Die Verrückten

  • Die Verrückten




    „Scheiße.“

    Ariel Chamberlain, Kriminalkommissar


    Inhalt:

    Wir sind nicht alleine – jedenfalls nicht mehr. Vor ein paar Jahren gelang es der Menschheit, Kontakt mit einer empfindsamen Spezies von weit außerhalb unserer bekannten Galaxis aufzunehmen, und seither laufen die Bemühungen zur gegenseitigen Verständigung auf Hochtouren. Die Fremdlinge, die sich selber Siskh nennen, zeigten großes Interesse an den Menschen, diese hingegen reagierten eher zurückhaltend auf die neuen Bekanntschaften. Während die Anführer beider Reiche alles daran setzen, die kulturellen Differenzen beiseite zu legen um auf eine gemeinsame Zukunft hinzuarbeiten, kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den Völkern. Als ein schreckliches Verbrechen das Vertrauen der Menschen in die Siskh endgültig zu erschüttern droht, nimmt sich Kommissar Ariel Chamberlain der Sache an, wenn auch widerwillig.


    Vorwort:

    So sieht es aus, ich beginne meine erste, eigenständige Geschichte. Wenngleich Schreiben für mich nichts Neues ist, habe ich dennoch keinerlei Erfahrung beim Verfassen einer längeren, zusammenhängenden Story, wie diese hier eine werden sollte. Ich freue mich über jeden Kommentar und jede Kritik und erkläre auch gerne, sollte etwas unverständlich sein.

    Viel Spaß mit meiner kleinen Erzählung „Die Verrückten“.


    Information:

    In der Handlung werden unter anderem Blut, Wunden und die bildhafte Beschreibung von Gewalt auftreten.


    Inhaltsverzeichnis

    Kapitel 1 - Eine alte Freundin

    Kapitel 2 - Die Station

    Kapitel 3 - Künstler und Rebellen

    Kapitel 4 - Alte Schule

  • Kapitel 1 - Eine alte Freundin


    Ariel Chamberlain sass am Küchentisch und strich sich ein Margarinebrot. Eigentlich war es viel zu früh, um sich jetzt ein Margarinebrot zu streichen, doch in letzter Zeit war er viel zu oft viel zu spät ins Büro gekommen, er brauchte Überzeit. Aber er war einfach kein Morgenmensch, und darum freute er sich auch nur mäßig auf sein Margarinebrot, geschweige denn auf den Rest vom Tag.

    Die Türklingel summte, und Chamberlain seufzte. Er strich das Messer am Tellerrand ab, erhob sich langsam und trat in den Gang hinaus. Auf halbem Weg zur Tür summte die Klingel noch einmal, und nun war er sich sicher, dass er auf diese frühen Gäste wirklich keine Lust hatte – wer zu solch unmenschlichen Zeiten andere Leute besuchen wollte, ging entweder überaus dringlichen Geschäften nach oder hatte schlichtweg keinen Anstand. Chamberlain hoffte ja, dass es sich hierbei um letzteres handelte; im Moment würde er sich lieber mit hektischen Nachbarn oder Klingelstreichen herumschlagen, als dass ihn die Arbeit bereits an der Türschwelle abholte. Er rieb sich die Augen, richtete seinen Kragen und schloss auf.

    Vielleicht lag es an der Uhrzeit, vielleicht daran, dass er schon lange nichts mehr von ehemaligen Schulkolleginnen gehört hatte, aber er brauchte länger, als ihm lieb war, um die Frau auf seiner Fußmatte zu erkennen. Die Klinke noch in der Hand musterte er sie ausgiebig, bis sie schließlich das Wort ergriff.

    „Ariel Chamberlain?“

    Überrascht starrte er auf die Besucherin, bevor er sich fasste und ein schwaches Lächeln zustande brachte – sie wusste ganz genau, wer er war. Anstatt zu antworten öffnete er die Tür ein wenig weiter und wies sie an, einzutreten. „Elodie, was verschafft mir die Ehre?“


    Ohne auf seine Frage einzugehen oder ihn auch nur anzusehen stolzierte sie an ihm vorbei, wobei ihr kinnlanges, hellblondes Haar energisch wippte. Chamberlain konnte nicht anders, als ihre tiefschwarze Uniform aus den Augenwinkeln zu betrachten – die Farbe der Inneren Ordnung. Anscheinend war sie fleißig gewesen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Er schloss die Tür, drehte sich zu ihr um und betrachtete sie skeptisch.

    „Elodie Spanetti. Lange nicht mehr gesehen.“

    Erneut wurde er ignoriert, während Spanetti mit kaltem Blick den Flur inspizierte. „Chamberlain, ich hatte immer gedacht, dass ein Mann wie Sie etwas weniger… einfach wohnen würde.“


    Chamberlains Augenbrauen zogen sich missmutig zusammen. Die ganze Situation war schon seltsam genug, da brauchte er sich nicht auch noch grundlose Sticheleien anzuhören. Er seufzte erneut. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Elodie. Dürfte ich erfahren, was du um diese Zeit in meiner Wohnung zu suchen hast? So schön es auch wäre, aber um einen Besuch um der alten Zeiten willen handelt es ja wohl kaum.“

    Offenbar mochte sie es gar nicht, dass er sie bei ihrem Vornamen genannt hatte. Zum ersten Mal heute schaute sie ihn direkt an, mit demselben hochnäsigen, herausfordernden Blick wie schon vor vierundzwanzig Jahren.

    „Ich würde Ihnen das nur ungern im Stehen erklären, Chamberlain. Sie verstehen?“

    Er zuckte die Schultern, nickte dann aber und führte sie in die Küche. Was wollte diese Frau von ihm? Es war offensichtlich, dass sie beruflich hierhergekommen war, und das gefiel ihm gar nicht. Man hatte ihm die Geheimpolizei ins Haus bestellt, und er wusste nicht einmal warum. In der Küche bot er ihr einen Stuhl an und setzte sich dann ebenfalls, sagte aber nichts. Stattdessen knallte Spanetti eine schwarze Mappe auf die Tischplatte, so heftig, dass eine Serviette vom Tisch geweht wurde. Chamberlain hob eine Augenbraue, schwieg aber weiterhin. Er wollte einfach wissen, was hier los war.

    Spanetti faltete die knochigen Hände über der Mappe und starrte ihn an. Sie war schlecht gealtert. „Ich kann nicht behaupten, dass mir dieses Treffen Freude bereitet, Chamberlain. Doch dieses Mal liegt es nicht einmal an Ihnen.“

    Die Aussage ließ ihn hellhörig werden, doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie fuhr fort: „Auch wenn ich den Entscheid, genau Sie anzufragen, noch immer nicht nachvollziehen kann und mir spontan ein Dutzend besser geeignete Personen einfallen würden-“

    Chamberlain nickte und wedelte beschwichtigend mit der Hand. „Ich glaube, ich habe deinen Punkt verstanden. Also, warum bist du hier?“

    Sie schien die Unterbrechung nicht unbedingt gut aufzunehmen, und ihr bitteres Gesicht schien noch eine Spur unzufriedener zu werden. „Chamberlain, wenn hier jemand Fragen stellt, dann ich. Das sollten Sie eigentlich wissen.“


    Eine unangenehme Pause stellte sich ein. Na dann. Er sass da, wusste nicht, ob sie nun eine Antwort erwartete oder gleich weiterfahren würde, und der Kühlschrank summte. Aus dem Schlafzimmer pfiff Harriets Wecker. Er schluckte und lehnte sich zurück, wobei die Lehne des Stuhls peinlich laut knarrte. Sie blickte ihn an, er blickte sie an. Scheinbar erwartete sie tatsächlich eine Antwort.

    „So wie damals in Geschichte, was.“

    Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass das die falsche Antwort war. Sie schnaubte, und er seufzte resigniert. „Ja, verstanden.“

    Kritisch schaute sie ihn an, machte dann aber doch weiter. „Gut.“

    Sie wollte in ihrer Mappe herumfummeln, ließ es dann aber sein und atmete schwer aus, so, als ob etwas überaus Lästiges bevorstünde. „Eigentlich hatte ich gehofft, dass meine Tage mit Ihnen endgültig gezählt seien, aber… Sie werden gebraucht, Chamberlain, jetzt sofort. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass selbst Sie mit dem Namen Silvan Sundegg vertraut sind?“

    Er überhörte Spanettis wenig eleganten Seitenhieb und nickte, wie konnte man den Entdecker des Sundegg-Effektes nicht kennen? Zu gerne hätte er gewusst, warum sie nun diesen Namen ansprach, aber noch so eine seltsame Stille wie eben wollte er nicht riskieren. Also ließ er sie weiterreden.

    „Er ist tot. Besser gesagt, er wurde getötet. Auf eine Art und Weise, wie sie mir noch nie untergekommen ist. Bestialisch, regelrecht zerfleischt, und Sie wollen gar nicht wissen, was mit der-“ Plötzlich unterbrach sie ihre blutigen Ausführungen, und starrte auf einen Punkt hinter Chamberlain. Dieser drehte sich ebenfalls um, nur um Harriet zu entdecken, die im Türrahmen stand und ihn fragend ansah. „Und… wer ist das?“

    Bevor er ihr die – ihm selber nicht ganz klaren – Umstände erklären konnte, hatte Spanetti aus ihrer Mappe einen Ausweis gefischt und ihn mechanisch Harriet entgegengestreckt. „Elodie Spanetti, Ministerium für Innere Ordnung.“ Der Ausdruck der Verwirrung auf Harriets Gesicht wich nun echter Angst, und sie sah hilfesuchend zu Chamberlain. Dieser zuckte mit den Schultern. „Alte Schulkollegin. Alles in Ordnung.“

    Sie nickte nur vorsichtig und machte einen Schritt nach hinten, bevor sie sich dann ganz aus der Küche verzog. Chamberlain wandte sich wieder Spanetti zu, die ihn mit forschendem Blick ansah. „Ihre Frau?“

    Er schüttelte den Kopf. „Freundin.“

    Sie nickte langsam, und für einen Moment glaubte er, so etwas wie eine Gefühlsregung auf ihren harten Zügen zu erkennen. Doch dieser Eindruck verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war. „Wegen Sundegg…“

    „Richtig, Sundegg. Er wurde gestern Abend in seinem Labor gefunden, tot. Ermordet mit einer Klingenwaffe, scheinbar willkürliche Stiche in Kopf, Brust, Unterleib, Beine und Arme. Sämtliche Zehen und Finger wurden abgetrennt und dazu verwendet, um…“ Sie brach ab und kramte ein weiteres Dokument aus der Mappe. „Sehen Sie selbst. Kurme meinte, Sie würden am ehesten daraus schlau, weshalb ich übrigens jetzt hier bin.“


    „Kurme… im Sinn von der Kurme, der Direktor der Moro-oh.“ Die Worte blieben in seinem Hals stecken, als er den Bogen entgegengenommen und einen Blick darauf geworfen hatte. Spanetti hatte nicht gelogen. Bereits auf der zweiten Seite war auf mehreren Bildern Sundegg zu sehen, und Chamberlain spürte, wie sein Magen flau wurde. Die erste Fotografie zeigte den Oberkörper der Leiche, aufgenommen von oben. Der Brustkorb war vor lauter Stichen eingedrückt, und die Magengegend eher zerfetzt als aufgeschnitten. Offen war sie aber auf jeden Fall. Man konnte deutlich erkennen, dass sämtliche Organe gewaltsam in den unteren Teil des Torsos gequetscht und danach größtenteils herausgerissen worden waren, wobei die Tatwaffe wohl auch als besonders makabere Schaufel verwendet wurde. Im Vergleich zur Brust, die hauptsächlich Stichwunden aufwies, fanden sich auf Bauch und Unterleib fast ausschließlich Schnitte, einige mit chirurgischer Präzision gesetzt, andere wie im Wahn getätigt. Vor lauter eingetrocknetem Blut konnte man so gut wie nichts genaues auf dem Bild erkennen, und eigentlich war Chamberlain ziemlich froh darüber – doch sein Margarinebrot würde er heute wohl nicht mehr anfassen. Er überflog einige der anderen Bilder, sie zeigten alle ähnliche Ausschnitte; völlig entstellte Körperteile, deformiert durch Stiche und Schnitte, sowie diverse zerquetschte Stellen. Blutleer. Er gab die Fotos zurück an Spanetti, doch diese wehrte ab. „Sie haben nicht alles gesehen. Schauen sie sich alle an, besonders das letzte.“

    Er tat wie geheißen und sprang zum letzten Blatt, und Ekel machte sich erneut auf seinem Gesicht breit. Das Foto war die einzige Totalaufnahme, wieder von oben geschossen. Es zeigte den geschändeten Körper, wie er inmitten seines eigenen Blutes lag, komplett nackt. Chamberlain atmete tief ein. „So wurde er gefunden?“

    „Ja.“

    Er nickte und betrachtete das Bild. „Für so etwas braucht man Zeit. Wo steht sein Labor nochmals?“

    „Er war zum Zeitpunkt seines Todes auf der Moros-Station. Angeblich leitete er dort vorübergehend eine Abteilung, etwas mit Physik.“

    „Hm. Kameras, Aufzeichnungen?“

    „Sundegg hasste nichts mehr als Kameras.“

    „Das macht es nicht leichter.“

    Wieder stellte sich Schweigen ein, doch diesmal war es nicht so erdrückend wie vorhin. Chamberlain nickte und betrachtete das Bild sowohl fasziniert wie auch abgestoßen, bis er schließlich wieder aufblickte und die Aufnahme zu Spanetti schob. „Was ist mit diesen... Schmierereien?“ Er klopfte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle auf dem Bild, und sie beugte sich darüber. Um die Leiche herum, angeordnet in einem Kreis von etwa zwei Metern Durchmesser, fanden sich immer wieder seltsam zielgerichtete Verschmierungen aus trocknendem Blut. „Sind das Zeichen?“

    Spanetti nickte. „Die Mediziner gehen davon aus, dass Sundegg nur deshalb so zugerichtet wurde, weil der Täter eine Art „Kunstwerk“ erschaffen wollte. Er wollte an sein Blut, um damit diese… diese Zeichen zu malen. Das ganze scheint eine Art Ritual gewesen zu sein, aufgrund dessen ein relativ genaues Täterprofil erstellt werden konnte.“

    Chamberlain starrte weiterhin das Bild an. „Täter gefasst?“

    „Nein. Aber mittlerweile sollte selbst Ihnen klar sein, warum ich hier bin.“

    Er blickte zweifelnd auf. „Ihr wollt mich als Spürhund einspannen, oder? Schlechte Idee. Wir haben sicher ein Dutzend Jungspunde bei uns, die ganz heiß auf so einen Fall wären. Nehmt einen von denen, oder verhört einfach gleich jeden Einzelnen da oben. Wie viele gibt es da, ein paar hundert? Kann ja nicht so schwer sein.“ Er stieß die Luft aus und fixierte einen Fleck an der Decke, sowas brauchte er jetzt wirklich nicht. Natürlich war es schade um Sundegg, aber Leute wurden nun einmal von Verrückten ermordet, so war die Welt halt.

