Der Schleier der Welt

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    Ich dachte, ich antworte @Sunaki heute schon einmal. :)


    Danke natürlich, wie immer, an deinen Kommentar bzw. generell deine Kommentare. :3



  • Ja gut, dann will ich schnell noch einen Kommentar schreiben, bevor das morgige Kapitel ... Oh. Ähm, ja. Aber es wird heute dann wohl vielleicht doch mal etwas kürzer.


    Hach, also Schluss mit dem ersten Band. Insofern erst einmal Gratulation zum erfolgreichen Abschluss! Was wäre zu dem Kapitel noch zu sagen ... Hm, wohl nicht mehr so viel. Das heißt, man sieht natürlich ihre Eltern und hat da jetzt auch in einigen Punkten Gewissheit; Eine Vermutung über ihren Vater hat sich wohl in gewisser Weise bestätigt. Jedenfalls nett, die beiden dann doch einmal tatsächlich in der Geschichte zu sehen. Kyra hat also magische Kräfte, was wohl auch durch verschiedene Stellen zu erahnen war, somit klären sich dann wohl auch noch ein paar andere Fragen. Also endet eigentlich alles in einem runden Schluss - vorerst natürlich, da ja noch eine größere Geschichte angedeutet wurde, die dann aber ja anderweitig behandelt wird.
    Ähm, ja, irgendwas an Spekulation ... Eigentlich nicht wirklich. Das heißt, ich würde vielleicht noch fragen, ob dieses kurz erwähnte Ratespiel, welcher von den Zwillingen wer ist, nur ein einfacher Spaß war oder auch wieder so eine Art Test, aber naja. Und man könnte sich fragen, ob - da Kyra ja wieder die Eiswürfel erwähnt - es irgendeinen besonderen Grund hatte, dass da jetzt unbedingt Eiswürfel im Glas sein mussten. Aber vielleicht wollte Luna auch einfach mit ihrem supertollen Kühlschrank mit Eiswürfelspender angeben. Hm, vielleicht brauchen die aber auch gar keinen Eiswürfelspender/kein Kühlfach mit Form, um Eiswürfel zu machen ...
    Nun ja. Dann wird man wohl demnächst sehen, wie Kyra sich mit Magie so anstellt. Praktisch für ihren Beruf ist das sicher - aber hoffentlich wird die Detektivarbeit nicht "zu" einfach. Apropos Detektiv ... Da war da noch was. "Der gute, alte Mycroft" - in Anbetracht der Tatsache, dass Kyras Hund Watson heißt und sie ja Sherlock Holmes mag, kann man wohl annehmen, dass es sich dabei um einen früheren Hund (oder ein anderes Haustier, aber Hund ist momentan für mich wahrscheinlicher) handelte, auch wenn das nicht explizit dazugeschrieben wird, sofern ich das jetzt nicht einfach überlesen habe.
    Ja, gut, aber das war es damit wohl wirklich. Die unbeantworteten Sachen wie zum Beispiel das Wetter oder der kurz auftauchende unheimliche Mann behalte ich mal für die Zukunft im Hinterkopf.
    Tja, dann bleibt wohl noch so etwas wie ein kleines abschließendes Fazit. Ich denke, es ist keine Überraschung, wenn ich sage, dass mir das Lesen dieser Geschichte sehr viel Freude bereitet hat. Es war spannend und ich habe an mehreren Stellen mitgefiebert, was wohl auch daran liegt, dass die Charaktere sehr sympathisch sind, das heißt: Es ist irgendwie ironisch, dass ich Wright trotz seiner Ausraster nicht nicht mag und dann bei Molly irgendwie immer noch nicht ganz sicher bin. Wobei es nicht so ist, dass ich sie hasse. Eigentlich mag ich sie, unter anderem, weil sie Kyra wirklich helfen wollte. Ich weiß nicht, was es genau ist - vielleicht ist Molly auch für mich ein wenig zu ordentlich oder so. Sie ist einfach ... komplex. Wenn sie mal etwas macht oder sagt, was nicht so toll ist, dann liegt es ja anscheinend nicht daran, dass sie einfach ein Arschloch ist. Sie hat ja ihre Gründe, das macht es dann so schwierig, sie nicht zu leiden. Aber weil sie sich eben dann manchmal doch nicht so nett verhält, ist es schwer, sie einfach zu mögen ... Ach. Naja. Wo war ich? Es war vielleicht ein bisschen schade, dass Maria zum Ende hin nicht mehr so wirklich vorgekommen ist - hm, sie könnte ja eigentlich auch noch unangenehme Fragen stellen ... Jedenfalls aber hat sich die Handlung mit Kyras Entführung eben auch mehr in eine Richtung entwickelt, in der es wohl auch schwierig gewesen wäre, sie da auch noch unterzubringen. Aber man wird wohl nicht das Letzte von ihr gesehen haben, hoffe ich mal. Und von ihrer Tochter, deren Name so unfassbar verdächtig ist. Hervorheben möchte ich ansonsten natürlich noch, dass man die Recherche hinter der Geschichte merkt - dafür sei an der Stelle natürlich auch noch einmal ein großes Lob ausgesprochen.
    Habe ich eigentlich irgendwas zu meckern? Ich glaube nicht, mir fällt zumindest nichts ein. Insofern möchte ich mich einfach bei euch dafür bedanken, dass ihr uns Lesern hier ermöglicht habt, in diese Geschichte einzutauchen. Man konnte so herrlich spekulieren (und es war nett zu sehen, wenn man damit dann manchmal sogar recht hatte, hihihi), sie war hervorragend geschrieben, hat das Profilabel auf jeden Fall verdient und es freut mich angesichts dessen natürlich, dass es noch weitergehen wird.
    Wir lesen uns dann. ;)

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    Dann auch noch einmal Danke an dich, @Thrawn für diesen und all die anderen Kommentare.


  • Vorwort:


    Ja, dieses Mal wieder normal formatiert, da es sich effektiv um eine Kurzgeschichte handelt :P Und da dachte ich mir, ich mache es einfach so.


    Das hier ist die erste der Kurzgeschichten zu Hare Among Wolves und zwar eine, die besonders @Sunaki freuen dürfte, da Maria und Kali hier eine große Rolle spielen. :) Die Geschichte spielt (wie Teamgeist auch) zwischen Kapitel 17 und 18.


    Nur als kurze Übersicht, was wir aktuell so grob für euch geplant haben:
    11.12. - Stimmen im Schnee
    18.12. - Der Wachhund (eine kleine Geschichte über Watson)
    25.12. - Geisterlichter (sozusagen eine Weihnachtsgeschichte)
    01.01. - Lektion Eins (Lektionen der Magie)
    08.01. - Lektion Zwei
    15.01. - Lektion Drei
    22.01. - [Bisher Titellose Geschichte über Thia]


    Und im Februar, nach meinen Klausuren (die bis zum 10., glaube ich, gehen) kommt dann Band 2. :)


    Nur als kleine Information. :)


    Damit wünsche ich euch viel Spaß bei Stimmen im Schnee.


