[Kurzgeschichte] Alte Sünden

  • Alte Sünden



    Prolog


    »Ich hänge nicht an der Vergangenheit. Wer zu sehr mit dem Gestern liebäugelt, dem entgeht die Chance, das Heute zu schreiben.«

    Lucario verstummte und ließ von den intensiven Augen vor ihm ab. Der Brandy, den er in seinem Glas wild umherkreiseln ließ, erinnerte an ein glimmendes Glutnest, nur darauf wartend, zu einem ausgewachsenen Flächenbrand seiner Gedanken zu werden.

    »Aber wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, der droht, dieselben Fehler erneut zu begehen«, widersprach Rutena.

    Lucario spürte die warme, einfühlsame Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die ihn fort dem Getränk auf dem Tisch und wieder hinauf zu den roten Augen hob; ein Blick, der heiß auf seiner Seele brannte und Herz und Gedanken in unendlicher Agonie durchbohrte. Stumm und leise sahen sie einander an. Doch so wie Rutena von Lucarios Kinn abließ, so wanderte dessen Gesicht wieder hinab zu dem Brandy. Schweigsam.

    Wieder schwenkte er die Flüssigkeit, diesmal schneller. Seine Gedanken verschwammen in einem in Ebenholz gereiften, bernsteinfarbenen Ozean. Der wild wirbelnde Alkohol und seine kreiselnden Gedanken vereinigten sich und wuchsen zu einem unzähmbaren Feuersturm heran. Die entfesselten scharlachroten Böen gaben verschwommenen Bildern Geburt, welche dann wieder von gewaltigen Farbexplosionen verschluckt und von neuen Erinnerungen abgelöst wurden. Lucario beobachtete den im Glas eingefangenen Wirbel, dann nippte er an ihm. Er wünschte, er könnte seine Erinnerungen einfach auf dem Grund des Glases zurücklassen und für immer begraben.


  • 1. Ein neues Leben


    Der Wendigo gilt als Trotzkopf unter den Westwinden. Wenn alle Barometer auf Windstill stehen, lacht er den Einfältigen aufsässig ins Gesicht. Und wenn sich dann der versprochene Sturm am Horizont ankündigt, so ist darauf Verlass, dass die Bewohner des Sandkontinents doppelt unter dessen Launen leiden zu müssen.

    Eine seiner launischen Böen blies an diesem Tag durch Rhino. Von Westen kommend, brachte er einen schwachen Hauch des weit entfernten Ozeans mit; eine Ahnung von Meersalz, die Vorstellung unruhig schaukelnder Boote, die an den Anlegestellen vor Anker lagen, die schäumende Gischt, längst auf ewig vereint mit dem herrschsüchtigen Wendigo. Hier, in Rhino aber, stieß der Ruf der noch immer fernen Küste auf taube Ohren. Dort war er der Vorbote des heranrückenden Herbstes, der auf einen langen Sommer folgte. Er hauchte durch die staubigen Gassen, spielte sein verräterisches Spiel mit dem Staub, den er zum gemeinsamen Tanz einlud, um ihn dann am höchsten Punkt arglistig wieder fallenzulassen. Die vom Steppensand gelblich verfärbten Fenster rasselten träge in ihren gusseisernen Verankerungen. Die Mitarbeiter der Poststelle schützten mit einer Hand ihre Augen, während sie mit der anderen und der verbliebenen Kraft die Postkutsche entluden.

    Ein Neuankömmling ließ derweil die ersten Gebäude von Rhinos östlicher Stadtgrenze hinter sich. Unbeirrt stemmte er sich gegen den sekündlich immer aufbrausend werdenden Westwind. Nach Aufmerksamkeit oder einer bloßen Regung lechzend, rüttelte der Wendigo an dem beharrlichen Granit, der das rußige Gesicht des Fremden war. Er verstrubbelte ihm das Fell, das wie das Blau eines klaren, klirrenden Winterhimmels leuchtete, heulte ihm unheilvoll in den spitz zulaufenden Ohren, wirbelte ihm Staub in die naturroten Augen und schlug seine windigen Fänge in den braunen Lederbeutel auf dessen Rücken. Von Wahnsinn übermannt, riss sich der Westwind schließlich laut aufheulend entzwei und suchte sein Glück weiter nordwärts.

    Unbeirrt passte Lucario seine Geschwindigkeit dem abgenommenen Luftwiderstand an, jeder Schritt von dem uralten Sand beantwortet, der unter seinem Gewicht kratzend aufstöhnte. Die dichte, cremefarbene Behaarung, welche die Brust bis zur Nabelhöhe bedeckte, strahlte in der grellen Nachmittagsonne wie Neuschnee. Darunter ließen die schwachen Ableger des Wendigo das kurze, himmelblaue Fell wie tausend Segel im Wind flattern. Der markante, raue Sand des Kontinents schmiegte sich ihm wie eine zweite gelbliche Haut an das untere Ende seiner sonst anthrazitfarbenen Beine - Spuren einer tagelangen Wanderung. Von der Veranda eines kleinen Hauses schaute ihm ein Einwohner im Vorbeigehen griesgrämig nach; der Anflug eines kurzen Nickens, dann schabte er den Kehrbesen wieder über den staubigen Holzdielenboden.

    Die Stadt Rhino zeichnete eine schnurgerade Linie auf die Landkarte; ein kleiner, scheinbar unbedeutender Fleck im Zentrum des Sandkontinents. Eine unterirdische Wasserquelle hatte Siedler einst dazu veranlasst, ihr Lager in der trostlosen Einöde aufzuschlagen. Rhino, aus der Not geboren, etablierte sich mit der Zeit als bedeutsame Schnittstelle für den Handelverkehr. Weit im Osten lag Ramal, die Hauptstadt des Kontinents, Gesetzgeber und oberstes Kontrollorgan auf dem gesamten Kontinent. Die Straßen dort mochten sauberer sein als irgendwo sonst, das Wasser reiner, der Wind wie ein Frühlingskuss. Im Inneren der hohen Marmorgebäude jedoch, so sagte man, wo die Würdenträger ihre Urteile über die Schicksale jedes einzelnen Bewohners fällten, ging es noch schmutziger zu als in der schäbigsten Spelunke des Landes. Weiter westwärts von Rhino hob sich eine Bergkette dem Himmel zu, deren Silhouette in klaren Vollmondnächten ockerfarben leuchtete. Rückseitig davon, nach einem Labyrinth tückischer Schluchten, lag schließlich der Ozean, wo kleine Fischerorte die Küste säumten. Dorthin war die Nachmittagssonne unterwegs, welche derweil die hohen, braun-grauen Gebäude Rhinos in warme Farben tönte. Das mit Abstand imposanteste von ihnen war das Rathaus - ein Monument wie aus einem einzigen großen Stück weißen Ahornholzes geschnitzt, mit einem weit hervorstehenden Dach, das von vier Stützpfeilern getragen wurde und unter dem eine breite Treppe zum Eingangsportal führte.

    Lucario atmete das betäubende Aroma frischer Lasur ein, während er die zehn Stufen hinaufstieg. Jeder seiner Schritte wurde von einem argwöhnischen Säuseln begleitet; Köpfe, die hinter seinem Rücken zusammengesteckt wurden und einander leise zuflüsterten. Erst gedanklich, dann auch durch die mächtige Eichentür, die hinter ihm in die Angeln fiel, sperrte Lucario das Wispern aus.

    Ein spitzes, kreischendes Geräusch legte ihm das erste Mal Ketten des Zögerns auf. Er hielt inne, atmete aus und sog das kühle, herbe Aroma des Mahagonifußbodens ein, das jeden Besucher beim Eintreten mit einem missbilligenden Knarren begrüßte. Erst ein üppig gemusterter Teppich verwandelte den verräterischen Willkommensgruß zu einem gedämpften Seufzen. Lucario ignorierte die beiden Gebäudeflügel zu seiner Linken und Rechten, ließ prunkvolle Wandteppiche, grimmig dreinblickende Gemälde und auf hüfthohen Schemeln gebettete Vasen gezielt hinter sich und folgte dem Läufer eine Treppe hinauf. Ein schnörkeliges Geländer sicherte die offene Empore ab, von der man den Ursprung der auch leisesten Bewegung im Foyer erspähen konnte. West- und ostwärts gab es je zwei Türen, und wie schon im Erdgeschoss jede Menge Prunk an den Wänden. Lucario zielte die größte Tür an, die zentral von der Treppe lag. Sein Zögern war ein Wimpernschlag der Zeit. Er klopfte gegen das Holz, dahinter antwortete nach wenigen Augenblicken eine dumpfe Stimme: Man bat ihn herein.

  • 2. Amtsgeschäfte


    Abgesehen von der Nachmittagssonne, die durch die Fenster brach und die offenen Schränke, Bücherregale, den großen Klauenfußschreibtisch und die Standuhr hell-orange tünchte, strahlte der Raum keinen Frohsinn aus. Begriffe wie neuwertig und kostbar standen im schrillen Kontrast zu verstaubten Gesetzen und antiquierten Ansichten, die hier, im Amtssitz des regierenden Bürgermeisters, an der Tagesordnung standen. Gesprochene Worte landeten meist auf Papier. Vielleicht folgte ihnen dann irgendwann sogar Taten - mit Glück oder Pech. Das lag ganz im Auge des Betrachters.

    »Ja? Wer sind Sie, was wollen Sie?«

    Eine kalte Welle der Missbilligung schwappte Lucario entgegen. Sie war willens und fähig, ihn, angefangen von dem schweißnassen Gesicht bis hinunter zu den gelblich verfärbten Pfoten, wieder aus der Tür hinauszuspülen. Die Nasenflügel des hinter dem opulenten Schreibtisch sitzenden Bürgermeisters blähten sich bedrohlich, als hätten sie soeben zwei Sandstürmen Geburt gegeben. Die schwarzen Pupillen auf der roten Netzhaut funkelten dem Eindringling angriffslustig entgegen.

    Lucario kreuzte die Arme. Die sanfte Glut der eigenen Augen schätzte das Kohlrabenschwarz des Gegenübers ab. Seine Stimme, ein sanft auf dem leisen Pendeln der Standuhr reitender Bass, antwortete: »Lucario, Ihr neuer Sheriff.«

    Das bösartige Funkeln in dem Blick des Bürgermeisters verschwand jäh.

    »Ach, so ist das also. Kommen Sie, kommen Sie doch näher.« Er winkte Lucario einladend herbei. Dieser folgte wunschgemäß. »Setzen Sie sich. Etwas trinken? Ich nehme an, Sie hatten eine lange Reise?« Noch von seiner Ausgangsposition, einem roten Samtsessel, glitt der Blick des Bürgermeisters über die Tischkante, wo er abermals an den schmutzigen Pfoten des Reisenden hängenblieb. Er rümpfte missbilligend die Nase, sagte aber diesmal nichts, außer: »Sicher hatten Sie das.«

    Lucario zog den angebotenen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder, stets im festen Blickkontakt mit seinem Gegenüber. Ein Getränk lehnte er aber ab.

    »Danke, aber nein danke.«

    Eine Augenbraue skeptisch hebend, schenkte der Bürgermeister stattdessen sich selbst nach.

    »Ist das so? Gut, gut. Dann kommen wir eben gleich zum geschäftlichen Teil.«

    Er stand auf und beugte sich über den Schreibtisch: ein kurzes Händeschütteln. Er nannte seinen Namen - Kukmarda -, betonte dabei beinahe schwülstig die Anrede Mayor, dann nahm er wieder Platz. Seine kurzen Fingerkuppen berührten einander, während er Lucario fixierte.

    »Es ist erfreulich, endlich wieder das Gesetz in unserer schönen Stadt zu wissen; und das sogar früher als erwartet. Wir rechneten eigentlich erst morgen mit Ihrer Ankunft. Pünktlichkeit weiß ich sehr zu schätzen.«

    Lucario sagte nichts, nickte nicht, seine Gesichtszüge blieben straff und ausdruckslos. Kukmarda schien die ungeteilte Aufmerksamkeit sehr zu genießen. Sein gewaltiger hervorstehender Schneiderzahn blitzte kurz auf, als er zum ersten Mal seit Lucarios Ankunft lächelte. Er nickte diesem kurz zu und ging durch den Raum. Beide Hände hinter dem Rücken ineinander verhakt schaute er nachdenklich aus dem Fenster.

    »Ich will Ihnen reinen Wein einschenken: Rhinos Straßen sind gefährlich geworden. Der gute Leumund unserer Stadt ist zu einem sündigen Aphrodisiakum des Verbrechens geworden. Einbruch, Diebstahl, Hehlerei - und das ist nur die Spitze des Eisbergs.« Kukmarda wandte sich vom Fenster ab und wieder Lucario zu. Der zu scharfen Klingen verengte Blick wob ein dichtes Netz aus Falten auf seinen Schläfen. »Das muss ein Ende haben! Und dass das klar ist: Mit Nettigkeiten gewinnen Sie hier keinen Blutstropfen. Ich wünsche, dass Sie als unser neuer Sheriff durchgreifen, wenn nötig mit der vollen Härte des Gesetzes. Der Abschaum, das ganze widerliche Geschmeiß, muss weg, damit sich Frauen und Kinder endlich wieder sicher bei uns fühlen können. Ich hoffe doch, Sie fühlen sich der Aufgabe gewachsen.«

    Es war keine Frage, sondern eine kompromisslose Aufforderung. Ein Nein stand nicht zur Debatte.

    »Sie haben mich gerufen. Ich habe den Ruf vernommen. Hier bin ich«, erklärte Lucario knapp.

    Der Mayor hatte wieder am Schreibtisch Platz genommen. Er lächelte wieder, doch war es nicht dasselbe, mit dem er vorher aufgestanden war. Stattdessen umspielte jetzt etwas Amüsiertes seine Lippen.

    »Ich bin erfreut, dies zu hören, aber um offen mit Ihnen zu sein, Lucario: Ich habe Sie nicht gerufen. Rhino braucht einen Ordnungshüter, keine Frage. Allerdings ging die Entscheidung diesmal von Ramal aus. Die Bürokraten dort bewerteten unsere jüngsten Entscheidungen betreffend der Besetzung eines Sheriffs nicht sonderlich gut, weswegen sie diesmal selbst eine Wahl getroffen haben. Und hier, hier kommen Sie ins Spiel.«

    »Sie klingen, als seien Sie wenig glücklich darüber«, merkte Lucario an. »Die Hauptstadt fischt in Ihren Gewässern, hm?

    Kukmardas Lächeln wuchs in die Breite.

    »Sie sind sehr scharfsinnig«, lobte er. »Ja, tatsächlich tue ich mir mit der Entscheidung, das heißt, mit der Einmischung Ramals schwer.« Das Wort Einmischung spuckte er in einem Anflug des Abscheus regelrecht aus. »Dennoch bin ich hinsichtlich Ihrer Besetzung zuversichtlich, Lucario.«

    »Warum hat Rhino in letzter Zeit eigentlich solches Pech bei der Besetzung eines Sheriffs?«

    Diesmal löste Ernst das Lächeln auf dem Gesicht des Mayors ab.

    »Das weiß ich leider nicht. Von heute auf morgen waren Ihre Vorgänger einfach weg. Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.«

    »Kündigungsschreiben?«

    »Nichts dergleichen. Ihr Deputy kann Ihnen sicherlich mehr über Ihre Vorgänger erzählen, schließlich hat er enger mit ihnen zusammengearbeitet. Sie finden ihn in Ihrem Büro«, er warf beiläufig einen Blick auf die Standuhr, »oder im Fröhlichen Fuchs. Das ist unser Saloon«, ergänzte Kukmarda auf Lucarios Augenbrauenheben. »Haben Sie die Inhaberin, Rutena, schon kennengelernt? Sie ist eine Zierde unserer schönen Stadt!«

    »Werde ich mir merken«, sagte Lucario stoisch.

    Eine kurze Stille ergriff von dem Raum Besitz, nur von dem beständigen, gleichmäßigen Klackern des Standuhrpendels unterbrochen.

    Erst erhob sich der Mayor, dann auch Lucario. Es war alles besprochen.

    »Nun gut, dann darf ich Ihnen gratulieren, Sheriff. Ich hoffe, Sie können meine Erwartungen übertreffen.«

    Ein kurzes Händeschütteln besiegelte abschließend den Vertrag. Der designierte Gesetzeshüter von Rhino spürte bereits den kalten, toten Stahl der Türklinke, als hinter seinem Rücken der Mayor noch einmal die Stille durchbrach.

    »Ach, ich vergaß zu erwähnen: Ich bin verwundert, dass Ramals Wahl ausgerechnet auf ein ehemaliges Mitglied der Schwarzen Kralle fiel. Ich nehme an, die Hauptstadt setzt ebenfalls große Erwartungen in Sie, Lucario.«

    Ein Blitz aus Eis und Feuer schlug erbarmungslos in Lucarios Körper ein. Seine Beine gefroren, das plötzlich wild durch die Adern pumpende Blut begann zu kochen. Ein Funke glimmte in seinem Kopf hell auf und warf einen flackernden Schatten auf die Leinwand seiner Gedanken. Er schüttelte sich innerlich, presste die Augen zusammen, dass sie vor Schmerzen tränten. Nach zwei Atemzügen riss er sie wieder auf. Die Zimmertür lag verschwommen vor ihm. Die Türklinke vibrierte unter dem gedämpften Zorn, der durch seine Adern floss und die eisigen Beinketten schließlich sprengte.

    »Ist das für Sie ein Problem?«

    »Mitnichten. Guten Tag.«

  • Hallo Eagle :)


    Also zuerst mal finde ich die Kurzgeschichte allgemein bisher verdammt gut und spannend.

    Der Prolog gefällt mir sehr und scheint aus zukünftiger Sicht geschrieben zu sein, was natürlich direkt zu Beginn die Frage aufwirft, was alles so schreckliches passieren wird, dass Lucario seine Erinnerungen in Alkohol ertränken will (wobei mir nach Kapitel 2 auch die Idee kam, dass es auch in weiter Vergangenheit liegen könnte und Lucario eben Rutena kennt und vor langer Zeit schon in Rhino war, aber das ist sicher bisher noch reine Interpretationssache ^^).

    Der allgemeine Aufbau der Kapitel sagt mir sehr zu, sie sind für meinen Geschmack weder zu lang, noch zu kurz und das Ende lässt bisher immer Spannung auf, wodurch ich mich natürlich auch schon auf weitere Kapitel freue und gespannt weiterlesen will^^

    Zu deinem Schreibstil muss ich glaube ich nicht viel sagen, der ist wirklich schön. Du beschreibst sehr lebhaft und ausgiebig, die Wortwahl ist auf einem für mich sehr angenehmen Mittelweg zwischen einfach und anspruchsvoll und ich kann dem Handlungsverlauf gut folgen.

    Auch die Wahl der kursiv gesetzten Worte setzen eine gute Betonung auf die Sätze, in denen sie genutzt werden und lenken die Aussage des Satzes deutlicher in die gewünschte Richtung.

    Die Charaktere finde ich bisher ganz gut dargestellt. Lucario als einziges Mysterium, der seine Vergangenheit wohl nicht unbedingt gerne in sein Gedächtnis zurückruft, Rutena als im Prolog sehr liebenswürdiger und fürsorglicher Charakter, der wohl noch eine große Bedeutung bekommen wird und Kukmarda als Bürgermeister, der gleichermaßen fies wie auch falsch und ein bisschen eingebildet wirkt und direkt so ein bisschen Antagonist-Vibes ausstrahlt. Außerdem erinnert er mich ein bisschen an Mr. Burns aus den Simpsons xD


    Das einzige, worüber ich immer wieder stolpere ist, dass du es gelegentlich mit den Beschreibungen etwas zu gut meinst und dich etwas zu sehr darin verlierst. Die Beispiele hierfür konkret sind:

    Unbeirrt stemmte er sich gegen den sekündlich immer aufbrausend werdenden Westwind. Nach Aufmerksamkeit oder einer bloßen Regung lechzend, rüttelte der Wendigo an dem beharrlichen Granit, der das rußige Gesicht des Fremden war. Er verstrubbelte ihm das Fell, das wie das Blau eines klaren, klirrenden Winterhimmels leuchtete, heulte ihm unheilvoll in den spitz zulaufenden Ohren, wirbelte ihm Staub in die naturroten Augen und schlug seine windigen Fänge in den braunen Lederbeutel auf dessen Rücken. Von Wahnsinn übermannt, riss sich der Westwind schließlich laut aufheulend entzwei und suchte sein Glück weiter nordwärts.

    Den Teil musste ich 3 oder 4 mal lesen bis ich wirklich realisiert hatte, was genau du damit eigentlich aussagen willst, weil du dich da doch für mein Verständnis ein bisschen zu sehr in Details und möglichst ausgeschmückten Beschreibungen verlierst. Sobald ich dann mal verstanden hatte, was genau du damit aussagen möchtest, war das dann auch wieder Okay, aber es hat halt seine Zeit gekostet den Abschnitt erstmal zu verstehen ^^'

    Weiter westwärts von Rhino hob sich eine Bergkette dem Himmel zu, deren Silhouette in klaren Vollmondnächten ockerfarben leuchtete.

    Der Satz hat mich etwas verwirrt, da die Handlung ja Tagsüber spielt und nicht Nachts. Und dann kam der Satz und ich musste auch wieder kurz stocken um das ganze irgendwie einzuordnen. Es ist schön zu wissen so als Nebendetail, aber der Zeitpunkt der Beschreibung ist imo einfach unpassend gewählt und würde besser wirken, wenn Lucario diese Feststellung entweder direkt mit einer Erinnerung/Emotion verknüpft oder diese Beschreibung auch in einer klaren Vollmondnacht gekommen wäre.

    Ein Blitz aus Eis und Feuer schlug erbarmungslos in Lucarios Körper ein. Seine Beine gefroren zu Eis, das plötzlich wild durch die Adern pumpende Blut begann zu kochen. Ein Funke glimmte in seinem Kopf hell auf und warf einen flackernden Schatten auf die Leinwand seiner Gedanken.

    Puh das war auch einfach wieder ein bisschen to much fürs erste Lesen und hat auch ein paar Anläufe gebraucht, bis ich so ganz verstanden hatte, was da abgeht. Grade die Doppelung des Wortes "Eis" gefällt mir da auch nicht wirklich und das zweite könnte man imo auch wegkürzen zu nur "Seine Beine gefroren,[...]" eben weil vorher schon die Gefühlsgrundlage als "Blitz aus Eis und Feuer" beschrieben wurde.



    Ich bin echt gespannt, wie die Geschichte sich noch weiterentwickelt und freue mich schon sehr auf die nächsten Kapitel^^


    Liebe Grüße

    Creon

  • 3. Wo das Gesetz wohnt


    Nach einer knappen halben Stunde im kühlen Rathaus glich die Welt außerhalb einem unerträglichen Glutofen. Die Sonnenstrahlen waren glühende Nadeln, die die eben erst versiegten Schweißporen auf der Stirn des neuen Sheriffs erneut aufbohrten. Lucario atmete die staubige, trockene Luft ein. Eine leichte, kühle Brise strich ihm durch das Fell. Er schloss die Augen. Wie eine Liebeserklärung, die man ihm zärtlich in die Ohren säuselte, hieß er sie willkommen. Langsam stieg er die Treppenstufen zur Straße hinab, jeder Schritt begleitet von einem stechenden Gefühl auf seiner Brust. Instinktiv tastete er an die Stelle: eine alte Wunde - gut versteckt und längst verheilt. Doch schmerzte sie, als steckte ein unsichtbarer Dolch darin. Beabsichtigt oder nicht: Das zurückliegende Gespräch hatte die alte Wunde wieder zum Vorschein gebracht, worüber er sich insgeheim mehr Gedanken machte als über das Verschwinden seiner Vorgänger.

    Die Schwarze Kralle … Der Mayor wusste davon. Lucario stellte sich selbst die Frage, wie viele dieses Wissen noch teilten; in Rhino und überhaupt. So lange war er gereist, nur um seine Vergangenheit zu begraben. Sollte sich nun herausstellen, dass er die Stelle überhaupt nur deswegen bekommen hatte? Wegen seiner Vergangenheit, die ihn letztendlich doch eingeholt hatte? Falls ja, bewies das Schicksal einen perfiden Sinn für Ironie.

    Die einzige Straße in Rhino führte als unbefestigter, breiter Weg vom Stadtanfang bis zum -ende. Dazwischen säumten größere und kleinere Gebäude den Wegesrand, je links und rechts verbunden von einer schlicht gehaltenen Holzbodenpromenade. Mit seiner strahlend weißen Fassade und den im Sonnenlicht blitzenden Fenstern mochte das Rathaus vom ästhetischen Standpunkt das meiste Aufsehen erregen. Größentechnisch musste es sich aber der knapp 100 Meter entfernten Schule und dessen Glockenturm auf dem Dach geschlagen geben - das größte Gebäude Rhinos. Zur späten Nachmittagsstunde waren Tische, Stühle und Bänke in der Lehranstalt jedoch verwaist und sollten erst mit dem Läuten der Schulglocke am nächsten Morgen zu neuer Blüte kommen. Anders sah es im Fröhlichen Fuchs aus, dem Saloon der Stadt, wohin sich allmählich das öffentliche Leben verlagerte. Er war der Schmelztiegel, in dem alle gesellschaftlichen Schichten alltäglich zu einer einzigen, festen Substanz zusammenflossen. Und nur in einem Kraftstoff auf dem Erdenrund steckte genug Feuer, um diesen Kessel am Brennen zu halten: nämlich Geld. Folglich spielt es keine Rolle, ob man äußerlich ein Landbesitzer war, ein einfacher Tagelöhner, ein verwegener Karawanenführer oder auch nur ein mieser Halsabschneider. Nur die Höhe des über die Zeit hinweg angehäuften Vermögens zählte. Eingetauschtes Geld fand man in einem Saloon wie dem Fröhlichen Fuchs insbesondere in den dort servierten Drinks wieder. Auch bei der Informationsbeschaffung konnte die Höhe der Barschaft über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dies zählte aber mit Abstand zu den gefährlichsten Gütern, die für klingende Münze eingetauscht wurden. Denn wer zu viele Fragen stellte, hatte meistens bereits Dreck am Stecken oder beabsichtigte, irgendwann noch Schwierigkeiten zu machen. Dagegen wirkte das Glücksspiel und damit auch das Risiko, als Scharlatan gebrandmarkt und aus der Stadt gejagt zu werden, als weitaus weniger gefährlich.

    Noch im Vorbeigehen perlte Lucarios Blick an der einladenden zweiflügeligen Schwingtür des Saloons ab. Er hörte die ausgetrocknete Stimme seiner Kehle vor Wut brüllen, spürte das unwiderstehliche Verlangen wie ein pulsierendes Gift in den Adern, für das es nur in der Bar ein rettendes Antidot gab. Mit kühler Beherrschtheit redete er sich ein, sicherlich noch mehr Zeit als genug im Saloon zu verbringen; wahrscheinlich sogar bereits morgen. Weitaus verlockender wirkte dagegen das Badehaus auf ihn, einige Häuser weiter. Die Absicht eines Besuchs besänftigte auch das innerliche Brüllen - zumindest etwas.

    Von einem Passant erfuhr Lucario den Standort des Sheriff’s Office. Im Anschluss der kurzen Befragung hatte es der Tippgeber sehr eilig, von Lucario wegzukommen. Vielleicht war es durch das nach tagelanger Wanderung ungepflegte Äußere verschuldet, was wenig Vertrauen in seine Person erweckte. Auch seine Stellung als frischgebackener Sheriff Rhinos, im Normalfall ein angesehenes Amt, warf kein gutes Licht auf ihn. Dafür hatte das mysteriöse Verschwinden seiner Vorgänger gesorgt. Oder griff sogar bereits Lucarios Ruf als ehemaliger Söldner um sich? Er wusste es nicht, im Endeffekt war es ihm sogar einerlei.

    Das Gesamtbild wandelte sich kaum, während Lucario der vorgegebenen Straße westwärts folgte. Passanten, die noch letzte Erledigungen in Einrichtungen wie der örtlichen Bank, dem Kramergeschäft oder in der Poststelle zu erledigen hatten, beschleunigten im Vorbeigehen ihre Schritte, wechselten sogar die Straßenseite, bevor sie sich dann umdrehten und dem unnahbaren Fremden im blauen Pelzmantel misstrauisch nachsahen. Nur ein einziger Stadtbewohner tauschte das Unbehagen in fiebrigen Blicken gegen Faszination in seinen großen, leuchtenden Augen ein. Es war ein Knabe, nur ein paar Jahre alt, der mit seiner Mutter die Promenade Richtung Stadtmitte unterwegs war. Da es weder Angst noch Furcht gab, die den Jungen gefügig machte, zerrte seine Mutter beinahe panisch an ihrem Sohn, damit er mit ihr die Straßenseite wechselte. Doch die hängende Kinnlade des Kindes war wie ein unnachgiebiger Anker, der das Weiterkommen unmöglich machte. In ihrer Machtlosigkeit ließ die beleibte Frau plötzlich von ihrem Sohn ab. Ihre Kräfte schwanden rapide. Sie verkrampfte und versteifte, wagte nicht einmal mehr einen Atemzug oder ein Blinzeln. Doch bevor sie überhaupt wusste, wie ihr geschah, war der Sheriff bereits ohne ein böses Wort an ihr vorbeigegangen. Noch hinter seinem Rücken hörte Lucario die Frau ihren Sohn leise ausschimpfen - wütend und erleichtert zugleich -, dazu hastige Schritte; wahrscheinlich von Stadtbewohnern, neugierig auf die Begegnung mit dem neuen Gesetzeshüter.

    Lucario öffnete die Tür des Sheriff’s Office, ein profanes Gebäude, das in seinem äußeren Erscheinungsbild den vielen Wohnbaracken der Stadt sehr ähnlich war. Lediglich die Aufschrift SHERIFF in großen, verwitterten Buchstaben auf dem Vordach markte es als solches. Beim Betreten prallte Lucario regelrecht gegen eine Wand. Die Luft im Raum war ein fauliges Odeur, ein auf der heißen Herdplatte der Zeit vergessener Sud. Auf Fußboden, Regalen und den Schränken der Schreibstube sammelte sich der Staub von Wochen. Rechts vom Eingangsbereich hatte man den Raum für zwei aneinandergrenzende Gefängniszellen abgetrennt. Große, schwarze Metallstäbe woben ein grobmaschiges Eingangstürennetz, hinter dem sich keine Straftäter, dafür aber noch mehr Schmutz befand. Gesiebte Luft, so viel stand fest, hatte hier lange Zeit niemand geatmet. Ironischerweise schien das sauberste Utensil im Raum der Kehrbesen zu sein, den man in eine hintere Ecke im Raum abgestellt hatte. Wie schon im Büro des Mayors gab es auch hier einen Schreibtisch, nur war dieser bei Weitem nicht so pompös und auch nicht so aufgeräumt. Fliegende Blätter häuften sich darauf wie Blattwerk zur Herbstzeit, hier und da fand man auch einige Schreibwerkzeuge wie vom Wind abgetragene Äste. Über all dem thronten zwei Füße, die der Besitzer dort zur Ruhe gebettet hatte. Die Sohlen schauten direkt zum Eingangsbereich und verdeckten die Sicht dorthin. Jeder Zehe schien Lucario einzeln auszulachen, während er zwischen Tür und Angel verharrte.

    Krachend schlug Lucario die Tür zu. Der Knall war eine Druckwelle, die da Schränke zum Beben brachte, den Staub in der Luft umherwirbeln ließ und die einzig andere Person im Raum regelrecht vom Stuhl fegte. Stöhnend rappelte er sich auf.

    »Wir haben auch so etwas wie Türklinken …«

    Er rückte den Stuhl in die richtige Position, nahm darauf Platz und legte seine Füße wieder auf die Tischplatte. Gelangweilt gähnte er.

    »Ja, was gibt’s?«

    Lucario stampfte durch den Raum, jeder Schritt ein Epizentrum des Zorns. Er packte den Hausbesetzer an dem weißen Flaum an dessen Schulterblättern und rammte ihn rücklings gegen die Wand. Zwischen malmenden Kiefern presste er hervor: »Du hast 30 Sekunden, um mir was Hübsches vorzusingen, und falls mir dein Liedchen nicht gefällt« - Lucario wirbelte mit ihm in den Pfoten herum, tanzte mit ihm einige Schritte durch den Raum und presste ihn anschließend unsanft gegen eine Gefängnistür - »dann singst du für eine ganze Weile nur noch den Knastvogelblues! Wer bist du? Was treibst du hier?! Rede!«

    »Grill-Grillchita! Der Deputy! Der Deputy!«

    In den weit aufgerissenen Augen behielt die Panik selbst dann noch die Oberhand, als Lucario seinen Griff langsam löste. Ungläubig ging er einen Schritt zurück.

    »Der Deputy?«

    Mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck fasste sich Grillchita an die Schultern.

    »Die Zahnfee bin ich jedenfalls nicht.«

    Lucario korrigierte den Schritt zurück und baute sich vor seinem Gegenüber auf. Ihre Gesichter berührten sich fast.

    »Dafür ein widerliches Schwein, oder wie ist dieser Saustall zu erklären?«

    »Bin ich die Putze vom Dienst oder was? Bis hier der neue Sheriff irgendwann eintrudelt, bin ich hier das Gesetz.«

    Lucarios Gesicht wurde zu einer Maske, hinter der seine Augen sardonisch glimmten. Er sammelte den Besen in der Ecke auf und drückte ihn dem Deputy in die Hände.

    »Du bist abgelöst.«

    Körnchen für Körnchen rieselte der Sand im Stundenglas der Zeit hinab. Grillchitas Gesichtsausdruck blieb verständnislos, bis irgendwann seine Lippen leise »Der Sheriff?« formten. Dann riss er die Augen weit auf.

    »Der Sheriff!«

    Lucario würdigte den Moment langsamen Verständnisses mit einem kurzen, aber eindringlichen Nicken. Er spürte die Restwärme, als er auf dem nunmehr freien Stuhl Platz nahm und seinem Angestellten beim Saubermachen zusah. Auf die Frage, ob seine Reise angenehm gewesen sei, blieb er eine Antwort schuldig. Stattdessen erkundigte er sich: »Wie sieht es in Rhino aus? Irgendwelche Vorfälle in den letzten Tagen? Irgendetwas, was ich wissen muss?«

    Erleichtert über den Themenwechsel verloren Grillchitas rot angelaufene Wangen wieder etwas an Farbe. Er stützte sich auf dem Besenstil ab, während er nachdachte. Mit einer stummen Kehrbewegung seiner Pfote wies Lucario den Deputy jedoch an, weiterzumachen, während dieser zu erzählen begann.

    »Überfälle auf Post- und Versorgungskutschen häufen sich in der letzten Zeit. Nichts Ungewöhnliches, gab es schon immer, aber wie gesagt: In letzter Zeit …« Er verstummte kurz. »Sprechen Sie am besten mit Rameidon, dem Poststellenbetreiber. Er hat bestimmt mehr Infos. - Was noch …? Es gibt einige Beschwerden von dem Inhaber des Kramergeschäfts der Stadt. Hat anscheinend Probleme mit einigen frechen Aussiedlern, die hin und wieder in die Stadt kommen und Schwierigkeiten machen. Ansonsten der gewohnte Kleinkram, kaum der Rede wert.«

    »Tatverdächtige?«, hakte Lucario nach.

    »Wir haben ein paar Dauergäste, aber verdächtig ist das nicht. Rhino ist ’ne reiche Stadt, und jeder will sich gerne ein Stück vom Kuchen abschneiden. Aber wenn Sie mich fragen:« - Grillchita nickte verschwörerisch. »Dieser Z stinkt zum Himmel.«

    Lucario hob eine Braue.

    »Z?«

    »Yepp, Z. Man munkelt, sein richtiger Name sei Zeraora und habe schon so manches dickes Ding gedreht. Steckbriefe gibt es aber nicht. Muss ein echter Profi sein. Er ist ein Glücksspieler und treibt sich die meiste Zeit im Saloon rum. Suchen Sie den Tisch mit den vielen enttäuschten Gesichtern. Können Sie kaum verfehlen.«

    »Verstehe. Sonst was?«

    »Wir haben da noch ein paar Unterhaltungskünstler in der Stadt. Komme gerade nicht auf den Namen der Truppe … Jedenfalls verbringen sie und Z viel Zeit zusammen.«

    »Noch was?«

    Grillchita dachte nach. Sein Besen machte derweil eine Pause.

    »Nichts Erwähnenswertes.«

    »Was ist mit den verschwundenen Sheriffs?«

    »Traurige Geschichte. Waren alle gute Männer.«

    Lucarios Miene verdunkelte sich.

    »Klingt so, als befürchtest du bereits das Schlimmste«, stellte Lucario fest.

    Grillchita antwortete nicht gleich. Schließlich zuckte er grimmig die Schultern.

    »Was soll man schon anderes glauben? Gestern geht man noch mit seinem Partner was trinken, und am nächsten Tag ist er wie von der Wüste verschluckt. Das stinkt doch zehn Meilen gegen den Wind. Und falls Sie mich jetzt gleich fragen wollen: Nein, es gab nicht einmal die leiseste Andeutung, dass einer Ihrer Vorgänger die Stadt verlassen wollte.«

    Grillchita begann wieder zu kehren, das Gespräch endete hier.

    Die heißen Dampfschwaden des Badehauses träufelten Lucario allmählich den Schlaf in die Augen. Er lehnte in einem der großen Waschzuber und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Grillchita wirkte auf ihn nicht wie der zuverlässigste, doch konnte er nicht davon ab, festzustellen, dass sein neuer Deputy gut über die Lage der Stadt informiert war. Und in einer Sache musste er ihm besonders recht geben: In Rhino stank so manches gewaltig.

  • 4. Ein neuer Sheriff in der Stadt


    In Rhino gab es ein altes Sprichwort: »Empfängst du den Tag mit einem Lächeln, so lächelt dir auch der Tag.« Über die Jahre hinweg unterstützten immer mehr die Behauptung, dies sei lediglich ein subtiler Versuch, die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung zu steigern. Angesicht Rhinos Erfolg, sich von einem provisorischen Nachtlager zu einem ausgewachsenen Handelsmoloch zu etablieren, durchaus ein legitimes Urteil. Zweifler gab es nur wenige, und schon gar nicht in Rhino. Dafür jede Menge überzeugte Anhänger, die von dieser Redewendung morgens wachgeküsst und abends wieder in den Schlaf gewogen wurden. Auch dem neuen Sheriff ihrer Stadt blieben sie kein Lächeln schuldig - wenn auch etwas zaghaft.

    Beim Spaziergang über die Promenade funkelte Lucarios goldgelber Sheriffstern an der Brust mit der frühen Morgensonne um die Wette. Wasser und Seife hatten den schmutzigen Landstreicher in ihm fortgewaschen; zurückgeblieben war der neue Gesetzeshüter von Rhino. Sein geändertes Auftreten spiegelte sich in den Gesichtern der Bürger wider: in höflicher Ehrfurcht, aber auch in respektvoller Distanz. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Sie befanden sich auf dem Weg zur Schule oder kümmerten sich um die frühmorgendlichen Erledigungen wie im Kramergeschäft oder der Poststelle. Letzteres gehörte auch zu Lucarios erstem Ziel in seinem neuen Amt.

    Aus den Papierakten, die Lucario am gestrigen Abend noch durchgesehen hatte, ging hervor, dass zumindest sein letzter Vorgänger, Karippas, in Sachen Postkutschenüberfälle Ermittlungen angestellt hatte. Das war es dann aber auch schon: Ermittlungen, ohne nennenswerte Ergebnisse. Denn dafür hatte Karippas Zeit allem Anschein nicht gereicht. Seine Berichte enthielten keine Hinweise, keine Tatverdächtigen, nichts. Ernüchtert hatte Lucario feststellen müssen, dass die Akten ebenfalls nichts über den ominösen Glückspieler Z hergaben, den sein Deputy zumindest als suspekt eingestuft hatte. Demnach war Lucario gezwungen, den Fall ganz neu aufzurollen, beginnend mit einer Unterhaltung mit Rameidon, dem Betreiber der Poststelle.

    Rhinos würfelförmiges Postamt befand sich etwa in der Stadtmitte und grenzte an den Saloon an. Unter seinem langen Vordach, das einen mächtigen Schatten warf, waberte bei Lucarios Ankunft noch der Staub der letzten Postkutsche, die Rhino heute verlassen hatte. Hinter einem Tresen traf er einen Angestellten an, der ihm einen müden Morgengruß ins Gesicht gähnte und ihn anschließend in das Büro im zweiten Stock schickte.

    »Kommen Sie rein!«

    Das Büro des Poststellenbetreibers war eine Domäne des Protzes und Überflusses, in der das frühe Morgenlicht über blumengemusterte Teppiche flanierte und den Büsten aus weißem Marmor zärtlich über die Wangen streichelte. Nebst einer zimmerdeckenhohen Vitrine, in der insbesondere Geoden in allen Regenbogenfarben schillerten, hatte man eine Sitzecke mit einer fliederfarbenen Couch, drei samtüberzogenen Stühlen und einem gläsernen Tisch eingerichtet. Der meiste Platz beanspruchte ein Möbelstück aus Schwarznussholz am Raumende, auf dessen Maserung helle und dunkle Brauntöne in fantasievoller Ektase umherwirbelten. Es war ein Altar von einem Schreibtisch, der in vollem Umfang seinem Besitzer entsprach. Denn Rameidon war ebenfalls eine imposante Persönlichkeit: groß, kräftig, fast schon bullig. Er überragte Lucario fast um eine Kopflänge, als er diesem die Hand zum Gruß reichte. Sein Griff war wie sein Äußeres: resolut und kraftvoll, dazu noch kalt wie nackter Fels im Mondlicht.

    »Ah, der neue Sheriff. Ich habe Sie bereits erwartet. Setzen wir uns doch dorthin, da ist es bequemer. Möchten Sie etwas trinken?«

    Wie schon am Vortag lehnte Lucario die Erfrischung ab, folgte auch nicht der Einladung zu der Sitzecke. Stattdessen hob er eine Braue.

    »Erwartet?«

    Rameidons Lächeln, mit dem er den Sheriff empfangen hatte, ging etwas zurück.

    »Jetzt sagen Sie nicht, Sie seien nicht im Auftrag des Bürgermeisters hier?«

    Lucario verschränkte die Arme.

    »Ehrlich gesagt, nein. Mein Deputy hat mir ein Treffen nahegelegt.«

    »Oh, eine brave Seele, Ihr Deputy. - Wollen wir uns nicht setzen?«

    Mit einer Handbewegung verwies er abermals auf die gepolsterten Möbel. Rameidon nahm als Erstes Platz, auf der großen Couch. Sein Besuch begnügte sich mit einem Sessel, seinem Gastgeber gegenüber.

    »Wie dem auch sei: Ich bin froh, dass Sie sich meinem Dilemma annehmen wollen - und dann auch noch so schnell.«

    Ein plötzliches Unbehagen breitete sich in Lucario aus, als sich der Komfort einfühlsam an seinen Körper schmiegte. Es hatte etwas Einladendes, trotzdem fühlte er sich unwohl in seiner Haut. Seine rechte Pfote glitt langsam über eine der beiden gewundenen, geschmeidigen Armlehnen. Es war wie eine Schlittenfahrt auf Wolken.

    »Die Geschäfte laufen gut, wie es scheint«, schlussfolgerte Lucario.

    Rameidon gluckste.

    »Missgönnen Sie einem hart arbeitenden Geschäftsmann den Erfolg nicht. Blut, Schweiß und Tränen dürfen sich ruhig bezahlt machen, finden Sie nicht? Ich will auch gar nicht verneinen, dass es das Schicksal in letzter Zeit sehr gut mit uns gemeint hat - mit Rhino und seinem Postamt. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Geschäfte noch besser laufen könnten.«

    »Erzählen Sie mir über die Überfälle.«

    Rameidon legte den Kopf kummervoll in den Nacken. Erschöpft atmete er aus.

    »Der Zugriff erfolgt immer außerhalb von Rhino, manchmal näher, manchmal weiter weg. Wir wissen nicht, wer sie sind und woher sie kommen, nur, dass sie gründlich sind, das wissen wir. Alles, was nicht niet- und nagelfähig ist, nehmen sie mit. Immerhin sind sie so anständig, dass noch kein Arbeiter ernsthaft zu Schaden gekommen ist.« Ein grimmiger Ausdruck huschte über sein Gesicht, als ob er gerade mit einem Zahn auf eine Zitrone und mit einem anderen auf Baldrian gebissen hätte. »Jetzt hören Sie mich reden … Ich lobe doch tatsächlich dieses Pack über den grünen Klee …«

    »Standartbesetzung?«, erkundigte sich Lucario.

    »Das ist richtig. Zwei Arbeiter ziehen die Kutsche, einer sitzt im Wagen. Aber wenn das so weiter geht, brauchen wir bald zusätzlichen Begleitschutz; Gefahrenzulage allein bringt die Waren auch nicht an ihr Ziel. Beides kostet Geld. Machen wir gar nichts, bringen wir nur noch mehr von diesem Gesindel auf dumme Gedanken. So oder so: Rhino ist der Verlierer, es sei denn, der neue Sheriff kann helfen«, sagte Rameidon, woraufhin er das Eindingliche in seinem Blick intensivierte.

    »Verdächtigen Sie jemanden? Einen Kopf hinter dem Ganzen?«, fragte Lucario.

    »Was wissen Sie über die Aussiedler?«

    Lucario kräuselte nachdenklich die Lippen.

    »Sie siedeln westlich von Rhino. Gelegentlich kommt der ein oder andere in die Stadt, um Vorräte zu kaufen und die Einrichtungen zu nutzen. Es gab wohl in der Vergangenheit einige kleinere Zwischenfälle.«

    Rameidon nickte anerkennend.

    »Sie sind gut informiert.«

    Lucario schaute ihn fragend an.