    Jetzt seufzte sie. „Denken sie überhaupt mit? Die Sache ist delikater als sie scheint, Chamberlain. Sie wissen, dass die Moros-Station ein Wahrzeichen der Kooperation zwischen Menschen und Siskh ist…“

    Seine Laune sank noch weiter.

    „Lass mich raten, Sundegg wurde von einem Siskh ermordet.“

    „Es wird davon ausgegangen. Die Öffentlichkeit weiß nichts von diesem Vorfall, weder hier bei uns noch auf Lirvannis. Sobald er aber ans Licht kommt – und das wird er früher oder später garantiert – brauchen wir den Mörder hinter Gittern, und was noch viel wichtiger ist, ein einwandfreies Geständnis – ansonsten können wir mit den Siskh wieder von vorne anfangen. Die Folgen wären katastrophal für beide Zivilisationen.“

    Ihre Wortwahl überraschte ihn, sie schien aufgebracht. Er überlegte. „Das heißt also… ich soll zur Moros, einen geistesgestörten Fremdling finden, ihm ein Geständnis entlocken und so das Bild des gut integrierten Siskhs wahren, weil ansonsten die Xenophobiker auf die Barrikaden gehen?“

    „Sie haben es verstanden, Glückwunsch. Wir können es uns nicht leisten, dass das Volk ein schlechtes Bild hat von den einzigen intelligenten Wesen da draussen – neben uns, versteht sich. Setzen Sie also alles daran, den Mörder als schlecht- und die Siskh als gut darzustellen.“

    „Ich schätze, ich habe keine Wahl?“

    „Wenn Sie sich weigern, ist das Hochverrat.“

    Chamberlain fuhr sich durch das ergrauende Haar und seufzte. „Wann fliegen wir?“

    „Jetzt. Die Moros kommt uns von heute bis morgen nahe genug, um einem Flug zu nehmen, danach befindet sie sich wieder für neununddreißig Tage auf ihrer eigenen Umlaufbahn, unerreichbar. Momentan steht sie unter Quarantäne, sämtliche Kommunikationsversuche werden gestört.“

    Er lehnte sich zurück und schaute Spanetti an. Er schluckte. „Warum genau ich?“

    Sie packte die Fotos wieder in die Mappe, sah nicht einmal auf. „Ich habe es Ihnen bereits erklärt, Direktor Kurme hat spezifisch nach Ihnen verlangt. Er erwartet Sie und wird Sie in alles Weitere einweihen. Und sie, “ Sie nickte kurz zur inzwischen verschlossenen Schlafzimmertüre, hinter der sich Harriet befand, „schweigt. Aber damit kennen Sie sich ja aus.“

    Wieder war nur das Summen des Kühlschranks zu hören, bis Chamberlain schließlich den Stuhl zurückschob und aufstand. „Du schuldest mir etwas, Elodie.“


    Der Abschied war Harriet offenbar näher gegangen als ihm, doch er hatte ihr versprochen, dass, wenn alles glatt lief, er bereits morgen Abend wieder zurück sein könnte. Nun stieg er neben Elodie Spanetti, die nun für das Ministerium für Innere Ordnung arbeitete, das Treppenhaus hinunter, vor- und hinter ihm zwei bedrohlich wirkende Männer mit schwarzen Helmen und Westen. Abgeführt wie ein Schwerverbrecher.

    Er nickte mit dem Kopf zu den Schlägern. „Waren die schon vorhin…?“

    Sie starrte stoisch weiter geradeaus. „Ja.“

  • Hallo Slimsala ,


    schön, dass du dich hierher verirrt hast - noch dazu mit einem so interessanten Setting! Seltsamerweise kann ich mit Science Fiction trotz meines Star Wars-Fangirlisms eigentlich nicht viel anfangen, aber deine Geschichte klingt verdammt reizvoll. Schauen wir mal rein ...


    Zunächst etwas Formelles: Die Leerzeilen müssen i.d.R. nicht sein. Man setzt die Lücken eigentlich nur, wenn es einen Orts-, Zeit- oder krassen Perspektivenwechsel gibt. Im Fall des ersten Kapitels würde ich dahingehend nur die letzte Leerzeile stehen lassen, wenn da denn ein Zeitsprung angedacht war.


    Ariel Chamberlain sass am Küchentisch und strich sich ein Margarinebrot. Eigentlich war es viel zu früh, um sich jetzt ein Margarinebrot zu streichen, doch in letzter Zeit war er viel zu oft viel zu spät ins Büro gekommen, er brauchte Überzeit. Aber er war einfach kein Morgenmensch, und darum freute er sich auch nur mäßig auf sein Margarinebrot, geschweige denn auf den Rest vom Tag.

    Da dein Schreibstil im Allgemeinen sehr gut ist, fällt hier besonders auf, wie oft du das Margarinebrot erwähnst. Ist das eine versehentliche Wortwiederholung? Oder hat das einen bestimmten Grund?


    Chamberlain konnte nicht anders, als ihre tiefschwarze Uniform aus den Augenwinkeln zu betrachten – die Farbe der Inneren Ordnung.

    Das hat ja schon fast etwas Laszives ~

    Irgendwie erinnert mich der Begriff "Innere Ordnung" erinnert mich frappierend an die "Erste Ordnung" aus den neuen Star Wars-Filmen. Ist das gewollt? Ansonsten drängt sich einem da ein Bild von Disziplin, Strenge und beunruhigender Kontrolle auf ... bestimmt keine Institution, mit der man gern zu tun haben möchte.


    Spanetti

    Ich habe mehrmals "Spaghetti" gelesen und musste meine Augen putzen - war das beabsichtigt?


    Der Ausdruck der Verwirrung auf Harriets Gesicht wich nun echter Angst, und sie sah hilfesuchend zu Chamberlain. Dieser zuckte mit den Schultern.

    Meine Vermutung von weiter oben scheint ja gar nicht so verkehrt zu sein - einen guten Ruf haben die Burschen und Burschinnen der IO offenbar wirklich nicht und insgesamt machen die einen recht militanten Eindruck (obwohl man bisher nur eine Vertreterin kennengelernt hat). Dass Harriet da solche Angst hat, ist nur zu verständlich ... übrigens guter Einfall, dass du Harriet mit ins Spiel gebracht hast. Einerseits, weil wir mit ihr eine Zeugin für die "Rekrutierung" Chamberlaines haben und er somit nicht zu einem der typischen einsamen Wölfe wird, ein wenig mehr Individualität bekommt. Andererseits schaffst du hier auf geniale Weise, die Beziehung der beiden zu beschreiben, ohne sie direkt zu erläutern. Die Tatsache, dass Harriet nicht nur bei ihm schläft, sondern offenbar auch einen Wecker deponiert hat, zeigt, dass sie sich da regelmäßig aufhält und die beiden ein längerfristiges Verhältnis pflegen. Möglicherweise kann man auch Probleme in der Beziehung oder zumindest ein unnahbare Ansätze Chamberlaines, der vielleicht seine 'Freiheit' vermisst, erkennen, aber darauf möchte ich nicht näher eingehen, weil das zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu spekulativ ist.


    Die erste Fotografie zeigte den Oberkörper der Leiche, aufgenommen von oben. Der Brustkorb war vor lauter Stichen eingedrückt, und die Magengegend eher zerfetzt als aufgeschnitten. Offen war sie aber auf jeden Fall. Man konnte deutlich erkennen, dass sämtliche Organe gewaltsam in den unteren Teil des Torsos gequetscht und danach größtenteils herausgerissen worden waren, wobei die Tatwaffe wohl auch als besonders makabere Schaufel verwendet wurde. Im Vergleich zur Brust, die hauptsächlich Stichwunden aufwies, fanden sich auf Bauch und Unterleib fast ausschließlich Schnitte, einige mit chirurgischer Präzision gesetzt, andere wie im Wahn getätigt. Vor lauter eingetrocknetem Blut konnte man so gut wie nichts genaues auf dem Bild erkennen, und eigentlich war Chamberlain ziemlich froh darüber – doch sein Margarinebrot würde er heute wohl nicht mehr anfassen. Er überflog einige der anderen Bilder, sie zeigten alle ähnliche Ausschnitte; völlig entstellte Körperteile, deformiert durch Stiche und Schnitte, sowie diverse zerquetschte Stellen. Blutleer. Er gab die Fotos zurück an Spanetti, doch diese wehrte ab. „Sie haben nicht alles gesehen. Schauen sie sich alle an, besonders das letzte.“

    Er tat wie geheißen und sprang zum letzten Blatt, und Ekel machte sich erneut auf seinem Gesicht breit. Das Foto war die einzige Totalaufnahme, wieder von oben geschossen. Es zeigte den geschändeten Körper, wie er inmitten seines eigenen Blutes lag, komplett nackt. Chamberlain atmete tief ein. „So wurde er gefunden?“

    Das ist ein sehr ... plakatives Verbrechen und es erweckt den Eindruck, dass da mehr hintersteckt. Erinnert mich ein wenig an "Illuminati". Du solltest aufgrund der expliziten Beschreibungen aber zumindest eine Warnung am Kapitel anbringen und um sicher zu gehen die amtierende Moderation fragen, ob das so klargeht, imo.


    Er stieß die Luft aus und fixierte einen Fleck an der Decke, sowas brauchte er jetzt wirklich nicht. Natürlich war es schade um Sundegg, aber Leute wurden nun einmal von Verrückten ermordet, so war die Welt halt.

    Der Gute wirkt ja ziemlich erschöpft vom Leben und sehr ... wie sagt man ... resigniert passt vielleicht ganz gut. Sehr schön, wie du mit Kleinigkeiten Details des Charakters hervorbringen kannst!


    Wir können es uns nicht leisten, dass das Volk ein schlechtes Bild hat von den einzigen intelligenten Wesen da draussen – neben uns, versteht sich.

    Da fehlt ein "hat" irgendwo im Satz.


    Die Moros kommt uns von heute bis morgen nahe genug, um einem Flug zu nehmen, danach befindet sie sich wieder für neununddreißig Tage auf ihrer eigenen Umlaufbahn, unerreichbar.

    Sehr gutes Detail - es entspricht ja dem, soweit ich weiß, realistischen Planungsalltag von Weltraummissionen, dass die Flugbahn des angesteuerten Objektes genau abgepasst werden muss, um die günstigste Strecke zu finden (so wie man, sollte man je zum Mars fliegen, auch nicht einfach loshüpfen kann sondern warten muss, bis er die richtige Position erreicht hat). Sehr gut, dass du so etwas berücksichtigst, das fügt dem Ganzen eine sehr authentische Ebene hinzu!


    Ich habe es Ihnen bereits erklärt, Direktor Kurme hat spezifisch nach Ihnen verlangt. Er erwartet Sie und wird Sie in alles Weitere einweihen.

    Das stinkt schon förmlich danach, dass Kurme da seine Finger im Spiel hat, finde ich. Wenn jemand explizit nach einem bestimmten Ermittler verlangt, hat das im Wesentlichen zwei mögliche Gründe: Entweder, die Person hat irgendetwas, was nur sie kann, oder, sie soll als Sündenbock missbraucht oder manipuliert werden. Und irgendetwas sagt mir, dass es sich um Letzteres handeln könnte ...


    Er nickte mit dem Kopf zu den Schlägern. „Waren die schon vorhin…?“

    Sie starrte stoisch weiter geradeaus. „Ja.“

    Ah, er hatte also gar keine Wahl. Dass Miss Spanetti so etwas wie die Höflichkeit besitzt, ihm den Schein einer Wahl zu lassen, ist ... interessant. Oder eine zur Schaustellung ihrer dominanten Art, wer weiß.




    Sehr cooles Setting mit spannendem Anfang, das Lust auf mehr macht! Bin gespannt auf die Fortsetzung!


    ~Sheo

  • Hey hey Sheogorath

    Zuerst einmal, ich habe mich riesig gefreut über deinen Kommentar, der ersten den ich überhaupt gekriegt habe - vielen Dank. Der Kommi allein hat mir schon sehr geholfen, aber fangen wir beim Anfang an.

    Die Leerzeilen müssen i.d.R. nicht sein. Man setzt die Lücken eigentlich nur, wenn es einen Orts-, Zeit- oder krassen Perspektivenwechsel gibt.

    Wieder etwas dazugelernt, und diesmal sogar etwas Nützliches. Mehr als Danke kann ich da wohl nicht sagen :ok_hand:

    Da dein Schreibstil im Allgemeinen sehr gut ist, fällt hier besonders auf, wie oft du das Margarinebrot erwähnst. Ist das eine versehentliche Wortwiederholung? Oder hat das einen bestimmten Grund?

    Ein Versehen war das nicht, da ich das Kapitel zuerst sogar "Heute keine Margarinebrote" nennen wollte, dann aber gemerkt habe, dass das verpasste Frühstück eine - wenn überhaupt - höchstens sekundäre Rolle in der Handlung spielt. Die Wortwiederholung ist also im besten Fall ein Überbleibsel einer verworfenen Idee, im schlechtesten Fall einfach unelegant.

    Irgendwie erinnert mich der Begriff "Innere Ordnung" erinnert mich frappierend an die "Erste Ordnung" aus den neuen Star Wars-Filmen. Ist das gewollt? Ansonsten drängt sich einem da ein Bild von Disziplin, Strenge und beunruhigender Kontrolle auf ... bestimmt keine Institution, mit der man gern zu tun haben möchte.

    Ich habe beim Schreiben tatsächlich kein einziges Mal an die Erste Ordnung gedacht, stattdessen hatte ich den ebenfalls aus Star Wars bekannten Imperialen Geheimdienst im Kopf. Deine restlichen Annahmen sind absolut korrekt, ich denke, niemand freut sich, wenn diese Typen an die eigene Haustüre klopfen.

    Ich habe mehrmals "Spaghetti" gelesen und musste meine Augen putzen - war das beabsichtigt?