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    Die Luft über dem Gebirge war eisig und klar. Der Himmel war leicht bewölkt, doch war es nichts, das ihnen Sorgen machen sollte.
    Viel eher machte Kyra die Steigung des Wanderpfades sorgen, der sich vor ihr erhob. Sie war einfach kein Outdoor-Typ. Es reichte ihr mit Watson die Straße rauf und runter zu gehen, das reichte doch vollkommen an Bewegung.
    „Na, was meinst du?“, fragte Maria, die hinter ihr noch einen Rucksack aus dem Kofferraum nahm. „Schöne Gegend, oder?“
    „Uhum.“ Mehr brachte Kyra nicht hervor. Oh, der Tag würde sie sicher, absolut hundertprozentig sicher umbringen!
    Kali, Marias vierzehnjährige Adoptivtochter, stand neben ihr und hatte sich gebückt, um Watsons Seiten zu kraulen, was der Hund selig hechelnd genoss. Das Mädchen hatte definitiv ein Händchen für Hunde, wenn man bedachte, dass Watson sich normal immer an Kyra orientierte und sich von Leuten, die er nicht gut kannte, nur ungern anfassen ließ. Doch von Kali war er vom ersten Tag an begeistert gewesen.
    „Ach, komm, das wird lustig“, meinte Maria und klopfte Kyra auf die Schulter.
    „Uhum.“ Kyra schluckte. Als sie Maria angeboten hatte als Wiedergutmachung für all die Scherereien, die sie wegen ihr gehabt hatte, etwas mit ihr und Kali zu machen, hatte sie eigentlich daran gedacht, mit ihnen ins Kino oder Essen zu gehen oder vielleicht in den Zoo – war Kali noch in dem Alter? – nicht aber wandern!
    Sie war einfach nicht für so etwas geeignet.
    Maria schloss das Auto ab. „Dann lass uns gehen. Wir gehen die Kreis-Route, das sind etwa vierzehn Kilometer. Wir haben extra etwas kürzeres herausgesucht.“
    „Kürzer, eh?“ Kyras Stimme klang ungläubig.
    „Ach, komm. Als wir im Wald waren, sind wir acht Kilometer gelaufen und danach …“ Sie brach ab und schien zu überlegen. „Also du bist sicher noch vier Kilometer durch den Wald.“
    „Das Rudel Wölfe hinter mir war aber ein guter Motivator“, meinte Kyra.
    „Das ist ein berechtigter Einwand.“ Maria lachte und klopfte ihr dann auf die Schulter. „Lass uns.“
    Und so ergab sich Kyra ihrem Schicksal. Sie folgte Maria in Richtung des ausgeschilderten Wanderwegs.
    Es war wirklich kalt, gerade für den frühen November. Doch das passte allgemein zum Wetter der letzten Wochen. Eisig. Es war so eisig. Der Winter kam, eh? Solange sie Schottland nicht vor Eiszombies verteidigen mussten …
    Ihr Atem bildete Kondenswölkchen vor ihrem Mund, als sie bereits die erste Steigung, die nur knapp hinter dem Parkplatz anfing, bekämpften. Watson bemerkte eine seiner eigenen Atemwolken, schnappte danach und war verwirrt, als er nichts zu greifen bekam.
    Kali lachte. Sie wandte sich Kyra zu. „Ist er immer so?“
    Kyra seufzte. „Sagen wir es einmal so: Der gute Watson ist nicht unbedingt die hellste Birne.“ Sie lachte und winkte ihren Hund zu sich her. Sofort war er bei ihrer Seite, drückte sich an ihr Bein. Seine Körperwärme drang angenehm durch den Stoff ihrer für das Wetter zu dünne Jeans. „Aber er ist eine treue Seele.“
    Watson ließ ein leises, zustimmendes Bellen hören, das halb wie ein Husten klang. Er schien angenommen zu haben, dass sie etwas gutes über ihn sagte.
    „Ich hätte ja auch gerne jemanden, der mich so ansieht.“ Maria lachte.
    „Da gibt es nur eine Lösung, Mum“, meinte Kali. „Wir brauchen einen Hund!“
    Wieder lachte Maria. „Und wer geht am Ende mit ihm Gassi?“ Ja ja, die Diskussion, die jedes Kind, das einmal einen Hund haben wollte, mit den Eltern führen musste.
    „Das mache ich schon“, meinte Kali.
    „Ja ja“, meinte Maria. „Und nach drei Monaten …“
    Immerhin traute Maria ihrer Tochter drei Monate zu, Kyras Mutter hatte eins von zwei Wochen geredet. Dafür hatte sie allerdings einen Vater auf ihrer Seite gehabt.
    „Ach, wenn der Hund wie Watson ist, macht es sicher Spaß!“, meinte Kali.
    „Und wenn er nicht wie Watson ist?“
    „Wir holen einfach einen Hund wie Watson.“
    Kyra lachte. „Watson ist einzigartig.“
    So ging es für vielleicht vier oder fünf Minuten. Die meiste Zeit sprachen nur Maria und Kali, Kyra war genug damit beschäftigt ihren Atem unter Kontrolle zu halten. Sie hasste Berge. Oh, wie sie Berge hasste!
    Normaler Weise hatte sie ja zumindest etwas Ausdauer, aber die Mischung aus Steigung und kalter Luft sorgten bereits jetzt für leichtes Seitenstechen.
    „Du warst wirklich noch mal im Wald, Kyra?“, riss Kalis Stimme sie aus ihrem Selbstmitleid.
    „Was?“, japste Kyra. Sie brauchte, um die Frage zu verstehen. „Ach so, ja.“
    „Und du hast wieder die Wölfe gesehen?“
    „Ja, dieses Mal sogar ganz vier“, murmelte Kyra. „Ich habe auch Fotos gemacht, aber …“ Sie verstummte und sah in die Ferne.
    Die Umgebung war vorrangig bergig, auch wenn die Berge, wie im Schottischen Hochland üblich, oft mit Grasen und Mosen überzogen waren. Auch einzelne Bäume wuchsen hier, jedoch nicht genug, um die Sicht zu beeinträchtigen und sicherlich nicht genug, um als Wald zu gelten.
    „Ist es wegen dieser Molly?“, fragte Maria.
    Kyra seufzte. Sie wollte nicht darüber reden.
    Watson sah zu ihr auf, bellte. Na toll, selbst er redete auf sie ein. Und da dachte sie, er würde zu ihr stehen.
    „Ja, auch wegen Molly“, erwiderte Kyra. „Sie glaubt mir nicht, die Polizei glaubt mir nicht, alle glauben, ich würde mir etwas einbilden. Und das trotz der Bilder und trotz Jason?“
    „Wie geht es eigentlich Jason?“, fragte Kali.
    „Ach, eigentlich ganz gut“, meinte Kyra. Sie lächelte. „Er ist glaube ich etwas enttäuscht, dass er sich beim letzten Vollmond nicht verwandelt hat.“
    „Was?“ Verwirrt sah Maria sie an.
    Kyra lachte und bereute es direkt. Sie bekam kaum Luft. „Ach, er ist davon überzeugt, dass diese Wölfe Werwölfe sind, wisst ihr?“
    „Werwölfe wären schon cool, oder?“ Kali sah Watson an, der nur verständnislos zurücksah.
    „Ich möchte nicht unbedingt einen felligen Mitbewohner haben. Also außer Watson.“ Kyra blieb stehen, um sich die Seiten zu halten.
    Maria, die gute fünf Schritte vor ihr war, kam zu ihr zurück. „Geht es?“
    „Ja, ja“, keuchte Kyra. Es war so unfair. Maria war zumindest mollig und schien dennoch keine Probleme mit der Ausdauer zu haben! Und sie dagegen …
    Watson begann aufgeregt zu bellen. Er lief ein Stück vor und schien darauf zu warten, dass man ihm folgte.
    „Was hat er?“, fragte Kali.
    „Ich weiß nicht“, meinte Kyra. Sie sah sich um. Im Wald wäre sie von einem Hasen oder Eichhörnchen ausgegangen, doch hier war sicherlich nichts. Jedenfalls konnte sie nichts sehen. „Hey, Watson. Komm zurück.“
    Watson sah zu ihr, bellte. Nicht wütend, eher mit einer Spur von Jaulen in der Stimme. Eine Warnung. Aber wovor?
    Hier war nichts.
    Dann kam Watson zurück, doch anstatt bei ihnen stehen zu bleiben lief er ein Stück zurück, wartete erneut.
    „Watson!“ Kyra bezweifelte, dass ein Wolf hier irgendwo lauerte. Auch bezweifelte sie, dass es hier irgendeine andere Gefahr gab. Immerhin konnte sie ihre Umgebung sehen und was sollte es hier draußen schon geben. „Watson, komm her.“
    Watson jaulte. Watson wartete. Dann trottete Watson zu ihr zurück. Jedoch sah er immer noch in die Richtung, aus der sie gekommen waren, mit einem Blick, als wolle er dahin zurück.
    Vielleicht war ihm auch nur zu kalt.
    „Ist ja gut, Junge“, meinte Kyra und rieb seine Seiten. „Ist ja gut.“ Sie konnte ihn nur zu gut verstehen. Ihr war auch eisig. Aber sie musste hier durch. Sie hatte es versprochen. Selbst wenn es ihr ziemlich sicher eine Erkältung einbringen würde.
    „Alles wieder gut?“, fragte Kali, als Watson sich zu entspannen schien.
    Kyra zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“ Es wäre manchmal schon praktisch, Tiere verstehen zu können.
    Sie gingen weiter. Noch immer wirkte Watson leicht angespannt, rannte aber nicht mehr zurück, hielt sich dafür immer an Kyras Seite.
    Sie gingen weiter und nach einigen Sekunden der peinlichen Stille, erhob Kali die Stimme:
    „Sag mal, Kyra, wie ist das eigentlich mit dir und Molly?“
    Hätte sie sich wirklich kein anderes Thema aussuchen können? Kyra seufzte und wartete darauf, dass Maria dazwischen ging, Kali ermahnte, dass es sie nichts anging. Stattdessen warf Maria Kyra einen neugierigen Blick zu.
    Kyra seufzte ein zweites Mal. „Molly ist halt meine Exfreundin.“ Sie machte einen Laut, den man wohl am ehesten als ein Grummeln bezeichnen konnte. „Aber sie hat schon im März Schluss gemacht.“ Wie gern hätte sie doch gesagt, dass sie daher schon lange über sie hinweg war.
    „Dann bist du lesbisch?“, fragte Kali.
    Das erntete ihr dann doch das empörte „Kali!“ von Maria, auf das Kyra zuvor gewartet hatte.
    Sie sah zu Watson. „Ich bin bi.“ Nicht, dass es die Kleine etwas anging. Doch auf der anderen Seite sah Kyra keinen Grund, ein Geheimnis aus ihrer Sexualität zu machen. Sie ließ jedoch aus, dass sie bisher beinahe ausschließlich Beziehungen mit Frauen gehabt hatte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie homoromantisch war oder es einfach nur an den Mangel vernünftiger Männer lag.
    Kali warf ihrer Mutter einen entschuldigenden Blick zu, konnte das Thema aber nicht so einfach fallen lassen: „Und hast du seit Molly schon jemanden gedatet?“
    „Nein.“ Sie würde ihr Liebesleben sicherlich nicht mit einer Vierzehnjährigen diskutieren. „Ich bin aktuell glücklicher Single.“ Wenn das nur die Wahrheit wäre. Sie wünschte noch immer Molly würde sich bei ihr melden, würde ihr sagen, dass sie ihr doch glaubte. Doch natürlich würde sie es nicht tun, aber darüber würde Kyra sicher nicht reden. Also drehte sie den Spieß um. Noch bevor Kali eine weitere Bemerkung dazu machen konnte, fragte sie: „Was ist mit dir, Kali. Hast du schon jemanden, den du magst?“
    „Na ja“, kam es von Kali. „Also nicht wirklich.“ Sie druckste herum. „Ich meine, die meisten Jungen in meiner Klasse sind so blöd!“
    „Ja, das kenne ich.“ So ging es doch jedem Mädchen in dem Alter. Na ja, fast jedem Mädchen. Man sollte ja nicht verallgemeinern.
    Mit diesem Thema führte sich das Gespräch fort. Jungs in Kalis Klasse. Jungs in Kalis Schule. Jungs die cool waren. Jungs, die doof waren. Marias Kollegen und ihr mangelndes Interesse jemand neues kennen zu lernen. Kyra konnte das nur zu gut verstehen. Und sie war nicht verheiratet gewesen und hatte auch kein Kind adoptiert. Wie bescheuert eine Trennung in der Situation wohl wäre? Sie konnte es sich nur vorstellen, fragte aber auch nicht genauer. Immerhin wollte sie nicht über ihre Beziehung mit Molly reden und dachte sich, dass es ähnlich war, wenn es um die Beziehung von Maria und ihrem Exmann ging. Wie hieß er noch gleich? David? Kyra hatte es schon wieder vergessen.
    Weiter und weiter plagte sie das Seitenstechen. Gott, verdammt, hieß es nicht, dass es irgendwann auch wieder aufhörte? Aber wahrscheinlich würde sie es umbringen. Sie sah es schon.
    Nach einer knappen Stunde, die sich zumindest für ihre Seiten und ihre Füße wie eine halbe Ewigkeit angefühlt hatte, blieb sie stehen. Sie waren auf dem Plateau eines Berges und hätten wohl eine Recht gute Aussicht über das umliegende Gebiet gehabt, wäre da nicht der aufgezogene Nebel gewesen.
    Eigentlich hatte Kyra keine Angst im Nebel. Es hatte was mysteriöses. Genau das richtige für eine schöne Detektivgeschichte. „Mord im Nebel„. Vielleicht hätte sie ja Kriminalautor statt Privatdetektiv werden sollen. Doch hier oben im Gebirge, einer vollkommen unbekannten Gegend, kam sie doch nicht umher wachsendes Unwohlsein zu spüren. „Bist du dir sicher, dass wir auch nicht vom rechten Weg abkommen?“
    „Vom rechten Weg?“, meinte Maria amüsiert.
    „Du weißt was ich meine!“
    Maria lächelte und ging gemächlich neben ihr her. „Keine Sorge. Wir sind die Strecke schon öfter gewandert und hier kommt es schon einmal vor, dass eine Wolke zwischen den Bergen hängen bleibt.“
    „So hoch sind wir auch nicht“, warf Kyra ein.
    „Nein, aber die Wolken sind so tief“, erwiderte Kali.
    Watson sah zu Kyra hinauf und gab ein unglückliches Jaulen von sich.
    „Gibt hier irgendwo eine Raststätte?“, fragte Kyra mit einer Spur Verzweiflung.
    „Vielleicht noch zwanzig Minuten“, antwortete Maria. „Schaffst du das noch? Sonst suchen wir uns ein paar Felsen.“ Ein wenig Besorgnis klang aus ihrer Stimme.
    „Ich gebe mein bestes“, seufzte Kyra.
    Maria zögerte. Sie schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln. „Ich hoffe, das ist nicht zu viel für dich.“
    Kyra winkte ab. Sie wollte auch keine Mimose sein. „Es geht schon.“ Es war halt nur verdammt kalt, ihre Füße waren wahrscheinlich schon von Schwielen überzogen und ihre Seite wollte sie umbringen. Davon abgesehen war alles bestens. Sie wollte in einen warmen Pub und einen warmen Tee trinken. Nicht einmal eine schöne Landschaft konnte sie bewundern, da sie kaum mehr als zehn oder fünfzehn Meter sehen konnte.
    Sie gingen weiter.
    Im Nebel verlor man schnell das Gefühl für die Zeit und Kyra war nur froh, Maria und Kali bei sich zu wissen. Sie würde schon wissen, was man tat, wenn man sich verirrte. Hoffte Kyra.
    Watson jaulte wieder. Kyra warf einen Blick zu Maria, die ihr wiederum ein aufmunterndes Lächeln schenkte.
    Dann – vielleicht fünf oder auch zehn Minuten später – kam ein aufgeregter Ausruf von Kali: „Oh.“
    Kyra verstand wenige Sekunden später auch ohne Kalis folgende Erklärung, was sie meinte.
    „Schnee!“
    Watson jaulte noch erbärmlicher. Er war kein Freund der Kälte, genau so wenig, wie Kyra es war. Sie waren halt meistens auf derselben Wellenlänge.
    Einzelne, dünne Flocken, eher Flöckchen, fielen vom Himmel herab auf den Boden, wo die meisten schmolzen. Im einem beinahe hypnotisierenden Tanz fielen die Flocken um sie herum, während sich ihre Sicht nicht verbesserte.
    „Ist es dafür nicht zu früh?“, seufzte Kyra.
    „Na ja, wir sind ziemlich weit oben“, meinte Maria. „Und es war schon ziemlich kalt.“
    Kyra sah sie missmutig an.
    Watson jaulte wieder.
    „Ach, komm schon. Schnee ist doch schön.“ Maria lächelte.
    „Nur, wenn ich drinnen sitze, nicht Auto fahren muss und das ganze einfach nur beobachte“, murrte Kyra.
    „Kein Wintermensch?“
    „Kein Wettermensch“, verbesserte Kyra. „Ich mag es nicht zu warm, ich mag es nicht zu kalt, ich mag es nicht zu verregnet und ich mag sicher keinen Schnee. Vor allem mag ich nicht dabei draußen sein.“
    „Stubenhocker“, neckte Kali und streckte die Zunge heraus.
    Kyra hob nur den Kopf in einer übertrieben hochnäsigen Geste. „Und stolz drauf!“
    Sie lachten, gingen weiter.
    Der Schneefall nahm zu. Immer mehr und immer dickere Flocken fielen vom Himmel.
    Der Nebel schien sich etwas zu klären, allerdings nur, weil der Wind zunahm und ihn zusammen mit den Flocken vor sich hertrieb.
    Kyra bibberte. Und noch immer hatten sie die Raststätte nicht erreicht. Was sie zu einer anderen Frage brachte: „Maria. Die Raststätte, ist die überdacht?“
    „Nein“, erwiderte Maria.
    Watson klebte mittlerweile förmlich an Kyras Beinen. Trotz seines zotteligen Fells zitterte er leicht und ließ noch einmal ein jämmerliches Jaulen hören.
    Eine kräftige Windböe wehte ihnen Schnee entgegen, der wie Glassplitter auf Kyras ohnehin gereizter Haut schmerzte.
    „Wo gibt es denn die nächste Überdachung?“, fragte Kyra, ihre Stimme lauter als gewollt. Sie hatte doch immerhin etwas von Berghütten gehört, die dazu da waren, um solch ein Wetter zu überdauern.
    „Etwa eine Dreiviertelstunde von hier“, antwortete Maria.
    „Was?“ Kyra war sich dessen bewusst, dass ihre Stimme schockiert klang. Sie schlang sich den einfachen grauen Stoffschal, den sie trug, weiter ins Gesicht, um Mund und Wangen etwas zu schützen, auch wenn ihre Atemluft so direkt auf ihrer Haut zu kondensieren schien.
    „Dreiviertelstunde“, wiederholte Maria. Sie trat näher an Kyra, legte einen Arm um sie. „Komm. Das schaffst du. Zurück ist es noch länger.“
    Das wusste Kyra wohl. Dennoch wünschte sie sich gerade nichts mehr, als zurückzukehren, sich ins Auto zu setzen, die Heizung aufzudrehen und auf den schnellstmöglichen Weg zum nächsten Café oder billigem Restaurant zu fahren!
    „Fuck“, flüsterte sie. Natürlich musste so etwas passieren, wenn sie mit rauskam. Sie zog so etwas an. Das letzte Mal, dass sie mit ihnen draußen gewesen war, hatten Verrückte Marias Wagen geknackt und Kyra war am Ende von einem Rudel Wölfe angegriffen worden!
    Sie kämpften weiter gegen den stärker werdenden Wind und Schneefall an.
    „Mum!“, rief Kali nach einer Weile gegen den Wind an.
    Der Schnee hatte bereits eine dünne, bleibende Schicht auf dem Boden gebildet. Genug, um das meiste zu verdecken.
    „Ich weiß“, erwiderte Maria und wandte sich an Kyra.
    „Was ist?“, fragte diese, den Schal so hoch wie irgenndwie möglich gewickelt.
    „Wir sollten vielleicht versuchen, irgendwo einen Unterschlupf zu finden.“ Auch Maria musste gegen den Wind anschreien.
    Watson jaulte. Der Schnee klebte in kleinen Eiszapfen in seinem Fell.
    „Wir können schauen, ob wir einen Felsüber() oder so etwas finden“, erwiderte Maria.
    Kyra war sich nicht sicher. Auch wenn es hieß, noch dreißig Minuten oder so durch den Schneesturn zu kämpfen, war ihr ein richtiges Haus definitiv lieber. Vor allem da die Suche nach einem Felsvorsprung oder dergleichen bedeuten würde, den Weg zu verlassen. Waren sie überhaupt noch auf diesem waren …
    „Und wie stellen wir sicher, dass wir uns nicht verirren?“, rief sie.
    Watson bellte. Irgendwie hatte sie nicht das Gefühl, dass er ihr zustimmte. Er schob seinen Kopf unter ihre Hand und schien auf etwas zu warten. Als sie nicht tat, was auch immer er erwartete, rannte er los. Was hatte er vor? Er wollte nicht weglaufen, oder?
    Doch Watson blieb nach einigen Metern – gerade noch in ihrem Sichtfeld – stehen und wartete.
    „Was hat er?“, fragte Maria.
    Kali bemerkte das offensichtliche: „Ich glaube, er will, dass wir folgen.“
    Hatte Watson vielleicht etwas gerochen? Immerhin war er zwar nicht der große Überlebenskünstler, hatte jedoch in den letzten Monaten immer wieder gezeigt, dass er nicht so trottelig war, wie er teilweise erschien. Immerhin hatte er es irgendwie geschafft, diesen verschwundenen Cole Jungen zu finden. Und im Wald hatte er sie auch zum See geführt und ihr damit erlaubt, vor den verdammten Wölfen zu entkommen. Tiere hatten halt mehr Sinne als Menschen und vielleicht wusste er ja, wo es warm und sicher war.
    „Folgen wir ihm!“ Sie bemühte sich mehr Vertrauen in ihre Stimme zu legen, als sie eigentlich fühlte.
    Verdammt, sie hasste die Kälte. Sie war eher ein Sommermensch. Okay. Vielleicht eher Frühjahrsmensch. Sicher kein Wintermensch!
    Sie lief ihm hinterher, froh, dass der Schnee noch nicht so hoch lag. Wieso schneite es auf einmal so? Der Wetterbericht hatte zwar gesagt, dass es kalt würde, aber von Schnee war keine Rede gewesen! Es war November. Es war erst November, verdammt!
    Was hätte sie dafür gegeben dick eingepackt in eine Decke zuhause im Bett zu liegen und zu lesen! Dafür war das Wetter richtig. Nur dafür.
    Der Wind heulte durch das Gebirge der Highlands. Die Schneeflocken hatten eine hypnotische Wirkung. Es war nicht so schlimm, wie beim Autofahren, doch war es, als würden sie durch einen Trichter aus Schnee laufen, während um sie die Welt aufgehört hatte zu existieren. Es gab nur sie, Maria, Kali, Watson und den Schnee.
    Das schlimmste war, dass der ungleichmäßig wehende Schnee seltsamste Bilder zu malen schien, das Heulen manchmal den Gesang und das Lachen von fernen Stimmen mit sich zu tragen schien. Kyra wusste, dass es nur Halluzinationen waren, dass es nicht real war. Wahrscheinlich verstärkte die Kälte nur die Effekte, da sie sich irgendwie auf ihre Augen auswirkte. Dennoch kam sie nicht umher zwei oder drei Mal genauer hinzusehen, als sie meinte Gestalten in der Ferne zu sehen, ja einmal sogar ein schimmerndes Licht.
    Jedes Mal blinzelte sie und es war verschwunden. Nur eine optische Illusion.
    Endlich. Nach einer Gefühlten Ewigkeit, die in der Realität wahrscheinlich nicht mehr als fünf Minuten umfasste, stand Watson jaulend vor einer Spalte in den Felsen, in die der Schnee nur ein oder zwei Fuß weit eindrang. Sie war eng, aber weit genug, als dass sie hinein konnten. Sie konnten stehen, sitzen, warten, dass der Sturm aufhörte.
    Kyra flüchtete sich in den Windschatten, holte mit zittrigen, roten Fingern ihr Handy aus der Jackentasche und sah hinauf. Auch wenn sie nicht wirklich damit gerechnet hatte, seufzte sie genervt auf, als kein einziger Balken in ihrem Empfang ausgefüllt war.
    Natürlich. Es war in diesen Situationen ja auch zu viel verlangt, um Hilfe rufen zu können. Man sollte meinen moderne Netzwerke waren weit genug ausgebaut, doch jedes Mal, wenn sie in so einer Situation war, funktionierte das Scheißteil nicht!
    Sie kraulte Watsons Hals, als er sich wimmernd an sie drückte. Er zitterte stark. Sein Fell war von Eis und Schnee verklebt und nass, was bei der Kälte ihm sicher nicht halt.
    „Ich weiß ja“, flüsterte sie mitleidig. „Armer Hund.“
    Er jaulte.
    „Kyra?“, fragte Maria neben ihr und ließ sie aufsehen.
    Fragend sah sie zu Maria und stellte im selben Moment fest, das sie nicht vollständig waren.
    „Wo ist Kali?“, fragte Maria unnötiger Weise.
    Kyra fluchte leise. „Sie war doch noch bei uns.“ Kali war zuletzt neben ihr gelaufen. Sie war sich dessen sicher. Kali war neben ihr gewesen und dann …? Sie konnte es nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Aber sie hätte doch gemerkt, wenn sie zurückgeblieben wär. Und sicher hätten sie oder Maria gemerkt, wäre Kali gefallen oder hätte nach ihnen gerufen, oder?
    Panik kroch in Marias Miene, als sie zum Eingang der Felsspalte ging und nach ihrer Tochter rief: „Kali?“
    Ihre Stimme wurde im Sturm wahrscheinlich nicht besonders weit getragen. Vermischte sich mit dem Heulen des plötzlich aufgekommenen Schneesturms.
    Das verdammte Wetter!
    Auch Kyra ging nach vorne und stellte sich neben Maria. „Kali!“ Sie legte die Hände an ihre Lippen, formte einen Trichter. „Kali!“
    Nichts. Oder? War das Kalis Stimme oder nur eine weitere akkustische Illusion.
    Kyra sah sich zu Watson, der sich zusammengerollt hatte und das Eis aus seinem Fell lockte. „Weißt du, wo Kali ist?“
    Zwei große, braune Augen sahen sie an. Watson wimmerte nur, leckte weiter, sah dann aber wieder zu ihr.
    Verdammt. Verdammt. Nicht schon wieder so ein verrückter Kram. Sie konnte da nicht in den Schneesturm reinlaufen. Doch dann wiederum, besonders weit konnte Kali nicht sein. Kyra hatte sie den größten Teil des Weges neben sich gewusst. Dessen war sie sich sicher. Kali war die meiste Zeit neben ihr gewesen. Nur für das letzte Stück des Weges, vielleicht die letzte Minute, war Kyra sich nicht absolut sicher, ob Kali bei ihr gewesen war. Sie hatte vor Kälte und wirren Illusionen des Schnees kaum klar denken können.
    „Kali!“, rief Maria, nun deutlich panisch. Sie machte einige Schritte aus der Felsspalte heraus. „Kali!“
    Verdammt. Kyra lief ihr hinterher. „Warte, Maria!“ Sie griff nach Marias Arm.
    Maria fuhr zu ihr herum, sah sie an. Panik in ihrer Miene.
    Kyra hasste, was sie als nächstes sagte: „Es bringt nichts, wenn du dich jetzt auch verirrst. Ich suche sie mit Watson. Er findet wieder hierher zurück.“ Das hoffte sie zumindest. Ansonsten konnte sie ja nach ihren Fußspuren gehen, nicht? Das konnte Maria natürlich auch. Aber Watson, der gute, arme Watson, hatte bessere Chancen, Kali zu finden.
    „Aber Kali …“, setzte Maria an.
    „Watson kann sie finden!“, versicherte Kyra. „Du wartest hier, falls sie nur zurückgefallen ist!“
    Maria schien nicht überzeugt. Natürlich nicht. Sie war Kalis Mutter und Mütter waren immer schwer davon zu überzeugen, das Schicksal ihres Kindes jemand anderen zu überlassen.
    „Ich komme gleich wieder.“ Das konnte sie zumindest hoffen.
    Maria zögerte noch immer, doch Kyra tat ihr bestes, sie wieder in Richtung der Höhle zurückzuführen.
    „Ich finde sie schon. Ich bin mir sicher, dass sie bis kurz vor der Höhle bei mir war. Jemand von uns sollte hier warten, sollte sie nachkommen.“ Für den hypothetischen Fall, dass Kali einen anderen Weg kam, als sie nun ging. Was keinen Sinn machte. Wenn Kali nur zurückgefallen war, wäre sie sich intelligent genug, den Fußspuren zu folgen, oder?
    Maria gab nach. „Okay.“
    Kyra zwang sich zu einem Lächeln und ging dann zu Watson, der sich noch immer leckte. „Sag mal, Junge, kannst du mir helfen, Kali zu finden?“
    Wahrscheinlich verstand Watson nicht mehr als „irgendetwas mit Kali“ und „raus in den Schnee„. Er sah sie mit wehleidigen Augen an und wimmerte leise. Er schien gar nicht begeistert von der Idee.
    „Komm. Du magst doch Kali, oder?“, fragte Kyra und legte ihre Hände auf Watsons fellige Wangen. „Du willst nicht, dass ihr etwas passiert, oder?“
    Wieder jaulte er und sah sie mit angelegten Ohren an.
    „Bitte, Watson.“
    Schließlich bellte Watson und sprang auf. Wirklich begeistert schien er von der Idee allerdings nicht.
    Er schenkte ihr einen langen Blick, der wahrscheinlich sagen sollte: „Aber wenn wir daheim sind, machst du so etwas nie wieder mit mir.“ Oder irgendetwas in der Art.
    „Danke, Watson“, sagte sie, als der Hund zum Eingang der Felsspalte lief. Noch einmal wandte sie sich zu Maria. „Ich schaue mich um. Ich bin gleich zurück. Kali kann ja nicht sehr weit sein.“
    Noch immer sah Maria nicht überzeugt aus, nicht aber mit düsterer Miene, ehe sie sich wieder dem Schneegestöber zuwandte. „Kali!“
    Kalt schlug der Wind Kyra entgegen, als sie an Maria vorbei in den Schnee hinaus lief. Mittlerweile lag eine sicher drei oder vier Zentimeter dicke Schicht auf dem Boden. Wie konnte das so schnell passiert sein? Gerade beim ersten Schnee brauchte es etwas, bis er liegen blieb. Und so weit oben waren sie ja auch nicht, oder?
    Es machte keinen Sinn darüber nachzudenken. Sie sollte sich darauf konzentrieren, Kali zu finden. „Kali!“, schrie sie ins Schneegestöber. Sie hatte ein ungutes Gefühl. „Kali!“
    Sie richtete den Blick auf den Boden, folgte ihren eigenen Fußspuren oder versuchte es viel eher. Nach vielleicht sechzig Metern, gerade soweit, dass sie die Felsspalte nur noch als einen dunklen Kontrast hinter dem Schneegestöber sehen konnte, endeten ihre Fußspuren einfach. Da war nichts mehr im Schnee, dass darauf hingedeutet hätte, dass sie hier lang gekommen waren.
    Nein, das machte keinen Sinn.
    „Watson?“, fragte sie und merkte, dass sie leise redete. Sie merkte wieder ihre Paranoia. Halb erwartete sie, dass ein Wolf sie irgendwo aus dem Schneegestöber anspringen würde. Dabei waren sie weit, sehr weit vom Trossachs entfernt. Und hier in den Bergen würde es wohl kaum unentdeckte Wölfe geben, oder? „Wo zur Hölle sind wir hergekommen?“ Das ergab alles wieder keinen Sinn. Warum ergab in ihrem Leben in letzter Zeit kaum etwas Sinn?
    Watson sah sie an. Er wirkte unglücklich, war angespannt. Sein Schwanz war zwischen seinen Beinen, sein Kopf gesenkt. Er sah sie an, bellte zwei Mal und senkte dann seine Schnauze, als wolle er im Schnee schnüffeln.
    Kyra sah sich um. Wo waren sie hergekommen? Wo zur Hölle waren sie hergekommen?
    Überall weiße Flocken, die durch die Luft wirbelten. Überall weiße Flocken.
    Sie mussten aus der Richtung gekommen sein, in der sie vorher gegangen waren, als da noch Spuren waren, denen sie hatten folgen können. Ja, alles andere machte keinen Sinn. Wie auch immer Watson diese Höhle gefunden hatte: Er war wahrscheinlich direkt hingelaufen. Immerhin war es erschienen, als wüsste er genau, wohin er ging.
    Also weiter.
    Sie lief. Ihr Gesicht und ihre Hände schmerzten vor Kälte. Weiter. „Kali! Kali!“ Keine Antwort. Was zur Hölle ging hier schon wieder vor sich?
    Wieder schien es, als wären da Stimmen im Sturm. Stimmen, entfernter Gesang, Lachen. Unsinn. Halluzinationen. Es mussten Halluzinationen sein. Und doch, da hinten, da war ein Licht.
    Sie blinzelte.
    Das Licht war noch immer da. Ja, da war definitiv ein Licht. Ein bläulich schimmerndes Licht, in einiger Entfernung. Kyra konnte die Quelle nicht ausmachen – doch das war im dichten Schneegestöber kaum verwunderlich.
    „Hallo?“, rief sie. „Ist da wer?“ Vielleicht ein Ranger. Immerhin gab es ja auch Bergranger, nicht? Es war ja auch ein Nationalpark oder so etwas. Also würde es auch hier Ranger geben.
    Das Licht flackerte und verschwand.
    Der Gedanke an ein Irrlicht erschien deutlich in ihrer Erinnerung. Sie hatte diese Geschichten als Kind oft genug gehört. Irrlichter, die Wanderer in den Sumpf und manchmal auch in Wälder lockten. Aber es waren Ammenmärchen, die eigentlich nur dazu dienten, einen daran zu erinnern, auf dem Weg zu bleiben. Einen anderen Hintergrund hatten diese Geschichten nicht. Vielleicht waren manche von Sumpffeuern inspiriert worden. Was wusste sie schon.
    Wahrscheinlich war da jemand mit einer Taschenlampe und hatte seine Richtung geändert, so dass sie das Licht nicht mehr sehen konnte.
    „Hallo?“
    Watson stimmte mit einem Bellen in ihren Ruf mit ein. Er schien immer unsicherer. Armer Watson.
    Kyra ging in die Richtung, in der sie das Licht gesehen hatte. Wenn da jemand war, kannte derjenige sich hier vielleicht aus. Oder hatte eine Möglichkeit Hilfe zu rufen. Immerhin gab es in den Bergen ja so etwas wie SAR-Teams, nicht? Damit könnte man ihnen sicherlich helfen, Kali zu finden. „Hallo?“
    Da war es wieder. Wieder ein Licht. Dieses Mal etwas zu ihrer Rechten. Sie wandte sich ihm zu. War derjenige dahin gelaufen oder halluzinierte sie nur? War es gefährlich dahin zu gehen?
    Sie wusste es nicht. Aber wenn sie Kali finden wollte … Ohne ihre Fußspuren … Konnte sie überhaupt zu Maria zurückfinden?
    „Hallo? Wer ist da? Wir brauchen Hilfe!“, schrie sie mit aller Macht in den Schneesturm. „Hallo?“ Dann wandte sie sich an Watson. „Komm. Wir müssen die Leute finden.“
    Watson jaulte. Ihm schien die Idee nicht zu gefallen. Doch Kyra griff ihn beim Halsband und lief in die Richtung des Lichts. Zumindest hatte sie das vor, als das Licht wieder verschwand.
    Verdammt.
    Derjenige musste noch immer da sein. Man konnte sich ja nicht in Luft auflösen. Wie weit war das Licht wohl entfernt?
    Sie hielt auf den Ort, wo sie glaubte, das Licht zuletzt gesehen zu haben, zu. Verdammt. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals in einem so dichten Schneesturm gewesen zu sein. Was hatte sie getan, dass das Wetter sie so sehr hasste? Sie hatte doch immer ihren Teller geleert. Der letzte Gedanke kam von dem zynistischen Teil ihres Unterbewusstseins, da war sie sich sicher.
    „Hallo?“
    Da war das Licht wieder. Plötzlich erschien es wieder, schien ihr entgegen zu strahlen. Doch etwas war seltsam. Es schien etwas näher und war eindeutig nicht das gleichbleibende Licht einer Taschenlampe. Es flackerte. Vielleicht von einem Dynamo betrieben? Anders konnte Kyra es sich wirklich nicht erklären. Feuer konnten immerhin nicht einfach so verschwinden.
    Sie hörte eine ferne Stimme. „Wer ist da?“ War es nur ein Echo ihrer eigenen Stimme? Nein, das machte keinen Sinn.
    Sie lief weiter, als das Licht wieder verschwand.
    Verdammt. Langsam aber sicher hatte sie wirklich das Gefühl einem Irrlicht zu folgen. Aber es gab hier in den Bergen sicher keine Irrlichter. Also was war los? Halluzinierte sie?
    Wie sollte sie wieder zu Maria finden? Wie sollte sie Kali finden? Wenn Kali hier irgendwo gefallen war und nicht mehr laufen konnte, war die Gefahr da, dass sie erfror. Das konnte sie nicht zulassen. Wenn so etwas passierte, dann war es ihre Schuld. Wieso musste so etwas immer passieren, wenn sie dabei war? Zog sie irgendwie Pech an? Das würde in ihrem Leben zumindest einiges erklären. Einiges …
    Da war wieder das Licht. Vielleicht sollte sie ihm nicht folgen! Doch was sollte sie sonst tun, hier im Meer des Schneegestörbers?
    „Hallo?“ Ihre Stimme schien nicht weit getragen zu werden, wurde vom Wind übertönt. „Kali!“
    Das Licht verschwand. Natürlich.
    Kyra lief weiter, einen jaulenden Watson an ihrer Seite.
    Da war das Licht wieder. Wie ein Irrlicht führte es sie. Aber da waren auch Stimmen. Ferne Stimmen. Was sagten sie? Kyra konnte es nicht hören. Kyra verstand nicht.
    Es verschwand wieder. Wieder ging sie stur in die Richtung. Wieder erschien es nach vielleicht einer halben Minute, die sich wie zehn anfühlte.
    Und dann sah sie es. Spuren im Schnee. Hier gab es eine Steigung und Kyra lief eindeutig Bergab, als sie auf die Spuren traf, die von ihrer rechten aus kreuzten. Es machte keinen Sinn, doch es waren eindeutig die schon von einer neuen Schicht Schnee bedeckten Spuren, die sie zusammen mit Maria und Watson und Kali vor einiger Zeit hinterlassen hatten.
    Da war wieder das Licht.
    Hatte Kali es vielleicht auch gesehen? Aber wann hatte sie sie verloren? Was war hier nur geschehen?
    Kyras Kopf schwirrte, dank der Kälte und weil das alles keinen Sinn ergab. Es machte alles keinen Sinn. Was ging hier nur vor? Es machte einfach keinen Sinn. Wo kamen die Spuren hier auf einmal her? Warum hörten sie nicht weit von der Höhle entfernt auf? Was war das Licht, das wieder aufgetaucht war? Wollte es sie in die Irre führen?
    Sie folgte den Spuren von zuvor, jedoch nicht ohne immer wieder zu dem Licht zu schauen.
    Sie meinte eine sanfte Stimme in der Ferne zu hören. „Komm her. Hierher.“
    Verdammt. Sie wurde wirklich verrückt! Erst die Wölfe im Wald und dann das hier. Es machte so wenig Sinn.
    Da, ein Paar Spuren gingen plötzlich in eine andere Richtung, hatten einen leichten drall nach rechts. In die Richtung, wo aktuell auch das Licht flackerte.
    Kyra schüttelte den Kopf. „Du siehst es auch, oder, Watson?“, fragte sie verzweifelt, als sie zum Licht sah.
    Watson bellte laut, offenbar einschüchternd. Wollte er dem Irrlicht Angst einjagen?
    Sie seufzte, folgte den Spuren, die wohl Kalis sein mussten, während sie immer wieder zum Licht sah. Jetzt verschwand es. Dann, vielleicht zehn Sekunden später, tauchte es wieder auf. Was zur Hölle ging hier nur vor sich?
    Da. Da war etwas an den Spuren, dass keinen Sinn ergab. Es sah aus, als sei Kali gefallen. Ja, es sah aus, als sei sie gefallen und durch den Schnee gerollt. Da waren definitiv Spuren von einem Körper, der durch den Schnee gerollt war. Es musste Kali gewesen sein. Aber wo war sie jetzt?
    Kyra folgte den Spuren, stolperte selbst fast und fand sich auf einmal selbst an einem Abgrund. Sie wäre gefallen, wäre Watson nicht auf einmal stehen geblieben und hätte sie damit zurückgehalten. Erst einen Moment später bemerkte sie, dass es knapp vor ihr einige Meter hinab ging, in eine andere – es war doch eine andere? – Felsspalte.
    War Kali da hinabgefallen?
    Kyra zögerte, legte sich dann an den Rand, brüllte in die Felsspalte hinab. „Kali? Kali?“
    Ihre Stimme hallte zwischen den Felsen, doch sie bekam keine Antwort.
    Verdammt. Was sollte sie jetzt tun? Was konnte sie jetzt tun? Was wenn Kali da unten war? Sie brauchte Hilfe. Aber wie sollte sie, Kyra da runter kommen? Was konnte sie tun?
    Sie kramte mit zitternden, steifen Fingern ihr Handy aus ihrer Tasche. Sie hoffte, dass es ihr nicht hinabfiel, als sie die Taschenlampe anstellte und damit in die Tiefe leuchtete. War Kali da unten?
    Die Spalte schien nicht zu tief. Fünf Meter schätzte Kyra. Es war schwer den Boden auszumachen, aber sie glaubte nicht, dass es mehr war. Der Fels bog sich auf beiden Seiten schützend darüber, so dass kaum Schnee dort hinabdrang.
    Vielleicht sollte sie Maria holen?
    Doch wenn Kali wirklich da unten war, brauchte sie vielleicht sofort Hilfe! Verdammt. Was konnte Kyra machen? Was sollte sie tun? Was konnte sie tun? Sie wusste es nicht.
    Verdammt.
    Verdammt!
    Wie sollte sie überhaupt darunter kommen? Sie war nicht besonders gut im Klettern. Zur Hölle, sie war nicht besonders gut in den meisten physischen Aktivitäten. Und sie hatte kein Seil, um sich zu sichern.
    Vielleicht sollte sie Maria holen. Aber wie sollte sie überhaupt zu Maria zurückfinden? Was konnte sie überhaupt tun?
    „Was mache ich jetzt, Watson?“
    Watson sah sie an, die Ohren angelegt, den Schwanz eingeklämmt. Aber er bellte.
    Da hörte Kyra wieder ein Wispern hinter sich, sah sich um. Da war wieder das Licht. Erstaunlich nah. Zehn Meter, vielleicht fünfzehn. Es schien wirklich eine tänzelnde Flamme zu sein. Ein Klischeehaftes Irrlicht. Oder auch nicht. War da eine Gestalt?
    Sie presste die Augen zusammen, blinzelte. Sie meinte eine Gestalt zu sehen. Ein Geist? Das machte keinen Sinn. Doch bisher hatte das Licht sie hierher geführt und vielleicht … Ach, was hatte sie für eine Wahl?
    Sie folgte ihm. Ging dahin, wo das Licht war, ging in die Richtung, auch wenn das Licht nach Kyras ersten drei Schritten verschwand.
    Dennoch ging Kyra weiter. Sie folgte dem oberen Ende der Felsspalte, die sich wohl einige Entfernung weit streckte. War so etwas nicht zu gefährlich?
    Ihr Blick glitt der Felsspalte entlang, bis zu einer Stelle wo eine weitere Spalte sich seitlich – auf der anderen Seite natürlich – ausstreckte. Diese Spalte schien flacher zu sein.
    Hatte das Irrlicht – was zur Hölle war es überhaupt? – ihr das zeigen wollen.
    Sie betrachtete die Felsspalte. Es war knapp ein Meter. Sie sollte darüber springen können. Ach, natürlich konnte sie darüber springen. Sie war unsportlich, aber so unsportlich war sie nicht. Wenn sie nur nicht im Schnee ausrutschte.
    „Watson?“, fragte sie leise.
    Ein Jaulen war ihre einzige Antwort.
    „Wenn mir was passiert, hol Maria, ja?“ Wahrscheinlich verstand er sie nicht, doch es war dennoch beruhigend mit ihm zu reden.
    Wieder jaulte er.
    Kyra ging einige Schritte zurück. Nahm Anlauf. Ihre Schuhe waren ohnehin schon vom Schnee durchweicht. Das konnte alles nicht gut gehen, sagte sie sich. Und dennoch sprang sie. Sie sprang und kam auf der anderen Seite an. Dann verlor sie das Gleichgewicht, fiel nach vorne, landete aber nur im Schnee.
    Schwer atmend richtete sie sich auf und sah sich zu Watson um.
    Ihr Hund schien mit der Situation alles andere als zufrieden. Er sah wehleidig zu ihr, sah sie an, wollte hinterherkommen, schien sich aber nicht zu trauen.
    Es tat ihr weh ihn hier zu lassen. Sollte sie ihn anweisen zu springen? Er war ein großer Hund, der eine Meter sollte auch für ihn nicht besonders schwer sein. Dennoch zögerte sie.
    Er bellte und sein Bellen klang verzweifelt, vorwurfsvoll. Wie konnte sie ihn nur da zurück lassen?
    „Ich komme gleich zurück“, versprach sie und hoffte die Wahrheit zu sagen. Dann zögerte sie. Sie wusste etwas, war sich aber nicht sicher, ob er verstand. Selbst wenn er verstand … Sie spürte die kalte Angst im Magen, dass Watson sich verirren könnte, dass sie Watson nicht wieder sehen würde. Und dennoch war es vielleicht ihre einzige Möglichkeit … Verdammt. „Watson?“, fragte sie.
    Der Hund bellte wieder vorwurfsvoll, jaulte.
    „Watson. Hol Maria.“
    Wieder ein Bellen.
    „Hol Maria, Watson!“
    Er bellte.
    Sie hatte so eine Angst, ihn zu verlieren. Die Vorstellung, wie ihr armer, für das Wetter nicht geschaffene Watson im Schnee erfror, kam ihr in den Sinn. Doch dann … Konnte sie ihn hier oben lassen? Was sollte sie tun? „Hol Maria!“, rief sie noch einmal. Eigentlich konnte es nicht weit sein. Er hatte doch auch vorher die Höhle gefunden. „Hol Maria!“
    Watson trippelte einige Schritte zurück und sah sie verzweifelt an.
    „Hol Maria!“
    Watson sah sie an, spitzte dann kurz die Ohren und sah sich um. Dann bellte er noch einmal, drehte ab und rannte. Hoffentlich, ja, hoffentlich hatte er sie verstanden.
    Hoffentlich …
    Sie selbst folgte dem sich abspaltenden Riss im Fels, bis sie eine Stelle fand, an der sie sich zutraute hinab zu klettern.
    Oh verdammt. Sie war einfach nicht gut im Klettern und selbst zwei Meter Tiefe konnten wie ein nicht endender Abgrund wirken, selbst wenn man nur eine leichte Schräge hinabschlitterte. Es war halbwegs sicher. Dennoch sah sie allerhand Horrorszenarien in ihrem Kopf. Was hätte sie dafür getan, Watson bei sich zu haben? Hoffentlich kam er zurück.
    Zumindest kam sie zwei Meter weiter unten auf dem Boden der seitlichen Spalte an. Diese Spalte war nicht so breit, wie die andere, zwang Kyra sich teilweise seitlich zwischen dem gräulich braunen Felsen hindurchzuquetschen.
    Zumindest war sie hier etwas vor dem Wind geschützt. Kalt war es dennoch.
    Sie drückte sich durch die Felsspalte, weiter und weiter. „Kali?“, rief sie noch einmal, bekam jedoch wieder keine Antwort. Verdammt. Was wenn sie nicht hier war? Wenn all das umsonst war?
    Endlich. Sie erreichte die Hauptspalte, auch wenn der Boden dieser erneut mindestens zwei Meter unter ihr lag. Vor ihr lagen jedoch einige Felsbrocken, die von oben herabgefallen war und die es Kyra erlauben sollten, hinab zu klettern.
    Also kletterte sie. Sie dreckte der Spalte, die in einem dämmrigen Zwielicht unter ihr lag, den Rücken zu und tastete sich mit den Füßen voran. Einige der Brocken waren sehr instabil. Sie wackelten unter Kyras Gewicht. Weiter. Sie ließ sich jedes Mal halb auf den Brocken nieder, ehe sie weiterging, vorsichtig nicht zu fallen.
    Am Ende war jedoch alle Vorsicht vergebens. Sie wusste nicht, was genau geschah. Doch sie rutschte, schrie auf und landete unsanft vielleicht einen halben Meter weiter auf ihrem Hintern.
    „Autsch.“ Sie rieb sich die Lenden und sah sich um. Sie schien unten zu sein. Zumindest etwas.
    „Verdammt.“ Tränen standen in ihren Augen, doch sie schluckte sie herunter. Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche und begann sich erneut damit den Weg zu leuchten.
    „Kali!“ Ihre Stimme hallte von den engen Felswänden wieder. „Kali!“ Sie bemerkte selbst leichte Panik in ihrer Stimme. Wie sollte sie hier wieder herauskommen? „Kali!“
    Einzelne Schneeflocken fanden trotz der überhängenden Felsen ihren Weg nach unten.
    „Kali!“, schrie Kyra und merkte, wie sie heiser wurde.
    Sie kam um eine leichte Biegung der Felsens, als der schwache Lichtstrahl ihres Handys auf einen Körper fiel, der reglos gegen die Wand lehnte.
    „Kali!“ Kyra rannte, stolperte erneut fast, erreichte das Mädchen dann aber. Sie kniete sich neben sie, fühlte ihren Puls. Sie spürte das regelmäßige Pochen, also lebte sie noch.
    Was sollte sie jetzt tun? Verdammt, es war so lange her, dass sie einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hatte. Was tat man, wenn jemand ohnmächtig war? Stabile Seitenlage, oder? Aber Kali war deutlich unterkühlt. Sie musste aus der Kälte, aber wie sollte Kyra das erreichen? Was konnte sie tun?
    Ihr Blick wanderte Kalis Körper hinab. Ihr Blick blieb an Kalis Bein hängen. Etwas war seltsam, sehr seltsam: Kalis Bein war geschient. Jemand hatte es mit dünnen Stofffetzen und Ästen geschient.
    „Wer zur Hölle …?“, murmelte Kyra.
    Sie runzelte die Stirn. Dann kniete sie sich neben das Mädchen.
    Kali musste beim Sturz ihre Mütze verloren haben. Auch hatte sich ihr lockiges, schwarzes Haar aus dem Zopf gelöst und lag wirr um ihren Kopf herum.
    „Kali? Kali?“, flüsterte Kyra und schüttelte sie sanft an den Schultern. „Kali?“ Was sollte sie tun?
    Ein Bellen hallte durch die Spalte. Ein Bellen, das nur einem gehören konnte.
    „Watson!“, rief sie aus. „Watson!“
    Ein Bellen antwortete ihr.
    „Watson!“ Er war zurückgekommen! Ein Glück.
    Dann hörte sie eine Stimme. „Kyra?“
    „Maria?“ Hatte Watson sie hergebracht?
    „Ja. Hast du Kali gefunden?“ Natürlich klang Maria panisch. Natürlich.
    „Ja! Ich habe sie. Aber sie ist ohnmächtig!“
    Ein Moment der Stille. Wahrscheinlich wusste Maria nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder nicht. „Wie bist du darunter gekommen?“
    „Da ist eine kleinere Spalte“, rief Kyra zurück. „Vielleicht zehn Meter links von dir ist eine andere Spalte. Da kann man runter klettern.“
    „Okay.“
    Wieder wandte sich Kyra Kali zu. „Kali? Kali?“ Sie legte eine Hand auf Kalis kühle Wange. Sollte sie ihr eine Ohrfeige geben? Das tat man in Filmen immer. Irgendwas sagte ihr jedoch, dass es nicht richtig war. Also tätschelte sie nur die Wange des Mädchens. „Kali? Kali?“
    Sie Augen des Mädchens schienen sich unter den Lidern zu bewegen.
    „Kali?“, versuchte es Kyra noch einmal. „Kali?“
    Langsam öffneten sich die Augen des Mädchens. Dann verzog sich ihr Gesicht vor Schmerz. Sie presste die Zähne zusammen, die Augen aufeinander. Dann zwang sie sich wieder die Augen zu öffnen. „Kyra? Was ist passiert?“
    „Das solltest du mir sagen“, flüsterte Kyra. „Du warst auf einmal weg. Was ist passiert?“
    Kali schloss die Augen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich habe euch auf einmal nicht mehr gesehen und dann bin ich gefallen. Das ist das letzte, was ich weiß.“ Ihre Stimme klang zittrig.
    Kyra nickte, als erneut Marias Stimme durch die Spalte hallte.
    „Kyra? Kali?“
    „Mum?“, rief Kali aus und sank direkt wieder gegen die Felswand zurück.
    Kyra seufzte. Zumindest war jetzt Maria hier. Sie arbeitete doch in einem Krankenhaus – selbst wenn meistens an Leichen. Sie wusste, so hoffte Kyra, was man jetzt tun musste.
    Ein Bellen schallte.
    Offenbar war auch Watson da. Natürlich. Natürlich war er da. Sie seufzte leise. Wie sollten sie mit ihm wieder hochkommen? Doch dann wiederum, war sie froh ihn bei sich zu wissen.