    »Woher kommt Ihr Argwohn gegen die Aussiedler? Was ist das Motiv?«

    »Weil unsere Nachbarn wiederholt negatives Aufsehen erregt haben, verhängten einige Läden Hausverbot, darunter auch das Kramergeschäft. Der Verdacht liegt nahe, dass sie es deshalb auf unsere Versorgungskarawanen abgesehen haben; die Retourkutsche sozusagen. Verzeihen Sie mir das Wortspiel.«

    »Hat man sich je um einen Dialog bemüht?«

    Rameidon begann plötzlich, schelmisch zu grinsen, wie ein Kind, das einen nach den Bienchen und Blümchen fragt.

    »Entschuldigung, aber ich bin doch sehr überrascht, dass ausgerechnet Sie eine diplomatische Lösung vorschlagen; ein Mann mit Ihrem Werdegang …«

    Eine Welle pulsierenden Zorns schlängelte sich durch Lucarios Eingeweide. Auf der Suche nach einem Ausgang brandete sie gegen eine schroffe Küste knirschender Zähne.

    »Meine Vergangenheit hat mich nicht zu einem hirnlosen Killer erzogen, falls das Ihr Argument ist.«

    Rameidons Lächeln verschwand augenblicklich.

    »Das zu unterstellen, lag nicht in meiner Absicht, entschuldigen Sie.« Rameidon atmete tief aus. »Jedenfalls hat man sich meines Wissens nach nie an einen gemeinsamen Tisch deswegen gesetzt. Es gab wohl den ein oder anderen Dialog, aber …« Rameidons Miene verdunkelte sich, während er sich beschwörend in Lucarios Richtung vorlehnte. »Falls die Überfälle tatsächlich auf deren Konto gehen, dann ist die Zeit des Redens längst vorbei, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

    Lucario nickte.

    Früher hatte er das oft getan: genickt. Keine Fragen gestellt, etwaige Bedenken zur Seite geschoben. Nur das Ergebnis hatte gezählt. Doch dies gehörte nun der Vergangenheit an. Die Postkutschenüberfälle mochten eine Narbe auf Rhinos rosaroter Wange sein, doch Rameidon war kein Auftraggeber und die Siedler kein lästiger Fleck, der verschwinden musste. Darum war es nicht dasselbe Nicken, mit dem Lucario einst seine Verträge stumm besiegelt hatte.

    Beim Verlassen der Poststelle ging der Sheriff seine Optionen durch. Rameidons Verdacht schien zwar begründet, doch wirkte er nicht sehr überzeugt, und Lucario war es schon gar nicht. Als er nachdenklich die Straße hinunterschaute, badete er sein Gesicht in dem klaren Licht der frühen Morgensonne. Tief atmete er ein, sog die angenehme Wärme in die Stirnhöhlen.

    Rhinos Bewohner zogen derweil an ihrem Sheriff vorbei. Sie würdigten den gedankenversunkenen Gesetzeshüter mit einem diskreten Nicken und gingen dem eigenen Tagwerk nach. Seit dem Ablaufen der letzten Stunde hatte Rhinos Stadtbild sichtbar andere Farben angenommen. Der Trubel hatte abgenommen. Das Frohlocken der Kinder war zu einem Flüstern im Wind geworden. Die meisten Männer gingen um diese Tageszeit ihrem Broterwerb nach. Sie arbeiteten in einem Geschäft, standen auf dem Feld, gruben in den Kalkminen südlich der Stadt oder waren Teil einer Karawane. Bis auf wenige Ausnahmen waren nur die Frauen, die Alten und die Kranken zurückgeblieben. Fast schon durfte man straffrei behaupten: Rhino war zur Ruhe gekommen. Es gab nur noch einen Ort in der Stadt, der den Ärger quasi magnetisch anzog - selbst zu dieser Uhrzeit. Und dieser Ort stand ganz weit oben auf Lucarios Liste.

    Wann immer ein fremdes Gesicht einen Saloon betrat, schien die Zeit den Atem anzuhalten. Für wie lange, das entschied der Argwohn in den Blicken der anderen Gäste. Auch der Fröhliche Fuchs bildete keine Ausnahme. Doch zu dieser Tageszeit währte die Ruhezeit nur kurz. Die zweiflügelige Schwingtür wippte noch ganz sacht, als der Odem der Zeit allen Anwesenden wieder das Leben einhauchte. Die meisten Tische waren verwaist. Von einem warf ein verhutzelter Gast dem Neuankömmling ein zahnloses Grinsen zu. In der Nähe der Treppe, die ins offene Obergeschoss zu den in einer Reihe angeordneten Quartieren führte, saßen drei weitere Kneipenbesucher. Schatten, schwarz wie die Nacht, waren bei der Ankunft des Sheriffs über ihre Gesichter gehuscht. Jetzt lagen sie im Deckmantel zusammengesteckter Köpfe versteckt und flüsterten leise. Die letzte Person im sonst leer gefegten Saloon stand hinter der Theke - Rutena, die Barbesitzerin, wie Lucario nach dem Gespräch mit dem Bürgermeister vermutete.

    »Wenn das mal nicht der neue Sheriff ist. Ich habe dich schon viel früher erwartet.

    Rutenas zartes Lächeln und ihr Augenzwinkern waren wie zwei zum Willkommensgruß ausgestreckte Arme, in die Lucario geradewegs hineingestolpert war. Mäßig verunsichert lehnte er an der Theke, ihren Blick mit fragendem Gesichtsausdruck erwidernd.

    »Erwartet?«

    »Sicher. Jeder Neuankömmling verirrt sich früher oder später in meine Bar - meistens früher.« Wieder zwinkerte sie. »Also, was darf ich dir bringen, Sugar?«

    »Dafür bin ich nicht hier. Ich …«

    »Schnickschnack!« Rutena griff unter den Tisch. Wenig später wirbelte ein Mahlstrom aus orangenen und braunen Farbtönen in einem Glas umher. Als der letzte Tropfen vom Flaschenhals getropft war, stellte Rutena das Getränk auf den Tresen. »Bitte, geht auch aufs Haus. Und was noch viel wichtiger ist: ist mit Liebe eingeschenkt.« Zum dritten Mal in Folge zwinkerte sie.

    Aus der Distanz betrachtete Lucario das Glas vor ihm. Eine Sehnsucht machende Wärme ging davon aus. Der milde Geruch war wie ein Sonnenaufgang am unerreichbaren Horizont.

    »Er ist nicht vergiftet. Tote Kunden sind schlecht fürs Geschäft«, gluckste Rutena.

    Lucario nippte an seinem Getränk. Ein molliges Gefühl nahm seinen Geschmackssinn herzhaft in Empfang und betäubte alle seine weiteren Sinne. Ein Vanillearoma streichelte ihm über die Zunge und neckte seinen Gaumen, wo es eine entfernte Ahnung von Kokosnuss entfaltete. Der Abgang war rauchig; Holzkohle, die in seiner Kehle zu neuer Glut entfachte und noch einige Zeit in der Speiseröhre verharrte. Als er die weltvergessenen Augen öffnete und das nur noch halb volle Glas vor ihm abstellte, war es ihm, als sei er aus einem langen Koma erwacht. Er nickte Rutena anerkennend zu. Diese erwiderte mit einem Lächeln.

    »Das nehme ich dann mal als Kompliment.«

    »Eigentlich bin ich wegen Z hier«, sagte Lucario.

    »Z?«

    Rutena neigte ihren Kopf etwas zur Seite, wo ein leerer Tisch einsam und verlassen den kommenden Abend herbeisehnte. Offenbar war dies der Stammplatz des Glücksspielers.

    »Tut mir leid, Sugar, aber Z ist ein Langschläfer. Den wirst du vormittags hier nicht antreffen. Hat er was ausgefressen?«

    »Langschläfer, hm?«

    »Wem muss ich den Arm brechen, um hier mal was Ordentliches zu trinken zu bekommen!?«

    Rechts hinter Lucarios Rücken war an dem Tisch mit dem Dreiergespann eine Stimme explodiert. Eine weitere Entladung bahnte sich an der Theke an.

    »Wenn du was zu saufen willst, Tyracroc, dann komm nach vorn an die Theke und hol’s dir!«

    Hinter Tyracrocs windschiefem Lächeln lag ein Zähnefletschen.

    »Ich fände es aber viel schöner, wenn du vorbeikommst und mir was bringst.« Seine Augen kullerten feindselig in den Höhlen, als er das leere Glas auf den Tisch knallte. »Vollmachen!«

    Lucario konnte nicht anders, als der Barbesitzerin, die jetzt hinter der Theke hervorkam, in einem schrägen Winkel nachzusehen. Rutenas schlanke, anthrazitgrauen Beine gehörten zu der Sorte, die niemals aufzuhören schienen. Hinter ihrer Schürze bot sie ihren buschigen Schwanz feil - eine Kaskade endloser Begierde, ungestümer Leidenschaft und unbezwingbarer Sehnsucht. Noch aus dieser Perspektive schien das fuchsige Rot in ihren Augen hell wie tausend Sonnenuntergänge zu brennen. Doch hinter dem Feuer ihrer lodernden Fassade schien noch etwas zu sein - etwas Verstecktes. Ein bitterkaltes Türschloss, das sich wie Ketten um ihr Herz schlang und für das der Schlüssel vor langer Zeit weggeworfen worden war.

    Während sich der Ärger an Tyracrocs Tisch in vollgefülltes Wohlgefallen verwandelte, leerte Lucario sein eigenes Glas mit einem letzten kraftvollen Zug. Er entbot der mit leidigem Gesichtsausdruck zurückgekehrten Gastwirtin einen stummen Abschiedsgruß und kehrte der Theke den Rücken zu.

    »Seht mal Jungs, der neue Sheriff verlässt uns schon. Scheint so, als würde ihm die Plörre hier auch nicht schmecken.«

    Lucario näherte sich den zu Grimassen verzogenen Gesichtern. Auf gleicher Höhe verlangsamte er kaum merklich seine Schritte. Er spürte Tyracrocs provozierenden Blick im Nacken.

    »Wir haben eine Wette am Laufen, Sheriff. Ursaring und Sengo hier glauben, dass Sie eine Woche durchhalten. Ich für meinen Teil halte dagegen. Bei mir sind es noch keine drei Tage. Enttäuschen Sie mich bloß nicht - ich hasse es, zu verl…«

    Noch in der Bewegung des letzten Schrittes wirbelte Lucario herum. Mit einem gewaltigen Ruck, dass man deutlich einen Knochen knacken hörte, packte er Tyracroc am Arm, riss ihn in die Höhe und verrenkte denselben Arm hinter dessen Rücken. Tyracrocs Schmerzensschrei wurde übertönt von dem auf den Boden krachenden Tisch und dem Klirren von Gläsern, als dessen Knie so geräuschvoll wie wuchtvoll gegen die Unterseite der Tischplatte geprallt waren. Seine beiden Kompagnons waren auf den Beinen und spielten zum gleichen Teil mit den Muskeln wie mit ihrer Hilflosigkeit.

    Lucario legte seine rechte Wange auf Tyracrocs linke und hauchte ihm feindselig ins Ohr: »Ich kann es überhaupt nicht leiden, bedroht zu werden.«

    Tyracrocs Kopf war zu einem siedenden Teekessel geworden, der sekundenschnell rot anlief. Aus seinem weit aufgerissenen Maul gurgelte es heißer.

    »Wie war das?« Lucario intensivierte die Kraft in seinem Haltegriff und riss den Arm einige Zentimeter nach oben. Tyracroc antwortete mit einem schrillen, fast schon klagenden Quieken. Noch einige Sekunden hielt er ihn im Schraubstock, dann lockerte er den Griff ein wenig.

    »Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt.«

    Lucario stieß seinen Gefangenen von sich weg, direkt in Ursarings Arme. Er kehrte ihnen den Rücken zu und marschierte langsam Richtung Ausgang.

    »Wir sind da etwas schwer von Begriff. Packt ihn!«, krächzte es heißer hinter ihm, gefolgt von mindestens zwei Paar schwere, sich schnell bewegende Füße.

    Ein zweites Mal wirbelte Lucario herum. Er stieß seine rechte zu Vogelklauen geformte Pfote wie einen Dolch nach vorne. Die Luft zitterte, schlug Wellen wie durch einen nach einem Steinwurf in Bewegung gesetztes Gewässer. Aus dem Epizentrum der Erschütterung wuchs ein dunkles Licht zu einer Sphäre heran, die noch im Flug rasant an Größe gewann. In dem Wimpernschlag der Zeit, als die mittlerweile zur Apfelsine angeschwollene Kugel aus purpurschwarzem Feuer Tyracrocs entblößte Brust traf, war er wie zur Salzsäule erstarrt. Die Wucht katapultierte ihn rücklings gegen die Theke, wo die dort deponierten Gläser und Flaschen die Tonleiter rauf und runter vibrierten. Sengo eilte zu seinem Kumpan, dem der Schaum aus dem Maul quoll. Ursaring machte derweil einen Schritt zurück.

    Als Lucario wortlos die Schwingtür nach draußen durchquerte, begleitete ihn verfluchende Drohungen; das, und das zahnlose Kichern des Alten, der da sagte: »Gut gemacht, Jungchen.«

  • 5. Prioritäten


    Noch am selben Morgen geriet Rhinos Haussegen durch einen Postkutschenüberfall in eine Zerreißprobe. Es war der dritte Angriff auf die Handelskarawanen in nur einer Woche, und der erste seit Lucarios Amtsantritt. Hauptleidtragender war das Bergdorf Brenin im Norden des Landes, für das Post und Güter vorgesehen waren. Und auch Rhino litt weiterhin durch seine Unzulänglichkeit, endlich Herr über die Lage zu werden. Niemand wirklich erwartete von dem neuen Sheriff, dass an dessen ersten Tag im Dienst die Überfälle wie durch ein Wunder aufhören würden; das heißt, fast niemand. Bürgermeister Kukmarda gehörte zu den Ersten vor Ort, als die ausgehöhlte Postkutsche nach Rhino zurückkehrte. Für den diensthabenden Sheriff, der nur Augenblicke später erschien, hatte der Mayor nichts als Bitterkeit in seinem Abschiedsgruß übrig. Lucario erhob gegen den Politiker keinen Vorwurf. Kukmarda hatte deutlich betont, was er von dem neuen Gesetzeshüter erwartete, nämlich, dass dieser alles in seiner Macht stehende zu tut, um Rhinos Wohlstand zu gewährleisten. Aus dieser Perspektive heraus gab es für Lucarios Versagen keine Entschuldigung.

    Der Glockenschlag um zwölf Uhr läutete eine neue Zeit der Veränderung in Rhino ein. Die Schule entließ die Kinder wieder in den Schoß ihrer Eltern. Oft empfing der Zuhause gebliebene Elternteil zur gleichen Zeit auch den Brötchenverdiener der Familie, der - mancherorts - zur Essenszeit zurückgekehrt war. Es gehörte auch zu keiner Seltenheit, dass Mutter und Kind die Mahlzeit raus auf die Arbeitsstelle brachten, und bei derselben Gelegenheit auch den aktuellen Tratsch aus der Stadt kundtaten. In Lucarios Fall klang der Glockenschlag wie ein sehnsüchtiger Ruf des Aufbruchs. Das klamme Gefühl in leerem Magen war ein unstillbarer Hunger nach Einsamkeit.

    Als Lucario in das Sheriff’s Office zurückkehrte, fand er die Räumlichkeiten genau so verwahrlost zurück, wie er sie erst gestern bei seiner Ankunft kennengelernt und heute Morgen zurückgelassen hatte. Sein Deputy mochte laut dem Postamtsleiter eine »brave Seele« sein, der Zuverlässigste war er jedoch nicht; auch brillierte er nicht gerade mit seiner Anwesenheit. Das Protokoll des jüngsten Überfalls landete im Aktenschrank. Viel Neues ergaben die Augenzeugenberichte nicht. Letztendlich bestätigten sie nur, was bereits allgemein bekannt war: Ein gut organisierter Überfall, acht bis zur Unkenntlichkeit maskierte Räuber, die Postkutsche ratzekahl leer gefegt.

    Die Vorräte im Lagerraum des Sheriff’s Office gaben noch genug für einen dünnen Eintopf aus Bohnen, Zwiebeln, etwas Gemüse und Speck her. Als kleines Trostpflaster fand Lucario eine ungeöffnete Flasche Rotwein. Mit einem guten Schuss löschte er die bratenden Bohnen ab, der überwiegende Rest landete in dem einzig halbwegs sauberen Becher, den er fand. Er bemühte sich erst gar nicht, einen Teller zu finden, sondern aß direkt aus der Pfanne. Beim zweiten Löffel öffnete sich die Tür. Grillchita kam herein. Er hatte die Nase im Wind wie flatternde Segel.

    »Bohnen mit Speck?«, war die Begrüßung des Neuankömmlings.

    Lucario brummte als Antwort, würdigte seinen nähertretenden Deputy aber keines Blickes.

    »Sie - Sie wollen doch nicht alles alleine essen … die ganze Pfanne?«

    Lucario hob den Kopf kaum merklich, öffnete dafür die Augen etwas mehr, dass er den Hilfssheriff aus niedrigem Winkel im Blick hatte, während er weiter schaufelte. Wieder brummte er, diesmal in verständlicher Sprache.

    »Doch.«

    »Das - das geht doch nicht …«

    »Wer arbeitet, der bekommt auch Bohnen - so einfach ist das.«

    Lucario nahm einen großzügigen Schluck aus dem Becher und schaufelte weiter. Er hatte nur noch Augen für die Pfanne vor ihm.

    »Heute Morgen wurde wieder eine Postkutsche überfallen, und hier drin sieht es immer noch aus wie in einem Drecksloch«, knurrte Lucario.

    Grillchitas Unterlippe bebte dramatisch. Hinter einem immer glasiger werden Blick unterdrückte er eine Träne.

    »Ach, ich weiß ja … Aber mein liebes Mütterchen ist ganz plötzlich krank geworden, und sie hat doch keinen anderen als mich …«

    »Mir würde jetzt der Kaffee hochkommen, wenn heute Morgen welcher da gewesen wäre.«

    »Ich kann alle Besorgungen erledigen, dauert nicht lange.«

    Mit selten zu beobachtendem Elan eilte Grillchita zur Bestandsaufnahme in den Abstellraum. Derweil lehnte sich Lucario zurück, einen dünnen Strich der Nachgiebigkeit auf den Lippen.

    »Genehmigt«, raunte er. »Gleichzeitig kannst du einen Termin mit dem Kramer vereinbaren. Ich möchte ein paar Takte mit ihm reden.«

    Das Gewühle und Scheppern nahm für den Augenblick ab. Grillchitas Kopf erschien mit fragendem Gesichtsausdruck an der Türschwelle.

    »Wegen den Siedlern?«

    »Wegen den Siedlern.«

    Lucario folgte dem Deputy mit den Augen, als dieser wenige Minuten später nach draußen verschwand. Der Inhalt in der Pfanne hatte sich mittlerweile in Luft aufgelöst, und auch Lucarios Laune besserte sich - zumindest etwas. Er ließ die letzte Bohne über die Zunge tanzen und legte die Beine hoch, so wie es Grillchita am gestrigen Tag getan hatte.

    Als der Hilfssheriff zurückkehrt und die Vorratskammer gefüllt war, war eine Stunde vergangen. Der Kramer hatte einem Treffen für den nächsten Morgen um 8 Uhr zugestimmt und damit indirekt Lucarios weitere Prioritäten dieses Tages neu geordnet.


    In der erdrückenden Mittagssonne gärte die Luft wie ein teuflicher Höllensud. Fast noch mehr als üblich litten die Sandkontinentler unter den Launen des Wendigos. Denn unter der erbarmungslosen Sonne war der Westwind zu einem heißen Föhn geworden, der an diesem Tag ein besonders perfides Vergnügen darin empfand, die ihm schutzlos Ausgelieferten von allen Himmelsrichtungen heraus mit heißen, peitschenden Böen zu geißeln. Ein Großteil von Rhinos braven Bürgern hatte daher längst Reißaus genommen und in den eigenen vier Wänden Schutz gesucht. So kühl und einladend ein schattiges Plätzchen aber auch wirkte, so gaukelte es meist nur die Illusion eines lindernden, kühlen Balsams vor. Den imposantesten Schatten warf das weiße Eichenholz des Rathauses, das in dem grellen Sonnenlicht wie eine Speckschwarte glänzte - oder als besonders großkotzigen Leuchtturm. So jedenfalls bewertete Lucario insgeheim den fernen Anblick auf das Gebäude. Passend dazu kräuselte sich das blaue Haar auf seiner Stirn zu einer tiefen Furche der Abneigung. Sein Deputy, dem dies nicht entging, gluckste.

    »Noch keine drei Tage in der Stadt und schon Ärger mit der Obrigkeit, hm?«

    Als Zeichen, dass er die Frage gehört hatte, grunzte Lucario kaum merklich auf, blieb eine weitere Antwort jedoch schuldig.

    »Das erinnert mich stark an Granbull - das war Ihr … Vor-Vor-Gänger.« Grillchita zählte nachdenklich mit einer Hand zwei Finger ab. Dann nickte er und begann zu schmunzeln. »Der lag auch andauernd mit dem Mayor im Klinsch. Vor allem wegen der Sauferei. Der konnte was wegkippen, können Sie mir glauben. Ging jeden Abend in den Saloon und als Letzter wieder raus. Trotzdem war er am Morgen danach so nüchtern wie ein Kaktus. Aber auch ungefähr genau so stachlig, und dann immer nur mit Vorsicht zu genießen. Einmal kam der Mayor unangemeldet zu Dienstbeginn vorbei - vor der ersten Tasse Kaffee.« Grillchita zwinkerte Lucario verschwörerisch zu. »Mein lieber Schwan, flogen da die Fetzen.«

    Weder teilte Lucario die Grimasse seines Deputys noch würdigte er ihn eines Kommentars. Vielmehr erinnerte er sich, dass er bei der Durchsicht der Unterlagen seiner Vorgänger Granbulls Aufzeichnungen nur wenig Beachtung geschenkt hatte. Was sein Hilfssheriff ihm gerade erzählt hatte, deckte sich im Großen und Ganzen mit dem, was Granbull zu Papier gebracht hatte. Tatsache war, dass sich die Mentalität des Ex-Sheriffs leicht auf einige gut eingeschenkte Gläser Feuerwasser zusammenfassen ließ.

    Gut einschenken, davon verstand man auch etwas im Fröhlichen Fuchs. Präsentierte sich Rhinos Saloon zur ersten Tageshälfte noch so anständig wie die Unschuld vom Lande, zeigte besagte Jungfrau mittlerweile die Ermüdungserscheinungen einer Schnapsdrossel mit noch nicht ganz auskuriertem abendlichen Kater. Etwas weniger als die Hälfte der Tische war besetzt. Dezente, aber trotzdem flotte Piano-Musik bildete eine klangvolle Einheit gleichermaßen mit Gelächter, Flüchen und belanglosem Geplauder. Und es wurde getrunken - getrunken und gespielt.

    »Da ist er, Sheriff. Dort am dr…«

    »Weiter gehen! Und Blick geradeaus!«, knurrte Lucario und gab seinem Deputy einen bestimmenden Klaps nach vorne.

    Nicht mehr ganz so groß war plötzlich das Interesse für das Full House auf der Hand, den Branntwein im Glas oder die übertriebene Räuberpistole. Die Geräuschkulisse verringerte sich schlagartig auf ein Minimum. Blicke wie stumpf gewordene Dolchen bohrten sich aus schiefen Winkeln in die Rücken des Zweiergespanns, während sich dieses der Bar näherte.

    »Willkommen zurück, Sugar. Ich hoffe, du lässt dieses Mal die Inneneinrichtung heil.«

    Wieder ertappte sich Lucario insgeheim dabei, offenherzig in ein paar weit ausgestreckte Arme gefallen zu sein - in Rutenas weit ausgestreckte Arme, die ihn zärtlich in Empfang nahmen. Ebenso liebevoll lächelte sie ihm zu. Es lag nichts Nachtragendes in ihren sanft rotglühenden Augen.

    Lucario nickte der Barkeeperin knapp zu.

    »Werde es versuchen.«

    Ringsherum verwandelte sich Argwohn allmählich in ein Flüstern. Flüstern zu einem schadenfrohen Gelächter über das eben ausgespielte Full House. Das Leben kehrte in den Saloon zurück.

    »Dasselbe wie immer, Grillchita?«, fragte Rutena lächelnd.

    »Immer! Aber gut eingeschenkt.«

    »Wir sind im Dienst«, schob sich Lucario mit einem tadelnden Knurren für seinen Deputy dazwischen.

    Die Spitzen von Rutenas Ohren sackten kaum wahrnehmbar herab.

    »Nicht einmal einen Kleinen? Nein?«

    Ein leeres Glas schabte über den Tresen, angestoßen von einem Saloonbesucher, der die ganze Zeit über schweigsam an der Bar gestanden hatte.

    »Mir kannst du noch einen machen«, sagte er.

    Lucario musterte den Gast rechts neben ihm kurz, während die Barkeeperin das Glas füllte. Hochgewachsen. Drahtig. Verschlossen. Und vor allem: still. So mochte er seine Nächsten am liebsten. Ihre Blicke trafen sich kurz. Schweigsam. Keiner blinzelte. Dann wechselte das Interesse des Fremden zu dem frisch aufgefüllten Glas vor ihm.

    »Hier, bitte.«

    »Danke.«

    Rutena wandte sich wieder den zwei Ordnungshütern zu.

    »Also, wenn ihr nichts trinken wollt, seid ihr wohl meinetwegen hier, hm? Aber ich muss euch enttäuschen: Auch mit Stern an der Brust gibt’s hier unter fünf Drinks nur die kalte Schulter von mir. Aber vielleicht mache ich für dich heute mal eine Ausnahme, weil du neu in der Stadt bist.«

    Grillchita neigte sich verschwörerisch in Lucarios Richtung und flüsterte ihm zu, dass dies ein erstaunlich gutes Angebot sei und er doch annehmen solle.

    Jetzt war es Lucario, der etwas näher rückte, aber an Rutena. Er machte eine kurze, aber vielsagende Kopfbewegung nach links in Richtung einer der Tische; dorthin, wo sein Deputy beim Betreten des Saloons ebenfalls hingedeutet hatte.

    »Ist einer von den Galgenvögeln dort drüben Z?«

    Rutenas Schultern und Lächeln erschlafften gleichzeitig. Sie nickte, eine theatralische Schnute ziehend.

    »Ich hätte dich eigentlich nicht für die Sorte Mann gehalten, Schnuckel.«

    »Wer von ihnen? Der in der Mitte? Der mit dem perfekten Pokerface?«

    »Und mit der seit zwei Stunden andauernden Siegessträhne, ja«, ergänzte Rutena, diesmal ernst.

    »Wer sind die anderen beiden? Kumpels von ihm?«

    »Den Linken kenne ich nicht - muss neu in der Stadt sein. Aber der andere, der so einen nervösen Eindruck macht, der heißt Pantimos. Die beiden spielen fast jeden Tag zusammen.«

    »Pantimos …?« Lucario überlegte laut. »Doch nicht der von den Fantastischen Traumwebern?«

    Rutena hob überrascht eine Augenbraue.

    »Doch, genau der. Für einen Provinz-Sheriff bist du über das Showbiz erstaunlich gut informiert. Oder versteckt da etwa unter dem blauen Pelz etwa ein Partylöwe? Rrrrawr!«

    Die Frage ignorierend, hakte Lucario weiter: »Was macht der hier?«

    Rutena antwortete schulterzuckend: »Seine Truppe sorgt zurzeit im Saloon für die Unterhaltung. Der Pianist da drüben gehört auch dazu. Allerdings kommen sie bei den Leutchen leider nicht ganz so gut an. Dafür konnte ich meiner üblichen Besetzung seit einem Jahr endlich zum ersten Mal Urlaub geben. Tja, schlechtes Kismet, würde ich sagen.«

    »Ich sehe es auch lieber, wenn hier drin die Puppen tanzen.«

    Rutena würdigte Grillchitas Kommentar mit einem eher kalten Lächeln.

    »Wenn du meinst, Schätzchen.«

    In Z lebte die Mär des klischeehaften Glücksspielers weiter: Während er die Karten vor sich hatte, war er ein verschlossener, in sich gekehrter Einzelgänger, der geduldig die Gelegenheit zum Zuschlagen abwartete. Und wenn der Zeitpunkt kam und er sein vernichtendes Blatt präsentierte, oder zwischen den Runden, da zeigte er den geschwätzigen Großkotz in ihm. Dann war er der unsympathische Glückspilz, der den ganzen Tag scheinbar nichts lieber tat, als den eigenen Schnurrbart zu zwirbeln. Sein Körperbau war, soweit die Tischplatte ihn nicht verdeckte, schlank, an den richtigen Stellen trotzdem maskulin. Aus dem gelben Fellkranz in Nackenhöhe wuchs ihm ein langer, zackiger Zopf, den er wie einen Schal lässig um den Hals gelegt hatte und ihm auf dem Rücken baumelte. Als er sein Blatt ausspielte und die Hoffnung in den Gesichtern seiner Mitspieler einstürzte wie ein Kartenhaus, streckte er seine schwarzen, krallenbewehrten Füße unter dem Tisch lang, bevor er sie entspannt übereinanderschlang. Noch während er großspurig verkündete, dass der Pott wieder an ihn ginge, pflügte er über den Tisch und säuberte diesen von jeglichen Spuren von Barem.

    Das also war Z.

  • 6. Poker mit Z


    »Ist hier noch frei?«

    Mit seinem Deputy war Lucario an den Tisch des Glücksspielers herangetreten. Z musterte den Sternträger von oben nach unten und wieder zurück, bevor er sich lächelnd mit seinen Krallen durch das sonnengelbe Kopfhaar bürstete.

    »Zwei Spiele Minimum«, flötete er.

    Lucario rückte einen Stuhl zurecht und nahm links neben Pantimos Platz, Grillchita den Stuhl daneben. Der letzte Spieler am Tisch, den, den Rutena hatte nicht identifizieren können, funkelte Z sardonisch von der Seite an.

    »Eigentlich wollte ich ja die Fliege machen, aber vielleicht zieht dir der Sheriff ja endlich dein räudiges Fell über die Ohren. Das will ich für kein Geld der Welt verpassen. Bin dabei.«

    Der dritte im Bunde, Pantimos, sagte hingegen nichts. Lucario bemerkte jedoch, dass sein Sitznachbar selbst für Sandkontinent-Verhältnisse extrem schwitzte. Eine denkbar schlechte Grundlage für ein Pokerspiel.

    »Ich bin so frei.«

    Kratzend schob sich ein weiterer Stuhl an den Tisch, auf dem der Gast von der Theke unaufgefordert Platz nahm. Lucario und Grillchita würdigten den Letzten im Bunde schweigsam. Nur Z lächelte.

    »Zwei Spiele Minimum.« Kurz kehrte Z in sich. Die blauen Augen, die wie erkaltete Saphire waren, blinzelten Lucario an. »Aber wo bleiben meine Manieren? Wo sich doch der Constable für ein wenig geselliges Zusammensein extra von seiner Arbeit losgerissen hat. Ich darf Sie doch so nennen, Constable?«

    »Nein«, antwortete Lucario knapp.

    Das Grinsen des Glücksspielers wuchs in die Breite.

    »Ich tu es trotzdem. Also, Constable«, fuhr er fort, »ich hörte, Sie sind neu in der Stadt. Wie Sie bestimmt wissen, gehört es zum guten Ton, sich erst einmal vorzustellen.«

    Auf Lucarios langanhaltendes Schweigen hin seufzte Z pathetisch auf.

    »Nun, ich will mal nicht so sein. Damit hier nicht jedweder Anstand baden geht: Z, die Flinke Pfote, Zeraora. Hoch erfreut, Sie kennenzulernen.«

    Wieder reagierte Lucario nicht. Kein Wimpernschlag, kein Wangenzucken, kein Lippenkräuseln; selbst dann nicht, als ihm der Glücksspieler zur Begrüßung ein Händeschütteln anbot. Stellvertretend übernahm Grillchita das Sprechen.

    »Flinke Pfote, eh? Woher der schicke Anhang?«

    Z schmunzelte süffisant, während er den Kartenstapel aufhob und mit dem Mischen begann.

    »Manche nennen mich so; sagen mir nach, ich hätte ein ›gewisses Gespür‹ für Karten.«

    Die Art und Weise, wie Z mischte, erinnerte an Boden- und Luftakrobatik. In seinen geschickten, flinken Pratzen waren es keine einfachen Karten mehr, sondern ein rasselnder Wolkenbruch, der in Form von zwei Kartenstapeln zwischen den Krallen des Glücksspielers ineinander verkeilt auf den Tisch prasselte und dann wieder wie eine Fontäne nach oben zurückkehrte. Aus einem 90-Grad-Winkel schossen die Karten nicht weniger als zwanzig Zentimeter zielgerecht von einer in die andere Tatze. Von dort aus breitete er in einer weiteren schnellen Bewegung Karte für Karte längs über den Tisch aus, bis sie eine 52-stufige Treppe bildeten, bevor er sie abermals mit einer einzigen rasanten Krallen-Hebelbewegung allesamt auf den Rücken flippte.

    Weitere nicht weniger eindrucksvolle Kartentricks folgten, bis Lucario schließlich knurrte: »Einige haben sich schon totgemischt.«

    Z hatte es nicht eilig, als er den Kartenstapel schließlich und endlich lächelnd in der Mitte ablegte und wie ein Kunstwerk vor den Augen seiner Mitspieler präsentierte. Er gestikulierte Lucario mit einer geschmeidigen Pfotenbewegung über den Stapel zu.

    »Erweisen Sie uns die Ehre, Constable, und heben ab?«

    Noch heute zählt auf dem Sandkontinent das Abheben des Kartenstapels als offenkundiger Misstrauensbeweis gegen den Kartengeber. Üblicherweise greift der Spieler rechts neben dem Geber wahllos einen Stapel Karten von oben herunter und verstaut diesen an das Ende des Decks. In diesem außergewöhnlichen Fall übersprang Z seinen Nachbarn (Pantimos) und offerierte stattdessen Lucario die Gelegenheit. Der Sheriff folgte der Einladung - das Spiel konnte beginnen.

    Das sogenannte Draw Poker gehörte zu damaliger Zeit zu dem Klassiker der Kartenspiele in Saloons wie dem Fröhlichen Fuchs. Bei dieser Variante erhalten alle Mitspieler aus einem Stapel von insgesamt 52 Karten mit den Kategorien Herz, Karo, Pik und Kreuz und der Rangstufe Zwei als Niedrigste und Ass als Höchste ein Blatt von fünf. Während des Spiels, nachdem jeder den Mindesteinsatz oder höher gemacht hat, können die Teilnehmer der Partie einmalig unerwünschte Karten aus ihrem Blatt abwerfen und ihre Hand mit der gleichen Anzahl auffrischen. Danach folgen weitere Einsätze in den Pott. Gegebenenfalls steht es einem auch frei, zu passen und aus der Runde auszusteigen, um Verluste zu reduzieren. Ziel des Spiels ist es, eine Kartenkombination zu schaffen, die höher ausfällt als die der anderen Mitspieler, oder aber durch bluffen den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Zu den niedrigen Kombinationen zählt das einfache Paar (zwei Karten derselben Rangstufe wie zwei Achter), zwei Paare (zwei mal zwei Karten derselben Rangstufe) und der Drilling (drei Karten derselben Rangstufe). Ein Straight (Straße), bei der die fünf Karten in der Hand eine aufsteigende, unabhängige Farbreihenfolge bilden (zum Beispiel Drei und Vier der Kategorie Karo, sowie Fünf, Sechs, Sieben der Kategorie Pik), schlagen den Drilling. In der Rangordnung folgen Flush (fünf Karten derselben Art wie zum Beispiel Zwei, Vier, Neun, Bube, Dame alle von der Kategorie Herz). Dann das Full House (ein Paar und ein Drilling). Der Vierling (vier Karten derselben Rangstufe). Und danach das Straight Flush (wie eine Straße nur mit derselben Art wie zum Beispiel Karo Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht). Und zu guter Letzt gibt es noch das Königsblatt: das Royal Flush - ein Straight Flush, das mit einem Ass endet. Sind zwei oder mehrere Spieler in Besitz einer gleichwertigen Kombination, gewinnt das Blatt mit der jeweils höchsten Karte. In dem unerwarteten Fall, dass zwei Teilnehmer ein Royal Flush halten, wird der Pott geteilt.

    Masken der Unterdrückung knechteten die Gesichter der Spieler, als die ersten Karten ausgeteilt wurden. Selbst die Persönlichkeit der Flinken Pfote vollzog einen radikalen Wandel, als dessen Mine hinter dem Kartenblatt verschwand. Gespräche oder gar Nettigkeiten hatten hier keinen Platz mehr. Denn schon das kleinste verräterische Zucken konnte den Sieg und damit den Pott kosten. Oder noch schlimmer: den Ruf eines berühmt-berüchtigten Glücksspielers, zu denen Z zählte.

    Lucario schob die eng aneinanderliegenden Karten seines Blatts behutsam ein wenig nach außen, so dass er gerade die Symbole auf dem oberen rechten Rand erkennen konnte. Sein Blatt - bestehend aus zwei Paaren - war schwarz wie die Nacht: eine Pik-Acht, ein Pik-Ass, ein Kreuz-Ass, eine Pik-Dame und eine Kreuz-Acht. Kaum vernehmbar stöhnte Pantimos am Tisch auf. Die Augen seiner Mitspieler huschten für einen Wimpernschlag der Zeit über das Blatt in den Händen, bevor sie wieder darunter verschwanden. Mit seinem verbalen Ausrutscher war Pantimos’ Todesurteil gefällt.

    Z warf den Mindesteinsatz von fünf Dollar in die Mitte. Sein Sitznachbar, Pantimos, zögerte kurz, hielt dann den Einsatz von fünf Scheinen. Lucario tat ihm gleich, so auch Grillchita.

    »Sagen wir zehn.«

    Grillchitas Sitznachbar, der von der Theke zum Spiel herübergekommen war, erhöhte den Einsatz. Wer im Spiel bleiben wollte, musste diesen ebenfalls leisten.

    »Die zehn und noch einmal fünf.«

    Z erhöhte noch weiter.

    Dollar-Noten fiel wie Laub zur Herbstzeit in die Mitte des Tisches. Nur Pantimos zögerte ein weiteres Mal, die linke Gesichtshälfte krampfhaft hinter seiner linken Hand verborgen. Am Ende leistete auch er den Tribut.

    Mit dem Beginn der zweiten Runde durften alle Teilnehmer ihr Blatt einmalig verbessern. Regional differenzierte man, wie viele Karten maximal nachgezogen werden durften. In der klassischen Version, wie sie dieser Zeit auch in Rhino gespielt wurde, beträgt die höchste Zahl an neuen Karten drei. Pantimos machte von dieser Regel in vollem Umfang gebrauch. Der Leerraum zwischen seinen Fingern wuchs etwas in die Breite, als die Augen des Unterhaltungskünstlers über das neue Blatt wanderten. Derweil ersetzte Lucario die Dame und somit die einzige Karte, die zu keiner Kartenkombination passte, und erhielt stattdessen ein weiteres Ass. Er besaß nun ein starkes Full House.

    Grillchita bekam zwei neue Karten, der Gast von der Theke eine und der daneben, mit dem Z bereits eine Weile gespielt hatte, zwei. Z warf drei Karten ab und ersetzte diese.

    Von den Nachbartischen, von wo aus andere Gäste mit in die Länge ausgestreckten Hälsen die Partie beobachteten, löste sich ein Raunen wie das Summen eines näher kommenden Bienenschwarms. Z hatte in der ersten Runde den höchstens Einsatz gebracht, doch nun drei Karten abgeworfen. Ein ungewöhnlicher Spielzug. Lucario bemerkte, wie Grillchita ihn von der Seite beäugte, als hoffte er, Anweisungen zu erhalten.

    Z verzichtete darauf, den Einsatz zu erhöhen. Pantimos füllte den Pott um fünf weitere Dollar auf. Lucario erhöhte auf zehn.

    »Passe.«

    Grillchita legte die Karten verdeckt auf den Tisch, schob sie etwas nach vorne und lehnte sich zurück. Er hatte das Handtuch geworfen.

    Sein Nachbar brachte den Mindesteinsatz, so auch der Nächste in der Runde.

    »20«, sagte Z.

    Der Bienenschwarm im Saloon war schlagartig um das Dreifache gewachsen. Er war erregt. Aufgebracht. Wütend. Das Piano spielte ungleichmäßig, Gläser blieben unausgetrunken an den Lippen der Gäste kleben, während diese die Partie verfolgten. Selbst Rutena schien das eben gespülte Glas nur noch in Zeitlupe abzutrocknen. Zum ersten Mal konnte Lucario nachempfinden, warum Pantimos mit der Entscheidung haderte. Der Einsatz war gewaltig. Und das Spiel undurchschaubar wie die schwärzeste Nacht.

    »Ich bin raus.«

    Pantimos quittierte seine Kapitulation, indem er es Grillchita gleichtat und die Waffen streckte. Nun nahmen nur noch vier Spieler an der Partie teil.

    Lucario leistete den Tribut von 20.

    »20 und noch einmal fünf.«

    Eine Lache bernsteinfarbener Flüssigkeit verteilte sich langsam über einen der Nachbartische, als dort einem Saloonbesucher das Glas aus der Hand rutschte. Doch kaum einer nahm wirklich davon Präsenz. Der Pokertisch war zum Zentrum des Saloons geworden. Dort tauschten zum ersten Mal zwei Spieler der Partie zeitgleich Blicke aus. Es waren der Gast von der Theke, der soeben Z überboten hatte, und die Flinke Pfote höchstpersönlich. Die Ketten der Unterdrückung, die das Pokerface beider Spieler zusammenhielten, rasselten erschöpft. Die Gedanken der Kontrahenten schienen ineinander verkeilt zu sein, als ob sie sich in einem mentalen Armdrücken befanden. Doch dann, ganz plötzlich, schmunzelte Z den Höchstbietenden offenkundig an. Es war nicht das Schmunzeln eines Spielers, dessen Kartenhaus gerade eben unter dem Druck der Partie zusammengebrochen war. Nein. Es war eine Geste des Spotts. Z warf weitere fünf Dollar in den Ring.

    Ein verzweifelter Bluff? Ein todsicheres Blatt? Lucarios ganz eigene Gedanken wirbelten in einem wilden Mahlstrom, der im Abfluss der Zeit langsam versiegte. Er musste eine Entscheidung fällen. Jetzt.

    Der pulsierende Druck seiner Schläfe nahm schlagartig ab, als Lucario auf das Angebot einging und fünf Scheine in den Ring warf.

    »Was soll’s …«, raunte auch schließlich der Letzte in der Runde, zahlte mürrisch den Tribut von dem zusammengeschrumpften Geldhaufen vor ihm. Jetzt war er es, der den Höchstbietenden herausfordernd ansah. Jetzt hieß es: Karten auf den Tisch.

    Im selben Moment, als der Gast von der Theke sein Blatt ausbreitete, erhob er sich und kehrte dem Tisch den Rücken zu. Gäste, die ihre Hälse bis zum Zerreisen lang streckten, um einen Blick auf die Karten zu erhaschen, plusterten ihre Backen auf, atmeten erschöpft aus und zollten mit einem anerkennenden Raunen ihren Tribut. Er hatte eine Karo-Sieben, eine Karo-Acht, eine Karo-Neun, eine Karo-Zehn und eine Kreuz-Fünf - und somit die ganze Zeit geblufft. Denn zu einem Straight Flush, was kaum zu überbieten gewesen wäre, hätte ihm noch ein Karo-Bube gefehlt.

    Nur noch Lucario, Z und der unbekannte Spieler waren übrig. Letzterer schmunzelte nun selbst, als er die Karten herausfordernd auf den Tisch legte. Zwei Damen und drei Fünfen: ein Full House. Er fokussierte Z, doch der starrte nur ausdruckslos auf den Tisch.

    Jetzt breitete Lucario sein eigenes Full House aus, gefolgt von einem wütenden Faustschlag auf den Tisch des eben Überbotenen. Unter der Wucht, wie er sich auf der Tischplatte abstützte, um sich zu erheben, zitterten die Geldscheine des Potts. Doch dann erschlaffte seine Bewegung plötzlich. Sanft glitt er wieder auf den Stuhl zurück. Seine wie auch alle anderen Augenpaare waren auf Z gerichtet, der seit dem Ende der Partie noch nicht einmal eine Wimper gezuckt hatte, geschweige denn, die Karten abgelegt hatte.

    Nach schier unendlicher Zurückhaltung beugte sich Lucario nach vorne, um den Pott einzusacken, wobei er die ganze Zeit über Z fokussierte. Schon fast berührte er das Geldbündel in der Mitte, als Z mahnend eine Tatze hochschnellte. In subtiler Scheinheiligkeit breitete der Glücksspieler sein Blatt aus.

    »Es dauert eben seine Zeit, Zucker über die Keule zu streuen. Umso süßer schmeckt dann auch der Sieg.«

    Die vier Buben, die vor ihm auf dem Tisch lagen, strahlten Erhabenheit aus. Im schrillen Kontrast stand der Besitzer der Karten, dessen Scheinheiligkeit sich mittlerweile in Genugtuung aufgelöst hatte.


    Ein Widerhall von Spott, Freude und Empathie, gleichermaßen für Gewinner und Verlierer, umgab selbst das Äußere des Saloons. Das schiefe Quietschen der zweiflügligen Schwingtür noch in ihren Rücken, standen Sheriff und Hilfssheriff auf der Terrasse vor dem Saloon.

    Grillchita schaute Lucario zum gleichen Teil ratlos wie provozierend an.

    »Soll es das gewesen sein? Kein Gefilze? Keine Fragen gestellt?«

    Lucario antwortete nicht gleich. Ihm trat die Flüssigkeit in die Augen, als er nachdenklich in die Sonne schaute.

    »Das war nicht nötig - jedenfalls nicht heute. Z ist unser Mann - ganz sicher.«

  • 7. Das Dilemma des Kramers


    Das Ende des Tages brachte Rhino nicht nur den lang erwarteten Regen, sondern auch das erste Unwetter seit vier Monaten. Die Stadt war zu einer Ansammlung von kleinen Leuchttürmen geworden, die gegen aufgequollene Gewitterwolken in einer pechschwarzen Nacht ankämpften. Mit eisigem Griff rüttelte der Wendigo an den gusseisernen Fenstergittern und verlangte erbittert Einlass. Auf seinen Lidschlag hin durchschlugen Blitze die Wolkendecke, gefolgt von einem tiefen Donnergrollen der Wut. Auch dem Sheriff’s Office stattete der Westwind einen nicht minder unfreundlichen Besuch ab. Und auch dort stieß er zur großen Verärgerung nur auf taube Ohren.

