Die Flammen meiner Stärke

  • http://i97.servimg.com/u/f97/13/01/96/60/flamme10.jpg



    Nur wer stark ist, erhält Respekt von den anderen und wer schwach ist, wird gnadenlos niedergetrampelt.
    Zoé weiß, worauf es in Kämpfen ankommt und deswegen wäre es fatal sich mit ihr anzulegen.
    Was sich dieser idiotische Trainer davon verspricht, sie zum Kampf zu fordern, weiß sie nicht.
    Doch eines weiß sie genau: Sie wird gewinnen! Denn niemand kann sie schlagen. Oder vielleicht doch?







    Das Buch zu "Die Flammen meiner Stärke" könnt ihr jederzeit auf meiner Website bestellen. Im Buch selbst findet ihr ein extra langes Bonuskapitel plus eine Charaktervorstellung. Hier gehts zur Bestellung.


    Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen!

  • KAPITEL I


    Ein schallendes Lachen wich aus meiner Kehle. Es hatte hervorragend funktioniert und das Gesicht meines Gegenübers war einfach nur köstlich. Deswegen konnte ich mich nicht halten. Mir stiegen bereits Tränen in die Augen. Meinem Gegenüber ebenfalls, aber während ich mich noch amüsierte, wie blöd er sich im Kampf angestellt hatte, fand er das wohl nicht so lustig. Tja, war nicht mein Problem, denn ich ging aus diesem Kampf als Siegerin hervor und nur das zählte.
    »Bevor du dir das nächste Mal einbildest mich herauszufordern, trainiere doch erst einmal vorher deine Pokémon!«, rief ich ihm voller Selbstvertrauen nach. Er ergriff bereits die Flucht. Pech für ihn! Wer mich herausforderte, musste nun mal damit rechnen in Grund und Boden gestampft zu werden.
    Mit einer grazilen Handbewegung warf ich mein langes schwarzes Haar hinter die Schultern, was ich nur all zu gerne offen trug und rief dann mein Pokémon zurück in seinen Ball. Es hatte gut gekämpft, anders als das von meinem Gegner. Er war eine Flasche gewesen, nicht fähig in der harten Welt der echten Kämpfer durchzuhalten. Wer an die Spitze wollte, um der stärkste Trainer aller Zeiten zu werden, der musste viel Einsatz zeigen. Stärke war der Schlüssel zum Erfolg, das habe ich sehr schnell herausgefunden. Das Wort »Aufgeben« gab es in meinem Wortschatz nicht. Wozu auch? Meine Pokémon waren wunderbar trainiert, denn ich hatte ein super Team! Bis auf mein allererstes Pokémon habe ich jedes auf irgendeiner Art und Weise gefangen. Ich habe sie mir Stück für Stück heraus gesucht, überlegt, welches am besten zu mir und meinen Zielen passte und dann nach ihnen gesucht. So war mein Team entstanden und ob es nun andere hören wollten oder nicht, aber ich war kurz davor den ganz großen Durchbruch zu schaffen! Mittlerweile war ich in der Gegend um Relievera City bekannt. Selbst der Arenaleiter dieser Stadt konnte es nicht mit mir aufnehmen. Nicht selten konnte man mich auch auf der Rivére-Promenade, bekannt als Route Sieben, antreffen. Das Kampfschloss, welches dort stand, war ein perfekter Ort, um zu trainieren. Es gab viele Trainer, die dort hin kamen, um sich untereinander zu messen und nicht selten waren da auch solche Amateure vorzufinden, wie ich gerade gegen einen gekämpft hatte. Eine Schande für alle Trainer, die wirklich stark waren. Aber na schön, irgendwo musste es auch schwache Trainer geben, nicht wahr?
    Zufrieden, erneut gewonnen und damit meine Siegessträhne aufrecht erhalten zu haben, entschied ich mich dafür eine kleine Pause zu machen. Der Tag war heute sehr warm, weshalb ich nur ein knappes schwarzes Top trug und einen kurzen karierten Rock, der meine langen Beine nur noch mehr zur Geltung brachte. Ich war mir durchaus bewusst, welche Blicke ich von so manchen Typen auf mich ziehen konnte, aber das war mir egal. Sie alle interessierten mich nicht. Ich strebte nur nach Stärke, nach dem Siegertreppchen, nach dem Ruhm, der mir gehören sollte! Ich wollte, dass jeder mich kannte und wusste, was für eine außerordentlich talentierte und vor allem starke Trainerin ich war. Nichts war mir wichtiger als dieses Ziel zu erreichen. Ich weiß, dass es viel Arbeit kostete, aber ich habe mittlerweile viel erreicht und geschafft und nur darauf kam es am Ende an.


    Mit einem fast schon selbstgefälligen Lächeln ging ich die Straße entlang. Bevor mich dieser kleine putzige und schwache Trainer herausgefordert hatte, war ich direkt auf dem Weg zum Kampfschloss gewesen. Allerdings hatte ich noch ein paar Kilometer vor mir. Die Rivére-Promenade war nicht gerade klein und ich kam direkt von Relievera City. Warum? Na, weil ich dort auch wohnte!
    Als ich klein war, bin ich die Berge hinauf geklettert, was besonders meine Mutter aufgeregt hatte. Sie hatte es mir verboten, aber daran hielt ich mich nie. Ich tat schon immer das, was ich wollte, davon konnte mich keiner abhalten. So war das eben. Mein Starrsinn und Ehrgeiz waren unbezwingbar und ja, ich war auch stolz darauf. Warum auch nicht? Ich wusste nun mal, was ich war und wohin ich wollte. Ich kannte meinen Platz in dieser Welt und würde mich nicht mit Geringerem zufrieden geben! Da ich allerdings keine Lust mehr hatte noch länger zu laufen, ließ ich mich einfach auf die Wiese fallen und starrte hinauf in den Himmel. Meine Arme und Beine zu allen Seiten ausgestreckt. Die Rivére-Promenade war wirklich schön. Das gab ich zu. Wenn man die Berge erst einmal hinter sich gelassen hatte, dann führte ein Weg direkt zum Kampfschloss und von dort aus wiederum weiter bis nach Vanitéa. Die Stadt interessierte mich recht wenig. Illumina City war da viel interessanter, aber da kam ich derzeit eher selten hin. Meistens hielt ich mich hier auf. Ich mochte diese Route, allein auch wegen der zahlreichen Blumen, die zu dieser Jahreszeit blühten. Daher begann ich zu lächeln, schloss die Augen und atmete tief ein. Von überall strömte der zarte Blütenduft zu mir heran und ich entspannte mich noch mehr. Es war so friedlich, dass ich für einen Moment all meine Ziele und Wünsche vergaß und einfach frei war.
    Vermutlich war ich sogar zwischendurch weggenickt, denn als ich wieder aufsah und mich auch aufsetzte, hörte ich Stimmen in der Nähe. Die waren vorhin nicht da gewesen. Ehrlich gesagt passte mir das gar nicht, aber gleichzeitig sagte es mir auch, dass es für mich Zeit wurde weiter zu gehen. Ich streckte mich kurz, ehe ich mich in die Höhe stemmte und aufstand. Schluss mit dem faulen Herumliegen. Es wurde Zeit wieder ein paar kleine Trainer zu vermöbeln. Wegen diesem Gedanken musste ich grinsen. Schon lange habe ich niemanden mehr getroffen, der eine echte Chance gegen mich hatte. Ich strich mein langes schwarzes Haar glatt und zupfte mir ein paar verirrte Grashalme heraus. Das war der Nachteil, wenn man sich einbildete, dass es eine gute Idee war sich ins Gras fallen zu lassen. Tja, nützte nun alles nichts. Nachdem ich glaubte wieder halbwegs vorzeigbar zu sein, drehte ich mich um und siehe da! Wen hatten wir denn da? Es waren drei Trainer, drei Jungs. Okay, es waren keine Rotzbengel mehr, die glaubten die größten Trainer der Welt zu sein. Sie könnten sogar in meinem Alter sein. Was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich nicht trotzdem einbildeten die Größten zu sein. In was auch immer. Jungs konnten manchmal echt dämlich sein, egal in welchem Alter.
    »Mhm?« Verdammt! Zu spät bemerkte ich, dass unter den Dreien Khyron dabei war. Der hatte mir gerade noch gefehlt! Ich kannte ihn noch nicht gut genug, aber schon als ich ihn das erste Mal getroffen hatte, ging er mir furchtbar auf den Keks! Sein Gerede davon wie man mit seinen Pokémon am besten umging, wie man sie zu behandeln hatte und alles. Ich ließ mir nicht vorschreiben, wie ich meine Pokémon trainierte! So einfach war das. Erst recht nicht von so einem daher gelaufenen Typen, der glaubte die Welt verbessern zu können, pfft! Khyron fiel dadurch schon auf, weil er braun-blondes Haar hatte, während die anderen beiden Kerle eher dunkles vorzuweisen hatten. Der eine trug sogar eine Mütze. Genau auf diese Weise, wie ich sie am aller schlimmsten fand. Die Kappe war nur einfach so auf den Kopf gesetzt, also nicht mal richtig drüber gezogen, sondern nur … wie drauf gelegt.
    Jungs, wenn es darum ging cool auszusehen: SO geht es schon mal nicht! Er wirkte, als hätte er einen riesigen Kopf. Ich wusste nicht, was manche Typen sich dabei dachten das Ding so zu tragen. Sahen sie eigentlich mal in den Spiegel? Wussten sie nicht, wie lächerlich sie sich damit machten? Gut, es konnte mir herzlich egal sein. Solange ich deswegen keinen Lachanfall bekam und tot umfiel. Das wäre dann doch etwas schlecht für mich.
    »Hey, wen haben wir denn da? 'Ne süße Lady?«
    Argh! Allein bei diesen Worten kräuselten sich mir alle Finger- und Zehennägel auf. Das war der Typ mit dem zu groß geratenen Wasserkopf – weil er die Kappe so dämlich trug. Solche dämlichen Anmachsprüche konnte ich noch weniger leiden als Modesünden! Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen, aber das hätte er vielleicht am Ende noch falsch interpretiert, also setzte ich mein selbstbewusstes Lächeln und meine super tolle Fassade auf mein Gesicht, welche niemand durchschauen konnte. Mein Motto war auch seit Jahren niemanden an mich heran zu lassen. Aus den einfachen Gründen, dass man dadurch nicht enttäuscht werden konnte. Wer brauchte schon andere? Schließlich hatte ich mein eigenes Pokémon-Team, mit dem ich wunderbar zurecht kam. Es war stark, ich war kurz davor zu behaupten, dass es unbesiegbar war. Aber das würde ich erst heraus posaunen, wenn ich den Titel der Großherzogin im Kampfschloss erreicht hatte. Viel fehlte mir dazu nicht mehr. Zwar war ich derzeit noch eine Marquise, aber ich stand kurz davor zur Herzogin aufzusteigen. Es fehlten nur noch wenige Siege und dann war ich offiziell in der Elite! Ha, das wäre doch gelacht, wenn ich das demnächst nicht schaffen würde.
    »Hey Hugo, ich glaube das ist Zoé!«, sagte der Kleinere von beiden – Khyron mal außen vor gelassen.
    »Zoé?«
    »Ja Zoé! Du weißt doch, die so stark ist! Eine Trainerin aus Relievera City, über die sich mittlerweile allerhand Leute das Maul zerreißen!«
    Oooh, was hörten da meine Ohren? Man redet über mich? Dass ich stark bin? Genau das wollte ich! Ich konnte mir innerlich das selbstgefällige Grinsen nicht verkneifen und sonnte mich ein paar Sekunden in diesem Ruhm. Herrlich!
    »Ach die Zoé! Ja, hab gehört, die soll ja auch rattfratzscharf sein!«
    Okay, das war schon wieder ziemlich dämlich. Gut, ja, natürlich mochte ich es, wenn man mich auch um meiner Schönheit beneidete, aber manchmal war mir das auch ein Dorn im Auge. Vor allem am Anfang hatte mich das tierisch angekotzt. Die super tollen Ass-Trainer, die sich so wahnsinnig stark fanden, haben mich immer ausgelacht. Das hübsche Mädel, das kämpfen will? Na, nicht, dass sie sich dabei einen Fingernagel abbricht! Was habe ich diese dummen Sprüche gehasst! Mittlerweile war es für mich eine echte Genugtuung besonders denjenigen eins auszuwischen, wenn ich sie in einem Kampf platt machte. Dann verging ihnen nämlich das Lachen und ich war diejenige, die sich königlich amüsieren konnte.
    Ach, und nur so nebenbei: Rattfratzscharf? Ich bitte euch! Als wenn so ein lausiges Ratzfratz scharf wäre! Das glich mehr einer Beleidigung als einem wirklichen Kompliment. Ich warf mein Haar erneut über die Schulter und ging stolz mit erhobenem Haupt weiter, dabei völlig diese Kerle ignorierend. Sie waren es nicht wert, auch nur von mir beachtet zu werden.
    »Hey, hey, hey!« Leider glaubte dieser Hugo, dass es eine gute Idee war mich direkt anzusprechen. Eigentlich könnte ich weiter gehen, aber seine weiteren Worte hielten mich davon ab.
    »Lass mal sehen, wie stark du wirklich bist, ja?« Als ich meinen Blick auf ihn richtete, wackelte er auch noch mit den Augenbrauen. Was war das? Noch eine Anmache? Ich schob meine linke Augenbraue selbst in die Höhe und stemmte meine Hände in die Hüfte.
    »Glaubst du allen Ernstes, du könntest es mit mir aufnehmen?«, wollte ich von ihm wissen. Das entfachte seinen Kampfwillen enorm.
    »Na aber hallo, dich mach ich doch in Nullkommanichts fertig! Wetten?« Hugo nahm den Mund ganz schön voll. Es sah ganz danach aus, als müsste ich ihm eine Lektion erteilen.
    »Pass nur auf Hugo, die ist wirklich stark!«, versuchte der kleine Freund den Kotzbrocken zu warnen, aber der hörte gar nicht richtig hin. Nebenbei bemerkte ich ein Seufzen von Khyron, der sich bisher aus allem heraus gehalten hatte. Außerdem konnte ich im Augenwinkel sehen, wie er sich über die Stirn rieb. Schämte er sich etwa für seinen Kumpel? Sollte er besser, denn er war drauf und dran sich richtig lächerlich zu machen!
    »Fein«, ging ich auf die Kampfansage ein. »Lass uns kämpfen! Und weißt du was? Du darfst drei Pokémon einsetzen und ich nur eins, wie wäre das?«, schlug ich außerdem vor. Hugo mit dem Wasserkopf sah mich verdutzt an.
    »Willste mich auf den Arm nehmen?«
    »Mitnichten. Ich meine das vollkommen ernst!« Das konnte er kaum glauben, als ich das bestätigte, aber ich meinte immer das, was ich sagte. Einen Rückzieher würde ich nicht machen. Hugo fühlte sich dennoch veräppelt, aber auch gleichzeitig herausgefordert. Offenbar kratzte ich mit meinen Worten an sein männliches Ego. Falls er denn so etwas besaß. Für mich war er von Anfang an eine Witzfigur. Was soll ich sagen? Diese Kappe …


    Da standen wir also nun. Mitten auf der Straße und versperrten allen anderen Passanten den Weg. Wer hier unbedingt vorbei kommen wollte, musste über die Blumenwiese latschen, die rechts von uns lag. Nach wie vor mochte ich den Duft all der bunten Blüten, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Mein Gegner – Hugo mit dem Wasserkopf – wollte unbedingt gegen mich kämpfen. Er sah sehr angespannt aus, so wie er das Gesicht verzog.
    »Du wirst untergehen, Mädel!«, rief er mir zu. Sein kleiner Freund – keine Ahnung wie der hieß – würde als Schiedsrichter fungieren. Khyron hielt sich dafür immer noch aus allem raus, würde aber den Kampf zwischen uns beobachten. Was dachte er wohl? Es konnte mir egal sein! Ich konzentrierte mich wieder auf das Wesentliche und holte meinen Pokéball hervor. Auf allen Bällen hatte ich verschiedene Sticker drauf geklebt. Hauptsächlich Buchstaben, um sie voneinander zu unterscheiden, wobei ich auch andersfarbige Bälle besaß, die nicht nur rot-weiß waren. Das half mir zu unterscheiden, welches Pokémon in welchem Ball war. Schließlich wäre es echt dumm, wenn man das falsche Pokémon rief und dann den Nachteil hatte.
    »Alles klar. Zero, du bist dran!« Ich rief mein Pokémon aus dem Ball, denn ich wusste ganz genau mit welchem ich hier kämpfen wollte. Es war vollkommen egal, welches Hugo einsetzen würde. Er würde sowieso verlieren. Ein Funkeln und Leuchten war zu sehen und kurz darauf ein paar heiße Flammen. Ich liebte den Auftritt meines Pokémons! Es strahlte Stärke und Macht aus und schreckte die meisten Gegner schon im Vorfeld ab! Auch in Hugos Gesicht konnte ich den Schrecken erkennen. Er wurde ganz blass und ich begann zu grinsen und fühlte mich schon jetzt absolut überlegen.
    »Was denn? Du willst doch nicht schon jetzt aufgeben?«, höhnte ich und wartete auf seine Reaktion. Meine dunkelblauen Augen fixierten jedoch mein Pokémon, welches gerade die Flügel an den Körper anlegte und sich dann genüsslich streckte. Immer wenn mein Brutalanda aus dem Ball gelassen wurde, um zu kämpfen, entließ es stets einen Feueratem. Das heizte in der Regel den Kampf schon zu Beginn ordentlich ein. Die wenigstens Trainer blieben bei dem Anblick von Zero ruhig und Hugo gehörte schon mal nicht dazu. Er schluckte, um den Kloß im Hals los zu werden, was nur mäßigen Erfolg hatte. Ich konnte es ihm ansehen.
    »Na schön, los geht’s, mein Freund!« Hugo rief ebenfalls sein Pokémon und zum Vorschein kam ein sehr aufgebrachtes Rasaff. Da ich sehr oft im Kampfschloss unterwegs war, hatte ich schon viele Pokémon gesehen. Auch wenn ich immer so desinteressiert und teilweise abwesend wirkte, so hatte ich mir jedes Mal ganz genau die Pokémon eingeprägt und mich auch später über deren Schwächen erkundigt. Um ein starker Trainer zu werden, musste man die Schwächen der Gegner kennen, da führte kein Weg dran vorbei. Man konnte nicht einfach so los preschen und auf den Gegner einschlagen. Manchmal half es mehr, wenn man sein Köpfchen einsetzte. Im Falle von Hugo würde das aber nicht notwendig werden. Ich wusste schon jetzt, dass er keine Chance besaß. Sein Rasaff würde nicht lange im Ring stehen. Eben jenes stampfte mit den Beinen auf und brüllte. Noch nie habe ich verstanden, warum diese Pokémon so eine wütende Natura besaßen. Sie sahen immer so aus, als würden sie vor Wut gleich platzen, wenn sie nicht etwas zertrümmern durften. Schon komisch. Sein hellbraunes Fell stand in sämtliche Richtungen ab. Es hätte flauschig wirken können, wenn es nicht so hässlich wäre. Nein, ich konnte keine Sympathie für so ein Pokémon aufbringen, aber das musste ich auch nicht.
    »Na los, ich überlasse dir den Anfang!«, rief ich Hugo zu. Meine rechte Hand hatte ich in meine Hüfte gestemmt und stand gelassen da. Sollte er mal ruhig anfangen, es würde ihm ja doch nichts nützen. Zero hatte schon viele Kämpfe hinter sich gebracht und die meisten davon hatte er gewonnen. Wenn ich es recht bedachte, dann hatte es nur verloren, als es noch nicht entwickelt gewesen war. Lang war's her! Immerhin war das zu meiner Anfangszeit als Trainerin gewesen, aber daran wollte ich nicht zurückdenken.
    Hugo hatte sich endlich entschieden, wie er beginnen wollte und trieb sein Pokémon bereits an. Es sollte den Kreuzhieb einsetzen, was mich doch verwunderte. Wusste er nicht, dass er damit nicht durchkommen konnte? Ich blieb weiter gelassen stehen und sagte nichts, überließ Zero einfach alles. Er wusste schon, was er zu tun hatte. Seine Kampferfahrungen reichten dafür aus, um nicht angewiesen zu sein, was seine Trainerin sagte. Zumindest nicht, wann der perfekte Moment gekommen war, um auszuweichen. Als wäre es das Leichteste von der Welt breitete Zero seine roten Flügeln zu beiden Seiten aus und erhob sich in die Luft. Ganz knapp danach prallte Rasaff an der Stelle mit seinem Hieb ein, wo Zero bis eben noch gehockt hatte. Ich grinste und war zufrieden. Zero befand sich in der Luft. Seine Rückenmuskeln waren kräftig und zeichneten sich bei jedem Flügelschlag ab. Ich liebte den Anblick seiner Stärke und war verzückt. Fast hätte ich mich sogar in diesem Anblick verloren, aber da Hugo weitere Befehle seinem Pokémon zu rief, dass es doch gefälligst meines besiegen und vor allem aus der Luft herunter holen sollte, riss ich mich nun zusammen. Keine Zeit, um meinem eigenen Pokémon schöne Augen zu machen. Gelangweilt von Hugo und seinem Pokémon hob ich meine linke Hand und gab meinem Pokémon ein Zeichen.
    »Zero! Aero-Ass!« Mehr sagte ich nicht, zeigte aber dabei auf das Rasaff. Meine Stimme war laut und befehlend und duldete keine Widerworte, kein Zögern. Kaum hatte ich es ausgesprochen, da stürzte sich mein Brutalanda vom Himmel hinab, wo es bisher noch seelenruhig dahin geflogen war. Ich wusste, dass es diese Flüge genoss. Es war das, was es am meisten liebte, aber dafür war nicht der richtige Augenblick. Zero schoss wie ein Pfeil vom Himmel. Hugo geriet in Panik, was auch nicht förderlich für sein Pokémon war. Sie waren kopflos und daher unfähig etwas gegen den Angriff zu unternehmen. Mit Leichtigkeit traf Zero das Rasaff und beförderte es mehrere Meter weit weg. Es war sofort besiegt und rührte sich nicht mehr und blieb an der Stelle liegen, wo es hart aufprallte. Na wenigstens waren ein paar Blümchen um es herum. Das hatte das gewisse Etwas zu dieser Niederlage. Hugo stand mit offenem Mund da und ich schnaubte auf.
    »Das hättest du dir denken können, dass das passiert«, verhöhnte ich ihn und lud mir damit seinen Zorn auf. Es war mir egal. Sein kleiner Freund wies mich für diese erste Runde als Siegerin aus. Wenn auch mit wenig Begeisterung, er schien etwas verstört zu sein. Mal ehrlich, ich hatte das Gefühl, dass sie noch nie einem Kampf beigewohnt hatten. Sie sollten eigentlich wissen, wie es ablief, aber gut. Sollten sie eben aus allen Wolken fallen, pah!
    Dem zweiten Pokémon von Hugo erging es nicht viel anders als dem Ersten. Der Kampf war schnell entschieden, obwohl sein Quappo sogar den Eisstrahl beherrschte. Das hatte mich ein wenig überrascht, denn ich hätte es Hugo nicht zugetraut, dass er so schlau war, seinem Pokémon solch eine Attacke beizubringen, geschweige denn sie auch auszuspielen. Aber trotzdem hatte es ihm nicht geholfen. Zero hatte zwar was abbekommen, aber von einer Eisattacke ließen wir uns nicht aufhalten! Da mussten schon größere Geschütze aufgebracht werden! Da Quappo nicht nur ein Wasser- sondern auch ein Kampf-Pokémon war, konnte ich auch wieder mit dem einfachen Aero-Ass punkten. Es war viel zu einfach. Hugos Pokémon waren zu schwach, um es ernsthaft mit meinem Brutalanda aufzunehmen. Das enttäuschte mich schon ein wenig.
    »Hast du genug? Willst du lieber aufgeben? Bedenke, du hast nur noch ein Pokémon und Zero ist noch topfit!«, rief ich Hugo zu. Die paar Kratzer, die sein Quappo meinem Brutalanda zugefügt hatten, waren kaum der Rede wert. Demonstrativ breitete Zero die mächtigen Flügel aus und brüllte in den Himmel hinauf. Was für eine Show! Eine Show, hinter der auch was steckte. Hugo hatte immer noch keine Chance! Aufgeben wollte er dennoch nicht und rief sein drittes und damit letztes Pokémon in den Kampf. Dieses Mal war es ein Geowaz. Ein steinharter Gegner, wenn man so will. Die runde Form des Pokémon ermöglichte ihm sich schnell über den Boden zu rollen und damit auf den Gegner los zu gehen. Ob Hugo darauf setzte? Das würde ihm nicht viel bringen, solange Zero in der Luft war. Auch würden sämtliche Bodenattacken Zero nicht am Arsch kratzen. Ich sah mich wieder als überlegene Siegerin an und wusste, dass es schnell zu Ende gehen würde. Er hätte lieber aufgeben sollen, als er noch die Gelegenheit dazu hatte. Jetzt war es allerdings zu spät. Er wollte kämpfen, also würde er einen Kampf bekommen!
    »Du bist anscheinend nicht fähig aus Fehlern zu lernen.« Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich stark und überlegen.
    »Wart's nur ab!«, beschwor Hugo, der nicht aufgeben wollte. Davon ließ ich mich nicht im geringsten aus der Ruhe bringen. Ich ließ erneut Hugo den Vortritt und wie ich erwartet hatte, legte sein Geowaz einen Sprint hin, in dem es auf mein Brutalanda zurollte. Ich verdrehte die Augen, das war lächerlich! Zero erhob sich natürlich in die Luft und entging dadurch dem rollenden Ungeheuer. Obwohl ein Flammenwurf als Feuerattacke gegen ein Boden-Gesteins-Pokémon nicht sonderlich viel Effektivität besaß, wies ich dennoch mein Pokémon dazu an, genau diese einzusetzen. Zero holte tief Luft, ließ die Hitze in sich aufsteigen und entfachte dann seinen feurigen Atem. Ich musste schon zugeben, Feuerattacken hatten ihren Reiz, selbst wenn sie keine effektive Wirkung besaßen. Sie gefielen mir trotzdem und mit einem zufriedenen Lächeln sah ich, wie das Geowaz von Flammen eingehüllt wurde. Hugo wirkte schon wieder ganz panisch, weswegen ich nicht weiter auf ihn achtete. Ich betrachtete nur die beiden Pokémon, während Hugo etwas zu seinem brüllte. War es tatsächlich Schaufler? Eine Bodenattacke, die nichts bringen würde. Wieso war er so blöd? Geowaz buddelte sich trotzdem ein. Na gut, es entging dadurch dem feurigen Atem, aber trotzdem … Was sollte das weiter bringen? Abgesehen davon, dass es nun unter der Erde steckte und unerreichbar für mein Brutalanda war, so konnte auch Geowaz selbst nicht viel ausrichten.
    »Ernsthaft jetzt? Ein Versteckspiel?« Es gab nichts Langweiligeres! Doch was mich überraschte, war das Selbstvertrauen von Hugo. Es irritierte mich. Wo war seine Panik hin?
    »Jetzt!«, brüllte er auf einmal. Ich wusste gar nicht, was das sollte und sah perplex drein, als sich in der nächsten Sekunde das Geowaz aus der Erde katapultierte. Noch immer war Zero in der Luft, aber nicht hoch genug. Das schwere Geowaz prallte gegen mein Drachen-Pokémon, was mich erschreckte. Wieso war so ein schweres Pokémon überhaupt in der Lage dazu? Wie hatte es das geschafft, den massigen Körper nach oben zu befördern? Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie Zero zu Boden krachte und schmerzerfüllt aufbrüllte. Geowaz lag auf ihm und als wäre das nicht genug, befahl Hugo auch noch Steinkante einzusetzen. Eine Gesteinsattacke war sehr effektiv gegen den Typ Flug. Brutalanda hatte diesen Zweittypen und als die scharfkantigen Steine aus dem Boden nach oben schossen und ihn trafen, konnte ich nichts anderes tun, als dabei zu zusehen. Hugo lachte euphorisch auf. Er fühlte sich schon als Gewinner und in mir stieg unbändige Wut auf. Wie konnte er es wagen? Wie konnte dieser kleine Wicht sich erdreisten meinem Pokémon dermaßen zuzusetzen? Noch war Zero nicht besiegt. Ja, es hatte einiges abbekommen und ja, es war verletzt durch die scharfkantigen Steine, von dem es getroffen worden war. Aber es war nicht besiegt! Das nutzte ich für mich.
    »Das. Wirst du. Mir. Büßen!« Das letzte Wort brüllte ich wutentbrannt Hugo entgegen und riss meinen rechten Arm nach oben. Wenn er glaubte mich besiegen zu können, dann würde ich ihm eben jetzt beweisen, dass er sich darin irrte!
    »Mega-Entwicklung!« An meinem rechten Arm hatte ich ein Band mit einem kleinen, fast unscheinbaren Anhänger. Es war einer dieser Schlüsselsteine, die in der letzten Zeit immer häufiger gefunden und aufbereitet worden waren. Sie besaßen eine Kraft in sich, die man erst nach und nach wirklich langsam zu begreifen schien. Sie reagierten mit anderen zahlreichen Steinen und lösten in Pokémon eine Macht aus, die beeindruckend war: Die Mega-Entwicklung! Genau diese löste ich nun auch bei Zero aus, als ich meinen Schlüsselstein auf ihn richtete. Um Zeros Hals war ein Halsband angebracht, welches den Brutalandanit trug. Der Stein, der dafür sorgte, dass sich diese Pokémon-Art noch ein weiteres Mal entwickeln konnte. Zwar war das nur für eine kurze Dauer, aber das war nicht schlimm. Es reichte meistens aus, um den Kampf für sich zu entscheiden und das würde ich nun auch tun. Hugo würde mir nicht entkommen und sowohl er, als auch alle anderen sahen mit großen Augen dabei zu, wie die Kraft in Brutalanda frei gesetzt wurde. Der Körper begann in einem hellen Licht zu strahlen. Man konnte die Silhouette nur noch erahnen, ebenso wie sie sich immer mehr veränderte. Es war keine so extreme Veränderung wie die üblichen Entwicklungen. Man erkannte immer noch mein Brutalanda, aber die Flügel waren größer und mächtiger und Zero sah noch gefährlicher, aber auch eleganter aus. Tief sog es die Luft durch die Nüstern ein und entließ ein mächtiges Brüllen in die Luft. Trotz der Verletzungen aus dem Kampf hatte es wieder neue Kraft geschöpft, von der ich Gebrauch machen würde!
    »Kein Erbarmen, los Zero, setz Eisenschweif ein!« Meinem Pokémon habe ich verschiedene Attackentypen beigebracht, um auf verschiedene Situationen angemessen reagieren zu können. Dazu gehörte auch eine Attacke vom Typ Stahl, die besonders Gesteins- wie auch Feentypen ordentlich zusetzen konnte. Genau das war auch hier mein Ziel. Noch benommen von der Mega-Entwicklung konnte Hugo nicht schnell genug einen Befehl bellen. Sein Geowaz wurde von dem stählernen Schweif meines Pokémons getroffen und zwar so heftig, dass es trotz des krassen Gewichts von den Füßen gerissen wurde und meterweit flog. Es rollte sogar näher zum Fluss heran, der im Gegensatz zum erhitzten Kampf, friedlich vor sich hin plätscherte.
    »Ich … ich habe verloren?«, murmelte Hugo, der es nicht glauben wollte. Er hatte gedacht, er hätte den Kampf für sich herum gerissen, aber nun wurde er eines Besseren belehrt. Ich selbst hatte allerdings noch nicht genug. Meine Wut loderte immer noch in mir und ich sah nicht ein, warum ich jetzt aufhören sollte.
    »Zero!«, rief ich mein Pokémon, wollte ihm die nächste Attacke befehlen.
    »Warte!«, hörte ich Khyron, der sich auf einmal in Bewegung setzte. Er ahnte, was ich vor hatte und wollte mich aufhalten. Wollte mich dazu bewegen Gnade walten zu lassen, aber damit gab ich mich nicht zufrieden.
    »Drachenrute!«, brüllte ich und Zero tat es mir kurz darauf gleich und brüllte ebenfalls. In ihm loderte die gleiche Wut wie in mir und es stürzte sich erneut auf Geowaz, das noch immer am Boden lag.
    »Was tust du denn? Hör auf damit, es ist besiegt!« Khyron war zu mir heran geeilt, wollte mich packen, wollte mich aufhalten, aber ich ließ es nicht zu.
    »Fass mich nicht an!«, schrie ich ihn an und kurz darauf verpasste ich ihm eine schallende Ohrfeige, die saß. So verhinderte ich, dass er sich erdreisten konnte mich anzufassen. Er war geschockt. Ich ehrlich gesagt auch. Nie war ich jemanden auf diese Weise näher gekommen. Im genau gleichen Moment, als ich ihm eine verpasste, prallte erneut der muskulöse Schweif meines Pokémons gegen das Geowaz, hieb es hoch und ließ es fliegen. Hugo brüllte auf, sein Freund ebenfalls. Ich starrte Khyron an, er starrte zurück. Sekunden verstrichen, die so chaotisch wirkten, dass es mir schwer fiel all die Gedanken und Gefühle, die in der Luft brodelten, richtig zu fassen und zu deuten.
    Hugo reagierte noch rechtzeitig, holte seinen Pokéball hervor und rief sein Geowaz zurück. Eine Sekunde später und es wäre in den Fluss gestürzt. Wir wussten alle, was das bedeutete. Geowaz als Boden- und Gesteins-Pokémon wäre nicht nur durch sein Gewicht untergegangen, es hätte auch im Wasser unerträgliche Schmerzen erlitten. Nicht ohne Grund waren diese Typen anfällig auf Wasser. Genauso wie Feuer. Auch wenn die Wirkung auf beiderlei unterschiedlich waren, so war es für beiderlei extrem unangenehm vom Wasser direkt getroffen zu werden. Oder in dieses hinein zu fallen.
    Ich war erstarrt und blickte immer noch in die Bernsteinaugen von Khyron, der mich ebenfalls geschockt ansah. Wir wussten wohl beide nicht, was gerade wirklich passiert war und was wir tun sollten.


  • Hallo Lexi,


    endlich ist also auch die nächste Feuer-FF online! Du scheinst es auch wirklich mit dem Element zu haben (vielleicht wäre auch einmal das genaue Gegenteil interessant). Auf jeden Fall ist der Protagonist von der Einstellung her wieder ganz anders als die, die man bisher von dir gesehen hat. Nicht so nachdenklich, dafür einfach gerade aus sich herausgehend, direkt und darüber hinaus auch hochmütig. Eigentlich die besten Voraussetzungen, um mitten in eine Geschichte einzusteigen, denn somit hat man als Leser auch gleich den Bezug, dass sie keine Anfängerin ist und definitiv fortgeschrittene Kämpfe zu sehen sein werden, wie du auch schon im ersten Kapitel präsentierst. Hier sollte aber auch gesagt werden, dass der Kampf gegen Hugo eher wie ein Schaukampf wirkt, um ihn bloßzustellen. Mit einem Brutalanda samt Mega-Entwicklung war das aber vorherzusehen; Drachen werden gerne mal als sehr stark im Kampf dargestellt.
    Viel interessanter finde ich das Ende, wo Zoé noch einen draufsetzt und das gegnerische Pokémon wirklich enorm verletzen will. Scheint so, als wäre da eine Sicherung mit ihr durchgebrannt, als Brutalanda verletzt wurde und das lässt sie nicht nur am Gegner aus, sondern auch denen, die ihreigentlich helfen wollen. Die Reaktion auf die Attacke des Gegners ist hier zwar nicht so einfach nachzuvollziehen, weil es eben nur ein erster Gegenschlag war, aber schlussendlich bleibt die Frage, warum sie sich nicht fassen konnte und ausholte. Dass sie erschrocken ist, meint sie ja selbst; mal sehen, in welche Richtung das Ganze geht.


    Wir lesen uns!

  • KAPITEL II


    Stille herrschte zwischen uns. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Dass man sich gegenseitig anschwieg war mir nicht fremd. Aber das hier? Es fiel mir schwer mich von Khyrons Augen los zu reißen. Gerade hatte ich ihn geschlagen. Eine Ohrfeige, die geknallt hatte und die eine Rötung auf seiner Wange hinterließ. Ihr müsst wissen, ich gehörte im Normalfall nicht zu den Menschen, die dazu neigten Aggressionen in Gewalt auszulassen. Selbst im Kindergarten war ich solchen Konfrontationen lieber aus dem Weg gegangen. Gewalt gehörte nicht in mein Leben. Jetzt könnten natürlich ein paar Besserwisser behaupten, dass die Kämpfe zwischen Pokémon nichts anderes waren, als Gewalt, die aufeinanderprallte. So sah ich das nicht, niemals. Aber das hier …
    Ich war geschockt – noch immer –, dass ich Khyron eine geklebt hatte. Ja, er ging mir auf den Keks. Aber eigentlich kannte ich ihn nicht, weswegen es mir auch einerlei war, was er tat, solange er mich in Ruhe ließ. Das bezog sich auch auf andere. Ich hatte kein Interesse daran näheren Kontakt zu anderen zu suchen. Ich blieb lieber für mich. Damit kam ich besser zurecht, denn dadurch hielt mich niemand von meinen Zielen ab. Voller Ehrgeiz verfolgte ich sie und hatte keine Probleme damit meinen Widersachern ins Gesicht zu lachen. Selbstbewusst war ich zur Genüge und mir war bewusst, dass ich dadurch einigen schon auf den Schlips getreten war. Aber wen kümmerte es schon? Ich suchte in dieser Welt keine Fans, die mich anfeuerten. Niemanden, der mich anhimmelte. Das einzige, was ich wollte, war die Stärke und zwar die Ultimativste, um ganz oben zu stehen. Damit keiner mehr auf mich hinab blicken und sagen konnte, ich wäre ein schwaches kleines Mädchen.
    Hugos aufgebrachte Stimme war es, die mich aus meinen Gedanken und auch von Khyrons Augen riss. Dafür war ich sogar dankbar, allerdings nur eine Sekunde lang. Denn ich sah wie Hugo auf mich zu gestapft kam. Sein Gesicht hatte sich rot verfärbt, er sah extrem wütend aus.
    »Sag mal, hast du sie nicht mehr alle?«, brüllte er mich an. Ich sagte nichts, starrte nur zurück.
    »Was bildest du dir eigentlich ein, hä?« Er hatte seine Kappe verloren, was ihn wohl wenig kümmerte. Wenn Khyron nicht zwischen mich und ihn getreten wäre, so glaubte ich, wäre Hugo auf mich los gegangen. Er hatte bereits seine Faust erhoben, wedelte damit herum und brüllte weiter. Er war so richtig wütend und ließ sich auch nicht von Khyrons ruhigen Worten beruhigen. Ehrlich gesagt verstand ich nicht einmal, warum Khyron ihn aufhalten wollte. Hugo hätte mich niederschlagen können. Gut, es hätte auch dazu führen können, dass ich mein Brutalanda auf ihn hetzte. Möglich wäre es, vielleicht befürchtete er das und hielt deswegen Hugo auf? Aber … Ich schob diese und alle anderen Gedanken bei Seite. Ebenso ignorierte ich Hugos Gezeter und blendete es aus. Dafür ging ich an den Jungs vorbei. Der Kleinste von ihnen, der mich mit großen angsterfüllten Augen ansah, als würde ich ihm gleich den Kopf abbeißen, trat sogar zwei Schritte zur Seite, als ich an ihm vorbei ging. Als würde ich jemanden beißen oder schlagen …
    Hmpf, innerlich hätte ich normalerweise über mich selbst gelacht, aber mir war nicht nach Lachen zumute. Überhaupt nicht! Ich ging zu Zero, der sich auf der Blumenwiese neben dem Weg niedergelassen hatte, klopfte ihm einmal gegen den langen kräftigen Hals und rief ihn dann zurück in seinen Pokéball. Diesen steckte ich danach wieder an meinen Gürtel, wo ich auch alle anderen Bälle befestigt habe. Dann setzte ich mich in Bewegung. Keines Blickes würdigte ich die anderen drei. Ich sah nicht zu ihnen und verlor auch kein Wort mehr an sie. Ich ging einfach, wandte mich ab und ignorierte sie. Einfach so. Hugo schrie mir noch etwas nach, aber auch darauf ging ich nicht ein. Mein Blick war nach vorn gerichtet, immer geradeaus. Niemals zurück, kein einziges Mal. Ich ging, ohne mich aufhalten zu lassen. Es versuchte auch keiner. Normalerweise fühlte ich mich nach einem Sieg sehr gut, unglaublich erhaben, weil ich die Stärkere gewesen war. Heute war das nicht so. Heute hatte dieser Kampf einen sehr bitteren Beigeschmack für mich übrig. Irgendwie schaffte ich es einfach nicht mich zu freuen und das war etwas, was mich innerlich noch mehr aufwühlte. Ich ärgerte mich über verschiedene Dinge. Zu allererst über mich selbst, aber auch über Hugo. Der Blödmann mit dem Wasserkopf, der mich unbedingt hatte herausfordern müssen. Nun hatte er eine Niederlage einstecken müssen. Er war selbst Schuld daran gewesen. Ich ärgerte mich auch über Khyron, weil er sich eingemischt hatte, aber am meisten war es meine Unfähigkeit gewesen. Jene, mich nicht zurückgehalten zu haben, als Khyron auf mich zu gekommen war. Als ich sicher war, dass ich genügend Abstand zu ihnen aufgebaut hatte, da ich auch keine Stimmen mehr hören konnte, hob ich meine Hand. Mit der rechten hatte ich zugeschlagen. Einfach so. Es war ein Reflex gewesen. Das war es eigentlich immer, wenn jemand anderes versuchte mir auf die Pelle zu rücken. Doch im Normalfall schlug ich nicht einfach zu, verteilte keine Ohrfeigen, sondern wich dann eher ein paar Schritte zurück. Nicht so, dass man den Eindruck bekam ich hätte Angst oder sonstiges schwaches Gefühl. Ich machte es einfach so, dass es eher unbewusst wahrgenommen wurde, ein leichter Seitschritt, der mir Abstand gewährte. Ich hasste es, wenn mir jemand zu nahe kam. Das konnte ich wirklich nicht leiden. Khyron war also schon irgendwie selbst daran Schuld, dass ich ihm eine geklebt hatte. Warum also sollte ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben?
    Ich biss mir auf die Unterlippe, fast schon zu fest. Ich spürte, wie es schmerzte und kurz davor war zu bluten, also ließ ich wieder locker und atmete ruhig ein und aus. Ja, Khyron war selbst Schuld daran! Er hätte sich nicht einmischen sollen! Gedanken darüber, was passiert wäre, wenn Geowaz wirklich ins Wasser gefallen wäre, machte ich mir nicht. Ich ignorierte es einfach, verdrängte es, ebenso Hugos aufgebrachtes Gesicht und sein Geplärre. Mir doch egal, es ist ja schließlich nicht so weit gekommen und wenn doch: Pech! Was war er auch so blöd mich herauszufordern?
    Heftig schüttelte ich den Kopf, um nicht mehr daran zu denken. Es war mir egal! Es war mir egal! Es war mir egal! Immer wieder sagte ich es mir. Ich hatte gewonnen, nur das allein zählte, genau! Wenn ich das Kampfschloss erreichte, so nahm ich mir vor, würde ich ein paar Leute zum Kampf herausfordern, würde kämpfen und zeigen, was in mir und meinen Pokémon steckte. Genau! Ich würde mir den Titel der Herzogin aneignen und dann würde mir erst recht kaum noch einer das Wasser reichen können. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich, versuchte mich selbst aufzumuntern. Der Tag war auch viel zu schön, als das ich Trübsal blasen musste. Worüber auch? Über Hugo oder so ein dämliches Geowaz? Natürlich nicht! Und erst recht nicht über Khyron! Der war mir doch so was von egal. Ich schnaubte auf, fasste meinen Entschluss und hatte ganz klar mein Ziel erneut vor Augen. Nichts und niemand würde mich aufhalten. Nichts und niemand!


    »Hey!« Überrascht schrie ich auf, als auf einmal etwas vor mir wie aus dem Nichts auftauchte. Links von mir plätscherte der breite Fluss entlang und rechts von mir war die weite Wiese mit den zahlreichen wilden Blumen. Das Bild war wunderschön und lockte viele allein deswegen an hier her zu kommen. Aber hinter dem Blumenmeer begann ein dichter Wald zu wachsen. Nicht, dass mich das sonderlich interessierte. Nie war ich dort gewesen, weil es einfach nie notwendig gewesen wäre. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle, denn ich war stehen geblieben.
    »Lass das!«, rief ich. Meine Augen fixierten dieses kleine Ding, was aufgetaucht war und nun begann um mich herum zu schwirren. Wie ein lästiges Bibor, das um einen herum brummte und am besten noch zustechen wollte. Das Positive war, dass Flabébés nicht zustechen konnten. Davor musste ich mich nicht in Acht nehmen. Dennoch nervte es, wie es auf seiner kleinen blauen Blüte um mich herum schwebte wie bei einem Karussell. Noch einmal schnaubte ich auf und sah grimmig drein. Wilde Pokémon hielten sich eigentlich fern von Menschen, aber jeder wusste, dass es Exemplare gab, die aggressiv waren und daher angriffen oder manch eines von denen war einfach nur verflucht neugierig. Dieses Flabébé machte auf mich keinen sonderlich aggressiven Eindruck, also nahm ich an, dass es nur an der Neugierde lag. Mit meiner Hand wedelte ich ein paar Mal in der Luft, um es zu verscheuchen. Es schien zu wirken, so dass ich weiter gehen konnte. Diese Pokémon-Art interessierte mich einfach nicht. Feen waren so niedlich, dass viele vor Verzückung aufkreischten. Das konnte ich nicht leiden. Außerdem war ein Flabébé nicht besonders stark und es passte nicht zu mir. Ich brauchte es nicht und ignorierte es daher, um weiter zu gehen. Leider war dieses Exemplar eines von der nervigen Sorte. Aus irgendeinem Grund hatte es einen Narren an mir gefressen, denn es verfolgte mich schon wieder. Sollte ich eines meiner Pokémon rufen, um es zu verscheuchen? Allerdings fand ich das für zu übertrieben. Wir redeten hier schließlich von einem Flabébé! Die waren nicht gefährlich. Nicht so, dass man deswegen ein Pokémon nutzen musste, um sie zu verscheuchen.
    Meinen Blick auf den Boden gerichtet, hielt ich nach einem Stein Ausschau, der groß genug war. Ich fand aber am Wegesrand keinen, so dass ich einen kleinen Umweg machte und mich nach links wandte. Dort, wo der Fluss entlang floss. Hin und wieder konnte man auf ihm kleine oder größere Boote erkennen, Kanufahrer sehen oder einfach Pokémon, die entweder drüber hinweg flogen, auf der Oberfläche schwammen oder sogar aus den Tiefen des Flusses sprangen. Von alledem sah ich gerade nichts, jedoch eine Menge Kieselsteine, die am Rande der Böschung zu finden waren. Da das Flabébé mich immer noch verfolgte und auch meine erneuten Versuche es mit den Händen zu verscheuchen nichts mehr brachten, bückte ich mich nach einem Stein. Ohne zu zögern warf ich ihn nach dem Pokémon. Treffen tat ich nicht, hatte ich auch gar nicht gewollt. So ein kleines Ding zu erwischen, war sowieso nicht so leicht, besonders weil es sich flink bewegen konnte. Auch wenn mir das ein Rätsel war, wie es das schaffte. Aber seine Schwebekünste waren nicht von schlechten Eltern. Ich klaubte noch einen Stein auf, um ihn genauso zu werfen wie den Ersten. Das schien auszureichen, um das Pokémon los zu werden. Es wandte sich ab und flog davon. Ich seufzte. Gut so, denn ich hatte langsam die Nase voll, dass mich heute jeder bedrängen wollte!
    Zufrieden damit wieder meine Ruhe zurückgewonnen zu haben, setzte ich meinen Weg fort. Ich stieg den kleinen Hang hinauf, um zum Weg zurück zu kommen, denn der Fluss an sich lag ein wenig tiefer als die Straße. Nicht viel und es war auch nicht so steil, aber es war spürbar. Langsam meldete sich auch mein Magen. Das Frühstück lag schon viele Stunden zurück und zu Mittag hatte ich heute auch nichts gegessen. Kein Wunder, dass ich jetzt allmählich Hunger bekam. Ich legte meine freie Hand auf meinen Bauch und rieb ihn. Oh man, wie weit war das Kampfschloss entfernt? Zu meinem eigenen Glück wusste ich, dass es dort auch möglich war zu speisen. Das Schloss war sowieso riesig, wenn nicht sogar gewaltig. Es hatte in der vergangenen Zeit irgendeinem Fürsten oder Herzog gehört. Irgendwann stand es dann für Jahrzehnte leer, weil seine Familie ausgestorben war oder so. Ganz genau kannte ich die Geschichte nicht, da es mich nie sonderlich interessiert hatte. Das Besondere aber an diesem Bauwerk war, dass es nicht nur riesig und majestätisch wirkte, sondern über dem Fluss erbaut worden war. Außerdem gab es zahlreiche Zimmer und Räume, in denen man essen und sich ausruhen konnte, sowie andere Trainer traf, um sich mit ihnen auszutauschen. Manche nutzten die Gelegenheit sogar, um Pokémon miteinander zu tauschen. Keine Ahnung was die Leute eigentlich daran so toll fanden ihre Pokémon weg zu geben, nur um ein anderes zu erhalten, was vielleicht sogar schwächer war. Ich würde das niemals tun. Schließlich trainierte ich mein Team, um mit ihm zu gewinnen und nicht, um es an andere Trainer zu geben.
    Das Allerbeste am Schloss war aber der Kampfplatz hinter diesem. Um den Schloss herum kämpften Trainer oftmals auch, aber wer dort auf dem Kampfplatz stand, der wurde auch von etlichen Augenpaaren beobachtet. Wer verlor, wurde dadurch erniedrigt und wer gewann, der erntete Ruhm. Es war sehr aufregend! Ähnlich wie in einem Turnier. Das Tolle daran war, dass man zu jeder Zeit kämpfen konnte, selbst nachts! Es gab auch Schiedsrichter, die jederzeit dabei waren. Sie arbeiteten in Schichten und überprüften alles. In Zeiten, wo richtig viel im Schloss los war, musste man sich sogar für einen Kampf anmelden, aber manchmal gab es auch Tage, wo nicht viele da waren und wo der Platz schnell zur Verfügung stand. Allein der Gedanke daran ließ in mir das euphorische und aufregende Gefühl aufkommen, was ich immer hatte, wenn ich auf diesem Kampfplatz stand. Ich war so motiviert, dass ich es kaum abwarten konnte! Allerdings erinnerte mich mein Magen mit einem lauten Knurren daran, dass ich zumindest vorher etwas essen sollte.
    »Mhm? Wa-?« Ich bekam einen riesigen Schreck, als das Flabébé mit der blauen Blüte wieder vor mir auftauchte – direkt vor meinem Gesicht! Daher stolperte ich auch ein paar Schritte zurück.
    »Verdammt noch mal, was soll denn das?« Langsam wurde ich echt wütend und neigte tatsächlich dazu mir zu überlegen, welches meiner Pokémon ich ihm entgegen werfen sollte. Vielleicht mein Magnayen, dann konnte es gleich frisches Flabébé fressen! Wobei an dem Pokémon nicht viel dran war. Satt würde Rico davon nicht werden. Noch bevor ich mein Pokémon rufen konnte, sah ich glitzernden Staub über mich rieseln. Schneite es jetzt? Natürlich nicht, schließlich war es dafür zu warm! Schnee wäre mir allerdings trotzdem lieber gewesen, denn der Blütenstaub von Flabébé würde nicht so einfach von meinen Haaren und meinen Sachen abzuklopfen sein.
    »Du spinnst wohl, was soll das? Hör auf damit!« Meine Wut wurde noch größer, ich fuchtelte mit meinen Armen herum, aber das kleine Pokémon war viel zu weit über mir, als das ich es erreichen könnte. Ich glaubte sogar ein Kichern zu hören, was Blödsinn war. Es war sicher nur eine Einbildung oder so etwas gewesen. Oder war vielleicht doch jemand in der Nähe? Machte ich mich gerade lächerlich? Erschreckt wegen diesem Gedanken sah ich mich schnell um, konnte aber nirgendwo eine Menschenseele erkennen. Glück gehabt! Mich von einem Flabébé so auf den Arm nehmen zu lassen, wäre richtig dumm gewesen. Als ich wieder nach vorn sah, erschreckte ich mich erneut. Ich schwöre, wenn das so weiter ging, würde mein Herz aus meiner Brust springen und ich tot umfallen. Umfallen tat ich leider kurz danach, wenn auch anders als erwartet. Zuerst stolperte ich wegen des Schreckens, den mir das Feen-Pokémon eingejagt hatte, weil es direkt wieder vor mir aufgetaucht war. Offenbar mochte es das. Um auszuweichen, wollte ich zurücktreten, aber da lag – warum auch immer – ein Stein im Weg, auf den ich trat. Normalerweise wäre das kein Problem, trotzdem brachte er mich ins Straucheln und somit aus dem Gleichgewicht. Mit einem Schrei verlor ich meinen Halt und fiel nach hinten um. Offenbar hatte ich nicht bemerkt, dass ich dem kleinen Abhang zum Fluss näher gekommen war, denn ich blieb nicht einfach liegen, sondern rollte diesen auch noch hinunter.
    »Au, aua, au … « Ich schlug sogar einen Purzelbaum rückwärts, was nicht besonders angenehm war. Zwischendurch verlor ich sogar meine Pokébälle, die an meinem Gürtel befestigt waren. Sie rollten irgendwohin. Ich sah es nicht, weil ich mich überschlug, bis ich endlich liegen blieb. Allerdings schmerzte mir nun der Kopf und ich sog scharf die Luft ein. Das war vielleicht fies gewesen! Nur mühsam schaffte ich es mich soweit aufzurichten, dass die Welt um mich herum sich nicht mehr drehte. Für mich stand fest, dass ich mich an dem Flabébé rächen würde. Wenn es denn immer noch da war und mich weiterhin nerven wollte. Doch zuerst einmal versuchte ich wieder auf die Beine zu kommen. Ein paar wenige Schritte von mir weg, floss bereits der Fluss entlang. Es hatte nicht viel gefehlt und ich wäre direkt hinein gefallen. Das wäre eine schöne Sauerei gewesen! Grummelnd und nun absolut schlecht gelaunt, stemmte ich mich hoch. Allerdings drehte sich alles in mir und irgendwie fühlte ich mich auch komisch. Hatte ich eine Gehirnerschütterung erlitten? Ein bisschen schlecht war mir schon. Ich hob den Kopf, um mich ein wenig umzusehen, aber Flabébé konnte ich nirgendwo sehen. Daher entschied ich mich dazu zum Fluss zu krabbeln, damit ich mir ein wenig Wasser ins Gesicht spritzen konnte. Außerdem wollte ich überprüfen, ob ich nicht doch irgendwo eine Platzwunde hatte.
    Immer noch war irgendwas anders. Allein schon, dass die Welt um mich herum größer wirkte und ich das Gefühl hatte, dass mein Körper mir nicht richtig gehorchte.
    Autsch, fluchte ich, als ich wieder zu Boden ging, weil ich stolperte. Verflucht noch eins, was soll denn das? Ich grummelte noch mehr vor mich hin und streckte meine rechte Hand aus, weil ich den Fluss erreicht hatte. Ich wollte … Ich wusste nicht mehr, was ich wollte. Der Gedanke war schlagartig weg und ich starrte auf meine Hand. War es überhaupt meine Hand?
    Stille herrschte um mich herum, Sekunden fühlten sich wie Minuten an, die verstrichen, ohne, dass ich mich bewegte. Ohne, dass ich atmete. Erst als ich merkte wie knapp die Luft wurde, schnappte ich danach und hätte einen Schrei ausgestoßen. Es kam kein Schrei aus meiner Kehle. Es war ein völlig anderes Geräusch. Eines, was ich noch nie von mir gegeben hatte. Wo ich gerade eben noch völlig ruhig, wie erstarrt gewesen war, so brach nun in mir helle Panik aus. Was war das? Wie konnte das auch sein? Ich starrte immer noch meine rechte Hand an, die nicht meine rechte Hand war. Das war völliger Irrsinn hier, aber dieses Gliedmaß gehörte tatsächlich zu mir! Eine Pfote! Mit braun-rötlichem Fell! Bevor ich wirklich durchdrehte, beugte ich mich so schnell über den Fluss, um mein Spiegelbild zu sehen, dass ich fast hinein gefallen wäre. Nur mühsam konnte ich das verhindern, aber das war mein kleinstes Problem.
    Das kann doch nicht … !
    Panik, Irrsinn, Schrecken – vieles ging in mir vor. Viele Gefühle brodelten in mir auf, aber das größte war wohl das Unverständnis in mir. Ich verstand einfach nicht, was mir da entgegen blickte. Das konnte einfach nicht sein! Meine Augen waren so dunkel, fast schwarz. Nur ein Hauch von Blau war darin zu sehen – meine ursprüngliche Augenfarbe. Außerdem sah ich überall Fell! Von meinen schwarzen langen Haaren war nichts mehr zu sehen, auch nichts von meiner gesunden Bräune, die ich besessen hatte, da kein Fleckchen Haut noch zu sehen war. Ich starrte in das Gesicht eines Pokémons, nur war das nicht irgendein Pokémon, sondern ich selbst! Ich starrte mich selbst an. Träumte ich? Schlief ich, weil ich in Ohnmacht gefallen war? Mir schwindelte noch mehr und ich trat ein paar Schritte vom Fluss zurück, kniff die Augen zusammen und zählte langsam bis zehn. Vielleicht war das gerade nur eine Halluzination gewesen. Schließlich konnte ich kein Pokémon sein! Nachdem ich zu Ende gezählt und meine Atmung und mein Herz wieder beruhigt hatte, öffnete ich wieder meine Augen. Ganz langsam trat ich an den Fluss, aber als ich erneut hinein sah, blieb das Bild unverändert. Ich war ein Pokémon und ich verstand einfach nicht, was hier vor sich ging.