    Es war bereits dunkel, als sie das Licht eines Hauses in der Ferne sahen. Der Schnee hatte nachgelassen, doch einzelne Flocken wehten immer noch zu Boden.
    Hoffentlich war das nicht, was auch immer Kyra da draußen gesehen hatte. Sie war sich noch immer nicht sicher, was sie daraus machen sollte. Hatte sie halluziniert? Wie hatte sie dann Kali gefunden?
    „Da“, rief Kali aus und zeigte zum Licht.
    „Ich habe es gesehen.“ Kyra schnaufte. Sie zog im Moment den Schlitten auf den Kali saß. Den seltsamen Schlitten, den sie gefunden hatten, als sie Kali endlich aus der Felsspalte rausgeschafft hatten. Es machte keinen Sinn. Es machte wirklich keinen Sinn.
    Watson, der sich wieder so eng, wie es ihm möglich war, gegen Kyras Bein drückte, was es ihr nicht leichter machte zu laufen. Sie stolperte ohnehin schon eher voran, als dass sie lief.
    „Ich glaube, dass ist die Burg“, meinte Maria und kniff die Augen zusammen. Sie wirkte matt und sah etwa so müde aus, wie Kyra sich fühlte. Wahrscheinlich hatte sie mit den Folgen des Adrenalin-Drops zu kämpfen, der fraglos mit dem Ende der Panik gekommen war.
    „Was für eine Burg?“, fragte Kyra.
    „Hier gibt es eine alte Burg, in der sie irgendwann Restaurant und ein kleines Hotel gebaut haben“, murmelte Maria und seufzte müde. „Das muss die sein.“
    Auch Kyra blinzelte. Ja, die Umrisse sahen wirklich nach einer Burg aus.
    Also waren sie in Sicherheit? Es sei denn, es war ebenfalls eine Fatamorgana oder so etwas. Aber hey, die kamen doch nur vor, wenn es heiß war und heiß war es ja definitiv nicht.
    Sie blieb stehen. Sie fühlte mittlerweile ihre Hände kaum noch, die von der Kälte rau, rot und rissig waren. Dennoch fummelte sie kompliziert ihr Handy aus der Tasche, um festzustellen, dass sie wieder Empfang hatte. Endlich. Natürlich erst jetzt. Manchmal hasste sie ihr Handy.
    „Was machst du?“, fragte Maria.
    „Ich suche die Nummer raus.“ Kyra seufzte frustriert, als sie das vierte Mal den komplett falschen Buchstaben antippte. „Vielleicht kann uns jemand entgegen kommen.“
    „Keine schlechte Idee“, murmelte Kali.
    Endlich hatte sie die Nummer. „Ich weiß“, seufzte sie und tippte auf Anrufen, ehe sie das Handy an ihr Ohr hob.


  • Was mich ein bisschen interessiert, wie viele Seiten sind es denn in der Mainhandlung am Ende geworden?



    Die Geschichte war recht nett. Wenn Kali wirklich diese Hindugottheit ist, könnte diese Sidestory später mal viel über sie verraten.
    Und die Schatten im Schnee machen einen neugierig. So etwas wie ein Irrlicht war dabei. Möglicherweise ein Schlachtfeld, oder ein internes Fest? Ein Schlachtfeld würde halt eher zu Kali passen und ein Fest, da man nicht wirklich Anzeichen einer Schlacht hatte.
    Man weiß es nicht.

  • Antwort


    Ich antworte heute schon mal, damit es morgen schneller geht (nicht zuletzt, da ich morgen so ein paar Geschichten posten muss X.x)


    Ich bin ja mal gespannt, ob ich noch etwas von @Thrawn zu der Kurzgeschichte höre xD"


    Aber erst einmal vielen Dank für den Kommentar @Sunaki.


  • Ey, ich war schon am Schreiben ...