    Ohje, jetzt wo du es erwähnst. Ich kann dir aber versichern, dass ich bestimmt nicht an irgendwelchen Teigwaren herumstudiert habe beim Schreiben, der Name hat, natürlich abgeändert, seinen Ursprung in meinem Bekanntenkreis.

    Das ist ein sehr ... plakatives Verbrechen und es erweckt den Eindruck, dass da mehr hintersteckt. Erinnert mich ein wenig an "Illuminati". Du solltest aufgrund der expliziten Beschreibungen aber zumindest eine Warnung am Kapitel anbringen und um sicher zu gehen die amtierende Moderation fragen, ob das so klargeht, imo.

    Danke für den Hinweis, werde ich nachholen. Der Vergleich mit Illuminati ist gar nicht einmal so weit hergeholt, aber mehr dazu in einem späteren Kapitel.


    Ich denke, das war alles von meiner Seite, nochmals vielen Dank für den konstruktiven Kommentar und hoffentlich bis bald!

  • Hi!

    Dieses Thema ist mir aus mehreren Gründen aufgefallen - allen voran wohl deswegen, dass es sich um SciFi handelt, was ich hier im Board bisher wenig ausserhalb von Wettbewerben gesehen habe und mich daher umso mehr freut, hier was dazu zu finden - spätestens bei dem unkonventionellen Eingangszitat hat's mich dann endgültig gepackt, haha.

    Erste längere Geschichte also - kenn ich, ich komme mehr aus dem Bereich Kurzgeschichten und habe zum konkreten Schreiben einer längeren Geschichte diesbezüglich auch noch nicht viel Erfahrung, haha. Zwar plane auch ich, diese Weihnachten was längeres auf die Beine zu stellen, aber wir sehen noch. Ich wage jedenfalls zu behaupten, in der Lage zu sein, ein paar konstruktive Kommentare hinzubekommen; dann profitierst du hoffentlich von meinem Beitrag und ich vom aufmerksamen Lesen dieses Werks. Klingt nach einem Deal?


    Ariel Chamberlain, Elodie Spanetti, Silvan Sundegg, ein gewisser Kurme - äusserst exotische Namen, zumindest für meine Ohren. Scheint, als ob die Zukunft da sich neuartigen Trends verschrieben hat, haha. Ersichtlich ist aber auch, dass alle Nachnamen aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen - meine Vermutung ist ja, dass wir uns in einem kulturellen Melting Pot wie der USA befinden oder die fortschreitende Globalisierung da ihren Dienst gemacht hat. Zwar weiss ich nicht, wie relevant die geographischen Bezüge auf der Erde im Verlauf der Geschichte noch sein werden, oder ob du überhaupt viel Idee in den Namen gesteckt hast; ich erwähne dies einfach hier, weil es mir aufgefallen ist, haha.

    Wo wir schon bei den Charakteren sind: Ariels und Elodies Relation zueinander wurde bereits in diesem ersten Kapitel wunderbar inszeniert. "Eine alte Freundin" gibt zwar schon hinweg, dass die beiden sich näher kennen oder gekannt haben, aber der Inhalt tut diesbezüglich auch alleine wundervolle Vorarbeit. Die Sticheleien, Körpersprache, allein schon die Tatsache, dass sie sich entweder nur mit Vor- oder mit Nachname ansprechen, erzählt viel, ohne zu viel wegzugeben. Die offensichtlichen Differenzen in ihren Persönlichkeiten (die eher hochgestochene Elodie, der eher humorvoll angelegte Ariel) sorgt für teilweise humorvolle Spannungen - darauf kann man wunderbar aufbauen; ich bin schon sehr gespannt, was über diese alte Freundschaft noch enthüllt wird bzw. wie sie sich entwickeln wird.

    Neben der Einleitung der, wie ich sie mal einschätze, Hauptcharaktere baut das erste Kapitel auch sehr schön die Prämisse der Geschichte auf: Ariel Chamberlain wird beauftragt, einen Mörder dingfest zu machen. Jetzt, wo mal die wichtigsten Grundpfeiler stehen, könnte man ja bereits anfangen mit etwas Bewegung, macht neugierig auf das, was kommen wird, zumindest bei mir. Diverse Namen von Ortschaften(?) lassen auf erste SciFi-Elemente schliessen, die nun folgen; ich bin gespannt.

    Vielleicht zum Stil ein, zwei Worte: Ist echt angenehm zu lesen. Oft beschreibst du sehr konkrete Bilder und Momente - das Summen des Kühlschranks, die wegwehende Serviette - was die ganze Szene sehr natürlich wirken lässt, sehr aus dem Leben gegriffen, wovon ich ein grosser Fan bin. Obschon man keine genaueren Angaben zur Physik der Charaktere oder der Küche hat, fügt es sich im Kopf doch zu einem schönem Gesamtbild. Dies klappt so natürlich vor allem mit alltäglichen Situationen, von daher bin ich auch gespannt, wie das dann gelöst wird, sobald die Bilder fremder werden (dem Leser noch unbekannte Lebensformen, futuristischere Orte etc).



    Ich bin gespannt, was nun folgt - hoffentlich liest man sich!

  • Kapitel 2 - Die Station


    Liebe Kollegen


    Es freut mich außerordentlich, Sie auf der Moros-Station willkommen zu heißen. Sie können stolz auf sich sein. Sie sind nun Mitglied eines exklusiven Teams – einer von den höchsten Beamten des Ministeriums für Forschung und Bildung ausgewählten und von Präsident Roggio persönlich abgesegneten Gruppe. Sie werden an vorderster Front sowohl wissenschaftliche Forschung zum Schutz und zur Ausbreitung unserer Zivilisation betreiben, wie auch unser aller Verständnis über die Mysterien unseres Kosmos erweitern.

    Sicherlich werden viele von Ihnen Fragen hinsichtlich der Auswahlkriterien, der Umstände ihres Eintreffens und der zu erwartenden Aufenthaltsdauer haben. Diese Informationen werde ich Ihnen zu gegebener Zeit zukommen lassen. Bis dahin sollten Sie sich jedoch mit den Einrichtungen vertraut machen und Ihre Mitarbeiter kennenlernen. Da durch den Ausweis, den Sie bei Ihrem Eintreffen erhalten haben, automatische Orientierungslichter auf dem Boden aktiviert werden, sollten Sie ihn immer bei sich tragen. Gänge mit grünem Licht zeigen den Weg von Ihren Quartieren zu Ihren ausgewiesenen Arbeitsbereichen an. Gänge mit blinkendem gelbem Licht sind gesperrt und stellen eine potentielle Gefahr für nicht autorisiertes Personal dar. Gänge mit rotem Licht sollten Sie auf keinen Fall betreten, da dies zu Ihrer unverzüglichen Entlassung führen würde. Halten Sie sich bitte nur in den für Sie zugänglichen Bereichen auf.


    Also: Willkommen auf der Moros-Station. Ich freue mich darauf, Ihre Bekanntschaft beim jeden Samstag um 19:00 Bordzeit stattfindenden Grillen im (grün beleuchteten) Gesellschaftsraum zu machen.


    Dr. Josef Kurme

    Vorsitzender Xenoforschung der Vereinigten Völker

    Wissenschaftlicher Berater und Forschungsleiter der Moros-Station



    Chamberlain senkte das Tablet und schüttelte den Kopf. „Eine unattraktive Nachricht. Ganz zu schweigen davon, dass Roggio schon vor eineinhalb Jahren abgewählt wurde. Wie haben die bloß die Leute für diese Posten bekommen?“ Er reichte Spanetti ihr Gerät zurück, die es in ihrer schwarzen Mappe verstaute und weiter aus dem Fenster starrte. „Die ausgewählten Wissenschaftler hatten keine Wahl. Vergessen Sie nicht, dass die Moros ursprünglich ein Geheimprojekt gewesen ist. Außerdem hielt niemand es für nötig, extra für Sie eine Willkommenskarte zu verfassen. Weitere für neue Mitarbeiter bestimmte Unterlagen habe ich nicht.“ Chamberlain kratzte sich am Kinn, er hätte sich heute die Zeit für eine ordentliche Rasur nehmen sollen. „Ja… Was täte ich nur ohne dich, Elodie.“ Spanetti sah ihn nun direkt an, erwiderte aber nichts. Chamberlain zuckte die Schultern und lehnte sich in seinem Sitz zurück, während sich draußen die Wolkendecke immer weiter entfernte. In der letzten halben Stunde hatte er immer wieder versucht, mit ihr ein halbwegs vernünftiges Gespräch anzufangen, aber jeder Versuch war im Sand, beziehungsweise im Schweigen verlaufen. Irgendwann hatte sie ihm dann das Tablet in die Hand gedrückt und gemeint, er solle sich „einlesen“. Nicht, dass er nun wirklich informiert war. Das Einzige, worin er sich nun sicherer fühlte war die Tatsache, dass Kurmes Umgang mit Worten nachgelassen hatte.

    Wissenschaftliche Forschung an vorderster Front. Das klang so militärisch, so, als befände man sich inmitten eines entbehrungsreichen Überlebenskampfes, und die Moros wäre die einzige Chance auf einen Sieg. Chamberlain nahm sein Mobiltelefon aus der Tasche, nur um verbittert festzustellen, dass er hier oben längst kein Netz mehr gab. Er flog wohl zu selten. Seine Gedanken wanderten zu Kurme, und wie wenig der Verfasser dieses Schreibens nach dem Kurme geklungen hatte, den er in seiner Schulzeit als Dozent gekannt und geschätzt hatte. Eine seltsame Laufbahn. Die meisten Menschen würden eine Karriere vom Freifachlehrer an einer Polizeiakademie zum Leiter und wissenschaftlichen Berater einer Forschungsraumstation als bemerkenswert bezeichnen, und da Chamberlain auch nur ein Mensch war, fand er Kurmes Karriere durchaus bemerkenswert. Trotzdem… er war ja gespannt, wie die Begegnung verlaufen würde. Während die Triebwerke monoton weiterdröhnten, wagte er noch einmal einen Versuch bei Spanetti.

    „Gibt es sonst noch etwas, über das ich Bescheid wissen sollte? Ein veraltetes Einladungsschreiben ist vielleicht nicht so aussagend, wie man annehmen könnte.“

    Sie zuckte die Schultern, eine unerwartet menschliche Geste. „Jedenfalls steht die Moros nun schon seit bald drei Jahren der Öffentlichkeit zur Verfügung, und im Juni vor zwei Jahren begannen die Umbauten, um die Siskh zu beherbergen. Mit der Öffnung der Station konnte sich nun jeder bewerben, der qualifiziert genug war, und die Zwangseinstellungen waren nicht länger nötig.“

    Chamberlain blinzelte. „Scheinbar bedeutet ‚nicht länger nötig‘ nicht zwingend, dass sie auch nicht mehr durchgeführt werden.“

    Erneut schien der kleiner werdende Planet unter ihnen unglaublich spannend. „Nein, sonst hätte ich ja gesagt, dass sie nicht mehr durchgeführt werden.“

    „Stimmt.“


    Das Landen auf der Raumstation war weniger spektakulär, als Chamberlain es sich vorgestellt hatte. Er hatte gewusst, dass die Moros um sich selber rotierte, um eine erdähnliche Schwerkraft aufzubauen, doch bei der schieren Größe der Station bemerkte man kaum etwas davon. Daher beeindruckte ihn das Andocken weniger als die Ausmaße seines neuen, temporären Arbeitsplatzes – den er hoffentlich schon morgen wieder in der Schwärze des Weltalls verschwinden sehen würde.

    Die Tür zur Kabine öffnete sich, und eine junge Frau in weiß-blauer Uniform streckte den Kopf in das Abteil. „Wir sind soeben auf der Moros gelandet, wenn Sie mir nun folgen würden.“

    Nach einer gefühlten Ewigkeit mit Spanetti im gleichen Raum war es regelrecht erfrischend, ein neues – und hübsches – Gesicht zu sehen, und er wollte sich gerade erheben, als sich seine schweigsame Begleiterin energisch an ihm vorbeiquetschte und den ersten Schritt über die Türschwelle machte. Chamberlain schüttelte den Kopf und folgte ihr.

    Während sie von der Frau durch eine enge, nur dämmrig grün beleuchtete Röhre geführt wurden, musste Chamberlain immer wieder aufpassen, um sich nicht den Kopf an den zahlreichen Streben zu stoßen. Schließlich erreichten sie eine massive Schleuse, und die Flugbegleiterin hielt an. „Bitte gehen Sie nun durch das Tor und lassen sich einer Leibesvisitation unterziehen. Danach werden Ihnen Ihre Ausweise ausgehändigt, und meine Kollegin wird Sie Direktor Kurme vorstellen, wo Sie anschließend über alle weiteren Details ihres Aufenthaltes in Kenntnis gesetzt werden. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ Sie lächelte noch einmal gewinnend und machte dann kehrt, wobei ihr Abgang durch die Tatsache, dass sie sich in der Röhre ständig bücken musste, etwas an Eleganz verlor.

    Spanetti war mittlerweile durch die Tür getreten und Chamberlain tat es ihr gleich. Vor lauter Helligkeit, die in der Schleuse herrschte, kniff er instinktiv die Augen zusammen, musste sie dann aber gezwungenermaßen wieder öffnen, als von ihm verlangt wurde, dass er sich mit ausgebreiteten Armen auf eine weiße Fläche vor ihm stellen sollte.


    Wenn nur die Sicherheit in den Labors so bissig gewesen wäre wie hier. Dann wäre Sundegg vielleicht noch am Leben, und vor allem, dann wäre er nicht hier. Natürlich, man ging von einem Verrückten aus, vermutlich wäre es früher oder später sowieso zu einem Zwischenfall gekommen. Aber bis dahin hätte er zumindest noch einige schöne Tage zuhause verbringen können. Oder im Büro. Sehr wahrscheinlich im Büro. Er nahm seine Jacke wieder an sich und trat zu einer ebenfalls in Weiß und Blau gekleideten Dame mit einem adretten schwarzen Bob am Ausgang, wo sie auf Spanetti warteten. Wahrscheinlich hätten sie weniger lang gewartet, wenn Spanetti für einen Augenblick ihre finstere Fassade fallen gelassen hätte, so aber vergingen noch einige Momente, bis sie zu Chamberlain aufschloss.