    Wie lange ich am Flussbett gehockt hatte, um mich selbst anzustarren, wusste ich nicht mehr. Irgendwann löste ich mich davon, sah mich um und entdeckte nirgendwo das Flabébé. Mehrere Male biss ich mir in meine Vorderpfote, als jämmerlichen Versuch mich aus diesem irren Traum aufzuwecken. Aber es funktionierte nicht, außer dass ich mir selbst Schmerzen zufügte. Das war nicht gerade schön. Erneut in Panik zu geraten, brachte mich nicht weiter. Deswegen versuchte ich ruhig zu bleiben. Das war nicht einfach, aber besser als kopflos irgendwo hin zu stürmen. Ich wusste sowieso nicht wohin ich sollte. Unbeholfen versuchte ich trotzdem erst einmal voran zu gehen. Ich musste vier Beine koordinieren. Eine Herausforderung, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Schließlich verwandelte man sich nicht einfach in ein Pokémon! Trotzdem war es passiert, wie auch immer. Egal wie sehr ich mir den Kopf darüber zerbrechen würde, eine Antwort würde ich eh nicht finden. Also ließ ich es bleiben und kämpfte mich den kleinen Abhang nach oben zum Fußweg.
    Die Welt wirkte tatsächlich riesiger, als ich es jemals gewohnt gewesen war. Klar, jetzt wo ich dem Boden viel näher war, als jemals zuvor, durfte ich mich nicht darüber wundern. Trotzdem war es ein seltsamer Blickwinkel und ich wusste auch nicht, ob ich mich daran gewöhnen konnte. Musste ich mich daran gewöhnen? Wie sollte ich zum Mensch werden? Gab es eine automatische Rückwandlung? Oh bitte, das konnte einfach nur ein schräger Traum sein!
    »Hey guckt mal!«, hörte ich eine fremde Stimme auf einmal rufen und spitzte die eigenen langen Ohren. Erst da fiel mir auf, wie gut mein Gehör war. Ich hatte das Gefühl, dass man mir direkt in die Lauscher gebrüllt hatte, aber als ich meinen Blick zu dem Geräusch wandte, um den Verursacher zu entdecken, bemerkte ich, wie weit weg er noch war. Man oh man! Mehrere Meter weit weg stand eine kleine Gruppe aus drei Kindern, die in meine Richtung zeigten. Dann setzten sie sich schnell in Bewegung, um auf mich zuzukommen.
    »Ist das wirklich ein Flamara? Das ist doch die Weiterentwicklung von Evoli?«, fragte einer der Jungen mit kurzen Hosen.
    »Ich sehe keinen Trainer, dem es gehören könnte«, sagte ein Mädchen mit zwei Zöpfen und einem hellblauen Kleidchen. Ich begriff erst gar nicht, dass sie tatsächlich mich meinten, bis sie vor mir stehen blieben, mich umzingelten und sich hinhockten. Noch nie hatte ich mich auf diese Weise von Kindern bedroht gefühlt und es wurde auch noch schlimmer! Ohne Hemmungen griffen sie nach mir, fuhren durch mein Fell, zogen an meine langen Ohren und an meinem buschigen Schweif. Ehe ich mich versah, fand ich mich in einer sehr unangenehmen Situation wieder. Ich fiepste protestierend auf, kurz danach fauchte ich sogar drohend, weil mir das alles zu viel wurde.
    »Wow!« Die Kinder schienen trotzdem von mir begeistert zu sein. Ich nicht, ich fand es schrecklich und versuchte mich zu befreien. Alle Hände, die mir zu nahe kamen, wollte ich beißen und ich ließ auch meine Krallen instinktiv ausfahren und schlug damit nach den Kindern. Sie schreckten zurück, was mir die Chance gab zwischen ihren Beinen hindurch zu laufen und die Flucht zu ergreifen. Bloß weg hier!
    »Hey, warte!« Leider waren sie übereifrig und rannten mir hinterher, weswegen ich versuchte noch schneller zu rennen. Einfach war das nicht. Mehrere Male stolperte ich und wäre ständig fast auf die Schnauze geflogen. Nur mühsam hielt ich mich auf all meinen Pfoten und schaffte es gerade so diese nicht miteinander zu verknoten. Schon bald begannen meine Lungen schmerzhaft zu brennen und meine Ausdauer nahm zunehmend ab. Aber ich wagte es nicht mich umzudrehen, wollte nicht stehen bleiben. Wer wusste schon auf was für Ideen diese Rotzgören kamen! Das wollte ich nicht herausfinden! Also lief ich noch weiter, bis mich erneut ein Stimmengewirr einholte. Diesmal nicht von hinten, sondern von vorn. Ich drosselte mein Tempo und hechelte, so dass mein Brustkorb sich heftig hob und senkte. Mein Herz schlug unermüdlich in einem rasenden Tempo und ich konnte die Hitze in mir spüren, die mich einnahm. Interessant dabei war, dass diese Hitze mich nicht störte, im Gegenteil. Mir könnte es kaum heiß genug sein! Nur konnte ich jetzt nicht weiter darüber nachdenken. Meine mandelförmigen Augen entdeckten nicht nur das Kampfschloss mehrere Meter vor mir, sondern auch die Menschen, die sich hier aufhielten. Überall waren Trainer! Manche von ihnen hatten ihre Pokémon aus den Bällen entlassen, bereit für den Kampf oder um sich zu entspannen. Egal wo ich auch hinsah, es wimmelte nur so von ihnen. Kein guter Ort, um sich hier aufzuhalten, wenn man gerade in einer Situation war, die man selbst nicht verstand. Bevor ich weiter ging, sah ich lieber doch noch einmal zurück. Die Kinder konnte ich nirgendwo entdecken, was mir sagte, dass ich sie abgehängt hatte. Ein Problem weniger! Doch dabei sollte es nicht bleiben. Als ich weitergehen wollte, bemerkte ich so manchen Blick auf mir ruhen. Sowohl von anderen Pokémon als auch von den Menschen. Etwas in mir zuckte zusammen, was dazu führte, dass meine Haltung angespannter und vor allem duckender wurde. Als könnte ich mich so einfach davon schleichen – schön wär's gewesen! Einer der vielen Trainer, der sogar in meiner näheren Umgebung stand und mich bemerkt hatte, starrte mich an. Dann sah er sich um, suchte jemanden oder etwas und sah mich dann wieder an. Er wandte sich aber zum Glück einem anderen zu, vielleicht einem Freund, der direkt neben ihm stand. Ich nutzte das, um weiter zu gehen, doch als ich dann einen lauteren Ruf hörte, ahnte ich bereits Schlimmes. Die beiden Trainer setzten sich in Bewegung. Das sah ich, als ich zurück blickte. Ja verdammt, warum latschte ich auch hier einfach über den Weg und an dem Areal des Kampfschlosses vorbei? Noch dazu ganz allein als Pokémon! Ist doch klar, dass die sich fragten, ob ich einen Trainer hatte oder nicht.
    Himmel, dass ich mir überhaupt vorstellen musste, dass ich ein Pokémon war und möglicherweise auch von einem Trainer gefangen werden kö- AH! Mir fiel es wie Schuppen von den Augen! Klar richteten einige ihre Aufmerksamkeit auf mich! Ich war ein Pokémon, noch dazu ein Flamara – warum auch immer – und nirgends war ein Mensch in meiner Nähe, der als mein Trainer identifiziert werden konnte. Ich lief hier ganz allein umher und was taten Trainer, wenn sie ein einzelnes Pokémon sahen? Ganz genau! Sie gierten danach es zu fangen! So war es bei den meisten und die Tatsache, dass bereits zwei hinter mir her waren und versuchten sich zu nähern, ließ meine Befürchtung nur noch stärker werden.
    Einer von denen versuchte es auf eine sanfte Tour. Er zutschte so komisch, um Geräusche zu machen, damit er mich anlocken konnte. Wenn ich es recht bedachte, dann war das megabescheuert. Menschen verhielten sich gegenüber Pokémon schon echt komisch, nicht? Dass mir das erst jetzt bewusst wurde …
    »Na Kleines, wo kommst du denn her?«, wollte er von mir wissen. Ich wusste, dass er keine ernsthafte Antwort erwartete, weil Pokémon nun mal nicht reden konnten. Dass er trotzdem mit mir sprach … Wie gesagt: Menschen verhielten sich manchmal echt komisch. Ich für meinen Teil hatte nicht vor ihm auch nur ansatzweise näher zu kommen.
    »Na komm her, ich tue dir nichts«, wollte er mich weiter anlocken und sprach ganz ruhig. Beide Hände hatte er mir langsam entgegen gestreckt. Mittlerweile war ich dabei rückwärts zu laufen, um ihn einerseits im Blick zu behalten, zum anderen um mich weiter von ihm zu entfernen.
    »Glaubst du, dass es ein Wildes ist? Ich habe noch keine wilden Flamaras gesehen«, meinte sein Kumpel, der ein bisschen weiter weg stand.
    »Keine Ahnung, aber es scheint auch kein Trainer hier zu sein, der sich um dieses kümmert.«
    Woher will er denn das wissen? Ich meine, hier waren haufenweise Menschen unterwegs! Okay, sie hockten nicht alle auf der Stelle. Viele waren auch im Kampfschloss drin, aber …
    »Vielleicht ist es weg gelaufen?«, mutmaßten die beiden Kerle weiter, derweil gab ich ein Fauchen von mir, als Warnung sich mir nicht weiter zu nähern.
    »Vielleicht.« Als der Typ, der sich mir weiter näherte, auch noch einen Pokéball von seinem Gürtel nahm, wurde mir klar, dass ich schleunigst die Beine in die … äh Pfote nehmen musste. Ich drehte mich daher um und stürzte los.
    »Halt!«, rief mir der Typ nach. Pah! Als wenn ich darauf hören würde! Andere Trainer um uns herum wurden ebenfalls darauf aufmerksam und wunderten sich, was hier vor sich ging. Ich achtete auf niemanden, nur auf den Weg vor mir und darauf irgendwo ein Versteck zu finden. Das Rennen machte mich müde, aber ich hatte nicht vor mich von irgend so einem Deppen gefangen nehmen zu lassen! Auch wollte ich nicht in das Kampfschloss hinein, das wäre mein Ende! Etliche Trainer, die nur darauf warteten ein Flamara in die Finger zu bekommen? Nein danke! Leider war das Entkommen gar nicht so einfach, denn der Typ rief sein Pokémon heraus. Es war ein starkes Tauboga. Dass es stark war, erkannte ich allein daran, wie schnell es heran geschossen kam und mich dann auch volle Wucht von hinten traf. Ich kreischte auf, verlor den Halt vom Boden und purzelte mehrere Schritte weiter. Der Stoß des Pokémons gegen mich tat mir weh. Meine Seite pochte heftig und ich biss meine Zähne fest aufeinander. Mir stiegen Tränen in die Augen, jedenfalls kam es mir so vor. Dabei wusste ich nicht einmal, ob Feuer-Pokémon (also ich) überhaupt in der Lage waren zu weinen. Dank ihrer Biologie benötigten sie nicht wirklich viel Wasser zum Überleben und ihre Körper hatten eine völlig andere Struktur, als andere Geschöpfe. Aber bei all den Elementen wunderte das wohl niemanden. Mit meinen empfindlichen Ohren konnte ich die Schritte hören, die sich mir näherten. Irgendwo über mir in der Luft kreischte das Tauboga triumphierend auf und in meinem Körper spürte ich noch immer den pulsierenden Schmerz, der mich daran hindern wollte aufzustehen. Trotzdem gab ich nicht auf, weil das nicht in meinem Wortschatz vorkam. Also hievte ich mich auf die Pfoten und wollte weiter. Aber da bemerkte ich, dass jemand vor mir stand. Ich musste meinen Kopf in den Nacken legen und erkannte Victor. Er war einer der besten Trainer, die ich jemals getroffen hatte und er war extrem selbstbewusst. Außerdem sah er ganz gerne auf kleine schwache Trainer hinab und ich erinnerte mich nur zu gut, wie er sich vor einigen Jahren noch über mich lustig gemacht und mich dadurch auch gedemütigt hatte. Ich konnte ihn nicht leiden, absolut nicht und sein abfälliger Blick auf mich förderte nicht gerade die Sympathie zu ihm.
    »Hey Nick, was tust du denn hier? Gehört das Vieh dir?«, fragte Victor, sah von mir weg und den Trainer hinter mir an, dem das Tauboga gehörte.
    »Keine Ahnung ob es überhaupt jemanden gehört. Es scheint nicht so … «, antwortete er. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die beiden über mich redeten. Ich war das Vieh. Gekränkt darüber fauchte ich Victor so böse an wie ich es nur konnte.
    »Mhm, sieht ziemlich … schwach aus«, sagte er, als er wieder mich ansah, weil ich ihn anfauchte. Mir standen alle Haare zu Berge und ich ignorierte den Schmerz an meiner Seite.
    »Selbst dein Tauboga hat es schnell auf die Bretter gelegt«, fuhr er fort. Was fiel ihm ein? Ich war schließlich nicht bereit gewesen für einen Kampf! Du verdammter Hornochse!
    Warum regte ich mich überhaupt auf? Mir konnte es doch egal sein, ob er mich als schwach ansah. Es wäre sogar besser so, denn dann würde er kein Interesse haben mich gefangen zu nehmen. Dennoch konnte ich die aufkommende Wut und die Kränkung in mir nicht verleugnen. Ich fühlte mich zurück versetzt, damals als er sich ebenfalls über mich lustig gemacht hatte, als ich noch ein Anfänger gewesen war. Er hatte mich förmlich nieder getrampelt. Das wollte ich heute nicht auf mir sitzen lassen! Aber wie sollte ich ihm entgegen treten? In einem Kampf? Pokémon gegen Pokémon? Klar, kein Problem! Wenn denn nicht ich das Pokémon wäre, das kämpfen musste! Ich hatte keine Ahnung wie ich als solches in den Kampf ziehen, geschweige denn Attacken einsetzen konnte.
    Weitere Trainer versammelten sich um uns herum, wollten wissen, was hier los war. Ich hatte das Gefühl, dass Tausende Augenpaare auf mich gerichtet waren, obwohl nicht annähernd so viele Menschen da waren. Aber es war ein sehr unangenehmes Gefühl. Obwohl ich sonst keine Probleme damit hatte auch mal im Mittelpunkt zu stehen, war das hier etwas völlig anderes. Überall konnte ich Getuschel hören, es wurde darüber diskutiert, ob ich irgendwem gehörte. Manche stritten sich bereits darum, wer mich bekam, wenn nicht mein Trainer auftauchte. Die Panik in mir wurde immer größer, meine Haltung wieder geduckter. Den Schmerz musste ich weiterhin ignorieren. Panisch suchte ich zwischen all den Beinen der Menschen um mich herum einen Schlupfwinkel. Wenn es nach Victor ging, könnte ich sogar fliehen, denn großkotzig wie er war, machte er mich schlecht, behauptete laut und deutlich was für ein schwaches Vieh ich sei und der Aufwand sich gar nicht lohnte mich einzufangen oder gar zu trainieren.
    »Seht es euch doch nur mal an … «, redete er munter weiter und musterte mich mit einem immer noch sehr herabfallenden Blick. Obwohl mir das zu Gute kommen könnte, fühlte ich mich nur noch mehr gedemütigt. Ich wollte es ihm heimzahlen, aber ich wusste nicht wie. Manche Trainer stellten sich auf seine Seite, hatten nichts besseres zu tun als sich über ein schwaches Flamara – mich – lustig zu machen. Sie wollten Victor imponieren, wollten nicht als schwache Trainer dastehen, weil sie sich für mich interessierten. Ja, die Welt der Trainer konnte ganz schön grausam sein. Wer nicht stark genug war, ging unter, wurde nieder gemacht. Das war einer der Gründe, warum auch ich immer stärker werden wollte, damit ich mich in dieser harten Welt beweisen und durchsetzen konnte.
    Mit einem lauten erschrockenen und protestierenden Schrei gab ich meinen Unmut kund, als mich auf einmal zwei Hände ergriffen und hoch hoben. Ich wusste gar nicht wie mir geschah und zappelte, wollte mich aus dem festen Griff befreien. Wurde ich jetzt etwa gefangen genommen? Ich wollte nicht in einem Pokéball enden!
    HILFE! NEIN!


  • Kapitel III


    Die Panik wuchs in mir heran und ich ließ sie im lauten Gezeter und Kreischen heraus. Manche Trainer lachten wohl über mich und meine Panik. Darauf achtete ich aber kaum, denn viel mehr war ich damit beschäftigt weiter zu zappeln, mit allen Beinen zu strampeln trotz der Schmerzen an meiner Seite. Ein metallischer Geruch lag in der Luft, den ich nur nebenbei wahrnahm. Sehen tat ich nichts, denn ich hatte meine Augen so fest zusammengepresst, dass es fast schon schmerzte. Ich wollte in keinen Ball! Niemals! Nein! Wer auch immer das war, er sollte mich runter lassen! Ich wollte kein Pokémon sein! Mir war nach heulen zumute, meine Krallen waren ausgefahren und schlugen blind um mich. Dann spürte ich auch noch Finger in der Nähe meines Kopfes. Im Hintergrund hörte ich ein: »Scht-scht-scht«, weil man mich auf diese Weise beruhigen wollte. Aber ich wollte mich nicht beruhigen, stattdessen versuchte ich blind nach den Fingern zu beißen. Ich war selbst überrascht davon, dass ich tatsächlich denjenigen erwischte, aber das war mir sogar nur recht. So kräftig wie ich konnte, biss ich noch mehr zu, krallte mich sogar an der Hand fest, die ich biss. Wenn er glaubte, er könnte mit mir einfach das machen, was er wollte, dann hatte er sich aber schön geschnitten! Kampflos würde ich niemals aufgeben! Im Hintergrund hörte ich noch mehr Lachen. Es war Victor, den ich nur deshalb erkannte, weil er auch wieder was zu sagen hatte.
    »Gehört dir das Vieh etwa oder willst du dich vielleicht um es kümmern, Khyron?« Die Frage war mit Spott und Hohn ausgesprochen, aber viel mehr erschreckte mich etwas anderes.
    Khyron?
    Ich riss meine Augen weit auf. Ein paar Schritte weiter entfernt stand Victor und sah auf mich und denjenigen, der mich festhielt. In seinem Gesicht war ein arrogantes Lächeln zu sehen.
    »Und dann lässt du dich auch noch beißen, ganz schön unprofessionell. Ich hätte ein bisschen mehr von dir erwartet«, redete er weiter und ich blickte auf die Hand, die ich immer noch mit Zähnen und Krallen festhielt. Erst da wurde mir bewusst, dass ich Blut schmecken konnte und ließ ruckartig los. Mein Herz pochte ungestüm in meinem kleinen Brustkorb. Panik und Angst wechselten sich ab, dass mein Körper begann zu zittern. Trotzdem legte ich den Kopf in den Nacken, nur um mit weit aufgesperrten Augen tatsächlich Khyron zu erkennen. Er war es, der mich festhielt, aber er widmete im Moment nicht mir seine Aufmerksamkeit, sondern Victor. Ich war wie erstarrt und mir fiel es schwer wieder zu Victor zu sehen. Oder zu irgendwem anderen der Anwesenden.
    »Erstens: Es ist kein Vieh. Zweitens: Es wäre nicht auszuschließen, dass sein Trainer es vermisst und schon nach ihm sucht.« Als Khyron das sagte und damit sich indirekt für mich einsetzte, schnaubte Victor nur verächtlich auf.
    »Wie du meinst.« Die Versammlung um mich herum löste sich langsam auf, als Victor sich abwandte und sich auf den Weg ins Schloss begab.
    »Da haben sie dir aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt, mhm, Kleine?«, hörte ich Khyron sagen. Erst, als ich wieder meinen Kopf in den Nacken legte und gleichzeitig seine Finger spürte, die über mein Kopffell fuhren, verstand ich, dass er mit mir sprach. Seine Augen sahen mich ganz sanft an, er trug sogar ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Ich war wie gelähmt. Nicht, weil ich von seinem Antlitz verzaubert war, sondern weil ich nicht verstehen konnte, warum er so … nett zu mir war. War er nicht böse auf mich, weil ich ihn gebissen hatte?
    »Weißt du wem es gehört?« Khyrons Aufmerksamkeit wurde von mir abgelenkt und so wie er es tat, wandte auch ich meinen Blick weg und zu der Stimme hin, die diese Frage gestellt hatte. Als wäre Victor nicht schon genug gewesen, stand nun Hugo vor uns. Er hatte seine Kappe aufgesetzt, so dass er aussah, als hätte er einen Wasserkopf. Warum sagte ihm nicht endlich mal jemand, dass er das lassen sollte? Seine blauen Augen musterten mich und ich fühlte mich furchtbar unwohl. Konnte man mir ansehen, wer ich wirklich war? Nicht das Flamara, sondern eigentlich die Trainerin Zoé? Was würden die Jungs wohl denken, wenn sie es wüssten? Mir wurde ganz bange und mein Körper begann vom Neuen zu zittern. Khyron bekam das mit und versuchte mich zu beruhigen, wohl weil er dachte, dass ich allgemein Angst hatte, vielleicht auch vor Hugo.
    »Nein, ich weiß nicht wem es gehört«, antwortete Khyron auf Hugos Frage. »Könntest du zur Information im Schloss gehen und denen mitteilen, dass ich mich um das gefundene Flamara kümmere? Falls sein Trainer noch auftaucht und es sucht, könnten sie ihm sagen, wo sie mich finden«, wies er Hugo an, der daraufhin nickte.
    »Von mir aus, wenn du meinst«, sagte er, drehte sich weg und ging davon. Wann waren die Jungs eigentlich hier angekommen? War etwa schon so viel Zeit vergangen? Oder waren sie mir gefolgt? Aber dann hätten sie das doch mitbekommen, was mit mir geschehen war und mal ehrlich, sie machten alle nicht den Eindruck, als wüssten sie, wer ich war. Sie behandelten mich alle wie ein gewöhnliches Pokémon, dass offenbar seinen Trainer verloren hatte. Wie gesagt, wilde Evoli-Entwicklungen gab es so gut wie gar nicht in der freien Wildbahn, bis auf wenige Ausnahmen. Aber gerade die Exemplare, die sich nur mittels eines Steins entwickelten, waren extrem selten. Das hieß, ich gehörte einer seltenen Spezies an, die unter manchen Sammlern heißbegehrt war. Himmel hilf, allein die Vorstellung gefiel mir nicht!
    Khyron hatte sich mittlerweile in Bewegung gesetzt und ließ mich nicht von seinen Armen hinunter. Momentan wehrte ich mich auch nicht dagegen. Weder wusste ich, wohin ich sollte, noch was ich tun könnte. Daher schien es im Augenblick vielleicht sogar besser, wenn ich bei ihm blieb. Vielleicht … Sollte die Situation sich in irgendeiner Weise ändern, die mir nicht gefiel, würde ich die Flucht ergreifen. Außerdem musste ich herausfinden, wie ich wieder zu einem Menschen werden konnte. Das würde bestimmt nicht einfach werden, oder? Vor allem wenn das bedeutete, dass ich dieses kleine Flabébé wiederfinden musste. Erst durch sein Erscheinen war ich in dieses Schlamassel geraten.


    Hungrig knurrte mein Magen auf und erinnerte mich daran, dass ich dringend etwas zwischen die Beißer brauchte. Abgesehen von Händen, die ich blutig biss. Wäh! Khyrons Hand blutete immer noch! Nicht stark, aber die Wunde war vorhanden, so dass sein Blut mir die ganze Zeit in die Nase stieg. Außerdem tat mir immer noch die Seite weh. Das Tauboga von vorhin hatte mit seiner Attacke ordentlich was bei mir angerichtet. Ein Grund mehr, weswegen ich mich nicht bewegen wollte und mich freiwillig von Khyron tragen ließ.
    »Keine Sorge, wir sind fast da und dann bekommst du auch was zum Fressen«, teilte er mir mit. Sehr fürsorglich wirkte er auf mich, aber was sollte ich denn davon halten? Das Schloss hatte er längst hinter sich gelassen und war auf den Weg Richtung Vanitéa. Ich wusste ganz genau, dass die Stadt nicht sein Ziel war, denn sein Zuhause lag direkt zwischen dem Schloss und Vanitéa. Ich war dort noch nicht oft gewesen und hatte es auch niemals betreten. Wozu auch? Da ich bislang mit Khyron auch nicht viel Kontakt besessen hatte, war das nicht notwendig gewesen. Hinzu kam, dass ich meine Pokémon stets alleine trainiert hatte, denn Khyron war nicht einer der Trainer, der zum Stärksten aufsteigen wollte, sondern ein Pfleger. Er arbeitete in der Pension seiner Eltern, die von Generation zu Generation weiter gegeben wurde. Jedenfalls habe ich das mal so gehört, denn Khyron war um das Schloss herum recht bekannt. Er kümmerte sich beruflich deswegen um die Pokémon von anderen, die keine Zeit hatten oder was auch immer die Gründe dafür waren, ihre Pokémon in der Pension abzugeben. Da gab es so einige und wenn es nur eine Fahrt in den Urlaub war, wo man Pokémon nicht immer mitnehmen konnte. Sein Zuhause kam auch schon bald näher und ich betrachtete es zum ersten Mal mit näherem Interesse. Man sah ihm an, wie alt es war und das es immer mal wieder renoviert worden war. Außerdem schien es einen neueren Anbau gegeben zu haben, so dass sich das Haus vergrößert hatte. Hinzu kam das große Gelände um die Pension drum herum, dass nicht nur offene Wiese darstellte, sondern wo auch mehrere Ställe standen und ein bisschen Waldgebiet gab es auch. Wenn ich das so recht bedachte, dann müsste Khyrons Familie einen gewissen Wohlstand besitzen, oder nicht? Sie hatten Land und ein Haus und so weit ich davon wusste, lief die Pension eigentlich ganz gut. Die genaueren Umstände kannte ich trotzdem nicht.
    An der rechten Seite der Fassade, denn wir waren nun mittlerweile so nah, dass ich es noch genauer betrachten konnte, sah ich den Putz von der Wand purzeln. Irgendwann würde eine erneute Renovierung von Nöten sein. Wie lange es diese Pension wohl schon gab? Khyron öffnete das Tor, um den Vorgarten zu betreten und kaum durchschritt er diesen mit mir auf seinen Armen, da kam auch schon das erste Pokémon heran gestürmt. Es besaß beige Fell aus dem vereinzelte blätterartige Gebilde heraus wuchsen. Seine braunen Augen musterten nicht nur Khyron neugierig, sondern auch mich auf seinen Armen. Ich fühlte mich schlagartig unwohl von diesem Folipurba so angestarrt zu werden und versuchte es deshalb zu ignorieren.
    »Na Louis«, begrüßte Khyron sein Pflanzen-Pokémon. Es folgte ihm auf Schritt und Tritt, selbst dann noch, als er die Haustür erreicht hatte und diese öffnete, um einzutreten. Drinnen angekommen, setzte mich Khyron auf den Tresen im Raum ab. Niemand sonst war zu sehen, aber auf dem Tresen gab es eine kleine Glocke, die man betätigen konnte, sollte Kundschaft angekommen und gerade niemand anwesend sein. So wie jetzt eigentlich auch. Von meiner erhöhten Position sah ich mich weiter um. Abgesehen vom Tresen gab es das große Fenster auf der linken Seite, wodurch man hinaus in den Vorgarten schauen konnte und dann gab es ebenfalls ein paar Regale mit Zeitschriften und anderem Zeug darin. Darunter erkannte ich auch zwei kleinere Bälle und ein Kauspielzeug für Pokémon. In der rechten Ecke neben der Eingangstür befand sich eine kleine Sitzecke, wo man Platz nehmen konnte. Ich hätte eigentlich erwartet, dass es sich hierbei um ein ganz normales Haus handeln würde mit einem ganz normalen Eingang, aber offenbar hatte Khyrons Familie den Eingang extra für Kunden so eingerichtet, damit diese hier warten konnten. Apropos Khyron, der war gerade damit beschäftigt sich zu seinem Folipurba hinab zu hocken und ihm über den Kopf zu streicheln. Ich hörte sein zufriedenes Schnurren und beobachtete die beiden für kurze Zeit, bis Louis braune Augen mich erfassten und ich schnell woanders hinsah. Keine Ahnung warum dieses verdammte Pokémon mich so nervös machte, aber ich ahnte instinktiv nichts Gutes. Khyron erhob sich wieder und sah nachdenklich auf seine Hand, als er an den Tresen und damit an mir vorbei ging, um durch die Tür zu gehen, die hinter dem Tresen war. Wo auch immer er nun hinkam, folgen tat ich ihm nicht. Das hätte bedeutet, ich müsste vom Tresen hinab springen und allein diese Aussicht gefiel mir nicht. Es war so verdammt hoch! Wozu ich als Pokémon in der Lage war, wusste ich nicht, besaß aber gerade auch keine Ambitionen das so genau heraus zu finden. Daher betrachtete ich äußerst skeptisch die Höhe vom Tresen und wie weit ich wohl fallen würde, wenn ich tatsächlich auf den Boden springen wollte. Das gefiel mir nicht und meine Krallen hielten mich noch mehr am Tresen fest, nur um sicher zu gehen, nicht versehentlich hinab zu stürzen. Dadurch, dass ich mit der Höhe und meinen Gedanken beschäftigt war, bekam ich nicht mit, wie Louis auf den Tresen sprang, elegant und leichtfüßig wie es zu diesem Pokémon passte. Er näherte sich mir ungeniert und begann mit seiner Nase an mir herum zu schnüffeln, wodurch ich nun doch aufmerksam auf ihn wurde. Allerdings erschreckte ich mich so sehr, weil er so plötzlich so nahe bei mir war, dass ich automatisch eine Mischung aus Kreischen und Fauchen von mir gab. Kurz darauf fiel ich auch schon hinab, denn ich machte zusätzlich einen Satz nach vorn, obwohl ich das gar nicht gewollt hatte. Mein Körper schien dennoch zu wissen, wie er sich verhalten musste, denn ich landete auf meinen samtenen Pfoten und fing mich dadurch gekonnt ab. Trotzdem spürte ich das Stechen in meiner Seite, doch das nur nebenbei, denn der Schreck saß noch immer in mir und wie von einem Voltula gestochen, flitzte ich auch schon weiter, kaum, dass ich den Boden erreicht hatte. Ich lief hinter den Tresen und dort durch die Tür, die noch leicht offen stand. Zwar wusste ich nicht genau, wohin ich rannte, aber das war mir egal. Hauptsache ganz schnell weg. Nur nebensächlich nahm ich den Gang wahr, in den ich kam und von dem noch etliche andere Türen abgingen sowie eine Treppe in die obersten Etagen führte. Diese benutzte ich nicht und huschte durch die einzige offene Tür. Der Boden änderte sich mit dem Wechsel des Raumes und auf einmal fand ich keinen richtigen Halt mehr unter meinen Pfoten. Auch meine Krallen konnten sich nirgendwo festhalten, da die Fliesen unter mir einfach zu glatt waren. Ich schlitterte daher einige Schritte weiter, bis ich gegen ein Hindernis prallte und dadurch stehen blieb. Ganz verwirrt darüber blieb ich erst einmal an der Stelle sitzen und versuchte mein schnell schlagendes Herz wieder zu beruhigen.
    »Wow, wow, wow, was ist denn jetzt los?« Es war Khyrons Stimme, die ich kurz danach hörte und daher meinen Kopf leicht anhob. Ich sah ihn auf der Toilette sitzen. Nein, er verrichtete nicht gerade sein Geschäft, das wäre ja erst recht mordspeinlich für mich gewesen! Er saß dort nur, weil er gerade damit beschäftigt war, um seine Hand einen Verband zu wickeln. Ich gab einen unsicheren Laut von mir und sah ziemlich schuldbewusst drein, obwohl ich gerade nichts getan hatte, außer mich vor dem Folipurba zu erstrecken. Eben jenes guckte bereits in das Bad hinein, in dem wir waren und schien auf irgendetwas zu warten. Na wenigstens kam Louis nicht näher. Ich konnte nicht sagen, was mich so an diesem Pokémon störte, aber ich wollte einfach nicht, dass er mir auf die Pelle rückte.
    Khyron war fertig mit seinem Verband, stand von der Toilette auf und hob mich auch schon auf seine Arme, um nun mich genau dort abzusetzen, wo er gesessen hatte. Noch einmal gab ich einen verunsicherten Laut von mir und er begann auf mich ruhig einzureden. Was hatte er denn bitte jetzt vor? Als ich Khyrons Finger immer noch an mir spürte, weil er durch mein Fell fuhr und damit begann meinen Körper abzutasten, zuckte ich auf einmal vor Schmerzen zusammen. Noch einmal kreischte ich auf, wenn auch nicht so laut.
    »Ich weiß, tut mir leid, aber das muss ich behandeln, damit es sich nicht entzündet«, erklärte Khyron, weil er mit mir redete. Seine Augen klebten an meiner Körperflanke und erst jetzt begriff ich, dass der Schmerz an meiner Seite von einer Wunde kam. Das Blut, was ich bereits beim Schloss gerochen hatte, war mein eigenes gewesen. Ein bisschen verstörend fand ich das schon, aber Khyron war bereits dabei vorsichtig die Wunde zu säubern. Das tat weh, aber ich biss die Zähne zusammen, weil ich verstand, dass es wichtig war. Dass dieses Tauboga mich so heftig erwischt hatte, hätte ich gar nicht erwartet. Als Khyron sich wieder abwandte, um noch irgendwas anderes aus seinem Ersthilfekasten zu holen, kam Louis näher zu mir. Er setzte sich vor die Toilette und musterte mich ziemlich eingehend, was mir wieder einmal nicht gefiel. Ich legte meine langen Ohren an und fauchte leise.
    »Lass mich bloß in Ruhe!«, dachte ich. So ein anhängliches Pokémon konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen.
    »Wieso zickst du denn so rum?«, fragte mich Louis pikiert. Louis … er fragte mich? Ich gab einen erschrockenen Laut von mir. Das schien heute das einzige zu sein, wozu ich in der Lage war. Erschrecken und das jedes Mal aufs Neue, weil immer etwas Unerwartetes für mich passierte. Ich purzelte auf der anderen Seite von der Toilette hinunter und lief erneut los. Ähnlich wie vorhin.
    Ein sprechendes Pokémon! Ein sprechendes Pokémon! Das hatte mir gerade noch so gefehlt! In Panik, weil mein Verstand mit dieser Neuentdeckung nicht zurecht kam, flüchtete ich aus dem Bad und rannte erneut durch den Gang. Wohin? Das war mir egal, nur ganz weit weg von diesem sprechenden Folipurba, welches mir Angst einjagte. Ich hatte doch gewusst, dass an dem irgendwas nicht stimmte! Als ich wieder an der Treppe wie vorhin vorbei kam, entschied ich mich dazu einfach in die erste Etage nach oben zu laufen. Wobei das Treppensteigen auch in diesem Fall für mich eine Herausforderung war. Meine Seite schreite förmlich beschwerend auf, aber noch größer war die Panik in mir, so dass ich den Schmerz ertrug, bis ich oben angekommen war. Hechelnd und völlig erschöpft, schlüpfte ich durch den nächstbesten Türspalt, den ich finden konnte und fand eine Nische unter einem Bett, in der ich mich versteckte. Ich kroch darunter, obgleich mir etliche Staubflusen entgegen kamen, rollte mich ein, kniff die Augen zusammen und wünschte mir ganz fest, dass das alles gar nicht passierte. Dass das hier nur ein ganz schrecklicher Traum war, in dem ich ein Pokémon war, Pokémon sprechen konnten und Khyron sich bestimmt nur über mich lustig machen wollte. Ich wollte erwachen, in meinem eigenen Bett liegen und diesen furchtbaren Traum vergessen. Ich wollte keine Schmerzen haben, nicht mehr bluten, nicht mehr verwirrt sein und mich vor allem auch nicht mehr so schwach fühlen! Es war entsetzlich in diesem Zustand zu verweilen, aus dem ich allein scheinbar nicht mehr heraus kam. Wenn ich weinen könnte, würde ich das in diesem Augenblick tun, aber egal wie sehr ich versuchte Tränen aus meinen Augenwinkel zu pressen, so kam keine einzige heraus. Ich war ein Feuer-Pokémon, nicht auf Wasser angewiesen.
    Wie lange ich unter dem Bett lag mitten im Staubmeer wusste ich nicht zu benennen. Irgendwann war ich vor Erschöpfung weg gedöst und erwachte erst, als ich Khyrons Stimme näher bei mir hören konnte. Ich drehte den Kopf, öffnete müde die Augen und sah sein halbes Gesicht auf dem Boden gepresst, weil er unter dem Bett zu mir sah.
    »Da bist du ja«, sagte er und versuchte mich heraus zu locken. Ich wollte nicht, bewegte mich kein Stück zu ihm und drehte mich von ihm weg. Sollte er mich in Ruhe lassen, ich wollte in diese verwirrende Welt nicht wieder hinaus. Ob es Khyron einsah oder nicht, er ließ mich nach kurzer Zeit in Ruhe und zwang mich auch nicht unter dem Bett hervor zu kommen. Auch Louis tauchte nicht auf und so döste ich schon bald wieder ein und verschlief den restlichen Tag. Hungrig war ich zwar noch immer, aber die Erschöpfung war größer.


    Mit einem lauten und heftigen Niesen erwachte ich. Meine Nase krabbelte noch immer ganz fürchterlich und ich stieß mir den Kopf an, als ich aufstehen wollte. Innerlich fluchte ich heftig los und knurrte vor mich hin. Nur langsam wurde mir klar, dass das Erlebte kein schlechter Traum gewesen und noch immer real war. Oder der Traum hielt länger an, wer konnte das schon so genau sagen? Da ich mich langsam auch wieder daran erinnerte, wo ich mich zuletzt befunden hatte, entschied ich mich dazu allmählich unter dem Bett hervor zu krabbeln. Ich schob meinen Körper über den Boden und fragte mich allen Ernstes, was in mich gefahren war ausgerechnet Zuflucht unter einem staubigen Bett zu suchen. All die Staubflusen hingen in meinem Fell, was mir gar nicht gefiel. Besonders, da sich so ein paar hartnäckige Exemplare noch immer an meiner Nase hefteten und ich erneut niesen musste. Bäh!
    Unter dem Bett hervor quetschend holte ich danach tief Luft und fühlte mich ein bisschen befreiter. Enge Räume gehörten normalerweise nicht zu meinen Lieblingsplätzen, weswegen ich noch mehr über mich den Kopf schütteln musste. Nachdem ich nun vor dem Bett saß, sah ich mich erst einmal um, wo genau ich mich befand. Das hatte ich nicht getan, als ich voller Panik unter das Bett gehuscht war. War überhaupt schon der nächste Tag angebrochen? Meine dunklen Augen suchten das Fenster und fanden es sehr schnell. Der Vorhang war aufgezogen, so dass die Morgensonne hinein schien. Falls es denn die Morgensonne war und nicht immer noch der gleiche Tag. Aber das glaubte ich nicht. Mein Blick wanderte weiter und ich sah mich im Raum um. Es war nichts Besonderes zu sehen, fast schon eher eine langweilige Einrichtung. Die Möbel waren aus einem hellen Holz gefertigt, hier und da standen oder lagen Sachen herum, ein paar Bilder hingen an der Wand, wohl Khyrons Familie. So genau betrachtete ich sie mir nicht, vor allem weil sie zu weit weg und zu klein waren, als das ich da einen genaueren Blick hätte drauf werfen können. Ich drehte mich um und musterte das Bett. Es war unordentlich. Die Decke hing über den Rand hinunter und es fehlte nicht mehr viel und sie würde zu Boden fallen. Das sagte mir, dass das Bett benutzt worden war. Meine Nase schob sich instinktiv weiter nach vorn und ich schnupperte in der Luft. Ich roch einen ziemlich intensiven Duft, konnte aber nicht genau einschätzen, was das für einer war. Das einzige, was ich darüber wusste, war, dass ich ihn schon mal wahrgenommen hatte. Khyron? Ich war nicht sicher, aber es könnte sein, dass es sich hier tatsächlich um Khyrons Zimmer handelte. Als meine langen Ohren Schritte wahrnahmen, drehte ich mich erneut um und zwar so, dass ich zur Tür schauen konnte. Genau in diesem Moment kam auch schon derjenige in den Raum. Khyron hatte in seiner rechten Hand ein kleines Handtuch mit dem er sich über die Haare rubbelte, die noch nass waren und von denen einzelne Wassertropfen in die Tiefe stürzten, um zu sterben. Sehr poetisch, ich weiß. Aber das war gar nicht alles, denn meine Augen konnten ziemlich genau seinen Körper begutachten. Und mit Körper meinte ich seinen Körper und nicht seine Klamotten, die er am Körper trug. Denn er trug nichts. So überhaupt nichts. Das Handtuch um seine Hüfte zählte ja nun wirklich nicht und bis mir das so richtig klar wurde, welchen Anblick er mir bot, entdeckte er mich auch schon und wollte auf mich zukommen.
    Um Himmelswillen! Konnte er sich denn nicht was anziehen? Wieso läuft er denn bitte nackt durch die Gegend? Hallo, ich bin vielleicht auch hier! Machst du das eigentlich mit Absicht? Ach, ich bin ja ein Pokémon, da war ja was … So was Dummes aber auch. Nichtsdestotrotz bedeutete das nicht, dass ich nicht bei seinem Anblick gewisse äh … nun, wie sollte ich mich am besten ausdrücken? Ich ließ es lieber sein, duckte mich auf den Boden und versuchte angestrengt nicht nach oben zu gucken, vor allem weil er schon so nahe war. Bitte, ich wollte wirklich nichts sehen, das war mir gegenüber wirklich nicht fair! Ich kniff also die Augen zusammen und spürte seine Finger durch mein Fell streichen. Automatisch gab ich ein Brummen von mir und legte meine Pfoten auf meinen Kopf. Daraufhin glaubte ich ein leises Lachen von Khyron zu hören, danach seine Schritte, die von mir weg tapsten. Konnte ich jetzt wieder gucken? Langsam nahm ich eine meiner Pfoten von meinem Kopf und öffnete ein Auge, nur um zu sehen, dass gerade das Handtuch zu Boden fiel. Also nicht das, was er in der Hand gehalten hatte, sondern das andere. Ich erschreckte mich und kniff schnell wieder die Augen zusammen. Ehrlich, ich konnte das nicht leiden, schließlich wollte ich hier nun wirklich nicht zur Spannerin werden! Auch wenn ich zugeben musste, dass sein Anblick jetzt gar nicht so verkehrt war, aber peinlich war es trotzdem! Wie sollte ich ihm denn jemals wieder in seine Bernsteinaugen schauen, wenn ich so ein Bild nicht mehr aus dem Kopf bekam? Das ging doch nicht!
    Ich sah erst wieder auf, als ich erneut seine Finger auf meinem Körper spürte. Da begriff ich, dass er meine Verletzung genauer begutachten wollte. Ich sah also wieder auf, wobei ich das erst zurückhaltend tat, um herauszufinden, ob wirklich wieder die Luft frei war. Gut, Khyron hatte etwas an! Neben seiner langen hellgrauen Jeans trug er ein einfaches hellblaues kariertes kurzärmeliges Hemd. Die obersten Knöpfe waren offen. Okay, das war ein Zeichen dafür, dass er mich mit Absicht ärgern wollte. Verdammter Kerl!
    »Sieht gut aus«, hörte ich ihn sagen. Wer? Du oder ich? Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Er meinte meine Wunde, die im Vergleich zu gestern wohl schon um einiges besser aussah. Zwar hatte ich immer noch Schmerzen, aber nicht mehr so starke wie zuvor. Auch das war mir aufgefallen, was mir persönlich nur recht sein konnte.
    Khyron stand auf, ging zur Tür und sah auffordernd zu mir rüber. Er wollte, dass ich mit ihm kam, denn er wollte mich nicht tragen. Ja, getragen zu werden konnte ganz nett sein, aber ich sollte mich nicht daran gewöhnen. Außerdem, was wäre denn das bitte für ein Verhalten meinerseits? Ich hatte nicht vor mich wie die Königin des Landes aufzuführen. Als ich dann jedoch vor der Treppe stand, weil Khyron wollte, dass ich mit hinab kam, sah das alles schon ganz anders aus. Wir hatten sein Zimmer verlassen und die Treppe war nicht so weit davon entfernt. Eigentlich hatte ich keine Angst vor Stufen, aber dadurch, dass mein Blickwinkel nun ein anderer war und ich selbst auch sehr viel kleiner war, wirkten die Stufen ziemlich steil und gefährlich und ich fühlte mich ein kleines bisschen überfordert.
    »Soll ich dir helfen?«, hörte ich eine Stimme hinter mir und drehte meinen Kopf. Als ich Louis erkannte, das Folipurba von Khyron, stellte ich vermutlich einen Rekord darin auf die Treppe möglichst schnell hinabzusteigen. Ich flitzte förmlich nach unten, polterte beinahe zwei Stufen auf einmal hinab und huschte an Khyrons Beinen vorbei. Dieser lachte nur, schüttelte den Kopf und folgte mir. Ich war nach wenigen Metern stehen geblieben und sah ihn fragend an, weil ich nicht wusste, wohin ich gehen sollte. Daher überließ ich ihm die Führung. Allerdings kam auch Louis hinterher und das gefiel mir gar nicht. Ich gab ein Fauchen von mir, dass ihm klar machen sollte, dass er ja nicht näher kommen sollte und folgte dann Khyron wieder. Allerdings passte ich sehr darauf auf, was Louis hinter mir trieb. Ich wusste wirklich nicht, was mich an diesem Pokémon so störte. Aber allein die Tatsache, dass er sprechen konnte, machte mich wahnsinnig nervös. Außerdem beobachtete er mich die ganze Zeit, was mich nicht sonderlich beruhigte.
    »Seid brav, ihr beiden«, meinte Khyron nebensächlich, als wir einen Raum betraten, der sich als Küche heraus stellte. Diese Küche war ziemlich groß. Neben der Einrichtung als solche, konnte ich mehrere Eimer mit verschiedenen Früchten und auch Gemüse erkennen. Körbe, die ebenfalls mit frischen Sachen gefüllt waren und auf der linken Seite der Küche gab es noch einen Durchgang, der in eine Art Vorratskammer führte, denn dort konnte ich Säcke, Kisten und andere Behälter erkennen, in denen sich wiederum Lebensmittel befanden. Dadurch, dass es sich hierbei um eine Pension handelte, benötigte Khyrons Familie bestimmt eine Menge Nahrungsmittel für die Pokémon. Obwohl ich bisher noch keine anderen außer Louis gesehen hatte. Sollte mich das glücklich stimmen? Ich richtete meine Aufmerksamkeit zurück auf Khyron, der bereits dabei war irgendetwas vorzubereiten. Was zum Essen für mich? Oh man, allein der Gedanke ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen. Ich hatte so einen Kohldampf, dass ich es kaum erwarten konnte endlich was abzubekommen! Meiner Meinung nach brauchte Khyron viel zu lange, doch ich wollte momentan nicht undankbar sein, denn als er fertig war, setzte er vor mich einen Napf auf dem Boden ab.
    »Ooookay.« Ich sollte mir das mit der Undankbarkeit noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Verstört sah ich auf das, was er mir vorgesetzt hatte. Louis war bereits dabei zu fressen, denn auch er bekam einen Napf mit Futter. Khyron achtete nicht weiter auf uns beide, holte eine der Holzkisten, in der viel frisches Gemüse enthalten war und ging dann durch die Hintertür, die direkt von der Küche aus nach draußen führte. Ich vermutete mal ganz stark, dass er sich noch um andere Pokémon kümmern musste, doch was war mit mir? Und vor allem was war mit meinem Essen? Hungrig sah ich wieder auf den Napf, der vor mir stand und schnupperte vorsichtig daran. War das wirklich … rohes Fleisch? Mir drehte sich gleich der Magen um und ich machte einen Schritt zurück. Sollte ich das etwa wirklich essen? Das konnte doch nicht sein ernst sein! Louis hatte seine Portion bereits hinunter geschlungen. Er war echt schnell damit, leckte sich daher schon über Nase und Schnauze und auch über seine Vorderpfoten, ehe er zu mir sah und kurz darauf sich näherte.
    »Willst du das nicht?«, fragte er mich und ich war erneut erschrocken, dass er in der Lage war zu sprechen. Warum konnte er das?
    »Was ist?«, wollte er wissen, weil ich ihn einfach nur mit großen Augen anstarrte. Mein ganzer Körper lehnte sich weit nach hinten, um so viel Abstand zu ihm zu haben, wie es ging, ohne dabei direkt weitere Schritte zurück zu gehen. Ich antwortet ihm nicht, wollte es auch nicht. Ich würde mich doch nicht mit einem Pokémon unterhalten! Da ich keine Antwort gab und auch nicht so wirkte, als wollte ich mich über das rohe Fleisch in meinem Napf hermachen, tat es Louis einfach. Er wartete nicht lange und verschlang ein Stückchen nach dem anderen. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf und machte mich aus dem Staub. Nun, ich versuchte es, denn als ich vor der Hintertür stehen blieb, ging mir auf, dass ich diese gar nicht öffnen konnte. Wie sollte ich denn da jetzt raus kommen? Mein Blick war auf die Klinke gerichtet, aber da würde ich nicht heran kommen. Das war ein echtes Problem, weswegen ich meinen Blick wieder senkte und mir erst da auffiel, dass es eine Klappe gab. Erfreut über diese Entdeckung stieß ich mit meiner rechten Pfote die Klappe an, um zu überprüfen, ob sie wirklich offen war und tatsächlich! Ich kam so hinaus und nutzte diese Chance, um ins Freie zu kommen. Ob ich etwas Fressbares für mich finden würde? Das würde sich noch zeigen …