    Okay, die Geschichte war auf jeden Fall wieder interessant zu lesen - ich bin aber leider gerade etwas müder als sonst, insofern weiß ich nicht, ob ich viel dazu schreiben kann. Oder ob ich das strukturiert hinkriege (als ob das sonst der Fall wäre, haha). Schön ist es jedenfalls, Maria und Kali wiederzusehen.
    In der Geschichte gibt es natürlich wieder einige ungewöhnliche Dinge - zunächst einmal ist da das Hereinbrechen des Schneesturms, bei dem ich mich jetzt frage, ob das einfach eine Folge des ja offenbar generell ungewöhnlichen Klimas ist oder aber jetzt (noch zusätzlich) spezifisch ausgelöst wurde. Im letzteren Fall hätte es eigentlich auch wieder eine Art Schutzmechanismus sein können, hm. Kalis Verschwinden und ihr Sturz scheinen aber dann mehr ein Unfall zu sein, auch wenn man nicht ganz ausschließen kann, dass da nicht noch jemand nachgeholfen hat - andererseits wäre dann vielleicht fraglich, warum eine entsprechende Person dann weiter nichts gemacht hat. Wäre eigentlich nur plausibel, wenn sie von jemandem gestört worden wäre, was, sofern Kyra da nicht schon in der Nähe war, leicht noch jemand anders hätte sein können. Aber ich vermute da halt mehr einen Unfall. Während man jedenfalls nicht genau sagen kann, ob Kalis Sturz von jemandem absichtlich herbeigeführt wurde, so gibt es aber ja offenkundig zumindest jemanden, der ihr dann geholfen und möglicherweise auch später den Schlitten bereitgestellt hat. Jemand, der offensichtlich selbst nicht in Erscheinung treten, aber dennoch helfen wollte. Gut möglich, dass diese Person dann auch Kyra bewusst dahingelotst hat. Eigentlich müsste man doch die Stofffetzen untersuchen ... Ach, dazu vielleicht noch: Der Arm scheint ja doch auf "herkömmliche" Art verarztet worden zu sein. Also ist die verantwortliche Person vielleicht nicht in der Lage, Heilmagie einzusetzen (oder war es vielleicht nur in dieser konkreten Situation nicht, weil selbst geschwächt oder so). Andererseits ... Kyras Wunden brauchten damals ja trotz Heilzauber auch noch einen Verband, insofern kann man sich nicht darauf verlassen. An der Stelle wäre es halt interessant zu wissen gewesen, ob der Arm vielleicht besser verheilt ist, als er sein sollte. Naja ... Aber so oder so würde das mir jetzt keinen Hinweis auf eine mutmaßliche Identität der unbekannten Person geben.
    Tja ... Das Schneegestöber wird ja zweimal als hypnotisch bezeichnet - da könnte man natürlich auch noch etwas hineininterpretieren und annehmen, dass da eine gewisse illusorische Wirkung entsteht, aber gesichert ist das auch nicht. Was es mit diesem verfluchten Winter generell auf sich hat ... Ja. Das frage ich mich schon ewig, ähem.
    Was noch ... Ach ja: Neben der Frage, ob man Kali jetzt einfach aus Nächstenliebe geholfen hat, könnte man ja auch noch vermuten, dass da irgendwie mehr dahinter steckt. Aber ob da jetzt irgendwer generell über sie wacht oder so ... keine Ahnung. Tippe eher darauf, dass da jemand nicht gestört werden, aber Kali dann auch nicht da verletzt erfrieren lassen wollte. Wobei sich wie vorher schon angedeutet ja auch die Frage stellt: Steckt was auch immer Kali geholfen hat auch hinter dem Irrlicht, hat also Kyra dahin gelotst? Wenn ja, dann könnte man weiter fragen: Warum ausgerechnet auf die Art? Man hätte sich ja prinzipiell auch Kyra deutlich zeigen und sagen können, dass man Kali eben gefunden habe und Hilfe holen wollte etc. Dadurch hätte man ja vielleicht sogar viel besser sicherstellen können, dass Kyra Kali auch wirklich findet (weil sie ja dem Irrlicht auch nicht hätte folgen können). Dass es aber eben nicht so war, könnte vermuten lassen, dass wer auch immer das nun war, einen triftigen Grund hatte, sich nicht deutlich zu zeigen - dafür gibt es dann mehrere Möglichkeiten; eine wäre zum Beispiel, dass es nicht menschlich aussieht/aussehen kann, auch wenn es zumindest eine Möglichkeit haben muss, auf die physische Welt einzuwirken. Aber naja, um das komplett zu durchleuchten bräuchte ich jetzt mehr Konzentration, glaube ich. Ansonsten stellt sich ja auch die Frage, ob die gleiche Person auch den Schneesturm herbeigeführt hatte ... In dem Fall könnte sie sich auch schlicht schuldig gefühlt haben, dass Kali deswegen Maria und Kyra verloren hat und dann hingefallen ist. Oder vielleicht genießt Kali eine Art Schutz, weil sie noch so jung ist. Ach ja ...
    Jedenfalls eine gute Geschichte, ich habe sie gerne gelesen und es hat mir gefallen, auch noch ein bisschen mehr über Kali zu erfahren, weil ich sie als Charakter ganz gerne mag. Und man sieht wieder, dass sie ein außergewöhnliches Händchen für Hunde hat, das ist doch kein Zufall ... Sterling hatte ja auch so eins. Apropos: Watson mag ja nicht der Mutigste oder Klügste sein, aber eigentlich macht er dann im Ernstfall seine Aufgaben gar nicht so schlecht, was man in der Geschichte ja doch wieder ganz gut gesehen hat, haha.
    Nun ja, man liest sich dann wohl morgen wieder. Ich muss dann wohl mal früher antworten, denn an Weihnachten wird das vermutlich nichts, weil es ironischerweise die stressigste Zeit des Jahres ist.

  • Antwort


    Ich kann doch nicht Hellsehen, dass du schon schreibst, @Thrawn Q___Q
    Die ausführliche Antwort wird heute Abend kommen, wenn ich von der Uni zurück bin (oder morgen, wenn ich von der Arbeit wieder komme), fürchte ich. Jetzt habe ich gerade noch ein wenig zu viel geplant X.x



    Vorwort


    Die zweite Kurzgeschichte und dieses Mal eine, die denke ich eher wenig zum Spekulieren gibt. Dafür eine kleine, eher humorvolle kleine Sache aus Watsons Perspektive. Um genau zu sein geht es um Watson Gedankengänge, nachdem er in Kapitel 26 von Kyra zurückgelassen wurde, um auf Molly im Haus der Sterlings aufzupassen. ;)


    Es hat durchaus Spaß gemacht mal mit einer - ähm - sehr simplen Erzählstimme zu schreiben. Und ja, der gute, gute Watson.


    Es wird gleich übrigens auch noch das erste Kapitel einer neuen Geschichte in Pieces geben. Die neue Geschichte wird ebenfalls in der Welt von Manmade Myths spielen - und gar nicht soweit von Kyra entfernt.


    Viel Spaß.




    Kyra war gegangen. Kyra hatte ihm gesagt, er sollte bei Molly bleiben. Also blieb Watson bei Molly.
    Sie rührte sich nicht. Wie langweilig.
    Warum hatte Kyra ihn eigentlich gesagt, er solle bei Molly bleiben? Sollte er sie vor dem Wolfsmann beschützen? Wo war der Wolfsmann eigentlich? Er hatte ihn nicht mehr gesehen. Aber er konnte ihn riechen.
    Watson mochte diese Wolfsmenschen nicht. Diese Menschen, die meistens wie Menschen aussahen, aber immer nach Wolf rochen.
    Der komische Wolfsmann war aber nicht ganz so schlimm, wie die Wolfsmenschen in diesem seltsamen Wald. Watson mochte keine Wälder. Wälder waren komisch. So verwirrend. Da waren viele Gefahren. Ganz viele Gefahren. Dessen war er sich sicher.
    Aber der komische Wolfsmann konnte mit ihm reden. Das war toll. Er verstand sogar, was er sagte! Manchmal war es frustrierend, wenn Menschen einen nicht verstanden. Vor allem, da Menschen auch einfach nicht merkten, wenn etwas gefährlich war. Vor allem Kyra. Warum verstand Kyra ihn nicht? Sie war doch seine Kyra! Sie sollte ihn verstehen. Sie sollte auf ihn hören, wenn er sagte, dass da Gefahr war.
    Warum war Kyra noch nicht zurück? Normal ließ Kyra ihn nicht allein. Normal gab es keinen guten Grund für Kyra ihn alleine zu lassen. Sie ließ ihn praktisch nie allein. Vor allem nicht mehr, seit Molly so selten zu sehen war.
    Vielleicht ließ er sie allein, weil Molly wieder da war. Warum sollte er dann Molly beschützen?
    Wo war Kyra überhaupt? Machte sie wieder etwas Gefährliches? Sicher machte sie etwas Gefährliches. Vielleicht fand sie ihn auch nicht, da sie hier waren, in diesem komisch riechenden Haus.
    Er wusste, was er tun musste. Er musste sie rufen! Bisher war Kyra immer gekommen – früher oder später – wenn er sie rief.
    Also setzte er sich hin, legte den Kopf in den Nacken und heulte. „Kyra!“ Noch einmal. „Kyra!“ Er musste sicher stellen, dass sie ihn auch hörte. „Kyra!“ Es war seine Kyra, also musste sie ihn hören. Jawohl. „Kyra!“
    Erwartungsvoll hielt er inne. Kam sie?
    Er hörte sie nicht. Wahrscheinlich war er nicht laut genug gewesen! Also noch einmal, dieses Mal lauter: „Kyra! Kyra!“
    Fußgetrappel erklang von der Treppe. Es war nicht Kyra. Watson kannte ihren Schritt. Er hätte ihn unter allen anderen Schritten herausgehört. Es waren gar keine Menschenschritte. Nein, es waren Pfoten.
    Watson spannte sich an. Vorsichtig sah er zur Tür. Ganz ohne es zu wollen hatte er die Ohren angelegt. Kyra hatte ihm gesagt, er solle Molly beschützen, aber er war kein Kämpfer. Er wollte sich verstecken. Aber Kyra hatte ihm gesagt, er solle bei Molly bleiben?
    Er sah hin und her. Was sollte er tun? Er könnte sich unter dem Bett verstecken. Dann war er bei Molly.
    Schnell kauerte er sich zusammen, um unter das Bett zu kommen, als etwas an der Tür hochsprang.
    Kläffen erklang.
    Es war ein komischer Dialekt, wenngleich verständlich. „Halbwolf. Halbwolf.“
    Bevor Watson etwas tun konnte, öffnete sich die Tür und jemand fiel ihn von hinten an. Verspielt schnappte ein Kiefer nach seinem Hinterlauf.
    Er wurde starr.
    „Hab dich!“, verkündigte die Wölfin und ließ ihn los.
    Er sah sich um. Es waren Wölfe, aber nur die Welpen, die hier lebten.
    Die Wölfin, die ihn geschnappt hatte, sprang verspielt rückwärts. Ihr Schwanz wedelte, während sie ihn ansah. Hinter ihr waren die anderen beiden.
    „Watson!“, kläfften alle drei gleichzeitig.
    Etwas unsicher sah er sich zu ihnen um. Er setzte sich normal hin, legte den Kopf schief. Noch immer hatte er die Ohren angelegt. Er war sich nicht sicher, was denken sollte. Die drei waren Wölfe. Sie waren größer als er. Aber sie waren Welpen. Watson mochte Welpen. Etwas sagte ihm, er wolle sich auch einmal um Welpen kümmern.
    „Ja?“, jaulte er vorsichtig.
    „Watson!“ Alle drei setzten sich ebenfalls hin. Zwei von ihnen hatten helles Fell, die dritte ganz dunkles. Es war seltsam.
    Die Wölfin mit dem dunklen Fell hechelte.
    „Ja?“ Er sah sie an.
    „Du bist laut, Watson“, bellte die helle Wölfin, die die Menschen Rosie nannte.
    Er war gar nicht laut. Im Moment war er ganz still. „Nicht laut. Watson leise.“
    „Du warst laut.“ Sie sah ihn an. Ihr Schwanz hörte auf zu Wedeln. Sie hatte eine so seltsame Art sich auszudrücken. „Papa schläft. Du weckst ihn auf.“
    Watson verstand nicht. „Watson leise.“
    „Du hast geheult. Du hast Kyra gerufen.“ Sie erklärte das mit zwei Kehllauten und einem Jaulen.
    Jetzt verstand er. „Kyra weg. Kyra soll zurück.“
    „Kyra kommt zurück. Mama und Mama passen auf“, versprach der Wolf hinter ihr. Die Menschen nannten ihn Charlie.
    „Kyra.“ Watson wimmerte. Warum sollte er sich auf die beiden Menschinnen verlassen? Er kannte sie nicht.
    „Jetzt stell dich nicht so an“, kläffte Rosie. „Lass uns zusammen spielen.“ Wieder hopste sie etwas zurück, drückte sich mit der Brust gegen den Boden und wedelte mit dem Schwanz.
    Die anderen beiden großen Welpen taten es ihr gleich.
    Watson jedoch ließ sich ganz auf den Boden fallen. „Kyra sagt, Watson soll bei Molly bleiben“, jaulte er. Dann wimmerte er. „Kyra …“ Er legte den Kopf auf die Vorderpfoten. Warum war sie noch nicht zurück?
    Die Welpen tauschten Blicke. Etwas, das Watson komisch fand. Hunde – und Wölfe – tauschten keine Blicken. Das war etwas sehr menschliches zu tun. Hunde – und Wölfe – taten das einfach nicht. Warum auch?
    Irritiert hob er den Kopf.
    Da sprang die andere Wölfin, die die Menschen Othello nannten, vor. „Ich weiß was, Watson. Unten gibt es Futter. Willst du vielleicht etwas Futter?“
    Auch wenn er es eigentlich nicht wollte, stellten seine Ohren sich auf. Futter? Watson mochte Futter. Futter war immer gut. Er hatte immer Hunger. Zumindest ein bisschen.
    Sein Blick wanderte zum Bett, auf dem die bewegungslose Menschin lag. „Watson bei Molly bleiben.“ Er hätte gern überzeugter davon geklungen.
    Wieder tauschten die Wölfe einen Blick, dann sprang Rosie vor und griff ihn verspielt an. Noch bevor Watson etwas dagegen tun konnte, hatte sie ihn auf den Rücken gedreht und leckte verspielt über sein Fell.
    „Watson. Futter! Du magst Futter, oder, Watson?“
    Es kitzelte. Watson konnte nicht anders, als verspielt nach ihr zu schnappen, woraufhin die Wölfin zurücksprang. Er drehte sich um, sprang auf die Beine. „Futter. Watson mag Futter“, bestätigte er dann mit einem Bellen.
    Rosie rannte zur Tür und wartete. „Dann komm. Lass uns Futter holen.“
    Noch einmal sah er zu Molly. Sie sah nicht aus, als würde sie sich bald rühren. Aber musste er sie nicht deswegen beschützen? Kyra hatte gesagt, er solle bei ihr bleiben. Aber wie nah war „bei ihr“? Er blieb ja immerhin im Haus. Sollte das nicht reichen?
    Er wimmerte.
    „Watson?“, fragte Rosie und zupfte mit den Zähnen leicht an seinem Ohr.
    Er wandte sich der Tür zu. „Futter.“ Damit folgte er den Welpen in den Gang, die Treppe hinunter und in den Futterraum der Menschen.

  • Niedliche Ausdrucksweise.
    Ich bin gespannt wie lange das Projekt dauern wird. Ich sehe mich schon mit 30 einen neuen Kommentar schreiben^^


    Ich muss sagen, Molly wurde gegen Ende schon sympathischer, denn man sah ab da, dass sie bereit war ihre Grundsätze über Bord zu werfen und ihren Job riskierte alles um Kyra zu retten. Ich denke es ist nicht so verkehrt wenn man sie zuerst nicht leiden kann und dann gegen Ende erst sieht, dass sie eine liebenswerte Seite hat.


  • Antwort


    Danke schon einmal wieder @Sunaki!


    Ich antworte direkt einmal dir und @Thrawn!




  • Hallo.


    Nun ja ... Eine Implikation dieses Satzes

    Die Geschichte ist ja relativ kurz und bietet wenig zu Spekulieren

    ist ja, dass es etwas zu Spekulieren gibt - wenn halt nur wenig. Jedenfalls aber erst einmal: Ich mag die Geschichte. Der Schreibstil ist natürlich einfacher gehalten, dass passt aber wohl zum im Verhältnis zu Menschen Vernunftwesen (man muss hier wohl die nichtmenschlichen Wesen berücksichtigen) eher schlicht wirkenden Hundegemüt.
    Man findet hier in der kleinen Geschichte den Charakter Watsons im Prinzip so wieder - wie man ihn sich ja schon vorstellen konnte, nur hatte man da eben nur die Außenansicht. Hier sieht man dann aber noch einmal dadurch, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, sehr gut die jeweiligen Charakterzüge: Er sorgt sich um Kyra, er ist ein wenig feige und schließlich setzt sich auch seine leichte Verfressenheit gegenüber der Pflicht durch - na gut, aus seiner Sicht ist ja beides vereinbar. Insgesamt wirkt das ziemlich niedlich und macht mir Watson auch wieder einmal sehr sympathisch.
    Und Spekulation ... Naja. Zwei Dinge eigentlich nur, und das Erste ist eigentlich nichts, was in der Geschichte drin ist, sondern etwas, das nicht drin ist. An einem Punkt kommt Watson ja in Gedanken auf die "Wolfsmenschen" und insbesondere Sterling zu sprechen, der auf ihn ja besonders nett wirkte. Und an der Stelle musste ich halt an Kali denken und die Tatsache, dass sie ja auch schnell mit Watson Freundschaft schließen konnte. Watson erwähnt sie hier aber in Gedanken nicht, was vielleicht den Schluss nahelegt, dass sie das eben nicht in gleicher Weise wie Sterling tun konnte. Ich meine, ich habe jetzt nicht angenommen, dass sie ein Werwolf ist, aber wenn auch bei ihr etwas gewesen wäre, dass Watson als besonders wahrgenommen hätte, dann hätte er das vielleicht auch an der Stelle in seinen Gedanken erwähnen können. Andererseits weiß ich nicht, wie gut sein assoziatives Gedächtnis ist, insofern ... Ja. Vielleicht aber schließt das zumindest aus, dass Kali wirklich mit ihm reden konnte; muss aber natürlich nicht heißen, dass da nicht doch etwas anderes im Gange ist. Naja. Ansonsten ...


    Okay, aber fernab von sämtlichen kruden Verschwörungstheorien: Nette Geschichte, war echt niedlich an vielen Stellen und auch mal vom Schreibstil her ein bisschen was anderes. Hat mir gefallen. :)

  • God Jul, wünsche ich euch!


    Und ja, God Jul. Nichts anderes! ;)



    Antwort

    Danke einmal wieder dir, @Thrawn für deinen Kommentar. Eine relativ kurze Antwort (weil Weihnachten und wir haben ja alle keine Zeit!):




    Vorwort


    Wie schon gesagt kommt nun diese Geschichte als kleine Weihnachtsgeschichte online. :)  @Sunaki kennt sie schon (ja, ich habe den Kommentar gesehen, bin nur nicht dazu gekommen bisher ihn zu beantworten! Mea Culpa!), da ich sie auf Animexx wegen dem Adventskalender dort ein wenig früher online hatte, aber ich hoffe, dass ich damit zumindest den anderen eine kleine Jul-Freude bereiten kann. ;)


    In dieser Geschichte geht es um Sean, allerdings einige Jahre vor dem Beginn von A Hare Among Wolves. In dieser Geschichte ist der gute nicht einmal volljährig und ... Nun, ihr werdet es sehen.


    God Jul.



