MOSAIK

  • Und sie hatten der Polizei geholfen, ein Drogenlabor ausfindig zumachen – dafür hatte der Hacker zumindest geholfen, indem er Informationen gesucht hatte.

    Desillusionierung des Konzepts.

    Ein Hacker ist quasi Standard in solchen Pistolen. Hier haben wir ein Kontraargument.

    ohne ein Wort des großes

    Grußes.

    „Deine Kollegin wirkt angespannt.“ Er runzelte die Stirn.

    Witzig, wie ausgerechnet sie diejenige Verdächtige ist. Rostet wohl ein bisschen.

    „Sollte sie dann überhaupt fahren?“,

    Vollkommen unrealistisch. Sicher will er nicht, dass der Ausrüstung etwas geschieht, aber in dem Buissness schert sich jeder einen Dreck um den körperlichen Zustand, Strecke, Zeiten, oder Geschwindigkeit.

    „Es war ein Job.“ Mehr oder weniger. Auch wenn es eine Sache gab, über die sie nachdachte. „Die Sachen sind für das Krankenhaus, oder?“

    Es ist verdächtig, wie die Hackerin quasi keinen Part gespielt hat. Möglich, dass sie nur dazu da war um die Bedeutung der Aktion für Heidenstein zu unterstreichen, oder um etwas im Geheimen zu manipulieren.

    als sie in ihren Rock schlüpfte

    Wundert mich das sie einen trägt. Wirkt nicht wie der Typ dafür.

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    Heute kommen wir zu einem meiner liebsten Kapitel aus dem ersten Arc. Bzw. dem ersten von drei zusammengehörigen Kapiteln, die einen wichtigen Punkt in Pakhets Charakterentwicklung darstellen. :) Viel Spaß!

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    [23.05.2011 – D10 – Untot]


    Savanne, strahlende Sonne, Hitzeflimmern und eine Horde Zombies. Gab es etwas, das im Kopf eines US-Amerikaners klischeehafter „Afrika“ sagte?

    Pakhet rannte. Das Ganze lief so gar nicht, wie sie es erwartet hatte. Verflucht, ihr Auftragsgeber hätte sie verdammt nochmal vor den Zombies warnen können. Aber das war ihm wahrscheinlich entfallen. Fuck.

    In alten Filmen waren Zombies langsam gewesen, hatten sich in Zeitlupe bewegt, doch wenn man sich reale Untote ansah, musste man feststellen, dass neue Filme weit näher an der Realität waren. Die meisten Leute, die sich in Zombies verwandeln ließen, taten dies, zum einen, um dem Tod durch Krankkeit zu entkommen, zum anderen aber auch, um stärker, schneller, fitter zu werden. Reale Zombies wurden erschaffen und entstanden nicht durch Bisse oder irgendwelchen illegalen Laboren entkommenen Viren.

    Dabei war sie nicht einmal sicher, ob diese Zombies real waren oder teil der Taschendimension, in der sie waren.

    Sie sah hinter sich. Die Horde Untoter – fünfzehn oder sechzehn von ihnen – war hinter ihr zurückgefallen. Allerdings traf dasselbe auch für Heidenstein zu.

    Heidenstein hatte sie begleitet, als sie den Auftrag bekommen hatte. Sie hätte wissen sollen, dass es schief gehen würde. Sie korrigierte sich. Sie hätte es nicht wissen können. Heidenstein war ein akzeptabler Kämpfer, ein guter Schütze und dachte taktisch. Sie hatte nicht gewusst, dass die Hälfte des Auftrags umfassen würde, von Zombies fortzulaufen.

    Was nun?

    Sie setzte über einen Busch hinweg – es gab hier keine Wege – und blickte wieder über ihre Schulter. „Doc!“, rief sie.

    Die Zombies waren nur knapp fünf Meter von ihm entfernt.

    Sie selbst hatte etwas mehr als fünfzehn Meter Vorsprung.

    Verdammt, sie mussten bloß aus der Taschendimension herauskommen, dann wären sie in Sicherheit. Es war schwer zu schätzen, wie weit sie vom Ausgang entfernt waren. Vielleicht noch fünfzig Meter, vielleicht hundert.

    Sie lief weiter, konnte jedoch nicht anders, als sich wieder umzudrehen, um nach Heidenstein zu sehen. Er fiel weiter zurück. Verdammt.

    Was konnte sie tun?

    Sie wollte sich sicher nicht im Kampf mit fünfzehn Zombies anlegen. Das war Selbstmord. Vor allem, da Zombies gegen diverse Wunden unempfindlich waren. Sie spürten keinen Schmerz.

    Also. Was?

    Sie hatte einen Notfallplan, auch wenn nicht garantiert war, dass dieser in einer Taschendimension funktionierte. Aber hatte sie eine Wahl?

    Sie wechselte ihre Pistole in die Hand ihrer Prothese und griff an die Seite ihres Gürtels. Zwar mochte sie keine Granaten, doch waren sie oftmals eine gute Methode, um sich den Rücken freizuhalten. Sie waren unschön. Sie hatten oftmals unbeabsichtigte Nebenwirkung. Im Moment hatte sie keine Wahl.

    Kurz schloss sie die Augen, um den Plan genauer zu fassen. Wenn sie die Granate knapp hinter die Zombies warf, konnte sie – hoffentlich – den Zombies genug Schaden zufügen, um sie zumindest zu verlangsamen und Heidenstein zu retten. Sie musste es probieren. Die Chancen waren zumindest besser, als würde sie allein mit nur einer Pistole gegen fünfzehn Untote antreten.

    Mit den Zähnen zog sie den Sicherungsbolzen der Granate, die klein genug war, um in die Innenfläche ihrer Hand zu passen. Aus der Laufbewegung heraus drehte sie sich, schleuderte die kleine Kugel. „Doc, spring!“, rief sie und verfolgte mit den Augen die Flugbahn der Granate.

    Erkenntnis zeigte sich in Heidensteins Gesicht, dann Schreck. Er versuchte zu springen, schaffte es aber nicht. Nicht weit genug zumindest.

    Die Granate landete, zog die Aufmerksamkeit von zumindest drei Zombies auf sich, die innehielten. Die Granate war zwischen ihnen gelandet, nicht hinter ihnen.

    Verdammt.

    Pakhet setzte zur Drehung an, um weiterzulaufen, als der Knall der Explosion erklang. Die Druckwelle fegte an ihr vorbei, trug vereinzeltes Schrapnell mit sich – nicht genug, um sie zu ernsthaft verletzen. Ihre Lederjacke schützte sie.

    Anders jedoch sah es mit Heidenstein aus. Er war zu nah gewesen. Die Druckwelle riss ihn zu Boden.

    „Doc!“, rief sie und hielt inne. Sie sollte weiterlaufen, verdammt! Sie musste weiterlaufen!

    Die Explosion hatte acht der Zombies zerfetzt – wortwörtlich. Die Granate hatte die vier, die ihr am nächsten gewesen waren, in Stücke gerissen. Vier andere hatten ebenfalls schweren Schaden erlitten, lagen blutend am Boden, rührten sich nicht. Die anderen sieben waren auseinandergestoben. Drei von ihnen hatten Schrapnell abbekommen, schienen angeschlagen, verwirrt, und für den Moment gingen alle sieben in Deckung zwischen den trockenen Büschen und Bäumen der Savanne.

    Nur Heidenstein rührte sich nicht.

    Fuck. Hatte sie ihn getötet?

    Sie sollte weiterlaufen. Sie wusste es. Der gold-rote Stein, wegen dem sie überhaupt hergekommen waren, lag schwer in ihrer Tasche. Irgendein magisches Artefakt. Pakhet konnte nicht sagen, was seine Aufgabe war. Alles, was sie wusste, war, dass der Auftraggeber es hatte haben wollen, bereit war, viel Geld dafür zu zahlen. Und, dass das letzte Team, das versucht hatte, es zu holen, nicht zurückgekommen war. Sie hatten ihre Überreste gesehen.

    Sie sollte mit dem Ding verschwinden, solange sie konnte, oder sie würde auch als ein paar abgefressene Knochen in einer magisch erschaffenen Savanne enden. Also warum verdammt nochmal lief sie nicht? Warum machte sie einen Schritt in die andere Richtung.

    Sie konnte Heidenstein nicht einfach zurücklassen. Wahrscheinlich war er tot, doch vielleicht  … Er konnte überlebt haben. Sie musste es sicherstellen.

    War sie wahnsinnig geworden?!

    Wahrscheinlich. Sie setzte den anderen Fuß, wurde schneller, hatte Heidenstein in wenigen Schritten erreicht und hockte sich neben ihn.

    Sie warf den Zombies einen raschen Blick zu. Soweit schienen sie verunsichert. Ja, da wo die eine Granate hergekommen war, könnten noch mehrere sein. Gut. Sollten sie sich fürchten.

    „Doc“, flüsterte Pakhet.

    Er war Blut überströmt. Es war schwer zu sagen, warum genau, doch hatte er deutliche Verletzungen am Rücken. Deutlich genug, als dass das Blut auf seiner leicht gepanzerten Jacke glänzte.

    Er stöhnte.

    Also war er nicht tot.

    Gut.

    „Verdammter Idiot“, seufzte sie und steckte ihre Waffe weg „Warum kannst du nicht springen, wenn man es dir sagt?“ Sie redete Unsinn. Sie war erleichtert.

    Kurz überlegte sie, auf einen der Zombies zu schießen, tat es aber nicht. Stattdessen steckte sie die Waffe weg und drehte Heidenstein in die Seitenlage. Dann hievte sie ihn hoch, warf ihn sich über die Schulter – froh, die nötige Stärke zu haben – und entlockte ihm damit ein schmerzerfülltes Stöhnen.

    Darauf konnte sie für den Moment keine Rücksicht nehmen. Wie sagte man? Erstes: Das Opfer aus der Gefahrenzone bringen. Die verdammte Taschendimension war eine einzige Gefahrenzone!

    Mühsam kämpfte Joanne sich auf die Beine und stolperte einen Schritt zurück, ehe sie das Gleichgewicht fand. Noch einmal verlagerte sie Heidensteins Gewicht, ehe sie ihre zweite Granate vom Gürtel fischte.

    Während sie die ersten schnellen Schritte machte, entfernte sie den Pin, legte einen Hebel um. Er gab ihr fünf Sekunden, Abstand zu gewinnen.

    Damit ließ sie die Granate fallen und beschleunigte ihren Schritt.

    Rennen konnte sie nicht, mit Heidenstein auf den Schultern. Er war für seine Größe erstaunlich leicht, wog dennoch mindestens achtzig Kilo, was selbst mit Militärtraining und magischer Stärke nahe an ihrem Maximum lag. Weit würde sie ihn so nicht tragen können. Doch weit musste sie nicht. Nur bis zum Ausgang – jenem kleinen Loch, das wie ein Fenster in der Luft schimmerte und sie nach Kapstadt zurückführen würde.

    Sie waren noch immer in Kapstadt. Sie waren von einem alten Tunnel in den Flats hierhergekommen. Die Dimension war wahrscheinlich von einem Hexendoktor erschaffen worden oder einem Moti.

    Die Explosion erklang, zusammen mit dem kreischenden Schreckensschrei von einigen der Zombies.

    Dann Stille, die auf ihre Ohren drückte. Da hinten war es. Der ovalförmige Ausgang hing aus dieser Perspektive beinahe schwarz in der Luft, war der Tunnel dahinter doch dunkel, verglichen mit dem hier herrschenden gleißenden Licht.

    Sie würde es schaffen. Sie würde  …

    Das Geräusch von schnellen, nackten Füßen auf staubig trockenem Boden erklang. Also hatten zwei oder drei von ihnen trotz allem beschlossen, dass sie beide eine zu vielversprechende Mahlzeit waren. Oder sie versuchten, den verdammten Stein zurückzuholen.

    Es war auch egal. Pakhet besaß so etwas wie Ehre. Sie würde den Stein nicht zurücklassen. Es war schlimm genug, dass sie die Mission riskiert hatte, um Heidenstein zu retten.

    Sie beschleunigte ihren Schritt. Mit Heidenstein auf der Schulter konnte sie nicht schießen. Sie musste den Ausgang erreichen. Und dann  …

    Ob die Viecher ihr würden folgen können? Sie konnte nur hoffen, dass es nicht der Fall war.

    Es waren vielleicht noch dreißig Meter.

    Instinktiv wusste sie, dass der erste Zombie sie fast erreicht hatte. Was konnte sie tun? Nicht viel, außer herum zu fahren und ihrem Instinkt folgend ihren stahlkappenbesetzten Schuh gegen seine Brust zu kicken. Sie warf den Zombie damit zurück, doch der nächste war knapp dahinter. Wieso musste alles so schiefgehen?

    „Lass mich runter“, meinte Heidenstein schwach.

    „Ja, sicher“, knurrte sie, verlagerte sein Gewicht erneut und fummelte ihre Waffe ungeschickt aus dem Holster. Sie schoss auf den Zombie. Einmal. Zwei Mal. Drei Mal. Vier Mal. Kurz hintereinander. Sie war aktuell nicht besonders genau. Dennoch traf eine Kugel den Untoten in den Hals.

    Dahinter kamen zwei weitere, für die weder Zeit, noch Munition hatte. Wenn sie sich nicht verzählt hatte, wäre ihr Magazin mit drei weiteren Schüssen leer.

    Also sammelte sie ihre Energie ein letztes Mal und sprintete, sich dem Geräusch der nackten Zombiefüße hinter ihr deutlich bewusst.