  • Kapitel IV


    Mein Magen hing mir in den Kniekehlen. Was würde ich jetzt dafür geben mich über einen Burger herzumachen! Nicht über diese Dinger, die man bei den Schnellimbissen bekommen konnte, sondern einen frischen, selbstgemachten Burger mit frischem Salat, angebrutzeltem leckeren Fleisch, ein bisschen Käse und Remoulade und … Meine Gedanken machten mir diese Vorstellung so schmackhaft, dass ich tatsächlich begann zu sabbern. Ich musste mich zusammenreißen, um damit aufzuhören und mich nicht lächerlich zu machen. Außerdem würde es für mich als Pokémon nicht gerade einfach werden einen Burger zu machen. Mir fehlten dafür einfach die passenden Hände.
    Ich suchte daher mit meinen dunklen Augen die Umgebung ab. Das Gelände der Pension war groß. Das hatte ich schon gestern festgestellt, aber erst wenn man dieses Gelände wirklich betrat und darauf umher lief, fiel einem auf, wie groß es wirklich war. Oder es lag daran, dass ich einfach seit Kurzem viel kleiner war und mir deshalb das meiste sehr viel größer vorkam. Mein veränderter Blickwinkel erschwerte manche Dinge. Besonders die Einschätzung von Größen. Ich war eigentlich was anderes gewöhnt. Nun jedoch kam mir ein Mähikel schon relativ groß vor. Denn ein Exemplar hatte mich entdeckt und war neugierig auf mich zugekommen. Neben ein paar anderen Pokémon wie Kronjuwild und Ponita hatte es hier auf der Wiese friedlich gegrast. Ein Zaun verhinderte, dass sie auf die Straße rannten oder anderswo in der Wildnis umher streiften. Sie mochten Pokémon sein und würden sich von einem Zaun kaum aufhalten lassen können, aber sie waren keine wilden Exemplare. Dementsprechend verhielten sie sich auch sehr gelassen und ruhig und verweilten in dem abgezäunten Bereich.
    Das neugierige Mähikel begann immer näher zu mir zu kommen, wollte ein wenig schnüffeln und mich betrachten. Möglicherweise hatte es noch nie jemanden wie mich gesehen und wollte mich deshalb ganz genau anschauen. Mir war das allerdings zu viel. Warum wollte auch jeder mir immer so sehr auf die Pelle rücken? Ich gab ein kurzes Fauchen von mir, was das Mähikel einen erschrockenen Satz zurück machen ließ und ging selber weiter. Irgendwo musste Khyron sein und irgendwo musste ich auch was Vernünftiges zu essen herbekommen! Ich flitzte daher über die Wiese der grasenden Pokémon, war froh darüber, dass meine Verletzung an der Flanke nicht so stark schmerzte, dass sie mich zu sehr beeinträchtigte und lief zu den zahlreichen Ställen und Unterkünften, die für die Pokémon da waren. Bei einem war die Türe offen, weswegen ich genau darauf zuhielt. Einen kurzen Blick warf ich zurück, ob ich irgendwo sonst eine Menschenseele erkennen konnte, doch niemand war zu sehen. Daher betrat ich langsam den Stall.
    Es roch eindeutig nach Pokémon hier drinnen. Dabei konnte ich nicht einmal differenzieren, um welche Art es sich vielleicht handeln könnte. Womöglich war das auch gar nicht möglich zu unterscheiden. In der Pension gab es ein regelmäßiges Kommen und Gehen. Pokémon wurden gebracht und wieder abgeholt und ich schätzte mal, dass Khyron und seine Familie mit ihrem Grundstück und ihren Einrichtungen flexibel umgingen.
    Apropos Khyron, genau den fand ich hier drinnen wie erwartet! Ich konnte ihn im hinteren Bereich des Stalls finden. Die meisten Boxen, die hier drin standen, waren offen und leer. Vermutlich, weil die Pokémon gerade draußen auf der Wiese waren. Das einzige Pokémon, was sich neben mir hier noch drin befand, war weiter hinten und lag gemütlich im Stroh. Es war ein ausgewachsenes Tornupto. Khyron war bei dem Bären-Pokémon und gab ihm einige Früchte zu fressen, auf denen es sehr genüsslich herum schmatzte. Man sah ihm an, wie sehr es ihm schmeckte und er die Leckereien einfach nur genoss. Nebenbei strich Khyron über das kurze Fell Tornuptos. Die Flammen, die ich schon mal bei gegnerischen Exemplaren gesehen habe und die aus dem Nacken bei Tornupto heraus schossen, waren jetzt nicht zu sehen. Dieses Geschöpf war ruhig und scheinbar sehr zufrieden. Das war auch der Grund, weswegen ich mich näherte. Hätte es einen aggressiveren Eindruck hinterlassen, hätte ich Abstand bewahrt. So jedoch näherte ich mich weiter. Durch die einzelnen Boxen hatte ich es bisher noch nicht komplett gesehen gehabt, aber als ich bei Khyron ankam, konnte ich erkennen, dass Tornuptos Hinterlauf bandagiert war. Es schien verletzt zu sein, weswegen es vermutlich auch hier drinnen blieb anstatt raus zu gehen.
    »Guter Junge«, meinte Khyron und strich dem Feuer-Pokémon über die Stirn. Dieses kommentierte die Zuwendung mit einem zufriedenen Brummen ehe es laut weiter schmatzte. Ich legte den Kopf schief und beobachtete, wie Khyron mit dem Pokémon umging. Allgemein hatte ich den Eindruck, dass auf ihn Verlass war, wenn es darum ging, sich um Pokémon zu kümmern. Er schien zumindest auf den ersten Blick ein gutes Händchen dafür zu besitzen. Sollte er auch als Pfleger. Wäre schlecht gewesen, wenn er nicht mit Pokémon umzugehen wüsste.
    Er schien mich dann auch zu bemerken und sah mich daher lächelnd an.
    »Na du? Bist du etwa neugierig geworden?« Mein Kopf legte sich auf die andere Seite. Antworten konnte ich ihm nicht, deswegen versuchte ich es erst gar nicht. Ich war selbst ein Pokémon, so absurd das auch war. Das jedoch lenkte nicht von der Tatsache ab, dass ich immer noch großen Hunger hatte und mein Magen deswegen laut anfing zu knurren. Khyron sah mich deshalb verwundert an. Er ging davon aus, dass ich meine Portion rohen Fleisches vorhin gegessen hatte, aber das hatte ich nicht. Das war alles im Magen von Louis, seinem Folipurba gelandet. Ich würde mich weiterhin weigern so etwas auch nur in den Mund zu nehmen! Rohes Fleisch, also bitte! Wie eklig war denn das?!
    Früchte sahen da schon leckerer aus, nur hatte ich keine Ambitionen davon zu kosten. Tatsächlich war der Drang danach Früchte zu essen auch nicht besonders ausgeprägt. Vielleicht war das meine Pokémon-Seite, die mich davon abhielt? Nur wenn ich nicht bald was zum Essen bekam, würde ich womöglich vor Hunger noch sterben. So fühlte ich mich gerade. Schwach und ausgehungert ließ ich mich zu Boden sinken. Khyron schien Erbarmen mit mir zu haben, klaubte mich vom Boden auf und verließ den Stall. Ich hatte die Augen geschlossen und sah daher nicht, wohin er ging. Allerdings gab es auch nicht so viele Orte, wohin er gehen könnte. In einen anderen Stall schon mal nicht, dafür jedoch zurück zum Haus, wo er die leeren Futterschalen vorfand wie auch Louis, der mit seinen braunen Augen unschuldig drein sah.
    Khyron dachte sich seinen Teil, besonders da er mich als ausgehungertes Flamara auf den Armen liegen hatte. Möglicherweise glaubte er sogar, dass Louis mir einfach das Futter weggefressen hätte? Er setzte mich jedenfalls wieder in der Küche ab. Natürlich hatte ich auch längst wieder die Augen geöffnet und obwohl Louis gerade den Anschein machte auf mich zukommen zu wollen, rannte ich dieses Mal nicht davon. Ich war zu hungrig, um mich jetzt erneut zu bewegen und wartete nur darauf, dass Khyron mir endlich was zum Essen gab. Zu meinem Leidwesen war es nichts anderes, als das von vorhin, so dass ich mich nun doch beschwerte, indem ich mit meiner Stimme klagte. Ich konnte keine Worte formen und sprechen, aber Khyron war nicht dumm. Als er sah wie ich von der Schüssel weg ging und das rohe Fleisch nicht anrührte, begriff er, dass es an seiner Futterwahl lag, warum ich nichts aß. Jedenfalls war das die erste Vermutung. Krank war ich nicht. Ich würde alles essen! Na ja, fast alles. Eben alles, was man als Mensch eben essen würde. Nicht?
    »Mal sehen, was könnte ich dir denn anbieten … « Er war in den Raum nebenan gegangen, was unter anderem als Speisekammer diente. Leider dauerte es noch viel zu lange, bis wirklich raus kam, was ich essen wollte. Denn alles, was irgendwie mit Pokémon-Futter zu tun hatte, rührte ich nicht an. Ich gab Khyron durch meine Abneigung zu dem Fressen, aber meinen offensichtlichen Hunger, der vorhanden war, ein Rätsel auf, dass er nicht so leicht lösen konnte. Selbst als seine Eltern irgendwann in der Küche auftauchten und sie spekulierten, was für mich das Richtige sei, fanden sie es nicht so einfach heraus. Sie überlegten schon, ob sie mich ins Center bringen sollten, um mich untersuchen zu lassen. Könnte ja auch sein, dass ich doch irgendeine Magenverstimmung oder etwas anderes hatte, was mich nicht fressen ließ.
    Zwischendurch überprüfte Khyron tatsächlich mein Gebiss, ob mit meinen Zähnen alles in Ordnung war. Ich war nicht sonderlich angetan von der Prozedur, aber wenigstens begriff er, dass ich auch keine Zahnschmerzen zu haben schien, weswegen ich nicht fraß. Erst als seine Mutter damit begann das Mittagessen vorzubereiten und zu kochen, bekam die Pension-Familie die Lösung für unser aller Problem.
    »Dein Trainer hat dir wohl immer so was gegeben, hm?«, meinte Khyrons Vater Arthur, als alle am Mittagstisch saßen. Louis beobachtete mich von weiter weg, denn er saß auf der anderen Seite des Raumes und beobachtete das Treiben. Bei Khyrons Familie war es üblich, dass Pokémon nicht mit am Essenstisch saßen, sondern die Familie für sich war. Das fand ich auch völlig in Ordnung. Ich war natürlich in diesem Fall eine Ausnahme, denn eigentlich war ich ja nicht wirklich ein Pokémon! Auch wenn das außer mir keiner wusste. Ich war froh, dass ich trotzdem auf der Sitzbank neben Khyron sitzen durfte und tatsächlich was vom Mittagsmahl abbekommen hatte. Zwar vorzugsweise nur das gekochte Gulasch, was sie zu ihren Nudeln aßen, aber besser als nichts. Ein paar Nudeln gab's dann doch noch für mich, als Khyron merkte, dass ich auch von denen nicht abgeneigt war. Aber er sah mich dennoch sehr nachdenklich, ja fast schon besorgt an. Offenbar gefiel es ihm nicht, dass ich so etwas zu mir nahm, anstatt das übliche Futter, was für Pokémon gedacht war. Ich konnte ihn verstehen. Als verantwortungsvoller Trainer und Halter von Pokémon, egal wie viele man hatte, war es wichtig auf die Ernährung seines Pokémons zu achten! Auch ich hatte stets darauf geachtet, dass meine Pokémon das beste und das passendste Futter bekamen. Nie hatte ich sie mit meinem eigenen Essen gefüttert. Nie an meinem Eis schlecken lassen oder so etwas, was manch einer schon tat. Das fand ich nicht nur eklig, nein, ich fand es sogar sehr unpassend! Das, was ein Mensch essen konnte, war nicht immer gut für ein Pokémon. Sie hatten unterschiedliche Verdauungsapparate und konnten manche Dinge auch gar nicht vertragen, beispielsweise Schokolade oder allgemein so ein Süßkram.
    Trotzdem war das bei mir etwas völlig anders! Normalerweise dürfte ich nicht einmal hier als Flamara sitzen, sondern hätte wie Khyron und seine Eltern ein Mensch sein müssen. Dass das nun gerade anders war, lag an diesem Flabébé. Oder was auch immer es gewesen war. Fakt war jedoch, dass durch das Feen-Pokémon alles irgendwie ins Rollen gekommen war. Oder nicht? Ich war so sehr in meinen Überlegungen verstrickt, wo ich herausfinden wollte, wie alles dazu hatte kommen können, dass ich nicht richtig bemerkt hatte, wie Khyron vom Tisch aufgestanden war, um in den vorderen Kundenbereich zu gelangen. Denn es war jemand gekommen. Seine Mutter stand bereits an der Spüle und wusch das dreckige Geschirr ab. Wie ihr Mann konnte man bereits die ersten grauen Strähnen in ihrem Haar erkennen. Ihr Gesicht hatte ebenfalls ein paar Falten vorzuweisen, aber ich fand, sie hatte sich noch sehr gut gehalten. Allerdings fragte ich mich, wie alt sie bereits war. Wie alt war überhaupt Khyron? Ich wusste das gar nicht so genau. Bisher hatte ich angenommen, dass er in meinem Alter war, aber damit könnte ich mich genauso gut auch irren.
    Als ich mehrere tiefe Stimmen aus dem Kundenbereich hörte, wurde ich neugierig. Ich war die einzige, die noch auf der Sitzbank beim Esstisch saß, denn auch Khyrons Vater war nach vorn gegangen. Nun erhob auch ich mich, sprang von der Bank und war froh endlich gesättigt zu sein. Mir ging es sehr viel besser und ich fühlte mich gestärkt! Louis, der in seinem Körbchen in der Ecke lag und mittlerweile vor sich hin döste, ignorierte ich. Dafür tippelte ich langsam in den Eingangs- und Kundenbereich und entdeckte neben Khyron und seinem Vater auch noch zwei Herren von der Polizei. Sofort wurde mir die angespannte Situation bewusst. Nicht nur Anspannung lag in der Luft, auch etwas von … Ich wusste nicht, wie ich es beschreiben sollte. Trauer? Nein, vielleicht so etwas wie Entsetzen? Oder Angst? Schwer zu sagen, aber als ich näher zu den Männern kam, sie umrundete und dann stehen blieb, konnte ich Khyrons Gesicht sehr viel besser erkennen und was ich sah, beunruhigte mich selbst. Nicht, dass es mich etwas anging, was in seinem Leben vor sich ging. Es hatte mich weder zu interessieren noch musste ich mir einen Kopf darum machen. Doch der Ausdruck in seinem Gesicht … Irgendwie ließ es mich einfach nicht kalt. Ich machte mir Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Daher widmete ich meine Aufmerksamkeit auch mehr dem Gespräch. Was die beiden Polizisten zu sagen hatten, erschreckte auch mich.
    »Wir haben die Kleidung gefunden, den Ausweis, ebenfalls die Pokébälle, die wahllos im Gras gelegen haben. Ein Raubüberfall wäre daher auszuschließen, zumindest macht es keinen Sinn. Sogar das Geld befindet sich noch im Portemonnaie. Aber von ihr selbst fehlt jegliche Spur. Und Sie sind sich sicher, dass Sie nichts mehr danach von ihr gehört haben?«
    Mein Magen drehte sich bei all den Worten um. Khyrons Gesicht war ganz blass. Er schüttelte den Kopf.
    »Nein, das habe ich nicht. Nach dem Kampf war sie los gestapft Richtung des Kampfschlosses, aber als ich später selbst dort aufgetaucht bin, habe ich sie nicht gesehen. Gut, es gibt dort viele Menschen, aber … auch auf dem Weg dorthin ist mir nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Ich bin allerdings auch nur auf dem Weg geblieben … « Die Sachen waren nicht direkt auf dem Weg gefunden worden, sondern fernab davon. Man hatte sie leicht übersehen können. Anscheinend war nur einem Trainer rein zufällig der Sachenhaufen aufgefallen, hatte sich aus der Neugier heraus das angesehen und dann festgestellt, dass irgendetwas nicht stimmte und die Polizei alarmiert. Dadurch ist eines zum anderen gekommen und nun standen diese Polizisten hier in der Pension. Zum einen weil sie von der Zeugenaussage anderer gehört hatten, dass Khyron einer der Letzten gewesen war, die Zoé – also mich – gesehen hatte. Zum anderen aber auch, weil das hier eine Pension war. Ein Ort, wo man sich um Pokémon kümmerte. Da man aktuell nicht wusste, was mit meinen Pokémon geschehen sollte und niemand sich darum kümmern konnte, baten die Polizisten nun Herrn Durand und seinen Sohn sich darum zu kümmern. Irgendwo mussten die Pokémon schließlich hin.
    Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich von alldem halten noch wie ich mich fühlen sollte. Das alles schien so unglaublich weit weg von mir zu sein, obwohl es mich unmittelbar betraf. Weder konnte ich laut aufschreien, dass ich genau hier war und nicht verschwunden war, noch könnte ich eine nachvollziehbare Erklärung abliefern, was genau geschehen war. Denn ich verstand es selbst kaum!
    Ob man meiner Mutter schon Bescheid gegeben hatte? Vermutlich schon. Aber ob sie sich Sorgen darum machte, was mit mir passiert war? Unser Verhältnis war nie das Wärmste gewesen. Dadurch, dass ich, nachdem ich offiziell eine Trainerin geworden war, recht häufig für mehrere Tage nicht Zuhause gewesen war, hatte sie sich eigentlich keine Sorgen um mich zu machen brauchen. Ich hatte schließlich meine Pokémon bei mir und irgendwann war ich ja wieder nach Hause gekommen. Hätte es sie interessiert, wenn ich weg geblieben wäre? Würde sich überhaupt jemand Sorgen um mich machen?
    »Vielen Dank für Ihr Kommen, wir kümmern uns um die Pokémon. Bitte geben Sie uns Bescheid, wenn Sie mehr wissen«, hörte ich Arthur Durand sagen, der die beiden Polizisten gehen ließ. Vorher ließen sie noch ihre Telefonnummer da und würden sich selbst zu gegebener Zeit melden, sollten sie mehr in Erfahrung bringen. Aber auch wegen der Pokémon. Denn wenn sie mich fanden …
    Würde man mich wieder finden können? Wo ich doch jetzt gar kein Mensch mehr war? Ich hob den Kopf an, denn ich hatte durch meine Überlegungen auf den Boden gestarrt. Mein Blick schweifte rüber zu Khyron, der sich auf einen der Stühle nieder gelassen hatte. Dabei war ich sehr erstaunt ihn so zu sehen. So … niedergeschlagen. War es das? Ich kam langsam näher zu ihm heran. Seine rechte Hand hatte er gegen seine Lippen gelegt, wie eine nachdenkliche Geste. Oder war es tatsächlich Sorge, die ich in seinem Gesicht lesen konnte? In seiner linken Hand hielt er einen der Pokébälle, die mir gehörten. Wenn ich das richtig sag, war darin Zero, mein unglaublich starkes Brutalanda. Das erkannte ich an der Ballfarbe, da ich Zero damals mit einem Hyperball gefangen hatte. Alle anderen Pokémon befanden sich in anderen Bällen.
    Es hatte mich sehr viel Training, Zeit, Geduld und Ausdauer gekostet, um aus dem Kindwurm, welches ich auf der Route 8 gefangen hatte, ein so starkes Pokémon zu machen. Die Drachen-Pokémon waren allgemein dafür bekannt, dass sie nicht einfach zu händeln waren und trotzdem hatte ich es geschafft. Darauf konnte ich stolz sein. Es war ein so starkes Pokémon, dass mich mittlerweile kaum einer so ohne Weiteres besiegen konnte.
    Als Khyron bemerkte, dass ich vor seinen Füßen saß und zu ihm hinauf starrte, erwachte er selbst aus seinen Gedanken und sah mich direkt an. Irgendwie erschreckte mich das. Ich wusste nicht warum, es war wohl sein Blick auf mir. Er war so anders. Was sah er denn, wenn er mich ansah? Ich wusste es nicht, fühlte aber die Nervosität in mir aufkommen und stolperte ein paar Schritte von ihm weg. Er selbst stand auf, legte den Ball zu den anderen auf den Tresen und wandte sich dann wieder mir zu. Sein Ausdruck in den Augen war so ernst, so nachdenklich. Keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Irgendwie fühlte ich mich eingeschüchtert oder sollte ich besser sagen verunsichert? Dass ich so etwas noch mal erlebe, hätte ich auch nicht gedacht. Normalerweise war ich doch die starke und selbstbewusste Zoé, die sich von niemanden einschüchtern ließ! Doch jetzt war es irgendwie anders. Vielleicht lag es auch daran, dass er diesen besorgten Ausdruck besaß. Aber warum sollte Khyron sich ausgerechnet Sorgen um mich machen, was mit mir geschehen war?
    Zugegeben, wenn man sich nun die knallharte Wahrheit vor Augen führte, dann machte das Bild, was die Polizisten beschrieben hatten, keinen sonderlich guten Eindruck. Ich war verschwunden, meine Sachen waren noch da. Und wir sprachen hier nicht nur von meiner Tasche, meinem Geld, meinen Pokémonbällen, sondern auch von meinen Klamotten, die ich am Leibe getragen hatte. Denn als ich zum Pokémon wurde, habe ich natürlich nicht mehr in meine Sachen gepasst. Da nun niemand davon ausgehen würde, dass ein Mensch sich einfach in ein Pokémon verwandelte, sieht das natürlich danach aus, als hätte mich irgendwer überfallen und das nicht, weil er mich ausrauben wollte, sondern wegen etwas Schlimmerem. Ehrlich gesagt wollte ich mir das nicht einmal vorstellen, geschweige denn beim Namen nennen. Man ging vom Schlimmsten aus, das war schon schlimm genug. Denn Sinn machte es nicht, dass ich mich von allein splitterfasernackt ausziehen würde und sogar meine Pokémon irgendwo zurück ließ. Oh, es sei denn ich wäre im nahen Fluss einfach ertrunken. Ein Bad im Fluss. Auszuschließen wäre das sicher nicht für die Beamten, aber sie hatten selbst gesagt, es gab keine Spur von mir. Und die hatten doch bestimmt am Fluss entlang und in ihm gesucht, oder? Davon abgesehen würden sie dort eh nichts finden, weil ich genau hier war. Ich war nicht ertrunken und auch keinem Verbrechen zum Opfer gefallen. Aber wer würde schon darauf kommen?
    Meine Augen sahen wieder Khyron an, der seine Hände um meinen befellten Körper legte und mich auf seine Arme hoch nahm. Ich beschwerte mich nicht und wehrte mich auch nicht dagegen. Aber die Verunsicherung steckte immer noch in mir. Vielleicht spürte er es ja, denn seine eine Hand strich über meinen Kopf, als wollte er mich beruhigen.
    »Ich werde sie erst einmal füttern«, sagte Arthur, sein Vater, zu ihm, als er sich zu ihm drehte. Mit »sie« meinte er die Pokémon in den Bällen. Arthur nahm sie an sich und verließ das Haus, wohl um ihnen vielleicht auch eine Unterkunft zu geben. Ich wusste es nicht. Zero würde möglicherweise nicht in einen Stall passen, aber ich kannte noch nicht alle Einrichtungen dieser Pension. Dafür habe ich noch nicht alles gesehen gehabt.
    Khyron nickte seinem Vater zu und wandte sich dann selbst von ihm ab. Er ging mit mir die Treppe nach oben in sein Zimmer, wo er mich auf sein Bett absetzte. Dieses Schweigen, was von ihm ausging, verunsicherte mich noch immer. Ich sah wie er sich auf seinen breiten Fenstersims setzte und nach draußen starrte. Es war noch lange nicht Abend, aber der Tag schien für heute gelaufen zu sein.
    Machte er sich wirklich Sorgen um mich – die verschwundene Zoé, die nie besonders freundlich zu ihm gewesen war? Das ergab keinen Sinn, aber wie sonst sollte ich sein stilles Verhalten jetzt beurteilen?
    »Ich habe ihn noch nie so gesehen«, hörte ich neben mir eine Stimme und zuckte zusammen. Da ich auf dem Bett saß, war Louis auf dieses gesprungen und hatte sich einfach neben mich gesetzt. Er wirkte sehr gelassen, hob die rechte Vorderpfote und leckte kurz darüber. Dann sah er mich an, wandte aber seinen Blick schnell rüber zu Khyron und legte den Kopf schief. Machte sich das Folipurba nun Sorgen um seinen Trainer?
    Moment! Es hatte doch gerade schon wieder gesprochen!? Ich legte automatisch die Ohren an und unterdrückte den Drang der Flucht, der wieder spürbar in mir hochkam. Ob ich mich daran gewöhnen würde, dass Folipurba sprechen konnte, konnte ich nicht sagen. Ich fand es trotzdem einfach nur unheimlich!
    »Weißt du, was passiert ist?«, fragte mich Louis. Da er vorhin noch in der Küche gedöst hatte, war die Aufregung mit den Polizisten an ihm wohl vorbei gegangen. Ich überlegte ernsthaft, ob ich einfach nichts sagen sollte, fand das dann aber auch lächerlich. Gut, ich war ein Pokémon, vermutlich konnte ich ihn deswegen verstehen. Allmählich sollte ich mich an meinem Zustand gewöhnen, auch wenn es mir verflucht schwer fiel.
    »Er hat gerade gehört, dass ic- … dass eine Trainerin verschwunden ist. Polizisten haben ihre Pokémon hier her gebracht.« Auweia, fast hätte ich mich verplappert. Ich hatte nicht vor, irgendwem von meinem Schlamassel zu erzählen, auch keinem Pokémon! Louis sah mich nachdenklich an, blickte zurück zu Khyron, dann wieder zu mir.
    »Eine Trainerin? Bestimmt diese Z!« Ich war überrascht über Louis' Worte. Wie kam er nur darauf?
    »Z-Zoé«, sagte ich nur verunsichert und starrte ihn an, als er das auch noch bestätigte. Woher zum Noctuh wusste denn Louis von mir?
    »Wie hast du das jetzt erraten?«, wollte ich einfach von ihm wissen. Ist doch egal, ob ich mich jetzt wirklich mit einem Pokémon unterhalte. Die ganze Situation, in der ich steckte, war lächerlich, also warum nicht das Spielchen mitspielen?
    »Wenn er von jemanden spricht, dann von ihr«, gab Louis prompt eine Antwort, die mich überraschte.
    »Ach ja?« Komisch, dass ich jetzt ein bisschen innerlich aufgeregt war. Irgendwie so flatterig … Das konnte ich nicht verstehen.
    »Oh ja! Er schimpft immer über sie, wenn er vom Kampfschloss zurück kommt. Ich meine, ich war ja auch schon ein paar Mal dort. Aber diese Z scheint ganz schön stark zu sein«, plauderte Louis munter drauf los. Ich blinzelte verwirrt darüber und hätte nicht erwartet, so etwas zu hören. Dennoch machte mich etwas stutzig.
    »Schimpft?«
    »Aber ja doch! Sie mag zwar stark sein, aber auch eine furchtbar unhöfliche Person. Lacht über andere und macht sich über sie lustig, aber am meisten regt es ihn auf, wie sie ihre Pokémon behandelt. Als wären Pokémon nur zum Kämpfen da, dabei haben wir ja auch Gefühle! Jab, genau«, erzählte Louis großspurig. Je mehr er sagte, desto schneller löste sich das flatterige Gefühl in mir auf und machte Platz für Zorn und Wut. So war das also? Khyron passte es nicht, wie ich mit meinen Pokémon umging? Der hatte doch gar keine Ahnung! Ich kümmerte mich sehr vorbildlich um sie und natürlich kämpfte ich auch mit ihnen, wie es nun mal typisch für Trainer war! Ist doch ganz klar, schließlich wollte ich stärker werden!
    Erbost über Louis' Worte und das, was ich über Khyrons Ansicht gehört hatte, sprang ich vom Bett herunter. Das war unerhört. Er kannte mich überhaupt nicht! Louis schien verwirrt über mich zu sein. Er wusste ja nicht, dass ich diese Z war!
    Das Folipurba sprang selbst vom Bett herunter und lief mir nach. Ich war schon dabei die Treppe nach unten zu laufen. Dort hielt ich auch nicht an, hörte aber Louis mir nachrufen:
    »Was hast du denn auf einmal? Bist du sauer?« Er klang ganz verwirrt darüber und stellte sich mir in den Weg, um mich aufzuhalten. Statt ihm auf seine Frage mit Worten zu antworten, hob ich meine rechte Pfote und versuchte ihn mit meinen Krallen zu kratzen. Dabei fauchte ich auch sehr ungehalten. Mein gesamtes buschiges Fell stand gereizt zu Berge, was meiner Stimmung nur noch mehr Ausdruck verlieh. Louis entkam meinem Angriff nur knapp, indem er von mir weg sprang. Seine Verwirrung wurde dadurch noch verstärkt. Er konnte nicht nachvollziehen, warum ich so wütend auf einmal war. Verständlich, er hatte ja schließlich keine Ahnung! Doch ich war nicht bereit dazu auch nur ein Wort darüber zu verlieren oder ihn darüber aufzuklären, was es mit mir auf sich hatte.
    Da Khyrons Mutter auch hier unten war und uns gerade beide erlebte, mischte sie sich mit ein. Ein einfaches »Hey!« rief sie aus, um zu verhindern, dass noch ein ernsthafter Kampf ausbrach. Sie klatschte laut in die Hände, was mich noch mehr erschreckte und zusammenzucken ließ, mich jedoch auch nicht aufheiterte oder überhaupt von meiner Wut befreite. Sie sah mich streng an. Anscheinend war ich nun der Übeltäter, weil ich es gewesen war, die Louis attackiert hatte. Eben jener war bei ihren Beinen und schmiegte sich an sie heran, als wäre er die Unschuld in Person. Das machte mich nur noch wütender! Ich fühlte mich in eine der zahlreichen Situationen zurückversetzt, wo ich allein gegenüber mehreren anderen Trainern stand. Obwohl ich als Siegerin aus einem Kampf hervor gegangen war, wurde ich als die Böse dargestellt und angesehen, die Unrecht verübt hatte. Man hatte Mitleid mit dem Verlierer gehabt, der geheult hatte und mit dem Finger auf mich gezeigt und mir vorgeworfen, wie skrupellos ich doch gewesen sei. Was für ein Schwachsinn!
    Ich hatte gekämpft und ich hatte gesiegt und wer mit Niederlagen nicht zurecht kam, der sollte gar nicht erst kämpfen und lieber einen großen Bogen um starke Trainer wie mich machen. Ich konnte doch auch nichts dafür, wenn sie so schwach waren und mir nichts entgegenzusetzen hatten!
    Aber ich war trotzdem diejenige, die allein dagestanden hatte. Sollte mir egal sein. Ich brauchte niemanden! NIEMANDEN!
    Der vorwurfsvolle Blick von Khyrons Mutter war für mich trotzdem kaum zu ertragen. Ich drehte mich rasch um und lief in die Küche, wo die Klappe in der Tür war, durch die ich regelrecht raste. Ich brauchte frische Luft, musste einfach raus. Ich hatte es satt so angesehen zu werden.


    Mittlerweile verdunkelte sich langsam der Himmel. Die Sonne hatte sich hinter dicken Wolken versteckt, die nicht so aussahen, als wollten sie sich heute noch einmal verziehen. Tatsächlich wurde es sogar noch schlimmer. Der anfängliche Sonnenschein, den es am Vormittag und gegen Mittag herum noch gegeben hatte, war einfach verdrängt worden. Dafür waren nun die dicken grauen Wolken am Himmel und machten den Eindruck, als würde der Abend und die damit verbundene Nacht viel schneller herein brechen, als es üblich war. Denn noch war es noch zu früh, um die Nachtzeit einzuläuten. Aber die dunkelgrauen Wolken ließen sich nicht so ohne Weiteres vertreiben.
    Ich rannte und stoppte kein einziges Mal. Meine Pfoten trugen mich von der Pension weg. Es war ein leichtes für mich einen Weg zwischen dem Zaungitter zu finden. Dieses war nicht so schmal, so dass ich einfach hindurch schlüpfen konnte. Ich stoppte auch nicht, als ich auf der Straße ankam. Tatsächlich hatte ich das dringende Bedürfnis so schnell es ging wieder von dort herunter zu kommen und hielt daher auf die Baumgruppen zu, die weiter weg standen. Ich musste erst noch über das Blumenfeld laufen, ehe ich den naheliegenden Wald erreichte. Er war nicht so groß wie beispielsweise der Nouvaria Wald, aber die Bäume würden hier ein wenig mehr Schutz bieten können. Vor allem da ich die ersten Tropfen abbekommen hatte. Zwar mochte ich im Allgemeinen keinen Regen, aber normalerweise war das für mich kein Problem gewesen. Bis jetzt.
    Immer mehr dicke Regentropfen fielen vom Himmel und sorgten schon bald dafür, dass sich die ersten Pfützen bildeten. Der Regen wurde immer stärker und je mehr Tropfen ich selber abbekam, desto unwohler fühlte ich mich. Die ersten Regentropfen hatten mich nicht sonderlich gestört, doch je mehr ich abbekam, desto schmerzhafter wurden sie. Als würden Tausende Nadelstiche über mich herfallen! Es wurde nicht besser und allmählich wurde mir klar, warum Feuer-Pokémon kein Wasser mochten und lieber einen Bogen um dieses machte. Die Tropfen, die auf meinem Körper prallten wurden schon bald unerträglich und ich biss die Zähne zusammen, während ich mir verzweifelt ein Versteck suchte. Zwischendurch schrie ich auf, als ich es kaum noch aushielt. Es tat weh!
    Da die Bäume hier nicht so dicht an dicht standen, gab es genug Schlupfwinkel für den Regen, um auf mich einzuprasseln. Ich fühlte mich von ihm verfolgt und war froh, als ich endlich eine alte, morsche und umgefallene Eiche fand, deren alten Wurzeln eine Art Baumhöhle bildete, in der ich mich verkriechen konnte. Es war nicht das beste Versteck, da es auch hier rein regnete, aber es war besser als nichts und um einiges erträglicher. Ich rollte mich zusammen und gab dem Regen so wenig Angriffsfläche wie möglich. In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass dieser ganze Spuk endlich vorbei war. Dass ich aus diesem furchtbaren Alptraum erwachte und einfach Zuhause in meinem Bett lag als der Mensch, der ich war. Und nicht als Pokémon! Mir war elendig zu Mute. Ich kam mir einsam und verlassen vor und vielleicht hätte ich sogar ein paar Tränen verloren, wäre mein Pokémonkörper dazu in der Lage gewesen. War er aber nicht, so dass ich mit meinen trüben Gedanken allein zurück blieb und meiner Verzweiflung nicht einmal einen Ausdruck verleihen konnte. Ich wollte das alles nicht mehr …


  • Hallo Lexi,


    nun geht's ja langsam wirklich ans Eingemachte. Erst die Verwandlung, dann der Abstecher ins Haus eines nicht ganz so Fremden und schließlich das Wissen, dass sich wohl bis auf Weiteres nichts an der Situation ändern würde. Und eigentlich schaffst du es auch über die ganze Zeit gut, diese Verwirrung und Gewöhnung ansprechend umzusetzen, sodass man auch als Leser langsam an die Sichtweise eines Pokémons herangeführt wird. Allzu ausschweifend bist du dabei ja nicht, sondern beschränkst es vor allem aufs Beobachten und die nötigen Dinge wie das Essen und später dann auch Zoés Eigenheiten. Ihren hitzigen Kopf wird sie wohl nie los und es ist mal davon auszugehen, dass früher oder später etwas passieren wird. Was genau, wird sich dann ja im Verlauf zeigen.
    Besonders gefallen hat mir die Unterhaltung mit Louis. Auch wenn er ziemlich unausstehlich scheint und ich nicht recht nachvollziehen kann, woher diese Antipathie ihm gegenüber kommt (immerhin ist Zoé ja eigentlich typentechnisch überlegen und sollte das auch spüren können), war es sehr auflockernd und vor allem wichtig, dass Zoé einen Bezugspunkt bekommt. Jemanden, an den sie sich im Notfall wenden könnte, falls sie Fragen hat oder falls es etwas in Erfahrung zu bringen gilt. Ist ja alles nicht ganz leicht, aber ich denke mal, dass sie ihn eher als geringes Übel ansehen und daher auch so gut es geht ignorieren will. Vielleicht wird es zwischen den beiden ja doch noch einigermaßen.
    Jedenfalls, ob allein der Regen wirklich so schmerzhaft für die Feuer-Pokémon ist, darüber mag man streiten. Wasserschwälle, wie man sie in den Kämpfen sieht, und Seen und Gewässer sind da einfach ein ganz anderes Kaliber als Regen und ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Tropfen aufgrund der hohen Körperwärme gar nicht mal so extrem auf Feuer-Pokemon wirken, wie du es hier darstellst. Das ist aber wohl auch Ansichtssache.


    Wir lesen uns!

  • Kapitel V


    Die Nacht hatte ich draußen im Regen verbracht. Soweit ich mich daran erinnern konnte, denn irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Der Schmerz und das unerträgliche Wetter, die Erinnerungen aus der Vergangenheit und die Worte von Louis über Khyron, wie dieser über mich dachte – Das alles hätte mich davon abhalten müssen Schlaf zu finden, doch stattdessen hatte es mich so erschöpft, dass ich in meiner Verzweiflung in einen komatösen Schlaf gefallen bin, um von alledem weg zu kommen. Ich hatte an nichts mehr denken, nichts mehr fühlen wollen.
    Das Erste, was ich bei meinem Erwachen spürte, waren die eingeschlafenen Glieder, die Verspannungen in meinem Körper und der Nachhall des Schmerzes, den ich durch das Wasser ertragen hatte. Mein Gehirn brauchte mehrere Minuten bis es wach genug war, um die Umgebung langsam wahrzunehmen. Mein Körper brauchte vermutlich noch länger, ehe er mir richtig gehorchte und ich versuchen konnte, mich zu bewegen. Schnell stellte ich fest, dass meine Bewegungen sehr eingeschränkt waren. Das lag nicht an der Baumhöhle, in die ich mich gestern zurückgezogen hatte, sondern an dem Arm, der über mir lag. Ich beschwerte mich mit einem leisen Fiepsen und versuchte mich unter dem Arm hervor zu wühlen. Es gelang mir, verwirrte mich allerdings auch, da ich mich nicht mehr im Wald befand, wie zuerst angenommen. Tatsächlich saß ich auf einem weichen Bett, da ich mich gerade soweit aufgerichtet hatte. Leider stellte ich fest, dass ich immer noch ein Pokémon war. Wie oft würde ich erwachen und über diese Tatsache verzweifeln? Wann würde ich wieder ein Mensch sein? Oder musste ich mir die Frage stellen, ob ich es jemals wieder sein konnte?
    Ich schob den Gedanken zur Seite und blickte das schlafende Gesicht neben mir an. Tatsächlich war das nämlich hier Khyrons Bett. Zwar wusste ich nicht, wie ich hier her gekommen war, aber mutmaßen konnte ich es. Neben mir lag auch ein Handtuch, welches vermutlich über meinem Körper gelegen hatte und dafür gesorgt hatte, dass ich trocken wurde. Khyron hatte wohl nach mir gesucht, mich gefunden und hier her gebracht. Von alledem hatte ich rein gar nichts mitbekommen. Sollte ich dankbar dafür sein? Ich sah in sein schlafendes Gesicht, sah seine zerwuschelten braun-blonden Haare und wäre es vermutlich wirklich gewesen, wenn ich nicht diesen bitteren Beigeschmack gehabt hätte, den Louis' Worte gestern in mir ausgelöst hatte.
    Wenn Khyron wüsste, wer ich wirklich war, dann würde er sich nicht um mich kümmern. Da würde er nicht nach mir suchen, mich trocknen und dafür sorgen, dass es mir halbwegs gut ging. Allein diese Gedanken verursachten einen dicken Kloß in meiner Kehle, den ich wieder los werden wollte. Nur wie?
    Ich bemerkte, wie langsam Bewegung in Khyrons Körper rein kam und er erwachte. Seine Augenlider flatterten, ehe er diese öffnete. Sein Arm, der in der Nacht über mir gelegen hatte, bewegte sich, so dass ich auf dem Bett einen Ausweichschritt machte. Dabei musste ich aufpassen, nicht versehentlich noch herunter zu fallen. Aber vielleicht sollte ich einfach hinab springen? Bevor ich den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, spürte ich schon Khyrons Hand auf meinem Rücken. Ich war darauf nicht vorbereitet und zuckte zusammen, duckte mich sogar weg. Meine Krallen bohrten sich in das Laken unter mir und mein Leib zitterte. Wie musste ich auf ihn wirken? Wie ein verängstigtes und verstörtes Pokémon? Wahrscheinlich.
    »Sch-scht.« Er versuchte mich augenblicklich zu beruhigen und streichelte sanft über mein Fell. Es war schwierig für mich, sich zu entspannen, aber ich versuchte es. Trotzdem hob ich eine Pfote und drückte seine Hand weg. Eine Geste, die ihn verständlich machen sollte, dass er mich nicht anfassen sollte. Nicht, dass man das falsch verstehen sollte. Gestreichelt zu werden, das musste ich leider zugeben, fühlte sich nicht schlecht an. Unter anderen Umständen hätte ich mich dem vielleicht sogar hingegeben. Aber nach allem, was ich wusste und wie ich mich fühlte, wollte ich diese Nähe nicht. Am Ende würde diese Nähe nur verletzend sein. Denn sobald es doch heraus kam, wer ich wirklich war – das wusste ich ganz genau – würde er mich abweisen. Das war einer der Gründe, weshalb ich nie darauf erpicht gewesen war mich auf irgendwelche Freundschaften einzulassen. Sobald es mal nicht so gut lief oder man unterschiedlicher Meinung war, wurde man weg geworfen wie ein altes Papiertaschentuch. Ich hatte keine Lust darauf, wie Müll behandelt zu werden!
    Daher sprang ich auch jetzt wirklich vom Bett runter und schüttelte mich einmal durch. Zu meiner Freude bemerkte ich dabei, dass es mir soweit gut ging. Ich hatte keine größeren körperlichen Schmerzen. Die Wunde, die ich von dem Tauboga letztens erhalten hatte, war gut verheilt und tat nicht mehr weh und auch der unangenehme Zwischenfall mit dem Regen gestern hatte keine bleibenden Spuren hinterlassen. Was das alles anging, konnte ich erleichtert aufatmen.


