[Kurzgeschichte] Alte Sünden

  • Alte Sünden



    Prolog


    »Ich hänge nicht an der Vergangenheit. Wer zu sehr mit dem Gestern liebäugelt, dem entgeht die Chance, das Heute zu schreiben.«

    Lucario verstummte und ließ von den intensiven Augen vor ihm ab. Der Brandy, den er in seinem Glas wild umherkreiseln ließ, erinnerte an ein glimmendes Glutnest, nur darauf wartend, zu einem ausgewachsenen Flächenbrand seiner Gedanken zu werden.

    »Aber wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, der droht, dieselben Fehler erneut zu begehen«, widersprach Rutena.

    Lucario spürte die warme, einfühlsame Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die ihn fort dem Getränk auf dem Tisch und wieder hinauf zu den roten Augen hob; ein Blick, der heiß auf seiner Seele brannte und Herz und Gedanken in unendlicher Agonie durchbohrte. Stumm und leise sahen sie einander an. Doch so wie Rutena von Lucarios Kinn abließ, so wanderte dessen Gesicht wieder hinab zu dem Brandy. Schweigsam.

    Wieder schwenkte er die Flüssigkeit, diesmal schneller. Seine Gedanken verschwammen in einem in Ebenholz gereiften, bernsteinfarbenen Ozean. Der wild wirbelnde Alkohol und seine kreiselnden Gedanken vereinigten sich und wuchsen zu einem unzähmbaren Feuersturm heran. Die entfesselten scharlachroten Böen gaben verschwommenen Bildern Geburt, welche dann wieder von gewaltigen Farbexplosionen verschluckt und von neuen Erinnerungen abgelöst wurden. Lucario beobachtete den im Glas eingefangenen Wirbel, dann nippte er an ihm. Er wünschte, er könnte seine Erinnerungen einfach auf dem Grund des Glases zurücklassen und für immer begraben.


  • 1. Ein neues Leben


    Der Wendigo gilt als Trotzkopf unter den Westwinden. Wenn alle Barometer auf Windstill stehen, lacht er den Einfältigen aufsässig ins Gesicht. Und wenn sich dann der versprochene Sturm am Horizont ankündigt, so ist darauf Verlass, dass die Bewohner des Sandkontinents doppelt unter dessen Launen leiden zu müssen.

    Eine seiner launischen Böen blies an diesem Tag durch Rhino. Von Westen kommend, brachte er einen schwachen Hauch des weit entfernten Ozeans mit; eine Ahnung von Meersalz, die Vorstellung unruhig schaukelnder Boote, die an den Anlegestellen vor Anker lagen, die schäumende Gischt, längst auf ewig vereint mit dem herrschsüchtigen Wendigo. Hier, in Rhino aber, stieß der Ruf der noch immer fernen Küste auf taube Ohren. Dort war er der Vorbote des heranrückenden Herbstes, der auf einen langen Sommer folgte. Er hauchte durch die staubigen Gassen, spielte sein verräterisches Spiel mit dem Staub, den er zum gemeinsamen Tanz einlud, um ihn dann am höchsten Punkt arglistig wieder fallenzulassen. Die vom Steppensand gelblich verfärbten Fenster rasselten träge in ihren gusseisernen Verankerungen. Die Mitarbeiter der Poststelle schützten mit einer Hand ihre Augen, während sie mit der anderen und der verbliebenen Kraft die Postkutsche entluden.

    Ein Neuankömmling ließ derweil die ersten Gebäude von Rhinos östlicher Stadtgrenze hinter sich. Unbeirrt stemmte er sich gegen den sekündlich immer aufbrausend werdenden Westwind. Nach Aufmerksamkeit oder einer bloßen Regung lechzend, rüttelte der Wendigo an dem beharrlichen Granit, der das rußige Gesicht des Fremden war. Er verstrubbelte ihm das Fell, das wie das Blau eines klaren, klirrenden Winterhimmels leuchtete, heulte ihm unheilvoll in den spitz zulaufenden Ohren, wirbelte ihm Staub in die naturroten Augen und schlug seine windigen Fänge in den braunen Lederbeutel auf dessen Rücken. Von Wahnsinn übermannt, riss sich der Westwind schließlich laut aufheulend entzwei und suchte sein Glück weiter nordwärts.

    Unbeirrt passte Lucario seine Geschwindigkeit dem abgenommenen Luftwiderstand an, jeder Schritt von dem uralten Sand beantwortet, der unter seinem Gewicht kratzend aufstöhnte. Die dichte, cremefarbene Behaarung, welche die Brust bis zur Nabelhöhe bedeckte, strahlte in der grellen Nachmittagsonne wie Neuschnee. Darunter ließen die schwachen Ableger des Wendigo das kurze, himmelblaue Fell wie tausend Segel im Wind flattern. Der markante, raue Sand des Kontinents schmiegte sich ihm wie eine zweite gelbliche Haut an das untere Ende seiner sonst anthrazitfarbenen Beine - Spuren einer tagelangen Wanderung. Von der Veranda eines kleinen Hauses schaute ihm ein Einwohner im Vorbeigehen griesgrämig nach; der Anflug eines kurzen Nickens, dann schabte er den Kehrbesen wieder über den staubigen Holzdielenboden.

    Die Stadt Rhino zeichnete eine schnurgerade Linie auf die Landkarte; ein kleiner, scheinbar unbedeutender Fleck im Zentrum des Sandkontinents. Eine unterirdische Wasserquelle hatte Siedler einst dazu veranlasst, ihr Lager in der trostlosen Einöde aufzuschlagen. Rhino, aus der Not geboren, etablierte sich mit der Zeit als bedeutsame Schnittstelle für den Handelverkehr. Weit im Osten lag Ramal, die Hauptstadt des Kontinents, Gesetzgeber und oberstes Kontrollorgan auf dem gesamten Kontinent. Die Straßen dort mochten sauberer sein als irgendwo sonst, das Wasser reiner, der Wind wie ein Frühlingskuss. Im Inneren der hohen Marmorgebäude jedoch, so sagte man, wo die Würdenträger ihre Urteile über die Schicksale jedes einzelnen Bewohners fällten, ging es noch schmutziger zu als in der schäbigsten Spelunke des Landes. Weiter westwärts von Rhino hob sich eine Bergkette dem Himmel zu, deren Silhouette in klaren Vollmondnächten ockerfarben leuchtete. Rückseitig davon, nach einem Labyrinth tückischer Schluchten, lag schließlich der Ozean, wo kleine Fischerorte die Küste säumten. Dorthin war die Nachmittagssonne unterwegs, welche derweil die hohen, braun-grauen Gebäude Rhinos in warme Farben tönte. Das mit Abstand imposanteste von ihnen war das Rathaus - ein Monument wie aus einem einzigen großen Stück weißen Ahornholzes geschnitzt, mit einem weit hervorstehenden Dach, das von vier Stützpfeilern getragen wurde und unter dem eine breite Treppe zum Eingangsportal führte.

    Lucario atmete das betäubende Aroma frischer Lasur ein, während er die zehn Stufen hinaufstieg. Jeder seiner Schritte wurde von einem argwöhnischen Säuseln begleitet; Köpfe, die hinter seinem Rücken zusammengesteckt wurden und einander leise zuflüsterten. Erst gedanklich, dann auch durch die mächtige Eichentür, die hinter ihm in die Angeln fiel, sperrte Lucario das Wispern aus.

    Ein spitzes, kreischendes Geräusch legte ihm das erste Mal Ketten des Zögerns auf. Er hielt inne, atmete aus und sog das kühle, herbe Aroma des Mahagonifußbodens ein, das jeden Besucher beim Eintreten mit einem missbilligenden Knarren begrüßte. Erst ein üppig gemusterter Teppich verwandelte den verräterischen Willkommensgruß zu einem gedämpften Seufzen. Lucario ignorierte die beiden Gebäudeflügel zu seiner Linken und Rechten, ließ prunkvolle Wandteppiche, grimmig dreinblickende Gemälde und auf hüfthohen Schemeln gebettete Vasen gezielt hinter sich und folgte dem Läufer eine Treppe hinauf. Ein schnörkeliges Geländer sicherte die offene Empore ab, von der man den Ursprung der auch leisesten Bewegung im Foyer erspähen konnte. West- und ostwärts gab es je zwei Türen, und wie schon im Erdgeschoss jede Menge Prunk an den Wänden. Lucario zielte die größte Tür an, die zentral von der Treppe lag. Sein Zögern war ein Wimpernschlag der Zeit. Er klopfte gegen das Holz, dahinter antwortete nach wenigen Augenblicken eine dumpfe Stimme: Man bat ihn herein.

  • 2. Amtsgeschäfte


    Abgesehen von der Nachmittagssonne, die durch die Fenster brach und die offenen Schränke, Bücherregale, den großen Klauenfußschreibtisch und die Standuhr hell-orange tünchte, strahlte der Raum keinen Frohsinn aus. Begriffe wie neuwertig und kostbar standen im schrillen Kontrast zu verstaubten Gesetzen und antiquierten Ansichten, die hier, im Amtssitz des regierenden Bürgermeisters, an der Tagesordnung standen. Gesprochene Worte landeten meist auf Papier. Vielleicht folgte ihnen dann irgendwann sogar Taten - mit Glück oder Pech. Das lag ganz im Auge des Betrachters.

    »Ja? Wer sind Sie, was wollen Sie?«

    Eine kalte Welle der Missbilligung schwappte Lucario entgegen. Sie war willens und fähig, ihn, angefangen von dem schweißnassen Gesicht bis hinunter zu den gelblich verfärbten Pfoten, wieder aus der Tür hinauszuspülen. Die Nasenflügel des hinter dem opulenten Schreibtisch sitzenden Bürgermeisters blähten sich bedrohlich, als hätten sie soeben zwei Sandstürmen Geburt gegeben. Die schwarzen Pupillen auf der roten Netzhaut funkelten dem Eindringling angriffslustig entgegen.

    Lucario kreuzte die Arme. Die sanfte Glut der eigenen Augen schätzte das Kohlrabenschwarz des Gegenübers ab. Seine Stimme, ein sanft auf dem leisen Pendeln der Standuhr reitender Bass, antwortete: »Lucario, Ihr neuer Sheriff.«

    Das bösartige Funkeln in dem Blick des Bürgermeisters verschwand jäh.

    »Ach, so ist das also. Kommen Sie, kommen Sie doch näher.« Er winkte Lucario einladend herbei. Dieser folgte wunschgemäß. »Setzen Sie sich. Etwas trinken? Ich nehme an, Sie hatten eine lange Reise?« Noch von seiner Ausgangsposition, einem roten Samtsessel, glitt der Blick des Bürgermeisters über die Tischkante, wo er abermals an den schmutzigen Pfoten des Reisenden hängenblieb. Er rümpfte missbilligend die Nase, sagte aber diesmal nichts, außer: »Sicher hatten Sie das.«

    Lucario zog den angebotenen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder, stets im festen Blickkontakt mit seinem Gegenüber. Ein Getränk lehnte er aber ab.

    »Danke, aber nein danke.«

    Eine Augenbraue skeptisch hebend, schenkte der Bürgermeister stattdessen sich selbst nach.

    »Ist das so? Gut, gut. Dann kommen wir eben gleich zum geschäftlichen Teil.«

    Er stand auf und beugte sich über den Schreibtisch: ein kurzes Händeschütteln. Er nannte seinen Namen - Kukmarda -, betonte dabei beinahe schwülstig die Anrede Mayor, dann nahm er wieder Platz. Seine kurzen Fingerkuppen berührten einander, während er Lucario fixierte.

    »Es ist erfreulich, endlich wieder das Gesetz in unserer schönen Stadt zu wissen; und das sogar früher als erwartet. Wir rechneten eigentlich erst morgen mit Ihrer Ankunft. Pünktlichkeit weiß ich sehr zu schätzen.«

    Lucario sagte nichts, nickte nicht, seine Gesichtszüge blieben straff und ausdruckslos. Kukmarda schien die ungeteilte Aufmerksamkeit sehr zu genießen. Sein gewaltiger hervorstehender Schneiderzahn blitzte kurz auf, als er zum ersten Mal seit Lucarios Ankunft lächelte. Er nickte diesem kurz zu und ging durch den Raum. Beide Hände hinter dem Rücken ineinander verhakt schaute er nachdenklich aus dem Fenster.

    »Ich will Ihnen reinen Wein einschenken: Rhinos Straßen sind gefährlich geworden. Der gute Leumund unserer Stadt ist zu einem sündigen Aphrodisiakum des Verbrechens geworden. Einbruch, Diebstahl, Hehlerei - und das ist nur die Spitze des Eisbergs.« Kukmarda wandte sich vom Fenster ab und wieder Lucario zu. Der zu scharfen Klingen verengte Blick wob ein dichtes Netz aus Falten auf seinen Schläfen. »Das muss ein Ende haben! Und dass das klar ist: Mit Nettigkeiten gewinnen Sie hier keinen Blutstropfen. Ich wünsche, dass Sie als unser neuer Sheriff durchgreifen, wenn nötig mit der vollen Härte des Gesetzes. Der Abschaum, das ganze widerliche Geschmeiß, muss weg, damit sich Frauen und Kinder endlich wieder sicher bei uns fühlen können. Ich hoffe doch, Sie fühlen sich der Aufgabe gewachsen.«

    Es war keine Frage, sondern eine kompromisslose Aufforderung. Ein Nein stand nicht zur Debatte.

    »Sie haben mich gerufen. Ich habe den Ruf vernommen. Hier bin ich«, erklärte Lucario knapp.

    Der Mayor hatte wieder am Schreibtisch Platz genommen. Er lächelte wieder, doch war es nicht dasselbe, mit dem er vorher aufgestanden war. Stattdessen umspielte jetzt etwas Amüsiertes seine Lippen.

    »Ich bin erfreut, dies zu hören, aber um offen mit Ihnen zu sein, Lucario: Ich habe Sie nicht gerufen. Rhino braucht einen Ordnungshüter, keine Frage. Allerdings ging die Entscheidung diesmal von Ramal aus. Die Bürokraten dort bewerteten unsere jüngsten Entscheidungen betreffend der Besetzung eines Sheriffs nicht sonderlich gut, weswegen sie diesmal selbst eine Wahl getroffen haben. Und hier, hier kommen Sie ins Spiel.«

    »Sie klingen, als seien Sie wenig glücklich darüber«, merkte Lucario an. »Die Hauptstadt fischt in Ihren Gewässern, hm?

    Kukmardas Lächeln wuchs in die Breite.

    »Sie sind sehr scharfsinnig«, lobte er. »Ja, tatsächlich tue ich mir mit der Entscheidung, das heißt, mit der Einmischung Ramals schwer.« Das Wort Einmischung spuckte er in einem Anflug des Abscheus regelrecht aus. »Dennoch bin ich hinsichtlich Ihrer Besetzung zuversichtlich, Lucario.«

    »Warum hat Rhino in letzter Zeit eigentlich solches Pech bei der Besetzung eines Sheriffs?«

    Diesmal löste Ernst das Lächeln auf dem Gesicht des Mayors ab.

    »Das weiß ich leider nicht. Von heute auf morgen waren Ihre Vorgänger einfach weg. Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.«

    »Kündigungsschreiben?«

    »Nichts dergleichen. Ihr Deputy kann Ihnen sicherlich mehr über Ihre Vorgänger erzählen, schließlich hat er enger mit ihnen zusammengearbeitet. Sie finden ihn in Ihrem Büro«, er warf beiläufig einen Blick auf die Standuhr, »oder im Fröhlichen Fuchs. Das ist unser Saloon«, ergänzte Kukmarda auf Lucarios Augenbrauenheben. »Haben Sie die Inhaberin, Rutena, schon kennengelernt? Sie ist eine Zierde unserer schönen Stadt!«

    »Werde ich mir merken«, sagte Lucario stoisch.

    Eine kurze Stille ergriff von dem Raum Besitz, nur von dem beständigen, gleichmäßigen Klackern des Standuhrpendels unterbrochen.

    Erst erhob sich der Mayor, dann auch Lucario. Es war alles besprochen.

    »Nun gut, dann darf ich Ihnen gratulieren, Sheriff. Ich hoffe, Sie können meine Erwartungen übertreffen.«

    Ein kurzes Händeschütteln besiegelte abschließend den Vertrag. Der designierte Gesetzeshüter von Rhino spürte bereits den kalten, toten Stahl der Türklinke, als hinter seinem Rücken der Mayor noch einmal die Stille durchbrach.

    »Ach, ich vergaß zu erwähnen: Ich bin verwundert, dass Ramals Wahl ausgerechnet auf ein ehemaliges Mitglied der Schwarzen Kralle fiel. Ich nehme an, die Hauptstadt setzt ebenfalls große Erwartungen in Sie, Lucario.«

    Ein Blitz aus Eis und Feuer schlug erbarmungslos in Lucarios Körper ein. Seine Beine gefroren, das plötzlich wild durch die Adern pumpende Blut begann zu kochen. Ein Funke glimmte in seinem Kopf hell auf und warf einen flackernden Schatten auf die Leinwand seiner Gedanken. Er schüttelte sich innerlich, presste die Augen zusammen, dass sie vor Schmerzen tränten. Nach zwei Atemzügen riss er sie wieder auf. Die Zimmertür lag verschwommen vor ihm. Die Türklinke vibrierte unter dem gedämpften Zorn, der durch seine Adern floss und die eisigen Beinketten schließlich sprengte.

    »Ist das für Sie ein Problem?«

    »Mitnichten. Guten Tag.«

  • Hallo Eagle :)


    Also zuerst mal finde ich die Kurzgeschichte allgemein bisher verdammt gut und spannend.

    Der Prolog gefällt mir sehr und scheint aus zukünftiger Sicht geschrieben zu sein, was natürlich direkt zu Beginn die Frage aufwirft, was alles so schreckliches passieren wird, dass Lucario seine Erinnerungen in Alkohol ertränken will (wobei mir nach Kapitel 2 auch die Idee kam, dass es auch in weiter Vergangenheit liegen könnte und Lucario eben Rutena kennt und vor langer Zeit schon in Rhino war, aber das ist sicher bisher noch reine Interpretationssache ^^).

    Der allgemeine Aufbau der Kapitel sagt mir sehr zu, sie sind für meinen Geschmack weder zu lang, noch zu kurz und das Ende lässt bisher immer Spannung auf, wodurch ich mich natürlich auch schon auf weitere Kapitel freue und gespannt weiterlesen will^^

    Zu deinem Schreibstil muss ich glaube ich nicht viel sagen, der ist wirklich schön. Du beschreibst sehr lebhaft und ausgiebig, die Wortwahl ist auf einem für mich sehr angenehmen Mittelweg zwischen einfach und anspruchsvoll und ich kann dem Handlungsverlauf gut folgen.

    Auch die Wahl der kursiv gesetzten Worte setzen eine gute Betonung auf die Sätze, in denen sie genutzt werden und lenken die Aussage des Satzes deutlicher in die gewünschte Richtung.

    Die Charaktere finde ich bisher ganz gut dargestellt. Lucario als einziges Mysterium, der seine Vergangenheit wohl nicht unbedingt gerne in sein Gedächtnis zurückruft, Rutena als im Prolog sehr liebenswürdiger und fürsorglicher Charakter, der wohl noch eine große Bedeutung bekommen wird und Kukmarda als Bürgermeister, der gleichermaßen fies wie auch falsch und ein bisschen eingebildet wirkt und direkt so ein bisschen Antagonist-Vibes ausstrahlt. Außerdem erinnert er mich ein bisschen an Mr. Burns aus den Simpsons xD


    Das einzige, worüber ich immer wieder stolpere ist, dass du es gelegentlich mit den Beschreibungen etwas zu gut meinst und dich etwas zu sehr darin verlierst. Die Beispiele hierfür konkret sind:

    Unbeirrt stemmte er sich gegen den sekündlich immer aufbrausend werdenden Westwind. Nach Aufmerksamkeit oder einer bloßen Regung lechzend, rüttelte der Wendigo an dem beharrlichen Granit, der das rußige Gesicht des Fremden war. Er verstrubbelte ihm das Fell, das wie das Blau eines klaren, klirrenden Winterhimmels leuchtete, heulte ihm unheilvoll in den spitz zulaufenden Ohren, wirbelte ihm Staub in die naturroten Augen und schlug seine windigen Fänge in den braunen Lederbeutel auf dessen Rücken. Von Wahnsinn übermannt, riss sich der Westwind schließlich laut aufheulend entzwei und suchte sein Glück weiter nordwärts.

    Den Teil musste ich 3 oder 4 mal lesen bis ich wirklich realisiert hatte, was genau du damit eigentlich aussagen willst, weil du dich da doch für mein Verständnis ein bisschen zu sehr in Details und möglichst ausgeschmückten Beschreibungen verlierst. Sobald ich dann mal verstanden hatte, was genau du damit aussagen möchtest, war das dann auch wieder Okay, aber es hat halt seine Zeit gekostet den Abschnitt erstmal zu verstehen ^^'

    Weiter westwärts von Rhino hob sich eine Bergkette dem Himmel zu, deren Silhouette in klaren Vollmondnächten ockerfarben leuchtete.

    Der Satz hat mich etwas verwirrt, da die Handlung ja Tagsüber spielt und nicht Nachts. Und dann kam der Satz und ich musste auch wieder kurz stocken um das ganze irgendwie einzuordnen. Es ist schön zu wissen so als Nebendetail, aber der Zeitpunkt der Beschreibung ist imo einfach unpassend gewählt und würde besser wirken, wenn Lucario diese Feststellung entweder direkt mit einer Erinnerung/Emotion verknüpft oder diese Beschreibung auch in einer klaren Vollmondnacht gekommen wäre.

    Ein Blitz aus Eis und Feuer schlug erbarmungslos in Lucarios Körper ein. Seine Beine gefroren zu Eis, das plötzlich wild durch die Adern pumpende Blut begann zu kochen. Ein Funke glimmte in seinem Kopf hell auf und warf einen flackernden Schatten auf die Leinwand seiner Gedanken.

    Puh das war auch einfach wieder ein bisschen to much fürs erste Lesen und hat auch ein paar Anläufe gebraucht, bis ich so ganz verstanden hatte, was da abgeht. Grade die Doppelung des Wortes "Eis" gefällt mir da auch nicht wirklich und das zweite könnte man imo auch wegkürzen zu nur "Seine Beine gefroren,[...]" eben weil vorher schon die Gefühlsgrundlage als "Blitz aus Eis und Feuer" beschrieben wurde.



    Ich bin echt gespannt, wie die Geschichte sich noch weiterentwickelt und freue mich schon sehr auf die nächsten Kapitel^^


    Liebe Grüße

    Creon

  • 3. Wo das Gesetz wohnt


    Nach einer knappen halben Stunde im kühlen Rathaus glich die Welt außerhalb einem unerträglichen Glutofen. Die Sonnenstrahlen waren glühende Nadeln, die die eben erst versiegten Schweißporen auf der Stirn des neuen Sheriffs erneut aufbohrten. Lucario atmete die staubige, trockene Luft ein. Eine leichte, kühle Brise strich ihm durch das Fell. Er schloss die Augen. Wie eine Liebeserklärung, die man ihm zärtlich in die Ohren säuselte, hieß er sie willkommen. Langsam stieg er die Treppenstufen zur Straße hinab, jeder Schritt begleitet von einem stechenden Gefühl auf seiner Brust. Instinktiv tastete er an die Stelle: eine alte Wunde - gut versteckt und längst verheilt. Doch schmerzte sie, als steckte ein unsichtbarer Dolch darin. Beabsichtigt oder nicht: Das zurückliegende Gespräch hatte die alte Wunde wieder zum Vorschein gebracht, worüber er sich insgeheim mehr Gedanken machte als über das Verschwinden seiner Vorgänger.

    Die Schwarze Kralle … Der Mayor wusste davon. Lucario stellte sich selbst die Frage, wie viele dieses Wissen noch teilten; in Rhino und überhaupt. So lange war er gereist, nur um seine Vergangenheit zu begraben. Sollte sich nun herausstellen, dass er die Stelle überhaupt nur deswegen bekommen hatte? Wegen seiner Vergangenheit, die ihn letztendlich doch eingeholt hatte? Falls ja, bewies das Schicksal einen perfiden Sinn für Ironie.

    Die einzige Straße in Rhino führte als unbefestigter, breiter Weg vom Stadtanfang bis zum -ende. Dazwischen säumten größere und kleinere Gebäude den Wegesrand, je links und rechts verbunden von einer schlicht gehaltenen Holzbodenpromenade. Mit seiner strahlend weißen Fassade und den im Sonnenlicht blitzenden Fenstern mochte das Rathaus vom ästhetischen Standpunkt das meiste Aufsehen erregen. Größentechnisch musste es sich aber der knapp 100 Meter entfernten Schule und dessen Glockenturm auf dem Dach geschlagen geben - das größte Gebäude Rhinos. Zur späten Nachmittagsstunde waren Tische, Stühle und Bänke in der Lehranstalt jedoch verwaist und sollten erst mit dem Läuten der Schulglocke am nächsten Morgen zu neuer Blüte kommen. Anders sah es im Fröhlichen Fuchs aus, dem Saloon der Stadt, wohin sich allmählich das öffentliche Leben verlagerte. Er war der Schmelztiegel, in dem alle gesellschaftlichen Schichten alltäglich zu einer einzigen, festen Substanz zusammenflossen. Und nur in einem Kraftstoff auf dem Erdenrund steckte genug Feuer, um diesen Kessel am Brennen zu halten: nämlich Geld. Folglich spielt es keine Rolle, ob man äußerlich ein Landbesitzer war, ein einfacher Tagelöhner, ein verwegener Karawanenführer oder auch nur ein mieser Halsabschneider. Nur die Höhe des über die Zeit hinweg angehäuften Vermögens zählte. Eingetauschtes Geld fand man in einem Saloon wie dem Fröhlichen Fuchs insbesondere in den dort servierten Drinks wieder. Auch bei der Informationsbeschaffung konnte die Höhe der Barschaft über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dies zählte aber mit Abstand zu den gefährlichsten Gütern, die für klingende Münze eingetauscht wurden. Denn wer zu viele Fragen stellte, hatte meistens bereits Dreck am Stecken oder beabsichtigte, irgendwann noch Schwierigkeiten zu machen. Dagegen wirkte das Glücksspiel und damit auch das Risiko, als Scharlatan gebrandmarkt und aus der Stadt gejagt zu werden, als weitaus weniger gefährlich.

    Noch im Vorbeigehen perlte Lucarios Blick an der einladenden zweiflügeligen Schwingtür des Saloons ab. Er hörte die ausgetrocknete Stimme seiner Kehle vor Wut brüllen, spürte das unwiderstehliche Verlangen wie ein pulsierendes Gift in den Adern, für das es nur in der Bar ein rettendes Antidot gab. Mit kühler Beherrschtheit redete er sich ein, sicherlich noch mehr Zeit als genug im Saloon zu verbringen; wahrscheinlich sogar bereits morgen. Weitaus verlockender wirkte dagegen das Badehaus auf ihn, einige Häuser weiter. Die Absicht eines Besuchs besänftigte auch das innerliche Brüllen - zumindest etwas.