    Noch fünfundzwanzig Meter, noch zwanzig, zehn, acht, fünf  …

    Etwas griff nach ihrem Fuß, brachte sie beinahe zum Fall, doch sie trat nach hinten aus, riss sich los und schoss blind. Lief weiter.

    Noch drei Meter. Zwei. Sie sprang. Das Oval schwebte knapp einen halben Meter über den Boden und als sie es passierte, fühlte es sich an, als würde sie versuchen, in eine zähflüssige Substanz einzudringen. Sie merkte, wie eine unsichtbare Haut gegen sie sträubte – die magische Barriere der Dimension – schließlich aber nachgab und sie durchließ.

    Sie fiel und landete zusammen mit Heidenstein unsanft auf dem dreckigen Tunnelboden hinter dem Portal.

    Sie waren zurück in der physischen Welt, wo es nach feuchter Erde, Schimmel und Pisse roch.

    Mühsam richtete sie sich wieder auf – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie einer der Zombies ihnen springend folgte.

    Instinktiv hob Pakhet die Waffe und feuerte ihre letzten zwei Schüsse ab. Einer davon bohrte sich in die Stirn des Zombies, warf ihn zurück.

    Jenseits des Portals landete er auf dem trockenen Savannenboden.

    Für einen Moment verschnaubte sie, dann wandte sie sich Heidenstein zu, wollte ihn aufheben, nur um überrascht festzustellen, dass er sich selbst aufgerappelt hatte.

    Schwach krabbelte er zum Portal hinüber, richtete sich dort – an die rötliche Tunnelwand gestützt – auf und streckte eine Hand aus.

    Pakhet ging zu ihm, packte ihn bei der Schulter. „Was zur Hölle machst du?“ Jenseits des Portals waren weitere Zombies. Sie konnte sie sehen.

    „Das Portal schließen“, keuchte er. Schweiß stand auf seiner Stirn. „Lass mich. Bitte.“

    „Verdammter Idiot!“, rief sie aus und wollte ihn zurückreißen. Dann aber hielt sie inne. Sie wusste, dass es das richtige zu tun war. Wenn er noch die Kraft hatte.

    Ein Zittern lief durch Heidensteins Körper. Fast dachte sie, dass er es nicht schaffen würde, doch dann begannen die Ränder des Ovals zu verschwimmen, ehe das Portal in sich zusammenfiel.

    Es war Dunkel im Tunnel, nun, da magische Licht der falschen Savanne fehlte. So hörte Pakhet nur ein Stöhnen, gefolgt von dem dumpfen Aufschlag, des in sich zusammensackenden Heidensteins.


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    Hier kommt auch schon das nächste Kapitel, das vielleicht auch eine aufgekommene Frage über Heidenstein beantworten sollte. ;) Viel Spaß.
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    [23.05.2011 – D11 – Notversorgung]


    Die beiden Wachen wechselten einen Blick, als Pakhet mit Heidenstein durch die Tür des Krankenhauses trat.

    „Schaut nicht so blöd“, grunzte sie, froh, jemanden zu haben, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte.

    „Was ist passiert?“, fragte der eine – ein glatzköpfiger, kräftiger Russe – in gebrochenem Englisch.

    „Mission. Unfall.“ Mehr sagte sie nicht dazu. „Kann mir jemand helfen? Oder zumindest den Aufzug rufen?“ Sie trug Heidenstein nicht mehr, stützte ihn nur, da er darauf bestanden hatte, selbst zu laufen. Laufen war dabei als Begriff hoch gegriffen, da er seine Beine eher unkoordiniert voreinander setzte, während sie einen guten Teil seines Gewichtes stützte.

    Zumindest verstand der Wächter. Er hängte seine Waffe an den Gürtel und eilte zum Aufzug, um den Knopf zu drücken, ehe er zurückkam, um den anderen Arm Heidensteins zu nehmen.

    Der andere Wächter blieb stehen. Es war besser, wenn einer hierblieb.

    Irgendwie schafften sie es gemeinsam, Heidenstein in den Keller zu bringen, wo Pakhet sich unsicher umsah. Sie wusste, dass drei der sechs Räume zur Linken Behandlungsräume waren. Die anderen waren Abstellraum, ein Patientenzimmer mit sechs Betten und zuletzt das kleine Werkzimmer.

    „Wohin?“, fragte sie schließlich an Heidenstein gewandt.

    „Hinten. Rechts“, erwiderte er.

    Sie hob die Augenbraue. Sie wusste nicht, was das für ein Zimmer war, doch nickte sie dem Wachmann zu. Sie schleppten Heidenstein zu der Tür, die durch ein Zahlenschloss gesichert war.

    Heidenstein nahm seinen Arm von der breiten Schulter des Russen und gab eine Nummer ein, woraufhin sich die Tür mit einem grellen Piepsen öffnete. Dahinter lag, was einige wohl als magisches Refugium bezeichnet hätten: Ein Raum, dessen Boden ein offenbar aus irgendeinem festen, dunklen Material gegossenener Ritualkreis zierte. War es schwarzes Glas? Diverse Kräuter, Steine, Kerzen standen in einem einfachen Holzregal am Rand des Zimmers.

    Pakhet schloss die Augen und seufzte. Sie wandte sich an den Wachmann. „Danke. Ich komm schon allein mit ihm klar.“

    Etwas unsicher musterte der Wächter sie und dann Heidenstein, der jedoch ebenfalls nickte, ehe er sich in das Zimmer schleppte. Also nickte der Russe und wandte sich ab, um zu seinem Posten zurückzukehren.

    Pakhet kam nicht umher, sich zu fragen, ob er wirklich ein Vory war. Von allem, was sie über Heidenstein und seine Verbindung zu den Vory wusste, konnte es nicht anders sein. Wie auch immer Joachim Anderson Kontakt zu den Vory v Zarkone aufgebaut hatte. Gab es in den UK nicht weit mehr Mitglieder der Cosa Nostra?

    Sie wartete, dass der Wächter den halben Gang hinter sich gelassen hatte, ehe sie vortrat und Heidenstein vorsichtig bei der Schulter griff. „Du wirst jetzt keine Anstalten machen, dich selbst zu heilen“, zischte sie.

    „Was soll ich sonst tun?“, erwiderte er.

    „Dich von mir verarzten lassen.“ Zur Hölle! Sie hatte ihn im Wagen bereits notversorgt, hatte ihn vor allem aus seiner vermeintlich kugelsicheren Weste geschält, die ganz offenbar selbst zersplittert war. Wie auch immer es dazu gekommen war  … Er hatte den ganzen Weg auf der Ladefläche des Teamvans, der aktuell ohnehin die meiste Zeit in Heidensteins Garage parkte, verbracht. Jetzt bereute sie, dass sie ihm von dem Schmerzmittel, dass sie in seinem eigenen Notfallkoffer gefunden hatte, verabreicht hatte.

    „Du bist keine Ärztin“, antwortete er und machte Anstalten sich in den Zirkel zu setzen.

    Sie hielt ihn zurück. So schnell gab sie nicht auf. Sie mochte keine Ärztin – und auch keine Magierin – sein, aber sie wusste, dass er Blut verloren hatte, dass er schwach war, und dass Magie in diesem Zustand verdammt gefährlich war. „Du kommst jetzt mit.“

    „Lass mich“, grummelte er. Wie hatte er überhaupt noch die Energie, sie abzuwehren?

    „Du kommst mit oder ich setze dir einen deiner eigenen verdammten Giftpfeile in den Nacken“, zischte sie. Es war schwer, ihn festzuhalten, ohne seinen verwundeten Rücke zu belasten. Sie beschloss dennoch, dass ihre Priorität notfalls wäre, ihn abzuhalten, sich mit einem Zauber selbst umzubringen.

    „Du weißt, dass das gefährlich wäre“, erwiderte er.

    „Ja, verdammt, weiß ich, du Idiot!“ Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Ihre Stimme wurde lauter. „Aber, fuck, ich weiß auch, dass irgendein Zauber dich im Moment umbringen könnte.“ Damit schaffte sie es irgendwie, seinen Arm über ihre Schulter zu bekommen und zerrte ihn von seinem Septagrammkreis fort. „Jetzt hör auf, dich zu wehren.“

    „Aber  …“

    „Oh, verflucht noch mal, Doc, merkst du nicht, dass ich dir helfen will?“

    „Ich zweifle nur an, dass es viel gibt, was du für mich tun kannst“, murmelte er. Zumindest gab er die Gegenwehr auf. Er verstand zu haben, dass sie es ernstmeinte, wusste, dass er keine Chance hatte, wenn er mit ihr rangelte.

    „Wieso habe ich nur das Gefühl, dass ich beleidigt sein sollte?“ Sie zerrte ihn mit sich in das nächste Behandlungszimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs und legte den Lichtschalter um. Dann schleppte sie Heidenstein zur Liege. „Leg dich hin.“ Sie sah sich im Zimmer um, versuchte herauszufinden, wo sie was finden würde. Sie kannte sich mit Notfallkoffern aus, nicht mit Krankenhauszimmern. Und natürlich waren die Schränke nicht beschriftet.

    Da sie wenig Wahl hatte, öffnete sie Schränke einen nach dem anderen. Nierenschalen. Ein Anfang. Da, ein Korb mit Einmalpinzetten. Die würde sie brauchen. Tupfer. Gut. Wo zur Hölle war Material zum Nähen? Und Jod?

    Sie fluchte leise, drehte sich um, um die Nierenschale mit den Sachen auf einen jener fahrbaren metallenen Tische, wie sie Ärzte oft benutzten, zu stellen.

    Heidenstein stand noch immer, halb gegen die zweite, bei der Wand stehende Liege gelehnt.

    Sie stöhnte. „Leg dich hin!“

    Er beobachtete sie schweigend.

    Idiot! Sie hatte keine Zeit sich mit ihm abzugeben. Erst einmal brauchte sie ein paar Sachen. Der Lagerraum. Da sollte sie Stereolösung finden. Vielleicht auch das verdammte Jod!

    Also marschierte sie zielstrebig aus dem Raum und zum Lagerraum am anderen Ende des Gangs. Auch dieser war mit einem Zahlenschloss gesichert, aber sie kannte die Nummer – 8845 – die sich dankbarerweise nicht geändert hatte, seit Heidenstein sie letzte Woche losgeschickt hatte, um Bandagen für Spider zu holen.

    Der Junge hatte, wie sich herausgestellt hatte, eine magische Anziehungskraft für Pistolenkugeln.

    Tatsächlich fand sie hier, was sie suchte: Infusionslösung, Schmerzmittel und eine große Flasche Jod. Gut.

    Wahrscheinlich war es nicht übliches medizinisches Vorgehen, doch sie nahm alle drei Behälter und eilte damit in das Zimmer zurück, in dem Heidenstein gerade auf dem Weg zur Tür war.

    Okay. Das reichte jetzt. „Leg dich verdammt noch mal hin!“, fuhr sie ihn an. Sie legte die drei Behälter vorsichtig auf der Arbeitsfläche von einem der Schränke ab und schob Heidenstein dann zur Liege zurück.

    „Was  …“ Er schaute zu den Sachen, sein Blick unfokussiert. „Was hast du da?“

    „Stereo für deinen Kreislauf, Morphine und Jod.“ Sie presste ihn gegen den Rand der Liege. „Jetzt leg dich hin oder ich überlege mir das mit dem Pfeil noch mal.“

    Für einen Moment schwieg Heidenstein, blickte zwischen dem Beutel Stereo und ihr hin und her. Dann seufzte er und kletterte mit einem leisen Stöhnen tatsächlich auf die Liege, wo er sich vorsichtig auf den Bauch legte.

    Erleichtert atmete sie durch und begann, die Infusion vorzubereiten. Einen entsprechenden Ständer fand sie in der Ecke des Raums. Schlauch und Nadeln in einer Schublade. Sie war nicht besonders gut darin, Infusionen zu legen. Immerhin waren die meisten ihrer Erste-Hilfe-Fähigkeiten der Selbstversorgung geschuldet. Sie konnte sich jedoch selbst keine Infusion legen. In einer Prothese machte diese wenig Sinn, gleichzeitig war sie mit der Prothese aber nicht geschickt genug, sich selbst einen Zugang in den rechten Arm zu legen. Entsprechend fehlte es ihr an Erfahrung. Nicht, dass sie es Heidenstein gegenüber erwähnen würde.

    Da er auf dem Bauch lag, konnte sie die Nadel nicht einmal in die Armbeuge stecken. Großartig.

    „Was machst du da?“, hauchte er matt, während sie versuchte, die Nadel in die Vene an seinem Handrücken zu fimmeln.

    Sie brauchte drei Anläufe, bekam aber schließlich Blut. Also sollte die Nadel stecken. Sie fixierte sie mit einem Fixierpflaster. „Dir einen Zugang legen?“

    Er murmelte etwas Unverständliches und sie beschloss, es zu ignorieren. Stattdessen schloss sie die Nadel am Ende des Schlauchs an den Infusionsbeutel an, ließ die Flüssigkeit durch den Schlauch laufen und drehte ihn an die Kanüle, nachdem die ersten Tropfen herauskamen. Dann ging sie zur Ablagefläche zurück, kramte eine Spritze aus der Schublade hervor und zog diese mit dem Morphin auf. Für einen Moment zögerte sie. Sie wusste in etwa, wie die Dosierung sein musste, wusste aber nicht, wie viel er wog. Auf der anderen Seite: Sie konnte nicht so weit daneben liegen, als dass es ihm zu sehr schadete. Also schätzte sie nach ihrem Gefühl. Sie hatte ihn vorher zum Wagen geschleppt. Achtzig Kilo klang richtig.

