Move on!

  • Move on!



    Quelle: https://www.deviantart.com/xishka/art/Fall-Vibes-765231297


    Grief is in two parts:

    The first is loss.

    The second is the remaking of life.

    - Anne Roiphe



    Sneak Peak

    Vor fünf Jahren ist Julians älterer Bruder Nikolai verschollen. Daran zerbrach seine Familie und Julian blieb mit der Trauer und geschiedenen, sich ewig streitenden, Eltern zurück.

    Vor fünf Jahren ist Jiangs Freund Nikolai verschollen. Damals hätte er Champ werden können, doch das Verschwinden seines Freundes warf sein Leben aus der Bahn.

    Gemeinsam machen sie sich mit Jiangs jüngerer Schwester Min zu einer Reise auf, um einen Neuanfang zu wagen.



    Vorwort


    Uh, eine neue Pokemon-Fanfiction von mir. Die OCs aus den Chroniken Johtos haben einen guten Platz in einer eigenen Steampunk-Fantasy-Welt gefunden und fühlen sich dort.... naja, zum Wohlfühlen ist der Plot nicht gerade. Sagen wir, sie gehören dort bereits hinein.


    Wisst ihr, was mich an meinen alten Pokemon-Storys gestört hat? Ich dachte, ich bräuchte einen großen, umspannenden Mainplot und eigentlich wollte ich viel mehr einen Roadtrip, ein paar Pokemon(kämpfe) und Charakterdrama schreiben. Was ist die Stärke von Pokemon-Fanfiction, die man aus dem Fandom entnehmen kann? Die Roadtrips und genau einen solchen würde ich gerne schreiben und diesen in Galar ansetzen.


    Ich werde diese Woche den Prolog posten und danach die ersten zwei, drei Kapitel. Danach muss ich warten, bis die Spiele erscheinen. Allerdings möchte ich zuvor bereits den Beginn und meine Protagonisten schon etabliert haben. Dann kann es losgehen. ;) (26.08.19)



    Was könnt ihr erwarten?


    Eine Reisestory mit OCs und keinen Canon Charakteren. Ich werde die Story einige Jahre vor den Games oder parallel dazu ansetzen, ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Jedenfalls wird die Story von meinen eigenen Charakteren in einer recht realistischen Pokemonwelt, die ich mit Rajani gestaltet habe, bevölkert werden.

    Auch nicht wirklich eine ausladend episch Story... eher episodische Kapitel, Pokemonkämpfe, Charakter- und Familiendramen.

    Man könnte zwar aufgrund des Titels und der Themen und der Aufmachung des Startposts Gegenteiliges annehmen, aber das stimmt nicht. Ich habe nicht vor die gesamte Story depremierend zu gestalten, aber nun ja, diese Themen sind eben da.


    Außerdem ergreife ich gleich die Chance und gestalte meine Charaktere sehr divers, sowohl ethnisch (ein bisschen ans reale UK angelehnt), kulturell, wie auch in ihren sexuellen Orientierungen und geschlechtlichlichen Identitäten, Hintergründen und in ihren Persönlichkeiten ganz allgemein. Ich finde es realistischer so und es macht mir persönlich auch viel mehr Spaß.

    Zudem will ich nicht in Maleslash / Boys Love, Femslash / Girls Love und den "normalen" Romanzen einteilen. Deshalb benenne ich es so. Als Teil der LGBT+-Community sind mir die Bezeichnungen schon aus unterschiedlichen Gründen zuwider.



    Klappentext


    Vor fünf Jahren ist Julians älterer Bruder Nikolai verschollen.

    Daran zerbrach seine Familie und Julian blieb mit der Trauer und geschiedenen, sich ewig streitenden, Eltern zurück.

    Er suchte den Halt bei seiner Clique, doch diese erwies sich als der denkbar schlechteste Umgang. Nach einer durchzechten Nacht schlugen sie einen Passanten zusammen. Wie versteinert stand Julian daneben und nun muss er mit der Brandmarkung „vorbestraft“ leben.

    Endlich ziehen seine Eltern am selben Strang und entscheiden sich ihrem siebzehnjährigen Sohn seinen größten Wunsch zu erfüllen: Sie unterstützen ihn bei seiner Reise durch das Land und auf der Jagd nach den Arenaorden. Eine einzige Bedingung stellen sie jedoch an ihn: Wenn er auf ihre finanzielle Unterstützung hoffen möchte, muss er die Reise mit dem ehemaligen Freund seines Bruders starten, um sich von schlechten Einflüssen fernzuhalten.


    Vor fünf Jahren ist Jiangs Freund Nikolai verschollen.

    Er hat seit längerem keinen Zweifel mehr daran, dass Nikolai starb und er ohne ihn weiterleben muss. Dieses Leben ist nicht das Schlechteste, doch es plätschert vor sich hin. Das Training, der Umgang mit seinen Pokemon, das Treffen mit Freunden, ab und an eine Eroberung mitnehmen; dieser Alltag prägt seine Tage.

    Damals hätte er Champ werden können, doch als er von dem Verschwinden seines Freundes erfahren hatte, hatte er die Chance auf den Kampf gegen die Elite Four und den Champ aufgegeben und sich an der Suche nach ihm beteiligt. Seitdem waren seine Erfolge zufriedenstellend, doch sie knüpften nicht mehr an seine Damaligen an.

    Da ihn seine eigene Familie verstieß, hält er den Kontakt zu Nikolais Eltern und diese bitten ihn nun darum, dass er Julian auf seiner Reise begleitet.

    Julian wiederrum verfolgt die wahnwitzige Idee, dass er dieselbe Route wie Nikolai nehmen möchte und glaubt daran, dass sein Bruder unter Umständen noch leben könnte.


    Und auch Jiangs jüngere Schwester Min möchte auf Reise aufbrechen. Sie möchte ihren eigenen Platz in der Welt finden und hält die Vormundung ihrer Eltern und den Umgang mit ihrem Bruder nicht mehr aus. Deshalb schließt sie sich ihm an und versucht Julian kennenzulernen.



    Warnungen und Trigger


    Trauer, Familienthemen, ein paar Mental Health-Themen angeschnitten, Homophobie und vielleicht etwas Rassismus.
    Mit Gewalt ist eigentlich kaum zu rechnen ... oder mit eher moderaten Darstellungen.

    Auch diverse sexuelle Darstellungen sind entweder bloß angedeutet oder moderat.



    Copyright


    Keines der hier verwendet Bilder oder Zitate wurde von mir erstellt. Das Urheberrecht liegt bei ihren Zeichnern bzw. Autoren!

    Genauso liegt das geistige Eigentum der ausgearbeiteten Pokémon-Welt bei Rajani und meiner Wenigkeit; wir haben uns diese Welt gemeinsam weiter entwickelt. Das Medium allerdings gehört nach wie vor GameFreak.

    Inhaltsverzeichnis


    Kapitel 1 [Julian]: Reboot 1.0

    Kapitel 2 [Julian]: Reboot 2.0



    Charaktere


    Protagonisten


    Julian Parkes


    Alter: 17, 13. Februar (Wassermann)

    Herkunft: Galar, Vorort der Hauptstadt.

    Sein Vater brachte aus der ersten Ehe mit einer Frau aus Serba den älteren Sohn Nikolai mit.

    Familie: Vater, Fotograf (52): Henry - Mutter, Elite Four-Mitglied, früher Pianistin (50): Sophie - Halbbruder väterlicherseits (vermisst mit 18 vor 5 Jahren): Nikolai - Nikolais leibliche Mutter (54): Marija - zählt eigentlich auch die beiden anderen Kinder von Marija zur Familie: Tatjana (14), Milan (13)

    Pokemon (manche noch nicht fix):

    Leader: Nachtara (m)

    Team: Alola-Knogga (w), Skorgla (w), Omot (m), und ein Galarpokemon...

    Von Nikolai: Silvarro (m), Galar-Geradaks (m)


    Profession / Sonstiges: Beginnender Trainer, ist bereits ein wenig erfahrener, hat aber noch keinen Orden, da er sich eben erst auf Reise begibt.

    Er hat die Schule aufgegeben, aber ihn interessiert die Fotografie ebenso sehr, wie für das Kämpfen.

    Was er vom Leben möchte, weiß er selbst noch nicht. Er weiß bloß, dass er wie seine Eltern Talent und Leidenschaft für Pokemonkämpfe, sowie Fotografie und Künstlerisches, in sich trägt.


    Orientierung: Heterosexuell & Heteroromantisch (und wie ihr mich kennt, wird das nicht bei allen so sein, das nur mal dazu ;D)




    Jiang Shaotian


    Alter: 24, 3. Januar (Kobalium / Steinbock)


    Herkunft:  Rajani und ich haben nun die Pokemonwelt etwas erweitert, demnach stammt er aus dem Hanyu Pinyin, sprich dem Festlandchina.