    Von einem Passant erfuhr Lucario den Standort des Sheriff’s Office. Im Anschluss der kurzen Befragung hatte es der Tippgeber sehr eilig, von Lucario wegzukommen. Vielleicht war es durch das nach tagelanger Wanderung ungepflegte Äußere verschuldet, was wenig Vertrauen in seine Person erweckte. Auch seine Stellung als frischgebackener Sheriff Rhinos, im Normalfall ein angesehenes Amt, warf kein gutes Licht auf ihn. Dafür hatte das mysteriöse Verschwinden seiner Vorgänger gesorgt. Oder griff sogar bereits Lucarios Ruf als ehemaliger Söldner um sich? Er wusste es nicht, im Endeffekt war es ihm sogar einerlei.

    Das Gesamtbild wandelte sich kaum, während Lucario der vorgegebenen Straße westwärts folgte. Passanten, die noch letzte Erledigungen in Einrichtungen wie der örtlichen Bank, dem Kramergeschäft oder in der Poststelle zu erledigen hatten, beschleunigten im Vorbeigehen ihre Schritte, wechselten sogar die Straßenseite, bevor sie sich dann umdrehten und dem unnahbaren Fremden im blauen Pelzmantel misstrauisch nachsahen. Nur ein einziger Stadtbewohner tauschte das Unbehagen in fiebrigen Blicken gegen Faszination in seinen großen, leuchtenden Augen ein. Es war ein Knabe, nur ein paar Jahre alt, der mit seiner Mutter die Promenade Richtung Stadtmitte unterwegs war. Da es weder Angst noch Furcht gab, die den Jungen gefügig machte, zerrte seine Mutter beinahe panisch an ihrem Sohn, damit er mit ihr die Straßenseite wechselte. Doch die hängende Kinnlade des Kindes war wie ein unnachgiebiger Anker, der das Weiterkommen unmöglich machte. In ihrer Machtlosigkeit ließ die beleibte Frau plötzlich von ihrem Sohn ab. Ihre Kräfte schwanden rapide. Sie verkrampfte und versteifte, wagte nicht einmal mehr einen Atemzug oder ein Blinzeln. Doch bevor sie überhaupt wusste, wie ihr geschah, war der Sheriff bereits ohne ein böses Wort an ihr vorbeigegangen. Noch hinter seinem Rücken hörte Lucario die Frau ihren Sohn leise ausschimpfen - wütend und erleichtert zugleich -, dazu hastige Schritte; wahrscheinlich von Stadtbewohnern, neugierig auf die Begegnung mit dem neuen Gesetzeshüter.

    Lucario öffnete die Tür des Sheriff’s Office, ein profanes Gebäude, das in seinem äußeren Erscheinungsbild den vielen Wohnbaracken der Stadt sehr ähnlich war. Lediglich die Aufschrift SHERIFF in großen, verwitterten Buchstaben auf dem Vordach markte es als solches. Beim Betreten prallte Lucario regelrecht gegen eine Wand. Die Luft im Raum war ein fauliges Odeur, ein auf der heißen Herdplatte der Zeit vergessener Sud. Auf Fußboden, Regalen und den Schränken der Schreibstube sammelte sich der Staub von Wochen. Rechts vom Eingangsbereich hatte man den Raum für zwei aneinandergrenzende Gefängniszellen abgetrennt. Große, schwarze Metallstäbe woben ein grobmaschiges Eingangstürennetz, hinter dem sich keine Straftäter, dafür aber noch mehr Schmutz befand. Gesiebte Luft, so viel stand fest, hatte hier lange Zeit niemand geatmet. Ironischerweise schien das sauberste Utensil im Raum der Kehrbesen zu sein, den man in eine hintere Ecke im Raum abgestellt hatte. Wie schon im Büro des Mayors gab es auch hier einen Schreibtisch, nur war dieser bei Weitem nicht so pompös und auch nicht so aufgeräumt. Fliegende Blätter häuften sich darauf wie Blattwerk zur Herbstzeit, hier und da fand man auch einige Schreibwerkzeuge wie vom Wind abgetragene Äste. Über all dem thronten zwei Füße, die der Besitzer dort zur Ruhe gebettet hatte. Die Sohlen schauten direkt zum Eingangsbereich und verdeckten die Sicht dorthin. Jeder Zehe schien Lucario einzeln auszulachen, während er zwischen Tür und Angel verharrte.

    Krachend schlug Lucario die Tür zu. Der Knall war eine Druckwelle, die da Schränke zum Beben brachte, den Staub in der Luft umherwirbeln ließ und die einzig andere Person im Raum regelrecht vom Stuhl fegte. Stöhnend rappelte er sich auf.

    »Wir haben auch so etwas wie Türklinken …«

    Er rückte den Stuhl in die richtige Position, nahm darauf Platz und legte seine Füße wieder auf die Tischplatte. Gelangweilt gähnte er.

    »Ja, was gibt’s?«

    Lucario stampfte durch den Raum, jeder Schritt ein Epizentrum des Zorns. Er packte den Hausbesetzer an dem weißen Flaum an dessen Schulterblättern und rammte ihn rücklings gegen die Wand. Zwischen malmenden Kiefern presste er hervor: »Du hast 30 Sekunden, um mir was Hübsches vorzusingen, und falls mir dein Liedchen nicht gefällt« - Lucario wirbelte mit ihm in den Pfoten herum, tanzte mit ihm einige Schritte durch den Raum und presste ihn anschließend unsanft gegen eine Gefängnistür - »dann singst du für eine ganze Weile nur noch den Knastvogelblues! Wer bist du? Was treibst du hier?! Rede!«

    »Grill-Grillchita! Der Deputy! Der Deputy!«

    In den weit aufgerissenen Augen behielt die Panik selbst dann noch die Oberhand, als Lucario seinen Griff langsam löste. Ungläubig ging er einen Schritt zurück.

    »Der Deputy?«

    Mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck fasste sich Grillchita an die Schultern.

    »Die Zahnfee bin ich jedenfalls nicht.«

    Lucario korrigierte den Schritt zurück und baute sich vor seinem Gegenüber auf. Ihre Gesichter berührten sich fast.

    »Dafür ein widerliches Schwein, oder wie ist dieser Saustall zu erklären?«

    »Bin ich die Putze vom Dienst oder was? Bis hier der neue Sheriff irgendwann eintrudelt, bin ich hier das Gesetz.«

    Lucarios Gesicht wurde zu einer Maske, hinter der seine Augen sardonisch glimmten. Er sammelte den Besen in der Ecke auf und drückte ihn dem Deputy in die Hände.

    »Du bist abgelöst.«

    Körnchen für Körnchen rieselte der Sand im Stundenglas der Zeit hinab. Grillchitas Gesichtsausdruck blieb verständnislos, bis irgendwann seine Lippen leise »Der Sheriff?« formten. Dann riss er die Augen weit auf.

    »Der Sheriff!«

    Lucario würdigte den Moment langsamen Verständnisses mit einem kurzen, aber eindringlichen Nicken. Er spürte die Restwärme, als er auf dem nunmehr freien Stuhl Platz nahm und seinem Angestellten beim Saubermachen zusah. Auf die Frage, ob seine Reise angenehm gewesen sei, blieb er eine Antwort schuldig. Stattdessen erkundigte er sich: »Wie sieht es in Rhino aus? Irgendwelche Vorfälle in den letzten Tagen? Irgendetwas, was ich wissen muss?«

    Erleichtert über den Themenwechsel verloren Grillchitas rot angelaufene Wangen wieder etwas an Farbe. Er stützte sich auf dem Besenstil ab, während er nachdachte. Mit einer stummen Kehrbewegung seiner Pfote wies Lucario den Deputy jedoch an, weiterzumachen, während dieser zu erzählen begann.

    »Überfälle auf Post- und Versorgungskutschen häufen sich in der letzten Zeit. Nichts Ungewöhnliches, gab es schon immer, aber wie gesagt: In letzter Zeit …« Er verstummte kurz. »Sprechen Sie am besten mit Rameidon, dem Poststellenbetreiber. Er hat bestimmt mehr Infos. - Was noch …? Es gibt einige Beschwerden von dem Inhaber des Kramergeschäfts der Stadt. Hat anscheinend Probleme mit einigen frechen Aussiedlern, die hin und wieder in die Stadt kommen und Schwierigkeiten machen. Ansonsten der gewohnte Kleinkram, kaum der Rede wert.«

    »Tatverdächtige?«, hakte Lucario nach.

    »Wir haben ein paar Dauergäste, aber verdächtig ist das nicht. Rhino ist ’ne reiche Stadt, und jeder will sich gerne ein Stück vom Kuchen abschneiden. Aber wenn Sie mich fragen:« - Grillchita nickte verschwörerisch. »Dieser Z stinkt zum Himmel.«

    Lucario hob eine Braue.

    »Z?«

    »Yepp, Z. Man munkelt, sein richtiger Name sei Zeraora und habe schon so manches dickes Ding gedreht. Steckbriefe gibt es aber nicht. Muss ein echter Profi sein. Er ist ein Glücksspieler und treibt sich die meiste Zeit im Saloon rum. Suchen Sie den Tisch mit den vielen enttäuschten Gesichtern. Können Sie kaum verfehlen.«

    »Verstehe. Sonst was?«

    »Wir haben da noch ein paar Unterhaltungskünstler in der Stadt. Komme gerade nicht auf den Namen der Truppe … Jedenfalls verbringen sie und Z viel Zeit zusammen.«

    »Noch was?«

    Grillchita dachte nach. Sein Besen machte derweil eine Pause.

    »Nichts Erwähnenswertes.«

    »Was ist mit den verschwundenen Sheriffs?«

    »Traurige Geschichte. Waren alle gute Männer.«

    Lucarios Miene verdunkelte sich.

    »Klingt so, als befürchtest du bereits das Schlimmste«, stellte Lucario fest.

    Grillchita antwortete nicht gleich. Schließlich zuckte er grimmig die Schultern.

    »Was soll man schon anderes glauben? Gestern geht man noch mit seinem Partner was trinken, und am nächsten Tag ist er wie von der Wüste verschluckt. Das stinkt doch zehn Meilen gegen den Wind. Und falls Sie mich jetzt gleich fragen wollen: Nein, es gab nicht einmal die leiseste Andeutung, dass einer Ihrer Vorgänger die Stadt verlassen wollte.«

    Grillchita begann wieder zu kehren, das Gespräch endete hier.

    Die heißen Dampfschwaden des Badehauses träufelten Lucario allmählich den Schlaf in die Augen. Er lehnte in einem der großen Waschzuber und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Grillchita wirkte auf ihn nicht wie der zuverlässigste, doch konnte er nicht davon ab, festzustellen, dass sein neuer Deputy gut über die Lage der Stadt informiert war. Und in einer Sache musste er ihm besonders recht geben: In Rhino stank so manches gewaltig.

  • 4. Ein neuer Sheriff in der Stadt


    In Rhino gab es ein altes Sprichwort: »Empfängst du den Tag mit einem Lächeln, so lächelt dir auch der Tag.« Über die Jahre hinweg unterstützten immer mehr die Behauptung, dies sei lediglich ein subtiler Versuch, die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung zu steigern. Angesicht Rhinos Erfolg, sich von einem provisorischen Nachtlager zu einem ausgewachsenen Handelsmoloch zu etablieren, durchaus ein legitimes Urteil. Zweifler gab es nur wenige, und schon gar nicht in Rhino. Dafür jede Menge überzeugte Anhänger, die von dieser Redewendung morgens wachgeküsst und abends wieder in den Schlaf gewogen wurden. Auch dem neuen Sheriff ihrer Stadt blieben sie kein Lächeln schuldig - wenn auch etwas zaghaft.

    Beim Spaziergang über die Promenade funkelte Lucarios goldgelber Sheriffstern an der Brust mit der frühen Morgensonne um die Wette. Wasser und Seife hatten den schmutzigen Landstreicher in ihm fortgewaschen; zurückgeblieben war der neue Gesetzeshüter von Rhino. Sein geändertes Auftreten spiegelte sich in den Gesichtern der Bürger wider: in höflicher Ehrfurcht, aber auch in respektvoller Distanz. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Sie befanden sich auf dem Weg zur Schule oder kümmerten sich um die frühmorgendlichen Erledigungen wie im Kramergeschäft oder der Poststelle. Letzteres gehörte auch zu Lucarios erstem Ziel in seinem neuen Amt.

    Aus den Papierakten, die Lucario am gestrigen Abend noch durchgesehen hatte, ging hervor, dass zumindest sein letzter Vorgänger, Karippas, in Sachen Postkutschenüberfälle Ermittlungen angestellt hatte. Das war es dann aber auch schon: Ermittlungen, ohne nennenswerte Ergebnisse. Denn dafür hatte Karippas Zeit allem Anschein nicht gereicht. Seine Berichte enthielten keine Hinweise, keine Tatverdächtigen, nichts. Ernüchtert hatte Lucario feststellen müssen, dass die Akten ebenfalls nichts über den ominösen Glückspieler Z hergaben, den sein Deputy zumindest als suspekt eingestuft hatte. Demnach war Lucario gezwungen, den Fall ganz neu aufzurollen, beginnend mit einer Unterhaltung mit Rameidon, dem Betreiber der Poststelle.

    Rhinos würfelförmiges Postamt befand sich etwa in der Stadtmitte und grenzte an den Saloon an. Unter seinem langen Vordach, das einen mächtigen Schatten warf, waberte bei Lucarios Ankunft noch der Staub der letzten Postkutsche, die Rhino heute verlassen hatte. Hinter einem Tresen traf er einen Angestellten an, der ihm einen müden Morgengruß ins Gesicht gähnte und ihn anschließend in das Büro im zweiten Stock schickte.

    »Kommen Sie rein!«

    Das Büro des Poststellenbetreibers war eine Domäne des Protzes und Überflusses, in der das frühe Morgenlicht über blumengemusterte Teppiche flanierte und den Büsten aus weißem Marmor zärtlich über die Wangen streichelte. Nebst einer zimmerdeckenhohen Vitrine, in der insbesondere Geoden in allen Regenbogenfarben schillerten, hatte man eine Sitzecke mit einer fliederfarbenen Couch, drei samtüberzogenen Stühlen und einem gläsernen Tisch eingerichtet. Der meiste Platz beanspruchte ein Möbelstück aus Schwarznussholz am Raumende, auf dessen Maserung helle und dunkle Brauntöne in fantasievoller Ektase umherwirbelten. Es war ein Altar von einem Schreibtisch, der in vollem Umfang seinem Besitzer entsprach. Denn Rameidon war ebenfalls eine imposante Persönlichkeit: groß, kräftig, fast schon bullig. Er überragte Lucario fast um eine Kopflänge, als er diesem die Hand zum Gruß reichte. Sein Griff war wie sein Äußeres: resolut und kraftvoll, dazu noch kalt wie nackter Fels im Mondlicht.

    »Ah, der neue Sheriff. Ich habe Sie bereits erwartet. Setzen wir uns doch dorthin, da ist es bequemer. Möchten Sie etwas trinken?«

    Wie schon am Vortag lehnte Lucario die Erfrischung ab, folgte auch nicht der Einladung zu der Sitzecke. Stattdessen hob er eine Braue.

    »Erwartet?«

    Rameidons Lächeln, mit dem er den Sheriff empfangen hatte, ging etwas zurück.

    »Jetzt sagen Sie nicht, Sie seien nicht im Auftrag des Bürgermeisters hier?«

    Lucario verschränkte die Arme.

    »Ehrlich gesagt, nein. Mein Deputy hat mir ein Treffen nahegelegt.«

    »Oh, eine brave Seele, Ihr Deputy. - Wollen wir uns nicht setzen?«

    Mit einer Handbewegung verwies er abermals auf die gepolsterten Möbel. Rameidon nahm als Erstes Platz, auf der großen Couch. Sein Besuch begnügte sich mit einem Sessel, seinem Gastgeber gegenüber.

    »Wie dem auch sei: Ich bin froh, dass Sie sich meinem Dilemma annehmen wollen - und dann auch noch so schnell.«

    Ein plötzliches Unbehagen breitete sich in Lucario aus, als sich der Komfort einfühlsam an seinen Körper schmiegte. Es hatte etwas Einladendes, trotzdem fühlte er sich unwohl in seiner Haut. Seine rechte Pfote glitt langsam über eine der beiden gewundenen, geschmeidigen Armlehnen. Es war wie eine Schlittenfahrt auf Wolken.

    »Die Geschäfte laufen gut, wie es scheint«, schlussfolgerte Lucario.

    Rameidon gluckste.

    »Missgönnen Sie einem hart arbeitenden Geschäftsmann den Erfolg nicht. Blut, Schweiß und Tränen dürfen sich ruhig bezahlt machen, finden Sie nicht? Ich will auch gar nicht verneinen, dass es das Schicksal in letzter Zeit sehr gut mit uns gemeint hat - mit Rhino und seinem Postamt. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Geschäfte noch besser laufen könnten.«

    »Erzählen Sie mir über die Überfälle.«

    Rameidon legte den Kopf kummervoll in den Nacken. Erschöpft atmete er aus.

    »Der Zugriff erfolgt immer außerhalb von Rhino, manchmal näher, manchmal weiter weg. Wir wissen nicht, wer sie sind und woher sie kommen, nur, dass sie gründlich sind, das wissen wir. Alles, was nicht niet- und nagelfähig ist, nehmen sie mit. Immerhin sind sie so anständig, dass noch kein Arbeiter ernsthaft zu Schaden gekommen ist.« Ein grimmiger Ausdruck huschte über sein Gesicht, als ob er gerade mit einem Zahn auf eine Zitrone und mit einem anderen auf Baldrian gebissen hätte. »Jetzt hören Sie mich reden … Ich lobe doch tatsächlich dieses Pack über den grünen Klee …«

    »Standartbesetzung?«, erkundigte sich Lucario.

    »Das ist richtig. Zwei Arbeiter ziehen die Kutsche, einer sitzt im Wagen. Aber wenn das so weiter geht, brauchen wir bald zusätzlichen Begleitschutz; Gefahrenzulage allein bringt die Waren auch nicht an ihr Ziel. Beides kostet Geld. Machen wir gar nichts, bringen wir nur noch mehr von diesem Gesindel auf dumme Gedanken. So oder so: Rhino ist der Verlierer, es sei denn, der neue Sheriff kann helfen«, sagte Rameidon, woraufhin er das Eindingliche in seinem Blick intensivierte.

    »Verdächtigen Sie jemanden? Einen Kopf hinter dem Ganzen?«, fragte Lucario.

    »Was wissen Sie über die Aussiedler?«

    Lucario kräuselte nachdenklich die Lippen.

    »Sie siedeln westlich von Rhino. Gelegentlich kommt der ein oder andere in die Stadt, um Vorräte zu kaufen und die Einrichtungen zu nutzen. Es gab wohl in der Vergangenheit einige kleinere Zwischenfälle.«

    Rameidon nickte anerkennend.

    »Sie sind gut informiert.«

    Lucario schaute ihn fragend an.

    »Woher kommt Ihr Argwohn gegen die Aussiedler? Was ist das Motiv?«

    »Weil unsere Nachbarn wiederholt negatives Aufsehen erregt haben, verhängten einige Läden Hausverbot, darunter auch das Kramergeschäft. Der Verdacht liegt nahe, dass sie es deshalb auf unsere Versorgungskarawanen abgesehen haben; die Retourkutsche sozusagen. Verzeihen Sie mir das Wortspiel.«

    »Hat man sich je um einen Dialog bemüht?«

    Rameidon begann plötzlich, schelmisch zu grinsen, wie ein Kind, das einen nach den Bienchen und Blümchen fragt.

    »Entschuldigung, aber ich bin doch sehr überrascht, dass ausgerechnet Sie eine diplomatische Lösung vorschlagen; ein Mann mit Ihrem Werdegang …«

    Eine Welle pulsierenden Zorns schlängelte sich durch Lucarios Eingeweide. Auf der Suche nach einem Ausgang brandete sie gegen eine schroffe Küste knirschender Zähne.

    »Meine Vergangenheit hat mich nicht zu einem hirnlosen Killer erzogen, falls das Ihr Argument ist.«

    Rameidons Lächeln verschwand augenblicklich.

    »Das zu unterstellen, lag nicht in meiner Absicht, entschuldigen Sie.« Rameidon atmete tief aus. »Jedenfalls hat man sich meines Wissens nach nie an einen gemeinsamen Tisch deswegen gesetzt. Es gab wohl den ein oder anderen Dialog, aber …« Rameidons Miene verdunkelte sich, während er sich beschwörend in Lucarios Richtung vorlehnte. »Falls die Überfälle tatsächlich auf deren Konto gehen, dann ist die Zeit des Redens längst vorbei, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

    Lucario nickte.

    Früher hatte er das oft getan: genickt. Keine Fragen gestellt, etwaige Bedenken zur Seite geschoben. Nur das Ergebnis hatte gezählt. Doch dies gehörte nun der Vergangenheit an. Die Postkutschenüberfälle mochten eine Narbe auf Rhinos rosaroter Wange sein, doch Rameidon war kein Auftraggeber und die Siedler kein lästiger Fleck, der verschwinden musste. Darum war es nicht dasselbe Nicken, mit dem Lucario einst seine Verträge stumm besiegelt hatte.

    Beim Verlassen der Poststelle ging der Sheriff seine Optionen durch. Rameidons Verdacht schien zwar begründet, doch wirkte er nicht sehr überzeugt, und Lucario war es schon gar nicht. Als er nachdenklich die Straße hinunterschaute, badete er sein Gesicht in dem klaren Licht der frühen Morgensonne. Tief atmete er ein, sog die angenehme Wärme in die Stirnhöhlen.

    Rhinos Bewohner zogen derweil an ihrem Sheriff vorbei. Sie würdigten den gedankenversunkenen Gesetzeshüter mit einem diskreten Nicken und gingen dem eigenen Tagwerk nach. Seit dem Ablaufen der letzten Stunde hatte Rhinos Stadtbild sichtbar andere Farben angenommen. Der Trubel hatte abgenommen. Das Frohlocken der Kinder war zu einem Flüstern im Wind geworden. Die meisten Männer gingen um diese Tageszeit ihrem Broterwerb nach. Sie arbeiteten in einem Geschäft, standen auf dem Feld, gruben in den Kalkminen südlich der Stadt oder waren Teil einer Karawane. Bis auf wenige Ausnahmen waren nur die Frauen, die Alten und die Kranken zurückgeblieben. Fast schon durfte man straffrei behaupten: Rhino war zur Ruhe gekommen. Es gab nur noch einen Ort in der Stadt, der den Ärger quasi magnetisch anzog - selbst zu dieser Uhrzeit. Und dieser Ort stand ganz weit oben auf Lucarios Liste.

    Wann immer ein fremdes Gesicht einen Saloon betrat, schien die Zeit den Atem anzuhalten. Für wie lange, das entschied der Argwohn in den Blicken der anderen Gäste. Auch der Fröhliche Fuchs bildete keine Ausnahme. Doch zu dieser Tageszeit währte die Ruhezeit nur kurz. Die zweiflügelige Schwingtür wippte noch ganz sacht, als der Odem der Zeit allen Anwesenden wieder das Leben einhauchte. Die meisten Tische waren verwaist. Von einem warf ein verhutzelter Gast dem Neuankömmling ein zahnloses Grinsen zu. In der Nähe der Treppe, die ins offene Obergeschoss zu den in einer Reihe angeordneten Quartieren führte, saßen drei weitere Kneipenbesucher. Schatten, schwarz wie die Nacht, waren bei der Ankunft des Sheriffs über ihre Gesichter gehuscht. Jetzt lagen sie im Deckmantel zusammengesteckter Köpfe versteckt und flüsterten leise. Die letzte Person im sonst leer gefegten Saloon stand hinter der Theke - Rutena, die Barbesitzerin, wie Lucario nach dem Gespräch mit dem Bürgermeister vermutete.

    »Wenn das mal nicht der neue Sheriff ist. Ich habe dich schon viel früher erwartet.

    Rutenas zartes Lächeln und ihr Augenzwinkern waren wie zwei zum Willkommensgruß ausgestreckte Arme, in die Lucario geradewegs hineingestolpert war. Mäßig verunsichert lehnte er an der Theke, ihren Blick mit fragendem Gesichtsausdruck erwidernd.

    »Erwartet?«

    »Sicher. Jeder Neuankömmling verirrt sich früher oder später in meine Bar - meistens früher.« Wieder zwinkerte sie. »Also, was darf ich dir bringen, Sugar?«

    »Dafür bin ich nicht hier. Ich …«

    »Schnickschnack!« Rutena griff unter den Tisch. Wenig später wirbelte ein Mahlstrom aus orangenen und braunen Farbtönen in einem Glas umher. Als der letzte Tropfen vom Flaschenhals getropft war, stellte Rutena das Getränk auf den Tresen. »Bitte, geht auch aufs Haus. Und was noch viel wichtiger ist: ist mit Liebe eingeschenkt.« Zum dritten Mal in Folge zwinkerte sie.

    Aus der Distanz betrachtete Lucario das Glas vor ihm. Eine Sehnsucht machende Wärme ging davon aus. Der milde Geruch war wie ein Sonnenaufgang am unerreichbaren Horizont.

    »Er ist nicht vergiftet. Tote Kunden sind schlecht fürs Geschäft«, gluckste Rutena.

    Lucario nippte an seinem Getränk. Ein molliges Gefühl nahm seinen Geschmackssinn herzhaft in Empfang und betäubte alle seine weiteren Sinne. Ein Vanillearoma streichelte ihm über die Zunge und neckte seinen Gaumen, wo es eine entfernte Ahnung von Kokosnuss entfaltete. Der Abgang war rauchig; Holzkohle, die in seiner Kehle zu neuer Glut entfachte und noch einige Zeit in der Speiseröhre verharrte. Als er die weltvergessenen Augen öffnete und das nur noch halb volle Glas vor ihm abstellte, war es ihm, als sei er aus einem langen Koma erwacht. Er nickte Rutena anerkennend zu. Diese erwiderte mit einem Lächeln.

    »Das nehme ich dann mal als Kompliment.«

    »Eigentlich bin ich wegen Z hier«, sagte Lucario.

    »Z?«

    Rutena neigte ihren Kopf etwas zur Seite, wo ein leerer Tisch einsam und verlassen den kommenden Abend herbeisehnte. Offenbar war dies der Stammplatz des Glücksspielers.

    »Tut mir leid, Sugar, aber Z ist ein Langschläfer. Den wirst du vormittags hier nicht antreffen. Hat er was ausgefressen?«

    »Langschläfer, hm?«

    »Wem muss ich den Arm brechen, um hier mal was Ordentliches zu trinken zu bekommen!?«

    Rechts hinter Lucarios Rücken war an dem Tisch mit dem Dreiergespann eine Stimme explodiert. Eine weitere Entladung bahnte sich an der Theke an.

    »Wenn du was zu saufen willst, Tyracroc, dann komm nach vorn an die Theke und hol’s dir!«

    Hinter Tyracrocs windschiefem Lächeln lag ein Zähnefletschen.

    »Ich fände es aber viel schöner, wenn du vorbeikommst und mir was bringst.« Seine Augen kullerten feindselig in den Höhlen, als er das leere Glas auf den Tisch knallte. »Vollmachen!«

    Lucario konnte nicht anders, als der Barbesitzerin, die jetzt hinter der Theke hervorkam, in einem schrägen Winkel nachzusehen. Rutenas schlanke, anthrazitgrauen Beine gehörten zu der Sorte, die niemals aufzuhören schienen. Hinter ihrer Schürze bot sie ihren buschigen Schwanz feil - eine Kaskade endloser Begierde, ungestümer Leidenschaft und unbezwingbarer Sehnsucht. Noch aus dieser Perspektive schien das fuchsige Rot in ihren Augen hell wie tausend Sonnenuntergänge zu brennen. Doch hinter dem Feuer ihrer lodernden Fassade schien noch etwas zu sein - etwas Verstecktes. Ein bitterkaltes Türschloss, das sich wie Ketten um ihr Herz schlang und für das der Schlüssel vor langer Zeit weggeworfen worden war.

