MOSAIK

  • Hier der nächste Batch. Das Kapitel danach kommt, da es eins der längeren ist, in einen eigenen Beitrag. ;)


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    [21.07.2011 – M10 – Gegengifte]


    Es war zwei Stunden später, dass sie im Krankenhaus ankamen.

    Im Krankenhaus selbst schien Betrieb zu herrschen, doch die üblichen Goons, die die Straßenklinik bewachten, waren nicht da. Es musste sie auch nicht interessieren.

    Mittlerweile kannte sie den Code, um die Tür zur Straßenklinik zu öffnen, was ein Glück war. Sie wollte den Jungen nicht zur Zentrale nehmen – nun, da er nicht mehr da arbeite. Michael würde versuchen, ihm einen Strick daraus zu drehen. Darum wettete sie. Nein, viel eher würde er versuchen, ihr diesen Strick zu drehen, weil er es liebte, Macht über sie zu haben.

    Allerdings hieß eine abgeschlossene Klinik, dass Heidenstein nicht da war.

    Nun gut. Sie wusste selbst genug, um Murphy notzuversorgen. Sie hatte seine Wunde bereits ausgewaschen und mit einem feuchten Tuch umwickelt, auch wenn es Murphy in der letzten Stunde zusehens schlechter gegangen war. Er war blass und wackelig auf den Beinen, lehnte aktuell mehr gegen sie, als dass er selbst lief.

    „Komm“, meinte sie.

    „Warum kommst du hier rein?“, lallte Murphy müde, während das Licht im Flur anging.

    „Weil der Doc ein Idiot ist“, erwiderte sie. Sonst hätte er ihr die Codes nicht gegeben. Aber das er ein Idiot war, hatten sie bereits ausgiebig etabliert.

    Sie brachte Murphy zum Bad, in dem es auch eine geräumige Dusche gab. Hier schob sie ihm einen Duschhocker hin. „Wasch dich ordentlich, ja?“, wies sie ihn an. „Ich versuche den Doc zu finden.“

    Oh, was hätte sie darum gegeben, selbst zu duschen?

    „Hilfst du mir?“, fragte Murphy.

    Sie betrachtete ihn. Sie war sich nicht sicher, ob er Hilfe brauchte. Wahrscheinlich. Doch ihr war unwohl dabei, ihn anzufassen. „Versuch es so, ja?“

    Sie war keine Ärztin.

    Schnell machte sie sich daran, ihre Arme zu ausgiebig zu waschen. Sie hatte ihre dreckige Jacke erst einmal im Wagen gelassen, der nun nach einer unangenehmen Mischung aus Kanalisation und faulen Eiern stank.

    „Okay“, murmelte Murphy.

    Sie lächelte, und verließ den Raum.

    Draußen vor der Tür wartend, holte sie ihr Handy heraus, wählte Heidensteins Nummer. Wo war er überhaupt abgeblieben?

    Freizeichen. Freizeichen. Freizeichen. Mailbox.

    „Fuck“, zischte sie. Wo war Heidenstein?

    Konnte sie Murphy allein lassen, ohne dass er umkippte, und in der Dusche ertrank? Warum war sie jetzt ausgerechnet in dieser Situation?

    Ach, verdammt. Schnellen Schrittes eilte sie zu den Aufzügen, fuhr nach oben hinauf, öffnete seine Wohnungstür. Das improvisierte Apartment war dunkel und leer.

    Also wieder runter, wo sie Murphy dankbarerweise mit einem Handtuch um die Hüfte auf dem Toilettendeckel des Bads sitzen fand.

    „Wo ist der Doc?“, fragte er matt.

    „Weiß ich auch nicht. Aber ich kümmer‘ mich erst mal um dich.“ Auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie man mit Feengift umging.

    Dennoch. Wenn man sonst nicht weiterwusste, half es Symptome zu behandeln. Etwas Flüssigkeit intravenös zuzuführen würde sicher nicht schaden. Zumindest wusste sie, dass das Zeug durch Flüssigkeit nicht aggressiver wurde. Und sie konnte die Wunde am Bein ordentlich behandeln, noch einmal desinfizieren und wenn nötig nähen.

    „Weißt du überhaupt, was du da machst?“, fragte Murphy, als er seitlich auf der Liege lag. Pakhet hatte auf stabile Seitenlage bestanden.

    „Ich weiß genug, um das nötigste zu tun“, meinte sie. Sie hatte ihm, als sie den Katheter gelegt hatte, auch Blut abgenommen. Es blieb zu hoffen, dass es Heidenstein half, wenn er zurückkam.

    Ausnahmsweise war es Murphy, der dazu nur brummte und die Augen schloss. Ihm schien schwindelig zu sein.

    So arbeitete sie weiter daran, die Wunde zu versorgen, bis endlich weitere Schritte im Flur zu hören waren. Sie kannte diesen Gang. Das war Heidenstein.

    Erleichtert atmete sie auf und sah in den Flur hinaus. „Doc!“

    Auch Heidenstein war nicht in bester Verfassung. Er blutete aus einer Wunde am Kopf – zum Glück nicht zu stark – wirkte blass und matt. Auch hielt er seine Schulter seltsam, als wäre sie verletzt. Großartig.

    „Was ist mit dir passiert?“

    „Nur ein kleiner Auftrag“, murmelte er und schürzte die Lippen.

    „Ein Auftrag, eh?“ Oh, verdammt.

    „Was machst du hier?“, fragte er. Mit „hier“ schien er „in einem Behandlungsraum“ zu meinen.

    „Murphy“, erklärte Pakhet kurz angebunden. „In der Anderswelt hat ihn ein giftiger Geist erwischt. Ich hatte eigentlich gehofft, du könntest ihm helfen, aber …“

    Heidenstein nickte und lächelte sie an, auch wenn sein Lächeln müde ausfiel. „Ich kümmer mich drum. Lass mich nur kurz die Wunde auswaschen.“

    „Du …“, setzte sie an, doch er schüttelte den Kopf, ging an ihr vorbei, klopfte ihr dabei auf die Schulter.

    „Dafür bin ich da, Pakhet.“ Er hielt kurz inne, um sie zu mustern. „Du riechst übrigens bezaubernd.“ Er lächelte und brachte sie dazu, die Augen zu verdrehen.

    Sobald sie sicher war, dass Murphy nicht mehr kurz vor einem Gifttod stand, würde sie sich eine lange und ausnahmsweise heiße Dusche gönnen.



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    [21.07.2011 – D18 – KO]


    Als Pakhet aus der Dusche kam, fand sie Heidenstein zusammengesunken auf dem Sofa wieder.

    Besorgt ging sie zu ihm rüber, stupste ihn an. „Doc?“

    Sie hatte seine Kopfwunde, die dankbarerweise nicht mehr als ein Kratzer war, versorgt. Mehr hatte sie nicht tun können, da seine Schulter nur geprellt war. Nun machte er ihr Sorgen. Hatte er eine Gehirnerschütterung?

    Er blinzelte sie an. „Was?“, nuschelte er.

    Sie seufzte. Wahrscheinlich war er nur erschöpft. „Ich bring dich ins Bett, ja?“ Damit schob sie seinen Arm über ihre Schulter, half ihm aufzustehen. Er torkelte neben ihr her, schien aber halb zu schlafen. Was sollte es sie stören?

    Sie brachte ihn zu seinem Bett und legte ihn darauf ab. Er trug noch immer seine Hose, doch sie würde sie ihm sicher nicht ausziehen. Dankbarerweise hatte er zumindest seine Schuhe zuvor ausgezogen, als er in die Wohnung gekommen war.

    Wieder sank er in sich zusammen und sie schob ihn etwas weiter aufs Bett. Kurz nahm sie seine Hand, um seinen Puls zu fühlen. Er war niedrig, aber nicht kritisch.

    Mit einem weiteren Seufzen ließ sich auf den Rand des Bettes sinken. „Idiot“, flüsterte sie und musterte ihn.

    Sie brauchte einige Sekunden, um zu bemerken, was sie da tat. Es blieb eine Frage: Warum? Der Idiot schaffte es immer wieder, sie aus der Fassung zu bringen.

    Sie schüttelte den Kopf, ärgerte sich über sich selbst. Dann stand sie auf und verließ das Zimmer.

    Sie wusste bereits, dass sie heute Nacht nicht mehr in ihr Haus zurückkehren würde. Das hieß, sie würde am nächsten Morgen packen müssen. Daran konnte man nichts mehr ändern. Sie durfte Heidenstein und Murphy, der im Krankenraum der Straßenklinik lag, nicht allein lassen.

    Missmutig löste sie ihre Prothese und brachte sie in das Gästezimmer, wo sie für den Notfall – oder eher Momente wie diesen – mittlerweile ein Ersatzladegerät lagerte. All das sollte ihr eigentlich Gedanken machen.

    Warum war sie hier? Warum vertraute sie ihm? Warum sorgte sie sich um ihn? Das alles war dumm, es war schwach, es war nicht sie, und doch …

    Er war ein Freund. Ein Idiot, aber ein Freund. Er war ehrlich, aufrichtig, alles Dinge, die sie zu schätzen wusste.

    Und vielleicht brauchte sie einen Freund. Einen Freund, der anders als Robert, wusste, wie ihr Alltag aussah und die Augen nicht davor verschloss. Egal, was Michael sagte. Michael, der sich darüber lustig machen würde, der ihr eventuell wieder drohen würde. Michael  …

    Sie verdrängte den Gedanken, kehrte ins Wohnzimmer zurück, setzte sich auf die Couch. Sie trug mittlerweile eine graue Jogginghose und ein schwarzes Tanktop, wie meistens, wenn sie daheim war. Dabei war sie nicht zuhause.

    Darüber sollte sie nicht weiter nachdenken. Stattdessen schaltete sie den Fernseher an, zappte durch das Programm und verblieb schließlich bei einer Doku über die Antarktis. Warum auch nicht? Dokus waren meistens ihr liebstes Programm, da es am besten vermochte, sie von Denken über andere Dinge abzuhalten.

    Vielleicht sollte sie sich noch einen Kaffee machen. Vielleicht sollte sie etwas essen. Vielleicht sollte sie früh schlafen.

    Doch sie blieb sitzen, sah weiter die Doku, entspannte sich. Der Dokukanal kündigte an, mit einer weiteren Dokumentation über seltene Vögel in Neuseeland fortzufahren. Auch okay.

    Kurz stand sie auf, ging in die Küche. Im Kühlschrank fand sie Salat. Besser als nichts. Sie bereitete sich eine Schüssel, kehrte damit und mit zwei getoasteten Broten auf das Sofa zurück.

    Urlaub war ein wunderbares Gefühl.

    Ihre Augen waren auf den Blickschirm fixiert, während die beruhigende Stimme eines britischen Sprechers begann über flugloses Geflügel auf der Südhalbkugel zu berichten.

    Dann klingelte ihr Handy.

    Sie fluchte leise. Was auch immer es war, sie hatte frei. Sie konnte es ignorieren. Es war ohnehin nur eine Nachricht.

    Nicht nur eine. Das Handy klingelte noch einmal. Dann noch einmal. Dann wieder. Wieder. Wieder.

    Sie stöhnte genervt und sprang auf, nahm das Handy vom Glastisch und blickte drauf. Die Nachrichten waren von Spider. Was auch immer er von ihr wollte!

    Sie sah drauf: „Hilfe“, stand in der ersten. „Ich habe Problem.“ – „Pakhet? Kannst du kommen. Ich bin irgendwo bei Lynnedoch.“ – Irgendwo? – „Bitte. Ich glaub, die wollen mich in einen Zombie verwandeln?“ Zombies? Wirklich? „Bitte, Pakhet. Komm.“

    Sie konnte einfach sagen, sie hatte sie nicht gesehen. Spider war nicht mehr ihre Verantwortung. Es konnte ihr egal sein. Ja, es konnte … Und doch war es das nicht.

    Was war nur aus ihrem Leben geworden?

    Sie sollte Smith die Schuld für all das geben.


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    [21.07.2011 – T04 – Zombiezug]


    „Wo bist du denn?“, schnauzte Pakhet in ihr Handy, während es schwer war, am anderen Ende der Leitung irgendetwas zu verstehen.

    „Ich weiß es nicht“, klagte Spider. „Nicht mehr in der Stadt.“

    „Wieso bist du denn in den Zug eingestiegen?“

    „Ich wollte nach Hause.“ Es klang, als würde er weinen. „Ihr müsst schnell kommen. Ich habe mich in einem Abteil eingeschlossen.“

    Pakhet stöhnte und schüttelte den Kopf. Sie konnte ihn einfach hängen lassen. Er war nicht länger ihre Verantwortung, verdammt. Noch weniger war er Heidensteins Verantwortung. Doch was sollte sie denn tun?

    Sie hasste es und doch saß sie im Wagen. „Okay, durch welchen Bahnhof bist du zuletzt gekommen?“

    „Ich weiß es doch nicht. Wir fahren landeinwärts.“

    „Und du bist dir sicher, dass es Zombies sind?“

    „Ja.“

    Pakhet schüttelte den Kopf. Zombiezüge. Sie hatte davon gehört. Ja, sie hatte davon gehört. Aber es war nur eine urbane Legende. Nichts, das sie normalerweise ernst genommen hätte. Von allem, was sie wusste, hing es noch mit der Kolonialzeit zusammen. Halt nur eine Legende. Eine Warnung nicht in Züge zu steigen. Nichts, was echte Zombies beinhaltet hätte!

    Aber natürlich musste Spider sie eines besseren belehren.

    „Versuch auf das Dach des Zuges zu kommen, hörst du? Du bist doch so ein Kletteraffe.“

    Stille. Rauschen im Hintergrund. „Ich versuch's“, wimmerte Spider schließlich.

    „Gut. Wir versuchen dich zu finden.“ Was ein wahrscheinlich unmögliches Unterfangen wäre. Dennoch legte sie auf. Sie brauchte eigentlich einen Zauber. Einen Zauber oder Murphy. Vogelperspektive wäre jetzt sicher praktisch. Doch was wollte sie tun? Sie konnte diese Dinge nicht herzaubern. Also musste sie sich mit dem zufriedengeben, was sie hatte.

    Sie sah zu Heidenstein. Er war blass. Unglaublich blass. Eigentlich sollte er liegen, sollte er schlafen. Aber ganz ohne ihn, ganz ohne magische Unterstützung?

    Er ahnte, was sie dachte. „Mach dir um mich keine Sorgen. Wir holen ihn daraus.“

    Sie schürzte die Lippen, konzentrierte sich auf die Straße. Sie war auf der M2 unterwegs. Sie musste irgendwann abbiegen. Es wäre verdammt hilfreich zu wissen, wo zur Hölle Spider überhaupt war. So konnten sie nur raten. Wenn sie dazu einberechnete, dass Züge schneller unterwegs waren, als Autos, waren ihre Chancen schlecht.

    Na ja. Vielleicht auch nicht. Ein Zombiezug wäre keine moderne E-Lokomotive, oder? Vielleicht hatten sie Glück, hatten es mit einer Dampflok zu tun. Damit konnten sie aufholen.

    „Du solltest im Bett liegen“, murrte sie Heidenstein zu. „Ich fühle mich außerdem nicht sehr wohl, dich in die Nähe von Zombies zu lassen.“

    „Solange du keine Granaten wirfst, wird schon alles okay sein.“ Ein mattes Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht.