    „Ich muss Sie nun bitten, die hier anzuziehen.“ Ihre neue Führerin hatte zwei eingeschweißte Gerätschaften hervorgezaubert und überreichte ihnen diese nun. Chamberlain betrachtete die Verpackung, in der sich etwas Schweres befand, mit einiger Skepsis, beschloss aber, sich an Spanetti ein Beispiel zu nehmen und fürs Erste auf weitere Anweisungen zu warten. Und diese kamen sogleich. „Gut, dann öffnen Sie bitte die Verpackung und entnehmen Sie den darin enthaltenen Concorder. Und dann machen Sie einfach, was ich jetzt mache.“ Ausdruckslos beobachteten die beiden Gäste, wie sich die Frau ein weißes Gerät vor das Gesicht führte, und sich das daran befestigte, elastische Band über den Kopf zog. Das ganze sah aus wie eine besonders klobige Staubschutzmaske, und in Chamberlain dämmerte es, was das für ein Ding war. „Dies ist ein Concorder, ein Gerät, das zur Kommunikation mit den Siskh verwendet wird. Wie Sie bestimmt wissen, unterhalten sich die Siskh in Frequenzen, die zu hoch für unser menschliches Ohr sind. Umgekehrt kann ihr Gehör unsere Sprache nicht verstehen, da es nicht für derartig tiefe Frequenzen entwickelt wurde. Der Concorder löst dieses Problem, indem er die ausgestoßenen Frequenzen erkennt, in die Sprache der Empfängerspezies übersetzt und zuletzt wiedergibt. Selbstverständlich wird das Gesagte auch ohne Übersetzung wiedergegeben. Ein praktisches kleines Gerät, nicht?“ Chamberlain konnte zwar ihren Mund nicht sehen, doch er vermutete, dass sie nun lächelte. Sie fuhr fort, ihre Stimme durch den Concorder leicht blechern. „Ich muss Ihnen wohl nicht extra erklären, dass es überaus unhöflich ist, in Gegenwart der Siskh ohne Concorder zu sprechen. Daher bitte ich Sie, ihren Concorder nur abzusetzen, wenn es wirklich nötig sein sollte. Er ist außerdem mit einem Luftfilter ausgestattet, der den Aufenthalt in den gemeinsamen Räumlichkeiten der Moros erheblich angenehmer gestaltet. Hier sind Ihre Ausweise,“ Sie überreichte Ihnen je eine handtellergroße, weiße Scheibe an einer ausziehbaren Schnur, „mit denen Sie sämtliche grün beleuchtete Gänge und Räume betreten dürfen. Das Betreten von gelb und rot beleuchteten Gebieten ist Ihnen untersagt, kann Ihnen aber durch autorisiertes Personal gewährleistet werden. Und nun,“ Sie hielt ihren eigenen Ausweis an eine Fläche neben der Tür, und beinahe augenblicklich schloss sich die Schleuse hinter ihnen, „willkommen auf der Moros.“


    Das erste, was Chamberlain beim Betreten der eigentlichen Station auffiel, war der üble Geruch. Kein natürlicher Geruch, wie man ihn in schlecht gelüfteten Zimmern mit vielen Menschen findet – denn ein solcher Geruch hätte man auf einer abgeschlossenen Raumstation am ehesten erwartet – sondern ein stechender, fremdartiger Geruch, der in unsichtbaren Wolken durch die Luft zu ziehen schien, in die Chamberlain immer wieder unwissend hineinlief. Kein besonders angenehmer Start, vor allem nicht, da der Geruch offenbar allgegenwärtig war. Dem Anschein nach hatte Spanetti ebenfalls Mühe mit der Luft in der Station, denn sie sah sogar noch eine Spur unzufriedener aus als sonst. Chamberlain schloss zur zackig vorausmarschierenden Frau auf und versuchte, trotz des Gestankes mit ihr Schritt zu halten. „Entschuldigen Sie die Frage, aber… Dieser Geruch, ist das normal?“ Sie verlangsamte ihre Schritte und lächelte unter ihrem Concorder. „Ich befürchte, ja. Machen Sie sich keine Sorgen, mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Leider ist diese Art der Atmosphäre nötig, um unseren Siskh-Mitarbeitern eine halbwegs unproblematische Atmung zu ermöglichen, da ihr Stoffwechsel nichts mit dem für uns üblichen Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch anfangen kann. Stattdessen wird der Großteil der Moros mit einem speziellen Gasgemisch versorgt, um eine Art „Kompromiss-Atmosphäre“ für Menschen und Siskh zu schaffen – aber fragen Sie mich nicht, mit was für einem Gemisch. Da wenden Sie sich am besten an unsere Chemiker. Doch seien Sie unbesorgt, sollte Ihnen die Luft hier drin einmal zu viel werden, können Sie sich jederzeit in Ihre Quartiere zurückziehen. Der Menschen-Flügel wird ausschließlich mit Sauerstoff und Stickstoff versorgt und verfügt über einen ähnlichen Druck wie unten auf dem Planeten.“

    Chamberlain nickte und wurde sich erst jetzt so richtig bewusst, dass der Luftdruck um ihn herum tatsächlich höher zu sein schien als gewohnt. Vermutlich ein notwendiges Übel, wenn man die Atmosphäre mit zwei atembaren Gasen gleichzeitig sättigen wollte.

    Sie gingen durch zahlreichen Türen und Gänge, bis sie schließlich bei einem Fahrstuhl ankamen. Ihre Führerin, die sie bisher beinahe ununterbrochen mit blecherner Stimme über die passierten Räume informiert hatte, hielt ihren Ausweis neben die Tür, und sie glitt lautlos zur Seite. Das Trio betrat den Lift, und ein Stockwerk wurde ausgewählt. Chamberlain staunte nicht schlecht über die riesige Auswahl an Ebenen die zur Auswahl standen, doch eine Sache interessierte ihn noch eine Spur mehr. „Übrigens, mir ist aufgefallen, dass wir hier völlig allein zu sein scheinen, weder Mensch noch Siskh hier. Ich habe immer gedacht, dass hier Tag und Nacht gearbeitet würde?“ Mittlerweile ließ er sich nicht mehr von der zeitlichen wie auch der akustischen Verzerrung seiner Stimme beirren, auch wenn es nach wie vor ungewohnt war, das Gesprochene erst Momente nach dem Aussprechen zu hören.

    „Nun, Sie wissen vom unglücklichen Zwischenfall mit Doktor Sundegg in der Materialforschung, deshalb sind Sie schließlich hier. Um die Möglichkeit auf weitere solche… Probleme zu minimieren arbeitet das Personal nun in Schichten, um die Anzahl Mitarbeiter in den Labors übersichtlich zu halten und,“ sie zwinkerte ihm theatralisch zu, „sich gegenseitig besser im Auge behalten zu können.“

    „Ah.“

    Ein leises Rumpeln war zu hören, als der Lift anhielt, und plötzlich meldete sich Spanetti, die bis jetzt geschweigen hatte, zu Wort. „Wollen Sie uns nicht noch erklären, woher dieses Pfeifen stammt? Es ist ziemlich… es ist schwierig zu ignorieren.“

    Chamberlain sah sie verwirrt an, doch die Schwarzhaarige schien zu verstehen. „Ach, machen Sie sich keine Sorgen deswegen. Das ist eine spezielle Frequenz, die wir auf Bitten einiger Siskh fast überall in der Moros übertragen. Sie hilft ihnen, sich zu fokussieren, und außerdem empfinden sie sie als angenehm. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass Sie ein so gutes Gehör haben, die meisten Menschen hier hören gar nichts.“

    Chamberlain hob eine Augenbraue, er hörte nichts.

    Die Arme verschränkt hob Spanetti das Kinn leicht an. „Sie meinen, Sie spielen Siskh-Musik?“

    Die Andere lächelte und hob ihren Ausweis an die Liftkonsole. „Das ist ein sehr guter Vergleich, ja. Wenngleich die Siskh ein etwas anderes Verständnis von Unterhaltung haben als wir, kommen diese für die Menschen kaum hörbaren Töne am ehesten an das, was wir als Musik bezeichnen, heran.“

    Der Lift zischte und die Türen fuhren zur Seite. Draußen lag ein weiterer weißer Gang, dessen Bodenlampen beim Betreten grün aufleuchteten. Er war komplett leer, wie auch alle anderen Gänge zuvor, nur dass dieser hier um einiges kürzer war und nach etwa zehn Metern in einer einzigen Schleuse mündete. Chamberlain trat als erstes auf den Gang hinaus und versuchte, trotz seines Ohrendrucks das Pfeifen, von dem Spanetti gesprochen hatte, zu erahnen. Da er sich aber lächerlich vorkam ließ er es dann doch bleiben.

    Sie wurden zur Schleuse geführt. Laut ihrem reizenden Guide lag dahinter die Verwaltungsabteilung, in der sich auch Kurmes Büro befand. Ein weiteres Mal schloss sich die Schleuse, und Chamberlain spürte, wie sich die drückende Luft um ihn herum etwas auflockerte. Sie verließen die Kammer auf der gegenüberliegenden Seite, und die Schwarzhaarige meinte, sie dürften nun ihre Concorder absetzen – das hier sei ein menschlicher Bereich. Chamberlain tat wie geheißen, und atmete vor Erleichterung tief ein. Der fremdartige Geruch von eben war verschwunden, stattdessen roch es hier drinnen angenehm vertraut nach Putzmittel und gefilterter Luft, seiner Luft. Seiner schwarz gekleideten Begleiterin schien es ähnlich zu gehen, jedenfalls sah er, wie Spanetti ihren Rücken durchstreckte und ebenfalls einen tiefen Atemzug nahm.

    Sie wurden weitergeführt, vorbei an zahlreichen offenen Türen, hinter denen man tatsächlich einige Frauen und Männer an Bildschirmen und Schreibtischen entdecken konnte – viele waren es trotzdem nicht. Sogar einige Zimmerpflanzen gab es hier, doch ihr Grün und Braun wirkte in der sterilen, weiß glänzenden Umgebung seltsam fremd und wild. Die Luft war erfüllt vom Surren von Rechnern und gelegentlichem Räuspern oder Husten, ansonsten herrschte auch hier eine ähnliche Stille wie ein paar Stockwerke weiter unten. Drückend. Wenngleich dieser Teil der Station um einiges freundlicher aussah als die „gemeinsamen Räumlichkeiten“, wie die Mitarbeiterin sie genannt hatte, wirklich wohl fühlte sich Chamberlain hier auch nicht. Und auch wenn die fensterlosen Gänge hell erleuchtet und breit waren und die offenen Arbeitsplätze ein Bild von Ordnung und Normalität vermittelten, etwas lag in der Luft, ein Gefühl wie ein Rauschen in den Ohren oder ein ausgetrockneter Mund. Wie eine Mücke, die einen nachts umschwirrt, konnte man nichts gegen dieses Gefühl tun, aber es war da, und Chamberlain mochte es nicht. Eine Vorahnung vielleicht, oder einfach nur Kopfschmerzen von der Mischatmosphäre und der grellen Beleuchtung. Er schielte zu Spanetti hinüber. Genauso wie er folgte sie der Frau vor ihnen, ihr Gesicht wie immer eine undurchdringliche Maske. Er dachte an das von ihr erwähnte Pfeifen und war froh, dass er sich nicht auch noch mit dem herumschlagen musste.

    Das Klacken der Absätze vor ihnen stoppte, und die Gruppe hielt an. Sie standen vor einer breiten, silbern glänzenden Tür, und die Schwarzhaarige hielt erneut ihren Ausweis daneben. Ein aggressives Summen zerschnitt die Geräuschkulisse aus Gleichgültigkeit und trägen Blicken, und eine mechanische Stimme meldete sich aus der Konsole. „Ja?“

    „Direktor, Frau Spanetti und Herr Chamberlain sind hier.“

    Einige Sekunden vergingen, bis sich die Stimme wieder meldete. „Danke, Gabriela. Schick sie hinein.“

    Die Konsole schwieg, und Gabriela drehte sich mit einem Lächeln um. „Sie haben es gehört, Direktor Kurme erwartet Sie. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und einen angenehmen Aufenthalt.“ Damit drehte sie sich um und stöckelte den Gang hinunter. Chamberlain sah ihr nach, bevor er sich zu Spanetti umdrehte. „Na dann. An die Arbeit.“

    Sie hob eine Augenbraue. „Nicht alle beginnen erst jetzt zu arbeiten, wissen Sie.“

    Aber bevor Chamberlain etwas Geistreiches erwidern konnte, schlug ihm zischend kühle Luft entgegen, und die Tür glitt geräuschlos zur Seite.



  • Kapitel 3 - Künstler und Rebellen

    Es war erstaunlich, wie alt die Leute werden, wenn man sie ein paar Jahre nicht mehr gesehen hatte. Direktor Kurme lungerte in seinem Stuhl hinter einem wuchtigen Schreibtisch und blickte überrascht auf, als Chamberlain und Spanetti den Raum betraten. Vor seinem Tisch sass eine weitere Person, ein dunkelhäutiger junger Kerl mit halblangen Haaren, mit dem der Direktor anscheinend eine angeregte Diskussion geführt hatte, jedenfalls bis jetzt. Hinter ihnen schloss sich die Tür, und beinahe augenblicklich hellte sich Kurmes Gesicht auf – oder zumindest die rechte Hälfte, die linke war aufgrund seiner Fazialisparese wie immer starr eingefroren. Eigentlich der Anblick, den Chamberlain erwartet hatte, trotzdem ging ihm beim zweiten Mal hinsehen die Frage durch den Kopf, warum die Medizin nicht schon längstens etwas dagegen unternommen hatte.

    „Ariel, Elodie, bitte nehmt Platz! Asif, wären Sie so gut und könnten unseren Gästen noch zwei Stühle bringen? …genau, die da drüben, wundervoll.“ Der Mann, den er mit Asif angesprochen hatte, tat wie geheißen und setzte sich dann wieder auf seinen Stuhl zurück, während die beiden Neuankömmlinge sich ebenfalls einen Stuhl nahmen. Erwartungsvoll blickte der Direktor zwischen ihnen hin- und her. „Ariel, wie lange ist es her? Sie haben sich gemacht!“

    Chamberlain lächelte gequält. Die Vergangenheit hatte ihn eindeutig zu schnell eingeholt, zuerst Spanetti und jetzt auch noch Kurme, er war sich nicht ganz sicher, was er davon halten sollte. „Nun, einige Jahre bestimmt. Ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten, Direktor.“ Kurme fühlte sich sichtlich geschmeichelt, sofern man das seinem Gesichtsausdruck entnehmen konnte. Das passte zu ihm. Er mochte nun einen Schnurrbart und schicke Anzüge tragen, aber der charismatische Narzisst von damals würde sich nicht einfach so mit einem etwas stilvolleren Auftreten überpinseln lassen.