    Während sich der Ärger an Tyracrocs Tisch in vollgefülltes Wohlgefallen verwandelte, leerte Lucario sein eigenes Glas mit einem letzten kraftvollen Zug. Er entbot der mit leidigem Gesichtsausdruck zurückgekehrten Gastwirtin einen stummen Abschiedsgruß und kehrte der Theke den Rücken zu.

    »Seht mal Jungs, der neue Sheriff verlässt uns schon. Scheint so, als würde ihm die Plörre hier auch nicht schmecken.«

    Lucario näherte sich den zu Grimassen verzogenen Gesichtern. Auf gleicher Höhe verlangsamte er kaum merklich seine Schritte. Er spürte Tyracrocs provozierenden Blick im Nacken.

    »Wir haben eine Wette am Laufen, Sheriff. Ursaring und Sengo hier glauben, dass Sie eine Woche durchhalten. Ich für meinen Teil halte dagegen. Bei mir sind es noch keine drei Tage. Enttäuschen Sie mich bloß nicht - ich hasse es, zu verl…«

    Noch in der Bewegung des letzten Schrittes wirbelte Lucario herum. Mit einem gewaltigen Ruck, dass man deutlich einen Knochen knacken hörte, packte er Tyracroc am Arm, riss ihn in die Höhe und verrenkte denselben Arm hinter dessen Rücken. Tyracrocs Schmerzensschrei wurde übertönt von dem auf den Boden krachenden Tisch und dem Klirren von Gläsern, als dessen Knie so geräuschvoll wie wuchtvoll gegen die Unterseite der Tischplatte geprallt waren. Seine beiden Kompagnons waren auf den Beinen und spielten zum gleichen Teil mit den Muskeln wie mit ihrer Hilflosigkeit.

    Lucario legte seine rechte Wange auf Tyracrocs linke und hauchte ihm feindselig ins Ohr: »Ich kann es überhaupt nicht leiden, bedroht zu werden.«

    Tyracrocs Kopf war zu einem siedenden Teekessel geworden, der sekundenschnell rot anlief. Aus seinem weit aufgerissenen Maul gurgelte es heißer.

    »Wie war das?« Lucario intensivierte die Kraft in seinem Haltegriff und riss den Arm einige Zentimeter nach oben. Tyracroc antwortete mit einem schrillen, fast schon klagenden Quieken. Noch einige Sekunden hielt er ihn im Schraubstock, dann lockerte er den Griff ein wenig.

    »Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt.«

    Lucario stieß seinen Gefangenen von sich weg, direkt in Ursarings Arme. Er kehrte ihnen den Rücken zu und marschierte langsam Richtung Ausgang.

    »Wir sind da etwas schwer von Begriff. Packt ihn!«, krächzte es heißer hinter ihm, gefolgt von mindestens zwei Paar schwere, sich schnell bewegende Füße.

    Ein zweites Mal wirbelte Lucario herum. Er stieß seine rechte zu Vogelklauen geformte Pfote wie einen Dolch nach vorne. Die Luft zitterte, schlug Wellen wie durch einen nach einem Steinwurf in Bewegung gesetztes Gewässer. Aus dem Epizentrum der Erschütterung wuchs ein dunkles Licht zu einer Sphäre heran, die noch im Flug rasant an Größe gewann. In dem Wimpernschlag der Zeit, als die mittlerweile zur Apfelsine angeschwollene Kugel aus purpurschwarzem Feuer Tyracrocs entblößte Brust traf, war er wie zur Salzsäule erstarrt. Die Wucht katapultierte ihn rücklings gegen die Theke, wo die dort deponierten Gläser und Flaschen die Tonleiter rauf und runter vibrierten. Sengo eilte zu seinem Kumpan, dem der Schaum aus dem Maul quoll. Ursaring machte derweil einen Schritt zurück.

    Als Lucario wortlos die Schwingtür nach draußen durchquerte, begleitete ihn verfluchende Drohungen; das, und das zahnlose Kichern des Alten, der da sagte: »Gut gemacht, Jungchen.«

  • 5. Prioritäten


    Noch am selben Morgen geriet Rhinos Haussegen durch einen Postkutschenüberfall in eine Zerreißprobe. Es war der dritte Angriff auf die Handelskarawanen in nur einer Woche, und der erste seit Lucarios Amtsantritt. Hauptleidtragender war das Bergdorf Brenin im Norden des Landes, für das Post und Güter vorgesehen waren. Und auch Rhino litt weiterhin durch seine Unzulänglichkeit, endlich Herr über die Lage zu werden. Niemand wirklich erwartete von dem neuen Sheriff, dass an dessen ersten Tag im Dienst die Überfälle wie durch ein Wunder aufhören würden; das heißt, fast niemand. Bürgermeister Kukmarda gehörte zu den Ersten vor Ort, als die ausgehöhlte Postkutsche nach Rhino zurückkehrte. Für den diensthabenden Sheriff, der nur Augenblicke später erschien, hatte der Mayor nichts als Bitterkeit in seinem Abschiedsgruß übrig. Lucario erhob gegen den Politiker keinen Vorwurf. Kukmarda hatte deutlich betont, was er von dem neuen Gesetzeshüter erwartete, nämlich, dass dieser alles in seiner Macht stehende zu tut, um Rhinos Wohlstand zu gewährleisten. Aus dieser Perspektive heraus gab es für Lucarios Versagen keine Entschuldigung.

    Der Glockenschlag um zwölf Uhr läutete eine neue Zeit der Veränderung in Rhino ein. Die Schule entließ die Kinder wieder in den Schoß ihrer Eltern. Oft empfing der Zuhause gebliebene Elternteil zur gleichen Zeit auch den Brötchenverdiener der Familie, der - mancherorts - zur Essenszeit zurückgekehrt war. Es gehörte auch zu keiner Seltenheit, dass Mutter und Kind die Mahlzeit raus auf die Arbeitsstelle brachten, und bei derselben Gelegenheit auch den aktuellen Tratsch aus der Stadt kundtaten. In Lucarios Fall klang der Glockenschlag wie ein sehnsüchtiger Ruf des Aufbruchs. Das klamme Gefühl in leerem Magen war ein unstillbarer Hunger nach Einsamkeit.

    Als Lucario in das Sheriff’s Office zurückkehrte, fand er die Räumlichkeiten genau so verwahrlost zurück, wie er sie erst gestern bei seiner Ankunft kennengelernt und heute Morgen zurückgelassen hatte. Sein Deputy mochte laut dem Postamtsleiter eine »brave Seele« sein, der Zuverlässigste war er jedoch nicht; auch brillierte er nicht gerade mit seiner Anwesenheit. Das Protokoll des jüngsten Überfalls landete im Aktenschrank. Viel Neues ergaben die Augenzeugenberichte nicht. Letztendlich bestätigten sie nur, was bereits allgemein bekannt war: Ein gut organisierter Überfall, acht bis zur Unkenntlichkeit maskierte Räuber, die Postkutsche ratzekahl leer gefegt.

    Die Vorräte im Lagerraum des Sheriff’s Office gaben noch genug für einen dünnen Eintopf aus Bohnen, Zwiebeln, etwas Gemüse und Speck her. Als kleines Trostpflaster fand Lucario eine ungeöffnete Flasche Rotwein. Mit einem guten Schuss löschte er die bratenden Bohnen ab, der überwiegende Rest landete in dem einzig halbwegs sauberen Becher, den er fand. Er bemühte sich erst gar nicht, einen Teller zu finden, sondern aß direkt aus der Pfanne. Beim zweiten Löffel öffnete sich die Tür. Grillchita kam herein. Er hatte die Nase im Wind wie flatternde Segel.

    »Bohnen mit Speck?«, war die Begrüßung des Neuankömmlings.

    Lucario brummte als Antwort, würdigte seinen nähertretenden Deputy aber keines Blickes.

    »Sie - Sie wollen doch nicht alles alleine essen … die ganze Pfanne?«

    Lucario hob den Kopf kaum merklich, öffnete dafür die Augen etwas mehr, dass er den Hilfssheriff aus niedrigem Winkel im Blick hatte, während er weiter schaufelte. Wieder brummte er, diesmal in verständlicher Sprache.

    »Doch.«

    »Das - das geht doch nicht …«

    »Wer arbeitet, der bekommt auch Bohnen - so einfach ist das.«

    Lucario nahm einen großzügigen Schluck aus dem Becher und schaufelte weiter. Er hatte nur noch Augen für die Pfanne vor ihm.

    »Heute Morgen wurde wieder eine Postkutsche überfallen, und hier drin sieht es immer noch aus wie in einem Drecksloch«, knurrte Lucario.

    Grillchitas Unterlippe bebte dramatisch. Hinter einem immer glasiger werden Blick unterdrückte er eine Träne.

    »Ach, ich weiß ja … Aber mein liebes Mütterchen ist ganz plötzlich krank geworden, und sie hat doch keinen anderen als mich …«

    »Mir würde jetzt der Kaffee hochkommen, wenn heute Morgen welcher da gewesen wäre.«

    »Ich kann alle Besorgungen erledigen, dauert nicht lange.«

    Mit selten zu beobachtendem Elan eilte Grillchita zur Bestandsaufnahme in den Abstellraum. Derweil lehnte sich Lucario zurück, einen dünnen Strich der Nachgiebigkeit auf den Lippen.

    »Genehmigt«, raunte er. »Gleichzeitig kannst du einen Termin mit dem Kramer vereinbaren. Ich möchte ein paar Takte mit ihm reden.«

    Das Gewühle und Scheppern nahm für den Augenblick ab. Grillchitas Kopf erschien mit fragendem Gesichtsausdruck an der Türschwelle.

    »Wegen den Siedlern?«

    »Wegen den Siedlern.«

    Lucario folgte dem Deputy mit den Augen, als dieser wenige Minuten später nach draußen verschwand. Der Inhalt in der Pfanne hatte sich mittlerweile in Luft aufgelöst, und auch Lucarios Laune besserte sich - zumindest etwas. Er ließ die letzte Bohne über die Zunge tanzen und legte die Beine hoch, so wie es Grillchita am gestrigen Tag getan hatte.

    Als der Hilfssheriff zurückkehrt und die Vorratskammer gefüllt war, war eine Stunde vergangen. Der Kramer hatte einem Treffen für den nächsten Morgen um 8 Uhr zugestimmt und damit indirekt Lucarios weitere Prioritäten dieses Tages neu geordnet.


    In der erdrückenden Mittagssonne gärte die Luft wie ein teuflicher Höllensud. Fast noch mehr als üblich litten die Sandkontinentler unter den Launen des Wendigos. Denn unter der erbarmungslosen Sonne war der Westwind zu einem heißen Föhn geworden, der an diesem Tag ein besonders perfides Vergnügen darin empfand, die ihm schutzlos Ausgelieferten von allen Himmelsrichtungen heraus mit heißen, peitschenden Böen zu geißeln. Ein Großteil von Rhinos braven Bürgern hatte daher längst Reißaus genommen und in den eigenen vier Wänden Schutz gesucht. So kühl und einladend ein schattiges Plätzchen aber auch wirkte, so gaukelte es meist nur die Illusion eines lindernden, kühlen Balsams vor. Den imposantesten Schatten warf das weiße Eichenholz des Rathauses, das in dem grellen Sonnenlicht wie eine Speckschwarte glänzte - oder als besonders großkotzigen Leuchtturm. So jedenfalls bewertete Lucario insgeheim den fernen Anblick auf das Gebäude. Passend dazu kräuselte sich das blaue Haar auf seiner Stirn zu einer tiefen Furche der Abneigung. Sein Deputy, dem dies nicht entging, gluckste.

    »Noch keine drei Tage in der Stadt und schon Ärger mit der Obrigkeit, hm?«

    Als Zeichen, dass er die Frage gehört hatte, grunzte Lucario kaum merklich auf, blieb eine weitere Antwort jedoch schuldig.

    »Das erinnert mich stark an Granbull - das war Ihr … Vor-Vor-Gänger.« Grillchita zählte nachdenklich mit einer Hand zwei Finger ab. Dann nickte er und begann zu schmunzeln. »Der lag auch andauernd mit dem Mayor im Klinsch. Vor allem wegen der Sauferei. Der konnte was wegkippen, können Sie mir glauben. Ging jeden Abend in den Saloon und als Letzter wieder raus. Trotzdem war er am Morgen danach so nüchtern wie ein Kaktus. Aber auch ungefähr genau so stachlig, und dann immer nur mit Vorsicht zu genießen. Einmal kam der Mayor unangemeldet zu Dienstbeginn vorbei - vor der ersten Tasse Kaffee.« Grillchita zwinkerte Lucario verschwörerisch zu. »Mein lieber Schwan, flogen da die Fetzen.«

    Weder teilte Lucario die Grimasse seines Deputys noch würdigte er ihn eines Kommentars. Vielmehr erinnerte er sich, dass er bei der Durchsicht der Unterlagen seiner Vorgänger Granbulls Aufzeichnungen nur wenig Beachtung geschenkt hatte. Was sein Hilfssheriff ihm gerade erzählt hatte, deckte sich im Großen und Ganzen mit dem, was Granbull zu Papier gebracht hatte. Tatsache war, dass sich die Mentalität des Ex-Sheriffs leicht auf einige gut eingeschenkte Gläser Feuerwasser zusammenfassen ließ.

    Gut einschenken, davon verstand man auch etwas im Fröhlichen Fuchs. Präsentierte sich Rhinos Saloon zur ersten Tageshälfte noch so anständig wie die Unschuld vom Lande, zeigte besagte Jungfrau mittlerweile die Ermüdungserscheinungen einer Schnapsdrossel mit noch nicht ganz auskuriertem abendlichen Kater. Etwas weniger als die Hälfte der Tische war besetzt. Dezente, aber trotzdem flotte Piano-Musik bildete eine klangvolle Einheit gleichermaßen mit Gelächter, Flüchen und belanglosem Geplauder. Und es wurde getrunken - getrunken und gespielt.

    »Da ist er, Sheriff. Dort am dr…«

    »Weiter gehen! Und Blick geradeaus!«, knurrte Lucario und gab seinem Deputy einen bestimmenden Klaps nach vorne.

    Nicht mehr ganz so groß war plötzlich das Interesse für das Full House auf der Hand, den Branntwein im Glas oder die übertriebene Räuberpistole. Die Geräuschkulisse verringerte sich schlagartig auf ein Minimum. Blicke wie stumpf gewordene Dolchen bohrten sich aus schiefen Winkeln in die Rücken des Zweiergespanns, während sich dieses der Bar näherte.

    »Willkommen zurück, Sugar. Ich hoffe, du lässt dieses Mal die Inneneinrichtung heil.«

    Wieder ertappte sich Lucario insgeheim dabei, offenherzig in ein paar weit ausgestreckte Arme gefallen zu sein - in Rutenas weit ausgestreckte Arme, die ihn zärtlich in Empfang nahmen. Ebenso liebevoll lächelte sie ihm zu. Es lag nichts Nachtragendes in ihren sanft rotglühenden Augen.

    Lucario nickte der Barkeeperin knapp zu.

    »Werde es versuchen.«

    Ringsherum verwandelte sich Argwohn allmählich in ein Flüstern. Flüstern zu einem schadenfrohen Gelächter über das eben ausgespielte Full House. Das Leben kehrte in den Saloon zurück.

    »Dasselbe wie immer, Grillchita?«, fragte Rutena lächelnd.

    »Immer! Aber gut eingeschenkt.«

    »Wir sind im Dienst«, schob sich Lucario mit einem tadelnden Knurren für seinen Deputy dazwischen.

    Die Spitzen von Rutenas Ohren sackten kaum wahrnehmbar herab.

    »Nicht einmal einen Kleinen? Nein?«

    Ein leeres Glas schabte über den Tresen, angestoßen von einem Saloonbesucher, der die ganze Zeit über schweigsam an der Bar gestanden hatte.

    »Mir kannst du noch einen machen«, sagte er.

    Lucario musterte den Gast rechts neben ihm kurz, während die Barkeeperin das Glas füllte. Hochgewachsen. Drahtig. Verschlossen. Und vor allem: still. So mochte er seine Nächsten am liebsten. Ihre Blicke trafen sich kurz. Schweigsam. Keiner blinzelte. Dann wechselte das Interesse des Fremden zu dem frisch aufgefüllten Glas vor ihm.

    »Hier, bitte.«

    »Danke.«

    Rutena wandte sich wieder den zwei Ordnungshütern zu.

    »Also, wenn ihr nichts trinken wollt, seid ihr wohl meinetwegen hier, hm? Aber ich muss euch enttäuschen: Auch mit Stern an der Brust gibt’s hier unter fünf Drinks nur die kalte Schulter von mir. Aber vielleicht mache ich für dich heute mal eine Ausnahme, weil du neu in der Stadt bist.«

    Grillchita neigte sich verschwörerisch in Lucarios Richtung und flüsterte ihm zu, dass dies ein erstaunlich gutes Angebot sei und er doch annehmen solle.

    Jetzt war es Lucario, der etwas näher rückte, aber an Rutena. Er machte eine kurze, aber vielsagende Kopfbewegung nach links in Richtung einer der Tische; dorthin, wo sein Deputy beim Betreten des Saloons ebenfalls hingedeutet hatte.

    »Ist einer von den Galgenvögeln dort drüben Z?«

    Rutenas Schultern und Lächeln erschlafften gleichzeitig. Sie nickte, eine theatralische Schnute ziehend.

    »Ich hätte dich eigentlich nicht für die Sorte Mann gehalten, Schnuckel.«

    »Wer von ihnen? Der in der Mitte? Der mit dem perfekten Pokerface?«

    »Und mit der seit zwei Stunden andauernden Siegessträhne, ja«, ergänzte Rutena, diesmal ernst.

    »Wer sind die anderen beiden? Kumpels von ihm?«

    »Den Linken kenne ich nicht - muss neu in der Stadt sein. Aber der andere, der so einen nervösen Eindruck macht, der heißt Pantimos. Die beiden spielen fast jeden Tag zusammen.«

    »Pantimos …?« Lucario überlegte laut. »Doch nicht der von den Fantastischen Traumwebern?«

    Rutena hob überrascht eine Augenbraue.

    »Doch, genau der. Für einen Provinz-Sheriff bist du über das Showbiz erstaunlich gut informiert. Oder versteckt da etwa unter dem blauen Pelz etwa ein Partylöwe? Rrrrawr!«

    Die Frage ignorierend, hakte Lucario weiter: »Was macht der hier?«

    Rutena antwortete schulterzuckend: »Seine Truppe sorgt zurzeit im Saloon für die Unterhaltung. Der Pianist da drüben gehört auch dazu. Allerdings kommen sie bei den Leutchen leider nicht ganz so gut an. Dafür konnte ich meiner üblichen Besetzung seit einem Jahr endlich zum ersten Mal Urlaub geben. Tja, schlechtes Kismet, würde ich sagen.«

    »Ich sehe es auch lieber, wenn hier drin die Puppen tanzen.«

    Rutena würdigte Grillchitas Kommentar mit einem eher kalten Lächeln.

    »Wenn du meinst, Schätzchen.«

    In Z lebte die Mär des klischeehaften Glücksspielers weiter: Während er die Karten vor sich hatte, war er ein verschlossener, in sich gekehrter Einzelgänger, der geduldig die Gelegenheit zum Zuschlagen abwartete. Und wenn der Zeitpunkt kam und er sein vernichtendes Blatt präsentierte, oder zwischen den Runden, da zeigte er den geschwätzigen Großkotz in ihm. Dann war er der unsympathische Glückspilz, der den ganzen Tag scheinbar nichts lieber tat, als den eigenen Schnurrbart zu zwirbeln. Sein Körperbau war, soweit die Tischplatte ihn nicht verdeckte, schlank, an den richtigen Stellen trotzdem maskulin. Aus dem gelben Fellkranz in Nackenhöhe wuchs ihm ein langer, zackiger Zopf, den er wie einen Schal lässig um den Hals gelegt hatte und ihm auf dem Rücken baumelte. Als er sein Blatt ausspielte und die Hoffnung in den Gesichtern seiner Mitspieler einstürzte wie ein Kartenhaus, streckte er seine schwarzen, krallenbewehrten Füße unter dem Tisch lang, bevor er sie entspannt übereinanderschlang. Noch während er großspurig verkündete, dass der Pott wieder an ihn ginge, pflügte er über den Tisch und säuberte diesen von jeglichen Spuren von Barem.

    Das also war Z.

  • 6. Poker mit Z


    »Ist hier noch frei?«

    Mit seinem Deputy war Lucario an den Tisch des Glücksspielers herangetreten. Z musterte den Sternträger von oben nach unten und wieder zurück, bevor er sich lächelnd mit seinen Krallen durch das sonnengelbe Kopfhaar bürstete.

    »Zwei Spiele Minimum«, flötete er.

    Lucario rückte einen Stuhl zurecht und nahm links neben Pantimos Platz, Grillchita den Stuhl daneben. Der letzte Spieler am Tisch, den, den Rutena hatte nicht identifizieren können, funkelte Z sardonisch von der Seite an.

    »Eigentlich wollte ich ja die Fliege machen, aber vielleicht zieht dir der Sheriff ja endlich dein räudiges Fell über die Ohren. Das will ich für kein Geld der Welt verpassen. Bin dabei.«

    Der dritte im Bunde, Pantimos, sagte hingegen nichts. Lucario bemerkte jedoch, dass sein Sitznachbar selbst für Sandkontinent-Verhältnisse extrem schwitzte. Eine denkbar schlechte Grundlage für ein Pokerspiel.

    »Ich bin so frei.«

    Kratzend schob sich ein weiterer Stuhl an den Tisch, auf dem der Gast von der Theke unaufgefordert Platz nahm. Lucario und Grillchita würdigten den Letzten im Bunde schweigsam. Nur Z lächelte.

    »Zwei Spiele Minimum.« Kurz kehrte Z in sich. Die blauen Augen, die wie erkaltete Saphire waren, blinzelten Lucario an. »Aber wo bleiben meine Manieren? Wo sich doch der Constable für ein wenig geselliges Zusammensein extra von seiner Arbeit losgerissen hat. Ich darf Sie doch so nennen, Constable?«

    »Nein«, antwortete Lucario knapp.

    Das Grinsen des Glücksspielers wuchs in die Breite.

    »Ich tu es trotzdem. Also, Constable«, fuhr er fort, »ich hörte, Sie sind neu in der Stadt. Wie Sie bestimmt wissen, gehört es zum guten Ton, sich erst einmal vorzustellen.«

    Auf Lucarios langanhaltendes Schweigen hin seufzte Z pathetisch auf.

    »Nun, ich will mal nicht so sein. Damit hier nicht jedweder Anstand baden geht: Z, die Flinke Pfote, Zeraora. Hoch erfreut, Sie kennenzulernen.«

    Wieder reagierte Lucario nicht. Kein Wimpernschlag, kein Wangenzucken, kein Lippenkräuseln; selbst dann nicht, als ihm der Glücksspieler zur Begrüßung ein Händeschütteln anbot. Stellvertretend übernahm Grillchita das Sprechen.

    »Flinke Pfote, eh? Woher der schicke Anhang?«

    Z schmunzelte süffisant, während er den Kartenstapel aufhob und mit dem Mischen begann.

    »Manche nennen mich so; sagen mir nach, ich hätte ein ›gewisses Gespür‹ für Karten.«

    Die Art und Weise, wie Z mischte, erinnerte an Boden- und Luftakrobatik. In seinen geschickten, flinken Pratzen waren es keine einfachen Karten mehr, sondern ein rasselnder Wolkenbruch, der in Form von zwei Kartenstapeln zwischen den Krallen des Glücksspielers ineinander verkeilt auf den Tisch prasselte und dann wieder wie eine Fontäne nach oben zurückkehrte. Aus einem 90-Grad-Winkel schossen die Karten nicht weniger als zwanzig Zentimeter zielgerecht von einer in die andere Tatze. Von dort aus breitete er in einer weiteren schnellen Bewegung Karte für Karte längs über den Tisch aus, bis sie eine 52-stufige Treppe bildeten, bevor er sie abermals mit einer einzigen rasanten Krallen-Hebelbewegung allesamt auf den Rücken flippte.

    Weitere nicht weniger eindrucksvolle Kartentricks folgten, bis Lucario schließlich knurrte: »Einige haben sich schon totgemischt.«

    Z hatte es nicht eilig, als er den Kartenstapel schließlich und endlich lächelnd in der Mitte ablegte und wie ein Kunstwerk vor den Augen seiner Mitspieler präsentierte. Er gestikulierte Lucario mit einer geschmeidigen Pfotenbewegung über den Stapel zu.

    »Erweisen Sie uns die Ehre, Constable, und heben ab?«

    Noch heute zählt auf dem Sandkontinent das Abheben des Kartenstapels als offenkundiger Misstrauensbeweis gegen den Kartengeber. Üblicherweise greift der Spieler rechts neben dem Geber wahllos einen Stapel Karten von oben herunter und verstaut diesen an das Ende des Decks. In diesem außergewöhnlichen Fall übersprang Z seinen Nachbarn (Pantimos) und offerierte stattdessen Lucario die Gelegenheit. Der Sheriff folgte der Einladung - das Spiel konnte beginnen.

    Das sogenannte Draw Poker gehörte zu damaliger Zeit zu dem Klassiker der Kartenspiele in Saloons wie dem Fröhlichen Fuchs. Bei dieser Variante erhalten alle Mitspieler aus einem Stapel von insgesamt 52 Karten mit den Kategorien Herz, Karo, Pik und Kreuz und der Rangstufe Zwei als Niedrigste und Ass als Höchste ein Blatt von fünf. Während des Spiels, nachdem jeder den Mindesteinsatz oder höher gemacht hat, können die Teilnehmer der Partie einmalig unerwünschte Karten aus ihrem Blatt abwerfen und ihre Hand mit der gleichen Anzahl auffrischen. Danach folgen weitere Einsätze in den Pott. Gegebenenfalls steht es einem auch frei, zu passen und aus der Runde auszusteigen, um Verluste zu reduzieren. Ziel des Spiels ist es, eine Kartenkombination zu schaffen, die höher ausfällt als die der anderen Mitspieler, oder aber durch bluffen den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Zu den niedrigen Kombinationen zählt das einfache Paar (zwei Karten derselben Rangstufe wie zwei Achter), zwei Paare (zwei mal zwei Karten derselben Rangstufe) und der Drilling (drei Karten derselben Rangstufe). Ein Straight (Straße), bei der die fünf Karten in der Hand eine aufsteigende, unabhängige Farbreihenfolge bilden (zum Beispiel Drei und Vier der Kategorie Karo, sowie Fünf, Sechs, Sieben der Kategorie Pik), schlagen den Drilling. In der Rangordnung folgen Flush (fünf Karten derselben Art wie zum Beispiel Zwei, Vier, Neun, Bube, Dame alle von der Kategorie Herz). Dann das Full House (ein Paar und ein Drilling). Der Vierling (vier Karten derselben Rangstufe). Und danach das Straight Flush (wie eine Straße nur mit derselben Art wie zum Beispiel Karo Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht). Und zu guter Letzt gibt es noch das Königsblatt: das Royal Flush - ein Straight Flush, das mit einem Ass endet. Sind zwei oder mehrere Spieler in Besitz einer gleichwertigen Kombination, gewinnt das Blatt mit der jeweils höchsten Karte. In dem unerwarteten Fall, dass zwei Teilnehmer ein Royal Flush halten, wird der Pott geteilt.