    Sie spritzte die Flüssigkeit in den Beutel, wie sie es selbst bei Ärzten am Zentrum gesehen hatte.

    Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte sie ihn dorthin gebracht – doch die Strecke war weiter gewesen. Es war ihr so viel logischer vorgekommen, ihn hierher zu bringen.

    Okay. Sie brauchte eine Verbandsschere. Sie würde ihn sicher nicht aus dem dünnen Shirt schälen, dass blutdurchtränkt an seiner Haut klebte. Erneut blickte sie sich um, fand aber dieses Mal schneller, was sie suchte.

    Sie schnitt den Stoff am Rücken auf. Es war schwerer, als gedacht, da der Stoff in Fetzen hing. Doch sie scherte sich nicht drum.

    Wortlos schob sie seine Hose ein Stück herunter, da auch diese Spuren von Blut und einige Löcher zeigte.

    Seine gesamte Rückseite war brutal zugerichtet. Alles war von Blut überströmt – auch wenn keine der einzelnen Wunden besorgniserregend stark blutete – und an mehreren Stellen ragten Splitter, sowohl von seiner Weste, als auch Schrapnell der Granate, aus der Haut. Er hatte wirklich Pech gehabt. Und es war ihre Schuld gewesen.

    Fuck.

    Sie nahm einen Kanister destillierten Wassers von der Arbeitsfläche und begann seinen Rücken soweit möglich abzuwaschen, um besser arbeiten zu können. Dann machte sie sich an die eigentliche Arbeit.

    Ihre Prothese behinderte sie, doch hatte sie genug Gefühl in den cybernetischen Fingern, um ihrer rechten Hand zu assistieren, mit der sie zuerst die groben Splitter entfernte. Mit der Prothese drückte sie Tupfer gegen die Wunden, um die erste Blutung zu stillen, während sie mit der anderen Splitter und Schrapnell entsorgte.

    Die Arbeit brauchte Konzentration, wofür sie dankbar war. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was gerade geschehen war.

    Es waren so viele Wunden. Ein Teil von ihnen musste genäht werden, bei den meisten lohnte es sich kaum. Die Splitter und das Schrapnell waren zu klein. Ein richtiger Arzt hätte an manchen Stellen vielleicht die Haut weiter beschnitten, aber sie hielt sich zurück. Nur sechs Mal schnitt sie mit dem Skalpell, um an Schrapnell zu kommen, das sich besonders tief in sein Gewebe gebohrt hatten.

    Zumindest schwieg Heidenstein. Vielleicht war er auch eingeschlafen, doch das leise Zischen, das er ab und an von sich gab, wenn ein Stück sich nicht sofort lösen wollte, sprach dagegen. Er hatte offenbar eingesehen, dass Widerstand zwecklos war.

    Am Ende waren es 54 Stücke, die sie aus Heidensteins Haut und dem darunterliegenden Gewebe entfernte, ehe sie die Wunden verband. Nur drei der größeren Schnitte nähte sie notdürftig.

    „Noch wach?“, fragte sie betont sanft.

    Er grunzte leise.

    „Ich bin fertig“, meinte sie. „Du kannst versuchen, dich aufzusetzen.“

    Mittlerweile war auch der Beutel Stereo durchgelaufen.

    Mühsam drehte Heidenstein sich auf die Seite, ließ seine Beine über die Seite der Liege hängen und nutzte ihre Masse, um sich aufzusetzen.

    Er war mittlerweile gänzlich nackt. Sie hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als seine Hose ganz auszuziehen, als sie die Wunden an seinen Beinen behandelt hatte. Da allerdings auch sein Hintern einiges abbekommen hatte, war es kaum verwunderlich, dass Schmerz auf seinem Gesicht erkennbar war.

    Zumindest einer Sache wurde nun klar: Er war nicht so alt, wie er vorgab. Streifen auf seinem Gesicht sprachen für Make-Up. Make-Up unterstützt mit einer Maske. Auch sein Körper war nicht der eines fünfzig- oder sechzigjährigen Mannes. Anders, als in Haupthaar und Bart zeigte sich an Armen, Beinen und Brust kein Grau.

    Er musterte sie, verzog das Gesicht. „Im Vorratszimmer findest du Krankenhaushemden“, meinte er in einem geschlagenen Tonfall. „Hol mir eins, ja?“

    Sie nickte, stand auf und ging, um das Hemd zu holen – froh, dass er dieses Mal wartete.

    „Danke“, flüsterte er leise, als sie ihm half, in das Hemd zu schlüpfen.

    „Kein Problem.“ Sie bot ihm ihren Arm an, um ihm aufzuhelfen. „Ich nehme an, du willst oben schlafen, oder?“

    Der Schatten eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Dann nickte er und stand vorsichtig auf. „Ja.“



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  • In solchen Pistolen? Meinst du Positionen? Ich bin mir gerade nicht ganz sicher, worauf du hinauswillst, tbh.

    Räuberpistolen, nur ein Ausdruck für die Art von Genre. Dachte da an Filme wie Ocean 11.

    Sie hat doch eine Rolle gespielt. Falsche Daten eingespielt, richtige Daten für sie rausgeholt und so

    Ja, das stimmt auch wieder. Es erscheint nur sehr kurzfristig und wird nicht groß behandelt.

    „Was machst du da?“, hauchte er matt, während sie versuchte, die Nadel in die Vene an seinem Handrücken zu fimmeln

    Au, das gibt Warflashbacks. Zumindest bei mir ist der Handrücken sehr knochig und deshalb weniger gut geeignet zum einführen.

    Man merkt aber, dass du enormes Wissen über all das angesammelt hast, Respekt.

  • Okay, bevor ich kurz was zu den bisherigen Kapiteln sage, kurz etwas zu der Theorie zu Michael.

    Ich möchte sie hören, Thrawn. Sag es mir! o.o

    Äh, also, das geht leider (noch) nicht. Dazu ist mir die Theorie noch zu wenig ausgereift, zumal sie erklärungstechnisch noch ein gewisses Defizit hat. Das heißt, sie würde, soweit ich es überblicken kann, erklären, warum Michael ein besonderes Interesse an Pakhet hat, warum er es offenbar leicht wegstecken kann, wenn sie ihm eine reinhaut (und warum er das lustig findet) und warum er sie immer ein bisschen aufzuziehen wollen scheint. Das Problem ist nur, dass darüber hinaus weitere Fragen aufgeworfen werden würden, etwa warum er da sitzt und ein Söldnereiunternehmen leitet. Da müsste ich mir ein bisschen zu viel zusammenschustern, als dass ich mich hinter meine Theorie stellen könnte. Außerdem wäre es zwar eine geniale Vorhersage, wenn die Theorie wahr wäre, aber halt auch ziemlich peinlich, wenn sie falsch wäre.

    Jedenfalls ... Soweit waren die letzten Kapitel wieder interessant - Heidensteins Identität scheint ja geklärt zu sein, wobei das gecallt zu haben natürlich nicht unbedingt eine große Leistung war, bedenkt man, dass man es durch die Augen von Pakhet ja ohnehin schon stark vermuten musste und man außerdem ja auch eine gewisse frühere Geschichte noch nicht ganz vergessen hat, hust. Aber in der Tat ist die Erklärung seines älteren Aussehens wohl tatsächlich eine relativ Einfache, und hätte man nicht immer diesen lästigen, leider einzubeziehenden Faktor der Magie (bzw. würde ihn nicht immer zu schnell zur Erklärung verwenden), dann hätte man darauf wohl auch gut kommen können. Wobei hier vielleicht noch die Frage wäre, ob durch seine Verkleidung alles an Merkwürdigkeiten erklärt ist - ich meine, wenn er nicht am Ausdauertraining teilnehmen wollte, hätt's ja einfach sein können, weil seine Maskerade drunter hätte leiden können; andererseits kann man gucken, ob noch "mehr" dahinter steckt, aber das wäre dann wohl abzuwarten. Denn wie gesagt kann ja alles viel einfacher sein, als man glauben mag.

    Ansonsten war es nett zu sehen, wie sich die Beziehung zwischen Pakhet und ihm jetzt zu einer tatsächlichen Freundschaft entwickelt hat - insbesondere hat ja die Szene in der anderen Dimension gezeigt, dass sie ihn nicht einfach zurücklassen wird (hoffentlich bleiben keine allzu schlimmen Folgeschäden), selbst wenn sie sich und den Erfolg der Mission dadurch auch in Gefahr bringt; was auch insofern noch interessant ist, als dass sie wohl schon einige "Kollegen" verloren haben muss und - auch wenn sie sicher nicht einfach nur mit den Achseln zuckt, wenn einer stirbt - daran zumindest zu einem gewissen Grad schon gewöhnt sein dürfte.

    Darüber hinaus ... Nun, es wird ja angedeutet, dass Pakhet kein Problem hätte, Agent durch Hazel zu ersetzen, aber mal abwarten, ob das passiert. Ansonsten bin ich auch gespannt, was denn genau Alices besondere Fähigkeiten sein werden. Die Charakterbeschreibung im Startpost ist ja gruselig genug.

    Aber na ja, ich werd's wohl demnächst lesen können.


  • Neue Kapitel kommen morgen online. Gleich 2, dafür wieder relativ kurze.

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    [24.05.2011 – D12 – Krankenschwester]


    Der Fernseher lief, als die Tür zum improvisierten, fensterlosen Wohnzimmer geöffnet wurde.

    „Du bist noch immer hier?“, fragte Heidenstein matt.

    Pakhet blinzelte. Sie brauchte einen Moment, bevor ihr klar wurde, dass sie beim Fernsehschauen am Abend zuvor eingeschlafen sein musste. Verdammt. Sie hatte eigentlich wachbleiben wollen, um nach ihm zu sehen. Immerhin war sie sich der Gefahr eines Wundschocks bewusst.

    „Ja“, erwiderte sie.

    Ein mattes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, ehe er vorsichtig durch das Zimmer schlurfte und im Badezimmer verschwand.

    Pakhet setzte sich auf und rieb sich die Augen. Erst jetzt merkte sie, wie steif ihr Nacken geworden war. Die Couch war nicht sonderlich bequem gewesen, hatte dank ihrer Müdigkeit jedoch dennoch gereicht.

    Mit einem Seufzen schaltete sie den Fernseher, der einen Dokukanal zeigte, aus. Sie wartete.

    Die Toilettenspülung im Bad rauschte, dann hörte sie Wasser laufen und ein leises, schmerzerfülltes Fluchen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich öffnete sich die Tür und Heidenstein schleppte sich in sein Zimmer zurück.

    Ironischerweise wirkte er jünger, als am Abend zuvor. Das Make-Up schien er abgewaschen zu haben.

    Sie kommentierte es nicht.

    In der Tür zu seinem Zimmer hielt er inne. „Danke für gestern.“

    Sie grunzte zur Antwort, zuckte mit den Schultern. Sie wandte den Blick ab. Es war ihre Schuld gewesen, dass es überhaupt passiert war. „Wie fühlst du dich?“

    „Als hätte ich auf einem Stachelschwein geschlafen“, meinte er. Sein Humor war schnell zurückgekehrt. Er seufzte. „Besser. Wirklich. Danke.“

    Ein weiteres Schulterzucken war ihre Antwort. „Soll ich dir etwas Frühstück machen?“

    „Das würdest du tun?“ Er wirkte amüsiert.

    „Ja“, murmelte sie, stand auf, um sich in die Küche zu schleppen. Bisher hatte sie hier nie gegessen, auch wenn sie mittlerweile vier Mal hier übernachtet hatte. Alles, was sie jedoch wusste, war, wo der Kaffee war. Und das auch nur, weil sie ein eigenes Paket Päckchen im Kabinett über dem Herd deponiert hatte. Heidenstein hatte bis dahin billigen Instantkaffee getrunken. Widerlich!

    Also setzte sie Wasser auf, bereitete einen Kaffeefilter vor und durchsuchte dann die Schränke nach Brot und Aufstrich. Im Kühlschrank fand sie alles. Auch Butter, Käse und Wurst. Und Tomaten. Nach kurzem Zögern verarbeitete sie ungeschickt all das zu Sandwiches. Zwar hatten diese einige eingerisse Ränder, würden aber essbar sein.

    Und so brachte sie einen Teller und eine Tasse Kaffee in sein Zimmer.

    „Danke“, meinte er, während er sich vorsichtig aufrichtete und ein Kissen so in seinen Rücken legte, dass es ihn etwas abpolsterte.

    Unterbewusst notierte sie, dass er junger aussah als normal. Schminkte er sich auf älter?

    „Bitte.“

    Er lachte leise. „Wow.“

    Pakhet hob eine Augenbraue, musterte ihn. „Was?“

    „Es ist ungewöhnlich, dass du so freundlich bist, ohne nicht mindestens einen zynischen Spruch hören zu lassen.“ Er lächelte.

    Sie seufzte und kehrte in die Küche zurück, um sich ihre eigene Portion zu holen. Als sie mit dieser auf dem Stuhl neben seinem Bett saß, seufzte sie noch einmal. „Doc. Es tut mir leid, was gestern passiert ist.“

    „Was?“, fragte er.