    Das gedämpfte Licht zweier müde flackernden Kerzen erhellte die Dienststube des Sheriffs. Der Kerzenschein war spärlich; gerade noch hell genug, um die vor Wut vergossenen Tränen des Wendigos an der Fensterscheibe zu offenbaren. Ein Blitz zuckte am Horizont. Erst grollte es leise. Das Intermezzo aus dumpfen Himmelspauken steigerte sich in ein wildes Stakkato rollenden Donners hinein, dass so schnell wieder von der Nacht verschluckt wurde, wie es gekommen war.

    Im trauten Zusammenspiel von Hell und Dunkel tanzten Schatten über Lucarios in stiller Nachdenklichkeit versunkenes Gesicht. Vor ihm ausgebreitet lagen die von ihm in den letzten Stunden zusammengetragenen Bruchstücke eines großen Puzzles: Protokolle seiner Vorgänger, Zeitungsartikel, Zeugenaussagen sowie Notizen zu den selbst gemachten Beobachtungen und Erfahrungen der letzten beiden Tage. Zum gefühlten hundertsten Mal hob Lucario einen Bericht seines Vor-Vor-Vorgängers, Knarksel, auf und betrachtete ihn nachdenklich.


    »… bestätigt sich die Aussage des Mayors, dass Postkutschen ein beliebtes Angriffsziel sind. Heute traf es den Transport von Rhino nach Toronga. Ist nicht viel übriggeblieben. Das Päckchen an meine Ma hat es auch erwischt. Bastarde! Erst gestern hat Z eine Anspielung gemacht, dass das passieren könnte. Ich werde beim nächsten Pokerspiel mal ein paar Takte mit ihm wegen seiner hellseherischen Kräften wechseln und ihn am besten gleich einbuchten. Ich will mein Geld zurück!«


    Ob es hierzu kam, konnte Lucario nicht sagen, denn dies war der letzte von Knarksels Einträgen. Er legte ihn beiseite, so, wie er es am selben Abend schon zum wiederholten Male getan hatte.

    Auch einen der letzten Berichte von Maxax, der nicht nur das Amt des Sheriffs am längsten bekleidet hatte, sondern der auch Zeuge der ersten Überfälle wurde, hatte sich Lucario unendliche Male angeschaut. Obwohl Maxax darin kein Wort über irgendwelchen Postraub verlor und Lucario deshalb beinahe den Bericht aussortiert hatte, zählte diese Notiz zu den wichtigsten.


    »… Vorbereitungen für die Jahresfeier laufen auf Hochtouren. Kukmarda putzt sich jetzt schon raus - was für ein Lackaffe! Wie jedes Jahr wird der Andrang aus der Umgebung bestimmt groß ausfallen. Leider zieht das auch immer wieder die Ratten aus ihren Löchern. Dieser Glücksspieler, der seit Kurzem in der Stadt ist und die ganze Zeit im Saloon rumhängt, ist mir reichlich suspekt. Mit der nächsten Postkutsche nach Ramal werde ich die neusten Steckbriefe anfordern. Vielleicht ist er ja dabei, dieser ›Z‹.«


    Maxax’ beißender Kommentar hinsichtlich des affektierten Bürgermeisters machte den für Lucario fremden Sheriff gleich sympathisch. Doch das war nicht der Grund, warum Lucario diesen Bericht als besonders wichtig erachtete. Denn der nächste Protokollbericht zeichnete den ersten von vielen weiteren Überfällen auf - kurz nachdem Z das erste Mal in Rhino gesichtet worden war. Und wenig später verschwand plötzlich der amtierende Sheriff von der Bildfläche. Ein Zufall?

    Nachdem er sich durch alle Berichte gewühlt hatte, hatte Lucario eine umfangreiche Liste des Falls erstellt inklusive aller ihm bekannten Personen in der Stadt. Angefangen bei ihm und seinem Deputy, über die Schläger in der Kneipe, Bürgermeister, Poststellenbetreiter, die Barkeeperin, die Pokergemeinschaft, bis zu Z hin. Und wohin Lucario auch schaute und welche anderen Möglichkeiten er auch in Erwägung zog: Nach den ihm aktuell vorliegenden Unterlagen führte kein Weg an Z vorbei. Die lausigen Notizen und sein Instinkt rechtfertigten jedoch längst keine Verhaftung. Und selbst dann konnte er sich nicht absolut sicher sein, dass dann auch wirklich die Überfälle aufhörten. Lucario brauchte mehr. Mehr Informationen. Mehr Beweise. Das Motiv. Ging es einfach nur um Geld? Wahrscheinlich. Aber wie ausgeprägt war Zs Rolle in dem Fall tatsächlich? War er der Kopf einer Bande? Mitglied? Kumpane? Helfershelfer? Kontakt-, Hinter- oder Mittelsmann? Oder einfach nur ein Eingeweihter? Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Und dann war dieser Unterhaltungskünstler: Pantimos. Wie passte er in das Gesamtbild? Und was war mit den Aussiedlern? Steckten sie alle unter einer Decke, so wie der Mayor befürchtete?

    Lucario kratzte sich nachdenklich am Kinn, bevor er sich müde zurücklehnte. Die Anspannung im Gesicht löste sich langsam auf, als sein Blick zum Fenster schweifte, wo er den tränenreichen Abschied des sterbenden Tages entgegensah. Morgen war auch noch ein Tag.


    Auf Rhinos kälteste Nacht seit Monaten folgte ein für Sandkontinent-Verhältnisse ebenso kühler Morgen. Nach einer kräftigen Abkühlung pflegte man in Rhino stets einer Redewendung aus Urgroßmutters Zeiten nachzugehen: »Putze nach dem Regen stets deine Fenster!« Auch dann, wenn der Lebensweg fort von Rhino führte, war man stolz darauf, mit dem Ausleben dieser Philosophie immer ein Stückchen Heimat bei sich zu haben. »Das ist Tradition in Rhino!«, sagte man dann, oder »So macht man das bei uns!« und kam damit schnell mit Außenstehenden ins Gespräch. Bis ganz plötzlich aus Stolz Scham wurde; an jenem schicksalhaften Tag, als ein Possenreißer im Fröhlichen Fuchs darüber ulkte, dass man darum keine Meter durch ein Fenster im Ort blicken könne, da es in Rhino so selten regne. Im Anschluss wurde der Komiker aus Saloon und Stadt gejagt und wurde seitdem nicht mehr wieder gesehen.

    An diesem Morgen sah Lucario insbesondere Rhinos älteste Bürger mit ungebrochener Leidenschaft die Fensterscheiben wienern. Sie wie auch die meisten Stadtbewohner hatten sich mittlerweile einigermaßen an ihn, ihren neuen wortkargen Sheriff, gewöhnt. Zwar blieb es Lucario auch an diesem Tag nicht erspart, dass Passanten ihm Schulterblicke zuwarfen, hinterrücks die Köpfe zusammenstecken und zu tuscheln begannen. Doch wünschten auch genau so viele dem Gesetzeshüter auf dem Weg zum örtlichen Kramer einen guten Morgen.

    Was ein Saloon für die Herrenwelt war, das verkörperte der Gemischtwarenhandel Frühlingsbrise für das andere Geschlecht. In dem Laden mit dem obligatorischen Türglöckchen, geräumigen Eingangsbereich und Regalen voller Lebensmittel und Haushaltsbedarf kamen Rhinos Frauen für den täglichen Klatsch und Tratsch zusammen - ganz zufällig oder auch nicht. Und wenn der modernen Hausfrau und Mutter, der alleinstehenden Witwe oder der First Lady gerade mal nicht zum Schwadronieren, Schäkern oder Lästern zumute war, dann manchmal sogar zum Einkaufen. Die Stoßzeit solcher Treffen lautete meist morgens, dann, wenn man den Nachwuchs in die Schule brachte oder auf dem Nachhauseweg war, aber auch der frühe Nachmittag - grundsätzlich also immer dann, wenn kein Mannsbild in der Nähe war. Eine Ausnahme bildete natürlich der Ladenbesitzer, dessen Anwesenheit man gerne duldete. Denn offerierte dieser als echter Gentleman der geselligen Runde gerne Tee und Gebäck.

    Eine dieser zwanglosen Frauenrunden war gerade im Begriff, erst richtig Form anzunehmen, als Lucario den Laden betrat. Plötzlich hatte man es sehr eilig, den Laden zu verlassen, und war um eine Ausrede nicht verlegen. Da mussten noch Fenster geputzt, das Mittagessen vorbereitet oder den Sohnemann vor dem ersten Glockenschlag zur Schule gebracht werden. Eine Kundin nach der anderen schob sich in fast peinlicher Distanz an Lucario vorbei, während dieser sich dem Tresen näherte.

    »Sheriff, ich bin froh, dass Sie sich Zeit für mich nehmen konnten.«

    »Ganz meinerseits«, entgegnete Lucario den Gruß und das Händeschütteln des breit lächelnden Ladeninhabers.

    Der Kaufmann verneigte sich respektvoll vor dem Gesetzeshüter, wobei die beiden zackigen Kämme, die seine Ohren waren, fast die Oberfläche der Verkaufstheke berührten.

    »Kecleon, mein Herr. Zu Ihren Diensten. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich bin für Ihre Hilfe äußerst dankbar.«

    Wieder verbeugte er sich. Derweil ließ Lucario den Blick über das Warenangebot rund um den Verkaufsbereich schweifen. Nach einem nur kurzen Ausflug in die Welt der Einmachmarmelade kehrte er wieder zu dem Mann vor ihm zurück.

    »Ich bin ehrlich gesagt weniger dankbar als überrascht, dass Sie sich ausgerechnet zu dieser Tageszeit mit mir treffen wollen«, entgegnete Lucario. »Ich nehme an, die meiste Kundschaft erwarten Sie um diese Uhrzeit?«

    Aus Kecleons peinlich berührtem Gesicht schälte sich ein mühsames Lächeln.

    »Wichtige Geschäfte dulden keinen Aufschub. Was sind schon ein paar Kunden, die ich wegschicken muss im Vergleich zum Bettelstab. - Meine Dame, haben Sie etwas vergessen?«

    Abseits von Lucario und Kecleon hielten sich noch zwei weitere Personen im Laden auf: eine Mutter und deren Sohn. Beide gehörten zu der Damenrunde, die sich bei Ankunft des Sheriffs aufgelöst hatte. Doch hatte die korpulente Frau Mühe, ihren Sohn zum Verlassen des Ladens zu bewegen. Denn wann immer sie mit dem Knaben im Schlepptau einen Schritt zur Ladentür zurücklegen konnte, blieb ihr Nachwuchs wie angewurzelt wieder stehen, dabei den Blick resolut Richtung Ladentheke gerichtet. In der vergangenen Minute hatte die Stadtbewohnerin ihr Dilemma so klammheimlich wie nur irgendwie möglich ertragen. Doch nun, wo das Interesse beider Herren auf den vor Peinlichkeit und Erschöpfung geröteten Wangen ruhte, sparte sie nicht mehr an Flüchen.

    Kecleon lächelte Lucario verlegen an, als endlich das Glöckchen läutete und beide Kunden den Laden verließen, wobei selbst dann noch die schimpfende Frau zu hören war.

    »Äh, möchten Sie etwas trinken? Ich hätte da etwas ganz Besonderes - nur für ganz spezielle Anlässe. Einen solchen Jahrgang finden Sie in keinem Saloon auf dem ganzen Kontinent, können Sie mir gerne glauben.«

    Der Kaufmann begann bereits, unter seiner Theke zu kramen, als Lucario das Angebot ablehnte.

    »Deshalb bin ich nicht hier.«

    Das Knistern von Papier erstarb, so wie der Kopf des Kramers unter der Theke wieder hervorkam. Im Gegensatz zu dem Bürgermeister und dem Poststellenbetreiber, die Lucario ebenfalls ein Glas Extravagantes angeboten hatten und denen man zumindest einen Hauch von Enttäuschung über das Gesicht hatte rennen sehen, huschte Kecleon sogar eine Spur Erleichterung über die breiten Lippen.

    »Sie gehören zu den Läden, die den Aussiedlern Hausverbot erteilt haben«, lenkte Lucario das Gespräch in die gewünschte Richtung.

    Kecleon nickte.

    »Eine traurige Konsequenz, ja. Fruchtbare Handelsbeziehungen aufzugeben, gehört nicht zum täglichen Brot eines Kaufmanns, wie Sie sich bestimmt vorstellen können. Aber es musste sein.«

    »Warum?«

    »Wenn die Aussiedler wiederholt meine Bestände aufkaufen, kommen meine anderen Kunden zu kurz. Es ist für ein Gewerbe nicht gerade dienlich, seine treusten und besten Klientel abzuweisen. - Auch der Bürgermeister sieht das ähnlich. Also habe ich angefangen, die Verkäufe an Auswärtige einzuschränken. Und da wurden sie frech, haben mir sogar gedroht. Können Sie sich das vorstellen, Sheriff? Die haben mir gedroht! Widerliches Pack! Man sollte sie teeren und mit den eigenen Federn federn!«

    »Federn? So, so.« Lucario fragte unbeeindruckt weiter: »Wäre es nicht einfacher, mehr Waren zu ordern? Ich nehme an, Sie beziehen Ihr Sortiment von außerhalb?«

    Kecleon lächelte spöttisch.

    »Bei all den Karawanenüberfällen? Außerdem sind die Postkutschen auch so schon überladen, um die Grundversorgung zu garantieren. Ganz zu Schweigen davon, wie viel Güter hier Halt machen, um weitertransportiert zu werden. Da bleibt denkbar wenig Spielraum für die Sonderwünsche von Auswärtigen.«

    »Bei den Aussiedlern leben sicherlich auch Frauen und Kinder«, schlussfolgerte Lucario.

    »Soll ich jetzt Gewissensbisse haben, weil ich sie abweise?«, schnaubte Kecleon. »Die ziehen Verbrecher groß, schon vergessen? Außerdem haben sie nie besonders Lebensnotwendiges gekauft.«

    »Für welche Waren zeigten die Aussiedler denn besonderes Interesse?«

    »Mal dies, mal das: Werkzeug, Kurzwaren, Pflegeprodukte, Obst und Gemüse. Mal wollten sie auch zwei Dutzend Kerzen. Für Genaueres müsste ich meine Bücher inspizieren.«

    »Können Sie sich erinnern, ob die Überfälle bevor oder nachdem Sie Kürzungen vorgenommen haben begannen?«

    Kecleon zog die Stirn kraus, während er überlegte.

    »Das weiß ich ehrlich gesagt nicht … Ich glaube aber, bevor.«

    Lucario hob eine Augenbraue.

    »Das hieße aber, die Siedler hätten auch so alles in Rhino bekommen können.«

    Kecleon verschränkte die Arme wie ein trotziges Kind, während er laut erwiderte: »Waren wohl zu lange in der Sonne oder haben einfach kein Geld! Wer weiß schon, was in dem krankhaften Hirn von Kriminellen vorgeht!«

    »Wann gab es den letzten Zwischenfall mit den Aussiedlern?«

    »Sie haben nicht überall Hausverbot, glaube ich. Manchmal putzen sie sogar bei mir noch die Klinke. Aber da bin ich eisern. Mit Verbrechern will ich nichts zu tun haben. Ich muss schließlich auch an meine Stammkundschaft denken; mein guter Leumund, Sie verstehen schon, Sheriff.«

    Lucario verstand. Er verstand so viel, dass ihn das paranoide Geschwätz des Ladenbesitzers nicht überzeugte. Stichhaltige Beweise, die die Schuld der Aussiedler untermauerten, gab es keine. Die Grundversorgung mit Nahrung und Wasser schien laut Kecleon auch ohne den Gemischtwarenladen gewährleistet zu sein. Blieb lediglich Gier als das einzige Motiv, und dazu noch ein schlechtes. Denn im Vergleich zu einem Banküberfall backte man mit Postkutschenüberfällen nur kleine Brötchen. Doch um ganz sicher gehen zu können, musste Lucario auch die andere Seite der Medaille betrachten und das Gespräch mit den Aussiedlern suchen. Bis dahin sah sich Lucario in einer Sackgasse.

  • 8. Der Wüstenfloh


    Lucario ließ sich beim Herausgehen die milde Morgenbrise um die Nase wehen. Ein Aroma lag darin, wie man es in Rhino hatte lange nicht schmecken dürfen. Nuancen von kühlender Restfeuchtigkeit, der unverkennbare Duft des feinen Sandes - und von scharfer Fensterpolitur.

    Je mehr Zeit Lucario damit aufbrachte, in Gedanken seine nächsten Schritte abzuwägen, umso mehr fühlte er plötzlich eine subtile Rastlosigkeit in sich aufkeimen. Ein Gefühl der Unruhe. Das Gefühl, das seine intimsten Gedanken zu einem offenen Fenster geworden waren. Das Gefühl beobachtet zu werden. Sein Nacken versteifte, die Muskeln in Armen und Beinen verkrampften. Als er erst den Kopf etwas nach rechts und dann nach links neigte, pulsierte der Pulsschlag in seiner Schläfe. Lucario war sich sicher: Noch jemand war hier, beobachtete ihn. Doch waren nur wenige Passanten unterwegs, und von diesen wenigen auch nur zwei, die dem Hüter für Recht und Ordnung besondere Beachtung schenkten. Dabei machten diese aber keine Anstalten, ihr Interesse geheim zu halten oder gar böse Absichten zu hegen. Lucarios Instinkt mahnte ihn zur Vorsicht. Noch jemand war da draußen. Und dieser Jemand war nah.

    »Guten Morgen, Sheriff. Nicht bei bester Laune, wie ich sehe?«

    Schon aus großer Distanz war Rameidons imposante Figur unschwer auszumachen. Bei jedem seiner schweren Schritte auf Lucario zu schien selbst der Sand zwischen den Hohlräumen der Holzpromenade vor Erschöpfung zu ächzen. Im schrillen Kontrast dazu stand seine Begleitung: Ein schlaksiger Mann, dessen weiße Haut an Taille und Beinen in der milden Morgensonne wie Neuschnee schimmerte. Lucario erkannte ihn sofort als den gescheiterten Bluffer aus der Pokerrunde wieder.

    Rameidon machte eine Handbewegung zu seiner Begleitung hin.

    »Wie ich hörte, haben Sie und Galagladi hier bereits Bekanntschaft gemacht.«

    Wie schon bei ihrer ersten Begegnung trafen sich die Blicke der beiden so kurz wie schweigsam. Lucario nickte Galagladi zu, dieser erwiderte genau so knapp.

    »Mit der ständigen Unsicherheit im Rücken bin ich froh, ein zusätzliches paar Muskeln an meiner Seite zu wissen. Nicht, dass ich Ihren Fähigkeiten misstraue, Sheriff, aber …«

    »Zu viel Vorsicht schadet nie«, beendete Lucario den Satz, wobei er sich selbst schmerzlich an das beklemmende Unbehagen erinnerte, das ihn weiterhin fest in seinem Bann hielt. Jemand belauschte das Gespräch.

    Rameidon lächelte derweil.

    »Ich sehe, wir sind uns einig.« Rameidon zögerte kurz, fast so, als rang er mit sich selbst. »Verzeihen Sie mir meine Neugier, aber haben Sie Fortschritte bei Ihren Erkundigungen gemacht?«

    »Keine Nennenswerten«, antwortete Lucario matt.

    Die gute Laune des Poststellenbetreibers löste sich in Enttäuschung auf.

    »Verstehe …«

    Eine peinliche Zeit des Schweigens trat ein. Unruhig verlagerte Lucario das Gewicht von einem Standbein auf das andere, während er wartete. Insgeheim wünschte Er sich, das Gespräch einfach nur zu beenden und zu verschwinden. Rameidon machte einen deutlich abgebrühteren Eindruck. Lediglich von der Stille schien er peinlich berührt.

    »Ach, womöglich ist dies ja interessant«, sagte Rameidon. »Wir erwarten heute Nachmittag zwei Postkutschen mit frischen Waren aus der Hauptstadt. Der Weitertransport findet bereits morgen in der Frühe statt.«

    Hinter seinem ausgetrockneten Mund hatte sich Lucarios Zunge in einen übergroßen Kloß verwandelt, der ihm schier im Halse steckte. Ein Rinnsal frischen Schweißes köchelte auf seiner Stirn, während sich betäubende Eiseskälte immer mehr seiner Arme und Beine einverleibte. Für den Moment würgte er den Klos hinunter und versuchte, seine Stimme so besonnen wie möglich klingen zu lassen.

    »Wohin gehen die Lieferungen?«

    »Nordwärts, nach Brenin, jedenfalls eine davon. Die letzte Lieferung ging … nun ja, verloren, Sie wissen ja. Wir hoffen, dass es diesmal klappt. Die anderen Waren sind für unsere hiesigen Geschäfte vorgesehen.«

    Lucario verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Der Poststellenbetreiber sprach es nicht direkt an, doch hoffte er so, die Leidenschaft für die Arbeit des Gesetzeshüters zu schüren.

    Mit den besten Wünschen verabschiedete man sich voneinander. Hinter dem Läuten des Türglöckchens verschwanden Rameidon und seine Begleitung in dem Krämergeschäft. Mit einem tiefen Atemzug wie nach einem Gewaltmarathon befeuchtete Lucario seine ausgetrocknete Kehle. Längst hatte Panik das schleichende Gefühl der Rastlosigkeit abgelöst. Ohne weiter zu überlegen, lief er los. Erst langsam, dann immer schneller. Er wollte weg; fort von der Straße, die zu einem schutzlosen Glashaus geworden war. Instinktiv beschleunigte er seine Schritte. Selbst die kleinsten Vibrationen in der Luft waren zu Kanonenschlägen geworden, die ihn scheinbar in eine bestimmte Richtung zu hetzen versuchten. Er warf einen raschen Blick über die Schulter, doch da war nichts. Den Blick wieder nach vorn gerichtet, schienen Rhinos Häuser in rasenden Schemen aufzulösen. Wohin er ging, nahm er schon gar nicht mehr wahr. Wieder schaute er zurück. Nichts. Nach links in ausgestorbene Gassen. Nichts. Hinüber zur anderen Straßenseite. Nichts. Muskelkater in seinen Gliedern. Atemlosigkeit. Schnelle Schritte. Das Schleifen von scharfen Krallen über die Holzpromenade. Der Verfolger war direkt hinter ihm.

    Der pochende Schmerz in Lucarios Schläfe explodierte. Ein purpurschwarzes Flammenmeer verschlang die Enden von Lucarios Extremitäten, während sich Gedanken wie Unsicherheit und Panik in kochenden Hass verwandelten. Unter der schnellen Bewegung, mit der er um 180 Grad um die eigene Achse wirbelte, bebte der Dielenboden. Er holte aus, war bereit zu zerstören, wer oder was auch immer ihm auflauerte - und schaute dabei in die Unschuld von weit aufgerissenen Kinderaugen.

    In einer verzweifelten Bewegung, die den schmerzhaften Nachgeschmack einer ausgekugelten rechten Schulter in sich trug, riss Lucario den zum Schlag ausgefahrenen Arm zur Seite. Die untertassentellergroße, purpurschwarze Energiesphäre, die sich daraus löste und ursprünglich für seinen Verfolger reserviert gewesen war, jagte schlingernd und kreischend nur wenige Fingerbreit über ein Hausdach hinweg und verschwand am Horizont.

    Das Flammenmeer an Lucarios Armen und Beinen erlosch. Fensterscheiben hörten zu vibrieren auf. Es roch nach versengtem Holz. In einer instinktiven Bewegung fasste sich Lucario mit schmerzendem Arm an die stechende Brust, wo sein Herz noch immer tausend Marathons lief. Aus halb geöffneten Mund blitzten indessen die Schneidezähne des Kindes spitzbübisch in der Sonne. Lucario erkannte in ihm den Knaben wieder, dem er am ersten Tag auf seinem Weg zum Sheriff’s Office und vor einer halben Stunde im Kramergeschäft begegnet war.

    »Was … was sollte das, Bursche?«, keuchte Lucario.

    Der Junge schaute an dem Gesetzeshüter hoch, direkt in dessen Gesicht. Starre, schwarze Knopfaugen aus nicht mehr ganz so weit aufgerissenen Augenhöhlen antworteten mit einem Schweigen.

    Auf der Suche nach dem Ursprung des Radaus streckten sich währenddessen immer mehr Köpfe aus sich öffnenden Fenstern. Selbst das entfernte Bimmeln der Kramertürglocke war zu hören. Immer mehr Blicke ruhten auf dem seltsamen Gespann, während sich das leise Murmeln in eine anklagende Kakophonie steigerte.

    »Jetzt gib’ brav Pfötchen, und keine Zicken, hörst du?«, knurrte Lucario, der nur noch eines im Kopf hatte: schnell von hier zu verschwinden.

    Erst ging ein Zögern seiner zittrigen Bewegung voraus. Dann erstarrte Lucarios, als er die Hand des Jungen ergreifen wollte. Mit heftiger Überwindung verkorkte er seine flatternden Nerven - es half nichts. Es war das Zubeißen einer Schlange, mit dem er den Unterarm des Kindes mit viel Überwindung ergriff und sich rasch in Bewegung setzte.

    Zusammen klapperte man einige der geöffneten Fenster ab, bis eine nervös dreinschauende Stadtbewohnerin in dem Jungen Igamaro wiedererkannte, der laut ihrer Aussage mit Vater und Mutter in einer der Baracken an der westlichen Stadtgrenze Rhinos lebte.

    Begleitet von dem Getrappel viel zu kurzer Kinderbeine, die mit dem Erwachsenen Schritt zu halten versuchten, ging es die Promenade westwärts hinunter. Lucario kochte förmlich vor Scham und Nervosität, dass er glaubte, sein ganzes Fell müsse in Flammen stehen. Die Ausnahme bildete sein rechter Arm, mit dem er den Jungen hielt, und von der unbehaglichen Berührung schier taubgefroren war. Vor der Haustür angekommen, holte Lucario erst drei tiefe Atemzüge, bevor er klopfte und ihm geöffnet wurde.

    »Entschuldigen Sie, Ma’am. Ist das hier Ihr Filius?«

    Die Frage war überflüssig, wusste Lucario, denn erkannte er in der plötzlich zur Salzsäule erstarrten, korpulenten Frau sofort die nervöse Mutter aus dem Gemischtwarenladen wieder. Dennoch machte er einen Schritt zur Seite, um eine freie Sicht zu dem Jungen zu gewährleisten. Genau in diesem Moment klammerte sich Igamaro panisch an Lucarios rechtes Bein fest. Die Berührung war nur kurz, doch reichte sie, um Lucario wie in einer klirrenden Winternacht am ganzen Leib erbeben zu lassen. Nur Augenblicke später packte die Mutter ihren Sohn grob am Oberarm, zog diesen in die Wohnung und schlug die Tür brachial zu. Dahinter verschluckte das hysterische Kreischen der Frau eine klatschende Ohrfeige.

    »Warum bist du nicht in der Schule?! Habe ich dir nicht ausdrücklich gesagt, wie gefährlich dieser Lucario ist?! Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt, junger Mann!«

  • 9. Die Füchsin und das Schwein


    Auch an einem frühen Werktagmorgen wie diesem war der Fröhliche Fuchs nur ein verschlafener Schatten seiner selbst. Wo man noch am gestrigen Abend ausgelassen getrunken, gespielt und gefeiert hatte, regierten nun Grabesstille und Kehrbesen. Der Duft scharfen Reinigungsmittels hatte mittlerweile den Alkohol in der Luft abgelöst. Auf den sauber polierten Tischplatten ruhten die mit den Beinen nach oben gerichteten Stühle. Ausnahme bildete eine Ecke des Saloons, wo ein einsamer Greis einen Sitzplatz beanspruchte und bereits sehr tief in sein Glas schaute.

    Rutena kräuselte ihre Stirn zu einer Furche der Sorge, als Lucario den Saloon betrat.

    »Was ist dir über die Leber gelaufen, Sugar? Du siehst gar nicht gut aus.«

    »Das hab’ ich heute Morgen schon mal gehört«, sagte Lucario trocken.

    »Komm, ich mach dir einen von meinen Muntermachern. Dann geht es dir gleich besser.«

    Rutena lehnte den Kehrbesen an einen der verwaisten Tische und straffte ihre Schürze. Ihr aufreizender Gang zur Bar war ein Tanz und das verführerische Wedeln ihres buschigen Schwanzes die Einladung dazu; eine Einladung, die selbst Lucario nicht ausschlagen konnte.

    Hinter ihrer Theke entkorkte Rutena nacheinander mehrere Flaschen zugleich. Flüssigkeiten verschiedener Farben, Gerüche und Geschmäcker flossen anschließend in einen großen, silbernen Becher.

    »Erstaunlich, nicht? Das habe ich mir auf einem Trip nach Ramal abgekupfert und gleichzeitig auch das richtige Werkzeug dazu erworben«, sagte Rutena stolz, die Lucarios ehrliches Interesse bemerkte und weiterhin Flüssigkeiten nachgoss. »Getränke zu mixen, steht an der Ostküste an der Tagesordnung. Die meisten Langweiler hier wollen fast immer nur ihr übliches Gift. Dabei gibt es so viele gute Sachen.« Rutena verkorkte anschließend die letzte Flasche und stellte diese zurück ins Regal. Auf den Becher schraubte sie einen Deckel und begann diesen lässig aus dem Armgelenk zu schütteln.

    »Nur Eis habe ich leider keines. Das wäre dann das Sahnehäubchen«, seufzte Rutena verträumt, während sie zwei Gläser mit der nunmehr bernsteinfarbenen Flüssigkeit füllte.

    »Cheers!«

    Die Barkeeperin hob ihr Glas vielsagend in Lucarios Richtung. Sein Gesicht war ein unergründlicher Ozean, der sich in den Tiefen des Brandys verlor. Schließlich hob auch er das Glas - schweigsam. Eine einsame Symphonie zweier Gläser, die sich kurzzeitig berührten, erfüllte den leeren Saal. Lucario nippte an dem Glas, dass seine Lippen kurz mit der Flüssigkeit darin in Berührung kamen. Der Alkohol darin brannte auf seiner Seele wie Zunder.

    »Willst du darüber reden?«, fragte Rutena.

    »Nein.«

    »Wirklich nicht?«

    Lucario, der das Glas zwischenzeitlich wieder abgestellt hatte, schaute tief hinab in das Glas, noch tiefer als zuvor.

    »Es gibt Sachen«, begann er langsam«, »die lässt man besser zurück.«

    »Die Vergangenheit definiert, wer wir heute sind. Was wir tun. Und wohin uns unser Weg noch führt«, sagte Rutena. »Die Vergangenheit zu ignorieren, bedeutet, sich selbst zu belügen.«

    Lucario hob etwas den Kopf, wo ihn das intensive Rot von Rutenas Augen erwartete, die wie ein Spiegel seiner Seele waren.

    »Ich hänge nicht an der Vergangenheit. Wer zu sehr mit dem Gestern liebäugelt, dem entgeht die Chance, das Heute zu schreiben.«

    Lucario verstummte und ließ von den intensiven Augen vor ihm ab. Der Brandy, den er in seinem Glas wild umherkreiseln ließ, erinnerte an ein glimmendes Glutnest, nur darauf wartend, zu einem ausgewachsenen Flächenbrand seiner Gedanken zu werden.

    »Aber wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, der droht, dieselben Fehler erneut zu begehen«, widersprach Rutena.

    Lucario spürte die warme, einfühlsame Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die ihn fort dem Getränk auf dem Tisch und wieder hinauf zu den roten Augen hob; ein Blick, der heiß auf seiner Seele brannte und Herz und Gedanken in unendlicher Agonie durchbohrte. Stumm und leise sahen sie einander an. Doch so wie Rutena von Lucarios Kinn abließ, so wanderte dessen Gesicht wieder hinab zu dem Brandy. Schweigsam.

    Wieder schwenkte er die Flüssigkeit, diesmal schneller. Seine Gedanken verschwammen in einem in Ebenholz gereiften, bernsteinfarbenen Ozean. Der wild wirbelnde Alkohol und seine kreiselnden Gedanken vereinigten sich und wuchsen zu einem unzähmbaren Feuersturm heran. Die entfesselten scharlachroten Böen gaben verschwommenen Bildern Geburt, welche dann wieder von gewaltigen Farbexplosionen verschluckt und von neuen Erinnerungen abgelöst wurden. Lucario beobachtete den im Glas eingefangenen Wirbel, dann nippte er an ihm. Er wünschte, er könnte seine Erinnerungen einfach auf dem Grund des Glases zurücklassen und für immer begraben.

    In aller Stille leerte man das eigene Glas. Zug um Zug, Tropfen für Tropfen. Erwartungsvoll beobachtete Rutena, wie Lucario das Glas absetzte.

    »Gut?«, fragte sie und leckte sich selbst über die Lippen.

    »Gut«, antwortete Lucario knapp. »Ist Z hier? Ich würde mich gerne mal mit ihm unter vier Augen unterhalten.«

    »Och, Sugar, ich habe dir doch schon mal gesagt, dass Z ein Langschläfer ist. Vor zehn Uhr lässt der sich hier selten blicken.« Rutena schaute an Lucario vorbei Richtung Eingang, wo eine Uhr an der Wand hing. »Aber du kannst mir gerne noch etwas Gesellschaft leisten, bis er kommt.«

    »Was ist mit dem anderen Kerl, diesem Pantimos. Hat der sich heute schon blicken lassen«, hakte Lucario nach.

    »Der und sein Gefolge haben erst ab mittags Schicht. Nützt ja die beste Unterhaltung nichts, wenn keine Leute da sind. - Und ich dachte wirklich, du wärst endlich mal wegen mir hier«, maulte Rutena theatralisch.

    Lucario gestikulierte mit einer kurzen Kopfbewegung zur Seite in Richtung des einzigen anderen Gastes im Saloon.

    »Was ist mit dem da? Stammkundschaft?«

    Zwischen zwei amüsiert verkrampften Wangen presste Rutena hervor: »Kann man so sagen, ja. Wenn seine Alte ihm schon am frühen Morgen mit der Bratpfanne droht, sucht er bei mir Unterschlupf. Habe nichts gegen ein wenig lockere Gesellschaft einzuwenden, auch wenn es nur ein alter Lustmolch ist, der mir beim Saubermachen zuschaut. Stimmt’s, Armaldo, du geiler, alter Sack?«, rief ihm Rutena zu.

    Armaldo antwortete mit einem zahnlosen Grinsen, hob sein Glas und trank auf Rutenas Wohl.

    Mit einem herausfordernden Lächeln versuchte Rutena, auch Lucario zu dem Anflug eines Schmunzelns zu bewegen. Der aber blieb ausdruckslos.

    »Außer deiner Arbeit kennst du nichts, hm?«, neckte Rutena.

    Kaum sichtbar zuckte Lucario mit den Schultern.

    »Ich bin nicht der Typ für Small-Talk.«

    Ermutigend streichelte Rutena Lucarios Pfote, ein einfühlsames Lächeln auf den Lippen.

    »Versuch’ es doch einfach mal.«

    Lucarios missmutiges Brummen war wie das eines verstimmten Bären, den man mitten im tiefsten Winterschlaf geweckt hatte. Doch da war noch etwas. Eine innere Stimme, die inmitten dieses muffigen Murrens vorsichtig das Wort ergriff. Vielleicht war es die Behaglichkeit des Saloons, die warme Berührung auf seinen Knöcheln oder auch einfach nur der Alkohol, der Lucario die Zunge lockerte. Er wusste es selbst nicht.

    »So … also, wie läuft so das Geschäft?«

    Rutena war sehr schlecht darin, ihre Überraschung über den Sinneswandel des Sheriffs zu unterdrücken. Oder sie versuchte es erst gar nicht.

    »Gut! Kann nicht klagen«, strahlte sie. »Die Leute maulen zwar, weil die Unterhaltung in letzter Zeit nachgelassen hat, die Meisten kommen aber ohnehin wegen der Gesellschaft hierher oder um sich die Kanne zu geben. Läuft in der Regel auf dasselbe hinaus«, sagte Rutena mit einem unschuldigen Schulterzucken, als ob sie über etwas Belangloses wie das Wetter redete.

    Lucario zog eine Augenbraue nach oben.

    »Überrascht mich ehrlich gesagt. Nachdem die Preise hochgegangen sind, hat es manch einen standhaften Trinker in die Abstinenz getrieben. Das bekommen die Ladenbetreiber sicherlich zu spüren.«

    Rutena rümpfte die Nase und verdrehte die Augen.

    »Ach, ja, Ramals berühmte Brandweinsteuer, denn die Hauptstadt braucht unbedingt Geld in der Kasse. Ich habe eine Freundin, die arbeitet«, Rutena räusperte sich künstlich«, soll heißen, hat in einem Salon in Medassa gearbeitet. Diese dummen, besoffenen Säcke haben vor Wut den Laden abgefackelt. Als ob wir Barbesitzer etwas dafürkönnen, dass wir im Einkauf drauflegen und den Preis weiterberechnen müssen.«

    »Aber die Leute kommen trotzdem, weil sie keine andere Wahl haben.«

    »Wenn du das so sagst, klingt das, als ob wir die Leute absichtlich süchtig machen und abzocken wollen. Aber ja, du hast recht: Die Leute kommen, weil sie einen Ort brauchen, um sich die Kehle zu befeuchten und etwas Spaß in ihren trostlosen Alltag zu bringen. Oder glaubst du, der alte Armaldo da hinten hat besonders Lust darauf, sich von seiner schrulligen Vettel den ganzen Tag anzuhören, wie er immer fetter und fauler wird?« Rutena schnaubte und fuhr sich gereizt durch das Fell. Anschließend holte sie zweimal tief Luft. »Sorry für den Gefühlsausbruch, Sugar, aber das ist ein ganz heißes Eisen.«

    Lucario gab sich trotz des rauer gewordenen Tonfalls gänzlich unbeeindruckt. »Gab es irgendwelche Zwischenfälle im Saloon seit Erhebung der Steuer?«

    Rutena blies etwas Luft durch die Zähne, verneinte aber letztendlich mit einem Kopfschütteln.

    »Natürlich waren die Leute nicht besonders begeistert davon. Und ich müsste Lügen, wenn mein Absatz nicht etwas zurückgegangen wäre. Aber das hat sich mit der Zeit gegeben. Wie gesagt: Die Leute brauchen ihren Fröhlichen Fuchs - mit oder ohne Aufschlag.«

    Beide hielten inne - eine peinliche Stille, die bislang zwischen ihnen noch nie eingetreten war.

    »Sollen wir das Thema wechseln?«

    »Ich glaube, das ist alles an Small-Talk für heute«, sagte Lucario kleinlaut.

    Das anfängliche schwere Seufzen der Barkeeperin wandelte sich zu einem amüsierten Glucksen.

    »Nicht das schönste Thema, aber immerhin ein Anfang.«

    Lucario überlegte, wo er den Faden verloren hatte, dann erkundigte er sich: »Was gibt es über die Fantastischen Traumweber zu sagen? Arbeiten die schon lange hier?«

    Rutena schnalzte mit der Zunge. Ein Hauch ihres Muntermachers umspielte ihren Atem.

    »Viel gibt es da nicht zu erzählen. Es sollte ursprünglich nur ein kurzfristiges Arrangement werden, wie es bei solchen Schaustellern eben üblich ist. Aber Pantimos hat den Vertrag jetzt schon zum zweiten Mal verlängert. Übermorgen sind es jetzt vier Wochen, wenn ich mich nicht vertue.«

    Vier Wochen. Selbst ohne groß darüber nachzudenken, wusste Lucario, dass dieser Zeitraum in keiner Weise zu der Überfallserie passte, die sich bereits über Monate erstreckte. Und trotzdem: Pantimos’ Nähe zu Z machte ihn auf jeden Fall verdächtig.

    »Und Pantimos und Z verbringen viel Zeit miteinander?«, überlegte Lucario laut.

    »Das ist gewaltig untertrieben«, antwortete Rutena. »Pantimos hängt fast jede freie Minute bei Z rum und verprasst anscheinend die ganze Gage, die ich ihm zahle. Zum Glück hat er die Unterkunft im Voraus bezahlt, sonst wäre er wohl mittlerweile pleite.«

    »Verstehe. Sonst irgendetwas?«

    »Mhmm, da gibt es tatsächlich noch was …« Rutena verzog ihre Lippen, während sie angestrengt ihre Gedanken in diplomatische Worte formte. »Vor ein paar Tagen … nun, da ging ich an Pantimos’ Zimmer vorbei. Er und ein paar seiner Leute haben sich lautstark unterhalten. Ach, was sage ich, gestritten haben die sich.«

    Lucarios Ohren zuckten interessiert.

    »Ärger im Paradies, hm?«

    Rutena nickte sacht.

    »Und dabei ist auch Zs Name gefallen.«

    »Und weiter?«, bohrte Lucario nach.

    »Wie weiter?«

    »Irgendetwas Konkretes, worüber die sich unterhalten haben?«

    Rutena zog eine beleidigte Schnute.

    »Sugar, ich bin eine Barkeeperin, keine Voyeurin. Ich hab’ mit den Schultern gezuckt und bin weitergegangen. So sieht’s aus.«

    Zum zweiten Mal in kurzer Folge spürte Lucario die sanfte Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die sein vor Enttäuschung gesenktes Haupt wie auf Engelswolken bettete und in die Höhe schweben ließ. Rutenas Gesichtszüge waren wieder etwas weicher geworden.

    »Jetzt schau nicht schon wieder wie sieben Tage Regenwetter. Am besten fragst du ihn einfach selbst, wenn er kommt. Aber wenn du meine Meinung hören willst: Auf mich wirkt er eher harmlos.«

    Aus dem zweiten Stock hüstelte jemand künstlich. Dann meldete sich auch gleich die passende Stimme dazu.

    »Harmlos? Redet ihr etwa von mir?«

    Mit honigsüßem Lächeln auf dem Gesicht flanierte der Glücksspieler Z die Treppe hinunter, die von der rechten Saloonseite aus in das obere Stockwerk zu den Quartieren führte.

    »Wenn das mal nicht meine zwei liebsten Leutchen in Rhino sind: meine Muse und der Constable.«

    Constable. Wie jedes Mal, wenn Lucario mit diesem Namen angesprochen wurde, spürte er die gedämpfte Wut druckvoll im Kopf und wie sich sein Fell sträubte. Nur die Überraschung, dass auch Rutena eine kuriose Beziehung zu dem Glücksspieler zu pflegen schien, dämpfte seinen Zorn und ersetzte ihn mit Neugier. Doch von der gerunzelten Stirn der Barkeeperin zu urteilen, war diese nicht weniger überrascht.

    »Muse?«, fragte Rutena.

    Z, der soeben die letzte Stufe in das Erdgeschoss gemeistert hatte, breitete auf dem Weg Richtung Bar feierlich die Arme aus.

    »Eine schöne Dame mit zauberhaftem Lächeln, die in einzigartiger Atmosphäre wohlschmeckende und kostengünstige Getränke serviert - was auf der Welt könnte inspirierender sein? Mir fiele nur eines ein - aber lassen wir das. Es wäre eine Schande, diesen denkwürdigen Moment zu ruinieren.«

    Z ließ ein dezentes parfümiertes Aroma zurück, als er mit pathetischem Lächeln an der Bar vorbeistolzierte. An seinem üblichen Stammplatz hob er die Stühle vom Tisch und nahm Platz.

    »Oder wäre dir stattdessen Flauscheöhrchen lieber?«, fragte Z honigsüß.

    Mit geschürzten Lippen und einem Schulterzucken antwortete Rutena: »Weder noch.«

    »Dann darfst du meinen Gaumen einmal mehr mit einer deiner Köstlichkeiten erfreuen.«

    Aus einem Winkel heraus, den nur Lucario flüchtig wahrnehmen konnte, rollte Rutena die Augen. Anschließend begann sie, den silbernen Mix-Becher mit klarem Wasser auszuwaschen. Z schien zu den Wenigen zu gehören, die sich - wie Rutena es nannte - nicht mit dem üblichen Gift zufriedengaben, sondern ihre Künste bei der Herstellung von exotischen Mixgetränken zu schätzen wussten.

    Lucario trat derweil an den Tisch des Glücksspielers heran und fragte in herausforderndem Tonfall: »Mich würde interessieren, was inspirierender sein könnte.«

    Z musterte den Sheriff vor ihm sorgfältig. Bei seinem breiten Lächeln zeigte der Glücksspieler seine kurzen, perlweißen Fangzähne.

    »Sie wollen mich doch nicht vor einer schönen Frau in Verlegenheit bringen?«

    »Wenn es sein muss«, sagte Lucario.

    »Ist das alles?«, fragte Z mit gekünstelter Enttäuschung. »Einfach nur ›wenn es sein muss‹? Keine rudimentären Drohungen? Keine körperliche Gewalt? Ich muss zugeben, ich bin enttäuscht; mehr aber von mir selbst als von Ihnen, weil ich ganz andere Erwartungen in Sie gesteckt habe, Constable. Ach, wie leicht man sich doch irren kann …« Z kratzte sich genießerisch am Nacken, bevor er fortfuhr. »Da Sie aber wahrscheinlich ein Nein nicht als Antwort akzeptieren, will ich mal nicht so sein, aber nur, weil ich Sie so sehr mag, Constable.«

    Welch eine Ehre, wollte Lucario am liebsten höhnisch antworten, doch mahnte er sich, diesen Gedanken verstreichen zu lassen, um Z keine Gelegenheit einzuräumen, vom Thema abzuschweifen. Z gebot ihm mit einer geheimnistuerischen Krallenbewegung, näher zu kommen. Widerwillig folgte Lucario und trat etwas näher heran. Mit süffisantem Grinsen winkte ihn sein Gesprächspartner noch näher heran. Lucario neigte sich inzwischen so weit nach vorne, dass Zs dezenter Parfümgeruch schier zu einem Wüstenwind geworden war, der an seiner Netzhaut kokelte. Endlich öffnete Z den Mund und hauchte Lucario verschwörerisch ins Ohr.