    „Ach, jetzt hören Sie doch auf, schließlich muss ich mich gerade auf Sie verlassen, nicht? Und natürlich“, er wandte sich dem mittleren Stuhl zu, „auf die reizende Elodie Spanetti! Innere Ordnung, hätte mir damals jemand gesagt, dass Sie es einmal so weit bringen, ich hätte ihn wohl ausgelacht!“ Sie nahm verhalten seine ausgestreckte Hand an und schüttelte sie kurz, sagte aber nichts. Kurme lehnte sich zurück und seufzte. „Ach ja, damals, was.“ Einen kurzen Augenblick lang herrschte Stille, bis er wieder wie von der Tarantel gestochen auffuhr und verlegen die Hände rieb. „Aber wo habe ich meinen Kopf, ihr fragt euch bestimmt, wer dieser junge Mann hier ist, nicht?“ Der Angesprochene lächelte schüchtern, doch falls er etwas hatte sagen wollen, hatte ihm Kurme keine Zeit dafür gelassen. „Das ist das vielversprechendste Nachwuchstalent auf dem Gebiet der Xeno-Verhaltensforschung seit langem, Asif Salman! Asif, sag doch mal Hallo!“ Der junge Wissenschaftler reichte ihnen umständlich die Hand und lächelte zuvorkommend. „Der Direktor ist zu freundlich. Ich bin mir sicher, jeder mit genügend Disziplin und Fleiß könnte erreichen, was ich erreicht habe. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber vielleicht“, für einen Moment schimmerte Stolz in seinen Augen auf, „haben Sie schon von meiner Arbeit über die Hierarchiestrukturen der Siskh gehört, ‚Vom Bewusstsein des Einzelnen unter Vielen‘?“ Chamberlain verneinte, und auch Spanetti schüttelte den Kopf. Salman zuckte die Schultern, lächelte aber weiter. „Das macht nichts. Praktisch jeder hier an Bord hat mein Werk gelesen, falls Sie sich mit einer Frage bezüglich unserer Siskh-Mitarbeiter konfrontiert sehen sollten Ihnen die meisten Leute hier Auskunft geben können. Und für ausführlichere Erklärungen stehe ich gerne zur Verfügung.“ Chamberlain nickte, als Kurme sich wieder einschaltete. „Wunderbar, nicht? Ich hoffe, dass unser Herr Salman euch auch eine so große Hilfe sein wird, wie er es für mich ist. Ach ja, und apropos Hilfe, wie war euer Flug?“

    Die nächsten zehn Minuten gingen in einem einseitigen Gespräch über Belanglosigkeiten von früher, oberflächlichen Fragen zur Moros und nicht zuletzt zu den Siskh unter, bis Kurme schließlich wieder etwas ernster wurde und er seine Stimme senkte. „Aber, aber, deswegen sind wir nicht hier, wir haben nämlich immer noch einen toten Kollegen in der Materialforschung. Ich schlage also vor, dass wir das Kennenlernen auf die Mittagspause verschieben und so langsam zum eigentlichen Grund kommen, weshalb wir jetzt hier sind.“

    „Ich dachte schon, Sie kommen nie mehr auf den Punkt.“

    Sämtliche Augen richteten sich auf Spanetti, offenbar hatte niemand erwartet, dass der erste Satz von ihr so direkt sein würde. Kurme öffnete den Mund, schloss ihn, und öffnete ihn wieder. „Genau, vielen Dank für die Erinnerung, Elodie.“ Chamberlain grinste innerlich. „Ich bin mir nicht sicher, wie viel euch über diesen eher, äh, außergewöhnlichen Mordfall bekanntgegeben wurde, aber ich“, er öffnete eine Schublade und kramte eine Fernbedienung hervor, „werde euch jetzt alle Informationen dazu präsentieren, die uns unsere Spurensicherung zusammengetragen hat.“ Das Licht wurde gedimmt, und von der Decke her strahlte eine grobe dreidimensionale Darstellung eines großen Raumes mit diversen Tischen und Laboreinrichtungen herab. „Das ist das Labor 2 der Materialforschung. Hier wurde der arme Doktor zuerst von hinten niedergestochen und gleich darauf mit einem Aluminiumprofil totgeschlagen“, Kurmes Hand fuchtelte irgendwo vor einem Waschbecken herum, „danach wurde er hier in die Mitte des Raumes geschleift“, Nun befand sich seine Hand im Boden des Labors, „und anschließend mit einem Skalpell verstümmelt. Es wurde bisher keine Tatwaffen gefunden, man konnte nur anhand der Wunden darauf schließen, dass für den Mord ein Skalpell aus demselben Labor verwendet wurde. Zum Zeitpunkt der Tat befand sich niemand außer Sundegg im Labor, keine Zeugen, keine Kameras.“ Er faltete die Hände und schaute seinen Besuch mit seinem gesunden Auge eindringlich an. „Keine Spuren.“

    Chamberlain überlegte. „Warum war er allein? Um welche Zeit wurde er getötet?“

    „20:28 Uhr Bordzeit, um diese Zeit arbeitet eigentlich niemand mehr. Warum er alleine war, da bin ich überfragt. Unsere Richtlinien sehen vor, dass die Wissenschaftler immer mindestens zu zweit in den Labors sind, weshalb wir stark davon ausgehen, dass, falls Sundegg – übrigens ein sehr pflichtbewusster Mann – sich wie gewohnt an diesen Richtlinien orientiert hatte, mit großer Wahrscheinlichkeit von einem seiner Mitarbeiter ermordet wurde.“

    Trockene Stille, der Projektor surrte. Draußen gingen zwei Füsse an der Tür vorbei, und Chamberlain biss sich auf die Unterlippe.

    „Können wir ihn sehen?“


    Es war kalt in Labor 2, gefühlte Minustemperaturen. Chamberlain fröstelte, und er zog den Reißverschluss seiner Jacke noch etwas höher. Ein Seitenblick auf seine Begleiter verriet ihm, dass es ihnen nicht besser ging; Spanetti schien leicht befremdet ob dem beim Ausatmen entstehenden Dunst und Kurme hatte die Arme verschränkt und versuchte stoisch, sich nichts anmerken zu lassen – was er zumindest besser hinkriegte als Salman, der in seinem Polohemd zitterte wie Espenlaub. Sie gingen an glänzenden, klobigen Metalltischen vorbei, und gerade als sich Chamberlain zu fragen begann, wann sie eigentlich auf Sundegg stoßen würden, lag er vor ihnen. Die Tische und Regale um ihn herum hatte jemand beiseite geschoben – Chamberlain nahm an, dass dies direkt nach dem Mord geschehen sein musste, kurz vor der Schöpfung des „Kunstwerkes“, das nun vor ihnen lag. Um die Leiche herum hatte man rot-weißes Absperrband gespannt, hastig befestigt an Tischbeinen und Bürostühlen. Sie blieben davor stehen, und irgendjemand schluckte hörbar. Einen Moment lang sagte niemand auch nur einen Ton, bis Kurme die Stille durchbrach mit einem seltsam unpassenden „Alsooo…“ Chamberlain ging nicht auf ihn ein, er war ganz gebannt vom Anblick der surrealen Szenerie, die sich vor ihm ausbreitete. Natürlich, er hatte Spanettis Bilder gesehen, aber verglichen dem hier… Auf so etwas hatte er sich nicht vorbereiten können. Vielleicht lag es daran, dass die Bilder aus der IO-Mappe gemacht wurden, als die Leiche noch relativ frisch gewesen war, oder vielleicht hatte es einfach an der Qualität der Aufnahmen gelegen – doch bereits die geisterhafte Blässe des Körpers, die unter dem bräunlich verkrusteten Blut hervorschimmerte, löste in ihm ein unwohles Gefühl aus. Die Farbe des Toten war aber bei weitem nicht das Beunruhigendste: Die Wunden, aus denen Sundeggs Leiche fast ausschließlich zu bestehen schien, wirkten so unnatürlich, so pervers und verdreht, dass Chamberlain sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich echt waren. Er hatte während seines ganzen Lebens noch nie etwas Vergleichbares gesehen, man hatte den Doktor nicht einfach ermordet, man hatte ihn geschlachtet. Dies war das Werk eines Wahnsinnigen, anders konnte Chamberlain sich diese Tat nicht erklären, er wollte sie sich nicht anders erklären. Sein Blick wurde automatisch zum Gesicht des Toten gezogen. Auf den Bildern hatte er erkennen können, dass der Täter wohl auch vor Sundeggs Kopf nicht halt gemacht hatte, aber jetzt das gesamte Ausmass seines blutigen Werkes mit eigenen Augen zu betrachten war eine Erfahrung, auf die er gerne hätte verzichten können. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund befand sich auf der Stirn ein tiefer Schnitt, von dem aus mehrere Fetzen der Kopfhaut weggerissen worden waren, sodass das mittlerweile dunkelrote, fast violette Fleisch in seiner ganzen unregelmäßigen Pracht, zwischen denen der mit Einkerbungen verschandelte Schädel hervorlugte, freigelegt worden war. Chamberlain atmete tief aus und wandte sich an Kurme, während er das Absperrband leicht anhob. „Darf ich?“

    Er nickte, und Chamberlain stieg vorsichtig über das Band, wobei er höllisch aufpassen musste, um nicht ein eine der Schmierereien aus Körperflüssigkeiten zu treten. Der Anblick war auch aus der Nähe kaum zu ertragen, und so nahe am Körper war der scharfe Geruch von Konservierungsmitteln ekelhaft aufdringlich, sogar durch den Concorder hindurch. Er ging neben dem Kopf in die Hocke und beugte sich darüber.

    Wer auch immer die Leiche so zugerichtet hatte, er hatte sichergestellt, dass sich Sundegg auch im Tod nicht mehr auf seine Sinne verlassen konnte: Seine Augen waren von vorne ausgestochen worden, nicht gründlich und exakt, sondern achtlos und beiläufig, sodass in den Höhlen noch immer ein zähflüssiger Matsch schwamm, der sich durch das ganze Blut braun verfärbt hatte. Die obere Hälfte seines linken Ohrs war abgetrennt, und das rechte fehlte komplett. Mit Mühe löste Chamberlain sich vom grotesken Anblick und schaute zu Kurme. „Was ist mit seinem Ohr?“

    Der Direktor deutete auf einen Korpus in der Nähe. „Da unten. Es wurde nichts verändert.“ Chamberlain folgte seinem Blick und entdeckte das Ohr am Fusse des Möbels, wie es traurig inmitten einiger dunkler Spritzer lag. Der Verrückte hatte Sundegg sein Ohr abgeschnitten und es dann durch den Raum geworfen, denn anhand der blutigen Flecken ließ sich wohl sagen, dass er es kaum dorthin gelegt hatte. Chamberlain schüttelte fassungslos den Kopf, bevor er sich wieder zwingen musste, die Leiche anzusehen. Nase und Mund waren dem Motiv des Verstümmelns sämtlicher Sinnesorgane folgend ebenfalls zerfetzt worden, die Nase sogar mehrmals gebrochen und ein paar Zähne so wahllos wie gewaltsam aus dem Kiefer herausgehebelt. Einige zielgerichtete Stiche im Unterkiefer hatten kurzen Prozess mit der Zunge gemacht, die in kümmerlichen Häppchen im entstellten Mund wie hineingestopft lag, und der Hals… scheinbar war dem Täter beim Hals die Lust an der Präzision, die er beim Bearbeiten des Mundes gezeigt hatte, vergangen: Chamberlain war kein Forensiker, aber selbst er konnte sehen, wie ein scharfer Gegenstand in den Kehlkopf gebohrt und danach damit anscheinend völlig wahllos herumgeschnitten und –gestochert worden war. Der gesamte Hals war praktisch eine riesige, offene Wunde, in der Muskeln, Knorpel und Sehnen zu einem albtraumhaften, organisch-feuchten Abbild des Wahnsinns zusammengeschnitten und -gestochen worden waren, während die verbogenen Halswirbel dahinter wie eine lächerliche Karikatur ihrer eigentlichen Funktion wirkten. Chamberlain bemerkte, wie seine Hände zitterten, doch er zwang sich, den Blick auf der Leiche fixiert zu halten. Vorsichtig beugte er sich über den fast durchsichtig wirkenden linken Arm, der im Vergleich zum restlichen Körper kaum Verletzungen aufwies. Einzig die Schulter hatte mehrere Einstiche von vorne, deren Schwere sich aber in Grenzen hielt. Er nahm an, dass die Schulterblätter grössere Schäden verhindert hatten. Seltsamerweise fehlten der Hand ein Daumen und ein Zeigefinger, und ein Blick auf die Rechte bezeugte, dass dieselben Finger auch dort entfernt worden waren. „Und die Finger?“

    Diesmal meldete sich Salman, zögerlich. „Der Täter hat die Finger benutzt, um das, äh, das Muster um die Leiche zu ziehen. Stellen sie sich das wie eine Art… Pinsel vor. Anschließend hatte er sie in das Waschbecken dort drüben gelegt.“ Chamberlain konnte deutlich hören, dass ihm kein bisschen wohl dabei war, abgehackte Finger als Pinsel zu bezeichnen, aber beim Betrachten der Zeichen auf dem Boden musste er zugeben, dass die Bezeichnung passte. Er trat einen Schritt zurück und wollte sich die kreisförmig angeordneten Schriftzeichen ansehen, doch seine Augen blieben auf Sundegg hängen. Saurer Speichel sammelte sich in seinem Mund, und er musste aufstoßen. Das Gefühl, das schon die ganze Zeit in seinem Magen gelauert hatte, kam mit einem Mal stärker als je zuvor zurück, und er erhob sich mit schwindeligem Kopf. Jemand fragte, ob alles okay sei. Natürlich nicht, und mit mäßigem Erfolg stakste er zurück zum Absperrband und hievte sich darüber, bevor er sich zwang, tief durchzuatmen. Spanetti sah ihn besorgt an, genauso wie die anderen, aber Chamberlain beherrschte sich, schluckte, und schließlich verschwand das Gefühl wieder. Er keuchte. „Tut mir leid, aber das…“