    Verarschte er sie? „Die Granate.“

    Er lächelte matt. „Pakhet. Du hast versucht, mir den Arsch zu retten. Das verstehe ich.“ Sein Lächeln wandelte sich in ein Grinsen. „Auch wenn du dadurch mir besagten Arsch mit Splittern durchlöchert hast.“

    Für einen Moment war sie nicht sicher, ob sie lachen sollte. Sie verdrehte die Augen. „Das mag sein, aber ich habe einen Fehler gemacht und dich damit beinahe umgebracht.“

    „Und du bist zurückgekommen, um mich da raus zu holen“, erwiderte er. Er seufzte, als sie nichts erwiderte. „Pakhet. Du bist auch nur menschlich. Vielleicht hast du dich mit der Granate verschätzt, aber hättest du sie nicht geworfen, hätten die Biester mich erwischt. Tot per Granate klingt immer noch angenehmer, als bei lebendigem Leib gefressen zu werden.“

    Sie stöhnte frustriert – über ihn oder sich selbst? „Dennoch. Es tut mir leid.“

    „Schon gut“, antwortete er. Vorsichtig nahm er einen Schluck Kaffee und lehnte sich wieder entspannter zurück.

    Sie tat es ihm gleich und biss dann in das erste ihrer Sandwiches rein. Obwohl die Tomaten zu wässrig waren, war es genießbar.

    Schließlich war es Heidenstein, der wieder ein Gespräch anfing. „Du hast also medizinisches Training?“ Als sie nicht antwortete, fügte er hinzu: „Warum hast du das nie erwähnt?“

    „Weil ich kein ‚Training‘ in der Hinsicht habe. Ich habe nur oft genug mich selbst und andere zusammengeflickt.“ Und sie hatte eine entsprechende militärische Grundversorgung. „Ich hätte dich gestern besser zur Zentrale zurückbringen sollen.“

    „Warum hast du es nicht getan?“, fragte er.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Ich war leicht panisch.“

    Heidenstein lachte leise. „Nun, ich bin nicht gestorben und es scheint, als hätte ich auch keine Schwermetallbelastung.“

    „Du nimmst das ganze zu leicht“, meinte sie und schüttelte matt mit dem Kopf.

    „Ich überspiele den Schmerz mit Humor“, antwortete er. „Was ich sagen will: Was du gestern gemacht hast, war erstaunlich professionell – für jemand, der kein Arzt ist und nur einen Arm hat.“

    „Ich musste dich auch nur davon abhalten, dich mit einem Zauber selbst umzubringen“, erwiderte sie.

    „Das tut mir leid“, meinte er. „Worauf ich hinauswill: Du hättest vorher mal was sagen können. Ich könnte ab und an ein wenig Hilfe gebrauchen.“

    „Ich bin normal froh, dass du dich um Wunden von etwaigen Idioten kümmerst.“

    „Hilfe wäre dennoch praktisch. Und  … Vielleicht könnte ich dir das ein oder andere noch zeigen.“

    Worauf wollte er eigentlich hinaus? Wollte er sie zu seiner Krankenschwester machen? Sie seufzte. „Mal sehen.“ Dann wechselte sie das Thema. „Ich werde dir nachher etwas Schmerzmittel holen. Hast du jemanden, der rüberkommen kann, um auf dich aufzupassen?“

    Heidenstein sah sie an, zögerte, schüttelte aber den Kopf. „Ich fürchte nicht.“

    Wieso hatte sie es nur geahnt? „Ich muss das verdammte Artefakt zu Michael bringen. Danach hole ich ein paar Sachen aus meinem Haus und komme zurück.“ Was hatte sie auch sonst für eine Wahl? Jemand musste sich um ihn kümmern, solange er noch verletzt war. „Kannst du solange allein bleiben?“

    Er lächelte, nickte. „Ich denke schon.“

    Idiot.



    .


    [26.05.2011 – R03 – Gewissensbisse]


    „Ah, Joanne.“ Robert betrachtete sie durch die offene Wohnungstür. „Ich hatte nicht mit dir gerechnet.“

    „Ich hatte dir geschrieben.“ Sie hob ihr Handy, wusste aber was er meinte. Sie hatte sich fast zwei Wochen nicht mehr bei ihm gemeldet – und das, obwohl er ihr bester und eigentlich einziger Freund war. Zumindest war er bis vor kurzem ihr einziger Freund gewesen. Und das war das Problem: Zwischen den Jobs der letzten Tage hatte sie meistens Zeit mit Heidenstein verbracht. Er hatte Hilfe gebraucht. Sie hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, wegen dem Missgeschick mit der Granate.

    „Ich weiß.“ Robert zog die Lippen hoch. „Ich meine nur. Ich dachte, du würdest am Ende doch nicht können.“ Er seufzte. „Du arbeitest zu viel, Joanne.“

    Auch Pakhet seufzte leise. „Vielleicht. Es ist halt vorrangig die Chaostruppe, die ich betreue. Aber es ist nicht mehr lang.“ Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Nächsten Monat ist ihr großer Job und wenn wir alle lebend rauskommen, dann bin ich danach nicht mehr für die Chaoten zuständig und habe wieder mehr Zeit für dich.“

    „Dann hoffe ich, dass du solange überlebst“, murmelte Robert und schüttelte den Kopf. Er trat zur Seite um sie in seine Wohnung zu lassen. Wer Robert kannte war beinahe überrascht, dass er nicht bei seinen Eltern lebte, mit denen er ein gutes Verhältnis hatte. Sie waren eine jener Familien, die zu Boerzeiten hergekommen waren und nun bereits in der neunten Generation in Südafrika lebten. Dafür war seine Wohnung das übliche Bachelor-Heim: Mittelguter Wohnkomplex, ein Ein-Zimmer-Apartment mit Bad und einer kleinen, durch eine halbhohe Mauer, die mit einer Arbeitsplatte abgedeckt war, abgetrennte Küche.

    Das eigentliche Zimmer war zweigeteilt: Neben der großen Fensterfront, die zu einem kleinen Balkon führte, war sein Bett, dem gegenüber sein Fernseher inklusive Spielekonsole stand. Ein schmales, aber breites Regal aus dunklem Metall, das mit allerhand Videospielen und Film-BluRays gefüllt war, trennte den Schlafbereich von einem Wohnzimmer, in dessen Mitte ein hoher Glastisch stand. Der Rahmen war ebenfalls aus dunkel gefärbten Metall, so dass alles zusammen sehr geschmackvoll wirkte. Dennoch wirkte die Wohnung eingelebter als Pakhets eigenes Haus.

    „Was hast du für heute Abend geplant?“, fragte Robert und ließ sich auf das Ende seines Bettes fallen, neben dem eine offene Bierflasche stand.

    „Ich werde mich nach dir richten, mein Lieber“, meinte sie und schenkte ihm ein weiteres Lächeln. „Das bin ich dir Schuldig, oder?“

    Er sah sie fragend an, als wartete er auf ein „Aber“.

    Wenn er unbedingt wollte, sollte er es haben: „Aber eigentlich hatte ich überlegt, dass ich dich zum Essen einladen könnte. Der Vorteil an all der Arbeit ist, dass ich einiges verdient habe.“

    „Woran hast du gedacht?“, fragte Robert.

    „Giovanni's“, antwortete sie. „Ich habe auf acht zwei Tische bestellt.“

    Robert starrte sie an. Giovanni's war eins der besseren Restaurants der Stadt. „Wow, du hast echt ein schlechtes Gewissen“, stellte er schließlich fest.

    Sie lächelte matt, schwieg.

    Robert ging zu seinem sehr schmalen Kleiderschrank – weiß, aus verschiedenen würfelförmigen Kästen zusammengesetzt – und öffnete eine der Kastentüren. „Da muss ich mir ja etwas ordentliches Anziehen.“

    „Wirst du“, bestätigte sie. Sie verdrehte die Augen, als er begann, durch seine Hemden zu gehen und gleich drei anzuprobieren. Bei jedem anderen wäre es ihr zumindest etwas unangenehm gewesen, daneben zu sitzen. Doch Robert war anders. Er war ihr bester Freund, fast wie ein Bruder. Er war der einzige aus ihrem alten Leben, mit dem sie bis heute Kontakt hatte. Davon abgesehen würde zwischen ihnen nie etwas passieren – da sie für viele Männer vielleicht zu männlich, für ihn aber sicher zu weiblich war.

    Und so entschloss sich Robert schließlich für ein rotes Hemd und eine dunkelgraue Hose. „Acht Uhr, sagtest du?“

    Sie selbst trug eine schwarze Bluse und eine enge, ebenfalls schwarze Hose. „Jap.“ Es war bereits halb. „Wir sollten uns sputen.“

    Er lächelte, legte seine Hand auf ihre Schulter. „Danke. Aber  …“ Er zögerte. „Ich würde mich freuen, wenn wir uns dennoch öfter sehen würden.“

    „Bemühen wir uns“, meinte sie. Sie trat zur Tür und hielt sie ihm auf. „Nach dir.“

    Er musterte sie und ging an ihr vorbei. „Dafür, dass du dich in letzter Zeit mit den Chaoten rumschlagen musst, hast du erstaunlich gute Laune“, kommentierte er auf dem Weg zum Aufzug. Er musterte sie mit gerunzelter Stirn und drückte auf den Knopf neben der Aufzugtür. „Ist irgendetwas passiert?“

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Nichts Besonderes.“

    Robert hob misstrauisch die Augenbrauen und grübelte. „Du bist doch nicht etwa verliebt, oder?“

    Sie lachte schnaubend. „Ich?“

    „Natürlich nicht.“ Er verdrehte die Augen, als der Aufzug mit einem „Ping“ bei ihnen im fünften Geschoss ankam.



    .

  • Okay, kenne ich tatsächlich nicht als Begriff

    Ist ein recht geläufiger Begriff. Vielleicht ist das so eine regionale Sache, oder Zufall.

    Die haben ewig in mir rumgestochert ...

    Bei mir waren die Adern immer schnell aufgebraucht, weshalb man immer mal wieder neu stechen musste.

    War ein ziemlicher Schock, als plötzlich mein Arm anschwoll und ichs nicht sofort gemerkt hatte. urgh.

    Obwohl die Tomaten zu wässrig waren, war es genießbar.

    Ja, deshalb mag ich frische Tomaten nicht so. Sind einfach zu wässrig.

    hättest du sie nicht geworfen

    Also sind wir ganz casual per Du.

    Zwischen den Jobs der letzten Tage hatte sie meistens Zeit mit Heidenstein verbracht. Er hatte Hilfe gebraucht. Sie hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, wegen dem Missgeschick mit der Granate.

    So ist es immer mit neuen Sachen, zu Anfang sind sie immer aufregender, als all der andere alte Stuff.

  • .

    Ich habe es wieder verpennt hier zu updaten. Bin aktuell so gestresst. Sorry, Leute ~___~

    .

    [27.05.2011 – M03 – Wetteinsatz]


    „Ich muss ja ganz ehrlich sagen, ich war noch nie bei einem solchen Arenakampf“, erzählte Murphy frei heraus, als sie aus Pakhets Wagen ausstiegen.

    Pakhet warf ihm einen Seitenblick zu, sagte aber nichts. Sie glaubte ihm nicht. Jemand wie er war mindestens einmal da gewesen und sei es nur um herauszufinden, ob es dort Mädchen zum Aufreißen oder Möglichkeiten zum Geldverdienen gab.

    Die Location war tatsächlich unüblich, aber durchaus passend. Das große, rechteckige Gebäude war früher einmal die Sporthalle einer schon lang geschlossenen Schule gewesen und bot damit wohl beste Voraussetzungen in einen Ring verwandelt zu werden. Sie lag am südlichen Ende der Cape Flats, wo die Gegend nicht mehr ganz so schlecht war, dass die Umliegende Häuser meistens Wellblechhütten waren, aber auch nicht so gut, als dass die Polizeipräsenz erwähnenswert war. Hier wurde die Sicherheit von privaten Securityunternehmen gestellt und diese beschützten meisten den, der dafür zahlte.

    Diese Ringe wurden meistens von Drogenkartellen unterhalten. Vielleicht auch von einer ausländischen Mafiagruppe. Sie würden sehen, wen man dort antreffen würde.

    Smith hatte sie mit Tickets versorgt. Diese waren auf rotem, billigem Papier gedruckt und mit der Aufschrift „Colosseum – 1 Person, Night Entry, May 27th 11“ versehen. Colloseum. Natürlich. Wie einfallslos.

    „Spricht irgendetwas dagegen, dass ich kämpfe?“, fragte Mik, der mit verschränkten Armen in die Arena marschierte.

    „Wenn du dich darum bemühst, dich nicht umbringen zu lassen“, kommentierte sie. „Wegen meiner.“ Selbst wenn man ihn umbrachte, würde Smith ihn wohl ersetzen. Vielleicht durch diesen Maximilian.

    „Oh. Oh.“ Spider sah sie an. „Darf ich auch?“

    „Du weißt, dass darin Waffen meistens nicht erlaubt sind, oder?“, erwiderte sie. Spider war kein schlechter Nahkämpfer, aber wirklich zu gebrauchen war er nur, wenn er sein heiß geliebtes Katana dabeihatte.

    „Sind sie“, kommentierte Mik. „In den tödlichen Kämpfen.“

    Natürlich. „Nein, Spider. Bei so etwas machst du nicht mit.“

    „Ach man.“ Er kickte eine leere Bierbüchse, die auf dem Boden lag.

    „Du könntest teilnehmen“, meinte Murphy und grinste sie an. „Dann könnte ich auf dich Wetten und abkassieren. Ich wette, würdest du den Arm aufgeben, könnte ich bessere Quoten bekommen.“

    So eine Idee konnte nur von dem Jungen kommen – dem Jungen, der aktuell in der Gestalt eines Anfang dreißigjährigen dunkelhäutigen Mannes herum lief.

    „Kein Interesse“, kommentierte sie. „Ich bin nur hier, um den Typen zu finden und mit ihm zu reden.“

    „Wäre in der Arena doch am leichtesten, oder?“, meinte Murphy, nun ganz begeistert von der Idee.