    »Allerhöchstens übertroffen von dem süßen Nektar des Erfolgs zu kosten. Da fällt mir ein: Sie schulden mir noch ein Spiel, Constable. Schon vergessen? Zwei Spiele Minimum«, erinnerte Z den Sheriff, welcher sich bereits nach dem ersten Satz wieder von dem Glücksspieler distanziert hatte. »Also, wollen wir?«

    »Muss ein erfüllendes Leben sein. Sich den ganzen Tag den Arsch platt sitzen, saufen und den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen«, spottete Lucario.

    »Ist das nicht genug? Was will man mehr?«

    »Mehr Geld? Durch Überfälle vielleicht? Auf Postkutschen?«

    Z zog überrascht beide Augenbrauen in die Höhe und spitzte die Lippen zu einer Schnute.

    »Postkutschenüberfälle? Moi? Aber, aber, Constable«, butterte er. »Sie schätzen meine Motivation völlig falsch ein. Wegen der guten Verpflegung bin ich hier. Wegen der Unterhaltung. Und natürlich - wegen der Gesellschaft.«

    Mit einer flinken Pfotenbewegung grapschte Z nach Rutenas Schwanz, die ihm gerade eben einen Drink serviert hatte. Genussvoll ließ er die Haare durch die Krallen rieseln, bis Rutena ihm mit einer schnellen Seitenbewegung ihren Schwanz wegzog.

    »Ich hoffe, du erstickst daran«, fauchte sie über die Schulter, wo Z mit lustvoller Miene an seiner Tatze schnupperte wie an einem guten Wein.

    Lucario ahnte, dass Z nur so glimpflich davon gekommen war, da er gewartet hatte, bis Rutena das Glas abgestellt und ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Bei Rutenas schlummerndem Temperament hätte es Lucario noch nicht einmal verwundert, wenn diese sich auf dem Schritt umgedreht und Z ein paar Ohrfeigen gepfeffert hätte.

    »Weil ich hier so höflich beschuldigt werde, gehe ich davon aus, dass Sie kein belastendes Beweismaterial vorlegen können«, sagte Z mit fragendem Unterton.

    »Ich habe nicht beschuldigt«, korrigierte Lucario«, ich habe lediglich laut nachgedacht.«

    Z lächelte breiter.

    »Touché, Constable. Touché.

    »Vielleicht habe ich keine Beweise, aber eines sollte klar sein.« Mit einer solchen Gewalt, dass der Tisch wackelte, stützte sich Lucario auf der Oberfläche ab. Er war Auge in Auge mit dem Glücksspieler; so nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten und das blumige Odeur ihm den Pelz versengte. »Wenn ich noch einmal mitbekomme, dass du Leute belästigst, wirst du die nächsten fünf Tage in einem Hotel nächtigen, dass keine Klinke hat!«

    Nach anfänglicher Überraschung kehrte Zs gewohntes Lächeln zurück.

    »Einverstanden. Bis dahin möchte ich allerdings in vollem Umfang von Kost und Logis hier Gebrauch machen - als braver, ehrlicher Bürger, der das Gesetz achtet«, beschwichtigte er. Im Anschluss lugte er an Lucario vorbei und nickte Richtung Theke, wo Rutena widerwillig damit begann, ihm das Frühstück vorzubereiten. »Dasselbe wie immer, Herzblatt.«

    Bei Lucarios Rückkehr zur Theke schenkte ihm Rutena ein gequältes, doch zugleich dankbares Lächeln. Anschließend warf sie ihren Kopf in den Nacken und seufzte tief, als stieße sie ein unverständliches Stoßgebet an die Zimmerdecke hinauf. Mit einem Kopfschütteln befreite sie sich von ihren geheimen Gedanken wie von einem lästigen Insekt und setzte heißes Wasser auf.

    »Ich verschwinde jetzt. Wenn es Probleme mit dem da gibt«, er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Glücksspielers«, lass’ es mich wissen.«

    »Du bist hier immer willkommen. - Du gehst auch schon, Schätzchen?«

    Armaldo schob sich an Lucario vorbei und stellte das Glas auf die Theke.

    »Muss wohl, sonst macht mir meine Alte die Hölle heiß. Harharhar!« Er kramte ein paar Scheine aus der Tasche und klatschte sie auf die Theke - viel zu wenig, wie Lucario meinte. »Bis bald.« Mit einem weiteren Augenzwinkern verabschiedete er sich.

    »Wundert mich nicht, dass die Leute hier gerne einen heben«, meinte Lucario und nickte in Richtung der Geldscheine.

    »Hm?«, machte Rutena gedankenversunken. »Oh, habe neulich einen günstigen Vertrag an Land gezogen: viel einkaufen, viel sparen. Gebe das nur an die Kunden weiter.«

    »Trinkgeld mit inbegriffen?«

    »Hältst du hier Maulaffen feil? Mach Platz!«

    Armaldos Stimme polterte lautstark durch den Raum, dass sie einem Weckruf ähnelte, dem sich keiner der Anwesenden entziehen vermochte.

    »Was machst du hier?« Lucarios Knurren glich weniger einer Frage als einer Drohung. Der Deputy, der erst Armaldo etwas Platz einräumte und anschließend an der Eingangstür verharrte, verlagerte in einem unruhigen Tanz das Gewicht von einem Bein in das andere. Er schnitt eine gequälte Grimasse.

    »Äh … also, ich wollte … was trinken?«

    »Falsche Antwort«, bellte Lucario angriffslustig.

    In genau diesem Moment steckte Armaldo noch einmal den Kopf hinein auf der Suche nach Lucario.

    »Jungchen, ich glaube, da draußen gibt es Arbeit für dich.«

    »Mehr Glück als Verstand. Komm mit, du Pantoffelheld!«, blaffte Lucario Grillchita an, ignorierte Zs »Hals und Beinbruch, Constable« und stürmte los.

  • 10. Federn und Hufe


    »Wann willst du uns endlich rauslassen, Sheriff?«
    Das Rascheln einer umgeschlagenen Zeitung strafte die Frage mit Ignoranz.
    »Boss, ich glaube, der Sheriff hat was an den Lauschern.«
    »Drecksack, ich rede mit dir!«
    »Vielleicht solltest du ihn höflich fragen, ob er dich hinauslässt, damit du ihm das Schmalz aus seinen spitzen Ohren prügeln darfst.«
    Tyracroc schmetterte die Fäuste gegen die vergitterte Tür. Hinter malmenden Kiefern presste er hervor: »Verlauster Sohn einer Hure - ich will hier raus!«
    »Ich wette, deine Schmeicheleien und Komplimente sind der Schlüssel zum Herzen irgendeiner Frau da draußen. Nicht aber zu dieser Zelle«, stichelte Lucario. Desinteressiert überflog er einen Zeitungsartikel über ein Festival in Ramal zum Ende des Sommers. »Scheint Spaß zu machen«, grummelte er und blättete um.
    Nachdem er noch einmal kräftig gegen die Zellentür geschlagen hatte, warf sich Tyracroc frustriert auf die harte Pritsche seiner Ein-Mann-Zelle und sparte dabei nicht mit Flüchen.
    »Jetzt mal ernsthaft, Chief. Wie lange sollen wir noch gesiebte Luft atmen?«, fragte Sengo von einer Zelle weiter. Seine Stimme hatte etwas von dem üblichen Schneid verloren. Für seine Verhältnisse mochte man fast schon von einem »diplomatischen Ton« sprechen.
    »Geht mich nichts an. Ist Sache des Richters«, antwortete Lucario.
    »Geht mich nichts an. Ist Sache des Richters«, wiederholte Tyracroc in einem grausam monotonen Bariton.
    Eine weitere Stimme, die Ursaring gehörte, welcher in der dritten und letzten Zelle schmorte, lachte dumpf.
    »Richter?« Sengo lehnte sich lässig mit einer Schulter an die Gitterstäbe. Zusammen mit dem tiefpurpurroten Veilchen am linken Auge entstellte Sengos einschmeichelndes Lächeln dessen Gesicht zu einer furchterregenden Fratze. »Wird man jetzt schon vor Gericht gestellt, wenn man Geld abheben will?«
    Lucario begann den Satz mit einem erschöpften Seufzen, als ob er einem Kleinkind zum wiederholten Male belehrte.
    »Es ist eines jedes Bürgers gutes Recht, Geld von der Bank abzuheben. Aber wenn man dort kein Konto hat und obendrein noch dem netten Mann hinter dem Tresen die Zähne ausschlägt, dann nennt man das im gemeinen Volksmund ›Banküberfall‹.« In einer trotzigen Bewegung, die so viel sagte wie »Ende der Diskussion« schlang Lucario die auf dem Schreibtisch ruhenden Beine übereinander. Im selben Moment wurde die Tür zum Sheriff’s Office ruckartig aufgeschlagen.
    »S-sorry für die Verspätung!«, keuchte Grillchita aus heißerer Kehle.
    Das Funkeln in Tyracrocs Grimasse wurde nur übertroffen von dem Blitzen seiner geifernden Reißzähne.
    »Sieh an: des Sheriffs private Schlampe.«
    Sengo und Ursaring lachten. Mit einem hilflosen Blick schaute der Deputy erst zu Tyracroc in dessen Gefängniszelle und dann zu Lucario, der weiterhin unbeirrt hinter seiner Zeitung versunken war.
    »Ich glaube, jetzt hast du ihn eingeschüchtert, Boss«, höhnte Sengo. »Solltest dich was schämen.«
    »Ja, hör’ bloß auf, sonst macht er sich in der nächsten Ecke noch nass«, spottete Ursaring.
    »Berufsrisiko - für beide Seiten«, erwiderte Tyracroc nüchtern. »Jetzt darf sich schon jeder dahergelaufene Köter ungestraft seine private Vestalin an der kurzen Leine halten. Und unsereins sperrt man in den Knast. Der Kontinent geht echt vor die Hunde …«, grollte Tyracroc.
    Grillchita, von seinem Spurt zum Sheriff’s Office noch immer schwer atmend, taumelte ungelenk in Richtung des Schreibtisches. In dem verzweifelten Versuch, höflich nach Aufmerksamkeit zu bitten, räusperte er sich vor geschlossener Faust.
    »Äh, ich bin da.«
    »Mach Sachen!«, antwortete Lucario tonlos. Seine Augen kamen ein wenig über der Zeitung zum Vorschein. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
    »Hab’s verpennt, ich weiß, sorry. Bringe dafür aber auch gute Nachrichten mit! Sie wollten sich doch noch mit den Siedlern unterhalten. Nun, wie der Zufall so spielt, habe ich gerade einen von denen in der Stadt beim Bummeln gesehen. Ist sogar ein hohes Tier, glaube ich. Das ist doch was!«
    »Hoffe, du willst jetzt keinen Orden dafür.«
    »Eigentlich …«
    »Halt bloß die Schnauze!« Lucario knallte die zusammengerollte Zeitung auf den Tisch. Durch den noch in meterweiter Entfernung aufgewirbelten Staub züngelte Lucarios rotes Augenpaar den Deputy böse an. »Seit Tagen hast du keinen Finger krumm gemacht. - Einkaufen gehen ist mir keine Hilfe«, unterbrach der Sheriff seinen Deputy knurrend, als dieser bereits protestierend den Mund öffnete. »Dafür brauche ich keinen Hilfssheriff - das könnte auch das rüstige Großmütterchen von nebenan, und das ohne ganz weit oben auf der Gehaltsliste des Mayors zu stehen. Und ich bin es ehrlich gesagt leid, in einem Drecksloch zu hausen, das den Charme von einem öffentlichen Scheißhaus nach einer Chilli Happy-Hour versprüht, nur weil mein Deputy seinen gottverdammten Arsch nicht hochkriegt!«
    »Uhh!«, höhnte Tyracroc.
    »Jetzt hat er es dir aber besorgt«, schloss sich Sengo an.
    »Machst du dich schon nass?«, strafte auch Ursaring den Deputy mit weiteren Schmähungen.
    Ein Quäntchen Härte kämpfte gegen die Rückratlosigkeit in Grillchitas Stimme an, was in einem schrillen Kontrast zu seinen geröteten Wangen stand.
    »Aber um hier die Putze vom Dienst zu spielen, bin ich gut genug, was?«, protestierte er. »So hab’ ich mir den Job nicht vorgestellt.«
    »Wie soll ich dir Tagedieb Verantwortung übertragen, wenn es dir bereits an schlichtem Pflichtbewusstsein für die einfachsten Aufgaben mangelt? Wenn du deinen Wert beweisen willst, dann kannst du damit anfangen, diese Drecksbude endlich auf Vordermann zu bringen. Im Anschluss gehst du auf die Poststelle und übergibst diesen Brief.« Lucario reichte Grillchita ein Kuvert, das an das Amtsgericht in Ramal adressiert war: die Anforderung eines Richters für den Prozess von Tyracroc samt seiner Bande. »Und wo wir gerade dabei sind: Die drei Galgenvögel haben außerdem ein Anrecht auf ihr tägliches Wasser und Brot. Darum kannst du dich später auch noch kümmern. Wenn das alles getan ist, reden wir weiter.«
    »Äh, das muss ich mir jetzt aber aufschreiben …«
    »Warum wundert mich das nicht …?«
    Ein letztes Mal streckte Lucario die Beine lang, die da gleich mit einem ungeduldigen Knacken antworteten. Er legte die zusammengerollte Zeitung beiseite und erhob sich. Einen emotionslosen Ausdruck auf dem Gesicht peilte er die Ausgangstür an.
    Tyracroc sprang von der Pritsche. Seine Hände brandeten gegen eine unnachgiebige Ansammlung rasselnder Gitterstäbe.
    »Hey! Wie lange sollen wir noch in diesem versifften Drecksloch versauern? Hey!«
    »Fünf Sonntage - wenn ihr Glück habt«, antwortete Lucario emotionslos.
    »Fahr’ zur Hölle!«
    »Fünf Totensonntage«, verabschiedete sich Lucario, diesmal mit mehr Nachdruck in der Stimme, jedoch ohne zurückzublicken.


    Von einem mit dünnen Schleierwolken gesprenkelten Himmel strahlte eine noch morgenschwache Sonne hernieder. Zwischen ihren zaghaften Strahlen schlängelte sich der kraftlose Passatwind, lechzend nach alter Stärke und verblichener Zähigkeit. Doch die Bewohner Rhinos sollten noch einige Zeit von den Launen der zahnlosen Bestie verschont bleiben. Lange hatten die braven Bürger auf gute Nachrichten gehofft. Nun konnte die Laune kaum besser sein. Der strenge Sommer war vorbei. Mit Lucario als ihr neuer Sheriff, der erst tags zuvor einem Banküberfall Einhalt geboten hatte, war Recht und Ordnung wieder auf die Straßen der Kleinstadt zurückgekehrt. Nicht zuletzt feierte man die sicher eingetroffene Handelskarawane, die das Glück des Überflusses auch in den letzten Winkel Rhinos spülte. Es verwunderte daher kaum, dass die sonst so arbeitsamen Mühlen selbst für einen Samstagmorgen nur langsam mahlten. Stattdessen lockte die kühle Morgenbrise zu einem gemütlichen Plausch mit dem Nachbarn oder einem Bummel durch Straßen und Geschäfte. Dies gefiel auch dem Bürgermeister der Stadt, der auf seinem morgendlichen Spaziergang seinen Wählern mit pathetischem Morgengruß die Aufwartung machte. Das klang mal besser, mal schlechter. Besser, wenn man mit einer knisternden, gut gefüllten Einkaufstüte unterwegs war. Schlechter, wenn sich der Familienvater Zeit für seine Lieben nahm, statt auch an diesem Tag dem Brötchenerwerb nachzugehen. Im Fall des amtierenden Sheriffs reichte es dagegen nur für einen höflichen, dafür aber tonlosen Salut.
    Nur wenige Meter von dem Krämerladen entfernt hatte sich eine Gruppe aus fünf Frauen versammelt, die aufgeregt schnatternd und mit breitem Lächeln dem aktuellen Tratsch ihre Belustigung zollten. Noch vor ein paar Tagen hatten sich solche ungezwungenen Runden bei Lucarios Näherkommen abrupt aufgelöst. Mittlerweile aber war die Beziehung zwischen Rhinos braven Bürgern und ihrem eigenbrötlerischen Sheriff nicht mehr ganz so frostig, so dass solche Szenen erspart blieben. Den Gesetzeshüter abschätzend und distanziert zu mustern und im Anschluss tuschelnd die Köpfe zusammenzustecken, das blieb dagegen weiterhin an der Tagesordnung.
    Die Tür zum Krämergeschäft öffnete sich - ein warmes Glockenläuten, das den plötzlichen Stimmungswandel eisige Lügen strafte. Frohsinn und Belustigung waren wie weggefegt, die Mienen der fünf Damen verdunkelt wie die finsterste Nacht. Es war ein Klauenfuß, der den Laden zuerst verließ und über den hölzernen Boulevard kratzte - Fänge von dunklem Glanz so schwarz wie Kohlen. Drei Krallen zeigten nach vorne, eine nach hinten. Dem ersten Fuß folgte dann dessen Zwilling, und schließlich auch der Rest der eindrucksvollen Figur. Ein blau-graues Federkleid schmiegte sich eng an Beine und Oberkörper. Der Rücken war stattdessen mit einem schwachen, herbstlichen Rot eingefärbt, dessen Ende in drei aufeinanderfolgende Partien aus roten, gelben und blauen Schwanzfedern mündete. Die angelehnten Flügel strahlten etwas Rätselhaftes aus, etwas Geheimnisvolles, fast so, als schirmten sie seinen Besitzer unnahbar von der Außenwelt ab. Ein verirrter Ausläufer des Wendigos blätterte ihm durch die weißen Daunenbüschel am Kragen und ließen die längsten seiner abstehenden Kopffedern wie Blütenblätter im Wind wippen. Die Gestalt sog Rhinos staubige Luft durch die Nasenöffnung in seinem goldgelben Hakenschnabel, wobei sich seine gefiederte Brust blähte wie ein Blasebalg. Sein Ausatmen hatte etwas Endgültiges, etwas Erlösendes, wie das befreiende Aufseufzen nach einem endlos langen Arbeitstag.
    Unter dem Kratzen der klauenbewehrten Vogelfüße drehte sich der Fremde zur Seite. Der hakige Schnabel schimmerte im morgendlichen Licht, als ob er mit der Morgensonne wetteiferte. Die mausgrauen Augen glitten vorbei an der stillen Damenrunde, bis sie auf Lucario trafen. Die resolute Mimik des Fremden erinnerte Lucario an einen unbezwingbaren Berg. Als er nach schier endlos andauerndem Augenkontakt schließlich den ersten Schritt wagte, tat es ihm sein Gegenüber gleich. Bis sie einander schweigsam gegenüberstanden, vergingen wenige Sekunden; Sekunden, in denen keiner der beiden blinzelte oder auch nur einen Muskel bewegte. Nun, aus der Nähe, registrierte Lucario beiläufig, dass sein Gegenüber einen Jutebeutel an der Seite trug. Er war nur mäßig gefüllt.
    Der Unbekannte im Federkleid neigte den Kopf ein wenig, was seinem Schnabel etwas den Schimmer nahm.
    »Ich entbiete ich Euch meinen Gruß in Freundschaft, Lucario von Rhino. Eure Anwesenheit ehrt mich.«
    Etwas Fremdländisches schwang in der Stimme des Fremden, die sehr rauchig und maskulin war. Er neigte sein Haupt zu einer demütigen Verbeugung, während er zur gleichen Zeit einen Schritt zurücksetzte.
    Die Damenrunde in der Nähe fuhr verängstigt zusammen. Auch Lucarios spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Als der Fremde im Federkleid seine rechte Schwinge spreizte, fiel ein großer, schwarzer Schatten vor ihm nieder. Schon allein der eine Flügel besaß eine gewaltige Spannweite, mindestens einem Meter, wie Lucario vermutete. Und auch waren beide wohl problemlos in der Lage, ihren Herrn in die Lüfte zu heben. Lucario betrachtete die nun in seine Richtung ausgestreckten Federn. Verunsichert entschloss er sich dazu, die äußersten Federn wie bei einem Händeschütteln zu greifen.
    Es war, als griff er in die Leere, so zart, so zerbrechlich fühlten sich der Flaum in seiner Pfote an. Faszinierend, befremdend oder einfach nur albern - er wusste nicht, wie er sich in diesem Moment fühlen sollte.
    Der Fremde aber nickte zufrieden und zog nach kurzer Zeit seine Schwinge zurück.
    »Ich nehme an, Sie gehören zu den Aussiedlern«, stellte Lucario fest.
    »Ihr geht richtig in der Annahme. Mein Name ist Washakwil. Ich bin der Sprecher.«
    Lucario hob eine Braue.
    »Der … Sprecher?«
    »Eine Art Bürgermeister, wenn man es so möchte«, verdeutlichte Washakwil. Er hielt kurz inne. »Nicht ganz so gut strukturiert wie in Rhino oder andernorts, aber Ihr versteht sicher.«
    »Ich denke schon. Was ich jedoch nicht verstehe«, grollte Lucario, »ist, dass Sie und Ihre Leute für Ärger sorgen. Begreifen Sie nicht, dass Sie hier unerwünscht sind?«
    »Ärger? Vielleicht. Unerwünscht? Daran hege ich ernsthafte Zweifel«, widersprach Washakwil. »Wie viel Seelen habt Ihr seit Eurer Ankunft berührt? Wie viele davon in Verärgerung? In Abneigung? In Furcht? Dennoch ist Eure Anwesenheit zweifelslos unabdingbar.«
    Lucarios Züge verdunkelten sich, während er beide Arme kreuzte.
    »Sie scheinen sehr gut über die Dinge hier in Rhino Bescheid zu wissen; auch über mich.«
    »Die Türen haben Ohren, die Fenster haben Augen. Weder sind wir blind noch taub dafür, was in unserer Nachbarschaft geschieht. Und ja, dies schließt auch die Überfälle auf die Handelskarawanen ein.« Washakwil schüttelte den Kopf. »Es liegt nicht in unserer Absicht, den Haussegen Rhinos zu schädigen. Ich sage es noch einmal, wie ich es bereits Ihrem Bürgermeister geschildert habe: ›Wir greifen keine Handelskarawanen an.‹ Alles, was wir wollen, ist, friedlich mit den den Leuten aus Rhino koexistieren.«
    «Jeder hat ein Recht darauf, zu leben. Vielleicht sollten Sie und Ihre Leute jedoch in Betracht ziehen, die Dinge diplomatischer anzugehen; zumindest solange, bis die Sache mit den Überfällen abschließend geklärt ist. Über eine Aufhebung der Sanktionen kann immer noch gesprochen werden.«
    Wieder schüttelte der Sprecher seinen Kopf.
    »Sich zu verstecken, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, heißt, sich zu ergeben. Wir tragen keine Schuld. Warum sollten wir unter Konsequenzen leiden?«
    »Ich verstehe und bedauere die Lage Ihrer Leute durchaus«, raunte Lucario hörbar ungeduldig, »aber Sturheit und Unvernunft sind denkbar schlechte Ratgeber in einer solchen angespannten Situation. Das müssen Sie doch verstehen!«
    »Solange es in Rhino noch ein freundliches Gesicht und eine offene Haustüre gibt, sehen wir keinen Grund, nicht von unseren Rechten Gebrauch zu machen«, wehrte sich Washakwil. »Versteht Ihr das, Lucario von Rhino: Auch wir haben Rechte. Und weder Furcht noch Drohungen werden uns gefügig machen.«
    Lucario verzog resignierend das Gesicht. Es kam ihm vor, als diskutierte er mit einem sturen Kleinkind. Nur war dieses mit der Eloquenz eines Politikers und der Weltanschauung eines Philosophen gesegnet. Dies war längst keine Angelegenheit mehr, die man auf offener Straße nebst einigen neugierig schnatternden Waschweibern führte. Sondern gehörte die ganze Debatte in ein muffiges Amt, wo irgendwelche überbezahlte Schreibtischhengste ihre dicken Zigarren qualmten. Lucario biss sich auf die Zunge und verschluckte den aufkommenden Ärger, die ihm die Kehle wie giftige Galle hinaufkletterte.
    »Ich halte das für einen Fehler«, sagte Lucario kurz angebunden.
    »Wir alle machen Fehler«, erklärte Washakwil auf Lucarios finsteren Blick hin. Seine Züge wirkten auf einmal weicher, fast verständnisvoll. »Leider ist es einfach, von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken, indem man die Glaubwürdigkeit der anderen untergräbt. Doch die eigenen Fehler zuzugeben und zu der Wahrheit zu stehen, dazu gehört Courage. Doch zweifle ich daran, diese in Rhino zu finden. Überzeugt mich von dem Gegenteil, Lucario von Rhino. Überzeugt mich von dem Gegenteil.«
    Zu Lucarios Überraschung kehrte Washakwil ihm den Rücken zu. Schweigend und mit finsterem Blick schaute Lucario dem Sprecher nach. Doch es änderte nichts: Die Unterhaltung war beendet.


    Bis Lucario realisierte, wie dämlich er aussehen musste, auf offener Straße herumzustehen und einem Wildfremden nachzuschauen, vergingen einige ereignislose Sekunden. Er warf dem Rudel Frauen, die unlängst wieder herzhaft zu schnattern und zu kichern begonnen hatten, einen finsteren Blick zu und ging die Straße hinab.
    Rhinos Stadtbild hatte seit dem Gespräch mit Washakwil nichts an seinem Profil verloren. Die Stadt im Herzen des Sandkontinents war nicht die modernste und zweifelsohne nicht die vornehmste Stadt gewesen. Doch an Tagen wie diesen trotzte sie den rauen klimatischen Verhältnissen und zeigte sie sich von der besseren, von der schöneren Seite. Die noch am Vortag frisch geputzten Fenster blitzten und funkelten mit dem strahlend weißen Ahorn des Rathauses um die Wette. Rechts und links schlenderten Familien die Promenade entlang. Geschäfte wie die beiden Lebensmittelhandel, das Kurzwaren- und das Kramergeschäft erfreuten sich großer Beliebtheit und sollten diesen Tag als umsatzreichsten des Geschäftsquartals in Erinnerung behalten.
    Während auch Lucario die Promenade entlangwanderte, schielte er gedankenverloren in die jungfräuliche Morgensonne. Seine Gedanken kreisten um die Unterhaltung mit Washakwil bevor. Seine Meinung war dieselbe wie vor dem Gespräch. Er zweifelte stark daran, dass die Aussiedler die Handelskarawanen überfielen. Stattdessen hielt er es wahrscheinlicher, dass Washakwil und dessen Leute zwischen die Fronten geraten waren. Und trotzdem: Ihre unsensible Art, mit der Situation umzugehen, warf kein ein gutes Licht auf die Aussiedler. Es verwunderte Lucario deshalb kaum, dass Rhinos Nachbarn - ob sie es wollten oder nicht - an dem Haussegen sägten. Eine Lösung des Problems schien unerreichbar.
    Lucarios Blick wurde glasig. Seine wirbelten Gedanken verschwommen, als ob er an einem trüben Regentag durch ein Fenster blickte. Bruchstückhafte Erinnerungen perlten wie Regentropfen an dem Fenster herab. Geld, das seine Besitzer wechselte. Fragen, die nicht gestellt wurden. Wenige Worte, auf die viele Taten folgten. Es war alles viel einfacher gewesen. Damals …
    Die Poststelle war der einzige Ort in Rhino, über dem scheinbar eine dunkle Wolke schwebte, die die sonst so ausgelassene Stimmung trübte. Vor dem Eingang des Gebäudes stand eine Kutsche in den Startlöchern. Zwei mürrisch dreinblickende Arbeiter waren bereits davor eingespannt. Einer von Rameidons Mitarbeitern pendelte hektisch zwischen Postamt und dem Gebäude, um den Wagen zu beladen. Der Kutscher selbst lehnte sich tiefenentspannt auf seinem Gefährt zurück, die Zügel zu seinen Füßen und eine qualmende Zigarette im Mund. Auf die Idee, beim Beladen des Wagens zu helfen, kam er nicht, was ihm der Postbeamte mit finsteren Blicken und Flüchen auf den Lippen quittierte.
    »Wohin geht die Lieferung?«
    Der Kutscher taxierte Lucario misstrauisch. Erst als er den Stern auf der Brust des Sheriffs bemerkte, verließ ihn das Argwöhnische und er antwortete: »Nach Wendshore. Is’ die letzte Lieferung für diese Woche - wenn man’s glaubt.« Er zog kräftig an seiner Zigarette und blies den Zigarettenqualm in die Luft. »’n Haufen Nippes ham wir geladen, kaum der Rede wert. Aber mir soll’s recht sein. Lass’ mich für meine Arbeit ja gut dafür bezahlen. Und meine Alte brauch’ ich auch nicht zu ertragen«, gluckste er.
    Der linke Arbeiter schnaubte animalisch, dass sich seine Nüstern weit blähten.
    »Sitzt die ganze Zeit Pfeife rauchend auf deinem fetten, verquollenen Arsch und hetzt über deine Alte, und das nennst du ›arbeiten‹? So wie du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen!«
    Der Karawanenführer grinste Lucario an und entblößte dabei seine gelben Zähne.
    »Dafür hab’ ich die beiden Jammerlappen hier an der Backe.«
    Der andere Arbeiter blickte vorwurfsvoll den Kutscher über die Schulter an.
    »Halt’ mich da raus.«
    Sein Partner warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
    »Du Maulheld! Gestern hast du dich selber noch bei mir ausgeheult und heute ziehst du den Schwanz ein!«
    »Beschwert habe ich mich. Beschwert, nicht ausgeheult«, korrigierte er.
    »Was bist du nur für ein Fohlen …«
    Der Grinsen des Kutschers wuchs in die Breite.
    »Nur keine falsche Bescheidenheit. So wie Tauros jammert, reicht es für zwei. In meinen Augen seid ihr beiden damit mehr als bedient. - Vierbeiner«, sagte er abschließend in Lucarios Richtung und rollte die Augen.
    Tauros’ Stimme verlor das Ruppige und nahm stattdessen einen grimmigen Ton an.
    »Wäre alles nur halb so wild, wenn euer Bürgermeister, dieses geldgeile Aas, jetzt nicht schon Karawanen an Wochenenden rollen lassen würde. Er muss sich ja nicht durch 30 Meilen sengende Sonne quälen.«
    »Kannst dich glücklich schätzen, dass du überhaupt Arbeit hast, du pingeliger Ackergaul!«
    »Karawanen an Wochenenden sind nicht die Regel?«, unterbrach Lucario den bevorstehenden Disput der beiden.
    »Nee, erst seit Kurzem«, dachte der Kutscher laut nach. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wie lange schon …?«
    Auch Tauros blinzelte nachdenklich in die Sonne hinein.
    »Würde sagen, ungefähr seit Keldeo hier dabei ist.« Er machte eine Kopfbewegung zu seinem Partner. »Wie lange ist das schon?«
    »Dürften jetzt knapp drei Monate sein«, antwortete Keldeo.
    »Doch so lange schon?«, seufzte Tauros.
    Der Kutscher lachte hämisch auf.
    »Wirst du jetzt sentimental? Soll ich dir einen Putzlappen zum Schneuzen holen?«
    »Halt’s Maul!« In Rage spuckte Tauros dem Kutscher die Worte förmlich ins Gesicht. Speichel quoll ihm zwischen den Kiefern hervor, seine Augen blitzten bedrohlich und seine drei dünnen Schweife peitschten angriffslustig durch die Luft.
    Keldeo schielte seinen Nachbarn eingeschüchtert an, doch blieb er schweigsam, als ob ihn das Ganze nichts angehen würde.
    »Wenn es doch endlich losgehen würde …! Die Warterei bringt mich um!«, knurrte Tauros.
    »Würdet ihr faules Pack helfen, ginge es auch schneller …!«, blaffte ihn der Postbeamte an, der eine Box mit klirrendem Geräusch auf der Kutsche abstellte. »Noch drei Ladungen«, fügte er hinzu.
    Tauros scharrte ungeduldig mit seinem rechten Vorderbein im Sand. Der Panzer eines Käfers knackte unter seinen Hufen mürbe wie sprödes Herbstlaub. Der Vierbeiner würdigte das Opfer seiner Ungeduld mit grimmiger Genugtuung.
    »Wobei ich wirklich nicht scharf darauf bin«, knurrte er. »Nicht heute.«
    »Wie ist das zu verstehen?«, wollte Lucario wissen.
    Tauros schnaubte abfällig.
    »Fast jede zweite Postkutsche wird überfallen; aber nur die von Rhino kommend, nicht nach Rhino hin. Und ich habe es im Urin, dass wir heute wieder dran sind.« Er schüttelte den Kopf in Spott. »Das müsstest doch gerade du wissen; du mit deinem flotten Stern an der Brust.«
    »Ist das wirklich so?« Lucario fixierte den Kutscher mit eindringlichem Blick. »Nur die Karawanen von Rhino weg?«
    »Jetzt wo er es sagt …« Der Kutscher zuckte mit den Schultern. »Da ist was dran. Mitgezählt habe ich natürlich nicht und es gibt noch andere Postkutschen, aber … Von dem, was man so untereinander spricht … Wo willst du hin? Hey?!«
    Lucario entfernte sich mit schnellen Schritten, die Rufe des Karawanenführers noch in seinen Ohren. Das war interessant. Sehr interessant …

  • 11. Unangenehme Fragen


    Tauros behielt mit seinem Verdacht recht. Nach etwa einer Stunde kehrte die Postkutsche unverrichteter Dinge und dafür tranchiert wie ein Festtagsbraten nach dem großen Fressen zurück. Der Auflauf bei der Rückkehr der Karawane war groß: viele Schaulustige, wenige Helfer. Der Bürgermeister, der Poststellenbetreiber, sogar der alte Armaldo samt Eheweib - sie alle waren da. Nur einen suchte man vergeblich: den amtierenden Gesetzeshüter.

    Als einer von Rhinos braven Bürgern das Sheriff’s Office mit den schlechten Nachrichten im Schlepptau gestürmt hatte, war Lucario bereits tief in seinen Unterlagen versunken. Er betraute Grillchita mit dem Fall, was beiden gelegen kam. Der Deputy hatte einmal mehr seinen Kopf aus der Schlinge gezogen und war den Aufräumarbeiten entkommen. Und in Lucarios Fall hatte er für etwas Ruhe in den eigenen vier Wänden gesorgt.

    Als er das letzte Mal die Protokolle seiner Vorgänge gewälzt hatte, hatte er dies im spärlichen Kerzenschein tun müssen. An diesem Tag lagen die Berichte von Maxax, Knarksel und allen anderen offen und gut lesbar vor ihm. Und doch warfen sie plötzlich noch mehr Fragen auf als zuvor. Tatsächlich musste Lucario im Nachhinein eine bemerkenswerte, schon auffällige Nachlässigkeit seiner Vorgänger feststellen. Denn weniger als die Hälfte der Berichte beinhaltete Informationen darüber, welche Postkutschen ausgeraubt worden waren. Diejenigen, die es taten, sprachen hauptsächlich von Überfälle auf Karawanen von Rhino kommend. Hauptsächlich. Nicht aber alle. Entweder hatten sich die Mitglieder der heutigen Karawane geirrt oder die Protokolle waren falsch.

    Mit krausgezogener Stirn hielt Lucario Maxax’ Bericht vor sich hin. Er hatte ihn mittlerweile so oft gelesen, dass er aus dem Stand jeden Satz rezitieren konnte. Doch noch während er das Papier festhielt, schienen ihm die Worte wie Sand durch die Finger zu rieseln. Sätze begannen, finstere Schatten zu werfen, in denen sich eine tiefere Wahrheit zu verstecken versuchte. War der Mann, der den Bürgermeister als »Lackaffe« diffamiert hatte, gar nicht der Verfasser des Berichts? Und wenn nein, wer war er dann? Warum Berichte fälschen? Worin bestand die Motivation dafür? Wer profitierte davon?

    Lucario legte das Papier vor sich hernieder. Mit aller Kraft stützte er sich von seinem Schreibtisch ab, der scheinbar einen Papierkrieg gegen seinen Besitzer führte. Lucarios Mund kräuselte sich in Verärgerung. Das Motiv … Lucario hatte geglaubt, es wäre schon schwer, die Postkutschenüberfälle zu hinterfragen. Doch jetzt suchte er die Antwort auf die Frage hinter der Frage. Und diese musste sich irgendwo in Rhino verstecken. In einer dunklen Gasse oder hinter einer verschlossenen Tür. Verstrickt in einem Netz aus Lügen und Halbwahrheiten. Vielleicht sogar hier in dem Sheriff’s Office; verborgen zwischen den unzähligen Protokollen, Grillchitas halbherzig abgearbeiteten Noch-zu-erledigen-Liste, dem Brief mit dem Richtergesuch für den Banküberfall, Lucarios eigenen Protokollen, der unbezahlten Rechnung für den Lebensmitteleinkauf und dem Dankeschön-Schreiben des Bankbetreibers. Irgendwo dazwischen …


    In den vergangenen zwei Stunden hatte sich Rhinos öffentliches Leben zum überwiegenden Teil zurückgezogen. Familien mit Frauen und Kinder blieben der Straße fern. Jedes Lachen klang fremd und zerbröselte wie altersschwacher Sandstein in zu rauer Witterung. Stattdessen hielt Verunsicherung die restlichen Stadtbewohner fest in ihrem Würgegriff; dunkle Schatten, die die Gesichter wie grantige Masken bedeckte. Gefallen an der tristen Stimmung fand einzig und allein der Wendigo. Der schwächliche Passatwind wälzte sich vergnügt durch die leer gefegten Straßen so wie ein Schwein im Schlamm. Als er die Poststelle erreichte, säuselte er den Bewohner schelmisch um die Ohren und wetzte seine stumpfen Zähne an deren grimmen Gesichtern. Der größte Ansturm an der Poststelle war mittlerweile abgeklungen. Rund 20 Männer waren hinaus zum Tatort aufgebrochen - ein Ritual, das sich bei jedem Raubzug wiederholte, ohne jemals einen nennenswerten Erfolg verzeichnen zu können.

    Während der Saloon immer näher kam, redete sich Lucario ein, die richtige Wahl getroffen zu haben. In Rhino gab es zwei Personen, mit denen er sich am liebsten gleich unterhalten wollte: der Glücksspieler Z und der Poststellenbetreiber Rameidon. Z stand noch immer auf Lucarios Liste der Verdächtigen ganz weit oben. Und was Rameidon betraf, so wusste niemand besser über die Vergangenheit der Postkutschenüberfälle Bescheid als er. Lucario hielt es jedoch für die bessere Wahl, dem Poststellenbetreiber Zeit zur Schadensbegrenzung einzuräumen. Was Z betraf, so wollte Lucario seiner Theorie nachgehen, und kein Moment schien günstiger als unmittelbar nach einem Überfall.

    »Hallo, du blaue Oase in dieser gähnenden Wüste der Langeweile. Was darf ich dir bringen?«

    Rutena musste über ihren eigenen Witz glucksen. Lucario vermutete, dass die Barkeeperin lange Zeit damit verbracht hatte, ihn sich zu überlegen. Denn im Fröhlichen Fuchs herrschte Leere. Gähnende Leere. Niemand war da, um auf den Samstag anzustoßen. Keine laut grölende Herrenrunde. Keine verschwiegene Pokerrunde. Noch nicht einmal der alte Armaldo an seinem Stammtisch im hinteren Bereich des Saloons. Und auch kein Z, wie Lucario unschwer erkennen musste.

    »Klingt so, als hättest du mich erwartet«, stellte Lucario fest, als er die Theke erreichte.

    »Dich erwarte ich immer, Schätzchen«, zwinkerte Rutena ihm zu. »Also, was darf ich dir bringen?«

    Lucario schüttelte den Kopf.

    »Dafür …«

    »… bin ich nicht hier«, beendete Rutena den Satz seufzend. Jetzt schüttelte sie tadelnd den Kopf. »Ach, Sugar, du machst es einem aber wirklich nicht leicht. Ständig stehst du unter Strom, hast nur deine Arbeit im Kopf. Wann kommst du eigentlich mal wie alle anderen zum Ausspannen her?«

    »Nicht heute.«

    »Dachte ich mir.« Rutena stützte ihren Ellenbogen auf der Theke ab, ihr Kopf wiederum zum gleichen Teil gelangweilt wie an Lucario interessiert auf ihrer Pfote gestützt. Die Thekenoberfläche war absolut rein. Keine verschütteten Drinks, keine Spritzer vom Einschenken, keine wässrigen Glasabdrücke. An diesem Samstagmorgen hatte bislang niemand etwas bestellt - aus Auswirkungen des Postkutschenüberfalls, wie Lucario vermutete. »Also, warum bist du hier?«

    »Ist Z hier?«, fragte Lucario.

    »Glaub’ mir, Sugar: Wenn du nur solches Interesse an mir zeigen würdest, käme ich aus dem Erröten gar nicht mehr raus.« Sie machte eine vielsagende Kopfbewegung zur Decke hin. »Er hat in den vergangenen Tagen seine Gepflogenheiten nicht überraschend abgelegt; ist oben und schläft.«

    »Danke. Welches Zimmer?«

    Rutena kräuselte ihre Lippen zu einem schelmischen Schmunzeln.

    »Zimmer drei. Geh’ es langsam an, Tiger! Rrrrawr!«

    Die einzige Treppe mündete in das Obergeschoss des Saloons. Über einem dünnen, verräterisch knarrenden Holzdielenfußboden führte ein schmuckloser Flur zu jeweils fünf Zimmern auf der rechten und fünf Zimmern auf der linken Seite. Jede von ihnen war mit einer großen Zahl von eins bis zehn darüber beschriftet.

    Außer Lucario gab es noch eine weitere Person auf dem Korridor. Die Hand der plumpen Gestalt umklammerte in einem schier unermüdlichen Kampf die rasselnde Türklinke zum dritten Zimmer. Leise Flüche rannten dem Gast über die Lippen, während ihm die verschlossene Tür mit Schweigen strafte.

    »Jetzt mach schon auf! Ich muss mit dir reden! Bitte!«

    Dreimal schmetterte Pantimos’ Faust ungehalten gegen das sture Holz. Keine Antwort. Als er sich zur Seite drehte, um den Ursprung des knarrenden Fußbodens zu finden, weiteten sich seine Pupillen. Ungeachtet von Pantimos’ Beklommenheit in dessen weit aufgerissen Augen und seiner heftig zitternden Unterlippe trat Lucario näher heran.

    »Guten Morgen. Störe ich?«

    Der Unterhaltungskünstler rang sowohl nach Stimme als nach Worten. Schließlich brachte er ein brüchiges Lächeln hervor.

    »Gu-guten Morgen, Sheriff. Nein, natürlich nicht.«

    Anfängliche Zurückhaltung gepaart mit kaltem Schweiß begegnete Lucario bei dem Händeschütteln. Er spürte, wie Pantimos’ lange, maskuline Finger seinen Pfotenrücken berührten. Es lag wenig Freundschaftliches darin, mehr wie die verzweifelt im Spinnennetz zappelnde Beute.

    Lucario machte eine Kopfbewegung zur Tür hin.

    »Zimmer drei, hm? Was gibt es da?«

    »Och, nix Besonderes. Ich wollte nur … mit Z plaudern.«, sagte Pantimos mit einem unschuldigen Schulterzucken. »Er … ist allerdings nicht da. Ich geh’ dann mal wieder …«

    Pantimos eilte an dem Sheriff vorbei. Auf halbem Weg den Korridor hinunter packte Lucario ihn an der Schulter.

    »Nicht so hastig, Brausewind.«

    So wie er den eisigen Griff seines Verfolgers spürte, erstarrte Pantimos zur Salzsäule. Lucario schlenderte gemächlich an dem Unterhaltungskünstler vorbei. Bei jedem Schritt knarzte der Holzdielenfußboden. Im gleichen Takt klopfte Lucario seinem Gesprächspartner sanft auf die Schulter, bis er ihm gegenüberstand.

    »Also«, sagte Lucario und lehnte sich lässig mit einer Schulter und über Kreuz geschlagenen Armen gegen die Wand, »mit Z reden, hm?«

    Pantimos presste zwischen fest zusammengebissenen Zähnen ein steifes Lächeln hervor.

    »Ja …«

    »Ich muss gestehen, ich bin neugierig«, sagte Lucario. »Sie gehören zu den Fantastischen Traumwebern, richtig? Warum seid ihr in einer Stadt wie dieser?«

    »Wir sind auf Tournee«, erklärte Pantimos sachlich. »Mal hier, mal dort. So sind wir Schausteller eben. Nichts Ungewöhnliches.«

    »Dennoch hält sich Ihre Truppe schon beträchtlich lange Zeit hier in Rhino auf, richtig?«

    Pantimos zog seine Gesichtszüge nach oben bis zu den Augenbrauen. Gleichzeitig zuckte er mit den Schultern.

    »Ist das ein Verbrechen?«

    »Das habe ich nicht behauptet«, erwiderte Lucario. »Als Leiter der Truppe können Sie mir bestimmt sagen, warum dieses Arrangement bereits zum zweiten Mal verlängert wurde.«

    »Wir verdienen hier ganz gutes Geld. Außerdem ist auf dem restlichen Kontinent gerade tote Hose.«

    »In Ramal feierte man erst vor ein paar Tagen ein großes Sommerfest. Zufällig weiß ich, dass die Traumweber schon einmal in der Hauptstadt für Unterhaltung gesorgt haben. Wäre das nicht etwas gewesen?«, fragte Lucario spitzfindig.

    »Ach das? Ja, vielleicht …«, meinte Pantimos. Seine Stimme schwankte. »Aber was soll man machen? Jetzt ist’s ohnehin zu spät. Und wie gesagt: Uns geht es hier recht gut. Die Überfälle sind zwar Gift für das Geschäft, aber es fehlt uns trotzdem an nichts. Und hin und wieder tut auch eine solche Verschnaufpause ganz gut. Sonst würden wir wohl jetzt gerade unten ordentlich Rambazamba machen.« Er lachte tonlos.