    „Da hast du aber Glück, dass ich keine Granaten bei mir habe.“ Mit ihrem magischen Auge musterte sie den Horizont in der Hoffnung irgendeinen Hinweis zu entdecken, irgendetwas, das ihr verriet wo dieser spezielle Idiot nun gerade war.

    Stattdessen klingelte ihr Handy. Dieses Mal nicht Spider. Es war Mik.

    Großartig. Sie drückte die Freisprech-Taste. „Was gibt es?“

    „Ich bin auch auf der Suche nach Spider. Ich glaube, ich habe eine Ahnung, wo der Zug langfahren könnte.“

    „Und woher nimmst du diese Idee?“

    „Vom Schienennetzplan“, erwiderte Mik.

    Heidenstein sah zu ihr. „Gerade heraus, dass musst du ihm lassen.“

    Aber da konnte nicht einfach ein Zombiezug langfahren. „Mik. Ich glaube nicht, dass die auf einem üblichen Personenverkehrsnetz fahren.“

    „Ja, aber auf den alten Güterschienen schon“, erwiderte Mik. „Das ist auch Teil der Legende.“

    „Der Urban Legend?“

    „Genau.“

    Fuck. War besser als einfach wild raten. „Okay. Wohin fahren wir?“

    „M1. Versuch auf die M1 zu kommen.“

    Großartig. Die war von hier aus ein ganzes Stück weiter nördlich und sie fuhr den verdammten klapprigen und noch immer stinkenden Teamvan. „Okay.“

    „Gut.“

    Sie legte auf, schüttelte den Kopf und fluchte leise vor sich hin.

    Worauf hatte sie sich da eingelassen? Sie drückte das Glaspedal durch, bemüht das missmutige Brummen des Motors zu ignorieren. Das würden sie nicht allzu lange durchziehen können.


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    [22.07.2011 – T05 – Mutizauber]


    Da waren die Schienen – aber wo war der Zug? Das war ohnehin die zentrale Frage. Wenn sie Glück hatten, konnte Spider einfach abspringen. Dann wäre alles okay.

    Ein Motorrad stand am Rand der Schienen, die sich mitten durch die Savanne und die umliegende Hügellandschaft zogen. Mik saß da, hatte ein Fernglas gehoben, sah aber nicht hindurch. Wahrscheinlich war seine Nachtsicht nicht gut genug dafür.

    „Irgendeine Ahnung, wo dein Bruder ist?“, fragte Pakhet, als sie den Wagen anhielt.

    Er sah sich zu ihnen um, schüttelte den Kopf.

    Großartig. Wenn Spider überhaupt die Wahrheit gesagt hatte, hatten sie doch keine Möglichkeit herauszufinden, wo er war.

    Sie sah sich um. Knappe dreihundert Meter weiter östlich erhob sich eine Felsenformation schwarz gegen den Nachthimmel. Es war hoch genug, dass man zumindest Lichtquellen im Umkreis ausmachen konnte.

    „Ich gehe einmal nachschauen“, meinte sie. Mit einem letzten besorgten Blick auf Heidenstein sprintete sie hinüber, sammelte ihre Energie, wohl wissend, dass ihre Reserven für heute sich deutlich dem Ende neigten, sprang und landete auf einem der Felsen. Von dort erreichte sie mit einem weiteren Sprung auf dem nächst höheren Fels. Es verbrauchte das, was ein Magier wohl als Mana oder was auch immer bezeichnet hätte, doch war es immer noch gegenüber Klettern zu bevorzugen.

    Am Ende war sie vielleicht fünfzehn oder zwangzig Meter hoch. Nicht nennenswert, aber besser als nichts.

    Das rechte Augen geschlossen sah sie sich um, schaute sowohl in Richtung Osten, als auch nach Südwesten.

    Tatsächlich. Es war kein Licht, dass sie entdeckte, aber eine Dampfwolke, die in die Luft schoss. Also tatsächlich eine Dampflock?

    Nun schloss sie die Augen ganz. Tatsächlich. Sie konnte es hören. Das regelmäßige Schnaufen der Kolben, ein leichtes Pfeifen. Noch war der Zug ein ganzes Stück entfernt.

    Ach, diese Geschichte war doch verrückt. Wohin fuhr der Zug überhaupt? Kam die Geschichte nicht eigentlich aus Joburg? Fuhr der Zug nach Joburg? Dem Ursprung nach müsste er zu den Höfen fahren oder zum Hafen. Oder war er vielleicht unterwegs in die Anderswelt oder den Astralraum? Wenn ja hatten sie wahrscheinlich Glück ihn noch zu erwischen.

    Sie hob das Handy ans Ohr, wählte Spiders Nummer.

    Keine Antwort. Nicht einmal ein Freizeichen. Das Handy war aus.

    Leise fluchte sie. Sie ahnte, was das bedeutete.

    „Siehst du etwas?“, rief Mik von unten. Er war zum Rand der Felsen gelaufen.

    „Ja. Noch knapp zwei Minuten, bis sie hier sind.“ Scheiße.

    Sie kam auf den Zug. Sie wollte nur nicht auf den Zug. Sie wollte definitiv nicht auf einen Zug mit Zombies und einer Muti- oder Voodoo-Hexe oder was auch immer das war. Sie hasste Magie, die sie nicht einschätzen konnte. Sie hasste Zombies.

    „Doc. Nimm den Wagen. Versuch den Schienen zu folgen“, rief sie.

    „Bist du dir sicher?“, fragte er.

    „Ja.“ Sie sah zur Dampfwolke hinüber. Ach, sie hatte keine Chance. „Mik. Komm hoch.“

    Sie sprang auf den fünf Meter hohen Felsen hinab, machte sich bereit. Von hier aus sollte sie am leichtesten auf den Zug kommen. Irgendwie ahnte sie, dass dieser nicht für sie halten würde.

    Ächzend und stöhnend kraxelte Mik den Felsen hinauf.

    Sie streckte ihm die Prothese entgegen, um ihn das letzte Stück hinaufzuziehen.

    Unsicher blickte er sie von der Seite an. „Danke, dass du das machst, Pakhet.“

    Sie schüttelte den Kopf. „Ich hoffe nur, dass dein Bruder noch am Leben ist.“ Warum versuchte sie das hier überhaupt? Sie sollte eigentlich schlafen, sich mental auf ihren Urlaub vorbereiten. Sie wollte nicht vor ihrem Urlaub sterben!

    Das Pfeifen und Rauschen des Zuges kam näher, während sich der Kombi unten in Bewegung setzte. Hoffentlich kamen sie herunter.

    Nun konnte sie auch den Zug sehen. Eine Dampflok, einen Versorgungswagen, drei Wagons, die aussahen, als wären sie aus einem Museum entführt worden. Alte, hölzerne Wagen, die in einem Wild-West-Film besser aufgehoben wären. Inklusive der wunderbaren Zierden: Die Fenster waren mit Holzbrettern zugenagelt.

    „Bereit?“, fragte sie Mik und griff ihn. Sie vertraute seiner Sprungkraft nicht.

    Er antwortete nicht, doch interpretierte sie den Mangel an Protest als ein „Ja“.

    Also spannte sie die Beine an, sah auf den Zug. Versorgungswagen wäre ein guter Anfang. So wären sie sicher, dass ihnen niemand in den Rücken fiel.

    Innerlich zählte sie bis zehn. Der Zug war knapp unter ihnen. Dann sprang sie. Kurz rauschten sie durch die warme Dampfwolke, dann landeten sie hart in dem halbleeren Kohlewagen.

    Mik schrie beim Sturz, rollte zur Seite. Sein Atem war kurz und angebunden, als er an sich hinabsah, sich abtastete.

    „Sei ruhig“, zischte sie und lief zum Rand. Sie sprang auf die Abgrenzung des Waggons und sah zur Lokomotive. Da waren zwei Gestalten, deutlich vor dem Feuer des Motors zu sehen. Wenn das Feuer nicht erhalten blieb, sollte der Zug irgendwann stoppen, oder?

    Eine der Gestalten sah sich zu ihnen um. Eingefallene Augen, blässliche Haut, der Blick leer und starrend. Zombie schien gar nicht mal so unwahrscheinlich. Zombie oder Junkie. Doch wer ließ einen Junkie einen Zug steuern?

    Zombie also wirklich?

    Scheiße.

    Sie zog ihre Waffe, sprang auf das Verbindungsstück zwischen Wagen und Lok, schoss. Vier Mal.

    Sie traf die Zombies in die Köpfe. Filmklischee, definitiv, doch manchmal war es besser etwas auf Klischees zu geben. Überraschend häufig funktionierten magische Dinge so, wie normale Leute glaubten, dass sie funktionierten.

    „Was jetzt?“, hauchte Mik.

    „Jetzt suchen wir deinen Bruder.“ Sie sprang wieder in den Kohlewagen. Mittlerweile bedeckte eine dünne Schicht aus schwarzem Staub ihren Körper.

    Dann lief sie zum hinteren Ende, sprang auch hier auf den Rand des Wagens.

    Was als nächstes geschah, hätte sie nicht vorhersehen können. Denn im nächsten Augenblick war jemand hinter ihr. Purer Instinkt erlaubte ihr, das Messer mit der Prothese abzuwehren.

    Sie sprang nach vorne, landete beim Eingang des ersten Wagons und sah sich um. Da war eine dunkel gekleidete Gestalt. Ohne den Anflug von Unsicherheit balancierte diese auf der metallenen Wand des Kohlewagens und folgte Pakhet so, das Messer in der Hand.

    Schon hob Pakhet ihre eigene Waffe, als die Gestalt verschwand.

    Magie. Böse Magie, wie Crash gesagt hätte. Scheiße.

    Das hier war definitiv nicht die Art von Mission, die sie gerne gemacht hätte – und sie wurde nicht bezahlt.

    „Spider?“, rief sie. „Spider? Wo bist du, Trottel?“

    Keine Antwort.

    Großartig.

    Ein Instinkt sagte ihr, dass er im letzten Wagon wäre, aber wenn sie nachschauen wollten, dann mussten sie jeden der Wagons überprüfen, oder?

    Sie konnten auch hinten anfangen, was ihnen dann aber doch das Problem mit Zombies im Rücken bringen würde.

    Dabei hatte sie bei weitem nicht genug Munition dabei, um sich mit einer ganzen Armee Zombies anzulegen. Gerade einmal vierzig Schuss, vier hatte sie schon verbraucht. Zombies waren für Magier ziemlich billig, anders als richtige Zauber.

    Also …

    Zombies im Rücken.

    „Mik. Komm“, kommandierte sie und sprang, zog sich am Dach des Wagons in die Luft. Die Anstrengung ließ ihren Kopf schmerzen.

    Er kam keuchend aus dem Kohlewagon emporgeklettert. Er sah ungläubig zu ihr, balancierte dann aber über das Verbindungsstück und ließ sich auf das Dach ziehen.

    Dampfzüge hatten den Vorteil nicht zu schnell zu sein. Hier oben konnte man vernünftig laufen. Der Fahrtwind reichte nicht aus, um einen von ihnen von Bord zu werfen. Also rannte sie.

    Da hinten, etwa fünfzig Meter von den Gleisen entfernt fuhr der Wagen. Heidenstein. Gut. Hoffentlich schaffte er es. Noch immer sorgte sie sich um ihn. Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein, wenn ihm was passierte. Zumindest hatte sie Murphy nicht mit hineingezogen.

    Also rannte sie hinüber, sprang zum zweiten Wagon. Vorsichtig ging sie in die Knie, krabbelte zum Rand, als ihr etwas einfiel. Ihr bester Tipp war, dass Spider hier versucht hatte, aufs Dach zu kommen. Da unten waren die Bretter, die die Zugfenster versperrten, zerbrochen.

    Noch einmal versuchte sie es. „Spider? Hey. Spider? Trottel?“

    Doch was aus dem Fenster schaute, war kein Spider, sondern nur ein weiterer Zombie und leider war auch dieser Zombie nicht von der langsamen Variante.

    Pakhet stolperte zurück, als der Untote sich mit unnatürlicher Eleganz auf das Dach schwang. Dann feuerte sie und das Biest flog vom Dach hinab.

    „Pakhet?“, rief Mik kleinlaut.

    Natürlich. Weitere Zombies.

    „Du hast eine Waffe. Nutz' sie, Idiot.“ Rasch sah sie sich um. Es waren nicht viele Zombies. Gerade einmal sechs Stück. Zeit Munition zu sparen.

    Während sie den nächsten erschoss, sprintete sie auf die beiden zu, die aus Richtung der hinteren Waggons kamen, ging leicht in die Hocke und trat dem einen gegen das Knie. Zumindest war die Anatomie von Zombies dieselbe wie bei Menschen und es galt: Ohne Kniescheiben lief es sich schlecht. Der Zombie knickte ein, während der andere nach ihr griff.

    Ganz wie geplant war das nicht. Sie hatte gehofft, den ersten Zombie vom Zug kicken zu können, doch offenbar war es ihr nicht gegönnt.

    Da klammerten sich eisige Hände von hinten um ihre Schultern, rissen sie zurück.

    Panik kroch in ihrer Kehle hoch. Nein. Dafür hatte sie keine Zeit. Sie kickte nach hinten, kickte gegen das Schienbein, brachte den Zombie aus dem Gleichgewicht und nutzte einen Wurf, um das Biest vom Zug zu werfen.

    Dann schoss sie auf die anderen beiden.

    „Ich weiß, wen ich bei einer Zombieapokalypse anrufe“, murmelte Mik, als er sich neben sie stellte. Er blutete aus einer Wunde am Hals. Seine Stimme war ungewöhnlich hoch.

    „Wirklich? Zeit für dumme Sprüche?“

    „Ich habe Schiss, man“, erwiderte er. „Ich versuche mich abzulenken, okay?“

    Sie zuckte mit den Schultern. „Okay.“

    Noch 32 Schuss.

    Sie sprang auf das letzte Verbindungsstück. Noch immer wusste sie nicht, was sie hier überhaupt tat. Richtig gearscht wäre sie, würden sie wirklich in der Anderswelt enden. Dann würde das mit ihrem Urlaub wirklich nichts mehr werden.

    Mit einem Tritt bekam sie die Tür auf. Das Schloss war nicht besonders stabil. Wieder fragte sie sich, warum sie sich überhaupt die Mühe machte. Sie war nicht länger für Spider verantwortlich. Sie musste es nicht tun. Aber es war das Richtige.

    Wahrscheinlich hatte Michael Recht: Heidenstein färbte auf sie ab.

    Da waren Zombies. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass es einmal Menschen gewesen waren. Sie wusste nicht, wie viel von den Menschen noch irgendwo da drin war. Sie wollte es auch nicht wissen.

    Die Körper waren ausgemergelt, teilweise mit Kalk bedeckt. Tradition wahren, hmm?

    „Kun!“, rief Mik, als sie reinkamen.

    Der Wagon hatte traditionelle Abteile an den Seiten. Jemand hämmerte gegen die Wand von einem.

    Ja, spätestens jetzt wünschte sie sich wirklich eine Granate. Heidenstein war auch nicht hier. Beste Möglichkeit für eine Granate.

    So hob sie nur ihre Waffe, um auf den ersten Zombie zu zielen, als jemand sie nach hinten riss.

    Alles geschah zu schnell. Sie dachte nicht nach, handelte gänzlich instinktgesteuert.