    [align=justify]
    Sean schürzte unsicher die Lippen. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte. „Du musst wirklich nicht hier bleiben.“
    Sarah erwiderte seinen Blick. Ihre braunen Augen wirkten warm. „Sean.“ Sie schien nicht sicher zu sein, ob sie ihn umarmen sollte oder die Augen verdrehen wollte. Schließlich lächelte sie sanft und streckte sich, um ihn auf die Wange zu küssen. „Das Wetter ist mies. Es wäre unverantwortlich jetzt noch nach Edinburgh zu fahren. Davon abgesehen wäre der Abend doch eh gelaufen.“ Damit ging sie an ihm vorbei zum Herd. Etwas unsicher überprüfte sie das Gas und sah begann dann die Küchenschränke zu öffnen.
    Manchmal fragte er sich, womit er sie verdient hatte. Er spürte Wärme in seiner Brust und merkte, wie sich ein Lächeln auf seinen Wangen ausbreitete. In Wahrheit war er dankbar, dass sie hier war. Er wollte dieses Weihnachten nicht allein verbringen. Also ging er zu ihr hinüber. „Was kann ich dir geben?“
    „Was habt ihr da? Ich meine, es ist Heiligabend. Du musst doch irgendetwas essen.“
    Sean zuckte mit den Schultern. Wieder bemerkte er, wie er sich unwillkürlich über die Lippen leckte. Die Wahrheit war, dass er seit er hier war, meistens nur aufgewärmte Dosengerichte gegessen hatte. Ab und an einen rohen Hasen, den er in Wolfsgestalt gegessen hatte. Es reichte, um nicht zu hungern und viel Geld hatte er ja nicht. Außerdem konnte er kaum seine Eltern um Geld beten.
    Leicht beschämt räusperte er sich und ging zum kleinen Vorratszimmer, in dem auch ihr alter und mittlerweile laut brummender Kühlschrank stand. Von allem, was er wusste, hatte das letzte Rudel hier draußen nicht einmal Strom gehabt.
    Er öffnete den Kühlschrank, in dem er ein paar Pizzen aufbewahrte.
    Er hatte nicht damit gerechnet, dass Sarah hier bleiben wollte. Eigentlich hatte er gedacht, dass sie Abends zu ihren Eltern zurückwollen würde. Es war immerhin Heiligabend. Wie konnte er sie überhaupt hier behalten? Er seufzte und fühlte sich mies.
    Das war alles seine Schuld!
    „Na ja, ich habe Pizza“, meinte er entschuldigend.
    Sie kam zu ihm und lehnte sich gegen ihn, um in das kleine Gefrierfach zu schauen, das anders als der Rest des Kühlschranks gefüllt war. Im Rest fand sich noch etwas Sahne, eine Tupperdose mit Erbsen, ein paar Karotten, Zwiebeln, etwas Brot, Butter und Milch. Er wusste außerdem, dass Tina im Schrank über dem Herd ein paar Kräuter aufbewahrte, deren Namen er nicht kannte. Er wusste nicht mal, ob sie zu mehr als nur Tees taugten.
    Sarah seufzte mit gespielter Genervtheit. „Sag einmal, wie hast du es überhaupt geschafft, hier in den letzten Wochen nicht zu verhungern? Das ist doch nicht zu glauben.“
    Er zuckte unschlüssig mit den Schultern. Was hatte er auch machen sollen? Seit ihn seine Eltern rausgeworfen hatten … Manchmal hatten Thia, Tina und Matthew ihnen etwas mitgebracht. Er hatte auch ein paar Nächte bei Matthew übernachtet, doch auch wenn er William – Matthews Vater – respektierte, so fühlte er sich länger in seiner Anwesenheit unwohl. Der alte Wolf war streng und hatte viele Erwartungen an seinen Sohn und auch an das Rudel. Er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er Sean für seine Situation vollkommen selbst verantwortlich machte – womit er nicht Unrecht hatte.
    Und so blieb er vorerst hier, wohl wissend, dass es keine dauerhafte Lösung war.
    Er musste irgendwann eine eigene Wohnung finden, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er es sich leisten sollte oder wie er einen Job finden sollte. Die meisten normalen Menschen fanden ihm mindestens verdächtig.
    Als er nichts erwiderte, seufzte Sarah nur erneut. „Ich schaue mal, was ich machen kann. Habt ihr zumindest Kartoffeln da?“
    Er zögerte. „Äh, ja.“ Damit ging er zur Küche zurück, um ihr den Schrank neben dem Herd zu zeigen, in dem ein ganzer Sack Kartoffeln lag.
    „Eier?“
    Er zeigte auf den anderen Schrank. Auch wenn er sich nicht gänzlich sicher war, ob die Eier noch haltbar waren.
    „Okay. Dann bring mir einen Topf und eine Pfanne“, wies sie ihn an und ging zum Herd, um mit diesem zu experimentieren.
    Sean wusste, dass es bei ihr zuhause nur einen Elektroherd gab. Wahrscheinlich hatte sie noch nie an einem Gasherd gekocht.
    So begann Sarah zu kochen. Sie band sich ihr dunkelblondes Haar zu einem Zopf und tat sicherer, als sie ganz offenbar war. Sie war keine besonders geübte Köchin, aber deutlich besser als er. Zumindest war er nicht auf die Idee gekommen sich selbst etwas zu kochen. Daheim hatte doch meistens seine Mutter für ihn gekocht.
    Während sie Kartoffeln kochte, wies sie ihn an, Zwiebeln zu schneiden, die Kartoffeln zu pellen, als diese gewaschen waren und ihr diverse Dingen anzureichen, während sie sich um Topf und Pfanne kümmerte.
    Gerade als er am kleinen Küchentisch saß die Kartoffeln schälte, die noch immer heiß waren, ließ ihre Stimme ihn aufsehen. „Sean?“ Ihre Stimme klang fragend und ein wenig ängstlich.
    Er hob den Kopf. „Ja?“
    Ihr Blick war aus dem Fenster, der über der Spüle war, gerichtet. Ihre Stirn war in Falten gelegt. Sie schien sich nicht sicher zu sein, was sie dachte.
    Vorsichtig stand er auf und stellte sich hinter sie. „Was ist?“, fragte er und legte einen Arm um sie. Er folgte ihrem Blick.
    „Siehst du das auch?“, fragte sie.
    Sean brauchte einen Moment um zu erkennen, wovon sie sprach. Da hinten im Wald, da war ein Licht. Ein kleines, weißlich blaues Licht. „Wahrscheinlich ein Irrlicht“, meinte er. In der Nähe des Häuschens kamen immer wieder einmal Fae durch den Wald. Dabei war nichts besonderes. Die meisten von ihnen, ignorierten sie und machten keine Probleme.
    Sarah schien unsicher, nickte aber dann. „Gibt es dir hier draußen öfter?“
    „Ja. Aber mach dir keine Sorgen. Das sind nur einfache Fae. Sie tun nichts.“ Er umarmte sie zärtlich und küsste sie von hinten auf die Wange. „Fae sind meistens harmlos.“
    Für einen Augenblick schwieg Sarah. Sie schien zu schlucken, nickte dann aber. „Okay.“ Dann seufzte sie. „Sorry. Dieser Kram … Wirkt auf mich halt immer noch etwas komisch.“
    Sean lächelte. „Hey, mach dir keine Gedanken deswegen.“ Er seufzte. „Das Zeug ist komisch. Es macht keinen Sinn.“ Noch einmal seufzte er und kam sich dabei albern vor. „Ich bin daran halt nur gewöhnt.“
    Sarah nickte und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Pfanne zu, in der die Butter mittlerweile geschmolzen war und angefangen hatte zu brutzeln.
    Nach einer Minute verschwand das Licht und der Wald lag wieder dunkel vor dem Fenster. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden, aber nicht genug, als dass man wirklich von einer weißen Weihnacht hätte sprechen können. Überall schauten Grasbüscheln, gefallene Blätter und Äste aus dem glitzernden Weiß hervor.
    Während Sarah die Zwiebeln anbriet, die Kartoffeln in die Pfanne schnitt, Mehl und Butter im Topf anschwitzte, später noch die Erbsen darin kochte und zuletzt noch Ei unter die Bratkartoffeln mischte, war im Wald nichts mehr zu sehen. Keine Lichter, keine Bewegung, nur Stille. Wie man es im Wald vor einem „Werwolfsbau“ erwarten würde.
    „Magst du den Tisch decken?“, fragte Sarah.
    „Klar.“ Er ging in das Esszimmer, das neben der Küche lag, und kramte Geschirr aus dem kleinen Schrank dort hervor. Das Geschirr war früher sicher einmal Wertvoll gewesen. Es war aus Porzelan und teilweise sogar kunstvoll mit grünen Bildern bemalt, doch mindestens drei Generationen Werwölfe hatten es in Mitleidenschaft gezogen. Es zeigte mehrere Risse und an einigen Stellen waren Ecken ausgeschlagen.
    Dennoch gab sich Sean Mühe, Teller und Gläser halbwegs ordentlich auf den Esstisch, der gut drei Mal so groß wie der Küchentisch war, zu stellen. Nach einiger Suche fand er auch noch einen Kerzenständer und Kerzen im Wohnzimmer.
    „Du gibst dir ja richtig Mühe“, meinte Sarah lächelnd, als sie Topf und Pfanne rüberbrachte. „Hast du Untersetzer?“
    „Das ist doch das mindeste, was ich tun kann.“ Er ging erneut zum kleinen Schrank hinüber und schaute. Untersetzer gab es nicht. Dafür aber Geschirrtücher, die die Aufgabe nach mehrfachen Falten auch übernehmen konnten. „Es tut mir leid, dass es nicht mal einen Baum oder so etwas gibt.“
    „Das ist doch nicht schlimm.“ Sie lächelte ihn an und legte ihre Hand auf die seine. „Ist doch egal.“
    Nein, war es nicht. Doch er wollte darüber keinen Streit anfangen. Wenn er jetzt mit ihr Stritt, wusste er nicht, ob er seine Wut unter Kontrolle behalten würde und er wollte auf keinen Fall, dass ihm ihr gegenüber so etwas geschah, wie mit seinem Vater. Er seufzte stattdessen leise. „Du bist super, weißt du das?“
    Sie lächelte verlegen. „Ich gebe mir Mühe.“
    „Ich meine es“, versicherte er.
    Daraufhin beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn sanft auf die Lippen. „Ich weiß.“


    Zwei Stunden später, nachdem sie gegessen und danach abgespült hatten, hatten sie es sich mit einem alten Fell und mehreren Decken vor dem Kamin bequem gemacht. Sie hatten auch Betten, in dem kleinen Häuschen, doch keins von diesen war besonders breit. Sie boten einfach nicht genug Platz für sie beide – davon abgesehen, dass der Kamin die einzige Heizmöglichkeit im Raum war.
    Das Wohnzimmer, in dem es noch ein Sofa gab, das im Erker unter dem Fenster stand und im Notfall auch Platz für eine Person zum Schlafen bot, sowie zwei Stühle, einen kleinen Runden Tisch und ein mitgenommenes Bücherregal, was der größte Raum im kleinen Haus. Da es außerdem – zumindest seit der Anbau mit dem Badezimmer hinzugekommen war – die wenigste Außenwand im Verhältnis zum Raum hatte, war es verhältnismäßig gut isoliert.
    Wäre das Feuer nicht gewesen, wäre das Zimmer dunkel gewesen.
    Sarah, die ihren Kopf halb auf seinem Arm gebettet hatte, sah in die Flammen. Sie schien bereits im Halbschlaf zu sein.
    Noch immer fühlte Sean sich schlecht, dass sie hier mit ihm war. Sie sollte bei ihrer Familie sein. Es war Weihnachten und es war schlimm genug, dass er niemanden hatte, mit dem er feiern konnte. Außer ihr.
    Sie ließ ein leises Seufzen hören. „Glaubst du, du kannst mit deinen Eltern sprechen?“, flüsterte sie und ließ ihn damit aus seinen Gedanken aufschrecken.
    Er verzog den Mund, auch wenn sie es nicht sah. „Nein.“ Es war besser, wie es war. Er konnte nicht zulassen, dass so etwas noch einmal geschah. Und sein Vater machte ihn immer wieder wütend.
    „Ich würde mitkommen“, bot sie an.
    Nun war es Sean, der seufzte. „Du musst dir darüber keine Gedanken machen.“ Auch wenn das leichter gesagt, als getan war.
    Sie kuschelte sich etwas enger an ihn heran und schwieg.
    Wieder herrschte Stille, durchbrochen nur vom Knistern des Feuers und vom Heulen des Windes im Waldes. Irgendwann driftete er in einen wohligen Halbschlaf.
    „Sean!“, riss Sarahs Stimme ihn aus dem Schlaf.
    Er blinzelte und sah sich um. Das Feuer war mittlerweile heruntergebrannt und das Zimmer war beinahe komplett finster. Wäre er kein Werwolf gewesen, so wäre die Dunkelheit kaum durchdringbar gewesen. Doch registrierte er ihren schnellen Herzschlag und die Anspannung in ihrer Stimme. „Was ist los?“
    Sie wirkte unsicher. Ihre Augen wanderten zur Seite. „Da draußen ist etwas.“ Bei diesen Worten schien sie bemüht ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, auch wenn etwas Unsicherheit dennoch in ihrem Ton mitklang. Sie wollte nicht wie ein Angsthase wirken.
    Er sah in die Richtung des Erkers, der rechts neben dem Kamin lag. Hier war das einzige Fenster des Raumes. Da die kleine Jagdhütte weit draußen im Wald war, weit ab von den üblichen Wanderwegen und weit ab von anderer Leute Augen, gab es nicht einmal Jalosien oder Vorhänge. Sein erster Instinkt war, sie zu beruhigen. Da war nichts ungewöhnliches, doch für jemanden, der noch nie hier draußen übernachtet hatte, konnte das Heulen des Windes und das Knarzen des Waldes unheimlich klingen.
    Er wollte nicht auf sie herabreden. Wie konnte er sie beruhigen?
    Da knarzte ein Baum. Wahrscheinlich Schnee, der auf die Äste drückte.
    Er hielt inne, lauschte noch weiter. Er setzte an: „Wahrscheinlich ist es nur …“ Doch dann hörte er etwas, das ihn unterbrechen ließ. Ein Klopfen. Drei dumpfe Schläge gegen Holz. Eins. Zwei. Drei. Gefolgt von einem pfeifenden Atemzug.
    „Was war das?“, fragte Sarah.
    Sean schlug die Decken zur Seite, unter denen sie gelegen hatten. Er sah sich um und schnüffelte. Nicht, dass er besonders gut darin war, Dinge aufzuspüren. Matthew und Thia waren darin immer besser gewesen als er.
    Es konnte kein Geist sein. Das Haus war magisch geschützt. Geister konnten sich hier nicht niederlassen. Nichts konnte ungebeten hier herein kommen, was nur die Annahme zuließ, dass die Geräusche von draußen kamen. Doch Geister, zumindest Gespenster, waren selten geneigt, einfach in einem Wald zu spuken. Auch Poltergeister und andere dämonische Wesen bevorzugten bewohnte Gebäude oder andere Orte, an denen Menschen zumindest einmal gelebt hatten.
    Ein Licht schien von draußen durch das Fenster. Ein bläulich schimmerndes Licht.
    „Sean?“, fragte Sarah leise.
    Er runzelte die Stirn. War es das Irrlicht von vorher? Nein. Irrlichter klopften nicht. Klopfen ging mit dämonischen Wesen einher oder mit jenen Fae, die zu Streichen aufgelegt waren und daher Dämonen imitierten.
    „Es ist wahrscheinlich ein Fae“, sagte er.
    Sie sah ihn unsicher an. „Kommt so etwas öfter vor?“ Es war aus ihrer Stimme deutlich zu hören, dass sie auf ein „Ja, mach dir keine Sorgen, die sind halt so“ als Antwort hoffte.
    Doch Sean wollte nicht lügen. Er wollte sie aber auch nicht weiter beunruhigen. „Manchmal.“ Er ging zur Tür hinüber, um den alten Lichtschalter umzulegen.
    Nichts geschah.
    Oh, verdammt.
    Er schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn. Wut ballte sich in seinem Magen zusammen, doch er durfte diese nicht herauslassen. Er würde Sarah verletzen. Vielleicht war es nur ein Problem mit dem Anschluss. Es war nicht leicht gewesen, hier draußen überhaupt Strom zu bekommen. Es kam öfter vor, dass die Dinge nicht so funktionierten, wie sie sollten.
    Noch immer war warme Glut im Kamin. Hoffentlich genug, um nachlegen zu können. Also kniete er sich an den Kamin.
    „Ist das auch der Fae?“, fragte Sarah unsicher und rückte näher an ihn heran.
    „Vielleicht. Vielleicht nur ein technisches Problem.“ Er legte Holz nach und stocherte dann mit dem Schürhaken in der Glut, um das Feuer wieder zu entfachen. Es dauerte eine Weile, bis die ersten Flammen um die Holzscheite züngelten.
    Ein erneutes Klopfen erklang. Dieses Mal schien es, als käme es vom Esszimmer. Eventuell konnte Sarah es nicht einmal hören.
    Wahrscheinlich schlich das Wesen, was auch immer es war, um das Haus herum. Sollte er nachschauen gehen? Vielleicht war es besser. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass sich eine Fee an seinem Wagen vergriff.
    „Sean, red mit mir“, flüsterte Sarah.
    „Ich werde nachschauen gehen“, meinte er. „Und den Generator anschmeißen.“ Immerhin stand im Hinterraum der Garage ein alter Dieselgenerator mit genug Treibstoff, um zumindest über die Nacht zu reichen.
    Sarah sah für einen Moment in die Flammen. „Soll ich mitkommen?“
    „Du bist hier drin sicher“, antwortete er, wohl verstehend, was sie eigentlich fragte. „Das Haus ist magisch geschützt. Hier kann nichts passieren.“ Es war wahrscheinlich ohnehin nur ein dummer Streich. Er lächelte aufmunternd und küsste sie auf die Stirn. „Vertrau mir.“
    „Das sagen sie in Horrorfilmen immer, bevor sie etwas dummes machen und später von ihren Freunden aufgespießt im Wald gefunden werden.“ Sie sah ihn missmutig an, die braunen Augen besorgt.
    „Die meisten Leute in Horrorfilmen, sind selbst keine Monster“, erwiderte er lächelnd und richtete sich auf.
    Er trug nur Boxershorts und T-Shirt – was keine gute Grundlage war, um in den Schnee hinaus zu gehen. Für einen Moment hielt er inne und überlegte. Dann ging er zur Tür und in den Flur hinaus, wo er sich erlaubte, dem inneren Stürmen etwas nachzugeben. Er ließ den Wolf genug Freiraum, als dass Fell seine Züge bedeckte. Er merkte, wie sich sein Körper verformte. Immerhin ein Trick, den er halbwegs beherrschte.
    Im Körper, der halb Wolf, halb Mensch war, und durch dichtes Fell vor der Kälte geschützt, öffnete er das Schloss an der Tür, dann die Tür selbst. Schnauze voran streckte er sich aus der Tür. Er knurrte. Vielleicht reichte das ja, um einen etwaigen Fae zu verschrecken.
    Die meisten, die Streiche spielten, mieden physische Konfrontationen.
    Er hörte nichts, außer die üblichen Waldgeräusche. Noch einmal schnüffelte er, roch aber nichts außer Schnee. Und so ging er hinauf, spürte den Schnee unter den Füßen, die halb zu Pfoten verformt waren.
    Gerne hätte er gerufen, doch war er nicht fähig, in dieser Gestalt zu sprechen. Also knurrte er erneut und richtete die Augen auf den Wald.
    Da war nichts. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Nichts.
    Er schloss die Tür. Brummend ging er auf alle Viere und rannte um das Haus herum. Ein Mal. Zwei Mal. Da war nichts. Keine Spur. Irgendetwas musste da sein. Während das Klopfen sich noch anders erklären ließ: Das Licht musste eine Quelle gehabt haben.
    Noch einmal sah er sich um, entdeckte aber nichts.
    Schließlich ging er in die Garage, wo nur sein Wagen – ein alter, schwarzer () – stand. Er schnüffelte, um sicher zu gehen, dass sich nichts bei seinem Wagen versteckte. Doch nichts roch ungewöhnlich.
    Also fischte er den Schlüssel für den Hinterraum Hinter den angesammelten Holzscheiten hervor und steckte ihn in das Schloss. Er zögerte. Später sollte er den Schlüssel besser mit reinnehmen. Er konnte nicht riskieren, dass sich jemand – oder etwas – am Benzin verging.
    Er stieß die Tür auf und ging in den kleinen Raum, der kaum mehr als ein Holzverschlag war. Hier standen einige Kanister mit Benzin und ein Generator, der vom letzten Rudel vor ihnen angeschafft worden war.
    Für seine Werwolfaugen reichte das schwache atmosphärische Licht, das vom Schnee reflektiert wurde, um selbst hier noch etwas zu sehen.
    Er füllte drei der Kanister in den Tank und machte sich dann daran, den Generator zu starten. Wie immer bei der Kälte brauchte er mehrere Versuche, bei denen der Generator zwar stotterte, jedoch nicht zu laufen begann.
    Ein weiteres Klopfen.
    Sean knurrte. Er hasste das Gefühl, dass jemand einen Spaß zu seinen Kosten trieb. Wenn er diesen Fae oder was auch immer es war in die Klauen bekommen würde …
    Er versuchte erneut den Motor zu starten. Wieder nur ein Stottern.
    Drecksteil! Er trat dagegen, gerade noch beherrscht genug, um kein Loch in die äußere Wand des Tanks zu treten.
    Dann versuchte er es erneut und endlich, ja, endlich begann der Generator zu surren.
    Ein Klappern. Einige der Holzscheite in der Garage waren zu Boden gefallen. Dann folgte ein Laut. Ein Kichern. Verspielt. Amüsiert.
    Unwillkürlich sträubte Sean sein Fell und sprang aus dem Verschlag hervor. Er sah sich in der Garage um, doch erneut war da nichts, außer sechs Scheite, die auf dem Boden lagen. Ganz, als wären sie schon immer dort gewesen.
    „Zeige dich!“ Das hätte er am liebsten gebrüllt, doch stattdessen ließ er ein knurrendes Bellen hören. Er sprang aus der Garage hervor und dann auf das Dach der Gerade herauf. Wer auch immer das war, wer auch immer …
    Ein Klopfen, dieses Mal von unter ihm. Wer auch immer es war: Er trieb eindeutig seinen Spaß mit ihm.
    Sean zog die Lefzen hoch und spannte sich an. So leicht würde er sich nicht verarschen lassen. Er würde denjenigen zu packen bekommen, würde ihn zerreißen. Dann würde derjenige schon sehen, was er davon hatte, sich mit einem Werwolf anzulegen.
    Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Dann hörte er etwas. Leise, sehr leise. Das Geräusch von Stoff, der leicht über den Schnee schleifte. Es kam von schräg unter ihm. Vorm Haus. Dann ein erneutes Klopfen und Sarahs Stimme, die aus dem Wohnzimmer heraus klang: „Sean?“
    Vorsichtig kletterte er auf das Dach der kleinen Hütte. Seine Bewegungen waren geschmeidig und dankbarer Weise war die Schneeschicht auf dem Dach so dünn, dass er keine Schneebrocken aus ihr löste. Auf allen vieren kletterte er nach vorne, gerade als ein kleines, vielleicht Faustgroßes Licht in den Wald hinein huschte.
    So leicht würde es ihm nicht davon kommen!
    Er stieß sich vom Dach ab, landete im Schnee und setzte dem Licht hinterher. Die Hybridgestalt war groß, erlaubte es ihm weite Sprünge zu machen und das Licht innerhalb von einer, vielleicht zwei Sekunden einzuholen. Er holte mit seiner Klaue aus und schlug danach.
    Ein spitzer, hoher Schrei erklang, als ein kleines Männchen sichtbar wurde und auf das knappe Stück Wiese, das die Hütte umgab, flog.
    Das Männchen war vielleicht einen Meter groß. Wahrscheinlich nicht ganz. Es trug eine dunkle Kutte und hatte unnatürlich lange Arme, die unter dieser hervorschauten. Sein Haar war licht, sein Gesicht wirkte alt und verschlagen. Die Augen glühten violett.
    „Was glaubst du eigentlich, was du da machst, Wolf!“ Es sprang auf und schlug den Schnee von seiner Kleidung. Es war unverletzt. Wahrscheinlich hatte es gezaubert, um sich zu schützen.
    Sean konnte nicht antworten, knurrte nur. Das Wesen war fraglos ein Fae. Ein Fae, dass ihm einen Streich gespielt hatte. Ein Fae, der Sarah Angst gemacht hatte. Ein Fae, der auf ihrem Land war.
    Er spannte die Lechzen an, zeigte seine Zähne und sprang auf den Mann zu, der erschrocken aufschrie und eilig versuchte im Wald zu verschwinden.
    Er war schnell und schien über dem Schnee zu schweben, doch konnte er mit den Reflexen eines Werwolfs nicht mithalten. Auf halben Weg zum Wald bekam Sean den Umhang zu fassen und presste den Mann mit der Klaue auf die Wiese. Er knurrte. Jetzt hatte er ihn.
    „Tu' mir nichts. Tu' mir nichts“, jammerte der Mann mit fiepsiger Stimme. „Ich habe mir nur einen Scherz erlaubt, ehrlich. Ich habe euch hier gesehen, in einem Haus und …“
    Etwas traf Seans Rücken, verbrannte ihn. Kleine blaue Irrlichter tanzten um ihn herum – offenbar ein Zauber.
    Glaubte das Männchen wirklich, dass er damit einen Werwolf besiegen konnte? Der Zauber würde verschwinden, wenn der Mann tot war. Und das schien dieser auch jetzt zu begreifen, als Sean die Klauen in seine Kehle bohrte.
    „Sean!“, erklang eine Stimme. Sarah. Die Stimme klang nicht durch die Wände des Hauses oder die Tür, sondern schallte über die Wiese.
    Etwas regte sich in ihm.
    Er wollte diesem kleinen Männchen, das versucht hatte ihn zum Narren zu halten, die Kehle ausreißen. Er wollte … Doch er hielt inne.
    Mühsam drehte er den Kopf und sah zu Sarah, die in ihrem hellen Nachthemd und mit übergezogenen Schlappen in der Tür stand und zu ihm hinübersah. Sie wirkte unsicher. Schien Angst zu haben. Angst vor dem Männchen oder Angst vor ihm?
    Er schnaubte. Dann knurrte er das Männchen an, ließ es aber los.
    Es blutete am Hals und schien für einen Moment wie erstarrt. Dann aber verschwamm seine Gestalt. Es schien zu verschwinden. Ein Unsichtbarkeitszauber, fraglos.
    So gern hätte er es zerrissen. Doch Sarah konnte ihn nicht so sehen.
    Er atmete ein. Er atmete aus. Er unterdrückte das innere Tier, den Wolf und spürte seine Gestalt schrumpfen. Die Kälte biss ohne das Fell in seine Haut.
    Noch einmal atmete er tief durch. Dann stand er auf. Der Schnee biss in seine Füße.
    Mit einem wütenden Schnauben wandte er sich dem Wald zu. „Lass dich hier nicht noch einmal blicken, hörst du?“, brüllte er. „Das nächste Mal mache ich Ernst.“
    „Sean.“ Sarah kam unsicher ein paar Schritte auf ihn zu, als er sich zu ihr umdrehte.
    Er ging zu ihr, schloss die Augen und lehnte sich gegen sie. Er wollte ihr doch keine Angst machen. Er wollte nicht, dass sie ihn als Monster sah.
    Sarah strich über seinen Rücken. „Was war das?“, fragte sie.
    Er brauchte eine Weile, um sich genug zu sammeln, als dass er sprechen konnte. Er stand nur da, atmete, sog ihren vertrauten Geruch ein. „Ich weiß nicht. Ein Fae. Vielleicht ein Kobold.“
    Für einen Moment schwieg Sarah. „Warum hat er das gemacht?“
    „Ich weiß nicht“, murmelte Sean und legte die Arme um sie. „Vielleicht einfach nur ein Streich. Manche Kobolde sind so. Vielleicht … Keine Ahnung. Stört er sich, dass wir da sind. Vielleicht meint er auch, dass wir ihm was Schulden.“
    Kurz überlegte Sarah. „Du meinst Milch und Brot?“ Natürlich hatte sie zumindest die Geschichten gehört.
    „Zum Beispiel.“ Er brummte. Er spürte, dass sie zu zittern begann. „Lass uns reingehen.“
    Sie nickte und löste sich von ihm. „Sollten wir ihm nicht dann einfach etwas hinstellen? Milch, Brot? Ich meine, es kann doch nicht schaden, oder?“
    Sean seufzte. Natürlich konnte es nicht schaden. Doch sie waren das Rudel, das hier lebte. Wenn sie einem Fae nachgaben, was würde dann als nächstes passieren? Würden die Feen ihnen dann auf der Nase rumtanzen? „Und dann?“
    „Dann nichts“, meinte sie und atmete erleichtert auf, als sie die Tür erreichten. Sie war nur angelehnt. „Sean, sie es doch so. Es ist Weihnachten.“
    Sie gingen ins Haus, traten in den holzvertäfelten Flur. Seine Füße schmerzten vor Kälte. Er hielt inne. „Ja“, seufzte er dann. „Vielleicht hast du Recht.“ Er wollte kein Monster sein.
    Sarah lächelte. Noch immer zitterte sie. Noch immer kroch Gänsehaut über ihren Körper.
    Sean machte das Licht an. Jetzt funktionierte es – dem Generator sei dank. Das hieß, sie sollten auch warmes Wasser haben. „Vielleicht sollten wir erst warm duschen.“
    Sie sah ihn an, schien ihn zu mustern. „Ach, lass uns erst etwas rausstellen. Es spart uns nur weiteren Ärger.“ Damit schlüpfte sie aus den offenen Schuhen und ging in die Küche. Sie machte doch immer, was sie wollte.
    Als er ihr folgte, sah er, wie sie etwas Milch in einen kleinen Topf gab. Während sie darauf wartete, dass die Milch warm wurde, schlug sie die Arme um sich, schien zu frieren.
    Er seufzte. „Komm.“ Damit stellte er sich hinter sie und zog sie an sich. Auch er war unterkühlt, würde jedoch bald wieder warm werden.
    Sarah schwieg. Sie sah auf den kleinen Milchtopf auf dem Herd und zögerte. „Hättest du ihn umgebracht?“
    Was sollte er denn darauf sagen? Sollte er lügen? Er holte tief Luft. „Ja.“
    „Warum?“
    „Weil …“ Es war schwer zu erklären. „Ich kann es mir nicht leisten, dass mich ein kleiner Kobold verarscht.“ Was würden die anderen Werwölfe denn sagen? Es würde seinen Ruf nur noch weiter herunterziehen.
    „Aber wenn es nur ein Streich war …“
    „Er hat dir Angst gemacht“, murmelte er und vergrub seine Nase in ihrem Haar.
    Wieder seufzte Sarah. „Es ist aber schon gut. Er hat mir ja nichts getan.“
    Was sollte er dazu noch sagen? „Ja …“
    Sie drehte sich zu ihm um und küsste ihn. Dann sah sie ihn an. Unsicherheit lag in ihrem Blick, aber auch etwas Mitleid.
    Er hasste Mitleid.
    „Sean“, flüsterte sie. „Es ist schon gut.“
    Vielleicht hatte sie Recht. Vielleicht betrachtete er all das falsch. Vielleicht … Er lehnte seine Stirn gegen die ihre und erlaubte sich, für einen Moment ihre Nähe zu genießen. Dann seufzte er schwer. „Okay.“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Dann lass uns die Milch rausstellen und dann …“
    „Dann eine warme Dusche“, meinte sie und küsste ihn noch einmal. „Wenn du magst, kannst du mitkommen.“
    Dieses Angebot ließ sein Lächeln aufrichtig werden. „Was für eine Frage“, meinte er, lachte leise und küsste sie dann seinerseits. Dann holte er noch einmal tief Luft. „Danke, dass du hier bist. Wirklich.“
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  • Kuckuck. Okay, es wird kürzer, diesmal wirklich.