    „Vielleicht überrascht es Sie, aber Sie haben sich besser geschlagen als die Spurensicherung.“ In Kurmes metallischer Stimme schwang etwas mit, das nach… Anerkennung klang? Vielleicht. Chamberlain streckte den Rücken durch und wandte sich an den Forschungsleiter, seiner Aussage keine Beachtung schenkend. „Übrigens haben Sie mir noch immer nicht verraten, was diese…“ Er machte eine ausladende Handbewegung auf die blutigen Spuren um die Leiche. „Was diese Schrift bedeutet. Ihr wisst es doch, oder?“

    Kurme nickte, den Blick starr auf die angesprochenen Schriftzeichen gerichtet, und hauchte hinter seiner Maske Dampf aus. „Ja, einige der… kommunikationsfreudigeren Siskh konnten es uns verraten. Sie meinten, es wären ihre Begriffe für ‚Rebell‘ oder ‚Aufständischer‘. Ein Abweichler. Wir konnten uns aber beim besten Willen nicht zusammenreimen, wie das in das Gesamtbild passt. Selbst unser Asif war ratlos, da ein solches Verhalten noch nie vorher beobachtet worden war. Aber… dafür haben wir schließlich Sie, nicht?“

    Chamberlain seufzte und nickte. Ihm war noch immer unwohl. „Sieht so aus. Aber… Sie wollen mir nicht ernsthaft weismachen, dass jemand nach diesem Gemetzel den Raum unentdeckt verlassen hat? Spurlos?“

    Sichtlich verlegen rieb sich Kurme die Hände, ob vor Kälte oder Unbehagen war schwer zu sagen. „Ach, gut dass Sie fragen… Schauen Sie mal, hier.“ Der Direktor schob sich am Absperrband vorbei zu einem weiteren Waschbecken, und sie folgten ihm. „Sie haben natürlich Recht, eine solche Schweinerei lässt sich nur schwer aus den Kleidern kriegen. Umso bedauerlicher, dass der Täter das ebenfalls gewusst zu haben schien und alles daran gesetzt hat, keine eigenen Spuren zu hinterlassen. Ich weiß, ich weiß, ich war immer ein großer Befürworter der Dekontaminationskammer, aber in diesem Fall hätte sie sich als kaum hinderlicher für die Lösung dieses Dilemmas erweisen können. Verstehen Sie? Der Mörder ist da reinspaziert“; er deutete auf eine schwere Tür mit diversen Warnaufschriften im hinteren Teil des Raumes, „hat sich durchspülen lassen, die Kleider gewechselt und ist dann zurück auf sein Zimmer gegangen, als wäre nichts passiert.“ Er hielt kurz inne, bevor er hastig anfügte: „Jedenfalls gehen wir davon aus.“

    Chamberlain kratzte sich am Kinn. „Das ist… ärgerlich. Und…“ Er blinzelte. „Wie viele Leute arbeiten hier, und wer hat noch Zutritt?“

    Plötzlich schien Kurmes bedrückte Stimmung wie weggeblasen. „Jetzt fangen wir an, was? Zwölf Menschen, vier Siskh. Zutritt ist nur den Materialwissenschaftlern gestattet, daher kommen nicht allzu viele Verdächtige in Frage, und die Siskh sind bereits weggeschlossen. Und bevor Sie fragen, ja, das dürfen wir. Ich hatte sowieso vor, euch als nächstes“, er kramte sein Handy hervor und schien irgendwelche Benachrichtigungen zu überprüfen, „den potentiellen Verdächtigen vorzustellen. Da das hier nun sowieso das Reich der Spurensicherung ist“, er machte eine ausladende Bewegung zur Leiche hin, „schlage ich vor, dass wir uns kurz Kaffee holen und uns dann zu den Verwahrungszellen aufmachen.“ Er lachte kurz auf, ein Geräusch, das die unheilige Atmosphäre im Labor noch ein Stück kälter werden ließ. „Ich mache nur Spaß, ich meine natürlich die Siskh-Quartiere. Wir haben die vier Forscher unter Hausarrest gestellt, und sie warten ganz gespannt auf ihr Verhör.“


    Chamberlain hatte das Labor als Letzter verlassen, und sein Kopf schwirrte. Kurmes offensichtliche Sorglosigkeit machte ihn krank, auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte – er brauchte im Moment nicht noch mehr Probleme. Was er aber definitiv brauchte war der versprochene Kaffee, und ein effizientes Verhör danach wäre ebenfalls nicht schlecht. Vier Siskh, das wir kaum dauern. Er konnte nicht leugnen, dass ihn die ganze Angelegenheit beunruhigte, ihm ein flaues Gefühl in der Magengegend verursachte. Der geschändete Tote war eine Sache, aber auch die Zeichen gingen ihm nun nicht mehr aus dem Kopf. Rebell, Aufständischer. Warum auch immer. Er hatte Sundegg nicht persönlich gekannt, war über sein Schaffen nur oberflächlich informiert gewesen, und von seinen Beziehungen zwischen ihm und seinen Mitarbeitern hatte er absolut keine Ahnung. Was für eine Arbeitshaltung hast du eigentlich? Keine besonders vorbildliche, wie er sich nun eingestehen musste. Jetzt hatte er wohl keine andere Wahl, als sich auf das kommende Verhör zu verlassen und zu hoffen, dass die Siskh ihm die gewünschten Antworten liefern würden, denn er hatte jetzt schon genug von dieser Station. Er wollte richtige Informationen. Er hatte Kopfweh.



    Die IO-Beamtin hat sich über die Frequenzen beschwert.

    Und der Ermittler?

    Hat sich bisher nicht dazu geäußert. Verstärken?

    Nein.

    Zu gefährlich.

    Wie Sie meinen.



  • Kapitel 4 - Alte Schule

    Dass die Moros eine Enttäuschung war, das war nichts Neues. Aber dass es auf einer Station, die durch Milliarden von Steuergeldern und Technologie, die der Öffentlichkeit erst in Jahrzehnten zur Verfügung stehen wird, erbaut worden war, keine anständige Apparatur gab, die halbwegs akzeptablen Kaffee machen konnte, das war ein neuer Tiefpunkt. Mürrisch nippte Chamberlain an seinem viel zu heißen Gebräu, während er Spanetti und Salman beobachtete, wie sie ihre ganz persönlichen Schwierigkeiten hatten mit der Maschine. Wenigstens konnte man hier drinnen frei atmen und benötigte keinen Luftfilter, da die Fremdlinge ihren Pausenraum anscheinend woanders hatten – die Luft in den gemeinsamen Räumen und die Szene im Labor vorhin hatte ihm schwerer zugesetzt, als er zu zeigen gewillt gewesen war. Krank. Er hätte gerne Harriet geschrieben, einfach um auf andere Gedanken zu kommen – aber wie zu erwarten gewesen war, hatte man auf der verdammten Station nirgends ein Signal. Also wollte er sein Handy wieder wegstecken, als sich plötzlich Kurme, der sich durch lautes Zuschlagen der Toilettentür angekündigt hatte, meldete. „Übrigens, ich hatte beinahe vergessen, es zu erwähnen; wir haben hier unser eigenes kleines Kommunikationsnetzwerk, nicht unähnlich dem Internet, aber natürlich strengstens getrennt von diesem. Also“, er schloss den untersten Knopf seiner Jacke, „eigentlich ist es das Internet. Wir haben keine Kosten gescheut, um die Gesamtheit des Webs auf unsere Server zu kopieren, auf die wir nun jederzeit zugreifen können. Falls es Ihnen bei ihren Recherchen hilft, können Sie ungestört surfen, die meisten Seiten sollten auf einem relativ aktuellen Stand sein. Stellen Sie es sich als riesiges Archiv vor, das alle Daten der Welt enthält – komplett losgelöst vom eigentlichen Netz, doch fast genauso aktuell und lebendig. Asif, wärst du so gut und zeigst ihnen, wie sie sich Zugang verschaffen?“

    Salman stammelte eine Zustimmung und drückte auf seinem eigenen Telefon herum, während Chamberlain ungläubig die Augenbrauen zusammenzog. „Ihr habt das gesamte Internet auf eure Server kopiert?“

    „Jedenfalls einen großen Teil davon, alles, das relevant sein könnte für die hier betriebene Forschung. Schauen Sie, hier, der Serverraum.“ Kurme hatte ein Bild hervorgekramt, welches er Chamberlain nun unter die Nase hielt. Im grellen Licht des Pausenraumes war auf dem dunklen Bildschirm nur schwer etwas zu erkennen, doch er glaubte, eine riesige Halle, bis zur Decke gefüllt mit Rechnertürmen, ausmachen zu können. „Das ist… beeindruckend.“

    „Ich weiß, ich weiß, das ist ein ziemlicher Anblick. Und Sie wollen gar nicht wissen, wie viel Strom das Ganze frisst! Wir mussten dem Raum einen eigenen Reaktor widmen, um sicherzugehen, dass alles reibungslos verläuft. Ich würde ihn Ihnen wirklich gerne zeigen, aber im Moment haben wir leider dringlichere Angelegenheiten zu erledigen. Alle bereit?“

    Chamberlain nickte und warf seinen halbleeren Becher in den nächsten Abfalleimer, und auch Spanetti schien startklar. Sie setzten ihre Concorder wieder auf, und Kurme stieß die Tür zur Schleuse auf. „Allerdings – und ich denke, dass Ihnen das durchaus bewusst sein sollte – ist jeglicher Kontakt zu Stellen außerhalb der Moros verboten, gerade jetzt, in dieser heiklen Situation. Nicht, dass es möglich wäre.“ Er lachte kurz, und Spanetti seufzte kurz.


    Mittlerweile hatten sich die Gänge der Moros ein wenig gefüllt, und nicht selten musste die Gruppe Schwärmen von Forschern und ihren Gerätschaften ausweichen. Gelegentlich passierten sie den einen oder anderen Siskh, die Kurme ausnahmslos ehrfürchtig begrüssten. Chamberlain hatte schon diverse Bilder und Filme über die neuen Freunde der Menschheit gesehen, aber ihnen nun so unvermittelt zu begegnen war eine völlig eigene Erfahrung. Ihre breiten, flachen Köpfe, ihre Haut, die je nach Exemplar von einem hellen Braun über Grau bis zu fast schwarz in ihrer Farbe variieren konnte, ihre im Verhältnis zu Kopf und Rumpf spindeldürren Gliedmassen – es fiel ihm, sehr zu seinem eigenen Missfallen, wirklich schwer, sich dabei nicht an humanoide Tiere erinnert zu fühlen. Einzig ihre Concorder, die bei ihnen fast das gesamte Gesicht bedeckten, und ihre weißen Laborkittel oder bewusst menschlich gehaltenen Anzüge vermittelten einen Eindruck von Zivilisation. Auch wenn Chamberlain es nie geäußert hätte, aber er konnte die Abneigung der Xenophobiker beinahe nachvollziehen – sie waren anders als alles, was er je mit eigenen Augen gesehen hatte. Nicht bedrohlich oder beunruhigend, sondern einfach anders. Fremd.


    „Wissen Sie überhaupt, Ariel, warum ich genau nach Ihnen verlangt habe?“ Sie waren in einen etwas schmaleren, gelb erleuchteten Gang abgebogen, und Kurme hatte ihn plötzlich aus seinem verhaltenen Staunen gerissen. „Warum ich die gute Elodie auf Sie angesetzt hatte?“

    Das könnten Sie mir nun langsam wirklich erklären. Ich wüsste nicht, dass ich mich in letzter Zeit besonders für Xenos interessiert hätte.“

    Ein leicht schockierter Ausdruck huschte über Kurmes rechte Gesichthälfte. „Ariel, bitte. Wir vermeiden hier solche Ausdrücke, ja? Wir arbeiten stetig daran, ein Bewusstsein für unbewusste Voreingenommenheit zu schaffen, und das fängt bereits bei solchen Bezeichnungen an. Jedenfalls…“ Chamberlain zuckte die Schultern.

    „Jedenfalls, Ariel, weiß ich genau, was ich an Ihnen habe. Sie sind wie ich, wissen Sie? Alte Schule. Menschenkenntnis, Hartnäckigkeit. Kombinationsgabe. Das ist es, was wir jetzt brauchen. Wir brauchen jemanden, der mit Leuten umgehen kann, und seien sie noch so kompliziert und fremdartig. Sie verstehen, wie delikat die ganze Sache hier ist, und ich hätte diesen Fall wirklich nur ungern in die Hände eines überehrgeizigen, frischgebackenen Akademieabsolventen gelegt. Sie haben die Erfahrung, die in solchen Angelegenheiten gefragt ist, Sie kennen sich aus mit unserer Gesellschaft. Ein Einzelkämpfer, ruhig und besonnen, das sind Sie – Sie treffen keine voreiligen Entscheidungen, Sie treffen die richtigen Entscheidungen. Darum, mein Lieber, wollte ich Sie und niemand anderen.“

    Die Hände in den Hosentaschen schwieg Chamberlain leicht überfordert. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, doch mit einer solchen… Begründung hatte er nicht gerechnet, und für einen kurzen Moment fühlte er sich wieder wie Mitte Zwanzig. „Naja, ich… weiß es zu schätzen. Dann lasst uns das schnell hinter uns bringen.“


    Niemand hatte sie vor den Siskh-Quartieren gewarnt, und als sich die Schleuse wieder geöffnet hatte, fühlte sich Chamberlain, als müsste er sterben. Er hatte gedacht, die Luft im Gemeinschaftsteil wäre unangenehm gewesen, doch er hatte offensichtlich keine Ahnung gehabt, wie übel das im Siskh-Flügel sein würde. Egal wie tief er einatmete, es schien nicht genug zu sein. Diverse historische Vergleiche gingen ihm durch den Kopf, er hütete sich jedoch davor, auch nur einen anzusprechen – die Atemluft war sowieso zu kostbar, um sie für solche Geschmacklosigkeiten zu verschwenden. Die Kopfschmerzen, die ihn schon seit dem Labor plagten, schienen sich noch einmal zu vervielfältigen, und er musste sich einen kurzen Moment an der Wand abstützen. Besorgte Blicke, und Salman kam herbeigeeilt und reichte ihm ein Fläschchen mit einem Schraubverschluss. Chamberlain nahm es abwesend an. Entfernt nahm er die Stimme des jungen Wissenschaftlers wahr. „Schrauben sie dies an Ihren Concorder, Herr Chamberlain. Es enthält Sauerstoff, genau das, was Sie jetzt brauchen.“ Chamberlain tat wie geheißen, etwas unbeholfen, aber er schaffte es. Die Unterseite des Concorders hatte tatsächlich ein Gewinde, in die das Fläschchen exakt hineinzupassen schien, und sobald er es mit zittrigen Fingern hineingedreht hatte, strömte kalte, frische Luft durch die Maske. Wieder etwas klarer im Kopf blickte er auf, wo sich die anderen ebenfalls mit Sauerstoff versorgt hatten. Er nickte dem Verhaltensforscher dankend zu und glättete seine Jacke. „Tut mir leid.“

    Salman schien zu lächeln. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, den meisten Leuten, die hier unvorbereitet hineingehen, ergeht es so. Ich hätte Sie darauf aufmerksam machen sollen. Leide.“

    „Schon gut, ich…“, er erstarrte. „Was haben Sie gesagt?“ Beunruhigt schaute er zu Salman, dann zu Spanetti und Kurme. Hatte er gerade…?

