Flammen und Schatten

  • @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart

    13: Abschiedsgeschenk


    Ein sanfter Wind kitzelte Gregorios Antlitz und zwang den Seemann, seine Sicht von den schwarzen Haaren zu befreien. Dies war sein Lieblingsmoment an jedem neuen Morgen. Bei noch nicht ganz aufgegangener Sonne am Bug des Schiffes, das er die „Esmeralda“ gentauft hatte, zu stehen und die leichte Gischt zu spüren, wenn der Rumpf die salzigen Wellen zerschlug war schon seit Jahren sein ruhiges Ritual, den Tag zu beginnen. Besonders, wenn sich die See, wie heute zur Abwechslung von ihrer friedlichen Seite zu zeigen schien. In der selben Ansicht, trat soeben Offizier Daran an seine Seite.
    „Guter Fahrtwind ohne Sturmanzeichen.“, kommentierte er die Wetterlage mit Blick in den Himmel, wo schon die ersten Wingul auszumachen waren.
    „Da werden wir wohl noch am Mittag ankommen.“, antwortete Gregorio mit starrem Blick aufs Meer.“
    „Und genug Zeit haben, auszuladen, bevor wir heute Abend die Kneipen heimsuchen.“, ergänzte der Offizier lachend.
    Auch diese Bemerkung entlockte keine Reaktion. Stattdessen drehte er sich Richtung Osten, jener Richtung, aus der ihn gerade der erste Sonnenstrahl des heutigen Tages traf. Die Spiegelungen und Lichtreflexe waren ihm ein willkommenen Schauspiel und entlockten ein Lächeln. Die Mannschaft würde ihn sicher auslachen, wenn sie wüssten, dass er solche Naturschauspiele liebte. Einfach nicht männlich genug.
    „Dann geh' mal alle aufwecken, damit wir das Wetter nutzen können. Ich kümmere mich mal um meinen Sohn.“
    „Wird gemacht, Kapitän.“
    Mit zügigen Schritten entfernte sich Daran und ging unter Deck, wo bis auf ihn, Gregorio und Navigator Morgan noch alle Mitglieder seiner Besatzung im Tiefschlaf waren. Manchmal wünschte er sich wirklich, selbst noch Decksmann zu sein und das einfach Leben zu genießen. Das Sagen zu haben war aber schließlich auch nicht schlecht. So schlenderte er gemütlich über das Deck zum hinteren Teil des Schiffes, wo sich seine Kapitänskajüte befand. Anstatt selbige zu betreten, wandte er sich nach links und stieg eine kleine Treppe hinab, wo eine weitere Tür war. Seine Schritte waren längst vorsichtiger geworden und auch den Türgriff umfasste er möglichst geräuschlos. Ein letztes Mal holte Gregorio tief Luft. Sicher befand sich der Faulpelz noch im Tiefschlaf.
    Mit einem Ruck öffnete der Kapitän die Tür nach innen und stürmte auf das Bett zu, das an der linken Wand stand.
    „Hoch mit dir, Junge!“, rief er erheitert und hatte schon die Faust, mit der er seinen Sohn zu wecken gedachte, erhoben. Er erstarrte einen Moment, als er erkannte, dass unter dem zerwühlten Bettzeug niemand mehr lag. Nur eine Sekunde später, erhielt er einen heftigen Schlag auf den Kopf. Dann packte jemand seinen Arm, woraufhin er einen Tritt in den ungeschützten Bauch einstecken musste.
    „Bist du bescheuert?“, fragte erstaunlicher Weise der Angreifer.
    „Wie lange willst du den Mist eigentlich noch durchziehen?“
    Gregorio drehte sich um und blickte in das Gesicht seines Sohnes.
    „Du hast dich hinter der Tür versteckt? Das ist doch eigentlich viel zu banal, Cedric.“
    „Scheiß doch drauf!“


    Die aufgehende Sonne blendete Vater und Sohn, als sie wieder ins Freie traten und zwang sie, schützend die Hand vor ihr Gesicht zu halten. Während sich Cedric ans Heck verdrückte, trat Gregorio nach vorne ans Steuer, den Blick auf die Mannschaft gerichtet, die gerade an Deck gekrochen kam. Ein weiteres Mal holte er tief Lust.
    „Nennt ihr das etwas Bewegung, ihr müdes Pack? Los, setzt die Segel und seht zu, dass wir vorankommen. Wer saufen kann, kann auch anpacken, das unterscheidet die richtigen Männer von den Taugenichtsen!“, rief er wie ein einzelnes Wort und mit rauer Stimme. Und wieder einmal durfte er sich daran erfreuen, dass jeder Mann an Deck ihm immernoch seinen Respekt zollte, indem seine Anweisungen prompt befolgt wurden.
    „Navigator!“
    Der mittels Titel gerufene Morgan war sofort an seiner Seite.
    „Kapitän?“
    „Ans Steuer. Ich muss mit dem Miesepeter reden.“
    „Aye.“
    Ein grinsten konnte sich der Navigator nicht verkneifen. Gregorio entging dies zwar nicht, begab sich aber dennoch sogleich ans Heck, wo sein Sohn, wie jeden Tag die Wassermassen betrachtete, die sie hinter sich ließen.
    „Mir gefällt dein ständiges zurück Sehen nicht. Im Leben musst du nach vorne sehen, Junge.“
    Cedric gab darauf keinerlei Antwort, rieb sich stattdessen die noch etwas müden Augen und fuhr sich durchs kurze Haar.
    „Wer saufen kann, kann auch anpacken.“, äffte er die Worte seines Vaters nach.
    „Toll gesagt. Klingst schon fast wie ein waschechter Pirat.“
    Gregorio stützte sich neben ihm an die Reling und folgte seinem Blick.
    „Als Freibeuter sind wir von denen kaum zu unterscheiden. Der Unterschied ist, dass wir einen Teil unserer Beute an den König abdrücken, damit er das toleriert.“
    Anschließend grinste er breit.
    „Und du kannst mir glauben, dass der Alkohol einen Mann schneller auf den Boden befördern kann, als der härteste Knochenjob.“
    Das Schmunzeln, das für einen Moment Cedrics Gesicht einnahm, wenn auch nur kurz, konnte man definitiv als Erfolg bezeichnen.
    Cedric änderte seine Position und lehnte mit dem Rücken an die Reling, den Blick verträumt gen Himmel gerichtet. Eigentlich sollte er sich ja glücklich schätzen. Nicht jeder war so gesegnet, einen vom König unterzeichneten Kaperbrief zu erhalten und frei übers Meer segeln zu dürfen. Im Moment war das Königreich noch in viele Teile zersplittert und jene Gebiete von den verfeindeten Parteien hart umkämpft. Schiffe anderer Nationen anzugreifen und ihre Fracht mit dem König zu teilen, war sowohl für sie als auch ihn ein Gewinn. Doch angesichts der Meldungen zahlreicher Erfolge an den Fronten schien es nicht mehr lange zu dauern, bis der König sein Ziel eines vereinigten Reiches erreichen würde. Mit etwas Glück, würde der Krieg noch in diesem, seinem neunten Jahr enden und somit der Nutzen von Freibeutern zunehmend entfallen. Doch nicht nur das war der Grund, weshalb es Cedric mehr und mehr aufs Land zog.
    „Wirst du mich denn diesmal endlich meinen Weg gehen lassen, Vater?“
    Gregorio war für gewöhnlich ein Mann der guten Laune, doch immer wenn das alte Thema von seinem Sohn aufs neue angesprochen wurde, gab es dafür keinen Platz mehr. Er seufzte.
    „Ich verstehe einfach nicht, warum du es so eilig hast, von diesem Schiff runter zu kommen.“
    „Eilig?“, wiederholte Cedric mit fragendem Blick.
    „Ich bin 16 Jahre alt. Andere haben in meinem Alter schon keinen Kontakt zu ihren Eltern, da sie ihr eigenes Leben leben.“
    Sein Vater nickte leicht, lächelte etwas gequält und machte den Eindruck, als könne er verstehen, als könne er nachempfinden. Glücklich war er aber nicht.
    „Und du willst mir jetzt ernsthaft vorwerfen, dass ich als Vater meinen Jungen noch etwas länger bei mir haben möchte?“
    Für kurze Zeit sahen sich Vater und Sohn nur schweigend an. Es wirkte, als ob beide vehement versuchten, den Standpunkt des Anderen zu verstehen. Doch irgendwie hatten sie doch nur ihre eigenen Ziele im Kopf. Eine Wasserfontäne zerschlug die Stille, die wohl nur zwischen den Beiden herrschte, waren doch die Stimmen der Crew ebenso gut zu hören, wie die brechenden Wellen. Ein Wailord hatte ungesehen das Schiff flankiert, tauchte aber sogleich wieder ins tiefe Blau und verschwand spurlos.
    „Du weißt, dass ich vorhatte, dieses Schiff eines Tages dir zu überlassen, Cedric.“
    Er wich seinem Blick aus.
    „Ja.“
    „Also warum? Warum willst du es nicht zulassen, dass ich dir das vermache, was ich mehr liebe, als alles andere. Dieses Schiff würde dein Leben zeichnen. Es bedeutet viel Verantwortung, “, mit ausgestrecktem Arm zeigte er hinaus auf die See, “doch dafür trägt es dich in die Zukunft.“
    Nun suchte Cedric gezielt den Blick seines Vaters.
    „Ich will nicht das, was für dichwertvoll ist, sondern für mich!“
    Wieder herrschte kurz eigenartige Ruhe.
    „Dein Schwert.“, fuhr er schließlich fort.
    Verwundert löste Gregorio die Waffe von seinem Gürtel und hielt es ihm vor.
    „Das?“
    „Mhm.“, nickte Cedric nur und fixierte es mit sehnsüchtigen Augen, dachte aber nicht daran, es einfach aus der Hand zu reißen. Seit Jahren trainierte er mit seinem Vater nun schon den Schwertkampf, besaß aber immernoch keine eigene Waffe. Wenn es auf See in ein Gefecht ging, hatte er stets die Aufgabe, mit ein paar anderen Männern das eigene Schiff zu verteidigen. Nur war dies so gut wie nie der Fall gewesen, denn die Angriffe seines Vaters waren gut geplant und effektiv. Zudem hatte er immer eines dieser schäbigen Schwerter bekommen, mit denen die Mannschaft ausgestattet wurde. Keine Waffe, die er als seine eigene betiteln wollte. Es musste ja nicht unbedingt Gregorios Schwert sein, aber eine eigene Klinge stellte ohne Zweifel Cedrics absolute Spitze seiner Wunschliste dar.
    „Dein Schiff trägt mich. Ich will nicht getragen werden. Ich will selbst voranschreiten. Du sagst, es bringt mich in die Zukunft, aber ich will meine eigene Zukunft gestalten.“
    Schließlich ballte Cedric energisch die Fäuste.
    „Das Schiff bedeutet Verantwortung. Ein Schwert bedeutet Vertrauen!“
    Gregorio konnte kaum fassen, was er hörte. Viel weniger noch, mit wie viel Herz sein Sohn diese Worte aussprach. So staunte der Kapitän mit großen Augen und offenem Mund auf das Kind, das er großgezogen hatte. War er denn tatsächlich so blind gewesen, nicht mitzukriegen, wie Cedric erwachsen geworden war? War er wirklich dumm genug, dass er nicht begriffen hatte, was sein Sohn wirklich wollte? Resignierend ließ er den Kopf hängen.
    „Diesen Worten wirst du Taten folgen lassen müssen, mein Junge.“


    Ardenia war eine typische Hafenstadt, wie sie im Buche stand. Auf hohen Stegen, bestehend aus starkem Holz hatte man fast die Hälfte der Siedlung direkt über dem Wasser erbaut, während man Gebäude aus Stein nur ab dem Ufer vorfinden konnte. Dafür war der erstgenannte Bereich deutlich lebhafter aufgrund der ein- und auslaufenden Schiffe. Obwohl man die Größe des Hafens bestenfalls als durchschnittlich bezeichnen konnte, war Aboria aufgrund seiner Lage eine vielfach angesteuerte Route. So auch für Freibeuter Gregorio und seine Mannschaft an diesem Mittag.
    An einem zentral gelegenen Pier angelegt, machte sich die Crew sofort ans Abladen. Wie jedes Mal gingen Sie dabei eifrig und mit viel Fleiß vor, denn ein jeder von ihnen wusste, sobald diese Arbeit erledigt war, hieß es Alkohol trinken und hübsche Frauen verführen. Besonders zu letzterem hatte man auf See viel zu wenig Gelegenheit.
    Cedric war heute ausnahmsweise von dieser Arbeit befreit worden und sah deshalb nur zu, wie die Männer erbeutete Rohstoffe und Kisten voll Handelsware, die ihre Geldbörsen füllen würden, aus dem inneren des Schiffes und an Land trugen. Besonders die gewonnene Seide würde aufgrund ihrer hohen Nachfrage einiges einbringen. Gregorio stand derweil schon am Pier und unterhielt sich mit einem schick gekleideten Mann, der mittels Feder die angelieferte Ware auf Pergament festhielt. Kein Unbekannter, sein Name war Antonio. Cedric wusste, dass sein Vater diesen Kerl immer sehr genau auf die Finger schaute, da er gerne Mal mit den Zahlen jonglierten, um sich selbst etwas dazu zu verdienen. Auch heute würde er sicher wieder versuchen, seinen Vater in seinen Beschiss mit einzubeziehen und wie jedes Mal zuvor abgewiesen werden. Zumindest ließen das Gregorios drohende Gesten und eindringliche Worte, die er gerade an ihr richtete, vermuten. Cedric beobachtete aus der Ferne, wie eine kurze aber heftige Auseinandersetzung zwischen den Männern entstand. Er musste ihre Worte nicht verstehen, um zu erkennen, dass der Schreiber noch ein paar Flüche loswurde, ehe er angesäuert von dannen zog. Aber erst nachdem sein Blick noch einmal kurz an Cedric haften blieb, allerdings an dem Jungen abprallte.
    Verträumt blickte Cedric an Land und sehnte sich nach dem, was sich hinter der Küste befand. Hoffentlich würde er heute zum letzten Mal das Abladen miterleben.


    Das Abladen der Fracht nahm noch einige Zeit in Anspruch. Doch auch nachdem die letzte Kiste für den König von Bord war – Gregorio hatte wie immer von allen Waren etwas als seinen Anteil behalten dürfen – musste sich Cedric noch gedulden, bis er seinen Vater sprechen konnte. Wie es üblich war, kam nach der Arbeit sofort die Belohnung für die Crew. Erhalten würde sie jene einmal mehr in der örtlichen Kneipe, dessen Rum und Wacholdervorräte sicher auf eine harte Probe gestellt wurden. Als Kapitän würde Gregorio wohl traditionell die erste Runde zahlen, ehe jeder für seinen eigenen Suff verantwortlich war. Bis zur Rückkehr seines Vaters verweile er so lange an Deck des Schiffes und nutzte die Zeit, um sich seine Worte schonmal zurecht zu legen.
    Sicher würde er wieder versuchen, Cedric von seiner Entscheidung abzuhalten. Rein verbal versteht sich. Obwohl sich Cedric fragte, was wohl passieren könnte, wenn er es tatsächlich drauf anlegen würde, sich nur durch Gewalt dazu bringen zu lassen, auf dem Schiff zu bleiben.
    Er lachte leise in sich hinein. Wahrscheinlich wäre es ein einziges Durcheinander.
    Die Sonne war längst einem klaren Nachthimmel voller glänzender Sterne gewichen und der Klang der seichten Wellen bildeten die Einzige Geräuschkulisse, befanden sich doch Musik und Gelächter der Betrunkenen zu weit entfernt. Eine einsame Gestalt trabte ruhigen Schrittes den Steg entlang auf das Schiff zu. Cedric erkannte Gregorio bereits an der Silhouette. Sein alter Herr trat ihm mit fast schon gelangweiltem Gesichtsausdruck entgegen.
    „Bitte sag mir, dass du dich nicht schon betrunken hast.“, eröffnete Cedric das Gespräch.
    „Ein Kapitän muss mehr trinken und viel mehr vertragen können, als jeder seiner Männer.“
    Ein tiefes Seufzen entsprang ihm. Er sah in die Ferne.
    „Aber heute bin ich keineswegs in der Stimmung dazu.“
    „Hat Antonio wieder versucht zu bescheißen?“
    Ein Nicken.
    „Ich habe mich ziemlich unbeliebt gemacht, nur weil ich dafür sorge, dass alles seine Richtigkeit hat. Mir ist es lieber, wenn mir der König wohlgesonnen ist. Muss Antonio sich halt wen anderen für seine krummen Geschäfte suchen.“, erzählte er mit sanfter Stimme. Irgendwie wirkte er abwesend.
    „Aber ungeachtet dessen, wie klein oder groß die Strapazen heute oder an allen anderen Tagen waren, ich konnte mich nicht beklagen. Denn ich hatte das Privileg, dabei zuzusehen, wie mein Sohn heranwächst, Tag für Tag.“, fuhr er mit einem stolzen Lächeln fort.
    „Doch nun ist mein Sohn schon so weit, dass er mich nicht mehr braucht. Was du heute morgen zu mir gesagt hast, war sowohl wohltuend als auch schmerzhaft für mich. Aber du bist tatsächlich am Punkt angelangt, an dem ich dir nichts mehr beibringen kann.“
    Einen kurzen Moment nahm sich Gregorio Zeit in die großen, erwartungsvollen Augen seines Sohnes zu blicken, dessen Herz immer mehr vor Aufregung zu pochen begann.
    „Ich hatte andere Wünsche für deine Zukunft. Doch ich bin dein Vater und werde der letzte Mensch auf Erden sein, der sich dir in den Weg stellt.“
    Cedric konnte kaum fassen, was er vernommen hatte.
    „Du gibst mir also meine Chance?“
    Wieder ein Nicken.
    „Du bist bereit, deinen eigenen Weg zu finden. Auf dass er dich zu deinem Platz in dieser Welt führen möge.“
    Cedric zweifelte. War das real? Sein Vater erlaubte ihm endlich, das Schiff zu verlassen? Wo waren die Einwände, die Proteste und Versuche, ihn doch noch für eine weitere Fahrt an Bord zu behalten? Er hatte diesen Moment herbeigesehnt und nun schien es, dass der alte Herr ihn sogar freiwillig fort gehen lies. Unsicher, was er entgegnen sollte, kratzte Cedric sich verlegen am Hinterkopf. Auf einmal kam er sich im Moment wie der Böse vor.
    „Du weißt hoffentlich, dass ich das nicht etwa will, weil ich es auf dem Schiff gehasst habe.“, erklärte er. „Im Gegenteil, ich hatte es gut bei dir. Nur ist es...“
    „Was sollen auf einmal die Erklärungen?“, unterbrach Gregorio ihn.
    „Jetzt glaub mal nicht, ich wüsste nicht genau, wie du dich fühlst. Jeder Junge will den Schritt zum Mann hinter sich bringen. Das ging mir in deinem Alter nicht anders. Dass du es gut bei mir hattest, will ich hoffen, denn es war auch jeden Tag aufs Neue mein einziges Ziel. Ich habe dich im Kampf ausgebildet und alles dafür getan, dass du auch bereit bist, wenn du diesen Schritt tun möchtest. Jetzt sei auch wirklich ein Mann und zögere nicht.“
    Das entlockte dem Sohn ein Lächeln. Und so umarmte er seinen alten Herrn familiär, was dieser ihm sofort gleich tat.
    „Ich danke dir, Vater. Du hast deine Arbeit gut gemacht.“
    „Ich danke dir, mein Sohn. Denn du wirst es zu etwas bringen, das weiß ich.“
    Als sie wieder voneinander abließen und sich in die Augen sahen, war alles verschwunden. Sorgen, Zweifel, oder Reue wurden komplett aus ihren Körpern verbannt und ließen Raum für Freude, Dankbarkeit und Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.
    „Versprich mir, dass es kein 'Lebe wohl' ist, Cedric.“
    „Ichschwörees dir.“
    Das Lächeln wurde noch ein Stück breiter.
    „Wir werden morgen wieder auslaufen. Für dich habe ich ein Zimmer in der Hafentaverne bezahlt. Also nutze die Nacht, um dich von allen zu verabschieden und fange mit dem morgigen Tag dein neues Leben an.“
    „Das werde ich.“
    Mit einem Rest Wehmut im Herzen und Stolz im Gesicht trat Gregorio nun bei Seite und ließ seinen Sohn passieren, der äußerlich sehr gefasst wirkte. In seinem Inneren jedoch brannte ein Inferno an Gefühlen, welches durch Worte nicht zu beschreiben war. Wie nannte man jene Momente, die schmerzten und gleichzeitig Freude brachten? Sollte ein dafür geeigneter Begriff existieren, so war er Cedric nicht bekannt. Doch unnötiges Geschwafel brauchten sie auch nicht. Es war das Richtige, daher tat er, wie ihm geheißen wurde und verließ das Schiff. Kein zurück blicken. Kein Zögern. Kein Grund zur Trauer. Denn Cedric hielt endlich sein eigenes Schicksal in Händen.


    Die Verabschiedung der Mannschaft brachte Cedric kurz aber herzlich hinter sich. Es waren allesamt Männer, mit denen er jahrelang gefahren war, doch auch sie wollte er in Zukunft nicht vermissen. Ein jeder von ihnen wusste längst um Cedrics Vorhaben und gab ihm ausnahmslos Glückwünsche und wertvolle Ratschläge mit. Anschließend wollte er sich auf das Zimmer begeben, von dem Gregorio gesprochen hatte.
    Wie versprochen musste Cedric nur dessen nahmen erwähnen und erhielt sogleich einen dick gegossenen Schlüssel aus Kupfer, der für eines der Zimmer im ersten Stock gedacht war. Die knarrenden Holztreppen hochsteigend machte sich der Junge allerlei Gedanken über den morgigen Tag. Er besaß eigene finanzielle Mittel, um sich einige Zeit lang versorgen zu können, schließlich hatte er bei jeder Einkunft, die das Schiff gebracht hatte, seinen Anteil am Gewinn erhalten. Und im Gegensatz zum Rest der Crew war dieses Gold nicht im nächsten Hafen an Wirte oder Frauen in aufreizenden Kleidern weitergegeben worden. Stattdessen hatte sich Cedric fast jede Münze gespart, um für sich selbst sorgen zu können.
    Also würde er morgen wohl erst einmal Vorrat für die nächsten Tage besorgen, sowie eine Landkarte, die ihn präzise durchs Landesinnere führen würde. Dieser Gedanke fachte das Feuer der Sehnsucht noch weiter in ihm an. Schließlich hatte er in seinem Leben kaum etwas anderes getan, als mit seinem alten Herrn zur See zu fahren. Wie das Leben im Herzen des Festlandes aussah, konnte er aus eigener Erfahrung nicht sagen. Doch nun würde er weit mehr zu sehen bekommen, als nur Küste und Hafen. Wälder, Gebirge, Ländereien und Großstädte. All das wollte er sich ansehen. Und irgendwo dort, das spürte er, würde er seine Chance finden, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Ja, ein eigenes Leben, das von niemandem kontrolliert wird, Cedrics innigster Wunsch: sein eigener Herr sein.
    Am hinteren Ende des Ganges der oberen Etage angekommen, zog er seinen Schlüssel hervor, um die eben erreichte Zimmertür aufzuschließen. Doch in jenem Moment, als er das Schlüsselloch ausfüllte, hielt sein ganzer Körper inne. Etwas hatte die Aufmerksamkeit des Jungen vollständig eingenommen. Ein Licht, das stark und flackernd durch das Fenster zu seiner Rechten seinen Augenwinkel erreicht hatte. Neugierig spähte er aus einem Spitzen Winkel durch das Glas um nach der Quelle zu suchen. Der Anblick war ein Stich ins Herz.
    Ein Schock, der seinen gesamten Leib durchfuhr, weitete Cedrics Augen. Ohne erkennbare Ursache stand eines der Schiffe in Flammen. Und dieses erkannte er unter tausenden wieder. Es war die Esmeralda. Und die lodernde Feuerbrunst hatte bereits das ganze Deck in Beschlag genommen und fraß sich nur zu Mast und Kapitänshaus. Doch wie? Und warum?
    Sofort hastete Cedric wieder zurück, sprang über das Geländer auf die Treppe hinunter und scheiterte beim Versuch, das Gleichgewicht zu halten. Ein unsanfter Sturz, der purzelnd an einer Wand im Erdgeschoss sein Ende fand, war die Folge. Den Schmerz völlig außer Acht lassend rappelte er sich auf, spurtete aus der Tür und den Steg entlang. Doch selbst, als das Schiff noch gute zehn Meter entfernt war, zwang ihn die sengende Hitze der Feuerbrunst, stehen zu bleiben. Mit einer Mischung aus Schock und Ungläubigkeit betrachtete Cedric das Szenario. Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Wie war es möglich, dass binnen von Herzschlägen jede Planke, jedes Holzbrett und das Segel lichterloh brannten?
    Ein weiteres Mal wurden Fragen unwichtig, denn Cedric vernahm einen Schrei. Jener sollte ihm lange im Gedächtnis hängen bleiben, denn es war die panische und schmerzerfüllte Stimme seines Vaters. Der Kapitän des Schiffes war nirgends zu sehen. Zu hoch ragten bereits die Flammen der Feuerbrunst, als das er irgendwo zu erblicken gewesen wäre. Gleichzeitig nahmen sie Cedric jede Chance, irgendwie auf das Schiff zu kommen, ohne sein eigenes Leben dabei zu verlieren. Alles was er konnte war zusehen. Zusehen und lauschen, wie die gequälte Stimme des alten Herrn nach einiger Zeit leiser und leiser wurde, ehe sie letztendlich verstummte. Erst Jahre später würde Cedric es aufgeben, sich immer wieder zu fragen, warum er nicht jeder Vernunft trotzend an Bord gegangen war, um ihn zu suchen. Die Gewissheit, ob es tatsächlich die Angst war, selbst den Feuertod zu erleiden, würde er niemals erhalten. Er würde sich nur erinnern können, wie die ungeheure Hitze ihn aufgehalten hatte und zum Feigling werden lies.
    Geschwächt von dem brennenden Element knickte der Mast des Hauptsegels um und kippte ins salzige Meer. Die stolze Flagge der Esmeralda mit dem Königssymbol glitt sanft durch die Luft und verschwand ebenfalls in den Flammen. Das Knacken des berstenden Holzes erfüllte noch lange die ansonsten so stille Nacht.


    Später würde Cedric nicht mehr sagen können, wie er sich dazu überwunden hatte, den Ort des Geschehens zu verlassen. Wie sollte man sich umdrehen und laufen können, wenn direkt vor den eigenen Augen der wichtigste Mensch auf Erden qualvoll gestorben war? Wie um alles in der Welt hatte er etwas derart widerliches fertig gebracht? Er wusste es nicht, würde es auch in Zukunft niemals wissen, doch irgendwann in dieser sehr späten Nacht stand er wieder im Oberen Stockwerk der Taverne. Der Schlüssel, den er hatte stecken lassen, wartete an selbiger Stelle noch auf ihm. Mit bedrückter Miene und gesenktem Kopf nahm er ihn in die Hand. Cedric hielt inne. Wie zuvor in der Nacht schaute er nach rechts aus dem Fenster. Die Mannschaft der Esmeralda, die die Katastrophe erst viel später bemerkt hatte, war immernoch mit dem löschen des Brandes beschäftigt. Das Feuer war deutlich kleiner, aber noch nicht erloschen. Und die Überreste Gregorios würde man sicher nicht als solche Identifizieren können. Cedric hatte ihnen auf dem Steg keine Aufmerksamkeit geschenkt, als er sie passiert hatte. Sie waren ihm egal. Mit seinem Vater und dessen Schiff wurden ihm Familie und Heimat genommen. Was aus den Männern wurde, war ihm scheißegal. Er wollte weg. Nur weg.
    Mit bebendem Atem wandte Cedric sich von dem Geschehen draußen ab und drehte den Schlüssel um. Das Zimmer das er betrat erhielt keinerlei Beachtung von ihm. Übernachtungszimmer in solchen Tavernen sahen alle gleich aus. So stapfte er mit Blick gen Boden gerichtet zu dem Bett an der gegenüber liegenden Wand und lies sich kraftlos in selbiges Fallen. Die Hände über den Kopf schlagend kauerte er sich zusammen und litt. Er litt unter Schmerzen, die nicht zu beschreiben waren. Es war Leid, welches er seinem Schlimmsten Feind nicht wünschen würde und dass seine Brust zu zerquetschen schien.
    Als er sich auf die Seite drehte und die rechte Hand dabei ausstrecke, spürte Cedric plötzlich etwas. Unerwartet war sein Handrücken auf etwas hartes gestoßen und als er aufblickte, lag neben ihm auf der Decke etwas. Ein Schwert.
    Cedric identifizierte die Waffe sofort, was ihn blitzartig nach oben schießen und aufkeuchen lies. Die simple Schwertscheide war kaum von denen tausend anderer Schwerter zu unterscheiden. Doch dieser mit dunkelbraunen Leder umwickelte Griff mit der dünnen Parierstange...auch der Ansatz der breiten Klinge blitzte hervor. Das war zweifelsfrei Gregorios Waffe.
    Cedrics Emotionswelt brach in einen Trümmerhaufen und Tränen bahnten sich ihren Weg ins Freie, als er begriff. Jahrelang hatte er sich nach Verantwortung ins Form eines eigenen Schwertes gesehnt und nun hatte sein Vater ihm seines zu Abschied hinterlassen. Sie war sein Abschiedsgeschenk, sein Vermächtnis. Die Waffe fest an sich drückend vergrub er das Gesicht im Kopfkissen und gab sich Trauer und Reue hin. So lange, bis sämtliche Tränen, die sein Körper hergeben wollte, vertrocknet waren und ihn nurnoch die jagenden Bilder der heutigen Nacht wach hielten und quälten.

