Frischling, den er und Andrew in Wurzelheim kennengelernt und welchem er in der Vorrunde des Summer Clash gegenübergestanden hatte. Was er hier zu suchen hatte, darüber schien der sich allerdings selbst nicht im Klaren zu sein. Konkreter wurde er sich offensichtlich gerade erst bewusst, auf was für ein Schlachtfeld er sich hier begab. Das ließen zumindest die nervös zusammengepressten Lippen und der Schweiß auf seiner Stirn vermuten. Zitterte er sogar? Ryan konnte das von hier aus nicht sicher bestimmen.

    „Los, nochmal Laubklinge!“, ordnete er dennoch mit all seinem gesammelten Mut an. Reptain schoss los, wie ein Pfeil von der Sehne eines Bogens. Erneut leuchteten zwei lange, geschwungene Säbel an seinen Unterarmen auf und schnitt mehrfach durch Walraisas dicke Fettschicht. Dabei blieb er nie stehen, sondern machte jedes Mal einen flinken Satz an seinem Gegner vorbei, sodass nicht einmal seine Augen hinterherkamen.

    Währenddessen mühte sich Audrey über den Berg aus Schutt und Trümmern. Dabei drehte sie sich nicht ein einziges Mal zum Kampfgeschehen um, zuckte gar kaum, ganz gleich wie laut es hinter ihr knallte. Sie wusste weder, wo genau sie nach Andrew suchen sollte, noch was sie unternehmen konnte, wenn sie denn die richtige Stelle fand. Sie ging bereits ihre übrigen Pokémon durch und wägte alle Optionen ab, die ihr für eine Bergung zur Verfügung standen. Da polterte und grummelte das Gestein vor ihr plötzlich nochmals. Audrey gefror an Ort und Stelle und wagte nicht, sich weiter zu bewegen. Was hatte sie sich auch gedacht? Niemand konnte sagen, wie stabil das Gebilde unter ihren Füßen war. Hierauf rumzuturnen war extrem gefährlich. Die Geräusche unter ihr wurden lauter. Und ein paar Meter vor ihr bewegten sich die Trümmer bereits. Jedoch anders als erwartet.

    Das schwere Material begann sich aufzutürmen, wie Erde, wenn sich ein Digda frei grub. Mehrere Brocken wurden zur Seite gewuchtet und weitere kamen zum Vorschein. Und zwar schwebend. Mit einer Ummantelung aus blauem Licht.

    Audrey benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, was sie dort sah. Als es ihr dann dämmerte, vergaß sie alle Vorsicht und kraxelte näher an die geöffnete Stelle heran. Die Bestätigung, dass es sich hier um das Werk von Psianas Psychokinese handeln musste, hatte es nicht mehr gebraucht. Sehr wohl aber die, um das Wohlergehen der Verschütteten. Und ihr fiel ein Stein, größer und schwerer als all diese Trümmer, vom Herzen, als sie Andrew unversehrt sah. Sie befanden sich in einem Hohlraum. Sicher ebenfalls von Psiana erschaffen. Fast schien er überrascht, die Trainerin aus Rosalia zu sehen. Sie lächelte ihn ermattet an und brach mit einem gewaltigen Seufzer voller Erleichterung regelrecht auf einem Betonkotz zusammen. Erwidert wurde das nicht. Stattdessen lenkte er ihre Aufmerksamkeit betroffen auf Shardrago, dem es trotz Psianas Einschreiten furchtbar schlecht erging. Um nicht zu sagen erbärmlich. Ihre Blicke trafen sich wieder. War die einzige und in diesem Fall auch völlig ausreichende Art der Kommunikation, die zwischen ihnen stattfand. Dies veranlasste Audrey ebenfalls zu einem ernsten Ausdruck und sie raffte sich schnell wieder auf. Hoffentlich kam die Hilfe für das Drachenpokémon nicht zu spät.


    Walraisa bekam den Angreifer einfach nicht zu fassen, begann wütend zu zappeln und mit seinen Flossen sich zu fuchteln. Selbst für die Rufe seines Trainers wurde er taub. Der wollte Hilfe von seinen Kameraden einfordern, doch deren Pokémon wurden durch den Beschuss von Guardevoir und Altaria ebenso aufgerieben. Von den Bullen kam dagegen gerade gar nichts mehr. Die waren zu zerstreut und ausreichend miteinander beschäftigt. Viele zudem offenbar verwundet, wenn auch nur leicht. Keiner dachte gerade ans Angreifen. Reptain schon. Er setzte aus dem toten Winkel zum Sprung an. Das Genick war sein Ziel. Und Walraisa längst zu panisch, um ihn von diesem verheerenden Schlag abzuhalten.

    In dem gegenwärtigen Getümmel wäre es mehr als nachvollziehbar gewesen, wäre dem Gecko überhaupt keine verräterische Bewegung aufgefallen. Viel zu viel spielte sich hier in so wenigen Momenten ab. Dennoch war ihm für einen Sekundenbruchteil, als entginge ihm etwas.

    Konkreter hatte er etwas verloren. Nämlich den Sichtkontakt zu einem der verfeindeten Pokémon. Aber selbst, wenn er es rechtzeitig bemerkt hätte, so wäre Ninjask noch immer viel zu schnell für ihn. Reptain konnte dessen Flugbahn nicht einmal nachvollziehen. Es war, als sei das Insekt urplötzlich vor ihm erschienen und holte mit einem der scharfen Vorderläufe aus, wie mit einer Sense.

    Einem aberwitzigen Reflex war es zu verdanken, dass Reptain hier nicht völlig aufgeschlitzt wurde. Eine Laubklinge drängte sich im allerletzten Moment zwischen Ninjasks Schlitzer und dem eigenen Hals, sodass er stattdessen durch die rohe Gewalt fortgeschleudert wurde. Doch auch dieser Anblick war keiner für Zartbesaitete. In einer völlig waagerechten Flugbahn zischte das Pflanzenpokémon an seinem Trainer vorbei, der ihm schockiert hinterherrief.