    „Ich sagte, dass es meine Schuld ist, dass ich Sie nicht ausreichend informiert hatte. Bitte verzeihen Sie.“

    Chamberlain starrte ihn ratlos an, bevor er sich wieder abwandte. „Ist schon gut, machen Sie sich keinen Kopf.“ Sauerstoffmangel und Kopfschmerzen waren eine seltsame Sache.


    „Da wären wir, Zimmer 30 bis 34.“ Kurme hielt an und wandte sich an seine Begleiter. „Ich habe noch eine Station zu führen, deshalb verlasse ich Sie nachher. Asif hat die globalen Zugangscodes und wird vor den Türen warten, sollten Sie mit unseren lieben Verdächtigen da drin nicht mehr weiterkommen, weiß er bestimmt Rat. Ich wünsche euch viel Erfolg, wir treffen uns um punkt 12 Uhr in der Kantine, wo Sie mir hoffentlich einige spannende Dinge erzählen können. Ich schätze, den Weg finden Sie auch alleine.“

    Er schob sich an ihnen vorbei und verschwand in den Tiefen der Station. Spanetti trat zur nächsten Tür und blickte Salman auffordernd an. „Öffnen.“ Dieser trat leicht eingeschüchtert neben sie und tippte einen endlos langen Code in die Konsole, und ein Summen kündigte das Aufschließen der Tür an. „Bitte seien Sie freundlich und stellen Sie sich zuerst vor. Dies ist das Zimmer von Doktor S-30, einem normalerweise nicht sehr gesprächigen Gelehrten. Er hat natürlich einen richtigen Namen, aber niemand versteht das Gestotte-, ich meine, es ist für uns sehr schwierig, Siskh-Eigennamen korrekt zu übersetzen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.“

    Sie betraten den Raum, und wurden sogleich mit einem ungewöhnlichen Anblick konfrontiert. Der Bewohner des Zimmers war nicht zu sehen, stattdessen bot sich Ihnen ein viel befremdlicheres Bild. Vor dem offensichtlich für Menschen ausgelegten Bett stand ein umgekippter Tisch, die Tischplatte zum Eingang gerichtet, und darüber die weiße Bettdecke. Ein Kissen war in den Zwischenraum zwischen Platte und Bett gestopft worden, und Chamberlain konnte sich sehr gut vorstellen, was sich hinter dem Tisch befand. Spanetti durchbrach als erste die Stille. „Doktor S-Dre… Doktor? Zeigen Sie sich, Innere Ordnung.“ Chamberlain rollte die Augen, das hätte diplomatischer angegangen werden können. „Doktor, wir sind hier, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen. Wir sind Ihre… Freunde.“

    Hinter dem Kissen bewegte sich etwas, dann war wieder Stille. Chamberlain seufzte. „Wir können Ihnen helfen. Wir können Ihnen mit ihren Schwierigkeiten helfen.“

    Erneut bewegte sich das Kissen, dann eine gedämpfte mechanische Stimme. „Ich gehorche nicht.“
    Spanetti und Chamberlain schauten sich an. „Das hat so keinen Wert. Wir haben keine Zeit für solche Spielchen.“ Bevor Chamberlain sie daran hindern konnte, war sie bereits beim Bett und hatte die Decke vom Tisch gerissen. Mit einem leichten Gefühl des Bedauerns musste er zusehen, wie ein offensichtlich verängstigter Siskh völlig überrascht in Spanettis Gesicht starrte, während sein Concorder nur knisternde Geräusche von sich gab. Vermutlich schrie er gerade vor Schreck. „Aufstehen. Wir haben Fragen.“ Verstört richtete sich der Doktor dann tatsächlich auf, setzte sich aber auf das Bett und drückte sich an die Wand. „Ich gehorche nicht.“ Chamberlain bemerkte, dass er einen blassgrünen Überwurf trug, ähnlich denen, die man in menschlichen Krankenhäusern den Langzeitpatienten anzieht. Vermutlich sollte man ihn auch entsprechend behandeln. Seiner IO-Kollegin schien aber zumindest das ziemlich egal zu sein, denn sie hatte nun den Tisch wieder aufgestellt und sich mit verschränkten Armen vor S-30 aufgebaut. „Sie müssen nicht gehorchen, sie müssen nur unsere Fragen beantworten. Also stehen Sie auf und setzen Sie sich an den Tisch, jetzt.“ Gerade wollte Chamberlain dazwischenfahren und einen etwas diplomatischeren Überredungsversuch starten, als sich der Siskh tatsächlich vom Bett gleiten ließ und unbeholfen an ihnen vorbeiging, zum Tisch. Leicht verdutzt schweifte Chamberlains Blick von S-30 zu Spanetti und dann wieder zurück, bevor er die Schultern zuckte und dem Doktor einen Stuhl hinschob. Er kam sich vor wie ein Eindringling, aber da er bezweifelte, dass der „Verdächtige“ momentan in der Lage wäre, so etwas selber zu tun, begründete er es einfach mit Pragmatismus. Er raunte Spanetti ein kurzes „Lass mich jetzt reden“ zu, bevor sie sich ebenfalls setzten und sie ihr Smartphone, auf dem der Recorder lief, auf den Tisch legte. Er faltete die Hände zusammen und schaute S-30 eindringlich an. „Es tut uns wirklich leid, Doktor, aber die Situation ist keine einfache, wie sich sicher mitbekommen haben. Wir sind nicht hier, um über Sie zu urteilen, wir wollen einfach denjenigen finden, der Doktor Sundegg getötet hat. Und dabei können Sie uns eine große Hilfe sein, da bin ich mir sicher.“ Spanetti wollte etwas anfügen, aber der Siskh lehnte sich plötzlich nach vorne, und sein Concorder gab ein seltsames Geräusch von sich. „Es tut weh… Ich… tue weh.“ In Chamberlains Kopf schrillten Alarmglocken, doch er gab sich gefasst. Wenn der Concorder noch richtig funktionierte, schien der Doktor Mühe gehabt zu haben, diesen Satz zu formen. „Was tut Ihnen weh?“ Der Fremdling sah sie einige Sekunden an, seine winzigen Augen sprangen unruhig zwischen ihnen hin und her. „Ich.“ Er wechselte einen kurzen Blick mit Spanetti, Verunsicherung auf ihrem Gesicht. „Hat man Ihnen etwas angetan?“ Chamberlain formulierte jedes Wort vorsichtig, sowas hier war für ihn absolutes Neuland.

    „Me-di-zin. So nannte dieser Helfer es. Es tut weh. Ich bin allein.“ Kaum hatte er ausgesprochen, wollte Spanetti sich erheben. „Ich hole den Jungen. Der versteht dieses Geschwätz hoffentlich.“

    „Nein, lass ihn draußen. Ich… lass ihn einfach draußen, für den Moment.“

    Sie murmelte etwas, setzte sich aber wieder gerade hin. Chamberlain wandte sich wieder dem Siskh zu. „Die Medizin tut Ihnen weh?“

    „Sie tut weh, ja. Sie tut weh und macht… mich allein.“
    Neben ihm hatte Spanetti den Concorder abgesetzt und stöhnte, doch Chamberlain bedeutete ihr, leise zu sein. „Wissen Sie, warum Sie die Medizin bekommen haben?“

    „Um mit diesen zu reden. Diese sagten, dass diese“, er deutete mit seinem Arm auf sie, „kommen würden, um zu reden. Dafür braucht Dieses Medizin.“
    Chamberlain konnte sich denken, von was der Fremdling sprach, und Spanetti offenbar ebenfalls. Sie hatte sich den Concorder wieder vom Gesicht gezogen. „Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass Sie sich ein wenig über die Beschaffenheit eines Siskh-Bewusstseins informiert haben. Denn solche Ausdrücke wie Ich oder Mich sollten sie eigentlich nicht benutzen. Diese „Medizin“ ist vermutlich nichts anderes als eine konzentrationssteigernde Droge, um seinen Verstand hier in der Realität zu halten.“ Chamberlain nickte, er hatte etwas ganz Ähnliches befürchtet. Zwar reichte sein Wissen über die Fremdlinge kaum über das hinaus, was hin und wieder in den Nachrichten vermittelt wurde, aber er wusste, dass ihr Ichbewusstsein viel schwächer ausgeprägt war als das der Menschen. Dieses Bewusstsein mit Gewalt von seiner Umwelt zu isolieren, um es dem Siskh zu erleichtern, von sich selber zu sprechen, kam ihm… unmenschlich vor. Er schob sich das Gerät wieder über den Mund. „Wir wissen es zu schätzen, dass Sie unseretwegen dieses Opfer brachten. Darum will ich keine weitere Zeit verlieren; bitte erklären Sie uns so ausführlich wie möglich, wo Sie gestern um 20:28 waren und was Sie gemacht haben.“

    Er schien nicht zu verstehen, und starrte sie einfach nur an. Chamberlain schluckte. „Was haben Sie gestern gemacht?“

    „Materialforschung.“ Erneut war es offensichtlich, dass dieses Wort fremd für ihn war. „Mhm. Sie arbeiten in Labor 2 der Materialforschung, zusammen mit dem mittlerweile toten Doktor Sundegg. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“

    S-30 schwieg, Spanetti schwieg, es herrschte Stille. Der Siskh wandte sich – anscheinend – beunruhigt auf seinem Stuhl, und Chamberlain beugte sich noch ein wenig weiter nach vorne. „Wann haben Sie Doktor Sundegg das letzte Mal gesehen?“

    Der Gefragte wich ein Stück zurück und wich seinem Blick aus, bevor er ihn ganz senkte. „Als er den Tod erfuhr.“

    Ein eiskalter Schauer lief über Chamberlains Rücken, und er konnte hören, wie Spanetti neben ihm scharf einatmete. Nervös stieß er sie schwach an. „Hast du das?“ Sie nickte, und er leckte sich über die ausgetrockneten Lippen. „Sie… waren anwesend, als er getötet wurde?“

    „Ja. Er wollte mich töten.“
    Chamberlains gesamter Mund fühlte sich staubtrocken an. „Wer… wollte Sie töten? Und warum?“

    „Der Mensch. Er hasste mich und wollte mich töten.“
    Chamberlain starrte die Tischplatte an. „Und was haben Sie getan?“

    „Ich bin gegangen. Der Mensch wollte mich töten, aber ich war nicht mehr da.“
    „Sie haben sich nicht gegen ihn gewehrt? Sie haben ihn nicht…“ Er hatte eigentlich umgebracht sagen wollen, entschied sich dann aber doch dagegen.

    „Ich konnte nicht. Er konnte mir wehtun, aber ich ihm nicht.“
    Chamberlain nickte und dachte nach. „Elodie, die Bilder.“

    Spanetti verstand, holte wortlos ihre schwarze Mappe hervor, und legte sie sanft auf den Tisch. Sie fischte die Totalaufnahme des Toten heraus und schob sie zu S-30 hinüber. Dieser starrte das Bild lange an. „Doktor Sundegg. Er ist tot.“
    „Allerdings. Und jetzt will ich wissen“, Spanettis Tonfall war wieder gewohnt befehlend, „ob Sie dafür verantwortlich sind.“

    Der Siskh schwieg, und Chamberlain wollte noch einmal etwas freundlicher nachfragen, als er wieder zu flüstern begann. „Ich gehorche nicht.“
    Chamberlain konnte beinahe fühlen, wie die Frau neben ihm zu kochen begann. Um ihr keine Möglichkeit zum Überkochen zu geben, nahm er das Bild wieder an sich und deutete ihr, sich zu entspannen. „Doktor, ich bitte Sie. Sie müssen nicht gehorchen, sie müssen uns nur unsere Fragen so wahrheitsgetreu wie möglich beantworten. Dank Ihnen haben wir die Chance, diese-“

    „Sie können es nicht lesen.“

    Chamberlain stutzte. „Was haben Sie gesagt?“

    „Sie können es nicht lesen. Die Menschen verstehen nicht, was sie sehen. Nicht alle von uns verstehen es, aber ich schon. Ich gehorche nicht.“
    „Was? Was können die Menschen nicht verstehen?“ Er fühlte sich hilflos, und er hasste es. S-30 nahm von selbst das Bild wieder an sich und hielt einen Greifer darauf. Spanetti wollte es sogleich zurückfordern, aber der Siskh ließ sie nicht. „Diese wissen nicht, was es uns sagt. Was es uns mitteilt.“
    Chamberlain seufzte. „Bei allem Respekt, Doktor, wir wissen es. Und dass Sie ein derartig großes Theater daraus machen, spricht wirklich nicht für Sie.“ Neben ihm schaltete sich Spanetti wieder ein, diesmal etwas ruhiger. „Rebell. Aufständischer, Abweichler. Wir sind informiert, und nun geben Sie mir die Aufnahme wieder.“

    „…nein. Diese erzählen nicht die Wahrheit, oder sie kennen sie nicht. Ich gehorche nicht.“
    Der metaphysische Geduldsfaden war nun kurz vor dem Zerreißen, und Chamberlain wollte seinem Unmut über den unkooperativen Siskh gerade Luft machen, als es ihm dämmerte. Er schloss den Mund langsam wieder, und lehnte sich genauso langsam in seinem Stuhl zurück.