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    14: Ein riskanter Schritt


    Bilder, Erinnerungen. Szenen, die immer wieder das geschehene in Cedrics Kopf wiederholten. Ununterbrochen quälend, als wollten sie sehen, wie lange es dauern würde, bis der Junge endlich vollends verzweifelte. Doch die Bilder waren stumm und so zuckten Cedrics Ohren auf ein unerwartetes Geräusch, dass die Stille durchstach. Verwundert blickte er auf und sah sich um, das Gesicht immernoch niedergeschlagen. Er zweifelte nicht. Da war doch eben das kräftige Schlagen zweier Flügel zu hören gewesen. Ein kurzer blick galt dem ersten der zwei Fenster im Raum. Eines, das von seiner Position aus auf der linken Seite lag und Blick auf den Hafen gewährte. Dann allerdings vernahm er so etwas, wie ein Klopfen. Sehr gedämpft, doch er begriff, dass es von woanders kam. Rechts, von ihm, neben dem Bett befand sich ein Dachfenster, aus dem Cedric hinaus spähte.
    Und inmitten der Nacht sah er einen Vogel, der mit seinem Schnabel gegen etwas pickte, dass Cedric aufgrund des Blickwinkels nicht erkennen konnte. Dem Geräusch nach zu Urteilen musste es das Fenster des Nebenraumes sein. Den Vogel selbst erkannte er sofort. Auf dem Dach stehend maß er in der Höhe etwa einen Meter, der Körper außergewöhnlich muskulös. Der Schnabel und die Klauen an den Füßen zeigten deutlich, dass es sich um einen Raubvogel handelte. Bestes Erkennungsmerkmal war aber das auffällige Gefieder von orange-roter Färbung. Die Bücher über Pokémon, die ihm sein Vater immerzu in die Hand gedrückt hatte, waren anstrengende Lektüre gewesen, doch ihnen war es zu verdanken, das Cedric das Fiaro als solches erkennen konnte. Von den Genen eines Flug- und Feuerwesen. Feuer.
    Durch die Stille entging es Cedric nicht, dass nebenan das Fenster geöffnet wurde, vor dem der Flammenvogal stur verharrte. Unter plötzlich ungeheuerlich hastigen Herzschlag presste Cedric sein Ohr an die Wand, ohne dabei verräterische Geräusche zu verursachen. Ein Teil von ihm betete darum, dass seine Idee ein Irrtum war. Ein anderer hoffte genau das Gegenteil.
    „Gut gemacht.“
    Cedric Sinne schärften sich. Die raue, männliche Stimme war nicht sehr laut und die dumpfen Worte kaum zu verstehen. Doch er horchte weiter.
    „Unser Ziel ist Tod. Flieg nun zum Treffpunkt im Wald. Pass auf, dass dich keiner sieht. Warte, bis ich dort bin, ich hole die Bezahlung.“
    Einen Herzschlag später zog das Fiaro direkt an Cedrics Fenster vorbei, was seinen Körper verkrampfen und sein Herz aussetzen lies. Doch seinem Glück war es wohl zu verdanken gewesen, dass es ihn nicht bemerkt hatte. Dennoch verweilte er in seiner lauernden Position an der Wand und begann Geschehenes mit Gehörtem zu verbinden.
    Der Anschlag auf die Esmeralda. Das plötzliche Feuer – ein Feuerpokémon. Der Mann, der dies verursacht hatte, war nur ein Zimmer entfernt. Und somit auch der Kerl, der Gregorio auf dem Gewissen hatte.
    Cedric wusste nicht, wie er in diesem Moment empfand. War das, was er fühlte wirklich so simpel als Hass zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht. Dieses Wort kam nicht ansatzweise dem gleich, was er spürte. Doch es war für ihn nicht weiter von Belang, als er mit vor Aufregung geweiteten Augen auf das Bett starrte. Dort lag nach wie vor das Schwert.
    Cedrics Herz raste und sein Körper war schweißgetränkt, als er mit schwachen Gliedern über den Boden kroch. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig tasteten seine Finger nach dem Griff, bevor sie jenen fest packten. Wieder konnte Cedric das Gefühl nicht beschreiben. Doch als er die Klinge langsam hervor zog und empor reckte, merkte er deutlich, das sich etwas veränderte. Zum ersten Mal in seinem Leben hielt er sein persönliches Tötungswerkzeug in Händen. Und auf unerklärliche Weise bestärkte dieser Moment Körper und Geist immens, auch wenn sein Atem noch schwer war. Noch kannte er weder Name noch Aussehen des Mannes im Nebenraum. Doch mit dem Überraschungseffekt auf seiner Seite war Cedric entschlossen. Sein Kopf gehörte ihm!


    Grummelnd beugte sich Antonio nach vorne und zog die beiden Fenstertüren zu, ebenso die beiden Vorhänge. Die kräftigen Winde, die das Meer diese Nacht entsandte, pfiffen unerträglich in seiner Wohnung und er brauchte Ruhe. Sich die schicke Tracht zurecht rückend stapfte er wieder die Treppe hinunter in den Wohnraum, wo vor warmen Kamin ein großer Tisch samt bequemen Sessel und weichen Teppichen platziert worden waren. Die Kerzen am großen Holzkronleuchter, der zwischen den Stockwerken baumelte, hatte der dämliche Wind bereits zum erlischen gebracht, doch das Licht des knackenden Feuers würde ihm schon reichen. Seufzend ließ er sich in das gepolsterte Möbelstück fallen und nahm die vor ihm liegenden Pergamente wieder zur Hand. Die heutigen Zahlen waren zwar nicht wirklich ein Desaster, gefallen konnten sie ihm allerdings auch nicht. Jedes verdammte Mal, wenn Gregorio wieder da war, hatte er es abgelehnt, sich am Geschäft zu beteiligen. Es war doch so einfach. Ein bisschen Schmiergeld hier, ein paar falsche Angaben dort und am Ende hatten alle ein größeres Stück vom Kuchen. Abgesehen natürlich von König, doch der machthungrige Sack konnte sich gerne zum Teufel scheren. Um schneller zu einem entspannten Lebensabend ohne Geldsorgen zu kommen, nahm er alles in Kauf. Gregorio allerdings nicht. Denn wie schon die letzten Male, hatte dessen Sturheit für deutlich weniger Einkommen gesorgt, als bei den weniger spießigen Kapitänen.
    Ein plötzlicher, pfeifender Wind riss Antonio aus seinen Überlegungen und er blickte auf. Ungläubig starrte er in den ersten Stock, wo das Fenster, welches er eben geschlossen hatte, sperrangelweit offen stand und die Böen die Vorhänge flattern ließen. War der Wind etwa so stark oder nur der blöde Riegel kaputt? Gerade als er sich murrend erhob erspähte er aus dem Augenwinkel eine Silhouette in der Zimmerecke.
    „Was...!“, rief er überrascht auf und trat einen Schritt zurück. Schon im nächsten Moment erkannte er aber den Eindringling. Wobei das Wort erkennen nicht ganz zutraf, war der Mann doch mittels dunkler Kapuze und Bandagen in der unteren Gesichtshälfte nicht wirklich zu identifizieren. Jedoch würde er wohl kaum den Anblick des Mannes vergessen, den er noch vor wenigen Stunden für einen ganz besonderenAuftrag angeheuert hatte. Seine Haltung entspannte sich.
    „Ach, du.“ keuchte er erleichtert. „Mann hast du mich erschreckt.“
    Der Attentäter trat aus dem Schatten, sprach aber kein Wort, fixierte nur mit starrem Blick seinen Auftraggeber.
    „Ich habe das mit dem Feuer mitbekommen. Kapitän Gregorio ist also tot.“
    Ein widerwärtiges Grinsen legte sich auf Antonios Gesicht.
    „Eine unkonventionelle Methode, aber das Ergebnis spricht für dich. Jetzt haben wir zwar einen fleißigen Freibeuter weniger, aber der alte Spießer hätte sich seine Worte eben besser überlegen müssen. Wer so ein Geschäft ausschlägt, muss eben mit Konsequenzen rechnen.“, faselte er grimmig lachend.
    Der Vermummte sprach nicht, starrte einfach nur weiter, was Antonio irgendwie den Spaß nahm. Auftragsmörder waren eben stille Zeitgenossen, das musste wohl einfach so sein.
    „Naja, das ist für dich ja nicht weiter von Belang. Ich muss zugeben, deine Bezahlung hast du dir Verdient.“, sagte er und wandte ihm kurz den Rücken, als er wieder an seinen Tisch heran trat. Statt den Lederbeutel mit den versprochenen Goldmünzen nahm er jedoch den großen Weinkrug in die Hand.
    „Du hast es sicher eilig, aber kann ich dir nicht einen Schluck W...“
    Antonio stoppte in seinem Satz. Gerade als er sich wieder umgedreht hatte, schien plötzlich sein Körper zu brennen. Mit grausamen Entsetzen stellte er fest, das ein Breitschwert tief in seinen Bauch getrieben wurde. Der Stoff seiner Kleidung wurde augenblicklich Rot getränkt und Antonios Geist gefüllt mit Schmerz und Übelkeit. Jeder Muskel in seinem Körper schien wie auf Kommando zu versagen und sein Leib erschlaffte. Nur zu einer Bewegung war er noch fähig und so griff er langsam an die Bandagen im Gesicht seines Angreifers. Dieser ließ es zu, dass ihm seine Maske mit letzter Kraft von Gesicht gezogen wurde.
    Antonio wollte schreien doch sein Körper gab ihm nicht die Kraft dazu. Zum einen vor Schmerzen, hervorgerufen durch die quälende Klinge. Zum anderen vor Schock, als er das Gesicht seines Mörders sah, welches ihn im Tod auf ewig verfolgen würde. Es war das Gesicht eines Jungen, den er schon oft auf dem Schiff von Gregorio gesehen hatte. Es war sein Sohn.
    „Ich kenne dich.“, röchelte er kaum hörbar, worauf ein Schwall Blut seinen Mund verließ und den edlen Teppich besudelte. Wie um alles in der Welt war das nur möglich? Wieso stand hier und jetzt Gregorios Abkömmling vor ihm? Wo war der echte Attentäter?
    Cedric empfand nicht das geringste Mitleid. Fast schon wollte er sogar behaupten, dass es sich gut anfühlte, Rache auszuüben. Doch in Wahrheit herrschte eine unsagbare Leere in ihm. Mit nach wie vor eingefrorenem Blick griff er unter den Umhang und holte ein eingerolltes Stück Pergament hervor. Es handelte sich um den Auftrag, den der Attentäter bei sich hatte.
    „Dein Freund hatte Pech bei der Zimmerwahl.“, flüsterte er und stopfte Antonio das Pergament in den Rachen. „Mordaufträge mit seinem Namen zu unterzeichnen ist nicht klug.“
    Mit diesen letzten Worten zog Cedric das Schwert aus dem Torso und ein lebloser Körper schlug dumpf auf den Boden. Lange wurde ihm jedoch keine Beachtung geschenkt. In Eile wischte Cedric das Blut der Klinge am teuren Sessel ab, las ganz nebenbei die Lederbörse vom Tisch auf – Tote brauchten kein Gold – und ging zu Tür hinaus. Nach der Vergewisserung, von niemandem gesehen worden zu sein, verließ er Ardenia noch in der selben Nacht. Wohin war ihm egal. Es machte keinen Unterschied. Diese Hafenstadt sah er heute zum letzten Mal in seinem Leben. Als die Leiche Antonios am nächsten Morgen aufgefunden wurde, war Cedric schon längst in der Wildnis verschwunden. Ein Fiaro wartete im Wald lange, aber vergeblich auf die Ankunft seines Meisters.


    Cedric vermochte es nicht, seinen Atem und Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Lange fünf Jahre lag jene Nacht nun schon zurück. Doch erst jetzt konnte er endlich das erfüllen, was er seinen Traum zu nennen wagte. Nahezu jeden Tag hatte Gregorio Respekt und Ehre gepredigt. Zwei Dinge, die er in diesen Jahren verzweifelt zu erreichen versucht hatte.
    Ein stummes Lachen stahl sich auf sein vor Schweiß verklebtes Gesicht. Doch diese Zeit war nun vorbei. Jetzt in diesem Moment erfüllte er die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte und setzte sein Schwert, das Vermächtnis des alten Herrn, für eine gute Sache ein. Am liebsten wollte Cedric in die Luft springen vor Freude, doch er schaffte es, sich einigermaßen konzentriert wieder in Bewegung zu setzen. Mit Komura im Schatten ging er zügig den Minenschacht entlang und hoffte, bald auf Kecigor oder Marek zu treffen. Obwohl die Beiden sicherlich keine großen Probleme mit den anderen Mitgliedern der Schattenkrieger hatten. Die Stärke dieser Ritter kannte er zwar nicht aus erster Hand, doch schon als er ihnen das erste Mal gegenüber stand, konnte er die Aura vernehmen, die Kampfkraft und Willen versprühte. Nein, diese Zwei würden sich nicht so leicht besiegen lassen, dennoch galt es keine Zeit zu verlieren, sie einzuholen.
    Keine Minute dauerte es, bis Cedric den Hauptschacht der Mine erreicht hatte. Der steinige Weg schlängelte sich hier in einem sehr steilen Winkel nach unten und die Luft wurde mit jedem Meter etwas dicker. Doch nicht die Eigenschaften des Tunnels beanspruchten Cedrics Aufmerksamkeit, sondern die Leichen schwarz gekleideter Männer, die fast überall lagen. Schnell waren bei den meisten von ihnen tiefe Wunden zu erkennen, aus denen noch Blut lief, doch keiner rührte sich auch nur um Haaresbreite. Der Geruch des Todes lag ihm ungewohnt stark in der Nase. Auf einmal verspürte der Waldläufer Ehrfurcht und blieb einen Moment stehen. Ein schneller Rundblick lies ihn die Zahl der Toten auf etwa fünfzehn oder sechzehn schätzen. Und das nur in diesem Schacht? Hatten sie die Zahl ihrer Feinde unterschätzt? Unangenehme Gedanken machten sich in ihm breit.
    „Schnell, komm!“, wies er Komura an und setzte sich wieder in Bewegung. Nicht lange dauerte es, bis der Tunnel sich wieder verengte und Cedric gezwungen war, geduckt voran zu eilen. Als sich dann abermals ein großer Schacht auftat, staunte er ob des erstaunlichen Anblicks. Vor seinen Augen lag, wohl freigelegt durch die Minenarbeit, der Eingang zu einem antiken, verschütteten Bauwerk. Heller Stein, der unmöglich in dieser Region gefertigt worden sein kann, formte sich zu einer sicher höher als zehn Meter großen Wand. Wobei es sogar wahrscheinlich war, das das alte Gebäude noch viel weiter in die Höhe ragte, allerdings nur ein Teil freigelegt worden war. Kantige Säulen stützten die Konstruktion und glatte Flächen waren mittels Gravuren veredelt worden. Am Fuße der Wand Befanden sich zwei Eingänge, die durch eine Statue eines betenden Menschen voneinander getrennt waren. Am Sockel dieser Statue erblickte Cedric eine Person in schwerer Rüstung und mit gesenktem Kopf. Es war nicht Kecigor, dessen Haar war nämlich etwas heller und hatte keine Kinnlänge.
    „Marek!“
    Besorgt eilte er zu dem Ritter. Mit schlaffen Körper lehnte er in sitzender Position gegen das Gestein und hielt sein Breitschwert offenbar nur noch mit großer Anstrengung. Glücklicherweise zeigte er Bewusstsein und hob den Kopf, als er seinen Namen hörte.
    „Cedric! Also lebt ihr zwei noch. Das ist gut zu wissen.“
    Marek lächelte, doch er war vom Kampf gezeichnet. Das Gesicht müde, dreckig und verklebt von dem Blut, das seine Stirn hinab lief. Auch seine Rüstung wies Kerben und Dellen auf.
    Besorgt erkundigte Cedric sich nach Mareks Verletzungen. Er hoffte inständig, dass er nichts schwerwiegendes erlitten hatte. Zu besonders großen Verarztungen war er nicht im Stande.
    „Mir fehlt nichts. Jedenfalls nichts, weswegen du dir Sorgen machen musst. Das waren alles Anfänger, leider nur viel mehr, als erwartet.“, erzählte er mit ruhiger Stimme. Dann wies er auf den rechten Eingang.
    Kecigor ist da lang gegangen. Wir haben immer noch nicht den Anführer dieses Verstecks gefunden, also muss er sich irgendwo in dieser Ruine aufhalten. Er versuchte sein Glück auf dieser Seite. Ich wäre im Augenblick leider keine Hilfe für ihn, deshalb hab ich ihn vorausgeschickt.“
    Cedric stand wieder auf und spähte in den Eingang. Die Fakeln, die auch dort aufgehängt worden waren, zeigten, dass die Ruine definitiv schon erforscht worden war. Dass sich der Anführer irgendwo dort drinnen aufhielt, war äußerst wahrscheinlich. Für einen kurzen Moment tauschte er einen Blick mit Komura, der anscheinend nur darauf wartete, dass er 'los' sagte.
    „Dann werde ich den linken Gang nehmen.“, verkündete er, was Marek überraschte.
    „Wirklich? Wäre es nicht besser für dich, wenn du Kecigor einholst?“
    Cedric hatte seine Wahl bereits getroffen und starrte bereits entschlossen auf seinen Weg, das Schwert wieder fest in seiner Rechten.
    „So wie ich Kecigor kennengelernt habe, wird er keine Hilfe von mir nötig haben. Nützlich kann ich mich besser machen, indem ich den verbleibenden Gang erkunde. Wer weiß, was passiert, wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen.“
    Cedric Ohren zuckten kurz. Hatte er da gerade ein zufriedenes Lachen von Marek gehört?
    „Nun gut, deine Entscheidung werde ich dir nicht ausreden. Ich verweile hier, viel Glück!“
    Cedric stürmte los.
    Auch dieser Gang war mit Fackeln ausgeleuchtet, zumindest gut genug um in dieses sich ständig windenden Gängen nicht gegen eine Wand zu laufen. Immerhin hatte er das Glück, keine weiteren Gabelungen mehr vorzufinden, so dass er nur diesem hier weiter folgen musste. Nach wenigen Minuten erreichten sie schließlich eine gewundene Treppe, die nach oben führte. Cedric begann sich, während er die Stufen hinauf rannte, zu fragen, wie groß diese Ruine denn war. Oder ob sie alt genug war, dass hier gleich eine Säule einstürzen und ihn unter sich zu begraben versuchte. Die Vorstellung war wenig erstrebenswert.
    Endlich am oberen Ende angekommen, musste Komura kurz auf Cedric warten, da dieser ziemlich ins Schnaufen geraten war. Der Ausgang, den er dann aber erblickte, lies ihn wieder los laufen. Die beiden schoben einige dicke Ranken zur Seite und fanden sich überraschender Weise im Freien wieder. Sie konnten einfach nicht anders, als sich umzusehen. Denn sie standen auf etwas, das wohl man ein Plateau oder so ähnlich gewesen sein soll. Doch zur Zeit seiner Erbauung war das Gebäude sicher noch nicht größtenteils unter der Erde. Doch hier war eine Nische zwischen den steilen Felswänden des Gebirges entstanden und hatte diesen Platz nicht unter Erde und Gestein begraben. Einige Ranken und dünne Äste, die es schafften, an den steilen Hängen zu wachsen, verliehen diesem Ort etwas idyllisches. Ohne die Fackeln die auch die an den Wänden hingen, welche gut 30 Meter auseinander lagen, würde hier in dieser finsteren Nacht, reinste Dunkelheit herrschen.
    Endlich fähig, sich von der malerischen Kulisse zu lösen, entdeckte Cedric am anderen Ende des Platzes, oberhalb einer kleinen Treppe einen weiteren Eingang, der wieder unter den Berg führte. Sein Instinkt sagte ihm, dass dort drinnen sehr bald der nächste Feind warten würde.
    „Wachsam bleiben.“, wies er ruhig an, was unnötig gewesen wäre. Komura schien ähnliches zu vermuten und hatte seine Sinne scharf gestellt. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort.
    Doch weit konnten Sie nicht ins Innere vordringen. Cedrics Augen konnten gerade noch so ein helles Glitzern im Lichtschein der Fackeln erkennen, ehe er und Komura unter dem Beschuss spitzer Geschosse wieder zurück gedrängt wurden. Die kleine Treppe hinter ihnen, konnte das Feuerpokémon mit einem Sprung überwinden, Cedric jedoch hatte sein Gleichgewicht beim Versuch auszuweichen verloren und purzelte schmerzhaft den harten Stein hinunter. Als er rasch wieder auf die Beine kam, stand in der Tür ein dünner, aber groß gewachsener Mann. Wie alle anderen trug er Stoff und Leder in Schwarz, hatte zusätzlich aber noch stählerne Panzerung an Schienbein, Handgelenk und Schulter. Sein Gesicht war sehr schmal und teils von dem langen Haar, dessen Schwarz schon allmählich verblasste, eingehüllt.
    Direkt neben ihm stand ein aufrecht gehendes Wesen, das ihm gerade mal zur Hüfte reichte. Die rote Feder am Kopf, sowie die hell aufblitzenden Klauen an den Händen waren ein starker Kontrast zur ansonsten sehr dunklen Färbung des Pokémons. Zudem war es keines, das man häufig zu Gesicht bekam, doch Cedric konnte es identifizieren.
    „Das ist etwas seltsam“, sprach der Mann mit klarer Stimme.
    „Hatten mir meine Untergebenen nicht gesagt, dass Ritter in unser Versteck eingedrungen wären? Wenn das stimmt, wer magst du dann wohl sein?“
    Seine Ausdrucksweise und Formulierungen ließen keinen Zweifel, dass Cedric endlich zum Anführer des Verstecks vorgedrungen war. Zudem ging ihm der hochmütige Tonfall sofort ziemlich auf die Nerven.
    „Tja, das braucht dich nicht zu interessieren. Wichtig ist nur, dass du mit mir erst mal Vorlieb nehmen musst!“
    Waldläufer und Pokémonpartner begaben sich in Kampfstellung, gewillt diesen letzten Gegner ebenso zu Fall zu bringen, wie seine Untergebenen. Der aber verschränkte nur die Arme.
    „Dann wollen wir doch mal sehen, ob du und dein Gefährte mich ein wenig unterhalten können.“
    Als wäre dies der Befehl gewesen, machte sich nun Sniebel bereit und erzeugte mit ausgebreiteten Klauen erneut eine Salve kleiner, spitzer Eiszapfen, die es auf die zwei feuerte. Eine Eissplitter-Attacke. Doch das war kein Problem.
    „Flammenwurf, schnell.“
    Das Tornupto hatte sein Feuer entzündet, war somit längst bereit und hatte nur auf die Anweisung gewartet. Folglich dauerte es nur einen Herzschlag, bis die geballte Feuerkraft entfesselt wurde und die Eissplitter ohne große Schwierigkeiten neutralisierte. Offensichtlich hatte Cedric heute echt Glück. Mit einem Feuertyp an seiner Seite war er gegenüber einem Eiswesen wie Sniebel im Vorteil. Gerade gab der erloschene Flammenwurf die Sich auf den Gegner wieder frei. Zeit für...
    Cedric hielt inne. Da war nur der Anführer, sonst nichts. Wo war Sniebel?
    Hektisch drehte Cedric sich in alle Richtungen. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen, als er sah, dass Komura, der rechts neben ihm stand, ebenfalls keine Ahnung hatte, wo es sich befand. Konnte er auch nicht, es war in seinem toten Winkel. Mit scharfen Klauen sprang Sniebel in die Luft, bereit den Nacken des feindlichen Pokémons aufzuschlitzen.
    Mit panisch geweiteten Augen hob Cedric sein Schwert. Bloß nicht. Auf keinen Fall durfte er das zu lassen!
    Sein Schlag hatte wenig Kraft. War mehr verzweifelt, als koordiniert. Doch er reichte aus. Er reichte gerade so dafür, Sniebels Schlitzer aufzuhalten und Komura zu schützen. Der wiederum registrierte nun die Situation und wollte sich brüllend auf den Gegner werfen. Doch flink und elegant vollführte der ein-zwei Sprünge, wich aus und verpasste dem Tornupto noch einen Schlag auf die Schnauze. Leichtfüßig landete es wieder vor seinem Meister und hielt einen Moment seine Position.
    Ein wiederholtes Klatschen sowie ein leicht erheitertes Lachen erfüllten danach die Luft. Es war der langhaarige Mann, der belustigt applaudierte.
    „Sehr gut, sehr gut. Keine schlechte Reaktion. Viele sind an der Stelle bereits tot.“
    Jetzt war Cedric regelrecht angepisst. Bildete sich der Dreckskerl allen ernstes ein, sie würden hier die Theatergruppe für ihn sein? Er sah doch nur zu und lies sein Pokémon kämpfen. Doch zu gerne würde er ihm dieses Grinsen aus dem Gesicht prügeln.
    „Nun denn. Lasst uns sehen, was ihr noch zu bieten habt.“
    Nur einen sehr kurzen Blick warf er Sniebel zu.
    „Agilität, rasch.“
    Das war definitiv ein Problem. Nicht genug, dass dieses Pokémon so schon zu den schnellsten überhaupt gehörte. Nun wurde dieser Effekt durch diese Technik noch verstärkt und lies das Eispokémon wieder und wieder nur kurz erscheinen, ehe es mit unerkennbarer Geschwindigkeit wieder verschwand. Leider fingen die Probleme damit erst an.
    „Nun Verhöhner.“
    Cedric war froh, dass er gelernt hatte, sich die seltenen Techniken besonders gut einzuprägen, falls der Ernstfall eintreten sollte. Doch genau aus dem Grund erschrak er bei diesem Wort. Ein simples, provokantes Heranwinken von Sniebel verleitete Komura zum unkontrollierten Angriff. Gegen seinen Willen preschte er frontal auf seinen Gegner zu. Der aber nutzte nun seine gewonnene Geschwindigkeit und lies ihn nach belieben hinter sich her jagen.
    Cedric versuchte nicht erst, die Wirkung mit Worten zu bekämpfen. Ihm war klar, dass Komura selbst wusste, dass er gleich ins offene Messer rennen würde. Dieser Anführer hatte wirklich hinterhältige Taktiken parat. Erneut hastete Komura dem eben wieder erschienenen Sniebel entgegen.
    „Flammenrad, los!“
    Die Attacke galt nicht dem effektiven Angriff, sonder eher der Schadensbegrenzung. Gerade als das Eiswesen seine Klauen erhob um seinen Widersacher tiefe Schnitte zuzufügen, hüllte dieser sich in Windeseile in eine brennende Kuppel. Das Ergebnis des Aufpralls war besser, als erwartet. Begleitet von einem schmerzhaften Aufschrei wurde Sniebel zurück geschleudert und landete unsanft. Die Chance war da!
    „Mit Flammenwurf nachsetzen!“
    Wieder schien es, als habe Komura nur auf diese Worte gewartet, so schnell entfesselte er die lodernde Feuerbrunst. Die Hitze des Kampfes trieb Adrenalin durch seinen Körper und verbesserte seine Reaktion. Doch es war nicht genug. Jedenfalls nicht für einen so flinken Kontrahenten. Die Attacke verfehlte und wieder erschien das Eiswesen in Komuras totem Winkel.
    „Du kleines...“
    Wutendbrand machte Cedric einen Satz nach vorne um den Angriff dieses nervigen Vieches erneut zu stoppen. Da spürte er einen unerwarteten Einschlag in der Magengegend, wodurch er rasch den Drang verspürte, sich zu übergeben.
    „Du bist sowas von unaufmerksam. So nützen dir deine guten Reflexe nur wenig.“, wurde er belehrt. Warum zum Geier hatte er nicht gemerkt, dass der Anführer sich nun doch in den Kampf einmischte?
    Cedric wollte fluchen, erstarrte jedoch, als er ein tiefes Heulen vernahm. Mit entsetzen drehte er sich um und stellte fest, dass Sniebels Angriff erfolgreich war. Die scharfen Klauen hatten Komura eine blutige Wunde zugefügt, die sich quer über seine Schnauze zog und dem Feuerpokémon mehr als offensichtlich große Schmerzen bereitete. Cedrics Körper füllte sich mit Hass.
    „Warum nur...“, flüsterte er und hieb schreiend mit seiner Klinge auf den Dreckskerl vor ihm ein, „verreckst du nicht einfach?“
    Der Waldläufer geriet in eine unkontrollierte Rage. Mit Zorn und purer Gewalt wollte er sein Gegenüber zerstückeln, der aber jedem Angriff auszuweichen wusste. Dennoch trieb Cedric ihn so immer weiter zurück, bis er schließlich mit dem Rücken an der Steinmauer stand.
    'Jetzt hab' ich dich.', triumphierte er in Gedanken.
    Der Schattenkrieger wich auch diesem Schlag aus. Eine wahnsinnig schnelle Drehung rettete ihn vor dem scharfen Stahl. Dieses Mal blieb es jedoch nicht beim Ausweichen. Als er in fließender Bewegung die rechte Faust hob, sah Cedric etwas metallisches aufblitzen. Und in dem Moment erst erkannte er mit schockiert geweiteten Augen, der Mann trug Kampfhandschuhe, die mit Klingen versehen waren. Es war ihm nicht aufgefallen, da die Klingen ebenfalls Schwarz waren, aber sie zogen sich über Handrücken und den kompletten Unterarm. Es gab keine Chance zur Parade. Der bespickte Handschuh traf ihn genau auf der Schwerthand, was Cedric nicht nur die Waffe entriss, sondern auch die Haut zerfetzte und das Fleisch darunter schnitt.
    Der darauf folgende Angriff mit der Klinge konnte er mit der seinen blocken, sodass beide eine Sekunde mit knirschenden Stahl zwischen ihnen verweilten. Der Schattenkrieger agierte in der Folge schneller. Mit der Rechten blockend, verhinderte er ein Vorankommen des Schwertes, sodass dieses zitternd stoppte. Sogleich holte er mit der Linken aus. Cedric konnte sich nicht erklären, was dann passierte. War es das Alter der Waffe? Der leicht geschundene Zustand des abgenutzten Materials? Oder war das die Kraft, mit der Leute seines Schlages kämpften? Was immer von all dem der Wahrheit entsprach, es sorgte dafür, dass der Hieb seines Gegners auf die Mitte der Klinge zu viel war. Für Cedric lief die Zeit unbeschreiblich langsam ab, als vor seinen Augen das Schwert seines Vaters zerbrach. Große Bruchstücke samt einiger kleiner Splitter schienen einen Moment vor seinem geweiteten Auge zu schweben. Als seine Wahrnehmung sich normalisierte, vielen eben jene zu Boden und ein wuchtiger
    Tritt schleuderte Cedric davon.
    Sich sogleich wieder aufrappelnd wurde ich dann mit einem Schlag klar, das er verloren hatte. Er selbst war entwaffnet, Komura lag angeschlagen in seinem Rücken und sein Gegner positionierte sich für den finalen Schlag.
    Es war vorbei.
    Doch konnte das einfach so sein? Hatte er an diesem Wendepunkt tatsächlich zu viel gewollt und war dieser Herausforderung nicht gewachsen? Er blickte auf den Schwertgriff in seiner Hand und anschließend zu seinem Partner. Seine Augen waren zugekniffen vom Schmerz, die Wunde blutete stark. Er war schutzlos, sie beide waren das. Musste er das einfach hinnehmen? Nein, ganz sicher nicht!
    Ohne sein Handeln wirklich zu registrieren, lies Cedric den Griff fallen. Während der klappern zu Boden ging, breitete er schützend die Arme aus. Die Augen panisch aufgerissen. Die pure Verzweiflung im Zwist mit dem unbeugsamen Willen.
    Bis hierher und nicht weiter.