    Lucario gab sich keine Mühe, weiter auf das Thema einzugehen. Er wusste, dass Pantimos ihn soeben bezüglich des verlängerten Rhino-Aufenthalts angelogen hatte. Doch ahnte er, dass er auf diese Art nicht weiterkam.

    »Was wissen Sie über die Überfälle?«

    »Nichts.«

    Pantimos’ Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Lucarios Stirn furchte sich, denn glaubte er, dass ihm Pantimos dieses Mal tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte.

    »Nichts?«

    »Ja, nichts. Was ist daran so ungewöhnlich? Als Schausteller habe ich damit nichts am Hut.«

    »Für Schausteller halten Sie sich aber verdächtig lange in denkbar schlechter Gesellschaft auf.« Lucario nickte an Pantimos vorbei in Richtung der verschlossenen Tür zum Zimmer drei. »Was haben Sie mit Z zu schaffen?«

    »Wir spielen gerne Karten.«

    Lucario blickte ihn energisch an.

    »Und?«

    »Nichts, und!«

    Pantimos’ Ton wurde schärfer, das Gesicht allmählich zartrosa. Das alles, während er zwischen Wahrheit und Lüge schwankte wie ein Trapezkünstler auf hauchdünnem Drahtseil. Als Lucario ein weiteres Mal nachhaken wollte, entbot ihm sein Gesprächspartner eine ungehalten klingende Entschuldigung, dass er jetzt dringend gehen müsse. Lucario willigte ein - widerborstig.


    Während er die Treppe ins Erdgeschoss hinabstieg, ging Lucario das Gespräch mit Pantimos noch einmal gedanklich durch. Jeden Satz. Jedes Wort. Jede Silbe. Viel Neues ergab sich daraus nicht. Bereits bei seiner ersten Begegnung am Pokertisch hatte Lucario den Eindruck gewonnen, dass der Traumweber sich nach Kräften bemühte, das Gesetz auf Distanz zu halten. Dieses Gefühl wurde mit der jüngsten Begegnung nur noch verstärkt. Die Nähe des Schaustellers zu Z und seine Geheimniskrämerei machten Pantimos zwar nicht dringend tatverdächtig, jedoch war er auf jeden Fall suspekt. Und was Z betraf: Einmal mehr war er zum Tatzeitpunkt eines Überfalls unauffindbar. Die Zimmertür war abgeschlossen, und niemand konnte mit Gewissheit sagen, dass sich Z tatsächlich in dem Zimmer aufhielt.

    In der vergangenen Viertelstunde war ein wenig Leben in den Saloon eingekehrt - zwei verschlossene Gestalten, die in einer abgeschiedenen Ecke der Kneipe saßen und mit zusammengesteckten Köpfen an ihren Drinks nippten.

    »Und? Wie lief’s«, fragte Rutena.

    »Mäßig«, antwortete Lucario knapp.

    »Doch so schlecht?«

    »Er hat gar nicht erst aufgemacht - falls er denn überhaupt da ist.«

    Rutena lächelte sacht.

    »Mir ist jedenfalls noch nicht zu Ohren gekommen, dass er sein Zimmer per Fenster betritt oder verlässt. Und kommen und gehen bleibt bei der einzigen Tür nach draußen auch kaum unbemerkt.«

    Lucario murrte verdrießlich. Das Kinn hängend, stützte er sich schwer mit beiden übereinandergeschlagenen Armen auf der Theke ab.

    »Gibst du mir wieder den Knurrigen, hm?«, stellte Rutena fest. »Warte, ich mixe dir einen zusammen. Das hellt dein Gemüt gleich wieder auf, wetten?«

    Die Pendeltür schwang, zwei Gäste betraten den Saloon. Unter den trägen, schweren Schritten eines der beiden Neuankömmlinge ächzte der Fußboden auf und die Flaschen in dem Wandschrank hinter der Theke erzitterten. Lucario neigte den Kopf ein wenig zur Seite, gerade weit genug, um Rameidon zusammen mit Galagladi dabei zu beobachten, wie beide an einem Tisch in der Mitte des Saloons Platz nahmen.

    »Lass mal«, sagte Lucario. »Meine Laune hat sich gerade eben gebessert.« Er trat an den Tisch der Neuankömmlinge. Bereits auf halbem Weg schenkte ihm Rameidon ein Lächeln.

    »Ah, Lucario. Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu finden«, grüßte Rameidon.

    »Das beruht auf Gegenseitigkeit«, erwiderte Lucario. Er nickte beiden zur Begrüßung kurz zu. Rameidon bot ihm derweil mit einer Handbewegung den freien Stuhl neben Galagladi an. Lucario nahm schweigend an.

    »Das kann man bereits als eine traurige Tradition beschreiben«, erklärte Rameidon. »Nach einem Überfall genehmige ich mir gerne einen Magenbitter - ein Balsam für Leib und Seele.« Er machte eine Handbewegung zur Theke hin. »Dasselbe wie immer«, sagte er und schickte Rutena, so wie sie gerade gekommen war, wieder zurück.

    »Auch auf die Gefahr hin, Ihren angeschlagenen Magen weiter aufzuwühlen, würde ich mich gerne mit Ihnen noch einmal über die Überfälle unterhalten.«

    »Nur zu«, nickte Rameidon höflich. »Wenn es hilft, die Bastarde endlich zu erwischen.«

    »Haben Sie je ein System bei den Überfällen beobachtet?«

    Rameidon zögerte nachdenklich.

    »Ein … System? Nun, es ist, wie ich es Ihnen bereits sagte: Die Postkutschen werden immer außerhalb von Rhino attackiert; manchmal näher, manchmal weiter weg.«

    »Sind mehr Karawanen von oder nach Rhino betroffen?«, hakte Lucario nach.

    Rameidon atmete erschöpft aus. Dem folgte ein peinlich berührtes Lächeln.

    »Das«, begann er langsam, »ist eine schwere Frage. - Warum ist das wichtig?«

    »Ich habe meine Gründe«, erklärte Lucario.

    In diesem Moment kehrte Rutena zurück an den Tisch. Sie teilte drei Gläser aus, jedes mit einer anderen Flüssigkeit. Lucario erkannte den Farbton seines Drinks als das Getränk wieder, das ihm Rutena zuletzt zusammengemixt hatte. Ungewöhnlich still bedachte sie ihm einen stagnierten Gesichtsausdruck, bevor sie wieder zu ihrer Bar zurückkehrte.

    »Nun, wenn Sie das genau wissen wollen, müsste ich meine Bücher konsultieren«, sagte Rameidon, hob sein Glas und prostete der Runde zu.

    Lucario folgte der Einladung nicht, ließ sein Glas unangetastet.

    »Bücher können manipuliert werden. Wenn Sie gestatten, würde ich es gerne von Ihnen hören. Hier. Und jetzt.« Lucario untermauerte seine letzten beiden Sätze mit einer langen Pause und energischem Unterton, während er seine Augen fest auf Rameidon gerichtet hielt.

    Rameidon lächelte kritisch.

    »Entschuldigen Sie, Sheriff, aber das hörte sich gerade so an, als beschuldigten Sie mich, dass ich meine Bücher fälsche. Ich bin sicher, dies lag nicht in Ihrer Absicht.« Er lachte. Doch es war ein unangenehm ernstes Lachen, auf das eine genau so unangenehme Pause folgte.

    »Vielleicht«, antwortete Lucario knapp.

    Die Fassade von Rameidons Lächeln bröckelte.

    »Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Lucario?«

    »Stimmt es, dass hauptsächlich Kutschen überfallen werden, die Rhino verlassen?«

    »Wie gesagt: Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ohne in meine Bücher zu schauen.«

    »Welche Waren sollten heute transportiert werden?«

    »Die Güter waren für Wendshore bestimmt«, erklärte Rameidon.

    Lucarios Ton wurde rauer. Doch auch das Klima am Tisch schien gewittriger zu werden. Galagladi, der bislang nur schweigsam zuhörte, fixierte ihn mit starrem Blick. Und auch über Rameidons Gesicht rannte immer seltener ein Blinzeln.

    »Das war nicht meine Frage.« Lucario lehnte sich etwas in Rameidons Richtung. »Welche Güter?«

    »Post. Versorgungsgüter. Das Übliche eben.«

    »Ich hätte es gerne noch genauer.«

    Rameidon tippte mit seinen Klauen ungeduldig auf die dieselbe Stelle der Tischplatte.

    »Ich fürchte, das kann ich Ihnen nicht sagen. Postgeheminis«, ergänzte er nach kurzer Pause und mit viel Nachdruck in der Stimme.

    »Und ich fürchte, ich muss darauf bestehen.«

    »Ist das ein Verhör?«

    »Wenn Sie es so wollen«, lenkte Lucario ein.

    »Ich weiß Ihren Standpunkt zu schätzen, Sheriff.« Rameidons Lächeln war nun endgültig zu Staub verfallen. Er geißelte Lucario mit drakonischer Miene, während seine Klauen eine geschlossene Faust mit in die Höhe wuchernden Knöcheln bildete. »Aber selbst wenn ich wüsste, was in jedem einzelnen Brief stand, der aus meinen Kutschen geraubt wurde, und selbst wenn es - warum auch immer - helfen würde, die Verbrecher dingfest zu machen, kann und werde ich nicht gegen meine Berufsehre verstoßen.« Rameidon spuckte die letzten Worte förmlich aus. Seine Stimme war zu einem kochenden Vulkan geworden, sein Odem zu kleinen, wütenden Rauchkringel. Ihre dezent begonnene Unterhaltung hatte indessen eine Lautstärke erreicht, die jeder einzelne der Anwesenden im Saloon unschwer verfolgen konnte.

    Damit endete die Unterhaltung. Und ein weiterer Verdächtiger reihte sich in Lucarios Liste ein.

  • 12. Böses Blut


    In einem Gedicht vom Sandkontinent heißt es:


    Dein Heim in ew’ger Fern,

    bist bös in Mark, bös in Kern,

    treibst du deinen Schmu.

    Siehst in des Abends rot,

    die Wut noch leise loht,

    Sturm, kommst auch du zur Ruh.


    Rhinos feiner Sand knirschte zwischen den Ritzen des hölzernen Gehwegs, als ein Versorgungskarren behäbig über die leere Promenade ratterte. Mühelos lehnte sich der Händler gegen den schwachen Passatwind. Kurz blinzelte er in die blasse Morgensonne, bevor er mit seinem Karren in einem Hinterhof verschwand. Dem alleingelassenen Wendigo tropfte ein sehnsüchtiger Seufzer von dessen lippenlosem Mund. Dann zog er weiter. In die Wüste hinaus. Ungesehen, ungehört.

    Ausgestorbene Straßen an Sonntagen waren kein seltener Anblick. Doch selbst für Rhinos Verhältnisse ging eine außerordentliche Stille um. Mit wenigen Ausnahmen hielten die meisten Geschäfte am Sonntag ihren Ruhetag. Das Postamt blieb geschlossen, das Badehaus trocken. Der Saloon gehörte zu den wenigen Sonderfällen und hatte für seine Gäste bis zwölf Uhr mittags eine offene Tür. Und auch das Gesetz schlief am letzten Wochentag nicht. Doch selbst im Sheriff’s Office flanierten an diesem Morgen Müßiggang und Trägheit Hand in Hand. Unlust. Viele Worte, wenige Taten.

    »Rameidon überfällt also seine eigenen Handelskarawanen?« In der Stimme des Deputys schwang subtiler Spott. Er sog den Gestank gärender Tristesse tief in seine Lunge, die er gleich darauf mit einem Schluck Kaffee entstauben musste. Anschließend schweifte sein Blick über den unaufgeräumten Schreibtisch mit den gestapelten Protokollen, Zeitungsartikeln und Kaffeeflecken einer schlaflosen Nacht. Dann schüttelte er den Kopf.

    »Meiner Meinung nach ein klassischer Fall von Faden verloren.«

    »Ich habe nie behauptet, dass er seine eigenen Karawanen angreift, nur eine von vielen Möglichkeiten aufgezählt - wenn auch eine unwahrscheinliche«, korrigierte Lucario. »Für den Moment halte ich es am wahrscheinlichsten, dass er irgendetwas verheimlicht. Nicht mehr, nicht weniger.«

    »Was hätte er davon, wenn er die Ermittlungen behindern würde? Mir fällt niemand ein, der mehr unter den Überfällen leidet als der Poststellenbetreiber selbst. Vielleicht noch die anderen Städte, aber sonst …«

    »Das würde ich gerne rausfinden.«

    Grillchita lehnte sich zurück, die Hände um den Hinterkopf geschlungen.

    »Ich für meinen Teil halte alles, was Rameidon gesagt hat, für sinnig. Es gibt nun mal ein Postgeheimnis. Und er kann unmöglich wissen, was in jedem Brief steht oder in jedem Paket steckt. Und deshalb hat er Ihre Fragen nicht beantworten. Weil er es nicht konnte.«

    »Er hat meine Fragen nicht nur nicht beantwortet, sondern ist Ihnen ausgewichen«, widersprach Lucario. »Ich glaube, er weiß mehr, als er zugeben will. Und das macht ihn verdächtig.«

    »Und ich glaube, Sie steigern sich da in etwas hinein«, erwiderte Grillchita. »Hören Sie«, begann er nach kurzer Pause deutlich versöhnlicher, »ich behaupte auch gar nicht, dass sich Rameidon - na ja - zumindest etwas verdächtig gemacht hat. Aber vergessen Sie auch nicht die Aussiedler. Oder Z. Meiner Meinung nach sind das für den Moment deutlich bessere Anlaufstellen.«

    Scharf aber schweigsam fixierte Lucario seinen Deputy. Der wiederum wich dem schneidenden Blick zur Seite aus. Lucarios Zähne knirschten vor Frustration. Er hatte sich mehr Rückendeckung von seinem Angestellten erhofft.

    »Auf jeden Fall würde ich mich im Gespräch mit dem Bürgermeister mit Ihrem Verdacht bremsen, wenn ich Sie wäre«, murmelte Grillchita beiläufig. »Was mich einmal mehr dazu bringt, Sie zu erinnern, dass …«

    »Ja, ja, ich weiß schon …«, winkte Lucario frustriert ab. Die Uhr an der Wand verriet ihm, dass er im Rathaus seit nun mehr drei Minuten überfällig war. Er ahnte bereits, warum sein Erscheinen so dringend gewünscht war. Lucario tat es seinem Mitarbeiter gleich, schlang die Arme um den Hinterkopf und lehnte sich erschöpft zurück, den Blick lustlos auf die Uhr gerichtet. Nach einiger Weile stieß Lucario mürrisch seinen Atem aus. »Hilft ja alles nichts …«

    »Wie werden Sie die Sache mit Rameidon behandeln, Sheriff?«, fragte Grillchita, für den der knarrende Stuhl seines Vorgesetzten wie ein Weckruf war und jetzt seinen Kopf schräg gegen die Schulter legte.

    Lucarios Schritte polterten auf die Ausgangstür zu. Er linste kurz zu den Gefängniszellen zu seiner Linken, wo ihm Tyracroc, von dessen harter Pritsche aus, grimmig anfunkelte. Dann blieb er stehen, musterte er seinen Deputy über die Schulter hinweg.

    »Diskret«, antwortete er kurz angebunden. Dann wandte er sich Grillchita direkt zu. Seine Stimme schwang in verschlagenem Unterton: »Und deshalb heftest du dich ihm an die Fersen.«

    Grillchitas Pupillen weiteten sich erschrocken.

    »I-ich? Warum ich?«

    »Einer muss es machen, und ich könnte mir keinen Besseren für den Job vorstellen als dich.« Das Verschlagene in Lucarios Stimme verschwand und wurde von seinem üblichen trockenen Ernst ersetzt. »Jedenfalls erregst du weit weniger Aufmerksamkeit als ich. Und das eines klar ist: Ein Nein akzeptiere ich nicht!«

    Demotiviert warf Grillchita den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke.

    »Na schön … Aber erst ab morgen. Bin heute nicht im Dienst - eine der Schattenseiten, wenn man nur Deputy ist«, butterte er.

    »Und ich habe gehört, du machst heute Überstunden.«

    Es war keine Feststellung, sondern eine Drohung.


    Rhinos bedeutungsvoller Standort für den Warenverkehr auf dem gesamten Sandkontinent hatte die Stadt seit ihrer Gründung rasch wachsen lassen. Kaum etwas hatte das Stadtbild aber so dominant verändert wie das Rathaus, das insbesondere in den letzten Jahren von einem morbiden, fleischlosen Gerippe zu einem feisten, pausbäckigen Monstrum herangewachsen war. Seit dieser Zeit stellte es gleichzeitig die Amtsräume zur Verfügung wie auch die Residenz des amtierenden Bürgermeisters. Die mögliche prunkvolle Ausstattung der privaten Räume gehörte zu dem beliebtesten Tratsch in der Stadt. Im schrillen Kontrast dazu stand die kleine, miefige Kammer im rechten Flügel des Erdgeschosses, in der - wie jeder wusste - sich der Sekretär um den undankbaren Papierkram kümmerte.

    Seit den vergangenen Tagen hatte das Regierungsgebäude nichts von seinem Pomp und seiner Spießigkeit eingebüßt. Von dem schnörkeligen Treppengeländer ging das Aroma frisch aufgetragener Möbelpolitur aus, als Lucario über den rotweinfarbenen Teppichstufen ins obere Stockwerk schritt. Lucario rieb die Politur nachdenklich zwischen den Fingern. Es fiel ihm schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als seine gestrige Unterhaltung mit Rameidon, und ein inneres Gefühl mahnte ihn, dass es nach dem bevorstehenden Gespräch mit dem Bürgermeister nicht besser sein würde. So wie zuvor im Sheriff’s Office atmete Lucario mit großer Überwindung aus. Er streifte das schmierige Gefühl in seiner Pfote am Fell ab, klopfte an der Tür zur Schreibstube des Mayors und trat nach Aufforderung ein.

    »Sie sind zu spät! Hinsetzen!«

    Lucario fühlte sich von der ruppigen Begrüßung bestätigt. Man hatte ihn nicht zu Tee und Gebäck oder einer zwanglosen Plauderei eingeladen. Hier ging es um die Wurst, und ihm dafür an den Kragen. Er ahnte schon jetzt: Dass er sich setzen lassen durfte, war die letzte Höflichkeit, die in diesem Raum ausgetauscht werden würde.

    »Ich habe Klagen darüber erhalten, Sie hätten gestern im Saloon unbequeme Fragen gestellt und für Unruhe gesorgt.« Die Augen des Bürgermeisters waren Fenster, hinter denen dunkle Gewitterwolken hervorquollen. Ein Blitz zuckte aggressiv in Lucarios Richtung. »Erklären Sie sich!«

    »Es ist mein Job, unbequeme Fragen zu stellen«, entgegnete Lucario kühl.

    »Falsch. Es ist Ihr Job, für Ordnung zu sorgen und diese aufrecht zu halten, nicht aber, die Vogelscheuche zu spielen.« Die Blitze in den Augen des Bürgermeisters züngelten gierig.

    Lucario fühlte den Puls in seiner Schläfe rasen. Mit knirschenden Zähnen antwortete er: »Bei allem nötigen Respekt: Ich habe Grund zu der Annahme, dass Rameidon Informationen wissentlich zurückhält.«

    »Annahmen?« Kukmarda spuckte das Wort regelrecht aus. »Hirngespinste sind das! Statt Ihr Versagen einzugestehen, lenken Sie von Ihrer Unzulänglichkeit ab, indem Sie wahllos mit irgendwelchen Anschuldigungen herumwerfen, in der Hoffnung, irgendwann einen Glückstreffer zu landen. Welche Fortschritte haben Sie bei den Aussiedlern erzielt? Und was ist mit diesem Glücksspieler, diesem Z?«

    »Ich glaube nicht, dass die Aussiedler in die Angelegenheit verwickelt sind«, antwortete Lucario.

    »Sie glauben?«, echote Kukmarda spöttisch. »Glauben Sie, was Sie wollen - wir sind hier nicht in der Kirche! Ich will Ergebnisse, keine vagen Vermutungen! Sie haben mich schwer enttäuscht, Lucario.«

    Insgeheim scherte sich Lucario einen feuchten Kehricht über die persönliche Meinung des Bürgermeisters zu ihm. Doch mahnte er sich davor, dies zum Ausdruck zu bringen.

    »Die Sache könnte leicht aus der Welt geschaffen werden, wenn Rameidon kooperieren würde«, schlug Lucario vor. Sein versöhnlicher Unterton kostete ihn starke Überwindung.

    »Es gibt nichts ›aus der Welt zu schaffen‹. Hören Sie endlich damit auf, Rameidon vom Opfer zum Täter zu machen! Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Lucario!«

    »Ich sehe keine anderen Optionen, Sie etwa?«

    »Ich sage es ein letztes Mal: Sie sind nicht der Kläger und er nicht der Täter!«

    »Ich klage nicht an. Ich stelle Fragen.«

    »Genug!« Kukmardas Faust schmetterte auf den Schreibtisch - ein ohrenbetäubender Donnerschlag, der die nur kurz angehaltene Stille zerfetzte. »Denken Sie doch nur eine Sekunde nach, Mann! Glauben Sie tatsächlich, der Poststellenbetreiber überfällt seine eigenen Karawanen? Machen Sie sich nicht lächerlich! Wenn es einen gibt, der mehr unter den Überfällen leidet als Rhino, dann ist es Rameidon!«

    Eine kurze Pause trat zwischen den beiden ein. Kukmardas bislang zum Zerreisen angespannte Züge wurden in dieser Zeit zunehmend schlaffer, fast schon gönnerhaft; ein Zeichen dafür, dass er annahm, aus diesem Gespräch endlich als Sieger hervorgegangen zu sein.

    »Was Sie nicht sagen …«, entgegnete Lucario plötzlich kühl und starrte den Bürgermeister energisch an.

    Auf eine nur kurze Verständnislosigkeit über Lucarios Kommentar bleckte Kukmarda als Antwort seine scharfen Schneidezähne, wobei dessen Miene augenblicklich wieder die verlorene Härte annahm.

    »Ja, sage ich!«, echote er warnend und blickte finster zurück. »Und Sie reißen sich gefälligst zusammen oder Sie haben die längste Zeit auf meiner Gehaltsliste gestanden. Lassen Sie den Mann in Ruhe! Haben wir uns verstanden? In Ruhe!«

    »Ich habe verstanden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden; diese Vogelscheuche hat zu arbeiten. Mayor

    Mit der Anrede entbot Lucario seinen Abschiedsgruß. Als er beim Verlassen des Raums die Türklinke zu fassen bekam, donnerte hinter ihm ein weiteres Mal die Stimme des Bürgermeisters unheilvoll.

    »Lucario! Mir ist zu Ohren gekommen, Sie hätten ein Kind auf offener Straße angegriffen. Ich brauche hoffentlich nicht zu erwähnen, dass Schlagzeilen über einen Gesetzeshüter, der sich an Kinder vergreift, das Letzte ist, was diese Stadt im Moment braucht. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

    Das noch eben kalte Metall der Türklinke schien plötzlich heiß wie ein Vulkan zu lodern und ebenso so vibrieren, als ob er kurz vor dem Ausbruch stand. Lucario antwortete nicht und blickte nicht zurück, als er den Raum verließ.


    Bei seiner Ankunft im Saloon am späten Morgen schaute Lucario in die Runde. Mittlerweile gab es kaum mehr ein Gesicht, das im völlig fremd war; flüchtig von der Straße oder von einem vergangenen Besuch im Fröhlichen Fuchs. Auch einige ihm mittlerweile bestens bekannte Persönlichkeiten waren unter den Anwesenden. Rameidon hatte es sich am selben Tisch bequem gemacht, an dem er bereits am gestrigen Tag gesessen hatte. Zusammen mit Galagladi saß er bei einem Glas Cognac und unterhielt sich. Einige Tische weiter hockte Grillchita, die Beine weit von sich gestreckt und bis zu Lucarios Ankunft mit tiefenentspanntem Ausdruck auf dem Gesicht. Zu einem weiteren Stammgast gehörte noch Amaldo. Seine Miene verfinsterte sich, als er auf die Uhr im Saloon sah, deren Stundenzeiger vor Kurzem die Elf-Uhr-Marke überquert hatte. Auch Rutena schaute etwas wehmütig auf die Uhr, als sie gerade dabei war, eine neue Flasche Rachenputzer zu entkorken. Ob sie lieber den ganzen Tag Gesellschaft hätte oder dem restlichen freien Sonntag hoffnungsvoll entgegenfieberte, ließ sie ihrem Blick nicht entlocken. Doch ihre nach unten hängende Miene erhielt schlagartig frischen Aufwind, als sie Lucario bemerkte, der just ihre Türschwelle überquert hatte. Z gehörte zu den letzten Saloonbesuchern, die die Ankunft des Sheriffs wahrnahmen. Er war gerade dabei, einen Apfel mit seinen Fängen zu tranchieren, als er Lucario fröhlich zuwinkte.

    »Ah, Constable! Immer wieder eine Freude, Sie zu sehen«, ruinierte Z mit freundlichem Singsang den finsteren Ausdruck auf Lucarios Gesicht. Mit einem gezielten Schnitt seiner Krallen viertelte der Glücksspieler eine Apfelhälfte. Er bot Lucario einen Platz an, dieser lehnte aber ab. Ein paar Tische weiter wurden die Unterhaltungen leiser und dafür das Interesse für das kommende Geschehen am Tisch des Glücksspielers lauter. »Nun, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«, fragte Z höflich.

    »Es gibt da etwas, das ich nicht verstehe, und ich habe gehofft, wir könnten endlich etwas Licht in die Angelegenheit bringen«, erklärte Lucario.

    Zs Grinsen wuchs um das Doppelte in die Breite.

    »Oh, Sie schmeicheln mir.«

    Lucario machte einen langsamen Bogen um den Tisch des Glücksspielers, fixierte seinen Gesprächspartner dabei mit scharfem Auge.

    »Wie kommt es, dass jedes Mal, wenn eine Postkutsche überfallen wird, ausgerechnet von dir jede Spur fehlt?« Lucario hatte seine Runde beendet und stützte sich nun schwer an der Tischplatte ab, von Angesicht zu Angesicht mit Z. Lucarios Nasenlöcher blähten sich erbost, als sie dem strengen süßlichen Parfüm des Glücksspielers aus nächster Nähe ausgesetzt waren.

    »Wirklich? Schon wieder diese Leier?« Z atmete enttäuscht aus. »Hatten wir das nicht bei unserer letzten Unterhaltung ausgiebig erörtert?«

    »Zur Abwechslung hätte ich gerne mal ein paar ehrliche Antworten, Freundchen.«

    Als Lucarios Stimme drohender und dessen Blick eisiger wurde, rückte Z sein gewohntes Lächeln wieder zurecht. In unschuldiger Manier faltete er Flächen seiner Tatzen vor sich aus und lehnte sich zurück.

    »Ich fürchte, Sie versprühen Ihr Wasser über dem falschen Feuer, Constable. Auch wenn mir vielleicht die Rolle des klischeehaften Schnurrbart zwirbelnden Schurken wie auf den Leib geschneidert scheint, so bin ich doch nichts weiter als ein einfacher Glücksritter, der auf der Suche nach den schönen Dingen des Lebens ist. Ob sie es mir nun glauben oder nicht«, legte Z nach kurzer Pause nach«, aber ich mag sie wirklich sehr, Constable. Und das ist nichts als die Wahrheit.«

    Lucario schnaubte verächtlich.

    »Mit Lügen und Listen, füllt man Sack und Kisten; so heißt es doch? Was ist ein wahres Wort von jemandem Wert, der seinen Lebensunterhalt mit Poker verdient?«

    »Jetzt kränken Sie mich aber, Constable.« Z zog eine beleidigte Schnute. »Poker ist nur eine von vielen Etappen auf der Straße des Erfolgs. Wissen Sie, was mein Lieblingsspiel ist? Blackjack«, erklärte Z und trat dabei Lucarios desinteressierten »Nein« mit Füßen. »Das überrascht Sie, nicht? Ausgerechnet ein Spiel, das mit offenen Karten gespielt wird. Wenig überraschend dürfte es dagegen sein, dass ich die ehrenwerte Aufgabe des Croupiers bevorzuge. Nichts gleicht dem Gefühl, dem Nervenkitzel, in die Rolle Feindbilds zu schlüpfen, das jeder am Tisch zu vernichten versucht. Und wenn dann alle Augen nur auf ihm ruhen, jede Karte wie eine Silberkugel ist, die die Knochen durchschlägt und die Nerven zerfetzt,« Z beugte sich nach vorne, die Stimme zu einem Wispern gesenkt, »ist es dann nicht gerecht, wenn auch mal der Schurke gewinnt?«

    Lucario spießte seinen Gegenüber mit verächtlichem Blick auf.

    »Von einem dreckigen Schwein erwarte ich nichts Anderes, als dass es sich im Unglück der Anderen suhlt.«

    »Vorsicht, Constable. Wenn Sie mich noch weiter in Ihrer Missgunst steigen lassen, brauchen Sie bald eine Leiter, um an mich heranzukommen.«

    Der Knall von Zs Stuhl, der rücklings auf den Boden prallte, sprengte die Spannung in der Luft wie Donnerhall. Ein Glas zerschellte auf dem Boden, daneben kullerten Apfelstücke, Saloongäste schreckten mit knarrenden Stühlen zurück oder sprangen auf. Lucario hatte den Glücksspieler am Schlafittchen gepackt. Z aber blieb völlig gelassen. Mehr noch: Er strafte die ihm ausgesetzte Feindseligkeit mit einer grinsenden Grimasse.

    »Ah, da ist es endlich: Temperament, diese rudimentäre Gewalt, die ich so lange vermisst habe. Dann will ich mal nicht so sein und Ihnen erklären, wo ich zum Zeitpunkt dieser abscheulichen Überfälle zugegen war. Aber lockern Sie bitte Ihren Griff etwas, ja? Denn so langsam tun Sie mir doch etwas weh.«

    Z torkelte etwas unbeholfen auf der Stelle, als Lucario - so widerwillig wie ruckartig - den Griff beendete. Er ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, richtete erst seinen Stuhl und hob dann noch die Apfelstücke wieder auf, die er oberflächlich mit einigen Wischbewegungen säuberte.

    »Ist noch gut, kann man noch essen«, erklärte er lächelnd Lucario, als ob er ihn beruhigen wollte. Z nahm seelenruhig Platz. »Nun, auch dieses Mal will ich ehrlich zu Ihnen sein, Constable. Sagen wir: Ich spiele mit offenen Karten, wenn Sie mir die Anspielung erlauben«, lächelte er. Lucario zuckte keine Wimper, noch machte er Anstalten, den Glücksspieler zu unterbrechen. Z faltete die Pfoten. Zum ersten Mal setzte er einen ernsten Gesichtsausdruck auf. Er beugte sich nachdrücklich nach vorne in Richtung seines Gesprächspartners. »Ich war wirklich, jedes Mal auf meinem Zimmer, denn ich liebe es, auszuschlafen.«

    Es war nicht die Antwort, die Lucario erhofft, jedoch erwartet hatte. Beide sahen einander schweigsam an. Es war wie ein Kräftemessen, wer als Erstes die Maskerade des Anderen durchschaute. Es war Z, der den nächsten Zug machte, indem er zu lächeln begann und sich wieder zurücklehnte.

    »Sie trauen mir nicht über den Weg, stimmt’s?«

    »Keinen Millimeter«, bestätigte Lucario finster. »Wobei ich zugeben muss, dass ich es sehr wohl vorstellen kann, nach einer durchzechten Nacht das Bedürfnis zum Ausschlafen zu haben. - Was treibt eigentlich jemand wie du an einem Sonntag, an dem seine Stammkneipe den halben Tag geschlossen bleibt?«

    »Sie tun ja so, als wäre ich ein hemmungsloser Schlucker«, kritisierte Z brüskiert. »Aber weil ich die ganze Zeit ehrlich zu Ihnen war, will ich auch diese Frage beantworten. Sicher, ich schätze die Atmosphäre eines Saloons mit all seinen Annehmlichkeiten. Aber genau so genieße ich auch ein wenig Zeit für mich selbst - mit einem guten Buch bei Wein und Käse.«

    »Das fällt mir wiederum schwer zu glauben.«

    »Oh, doch! Ich kann Ihnen …«

    »Herrschaften! Herrschaften! Gehört dieser Bursche zu jemandem von euch?«

    Ein Bewohner Rhinos hatte den Saloon betreten und sich mit lauter Stimme Gehör verschaffen. Er hatte ein Kind an seiner Seite, dessen Arm er grob in der Mangel hatte. Mit fliegender Schürze eilte Rutena hinter ihrer Theke hervor.

    Der Mann lockerte seinen Griff.

    »Habe ihn um den Saloon herumstromern gefunden. Bringt kein Wort brauchbares Wort heraus.«

    Rutena ging auf die Knie. Sie strich dem Jungen zart über die Wangen.

    »Hast du dich verlaufen, Schnuckel? Wie heißt du?«

    Keine Antwort. »Suchst du jemanden?«

    Der kleine Igamaro nickte zögerlich, dann schaute er verängstigt in die Runde, bis sein Blick bei Lucario hängen blieb.

    Rutena schaute verständnislos über die Schulter. Ausnahmslos alle Blicke waren auf Lucario gerichtet, nicht wenige grunzten vor Lachen.

    Lucario atmete frustriert aus.

    »Schon gut. Ich bringe ihn nach Hause. Komm mit, Bürschchen!«

  • 13. Rutenas Sorge


    »Es ist mir ein Rätsel, warum der Bengel mich so penetrant verfolgt.«

    Bei einem Morgenrundgang durch die Stadt blickte Lucario finster in die bleiche Sonne hinauf. Grillchita, der an seiner Seite ging, gluckste. Passanten passierten links und rechts an den Ordnungshütern vorbei, wünschten ihnen einen guten Morgen und gingen ihren Geschäften nach.

    »Bis vor Ihrer Ankunft war er ein unbeschriebenes Blatt. Scheint einen Narren an Ihnen gefressen zu haben, Sheriff. Was sagen die Eltern dazu?«

    Aus der Ferne war das ausgelassene Toben von Kindern zu hören, die in der Schule gerade ihre Pause begingen. Der Wechsel der Geräuschkulisse ließ Lucarios Grimmen nur noch finsterer werden.

    »Ich habe nicht mit ihnen gesprochen. Wie ich gehört habe, ist sein Vater Minenarbeiter, der gerne einen über den Durst trinkt. Und die Mutter kann mich anscheinend nicht besonders gut leiden. Soll mir recht sein.«

    »Nun, vielleicht sollten Sie das mal nachholen. Kann ja nur besser werden«, schulterzuckte Grillchita.

    »In solche Sachen mische ich mich nicht ein. Ich verlasse mich da ganz auf die elterliche Strenge.«

    Grillchita legte die Hände an seinen Hinterkopf, während er Lucario nachdenklich von der Seite aus beäugte.

    »Gehen der Konfrontation aus dem Weg, hm? Sieht Ihnen nicht ähnlich, Chef.«

    »Sagen wir: Ich habe im Moment andere Sorgen«, erwiderte Lucario. Er senkte seine Stimme etwas. »Wo wir beim Thema sind: Was machen die Nachforschungen?«

    »Es war in den letzten Tagen ziemlich ruhig in der Stadt, wie Sie wissen - keine besonderen Vorkommnisse und so weiter. Und auch er benimmt sich, von dem, was ich so gesehen habe, ganz normal. Verbringt die meiste Zeit in der Poststelle und geht abends gerne einen heben. Nichts Ungewöhnliches. Ich bleibe an ihm dran, keine Sorge«, ergänzte Grillchita hastig, »aber erwarten Sie bitte keine Wunder. Für Wunder ist der Reverend zuständig, nicht ich. - Was ist eigentlich mit den anderen Verdächtigen: Z, Pantimos, die Aussiedler?«

    »Eher bekommt man aus einem Felsbrocken genug Saft gequetscht, um daraus einen Hochprozentigen zu brennen, als aus Z eine gescheite Antwort. Ich hasse es, zuzugeben, aber der Kerl ist gut. Das muss ihm der Neid einfach lassen«, knurrte Lucario.

    Grillchita gluckste.

    »Ich wette, Sie können gar nicht abwarten, ihn endlich hinter Schloss und Riegel zu sehen.«

    Der Sheriff sah seinen Deputy streng von der Seite an.

    »Ich kann Z nicht einfach einbuchten, nur weil er mir auf den Sack geht! So funktioniert das mit Gesetz nicht. Das weißt du genau so gut wie ich.«

    Rhino hatte einige ruhige Tage hinter sich gelassen. Unter der warmen Herbstsonne hatten zwei Handelskarawanen die Stadt passiert und ihr endgültiges Ziel ebenso unbeschadet erreicht. Eine weitere Postkutsche hatte an diesem Morgen die Vorräte in der Stadt aufgefüllt und die Motivationsschraube in der Bevölkerung stark nach oben gedreht. Bewohner nutzten diese Gelegenheit, um das locker sitzende Portemonnaie um einige klingende Münzen zu erleichtern. Außerordentlich gut gingen die Geschäfte insbesondere dann, wenn die neuste Ausgabe der Tageszeitung aus Ramal in den Verkaufstheken auslag - so wie heute. Denn auch wenn sich Rhino nach außen hin gern als stark und unabhängig präsentierte, so bewies ausgerechnet etwas so Banales wie die Neuigkeiten über das auswärtige Tagesgeschehen das Gegenteil.

    Nachrichten aus aller Welt gehörten zu einer besonderen Art von Ware; die Sorte, auf die selbst Rhinos Bürgermeister keinen Einfluss hatte: Informationen. Sie waren das stille Bedürfnis der Stadtbewohner, sich hier, im Herzen des Sandkontinents, ebenfalls als Teil der restlichen Welt zu fühlen. Dieses Verlangen ging so weit, dass sich der unerbittliche Durst nach neuen Informationen so gut bezahlt machte wie Wasser in der Wüste. Dementsprechend war man gewillt, für eine Zeitung tiefer in die Tasche zu greifen als irgendwo anders auf dem Kontinent. Umso gründlicher las man sie; selbst Tage später noch und nachdem man den gesamten Inhalt bereits in- und auswendig kannte. Nachrichten über das verheerende Feuer in der Stadtbücherei von Ramal, von den Umsatzeinbußen eines Tavernenbesitzers, der öffentlich die Branntweinsteuer anprangerte, oder von dem verkorksten Wahlkampf der kandidierenden Stadtbürgermeister - sie alle waren ein willkommener Zeitvertreib für Rhino, in der üblicherweise das Interessanteste die neue, provozierende Frisur der First-Lady war.

    »Schauen Sie, Chef, das muntert Sie gleich wieder auf: Die Puppen zaubern wieder Stimmung in die Bude.«

    Grillchita deutete breit grinsend auf den Saloon, wo sich zwei Männer im Wettstreit, wer zuerst das Etablissement betreten durfte, regelrecht über den Haufen rannten. Zum gleichen Zeitpunkt hatte es eine Bürgerin besonders eilig, die raufenden Männer und den Fröhlichen Fuchs schnell hinter sich zu lassen. All dies wurde von lautem Pianospiel und frenetischem Gegröle innerhalb des Saloons begleitet, welche noch auf der anderen Straßenseite das Blut in Wallung brachten.

    »Etwas früh für ›Puppen‹«, merkte Lucario an. »Was ist da los?«

    »Die Miezen sind seit gestern aus dem Urlaub zurück«, antwortete Grillchita. Da Lucario auf sein anzügliches Zwinkern nicht reagierte, erklärte er weiter: »Sie wissen ja wahrscheinlich, dass die Traumweber hier nur zeitweise für Unterhaltung sorgen; oder sagen wir: gesorgt haben. Es stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon am ersten Tag, als keine Miezen mehr da waren, flog der erste Stuhl durch die Scheibe.« Sein Grinsen wuchs in die Breite. »Sieht so aus, als wollte Rutena es jedermann wissen lassen, dass endlich wieder Normalität eingekehrt ist.«

    Im Gegensatz zu Grillchita verzog Lucario keine Miene. Doch seine Schritte verlangsamten sich zunehmend.

    »Was ist mit den Traumwebern? Sind sie weitergezogen?«

    »Ja und nein. Wie ich gehört habe, haben alle bis auf Pantimos die Stadt verlassen. Gestern war er jedenfalls noch da und hat beim Poker die Hosen runterlassen müssen.«

    Lucario seufzte frustriert.

    »Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht … Findest du das nicht verdächtig?« Er war mittlerweile stehengeblieben, den Blick streng auf Grillchita gerichtet. »Dass ausgerechnet der Kopf der Truppe zurückbleibt?«

    »Äh, jetzt wo Sie’s sagen: Ist schon sehr merkwürdig, dass er sich immer noch in der Stadt aufhält.«

    Lucarios Mundwinkel zuckten von links nach rechts, als er den Ärger um seinen Deputy zur Seite schob und stattdessen gedanklich das fehlende Puzzlestück suchte. Schließlich kratzte er sich nachdenklich am Kinn und nickte abschließend.

    »Die Angelegenheit ist eine Nachforschung wert.«

    Grillchitas Stirn schlug Furchen.

    »Und wie sollen diese ›Nachforschungen‹ aussehen?«

    Lucario betrachtete einige Sekunden den Saloon. Dann begann er, forsch zu schmunzeln.

    »Ich werde ihn fragen.«


    Die Uhren standen auf spätem Vormittag, als Lucario einen Fuß über die Türschwelle des Fröhlichen Fuchs setzte. Seit seiner Ankunft in Rhino hatte er es selten erlebt, dass der Saloon rappelvoll war, allenfalls gut gefüllt, und schon gar am frühen Tag. Doch an jenem besonderen Morgen war alles anders. Männer, die zu dieser Uhrzeit für gewöhnlich auf dem Feld standen oder unter Tage schufteten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, besetzten bereits sechs der insgesamt zehn Tische sowie zwei Stehplätze direkt an der Theke. Auf der kleinen, angehobenen Bühne mit dem provisorischen Piano und mit bestem Blick auf das gesamte Erdgeschoss traten an diesem Tag nicht die brav musizierenden Traumweber auf, sondern Pantimos am Klavier und zwei Tänzerinen - Saloon-Girls. Sie waren junge Frauen, die zu flotter, aufreizender Musik ihre Hüften kreiseln ließen und die mit ihrem freizügigen Auftreten nichts der Fantasie überließen. Wenn sie gerade nicht auf der Bühne standen, servierten sie Drinks - stets ein Lächeln auf den Lippen und ein Augenzwinkern für ein Trinkgeld parat. Üblicherweise wechselten sich Saloon-Girls bei ihrer Arbeit ab - mal am Piano, mal am Singen und Tanzen, oder mal mit einem Getränketablet unterwegs. Es war ein bewährtes System, das das Interesse der Kundschaft aufrecht hielt und damit den Getränkeabsatz ankurbelte. Ob man sich nun in einer der renommiertesten Bars des Landes aufhielt oder in einer kleinen Provinzspelunke: Eine unsittliche Berührung galt überall als Tabubruch. Es verwunderte daher kaum, dass eine Keilerei zwischen schamlosen Sittenstrolchen und scheinheiligen Moralaposteln meist nur ein anstachelndes Schwanzwedeln entfernt war.

    Die zweiflüglige Saloontür schwang noch quietschend hinter Lucarios Rücken, als auch schon eine von Rutenas Angestelltinnen auf ihn zugeeilt kam. Bevor er es sich versah, hatte sie auch schon ihren Arm um den seinigen geschlungen und machte Anstalten, ihn so sanft wie bestimmend zu einem freien Tisch führen zu wollen. Der Griff des Saloon-Girls war wie ein Meer aus widerborstigen Fangarmen, die sich ihm immer wieder um den gegenüberliegenden Arm wickelten, nachdem er zuvor den anderen befreit hatte. Er werde erwartet, log Lucario schließlich ungehalten, und deutete auf Rutena, die ihm von der Theke aus heiter zuwinkte.

    Als er den Weg Richtung Theke einschlug - Lucario hatte sich dazu überreden, dass die Angestellte ihn zumindest dahin begleiten durfte - spürte er deutlich mehr Interesse auf sich ruhen, als ihm lieb war. Darunter befand sich auch ein vertrauter Glücksspieler, dessen Vorliebe für ein spätes Frühstück sich in den vergangenen Tagen nicht geändert hatte. An seinem Stammtisch sitzend und besonders gut gelaunt würdigte Z Lucario erhobenen Glases und mit einem kurzen Lächeln und wandte sich anschließend wieder der Show auf der Bühne zu.

    »Bei ihm hast du keine Chance, Darling. Er ist mir bereits ganz und gar zugetan«, neckte Rutena ihre Mitarbeiterin. Diese schnitt ihr daraufhin eine freche Grimasse und wandte sich im Anschluss wieder ihrer Arbeit zu. Rutena legte derweil ihren Kopf auf die eigene Schulter, kreuzte die Arme und fragte Lucario mit energischem Blick: »Na?«

    Lucario reagierte nur langsam. Ein Stirnkräuseln ging einem »Hm?« voraus.

    Rutena kicherte.

    »Habe dich die letzten Tage kaum noch zu Gesicht bekommen. Hast du mich vermisst?«

    »Etwas«, log Lucario.

    »Nur etwas?« Rutenas Lächeln wurde ein wenig blasser. Sie seufzte. »Immerhin ein Anfang … Was darf ich dir bringen, Sugar?«

    »Deshalb bin ich nicht hier.« Mit einer kurzen Kopfbewegung gestikulierte er Richtung Bühne. »Ich will mit Pantimos sprechen. Wann ist er frei?«

    Rutena zog einen Schmollmund.

    »Pantimos willst du sehen. Z willst du sehen. Rameidon willst du sehen … Wann kommst du endlich, um nur mich zu sehen?«

    Neben Lucario lachte die Stimme eines Gastes höhnisch auf, der von seinem Stehplatz aus die Unterhaltung bislang still verfolgt hatte.