    Schüsse erklangen aus dem Inneren des Wagens – wohl Mik – während sie automatisch nach dem rostigen Geländer der Wagenplattform griff und dabei ihre Waffe verlor. Ihre Füße fanden Halt, noch bevor ihr Gehirn verstand, was geschehen war. Dann erkannte sie die Gestalt der in schwarz gekleideten Frau und das Messer.

    Ein Instinkt ließ sie das Geländer mit ihrer eigentlichen Hand loslassen, bevor das Messer dort auf das Metall schlug. Funken stoben.

    Ihre Prothese verlor den Halt. Sie rutschte und der Fahrtwind drohte sie mit sich zu reißen. Wenn man sich nur mit Metall an Metall festhielt, konnten auch vierzig km/h zu schnell sein.

    Sie verlor den Halt, wäre beinahe vom Zug gestürzt. Beim aktuellen Tempo hätte es sie wahrscheinlich nicht getötet, aber wenigstens schmerzhaft verletzt. Dankbarerweise schaffte sie es, den Fuß in eine Querstrebe zu stecken, sich an der Stange, die diese alten Wagons am Rand hatten hochzuziehen.

    Noch einmal sammelte sie ihre Energie, auch wenn sie den Entzug langsam spürte. Doch besser Kopfschmerzen als gebrochene Knochen. So katapultierte sie sich von magischer Kraft geleitet über das Geländer.

    Wieder kam das Messer in ihre Richtung.

    „Verdammt.“ Fluchend zog sie die Beine an, trat in Richtung der Frau aus. War sie die Hexe?

    Der Bereich zwischen den beiden Waggons war für einen Kampf zu eng. Verflucht. Sie musste aufs Dach.

    Es rauschte in Pakhets Ohren, als sie die Energie sammelte, aufs Dach zu springen. Nicht zu viel, nur genug um das Zugdach sicher zu erreichen. Sie sprang, zog sich hoch. Ihr Kopf pulsierte unangenehm.

    Atemlos blieb sie für eine Sekunde liegen. Sie hatte ihre Waffe verloren. Damit brachten ihr auch die Magazine nichts mehr. Scheiße.

    Die Frau erschien auf dem Dach, das Messer gezogen.

    Zumindest ein Messer hatte Pakhet auch. Sie zog es. „Was zur Hölle ist dein Problem, Bitch?“

    „Dieser Zug ist mein Territorium“, erwiderte die Frau mit einem dicken Dialekt.

    Es war schwer ihr Alter zu schätzen. Ihre Augen waren in der Dunkelheit nicht zu sehen. Kein Weiß. Kein gar nichts. Was sie eine Hexe oder etwas anderes? Fae vielleicht? Das würde den Territorialanspruch erklären.

    Ach, zur Hölle. Pakhet kämpfte sich auf die Beine. „Wir sind auch gleich wieder verschwunden, wenn du uns Spider zurückgibst!“ Angestrengt versuchte Pakhet irgendeinen Hinweis am Körper der Frau zu erkennen. Etwas, das ihr verriet, ob sie Mensch, Geist oder Fae war.

    „Spider?“ Die Frau machte einen hämischen Laut. „Wenn du vom Jungen heute Abend sprichst: Er hat ein einfaches Ticket gekauft.“ Eine gewisse Siegessicherheit lag in ihrer Stimme.

    All das hier wäre einfacher, hätte Pakhet ihre Waffe. Oder würde sie nur verstehen, was hier eigentlich passierte. Warum musste Magie immer so kompliziert sein?

    Jetzt fuhren die Schienen parallel zu einer alten Straße. Der Van konnte aufholen und nutzte es. Hoffentlich machte Heidenstein keine Dummheiten! Besser, sie lenkte die Hexe ab.

    „Dann hast du Spider?“

    „Ich frage üblicherweise nicht nach den Namen meiner Passagiere“, erwiderte die Hexe. Noch bevor das letzte Wort im Fahrtwind davongeweht war, hatte sie die Entfernung zwischen ihnen überbrückt. Gerade so schaffte es Pakhet, dem Messer mit einem Schritt zur Seite zu entgehen. Mit ihrer Hand griff sie nach ihrem eigenen Kampfmesser in ihrem Schuh.

    Sie war wirklich nicht mehr in Kampfverfassung. Aber irgendwie musste sie das beenden.

    Von unten erklangen weitere Schüsse. Hoffentlich war es Mik. Hoffentlich fand er Spider.

    Wieder sauste das Messer auf Pakhet zu und dieses mal nutzte sie das eigene, um es zu reflektieren. Sie durfte hier auf keinen Fall Blut verlieren. Egal was diese Frau war, Hexe oder Fae, sie würde wahrscheinlich Blut für einen Fluch nutzen können. Darauf konnte sie verzichten.

    Ein weiteres Mal reflektierte sie das Messer. Wo waren Mik und Spider? Hoffentlich hatten die Zombies nicht Mik gefressen.

    Pakhet bemühte sich Abstand zwischen sich und der Frau zu bringen. Nicht so leicht bei einem wackelnden Untergrund und Fahrtwind. Mit vorsichtigen Schritten versuchte sie weiter mittig auf das Dach zu kommen, als eine Hand nach ihren Füßen griff.

    Überrascht schrie Pakhet auf, schaffte es aber stehen zu bleiben. Ein weiterer Zombie war offenbar durch das Fenster unter ihnen aufs Dach geklettert. Jetzt hing er am Rand des Daches, eine Hand um ihren Knöchel. Er versuchte noch immer sie umzuwerfen. Dann kam das Messer.

    Pakhet schaffte es nicht rechtzeitig, sich zu drehen. Stattdessen hob sie im Instinkt die Prothese. Dankbarerweise hatte sie die Kampfprothese angezogen, deren Materialien deutlich widerstandsfähiger waren. Mit einem dumpfen „Klonk“ traf das Messer auf die Hauptschiene der Prothese.

    Pakhet griff danach. Die schwerfällige Hand ihrer Prothese griff nach dem Arm der Hexe. Vielleicht war die Prothese langsam, doch griff sie einmal zu, ließ sie nicht mehr so einfach los. Pakhet zog den Arm der Hexe vor, drückte ihn, bis die Hand zu zittern begann. Das Messer fiel auf das Waggondach, ehe der Fahrtwind es mit sich trug.

    Gleichzeitig trat Pakhet nach dem Kopf des Zombies, schaffte es ihn so abzuschütteln. Er fiel vom Zug.

    Die Hexe fauchte. Das erste Mal bekam Joanne einen guten Blick auf ihr Gesicht. Es war albinoblass. Ihre Augen gänzlich schwarz. Die Zähne im dunklen Mund waren gespitzt. Adern zeichneten sich unnatürlich deutlich unter der Haut ab. Ein Zeichen von Blutmagie?

    Dann ein Rufen: „Pakhet?“ Miks Stimme. Leichte Panik klang darin mit.

    Erst jetzt fiel Pakhet auf, dass die Schüsse verstummt waren. Verflucht. Was taten diese Idioten schon wieder?

    Sie wandte sich um, sah jedoch nichts.

    Ein weiterer Schrei. Dieses Mal ein Schmerzensschrei.

    Ach, verdammt.

    Pakhet nahm ihr eigenes Messer, versenkte es in der Brust der Hexe, ehe sie deren Arm losließ. Dann rannte sie.

    Der Schrei war aus dem letzten Waggon gekommen. Es mussten die anderen sein.

    Sie rannte, sprang, landete auf dem Verbindungsstück. Dinge, die ihr ohne magische Reflexe so nicht möglich gewesen wären. Schon trat sie die Tür zum Waggon auf, nur um gemeinsam mit sieben Zombies in einem Bistro zu stehen.

    Einem Bistro? Vorhin waren hier noch einzelne Abteile gewesen?

    Zur Hölle mit all dem! Magie war immer seltsam, immer sinnlos. Sie würde es nicht verstehen. Am Ende des Raums stand Mik vor einem zusammengekauerten Spider, der seine Schulter hielt. Nervös und hastig zeigte Mik mit seiner Waffe immer wieder auf die Zombies, die sich jedoch langsam näherten.

    „Pakhet!“, rief er panisch.

    Er hatte wahrscheinlich seine Munition verbraucht. Natürlich hatte er das!

    Pakhet erwiderte nichts. Stattdessen zog sie ihr zweites Messer heraus. Sie wusste, warum sie mindestens drei Messer bei sich trug. Ohne war man in solchen Situationen aufgeschmissen. Gott, eigentlich sollte sie sich vor ihrem Urlaub ausschlafen!

    Sie sprang, warf einen Zombie zu Boden und stach einem zweiten in die Kehle. Das zog die Aufmerksamkeit der anderen auf sie.

    Die meisten von ihnen waren einmal Männer gewesen. Was es auch immer damit auf sich hatte. Sie dachte darüber nicht nach. Es waren Zombies, keine Menschen mehr. Sie standen unter der Kontrolle der Hexe oder eines anderen Zaubers. Vielleicht standen sie auch unter Kontrolle des Zugs. Was auch immer sie einmal gewesen waren: Das war lang schon verschwunden. Deswegen zögerte sie nicht, das Messer den zu Boden gegangenen Zombie in den Schädel zu rammen.

    Wieder wünschte sie sich langsame Film-Zombies, statt dieser verflucht schnellen Viecher. Schon war ein dritter bei ihr, pinnte sie zu Boden, während sein Kiefer nach ihrer Kehle schnappte.

    Sie winkelte die Beine an, trat ihm gegen die Hüfte und katapultierte ihn so von sich.

    Ihr Körper schmerzte, doch dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Stattdessen setzte sie mit ihrem Messer nach, erwischte aber nur die Brust des Zombies, ehe ein weiterer sie herumriss.

    Wieder brauchte sie ihre Prothese, um sich zu verteidigen.

    „Bring Spider daraus!“, rief sie Mik zu.

    „Aber ...“

    „Tu's einfach!“ Sie schaffte es die Schulter des Zombies zu erwischen. Sie wünschte sich ihre Waffe her.

    Den nächsten Zombie, der sie schnappen wollte, warf sie gegen die Wand, versuchte einen anderen das Messer in den Kopf zu stoßen, als der erste sie von hinten griff, sie mit sich zog. Er hatte die Arme um ihre Schultern geschlungen, fixierte damit ihre Arme zu sehr. Schon war ein anderer Zombie bei ihr.

    Sie trat aus, warf ihn zurück.

    Fuck.

    Der nächste war da, griff nach ihren Beinen.

    Dann schallte der Schuss durch das Abteil und der Zombie, der einen Moment vorher ihre Beine umklammert hatte, fiel zu Boden.

    „Pakhet!“, rief Heidenstein.

    Sie wollte nicht wissen, wann er an Bord gesprungen war oder wo der verfluchte Van war. Wie weit sollten sie eigentlich laufen?

    Doch zumindest hatte sie so Freiraum. Mit einer plötzlichen Bewegung riss sie die Arme nach vorn und schaffte es so, sich etwas Bewegungsspielraum zu erkämpfen. Damit ließ sie den Arm hochschnellen, versenkte ihr Messer im Auge des Zombies, der sie hielt.

    Ein krächzender Schrei entfuhr seiner Kehle, bevor sie sich umdrehte und noch einmal zustach.

    Derweil streckte Heidenstein mit drei Schüssen zwei weitere Zombies nieder. Blieb nur noch einer. Joanne wandte sich um, sah den Untoten, setzte ihm nach und versenkte das Messer in seinem Nacken.

    Zu spät sah sie den Schatten hinter Heidenstein.

    Dankbarerweise hatten ihn seine Instinkte nicht verlassen. Ob er etwas gespürt hatte? Er fuhr herum, schrie im nächsten Moment jedoch auf. Dann erklang ein Schuss, gefolgt von zwei weiteren.

    Wieder fauchte die Hexe, die offenbar noch immer nicht tot war.

    Pakhet wartete nicht. Sie nahm ihr Messer, zielte und warf es. Zwar verfehlte sie die Stirn der Hexe, traf dafür aber ihre Wange, ließ sie noch lauter Knurren und Fauchen.

    Sie sah zu Spider und Mik, die neben der Tür kauerten. "Worauf wartet ihr noch? Raus hier!"

    Heidenstein schoss erneut auf die Hexe, ließ sie zurückweichen. Genug, als dass sich die beiden jungen Söldner an ihr vorbeidrängen konnten. Es folgte ein Schrei.

    Dann rannte Pakhet los. "Komm!" Damit packte sie Heidenstein und riss ihn mit sich. Sie sah Blut an seinem Ärmel, doch dafür war später noch Zeit. Schon fegte die Hexe wieder auf sie zu, doch hatte Heidenstein verstanden. Sie wechselten einen kurzen Blick. Dann sprangen sie von der Plattform ab.

    Der Schrei der Hexe folgte ihnen. Also war sie noch immer nicht tot.

    Einen Moment später schlug Pakhet auf steinigem Untergrund auf. Ganz automatisch rollte sie sich ab, rollte so zwei, drei Meter einen steinigen Abhang hinab, ehe sie auf dem Rücken liegen blieb.

    Schwer atmend sah sie zum Himmel hinauf. Die Sternen funkelten unbeirrt über der Savanne.

    Nun, zumindest lebten sie noch. Oder?

    Der Gedanke ließ sie sich aufrichten und umsehen. „Doc?“

    Er lag nur wenige Meter von ihr entfernt. Ein schweres Stöhnen entglitt seinen Lippen, ehe sie zu ihm hinüberlief. Sie kniete sich neben ihm. „Alles okay?“

    Er blinzelte sie an. „Ja. Mehr oder minder.“

    Erleichtert atmete sie auf. Sie griff nach seinem Arm, spürte das Blut und einen Riss im Stoff. Also war es sein Blut gewesen. Verdammt.

    Sie seufzte. „Warum warst du überhaupt da?“

    „Na ja …“ Er richtete sich langsam auf. „Ihr habt so lang gebraucht und ich dachte … Du wolltest morgen in den Urlaub fahren und das geht als Zombie so schlecht, oder?“ Mühsam brachte er ein Lächeln zustande.

    Eigentlich wollte sie mit ihm schimpfen, brachte es jedoch nicht zustande. „Idiot“, flüsterte sie stattdessen. Dann stand sie auf und reichte ihm die Hand. „Lass uns die anderen beiden suchen.“



    .

  • Sehr Action fokussiert diesmal.

    Heidensteins Blut könnte der Hexe in die Hände fallen. Das wirst du vermutlich nochmal aufgreifen.

    Ist auch ein interessanter Gedanke daß der Zug selbst vielleicht deer Feind ist. Wie Beelzebumons Motorrad, oder das Hotel in the Shining.

  • Alaiya

    Kennst du dieses Gefühl... wenn du einen Kommentar schreibst, an dem du seit in der Früh sitzt und zwischendurch immer wieder ein bisschen was weitertippst und Textstellen suchst und so? Einen richtig langen Kommentar und dann steht plötzlich auf deinem Bildschirm "wird heruntergefahren", weil dir die Flasche auf den Ausschalt... und dann... und dann... ist alles weg? ;_;

    Ich versuche mich zu erinnern, was ich anfangs geschrieben habe und einige Fehler, die ich gefunden habe, aber ich habe sie nicht mehr. :/
    Ich fürchte, ich werde dir meine Eindrücke der Arcs kurz schildern und dann ab Seite 4 wieder detaillierter drauf eingehen.