    Seine Eltern sind nach Galar emigriert, als er elf Jahre alt war.

    Familie: Vater (54): Yang - Mutter (49): Mei - Bruder (26): Tao - Bruder (21): Chang - Schwester (16): Min


    Pokemon (manche noch nicht fix):

    Leader: (Mega)Lucario (m)

    Team: Staraptor (m), Evolvtek (m), Bojelin (w), Panferno (w), Toxiquak (m), Mediras (w), Sengo (m), Galagladi (m), Lin-Fu (w)

    Von Nikolai: Quajutsu (w), und ein Galarpokemon...  


    Profession / Sonstiges: Im Grunde ist er sehr bekannter und angesehener Trainer, wäre vor fünf Jahren beinahe Champ geworden und hat bereits eine längere Karriere hinter sich.



    Orientierung: Homosexuell & Demi/Homoromantisch



    Hauptcharaktere & Familie


    Min Shaotian


    Alter: 16, 21. Februar (Goldini / Fische)


    Herkunft: Rajani und ich haben nun die Pokemonwelt etwas erweitert, demnach stammt sie aus dem Hanyu Pinyin, sprich dem Festlandchina.
    Ihre Eltern sind nach Galar emigriert, als sie vier Jahre alt war.

    Familie: Vater (54): Yang - Mutter (49): Mei - Bruder (26): Tao - Bruder (23): Jiang - Bruder (21): Chang


    Pokemon (manche noch nicht fix):
    Teamleaderin: Kirlia (w)

    Team: Floette (w), Alola-Vulpix (m), Marikeck (m), ein Galarpokemon ...


    Profession / Sonstiges: Beginnende Koordinatorin.

    Sie führt nebenbei die Schule fort und möchte Journalismus studieren.



    Orientierung: Heterosexuell & Heteroromantisch




    Julians Familie


  • Nebencharaktere



    Die Pokemonwelt


    In gemeinsamer Entwicklung haben Rajani und ich, uns das Recht herausgenommen, die Pokémonwelt an unsere reale Welt anzulehnen. Im Gegensatz zum Anime, Manga oder zu den Spielen wird sich die Handlung nicht nur auf die Pokémon konzentrieren, sondern auch das ganz „normale“ Leben fokussieren. Deswegen existiert auch ein gewöhnliches Bildungssystem mit Ausbildungsberufen und Studiengängen. Wirtschaft und Politik sind ebenfalls existent und funktionieren genauso wie in „unserer“ Welt.


    Aufgrund seiner Kolonialsgeschichte und anderen, historischen Ereignissen, ist die Bevölkerung hier ethnisch und kulturell sehr divers geprägt.

    Auch ein recht gut funktionierendes Gesundheitssystem ist in Galar vorhanden.


    Das Reisen ist hingegen oftmals der gut gestellten Mittel- und Oberschicht vorbehalten, da dies eine hohe, finanzielle Belastung darstellt. Andere müssen selbst zusehen, wie sie ihre Reise finanzieren können oder holen sich Sponsoren an Bord.

    Im Allgemeinen darf sich jeder ab sechzehn, auch ohne Einverständnis der Erziehungsberechtigten, aufmachen. Viele schließen ihre High Level A-Prüfungen in Fernkursen ab und manche haben die Schule bereits abgebrochen.


    Die meisten Regionen sind Demokratien, so auch Galar. Jedoch besitzt es ebenfalls ein Königshaus, sowie auch ein etwas eigenes Arenasystem. Hier können Arenen keinesfalls vererbt werden. Alle fünf Jahre findet ein Turnier um den Titel der Arenaleiter, Elite Four und des Champs statt. Elite Four-Mitglied kann man bloß werden, wenn man zuvor zufriedenstellend als Arenaleiter gedient hat. Daher sind diese meist etwas älter.
    Trainer und Koordinatoren werden teilweise als Stars gefeiert, werden oft gesponsert und es finden große Spektakel rund um die Turniere statt.

    Sowie auch in anderen Regionen werden Arenaleiter dazu angehalten, drei unterschiedlich starke Teams zu besitzen.


    Pokémon sind die Tiere ihrer Welt. Es existieren keine anderen Tiere, aber Pflanzen, Pilze, Einzeller, Bakterien und Viren. Der Konsum von Fleisch, das von Nutzpokémon (z. B. Miltank, Tauros und anderen) stammt, ist nicht fremd.


  • Bastet

    Hat den Titel des Themas von „Move on“ zu „Move on!“ geändert.
  • Sooo~
    Nun musste ich leider Cho umbennen, aber zum Glück hab ich noch nichts mit ihr geschrieben gehabt. Man sollte halt vorher nachsehen, ob der Name, den man da verwendet, wirklich chinesisch ist oder ob andere Autoren (*hust* Rowling xD) da Unfug verzapft haben. Naja, die anderen Namen hab ich von BehindtheName und co. und chinesischen Animes.
    Min gefällt mir sogar noch besser. ^^


    Ansonsten habe ich viele Personen in den Startpost hinzugefügt und die gesamte Liga, also Champ, Elite Four und Arenaleiter mit OCs besetzt. Ich hoffe, sie gefallen euch. ^^ Dasselbe gilt zB auch für Nikolais und Jiangs Freundeskreis. =)


    Ich hab auch etwas detailliertere Beschreibungen zu den Protas und Julians Familie, eben speziell Nikola, hinzugefügt. Die müssen natürlich nicht gelesen werden und nur für diejenigen, die sehr neugierig sind, da ich all das in der Story ausarbeiten werde. Deshalb auch die Spoilertags.


    Ich hoffe, es ist nicht zu frech, wenn ich euch mal tagge Thrawn und Rajani . ^^

    Hätte nie gedacht, dass ich mal einen "klischeehaften" Reisestart von "ich packe meine Sachen und verabschiede mich von daheim" schreibe, aber es gefällt mir persönlich auf die Art eigentlich sehr gut, muss ich zugeben, da man Julian in seinem zu Hause kennenlernt und er noch Dialog mit seiner Mutter bekommt. ^^


    Mal sehen, was ihr davon denkt und ich würde echt lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich nicht über Kommentare freue. xD
    Ich hatte schon lange keinen neuen Protagonisten mehr. Da bin ich gespannt, wie Julian auf euch wirkt, wie sympathisch, lebendig, etc... und alles andere, was euch einfällt!


    PS: Ich war selbst in Irland und in Norwegen und wollte zumindest ein klein wenig die Landschaft, die mir bekannt ist, einfließen lassen, da ich sie wunderschön fand. ^^

    PPS: "Das sieht aus wie in Skyrim" ist ein realer Quote. Fragt nicht. xD


    Das Kapitel hat ca. 3.400 Worte.

    Viel Spaß beim Lesen!


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    Kapitel 1 [Julian]: Reboot 1.0


    Julian rollte drei Pullover zusammen und stopfte sie an die Seite des Reiserucksacks. Neugierig sah Nachtara hinein, kommentierte all die am Boden herumliegenden Klamotten und lief aufgeregt auf und ab. Sie würden auf Reise gehen. Wenigstens einer hier war bester Laune, obwohl es Julian ebenfalls sein sollte. Stattdessen rief sein Bett nach ihm und es kostete ihm bereits einiges an Willenskraft, um diesem Ruf zu widerstehen.

    „Du weißt, wie man die wäscht?“

    „Ja. Mom, das weißt du. Behandel mich nicht so kindlich.“

    Sie schob ihm einen Stapel an Shirts entgegen, den er am Vortag vorbereitet hatte. Leider konnte er nicht mehr mitnehmen. Er hätte ja genug davon. „Ich frag ja bloß“, erwiderte sie und kicherte gezwungen. „Brauchst du von jeder Band, die du magst, ein Shirt?“

    „Hm. Es sind ja auch Einfarbige dabei.“ Er hielt sich zu etwas Freundlichkeit an und lächelte.

    „Hast du das Interrail-Ticket? Hast du das Ticket für Jiang? Hast du deinen Pass und Führerschein? Geld, Bankomatkarte? Die Kamera? Laptop und alle Ladekabel?“

    „Ja, Mom. An alles gedacht.“ Kleinlaut fügte er hinzu: „Außer an Ladekabeln. Die Kamera ist“, sein Zeigefinger bewegte sich zielgerichtet, „dort.“ Vorsichtig verstaute er sie in der Kameratasche. Extra gepolstert an den Seiten. Toll, nun war er mit einer dritten Tasche beladen, doch die Kamera war ja wohl essentiell für ihn. Über sie konnte man beinahe behaupten, sie sei, bis auf seine Pokebälle, das Einzige, auf das er Acht gab. Wenn ihm Dad vor zwei Jahren schon seine alte Spiegelreflexkamera geschenkt hatte, wollte er sie benutzen und während er sie auszuprobieren begann, hatte er bemerkt, dass in der Fotografie seine Leidenschaft lag. Als freiberuflicher, professioneller Fotograf kaufte Dad sich ohnehin etwa alle drei, vier Jahre ein neues Modell, um an den neuesten, technischen Entwicklungen dranzubleiben.