    Und plötzlich war da auch schon die junge Frau direkt vor seiner Nase. Im Gegenlicht der Straßenlaterne, zerkratzt und verwundet in ihrem ruinierten Abendkleid, war ihre Erscheinung regelrecht unheimlich. Jedoch nicht so sehr, wie ihre bernsteinfarbenen Augen, die unter dem nachtschwarzen Haar hervorstachen. Er fühlte sich wie ein Rattfratz vor ihrem Absol. Blitzschnell griff eine Hand an seinem Hals und ein Fuß hakte hinter seinem ein. Er konnte gar nicht reagieren. Im Handumdrehen verlor er das Gleichgewicht und wurde zu Boden geworfen, als wäre es das Einfachste auf der Welt. Und dann blitzte eine Klinge in ihrer freien Hand auf.


    Cody hatte nicht lange überlegt, was er tun sollte, nachdem er dem Lärm gefolgt und hier angekommen war. Hatte sein Einschreiten nicht einmal wirklich überdacht. Noch hatte er es mit der brenzligen Situation der Polizisten begründet, die augenscheinlich jede Hilfe gebrauchen konnten. Er hatte lediglich einige Menschen und Pokémon gesehen, die es geschafft hatten, sich Ryan und Sandra zum Feind zu machen. Und er war fest überzeugt, wenn diese es für nötig befanden, sie zu bekämpfen, konnte es nur das einzig Richtige sein. Er hatte einfach nur helfen wollen. Mit all seinen bescheidenen Mitteln.

    Hätte er ahnen können, dass er damit sein Leben auf’s Spiel setzte, hätte er sich diese Entscheidung noch zwei, drei Mal durch den Kopf gehen lassen. Was hatte er sich auch gedacht, hier den Helden spielen zu wollen? Er war ein Niemand, verglichen mit allen anderen hier. Besonders mit ihr. Mit Bella Déreaux, die Andrew Warrener und selbst Ryan Carparso geschlagen hatte. Was war hier nur passiert, dass eben die, deren Talent er über den heutigen Tag so zu schätzen gelernt hatte, ja fast ebenso wie Ryan bewunderte, ihn nun mit einer Waffe bedrohte?

    Und wieso zögerte sie auf einmal?

    Cody blinzelte. Beinahe vergaß er den Schmerz an seinem Hinterkopf. Sie zögerte tatsächlich. Kein Zittern, kein Blinzeln. Nichts, was auf Unsicherheit oder Überwindung hindeuten würde. Sie hielt einfach still, die scharfen Augen fest an ihm haftend. Cody wollte etwas sagen. Er wusste selbst nicht, was genau. Was wäre denn hier sinnvoll? Bevor er aber ein Wort herausbekam, drehte Bella jedoch den Kopf und blickte über die Schulter. Dann wuchtete sie den ganzen Körper herum und fuchtelte mit ihrem Dolch in der Hand. Ein metallisches Klirren. Dann ein weiteres. Der junge Trainer sah zwei weitere Messer durch die Luft wirbeln, offenbar gerade von ihr abgewehrt.

    „Absol, Ninjask!“

    Sie rief ihre Pokémon nicht zur Unterstützung her, sondern sammelte sie zur Flucht. Ohne Cody eines weiteren Blickes zu würdigen, sprang sie auf und sprintete los. Ihr Absol schwang noch einmal das Haupt und sandte eine Psychoklinge mitten in das Getümmel, um Verfolger auszubremsen. Anschließend wurden sie und Ninjask in ihre Pokebälle zurückgerufen, ehe aus größerer Entfernung dann Ryans Stimme an Codys Ohr drang.

    „Sondersensor!“, lautete der Befehl an sein Guardevoir. Die hatte bereits den Arm ausgesteckt und sammelte dort purpurfarbenes Licht, das sich mit einem Schleier aus Weiß mischte. Die kinetische Energie wurde für einen Augenblick gehalten. Der Moment musste genau abgestimmt sein. Sheila nutzte diesen, um auf Sicherheitsabstand zu gehen – fluchte dabei aber innerlich, da sie lieber Bella verfolgen wollte. Sich mitten ins Kreuzfeuer zu stürzen, wagte jedoch nicht einmal sie.

    Als der Sondersensor endlich losgelöst wurde, schien die Luft vor der Psychodame zu flimmern, wie der Horizont an einem heißen Sommertag und kollidierte genau dann mit der senkrechten Lichtklinge, als sie Rizeros passierte. Das Ergebnis dieser Kollision war ein grelles Aufblitzen, gefolgt von einer Druckwelle, die selbst die Einsatzfahrzeuge der Polizei ein wenig anhob und jedem der Anwesenden einen Stoß in der Brust versetzte. Es lagen starke Vibrationen in der Luft, die am gesamten Körper kribbelten und Ryan ein hohles Gefühl in der Magengegend bescherte. Erst danach folgten der Knall und der Rauch. Die Pokémon der Rockets verschwanden völlig darin. Ihre Schreie waren dafür umso deutlicher. Die Agenten selbst wurden umgeweht, wie hohes Gras von einem Windstoß, und landeten einheitlich zwischen abertausenden Scherben dessen, was einst die verglaste Außenwand gewesen war. Ein eleganter Schuh mit hohem Absatz trat sogleich direkt über ihren Köpfen auf und gewann die Aufmerksamkeit der Rockets. Sie fanden eine plötzlich sehr bedrohlich wirkende Arenaleiterin vor, die von einem Dragonir gedeckt wurde.

    „Wagt es nur, euch zu rühren oder bloß zu sprechen“, drohte sie mit tiefer und furchteinflößend ernster Stimme. Sie überzog bewusst ein wenig, um die Drei einzuschüchtern. Demonstrativ erzeugte Dragonir das bläuliche Licht an ihrem Schweifende, pflügte damit durch den Boden und holte aus, wie mit einer Peitsche, falls doch einer von ihnen auf dumme Ideen kommen sollte. So grenzdebil war hier aber keiner mehr. Ein Schlag mit ihrer Drachenrute vermochte definitiv, Knochen zu zertrümmern. Und mit Bellas Flucht war ein Kampfgeist bereits gebrochen gewesen.