  • Hey, Firefly !


    ich möchte mich auch mal wieder zurückmelden, mit einem Kommentar zum aktuellen kapitel!


    Zum Einstieg direkt eine Anregung: Wäre es gerade bei längeren Schreibpausen möglich, eine "Was bisher geschah"-artige Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse zu machen? Manchmal ist man doch etwas raus und auch Neueinsteigern würde das sicher helfen.


    Anyway, es folgen ein paar Zitate!


    Deine Geschichte geht mal wieder spannend weiter. Dass Cedric im Verlaufe der Handlung nicht unbedingt unseren gängigen Moralvorstellung nach handelt, macht ihn dabei als Charakter umso glaubwürdiger. Es wäre interessant gewesen, wenn das grundsätzlich etwas mit seinem Charakter gemacht hätte und man merken würde, dass seine Hemmschwelle absinkt, bis er an einen Punkt der Erkenntnis kommt und sieht, wie er sich verändert hat.

    So, wie es gelaufen ist, ist aber nachvollziehbar. Das Ende des Kapitels lässt einen natürlich gespannt zurück - vor allem, weil es so toll (weniger für Cedric als eher für den Leser) ist, dass der Kampf am Ende zu seinen Ungunsten ausgeht, oder es wenigstens so aussieht. Nein, ich hoffe wirklich, dass er verliert, weil das zeigen würde, dass der Held nicht unfehlbar ist und auch mal einen "Nebenkampf" verlieren kann.


    Bis zum nächsten mal!


    ~ Sheo

  • Nice, du hast dich wieder hierher verirrt :P


    Eine Zusammenfassung ist tatsächlich keine schlechte Idee. Sollte ich evtl. wirklich mal in Angriff nehmen.


    Hast dir ja einiges an Zitaten rausgefischt. Auf alle gehe ich natürlich nicht einzeln ein. ^^

    Generell habe ich den Eindruck, dass du ganz gern kleine, scheinbar wenig bedeutende Details ins Auge fasst, die in den Texten Eingebaut sind. Ebenso meine Versuche einer bildhaften Darstellung von Gedanken oder Handlungen. Diese genaue Beobachtung gefällt mir sehr an deinem Kommentar, da es tatsächlich nichts, aber auch gar nichts gibt, das grundlos seinen Weg in meine Texte gefunden hat. Ich versuche mein Bestes, so viele Informationen wie möglich einzubauen, den Text aber so zu halten, dass er sich nach wie vor möglichst flüssig liest. Führt leider manchmal zu sehr sehr zähen Phasen beim Schreiben.


    Um ein paar deiner Fragen zu klären:


    Der Kampf gegen den Attentäter habe ich deshalb nicht aufgeschrieben, da sein Verlauf selbst tatsächlich keine Bedeutung von mir erhielt. Hätte ich das gemacht, hätte mir der Sprung zu Cedrics Mord, verkleider als der Attentäter, nicht mehr richtig gefallen, da es sogar noch vorhersehbarer geworden wäre.

    Dass der Kerl ein Profi sei, wurde nie behauptet. Schließlich war seine Taktik zwar absolut erfolgreich, war aber auch genau so simpel. Also weder Amateur, noch Veteran dieses "Berufszweiges" xD Zudem ist das Überraschungsmoment, welches klar auf Cedrics Seite ist, keinesfalls zu unterschätzen.


    RPG's sind mein unangefochtenes Lieblingsgenre bei games. Sie haben weit mehr inspiriert, als nur einfache Szenerien und deren Beschreibung :)


    Bei deinem letzten Zitat war ich leicht verwundert. Habe ich hier tatsächlich einen Fehler gemacht und mir selbst wiedersprochen? Irgendwie leidet gerade bei Kämpfen mein Schreibfuluss am meisten und es wir viel probiert und geändert. Das gehe ich definitiv nochmal durch und ändere es ggf. ab. Danke für den Hinweis.


    War eine erfreuliche Überraschung, dich hier mal wieder zu lesen.

    Bis bald.

  • @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    15: Wichtige Entscheidung


    Der Schattenkrieger hielt einen Moment inne. Cedric war nicht sicher, wie er sein Aufrichten des Kopfes genau deuten sollte. Verwunderung war zweifelsohne zu erkennen, doch in seinem Blick, so düster er sein mochte, glaubte er Anerkennung zu finden.

    Der Anführer fasste sich und holte erneut aus.

    „Lebe wohl.“, flüsterte er. „In der Finsternis unseres Herrn.“

    Mit einem Male schien die Szene zu explodieren. Es knallte laut, eine Druckwelle fegte über den Hof und man vernahm das Bersten von festem Stein. Unmittelbar neben den Beiden hatte etwas die Wand durchbrochen, besser gesagt, einfach hinweggefegt. Was blieb, war ein großes Loch, dessen Schatten nichts preisgeben wollte.

    Aus diesem Schatten sprang eine große, humanoide Gestalt. Sie hieb nach Cedrics Widersachern, die ob der Überraschung gleich zurück wichen.

    Razton, Kecigors Lohgock!

    Eben jener stapfte gerade ebenfalls ins spärliche Licht, welches von seiner schimmerden Rüstung aufgefangen wurde. Es war wie im Märchen. Der strahlende Ritter in der Nacht, der zur Rettung eilte.

    Kecigor sah sich um, registrierte sofort die Lage und wandte sich an Cedric.

    „Du bist echt erstaunlich.“ Er packte den Griff seines Schwertes. „Du hast dich wirklich reingehängt, zumindest so sehr, dass Razton euren Kampf wahrnehmen konnte. Ich werde das für dich zu Ende bringen.“

    In Windeseile entstanden zwei Duelle. Mensch und Pokémon standen sich inmitten des Hofes gegenüber und hielten erbarmungslos aufeinander ein. Cedric konnte klar erkennen, dass der Schattenkrieger den neuen Gegner sofort ernst nahm und plötzlich sehr viel konzentrierter agierte als zuvor. Die Kraft, mit der beide Kämpfer zuschlugen war mit nichts vergleichbar, was er jemals gesehen hatte. Der Klang des Metalls schien bei jeder Kollision von überall wider zu hallen und die Luft vibrierte förmlich beim Schlagabtausch. Dabei waren die Kontrahenten auf jeder Seite von gleichem Maßstab. Kecigor, der mit seinem Zweihänder den nur leicht bewaffneten Schattenkrieger zu diversen Ausweichmanövern zwang, und Razton, der durch kräftemäßige Überlegenheit Sniebel mit Hieben und Tritten ähnlich einschränkte. Beide attackierten ohne Pause und schwungvoll. Kräftezehrende Paraden und Ausweichbewegungen waren nahezu alles, wozu die Gegner in der Lage waren.

    Cedric wusste, dass er nicht eingreifen sollte. Es war mehr als deutlich, dass er in diesem Augenblick nur im Wege stünde. Also raffte es sich auf, knickte sogleich unter seinen kreischenden Muskeln wieder ein und kroch somit auf alles Vieren zu Komura rüber. Die zwei großen Schnitte auf seiner Schnauze sahen mies aus, beunruhigten Cedric aber nach kurzer Überprüfung nicht weiter. Mehr als eine unschöne Narbe würde dies nicht zur Folge haben.

    „Hey, komm schon, Großer. Steh auf.“

    Leicht klatschte er mit der flachen Hand gegen seine Schläfe. Das Tornupto öffnete seine Augen. Cedric brachte unter seiner Erschöpfung ein Lächeln hervor.

    „Das ist mein Junge.“, keuchte er. „Nein, warte.“

    Komura hatte sich blitzschnell umgesehen und wollte schon zu Sniebel rennen, um sich für seine Wunde zu revanchieren. Doch Cedric hielt ihn zurück.

    „Wir überlassen das den Beiden.“ Dies war kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Viel Zeit war vergangen, seit er so bestimmend mit seinem Pokémon gesprochen hatte, doch es hielt sich daran, auch wenn man Widerspruch aus den Augen erkennen konnte.

    Inzwischen war bei den Kontrahenten ein Kräfteunterschied unverkennbar. Während die flinken Manöver die Unlichtfraktion ziemlich außer Atem brachte, schienen ihre Gegner deutlich mehr Ausdauer zu besitzen, wirken sie doch kein Stück ermüdet.

    Nun sahen wohl alle ein, dass der Zeitpunkt gekommen war, zusammen zu kämpfen.

    Seinen Nachteil erkennend wich der Schattenkrieger nun hinter sein Sniebel.

    „Los, Eissplitter!“, brüllte er.

    Kecigor machte es ihm nach. Als Mensch konnte er solche Attacken sehr viel schlechter wegstecken als Razton.

    „Mit Himmelhieb zerschlagen.“, verlangte er ruhig.

    Wie zuvor schon gegen Cedric und Komura lies das dunkle Pokémon scharfe Eiszacken um sich erscheinen, die es auf seinen Gegner feuerte. Doch das Lohgock tat ebenfalls, wie ihm befohlen wurde und lies seine Fäuste hell aufleuchten. Offenbar ohne geringste Probleme wurde ein Eisbrocken nach dem anderen zerschlagen. Der Angriff hatte keine Chance eines der beiden Ziele zu erreichen.

    Sniebels Meister biss sich zornig auf die Unterlippe. Alle wussten, in welch aussichtslosen Lage er sich befand, beherrschte sein Pokémon schließlich nicht einen Angriff, der einem Wesen mit Feuer- und Kampfgenen effektiven Schaden verpassen könnte. Somit war der nächste Befehl ebenfalls ohne wirklichen Plan.

    „Schlitzer, mach schon!“

    Wieder reagierte Kecigor sofort.

    „Du auch Schlitzer. Öffne eine Lücke.“

    Wie ihnen geheißen war, gingen die zwei Pokémon jetzt in den Nahkampf. Mit glänzenden Krallen und Klauen hieben sie aufeinander ein, zu schnell, als dass ein menschliches Auge alle Bewegungen erkennen konnte. Das Klirren, dass dabei entstand, erinnerte ein wenig an das Geräusch zweier aufeinander treffender Klingen. Den klaren Vorteil hatte hier wie schon zuvor Razton. Gegen ein fast genauso schnelles Pokémon mit immenser körperlicher Überlegenheit und einem Elementvorteil schien Sniebel einfach nur hilflos. So war es auch kaum unerwartet, dass Lohgock es gelang, mit einem wuchtigen Angriff die Oberhand zu gewinnen. Zwar konnte der Schlitzer pariert werden, brachte dafür den Bewegungsfluss des kleinen Pokémons komplett zum erliegen und schleuderte es etwas nach hinten. Die Verteidigung war durchbrochen.

    „Jetzt Feuerschlag!“, rief Kecigor.

    „Versuchs doch!“

    Plötzlich wollte der gerade gänzlich in den Hintergrund gerückte Schattenkrieger wieder eingreifen. Es war einer dieser entscheidenden Augenblicke, in denen alles wie in Zeitlupe geschah. Als Razton die rechte Kralle in heißen Flammen lodern lies, stürmte er nach vorne. Er wollte ausnutzen, dass das Feuerpokémon nur einem Kontrahenten seine Aufmerksamkeit schenkte und sich mordend zwischen den Angriff zu werfen. Noch bevor er sie erreichen konnte prallten seine Bewaffneten Handschuhe gegen großen Stahl. Kecigor hatte die Situation erahnt und schneller gehandelt. Der Schattenkrieger hatte keine Chance an ihm vorbei zu kommen um konnte so nicht verhindern, dass Lohgock Sniebel ein, zwei vernichtende Schläge verpasste. Erfüllt von den Schmerzen durch die Wucht und des Feuers jaulte das kleine Wesen auf, wurde fortgeschleudert und kam neben seinem Meister zum erliegen. Es regte sich nicht mehr.

    „Du verfluchter...!“, brüllte er, brachte wieder Distanz zwischen sich und Kecigor und breitete die Arme aus. Nun bekam Cedric das zu sehen, wovon er bisher nur hören durfte. Diese besondere Fähigkeit, um die sich Mythen und Legenden rankten, Magie.

    Als der Schattenkrieger die Finger krümmte, bildete sich direkt vor seinem Körper eine schwarz-violette Masse. Die Luft vibrierte förmlich bei dieser Energie. Mit einer ausholenden Bewegung wurde die dunkle Masse plötzlich in einer Spirale hinfort gejagt und sah einer Finsteraura Attacke nicht unähnlich.

    Kecigor zeigte sich nicht beeindruckt, sammelte nur für einen Moment seine Konzentration. Er hob seine Rechte, deren Finger angespannt und gekrümmt waren. Ähnlich wie sein Gegner erschien aus dem Nichts magische Energie, die sich bei ihm jedoch als hell lodernde Feuerkugel manifestierte. Der Ritter holte kurz aus und streckte diesen brennenden Orb in seiner Faust direkt dem Schattenangriff entgegen. Unmittelbar vor ihm stoppte die dunkle Masse und wurde prompt von den Flammen verzehrt. Aus Schatten wurde Feuer, welches sich bis zum Widersacher fraß und vor seinem Gesicht detonierte.

    Kurz von diesem Angriff benommen sah er sogleich den Ritter auf ihn zu hechten. Die gekreuzten Arme vor der Brust waren nichts weiter als ein planloser Schutzreflex, ohne jede Wirkung. Mit einem kräftigen Stoß rammte Kecigor sein Schwert in den Oberkörper des Mannes. Da sich eine so große Waffe nicht so einfach in ihr Opfer hineinbohrte, war dieser Angriff noch nicht tödlich. Jedoch versetzte sie den Schattenkrieger in Einsicht seiner Niederlage und in eine Starre. Mit leeren Augen sah er, wie der Ritter noch einmal mit beiden Händen über dem Kopf ausholte und den entscheidenden Schlag ausführte. Blut spritzte hervor, als der Körper des Mannes zusammen brach und neben seinem Pokémon zum erliegen kam.

    Razton und Kecigor, an dessen Seite er gerade trat, betrachteten einen Moment still die beiden besiegten Gegner. Das Pokémon bewusstlos, der Mann leblos. Ersteres würde verschont werden. Diese Schlacht war gewonnen, ein weiterer Tod wäre ohne jeden Zweck. Als sie sich dann abwandten, befreite Kecigor sein Schwert mit einem Schwung von einer groben Menge des Blutes, ehe er die Waffe zurück steckte. Auftrag erfolgreich.

    Mit zufriedenem Blick wandte er sich Richtung Cedric und Komura, die an Ort und Stelle verweilt hatten. Ihre Blicke zierte eine Mischung aus Erstaunen, Erleichterung und Respekt. Ihre Gegenüber schauten nur zufrieden.

    „Lass uns Marek holen und heim gehen.“


    Als Cedric sich endlich aus dem Bett wühlen konnte, war es schon fast Mittag. Doch er konnte nichts dafür. Die Nacht war lang und anstrengen, aber der Grund, warum er so gut schlafen konnte, war ein anderer, das wusste er genau.

    Gestern hatte er im Austausch einen Aufenthalt im Knast gegen die Unterstützung zweier Ritter bei ihrer Aufgabe eingetauscht und war erfolgreich gewesen. Es fühlte sich einfach gut an und bekräftigte ein angenehmes Gefühl von Befriedigung in seiner Brust. Fast schon in kinderähnlicher Manier auf den neuen Tag freuend, sprang der ausgeschlafene Waldläufer nun aus dem Bett. Komura war wohl schon längst auf, angesichts seines leeren Schlafplatzes. Cedric zog sich die Stiefel über, wischte sich die Haare aus dem Gesicht – vielleicht war es mal an der Zeit, diese zu schneiden – und trat aus dem Schlafzimmer.

    Im Aufenthaltsraum sah er, dass Reinhold den Schmiedehammer momentan ruhen lies und den Tisch mit Essen bestückte. Brot und Käse standen schon bereit, als er den Blick hob.

    „Ist das jetzt Zufall, dass du gerade jetzt wach bist, oder hast du eine gute Nase?“

    „Du hast auch immer einen dämlichen Spruch parat.“

    Für gewöhnlich hätte Cedric solch eine Bemerkung genervt ignoriert, doch bei seiner guten Laune konnte er diesmal problemlos darüber lachen. Fast schon war er sich selbst etwas unheimlich. Reinhold lachte nur und holte Wasser und Schinken an den Tisch und beide nahmen Platz.

    „Dann wohl beides, Mahlzeit.“

    Cedric musste sich zügeln, nicht alles Essen auf einmal zu inhalieren. Aber verdammt, hatte er einen Kohldampf. Glücklicherweise startete Reinhold ein Gespräch, das ihn davon abhielt.

    „Gehst du heute nochmal zur Kaserne?“, fragte er und riss ein Stück von seinem Brot ab.

    Cedric nickte stumm, bevor er ein Stück vom Schinken hinunter schluckte.

    „Erstmal sehe ich nach Marek. Sie meinten, ihn zu versorgen, wäre nicht schwer, da seine Wunden nicht zu tief seien.“

    Als sie in der Nacht allesamt zurück gekehrt waren, hatte eine Wache Kommandant Ullrich aus dem Bett holen müssen. Die Nachricht vom Erfolg des Einsatzes hatte ihn erfreut und er bestand darauf, den angeschlagenen Ritter unter seiner Obhut versorgen zu lassen. Auch Cedrics Haftstrafe wurde wie vereinbart fallen gelassen und er erhielt für seine Dienste sogar eine gute Bezahlung. Cedric hatte sich zwar gefragt, ob er sich das wirklich verdient hatte, doch Kecigors lobende Worte, die er über ihn an Ullrich richtete, hatten offenbar Wirkung gezeigt. Zumindest würde er damit Reinhold für seine Gastfreundschaft entlohnen können, denn als Schnorrer wollte er nicht bei ihm unterkommen.

    „Und was hast du jetzt als nächstes vor?“, wollte der Schmied wissen.

    Cedric, der sich gerade die Flasche mit dem Wasser genommen hatte, lächelte.

    „Da hab ich schon was ganz spezielles im Kopf.“


    „Ich will einer von euch werden.“

    Mit gerader Haltung und festen Blick hatte er seinen Wunsch Kecigor gegenüber geäußert, welcher nur eine Augenbraue anhob.

    „Irgendwie überrascht mich das,“ ein grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „aber irgendwie auch wieder nicht.“

    Die beiden standen am äußeren Ring der Kaserne, wo der Ritter ihnen am Vortage noch sein Pokémon vorgestellt hatte. Nachdem man sich nach Mareks Zustand erkundigt hatte – wie vermutet hatte er keine schlimmen Verletzungen erlitten und musste nur einige Fleischwunden verheilen lassen – hatte Cedric um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Sein Entschluss, endlich was aus seinem Leben zu machen, sowie die Sicherheit, die richtige Aufgabe für sich gefunden zu haben, waren unerschütterlich.

    „Ich hatte von vornherein gedacht, dass du das ganze nicht einfach so an dir vorbeiziehen lässt. Dafür hast du zu viel Schneid.“, erzählte er euphorisch.

    „Du weißt, dass für unseren Orden keinerlei Adelstitel oder dergleichen notwendig sind. Rein kommt, wer als würdig gesehen wird, ungeachtet seiner Herkunft. Doch wer sich würdig erwiesen hat, das entscheiden ganz andere.“

    Ein starkes Herzklopfen hatte Cedrics Brust erschüttert, allein da nicht gleich eine Widerrede ertönte. Die Möglichkeit bestand also.

    „Dann bring mich zu wer auch immer mich bei euch aufnehmen kann.“

    Er merkte garnicht, wie er voller Enthusiasmus die Faust geballt hatte, wie ein ungestümer Junge. Am liebsten würde er sofort zu besagter Person rennen.“

    Kecigor nickte.

    „Gut, dann will ich dir diese Chance natürlich geben. Gibt es denn noch etwas, dass du vorher noch erledigen musst?“

    Sanftes Kopfschütteln.

    „Ich bin bereit, aufzubrechen.“

    Nur kurz hatte es gedauert, sich von Marek und Ulrich zu verabschieden und die beiden wartenden Feuerpokémon zu holen. Schon traten sie die Treppenstufen der Kaserne hinab, wodurch das Stadttor ja bereits quasi um die Ecke lag. Doch an sprichwörtlich dieser Ecke wartete eine Person, die die Reisenden schon bei Sichtkontakt fixierte, sich selbst aber nicht von der Stelle rührte, Tristan. Cedric war überrascht, ihn hier zu sehen.

    „Gebt mir einen kurzen Moment.“, sagte Cedric der Gruppe und ging zum Straßenrand.

    Der Blick des Schwarzgekleideten, welcher mit verschränkten Armen an der Mauer lehnte, war nicht zu deuten. Ob er enttäuscht war, dass er nun einfach verschwand? Der Gesprächseinstieg gestaltete sich jedenfalls als schwierig.

    „Hey.“, hauchte der Waldläufer.

    „Hey.“

    Eine unangenehme Pause. Doch schließlich sprach Tristan.

    „Du ziehst also weiter.“

    „Ja.“ die Antworte kam nur mit einer sehr trüben Stimme.

    „Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht dachte ich ja, dass du dich hier in Toldus niederlassen willst oder so, keine Ahnung. Aber...“

    „Entschuldige.“, unterbrach Cedric ihn.

    „Ich weiß ja, dass es unangebracht ist, mich jetzt einfach so aus dem Staub zu machen. Aber ich will das unbedingt tun.“

    „Dann ist es gut so.“

    Cedric Blick, der etwas Richtung Boden gewandert war, hob sich rasch wieder. Tristan hatte seine Haltung nun gestrafft und lächelte.

    „Du hast nun endlich eine Aufgabe gefunden, der du nachgehen willst. Du hast deinem Leben selbst einen Sinn gegeben.“

    Cedric las Tristans Augen genauestens, lies die Worte in seinem Ohr widerhallen. Das war keine einfache Höflichkeit, er freute sich wirklich für ihn. Damit erhellte sich auch seine eigene Miene.

    „Danke. Du hast mir mehr als nur geholfen.“

    Er reichte ihm seine Hand.

    „Das werd' ich dir nicht vergessen.“

    Sie wurde ergriffen.

    „Ich würde dich eh dran erinnern, wenn doch.“, lachte Tristan.

    Nach dieser Verabschiedung war es nun an der Zeit, die Stadt zu verlassen. Das Tor wurde heute von zwei ihm unbekannten Soldaten bewacht. War wahrscheinlich auch besser so. Nur einige Schritte später hielt Cedric die Gruppe aber nochmal an.

    „Was ist?“, erkundigte Kecigor sich.

    Eine Antwort bekam er nicht wirklich. Cedric sah sich nur mit undeutbarem Blick um und bog nach rechts in die Wildnis ein. Der Ritter sah Rat suchend zu Komura, der ihn allerdings ignorierte. Also folgte er ihm neugierig und lies die beiden Feuerpokémon für den Moment auf dem Weg zurück. Cedric watete die Stadtmauer entlang zwischen den Bäumen und hielt an einer Stelle an, wo ein großer, pflanzenfreier Halbkreis am Gemäuer war. Diese Stelle schien angemessen.

    Mit einem immernoch verwunderten Kecigor im Rücken holte Cedric nun etwas hervor. Den Griff seines zerbrochenen Schwertes. Nur noch der Ansatz der Klinge war übrig, bevor einem die hässliche Bruchstelle ins Auge stach. Gerade genug, um das zerborstene Überbleibsel senkrecht in den Erdboden zu stecken. So, wie es da weilte, hätte man noch gut vermuten können, das hier jemand ein vollständiges Schwert zurück gelassen hat. Einen letzten betrübten Blick schenkte er der Waffe, die ihm Gregorio vor Jahren hinterlassen hatte. Als er sich aus der kniendenposition erhob, spürte er plötzlich die Hand von Kecigor auf seiner Schulter.

    „Dass dein Schwert zerbrochen ist, ist ohne Zweifel schade, jedoch ein Glücksfall angesichts dessen, was sonst noch womöglich passiert wäre.“

    Cedric sah betrübt zu Boden.

    „Ein Glücksfall...“ flüsterte er. Ein müdes Lächeln kam ihm empor. Kecigor schien zu realisieren.

    „Die Waffe hatte eine Bedeutung für dich, hab ich Recht?“

    Ein Nicken.

    „ Sie war stark und trotzdem leicht. Ich weiß nicht wo sie geschmiedet wurde, jedenfalls ist sie nicht für mich angefertigt worden. Trotzdem schien es mir immer, als wären das Schwert und ich perfekt aufeinander abgestimmt. Es war ein herrliches Ding. Und trotzdem, ich hätte es eigenhändig in tausend Stücke geschlagen, würde mir das meinen Vater zurück bringen.“, erzählte er mit rauer Stimme.

    Dies sollte als Erklärung genügen. Cedric wollte keine Details erläutern. Ob er ihm jemals die ganze Geschichte erzählen würde? Vielleicht, aber nicht hier und schon gar nicht jetzt.

    „Aber das Vergangene wird sich nicht wiederholen. Jetzt stehen wir zusammen und gehen einen gemeinsamen Weg.“

    Diese Worte der Aufmunterung zeigten Wirkung beim Braunhaarigen und lies seine hängenden Schultern sich aufrichten. Ja, es war an der Zeit, das Vergangene endgültig abzuhaken und den Blick nach vorne zu richten. Keine Ausnahmen und keine Ausflüchte, nur noch Einsatz und Hingabe.

    „Ja.“

    Der letzte Blick auf das gebrochene Schwert und somit in die Vergangenheit.