    Also, bis zum Ende hab ich es ebenfalls nicht geschafft, aber ich bin bei der Monsterjagd am Ende von Seite drei stehengeblieben. ^^


    Mal zu dem Arc mit Pakhet und Heidenstein: Ich fand es hier sehr schön, wie sich die beiden näher kommen. Zombies, Granaten und Verarztungen bringen einen ja bekanntlich einander näher. ^^" Das passiert in einem angenehmen Tempo und ich fand es toll, wie sich die Dialoge zwischen den beiden entwickelt haben.

    Hier fand ich es gerade recht glaubwürdig, dass sie sich mit dem Verarzten so ein bisschen auskennt und seine Verletzungen in einem Feld liegen, wo man jetzt keine allzu krassen Fachkenntnisse eines Topchirurgen benötigt, um das irgendwie hinkriegen zu können. Uff, seine Verletzungen klingen trotzdem sehr schmerzhaft.

    Auch das kurze Kapitel mit Robert fand ich gut, da er so ein wenig Normalität in ihr Leben einbringen kann und sich beide bereits so lange kennen. Lol, jemand verliebt? ;D


    Der andere große Arc drehte sich um die Arena und Crash.

    Lol, Murphy hat es echt faustig hinter den Ohren und da hat Pakhet auch Recht ihm das übelzunehmen. Also, so einer Arena auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein, das kann einen schon mitnehmen und ein bisschen, BISSCHEN wütend drüber sein lassen? xD
    Ich mag es hier, wie du die Atmosphäre beschreibst und die ist wirklich ekelig. Das ganze Blut, der Gestank... Leute, die sie zuvor noch in der Umkleide gesehen hat und nie wieder auftauchen, all solche Dinge.

    Ebenfalls mag ich es, wie du auf Pakhets Moralverständnis eingehst. Wie du weißt, finde ich psychopathische Edgelords als Protagonisten, die einfach for the lolz töten, oder sich sonst nicht viel dabei denken, nur zum Gähnen und da rollen sich oft meine Augen nach hinten. Pakhet wirkt wie ein normaler Mensch und da ist auch wirklich schwieriger zu schreiben, dass eine normale Person jemanden umbringen soll. Sie hat da über die Jahre auch ihre eigene Art damit umzugehen und sowas dann vielleicht auch zu bewältigen entwickelt.

    Crash ist mir auch gleichmal sympathisch, weil ich solche Charaktere sehr gerne mag, die irgendjemand anderen beschützen wollen und so. ^^ Außerdem ist ... Werbüffel(?) auch mal eine nette Abwechslung und passt ganz gut zu Afrika.


    Zu den Actionszenen im Allgemein kann ich sagen: Pakhet ist sehr analytisch und wenig emotional, das merkt man auch im Stil und daher ist das Tempo auch angenehm. Sie überlegt und handelt danach.

    Hier fällt es mir auch nicht schwer den Bewegungsabläufen der Personen zu folgen und die Handlungen und die Action nachvollziehen zu können. Hier will ich mal besonders anmerken, dass mir die Verfolgungsjagd mit den Zombies und der Kampf gegen Crash sehr gefallen haben.


    Übrigens, ich mag diese Bilder wirklich sehr gerne, besonders jenes, bei dem Pakhet Heidenstein stützt. Die Verletzungen sehen ja echt böse aus, aber ich mag ihren Blick gerne, wie sie ihn so besorgt ansieht. x3 Nice Ship bisher, nice Ship.


    *stellen Sie sich hier bitte ca. 1.700 weitere Worte vor...*

  • Kennst du dieses Gefühl... wenn du einen Kommentar schreibst, an dem du seit in der Früh sitzt und zwischendurch immer wieder ein bisschen was weitertippst und Textstellen suchst und so? Einen richtig langen Kommentar und dann steht plötzlich auf deinem Bildschirm "wird heruntergefahren", weil dir die Flasche auf den Ausschalt... und dann... und dann... ist alles weg? ;_;

    Das kenne ich tatsächlich nur zu gut. Vor allem in der Variante: "ICH WILL MICH JEEEEEETZT UPDATEN!" - "Aber Computer-kun, lass mich doch eben einmal abspeich..." - "JEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEETZT!"


    Und dann updated er sich schon Q.Q


    Also ja. Ich fühle.


    Zombies, Granaten und Verarztungen bringen einen ja bekanntlich einander näher. ^^"

    Definitiv romantischer als so ein langweiliges Date mit essen und so, oder? xD" Und immerhin haben die beiden einander halt ien paar Mal das Leben schon gerettet. Haha.


    Aber das Kapitel "Konfrontation" wirst du lieben xD


    Hier fand ich es gerade recht glaubwürdig, dass sie sich mit dem Verarzten so ein bisschen auskennt und seine Verletzungen in einem Feld liegen, wo man jetzt keine allzu krassen Fachkenntnisse eines Topchirurgen benötigt, um das irgendwie hinkriegen zu können. Uff, seine Verletzungen klingen trotzdem sehr schmerzhaft.

    Das freut mich zu hören. Das war mir hier halt irgendwie so der Gedanke. Wenn du das schon so lange wie sie machst: Wie viel Grundfähigkeiten was Verarztung angeht, hast du dir selbst angelernt? Weil es ist sicher ganz Sinnvoll Blutungen stoppen zu können. Vor allem weil ein Teil davon ja eh zur Militärausbildung gehört, die sie genossen hat.


    Lol, Murphy hat es echt faustig hinter den Ohren und da hat Pakhet auch Recht ihm das übelzunehmen. Also, so einer Arena auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein, das kann einen schon mitnehmen und ein bisschen, BISSCHEN wütend drüber sein lassen? xD

    So ein gaaaaaaanz kleines bisschen. lol Er hat echt GLück, dass ihr sonst nichts schlimmeres passiert ist.


    Ebenfalls mag ich es, wie du auf Pakhets Moralverständnis eingehst. Wie du weißt, finde ich psychopathische Edgelords als Protagonisten, die einfach for the lolz töten, oder sich sonst nicht viel dabei denken, nur zum Gähnen und da rollen sich oft meine Augen nach hinten. Pakhet wirkt wie ein normaler Mensch und da ist auch wirklich schwieriger zu schreiben, dass eine normale Person jemanden umbringen soll. Sie hat da über die Jahre auch ihre eigene Art damit umzugehen und sowas dann vielleicht auch zu bewältigen entwickelt.

    Ich weiß. Und ich stimme dir dahingehend ja auch total zu. Das ist nicht nur zum Gähnen, sondern macht mir die Charaktere auch prompt unsympathisch und nicht selten auch unglaubwürdig. Ich meine, ja, sicher, es gibt Leute, die so kaputt sind, dass sie das können - aber wer es wirklich so macht ist für mich zu wenig "menschlich", als dass ich noch Spaß daran habe, mich mit dem Charakter zu identifizieren, wenn du verstehst, was ich meine.

    Die Ironie hier ist ja: Pakhet ist jemand, der töten kann. Also ihr fehlen die psychischen Barrieren gegen das Töten, das die meisten Menschen haben. Aber sie tut es eben doch nicht - weil es einfach nicht moralisch richtig ist. (Und sie hat halt speziell ein Trauma, dass sie der Tatsache zu verdanken hat, dass ich Interviews mit Irak-Veteranen geführt habe ... Und das ist ein ZUsätzlicher Grund, warum sie nicht töten will, wenn sie nicht muss.)


    Crash ist mir auch gleichmal sympathisch, weil ich solche Charaktere sehr gerne mag, die irgendjemand anderen beschützen wollen und so. ^^ Außerdem ist ... Werbüffel(?) auch mal eine nette Abwechslung und passt ganz gut zu Afrika.

    Crash gehört zu meinen persönlichen Favoriten, da ich seine Art so gerne mag. Außerdem gefällt es mir halt irgendwie, dass er eigentlich jünger als Pakhet und Doc ist, aber halt dennoch sehr weise und so <3


    Hier fällt es mir auch nicht schwer den Bewegungsabläufen der Personen zu folgen und die Handlungen und die Action nachvollziehen zu können. Hier will ich mal besonders anmerken, dass mir die Verfolgungsjagd mit den Zombies und der Kampf gegen Crash sehr gefallen haben.

    Das freut mich :D


    *stellen Sie sich hier bitte ca. 1.700 weitere Worte vor...*

    Tue ich! Und ich stelle ein Schiffchen hin xD

  • Das letzte Kapitel der ersten Sequenz [Menschen] kommt erst einmal für sich allein :) Da ich die nächste Sequenz schön aufmachen kann!


    .


    [22.07.2011 – D19 – Aufbruch]


    Sie standen auf einem Parkplatz an der M2, zwanzig Kilometer nördlich von Kapstadt. Der Himmel über ihnen war dunkel und hinten im Van blutete Spider. Alles in allem hätte es wesentlich schlechter ausgehen können.

    Dennoch war Pakhets Laune auf einem aktuellen Tiefpunkt. Sie sah im Rückspiegel zu, wie Heidenstein den jungen Mann verarztete, während Mik besorgt daneben saß. Ja, sie hatten ihm das Leben gerettet, doch dafür war eventuell eine Hexe hinter ihnen her. Eine Hexe, die etwas von Heidensteins Blut hatte. Keine gute Aussicht.

    Was musste sich Spider auch in Probleme bringen?

    Der Heilzauber schien anzufangen, seine Wirkung zu entfalten. Gut. Immerhin war Heidenstein schon gute zwanzig Minuten beschäftigt.

    „Uh, das ist besser“, murmelte Spider.

    „Nicht bewegen“, flüsterte Heidenstein.

    „Okay.“ Spider lag sofort still.

    Weitere zehn Minuten vergingen, ehe Heidenstein es sich erlaubte, zurückzulehnen. „Versuch deinen Arm zu bewegen.“

    Spider tat, wie ihm geheißen. „Viel besser. Danke, Doc.“

    „Gerne“, erwiderte Heidenstein matt und seufzte. „Dankbarerweise sind Zombiebisse meistens nicht ansteckend.“

    „Zumindest nicht, wenn es Muti-Zombies sind“, meinte Pakhet griesgrämig. Noch immer sah sie ihn nicht an. „Dafür haben wir jetzt eine Hexe auf dem Hals.“

    „Und das heißt?“, fragte Mik. Natürlich. Er wusste wahrscheinlich recht wenig über Magie. Er war noch nicht lang genug im Geschäft und Straßenkinder wussten nicht viel mehr, als dass es Dinge nachts in den Straßen gab, denen man nicht über den Weg laufen wollte.

    Pakhet seufzte. „Fernbleiben und hoffen, dass sie einen keinen Zauber auf den Hals hetzt.“

    „Wie, fernbleiben?“

    „Am besten ans andere Ende des Landes fahren“, erwiderte sie und seufzte. „Ich werde Smith anrufen, dass sich jemand um das Problem kümmert.“

    „Aber“, begann Heidenstein. Natürlich verstand er. Sie würde ein Kopfgeld auf die verfluchte Hexe aussetzen. Was blieb ihr auch sonst für eine Wahl? Eigentlich sollte Spider derjenige sein, der sich darum kümmerte, verdammt!

    „Doc. Die Bitch war korrumpiert. Blutmagie. Du weißt, wie diese Dinge gehen.“ Sie seufzte und schrieb eine Nachricht an Smith. Dann erlaubte sie sich ein kurzes, genervtes Stöhnen. „Wisst ihr Idioten eigentlich, dass ich verdammt noch mal schlafen und morgen auf dem Weg in den Urlaub sein sollte?“

    Sie sah selbst im Dunkeln des Wagens, wie sich ein begeistertes Grinsen auf Spiders Gesicht ausbreitete. „Wir könnten alle zusammen den Urlaub fahren.“

    Sogar Heidenstein schenkte ihm einen missmutigen Blick.

    Pakhet brummte. „Oh, ja, das klingt nach einem Urlaub!“, murmelte sie sardonisch.

    Das Grinsen fiel in sich zusammen. Spider zog einen Schmollmund. „Oder nicht.“

    Schließlich wandte sich Mik an sie. „Was schlägst du vor, was wir jetzt machen?“

    Pakhet schloss die Augen und überlegte. „Ich fahre euch nach George und fliege von dortaus weiter in meinen verdammten Urlaub.“ Es hatte keinen Sinn, jetzt zurück zu fahren. Es war ein unnötiges Risiko. „Von dortaus, seht ihr zu, wie ihr weiterkommt.“

    Niemand war dumm genug, ihr zu widersprechen.

    Und so fuhren sie. Zombiezüge. Ja, großartig. Doch auf der anderen Seite, hätte sie denselben Job in den USA gemacht, dann dürfte sie sich jetzt wahrscheinlich mit Skinwalkern rumschlagen. Sie war glücklich keinen davon je getroffen zu haben. Diese Dinger waren angeblich extrem lästig, extrem bösartig und extrem schwer zu töten.

    Eine Stunde später waren Spider und Mik mit einem Taxi verschwunden, während sie mit Heidenstein am noch immer stinkenden Teamvan lehnte. Sie würde Smith anrufen müssen. Sie brauchte einen Flieger nach Richard's Bay. Idealerweise einen, bei dem sie den Transporter mitnahm.

    Doch erst einmal war da noch Heidenstein.

    Sie sah ihn an. „Und was machst du?“

    „Ich werde nach Kapstadt zurückfahren“, erwiderte er. „Ich muss zur Klinik zurück.“

    Sie musterte ihn, schüttelte den Kopf. „Sei nicht albern. Abstand ist nicht die beste Sicherheit, aber es ist eine Sicherheit. Du solltest möglichst weit weg und am besten einen Schutzzauber aufbauen.“

    Heidenstein schürzte die Lippen, schien sich auf die Unterlippe zu beißen, während er überlegte. „Was ist mit Murphy?“

    „Hast du niemanden im Krankenhaus, der sich um ihn kümmern kann?“ Auch sie hasste den Gedanken, den Teenager dort allein zu lassen, doch Murphy hätte nichts gewonnen, wenn er von einer Horde Zombies überfallen wurde, weil Heidenstein da war.

    Heidenstein seufzte schwer, nickte dann aber. „Ich kann Victor anrufen, dass er jemanden vorbei schickt.“

    „Gut, sonst rufe ich Smith an“, meinte sie.

    Er nickte, wirkte geschlagen. Wieder biss er sich auf die Lippe und dachte nach. Dann sah er sie an, zögerte. „Sag mal, hättest du was dagegen, wenn ich mit dir komme. Nach Richard's Bay?“

    Gute Frage. Hatte sie was dagegen? Sie redete gern mit ihm, wurde das Gefühl allerdings nicht los, dass sie zu viel Zeit mit ihm verbrachte. Ein Gedanke, den sie nicht mochte. Verdammt, sie hatte in den letzten Monaten wie oft bei ihm geschlafen? Auf der anderen Seite war sie im Moment froh um Gesellschaft und einen zweiten Fahrer. Sie wusste, dass die Kopfschmerzen wiederkehren würden, sobald die Tablette aufhörte zu wirken. „Von mir aus. Komm mit.“ Sie lächelte matt.

    Heidenstein nickte ihr zu. „Danke.“

    „Ja.“ Sie ging zur Fahrertür des Wagens, öffnete sie. „Lass uns fahren“, murmelte sie, als Heidenstein ihr die Hand auf die Schulter legte.

