Mitternachtliches Chaos bei Sturm und Regen


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  • Mitternachtliches Chaos bei Sturm und Regen





    - Actual footage of Bastet writing a story




    Herzlich willkommen in meiner chaotischen

    One Shot-, Kurzgeschichten- und Novellen-Sammlung!



    Was hat es mit dem chaotischen Titel auf sich?


    Nun, ich bin nachtaktiv, chaotisch und schreibe besonders gerne entweder nachts oder bei Regen und Sturm. Am liebsten ist es mir, wenn es nachts regnet. Checkpot. ^^

    Außerdem brauchte ich einen Titel, der besser klang als so etwas Schnödes wie "Bastets Kurzgeschichten-Sammlung".



    Welche chaotische Literatur gibt es hier zu finden?


    Allem voran Kurzgeschichten und Novellen, die ich gerne online veröffentlichen würde. Seit einiger Zeit bin ich auch wieder motivierter dabei zu schreiben und das schließt Geschichten mit ein, die nicht zu meinem Hauptprojekt gehören, inklusive One Shots, anderen Arten von Kurzgeschichten und kleinen Novellen.

    Ich hab einige Ideen, von denen sich einige bereits in Entstehung befinden. Dazu gehören auch Fanfiction zu verschiedenen Fandoms, wobei ich hier noch nichts begonnen aber Ideen gesammelt habe, sowie kurze, freie Werke.


    Ende nächster Woche sollte mein erster neuer One Shot in diesem Topic erscheinen.

    Bis dahin werde ich meinen Lieblings-One Shot veröffentlichen, den ich damals zu einer Weihnachtsaktion auf Animexx geschrieben habe. An den anderen meiner älteren, kürzeren Werke hänge ich nicht so sehr; an diesem jedoch schon. ^^



    Ihr sollt in etwa einschätzen können, was ihr von mir zu erwarten habt ...


    Also erstelle ich euch mal eine kleine Liste an Genres, Tropes, allgemeinen Vorlieben und Abneigungen etc., an allem, was mir so liegt, oder eben auch nicht:


    - Meine Lieblingsgenres sind Fantasy verschiedener Art, vor allem Dark Fantasy, aber auch von Romantasy und Urban über High und Adventure bis Dark oder Horror Fantasy, obwohl ich für alles Mögliche offen bin und Genres auch sehr gerne mische.

    - Wenn ihr jemand seid, der sich windet, sobald ihr den Anflug eines romantischen Subplots erspäht, werdet ihr mit mir nicht glücklich werden. Zumindest mit vielen meiner Werke nicht.

    - Was mir jedoch nicht sonderlich liegt, sind Thriller, speziell typische Detektivgeschichten, sowie Science Fiction. Vor allem "Hard Science Fiction" uä.

    - Ich mag düstere Atmosphären sehr gerne, unter Umständen auch Horror, aber mit reinem Gore macht man sich selten glücklich, und das werde ich nicht schreiben.

    - Meine Lieblingsthemen inkludieren Familien, vor allem auch Found Families, Freundschaften, Liebe, Beziehungen, Queerness, unter Umständen, wenn es in die Geschichte passen sollte, Diskriminierung und dessen Folgen, diverse andere, politischen und philosophische sowie aus verschiedenen Gründen schwierigere Themen, aber auch leichtere und fluffigere Stimmungen. Kommt ganz auf meine Laune an.

    - Ich liebe Anime und Manga, aber meine geschriebenen Werke sind nicht zu sehr von den typischen Animetropes durchzogen. In den meisten Anime und Manga mag ich diese Tropes ebenfalls nicht.

    - Von mir dürft ihr keine edgy, sprich keine psychopathischen, sadistischen und allgemein "mean spirited", Hauptcharaktere erwarten. Ich hänge meistens sehr an den Charakteren, die ich erschaffe, und ich möchte gerne gut mit auskommen, solange ich mit ihnen schreibe, und mich nicht selbst vor ihnen ekeln. Ich mag solche Charaktere in den Medien ebenfalls nicht, die ich konsumiere, und ich schreibe sie daher auch nicht.

    - Dafür hoffe ich, dass sie stattdessen so real und nuanciert wie möglich wirken und würde mich über Feedback auch diesbezüglich freuen!