    Einer hatte mit eben dieser jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Ryan wandte sich eilig an Mila. Er hatte sich selbst untersagt, Mila Anweisungen zu geben. Ebenso, wie sie es sich ihm gegenüber verboten hatte. Hier und jetzt wollte, musste er aber eine Ausnahme machen. Allerdings scheuchte sie ihn bereits regelrecht mit eindringlichen Deutungen weiter und schnitt ihm gar das Wort ab, bevor er überhaupt dazu kam.

    „Geht!“

    Sie hatte es mal wieder von selbst erahnt. Befürwortete eventuell sogar, dass er die Verfolgung aufnahm. Oder aber sah ein, dass es sie ihn ohnehin nicht würde aufhalten können. Jemand anders besaß allerdings die Macht dazu. Gerade als sich ihre Blicke trafen, blitzte etwas hinter Mila auf. In einiger Entfernung, aber noch immer in Ryans Blickfeld. Grelle Blitze erleuchteten eine feline Figur mit leichtenden Augen und knalligem gelb und rot. Daneben stand eine junge Frau in ruinierter Kellner Uniform und mit einem rachsüchtigen Grinsen. Das Luxtra war längst von Ryans Radar verschwunden. Und dass seine Trainerin sich davongeschlichen hatte, außerdem niemandem aufgefallen. Und entweder er oder Mila würde das in der nächsten Sekunde bitter bereuen. Er wollte sie noch zur Seite stoßen, gleichzeitig Guardevoir zur Abwehr hinzuziehen. Aber es war bereits zu spät. Die Funken sprießten und die Luft knisterte.

    Da erschien eine weitere, deutlich größere Gestalt am Nachthimmel. Unheimlich erleuchtet durch die Laternen und die Flammen stürzte sich ein massiver Körper mit ausgebreiteten, rubinroten Schwingen herab. Erst auf den letzten Metern hallte ein schrilles Gebrüll über den Platz, das glatt das ein oder andere Trommelfell beschädigt haben musste. Luxtra drehte den Kopf nach oben, doch da war das Brutalanda bereits donnernd hinter ihm gelandet, regelrecht herabgestürzt, sodass der Asphalt unter ihr zitterte und aufriss. Und blitzschnell ihre Fangzähne in seinen Rücken gebohrt.

    Ryan hob schützend den Arm vors Gesicht und wandte sich ab. Die Landung war völlig ungebremst und warf massig Staub und Schutt auf. Der Donnerlöwe wurde tief in eine der Spalte gedrückt und beinahe zerquetscht. Seine Trainerin war zurück gestolpert und hatte sich fast den Hinterkopf an einem Trümmerbrocken aufgeschlagen. Etwas von der angestauten Elektrizität entlud sich noch und schlug Blitze in den Schädel des Angreifers. Zurückschlagen konnten die das Brutalanda allerdings nicht. Nicht dieses Brutalanda.

    Ryan wollte sich die Augen reiben. Hatte Ruby ihn gerade tatsächlich gerettet?

    Wenn er es nicht besser wüsste, könnte man glatt meinen, die Drächin war gar erzürnt über den hinterhältigen Angriffsversuch auf seine Person, so wie sie Luxtra nochmals auf den Boden schmetterte und ihre Kiefer in seinem Fleisch verbiss. Seine Schreie verstummten jedoch schon. Der Körper zappelte, krampfte und wehrte sich noch, aber die Kraft versiegte rasch. So entschied Ruby offenbar dass dies genügte und warf den Löwen über die eigene Schulter fort. In der Dunkelheit ließ sich nicht einmal erkennen, wo, beziehungsweise wie weit entfernt, er landete. Oder in welchem Zustand. Sogleich erstickte Ruby jeden Gedanken seitens der Rocket Agentin, sich auch nur zu rühren, im Keim, indem sie drohende Flammen aus ihren Nüstern stieß und ein weiteres Brüllen an ihre Adresse lenkte. Die Frau versteinerte regelrecht und kreuzte die Arme vorm Gesicht, als erwarte sie, jeden Moment eingeäschert zu werden. Sie zitterte tatsächlich. Bangte um ihr Leben, kroch so dicht wie möglich an die eingestürzte Wand des Tanzsaals, als könne sie dem Brutalanda Weibchen noch entkommen. Überzeugt, dass sich die Frau nicht mehr zu rühren wagen würde, erlaubte sich Ruby endlich, zu Ryan zu sehen.

    Der war fast ungläubig versteinert. Sie sah ihn genauso an, wie Mila eben noch - die ebenfalls ungläubig wie die Ölgötze starrte. Regelrecht fassungslos vor Glück. Und das, obwohl gerade fast alles verloren schien.

    "Geh", sagte sie ihm hiermit.

    "Tu, was du noch kannst. Überlass den Rest hier mir."

    Allein ihre Anwesenheit besiegelte schon das Ende der Kämpfe. Auch Sandra gestattete sich ein erleichtertes Lächeln und die restlichen Rockets, über die Dragonir noch wachte, würden nun nicht einmal mehr wagen, auch nur über einen Fluchtversuch nachzudenken.

    Es wäre dreist und utopisch, zu glauben, dass Ryan die Intentionen und Gedanken Rubys von selbst so gut verstehen könnte. Wirklich jeder hätte das in diesem Moment verstanden. Jedem Narren hätte dieser Blick alles erzählen, alles vermitteln können. Welch imposante Aura und markante Persönlichkeit. Sie glaubte tatsächlich noch an ihn. An den Plan. An den Traum. Nach seiner Niederlage im Finale ausgerechnet gegen die Feindin Bella...

    Und selbst nachdem die Zwillingsdrachen in Gefangenschaft geraten waren...

    Wie konnte Ruby da noch zu ihm halten?