    „Ja, bei ihr weißt du dann natürlich, wo sie liegt. Das sieht dir ähnlich.“ Zwar lächelte sie ihn liebevoll an, doch eine gewisse Strenge ließ sie sich nicht nehmen. „Selbst wenn es das alte Modell ist, die hat über fünftausend Pfund gekostet. Pass drauf sehr, sehr gut auf, Junge.“

    „Natürlich pass ich auf sie auf“, versicherte er und wunderte sich selbst, wie empört er klang.

    „Du bist einfach so chaotisch. Mach unterwegs nicht so ein Chaos.“ Ja gut, sie hatte nicht Unrecht. Das Zimmer war nun einmal chaotisch und jedes Fleckchen Wand und jede Stellfläche wurde genutzt. An jedem Detail, durch den ganzen Raum verstreut, konnte man erkennen, wer er war. Ein paar Animefiguren und -wallscrolls, Poster von Bands und Videospielen, zwei Poster von Pokemon und überall herumfliegende Klamotten. „Das ist künstlerische Gestaltungsfreiheit“, sagte er sowie immer, wenn er sein Chaos rechtfertigte.

    „Künstlerische…“ Mom schmunzelte, streichelte über Nachtaras Fell und holte seine Leckereien vom Regal. „Mach’s du auch gut, Lunas. Pass auf, dass dein Chaot nicht zu viel anstellt.“

    So dezent wie ein Zaunpfahl. Sollte er darauf wirklich antworten?


    Danach kehrte wieder eine lange Pause ein, in der er aufstand, ein paar Sachen auf der Gepäcksliste aus Laden und von Regalen holte, und so viel Zeit wie möglich schindete. Eine Taschenlampe, warme Winterhandschuhe, fingerlose Handschuhe für wärmere Tage und den Lederbeißkorb für seine Pokemon, der in der Öffentlichkeit erforderlich war. In seinem Augenwinkel sah er, wie sich Lunas beim alleinigen Anblick sträubte und schüttelte.

    Achja, und Ladekabeln.

    Einige Accessoires waren ebenfalls notwendig: Zwei Gürtel und verschiedene Nietenarmbänder. Mom sah skeptisch aus. Kein Wunder, als er sich ein Augenbrauenpiercing stechen hatte lassen, hatte sie ihn auch skeptisch angesehen, aber nichts gesagt. Damit wollte er eigentlich den Schnitt bei einem Fahrradunfall in seiner Kindheit überdecken. Keine große Sache und man sah den Schnitt dennoch. Nun sah er sogar interessant aus, irgendwie verwegen. Sprich, ein weiterer Pluspunkt bei Mädchen. Das Piercing gefiel ihm eben und deswegen ließ er es, hatte sich dann sogar noch gewöhnliche Ohrlöcher stechen und kleine Ohrringe gekauft, und später einen Ring am rechten, oberen Läppchen einsetzen lassen.

    Sein schwarz-gefärbtes Haar war an den Seiten etwas kürzer getrimmt, war jedoch noch lang genug und sah nicht kahl oder stoppelig aus. Von Natur aus war er dunkelblond bis hellbrünett, aber er hatte sich vor einem Jahr entschieden, dass er es gerne färben wollte. Die Mädchen hielten ihn mit hellen und dunklen Haaren, mit oder ohne Piercings, für ziemlich attraktiv und er beschwerte sich darüber nun wirklich nicht. Da er recht groß war, etwas schlaksig, hatte schöne, jungenhafte Gesichtszüge, die sehr erwachsen wurden: Irgendetwas mochten sie an ihm.


    Julian strich sich Haare, die ihm ins Gesicht fielen, zurück, setzte sich wortlos hin und tat eine Weile nichts. „Ich wollte das nicht“, sagte er in die Stille zwischen ihnen. Irgendetwas in ihm hatte in den letzten Tagen nach der Gerichtsverhandlung den Drang diesen Satz immer wieder zu beteuern.

    Sie schürzte die Lippen, suchte kurz seinen Blick, band ihr blondes Haar zusammen und kniete sich neben seine Tasche. Dann zitterten ihre Unterlippe und sie konnte noch so sehr versuchen sich der zusammen erstellten Gepäcksliste zuzuwenden, um ihr Gesicht zu verbergen: Julian wusste, dass sie versuchte die Tränen zu schlucken, wie in den letzten Wochen

    Wie in diesen letzten Wochen so oft, sackte alles in ihm ab. Eigentlich wollte sie mit ihm zusammen packen, um noch eine Sache mit ihm zusammen zu tun, und mochte sie noch so klein sein, und dabei in Ruhe miteinander zu reden. Zumindest war es das gewesen, was sie ihm gesagt hatte.

    „Mom, nicht schon wieder. Und ich… ich bin sogar dazwischengegangen. Ich hab nichts getan.“
    „Du warst mit diesen Leuten zu oft unterwegs. Das hast du sehrwohl getan. Damit fängt es an.“ Sie verkrampfte die Hände in den Stoff ihres Kleides.

    „Ich geh mir noch ein Red Bull holen.“ Spannung machte sich in seiner Brust breit und eine fiebrige Hitze wallte in ihm hoch. Er wusste, sie würden schon wieder streiten, wenn er im Raum blieb.

    „Noch eins?“, fragte sie mit belegter Stimme.

    „Ähm, ja!?“ Julian verschwand die Stiegen hinab in der offenen, geräumigen Wohnzimmerküche. Auf dem Teppich machte es sich Moms Folipurba bequem und beobachtete ihn neugierig. So faul wie sie wie ein gewöhnliches Kuschelpokemon im Haus herumlungerte, fiel es schwer zu glauben, dass sie das Folipurba eines Elite Four-Teams sein sollte. „Bye, Kleine.“ Für einen Moment streichelte er über ihren Kopf und genoss ihr Schnurren, bevor er sich zum Kühlschrank begab.

    Ihr Haus mochte riesig sein, doch es war viel zu leer und die alte Freude war nie wieder eingekehrt.

    Auf der ausladenden Couch in der Mitte des Wohnzimmers hatte er als Kind das erste Mal mit seinem Bruder One Piece geschaut. Solange Niko daheim gewohnt hatte, jeden Tag nach der Schule, und es hatte ihn so glücklich gemacht. Solch eine Erinnerung war schon fast kindisch und schien bedeutungslos, doch gleichzeitig war sie so unglaublich stark, sodass er sie dort noch sitzen sah.

    Nach dem Verschwinden seines Halbbruders jedoch war viel zu viel gestritten worden. Nikolai war so plötzlich und so spurlos verschollen, dass niemand Julian die Hoffnung rauben konnte, dass er noch am Leben sein könnte. Begründen, weshalb er sich nicht mehr daheim meldete und seine Familie und seinen Freund zurückließ, konnte er es trotzdem nicht. So war Niko nicht gewesen; kalt, egozentrisch oder rücksichtslos. Wenn er noch lebte, man hatte ihn ja nie gefunden, gab es dafür bestimmt gute, nachvollziehbare Gründe.

    Nachtaras Pfoten trappelten ihm nach. Vielleicht wollte dieser verfressene Kater bloß ein paar, weitere Leckereien. Stattdessen sprang Lunas auf die Arbeitsfläche und starrte ihn aus roten, besorgten Katzenaugen an. Die Augenfarbe, sowie die gelben Ringe in seinem Fell, stachen aus dem pechschwarzen Fell hervor. Der Blick, den er in den letzten Wochen aufsetzte, nagte an Julian. Er presste die Lippen aufeinander und kraulte Lunas Lieblingsstelle zwischen den Ohren. „Schon gut. Ist ja alles okay.“

    Während er den Kühlschrank öffnete, dankte er dem kalten Hauch, der ihm entgegenkam und die zu Kopf gestiegene Hitze abkühlte. „Noch ein Red Bull“, bestätigte er sich selbst, griff danach und öffnete sein Viertes für heute. Die beiden Kaffeetassen zählten in eine eigene Kategorie.

    Er hatte die letzten Wochen kaum oder schlecht geschlafen und ausgerechnet heute würde er sich am liebsten auf der nächsten Couch fallen lassen und einschlafen, anstatt die Reise in sein Trainerleben zu starten.