    „Ruhe in Frieden, alter Herr.“

    Nach kurzem Rückweg zu den wartenden Pokémon machte sich die Gruppe auf den Weg.

  • @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    16: Es zählt der Wille


    Die Gruppe war noch nicht sehr lange unterwegs. Toldus und seine umher liegenden Felder waren erst vor kurzem außer Sicht geraten, als Cedric gerne ein paar Fragen stellen wollte.

    „Sag mal,“ setzte er an und folge Kecigor über einen umgefallenen Baum steigend, „was für einen Weg haben wir eigentlich vor uns? Wie weit ist es zu eurem Stützpunkt?“

    Kecigor kratzte sich mit einem Finger an der Schläfe.

    „Hm...wenn wir das gleiche Tempo halten, mit dem Marek und ich gereist sind, erreichen wir es in zwei Tagen.“

    Obwohl der Ritter vorauslief ohne sich umzudrehen, nickte Cedric. 'Das geht.', dachte er sich und hätte auch eine längere Reise erwartet. Er schloss ein paar Schritte auf.

    „Kannst du mir mehr über den Orden erzählen?

    Ein leichtes Lächeln zeigte, das Kecigor Cedrics Neugier gefiel.

    „Das Wesentliche über uns, wirst du vor Ort schon noch erfahren. Aber was möchtest du denn wissen?“

    Schwierig, fürs Erste nur ein paar wenige Fragen auszusuchen. Cedric versuchte 'wesentliche' Themen auszusondieren.

    „Wie lange gibt es den Orden schon und wie groß ist er?“

    „Er existiert schon ziemlich lange, ist aber natürlich kein Vergleich zu den religiösen Kerngemeinden der Götter. Das Besondere ist, dass kein Adelstitel benötigt wird, wie du ja bereits weißt. Eine der einflussreichsten Religionsgemeinden ist die Phönixkirche. Ihre Mitglieder sind die bescheidenen Diener Ho-oh's, die Feuermagier!“

    Von diesen Magiern hatte Cedric mehrmals gehört, aber noch nie einen zu Gesicht bekommen. Doch irgendwie reichte das Wort alleine, um eine gewisse Ehrfurcht zu erzeugen. Magier jeglicher Art erhielten in der Regel das höchste Ansehen im Reich. Mit Ausnahme natürlich vom Königshaus und eine paar seiner Zweigstellen.

    „Wie du dir sicher schon denken kannst, stehen wir Ritter im engen Bündnis mit den Magiern. Früher wie heute gingen die Interessen und Anstrebungen von Adel und Kirche immer wieder auseinander. In erster Linie, wenn es um militärische Motive ging. Schließlich versucht ein Magier nach Möglichkeit jeden Konflikt zu vermeiden. Das tut die Armee nicht. Und vor,“ er schien kurz zu überlegen, während er pausierte, „genau 185 Jahren ergab es sich, das ein Novize mit an Sicherheit grenzender Aussicht auf den Magierrang sich entschloss, die Situation zu ändern und eine militärische Einheit zu gründen, die den Motivationen seines Glaubens folgen würde. Dies war Sargelar, Gründer und erster Ritter der Flamme.“

    Cedric lies den Namen auf sich wirken, den er gerade zum ersten Mal hörte. Wieder fühlte er, wie Respekt in ihm hervor kam. Die Leidenschaft, mit der Kecigor erzählte, war geradezu fesselnd und untermauerte die Taten dieses Mannes und seinen Mut sich nicht von einen festgefahrenen System steuern zu lassen, sondern einen neuen, anderen Schritt zu wagen.

    „Und das ging so einfach?“

    „Natürlich wollte man protestieren, nur haben die Feuermagier, wie erwähnt einen sehr sehr großen Einfluss, den sie aber nicht einmal zur Geltung bringen mussten. Zwischen diversen Diskussionen hatte der König diesem Vorhaben zugestimmt und unser Orden war geboren. Da ihr Gründer in der Gunst Ho-oh's stand, konnte er auch ohne Magierrang seine Zauber einsetzen und Flammen kontrollieren. Diese und ein paar andere magische Fähigkeiten sollten schließlich weiteren Kämpfern zukommen, die würdig wahren, sich anzuschließen. Die Magier sind die Diener von Ho-oh, wir dagegen sind seine Streiter. Die Magie, die wir erhalten, nutzen wir auf zwei Wegen. Zum einen fließt sie durch unsere Waffen und lässt und Hiebe von fast übermenschlicher Kraft vollführen. Zum Anderen gibt es die Magie, die sich sichtbar fürs Auge manifestiert und als Angriff, Schutz, oder sogar als Heilung verwendet wird. Beiden hast du ja miterleben können.“

    Cedric erinnerte sich genau daran. Allein die Wuchte des Schlagabtauschs, die ihm beim Zusehen entgegen gekommen war, hatte ihn beinahe umgerissen. Die, wie Kecigor sie eben beschrieben hatte, sichtbare Magie, war dennoch viel faszinierender. Sie war einfach etwas...vollkommen anderes.

    „Oh ja, das konnte ich.“, bestätigte es deutlich und Kecigor führ fort.

    „Heute bestehen wir aus zirka hundertzwanzig Rittern und etwa halb so vielen Pokémon.“

    Er bemerkte einen leicht skeptischen Blick seines Gesprächpartners.

    „Das mag zwar wenig klingen, aber mit unserer Kampfkraft, der Magie und wirklich gut trainierten Pokémon an unserer Seite könnte es unsere Einheit mit dem Fünffachen an Feinden aufnehmen, ohne zu schwere Verluste zu erleiden.“

    Bei diesen Zahlen weiteten sich Cedrics Augen.

    „Was? Du willst mir sagen, dass etwas über einhundert Mann von euch, eine Schlacht gegen eine vielfach größere Zahl an Feinden gewinnen können?“

    „Unsere Streitmacht ist klein, aber eine der elitärsten, die es gibt. Wir stellen uns selbst nur höchste Ansprüche.“

    Cedric war geplättet. Mit der Ernsthaftigkeit, die Kecigors stimme zierte konnte er nicht annehmen, das er sich nur aufspielte oder übertriebt. Komura schien all das nicht zu interessieren.

    „Was, wenn der Feind tausende Truppen zur Verfügung hat. Hat es das schonmal gegegen?“

    Ein Kopfschütteln, gefolgt von einem erhobenen Zeigefinger.

    „Vergiss nicht, wir existieren nicht, um Kriege für das Reich auszufechten. Wir ehren den Namen des Phönix Ho-oh, zerstören jene, die diesen besudeln wollen und Leben für seine aufrichtigen Werte. Nicht jede wichtige Schlacht wird von einem 10.000 Mann Heer gefochten.“

    Somit hatte Cedirc genug, was es zu verinnerlichen gab. Fürs erste jedenfalls, also beließ er es bei einem Nicken.

    Wärend die Gruppe weiter durch die Wildnis stapfte, versuchte Cedric die neu gewonnenen Informationen zu nutzen, um sich ein genaueres Bild von den Rittern zu machen. An einer felsigen Nische in der Landschaft, durch die ein kleiner Bach floss mussten Sie ein wenig vorsichtig sein, um nicht durch einen falschen Schritt einen metertiefen Sturz erleiden zu müssen. Die beiden Feuerpokémon konnten mit solchen Gelände dagegen sehr viel einfacher fertig werden. Vor allem die Sprungfähigkeiten eines Lohgock versetzten einen wirklich ins Staunen. Nach ein paar weiteren Anhöhen ging es westwärt meistens leicht bergab.

    Durch das vorherige Gespräch erinnerte Cedric sich an den Kampf im Lager der Schattenkrieger. Dieser Anführer war, wenn man seinen gesamten Kult beachtete sicher nicht mehr als sowas – wenn man es mal mit der Armee verlgeichen – wie ein Offizier. Es sollte also noch viel stärkere Kämpfer unter ihnen geben, als ihn. Trotzdem hatte Cedric nicht viel Land gegen ihn gesehen. Kecigor und Razton aber hatten ihm dermaßen eingeheizt, teilweise sogar wortwörtlich, dass sie ihm keine Chance auf den Sieg ließen. Wenn man dies berücksichtigte, war die Beschreibung einer kleinen Einheit, die reihenweise heroische Siege erlangen konnte, gar nicht mehr so unglaubwürdig.

    „Was ich wegen vorhin noch wissen möchte...“, begann Cedric.

    „Mhm?“

    „Ich bin von der Kampfkraft von euch Rittern überzeugt. Gestern Nacht sah das für euch schon fast ein bisschen zu leicht aus. Sind denn alle von euch so stark?“

    Der Blonde hob leicht mahnend die Hand, als wollte er die Lobeshymnen ausbremsten, die er da erhielt.

    „Zunächst, was die Stärke betrifft, unterscheiden sich hin und wieder natürlich gewisse Attribute. Unterm Strich jedoch sind wir alle etwa auf einem Level, abgesehen natürlich von unseren Kommandanten. Was den Kampf gestern angeht, interpretierst du etwas zu viel rein. Es ist hauptsächlich so gut gelaufen, da er und sein Pokémon schlechte Grundvoraussetzungen hatten. Seine leichten Waffen boten ihm gegen ein großes Schwert keinen Schutz. Und es gibt wohl kaum ein Pokémon, dass einem Sniebel so überlegen ist, wie Razton, oder jedes andere Lohgock.“

    Sein Blick ihm gegenüber war nun sehr ernst und seine Stimme hatte etwas mahnendes.

    „Für gewöhnlich läuft das nicht so gut, oder sieht zumindest nicht so einfach aus.“

    Cedric nickte nachdenklich.

    Bis in dem Abend waren sie unterwegs, das von Kecigor angesprochene Tempo für die pünktliche Ankunft stets beachtend. Als dann die Sonne begann sich dem Horizont zu nähern und ihre Strahlen wie grelle Lichtmesser zwischen die Bäume stachen, wurde in kürzester Zeit ein Nachtlager mit Feuerstelle errichtet. Den Platz dafür bot eine Stelle mit zwei große Felsen von identischer Größe mit wenigen Metern Platz dazwischen. Zudem wurde eine Seite dieses Zwischenraums von einem dichten Gebüsch geschlossen, was einen einladenden Lagerplatz darstellte. Dem wolkenlosen Himmel zu urteilen würden sie für diese Nacht keinen Regen zu befürchten haben. Cedric hatte noch seinen Proviant dabei, den er sich in Toldus gekauft hatte. Wie gewohnt nichts hochklassiges, aber allemal genug um satt zu werden. Während das Fleisch über dem Feuer brutzelte, entschied er sich, Kecigor eine Frage zu stellen, die etwas persönlicher war.

    „Sag mal,“, setzte er an und der Ritter, der gerade dabei war, seine Schulterpanzerung abzulegen, blickte auf. „wie bist du eigentlich ein Ritter der Flamme geworden?“

    Die angehobene Augenbraue verriet, dass Kecigor ganz offensichtlich nicht mit dieser Frage gerechnet hatte. Er schien das Thema aber auch nicht umgehen zu wollen, das er sich gemächlich in einen Schneidersitz hockte und die Arme auf den Knien abstützte.

    „Durch enormes Glück, würde ich sagen.“

    „Wie meinst du das?“

    „Naja, wenn ich stattdessen Pech gehabt hätte, wäre ich seit Jahren tot, statt ein Ritter zu sein.“

    Cedric wollte nicht auf Details drängen. Der Gesichtsausdruck seines Gegenüber sagte schon einiges aus, also wartete er geduldig, bis er von selbst weitersprach. Trotz eines schwachen Lächelns wirke er etwas traurig.

    „Ich bin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.“, fing er an und sein Geist versetzte sich neun Jahre zurück.

    Sein altes Ich hatte keine Eltern und lebte in einem leer Stehenden Haus, dass von den zahlreichen Straßenkindern der Stadt bewohnt wurde. Die Altersstufe der Jungen und Mädchen reichte in etwas von fünf bis dreizehn, wodurch er so ziemlich zu den Ton angebenden unter ihnen zählte. Wer älter, größer, stärker war, hatte hier das Recht und im Konflikt meist auch das letzte Wort.

    „Wir lebten zwar alle gemeinsam, aber Gemeinschaft konnte man es keineswegs nennen. Es war in einer großen Gruppe ganz einfach sicherer für uns. Die Stadt war ein ziemlich rauer Ort mit hoher Kriminalitätsrate. Dass Kinder verschwanden um verkauft und oder als Arbeitskraft eingesetzt zu werden, war nicht unüblich.“

    Cedric lehnte sich neugierig nach vorne. Mit so etwas hatte er nicht unbedingt gerechnet. Aber er konnte sich nun vorstellen, warum sich Kecigor schon die ganze Zeit so gut in seine Lage zu versetzen können schien. Schließlich hatte er ihn schon das ein oder andere Mal durchschaut, obwohl sie sich erst seit anderthalb Tagen kannten.

    „Dann kam der Tag, an dem da Gerücht kursierte, dass ein Ritter auf der Durchreise sei.“

    Wieder versetzte er sich gedanklich in seine Vergangenheit zurück. Er konnte sich noch zu gut daran erinnern, wie er die staubige Straße hinunter rannte, die harten und spitzen Steine an seinen nackten Füßen ignorierte und selbst spüren konnte, wie ihm Hektik und Aufregung im Gesicht standen. Doch die Enttäuschung war enorm, als er die letzte Kreuzung vor der kleinen Mauer und dem spärlichen Holztor der Kleinstadt erreichte. Dort war nämlich nur noch eine große Menschentraube zu finden, die sich eifrig über den Reisenden unterhielt, von dessen Sorte man hier so unglaublich selten einen zu Gesicht bekam. Von einem älteren Mann erhielt er die ernüchterde Nachricht ihn verpasst zu haben.

    An dieser Stelle der Geschichte hielt es Kecigor für angemessen, seine Emotionen von damals etwas zu erläutern. Wenn er schon so aufmerksam zuhörte, sollte er auch einen nachvollziehbaren Eindruck erhalten.

    „Du musst wissen, Cedric, mit Enttäuschungen habe ich damals täglich gelebt. Und gerade deswegen war mir jede noch so geringe Kleinigkeit, die mich vor meinem Alltag wenigstens kurz erlösen konnte, enorm wichtig. Einen Ritter zu sehen, ein Vorbild der Allgemeinheit, wäre damals schon so etwas, wie ein wahr gewordener Traum gewesen.“

    Cedric verstand ihn natürlich.

    „Der grobe Anblick eines besseren Lebens als dem eigenen kann zweierlei aufgenommen werden. Mit Neid, oder dem Wissen, dass da doch etwas Gutes existiert, von dem man träumen kann. Und Träume halten dich am Leben.“

    Kecigor nickte zufrieden. Sie konnten einander wirklich verstehen.

    „Ich bin dann gefrustet einfach in den Wald gerannt.“, fuhr er seine Erzählung fort.

    Er hatte weder die Absicht, noch die Hoffnung, den Ritter einholen zu können, sondern suchte einfach nur die Einsamkeit, um seinen Frust etwas abbauen zu können. Also hastete der junge Kecigor tief in den Wald hinein, wo er bis zur früher Dämmerung die Zeit damit verbrachte, große Steine an Abhängen hinunter zu werfen, oder abgestorbene Äste und Stämme von dünnen Bäumen zu zerschlagen. Die sinnlose Wüterei gab ihm hin und wieder ein befriedigendes Gefühl mit dem er Stress abbauen konnte. An diesem Tag hätte sie ihn beinahe Kopf und kragen gekosten.

    „Rückblickend war ich schon ziemlich dämlich. Ich meine, ich wusste von den Gaunern in und rund um die Stadt, die tagtäglich Kinder entführten. Und dann gehe ich alleine in den Wald und mache so einen Krach.“ Kecigor konnte ein sarkastisches Grinsen nicht verkneifen.

    „Du meinst, so welche haben dich dann gefunden?“, fragte Cedric.

    Ein Nicken.

    „Was hast du dann gemacht?“

    Er breitete die Arme aus.

    „Was wohl? Das, was ein Straßenkind ständig tut: wegrennen.“

    Auch die Erinnerung an die Hetzjagd durch das Dickicht war noch ganz klar.

    Mit schmerzenden Füßen und brennender Lunge versuchte er seine vier Verfolger abzuschütteln. Die Möglichkeiten, was mit ihm passieren würde, sollte er sich von ihnen schnappen lassen, waren recht begrenzt. Entweder würden Sie ihn verkaufen oder für sich selbst schuften lassen. Beide Aussichten reichten aus, den Schmerz zu ignorieren und weiter zu rennen. Doch so tief in der Wildnis hatte er einfach keinen Ort zum Flüchten und so endete die Jagd, als sein Körper schließlich erschlaffte und ins Laub fiel. Seine Verfolger, die dies wahrscheinlich hatten kommen sehen, machten sich keinen Stress und stampften die letzten Meter langsam und gemächlich auf ihn zu. Der Junge Kecigor fand sich bereits mit seinem Schicksal ab.

    Doch an diesem Tage sollte es wohl so kommen, dass sich das Glück dieser Welt vollends auf ihr zu konzentrieren schien. Der Bandit, der ganz rechts in der Gruppe stand, bekam ein helles Geschoss an den Kopf, das in diesem Sekundenbruchteil nicht zu identifizieren war. Klar war aber, es hatte keine feste Form, sonder löste sich zischend auf, setzte aber Oberarm und Schulter des Mannes in Brand – Feuermagie!

    Während sich der Getroffene schreiend in den Erdboden drückte, um die Flamme zu ersticken, blickten die anderen drei Männer erschrocken in die Richtung, aus der das brennende Geschoss kam. Auf einer kleinen Anhöhe zwischen den Bäumen stand ein Mann in glänzend prunkvoller Rüstung. Einen Helm trug er nicht, wodurch man sein kantiges Gesicht erkennen konnte. Die rot-braunen Haare waren recht kurz und nach hinten gestellt worden, was zusammen einen gefährlichen und aggressiven Eindruck machte. Sein Arm war noch ausgestreckt und die rechte Hand glühte in einem seltsamen Licht, dass von glühenden Funken umkreist wurde.

    Kecigor hätte am liebsten geweint vor Glück. Da dies sein Körper aber nicht mitmachen wollte, starrte er nur mit großen Augen auf den Ritter.

    Während der getroffene Bandit sich nach erfolgreicher aber schmerzhafter Löschaktion aufrappelte, rannten die anderen drei bereits schreiend auf ihren neuen Gegner zu.

    „Holt euch seinen Kopf!“, schrie der eine in der Mitte.

    Der Ritter bewahrte sichtlich Ruhe. Entfernte mit einer wegwerfenden Bewegung die feurige Magie aus seiner Hand und zog mit dieser seine Waffe vom Rücken. Es handelte sich um ein Schwert, das bis auf die silbern blitzende Schneide komplett dunkles Rot aufwies und eine leicht nach vorne gezackte Parierstange besaß.

    Leichthändig wirbelte die Waffe einmal und begab sich in eine abwartende Kampfhaltung. Mit scharfen Blick guckte er sich die Bewegungen seiner Widersacher aus , festigte den Griff seines Schwertarms und reagierte mit schnellen Gegenangriffen.

    „Nach dem, was du mir so erzählt hast, waren eine handvoll Gauner wohl keine Herausforderung für ihn, oder?“, unterbrach Cedric Kecigors Geschichte. Der bestätigte und meinte auch, dass er dieses Teil ruhig abkürzen konnte.

    „Er hat sie regelrecht fertig gemacht.“, erzählte er freudig.

    „Und getötet?“

    Kecigor überlegte einen Moment lang zurück.

    „Einen oder zwei. Der Rest hat dann das Weite gesucht. Anschließend stellte er sich mir als Ordensritter Thorien vor und erzählte, dass er sich auf der Heimreise von seiner letzten Mission befand.“

    „Thorien...“, wirderholte Cedric den Namen leise. „Und was ist dann passiert?“

    Ein breites Grinsen.

    „Rein gar nichts.“

    „Wie jetzt.“

    Kecigor zuckte nur mit den Schulter, als wollte er etwas fragen wie: Was willst du jetzt von mir hören?

    „Nachdem ich ihm auf seine Frage hin gesagt habe, dass mir nichts passiert sei, bin ich einfach nicht mehr von seiner Seite gewichen.“

    „Dein Ernst?“

    „Naja, wie bereits gesagt gab es damals nicht wirklich etwas, das mich an meine Heimat“, dieses Wort betonte er fast schon spöttisch, „gefesselt hat. Und da der Mann das mit Abstand beeindruckendste gewesen ist, was ich in meinem armseligen Leben gesehen hatte, hab' ich alle Belehrungen, die nebenbei bemerkt mit der Zeit immer energischer wurden, von ihm ignoriert und bin bei ihm geblieben.“

    Cedric verfiel in sein ungläubiges Lachen. Die Banalität dieser Geschichte war zu köstlich.

    „Aber...aber warte mal.“, fing er sich wieder.

    „Beim Orden aufgenommen wurdest du doch sicher nicht, weil du so penetrant geblieben bist, oder? Wie kam es denn dazu?“

    Kecigor kratzte sich am Kopf und wirkte ein klein wenig verlegen.

    „Naja, wie man sich denken kann, wollte ich zu dem Zeitpunkt unbedingt so sein, wie er. Und um das zu erreichen, habe ich immer, wenn wir auf dem Weg zurück zu seinem Stützpunkt Rast gemacht haben, trainiert. Oder zumindest hab ich mir eingebildet, dass ich das tun würde.“

    Wie er so daran zurück dachte, muss es ziemlich stümperhaft ausgesehen haben, wie er damals abseits des Lagers zwischen Bäumen und Büschen seinen Stock hin und her geschwungen hatte. Aber als Junge hatten wohl anfangs viele die Einbildung, auf diese Weise etwas zu lernen. Tatsache war, er hatte lediglich in der Luft herumgestochert. Doch dann bemerkte er, dass Thorien ihn aus einiger Entfernung beobachtete. Für einen Moment ergriff den Jungen ein nervöses Herzklopfen. Dann jedoch zwang ihn seine Entschlossenheit, sich zusammen zu reißen und ihm zu zeigen, woraus er gemacht war. Ohne den Blickkontakt mit dem Ritter zu suchen, führte Kecigor seine Übungen fort und legte allerhand Kraft und Schwung in jeden einzelnen Hieb. Dabei schritt er Schlag um Schlag stetig nach vorne, als würde er sich durch ganze Gegnerhorden metzeln, vollführte eine unsaubere Drehung und wiederholte dies. Er wiederholte es wieder und wieder, zwang sich kampfschreiend zu noch mehr Leistung, als seine Arme begannen von der Anstrengung müde zu werden.

    Doch plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und noch bevor er selbst seinen Zustand realisieren konnte, fiel er einfach um. Ihm selbst kam es nur wie ein Blinzeln vor, doch von einem Moment auf den anderen fand er sich auf dem Waldboden wieder, sein Oberkörper gestützt von Thoriens Arm. Verdutzt sah er zu ihm auf und erkannte ein entschuldigendes Lächeln.

    „Das ist wohl meine Schuld.“, sprach er mit seiner tiefen Stimme.

    „Die magische Energie, die mein Körper ausströmt ist unter normalen Umständen nicht wirklich wahrzunehmen. Doch gepaart mit deiner körperlichen Anstrengung hat sie wohl dafür gesorgt, dass du zusammen gebrochen bist, ohne diese Belastung zu bemerken. Wie fühlst du dich?“

    Kecigor, der mit verwunderten, großen Augen zu ihm aufsah, schien einen Moment seine Sinne zu überprüfen, bis er schließlich Entwarnung gab.

    „Gut...denke ich.“

    Das erleichterte den Ritter, der ihn nun aufstehen lies.

    „Sehr schön. Anscheinend bist du hart im nehmen.“

    Er holte einen Apfel und einen kleinen Wasserschlauch hervor.

    „Stärke dich erstmal ein wenig.“

    Nickend nahm er beides an und begann damit, den Apfel zu verspeisen. Thorien sprach zu ihm, noch während seiner Mahlzeit.

    „Du hast bemerkt, dass ich dir zugesehen habe, nicht wahr?“ Er wartete nicht auf eine Bestätigung.

    „Ich frage mich ununterbrochen, was dich dazu bewegt, mich seit drei Tagen zu begleiten. Aber noch mehr interessiert mich jetzt, für was genau du nun trainierst. Woher kommt dieser Einsatzwille?“

    Kecigors Antwort kam pfeilschnell, denn seit diesen von ihm erwähnten drei Tagen war sein Geist nur noch besessen von einem einzigen Wunsch...

    „Und das ist so ziemlich die ganze Geschichte, Cedric.“, beendete er schließlich seine Erzählung.

    „Ein glücklicher Zufall für einen unglücksgeplagten Jungen. Seitdem habe ich einfach jeden Tag wie ein Verrückter trainiert, um ein Ritter der Flamme zu werden. Und ich bin dankbar, dass sie meinen Willen anerkannt und mir diese Chance gegeben haben.“

    Ein übergroßes, zufriedenes Lächeln zierte sein Gesicht. Cedric nicke nur stumm, während er den neben liegenden Komura kraulte. Für ihn lies seine Geschichte keine Fragen offen. Es war weder Zufall noch eine Fügung des Schicksals, dass Kecigor in jungen Jahren ein angesehener Ritter geworden ist. Es war einfach nur die Belohnung von harter, langjähriger Arbeit, angetrieben von einem unerschütterlichen Willen. Eine Sache fiel ihm dann doch noch ein.

    „Und wie wurden Razton und du Partner? Hast du ihn irgendwo auf deiner Reise kennengelernt?“

    Kecigor schüttelte sachte den Kopf. Cedric erkannte einen Ausdruck von Bedauern in seinem Gesicht.

    „Er war der Partner eines anderen Ritters. Diared war ungefähr sei zwei Jahren ein Ritter, als ich dazustieß und nahm mich unter seine Fittiche. Meinen ersten Auftrag führten wir gemeinsam aus, Razton, zu dem ich zu dem Zeitpunkt keinerlei Beziehung hatte, begleitete uns. Es war eine simple Erkundungsmission einer alten Krypta, weit im Norden. Auf die Gefahr, dort auf Banditen oder sogar Schattenkrieger zu stoßen, waren wir gefasst. Nur nicht auf das, was wir tatsächlich vorfanden.“

    Kecigor machte kurz Pause. Cedric merkte, dass die Erinnerungen, die er da hervorholte, ganz klar keine angenehmen waren. Deshalb wollte er ihn nicht drängen und stützte nur still den Kopf auf die Arme und selbige auf die Knie. Kecigor sah nur mit einer Mischung aus Trauer und Wut in eine Willkürliche Richtung.

    „Weißt du, was ein Nekromant ist?“, fragte er.

    Cedric glaubte kaum, was er da hörte.

    „Was? Sowas gibt es wirklich?“

    Kecigor nickte nur, anstatt mit einer ausführlichen Erklärung zu antworten. Heilige sowie schwarze Magie waren Cedric nun ja schon bekannt. Die Küste der Totenbeschwörung waren für letzteres noch einmal eine ganz spezifische Form. Lebewesen zu willenlosen Puppen neu auferstehen zu lassen, war die mit Abstand widerwärtigste und sündhafteste Sache, zu der Magie im Stande war. Und so unglaublich selten sie auch von irgendwem angewandt werden kann – es ist wohl auch die am schwersten zu meisternde Magieform – sie existierte tatsächlich, obwohl viele denken, sie sei nur eine Fantasie.

    „Tief in die Krypta vorgedrungen haben wir zu spät erkannt, dass man unser eindringen bemerkt und eine Falle vorbereitet hatte.“, erzählte der Ritter und strich sich durchs blonde Haar.

    „Wir drei waren ohne Ausweg von Untoten umzingelt und hatten keine Chance, den Nekromanten zu erreichen, was unsere einzige Chance war, lebend dort herauszukommen.“

    Cedric versuchte sich die Situation vor Augen zu führen. Allein die Vorstellung war ein reiner Alptraum.

    „Wie viele von ihnen wir in Stücke zerschnitten haben, war egal. Ihren Zahl schien einfach nicht abzunehmen. Diared ist von ihnen erschlagen worden. Und ich konnte es einfach nicht verhindern.“

    „Wie zum Henker sind du und Razton da raus gekommen?“

    „Razton geriet komplett in Rage, als er Diared sah, und schien alles und jeden dort zu Asche verbrennen zu wollen. Das trieb zum einen die Untoten zurück, doch ich stand ebenfalls mitten in diesem Inferno. Als ich eine schwere Tür zu einer Nebenkammer erkennen konnte, schnappte ich mir Diared und suchte dort drinne Zuflucht.“

    „Du hast deinen toten Kameraden weggebracht?“

    Nun sah Kecigor Cedric sehr durchdringen an. Fast schon waren dem Waldläufer diese Augen unangenehm.

    „Wenn unser Kamerad fällt, wird er nicht zurück gelassen. Denn wer sein Leben in Dienste des Ordens und des Phönix gibt, verdient eine ehrenhafte Bestattung und nicht in einem dreckigen Loch zu vermodern.“

    Er beugte sich wieder zurück und entschloss sich, den Rest kurz zu fassen.