    - Ich liebe tolle Charakterdynamiken jeglicher Art und hoffe, dass ich diese gut schreiben kann.

    - Demnach schreibe ich auch sehr gerne Dialoge und einige Alltag- und Fluff-Szenen zwischendurch. ^^



    Wichtig!


    CNs (also Content Notes oder Content Warnings) sowie Altersempfehlungen und andere Informationen, werden vor der jeweiligen Geschichte angegeben.

    Sollte ich mal Kurzgeschichten veröffentlichen wollen, die ... sagen wir mal, etwas zu spicey für das BB sind, werdet ihr diese womöglich auf einem meiner anderen Accounts finden können. ;)



    Inhaltsverzeichnis


    Allgemeine Kurzgeschichten


    Bratapfelduft

    Original

    Genres: Slice of Life, Drama

    Themen: Weihnachten, Nostalgie

    Wortanzahl: 1.147

    Entstehungsjahr: 2015


    Die Heldin und der Prinz

    Part 1 | Part 2

    Fandom: Pokemon

    Genres: Fantasy, Romantik (Hetero), Drama

    Themen: Liebe, Toxic Families, Kindheitstrauma

    Wortanzahl: Part 1: 3.257, Part 2: 4.360

    Entstehungsjahr: 2015


    Wenn die Wüste erblüht

    Original

    Genres: Fantasy, Post-Apokalypse, teilweise Solarpunk-Einschläge, Romantik (Hetero), Fluff

    Themen: Wiederaufbau einer zerstörten Erde, Kontakt mit Fabelwesen, Beziehung zwischen Mensch und humanoiden Fabelwesen

    Wortanzahl: 2.716

    Entstehungsjahr: 2022


    Die Zukunft gehört denen, die Neues schaffen

    Part 1 | Part 2

    Fandom: Castlevania

    Wortanzahl: Part 1: 2.568, Part 2: 1.437

    Genres: Slice of Life, Romantik (Hetero & Queer), Fluff

    Themen: Familienleben, neue Beziehung und Familie aufbauen

    Entstehungsjahr: 2022


    Normale Zoobesuche - Was dabei alles schiefgehen kann

    Fandom: Spy x Family

    Genres: Gen, Slice of Life, Fluff, Comedy

    Themen: Familienleben

    Wortanzahl: 2.991

    Hochgeladen: 18.10.2022. Entstehungsjahr: 2022


    Um von Nutzen zu sein (Und wann wir falschlagen)

    Fandom: Attack on Titan

    Genres: Gen, Drama, Action, Horror / Dark Fantasy (P16!)

    Themen: Charakterstudie (Armin), Survivor Guilt, (zerbrechende) Freundschaften, Krieg

    Wortananzahl: 6.083

    Entstehungsjahr: 2022



    Fluffcember 2022


    Übersicht


    - Weiteres folgt im Dezember-





    Ich würde mich sehr über euer Feedback freuen!

  • Bastet

    Hat den Titel des Themas von „Mitternachtliches Chaos bei Regen und Sturm“ zu „Mitternachtliches Chaos bei Sturm und Regen“ geändert.
  • Ich hab mir überlegt, ob ich die Kurzgeschichte überarbeiten soll. Diese habe ich 2015 für eine Weihnachtsaktion auf Animexx geschrieben und sie ist nicht perfekt, aber sie ist einer meiner älteren Kurzgeschichten, die mir persönlich am besten gefallen. Nicht so sehr vom Schreibstil, aber vom Thema. Aber seht selbst. ^^


    Ist vielleicht nicht so passend sie ist zu Ostern zu posten. xD

    Morgen kommt allerdings eine Oster-Kurzgeschichte, die ich ebenfalls für eine Animexx-Aktion schreibe.




    Bratapfelduft





    Original

    Genres: Slice of Life, Drama

    Themen: Weihnachten, Nostalgie

    Wortanzahl: 1.147

    Entstehungsjahr: Winter 2015



    Wisst ihr wonach Bratäpfel duften? Nach Winter, Kälte und Schnee und dennoch, oder vielleicht deshalb, erinnern sie mich an Wärme und Geborgenheit. An Christkindlmärkte, die man in warme Sachen eingemummelt besucht, wenn man sich an einem frisch zubereiteten Punsch festklammert. Du spürst das Häferl in deinen Händen kaum, nur die Wärme.