    Zwei Stunden später hatten wir gefrühstückt – ich hatte wieder gebratenes Fleisch bekommen, weil ich das rohe nach wie vor ablehnte – und Khyron war nun dabei, seine Runde über das Gelände zu machen. Ich folgte ihm nicht überallhin, blieb aber draußen und vor allem auf dem Gelände der Pension. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte. Die Vorstellung, einfach los zu marschieren und irgendwelchen Menschen über den Weg zu laufen, gefiel mir nicht. Besonders, wenn das so ablaufen könnte wie beim Kampfschloss. Würde man mich fangen wollen, mich einfach angreifen? Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verteidigen könnte. Wie setzte man als Pokémon Attacken ein? Ich war ein Feuer-Pokémon, aber Feuer speien hatte ich noch nicht geschafft. Oder es gar nicht erst versucht. Wenn ich es mir recht überlegte, wollte ich das jetzt auch nicht riskieren.
    Es sei denn das Mähikel rückte mir wieder zu sehr auf die Pelle, denn ich sah es im Augenwinkel, wie es schon wieder neugierig zu mir hinüber blickte. Da ich hier auf der Wiese saß, könnte es einfach zu mir hinüber kommen, doch es schien zu zögern. Gut so. Damit das so blieb, warf ich ihm noch einen warnenden Blick zu. Das schien auszureichen. Nicht jedoch bei Louis, der auf einmal auf der anderen Seite von mir auftauchte und mich deswegen erschreckte.
    »Bist du immer so schreckhaft?«, wollte er sogar prompt von mir wissen. Ich knurrte ihn sogleich an.
    »Wenn man sich ständig anschleicht, ja«, beschwerte ich mich. Er schien verwirrt darüber zu sein.
    »Hab ich doch gar nicht.« Er legte den Kopf zur rechten Seite und sah mich verwundert an. Ich schnaubte nur auf. Daran gewöhnen würde ich mich vermutlich nicht, dass Louis auf leisen Pfoten lief. Kein Wunder, dass ich ihn nie bemerkte, wenn er sich mir so unerwartet näherte. Seine Aufmerksamkeit wurde glücklicherweise schnell wieder von mir abgelenkt. Meine allerdings auch, als ich seinem Blick folgte und dabei erkannte, dass die Pension Besuch bekam. Leider einen, den ich kannte. Ich war schon jetzt genervt und sah dementsprechend drein.
    Louis kümmerte das nicht weiter. Er lief sofort los, um den neuen Gast in Augenschein zu nehmen, aber wer weiß … Womöglich kannte er ihn sogar besser als ich, denn schließlich war Khyron mit Hugo befreundet. Wer weiß, wie oft dieser Typ hier war. Es war ziemlich einfach Hugo zu erkennen. Nicht nur, dass seine Körperform etwas fülliger war, auch wenn man ihn jetzt nicht als richtig dick bezeichnen konnte, – Er war halt kräftiger – so war eines seiner Erkennungsmerkmale immer noch seine dämliche Kappe, die nach wie vor nur auf den Kopf gelegt war, nicht richtig aufgesetzt. Bisher hatte es niemand geschafft, ihm endlich mal zu sagen, dass er das Ding richtig aufsetzen sollte. Er blieb daher immer noch in meinem Kopf: Hugo, der mit dem Wasserkopf. Ehrlich, von Klamotten hatte er einfach keine Ahnung.
    Warum ich mich dann trotzdem in Bewegung setzte, um mich Khyron und ihm zu nähern, wusste ich auch nicht so genau. Eigentlich sprach alles dafür, so weit wie möglich weg zu bleiben und trotzdem kam ich näher heran. Jetzt war's raus! Ich war einfach verrückt. Das musste es sein. Jawohl!
    »Yo, Khyron, hast du schon gehört?«, hörte ich Hugo laut los plappern. Er hob die Hand zum Gruß, als Khyron ihm entgegen kam, um ihn seinerseits zu begrüßen. Genau in dem Moment hätte ich schon wieder kehrt machen sollen, denn allein seine Aussprache passte mir nicht. Dennoch blieb ich da, was an seinen weiteren Worten lag.
    »Zoé Lefevre ist verschwunden! Unglaublich, oder?« Hugo posaunte das so heraus, als wäre das die Neuigkeit des Tages und als gäbe es nichts anderes, worüber man sonst reden konnte. Ich fühlte mich alles andere als geschmeichelt, denn das Interesse daran, dass ich verschwunden war, hatte bei Hugo nichts mit Sorge zu tun. Es wirkte viel mehr so, als wäre das fast schon etwas Gutes. Etwas Gutes, worüber man sich hervorragend das Maul zerreißen konnte.
    »Ich weiß«, antwortete ihm Khyron, der wenigstens nicht so euphorisch klang und ernst drein sah.
    »Ach ja?«, fragte Hugo nach und ließ sich von Khyron aufklären, dass die Polizisten gestern hier gewesen waren und meine Pokémon vorbei gebracht haben, damit irgendwer sich um diese kümmerte, solange ich verschwunden war. Das war eine weitere Neuigkeit, die Hugo immens interessierte.
    »Das heißt echt, du hast ihre Pokémon? Also auch ihr Brutalanda? Wooow, lass mal sehen, na komm schon!« Als ich Hugos Worte hörte, stellte sich mir mein Fell im Nacken auf. War das sein Ernst? Er wollte mein Brutalanda sehen? Ich wusste ganz genau, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Allein wie Hugo es aussprach und sich auch aufführte, als könnte er am Ende Zero für sich gewinnen oder sonst was mit meinem geliebten Pokémon anstellen. Innerlich wurde ich fuchsteufelswild und begann heftig in Hugos Richtung zu fauchen. Erst da bemerkte er mich – also mich als Flamara – und ließ vorerst von der Idee ab, meine Pokémon sehen zu wollen.
    »Ist das dieses Flamara, was wir beim Kampfschloss gefunden haben?«, wollte er wissen und sah mich skeptisch an. Ich fauchte noch immer in seine Richtung und machte meinen Unmut und meine Abneigung gegen ihn kund.
    »Ja. Z, hör auf!« Khyron bestätigte Hugos Frage und rief mich dann zur Ordnung. Was seltsam war, weil er mich mit Z ansprach. Offensichtlich fand auch Hugo das seltsam, der Khyron skeptisch musterte und eine Augenbraue fragend hob.
    »Z? Ernsthaft? Hast du es etwa nach Zoé benannt? Du machst Witze!« Hugo wollte es nicht glauben. Ich ehrlich gesagt auch nicht. Oder wusste er … ? Nein! Ganz sicher nicht! Woher denn auch? Khyron zuckte leicht mit den Schultern.
    »Z ist aufgetaucht, als Zoé verschwunden ist. Außerdem brauche ich doch einen Namen für sie«, meinte er nur und sah Hugo an. Dieser schien dennoch nicht begeistert zu sein und ich selbst dachte mir meinen Teil.
    »Na und? Es ausgerechnet nach dieser Schrulle zu benennen, ist doch 'ne echte Beleidigung!« Hugo hatte auch noch die Dreistigkeit darüber zu lachen. Obwohl ich diesen Typen nicht ausstehen konnte und er mir egal sein konnte, verletzten seine Worte mich mehr, als ich mir selbst eingestehen wollte. Meine Krallen bohrten sich in den weichen Erdboden unter mir, weil ich nicht auf dem Fußweg vor dem Haus stand.
    »Hey! Jetzt krieg dich mal wieder ein«, ermahnte Khyron seinen Freund. Er lachte nicht bei Hugos Worten, was trotz allem nicht zur Besserung beitrug.
    »Was ist denn? Ist doch so. Auf Zoé kann doch jeder gut verzichten«, setzte Hugo noch einen drauf. Ich hatte genug gehört und drehte mich um. Noch mehr brauchte ich nicht zu hören, das war genug für heute gewesen. Ich wusste, dass ich nicht sonderlich beliebt war. Das war mir auch völlig egal. Sollten andere nur denken, was sie wollten. Aber es so deutlich zu hören, war trotzdem verletzend, auch wenn ich das nicht wollte. Ich hasste mich selbst dafür, dass mir das so nahe ging, aber genau deswegen ergriff ich auch die Flucht und nahm so viel Abstand zu diesem blöden Hugo, wie ich nur konnte. Ich lief um das Haus herum und auf einen der Ställe zu, die dort standen. Unter ein paar aufgestapelten Holzlatten fand ich eine Nische unter die ich kriechen und mich verstecken konnte.
    Dort würde ich einfach bleiben, bis dieser blöde Hugo wieder weg war. So ein Dummschwätzer! Auf seine Meinung legte doch keiner Wert!
    »Hey, was machst du denn da unten?« Ich hatte mich zusammen gerollt und war schon dabei, die Welt um mich herum auszublenden, als ich Louis Stimme hörte. Außerdem sah ich sein Gesicht am Eingang meiner kleinen Nische. Er kam nicht mit hinunter gekrabbelt, blickte mich aber neugierig und fragend an.
    »Geh weg! Lass mich in Ruhe!«, rief ich ihm entgegen. Er sollte verschwinden wie alle anderen auch. Ich wollte allein sein. Das war immer noch besser als alles andere.
    »Was ist los? Wieso bist du weg gerannt?«, ließ er nicht locker. Ich gab ihm darauf keine Antwort.
    »Du sollst verschwinden, hab ich gesagt!«, rief ich noch einmal. Zu meinem Bedauern ließ sich Louis nicht so einfach abschütteln.
    »Ist es wegen dem, was Hugo gesagt hat?« Louis kannte Khyrons Freund. Die beiden trafen sich öfters und hingen gemeinsam ab. Warum, das konnte ich nicht nachvollziehen. Meiner Meinung nach waren die beiden Grundverschieden.
    Oh ja! Er schimpft immer über sie …
    … aber am meisten regt es ihn auf, wie sie ihre Pokémon behandelt.
    Oder vielleicht auch nicht. Khyron hatte eigentlich auch keine besonders hohe Meinung von mir, also unterschied er sich vermutlich doch nicht so sehr von Hugo. Konfrontiert mit so viel Kritik, drehte ich mich um, so dass ich mit dem Rücken zum Ausgang und damit zu Louis lag. Ich wandte mich dadurch von ihm ab, so dass er verstand, dass ich keine Lust darauf hatte mich mit ihm näher zu unterhalten, geschweige denn aus meiner Nische hervor kommen wollte. Das sah er wohl ein, denn ich hörte nichts mehr von Louis.


    Nach gefühlt einer Ewigkeit wagte ich mich langsam wieder zu bewegen. Ein bisschen erstaunt war ich ja schon, wie einfach es mir fiel zu schlafen. Ich hatte nämlich unter dem Holzstapel ein Nickerchen gehalten und dadurch die Zeit ein wenig überbrückt. Mich hatte offenbar niemand vermisst, denn ich lag ja immer noch hier und sonst war niemand in der Nähe. Gerade als ich dabei war mich dem Ausgang meiner kleinen Nische zu nähern, bemerkte ich, wie jemand daran vorbei ging. Ich wartete kurz bis ich mich endgültig hinaus wagte und dabei erkannte, dass Khyron an mir vorbei gegangen war. Er hatte mich nicht bemerkt, schien aber auch recht beschäftigt zu sein. Zum Glück konnte ich nichts von Hugo sehen. Dieser war wohl schon wieder weg, was mich ein wenig erleichterte.
    Bevor ich irgendetwas unternahm, begann ich meine Beine zu strecken und schüttelte mich kurz durch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich ganz durcheinander war, aber einen Spiegel hatte ich nicht, um mich zu begutachten. Außerdem war ich ein Pokémon, also wen interessierte es schon, wie ich aussah? Solange mir keine Spinnweben auf der Nase klebten …
    Mit einem letzten Durchschütteln setzte ich mich dann in Bewegung, denn ein wenig neugierig war ich schon, wohin Khyron gegangen war. An all die Worte, die Hugo und Louis gesagt hatten, wollte ich im Moment nicht denken. Dafür folgte ich Khyron, der nicht weit von mir durch die Tür in das Innere des Stalls gegangen war, vor dem der Holzstapel gelegen hatte. Die Tür war noch immer einen Spalt breit offen, aber ich musste erst mit meinen Pfoten dafür sorgen, dass dieser größer wurde, damit ich mich durch quetschen konnte. Das war gar nicht so einfach, denn die Tür war schwer. Als ich versuchte mich hindurch zu quälen, blieb ich beinahe stecken. Ich strampelte mit meinen Hinterpfoten und versuchte mich so dünn wie möglich zu machen, bis ich endlich durch passte. Dabei verlor ich ein wenig meine Balance und purzelte förmlich in das Innere des Gebäudes.
    Eigentlich hatte ich erwartete einen Stall vorzufinden. Also Boxen, die mit Stroh ausgelegt waren, wo die Pokémon untergebracht wurden. Dem war aber gar nicht so. Das Innere des Gebäudes bestand hier aus mehreren abgegrenzten Räumen. Diese Räume selbst waren teilweise unterschiedlich eingerichtet und zwar so, dass sich Pokémon darin wohl fühlten. Kissen, Körbchen, Spielzeug zum Darauf-Herum-Kauen, kleine Bälle und natürlich auch Futterschalen, irgendwelche Klettergerüste und sonst noch so ein Zeug. Dinge, die für Pokémon da waren, womit sie sich beschäftigen und auch schlafen konnten. Hier dürfte es an nichts fehlen außer an den Trainern und Haltern der Pokémon, die ihre Lieblinge hier abgaben. Die meisten Türen zu den Räumen waren geschlossen, aber in manchen konnte man hinein sehen, weil sie offen standen, da dort gerade keine Pokémon drin waren.
    Khyron selbst befand sich in einem der Räume. Er hatte auch hier nicht so ganz die Tür abgesperrt, so dass es mir möglich war hinein zu sehen. Was ich sah, erstaunte mich, obwohl es eigentlich blödsinnig war.
    Rico.
    Es war ein Leichtes für mich ihn sofort zu erkennen. Das schwarz-graue Fell war zwar nicht anders, als bei anderen seiner Art, aber das individuelle Tuch um seinen Hals schon. Es hatte ein blau-schwarzes Muster, was ich damals selbst ausgesucht und ihm umgebunden hatte. Auf dieses Tuch hatte ich sogar extra seinen Namen drauf gestickt, damit man sofort sehen konnte, wie Rico hieß.
    Er war ein sehr gut trainiertes Magnayen, der schon mehr als einmal für einen Sieg gesorgt hatte. Er hörte aufs Wort und es war recht einfach mit ihm zu trainieren, eben weil er so aufmerksam und folgsam war. Am Anfang, als Fiffyen, war das keineswegs so gewesen. Aber wilde Pokémon musste man eben lange Zeit trainieren, bis man sie auf ein Level bekam, welches akzeptabel war. Ich hatte schnell am Anfang dem kleinen Fiffyen klar gemacht, wer der Chef war und auf wen es hören musste und sobald Rico es verstanden hatte, war das Training recht leicht geworden. Zwar immer noch hart, denn es gehörte viel dazu, um stärker zu werden, aber Rico etwas Neues beizubringen und ihm begreiflich zu machen, was ich von ihm als Trainerin gewollt hatte, war nicht schwierig gewesen. Die ersten Kämpfe mit ihm waren etwas holprig gewesen, aber das war längst Geschichte. Rico war ein festes Mitglied meines Teams und das schon für lange Zeit! Ich würde ihn niemals austauschen wollen.
    Was ich jetzt jedoch sah, beunruhigte mich. Dadurch, dass nicht ich diejenige war, die nun meine Pokémon pflegte, sondern jemand völlig anderes, jemand völlig Fremdes, verstand ich Ricos Reaktion schon ein wenig. Als Khyron ihn aus den Pokéball gelassen hatte, war Rico ein wenig verstört gewesen. Das lag weniger an der fremden Umgebung, als viel mehr daran, dass nicht ich vor ihm stand, sondern eben Khyron. Nicht er war sein Trainer und trotzdem war er es, der nun vor ihm stand. Ich konnte Ricos suchenden Blick erkennen, wie er seine Umgebung begutachtete und nach mir, als seine Trainerin, Ausschau hielt. Je länger es dauerte und er mich nicht fand, desto größer wurde seine Verwunderung wie auch Verunsicherung.
    Es fiel Rico schwer sich auf Khyron zu konzentrieren. Seine Suche war noch nicht abgeschlossen, doch er fand mich nicht und gab deswegen ein verunsichertes Winseln von sich. So kannte ich Rico eigentlich gar nicht. Er war immer recht selbstbewusst und stark gewesen. Vor Gegnern war er niemals zurück gewichen. Allerdings war ich auch dabei gewesen und hatte ihm gesagt, was zu tun war. Jetzt war dem nicht der Fall. Ich konnte nicht zu ihm, denn er würde mich gar nicht erkennen. Deswegen blieb ich wo ich war, nämlich hinter der Tür und starrte nur durch den Spalt, der offen stand. Etwas anderes konnte ich leider nicht machen.
    Ich beobachtete Khyron wie er langsam versuchte zu Rico Vertrauen aufzubauen, aber das klappte noch nicht so ganz. Rico war verunsichert und lief im Raum hin und her. Er erwartete, dass seine Trainerin auftauchte und ihm sagte, was zu tun war, doch diese kam nicht. Stattdessen war dieser Typ hier, der Rico verunsicherte. Khyron schien das selbst zu begreifen und ging in die Knie. Er wollte gegenüber dem Magnayen nicht bedrohlich wirken. Positiv war zu erwähnen, dass Rico wenigstens nicht aggressiv reagierte. Das wäre ein echtes Problem für Khyron geworden. Aber so wie ich ihn einschätzte, wäre Khyron auch damit irgendwie zurecht gekommen. Schließlich hatte er sicherlich schon recht viele Pokémon hier in der Pension gepflegt. Nicht jedes Pokémon war gut trainiert oder gar gut erzogen. Das wusste ich aus eigener Erfahrung. Man musste sich besonders als Pfleger immer auf die Individualität eines jedes Pokémons einstellen.
    Ich weiß nicht, was ich in diesem Fall erwartet hatte, aber es verging keine Viertelstunde und Khyron fand einen Draht zu Rico. Zwar war dieser noch immer leicht verunsichert und sah manchmal sich um, als könnte ich sofort auftauchen, aber allmählich ließ er sich auf Khyron ein. Ja, Rico ließ sich schon bald sogar von ihm anfassen und bemerkte, wie gut es sich anfühlte gestreichelt zu werden. Das förderte die Bindung um einiges mehr. Auch das angebotene Futter half Vertrauen aufzubauen. Die ganze Zeit über war Khyron sehr ruhig geblieben. Ich glaube, er hatte noch nicht einmal irgendwas gesagt, sondern Rico allein überlassen, wann er sich ihm näherte, wie weit er bereit war Vertrauen zu fassen und dafür eben auch belohnt zu werden. Es war ein schönes Bild, was sie abgaben, für mich jedoch auch schmerzhaft.
    Rico war mein Pokémon – mein Magnayen. Ihn nun so mit Khyron zu sehen, der damit begann das längere Fell zu bürsten und sich allgemein um Rico zu kümmern, war … Es machte mich irgendwie traurig. Schließlich müsste ich dort stehen! Rico müsste sich über mich freuen, nicht über Khyron. Je mehr Zeit verging, desto mehr vertraute Rico dem neuen Trainer und desto unwichtiger schien es, dass ich nicht da war. Es war fast so, wie es Hugo bereits schon gesagt hatte:
    Auf Zoé kann doch jeder gut verzichten.
    Würde ich mit jedem weiteren Tag mehr vergessen werden? Würde sich irgendjemand darum scheren, ob ich wieder auftauchte oder nicht?
    Rico war schon mittlerweile so sehr entspannt, dass er sich auf den Rücken legte und sich den Bauch kraulen ließ. Unfassbar! Selbst bei mir hatte er das nie getan. Begannen also auch schon meine Pokémon damit, mich abzuschreiben? Über das Fehlen meiner Person drüber hinweg zu sehen?
    Irgendetwas schlug gegen die Tür, was mich erschreckte. Ich machte deswegen einen Satz zurück und sah, wie die Türe sich weiter öffnete und ein Tennisball hinaus gekullert kam. Kurz darauf sprang Rico aus dem Raum, weil er dem Ball hinterher hetzte. War die Kuschelstunde schon vorbei und jetzt war Spielen angesagt? Mit Rico hatte ich eigentlich nie großartig gespielt. Ich hatte ihn trainiert, damit er stärker wurde. Mochte er es wirklich hinter Bällen her zu jagen? Das fand ich leicht irritierend, musste aber einen weiteren Satz zurück machen, damit er mich nicht noch umrannte. Das Dumme daran war, dass hinter mir eine Sackgasse war und ich deshalb nirgendwo anders mehr hin konnte. Das wäre kein Problem gewesen, wenn Rico einfach wieder mit dem Ball im Maul zurück ins Zimmer gegangen wäre, doch stattdessen starrte er mich mit seinen roten Augen an.
    Der Ball schien auf einmal total nebensächlich zu sein. Sein Starren machte mich nervös. Automatisch wich ich noch ein Stück weiter zurück, prallte aber mit meinem Hinterteil gegen die Wand, die mich dadurch stoppte. Ich konnte nicht weiter zurückweichen und duckte mich ein wenig. Fauchen tat ich nicht, wusste aber auch nicht, wie ich mich gegenüber Rico verhalten sollte. Wusste er wer ich war? Nein, ganz sicher nicht. Als Pokémon würde er mich kaum wiedererkennen. Dennoch schnüffelte er in meine Richtung. Okay, das war sicher nur die natürliche Neugierde, die ihn dazu trieb. Er kannte mich nicht, deswegen wollte er einfach nur prüfen, wer ich sein könnte. Er würde ganz sicher sein Interesse gleich an mir verlieren.
    Das Komische daran war, dass ich in seinen Augen einen verwirrten Ausdruck erkennen konnte. Er näherte sich mir sehr vorsichtig und streckte die Nase noch mehr nach mir aus. Nur noch wenige Zentimeter trennte uns von einander und ich hatte keinerlei Möglichkeiten auszuweichen. Nur ungern wollte ich ihm seine Grenzen zeigen und mit meinen Krallen nach ihm schlagen, damit er wieder auf Abstand ging. Außerdem wusste ich, wie stark er war. Wenn es also zu einem Kampf kommen sollte, würde ich definitiv den Kürzeren ziehen. Schließlich wusste ich nicht, wozu ich überhaupt in der Lage war. Konnte ich überhaupt kämpfen?
    »Du … «
    In dem Moment trat Khyron aus dem Raum in den Gang, weil er sich wunderte, wo Rico so lange abblieb. Er sah sofort mich und wie ich in die Ecke gedrängt war. Was auch immer er dachte, er schickte Rico zurück ins Zimmer. Dieser war hin und her gerissen. Das konnte ich sowohl an seiner Körpersprache erkennen wie auch an seinen Augen, die zu mir sagen. Hatte ich gerade eben wirklich Ricos Stimme gehört? Falls ja, so kam er wegen Khyron nicht dazu sich mir wieder zu nähern, denn Khyron ließ kein weiteres Zögern mehr zu. Rico unterwarf sich seinem Kommando und würde vorerst im Zimmer bleiben, was wohl für ihn vorgesehen war und wo er vorerst untergebracht sein würde.
    Sollte ich dankbar sein, dass Khyron zum rechten Zeitpunkt gekommen war, um Rico unbeabsichtigt davon abzuhalten mir irgendeine Frage zu stellen? Allein der Gedanke mich mit meinem eigenen Pokémon zu unterhalten, erschien mir total absurd! Aber hatte ich so etwas wie Erkennen in Ricos Augen gesehen oder war das von meiner Seite nur Einbildung gewesen, weil ich es mir insgeheim gewünscht hatte? Gewünscht, mich nicht mehr so einsam zu fühlen …
    Ich senkte meinen Blick, weg von Khyron, der mich ansah und starrte deshalb auf den Boden. Da er es nun war, der mir den Weg versperrte, konnte ich sowieso nirgendwohin. Ich hörte mehr, als dass ich es sah, wie er zu mir kam, sich nieder kniete und behutsam mich auf seine Arme hob. Warum auch immer er es tat und was auch immer er jetzt wollte, ich ließ es einfach zu. Er trug mich aus diesem Gebäude hinaus und ging mit mir zurück ins Wohnhaus. Die Mittagszeit schien schon längst vorüber zu sein, was also nicht der Grund sein konnte, warum er hier her kommen wollte. Er ließ mich auch erst wieder von seinen Armen runter, als er einen Raum betrat, den ich bisher noch nicht gekannt hatte.
    Es sah wie ein Behandlungsraum aus. Nicht wie beim Arzt, sondern wie … Ich weiß nicht. Wie nannte man diese Einrichtungen, wo man Pokémon pflegte? Salon? Irgend so etwas. Es gab auf der einen Seite eine Art Wanne, wo man ganz sicher Pokémon waschen konnte. Allein der Gedanke an Wasser ließ Panik in mir hoch kommen. Mein Körper verkrampfte sich, doch Khyron setzte mich lediglich auf einen Tisch ab, wo mir keine Gefahr von Wasser drohte. Noch nicht. Ich hoffte einfach, dass er wusste, dass ich Wasser nicht mochte. Ganz besonders nicht als Flamara.
    Verunsichert sah ich zu ihm auf. Seine bernsteinfarbenen Augen erwiderten meinen Blick, aber ich war nicht sicher, was ich darin erkennen konnte. Meine Unsicherheit ließ nicht von mir ab. Ich fühlte mich alles andere als stark und selbstbewusst und würde mich zu gerne irgendwo in einem Loch verkriechen. Vielleicht bemerkte er das, vielleicht auch nicht. Meine Ohren hingen hinab und ich versuchte mich kleiner zu machen, als ich tatsächlich war. Von Khyron kam kein Wort, er sagte rein gar nichts, aber gerade das fand ich beruhigender als alle Worte, die er hätte sagen können.
    Mittlerweile hatte er eine Bürste genommen mit der er durch mein Fell fuhr. Ziemlich behutsam. Obwohl ich wusste, was er da tat und ich genauso auch wusste, dass eine Bürste nichts Gefährliches war und mir nicht schaden würde, machte mich die Prozedur nervös. Es fiel mir unheimlich schwer mich zu entspannen und das Vertrauen aufzubauen, was Rico so schnell gefunden hatte.
    Woran das lag? Wenn ich das selbst wüsste. Es war ganz komisch. Mein Verstand war ganz klar. Ich konnte mir alles logisch zusammen erklären, wusste über die meisten Dinge Bescheid und daher auch, dass Khyron mir schon nichts Böses wollte. Er kümmerte sich halt um ein Pokémon wie er es immer tun würde. Aber es war wohl nicht mein Verstand, der Kontrolle über mich hatte. Es war irgendetwas anderes, etwas Bedrückenderes, was mir das Atmen erschwerte. Was dafür sorgte, dass ich nicht die Entspannung fand, die ich nötig hatte.
    Es waren … die Emotionen, die in mir brodelten und sich wie ein dicker Knoten in meiner innersten Mitte zusammen gefunden haben. Emotionen, die ich versuchte einzusperren, damit sie nicht über mich herfielen. Damit ich einfach nicht von ihnen überflutet wurde und dadurch mein mühsam zusammen geklaubtes Gleichgewicht verlor. Der Rest, der von der starken Zoé noch übrig war.
    Ich hätte nicht erwartet, dass ich einmal in so einen hilflosen und verwirrenden Zustand geraten könnte. Je mehr ich versuchte alles unter Kontrolle zu bekommen, desto mehr hatte ich das Gefühl genau diese Kontrolle zu verlieren. Es war zu kompliziert.
    Khyron hatte wohl bemerkt, dass das Bürsten meines Fells nicht viel half. Abgesehen davon, dass er damit wenigstens ein paar Fellhaare hatte richten können, half es mir nicht dabei zu entspannen. Daher hatte er die Bürste wieder zur Seite gelegt und sich von dem Tisch, auf dem ich saß, entfernt. Was er jetzt holen wollte, beobachtete ich nicht. Stattdessen ließ ich mich auf den Tisch hinab sinken, so dass ich komplett darauf lag. War es nicht eigentlich egal, was aus mir wurde?
    Ich hatte eh keine Ahnung, wie ich wieder zum Menschen werden sollte und selbst wenn ich einen Weg fand, was dann? Die einzigen, die sich dafür interessieren würden, dass ich wieder auftauchte, wäre die Polizei, damit sie ihren bisher ungelösten Fall abschließen konnten.
    Khyron schob einen Stuhl näher an den Tisch heran und setzte sich darauf. Ich reagierte nicht großartig darauf und lag kraftlos auf dem Tisch. Sollte er doch machen, was er wollte. Es spielte sowieso keine große Rolle. Ich war ein ganz schöner Jammerlappen, aber mir fiel es derzeit schwer, mich wieder aufzuraffen. Wie könnte ich auch?
    »Hey Kleines«, hörte ich Khyron mit leiser, sanfter Stimme sagen. Er hatte, ähnlich wie ich, sich mit seinem Oberkörper und Armen vor mir auf den Tisch gelegt. Dadurch, dass er so da lag, war er quasi auf meiner Augenhöhe. Ich schloss kurz meine Augen, ehe ich sie wieder öffnete und erneut direkt in seine Bernsteinaugen sah.
    »Was hast du?«, fragte er mich, als würde er tatsächlich eine Antwort von mir erwarten. Ich wusste, dass er das nicht tat. Das würde nämlich gar keinen Sinn ergeben. Reden konnte ich schließlich nicht, daher antworte ich ihm auch auf keinster Weise. Was hätte ich auch mitteilen sollen?
    Ich, Zoé, bin absolut niedergeschlagen, weil mich keiner mag und meine Pokémon dabei waren, mich schon jetzt zu vergessen? Weil sie mich nicht brauchen?
    Oh ja, ich war wirklich ein Jammerlappen. Über so etwas hätte ich mich normalerweise lustig gemacht. Wer sich so hängen ließ, hätte in meinen Augen nie Respekt verdient. Und jetzt … ?
    Jetzt bin ich die armselige Zoé, die aufgab, weil sie keinen richtigen Ausweg sah. So erbärmlich. Ich konnte es selbst kaum glauben.
    Khyron schob seine rechte Hand über den Tisch auf mich zu. Ich sah es, reagierte jedoch darauf nicht. Sein Zeigefinger stupste leicht meine befellte Wange an. Über diese strich er sanft und kraulte mich. Es war eine Geste der Zuwendung, vielleicht auch der Aufmunterung. Wenn ich ein ganz normales Pokémon gewesen wäre, hätte ich es genossen. Aber das war ich nicht. Ich war nur Zoé, die durch irgendeinen komischen Zauber oder was auch immer es gewesen war, in ein Pokémon verwandelt wurde. Wenn Khyron wüsste, wer ich wirklich war, dann würde er …
    Dann würde er mich einfach weg stoßen! Da war ich mir sicher. Den Gedanken einfach nur zu denken, tat so sehr weh, dass ein jämmerliches Klagen meine Kehle verließ. Das reichte aus, dass Khyron sich wieder aufrichtete, aber statt zu gehen, schob er seine Arme um meinen Körper und drückte mich an sich. Ein weiteres Wehklagen verließ meine Kehle, ich konnte es nicht unterdrücken. Wären meine Augenwinkel in der Lage dazu gewesen, wären ein paar Tränen über meine Wangen gepurzelt, doch das salzige Wasser blieb aus. Ich konnte nicht weinen, selbst wenn mir danach war. Dafür bebte mein kleiner Körper und die ganze Zeit über hielt mich Khyron fest und strich mir durch das Fell. Ob er wusste und verstand, was in mir vorging, konnte ich nicht sagen. Ich war einfach nur froh ausnahmsweise mal nicht allein zu sein.
    Wenigstens nicht jetzt in dieser schwachen Stunde.


  • Huhu^^
    Ja ich weiß ich stalke dich und ich schulde dir an der anderen Geschichte noch ein Review, aber ich konnte einfach nicht mehr länger widerstehen und musste das hier einfach lesen. ^^''


    Zu Kapitel 1 und Allgemeines


    Die Idee an sich, dass sich ein Mensch in ein Pokemon verwandelt ist an sich nicht neu. Ich jedenfalls habe schon Geschichten gelesen, wo das passiert ist, aber natürlich ist jede davon auch wieder Einzigartig. Schon allein dein realistischer Schreibstil macht es wieder zu etwas besonderem, wie ich finde.
    Mit Zoé hast du einen Charakter geschaffen, der vollkommen unterschiedlich ist zu Lou. Sie ist deutlich selbstbewusster und liebt das Kämpfen. Genau diesen Unterschied finde ich hier zu faszinierend, denn immerhin sind es völlig unterschiedliche Charaktere und dennoch schreibst du beide, als hättest du nie einen anderen geschrieben. Sie unterscheiden sich völlig und sind dennoch auf deine Art genial geschrieben, ohne das sich etwas vom anderen Charakter einschleicht. Zwei so unterschiedliche Charaktere so gut beschrieben können, Hut ab!


    Oh du machst uns den Charakter gleich sympatisch, was? ;
    Sich erst mal über die Niederlage eines anderen freuen macht ihn natürlich nicht sofort zu jedermans Liebling (auch wenn ich finde, dass sie im Verlaufe der Story mir noch echt sympatisch wird auf ihre Art, ja hab etwas vorgelesen.^^''), denn nicht jeder mag solche fast eingebildeten Charas.
    Oh ja und auch der nächste Absatz stellt deinen Charakter zum Anfang sehr gut vor. Sie ist selbstbewusst, weiß, dass sie siegen wird und ja ist vielleicht sogar etwas zu selbstbewusst für manche. An sich also ein guter Anfang um sie vorzustellen.
    Und natürlich spielt es in Kalos, aber ich mag Kalos, gute Wahl daher. ^^
    Okay, das mit, wo sie wohl finde ich persönlich weniger schön eingebunden. Passt zwar zum Charakter, aber an sich nicht so schön gelöst, wie ich finde. Ein wenig unelegant, was zwar zum Charakter passt, aber an der Stelle wo es steht doch ein wenig fehl am Platz vorkommt. (Hey manchmal muss ich doch in einem sonst perfekten Text was zum kritisieren finden, nicht? ;) )


    Und da kommt auch schon noch ein Charakter, Khyron. Und so wie sie von ihm spricht scheinen die sich nicht zu mögen. Auch ist davon auszugehen, dass er wohl ein weiterer Hauptcharakter werden wird. Das hab ich einfach so im Gefühl.
    Also die Beschreibung mit der Kappe: Hammer! Da kann man sich ja vor lachen nicht mehr. Allein hier fängt der Charakter trotz seinem so hohen Selbstbewusstsein an richtig sympatisch zu werden.
    Sie scheint ja echt auf Ruhm versessen und da frage ich mich doch, ob da noch was hinter ist. Ein Grund aus dem sie das ist.
    Wie sie dann auch noch den Spruch mit dem Rattfratz auseinandernimmt, ich glaube mit dem Charakter werden wir noch Spaß haben!
    Oh und hier kommen wir gleich in den Genuss von einem Kampf. Ist aber sehr von sich eingenommen, dass sie nur ein Pokemon nutzen möchte. Zeigt wieder, wie sehr sie glaubt gut zu sein.
    Und wieder das Sticker zur Ball Unterscheidung. ^^
    Brutalanda, schon mal kein Feuer-Pokemon! Aber ganz ehrlich zu jemanden der sagt so stark zu sein passt das gut!
    Rasaff und Quappo? Beides Mal Kampf, ich rate was das dritte ist: Und rate falsch. Mist! Tja passiert, was? ;)
    (Ich hoffe du verzeihst mir, dass ich den Kampf nicht haarklein hier wiedergebe, aber es sei gesagt, dass er genauso gut ist wie alle deine Kämpfe!)
    Aber wir sehen: Perfekt ist sie auch nicht und auch ihr Brutalanda, denn sonst hätte sie das wohl kaum getroffen. Aber das macht sie (zum Glück) auch wieder menschlich, dass sie nicht alles vorhersehen kann und auch mal einen Treffer einstecken auch, wenn sie sonst überlegen ist.
    Uh Mega-Entwicklung! Du bringst sie also ein, nicht schlecht. Wobei ich Brutalandas Entwicklung nicht sooo schön finde, aber hey, Geschmackssache.
    Also wirklich ein Pokemon am Boden angreifen ist übertrieben! Ich bin hier auf Khyrons Seite! Ich sehe, er wird auf jeden Fall ein Charakter, der mir gefallen wird!
    Nie jemanden so nahe gekommen? Man ich bin echt gespannt auf ihren Hintergrund!
    Das Ende ist auch echt episch gehalten und zwingt ja fast dazu sofort das nächste Kapitel zu lesen!

    Danke an Evali von Pokefans für den tollen Avatar, den sie als Preis für eine Aktion im Bisaboard angefertigt hat.

  • Kapitel VI


    Ein Tag nach dem anderen verstrich, ohne, dass ich aus diesem seltsamen Traum erwachte, der nun meine Wirklichkeit war. Khyron war darum bemüht, sich gut um mich zu kümmern, aber genauso besaß er die Verpflichtung alle anderen Pokémon in der Pension zu pflegen. Wenn man es recht bedachte, war ich nichts anderes als ein Exemplar von vielen, was er umsorgte, bis es abgeholt wurde. Dabei konnte er nicht einmal wissen, ob es für mich überhaupt einen Trainer gab. Ich wusste es natürlich besser, aber er war anfänglich davon ausgegangen, dass ich vermutlich einfach meinem Trainer verloren gegangen war. Je mehr Tage vergingen, desto mehr akzeptierte ich mein Schicksal. Was sollte ich auch sonst tun? Die Nadel im Heuhaufen suchen? Einen Weg finden, wieder zum Menschen zu werden? Ich wusste nicht einmal, ob ich das wollte.
    Vermutlich lag mein Zögern darin begründet, dass ich mich nicht mit der kalten und grausamen Wahrheit auseinandersetzen wollte. Dass ich weder Khyron als Mensch gegenüber treten wollte, noch sonst irgendwem. Da war es einfacher ein Pokémon zu sein und so zu tun, als wäre man jemand anderes. Niemand Bestimmtes.
    Louis schmatzte immer noch genüsslich auf seiner Mittagsportion herum. Khyron hatte bereits die Küche verlassen, aber ich hörte ihn im Nebenraum hantieren. Ich selbst lag auf der Sitzbank des Esstisches und beobachtete das Folipurba. Obwohl es ein Pflanzen-Pokémon war, bekam es Fleisch zum Fressen. Irgendwie hatte ich immer gedacht, dass Pflanzen-Pokémon sich entweder vegetarisch ernährten wie Chevrumm und Mähikel oder Photosynthese betrieben wie Blubella, Dresella und andere. Offensichtlich hatte ich mich darin getäuscht.
    Andererseits hatte ich Louis auch schon dabei gesehen, wie er mitten auf der Wiese lag und sich der Sonne hingab. Ob er das gute Wetter nur genossen hatte oder ob er wirklich Energie daraus getankt hatte, wusste ich nicht. Gefragt hatte ich auch nicht und würde es auch nicht tun. Was ich allerdings tat, war aufzustehen, von der Bank zu springen und zu Louis rüber zu gehen. Er reagierte nicht auf mein Näherkommen und ließ sich auch nicht weiter stören, bis ich bei ihm war und meine Nase vorstreckte. Es war schwer für mich zu begreifen, was am rohen Fleisch so lecker sein sollte. Als Mensch habe ich es natürlich nicht gegessen, aber als Pokémon könnte das anders aussehen. Louis verscheuchte mich nicht. Er leckte sich einfach nur über die Lippen und wich wenige Zentimeter zurück, als würde er mir Platz machen wollen und sogar mit mir sein Fressen teilen. Geduldig wartete er, aber ich klaute ihm kein einziges Fleischstück. Ich schnupperte nur daran und kam zu dem Entschluss, dass ich es doch nicht probieren wollte. Deswegen wandte ich mich auch wieder von ihm ab und entfernte mich von ihm.
    Meine dunkelblauen Augen nahmen die Küchenzeile ins Visier. Ich hatte bereits etliche Male gesehen, wie Louis ohne Probleme auf höhere Ebenen gesprungen war. Ganz gleich, ob es ein Tisch war, die Küchenzeile oder irgendwo draußen auf einen herab hängenden Ast eines Baumes. Er war gut darin leichtfüßig und elegant an höhere Orte zu kommen. Da ich von der gleichen Art war, zumindest aus der gleichen Familie stammte wie er – die Evoli-Art –, müsste es doch für mich ebenfalls möglich sein so einfach nach oben zu springen. Bisher hatte ich das nie ausprobiert, war aber nun in der Laune meine Fähigkeiten ein wenig auszutesten. Schließlich hatte ich mein Schicksal als Pokémon soweit akzeptiert. Dann konnte ich mich auch ein wenig mehr wie ein Pokémon benehmen, oder nicht?
    Ich duckte mich, um mich darauf vorzubereiten einen Sprung nach oben zu machen. Ich visierte meinen Zielort an und drückte mich so gut ich es vermochte vom Boden ab. Mein Körper flog regelrecht nach oben und trotzdem erreichte ich kaum die oberste Kante. Meine Krallen schlugen nach dem Rand, meine Pfoten versuchten sich festzuhalten, aber es gelang mir nicht. Alles andere als elegant plumpste ich einfach nur wie ein nasser Sack auf den Boden zurück. Ich schaffte es noch nicht einmal auf den Pfoten zu landen, uff. Was für ein Mist! Als ich dann auch noch bemerkte, dass Louis mich bei meinem Fehlversuch beobachtet hatte und nun amüsiert darüber war, ärgerte ich mich gleich noch mehr. Doch noch einmal konnte ich es nicht versuchen. Ohne Ankündigung verlor ich den Boden unter meinen Füßen, weil ich hoch gehoben wurde. Khyron war wieder in der Küche und hielt mich vor seinem Gesicht nach oben, um mich anzugucken.
    »Bist wohl ein bisschen dick, dass du nicht mehr so gut springen kannst, mhm?«, sagte er zu mir. Ich starrte ihn einfach nur an. Hatte er gerade echt gesagt ich sei zu dick? Meine Empörung schlug ein wie eine stürmende Welle. Ich schlug mit meinen Pfoten gegen sein Gesicht, kam aber nicht heran, weil er mich zu weit weg hielt. Außerdem gab ich ein sehr, sehr unzufriedenes Fauchen und Fiepsen von mir. Khyron lachte nur über mich, weil ich mich so aufregte.
    »Du wirst doch jetzt nicht beleidigt sein?« Er lachte noch immer, als er das sagte und ich war immer noch verärgert. Unerhört, dass er mich einfach zu dick nannte! Er setzte mich auf der Küchenzeile ab, wo ich noch zuvor drauf springen wollte ohne es geschafft zu haben. Augenblicklich drehte ich mich von ihm weg. Ja, ich war beleidigt! Das kümmerte aber Khyron nicht weiter. Seine linke Hand streichelte mir unterm Kinn entlang. Zwar gab ich immer noch ein ungehaltenes Brummen von mir, aber auch das hielt ihn nicht weiter davon ab. Ich sah ihn an, als er sich mit den Ellenbogen aufstützte und mir dadurch noch mehr in die Augen sah. Keine Ahnug, was er dachte, aber jetzt, wo er auf diese Weise mir noch näher war, verflog der Ärger und machte der Unsicherheit Platz, die ich jedes Mal bekam, wenn er so nahe war. Das störte mich, aber ich konnte dagegen auch nichts tun. Außer den Blick senken, weil ich seinen Augen einfach nicht mehr Stand halten konnte.
    Sei es ein Friedensangebot oder etwas anderes, ich spürte seine Finger an meinem Ohransatz, wie er mich kraulte und dadurch weiter versuchte mir den Ärger zu nehmen. Ich hatte mich schon längst beruhigt, denn mittlerweile konnte ich mich auch besser entspannen, wenn ich gekrault wurde. Nicht so wie am Anfang. Wie ich bereits erwähnt hatte, ich habe mein Schicksal akzeptiert. Das war besser, als sich dagegen zu wehren und sich mit negativen Gedanken und Emotionen auseinander zu setzen, worüber ich nur jammern würde. Ich wollte kein Jammerlappen sein, also ging ich den Weg des geringsten Widerstands. Warum auch nicht? Man musste es schließlich nicht immer komplizierter machen, als es war.
    »Du hast die gleichen dunkelblauen Augen … «, hörte ich Khyron vor sich hin murmeln. Ich sah ihn wieder direkt an und fragte mich, was er damit meinte. Oder wen? Ich kam nicht darauf, aber da seine Mutter gerade auch in die Küche kam, wurde ich sowieso von dieser Frage abgelenkt. Wie Khyron sah ich zu ihr, da sie wohl etwas zu sagen hatte.
    »Ich habe gerade noch mal beim Kampfschloss angerufen«, kündigte sie an. Ich verstand nicht sofort, was sie damit meinte oder in welchem Zusammenhang dieser Anruf stand. Wegen irgendeinem Kunden vielleicht?
    »Bisher hat sich immer noch kein Trainer für das Flamara gemeldet. Möglicherweise gibt es einfach keinen«, sagte sie und mir wurde klar, dass sie mich meinte. Ein Trainer für mich … Stimmt. Khyron hatte damals beim Kampfschloss Hugo darum gebeten bei der Rezeption Bescheid zu geben, sollte ein Trainer auftauchen, der sein vermisstes Flamara suchte – also mich –, sich bei der Pension zu melden, also bei Khyron. Denn hier her hatte er mich gebracht, damit ich nicht allein umher irrte oder noch schlimmer: Von verrückten Trainern zerfleischt wurde, weil die sich darum stritten, wer mich bekam. Mit schrecklichem Unbehagen dachte ich an die Situation zurück, wie alle auf mich eingestürmt waren.
    »Aber es ist zu zahm, als dass es keinem Trainer gehören könnte«, meinte Khyron nachdenklich. Das war mir genug. Ich sprang hinab auf den Boden. Wenn sich einfach kein Trainer für mich finden ließ, was würden sie dann machen? Mich an irgendeinen Trainer abgeben, der mich haben wollte? Mit Erschrecken stellte ich fest, dass mir der Gedanke gar nicht behagte von hier weg gehen zu müssen. Dass ich zu jemand anderem musste, weg von Khyron. Ich hatte vielleicht mein Schicksal als Pokémon akzeptiert, aber das war angesichts des Lebens hier in der Pension auch nicht schwer für mich. Oder wäre es anders gewesen, wenn nicht Khyron hier wäre?
    Ich schüttelte den Kopf über diesen absurden Gedanken. Das konnte nicht allein an ihm liegen. Dennoch zog sich mein Magen zusammen. Besser wäre es, wenn ich mich aus dem Staub machte. Wenn sie vorhatten mich wirklich wegzugeben, dann wäre es besser, ich würde vorher abhauen, damit ich nicht irgendeinem Trainer in die Hände fiel. Ich würde mich einfach alleine durchschlagen und …
    »Z!« Khyron rief nach mir. Ich zuckte zusammen und sah zu ihm auf. Die Tür mit der Klappe hatte ich noch nicht erreicht und stand nahe der Küchenschränke geduckt und mit hängenden Ohren. Ich wollte nicht wissen, an wen er mich weggeben wollte. Dieser Gedanke, dass er das tun würde, hatte sich so stark in mir festgebissen, dass ich nicht auf die Idee kam, dass es auch anders kommen könnte.
    Ich fiepste leise und verunsichert auf, als er sich mir näherte und wieder auf seine Arme hob. Louis sah von unten ebenfalls zu mir auf. Er hatte seine Portion auf gefressen.
    »Wenn sich kein anderer Trainer meldet«, begann Khyron zu sprechen. Ich sah ihn noch immer verunsichert an und dann auf den Boden zurück. Am liebsten würde ich gleich von seinen Armen springen. Ich wollte seine Pläne nicht hören!
    »Dann behalte ich sie einfach«, sagte er. Ich zuckte mit meinen Ohren und starrte ihn geradezu fassungslos an. Hatte er gerade das gesagt, was ich glaubte, gehört zu haben? Das war nicht sein Ernst, oder? Das Schockierendste daran war aber, dass der Knoten der Anspannung in meinem Magen sich schlagartig auflöste und dem Gefühl der Erleichterung Platz machte. Das war doch völlig absurd! Dass ich mich darüber freute, hier bleiben zu dürfen …
    Khyron kraulte mich unter dem Kinn. Ich lag mehr oder weniger auf dem Rücken in seinen Armen, so dass ich gar nicht anders konnte, als in sein Gesicht zu schauen.
    »Aber dann müssen wir ein wenig mit dir trainieren, damit du nicht so dick wirst«, fügte er noch hinzu. Das empörte mich natürlich wieder und ich biss in seinen Finger, der mich noch immer unter dem Kinn gekrault hatte. Böse und pikiert sah ich ihn an, aber er lächelte nur. Mein Biss war auch nicht besonders stark gewesen. Nicht so, dass ich ihm eine Wunde zugefügt hatte. Außerdem musste ich feststellen, dass ich gar nicht mehr so sehr verärgert war. Im Gegenteil, in mir war wieder dieses komische flatterhafte Gefühl, was ich nicht recht verstand. Das verwirrte mich sehr. Vielleicht sollte ich einfach mal aufhören so viel nachzudenken.
    Khyron hielt mich nicht ewig auf seinen Armen und ließ mich wieder runter. Seine Eltern hatten nichts dagegen zu sagen, wenn er mich als sein Pokémon behielt. Alt genug war er ja und da er sich prächtig um alle Pokémon kümmerte, sei es nun seine eigenen oder die von den Trainern, die hier abgegeben wurden, er machte einen guten Job. Das musste ich neidlos anerkennen. Ich hatte ihn jetzt schon in den vergangenen Tagen immer wieder beobachten können und egal wie schwierig manchmal ein Pokémon war, er fand irgendwie immer einen Draht zu ihnen und schaffte es, dass sie ruhig wurden und er sie ungehindert pflegen und füttern konnte.
    Auch jetzt, nachdem wir das Haus verlassen hatten, konnte ich es wieder sehen. Da langsam die Tage etwas kühler wurden, trug Khyron bereits eine Jacke, aber kalt werden dürfte es ihm trotzdem nicht. Heute war das Ponita eines Trainers dran, was er auf der Wiese striegeln wollte. Es war schon seit den frühen Morgenstunden mit den anderen hier draußen. Jetzt ging Khyron zu diesem und begann sein Fell zu säubern.
    Ponitas und Gallopas waren Feuer-Pokémon und gerade von denen wusste man, dass es nicht ganz ungefährlich war, sich ihnen zu nähern. Ponits und Gallopas hatten beispielsweise eine feurige Mähne und einen Feuerschweif! Da ich selbst keines besaß, hatte ich das nie gesehen, aber nicht die ganze Zeit brannte die Mähne und der Schweif. Tatsächlich hatten sie ganz normale Haare, die zwar etwas spezieller als bei anderen Pokémon waren, aber dadurch, dass die Mähne und der Schweif auch so rot-gelblich aussahen, dachte man vom Weiten schon, sie würden brennen. Brennen taten sie nur, wenn sie es wirklich wollten. Wie bei Tornupto, der aus dem Nackenbereich Flammen ausstoßen konnte oder bei Glurak, dessen Schwanzende mit einer Flamme versehen war.
    Würde die ganze Zeit die Mähne eines Ponitas brennen, könnte man gar nicht auf ihm reiten! Und gerade Trainer dieser Pokémon ritten sehr gerne auf ihnen. Ich konnte das schon nachvollziehen. Zwar besaß ich kein Ponita in meinem Team, dafür aber ein Chevrumm und klar, auch ich habe hin und wieder auf ihm gesessen, um zu reiten.
    Apropos! Meine dunkelblauen Augen huschten über die Wiese und suchten besagtes Chevrumm. Bislang hatte ich es nicht gesehen, aber da meine Pokémon hier her gebracht worden waren, müssten sie auch hier irgendwo zu sehen sein. Zumindest machte es bei Chevrumm Sinn auf der Wiese zu verweilen, damit es grasen konnte.
    Tatsächlich fand ich Chess weiter hinten am Rande der Wiese, wo bereits Büsche und ein paar Bäume standen. Chess war ein ausgewachsenes Chevrumm, genauso gut trainiert wie jedes andere Pokémon von mir. Seine Hörner waren groß, gebogen und stark. Er hatte damit schon so manchen Kampf gewonnen. Gerade sah es allerdings so aus, als würde er seinen Frust an einem der Büsche auslassen, weil er seine Hörner immer wieder gegen den Busch stieß und da ordentlich die Blätter durcheinander brachte. Ich kannte Chess' Launen. Obgleich Chevrumms für ihre Gutmütigkeit bekannt waren, war meines eher von der launischen Sorte. Von der übellaunigen noch dazu. Er war fürs Kämpfen einfach geboren und wenn er nicht hin und wieder seine angestaute Energie heraus lassen konnte, dann musste eben ein Busch herhalten.
    Ich hatte nicht vor, zu ihm zu gehen. Er sah sowieso nicht in meine Richtung, noch dazu war ich zu weit weg. Außerdem glaubte ich nicht, dass er mich erkennen konnte, stand ich schließlich hier als Pokémon da und nicht als Mensch.
    Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich eine Bewegung ausmachen und drehte deswegen meinen Kopf nach links. Kaum tat ich das, da setzte sich Louis auch schon in Bewegung. Er hatte sich angeschlichen gehabt, soweit es möglich gewesen war und nun attackierte er mich. Ich reagierte sofort, machte einen Satz nach vorne und lief so schnell ich konnte. Mir war sofort klar, dass das hier kein Angriff wie in einem Kampf war, sondern einem Spiel gleich kam. Und ich reagierte ganz automatisch und ließ mich auch noch darauf ein. Wollen wir doch einmal sehen, ob ich wirklich zu dick war, hah! Louis war schnell, aber ich gab alles, um ihm bestmöglich zu entkommen und raste über die Wiese. Dabei schlug ich Haken und wechselte immer wieder die Richtungen. Er versuchte dran zu bleiben und mich einzuholen, aber leicht machte ich es ihm nicht. Dummerweise hatte ich mich dem Zaun zu sehr genähert, bemerkte das aber zu spät, weil meine Aufmerksamkeit einen kurzen Moment auf Louis gelegen hatte. Die Richtung ändern war schwierig bei dem hohen Tempo, das ich gerade drauf hatte. Deswegen schlüpfte ich einfach durch die Zaungitter hindurch und kam erst auf dem Weg zum Stehen. Mein Brustkorb hob und senkte sich hektisch und ich sah zurück zum Zaun der Pension. Mehrere Meter weit war ich gerannt und würde wieder zurück gehen müssen. Louis war auf einen der Latten oben drauf gesprungen und krallte sich dort fest, aber er sprang nicht über den Zaun, selbst wenn er es gekonnt hätte. Er wollte wohl das Gelände nicht verlassen.
    Ich holte noch einmal tief Luft und freute mich, dass ich dieses kleine Rennen gewonnen hatte. Louis hatte es nicht geschafft mich zu fangen. Von wegen zu dick, tadaaaa!
    Als ich schon dabei war mich dem Zaun zu nähern, hörte ich von hinten Schritte nahen. Ich drehte mich um und dachte ganz automatisch, dass es vielleicht Khyrons Eltern sein könnten oder was auch noch möglich wäre, ein Kunde für die Pension, der ein Pokémon abgeben oder abholen wollte. Nichts dergleichen war es.
    Als ich sah, wer sich genähert hatte, stand ich wie erstarrt da. Auf einmal konnte ich mich nicht rühren, dabei war gerade mein größtes Bedürfnis einfach nur weg zu kommen. Schnell zu fliehen und mich in Sicherheit zu bringen! Vor mir stand niemand anderes als Victor. Ja, genau der Victor, der einer der stärksten Trainer im Kampfschloss war und noch dazu ein so großes Ego besaß, dass er ohne Rücksicht davon auch Gebrauch machte. Er gab an, wenn es sich für ihn lohnte und riss das Maul auf, ohne sich dafür zu schämen. Ich konnte ihn immer noch nicht leiden, besonders jetzt, wo er vor mir stand.
    Mit einer lässigen Handbewegung streifte sich Victor durch das kurze blonde Haar. Seine grünen Augen lagen direkt auf mir. Ich wusste nicht, ob er mich als das Flamara wieder erkannte, worüber er sich schon beim letzten Mal lustig gemacht hatte. Er hatte mich als schwach betitelt, obwohl er keine Ahnung gehabt hatte, woher ich kam, wer ich war! Möglicherweise hatte er das nur getan, weil alle anderen Trainer so scharf darauf gewesen waren mich zu bekommen. Evoli-Entwicklungen waren nun mal beliebt. Da konnte man nichts anderes behaupten. Das war eine Tatsache wie jene, dass wir Luft zum Atmen brauchten, ansonsten würden wir ersticken. Ein ungeschriebenes Gesetz, an dem nichts zu rütteln gab.
    »Wen haben wir denn da? Ein einsames, verlassenes Flamara.« Als ich Victors Worte hörte, ahnte ich bereits nichts Gutes. Als er dann auch noch seine rechte Hand hinter seinen Rücken bewegte, wo an seinem Gürtel seine Bälle befestigt waren, wusste ich bereits, was auf mich zu kam. Noch bevor er den Ball warf, machte ich auf meinen Pfoten kehrt und wollte zurück zu Khyron laufen. Doch Victor war schneller. Er warf seinen Ball, der direkt vor mir auf dem Boden aufprallte und entließ damit sein Pokémon. Ich saß in der Klemme!
    Vor mir richtete sich ein riesengroßes Viscgon auf seine Hinterbeine auf und sah mich grimmig von oben herab an. Seine grünen Augen schienen genauso giftig zu gucken wie die von Victor. Kein Wunder, dass er also dieses Pokémon in seinem Team hatte. Leider wusste ich nur zu gut, wie stark sein Drachen-Pokémon war. Am liebsten hätte ich ihm Zero auf den Hals gehetzt, doch von dem war nirgends eine Spur. Außerdem hätte ich mit Zero nicht mal kämpfen können. Ich war ein Pokémon!
    »Los geht’s mit Nassschweif!«, brüllte Victor. War das wirklich sein Ernst? Ich kreischte entsetzt auf, als das Viscogon sich schwungvoll umdrehte und mit seinem Schweif versuchte nach mir zu schlagen. Für dieses Pokémon war es einfach Wasserattacken einzusetzen. Selbst lebte seine Art eher in feuchten Gebieten. Dass es nicht den Zweittypen Wasser besaß, hatte mich schon immer gewundert, aber was spielte das auch schon für eine Rolle? Es konnte so oder so hervorragend diese Attacken einsetzen und ich hatte zu tun dem Nassschweif auszuweichen. Wie es mir gelang, war mir selbst kaum klar. Ich könnte aber durch meine geringere Körpergröße vielleicht auch einen Vorteil daraus ziehen. Viscogon war nicht so flink wie ich, da es einfach massiger war. Nichtsdestotrotz war es aber immer noch schnell und das machte es umso gefährlicher.
    Wie ich hier kämpfen sollte, war auch noch ein Rätsel für mich. Selbst wenn ich wüsste, wie ich Feuer speien könnte, so würde das an Effektivität nicht besonders viel bringen. Ein Drachen-Pokémon wie Viscogon konnte Feuerattacken ziemlich gut abwehren. Das wusste ich allein durch mein Brutalanda, der aber auch mehr zum Feuer-Typ neigte anstatt zum Wasser-Typen wie Viscogon. Wie dem auch sei, ich war so oder so im Nachteil und versuchte daher zu fliehen. Etwas anderes blieb mir gar nicht übrig.
    »Nicht so schnell!«, brüllte mir Victor hinterher und befahl seinem Pokémon eine Feuerodemattacke einzusetzen. Ehe ich mich versah wurde ich von den blauen Flammen getroffen, die Viscogon ausspie und mir entgegen warf. Erneut kreischte ich auf, wurde von den Füßen gerissen und flog zwei Meter weiter über den Boden. Der Aufprall war hart und sehr unangenehm, doch ich wusste, wenn ich nicht abhauen konnte, würde ich alles verlieren. Daher versuchte ich mich trotz der Schmerzen, die mein Körper aussandte, mich aufzurappeln und weiter weg zu kommen.
    Victor wollte mich nicht fliehen lassen und Viscogon würde alles tun, was er von ihm verlangte. Das war klar. Klar war nur nicht, wie ich aus diesem Schlamassel wieder heraus kommen sollte. Ich war verloren …
    Ein wildes Knurren rechts von mir lenkte meine Aufmerksamkeit ab. Ich sah, wie ein schwarzer Schatten über den Zaun sprang und auf uns zu gerannt kam. Es war Rico, der mit fletschenden Zähnen angelaufen kam. Wieso war er hier? War er nicht in seinem Zimmer, wo er untergebracht wurde? Hatte er vielleicht gerade Freilauf? Ich hatte keine Ahnung, war aber glücklich darüber ihn zu sehen. Gerade war ich dabei mich langsam auf meine wackeligen Beine aufzurichten, da spuckte Rico auch schon einen Spukball direkt gegen das Viscogon. Die Attacke war ein Volltreffer, aber sie reichte nicht aus, um das Drachen-Pokémon so schnell in die Knie zu zwingen. Allerdings hatte es dafür gesorgt, dass Victor und sein Pokémon sich erst einmal auf Rico konzentrierten und mich außen vor ließen. Ein gutes Ablenkungsmanöver, nicht wahr?
    »Lass sie in Ruhe!«, konnte ich das wilde Knurren von Rico hören. Er beschützte mich. Ich war so erstaunt wie auch glücklich darüber, dass ich nicht daran dachte wegzulaufen. Selbst wenn ich das tun würde, was sollte dann aus Rico werden? Würde Victor dann mein Magnayen niederprügeln wollen?
    »Geh mir aus dem Weg, Schwächling«, brodelte es von Viscogon als Antwort. Ein klitzekleines bisschen irritierend war das schon, die Pokémon auf diese Art und Weise zu verstehen. Viscogon war sehr ungehalten, doch Rico rückte keinen Zentimeter von seiner Stelle ab. Denn er versperrte direkt den Weg zu mir. Ich war mir sicher, dass gleich ein heftiger Kampf ausbrechen würde und kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, da griff Viscogon auch schon an. Es versuchte es erneut mit seinem Feuerodem, aber Rico war nicht irgendein Magnayen! Es war meines! Dementsprechend wusste er, wie er einen Kampf zu führen hatte. Ich kam nicht drum herum stolz auf ihn zu sein. Er wich der flammenden Attacke aus und raste direkt auf Viscogon zu. Seine Zähne bohrten sich tief in die Haut des Viscogons, welches aufbrüllte. Allerdings war es ein sehr wütendes Brüllen. Mit viel Schwung und Kraft versuchte es Rico von sich abzuschütteln. Eine Weile lang funktionierte das nicht, doch ich sah, wie Rico allmählich den Halt verlor. Auch wenn er sich mit Zähnen und Krallen an Viscogon festklammerte, so würde dieses ihn gleich abgeschüttelt haben.
    »Rico, nutze deinen Eiszahn!«, rief ich meinem Pokémon zu. Sofort erkannte ich die Antwort darauf. Von Ricos Zähnen aus bildete sich Eis, welches auf Viscogon überging und die Seite langsam einfror. Viscogon brüllte nur noch mehr auf und auch Victor war erbost darüber.
    »Jetzt mach dieses Pokémon endlich platt mit deinem Bodyslam!«, wies Victor seinem Pokémon an. Bevor Rico oder auch ich darauf reagieren konnte, ließ sich Viscogon einfach auf die Seite fallen, an der auch Rico hing. Voller Schrecken sog ich scharf die Luft ein, als ich sah wie sämtliche Luft aus Ricos Lungen gedrückt wurden, als er unter dem Gewicht von Viscogon gequetscht wurde. Das war mit Garantie sehr schmerzhaft. Was konnte ich nur tun? Ich war doch ein Pokémon! Irgendetwas musste ich unternehmen! Mein jämmerlicher Versuch, den ich daraufhin einleitete, als ich Viscogon ansprang und mit meinen Zähnen zu biss und mit meinen Krallen wie verrückt kratzte, juckte Viscogon nicht besonders. Es schüttelte mich ab, als wäre ich nur ein lästiges Bibor gewesen, so dass ich wieder einige Meter weit weg flog. Wenigstens war Viscogon wieder aufgestanden.
    Leider lag Rico immer noch am Boden und schnappte nach Luft. Ich hoffte inständig, dass keine Knochen gebrochen waren, befürchtete aber das Schlimmste.
    Mühsam versuchte ich mich erneut aufzurappeln. Jedes Mal durch die Luft zu fliegen und so hart zu landen, war nicht schön. Doch ich wollte nicht aufgeben. Was das anging, besaß ich immer noch meinen unerschütterlichen Ehrgeiz, den ich stets auch als Trainerin besessen hatte! Ich richtete mich also auf und kreischte und fauchte und brüllte was das Zeug hielt, um Viscogon dadurch davon abzuhalten erneut auf Rico los zu gehen. Denn Victor erteilte ihm bereits den nächsten Befehl.
    Der Tumult, der durch diesen Kampf entstanden war, blieb nicht lange unentdeckt. Die ganze Szenerie hatte hier nur wenige Minuten Zeit gekostet, obwohl es mir fast schon sehr viel länger vor kam.
    Khyron tauchte auf, an seiner Seite Louis. Wenn Khyron nicht selbst auf Victor aufmerksam geworden war, dann sicherlich durch Louis, nahm ich an. Noch vorhin war er selbst am Zaun gewesen. Vielleicht hatte er schon da Victor entdeckt und hatte Khyron geholt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass die beiden auch da waren, vor allem Khyron. Er würde hoffentlich diese unangenehme Situation lösen können.
    »Was geht hier vor? Was soll das, Victor?«, fragte Khyron, der mit seinem geübten Auge schnell die Situation überprüfte. Ein Blick zu mir, ein Blick zu Rico und dann zu Victor und seinem Pokémon.
    »Wieso greifst du die Pokémon an?«, fragte er ihn und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Victor schnaubte empört auf.
    »Wer sagt, dass ich sie angreife und nicht umgekehrt?« Als ich diese Lüge hörte, wäre mir fast die Hutschnur geplatzt! Ich knurrte sofort ungehalten los. Rico stimmte in mein Knurren mit ein, der sich mittlerweile aufgerichtet hatte und zu Khyron gehumpelt war. Er war verletzt, aber er konnte noch gehen. Das ließ mich hoffen, dass seine Wunden nicht zu schlimm waren.
    Viscogon brüllte auf und wirkte dadurch ziemlich gefährlich. Ich duckte mich weg, knurrte aber immer noch weiter. Mein ganzes Fell stand mir zu Berge.
    »Meine Pokémon haben keinen Grund dazu, dich anzugreifen«, sagte Khyron. Er war sehr ruhig, aber an ihm konnte ich eine gewisse Anspannung fühlen.
    »Deine Pokémon?« Victor sprach mit so viel Sarkasmus und Hohn in der Stimme, dass ich ihm gerne sein blödes Gesicht zerkratzt hätte. Wenn ich nur ran käme …
    »Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist dieses Magnayen das von Zoé Lefevre, nicht wahr? Es kam über den Zaun gesprungen und hat mich sofort angegriffen, dieses wilde Biest!« Victor drehte sich natürlich die Situation zu seinem Besten. Dabei war er es gewesen, der am Anfang auf mich los gegangen war! Wenn ich doch nur Khyron die Situation richtig erklären könnte, aber ich war kein Mensch mehr …
    »Rico hat keinen Grund einfach so andere Menschen anzufallen. Außerdem ist er sehr gut trainiert. Wenn er dich angegriffen hat, dann nur, weil du ihn durch irgendetwas provoziert hast«, hielt Khyron entgegen. Ich war froh darüber, dass er sich nicht so einfach von Victor um den Finger wickeln ließ. Außerdem fiepste ich laut auf, weswegen Khyron kurz zu mir rüber sah. Er legte die Stirn in Falten und ich konnte erkennen, wie in seinem Kopf die Zahnräder ratterten und er eins und eins zusammen zählte. Ich fiepste noch einmal und machte eine Kopfbewegung nach oben, wie als Aufforderung den Gedanken weiter zu spinnen. Khyron sah zurück zu Victor. Dieser machte wieder ein abfälliges Geräusch. Vielleicht hatte er verstanden, dass Khyron begriff, was hier vorgefallen sein könnte.
    »Dieses Biest gehört eingesperrt, so viel steht fest«, meinte Victor und deutete auf Rico, der knurrte. Ich tat es auch wieder. Er beleidigte mein Pokémon, das ging mir dermaßen gegen den Strich, dass ich in Erwägung zog, ihn doch gleich anzufallen.
    »Und was soll das überhaupt, dass die Pokémon hier außerhalb der Pension rum laufen dürfen, hm? Das ist inakzeptabel!« Ich konnte es kaum glauben! Victor erdreistete sich tatsächlich Khyron für etwas anzuklagen, wofür es gar keinen Grund gab. Unerhört!
    »Vielleicht sollte ich dir mal beibringen, wie man Pokémon richtig trainiert?« Victor zeigte auf Khyron und hatte eine herausfordernde Haltung angenommen.
    »Du willst einen Kampf?« Khyron schien es selbst kaum zu glauben.
    »Sicher. Oder hast du Angst davor, zu verlieren?«, provozierte Victor weiter. Khyron machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
    »Mitnichten. Wenn du einen Kampf haben willst, dann bekommst du eben einen Kampf«, sagte Khyron. Wenn ich es recht bedenke, dann hatte ich Khyron noch nicht allzu oft kämpfen sehen, obwohl ich ihm vor allem im Kampfschloss immer wieder über den Weg gelaufen war. Er hatte auf mich auch nie den Eindruck gemacht ein Kämpfertyp zu sein. Na ja, er war halt ein Pokémon-Pfleger für mich, der sich hier in der Pension, um die Pokémon kümmerte. Irgendwie passte das Bild des Kampfes da nicht richtig rein. Ich war neugierig darauf, was für einen Eindruck er in einem Kampf machte, noch dazu welches Pokémon er dafür einsetzen wollte. Da Victor eindeutig mit seinem Viscogon kämpfen wollte, sollte Khyron lieber ein starkes Pokémon einsetzen. Doch als ich bemerkte, dass Khyron ausgerechnet Louis in den Kampf schickte, war ich entsetzt.
    War das wirklich sein Ernst? Warum Louis? Das Folipurba hatte doch überhaupt keine Chance gegen Viscogon! Mir fiel die Kinnlade hinab. Ich war erstarrt und konnte es einfach nicht glauben. Doch nicht ausgerechnet Louis!