    „Ich ging wieder raus, half Razton bei den Untoten und brachte ihn ebenfalls in den Raum, bevor er in seinem Rausch ebenfalls sterben würde. Die Tür konnten wir verriegeln und zum Glück hielt sie auch eine Weile stand. Da ich mein Zeitgefühl dort irgendwann verlor, erfuhr ich erst im Nachhinein, dass wir bis zum nächsten Morgen verbarrikadiert hatten, doch irgendwann kam Hilfe. Unser Anführer rettete uns mit der Unterstützung von gut 30 Rittern. Sie erschlugen die Untoten und schließlich den Nekromaten, der irgendwo im Inneren der Krypta seine Magie wirkte. Nach diesem Ereignis wollte sich Razton mir anschließen und an meiner Seite kämpfen.“

    Kurz nahm Cedric sich erneut Zeit, sich in Kecigors Lage von damals zu setzen. Eingesperrt ohne Fluchtmöglichkeit, mit ständigem Blick auf den gefallenen Kameraden. Das war eine Situation, die andere Menschen mental wohl nicht verkraftet hätten. Eines erstaunte ihn ganz besonders.

    „Woher wusste euer Anführer, dass er eine so große Zahl an Rittern benötigen würde?“

    „Wusste er nicht. Er ist einfach der Typ Mensch, der alles in Bewegung setzt, wenn es Anzeichen gibt, dass jemand von uns in Schwierigkeiten steckt. Bei diesem eher simplen Auftrag hatten wir unser erwartetes Zeitfenster weit überschritten. Das reicht im, um ohne zu zögern eine größere Truppe zu mobilisieren.“

    Cedric begann diesen Anführer sehr zu schätzen. Ohne zu zögern zur Unterstützung zu eilen, ja sogar selbst loszuziehen, anstatt nur seine Gefolgsleute, so stellte er sich ein würdiges Oberhaupt vor. Er freute sich darauf, diesen Mann kennen zu lernen, doch es blieb ihm eine Frage zum Willen des Feuerpokémon.

    „Und warum wollte Razton bei dir bleiben?“

    „Ich dachte zuerst, er wolle wiedergutmachen, dass er die Besinnung verloren und mich mit seinen Flammen in Gefahr gebracht hatte. Später sagten mir die anderen, es sei vermutlich deshalb, weil ich mich um Diareds Leichnam gekümmert habe und er mir danken möchte.“

    Er breitete ahnungslos die Arme aus.

    „Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Wenn ich Razton frage, ignoriert er es.“

    Cedric hielt inne. Die Hand, die gerade Komura hinterm Ohr gekrault hatte, war wie versteinert und er blickte das ruhende Tornupto an. Kecigor und Razton. Es war genau wie bei den beiden. Er wusste nicht warum... wieso er...

    „Aber es ist gut, so wie es ist.“, sagte der Ritter abschließend und begab sich in eine waagerechte Position, stützte seinen Oberkörper nur noch mit seinem Unterarm.

    „Ich werd' mich mal hinlegen. Besser du bleibst auch nicht mehr so lange wach.“

    Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen legte er sich auf den Rücken. Ein Reisebeutel diente als Kissen.

    „Denn nun bekommst du deine Chance.“

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    17: Der Orden der Flamme


    Silvio war müde und erschöpft. Obwohl es bereits Abend wurde und die Sonne schon außer Sicht war, lediglich ihre letzten Strahlen über den Horizont werfend, war er doch stark am schwitzen.

    'Es hilft nichts.', dachte er sich und wischte sich mit dem Unterarm die Stirn trocken. Wenn erstmal die Nacht da war, sanken die Temperaturen in der Wildnis weit ab, daher zog er es vor, mit mehr Kleidung zu reisen, anstatt weniger. Entweder schwitzen am Tag oder frieren in der Nacht. Auf letzteres hatte er weniger Lust, also hatte er lieber ein oder zwei Westen mehr dabei. Zu dumm, dass es seine Reisetasche neulich zerrissen hatte. Was aber wesentlich wichtiger war, war das Fehlen eines Lagers oder Unterschlupfs, trotz der schon einkehrenden Nacht. Doch Silvio hatte unbedingt so viel Strecke wie möglich machen wollen, um bald in die Nähe einer größeren Stadt zu kommen. Diese Kleinstädte und Dörfer in den Wäldern waren für Wegelagerer einfach nicht ertragreich. Zu selten kamen Menschen die Straße entlang und die waren meist auch noch pleite. Diese Stadt namens Toldus, von der ihm erzählt wurde, schien die Beste Option in zumindest nicht ganz so großer Entfernung zu sein, um ein paar Leuten etwas Gold abzwicken zu können. Vorausgesetzt es trieben sich noch nicht zu viele andere Banditen dort herum.

    Nachdem er sich noch eine Weile durch das nervige Unterholz geschlagen hatte, erreichte Silvio einen sehr abgelegenen Ort. Mitten im Wald wurde der Boden weich und wässrig. Kaum Bäume, sondern hohe Gräser und Moos deckten eine Große Fläche ab, ein Moor. Jener war natürlich nicht wirklich von Belang für den Wegelagerer. Interessant war das alte Gebäude, dass sich in der Mitte befand. Es war etwas zerfallen und eingesunken, weshalb es eine leichte Schräglage hatte, doch nicht zuletzt wegen des Glockenturms konnte man es noch als Kapelle identifizieren. War wohl mit Abstand die beste Option.

    „Wehe, wenn da schon ein anderer pennen will.“, flüsterte er sich.

    Auf eine Auseinandersetzung mit einem anderen Gesetzlosen hatte er keine Lust, aber nachsehen würde er natürlich trotzdem. Verglichen mit anderen Orten, an denen er schon genächtigt hatte, war dieser zerfallene Kasten es sicher Wert, sich die Füße nass zu machen. Doch nach wenigen Schritten stoppte er, als ein Krächzen seine Aufmerksamkeit erlangte. Erst jetzt bemerkte er, dass die Bäume voll von Kramurx waren. Vielleicht zwei Dutzend von dem pechschwarzen Federvieh mit dem großen Schnabel und dem markanten Kopfschmuck fixierte ihn aufmerksam. Was sollte das denn jetzt?

    „Gibt's einen Grund, weshalb ihr so dämlich glotzt?“.

    Natürlich kam keine Antwort, also stapfte er weiter. Wieder dauerte es nur ein paar Schritte, bis er aufgehalten wurde. Ohne eine Ahnung, wo diese her kamen, hatten sich plötzlich zwei Snibunna vor ihm aufgebaut und drohten mit ihren glänzenden Klauen. Silvios Blick wechselte zwischen den Eis- und Flugpokémon hin und her. Was zum Geier wurde hier gespielt? Diese Frage packte er jedoch schnell wieder bei Seite. Stattdessen wollte er weg, die Situation wurde langsam echt unangenehm. Doch wie er feststellen musste, war der Weg zurück in den Wald keine Option. Aus den Büschen kamen weitere Pokémon hervor. Allesamt Vierbeiner mit dunklem Fell, ein paar hatten Hörner und knochenähnliche Merkmale, anstatt einer simplen Grau-schwarz Färbung. Magnayen und Hundemon knurrten mit gesenkten Kopf und wirkten hoch aggressiv.

    Nun packte Silvio die Angst. Egal was hier los war, er wollte weg, er wollte nichts mit diesen Viechern zu tun haben. Aber wohin?

    Feststellend, dass er nun völlig schweißgebadet war – wohlgemerkt keinesfalls von der Wärme seiner Klamotten – sah er sich hektisch um. Die Kapelle bot die einzige Möglichkeit, die Biester irgendwie loswerden zu können. Er sprintete los und hoffte, dass es dort drinnen irgendeine Möglichkeit gab, sich sicher zu verschanzen. Doch so wie er zu rennen begann, jagten sie ihm alle hinterher. Die wolfsähnlichen Pokémon hechteten sofort los, Die Kramurx erhoben sich und flogen ihm nach, während die Snibunna ihr von beiden Seiten flankierten. Das Krächzen und Bellen in seinem Rücken versetzte ihn in Panik und zwang ihn, sich hastig durch das unwegsame Gelände zu kämpfen. Und da Angst und Panik einen Menschen zu enormer Leistungsfähigkeit peitschen können, hätte er es auch beinahe geschafft. Aber eben nur beinahe.

    Nicht mehr weit vom Gemäuer entfernt tauchte aus dem Schatten von selbigen ein weiteres Pokémon auf. Das Wesen mit dem schneeweißen Fell sprang blitzschnell auf ihn zu und versetzte ihm mit einer dunklen Sichel, die sich an seinem Kopf befand einen Schnitt am Hals. Eine Sekunde lang hatte Silvio die Attacke gar nicht registriert, doch als der Schmerz einsetzte und Blut hervor spritzte, brachte ihn das augenblicklich zum Aufschreien und im Anschluss darauf zu Fall. Damit war sein Schicksal unausweichlich besiegelt.

    Gnadenlos stürzten sich alle auf ihn. Die Pokémon Schlitzten mit Krallen, pickten mit Schnäbeln und bissen mit Reißzähnen nach ihm. Unter den Schmerzensschreien brachte der Bandit nur noch einen Gedanken hervor: Das kann nicht sein. Das gibt es nicht! Wieso zur Hölle wurde er mitten im Nirgendwo von Pokémon unterschiedlichster Art angefallen? Geplagt von den Qualen war es nicht verwunderlich, dass ihm ein besonderer Fakt nicht mehr einfiel. Es handelte sich ausschließlich um Unlichtpokémon. Und auch wenn er es nicht wusste, von dem Moment an, wo er die Kapelle entdeckt hatte, war er bereits schon tot gewesen. Ehe das Leben seinen Körper verließ, war er irgendwie in der Lage, noch einmal aufzusehen. Was er erblickte, machte die Situation im Grunde noch verworrener. Dort oben, zuvor von ihm unbemerkt aber im Grunde recht deutlich zu sehen, war ein Mädchen. Ein junger zierlicher Körper, nur teils bedeckt von Kleidung in Weiß und Schwarz, ruhte in entspannter Position auf der Mauer. Die Beine überschlagen, die Arme hinter den Kopf gelegt, dessen Gesicht von einem weißen Hut verdeckt wurde. Verwirrt von endlos vielen Fragen brach der letzte Widerstand von Silvios Körper zusammen und sein Augenlicht schwand. Langsam ließen die Pokémon von ihm ab und wandten sich still und abwartend der Person auf der Mauer zu. Sie alle wussten, dass sie es vermasselt hatten.

    Das Mädchen hob den Hut mit dem Zeigefinger, den Blick auf die Leiche gerichtet. Die Anweisung war einfach und präzise gewesen. Jeder, der nicht der Finsternis angehörte, sollte sofort vernichtet werden, noch bevor er sich diesem Ort nähern konnte. So und nicht anders hatten ihre Worte gelautet.

    „Ihr habt lange gebraucht.“, tadelte sie mit bedrohlicher Stimme. Keines der Wesen gab auch nur einen Ton von sich.

    „Wenn das nochmal passiert, werdet ihr es bereuen.“ Schnell war sie wieder in Gedanken versunken und versteckte ihr Gesicht wieder unter der Kopfbedeckung. Die Pokémon machten sich schnurstracks davon. Bis auf das Absol, welches den Fremden aufgehalten hatte. Mit gesenktem Haupt und demütigen Blick sah es sie an, bettelte unterwürfig um Vergebung. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf das Gesicht des Mädchens.

    „Ist schon in Ordnung. Du bist ein guter Junge und hattest einen schlechten Tag. Wisse, dass du dich erst zu sorgen brauchst, wenn du es morgen nicht wieder besser machst.“

    Jedes einzelne Wort meinte sie ernst. Von allen Untergebenen war er einer der eifrigsten, stehst bemüht, seine Aufgaben Buchstabengetreu auszuführen. Doch sie war nicht so dumm, absolute Perfektion zu erwarten, da diese wohl kaum ein Lebewesen inne hatte. Etwas beruhigt zog Absol von dannen

    Das Mädchen blieb alleine zurück und grübelte angestrengt. Normalerweise zog sie es vor, nicht korrekt befolgte Anweisungen zu bestrafen. Das Strafmaß hing dabei immer vom Befehl und dem Grad seiner Missachtung ab. Aber jetzt gerade war sie mit den Gedanken immer noch nur beim vorgestrigen Tag, als sie in der Stadt Toldus gewesen war. Der Besuch dieses Ortes hatte keinen Grund gehabt, war nur eine Laune durch zu viel ungenutzter Zeit. Sie hatte in einer Ecke niedergelassen, entweder geschlafen oder nachgedacht, wie sie es jeden Tag für lange Zeit tat.

    Oft waren Menschen vorbei gekommen, doch die hatten nie Notiz von ihr genommen. Logisch, denn schließlich hatte sie nicht beabsichtigt, dass Menschen sie wahrnehmen würden. Sie konnten sie nicht sehen, weil sie nicht gesehen werden wollte, ganz einfach. Doch vorgestern war da dieser Kerl, der hatte sie gesehen. Und das beschäftigte sie sehr. Alle möglichen Wege und Gründe ging sie in Gedanken durch und kam am Ende nur zu einem logischen Schluss. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Dieser Zufall wäre nun wirklich zu groß, als dass dies tatsächlich wahr sein könnte. Oder war es vielleicht kein Zufall...?


    Obwohl Kecigor, Razton und sogar Komura bereits weiter gehen wollten, erlaubte Cedric sich, einen Moment zu verweilen und sich genauer umzusehen. Sie waren da. Er befand sich nun tatsächlich in der Burg des Ritterordens der Flamme.

    Die Heimat dieser Gilde entsprach in etwa dem, was er erwartet hatte, was seine Aufregung keineswegs minderte. Die Glutschwingenburg, wie sie Kecigors Aussage nach genannt wurde, befand sich am Fuße eines mächtigen Berges. Direkt hinter dem Haupttor, welches sie gerade passiert hatten, begann man langsam aber sicher bergauf zu gehen. Der Innenhof bot jede Menge Platz, war er schließlich auf die schnelle geschätzt etwa fünfzig Meter breit und etwa doppelt so lang. Und überall gab es etwas zu sehen.

    Als Cedirc bemerkte, dass seine Gruppe, die schon einige Meter weiter war als er, ihn wartend anstarrte, entschied er, sich im Laufen genauer umzuschauen. Seine Inspektion der schweren Mauern lies ihn annehmen, dass die Burg von oben wie ein lang gezogenes Sechseck aussehen musste. An den vorderen drei Ecken befanden sich überdachte Wachtürme, an den hinteren jedoch nicht. Dort befand sich das Hauptgebäude der Festung, welches sich in simplen Baustil an den immer steiler werdenden Berghang schmiegte. Cedric vermutete im Inneren des Bauwerkes schon Quartiere, eine Gemeinschaftsküche, sowie einen Besprechungsraum für strategische Diskussionen. Vor allem aber das Gemach des Anführers.

    Doch auch im Außenbereich war viel los. Zu seiner Rechten befanden sich offensichtlich die Trainingsplätze. In Reih und Glied wiederholte eine große Gruppe Ritter wieder und wieder die gleiche Schlagfolge, genauestens beäugt vom Trainingsleiter, der mit verschränkten Armen von ihnen stand. Die kämpferischen Laute und Aufschreie der Männer klangen wie aus einem Mund und schienen ihre Bewegungen in perfekten Einklang zu bringen. Cedric viel hier auf, das kein Schwert der Ritter dem anderen glich. Zumindest die Rüstungen waren vollkommen identisch. Vereinzelt trugen auch welche Duelle untereinander aus.

    Sein Blick führte ein Stück weiter. Die Burgmauer entlang waren vereinzelte Trainungspuppen aufgestellt worden. Hinter ihnen hatte man vor dem Gestein eine dünne Wand aus Metall platziert, die schwarze Spuren aufwies. In einiger Entfernung zu diesen Puppen standen weitere Ritter, von denen einer gerade nach vorne trat und seine Gelenke zu lockern schien. Dann straffte er auf einmal seine Körperhalten und führte eine stoßende Bewegung mit dem rechten Arm aus. Eine brennende Kugel erschien aus seiner Hand und flog schnurstracks auf die Puppe hinzu. Sie verfehlte das Ziel und flog durch die Lücke zwischen Kopf und Arm hindurch und zerschellte an der Metallwand. Unbeirrt von seinem Fehlschuss feuerte er erneut, traf dieses Mal den Arm. Ein weiterer Versuch schlug am Kopf der Zielvorrichtung ein. Mit einer sachten, wegwischenden Bewegung lies er die brennende Holzfigur wieder erlöschen und trat zurück. Für Cedric war es interessant, wenn auch bei erneutem Nachdenken einleuchtend, dass der Gebrauch der Magie anscheinend genauso trainiert wurde, wie der Umgang mit dem Schwert. Er bemerkte, dass er sich noch nicht die Frage gestellt hatte, ob die Magie, beherrschte man sie erst einmal, überhaupt weiter trainiert werden musste. Das war hiermit geklärt.

    Im Laufen drehte Kecigor auf einmal um.

    „Wartet kurz einen Moment, ja?“

    Ohne eine wirkliche Antwort abzuwarten, marschierten er und Razton zum Bereich zu ihrer Linken, wo sich ein Komplex befand, der wie eine Art Aufnahmestation für Feuerpokémon aussah. Cedric hatte ja bereits erfahren, dass einige, wenn auch längst nicht alle Ritter ein solches ihren Partner nennen konnten. Und dort drüben wurden jene augenscheinlich versorgt. Dies sah bei fast allen Exemplaren, die er sehen konnte anders aus. Als erstes sprang ein sehr großer Feuerfuchs mit auffälliger Mähne ins Auge, ein Arkani. Offenbar kurierte es derzeit eine Verletzung aus, da man an seiner linken Vorderpfote einen Verband wechselte. Ein paar Meter weiter ging es etwas gemächlicher zu. Ein Ritter war gerade dabei, das Fell seines Flamara mit einer großen Bürste zu pflegen. Den gesunden Zustand der roten Katze erkannte man sogar aus Entfernung.

    Kecigor sah, wie er eine grüßende Geste in Richtung eines anderen Ritters richtete. Was sie besprachen, das konnte er aus dieser Entfernung nicht hören. Razton gesellte sich in die schwer überschaubare Menge und schien sich sogleich in ein Gespräch mit dem Arkani zu verwickeln. Ob er sich nach dem Wohlergehen seines Kameraden erkundete?

    Ein leichtes, metallisches Scheppern war zu hören und Cedric bemerkte, wie jemand in seiner Rücken vorbei lief. Ein weiterer Ordensstreiter, der anscheinend von den Übungsplätzen gekommen war, musterte sowohl ihn als auch Komura so genau, wie es im Vorbeigehen möglich war. Sein Blick sagte nicht wirklich etwas aus und er sprach auch nicht zu Ihnen, sondern stapfte zielstrebig zum Hauptgebäude der Burg und deren Treppe hinauf.

    Da man es als verständlich betrachten konnte, dass ein Fremder Waldläufer mit seinem Pokémon auch mal ein Augenpaar auf sich zieht, wurde dem keine große Beachtung geschenkt. Allerdings war das eben bislang tatsächlich der Einzige hier, dessen Aufmerksamkeit er kurz gewonnen hatte. Nicht eine Person hatte zu im, der hier gerade mitten durch die Festung spazierte, herüber geschaut. Jeder hier widmete sich seinen Aufgaben mit hundertprozentiger Konzentration. Dieser Ort hatte eine gewisse Faszination, weshalb sich Cedric bereits vorgenommen hatte, sich später nach Möglichkeit genauer umzusehen.

    In seinen Gedanken gefangen hätte er beinahe nicht gemerkt, dass Kecigor gerade zurück kam, sogar schon fast vor ihm stand. Razton war bei den anderen Pokémon geblieben.

    „Danke für's Warten. Weiter geht's.“

    Die Pokémon und die Trainierenden passierend näherten sie sich dem Burghaus. Kurz davor befanden sich an den Seiten noch ein Lagerhaus sowie eine Schmiede, welche von einem kräftig gebautem Glatzkopf mit Vollbart betrieben wurde. Offenbar widmete er sich heute den Rüstungsteilen der Ritter, da Cedric neben jenen kein einziges Schwert an dem überdachten Arbeitsplatz sehen konnte.

    Dir Treppe zum Hauptgebäude war erreicht und somit keine Zeit mehr für Beobachtungen. Kecigor ging mit selbstbewussten Schritten voraus, Cedric mit Komura immer hinterher. Drei Stockwerke, an denen die Treppe an beiden Seiten zu den inneren Räumlichkeiten führe, wurden passiert. Ihr weg führte wie erwartet ganz nach oben, wo Cedric sich nochmal erlaubte, einen Moment stehen zu bleiben. Er wischte etwas Schweiß hinfort und überblickte die Burg nochmal im Ganzen von oben und sah anschließend zu Komura, der den Blick erwiderte. Da waren sie nun. Eine strahlende Sonne schien auf sie herab. Die, die mitten im Hauptquartier eines elitären Ritterordens, welcher mit Pokémon zusammen lebte, standen. Es war wie das Tor zu einer höheren Ebene in ihrem Leben. Der Braunhaarige grinste ohne ersichtlichen Grund, als ob er die Glutschwingenburg gerade eben erobert hätte. Sein Partner tat es ihm gleich. Wer sich von beiden mehr in aufgeregter Vorfreude sonnte, war nur schwer zu sagen. Kecigor, der die Gefühlswelt der beiden genau erkennen konnte, grinste ein wenig in sich hinein. Nicht, da er es amüsant fand. Viel mehr erinnerte es ihn an den Tag, an dem er hier vor Jahren zum ersten Mal gestanden hatte.

    „Na kommt.“, sagte er gelassen und ging weiter. Bei allem Respekt gegenüber den Zweien, er wollte seinem Anführer natürlich auch von der Mission, die ja überhaupt erst der Grund war, dass er sie in Toldus getroffen hatte, berichten.

    Ein schweres Holztor, welches in die Gemächer führte, wurde von zwei weiteren Rittern bewacht. Selbst im Inneren der eigenen Festung legte man auf Sicherheit großen Wert, wie Cedirc daraus schloss. Die Kameraden grüßten einander knapp.

    „Ist Sigurd zu sprechen? Ich habe Berichte für ihn.“

    Offenbar stand die Tür des obersten Ritters nicht jederzeit offen, wenn selbst Kecigor hier sein Anliegen vorlegen musste.“

    „Natürlich, geht ruhig rein.“, kam monoton zurück, auch wenn Cedric und Komura nun natürlich prüfend beäugt wurden. Fragen oder gar Einwände gab es aber keine, als Kecigor die Tore aufschob.

    Drinnen fand man sich in einem großen Eingangsbereich wieder, wo das kalte Gemäuer der Burg fast verdeckt wurde. Möbel und einen Fußboden in demselben, dunklen Holz verschafften stattdessen einen relativ gemütlichen und willkommenen Eindruck. Diverse Banner mit unterschiedlichen Wappen zierten die Wände, ebenso wie ein paar Karten und Gemälde mit kriegerischen Motiven. Da nach Schließen des Tores kein Tageslicht eindringen konnte, hingen in regelmäßigen abständen kleine Fackeln an den Wänden. Tiefe Töne erklangen bei jedem Schritt über den Fußboden, als sie den Eingangsbereich rasch geradeaus, vorbei an zwei geschlossenen Türen an den Seiten durchquerten und auf eine breite Treppe zusteuerten, die nur wenige Stufen nach oben führte. Dort fand man sich abermals in einem großen Raum wieder, dessen Einrichtung der Eingangshalle gleichkam. Mit dem Unterschied, dass es hier doch etwas chaotischer und unaufgeräumter war, da fast jede freie Fläche – von Fußboden natürlich abgesehen – zur Ablage von allerhand Zeug, wie Büchern und Schriftrollen verwendet wurde. Zudem gab es einen kleinen Kamin in der Ecke, in welchen gerade kein Feuer brannte und ein großes Gemälde des herrschenden Königs. Doch nichts von alldem erlangte größere Aufmerksamkeit von Cedric und Komura. Denn an einem Tisch in der Mitte dieses Raumes sitzend,war er, der Anführer des Ritterordens der Flamme.

    Wie zu erwarten war, trug der Mann, der gerade noch ein paar Schriften an seinem Arbeitsplatz studierte, die Plattenrüstung des Ordens. Die seine hatte ein paar Farbelemente in feurigem Rot-Orange, war dicker gepanzert und von noch edler Verarbeitung, als die, die Kecigor trug. Seine blonden Haare, welche nach hinten gekämmt waren, waren von einem recht dunklen Farbton. Als er die Ankömmlinge bemerkte, hob er den Blick und aus einem Gesicht mit verhärteten Zügen schauten zwei braune Augen sehr fixiert auf.

    Glücklicherweise musste Cedric nicht gleich nach Worten suchen, da Kecigor unbeirrt vortrat und seine Rechte Faust an die Brust hielt, wie er es getan hatte, als er sich Cedric in Toldus vorgestellt hatte.

    „Erstatte Bericht, Lord Sigurd.“

    „Ich höre.“, antwortete er seelenruhig und schenkte weder unbekanntem Mann noch Pokémon im Hintergrund Beachtung. Jene Zwei tauschten einmal kurz den Blick. So ignoriert zu werden, fühlte sich etwas merkwürdig an und Cedric konnte Komura ansehen, dass auch er inzwischen ein wenig unruhig geworden war. Keineswegs glaubten sie, der Ordensanführer habe sie nicht bemerkt, anscheinend überstürzte er es mit seinen Fragen aber nicht, sondern wartete erst einmal ab, was man ihm zu sagen hatte.

    „Wir haben das Versteck der Schattenkrieger in der Umgebung von Toldus ausfindig machen können, wie es unsere Informationen versprachen. Sämtliche Feinde, sowie der Anführer der Gruppe sind gefallen.“, schilderte Kecigor kurz und sachlich. Der Lord zeigte sich äußerst zufrieden.

    „Ich bin stolz auf euch, gute Arbeit. Aber was ist mit Marek? Wo steckt er?“

    „Marek ist bei den Kämpfen verwundet worden, aber wohl auf. Wir stießen auf mehr Gegner, als erwartet. Er kuriert in Toldus seine Wunden und wird voraussichtlich in ein paar Tagen wieder zu uns stoßen.“

    „Verstehe, dann war er wohl nicht in der Lage, den Weg hierher aus eigener Kraft anzutreten?“

    „Jawohl.“, nickte er.

    „Dann werden die Heiler sich mit ihm befassen, wenn er wieder hier ist, nur um sicher zu gehen.“, wies er sogleich an, was in Cedric die Frage aufrief, wovon genau da eigentlich gerade gesprochen wurde.

    „Wie ich sehe, kommst du aber dennoch nicht alleine zurück, Kecigor. Wer sind deine Begleiter.“

    Mit einem Mal verpuffte die Frage in Cedrics Gedanken und sein Herz hatte aufgeregt einen kleinen Sprung gemacht, als er ihn auf einmal direkt ansah. Kecigor, der sich umgedreht hatte, lud beide mit einer Handbewegung ein, nach vorne zu treten.

    „Sein Name ist Cedric, sein Begleiter heißt Komura. Sie beide haben uns bei unserem Auftrag unterstützt.“

    „Ist das so? In wie fern?“

    „Sie haben Marek und mir Rückendeckung gegeben und gleichzeitig den einzigen Fluchtweg unserer Feinde abgesichert. Sie kämpften unter Einsatz ihres Lebens gegen die Schattenkrieger und haben diese Prüfung bestanden.“, erläuterte Kecigor, erzählte weder kleinlaut, noch euphorisch, sondern schilderte monoton die Fakten.

    „So so.“, murmelte der Lord. Er sah die beiden Gäste grübelnd an und vermittelte so etwas den Eindruck, als wäre er gerade ab, wie glaubwürdig diese Aussage war. Cedric vermutete allerdings nicht, dass bei er seinem Untergebenen eine Lügengeschichte vermutete. Dann wandte er sich direkt an ihn.

    „Ich hörte schon, dass er vielversprechender, junger Mann mit seinem Tornupto die Burg betreten hat. Hm, wie mir scheint, hat man da nicht übertrieben. Du und dein Begleiter konnten tatsächlich gegen die Schattenkrieger bestehen?“

    Cedric nickte. Er wunderte sich keineswegs, dass die Nachricht seines Eintreffens schneller bei Anführer ankam, als er selbst. Es war gut möglich, dass einer die vielen Ritter, die er passiert hatte, eine kurze Meldung bei ihm gemacht hatte. Anstatt sich auf diese unwichtige Nebensächlichkeit zu konzentrieren, beantwortete er die ihm gestellte Frage.

    „Das konnten wir, auch wenn wir den geringeren Anteil an diesem Kampf hatten und ich letzten Endes Kecigor mein Leben verdanke.“

    Er hatten schon im Voraus beschlossen, sich nicht wie einen Held und Lebensretter zu geben, sondern bei Fragen bei der Wahrheit zu bleiben. Diesen Mann hinters Licht führen zu wollen, das würde Cedric sich wahrlich nicht trauen. Sigurd nahm es gelassen zur Kenntnis.