    Du senkst deinen Blick, damit der fruchtig duftende Dampf deine Nase wärmen kann und wenn du ich wärst, so wärst du überglücklich den unscheinbaren, wenig besuchten Stand in einem abgelegenen Eck des Marktes entdeckt zu haben. Denn er verkauft Punsch mit Bratapfelgeschmack. Wieso ausgerechnet diesen?

    Wenn du ich wärst, würdest du es verstehen.


    Denn Bratäpfel duften nach dem Haus meiner Großeltern.

    Für jemand anderen war es bloß nur die abgelegene Hütte am Rand des Wienerwalds, in dem das ältere Ehepaar aus Ex-Jugoslawien lebte, das ihren Besuch stets mit einem Lächeln willkommen hieß und der Nachbarschaft stets einige, günstige Eier verkaufte.

    Die Hütte war nicht besonders groß, auch nicht schick. Ebenso kannst du dir auch meine Großeltern vorstellen. Einfache Leute mit einem Gemüsegarten und einem kleinen Hühnerstall. Wahre Selbstversorger.

    Früher, das liegt so weit zurück, das ist beinahe nicht mehr wahr, waren sie Angestellte eines großen Unternehmens gewesen. Erzählt man davon, klingt das sehr mondän, nicht wahr? Sehr weltgewandt und gebildet. Das sind Leute, die haben etwas in ihrem Leben erreicht. Das würde es, wenn ich dir die gesamte Wahrheit verschweige. Meine Großeltern kamen als Gastarbeiter hierher. Erst Opa, zwei Jahre später Oma, mit einem kleinen Kind im Schlepptau. Dieses Kind war mein Vater. Mit Stolz kann man sagen, dass sie sich behauptet haben. Leider dankte ihnen das Leben wenig und so blieben sie Zeit ihres Lebens unterbezahlte Angestellte.


    Nach ihrer Pensionierung strickte Oma gerne, saß wie aus einem Kinderbuch entsprungen den ganzen Nachmittag über in ihrem fast antiken Fauteuil vor dem Kamin und sah zu wie der Schal mit jeder Masche länger und länger wurde. Mit sanftem Blick betrachtete sie den dicken, alten Kater, der sich vor dem Kamin rekelte.

    Versetzen wir uns in diese Zeit zurück. Ich tu es gerne.

    Der Kater ist schon zwanzig Jahre alt und sein zerfleddertes Ohr ist ein Beweis seiner jungen, wilden Tage. Als Kind hast du dir vorgestellt, er wäre unbezwingbar, er wäre früher in einem jeden Revierkampf glorreicher Sieger gewesen, und selbst der Tod hätte Angst vor ihm. Du hast dir immer gewünscht, dass er genauso lange lebt wie deine Großeltern. Deshalb hoffst du, dass diese rüstigen, alten Leute ebenso unbezwingbar sind.

    Opa ging gerne hinaus, beobachtete die Tiere im Vorstadtgebiet und kümmerte sich – sehr klassisch – um das Holzhacken.

    Wenn ihr mich fragt, glaube ich, dass meine Großeltern dem Stress ihres Lebens gerne den Rücken kehrten und sich ihre eigene, kleine Idylle aufbauten; den äußeren und inneren Antrieb immer mehr und mehr für ihre Kinder erreichen zu müssen, damit diese nach immer mehr und mehr für deren eigenen Kinder streben können, ablegten.

    Ihr Gesicht wurde wie das Ohr des Katers durch die Zeit und das Leben gezeichnet. Das hast du an den Sorgenfalten auf ihrer Stirn und ihren faltigen Händen gesehen.


    Zu Weihnachten wurde dir bewusst, dass sie sich zufrieden vom Stress unserer Zeit abwandten.

    Zum ersten Advent überlegen sich die meisten Menschen bereits, was sie dem anderen schenken sollen.

    Wie groß darf es sein? Ist es angebracht? Was werde ich wohl geschenkt bekommen? Wird es denselben Wert besitzen? Hat es einen höheren Wert? Werde ich den anderen dadurch kränken?