    Ich wünsche allen schon mal einen guten Rutsch ins neue Jahr 2017!
    Über Feedback zu meiner Geschichte freue ich mich natürlich sehr.


    Also falls ihr euch was für 2017 vornehmen wollt ... :yeah:


    Lasst mich mal wissen, was ihr von der ollen Zoé haltet, hö hö.


  • Hallo Lexi,


    ja, langsam widerfahren Zoé schon die merkwürdigsten Dinge und besonders nach dem Regen kann man eigentlich wirklich sagen, dass es sie nur mehr in die Traufe verschlägt. Es folgt praktisch ein schlechtes Erlebnis nach dem anderen, selbst wenn es gerade eigentlich ruhig sein könnte und deswegen tut sie mir ja schon etwas leid. Wobei da natürlich beachtenswert ist, dass sie weiterhin so standhaft bleibt und auf ihrer Meinung beharrt. Oder eher, sie lässt niemanden an sich ran. Ansonsten hätte sie ja sicher mit Louis mal drüber geredet, was sie so aufregt oder was sie bedrückt. Da scheint also wesentlich mehr dahinter zu stecken, als man im ersten Moment glaubt, denn sonst würde sie sich nicht so oft in Widersprüche verwickeln.
    Jedenfalls hast du schon jetzt für einen der wohl emotionalsten Momente in der Geschichte gesorgt: Nämlich die Szene, als Khyron Rico versorgt und sie so sinniert, ob Hugos Worte nicht doch wahr sind. Hier scheint nämlich das oben beschriebene Problem schon deutlicher zu werden, dass sie schnell von einem Extrem ins andere wechselt und eigentlich einen recht schwachen Geist besitzt, ihre Stärke aber nur vorgibt. Und das ist halt interessant. Ist sie also womöglich gar nicht so stark, wie es am Anfang schien oder war das gerade einfach nur ein schlechter Moment, in dem sie erwischt wurde? Immerhin geht es ja um ihre Pokémon. Später, als Victor und Viscogon sie angriffen und Rico zu Hilfe kam, merkte man schon, wie stark sie sich plötzlich fühlte, Rico neben sich zu wissen. Es war, als würde sie wieder ganz die Trainerin sein und alles zurückdrängen wollen, was ihr im Weg steht. Sie hatte Sicherheit bei dem, was sie tat und das sind ziemlich starke Kontraste, die du da behandelst. Apropos Stärke: Ihre Reaktion gegenüber Louis ist auch auf die ersten beiden Kapitel zurück zu führen, dass sie glaubt, die Ausstrahlung eines Pokémons zähle auch dazu, um stark zu wirken. Ich denke aber mal, Louis wird mit Viscogon den Boden aufwischen.


    Wir lesen uns!

  • Soo, der Kommi wollte vorgestern schon raus, aber irgenwie hab ich das verpennt.
    Daher ist er erst jetzt da, aber auch wenn er schon geschrieben war.
    Natürlich zu Kapitel 2. ^^


    Kapitel 2


    Puh also diese Reaktion von Zoé war echt heftig. Ihm einfach so eine runter hauen war echt ziemlich viel und den Ärger des Trainers kann ich verstehen. Da hätte sie wirklich eher überlegen solle, was sie dem armen Geowaz antunt. Ich mag zwar keine Gestein-Pokemon, aber das tut mir echt leid.
    Dafür finde ich hast du hier wieder sehr gut ihr Gefühlschaos beschrieben.
    Man merkt, dass sie es eigentlich nicht wollte, dass sie selbst erschrocken über ihre Reaktion war und wie sie sich dennoch einredet, dass es gar nicht ihre Schuld ist. Sie scheint wirklich nur auf Ruhm und Ehre versessen und sich für nichts andere zu interessieren. Ich merke, dass hier hinter und auch dahinter, dass sie sich nicht berühren lassen will irgendwas stecken muss. Umsonst würde sie nicht so denken und nur auf ihre Stärke interessiert und fixiert sein. Vielleicht hat sie früher nie Anerkennung bekommen? Oder wurde immer nur als schwach gesehen? Das sind so meine ersten Ideen, woran das wohl liegen könnte. Aber eines ist klar, Khyron hat da nicht allein schuld, ganz sicher nicht. Ich bin gespannt, ob sie im Laufe der Geschichte noch lernt, dass das nicht alles ist, was zählt.
    Und da bin ich echt gespannt, was man noch über sie rausfinden wird im Laufe der Geschichte! Du hast da einen Charakter geschaffen, der für mich auch richtig interessant ist, nicht sofort zu durchschauen und über den ich auf jeden Fall mehr wissen möchte!


    Oh das Flabebe ist aber niedlich, wie es an ihr hängt. Auf sowas süßes hetzt man doch nicht sein Pokémon! Klar Fee-Pokemon mag ich auch nicht so sehr, mit ein paar Ausnahmen, aber das ist echt übertrieben. Gut das sie davon absieht, denn das muss echt nicht sein.
    Mit Steinen werfen finde ich dagegen, aber auch übertrieben. Man muss sich nicht wundern, wenn es dann angreifen würde, wenn sie es mit Steinen bewirft! So sollte man auch wilde Pokémon echt nicht behandeln. In dem Bereich hat sie noch viel zu lernen, wie ich sehen.
    Und wieder deine Details! Wie du das Kampfschloss hier beschreibst zeigt wieder, dass du dir wirklich Gedanken darüber gemacht hast.
    Also ich find das Verhalten der kleinen Fee schon niedlich. Keine Ahnung warum, aber es scheint sie zu mögen oder was von ihr zu wollen. Der Gedanke, wie sie mit Blütenstaub der so richtig schön glitzert rumläuft ist echt lustig. xD
    Okay jetzt tut Zoé mir doch ein wenig leid. So einen Abhang runter fallen ist sicher nicht schön, aber ich sehe hier den Anfang kommen, und das Flabébé hat da sicher so seinen Anteil dran. Die Krönung ein Bad um Fluss blieb ihr immerhin erspart!
    Ah ich rieche was kommt! (Okay ich weiß ja auch, dass sie ein Pokemon wird) aber ich ahnte das sie es nun ist. Aber gut, dass du nicht einfach schreibst: Hey ich war ein Pokémon!, sondern eben beschreibst, dass und was anderes war.
    Da ist es also passiert und ich bin sicher einen Grund hat das auch! Mein Raten: Bestimmt damit sie lernt, dass man SO nicht mit Pokemon umgehen kann! (Okay ist sicher eh was anderes, aber das würde ich im Moment raten.)


    Das sollte sie ruhig glauben, dass das kein Traum ist. Wobei ich glaube, dass das Flabébé vielleicht kein normales Flabébé ist.
    Passende Reaktion zu ihr, ich glaube ich hätte das im Leben nicht geglaubt. xD
    HA! Hier ist also das Feuer-Pokémon, dass ich vermisst habe! Aber das passt eben auch einfach hier rein, auf deine Art und Weise.
    Und so merkt man, wie sich ein Pokémon fühlen muss. Kann ich verstehen ist sicher kein toll gefühl so begrabbelt zu werden.
    Zoé wurde gefangen. Also das ist auch interessant, bzw. Sie wollen sie fangen. Na ich denke mal dazu kommt es doch nicht.
    Hier kommen wir also zu einem Trainier, der sich über sie lustig gemacht hatte. Komisch müsste sie denn nicht wissen, wie sich alle fühlten, über die sie sich lustig macht?
    Und da hat man sie doch gefangen? Nur wer, das ist hier die Frage. ;)




    (Puh entweder werden deine Kapitel oder meine Reviews länger? O.o)

    Danke an Evali von Pokefans für den tollen Avatar, den sie als Preis für eine Aktion im Bisaboard angefertigt hat.

  • Ich werfe meine Meinung auch einfach mal in den Raum, da ich deine Geschichte bereits still seit einer Weile verfolge. Da ich noch nichts gesagt habe, wird das ein allgemeiner Kommentar zu Zoé & Co :)  
    Da ich auf engl. Tastatur tippe verzeih mir bitte, dass ich spaeter auf Apostrophe in Namen verzichte.


    Als ich das erste Kapitel (damals) gelesen habe, konnte ich Zoe ueberhaupt nicht ausstehen. Sie war genau die Art von Charakter, die ich in den meisten Geschichten sofort in meine "Mag-ich-nicht"-Ecke packe, aber dein Schreibstil und die Idee, die dahinter steckt, haben mich zum Bleiben ueberredet.
    Zu aller erst moechte ich sagen, dass ich Flamara als Wahl toll finde. Geschichten in diese Richtung driften mir viel zu haeufig in diese Uber-Nummer ab, sprich man wird gleich total mega hammer super krass meachtig, weil isso. Aber Flamara ist ein starkes, dennoch "normales" und zugleich stolzes Pokemon, was ich mit Zoe direkt assoziieren kann und stimmig wirkt.
    Sehr schoen finde ich auch deine Interpretationen zu der Pokemonwelt: Die Flabebes, das Wasser welches Flamara-Zoe trifft, die Art der Kommunikation zwischen den Pokemon etc. Besonders freut es mich, dass Zoes Pokemon sie (irgendwie) wiedererkennen, da dies trotz ihrer strengen Art des Trainings auf ein Band der Zuneigung zwischen ihnen deutet, welches auch nach ihrer Verwandlung bestehen bleibt. Das hat fuer mich einen leicht klischeehaften und typischen Aspekt von Pokemon, der aber keinesfalls schlecht ist, im Gegenteil.


    Khyrons Verhalten wird fuer mich immer interessanter, besonders frage ich mich, woran er zuerst erkannt hat, dass Zoe hinter (oder vielmehr in) dem Flamara steckt und wann er versucht ihr zu helfen (dass er es tut ist fuer mich irgendwie klar, weil Khyron einfach wirkt als wuerde er das machen. Aber vielleicht irre ich mich auch =D).


    Auf jeden Fall freue ich mich, wenn du das naechste Kapitel einstellst und wie der Kampf mit Louis und Viscogon endet. ^^

  • Kapitel VII


    Laut und deutlich lachte Victor. Er war ein Ekelpaket. Je länger ich ihn live erlebte, desto weniger konnte ich ihn leiden. Er machte sich lustig über Khyron, besonders über Louis. Zugegeben, auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Folipurba stark genug war, um ein Viscogon zu besiegen. Allein die Größenunterschiede machten was her. Aber dass Victor sich so respektlos gegenüber Khyron und seinem Pokémon benehmen musste, fand ich nicht in Ordnung.
    Das Erschreckendste daran war, dass ich selbst ins Grübeln geriet. War ich genauso gewesen? Habe ich mich auch immer so sehr über meine Gegner lustig gemacht und sie beleidigt? Ich war eine starke Trainerin gewesen. Furchtlos und selbstbewusst und nicht nur einmal hatte ich meinen Gegner in den Boden gestampft. Aber das war an sich noch nichts Schlechtes. Weiter nachdenken konnte ich gar nicht. Victor wies bereits seinem Drachen-Pokémon an, die Sache schnell zu erledigen und Louis einfach unter sich zu zerquetschen mittels eines Bodyslams. Genauso wie er es vorhin mit Rico bereits getan hatte. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass Rico einiges wegstecken konnte. Doch Louis war gegenüber meinem Magnayen noch um einiges schlanker und zierlicher. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass er zerbrechlicher war. Wenn Louis unter Viscogon platt gedrückt wurde, war's das für ihn auf alle Fälle!
    Mein Herz schlug aufgeregt in meinem kleinen Brustkorb. Am liebsten wollte ich weg sehen und die nahende Katastrophe nicht miterleben, aber ich konnte einfach nicht. Ich musste hinsehen, egal was kam, um Gewissheit zu bekommen. Erleichtert war ich, dass Louis im ersten Augenblick geschickt auswich und daher nicht von Viscogon getroffen wurde. Das nervte Victor, der schon jetzt sehr ungehalten wirkte. Ich fragte mich warum. Normalerweise kannte ich ihn als den ruhigen, wenn auch sehr selbstbewussten und arroganten Trainer, der niemals die Nerven verlor. Doch hier wirkte er alles andere als ruhig. Woran lag das? War er tatsächlich nervös? Oder befürchtete er sogar, dass er verlieren könnte? Das war absurd! Es musste an etwas anderem liegen. Eindeutig!
    Bislang griff Viscogon als Einziges an. Victor trieb seinen Drachen immer wieder nach vorn, aber Louis war so flink, er wich jedes Mal aus. Khyron gab auch keinerlei anderen Befehl. Er ließ Louis prinzipiell immer nur ausweichen. Das mochte am Anfang vielleicht nützlich sein, aber wenn er nicht irgendwann zu einem Gegenschlag ausholte, würde er den Kampf auf diese Weise auch nicht gewinnen können. Ich fragte mich, worauf Khyron oder Louis warteten. Wollten sie auf diese Weise Viscogon müde machen? Aber ob das möglich war? Ich kannte die Ausdauer des Drachen-Pokémons. Schon oft hatte ich es in einem Kampf erlebt und mit jedem neuen Kampf schien es stärker geworden zu sein. Ich fürchtete das Schlimmste und sah nun doch weg. Allerdings nicht, weil ich das alles nicht mehr ertragen konnte, sondern wegen Rico.
    Er war gerade dabei sich neben Khyron auf den Boden zu legen und wirkte müde und erschöpft. Ich tapste zu ihm und betrachtete mein Magnayen, ob ich offensichtliche Wunden an ihm erkennen konnte. Nichts war zu sehen, was noch nicht bedeuten musste, dass er unverletzt war. Schließlich hatte er vorhin gehumpelt!
    »H-hast du starke Schmerzen?« Obwohl ich den Kontakt lieber vermieden hätte, sagte ich mir, dass er mich eh nicht erkennen konnte. Ich war jetzt ein Flamara, also was soll's! Rico sah mich, hörte meine Frage und stand sofort wieder auf. Etwas zu ruckartig meiner Meinung nach.
    »Nein!«, meinte er und gab sich mir stark gegenüber. Ich zweifelte sofort seine Antwort an und betrachtete ihn deswegen sehr kritisch. Außerdem konnte ich mich an kein einziges Mal erinnern, dass er sich je schwach dargeboten hatte. Selbst nach einem heftigen Kampf hatte er stets versucht auf allen Beinen stehen zu bleiben. Auch bei schwereren und blutigeren Wunden. Ich fürchte, das war meine Schuld gewesen, denn Schwäche hatte ich nie akzeptiert. Ich hatte stets gewollt, dass meine Pokémon stark waren und niemals nachgaben oder einknickten. Dabei war es eigentlich nichts Verwerfliches sich auch auszuruhen, seine Wunden zu lecken, um sich zu erholen. Oder? Wieso komme ich erst jetzt darauf? War alles, was ich je getan und vor allem wie ich meine Pokémon erzogen hatte, falsch gewesen? Ich zweifelte an mir selbst und bekam ein schlechtes Gewissen.
    »Wenn du Schmerzen hast«, begann ich zögerlich und fast schon ein wenig kleinlaut »dann ist das okay. Ruh dich aus. Du warst vorhin echt tapfer!« Ich lobte ihn, was er sich auch verdient hatte. Ohne ihn wüsste ich nicht, was jetzt mit mir wäre. Vielleicht würde ich mich bereits schon in einem der Bälle von Victor befinden. Der Gedanke ließ mich erschaudern.
    Rico nahm meine Worte positiv auf, denn dem Wackeln seiner Rute zu urteilen, freute er sich darüber. Er ließ sich zurück auf den Boden sinken und versuchte nicht den Starken zu spielen. Das fand ich in Ordnung, wandte mich aber von ihm ab, um in den Himmel zu sehen. Die Sonne, die hinter den Wolken hervor kam, denn der Tag hatte eher bewölkt begonnen, tat gut. Ich spürte ihre angenehme Wärme auf meinem dichten Fell und fühlte mich dadurch gleich viel besser. Es war schön. Dieser Effekt war mir die letzten Tage überhaupt nicht aufgefallen, komisch.
    Mein Blick wanderte zurück zum Kampf. Louis wirkte so, als würde er einen Tanz um Viscogon veranstalten, der immer noch mit seinem Nassschweif versuchte ihn zu treffen. Selbst wenn er das tat, wusste doch jeder, dass Wasserattacken keinen so großen Effekt gegenüber Pflanzen-Pokémon hatten. Aber das war ja nicht mein Problem, sondern das von Victor. Wenn er glaubte auf diese Weise zu gewinnen, sollte er nur. Louis war immer noch sehr flink und langsam ging mir buchstäblich ein Licht auf. Ich blickte erneut zum Himmel und zur Sonne, die so intensiv strahlte, dass es deutlich stärker war als die letzten Tage. Dann fiel mein Blick wieder auf Louis, der immer noch umher tänzelte und gerade eine Spukballattacke ausstieß, die Khyron ihm befahl.
    Das war eine Attacke, die viele Pokémon lernen konnten. Auch ich hatte sie meinen Pokémon beigebracht. Rico hatte sie vorhin ebenfalls eingesetzt. Abgesehen von dem Schaden, den sie anrichten konnte, war sie praktisch, weil sie nebenbei auch die Verteidigung des gegnerischen Pokémons ins Wanken bringen konnte. Ob Khyron auf diesen Effekt abzielte oder ob es nur der Schaden sein sollte, den er verursachen wollte … Ich hatte das Gefühl, dass weitaus mehr dahinter steckte. Besonders da mir aufging, dass Louis nicht ohne Grund die ganze Zeit ausgewichen war. Er hatte den Sonnentag ganz nebenbei eingesetzt. Deswegen strahlte die Sonne nun so hell und intensiv. Als Feuer-Pokémon schien ich das zu mögen, weil ich mich Coiffwaffwohl fühlte. Das war einfach herrlich! Aber nicht nur Feuer-Pokémon profitierten von einem starken Sonnenlicht und dessen Energie. Pflanzen-Pokémon hatten auch was davon. Besonders Louis.
    Jetzt, wo die Sonne so stark war, schienen seine Bewegungen noch viel schneller zu werden. Victor wurde richtig wütend und diese Wut schwappte auch auf Viscogon über. Es brüllte ungehalten auf und ich verstand, dass es einen Wutanfall bekam. Typisch für Drachen-Pokémon, deswegen waren sie so gefährlich. Viscogon rastete regelrecht aus, was mir Sorgen bereitete. Nicht nur, dass der Zaun der Pension zu Schaden kam und somit das Holz zerbarst, als Viscogons Schweif dagegen prallte. Ich hatte auch Angst um Louis. Wenn er getroffen wurde … ! Kaum hatte ich das gedacht, schon geschah es! Trotz der Flinkheit, die Louis an den Tag gelegt hatte, wurde er dieses Mal getroffen und flog und rutschte über den Boden mehrere Meter weit weg und kam fast vor uns zum Liegen. Ich war erschüttert und hatte Angst um ihn, dass er ernsthaft verletzt worden war.
    »Synthese«, hörte ich Khyron neben mir sagen. Ich sah ruckartig zu ihm hoch und bemerkte, wie ruhig er war. Seine Arme hatte er vor dem Brustkorb verschränkt und wirkte nicht im Mindesten beunruhigt. Er war mir eindeutig zu gelassen, als wäre gar nichts passiert. Dabei hätte gerade Louis fast verloren, oder nicht? Ich meine, dieser Schlag, diese Kraft, die von Viscogon ausging … ! Das konnte man doch nicht so ohne Weiteres wegstecken!
    Zurück zu Louis geschaut, sah ich wie er sich etwas aufrichtete. Genauso sah ich, dass er Schmerzen dabei hatte. Er war verletzt worden! Aber nicht für lange. Seine einsetzende Synthese sorgte dafür, dass seine Verletzungen sehr schnell verheilten und er wieder Kraft tanken konnte. Das war immer sehr beeindruckend. Pflanzen-Pokémon konnten sich auf diese Weise wieder aufrappeln, was sie unter anderem zu gefährlichen Gegnern machen konnte. Khyron hatte also darauf gesetzt, ja? War er deswegen so ruhig?
    Louis war mittlerweile wieder aufgestanden, aber dabei blieb es nicht. Ich konnte erkennen, wie sein Körper immer mehr zu leuchten begann. Das hatte schon vorhin angefangen, als die Sonne stärker geworden war. Doch jetzt nahm es bei Louis immer mehr zu. Die Energie, die er sammelte, kam von der Sonne und mir wurde klar, worauf es abzielen würde. Doch konnte das wirklich ausreichen, um Viscogon zu besiegen? Ich wollte es einfach nicht glauben und blieb pessimistisch. Schließlich musste an dieser Stelle gesagt sein, dass Louis' Gegner immer noch ein Drachen-Pokémon war und die konnten verdammt viel einstecken. Es gab nur wenige Attacken, die ernsthaften Schaden anrichten konnten!
    »Nun mach schon! Setze endlich deinen Flammenwurf ein!«, brüllte Victor ungehalten. Warum hatte er diese Attacke nicht schon vorher eingesetzt? Oh verdammt. Mir fiel schlagartig ein, dass auch Feuerattacken einen Vorteil bei starken Sonnenstrahlen besaßen. Sie wurden immens verstärkt und wenn Louis davon getroffen wurde, war's das. Panisch sah ich zu Khyron hinauf, um zu sehen, was er dagegen tun wollte. Noch immer war er nicht aus der Ruhe zu bringen, aber wieso denn nur? Beinahe verängstigt sah ich zu Louis. Sein Energiepegel musste enorm gestiegen sein. Ich wartete schon hibbelig darauf, dass er seine Attacke endlich einsetze, doch Viscogon würde ihm vielleicht zuvor kommen. Oder nicht?
    Nein, tat es nicht. Erst jetzt merkte ich, dass bei dem Drachen etwas nicht stimmte. Es setzte seinen Flammenwurf nicht ein, sondern taumelte hin und her. Es war verwirrt! So stark ein Wutanfall auch war, er sorgte oftmals dafür, dass das Pokémon, welches diese Attacke einsetzte, danach verwirrt war. In diesem Fall war es genauso und das war wiederum ein Vorteil für Louis und Khyron. Ich war erleichtert. Besonders, als Khyron endlich den Angriffsbefehl gab und Louis nicht länger zurückhielt.
    »Solarstrahl!« Auch wenn das nur eine Pflanzenattacke war, sie besaß viel Kraft und durch die Sonne hatte Louis noch mehr Energie tanken können als ohne hin schon. Dieser enorme Energiestrahl wurde nun direkt auf Viscogon geschossen, welches keine Chance hatte auszuweichen. Die Verwirrung verhinderte, dass es normal reagierte. Es wurde mit voller Wucht getroffen. Sich dagegen verteidigen konnte es einfach nicht mehr und wurde zurückgeschleudert. Mit einem heftigen Aufprall ging es nach hinten zu Boden. Victor musste sogar ausweichen, um nicht von seinem eigenen Pokémon nieder gedrückt zu werden. Er sah sogar ziemlich erschrocken aus. Und wütend. Die Wut verrauchte bei ihm nicht, sondern stieg noch mehr.
    »Los, steh gefälligst auf!« Aber Viscogon stand nicht auf, was auch Victor begriff. Das Drachen-Pokémon war erledigt. Es war zu erschöpft. Der Angriff hatte es besiegt. Auch wenn es eine starke Attacke gewesen war, so glaubte ich nicht, dass sie so ohne Weiteres Viscogon besiegt hätte. Viel mehr wurde mir bewusst, dass Louis um einiges stärker war, als ich bisher angenommen hatte. Hatte Victor am Anfang also doch Angst gehabt zu verlieren, weil er vielleicht gewusst hatte, dass Khyron ein gefährlicher Gegner mit seinem Folipurba sein konnte? Ich war geplättet – einfach nur beeindruckt. So etwas hatte ich einfach nicht erwartet.
    »Grr, glaube bloß nicht, dass ich das so einfach hinnehme. Wir werden uns wiedersehen, verlass dich drauf!«, brüllte Victor wütend Khyron entgegen. Er hatte sein Pokémon zurück in seinen Ball gerufen und war nun drauf und dran beleidigt davon zu stapfen. Doch bevor er ging, musste er natürlich zeigen, was für ein schlechter Verlierer er war.
    »Du hättest niemals gewonnen, wenn mein Pokémon nicht verwirrt gewesen wäre!«, warf er Khyron vor, der selbst nur eine Augenbraue hoch zog. Auch jetzt war er noch so verdammt ruhig, dass andere es als Coolness bezeichnen würden.
    »Du meinst die Verwirrung, an der dein eigenes Pokémon dran Schuld war?« Ich grinste in mich hinein. Durch den Wutanfall hatte sich Viscogon selbst kampfunfähig gemacht. Pure Kraft allein reichte manchmal nicht aus, um zu gewinnen. Das hatte dieser Kampf bewiesen. Victor knurrte nur noch einmal wütend in unsere Richtung, ehe er sich dann auch schon umwandte und davon stiefelte.
    Khyron und Louis hatten gewonnen! Was war ich froh darüber. Ehrlich, ich konnte gar nicht anders, als mich zu freuen. Daher sah ich auch so freudig zu Khyron hinauf. Vielleicht verstand er meinen Gesichtsausdruck, denn als er zu mir hinab sah, lächelte er gewinnend.
    Louis kam zu uns. Obgleich er eine fabelhafte Figur im Kampf gemacht hatte, wirkte er nun sehr erschöpft. Eine so starke und energiegeladene Attacke einzusetzen, verbrauchte eben auch viel Kraft. Louis hatte sich aber seine Pause und seinen Sieg verdient, fand ich.
    »Gut gemacht, Kumpel«, lobte Khyron ihn, kniete sich zu ihm hinunter und streichelte ihm durch das kurze Fell. Louis war zufrieden, was er auch ungehindert sein durfte.
    Gewonnen!


    Weniger gewinnbringend war der zerstörte Zaun. Er würde repariert werden müssen und meiner Meinung nach müsste Victor dafür zur Kasse gebeten werden. Aber so wie der sich benahm, würde es am Ende noch zu einem Rechtsstreit kommen und ob man sich diese Mühe wegen eines zerstörten Zaunes machen wollte, war mal dahin gestellt. Kritisch beäugte Khyron die kaputte Zaunstelle, konnte aber jetzt nichts dagegen unternehmen. Er brauchte schließlich dafür neues Holz und das hatte er jetzt gerade nicht zur Hand. Ob seine Eltern sauer darüber sein würden? Andererseits konnte ich mir vorstellen, dass hier hin und wieder mal was kaputt gehen konnte. Bei den vielen Pokémon, die hier untergebracht waren. Nicht alle waren immer ganz ruhig und lieb. Es gab manchmal auch wildere Exemplare. An dieser Stelle dachte ich an mein Brutalanda und hoffte, wo auch immer es untergebracht war, dass es sich benahm und nicht durchdrehte.
    Wir gingen ins Haus, wo Khyrons Eltern mal wieder in der Küche waren. Sie bereiteten gerade das Futter für die Pokémon vor.
    »Ähm, der Zaun ist kaputt«, rückte Khyron gleich mit der Wahrheit heraus. Besonders sein Vater sah ihn kritisch an.
    »Ich dachte schon, ihr wollt da draußen noch alles in Schutt und Asche legen, so wie das geklungen hat.« Trotz der Worte, wirkte er auf mich eher gelassen. Seltsam. Ich hätte mit mehr Sorge oder vielleicht auch mehr Ärger gerechnet.
    »Tut mir leid, ich kümmere mich die Tage darum«, sagte Khyron entschuldigend. Seine Eltern nickten nur und nahmen es einfach so hin. Ehrlich, ich war erstaunt. Sie wurden nicht wütend? Ich kannte einige Elternpaare, die ausgerastet wären und sofort gemeckert hätten. Khyrons Eltern hingegen taten das nicht und ich glaubte zu ahnen, woran das lag. Ihr Sohn war ziemlich verantwortungsbewusst und wenn er sich selbst um den Zaun kümmern wollte, bedeutete das auch enorme Selbstständigkeit. Das würde nicht jeder machen. Viele würden es sogar den Eltern überlassen die Reparaturen zu übernehmen. Nicht so Khyron.
    Je länger ich hier bei ihm lebte, desto besser lernte ich ihn kennen und zugegeben, desto beeindruckter war ich von ihm. Er mochte noch bei seinen Eltern wohnen, was auch damit zusammenhing, dass er ganz sicher später die Pension weiter führte, aber anders als so manch anderer war er nicht das typische Muttersöhnchen. Er stand auf eigenen Beinen trotz der Nähe zu seinen Eltern.
    Während er die Küche wieder verließ und ins Wohnzimmer ging, in dem ich noch nicht wirklich drin gewesen war, wo er irgendetwas zu suchen schien, beobachtete ich Louis. Er ging hinüber zu seinem Körbchen in der hintersten Ecke der Küche, wo er sich gleich hinlegte und einrollte. Ich folgte ihm und betrachtete ihn vom Nahen, aber er reagierte nicht auf mich. Er war bereits eingeschlafen, kaum dass er lag. Er musste wirklich sehr erschöpft sein. Da fiel mir auch Rico ein! Auch er war noch hier, aber schon sah ich, wie Khyrons Mutter ihn betrachtete und ihn versorgte.
    »Na mein Kleiner«, sprach sie ihn an. Als klein empfand ich Rico nicht, aber es war wohl eher eine liebliche Anrede.
    »Du scheinst auch was abbekommen zu haben, hm? Dann lass mich mal sehen.« Sie nahm Rico mit und würde ihn vermutlich zurück in sein Zimmer bringen. Außerdem wusste ich, dass sie, bevor sie Arthur, Khyrons Vater, kennen gelernt hatte, in einem Pokémon-Center gearbeitet hatte. Sie hatte also eine medizinische Ausbildung genossen, die vor allem bei der Pflege der Pokémon sehr wertvoll war. Ich war mir sicher, dass Rico bei ihr in guten Händen war und machte mir deswegen keine Sorgen um ihn.
    Da kurz darauf auch Khyrons Vater die Küche mit etlichen Futtereimern verließ, blieb ich hier allein zurück. Keiner hatte mich großartig beachtet und Louis schlief. Ich entschloss mich die Küche zu verlassen, aber nicht nach draußen, sondern in den Flur des Hauses, von wo aus ich Khyrons Weg in das Wohnzimmer folgte. Ich blieb dort im Türrahmen stehen und beobachtete ihn, wie er in einem Schrank nach etwas suchte.
    »Ich bin mir sicher, dass wir noch … «, murmelte er vor sich hin. Ich legte den Kopf zur Seite und betrat das Wohnzimmer komplett. Es war sehr gemütlich eingerichtet. Eine große Couch, auf der man sich einkuscheln konnte, da auch einige Kissen darauf lagen. Es gab sogar einen kleinen Kletterbaum für Pokémon auf der anderen Seite. Ob Louis ihn manchmal nutzte? Der Fernseher durfte auch nicht fehlen neben einigen Pflanzen und Schränken. Außerdem gab es große Fenster, die dazu noch auf eine Terrasse führten. Sie hatten es hier wirklich schön. So groß war mein Zuhause nicht, denn ich lebte mit meiner Mutter alleine in Relievera City in einer kleinen Wohnung. Meinen Vater kannte ich kaum. Er hatte uns früh verlassen, aber das war mir egal. Ich hatte nie eine Beziehung zu ihm aufgebaut.
    »Na bitte«, sagte Khyron und riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah wieder zu ihm und als er mich bemerkte, dass ich auch hier war, lächelte er mich an. Was hatte er denn vor? Er kam direkt auf mich zu, hob mich auf seine Arme und setzte mich gleich wieder auf der Couch ab. Ja, gemütlich war die auch. Er setzte sich neben mich und da sah ich, was er in den Händen hielt. Es war ein weißes Halsband mit ein paar schönen glitzernden Steinchen. Nicht zu viele, so dass es nicht überladen wirkte. Aber was genau wollte er denn damit? Lange brauchte ich auf die unausgesprochene Frage nicht zu warten. Er hielt mir nämlich das Halsband entgegen. Huch? War das für mich?
    Als er versuchte es mir anzulegen, wehrte ich mich nicht dagegen. Ich ließ ihn einfach machen. Natürlich hätte ich mich auch weigern können, aber warum sollte ich? Okay, dieses Halsband bedeutete nur noch mehr, dass ich ein Pokémon war. Aber … Angesichts dessen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich wieder zum Mensch werden sollte und vorerst auch hier bleiben würde, war das schon in Ordnung. Denke ich …
    »So dürfte nun jeder kapieren, dass du nicht zur freien Verfügung stehst«, sagte Khyron. Ich erkannte dieses Halsband als das an, wofür es da war: Als Schutz für mich selbst, damit nicht wieder irgendein Idiot daher kam und der Meinung war, mich einfangen zu müssen. Das war gut.
    Bisher hatte Khyron auch noch nicht versucht mich in einen Pokéball zu stecken. Quasi als offizielles Zeichen dafür, dass ich ihm gehörte. Möglicherweise würde er das nie machen? Obwohl ich mich schon fragen musste, warum nicht. Aber wen kümmerte es schon? Das Halsband dürfte auch ausreichen und ich wollte eh in keinen Ball. Als er begann mich zu kraulen, da wurden alle anderen Dinge nebensächlich. Ich gab mich der Zuneigung hin und genoss sie. Ich ging sogar so weit, dass ich ohne große Bedenken auf seinen Schoß kletterte und es mir darauf gemütlich machte. Khyron kommentierte das nur mit einem leichten Lachen, aber er kraulte mich trotzdem weiter. Er schien also nichts dagegen zu haben, was mir wiederum zu Gute kam. Hätte ich gewusst, wie gut es sich anfühlen konnte ein Pokémon zu sein, hätte ich mich am Anfang nicht so sehr dagegen gesträubt. Auf diese Weise konnte man auch das Leben genießen. Der einzige Nachteil an der Zuwendung war, dass sie einen ganz schön schläfrig machte. Das merkte ich und musste gähnen. Ich glaube, es dauerte nicht sehr lange, da war ich auf seinem Schoß eingeschlafen.