    „Mhm, eine ehrliche Antwort. Aber ich frage mich, wie es dazu kam. Wann und wieso hast du dich entschlossen, an der Seite meiner Ritter zu kämpfen?“

    Mit einem Male erhöhte sich Cedrics Herzschlag und eine schweißtreibende Hitze schoss durch seinen Körper. Daran hatte er ja gar nicht mehr gedacht. Die Auseinandersetzung mit den Wachen, das Kopfgeld, das drohende Gefängnis. Er hatte sich vorgenommen ehrlich zu sein, aber davon wollte er keinesfalls erzählen. Doch Kecigor wusste alles.

    Ein wenig hilfesuchend, sag er zu eben jenem rüber, doch hier wurde ihm kein Beistand gewährt. Dies war seine Verantwortung.

    „Ein Gefallen für den Freund eines Freundes.“, sagte er schließlich und war dankbar für seine feste und daher hoffentlich glaubhafte Stimme. Und deutete auf den jungen Ritter. „Eine gemeinsame Bekanntschaft brachte uns zueinander. Mit der Unterstützung seiner Mission gab er mir die Chance, eine Schuld zu begleichen.“, fasste er die Ereignisse zusammen und war froh, dass er es geschafft hatte, dies ohne irgendwelche Unwahrheiten getan zu haben. Eine gewisse Wortgewandtheit war manchmal eine Menge wert.

    Sigurd prüfte die Aussage mittels eines Blickes in Kecigors Richtung.

    „Er spricht wahr.“, war alles, was er dazu sagte. Der Ordensführer schien nicht unbeeindruckt.

    „Dann darf auch ich euch im Namen meiner Männer einen Dank aussprechen, Cedric und Komura. Meine einzige Frage ist, warum ihr den Weg hierher auf euch genommen habt?“

    Das Gefühl in Cedrics Körper war einer freudigen Aufregung gewichen. Sein Lächeln unterdrückend – er wollte ruhig und gefasst wirken – sah er kurz zu Komura herüber. Er grinste entschlossen übers ganze Gesicht.

    Cedric machte einen weiteren Schritt nach vorne.

    „Was das betrifft, möchte ich gleich zu Sache kommen.“, holte er aus.

    „Gut, ich mag es nicht, wenn Leute reden, ohne etwas zu sagen.“

    Er nickte und sprach mit ruhiger und gleichzeitig fester Stimme.

    „Ich will mich in den Dienst des Ordens stellen.“

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    18: Warum das Schwert geführt wird


    Cedric erlaubte sich ein lauten Schnaufen. Die Tatsache, dass seine Beinmuskeln langsam rebellisch aufzuschreien begannen, wäre ihm so ziemlich egal, wenn nicht nicht noch mindestens genauso viel Höhenmeter vor, wie hinter ihm liegen würden. Mitten auf der Treppe erlaubte er sich, kurz zu pausieren und seinen Atem wieder etwas zu beruhigen. Ebenso gestattete er sich, einen Blick nach hinten zu werfen und somit eine eindrucksvolle Aussicht genießen zu können. Die Stufen, welche beeindrucken sauber in den Berg hineingearbeitet waren, führen recht steil den Hang hinauf. Die Glutschwinenburg war am Fuße des Berges noch gut zu sehen, auch wenn sich das sicher noch ändern würde, wenn er und Komura erstmal an der Spitze angelangt wären. So verdammt hoch hatte der Berg unten nun wirklich nicht ausgesehen.

    Cedric schniefte angestrengt und wischte sich verschwitzte Haare von der Stirn. Das man ihm nicht einfach sagen würde 'Ok, du bist dabei, herzlich willkommen.', das war ihm natürlich bewusst gewesen. Doch mit einer solchen Aufnahmebedingung hatte er nicht wirklich gerechnet.


    „Ich will mich in den Dienst des Ordens stellen.“

    Sigurds Blick wurde noch durchstechender und er straffte seine Haltung.

    „Ich will für dich hoffen, dass dies eine gut überlegte Entscheidung ist, Cedric.“

    „Das ist sie.“, versicherte er eiligst, was ihn aber wenig überzeugte.

    „Das sagt sich vorher immer sehr leicht. Dir sollte klar sein, dass wir eine Pflicht haben, die uns jeden Tag das Leben kosten kann und es auch nicht so funktioniert, dass man seine Rüstung einfach wieder abgibt, wenn man nicht mehr dazu gehören will. Wir haben eine ehrenvolle, aber blutige Arbeit, von der man nicht flüchten kann, wenn man sich dem Orden erstmal angeschlossen hat.“

    Cedric kamen bei diesen Worten Gedanken an die vergangenen Jahre seines Lebens und musste feststellen, dass dies für ihn keine großen Änderungen bedeuten würde. Schließlich hatte auch er schon viel Blut gesehen und sich in scheinbar aussichtslosen Situationen behaupten müssen.

    „Das ist kein Problem.“

    „Und ob das eins ist.“, kam prompt die Erwiderung.

    „Denn das ist nur ein kleiner Teil der Bedeutung, Ritter des Ordens der Flamme zu sein.“

    Cedric wurde aus den Worten nicht direkt schlau, wünschte sich eher, dass Sigurd etwas mehr Klartext sprechen würde. Sicher, er würde jetzt nicht den Fehler begehen, dem Anführer gegenüber ungehalten zu werden, doch das dieser scheinbar dachte, dass Cedric unüberlegt handelte, schmeckte ihm nicht.

    „Was meinst du damit?“

    „Ein Ritter des Phönix zu sein, bedeutet, sich ganz und gar in seine Sache zu stellen. Nur die mutigsten Männer werden bei den Streitern des Phönix aufgenommen. Wer die Absicht hat, einer von uns zu werden, muss wirklich vollkommen begreifen, welche Bürde wir tragen und welche Werte wir um jeden Preis schützen müssen.“

    Sigurd ging langsamen Schrittes um seinen Tisch herum und hob bestimmend den Zeigefinger, als er fort fuhr.

    „Wir sind die Streiter des Gottes des Lebens, des Herrschers über das Feuer. Wir sind eine Gilde, in der Freud und Leid eines Einzigen jeden von uns betrifft. Wir alle kämpfen, siegen und sterben für die Ehre von Ho-ohs heiliger Flamme. Wenn wir unsere Aufgabe im Kampf gegen die Scherger der Dunkelheit nicht erfüllen und am Ende scheitern, beflecken wir die Mühen und Opfer von gefallenen Kameraden.“

    Nun baute er sich eindrucksvoll vor Cedric auf und stemmte die Arme in die Hüfte.

    „Das ist unser Lebensinhalt. Ein ehrenvoller Krieg für die gerechte Sache ist für uns jeden Tag ein Grund, sich aufs Neue zu erheben. Ihn zu gewinnen, wäre eine Bestätigung unserer Existenz. Nur wer dies wirklich versteht, ist würdig, ein Ritter der Flamme zu sein.“

    Er hatte deutlich vernehmbar seinen ganzen Stolz in jedes einzelne Wort gelegt und lies Cedric auf diese Weise spüren, mit welcher Leidenschaft er dieses Leben führte. Doch die wichtige Frage nun war, ob dieser die gleiche Leidenschaft dafür aufbringen konnte.

    Auffordernd streckte er die Hand aus.

    „Sag, glaubst du an die Götter?“

    Mit einem Male fühlte sich Cedric in die Enge gedrängt. Er begann die Frage noch einmal an sich selbst gerichtet zu wiederholen, was unweigerlich einen sekundenschnellen Ablauf seines bisherigen Lebens in ihm hervorrief. Seit er denken konnte, war er mit seinem Vater auf See gewesen, an seine Mutter erinnerte er sich kaum. Zu jung war er gewesen, als sie plötzlich für immer fort war. Hatten die Götter sie zu sich geholt? Er dachte an den Tag, an dem Gregorio das Mordopfer eines geldgierigen Sackes wurde und er fortan alleine auskommen musste. Ob die Götter auch dieses Leben genommen hatten? Sein letzter Gedanke galt den Dorfbewohnern im Wald, die ihn vor ein paar Tagen im Namen von Arceus hinrichten wollten. Hießen die Götter wirklich gut, was diese Menschen getan hatten? Aber nein, sein letzter Gedanke war dies doch nicht. Denn da war jemand, der ihm beistand, egal ob in Angesichts von vielen Feinden oder des sicher wartenden Todes. Er hatte Komura bei sich. Hatten die Götter ihm dieses Tornupto als Beistand geschickt? Die beiden Ritter sagten nichts, erkannten aber, wie angestrengt Cedric nach einer ehrlichen Antwort suchte und ließen ihm deshalb Zeit.

    Der Waldläufer bemerkte nicht, wie sein Atem hastiger wurde und er grübelnd mit seinen Augen den Boden absuchte, als ob dort die Antworten seiner Fragen stehen würden. Geschah alles wirklich aus einem bestimmten Grund? Haben mächtige Wesen wirklich direkten Einfluss auf das Leben dieser Welt? Was sollten sie davon haben? Und warum geschah dann so viel Ungerechtes?

    Cedric spürte eine Berührung an seiner Schulter und suchte mit den Augen nach ihrem Ursprung. Komura hatte sich zu voller Größe aufgerichtet und seine Vorderpfote auf ihn gelegt. Er mahnte Cedric zur Ruhe, bat um ein tiefes Durchschnaufen und riet, die Gedanken im Kopf langsam zu sortieren. All dies mit solch einer einfachen Geste. Wahrscheinlich war das das menschlichste, was das Feuerpokémon jemals getan hatte.

    Cedrics Blick blieb wehmütig an der Wunde hängen, die seit kurzem Komuras Gesicht verunstaltete. Er packte die Pfote mit festem Griff, sprach ein stummes Danke aus und atmete durch. Er sprach mit einem Hauch von Bedauern.

    „Warum sollte ich an die Götter glauben?“

    Er bedauerte, nur mittels einer Gegenfrage antworten zu können, doch er sprach so ehrlich, wie es nur möglich war. All seine Gedanken wurden durch sie zusammengefasst. Auch wenn Sigurd vermutlich etwas anderes hatte hören wollen, so sah die Realität nunmal aus. Der Anführer antwortete vollkommen gefasst.

    „Das ist eine Fragen, die dir kein Mensch der Welt beantworten kann. Jeder zieht seinen Glauben aus persönlichen Erfahrungen und den damit verbundenen Emotionen. Ich schätze deine ehrliche Antwort, Cedric. Doch wenn du nach wie vor anstrebst, Ordensritter zu werden, musst du beweisen, dass du würdig bist.“

    Dass klang eher nach einer Forderung, mit der er fertig werden konnte.

    „Wie kann ich mich würdig erweisen?“

    „Deine Taten werden zeigen, ob du das Zeug dazu hast, uns beizutreten.“

    Und mit diesem Satz Schoss es Cedirc wieder in den Kopf, dass er ja noch ein Ass im Ärmel hatte. Eines, dass er fast schon wieder vergessen hatte. Er versuchte ein Grinsen zu vermeiden.

    „Was hältst du dann davon: Ich kann dir sagen, wo sich eine strategische Karte der Schattenkrieger befindet.“

    Für eine gefühlt sehr lange Zeit sagte und rührte sich keiner im Raum. Während Kecigor mit total überraschten Gesichtsausdruck auf Cedric starrte – obgleich dieser es nicht sah, da er in seinem Rücken stand – verzog Sigurd kaum eine Miene. Doch ganz konnte er die leuchtenden Augen nicht unterdrücken.

    „Ist das so?“, hakte er murmelnd nach, wollte aber anscheinend nicht genau darauf eingehen. Eventuell vertraute er der Aussage nicht blindlings.

    „Das kannst du mir später auch noch beweisen. Zunächst stelle ich dir die Prüfung, die entscheidet, ob du Ritter der Flamme werden wirst, oder nicht.“

    So langsam wurde es auch Zeit, dass er zur Sache kommt.

    „Was soll ich machen.“

    Sigurd zeigte mit dem Fingen zur Treppe und den Weg, den sie hereingekommen waren. „Wenn den Gang zurück gehst, nimmt die Türe zu deiner Rechten. Sie führt auf die oberste Spitze der Burg. Von dort aus führt ein Weg Richtung Gipfel des Berges. Dort wirst du einen Heiligen Ort finden, unsere Schmiede.“

    „Eure Schmiede?“, fragte Cedric.

    „Habe ich die nicht unten im Hof gesehen?“

    „Das ist eine ganz andere. Dort werden unsere Rüstungen hergestellt und repariert. Du hingegen gehtst zur Läuterschmiede. Niemand wird dort oben auf dich warten. Weder Kecigor noch ein anderer wird dich hinführen. Du wirst dort alleine sein, mit Ausnahme von deinem Partner, der dich gerne begleiten darf.“

    Verwirrung machte sich in ihm breit.

    „Und was soll ich dann dort?“

    „Ganz einfach. Kehre mit einer Waffe, geschaffen aus den Feuern dieser Schmiede zurück.“

    Cedric legte den Kopf schief, ungläubig.

    „Das ist alles?“

    „Das ist alles.“, bestätigte er und ging mit hinter dem Rücken verschränkten Armen zurück an seinen Tisch.

    „Schaffst du es, diese Aufgabe zu meistern, ist der Weg in den Orden der Flamme für dich geebnet. Doch ich empfehle, dir im Klaren über deine eigene Motivation zu sein und dir selbst die Frage zu beantworten, warum du an die Götter glauben solltest. Ich habe dir nichts mehr zu sagen, ehe du zurück bist.“


    Cedric lies sich erschöpft auf den Boden Fallen, als er das obere Ende der Treppe endlich erreicht hatte und schickte eine Ansammlung von Flüchen an wen auch immer. Wieso zu Teufel befand sich eine Schmiede an einem derart hoch gelegenen Ort? Auch wenn Komura sich souverän geben wollte, Cedric konnte in seinen Augen lesen, dass auch seine Beinmuskeln nach Erholung kreischten. Für ein oder zwei Minuten blieb Cedric auf dem Rücken liegen und lies Atem und Herzschlag ruhiger werden, während er gedankenlos die vorbeiziehenden Wolken betrachtete. Die Luft, die der Wind hier oben herumpeitschte war ein Segen für die Lunge und reaktivierte seine Kräfte nach kurzer Zeit. Er war auch schließlich nicht hier, um die Aussicht zu genießen.

    Das Plateau, auf dem er sich nun befand, stellte noch nicht ganz die Spitze des Berges dar, war aber auch nicht mehr sehr weit von selbiger entfernt. Wie ihm versprochen wurde, befand sich außer ihnen niemand hier oben. Doch dich an der Feldwand befand sich ein großer Schmelzofen.

    Er hatte sicher einen Durchmesser von gut drei Metern und machte den Eindruck, als wäre er wie die Treppenstufen in das Gestein des Berges hineingearbeitet worden. Seine Grundform war oval mit einer geschlossenen Kuppel und einem kleinen Einlass an der Front, durch die man an des Feuer kam. Eine große, wenn auch sehr simple Schmelze, wären da nicht die steinernen Schwingen eines Vogels, die das gesamte Werk umfassten und direkt bei der Öffnung endeten. Nicht nur die makellose Form, sondern besonders die Oberfläche jeder einzelnen, steinernen Feder, welche Detailvoll gearbeitet waren, beeindruckten ihn immens. Cedric musste sich wirklich fragen, ob sowas von Menschenhand geschaffen werden konnte. Für ihn schien es fast unmöglich, doch irgendwas sagte ihm, das er künftig noch einige Male ins Staunen versetzt werden würde. Kein Sinn also, über meisterliche Handwerkskunst nachzudenken.

    Cedric sah sich genau um. Am rechten Ende des Schmelzofens entdeckte er einen kleinen Schacht in der Wand, der ebenfalls fein säuberlich eingearbeitet wurde. Dort fand er einen Stapel mit Schmiedeeisen. Rau, dreckig und vollkommen unbearbeitet. Eben das ganz normale Rohmaterial eines Schmiedes.

    „Wir sollen unser Schwert also selbst schmieden.“

    Er war sich nicht sicher, ob dies eine Frage, oder eine laut gedachte Feststellung war. Komura legte jedenfalls nur den Kopf schief. Etwas stimmte hier nicht. Cedric sah sich ein weiteres Mal um, vergewisserte sich, dass seine Augen ihn bei seinem ersten Rundblick nicht getäuscht hatten, doch er irrte nicht. Hier gab es weit und breit weder Amboss noch Schmiedehammer. Ein Wasserkessel zum abkühlen des Stahls fehlte ebenso, wie ein Schleifstein zur Schärfung der Klinge. Ob man ihn hier verarschen wollte? Dieser Frage konnte er sich bei allem Sarkasmus nicht entziehen.

    Er hob den Rohstahl empor, fast so, als habe er ein Schwert in der Hand. An ihm war nichts ungewöhnliches, nichts auffälligen. Es war nur stinknormales Metall. Cedric verstand sich zwar aufs Schmieden, auch wenn er bei Weitem keine Meisterwaffen herstellen konnte. Doch ohne die nötige Grundausstattung ging hier einfach gar nichts.

    „Wenn das ein Scherz von denen da unten sein soll, ich schwöre ich schieb ihnen dieses Ding...“, Cedric hielt inne. Bildete er sich das ein, oder spürte er wirklich etwas in seinem Arm? Es fühlte sich an, als würde etwas nicht sichtbares an ihm zerren. Dies musste er rasch korrigieren. Nicht an ihm, sondern dem Rohstahl, den er hielt. Absurd, es schien, als würde er ihm langsam aus der Hand gerissen werden. Cedric weigerte sich aus unbekanntem Grund, loszulassen. Er klammerte und zerrte, doch das Objekt in seiner Hand wanderte langsam in Richtung der Schmelze, die wenige Meter von ihm entfernt war. Cedric wehrte sich mit aller Kraft, aber musste sich geschlagen geben. Er lies los und der Stahl raste rotierend durch die Luft und stoppte urplötzlich. Da schwebte er, auf einmal komplett regungslos, wie von Geisterhand direkt vor dem Einlass des Schmelzofens.

    Cedric keuchte, hielt sich die rechte Hand mit der linken. Was wurde hier gespielt? Er krampfte, wusste nicht, was er tun sollte. Somit starrte er einige Augenblicke auf das schwebende Schmiedewerkzeug. Windstill war es plötzlich geworden und das Raunen der Schmelze drang als einziges Geräusch an sein Ohr. Zumindest von außen, denn sein nervöser Herzschlag pochte deutlich vernehmbar in seiner Brust.

    Komura, der ähnliche Reaktion gezeigt hatte, fing sich als erster wieder und trat mit raschen Schritten an den Stahl heran. Er blickte zu ihm auf – auf allen Vieren schwebte er über seinem Kopf – und betrachtete ihn. Prüfend, abwägend, die Situation einschätzend. Doch es geschah nicht, gar nichts. Komura rief Cedric aus seiner Starre und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, sich das ebenfalls aus der Nähe anzusehen. Gefahr schien es jedenfalls keine zu geben.

    Cedric runzelte die Stirn, tat seine Schritte nur langsam. War das hier auch eine Art von Magie? Wenn nicht, was sonst? Aber von was oder wem sollte sie ausgehen. War es das Metall, oder womöglich die Schmiede selbst? Inzwischen war er ebenfalls sehr nahe an den Rohstahl herangetreten. Sein Atem hatte sich auch etwas beruhigt. Ein plötzlicher Windstoß warf ihm die Haare durchs Gesicht, doch er regte sich nicht. So, wie das Metall vor der Öffnung schwebte, schien es geradezu darum zu betteln, eben jene passieren zu dürfen. Sehr langsam, immer noch nicht im klaren, was hier eigentlich passierte, hob Cedric seine Hand und tippte das Metall ganz sachte an. Es war, als hätte man einer Kugel, den nötigen Schubs gegeben, um sie ins Rollen zu bringen. Mit der Berührung bewegte der Stahl sich wieder, nur diesmal in sehr langsamer Geschwindigkeit. Erneut wie von einer unsichtbaren Kraft geleitet, flog er präzise in die Öffnung der Schmelze hinein. Er verschwand vollkommen darin, man konnte auch nicht weit hinein sehen, so intensiv war das Feuer im Inneren. Cedric und Komura waren beide zu abgelenkt, um zu bemerken, dass keinerlei Hitze zu spüren war, obwohl sie unmittelbar vor dem Ofen standen.

    Momente vergingen, die sich wie Stunden anfühlten. Sie beide warteten. Worauf? Sie hätten es nicht sagen können, doch man konnte es fühlen, dass hier etwas passierte, dass aus irgendeinem Grund so passieren sollte.

    Ein lautes Zischen ertönte, keiner von Beiden schreckte jedoch zurück. Und aus den tanzenden Flammen kam etwas hervor. Fernab jeder Logik ragte ein Griff aus der Schmelze heraus. Ein dicker, abgerundeter Knauf in makelloser Form und ein simpler Schwertgriff, der mit Leder in Dunkelbraun und Schwarz umwickelt war.

    Cedric blinzelte irritiert. Wie war das möglich? Doch er schob die Frage bei Seite. Niemand würde sie ihm hier und jetzt beantworten können. Stattdessen schnellte seine rechte Hand nach vorne und packte den Griff, umklammerte ihn mit voller Kraft. Aus dem nicht schien der Wind verrückt zu spielen und Hüllte die Szenerie in einen kräftigen Wirbel, mit Cedrics Hand als Mittelpunkt. Eine Druckwelle ging von ihr aus und jagte die Unruhe ebenso schnell fort, wie sie gekommen war. Und dann schien die unsichtbare Kraft, die Cedric zurück gehalten hatte, endlich nachzugeben. Er zog den Griff heraus und hielt sein Schwert in der Hand.

    Mit großen Augen betrachtete er die Waffe, die, so viel konnte man nun zweifelsfrei sagen, aus magischer Quelle zu ihm gekommen war. Wie üblich trennte eine Parierstange den Griff von der Klinge. Erstere war äußerst dick und richtete sich in einer gebogenen Form leicht nach vorne. Sie war voll von dicken Einkerbungen und Gravuren in perfekter Geometrie. Und irgendwie, mit einer gehörigen Portion Fantasie, erinnerte es ein wenig an zwei ausgebreitete Schwingen. Die Klinge dagegen war von dunkelgrauer Farbe und recht breit, spitzte sich in ihrem Verlauf langsam zu und ging schließlich in einen erneut breiten Kopf und in die Spitze über. Eine perfekte Form für mächtige Hiebe und viel Schwung. Ein wirklich edles Breitschwert.

    Cedric wog die Waffe ein wenig in der Hand und betrachtete sie mit großen Augen von allen Seiten. Er sah, dass sich in der Mitte des Schwertkopfes ein Loch von etwa der Größe einer Münze befand, nur dass dieses nicht rund sondern mehr ovalförmig war. Keine Beschädigung, sondern säuberlich hineingearbeitet von was auch immer diese Klinge genau geformt hatte. Er machte zwei-drei schwungvolle Hiebe, um ein Gefühl für sie zu bekommen. Dann ein paar weitere mit deutlich mehr Krafteinsatz. Er war geradezu entzückt und lächelte, wenn auch nur schwach. Er selbst hatte immer behauptet, das alte Schwert seines Vaters hatte perfekt zu ihm gepasst, doch das hier fühlte sich nicht wie ein einfacher Gegenstand an, sonder wie eine geschärfte Verlängerung seines Armes. Das Gewicht war angenehm für seinen Kampfstil, er bevorzugte eher wuchtige, als filigrane Waffen. Doch es war immernoch leichter, als er angesichts des Erscheinungsbildes vermutet hätte. Doch was er hier in der Hand hielt, war in seinen Augen keine Waffe. Zumindest nicht hier in diesem Moment. Es war der Schlüssel zum Orden der Flamme.

    Wortlos schulterte er sein neues Schwert und sprach zu Komura, ohne ihn dabei anzusehen, mit entschlossener Stimme.

    „Gehen wir.“


    Als Cedric zu Sigurd zurückkehrte, war Kecigor nicht mehr da. Kaum verwunderlich, schließlich hatte er sicher auch mehr zu tun, als die ganze Zeit irgendwo auf Leute zu warten. Der Auf- und Abstieg – ersteres ganz besonders – hatten einiges an Zeit gefressen und so fand er lediglich den Kommandanten an selben Ort wieder. Der wiederum sah sofort auf, als er die beiden Rückkehrer bemerkte und war sogleich fixiert auf das Objekt, das Cedric bei sich trug. Imposant präsentierte er das Schwert, dessen Spitze er auf den Boden stützte.

    „Das sollte genügen, denke ich.“, sagte Cedric selbstsicher.

    Sigurd antwortete zunächst nicht, sondern räumte rasch einen Teil seines Tisches frei von den Pergamenten und forderte mit einer Handbewegung, die Waffe dort zu platzieren. Ein paar prüfende Blicke später wollte er sich immernoch nicht äußern. Stattdessen sollte Cedric, die Klinge aufrichten. Sigurd hob ein Stück Pergament und lies es über ihr fallen. So gemächlich es auch auf die Klinge traf, es wurde so säuberlich entzweit, dass es fast schon geisterhaft aussah, als habe das Papier sich selbst zerteilt, um dem scharfen Stahl im allerletzten Moment auszuweichen.

    „Ein wirklich schönes Schwert hast du da, Cedric.“

    Der legte nur den Kopf schief. Er war neugierig und wollte ein paar Antworten.

    „Was genau ist das da oben für ein Schmelzofen?“.

    Sicher musste Sigurd klar gewesen sein, dass diese Frage kommen würde. Offenbar, denn seine Erklärung kam prompt.

    „Der Ofen ist nicht das Besondere. Was hier am Werk war, war das Feuer, das in seinem Inneren lodert.“

    Cedric runzelte die Stirn. Nicht der Ofen oder das Metall selbst hatten dieses Werk verrichtet?

    „Du hast dich sicher nicht gefragt, woher die Läuterschmiede ihren Namen hat. Das Läuterfeuer ist eine Flamme, die nur Ho-oh selbst zu entzünden vermag. Sie ist um ein vielfaches heißer, als gewöhnliches Feuer und weder Wind noch Regen können es löschen. Diese Schmiede, in welcher dieses heilige Feuer brennt, ist das Heiligtum unseres Ordens und trägt den Segen des Phönix in sich.“

    Vor einer Woche noch hätte Cedric dies mit einem ungläubigen „Ja, klar.“ kommentiert, doch er zweifelte keine Sekunde an einem dieser Worte.

    „Und was genau war die Prüfung, wenn diese Schwerter von alleine entstehen?“

    „Das tun sie nicht.“, antwortete er sogleich.

    „Der Segen Ho-ohs geht nicht einfach so auf jeden über, der vor diese Schmiede tritt. Nur jenen, die er selbst als würdig ansieht, wird die Ehre zu Teil, das ihm eine einzigartige Waffe geschaffen wird, die nur für ihn bestimmt ist. Dieses Schwert ist jetzt dein alleiniges Eigentum.“

    Cedric wusste zunächst nicht, was er sagen sollte. Ho-oh, der Phönix, sah ihn als würdig an? Ihn, einen Mann, der die letzten Jahre im Wechsel zwischen Waldläufer und Straßengauner gelebt hat?

    „Das einem Tunichtgut, wie mir eine solche Ehre zuteil wird, kann ich kaum fassen.“, sagte er betrübt. Er freute sich innerlich, das tat er wirklich. Doch diese Freude wollte er nicht mit Füßen treten, indem er Sigurd vormachen würde, ein Mann mit reinem Gewissen zu sein.

    „Weißt du oder gar Ho-oh denn, was für eine Person ich bin? Was ich bislang falsch gemacht habe, in meinem Leben?“

    Sigurd hatte augenscheinlich mit einer anderen Reaktion gerechnet, gab aber mit einem Nicken zu erkennen, dass er die Bedenken verstand.

    „Der Unterschied zwischen einem Jungspund und einem alten Meister ist, dass der Meister schon mehr Fehler im Leben gemacht hat, als der Junge überhaupt die Möglichkeit dazu hatte. Du willst dich so präsentieren, wie du bist, das respektiere ich. Die wenigsten in diesem Orden sind Fehlerfrei, am wenigsten ich. Doch wenn eines Tages das Leben eines Mannes endet, muss er dafür gesorgt haben, dass er Stolz auf sich sein kann und das, was er getan hat.“

    Cedirc hob den Kopf mit vorwurfsvollem Blick, sprach aber immernoch ruhig.

    „Du hast keine Ahnung, was ich alles getan hab.“

    Er konnte es sich selbst nicht erklären. Egal, welche Vergehen er in den letzten Jahren begangen hatte, sie hatten nie an ihm genagt. Und ausgerechnet jetzt holten ihn Bilder aus seinem Gedächtnis ein. Wie er gelogen und geklaut hatte, um über die Runden zu kommen. Wie er sich geprügelt und durchgebissen hatte in hitzigen Situationen. Der Rachemord für seinen Vater und der, den Komura neulich in Toldus für ihn verübt hatte. All das, so sehr er auch seine Gründe für diese Aktionen hatte, kam ihm plötzlich nicht mehr richtig vor. Er hatte diese Jahre ehrloser gelebt, als er sich eingestehen wollte.