    Immer wieder kehrte dieser Traum, in der er dastand und dabei zusah, wie seine alte Clique wie aus dem Nichts auf einen vollkommen fremden Mann auf dem Bahnsteig einprügelte, zurück. „Benehmt euch!“, hatte dieser gezetert. Das alleine hatte ausgereicht, damit Jake ihm einen Schlag verpasst hatte. Alles Weitere war ein Selbstläufer gewesen.

    In anderen Träumen griff er gar nicht ein und dann starb der Mann, anstatt im Krankenhaus mit Rippenbrüchen zu erwachen.

    In wieder anderen saß er vor Gericht und der Richter verhing zehn Jahre über ihn. Das war unrealistisch und lächerlich, so wäre das nie geschehen. Was für alberne Träume.

    Da nahm er noch fünf Schluck und leider wurde es nicht besser. Sein Herz schlug nach einigen Minuten noch schneller und das matte Gefühl würde schon bald zurückkehren.

    Sollte er denn Dad noch einmal anrufen? Die Frage drängte sich ihm aus dem Nichts auf. Würde er Dad anrufen, würde ihm abermals eine Mischung aus Enttäuschung und Wut an dieser Front entgegenschlagen. Dann würde erneut ein Streit ausbrechen: mit Mom und Dad. Dann bewies er sich wieder, was für ein bösartiges Biest in ihm stecken und welche furchtbaren Dinge er im Zorn sagen konnte, die er bereute. Also, besser nicht.


    Menschliche, leichte Schritte kamen die Treppe hinab. Stimmt, er hatte Mom beinahe zehn Minuten in seinem Zimmer warten lassen und in dieser Zeit musste ihr alles Mögliche durch den Kopf gegangen sein. Sie stellte die leichtere Sporttasche, die sie bereits mit nach unten genommen hatte, und die Kameratasche auf der Couch ab. „Dein Zug geht schon in eineinhalb Stunden und ich werde dich zur Station fahren.“

    „Ich kann genauso gut fahren“, widersprach er sofort.

    „Du bist aufgeregt und müde, oder?“

    Sie wusste, dass er kaum schlief? Natürlich. Sie kannte ihn zu gut.

    „Lass mich fahren.“ Das klang wie ein bereits gefasster Beschluss, den er ihr ließ. Julian wollte sich nun nicht über solche bedeutungslosen Details streiten.

    Sie meint es gut, rief er sich in Erinnerung. Sie hat heute extra ein Treffen des Ligakomitees abgesagt und es musste auf nächste Woche verschoben werden, nur damit sie mich verabschieden kann. Die anderen Elite Four-Mitglieder und Arenaleiter behaupteten schon seit einer Weile, dass sie durch den Wind war. Selbst, wenn man es vor Julian verschwieg, so konnte er sich doch gut vorstellen, wie man über ihn ebenfalls redete. Und er verstand das durchaus.

    „Weißt du… es ist geschehen und das war nicht richtig, aber das weißt du selbst am besten.“ Diesmal schluckte sie ihre Emotionen hinab und entschied sich die Kontrolle darüber zu behalten. Ihre dunkelblauen Augen und ihre weichen, rundlichen Gesichtszüge hatten immer diesen warmen Ausdruck getragen. Jedoch kannte er sie ebenfalls, wenn ihr der Geduldsfaden riss und sie verzweifelte.

    Da dies sein letzter Tag daheim war, drückte sie ihn fest und nach all den Streitigkeiten der letzten Wochen, nahm er die Umarmung gerne an. Schließlich kehrte er länger nicht mehr nach Hause zurück und das feige Hopplo in ihm suchte nach Ausreden, um daheim zu bleiben. Wollte er das wirklich durchziehen? Ja. Die Antwort war ein klares Ja. So deutlich, dass es ihn selbst erstaunte.

    „Ich weiß, dass du es eigentlich nicht wolltest. Ja wirklich, ich weiß es. Du hast irgendwann versucht einzugreifen, ich weiß das und ich rechne dir das wirklich hoch an, aber gib dich bitte nie wieder mit denen ab. Dein Vater und ich wollen nur das verhindern. Wir haben schon einen Sohn verloren.“ Sie holte nochmal Luft und setzte fort. „Wenn wir Jiang darum bitten, dass er dich begleitet, dann nicht, damit er den Babysitter für dich spielt. Außerdem haben wir es mit dir besprochen, bevor wir ihn kontaktiert haben. Sag mir jetzt nicht, es wäre nicht so gewesen. Bitte, zick ihn später am Bahnhof nicht so an, sowie du deinen Vater am Telefon angefahren bist.“

    In drei Tagen würde Dad von seinem Fotostreckenprojekt nach Galar zurückkommen und dann wollten sich seine Eltern noch einmal mit Julian und Jiang treffen, bevor sie sich zusammen aufmachten.

    Ja, eigentlich wollte er Dad nach dem Streit nicht so bald wiedersehen.

    Nein, nun stellte er sich ihm.

    Vielleicht war das eine dumme Idee und er sollte eine Ausrede erfinden, um ihm zu entrinnen.

    „Ich…“ Julians Atem war etwas zittrig und er versuchte es gar nicht zu überspielen. „Werde ich schon nicht, keine Sorge. Eigentlich freue ich mich.“

    „Wirklich?“

    „Ja, schon. Ich hab ja momentan kaum noch Freunde.“ Der Satz klang etwas ärmlich, doch leider war er wahr. „Keine“, besserte er sich beschämt aus. Er hatte sie alle mit der Clique zurückgelassen. Selbst seine Exfreundin und seinen besten Kumpel, die sich nicht helfen lassen und ihn stattdessen wieder in diesen Sumpf hineinziehen wollten. Sogar nach alledem, was geschehen war. „Ich will meine Reise mit jemanden beginnen, dem ich vertrauen kann und ich denke schon, dass wir uns verstehen werden.“

    Mit Niko und Jiang war er bereits in den damaligen Sommerferien zwei Wochen auf Reise gewesen. Als Zwölfjähriger war es sein größter Wunsch gewesen die beiden zu begleiten, um auch einmal dabei zu sein, um zu sehen, wie Trainer lebten, um wieder bei seinem Bruder zu sein, nachdem dieser auf Reise aufgebrochen war, und um etwas mit ihm und seinem Freund zusammen zu erleben. Später war Jiang noch dreimal in Nikos Begleitung bei ihnen zu Besuch gewesen, und zweimal ohne ihn. Julian hatte recht wenige Erinnerungsfetzen an ihn, doch alle von ihnen waren positiv.

    Trotz allem kannte er den Freund seines Bruders kaum und er konnte sich nur einige vage Vorstellung seines Charakters aus seinen Erinnerungen, den Informationen von damals und aus den Gesprächsfetzen seiner Eltern zusammenreimen. Zuletzt, als er Jiang gesehen hatte, war er ein halbes Kind gewesen, keine dreizehn Jahre alt. Seitdem war, in seinen Augen, sehr viel Zeit vergangen. Zwischen einem naiven Zwölfjährigen, dessen Geburtstag bald anstand, und einem vorbestraften Siebzehnjährigen, der in knapp fünf Monaten volljährig werden würde, lagen Welten.


    „Gut, hol deine restlichen Sachen. Ich warte beim Auto.“ Er holte seine großen Reiserucksack von oben und trat in einer warmen, aber stylishen, Sturmjacke aus der Türe. Mit so offenem Auge hatte er sein Umfeld schon lange nicht mehr angesehen, hatte vergessen, dass sie ein Haus so nah den Meeresklippen von Galar besaßen. Von ihrem Haus aus konnte man zwar nur an den Rand der Klippen sehen, doch dahinter befand sich der tief-dunkelblaue Ozean. Ein lebendiger, salziger Windstoß ließ ihn durch die Jacke hindurch frösteln. Hier oben war man der Natur ausgesetzt. Sie war wild und ungezähmter, ganz anders als in der Großstadt. Wenn er tief atmete, durchströmte die salzige Gischt seinen gesamten Körper und er war bei sich.

    Lunas genoss die Windstöße im kühlen Oktober und hielt seine Nase gen Meer.

    „Da hinten ziehen schon Gewitterwolken auf. Komm, fahren wir.“

    Mom öffnete den Kofferraum. Von der Kameratasche abgesehen, warf er sein Gepäck auf die freie Ladefläche und befahl Nachtara in den Ball zurück. Schweigend stiegen sie ein und Mom startete den Motor. „Dad, Marija, Tatjana, Milan, du und ich haben Niko auch mit dem Auto zum Bahnhof gefahren, als er sich aufgemacht hat. Da war er sechzehn.“ Sanft schlug sie die Hände auf das Lenkrad und fuhr an. „Wahrscheinlich weißt du es ni…“

    „Ich weiß es.“

    Marija, Nikos leibliche Mutter, und ihre Kinder, sahen sie mittlerweile gar nicht mehr und keine Seite meldete sich bei der anderen.