    Ryan musste sich schütteln und zwingen, der stillen Aufforderung - denn nichts Geringeres war es letztendlich - der Drächin nachzukommen. Wobei es eher die wachrüttelnde Hand Milas war, die ihn fest am Oberarm fasste und in die richtige Richtung stieß. Er hoffte wirklich, dass sie beide das dankende Nicken noch vernommen hatte und rief schleunigst Guardevoir zu sich, ihm zu folgen. Sie beide rannten an Freund und Feind vorbei, ohne noch irgendjemanden noch auch nur zu beachten und stürmten dann wie von Sinnen durch die Rauchfront, als warte auf der anderen Seite das gelobte Land. So vieles schoss Ryan in dieser Sekunde durch den Kopf. So viele Emotionen und Gefühle stiegen in ihm auf. Er warf sie alle über Bord und zwang sich in einen mentalen Tunnel, der ihn nur noch zu seinem letzten verbleibenden Ziel des Abends führte. Und dieses musste er unbedingt erreichen. Er durften Bella auf keinen Fall entkommen lassen. Nicht, nachdem bereits Latios und Latias an den Schwarzen Lotus verloren gegangen waren. Zumindest einen Teilsieg mussten sie hier mitnehmen – und die Agentin verfügte sicher über wertvolle Informationen, mit denen sich ein Gegenangriff ausarbeiten ließ.

    Auf der anderen Seite angekommen, erspähte Ryan den noch immer am Boden liegenden Cody, der starr in den Nachthimmel stierte und sich noch immer nicht rührte. Erst das Auftauchen seines Idols zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieser konnte sich, da der Junge unverletzt zu sein schien, nicht dazu überwinden, die Verfolgung abzubrechen. Gleiches galt für Reptain, der sich einige Meter weiter gerade wieder auf kämpfte und abgesehen von den Blessuren durch den Sturz ebenfalls nicht ernsthaft verletzt schien.

    Bellas Vorsprung wuchs eher, anstatt zu schrumpfen, weshalb Ryan sich bis zum Äußersten trieb. Selbst mit Guardevoir hielt er Schritt. Doch es reichte nicht. Wenn Bella erst einmal den Vorplatz überqueren und die Häuser erreichen sollte, würde sie schnurstracks in den Gassen verschwinden. Er trieb sich selbst voran, wie ein gepeitschtes Gallopa. Wiederholte immerzu in Gedanken, was er von seinem Körper verlangte. Schneller. Noch schneller! Er durfte sie einfach nicht aus den Augen verlieren! Er ging hier weit über seine Grenzen hinaus. Und würde selbst dann nicht nachgeben, wenn ihm während dieser Verfolgung alle Muskelstränge in den Beinen reißen sollten. In seinem Kopf rauschte es nur noch. Er musste gerade schnaufen, wie ein Hippoterus.

    Cody hatte sich gerade aufgesetzt und sah Ryan hinterher, da schoss eine weitere Person an ihm vorbei. Er erschrak buchstäblich und zuckte zusammen. War das ein Mädchen gewesen? Sie war bereits so weit weg. Ohne das stahlblaue Haar, das fast waagerecht im Wind peitschte, könnte er bereits kaum mehr sicher sein. Wie schnell war die denn bitte?


    Einen einzigen Blick über die Schulter gestattete sich Bella, kurz bevor sie die ersten Gebäude erreichte. Die Tatsache, dass sie verfolgt wurde, überraschte sie wenig. Noch weniger, wer die Verfolger waren. Und Sheila holte tatsächlich auf.

    Ein wenig widerstrebte es der Agentin ja, vor ihr davonzulaufen, aber ihr Duell fortzusetzen und gleichzeitig Ryans Pokémon abzuwehren… nicht unmöglich, aber darauf ließ sie sich heute nicht mehr ein. Schon gar nicht, da sie schleunigst wieder die Bullen sowie den Rest von Milas Truppe am Hals hätte. Nein, dieses Scharmützel vertagte sie lieber. Wenn sie erst einmal um die nächste Ecke gebogen war, wäre sie binnen von Sekunden fast unauffindbar. Die Gassen dieser Stadt glichen fast einem Labyrinth. Mit etwas Glück könnte sie eine Feuertreppe erreichen und in der Höhe verschwunden sein, noch bevor die überhaupt was ahnen konnten.

    Sie nahm die Kurve scharf und fast, ohne ihren Sprint zu verlangsamen. Weswegen selbst sie nicht rechtzeitig reagieren konnte, um den Zusammenprall zu verhindern. Das Mädchen war quasi direkt hinter der Ecke gewesen. Haargenau zum ungünstigsten Zeitpunkt am ungünstigsten Ort. Und scheinbar ebenfalls in Eile, da sie von Bella nicht einfach über den Haufen gerannt, sondern beide eher aneinander abgeprallt waren. Doch während sich die Agentin in eine stabile Hocke abfangen konnte, landete ihr Gegenüber auf dem Gesäß. Die Stirn hielten sie sich allerdings beide. Arceus, das war wie ein Schlag mit dem Hammer gewesen.

    „Scheiße, tut das weh“, fluchte das unglückliche Mädchen und versuchte den pochenden Schmerz buchstäblich abzuschütteln. Sie sah für einige Sekunden wirklich Sterne. Bella dagegen nur verschwommen. Das konnte sie gerade überhaupt nicht gebrauchen. Sie musste schnell weiter und…

    Es war ungewiss, wer gerade hektischer blinzelte. Vielleicht war es Bella, vielleicht aber auch der Mann hinter dem jammernden Mädchen. Sie erkannten ihn sofort wieder. Hatte gestern schließlich eine hohe, dreistellige Summe in seiner Bar versoffen – was ihr selbst am nächsten Morgen nicht solche Kopfschmerzen beschert hatte, wie sie gegenwärtig spürte. Pete war genauso starr und festgefroren, wie sie selbst, schaute aber gewiss verblüffter drein als Bella. Sie wagten nicht zu schätzen, für wie lange dieser unverhoffte Moment anhielt. Beide regungslos, den Mund leicht offen und kein Muskel zuckte auch nur. Erst, nachdem Melody sich wieder hatte aufsetzen können und nun selbst, wenn auch nur äußerst langsam, ihren Gegenüber erkannte. Im Gegensatz zum Barbesitzer wurde sie nicht zur Salzsäule.