    »Du laberst einfach viel zu viel. Zeig ihm doch mal stattdessen deine Schenkel. Oder noch besser: Geh‹ einfach runter auf alle Viere und besorg’s ihm gleich hier und jetzt.«

    Die Überraschung stand dem Saloonbesucher noch im Gesicht geschrieben, als Lucario ihn bereits am Fellkragen gepackt und wie einen Sack Federn ruckartig in die Luft gehoben hatte. Im ganzen Saloon wurde gejohlt, gepfiffen und auf die Tische geklopft. Nicht aber wegen der Keilerei an der Theke, sondern, was sich sonst noch zum selben Zeitpunkt dort abspielte.

    Rutena saß in herausfordernder Pose auf ihrer Theke. Die Schürze provozierend zur Seite geschoben und das linke Bein lässig über der Theke baumeln, offerierte sie Lucario das rechte ihrer schlanken, anthrazitgrauen Beine. Dann rückte sie etwas näher heran. Zärtlich wanderten ihre Zehen erst an der Hüfte des Sheriffs entlang, dann hinauf, wo sie seine Brust liebkosten - ein sinnlicher Stepptanz, der Lucarios Welt zum Beben brachte. Ganze Haarbüschel rieselten ihm durch seine Finger, als er den mittlerweile vor Schmerzen quiekenden Mann unsanft wieder herabsetzte.

    »Gefalle ich dir so besser?«, fragte Rutena provozierend. Die Leidenschaft in ihrer Stimme säuselte wie eine warme Frühlingsbrise. Das Glühen ihrer Augen vermochte Stahl zum Schmelzen zu bringen.

    »Komm … komm wieder runter«, murmelte Lucario. Der Druck seines rasenden Pulses schnürte ihm die Kehle zu, was seine Stimme wie ein heißeres Gurgeln klingen ließ. Er verlieh seiner Bitte Nachdruck, indem sich mit einem wackligen Schritt zurück von der Berührung der Barkeeperin lossagte.

    Einige Sekunden vergingen. Schweigend schauten sie einander an. Während Rutenas Passion unvermindert leidenschaftlich loderte und Lucario gegen das rasch ansteigende Wechselbad der Gefühle ankämpfte, nahm die Kakophonie im Saloon orkanartige Züge an.

    »Nun gut, du hast gewonnen, Sugar.« Rutenas breites Lächeln verlor keinen Millimeter, als sie Lucario ihre Pfote anbot, damit er ihr hinunterhalf.

    Zögerlich kam Lucario ihrer Bitte nach. Rutena quittierte die Hilfsbereitschaft, indem sie Lucario absichtlich entgegen stolperte und sich daraufhin in dessen Armen wiederfand. Mit aufgesetzter Verlegenheit blickte sie ihm tief in die Augen.

    »Ich Schussel.«

    Rutenas Odeur war ein heißer Wüstenwind, der durch einen Rosengarten tanzte. Jeder Atemzug trieb Lucario mehr und mehr zur Besinnungslosigkeit. Die Knochen schmerzten, als ob sie versuchten, gewaltsam aus seinem Körper auszubrechen. Doch das anfängliche Verlangen, die Saloonbesitzern abzuschütteln, die ihm zärtlich über die Schulterblätter streichelte, schwand mit jeder weiteren Sekunde.

    »War das geplant?«, fragte Lucario.

    »Pure Absicht«, grinste Rutena.

    Noch kurz ließ er sie noch gewähren, dann versteifte er sich und drückte sie sanft, doch souverän von sich weg.

    »Das … das reicht jetzt.«

    »Nur noch ein bisschen«, flehte Rutena. Aber es gelang ihr nicht, Lucarios abwehrende Haltung zu überwinden. Mit enttäuscht hängenden Ohren löste auch sie sich schließlich langsam von ihrem Gegenüber. »Ich will dir doch nur etwas näher kommen. Ist das denn so schwer zu verstehen?«

    »Ich weiß nicht, ob ich es verstehe«, beschwichtigte Lucario«, aber ich bin einfach nicht der Typ für so was.«

    »Dann versuch’ es gar nicht zu verstehen! Lass’ es einfach nur zu!«

    »Ich will dich nicht in Gefahr bringen.«

    »Ich liebe gefährliche Männer.«

    »Das bin ich nicht wert. Ich tue dir nur weh.«

    Rutena schüttelte den Kopf.

    »Sag’ doch so was nicht …!« Sie machte einen behutsamen Schritt auf Lucario zu. »Du tust immer so verschroben, willst immer nur allein sein, niemanden an dich heranlassen. Dabei hast du hier schon so viele Leben bereichert, so viel Gutes getan. Darum glaube ich das nicht, dass du das wirklich von dir selbst denkst. Und darum möchte ich mehr Zeit mit dir verbringen, dich besser kennenlernen.«

    Lucario atmete aus. Er war die Unterhaltung überdrüssig. Ohnehin fand er den gut gefüllten Saloon, in dem die Leute mittlerweile lautstark skandierten, was für ein unsensibler Bastard er doch sei, als denkbar schlechten Ort für eine Privatunterhaltung.

    »Das lässt sich vielleicht eines Tages arrangieren. Aber nicht heute«, warf er kopfschüttelnd ein.

    »Vielleicht bei einem gemeinsamen Candlelight Dinner? Mit einem unschuldigen Kuss auf die Wange zum Nachtisch?« Rutena deutete auf dieselbe.

    »Das … wäre zu viel verlangt.«

    Mit dem Lächeln einer würdigen Verliererin nickte sie sacht. Sie rückte ihre Schürze zurecht und begab sich wieder hinter ihren Tresen.

    »Ich schätze, man kann nicht alles im Leben haben«, seufzte sie.

    »Wir alle haben Träume«, meinte Lucario.

    »Das weiß ich nur zu gut. Ich hätte gerne einen Billard-Tisch.«

    Lucario runzelte die Stirn.

    »Billard? Was ist das?«

    »Kennst du wohl nicht. Nur wenige tun das. Ich habe das auch erst einmal gesehen - in einer Taverne an der Westküste«, erklärte Rutena. »Billard wird an einem großen, rechteckigen Tisch gespielt. Die Aufgabe ist es, mit einem Queue - das ist ein langer Spielstock mit einem stumpfen Ende - eine weiße Kugel anzustoßen und damit andersfarbige Kugeln in eines der Löcher an den Tischecken zu versenken. Es gibt vollfarbige und halbfarbige Kugeln. Man darf nur die eigenen versenken, nicht aber die des Gegners. Deshalb wird Billard meistens nur von zwei Leuten gespielt oder in einem von zwei Teams.«

    »Klingt unüblich für einen Saloon.«

    Rutena schmunzelte.

    »Das stimmt. Das Spiel benötigt echtes Geschick und kein Glück. Ich denke, es wird sich daher nur langsam etablieren und außerdem platztechnisch mindestens zwei meiner Tische kosten. Aber das ist mir egal. Ich will unbedingt so einen Tisch haben! Darum spare ich ihn mir seit einem Jahr vom Mund ab.«

    »Dann musst du aber etwas an deinen Preisen feilen, sonst kannst du noch lange knausern,« warf Lucario ein.

    »Du wolltest Pantimos sehen? Ich hole ihn für dich, Sugar.«

    Der plötzliche Richtungswechsel der Unterhaltung überraschte Lucario, war ihm aber auch nicht abgeneigt. Rutena stieg die drei Stufen der Bühne hinauf und neigte sich in Flüsterhöhe zu Pantimos hin. Die Musik blieb während des kurzen Gesprächs unverändert flott und fröhlich, hingegen sich die Augen des Unterhalters verengten und das restliche Gesicht verdrossene Furchen schlug.

    Nach wenigen Worten beendete Pantimos sein Pianospiel. Die darauffolgende Stille war nur ein erstickender Laut, der beinahe übergangslos von einer von Rutenas Angestelltinnen am Piano verschlungen wurde.

    »Sie wollten mich sprechen, Sheriff?«

    Mit unwirschem Ton, ungeduldig zuckender Unterlippe und gestrafften Muskeln verschränkter Arme machte Pantimos aus seiner Laune kein Geheimnis. Wie schon zuvor bei Rutena wünschte sich Lucario einen intimeren Ort für das Gespräch.

    »Ich habe gehört, Ihre Leute sind weitergezogen, während Sie zurückgeblieben sind«, stellte Lucario fest. »Darf man fragen …«

    »Hören Sie«, unterbrach Pantimos mit hochgehobener Hand. »Weder tue hier etwas Verbotenes noch gefährde ich jemanden. Alles, was Sie wissen brauchen, ist, dass ich noch ein paar Tage in Rhino bleibe und später zu meiner Truppe stoßen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden - ich habe zu arbeiten.«

    Rutena kommentierte Lucarios langes Gesicht mit einem Glucksen.

    »Na, das eskalierte ja schnell. Aber das hätte ich dir auch sagen können, Sugar«, tadelte sie schulterzuckend. »Pantimos hatte mich nämlich um eine Verlängerung seines Arbeitsverhältnisses gebeten.«

    »Gibt es sonst etwas, was du mir vielleicht noch verspätet sagen willst?«, grollte Lucario.

    »Außer, dass du wunderschöne Augen hast?« Rutena schielte in gekünstelt nachdenklicher Pose an die Decke. Dann lächelte sie ihn an. »Nein. - Ach, Sugar, jetzt schau doch nicht wieder so grantig. Du hättest mich ja vorher fragen können!«

    »Das … stimmt«, räumte Lucario nach kurzer Pause ein. Der Gedanke an seine nicht verzeichneten Fortschritte rebellierte wie ein ausgehungertes Tier in seinem Magen. Er wusste einfach nicht mehr weiter, was dem Tier in ihm nur noch die Tollwut anhängte.

    »Ich denke, ich habe für den Moment genug gehört«, sagte Lucario mit einem abschließenden Kopfschütteln.

    Rutena ließ die Ohren hängen.

    »Du willst schon wieder gehen?«

    »Ich habe noch zu tun«, log Lucario.

    Bleib’ doch noch ein bisschen …!«

    Doch Lucario hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt und winkte ab.

    »Ein andermal vielleicht.«

    Draußen, vor dem Saloon, blickte Lucario finster in die frühe Mittagssonne. Während er über die hölzerne Promenade stapfte, zogen Bürger an ihm vorbei, wünschten ihm einen guten Tag. Gut hörbar klimperte hinter ihm das Piano munter. Es wurde ausgelassen gelacht, ein neuer Drink bestellt. Alles klang wie Hohn in Lucarios Ohren. Etwas Weiteres mischte sich darunter: das stetig lauter werdende Tip-Tap schneller und rasch näherkommender Schritte.

    »Sugar! Lucario …«

    Rutena eilte ihm mit fliegender Schürze hinterher, überholte ihn und zwang ihn so zum Stehenbleiben. Sie zögerte in respektvoller Distanz. Deutlich zurückhaltender als es üblicherweise ihre Art war, neigte sie schweigsam ihren Kopf zur Seite, um Lucarios überraschten Blick auszuweichen. Dann machte sie plötzlich einen zögerlichen Schritt auf ihn zu und griff nach Lucarios rechter Pfote, hob sie in Brusthöhe und schloss diese mit ihren beiden eigenen fest ein. Sie sahen einander an. Rutenas rote Augen glimmten. Doch es war nicht ihr übliches Glühen, mit denen sie Lucario leidenschaftlich begegnete. Stattdessen besaß es etwas ungewöhnlich Eindringliches. Etwas Ernstes. Es waren Augen, die in ein in Sorge gemeißeltes Gesicht eingraviert waren.

    »Pass’ … pass’ auf dich auf.«

    Lucario zog die Stirn kraus, während er das überwältigende warme Gefühl in den Armen und das Taubheitsgefühl in seinen Beinen zu ignorieren versuchte.

    »Willst du mir vielleicht irgendetwas sagen?«

    Rutenas Augen sanken herab wie zwei untergehende Sonnen. Dann neigte auch sie ihren Kopf. Als sie ihren Griff um Lucarios Pfote löste, hinterließ sie in ihm ein Gefühl von Kälte und Leere. Nach kurz angehaltenem Schweigen antwortete sie leise und mit einem Kopfschütteln: »Es ist nur … so ein Gefühl.«

    »Ein Gefühl?«, wiederholte er. Ohne es zu wollen, näherte er sich ihr ein wenig.

    Rutena nickte sacht.

    »Wegen deinen Vorgängern … Alle verschwunden, einer nach dem anderen … Ich … ich habe Angst um dich.«

    »Ich kann auf mich aufpassen. Beruhigt dich das?«

    Diesmal schüttelte Rutena den mittlerweile tief gesenkten Kopf, zaghaft und nach langer Pause. Heftig schluckte sie, dann hob sie ihren Kopf. Hinter einem verlegenen Lächeln glitzerten Tränen in ihren Augen.

    »Deine … Beine zittern«, hickste Rutena mit brüchiger Stimme.

    »So?«

    Rutenas wässriges Lächeln wuchs in die Breite. Eine Träne kullerte ihr über die Wange.

    »Ich wusste, dass du das jetzt sagst.« Wieder schluckte sie. »Du bist immer so beherrscht, so cool, so durchschaubar.«

    »Wenn das ein Kompliment sein soll, dann war das ein schlechtes. Durchschaubarkeit ist nichts, auf das ich bei meiner Arbeit stolz sein kann«, entgegnete Lucario. Seine Beine zitterten nicht mehr - sie bebten. Sein Mund war ausgetrocknet, seine Lunge zugeschnürt, sein Herzschlag Paukenschläge. Er spürte das Glühen, das von Rutenas ausging, ihr betäubendes Odeur, das einen sengenden Wüstenwind um ihn herum entfachte. Noch mehr aber spürte er sein eigenes Gesicht in Flammen stehen.

    »Jeder andere hätte die Situation jetzt schamlos ausgenutzt, weißt du?«, erklärte Rutena fast schon heiser. Ihre Hüften berührten sich, als auch sie sich ihm langsam entgegenstreckte und die Augen schloss. »Jeder andere hätte jetzt›Deine auch‹ gesagt und mich geküsst.

    »Ich bin aber nicht wie jeder andere.«

    »Ich aber.«

    Und dann küsste sie Lucario. Feuchte Wangen und trockene Lippen trafen aufeinander, Arme, die sich einander um den Hals legten, und lodernde Flammen, die auf den anderen übersprangen. Eine sengende Hitze breitete sich in Lucarios Lungen aus und flutete jeden Winkel in seinem Körper. Das Eis in seinen Beinen verwandelte sich in kochendes Blut, die Leere in seinen Fingerspitzen in ein behagliches Kribbeln, die Welt um ihn herum in wirbelnde Farben. Passanten blieben stehen, schauten ungläubig. Manch einer schüttelte sogar ablehnend seinen Kopf. Nur einer grinste.

    »Na, was ist denn das? Da suche ich meine Lieblings-Barkeeperin, und was finde ich: Fremde Zungen in fremden Schnauzen. Und wie beschäftigt die sind, und das noch dazu auf offener Straße. Tz! Tz!«

    Zs höhnische Stimme goss einen Schwall kalten Wassers über die heiße Leidenschaft. Augenblicklich kappte die Berührung der beiden. Wärme verwandelte sich Unbehagen, Unbehagen in eisigen Zorn.

    Rutena stapfte an Z vorbei, nur einen drakonischen Seitenblick und einen Stoß gegen dessen Schulter für ihn übrig. Z faltete die Arme entschuldigend zur Seite.

    »Du gönnst mir nicht mal den Dreck unter den Krallen.« Auf dem Weg zurück in den Saloon folgte er ihr auf kurzer Distanz, blickte dabei kurz Lucario über die Schulter an - und grinste.


    In einer schlaflosen Nacht wälzte sich Lucario zum gefühlten hundertsten Mal von einer Betthälfte auf die andere. Bilder materialisierten sich vor seinen geschlossenen Augen, dazu wild umherwirbelnde Gedanken, die ihn einfach nicht in Ruhe lassen wollten. Was war es, vor dem sich Rutena so sehr fürchtete? War es Einbildung? Ein Omen? Instinkt? Oder nur eine perfide Ausrede, um in seinen Mund zu kommen? Sie hatte an ihrem Interesse für ihn nie ein großes Geheimnis gemacht. Und doch … Wieder warf sich Lucario auf die andere Seite seines Bettes. Warum war Z ihr gefolgt? Lucario war Z noch nie auf offener Straße begegnet. Standen sie sich so nahe? Und was war mit Pantimos? Wieso hatte er sich von seinen Kameraden getrennt? Nur um in Rhino Geld zu machen? Hatte Rutena nicht gesagt, dass Pantimos ohnehin seinen Lohn regelmäßig beim Glücksspiel verwettete?

    Lucario träumte. Der kleine Igamaro stand vor ihm und fragte, ob er nicht ab und an als Hilfssheriff arbeiten könnte. Im nächsten Moment sah Lucario zu, wie Igamaro lachend einen Sheriffstern in Größe eines Spielreifens über den Pausenhof rollte. Im Fröhlichen Fuchs sang Armaldo aus voller Kehle ein Loblied auf seine tote Frau. Im selben Moment erklärte Rutena Lucario, dass sie nicht länger zusammenbleiben könnten, da Z sie beim Glücksspiel gewonnen habe. Mit grimmigen Gesichtsausdrücken waren Rameidon und Galagladi vor einer Postkutsche gespannt. Tauros skandierte frenetisch »Los, Zweibeiner!« und schwang dazu die Peitsche. Z stand neben Lucarios Bett. Eine mörderische Fratze ersetzte sein übliches Grinsen. Er hob eine Pranke. Die Klauen blitzten auf.

    »Sheriff!«

    Lucario schreckte hoch. Er war schweißgebadet. Sein Brustkorb wölbte sich unter heftigen Atemzügen. Arm- und Beinmuskeln verkrampften sich vor Schmerz, als er sich mit beiden Pfoten schwer auf seinen Knien abstützte. Er machte eine Kopfbewegung nach rechts. Kein Z, sondern ein Bürger von Rhino stand an der Schwelle seines Alkovens. Schneller, als er sein eigenes Umfeld realisierte, begriff Lucario: Er hatte am vergangenen Abend die Tür zum Sheriff’s Office nicht abgeschlossen. Jeder hätte ihn im Schlaf überraschen können. Absolut jeder. Oder Tyracrocs Bande aus den Zellen lassen können. Ein fahrlässiges und unentschuldbares Verhalten …

    »Wir brauchen Sie, Sheriff! Dringend!«

    Schweigend und anfangs noch schwankenden Schrittes eilte Lucario dem Mann nach draußen hinterher. Es war noch dunkel. Doch ostwärts kündigte ein seichtes Glimmen bereits den neuen Morgen an. Unverhältnismäßig viele Leute waren auf einer Stelle der Straße, nur unweit vom Sheriff’s Office entfernt, mit Lampen versammelt. Die meisten von ihnen wirkten, als wären auch sie gerade unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Auch Frauen und Kinder waren unter ihnen. Nicht wenige zerrten ihre Kinder in die entgegengesetzte Richtung, fort von dem Ort, wo andere noch mit offenen Mündern oder Händen davor verharrten.

    Mit Ellenbogengewalt bahnte sich Lucario eine Bresche durch die Masse an Leuten. Ein Körper mit seltsam verwinkelten Armen und Beinen lag auf dem Boden. Ein Mann. Lucario erkannte ihn. Snibunna, ein Mitglied der Schwarzen Kralle. Mehr sogar noch: ein Meuchelmörder, und zwar einer der besten, die Lucario kannte.

    Bei seiner Arbeit galt Snibunna als ebenso effizient und kompromisslos. Bei allem anderen, was er anpackte, jedoch als Unglücksrabe. Wann immer das Schicksal einen Eimer Pech ausschüttete, stand Snibunna darunter. Doch von diesem Schicksalsschlag konnte sich selbst ein Stehaufmännchen wie er nicht mehr erholen: Man hatte ihm das Genick gebrochen.

  • 14. Der Mörder und der Lausbub

     

    Die Anwesenheit des besten Assassinen auf dem ganzen Kontinent konnte eins bedeuten: Irgendjemand sollte in dieser Nacht von der Bilderoberfläche verschwinden. Dass aber ausgerechnet für den Berufskiller die letzte Stunde geschlagen hatte, damit hatte wohl niemand gerechnet, und am allerwenigsten Snibunna selbst.

    Die Tatortnähe zum Sheriff’s Office legte einen beunruhigenden Verdacht zum mutmaßlichen Ziel nahe, den Lucario nicht ignorieren konnte. Ebenfalls nicht zu ignorieren war, dass zu einem Auftragsmord immer drei gehörten: Täter, Opfer und Auftraggeber. Nicht nur besaß Letzterer ein besonderes Interesse, die Zielperson loszuwerden, auch pflegten sie üblicherweise regelmäßigen Umgang. Manchmal besseren, meistens allerdings schlechteren und in aller Regel in nächster Nähe zueinander. Wer wollte ihn loswerden, und warum? Waren die anderen Sheriffs auf die gleiche Weise verschwunden? Und wer hatte hier wem in die Suppe gespuckt?

    Lucario wusste nur wenig über Snibunnas Methoden. Zu Lebzeiten war er ein wortkarger Einzelgänger gewesen. Dezent, niemals lange am selben Ort, gründlich und immer gut über sein Ziel informiert - ein echter Profi. Spuren hinterließ er nur selten. Es überraschte Lucario daher nicht, dass er mit leeren Händen vom Tatort wiederkam. Der massive Personenauflauf am frühen Morgen hatte sämtliche Fußspuren - sofern es überhaupt welche gegeben hatte - verwischt. Die Leiche wies keine Anzeichen eines weiteren Kampfes auf. Es war anzunehmen, dass Snibunna hinterrücks überrascht und dessen Lebensfaden mit einem einzigen präzisen Manöver durchtrennt worden war. Nur in einer Sache besaß Lucario absolutes Vertrauen: Um einen Berufskiller zu beseitigen, musste man selbst ein Profi sein. Und dieser Profi hielt sich irgendwo in der Stadt auf.

     

    Der Saloon war ein Sammelbecken für Neuigkeiten und als solcher die beste Anlaufstelle, wenn man über das Ortsgeschehen informiert sein wollte. Leider gehörte eine Bar wie der Fröhliche Fuchs auch zu einem der Orte, an dem die Wahrheit nach dem fünften Rachenputzer zu einer übelriechenden Latrinenparole verwässert wurde. Über die Zuverlässigkeit derartiger Quellen ließ sich daher streiten.

    Bei Lucarios Ankunft am frühen Mittag hielt ein scharfer, beißender Geruch den Saloon fest im Würgegriff. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Rhino ignorierte Lucario die Theke, wo Rutena ihn bereits freudenstrahlend herbeiwinkte. Stattdessen verfolgte er die Duftnote an einen ihm vertrauten Tisch zurück.

    »Ah, guten Morgen, Constable. Immer eine Freude, Sie zu sehen.«

    Inmitten Zs gewohntem Grinsen steckte ein Objekt, das auf den ersten Blick wie ein Stück Holz aussah. Ein sanftes Glimmen ging von dem Glutnest an der Spitze aus und Rauch stieg davon empor. Es stank bestialisch.

    Naserümpfend wanderte Lucarios Blick nach oben in die Augen des Glücksspielers.

    »Was ist das?«

    Z atmete tief ein, dann erst nahm er das Stäbchen aus dem Mund. Ein Schwall dicken Rauchs kringelte ihm aus der Kehle. Es war schwer zu urteilen, was Z in diesem Augenblick mehr genoss: den exotischen Geschmack des Feuerstäbchens oder das Unverständnis seines Gegenübers.

    »Haben Sie in Ihrem Provinzdasein wohl noch nie zu sehen bekommen, was?«, stellte er unnötigerweise fest. »Tabak heißt das, Importware vom Windkontinent. Sündhaft teuer, aber man gönnt sich ja sonst nichts.« Von der Spitze seines Glimmstängels tippte er etwas Asche auf den Boden, dann steckte er ihn wieder zurück in den Mund. »Kostprobe gefällig?«

    »Stinkt wie ein brennender Abort«, kommentierte Lucario und kehrte Z den Rücken zu.

    »Brennender Abort? So, so …« In Unverständnis faltete Z die Arme auseinander. »Tja, ich weiß zwar nicht, wo Sie sich sonst noch so rumtreiben, Constable, aber Sie wissen ja, wo Sie mich finden. Cheerio!«

    Auf Lucarios Weg zur Theke schnitt ihm Rutena eine schadenfrohe Grimasse zur Begrüßung.

    »Ich sehe, du hast auch die Nase gestrichen voll«, schmunzelte sie.

    »Wenn dich der Gestank so sehr stört, könntest du ihn vor die Tür setzen.«

    Die Barkeeperin zuckte die Schultern.

    »Ich habe kein Verbot für Dinge dieser Art. Falls es aber zu viele Klagen gibt, werde ich wohl genau das tun müssen. - Was bringt dich heute hierher? Ich nehme an, das ist leider wieder einmal kein Höflichkeitsbesuch.«

    Lucario bemerkte eine unerwartete Distanz, die Rutena zu ihm hielt. Sie verlor kein Wort über ihren gemeinsamen Kuss des gestrigen Tages, auch schenkte sie ihm keine Berührung. Nur an ihrem innigen Lächeln hatte sich nichts verändert.

    »Informationen«, erklärte Lucario nüchtern. »Gibt’s hier jemanden, der etwas über den Mordfall wissen könnte?«

    Rutenas Lächeln verdunkelte.

    »Schlimme Sache, was da passiert ist«, sagte sie leise. »Ich kenne nur seinen Namen: Smirgel. Er ist, das heißt, er war hier Gast im Saloon.«

    »Wirklich?« Lucario beugte sich interessiert über den Thekenrand. Er sah gezielt davon ab, Snibunnas wahre Identität zu enthüllen. Denn die Anwesenheit eines Mitglieds der Schwarzen Kralle und nach dazu eines Auftragmörders könnte in Rhino Panik ausbrechen lassen. »Bitte sprich weiter.«

    Rutena nickte grimmig, dann aber sah sie ihn hellhörig an.

    »Warum tust du so überrascht? Viel mehr Unterkunftsmöglichkeiten gibt es hier keine.«

    Lucario wich der Frage aus und hakte nach: »Wie lange ist er bereits in der Stadt?«

    »Nur seit einem Tag. Er kam gestern in der Früh hier an, mietete ein Zimmer, in dem er dann den ganzen Tag über geblieben ist.«

    »Kam dir das nicht verdächtig vor?«

    »Nicht weniger verdächtig als meine übliche Kundschaft. Armaldo ausgenommen.« Sie schenkte ihrem Stammgast, der an seinem gewohnten Stammplatz am Rande der Kneipe saß, einen flüchtigen Seitenblick, der ihr als Antwort fröhlich zuprostete.

    »Ich möchte seinen Raum observieren, wenn das möglich ist.«

    Anstandslos überreichte Rutena den Schlüssel zum Zimmer sieben.

    »Aber nur, weil du es bist, Schätzchen.«

    Lucario stieg die Stufen in das Obergeschoss hinauf und betrat die Kammer. Seine nicht vorhandenen Erwartungen waren zutreffend. Snibunnas Quartier - und damit wahrscheinlich auch alle benachbarten Räume - war schlicht und schmucklos. Gegenüber des Eingangsbereichs stand ein Bett, etwas daneben ein Tisch mit der Zeitung und zwei Stühle, so wie man sie ebenfalls im Erdgeschoss fand. Letztere waren zu abgenutzt für den Lokalbetrieb, aber gerade noch gut genug als Wohnraummobiliar. Es gab eine Waschecke mit einer Schüssel frischem Wasser, einem abgegriffenen Stück Seife und einem Handtuch. Damit hörte auch schon die offizielle Zimmerausstattung auf.

    Das Bett war unbenutzt, die Wasserschüssel unberührt. Nur die Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Lucario ignorierte die Nachrichten aus Ramal und sondierte stattdessen das einzige Objekt, das Snibunna zurückgelassen hatte: eine Reisetasche. Sie enthielt hauptsächlich Reiseproviant: Zwieback, Datteln, geräuchertes Fleisch, eine Feldflasche mit Wasser, dazu ein wenig Geld.

    Wieder wurden Lucarios nicht vorhandene Erwartungen erfüllt. Es gab kein Auftraggeberschreiben, keine Mitteilung vom Meister, keine Notiz … Snibunna hinterließ nicht einen einzigen greifbaren Anhaltspunkt für seine Reise nach Rhino, ganz zu schweigen von irgendwelchem belastenden Material. Es zeugte von Finesse, denn ein gescheitertes Attentat und eine Flucht aus der Stadt hätte ihn nur ein wenig Proviant gekostet und bei den Einwohnern nur den Eindruck eines weiteren alkoholisierten Landstreichers hinterlassen.

    Lustlos warf Lucario die Hinterlassenschaften in die Reisetasche. Mit prüfendem Blick taxierte er ein letztes Mal den Raum und fand die Zeitung. Sie war bereits über eine Woche alt, die Seiten stark zerknittert. Die aufgeschlagene Seite behandelte hauptsächlich die politischen Wirren in Ramal. Nur am Rand ratterte noch ein weiterer, kurzer Artikel nach unten. Er handelte über Rhino, genau genommen ging es um Rhinos neuen Sheriff, der da hieß: Lucario.

    Rutena dementierte, dass sie oder einer ihrer Angestelltin die Zeitung für den Mieter hinterlassen hatte. Dies gehöre nicht zum Service, versicherte sie. Es konnte ein Zufall sein, dass Snibunna ausgerechnet diese Zeitung mit sich getragen hatte, und ein weiterer, dass er ausgerechnet auf dieser Seite zu lesen aufgehört hatte. Lucario aber glaubte nicht an solche Zufälle. In jener Nacht hatte es der Auftragskiller auf ihn abgesehen. Und er wäre wohl auch erfolgreich gewesen, hätte hier jemand nicht eingegriffen. Jetzt hatte er endlich die Bestätigung, und bei dem Gedanken daran sträubte sich ihm das Fell.

     

    Auch in den kommenden Tagen hielt Lucario bei seinem Entschluss fest, das Geheimnis um Snibunnas Anwesenheit in Rhino zu hüten. Die Ungewissheit, die aus dieser Entscheidung keimte, war ein eiterndes Geschwür, das jeden Frohsinn in der Stadt die Existenz aussaugte. Allerlei Gerüchte drehten in Rhino ihre Runden, nur die wenigsten aber kamen der Wahrheit nahe. Der Bürgermeister pochte weiterhin auf Ergebnisse. Er fand es »unverschämt und geradezu rotzfrech«, dass Lucario bei ihm mit leeren Händen aufkreuzte. Er solle sich auf die Karawanenüberfälle konzentrieren, davon verstünde er ja am besten etwas, was nicht viel hieße, polterte der Amtsträger.

    Auch wenn es ihm missfiel, bei einer Sache musste der Sheriff Kukmarda recht geben: Dreh- und Angelpunkt des Ganzen war die Überfälle auf die Postkutschen. Wer immer das Attentat geplant und die anderen Gesetzeshüter verschwinden hatte lassen, versuchte zweifelsohne, die Ermittlungen zu sabotieren. Der vereitelte Mord war ein Gottesgeschenk, eine Galgenfrist; vielleicht nur ein paar Tage, bis ein weiterer Zwischenfall den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit auswerfen würde. Lucario wollte diese Gelegenheit nicht vertrödeln. Doch alles, was er bislang vorweisen konnte, waren schwammige Spuren, die zu Z, Pantimos, den Aussiedlern, vielleicht sogar zu Rameidon selbst führten. Und zu allem Unglück sollte seine Aufmerksamkeit noch in eine Richtung gelenkt werden.

    Es war am frühen Morgen des dritten Tages nach dem vereitelten Attentat, als es an der Tür zum Sheriff’s Office klopfte. Lucario erkannte die Frau sofort wieder, die den Sheriff stotternd und mit trübem Blick wie nach einer schlaflosen Nacht um Einlass bat. Dieselbe Person hatte ihm zuletzt die Tür vor der Nase zugeschlagen. Doch nun war der Spieß umgedreht. Nun war es Lucarios Tür, und das schlechte Gewissen sägte an dem rundlichen Gesicht der Frau wie die Angst am Rückgrat. Nach kurzem Zögern und einem muffeligen Morgengruß lud der Gesetzeshüter Igamaros Mutter herein.

    »Setzen Sie sich. Ich würde Ihnen ja einen Kaffee anbieten, aber mein Deputy hinkt mit seinen Pflichten leider hinterher - wieder einmal

    Die Bürgerin kommentierte die Einladung mit einem gequälten Lächeln, insbesondere in Hinblick auf einen Sitzplatz an Lucarios mit Akten vollbepackten Schreibtisch.

    »Das ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Ich möchte Sie ohnehin nicht lange von Ihrer Arbeit aufhalten, Sheriff.«

    Sie setzten sich an den Tisch. Lucario ignorierte höflich, dass sein Besuch mit einem Auge den Ausgang fixiert hielt, und fragte: »Wie kann ich Ihnen helfen, Ma’am?«

    Wie auf Geheiß zückte sie ihr Taschentuch und schnäuzte.

    »Es geht um meinen kleinen Igamaro«, schluchzte sie. »Er … er ist verschwunden.«

    »Verschwunden?, wiederholte Lucario. Er fühlte ein unangenehmes Stechen in seiner Brust. »Seit wann?«

    »Seit gestern, irgendwann nachmittags. Ich habe ihn noch von der Schule abgeholt. Und am Nachmittag war er dann … war er dann einfach weg.«

    »Irgendwelche Anzeichen von einem Einbruch oder Entführung? Wenn er aus Ihrem Haus verschwunden ist, hat jemand möglicherweise Spuren hinterlassen«, schlussfolgerte Lucario.

    Mit bitterer Miene schüttelte die Mutter den hängenden Kopf.

    »Das ist … nicht so einfach. Wissen Sie, mein Sohn … Er schleicht sich immer wieder von zuhause weg.« Sie vergrub ihren Kopf in ihren Händen und schluchzte. »Tausendmal habe ich ihm gepredigt, er solle sich von gefährlichen Leuten und Orten fernhalten.«

    »Sie vermuten also, er wurde irgendwo auf offener Straße geschnappt?«

    Im Nachhinein bereute Lucario die unglückliche Wortwahl, denn hatte dies einen weiteren Gefühlsausbruch seiner Mandantin zur Folge. Abermals vergrub sie ihr Gesicht und schüttelte heulend ihren Kopf, als ob sie den Gedanken daran wie ein lästiges Insekt zu verscheuchen versuchte.

    »Wer tut so etwas? Warum ein kleines, unschuldiges Kind entführen? Wie konnte das passieren?« Völlig unerwartet erhob sie sich von ihrem Stuhl und blickte Lucario an. Wut loderte in ihren verquollenen Augen. »Sie waren doch bei der Kralle. Sie müssen doch wissen, was in so einem kranken Kopf vorgeht! Wo ist mein Sohn?! Antworten Sie schon!«

    Zwischen zusammengepressten Kiefern presste Lucario hervor: »Alles, was ich weiß, ist, dass ich Ihnen helfen möchte. Darum müssen Sie endlich aufhören, in mir eine Gefahr für das Allgemeinwohl zu sehen, und stattdessen mit mir kooperieren - um Ihres Sohnes Willen!«

    Es trat ein zermürbendes Schweigen ein. Es gehörte zu der Sorte, bei der beide Parteien eisern auf ihren Standpunkten verharrten in der Hoffnung, dass der Gegenüber überdrüssig wurde. Lucario sehnte sich ein Ende der Stille herbei, mehr sogar noch, als er auf ein baldiges Ende des Gesprächs hoffte.

    »Ich … ich war sehr ungerecht zu Ihnen, Lucario. Das tut mir aufrichtig leid …«, gestand die Mutter. So sanft wie resignierend rutschte sie auf ihren Stuhl zurück. Und auch der Sheriff lehnte sich deutlich entspannt nach hinten.

    »Wenn Sie Erlauben, möchte ich Ihnen eine Frage stellen. Und ich betone: Es muss nicht zwangsweise mit dem Verschwinden ihres Sohnes zusammenhängen.«

    Während ihr noch eine stille Träne über die Wange kullerte, nickte sie.

    »Sie wollen wissen, warum er an Ihnen klebt wie eine Briefmarke, richtig?«

    »Ich hätte es nicht besser sagen können«, antwortete Lucario.

    »Igamaro eifert seinem Vater nach«, seufzte die Frau müde. »Deshalb ist er wahrscheinlich so fasziniert von Ihnen. Sie wissen ja, wie Kinder so sind …«

    »Ehrlich gesagt … mag ich keine Kinder«, murrte Lucario nach kurzer Pause. Dann hakte er mit krausgezogener Stirn nach: »Ist Ihr Gatte nicht Minenarbeiter?«

    Merklich senke sie ihr Haupt.

    »Mein … jetziger Mann, ja. Mein Ex-Mann, Brigaron, ist einer der verschwundenen Sheriffs. Er arbeitete hier als Deputy und übernahm die Stellung, nachdem Maxax, sein Vorgänger, von der Bildfläche verschwand. Er ist auch Igamaros leiblicher Vater. Ich vermute, Igamaro vermisst seinen Vater mehr, als ich es tue. Die beiden haben viel Zeit miteinander verbracht, anders als er und sein Stiefvater, und selbst heute noch wäre mein Sonnenschein gerne wie er - ein Hüter von Recht und Ordnung. Mein kleiner Junge hat sogar einen eigenen Sheriffstern gebastelt und will immer die bösen Buben einsperren.«

    Der Kummer bröckelte an ihrem mürben Lächeln, mit dem sie in Erinnerungen an ihren Sohn schwärmte, und meißelte tiefes Leid in ihre Seele. Sie biss sich auf die Lippen und schluchzte still in sich hinein. Es gab Lucario Gelegenheit, in sich zu kehren. Brigaron? Er hörte den Namen zum ersten Mal. Brigaron hatte keinen Bericht zurückgelassen, nicht ein einziges Mal war dieser Name in einem anderen Rapport gefallen. Doch das emotionale Auftreten der Witwe, das nur von einer verzweifelten Mutter stammen konnte, gab keinerlei Anlass, an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln zu lassen. Es war eine weitere Bestätigung dafür, dass die Berichte, oder zumindest einige von ihnen, gefälscht waren.

    Es nahm eine gute Minute in Anspruch, damit sich Igamaros Mutter wieder fassen konnte. Sie stemmte all ihre verbliebene Kraft in ihr gramerfülltes Lächeln, was das Zerrbild einer alten Witwe über sie legte.

    »Sie müssen entschuldigen, aber es war schon schwer genug, meinen Mann zu verlieren. Ich will nicht auch noch Igamaro verlieren!«

    »Ich werde tun, was ich kann«, sagte Lucario. Es kostete ihn starke Überwindung, die Gedanken wieder auf seine Mandantin und den verschwundenen Knaben zu lenken. »Haben Sie irgendeine Vermutung, vielleicht einen Anhaltspunkt, wer Interesse an Ihrem Sohn haben oder wo er sich zuletzt aufgehalten haben könnte? Sie machten vorhin eine Andeutung, er treibe sich gerne an ›gefährlichen Orten‹ herum.«

    »Wie gesagt: Seit jeher ist er vom Recht und Ordnung fasziniert, und leider auch vom Saloon, wie ich zugeben muss. Nichts für ungut, Sheriff, ich weiß, dass auch Sie viel Zeit in diesem Laden verbringen, aber ich möchte nicht, dass mein Sohn dort herumlungert, vor allem nicht wegen dieser Frau

    »Sie meinen Rutena?«

    Ihr Blick verfinsterte sich, ihre Stimme glich plötzlich einem aufgeregten Flüstern.

    »Hören Sie auf mich, Sheriff, und meiden Sie dieses Weibsbild. Sie sind wahrscheinlich noch nicht lange genug in Rhino, um zu wissen, wie gefährlich sie ist.« Lucarios verständnislose Miene gab ihr recht, und so fuhr sie fort, ohne ihren verschwörerischen Ton zu verlieren. »Man munkelt, Rutena habe den ehemaligen Saloonbetreiber, Lohgock hieß der, auf dem Gewissen. Rutena war eine dieser Huren, die hart arbeitenden Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Aber diese Hexe hatte ganz andere Pläne, oh ja. Hat dem armen Mann den Kopf verdreht, bis sie es in sein Bett geschafft hat. Das ging ein paar Wochen gut, sogar geheiratet haben die beiden. Doch dann kam Lohgock irgendwann unter ungeklärten Umständen ums Leben. Als Witwe übernahm Rutena schließlich die Bar. Alles sehr mysteriös, wenn Sie mich fragen.«

    Wieder plagte ein unangenehmes Stechen Lucarios Brust und wieder kostete es ihn alle Überwindung, um sich auf den Fall vor ihm zu konzentrieren; mit mäßigem Erfolg. Im Zenit seiner kreiselnden Gedanken tauchte immer wieder Rutenas liebreizendes Antlitz auf. Worte, die wie flüssiges Gold von ihren Lippen tropften. Die theatralische Grimasse, die sie schnitt, wenn Lucario ihre Annäherungsversuche mit Distanz strafte. War dies das verlogene, scheinheilige Gesicht einer Mörderin?

    »War das vor oder nach dem ersten Karawanenüberfall?«, fragte er.

    »Das war … davor, glaube ich«, überlegte sie laut. »Fragen Sie mich jetzt aber bitte nicht, wie lange vorher.«

     

    Lucario wusste nicht, wie lange er nach Ende der Unterhaltung regungslos am Schreibtisch verharrte. Seine Gedankenwelt war ein Rippstrom, der genau so viele neue Informationen an den Strand spülte, wie er alte in den eisigen Fluten ertränkte. Karawanenüberfälle. Verschwundene Sheriffs. Ein narzisstischer Glücksspieler. Pantimos. Der quengelige Bastard von einem Bürgermeister. Verschwiegene Aussiedler. Gefälschte Berichte. Der diskrete Poststellenbetreiber. Ein missglücktes Attentat. Snibunna ermordet. Ein vermisstes Kind. Und jetzt auch noch Rutena.

    In Rage riss Lucario den Aktenberg von seinem Schreibtisch. Es war keine Last, die ihm durch den emotionalen Ausbruch von den Schultern genommen wurde. Er fühlte sich nicht weniger schlecht als zuvor, und der aufgewirbelte Staub trübte seine Sinne umso mehr. Er war müde, so unendlich müde … Und die fehlende Selbstkontrolle ekelte ihn geradezu selbst an.

    Übellaunig wollte er die Papiere wieder einsammeln, als ihm plötzlich ein Zettel auffiel, der besonders herausstach und zuvor unter der Ansammlung von Akten begraben gewesen war. Zögerlich hob er das Blatt auf und erkannte in der krakeligen Handschrift eine Notiz seines Deputys. Es handelte sich um Grillchitas halb abgearbeitete Noch-zu-erledigen-Liste. Nach einer Weile wurde Lucarios Blick unverhofft weicher. Er konnte nicht anders - er schmunzelte.

  • 15. Gespaltene Zunge


    »Kalt ist das Herdfeuer, kalt die Nacht. Spute dich!«

    Der Sinn und Ursprung dieses alten Sprichwortes verläuft sich irgendwo in der kargen Prärie des Sandkontinents. Seinen häufigsten Gebrauch findet der Vers dieser Tage, wenn man höflich seinen Gesprächspartner zum raschen Handeln drängt.

    Eilig hatte es an diesem Morgen in Rhino viele - aus aktuellem Anlass. Die allgemeine Verunsicherung über den vermissten Jungen ging Hand in Hand mit der zurückgebliebenen Angst über den ermordeten Kopfgeldjäger. Zusammenhänge zwischen den beiden Ereignissen sah niemand. Trotzdem hielt es Rhinos Bürger nicht davon ab, die Gerüchteküche beim Kaffeeklatsch oder bei einem Rachenputzer im Saloon ordentlich brodeln zu lassen. Die meisten aber blieben zu Hause, mieden dieser Tage die offene Straße, und wenn jemand unterwegs war, dann nur mit äußerster Wachsamkeit und mit merkbar hastigem Gang. Eine der wenigen Ausnahmen: Lucario, dessen miesepetriger Morgengruß eine abführende Wirkung auf das letzte bisschen Frohsinn besaß. Der Sheriff hatte sich an diesem Morgen bei dem Gedanken ertappt, aus dem Tabak-Kraut des Glücksspielers einen Tee zu brauen, weil Vorratskammer des Sheriff’s Office noch nicht einmal einen Fingerhut Kaffee hergab. Der angewiderte Ausdruck auf Lucarios Gesicht war denkwürdig, und der Entschluss, selbst die Vorräte aufzustocken, rasch gefallen.

    Kurz vor der Schwelle des Gemischtwarenhändlers wurde Lucario plötzlich langsamer, seine Sinne wachsamer. Es war kein Kunststück, dem verbalen Schlagabtausch beizuwohnen, der im Geschäft geführt wurde, denn die Tür stand einen Spalt weit offen. Die zwei Stimmen dahinter konnten unterschiedlicher nicht sein: die eine mit stoischem Gleichmut, die andere feurig und temperamentvoll. Lucario kannte beide. »… unsere missliche Lage so perfide auszunutzen. Oder wollt Ihr das leugnen?«

    »Mitnichten! Schon allein durch dieses Gespräch nehme ich enorme Risiken in Kauf, ganz zu schweigen davon, dass ich tatsächlich mit Ihren Leuten fraternisiere. Ich lege lediglich meine Mehrkosten um – eine Gefahrenzulage, wenn man es so nimmt.«

    »Gier entblößt selbst dem schönsten Gesicht die Fratze der Hässlichkeit.«

    »Ich verbitte mir solche Unterstellungen! Kaufen Sie etwas oder scheren Sie sich raus!«

    Lautstärke und Tonart hatten einen emotionalen Brennpunkt erreicht. Die Stille, die daraufhin folgte, deutete darauf hin, dass die nächsten Worte so sorgfältig abgewogen wurde wie hochentzündliches Schwarzpulver. Lucario trat etwas zur Seite. Er hatte nun einen guten Blickwinkel in das Geschäft. Washakwil stand mit dem Rücken zum Fenster, durch das Lucario spähte. Die massive, gefiederte Gestalt des Sprechers verdeckte einen direkten Blick auf den Tresen, hinter dem der Krämer zweifelsohne vor Wut kochte.

    »Ich darf Euch höflich erinnern, dass Ihr uns die Kohlen, den Weihrauch und die Kerzen versprochen habt«, sagte der Sprecher, wobei er tatsächlich sehr höflich klang.