    Masken der Unterdrückung knechteten die Gesichter der Spieler, als die ersten Karten ausgeteilt wurden. Selbst die Persönlichkeit der Flinken Pfote vollzog einen radikalen Wandel, als dessen Mine hinter dem Kartenblatt verschwand. Gespräche oder gar Nettigkeiten hatten hier keinen Platz mehr. Denn schon das kleinste verräterische Zucken konnte den Sieg und damit den Pott kosten. Oder noch schlimmer: den Ruf eines berühmt-berüchtigten Glücksspielers, zu denen Z zählte.

    Lucario schob die eng aneinanderliegenden Karten seines Blatts behutsam ein wenig nach außen, so dass er gerade die Symbole auf dem oberen rechten Rand erkennen konnte. Sein Blatt - bestehend aus zwei Paaren - war schwarz wie die Nacht: eine Pik-Acht, ein Pik-Ass, ein Kreuz-Ass, eine Pik-Dame und eine Kreuz-Acht. Kaum vernehmbar stöhnte Pantimos am Tisch auf. Die Augen seiner Mitspieler huschten für einen Wimpernschlag der Zeit über das Blatt in den Händen, bevor sie wieder darunter verschwanden. Mit seinem verbalen Ausrutscher war Pantimos’ Todesurteil gefällt.

    Z warf den Mindesteinsatz von fünf Dollar in die Mitte. Sein Sitznachbar, Pantimos, zögerte kurz, hielt dann den Einsatz von fünf Scheinen. Lucario tat ihm gleich, so auch Grillchita.

    »Sagen wir zehn.«

    Grillchitas Sitznachbar, der von der Theke zum Spiel herübergekommen war, erhöhte den Einsatz. Wer im Spiel bleiben wollte, musste diesen ebenfalls leisten.

    »Die zehn und noch einmal fünf.«

    Z erhöhte noch weiter.

    Dollar-Noten fiel wie Laub zur Herbstzeit in die Mitte des Tisches. Nur Pantimos zögerte ein weiteres Mal, die linke Gesichtshälfte krampfhaft hinter seiner linken Hand verborgen. Am Ende leistete auch er den Tribut.

    Mit dem Beginn der zweiten Runde durften alle Teilnehmer ihr Blatt einmalig verbessern. Regional differenzierte man, wie viele Karten maximal nachgezogen werden durften. In der klassischen Version, wie sie dieser Zeit auch in Rhino gespielt wurde, beträgt die höchste Zahl an neuen Karten drei. Pantimos machte von dieser Regel in vollem Umfang gebrauch. Der Leerraum zwischen seinen Fingern wuchs etwas in die Breite, als die Augen des Unterhaltungskünstlers über das neue Blatt wanderten. Derweil ersetzte Lucario die Dame und somit die einzige Karte, die zu keiner Kartenkombination passte, und erhielt stattdessen ein weiteres Ass. Er besaß nun ein starkes Full House.

    Grillchita bekam zwei neue Karten, der Gast von der Theke eine und der daneben, mit dem Z bereits eine Weile gespielt hatte, zwei. Z warf drei Karten ab und ersetzte diese.

    Von den Nachbartischen, von wo aus andere Gäste mit in die Länge ausgestreckten Hälsen die Partie beobachteten, löste sich ein Raunen wie das Summen eines näher kommenden Bienenschwarms. Z hatte in der ersten Runde den höchstens Einsatz gebracht, doch nun drei Karten abgeworfen. Ein ungewöhnlicher Spielzug. Lucario bemerkte, wie Grillchita ihn von der Seite beäugte, als hoffte er, Anweisungen zu erhalten.

    Z verzichtete darauf, den Einsatz zu erhöhen. Pantimos füllte den Pott um fünf weitere Dollar auf. Lucario erhöhte auf zehn.

    »Passe.«

    Grillchita legte die Karten verdeckt auf den Tisch, schob sie etwas nach vorne und lehnte sich zurück. Er hatte das Handtuch geworfen.

    Sein Nachbar brachte den Mindesteinsatz, so auch der Nächste in der Runde.

    »20«, sagte Z.

    Der Bienenschwarm im Saloon war schlagartig um das Dreifache gewachsen. Er war erregt. Aufgebracht. Wütend. Das Piano spielte ungleichmäßig, Gläser blieben unausgetrunken an den Lippen der Gäste kleben, während diese die Partie verfolgten. Selbst Rutena schien das eben gespülte Glas nur noch in Zeitlupe abzutrocknen. Zum ersten Mal konnte Lucario nachempfinden, warum Pantimos mit der Entscheidung haderte. Der Einsatz war gewaltig. Und das Spiel undurchschaubar wie die schwärzeste Nacht.

    »Ich bin raus.«

    Pantimos quittierte seine Kapitulation, indem er es Grillchita gleichtat und die Waffen streckte. Nun nahmen nur noch vier Spieler an der Partie teil.

    Lucario leistete den Tribut von 20.

    »20 und noch einmal fünf.«

    Eine Lache bernsteinfarbener Flüssigkeit verteilte sich langsam über einen der Nachbartische, als dort einem Saloonbesucher das Glas aus der Hand rutschte. Doch kaum einer nahm wirklich davon Präsenz. Der Pokertisch war zum Zentrum des Saloons geworden. Dort tauschten zum ersten Mal zwei Spieler der Partie zeitgleich Blicke aus. Es waren der Gast von der Theke, der soeben Z überboten hatte, und die Flinke Pfote höchstpersönlich. Die Ketten der Unterdrückung, die das Pokerface beider Spieler zusammenhielten, rasselten erschöpft. Die Gedanken der Kontrahenten schienen ineinander verkeilt zu sein, als ob sie sich in einem mentalen Armdrücken befanden. Doch dann, ganz plötzlich, schmunzelte Z den Höchstbietenden offenkundig an. Es war nicht das Schmunzeln eines Spielers, dessen Kartenhaus gerade eben unter dem Druck der Partie zusammengebrochen war. Nein. Es war eine Geste des Spotts. Z warf weitere fünf Dollar in den Ring.

    Ein verzweifelter Bluff? Ein todsicheres Blatt? Lucarios ganz eigene Gedanken wirbelten in einem wilden Mahlstrom, der im Abfluss der Zeit langsam versiegte. Er musste eine Entscheidung fällen. Jetzt.

    Der pulsierende Druck seiner Schläfe nahm schlagartig ab, als Lucario auf das Angebot einging und fünf Scheine in den Ring warf.

    »Was soll’s …«, raunte auch schließlich der Letzte in der Runde, zahlte mürrisch den Tribut von dem zusammengeschrumpften Geldhaufen vor ihm. Jetzt war er es, der den Höchstbietenden herausfordernd ansah. Jetzt hieß es: Karten auf den Tisch.

    Im selben Moment, als der Gast von der Theke sein Blatt ausbreitete, erhob er sich und kehrte dem Tisch den Rücken zu. Gäste, die ihre Hälse bis zum Zerreisen lang streckten, um einen Blick auf die Karten zu erhaschen, plusterten ihre Backen auf, atmeten erschöpft aus und zollten mit einem anerkennenden Raunen ihren Tribut. Er hatte eine Karo-Sieben, eine Karo-Acht, eine Karo-Neun, eine Karo-Zehn und eine Kreuz-Fünf - und somit die ganze Zeit geblufft. Denn zu einem Straight Flush, was kaum zu überbieten gewesen wäre, hätte ihm noch ein Karo-Bube gefehlt.

    Nur noch Lucario, Z und der unbekannte Spieler waren übrig. Letzterer schmunzelte nun selbst, als er die Karten herausfordernd auf den Tisch legte. Zwei Damen und drei Fünfen: ein Full House. Er fokussierte Z, doch der starrte nur ausdruckslos auf den Tisch.

    Jetzt breitete Lucario sein eigenes Full House aus, gefolgt von einem wütenden Faustschlag auf den Tisch des eben Überbotenen. Unter der Wucht, wie er sich auf der Tischplatte abstützte, um sich zu erheben, zitterten die Geldscheine des Potts. Doch dann erschlaffte seine Bewegung plötzlich. Sanft glitt er wieder auf den Stuhl zurück. Seine wie auch alle anderen Augenpaare waren auf Z gerichtet, der seit dem Ende der Partie noch nicht einmal eine Wimper gezuckt hatte, geschweige denn, die Karten abgelegt hatte.

    Nach schier unendlicher Zurückhaltung beugte sich Lucario nach vorne, um den Pott einzusacken, wobei er die ganze Zeit über Z fokussierte. Schon fast berührte er das Geldbündel in der Mitte, als Z mahnend eine Tatze hochschnellte. In subtiler Scheinheiligkeit breitete der Glücksspieler sein Blatt aus.

    »Es dauert eben seine Zeit, Zucker über die Keule zu streuen. Umso süßer schmeckt dann auch der Sieg.«

    Die vier Buben, die vor ihm auf dem Tisch lagen, strahlten Erhabenheit aus. Im schrillen Kontrast stand der Besitzer der Karten, dessen Scheinheiligkeit sich mittlerweile in Genugtuung aufgelöst hatte.


    Ein Widerhall von Spott, Freude und Empathie, gleichermaßen für Gewinner und Verlierer, umgab selbst das Äußere des Saloons. Das schiefe Quietschen der zweiflügligen Schwingtür noch in ihren Rücken, standen Sheriff und Hilfssheriff auf der Terrasse vor dem Saloon.

    Grillchita schaute Lucario zum gleichen Teil ratlos wie provozierend an.

    »Soll es das gewesen sein? Kein Gefilze? Keine Fragen gestellt?«

    Lucario antwortete nicht gleich. Ihm trat die Flüssigkeit in die Augen, als er nachdenklich in die Sonne schaute.

    »Das war nicht nötig - jedenfalls nicht heute. Z ist unser Mann - ganz sicher.«

  • 7. Das Dilemma des Kramers


    Das Ende des Tages brachte Rhino nicht nur den lang erwarteten Regen, sondern auch das erste Unwetter seit vier Monaten. Die Stadt war zu einer Ansammlung von kleinen Leuchttürmen geworden, die gegen aufgequollene Gewitterwolken in einer pechschwarzen Nacht ankämpften. Mit eisigem Griff rüttelte der Wendigo an den gusseisernen Fenstergittern und verlangte erbittert Einlass. Auf seinen Lidschlag hin durchschlugen Blitze die Wolkendecke, gefolgt von einem tiefen Donnergrollen der Wut. Auch dem Sheriff’s Office stattete der Westwind einen nicht minder unfreundlichen Besuch ab. Und auch dort stieß er zur großen Verärgerung nur auf taube Ohren.

    Das gedämpfte Licht zweier müde flackernden Kerzen erhellte die Dienststube des Sheriffs. Der Kerzenschein war spärlich; gerade noch hell genug, um die vor Wut vergossenen Tränen des Wendigos an der Fensterscheibe zu offenbaren. Ein Blitz zuckte am Horizont. Erst grollte es leise. Das Intermezzo aus dumpfen Himmelspauken steigerte sich in ein wildes Stakkato rollenden Donners hinein, dass so schnell wieder von der Nacht verschluckt wurde, wie es gekommen war.

    Im trauten Zusammenspiel von Hell und Dunkel tanzten Schatten über Lucarios in stiller Nachdenklichkeit versunkenes Gesicht. Vor ihm ausgebreitet lagen die von ihm in den letzten Stunden zusammengetragenen Bruchstücke eines großen Puzzles: Protokolle seiner Vorgänger, Zeitungsartikel, Zeugenaussagen sowie Notizen zu den selbst gemachten Beobachtungen und Erfahrungen der letzten beiden Tage. Zum gefühlten hundertsten Mal hob Lucario einen Bericht seines Vor-Vor-Vorgängers, Knarksel, auf und betrachtete ihn nachdenklich.


    »… bestätigt sich die Aussage des Mayors, dass Postkutschen ein beliebtes Angriffsziel sind. Heute traf es den Transport von Rhino nach Toronga. Ist nicht viel übriggeblieben. Das Päckchen an meine Ma hat es auch erwischt. Bastarde! Erst gestern hat Z eine Anspielung gemacht, dass das passieren könnte. Ich werde beim nächsten Pokerspiel mal ein paar Takte mit ihm wegen seiner hellseherischen Kräften wechseln und ihn am besten gleich einbuchten. Ich will mein Geld zurück!«


    Ob es hierzu kam, konnte Lucario nicht sagen, denn dies war der letzte von Knarksels Einträgen. Er legte ihn beiseite, so, wie er es am selben Abend schon zum wiederholten Male getan hatte.

    Auch einen der letzten Berichte von Maxax, der nicht nur das Amt des Sheriffs am längsten bekleidet hatte, sondern der auch Zeuge der ersten Überfälle wurde, hatte sich Lucario unendliche Male angeschaut. Obwohl Maxax darin kein Wort über irgendwelchen Postraub verlor und Lucario deshalb beinahe den Bericht aussortiert hatte, zählte diese Notiz zu den wichtigsten.


    »… Vorbereitungen für die Jahresfeier laufen auf Hochtouren. Kukmarda putzt sich jetzt schon raus - was für ein Lackaffe! Wie jedes Jahr wird der Andrang aus der Umgebung bestimmt groß ausfallen. Leider zieht das auch immer wieder die Ratten aus ihren Löchern. Dieser Glücksspieler, der seit Kurzem in der Stadt ist und die ganze Zeit im Saloon rumhängt, ist mir reichlich suspekt. Mit der nächsten Postkutsche nach Ramal werde ich die neusten Steckbriefe anfordern. Vielleicht ist er ja dabei, dieser ›Z‹.«


    Maxax’ beißender Kommentar hinsichtlich des affektierten Bürgermeisters machte den für Lucario fremden Sheriff gleich sympathisch. Doch das war nicht der Grund, warum Lucario diesen Bericht als besonders wichtig erachtete. Denn der nächste Protokollbericht zeichnete den ersten von vielen weiteren Überfällen auf - kurz nachdem Z das erste Mal in Rhino gesichtet worden war. Und wenig später verschwand plötzlich der amtierende Sheriff von der Bildfläche. Ein Zufall?

    Nachdem er sich durch alle Berichte gewühlt hatte, hatte Lucario eine umfangreiche Liste des Falls erstellt inklusive aller ihm bekannten Personen in der Stadt. Angefangen bei ihm und seinem Deputy, über die Schläger in der Kneipe, Bürgermeister, Poststellenbetreiter, die Barkeeperin, die Pokergemeinschaft, bis zu Z hin. Und wohin Lucario auch schaute und welche anderen Möglichkeiten er auch in Erwägung zog: Nach den ihm aktuell vorliegenden Unterlagen führte kein Weg an Z vorbei. Die lausigen Notizen und sein Instinkt rechtfertigten jedoch längst keine Verhaftung. Und selbst dann konnte er sich nicht absolut sicher sein, dass dann auch wirklich die Überfälle aufhörten. Lucario brauchte mehr. Mehr Informationen. Mehr Beweise. Das Motiv. Ging es einfach nur um Geld? Wahrscheinlich. Aber wie ausgeprägt war Zs Rolle in dem Fall tatsächlich? War er der Kopf einer Bande? Mitglied? Kumpane? Helfershelfer? Kontakt-, Hinter- oder Mittelsmann? Oder einfach nur ein Eingeweihter? Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Und dann war dieser Unterhaltungskünstler: Pantimos. Wie passte er in das Gesamtbild? Und was war mit den Aussiedlern? Steckten sie alle unter einer Decke, so wie der Mayor befürchtete?

    Lucario kratzte sich nachdenklich am Kinn, bevor er sich müde zurücklehnte. Die Anspannung im Gesicht löste sich langsam auf, als sein Blick zum Fenster schweifte, wo er den tränenreichen Abschied des sterbenden Tages entgegensah. Morgen war auch noch ein Tag.


    Auf Rhinos kälteste Nacht seit Monaten folgte ein für Sandkontinent-Verhältnisse ebenso kühler Morgen. Nach einer kräftigen Abkühlung pflegte man in Rhino stets einer Redewendung aus Urgroßmutters Zeiten nachzugehen: »Putze nach dem Regen stets deine Fenster!« Auch dann, wenn der Lebensweg fort von Rhino führte, war man stolz darauf, mit dem Ausleben dieser Philosophie immer ein Stückchen Heimat bei sich zu haben. »Das ist Tradition in Rhino!«, sagte man dann, oder »So macht man das bei uns!« und kam damit schnell mit Außenstehenden ins Gespräch. Bis ganz plötzlich aus Stolz Scham wurde; an jenem schicksalhaften Tag, als ein Possenreißer im Fröhlichen Fuchs darüber ulkte, dass man darum keine Meter durch ein Fenster im Ort blicken könne, da es in Rhino so selten regne. Im Anschluss wurde der Komiker aus Saloon und Stadt gejagt und wurde seitdem nicht mehr wieder gesehen.

    An diesem Morgen sah Lucario insbesondere Rhinos älteste Bürger mit ungebrochener Leidenschaft die Fensterscheiben wienern. Sie wie auch die meisten Stadtbewohner hatten sich mittlerweile einigermaßen an ihn, ihren neuen wortkargen Sheriff, gewöhnt. Zwar blieb es Lucario auch an diesem Tag nicht erspart, dass Passanten ihm Schulterblicke zuwarfen, hinterrücks die Köpfe zusammenstecken und zu tuscheln begannen. Doch wünschten auch genau so viele dem Gesetzeshüter auf dem Weg zum örtlichen Kramer einen guten Morgen.

    Was ein Saloon für die Herrenwelt war, das verkörperte der Gemischtwarenhandel Frühlingsbrise für das andere Geschlecht. In dem Laden mit dem obligatorischen Türglöckchen, geräumigen Eingangsbereich und Regalen voller Lebensmittel und Haushaltsbedarf kamen Rhinos Frauen für den täglichen Klatsch und Tratsch zusammen - ganz zufällig oder auch nicht. Und wenn der modernen Hausfrau und Mutter, der alleinstehenden Witwe oder der First Lady gerade mal nicht zum Schwadronieren, Schäkern oder Lästern zumute war, dann manchmal sogar zum Einkaufen. Die Stoßzeit solcher Treffen lautete meist morgens, dann, wenn man den Nachwuchs in die Schule brachte oder auf dem Nachhauseweg war, aber auch der frühe Nachmittag - grundsätzlich also immer dann, wenn kein Mannsbild in der Nähe war. Eine Ausnahme bildete natürlich der Ladenbesitzer, dessen Anwesenheit man gerne duldete. Denn offerierte dieser als echter Gentleman der geselligen Runde gerne Tee und Gebäck.

    Eine dieser zwanglosen Frauenrunden war gerade im Begriff, erst richtig Form anzunehmen, als Lucario den Laden betrat. Plötzlich hatte man es sehr eilig, den Laden zu verlassen, und war um eine Ausrede nicht verlegen. Da mussten noch Fenster geputzt, das Mittagessen vorbereitet oder den Sohnemann vor dem ersten Glockenschlag zur Schule gebracht werden. Eine Kundin nach der anderen schob sich in fast peinlicher Distanz an Lucario vorbei, während dieser sich dem Tresen näherte.

    »Sheriff, ich bin froh, dass Sie sich Zeit für mich nehmen konnten.«

    »Ganz meinerseits«, entgegnete Lucario den Gruß und das Händeschütteln des breit lächelnden Ladeninhabers.

    Der Kaufmann verneigte sich respektvoll vor dem Gesetzeshüter, wobei die beiden zackigen Kämme, die seine Ohren waren, fast die Oberfläche der Verkaufstheke berührten.

    »Kecleon, mein Herr. Zu Ihren Diensten. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich bin für Ihre Hilfe äußerst dankbar.«

    Wieder verbeugte er sich. Derweil ließ Lucario den Blick über das Warenangebot rund um den Verkaufsbereich schweifen. Nach einem nur kurzen Ausflug in die Welt der Einmachmarmelade kehrte er wieder zu dem Mann vor ihm zurück.

    »Ich bin ehrlich gesagt weniger dankbar als überrascht, dass Sie sich ausgerechnet zu dieser Tageszeit mit mir treffen wollen«, entgegnete Lucario. »Ich nehme an, die meiste Kundschaft erwarten Sie um diese Uhrzeit?«

    Aus Kecleons peinlich berührtem Gesicht schälte sich ein mühsames Lächeln.

    »Wichtige Geschäfte dulden keinen Aufschub. Was sind schon ein paar Kunden, die ich wegschicken muss im Vergleich zum Bettelstab. - Meine Dame, haben Sie etwas vergessen?«

    Abseits von Lucario und Kecleon hielten sich noch zwei weitere Personen im Laden auf: eine Mutter und deren Sohn. Beide gehörten zu der Damenrunde, die sich bei Ankunft des Sheriffs aufgelöst hatte. Doch hatte die korpulente Frau Mühe, ihren Sohn zum Verlassen des Ladens zu bewegen. Denn wann immer sie mit dem Knaben im Schlepptau einen Schritt zur Ladentür zurücklegen konnte, blieb ihr Nachwuchs wie angewurzelt wieder stehen, dabei den Blick resolut Richtung Ladentheke gerichtet. In der vergangenen Minute hatte die Stadtbewohnerin ihr Dilemma so klammheimlich wie nur irgendwie möglich ertragen. Doch nun, wo das Interesse beider Herren auf den vor Peinlichkeit und Erschöpfung geröteten Wangen ruhte, sparte sie nicht mehr an Flüchen.

    Kecleon lächelte Lucario verlegen an, als endlich das Glöckchen läutete und beide Kunden den Laden verließen, wobei selbst dann noch die schimpfende Frau zu hören war.

    »Äh, möchten Sie etwas trinken? Ich hätte da etwas ganz Besonderes - nur für ganz spezielle Anlässe. Einen solchen Jahrgang finden Sie in keinem Saloon auf dem ganzen Kontinent, können Sie mir gerne glauben.«

    Der Kaufmann begann bereits, unter seiner Theke zu kramen, als Lucario das Angebot ablehnte.

    »Deshalb bin ich nicht hier.«

    Das Knistern von Papier erstarb, so wie der Kopf des Kramers unter der Theke wieder hervorkam. Im Gegensatz zu dem Bürgermeister und dem Poststellenbetreiber, die Lucario ebenfalls ein Glas Extravagantes angeboten hatten und denen man zumindest einen Hauch von Enttäuschung über das Gesicht hatte rennen sehen, huschte Kecleon sogar eine Spur Erleichterung über die breiten Lippen.

    »Sie gehören zu den Läden, die den Aussiedlern Hausverbot erteilt haben«, lenkte Lucario das Gespräch in die gewünschte Richtung.

    Kecleon nickte.

    »Eine traurige Konsequenz, ja. Fruchtbare Handelsbeziehungen aufzugeben, gehört nicht zum täglichen Brot eines Kaufmanns, wie Sie sich bestimmt vorstellen können. Aber es musste sein.«

    »Warum?«

    »Wenn die Aussiedler wiederholt meine Bestände aufkaufen, kommen meine anderen Kunden zu kurz. Es ist für ein Gewerbe nicht gerade dienlich, seine treusten und besten Klientel abzuweisen. - Auch der Bürgermeister sieht das ähnlich. Also habe ich angefangen, die Verkäufe an Auswärtige einzuschränken. Und da wurden sie frech, haben mir sogar gedroht. Können Sie sich das vorstellen, Sheriff? Die haben mir gedroht! Widerliches Pack! Man sollte sie teeren und mit den eigenen Federn federn!«

    »Federn? So, so.« Lucario fragte unbeeindruckt weiter: »Wäre es nicht einfacher, mehr Waren zu ordern? Ich nehme an, Sie beziehen Ihr Sortiment von außerhalb?«

    Kecleon lächelte spöttisch.

    »Bei all den Karawanenüberfällen? Außerdem sind die Postkutschen auch so schon überladen, um die Grundversorgung zu garantieren. Ganz zu Schweigen davon, wie viel Güter hier Halt machen, um weitertransportiert zu werden. Da bleibt denkbar wenig Spielraum für die Sonderwünsche von Auswärtigen.«

    »Bei den Aussiedlern leben sicherlich auch Frauen und Kinder«, schlussfolgerte Lucario.

    »Soll ich jetzt Gewissensbisse haben, weil ich sie abweise?«, schnaubte Kecleon. »Die ziehen Verbrecher groß, schon vergessen? Außerdem haben sie nie besonders Lebensnotwendiges gekauft.«

    »Für welche Waren zeigten die Aussiedler denn besonderes Interesse?«

    »Mal dies, mal das: Werkzeug, Kurzwaren, Pflegeprodukte, Obst und Gemüse. Mal wollten sie auch zwei Dutzend Kerzen. Für Genaueres müsste ich meine Bücher inspizieren.«

    »Können Sie sich erinnern, ob die Überfälle bevor oder nachdem Sie Kürzungen vorgenommen haben begannen?«

    Kecleon zog die Stirn kraus, während er überlegte.

    »Das weiß ich ehrlich gesagt nicht … Ich glaube aber, bevor.«

    Lucario hob eine Augenbraue.

    »Das hieße aber, die Siedler hätten auch so alles in Rhino bekommen können.«

    Kecleon verschränkte die Arme wie ein trotziges Kind, während er laut erwiderte: »Waren wohl zu lange in der Sonne oder haben einfach kein Geld! Wer weiß schon, was in dem krankhaften Hirn von Kriminellen vorgeht!«

    »Wann gab es den letzten Zwischenfall mit den Aussiedlern?«

    »Sie haben nicht überall Hausverbot, glaube ich. Manchmal putzen sie sogar bei mir noch die Klinke. Aber da bin ich eisern. Mit Verbrechern will ich nichts zu tun haben. Ich muss schließlich auch an meine Stammkundschaft denken; mein guter Leumund, Sie verstehen schon, Sheriff.«

    Lucario verstand. Er verstand so viel, dass ihn das paranoide Geschwätz des Ladenbesitzers nicht überzeugte. Stichhaltige Beweise, die die Schuld der Aussiedler untermauerten, gab es keine. Die Grundversorgung mit Nahrung und Wasser schien laut Kecleon auch ohne den Gemischtwarenladen gewährleistet zu sein. Blieb lediglich Gier als das einzige Motiv, und dazu noch ein schlechtes. Denn im Vergleich zu einem Banküberfall backte man mit Postkutschenüberfällen nur kleine Brötchen. Doch um ganz sicher gehen zu können, musste Lucario auch die andere Seite der Medaille betrachten und das Gespräch mit den Aussiedlern suchen. Bis dahin sah sich Lucario in einer Sackgasse.

  • 8. Der Wüstenfloh


    Lucario ließ sich beim Herausgehen die milde Morgenbrise um die Nase wehen. Ein Aroma lag darin, wie man es in Rhino hatte lange nicht schmecken dürfen. Nuancen von kühlender Restfeuchtigkeit, der unverkennbare Duft des feinen Sandes - und von scharfer Fensterpolitur.