    Okay, diesmal lernen wir also Seans Perspektive kennen. Sein Temperament kommt hier natürlich gut zur Geltung, aber was ich eigentlich noch mehr mag, ist die Tatsache, dass man hier eine Seite von ihm kennen lernt, die bisher so nicht wirklich zu sehen war. Er wirkt bei dem hier geschilderten Zusammensein mit Sarah deutlich netter und im Vergleich zu seinem sonstigen Verhalten - er würde das wahrscheinlich nicht gerne hören - fast schon ein wenig niedlich. Das ist auch so ein wenig das, was ich eigentlich bei ihm erwartet hätte: Er ist ein wenig aggressiv, aber nicht böse und letzten Endes wohl auch verletzlicher, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen würde. Gefällt mir eigentlich ganz gut.
    Sarah dann ist auch ein sympathischer Charakter, auch wenn sich natürlich ein paar Fragen stellen, wie sie genau in die magische Welt hineinpasst. Ihr Wissen darüber scheint zumindest im Vergleich zu Sean ein wenig begrenzt zu sein, weshalb sie vielleicht ein "normaler Mensch" ist? Nun ... Ich hoffe nur echt gerade, dass es zwischen ihr und Sean nicht danach vielleicht doch irgendwann einen, nun, Zwischenfall wegen seines Temperaments gab. Das wäre echt traurig. :( Apropos ... Es wird ja angedeutet, dass da so etwas mit seinem Vater war und dass Sean auch an seiner Situation selbst Schuld ist - man darf wohl annehmen, dass da ein Familienstreit auf Werwolfsart eskaliert ist.
    Eigentlich hat man auch irgendwie Mitleid mit Sean, weil er in einer so schweren Situation ist. Und man muss wohl annehmen, dass die Tatsache, dass er selbst dran Schuld ist, ihn sehr frustriert. Leider hat er anscheinend auch nicht so ein wirkliches Bedürfnis, seine Konflikte zu lösen, also mit seinen Eltern zu sprechen zum Beispiel. Wäre aber vielleicht ja etwas, was noch kommt, hm.
    Da fällt mir noch ein ... Ich frage mich eigentlich - da ja damals berichtet wurde, dass der Bär von etwas besessen war und Amok gelaufen ist - ob das, was auch immer ihn korrumpiert hatte (oder etwas Ähnliches) nicht in Sean ein passendes Opfer finden könnte, weil er aufgrund seines Temperaments vielleicht anfälliger ist. Naja, ich würde ihm das nicht wünschen. Ähem.
    Zuletzt lässt mich die Geschichte natürlich wieder mit einem unguten Gefühl zurück, weil der Kobold ja jetzt wirklich sauer sein und noch irgendwas vorhaben könnte - gut, sie bereiten ja zum Ende hin quasi ein Friedensangebot vor, aber trotzdem. Vielleicht bin ich aber auch immer zu pessimistisch, naja.
    Jedenfalls hat mir die Geschichte sehr gefallen - sie hat so eine schöne romantische Atmosphäre und Sean und Sarah gefallen mir zusammen echt gut. Bitte lass es kein böses Ende nehmen ...
    Äh ja, ich sag schon mal guten Rutsch und so.

  • Allgemein:


    Ich muss mich bei euch entschuldigen, dass ich die letzten Kurzgeschichten noch nicht gepostet habe. Ich habe leider aktuell technische Probleme, weshalb das eventuell noch bis nächste Woche dauern kann. Tut mir leid! :/




    Antwort:


    Sein Temperament kommt hier natürlich gut zur Geltung, aber was ich eigentlich noch mehr mag, ist die Tatsache, dass man hier eine Seite von ihm kennen lernt, die bisher so nicht wirklich zu sehen war.

    Das war auch der Plan hinter dem One Shot. Einmal zu zeigen, dass Sean nicht immer ein absolutes Arschloch ist. Er hat auch gute Seiten, nur dass er die soweit in der Geschichte nicht zeigt hat ... Gründe. *hüstel*


    Das ist auch so ein wenig das, was ich eigentlich bei ihm erwartet hätte: Er ist ein wenig aggressiv, aber nicht böse und letzten Endes wohl auch verletzlicher, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen würde. Gefällt mir eigentlich ganz gut.

    Er gibt sich nicht zuletzt so aggressiv, um nicht mehr so verletzlich zu sein.
    Ist auch einer der Gründe, warum er Thia so zur Weißglut treibt, weil sie daher, dass sie weiß, dass ein Teil davon nur vorgeschürzt ist, noch genervter davon ist.


    Sarah dann ist auch ein sympathischer Charakter, auch wenn sich natürlich ein paar Fragen stellen, wie sie genau in die magische Welt hineinpasst. Ihr Wissen darüber scheint zumindest im Vergleich zu Sean ein wenig begrenzt zu sein, weshalb sie vielleicht ein "normaler Mensch" ist?

    Sie ist ein normaler Mensch. Ein stinknormaler Mensch. Keine Magie, kein gar nichts. Sie weiß halt grob, was geht, seit sie herausgefunden hat, dass Sean ein Werwolf ist, weiß also, dass Magie real ist usw. usf., aber mehr auch nicht.


    Es wird ja angedeutet, dass da so etwas mit seinem Vater war und dass Sean auch an seiner Situation selbst Schuld ist - man darf wohl annehmen, dass da ein Familienstreit auf Werwolfsart eskaliert ist.

    Ja, eben das ist passiert. Sean hat seine Wut nicht unter Kontrolle gehabt und hat seinen Vater fast getötet. :(


    Leider hat er anscheinend auch nicht so ein wirkliches Bedürfnis, seine Konflikte zu lösen, also mit seinen Eltern zu sprechen zum Beispiel.

    Das ist so ein Problem mit Sean. Er neigt ein wenig zum Selbsthass und dazu, seine Probleme einfach zu ignorieren, mit dem Gedankengang, dass er sie ja eigentlich verdient. Das wird später noch eine Rolle spielen.


    Da fällt mir noch ein ... Ich frage mich eigentlich - da ja damals berichtet wurde, dass der Bär von etwas besessen war und Amok gelaufen ist - ob das, was auch immer ihn korrumpiert hatte (oder etwas Ähnliches) nicht in Sean ein passendes Opfer finden könnte, weil er aufgrund seines Temperaments vielleicht anfälliger ist. Naja, ich würde ihm das nicht wünschen. Ähem.

    Was es mit dem Bär genau auf sich hatte und allem, dazu kommen wir in Band 4. Sagen wir es mal so: Was ihn besessen hat, bereitet den Werwölfen des Trossachs generell einige Probleme, auch wenn sie das gar nicht alles wissen, kann ihnen aber direkt nur schwer schaden.


    Jedenfalls hat mir die Geschichte sehr gefallen - sie hat so eine schöne romantische Atmosphäre und Sean und Sarah gefallen mir zusammen echt gut. Bitte lass es kein böses Ende nehmen ...

    *hüstel*
    Ähm ... Ja.


    Danke für deinen Kommentar.

  • Vorwort:


    So, da ich euch nicht hängen lassen will, erst einmal die erste Magielektion, auch wenn ich vorwarne: Lektion Zwei wird wohl erst in zwei Wochen online gehen (weil Lektion 3 noch nicht fertig ist und ich gerade keine Zeit/keine Ruhe zum Schreiben haben). Tut mir leid. :(