    »Und ich pflege meine Geschäftsversprechen zu halten, wenn der Preis angemessen ist«, erwiderte Kecleon. Seine Stimme kletterte einige Sprossen auf der Tonleiter des Entgegenkommens hinauf, bevor diese wieder in schmalzige Tiefen hinabrutschte.

    »Ihr verlangt mehr als das Dreifache des ausgehandelten Preises. Wir können uns dies nicht leisten.«

    »Nicht mein Problem. Aber ein Vorschlag zur Güte: Ich kann das Bündel auch aufteilen. Das dürfte dann vielleicht Ihren … monetären Rahmen entsprechen.«

    »Wir brauchen das komplette Bündel - heute noch!«, betonte Washakwil. Auch er klang nun hörbar verärgert. »Die Zeremonie duldet keinen Aufschub.«

    »Was interessiert mich euer übersinnlicher Hokuspokus? In dieser Welt ist nur Bares Wahres. Merken sie sich das!«

    »Ich appelliere das letzte Mal an Euer Mitgefühl. Helft uns!«

    »Und was, wenn nicht? Drohen Sie mir sonst Gewalt an? Sie und Ihre Leute tun die ganze Zeit so überlegen, so erhaben. Dabei seid ihr nichts weiter als scheinheilige Wilde. Im Namen eures sogenannten Glaubens rechtfertigt ihr es, auf unsere Gesetze zu spucken.« Wort für Wort verwandelte sich die Stimme des Händlers in ein aufbrausendes Stakkato. Bei alledem rührte der Sprecher nicht einen Muskel.

    »Der Glaube ist unser Schild, die Überzeugung der Hammer, der Gerechtigkeit spricht. Wenn wir uns eines Tages vor dem Allerhöchsten verantworten müssen, können wir das reinen Gewissens tun. Könnt Ihr das von Euch ebenfalls behaupten?«

    »Diese Transaktion ist beendet!«

    »Ich würde gerne mehr davon hören.« Das fröhliche Glockengeläut, das Lucario bei seinem Eintreten in den Laden begleitete, wirkte aufgesetzt und verlogen. Als er langsam an Washakwil vorbeischritt, sickerte Kecleon die Farbe aus dem Gesicht. Als ob er ein freundliches Verkaufsgespräch führen wollte, stützte sich Lucario mit dem rechten Arm auf der Theke ab. Sein energischer Blick aber perforierte den Ladenbesitzer regelrecht. »So … Die Siedler sind also frech und gierig geworden, haben Drohungen ausgesprochen und deswegen hat man ihnen Hausverbot erteilt. Ich verstehe …« Mit einem sinistren Lächeln wandte sich Lucario von seinem Gesprächspartner ab, nur um im nächsten Moment wieder herumzuschnellen, den Ladenbesitzer am Kragen zu packen und zu sich über den halben Tresen zu zerren. »Ich lass’ mich nicht gerne verarschen. Zur Abwechslung würde ich gerne mal die Wahrheit hören - die ganze Wahrheit.«

    Kecleon war zu perplex, dass er außer einem heißen Gurgeln keinen Ton hervorbrachte. Hinter hervorquellenden Augen war sein restliches Gesicht zu einer verängstigten Fratze eingefroren. Erst als Lucario ihn mit einer kräftigen Bewegung wachrüttelte und ihn dabei zum Reden aufforderte, flossen seiner Worte wie ein herabfallender Wasserfall.

    »I-ich wollte das alles nicht! Hausverbote erteilen! Glauben Sie mir! Mit diesen wiehernden Waschweibern allein komme ich doch nicht über die Runden! Aber der Mayor setzt mich und die anderen Ladenbesitzer in Rhino unter Druck. Wir sind auf Geschäfte mit Außenstehenden angewiesen, aber ihm ist es egal, dass wir mit diesen Einschränkungen vor die Hunde gehen.«

    In Verunsicherung lockerte Lucario seinen Griff ein wenig.

    »Warum sollte er das tun? Es ist in seinem Interesse, dass es den Betrieben in der Stadt gut geht. Welche Rolle spielen die Aussiedler? Was ist mit den Karawanenüberfällen?«

    An dieser Stelle versickerte der Redefluss des Kaufmanns. Im selben Moment wurde Lucarios Haltegriff wieder brutaler. Er wiederholte: »Was ist mit den Aussiedlern, was mit den Überfällen?!« Es war keine Frage, sondern eine Drohung, die ihr Ziel nicht verfehlte.

    »Weiß ich nicht! So glauben Sie mir doch! Aber niemand in der Stadt glaubt ernsthaft, dass die Siedler irgendwas mit den Überfällen zu tun haben. Außer der Bürgermeister und Rameidon anscheinend.«

    »Rameidon?« Ohne es wirklich zu wollen, ließ Lucario erneut von seinem Gegenüber etwas ab. Es war kein Geheimnis, dass Rameidon und die Poststelle mittlerweile ein Dreh- und Angelpunkt der Ermittlung waren. Überrascht darüber, dass ausgerechnet jetzt der Namen des Poststellenbetreibers fiel, war er dagegen sehr. »Wieso Rameidon? Was hat er damit zu tun?«, hakte er nach.

    Obwohl es kaum möglich war, machte sich weiteres Unbehagen in Kecleons Gesicht bemerkbar. Zum ersten Mal mied er den direkten Augenkontakt mit dem Sheriff und schaute beklommen zur Seite. Erst als Lucario ihn erneut in die Mangel nahm und wachrüttelte, wurde er wieder gesprächiger.

    »W-weil er gleich am ersten oder zweiten Tag des Hausverbotes persönlich bei uns vorsprechen war! Er wollte es sich nicht anmerken lassen, machte einen auf Small-Talk, aber ich habe ein gutes Gespür für so etwas. Außerdem hatte er mal einen Trupp primitiver Schläger geschickt, nachdem er spitz gekriegt hatte, dass jemand das Hausverbot gebrochen hatte. Sie drohten, jedem die Finger zu brechen, der - und ich zitiere wörtlich - ,noch so eine Nummer abzieht’.«

    »Da wollte wohl noch jemand Kapital aus der Sache schlagen, wie?«, stellte Lucario grimmig fest. »Aber die Schläger hätte jeder schicken können. Wie kannst du dir sicher sein, dass die von Rameidon kommen?«

    »Die drei haben eine Weile lang morgens und abends die Kutschen be- und entladen - keine Ahnung, wie die heißen. Aber eines dieser Weibsbilder, die bei mir hier immer ihr Kaffeekränzchen abhält, hat vor Kurzem getratscht. Sie habe gehört, dass es auf offener Straße irgendeinen Streit zwischen Rameidon und den Dreien vom Zaun gebrochen war. Es ging wohl um Geld - um viel Geld. Am Ende hätten sie anscheinend ihre Arbeit hingeschmissen und gesagt, sie würden in Rhino auch anders an Geld kommen.«

    Lucario brauchte keine Personenbeschreibung, um zu begreifen, dass es sich bei dem Schlägertrupp um Tyracroc, Sengo und Ursaring handeln musste. Als die Sache mit Rameidon zu Bruch ging, hatten sie sich wohl dazu entschlossen, ein Ding in der Bank von Rhino zu drehen. Was sie jedoch nicht geahnt hatten, war, dass sie von ihm dingfest gemacht würden. Dummerweise befanden sie sich mittlerweile in einer Zelle in der Hauptstadt. Lucario aber hatte genug gehört.

    Als er sich schon von Kecleon abgewendet hatte, realisierte Lucario, dass Washakwil die ganze Zeit über die Vernehmung geduldig und schweigsam beigewohnt hatte. Der Sheriff überlegte kurz, dann packte er den Ladenbesitzer ein letztes Mal beim Schlafittchen. Mit drohender Herzlichkeit sagte er: »Du gibst diesem netten Herrn jetzt alles, was du ihm zuvor versprochen hast, und zwar zum Vorzugspreis - als Entschädigung. Sagen wir … die Hälfte des ursprünglich vereinbarten Preises.«

    »Das … das wäre mein Ruin!«

    Lucario bleckte die Zähne zu einem gemeinen Grinsen. Hinter diesem presste er hervor: »Moralisch bist du schon eine ganze Weile Bankrott. Das Armengewand steht dir ganz ausgezeichnet.«


    Ohne Kaffee im Gepäck, dafür aber mit einer groben Idee, was in der Stadt tatsächlich vor sich ging, wartete der Sheriff geduldig außerhalb des Gemischtwarenladens. Als der Sprecher nach einigen Minuten den Laden verließ, begegneten sie sich mit einem beidseitigen Nicken und marschierten gemeinsam die Straße entlang.

    Lucario gab sich keiner Illusion hin: Dass er brüderlich neben einem der »unerwünschten Subjekte« der Stadt flanierte, ließ ihn in keinem guten Licht erscheinen. Doch gab es ein Unrecht wiedergutzumachen. Und dafür nahm er die Last der vielen erdrückenden Blicke gerne auf seine Schultern.

    »Ich bin Ihnen und Ihren Leuten eine Entschuldigung schuldig«, sagte Lucario. Der Versuch, den üblichen kühlen Bass seiner Stimme glaubhafte Ehrlichkeit zu verleihen, erstickte bereits im Keim.

    Washakwil entgegnete mit einem Seitenblick. Stolz. Unnahbar. Er gehörte zu der Sorte, von der man den Ausgang nicht abschätzen konnte.

    »Es ist nicht der ein Narr, der im Leben eine falsche Entscheidung fällt, sondern der, der die Gelegenheit verstreichen lässt, das Unrecht reinzuwaschen. Dies habt Ihr heute getan, Lucario von Rhino. Und noch mehr.«

    Washakwil stoppte. Als sich Lucario umdrehte, meinte er zum ersten Mal den Ansatz eines freundschaftlichen Lächelns auf dem Gesicht des Sprechers erhascht zu haben. Washakwil machte einen Schritt auf Lucario zu. Im Anschluss streckte er seinen rechten Flügen aus; nicht aber zum Gruß, sondern legte er ihn kameradschaftlich auf Lucarios linke Schulter.

    »Mit Euren Taten habt Ihr heute große Courage bewiesen, Lucario von Rhino. Deshalb bin ich stolz, Euch ›Freund‹ nennen zu dürfen. Ich hoffe, Ihr erweist mir dieselbe Ehre.«

    Das Murmeln der Stadtbewohner war wie das Summen eines angriffslustigen Bienenschwarmes, Ihre Blicke wie deren giftige Stacheln. Doch Washakwils Schwinge war ein Schild, der Lucario taub und unempfindlich gegen die Feindseligkeit um ihn herum machte. Trotzdem wünschte er sich insgeheim nichts sehnlicher, als diesen Moment schnellstmöglich hinter sich bringen zu können. Er nickte Washakwil zu. »Ich bin froh, dass wir unsere Differenzen beiseitelegen konnten … Freund«, fügte er nach kurzer Pause noch hinzu. Beide setzten sich wieder in Bewegung. »Allerdings fürchte ich, dass ich Ihnen und Ihren Leuten langfristig keinen Gefallen getan habe.«

    »Wir kommen zurecht. Das tun wir immer«, erklärte Washakwil.

    Skeptisch schaute Lucario seinen Gesprächspartner an.

    »War es das wirklich wert? Für ein paar Kerzen?«

    »Zweifelt nicht an der Tragweite Eurer Taten, Freund Lucario. Kinder und Kindeskinder werden noch lange darüber erzählen, wie Ihr heute unseren Glauben und unsere Bräuche ehrtet.«

    »Damit sprechen Sie wahrscheinlich die Zeremonie an, die Sie vorhin erwähnten. Worum handelt es sich?«

    Washakwil legte den Kopf in den Nacken und blickte verträumt in den Himmel. Nach einigen Momenten des Schweigens antwortete er: »Einmal im Monat, wenn der Vollmond im Zenit steht, ziehen unsere Ältesten auf dem Gipfel des Ockerfelsens hinaus, wo sie mit den Göttern sprechen und ihnen für ihren ihre Gaben und ihren Schutz danken. Wir nennen diesen Tag ›Wakan‹. An dem Wakan, nachdem der Wendigo aus der Wüste flieht, pilgert unser ganzes Dorf hinauf auf die Ockerfelsspitze. An diesem besonderen Tag im Jahr, dem ›Skan‹, ehren unsere Küken die Altvorderen und erfahren damit die Erwachsenenreife. Diese Nacht ist heute.« Washakwil schaute Lucario ungewöhnlich vielsagend von der Seite an. »Sicherlicht versteht Ihr nun unsere Entschlossenheit. Wir können nicht ohne Weiteres die Handelsbeziehungen aufgeben, auch wenn das im Umkehrschluss bedeutet, auf die Gunst von windigen Advokaten angewiesen zu sein.«

    »Und deren Launen«, ergänze Lucario trocken.


    Das Ende der Straße deutete auch das baldige Ende ihres gemeinsamen Weges an. Es war das erste Mal, dass es Lucario über das andere Ende der Stadt gezogen hatte. Und so bekam er auch zum ersten Mal eine Ansammlung von windschiefen Hütten und bescheidenen Zelten zu sehen, die im Schatten des ockerfarbenen Gebirges ihr stilles Dasein fristeten.

    Auf halbem Weg zu der Siedlung verabschiedeten sie sich voneinander. Rhinos Sheriff sah dem Sprecher noch solange nach, bis das Oberhaupt die Schwelle seiner Heimat erreicht hatte. In Wahrheit jedoch waren Lucarios Gedanken und Augen auf das undurchsichtige Treiben in Rhino gerichtet. Rameidon, der Poststellenbetreiber, erpresste die Ladeninhaber in der Stadt. Postkutschenüberfälle. Die Aussiedler als Sündenböcke. Und jetzt auch noch der Mayor. Warum?

    Als sich eine kleine Ansammlung von Siedlern zu Ockerfelsen aufmachte, kehrte Lucario dem Geschehen den Rücken zu. Bei seiner Rückkehr in die Stadt legte er einen kurzen Zwischenstopp in den Fröhlichen Fuchs ein, wo er seine staubtrockene Kehle befeuchten, auf andere Gedanken kommen und vielleicht auch das ein oder andere neue Gerücht aufschnappen wollte. Mit Ausnahme der Frage, welches Gift es für ihn heute sein dürfte, blieb Rutena während des gesamten Aufenthalts ungewöhnlich still. Weil auch sonst zu dieser Tageszeit niemand im Saloon war, verließ Lucario das Reich der Sinne in Rekordzeit. Seine Laune besserte sich auch dann nicht, als er das Sheriff’s Office betrat. Denn das erste, was er dort sah, waren Grillchitas vom Wüstenstaub gelb angefärbten Fußsohlen, die dieser ihm faulenzerisch von der Oberseite seines Schreibtisches entgegenstreckte. Erst als Lucario die Tür hinter sich unnötig laut zuknallte, sprang der Deputy auf die Beine.

    »Sh-Sheriff! Ich habe Sie bereits überall gesucht!«

    Unbeeindruckt blieb Lucario vor der Türschwelle stehen.

    »Wirklich? Sieht mir gar nicht so aus«, stellte er fest.

    Grillchita stolperte unbeholfen hinter dem Schreibtisch hervor. Nach einer halben Umrundung parkte er sein Gesäß auf der Schreibtischkante.

    »Ist aber so«, erklärte er und setzte ein angespanntes Lächeln auf. »Sie werden es nicht glauben: Meinen Quellen zufolge planen die Aussiedler einen Postkutschenüberfall. Und zwar schon morgen!«

    »Die Aussiedler? Wirklich? So, so …«, machte Lucario.

    »Da sind sie baff, was? Dieses miese Pack glaubt wohl, wir lassen uns alles gefallen. Aber nicht mit uns!« Der Stolz ließ Grillchitas breite Mundwinkel in die Höhe wuchern wie Unkraut. »Ich habe mir die Freiheit genommen und bereits mit Rameidon gesprochen. Mit der ersten Postkutsche morgen sitzen wir versteckt im Laderaum und ertappen dieses Gesocks in flagranti. Ist bereits alles arrangiert. Es braucht nur noch Ihre Zustimmung, Sheriff.«

    Lucarios Gesichtszüge wurden weicher, während der spröde Holzdielenboden jeden seiner langsamen Schritte mit einem mürben Knarren beantwortete. Als Lucario fast schon vor dem Schreibtisch angekommen war, drehte er sich nachdenklich nach links. Die Arme hinter seinem Rücken verschränkt, fragte er: »Und du bist dir sicher, ja?«

    »Absolut! Meine Quellen haben sich noch nie geirrt!«, antwortete der Deputy.

    Lucario kehrte um und ging nun nachdenklich in die andere Richtung, wieder am Schreibtisch vorbei. Schließlich machte er ein letztes Mal Halt und blieb einen Meter, mit dem Gesicht zu Grillchita gerichtet, stehen.

    »Gute Arbeit!«, lobte er seinen Hilfssheriff. »Ich muss gestehen, ich bin überrascht.«

    »Tja, auf den alten Grillchita ist eben doch Verlass! Ein gutes Gefühl, dass Sie es endlich zu schätzen wissen, dass ich für Sie arbeite.«

    »Aber …«, begann Lucario vorsichtig, während er tadelnd die Pfote in die Luft hob, wie eine Mutter, die ihr Kind vor der heißen Herdplatte warnte. »Es gibt da nur ein Problem an der Sache. Einen klitzekleinen Haken«, ergänzte er und machte einen Schritt auf seinen Deputy zu. Einige Sekunden lang stand er ihm wortlos gegenüber. Dann, wie ein geölter Blitz, packte er Grillchita am Fell, stemmte ihn auf die Beine und rammte diesen mit solcher Wucht gegen die nächstbeste Wand, dass der Staub von der Zimmerdecke rieselte. »Du Strandgut hast noch nie für mich gearbeitet!«

    In nacktem Entsetzen öffnete Grillchita den Mund. Doch nur ein heißeres Gurgeln kroch daraus hervor. Als er endlich zum ersten Wort ansetzen wollte, wirbelte Lucario mit ihm wieder herum und rammte ihn gegen die entgegengesetzte Wand.

    »Wie es der Zufall will, hatte ich eben einen so kurzen wie auch interessanten Plausch mit dem Sprecher der Aussiedler. So wie es aussieht, interessieren sie sich für die Karawanenüberfälle einen Scheißdreck. Und soll ich dir was sagen: Ich glaube ihnen jedes Wort!«

    »Sheriff …! Ich …!«, würgte Grillchita hervor.

    »Halt’s Maul! Ich rede!«

    Lucarios Gesicht wurde zu einer mörderischen Fratze, hinter dem seine Augäpfel hervorquollen. »Gerade in diesem Moment ist die Hälfte der Aussiedler auf dem Weg zum Ockergebirge. Heute Abend steht das ganze Dorf leer, um dort eine Sause zu feiern. Morgen um diese Zeit sind sie entweder so knallvoll oder so kaputt, dass sie von Glück reden können, ohne Kompass noch einmal den Nachhauseweg zu schaffen. Keine Bedrohung. Keine üblen Absichten. Keine Karawanenüberfälle. Du verstehst, was ich meine, ja?«

    Ohne auf eine Antwort zu warten, wirbelte Lucario ein weiteres Mal mit Grillchita am Kragen durch den Raum. Ihr ungestümer Tanz endete dieses Mal an der Wand hinter dem Schreibtisch. Lucario verstärkte den Druck, mit dem er seinen Angestellten gegen die Wand presste. Er warf einen Blick über die Schulter und sammelte ein Blatt Papier ein, das auf dem Schreibtisch lag. Er hielt Grillchita das Stück Papier vor das Gesicht.

    »Erkennst du das? Das ist deine Liste mit Dingen, die du noch erledigen wolltest. Aber weil du so beschissen faul bist, hast du sie hier einfach liegen lassen. Und jetzt«, Lucario griff ein weiteres Mal hinter sich und fand nach wenigen Sekunden das, was er gesucht hatte, »schau dir mal das hier an!« In einem vor Wut bebenden Griff hielt er ihm ein weiteres Dokument vor die Nase. »Erkennst du das auch? Das ist Maxax’ letztes Protokoll, bevor er als erster Sheriff von der Bildfläche verschwand. Sein damaliger Deputy, Brigaron, übernahm danach die Stellung. Du wurdest der neue Deputy und hast systematisch angefangen, die neuen Sheriffs zu sabotieren und zu manipulieren – beginnend hiermit.« Lucario drehte das Blatt etwas zur Seite, damit auch er es nun besser sehen konnte. »Dieselbe Handschrift wie dein Wisch.« Es war ein zutiefst zufriedenes Knurren, das aus Lucarios Kehle kroch, wie das eines ausgehungerten Tieres, dem man eben einen Knochen zugeworfen hatte. »Das erste Mal hellhörig wurde ich, als ich mit den Karawanenarbeitern gesprochen hatte. Hier bekam ich den entscheidenden Tipp: Nur die Karawanen, die Rhino verlassen, werden überfallen, aber niemals die, die nach Rhino kommen. Kein Sheriff wäre so nachlässig gewesen und hätte ein solch wichtiges Detail nicht protokolliert. Und wer weiß: Vielleicht haben sie das sogar. Nur verschwanden die echten Berichte, genau so wie die Sheriffs.« Lucario stoppte kurz und betrachtete die Fälschung flüchtig. »Natürlich sehen alle nachfolgende Berichte anders aus. Denn das wäre zu offensichtlich. Auf die Idee, dass immer jemand anderes die Protokolle fälscht, ist wahrscheinlich Rameidon gekommen, dein Boss. Denn so viel Grips rechne ich dir nicht zu. Wer nun aber die anderen Protokolle gefälscht hat, ist mir ehrlich gesagt schnurz. Vielleicht war es Tyracroc. Vielleicht Galagladi. Vielleicht sogar Rameidon selbst. Scheiß doch drauf! Entscheidend ist, dass du und deine Kompagnons versucht haben, von dem eigentlichen Geschehen abzulenken, indem ihr immer wieder auf die Aussiedler, auf Pantimos und auf diesen sturzbesoffenen Glücksspieler im Saloon aufmerksam machen wolltet. Dummerweise hat das dieses Mal nicht geklappt. Stattdessen hatte ich Fragen gestellt – unangenehme noch dazu. Also sollte ich von der Bildfläche verschwinden. Der Kopfgeldjäger scheiterte jedoch bei seiner Nacht-und-Nebel-Aktion, mich klammheimlich zu meucheln – und nur der Teufel weiß, warum. Aber morgen, vor der Stadt, ohne weitere Zeugen, und mit dir als Komplize …« Lucario lächelte grimmig. »Ja, das wäre ein anderes Thema gewesen.« Sein Blick, mit dem er Grillchita durchbohrte, verschärfte sich. »Habe ich irgendetwas vergessen?«

    Grillchita schluckte die Frage herunter, auf die er ohnehin keine Antwort wusste.

    »Was ich noch gerne wissen würde,«, fuhr Lucario fort, »ist: Warum das alles? Warum auf die Aussiedler ablenken? Was verheimlicht Rameidon? Raus damit!«

    Das Gesicht des Deputys verzerrte sich in Schmerz, als Lucario ihn mit dem Hinterkopf voran gegen die Wand donnerte.

    »D-das weiß ich nicht!«, stöhnte er. »Ich habe nur gemacht, was man mir gesagt hat und nie Fragen gestellt! Das müssen Sie mir glauben!«

    Neue Angriffslust glänzte in Luacrios gebleckten Zähnen.

    »Soll ich dir was sagen? Zum ersten Mal glaube ich dir sogar. Der Mantel, den du in den Wind hängst, ist dir Kleingeist nämlich wie auf den Leib geschneidert.«

    Mit diesen Worten zerrte Lucario seinen Deputy quer durch den Raum. Er riss die Tür zu der ersten freien Zelle und verpasste Grillchita einen heftigen Tritt, dass dieser hineinstürzte. Anschließend fiel die Gefängnistür krachend in das Schloss. Als Grillchita sich wieder hochrappelte, war Lucario längst schon an der Ausgangstür angelangt.

    »Was soll das werden?! Lassen Sie mich raus!«

    Lucario drehte sich nicht um, würdigte den Zelleninsassen keines Blickes mehr. Trocken lachte er auf.

    »Es wird Zeit, dass ich mir das Postamt etwas genauer ansehe. Ich hoffe, du hast gut gefrühstückt. Denn wenn du Pech hast, komme ich nicht wieder zurück.«

    Grillchita rüttelte an dem Zellengitter, während er Lucario hinterherrief: »Das überleben Sie nicht! Nicht ohne meine Hilfe! Lassen Sie mich raus! Hey!«

    »In Rhino ist das Gesetz auf sich allein gestellt«, verabschiedete sich Lucario.

  • 16. Das Rattennest


    Die Nächte auf dem Sandkontinent waren so kalt wie die Tage heiß. Von den Kindern gefürchtet, dass sie es noch nicht einmal wagten, nach Sonnenuntergang aus dem Fenster zu schauen, wussten auch selbsterklärte Helden und Haudegen den langen Nächten mit ehrfürchtiger Vorsicht zu begegnen. Selbst jenseits des großen Meeres, wo man sich lediglich Geschichten über die weite, ungebändigte Prärie des Sandkontinents erzählte, war die späte Abendstunde Quelle und Inspiration etlicher Mythen und Übertreibungen. Ein Philosoph vom Windkontinent fabulierte schon vor Jahrhunderten: »So zog das ruß’ge Weib in die Öde. Ihr düst’res Herz in schaur’ge Ketten, grimmend das Antlitz, und in eis’gem Griff die Grabesruh’.«
    Doch auch auf dem Sandkontinent wussten deren Bewohner Geschichten von der Nacht zu erzählen. Die einzelgängerischen Ureinwohner des Moyukponu-Stammes, die im Südwesten des Kontinents lebten, rühmten die Nacht als ihre Große Schwester. Urbane Legenden hingegen berichten von dem steckbrieflich gesuchten Mörder Gengar, vom dem man behauptet, es sei sein barsches Lächeln, das die Kälte bringe. Dies brachte ihm den Titel Geliebter der Nacht ein.
    Geschichten würden auch noch lange Zeit von der jüngsten Nacht erzählt werden, als eine Gestalt durch Rhinos Zwielicht schlüpfte. Ungesehen. Lautlos. Geschmeidig wie ein Walzer unter fahlem Mondlicht. Das einzige Geräusch, das von dem schattenhaften Tänzer ausging, war das leise Glimmen einer bläulichen Flamme, die er in einer schmiedeeisernen Laterne gefangen hielt. Drei Meter erhellte die Fackel mit dem zarten, fliederfarbenen Kranz den Weg. Nicht mehr, nicht weniger. Dies war nur eine der besonderen Eigenschaften von Obsidianfeuer, dessen Erscheinungsbild von dem Erschaffer der Flamme abhing. Wer sich jenseits des Lichtradius aufhielt und darauf blickte, schaute hindurch, als ob der Träger und die Flamme nicht existierten. Wenige hatten ein Licht wie das jene deshalb je zu Gesicht bekommen. Weitaus weniger wussten es zu entzünden.
    Die Nacht war die Tageszeit, in der sich Lucario am wohlsten fühlte. Sie spendete ihm Geborgenheit, Schutz, Stille. Gleichwohl rief die kalte Umarmung in ihm unangenehme Erinnerungen wach, die von dem Obsidianfeuer nur noch zusätzlich angeheizt wurden. Es waren Erinnerungen an eine Zeit, in der Probleme ohne großes Aufsehen aus der Welt geschaffen wurden. Besitztümer wechselten über Nacht ihre Besitzer. Personen wurden eingeschüchtert oder verschwanden spurlos. Erpressung, Schmuggel, Raub, Mord … Die Liste der »Dienstleistungen«, die die Schwarze Kralle offerierte, war lang, das Kredo der Kralle dagegen nur sehr kurz. »Keine Fragen stellen. Keinen Skrupel zeigen. Solange der Preis stimmt.« Lucario war nicht stolz auf seine Vergangenheit. Doch hatte sie seine Taschen gefüllt, ihn am Leben gehalten. Das jedenfalls versuchte er sich immer dann einzureden, wenn er zurückblickte.
    An diesem Abend hatte Lucario seinen braunen Poncho, den er üblicherweise zusammen mit dem Sheriffstern trug, gegen einen nachtfarbenen Mantel eingetauscht. Einmal wieder, so wie er es zum gefühlten 100-mal in dieser Nacht getan hatte, warf er einen Blick über die Schulter. Niemand folgte ihm, niemand war zu sehen. Erneut wandte er sich seinem Weg vor ihm zu, das Ziel fest im Blick: Rhinos würfelförmiges Postamt.
    Mit einem befriedigenden Klack gab die Eingangstür der Poststelle nach. Ein letztes Mal vergewissert sich Lucario, dass er allein war, dann schlüpfte er in das Hausinnere. Schon in seiner Zeit bei der Schwarzen Kralle hatte man ihn ermannt: »Betrete niemals einen Raum, den du nicht wieder verlassen kannst.« Als die Eingangstür mit einem unangenehmen Klick-Geräusch ins Schloss fiel, würgte er diesen faustdicken Gedanken herunter.
    Instinktiv hob Lucario die Laterne etwas in die Höhe. Vor ihm breitete sich der weitläufige Eingangsbereichs aus; nichts, was er nicht schon von seinem ersten und letzten Besuch kannte. Der Empfangstresen lag verwaist vor ihm, die Treppe, die in Rameidons Büroräume im Obergeschoss führte, ruhte schweigend wie ein Grab. Es gab lediglich eine weitere Tür im Erdgeschoss, die jenseits des Empfangstresens wartete – Lagerräume, wie Lucario vermutete. Denn irgendwo mussten Briefe, Pakete und Waren über Nacht verwahrt werden, bevor diese zu ihrem Bestimmungsort transportiert wurden.
    Mit derselben Finesse wie schon zuvor öffnete Lucario die grün-bläuliche Tür. Dahinter entblößte das Obsidianfeuer die Tristesse eines schmutzigen, mit Spinnenweben übersäten, rechteckigen Raums, in dem ein erdrückender morscher Geruch schwelte, der in Ansätzen an faulendes Obst erinnerte. Möbel gab es kaum. Nur einige schmuck- und glanzlose Regale säumten die westliche Zimmerwand; daneben beinahe schon achtlos hingeworfen, aufgeblähte Leinensäcke und wuchtige Holzkisten.
    Nachdem er den Raum durchquert hatte, ging Lucario in die Knie und knüpfte einen der Postsäcke auf. Sein eben noch erhöhter Puls beruhigte sich rasch wieder. Jeden Brief, den er in den blauen Lichtschein des Obsidianfeuers beförderte, war nicht nur federleicht, sondern besaß außerdem einen aktuellen Poststempel aus der Hauptstadt. Auch zwei Kuverts, die er aus der Mitte und ganz unten aus dem Sack herauskramte, änderten nichts: Es handelte sich um gewöhnliche Post. Lustlos stopfte Lucario die Briefe zurück in den Sack und band den Bindfaden wieder um das Ende. Dann wandte er sich dem nächstbesten Regal zu, auf dem sich größere und kleinere Pakete stapelten, die meisten davon fest verpackt und verschnürt. Lucario zögerte bei dem Gedanken, eine der Postsendungen zu öffnen. Stattdessen drehte er einen bräunlichen Karton vorsichtig in alle Richtungen. Ein helles Klirren war von dem Paket zu hören, das an einen Lebensmittelhändler in Toronga adressiert war. Wahrscheinlich Einmachgläser, wie Lucario überlegte.
    Übellaunig wandte er sich von dem Regal ab. Den zunehmend sympathischer gewordenen Gedanken, seinen Frust an einer der zugenagelten Kisten auszulassen, um vielleicht doch noch etwas Auffälliges ans Tageslicht zu befördern, verscheuchte er allerdings rasch wieder.
    Während er durch das Lager wanderte und das Lampenlicht in alle Ecken und Winkel des sandte, malten seine Pfotenstapfen eine gleichmäßige Spur auf dem zerschrunden, schmutzigen Fußboden. Er scheuchte eine verängstigte Spinne auf, die ihr Netz in einer Zimmerecke aufgeschlagen hatte. Ansonsten fand er nichts. Keine Schmuggelware. Nichts Verdächtiges. Nichts von besonderem Wert. Er war schon Inbegriff, die Suche abzubrechen, als seine Zehen plötzlich etwas Kaltes berührten, er schon fast darüber stolperte. Er senkte seinen Blick hinab. Und erst bei näherem Hinsehen erkannte er es: den Ring einer Bodenluke, deren kupferfarbener Ton regelrecht mit dem Bodenbelag verschmolz. Lucario konnte nicht anders – er nickte beeindruckt. Wenn er auch nur noch einen Zweifel gehabt hatte, dass Rameidon nichts zu verbergen hatte, dann war dieser nun gebrochen.
    Auf ein hässliches Knarren, dass es ihm das Fell sträubte und es sein Genick versteifte, folgte ein modriger, kühler Luftzug. Unter ihm breitete sich eine Todesfalle von einer Treppe aus: kaum mehr als unstetige Stufen, die man grobschlächtig aus dem Wüstenboden gehievt hatte und gerade so den Fuß eines Erwachsenen fassten. Vorsichtig tastete Lucario den ersten Schritt voran und fühlte dabei den kühlen, unförmigen Untergrund. Man hatte sich mit der Treppe wenig Mühe gemacht. Sie war pragmatisch, sollte nur ihren Zweck erfüllen. Als er schon beinahe vollständig im Boden versunken war, warf er einen bedachten Blick zurück. Nach kurzer Überlegung senkte er die Falltür hinter sich herab, die mit demselben widerlichen Geräusch wie zuvor antwortete. Der Spalt schloss sich, der Lagerraum dahinter verschwand. Was zurückblieb, war das verstörende Gefühl, dass er gerade den Deckel seines eigenen Sarges geschlossen hatte.
    Lucario zählte 27 unförmige Treppenstufen. Die letzte mündete in eine quadratische Kammer mit einem schnurgeraden, unterirdischen Gang, der verdächtig an einen Minenstollen erinnerte. Alle drei Fuß stützten rundliche Baumstämme die Decke ab und lange Holzbretter beschwerten die Wände. Lucario kniff düster die Brauen zusammen, während er in den Tunnel vor ihm spähte. Er konnte deutlich ein Licht am Ende des Ganges erkennen.
    Nachdem sich seine Augen vollends an die neue Umgebung gewöhnt hatten, wanderte er langsam den Stollen hinunter. Mit jedem Schritt wurde es zunehmend schwüler und es mischte sich ein süßlicher Duft unter das ansonsten herbe, feuchte Erdaroma. Sein Herzschlag pulsierte in dem immer fester werdenden Würgegriff um die Lampe, mit dem er auch nur das leiseste Quietschen erdrosseln wollte. Als er fast schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, erlahmten seine Schritte. Eine Stimme – er konnte sie deutlich hören, und erkannte sie sofort als Rameidon wieder. Lucario wusste: Solange er kein Geräusch von sich gab und niemand in seine Nähe kam, hatte er nichts zu befürchten. Trotzdem presste er sich gegen die holzvertäfelte Wand, das Obsidianfeuer noch fester an sich gezwängt, als das Herz, das gegen seine Brust drückte.
    »Macht’s Spaß, ja?«
    Lucario blieb der Atem im Hals stecken, seine Züge erbleichten. Mit starrer Ungläubigkeit in den Augen linste er zur Seite, wo ihn Galagladis drahtige Gestalt mit finsterem Ausdruck auf dem Gesicht anstarrte. Noch bevor Lucario einen weiteren Muskel bewegen konnte, bellte Galagladi: »Augen nach vorne und Pfoten dahin, wo ich sie sehen kann! Schön langsam …«
    Lucario fühlte die eisige Berührung von Galagladis klingenartigem Arm in seinem Rücken, die sich mit Leichtigkeit durch den Umhang, den er trug, schnitt, und sich wie die scharfe Seite einer Sense anfühlte. Für einen Wimpernschlag der Zeit flammte sein Gesicht in heißem Schmerz auf, bevor die kalte Panik diese wieder wegschwemmte. »Los! Bewegung! Und keine Mätzchen!« Mit einem bestimmenden Klaps, dass sich die Klinge einmal mehr in Lucario Rücken bohrte, wurde er von Galagladi wie ein sturer Vierbeiner vor sich hergetrieben; immer geradeaus, dem Ende des Tunnels entgegen, wo er bereits von Rameidon erwartet und in Empfang genommen wurde. Dieser grinste breit.
    »Na, wen haben wir denn da? Je später der Abend, desto schöner die Gäste. So sagt man doch, nicht? Und was haben wir hier …?« Rameidon griff nach der Lampe mit dem Obsidianfeuer und musterte es interessiert von allen Seiten. »Faszinierend«, stellte er fest. »Wie ich sehe, haben Sie Ihre Tricks und wir unsere.« Er hob den Kopf und schenkte seinem Komplizen einen anerkennenden Gesichtsausdruck.
    Die neue Umgebung besaß nur drei Wände. Die letzte, die zurück in den Tunnel führte, war gewaltsam eingerissen und in ebendiesem armseligen Zustand zurückgelassen worden. Auf den ersten Blick wirkte die Kammer stattlich, mindestens doppelt so groß wie die Lagerräume des Postamtes. Angesichts der Fülle von Gegenständen, mit dem das Zimmer vollgestopft war, wirkte er jedoch geradezu verboten klein. Der Löwenanteil der Raumfülle wurde von drei zylinderförmigen, rostbraunen Maschinen beansprucht, aus denen Rohre in allen Größen wucherten wie die Tentakel eines vielarmigen Ungeheuers. Eine enorme Hitze ging von den Apparaten aus, dazu ein würziger, beeriger Duft und das gurgelnde Geräusch von brodelndem Wasser. Die drei intakten Wände wurden gesäumt von Zinkeimern, Bottichen, Fässern, Kästen und Leinensäcke, dazu Regale voll mit Reagenzgläsern, Flaschen und Krügen. Eine schmale Holztreppe im hinteren Bereich des Raumes führte zu einer offenen Deckenlucke. Was sich darüber befand, konnte Lucario bereits erahnen: Er befand sch unterhalb des Saloons. Und hier, im Keller des Fröhlichen Fuchs, wurde heimlich Alkohol gebrannt. Doch seine Gedanken waren weit davon entfernt.
    Mit ihm, Rameidon und Galagladi befand sich noch eine weitere Person im Raum – eine Frau, die weit abseits vom Geschehen stand. Mit schlanken, anthrazitgrauen Beinen, die größtenteils von der um die Hüfte geschnürten Schürze verdeckt wurden. Ein sonnengelbes Fell, das wie das Morgengewand des neugeborenen Frühlings war. Ihr buschiger Schwanz war ein Schwall gebalten weiblichen Sexappeals. Doch ihre fuchsig-roten Augen missten jede Leidenschaft und mieden jeglichen Blickkontakt. Es war Rutena.

  • 17. Sheriff, Hure, Betrüger, Spion


    Lucario spürte den Stachel des Verrats, der sich ihm ins Herz gebohrt hatte. Er schickte seine bislang zurückgehaltene Beherrschung zum Teufel.

    »So läuft also der Hase …« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der köchelnden Schnapsbrenner. »Alkoholschmuggel, hm? Denn das Gift muss ja auch in Zeiten der Branntweinsteuer fließen wie Wasser. Wie viel bring es ein? Pro totem Sheriff ein Billardtisch?« Sein rauer, mit Abscheu getränkter Bass ließ die auf den Regalen aufgereihten Flaschen vibrieren. Es brachte ihm eine sättigende, doch zugleich unbefriedigende Form von Genugtuung, als Rutena den Kopf in die Höhe riss und sie ihn verzweifelt ansah.

    »Das ist nicht wahr! Das ist …«

    Mit schweren Schritten, dass sämtliche Flaschen vor Angst vibrierten, stapfte Rameidon auf die Barkeeperin zu.

    »Halt dein räudiges Maul, dreckige Hure!« Er verpasste ihr eine Ohrfeige, die sie einknicken ließ wie ein Grashalm im Wind. »Du hast hier nichts zu melden!«

    Lucario bemerkte, wie sich instinktiv alle Muskeln in seinem Körper anspannten und er einen Schritt nach vorne machte. Als Antwort drückte ihm Galagladi die Armklinge tiefer in den Rücken. Es gab Rameidon einen Anlass, sich wieder seinem Ehrengast zu widmen. Er stellte die Lampe mit dem Obsidianfeuer neben sich auf den Boden.

    »Ich muss schon sagen«, begann er, während er langsam auf Lucario zuging, »dass neue Besen gut kehren, ist allgemein bekannt. Aber dieser Besen kehrt besonders gut – zu gut, will ich behaupten.«

    »Die Überraschung ist ganz meinerseits. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass der Teufel unter dem gemeinen Pöbel wandert. Ein Mann mit guten Manieren und Geschmack«, entgegnete Lucario kalt.

    »Überrascht?« Rameidon grinste hämisch. »Nein. Ich habe sogar damit gerechnet, will sagen, fest darauf vertraut, dass Sie hier früher oder später aufkreuzen. Grillchita mag ja eine treue Seele sein, zumindest mir treu ergeben, doch mangelt es ihm leider an Schläue.«

    »Ein abgekartetes Spiel, hm? Clever!«, stellte Lucario fest. »Es ist ein Glück, dass man in Rhino nicht mit Vertrauen bezahlt, sonst wäre das Postamt wohl längst bankrott.«

    Rameidon schürzte missbilligend die Lippen.

    »Vertrauen muss man sich verdienen, sich leisten können. Sehen Sie, Vertrauen ist wie guter Wein: Er ist am besten mit den Leuten zu genießen, die einem am Nächsten stehen.«

    »Ich denke, die Höflichkeiten können wir uns an dieser Stelle sparen«, entgegnete Lucario darauf, dass Rameidon ihn noch immer siezte. Rameidon zuckte belanglos die Schultern, während Lucario fortfuhr. »Ich war noch nie ein großer Genießer von Wein. Muss wohl auch der Grund sein, warum ich jetzt hier bin.« In diesem Moment warf er Rutena einen finsteren Blick zu.

    »Oh, gib Rutena nicht die Schuld an deinem Versagen. Es ist nicht so, dass sie eine Wahl hätte. Die hatte sie niemals gehabt«, erklärte Rameidon. »Rutena war von Anfang an nur ein Mittel zum Zweck, um in den Keller des Saloons reinzukommen, der, wie du längst weißt, nicht nur sehr günstig zum Postamt liegt, sondern auch jede Menge Platz für unser Vorhaben bietet. Doch Lohgock, der ehemalige Betreiber … Nun ja, sagen wir es so: Wir sind leider nicht ins Geschäft gekommen. Also mussten wir jemanden einschleusen. Jemanden, der sich sein Vertrauen verdienen konnte. Und jemanden, der den Laden übernehmen konnte, nachdem Lohgock von der Bildfläche verschwinden würde. Rutena passte perfekt in die Rolle: Eine herrenlose Hure auf der Suche nach einem neuen Meister. Wir fädelten ein, dass sie einen Job als Saloon-Girl bekam. Stück für Stück schnurrte sie sich zur persönlichen Mätresse des Hausherrn hoch. Und als dieser verschwand, übernahm Rutena den Laden.« Rameidon lächelte. »Natürlich wurden Fragen gestellt, aber wichtiger für die Stadt war doch, dass der Laden auch weiterhin brummte. The show must go on, wie man so schön sagt. Und dafür sorgte Rutena prächtig. Mehr sogar: Sie übertraf sämtliche Erwartungen. Mit ihr als die neue Besitzerin konnten wir endlich unser kleines Vorhaben in die Tat umsetzen. Aus Angst, dass sie nicht nur all das, sondern auch ihr Leben verlieren könnte, ließ sie uns stillschweigend gewähren. Immerhin hatte sie es schließlich uns zu verdanken, dass sie von der Straße war und ein Dach über dem Kopf hatte. Sie arbeitete für uns, und dafür erging es ihr gut.«

    Während Rameidons Monolog sagte Rutena kein Wort. Nur gelegentlich ließ sie ein leises Schniefen verlauten. Dabei glitzerten Tränen fortwährend in ihren Augen.

    »Aber die Rechnung ging nicht auf. Irgendwo muss wohl durchgesickert sein, dass alle paar Tage eine Ladung Stoff Rhino verlässt. Deshalb die Karawanenüberfälle.« Lucario schmeckte den blumigen Geschmack der Häme auf der Zunge. Zu seiner großen Verwunderung jedoch schüttelte Rameidon nur den Kopf.

    »Anfangs traf das vielleicht zu. Doch kamen wir nach kurzer Zeit mit den Wegelagerern ins Geschäft.«

    Lucarios Züge verdunkelten sich weiter. »Die Überfälle sind fingiert.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und die Antwort darauf schmeckte bitter.

    »Exakt. Wir unterschlagen einen Teil der Postsendungen, brennen unseren Schnaps und verkaufen ihn an die«, er räusperte sich mit einem süffisanten Grinsen, »Banditen. Die Produktionskosten belaufen sich quasi bei null. Unser Stoff wird mittlerweile auf dem gesamten Kontinent ausgeschenkt, vorbei an den Sesselfurzern aus Ramal mit ihrer Steuer. Der Fusel fließt in Strömen, und so unser Gewinn. Aber natürlich gab es ein Problem an unserem Geschäftsmodell.«

    »Das Gesetz«, ergänzte Lucario trocken. Rameidon nickte bejahend.

    »Also mussten die Gesetzeshüter daran glauben – einer nach dem anderen«, sagte Rameidon. »Die Aussiedler kamen uns gelegen, um die Sheriffs von dem eigentlichen Geschehen in der Stadt abzulenken. Und dann ist da noch dieser Maulheld von einem Glücksspieler und diese Ulknudel. Beide passten uns gut in den Kram.« Auf Lucarios verständnislosen Gesichtsausdruck hin verdeutlichte er: »Weiß der Geier, was die beiden aushecken. Ist uns aber auch egal. Je länger sie in der Stadt bleiben, umso besser. Alles lief lange Zeit genau nach Plan. Doch der Sarg vom alten Sheriff war noch nicht richtig kalt, als plötzlich du ankamst.«

    »Also waren die anderen Sheriffs leichter zu entsorgen, hm? Ich fühle mich geehrt«, höhnte Lucario.