    „Du?“, entfuhr es ihr lautstark und ungläubig. Hektisch und unbeholfen schob sie sich von ihr weg. Dass Bella in die Kämpfe am Stadion mitverwickelt sein würde, war geradezu selbstverständlich gewesen. Aber niemals hätte Melody erwartet, hier einfach mit ihr zusammenzustoßen.

    Dieser Ausruf hatte nun Pete veranlasst, aus seiner Starre auszubrechen und an seinen Hosenbund zu langen, wo er die Pistole aus seiner Bar versteckt führte. Bella hatte nie zuvor eine Waffe bei ihm gesehen. Konnte sie höchstens erahnen. Allein die verdächtige Bewegung löste schon den reflexartigen Angriff aus. Aus der Hocke heraus machte sie einen aberwitzigen Satz zur Seite, um das Zielen zu erschweren. Sie stieß sich von der Hauswand ab, umging somit das Hindernis namens Melody und trat Pete mit einem fegenden Kick ans Kinn. Der hatte die Knarre nicht einmal auf sie richten können. Nun fiel sie bereits zu Boden. Zeitgleich mit ihm. Die Ohnmacht hielt nur für einige Augenblicke, aber er ward noch einige Zeit desorientiert und sah buchstäblich schwarz.

    Hastige Schritte erklangen hinter Bella. Selbst um die Ecke konnte sie Ryan schnaufen hören. Gerade kamen er und Sheila an der Gasse an. Letztere hatte bereits einen Dolch im Anschlag. Ryan folgte direkt danach, mit Guardevoir im Rücken. Die Agentin seufzte und rollte mit den Augen. Sie haderte mit dem Gedanken, der ihr gerade kam und im Grund ihren einzigen Ausweg darstellte. Sträubte sich wenigstens eine Millisekunde gegen diese Idee, entschied sich aber in Anbetracht der mangelhaften Alternativen, es durchzuziehen. Wenn auch mit einem äußerst kurzen Zähneknirschen. Noch bevor ihre Verfolger die Situation gänzlich erfassen konnten, hatte sie Melody am Kragen gepackt und auf die Beine gezogen. Sie zückte ebenfalls eine kleine Klinge. Und führte sie an den Hals des Mädchens.


    Melodys Atem stockte. Sie fühlte sich zurückversetzt an ihre erste Begegnung mit Sheila, die sie auf dieselbe Weise in ihrer Gewalt gehabt hatte. Das wiederkehrende Gefühl von damals ließ sie erstarren. Selbst das ängstliche Zittern erlaubte er nur sehr bedingt, obwohl Melody gerade um ihr Leben bangte. Trotz dieser Gewissheit versuchte sie gegen die Panik anzukämpfen und Bella ja nicht zu einer Handlung zu provozieren.

    Ryan entgleisten gänzlich die Gesichtszüge. Instinktiv und ohne darüber nachzudenken, bremste er seinen Sprint schlagartig, sodass er über den Staub auf dem Asphalt schlitterte und hob die Hände an. Guardevoirs Pokéball ließ er zwar nicht fallen, traute sich jedoch nicht, ihr einen Befehl zu geben.

    „Woah, stopp, stopp!“

    Dies galt gleich beiden der tödlichen Frauen. Er wusste nicht über alle Instruktionen Bescheid, die Sheila von ihrer Herrin erhalten hatte, oder ob Melodys Gesundheit überhaupt einmal erwähnt worden war. Aber selbst wenn, war er nicht sicher, dass ihr Leben nicht doch auf’s Spiel gesetzt würde, wenn sich dafür die Chance bot, Bella aus dem Verkehr zu ziehen. Zu seiner Erleichterung stoppte die Assassine jedoch tatsächlich. Auch, wenn ihr verächtliches Schnauben nicht zu überhören war. Sie blieb außerdem in einer tiefen, angriffsbereiten Haltung und behielt ihre Waffe im Anschlag.

    Ryan war dabei nicht wohl. Er traute Sheila nur bis zu einem gewissen Grad. Vorerst konzentrierte er sich aber lieber nach vorne.

    „Jetzt nur nichts überstürzen“, mahnte er ebenso an beide, aber mit einem eindringlich bittenden Unterton.

    „Bella…“, wollte er bereits fortfahren und sah der Agentin in die bernsteinfarbenen Augen. Bei den meisten Menschen vermochte er zumindest grob die grundlegenden Intentionen daraus zu lesen. In ihrem Fall war er jedoch völlig ratlos. Das wollte sie doch jetzt nicht wirklich tun? Alles, was er bisher über sie erfahren hatte, sprach dagegen. Und dennoch kam er nicht umhin, eine gewisse Bereitschaft für diese niederträchtigen Methoden zu finden. Sein Herz raste gerade wie verrückt. Mehr noch als während des Sprints – und dabei glühten seine Lungen noch so heftig, dass er eigentlich nach Luft ringen wollte, was er vor Anspannung allerdings nicht wagte. Seine Gedanken und Emotionen überschlugen sich förmlich. So vieles kam ihn gerade in den Sinn, was er Bella an den Kopf werfen wollte. Namen, die er sie nennen und Flüche, mit denen er sie belegen wollte. Doch die waren alle weit hinten in seinem Unterbewusstsein. Völlig in den Schatten gestellt von dem Wunsch, dass Melody unversehrt blieb. Sein Hass war so groß wie selten in seinem Leben und verlor dennoch haushoch gegen seine Angst und seine Sorge. Die Rothaarige wagte nun keine einzige Bewegung mehr. Ihr Blick war leer und verlor sich irgendwo über ihren Köpfen in der Ferne. Bella seufzte abermals. Ihre Körperhaltung entspannte sich ein wenig, mit Ausnahme des Griffs um ihren Dolch.