    Es war ein Dienstag, die Straßen waren schon dunkel und noch immer lag Schnee.
    Kyra sah sich zu Watson um, der wie immer auf ihren Rücksitz saß und müde aus dem Fenster sah, als der Wagen endlich vor dem weißen Reihenhaus am Rand von Livingston stand. „Na, was meinst du, Watson?“
    Er sah sie nur verwirrt an und gab einen leisen Kehllaut von sich.
    Kyra seufzte. Sie war etwas nervös. „Wollen wir etwas Magie lernen?“
    Watson bellte. Er hatte absolut keine Ahnung, was Magie sein sollte, da war sie sich sicher, aber ihr Tonfall ließ ihn begeistert klingen. Vielleicht erkannte er auch nur das Haus und erwartete, sich Welpenfutter erschnorren zu können. Dabei war er ohnehin schon ein leicht übergewichtiger Hund.
    „Dann lass uns mal.“ Sie stieg aus und klappte den Fahrersitz vor, um Watson aussteigen zu lassen. Nachdem sie die Tür geschlossen und den Wagen verriegelt hatte, ging sie mit unsicheren Schritten zur Haustür.
    Der schwarze Familienvan der Sterling-Familie stand bereits in der Einfahrt, was wohl bedeutete, dass ihre Mentorinnen – es machte ihr beinahe Spaß, so über die beiden zu denken – bereits hier waren.
    Watson trappelte neben ihr und sah erwartungsvoll zur Tür, als Kyra klingelte.
    Schritte erklangen auf der anderen Seite der Tür und dann öffnete einer der beiden Zwillinge. Kyra war nicht sicher, ob es Lilly oder Luna war. Sie konnte die beiden einfach nicht auseinander halten.
    „Hey, Kyra, da bist du ja!“ Der Zwilling grinste sie breit an. Also war es Luna? Sie trat zur Seite und ließ Kyra eintreten. „Lilly, unsere süße, kleine Schülerin ist da“, flötete sie dann in die Wohnung, während sie die Tür schloss.
    Es war Luna.
    „Ich bin nicht zu spät, oder?“, fragte Kyra und öffnete ihre Jacke. Sie schlüpfte heraus, während sie Luna in Richtung der Wohnzimmertür am anderen Ende des Flurs folgte, und warf sie auf die Garderobe.
    „Nein, nein.“ Luna winkte ab und ging durch die Tür.
    Im Wohnzimmer saß auch Lilly, die abgesehen von ihrem Lächeln Luna bis ins letzte Detail ähnelte, am Tisch. Sie stand auf und kam ihnen entgegen.
    „Da bist du ja“, kam es auch von ihr.
    Kyra seufzte. „Ja, da bin ich.“
    Watson stürmte an ihr vorbei und sah sich um. Er hechelte und sah sich um, rannte zwei Mal um den Wohnzimmertisch und dann in die Küche, ehe er verwirrt inne hielt.
    „Es tut mir leid, Watson“, meinte Lilly. „Die Welpen sind mit Andrew in Edinburgh.“
    „Er ist mit ihnen allein?“, fragte Kyra. Ein wenig tat er ihr leid, da es bedeutete, dass er auf drei eigentlich ausgewachsene, aber noch immer energetische Wolfswelpen, zwei fünfjährige Kinder und ein Baby aufpasste. Jedenfalls sah sie auch keins der Kinder hier.
    „Ja.“ Luna grinste. „Wir dachten, es wäre vielleicht besser, wenn wir erst einmal“ – sie räusperte sich – „nur zu dritt sind. Ungefährlicher, weißt du?“
    Kyra runzelte die Stirn. Sagte Luna gerade, dass sie Angst hatte, dass Kyra etwas in die Luft jagte? Hatte sie so wenig Vertrauen in Kyras magische Kräfte?
    Nicht, dass Kyra selbst Vertrauen hatte. Sie hatte selbst keine Ahnung von Magie. Zur Hölle, bis vor vier Tagen hatte sie nicht gewusst, dass sie ein magisches Talent hatte. Sie war sich auch jetzt nicht sicher, ob die beiden sie nicht zum Narren hielten.
    Für einen Moment senkte sich eine peinliche Stille über die Runde, ehe sich Lilly räusperte. „Willst du vielleicht einen Tee?“
    „Gern“, erwiderte Kyra. „Schwarz.“
    Lilly lächelte. „Okay.“
    Damit ging sie zur Küche, während Luna sich an den Esstisch im Wohnzimmer setzte und Kyra bedeutete, sich ihr gegenüber nieder zu lassen.
    „Okay, Kyra“, meinte sie. Ihr Grinsen wirkte etwas steif. „Was weißt du über Magie?“
    Gott, das alles fühlte sich so surreal an. „Ähm, irgendetwas über Wutschen und Snipsen?“
    Luna kicherte kurz, seufzte aber dann. „Okay. Dann fangen wir vielleicht so an: Wir benutzen keinen Zauberstab.“
    „Aha.“ Kyra überlegte. „Also eher wie in Jasons komischen Rollenspielen?“
    „Ich weiß nicht, was für Rollenspiele Jason spielt“, erwiderte Luna. „Jedenfalls, wir nutzen keine Zauberstäbe.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das habe ich schon gesagt.“ Sie seufzte. „Wir nutzen meistens auch keine Zauberformeln.“
    „Was ist mit Tränken?“, fragte Kyra.
    „Dazu kommen wir später.“ Luna sah zu ihrer Schwester in der Küche. „Also, ja.“ Sie leckte sich die Lippen. „Heute wollen wir erst einmal ein paar Grundlagen herausfinden, um darauf unser späteres Training aufzubauen.“
    „Was wollt ihr denn herausfinden?“ Immerhin wussten die beiden doch schon alles über Magie, oder?
    Wie sonst wollten sie sie unterrichten?
    Luna grinste und gab ein übertriebenes Seufzen von sich. „Wir müssen erst einmal deine Begabung einschätzen, oder?“
    „Begabung einschätzen?“ Kyra runzelte die Stirn, während Watson in die Küche lief und bellte.
    Lilly kam aus der Küche zurück. Statt einer Tasse Tee brachte sie eine breite, abgerundete Plastikschüssel mit sich, wie man sie manchmal nutzte, um Salat oder vergleichbares zu mischen. Die Schüssel war mit klaren Wasser gefüllt und als Lilly sie auf dem Tisch abstellte, war ein Stein – ein runder, dunkler Kiesel, etwa so groß wie Kyras Handfläche – am Boden der Schüssel zu erkennen.
    Entgeistert hob Kyra eine Augenbraue.
    Lilly lächelte ihr zu und ging dann in die Küche zurück, wo Watson bellend wartete. „Du scheinst Hunger zu haben, hmm?“, meinte sie lachend.
    Watson bellte.
    Nach einem kurzen Blick zu ihrem Hund, sah Kyra zu Luna. „Und was soll ich damit machen?“ Sie ging davon aus, dass sie etwas machen sollte. Vielleicht sollte sie ihre Hände an die Schüssel legen, um zu sehen, was geschah? Aber das war wahrschenlich zu einfach.
    Luna lächelte. „Du sollst den Stein aus dem Wasser heben.“ Sie machte eine Pause und schien auf etwas zu warten. Als Kyra verwirrt einen Ärmel hochkrempelte, fügte sie hinzu: „Ohne den Stein zu berühren.“
    „Ah.“ Das machte beinahe Sinn. Sie sah die Schüssel an. „Also …“ Sie hielt inne. „Mit Magie?“
    Luna grinste sie an, lehnte sich dann auf dem Holzstuhl zurück und wartete.
    Großartig. Kyra starrte die Schüssel an. Wie sollte sie das jetzt anfangen? Sollte sie irgendeine Art Telekinese benutzen? Gab es überhaupt so etwas wie Telekinese? Praktisch wäre es ja schon. Wahrscheinlich allerdings erforderte es Konzentration, die sie wohl kaum hatte, wenn sie über mögliche Anwendungen von einer solchen Fähigkeit nachdachte.
    Sie starrte auf die Schüssel. Ihr blasses Spiegelbild starrte von der Wasseroberfläche aus zurück.
    Ihre Nase juckte etwas. Eine Strähne ihres Haares war ihr ins Gesicht gefallen. Natürlich. Ihre Haare blieben auch nie in ihrem Zopf. Vielleicht sollte sie sich die Haare kurz schneiden lassen. Frustriert wischte sie die Strähne zurück.
    Sie sah auf die Schüssel. Die Oberfläche warf leichte Wellen, als Lilly zurückkam, dieses Mal mit Tee. Watson aß derweil laut schmatzend Welpenfutter in der Küche.
    Lilly stellte eine Tasse Tee vor Kyra, setzte sich dann neben ihre Schwester Kyra gegenüber.
    Kyra seufzte. Sie trank etwas Tee und sah dann zu den beiden hinüber. „Irgendwelche Tipps?“
    Die beiden tauschten einen vielsagenden Blick, wie sie es so oft taten. „Versuch es noch eine Weile allein.“
    Noch einmal seufzte Kyra. Dann sah sie wieder aufs Wasser. Zur Hölle, sie hatte bisher nie bewusst gezaubert. Sie hatte wahrscheinlich gezaubert, als sie im Wald vor den Wölfen entkommen war, hatte irgendwie die Pflanzen verändert. Zumindest sagte das Lilly. Auch hatte sie offenbar magisch Molly geheilt, als die Bärin sie verletzt hatte. Zumindest sagte das Lilly. Na ja, und vor vier Tagen hatte sie Wasser für eine Weile in der Luft schweben lassen, als Luna es beinahe auf sie gekippt hatte.
    Wie hatte sie es da gemacht? Sie hatte darüber nicht nachgedacht. Also: Was war passiert? Hatte sie es wirklich selbst getan?
    Sie warf den Zwillingen einen kurzen Blick zu. Manchmal fragte sie sich, ob die beiden sie verarschten. Doch verdammt, sie wollte Magie lernen. Irgendwie. Immerhin könnte es nützlich sein. Wegen den Wölfen, aber auch wegen ihrem normalen Job. Wie viel einfacher wäre es verschwundene Dinge und Leute mit Magie zu finden?
    Also los. Irgendwie musste es ja gehen. Bisher hatte sie nie darüber viel nachgedacht. Viel eher war – angeblich – einfach dass passiert, was sie wollte.
    Sie wollte, dass der Stein sich bewegte.
    Mit diesem Gedanken starrte sie den Stein an.
    Der Stein lag am Grund der Schüssel.
    Verdammtes Ding. Er sollte sich bewegen. Nur ein wenig. Nur ein wenig, um zu zeigen, dass sie nicht verrückt war. Er sollte sich bewegen. Der dumme Stein sollte sich bewegen. Doch leider tat er ihr den Gefallen nicht.
    Vielleicht ließen sich Steine nicht bewegen?
    Vielleicht war die ganze Aufgabe ja ein Trick.
    Also. Wie sollte sie den Stein sonst aus dem Wasser bekommen? Sie runzelte die Stirn und griff nach ihrer Tasse Tee. Es gab immer mehrere Möglichkeiten. Was wenn sie das Wasser bewegte?
    Luna hatte gesagt, sie solle den Stein aus dem Wasser heben. Okay, das war nicht ganz dasselbe. Aber vielleicht konnte sie das Wasser irgendwie nutzen, um den Stein zu bewegen. Angeblich hatte sie ja schon Wasser mit ihren Gedanken manipuliert. Also konnte sie es versuchen, oder?
    Sie starrte auf das Wasser und stellte sich erst einmal etwas kleines vor. Sie wollte, ja, sie wollte, dass ein einzelner Tropfen Wasser sich aus der Oberfläche löste und den Rand der Schüssel hinaufwanderte. Einfach nur um zu sehen, ob es funktionierte. Sie blinzelte, zog die Augenbrauen zusammen und konzentrierte sich. Noch immer geschah nichts.
    Verdammt. Was machte sie falsch? Machte sie überhaupt was falsch?
    Nein. Nein. Nein. Wenn sie irgendetwas wusste – vielleicht war es auch falsch sich auf so etwas zu verlassen – dann, dass nichts funktionierte, wenn man zweifelte, ob es funktionieren konnte.
    Was war vorher anders gewesen?
    Sie überlegte.
    Ihr fiel ein, wie ausgelaugt sie sich gefühlt hatte, nachdem sie aus dem Wald geflohen war und vor allem, als sie Molly – angeblich – geheilt hatte. Vielleicht lag es an ihrer Energie. Vielleicht musste sie irgendwie Energie bewegen. Es machte ja auch Sinn, oder? Eigentlich änderte Energie ja nur ihren Zustand, konnte aber nicht geschaffen werden. Vielleicht auch nicht mit Magie.
    Also musste sie irgendwie, ja, was? Sie musste irgendwie Energie aus sich heraus in das Wasser leiten.
    Ach, verdammt, wahrscheinlich hätte sie einmal lernen müssen, zu meditieren. Doch so musste sie halt sehen, wie sie es am besten anstellte.
    Sie versuchte sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Immerhin kannte sie zumindest die Theorie von Meditation und all diesen Dingen. Sie stellte sich vor, wie sie ein wenig ihrer eigenen Energie, ihrer eigenen Wärme ausatmete. Wieder, wieder und wieder.
    Und dann versuchte sie sich vorzustellen, wie diese Wärme in das Wasser lief und dort einen kleinen Wassertropfen löste.
    Sie sah auf das Wasser. Wellen bildeten sich an der Oberfläche. War das ihre Magie? War das irgendeine Magie? Oder war nur jemand an den Tisch gekommen?
    Noch einmal. Einatmen, ausatmen, vorstellen.
    Erneute Wellen, nur dass dieses Mal kurz ein kleiner Tropfen sich in der Mitte aus dem Wasser zu heben schien. Huh.
    Ein weiteres Mal. Einatmen, ausatmen, Konzentration auf den Tropfen, dabei wieder atmen.
    Und da löste sich ein einzelner Tropfen, dieses Mal am rechten Rand der Schüssel, kroch langsam, aber beharrlich – weiter atmen, immer weiter – die Schüssel hinauf, nur um dann vom Rand der Schüssel auf den Tisch zu fallen.
    Erwartungsvoll sah sie zu den Zwillingen, die wie Spiegelbilder der jeweils anderen vor ihr saßen. Luna hatte ihre Tasse in der rechten, Lilly die ihre in der linken Hand. Sie tranken und schenkten ihr gleich ein doppeltes, mysteriöses Lächeln.
    Ach, die beiden hatten doch nur ihren Spaß mit ihr.
    Kyra runzelte die Stirn und sah wieder auf die Schüssel. Also wie bekam sie den Stein mit der Hilfe des Wassers am einfachsten daraus? Etwas sagte ihr, dass es schwer wäre, Wasser, das immerhin nicht fest war, zu nutzen, um ihn zu heben. Also, was?
    Der Stein war klein, sehr klein. Er würde sich mit dem Wasser bewegen, oder? Und die Schüssel war rund. Wenn sie das Wasser im Kreis bewegte, als würde sie es umrühren, könnte die Zentrifugalkraft ihn vielleicht für sie heben. Das war zumindest einen Versuch wert.
    Was würde eigentlich passieren, wenn sie sich überanstrengte? Würde sie dann ohnmächtig werden, so wie nachdem sie Molly geheilt hatte?
    Vielleicht sollte sie es besser nicht probieren. Positiv denken! Sie würde das hier irgendwie schaffen. Mal sehen, wie geheimnisvoll die beiden Zwillinge dann lächeln würden!
    Sie änderte ihre Vorstellung. Das Wasser sollte sich bewegen, als ob jemand umrühren würde. Praktisch so, wie mit diesen komischen Magnetrührstäben, an die sie sich noch aus dem Chemieunterricht erinnerte.
    Atmen. Konzentrieren. Atmen.
    Beweg dich schon, Wasser! Sie sah auf die Oberfläche, als sich tatsächlich eine leichte Strömung zu bilden schien. Ja. Ja, das Wasser begann zu rotieren! Es funktionierte!
    „Ha“, kam es ihr leise über die Lippen, ehe sie sich wieder an die Sache mit ihrer Atmung, die soweit ja zu funktionieren schien, konzentrierte.
    Die Rotation des Wassers verstärkte sich, brachte den Kiesel langsam dazu am Boden der Schüssel ein paar langsame Kreisbahnen zu drehen.
    Okay, sie brauchte mehr Energie, eine schnellere Drehung.
    Sie konzentrierte sich weiter, merkte, wie ein leichter, kühler Schauer über ihren Rücken wanderte, ließ jedoch nicht nach. Atmen, weiter atmen. Konzentrieren. Wasser. Rotieren. Der Stein sollte sich bewegen.
    Erstes Wasser schwappte über den Rand der Schüssel, als sich ein Strudel in der Mitte des Gefäßes bildete. Doch es schien zu funktionieren. Der Kiesel schrappte am Rand der Schüssel entlang.
    Super. Nur noch ein bisschen. Nur ein bisschen.
    Noch mehr Wasser schwappte auf den Tisch, doch soweit hielt sie niemand auf. Und dann, auf einmal, schoss der Kiesel über den Rand der Schüssel hinweg, flog auf den Tisch, kullerte über diesen und landete schließlich mit einem leisen „Pleng“ auf dem Boden.
    Noch einmal atmete Kyra aus, dann sah sie zu den Zwillingen, während das Wasser erst langsam wieder zur Ruhe kam.
    Luna grinste, Lilly wirkte weit weniger begeistert.
    „Eigentlich habe ich gesagt, den Stein aus dem Wasser heben“, meinte Luna.
    Kyra zuckte mit den Schultern. „Der Stein wollte sich nicht bewegen.“
    „Ich sehe schon“, erwiderte die Magierin. „Wir neigen zur indirekten Problemlösung.“
    „Wie wäre es mit direkten Lösungen, um den Tisch zu säubern?“, meinte ihre Schwester und warf ihr einen Seitenblick zu.
    Luna lächelte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Tisch zu, woraufhin das Wasser wie umgekehrte Regentropfen nach oben schwebte, wo es sich in einer Blase sammelte und sich langsam zurück in die Schüssel senkte. Dann zwinkerte sie Kyra zu. „Man muss ja auch etwas angeben, oder?“
    Kyra sah sie nur mit hochgezogener Augenbraue an. Sie war sich noch immer nicht ganz sicher, was sie von alledem denken sollte. „Und was sagt mir das ganze jetzt?“
    „Das du interessante Lösungsansätze hast“, erwiderte Luna.
    Ihre Schwester sah zu ihr, wandte sich dann aber Kyra zu. „Ganz offenbar, dass dir Wasser eher liegt als Gestein.“ Noch einmal sah sie zu ihrer Schwester und murmelte: „Etwas ungewöhnlich.“
    Luna zuckte mit den Schultern. Dann stand sie auf, ging zur Medienwand auf der anderen Seite des Zimmers und öffnete eine Schublade unter dem Fernseher. Sie holte etwas daraus hervor und kam damit zurück. Es war, wie sich herausstellte, eine Feder. Eine große, Klischeehafte weiße Feder.
    Unwillkürlich wanderten Kyras Augenbrauen erneut zweifelnd nach oben. „Ähm, Wingadium Leviosa? Mit dem A schön lang?“, meinte sie fragend.
    Luna kicherte leise. „Ja, so in etwa.“ Sie schob die Schüssel zur Seite und legte die Feder vor Kyra ab. „Du hast schon richtig erkannt worauf wir hinaus wollen: Bring die Feder zum Schweben.“
    Also gab es mehrere von diesen Prüfungen? Huh. Und was kam als nächstes? Feuer?
    Sie sah auf die Feder, während Luna sich setzte. Erneut trank Kyra einen Schluck Tee. Logischer Weise würde es wohl darauf hinaus laufen, die Luft zu bewegen.
    Nun, gut.
    Einatmen, ausatmen. Harry Potter Referenzen verdrängen. Nicht der Versuchung erliegen, einfach zu pusten.
    Sie kam dennoch nicht umher leise „Wingardium Leviosa“ zu murmeln, als sie sich vorstellte, wie die Luft sich unter die Feder bewegte und sie nach oben drückte.
    Einatmen, ausatmen. Energie.
    Die Seiten der Feder bewegten sich – gut, weiter! – und dann, auf einmal schoss die Feder nach oben. Wie ein Kronkorken aus einer Flasche schoss sie in die Luft, bis sie beinahe die Decke erreichte, ehe sie langsam wieder hinabsegelte und vor Kyra liegen blieb.
    „Oh“, machten die Zwillinge beinahe synchron.
    „Luft scheint dir eher zu liegen, hmm?“, meinte Luna amüsiert. „Sehr schön.“
    Kyra sah zu ihr. „Wann kommt der Teil, wo ihr mir etwas erklärt?“
    Luna zuckte mit den Schultern. „Später. Wie gesagt, wir wollen erst deine Begabungen verstehen.“
    „Wir wollen nicht zuletzt wissen, wer von uns beiden dich besser unterrichtet“, erwiderte Lilly.
    Kyra sah von Lilly zu Luna und wieder zurück. „Okay.“ Wieso waren ihre Begabungen wichtig dafür, wer sie unterrichtete. Sie seufzte. „Also, was soll ich als nächstes machen?“ Sie war sich relativ sicher, dass das noch nicht alles war.
    Wieder tauschten die beiden Schwestern Blicke, ehe Luna wieder aufstand und in die Küche ging. Sie holte einen Kerzenständer, samt einer hohen, weißen Kerze, die sie offenbar extra vorbereitet haben.
    „Soll ich die anzünden?“, riet Kyra, als Luna sie vor sie stellte.
    „Nein“, sagte Luna schnell. „Auf keinen Fall.“ Sie ging zum Medienregal und holte eine Packung Streichhölzer hervor.
    Kyra sah sie zweifelnd an.
    „Meine liebe, süße Schülerin“, meinte Luna. „Ich möchte dich warnen, deine Finger vom Beschwören von Feuerbällen und dergleichen zu lassen. Wirklich.“ Sie sah sie eindringlich an.
    Unsicher hob Kyra eine Augenbraue. „Wieso?“
    „Weil sehr viel schief gehen kann.“ Lilly tauschte Blicke mit ihrer Schwester. „Feuermagie kann sehr verzehrend sein und ist manchmal schwer zu kontrollieren. Speziell wenn man versucht Flammen zu beschwören. Also beschränken wir uns auf die Kontrolle von Feuer.“ Sie lächelte. „Erst einmal.“
    Kyra sah sie an und hob eine Augenbraue. „Okay.“ Was sollte sie sonst sagen? Dabei hatte sie sich eigentlich darauf gefreut, Feuerbälle zu beschwören. Es war immerhin der coolste, allgemein bekannte Zauber. Also allgemein bekannt in dem Sinne, dass man ständig sah, wie Charaktere in Film und Fernsehen es taten.
    Luna zündete die Kerze an. „Kontrolle.“ Sie lächelte. „Wir wollen nur von dir, dass die die Flamme höher flackern lässt. Mehr nicht.“
    „Okay.“ Langsam kam sich Kyra sehr einsilbig vor. Doch was blieb ihr sonst zu sagen? Außer: „Das ist wirklich alles?“
    „Oh, da wird jemand selbstbewusst, hmm?“ Luna grinste.
    „Ich meine nur … Alles andere wirkte … Komplexer.“ Kyra hob eine Augenbraue.
    Die beiden Schwestern tauschten einen Blick. „Nun, dann schau einmal, wie gut es dir gelingt“, meinte Lilly. „Sorg dafür, dass die Flamme höher flackert.“
    „So, als wäre die Kerze am Ende?“
    „Genau so.“
    Kyra antwortete nicht, sondern sah auf die leicht tänzelnde Kerzenflamme. Sie erinnerte sie an die bald beginnende Weihnachtszeit und allen Dingen, die damit verbunden waren. Sie starrte auf die Flamme und versuchte es zu tun, wie zuvor: Sie versuchte sich vorzustellen, wie die Flamme höher und immer höher flackerte. Doch für den Moment geschah nichts. Die Flamme tanzte nur ein wenig hin und her, so als wäre ein Wind durch den Raum geweht.
    Verdammtes Ding.
    Jetzt wollte Kyra es zeigen. Wieder legte sie die Stirn in Falten, konzentrierte sich auf ihre Atmung. Ein, aus, ein aus. Na, würde etwas geschehen? Würde es funktionieren? Noch einmal stellte sie sich vor, wie die Flamme der Kerze in die Höhe schnellte, versuchte diesen Gedanken irgendwie in Einklang mit ihrem Atem zu bringen.
    Größer, befahl sie innerlich der Flamme. Größer.
    Ein, aus, ein … Und dann auf einmal explodierte die Flamme förmlich, nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Der Geruch von versengtem Haar breitete sich aus, als die Flamme einzelne Haare von Kyras Pony umzüngelte, dankbarerweise jedoch nicht ihr ganzes Haar in Brand steckte.
    Watson, der noch immer in der Küche saß, machte einen Sprung in die Höhe, jaulte auf und ging hinter den Tresen der Küche in Sicherheit.
    Ein eisiger Schauer überkam Kyra. Dann erlosch die Flamme.
    „Oh“, machte Kyra leise. Sie starrte die erloschene Kerze an. „Das war …“ Sie merkte, wie sie selbst zitterte.
    „Alles okay?“, fragte Lilly.
    „Wir sagten ja“ – Luna stand auf und kam zu ihr herum – „Feuer ist verzehrend.“ Sie legte ihr die Hand auf die Stirn, als wolle sie ihre Temperatur fühlen. „Nun, es könnte schlimmer sein.“
    Kyra sah zu ihr auf. „Was ist gerade passiert?“
    „Du hast ein wenig zu viel Energie in den Zauber gelegt“, erwiderte Luna. „Feuer lädt dazu ein.“ Sie lächelte, grinste nicht, und seufzte. „Aber es ist alles noch relativ gut. Andere Anfänger knocken sich damit komplett aus und setzen Häuser in Flammen. Also: Es könnte schlimmer sein.“
    Auch Lilly ließ ein Seufzen hören. „Vielleicht sollten wir es dabei für heute belassen.“
    Luna sah sich zu ihrer Schwester um. „Lils.“ In ihrer Stimme klang eine Mischung, aus Amüsement und scherzhafter Warnung mit.
    „Ich brauche die Tulpen noch.“ Lilly sah sie an.
    „Wir haben noch andere Tulpenzwiebeln“, meinte Luna.
    „Aber es sind Pflanzen.“ Lilly zog verspielt einen Schmollmund. „Willst du wirklich …“
    „Früher oder später müssen wir eh“, erwiderte Luna.
    „Pflanzen?“, fragte Kyra. Also sollte sie als nächstes was genau machen? Zugegebener Maßen wäre sie mittlerweile um eine Pause dankbar gewesen. Immerhin fröstelte sie noch immer. Auch spürte sie langsam aber sicher Hunger. Machte Zaubern hungrig?
    Lilly seufzte schwer. „Ja. Pflanzen.“ Sie sah ihre Schwester lang an, ließ dann jedoch ein weiteres Seufzen hören und stand auf. „Ich hole sie.“ Damit ging sie zur Tür des Wohnzimmers und in den Flur.
    Ein Knarzen verriet, dass sie offenbar ins obere Stockwerk des Hauses ging.
    Kyra sah zu Luna. „Was …?“
    Luna lächelte. Sie ging wieder zur anderen Seite des Tisches, um sich zu setzen. „Lilly hängt an ihren Pflanzen.“
    „Aha“, meinte Kyra. Magier waren seltsame Leute – wenngleich nicht so seltsam, wie Werwölfe.
    Schritte auf der Treppe verkündeten Lillys Rückkehr und als sie ins Wohnzimmer kam, trug sie einen kleinen Blumentopf aus Porzellan bei sich, in dem das zarte Grün eines kleinen Sprößlings zu sehen war.
    „Was soll ich jetzt machen?“, fragte Kyra matt.
    Lilly bemühte sich um ein Lächeln. „Bring diese Pflanze zum Wachsen.“
    „Okay.“ Schon wieder! Ach, sie sollte sich mehr verschiedene Antworten einfallen lassen. Sie sah auf die Pflanze. Die Aufgabe kam ihr komplexer vor, als die anderen, die fast durchgehend einfache Physik waren. Bewegung, Energie. Eine wachsende Pflanze, das war komplexer. Doch wenn die Zwillinge es von ihr verlangten, sollte es irgendwie möglich sein, oder?
    Sie sah auf den Sprößling. Tulpe, hatte Lilly gesagt. Mental erschuf Kyra das Bild einer wachsenden Pflanze, die zu einer bläulichen Tulpe wurde. Wie wusste nicht, warum bläulich. Gab es überhaupt bläuliche Tulpen? Wie auch immer. Sie hielt sich an diesem Bild der wachsenden Pflanze fest, hoffte, dass es damit getan war und konzentrierte sich erneut auf ihren Atem und was auch immer dieses Gefühl war, dass sie erfüllte, wenn sie diese Zauber konstruierte. Es fühlte sich an, als würde ihr ein wenig Wärme entzogen.
    Atmen. Energie. Wärme. Bild. Atmen.
    Und zu ihrer Überraschung bewegte sich die Pflanze ein wenig. Sie wuchs ein kleines bisschen in die Höhe. Nein. Nicht etwas. Sie wuchs weiter. Langsam, aber doch wie im Zeitraffer, wuchs der grüne Stängel der Pflanze in die Höhe. Die Knospe zeigte sich deutlich am Ende, kam zwischen den Blättern hervor, wuchs weiter, immer weiter. Langsam und doch unnatürlich schnell öffnete sich die Knospe – bläulich – als eine Stimme in Kyras Bewusstsein drang:
    „Kyra! Kyra!“
    Jemand griff nach ihrem Arm.
    Kyra zuckte zusammen und sah auf. War sie so in den Zauber versunken gewesen?
    „Kyra?“, fragte einer der Zwillinge. Es musste Luna sein.
    Verwirrt blickte Kyra sie an. „Was?“
    Luna sah auf den Tisch, wo die Tulpe bläulich blühte. Doch die Tulpe war nicht das einzige, das sich verändert hatte. Da waren auch Blätter und kleine Äste.
    Blätter und kleine Äste, die aus dem Tisch wuchsen.
    Die Zwillinge sahen sie an.
    Kyra starrte zurück. Hatte sie das gemacht? Nein, eine bessere Frage: Wie hatte sie das gemacht? Sie hatte sich dergleichen nicht vorgestellt. Wenn sie das gewesen sein sollte, dann war das einfach passiert.
    Watson kam vorsichtig aus seinem Versteck hervor, kam zu ihnen hinüber und schnüffelte an einem Ast. Er wirkte verwirrt, aber neugierig.
    Schließlich räusperte sich Luna. Noch einmal tauschte sie einen Blick mit ihrer Schwester. „Ich denke, wir haben dein Talent gefunden.“
    Lilly schüttelte den Kopf. „Das erklärt zumindest einiges.“
    „Was?“ Noch immer verwirrt sah Kyra zu ihnen. „Was ist gerade passiert?“
    „Nun, meine liebe Schülerin“, meinte Luna süffisant. „Es sieht ganz so aus, als wüssten wir, wie du im Wald entkommen bist.“ Sie schenkte ihr das Luna-typische Grinsen. „Und ich denke“ – noch einmal wechselte sie Blicke mit ihrer Schwester – „das ich vorerst deine Ausbildung übernehmen werde.“
    Kyra runzelte die Stirn. „Und das heißt?“
    Lunas Grinsen verblasste nicht. „Das heißt, dass wir als erste Lektion sehen, wie wir diesen Tisch reparieren.“


  • Ist irgendwie ruhiger geworden, in letzter Zeit, was? Schön mal wieder was von dir zu hören.
    Na gut, so lange ists auch wieder nicht her, trotzdem.

    fragte Kyra und öffnete ihre Jacke. Sie schlüpfte heraus, während sie Luna in Richtung der Wohnzimmertür am anderen Ende des Flurs folgte, und warf sie auf die Garderobe.