    „Klar ist, die Götter sind noch nicht fertig mit dir. Mich persönlich interessiert deine Vergangenheit nicht.“, erwiderte Sigurd mit fester Stimme, schlug eine Hand auf den Tisch und zeigte mit der anderen auf Cedrics Schwert.

    „Das hier ist Zeuge deines reinen Herzens. Du kannst Fehler nicht ungeschehen machen. Doch du kannst viel aus ihnen lernen, um dich zu bessern.“

    Er richtete sich wieder zu voller Größe auf und sprach ruhiger weiter.

    „Wenn es dein Wunsch ist, dann Werde ich dich in unserem Orden willkommen heißen. Doch ich würde zuvor gerne wissen, ob du eine Antwort auf die Frage gefunden hast, warum du an die Götter glauben solltest.“

    Cedric atmete geräuschvoll aus. Er hatte nicht darüber nachgedacht, denn es beeinflusste seinen Wunsch nicht. Doch wenn er völlig neutral an die Sache heranging, dann viel ihm nur eines ein.

    „Wenn ich nicht an die Götter glauben sollte, warum sollten sie an mich glauben?“, sprach er mit einem schwachen Lächeln.

    Sigurd verkniff zunächst die Augen und schien die Antwort, die genauer genommen eine Gegenfrage war, auf sich wirken zu lassen. Letztendlich schien sie ihm zu gefallen.

    „Du willst dich beweisen, sehr gut. Viele Männer sind diesen Weg, der vor dir liegt gegangen und haben ihr Leben auf dem Altar des andauernden Kampfes zwischen Gut und Böse gelassen. Schwörst du ihre Taten zu ehren und in Ho-ohs Namen ihr Werk fortzuführen?“

    Kein noch so geringes Zögern.

    „Ich schwöre.“

    „Dann soll es so sein.“ Er machte eine erhebende Geste.

    „Hiermit ernenne ich dich zu einem Ritter der Flamme. Von nun an bist du Mitglied in unserer Gemeinde.“

    Er schenkte ein sachtes Lächeln und sah zu Komura.

    „Ihr beide seid das.“

    Cedric musste sich wirklich zusammen nehmen. Sein Herz schien mit einem Male voller Freude aus seinem Körper springen zu wollen, während seine Glieder dagegen wie taub waren. Ein Stoß in seine Seite holte ihn aus dieser Starre. Komura machte dies oft und gerne, wenn er Cedric tadeln wollte. Nun aber hatte sich das Feuerpokémon in voller Freude an ihn geworfen. Der frisch ernannte Ritter nahm seinen Weggefährten in eine kameradschaftliche Umarmung und bedankte sich mit einem breiten Lächeln, das erwidert wurde. Wann hatte Komura das letzte mal, überhaupt mal so geschaut. Die Freunde über das Glück, das Cedric in diesem Moment erfuhr, war so ehrlich, das man es fühlen konnte und er fragte sich nicht zum ersten Mal, womit er einen solchen Partner verdient hatte.

    „Deine Waffe.“

    Cedric wandte sich wieder zu ihm, beziehungsweise dem angesprochenen Schwert auf dem Tisch.

    „Diese gesegnete Klinge ist von nun an dein wertvollster Besitz und wird dich dein ganzes Leben begleiten. Nimm sie.“

    Er tat, wie ihm geheißen war und umklammerte das Schwert mit festem Griff. Dies war also endgültig der Moment, an dem sich sein Wunsch erfüllte. Eine feste Aufgabe. Gefährlich aber ehrenvoll. Nichts anderes hatte er jahrelang gewollt.

    „Du besitzt nun die Waffe eines Streiters des Phönix. Trage sie mit Stolz, Ritter Cedric.“

    Sigurd hatte die Anrede besonders hervorgehoben und Cedric hätte mit allen Worten der Welt nicht beschreiben können, wie gut es sich anfühlte, so angesprochen zu werden.

    „Wie sieht meine Anfangszeit hier in der Burg aus.“, fragte er und stemmte seine Waffe auf den Boden.

    „Fürs Erste kannst du dich frei bewegen. Du wirst dir bei unserem Schmied Figrolf deine Rüstung abholen können. Einen passenden Gurt mit Schwertscheide macht er dir ebenfalls. Deine ersten Trainingseinheiten werden nicht lange auf sich warten lassen. Doch bis dahin, lebe dich so gut wie möglich ein. Nahezu alle Bereiche der Burg sind dir zugänglich und mit deinen neuen Kameraden kannst du dich natürlich auch direkt bekannt machen.“

    Cedric vollführte eine Mischung aus Nicken und Verbeugen.

    „Werde ich. Dann erwarte ich meine Anweisungen.“

    Seinen zufriedenen Gesichtsausdruck bemühte er sich gar nicht erst, zu verstecken.

    „Danke.“, fügte er noch hinzu.

    Auch Sigurd lächelte erstmals.

    „Willkommen bei den Rittern der Flamme.“

  • @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    19: Der lodernde Kommandanten


    „Eines noch, bevor du gehst.“

    Eine wichtige Sache musste Sigurd noch klären, ehe der neue Ritter wegtrat.

    „Nun wüsste ich gerne, was es mit dem auf sich hat, was zu vorhin gesagt hast. Du sprachst von einer Karte der Schattenkrieger, wenn ich mich nicht irre.“

    Man konnte die Neugierde deutlich aus seiner Stimme heraushören, doch das war nur allzu verständlich.

    „Ich hatte noch nicht vor zu gehen.“, erwiderte Cedric den Vorwurf, sich aus dem Staub zu machen, ohne sein Wort zu halten.

    „Dann sag, wo befindet sich eine solche Karte.“

    Cedric schaffte es gerade so, sein Grinsen zu kontrollieren.

    „In meiner Tasche.“, triumphierte er und sah Sigurds Augen aufleuchten, als er kurz darauf das zusammengerollte Pergament hervor holte.

    „Ich habe sie einem jungen Schattenkrieger abgenommen, den ich auf seinem Fluchtweg abfangen konnte. Sie wollten sie vor dem Orden in Sicherheit bringen.“

    „Zeig her.“, forderte er mit ausgestrecktem Arm.

    Cedric wartete geduldig ab, während Sigurds Augen sorgfältig das Pergament inspizierten und dabei langsam größer und größer wurden. Mit aufgewühltem Blick sah er schließlich auf.

    „Deine erste Tat als Ritter kann sich wahrlich sehen lassen. Wenn die Informationen dieser Karte stimmen, dann haben wir einen enormen Vorteil gegen unseren Feind. Dass wir diese Karte in die Hände kriegen, war definitiv das letzte, was die Schattenkrieger gewollt hätten.“

    Cedric lächelte Stolz.

    „Wie wirst du diesen Vorteil ausnutzen?“

    Grübelnd kratzte sich der Anführer am Kinn und schien sich dessen noch nicht wirklich sicher zu sein.

    „Das werde ich noch entscheiden. Ich treffe keine voreiligen Entscheidungen.“

    „Wir warten also zunächst ab?“

    Cedric war nicht wirklich erfreut über diese Passivität, doch Sigurd belehrte ihn prompt.

    „Ein gelungener Zug muss wohl überlegt sein. Unser Problem im Kampf gegen die Schattenkrieger besteht aus zwei Hälften. Nummer eins: wir kennen ihren Standort nicht. Hier zumindest werden uns diese Informationen von Nutzen sein.“

    Erst jetzt blicke er von der Karte auf und sah Cedric eindringlich an.

    „Nummer zwei: wir wissen noch nicht, welche Waffe sie noch in der Hinterhand versteckt halten. Ein zu ungestümes Vorgehen kann meine Männer leicht ins offene Messer laufen lassen.“

    Dem hatte Cedric nichts entgegenzusetzen. Genau genommen war dies auch nicht seine Absicht. Er sah schnell ein, dass Sigurd sein Handwerk als Anführer und Stratege sicherlich exzellent beherrschte. Aber eine Sache machte ihn Neugierig.

    „Welche Waffe? Was meinst du damit?“, fragte er mit erhobener Augenbraue.

    Er war sich nicht sicher, ob Sigurd das beabsichtigt hatte, aber Cedric hatte herausgehört, dass der oberste Ritter noch mehr wusste. Doch der winkte ab.

    „Du erfährst alles wichtige noch. Geh nun, ich habe mich jetzt um einige Dinge zu kümmern. Wende dich an Kecigor, um dich in der Burg zurecht zu finden.“

    Mit einem gehorsamen Nicken wandte Cedric sich ab, schulterte sein Schwert und bedeutete Komura, der still neben ihm stand, mit einer kurzen Handbewegung, ihm zu folgen. Sigurd widmete sich sogleich wieder einigen Schriften auf seinem Arbeitstisch. Erst als sein neuer Ritter das untere Ende Ende der Treppe erreicht hatte und Richtung Tor nach draußen ging, erlaubte er sich, ihm nachdenklich hinterher zu sehen.

    Er hatte einen jungen, vielversprechenden Mann für seinen Orden gewonnen. Die wenigsten hatten ihn gleich bei ihrer Aufnahme so beeindrucken können. Zudem schien er von seiner Persönlichkeit sehr vielschichtig zu sein. Er war sehr interessiert, zu sehen, wie er sich machen würde. Vielleicht würde er ihm für seine erste Trainingseinheit jemand besonderen zuordnen. Keine schlechte Idee, wie er so darüber nachdachte. Davon würde er sich einiges Versprechen.

    Wieder von warmen Sonnenstrahlen empfangen traten Cedric und Komura ins Freie. Sich genüsslich streckend passierte er die Torwache und ging entspannt die Treppe hinab. Während er dabei erneut das Innere der Burg betrachtete, merkte er, wie er diese Plötzlich ganz anders war nahm. Verständlich, wie ihm klar wurde. Immerhin war dies ab sofort ihr zu Hause. Das erste Heim seit Jahren.

    Wie ihm geraten wurde, würde er sehr zeitnahe die Schmiede aufsuchen, um sich um seine Rüstung zu kümmern. Da er aber drüben bei den Pokémon ein Lohgock und direkt darauf Kecigor aus der Ferne erkennen konnte, stellte er dieses Vorhaben an zweite Stelle und ging stattdessen zu ihnen rüber.

    Razton bemerkte ihn zuerst, da sie in seiner Blickrichtung auf ihn zukamen. Kecigor bemerkte die Beiden etwas später, strahlte aber übers ganze Gesicht, als er sie erblickte.

    „Hey.“, rief er erfreut.

    „Da wären wir wieder.“, verkündete Cedric.

    Kecigor betrachtete die Waffe auf Cedrics Schulter. Kombinierte man diesen Anblick mit seinem zufriedenen Ausdruck, kam man schnell zu einem Schluss. Ähnlich wie neulich in Toldus, als sie sich das erste Mal begegneten, straffte er seine Haltung und legte die Faust auf den Brustkorb.

    „Willkommen in unseren Reihen, Kamerad.“

    Auch Razton vollführte die Geste und knurrte freundlich.

    Cedric winkte lächelnd ab.

    „Können wir einfach so miteinander reden wie bisher? Das fühlt sich irgendwie komisch an.“

    „Du wirst dich dran gewöhnen. Solche Kleinigkeiten bringt der Rang mit sich, besonders wenn du in fremden Städten bist.“

    Cedric dachte an den Moment zurück, als sie sich in Toldus begegnet waren. Künftig würde seine Erscheinung wohl ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Allerdings nur wenn...

    „Ich werde erstmal zum Schmied gehen, wegen einer Rüstung für mich.“

    „Mhm.“, nickte Kecigor prompt.

    „Hättest du danach etwas Zeit, mir alles in der Burg hier zu zeigen?“

    „Können wir machen.“

    Ein dankendes Lächeln. Dann wandte er sich zu Komura.

    „Was meinst du, willst du erstmal hier bleiben? Dich mich den anderen Pokémon bekannt machen?“

    Das angesprochene Feuerpokémon sah sich einen Moment um und Cedric könnte schwören, dass sein Blick einen Moment lang an einem ruhenden Vulnona hängen geblieben wäre. Komura stimmte ein.

    Die Pokémonstation hatte selbstverständlich auch einen Betreuer, Bertram war sein Name. Eine entspannt wirkende Person fortgeschrittenen Alters. Cedric übergab Komura in seine Obhut und marschierte mit Kecigor zur Schmiede hinüber.

    „Und wie findest du deine neue Waffe?“

    Ohne zu stoppen nahm Cedric sein Schwert von der Schulter und streckte es empor, gestattete sich, die Eleganz dieser Klinge ein weiteres Mal zu bewundern.

    „Es übertrifft alle meine Erwartungen.“

    „So soll es auch sein.“, sagte Kecigor und lächelte.

    „Was es mit der Schmiede auf sich hat, weißt du bereits, oder?“

    Er fuhr sogleich fort, als Cedric nickte.

    „Jeder von uns erhält von unserem Gott ein Schwert, dass perfekt zu ihm und seinem Kampfstil passt. Dafür sorgt die Magie in Ho-oh's Flamme. Das besondere ist, dass niemand sonst, diese Waffen benutzen kann.“

    Ein verdutzter Blick.

    „Wie meinst du das?“

    Kecigor packte den Griff seines eigenen Schwertes, welches er nach wie vor am Rücken trug, zog es aber nicht.

    „Du hast gesehen, dass es mir trotz der Größe keine Probleme bereitet, diese Klinge führen. Jeder andere Mensch würde sich nur beim Versuch, es zu stemmen, einen Bruch heben.“

    Verblüfft hob Cedric eine Augenbraue. Natürlich erinnerte er sich gut daran, wie eindrucksvoll Kecigor dieses Schwert umhergewirbelt hatte. Damals hatte er es auf eine Kombination von leichtem Material und gutem Training geschoben. Diese neue Information war er bereit zu testen.

    „Hier.“, sagte er und streckte ihm seinen Griff entgegen.

    „Das würde ich gerne sehen.“

    Kecigor presste die Lippen aufeinander.

    „Wenn es sein muss, dann quäle ich mich halt kurz für deine Neugier.“

    So nahm er es entgegen. Überraschenderweise konnte er es ohne Probleme stemmen, lies es jedoch schon eine Sekunde später wieder panisch los.

    „Ah, verdammt!“

    Mit dumpfen Ton fiel die Waffe auf den Erdboden.

    „Was ist?“

    „Glaub mir oder nicht, aber das Ding ist glühend heiß.“

    „Heiß?“, fragte er skeptisch.

    „Hab ich gestottert?“

    Cedric hob es auf und tastete Griff, Parierstange und Klinge ab. Es war ganz kühl.

    „Und wie war das jetzt mit dem Gewicht?“

    Kecigor zog den Handschuh, den er unter seiner Rüstung trug, von den Fingern und pustete sachte auf seine Hand.

    „Was weiß ich. Es ist ja nicht so, als würden wir alle die Schwerter des anderen nehmen, um zu schauen was passiert.“, erwiderte er leicht genervt. Offenbar hatte das wirklich weh getan, immerhin, hatte er bislang immer sehr souverän gewirkt. Mit einem Male kam ihm in den Sinn, dass Sigurd zuvor das Schwert nicht ein einziges Mal direkt berührt hatte. Nun war klar, aus welchem Grund.

    „Okay, tut mir leid. Geht es?“

    Kecigor bewegte seine Finger ein bisschen.

    „Ja, alles in Ordnung.“

    Nach dieser kurzen Einlage steuerten sie ihr eigentliches Ziel an.

    Figrolf war ein Schmied, wie man sich ihn vom Erscheinungsbild vorstellte. Fortgeschrittenes Alter – Cedric schätzte ihn auf etwa fünfzig, kaum noch Haar auf dem Haupt, dafür ein Vollbart in Braun und Grau. Sein Blick wirkte recht grimmig, vielleicht waren es aber auch einfach die Falten in seinem Gesicht, die ihn so erscheinen ließen. Wie bei jedem Schmied bestand die Arbeitskleidung aus einem leichten Hemd, welches ordentlich Schmutz aufgefangen hatte und einer dicken grauen Schürze. Die beiden Besucher stimmten ihn offenbar mürrisch.

    „Ah, schon wieder ein paar Jungspunde, die einem geschundenen Mann harte Arbeit abverlangen müssen.“, maulte er und blickte dann auf Cedric.

    „Dich hab ich hier allerdings noch nie gesehen.“ und trat an ihn heran. Seine Körperhaltung war straff und gerade, dennoch war er gut einen halben Kopf kleiner als Cedric. Auch wenn sein Körperbau kräftig war, einen imposanten Eindruck machte er trotzdem nicht.

    „Bin auch gerade erst angekommen.“, sagte er.

    „Mein Name ist Cedric. Ich wurde eben in den Orden aufgenommen.“

    Er erhielt nur ein eher gelangweiltes Nicken.

    „Verstehe, wieder einer mehr, der ausgerüstet werden darf. Ich bin ja froh, dass ich mich nur um eure Rüstungen kümmern muss. Kämen noch die Schwerter hinzu, wäre dieser Körper schon vor Jahren zusammengeklappt.“

    Er schien das Nörgeln fast schon zu genießen, während er sich an einem Wassereimer die Hände säuberte und anschließend auf Cedric zukam. Er war überraschend klein, etwa einen halben Kopf tiefer, obwohl Cedric Normalgröße hatte.

    „Dann lass mich mal sehen, was du brauchst.“, murmelte er und zog Cedrics Arm zu sich, sodass dieser gerade vom Körper weg zeigte. Anschließend tastete er mit flachen Händen seinen Torso ab, als wolle er prüfen, ob er Schmuggelware oder so in der Kleidung versteckt hat.

    „Was wird das, wenn's fertig ist?“, fragte er gereizt. Dass man ihn so plötzlich anfasste, mochte er gar nicht.

    „Quatsch nicht, Bursche. Wenn ich dir schon die beste Rüstung deines Lebens schmiede, lass mich wenigstens dafür sorgen, dass sie dir perfekt passt.“

    Cedric sah hilfesuchend zu Kecigor.

    „Ist das normal?“

    „Glaubs oder nicht, aber das reicht ihm schon, um abzuschätzen, welche Größen er für deine Rüstung braucht. Du kannst darauf vertrauen, dass sie wie angegossen passen wird.“

    Der Schmied fixierte Cedric wieder direkt, nach wie vor grimmig blickend.

    „Das will ich meinen. Schließlich rüste ich diese Truppe schon lange genug aus und beherrschte mein Handwerk bestens.“

    Nicht lange dauerte es, bis er wieder von ihm ab lies.

    „Alles klar, du kannst dir deine Rüstung in zwei Tagen abholen.“, sagte er, während er den beiden schon wieder den Rücken gekehrt hatte und nahm seine Arbeit wieder auf.

    Cedirc torkelte leicht irritiert zu Kecigor zurück.

    „Habt ihr das alle über euch ergehen lassen?“

    Er schwieg und mied mit kapitulierendem Gesichtsausdruck den Blickkontakt.

    „Immer wenn man denkt, man hat schon einige komische Vögel gesehen...“

    Vielleicht hätte Cedric etwas ruhiger sprechen sollen. Zwar hatte Figrolf ihn nicht gehört, dafür machte sich jemand anders mit tiefer, lauter Stimme bemerkbar.

    „Beurteile Menschen nicht wegen ihres Verhaltens, sondern wegen ihrer Fertigkeiten.“

    Sowohl Cedric als auch Kecigor drehten sich in Richtung der Person, die gesprochen hatte und die keiner von beiden bemerkt hatte.

    Sie erblickten einen groß gewachsenen Mann mit gebräunter Haut und rauen Gesichtszügen. Sein tiefbraunes Haar war stand ziemlich wild, war aber zu kurz um ihm Sicht zu nehmen und seine dunklen Augen blickten sehr durchdringend. Vor allem aber fiel Cedric auf, dass die Rüstung, die der Mann trug, sich von denen der anderen Ritter unterschied. An manchen Stellen war sie stärker gepanzert und prunkvolle Details in Rot-Orange. Cedric realisierte schnell, dass es sich um genau die gleiche Rüstung handelte, die Sigurd trug. Folglich war er kaum überraschend, dass Kecigor seine Haltung straffte, was Cedric ihm sicherheitshalber nach tat. Es stand keine einfacher Ritter vor ihnen.

    „Thorien.“, sprach Kecigor. „Sei gegrüßt.“

    Der angesprochene schaute nicht sehr zufrieden zu ihm rüber.

    „Ich hätte es begrüßt, als Erster von deiner Rückkehr zu erfahren, Kecigor.“

    Der gab sich leicht schuldbewusst, lächelte aber.

    „Entschuldige, aber mein Bericht für Lord Sigurd konnte nicht warten.“

    Er nickte.

    „Da muss ich dir allerdings Recht geben. Er hat es mir schon erzählt. Das war gute Arbeit.“

    Dann wandte er sich Cedric zu, der sich in Schweigen gehüllt hatte. Aus irgendeinen Grund wirkte etwas an dieser Person vertraut. Doch es war unmöglich, dass er ihn schonmal irgendwo gesehen hatte. Wie hatte Kecigor ihn angesprochen? Thorien...

    „Moment, dann ist das der Mann von dem du erzählt hast?“, spielte er auf Kecigors Geschichte an, als er von seinem Beitritt in den Orden sprach.

    Ein nicken bestätigte stumm, Thorien selbst ergriff erneut das Wort.

    „Ich bin Lord Thorien, Vize-Oberhaupt des Ordens der Flamme. Und auch in meinem Namen heiße ich dich bei uns willkommen.“

    Den angebotenen Händedruck erwiderte Cedric selbstverständlich.

    „Lord Thorien ist die rechte Hand unseres Anführers. Er wird wie für uns alle dein Ausbilder sein.“

    „Wie gesagte habe ich bereits erfahren, dass du dich bewehrt gemacht hast und den Segen des Phönix trägst.“

    „Dieses hier habe ich offenbar nur ihm zu verdanken.“, antwortete er und präsentierte seine Waffe. Wirklich beeindruckt sah Thorien aber nicht aus.

    „Dann zeige mir doch mal, wie du damit umzugehen weißt.“

    Cedirc war verdutzt.

    „Also wir...“

    „Wir tragen einen Kampf aus. Ich will deine Fähigkeiten sehen.“

    Cedric stand ein wenig irritiert auf der freien Grasfläche im Schatten des Hauptgebäudes der Burg. Obwohl sie sich zwischen selbigem und der Mauer befand, kam man sich hier nicht eingeengt vor und hatte ausreichend Platz. Zudem gab es hier hinten keine Zuschauer. Kecigor wurde angewiesen, seine Ausrüstung prüfen zu lassen, obwohl er versichert hatte, dass diese in Ordnung sei. Somit befanden sich er und Thorien allein und ungestört auf diesem abgelegenen Übungsplatz. Der Vizekommandant zog bereits sein Schwert vom Rücken.

    „Ich kämpfe nicht direkt mit voller Kraft. Ich will sehen, auf welchem Stand sich seine Schwertkunst befindet, also halte so gut es geht dagegen.“

    Cedric nickte und betrachtete kurz die Waffe, die Kecigor in seiner Geschichte schon beschrieben hatte. Ein Zweihandschwert mit nach vorne gerichteter Parierstange, fast komplett von dunkelroter Farbe, nur die Klinge selbst glänzte metallisch. Der Ausdruck Dämonenschwert kam unweigerlich in den Sinn. Fast schon unpassend für einen Ritter des Phönix.

    Eine gewisse Nervosität konnte Cedric nicht leugnen, als er seine eigene Waffe zog. Kecigors Kampfkünste hatten ihn bereits enorm beeindruckt. Thorien hatte definitiv noch mehr zu bieten. Gleichzeitig war er neugierig diese heilige Klinge zum ersten Mal zu testen.

    „Bereit? Gib dein Bestes.“, sagte er und kam mit dem Schwert im Anschlag auf ihn zugestürmt.

    Der erste Angriff war ein kräftiger Schlag von oben. Der Schwung des kurzen Sprints verstärkte die Wucht des Aufpralls, als Cedric sich dem Angriff entgegenstellte. Seine Parade wurde einfach hinweggefegt und er selbst zurückgestoßen. Es folgte eine Schlagkombination aus schnellen Hieben, die abwechselnd von links und rechts einprasselten. Cedric hielt jeden Angriff auf, musste aber um einen festen Stand kämpfen. Wenn man im Zweikampf des Halt verlor, war es aus und auch wenn dies ein Übungskampf war, wollte er sich gut präsentieren. Also hielt er nach Kräften stand und Beobachtete die Bewegungen seines Gegenübers.

    Thorien strengte sich augenscheinlich noch nicht sonderlich an. Selbst Angriffe die ihn noch nicht ins Schwitzen zu bringen schienen, verlangten schon einiges ab. Vielleicht konnte Cedric es ausnutzen, wenn er zu lässig werden würde. Einen weiteren Angriff zur Seite abwehrend vollführte er einen Ausweichschritt und brachte ein wenig Abstand zwischen die beiden. Ein paar wenige Sekunden wollte er haben, bevor er etwas versuchte.

    „Das war noch nicht alles.“, warnte Thorien und kam wieder mit schnellen Schritten.

    Ein wuchtiger Stoß mit der Schwertspitze war seine nächste Aktion. Cedric meinte den Angriff schon spüren zu können, bevor er ihn überhaupt erreicht hatte. Von diesem Mann ging eine wahnsinns Kraft aus. Dennoch gelang es erneut abzuwehren, indem er Thoriens Schwert mit dem seinen abdrängen konnte und die Klingen kreischend aneinander schabten. Nun schnellte sein Körper nach vorne und ging in einer fließenden Bewegung von Abwehr auf Angriff. Ein gezielter Angriff auf die Kopfregion fand jedoch kein Ziel, da Thorien rechtzeitig zurück zog und sich unter der nahenden Klinge hinweg ducken konnte.

    „Oho, nicht schlecht.“, lobte er kurz und entlockte Cedric so den Drang nach mehr Initiative.

    Leichter und wendiger gerüstet versuchte er, Thorien mit permanenten Attacken aus verschiedenen Richtungen. Thorien aber hatte die Arme schnell erhoben und seine Klinge nach unten gerichtet. Arme und Körper benötigten nur einen minimalen Bewegungsaufwand, um die Hiebe links wie rechts abprallen zu lassen.

    Cedric hatte nicht direkt erwartet, ihn einfach überwältigen zu können, doch er war sich sicher, dass hier etwas nicht stimmte. Während die Klingen weiter aufeinanderprallten, klirrten und unter der Wucht des Aufpralls vereinzelte Funken versprühten, fühlte er sich mit jeder Sekunde schwächer. Nicht nur, dass er immer mehr dass Gefühl bekam, seine Angriffe würden zunehmend an Kraft verlieren, schien es, als wäre bei Thorien mit jedem Schwung das genaue Gegenteil der Fall. Verliesen ihn etwa so schnell schon die Kräfte?

    Er machte einen Ausweichschritt nach hinten und lies das dämonisch wirkende Schwert in Leere gehen. Thorien gab ihm offenbar einen kurzen Moment zum Durchatmen, denn er griff nicht sofort wieder an. Cedric sah die Waffe seines Gegenüber an und kam gleich zum Entschluss, dass hier etwas nicht normal verlief.

    Thoriens Schwert war umgeben von einem seltsamen Flimmern, ähnlich wie man es bei großer Hitze kannte. Die Klinge gab eine pulsierende Energie von sich, die ihn einschüchterte. Hier musste wieder Magie im Spiel sein, anders konnte er sich das nicht erklären.

    Thorien grinste einmal kurz, kam dann wieder mit Schwung angerannte, ähnlich seinem allerersten Angriff. Cedric hatte keine Idee, war zu sehr von seinen Gedanken abgelenkt und versuchte, wie zuvor zu blocken.

    Der kraftvolle Schlag war kein Vergleich zu dem von vorhin. Nicht nur die Wucht des Metalls, sondern etwas anderes gingen damit einher. Etwas, das Cedric zwar nicht sehen, aber definitiv spüren konnte, lies ihm keine Chance, standzuhalten.

    Die Kraft des Angriffes riss ihn um und warf ihn schmerzhaft zu Boden. Sein ganzer Leib bebte und ehrfürchtig blickte er auf.

    Thorien verharrte kurz in seiner Kampfstellung und musterte Cedric. Dann entspannte er mit einem tiefen Ausatmen seinen Körper und steckte seine Waffe weg.

    „Okay, das reicht.“, verkündete er das offensichtliche Kampfende und half Cedric auf die Beine.

    „Du bist in Ordnung?“

    Cedric musste sich einmal schütteln, bestätigte aber.

    „Ja, es geht. Aber das hat mich echt umgehauen.“

    Er klopfte sich den Staub von den Klamotten und hob sein Schwert vom Boden.