    „Sorry. Zu solchen Mitteln wollte ich nicht wirklich greifen.“

    Ihr Tonfall war eigentlich zu lasch, zu salopp, um ernst genommen zu werden. Dennoch glaubte Ryan ihr diese Worte. Er suchte seinerseits noch nach den richtigen, um die Situation zu entschärfen, hielt aber präventiv mit einem Arm die Psychodame hinter sich im Zaum. Die war zwar durchaus imstande, Bella schnurstracks zu entwaffnen, doch würde jede mögliche Methode durch irgendeine Form von Licht vorab verraten werden. Das Risiko, dadurch eine Reaktion von Bella zu provozieren, war zu groß. Sollte die eine Gefahr erkennen, wer wusste dann schon, wie weit sie noch gehen würde, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

    Gerade regte sich plötzlich Pete am Boden, stützte sich auf einen Ellenbogen und begann sich umzusehen. Da deutete allerdings schon die Spitze von Bellas Messer auf ihn und ihre Stimme wurde unerwartet scharf, verlor völlig diesen Hauch von fast schon provokanter Höflichkeit und sprach ihre Drohung verflucht einschüchternd.

    „Du spielst jetzt besser Toter Mann, Freundchen!“

    Auch er zeigte sofort seine Handflächen und legte sich flach auf den Rücken. Traute sich auch nicht, sich nach seiner Waffe umzusehen. Bella drückte die Klinge dann schnell wieder an Melodys Hals und behielt besonders Milas tödliche Attentäterin im Auge. Die hatte gerade einen Schritt nach vorn gemacht und einen Arm angezogen. Wahrscheinlich, um nach einem Wurfmesser zu greifen.

    „Komm schon, lass sie. Sie hat nichts mit alldem zu tun“, beteuerte Ryan, als könne er ihr noch was vormachen. Bella wusste ganz genau, wer sie war und was sie ihm bedeutete. Allein das genügte.

    „Guardevoir sofort in den Pokéball“, forderte sie stattdessen, ohne Auf Ryan einzugehen und machte zusätzlich Druck, indem sie Melodys Kinn mit der freien Hand nach oben schob, damit man auch gut sehen konnte, wie dicht ihre Klinge an ihrer Kehle lag.

    „Zweimal werd ich es nicht sagen!“

    Einen kurzen Moment zögerte Ryan doch noch, ehe er Bella sehr deutlich den Pokéball in seiner Hand zeigte und ihn auf die Psychodame richtete. Natürlich widerstrebte es ihm, nach Bellas Pfeife zu tanzen, aber Melodys Unversehrtheit war nun weitaus wichtiger als sein Stolz. Dennoch schluckte er bitter, als er Guardevoirs enttäuschten, da machtlosen Blick auf sich spürte, als sie von einem roten Lichtstrahl eingesogen wurde. Es fühlte sich furchtbar an, seine Rückendeckung, seine kampfkräftigste Unterstützung und obendrein eine Freundin, sowie Teil der Familie wegzustoßen. Ihre Hilfe abzulehnen. Denn er wusste genau, wie gerne sie gerade helfen wollte. Er konnte nur hoffen, dass sie sich ebenso bewusst war, wie sehr ihm das hier widerstrebte. Und dass sie ihm verzeihen würde.

    Ryan zeigte der Agentin aber von selbst sehr deutlich, wie er den Pokéball wieder unter seine Weste schob. Das feine Hemd war längst durchgeschwitzt, doch erst jetzt fühlte er es klamm an seinem Oberkörper kleben. Mittlerweile auch vermischt mit kaltem Angstschweiß.

    „Bella, hör mir nur kurz zu“, setzte er nochmals vorsichtig an. Er kam sogar einen Schritt auf sie zu. Äußerst langsam und nach wie vor mit entblößten Handflächen.

    „Ich will nicht lügen, ich halte dich ganz sicher nicht für einen guten Menschen.“

    Er könnte einerseits sich viel stärker ausdrücken. Und wollte sich andererseits eigentlich noch schonender formulieren. Aber wenn er zu dick auftrug, würde er ihre Aufmerksamkeit noch verlieren. Und er musste irgendwie auf sie einreden. Schließlich wollte sie das hier genauso wenig. Das hatte sie eben selbst gesagt. Und dies war auch der Eindruck, den er über die letzten zwei Tage von ihr erhalten hatte.

    „Aber komm schon, du bist besser als das hier.“

    Wie um ihm das Gegenteil zu beweisen, zog sie Melody mit sich und behielt den Abstand bei. Eine Neigung des Kopfes verriet außerdem, dass sie es trotz Widerwillens todernst meinte und er sie besser nicht herausforderte.

    „Zwing mich nicht, deine Meinung über mich zu ändern.“

    Sie ging weiter zurück, prüfte kurz die Distanz bis zur nächsten Ecke.

    „Es ist ganz einfach. Ihr macht nichts Dummes und ich mache auch nichts Dummes. Dann muss keiner hier etwas bereuen.“

    Damit wäre Ryan sofort einverstanden. Und Pete ebenso. Bei Sheila war das anzuzweifeln, aber zumindest für den Moment hielt auch sie die Füße still. Dennoch legte der junge Trainer ihr beschwichtigend, flehend eine Hand auf die Schulter. Er unternahm keinen erneuten Versuch, auf sie zuzugehen. Versuchte stattdessen ihre Geisel zu beruhigen.

    „Ganz ruhig, Melody. Sie wird dir nichts antun.“

    Dessen war er sicher. Sie hatte es schließlich selbst versprochen, solange sie nicht dazu getrieben wurde. Und obwohl sie heute einen Anschlag terroristischen Ausmaßes unterstützt hatte, glaubte er ihr. Vielleicht wollte er ihre Worte aber auch nur glauben. Um Melodys Unversehrtheit Willen.

    „Keine Panik, das ist alles gleich überstanden“, fuhr er fort und kam sich eigentlich lächerlich vor, dass er diese aufmunternden Worte sprach, obwohl sich der Abstand zu ihr weiter vergrößerte. Sie sah ihn ja nicht einmal an. Noch war gewiss, ob sie ihm zuhörte. Ihr Blick verlor sich weiterhin im Nachthimmel, als sei sie geistig vollkommen abwesend, gar fast starr vor Schreck. Erst als Bellas Worte ihr ins Ohr flüsterten, blinzelte sie, wie nach dem Erwachen aus einem Alptraum.