    Mom hatte ihn nie so recht als Stiefsohn angesehen. Einmal, als eine taktlose Frau in ihrem Freundeskreis unüberlegt gesagt hatte: „Du hast deinen Stiefsohn verloren und nicht deinen Leiblichen. Stell dir vor, das wäre noch furchtbarer“, war Mom in Tränen ausgebrochen und kaum zu beruhigen gewesen.

    Schwere legte sich über das Auto, während die Landschaft an ihnen vorbeizog. Kahle Klippenwände auf den anderen Seiten der Meeresengen. Unter ihnen glitzerte ein kräftiges Dunkelblau und obwohl alle Fenster geschlossen waren, begleitete ihn das Pfeifen des Windes. Der Eindruck und die Bilder brannten sich ihm ein und währenddessen spielte sich die Szene immer wieder vor seinen Augen ab. Damals hatte er Mom an ihrem absoluten Tiefpunkt erlebt.

    „Das sieht aus wie in Sykrim“, sagte er schließlich, um an etwas gänzlich anderes zu denken.

    Ihn traf ein Seitenblick und dann schüttelte sie ungläubig, aber lächelnd, den Kopf.

    „Ich muss halt wieder dran denken.“

    „Du, Julian? Schatz? Pass auf dich auf“, beschwor Mom und betonte jedes Wort eindringlich ernst und liebevoll zugleich.

    „Werde ich.“

    „Sag es nicht nur so. Pass auf dich auf.“

    „Werde ich.“ Er schlug denselben Tonfall an, damit sie den Ernst in seiner Stimme erkannte. „Ich pass auf mich auf.“ Dachte sie denn, er nahm, nachdem Niko verschollen war, es tatsächlich auf die leichte Schulter?

    Fahrig fuhr er sich nochmals durchs Haar. Man überbrückte damit gut die Zeit und vertrieb negative Gedanken, wenn man sich damit ablenkte im Spiegel des Beifahrersitzes seine Frisur zu überprüfen.

    „Gut.“ Ihrer Stimme fiel eine Last ab. Sie klopfte auf das Lenkrad, während sie einen Tunnel nahm. Das künstliche Licht der Neonröhren fiel in das Auto ein. „Hast du Jiang schon geschrieben?“

    Julian nahm sein Handy aus der Hosentasche, wusste erst gar nicht in welche er es gesteckt hatte. Oh Mist, hatte er es vergessen? Nein, die dunkelgrüne Jeans hatte bloß zu viele Taschen an den Seiten.

    „Er mir“, stellte er fest, als er sein Handy fand. Es war nur eine knappe Nachricht. Eine steife Begrüßungsformel, Ort und Zeit. Mehr nicht. Natürlich, er hatte den Freund seines Bruders als eher introvertierten, jungen Mann in Erinnerung und wahrscheinlich wusste er auch nicht so recht, was er Julian schreiben sollte.

    „Das kann heute noch... weird werden. Ich weiß auch nicht.“

    „Er ist so ein Lieber“, sagte Mom sanft, sodass auch ein Fremder ihre aufrichtige Zuneigung zu ihm hätte erkennen können. Mom und Dad hatten ihn damals beim ersten Telefonat, bevor der Besuch noch angestanden war, herzlich empfangen. Der Umgang mit dem Schwiegersohn in Spe war komplett anders gewesen, als man es aus vielen Filmen oder manch realen Familien kannte, und da fragte sich Julian erst recht, wie diese Familie zerbrechen konnte.

    „Ich kenn ihn eben kaum noch.“

    „Dann lern ihn kennen.“ Obwohl sie sich auf die engen Passagen des Tunnels konzentrierte, glitt der Blick für den Moment zu ihm hinüber und so fest, wie sie ihn ansah... oh Arceus, seine Hippiemutter wollte ihm noch eine Lebensweisheit mitgeben. „Andere Menschen, und deine Pokemon, wirklich kennenzulernen ist das, was das Leben Wert macht.“

    Erst wollte Julian abwinken, bis er merkte, dass ihre Worte in ihm sackten, so kitschig wie sie auch klangen. Er hatte bisher nicht diese tiefergehenden Freundschaften oder Beziehungen gehabt, zu oft viel ihm dies auf, außerhalb seiner Familie kam Lunas dem am Nächsten, da er bereits so lange bei ihm war. „Hm.“ Lieber spielte er noch einmal gedanklich das Treffen durch.

    Hätte er bloß die Tage zuvor mit ihm geschrieben, oder mit ihm einmal telefoniert oder geskyped, dann würde er sich nun nicht mit einem Fast-Fremden aufmachen. In Wahrheit war er ja doch ein feiges Hopplo und er hatte sich davor gedrückt.

    Hätte er bloß die Tage zuvor mit ihm geschrieben, oder mit ihm einmal telefoniert oder geskyped, dann würde er sich nun nicht mit einem Fast-Fremden aufmachen. In Wahrheit war er ja doch ein feiges Hopplo und er hatte sich davor gedrückt.


    Natürliches, trübes Licht kehrte ins Auto zurück, als sie den Tunnel verließen. Bald würde es regnen und Abend wurde es ebenfalls.

    Eine Front aus Backsteinhäusern, dahinter ein Bahnhof und entfernt liegenden Schienen, erschien am Horizont. Nach zehn weiteren Minuten Fahrt durch den Ort, dessen Straßen von alten, galarischen Häusern gesäumt war, parkte sie am Parkplatz des Bahnhofs.

    „Mach’s gut und viel Spaß. Meld dich bitte regelmäßig. Ich liebe dich, Schatz… Und jetzt geh, dein Zug kommt in acht Minuten.“ Ihre Augenränder waren leicht gerötet.

    Er umarmte sie. „Danke, Mom.“

    Am Ende fiel es schwerer als gedacht sich vom Auto zu trennen und es hinter sich zu lassen.

  • Eigentlich sollte es ein Kapitel werden, aber ich dachte, die Szene, in der Julians Mutter ihn verabschiedet, ergibt einen passendenen Cut und Häppchen mit ~ 3.000 - 4.000 orten sind besser zu verdauen, als > 6.000 - 7.000 +.


    Wenn ihr nicht wisst, ob ihr die Zeit habt, das Kapitel zu lesen: Es hat ~ 3.500 Worte.


    Ich tagge wieder Rajani , Thrawn 'und NapoleoN mit GuN . Ja, wer einmal liked, entkommt dem nicht. :D


    Viel Spaß beim Lesen!



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    Kapitel 2 [Julian]: Reboot 2.0



    Julian schulterte die schwere Tasche, zog den Zipp seiner Jacke zu und stieg in Nachtaras Begleitung aus dem Zug. Als er sich nach Jiang umsah, drängten ihn Menschen, die von einer anderen Seiten des Bahnhofs kamen und sich beeilten, ein wenig zur Seite. „Treten Sie zurück.“ Die Ansage kündigte drei weitere Züge an.

    Gegen Ende Oktober war es bereits kühl und in den letzten Tagen war es regnerischer gewesen, als es selbst das galarische Klischee erlaubte. Die einfahrenden Züge trieben einen pfeifenden Wind und den Regenstrom vor sich her, sodass die Passagiere ihr Gepäck festhielten und dem Sturm den Rücken zudrehten.

    Den Weg von dem Vorort aus in die Innenstadt, nahm er bereits hunderte Male und auch der rustikale, alte Bahnhof aus dunkelbraunem Backstein war ihm nur allzu bekannt. Das Innere des Bahnhofs war modernisiert worden und wollte sich nicht so recht in das rustikale Außenbild einfügen. Ein hoher Bogen überspannte die Bahnsteige. Die steinernen Bögen wurden im oberen Drittel durch Glas ersetzt, das von Stahlstreben gehalten wurde. Aus der Dunkelheit donnerte heftiger Starkregen auf das Glasdach.

    Eben dieses Bild schuf einen interessanten Eindruck. Man sah dem Bahnhof an, wie viele verschiedene Menschen und ihre Auffassung von Architektur und Stil ihn über die Jahrhunderte hinweg geprägt hatten und das ihm bekannte Bild schufen.

    Heute war anders. Heute war ihm all dies etwas fremd, denn er würde den alten Bahnhof nun länger nicht mehr sehen. Eventuell war es seltsam seine eigene Heimatstadt zu fotografieren, doch Julian spürte das Bedürfnis morgen und übermorgen noch einige Fotos zu schießen.