    „Lass mich fahren. Du hast dir eine Auszeit verdient.“

    „Du auch“, erwiderte sie. Immerhin war er verletzt worden, hatte geheilt. „Ich muss gleich eh fliegen.“ Jedenfalls war es wahrscheinlich, dass sie sich einfach einen Transportflieger leihen würden.

    „Ein Grund mehr, dass ich jetzt fahre. Komm schon. Ich hatte drei Stunden Schlaf und einen Trank.“ Er klopfte ihr auf die Schulter und drängte sie sanft zur Seite, um an der Fahrerseite einsteigen zu können.

    Sie seufzte. Er hatte Recht und Unrecht zugleich. Dennoch ging sie um den Wagen herum, stieg an der Beifahrerseite ein, wo sie das Fenster sofort herunterkurbelte. Sie schloss die Augen und zog die Nachtluft gierig ein. „Danke, Doc.“

    Er lächelte nur und startete den Wagen.


    .

  • Hi, Bastet, schön dich hier zu sehen. :-)


    Kennst du dieses Gefühl... wenn du einen Kommentar schreibst, an dem du seit in der Früh sitzt und zwischendurch immer wieder ein bisschen was weitertippst und Textstellen suchst und so? Einen richtig langen Kommentar und dann steht plötzlich auf deinem Bildschirm "wird heruntergefahren", weil dir die Flasche auf den Ausschalt... und dann... und dann... ist alles weg? ;_;

    Ich versuche mich zu erinnern, was ich anfangs geschrieben habe und einige Fehler, die ich gefunden habe, aber ich habe sie nicht mehr. :/

    Ohje, das kenne ich leider nur zu gut. Wir scherzen schon immer, dass ich über Gremlins verfüge, weil elektrische Geräte von mir gerne solche Sachen machen, plötzlich abstürzen etc.

    Ist immer ein mieses Gefühl und so viel vergebliche Arbeit. :-(

    Mal zu dem Arc mit Pakhet und Heidenstein: Ich fand es hier sehr schön, wie sich die beiden näher kommen. Zombies, Granaten und Verarztungen bringen einen ja bekanntlich einander näher. ^^" Das passiert in einem angenehmen Tempo und ich fand es toll, wie sich die Dialoge zwischen den beiden entwickelt haben.

    Jay! Ja, der Banter zwischen unseren Figuren ist uns sehr wichtig, und mit das spaßigste bei der Geschichtsplanung, da wir den regelmäßig ausspielen. So kommen Sachen ganz von alleine im Gespräch vor, an die man sonst gar nicht gedacht hätte, und die ganze Szene wirkt "natürlicher", da das Gespräch tatsächlich einmal "stattgefunden" hat und sich naürlich entwickeln konnte.

    Und freut mich, dass dir der Doc und das Tempo gefällt!

    Der Doc ist einer von den Charakteren, die mehr mein Baby als das von Alaiya sind, und ich bin immer ultranervös wie sie bei anderen ankommen.

    Hier fand ich es gerade recht glaubwürdig, dass sie sich mit dem Verarzten so ein bisschen auskennt und seine Verletzungen in einem Feld liegen, wo man jetzt keine allzu krassen Fachkenntnisse eines Topchirurgen benötigt, um das irgendwie hinkriegen zu können. Uff, seine Verletzungen klingen trotzdem sehr schmerzhaft.

    Ohja, schmerzhaft sind sie auf jeden Fall. Pakhet/Joanne hat ein überraschend breites Wissen in einigen Fällen, aber als wir (primär Alaiya) echte Irak-Veteranen nachrecherchiert haben, kamen wir auf eine ziemliche Bandbreite an Fähigkeiten, die sich die meisten RL Soldaten quasi automatisch aneignen im Einsatz.

    Und bezüglich der Verletzungen und Verarztung: Du willst nicht wissen, wie viel Recherche von Alaiya da drin steckt. Wir kennen inzwischen jemanden in der Notversorgung im örtlichen Krankenhaus persönlich, den wir mit solchen komischen Fragen nerven.

    Ich persönlich schreibe an einem Rollenspielsystem, und habe nun plötzlich ein viel zu ausführliches und detaliertes Kapitel zu Kampfverletzungen und ihrer Behandlung....

    Kurz gesagt: Wir haben uns damit inzwischen selbst verdorben, und die Google-Suche wohl ein sehr wirres Bild von uns gegeben. ;-)

    Auch das kurze Kapitel mit Robert fand ich gut, da er so ein wenig Normalität in ihr Leben einbringen kann und sich beide bereits so lange kennen.

    Solche persönlichen Szenen finden wir auch immer extrem wichtig. Wenn man die Charaktere nicht in ihrem normalen Alltag erlebt, wie soll man dann je herausfinden wer sie wirklich sind. Und wenn man sie nicht so richtig kennt... warum soll man sich dann mit ihnen identifizieren/ invested sein?

    Wir haben schon ein paar Testleser gehabt, die sich beschwert haben, wenn nicht jede Seite voller Plot, sondern auch mal ein paar normalere Alltagsszenen enthalten sind. Doch wir halten gerade diese Alltagszenen für den Charakterbau so unglaublich wichtig.

    Daher danke, dass dir sie auch gefallen haben. :-)

    Lol, Murphy hat es echt faustig hinter den Ohren und da hat Pakhet auch Recht ihm das übelzunehmen. Also, so einer Arena auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein, das kann einen schon mitnehmen und ein bisschen, BISSCHEN wütend drüber sein lassen? xD

    Ohja, Murphy hat es echt faustdick hinter den Ohren.

    Es fällt nur irgendwie sowohl unseren Charakteren, als auch uns als Authoren extrem schwer ihm wirklich mal längere Zeit böse zu sein...

    Ich mag es hier, wie du die Atmosphäre beschreibst und die ist wirklich ekelig. Das ganze Blut, der Gestank... Leute, die sie zuvor noch in der Umkleide gesehen hat und nie wieder auftauchen, all solche Dinge.

    Danke! So sehr auch Kampf und Gewalt manchmal in den Medien glorifiziert werden, in der Realität ist es etwas erschreckendes, dreckiges und Traumatisches. Auch diese Seite der Gewalt einmal rüber zu bringen war uns wichtig gewesen.

    Ebenfalls mag ich es, wie du auf Pakhets Moralverständnis eingehst. Wie du weißt, finde ich psychopathische Edgelords als Protagonisten, die einfach for the lolz töten, oder sich sonst nicht viel dabei denken, nur zum Gähnen und da rollen sich oft meine Augen nach hinten. Pakhet wirkt wie ein normaler Mensch und da ist auch wirklich schwieriger zu schreiben, dass eine normale Person jemanden umbringen soll. Sie hat da über die Jahre auch ihre eigene Art damit umzugehen und sowas dann vielleicht auch zu bewältigen entwickelt.

    Kann dir da nur in jedem Punkt zustimmen. Freut mich, dass dir das gefällt.

    Crash ist mir auch gleichmal sympathisch, weil ich solche Charaktere sehr gerne mag, die irgendjemand anderen beschützen wollen und so. ^^

    Crash ist auch einer meiner persönlichen Lieblinge. Wie so manch andere Figur (hust, Murphy, hust), haben wir sie erst mit der intention hereingebracht, dass sie nur eine kurze Rolle spielen sollten, haben sich dann aber im Laufe der entwicklung mehr und mehr verselbstständigt.

    Am Ende haben sie eine viel größere Rolle eingenommen, als wir ursprünglich geplant haben, doch es ist (meiner Meinung nach) dadurch so viel besser geworden.

    Sorry, ich ramble ^^

    Außerdem ist ... Werbüffel(?) auch mal eine nette Abwechslung und passt ganz gut zu Afrika.

    Jap. Wir spielen gerne mal mit ein paar Mythologien, die hier in Europa nicht ganz so bekannt sind.

    Soll ja nicht alles immer nur altbekannte europäische Tropes sein. ;-)


    Ganz ehrlich: sich die Geschichten / Sagen/ Märchen/ Mythen anderer Kulturen anzusehen ist mein liebster Teil der Recherche, und es ist echt traurig, was uns Europäern durch unseren auf Europa fixierten Blickwinkel so alles entgeht.

    Sorry, kleiner Pet-Pieve von mir.

    Zu den Actionszenen im Allgemein kann ich sagen: Pakhet ist sehr analytisch und wenig emotional, das merkt man auch im Stil und daher ist das Tempo auch angenehm. Sie überlegt und handelt danach.

    Hier fällt es mir auch nicht schwer den Bewegungsabläufen der Personen zu folgen und die Handlungen und die Action nachvollziehen zu können. Hier will ich mal besonders anmerken, dass mir die Verfolgungsjagd mit den Zombies und der Kampf gegen Crash sehr gefallen haben.


    Das wird Alaiya sicherlich freuen zu hören. Xier hat sich für Pakhets PoV extra antrainiert anders zu schreiben. Knappere Sätze, analytischere Beschreibungen, etc.

    War am Anfang wohl eine ziemliche Herausforderung wie ich das mitbekommen habe.

    Freut mich, dass es sich lohnt!

  • .


    Kommen wir zur zweiten Sequenz von Mosaik. Diese unter dem Titel Menschen. Da wir hier immer noch hinterherhinken, werde ich direkt zwei Kapitel posten :D Viel Spaß!


    .


    .


    [22.07.2011 – D20 – Erwachen]


    Als Pakhet erwachte, regnete es. Ungewöhnlich für die Jahreszeit. Auf der anderen Seite war sie in Richards Bay, wo Regen ihres Wissens nach öfter vorkam. Ja, unterbewusst erinnerte sie sich, dass sie nach Richards Bay gefahren war, in den Urlaub. So wunderte sie sich nicht, dass das Bett weicher war, als sie es gewohnt war. Nicht ihr Stil, doch eine angenehme Abwechselung – hier im Urlaub.

    Endlich Urlaub. Endlich.

    Die Erinnerung an die Rettungsaktion am vergangenen Abend kam ihr in den Kopf. Dummer, dummer Spider. Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht, sich mit den Muti anzulegen? Selbst wenn man wenig über Magie wusste, so wusste man doch, dass es eine dumme Idee war. Oder? Ach, sie war halt von Idioten umgeben.

    Doch das hier war kein Moment sich darüber aufzuregen. Sie hatte Urlaub. Urlaub von den Missionen, Urlaub von Michael und am wichtigsten: Urlaub von den Idioten.

    Der Regen prasselte gegen das Fenster. Ein einfaches Fenster, anstelle der modernen Fenster, die sie in ihrem Haus hatte. Der Klang des Regens war deutlich dagegen zu hören. Es hatte etwas beruhigendes, das sie langsam wieder in einen wohligen Halbschlaf lullte.

    Fast schon schlief sie wieder ein, als sich etwas im Bett bewegte.

    Wie seltsam. Sie hatte sie sich nicht bewegt.

    Ihr Gehirn begann wach zu werden, eine potentielle Gefahr zu registrieren.

    Etwas stimmte nicht! Etwas stimmte gar nicht. Sie lag auf dem Bauch, wie beinahe immer, wenn sie schlief. Doch sie trug ihre Prothese, die sie zum Schlafen normal auszog. Dann realisierte sie etwas anderes: Sie war nackt.

    Sie hasste es nackt zu schlafen!

    Schnell öffnete sie die Augen. Ihr Blick glitt zum Fenster, durch das dämmriges Tageslicht fiel, durch die Wolken geschwächt. Ihr Blick glitt über den Boden, auf dem ihre Kleidung lag. Aber nicht nur ihre Kleidung.

    Langsam kamen ihr die Erinnerungen vom Rest der Nacht. Die Erinnerung daran, wie sie die anderen in George rausgeworfen hatte und wie sie mit Heidenstein hierher geflogen war. Sie hatten um drei am Morgen einen Hotelclerk wachgeklingelt und die Zimmerschlüssel verlangt. Und dann  …

    Sie verfluchte sich, hoffte, dass es nur ein Traum gewesen war.

    Es musste ein Traum gewesen sein.

    Mit einem leisen Seufzen drehte sie den Kopf, sah zu ihrer rechten Seite und musste sich eingestehen, dass ihre Erinnerungen der Realität entsprachen, als Heidenstein sie anlächelte.

    „Guten Morgen“, sagte er sanft.

    Sie starrte ihn an. Wie sie, war er nackt, auch wenn die Decke ihn größtenteils bedeckte. Sie schloss die Augen, wünschte sich, dass all das ein Traum war. Dann sah sie ihn wieder an.

    „Oh, Fuck“, hauchte sie matt. Sie konnte hier nicht liegen bleiben!

    Kurz glitt ein Grinsen über Heidensteins Gesicht, wohl ob ihres unfreiwilligen Wortwitzes, doch er fing sich schnell. Er legte sanft eine Hand auf ihre Schulter. „Hey, alles okay?“

    Sie sah ihn an, verfluchte sich selbst. Ja, sie erinnerte sich an die vergangene Nacht. Sie waren hierher gekommen, hatten geduscht. Sie hatte sich seine Wunde angesehen, hatte über Spider geschimpft und ihre Angewohnheit Idioten anzuziehen. Er hatte versucht sie zu beruhigen. Und dann   … Sie wusste nicht einmal mehr, wer von ihnen begonnen hatte, aber dann hatten sie sich geküsst. Dinge waren von da an einfach geschehen.

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nein. Nichts ist okay.“ Sie glitt aus dem Bett, griff den Bademantel vom Boden. Sie war nicht beherrscht, doch für den Moment war es ihr egal. Fuck. Wie hatte das passieren können?

    Heidenstein wirkte besorgt, als er sich aufsetzte, sah sie an. Er zögerte. „Willst du vielleicht einen Kaffee?“

    Warum musste er so ein netter Typ sein? Fuck! Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Keinen Kaffee. Erst eine Dusche. Dann Kaffee. Dann reden wir. Aber zuerst die Dusche.“ Sie wich zurück, sich ihrer Panik zu bewusst. Fuck!

    „Okay“, meinte er. Er machte Anstalten aufzustehen, hielt aber inne. „Okay.“

    Sie nickte, wich weiter zurück, bis ihre tastende Hand die Tür zum Bad fand. Sie öffnete sie und glitt hindurch, sich selbst dabei verfluchend.



    .


    [22.07.2011 – X08 – Fuck!]


    Sie hatte am Vortag zwei Mal geduscht. Eigentlich sollte sie nicht wieder Duschen. Doch verdammt, sie brauchte jetzt eine kalte Dusche. Eine eiskalte Dusche!

    Pakhet ließ den Bademantel des Hotels, den sie am Vortag nach dem Duschen angezogen hatte, zu Boden gleiten. Sie löste die Prothese, die sie am Vorabend angezogen hatte, um Heidenstein besser verarzten zu können, legte sie auf dem Toilettendeckel ab. Dann stolperte sie in die Dusche, drehte den Hahn für das kalte Wasser auf.

    Eisig rann das Wasser über ihre Haut.

    Pakhet zuckte nicht einmal zusammen. Sie schloss die Augen, lehnte sich vor, stützte sich mit ihrem Arm an der Wand ab.

    Verdammt. Wie hatte das passieren können? Sie hatte bisher immer einen Punkt daraus gemacht, nicht mit Kollegen zu schlafen. Ach, sie hatte generell einen Punkt daraus gemacht, nur mit Typen zu schlafen, die sie wahrscheinlich nie wiedersehen müsste. Nicht selten hatte sie sich genau deswegen Touristen rausgesucht. Sie hatte damit alles unter Kontrolle gehabt. Sex, ja, aber nichts, was in irgendeiner Form kompliziert werden konnte. Sie hatte klare Regeln gehabt und eine der ersten Regeln war, nicht mit Kollegen zu schlafen!