    „Murphy. Ich mache bei so etwas nur mit, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“ Die Erinnerung an eine „Töte ihn“ rufende Menge kroch in ihr hoch. Nein, so etwas brauchte sie nicht unbedingt noch einmal. „Wir suchen diesen Max und wenn wir ihn gefunden haben, schauen wir, dass wir in Ruhe mit ihm reden. Am besten übernimmst du das.“

    „Ich?“ Er tat überrascht.

    „Ach, komm, du könntest 'nem Inuit 'nen Kühlschrank verkaufen, wenn du wolltest.“

    „Ich fühle mich durch dein Vertrauen geehrt“, meinte er grinsend.

    Sie kamen an der kurzen Schlange vor dem von zwei brennenden Fässern erleuchteten Halleneingang an. Hier waren zwei bullige und bewaffnete Typen, die die Tickets kontrollierten.

    Die anderen Leute, die hier in der Schlange standen, wirkten größtenteils wie einfache Leute. Sie waren wirklich nur als Zuschauer hier, oder? Sie würden herausstechen. Sie machte sich jetzt schon auf einige Anmerkungen gefasst.

    Diese kamen auch prompt, als sie an der Reihe waren. „Ist denn schon Winter?“, meinte der Typ, der ihre Karte kontrollierte. Er hatte einen dicken Akzent und trug bloß ein Trainingstop, wie sie letztes Jahr bei der Fußball WM in Massen verkauft worden waren.

    Sie schenkte ihm ein knappes, humorloses Lächeln und er ließ sie passieren.

    Innen schlug ihnen der Gestank von Feuer, Schweiß, Sand und auch etwas, das deutlich nach getrocknetem und lange Zeit nicht fortgewischtem Blut roch, entgegen.

    Lecker.

    Sie bugsierte ihre jungen Begleiter in die Richtung, wo sie die eigentliche Halle vermutete. Licht schimmerte ihnen von dort entgegen. Licht und das Grölen durcheinanderredender Stimmen.

    „Lass mich einmal fragen“, meinte Murphy.

    „Ich will mich erst umsehen“, antwortete sie.

    „Pakhet. Die Spiele gehen in einer halben Stunde los und ich fände es vorteilhaft, wenn wir ihn vorher finden würden.“

    „Aha.“ Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er etwas im Schilde führte. Sie ahnte sehr wohl was. Dennoch seufzte sie ergeben. „Ich schwöre dir, wenn du irgendwelche Scherze versuchst …“

    „Ich doch nicht.“ Er grinste und löste sich von ihr, um in die Richtung zu laufen, in der in der Sporthalle wohl einst die Umkleidekabinen gewesen waren.

    Sie drängte derweil weiter durch die auch hier stehende Menge und erreichte eine gläserne, aber mit roter Farbe übermalte Doppeltür, die zur Halle führte. Sie drückte eine der beiden Türen auf.

    Lärm und Gestank schlugen ihr noch stärker entgegen, als zuvor. Die Halle war selbst für eine Sporthalle groß, erinnerte sie eher an Hallen, wie sie sie in den USA kennen gelernt hatte. Man hatte aus Holz Tribünen für die Zuschauer gebaut und an einem ebenfalls hölzernen Stand wurden Wetten angenommen und gleichzeitig Getränke verkauft. Pisswarmes Dosenbier. Ekelhaft.

    Während Spider und Mik blindlings zum Stand watschelten, versuchte sie sich einen Eindruck der Halle zu verschaffen. Die Tribünen waren um einen etwa zwanzig oder fünfundzwanzig, mal fünfzehn Meter großen Bereich, der mit Sand gefüllt war, aufgebaut. Selbst in der ersten Reihe, saß man knapp eineinhalb Meter über dem eigentlichen Geschehen.

    Gesamt war die Halle geschätzt um die sechzig Meter lang und vielleicht fünfunddreißig Meter breit.

    Sie kletterte eine Tribüne hinauf, überrascht zu sehen, dass auf der gegenüberliegenden Seite der Halle, ein ganzer Block hellhäutiger Menschen saß. Konnte es sein? Sie ging davon aus, dass sie irgendeiner kriminellen Gruppe angehörten und die zwei Gruppen, die hier den größten Einfluss hatten, war die russische Mafia und das, was man wohl als „niederländische Mafia“ bezeichnen konnte. Sie nannten sich die Likedeeler und waren die kläglichen Überreste der Verbündeten irgendeines legendären europäischen Piraten. Sie hatte es einmal nachgelesen und die Geschichte dann als Unsinn abgetan.

    Sie blickte sich um. Es war noch eine Weile, bis der eigentliche Kampf losging, doch die Menge – und es war voll – zitterte bereits förmlich vor Aufregung.

    Sie schürzte die Lippen. Persönlich erfreute sie sich nicht daran, zu sehen, wie Leute einander töteten. Wenn der Junge es vorher schaffte, diesen Max hier herauszuholen, war es besser. Sofern dieser Max keine Verpflichtungen hatte. Das konnte sie so gar nicht gebrauchen – jemanden freikaufen zu müssen. Es würde ihnen noch mehr Probleme bereiten.

    Sie seufzte.

    Abwarten.

    Und so wartete sie. Spider gesellte sich nach fünf Minuten zu ihr. Mik hatte sich offenbar angemeldet. Sollte ihr Recht sein. Sie war kein Babysitter und wäre sie nicht mit ihm hier gewesen, hätte er vielleicht dasselbe getan.

    Weitere sieben Minuten später drängte sich Murphy durch die Menschenmasse zu ihnen hindurch.

    Er zupfte am Ärmel ihrer Jacke. „Pakhet?“

    Sie schaute zu ihm auf. „Was ist?“

    Er lächelte ein unschuldiges Lächeln. „Du. Dieser Max – die nennen ihn hier Crash – hat einen ganzschönen Fanclub.“

    „Und weiter?“

    „Die lassen mich nicht zu ihm. Er ist der große Star, weißt du?“

    „Aha?“ Sie hob eine Augenbraue.

    „Deswegen habe ich gesagt, ich wäre dein Manager und dich für einen Kampf eingetragen. Wenn du drei Kämpfe gewinnst, kannst du gegen ihn antreten.“

    Wieso hatte sie das nur geahnt?

    „Murphy?“

    Er grinste. „Sorry. Aber wenn du gewinnst, gehen wir mindestens zwanzigtausend Rand reicher hier heraus. Ich teile natürlich mit dir.“


    .


    [27.05.2011 – X05 – Arena]


    Warum hatte sie sich darauf eingelassen? Es musste andere Möglichkeiten geben, mit Max oder Crash zu reden.

    Schlechtgelaunt stand sie in der Umkleide, umgeben fast ausschließlich von Männern, von denen die meisten dunkelhäutig waren. „Crash“ sah sie nirgends. Natürlich nicht. Er war ganz offenbar der Star der ganzen Veranstaltung.

    Sie hatte sich mehr als eine Anmerkung anhören dürfen, seit sie hier war. „Hey, sollte ein Krüppel nicht besser zuhause bleiben?“ und „Wo hast du den deinen Arm verloren, Schätzchen?“. Wenn Murphy ihre Prothese verlor, würde sie ihn den Rest seines Lebens  … Sie wusste es noch nicht. Aber es würde keine gute Konsequenz für ihn haben.

    „Bist du dir sicher, dass du hier richtig bist, Lady?“, knurrte ein Mann, der dem Aussehen nach persischer Abstammung war.

    „Ja, ich bin mir sehr sicher“, erwiderte sie. „Ich bin mir ebenso sicher, dass du hier nicht richtig bist. Dein Platz ist eher“ – sie blickte sich im Raum um und zeigte dann auf die am weitesten entfernte Ecke – „da drüben.“

    „Fick dich doch, Lady“, schnauzte er und erntete damit ein Messer an der Kehle.

    Er zuckte zurück. Aus seiner Sicht war das Messer wahrscheinlich aus dem Nichts erschienen.

    Sie schenkte ihm einen langen Blick, anstatt weiterer Worte und nickte auf die hinterste Ecke, in die er sich verzog.

    Ach, verdammt. Sie hasste es, nur einen Arm zu haben. Die Prothese war nicht so schnell, nicht so geschickt und nicht so gut zum Kämpfen geeignet, wie ihr normaler, rechter Arm, ersparte ihr aber zumindest einen Teil der Anmerkungen.

    Murphy hatte allerdings recht: Sie war zwar kräftig gebaut, jedoch eher im athletischen Sinn. Sie war kein Muskelprotz, wie zwei der anderen Frauen, die sie hier gesehen hatte und die meisten der Männer. Ein nicht unerheblicher Teil ihrer Kraft kam aus ihrer Fähigkeit, Magie in ihren Körper aufnehmen zu können, und aus ihrer Technik. Mit nur einem Arm würden fraglos die meisten gegen sie wetten. Und hey, wenn sie die Möglichkeit hatte, hier ein wenig Geld rauszuholen, würde sie es nutzen.

    Dennoch ihr eine Sache nicht: Sie hatte ihre Messer behalten. Auch andere hier trugen Äxte, Messer, Schwerter, Stäbe. Und das bedeutete eindeutig, dass sie in der tödlichen Klasse gelandet war, wenn sie Miks Worten von vorher glauben schenken durfte. Eine Sache war sicher: Sie würde nicht zur Unterhaltung irgendwelcher anderer Leute morden.

    Aus der Halle hörte sie Rufe, Brüllen. Wahrscheinlich waren die Vorkämpfe die nicht tödlichen, waffenlosen.

    Großartig.

    Zeit verging. Es gab eine Uhr, aber diese war wahrscheinlich bereits vor Jahren stehen geblieben.

    Dann wurden die ersten von hier rausgerufen. Immer zwei auf einmal. Viele schenkten sich obzöne Gesten, Beleidigungen, knurrten einander wie wilde Tiere an, ehe sie in zwei unterschiedliche Gänge geführt wurden.

    Es stand zu vermuten, dass man unter den Tribünen Gänge gebaut hatte, so dass die Kontrahenten von zwei verschiedenen Seiten in die Arena kamen. So war es dort gewesen, wo sie das letzte Mal gekämpft hatte.

    Irgendwann – mindestens eine Stunde war vergangen – wurde auch sie rausgerufen. „The Iron Bitch“, oh, sie würde sich etwas ausdenken, um Murphy für diesen Namen zu bestrafen.

    Ihr Kontrahent war ein kräftiger, aber allgemein dünner Typ mit einem Schwert. Einem Katana natürlich – weil alle coolen Kinder meinten, dass sie Katana brauchten.

    „Sicher, dass du nicht nach Hause gehen willst, Bitch“, zischelte er.

    Sie schenkte ihm bloß einen kühlen Blick, ehe sie in den linken Gang ging, der – ganz wie erwartet – unter der Tribüne hindurch führte.

    Es stank hier. Gott, die Veranstalter schienen wenig auf Hygiene zu geben. Großartig. Das bedeutete, dass selbst, wer schwerverletzt überlebte, am Ende gute Chancen hatte, an einer Blutvergiftung zu krepieren.

    Sie trat vor ein Tor, durch das Licht schimmerte und wartete, dass der Typ, der hier offenbar der Wächter war, es öffnete. Aus der Halle hörte sie die Stimme eines Ansagers. Er sprach Afrikaans.

    Ihr Kontrahent nannte sich offenbar „Kuzimi“. Wie auch immer.

    Gelaber. Einarmig. Erstes Mal in der Arena. Der Ansager hoffte, dass man sie schnell töten würde. Es wäre doch unfair.

    Sicher. Sie hatte Mr Kuzimi gesehen und er sah nicht sonderlich intelligent aus. Sie war sich sicher, schneller zu sein als er. Und am Ende zählte Geschwindigkeit mehr, als alles andere.

    Schließlich wurde das Tor geöffnet und sie trat hinaus. Im ersten Moment blendete das Licht sie. Die Dumpfbacken hatten Baustellenbeleuchtung als Scheinwerfer installiert. Wundervoll.

    In Momenten wie diesen, war sie dankbar für das magische Glasauge, das es ihr schnell erlaubte, wieder eine Übersicht über ihre Umgebung zu bekommen.

    Sie blieb stehen, das erste ihrer Messer in der Hand und wartete.

    „Damit gebe ich den Ring frei“, sagte der Ansager in Afrikaans.

    So viel zum Thema warten.

    Kuzimi kam auf die zugelaufen, dass Katana erhoben. Viel zu weit, wie sie feststellte. Er hatte keinerlei Deckung. War es zu viel verlangt, jemanden zu haben, der zumindest ein wenig formales Training genossen hatte?

    Sie duckte sich leicht, spannte ihre Beine an und wartete, bis er sie fast erreicht hatte. Dann sprang sie an seiner rechten Seite vorbei, schnitt ihn mit dem Messer in die Seite. Es war kein tiefer Schnitt, doch war er genau unter seiner Schultersehne, würde ihn behindern.

    Er fuhr zu ihr herum. „Bitch.“

    Sie konnte sich einen Kommentar nicht gänzlich verkneifen: „Ja, das ist hier offenbar mein Name.“

    Er schlug mit dem Schwert zu, doch ein einfacher Schritt nach links reichte ihr, um auszuweichen. Den nächsten Schlag wich sie durch einen kurzen Sprung aus. Der hatte absolut keine Ahnung, wie man mit einem Katana umging. Er hieb wieder und wieder zu, stolperte dabei vorwärts, machte viel zu viele Schritte, wann auch immer sie leicht zur Seite trat. Beinarbeit hatte er nie gelernt.