    Ah die Jacke, ob ihre eine spezielle Jacke nun wieder repariert ist? Wenn nicht, wäre das ein guter Stoff für einen Zauber.

    Im Wohnzimmer saß auch Lilly, die abgesehen von ihrem Lächeln Luna bis ins letzte Detail ähnelte, am Tisch. Sie stand auf und kam ihnen entgegen.

    Nette Idee, ein kleines Erkennungszeichen einzubauen. Ist ganz nützlich.
    Ich hoffe aber, dass das Lachen besser aussieht als in meiner Vorstellung.


    „Gern“, erwiderte Kyra. „Schwarz.“

    Ah, auch noch Ansprüche stellen.

    „Ähm, irgendetwas über Wutschen und Snipsen?“

    Harry Potter.

    . Was wenn sie das Wasser bewegte?

    Wenn man das Wasser bewegen kann, indem man seine eigene Energie, oder die Energie der Umgebung in Bewegungsenergie umwandelt, so wie ich das verstanden habe, müsste man doch auch eingespeichterte Energie entfernen können und äußere Einflüsse abkapseln können? Wenn Kälte das fehlen von Wärme ist und Wärme im Prinzip nur Bewegung? Ich glaube ich habe mal gehört es wäre Bewegung, ist, dann bedeutet dass, sie könnte den Stein auch heben, indem sie ihn mit Eis hochhebt.
    Allgemein gefällt mir die Idee Wärme zu entziehen, um Eis zu erzeugen. Ist ausbaufähig. Sowas in der Art ist auch in meiner 200 Jutsu Liste aus einer alten FF. Aber gut, ist gerade ziemlich unwichtig.

    Es machte ja auch Sinn, oder? Eigentlich änderte Energie ja nur ihren Zustand, konnte aber nicht geschaffen werden. Vielleicht auch nicht mit Magie.

    Wenn Materie möglicherweise aus dem Nichts entstehen kann möglicherweise doch, aber das ist höhere Physik und auch nur eine Theorie bisher.


    Es wäre hilfreich gewesen wenn die Schwestern ihr das vorher gesagt hätten. Hätte sie den Kniff nicht herausgefunden, wäre das ein langer Tag geworden. Wäre ich an ihrer Stelle würde ich nach und nach austesten, ob sich der Stein mit Willenskraft, starken Emotionen, purer Vorstellungskraft, oder innerer Ruhe bewegen lässt. Darauf Bewegungsenergie zu mobilisieren käme ich vielleicht garnicht und diese Information hilft ihr nur bei der Frage, wie man etwas bewegt, nicht was man bewegt.


    Habe gestern erst ein paar Avatarfolgen angesehen. Hast du vor ein paar Grundzüge davon in dein Konzept einfließen zu lassen?
    Du bedienst dich eh an den verschiedenen Kulturen und Mythen, da würde sich das nicht stören.


    Die Rotation des Wassers verstärkte sich, brachte den Kiesel langsam dazu am Boden der Schüssel ein paar langsame Kreisbahnen zu drehen.
    Okay, sie brauchte mehr Energie, eine schnellere Drehung.

    Damit hat sie die ersten Schritte zum Erlernen des Rasengan gemacht. Nun muss sie lernen es in alle Richtungen herumwirbeln zu lassen : D

    „Ganz offenbar, dass dir Wasser eher liegt als Gestein.“

    Scheint also ein Elementarsystem zu geben. In dem Fall ist es aber schwer zu deuten, was ihr wie gut liegt.
    Sie hat die Feder ziemlich schnell bewegt und das Feuer besser im Griff gehabt als andere. Aber wir wissen bisher nur, dass ihr Stein am wenigsten liegt.
    Die erste Prüfung war aber vermutlich auch nicht darauf ausgelegt das zu testen, oder doch?
    Die Schwestern haben es ja auch gesagt, sie hat eine unkonventionelle Form der Problemlösung. Das sollte dann vermutlich testen, ob sie eine direkte, idealistische Person ist, die so lange versucht, bis sie etwas kann, oder eine realistische, die versucht um ein Problem herum zu arbeiten. Also ein Charaktertest. Das würde Sinn machen, denn manche Schüler lernen durch Theorie besser als in der Praxis und umgekehrt, verschiedene Schüler, verschiedene Lernmethoden.
    Außerdem gibt uns der Test nochmal eine Bestätigung wie Kyra denkt, etwas was wir schon während ihrer Gefangenschaft feststellen konnten.

  • Hallo. Puh, ich komme hier im Forum irgendwie in letzter Zeit zu nichts. Ich schieb's auf die Arbeit.


    Okay, das war dann also Lektion Eins ... Nun, viel gibt es für mich nicht dazu zu sagen, muss ich zugeben, aber es war interessant, schon einmal einen kleinen Einblick zu bekommen, wie denn nun Magie funktioniert. Interessant ist es auch, dass die Tests auf den Elementen (nicht im chemischen Sinne, versteht sich; wobei die Philosophie ja ursprünglich genau aus der Ecke kam, haha) basieren zu scheinen, wobei mir da die Pflanzen irgendwie ein wenig rauszufallen und fortgeschrittener erscheinen - vielleicht ist dieser Test der Tatsache geschuldet, dass bei Kyra ein gewisses Talent hierzu vermutet wird (also wegen der Flucht). Ansonsten ... Ich muss sagen, ich befürchte irgendwie, dass nochmal irgendwas in puncto Feuer passiert. Warum, weiß ich nicht; vielleicht weil es die Art von Sache ist, die man vielleicht doch irgendwann mal ausprobieren möchte, weil es halt cool ist oder vielleicht, weil es die Art letzter verzweifelter Ausweg ist, den man in einer gefährlichen Situation gehen könnte. Wobei es noch interessant ist, dass mit dem Stein halt so gar nichts war. Man könnte ein wenig bösartig meinen, dass das vielleicht bezeichnend ist, denn wenn ich mich nicht irre, steht Stein bzw. Erde mitunter auch für Verlässlichkeit und, naja, ehehe ... Ich sag ja gar nichts.
    War jedenfalls interessant zu lesen und ich bin schon gespannt, wie die nächsten Lektionen aussehen.

  • Hallo Leute,


    Sorry, dass ihr aktuell so wenig von uns hört. Wir stecken mitten in den Uni-Prüfungen und haben daher aktuell kaum Zeit.


    Wir freuen uns trotzdem riesig über eure Kommentare, und ich schau mal, ob ich bei ein paar Sachen Licht ins Dunkel bringen kann.

    Ist irgendwie ruhiger geworden, in letzter Zeit, was? Schön mal wieder was von dir zu hören.
    Na gut, so lange ists auch wieder nicht her, trotzdem.


    Ja leider. Wie gesagt: Sorry :-(


    Ah die Jacke, ob ihre eine spezielle Jacke nun wieder repariert ist? Wenn nicht, wäre das ein guter Stoff für einen Zauber.


    Schon einmal eine gute Überlegung. Die spezielle Jacke ist nicht repariert, wird aber noch einmal eine Rolle spielen.


    Nette Idee, ein kleines Erkennungszeichen einzubauen. Ist ganz nützlich.

    Ohne wären die beiden auch kaum auszuhalten. ;-) Die beiden sind sich sonst bis ins letzte Detail ähnlich, und lieben es andere Leute raten zu lassen, wer gerade wer ist.


    Ich hoffe aber, dass das Lachen besser aussieht als in meiner Vorstellung.


    Ohje... Ja besser als DAS sieht es schon aus. :-D


    Wenn man das Wasser bewegen kann, indem man seine eigene Energie, oder die Energie der Umgebung in Bewegungsenergie umwandelt, so wie ich das verstanden habe, müsste man doch auch eingespeichterte Energie entfernen können und äußere Einflüsse abkapseln können? Wenn Kälte das fehlen von Wärme ist und Wärme im Prinzip nur Bewegung? Ich glaube ich habe mal gehört es wäre Bewegung, ist,


    Sehr gute Überlegungen. Ganz so einfach ist Eis dann doch wieder nicht, aber die Grundlagen hast du sehr gut erfasst!


    dann bedeutet dass, sie könnte den Stein auch heben, indem sie ihn mit Eis hochhebt.


    Ja, das wäre auch eine sehr valide Methode gewesen.


    Wenn Materie möglicherweise aus dem Nichts entstehen kann möglicherweise doch, aber das ist höhere Physik und auch nur eine Theorie bisher.


    Materie aus dem "Nichts" entstehen lassen ist so eine Sache.


    Magier können keine Materie aus dem Nichts erschaffen, aber sie können sie aus Energie erschaffen (E=MC2).
    Sie müssen nur dutzende kleine und große Tricks anwenden, um sich um die enormen Energiemengen herum zu schummeln (sprich, ihre eigene Energie und die der unmittelbaren Umgebung reicht bei Weitem nicht, und sie müssen kreative Wege drum herum finden).


    Es gibt einige fortgeschrittene Magier-Techniken, mit denen sie so etwas simulieren/machen können, aber das ist noch weit außerhalb Kyras Rahmens. ;-)


    Es wäre hilfreich gewesen wenn die Schwestern ihr das vorher gesagt hätten. Hätte sie den Kniff nicht herausgefunden, wäre das ein langer Tag geworden.


    Sie hätten sich schon eingemischt, wenn sie da ne Stunde herumgesessen hätte ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Aber sie sahen es als wichtig an, das WIE von Kyras Magie und ihre Herangehensweise zu beobachten (parallel zu dem elementaren Aspekt der Prüfung).


    Wäre ich an ihrer Stelle würde ich nach und nach austesten, ob sich der Stein mit Willenskraft, starken Emotionen, purer Vorstellungskraft, oder innerer Ruhe bewegen lässt. Darauf Bewegungsenergie zu mobilisieren käme ich vielleicht garnicht und diese Information hilft ihr nur bei der Frage, wie man etwas bewegt, nicht was man bewegt.


    Wieder gute Überlegungen. Jeder der oben beschriebenen Ansätze kann funktionieren, hat aber seine eigenen Vor- und Nachteile. ;-)


    Habe gestern erst ein paar Avatarfolgen angesehen. Hast du vor ein paar Grundzüge davon in dein Konzept einfließen zu lassen?
    Du bedienst dich eh an den verschiedenen Kulturen und Mythen, da würde sich das nicht stören.


    Avatar ist keine direkte Inspiration, ist aber durchaus nicht unähnlich.
    "Bending" kannst du durchaus als grundlegendes Gedankenkonstrukt beibehalten, auch wenn es schnell deutlich komplizierter wird.


    Scheint also ein Elementarsystem zu geben. In dem Fall ist es aber schwer zu deuten, was ihr wie gut liegt.


    Richtig erkannt, es gibt ein Elementar-System. Ja, ein paar der Ergebnisse haben die Zwillinge auch überrascht.
    Kyras große Stärken und Schwächen sind ja relativ deutlich heraus zu lesen. Beim Rest kannst du ja mal spekulieren, in welcher Reihenfolge ihr Talent liegt. ;-)



    Die erste Prüfung war aber vermutlich auch nicht darauf ausgelegt das zu testen, oder doch?


    Sowohl als auch. Es ging ihnen sowohl um ihre elementare Affinität, als auch was für einen Ansatz bei der Magie sie instinktiv benutzt.


    Das würde Sinn machen, denn manche Schüler lernen durch Theorie besser als in der Praxis und umgekehrt, verschiedene Schüler, verschiedene Lernmethoden.


    Exakt.


    Außerdem gibt uns der Test nochmal eine Bestätigung wie Kyra denkt, etwas was wir schon während ihrer Gefangenschaft feststellen konnten.


    Continuity!


    Hallo. Puh, ich komme hier im Forum irgendwie in letzter Zeit zu nichts. Ich schieb's auf die Arbeit.


    Kann ich gerade mehr als nachvollziehen! Danke für deinen Kommentar. ;-)


    Interessant ist es auch, dass die Tests auf den Elementen (nicht im chemischen Sinne, versteht sich; wobei die Philosophie ja ursprünglich genau aus der Ecke kam, haha) basieren zu scheinen, wobei mir da die Pflanzen irgendwie ein wenig rauszufallen und fortgeschrittener erscheinen


    Ja und Nein... Pflanzen wird von Lilly und Luna mehr als eine Unterform von Erde gesehen (einige haben mehr Talent für Gestein, andere für Humus, und andere für Pflanzen und dergleichen).


    - vielleicht ist dieser Test der Tatsache geschuldet, dass bei Kyra ein gewisses Talent hierzu vermutet wird (also wegen der Flucht).


    Genau das. Die Zwillinge waren sich sehr sicher, dass Pflanzen eine von Kyras Stärken sein müsste (haben nur unterschätzt wie sehr).
    Sowohl die Flucht durch den Wald, als auch Mollys Heilung haben in diese Richtung gedeutet.


    Ansonsten ... Ich muss sagen, ich befürchte irgendwie, dass nochmal irgendwas in puncto Feuer passiert. Warum, weiß ich nicht; vielleicht weil es die Art von Sache ist, die man vielleicht doch irgendwann mal ausprobieren möchte, weil es halt cool ist oder vielleicht, weil es die Art letzter verzweifelter Ausweg ist, den man in einer gefährlichen Situation gehen könnte.


    Wobei es noch interessant ist, dass mit dem Stein halt so gar nichts war. Man könnte ein wenig bösartig meinen, dass das vielleicht bezeichnend ist, denn wenn ich mich nicht irre, steht Stein bzw. Erde mitunter auch für Verlässlichkeit und, naja, ehehe ... Ich sag ja gar nichts.


    Dazu sage ich einmal gar nichts. :-D


    Okay Leute, dann bis zum nächsten Mal.
    Ich hoffe es dauert nicht zu lange, bis ihr wieder von uns hört. ;-)


    Seki

  • Schön wieder von dir zu hören.
    Muss auch ziemlich viel Druck sein wenn man alle Kapitel schreibt während man gleichzeitig veröffentlicht.

    (sprich, ihre eigene Energie und die der unmittelbaren Umgebung reicht bei Weitem nicht, und sie müssen kreative Wege drum herum finden).

    Das wäre eigentlich Stoff für einen eigenen Diskussionsthread, oder Guide für Writer und das Erstellen eines eigenen Magiesystems.
    Man kann nichts herstellen, ohne die passenden Zutaten zu besitzen. Nichts entsteht aus nichts. Wenn man also Energie in Materie verwandeln kann, bedeutet das, dass Materie aus Energie besteht? In dem Fall kann man zwei Dinge daraus ableiten.
    Dass ein geübter Magier der davon weiß, aus einem Backstein theoretisch eine Atombombe bauen könnte, denn die Energie die zum Erschaffen von Masse nötig ist, soll ziemlich hoch sein. Bin nur Hauptschüler von daher habe ich keinen blassen Schimmer wie viel.
    Und das zweite ist folgendes. Wenn man in diesem Universum aus Energie Materie herstellen kann, bedeutet das nicht, dass man aus Masse Energie herstellen kann und dann diese Energie neu ordnen könnte?
    Ich habe einen Backstein und jetzt habe ich eine Taschenlampe und jetzt ist es ein Sandwitch, ein großes Sandwitch. Einen Moment später hat sich der Backstein in Licht verwandelt und ist weg. So etwa?
    Wie gesagt, das geht mehr in Richtung der Frage über das Verhältnis von Energie und Materie und weicht etwas zu stark vom eigenen Thema ab. Ach ja, habe ich eigentlich recht damit, dass Wärme an sich nur Bewegung/Reibung ist und Kälte das Fehlen von Wärme? Habe sowas in der Richtung mal aufgeschnappt, aber es ist so lange her, dass ich mich nicht mehr an die Details erinnern kann. Und ehe ich fortfahre mit dieser Theorie, kann ich gleich fragen, wie gut ich damals zugehört hatte.

    Beim Rest kannst du ja mal spekulieren, in welcher Reihenfolge ihr Talent liegt. ;-)

    Es ist schwer zu sagen, wie leicht es ist, Dinge in Brand zu setzen weshalb ich bei dem Punkt schwanke, aber um mal ins Blaue zu raten:
    Erde ist bei weitem am schwächsten ausgeprägt, bis zu einem Punkt wo man sich fragt ob sie überhaupt Kontrolle darüber erlangen kann.
    0,5-1 würde ich sagen.


    Feuer hat wie Wind sofort funktioniert, war aber außer Kontrolle. Das schwierige bei Feuer wird nicht sein, ob man es hervorrufen kann, sondern wie man es kontrolliert hervorrufen kann. Demnach würde ich sagen, je nachdem wo der Fokus beim training lag liegt ihre Affinität bei 3,5, oder 4. Je nachdem ob es um Kontrolle, oder Schöpfung geht.


    Wasser ist für den aller ersten Versuch sehr gut ausgeprägt. Zwar ging das Element nicht sofort durch die Decke, aber es war auch ihr aller erster erfolgreicher Versuch. Pflanzen kann man eventuell auch zum Element Wasser dazu zählen. Ich gehe ihr vorerst eine 4,5.


    Luft ging sofort und die Feder flog auch ziemlich in die Höhe. In Avatar war Wind das Element das für einen freien Geist steht der Dingen ausweicht und eine direkte Konfrontation ausweicht. Luft hatte dort auch keine so große offensive Power, weshalb ich denke dass es hier auch so ist. Und da Kyra wie gesagt sehr outside the Box denkt, passt Wind auch Charakterlicht zu ihr. Wasser steht zwar auch für Flexibilität, aber ich bleibe mal bei Wind. Ich gehe ihr für Wind also eine Affinität von 5.

  • Okay meine Lieben,


    Ich habe kein neues Kapitel - sorry ;___; - dafür aber eine Nachricht und ein Anliegen an euch. @Thrawn weiß wahrscheinlich bereits, worum es geht ;)


    Folgendes ist passiert: Ich wurde vor zwei Wochen von einem Verlag angeschrieben, der an Kyra Interesse hat. Ich habe bereits ein Exposé eingeschickt und ja, sie können es sich davon wirklich vorstellen, die Geschichte ins Programm aufzunehmen. O.O


    Deswegen werde ich zwar Lektionen der Magie noch zu Ende posten, dafür aber erst einmal Band 2 einbehalten. ABER folgendes. Selbst wenn der Verlag wirklich Interesse an Kyra und Co. hat, würde ich euch, speziell natürlich unsere fleißigen Kommentierer (also @Thrawn, @Sunaki und natürlich @Aprikose) sehr gerne als Leser behalten. Um genau zu sein als Testleser. Wenn ihr daran Interesse hättet. :) Hättet ihr das?


    Wenn der Verlag das Manuskript am Ende nicht nimmt, dann geht es wie gewohnt online weiter. Aber hoffen wir erst einmal ;)


    Davon abgesehen habe ich eine sehr, sehr wichtige Frage an euch: Ich überarbeite. Was würdet ihr ändern?


    Der Plot an sich wird natürlich bleiben wie er ist. Aber speziell überlege ich bei dem ganzen Richard Graham Fall, ob ich diesen irgendwie kürzer hereinbringen könnte oder gar ganz streichen soll. Gerade in dem Zusammenhang wäre ich tatsächlich sehr happy, wenn ich ein paar von euch die ersten paar Kapitel von Band 2 schicken könnte, da ihr dort sehen könnt, warum ich den Fall aktuell in der Fassung behalten habe.


    Vielleicht fällt euch dazu etwas ein. Ich bin mir nicht sicher. Ich wäre aktuell froh noch etwas herauskürzen zu können, aber gleichzeitig kommt dann Band 2 etwas aus dem Nichts, da Kyras Wissen aus diesem Fall den Plot von Band 2 enorm beschleunigt.


    Also, ja, was denkt ihr? Allgemein Sachen, die auf jeden Fall noch einmal drüberschauen wert sind? Und was mache ich mit Richie Klingonentod?


    Helft mir!