    Je mehr Zeit Lucario damit aufbrachte, in Gedanken seine nächsten Schritte abzuwägen, umso mehr fühlte er plötzlich eine subtile Rastlosigkeit in sich aufkeimen. Ein Gefühl der Unruhe. Das Gefühl, das seine intimsten Gedanken zu einem offenen Fenster geworden waren. Das Gefühl beobachtet zu werden. Sein Nacken versteifte, die Muskeln in Armen und Beinen verkrampften. Als er erst den Kopf etwas nach rechts und dann nach links neigte, pulsierte der Pulsschlag in seiner Schläfe. Lucario war sich sicher: Noch jemand war hier, beobachtete ihn. Doch waren nur wenige Passanten unterwegs, und von diesen wenigen auch nur zwei, die dem Hüter für Recht und Ordnung besondere Beachtung schenkten. Dabei machten diese aber keine Anstalten, ihr Interesse geheim zu halten oder gar böse Absichten zu hegen. Lucarios Instinkt mahnte ihn zur Vorsicht. Noch jemand war da draußen. Und dieser Jemand war nah.

    »Guten Morgen, Sheriff. Nicht bei bester Laune, wie ich sehe?«

    Schon aus großer Distanz war Rameidons imposante Figur unschwer auszumachen. Bei jedem seiner schweren Schritte auf Lucario zu schien selbst der Sand zwischen den Hohlräumen der Holzpromenade vor Erschöpfung zu ächzen. Im schrillen Kontrast dazu stand seine Begleitung: Ein schlaksiger Mann, dessen weiße Haut an Taille und Beinen in der milden Morgensonne wie Neuschnee schimmerte. Lucario erkannte ihn sofort als den gescheiterten Bluffer aus der Pokerrunde wieder.

    Rameidon machte eine Handbewegung zu seiner Begleitung hin.

    »Wie ich hörte, haben Sie und Galagladi hier bereits Bekanntschaft gemacht.«

    Wie schon bei ihrer ersten Begegnung trafen sich die Blicke der beiden so kurz wie schweigsam. Lucario nickte Galagladi zu, dieser erwiderte genau so knapp.

    »Mit der ständigen Unsicherheit im Rücken bin ich froh, ein zusätzliches paar Muskeln an meiner Seite zu wissen. Nicht, dass ich Ihren Fähigkeiten misstraue, Sheriff, aber …«

    »Zu viel Vorsicht schadet nie«, beendete Lucario den Satz, wobei er sich selbst schmerzlich an das beklemmende Unbehagen erinnerte, das ihn weiterhin fest in seinem Bann hielt. Jemand belauschte das Gespräch.

    Rameidon lächelte derweil.

    »Ich sehe, wir sind uns einig.« Rameidon zögerte kurz, fast so, als rang er mit sich selbst. »Verzeihen Sie mir meine Neugier, aber haben Sie Fortschritte bei Ihren Erkundigungen gemacht?«

    »Keine Nennenswerten«, antwortete Lucario matt.

    Die gute Laune des Poststellenbetreibers löste sich in Enttäuschung auf.

    »Verstehe …«

    Eine peinliche Zeit des Schweigens trat ein. Unruhig verlagerte Lucario das Gewicht von einem Standbein auf das andere, während er wartete. Insgeheim wünschte Er sich, das Gespräch einfach nur zu beenden und zu verschwinden. Rameidon machte einen deutlich abgebrühteren Eindruck. Lediglich von der Stille schien er peinlich berührt.

    »Ach, womöglich ist dies ja interessant«, sagte Rameidon. »Wir erwarten heute Nachmittag zwei Postkutschen mit frischen Waren aus der Hauptstadt. Der Weitertransport findet bereits morgen in der Frühe statt.«

    Hinter seinem ausgetrockneten Mund hatte sich Lucarios Zunge in einen übergroßen Kloß verwandelt, der ihm schier im Halse steckte. Ein Rinnsal frischen Schweißes köchelte auf seiner Stirn, während sich betäubende Eiseskälte immer mehr seiner Arme und Beine einverleibte. Für den Moment würgte er den Klos hinunter und versuchte, seine Stimme so besonnen wie möglich klingen zu lassen.

    »Wohin gehen die Lieferungen?«

    »Nordwärts, nach Brenin, jedenfalls eine davon. Die letzte Lieferung ging … nun ja, verloren, Sie wissen ja. Wir hoffen, dass es diesmal klappt. Die anderen Waren sind für unsere hiesigen Geschäfte vorgesehen.«

    Lucario verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Der Poststellenbetreiber sprach es nicht direkt an, doch hoffte er so, die Leidenschaft für die Arbeit des Gesetzeshüters zu schüren.

    Mit den besten Wünschen verabschiedete man sich voneinander. Hinter dem Läuten des Türglöckchens verschwanden Rameidon und seine Begleitung in dem Krämergeschäft. Mit einem tiefen Atemzug wie nach einem Gewaltmarathon befeuchtete Lucario seine ausgetrocknete Kehle. Längst hatte Panik das schleichende Gefühl der Rastlosigkeit abgelöst. Ohne weiter zu überlegen, lief er los. Erst langsam, dann immer schneller. Er wollte weg; fort von der Straße, die zu einem schutzlosen Glashaus geworden war. Instinktiv beschleunigte er seine Schritte. Selbst die kleinsten Vibrationen in der Luft waren zu Kanonenschlägen geworden, die ihn scheinbar in eine bestimmte Richtung zu hetzen versuchten. Er warf einen raschen Blick über die Schulter, doch da war nichts. Den Blick wieder nach vorn gerichtet, schienen Rhinos Häuser in rasenden Schemen aufzulösen. Wohin er ging, nahm er schon gar nicht mehr wahr. Wieder schaute er zurück. Nichts. Nach links in ausgestorbene Gassen. Nichts. Hinüber zur anderen Straßenseite. Nichts. Muskelkater in seinen Gliedern. Atemlosigkeit. Schnelle Schritte. Das Schleifen von scharfen Krallen über die Holzpromenade. Der Verfolger war direkt hinter ihm.

    Der pochende Schmerz in Lucarios Schläfe explodierte. Ein purpurschwarzes Flammenmeer verschlang die Enden von Lucarios Extremitäten, während sich Gedanken wie Unsicherheit und Panik in kochenden Hass verwandelten. Unter der schnellen Bewegung, mit der er um 180 Grad um die eigene Achse wirbelte, bebte der Dielenboden. Er holte aus, war bereit zu zerstören, wer oder was auch immer ihm auflauerte - und schaute dabei in die Unschuld von weit aufgerissenen Kinderaugen.

    In einer verzweifelten Bewegung, die den schmerzhaften Nachgeschmack einer ausgekugelten rechten Schulter in sich trug, riss Lucario den zum Schlag ausgefahrenen Arm zur Seite. Die untertassentellergroße, purpurschwarze Energiesphäre, die sich daraus löste und ursprünglich für seinen Verfolger reserviert gewesen war, jagte schlingernd und kreischend nur wenige Fingerbreit über ein Hausdach hinweg und verschwand am Horizont.

    Das Flammenmeer an Lucarios Armen und Beinen erlosch. Fensterscheiben hörten zu vibrieren auf. Es roch nach versengtem Holz. In einer instinktiven Bewegung fasste sich Lucario mit schmerzendem Arm an die stechende Brust, wo sein Herz noch immer tausend Marathons lief. Aus halb geöffneten Mund blitzten indessen die Schneidezähne des Kindes spitzbübisch in der Sonne. Lucario erkannte in ihm den Knaben wieder, dem er am ersten Tag auf seinem Weg zum Sheriff’s Office und vor einer halben Stunde im Kramergeschäft begegnet war.

    »Was … was sollte das, Bursche?«, keuchte Lucario.

    Der Junge schaute an dem Gesetzeshüter hoch, direkt in dessen Gesicht. Starre, schwarze Knopfaugen aus nicht mehr ganz so weit aufgerissenen Augenhöhlen antworteten mit einem Schweigen.

    Auf der Suche nach dem Ursprung des Radaus streckten sich währenddessen immer mehr Köpfe aus sich öffnenden Fenstern. Selbst das entfernte Bimmeln der Kramertürglocke war zu hören. Immer mehr Blicke ruhten auf dem seltsamen Gespann, während sich das leise Murmeln in eine anklagende Kakophonie steigerte.

    »Jetzt gib’ brav Pfötchen, und keine Zicken, hörst du?«, knurrte Lucario, der nur noch eines im Kopf hatte: schnell von hier zu verschwinden.

    Erst ging ein Zögern seiner zittrigen Bewegung voraus. Dann erstarrte Lucarios, als er die Hand des Jungen ergreifen wollte. Mit heftiger Überwindung verkorkte er seine flatternden Nerven - es half nichts. Es war das Zubeißen einer Schlange, mit dem er den Unterarm des Kindes mit viel Überwindung ergriff und sich rasch in Bewegung setzte.

    Zusammen klapperte man einige der geöffneten Fenster ab, bis eine nervös dreinschauende Stadtbewohnerin in dem Jungen Igamaro wiedererkannte, der laut ihrer Aussage mit Vater und Mutter in einer der Baracken an der westlichen Stadtgrenze Rhinos lebte.

    Begleitet von dem Getrappel viel zu kurzer Kinderbeine, die mit dem Erwachsenen Schritt zu halten versuchten, ging es die Promenade westwärts hinunter. Lucario kochte förmlich vor Scham und Nervosität, dass er glaubte, sein ganzes Fell müsse in Flammen stehen. Die Ausnahme bildete sein rechter Arm, mit dem er den Jungen hielt, und von der unbehaglichen Berührung schier taubgefroren war. Vor der Haustür angekommen, holte Lucario erst drei tiefe Atemzüge, bevor er klopfte und ihm geöffnet wurde.

    »Entschuldigen Sie, Ma’am. Ist das hier Ihr Filius?«

    Die Frage war überflüssig, wusste Lucario, denn erkannte er in der plötzlich zur Salzsäule erstarrten, korpulenten Frau sofort die nervöse Mutter aus dem Gemischtwarenladen wieder. Dennoch machte er einen Schritt zur Seite, um eine freie Sicht zu dem Jungen zu gewährleisten. Genau in diesem Moment klammerte sich Igamaro panisch an Lucarios rechtes Bein fest. Die Berührung war nur kurz, doch reichte sie, um Lucario wie in einer klirrenden Winternacht am ganzen Leib erbeben zu lassen. Nur Augenblicke später packte die Mutter ihren Sohn grob am Oberarm, zog diesen in die Wohnung und schlug die Tür brachial zu. Dahinter verschluckte das hysterische Kreischen der Frau eine klatschende Ohrfeige.

    »Warum bist du nicht in der Schule?! Habe ich dir nicht ausdrücklich gesagt, wie gefährlich dieser Lucario ist?! Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt, junger Mann!«

  • 9. Die Füchsin und das Schwein


    Auch an einem frühen Werktagmorgen wie diesem war der Fröhliche Fuchs nur ein verschlafener Schatten seiner selbst. Wo man noch am gestrigen Abend ausgelassen getrunken, gespielt und gefeiert hatte, regierten nun Grabesstille und Kehrbesen. Der Duft scharfen Reinigungsmittels hatte mittlerweile den Alkohol in der Luft abgelöst. Auf den sauber polierten Tischplatten ruhten die mit den Beinen nach oben gerichteten Stühle. Ausnahme bildete eine Ecke des Saloons, wo ein einsamer Greis einen Sitzplatz beanspruchte und bereits sehr tief in sein Glas schaute.

    Rutena kräuselte ihre Stirn zu einer Furche der Sorge, als Lucario den Saloon betrat.

    »Was ist dir über die Leber gelaufen, Sugar? Du siehst gar nicht gut aus.«

    »Das hab’ ich heute Morgen schon mal gehört«, sagte Lucario trocken.

    »Komm, ich mach dir einen von meinen Muntermachern. Dann geht es dir gleich besser.«

    Rutena lehnte den Kehrbesen an einen der verwaisten Tische und straffte ihre Schürze. Ihr aufreizender Gang zur Bar war ein Tanz und das verführerische Wedeln ihres buschigen Schwanzes die Einladung dazu; eine Einladung, die selbst Lucario nicht ausschlagen konnte.

    Hinter ihrer Theke entkorkte Rutena nacheinander mehrere Flaschen zugleich. Flüssigkeiten verschiedener Farben, Gerüche und Geschmäcker flossen anschließend in einen großen, silbernen Becher.

    »Erstaunlich, nicht? Das habe ich mir auf einem Trip nach Ramal abgekupfert und gleichzeitig auch das richtige Werkzeug dazu erworben«, sagte Rutena stolz, die Lucarios ehrliches Interesse bemerkte und weiterhin Flüssigkeiten nachgoss. »Getränke zu mixen, steht an der Ostküste an der Tagesordnung. Die meisten Langweiler hier wollen fast immer nur ihr übliches Gift. Dabei gibt es so viele gute Sachen.« Rutena verkorkte anschließend die letzte Flasche und stellte diese zurück ins Regal. Auf den Becher schraubte sie einen Deckel und begann diesen lässig aus dem Armgelenk zu schütteln.

    »Nur Eis habe ich leider keines. Das wäre dann das Sahnehäubchen«, seufzte Rutena verträumt, während sie zwei Gläser mit der nunmehr bernsteinfarbenen Flüssigkeit füllte.

    »Cheers!«

    Die Barkeeperin hob ihr Glas vielsagend in Lucarios Richtung. Sein Gesicht war ein unergründlicher Ozean, der sich in den Tiefen des Brandys verlor. Schließlich hob auch er das Glas - schweigsam. Eine einsame Symphonie zweier Gläser, die sich kurzzeitig berührten, erfüllte den leeren Saal. Lucario nippte an dem Glas, dass seine Lippen kurz mit der Flüssigkeit darin in Berührung kamen. Der Alkohol darin brannte auf seiner Seele wie Zunder.

    »Willst du darüber reden?«, fragte Rutena.

    »Nein.«

    »Wirklich nicht?«

    Lucario, der das Glas zwischenzeitlich wieder abgestellt hatte, schaute tief hinab in das Glas, noch tiefer als zuvor.

    »Es gibt Sachen«, begann er langsam«, »die lässt man besser zurück.«

    »Die Vergangenheit definiert, wer wir heute sind. Was wir tun. Und wohin uns unser Weg noch führt«, sagte Rutena. »Die Vergangenheit zu ignorieren, bedeutet, sich selbst zu belügen.«

    Lucario hob etwas den Kopf, wo ihn das intensive Rot von Rutenas Augen erwartete, die wie ein Spiegel seiner Seele waren.

    »Ich hänge nicht an der Vergangenheit. Wer zu sehr mit dem Gestern liebäugelt, dem entgeht die Chance, das Heute zu schreiben.«

    Lucario verstummte und ließ von den intensiven Augen vor ihm ab. Der Brandy, den er in seinem Glas wild umherkreiseln ließ, erinnerte an ein glimmendes Glutnest, nur darauf wartend, zu einem ausgewachsenen Flächenbrand seiner Gedanken zu werden.

    »Aber wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, der droht, dieselben Fehler erneut zu begehen«, widersprach Rutena.

    Lucario spürte die warme, einfühlsame Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die ihn fort dem Getränk auf dem Tisch und wieder hinauf zu den roten Augen hob; ein Blick, der heiß auf seiner Seele brannte und Herz und Gedanken in unendlicher Agonie durchbohrte. Stumm und leise sahen sie einander an. Doch so wie Rutena von Lucarios Kinn abließ, so wanderte dessen Gesicht wieder hinab zu dem Brandy. Schweigsam.

    Wieder schwenkte er die Flüssigkeit, diesmal schneller. Seine Gedanken verschwammen in einem in Ebenholz gereiften, bernsteinfarbenen Ozean. Der wild wirbelnde Alkohol und seine kreiselnden Gedanken vereinigten sich und wuchsen zu einem unzähmbaren Feuersturm heran. Die entfesselten scharlachroten Böen gaben verschwommenen Bildern Geburt, welche dann wieder von gewaltigen Farbexplosionen verschluckt und von neuen Erinnerungen abgelöst wurden. Lucario beobachtete den im Glas eingefangenen Wirbel, dann nippte er an ihm. Er wünschte, er könnte seine Erinnerungen einfach auf dem Grund des Glases zurücklassen und für immer begraben.

    In aller Stille leerte man das eigene Glas. Zug um Zug, Tropfen für Tropfen. Erwartungsvoll beobachtete Rutena, wie Lucario das Glas absetzte.

    »Gut?«, fragte sie und leckte sich selbst über die Lippen.

    »Gut«, antwortete Lucario knapp. »Ist Z hier? Ich würde mich gerne mal mit ihm unter vier Augen unterhalten.«

    »Och, Sugar, ich habe dir doch schon mal gesagt, dass Z ein Langschläfer ist. Vor zehn Uhr lässt der sich hier selten blicken.« Rutena schaute an Lucario vorbei Richtung Eingang, wo eine Uhr an der Wand hing. »Aber du kannst mir gerne noch etwas Gesellschaft leisten, bis er kommt.«

    »Was ist mit dem anderen Kerl, diesem Pantimos. Hat der sich heute schon blicken lassen«, hakte Lucario nach.

    »Der und sein Gefolge haben erst ab mittags Schicht. Nützt ja die beste Unterhaltung nichts, wenn keine Leute da sind. - Und ich dachte wirklich, du wärst endlich mal wegen mir hier«, maulte Rutena theatralisch.

    Lucario gestikulierte mit einer kurzen Kopfbewegung zur Seite in Richtung des einzigen anderen Gastes im Saloon.

    »Was ist mit dem da? Stammkundschaft?«

    Zwischen zwei amüsiert verkrampften Wangen presste Rutena hervor: »Kann man so sagen, ja. Wenn seine Alte ihm schon am frühen Morgen mit der Bratpfanne droht, sucht er bei mir Unterschlupf. Habe nichts gegen ein wenig lockere Gesellschaft einzuwenden, auch wenn es nur ein alter Lustmolch ist, der mir beim Saubermachen zuschaut. Stimmt’s, Armaldo, du geiler, alter Sack?«, rief ihm Rutena zu.

    Armaldo antwortete mit einem zahnlosen Grinsen, hob sein Glas und trank auf Rutenas Wohl.

    Mit einem herausfordernden Lächeln versuchte Rutena, auch Lucario zu dem Anflug eines Schmunzelns zu bewegen. Der aber blieb ausdruckslos.

    »Außer deiner Arbeit kennst du nichts, hm?«, neckte Rutena.

    Kaum sichtbar zuckte Lucario mit den Schultern.

    »Ich bin nicht der Typ für Small-Talk.«

    Ermutigend streichelte Rutena Lucarios Pfote, ein einfühlsames Lächeln auf den Lippen.

    »Versuch’ es doch einfach mal.«

    Lucarios missmutiges Brummen war wie das eines verstimmten Bären, den man mitten im tiefsten Winterschlaf geweckt hatte. Doch da war noch etwas. Eine innere Stimme, die inmitten dieses muffigen Murrens vorsichtig das Wort ergriff. Vielleicht war es die Behaglichkeit des Saloons, die warme Berührung auf seinen Knöcheln oder auch einfach nur der Alkohol, der Lucario die Zunge lockerte. Er wusste es selbst nicht.

    »So … also, wie läuft so das Geschäft?«

    Rutena war sehr schlecht darin, ihre Überraschung über den Sinneswandel des Sheriffs zu unterdrücken. Oder sie versuchte es erst gar nicht.

    »Gut! Kann nicht klagen«, strahlte sie. »Die Leute maulen zwar, weil die Unterhaltung in letzter Zeit nachgelassen hat, die Meisten kommen aber ohnehin wegen der Gesellschaft hierher oder um sich die Kanne zu geben. Läuft in der Regel auf dasselbe hinaus«, sagte Rutena mit einem unschuldigen Schulterzucken, als ob sie über etwas Belangloses wie das Wetter redete.

    Lucario zog eine Augenbraue nach oben.

    »Überrascht mich ehrlich gesagt. Nachdem die Preise hochgegangen sind, hat es manch einen standhaften Trinker in die Abstinenz getrieben. Das bekommen die Ladenbetreiber sicherlich zu spüren.«

    Rutena rümpfte die Nase und verdrehte die Augen.

    »Ach, ja, Ramals berühmte Brandweinsteuer, denn die Hauptstadt braucht unbedingt Geld in der Kasse. Ich habe eine Freundin, die arbeitet«, Rutena räusperte sich künstlich«, soll heißen, hat in einem Salon in Medassa gearbeitet. Diese dummen, besoffenen Säcke haben vor Wut den Laden abgefackelt. Als ob wir Barbesitzer etwas dafürkönnen, dass wir im Einkauf drauflegen und den Preis weiterberechnen müssen.«

    »Aber die Leute kommen trotzdem, weil sie keine andere Wahl haben.«

    »Wenn du das so sagst, klingt das, als ob wir die Leute absichtlich süchtig machen und abzocken wollen. Aber ja, du hast recht: Die Leute kommen, weil sie einen Ort brauchen, um sich die Kehle zu befeuchten und etwas Spaß in ihren trostlosen Alltag zu bringen. Oder glaubst du, der alte Armaldo da hinten hat besonders Lust darauf, sich von seiner schrulligen Vettel den ganzen Tag anzuhören, wie er immer fetter und fauler wird?« Rutena schnaubte und fuhr sich gereizt durch das Fell. Anschließend holte sie zweimal tief Luft. »Sorry für den Gefühlsausbruch, Sugar, aber das ist ein ganz heißes Eisen.«

    Lucario gab sich trotz des rauer gewordenen Tonfalls gänzlich unbeeindruckt. »Gab es irgendwelche Zwischenfälle im Saloon seit Erhebung der Steuer?«

    Rutena blies etwas Luft durch die Zähne, verneinte aber letztendlich mit einem Kopfschütteln.

    »Natürlich waren die Leute nicht besonders begeistert davon. Und ich müsste Lügen, wenn mein Absatz nicht etwas zurückgegangen wäre. Aber das hat sich mit der Zeit gegeben. Wie gesagt: Die Leute brauchen ihren Fröhlichen Fuchs - mit oder ohne Aufschlag.«

    Beide hielten inne - eine peinliche Stille, die bislang zwischen ihnen noch nie eingetreten war.

    »Sollen wir das Thema wechseln?«

    »Ich glaube, das ist alles an Small-Talk für heute«, sagte Lucario kleinlaut.

    Das anfängliche schwere Seufzen der Barkeeperin wandelte sich zu einem amüsierten Glucksen.

    »Nicht das schönste Thema, aber immerhin ein Anfang.«

    Lucario überlegte, wo er den Faden verloren hatte, dann erkundigte er sich: »Was gibt es über die Fantastischen Traumweber zu sagen? Arbeiten die schon lange hier?«

    Rutena schnalzte mit der Zunge. Ein Hauch ihres Muntermachers umspielte ihren Atem.

    »Viel gibt es da nicht zu erzählen. Es sollte ursprünglich nur ein kurzfristiges Arrangement werden, wie es bei solchen Schaustellern eben üblich ist. Aber Pantimos hat den Vertrag jetzt schon zum zweiten Mal verlängert. Übermorgen sind es jetzt vier Wochen, wenn ich mich nicht vertue.«

    Vier Wochen. Selbst ohne groß darüber nachzudenken, wusste Lucario, dass dieser Zeitraum in keiner Weise zu der Überfallserie passte, die sich bereits über Monate erstreckte. Und trotzdem: Pantimos’ Nähe zu Z machte ihn auf jeden Fall verdächtig.

    »Und Pantimos und Z verbringen viel Zeit miteinander?«, überlegte Lucario laut.

    »Das ist gewaltig untertrieben«, antwortete Rutena. »Pantimos hängt fast jede freie Minute bei Z rum und verprasst anscheinend die ganze Gage, die ich ihm zahle. Zum Glück hat er die Unterkunft im Voraus bezahlt, sonst wäre er wohl mittlerweile pleite.«

    »Verstehe. Sonst irgendetwas?«

    »Mhmm, da gibt es tatsächlich noch was …« Rutena verzog ihre Lippen, während sie angestrengt ihre Gedanken in diplomatische Worte formte. »Vor ein paar Tagen … nun, da ging ich an Pantimos’ Zimmer vorbei. Er und ein paar seiner Leute haben sich lautstark unterhalten. Ach, was sage ich, gestritten haben die sich.«

    Lucarios Ohren zuckten interessiert.

    »Ärger im Paradies, hm?«

    Rutena nickte sacht.

    »Und dabei ist auch Zs Name gefallen.«

    »Und weiter?«, bohrte Lucario nach.

    »Wie weiter?«

    »Irgendetwas Konkretes, worüber die sich unterhalten haben?«

    Rutena zog eine beleidigte Schnute.

    »Sugar, ich bin eine Barkeeperin, keine Voyeurin. Ich hab’ mit den Schultern gezuckt und bin weitergegangen. So sieht’s aus.«

    Zum zweiten Mal in kurzer Folge spürte Lucario die sanfte Berührung von Rutenas Pfote unter seinem Kinn, die sein vor Enttäuschung gesenktes Haupt wie auf Engelswolken bettete und in die Höhe schweben ließ. Rutenas Gesichtszüge waren wieder etwas weicher geworden.

    »Jetzt schau nicht schon wieder wie sieben Tage Regenwetter. Am besten fragst du ihn einfach selbst, wenn er kommt. Aber wenn du meine Meinung hören willst: Auf mich wirkt er eher harmlos.«

    Aus dem zweiten Stock hüstelte jemand künstlich. Dann meldete sich auch gleich die passende Stimme dazu.

    »Harmlos? Redet ihr etwa von mir?«

    Mit honigsüßem Lächeln auf dem Gesicht flanierte der Glücksspieler Z die Treppe hinunter, die von der rechten Saloonseite aus in das obere Stockwerk zu den Quartieren führte.

    »Wenn das mal nicht meine zwei liebsten Leutchen in Rhino sind: meine Muse und der Constable.«

    Constable. Wie jedes Mal, wenn Lucario mit diesem Namen angesprochen wurde, spürte er die gedämpfte Wut druckvoll im Kopf und wie sich sein Fell sträubte. Nur die Überraschung, dass auch Rutena eine kuriose Beziehung zu dem Glücksspieler zu pflegen schien, dämpfte seinen Zorn und ersetzte ihn mit Neugier. Doch von der gerunzelten Stirn der Barkeeperin zu urteilen, war diese nicht weniger überrascht.

    »Muse?«, fragte Rutena.

    Z, der soeben die letzte Stufe in das Erdgeschoss gemeistert hatte, breitete auf dem Weg Richtung Bar feierlich die Arme aus.

    »Eine schöne Dame mit zauberhaftem Lächeln, die in einzigartiger Atmosphäre wohlschmeckende und kostengünstige Getränke serviert - was auf der Welt könnte inspirierender sein? Mir fiele nur eines ein - aber lassen wir das. Es wäre eine Schande, diesen denkwürdigen Moment zu ruinieren.«

    Z ließ ein dezentes parfümiertes Aroma zurück, als er mit pathetischem Lächeln an der Bar vorbeistolzierte. An seinem üblichen Stammplatz hob er die Stühle vom Tisch und nahm Platz.

    »Oder wäre dir stattdessen Flauscheöhrchen lieber?«, fragte Z honigsüß.