    Sie hörte Rufe aus dem Publikum. „Jetzt mach schon!“ – „Worauf wartest du?“ – „Das ist doch nur ein Krüppel!“ – „Zieh für die Bitch keine Samthandschuhe an.“

    Amüsant.

    Sie brachte sich in Position, dass er sie direkt von vorn attackieren konnte. Natürlich versuchte er es. Er wollte einen Hieb in ihre Schulter setzen. Pakhet wartete den Schlag ab und fing sein Schwert mit ihrem Messer, das einen knappen Parierschutz hatte. Genug für ein Katana.

    Hätte sie nicht ihre Fähigkeiten gehabt, wäre sie im Nachteil gewesen. Er hatte den längeren Hebel. Doch die Magie in ihren Muskeln erlaubte es ihr, entgegen zu halten. Sie machte einen Schritt nach vorne, ließ mit Schwung ihr Messer an am Katana entlanggleiten. Die japanische Waffe hatte keinen wirklichen Parierschutz.

    Sie hatte volle Kontrolle über sein Schwert, obwohl sie nicht mehr als den Bruchteil einer Sekunde brauchte, um bei seinen Händen anzukommen. Sie nutze das Messer als Hebel, überspannte seine Hände, sich dessen bewusst, ihm das Schwert so nicht entwinden zu können. Sie brachte ihn aber aus dem Gleichgewicht.

    Er sah sie wütend an, konnte sie aber nicht aufhalten. Sie nahm ihr Messer, stach in seine Hand und trat im Moment, als er aufschrie zu. Ihr Tritt war in seine Hüftgegend gerichtet und erreichte, was er sollte: Mit dem Messer noch in seiner Hand steckend, fiel er nach hinten. Er wollte sich zur Seite rollen, aber war bereits auf ihm, trat auf seine Schulter und ließ ihn aufschreien.

    Das Messer steckte in seiner rechten, doch noch immer hielt er mit der Linken das Katana umklammert. Er hob es. Nichts, was sie nicht erwartet hätte.

    Sie hob ihr Bein und rammte ihre Ferse in seine Armbeuge.

    Kuzimi schrie auf. Seine Hand öffnete sich und das Schwert viel in den Sand, wo es liegen blieb.

    Ihre Ferse hatte einen blutigen Abdruck in seinem Arm hinterlassen.

    Es blieb noch eine Sache. Sie ging in die Knie und setzte einen Fingerschlag knapp unterhalb seiner Kehle. Eine andere Möglichkeit hatte sie ohne Gifte nicht.

    Doch es reichte. Sein Schrei verstummte und damit auch das Publikum.

    Sie sah sich um, hob ihr Messer auf, wischte es ab und steckte es wieder ein, stand auf.

    Einer der Wächter, die am Rand der Arena Wache gehalten hatte, kam hinüber und fühlte den Puls. Er wandte sich zur Tribüne, wo der Kommentartor auf einer Art kleinem Podium stand.

    „Er lebt noch!“

    „Und das bleibt auch so“, erwiderte Pakhet und marschierte zum Tor zurück. „Wenn ihr ihn sterben sehen wollt, bringt ihn selber um.“


    .

  • „Wegen meiner.“ Selbst wenn man ihn umbrachte, würde Smith ihn wohl ersetzen

    Lasst anwesende aus dem Spiel.

    Spider war kein schlechter Nahkämpfer, aber wirklich zu gebrauchen war er nur, wenn er sein heiß geliebtes Katana dabeihatte.

    Bring kein Messer zu einer Schießerei.

    „Murphy?“

    Er grinste.

    Wie ich sehe, beginnt nun ein Abschnitt der sich mit einem anderen Aspekt der Gruppe, Murphy beschäftigt. Finde ich gut.

    würde nicht zur Unterhaltung irgendwelcher anderer Leute morden.

    Aus der Halle hörte sie Rufe, Brüllen. Wahrscheinlich waren die Vorkämpfe die nicht tödlichen, waffenlosen.

    Clever wäre es sicher, wenn sie Angriffstechniken anwenden würde, die jemanden so ausknocken, dass man nicht sofort erkennt, ob jemand wieder aufsteht, oder nicht. Aber wie ich sehe, messen sie den Puls. Auch wenn ich bezweifle, dass sie besonders erfahren darin sind.

    Er sprach Afrikaans.

    Afrikaans? Ah ja, dachte zuerst du meinst Afrikanisch, aber vermutlich meinst du einen speziellen Akzent, oder eine bestimmte Landessprache. Macht Sinn, gibt ja immerhin ein paar hundert afrikanische Sprachen.

    Und am Ende zählte Geschwindigkeit mehr, als alles andere.

    Ah ja, der alte Streit. Schon die alten Römer haben immer diskutiert was wichtiger ist, Bulk, oder Speed.

  • Moin. Und hallo Flocon wegen des Aktivitätsmarathons.

    Okay, Heidenstein scheint es wohl den Umständen entsprechend gut überstanden zu haben - interessant auch, dass er vielleicht demnächst Pakhets Hilfe öfter in Anspruch nehmen möchte. Anderen Menschen zu helfen würde vielleicht dazu beitragen, dass sie noch ein bisschen weiter auftaut.

    Jedenfalls - Pakhet muss also kämpfen, um zu Crash vorzudringen. Ich nehme mal an, dass das dann wohl auch Gegenstand der nächsten Kapitel sein wird, wobei ich auch damit rechne, dass es für sie vielleicht schwerer werden wird. Ihr erster Gegner schien ja eher unerfahren; eventuell hat man sie bei der Planung des Kampfes aber auch eher unterschätzt und will es nun, nachdem sie ihren Kontrahenten relativ leicht besiegt hat, ein wenig spannender machen. Könnte natürlich auch insofern zum Problem (für ihre Gegner*innen, aber auch für sie selbst) werden, als dass sie sich dann vielleicht auf eine heftigere Art wehren muss. Naja ... Ich rechne jedenfalls doch zumindest so halb mit ein paar Verletzungen, die sie davontragen wird. Es sei denn natürlich, die Leute, die da antreten, haben alle nichts drauf. Ich muss übrigens sagen, ich bin von der starken Katana-Präsenz ein wenig überrascht. Spider hat eins, Pakhets Gegner auch - sind die echt in dem Milieu so prominent? Ansonsten - meine eigenen kämpferischen Fähigkeiten, insbesondere mit Messer und Katana, sind nur sehr rudimentär, aber soweit ich es überblicken kann, wirkt der Kampf vom Verlauf her ziemlich plausibel. Nun ja ... Mal gucken, wie es dann weitergeht - hoffentlich verletzt Pakhet sich nicht allzu sehr. Ich meine, sie weiß ja, was sie tut, aber meiner Erfahrung nach kommen auch gute Kämpfer selten vollkommen ohne Blessuren aus derartigen Konfrontationen heraus, besonders wenn Waffen im Spiel sind.

  • Lasst anwesende aus dem Spiel.

    Hmm? Anwesende aus dem Spiel lassen?


    Bring kein Messer zu einer Schießerei.

    Ja. Spider *seufz* Dazu kann ich jetzt viel erzählen. Ich lass es aber lieber.


    Wie ich sehe, beginnt nun ein Abschnitt der sich mit einem anderen Aspekt der Gruppe, Murphy beschäftigt. Finde ich gut.

    Mehr oder minder. Jedenfalls die, die später zur Kerngruppe gehören werden.


    Clever wäre es sicher, wenn sie Angriffstechniken anwenden würde, die jemanden so ausknocken, dass man nicht sofort erkennt, ob jemand wieder aufsteht, oder nicht.

    Solche Angriffstechniken sind mehr Mythe, als Realität. Während es ein paar Fälle buddhistischer Mönche gibt, die crazy Kram abziehen können ... Es gibt einige Hinweise darauf, dass so etwas mehr Suggestion als Real ist.


    Afrikaans? Ah ja, dachte zuerst du meinst Afrikanisch, aber vermutlich meinst du einen speziellen Akzent, oder eine bestimmte Landessprache. Macht Sinn, gibt ja immerhin ein paar hundert afrikanische Sprachen.

    Afrikaans ist die Amtssprache von Südafrika. Sie setzt sich aus Niederländisch, Englisch und Zulu zusammen, aht allerdings auch Einflüsse aus den anderen Stammessprachen Südafrikas. Zulu ist nur die am weitesten verbreiteste, da bei der Kolonialisierung Südafrikas die Zulu große Teile des Landes ihrerseits kolonialisiert hatten. (Ist übrigens aktuell ein großes Streitthema in Südafrika, sobald es darum geht, dass Stammesgebiet von Kolonialmächten frei gemacht und zurückgegeben werden soll. Was macht man mit dem Gebiet, dass die Zulu erst kurz vor Ankunft der Kolonialmächte eingenommen hatten? Geht das an die Zulu oder an die Leute, die davor dort lebten?)


    Okay, Heidenstein scheint es wohl den Umständen entsprechend gut überstanden zu haben - interessant auch, dass er vielleicht demnächst Pakhets Hilfe öfter in Anspruch nehmen möchte. Anderen Menschen zu helfen würde vielleicht dazu beitragen, dass sie noch ein bisschen weiter auftaut.

    Ja, das absolut. Heidenstein ist wirklich ein furchtbarer Einfluss auf sie. ;) Allerdings ist das mit ihm und ihr auch nicht so unhuckelig, wie man glauben darf.


    Jedenfalls - Pakhet muss also kämpfen, um zu Crash vorzudringen

    Ja, weil Murphy gemein ist und Geld machen wollte!


    Könnte natürlich auch insofern zum Problem (für ihre Gegner*innen, aber auch für sie selbst) werden, als dass sie sich dann vielleicht auf eine heftigere Art wehren muss. Naja ... Ich rechne jedenfalls doch zumindest so halb mit ein paar Verletzungen, die sie davontragen wird.

    Wirst du dann sehen. Ich denke, dasn ächste Kapitel geht morgen online! :)


    Ich muss übrigens sagen, ich bin von der starken Katana-Präsenz ein wenig überrascht. Spider hat eins, Pakhets Gegner auch - sind die echt in dem Milieu so prominent?

    Nun ja, es sind halt die üblichen billigen Katana. Es sind leider nach der Machete mit die verbreitetsten Straßenwaffen. Nicht wiel sie so toll sind, sondern weil Leute denken, dass es sie cooler macht, damit rumzurennen.

    Nur um es klarzustellen: Die Katana, die hier genutzt werden, sind recht billig. Wedel zu heftig damit herum, und du hast nur noch das Heft in der Hand. xD"


    Ich meine, sie weiß ja, was sie tut, aber meiner Erfahrung nach kommen auch gute Kämpfer selten vollkommen ohne Blessuren aus derartigen Konfrontationen heraus, besonders wenn Waffen im Spiel sind.

    Ja, dass ist leider bei Waffenkämpfen so eine Gefahr.

  • .


    [27.05.2011 – C01 – Champion]


    Die kommenden Kämpfe waren nicht viel anders. Als zweites kämpfte sie gegen Zamo, eine große afrikanische Frau, die zumindest etwas Kampftraining zu haben schien und einen Stab benutzte. Sie war eindeutig fähiger, als Kuzimi. Am Ende waren es Pakhets Reflexe, die den Kampf gewannen und es ihr erlaubten die Kämpferin auszuschalten. Murphy dürfte sich freuen.

    Anders sah es mit den anderen Zuschauern aus. Sie buhten sie aus, verlangten, dass man sie disqualifizierte, weil sie nicht tötete. Verdammt noch mal, sie mordete, wenn es notwendig war. Nur, wenn es notwendig war.

    Am Ende disqualifizierte sie niemand und sie kämpfte gegen, Bhima. Der Typ war der indische Mann, der sie zuvor im Warteraum angepöbelt hatte.

    Sie ließ sich nicht beirren. Die meisten Fehler hier im Ring geschahen, da die Kontrahenten sich von ihren Gefühlen übermannen ließen. Wut, Angst – beide vernebelten das Urteilsvermögen.

    Sie hatte gelernt all das auszublenden.

    Zumindest war Bhima eine größere Herausforderung als die beiden zuvor. Er hatte sein großes Messer, aber auch kurze Wurfmesser, die es im erlaubten, den Abstand zu suchen. Seine Taktik war, seinen Kontrahenten ausweichen zu lassen, ihn auf Abstand zu halten und derweil geworfene Messer einzusammeln. Tatsächlich schaffte er es ein einziges Mal Pakhet am linken Armstumpf zu erwischen, wo sich ein blutiger Schnitt bildete. Sie würde die Wunde später reinigen lassen müssen.

    Womit er nicht rechnete war, dass sie die Messer abwehrte. Es reichte ihr, nachdem sie sein Spiel für eine Weile mitgespielt hatte. Ihre Reflexe waren gut genug um einen langsamen Gegenstand wie ein Wurfmesser aus der Luft zu schlagen. So blieb sie an einer Stelle stehen, bis er nur noch drei Messer hatte.

    Dann rannte sie auf ihn zu. Er zog sein Schwert, war aber zu langsam. Sie duckte sich unter seinem Schlag weg, versetzte auch ihm einen Schnitt unter den Arm, drehte sich hinter ihm, schnitt seinen Rücken. Während er sich umdrehte, trat sie in seine Kniekehle, brachte ihn damit automatisch zum einknicken. Sie hinterließ einen weiteren Schnitt in seinem Nacken. Dann versetzte sie einen flachen Schlag gegen seinen Solarplexus und schaltete ihn damit aus.

    Zumindest hatte er nicht geschrien.