    Also wie hatte sie das zulassen können?

    Gerne hätte sie ihm die Schuld gegeben. Es war nicht so, als hätte sie nicht bemerkt, dass er ihr manchmal, wenn sie gemeinsam woran arbeiteten, diese Blicke zugeworfen hatte. Lange Blicke. Er hatte so ausgesehen, als würde er etwas sagen wollen. Vielleicht hätte er sie vorher auch geküsst, hätte sich die Gelegenheit ergeben.

    Doch so sehr sie sämtliche Schuld auch ihm gegeben hätte: Sie hatte es in der vergangenen Nacht gewollt. Sie hatte es wirklich gewollt. Sie hatte es zugelassen.

    „Fuck!“, zischte sie und schlug mit der Faust gegen die Wand.

    Was sollte sie ihm jetzt sagen?

    Er war sentimentaler als sie. Er konnte ein Gefühlsdusel sein. Wahrscheinlich interpretierte er viel mehr in diese Sache, als da eigentlich war.

    Ach was, sicher tat er das. Er war Heidenstein. Er war Anderson. Er war ein verfickter Idiot!

    Sie zwang sich dazu, ihre Gedanken zu beruhigen, schloss die Augen, atmete einige Male tief durch und drehte dann den Hahn für das heiße Wasser leicht auf, so dass das Wasser lauwarm wurde.

    Okay. Was konnte sie tun?

    Sie lehnte sich gegen die Wand.

    So sehr sie auch den Gedanken hasste, sie würde mit ihm reden müssen. Ach, natürlich konnte sie mit ihm reden. Er würde verstehen, oder? Er würde verstehen, dass es nur ein Missgeschick war. Es war nur Sex. Und sie waren Erwachsene. Genau. Erwachsene. Sie konnten wie Erwachsene darüber reden. Ja.

    „Fuck.“ Wie hatte sie es nur dazu kommen lassen? Wie hatte sie es nur zulassen können?

    Egal, wie sie diesen Gedanken im Kopf hin und her drehte, die konnte es nicht sagen. Alles, was sie wusste, war, dass sie es gewollt hatte. Verdammt, vielleicht war es sogar sie gewesen, die ihn geküsst hatte. Sie wusste es wirklich nicht mehr.

    „Verdammt  …“ Sie drückte den Kiefer zusammen, schloss die Augen. Atmen. Ruhig Atmen.

    Sie würde damit klar kommen. Sie würde eine Lösung finden. Gegenüber einer Horde Zombies, war das doch nichts.

    Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie Angst ihn als Freund zu verlieren. Und das wollte sie nicht riskieren.


    .

  • So so, interessante Entwicklung.

    Netter Titel, kann man bewusst auf ihren Sprachgebrauch, oder ihre nächtliche Tätigkeit beziehen.

    *hüstel* Ja, durchaus. Wenngleich es natürlich irgendwie absehbar war, dass es so enden würde, oder?


    .


    [22.07.2011 – D21 – Aussprache]


    Nach dem Duschen fand sie das Zimmer verlassen vor. Gut, Heidenstein hatte also genug Feingefühl, um bereits zu gehen. Wahrscheinlich war er in den Speisesaal gegangen.

    Die Frage blieb: Was machte sie jetzt?

    Sie hatte ihre Prothese wieder angezogen, auch wenn der Akku beinahe leer war. Ohne fühlte sie sich inkomplett. Für den Moment blieb ihr nichts übrig, als die Sachen vom Vortag anzuziehen und dann ebenfalls in den Speisesaal zu gehen.

    Oh, wie gern hätte sie sich hier eingeschlossen? Wie gern wäre sie einfach hier geblieben? Doch sie konnte nicht. Sie musste mit ihm reden. Sie war kein Feigling, verdammt!

    Also zog sie sich an, nahm die Schlüsselkarte und verließ das Zimmer.

    Ihr Magen zog sich zusammen, als sie sich dem Speisesaal näherte, der größtenteils verlassen vor ihr lag. Heidenstein saß an einem Tisch neben der Tür zur Terrasse, las eine Zeitschrift, die wohl ausgelegen war. Er trug sein Make-Up nicht mehr. Wozu auch? Sie waren weit fort von den anderen. So wirkte er – trotz der grauen Haare – wesentlich jünger. Es war ungewohnt.

    Außer ihm war noch ein älteres Paar da, das in einer anderen Ecke saß, sich unterhielt, und ein dunkelhäutiger Mann, den sie von der Kleidung her als Ranger eingeschätzt hätte.

    Außerdem wischte eine junge, ebenso dunkelhäutige Frau in Hoteluniform gerade einen leeren Tisch.

    Pakhet seufzte. Sie schloss die Augen, zählte erneut bis zehn und ging dann zu Heidenstein hinüber.

    Auf dem Tisch standen bereits Tassen, Teller und eine Kanne.

    Er ließ die Zeitung sinken, lächelte sie vorsichtig an. „Ich habe bereits Kaffee bestellt.“

    Sie nickte stumm. Was sollte sie sagen? Ihr fiel nichts ein und so füllte sie nur ihre Tasse. Sie trank. Kaffee half immer ihre Lebensgeister wiederzubeleben. Sie sollte etwas sagen, wusste noch immer nicht was, sah aus dem Fenster, um ihn nicht ansehen zu müssen.

    Noch immer regnete es. Der Regen prasselte auf die hölzerne Veranda des Hotels, fiel in den von hier aus sichtbaren Pool. Ein Hotelangestellter fuhr einen Handwagen, in dem wohl dreckige Wäsche gesammelt war, einen überdachten Gang neben dem Hotel entlang.

    Pakhet sah zu Heidenstein, dann zu ihrer Tasse. Sie füllte sich nach, trank.

    Er war mittlerweile dazu übergegangen wieder zu lesen. Es entging ihr jedoch nicht, dass er ihr immer wieder Blicke zuwarf.

    Tasse drei folgte. Verdammt, sie sollte reden. Sie sollte etwas sagen. Aber was? Wie sollte sie es ihm erklären? Was dachte er überhaupt?

    Schließlich war er es, der die Stille brach. „Ich habe hier was gefunden“, meinte er. „Ein kleine Sportanzeige über Crash. Also Maximilian Verway.“ Er lächelte und zeigte ihr die Zeitschrift.

    Sie nickte nur, versuchte ein Lächeln, scheiterte. Verdammt!

    Noch eine Tasse Kaffee. Jetzt reichte es. Die Kanne war ohnehin leer.

    Sie räusperte sich, etwas, das sie normalerweise nie tat. „Doc, was letzte Nacht passiert ist“, sagte sie, bemüht leise und möglichst neutral zu sprechen, „das war nur ein Missgeschick, ja?“

    Er sah sie an. Es war deutlich zu erkennen, dass er nicht sicher war, ob er lächeln sollte oder nicht. „Ich würde es nicht als Missgeschick bezeichnen“, meinte er schließlich.

    Sie schüttelte den Kopf. Musste er es noch schwerer machen? „Doch, Doc, es war ein Missgeschick und nicht mehr“, sagte sie eindringlich. „Ich will nicht, dass du es falsch verstehst, ja? Letzte Nacht  … Das war nur Sex, nicht mehr.“

    Er setzte zu einer Antwort an, hielt sich aber auf. Er musterte sie unsicher.

    „Okay?“, fragte sie, erwiderte seinen Blick. Oh, wie sehr sie die Situation hasste. Sie hätte vorsichtiger sein müssen!

    Er holte Luft, nickte dann aber. „Ja. Okay.“ Leise seufzte er. „Ich verstehe.“

    Wieso hatte sie nur das Gefühl, dass er es nicht meinte?

    Sie ignorierte es, nickte. „Gut.“ Sie seufzte. „Warst du schon an der Rezeption, um die ein eigenes Zimmer zu besorgen?“

    Heidenstein runzelte die Stirn. „Was? Nein.“ Natürlich nicht.

    Schon wollte sie ihn dazu drängen, es jetzt zu tun, als ihr ein anderer Gedanke kam. Wollte sie wirklich den Rest des Urlaubs in diesem Bett schlafen? „Weißt du was? Ich hole mir ein neues Zimmer.“

    „Das musst du nicht“, erwiderte er. „Ich kann schon  …“

    Sie hob abwehrend die Hände. „Es passt schon. Es ist okay. Ich hole mir ein neues Zimmer.“ Sie schüttelte den Kopf, auch wenn diese Geste mehr dazu diente, ihre wirren Gedanken zu klären. „Dann telefoniere ich noch einmal mit Smith. Ich brauche ein Ladegerät für die Prothese. Ich glaub dann lege ich mich noch mal hin.“ Sie seufzte.

    Er musterte sie. Seine Stirn runzelte sich. „Das ist alles?“

    Pakhet sah auf. „Was?“

    „Ich meine, mehr wirst du dazu nicht sagen? Letzte Nacht  …“

    Sie unterbrach ihn: „Doc. Es war nur Sex.“ Wieso fühlte sie sich schon wieder wie das letzte Arsch? „Es war nur Sex. Ich  … Mehr gibt es nicht zu sagen, okay?“

    Er seufzte leise, schloss die Augen, nickte dann. „Okay.“ Ganz konnte er die Enttäuschung nicht verbergen.


    .


    [22.07.2011 – D22 – Reue]


    Pakhet hasste es. Sie hatte sich eigentlich auf diesen Urlaub gefreut und nun saß sie in ihrem Zimmer und traute sich kaum rauszugehen. Sie war nicht feige, verdammt, doch sie wusste einfach nicht, wie sie mit Heidenstein reden sollte. Was sollte sie denn noch sagen? Wie konnte sie etwas sagen, ohne dass er es falsch verstand?

    Wieso hatte ihr so etwas passieren müssen?

    Sie lag rücklings auf dem Bett, während ihr Arm auf dem Tisch des Hotelzimmers wieder auflud. Was konnte sie noch tun?

    Sie schloss die Augen und versuchte noch einmal Schlaf zu finden. Ihr Unterbewusstsein war jedoch nicht kooperationsbereit. Sofort schickte es ihr Erinnerungen an die letzte Nacht. Fuck. Wieso?

    Sie musste letzte Nacht zu übermüdet gewesen sein. Sie hatte sich nicht unter Kontrolle gehabt. Sie war wütend gewesen und wenn sie wütend war, Ablenkung suchte, fand sie diese oftmals in einem Hotelzimmer mit einem Fremden. Nun, es war dieses Mal ein Hotelzimmer gewesen. Nur kein Fremder. Zumindest hatten sie ein Kondom verwendet – nicht das sie glaubte, dass er irgendeine Krankheit hatte.

    Wieso hatte sie es nur getan?

    Ein zögerliches Klopfen an der Tür.

    Sie ignorierte es.

    Ein weiteres Klopfen. „Pakhet? Bist du da drin?“

    Ach, dieser verfickte Idiot!

    Sie war nun seit sechs Stunden in diesem Zimmer. Wahrscheinlich war es langsam Zeit, etwas zu essen. Doch dafür müsste sie das Zimmer verlassen, müsste mit ihm reden.

    „Pakhet?“, war seine Stimme erneut zu hören.

    Sie seufzte. Er war ihr Freund. Ihr vollkommen platonischer Freund. Sie konnte ihn auch nicht einfach so hängen lassen. „Ja“, erwiderte sie halblaut.

    Sie kämpfte sich auf die Beine, ging zur Tür und öffnete sie. Heidenstein sah so müde aus, wie sie sich fühlte. Offenbar hatte auch er keinen Schlaf gefunden.

    „Kann ich reinkommen?“, fragte er.

    Sie seufzte. Nickte. Sie ging zu dem Tisch, auf dem ihr Arm lag, sah auf die kleine Anzeige am Ladegerät. Achtzig Prozent. Das sollte für den Tag reichen.

    Sie löste die Prothese vom Ladegerät, löste die Abdeckung von ihrem Arm und befestigte die Prothese an dem aus ihrer Haut hervorragenden Metallbolzen, der der Prothese den Halt gab.

    Heidenstein beobachtete all das von der Tür aus, schloss diese dann, kam zu ihr hinüber.

    Er zögerte. „Ich wollte mit dir reden.“

    Musste das sein? Sie nickte matt und fixierte den Blick auf dem Fernseher, der an einer Aufhängung von der Decke über der Zimmertür hing.

    Heidenstein zögerte. „Ich habe letzte Nacht nichts getan, was du nicht gewollt hast, oder?“

    Natürlich fragte er so etwas! Das bedeutete, dass sie auch noch darauf antworten musste. Sie stöhnte leise, genervt, aber ergeben. „Doc. Glaubst du wirklich, dass du hier noch stehen würdest, wenn es so gewesen wäre? Glaubst du, dass ich mich dann nicht gewehrt hätte?“

    Er schwieg, schürzte die Lippen, nickte dann. Erleichtert. „Nein, glaube ich nicht.“ Wieder seufzte er. „Ich wollte nur sicher gehen.“

    Sie sah ihn an, zögerte ihrerseits. Ach, verdammt. „Was letzte Nacht passiert ist, habe ich letzte Nacht auch gewollt. Es war nur eine extrem dumme Idee. Ich hätte es besser wissen müssen.“

    Er nickte wieder. „Okay. Ich verstehe.“ Er versuchte ihr in die Augen zu sehen. „Wirklich, Pakhet. Ich verstehe. Es war nur Sex. Wir sind nur Freunde.“ Offenbar wollte er sie beruhigen.

    Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ja. Das.“

    Sein Blick glitt durch den Raum, als er merkte, wie es ihr unangenehm wurde. Schließlich sah er auf seine Hände, die er auf dem Tisch gefaltet hatte. „Es tut mir leid.“

    Sie schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme. „Es war meine Schuld.“ Sie hätte es nicht zulassen dürfen.


    .


    [24.07.2011 – X08 – Touristenfalle]


    Zwei Tage später fühlte sie sich nur bedingt besser. Sie wusste noch immer nicht, wie sie mit Heidenstein reden sollte, wusste nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Er sagte, dass er verstand, doch sie glaubte ihm nicht. Er war sentimental, emotional, er meinte vielleicht zu verstehen, doch wenn er sie ansah, hoffte er doch mehr.

    Also. Was sollte sie sagen?

    An diesem Abend war sie allein weggegangen. Sie saß in einer Bar – eine von jenen exotisch eingerichteten Bars, wie sie von Touristen meistens heimgesucht wurden. Entsprechend herrschte ausgelassene Stimmung. In diversen Ländern auf der Nordhalbkugel der Welt, waren Sommerferien und so gab es einen Touristenboom. Immerhin war Südafrika selbst im hiesigen Winter warm genug, um am Strand zu liegen und zu tun, was auch immer Touristen so taten.

    Pakhet saß an der Bar. Sie trug eine helle Bluse, eine enge schwarze Hose und zu allem Überfluss hochhackige Schuhe. Sie war sich beinahe sicher, dass dies ein dummer Scherz von Smith war. Es waren die einzigen Ausgehschuhe gewesen, die in dem Koffer, den er hatte bringen lassen, enthalten waren.

    Vor ihr stand ein Glas Whiskey, dass an dem sie immer wieder nippte.