    „Was zur Hölle ist da gerade passiert? Ist das Schwert magisch?“

    Er verschränkte die Arme und starrte auf ihn herab.

    „Ja und Nein. Magie war am Werk, doch sie kam nicht von der Waffe.“

    Cedric schaute auf Thoriens Schwert, von dem er nur den Griff sehen konnte, da es sich wieder in der Halterung am Rücken befand.

    „Du warst das also.“

    „Korrekt, du solltest nämlich wissen, dass Magie nicht immer gleich Magie ist.“

    Daraus wurde er wenig schlau.

    „Was soll das bedeuten?“

    Thorien stemmte die Arme in die Hüfte und holte zu einer Erklärung aus.

    „Magie einzusetzen ist nicht für jeden Menschen möglich. Und selbst bei denen, die sie beherrschen, kann sie auf unterschiedliche Weise wirken. Ich selbst war mein Leben lang ein Schwertkämpfer, habe aber dennoch den Segen des Phönix erhalten. Wenn ich meine Waffe ziehe, verspüre ich in meinem Inneren eine Flamme, die mit jedem Schlag und jedem Atemzug stärker wird, wie ein Brand, der sich ausbreitet. Diese Energie pulsiert in meinem Körper und überträgt sich auf mein Schwert, auf das meine Feinde davon überwältigt werden.“

    Dann trat er an Cedric heran und legte eine Hand auf seine Schulter.

    „Und so wie ich, wirst auch du deine ganz eigene Art finden, Magie in deinen Kampfstil einzubinden.“

    Cedric blickte mit großen Augen zu ihm empor. Noch immer außer Atem wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

    „Einfach ausgedrückt wirst du stärker, je länger der Kampf dauert. Kann man dich dann überhaupt schlagen?“, fragte er fast schon in sarkastischem Tonfall.

    „Auf jeden Fall.“

    Die Antwort kam schnell und Thoriens Ausdruck wurde streng, was ihn leicht überraschte.

    „Ich hörte bereits, dass du ein Tornupto deinen Partner nennst. Meine Fähigkeit ist für Duelle prädestiniert, doch wärst du gemeinsam mit ihm gegen mich angetreten, hätte ich Probleme bekommen.“

    „Dann hast du also kein Pokémon als Partner?“

    Als Antwort gab es ein betrübtes Kopfschütteln.

    „Mein Partner ist vor etwa einem Jahr gestorben, er hat seine Pflicht erfüllt. An mir liegt es nun, alles dafür zu tun, dass den Rittern diese Erfahrung erspart bleibt. Seither kümmere ich mich um die Ausbildung und die Truppenführung bei den Einsätzen.“, erklärte er.

    „Sigurd hat mich gleich nach deiner Aufnahme rufen lassen und mich gebeten, dein Können zu testen.“

    Damit war auch Cedrics noch ausstehende Fragen geklärt, warum er ihn überhaupt mit diesem Duell überrascht hatte.

    „Und welches Fazit kannst du mir geben?“

    Thorien fasste sich grübelnd ans Kinn, als hätte er nicht mit einer solchen Frage gerechnet.

    „Du hast gute Reflexe und Instinkte. Für den Anfang gebe ich dir drei Ratschläge, die du für deinen Kampfstil verinnerlichen solltest.“, setzte er an.

    „Ein Ritter setzt beim Kampf nicht nur sein Schwert ein, sondern auch den Verstand. Achte genau darauf, bis zu welchem Punkt du zurückweichen darfst, ohne dich in Bedrängnis bringen zu lassen. Und bedenke, du kämpfst gut, wenn du den Gegner steuerst und ihm dadurch keine Möglichkeit gibst, sich selbst zu steuern.“

    Cedric lies die Worte einen Moment auf sich wirken, vermied aber weitere Fragen. Wie ihm gesagt wurde, würde er versuchen, diese Anweisungen zu verinnerlichen, also nickte er nur stumm.

    „Dann wäre das fürs Erste alles, Ritter Cedric.“, sagte er und lächelte erbauend.

    „Sobald Figrolf deine Rüstung fertig gestellt hat, wirst du zu unserem Training dazustoßen. Die individuellen Fertigkeiten von dir und deinem Partner werden wir dann gemeinsam verbessern. Wir werden schon dafür sorgen, dass sich das Potential, das Sigurd in euch gesehen hat, entfalten wird und ihr zu wahren Streitern der heiligen Flamme werdet.“

    Cerdic konnte den Ausdruck der Euphorie in seinem Gesicht nicht unterdrücken. Dieser Mann, der ihn gerade in vielerlei Hinsicht beeindruckt hatte, würde ihn tatsächlich trainieren. Es würde sicher hart werden, sehr hart. Aber die Voraussicht, von einem solch starken Kämpfer unterrichtet zu werden, war einfach so vielversprechend, dass er die Fäuste ballte.

    „Ich freue mich schon drauf.“

  • @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    20: Gewohnheiten


    Es war Abend, ziemlich spät sogar. Im Schatten des Berges war die Sonne schon nicht mehr so sehen, aber sie brachte noch ein wenig Helligkeit über den Trainingsplatz. Cedric schwitzte enorm unter seiner Rüstung und seine Muskeln protestierten gegen jede Bewegung, die er ihnen abverlangen musste. Doch er biss die Zähne zusammen, er wollte nicht nachgeben. Er wollte unbedingt mithalten. Schon bei den letzten Einheiten hatte er vermieden, seine Kameraden, die um ihn herum standen und die gleiche Schlagkombination wieder und wieder vollführten, anzusehen. Sie sahen auch gegen Ende des Tages immer noch aus, als würden sie ein Schonprogramm durchlaufen. Entweder forderte sie das Training wirklich so wenig, oder sie ließen es sich einfach nicht anmerken.

    „Nicht nachlassen, da drüben. Leg alles rein, was du hast!“

    Die Worte kamen von Thorien und gingen in Cedrics Richtung. Er wurde gewarnt, dass er keine Sonderbehandlung erhalten würde. Er hätte auch nie um eine gebeten, aber die Männer, die denen er mithalten musste, waren einfach in überragender Form.

    Die ordentlich aufgereihte Trainingsgruppe führte die Übungen immer bis Sonnenuntergang unter Thoriens Aufsicht durch. Der Abschluss bestand immer aus ein paar ausgewählten Schlag- und Schrittkombinationen, die besonders belastend für den Körper waren. Sie waren simpel, doch Technik stand zur Mittagsstunde auf dem Plan. Wenn der Körper Abends langsam müde wurde und die Muskelkraft nachließ, kamen die Ausdauereinheiten dran, die Cedric schon ein paar Mal verflucht hatte.

    'Komm, jetzt streng dich mal an.', dachte er still für sich und achtete darauf, dass seine Atmung nicht aus dem Rhythmus kam. Das beschämende Gefühl der ersten Tage, als er aus Kraftmangel nicht weitermachen konnte, war ihm gut in Erinnerung geblieben und er wollte dies auf keinen Fall wiederholen. Um die nötige Kraft dafür aufzubringen begann er, mit jedem Schwung, mit jedem Atemzug, einen tiefen, kämpferischen Laut auszustoßen, wie es bereits einige in der Gruppe taten. Wie alle wusste Cedric ebenfalls, dass der Körper auf diese Weise mehr Kraft entfaltete, die er nun dringend benötigte.

    Irgendwann ertönten endlich Thoriens erlösende Worte.

    „Allemann halt!“

    Sofort rührte sich niemand mehr.

    „Waffen runter und einstecken, für heute war's das. Gute Arbeit.“

    Aus mehreren Richtungen ertönte erschöpftes Schnaufen, während sich der Truppenführer Richtung Haupthaus entfernte. Über schmerzende Muskeln beschwerte sich niemand, zumindest nicht lautstark.

    Cedric schob sein Schwert in die Befestigung an seinem Gurt und schüttelte seine Arme um die Muskulatur zu lockern. Seit zehn Tagen nahm er nun am Training teil, erledigte die Arbeiten, die täglich in der Burg anfielen und lebte. Ja, er lebte dieses neue Leben und konnte nicht wirklich über etwas klagen. Regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf waren nicht die einzigen Dinge, die er genoss. Seine neue Rüstung, die er zwei Tage nach seiner Ankunft erhalten hatte, erstaunte ihn immer noch. Auch wenn er sich an das Gewicht erst hatte gewöhnen müssen, wog sie nicht so sehr, wie er zunächst erwartet hatte. Vor allem aber erstaunte ihn, wie gut sie sich an seinen Körper schmiegte und ihn in seinen Bewegungen kaum einschränkte. Dieser Figrolf verstand sein Handwerk. Er und Reinhold könnten gemeinsam sicher ein Vermögen machen.

    Die anderen Ritter hatten ihn vom ersten Tag an gut behandelt. Keiner sah ihn ihm einen Neuling, den man nicht zu beachten brauchte. Von dem Moment an, als er zum ersten Mal mit der Rüstung, die sie alle trugen aus der Schmiede herauskam, sprach man mit ihm, als wäre er schon lange Teil der Gemeinschaft.

    „Na, wie steht's?“, hörte er plötzlich aus seinem toten Winkel und sah dann in die Gesichter von Kecigor und Marek.

    „Es ist anstrengend.“, begann er, grinste dann aber. „Doch das ist schließlich der Sinn des Ganzen.“

    „Da hast du Recht.“

    Marek war wenige Tage nach ihrer Ankunft ebenfalls in der Burg angekommen, hatte sich tatsächlich schon wieder erholt und nahm uneingeschränkt am Training teil.

    „Gehen wir, ich brauche jetzt wirklich was zu Essen.“

    Kecigor und Cedric ging es da nicht anders.

    Zuvor war natürlich noch ein Zwischenstopp von Nöten. Denn in verschwitzter Montur saß hier niemand am Tisch, daher suchten sie zunächst die Quartiere auf und entledigten sich ihrer Rüstungen. Nach einem raschen Abstecher in die Waschräume, wo mich sich von grobem Dreck und Geruch befreit und in bequeme Klamotten aus feinem Stoff und leichtem Leder gehüllt hatte, steuerte die Dreiergruppe den Essenssaal an, der sich, wie die anderen Einrichtungen im Erdgeschoss des Burghauses befand. Hier fanden sich die Ritter ihrer Trainingsgruppe zur Stärkung ein. Selbstverständlich speisten hier nicht alle Leute aus der Burg gleichzeitig, sondern immer so, wie es der Trainingsplan der verschiedenen Gruppen zuließ. Mehrere Köche arbeiteten dazu den ganzen Tag fast durchgehend. Der Raum selbst war wie die komplette Burg natürlich eher auf die effektive Nutzung von Platz, als auf Komfort ausgerichtet. Neben einem langen Holztisch mit zwei Sitzbänken gab es hier nichts, lediglich ein paar Fackeln am Gemäuer erleuchteten den Raum. Zur Küche gelangte man durch die Tür am anderen Ende. Trotzdem war hier die Atmosphäre untereinander eine ganz andere, als draußen auf dem Trainingsplatz.

    Cedric, Kecigor und Marek waren nicht die Ersten, die auf der Bank an dem lang gestreckten Holztisch, der bereits mit Tellern und Essbesteck ausgestattet war, Platz nahmen. Gallander, ein Ordensbruder von gepflegtem Erscheinungsbild mit Kinnbart und schulterlangen, hellbraunen Haar, saß bereits gegenüber von ihnen.

    „Hey, gute Arbeit.“, lautete sein Gruß, als er die Gruppe erblickte. Nicht nur nach erledigten Aufgaben, auch am Ende eines normalen Trainingstages grüßte man nicht selten mit einem Lob, welches der Anstrengungen der Tages galt.

    „Danke, du auch.“, gab Marek lächelnd zurück.

    Noch ehe es sich jeder bequem gemacht hatte, traten zwei weitere Männer ein, die auf die Namen Obelion und Ardanon hörten. Sie waren Brüder, zwei Jahre trennten sie voneinander. Obelion, der erstgeborene fiel durch seine kurz geschorenen Haare als rüder Zeitgenosse auf, während Ardanons pechschwarzes Haar wie immer ordentlich gekämmt war. Auch die Gesichtszüge der beiden ähnelten sich nicht. Ardanon hatte eine schmale Kopfform und starke Wangenknochen, wogegen das runde Gesicht seines großen Bruders sehr weich wirkte. Meist blieben die beiden eher unter sich. Nicht wegen einer Absicht, die anderen Männer zu meiden, es war halt einfach so. Vermutlich brachte sowas das Dasein als Bruder eben mit sich. Doch eines hatte Cedric in den anderthalb Wochen hier sehr schnell gelernt. In gewisser Weise waren sie alle Brüder. Zumindest war das der Eindruck, den er hier Tag für Tag erhielt.

    „Sag, hast du eigentlich an deiner Zielgenauigkeit gearbeitet?“, fragte Obelion seinen jüngeren Bruder, welcher lächelnd abwinkte.

    „Wenn ich nicht hin und wieder mit jedem Schuss treffe, denkst du irgendwann noch, du könntest mit mir mithalten.“

    Diese spöttische Bemerkung entfachte ein heiteres Lachen in der gesamten Runde. Sie wussten, dass die beiden besonders beim Magietraining selten darauf verzichteten, sich gegenseitig zu messen. Ebenfalls eine Sitte, die vor allem unter Blutsverwandten verständlich war.

    Cedric genoss dieses Theater der Beiden jedes Mal. Da auf dem Tisch bislang noch nichts stand außer einer großen Obstschale in der Mitte, bediente er sich an einem Pfirsich, hoffte aber, dass die warmen Speisen schnell kamen.

    „Jetzt wird er eingebildet, weil er mal einen guten Tag hatte.“, lachte Marek.

    „Aber bei guter Leistung darf man den jüngeren Bruder ruhig mal loben, nicht war?“, stichelte er in Obelions Richtung.

    Der sah völlig unschuldig.

    „Deswegen sage ich ja nichts.“

    Erneut entfachte Gelächter im Raum. Auch unter den beiden Streithähnen. Wobei dieses Wort im Grunde nicht zutraf, schließlich lachten sie jedes Mal mit, selbst wenn der Scherz auf ihre Kosten ging. Während er seinen Pfirsich vertilgte, fragte sich Cedric, wie wohl adlige Gemeinschaften reagieren würden, wenn sie diese Runde sehen würden. Doch gerade weil es hier eben nicht so verklemmt war, fühlte er sich wohl.

    „Sag mal Kecigor, kannst du eigentlich mal ein paar Informationen aus dem Vizekommandanten herausbekommen, wann es endlich losgeht?“, wich Gallander auf ein ernsteres Thema aus.

    Viele hier in der Burg kannten die ungewöhnliche Geschichte, wie Kecigor zu diesem Orden kam, schließlich waren die meisten hier schon deutlich länger dabei. Er hatte deshalb schon immer den Ruf des Lieblings bei Lord Thorien, der auch irgendwo berechtigt war. Cedric hatte sich sagen lassen, dass zwischen den Zwei fast schon eine Vater Sohn Beziehung herrschen würde. Der Angesprochene fuhr sich durchs blonde Haar und kratzte sich am Hinterkopf.

    „Keine Chance. Was dass angeht, hält er sich eisern an seine Anweisungen.“

    Die Nachricht, dass Lord Sigurd eine strategische Karte des Feindes in Händen hielt, wurde offiziell noch nicht verbreitet, doch irgendwie hatten es ein paar Truppmitglieder doch aus Kecigor heraus bekommen können. Natürlich hielt man diese Information vorerst noch geheim, doch die wenigen, die davon wussten waren – man mochte fast schon über diese Formulierung lachen – Feuer und Flamme, wann sie denn nun ausrücken würden. Klar war, der Kommandant schmiedete längst einen Plan, doch jedem juckte es bereits in den Fingern, den Schattenkriegern einzuheizen.

    Während sie weiter tratschten, trafen weitere Ritter ein, nahmen nacheinander Platz schalteten sich in die Gespräche ein oder warteten einfach stumm. Die Seitentür des Raumes wurde aufgestoßen und die Köche brachten die Speisen für die Hungrigen. Über den Tisch verteilt wurden gebratenes Fleisch, gekochtes Gemüse, heiße Kartoffeln, frisch gebackenes Brot und ein paar weitere Beilagen. Abends war es den Rittern sogar vergönnt, sich etwas Wein zu gönnen, wenn auch nur in geringen Maßen, schließlich sollte sich hier ja niemand betrinken.

    Cedric blicke zwischen den anderen Rittern umher. Es waren irgendwie immer die selben Männer, bei denen er Abends am Tisch saß. Doch wenn er die Sitzbänke entlang sah, fanden sich da noch zu genüge Leute, deren Namen er noch nicht einmal kannte. Nun gut, an der hinteren Ecke saß noch Eredan, ein stiller Zeitgenosse aus dem Westen des Reiches, der auf den ersten Blick eher wie er Jäger als ein Ritter wirkte. Und dem war tatsächlich so, der Mann hatte mehr Zeit seines Lebens in Wäldern und Höhlen verbracht, als in Städten und Dörfern. Und obwohl er sich oft abspaltete, empfing er jeden, der zu ihm kam, offen und freundlich.

    In der Mitte der Reihe sah er dann noch Varo. Einer der Besten im Umgang mit dem Schwert, aber auch eine Person mit seltsamen Humor. Der hatte beim ersten Abendessen glatt ein Stück Brot in die Hand genommen und zu Cedric gesagt: „Rate mal, was ich in meiner Hand halte.“

    Die anderen warnten ihn, nicht darauf zu antworten, woran er sich auch gehalten hatte. Ob diese Aktion ein Scherz werden sollte, oder tatsächlich ernst gemeint war, wagte Cedric tatsächlich nicht zu beurteilen. Und trotzdem wurde er von allen als sehr zuverlässig beschrieben, da er hier angeblich kaum jemanden gab, der so gut Kämpfe in Unterzahl bestehen konnte. Cedric war sehr erstaunt, als ihm beschrieben wurde, was für einen gefährlichen Blick Varo in seinen Augen hatte, wenn er kämpfte.

    Und all diese Männer, die teilst so unterschiedlich waren, wie man sich nur irgendwie vorstellen konnte, lebten hier Tag ein Tag aus auf engem Raum. Trainierten, aßen und zogen Seite an Seite in den Kampf. Ja, es war wirklich eine sonderbare Gemeinschaft, doch Cedric hatte sich seit etlichen Jahren nicht mehr so zu Hause gefühlt. Die noch unbekannten Ritter näher kennen zu lernen stand daher auch ziemlich weit oben auf seiner Prioritätenliste. Doch jetzt stand erst einmal etwas anders an.

    „Also bis nachher.“, meldete er sich plötzlich von der Runde ab, nachdem er fix einige Sachen auf seinen großen Teller gepackt hatte, sich noch eine Flasche mit Wasser nahm und zur Tür hinaus ging.

    „Sag schöne Grüße!“, scherzte Kecigor ihm hinterher und widmete sich gleich wieder seiner Mahlzeit.

    „Hey Kecigor, du kennst ihn etwas besser, als alle hier. Was meinst du ist sein Problem?“

    Der angesprochene war schon wieder am Kauen, daher schüttelte er zunächst nur den Kopf und gab Gallander seine Antwort, nachdem er sich etwas von seinem Wein genehmigt hatte.

    „Kein Problem, ich denke er ist sogar ziemlich glücklich. Es ist nur alles ein bisschen viel auf einmal für jemanden, wie ihn.“

    Er legte den Kopf schief.

    „Wie ihn?“

    „Einer, der an seinen Gewohnheiten hängt.“


    Cedric erstarrte für einen kurzen Moment ob der Kälte draußen. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht war derzeit sehr stark. Doch das hielt ihn nur sehr kurz auf seinem Weg auf, denn dort, wo sonst im Sonnenschein die Ritter trainierten, befand sich zu dieser Stunde kein Mensch, dafür wer anderes.

    Komura hatte dort niedergelassen, wo er es immer tat und seinen Flammenkragen entfacht, wenn auch nur dezent. Dies spendete ihn Wärme und halt Cedric, ihn auf dem schwach beleuchteten Innenhof auszumachen.

    „Na du?“, grüßte er lächelnd, als er sich ihm näherte und sich an seine Seite setzte. Das Pokémon grüßte auf seine Art mit einem freundlichen Ruf.

    „Mann ich bin wirklich fertig für heute.“, kommentierte er und sah sich kurz am Boden um und fand dort eine große leere Schale.

    „Hast du etwa schon gegessen?“

    Komura legte seinen Kopf auf Cedrics Schoß und blickte mit großen, entschuldigenden Augen auf. Sein Fell war weich und sein Körper war, was bei der Kälte wirklich angeenhm war. Jetzt mit Schmuseaktionen entschuldigen, was? Das war mal so gar nicht seine Art.

    „Das merk ich mir, das verletzt nämlich meine Gefühle.“

    Cedric scheiterte daran, diesen Satz ernst klingen zu lassen und lachte stattdessen.

    „Dann kriegst du jetzt auch kein Fleisch von mir.“

    Da verstand das Tornupto wiederum keinen Spaß und protestierte mit empörtem Knurren. Wieder musste Cedric lachen.

    „Heute machst du es mir zu leicht, Kumpel.“

    Und so saßen sie da. An jedem Abend – vorausgesetzt es herrschte kein Scheißwetter – klingten sie sich aus der Gruppe aus, um gemeinsam unterm Sternenzelt zu sitzen und ein paar Minuten für sich zu haben. Keineswegs, weil sie der Gesellschaft der Anderen bereits überdrüssig waren, aber so wie jetzt war es nunmal immer. Seit sie sich kannten, war das gemeinsame Essen der Abschluss des Tagen. Manchmal war es auch gemeinsames Hungern gewesen, doch in erster Linie ging es darum, dass sie zusammen und ungestört waren.

    Die Ritter, die auf der Mauer oder vorm Hauptgebäude Wache standen, hatten diese Sitte nur ganz am Anfang mit Verwunderung beachtet. Warum sollten sie die zwei neuen jede Nacht raus in die Kälte setzten, anstatt mir den anderen in der Warmen Stube zu entspannen? Doch niemand hatte jemals etwas gesagt, gab auch schließlich keinen Grund, warum sich einer daran stören sollte.

    Auch Balsa, der Mann, der sich um die Pokémon kümmerte, hatte verwundert geschaut, als Cedric ihn zum ersten Mal gebeten hatte, Komura einmal des Abends austreten zu lassen, dies aber letztendlich mit einem 'Macht was ihr wollt' quittiert. Er war sogar freundlich genug, Komuras Futter, welcher er selbst herstellte und an alle Pokémon in der Burg verfütterte, am Abend für Komura raus zu stellen.

    Ja, sie konnten sich wirklich über nichts beschweren. Es war anstrengend, aber es gab nichts, worüber Cedric und Komura wirklich klagen konnten. Mittlerweile war das Essen verspeist und die Wasserflasche leer. Nun hatte Komura seinen Kopf wieder auf Cedric platziert, der im Schneidersitz saß und ihm an seiner Lieblingsstelle am Hinterkopf kraulte.

    „Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, das wir uns einmal in so einer Position wiederfinden.“, fragte Cedric aus dem nichts und starrte in den Nachthimmel.

    Komura blickte erneute auf. Die Verletzung, die er bei dem Kampf mit dem Sniebel des Schattenkriegers davongetragen hatte, war inzwischen verheilt, wozu die Salben von Balsa erheblich beigetragen haben. Die Narbe über dem Gesicht würde aber vielleicht nie komplett verheilen.

    Lächelnd legte Cedric seine Stirn auf die seines Partners.

    „Wir werden hieraus etwas machen. Bist du dabei?“

    Eine helle Stichflamme verließ den Nacken von Komura. Damit war er mehr als zufrieden.

    „Und, hast du's endlich mal geschafft, Gallanders Vulnona den Hof zu machen?“, fragte er in die Stille hinein und grinste frech.

    Komura biss ihm mahnend , aber blitzschnell in die Hand. Seine Art zu sage: Kümmere dich um deinen Kram.

    Cedric spürte den kurzen Schmerz deutlich, lachte aber direkt danach heiter.


    Remilia war nervös. Wann zu Hölle war sie das letzte Mal nervös gewesen?

    Sie wusste, wie die Dinge standen. Ständig wurde sie über alles wissenswerte informiert. Sie war nicht besonders, hatte dennoch einen besonderen Standpunkt, der ihr vielerlei Türen öffnete. Doch dieses Mal war das anders.

    Ein paar Tage war es nun her, dass sie Kryppuk wieder zu seiner Meisterin zurück geschickt hatte. Die Menschen, die es im Problemviertel von Toldus beobachtet hatte, nachdem sie selbst mit einem von ihnen in der Kneipe gesprochen hatte, schienen ungemein wichtig zu sein. Warum? Was machte sie so wichtig? Sie wusste es nicht. Und genau deshalb war sie so nervös, als sie nun der Anweisung gefolgt war, die verlassene Kapelle im Moor aufzusuchen. Die Pokémon, die die Umgebung bewachten, rührten sie nicht an, hielten sich ganz und gar von ihr fern. Auch hierfür war deren Meisterin verantwortlich. Selbige war anwesend, dass wusste sie. Auch wenn sie sie noch nicht sehen konnte. Also verharrte sie inmitten des halb zerfallenen Gemäuers. Und man sah ihr ihre Gefühlslage an, die Hände hinter dem Rücken versteckt, die Beine überkreuzt gegeneinander gepresst und den Blick getrübt Richtung Boden gerichtet. So kannte sie Remilia ja überhaupt nicht.

    „Du schaust, als würde dich eine Bestrafung erwarten.“, hauchte eine Stimme von den Wänden wieder. Remilia reagierte nicht im geringsten. Sie wünschte sich, der weiße Stoff auf ihrem Haupt würde ihr komplettes Antlitz verdecken.

    „Du hast gemacht, was dir aufgetragen wurde. Dsahva hat mir berichtet, was er beobachtet hat. Ich musste feststellen, das es richtig war, diesen jungen Mann im Auge zu behalten.“

    Remilia atmete einmal tief durch und hob endlich den Blick. Ihr Gesprächspartner war nach wie vor nicht zu sehen, was ungewohnt war, daher starrte sie emotionslos geradeaus.

    „Und warum?“

    Stille Momente vergingen, die ihre Nerven gehörig auf die Folter spannten. Letztendlich blickte sie vollends auf, suchte die Szenerie ab. Suchte den Blickkontakt zu Merry.

    „Was hat der Kerl an sich, das du sogar mir verschweigen musst? Sag es mir!“

    „Er hat nicht das geringste an sich. Jedenfalls bis jetzt. Dass er nun in Kontakt mit diesen Rittern gekommen ist, könnte in komplizierten Angelegenheiten münden.“

    Fast verlor Remilia die Beherrschung.

    „Rede! Komm zur Sache und quatsche nicht drum herum. Wären diese Angelegenheiten wirklich komplizierter, als die Tatsache, dass du mir nicht mal dein Gesicht zeigen kannst, wenn wir miteinander sprechen?

    In dem Moment bemerkte sie eine Bewegung, gut zehn Schritte geradeaus. Dort, wo das Dach der Kapelle bereits eingestürzt und der Boden teilweise aufgebrochen und vom Moor geflutet war, stürzte eine Gestalt herab. Ein zierlicher Körper landete auf der Wasseroberfläche, welche reagierte, als wäre lediglich ein winziger tropfen gefallen. Eine winzig kleine Welle breitete sich in Kreisform aus und verlor sich.

    Remilia wollte schon sprechen, als sie auf die Gestalt zugehen wollte, die in der Dunkelheit einfach nicht genau zu erkennen war.

    „Me...“

    Sie erstarrte wie von Blitz getroffen, als ohne Vorwarnung eine Hand ihre Schulter packte. Sie unterdrückte den Reflex, nach ihren Schwertern zu greifen. Als sie den Kopf drehte, stand die Gestalt von eben auf einmal hinter ihr. Sie war kleiner, als sie selbst. Das Gesicht war unter einem weißen Hut verborgen. Teile ihrer übrigen Kleidung waren ähnlich gefärbt, hielten sich aber mit Schwarz in etwa die Waage.

    „Spiel nicht mit mir!“, keifte sie die Trickserin an, die sich kaum regte, lediglich die linke Hand auf den Kopf legte und ihren Hut noch fester auf das Haupt presste.

    „Du musst achtsam sein, Kleine.“, sprach sie zu Remilia, ohne ihr Gesicht zu zeigen.

    „Bald schon könntest du zwischen Fronten stehen, die jeden Menschen hinfort fegen können, ohne auch nur ihre wahre Kraft zu entfesseln. Also sei achtsam, dass der Tod dich noch nicht ereilt. Ich kann dir mehr nicht verraten.“

    Nun kamen Remilia wahrhaftig die Tränen.

    „Nein, du musst es mir sagen. Was soll das alles bedeute...“

    Sie war weg. Direkt vor ihren Augen war es geschehen und trotzdem wusste sie nicht wie. Doch sie war weg. Hatte sich zurückgezogen, sie zurückgelassen. Und so weinte sie in Einsamkeit.