    Wieder buhten die Zuschauer, was sie kalt ließ. Sie hatte nicht vor ein gefeierter Champion zu werden. Wäre Murphy nicht gewesen, wäre sie nicht hier unten.

    Ruhig kehrte sie in den mittlerweile leeren Umkleideraum zurück. Sie fragte sich, ob wirklich alle anderen, die zuvor hier gewesen waren, tot waren. Es war mehr als genug Blut in der Arena verschüttet worden, das nun den Sand verklebte.

    Sie wartete, trank Wasser, wusch die Wunde an ihrem Arm aus. Dieses Mal dauerte es nicht lange, bis man sie rief und sie wieder durch den Tunnel zurückging. Der Champion hatte wohl seinen eigenen Zugang.

    Oh man. Wie sollte sie das anstellen? Wenn dieser Crash – der mehr als einen Kopf größer als sie sein würde – wirklich so umfeiert wurde, war er wahrscheinlich brutal Sie wollte eigentlich nicht gegen ihn kämpfen, wollte nur mit ihn reden. Doch das konnte sie kaum in der Arena machen.

    Großartig.

    Sie wusste nicht einmal viel darüber, wie er eigentlich kämpfte.

    Nur halb hörte sie auf die Ansage, schnappte aber eine Sache auf: „Mit seinen Speeren.“ Also nutzte dieser Crash Speere? Auch gut. Beim Namen Crash hatte sie eher auf einen Hammer getippt. Wohl zu Klischee.

    Sie betrat langsam die Arena, wo sie für einen Moment von den Wachen abgesehen allein war. Dann öffnete sich die zweite Tür und Crash kam heraus.

    Er wirkte noch massiger, als auf den Fotos, musste sich bücken, um durch das Tor zu kommen. Seine Haut wirkte sogar für afrikanische Verhältnisse dunkel, beinahe schwarz. Sein Haar lag in Rasterzöpfen locker über seine Schultern, erinnerte an eine Mähne. Sein Oberkörper war muskelbepackt und schwer. Seine Gang war entschlossen. Er trug nur eine offene Lederjacke, deren Ärmel abgerissen waren. Sein Sixpack war darunter deutlich zu sehen. An den Beinen trug er eine stark mitgenommene Jeans. Er war barfuß.

    Und tatsächlich: Speere. Er hatte einen Köcher mit Speeren über der Schulter hängen. Pakhet zählte sieben Stück.

    Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen. Durch seine Größe würde er ihre Reichweite bei weitem übersteigen, die Speere gaben ihm extra Reichweite.

    Ob er damit schon Zuschauer ausversehen umgebracht hatte?

    Sie zögerte. Sie hätte kein Problem ihn umzubringen, doch das war nicht ihr Ziel.

    Das Publikum jubelte seinen Namen, als er sich umsah, jedoch ohne ein einziges Mal zu lächeln.

    Schließlich wandte er sich Pakhet zu, ein seltsames Schimmern in den Augen.

    War es magisch? Dann hatte Smith Recht.

    „Ich habe gehört“, brummte er auf Afrikaans, „dass du dich nicht an die Regeln hältst.“ War es Show?

    „Ich töte nicht, nur damit andere sich amüsieren“, erwiderte sie.

    Er grummelte und nahm einen Speer aus seinem Köcher. „Dann wirst du ein Problem haben. Mein Schädel ist zu dick.“ Er grinste verschlagen.

    Pakhet machte sich bereit. „Das werden wir sehen.“ Mehr würde sie nicht sagen.

    Sie wartete auf den Ansager. Das teils jubelnde, teils buhende Publikum blendete sie aus. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, fokussierte sich auf Maximilian Verway – Crash, der seinen Speer in der Hand abwog.

    Dann endlich die erwarteten Worte. „Ich gebe den Ring frei.“ Gut!

    Crash hob den Arm, warf den Speer, der mit immenser Geschwindigkeit durch die Luft sauste. Wie viel Kraft hatte der Typ?

    Dieses Mal brauchte sie einen gewagten Sprung, um weg zu kommen.

    Der Speer blieb im Sand stecken, grub sich gute fünfzehn Zentimeter in den blutgetränkten Boden. Fuck!

    Sie rollte sich ab, kam rasch auf die Beine. Sofort richtete sie ihren Blick auf Crash, der den nächsten Speer zog und sie musterte. Er war selbstsicher. Er konnte diesen Kampf nicht verlieren – weil sie nicht töten wollte.

    „Kein Gegenangriff, Lady?“, knurrte er.

    Sie antwortete nicht, musterte ihn. Wie konnte sie an ihn herankommen? Sie musste erst einmal sehen, wie gut seine Reflexe waren. Und sie musste die Speere aus der Rechnung streichen.

    Langsam ging sie zurück dahin, wo sie hergekommen war, den Blick auf ihn gerichtet. Er wartete, wollte sie angreifen lassen.

    Sie nahm den Speer, hielt das Ende fest, trat auf den Schaft, zerbrach ihn. Einer weniger. Es blieben fünf.

    Er ließ ein Grunzen hören, das „Ich verstehe“ zu sagen schien. Dann rannte er auf sie zu.

    Na toll. Der Typ war nicht nur stark, sondern auch noch schnell. Er war groß und kräftig und schaffte es beides für den Lauf einzusetzen. Es waren acht Meter zwischen ihnen gewesen, die er mit sechs schnellen Schritten überwand. Er wirbelte den Speer herum, vorrangig zur Show, zielte dabei jedoch auf ihre Brust.

    Dankbarerweise ließen ihre Instinkte sie nicht im Stich.

    Sie ließ sich in die Hocke fallen und sprang dann nach vorn, so dass sie hinter ihm war. Erneut versuchte sie, seine Kniekehlen zu erwischen, aber er war schneller. Er fuhr herum, entging ihrem Tritt, zwang sie dazu, rückwärts zu springen.

    Seine Geschwindigkeit war übermenschlich – wie ihre. Gestaltwandler klang immer wahrscheinlicher. Das half ihr aber nicht, hier lebend rauszukommen.

    Was konnte sie tun? Sie musste ihn irgendwie zu fassen bekommen.

    Wieder hieb er nach ihn und sie zog ihr Messer. Es war ein Kampfmesser, wie sie es bei der Armee zu nutzen gelernt hatte. Etwas größer als die übliche Ausführung. Die Klinge war knapp fünfzehn Zentimeter lang.

    Sie brauchte den richtigen Winkel.

    Mit zwei Ausfallschritten links schräg nach hinten wich sie den kommenden zwei Hieben aus – rechts, links – so dass der nächste Hieb wieder von rechts kam. Sie hob das Messer, fokussierte ihre Energie in den Arm, um es nicht fallen zu lassen, und schaffte, was sie plante. Sie zerschnitt den Speer, durchtrennte den Schaft etwa dreißig Zentimeter von der Spitze entfernt.

    Crash hielt inne, blickte auf den Holzscheit in seiner Hand und grinste. Er schmiss das Holz weg und stellte sich vor sie. Er wollte sie zu einem Angriff provozieren.

    Wenn sie es richtig anging, konnte sie ihn vielleicht zum Fall bringen. Sein muskulöser Oberkörper gab ihm einen hohen Schwerpunkt. Das konnte ihr Vorteil sein.

    Sie machte einen Schritt nach links, gefolgt von einem weiteren. Dann sprang sie vorwärts, instinktiv ein neues Ziel vor Augen.

    Er griff nach ihr, doch sie duckte sich weg. Ihr Messer schnellte vorwärts, mit einem Ziel: Den Lederriemen, der seinen Köcher hielt. Sie traf ihr Ziel. Köcher und Speere fielen zu Boden.

    Während das Publikum buhte, ging sie wieder auf Abstand. Er musterte sie, hob den nächsten Speer, dann noch einen, den er in seiner Linken hielt.

    Er hatte noch vier.

    Sie wich bis kurz vor die hölzerne Wand, die die Arena umgab, zurück. Einen guten Plan hatte sie noch immer nicht. Ihr größtes Problem, war ihr Mangel eines Hebels. Hätte sie beide Arme, könnte sie ihn eventuell lang genug würgen, um ihn so auszuschalten, aber dank Murphy war sie einarmig und würde es so kaum schaffen ihn lang genug fest zu halten.

    Verdammt. Sie hatte ein Problem.

    Es sei denn  …

    Er warf den ersten Speer und sie rollte sich zur Seite. Der Speer schoss durch das Holz, verschwand gänzlich auf der anderen Seite.

    Wenig überraschend war der zweite Speer auf die Stelle gezielt, wo sie eigentlich gelandet wäre, hätte sie sich nicht vorher abgebremst. Keine zwei Zentimeter von ihrer Brust entfernt, bohrte sich auch dieser Speer durchs Holz, sie drehte sich ab, lief am äußeren Rand der Arena entlang, während er die anderen beiden Speere aufhob. Sie konzentrierte ihre Energie in die Beine.

    Crash drehte sich, während sie an ihm vorbei lief, den Speer zum Wurf bereit.

    Schließlich schlug sie einen Haken, lief auf ihn zu.

    Wenig überraschend holte er mit dem Speer aus. Er schien ihn ihr direkt in die Brust rammen zu wollen. Sie nutzte ihre gesammelte Energie, sprang über den Speer und seinen Arm hinweg und landete auf seiner Schulter.

    Damit hatte er nicht gerechnet. Mit einem Tritt sollte sie ihn aus dem Gleichgewicht bringen können. Doch er fuhr herum. Er hob den linken Arm und gerade, als sie sich abstoßen wollte, bekam er sie zu fassen. Sie spürte, wie sich seine Hand – fast schon eine Pranke – um ihr Fußgelenk schloss.

    Dann wurde sie gen Boden geschleudert.

    Sie keuchte auf, als ihr Kreuz auf dem Sand aufschlug. Luft entwich ihrer Lunge und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Wären ihre Kräfte nicht gewesen, hätte sie sich nicht rühren können, aber so half ihr ihre Magie. Noch bevor sie sah, wusste sie, dass der Speer auf sie zusauste und schaffte es sich zur Seite zu drehen, froh, dass Crash ihr Bein losgelassen hatte.

    Die Spitze des Speers schnitt in die Seite ihres rechten Arms, verletzte aber nur Haut.

    Sie trat dahin, wo sie instinktiv wusste, dass Crash' Beine waren, zielte auf die Kniescheibe. Er stöhnte auf und sie trat nach. Dann rollte sie sich weiter, kämpfte sich wieder auf die Beine.

    Er fuhr herum, doch wieder duckte sie sich weg, während die Welt langsam wieder in den Fokus kam. Noch immer war ihr Atem flach. Ihre Schultern schmerzten und verdammt, sie gab Murphy die Schuld dafür.

    Ihr Messer lag auf dem Boden. Sie brauchte es! Also drehte sie sich, sprang dahin. Sie bekam es zu fassen, wich erneut dem Speer aus, duckte sich zur Seite und Schnitt in seinen Oberarm.

    Er zischte, schrie aber nicht, als sie erneut sprang. Dieses Mal schnitt sie in seine Schulter, ehe sie sich zu Boden fallen ließ, unter seinem Arm hinweg tauchte und hinter ihm war.

    Wieder fuhr er herum, doch dieses Mal nicht schnell genug. Sie schnitt in seine Seite.

    Die Verletzungen würden ihn nicht zu Boden gehen lassen, da machte sie sich nichts vor. Allerdings würden die Wunden ihn ablenken. Sie sollten ihn unvorsichtiger werden lassen.

    Sie wich seinem Speer erneut aus, brachte erneut Abstand zwischen sich und ihn.

    Das Rot seines Blutes wirkte auf seiner dunklen Haut beinahe Schwarz.

    Er knurrte, warf nun den Speer und zwang sie damit, wieder auszuweichen. Dieses Mal sprang sie nach vorne. Sie musste ihn wieder in ihre Distanz bekommen.

    Das war jedoch ein Fehler. Vielleicht hatte er damit gerechnet, vielleicht hatte er nur Glück. Er bekam sie zu fassen, erst an der Schulter, doch bevor sie sich seinem Griff entwinden konnte, war seine Pranke an ihrer Kehle. Er drückte sie gegen die Holzwand und das Publikum johlte.

    Verdammt. Seine Hand war groß genug, um ihren Hals fast komplett zu umfassen. Mit seiner Linken, griff nach ihrer Hand, um ihr das Messer zu entwinden.

    Sie hatte ein Problem.

    Schon spürte sie das Blut in ihren Ohren rauschen, spürte den Druck in ihrem Kopf. Sie hielt sich davon ab, nach Atem zu ringen, wusste, dass es keinen Sinn hatte.

    Er griff fester zu. Er könnte ihr Genick brechen, da war sie sich sicher.

    Sie hatte nur eine Chance.

    Halb blind und gänzlich durch ihre Instinkte geleitet, schlug sie mit dem Messer nach seiner Hand. Sie spürte Widerstand. Seine Handfläche und für einen Moment hielt seine Linke inne.

    Sie stach mit dem Messer nach seinem Arm, schnitt ins Handgelenk und trat dann aus – nach seinem Magen.

    Am Ende wusste sie nicht, was von diesen drei Dingen es war, doch für einen Moment lockerte sich sein Griff und sie schaffte es, seine Hand zu fassen zu bekommen.

    Sie ließ sich fallen, holte tief Luft.

    Dieses Mal brauchte sie zwei Sekunden um sich zu fangen. Zwei Sekunden, die er ihr nicht geben wollte. Er schlug zu, die Faust dahin gezielt, wo ihr Kopf war.

    Es waren gänzlich ihre Instinkte, die reagierten. Sie sprang an ihm vorbei, schnitt erneut. Dieses Mal hinterließ sie eine längere Wunde auf seiner Schulter.