    Erst nach mehreren Stunden erwachte ich, aber ich hielt meine Augen verschlossen. Es war einfach zu gemütlich auf dem weichen Untergrund. Ich hatte mich hier eingekuschelt, obwohl ich nicht einmal genau wusste, wo das »hier« überhaupt war. Der Duft, der mir in die Nase stieg, roch nach Vertrautheit, auch nach einem geborgenen Ort, wo ich ohne Probleme länger verweilen konnte, ja sogar wollte. Es gab keinen Grund sich dieser gemütlichen Atmosphäre, in der ich eingelullt war, zu entziehen. Trotzdem entschloss ich mich dazu nach wenigen Minuten doch einmal ein Auge zu öffnen, kurz darauf auch das zweite.
    Es war dunkel. Nicht so dunkel, dass ich nichts erkennen konnte. Wäre ich ein Mensch, wäre das vielleicht problematischer geworden, aber ich hatte bereits festgestellt, dass ich als Pokémon in der Dunkelheit ein bisschen besser sehen konnte. Wobei meine Orientierung sich tatsächlich mehr auf die Ohren und teilweise auch auf die Nase bezogen und weniger auf die Augen. Als Pokémon nahm man die Umgebung auch deutlich anders wahr statt als Mensch. Besonders in der Nacht, denn diese war bereits angebrochen. Das begriff ich, als ich zum Fenster sah. Es war Nacht und ich selbst lag auf Khyrons Bett. Er musste mich hier abgelegt haben, aber von ihm selbst war keine Spur zu sehen. Seltsam.
    Obwohl ich mich gut und gern wieder hinlegen und weiter schlafen könnte, stand ich auf und sprang vom Bett herunter. Statt aber den direkten Weg aus dem Zimmer zu suchen, lief ich zum Fenster, sprang dort auf den Sims und setzte mich hin, um nach draußen zu sehen. Da kein Rollo runter gelassen war, stellte das kein Problem dar. Die Nacht war sternenklar, es gab kaum eine dunkle Wolke, die etwas verdeckte. Außerdem konnte ich ziemlich gut den zunehmenden Mond erkennen. Noch ein paar weitere Nächte und er würde seine volle Größe erreicht haben. Auf dem Gelände der Pension leuchteten in weiterem Abstand einige Lampen, die vor allem die Wege markierten. Sehen konnte ich aber keine Pokémon. Sie waren sicherlich alle drinnen untergebracht. Im Stall oder auch in dem Haus, wo so viele Zimmer für die Pokémon eingerichtet waren.
    Wen ich aber sehen konnte, war Khyron, der nicht unweit vom Wohnhaus entlang ging. Auf seiner Schulter trug er ein paar Latten Holz. Sofern ich denn das richtig erkannte. Hatte er etwa noch heute für Nachschub wegen dem kaputten Zaun gesorgt? Ehrlich jetzt? An seiner Stelle hätte ich das erst morgen gemacht.
    Eine Bewegung nehmen mir, lenkte mich ab. Louis war wie aus dem Nichts aufgetaucht und neben mich auf den Fenstersims gesprungen, wo er sich zu mir gesellte. Er wirkte wie immer sehr gelassen, hob seine rechte Pfote und leckte darüber. Danach gähnte er.
    »Bist du gerade auch erwacht?«, wollte ich von ihm wissen. Er sah mich mit seinen braunen Augen. Ein bisschen verschlafen wirkte er dabei, doch seine Antwort passte nicht zu dem Eindruck, den ich von ihm hatte.
    »Nein«, sagte er. Wollte er mich veräppeln? Er sah müde aus!
    »So wirkst du aber!«, hielt ich ihm vor. Ich mochte nicht angelogen werden und regte mich innerlich schon darüber auf. Es war doch nichts Verwerfliches daran, schließlich hatte ich doch eben auch noch geschlafen gehabt!
    »Liegt daran, dass ich noch etwas erschöpft bin«, fuhr er fort. Von meiner inneren Aufregung schien er nichts mitbekommen zu haben, was mir auch sehr gelegen kam. Denn kaum hörte ich ihn das sagen, da bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich gerade so negativ über ihn gedacht hatte.
    »Du meinst wegen dem Kampf?«, fragte ich nach und er bestätigte diese Frage mit einem Kopfnicken. Er war also noch immer erschöpft von dem Kampf, vermutlich wegen dem Solarstrahl. Ich hatte mir nie darüber große Gedanken gemacht wie es für die Pokémon sein musste, Attacken einzusetzen, sie einzustecken, überhaupt zu kämpfen. Natürlich wurden sie dabei auch mal verletzt, das kam schon vor. Aber dann pflegte man sie wieder gesund und stürzte sich erneut in den Kampf. Niemals bin ich auch nur auf die Idee gekommen, wie anstrengend das für ein Pokémon eigentlich sein konnte. Was es alles ertragen musste, nur damit sein Trainer gewinnen konnte.
    Wenn Louis noch immer erschöpft war, wie war das bei anderen Pokémon und bei noch stärkeren Attacken? Besonders wenn ein Pokémon solch eine abbekam?
    »Du warst … beeindruckend«, gestand ich ihm. Es war ehrlich von mir gemeint, denn ich hatte nicht erwartet gehabt, dass er eine solche Stärke an den Tag legte. Er hatte schließlich ein Drachen-Pokémon bezwungen, das konnte nicht jeder von sich behaupten!
    »Ja?« Louis klang bei seiner Nachfrage glücklich, vielleicht etwas zu sehr. Ich legte meine Ohren an und musterte ihn skeptisch.
    »Jetzt heb aber bloß nicht ab!« Wehe er begann jetzt deswegen übermütig zu werden und anzugeben. Das konnte ich nicht gebrauchen.
    »Hm? Werde ich nicht. Ich hab Höhenangst!«, gestand mir das Folipurba und ich sah es an, als wäre ein pinkes Glurak. Dann musste ich lachen.
    »Ernsthaft? Du hast Höhenangst?« Ich glaubte mich zu verhören, aber Louis wirkte nun ein wenig pikiert darüber.
    »Natürlich! Hätte ich sie nicht, wäre ich wohl ein Vogel-Pokémon!«, sagte er. Ich war immer noch amüsiert, musste ihm aber Recht geben und wenn ich selbst so darüber nachdachte, dann hatte ich vielleicht auch Höhenangst. Sofern es hoch genug war. Nicht jede Höhe ließ mich erschaudern. Es war kein Problem irgendwo auf dem Tisch herum zu laufen oder irgendwo auf Schränken herum zu turnen, weil ich mich da recht sicher fühlte. Aber so echte Höhen … Brr, nein.
    »So, du gehörst also jetzt zu uns, ja?« Als ich Louis Worte hörte, sah ich ihn wieder an.
    »Wie meinen?«, fragte ich nach, weil ich ihn nicht verstand. Was meinte er genau damit? Er streckte den Kopf nach vorne und deutete auf das Halsband, was ich schon ganz vergessen hatte. Da es mich nicht sonderlich störte, war es auch einfach zu vergessen, dass ich es trug.
    »Oh, äh ja, sieht ganz danach aus«, meinte ich. War das vielleicht ein Problem für Louis? Er sagte nicht direkt etwas dazu, ob es ihn stören könnte. Bisher hatte ich auch nicht den Eindruck bekommen, dass er ein Problem damit hatte, dass ich hier war. Andererseits war es bestimmt gewohnt, dass fremde Pokémon ebenfalls hier da waren und kamen und gingen.
    »Mhmm, und willst du es? Ich meine, hier bleiben?«, fragte er mich dafür und überraschte mich. Er stellte eine Frage, die ich so an sich für mich noch nicht genau beantwortet hatte und irgendwie aber auch schon längst entschieden hatte. Tatsache war doch, dass ich nicht in die Finger anderer Trainer gewollt hatte und deswegen hier geblieben war. Aber die Frage von Louis bedeutete weiter gedacht auch, dass ich nicht nur für eine Weile hier bleiben würde, sondern wohl für immer.
    »Ich … ich weiß nicht. Ich denke schon … « Auf einmal war ich verunsichert. Wollte ich den Rest meines Lebens hier verbringen? Als Pokémon und nicht als Mensch? Denn diese Frage musste ich mir auch stellen. Nur welche Alternative hatte ich schon? Gut, die Pension war wohl die Erste, mit der ich mich abgefunden hatte. Aber könnte es anderswo für mich besser laufen? Wie oft erwähnt: Zu einem anderen Trainer wollte ich nicht, doch die Vorstellung davon frei in der Wildnis zu leben, behagte mir auch nicht. Ich hatte genügend Erfahrungen als Trainerin mit wilden Pokémon gemacht. Sie verteidigten ihr Revier, wenn es darauf ankam, verteidigten ihre Jungen oder stritten sich um die beste Beute oder das beste Futter. In der Wildnis zu leben bedeutete ein Kampf auf Leben und Tod. Ich glaubte nicht, dass ich dazu in der Lage war. So stark ich mich auch immer geben wollte, aber in dieser Hinsicht würde ich aufgeschmissen sein. Ich mochte ein Pokémon sein, hatte aber keine Ahnung von den Fähigkeiten und Attacken, die ich einsetzen konnte. Das waren nicht gerade die besten Voraussetzungen, um in freier Wildbahn zu überleben. Nur wie sollte mein zukünftiges Leben aussehen? Weiterhin in der Pension leben, tagein und tagaus?
    Louis wie auch ich selbst wandten uns vom Fenster ab, als wir beide Schritte hörten und kurz darauf Khyron ins Zimmer kommen sahen. Er schaltete das Licht an und ich sah, dass er frisch geduscht war. Das konnte man allein daran erkennen, dass er nicht besonders viel anhatte und sein Körper noch ein bisschen feucht wirkte, aber wenigstens war er auch nicht ganz nackt. Puh, Glück gehabt. Pokémonkörper hin oder her, schlussendlich hatte ich den Verstand eines Menschen und der betrachtete manche Dinge eben doch anders als ein Pokémon.
    Louis sprang wieder vom Fenstersims hinab, lief zu Khyron, um sich seine Portion Zuwendung zu holen, aber dann verschwand er auch schon aus dem Zimmer. Louis blieb nicht hier? Mit meinen feinen Ohren hörte ich ihn ganz leise die Treppe nach unten laufen, bis gar kein Geräusch mehr zu mir drang. Bisher hatte ich nicht so sehr darauf geachtet, aber womöglich schlief Louis wirklich hauptsächlich unten in der Küche in dem Körbchen. Konnte das sein?
    »Na Kleines«, hörte ich Khyron, der auf mich zugekommen war und mir über den Kopf strich. Ich ließ es mir gefallen, aber es war auch nur ein kurzer Moment. Khyron sah müde aus und wie ich auch annahm, wollte er ins Bett, um zu schlafen. Als er das Licht wieder ausschaltete, sprang ich nun selbst vom Fensterbrett und lief zu ihm rüber. Zum Bett, in das er sich bereits gelegt hatte. Es war schließlich seines. Zum ersten Mal wusste ich nicht genau, wo ich eigentlich schlafen sollte. Ich war weder besonders müde noch besonders wach. Mir war nicht danach in der Nacht nun herum zu laufen, um mich auf irgendeine Art und Weise zu beschäftigen. Da wirkte das Bett doch sehr viel einladender, aber da lag nun Khyron drin. Ich wusste nicht einmal, ob ich jetzt da noch rein durfte, geschweige denn ob ich das überhaupt wollte. So saß ich verunsichert und wenig Entscheidungsfreudig vor dem Bett auf dem Boden und wusste nicht wohin mit mir. Ziemlich blöd.
    Khyron bemerkte mich oder wartete selbst darauf, dass ich irgendetwas tat. Aber weil von mir nichts kam, streckte er die Hand aus, so dass ich wieder spürte, wie er mir durch das Fell kraulte. Ich mochte mittlerweile diese Zuwendungen sehr. Sie hatten etwas sehr beruhigendes. Dadurch fühlte ich mich nicht ganz so allein. Ich glaube, ohne Khyron wäre ich schon längst durchgedreht.
    »Na komm«, sagte er und ich wusste sofort, was er meinte. Er lud mich in sein Bett ein. Sollte ich mir Sorgen darum machen, dass ich ohne Zögern dieser Aufforderung nachkam? Okay, ich war ein Pokémon, ich war ein Pokémon! Vollkommen egal, das war etwas anders, als wenn ich ein Mensch wäre. Das redete ich mir zumindest ein und sprang auf das Bett und kletterte über ihn, um mich auf die Seite zur Wand zu legen. Khyron drehte sich so, dass er zu mir und damit auch zur Wand lag. Erneut spürte ich seine Hände durch mein Fell streicheln. Es war angenehm und ich schloss die Augen. Sicherlich würde ich nicht lange brauchen, um einzuschlafen. Das fiel mir relativ leicht, besonders jetzt. Aber bevor ich völlig wegdämmerte, hörte ich von Khyron noch sagen:
    »Schon seltsam, was alles passiert … « Ich fragte mich, was er damit meinen könnte, aber lange darüber nachdenken konnte ich nicht. Der Schlaf holte mich schneller ein, als ich gedacht habe. Es war einfach zu gemütlich in diesem weichen schönen warmen Bett. Da konnte ich nicht anders, als mich dieser einlullenden Geborgenheit hinzugeben.


  • Kapitel VIII


    War es wirklich passiert? Dass ich in diesem Trott gelandet war ohne wieder heraus zu kommen? Ich zählte die Tage nicht mehr. Ich lebte sie einfach. Als Pokémon, nicht als Mensch, wie ich es eigentlich tun sollte.
    Ich hatte nicht das letzte Mal in Khyrons Bett geschlafen und es würde vermutlich noch etliche Male mehr geben, wo ich mich zu ihm legte, mich von ihm kraulen ließ, ja eigentlich sogar mit ihm kuschelte. Eben so, wie es ein zahmes Pokémon tat, welches seinen Trainer mochte.
    Mochte ich also Khyron? Irgendwie schon. Es musste daran liegen, dass ich wenig Gedanken daran verschwendete mir zu überlegen, wie ich die Situation ändern konnte. Wie ich zum Mensch werden konnte, der ich einmal war. Je mehr Tage vergingen, desto weniger wollte ich es und verkroch mich in diese kleine Scheinwelt. Denn nichts anderes war es: Eine Traumwelt, in der ich gefangen war. Ich träumte zwar nicht, weil das alles real passierte, aber es war trotzdem eine Traumwelt. Eine, die nicht sein dürfte. Ich dufte nicht hier sein und war es dennoch. In meinem tiefsten Inneren war mir bewusst, dass ich etwas tun musste. Dass ich einen Weg finden musste, um diesen Traum zu durchbrechen, um in der realen Welt wieder aufzuwachen. Aber ich fürchtete mich davor und zwar so sehr, dass ich alles andere besser fand, als mich auf die Suche zu begeben.
    Ich akzeptierte das Leben als Pokémon, akzeptierte, wenn man es so will, meinen Trainer Khyron und akzeptierte, dass ich hier auf dem Gelände der Pension lebte. Allerdings akzeptierte ich immer noch kein rohes Fleisch und brauchte daher immer noch meine Extrawurst. Fakt ist aber, dass ich mich weigerte etwas zu suchen, von dem ich nicht wusste, ob es wirklich existierte. Gab es einen Weg mich wieder zum Menschen werden zu lassen? Klar, man könnte großkotzig sagen, dass es den gab, schließlich hat es auch geklappt, dass ich zum Pokémon wurde. Aber warum sollte ich das glauben, wenn es hier so viel einfacher war? Wenn das Leben doch angenehm war und ich nichts vermissen musste … ?
    Tatsächlich vergingen nur wenige Tage, denn Hugo kam schon bald wieder zur Pension. Genau an dem Morgen, als Khyron damit begonnen hatte den Zaun zu reparieren, der beim Kampf zerbrochen war. Louis und ich saßen in der Nähe, hockten in der warmen Sonne und beobachteten Khyron bei seiner Arbeit und sahen die Ankunft von Hugo. Er war ein wenig außer Atem, weil er sich beeilt hatte. Besonders bei den Worten, die er an Khyron richtete, fragte ich mich, warum er nicht einfach sein Mobiltelefon genutzt hatte. Er hätte es sich so einfach machen können und dennoch war er den weiten Weg hier her gekommen, denn schließlich lag die Pension weit außerhalb von Vanitéa. Das war die nächstgelegene Stadt, aber man brauchte zu Fuß trotzdem mindestens eine Stunde bis zur Pension. Davor kam noch das große Beerenfeld des Beerenzüchters, dessen Name mir gerade nicht einfiel. Man könnte sagen, dieser war der Nachbar der Pension, aber zwischen den beiden Ortschaften lag trotzdem noch ein minutenlanger Fußmarsch.
    »Ist es wirklich wahr?«, wollte Hugo von Khyron wissen, als er ihn sah und verpasste dabei eine anständige Begrüßung. Das fiel auch Khyron auf, der zuallererst ein »Guten Morgen« ausstieß. Hugo schien es völlig zu ignorieren.
    »Du hast Victor besiegt?« Hugos Stimme überschlug sich fast. Wenn ich ihn nicht direkt sehen würde, hätte ich geglaubt, er wäre ein aufgeregtes kleines Mädchen. Mal ehrlich, so wie er sich benahm, tze. Er fuchtelte mit seinen Händen herum und wollte jedes Details vom Kampf wissen, den sich Khyron mit Victor geliefert hatte. Ich verdrehte die Augen, stand auf und streckte mich genüsslich. So ein Hohlkopf! Ach nein, Wasserkopf … diese Kappe auf seinem Kopf …
    Während Khyron sich nicht von der Arbeit abhalten ließ und trotzdem auf das Drängen von Hugo erzählte, wie der Kampf stattgefunden hatte und erklärte, warum er überhaupt zustande gekommen war, ging ich auf die beiden zu. Hugo warf mir einen seltsamen, musternden Blick zu. Ich kommentierte das mit einem Fauchen, denn wirklich leiden mochte ich ihn immer noch nicht. Zwar hasste ich ihn nicht so wie Victor, aber es fiel mir schwer Hugo auch nur ernst zu nehmen. Er war in meinen Augen nach wie vor eine Lachfigur. Solange das so blieb, würde sich meine Meinung über ihn nicht ändern.
    Als Hugo sich dann auch noch erdreistete sich auf den Holzstapel zu setzen, der für den Zaun zur Verfügung stand und somit nun Khyrons Arbeit behinderte, entschied ich mich dazu etwas zu unternehmen. So konnte ich das nicht stehen oder besser gesagt sitzen lassen! Ich nahm, ohne groß zu überlegen, Anlauf und rannte auf Hugo zu. Dieser sah mich natürlich kommen und fragte sich schon, was das werden wollte. Als er begriff, dass ich wohl nicht anhalten würde und auch noch andeutete, wie ich auf ihn raste und sprang, da kippte er nach hinten um. Den Sprung hatte ich nur angedeutet und bin ihn nicht wirklich angesprungen. Ich hatte zwar einen Satz gemacht, aber meine Flugbahn so gelenkt, dass ich wieder auf meinen Pfoten im Gras landete, ohne auch nur Hugo zu nahe zu kommen. Dadurch, dass Hugo aber nach hinten gekippt war und versuchte seine Balance wieder zu finden, um nicht vollends zu Boden zu krachen, fiel seine Kappe vom Kopf. Klar, sie lag schließlich nur lose darauf, als gehörte sie dort nicht hin. Ich lachte in mich hinein, lief abermals los und schnappte mir das scheußliche Ding mit den Zähnen. Mit hoch erhobenem Kopf tippelte ich davon.
    »H-hey!«, rief mir Hugo aufgebracht nach. Weil er noch mit seinem Gleichgewicht zu kämpfen hatte, kam er mir nicht so schnell hinterher. Allerdings war Louis schon auf seinen Beinen und folgte mir. Erst dachte ich, er wollte mich aufhalten, ehe ich begriff, dass er mich nur begleitete. Er war wohl neugierig, wie das enden würde. Ich auch! Mein Plan war nur, Hugo ein wenig zu ärgern, was auch sehr gut gelang. Er rannte mir hinterher, aber ich war um einiges flinker. Schon nach wenigen Minuten begann er zu schnaufen, während ich das Gelände nutzte, um vor ihm weg zu laufen. Er beschwerte sich natürlich lautstark. Khyron kam ihm dabei nicht zur Hilfe. Als ich einen Blick hinüber zu ihm erhaschen konnte, sah ich Khyron nur lachen und grinsen. Scheinbar fand er das auch komisch, was mir nur noch mehr gefiel. Ich fühlte mich bestätigt und fuhr mit diesem kleinen Schabernack fort.
    Da Hugo nicht schnell genug war, lief ich bereits um den ersten Stall herum und blieb dort stehen. Auch Louis war hier und mir kam dabei eine Idee.
    Bis Hugo endlich auch hier ankam, wäre ich fast eingeschlafen. Okay, das war eine Übertreibung, aber er hatte echt lange dafür gebraucht! Als er mich sah, wollte er schon auf mich los gehen. Dabei saß ich doch nur ganz friedlich hinter diesem Häuschen und sah ihn mit großen Unschuldsaugen an. Jab, ich rannte nicht vor ihm weg. Hugo bemerkte, dass etwas nicht stimmte und blieb stehen. Sein Kopf brauchte wohl etwas länger, bis er begriff, was es war. Mal so nebenbei gesagt: Ohne Kappe sah er wesentlich besser aus. Da wirkte er nicht ganz so albern. Nichtsdestotrotz blieb ich dabei, dass ich ihn nicht ernst nehmen konnte.
    »Wo ist denn … ?« Aaaah! Es war ihm endlich aufgefallen. Mittlerweile besaß ich nämlich nicht mehr die Kappe. Die hatte Louis und weil Hugo ihn noch nicht bemerkt hatte, sah ich hinauf. Hugo folgte ganz automatisch meinem Blick und sah Louis auf der Regenrinne des Daches sitzen. Er hielt die Kappe fest mit seinen Zähnen.
    »W-was? Hey verdammt, komm da runter!«, brüllte Hugo wenig erfreut. Wieder lachte ich in mich hinein und stahl mich davon, bevor Hugo noch auf dumme Gedanken kam. Aber der war damit beschäftigt Louis vom Dach zu bekommen. Dabei setzte er keines seiner Pokémon ein. Entweder er hatte sie wirklich nicht dabei oder er war zu doof dafür auf diese Idee zu kommen. Denn dass er es nicht tat, weil er Rücksicht auf die Pension und die hier lebenden Pokémon nehmen wollte, so viel Sensibilität traute ich Hugo einfach nicht zu.
    »Komm runter, mach schon!«, hörte ich Hugo noch schreien, während ich mich zurück zu Khyron bewegte. Der hatte derweil mit dem Errichten der neuen Zaunseite begonnen und hämmerte und nagelte und machte eben all das, was nötig war, damit das Gelände wieder bald hübsch eingezäunt war. Ich setzte mich zu ihm und als er mich ansah, fiepte ich ihn unschuldig an.
    »Du bist ganz schön frech, Z«, meinte er zu mir. Ich zuckte mit meinen langen Ohren und er grinste mich an, was mir sagte, dass er nicht böse auf mich war und es daher nicht schlimm fand, dass ich mir den Spaß mit Hugo erlaubt hatte. Als wir beide dann aber Hugo aufschreien hörten und ihn kurz darauf wild durch die Gegend rennen sahen, schien Khyron nicht mehr zu wissen, ob er Mitleid mit jenem haben sollte oder einfach nur lachen wollte. Denn Hugo rannte auf einmal sehr schnell – und ich meine wirklich seeeeehr schnell – vor Chess weg. Chess, mein Chevrumm, was zu manchen Zeiten sehr ungehalten sein konnte. So wie in etwa jetzt. Keine Ahnung, was da genau vorgefallen war. Jedenfalls war es nun Chess, der Hugo jagte und nicht Hugo, der hinter Louis her lief. Wo auch immer Louis nun war. Sehen konnte ich ihn gerade nicht.
    Khyron legte sich die Hand auf das Gesicht, weswegen ich ihn wieder ansah. Meine Güte, ich hatte Hugo wirklich noch nie so schnell laufen sehen, aber gut. Meine Aufmerksamkeit lag wieder auf Khyron.
    »Meine Güte«, sagte er. Ich glaubte, er lachte in sich hinein und fragte sich gleichzeitig, was für ein Irrsinn hier gerade vor sich ging. Wieder sah er mich an und ich legte meinen Kopf fragend zur Seite. Khyron schüttelte den Kopf und grinste erneut. Alles war gut! Er machte auch keine Anstalten dazu, Hugo nun zur Hilfe zu eilen und ihn vor Chess zu retten. Dabei schrie Hugo immer noch und rannte von einer Seite zur anderen. Als könne er dadurch Chess los werden. Na, der wird sich wundern, wie viel Ausdauer Chess besaß! Allerdings, das musste ich jetzt einfach mal zugeben, wunderte ich mich auch darüber wie lange Hugo durchhielt! Für seine Körperform hätte ich erwartet, dass er viel schneller die Puste verlor. Na gut, wenn so ein unberechenbares Chevrumm hinter mir her war, würde ich auch rennen was das Zeug hielt! Ha ha, ja, ich fand das schon sehr komisch. Wer nicht?
    Eine halbe Stunde später war der Spuk dann auch schon vorbei. Hugo war völlig außer Atem und fertig mit den Nerven. Er keuchte und japste nach Luft, dass ich ein bisschen Angst um ihn hatte, dass er gleich in Ohnmacht fiel, weil er keine Luft mehr bekam. Mannoman, er sollte wirklich öfters Laufen gehen. Das würde ihm gut tun.
    Khyron war schon fast mit dem Zaun fertig. Er hatte heute auch recht früh angefangen. Das einzige, was er machen würde, wäre ihn später noch mit Farbe zu bestreichen. Aber das musste nicht jetzt sein. Ob Hugo ihm dabei helfen würde? Wahrscheinlich nicht, so wie er aussah.
    »Also diese Pokémon … «, schnaufte er. Khyron grinste ihn an.
    »Vielen Dank, dass du mir dabei geholfen hast Chess ein wenig zu trainieren«, sagte Khyron amüsiert.
    »Ha ha ha!«, sagte Hugo beleidigt. Er fand das keineswegs so lustig, wie wir anderen. Nebenbei erwähnt: Hugo hatte noch immer nicht seine Kappe zurück. Ich wusste nicht, wo Louis diese hingebracht hatte, denn als er wieder aufgetaucht war, hatte er sie nicht bei sich. Hugo ebenfalls nicht. Chess selbst stand weit draußen auf der Wiese und ließ sich das frische, saftige Gras schmecken. Er hatte sich auch genug ausgetobt dank Hugo. Wie war es überhaupt dazu gekommen, dass Chess von Hugo abgelassen hatte? Ich glaube nicht, dass es das Chevrumm selbst gewesen war, dass sich gedacht hatte endlich aufzuhören. Vermutlich war es Louis gewesen. Aber das war nicht wichtig. Hugo ging es gut, wenn man von den Japsgeräuschen nach Luft absah.
    »Du behältst also dieses Flamara?«, führte Hugo das Gespräch mit Khyron fort, nachdem sich sein Atem wieder beruhigt hatte. Er war auch total durchgeschwitzt durch die Rennerei. Ich schnaubte auf, als ich seine Worte hörte.
    »Ja, was dagegen?«, wollte Khyron wissen und hämmerte den letzten Nagel in den Zaun.
    »Na ja, es scheint mir nicht gerade … äh … « Hugo suchte nach den passenden Worten. Mein Fell richtete sich schon wieder auf und ich sah Hugo warnend an.
    »Siehst du! Siehst du!«, kreischte Hugo sofort auf und zeigte mit den Finger auf mich.
    »Total grantig, wie ihre Namensvetterin!«, sagte Hugo. Das versetzte mir wieder einen unsichtbaren Schlag in die Magengrube. Ich wusste, dass Hugo mich nicht leiden konnte. Also die menschliche Zoé. Aber es störte mich trotzdem, es jedes Mal auf so eine Art zu hören, obwohl er mir völlig egal sein konnte. Das Schlimme daran war wohl eher, dass ich am meisten Angst hatte, dass es Khyron genauso ging. Sollte ich mich als Flamara viel süßer und lieblicher geben, damit er mich auch ja leiden mochte und mich nicht doch noch weg gab? Irgendwie war dieser Gedanke absurd und dennoch machte er mir Angst. Verunsichert sah ich zu Khyron hinüber. Er kam bereits auf mich zu und hob mich auf seine Arme.
    »Red nicht so einen Stuss«, meinte er zu Hugo. Ich zuckte mit den Ohren und verstand ihn gerade nicht, bis er weiter sprach.
    »Z ist überhaupt nicht grantig!« Als ich das hörte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich schmiegte mich automatisch an Khyrons Brust. Wenn er mich eh schon hielt, konnte ich das auch ausnutzen. Außerdem schien er nichts gegen mich zu haben. Also nichts gegen mich als Flamara. Das war sehr erleichternd. Khyron strich mir über das Fell und drehte sich dann zu Hugo. Seine Stimme klang ziemlich ernst, als er noch etwas sagte, was mich völlig verwirrte.
    »Auch Zoé nicht!« Ich richtete mich in seinen Armen wieder auf, eben so, dass ich ihn ansehen konnte. Auch Zoé nicht? Er meinte mich als Mensch? Er fand mich nicht … grantig?
    »Na, ich weiß ja nicht«, zweifelte Hugo an und verschränkte die Arme vor der Brust.
    »Sie ist ziemlich … «
    »Streng«, unterbrach Khyron ihn und Hugo wirkte aufgebracht.
    »Streng, ach ja?«
    »Streng und stark. So ist sie eben.« Khyron zuckte mit den Schultern, als wäre nichts dabei, doch ich erkannte in Hugo aufflammende Wut. Er sprang auf die Füße und seine Stimme wurde zunehmend lauter.
    »Hast du etwa vergessen, was sie mit meinem Geowaz gemacht hat? Was beinahe passiert wäre?«, wollte er wissen. Es war eher eine rhetorische Frage, auf die Khyron trotzdem mit einem festen »Nein!« antwortete. Hugo blieb wütend und zwar so sehr, dass er keine Lust mehr hatte weiter zu reden und sich deswegen auf den Weg machte. Er stapfte aufgebracht davon.
    Auch ich hatte den Kampf nicht vergessen. Der Kampf, der am Anfang stattgefunden hatte, bevor ich zum Pokémon wurde. Genauso wusste ich auch, dass es ein Fehler von meiner Seite gewesen war mich so in diesen Kampf hinein zu steigern. Das hatte ich schon gewusst, als ich Khyron eine Ohrfeige verpasst hatte. Genau auf die Seite, wo nun mein Fell seine Wange berührte.
    Auf einmal fühlte ich mich richtig schlecht. Khyron ließ mich hinab auf den Boden und sah noch Hugo hinterher, aber er folgte ihm nicht und hielt ihn auch nicht zurück. Dafür sah er dann wieder zu mir auf den Boden, aber ich selbst starrte nur die Erde unter mir an. Meine Ohren hingen hinab und ich fragte mich, ob es besser gewesen wäre, wäre der Kampf anders verlaufen. Ja, was wäre denn passiert, wenn ich verloren hätte? Wäre es für alle Beteiligten angenehmer gewesen?
    »Heeey«, hörte ich Khyrons Stimme, die viel zärtlicher war, als es Hugo je sein könnte. Ich sah wieder auf, noch immer die Unsicherheit in meinem Körper spürend. Khyron hatte sich zu mir hinab gekniet und streckte seine Hand aus, um mir unter dem Kinn zu kraulen. Es war schwierig mit diesen Gefühlsschwankungen klar zu kommen. Auf der einen Seite ging es mir gut, aber dann, wenn die Zweifel hoch kamen, die meistens durch die Erinnerungen ausgelöst worden, ging es mir schlecht. Dabei hatte ich kaum das Recht dazu, mich so zu verhalten oder so zu fühlen. Nicht ich war das Opfer, sondern die anderen, denen ich respektlos gegenüber getreten war, nicht wahr?
    »Ach Süße«, sprach Khyron zu mir, der mich nun erneut auf seine Arme zog. Kurz darauf und ehe ich mich versah und begriff, was passierte, bekam ich von ihm einen Kuss auf meine befellte Wange gedrückt. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass er viel zu gut für mich war. Er versuchte mich zu trösten, obwohl er nicht einmal wissen konnte, was das Problem war. Warum ich so niedergeschlagen war, denn erklären konnte ich es ihm auch nicht. So ohne menschliche Stimme …
    Trotzdem war Khyron die ganze Zeit über so nett und fürsorglich zu mir. Wenn er nur wüsste, wer ich war … Wieder dieser eine Gedanken, aber heute war es noch viel schlimmer, als das letzte Mal. Denn je länger ich bei ihm war, desto näher kam ich Khyron … desto mehr vertraute ich ihm. Und desto mehr mochte ich ihn auch. Dieses Vertrauen zu ihm sorgte dafür, dass ich gleichzeitig höllische Angst bekam und mir mein kleines Herz in der Brust in Tausend Splitter zerbarst. Ich würde ihn verlieren, das begriff ich in diesem Moment.
    Ich würde Khyron verlieren. Das war ein unausweichliches Ende.
    So sehr Khyron auch bemüht war meine Stimmung wieder aufzuhellen, so schaffte er es nicht. Einmal von dieser panischen Angst besessen, bekam man sie nicht so einfach wieder los. Den restlichen Tag über war ich sehr still und in mich zurückgezogen und obwohl ich mich schrecklich fühlte und fürchtete, dass Khyron sich irgendwann von mir abwenden konnte, war er gerade heute so liebevoll zu mir, dass ich mich fragte, warum ich es nicht einfach hinnahm und genoss. Stattdessen quälten mich so viele Gedanken, so viele Fragen und zukünftige Horrorszenarien, die ich niemals erleben wollte.
    Ich erinnerte mich nur zu gut, warum ich mir einst geschworen hatte, niemanden an mich heran zu lassen. Aber dafür war es bereits zu spät. In dem ich Khyron erlaubt hatte sich um mich auf seine Art zu kümmern, war es bereits zu spät gewesen. Ich hatte mich auf ihn eingelassen, mochte ich auch nur ein Pokémon sein. Doch so etwas konnte nie gut enden. Aus Erfahrungen wusste ich, dass Verbindungen zerbrechlich waren, egal um was es sich handelte. Freundschaft, Liebe, die Verbundenheit zwischen Kind und Eltern oder die zwischen Geschwistern. Es war egal. Alles ging kaputt und zurück blieben gebrochene Herzen und endloser Schmerz. Diese Angst davor wieder etwas zu verlieren, was mir wichtig geworden war, zerriss mein Inneres.
    Selbst als ich am Abend neben Khyron eingerollt im Bett lag, verschwanden diese Befürchtungen nicht. Sie hielten mich wach, während ich den leisen und ruhigen Atem von ihm hörte. Er war eingeschlafen und normalerweise hätte spätestens sein ruhiges Atemgeräusch dafür gesorgt, dass auch ich müde wurde und einschlief. Aber nicht diese Nacht. Ich war innerlich zerrüttet und konnte nicht länger liegen bleiben. So stand ich auf, sprang vom Bett und stahl mich aus dem Haus.
    Die Unruhe in mir wurde immer größer und ich lief einfach los, bis ich vor dem Haus stand, was keinem Stall entsprach. Das Gebäude war nicht so groß wie das Wohnhaus. Vor allem besaß es nur eine Etage, also das Erdgeschoss, weswegen es auch keine Treppen gab. Aber es bot genügend Platz für einige Pokémon, die man nicht in einem Stall unterbringen musste. So wie Rico, der ebenfalls hier war.
    Abgesehen von den menschlichen Verbindungen, die es gab, war das Einzige, woran ich wirklich glaubte, die Verbindung zwischen Trainer und Pokémon. Doch jetzt, wo ich das Gebäude betrat und dabei war den Raum von Rico aufzusuchen, kamen mir auch da Zweifel. Jeder Raum hatte ein Fenster, wodurch die Pfleger in diesen Raum schauen konnten. Da diese Fenster allerdings auch einen Rahmen und somit einen Sims hatten, konnte ich an jener einen Stelle nach oben springen und klettern und quasi von außen in das Zimmer von Rico gucken. Obwohl er ein Unlicht-Pokémon war, schlief er. Das lag hauptsächlich an meiner Erziehung und dem Training. Ich war eben als Mensch tagaktiv und hatte Rico schnell beigebracht sich an meinen Rhythmus zu gewöhnen. Nicht immer war es ihm einfach gefallen, aber in der Regel klappte es ganz gut.
    Jetzt, wo ich ihn auf seiner Schlafdecke sah, wie ruhig er doch war, wurden die Zweifel größer. Er hatte es hier bei Khyron auf alle Fälle gut. Er war vermutlich der beste Pfleger, den es in ganz Kalos gab. Davon war ich überzeugt und deswegen glaubte ich, dass er es hier besser hatte. Besser als er es je bei mir gehabt hatte. Als Trainerin hatte ich mich nicht nur vor den menschlichen Verbindungen gedrückt, sondern auch vor der Zuneigung der Pokémon. Ich hab sie trainiert und ja verdammt, ich war gut darin gewesen. Aber welche Zuneigung hatten sie von mir erfahren? Natürlich hatte ich sie gelobt, wenn sie einen Kampf gut absolviert hatten. Aber nie so, wie es andere tun würden. Nie hatte ich sie übertrieben geherzt, geknuddelt oder gestreichelt. So ein Mensch war ich nicht. Meistens beließ ich es bei einem verbalen Lob ohne Berührung. Und wenn doch, dann gab es nur einen kurzen Klaps auf die Halsseite oder so etwas Ähnliches.
    War ich am Ende eine schlechte Trainerin gewesen trotz der Stärke, die ich aus meinen Pokémon heraus geholt hatte? Ich ließ den Kopf hängen. All diese Fragen brachten mich nicht weiter und daran ändern konnte ich sowieso nichts mehr. Jetzt als Pokémon erst recht nicht. Vielleicht war das sogar meine Strafe? Gefangen in diesem Körper und nun auch noch von der Angst geschüttelt, alles zu verlieren, was ich gewonnen hatte. Es mochte nicht viel sein, aber es war ausreichend gewesen, um mich innerlich zu berühren. Ich hatte instinktiv die Zuneigung von Khyron gesucht und bekommen, aber für wie lange würde das gut gehen? Ich war dumm gewesen mich darauf einzulassen. Ich hätte mich distanzieren sollen, dann wäre ich jetzt nicht in dieser verzwickten Gefühlslage. Noch nie war ich gut darin gewesen mit Emotionen klar zu kommen und wenn sie mich überfielen, war ich dermaßen verunsichert, dass ich zu verletzlich wurde.
    Ich musste dringend hier raus, bevor mir die Decke noch auf den Kopf fiel. Daher sprang ich auch wieder hinab und lief schnell den Gang entlang. Bevor mir irgendwer das Herz brechen konnte, sollte ich lieber einfach das Weite suchen. Mich zurückziehen und für mich allein sein, darin war ich gut. Dabei wusste ich tief in mir selbst, dass ich mich nur selbst belog. Aber lieber belog ich mich und lebte in dieser absurden Scheinwelt, als mich tatsächlich dem Schmerz auszuliefern, vor dem ich eine Höllenangst besaß.


    Ich hatte noch nicht ganz die Tür mit der Klappe erreicht, die es hier auch gab wie in der Küche im Wohnhaus, als ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel heraus bemerkte. Sofort blieb ich stehen. War Louis hier? Oder sogar Khyron? Nein, Letzteren hätte ich sofort gesehen und gehört. Louis hingegen war sehr gut darin sich anzuschleichen, aber auch er war nicht hier. Ich musste ein wenig mit den Augen und Ohren suchen, bis ich sah, wer hier außer mir noch da war.
    Flabébé.
    Wie eine Steinstatue stand ich da, rührte mich nicht und starrte dieses winzige Pokémon einfach nur an. Warum mein Gehirn sich fragte, wie es schaffte auf einer einzelnen blauen Blüte in der Luft zu schweben, wusste ich nicht. Es gab ganz sicher wichtigere Fragen als diese und trotzdem verstörte mich dieser Anblick immer wieder und wollte eine logische Antwort fordern.
    Das Flabébé auf seiner Blüte kam näher heran geschwebt. Noch immer bewegte ich mich nicht und starrte es nur an. Was wollte es von mir und viel wichtiger war die Frage: War es wirklich das Flabébé, welches ich am Fluss damals getroffen hatte, als ich zum Pokémon wurde?
    Mein Blick war skeptisch, ja sogar richtig misstrauisch. Noch bevor es mich endgültig erreicht hatte, erwachte ich aus meiner Erstarrung und fauchte los. Dass ich in diesen jämmerlichen Zustand überhaupt geraten war, lag doch nur an diesem winzigen Feen-Pokémon! Es musste einfach daran Schuld sein, dass ich zum Pokémon und gleichzeitig so verletzlich wurde! Eine andere Erklärung gab es einfach nicht. Wenn es nicht gewesen wäre, würde ich immer noch auf zwei Beinen stehen und nach wie vor die starke und selbstsichere Zoé sein. Doch jetzt war ich nur ein verängstigtes Flamara und je bewusster mir das wurde, desto mehr hasste ich diesen Zustand, aber auch desto mehr hasste ich dieses Flabébé und schob ihm die Schuld zu!
    »Du elendiges … !«, sagte ich, knurrte auf und sprang nach vorn. Leider war das Flabébé trotz seiner kleinen Körpergröße sehr flink. Wie auch immer es das machte, denn es hockte ja nur auf seiner Blüte. Aber das war mir egal, ich raste ihm hinterher.
    »Glaub ja nicht, dass du mir entkommst!«, drohte ich ihm und wetzte ihm nach, egal wohin es wollte. Ich würde es bekommen und dann würde es sein blaues Wunder erleben! Wegen ihm befand ich mich in dieser Misere, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Jetzt, wo es aufgetaucht war, würde ich die Chance nutzen. Vielleicht würde ich sogar wieder zum Menschen werden, aber das war mir nicht so wichtig. Hauptsächlich wollte ich Flabébé eine Lektion erteilen.
    Durch die Hetzjagd im Eingangsbereich des Gebäudes fielen ziemlich viele Sachen herunter. Da hier Futterschalen, Futterverpackungen, aber auch schlichte Dekorationsgegenstände standen, hingen und lagen, damit der Bereich ansehnlich war für Besucher, ging durch die Hetzjagd so einiges kaputt. Ich hörte das Scheppern und Zerbersten von einigen Porzellanfutterschalen. Es gab auch welche aus Plastik, aber die schweren waren manchmal besser und nicht ganz so leicht zu zerbeißen wie manche Plastikschalen. Darauf reagieren tat ich allerdings nicht. In dem Moment war mir egal, was alles kaputt ging. Ich wollte Flabébé unbedingt erwischen und rannte, hetzte und sprang ihm nach, so gut ich konnte. Wenn ich es entkommen ließ, würde ich mir das nicht verzeihen!
    In meinem tiefsten Inneren spürte ich das zunehmende Auflodern der Hitze, bis sie endlich aus mir heraus brach. Ich spie einen feurigen Ball aus, um ihn auf Flabébé zu werfen. Leider verfehlte ich es, aber da jetzt mein Feuer in mir erwacht war, versuchte ich es immer wieder und wieder. Das ging solange, bis Flabébé die Flucht nach draußen gelang. Ich selbst lief durch die Klappe hinaus, um es nicht entkommen zu lassen. Auch dort spie ich meinen feurigen Atem, der die Nacht erhellte. Meine Zielsicherheit war allerdings miserabel. Ich glaube, ich konnte kein einziges Mal treffen, was schon echt frustrierend war.
    »Wo bist du?«, rief ich in die Nacht hinaus. Da es hier draußen dunkel war, konnte ich es nicht mehr sehen und auch meine feinen Ohren waren nicht mehr in der Lage es ausfindig zu machen. Vermutlich war es auf und davon. Das ärgerte mich zunehmend und ich spie weitere Male meinen heißen Atem aus und erhellte die Nacht. Wie hatte das nur passieren können? Flabébé war mir entwischt, verdammt!
    Erst als ich nicht mehr ein Ziel vor Augen hatte, was ich abfackeln wollte, nahm ich meine Umgebung wieder sehr viel genauer wahr. Schlagartig drehte ich mich um, denn was meine Ohren vernahmen, konnte nicht wahr sein, doch meine Augen bestätigten es. Geschockt von dem Anblick, der sich mir bot, wollte ich nicht glauben, was ich sah. Ich hoffte, dass das alles nur ein böser Traum war, denn das gesamte Gebäude stand lichterloh in Flammen.
    Die Nacht war noch nie so hell gewesen und das Feuer schlug um sich. Auf einmal war es auch sehr laut um mich herum. Was mir vorhin in meiner Raserei nicht aufgefallen war, brach nun hemmungslos auf mich ein. Ich hörte viele Stimmen, die schrien. Menschliche Stimmen in Panik, aber auch das Rufen verzweifelter und verängstigter Pokémon. Mein Herz raste so schnell in meiner Brust, dass ich glaubte, es würde gleich aufhören zu schlagen, weil es überlastet war. Ich konnte mich nicht bewegen und sah nur die Flammen, die in die Nacht hinauf leckten und das Gebäude mehr und mehr zerfraßen. Bewegungen von Schatten waren hier und da zu erkennen. Pokémon, die im Gebäude drinnen bis eben noch geschlafen hatten, versuchten zu fliehen. Ich glaubte, auch Khyrons Eltern waren dabei die Pokémon aus dem brennenden Gebäude zu retten. Irgendwo im Hintergrund hörte ich die ersten Sirenen der Feuerwehr. Sie würden kommen, um das Feuer zu löschen, aber der Schaden war bereits angerichtet. Sie würden ihn nur noch minimieren können. Wenn überhaupt …
    Dann sah ich Khyron. Er stand zwischen mir und dem tosenden Feuerszenario und sah in meine Richtung. Als ich seinem Blick begegnete, begriff ich sofort, dass er wusste, dass ich für das Feuer verantwortlich war. Er hatte gesehen, wie ich Feuer gespien hatte und konnte es sich daher erklären. Wer sonst, wenn nicht ich?
    Khyron wandte sich von mir ab und rannte in das brennende Gebäude, um das zu retten, was es noch zu retten gab. Mein Herz zerbrach endgültig in diesem Moment in Tausende Stücke.



    Viel Spaß beim Lesen!
    ~Lexi

  • Hallo Lexi,


    langsam erkennt man ja den stetigen Wandel, den Zoé durchmacht. Besonders interessant fand ich hier ja eigentlich nicht den Kampf zwischen Louis und Viscogon, sondern wie sie auf Rico reagiert hat, als er sich stark zeigen wollte. Er wird ja sicher schon gemerkt haben, um wen es sich bei dem Flamara handelt und dementsprechend auch schneller reagiert haben, als es bei jemand anderem der Fall gewesen wäre. Daher finde ich auch den Zwiespalt gut, durch den Zoé gerade geht: Zum einen muss sie mit sich selbst zurechtkommen und zum anderen sieht und hört sie, wie es den Pokémon geht, während sie selbst relativ machtlos ist. Und das ist wohl die beste Erziehung, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
    Die Unterhaltungen mit Louis haben schon einen sehr unterhaltsamen Charakter. Er wirkt so locker und gibt auch einige witzige Antworten, wie man sie von ihm, wo er bisher eher still war, kaum erwartet. Gleichzeitig kann er aber auch sofort wieder ernst werden und die aktuelle Situation hinterfragen. Nachdem sich Zoé mit ihm anfangs gar nicht so sehr anfreunden konnte, scheint nun nach dem Kampf das Eis gebrochen zu sein.
    Schließlich taucht Flabébé wieder auf. Warum es ausgerechnet in dieser Nacht der Fall war, wird zwar nicht gesagt, aber alles Nachfolgende hat nun wohl den größten Impakt auf Zoé. Und so gesehen ist es auch das erste Mal, dass sie überhaupt ihre Fähigkeiten eingesetzt hat, seit sie ein Flamara geworden ist. Das ist an sich schon interessant, weil sie ja viele Gelegenheiten hatte, sich damit auseinanderzusetzen, aber dass es ausgerechnet in dieser Situation passiert, macht es umso ironischer. Da zeigt sie wieder ihr Feuer und richtet damit nur Zerstörung an. Eigentlich auch ein gutes Sinnbild für ihr vorheriges Selbst als Mensch, wo sie mit ihrer Art auch angeeckt ist.


    Wir lesen uns!