    „Er hat recht“, sprach sie so leise, dass selbst Sheila es nicht hörte. Melody drehte den Kopf ein winziges Stück, bis sie aus dem Augenwinkel heraus fade einen Kontakt mit der Agentin herstellen konnte. Die reagierte jedoch nicht. Fing den Blick nicht auf, sondern behielt weiter mit äußerster Vorsicht Sheila im Auge. Auch auf Pete gab sie Acht, dass er ja nicht nach seiner Pistole suchte. Doch von dem festen Griff um ihren Kragen einmal abgesehen, ging sie verhältnismäßig schonend mit Melody um. Kein ruppiges Ziehen oder Zerren. Die Klinge spürte sie auch nicht auf ihrer Haut. Sie wollte das hier wohl wirklich nicht.

    Ryan hatte inzwischen die Luft angehalten. Doch selbst wenn er in Ohnmacht fallen sollte, würde er nicht weiteratmen, bevor Melody nicht frei war. Sie und Bella hatten nur noch wenige Meter zu bewältigen, bis sich die Gasse gabelte. Ein rascher Blick zu Pete und Sheila versicherte ihm, dass die Beiden am selben Strang wie er zogen. Keine rührte sich. Doch unter ihrem Schal knirschte die Assassine mit den Zähnen, wenn auch kaum merklich.

    „Sie wird sie töten.“

    Der Gedanke versetzte Ryan einen Kloß im Hals. Sein Kiefer spannte sich und er presste die Lippen zusammen.

    „Nein, wird sie nicht.“

    Wen er wohl überzeugen wollte? Sheila oder sich selbst? Bei ihr gelang das schon mal nicht.

    „Sie wird ihr die Kehle durchschneiden und…“

    „Wird sie nicht!“, unterbrach er diesmal schärfer und bestimmender. Aber auch mit einem dezenten Beben in seiner Stimme, das selbst sie nicht genau zu deuten wusste. Redete er es sich also doch bloß ein? Oder fürchtete er so sehr, was passieren mochte, wenn sie jetzt etwas Überstürztes tat?

    „Bitte, tu jetzt einfach nichts.“

    Darum hatte er sie schon einmal gebeten. Oder eher, sie davon abgehalten etwas zu tun – zu tun, was sie immer tat. Sheila rief sich unbewusst den Kampf mit Ruby ins Gedächtnis. Auch da hatte Ryan sie zurückgehalten. Doch selbst dem rasenden Brutalanda Weibchen von einst würde sie hundertmal eher trauen als dem Wort Bellas. Die rubinroten Augen verengten sich. Die Geiselnehmerin prüfte ein letztes Mal den Abstand zur nächsten Gasse. Diesen winzigen Moment nutzte Sheila, um an ihren unteren Rücken und unter die Bluse zu greifen, wo sie unbemerkt eines ihrer letzten Wurfmesser fassen konnte. Noch bevor sie ausgeholt hatte, spürte sie Ryans mahnenden Griff and ihrem Gelenk. Empört legten sich ihre Augen auf den jungen Trainer. Fast schienen sie gewillt, ihn dafür ebenfalls zu strafen. In Form von Blut, selbstverständlich. Nicht allzu viel, doch genug, dass er es spüren würde. Ryan hielt den Blick aber stur geradeaus gerichtet, obwohl er Sheilas definitiv auf sich spürte. Und offen gesagt wurde ihm in diesem Moment ganz anders. Dennoch musste er zuallererst sichergehen, dass Bella ihr Wort hielt.

    Sheila drängte jedoch weiter auf Angriff. Kämpfte gegen Ryans Zügel. Im Normalfall könnte sie sich spielend davon befreien, doch ihre Position begünstigte den Johtonesen massiv. Außerdem durfte sie nicht zu auffällig gegen seinen Griff ankämpfen, sonst würde sie Bella alarmieren. Dafür begann Ryan langsam zu zittern. Selbst unter diesen Umständen schaffte er es kaum, sie im Zaum zu halten.

    „Bitte“, flüsterte er gerade so laut, dass selbst sie ihm kaum verstand.

    „Ich flehe dich an.“

    Sheila sah erneut zu ihm auf. Sein Kiefer war furchtbar fest angespannt. Adern traten am Hals hervor. Und die Augen waren ein wenig wässrig.

    Sie würde Mila morgen nicht zu verstehen geben können, was in diesem Augenblick in ihr vorgegangen war. Sich vielleicht gar selbst nicht verstehen oder wiedererkennen können. Eher rechnete sie damit, dass sie sich schon in einer Minute für diese Entscheidung verfluchen würde. Dennoch ebbte ihr Widerstand langsam ab. Das Zittern beruhigte sich. Für einen winzigen Moment sah Ryan zu ihr runter. Fast ungläubig über ihre Kooperation, dafür aber unendlich dankbar. Sheilas Blick ging allerdings schon wieder stur geradeaus. Bella verharrte nach wie vor an der Ecke. Sie zögerte. War sie unschlüssig?

    Melodys Herz raste schneller. Ihr war versprochen worden, dass ihr hier nichts geschehen würde. Doch warum zog sich all dies dann so in die Länge? Wieso vernahm sie einen stärkeren und schneller werdenden Atem in ihrem Nacken? Angst erfüllte sie. Sie wagte nicht, nochmals über die Schulter zu sehen und suchte stattdessen nach den silbernen Augen von Ryan. Er wechselte zwischen Bella und Melody hin und her. Pete drehte abwechselnd den Kopf in beide Richtungen. Die Anspannung nahm zu – und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er fürchtete bereits das Schlimmste. Sheila war die Einzige, die hier Ruhe bewahrte. Nicht aus Zuversicht, sondern, weil sie sich innerlich bereits mit jedem möglichen Resultat abgefunden hatte. Ihre Befürchtungen überlagerten sich jedoch arg mit denen von Pete.