    Von meinen Großeltern bekam ich zu Nikolo nur einen gestrickten, roten Socken mit Nüssen, Mandarinen und einem Bratapfel geschenkt. Ich werde diesen Duft niemals vergessen. Stell dir vor, du öffnest die Schleife deines kleinen Geschenks und dir weht dieser unglaubliche Duft um die Nase. Die Mandarinen, sie riechen süß und ätherisch, doch sie werden vom Duft des Bratapfels überlagert. Er ist in eine glänzende Weihnachtsfolie eingehüllt, die den Schokoladenglanz verstärkt. Stell dir vor, du wickelst ihn, beinahe gierig, aus und die Duftnote, die deine Nase kitzelt, ist eine Komposition aus Frucht und Schokolade. Beides ist süß und schmeckt doch so unterschiedlich. Er erfüllt all deine Sinne mit Wonne.


    Zum zweiten und dritten Advent werden die Menschen gereizt.

    Sie rempeln sich gegenseitig an, um als Erstes die preisreduzierte Ware mit der knalligen Schrift auf dem Schild des Warenkorbs, zu ergattern.

    Sie keifen und sie keppeln über die Politik, ihre Familie, ihren Partner, ihre Freunde, fremde Menschen, die öffentlichen Verkehrsmittel und erst recht über den Winter. Wie kann es der Winter wagen kalt zu sein? Wo gibt es denn sowas?

    Deine Familie hat sich bereits freitags um vier Uhr, direkt nach der Schule, aus der Stadt beeilt, um das gesamte Wochenende bei den Großeltern zu verbringen. Dort lässt du dich verwöhnen, genießt es, dass es zwar Fernsehen, aber kein Internet gibt, und genießt den Braten.

    Der wahre Höhepunkt des gemeinsamen Essens, es wird viel gelacht, geblödelt und Anekdoten erzählt, ist das Dessert: Deine Oma serviert deiner Familie einen bezuckerten Teller, der dich an Schnee erinnert, darauf einen ausgehöhlten Apfel, den sie liebevoll mit Vanille und geriebenen Mandeln füllte. Bereits während der Vorspeise hast du immer wieder in die Küche gespäht, da dich der verführerische Duft hineinleitete, doch deine Oma hat dich mit einem Lachen davongescheucht.


    Zum vierten Advent hast du viele Tränen vergossen.

    Anstatt die Weihnachtsdekoration, den Zauber der geschmückten Innenstadt und die Anwesenheit deiner Familie zu genießen, warst du tagelang zu Hause und hast für Mathe gebüffelt. Und für Englisch. Für Latein auch, das ist doch klar. Ebenso für Chemie. Ersteres und Letzteres hast du in den Sand gesetzt. In der Weihnachtszeit aggregieren sich die Prüfungen in ein oder zwei Wochen. Hättest du bloß beim Chemietest schon verstanden, was Aggregation bedeutet.

    Nach der Schule, du bist noch ganz aufgelöst, fährt deine Familie zu deinen Großeltern.

    Du freust dich auf den Bratapfel und die süßlich-würzige Vanillesauce, die von Mandeln und Zimt abgerundet wird.

    Leider fängst du dir bei einer Schneeballschlacht eine Grippe ein, also bleibt ihr bis nach Weihnachten. Da es euch so gut bei euren Großeltern gefällt und deine Eltern beide Lehrer sind, bleibt ihr bis zu Silvester.

    Es sind besinnliche Festtage, die trotz der Tatsache, dass du dich in eine Bazillenschleuder verwandelt hast, genießt. Ihr feiert unter einem bescheiden geschmückten Christbaum, auf dem Schokoschirmchen, echte Kerzen und silberne Kugeln hängen.

    Zum vierten Advent und zu Weihnachten serviert dir deine Oma deinen geliebten Bratapfel. Mit extra-viel Vanillesauce.


    Danach wird sie das nie wieder können.

    Meine Oma starb am vierten Januar und mittlerweile rekelt sich auch der alte, dicke Kater mit dem halben Ohr nicht mehr vor dem Kamin.

    Mein Opa war am Boden zerstört, er sah aus, als hätte man ihm mit einem Schlag seines gesamten Lebensinhaltes beraubt. Deshalb folgte er ihr nach dem darauf folgenden Weihnachtsfest.


    Danach duftete die alte Waldhütte deiner Großeltern nie wieder nach Bratapfel und du verstehst, dass es nicht der Bratapfelgeruch war, der dich zu Hause fühlen ließ, sondern die Erinnerungen.