    „Da steht… das steht da geschrieben, Elodie. Da steht ich gehorche nicht, Wort für Wort. So ist es doch, oder, Doktor?“

    Der Concorder ihres Gegenübers knisterte, doch diesmal weitaus weniger aggressiv. „Sie fragen, doch hören nicht. Doch nun hören sie.“
    Chamberlain biss sich auf die Lippe und blinzelte. „Interessant. Aber… warum?“

    „Niemand will gehorchen. Manche müssen.“
    Die Aussagen wurden immer nebulöser, Chamberlain hatte das Gefühl, etwas sehr wichtiges verpasst zu haben. „Und… wer gehorcht?“

    „Menschen, Siskh. Sie gehorchen, weil es einfach ist, doch ich gehorche nicht. Es ist laut.“
    „Das hat keinen Wert. Wir machen später weiter.“ Spanetti war aufgestanden und hatte ihr Smartphone wieder an sich genommen. Chamberlain wollte protestieren, doch sie war schon auf halbem Weg zur Tür. S-30 hatte sich ebenfalls erhoben war unterwegs zurück zu seinem Bett, also blieb Chamberlain nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu verabschieden. „Vielen Dank, Doktor. Wir werden auf Sie zurückkommen.“


    Draußen stand Salman, angelehnt an die grellweiße Wand. Er blickte die beiden fragend an, doch Chamberlain winkte ab. „Nichts. Öffnen Sie 31.“


  • Kapitel 5 - Mittagspause

    „Nun, das war… interessant.“

    „Hören Sie auf sich selber zu belügen, das war vergebens.“

    „Naja.“

    Die letzten drei Gespräche mit den Siskh waren tatsächlich nicht wirklich aufschlussreich gewesen, aber Chamberlain hatte ohnehin nichts mehr erwartet. Sie hatten offensichtlich nichts mit Sundeggs Tod zu tun gehabt, im Gegensatz zu S-30. S-30… Er war sich noch immer unsicher, was er von diesem seltsamen Gespräch eigentlich halten sollte, und während sie in Richtung Kantine gingen, kreisten seine Gedanken nur um den paranoiden Doktor – auch wenn ihnen Salman vorhin erklärt hatte, dass den Fremdlingen diese Titel erst bei der Ankunft auf der Moros verliehen wurden, weil es in ihrer Kultur sowas wie Studierte angeblich gar nicht gab. Da man aber dennoch einen gewissen Abschluss vorweisen musste, um in den Laboren überhaupt zugelassen zu werden, waren sämtliche anwesenden Siskh von einem extra dafür in Leben gerufenen Komitee kurzerhand zum Doktor befördert worden.

    Sie ließen sich vom Strom der Angestellten durch die Gänge trieben und erreichten schließlich die Kantine. Verglichen mit der erdrückenden Atmosphäre im Rest der Moros herrschte hier eine ungezwungene, fast schon kameradschaftliche Stimmung, Stimmengewirr, Geschirrgeklapper und Gelächter erfüllte den Raum, und Chamberlain atmete hinter seinem Concorder erleichtert auf. Selbst die Luft schien frisch und bedenkenlos atembar. Neben ihm zog sich Salman sein Gerät vom Gesicht, und ein zweiter, genauerer Blick auf die an den Tischen sitzenden Leute verriet Chamberlain, dass sich hier drin tatsächlich nur Menschen befanden. Er folgte dem Wissenschaftler zur Essensausgabe, während er sich suchend umsah. „Ich nehme an, die Siskh haben ihre eigene Kantine?“

    Salman, der sich gerade ein Tablett genommen hatte, drehte sich verlegen lächelnd um. „Also, nicht ganz, sehen Sie… Die Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen – gewissermaßen Trieben, wenn Sie so wollen – ist bei unseren extraterrestrischen Freunden etwas sehr Intimes, und die Nahrungsaufnahme ist da keine Ausnahme. Am ehesten können Sie es wohl mit einem Gang zur Toilette vergleichen. Für die Siskh wäre es unvorstellbar, zusammen mit hunderten anderen Personen in einem Raum zu essen, weshalb sie sich zur Mittagszeit auf ihre Quartiere zurückziehen und ihre Mahlzeiten dort einnehmen. Persönliche Begierden sind höchst verpönt in ihrer Gesellschaft, doch noch haben sie keine Möglichkeit gefunden, diese gänzlich zu überwinden – zumindest interpretierten wir dies so.“

    Chamberlain fummelte eine Gabel und ein Messer aus den jeweiligen Fächern hervor und stellte sein Tablett ab. „Hm.“


    Eigentlich hätte er sich für Tagliatelle mit Quorn-Bolognaise entschieden, aber Salman hatte ihm davon abgeraten. Angeblich ruinierte die Moros-Atmosphäre jegliche Teigwaren, weshalb nun zwei Stücke Reispizza auf seinem Teller lagen. Zahlen musste anscheinend niemand, und so folgten sie Salman zwischen den Tischen hindurch. Noch immer war Chamberlain schwer beeindruckt von der schieren Größe des Raumes: Über drei Stockwerke erstreckte sich Tischreihe um Tischreihe auf gewagten Galeriekonstrukten, das bisher einzige Zeugnis von architektonischer Finesse auf dieser Station – was die Halle nicht weniger beeindruckend machte. Alleine auf der untersten Ebene hätte man diverse Sportveranstaltungen abhalten können, wären da nicht die unzähligen Menschen an ihren Tischen gewesen. Sie gingen eine gewundene Glastreppe nach oben, schlängelten sich an Forschern und Stationspersonal gleichermaßen vorbei und kamen schließlich zu einem Tisch nahe an der hinteren Wand, an dem Chamberlain Kurme zwischen einigen anderen Anzugsträgern entdeckte. Als er sie beim Näherkommen erspähte, schien er sich zu verabschieden, erhob sich, und kam ihnen mit einem zumindest zur Hälfte breitem Grinsen entgegen. Sein Tablett nahm er dabei mit, und das Wasser in seinem Glas schwappte bedrohlich hin und her. „Na? Wen dürfen wir einsperren?“ Er lachte laut und trat etwas zur Seite. „Keine Sorge, so läuft das hier nicht. Aber warum suchen wir uns nicht einen etwas ruhigeren Tisch?“ Er drehte sich um und marschierte zum Ende des Raumes, wo einige wenige Plätze noch frei waren. Kurme quetschte sich auf einen unbesetzten Stuhl und wies sie an, dasselbe zu tun, und Chamberlain setzte sich. Salman neben ihm wünschte den Anwesenden einen guten Appetit, eine Antwort erhielt er jedoch nicht – Chamberlain hätte zwar gerne etwas gesagt, aber im Moment fühlte er sich nicht frisch genug für solch überholte Floskeln, als nickte er einfach.

    Einige Minuten vergingen, in denen nur die Geräusche von Edelstahl auf Porzellan zu hören war, bis Chamberlain schließlich merkte, dass Kurme sein Essen noch immer nicht angerührt hatte. Vorsichtig schaute er auf und wollte fragen, ob alles in Ordnung sei, wurde aber vom erwartungsvollen Blick seines Gegenübers aus der Bahn geworfen. „Haben Sie… keinen Hunger?“

    „Haben Sie mir nichts zu sagen, Ariel? Immerhin haben Sie gerade vier potentielle Mörder verhört!“

    Sein Mage fühlte sich plötzlich so schwer an. „Hören Sie, es wäre mir lieber, wenn wir hier nicht über solche Themen sprechen würden. Und waren Sie nicht derjenige, der die Quarantäne angeordnet hatte, um Informationen an der Verbreitung zu hindern?“

    Eigentlich hatte er nicht so direkt werden wollen, aber diese Frage gerade war einfach unangebracht gewesen. Was war eigentlich mit diesem Mann los? Er sollte es wirklich besser wissen. „Also, ich meine, das ist ein sensibles Thema.“

    Kurme hatte nun endlich auch angefangen seine Pizza zu schneiden, wobei er plötzlich höchst konzentriert wirkte. „Natürlich, Sie haben ja Recht. Trotzdem wäre ich froh, wenn wir dieses Thema so schnell wie möglich…“ Er wurde unterbrochen von einem dumpfen Klirren neben sich, als seine Sitznachbarin, eine schlanke Frau mit langen, hellblonden Haaren, in einer völlig unerwarteten Zuckung ihr Wasserglas umwarf und den Tisch überflutete. Kollektives Seufzen wurde laut, und Chamberlain versuchte hastig, mit seiner Serviette die anrückenden Wassermassen zu stoppen. Kurme schien das Ganze ziemlich lustig zu finden, und unter verhaltenem Gelächter richtete er das Glas wieder auf und schob es zu der Frau zurück. „Aber Ursina, was machen Sie denn da?“

    Anstatt einer Antwort oder einer Entschuldigung atmete die Angesprochene nur verkrampft ein und schnappte sich das Glas. Chamberlain legte seine Gabel auf den Teller und schaute sie skeptisch an. „Alles in Ordnung?“

    Sie nickte schüchtern und klammerte sich wieder an ihr Besteck, doch es war eindeutig, dass es ihr nicht gut ging. Er blickte ratlos zu Kurme, aber der war gerade beschäftigt mit dem Aufputzen des Wassers auf seiner Seite. „Na dann.“ Vielleicht war er ja nicht der einzige, dem die Luft hier zu schaffen machte.

    Die Pizza war unterdessen nur noch trockener geworden, und Chamberlain musste mit noch mehr Wasser nachspülen. Er schluckte und wollte sich gerade mit der Serviette über den Mund wischen, als er aus dem Augenwinkel eine verdächtig schnelle und vor allem zielgerichtete Bewegung vernahm. Beunruhigt wollte er sich danach umdrehen, als auch schon etwas Silbernes aufblitzte und ein markerschütternder Schrei das Geplapper der Angestellten durchschnitt. Der Schrei schien nicht abzuklingen, und Chamberlain kam sich vor wie in einem bösen Traum, als er realisierte, was sich gerade direkt vor seinen Augen abspielte: Die Blondine, die Kurme vorhin mit Ursina angesprochen hatte, hatte in einem unachtsamen Augenblick ihr Messer genommen und es sich tief in die Finger der linken Hand hineingeschlagen, wobei Zeige- und Mittelfinger beinahe durchtrennt waren und der Ringfinger zumindest genug schwer verletzt, damit Blut wie Wasser auf das Tablett sprudeln konnte. Ihre Schmerzensschreie schienen das einzige Geräusch in der gesamten Kantine zu sein, und irgendwo links von ihm übergab sich jemand. Der Schrei ging über ein gequältes Weinen, und noch immer wie unter Schock musste Chamberlain mit ansehen, wie sie das Tafelmesser schluchzend aus ihren Fingern zog und erneut ausholte. Er wollte eine Warnung rufen oder sonst irgendetwas, das dieses unsägliche Geräusch unterbrochen hätte, aber er war wie gelähmt. Noch einmal sauste das Messer nieder, und ein ekelhaft fleischiges Geräusch schien durch die gesamte Kantine und darüber hinaus zu schallen, als die beiden grösseren Finger nachgaben und in der rasch anwachsenden Blutlache davonrutschten. Erneut schwoll ihr gepeinigtes Weinen zu einem rasenden Chor aus Schmerzen an, und beinahe spastisch zog sie ihre verstümmelte Hand zurück und presste sie an die Brust, ihr Gesicht eine bizarre Maske aus Wahnsinn und grenzenloser, selbstverschuldeter Qual. Tränen liefen ihr in Strömen über die geröteten Wangen, und endlich kam Leben in die versteinerten Menschen um sie herum. Von einem Moment auf den anderen brach eine Unruhe aus, die sich wie Wellen im Wasser immer weiter ausbreitete, bis schließlich so gut wie alle standen und versuchten, einen Blick auf die Geräuschquelle zu erhaschen, die dann so plötzlich erstarb, wie sie gekommen war – die Frau war ohnmächtig geworden. Zum zweiten Mal am heutigen Tag fühlte sich Chamberlain vollkommen hilflos, und wie in Trance sah er zu, wie Kurme aufsprang und die Frau in letzter Sekunde stützte, sodass sie nicht mit dem Gesicht voran auf den Teller knallte. Spanetti trat ebenfalls dazu und schrie irgendetwas durch den Raum, das er nicht verstand. In seinen Ohren war nur dieses alles übertönende Rauschen, und nur mit Mühe konnte er sich noch auf seinem Stuhl halten vor lauter plötzlich aufgekommenem Schwindel. Trotzdem schaffte er es nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich, sich mit wackligen Beinen zu erheben und sich durch die verunsichert herumstehenden Wissenschaftler zur anderen Seite des Tisches zu schieben. Offenbar hatte Salman mit einem ähnlichen Schwächeanfall zu kämpfen wie er gerade eben, aber das kümmerte ihn im Moment kaum. Kurme redete panisch auf die Verwundete ein und Spanetti hatte einen alten Mann herbeigezerrt, vermutlich ein Arzt. Chamberlain stützte sich an der Wand ab. „Was…?“


    „Ursina van Arden. Sie kam mir nie…“ Kurme zögerte. „Instabil vor. Ich kann mir wirklich nicht erklären, was jemanden zu so etwas…“ Er brach ab und betrachtete seine gefalteten Hände auf dem Bauch. Eine halbe Stunde nach der verfrüht beendeten Mittagspause sassen sie nun wieder im Direktorenbüro und fühlten sich schlecht. Chamberlain atmete tief durch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wo… wo hat sie gearbeitet?“ Kurme zog verunsichert die Augenbrauen zusammen. „Inwiefern ist das von Belang?“

    „Interesse.“ Natürlich wollte er es nicht einfach aus Interesse wissen, aber Kurme musste auch nicht alles wissen. Glücklicherweise war er ohnehin noch nicht dazu gekommen, sie bezüglich der Siskh-Verhöre auszufragen, und Chamberlain hatte vor, es noch möglichst lange dabei zu belassen. Der Alte sah ihn erneut fragend an, schien dann aber zwischen einigen Fenstern auf seinem Rechner herumzumanövrieren. Und sein Gesichtsausdruck gefiel Chamberlain gar nicht.

    „Oh, bitte nicht.“

    „Oh, bitte nicht was?“ Spanetti hatte sich energisch aufgerichtet, ihr schien das soeben Geschehene weniger nahe zu gehen als den meisten anderen. Chamberlain indessen konnte sich den Grund für Kurmes Besorgnis ziemlich genau vorstellen. „Labor 2, Materialforschung?“

    Kurme schaute ihn hinter seinen Brillengläsern nur resigniert an und nickte. „Labor 2.“



    Liebe Mutter


    Es tut mir leid, dass ich dir in letzter Zeit kaum geschrieben habe, aber ich hatte viel zu tun. Ich bin überaus beschäftigt auf der Arbeit, aber wir kommen voran. Wenn du nur sehen könntest, was für Fortschritte wir täglich machen! Nicht mehr lange und dann sind wir hier fertig, und schon bald werden wir sehr vielen Menschen helfen können. Ich bin mir sicher, dass du das hier gemocht hättest.


    Ich vermisse dich