    Verdammt, sie war hierher förmlich geflohen, um nicht zu riskieren, Heidenstein über den Weg zu laufen. Es war albern, sie wusste es, aber was sollte sie sonst tun? Sie konnte mit der Situation nicht umgehen. Man konnte einen viermeter großen Riesen vor sie stellen und sie zögerte keinen Moment. Doch soziale Situationen? Sie wusste nicht, was man sagen sollte. Nein, sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn sie eine Rolle spielte, war es etwas anderes, doch als sie selbst?

    „Bist du allein hier?“, fragte jemand.

    Sie sah zu ihrer Rechten, wo ein Mann – hellhäutig, aber gebräunt, braunhaarig, sie schätzte ihn Mitte dreißig – sich auf dem zuvor leeren Barhocker nieder gelassen hatte.

    „Fragt wer?“, erwiderte sie.

    Er streckte ihr die Hand entgegen. Grinste. Sie kannte diese Art von Grinsen. „Mein Name ist Mason. Mason Bredley.“

    Eigentlich sollte sie ihn wegschicken. Eigentlich hatte sie keine Lust. Doch dann wiederum  … Sie schüttelte seine Hand, griff sie fest. „Mary.“ Es war ihre falsche Identität unter der sie seit sieben Jahren lebte.

    „Mary und weiter?“

    Sie lächelte distanziert. „Einfach nur Mary.“

    Für einen Moment verblasste sein Lächeln, doch dann kehrte es zurück, als er verstand. Sie wollte ihren Namen nicht mit einer Bekanntschaft für eine Nacht teilen. „Bist du allein hier?“, fragte er.

    „Was, wenn es so wäre?“, erwiderte sie mit einem spitzen Lächeln.

    „Dann würde ich fragen, ob ich dir einen Cocktail ausgeben darf“, antwortete er schelmisch.

    Sie musterte ihn aus den Augenwinkeln. Ihr Lächeln war selbstsicher, aufreizend. Das hier war eine Rolle. Es war so viel einfacher. Sie nahm das Glas vor ihr und leerte den letzten Schluck. „Ich bin alleine“, bestätigte sie und wandte sich ihm zu. „Und du?“ Es war nicht so, als hätte sie den Ring an seinem Finger nicht bemerkt. Doch es war nicht ihre Schuld, dass er seine Frau betrog. Es war nicht ihre Schuld. Wenn sie ihn ablehnte, würde er jemand anderen finden.

    Er lächelte. „Ich auch.“


    .

  • Hm sie ist wirklich schlecht in sowas.

    Hätte ruhig sagen können dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt, aber keine Beziehungen und generell keinen intimen Kontakt zu Teamkollegen pflegen möchte, praktische antworten halt.


    Scheinbar weil sie ihre eigenen Gefühle ihm gegenüber laeugnet. Zumindest erscheint es so in Chapter 2 hier.


    Scheint so als suche sie etwas Ablenkung, quasi um sich zu beweisen daß es nichts ernstes war? Sofern der Typ kein Menschenfresser ist verstehe ich den Titel Touristenfalle nicht ganz.


  • *wartet noch immer darauf, mal wieder von Thrawn oder Bastet zu hören*


    .


    [29.07.2011 – D23 – Angebote]


    Ihre Laune verbesserte sich nach dieser Nacht zumindest etwas. Es war nur Sex, erinnerte sie sich. Sie hatte mit vielen anderen Männern vor Heidenstein geschlafen und sie konnte mit vielen weiteren schlafen. Es war schlecht gelaufen, dass sie mit ihm – jemand, den sie kannte, den sie respektierte – im Bett gelandet war, doch daran konnte sie nichts mehr tun. Sie musste damit leben und je eher sie dazu überging, normal mit ihm zu verkehren, desto eher könnte sie diesen Vorfall vergessen.

    So saß sie nun in einer gemieteten Garage am Rand der kleinen Stadt. Auch wenn niemand etwas gesagt hatte, so fiel der Van vor dem Hotel auf und sie bevorzugte es ihren normalen Wagen oder – wenn sie einmal dazu kam – ihr Motorrad zu fahren. Dieses fiel auch auf, ja, doch war es wenigstens nicht von endlos vielen Dellen überzogen. Selbst ihr Wagen hatte Türen, die sich problemlos öffnen ließen und roch nicht, als hätte man eine Sammlung Eier über den ganzen Sommer stehen lassen.

    Doch genau an diesen Problemen arbeitete sie gerade.

    Wo sie schon hier waren konnten sie die Zeit auch nutzen. Der Wagen hatte eine Generalüberholung ohnehin nötig. Es gab ihr zu tun, brachte sie auf andere Gedanken – oder hätte dies zumindest getan, hätte jemand Gewisses nicht drauf bestanden ihr zu helfen.

    Nichts desto trotz: Sie wollte sich ablenken, also lenkte sie sich ab.

    Ein paar Anrufe hatten gereicht, um neue Türen zu besorgen und Ersatzteile für die Heckstange. Sicher, sie hätte alles reparieren lassen können, doch wenn sie es selbst tat, kam es sie billiger.

    Im Moment war sie damit beschäftigt, die erste Tür aus ihren Scharnieren zu hebeln, nachdem sie sämtliche Sicherungen gelöst hatte.

    Heidenstein nahm die Tür an, brachte sie in die Ecke, während sie sich an die Sicherungen der zweiten Tür machte.

    Eine seltsame Stille herrschte und als sie aufsah, brauchte er einen Moment zu lang, um den Blick von ihr abzuwenden.

    Wie immer beim Arbeiten, hatte sie einen Blaumann über Tanktop und Jeans gezogen, während Heidenstein einfache, abgetragene Sachen trug.

    Erst jetzt schaffte er es, wenngleich wenig überzeugend, die Garagenecke zu fixieren.

    „Was?“, fragte sie gereizt. Aktuell reagierte sie zu empfindlich auf diese Dinge. Lange Blicke, Seufzen … Sie kam nicht umher all diese Gesten im neuen Kontext zu interpretieren. Vielleicht tat sie ihm damit Unrecht, doch sie konnte nicht anders.

    „Nichts“, erwiderte er.

    Sie brummte missmutig, machte sich wieder an die Arbeit. „Jetzt sag schon? Was ist?“

    „Ich habe nur worüber nachgedacht.“

    Oh, bitte nicht darüber.

    „Nicht das, was du denkst“, sagte er schnell.

    Aha. Sie hob eine Augenbraue, warf ihm einen kurzen Blick zu.

    „Ich hatte dich eigentlich worauf ansprechen wollen. Seit ein paar Wochen schon.“ Er seufzte. „Es ist nur denke ich nicht, der richtige Zeitpunkt.“

    Wieso hatte sie bloß das Gefühl, dass ihre Antwort „Nein“ wäre? Wieder brummte sie. Jetzt kommunizierte sie wie Crash.

    Stille senkte sich über sie, während sie die zweite Tür abmontierte. Es war schnell getane Arbeit. Als sie ihm die Tür übergab und seinen Blick bemerkte, stöhnte sie genervt. „Was ist denn?“

    Er seufzte, stellte die Tür weg und setzte sich auf die nun offene Ladefläche des Transporters. „Okay. Ich hatte über etwas nachgedacht, bevor Spider und diese ganze Sache passiert ist.“

    „Okay“, erwiderte sie. Was sollte sie sonst sagen? Sie lehnte sich gegen die Seite der Öffnung, verschränkte die Arme.

    „Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, dass ich mit dir hierherfahre, noch dass …“ Er räusperte sich nervös, schürzte die Lippen.

    „Okay.“ Dieses Mal legte sie Nachdruck in ihre Stimme, drehte ihren Kopf, um ihn anzusehen. Warum kam er nicht zum Punkt?

    Ein weiteres Räuspern. „Du weißt noch, wie wir darüber gesprochen haben, was du machen willst, wenn du aus der Söldnerei-Sache raus bist?“

    „Du weißt noch, wie ich gesagt habe, dass ich nicht plane, in naher Zukunft damit aufzuhören?“

    Er nickte. „Ja. Deswegen. Ich habe darüber nachgedacht und wollte dir ein Angebot machen.“

    Sie schloss die Augen. Was sollte sie dazu sagen? Worauf wollte er überhaupt hinaus? Sie ahnte worauf, doch ganz konnte sie es nicht glauben. Was wusste er denn über sie? Das durfte nicht sein Ernst sein!

    Als sie nichts erwiderte, räusperte er sich noch einmal. „Jetzt, wo ich wieder etwas Betrieb im Krankenhaus habe – und etwas Equipment – brauche ich etwas Security. Wir hatten in der Vergangenheit Diebstähle und ich muss damit rechnen, dass es auch in Zukunft welche gibt. Du weißt. Es ist nicht die beste Gegend und auch wenn ich mir sicher bin, dass viele die Arbeit respektieren werden …“ Was für ein Idealist! „Na ja, auch damit. Ich brauche Security und ich kann nicht immer Victors Leute anheuern.“

    „Also willst du mich fragen, ob ich als Security für dich, also Joachim Anderson arbeite“, schloss sie.

    Er nickte stumm, sah sie an. Als sie schwieg ergänzte er: „Ich hatte überlegt, dich als CSO einzustellen.“

    Chief Security Officer. Ernsthaft? Sie konnte es nicht glauben. „Ernsthaft?“ Sie sprach den Gedanken aus.

    Er schwieg.

    „Du kennst mich kaum“, erwiderte sie. „Du weißt nicht, ob ich irgendeine Art von formeller Ausbildung erhalten habe. Du weißt nicht, was ich in meinem Leben vorher gemacht habe. Und dann willst du mir so viel Verantwortung geben?“

    „Ja.“ Er sah sie an.

    Was für ein Idiot! „Woher weißt du, dass ich dich nicht hintergehe?“

    Er wandte den Blick nicht ab, schürzte wieder die Lippen. „Ich vertraue dir.“

    Fuck. Warum war er so ein Idiot? Warum musste er so einen albernen Kram von sich geben? Es war absolut lächerlich! „Du kennst mich nicht“, beharrte sie.

    „Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du eine aufrichtige Person bist.“

    „Du weißt nicht, wer ich wirklich bin“, antwortete sie. Es stimmte. Sie war Pakhet, aber von ihrer Vergangenheit, von Joanne Snyder wusste er nichts. „Vielleicht habe ich dich die ganze Zeit angelogen.“

    „Wenn du das getan hättest, würdest du es nicht so sagen.“ Ein mattes Lächeln umspielte seine Lippen. Er sah sie an. „Du musst nicht zustimmen, aber ich dachte …“ Er räusperte sich wieder, fuhr sich mit der Zunge kurz über die Lippe. „Ich dachte, ich biete dir eine Option.“

    Idiot. Verfickter Idiot!

    Sie unterdrückte ein frustriertes Stöhnen. Was sollte sie darauf sagen? Was konnte sie darauf sagen? Was wollte sie sagen? Wollte sie eine Option? Wollte sie mit ihrem Job aufhören? Sie müsste ihre alte Identität nicht wieder annehmen. Sie müsste ihre Vergangenheit nicht konfrontieren. Solange sie von den USA fernblieb, konnte sie ein anderes Leben haben. Vielleicht. Doch wollte sie es?

    Sie war sich nicht sicher. Sie wusste es wirklich nicht. Natürlich gab es einen Teil von ihr, der überlegt hatte, einmal einen anderen Job zu machen. Es wäre nicht einmal unsinnig einen Zweitjob als Security zu haben. Immerhin war sie aktuell, zumindest auf dem Papier, auch als Security Spezialistin tätig. „Söldnerarbeit“ machte sich auf Steuerabrechnungen schlecht. Nicht, dass sie besonders viele Steuerabbrechnungen schrieb. Doch es ging ums Prinzip: Wann auch immer sie ihre Arbeit ausweisen musste, war sie offiziell als Security-Spezialistin tätig. Eine fortführende Tätigkeit als CSO wäre nicht unrealistisch – rein von ihrem falschen Lebenslauf aus betrachtet.

    Sie seufzte. „Wäre es nicht sinnvoller für dich, mich als Sicherheitsberaterin einzustellen?“, murmelte sie, ohne ganz zu wissen, warum sie es überhaupt aussprach.

    „Das kann ich von mir aus auch machen“, erwiderte er. „Wenn dir das lieber ist.“ Er verfiel in eine kurze Pause. „Ist dir das lieber?“

    Eigentlich sollte sie wütender sein, dass er sich in diese Dinge einmischte. Wieso war sie es nicht? Wieder seufzte sie. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie dann. „Vielleicht.“ Sie sah ihn an. „Ich denke darüber nach, okay?“

    Er lächelte. „Okay. Danke.“

    Pakhet grummelte. Sie hasste es. Warum war er so freundlich? „Keine Erwähnung wert.“

    Heidensteins Lächeln wurde kurz zu einem Grinsen. Er verstand was sie sagen wollte, fand ihre Art offenbar amüsant. Dann schürzte er wieder die Lippen, holte kurz sein Handy heraus. Wahrscheinlich wollte er sich etwas geben, auf das er seine Aufmerksamkeit fixieren konnte, um sie nicht weiter anzustarren.

    Stille. Peinliche, leicht gedrückte Stille senkte sich über sie.

    Pakhet stieß sich von dem Wagen ab, stampfte zu den noch in Schutzfolie verpackten Türen, hob die erste an, um sie zum Wagen zu bringen und einzuhängen. Was würde sie überhaupt mit dem Van machen, der als Chaosmobil eingesetzt worden war? Wollten Spider, Mik und Agent ihn haben? Sie glaubte nicht, dass Agent noch einmal mit den anderen beiden arbeiten würde.

    Darüber konnte sie sich später Gedanken machen, schloss sie, wenn sie in Kapstadt zurück und sie beide, auch Heidenstein, sicher vor der Muti-Hexe waren.

    Sie legte die Tür neben Heidenstein ab, woraufhin er das Handy wegsteckte, sich neben sie stellte. Er schien helfen zu wollen, wirkte aber unsicher. „Was kann ich tun?“

    „Du könntest die Sicherheitsschrauben anziehen, wenn die Tür in den Angeln hängt“, erwiderte sie. Immerhin hatte er zwei geschickte Hände – anders als sie.

    „Klar.“ Er ging zum Werkzeugkoffer, den sie aus ihrem Auto hatten, holte etwas heraus.

    Sie hievte die Tür an, schaffte es, nachdem er sie annahm und leitete, die Tür in die Scharniere zu hängen, woraufhin er begann, die Schrauben anzuziehen. Damit fertig öffnete und schloss er die Tür, nickte zufrieden.

    Dasselbe wiederholte sie, ohne große Worte, mit der zweiten Tür. Dankbarerweise waren moderne Wagen auf eine Art gebaut, dass solche Reparaturen leicht zu bewältigen waren.

    Als sie fertig waren, holte Heidenstein tief Luft. Wieder schlenderte er in die Ecke zurück, in der seine Wasserflasche stand, wandte sich mit dieser in der Hand um und musterte Pakhet.

    Wieder räusperte er sich.

    „Was?“, fragte sie und setzte ihre eigene Flasche ab.

    „Ich hatte dich eigentlich, zusammen mit dem Jobangebot, noch was anderes fragen wollen“, murmelte er. Dieses Mal wich er ihrem Blick aus.

    „Ja?“

    „Ja.“ Er schürzte die Lippen. „Es ist nur eine dumme Idee, weißt du?“

    „Erzähl.“ Wollte sie es wirklich hören? Wahrscheinlich nicht. Dennoch wartete sie, die Arme wieder verschränkt, wenn auch noch immer mit der Flasche in ihrer Rechten.