    Er fummelte an dem Nietenarmband einige Male und merkte, wie das enge Lederband darunter bereits über seine Haut scheuerte, da er es andauernd auf und ab schob. Um das Klopfen in seiner Brust zu kontrollieren, nahm er einen tiefen Atemzug. Ruhig, es war doch bloß der ehemalige Freund seines Bruders, mit dem er sich traf.

    Da bevorzugte er es sich nach ihm umzusehen, anstatt in düsteren Gedanken zu versinken.

    „Lunas, bleib“, orderte er seinem Pokemon an, als sich dieses schon wieder unbemerkt von ihm entfernte und sein schwarzes Fell irgendwo wieder in einer Menschenmasse zu finden war, die darüber schimpfte, dass ein Pokemon mitten im Weg stand. Julian nahm Nachtara hoch, als ihm jemand auf die Pfoten stieg und er sich beschwerte.

    „Deines?“, maulte ein älterer Herr, der unter Nachtaras beleidigter Schimpftriade zusammenzuckte. „Pokemon sind in der Öffentlichkeit verboten.“

    „Feuerpokemon und ein paar andere. Nachtaras nicht“, widersprach Julian.

    „Sehr wohl ohne Maulkorb, du vorlauter Bengel, du Punk.“

    „Ich bin kein … in Ordnung.“ Was brachte das schon? Julian entfernte sich ohne weiteren Widerworte von ihm und nahm den flexiblen Beißkorb aus einem Lederband aus dem Seitenfach seiner Tasche. Lunas Pfote drückte ihn dreimal weg, mit jedem Mal bestimmter, und seine Krallen scherten leicht über seine Hand, bis er es über sich ergehen ließ.

    Punk? Pff ...


    Nachtara drehte den Kopf zur anderen Seite und summte freudig. „Jiang“, entkam es Julian in ähnlicher Tonlage und er ignorierte die beklemmende Enge in seiner Brust, die er gehofft hatte nicht spüren zu müssen, sobald er ihn wiedersah.

    Ein ostasiatischer, junger Mann Mitte zwanzig, etwas kleiner als er, trat ihm entgegen. Er trug einen weiteren, langweilig dunkelgrauen Pullover und gewöhnliche Jeans. Um seinen Hals lagen metallisch blaue Kopfhörer, dessen Kabel in einen ebenso schlichten Rucksack führte und beinahe das Auffälligste an ihm darstellten. Ihn umgab etwas in sich Zurückgezogenes, doch seine aufrechte, lässige Körperhaltung sprach von Selbstbewusstsein.

    Seine schlanken Gesichtszüge waren das, was man wohl konventionell als attraktiv beschrieb und daraus hervor stachen dunkle Augen. Ob seine Iris ein sehr abgetöntes Dunkelbraun oder Schwarz war, konnte Julian nicht ausmachen.

    „Hey.“ Jiang streckte ihm simpel die Hand entgegen und auch wenn es Julian schwer fiel in seinen Augen zu lesen, so konnte er zumindest erkennen, dass ihn das Treffen auf irgendeine Weise zu bewegen schien. „Lange nicht gesehen, Kleiner.“

    In dem Spitznamen lag eine gewisse Ironie. Jiang hatte ihn einige Male so genannt, als er zu Besuch gewesen war und Julian störte sich daran nicht.

    Seine ruhige Stimmlage war ihm ebenfalls noch im Gedächtnis geblieben und angenehm. Diese glich den kühlen Blick ein wenig aus.

    Wüsste man nicht, dass er vor fünf Jahren beinahe Champ geworden wäre, hätte Julian, so sehr er versuchte Klischeedenken zu entkommen, dies nie von dem unauffälligen, jungen Mann in diesen typischen casual Klamotten erahnt.

    „Ich freu mich.“ Julian ergriff seine Hand und spürte, wie sich der Griff darum fester umschloss. Jiang zog ihn in eine halbe Umarmung, die er von seinen damaligen Kumpels aus seiner Schule kannte und sie hielt einen Moment länger als gedacht an. „Ich mich auch“, hörte Julian neben ihm. Kräftig bestätigte Jiang nochmals den Händedruck, wohl um zu beweisen, dass er gefasst war, begrüßte nebenbei Lunas und fragte daraufhin, so unverbindlich wie möglich, ob sie sich auf dem Weg ins Hotel noch einen Snack holen wollten.

    „Ja, wieso nicht?“ Gut, und nun? Plötzlich kamen die Sorgen zurück. Wie sollte sich Julian verhalten? Wenn man sich kaum kannte, war es fraglich ob es für einige bis mehrere Wochen Reise genügend Gesprächsstoff gab.

    Da es nichts zu tun gab, glitten seine Finger an das Armband zurück und drehten es einmal, zweimal, bis er die Rötung darunter wieder spüren konnte. „Es wird nicht so werden, wie die zwei Wochen damals“, sagte er zu sich und bemerkte dann, dass er die Worte ausgesprochen hatte.

    Jiang öffnete leicht den Mund, wollte wohl etwas erwidern, beließ es aber vorerst bei einem kurzen, bestätigenden Nicken. Ein Seitenblick traf ihn und als Jiang merkte, dass Julian ihn ebenfalls musterte, richtete er seinen Blick wieder nach vorne. Was er wohl von ihm dachte? Er war keine zwölf mehr, daher kannte er ihn nicht mehr, und es musste sich seltsam anfühlen mit dem jüngeren Bruder des verschollenen Freundes, der sich mit der Pubertät natürlich sehr verändert hatte, konfrontiert zu werden.

    „Ich weiß nie so recht, was in Jiang vor sich geht“, hatte Mom vor kurzem gesagt. Was es auch war, Julian stellte sich vor, dass es viel mehr war, als er seinen Eltern und nun ihm gegenüber preisgab oder zeigte. Nun bedurfte es ja auch nicht so viel Fantasie, um es sich nach seinem Satz vorhin vorzustellen.

    Aus seinen dunklen Augen, aus seinem gesamten Gesicht, konnte man wenig ablesen und wenn Julian etwas sah, interpretierte er es teilweise als negativ, sodass nun die Frage an ihm nagte: Was dachte er?

    Nachtara entschied sich das Eis ein wenig mehr einbrechen lassen zu wollen, sprang von seinem Arm und kreiste um Jiangs Beine. An der Seite der Halle blieb er stehen und beugte sich zu Lunas herab. „Du bist wirklich ein Nachtara geworden. Wer hätte das erwartet?“, stellte er trocken fest.

    Lunas rieb seine Schnauze so lange an Jiangs Hand, bis er sich seiner erbarmte und ihm den Beißkorb abnahm.

    „Du kannst dich noch erinnern, dass ich unbedingt ein Nachtara haben wollte?“ Als Dad ihm ein Evoli geschenkt hatte, hatte er Jiang die Ohren über Nachtaras vollgeschwärmt. Es hatte sich sonst keiner im Raum befunden und so hatte der Freund seines Bruders herhalten müssen.

    „Du hast mich eine dreiviertel Stunde lang bequatscht. Ich dachte, es hört nicht mehr auf.“ Julian konnte seinen Tonfall nicht mit Sicherheit deuten und lachte verlegen. „Stimmt.“



    Als sie rasch ihren Einkauf im strömenden Regen erledigten und dabei nur wenige Worte wechselten, waren sie schon bald an einer nahgelegenen Jugendherberge angekommen. Tropfend.

    „Eww. Meine Haare.“ Eine Kapuze nützte nicht viel, wenn der Wind sie vom Kopf blies und man in beiden Händen Taschen hielt. Natürlich musste er auf die Kameratasche dabei besonders vorsichtig behandeln.

    Er strich sich durchs Haar. Da war ein eklig klebriges Gel auf seinen Händen, das im Regenwasser zerrann. Neben ihn murmelte Jiang belustigt „männliche Tussi“; der zeigte sich selbst ziemlich unbeeindruckt und nahm sein tropfendes Haar und Klamotten so hin. Erneut musterte Julian ihn. Wie konnte er seine Aussagen einschätzen? Möglicherweise nicht sonderlich positiv.

    „Gehen wir rauf, dann kannst du duschen.“

    „Gerne.“

    Die Herberge war schlicht gestaltet und kaum von den benachbarten Wohnhäusern zu unterscheiden.

    Am kaum beleuchteten Schalter am Empfang quoll der Aschenbecher bereits über. Dort rauchte sich die Empfangsdame in ihrer eigenen Dunstwolke ein.

    Die obere Hälfte der Wände war in einem etwas zu grellen Orange ausgemalt worden, um einen Eindruck von ein wenig Freundlich- und Heimlichkeit zu vermitteln. Der Boden war von einem sichtlich billigen, bräunlichen Filzteppich belegt, der dort wohl verlegt worden war, bevor man sich entschied, dass der erste Eindruck zumindest etwas freundlicher sein sollte.