    Mit geschürzten Lippen und einem Schulterzucken antwortete Rutena: »Weder noch.«

    »Dann darfst du meinen Gaumen einmal mehr mit einer deiner Köstlichkeiten erfreuen.«

    Aus einem Winkel heraus, den nur Lucario flüchtig wahrnehmen konnte, rollte Rutena die Augen. Anschließend begann sie, den silbernen Mix-Becher mit klarem Wasser auszuwaschen. Z schien zu den Wenigen zu gehören, die sich - wie Rutena es nannte - nicht mit dem üblichen Gift zufriedengaben, sondern ihre Künste bei der Herstellung von exotischen Mixgetränken zu schätzen wussten.

    Lucario trat derweil an den Tisch des Glücksspielers heran und fragte in herausforderndem Tonfall: »Mich würde interessieren, was inspirierender sein könnte.«

    Z musterte den Sheriff vor ihm sorgfältig. Bei seinem breiten Lächeln zeigte der Glücksspieler seine kurzen, perlweißen Fangzähne.

    »Sie wollen mich doch nicht vor einer schönen Frau in Verlegenheit bringen?«

    »Wenn es sein muss«, sagte Lucario.

    »Ist das alles?«, fragte Z mit gekünstelter Enttäuschung. »Einfach nur ›wenn es sein muss‹? Keine rudimentären Drohungen? Keine körperliche Gewalt? Ich muss zugeben, ich bin enttäuscht; mehr aber von mir selbst als von Ihnen, weil ich ganz andere Erwartungen in Sie gesteckt habe, Constable. Ach, wie leicht man sich doch irren kann …« Z kratzte sich genießerisch am Nacken, bevor er fortfuhr. »Da Sie aber wahrscheinlich ein Nein nicht als Antwort akzeptieren, will ich mal nicht so sein, aber nur, weil ich Sie so sehr mag, Constable.«

    Welch eine Ehre, wollte Lucario am liebsten höhnisch antworten, doch mahnte er sich, diesen Gedanken verstreichen zu lassen, um Z keine Gelegenheit einzuräumen, vom Thema abzuschweifen. Z gebot ihm mit einer geheimnistuerischen Krallenbewegung, näher zu kommen. Widerwillig folgte Lucario und trat etwas näher heran. Mit süffisantem Grinsen winkte ihn sein Gesprächspartner noch näher heran. Lucario neigte sich inzwischen so weit nach vorne, dass Zs dezenter Parfümgeruch schier zu einem Wüstenwind geworden war, der an seiner Netzhaut kokelte. Endlich öffnete Z den Mund und hauchte Lucario verschwörerisch ins Ohr.

    »Allerhöchstens übertroffen von dem süßen Nektar des Erfolgs zu kosten. Da fällt mir ein: Sie schulden mir noch ein Spiel, Constable. Schon vergessen? Zwei Spiele Minimum«, erinnerte Z den Sheriff, welcher sich bereits nach dem ersten Satz wieder von dem Glücksspieler distanziert hatte. »Also, wollen wir?«

    »Muss ein erfüllendes Leben sein. Sich den ganzen Tag den Arsch platt sitzen, saufen und den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen«, spottete Lucario.

    »Ist das nicht genug? Was will man mehr?«

    »Mehr Geld? Durch Überfälle vielleicht? Auf Postkutschen?«

    Z zog überrascht beide Augenbrauen in die Höhe und spitzte die Lippen zu einer Schnute.

    »Postkutschenüberfälle? Moi? Aber, aber, Constable«, butterte er. »Sie schätzen meine Motivation völlig falsch ein. Wegen der guten Verpflegung bin ich hier. Wegen der Unterhaltung. Und natürlich - wegen der Gesellschaft.«

    Mit einer flinken Pfotenbewegung grapschte Z nach Rutenas Schwanz, die ihm gerade eben einen Drink serviert hatte. Genussvoll ließ er die Haare durch die Krallen rieseln, bis Rutena ihm mit einer schnellen Seitenbewegung ihren Schwanz wegzog.

    »Ich hoffe, du erstickst daran«, fauchte sie über die Schulter, wo Z mit lustvoller Miene an seiner Tatze schnupperte wie an einem guten Wein.

    Lucario ahnte, dass Z nur so glimpflich davon gekommen war, da er gewartet hatte, bis Rutena das Glas abgestellt und ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Bei Rutenas schlummerndem Temperament hätte es Lucario noch nicht einmal verwundert, wenn diese sich auf dem Schritt umgedreht und Z ein paar Ohrfeigen gepfeffert hätte.

    »Weil ich hier so höflich beschuldigt werde, gehe ich davon aus, dass Sie kein belastendes Beweismaterial vorlegen können«, sagte Z mit fragendem Unterton.

    »Ich habe nicht beschuldigt«, korrigierte Lucario«, ich habe lediglich laut nachgedacht.«

    Z lächelte breiter.

    »Touché, Constable. Touché.

    »Vielleicht habe ich keine Beweise, aber eines sollte klar sein.« Mit einer solchen Gewalt, dass der Tisch wackelte, stützte sich Lucario auf der Oberfläche ab. Er war Auge in Auge mit dem Glücksspieler; so nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten und das blumige Odeur ihm den Pelz versengte. »Wenn ich noch einmal mitbekomme, dass du Leute belästigst, wirst du die nächsten fünf Tage in einem Hotel nächtigen, dass keine Klinke hat!«

    Nach anfänglicher Überraschung kehrte Zs gewohntes Lächeln zurück.

    »Einverstanden. Bis dahin möchte ich allerdings in vollem Umfang von Kost und Logis hier Gebrauch machen - als braver, ehrlicher Bürger, der das Gesetz achtet«, beschwichtigte er. Im Anschluss lugte er an Lucario vorbei und nickte Richtung Theke, wo Rutena widerwillig damit begann, ihm das Frühstück vorzubereiten. »Dasselbe wie immer, Herzblatt.«

    Bei Lucarios Rückkehr zur Theke schenkte ihm Rutena ein gequältes, doch zugleich dankbares Lächeln. Anschließend warf sie ihren Kopf in den Nacken und seufzte tief, als stieße sie ein unverständliches Stoßgebet an die Zimmerdecke hinauf. Mit einem Kopfschütteln befreite sie sich von ihren geheimen Gedanken wie von einem lästigen Insekt und setzte heißes Wasser auf.

    »Ich verschwinde jetzt. Wenn es Probleme mit dem da gibt«, er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Glücksspielers«, lass’ es mich wissen.«

    »Du bist hier immer willkommen. - Du gehst auch schon, Schätzchen?«

    Armaldo schob sich an Lucario vorbei und stellte das Glas auf die Theke.

    »Muss wohl, sonst macht mir meine Alte die Hölle heiß. Harharhar!« Er kramte ein paar Scheine aus der Tasche und klatschte sie auf die Theke - viel zu wenig, wie Lucario meinte. »Bis bald.« Mit einem weiteren Augenzwinkern verabschiedete er sich.

    »Wundert mich nicht, dass die Leute hier gerne einen heben«, meinte Lucario und nickte in Richtung der Geldscheine.

    »Hm?«, machte Rutena gedankenversunken. »Oh, habe neulich einen günstigen Vertrag an Land gezogen: viel einkaufen, viel sparen. Gebe das nur an die Kunden weiter.«

    »Trinkgeld mit inbegriffen?«

    »Hältst du hier Maulaffen feil? Mach Platz!«

    Armaldos Stimme polterte lautstark durch den Raum, dass sie einem Weckruf ähnelte, dem sich keiner der Anwesenden entziehen vermochte.

    »Was machst du hier?« Lucarios Knurren glich weniger einer Frage als einer Drohung. Der Deputy, der erst Armaldo etwas Platz einräumte und anschließend an der Eingangstür verharrte, verlagerte in einem unruhigen Tanz das Gewicht von einem Bein in das andere. Er schnitt eine gequälte Grimasse.

    »Äh … also, ich wollte … was trinken?«

    »Falsche Antwort«, bellte Lucario angriffslustig.

    In genau diesem Moment steckte Armaldo noch einmal den Kopf hinein auf der Suche nach Lucario.

    »Jungchen, ich glaube, da draußen gibt es Arbeit für dich.«

    »Mehr Glück als Verstand. Komm mit, du Pantoffelheld!«, blaffte Lucario Grillchita an, ignorierte Zs »Hals und Beinbruch, Constable« und stürmte los.

  • 10. Federn und Hufe


    »Wann willst du uns endlich rauslassen, Sheriff?«
    Das Rascheln einer umgeschlagenen Zeitung strafte die Frage mit Ignoranz.
    »Boss, ich glaube, der Sheriff hat was an den Lauschern.«
    »Drecksack, ich rede mit dir!«
    »Vielleicht solltest du ihn höflich fragen, ob er dich hinauslässt, damit du ihm das Schmalz aus seinen spitzen Ohren prügeln darfst.«
    Tyracroc schmetterte die Fäuste gegen die vergitterte Tür. Hinter malmenden Kiefern presste er hervor: »Verlauster Sohn einer Hure - ich will hier raus!«
    »Ich wette, deine Schmeicheleien und Komplimente sind der Schlüssel zum Herzen irgendeiner Frau da draußen. Nicht aber zu dieser Zelle«, stichelte Lucario. Desinteressiert überflog er einen Zeitungsartikel über ein Festival in Ramal zum Ende des Sommers. »Scheint Spaß zu machen«, grummelte er und blättete um.
    Nachdem er noch einmal kräftig gegen die Zellentür geschlagen hatte, warf sich Tyracroc frustriert auf die harte Pritsche seiner Ein-Mann-Zelle und sparte dabei nicht mit Flüchen.
    »Jetzt mal ernsthaft, Chief. Wie lange sollen wir noch gesiebte Luft atmen?«, fragte Sengo von einer Zelle weiter. Seine Stimme hatte etwas von dem üblichen Schneid verloren. Für seine Verhältnisse mochte man fast schon von einem »diplomatischen Ton« sprechen.
    »Geht mich nichts an. Ist Sache des Richters«, antwortete Lucario.
    »Geht mich nichts an. Ist Sache des Richters«, wiederholte Tyracroc in einem grausam monotonen Bariton.
    Eine weitere Stimme, die Ursaring gehörte, welcher in der dritten und letzten Zelle schmorte, lachte dumpf.
    »Richter?« Sengo lehnte sich lässig mit einer Schulter an die Gitterstäbe. Zusammen mit dem tiefpurpurroten Veilchen am linken Auge entstellte Sengos einschmeichelndes Lächeln dessen Gesicht zu einer furchterregenden Fratze. »Wird man jetzt schon vor Gericht gestellt, wenn man Geld abheben will?«
    Lucario begann den Satz mit einem erschöpften Seufzen, als ob er einem Kleinkind zum wiederholten Male belehrte.
    »Es ist eines jedes Bürgers gutes Recht, Geld von der Bank abzuheben. Aber wenn man dort kein Konto hat und obendrein noch dem netten Mann hinter dem Tresen die Zähne ausschlägt, dann nennt man das im gemeinen Volksmund ›Banküberfall‹.« In einer trotzigen Bewegung, die so viel sagte wie »Ende der Diskussion« schlang Lucario die auf dem Schreibtisch ruhenden Beine übereinander. Im selben Moment wurde die Tür zum Sheriff’s Office ruckartig aufgeschlagen.
    »S-sorry für die Verspätung!«, keuchte Grillchita aus heißerer Kehle.
    Das Funkeln in Tyracrocs Grimasse wurde nur übertroffen von dem Blitzen seiner geifernden Reißzähne.
    »Sieh an: des Sheriffs private Schlampe.«
    Sengo und Ursaring lachten. Mit einem hilflosen Blick schaute der Deputy erst zu Tyracroc in dessen Gefängniszelle und dann zu Lucario, der weiterhin unbeirrt hinter seiner Zeitung versunken war.
    »Ich glaube, jetzt hast du ihn eingeschüchtert, Boss«, höhnte Sengo. »Solltest dich was schämen.«
    »Ja, hör’ bloß auf, sonst macht er sich in der nächsten Ecke noch nass«, spottete Ursaring.
    »Berufsrisiko - für beide Seiten«, erwiderte Tyracroc nüchtern. »Jetzt darf sich schon jeder dahergelaufene Köter ungestraft seine private Vestalin an der kurzen Leine halten. Und unsereins sperrt man in den Knast. Der Kontinent geht echt vor die Hunde …«, grollte Tyracroc.
    Grillchita, von seinem Spurt zum Sheriff’s Office noch immer schwer atmend, taumelte ungelenk in Richtung des Schreibtisches. In dem verzweifelten Versuch, höflich nach Aufmerksamkeit zu bitten, räusperte er sich vor geschlossener Faust.
    »Äh, ich bin da.«
    »Mach Sachen!«, antwortete Lucario tonlos. Seine Augen kamen ein wenig über der Zeitung zum Vorschein. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
    »Hab’s verpennt, ich weiß, sorry. Bringe dafür aber auch gute Nachrichten mit! Sie wollten sich doch noch mit den Siedlern unterhalten. Nun, wie der Zufall so spielt, habe ich gerade einen von denen in der Stadt beim Bummeln gesehen. Ist sogar ein hohes Tier, glaube ich. Das ist doch was!«
    »Hoffe, du willst jetzt keinen Orden dafür.«
    »Eigentlich …«
    »Halt bloß die Schnauze!« Lucario knallte die zusammengerollte Zeitung auf den Tisch. Durch den noch in meterweiter Entfernung aufgewirbelten Staub züngelte Lucarios rotes Augenpaar den Deputy böse an. »Seit Tagen hast du keinen Finger krumm gemacht. - Einkaufen gehen ist mir keine Hilfe«, unterbrach der Sheriff seinen Deputy knurrend, als dieser bereits protestierend den Mund öffnete. »Dafür brauche ich keinen Hilfssheriff - das könnte auch das rüstige Großmütterchen von nebenan, und das ohne ganz weit oben auf der Gehaltsliste des Mayors zu stehen. Und ich bin es ehrlich gesagt leid, in einem Drecksloch zu hausen, das den Charme von einem öffentlichen Scheißhaus nach einer Chilli Happy-Hour versprüht, nur weil mein Deputy seinen gottverdammten Arsch nicht hochkriegt!«
    »Uhh!«, höhnte Tyracroc.
    »Jetzt hat er es dir aber besorgt«, schloss sich Sengo an.
    »Machst du dich schon nass?«, strafte auch Ursaring den Deputy mit weiteren Schmähungen.
    Ein Quäntchen Härte kämpfte gegen die Rückratlosigkeit in Grillchitas Stimme an, was in einem schrillen Kontrast zu seinen geröteten Wangen stand.
    »Aber um hier die Putze vom Dienst zu spielen, bin ich gut genug, was?«, protestierte er. »So hab’ ich mir den Job nicht vorgestellt.«
    »Wie soll ich dir Tagedieb Verantwortung übertragen, wenn es dir bereits an schlichtem Pflichtbewusstsein für die einfachsten Aufgaben mangelt? Wenn du deinen Wert beweisen willst, dann kannst du damit anfangen, diese Drecksbude endlich auf Vordermann zu bringen. Im Anschluss gehst du auf die Poststelle und übergibst diesen Brief.« Lucario reichte Grillchita ein Kuvert, das an das Amtsgericht in Ramal adressiert war: die Anforderung eines Richters für den Prozess von Tyracroc samt seiner Bande. »Und wo wir gerade dabei sind: Die drei Galgenvögel haben außerdem ein Anrecht auf ihr tägliches Wasser und Brot. Darum kannst du dich später auch noch kümmern. Wenn das alles getan ist, reden wir weiter.«
    »Äh, das muss ich mir jetzt aber aufschreiben …«
    »Warum wundert mich das nicht …?«
    Ein letztes Mal streckte Lucario die Beine lang, die da gleich mit einem ungeduldigen Knacken antworteten. Er legte die zusammengerollte Zeitung beiseite und erhob sich. Einen emotionslosen Ausdruck auf dem Gesicht peilte er die Ausgangstür an.
    Tyracroc sprang von der Pritsche. Seine Hände brandeten gegen eine unnachgiebige Ansammlung rasselnder Gitterstäbe.
    »Hey! Wie lange sollen wir noch in diesem versifften Drecksloch versauern? Hey!«
    »Fünf Sonntage - wenn ihr Glück habt«, antwortete Lucario emotionslos.
    »Fahr’ zur Hölle!«
    »Fünf Totensonntage«, verabschiedete sich Lucario, diesmal mit mehr Nachdruck in der Stimme, jedoch ohne zurückzublicken.


    Von einem mit dünnen Schleierwolken gesprenkelten Himmel strahlte eine noch morgenschwache Sonne hernieder. Zwischen ihren zaghaften Strahlen schlängelte sich der kraftlose Passatwind, lechzend nach alter Stärke und verblichener Zähigkeit. Doch die Bewohner Rhinos sollten noch einige Zeit von den Launen der zahnlosen Bestie verschont bleiben. Lange hatten die braven Bürger auf gute Nachrichten gehofft. Nun konnte die Laune kaum besser sein. Der strenge Sommer war vorbei. Mit Lucario als ihr neuer Sheriff, der erst tags zuvor einem Banküberfall Einhalt geboten hatte, war Recht und Ordnung wieder auf die Straßen der Kleinstadt zurückgekehrt. Nicht zuletzt feierte man die sicher eingetroffene Handelskarawane, die das Glück des Überflusses auch in den letzten Winkel Rhinos spülte. Es verwunderte daher kaum, dass die sonst so arbeitsamen Mühlen selbst für einen Samstagmorgen nur langsam mahlten. Stattdessen lockte die kühle Morgenbrise zu einem gemütlichen Plausch mit dem Nachbarn oder einem Bummel durch Straßen und Geschäfte. Dies gefiel auch dem Bürgermeister der Stadt, der auf seinem morgendlichen Spaziergang seinen Wählern mit pathetischem Morgengruß die Aufwartung machte. Das klang mal besser, mal schlechter. Besser, wenn man mit einer knisternden, gut gefüllten Einkaufstüte unterwegs war. Schlechter, wenn sich der Familienvater Zeit für seine Lieben nahm, statt auch an diesem Tag dem Brötchenerwerb nachzugehen. Im Fall des amtierenden Sheriffs reichte es dagegen nur für einen höflichen, dafür aber tonlosen Salut.
    Nur wenige Meter von dem Krämerladen entfernt hatte sich eine Gruppe aus fünf Frauen versammelt, die aufgeregt schnatternd und mit breitem Lächeln dem aktuellen Tratsch ihre Belustigung zollten. Noch vor ein paar Tagen hatten sich solche ungezwungenen Runden bei Lucarios Näherkommen abrupt aufgelöst. Mittlerweile aber war die Beziehung zwischen Rhinos braven Bürgern und ihrem eigenbrötlerischen Sheriff nicht mehr ganz so frostig, so dass solche Szenen erspart blieben. Den Gesetzeshüter abschätzend und distanziert zu mustern und im Anschluss tuschelnd die Köpfe zusammenzustecken, das blieb dagegen weiterhin an der Tagesordnung.
    Die Tür zum Krämergeschäft öffnete sich - ein warmes Glockenläuten, das den plötzlichen Stimmungswandel eisige Lügen strafte. Frohsinn und Belustigung waren wie weggefegt, die Mienen der fünf Damen verdunkelt wie die finsterste Nacht. Es war ein Klauenfuß, der den Laden zuerst verließ und über den hölzernen Boulevard kratzte - Fänge von dunklem Glanz so schwarz wie Kohlen. Drei Krallen zeigten nach vorne, eine nach hinten. Dem ersten Fuß folgte dann dessen Zwilling, und schließlich auch der Rest der eindrucksvollen Figur. Ein blau-graues Federkleid schmiegte sich eng an Beine und Oberkörper. Der Rücken war stattdessen mit einem schwachen, herbstlichen Rot eingefärbt, dessen Ende in drei aufeinanderfolgende Partien aus roten, gelben und blauen Schwanzfedern mündete. Die angelehnten Flügel strahlten etwas Rätselhaftes aus, etwas Geheimnisvolles, fast so, als schirmten sie seinen Besitzer unnahbar von der Außenwelt ab. Ein verirrter Ausläufer des Wendigos blätterte ihm durch die weißen Daunenbüschel am Kragen und ließen die längsten seiner abstehenden Kopffedern wie Blütenblätter im Wind wippen. Die Gestalt sog Rhinos staubige Luft durch die Nasenöffnung in seinem goldgelben Hakenschnabel, wobei sich seine gefiederte Brust blähte wie ein Blasebalg. Sein Ausatmen hatte etwas Endgültiges, etwas Erlösendes, wie das befreiende Aufseufzen nach einem endlos langen Arbeitstag.
    Unter dem Kratzen der klauenbewehrten Vogelfüße drehte sich der Fremde zur Seite. Der hakige Schnabel schimmerte im morgendlichen Licht, als ob er mit der Morgensonne wetteiferte. Die mausgrauen Augen glitten vorbei an der stillen Damenrunde, bis sie auf Lucario trafen. Die resolute Mimik des Fremden erinnerte Lucario an einen unbezwingbaren Berg. Als er nach schier endlos andauerndem Augenkontakt schließlich den ersten Schritt wagte, tat es ihm sein Gegenüber gleich. Bis sie einander schweigsam gegenüberstanden, vergingen wenige Sekunden; Sekunden, in denen keiner der beiden blinzelte oder auch nur einen Muskel bewegte. Nun, aus der Nähe, registrierte Lucario beiläufig, dass sein Gegenüber einen Jutebeutel an der Seite trug. Er war nur mäßig gefüllt.
    Der Unbekannte im Federkleid neigte den Kopf ein wenig, was seinem Schnabel etwas den Schimmer nahm.
    »Ich entbiete ich Euch meinen Gruß in Freundschaft, Lucario von Rhino. Eure Anwesenheit ehrt mich.«
    Etwas Fremdländisches schwang in der Stimme des Fremden, die sehr rauchig und maskulin war. Er neigte sein Haupt zu einer demütigen Verbeugung, während er zur gleichen Zeit einen Schritt zurücksetzte.
    Die Damenrunde in der Nähe fuhr verängstigt zusammen. Auch Lucarios spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Als der Fremde im Federkleid seine rechte Schwinge spreizte, fiel ein großer, schwarzer Schatten vor ihm nieder. Schon allein der eine Flügel besaß eine gewaltige Spannweite, mindestens einem Meter, wie Lucario vermutete. Und auch waren beide wohl problemlos in der Lage, ihren Herrn in die Lüfte zu heben. Lucario betrachtete die nun in seine Richtung ausgestreckten Federn. Verunsichert entschloss er sich dazu, die äußersten Federn wie bei einem Händeschütteln zu greifen.
    Es war, als griff er in die Leere, so zart, so zerbrechlich fühlten sich der Flaum in seiner Pfote an. Faszinierend, befremdend oder einfach nur albern - er wusste nicht, wie er sich in diesem Moment fühlen sollte.
    Der Fremde aber nickte zufrieden und zog nach kurzer Zeit seine Schwinge zurück.
    »Ich nehme an, Sie gehören zu den Aussiedlern«, stellte Lucario fest.
    »Ihr geht richtig in der Annahme. Mein Name ist Washakwil. Ich bin der Sprecher.«
    Lucario hob eine Braue.
    »Der … Sprecher?«
    »Eine Art Bürgermeister, wenn man es so möchte«, verdeutlichte Washakwil. Er hielt kurz inne. »Nicht ganz so gut strukturiert wie in Rhino oder andernorts, aber Ihr versteht sicher.«
    »Ich denke schon. Was ich jedoch nicht verstehe«, grollte Lucario, »ist, dass Sie und Ihre Leute für Ärger sorgen. Begreifen Sie nicht, dass Sie hier unerwünscht sind?«
    »Ärger? Vielleicht. Unerwünscht? Daran hege ich ernsthafte Zweifel«, widersprach Washakwil. »Wie viel Seelen habt Ihr seit Eurer Ankunft berührt? Wie viele davon in Verärgerung? In Abneigung? In Furcht? Dennoch ist Eure Anwesenheit zweifelslos unabdingbar.«
    Lucarios Züge verdunkelten sich, während er beide Arme kreuzte.
    »Sie scheinen sehr gut über die Dinge hier in Rhino Bescheid zu wissen; auch über mich.«
    »Die Türen haben Ohren, die Fenster haben Augen. Weder sind wir blind noch taub dafür, was in unserer Nachbarschaft geschieht. Und ja, dies schließt auch die Überfälle auf die Handelskarawanen ein.« Washakwil schüttelte den Kopf. »Es liegt nicht in unserer Absicht, den Haussegen Rhinos zu schädigen. Ich sage es noch einmal, wie ich es bereits Ihrem Bürgermeister geschildert habe: ›Wir greifen keine Handelskarawanen an.‹ Alles, was wir wollen, ist, friedlich mit den den Leuten aus Rhino koexistieren.«
    «Jeder hat ein Recht darauf, zu leben. Vielleicht sollten Sie und Ihre Leute jedoch in Betracht ziehen, die Dinge diplomatischer anzugehen; zumindest solange, bis die Sache mit den Überfällen abschließend geklärt ist. Über eine Aufhebung der Sanktionen kann immer noch gesprochen werden.«
    Wieder schüttelte der Sprecher seinen Kopf.
    »Sich zu verstecken, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, heißt, sich zu ergeben. Wir tragen keine Schuld. Warum sollten wir unter Konsequenzen leiden?«
    »Ich verstehe und bedauere die Lage Ihrer Leute durchaus«, raunte Lucario hörbar ungeduldig, »aber Sturheit und Unvernunft sind denkbar schlechte Ratgeber in einer solchen angespannten Situation. Das müssen Sie doch verstehen!«
    »Solange es in Rhino noch ein freundliches Gesicht und eine offene Haustüre gibt, sehen wir keinen Grund, nicht von unseren Rechten Gebrauch zu machen«, wehrte sich Washakwil. »Versteht Ihr das, Lucario von Rhino: Auch wir haben Rechte. Und weder Furcht noch Drohungen werden uns gefügig machen.«
    Lucario verzog resignierend das Gesicht. Es kam ihm vor, als diskutierte er mit einem sturen Kleinkind. Nur war dieses mit der Eloquenz eines Politikers und der Weltanschauung eines Philosophen gesegnet. Dies war längst keine Angelegenheit mehr, die man auf offener Straße nebst einigen neugierig schnatternden Waschweibern führte. Sondern gehörte die ganze Debatte in ein muffiges Amt, wo irgendwelche überbezahlte Schreibtischhengste ihre dicken Zigarren qualmten. Lucario biss sich auf die Zunge und verschluckte den aufkommenden Ärger, die ihm die Kehle wie giftige Galle hinaufkletterte.
    »Ich halte das für einen Fehler«, sagte Lucario kurz angebunden.
    »Wir alle machen Fehler«, erklärte Washakwil auf Lucarios finsteren Blick hin. Seine Züge wirkten auf einmal weicher, fast verständnisvoll. »Leider ist es einfach, von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken, indem man die Glaubwürdigkeit der anderen untergräbt. Doch die eigenen Fehler zuzugeben und zu der Wahrheit zu stehen, dazu gehört Courage. Doch zweifle ich daran, diese in Rhino zu finden. Überzeugt mich von dem Gegenteil, Lucario von Rhino. Überzeugt mich von dem Gegenteil.«
    Zu Lucarios Überraschung kehrte Washakwil ihm den Rücken zu. Schweigend und mit finsterem Blick schaute Lucario dem Sprecher nach. Doch es änderte nichts: Die Unterhaltung war beendet.