    Er musterte sie. „Ich möchte noch einmal betonen, dass ich dich das vorher hatte fragen wollen. Also bevor wir …“

    „Ich verstehe schon“, sagte sie hart. Nein, sie wollte, was jetzt kam, wirklich nicht hören.

    Heidenstein holte tief Luft, sah sie an. „Du warst in der letzten Zeit oft da. Also im Krankenhaus. Ich meine, vor der ganzen Aktion mit der Ölbohrinsel hast du häufiger bei mir geschlafen, als …“

    „Was willst du sagen?“ Eigentlich wusste sie genau was. Natürlich hatte er Recht mit seiner Feststellung: Sie hatte zu viel Zeit bei ihm verbracht. Viel zu viel.

    „Ich wollte dich fragen, ob du nicht dauerhaft einziehen willst“, erwiderte er. Dabei sprach er schnell, als würde er sich bereits für die unausweichliche Reaktion gefasst machen. „Als WG“, fügte er schnell hinzu. „Rein platonische WG.“

    Sie starrte ihn an. Sie hatte gewusst, dass das kommen würde, doch nun, da er es ausgesprochen hatte, fehlten ihr dennoch die Worte.

    Verdammter Idiot!

    „Das kann nicht dein Ernst sein?“, brachte sie schließlich hervor.

    „Ich fürchte schon, ja“, antwortete er. „Ich fürchte, es ist mein Ernst.“ Er versuchte ein Lächeln, das nicht ganz gelangt. „Ich bin halt so ein Idiot.“ War das ernst gemeint oder wollte er einnehmend wirken?

    Sie sah ihn an. „Du hast ein beschissenes Timing“, stellte sie fest. Wieder fehlte die Wut – doch Frustration blieb dennoch.

    Heidenstein lachte leise. „Ich weiß.“

    Für einen Moment überlegte sie, etwas zu sagen, wandte sich dann aber ab. Sie ging zum Wagen, begann die Schutzfolie von den neuen Türen zu ziehen, während sie darüber grübelte. Eigentlich sollte es keine Frage zum Überlegen sein. Sie lebte aktuell zentral, in einer sicheren Gegend. Sie hatte ein schönes, wenngleich sehr leeres Haus. Ja, es war gemietet, doch was störte es sie? Er lebte dagegen in einer improvisierten Wohnung über einem Krankenhaus in den Flats. Es sollte keine Frage sein.

    Warum dachte sie jetzt darüber nach?

    Sie ärgerte sich über sich selbst. Kein Wunder, dass sie Idioten magisch anzuziehen schien. Sie war selbst einer.

    „Ich kann dir keine Antwort geben“, antwortete sie schließlich.

    Überrascht sah er sie an. „Das heißt, du denkst darüber nach?“

    Offenbar. Sie seufzte. „Ja.“



    .


    [01.08.2011 – D24 – Wanderung]


    Pakhet hatte einen Entschluss gefasst. Sie musste die Nacht einfach vergessen, dann würde sie auch dazu zurückkehren können, normal mit Heidenstein umzugehen. Er wusste, wie sie über die Sache dachte und sie vertraute ihm genug, dass er nichts versuchen würde.

    Dennoch wünschte sie sich, einfach für einige Tage Abstand gewinnen zu können, sehnte sich danach, dass Smith ihr sagte, dass die Hexe tot war und sie würden zurückkehren können. Was sie jetzt brauchte, was ein Job – ein anspruchsvoller Job, bei dem sie sich verausgaben konnte.

    Stattdessen wanderte sie nun mit Heidenstein um den Mandlazini herum. Sie hatte eigentlich allein gehen wollen, hatte sich aber zu schlecht gefühlt, ihn anzulügen, als er fragte.

    Nun herrschte gedrücktes Schweigen zwischen ihnen, während sie den Pfad entlangschritten.

    Sie war bewaffnet. Immerhin konnte hier allerhand aus dem Gebüsch springen. Gerade Leoparden waren aggressiv, wenn man ihr Territorium eindrang. Sie wollte nicht als Abendbrot eines Leoparden enden.

    „Du solltest ein wenig entspannter sein“, meinte er. Seine Stimme war sanft.

    Sie sah ihn an. „Ich bin total entspannt.“ Sarkasmus tropfte aus ihrer Stimme. Er sollte wissen, warum sie nicht entspannt war.

    „Entschuldige.“ Schon wieder entschuldigte er sich. Er hatte sich so oft in den letzten Tagen entschuldigt.

    „Schon gut“, erwiderte sie. Sie wusste, dass sie eingeschnappt klang.

    „Vielleicht sollten wir etwas miteinander machen, bei dem wir von Leuten umgeben sind“, meinte er vorsichtig. „Wir könnten ins Kino.“

    Pakhet presste die Lippen aufeinander. „Eher nicht.“

    „Wir waren auch vorher schon gemeinsam im Kino.“ Er klang vorsichtig, wusste aber offenbar genau, warum sie ablehnte. „Man kann auch als Freunde ins Kino gehen.“

    Sie unterdrückte ein Seufzen. Sie war keine Frau, die wegen einem Mann seufzte. „Ich weiß.“

    „Also?“

    „Vielleicht“, murmelte sie. „Aber nicht mehr heute.“

    „Okay.“ Er lächelte ihr zu und verfiel wieder in tiefes Schweigen.

    Fast hätte sich Pakhet gefreut, wären sie von einem wilden Tier oder vielleicht auch irgendwelchen Psychos angefallen worden. Dann hätte sie etwas tun können, anstatt hier schweigend neben ihm zu laufen.

    Sie beschleunigte ihren Schritt, um etwas vor ihm zu gehen, sodass sie ihn nicht ansehen musste. Es war ihr unangenehm, da sie schnell den Eindruck hatte zu starren. Dabei war es doch er, der starrte.

    Minuten vergingen. Wenn sie ihrem Gefühl vertraute, etwas mehr als vier.

    Dann sprach er wieder. „Pakhet“, begann er und seine Stimme sagte ihr, dass er vorsichtig war, mit dem, was er ansprechen wollte.

    Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Was?“

    „Du hast mir nie erzählt, wer du wirklich bist“, meinte er.

    „Ja.“ Innerlich flehte sie ihn an nicht danach zu fragen. Verdammt noch einmal, sie wollte und konnte nicht darüber reden!

    „Du weißt, wer ich bin“, stellte er fest.

    „Ja“, erwiderte sie erneut. Sie schloss die Augen, zählte wieder bis zehn. Sie tat das in den letzten Tage zu häufig. „Doc“, versuchte sie es sanft. „Ich bin Pakhet in jeder Hinsicht, die zählt. Was macht es für einen Unterschied, wer ich vorher war?“

    Er zuckte mit den Schultern. „Keinen, nehm' ich an.“ Er seufzte dennoch. „Ich dachte nur …“

    „Doc“, sagte sie langsam. „Die Person, die ich vorher war, ist tot. Ich bin nicht sie. Sie ist tot.“

    Schweigend starrte er sie an. Mehrfach setzte er dazu an, etwas zu erwidern, doch jedes Mal hielt er sich davon ab. Er senkte den Blick, seufzte noch einmal. „Entschuldige, dass ich gefragt habe.“

    Sie nickte und wandte sich wieder nach vorne, um weiterzulaufen. Sie betete innerlich, dass Smith sie bald anrufen würde. Noch ein, zwei Tage. Hoffentlich nur noch ein, zwei Tage.



    .


    [05.08.2011 – S05 – Entwarnung]


    Es dauerte vier weitere Tage, ehe der Anruf von Smith kam. Es war am frühen Nachmittag, als Smith Pakhet anrief.

    Wieder hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, atmete aber erleichtert auf, als sie Smiths Nummer auf ihrem Handy angezeigt sah.

    „Was gibt's?“

    „Hey, Pakhet. Ich hatte Bescheid geben wollen, dass euer Problem sich erledigt haben sollte.“

    „Gott sei Dank“, murmelte sie.

    Stille am anderen Ende der Leitung. „Was ist los?“, fragte Smith schließlich.

    Pakhet seufzte. „Nichts. Ich werde meinen Urlaub nur etwas kürzer fassen als geplant.“ Sie sah zum Fenster des Zimmers, vor dem es wieder regnete. Dabei war es eigentlich Trockenzeit! „Das Wetter.“

    „Nächste Woche soll es wieder besser werden“, meinte Smith.

    „Vielleicht“, murmelte sie. „Aber ernsthaft. Ich habe genug von Richards Bay.“

    „Wie du meinst.“ Smith schwieg kurz. „Heidenstein ist noch bei dir, oder?“

    Leider. „Ja.“ Ihre Stimme blieb trocken, während sie sich weitere Anmerkungen verkniff.

    „Ist mit ihm alles okay?“

    „Ja“, erwiderte sie knapp.

    Wieder schwieg Smith. „Ist zwischen euch alles okay?“, fragte er dann.

    „Ja.“ Wahrscheinlich würde er sich seinen Teil denken.

    „Okay“, meinte er nach einer weiteren Stille. „Wirst du Montag wieder auf der Arbeit sein?“

    Gute Frage. Ein Teil von ihr wollte wieder Arbeiten und sei es nur, weil es ihr eine Möglichkeit gab, sich von allem abzulenken. Dann wiederum war die Möglichkeit, ihre Freizeit daheim zu verbringen, der beste Weg, etwas Abstand zu gewinnen. Außerdem hatte sie Robert seit knapp drei Wochen nicht mehr getroffen, wie er sie mehrfach via Mail erinnert hatte. „Nein. Ich denke, ich werde noch zuhause bleiben. Ich denke, ich kann ein wenig Ruhe gebrauchen.“

    „Das denke ich auch“, meinte Smith gutmütig. Er schien zu lächeln. Dann holte er tief Luft. „Nun, dann sieh zu, dass du dich noch gut erholst. Ich sehe dich dann in einer Woche wieder.“

    „Jap. Bis dann. Und danke wegen der Sache.“

    „Sollte sich nicht Spider bei mir bedanken?“, meinte Smith.

    „Frag ihm.“ Sie lächelte matt.

    Smith lachte. „Werde ich. Bis dann, Pakhet.“ Damit legte er auf, während sie sich wieder auf das Bett fallen ließ.

    Verdammt. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte. Und das schlimme war, dass es niemanden gab, der es ihr würde sagen können. Sie musste einfach selbst damit klar kommen.



    .

  • Ölborinsel ist verschrieben.

    Bei dem Jobangebot wäre ich aber eher auf die Frage nach einer festen Bezahlung gekommen. Kann er sie sich überhaupt leisten, wenn er als Söldner arbeiten muss für ein paar extrabuck? Und wenn ja, kann er ihr garantieren, dass die Bezahlung stabil bleibt. Weil er angesprochen hat, dass sie sich über ihre Ziele nach all dem unterhalten hat, denke ich mal das ers Vollzeit gemeint hat?


    Leopard, ist das nicht das Topbuild des African Server?

  • There we go.

    Ja gut, wenn ich schon erwähnt werde - lenkt wenigstens ein bisschen ab, mal wieder einen Kommentar zu schreiben, ähem.

    Also ja ... War auf jeden Fall jetzt doch ziemlich viel Action mit dem Zug und allem - ist die Hexe jetzt wirklich weg vom Zugfenster? Fände ich fast ein bisschen schade, wenn's so wäre, weil ich das Konzept mit dem Geisterzug mag. :( Wobei Smith ja sagt, dass das Problem "sich erledigt haben sollte" - Anzeichen dafür, dass der Zug doch noch nicht abgefahren ist? Naja ... Mal gucken. Insbesondere Heidensteins Blut ist halt die potentielle Gefahr. Und ich habe noch ein paar schlechte Wortwitze, falls der Zug wiederkommt.

    Jedenfalls, wisst ihr: Smith wirkt immer so nett und hilfsbereit, dass ich ihm mittlerweile fast misstraue. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass du, Alaiya, erwähnt hast, dass mehrere Leute bezüglich Pakhet so ihre Pläne haben - und ich denke da natürlich erst einmal an Michael, aber dann ist da eben auch Smith, und jetzt weiß ich schlicht nicht mehr, ob dem noch vollkommen zu trauen ist. Könnte halt ein netter Twist sein, aber ... Well, I don't know. Zumindest irgendjemand muss ja gut sein.

    Dann mit Heidenstein ... Äh ja, ups? Ich hatte tbh nicht damit gerechnet, dass jetzt schon etwas zwischen den beiden passiert, aber es ergibt in Anbetracht der Umstände schon Sinn. Auch wenn es nur Sex war. Zumindest behauptet Pakhet das, aber vielleicht will sie das ja nicht nur Heidenstein, sondern auch sich selbst einreden. Ja ... Vielleicht ...

    Ach ja, was davor noch war: Murphy hat ja doch mal Pakhets Hilfe angenommen. Eigentlich auch ganz nett, auch wenn's natürlich wünschenswert wäre, wenn er dazu keinen Grund hätte. Dennoch ist das vielleicht auch etwas, was anzeigt, dass er mehr Vertrauen fasst bzw. etwas, was ihn mehr Vertrauen fassen lässt.

    Ich springe hier ein wenig hin und her - nun, Pakhet bekommt ja nun auch eine Perspektive angeboten, die sie vielleicht annehmen könnte. Dann wäre sie raus aus der Sache - wenngleich natürlich wieder jemand sie um Hilfe bei irgendetwas bitten könnte - sie hat ja schon einmal Murphy geholfen und dann auch Spider, und bei Letzterem dürfte ihr Bezug vielleicht auch nicht so stark gewesen sein. Aber ja, sie ist in der Tat etwas gefühlsduselig geworden und das wird sich in der Zukunft wohl so fortsetzen, erst recht, wenn sie dann noch mehr Zeit mit Heidenstein verbringt. Insofern - Perspektive ist da, aber es wäre wohl naiv anzunehmen, dass dann alles friedlich sein wird. Schließlich hat der zweite Arc gerade erst angefangen.

    Was ich übrigens besonders mag, ist, wie auch in emotional schwierigen Situationen Pakhet immer noch so ein paar Verhaltensweisen an den Tag legt, als würde das dabei helfen, das Ganze zu rationalisieren oder leichter zu machen. Finde da besonders die Stelle hier interessant:

    Sie beschleunigte ihren Schritt, um etwas vor ihm zu gehen, sodass sie ihn nicht ansehen musste. Es war ihr unangenehm, da sie schnell den Eindruck hatte zu starren. Dabei war es doch er, der starrte.

    Minuten vergingen. Wenn sie ihrem Gefühl vertraute, etwas mehr als vier.

    Einerseits natürlich, dass sie versucht, Heidenstein aus dem Blickfeld zu bekommen, aber andererseits auch die Sache, dass sie die Minuten quasi zählt. Das sind so kleine Details, die das Ganze menschlich machen und gleichzeitig gut zum Ausdruck bringen, wie unangenehm Pakhet das alles ist.


    So oder so, die Geschichte setzt sich gut fort und ich freue mich wie immer darauf, mehr davon lesen zu können. War jetzt vielleicht ein eher kurzer Kommentar, aber ich hatte leider in letzter Zeit auch nicht so den Kopf, um mir wieder was an Theorien zu überlegen oder so. Aber wie gesagt, ich lese hier immer gerne weiter.