  • Kapitel IX


    Meine Lungen brannten vor Hitze, aber dieses Mal war es sehr unangenehm wegen der Anstrengung, die ich ihnen zumutete. Es lag nicht an dem Feuer selbst, welches in mir existierte und mir ermöglichte alles in Flammen zu setzen. Ich wollte es auch gar nicht mehr. Dass ich das Gebäude abgefackelt hatte, war nicht meine Absicht gewesen. Es war ein Versehen! Doch wie könnte ich das Khyron begreiflich machen? Und würde es überhaupt etwas bringen? Denn ob Absicht oder Versehen, am Ende war der Schaden so oder so angerichtet. Spielte es da noch eine Rolle, warum es dazu gekommen war? Ich konnte nur hoffen, dass keines der Pokémon ernsthaft zu Schaden gekommen war und Khyron und seine Eltern alle retten konnten. Natürlich machte ich mir auch um Rico Sorgen, aber all das würde ich nicht mehr erfahren, ob es ihnen gut ging oder nicht.
    Nachdem Khyron in die tosenden Flammen gerannt war, um noch einige Pokémon zu retten, hatte ich Panik bekommen. So schnell mich meine Beine tragen konnten, war ich los gerannt. Ich war geflohen, einfach ganz feige geflohen. Die Vorstellung davon, wie Khyron auf mich reagieren würde, wenn das Feuer erst einmal gebändigt und die Katastrophe abgewandt war, wollte ich mir nicht vorstellen. Er würde ganz sicher wütend sein und selbst wenn nicht auf eine aufgebrachte Art und Weise, so würde er mich dann doch ganz sicher von sich weisen. Seinem vorwurfsvollen und enttäuschten Blick würde ich kaum Stand halten können. Allein der Gedanke war schon unerträglich für mich. Also rannte ich durch die Nacht davon, um all dem zu entgehen.
    Es war traurig, nicht wahr? Dass mir am Ende mein eigenes Schicksal wichtiger war, als das der Pokémon, denen ich mit meinem eigenen Feuer geschadet hatte. Ich sollte mir den Kopf darüber zerbrechen, wie es ihnen ging, die den Flammen entkommen waren. Wenn sie es denn waren. An das Schlimmste wollte ich auch nicht denken. Dass ich dafür verantwortlich sein könnte, dass Pokémon im Flammenmeer umgekommen sein könnten …
    Ich schrie entsetzt und verängstigt auf, als ich diesen Gedanken hatte, schob ihn weit von mir und rannte noch schneller. Meine Lungen taten fürchterlich weh, aber das war mir egal. Ich wollte nur weg. Weg von dem Schmerz, der mich befiel, weg von dem enttäuschten und abweisenden Blick, den mir Khyron ganz sicher entgegen bringen würde. Das alles war unerträglich für mich.
    Also rannte ich und rannte und rannte, bis ich irgendwann nicht mehr konnte. Ich wusste nicht einmal, wohin ich rannte. Irgendwo Richtung Westen, denn hinter mir begann langsam die Sonne aufzugehen. Aber wo ich schlussendlich hin sollte, konnte ich nicht sagen. Spielte das jetzt noch eine Rolle? Mein Leben war vorbei. Als Pokémon würde ich in dieser Welt untergehen. Es war mir nicht möglich so viel Optimismus an den Tag zu legen und daran zu glauben, dass ein besseres Leben auf mich wartete. Wie denn auch? Khyron würde kaum noch wollen, dass ich bei ihm blieb und er war der Einzige, dem ich vertraute. Bedingungslos.
    Als mir diese Erkenntnis klar wurde, stieß ich wieder unkontrolliert ein Wehklagen aus. Vertrauen zu verlieren, war hart. Jemanden zu verlieren ebenso. Genau das hatte ich immer vermeiden wollen und nun steckte ich mittendrin und gehörte zu den erbärmlichsten Geschöpfen auf dieser Welt, die es gab. Ich hasste dieses Selbstmitleid, aber ich war im Augenblick nicht fähig, mich aufzuraffen.
    Wofür denn auch? Was besaß ich, wofür es sich zu kämpfen lohnte? Wofür sollte ich weiter machen? Ich sah nicht das berühmte Licht der Hoffnung, welches mir weiterhelfen könnte. Ich war allein auf dieser Welt. Das hatte ich selbst zu verantworten. Obwohl ich immer geglaubt hatte, dass mir Einsamkeit nichts ausmachte, zerbrach ich jetzt förmlich daran. Ich wollte zurück zur Pension, zurück zu Khyron und Louis, zurück zu dem kleinen Fleckchen Erde, wo ich zu meiner inneren Ruhe finden konnte.
    Aber dorthin konnte ich nicht mehr zurück. Nicht nach dem, was ich getan hatte. Sie würden mich hassen. Ganz bestimmt sogar. Also blieb mir nur die Flucht. Auch mich auszuruhen, blieb mir verwehrt, denn ich hörte in meiner Nähe ein verdächtiges, knackendes Geräusch im Unterholz. Um mich herum waren Bäume und Büsche, denn ich war in die Wildnis hinaus gelaufen. Nicht auf den Weg, den man kannte und der halbwegs sicher war. Das befremdliche Knacken machte mir Angst. Vielleicht war dort irgendwo ein wildes Pokémon, welches auf der Jagd war? Um diesem zu entkommen, rannte ich wieder los. Ich ignorierte meine schmerzenden Pfoten und meine Lungen, die nicht mehr wollten. Dafür hatte ich keine Zeit. Also rannte ich wieder, ohne zu wissen, wohin ich sollte. Erst als ich mir sicher war, dass niemand mehr hinter mir her war – selbst wenn es nur Einbildung gewesen sein sollte – blieb ich stehen und schnappte nach Luft. Ich war erschöpft und ließ mich zu Boden sinken. Das hier war sicher nicht der beste Ort, um zu schlafen. Ungeschützt wie ich war, würde jeder, der hier zufällig vorbei kam, mich sofort sehen. Aber was machte das schon? Es war doch eigentlich egal.
    Einen letzten Blick warf ich in den Himmel hinauf. Von hier konnte ich immer noch die Rauchschwaden erkennen, die vom Feuer hinauf stoben. Außerdem wurde der Himmel immer heller. Die aufgehende Sonne tauchte die Welt um mich herum langsam in ein lila, in orange und rot und irgendwann würde davon nicht mehr viel übrig bleiben und ein helles gelb und blau würde die Welt erstrahlen lassen. Sofern sich heute keine grauen Wolken bildeten. Doch aktuell sah es gut aus. Als würde heute ein wunderschöner Tag werden. Wenn er doch nur nicht so schrecklich begonnen hätte …
    Ich ließ meinen Kopf auf meine Pfoten sinken und wollte die Augen schließen. Bestimmt hatte ich das auch für ein paar Minuten getan und ich wäre ganz sicher auch eingeschlafen, aber ein erneutes Geräusch ließ mich aufsehen. Wieso konnte mir das nicht einfach egal sein? Einfach einschlafen und sich nicht mehr darum kümmern, was als nächstes passierte. Es könnte so einfach sein, aber das war es nicht. Ich sah Flabébé.
    Genau in diesem Moment, als ich aufsah, erkannte ich es, wie es auf seiner blauen Blüte über mich hinweg flog. Wollte es mich verhöhnen? Sich lustig über mich machen? Statt liegen zu bleiben, erhob ich mich und folgte ihm. Ich musste zwischen einigen Büschen hindurch, denn anders als Flabébé war ich leider nicht in der Lage zu fliegen. Als die Büsche und auch die Bäume sich ein wenig lichteten, stand ich vor dem Ufer des Flusses. Das ruhige Rauschen hatte ich schon vorhin vernommen, es aber mehr ausgeblendet und ignoriert.
    Meine dunkelblauen Augen suchten das kleine Feen-Pokémon, was ich auch schon bald entdeckte. Es versteckte sich nicht und war ganz offen zu erkennen. Es schwebte ein paar wenige Meter über dem Flussufer entlang und blieb stehen, als es bemerkte, dass ich ihm gefolgt war und nun hier war. Wie starrten uns gegenseitig an, als würde jeder von uns darauf warten, was der jeweils andere gleich tun würde. Ich ergriff die Initiative und ging noch ein paar Schritte auf es zu. Erreichen würde ich es so nicht können, weswegen es vermutlich nicht weg flog. Es hatte nichts zu befürchten.
    »Du!«, sprach ich es an. Das Gesicht von Khyron tauchte vor meinen geistigen Augen auf. Er lächelte, aber im nächsten Moment sah er mich sehr vorwurfsvoll an. So würde er gucken, wenn ich ihm nach der Feuerkatastrophe gegenüber treten würde. Ich sah auch Louis, der Abstand von mir hielt und Rico, der durch mein Verschulden verletzt worden war. Das alles gaukelte mir meine Phantasie vor, aber ich war mir absolut sicher, dass es so kommen würde. Auch wenn ich hoffte, dass Rico unverletzt der Tragödie entkommen war. Möglich wäre es dennoch und wie sollte dann Rico noch Vertrauen zu mir haben, wo das Feuer … Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich erneut auf Flabébé.
    »Du! Wegen dir ist das alles passiert! Wärst du nicht gewesen, dann … !« Ich brauchte einen Sündenbock und mal ehrlich … Wegen Flabébé ist es doch erst so weit gekommen. Mit ihm hatte alles begonnen, also war es dafür verantwortlich! Wer denn sonst?
    Das Feen-Pokémon ließ sich nicht so ohne Weiteres einschüchtern. Ich sah keine Angst, kein schlechtes Gewissen, auch keine Abneigung. Ich wusste nicht einmal, was es gegen mich hatte, dass es so einen Schabernack mit mir trieb. Vielleicht machte es sich auch einfach nur einen Spaß mit mir, machte sich lustig über mich? Das könnte durchaus sein!
    »Also habe ich das Feuer gelegt?«, hörte ich es sagen. Die Stimme von Flabébé war zart, beinahe glockenhell. Es legte sein kleines Köpfchen zur Seite und sah mich fragend an.
    »Bin ich dafür verantwortlich, was du getan hast?«, fragte es mich. Obwohl kein vorwurfsvoller Ton in seiner Stimme lag, konnte ich ihn dennoch heraus hören.
    »Du … das … nngh … « Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das schlechte Gewissen brach über mich herein. Ich wollte es nicht wahr haben, obwohl ich es genau wusste. Ich wollte die Schuld auf Flabébé abladen, damit ich frei sein konnte. Aber natürlich hatte es Recht damit, dass ich es gewesen war, die das Feuer gespien hatte. Das würde auch jeder andere wissen, das war klar. Und dennoch! Wegen Flabébé war ich erst zu einem Flamara geworden! Ein Feuer-Pokémon, was in der Lage gewesen war die Katastrophe auszulösen. Ohne Flabébé wäre das doch nie passiert! Ich schüttelte den Kopf, schrie meine Verzweiflung aus und nahm Anlauf. Flabébé wirkte überrascht darüber. Was auch immer es dachte, es sagte nichts, beobachtete mich nur, wie ich mich vom Boden abdrückte, um es direkt anzuspringen. Dass ich es nicht erreichen konnte, war mir eigentlich, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, vorher schon klar gewesen. Auch wenn ich es schaffte auf die Höhe zu kommen, auf der es schwebte, so war es ein Kinderspiel für das kleine Pokémon meinem Sprung auszuweichen. Genau das tat es und weil ich nicht fliegen konnte, zog die Erdanziehung an mir und ließ mich fallen, nachdem ich den höchsten Punkt meines Sprunges erreicht hatte.
    Ich fiel. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, denn in diesem Moment war ich schon dabei aufzugeben. Der Schmerz, der danach folgte, war der schlimmste, den ich je erleiden musste. Dachte ich. Aber auch da versuchte ich mich wieder selbst zu belügen. Natürlich war es ein Höllenschmerz, aber noch schlimmer war derjenige, der mein Herz befallen hatte.
    Ich schrie auf, weil ich es nicht aushalten konnte und schaffte nur einen freien Weg für das Wasser mir in die Lungen zu fließen. Ich war untergetaucht. Nicht weil ich es wollte, sondern weil der Fall ins Wasser mich dazu gezwungen hatte. Als Feuer-Pokémon reagierte mein Körper mit Schmerzen auf das nasse Element. Ich konnte dem nicht standhalten. So wusste ich zumindest jetzt, wie sich ein Pokémon fühlen musste, welches mit dieser Schwäche leben musste, und ins Wasser fiel.
    So hätte sich auch Geowaz gefühlt, das Pokémon von Hugo. Wenn mich damals Khyron nicht aufgehalten hätte, wäre ich dafür verantwortlich gewesen, dass das Gesteins-Pokémon hoffnungslos im Fluss untergegangen wäre. Wie hätte es auch wieder auftauchen sollen bei seinem Gewicht? Ich wäre Schuld daran gewesen … Nur wegen meiner rücksichtslosen Art zu kämpfen und jeden Gegner platt zu machen, der sich mir in den Weg stellte. War das nun die gerechte Strafe dafür? Ich ergab mich meinem Schicksal, schloss die Augen und gab mich dem schrecklichen Schmerz hin, der mich tiefer in den Fluss hinein zog …



    »Zoé? Na los Zoé, nun mach schon! Nicht so lange trödeln, wir haben noch viel vor!«, hörte ich eine mir sehr vertraute Stimme. Sie war hoch und wunderschön, angenehm zu hören. Ich hörte mich selbst, wie ich lachte. Gelacht hatte ich dabei schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Als ich meine Augen öffnete, sah ich eine winkende Hand, dann das Lächeln auf den Lippen und die Augen, die sich verdrehten, weil ich so sehr trödelte.
    »Zoé«, rief sie mich noch einmal, zog meinen Namen in die Länge. Es war meine Schwester, die ungefähr drei Jahre älter als ich war. Wir waren in Relievera City auf einen Einkaufsbummel. Ich wusste noch, wie überfordert ich zur damaligen Zeit gewesen war. So viele Geschäfte, so viele tolle Sachen, die mir gefielen, aber meine Schwester hatte nur ein Ziel gehabt: Der Fahrradladen.
    Heute war der Tag, wo sie ihr eigenes Rad bekommen sollte. Unsere Mutter hatte es ihr versprochen, da heute der Geburtstag meiner Schwester war. Amélie konnte es kaum erwarten. Sie war jetzt acht Jahre alt, ich erst fünf. Doch seit ich laufen konnte, bin ich ihr immer hinter her gewatschelt. Ich konnte mich an etwas anderes gar nicht erinnern. Meine Schwester war der Mittelpunkt meines Lebens gewesen. Sie war auch sehr erpicht darauf, mir immer wieder neue Dinge beizubringen.
    »Schau mal Zoé, das ist doch toll, nicht?«, sagte sie und ich lachte wieder. Mittlerweile hatten wir den Fahrradladen betreten. Während unsere Mutter mit dem Verkäufer diskutierte und sich erklären ließ, welches Rad für eine Achtjährige am besten geeignet war, suchte Amélie bereits ihr Traumrad raus. Ihr ging es, wie jedem anderen Kind auch, mehr nach der Optik. Daher zeigte sie gerade auf ein knallrotes Rad, was ihr gefiel. Ich stimmte ihr zu, weil ich das immer tat. Ich war leicht von der Begeisterung meiner Schwester eingenommen. Sie steckte mich immer sehr schnell damit an.
    »Kann ich das haben?«, fragte Amélie unsere Mutter. Am Ende war es wirklich das rote Rad gewesen, was gekauft worden war.
    Später, daran konnte ich mich auch erinnern, hatte es recht viel Übung gebraucht, um Fahrradfahren zu lernen. Die meisten Mitschüler in Amélies Klasse konnten bereits Fahrradfahren. Sie war eher eine Spätzünderin gewesen, weil sie erst mit Acht ihr eigenes Rad bekommen hatte. Das lag hauptsächlich daran, dass unser Vater unsere Mutter im Stich gelassen hatte und wir nie viel Geld besessen hatten. Wir mussten immer sparen, bis wir uns etwas leisten konnten, aber wir waren glücklich gewesen.
    »Na, Zoé? Willst du es auch einmal probieren?«, bot mir meine Schwester an. Ich war überrascht, aber gleichzeitig auch unglaublich glücklich darüber. Obwohl meine Schwester sich nichts mehr gewünscht hatte, als endlich ein Fahrrad zu bekommen, hatte sie mir erlaubt, es auch zu lernen. Beim ersten Versuch bin ich gleich auf die Nase gefallen. Das war klar gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass ich im Gegensatz zu ihr, auch viel kleiner war und es mir schwer gefallen war allein in die Pedale zu treten. Deswegen hatte mich am Ende meine Schwester auch angeschoben. Wir waren unzertrennlich gewesen und hatten viel gemeinsam unternommen, viel Spaß gehabt und viel gelacht.
    Ich weiß auch noch, wie sie mich immer beschützt hatte. Damals …


    »Hey, ihr Blödmänner! Ihr findet das wohl lustig ein Mädchen, was kleiner als ihr seid, zu piesacken, hä?« Mit großen verweinten Kulleraugen sah ich zu meiner Schwester auf, die sich breitbeinig hinstellte, die Arme in die Hüften stemmte und den aufgeblasenen Jungen ordentlich eine Standpauke verpasste. Es waren die zwei Brüder aus meiner Klasse gewesen, die schon größer als ich waren. Ich war erst vor wenigen Wochen in die Schule gekommen, aber mir hatte es dort nicht gefallen. Besonders wegen der beiden Jungen, die von Anfang an auf mir herum gehackt hatten. Als meine Schwester davon Wind mitbekommen hatte, war sie mit zu mir in die Klasse gekommen und hatte sich die beiden vorgeknöpft. Am Ende hatte sie sich sogar mit ihnen geprügelt und den beiden gehörig den Hintern versohlt. Dummerweise hatte das der Lehrerin nicht gefallen. Sowohl die Jungen als auch meine Schwester hatten Ärger bekommen und unsere Eltern waren informiert worden. Zuhause hatte ich dann weinend vor Amélie gestanden.
    »T-tut mir leid, Ami«, schniefte ich. Sie hatte wegen mir Ärger bekommen, das hatte mir so unendlich leid getan. Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen gehabt.
    »Ach was, halb so wild. Jetzt werden dich diese Blödmänner ab sofort in Ruhe lassen!«, hatte sie gesagt und dabei gegrinst. Dabei hatte sie ihren Milchzahn, der eh schon locker gewesen war, bei der Auseinandersetzung mit den Jungen verloren. Außerdem hatte sie ein blaues Auge davon getragen. Unsere Mutter war darüber auch sehr erbost gewesen und für Amélie gab es zusätzlich noch eine Woche Hausarrest. Ich wusste, dass das schlimm war, denn meine Schwester war schon immer jemand gewesen, die lieber draußen als drinnen gespielt hatte. Selbst wenn es geregnet hatte.
    »Tut mir trotzdem leid«, hatte ich noch gesagt, aber Ami hatte mich nur getröstet. Sie war nicht wütend auf mich gewesen. Sie war ein so herzensguter Mensch …


    »Weißt du Zoé«, begann Amélie zu reden. Wir saßen oben auf einem der Felsen, was unsere Mutter gar nicht mochte, weil die Absturzgefahr immens war. Deswegen sagten wir ihr nie, wo wir uns herum trieben, damit sie sich keine unnötigen Sorgen machte. Ami war mittlerweile dreizehn Jahre alt. Ich war zehn, aber noch immer sah ich zu ihr auf. Sie war eben meine große Schwester, beschützte mich, brachte mir vieles bei, auch viel Blödsinn und ließ mich niemals in Stich.
    »Irgendwann werde ich die stärkste und beste Trainerin, die die Welt je gesehen hat!« Schon früh hatte Amélie ihren Traum mit mir geteilt. Sie hatte immer geschwärmt und sich ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn sie an der Spitze der Elite stehen würde. Von allen würde sie respektiert werden, niemand würde sie herum schubsen können. Sie könnte sich ohne Weiteres ihren Platz in der Welt sichern.
    Ich hab zu ihr aufgesehen und hatte mir für sie gewünscht, dass sie diesen Traum wahr machen konnte. Ich selbst hatte im Gegensatz dazu überhaupt kein Interesse an Pokémon gehabt. Wenn ich ehrlich war, dann hatte ich mich sogar vor ihnen gefürchtet. Sie waren mir unheimlich gewesen. Manche spien Feuer, andere spuckten Wasser, was gefährlich sein konnte und wieder andere konnten elektrische Schläge austeilen. Je nach Voltzahl war das sogar tödlich. Mir war es als Kind unbegreiflich, was so viele faszinierend an Pokémon gefunden haben. Sie waren schließlich gefährlich! Aber gerade das schien den Reiz ausgemacht zu haben. Wilde Exemplare fangen, sie trainieren und dann mit ihnen gegen andere kämpfen.
    Amélie und ich haben gemeinsam mal bei einem Trainerkampf live zu gesehen. Während sie voller Ehrfurcht und Begeisterung dem Kampf mitgefiebert hatte, hatte ich selbst einfach nur höllische Angst gehabt, dass irgendetwas Schlimmes passierte. Es war ein Kampf zwischen einem Balgoras und einem Scampisto gewesen. Steine waren um uns herum geflogen. Sie hätten uns treffen können, aber Amélie hatte keine Angst gehabt. Sie war gefesselt von dem Kampf gewesen, während ich mir deswegen fast in die Hose gemacht hätte. Am Ende hatte Balgoras gewonnen und ich hatte damals einfach nicht verstehen können wieso. Schon damals hatte ich die Typenwirkung der Pokémon verstanden. Meine Schwester hatte mir das recht schnell beigebracht, aber gerade deswegen war es mir unbegreiflich gewesen wie ein Gesteins-Pokémon gegen ein Wasser-Pokémon gewinnen konnte. Erst später sollte ich begreifen, dass es noch viel mehr gab als nur die Typenwirkung, die in einen Kampf mit einflossen.


    Eines Tages war es so weit. Der Tag kam viel schneller, als ich es selbst erwartet hatte. Amélie bekam ihr erstes Pokémon. Ich war mit dabei gewesen und konnte mich an ihre strahlenden blauen Augen erinnern. Es war ihr schönster Tag im Leben gewesen, das wusste ich. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Eigentlich war es ein sehr regnerischer Tag gewesen, aber unsere Mutter bekam Besuch von einem Freund. Wir kannten ihn nicht und wussten auch nicht, woher sie ihn kannte. Aber das spielte für Kinder wie uns eh keine Rolle. Er war zu einem Tässchen Tee und einem Stück Kuchen bei uns vorbei gekommen und schien niemand Besonderes zu sein. Eben nur ein Freund.
    Doch dann hatte er seine Aufmerksamkeit auf Amélie gelegt und begonnen sich mit ihr zu unterhalten. Unsere Mutter hatte fröhlich gelacht und als der Mann einen Ball hervor geholt hatte, um sein Pokémon zu zeigen, da war Amis Aufmerksamkeit sowieso nur noch bei diesem einen Thema. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass diese ganze Aktion von unserer Mutter geplant gewesen war. Sie hatte ihren Bekannten gefragt, ob er ihr helfen könnte und das hatte er auch. Er hatte ein Pokémon für Amélie besorgt, damit sie die Chance bekam eine Trainerin zu werden. Denn das war ihr größter Traum, doch der konnte nur in Erfüllung gehen, wenn sie erst einmal ein Pokémon besaß.
    »Das ist viel Verantwortung. Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da einlässt«, meinte der Freund meiner Mutter noch. Ich beobachtete Ami wie sie mit glücklichen Augen ihr erstes Pokémon auf die Arme nahm. Es war ein Haspiror, noch relativ jung, aber schon alt genug trainiert zu werden. Außerdem konnte ich mich erinnern, wie erleichtert ich war, dass es vom Typ Normal war. Das bedeutete, dass hier keine Feuerbälle oder Elektroschocks durch die Gegend fliegen würden. Davor hätte ich nämlich unheimliche Angst gehabt.
    »Zoé, ich habe mein erstes Pokémon! Sieh doch nur!«, hatte ich Ami rufen hören. Den Tag würde ich niemals vergessen. Auch nicht den, der nach zwei Monaten eintraf …


    Amélie und ich waren in der Stadt unterwegs. Wir brauchten für das Haspiror, welches Ami Kawari getauft hatte, neues Pokémon-Futter. Daher wollten wir in einen der Läden, der dieses anbot. Die Straßen waren voll, es war viel Verkehr. Wir hatten gerade Ferien, aber die Erwachsenen mussten natürlich weiterhin arbeiten, sofern sie keinen Urlaub genommen hatten. Andererseits war gerade wegen der Ferien hier so viel los. Gerade weil unsere Heimatstadt direkt am Meer lag, gab es hier auch viele Touristen. Man erkannte sie sehr schnell an den Badesachen oder daran, dass sie mit ihrer Kamera herum rannten und alles fotografierten, was sich vor ihrer Linse bewegte. Ich ignorierte die meisten von denen und Amélie redete davon, wie sehr sie sich wünschen würde endlich die Schule abgeschlossen zu haben. Sie hatte unserer Mutter versprechen müssen, dass sie erst ihren Abschluss vollendete, ehe sie auf große Reise ging, um eine echte Trainerin zu werden. Solange sie die Schule nicht vernachlässigte und gute Noten nach Hause brachte, durfte sie Kawari trainieren. Reisen jedoch noch nicht. Das war viel zu gefährlich, vor allem weil Amélie erst dreizehn war.
    »Du wirst sehen, Zoé, ich werde zusammen mit Kawari eine richtig gute Trainerin. Dann werde ich mit ihr noch andere Pokémon fangen, sie genauso trainieren und dann als aller erstes den Arenaleiter von Relievera City herausfordern!«, träumte sie vor sich hin. Ich ließ mich mal wieder von ihrer Begeisterung anstecken. Das alles klang immer so gut, solange nicht ich diejenige war, die kämpfen musste. Aber ich wollte unbedingt meine Schwester unterstützen.
    »Darf ich bei deinem ersten Arenakampf zu gucken?«, fragte ich sie und war glücklich, als sie heftig nickte.
    »Das musst du sogar! Du musst mich schließlich anfeuern!«, sagte sie ehrgeizig.
    »Das werde ich!«, stimmte ich zu und nahm mir das auch ganz fest vor. Kurz darauf kam eine stärkere Windböe und wehte mir meinen Hut vom Kopf. Ich erschrak und lief sofort los, ohne darüber nachzudenken. Im Hintergrund hörte ich Amélie aufgebracht nach mir rufen, aber ich hatte nur meinen Hut vor Augen, denn ich wollte ihn nicht verlieren. Er war ein Geschenk von meiner Schwester zu meinem zehnten Geburtstag gewesen. Also rannte ich, ohne dabei hinzusehen, wohin ich lief. Dann bekam ich auf einmal einen heftigen Stoß. Ich hörte viel Gehupe von den Autos in meiner Nähe, schreiende Leute, irgendwo krachte es auch noch. Ich selbst war zu Boden gefallen und schlug mir mein Knie auf, dass es mir Tränen in die Augenwinkel trieb. Wieso war jemand so gemein, mich zu schubsen? Das war nicht fair! Als ich mich wieder aufrappelte und zurück sah, um zu gucken, wer der Übeltäter gewesen war, konnte ich gar nicht begreifen, welche Szene vor meinen Augen dalag.
    Ich sah ein Auto, was in die Leitplanke an der Straßenseite gefahren war. Von der Motorhaube stieg leichter Rauch auf, aber dem Autofahrer schien nichts passiert zu sein. Er war bereits ausgestiegen und rannte auf die Straße. Andere Autos waren ebenfalls ins Stocken geraten. Eines stand sogar quer über die Straße. Ich war verwundert darüber, musste mir aber eingestehen, dass es wohl meine Schuld gewesen war. Ich war einfach wegen meinem weg fliegenden Hut auf die Straße gerannt.
    Ich rappelte mich wieder auf, sog scharf die Luft ein, weil mein Knie weh tat und hielt Ausschau nach Amélie, meiner Schwester. Sie müsste noch auf der anderen Straßenseite sein, doch nirgendwo konnte ich sie sehen. Andererseits versammelten sich dort auch immer mehr Leute und gafften auf die Straße. Ich wusste gar nicht, was los war. Erst recht nicht, als eine Frau zu mir geeilt kam und mich fragte, wie es mir geht. Ich antwortete ihr nicht und fragte sie nur:
    »Wo ist meine Schwester?« Allmählich dämmerte es mir, aber mein Bewusstsein wollte es noch nicht wahr haben. In mir drin löste sich Panik und ließ mich zurück auf die Straße laufen. Die Frau rief mir noch nach, versuchte mich aufzuhalten, aber das ließ ich nicht zu. Kein Auto fuhr, weil das Unfallauto und jenes, was quer stand, den Verkehr blockierten.
    »Amélie!«, schrie ich so laut ich konnte. Sie antwortete nicht. Sie konnte es auch gar nicht mehr. Als ich weiter ging, sah ich den leblosen Körper auf der Straße liegen. Keine Ahnung wie ich den übersehen konnte. Er lag einfach so da, Blut floss über den Asphalt. Man konnte es gar nicht übersehen und trotzdem sah ich ihn erst jetzt.
    »Ami?«, murmelte ich. Nur langsam näherte ich mich. Die Frau von vorhin kam zu mir, packte mich und dann brach es aus mir heraus. Panik, Angst, Verzweiflung – all das ergriff von mir Besitz. Ich schrie wie am Spieß.
    »Ami! AMI! Nein, lasst mich los! Ami! Ich will zu meiner Schwester! Ich will zu ihr!« Ich versuchte mich gegen den Griff zu wehren, während verzweifelte Tränen aus meinen Augen flossen, über die Wange hinweg und irgendwo auf den Boden prallten. Wie lange ich schrie und weinte, konnte ich später nicht mehr sagen. Wahrscheinlich tat ich es immer noch, als der Krankenwagen und die Polizei auftauchten, als man mich ins Krankenhaus fuhr, untersuchte und versuchte mich zu beruhigen. Ich konnte nicht. Erst als man mir erlaubte meine Schwester zu sehen, wurde ich ganz ruhig. Aber sie öffnete nicht mehr die Augen. Sie war tot. Auf der Stelle, sofort. Sie war vom Auto erfasst worden, als sie mich gerettet hatte. Nur weil ich so dumm gewesen war und nicht aufgepasst hatte, wohin ich gerannt war. Sie hatte wegen mir sterben müssen.
    Wäre es nicht besser gewesen, dass ich anstatt sie auf dem Bett leblos da lag? Man hatte sie noch gesäubert bevor man mich zu ihr gelassen hatte. Damit der Anblick für mich nicht ganz so furchteinflößend sein würde. Doch es hatte nichts Schreckliches für mich geben können. Ich hatte meine Schwester verloren, die für mich alles bedeutete. Was sollte ich denn ohne sie machen?


    Eine Woche lang hatte man mich nach dem tödlichen Unfall meiner Schwester von der Schule befreit. In dieser Woche hatte ich nichts gesagt, nur geweint oder still vor mich hingebrütet. Meine Mutter hatte mich zum Essen zwingen müssen und sich Sorgen gemacht, weil ich dennoch kaum was zu mir genommen hatte. Natürlich hatte sie auch getrauert. Sie hatte ihr Kind verloren und es war nur sehr schwer für sie verkraftbar gewesen. Außerdem musste sie ganz allein alles für die Beerdigung vorbereiten. Das war der zweitschlimmste Tag in meinem Leben gewesen. Zu sehen, wie meine eigene Schwester in einem Sarg beerdigt wurde. Ich hatte die ganze Zeit nichts gesagt gehabt.
    Nachdem eine weitere Woche vergangen war, in der mich meine Mutter krank geschrieben hatte, damit ich nicht zur Schule musste, weil ich es einfach nicht verkraftet hätte, wurde mir langsam etwas klar. Meine Schwester war zwar weg, aber Kawari war noch immer da. Das Haspiror, was ihr gehört hatte. Nebenbei hatte ich irgendwann mal aufgeschnappt gehabt, dass meine Mutter bereits nach jemanden suchte, der das Pokémon aufnehmen konnte. Ami war nicht mehr da, um sich darum zu kümmern und in den letzten Wochen hatte ich keinen Finger gerührt, um diese Aufgabe zu übernehmen. Obwohl ich noch in meiner Trauer gefangen war und schreckliche Angst hatte in das Zimmer meiner Schwester zu gehen, wo immer noch alles so war, wie ich es kannte, entschloss ich mich an einem Abend eben genau das zu tun. Ich öffnete nur langsam die Tür und sah Kawari in einer Ecke sitzen. Mir war vorher nie in den Sinn gekommen, dass auch Kawari vielleicht trauern könnte. Sie war nur knapp zwei Monate bei uns, aber Ami hatte sich so liebevoll um sie gekümmert, dass da schon bereits eine starke Bindung entstanden war.
    Ich ging langsam auf Kawari zu und hockte mich vor ihr hin. Es war vielleicht ein Meter Abstand zwischen uns. In ihren Augen sah ich die Verunsicherung, die auch in mir tobte. Aber Kawari war es, die langsam den restlichen Abstand überwand und zu mir hoppelte. Sie war sehr süß, deswegen trug sie wohl auch diesen Namen. Außerdem hatte sie eine rote Schleife um ihren Hals, da rot die Lieblingsfarbe meiner Schwester gewesen war.
    Vorsichtig streckte ich meine Hände nach Kawari aus und nahm sie auf den Arm. Sie kuschelte sich sofort an mich und schien froh darüber zu sein, nicht mehr so allein zu sein. Geborgenheit in meiner Umarmung zu finden. Auch ich fühlte mich nicht mehr so allein und hatte das Gefühl, dass meine Schwester bei mir war. In dieser dunklen Zeit kam mir der Gedanke, dass ich wieder glücklich werden könnte. Wenigstens für diesen einen kurzen Augenblick.
    Dann stand ich auf und ging in die Küche, wo meine Mutter saß. Sie war niedergeschlagen und wischte sich mit einem Taschentuch eine einzelne Träne weg. Auch sie hatte den Verlust noch längst nicht überwunden, versuchte aber stark zu bleiben. Als sie mich bemerkte, sah sie auf und mich an. Sie sagte kein Wort. Das war auch gar nicht nötig, denn ich war es, die etwas zu sagen hatte.
    »Ich werde … Ich werde mich um Kawari kümmern!« Ich schrie es förmlich hinaus, weil ich es nicht anders konnte. Es brach einfach aus mir heraus.
    »Ich werde für Ami Kawari trainieren! Und dann werde ich noch mehr Pokémon fangen und die beste Trainerin aller Zeiten werden! So wie es Ami immer gewollt hatte! Ich werde stark werden und dann kann mich keiner mehr besiegen!« Ich sagte das mit so voller Inbrunst, dass es für meine Mutter unmöglich war mir zu widersprechen oder es mir zu verbieten. In diesem einen Moment hatte ich meinen Entschluss gefasst und ihn meiner Mutter bekannt gegeben. Ich wollte mich davon nicht abbringen lassen und den Traum meiner Schwester erfüllen. Obwohl ich nie den Drang dazu gehabt hatte selbst Trainerin zu sein und in den Mittelpunkt zu rücken, würde ich genau das tun. Auch ich musste meiner Mutter versprechen die Schule zu beenden, doch schon bald stellte sich heraus, dass mein Ehrgeiz, Trainerin zu werden, mein Erfolgsrezept sein würde.
    Obwohl ich am Anfang noch von einigen nicht wirklich ernst genommen wurde und hart trainieren musste, schaffte ich es schon in den nächsten zwei Jahren mir langsam den Respekt der anderen Trainer in der Stadt zu sichern. Freunde hatte ich mir unter ihnen nie gesucht. Später erfuhr ich vom Kampfschloss und die Möglichkeit, sich dort zu messen. Die ersten Kämpfe, die ich dort bestritt, waren ein Desaster gewesen. Deswegen zog ich mich auch erst einmal wieder zurück und bestand meine Prüfung in der Schule, so wie es meine Mutter gewollt hatte. Nebenbei hatte ich immer noch trainiert gehabt und kaum war ich aus der Schule raus, ging es richtig los. Ich besiegte einen Gegner nach dem anderen, trieb meine Pokémon zu Höchstleistungen und konnte mir auch langsam im Kampfschloss den Respekt holen, den ich verdient hatte. Ich kämpfte ohne Unterlass, trainierte knallhart und ließ meinen Gegnern nicht eine Chance mich zu überwältigen. Ich wollte die stärkste Trainerin aller Zeiten werden!
    Alles nur für Amélie …
    Der Gedanke an ihr löste in mir wieder die Trauer aus, die ich damals gefühlt hatte, als ich sie tot auf der Straße gesehen hatte. Die Trauer, die über mich eingebrochen war, als ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren hatte. Diese Trauer schaffte es eine Träne aus meinen Augenwinkel zu lösen. Irgendjemand wischte sie ab. Ich wusste nicht wer. Ich wusste nicht einmal, ob das hier nur eine Erinnerung war, ein Traum, aus dem ich nicht erwachen wollte. Denn wenn ich erwachte, würde nur Schmerz auf mich warten …


  • Hey Lexi,


    nun kam endlich das verheißungsvolle Kapitel, wo man erfährt, warum Zoé so handelt, wie sie es tut und welche Gedanken sie da immer angetrieben haben. Das war ja bisher das größte Mysterium und wird wahrscheinlich auch ausschlaggebend dafür sein, welche Konsequenzen sie selbst aus ihren neuen Erfahrungen zieht. Denn als Flamara baden gehen macht sicher nicht so viel Spaß, zeigt aber doch auf eindrucksvolle Weise, wie Pokémon auf ihre Umgebung reagieren. Und damit in Zusammenhang auch, was mit Geowaz am Anfang der Geschichte gewesen wäre (wobei es mich wundert, dass sie spontan daran denkt, wo sie sich eigentlich nicht für ihre Gegner zu interessieren scheint).
    Auf jeden Fall ist die Geschichte um diese ältere Schwester, die selbst gern stärkste Pokémon-Trainerin der Welt werden wollte und in der Zoé ein Vorbild sah, um sich selbst zu verbessern, ein interessanter Anhaltspunkt. Man erfährt hier von einer ganz anderen Zoé, die sich noch gar nicht so stark durchsetzen konnte und erst durch dieses einschneidende Erlebnis zu dem geworden ist, was sie heute ist. Selbstbewusstsein hat sie auf jeden Fall getankt, aber war hier eben das Problem, dass sie nur dieses Ziel verfolgt hat, ohne sich überhaupt mit den Menschen in ihrer Umgebung zu beschäftigen. Man könnte sagen, sie hat sich dem komplett hingegeben und dabei aber das Wichtigste aus den Augen verloren: Kommunikation und einfach das Mitgefühl mit ihrer Umgebung. Und ich denke, dass mit der bisherigen Geschichte auch ihre Pokémon davon profitieren werden, wenn auch nicht sofort ersichtlich. Wobei ich mich da an eine Aussage zu Brutalanda erinnere, dass Zoé fürchtet, den Respekt zu verlieren. Ich bin gespannt, was sich hieraus ergibt.


    Wir lesen uns!

  • Kapitel X


    Mit einem tiefen Atemzug hob sich mein Brustkorb, der mit dem Ausatmen wieder sank. Ich spürte dabei keinen Schmerz und fragte mich auch nicht warum. Mein Bewusstsein tief in mir drin hätte sich wundern müssen, tat es aber nicht. Müde wie ich mich fühlte, drehte ich mich auf meine andere Seite. Ich wollte noch ein wenig länger schlafen, vielleicht auch ein wenig von schönen Dingen träumen. Aber irgendetwas weckte mich trotzdem auf. Langsam hob ich verschlafen meine Augenlider an, blinzelte in die Helligkeit, die mich begrüßte und kniff meine Augen gleich wieder zusammen. Ich brummte unglücklich, denn ein wenig mehr Dunkelheit wäre mir lieber gewesen.
    Nur langsam konnte ich mich dazu überwinden erneut die Augen zu öffnen. Mein Körper streckte sich in alle Richtungen. Auch da fiel mir nicht das Fehlen des Schmerzes auf, der mich eigentlich hätte lahm legen müssen. Gemächlich versuchte ich mich aufzurichten, schmatzte ein wenig und gähnte herzhaft. Es war wie einer dieser Sonntage, an denen man nur schwer aus dem Bett kam und am liebsten weiter liegen bleiben wollte. Das Bett war auch einfach zu gemütlich!
    Bett?
    Mein Körper wie mein Geist brauchten ausnahmsweise mal länger, bis sie richtig wach wurden. Allerdings schaffte es mein Geist meinen Körper abzuhängen und realisierte schneller die Umgebung um mich herum. Ich lag in einem Bett und erschrak mich davor so sehr, dass ich versuchte aufzuspringen. Auf der Matratze jedoch fand ich nicht so schnellen Halt, außerdem kam mir die Bettdecke dazwischen und verhedderte sich mit meinen Beinen. Ehe ich überhaupt richtig darauf reagieren konnte, stieß ich einen erschrockenen Schrei aus und krachte wenig elegant zu Boden. Ich fiel einfach aus dem Bett und ich kann sagen, dass tat echt weh! Dementsprechend stöhnte ich auf und rieb mir kurz darauf über den Rücken.
    »Verdammt«, stöhnte ich und wunderte mich darüber, dass ich mir nicht jeden Knochen gebrochen hatte. Wow Zoé, du bist echt gut darin tollpatschig wie ein junger Coiffwaffwelpe zu sein. Noch einmal stöhnte ich und versuchte mich aufzurichten. Aufstehen tat ich noch nicht, weil mir noch ein wenig schwindelig war, aber wenigstens saß ich jetzt. Huh, das war ja mal wieder ein hervorragender Start in den neuen Tag. Warum war ich … ? Ach ja! Mein Geist nahm wieder den Faden auf und ich sah mich hektisch um.
    Was stimmte hier nicht? Was stimmte vor allem mit mir nicht? Es dauerte geschlagene zwei Minuten, bis ich endlich auf meine Lösung kam: Ich war ein Mensch! Völlig schockiert über diese Tatsache starrte ich meine Hände an, drehte und wendete sie, um sie von allen Seiten anzusehen und tastete sogar meinen Körper ab. Mein Kopf, meine langen Haare, ja alles war dran, selbst meine Beine, mit denen ich bis eben noch nicht klar gekommen war. Sie waren viel länger als die eines Flamaras! Noch dazu besaß ich keine Rute mehr – Ja wirklich, ich griff mir sogar an den Hintern, um das festzustellen! – die meine Balance ausgleichen könnte.
    Meine dunkelblauen Augen huschten wieder durch das Zimmer. Dann war doch alles nur ein schrecklicher Alptraum gewesen, oder? ODER? Wenn dem so wäre, warum erkannte ich dann mein Zimmer nicht wieder? Warum sah es so fremd und gleichzeitig so vertraut aus? Ich brauchte noch weitere zwei Minuten, um mir bewusst zu werden, dass ich nicht bei mir Zuhause war, sondern in Khyrons Zimmer, von dem im übrigen jede Spur fehlte. Auch Louis sah ich nicht. Aber konnte das wirklich sein? War ich hier in der Pension und nicht irgendwo anders?
    Das alles verwirrte mich so sehr, dass ich einfach zum Fenster gehen wollte, um nach draußen zu schauen. Okay, ich krabbelte erst einmal in die Richtung, denn irgendwie war das Laufen auf zwei Beinen wesentlich schwerer, als auf allen Vieren. Erst als ich beim Fenster ankam, hievte und zog ich mich in die Höhe. Das war wirklich lächerlich und ich war froh, dass mich dabei keiner beobachtete. Was würde man über mich denken? Zoé, die nicht mehr alle Latten am Zaun hatte?
    Ich starrte nach draußen. Viel Wiese, der blaue Himmel überließ der Sonne, den Tag so schön wie möglich zu gestalten. Es fühlte sich auch verhältnismäßig warm an, im Gegensatz zu den letzten Tagen. Glaubte ich … So ganz war ich mir nicht sicher. Ich war ja ein Flamara gewesen. Oder nicht? Hatte ich das vielleicht doch nur geträumt? Aber dann wäre ich doch nicht hier, oder? Ich war so verwirrt, dass ich nicht wusste, was Realität und Traum gewesen war. Oder noch immer war! Aber als ich weiter nach draußen starrte, fiel mir noch etwas anderes auf.
    »Nein … « Ich wollte meinen eigenen Augen nicht trauen, kniff sie zusammen und starrte dann erneut nach draußen.
    »Nein, nein nein!« Ich drehte mich um, weg vom Fenster und lief zur Tür. Ich war immer noch ein wenig wackelig auf den Beinen, schaffte es aber bis zur Tür, ohne mein Gleichgewicht zu verlieren. Kurz klammerte ich mich an den Türrahmen, ehe ich das Zimmer verließ. Auf dem Flur kam mir niemand entgegen und auch als ich die Treppe nach unten ging, sah ich niemanden. Weder ein Pokémon, noch Khyrons Eltern, noch ihn selbst. Keiner war da. Aber wo waren dann alle?
    Ich ging zur Küche, wo auch niemand vorzufinden war und nahm die Tür nach draußen, die nicht abgeschlossen war. Ehrlich, einen kurzen Augenblick überlegte ich, mich durch die Klappe zu quetschen. Wie albern war das bitteschön?
    Als ich draußen ankam, lief ich weiter, so schnell mich meine Füße tragen konnten. Doch schon bald wurde ich immer langsamer, bis ich stoppte. Meine Lungen brannten auf einmal, als wäre diese kurze Strecke, die ich gelaufen war, schon zu viel gewesen. Ich wusste nicht wieso. Oder besser gesagt: Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, denn das hätte bedeutet, dass die schlimmen Dinge alle passiert waren. Doch war es nicht genau so?
    Meine Augen betrachteten das Gebilde vor mir. Ich schluckte, um den entstandenen Kloß in meinem Hals irgendwie los zu werden, doch er schnürte mir einfach die Kehle zu. Meine Knie knickten ein und ich plumpste hinab, saß auf meinen Füßen. Der Anblick vor mir war schrecklich. Die Westseite des Gebäudes vor mir war vollkommen abgebrannt. Dass, was noch von dem Gebäude übrig war, war lediglich eine Ruine. Man würde keine Pokémon mehr unter bekommen können. Man würde alles abreißen und neu erbauen müssen. Konnte das denn wirklich sein? War all das, was in meinem Kopf geschehen war, wirklich passiert?
    Vor mir lag die abgebrannte Ruine des Pokémon-Hauses, wo die Pension die aufgenommenen Pokémon unter anderem untergebracht hatten. Wo sie sich um sie gekümmert hatten. Das heiße Feuer, was dafür verantwortlich gewesen war, hatte kurzen Prozess gemacht. Das Gebäude war nicht mehr zu retten gewesen.
    Meine rechte Hand legte sich über meinen Mund, Tränen stiegen mir in die Augen. Wenn diese Ruine hier der Wahrheit und der Realität entsprach … Wenn ich das alles nicht nur träumte, sondern wirklich im wachen Zustand erlebte, dann bedeutete das … Dann bedeutete das, dass alles, was ich als Flamara erlebt hatte, Wirklichkeit gewesen war. Dass ich Schuld an der Feuerkatastrophe hatte, dass ich dafür verantwortlich war, dass das Haus niedergebrannt war.
    Ich war Schuld für dieses schreckliche Schlamassel.
    Aus meiner Kehle löste sich ein erstickter Laut. Ich wusste nicht, wie ich richtig weinen sollte und konnte es gleichzeitig auch nicht verhindern. Meine Brust hatte sich zugeschnürt und das Atmen fiel mir schwer. Ich hatte schreckliche Angst den Gedanken weiter zu spinnen und mich zu fragen, was aus all den Pokémon im Gebäude passiert waren. Ob sie … ?
    Ich kniff die Augen zu, sah weg von der Ruine und versuchte durchzuatmen. Aber es gelang mir nicht richtig. Mir drohte die Luft weg zu bleiben, was in mir mittlerweile eine Panik auslöste, die erst recht verhinderte, dass ich richtig durchatmen konnte. Da half es auch nicht, dass ich mich im nächsten Moment fürchterlich erschreckte, als eine Stimme einfach so neben mir auftauchte.
    »Zoé?« Die Stimme klang etwas verwirrt, aber auch bekannt und durfte ich mir einbilden, dass ich auch Sorge heraus hören konnte? Als ich meinen Kopf zur Seite drehte, um die Person anzusehen, erkannte ich Khyron vor mir. Nein, ich durfte es mir nicht einbilden. Ausgerechnet er dürfte sich keine Sorgen um mich machen.
    Mir blieb dennoch die Luft weg. Khyron schien sofort zu begreifen, dass etwas mit mir nicht stimmte. In Sekundenschnelle kniete er sich hin, ergriff meine Schultern und gab mir Anweisungen ganz ruhig tief ein- und auszuatmen, um mir dabei zu helfen nicht zu ersticken. Die Panikattacke, die mir das Atmen so schwer machte, war nicht so leicht abzuschütteln.
    Vor mir war Khyron, ich sah direkt in seine goldenen Augen und er versuchte mir zu helfen. MIR! Zoé Lefevre, die nicht gerade für ihre Freundlichkeit bekannt war.
    »Tief ein- und ausatmen«, sagte Khyron noch einmal und atmete mit mir, damit ich den ruhigen Rhythmus bekam, der mir das Leben rettete. Wir saßen bestimmt mindestens fünf Minuten da und atmeten einfach nur, bis ich mich soweit beruhigt hatte und ohne größere Probleme wieder Luft bekam. Ich war Khyron dankbar für seine Hilfe, schaffte es aber nicht, auch nur ein Wort an ihn zu richten. Tatsächlich fiel es mir sogar jetzt noch schwerer ihm in die Augen zu sehen, weshalb ich zu Boden blickte.
    »Zoé, was machst du denn hier draußen?«, wollte er dann von mir wissen. Er klang nicht vorwurfsvoll und egal wie sehr ich danach suchte, ich fand auch keinerlei andere negative Emotion, die in seiner Stimme mitschwang. Keine Abneigung, kein Vorwurf, keine Bosheit. Das verwirrte mich. Er hatte sicherlich allen Grund dazu, mich nicht zu mögen und mich davon zu jagen. Ganz gleich, ob ich Schuld am Feuer war und er es wusste oder nicht. Schon bevor ich hier als Flamara her gekommen war, dürfte er mich nicht besonders gemocht haben. Wie eigentlich jeder andere auch. Ich hatte mir schließlich in der Vergangenheit keine Freunde gemacht.
    Noch immer sagte ich nichts, aber Khyron ließ sich nicht davon abhalten mir auf die Beine zu helfen. Ich ließ es einfach geschehen und stand nun wieder. Er achtete ziemlich genau darauf, dass ich auch stehen blieb und nicht einfach umkippte. Auch das löste meine Verwirrung nicht auf. Wieso versuchte er mir zu helfen?
    »Ähm, also … du solltest vielleicht wieder rein gehen, um dir etwas anderes anzuziehen«, sagte er zu mir und räusperte sich. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich vermutet, dass er sogar ein wenig verlegen wurde, als er das sagte. Das konnte aber unmöglich sein. Ich sah ihn nun doch mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln an und nickte einfach nur. Meine Stimmbänder waren noch nicht in der Lage irgendetwas von sich zu geben. Daher ging ich Khyron hinterher, der mich ins Haus begleitete. Einen letzten Blick warf ich zurück und sah auf die Feuerruine, nur um mein schlechtes Gewissen daran zu erinnern, dass es nicht verschwinden durfte. Ich fühlte mich schrecklich deswegen, ja. Aber was konnte ich schon dagegen machen?
    Khyron deutete auf das Badezimmer, als wir die Küche hinter uns gelassen hatten.
    »Ein paar frische Sachen liegen dort bereit«, erklärte er mir. Noch immer war ich verwirrt und verstand die ganze Situation nicht. Alles war so komisch. Ich tat einfach nur wie mir geheißen und betrat das Badezimmer, schloss die Tür hinter mir und sah das Sachenbündel auf dem Rand der Badewanne liegen. Es waren nicht meine Sachen, aber es waren welche für eine Frau. Also keine Männerklamotten. Eine Hose und ein Top, was ich anziehen konnte. Mir hatte man sogar Socken bereit und … Oh Wunder, Unterwäsche.
    Langsam ratterte mein Geist noch stärker und ich warf endlich einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Bisher hatte ich mich selbst gar nicht so wirklich wahrgenommen. Ich war viel zu sehr mit den anderen Eindrücken beschäftigt gewesen, um mich zu fragen, wie ich aussah, abgesehen davon, dass ich halt wieder ein Mensch war. Als ich in den Spiegel blickte, wurde mir einiges klar. Ich trug nur eine kurze Hose, die eindeutig nicht meiner Größe entsprach, aber wenigstens auch nicht so sehr rutschte, dass ich unten ohne da stand. Außerdem hatte ich nur ein schlabbriges Hemd an, was mir mindestens zwei Nummern zu groß war. Wieso? Wieso trug ich solche Sachen? Das war sicher nicht einmal das Schlimmste. Mal ganz ehrlich, ich sah einfach aus wie eine schreckliche Vogelscheuche! Meine langen, schwarzen Haare waren völlig durcheinander und allgemein sah ich nicht besonders gut aus. Irgendwie … abgekämpft. Ich wusste nicht, wie ich es besser beschreiben sollte. Scheiße? Sehr schmeichelnd, nicht wahr?
    Aber das, was eigentlich meine größte Aufmerksamkeit bedurfte und was mich am meisten schockierte, war das Halsband um meinen Hals. Es war weiß und hatte diese kleinen glitzernden Steinchen. Ich schloss meine Augen, zählte innerlich bis zehn und öffnete sie wieder. Das Halsband war noch immer da. Es sah genauso aus wie das, was mir Khyron umgelegt hatte, als ich ein Flamara gewesen war. Es war kein Traum … kein Traum! Wenn es kein Traum war und ich immer noch dieses Halsband trug und es Khyron mir umgelegt hatte, dann bedeutete das doch, dass er es erkannt hatte. Und wenn er es erkannt hatte, dann … !
    Mir drohte eine erneute Panikattacke. Ich taumelte zwei Schritte rückwärts, nur war im Bad nicht genügend Platz, so dass ich an den Schrank hinter mir stieß. Dabei stieß ich mir auch den Hinterkopf an und sog scharf die Luft ein. Wenn das so weiter ging, würde ich irgendwann am ganzen Körper blaue Flecken haben. Das war keine schöne Aussicht. Aber was war überhaupt schön an meiner Situation? Mir war schlagartig elend zumute und ich ließ mich auf den Boden sinken, lehnte mit dem Rücken an die Badewanne und zog meine Beine an meinen Körper.
    Erneut stiegen mir Tränen in die Augen, doch diesmal purzelten sie auch über meine Wange. Ich war restlos überfordert mit der Gesamtsituation. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn mehr. Das alles konnte gar nicht wahr und passiert sein. Und dennoch sprachen so viele Dinge dafür! Wie sollte ich Khyron unter die Augen treten? Ich konnte nicht wie vorher sein. Stark und selbstbewusst und arrogant genug, um die Nase nach oben zu heben und so tun, als würde mich nichts berühren oder erschüttern können. Ich konnte nicht einfach gehen und so tun, als wäre nichts passiert und das alles hinter mir lassen. Dabei wäre mir das noch am liebsten. Weglaufen vor alle dem und nie wieder daran denken. Aber das würde gleichzeitig bedeuten, dass ich auch die angenehmen Momente einfach verschwinden ließ. Die Zuwendung, die Khyron mir geschenkt hatte, sein Lächeln und sein Lachen und die liebenswerte Art, wie er sich trotz allem um mich gekümmert hatte. Wollte ich das einfach so vergessen?
    Was spielte das schon für eine Rolle? Es würde doch sowieso darauf hinaus laufen, dass mich Khyron davon jagte und mit mir nichts mehr zu tun haben wollte, richtig? Nicht nur, dass ich am Feuer Schuld war, ich war schließlich auch Zoé! Diese fürchterliche Trainerin, die ohne Rücksicht auf Verluste kämpfte. Zoé, die ihm auch eine Ohrfeige verpasst hatte.
    Ewig konnte ich mich leider nicht in dem Badezimmer verstecken. Irgendwann würde ich hinaus gehen müssen, doch noch fühlte ich mich nicht bereit dazu. Ich musste erst die Tränenflut bekämpfen, die sich aus meinem Körper stahl. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass nun jetzt alles heraus kam, was ich zuvor nicht hatte los werden können. Auch nicht als Flamara, als mir nach Weinen zumute gewesen war.
    »Komm schon Zoé«, sprach ich mit gebrochener Stimme zu mir selbst. »Reiß dich zusammen!« Ich konnte doch nicht ewig wie eine Heulsuse in diesem Bad bleiben. Wenn es doch nur so einfach wäre …
    Ein Kratzen an der Tür weckte meine Aufmerksamkeit. Ich schniefte noch einmal, sog die Tränen hoch und wischte mir die letzten von der Wange. Reiß dich zusammen, sagte ich mir wieder, sah einmal in den Spiegel, atmete tief durch und öffnete dann vorsichtig die Tür. Ein Schatten rannte so schnell herein, dass ich gar keine Chance hatte ihn abzuwehren. Ich schloss die Tür sofort wieder und drehte mich um. Auf dem Badewannenrand saß niemand anderes als Louis. Ich starrte ihn einfach nur an und wartete darauf, dass er irgendetwas zu mir sagen würde. Dabei war ich kein Pokémon und alles, was ich zu hören bekam, war ein zartes Fiepsen seiner Stimme. Was er mir sagte, konnte ich nicht mehr verstehen. Ich schniefte noch einmal, ging zum Waschbecken, wo ich mich kurz abstützte und begann dann mich zu waschen. Viel kaltes Wasser klatschte ich mir ins Gesicht. Louis beobachtete die ganze Zeit über, was ich tat. Er ließ mich nicht einmal aus den Augen. Keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Es war seltsam, aber es half mir auch mich wieder zu sammeln und mich nicht mehr wie eine Heulsuse im Bad zu verstecken. Auch wenn ich wusste, dass mir das Bevorstehende sehr schwer fallen würde. Ich hatte schreckliche Angst davor Khyron gegenüber zu treten. In all den letzten Jahre hatte ich vor keinem Kampf mehr Angst gehabt. Das war absurd.
    Als ich mich gewaschen hatte und ein wenig frischer wirkte und auch nicht mehr so verheult aussah, nahm ich das Sachenbündel an mich. Ich würde mich noch umziehen, bevor ich raus ging, denn Khyrons Klamotten, die ich am Leibe trug – Ich nahm einfach an, dass es seine waren. – wollte ich nicht länger tragen. Es wäre auch ziemlich lächerlich auf Dauer. Doch bevor ich mich umzog, musterte ich Louis noch einmal. Normalerweise hatte ich nie Probleme gehabt, mich vor meinen eigenen Pokémon umzuziehen, doch jetzt, wo ich die Erfahrung als Pokémon selbst gemacht hatte, war das irgendwie anders. Ich ging zur Tür, räusperte mich und sah Louis auffordernd an.
    »Na komm«, sagte ich außerdem. Er schien meine Aufforderung zu verstehen, auch wenn er nicht sofort reagierte. Er sprang dennoch von dem Wannenrand, kam zu mir hinüber, blieb bei mir stehen und sah zu mir hinauf, ehe er dann langsam aus dem Bad verschwand. Ich schloss ein weiteres Mal die Tür und atmete durch. Das alles war sehr seltsam, aber ich musste das jetzt durchleben. Eine Wahl besaß ich nicht und begann mich deswegen umzuziehen. Woher waren diese Sachen überhaupt? Khyron hatte keine Schwester und abgesehen von seiner Mutter hatte ich hier keine weibliche Person entdecken können. Die Sachen sahen aber auch nicht aus, als wären sie von seiner Mutter und meine eigenen waren das auch nicht. Ich runzelte die Stirn und beließ es dabei. Hauptsache ich hatte etwas zum Anziehen und musste nicht nackt durch die Gegend rennen.
    Als ich daran dachte, war ich schon dabei aus dem Bad zu gehen. Nackt … Ich hatte Khyrons Sachen angehabt. Könnte es sein, dass … ? Oh mein Gott! Es wurde immer peinlicher! Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gesponnen, quälte mich nicht nur mein schlechtes Gewissen, sondern nun auch ein ziemlich großes Schamgefühl. Oh nein, bitte nicht, das konnte alles nicht wahr sein!
    Zu meinem Schrecken tauchte Khyron genau in diesem Moment auf, als er mitbekommen hatte, dass ich das Bad verlassen hatte. Er kam aus der Küche heraus und sah mich an. Ich war dermaßen verlegen – Jetzt erst recht! – dass ich wieder nur zu Boden sah.
    »Hast du Hunger?«, fragte er mich. Ich antwortete nicht darauf. Meine Kehle war zugeschnürt, genauso wie vorhin, nur diesmal wegen einem anderen Grund. Ich nickte leicht. Jetzt, wo er mich das fragte, bemerkte ich auch, dass ich Hunger hatte. Wann hatte ich das letzte Mal was gegessen? Wie lange war überhaupt das alles her mit dem Feuer? Ich wusste weder welcher Tag war, noch wie ich wieder zurück in die Pension gekommen war. Auch wenn ich mir das denken konnte, aber eigentlich ergab das alles keinen Sinn. Warum sollte Khyron nach mir suchen und mir helfen? Dennoch konnte ich immer noch von seiner Seite aus keine negativen Stimmungen wahrnehmen, als ich mich in der Küche auf die Sitzbank an den Tisch setzte. Er hantierte derweil herum, holte aus dem Kühlschrank Frischkäse und Brot heraus und andere Sachen, die ich mir aufs Brot schmieren oder legen konnte. Es würde einem Frühstück entsprechen und nach der Uhrzeit zu urteilen, passte das auch gut. Aber warum machte er das alles?
    Er stellte mir auch einen Teller zur Verfügung und ich griff nach dem Messer, was er mir hinlegte, damit ich mir daraufhin ein Brot beschmieren konnte. Zu spät bemerkte ich, dass er dabei das Halsband an meinem Handgelenk betrachtete. Ich hatte es vorhin nicht übers Herz gebracht es komplett abzunehmen. Ja, ich ließ es nicht mehr um meinen Hals, aber es ganz weg lassen konnte ich auch nicht. Warum? Wenn ich das nur selbst wüsste. Doch jetzt, wo Khyron es sah, hatte ich das Gefühl, dass das eine sehr schlechte Idee gewesen war. Ich schob meine Hand unter den Tisch, damit er es nicht mehr sehen konnte und kam mir dadurch noch lächerlicher vor als ohnehin schon. Außerdem sah ich ihn immer noch nicht an. Mein Glück war es, dass er sich wieder von mir abwandte und noch ein paar andere Sachen vorbereitete. Beispielsweise goss er mir etwas von dem frischen Beerensaft in ein Glas, damit ich was zum Trinken hatte. Er war ein guter Gastgeber, das musste man ihm zugestehen. Allerdings machte es mich ziemlich nervös, als er sich mir gegenüber an den Tisch setzte.
    Beinahe schüchtern sah ich zu ihm hinüber, vermied es aber länger als nötig in seine Augen zu sehen. Meine Finger zitterten, was es mir erschwerte das Brot zu schmieren. Mir fiel sogar das Messer aus der Hand, was mit einem Scheppern zurück auf den Tisch fiel. Selbst davor erschreckte ich mich, obwohl ich den Fall beobachtet hatte. In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie so verunsichert und lächerlich zugleich gefühlt. Wo sollte das enden?
    »Wie fühlst du dich?«, fragte mich Khyron. Konnte er es sich nicht denken? Er wollte es von mir hören, nicht wahr? Wollte versuchen mir irgendein Wort zu entlocken. Ich würde gerne etwas sagen, aber ich wusste nicht was. Wie fühlte ich mich? Es war schwer zu beschreiben und trotz dessen, dass ich meine Lippen leicht öffnete, schaffte ich keinen Ton hervor zu bringen. Das war eigenartig.
    »Oh, du bist wach? Wie schön!« Khyrons Mutter kam auf einmal in die Küche und ich sah schreckhaft auf. Sie trug einen Wäschekorb bei sich und lächelte mich an, als ich ihrem Blick begegnete. Sie war total herzlich zu mir. Von ihr ging eine Wärme aus, die ich nicht erwartet hatte.
    »Wie geht’s dir?«, wollte auch sie von mir wissen, aber auch jetzt schaffte ich es nicht eine entsprechende Antwort zu geben. Ich starrte sie mit großen Kulleraugen an, weswegen sie einfach weiter redete.
    »Also, ich habe vorhin die Polizei bereits informiert, dass du wieder aufgetaucht bist. Sie werden bestimmt bald da sein und dir noch ein paar Fragen stellen«, erklärte sie mir. Ich war hoffnungslos überfordert. Polizei? Fragen stellen? Nur mit Mühe setzte ich das auferlegte Puzzle zusammen und erinnerte mich an die Situation, als die Polizisten das erste Mal in der Pension aufgetaucht waren und von meinem Verschwinden erzählt hatten. Mein Kopf begann zu brummen und ich hob meine Hände und legte sie gegen meine Schläfen. Das war mir einfach alles zu viel.
    »Hast du Kopfschmerzen?«, wurde ich prompt gefragt.
    »Ein bisschen«, antworte ich selbst. Als mir klar wurde, dass ich zum ersten Mal was gesagt hatte, war ich überrascht, aber auch erleichtert. Das Sprechen hatte ich wohl doch nicht verlernt.
    »Khyron, hol ihr eine Tablette«, schlug seine Mutter vor. Er war schon dabei aufzustehen, als ich mich einmischte.
    »N-nicht! Nicht nötig«, sagte ich und kam mir wie ein kleines, verschüchtertes Mädchen vor.
    »Es geht schon«, fügte ich noch an und sah auf den Tisch vor mir. Khyrons Mutter als auch er selbst sahen mich fragend an. Ich schaffte es nicht ihren Blicken zu begegnen, denn dann fiel mir wieder ein, was ich angerichtet hatte … Und wie nett sie bisher zu mir waren. Das förderte mein schlechtes Gewissen nur noch mehr. Khyrons Mutter akzeptierte meine Antwort und verließ die Küche, um sich weiter um die Wäsche zu kümmern. Schließlich war Khyron hier, der auf mich aufpasste, nicht wahr? Schweigen herrschte eine Zeit lang zwischen uns, bis Khyron erneut seine Stimme erhob.
    »Die Sachen sind von der Tochter des Beerenfeldeigentümers. Sie war so nett dir welche zur Verfügung zu stellen«, sagte er. Er versuchte mit mir ganz normal zu reden, wofür ich ihm sehr dankbar war, auch wenn ich es ihm nicht so zeigen konnte, wie es gerne getan hätte.
    »Oh?« Wenigstens wurde ein weiteres Rätsel gelöst. Ich würde ihr die Sachen später zurück geben müssen. So weit war das Beerenfeld nicht entfernt. Wenn man es genauer betrachtete, dann war der Beerenfeldeigentümer so gesehen der Nachbar der Pension. Auch wenn man ein Weilchen laufen musste, bis man ihn erreichen konnte.
    »Du darfst die Sachen behalten, das geht in Ordnung.« Darüber war ich positiv überrascht, denn das hätte ich nicht angenommen.
    »O-okay.« Mehr sagte ich dazu nicht. Auch nicht irgendwas anderes. Es war, als hätte ich verlernt ein richtiges Gespräch zu führen. Diese Verunsicherung in mir bremste mich total aus. Dadurch entstand wieder ein Schweigen zwischen uns, was ich eher als unangenehm bezeichnen würde. Ich wollte nicht, dass es so war, wusste aber nicht, wie ich es besser machen konnte. Meine Angst und Verlegenheit hielten mich davon ab, mich ganz normal mit Khyron zu unterhalten. Eigentlich wartete ich nur darauf, dass er mir sagte, dass ich bitte gehen sollte. Auf seine höfliche und freundliche Art, weil er offenbar einfach nicht schlecht und böse sein konnte. Louis war derjenige, der mich ein wenig rettete, als er ohne Vorwarnung angerannt kam und auf die Sitzbank sprang. Meinem schreckhaften Herz kam das zwar nicht zu Gute, aber als sich Louis provokativ auf meinen Schoß legte, war das Schweigen wieder vorbei. Khyron lächelte, was mich zugegeben ganz nervös machte. Ein anderes nervös, nicht diese unangenehme Nervosität, sondern dieses … flatterhafte, wenn einem der Magen irgendwas sagen wollte.
    »Louis mag dich sehr«, hörte ich Khyron sagen und sah ihn erstaunt und zweifelnd an.
    »Warum sollte er?« Diese Frage rutschte mir so schnell über die Lippen, dass ich sie nicht aufhalten konnte. Ich hatte nicht lange darüber nachgedacht, doch im Nachhinein war es das Blödeste, was ich hätte sagen können. Khyron starrte mich an, ich starrte zurück. Ein erneutes Schweigen war zwischen uns entstanden und die brutale Realität prallte auf mich ein. Während ich mir bis dato noch hätte einbilden können, dass Khyron doch nichts wusste. Dass ich das Flamara gewesen war, Schuld an dem Feuer und alle dem … So war nun alles vorbei. Indem ich diese Frage stellte, rückte ich mich selbst in ein schlechtes Licht. Ja, warum sollte man mich mögen? Ich gab ein Eingeständnis zu, was auch Khyron klar sein dürfte und was dazu führte, dass ich mich noch schlechter fühlte als ohnehin schon. Ich biss mir auf die Unterlippe, sah nach unten, wo allerdings Louis war, da er auf meinem Schoß saß. Er sah mich mit seinen braunen Augen an. So … neugierig, aber auch mit einer Zuneigung, die ich nicht begriff, allerdings auch mit dem Schimmer des Verstehens. Als wüsste Louis ebenso alles wie Khyron.
    Statt stark zu sein und das alles irgendwie zu überstehen, wurde ich wieder schwach. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, die neben meinen Beinen auf der Sitzbank lagen. Mit viel Anstrengung versuchte ich die Tränen zurückzuhalten, die sich in mir aufstauen wollten. Nein, ich durfte sie nicht raus lassen. Nicht jetzt!
    Zoé verdammt, hör auf so weinerlich zu sein! Wenn ich nur rumflennte, wurde es auch nicht besser. Das wusste ich. Doch wie wehrte man sich gegen die Gefühle, die einen überfielen? Das war schwer.
    »Z … «, sprach Khyron mich an, was endgültig meine Verteidigung auflöste. Es brach aus mir heraus. Louis dürfte nicht besonders erfreut darüber sein, denn ich sprang von der Bank auf, so dass er hinab geschleudert wurde. Da er sehr geschickt war, landete er elegant auf seinen Pfoten, rannte aber ein bisschen weiter weg, um Abstand zu gewinnen.
    »Nein!«, schrie ich derweil Khyron an und achtete nicht weiter auf Louis. Khyron sah mich überrascht mit seinen großen Bernsteinaugen an. Er verstand nicht, warum ich plötzlich so austickte.
    »Hör auf damit! Hör auf damit!«, schrie ich weiter und kam hinter dem Tisch hervor. Wie ein eingesperrtes Pokémon in einem Käfig rannte ich in der Küche hin und her. Ich wusste nicht, wohin ich sollte, dabei hätte ich einfach nur die Tür aufreißen und nach draußen rennen können. Mein Verstand war allerdings ausgeschaltet und in meiner aufgebrachten Panik, die in mir wütete, konnte ich nicht mehr klar denken. Khyron war mittlerweile selbst aufgesprungen und wollte mich beruhigen.
    »Zoé«, versuchte er es noch einmal, aber ich schrie ihm dazwischen.
    »Nein! Hör auf nett zu mir zu sein! Lass das!« Was ich noch nicht richtig verstanden hatte, hatte Khyron spätestens jetzt begriffen. Damit ich nicht mehr umher wanderte, griff er nach meinen Armen, um mich aufzuhalten. Sofort versuchte ich mich dagegen zu wehren. Die Panik in mir wurde größer, besonders als er mich einfach an sich zog, mich umarmte, aber auch gleichzeitig sehr fest hielt, damit ich stehen blieb und aufhörte durchzudrehen.
    »Nein, lass mich los, nein!« Noch wollte ich nicht aufgeben, aber mein Kampfwille war nicht sehr ausgeprägt. Khyron sagte nicht so viel, hielt mich nur fest, damit ich mich wieder beruhigte.
    »Scht-scht, es ist alles gut«, hörte ich ihn in mein Ohr murmeln. Ein Wehklagen löste sich aus meiner Kehle. Ich zerbrach unter der eigenen Last meiner Schuldgefühle. Mein schlechtes Gewissen war so groß, dass ich damit nicht zurecht kam und Khyron schien es zu wissen und wollte mir helfen. Ich verstand nur nicht, warum er das tat.
    »N-nichts ist gut«, schniefte ich. Da ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, hörte ich mich weinerlich an und hasste mich noch mehr dafür. Immer hatte ich stark sein wollen. Seitdem Amélie weg war, hatte ich es versucht und nichts und niemanden mehr an mich heran gelassen. Damit ich nicht noch einmal verletzt werden konnte. Aber genau das war passiert. Khyron hatte meine Mauer durchbrochen. Als Pokémon war ich angreifbar gewesen, ohne es zu wollen oder es zu bemerken und ehe ich mich versehen hatte, hatte er sich in mein Herz geschlichen. Dann war die Katastrophe passiert und ich hatte alles kaputt gemacht. Ich war selbst dran Schuld. Wie immer. So wie ich Schuld daran war, dass Amélie tot war. Ich schluchzte erneut auf.
    »Nichts ist gut … «, wiederholte ich mich. Meine Knie sackten zusammen und nur weil Khyron mich festhielt, stürzte ich nicht zu Boden. Weil er merkte, dass ich nicht mehr selbst stehen konnte, ließ er sich gemeinsam mit mir auf den Küchenboden sinken. Er ließ mich dabei nicht los und hielt mich fest. Selbst wenn er los gelassen hätte, ich klammerte mich so sehr an ihn, dass er mich gar nicht so ohne Weiteres los bekommen hätte. Er schien es auch nicht zu wollen und war noch immer dabei mich zu beruhigen und zu trösten.
    »Doch Z, alles ist gut«, widersprach er mir. Ich schüttelte meinen Kopf, den ich an seinen Hals gedrückt hatte. Vermutlich weinte ich auch noch sein komplettes Oberteil voll.
    »Das Feuer … «, begann ich und wollte ihm sagen, dass ich daran Schuld war. Ich wollte meine Tat gestehen, damit es wirklich klar war, doch meine Kehle war nicht in der Lage dazu. Khyron nahm mein Gesicht in seine Hände und zwang mich dazu ihn direkt anzusehen. Ich begegnete seinem festen, ernsten Blick und hatte Angst davor, was er sagen würde.
    »Da Feuer war ein Unfall, hörst du? Ein Unfall!«, versuchte er mir klar zu machen. Ich schüttelte erneut den Kopf.
    »Nein«, widersprach ich. Irgendwie musste ich ihm begreiflich machen, dass es anders gewesen war.
    »Doch!«, sagte er und ich wollte ihm wieder widersprechen, aber er kam mir zuvor.
    »Hör auf dich mit mir streiten zu wollen. Das Feuer war ein Unfall, du kannst nichts dafür!« Auch das überzeugte mich nicht. Erneut öffnete ich die Lippen, um ihm zu sagen, dass ich daran Schuld hatte, weil ich das Feuer gelegt hatte. Oder besser gesagt ausgespuckt hatte. Khyron war aber ganz schön konsequent mit seiner Aussage und ließ meinen Widerspruch einfach nicht zu.
    »Du kannst nichts dafür. Du hast es nicht kontrollieren können«, sagte er und sah mir fest in die Augen. Ich wollte erneut ansetzen, widersprechen und es richtig stellen, doch diesmal war ich es selbst, die sich davon abhielt, etwas darauf zu erwidern. Ich sah Khyron einfach nur an. Sah in seine Augen, versuchte zu verstehen, was er mir gerade gesagt hatte, was er mir begreiflich machen wollte, bis es in meinem Kopf endlich Klick machte.
    Er wusste es. Obwohl ich es bis jetzt immer nur annehmen und vermuten konnte, wusste er es. Dass ich das Flamara gewesen war! Dass ich das Feuer ausgelöst hatte. Hatte er mich vielleicht sogar gesehen?
    »Aber … ?« Da war dieser Punkt, den ich nicht verstehen konnte. Selbst wenn er es wusste, warum war er dann nicht sauer auf mich? Warum gab er mir nicht die Schuld dafür? Stattdessen legte er es als Unfall aus! Das konnte doch nicht sein!
    »Wir konnten alle Pokémon retten. Keines wurde ernsthaft verletzt, okay? Alles ist gut«, sagte Khyron zu mir. Seine Stimme klang jetzt nicht mehr ganz so streng, sondern viel sanfter.
    »Du musst dir nicht die Schuld geben«, fügte er an. Er versuchte mir wirklich das schlechte Gewissen zu nehmen. Dabei hatte ich das gar nicht verdient, aber er tat es trotzdem. Mehrere Tränen liefen mir über das Gesicht und Khyron wischte sie ab. Da seine Hände immer noch auf meinen Wangen lagen, neigte er meinen Kopf, um mir einen Kuss auf den Haaransatz zu geben. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte und ließ mich ohne Widerstand näher zu ihm ziehen und umarmen. Er strich mir tröstend über den Rücken und beruhigte mich weiter.
    Kein Vorwurf, keine Schuld, einfach nur Trost und Zuneigung schenkte er mir. Wie jemand so liebenswert sein konnte, verstand ich nicht. Aber ich erfuhr es von ihm und war ihm dankbarer, als er es sich je vorstellen konnte. Wie lange wir hier unten auf dem Küchenboden saßen und uns festhielten, wusste ich nicht. Aber irgendwann durchbrach Khyron wieder die Stille, die anders als die Male zuvor nicht einmal unangenehm gewesen war.
    »Wird Zeit, dass du wieder zu der starken Zoé wirst, wie wir sie kennen.« Als ich das hörte, rückte ich schlagartig von ihm ab.
    »Nein!« Mir war das noch gar nicht klar gewesen, bis jetzt. Ich wollte nicht mehr so sein wie vorher. Denn das bedeutete, dass ich ein schlechter Mensch war, oder? Diese Rücksichtslosigkeit war unerträglich, aber noch schlimmer war die Einsamkeit, in der ich mich all die letzten Jahre befunden hatte. Dorthin wollte ich nicht zurück. Vielleicht konnte Khyron es mir ansehen. Er sagte nichts mehr dazu, strich mir nur zärtlich über die Wange und stand auf. Danach half er mir auf die Füße zu kommen und gemeinsam setzten wir uns zurück an den Tisch. Das alles war gefühlsmäßig ziemlich aufwühlend für mich gewesen. Ich war froh, dass niemand sonst hier war, außer eben Khyron – und selbst Louis war noch da. Der sich im Übrigen neben mir wieder auf die Sitzbank setzte. Als ich meine Hand ausstreckte und ihn an der Wange kraulte, begann er zu schnurren. Das machte mich glücklich und seit sehr, sehr langer Zeit schaffte ich es ein Lächeln auf meine Lippen zu bringen.