    Links neben dem Tresen führte ein Gang zu zehn Zimmer im Erdgeschoss, die auf einem handgeschriebenen Pfeil betitelt waren. Rechts neben dem Tresen führte eine schmale Treppe zu den restlichen Zimmern hinauf. „Unser Zimmer ist oben.“

    Nachtara flitzte die Treppen hinauf, ohne zu wissen wohin. „Lunas, ble … ach vergiss.“ Nochmals fuhr sich Julian durchs Haar. Es wurde nicht besser.

    „Bringst du wieder einen Liebhaber mit, Jiang?“ Die Frau hinter dem Tresen grinste, vielleicht ein wenig zu hinterlistig und gehässig, wie Julian fand. Sie erinnerte ihn an eine ehemalige Lehrerin; zu enge und strikte Kleider, ein abwertender Blick und eine freundliche Stimmlage, mit der sie andere nach Belieben passiv beleidigte.

    Dann musste er für einen Moment ihre Aussage Revue passieren lassen, überdenken und diese verwundert auf den eher in sich gekehrten Jiang ummünzen. Wieder?

    „Wir sind nicht beim Vornamen oder beim Du.“ Seine Stimme war hart und dieser direkte, abweisende Satz ließ auch Julian ein wenig stutzen.

    „Das bin ich nicht und das ist nicht Ihre Angelegenheit“, sagte Julian bloß und entschied sich nicht weiter darauf einzugehen, da sich wohl auch Jiang weigerte zu rechtfertigen.

    „Natürlich. Viel Spaß mit dem hübschen Lover“, trällerte sie eine Tonlage zu hoch und zu fröhlich, als dass es nicht unter der übertriebenen Fassade um Verachtung gehandelt hätte. Zumindest war das anzunehmen.

    Jiang verzog den Mund und ging nicht weiter auf sie ein. „Wir werden übermorgen ohnehin auschecken.“


    Sie wandten sich von ihr ab. Kaum setzte Julian den Fuß auf die oberste Treppe, kam ihm Lunas nach und sie folgten Jiang bis an das Ende des Korridors. Sein Schritt beschleunigte sich und energischer als zuvor, beeilte er sich in sein Zimmer zu gelangen, als könnte er solche Menschen aus der Welt ausschließen, sobald er sich in sicheren vier Wänden befand.

    Die Türrahmen waren etwas abgeschlagen und abgekratzt, von den Türen blätterte Lack ab. „Drinnen sieht es wirklich besser aus und es ist wenigstens sauber“, sagte Jiang schlicht.

    Vielleicht hatte er seine verdutzten Blicke wahrgenommen. Julian stellte sich vor, dass man als erfahrener Trainer gutes Geld verdiente, doch das unverblümt einen Fast-Fremden, leider war es mittlerweile so, zu fragen, käme nicht gut. Seitdem sie sich am Bahnsteig getroffen hatten, war kaum mehr als eine Stunde vergangen.

    „Ich.“ Das erste Mal seit ihrem Treffen, sah er einen starken Ausdruck in Jiangs Gesicht, eine angespannte Kieferpartie und zusammengezogene Augenbrauen. Er fuhr sich über das Gesicht, wischte den Ausdruck weg, führte auch den Satz nicht fort und rüttelte an der knarrenden, verzerrten Tür, bis sie endlich offen stand. „Nichts.“

    Zumindest das Zimmer der Jugendherberge war sauber und das warme Holz der Betten und des Schranks versuchte eine wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Es war bloß nicht sein Eigenes und sah unpersönlich, fast kahl und viel zu strukturiert, aus.

    „Es geht sie nichts an“, sagte Julian schließlich und strich störende Haare aus dem Gesicht. „Und ich find’s gut sich nicht lang und breit zu rechtfertigen.“

    Sie legten ihre Jacken und Schuhe am Eingang ab, um nicht den gesamten Boden mit nassen Schuhen und tropfenden Jacken einzusauen, und setzten sich an den Spross des Bettes.

    „Ich hab da einen Freund … mit Vorzügen, ich will nicht seit Nikos Tod den asketischen Mönch spielen. So drei, vier Mal im Jahr, lass ich mich auch auf jemand Fremdes in einer Bar ein. Ich hab hier schon dreimal in drei Jahren in der Herberge eingecheckt, weil sie sehr billig ist. Sie hat es eben mitbekommen.“

    Nun, dies klang möglicherweise schon eher wie eine Rechtfertigung; entweder sich oder Julian gegenüber.

    Er wollte ihn berichtigen, hatte die Diskussion schon öfter mit seinen Eltern geführt und beließ es dabei erstmal nichts zu sagen. „Natürlich musst du das nicht“, bestätigte er. Es war unfair von ihm, dass er selbst dachte, er sollte Niko dennoch ... ja, was? Treu bleiben? Offiziell wurde er nie für tot erklärt, bloß für vermisst.

    „Ich fand’s nur widerlich, dass sie dich, als Nikos Bruder, so bezeichnet hat. Der Gedanke ist so…“ Alles Übrige drückte die abweisende Handgeste aus, die Julian zum Lachen brachte.

    „Falsch.“

    „Ja. Julian, übrigens: danke.“ Der Dank klang sehr förmlich, als hätte er ihn seit einigen Minuten mental vorbereitet, um ihn aussprechen zu können. Wenn man ihn einem Scherz nachstellte, ließ er sich leichter aussprechen.

    „Wofür?“

    Er öffnete die Schranktüre und kramte darin. „Für vorhin an der Rezeption. Ich weiß mir alleine zu helfen. Dennoch.“

    „Klar“, erwiderte Julian und fummelte an seinen klebrigen Haaren herum. Ekliges Gefühl.

    Jiang nahm einige Klamotten aus einer Sporttasche im Bodenfach. „Ich werd mich mal duschen und umziehen. Nachher kannst du auch noch. Du machst es dir bequem und Ming ebenso.“

    Julian konnte ihm, in dem von ihm angemieteten Hotelzimmer, schlecht sagen, dass er gerne als Erstes unter die Dusche wollte und ihn beschlich das Gefühl, als wollte er ihn… er hörte es, den ganz subtilen Unterton, der auf dem „nachher“ lag. Der trollte ihn doch.

    Jiang entließ ein Lin-Fu aus dem Ball, setzte es auf dem Boden ab und verschwand im Bad. Das kleine, beige-rote Wiesel musste neu in seinem Team sein. Es sah noch wie ein halbwüchsiger Welpe aus, das Fell noch etwas plüschiger und das Gesicht rundlicher. Irgendwie war das Kleine niedlich.

    Auf einem Regal fand Julian einen Stoffball und warf ihn einige Male für das Wiesel. Lin-Fu rollte sich damit über den Boden und schlich sich spielerisch an die Beute an.


    Während Nachtara an allem schnüffelte, mit Lin-Fu zusammen spielte und seinen Kopf an allen Möbeln rieb; während Julian erst chinesisches Fluchen und dann das Wasser im Bad laufen hörte, legte er den großen Reiserucksack und den Kleineren, der für den Alltag gedacht war, ab und wühlte darin. Größere Summen Geld, die übrigen eintausenddreihundert Pfund, und seine Bankomatkarte legte er in die oberste Schublade des Nachtkästchens und sperrte sie ab, falls man ihm unterwegs beklaute, und nahm alles heraus, was den kleinen Rucksack unnötig befüllte.

    Als Jiang aus dem Bad trat, hatte er bereits in eine alte, ausgeblichene Jogginghose, und in ein Shirt, das eine Nummer zu groß für ihn war, gewechselt, und rubbelte sein Haar trocken. Sein dunkles Haar war ein wenig unordentlich und die Strähnen waren, nicht sonderlich akkurat, getrimmt und wurden dann zur Seite geschoben. Bestimmt schnitt er sie selbst, um Geld zu sparen, und irgendwann war er gut genug darin geworden, sodass es nun halbwegs ordentlich aussah. Zumindest lag es nahe, da ihm Julians Eltern manchmal aushalfen.

    „Sorry für’s Warten. Wir werden uns das Zimmer teilen müssen. Es sei denn du hast Geld für dein Eigenes übrig.“

    „Nicht wirklich.“ Nein, nicht nachdem er sich letzten Monat noch aus dem Internet eine Animefigur für fast siebzig Pfund bestellt hatte und auch sonst zu viel verraucht und versoffen hatte. Da er sich nun auf Reise befand, würde er die Figuren ohnehin lange nicht zu Gesicht bekommen und er hatte sich selbst versprochen, dass er sich in allem zügeln würde. „Ist es dir Recht?“

    Jiang zögerte. „Ich hab gerne meine Ruhe und Privatsphäre für mich. Aber vorerst? Gerne. Unten gibt es noch einen Aufenthaltsraum.“

    „Aber hey, ich brauch keinen Babysitter.“ Gegenüber Jiang schlug er einen freundlichen, ironischeren Ton an. Im Gegensatz zu seinem Dad, der die Breitseite des Streits abbekommen hatte. Im Nachhinein hätte das ebenfalls nicht sein müssen. Da musste er Jiang nicht auch noch anzicken und seine Sympathie und seinen Respekt verspielen, bevor er diese gewinnen konnte.