    Dann befand sich Bella für einige Sekunden im Blick-Duell mit Ryan. Er wirkte hier und jetzt plötzlich so unentschlossen, schwach, machtlos. Nichts an ihm könnte sie überzeugen, an ihrem Wort festzuhalten und seine kleine Freundin unversehrt zu lassen. Sie wägte ab. Ob sie die Kleine verschonen sollte. Ob ihr dieser kleine Funken Restwürde, den sie mit sich trug, tatsächlich so viel bedeutete. Das Mädchen war ihr ja eigentlich egal. War sowohl für sie selbst als auch ihre Klientin unwichtig. Ihm bedeutete sie dafür eine ganze Menge. Dessen hatte Bella sich längst vergewissert, selbst wenn es nicht ohnehin so offensichtlich wäre. Vielleicht könnte sie Ryan durch ihre Ermordung ja endlich brechen. Seinen Kampfgeist ersticken und ihm eine klaffende Wunde zufügen, von der er sich lange, vielleicht sogar Jahre nicht erholen würde.

    Ryan wollte eigentlich gar nicht daran denken, was Melody gleich geschehen könnte. Für einen Sekundenbruchteil hatte er die Gedanken unbewusst dennoch zugelassen. Hatte sich ausgemalt, sein Vertrauen in Bellas Worte wären fehlplatziert und Melody zahle den Preis für seine Dummheit. Mit diesem Gedanken war ein Schwur gekommen, den er genauso schnell wieder vergessen hatte, wie einen vollkommen flüchtigen Gedanken. Den Schwur, jedem einzelnen Mitglied von Team Rocket eine Hölle auf Erden zu erschaffen.

    Ein Herzschlag wog plötzlich furchtbar schwer. Nicht nur für Ryan, der sich des Grundes dafür schon gar nicht mehr bewusst war und es daher auf seine Sorge zurückführte. Sondern auch für Bella. Da war ein Aufleuchten in der silbernen Iris gewesen. So plötzlich und so grell, wie ein Blitz in einer Gewitternacht und auch ebenso rasch wieder erloschen. Sie sah nach wie vor nur diesen flehenden Jungen, der unfähig hier und jetzt unfähig war, auch nur das Geringste zu bewirken. Und gar nichts was sie hier tat oder tun könnte, würde diesen Zustand verändern. Dafür fürchtete die Agentin auf einmal umso mehr, was er in Zukunft tun würde. Was sie heraufbeschwören mochte, wenn sie dem Mädchen etwas antat. Außerdem stellte sie doch überhaupt keine Gefahr dar. Sie würde hier im Grunde eine völlig irrelevante Person ausschalten. Und im Gegenzug ein Monster erschaffen…

    Bella verharrte noch einige Augenblicke. Ihr Atem hatte gestoppt. Es war vollkommen still. Kein Wind pfiff durch die Gassen. Der Lärm vor dem Stadion erreichte sie ebenfalls nicht. Einzig und allein ihre Herzschläge trommelte in den Ohren. Ein Herz lauter als das andere.

    Bellas Hände blieben zunächst noch an Melody haften. Zumindest, bis diese durch einen Tritt in die Kniekehle zusammensackte. Die Klinge ward rechtzeitig von ihr entfernt. In derselben Sekunde preschte sie nach rechts und flitzte in die nächste Gasse. Sheila nahm die Verfolgung nur einen Wimpernschlag später auf. Ryan schaffte es nicht ganz so schnell, seine Starre abzuschütteln. Als er sich endlich in Bewegung setzte, war die Assassine bereits fast bei Melody, die noch immer zusammengekauert auf dem Boden weilte und sich mit beiden Händen an den Hals fasste. Kein Blut. Keine Wunde. Sie war unversehrt. Warum wollte sich dann ihre Atmung nicht beruhigen?

    Sheila ließ sie völlig unbeachtet und schoss stattdessen wie ein aufgehetzter Bluthund um die Ecke. Es waren nur wenige Meter, bevor sich die Gassen erneut trafen. Mitten auf der Kreuzung blieb sie abrupt stehen. Blickte nach links, dann nach rechts. Prüfte hektisch die Winkel und Ecken, spähte an Wänden und Feuertreppen hinauf. Niemand war zu sehen. Keine Regung, keine Laute, keine verräterischen Spuren. Bella war fort.

    Ryan fiel indessen vor Melody auf die Knie, griff sie an den Schultern und hievte sie aufrecht. Ihre Augen starrten noch immer ins Nichts. Beinahe hyperventilierte sie.

    „Sie mich an. Sieh mich an!“, wiederholte der junge Trainer eindringlich. Sie sah für einem kurzen Moment eher durch ihn hindurch. Es folgte ein hektisches Blinzeln, dann ein paar schwere, aber langsamere Atemstöße. Und Ryan erkannte, wie ihre Besinnung zurückkehrte. Er versuchte sich an einem erleichterten Lächeln. Es ist vorbei, wollte er sagen, brachte es aber aus irgendeinem Grund nicht heraus. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass er, dass sie alle heute nichts gewonnen hatten. Dafür hatten sie viel verloren. Aber nicht Melody. Nicht ihr Leben und auch sonst keines.

    Sofort warf sie sich in seine Schulter und klammerte beide Arme um ihn. Er nahm sie gleichfalls schützend in seine. Die Flüche, die sie in den Stoff seines Hemdes ausstieß, vermochte er nicht zu verstehen. Der genaue Wortlaut war allerdings nicht notwendig, um zu begreifen, welche Anspannung gerade von ihr abfiel. Und von ihm ebenfalls.

    Ryan hörte, wie sich Pete von hinten näherte und fühlte sogar eine Hand auf seiner Schulter. Der Barbesitzer wusste, dass er diesen Zwischenfall mitzuverantworten hatte. Schließlich war er es gewesen, der Melody bewusst fortgelassen und somit der potentiellen Gefahr ausgesetzt hatte. Und dafür würde er sich morgen vor Mila verantworten müssen. Und von den zwei Jugendlichen selbst ebenso. Er würde sie sofort um Vergebung bitten, käme nicht Sheila gerade wieder zurück. Ihr Blick sagte alles. Nüchtern und starr zwar, wie immer. Aber mit einer müden Körpersprache, als habe sie losgelassen, sowie einer winzigen Spur von Frust in ihren verengten Augen. Und die gingen anklagend durch die ganze Dreiergruppe vor ihr. Pete schluckte. Sie war die einzige Person auf der Welt, deren Tadel er noch mehr fürchtete als Milas.