    Bis Lucario realisierte, wie dämlich er aussehen musste, auf offener Straße herumzustehen und einem Wildfremden nachzuschauen, vergingen einige ereignislose Sekunden. Er warf dem Rudel Frauen, die unlängst wieder herzhaft zu schnattern und zu kichern begonnen hatten, einen finsteren Blick zu und ging die Straße hinab.
    Rhinos Stadtbild hatte seit dem Gespräch mit Washakwil nichts an seinem Profil verloren. Die Stadt im Herzen des Sandkontinents war nicht die modernste und zweifelsohne nicht die vornehmste Stadt gewesen. Doch an Tagen wie diesen trotzte sie den rauen klimatischen Verhältnissen und zeigte sie sich von der besseren, von der schöneren Seite. Die noch am Vortag frisch geputzten Fenster blitzten und funkelten mit dem strahlend weißen Ahorn des Rathauses um die Wette. Rechts und links schlenderten Familien die Promenade entlang. Geschäfte wie die beiden Lebensmittelhandel, das Kurzwaren- und das Kramergeschäft erfreuten sich großer Beliebtheit und sollten diesen Tag als umsatzreichsten des Geschäftsquartals in Erinnerung behalten.
    Während auch Lucario die Promenade entlangwanderte, schielte er gedankenverloren in die jungfräuliche Morgensonne. Seine Gedanken kreisten um die Unterhaltung mit Washakwil bevor. Seine Meinung war dieselbe wie vor dem Gespräch. Er zweifelte stark daran, dass die Aussiedler die Handelskarawanen überfielen. Stattdessen hielt er es wahrscheinlicher, dass Washakwil und dessen Leute zwischen die Fronten geraten waren. Und trotzdem: Ihre unsensible Art, mit der Situation umzugehen, warf kein ein gutes Licht auf die Aussiedler. Es verwunderte Lucario deshalb kaum, dass Rhinos Nachbarn - ob sie es wollten oder nicht - an dem Haussegen sägten. Eine Lösung des Problems schien unerreichbar.
    Lucarios Blick wurde glasig. Seine wirbelten Gedanken verschwommen, als ob er an einem trüben Regentag durch ein Fenster blickte. Bruchstückhafte Erinnerungen perlten wie Regentropfen an dem Fenster herab. Geld, das seine Besitzer wechselte. Fragen, die nicht gestellt wurden. Wenige Worte, auf die viele Taten folgten. Es war alles viel einfacher gewesen. Damals …
    Die Poststelle war der einzige Ort in Rhino, über dem scheinbar eine dunkle Wolke schwebte, die die sonst so ausgelassene Stimmung trübte. Vor dem Eingang des Gebäudes stand eine Kutsche in den Startlöchern. Zwei mürrisch dreinblickende Arbeiter waren bereits davor eingespannt. Einer von Rameidons Mitarbeitern pendelte hektisch zwischen Postamt und dem Gebäude, um den Wagen zu beladen. Der Kutscher selbst lehnte sich tiefenentspannt auf seinem Gefährt zurück, die Zügel zu seinen Füßen und eine qualmende Zigarette im Mund. Auf die Idee, beim Beladen des Wagens zu helfen, kam er nicht, was ihm der Postbeamte mit finsteren Blicken und Flüchen auf den Lippen quittierte.
    »Wohin geht die Lieferung?«
    Der Kutscher taxierte Lucario misstrauisch. Erst als er den Stern auf der Brust des Sheriffs bemerkte, verließ ihn das Argwöhnische und er antwortete: »Nach Wendshore. Is’ die letzte Lieferung für diese Woche - wenn man’s glaubt.« Er zog kräftig an seiner Zigarette und blies den Zigarettenqualm in die Luft. »’n Haufen Nippes ham wir geladen, kaum der Rede wert. Aber mir soll’s recht sein. Lass’ mich für meine Arbeit ja gut dafür bezahlen. Und meine Alte brauch’ ich auch nicht zu ertragen«, gluckste er.
    Der linke Arbeiter schnaubte animalisch, dass sich seine Nüstern weit blähten.
    »Sitzt die ganze Zeit Pfeife rauchend auf deinem fetten, verquollenen Arsch und hetzt über deine Alte, und das nennst du ›arbeiten‹? So wie du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen!«
    Der Karawanenführer grinste Lucario an und entblößte dabei seine gelben Zähne.
    »Dafür hab’ ich die beiden Jammerlappen hier an der Backe.«
    Der andere Arbeiter blickte vorwurfsvoll den Kutscher über die Schulter an.
    »Halt’ mich da raus.«
    Sein Partner warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
    »Du Maulheld! Gestern hast du dich selber noch bei mir ausgeheult und heute ziehst du den Schwanz ein!«
    »Beschwert habe ich mich. Beschwert, nicht ausgeheult«, korrigierte er.
    »Was bist du nur für ein Fohlen …«
    Der Grinsen des Kutschers wuchs in die Breite.
    »Nur keine falsche Bescheidenheit. So wie Tauros jammert, reicht es für zwei. In meinen Augen seid ihr beiden damit mehr als bedient. - Vierbeiner«, sagte er abschließend in Lucarios Richtung und rollte die Augen.
    Tauros’ Stimme verlor das Ruppige und nahm stattdessen einen grimmigen Ton an.
    »Wäre alles nur halb so wild, wenn euer Bürgermeister, dieses geldgeile Aas, jetzt nicht schon Karawanen an Wochenenden rollen lassen würde. Er muss sich ja nicht durch 30 Meilen sengende Sonne quälen.«
    »Kannst dich glücklich schätzen, dass du überhaupt Arbeit hast, du pingeliger Ackergaul!«
    »Karawanen an Wochenenden sind nicht die Regel?«, unterbrach Lucario den bevorstehenden Disput der beiden.
    »Nee, erst seit Kurzem«, dachte der Kutscher laut nach. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wie lange schon …?«
    Auch Tauros blinzelte nachdenklich in die Sonne hinein.
    »Würde sagen, ungefähr seit Keldeo hier dabei ist.« Er machte eine Kopfbewegung zu seinem Partner. »Wie lange ist das schon?«
    »Dürften jetzt knapp drei Monate sein«, antwortete Keldeo.
    »Doch so lange schon?«, seufzte Tauros.
    Der Kutscher lachte hämisch auf.
    »Wirst du jetzt sentimental? Soll ich dir einen Putzlappen zum Schneuzen holen?«
    »Halt’s Maul!« In Rage spuckte Tauros dem Kutscher die Worte förmlich ins Gesicht. Speichel quoll ihm zwischen den Kiefern hervor, seine Augen blitzten bedrohlich und seine drei dünnen Schweife peitschten angriffslustig durch die Luft.
    Keldeo schielte seinen Nachbarn eingeschüchtert an, doch blieb er schweigsam, als ob ihn das Ganze nichts angehen würde.
    »Wenn es doch endlich losgehen würde …! Die Warterei bringt mich um!«, knurrte Tauros.
    »Würdet ihr faules Pack helfen, ginge es auch schneller …!«, blaffte ihn der Postbeamte an, der eine Box mit klirrendem Geräusch auf der Kutsche abstellte. »Noch drei Ladungen«, fügte er hinzu.
    Tauros scharrte ungeduldig mit seinem rechten Vorderbein im Sand. Der Panzer eines Käfers knackte unter seinen Hufen mürbe wie sprödes Herbstlaub. Der Vierbeiner würdigte das Opfer seiner Ungeduld mit grimmiger Genugtuung.
    »Wobei ich wirklich nicht scharf darauf bin«, knurrte er. »Nicht heute.«
    »Wie ist das zu verstehen?«, wollte Lucario wissen.
    Tauros schnaubte abfällig.
    »Fast jede zweite Postkutsche wird überfallen; aber nur die von Rhino kommend, nicht nach Rhino hin. Und ich habe es im Urin, dass wir heute wieder dran sind.« Er schüttelte den Kopf in Spott. »Das müsstest doch gerade du wissen; du mit deinem flotten Stern an der Brust.«
    »Ist das wirklich so?« Lucario fixierte den Kutscher mit eindringlichem Blick. »Nur die Karawanen von Rhino weg?«
    »Jetzt wo er es sagt …« Der Kutscher zuckte mit den Schultern. »Da ist was dran. Mitgezählt habe ich natürlich nicht und es gibt noch andere Postkutschen, aber … Von dem, was man so untereinander spricht … Wo willst du hin? Hey?!«
    Lucario entfernte sich mit schnellen Schritten, die Rufe des Karawanenführers noch in seinen Ohren. Das war interessant. Sehr interessant …

  • 11. Unangenehme Fragen


    Tauros behielt mit seinem Verdacht recht. Nach etwa einer Stunde kehrte die Postkutsche unverrichteter Dinge und dafür tranchiert wie ein Festtagsbraten nach dem großen Fressen zurück. Der Auflauf bei der Rückkehr der Karawane war groß: viele Schaulustige, wenige Helfer. Der Bürgermeister, der Poststellenbetreiber, sogar der alte Armaldo samt Eheweib - sie alle waren da. Nur einen suchte man vergeblich: den amtierenden Gesetzeshüter.

    Als einer von Rhinos braven Bürgern das Sheriff’s Office mit den schlechten Nachrichten im Schlepptau gestürmt hatte, war Lucario bereits tief in seinen Unterlagen versunken. Er betraute Grillchita mit dem Fall, was beiden gelegen kam. Der Deputy hatte einmal mehr seinen Kopf aus der Schlinge gezogen und war den Aufräumarbeiten entkommen. Und in Lucarios Fall hatte er für etwas Ruhe in den eigenen vier Wänden gesorgt.

    Als er das letzte Mal die Protokolle seiner Vorgänge gewälzt hatte, hatte er dies im spärlichen Kerzenschein tun müssen. An diesem Tag lagen die Berichte von Maxax, Knarksel und allen anderen offen und gut lesbar vor ihm. Und doch warfen sie plötzlich noch mehr Fragen auf als zuvor. Tatsächlich musste Lucario im Nachhinein eine bemerkenswerte, schon auffällige Nachlässigkeit seiner Vorgänger feststellen. Denn weniger als die Hälfte der Berichte beinhaltete Informationen darüber, welche Postkutschen ausgeraubt worden waren. Diejenigen, die es taten, sprachen hauptsächlich von Überfälle auf Karawanen von Rhino kommend. Hauptsächlich. Nicht aber alle. Entweder hatten sich die Mitglieder der heutigen Karawane geirrt oder die Protokolle waren falsch.

    Mit krausgezogener Stirn hielt Lucario Maxax’ Bericht vor sich hin. Er hatte ihn mittlerweile so oft gelesen, dass er aus dem Stand jeden Satz rezitieren konnte. Doch noch während er das Papier festhielt, schienen ihm die Worte wie Sand durch die Finger zu rieseln. Sätze begannen, finstere Schatten zu werfen, in denen sich eine tiefere Wahrheit zu verstecken versuchte. War der Mann, der den Bürgermeister als »Lackaffe« diffamiert hatte, gar nicht der Verfasser des Berichts? Und wenn nein, wer war er dann? Warum Berichte fälschen? Worin bestand die Motivation dafür? Wer profitierte davon?

    Lucario legte das Papier vor sich hernieder. Mit aller Kraft stützte er sich von seinem Schreibtisch ab, der scheinbar einen Papierkrieg gegen seinen Besitzer führte. Lucarios Mund kräuselte sich in Verärgerung. Das Motiv … Lucario hatte geglaubt, es wäre schon schwer, die Postkutschenüberfälle zu hinterfragen. Doch jetzt suchte er die Antwort auf die Frage hinter der Frage. Und diese musste sich irgendwo in Rhino verstecken. In einer dunklen Gasse oder hinter einer verschlossenen Tür. Verstrickt in einem Netz aus Lügen und Halbwahrheiten. Vielleicht sogar hier in dem Sheriff’s Office; verborgen zwischen den unzähligen Protokollen, Grillchitas halbherzig abgearbeiteten Noch-zu-erledigen-Liste, dem Brief mit dem Richtergesuch für den Banküberfall, Lucarios eigenen Protokollen, der unbezahlten Rechnung für den Lebensmitteleinkauf und dem Dankeschön-Schreiben des Bankbetreibers. Irgendwo dazwischen …


    In den vergangenen zwei Stunden hatte sich Rhinos öffentliches Leben zum überwiegenden Teil zurückgezogen. Familien mit Frauen und Kinder blieben der Straße fern. Jedes Lachen klang fremd und zerbröselte wie altersschwacher Sandstein in zu rauer Witterung. Stattdessen hielt Verunsicherung die restlichen Stadtbewohner fest in ihrem Würgegriff; dunkle Schatten, die die Gesichter wie grantige Masken bedeckte. Gefallen an der tristen Stimmung fand einzig und allein der Wendigo. Der schwächliche Passatwind wälzte sich vergnügt durch die leer gefegten Straßen so wie ein Schwein im Schlamm. Als er die Poststelle erreichte, säuselte er den Bewohner schelmisch um die Ohren und wetzte seine stumpfen Zähne an deren grimmen Gesichtern. Der größte Ansturm an der Poststelle war mittlerweile abgeklungen. Rund 20 Männer waren hinaus zum Tatort aufgebrochen - ein Ritual, das sich bei jedem Raubzug wiederholte, ohne jemals einen nennenswerten Erfolg verzeichnen zu können.

    Während der Saloon immer näher kam, redete sich Lucario ein, die richtige Wahl getroffen zu haben. In Rhino gab es zwei Personen, mit denen er sich am liebsten gleich unterhalten wollte: der Glücksspieler Z und der Poststellenbetreiber Rameidon. Z stand noch immer auf Lucarios Liste der Verdächtigen ganz weit oben. Und was Rameidon betraf, so wusste niemand besser über die Vergangenheit der Postkutschenüberfälle Bescheid als er. Lucario hielt es jedoch für die bessere Wahl, dem Poststellenbetreiber Zeit zur Schadensbegrenzung einzuräumen. Was Z betraf, so wollte Lucario seiner Theorie nachgehen, und kein Moment schien günstiger als unmittelbar nach einem Überfall.

    »Hallo, du blaue Oase in dieser gähnenden Wüste der Langeweile. Was darf ich dir bringen?«

    Rutena musste über ihren eigenen Witz glucksen. Lucario vermutete, dass die Barkeeperin lange Zeit damit verbracht hatte, ihn sich zu überlegen. Denn im Fröhlichen Fuchs herrschte Leere. Gähnende Leere. Niemand war da, um auf den Samstag anzustoßen. Keine laut grölende Herrenrunde. Keine verschwiegene Pokerrunde. Noch nicht einmal der alte Armaldo an seinem Stammtisch im hinteren Bereich des Saloons. Und auch kein Z, wie Lucario unschwer erkennen musste.

    »Klingt so, als hättest du mich erwartet«, stellte Lucario fest, als er die Theke erreichte.

    »Dich erwarte ich immer, Schätzchen«, zwinkerte Rutena ihm zu. »Also, was darf ich dir bringen?«

    Lucario schüttelte den Kopf.

    »Dafür …«

    »… bin ich nicht hier«, beendete Rutena den Satz seufzend. Jetzt schüttelte sie tadelnd den Kopf. »Ach, Sugar, du machst es einem aber wirklich nicht leicht. Ständig stehst du unter Strom, hast nur deine Arbeit im Kopf. Wann kommst du eigentlich mal wie alle anderen zum Ausspannen her?«

    »Nicht heute.«

    »Dachte ich mir.« Rutena stützte ihren Ellenbogen auf der Theke ab, ihr Kopf wiederum zum gleichen Teil gelangweilt wie an Lucario interessiert auf ihrer Pfote gestützt. Die Thekenoberfläche war absolut rein. Keine verschütteten Drinks, keine Spritzer vom Einschenken, keine wässrigen Glasabdrücke. An diesem Samstagmorgen hatte bislang niemand etwas bestellt - aus Auswirkungen des Postkutschenüberfalls, wie Lucario vermutete. »Also, warum bist du hier?«

    »Ist Z hier?«, fragte Lucario.

    »Glaub’ mir, Sugar: Wenn du nur solches Interesse an mir zeigen würdest, käme ich aus dem Erröten gar nicht mehr raus.« Sie machte eine vielsagende Kopfbewegung zur Decke hin. »Er hat in den vergangenen Tagen seine Gepflogenheiten nicht überraschend abgelegt; ist oben und schläft.«

    »Danke. Welches Zimmer?«

    Rutena kräuselte ihre Lippen zu einem schelmischen Schmunzeln.

    »Zimmer drei. Geh’ es langsam an, Tiger! Rrrrawr!«

    Die einzige Treppe mündete in das Obergeschoss des Saloons. Über einem dünnen, verräterisch knarrenden Holzdielenfußboden führte ein schmuckloser Flur zu jeweils fünf Zimmern auf der rechten und fünf Zimmern auf der linken Seite. Jede von ihnen war mit einer großen Zahl von eins bis zehn darüber beschriftet.

    Außer Lucario gab es noch eine weitere Person auf dem Korridor. Die Hand der plumpen Gestalt umklammerte in einem schier unermüdlichen Kampf die rasselnde Türklinke zum dritten Zimmer. Leise Flüche rannten dem Gast über die Lippen, während ihm die verschlossene Tür mit Schweigen strafte.

    »Jetzt mach schon auf! Ich muss mit dir reden! Bitte!«

    Dreimal schmetterte Pantimos’ Faust ungehalten gegen das sture Holz. Keine Antwort. Als er sich zur Seite drehte, um den Ursprung des knarrenden Fußbodens zu finden, weiteten sich seine Pupillen. Ungeachtet von Pantimos’ Beklommenheit in dessen weit aufgerissen Augen und seiner heftig zitternden Unterlippe trat Lucario näher heran.

    »Guten Morgen. Störe ich?«

    Der Unterhaltungskünstler rang sowohl nach Stimme als nach Worten. Schließlich brachte er ein brüchiges Lächeln hervor.

    »Gu-guten Morgen, Sheriff. Nein, natürlich nicht.«

    Anfängliche Zurückhaltung gepaart mit kaltem Schweiß begegnete Lucario bei dem Händeschütteln. Er spürte, wie Pantimos’ lange, maskuline Finger seinen Pfotenrücken berührten. Es lag wenig Freundschaftliches darin, mehr wie die verzweifelt im Spinnennetz zappelnde Beute.

    Lucario machte eine Kopfbewegung zur Tür hin.

    »Zimmer drei, hm? Was gibt es da?«

    »Och, nix Besonderes. Ich wollte nur … mit Z plaudern.«, sagte Pantimos mit einem unschuldigen Schulterzucken. »Er … ist allerdings nicht da. Ich geh’ dann mal wieder …«

    Pantimos eilte an dem Sheriff vorbei. Auf halbem Weg den Korridor hinunter packte Lucario ihn an der Schulter.

    »Nicht so hastig, Brausewind.«

    So wie er den eisigen Griff seines Verfolgers spürte, erstarrte Pantimos zur Salzsäule. Lucario schlenderte gemächlich an dem Unterhaltungskünstler vorbei. Bei jedem Schritt knarzte der Holzdielenfußboden. Im gleichen Takt klopfte Lucario seinem Gesprächspartner sanft auf die Schulter, bis er ihm gegenüberstand.

    »Also«, sagte Lucario und lehnte sich lässig mit einer Schulter und über Kreuz geschlagenen Armen gegen die Wand, »mit Z reden, hm?«

    Pantimos presste zwischen fest zusammengebissenen Zähnen ein steifes Lächeln hervor.

    »Ja …«

    »Ich muss gestehen, ich bin neugierig«, sagte Lucario. »Sie gehören zu den Fantastischen Traumwebern, richtig? Warum seid ihr in einer Stadt wie dieser?«

    »Wir sind auf Tournee«, erklärte Pantimos sachlich. »Mal hier, mal dort. So sind wir Schausteller eben. Nichts Ungewöhnliches.«

    »Dennoch hält sich Ihre Truppe schon beträchtlich lange Zeit hier in Rhino auf, richtig?«

    Pantimos zog seine Gesichtszüge nach oben bis zu den Augenbrauen. Gleichzeitig zuckte er mit den Schultern.

    »Ist das ein Verbrechen?«

    »Das habe ich nicht behauptet«, erwiderte Lucario. »Als Leiter der Truppe können Sie mir bestimmt sagen, warum dieses Arrangement bereits zum zweiten Mal verlängert wurde.«

    »Wir verdienen hier ganz gutes Geld. Außerdem ist auf dem restlichen Kontinent gerade tote Hose.«

    »In Ramal feierte man erst vor ein paar Tagen ein großes Sommerfest. Zufällig weiß ich, dass die Traumweber schon einmal in der Hauptstadt für Unterhaltung gesorgt haben. Wäre das nicht etwas gewesen?«, fragte Lucario spitzfindig.

    »Ach das? Ja, vielleicht …«, meinte Pantimos. Seine Stimme schwankte. »Aber was soll man machen? Jetzt ist’s ohnehin zu spät. Und wie gesagt: Uns geht es hier recht gut. Die Überfälle sind zwar Gift für das Geschäft, aber es fehlt uns trotzdem an nichts. Und hin und wieder tut auch eine solche Verschnaufpause ganz gut. Sonst würden wir wohl jetzt gerade unten ordentlich Rambazamba machen.« Er lachte tonlos.

    Lucario gab sich keine Mühe, weiter auf das Thema einzugehen. Er wusste, dass Pantimos ihn soeben bezüglich des verlängerten Rhino-Aufenthalts angelogen hatte. Doch ahnte er, dass er auf diese Art nicht weiterkam.

    »Was wissen Sie über die Überfälle?«

    »Nichts.«

    Pantimos’ Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Lucarios Stirn furchte sich, denn glaubte er, dass ihm Pantimos dieses Mal tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte.

    »Nichts?«

    »Ja, nichts. Was ist daran so ungewöhnlich? Als Schausteller habe ich damit nichts am Hut.«

    »Für Schausteller halten Sie sich aber verdächtig lange in denkbar schlechter Gesellschaft auf.« Lucario nickte an Pantimos vorbei in Richtung der verschlossenen Tür zum Zimmer drei. »Was haben Sie mit Z zu schaffen?«

    »Wir spielen gerne Karten.«

    Lucario blickte ihn energisch an.

    »Und?«

    »Nichts, und!«

    Pantimos’ Ton wurde schärfer, das Gesicht allmählich zartrosa. Das alles, während er zwischen Wahrheit und Lüge schwankte wie ein Trapezkünstler auf hauchdünnem Drahtseil. Als Lucario ein weiteres Mal nachhaken wollte, entbot ihm sein Gesprächspartner eine ungehalten klingende Entschuldigung, dass er jetzt dringend gehen müsse. Lucario willigte ein - widerborstig.


    Während er die Treppe ins Erdgeschoss hinabstieg, ging Lucario das Gespräch mit Pantimos noch einmal gedanklich durch. Jeden Satz. Jedes Wort. Jede Silbe. Viel Neues ergab sich daraus nicht. Bereits bei seiner ersten Begegnung am Pokertisch hatte Lucario den Eindruck gewonnen, dass der Traumweber sich nach Kräften bemühte, das Gesetz auf Distanz zu halten. Dieses Gefühl wurde mit der jüngsten Begegnung nur noch verstärkt. Die Nähe des Schaustellers zu Z und seine Geheimniskrämerei machten Pantimos zwar nicht dringend tatverdächtig, jedoch war er auf jeden Fall suspekt. Und was Z betraf: Einmal mehr war er zum Tatzeitpunkt eines Überfalls unauffindbar. Die Zimmertür war abgeschlossen, und niemand konnte mit Gewissheit sagen, dass sich Z tatsächlich in dem Zimmer aufhielt.

    In der vergangenen Viertelstunde war ein wenig Leben in den Saloon eingekehrt - zwei verschlossene Gestalten, die in einer abgeschiedenen Ecke der Kneipe saßen und mit zusammengesteckten Köpfen an ihren Drinks nippten.

    »Und? Wie lief’s«, fragte Rutena.

    »Mäßig«, antwortete Lucario knapp.

    »Doch so schlecht?«

    »Er hat gar nicht erst aufgemacht - falls er denn überhaupt da ist.«

    Rutena lächelte sacht.

    »Mir ist jedenfalls noch nicht zu Ohren gekommen, dass er sein Zimmer per Fenster betritt oder verlässt. Und kommen und gehen bleibt bei der einzigen Tür nach draußen auch kaum unbemerkt.«

    Lucario murrte verdrießlich. Das Kinn hängend, stützte er sich schwer mit beiden übereinandergeschlagenen Armen auf der Theke ab.

    »Gibst du mir wieder den Knurrigen, hm?«, stellte Rutena fest. »Warte, ich mixe dir einen zusammen. Das hellt dein Gemüt gleich wieder auf, wetten?«

    Die Pendeltür schwang, zwei Gäste betraten den Saloon. Unter den trägen, schweren Schritten eines der beiden Neuankömmlinge ächzte der Fußboden auf und die Flaschen in dem Wandschrank hinter der Theke erzitterten. Lucario neigte den Kopf ein wenig zur Seite, gerade weit genug, um Rameidon zusammen mit Galagladi dabei zu beobachten, wie beide an einem Tisch in der Mitte des Saloons Platz nahmen.

    »Lass mal«, sagte Lucario. »Meine Laune hat sich gerade eben gebessert.« Er trat an den Tisch der Neuankömmlinge. Bereits auf halbem Weg schenkte ihm Rameidon ein Lächeln.

    »Ah, Lucario. Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu finden«, grüßte Rameidon.

    »Das beruht auf Gegenseitigkeit«, erwiderte Lucario. Er nickte beiden zur Begrüßung kurz zu. Rameidon bot ihm derweil mit einer Handbewegung den freien Stuhl neben Galagladi an. Lucario nahm schweigend an.

    »Das kann man bereits als eine traurige Tradition beschreiben«, erklärte Rameidon. »Nach einem Überfall genehmige ich mir gerne einen Magenbitter - ein Balsam für Leib und Seele.« Er machte eine Handbewegung zur Theke hin. »Dasselbe wie immer«, sagte er und schickte Rutena, so wie sie gerade gekommen war, wieder zurück.

    »Auch auf die Gefahr hin, Ihren angeschlagenen Magen weiter aufzuwühlen, würde ich mich gerne mit Ihnen noch einmal über die Überfälle unterhalten.«

    »Nur zu«, nickte Rameidon höflich. »Wenn es hilft, die Bastarde endlich zu erwischen.«

    »Haben Sie je ein System bei den Überfällen beobachtet?«

    Rameidon zögerte nachdenklich.

    »Ein … System? Nun, es ist, wie ich es Ihnen bereits sagte: Die Postkutschen werden immer außerhalb von Rhino attackiert; manchmal näher, manchmal weiter weg.«

    »Sind mehr Karawanen von oder nach Rhino betroffen?«, hakte Lucario nach.

    Rameidon atmete erschöpft aus. Dem folgte ein peinlich berührtes Lächeln.

    »Das«, begann er langsam, »ist eine schwere Frage. - Warum ist das wichtig?«

    »Ich habe meine Gründe«, erklärte Lucario.

    In diesem Moment kehrte Rutena zurück an den Tisch. Sie teilte drei Gläser aus, jedes mit einer anderen Flüssigkeit. Lucario erkannte den Farbton seines Drinks als das Getränk wieder, das ihm Rutena zuletzt zusammengemixt hatte. Ungewöhnlich still bedachte sie ihm einen stagnierten Gesichtsausdruck, bevor sie wieder zu ihrer Bar zurückkehrte.