    „Der will ich bestimmt nicht sein“, erwiderte er mit einem halb-zynischen Lächeln. „Deine Eltern wollen das auch nicht.“

    Julian überlegte kurz, bevor er antwortete. „Möglich. Es hat so gewirkt.“ Sollte er diese Frage auch noch wagen? „Haben sie dir von dem Streit erzählt?“

    „Nicht im Detail. Mich geht das nichts an.“

    Bevor er das Armband noch einmal drehte, legte er es ab. „Ich will nur nicht, dass du denkst, ich fühl mich dazu gezwungen oder wäre nicht gerne mit dir unterwegs.“ Das auszusprechen war schwieriger gewesen als gedacht.

    „Okay.“ In Jiangs Stimme lag, wenn er sich nicht irrte, ein bisschen Freude verborgen.


    Für den Moment wusste Julian nicht mehr zu sagen und Jiang schien es ähnlich zu ergehen. Er wies ihm nur das freistehende, gegenüberliegende Bett und drei Fächer des Schrankes zu, öffnete die Badezimmertüre nochmals, betätigte den Lichtschalter und zeigte ihm beiläufig, dass er auf einen kleinen Defekt der Dusche achten müsse. „Mit den Tücken von Hotelzimmern wirst du nun leben müssen.“

    „Ja, da wird ich mich dran gewöhnen. Danke.“ Julian wandte sich Nachtara zu. „Legst du dich schon mal aufs Bett? Ich geh mich mal duschen und ins Bett.“ Endlich!

    „Gute Nacht.“

    Julian erwiderte dies und als er das Bad betrat, losch Jiang das Deckenlicht des Schlafzimmers. Aus dem Winkel schien noch der schwache Schein einer in der Kommode eingebauten Bettlampe und das künstlich weiße Licht von Jiangs Handy. In der Silhouette an der Wand sah er, wie sich Lin-Fu zu ihm auf den Kopfpolster zusammenrollte und er die Hand locker auf ihre Schulter legte, während er in der anderen sein Handy hielt.

    Julian schloss die Tür hinter sich, drehte die Dusche auf und… „Scheiße! Heiß!“ Verdammte Dusche, verdammte Hotelzimmer! Besser er gewöhnte sich schnell daran.

    „Hab ich dir schon gezeigt, dass die Dusche einen Defekt hat?“, kam es ironisch, und gleichzeitig in einem unheimlich nüchternen Tonfall, aus dem Nebenraum.

    „Nein, hätte mir mal einer das erklärt.“ Julian lachte, zog sich aus und stieg in die Dusche. Die beengende Frage, wie gut er mit Jiang auskommen würde, löste sich nochmals ein wenig mehr auf.

    Nachdem das Wasser dreimal zwischen Hölle und Eiszeit gewechselt hatte, fand er eine erträgliche Temperatur, genoss das warme Wasser für weitere fünf Minuten, stieg dann heraus, putzte sich rasch die Zähne und wechselte ebenfalls in eine Jogginghose und ein altes Bandshirt. Der Spiegel verriet, dass seine Haare nach dem Trocknen wieder richtig liegen würden.

    Er hatte dunkelblaue Augen und einen sprechenden Blick, ausdrucksstarke Brauen und ein gewinnendes Lächeln. Im Spiegel sah er all dies, was andere an ihm beschrieben, selbst. Er war schön anzusehen, bloß seine bescheidene Meinung. Und sein Haar klebte nicht mehr so eklig. Ein bisschen selbstzufriedener machte er sich fertig und suchte alles zusammen, um das Bad ordentlich zu verlassen. Halbwegs, wenigstens das.

    Julian hätte sich gerne über so viel mehr unterhalten. Jiang war ihm soweit recht sympathisch und die wenigen, starken Erinnerungen sorgten wohl dafür, dass er ihm vertrauter erschien, als er es tatsächlich war. An sich kannte er den Freund seines Bruders kaum, erinnerte er sich erneut.

    „Noch wach?“, fragte er an, als er die Tür öffnete und konnte sich die Frage selbst beantworten, als er den Schein des Handylichts sah. „Magst du morgen was machen? Magst du vielleicht gegen mich kämpfen oder so?“ Bloß zwei komplett bedeutungslose Scherze, ein Dankeschön und ein kurzes Gespräch waren vorangegangen, doch bereits nach solchen kleinen Dingen fiel es leichter zu fragen.

    Jiang sah von seinem Handy auf. „Ja, gerne. Können wir tun.“ Er hielt ebenfalls inne und legte das Handy neben sich. „Magst du meine, Nikos und meine, Freunde kennenlernen?“ Nebenbei kraulte er Lin-Fus Kinn, die sich wie eine Katze auf den Rücken gerollt hatte.

    Ihre gemeinsamen Freunde? Julian spürte einen kurzen Stich. Dann sagte er zu und wünschte ihm nochmals eine gute Nacht.


    Als er unter die Decke schlüpfte, Nachtara durch das Fell wuselte und auf sein Handy sah, bemerkte er eine neue Nachricht.

    Lief alles glatt? Grüß und drück Jiang fest von mir. :) Hab dich lieb. – Mom, 22:06

    Ja, klar. Wir verstehen uns eigentlich schon ziemlich gut. Das kannst du dann trotzdem lieber selbst machen. - 23:26

    Eigentlich wollte er noch etwas durch neue Nachrichten scrollen und sich den Trailer eines Final Fantasy-Remasters ansehen, doch er sollte bald schlafen. Auf Jiangs Seite brannte ebenfalls kein Licht mehr. Er wartete kurz eine Antwort ab, rollte sich zur anderen Seite und legte seine Stirn an Nachtaras Hinterkopf. „Hey, Lunas. Mach dich morgen auf einen harten Kampf gefasst“, flüsterte er seinem Pokemon zu.

    Nachtara schnurrte sanft und beendete ungestört die abendliche Katzenwäsche.

    Eigentlich sollte Julian schlafen, doch wenn er an die Live-Aufnahmen von Jiangs Kämpfen dachte, von denen er einige gesehen hatte, konnte er keine Ruhe finden. Die Frage war unüberlegt gekommen. Er stöpselte die Kopfhörer ein, öffnete einen der Streamingdienste, der alle möglichen Kämpfe der letzten zehn Jahre in einer Datenbank gesammelt hatte und sah in einer Mischung aus Erstaunen und Sorge dabei zu, wie ein Mega-Lucario aus einem gleißenden Licht stieg, um dann ein Stahlos in weniger als eineinhalb Minuten auf die Matte zu schicken. Mist.

    Er hatte genug davon zuzusehen, wie sein Team und er morgen zerlegt werden würde, und entschied sich eine Runde zu schlafen. Das sollte noch eine Stunde dauern, da sich seine Gedanken um viel zu viel drehten und er schlussendlich versuchte sich ein Bild von Nikos und Jiangs gemeinsamem Freundeskreis auszumalen. Kaum fiel er in den Schlaf, blamierte er sich in seinem Traum im Kampf gegen Jiang auf ganzer Ebene.

  • Haha! Die Geister der Vergangenheit sind zurück!


    So, nachdem ich seit Jahren nicht mehr hier war, bin ich in Zuge von Schwert und Schild mal wieder hier aufgekreuzt und habe festgestellt das der Fanfiction Sektor noch existiert.

    Zu den Kapiteln: Sehr guter Einstieg für die Handlung und in Julian`s Charakter. Die Darstellung von den gemischten gefühlen die bei einen Aufbruch entstehen kenne ich sehr gut aus eigener Erfahrung und sind gut dargestellt. Die Nervösität vor etwas neuen und gleichzeitig der Wunsch sich vom Alten loszulösen. Der zweite Hauptcharacter Jiang Shaotian wirkt auch auf anhieb positiv, auch wenn noch nicht zu viel über ihn zu sagen ist.

    Alles in allen, ein guter Anfang für ein Abenteur


    P.S. Duschen die nur kochend Heiß oder Eiskalt sind, sind das realste Ding in Existenz :wacko:



    "We starve, look at one another, short of breath. Walking proudly in our Winter coats. Wearing smells from labortories, facing a dieing nation of moving paper fantasy, listening for the new told lies with supreme vision of lonely tunes"
    Hair, Let the sunshine in