    Zum ersten Mal seufzte Rameidon schwer. Es steckte Verbitterung in seiner Stimme.

    »Viele neue Sheriffs kamen, doch jeder war nichts weiter als alter Wein aus neuen Schläuchen. Erst als Ramal selbst einen Gesetzeshüter für Rhino gestellt hatte, verliefen die Dinge anders. Vom ersten Tag an hat keiner seine Nase so tief in unsere Angelegenheiten gesteckt wie du. Ja, das war unschön. Ein Sheriff, der Nägel zum Frühstück frisst und Fragen an die falschen Personen stellte. Die Sache drohte, aufzufliegen. Also mussten wir handeln. Dummerweise überlebte der Falsche das Rendezvous mit dem Auftragskiller. Und wir wissen bis heute nicht, was da schiefgelaufen ist.« Er hob die Arme zu einem gleichgültigen Schulterzucken. »Scheint so, als wäre der Ruf der Schwarzen Kralle doch nicht so gerechtfertigt. Also mussten wir uns wieder etwas einfallen lassen, für den Fall, dass wir uns einmal unter diesen Umständen begegnen.« Er schüttelte missbilligend den Kopf, während er Lucario den Rücken zukehrte und den Deckel einer Holzkiste öffnete.

    Lucarios Miene versteinerte, als der Poststellenbetreiber Igamaro, gefesselt, geknebelt und bewusstlos geschlagen, aus dem Inneren hervorhob. Die Stimme des Sheriffs explodierte regelrecht.

    »Sohn einer dreckigen Hure! Lass den Welpen gehen!«

    Rameidon lächelte schadenfroh. »Na, na, na! Wo bleiben denn deine guten Manieren? Oder ist dir das Leben des Jungen so wenig wert?« Um seine Worten zu verdeutlichen, verhärtete er den Würgegriff um den Nacken des Kindes und kratzte mit einer Kralle über die Wange des Kindes. Ein feines Rinnsal Blut tropfte aus der frischen Wunde hervor.

    »So zart, so zerbrechlich.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Weißt du, Lucario: Ich wollte das alles nicht. Geiseln nehmen und so weiter. Es ist so ein hässliches Geschäft. Doch unglücklicherweise ist der Lauser nicht nur ein geeignetes Druckmittel gegen neugierige Schnüffler wie dich. Wie wir nämlich schon seit einiger Zeit wissen, hat dieses Balg gewisse Dinge gehört, die nicht für seine Ohren bestimmt waren. Doch zum Glück scheiterte er bei dem Versuch, sein Wissen zu teilen, an der charmanten Art, wie du mit Kindern umgehst. Allerdings fürchteten wir weiterhin, dass er eines Tages plaudern könnte. Wenn nicht mit dir, dann vielleicht mit jemand anderem. Und nun ja: Tote Männer erzählen keine Geschichten. Das schließt kleine Kinder mit ein.« Rameidon schenkte dem Jungen einen letzten tadelnden Blick, dann ließ er ihn zurück in die Kiste fallen wie ein unliebsames Spielzeug.

    »Hast du davon gewusst?!«, bellte Lucario in Rutenas Richtung. Seine Worte ließen den Stachel des Verrats, der in seinem Herzen steckte, auf die doppelte Größe anschwellen. Als Antwort schüttelte sie heftig ihren Kopf, und der entsetzte Ausdruck auf ihrem Gesicht schien das sogar zu bestätigen. Doch es kümmerte Lucario einen Dreck. Er fühlte sich ausgenutzt. Hintergangen. Er senkte seine Stimme zu einem barschen Flüstern. »Was schert es mich überhaupt? Wer kein Herz hat, dem kann man auch keines brechen. Von Anfang an ging es dir ja nur ums Geschäft. Was macht da schon eine Leiche mehr oder weniger, solange das Geld stimmt? Eine kompromisslose Geschäftsfrau durch und durch. Ihr beide«, er musterte abwechselnd Rutena und Rameidon, »gebt ein schönes Paar ab.«

    »Ich wünschte, dem wäre nicht der Fall. Doch leider muss ich da widersprechen«, sagte Rameidon. Tatsächlich klang er sehr verbittert. »Mit keinem Sheriff hat sie sich so sehr ins Zeug gelegt wie mit dir. Rutenas Interesse an dir war persönlicher Natur. Sie wollte dir wohl noch ein letztes Mal den Himmel öffnen, bevor du zur Hölle fährst. Ein letzter, kurzer Flirt zum Abschied. Ich muss an dieser Stelle wohl kaum betonen, dass uns das ganz und gar nicht in den Kram passte. Was mich daran erinnert …« Mit schrecklicher Wucht traf eine weitere Ohrfeige Rutenas rechte Wange, dass diese sofort auf die Knie einbrach. Schwere Tränen kullerten ihr über die Backen, als sie sich auf heftig zitternden Beinen aufraffte. Doch dieses Mal brodelte ihr Zorn aus heiserer Kehle.

    »Herzloser Bastard!«

    »Das Kätzchen zeigt ihre Krallen.« Als Antwort packte Rameidon sie brutal am Kinn. »Vorsicht, Mieze. Auch wenn dir das Fell juckt: Meine Krallen sind schärfer.« Er stieß sie von sich weg. »Und damit sind wir wohl am Ende angekommen«, stellte Rameidon fest, als er sich wieder Lucario zuwandte.

    »Die Sache wird früher oder später auffliegen«, betonte Lucario, wobei er die Panik in seiner Stimme zu übertönen versuchte. »Postkutschenüberfälle erregen Aufmerksamkeit. Ramal hat bereits reagiert. Wie lange noch, bis der nächste Sheriff hier auf der Matte steht?«

    »Ramal kann uns nichts anhaben. Es fehlt die Alternative. Rhino ist die einzige Stadt weit und breit. Und selbst wenn hier alles eines Tages zum Teufel fährt, sind wir bis dahin gemachte Männer«, erklärte Rameidon.

    »Und der Bürgermeister ist mit von der Partie, nehme ich an, hm?«

    »Oh, ja: Der Bürgermeister unterstützt unser Unternehmen in vollem Umfang. Auch weiß er bereits über dein Ableben heute Nacht Bescheid. Er war sogar so freundlich und hat etwas vorbereitet.« Rameidon sammelte einen Briefumschalag von einem Regal ein und präsentierte ihn Lucario schadenfroh. »Es unterrichtet Ramal von dem bedauerlichen Verschwinden unseres Sheriffs und des Knaben. Ein hässlicher Zusammenhang. Du wirst dich als ein mieser Perversling auf der Flucht in die Erinnerungen der Leute einbrennen. Nicht so schlecht, wie ich gestehen muss. Denn das ist immerhin mehr, als das billige Begräbnis, das dir bevorsteht. Ein namenloser Grabsein, ohne Trauergäste, nur ein einsamer Blechstern als Grabschmuck.« Rameidon öffnete den Briefumschlag, um das Pergament darin zu präsentieren. Doch plötzlich zögerte er. Statt ein Blatt Papier hielt er zwei Spielkarten in der Hand. Ein Pik-Ass und ein Herz-Bube. Es war ein Black Jack.

    »Ahh, endlich ist mein Zeitpunkt gekommen. Tja, wie Sie so treffend gesagt haben, Rameidon: Je später der Abend, desto schöner die Gäste, nicht wahr?«

    Mit einem selbstgefälligen Lächeln flanierte Z, der Glücksspieler, die Treppe vom Saloon hinab. Das Brodeln der drei kochenden Schnapsbrenner wirkte in dem plötzlich totenstillen Raum so laut wie die Teufelsküche der Hölle. Lucario mochte die Anwesenheit des Glücksspielers nicht begreifen. Doch was er bemerkte, war, dass die Klinge an seinem Rücken auf einmal deutlich lockerer, ja sogar unvorsichtiger geworden war.

    »Ei, ei, ei! Was für eine illustre Runde wir doch heute haben.« Endlich unten angekommen, blickte Z umher. Sein Grinsen wuchs in die Breite. »Constable! Ich muss sagen, der schwarze Mantel schmeichelt ihrem grimmigen Gesichtsausdruck ganz ausgezeichnet; viel besser als dieser hässliche Fetzen von einem Poncho. Aber wo bleiben meine Manieren?« Er schaute nun in Rutenas Richtung. Z schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Der Gesichtsausdruck steht dir wiederum überhaupt nicht gut, meine Liebe«, tadelte er die Barkeeperin, die ihn aus tränenverquollenen, wenn auch perplexen Augen anstarrte. »Und dann haben wir natürlich noch den Poststellenbetreiber höchstpersönlich mitsamt seines treuen Schergen! Welch eine unerfreuliche Ehre … Tja, ich fürchte, jede Gesellschaft verdient auch einen Schandfleck … oder zwei.«

    »Schluss mit dem hanebüchenen Geschwafel!« Jetzt war es Rameidons Stimme, die zitterte. Doch in ihr steckte ein angriffslustiges Drohen. Er warf die beiden Spielkarten, die er noch in den Pranken hielt, auf den Boden. Und machte einen polternden Schritt auf den Glücksspieler zu, sodass sie sich nun gegenüberstanden. Wie auch schon Lucario überragte die massive Gestalt des Poststellenbetreibers seinen Gegenüber um mehr als nur eine Kopflänge.

    Z aber verzog nur zum gleichen Teil unbeeindruckt wie amüsiert das Gesicht.

    »Oh, ich vergaß. Sie hören sich ja gerne selbst reden. Und ausgerechnet im Zeitpunkt Ihres großen Triumphs, als sie sich ganz im Glanz Ihres Coups aalen, komme ich und stehle die Show. Jetzt muss Ihnen wohl die Seele bluten.«

    Rameidon versteifte seine kurzen Arme.

    »Wie kommst du hier rein?«

    Z zuckte in entschuldigender Manier die Schultern. »Über die Luke natürlich. Nicht sonderlich schwer, doch leider auch nicht sonderlich einfaltsreich, wie ich eingestehen muss.«

    »Das weiß ich selbst!«, blaffte der Poststellenbetreiber. »Wie du hiervon erfahren hast, will ich wissen!«

    »Es tut mir ja unendlich leid, dass Sie es ausgerechnet von mir erfahren müssen, Rameidon, aber Ihr wohlbehütetes Geheimnis ist keines. Denn in Rhino haben die Fenster Augen und die Türen Ohren. Und ich bin auch nicht von vorgestern.«

    »Wie lange?«, quetschte Rameidon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Wie lange weißt du schon hiervon?«

    »Tage? Wochen? Monate? Oder vielleicht doch nur ein paar Stunden?«, schwärmte Z geheimnisvoll. »Was macht es für einen Unterschied? Wichtig ist doch nur, dass ich es wusste.«

    »Und ich wette, er hat einen guten Grund hier zu sein.« Lucario schaute den Glücksspieler mit einem bislang nie dagewesenen Interesse an.

    »Oh, diese Wette würden Sie gewinnen, Constable, keine Frage! Wie ich Ihnen ja bereits gesagt habe, bin ich nichts weiter als ein bescheidener Glücksritter auf der unermüdlichen Suche nach den angenehmeren Dingen im Leben. Dazu gehört die Gesellschaft von guten Freunden und einem guten Tropfen, »er lächelte Rutena und Lucario abwechselnd zu«, aber auch die Nähe von Leuten, die einen nicht mögen. Denn um Ihnen die ganze Wahrheit zu sagen, Rameidon: Spätestens, als Sie mich ungefragt in die Rolle des Bösewichts gezwängt haben, verdienten Sie meine ganze Aufmerksamkeit. Wissen Sie, ich genieße den Nervenkitzel, der böse Bube dieser Geschichte zu sein. Oh, ja, das tue ich wirklich. Was ich allerdings nicht leiden mag, ist, wenn man meine Freunde verletzt, ja sogar an den Kragen will. Die Sache mit dem fiesen, gemeinen Meuchelmörder … Sagen wir es so: Es war der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen brachte. Zum Glück hatte ich in dieser Nacht großen Durst. Nicht auszudenken, wie das Spiel ansonsten ausgegangen wäre. Und um zu gewährleisten, dass das nicht noch einmal passiert, bin ich nun hier.«

    »Schluss mit dem Gesülze!« Rameidon nickte Galagladi zu. Es war das Zeichen, die Sache schnellstmöglich zu beenden. Lucario witterte seine Chance – seine letzte und einzige. Er schlug seinem Hintermann mit dem Ellenbogen in die Rippen. Als dieser vor Schmerz einknickte, wirbelte Lucario um die eigene Achse und versetzte ihm einen Tritt in die Magengegend.

    Rameidon brüllte vor Zorn. Er schwang seinen Schwanz in einer kreiselnden Bewegung und versuchte, Z von den Beinen zu fegen. Der aber sprang leichtfüßig nach hinten. Rameidon setzte ihm nach. Ein weiteres Mal holte er mit seinem Schwanz aus. Die Wucht des Angriffs traf die Lampe mit dem Obsidianfeuer. Als sie durch den Raum flog, das Glas an einem der Schnapsbrenner zerschellte und das Feuer auf die Maschine übergriff, rissen drei Explosionen alle Beteiligten von den Beinen. Nur Sekunden später stand der halbe Raum lichterloh in Flammen.

    Der Ohnmacht nahe hörte Lucario Rutenas verzweifelter Schrei: »Neeeein!«

    Hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt?

  • 18. Alte Sünden


    »Ich hänge nicht an der Vergangenheit. Wer zu sehr mit dem Gestern liebäugelt, dem entgeht die Chance, das Heute zu schreiben.« - Lucario


    »Wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, der droht, dieselben Fehler erneut zu begehen.« - Rutena


    Der Tag, der sich als der bislang heißeste Tag des Jahres in die Erinnerungen der Stadtbewohner von Rawington einbrennen würde, begann überraschend handzahm. In den frühen Morgenstunden säuselte eine von Westen her kommende laue Brise durch die labyrinthartigen Gassen der Kleinstadt, die im Südosten des Sandkontinents lag. In den letzten Winkeln angekommen, verlor sich der Geruch der weiten, unberührten Prärie in der abgestandenen Stadtluft. Die Geschichte von dem in den Eingeweiden der Wüsten erstarkenden Wendigo verweilte dagegen wie ein unheilbringendes Omen in den Ohren der Einwohner. Sämtliche dieser Gassen in Rawington mündeten früher oder später in den großen Marktplatz, dem geschäftigsten Ort im Herzen der Stadt.

    Es war einer dieser belebten Geschäftstage, an denen sich das überlappende Gekrächze der Marktschreier allmählich in eine stakkatoartige Kakophonie hineinsteigerte, als Lucario über den Marktplatz schritt. Mit einem schroffen Seitenblick verschaffte er sich wiederholt Distanz zu aufdringlichen Händlern. Denn das, was er an diesem Morgen suchte, war in keinem der bunten Marktkarren oder -ständen finden. Oder besser gesagt: Wen er suchte.

    »Pünktlich wie die Maurer. Manche Dinge ändern sich eben nie. Leider …« In zurückhaltender Erwartung erhob sich ein Mann, etwa im selben Alter wie Lucario, dafür ungefähr eine Kopflänge kürzer, von dem geziegelten Rand des Stadtbrunnens. Er schenkte Lucario ein grimmiges Lächeln. »Wärst du bloß nicht so ein verbohrter Pedant, hätte ich heute Morgen sogar zur Abwechslung mal ausschlafen können! Weißt du eigentlich, wie sich das anfühlt, das erste Mal seit Wochen wieder ein Dach über dem Kopf zu haben?«

    »Schon mal an eine Karriere als Bettvorleger gedacht? Da kannst du morgens liegen bleiben. Wobei: Waschlappen hängen für gewöhnlich im Badezimmer.«

    Blanas, der bei der Schwarzen Kralle üblicherweise als Informant eingesetzt wurde und die Agenten im Feld mit frischen Informationen fütterte, verschluckte ein Glucksen.

    »Hast kein bisschen von deinem Scheißhumor eingebüßt. Wie lange ist es her? Ein Monat?«

    »Zwei. Das letzte Mal bei der Sache mit der Geschworenen-Einschüchterung in Ramal. Sehr ergiebiger Auftrag. Was hast du heute für mich?«

    »Kleiner Leibwächter-Job zur Abwechslung.« Blanas lehnte sich mit der Hüfte gegen den Rand des Brunnens. Da Lucario weder eine Miene verzog noch eine Frage stellte, fuhr der Informant fort. »Schon mal was von dem Dominion gehört?«

    Lucario verschränkte die Arme.

    »Die Handelsgilde?«

    »Fast«, korrigierte Blanas. »In Rawington gibt es mehrere Gilden, die sich zu einem Verbund, einem Kartell, zusammengeschlossen haben. In der Öffentlichkeit treten sie völlig unabhängig auf und machen einen auf Konkurrenzkampf. Hinter dem Vorhang allerdings halten sie geheime Absprachen, um den Markt zu manipulieren – in ihrem Interesse natürlich.«

    »Natürlich«, nickte Lucario. Er zuckte gleichmütig die Schultern. »Aber was geht uns das an?«

    »Anscheinend ist zwischen den feinen Herren ein Streit vom Zaun gebrochen. Und jetzt traut einer dem anderen nicht mehr«, erklärte Blanas.

    »Ärger im Paradies, hm?«, grübelte Lucario laut, wobei ein schadenfrohes Lächeln seine Lippen schmeichelte. »Niedlich.«

    »Das ist aber nur die halbe Story. Habe gehört, ein Gildenmeister sei bereits auf unerklärliche Weise über Nacht verschwunden. Einfach so in Luft aufgelöst. Puff!«

    »Dem Rest geht jetzt wahrscheinlich der Arsch auf Grundeis.«

    Auch Blanas grinste nun.

    »Genau. Und hier kommen wir ins Spiel. Die weiteren Details hat dein Klient für dich. Habe bereits alles arrangiert. Er heißt Liberlo. Du sollst ihn in einer guten Stunde im Saloon treffen. Halte Ausschau nach einem Mann mit einer Schärpe um den rechten Arm: grünes Kleeblatt auf braunem Grund. Er wird an der Theke ein Kirschwasser bestellen und sagen, Kirschwasser sei das beste Getränk auf dem gesamten Kontinent. Du antwortest daraufhin: ,Bloß nicht mit Wasser verdünnen!’ Der Rest ergibt sich ganz von allein.«

    »Nichts gegen einen Drink einzuwenden.« Fragend hob Lucario dann eine Augenbraue. »Weißt du sonst noch was über dieses Dominion? Bedeuten die Ärger?«

    »Ärger für uns? Glaube ich kaum. Das Dominion beschränkt seinen Einfluss fast ausschließlich auf Rawington. Außerhalb davon sind sie kaum aktiv, höchstens noch in ein paar angrenzenden Käffern.« Blanas streckte plötzlich den Hals lang und spähte an Lucario vorbei. Seine Miene verdüsterte sich merklich. »Oh, wenn man vom Teufel spricht. Dreh dich mal um!«

    Lucario folgte der Kopfbewegung des Informanten zu einem grimmig dreinblickenden Paarhufer, der über den Marktplatz schritt. Sein azurblauer Körper wirkte wie auf Hochglanz poliert und glänzte in der Morgensonne wie eine Speckschwarte. An einem Obst- und Gemüsestand angekommen, streckte er den kräftigen Hals, der in eine spitz zulaufende Schnauze mündete, zu der Ware hinunter. Als er den Kopf wieder anhob, tropfte ihm der Hohn regelrecht von den Lippen. Lucario zog die Stirn kraus.

    »Der Vierbeiner? Wer ist das? Ich sehe kein Brandzeichen.«

    »Brandzeichen? Ha! Von wegen«, stieß Blanas aus, dass sich seine Nasenflügel in Verachtung blähten. »Das ist einer der Gildenmeister der fünf großen Handelsgilden im Ort: Kobalium. Dem gehören hier in Rawington mehrere Geschäfte und drei Minen außerhalb der Stadt. Stolziert hier rum wie Graf Rotz.«

    »Ein freier Vierbeiner mit Landbesitz … Der Kontinent geht echt vor die Hunde«, grollte Lucario. Mit Abscheu wandte er sich von der Gestalt Kobaliums ab und wieder seinem Gesprächspartner zu. »Ich glaube, das muss ich erst einmal verdauen.«


    Im nördlichen Teil von Rawinthon lag der Goldene Apfel – ein schmucker, dreistöckiger Altbau, der erst im vergangenen Jahr kostspielig renoviert worden war und in seiner Größe nur vom Kirchturm der Stadt überragt wurde. Der Saloon war eine Verkörperung protzigen Wohlstandes mit einem Tresen aus feinstem Mahagoni, vergoldeten Gardinenstangen und reich verzierten Teppichen auf den Nachtquartieren. Noch im zurückliegenden Jahr hatte der Saloon rund zehn Bedienstete gezählt. Nach der Fertigstellung des Casinos im zweiten Obergeschoss hatte sich nicht nur die Liste der Angestellten verdoppelt, sondern auch die Anzahl an Drinks, die täglich serviert wurden, verdreifacht.

    Der frühen Tagesstunde geschuldet herrschte bei Lucarios Ankunft nur mäßiger Betrieb. Doch ein Saloonbesucher an der Theke stach besonders hervor. Es handelte sich um einen stämmigen, hochgewachsenen Mann, der Lucario um eine halbe Kopflänge überragte. Sein dichtes, aschegraues Fell schmiegte sich an seinen Torso wie eine zweite Haut. Die muskulösen Arme und Beine sowie der buschige Schwanz waren dagegen von einem leuchtenden Rot und stellenweise mit schwarzen Tigerstreifen verziert. Die eher zierlichen katzengleichen Pfoten, auf denen er stand, straften seiner restlichen Erscheinung Lügen, allem voran die tellergroßen, klauenbewehrten Pranken, die einen mächtigen Humpen in ihrem Würgegriff hielten.

    »Hätte nicht gedacht, deine hässliche Visage so schnell wiederzusehen.« Lucario nahm einen Platz am Tresen neben dem Mann ein. Sein Seitenblick, mit dem er den Gast beäugte, besaßen die Schärfe frisch gewetzter Klingen. Als der Mann neben ihm das Glas herabsenkte, kreuzten sich die Klingen.

    »Von einem treulosen Schweinehund hätte ich auch nichts anderes erwartet.«

    Sie linsten einander einige Zeit schweigend an. Als schon die Spannung ins Unermessliche stieg und der Gastwirt hinter dem Tresen besorgt in Richtung des Ausgangs schielte, verwandelte sich das Eis in den Blicken der beiden allmählich in ein warmes Grinsen.

    »Wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Habe gehört, dass du bei deinem letzten Auftrag kurz vor Dismiria abgesoffen bist«, sagte Lucario.

    »Hätte nicht viel gefehlt, dann wär’s fast wahrgeworden …«, knurrte der Mann, den Lucario als Fuegro von der Schwarzen Kralle kannte. »Vier Meilen vor der Küste haben wir ’nen Riff gerammt und uns den halben Rumpf aufgeschlitzt. Man müsste meinen, die hätten eine sichere Route kennen müssen, so viele Dinger wie die bereits gedreht haben – angeblich.« Hinter seinem säuerlichen Gesichtsausdruck entblößte er einen Satz scharfer Reißzähne. »Die haben mich und einen anderen armen Teufel dazu abkommandiert, das Bilgewasser aus dem Kielraum zu schaufeln. Als mir die Brühe fast schon zur Hüfte ging, hab ich den Verschwindibus gemacht und bin die letzte Meile zur Küste geschwommen. Keine Ahnung, was mit der restlichen Mannschaft passiert ist, mir aber auch egal! Das war das letzte Mal, das ich einen Fuß auf so einen gottverdammten Kahn gesetzt hab’, das kannst du mir glauben!«

    »Hat auch was Gutes: Endlich hat dein räudiger Pelz mal Wasser gesehen. Vielleicht hat auch dein Flohzirkus jetzt neue Tricks drauf. Solltest mal versuchen, Eintritt dafür zu verlangen.« Lucario bestellte beiläufig ein Schwarzwasser, ein in dieser Region geläufiger Drink: intensive Blaubeere im Geruch mit einer Note von Kapern auf der Zunge und stark bitterem Abgang.

    Fuegro fuhr lässig durch seine Kopfbehaarung. Kurz musterte er seine Klauen, bevor er die Spitzen abschleckte.

    »Machst du inzwischen einen auf Friseur oder warum gibst du Modetipps? Was treibst du dahergelaufener Köter hier überhaupt?«

    »Leibwächterjob. Irgendeine Fehde zwischen ein paar Bonzen. Soll hier meinen Klienten in einer halben Stunde treffen. Du?«

    »Nichts Besonderes. Nur eine kleine Entführung. Schon längst unter Dach und Fach. Voraussichtlich morgen staube ich mir die Bezahlung ab. Dann kann ich endlich dieses müde Kaff hinter mir lassen.«

    Die Art und Weise, wie sich die beiden Agenten der Schwarzen Kralle unterhielten, war keinesfalls ungewöhnlich für Männer ihres Berufes. Entführung, Erpressung, Körperverletzung … Fast so, als würde man über etwas Alltägliches wie das Wetter reden. In seiner Zeit bei der Kralle hatte Lucario all dies und noch mehr kennengelernt. Auch sein jüngster Auftrag war für ihn nur ein weiterer Job. Dienstleistung gegen Geld – nicht mehr, nicht weniger. Passend dazu stießen die beiden Männer mit dem Kredo der Kralle an: Keine Fragen stellen. Keinen Skrupel zeigen. Solange der Preis stimmt. Die letzten Worte sprachen sie gleichzeitig aus, bevor sie ihre Drinks hinunterkippten.

    Nachdem er sein Glas geleert hatte, verabschiedete sich Fuegro von seinem Kumpanen. In der nächsten Viertelstunde war es ein überschaubares Kommen und Gehen im Goldene Apfel. Lucario blieb allein am Tresen zurück, bis ein athletisch gebauter, schlaksiger Mann im weißen Fellkleid und auffällig langen, spitz zulaufenden Ohren den Saloon betrat und die Theke ansteuerte. Um den rechten Arm, den er wie ein Aushängeschild auf den Tresentisch abstützte, hatte er das von Blanas angekündigte Erkennungssymbol der Handelsgilde gebunden: eine Schärpe mit einem grünen Kleeblatt auf braunem Grund.

    »Ein Kirschwasser – das beste Getränk auf dem gesamten Kontinent. Aber etwas zackig, wenn ich bitten darf!«

    Liberlos Stimme besaß ein vordergründiges knabenhaftes Lispeln, aber auch die Intelligenz, Zielstrebigkeit und Gerissenheit eines waschechten Geschäftsmannes, die er unüberhörbar auf der Zunge trug. Schon bei seiner Bestellung lag ein spürbares Interesse auf dem Mann neben ihm, das er mit einem bohrenden Seitenblick begründete. Als Lucario die Parole »Bloß nicht mit Wasser verdünnen« zitierte, wandte er sich ihm direkt zu und lächelte ihn an. »Ein Mann mit Geschmack, wie ich sehe. Wollen wir uns nicht da drüben hinsetzen und uns ein wenig unterhalten?«

    Nachdem er sein Kirschwasser bekommen hatte, führte Liberlo Lucario an einen der abgelegenen Tische im hinteren Bereich des Saloons. Zwei Stühle für ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen – mehr brauchte es nicht. Und nur Gott allein wusste, welche Machenschaften hier bereits ausgeheckt wurden. Für Lucario, der sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurücklehnte, gehörten Treffen wie dieses zur Tagesordnung. Ganz im Gegensatz zu Liberlo, der sein näheres Umfeld sichtlich nervös beäugte, bevor er überhaupt Platz nahm.

    »Ich darf mich vorstellen: Liberlo, Gildenmeister der Hoffnungsträger.«

    »Lucario«, stellte sich dieser knapp vor.

    Liberlo nickte, wenn auch sichtlich irritiert.

    »Angenehm. Kommen wir also gleich zur Sache.« Wieder musterte der Händler sein näheres Umfeld. Ein Schatten huschte über Liberlos Gesicht, als er sich in verschwörerischer Manier etwas in Lucarios Richtung beugte. Mit gesenkter Stimme fragte er: »Was wissen Sie über Kobalium?«

    »Hat mir noch keinen ausgegeben.« Auf eine kurze Pause und einen langen Gesichtsausdruck seines Gesprächspartners ergänzte Lucario: »Gut betuchter Vierbeiner. Gildenmeister einer Handelsgilde hier in der Stadt. Mitglied des Dominions. Einer Ihrer Handelspartner. Möglicherweise in das Verschwinden eines anderen Gildenmeisters verstrickt.«

    »Gut informiert«, nickte Liberlo.

    »Ich dachte, in den Augen von Händlern existiert Konkurrenz nur, um vernichtet zu werden«, sagte Lucario.

    »Das ist nicht so einfach«, erwiderte Liberlo kopfschüttelnd. »Wir sind auf den Handel mit allen Mitgliedern des Dominion angewiesen. Leider schließt das auch Kobaliums Gilde mit ein.« Liberlo kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Es scheint jedoch, als würde Kobalium andere Pläne verfolgen. Im letzten Monat hat er sein Imperium um zwei einträgliche Geschäfte in der Stadt erweitert. Bei der Mondsteinsucher-Gilde stellte er zur selben Zeit eine Kaufanfrage für eine Goldmine. Die Mondsteinsucher lehnten ab, und nur wenig später verschwand deren Gildenmeister spurlos. Allmählich befürchten wir, dass Kobalium nach und nach die anderen Geschäfte in Rawington aufkaufen und die Konkurrenz beseitigen will. Es liegt im Interesse meiner Gilde, dies um jeden Preis zu verhindern!«

    »Die Probleme Ihrer Gilde scheren mich einen Dreck! Was geht mich das an?«, knurrte Lucario.

    Eingeschüchtert wich Liberlo von seinem Gesprächspartner zurück.

    »Richtig, kommen wir also zum Geschäft.« Der Händler nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, fast so, als wollte er sich Mut antrinken. »Kobalium hat bei uns für heute Abend eine Ladung Schwarzpulver bestellt.« Auf Lucarios verständnislosen Blick hin ergänzte er: »Das ist keinesfalls etwas Ungewöhnliches. In der Vergangenheit erwarb Kobalium in etwa halbjährlichen Abständen Sprengstoff, um seine Minen betreiben zu können. Der Verbrauch ist mit der neuen Goldmiene natürlich gestiegen. Ungewöhnlich dagegen ist, dass er explizit angeordnet hat, dass ich die Lieferung überbringen soll - und zwar heute Nacht.«

    »Klingt wie eine Falle«, knurrte Lucario.

    »Man muss kein Hellseher sein, um das zu erkennen. Jeder weiß, dass Kobalium Dreck am Stecken hat.«

    »Und trotzdem gehen Sie das Risiko ein«, stellte Lucario fest. »Warum?«

    Liberlo lächelte ihn honigsüß an.

    »Ich dachte, die Schwarze Kralle fragt niemals nach dem Warum.«

    »Normalerweise laufen unsere Klienten auch nicht lachend ins offene Messer. Ich hatte Sie für klüger gehalten. Vielleicht aber ist die Sache auch eine völlig andere, als Sie hier hinstellen.« Noch bevor Liberlos Lächeln vollständig verblasste, setzte Lucario nach. »Die Hoffnungsträger haben die steigende Nachfrage erkannt und wollen nun einen höheren Profit aus der Sache schlagen. Selbstverständlich gefällt das Kobalium überhaupt nicht. Darum hat er den Gildenmeister der Konkurrenz persönlich vorgeladen; mit anderen Worten: Sie, Liberlo. Und jetzt müssen Sie sich natürlich vor ihm verantworten. Im besten Fall machen Sie sich lieb Kind bei ihm und alles ist vergeben und vergessen. Im schlimmsten Fall will er Ihnen an den Kragen.«

    »Meine Motivation steht hier nicht zur Debatte!« Die Strenge in Liberlos Stimme verschluckte sein übliches Lispeln fast vollständig. »Von Ihnen und Ihren … unorthodoxen Geschäftspraktiken erwarte ich Ergebnisse, keine Anschuldigungen! Sie werden mich heute Abend bei der Lieferung begleiten und für meine Sicherheit gewährleisten. Darum sind Sie hier!«

    Lucario zuckte keine Wimper.

    »Verstanden.«

    »Und vielleicht«, ergänzte Liberlo langsam und mit hörbar versöhnlicheren Stimme und lehnte sich wieder in Richtung seines Gesprächspartners, »können Sie mir im Anschluss mit einer anderen, deutlich wichtigeren Angelegenheit behilflich sein.«

    »Solange der Preis stimmt«, sagte Lucario.

    »Geld spielt hierbei keine Rolle…«, betonte Liberlo.


    Die darauffolgende Nacht war eine zahnlose Bestie, hinter deren aufgedunsenen Quellwolken sich die Sterne versteckten. Die im Tagesverlauf aufgeheizte Luft hatte sich kaum abgekühlt. Fernes Donnergrollen und wütend säuselnder Wind kündigten ein herannahendes Gewitter an. Rawingtons belebter Marktplatz war um diese Uhrzeit nur noch ein Schatten seiner selbst, die Straßen der Stadt beinahe vollständig verlassen. Zwei Männer marschierten schweigend den ausgestorbenen Gehweg am Stadtrand entlang. Jeder ihrer Schritte wurde begleitet von dem Poltern eines Sackkarrens, dessen breite Räder über die rissigen Holzbodenfugen wälzten wie ein Schiffsrumpf über Gischt. Ein streng dreinblickender Mann kam den zweien entgegen. Gerade, als beide Parteien einander passierten, versteifte sich der Blick des Gendarms auf der dem Fass, das Lucario vor sich her schob. Eine Windböe rüttelte an den steifen Mienen alle Beteiligten und zerzauste ihre Frisuren. Ungerührt davon geschah nichts, und jeder ging wieder seiner Wege.

    Lucario lockerte etwas den Halt um die beiden Griffe des Sackkarrens, den er vor der Begegnung mit dem Polizeibeamten verhärtet hatte. Er ahnte, dass es allein Liberlos renommierten Ruf zu verdanken war, dass keine peinlichen Fragen gestellt worden waren; Fragen, wie zum Beispiel, warum er um 9 Uhr abends ein Fass voll mit Sprengstoff durch die Stadt schob. Er drängte den Gedanken zur Seite und verlagerte das Gewicht des Sackkarrens wieder nach hinten.

    Zur vereinbarten Zeit erreichten sie den Übergabeort der Ware: ein großes, fronseitig geöffnetes Gebäude an der Peripherie von Rawington. Ein Nachtwächter musterte die zwei Neuankömmlinge kritisch aus der Entfernung.

    »Wer da?«, rief er ihnen feindselig entgegen. Doch als er Liberlo erkannte, entspannten sich seine Züge merklich und er winkte die beiden zu sich. »Herr Liberlo! Mein Meister wartet bereits.«

    Der Nachtwächter führte Lucario und Liberlo ins Gebäude - eine in die läng gezogene, geräumige Halle, die als Zwischenlager für unraffiniertes Erz und Bergbauabfälle verwendet wurde. Mürbe knirschender Dreck begleitete jeden ihrer Schritte durch das Lager, das gesäumt wurde von offenen Lagerregalen mit Werkzeugen in allen Größen. Daneben gab es wuchtige Bollerwägen aus Holz und betagt wirkende Güterloren, bei denen schon ein bloßer Hinblick genügte, dass der kupferfarbene Rost abbröckelte. Ein Geflecht aus baumstammdicken Stützpfeilern sorgte für die notwendige Stabilität des monströsen Daches, das an manchen Stellen leicht undicht war und durch das der böige Nachtwind den Kopf hereinsteckte.

    Auf halbem Weg gebot der Nachtwächter den Gästen zu warten. Er verschwand kurzzeitig in den einzigen durch eine Tür abgetrennten Raum und kehrte im Anschluss mit Kobalium an seiner Seite zurück. Das rhythmische Hufgetrappel des Vierbeiners echote wie ein junges Gewitter durch die weite Halle. Und schon aus der Entfernung erkannte Lucario ein unbehagliches Interesse, das ihm Kobalium schenkte. Mehr Sorgen bereitete es ihm jedoch, dass es der Nachtwächter scheinbar furchtbar eilig hatte, von hier zu verschwinden.

    »Guten Abend! Pünktlich auf die Minute, wie ich sehe. So mag ich das.« Kobaliums Stimme war von tiefer Melancholie. Der Ausdruck auf dem Gesicht dagegen triefte von Überlegenheit.

    »Wie vereinbart«, nickte Liberlo, während Lucario das Sprengstofffass auf einer freien Fläche deponierte.

    »Vereinbart?«, wiederholte Kobalium. Seine Stirn schlug tiefe Furchen. »Seltsam, dass Sie es erwähnen, Liberlo, aber hatten wir nicht vereinbart, dass Sie alleine kommen?«

    Liberlo täuschte ein gelassenes Lächeln vor. Seine restliche Gestik jedoch glich einem verurteilten Verbrecher, dem man soeben die Galgenschlinge um den Hals band. »Die Vereinbarung lautete, niemanden von der Gilde. Sehen Sie: Meine Begleitung ist keines meiner Mitglieder, sondern gehört zur Schwarzen Kralle. Fürwahr nicht die beste Gesellschaft, dafür jedoch ganz gemäß unserer Abmachung.«

    »Und das halbe Dutzend Hoffnungsträger, das gerade die Halle umstellt hat? Sagt Ihnen das was?«

    Lucarios Blick pendelte nervös zwischen den beiden Kaufleuten hin und her. Er wusste nicht, was ihn im Moment mehr Sorgen bereitete: Dass Liberlos Leute anscheinend die Halle umzingelt hatten, oder dass Liberlos Gesicht von Sekunde zu Sekunde mehr erbleichte, oder aber dass Kobalium all dies völlig ungerührt ließ.

    »Oh, ja, ich weiß davon. Und ich weiß, dass Sie mir nicht über den Weg trauen. Ich muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass mir Ihr Misstrauen zutiefst in meiner Seele schmerzt, Liberlo.«

    »Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Es kursieren ein paar … hässliche Gerüchte in der Stadt. Nicht, dass ich dem Klatsch blinden Glauben schenke, aber Sie wissen ja: Vorsicht ist besser als Nachsicht«, entgegnete Liberlo.

    Kobalium senkte den Kopf etwas. Sein breites Lächeln jedoch wuchs in die Höhe.

    »Oh, Sie hätten besser getan, den Gerüchten zu glauben, Liberlo. Denn sie sind wahr. Jedenfalls die meisten«, sagte Kobalium. »Anders, als die restlichen Mitglieder des Dominions, sehe ich in Kooperation nämlich keine Zukunft. Also muss die Konkurrenz verschwinden. Einer nach dem anderen.«

    Liberlo stolperte einen Schritt zurück, hingegen machte Lucario einen Schritt vor seinen Klienten. Doch bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, fiel ihm Kobalium ins Wort.

    »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Liberlo, würde ich Ihr Helferlein ganz schnell zurückpfeifen. Oder die Sache könnte ungemütlich werden.« Wie eine Folge von Donnerhallen echote das Geräusch von Kobaliums rechten Vorderhuf durch die Halle, mit dem er dreimal in Folge auf dem Boden aufstampfte. Hinter ihm öffnete sich dieselbe Tür, aus der er zuvor herausgetreten war. Nur schälte sich dieses Mal gleich drei Personen aus dem Zwielicht. Zwei davon, eine Frau und ein Kind, waren gefesselt und geknebelt. Geführt wurden die beiden von einem hochgewachsenen Mann im aschegrauen Fell und Tigerstreifen an den Armen und Beinen sowie klauenbewehrten Pranken. Der strenge Gesichtsausdruck des Mannes wich sogleich der Bestürzung, als er erkannte, wen er vor sich hatte.

    »Fuegro! Was zum …«, keuchte Lucario leise.

    »Widerlicher Bastard!« Liberlo kämpfte sich an Lucario vorbei. »Lassen Sie sie gehen!«

    Kobalium war der einzige im Raum, der noch grinste.

    »Sachte! Sachte! Wenn Ihnen das Leben von Ihrem Weibsbild und Ihrem Balg auch nur einen Pfifferling Wert ist, dann fangen Sie am besten damit an, genau das zu tun, was ich Ihnen sage. Und zwar Wort für Wort. Oder aber Sie zahlen die Konsequenzen. Ich für meinen Teil würde nur zu gern Ihrer Brut persönlich die ach so schönen Beine abhacken, nur um zuzusehen, wie er sein restlichen Leben den Dreck von der Straße frisst.«

    Liberlo wirbelte zu Lucario herum. Die Wut schlug tiefe, rote Furchen auf seinem Gesicht, das zuvor noch in kreidebleicher Hilflosigkeit getaucht war.

    »Tun Sie doch was, Mann!«, knurrte er. »Das sind meine Frau und mein Sohn!«

    »Oh, ich bezweifle, dass Ihr kleiner Handlanger auch nur einen Finger krummmachen wird«, spottete Kobalium. »Ein Mitglied der Schwarzen Kralle schlägt einem anderen schließlich nicht ins Fleisch.«

    Einige Sekunden rührte keiner der Anwesenden auch nur einen Muskel, dann plötzlich wirbelte Liberlo herum.

    »Dreckiger Verräter!«, brüllte er.

    Im letzten Moment tauchte Lucario unter dem Schlag des Händlers ab. Dort, wo der Fausthieb soeben die Luft entzweigeteilt hatte, blieb eine kochend heiße Schneise zurück. Sogleich sauste Liberlos nächste Schlag heran. Doch dieses Mal parierte Lucario dem Hieb, tänzelte in einer Halbkreisdrehung um seinen Vordermann und schlug dem Angreifer instinktiv in die Magengegend.

    Keuchend torkelte Liberlo einige Schritte zurück, hielt sich aber auf zittrigen Beinen.

    »Ich habe nicht …«, versuchte sich Lucario verständlich machen. Doch da hob Liberlo bereits den vor Zorn purpurgetränkten Kopf.

    »Zum Teufel mit dir!«

    Liberlo drehte sich um die eigene Achse. Seine Umdrehung löste sich in einer rot-glühenden Kugel von seinen in Vogelklauen geformten Pfoten. Die Luft zischte und knackte, als der Feuerball auf Lucario zuraste, der seine eigenen Pfoten schützend vor sich ausgebreitet hatte. Lucario kniff die vom Rauch heftig tränenden Augen zusammen. Er spürte den sengenden Schmerz und roch den Gestank verbrannten Fells. Nach wenigen Sekunden stieß er den Feuerball über die Schulter von sich weg, unwissend, wohin er das Geschoss gelenkt hatte.

    Die Wucht der Detonation, als den Feuerball mit dem Fass Schwarzpulver kollidierte, war wie der Paukenschlag des Jüngsten Gerichts. Die Explosion zerfetzte einen der Stützbalken wie einen dünnen Ast. Eine schier unendliche Anzahl an Flammenvipern schlugen ihre feurigen Fänge blindlings um sich, bevor diese von dem herabstürzenden Dach mundtot gemacht wurden.

    Als Lucario wieder zur Besinnung kam, leckten die Flammenzungen bereits gierig an seinem Fell. Aus halb tauben Ohren konnte er das nahe Wimmern einer Frau hören, die sich von ihren Fesseln befreit hatte und noch an einem Schutthaufen kniete und verzweifelt durch den Unrat wühlte.

    Als Lucario sich aufrappelte, sackte er beinahe vollständig unter dem eigenen Gewicht zusammen, gefolgt von einem gut hörbaren, widerlichen Knacken. Er biss sich auf die Zähne und schleppte sich zu der Frau hinüber. Begraben unter den Trümmern blickte ihr die müden Augen ihres Sohnes entgegen. Nach all ihren Bemühungen hatte sie es lediglich geschafft, seine noch immer gefesselten Arme zu befreien, die er flehentlich herausstreckte. Sie schrie Lucario verzweifelt um Hilfe an. Als dieser die Hand des Burschen ergriff, stürzte nur wenige Meter ein weiteres Dachsegment herab und begrub das Geschehen mit einer Stoßwelle aus Asche und Hitze. Nur Augenblicke danach erschlaffte die Hand des Kindes. Die Frau schrie in einer Agonie, die nur eine Mutter ausdrücken konnte, die soeben ihr Kind verloren hatte. Fuegro schälte sich aus den Flammen. Sein halbes Gesicht war blutüberströmt, Teile seines Fells schwarzgebrannt wie Teer.

    »Wir müssen hier raus!«, brüllte er Lucario an.

    Lucario blickte erst ihn an, dann wieder in die leblosen Augen des Jungen, dessen Hand er noch immer hielt. Er begann zu graben. Er wollte etwas tun. Irgendetwas. Er musste dem Kind helfen. Da packte Fuegro ihn von hinten.

    »Er ist tot! Los! Raus hier!«

    »Neeein!«


    »Ich kam damals mit dem Leben davon. Andere hatten weniger Glück. Der Knabe war gestorben, so auch sein Vater. Seine Mutter nahm sich zwei Tage danach ihr Leben. Eine ganze Familie ausgelöscht … durch mich …

    Ich bin keine Heiligenfigur, war ich nie gewesen. Für Geld habe ich viele schlimme Dinge getan. Leute für ihren Wohlstand gehasst. Arme verspottet. Andersartige ausgegrenzt. Nur ich selbst war mir wichtig.

    Nach den Ereignissen in Rawington kehrte ich der Kralle den Rücken zu. Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückzugeben – zum ersten Mal in meinem Leben … Wenigstens einen Teil meiner Sünden wollte ich zurückzahlen und meinem Leben einen neuen Sinn geben. Auch wenn ich insgeheim wusste, dass das nicht möglich war …

    Die ganze Zeit über fühlte ich mich wie ein Verbrecher auf der Flucht, wollte niemanden an mich heranlassen. Und jedes Mal, wenn ich in die Augen eines Kindes blickte, sah ich den toten Knaben vor mir.

    Vielleicht habe ich aus den Fehlern meiner Vergangenheit nichts gelernt. Ich erwarte keine Vergebung für das, was ich getan habe, noch Verständnis. Das, was ich heute tue, tue ich lediglich für mich selbst. Vielleicht aber kann ich das Heute neu schreiben. Noch ist es nicht zu spät …« - Lucario