    Dann war sie hinter ihm. Sie musste ihn zu Boden bringen oder  …

    Sie sammelte noch einmal ihre Kraft, sprang, gerade als er zu ihr herumfuhr. Wieder war sie auf ihm, doch dieses Mal nahm sie weniger Rücksicht. Er schien ein tougher Kerl zu sein, den man nicht so schnell töten konnte. Sie hoffte drauf. Also trat sie nach seinem Nacken, traf gut genug, um ihn für einen Moment zu betäuben.

    Dann landete sie, trat in seine Kniekehlen und warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen ihn.

    Endlich ging er zu Boden und sie war auf ihm. Ihre Beine positionierte sie gegen seine Schultern, um seine Bewegung besser zu kontrollieren, das Messer drückte sie gegen seine Halsschlagader.

    „Crash! Crash!“, rief das Publikum. Und: „Steh auf! Steh auf!“

    Das war ihre eine Chance. „Hör mir zu, Großer. Ich weiß von deiner Schwester, Alice. Mein Auftraggeber bietet die die Mittel an, sie ohne diesen Scheiß zu beschützen. Ich werde nachher am Swadesh warten, klar?“ Er sah sie aus den Augenwinkel an, spannte die Muskeln an und wollte sich wieder aufrichten, doch sie versetzte einen flachen Schlag gegen seinen Nacken, der ihn zumindest für zwei Minuten ausknocken sollte.

    Seine Augen schlossen sich und sie richtete sich auf. Nach einigen schweren Atemzügen marschierte sie zum Tor.

    Würde man sie gehen lassen?

    Noch immer rief das Publikum: „Steh auf!“ Nur langsam sickerte die Erkenntnis durch, dass er ausgeknockt war.

    Dann kam das Buhen.



    .

  • Seine Haut wirkte sogar für afrikanische Verhältnisse dunkel, beinahe schwarz. Sein Haar lag in Rasterzöpfen locker über seine Schultern, erinnerte an eine Mähne.

    Dem Bild nach gings, aber als ich die Beschreibung hörte, dachte ich mir, ob das nicht ein Nachteil werden könnte. Die Haare meine ich.

    Er hatte einen Köcher mit Speeren über der Schulter hängen. Pakhet zählte sieben Stück.

    Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen.

    Ungewöhnlicher Kampfstil. Speere haben auch den Nachteil, dass es Fernkampfwaffen sind und er ein leichtes Ziel ist.


    Der Vorige Kampf war thematisch interessant. Einer der Kampfstile, bei denen man nicht zu passiv sein darf, da das Matchup immer schlechter und schlechter wird, je länger man abwartet. Diablos hust.

    Also trat sie nach seinem Nacken, traf gut genug, um ihn für einen Moment zu betäuben.

    Das erinnert mich daran, wie Profi Wrestler solche Tricks einstudieren. Es ist alles nur show, aber um jemanden mit seinem ganzen Gewicht auf seinen Nacken springen zu lassen, erfordert einen immensen Grad an Disziplin.

    Das heißt, der Typ hier müsste nicht mal zwangsweise betäubt sein, je nach Training.

  • .


    [28.11.2011 – C02 – Wechsel]


    Sie saßen im Swadesh, einem indischen Pub – besser konnte Pakhet es nicht beschreiben – am Rand der Flats. Der Betreiber war Veer Dhebar, ein älterer indischer Mann, zusammen mit seiner Familie. Ein freundlicher Mann, der gerne bereit war, das ein oder andere, was er mitbekam, zu ignorieren.

    Das Essen war scharf. Der Kaffee nicht gut, dafür aber der Tee.

    Ruhi, Veers Tochter, hatte Pakhets Wunden gereinigt. Mehr Service, als sie erwartet hatte. Doch die Dhebars waren nett.

    „Glaubst du, dass er noch kommt?“, meinte Spider und schaute zur Tür.

    Mik neben ihm, hatte aus seinem Kampf eine Beule und ein blaues Auge davon getragen. Er brummte nur und nuckelte an seinem Bier.

    „Schauen wir mal.“ Murphy war bester Laune. Irgendwie hatte er es geschafft, trotz dessen, dass sie gegen die Regeln verstoßen hatte, indem sie niemanden getötet hatte, das Geld abzukassieren. 28 000 Rand hatte er aus der ganzen Sache gezogen.

    Das war eine verdammte Menge.

    „Du bist mir so etwas was Schuldig, Murphy“, grummelte sie.

    „Vierzehntausend reichen doch wohl“, meinte er.

    „Wenn du mich fragst, verdien' ich das ganze Geld.“ Sie trank einen Schluck Tee und sah zur Tür. Ihr Arm schmerzte, da die Prothese nun genau gegen die Wunde drückte, die das Wurfmesser hinterlassen hatte. Verdammt, sie wollte einfach nach Hause. Eine heiße Dusche und eine Nacht Schlaf waren gerade verführerisch.

    „Wäre ich nicht gewesen, hätten die dich umgebracht.“

    „Wärst du nicht gewesen, wäre ich nicht in der Arena fast von dem Riesen erschlagen worden.“

    „Ach, iwo, du willst mir doch nicht erzählen, dass er eine Chance gehabt hätte“, flötete Murphy glücklich. Sein Blick wanderte zum Fernseher, der über der Theke hing und irgendeinen Bullywood-Film zeigte, in dem gerade eine bunte Tanzeinlage zum besten gegeben wurde.

    Sie grummelte, beließ es dabei ihren Tee zu trinken.

    „Also falls dich das irgendwie tröstet, Pakhet“, meinte Spider, „ich fand dich da ziemlich cool. Hatte aber für einen Moment echt gedacht, der hätte dich erwischt.“ Er redete wie immer mit der Begeisterung eines Zehnjährigen.

    Mik brummte. Er schien miese Laune oder vielleicht eine Gehirnerschütterung zu haben.

    Da öffnete sich die Tür und jemand trat hindurch. Jemand großes, dessen lange Rasterlocken über seinen Schultern hingen.

    Crash trug jetzt eine echte Lederjacke mit Fellkragen – eine Pilotenjacke – dieses Mal geschlossen. Seine Hose hatte er gegen eine feste, dunkle Hose getauscht. Auch trug er nun Schuhe.

    Er wirkte misstrauisch, wütend, sah kurz zu Veer, der an den Tresen stand und hielt dann auf sie zu. Bei ihnen angekommen nahm er einen Stuhl vom Nebentisch, drehte diesen um und setzte sich breitbeinig auf ihn, stützte seine verschränkten Arme auf der Rückenlehne auf. Dann wandte er sich an Pakhet.

    Ohne ein Wort des Grußes, fragte er: „Woher weißt du von Alice?“

    „Mein Auftraggeber“, erwiderte sie.

    „Für wen arbeitest du?“

    „Ich bin Söldnerin und arbeite für einen Mann namens Smith“, entgegnete sie. „Wir arbeiten in einer Art Söldnerei-Firma. Denk dir Privatsicherheit.“

    „Woher weiß dieser Smith von mir oder Alice?“ Seine Stimme war tief, vibrierte Gefährlich.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Smith hat dich kämpfen sehen. Er denkt, dass deine Talente woanders besser angebracht sind. Und dass du anders Alice besser beschützen könntest. Ich weiß nicht, wie er über sie herausgefunden hat.“

    Crash brummte missmutig. „Ich arbeite nicht für jemanden, dessen Gesicht ich nicht kenne.“

    „Vielleicht willst du dir das überlegen, mein Lieber“, meinte Murphy und fischte einen Umschlag aus dem Inneren seiner Jacke hervor. Er schob ihn Crash hin. „Das ist das Angebot.“

    Crash, der sicher drei Köpfe größer als der Junge in dieser Gestalt war, blickte ihn abschätzig an. „Und wer bist du?“

    „Mein Name ist Murphy.“ Er grinste breit und schob aufdringlich den Brief noch weiter über den Tisch auf Crash zu. „Das ist das Angebot. Du kannst doch lesen, oder?“

    Crash brummte und nahm den Briefumschlag. Für einen Moment schien es, als wollte er ihn zerreißen, ehe er ihn jedoch öffnete und den eigentlichen Brief entfaltete. Seine Augen flogen über die Zeilen.

    „Also, ganz ehrlich“, meinte Murphy dabei, „wenn ich du wäre, würde ich das Angebot annehmen. Gerade wenn du eine Schwester hast, hinter der die halbe Mafia her ist. Denn einmal ganz unter uns, hätte Pakhet es wirklich darauf angelegt, hätte sie dich töten können und das weißt du selbst. Es wäre nicht einmal ein so langer Kampf gewesen, mein Lieber. Du hast nur Glück, dass sie so ehrenhaft ist und  …“

    „Kannst du nicht mal das Maul halten, Pimpf?“, grummelte Crash und warf ihn einen vernichtenen Blick zu.

    „Alles was ich sage ist  …“

    „Murphy.“ Pakhet schenkte dem Jungen einen warnenden Blick. „Versuch einmal, Leuten weniger  …“ Sie schüttelte den Kopf. „Denn wenn wir einmal ehrlich sind, könnte ich dir das Geld auch einfach abnehmen.“

    Er streckte ihr in einer gänzlich kindischen Geste die Zunge heraus, verdrehte dramatisch die Augen und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück, wippte mit dem Stuhl vor und zurück.

    Schließlich legte Crash den Brief auf den Tisch und musterte Pakhet.

    Sie merkte, dass er ihr in die Augen sehen wollte, und erwiderte den Blick eisern. Er war offenbar die Art Mann, der wissen wollte, mit wem er es zu tun hatte.

    „Was bist du?“, fragte er. „Du bist kein normaler Mensch.“

    „Latente magische Begabung. Ich bin kräftiger und schneller als die meisten Menschen. Nicht mehr.“

    Er brummte eine Bestätigung, dass er verstand.

    „Du bist ein Gestaltwandler?“

    Seine Augenbrauen schoben sich zusammen, dann aber brummte er erneut, deutete ein Nicken an.

    „Was?“

    „Büffel.“

    Sie hob die Augenbrauen. Einen Büffelgestaltwandler traf man selbst hier selten. Werwölfe und -ratten waren diejenigen, die sich beinahe überall verbreitet hatten. Ab und an traf man hier in der Gegend auch noch Hyänen, Löwen oder Leoparden. Doch Büffel, Elefanten und die anderen Tiere der Savanne waren selten.

    „Was sagst du zum Angebot?“, fragte sie schließlich.

    „Was für ein Mann ist dieser Smith?“

    „Er ist in Ordnung“, erwiderte sie. „Aufrichtig. Er steht zu seinem Wort. Ich will dich dennoch vor Michael warnen.“

    „Wer ist das?“

    „Der eigentliche Inhaber unserer 'Firma'.“ Sie seufzte. „Er ist berechnend. Eine echte Schlange.“

    „Warum sagst du mir das?“

    „Weil du jemand zu sein scheinst, dem Ehrlichkeit viel bedeutet.“

    Wieder brummte er. Ohne zu fragen griff er nach Murphys Teller, auf dem noch immer einige Tandoori-Hühnchenstücke und zwei Naan lagen.

    „Hey“, protestierte Murphy, erntete von dem Hühnen jedoch nur einen herausfordernden Blick, der Murphy dazu brachte, sich wieder mit verschränkten Armen in den Stuhl fallen zu lassen.

    Während er aß, herrschte Stille, ehe es Spider war, der sich nicht mehr beherrschen konnte: „Darf ich anmerken, dass die Speere 'ne coole Sache finde?“

    Wieder brummte Crash nur, während er aß. Er schluckte. „Und ihr seid?“

    „Ich bin Spider und das ist Mik.“

    Crash musterte Mik. „Der sollte sich hinlegen.“ Er grinste verschlagen und sah dann zu Pakhet. „Kann ich diesen Smith persönlich treffen? Ich mag es nicht, Geschäfte mit Boten abzuschließen.“

    Pakhet nickte. „Ich denke, dass lässt sich einrichten.“ Für jemand, der sie beinahe umgebracht hatte, war er in Ordnung. Wenn sie sich nur nicht täuschte  …



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  • Jain. Tatsächlich sind gute Speere sowohl als Wurf-, als auch als Nahkampfwaffen geeignet. Das macht sie so beliebt. Sie waren nicht umsonst eine der einflussreichsten Waffenarten der Menschheitsgeschichte.

    Ja, in der antiken Kriegsführung waren sie so effizient, dass sie die meiste Zeit sogar Schwerter übertrumpften.

    Allerdings in einem eins gegen eins Szenario, auf geringer Distanz, als Wurfspeer, finde ich die Waffe weniger sinnvoll.

    Sie kann auch schnell gegen ihn benutzt werden. Und einen neuen aus dem Köcher, oder was er benutzte zu ziehen dauert.

    Deshalb hatten die Römer kurze Schwerter, weil diese für Gegner am Boden gedacht waren und so schneller griffbereit waren.

    Eine heiße Dusche und eine Nacht Schlaf waren gerade verführerisch.

    Na ja, mit einer vermutlich brennenden Wunde, dürfte heißes Wasser mehr ein Kompromiss zwischen angenehm und unangenehm sein.

    Bullywood-Film zeigte, in dem gerade eine bunte Tanzeinlage zum besten gegeben wurde.

    Sie grummelte, beließ es dabei ihren Tee zu trinken.

    Bollywood, oder?


    Sieht so aus, als sei der neue Typ Teil der Maincrew. Welchen Namen er sich wohl aussucht.

    Seine Tierpower ist ganz nett, frage mich, was daraus wird.