    »Nun, wenn Sie das genau wissen wollen, müsste ich meine Bücher konsultieren«, sagte Rameidon, hob sein Glas und prostete der Runde zu.

    Lucario folgte der Einladung nicht, ließ sein Glas unangetastet.

    »Bücher können manipuliert werden. Wenn Sie gestatten, würde ich es gerne von Ihnen hören. Hier. Und jetzt.« Lucario untermauerte seine letzten beiden Sätze mit einer langen Pause und energischem Unterton, während er seine Augen fest auf Rameidon gerichtet hielt.

    Rameidon lächelte kritisch.

    »Entschuldigen Sie, Sheriff, aber das hörte sich gerade so an, als beschuldigten Sie mich, dass ich meine Bücher fälsche. Ich bin sicher, dies lag nicht in Ihrer Absicht.« Er lachte. Doch es war ein unangenehm ernstes Lachen, auf das eine genau so unangenehme Pause folgte.

    »Vielleicht«, antwortete Lucario knapp.

    Die Fassade von Rameidons Lächeln bröckelte.

    »Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Lucario?«

    »Stimmt es, dass hauptsächlich Kutschen überfallen werden, die Rhino verlassen?«

    »Wie gesagt: Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ohne in meine Bücher zu schauen.«

    »Welche Waren sollten heute transportiert werden?«

    »Die Güter waren für Wendshore bestimmt«, erklärte Rameidon.

    Lucarios Ton wurde rauer. Doch auch das Klima am Tisch schien gewittriger zu werden. Galagladi, der bislang nur schweigsam zuhörte, fixierte ihn mit starrem Blick. Und auch über Rameidons Gesicht rannte immer seltener ein Blinzeln.

    »Das war nicht meine Frage.« Lucario lehnte sich etwas in Rameidons Richtung. »Welche Güter?«

    »Post. Versorgungsgüter. Das Übliche eben.«

    »Ich hätte es gerne noch genauer.«

    Rameidon tippte mit seinen Klauen ungeduldig auf die dieselbe Stelle der Tischplatte.

    »Ich fürchte, das kann ich Ihnen nicht sagen. Postgeheminis«, ergänzte er nach kurzer Pause und mit viel Nachdruck in der Stimme.

    »Und ich fürchte, ich muss darauf bestehen.«

    »Ist das ein Verhör?«

    »Wenn Sie es so wollen«, lenkte Lucario ein.

    »Ich weiß Ihren Standpunkt zu schätzen, Sheriff.« Rameidons Lächeln war nun endgültig zu Staub verfallen. Er geißelte Lucario mit drakonischer Miene, während seine Klauen eine geschlossene Faust mit in die Höhe wuchernden Knöcheln bildete. »Aber selbst wenn ich wüsste, was in jedem einzelnen Brief stand, der aus meinen Kutschen geraubt wurde, und selbst wenn es - warum auch immer - helfen würde, die Verbrecher dingfest zu machen, kann und werde ich nicht gegen meine Berufsehre verstoßen.« Rameidon spuckte die letzten Worte förmlich aus. Seine Stimme war zu einem kochenden Vulkan geworden, sein Odem zu kleinen, wütenden Rauchkringel. Ihre dezent begonnene Unterhaltung hatte indessen eine Lautstärke erreicht, die jeder einzelne der Anwesenden im Saloon unschwer verfolgen konnte.

    Damit endete die Unterhaltung. Und ein weiterer Verdächtiger reihte sich in Lucarios Liste ein.

  • 12. Böses Blut


    In einem Gedicht vom Sandkontinent heißt es:


    Dein Heim in ew’ger Fern,

    bist bös in Mark, bös in Kern,

    treibst du deinen Schmu.

    Siehst in des Abends rot,

    die Wut noch leise loht,

    Sturm, kommst auch du zur Ruh.


    Rhinos feiner Sand knirschte zwischen den Ritzen des hölzernen Gehwegs, als ein Versorgungskarren behäbig über die leere Promenade ratterte. Mühelos lehnte sich der Händler gegen den schwachen Passatwind. Kurz blinzelte er in die blasse Morgensonne, bevor er mit seinem Karren in einem Hinterhof verschwand. Dem alleingelassenen Wendigo tropfte ein sehnsüchtiger Seufzer von dessen lippenlosem Mund. Dann zog er weiter. In die Wüste hinaus. Ungesehen, ungehört.

    Ausgestorbene Straßen an Sonntagen waren kein seltener Anblick. Doch selbst für Rhinos Verhältnisse ging eine außerordentliche Stille um. Mit wenigen Ausnahmen hielten die meisten Geschäfte am Sonntag ihren Ruhetag. Das Postamt blieb geschlossen, das Badehaus trocken. Der Saloon gehörte zu den wenigen Sonderfällen und hatte für seine Gäste bis zwölf Uhr mittags eine offene Tür. Und auch das Gesetz schlief am letzten Wochentag nicht. Doch selbst im Sheriff’s Office flanierten an diesem Morgen Müßiggang und Trägheit Hand in Hand. Unlust. Viele Worte, wenige Taten.

    »Rameidon überfällt also seine eigenen Handelskarawanen?« In der Stimme des Deputys schwang subtiler Spott. Er sog den Gestank gärender Tristesse tief in seine Lunge, die er gleich darauf mit einem Schluck Kaffee entstauben musste. Anschließend schweifte sein Blick über den unaufgeräumten Schreibtisch mit den gestapelten Protokollen, Zeitungsartikeln und Kaffeeflecken einer schlaflosen Nacht. Dann schüttelte er den Kopf.

    »Meiner Meinung nach ein klassischer Fall von Faden verloren.«

    »Ich habe nie behauptet, dass er seine eigenen Karawanen angreift, nur eine von vielen Möglichkeiten aufgezählt - wenn auch eine unwahrscheinliche«, korrigierte Lucario. »Für den Moment halte ich es am wahrscheinlichsten, dass er irgendetwas verheimlicht. Nicht mehr, nicht weniger.«

    »Was hätte er davon, wenn er die Ermittlungen behindern würde? Mir fällt niemand ein, der mehr unter den Überfällen leidet als der Poststellenbetreiber selbst. Vielleicht noch die anderen Städte, aber sonst …«

    »Das würde ich gerne rausfinden.«

    Grillchita lehnte sich zurück, die Hände um den Hinterkopf geschlungen.

    »Ich für meinen Teil halte alles, was Rameidon gesagt hat, für sinnig. Es gibt nun mal ein Postgeheimnis. Und er kann unmöglich wissen, was in jedem Brief steht oder in jedem Paket steckt. Und deshalb hat er Ihre Fragen nicht beantworten. Weil er es nicht konnte.«

    »Er hat meine Fragen nicht nur nicht beantwortet, sondern ist Ihnen ausgewichen«, widersprach Lucario. »Ich glaube, er weiß mehr, als er zugeben will. Und das macht ihn verdächtig.«

    »Und ich glaube, Sie steigern sich da in etwas hinein«, erwiderte Grillchita. »Hören Sie«, begann er nach kurzer Pause deutlich versöhnlicher, »ich behaupte auch gar nicht, dass sich Rameidon - na ja - zumindest etwas verdächtig gemacht hat. Aber vergessen Sie auch nicht die Aussiedler. Oder Z. Meiner Meinung nach sind das für den Moment deutlich bessere Anlaufstellen.«

    Scharf aber schweigsam fixierte Lucario seinen Deputy. Der wiederum wich dem schneidenden Blick zur Seite aus. Lucarios Zähne knirschten vor Frustration. Er hatte sich mehr Rückendeckung von seinem Angestellten erhofft.

    »Auf jeden Fall würde ich mich im Gespräch mit dem Bürgermeister mit Ihrem Verdacht bremsen, wenn ich Sie wäre«, murmelte Grillchita beiläufig. »Was mich einmal mehr dazu bringt, Sie zu erinnern, dass …«

    »Ja, ja, ich weiß schon …«, winkte Lucario frustriert ab. Die Uhr an der Wand verriet ihm, dass er im Rathaus seit nun mehr drei Minuten überfällig war. Er ahnte bereits, warum sein Erscheinen so dringend gewünscht war. Lucario tat es seinem Mitarbeiter gleich, schlang die Arme um den Hinterkopf und lehnte sich erschöpft zurück, den Blick lustlos auf die Uhr gerichtet. Nach einiger Weile stieß Lucario mürrisch seinen Atem aus. »Hilft ja alles nichts …«

    »Wie werden Sie die Sache mit Rameidon behandeln, Sheriff?«, fragte Grillchita, für den der knarrende Stuhl seines Vorgesetzten wie ein Weckruf war und jetzt seinen Kopf schräg gegen die Schulter legte.

    Lucarios Schritte polterten auf die Ausgangstür zu. Er linste kurz zu den Gefängniszellen zu seiner Linken, wo ihm Tyracroc, von dessen harter Pritsche aus, grimmig anfunkelte. Dann blieb er stehen, musterte er seinen Deputy über die Schulter hinweg.

    »Diskret«, antwortete er kurz angebunden. Dann wandte er sich Grillchita direkt zu. Seine Stimme schwang in verschlagenem Unterton: »Und deshalb heftest du dich ihm an die Fersen.«

    Grillchitas Pupillen weiteten sich erschrocken.

    »I-ich? Warum ich?«

    »Einer muss es machen, und ich könnte mir keinen Besseren für den Job vorstellen als dich.« Das Verschlagene in Lucarios Stimme verschwand und wurde von seinem üblichen trockenen Ernst ersetzt. »Jedenfalls erregst du weit weniger Aufmerksamkeit als ich. Und das eines klar ist: Ein Nein akzeptiere ich nicht!«

    Demotiviert warf Grillchita den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke.

    »Na schön … Aber erst ab morgen. Bin heute nicht im Dienst - eine der Schattenseiten, wenn man nur Deputy ist«, butterte er.

    »Und ich habe gehört, du machst heute Überstunden.«

    Es war keine Feststellung, sondern eine Drohung.


    Rhinos bedeutungsvoller Standort für den Warenverkehr auf dem gesamten Sandkontinent hatte die Stadt seit ihrer Gründung rasch wachsen lassen. Kaum etwas hatte das Stadtbild aber so dominant verändert wie das Rathaus, das insbesondere in den letzten Jahren von einem morbiden, fleischlosen Gerippe zu einem feisten, pausbäckigen Monstrum herangewachsen war. Seit dieser Zeit stellte es gleichzeitig die Amtsräume zur Verfügung wie auch die Residenz des amtierenden Bürgermeisters. Die mögliche prunkvolle Ausstattung der privaten Räume gehörte zu dem beliebtesten Tratsch in der Stadt. Im schrillen Kontrast dazu stand die kleine, miefige Kammer im rechten Flügel des Erdgeschosses, in der - wie jeder wusste - sich der Sekretär um den undankbaren Papierkram kümmerte.

    Seit den vergangenen Tagen hatte das Regierungsgebäude nichts von seinem Pomp und seiner Spießigkeit eingebüßt. Von dem schnörkeligen Treppengeländer ging das Aroma frisch aufgetragener Möbelpolitur aus, als Lucario über den rotweinfarbenen Teppichstufen ins obere Stockwerk schritt. Lucario rieb die Politur nachdenklich zwischen den Fingern. Es fiel ihm schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als seine gestrige Unterhaltung mit Rameidon, und ein inneres Gefühl mahnte ihn, dass es nach dem bevorstehenden Gespräch mit dem Bürgermeister nicht besser sein würde. So wie zuvor im Sheriff’s Office atmete Lucario mit großer Überwindung aus. Er streifte das schmierige Gefühl in seiner Pfote am Fell ab, klopfte an der Tür zur Schreibstube des Mayors und trat nach Aufforderung ein.

    »Sie sind zu spät! Hinsetzen!«

    Lucario fühlte sich von der ruppigen Begrüßung bestätigt. Man hatte ihn nicht zu Tee und Gebäck oder einer zwanglosen Plauderei eingeladen. Hier ging es um die Wurst, und ihm dafür an den Kragen. Er ahnte schon jetzt: Dass er sich setzen lassen durfte, war die letzte Höflichkeit, die in diesem Raum ausgetauscht werden würde.

    »Ich habe Klagen darüber erhalten, Sie hätten gestern im Saloon unbequeme Fragen gestellt und für Unruhe gesorgt.« Die Augen des Bürgermeisters waren Fenster, hinter denen dunkle Gewitterwolken hervorquollen. Ein Blitz zuckte aggressiv in Lucarios Richtung. »Erklären Sie sich!«

    »Es ist mein Job, unbequeme Fragen zu stellen«, entgegnete Lucario kühl.

    »Falsch. Es ist Ihr Job, für Ordnung zu sorgen und diese aufrecht zu halten, nicht aber, die Vogelscheuche zu spielen.« Die Blitze in den Augen des Bürgermeisters züngelten gierig.

    Lucario fühlte den Puls in seiner Schläfe rasen. Mit knirschenden Zähnen antwortete er: »Bei allem nötigen Respekt: Ich habe Grund zu der Annahme, dass Rameidon Informationen wissentlich zurückhält.«

    »Annahmen?« Kukmarda spuckte das Wort regelrecht aus. »Hirngespinste sind das! Statt Ihr Versagen einzugestehen, lenken Sie von Ihrer Unzulänglichkeit ab, indem Sie wahllos mit irgendwelchen Anschuldigungen herumwerfen, in der Hoffnung, irgendwann einen Glückstreffer zu landen. Welche Fortschritte haben Sie bei den Aussiedlern erzielt? Und was ist mit diesem Glücksspieler, diesem Z?«

    »Ich glaube nicht, dass die Aussiedler in die Angelegenheit verwickelt sind«, antwortete Lucario.

    »Sie glauben?«, echote Kukmarda spöttisch. »Glauben Sie, was Sie wollen - wir sind hier nicht in der Kirche! Ich will Ergebnisse, keine vagen Vermutungen! Sie haben mich schwer enttäuscht, Lucario.«

    Insgeheim scherte sich Lucario einen feuchten Kehricht über die persönliche Meinung des Bürgermeisters zu ihm. Doch mahnte er sich davor, dies zum Ausdruck zu bringen.

    »Die Sache könnte leicht aus der Welt geschaffen werden, wenn Rameidon kooperieren würde«, schlug Lucario vor. Sein versöhnlicher Unterton kostete ihn starke Überwindung.

    »Es gibt nichts ›aus der Welt zu schaffen‹. Hören Sie endlich damit auf, Rameidon vom Opfer zum Täter zu machen! Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Lucario!«

    »Ich sehe keine anderen Optionen, Sie etwa?«

    »Ich sage es ein letztes Mal: Sie sind nicht der Kläger und er nicht der Täter!«

    »Ich klage nicht an. Ich stelle Fragen.«

    »Genug!« Kukmardas Faust schmetterte auf den Schreibtisch - ein ohrenbetäubender Donnerschlag, der die nur kurz angehaltene Stille zerfetzte. »Denken Sie doch nur eine Sekunde nach, Mann! Glauben Sie tatsächlich, der Poststellenbetreiber überfällt seine eigenen Karawanen? Machen Sie sich nicht lächerlich! Wenn es einen gibt, der mehr unter den Überfällen leidet als Rhino, dann ist es Rameidon!«

    Eine kurze Pause trat zwischen den beiden ein. Kukmardas bislang zum Zerreisen angespannte Züge wurden in dieser Zeit zunehmend schlaffer, fast schon gönnerhaft; ein Zeichen dafür, dass er annahm, aus diesem Gespräch endlich als Sieger hervorgegangen zu sein.

    »Was Sie nicht sagen …«, entgegnete Lucario plötzlich kühl und starrte den Bürgermeister energisch an.

    Auf eine nur kurze Verständnislosigkeit über Lucarios Kommentar bleckte Kukmarda als Antwort seine scharfen Schneidezähne, wobei dessen Miene augenblicklich wieder die verlorene Härte annahm.

    »Ja, sage ich!«, echote er warnend und blickte finster zurück. »Und Sie reißen sich gefälligst zusammen oder Sie haben die längste Zeit auf meiner Gehaltsliste gestanden. Lassen Sie den Mann in Ruhe! Haben wir uns verstanden? In Ruhe!«

    »Ich habe verstanden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden; diese Vogelscheuche hat zu arbeiten. Mayor

    Mit der Anrede entbot Lucario seinen Abschiedsgruß. Als er beim Verlassen des Raums die Türklinke zu fassen bekam, donnerte hinter ihm ein weiteres Mal die Stimme des Bürgermeisters unheilvoll.

    »Lucario! Mir ist zu Ohren gekommen, Sie hätten ein Kind auf offener Straße angegriffen. Ich brauche hoffentlich nicht zu erwähnen, dass Schlagzeilen über einen Gesetzeshüter, der sich an Kinder vergreift, das Letzte ist, was diese Stadt im Moment braucht. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

    Das noch eben kalte Metall der Türklinke schien plötzlich heiß wie ein Vulkan zu lodern und ebenso so vibrieren, als ob er kurz vor dem Ausbruch stand. Lucario antwortete nicht und blickte nicht zurück, als er den Raum verließ.


    Bei seiner Ankunft im Saloon am späten Morgen schaute Lucario in die Runde. Mittlerweile gab es kaum mehr ein Gesicht, das im völlig fremd war; flüchtig von der Straße oder von einem vergangenen Besuch im Fröhlichen Fuchs. Auch einige ihm mittlerweile bestens bekannte Persönlichkeiten waren unter den Anwesenden. Rameidon hatte es sich am selben Tisch bequem gemacht, an dem er bereits am gestrigen Tag gesessen hatte. Zusammen mit Galagladi saß er bei einem Glas Cognac und unterhielt sich. Einige Tische weiter hockte Grillchita, die Beine weit von sich gestreckt und bis zu Lucarios Ankunft mit tiefenentspanntem Ausdruck auf dem Gesicht. Zu einem weiteren Stammgast gehörte noch Amaldo. Seine Miene verfinsterte sich, als er auf die Uhr im Saloon sah, deren Stundenzeiger vor Kurzem die Elf-Uhr-Marke überquert hatte. Auch Rutena schaute etwas wehmütig auf die Uhr, als sie gerade dabei war, eine neue Flasche Rachenputzer zu entkorken. Ob sie lieber den ganzen Tag Gesellschaft hätte oder dem restlichen freien Sonntag hoffnungsvoll entgegenfieberte, ließ sie ihrem Blick nicht entlocken. Doch ihre nach unten hängende Miene erhielt schlagartig frischen Aufwind, als sie Lucario bemerkte, der just ihre Türschwelle überquert hatte. Z gehörte zu den letzten Saloonbesuchern, die die Ankunft des Sheriffs wahrnahmen. Er war gerade dabei, einen Apfel mit seinen Fängen zu tranchieren, als er Lucario fröhlich zuwinkte.

    »Ah, Constable! Immer wieder eine Freude, Sie zu sehen«, ruinierte Z mit freundlichem Singsang den finsteren Ausdruck auf Lucarios Gesicht. Mit einem gezielten Schnitt seiner Krallen viertelte der Glücksspieler eine Apfelhälfte. Er bot Lucario einen Platz an, dieser lehnte aber ab. Ein paar Tische weiter wurden die Unterhaltungen leiser und dafür das Interesse für das kommende Geschehen am Tisch des Glücksspielers lauter. »Nun, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«, fragte Z höflich.

    »Es gibt da etwas, das ich nicht verstehe, und ich habe gehofft, wir könnten endlich etwas Licht in die Angelegenheit bringen«, erklärte Lucario.

    Zs Grinsen wuchs um das Doppelte in die Breite.

    »Oh, Sie schmeicheln mir.«

    Lucario machte einen langsamen Bogen um den Tisch des Glücksspielers, fixierte seinen Gesprächspartner dabei mit scharfem Auge.

    »Wie kommt es, dass jedes Mal, wenn eine Postkutsche überfallen wird, ausgerechnet von dir jede Spur fehlt?« Lucario hatte seine Runde beendet und stützte sich nun schwer an der Tischplatte ab, von Angesicht zu Angesicht mit Z. Lucarios Nasenlöcher blähten sich erbost, als sie dem strengen süßlichen Parfüm des Glücksspielers aus nächster Nähe ausgesetzt waren.

    »Wirklich? Schon wieder diese Leier?« Z atmete enttäuscht aus. »Hatten wir das nicht bei unserer letzten Unterhaltung ausgiebig erörtert?«

    »Zur Abwechslung hätte ich gerne mal ein paar ehrliche Antworten, Freundchen.«

    Als Lucarios Stimme drohender und dessen Blick eisiger wurde, rückte Z sein gewohntes Lächeln wieder zurecht. In unschuldiger Manier faltete er Flächen seiner Tatzen vor sich aus und lehnte sich zurück.

    »Ich fürchte, Sie versprühen Ihr Wasser über dem falschen Feuer, Constable. Auch wenn mir vielleicht die Rolle des klischeehaften Schnurrbart zwirbelnden Schurken wie auf den Leib geschneidert scheint, so bin ich doch nichts weiter als ein einfacher Glücksritter, der auf der Suche nach den schönen Dingen des Lebens ist. Ob sie es mir nun glauben oder nicht«, legte Z nach kurzer Pause nach«, aber ich mag sie wirklich sehr, Constable. Und das ist nichts als die Wahrheit.«

    Lucario schnaubte verächtlich.

    »Mit Lügen und Listen, füllt man Sack und Kisten; so heißt es doch? Was ist ein wahres Wort von jemandem Wert, der seinen Lebensunterhalt mit Poker verdient?«

    »Jetzt kränken Sie mich aber, Constable.« Z zog eine beleidigte Schnute. »Poker ist nur eine von vielen Etappen auf der Straße des Erfolgs. Wissen Sie, was mein Lieblingsspiel ist? Blackjack«, erklärte Z und trat dabei Lucarios desinteressierten »Nein« mit Füßen. »Das überrascht Sie, nicht? Ausgerechnet ein Spiel, das mit offenen Karten gespielt wird. Wenig überraschend dürfte es dagegen sein, dass ich die ehrenwerte Aufgabe des Croupiers bevorzuge. Nichts gleicht dem Gefühl, dem Nervenkitzel, in die Rolle Feindbilds zu schlüpfen, das jeder am Tisch zu vernichten versucht. Und wenn dann alle Augen nur auf ihm ruhen, jede Karte wie eine Silberkugel ist, die die Knochen durchschlägt und die Nerven zerfetzt,« Z beugte sich nach vorne, die Stimme zu einem Wispern gesenkt, »ist es dann nicht gerecht, wenn auch mal der Schurke gewinnt?«

    Lucario spießte seinen Gegenüber mit verächtlichem Blick auf.

    »Von einem dreckigen Schwein erwarte ich nichts Anderes, als dass es sich im Unglück der Anderen suhlt.«

    »Vorsicht, Constable. Wenn Sie mich noch weiter in Ihrer Missgunst steigen lassen, brauchen Sie bald eine Leiter, um an mich heranzukommen.«

    Der Knall von Zs Stuhl, der rücklings auf den Boden prallte, sprengte die Spannung in der Luft wie Donnerhall. Ein Glas zerschellte auf dem Boden, daneben kullerten Apfelstücke, Saloongäste schreckten mit knarrenden Stühlen zurück oder sprangen auf. Lucario hatte den Glücksspieler am Schlafittchen gepackt. Z aber blieb völlig gelassen. Mehr noch: Er strafte die ihm ausgesetzte Feindseligkeit mit einer grinsenden Grimasse.

    »Ah, da ist es endlich: Temperament, diese rudimentäre Gewalt, die ich so lange vermisst habe. Dann will ich mal nicht so sein und Ihnen erklären, wo ich zum Zeitpunkt dieser abscheulichen Überfälle zugegen war. Aber lockern Sie bitte Ihren Griff etwas, ja? Denn so langsam tun Sie mir doch etwas weh.«

    Z torkelte etwas unbeholfen auf der Stelle, als Lucario - so widerwillig wie ruckartig - den Griff beendete. Er ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, richtete erst seinen Stuhl und hob dann noch die Apfelstücke wieder auf, die er oberflächlich mit einigen Wischbewegungen säuberte.

    »Ist noch gut, kann man noch essen«, erklärte er lächelnd Lucario, als ob er ihn beruhigen wollte. Z nahm seelenruhig Platz. »Nun, auch dieses Mal will ich ehrlich zu Ihnen sein, Constable. Sagen wir: Ich spiele mit offenen Karten, wenn Sie mir die Anspielung erlauben«, lächelte er. Lucario zuckte keine Wimper, noch machte er Anstalten, den Glücksspieler zu unterbrechen. Z faltete die Pfoten. Zum ersten Mal setzte er einen ernsten Gesichtsausdruck auf. Er beugte sich nachdrücklich nach vorne in Richtung seines Gesprächspartners. »Ich war wirklich, jedes Mal auf meinem Zimmer, denn ich liebe es, auszuschlafen.«

    Es war nicht die Antwort, die Lucario erhofft, jedoch erwartet hatte. Beide sahen einander schweigsam an. Es war wie ein Kräftemessen, wer als Erstes die Maskerade des Anderen durchschaute. Es war Z, der den nächsten Zug machte, indem er zu lächeln begann und sich wieder zurücklehnte.

    »Sie trauen mir nicht über den Weg, stimmt’s?«

    »Keinen Millimeter«, bestätigte Lucario finster. »Wobei ich zugeben muss, dass ich es sehr wohl vorstellen kann, nach einer durchzechten Nacht das Bedürfnis zum Ausschlafen zu haben. - Was treibt eigentlich jemand wie du an einem Sonntag, an dem seine Stammkneipe den halben Tag geschlossen bleibt?«

    »Sie tun ja so, als wäre ich ein hemmungsloser Schlucker«, kritisierte Z brüskiert. »Aber weil ich die ganze Zeit ehrlich zu Ihnen war, will ich auch diese Frage beantworten. Sicher, ich schätze die Atmosphäre eines Saloons mit all seinen Annehmlichkeiten. Aber genau so genieße ich auch ein wenig Zeit für mich selbst - mit einem guten Buch bei Wein und Käse.«

    »Das fällt mir wiederum schwer zu glauben.«

    »Oh, doch! Ich kann Ihnen …«

    »Herrschaften! Herrschaften! Gehört dieser Bursche zu jemandem von euch?«

    Ein Bewohner Rhinos hatte den Saloon betreten und sich mit lauter Stimme Gehör verschaffen. Er hatte ein Kind an seiner Seite, dessen Arm er grob in der Mangel hatte. Mit fliegender Schürze eilte Rutena hinter ihrer Theke hervor.

    Der Mann lockerte seinen Griff.

    »Habe ihn um den Saloon herumstromern gefunden. Bringt kein Wort brauchbares Wort heraus.«

    Rutena ging auf die Knie. Sie strich dem Jungen zart über die Wangen.

    »Hast du dich verlaufen, Schnuckel? Wie heißt du?«

    Keine Antwort. »Suchst du jemanden?«

    Der kleine Igamaro nickte zögerlich, dann schaute er verängstigt in die Runde, bis sein Blick bei Lucario hängen blieb.

    Rutena schaute verständnislos über die Schulter. Ausnahmslos alle Blicke waren auf Lucario gerichtet, nicht wenige grunzten vor Lachen.

    Lucario atmete frustriert aus.

    »Schon gut. Ich bringe ihn nach Hause. Komm mit, Bürschchen!«