  • Kapitel XI


    Der späte Nachmittag deutete bereits den bald eintreffenden Herbst an. Rote und gelbe Blätter wurden von dem kühleren Wind durch die Luft gewirbelt. Der Vormittag hatte recht warm begonnen, doch jetzt spürte ich sehr viel deutlicher, wie die Temperaturen nachließen. Ich saß draußen auf der Wiese unter einem Baum und genoss weitestgehend die Ruhe. Nach allem, was passiert war, brauchte ich das einfach und war froh, dass gerade niemand da war, um mir Tausende Fragen zu stellen. Allerdings würde das nicht ewig so bleiben, denn schließlich hatte Khyrons Mutter angedeutet, dass heute noch die Polizisten kommen würden. Verständlich, aber lästig.
    Mittlerweile hatte ich mich so weit gefangen, dass ich nicht mehr einfach los heulte. Louis lag neben mir im Gras. Seit ich die Küche verlassen hatte und Khyron sich erst einmal um die Pokémon kümmern musste, weil das nun mal sein Job war, begleitete mich das Folipurba überall hin. Niemand hatte etwas dagegen, dass ich mich frei auf dem Gelände bewegte und noch immer war ich erstaunt über so viel Freundlichkeit, die man mir entgegen brachte. Auch wenn ich Khyron dankbar für alles war, vor allem weil er mich nicht schuldig sprach, so nagte immer noch ein Restteil des schlechten Gewissens an mir. Louis schlief und ich kraulte ihm durch das kurze Fell. Das hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Schon seltsam, nicht?
    »Z!« Auch bei Khyrons Stimme rührte sich Louis nicht. Er genoss das Streicheln und schlief seelenruhig weiter. Khyron näherte sich mir und ich sah, wie er etwas mitbrachte. Er hielt zwei Teller, von dem er mir einen reichte. Weil ich ihn annahm, musste ich von Louis ablassen, der daraufhin nun doch die Augen öffnete. Verschlafen gähnte und schmatzte er, stand kurz auf, um sich zu strecken, legte sich danach aber gleich wieder hin. Er war die Ruhe selbst. Am liebsten würde ich es ihm gleich tun, denn ein wenig müde fühlte ich mich auch. Nach der ganzen Heulerei am Vormittag wunderte mich das auch nicht. Ich gähnte selbst und hörte Khyron darüber lachen.
    »Hast du nicht schon genug geschlafen?«, fragte er mich und ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Außerdem setzte er sich neben mich und lehnte sich ebenfalls an den Baumstamm hinter uns.
    »Mhm?«
    »Du hast einen ganzen Tag durchgeschlafen«, erklärte er mir und ich traute meinen Ohren kaum.
    »Was?« Er wollte mich doch auf den Arm nehmen!
    »Ja, wirklich«, bestätigte er und sah mich leicht überrascht, aber auch ehrlich an. Es war sein Ernst. Ich hatte also tatsächlich einen ganzen Tag durchgeschlafen. Das bedeutete wohl, dass vorletzte Nacht das Feuer gebrannt hatte und nicht vergangene Nacht? Das würde auch erklären, warum hier keine Feuerwehr mehr gewesen war, als ich erwacht war. Es war bereits genug Zeit vergangen, um alles zu löschen.
    Ich sah auf den Teller, den ich dank Khyron in meinen Händen hielt. Darauf war en großes, lecker aussehendes Kuchenstück. Mir lief augenblicklich das Wasser im Munde zusammen. Ich biss sofort ein Stück ab, weil ich mich nicht zurückhalten konnte und stellte fest, dass er nicht nur gut aussah, sondern auch köstlich schmeckte.
    »Lecker«, ließ ich Khyron wissen und fühlte mich gerade wie im siebten Himmel. Dieser Kuchen war super und erhellte mein Gemüt noch mehr.
    »Hat meine Mom vorhin gebacken«, grinste mich Khyron an. Ich stimmte ihm zu, dass sie sehr gut backen konnte und war dankbar dafür, dass man mir diese Köstlichkeit nicht vorenthielt.
    »Darf ich dich was fragen?«, begann Khyron weiter und ich sah ihn an.
    »Was denn?« Da ich nicht wusste, was auf mich zu kam, wartete ich einfach ab.
    »Wer ist eigentlich Amélie?«, fragte er aus heiterem Himmel. Ich war gerade dabei ein weiteres Mal vom Kuchenstück abzubeißen und verschluckte mich daran fast. Als ich ihn ansah, fügte er noch hinzu:
    »Du hast den Namen im Schlaf immer wieder gerufen.« Ich starrte ihn nur an. Deswegen kam er auf den Namen, weil ich im Schlaf gesprochen hatte. Ich wollte gar nicht wissen, was ich alles erzählt hatte. Das war so schon alles peinlich genug! Da ich aber ihn immer noch nur ansah, ohne etwas zu sagen, schien er auf einmal verunsichert sein.
    »O-okay. Scheint 'ne blöde Frage zu sein. Du musst nicht drauf antworten«, meinte er und wollte das Thema zur Seite schieben. Er biss auch von seinem Kuchenstück ab, um weiter zu essen, während ich tief Luft holte.
    »Sie war meine ältere Schwester«, gestand ich ihm. Bisher hatte ich nie mit irgendwem über meine Schwester geredet. Es war komisch, es jetzt zu tun.
    »Sie war?« Khyron war sehr aufmerksam, weswegen ihm die Vergangenheitsform sofort aufgefallen war. Aber anhand seiner Stimme verstand ich, dass er unsicher war, ob das so eine gute Idee war, weiter nachzufragen. Da ich nicht wieder schweigen wollte und auch innerlich das Bedürfnis hatte mich ihm anzuvertrauen, redete ich weiter.
    »Ja. Sie war vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall verstorben.« Khyron sah mich sofort entschuldigend wie auch mitfühlend an.
    »Es war meine Schuld«, schob ich noch hinten dran, so schnell, damit es schnell raus war und ich nicht wieder den Mut verlor und es einfach für mich behielt. Ich drückte meine Lippen fest aufeinander und fühlte mich schlecht. Wie könnte ich auch nicht? Wäre ich nicht gewesen, würde meine Schwester jetzt noch am Leben sein!
    »Darf ich fragen, warum es deine Schuld war?« Khyron versuchte sensibel zu sein, aber seine Neugier war geweckt. Das hatte ich erwartet, sonst hätte ich es nicht ausgesprochen.
    »Mein Hut war mir weg geflogen. Den hatte ich von ihr zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt bekommen. Aber ich hab nicht aufgepasst, wohin ich rannte und da war die große Hauptstraße … « Kurz stockte ich. All das hatte ich nie jemandem erzählt. Nicht einmal meiner Mutter. Jahrelang hatte ich die Geschichte für mich behalten und hatte versucht mit den Schuldgefühlen allein fertig zu werden. Möglicherweise war das mein Fehler gewesen.
    »Sie hat mich gestoßen und vor einem Auto gerettet, aber sie selbst hat es nicht geschafft«, fuhr ich fort und schluckte schwer. Khyron streckte seinen Arm zu mir aus und legte seine Hand auf meine. Es war wieder eine Geste des Trosts, was ich gar nicht gewohnt war. Ich war ihm so dankbar dafür.
    »Amélies Traum war es immer die stärkste Trainerin aller Zeiten zu werden. Also versuche ich es nun.« Ich zuckte mit den Schultern. Mittlerweile war ich nicht mehr so sicher, ob ich das alles noch wollte. Stark zu sein, mochte gut sein, aber es hatte auch Nachteile. Der Weg, den ich eingeschlagen hatte, war der falsche gewesen. Das sah ich nun auch ein. Was Ami wohl dazu gesagt hätte, wenn sie erlebt hätte, wie ich mich all die Jahre aufgeführt hatte? Wäre sie enttäuscht von mir? Der Gedanke kam mir erst jetzt und erschütterte mich. Immer hatte ich gewollt, dass sie stolz auf mich sein konnte. Auch wenn sie nicht mehr bei mir war. Von irgendwo her würde sie mich bestimmt beobachten. Das hatte ich geglaubt und tat es auch jetzt noch. Ja, sie musste enttäuscht sein. Ich war es von mir selbst auch.
    »Du solltest deinen Eltern Bescheid geben«, lenkte mich Khyron von meinen trüben Gedanken ab.
    »Mhm?« Ich sah ihn fragend an, weil ich nicht verstand, was er damit meinte.
    »Na ja, du galtest die letzten Wochen als vermisst. Sie machen sich sicher Sorgen und … « Oh! Darauf wollte er hinaus! Ich schüttelte den Kopf.
    »Meine Mutter. Ich habe keinen Vater«, klärte ich ihn auf. Er setzte schon dazu an sich zu entschuldigen und dass es ihm deswegen leid tat, aber da kam ich ihm zuvor.
    »Ist schon gut. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Aber du hast Recht, ich sollte meine Mom anrufen«, stimmte ich ihm soweit zu. Auch wenn das Verhältnis seit dem Tod meiner Schwester mit meiner Mutter eher abgekühlt war, wäre es trotzdem nicht verkehrt, ihr mitzuteilen, dass ich wieder aufgetaucht war und es mir soweit gut ging. Damit sie sich nicht doch noch Sorgen machte, falls sie das denn tat. So sicher war ich mir darüber nämlich gar nicht.
    »Gut«, sagte Khyron und lächelte mich an. Ja, mir ging es gut. Denn ich war sehr erleichtert darüber, dass Khyron mir nicht böse war und alles sich zum Besseren wenden konnte. Obwohl es mich schon wunderte, dass ausgerechnet mir mal seine Meinung wichtig sein könnte, war ich froh darüber. Ich fühlte mich nicht mehr allein und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hatte ich mich seit Amis Tod sehr einsam gefühlt. Dieser Einsamkeit nun den Rücken zu kehren war alles, was ich wollte. Als hätte Louis meine Gedanken gelesen, stand er auf und setzte sich zielstrebig auf meine ausgestreckten Beine. Ich war überrascht darüber und sah, wie Khyron, Louis an. Das Folipurba blinzelte nur ein wenig mit seinen braunen Augen, starrte zurück, fiepte mich an und legte sich dann endgültig auf mich. Sein Blick jedoch war noch immer voll und ganz auf mich gerichtet. Was sollte ich davon halten? Khyron neben mir lachte auf und ich sah ihn fragend an. Fand er das etwa so lustig?
    »Oh man, Louis mag dich wirklich sehr«, meinte er. Noch immer war ich skeptisch über diese Aussage, weswegen ich auch genauso guckte.
    »Na, ich weiß ja nicht. Es grenzt eher an Belästigung«, sagte ich dazu. So wie Louis mir immer wieder mal auf die Pelle rückte … ! Khyron lachte erneut und grinste nun mich an.
    »Solange du ihm keinen Korb gibst, wird er dich vermutlich weiter belästigen.« Ganz offensichtlich war Khyron furchtbar amüsiert darüber. Zog er mich ernsthaft auf? Zum einen war ich verlegen, zum anderen verzog ich eine Schnute.
    »Das ist überhaupt nicht möglich!«, sagte ich und meinte es anders, als Khyron wohl vermutete. Ich stellte den Kuchenteller neben mir ins Gras und schob dann meine Hände in das weiche Fell von Louis, um ihn liebevoll zu kraulen.
    »Er ist viel zu süß«, gestand ich. Louis war natürlich entzückt von der Zuneigung, die ich ihm schenkte und ließ sich sehr gerne kraulen und ich glaubte aus dem Augenwinkel zu erkennen, dass Khyron darüber sanft lächelte. Es war gut zu wissen, dass es auf dieser Welt doch noch jemanden gab, der es fertig brachte mich irgendwie zu mögen. Das hätte ich nicht erwartet. Vor allem nicht, dass Khyron so einfach über meine schrullige Art hinweg sehen konnte, wie ich mich sonst immer zuvor benommen hatte, und nun wie ein Freund zu mir war. Also freundschaftlich! Auf mehr konnte und durfte ich gar nicht hoffen!
    »Hier«, sagte er und reichte mir etwas. Dadurch musste ich von Louis ablassen, aber dieser blieb trotzdem noch auf mir liegen. Ich betrachtete das, was mir Khyron reichen wollte und zögerte es anzunehmen, denn auf einmal war ich sehr verunsichert. Vier Pokébälle hielt er, die allesamt mir gehörten. Ich erkannte sie sofort. Zum einen standen die Namen meiner Pokémon auf den Bällen, zum anderen besaßen sie unterschiedliche Farben. Kawaris Ball war der typisch rot-weiße, einfach zu erkennen.
    Ricos Ball hingegen war ein Finsterball. Das satte schwarz-grün mochte ich zwar nicht so, aber er war ideal, um Pokémon in der Dunkelheit zu fangen. Da Rico nun mal vom Typ Unlicht war und ich ihn damals nur in der Nacht hatte finden und fangen können, hatte ich genau diesen Ball benutzt. Es hatte gleich auf Anhieb funktioniert, obwohl Rico in seiner Zeit als Fiffyen ganz schön wild gewesen war. Er hatte geknurrt und die Zähne gefletscht und alles dafür getan, um mich auf die Palme zu bringen, weil er nicht hatte hören wollen. Aber schlussendlich war er von meinen Pokémon am einfachsten zu trainieren gewesen.
    Bei Chess hatte ich einen Superball benötigt, denn er war damals aus einem normalen Pokéball ausgebrochen und wäre mir fast entkommen. Bei Zero war sogar ein Hyperball nötig, aber darauf hatte ich mich damals gut vorbereitet gehabt. Ich hatte gewusst, dass es nicht einfach sein würde ein Drachen-Pokémon zu fangen, aber weil ich unbedingt eines haben wollte, war ich damals die ganze Zeit auf Route 8 unterwegs gewesen. Ich hatte mich tagelang auf die Lauer gelegt und nach einem Kindwurm gesucht, bis ich eben Zero fand. Er hatte meine Herausforderung sofort angenommen und auch nachdem ich ihn gefangen hatte, musste ich ihm immer wieder meine Stärke beweisen. Ja, Zero war am schwierigsten von allen. Ich durfte ihm gegenüber keine Schwäche zeigen, denn das würde er mir äußerst übel nehmen. Ein Fehler und ich könnte seinen Respekt verlieren und er würde mir auf der Nase herum tanzen. Das war schon nicht ganz einfach und es mochte vielleicht auch daran liegen, dass ich nun zögerte, die Bälle anzunehmen.
    Würden mich meine Pokémon immer noch so respektieren und annehmen, wie ich war? Ich fühlte mich nicht mehr so stark wie vor einigen Wochen und hatte ehrlich gesagt ziemliche Angst davor, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen gegenüber trat. Meine Nervosität löste ein sachtes Zittern meiner Hände aus, weswegen ich sie umeinander schlang, damit es nicht auffiel. Doch Khyron wartete noch immer darauf, dass ich meine Pokémon wieder an mich nahm. Nur konnte ich nicht.
    Er bemerkte mein Zögern und vielleicht auch meine Hilflosigkeit, in der ich mich befand. Jedenfalls stand er auf, ohne mir die Bälle zurückzugeben. Ich dachte, dabei würde es bleiben, doch dann sah ich seine Bewegung und sah erst recht zu ihm auf. Nein, ich stand sogar hektisch auf. So schnell ich konnte, kam ich auf die Beine und hielt Louis auf meinen Armen fest. Denn er hatte noch auf mir gelegen und ich hatte ihn nicht runter werfen wollen.
    War es wirklich Angst, die in mir bebte, als der Ball ins Gras flog und das Pokémon aus ihm heraus kommen durfte? Ich spürte deutlich, wie mein Herz heftig schlug und ich instinktiv die Luft anhielt. Weniger bemerkte ich, wie ich mich zusätzlich an Louis festhielt. Er beschwerte sich nicht und darüber war ich froh.
    Khyron hatte Rico aus den Ball entlassen, so dass nun das kräftige und wirklich ansehnliche Unlicht-Pokémon da stand und sich zuerst einmal das Fell schüttelte. Danach versuchte es sich zu orientieren und hob die Nase in die Luft. Seine Ohren lauschten und erst zuletzt sah er mich mit den Augen. Oder uns? Nein, er sah direkt zu mir hinüber. Meine Nervosität war grenzenlos. Am liebsten würde ich mich irgendwo verstecken, aber das würde vermutlich Khyron nicht zulassen. Als Rico sich in Bewegung setzte und direkt auf mich zu kam, war ich wie versteinert. Ich konnte nicht weglaufen, wusste aber auch nicht, wie ich mich sonst verhalten sollte.
    Louis wurde auf meinen Armen unruhig, bis ich den Griff um ihn lockerte, so dass er von meinen Armen springen konnte. Ich fühlte mich augenblicklich von ihm verlassen und dann stand Rico auch schon direkt vor mir. Ich sah in seine rot leuchtenden Augen. Schon immer war ich der Meinung gewesen, dass er ein sehr hübscher Kerl war. Ich mochte Fiffyens und Magnayens nämlich sehr gerne, weswegen ich damals auch los gezogen war, um genau so eines zu fangen. Außerdem konnte ich mich noch sehr gut daran erinnern, wie glücklich ich gewesen war, Rico gefangen zu haben. Mein erstes selbst gefangenes Pokémon! Das hatte schon seinen magischen Effekt gehabt.
    Genauso magisch wirkte nun auch die Situation. Rico streckte seine Nase mir entgegen, schnüffelte an mir, um zu überprüfen, ob ich es wirklich war.
    »Rico«, murmelte ich leise und sah, wie sich seine Ohren spitzten. Er konnte sehr gut hören und hatte mich dementsprechend auch vernommen. Die zunehmende Aufregung war in ihm zu erkennen und er stupste mich mit seiner feuchten Nase mehrmals an, bis ich meine Hände in sein weiches Fell vergrub. Das war der Moment, wo er sich selbst nicht mehr halten konnte. Er stellte sich auf die Hinterbeine und versuchte mich anzuspringen. Da ich es kommen sah, konnte ich mich halten und sorgte dafür, dass er das unterließ. Das war gar nicht schwer, aber ich rückte nicht von ihm ab. Die Freude überschwemmte Rico so sehr, dass ich sie einfach spüren musste und sie ebenfalls von mir Besitz ergriff. Ich ließ mich auf meine Knie hinunter und kraulte, was das Zeug hielt. Rico mochte das sehr, dabei konnte ich mich nicht erinnern, dass ich jemals so ausgelassen mit ihm gekuschelt hatte. Aber genau das tat ich jetzt. Seine Rute schwang heftig hin und her und er suchte immer wieder die Nähe zu mir, während ich sogar mein Gesicht in sein Brustfell versinken ließ. Wir waren beide glücklich darüber den jeweils anderen wiederzusehen. Dass mir sogar Tränen der Freude über die Wangen liefen, bemerkte ich erst, als Rico mir über diese schleckte. Ich lachte leise und war froh darüber, dass Khyron mich in diese Situation hinein gezwungen hatte. Hätte er Rico nicht aus dem Ball gelassen, hätte ich das hier nicht erlebt und wäre nicht froh darüber gewesen, dass Rico mich doch noch als seine Trainerin voll und ganz akzeptierte.


    Leider dauerte dieses Glück nicht lange an. Wir gingen kurz darauf ins Haus zurück. Chess, Zero und Kawari hatten wir nicht aus ihren Bällen gelassen. Nur Rico war draußen, der mich auch jetzt begleitete. Von allen war er vielleicht der unkomplizierteste Fall, obwohl Kawari … Wenn ich an das Pokémon meiner Schwester dachte, dann besaß ich sehr gemischte Gefühle. Kawari war gar nicht so schwer zu trainieren gewesen. Es war auch das freundlichste Pokémon, was ich in meinem Team hatte, aber irgendwie hatte ich es dennoch immer als das Pokémon meiner Schwester betrachtet und nicht als mein eigenes. Vielleicht sollte ich das ändern? Natürlich hatte Ami Haspiror damals zuerst bekommen, aber all die darauffolgenden Jahre hatte ich mich um Kawari gekümmert. Ami hatte es schließlich nicht mehr gekonnt.
    Noch während wir die Küche betraten, dachte ich über Kawari nach. Ich sollte sie aus ihrem Ball raus lassen, aber nicht hier. Eher draußen, wo genügend Platz war. Nur ging ich nicht wieder raus, denn als wir in der Küche ankamen, hörten wir das typische Glockengeräusch von der Rezeption des Kunden- und Eingangsbereiches.
    »Hallo?«, rief außerdem noch jemand. Da Khyrons Eltern gerade nicht in der Nähe waren, ging Khyron nach vorne, um zu überprüfen, wer angekommen war. Ich selbst setzte mich an den Tisch, um abzuwarten. Das mit Kawari würde ich auf später verschieben. Das war für mich okay. Rico legte sich zu meinen Füßen hin. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht mehr aus den Augen lassen wollte, als fürchtete er, dass ich einfach so verschwinden könnte. Übel nehmen konnte ich es ihm nicht.
    Als Khyron wieder zurück kam, sah er recht ernst drein. Er kam direkt auf mich zu.
    »Ich hab ihnen gesagt, dass du dich an nichts mehr erinnern kannst«, murmelte er mir zu, doch ich verstand nicht genau, was er damit meinte. Die Erkenntnis kam erst kurze Zeit später, als die beiden Herrschaften von der Polizei in die Küche kamen. Es waren die beiden Männer, die schon am Anfang hier gewesen waren, um meine Pokémon in der Pension abzugeben. Sie begrüßten mich freundlich und musterten mich etwas skeptisch. Waren sie misstrauisch?
    »Sie sind Zoé Lefevre?«, fragte mich der Ältere von beiden. Er hatte am Haaransatz bereits graue Strähnen, ein paar Fältchen im Gesicht, die ihn aber eher sympathisch wirken ließen. Denn er sah aus, als hätte er trotz seiner Arbeit auch immer etwas zum Lachen gehabt. Nicht im Scherz gemeint, sondern im Sinne von lebensfroh. Er war genauso zivil angezogen, wie sein Kollege auch, der um einiges jünger war, was man auch sofort am Gesicht erkennen konnte. Weniger Falten, aber dafür eine schmale Brille auf der Nase. Die beiden waren vom Kommissariat, wie sie sich auch beide gleich vorstellten.
    »Ich bin Kommissar Lavie und das ist mein Kollege Herr Morel. Wir waren mit Ihrem Fall beschäftigt, da Sie vor knapp zwei Wochen verschwunden waren«, begann Herr Kommissar Lavie zu erzählen. Er war allgemein der Gesprächsführer. Sein Kollege machte sich nur Notizen, sofern es etwas gab, was er aufschreiben konnte. Dass die ganze Geschichte schon zwei Wochen andauerte, war mir nicht bewusst gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass ich Ewigkeiten ein Flamara gewesen war und gleichzeitig aber kam es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mich in ein Flamara verwandelt hatte. Vielleicht doch nur ein Traum? Nein. Wenn ich zu Khyron sah, dann wusste ich genauso, dass das alles wirklich passiert war.
    »Woran können Sie sich noch erinnern? Was ist das Letzte, was Ihnen einfällt?«, wollte Herr Kommissar Lavie von mir wissen. Ich war verunsichert darüber, was ich sagen sollte. Nun verstand ich Khyrons Aussage von vorhin auch viel besser, denn was hätte ich sagen sollen? Dass ich mich in ein Pokémon verwandelt hatte und deswegen verschwunden war? Das würde mir doch niemand abkaufen! Selbst ich tat mich schwer, das Erlebte als real zu bezeichnen. Wie sollten es dann die Herrschaften von der Polizei auffassen? Die würden glauben, ich bin durchgedreht!
    »Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht mehr. Ich weiß nur noch, wie ich auf dem Weg zum Kampfschloss war und dann hatte ich einen Blackout«, gestand ich. So ähnlich war es gewesen. Ich hatte mein Bewusstsein verloren und dann war ich als Flamara aufgewacht. Genauso war es auch in der Nacht gewesen, als ich wieder zum Menschen geworden war. Na ja, fast. Ich war in den Fluss gesprungen, weil ich Flabébé wieder getroffen hatte. Da die Erinnerung daran sehr schmerzhaft war, aus mehreren Gründen, schob ich sie schnell beiseite und versuchte mich auf die Männer vor mir zu konzentrieren. Rico unterm Tisch knurrte. Er spürte wohl mein Unwohlsein und wollte mich beschützen.
    »Ich bin erst hier wieder aufgewacht«, fuhr ich fort und sah Khyron an, der mir leicht zunickte. Kommissar Lavie sah zu ihm rüber.
    »Sie hatten Sie gefunden?«, fragte er noch einmal nach.
    »So wie ich es Ihnen bereits berichtet hatte«, meinte er. Die genauen Details zählte er nicht noch einmal auf, doch Kommissar Lavie war nicht ganz glücklich darüber. Es gab zu wenige Informationen und man konnte ein Verbrechen immer noch nicht richtig ausschließen.
    »Wurden Sie verletzt?«, wollte er deswegen auch wissen, aber das verneinte ich.
    »Nein. Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Umstände bereitet habe, aber mir geht es gut und ich … äh, bin ja wieder da. Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was passiert ist, weil ich es nicht weiß«, versuchte ich ihm klar zu machen und gleichzeitig hoffte ich, dass er von mir abließ. Ein paar Fragen musste ich dennoch beantworten, auch wenn diese genauso wenig zufriedenstellend für die Polizei war, wie alles andere auch schon. Es gab einfach nichts, was ich ihnen über die zwei Wochen Abwesenheit hätte sagen können. Insgeheim glaubte ich sogar, dass sie sich veräppelt fühlten und annahmen, dass das alles nur ein Fake gewesen war. Doch welchen Grund hätte ich dafür haben sollen, zu verschwinden und das auch noch vorzutäuschen? Dafür gab es keinen, dennoch behielt ich die reine Wahrheit für mich. Ich wollte einfach nicht in der Klapse enden!
    Nach einer Stunde Befragung, nachdenklichen Schweigens und unzufriedener Antworten gingen die beiden Männer endlich. Khyron begleitete sie nach draußen und kam danach wieder zurück. Ich stützte meine Ellenbogen auf dem Tisch auf und legte meine Stirn in meine Hände. Dabei stieß ich einen tiefen Seufzer aus. Das alles war schon anstrengend gewesen, vor allem weil ich lügen musste. Das war unangenehm, aber was hätte ich denn tun sollen? Khyron setzte sich zu mir und strich mir über den Rücken. Es löste einen kalten Schauer aus und ich sah wieder auf und ihn an.
    »Sieht so aus, als hättest du es geschafft«, meinte er. Ich nickte ihm zu und lehnte mich zurück. Sein Arm lag auf der Lehne der Sitzbank und somit in meinem Nacken. Er war so nah und trotzdem traute ich mich nicht, mich ihm noch mehr zu nähern. Als Pokémon wäre das sehr viel einfacher gewesen!
    »Was wirst du jetzt machen?«, fragte er mich. Wenn ich so darüber nachdachte, gab es nicht viel zu tun. Dummerweise lenkten mich seine Bernsteinaugen vom richtigen Denken ab. Das war echt schwierig, wenn er mich so ansah. So intensiv … Mir wurde ganz schwindelig davon und bevor ich wie ein dummes kleines Mädchen vor mich hin stotterte, die nicht wusste, was sie sagen sollte, versuchte ich mich von seinem Anblick los zu reißen. Kurz räusperte ich mich und brachte meine grauen Gehirnzellen wieder in Schwung.
    »Ich ähm … sollte nach Hause gehen«, sagte ich. Das sollte ich wirklich. Wegen meiner Mutter. Außerdem konnte ich nicht ewig hier bleiben. Hinzu kam, dass ich auch meine eigenen Sachen anziehen wollte. Noch trug ich die Ersatzkleidung von Khyrons Nachbarin. Das sollte kein Dauerzustand bleiben. Khyron stimmte mir mit einem Brummen zu. Jedenfalls glaubte ich, dass es eine Zustimmung war. Um die Situation nicht noch eskalieren zu lassen, in der ich mich dann noch viel komischer fühlte, stand ich schnell auf.
    »Also äh … «, begann ich, wusste aber nicht, was ich sagen sollte. Danke, tschüss und auf Wiedersehen? Das war seltsam und gefiel mir irgendwie nicht, trotzdem war ich unfähig die richtigen Worte zu finden.
    »Ich bring dich raus«, sagte Khyron und stand selbst auf. Er wirkte nicht gerade fröhlich, aber ich konnte nicht einschätzen, was genau in ihm vorging. Dass der Abschied nun so schnell kam und ich gleich aufbrach, war eigentlich nicht geplant gewesen, aber was sollte ich sonst noch hier machen? Ich war nur geblieben, weil die Polizei hier hatte herkommen wollen, um mir Fragen zu stellen. Jetzt war das erledigt und meine Daseinsberechtigung an diesem Ort lief ab. Es wurde höchste Zeit nach Hause zu gehen und Khyron nicht weiter zur Last zu fallen.
    Draußen angekommen, sah ich bereits die Sonne untergehen. Nur noch wenige Stunden und die Nacht würde einbrechen. Eigentlich kein guter Zeitpunkt, um los zu marschieren. Aber hier bleiben konnte ich nicht. Khyron kratzte sich am Hinterkopf und schien selbst nach passenden Worten zu suchen. Rico war an meiner Seite, immer noch. Er ging dorthin, wo auch ich hinging. Er war loyaler, als ich es jemals von ihm geglaubt oder erwartet hatte. Mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich ein wenig sicherer.
    »Also … «, begann ich von Neuem. Khyron sah mich erwartungsvoll an, dass mir das bereits wieder peinlich war. Ich hoffte, dass meine Wangen nicht zu rot waren. In der letzten Zeit hatte ich mich weiß Gott genug blamiert!
    »Ich äh … Ich danke dir. Für alles«, sagte ich schnell, bevor ich den Mut dazu verlor es auszusprechen. Dass es so schwer sein konnte sich bei jemanden zu bedanken, war albern. Aber das war es wirklich. In den letzten Jahren hatte ich mich nur auf mich selbst verlassen und nie die Hilfe anderer in Anspruch genommen. Da war kein Bitte und Danke notwendig gewesen. Ich merkte bereits jetzt, wie sehr mir diese Vertrautheit fehlte und wie sehr sich mein Magen umdrehte bei dem Gedanken gleich gehen zu müssen. Weg von Khyron. Aber noch lächerlicher wollte ich mich nicht machen!
    »Komm wieder«, sagte Khyron und lächelte. Okay, das reichte jetzt aber wirklich! Wenn das so weiter ging, würde ich so rot sein wie ein knallrotes Krabby. Das war ja gar nicht auszuhalten.
    »I-ich sollte dann mal besser los«, sagte ich und drehte mich um. Es glich einer Flucht, obwohl ich das nicht wollte, aber mir kam gar nicht in den Sinn mich auf eine andere, herzlichere Art zu verabschieden. Das schaffte ich nicht. Auch Khyron setzte nicht dazu an und obwohl ich noch hörte, wie er scheinbar etwas sagen wollte, stockte er und ließ mich gehen. Ich war dankbar, aber auch enttäuscht. Und dann ziemlich schockiert über mich selbst, dass ich auf etwas anderes insgeheim gehofft hatte, was absolut unmöglich war! Unmöglich für mich, deswegen verbannte ich auch jeglichen Gedanken und konzentrierte mich auf meinen Nachhauseweg. Wenigstens musste ich den nicht alleine bestreiten, da Rico bei mir war. Der Abschied war mir dennoch zu schnell gewesen, doch ein Zurück gab es nun nicht mehr.
    Tief atmete ich die kühler werdende Luft in meine Lungen und musste einfach die vergangenen Tage in meinem Kopf Review passieren lassen. Es war sehr aufwühlend gewesen und es hatte mich arg zum Nachdenken gebracht, aber es waren auch schöne Momente darunter gewesen und diese wollte ich mir unbedingt bewahren. Ich lächelte darüber und ging meinen Weg. Rico bellte einmal kurz auf und wirkte fröhlich neben mir hergehen zu dürfen. Ich lächelte ihm zu und fühlte mich seit langer Zeit von einer Last befreit, bei der ich vor Kurzem nicht einmal geahnt hatte, dass es sie gegeben hatte. Das alles hatte ich Khyron zu verdanken …