  • Diese Kurzgeschichte in zwei Kapiteln ist meine persönlich Lieblingsgschichte unter meinen kürzeren Werken.

    Sie ist ebenfalls 2015 entstanden und auch wenn ich heute einige Formulierungen umschreiben würde und den Inhalt eventuell ein wenig anders darstellen würde, möchte ich sie so stehenlassen, wie sie ist.


    Enjoy. <3




    Die Heldin und der Prinz




    Fanart-Quelle unbekannt (auf Pinterest gefunden)



    Fanfiction (Fandom: Pokemon)

    Genres: Fantasy, Romantik (Hetero), Drama

    Themen: Liebe, Toxic Families, Kindheitstrauma

    Wortanzahl: Part 1: (3.257) Part 2: (4.360)

    Entstehungsjahr: 2015




    Part 1

    „Du Verrückter!“ Ihre vor Zorn fast schrill gefärbte Stimme verhallte im prachtvollen Marmorsaal, als wäre sie nur ein leises Piepsen gewesen. Über ihr erstreckte sich der freie Nachthimmel. War das nicht grotesk? Ein Prunksaal und ein Schloss ohne Dachgemäuer?

    Die Fassade des Raums, dessen Größe sie nicht ausmachen konnte, strahlte im gedämpften Licht der mittelalterlichen Kronleuchter ein mattes Gold ab und zeigten geflochtene Teppiche, welche Banner darstellten, die sie keinem ihr bekannten Staat zuordnen konnte.

    Wenn sie ihren Blick nach vorne richtete, nahm sie eine unklare, menschliche Silhouette wahr. „Nate?“ Etwas verhaltener, sanfter und doch hörte sie sich wie ein knurrendes Yorkleff an. Es war genug von allem, das hier musste endlich zu seinem Ende finden – das würde es auch, ohne dass die ganze Geschichte, die ihr selbst noch immer unwirklich erschien, mit einem großen, epischen Knall endete. So endeten nur Filme.

    Hayley hatte die Elite Four bezwungen, jedes seiner Mitglieder, aber hier wollte sie keine Kämpfe austragen. Sie glaubte daran, dass man jene Probleme mit anderen Mitteln anging als roher Gewalt. In ihren Gedanken hatte sich bereits ein Ausgang festgefahren, in dem sie Nate nur den Klauen seines machtgierigen, kalten Vaters zu entreißen brauchte. So einfach. Als Kind hatte sie Märchen geliebt, doch diese Geschichten waren veraltet. Heute waren Heldinnen in Mode, die den Prinzen retteten.

    Die Silhouette am anderen Ende des Saals, die sie definitiv als Nate ausmachen konnte, entfernte sich erst unsicher einen Schritt von ihr. Also lag es an ihr, auf ihn zuzugehen.

    Sie atmete tief durch und umfasste mit zierlichen Fingern den Dunkelstein, in der Hoffnung, dass sie ihn nicht benötigen würde, doch das glatte Gestein in ihren Händen ließ sie sich in Sicherheit wiegen.

    Nate war der Auserwählte des Lichts und der heilenden Flamme, Reshirams 'Chosen One'. Deshalb sah er sich im Recht.

    Hayley war die Auserwählte der Dunkelheit und des Leben erschaffenden Blitzes, Zekroms 'Chosen One'. Deshalb sah sie sich im Recht.

    Niemand sonst hätte für sie die letzten Treppen hochlaufen können. Ihre Freunde hatten nicht von ihrer Seite weichen wollen; Lucas, Cheren und Bell hatten sogar noch die Siegesstraße mit ihr gemeinsam bestritten. Dort unten warteten sie auf Hayley, schlugen dort mit einigen Arenaleitern an ihrer Seite ihre eigenen Schlachten gegen die sechs der ‚Sieben Weisen‘, alte Männer, die zum Gefolge Ghetsis gehörten und ihr den Weg versperrt hätten. Sie waren ihre Freunde, die Besten. Seitdem sie denken konnte, waren sie immer an ihrer Seite gewesen.

    Und nun stand sie dennoch alleine hier, in den Weiten dieses scheinbar endlos großen Saales und fror. Der weiß-gesprenkelte Marmor ließ Parkett und Säulen edel erscheinen, fraß sich jedoch mit seiner Kälte bis zu ihren Knochen vor. Nur ein dünner Stoffmantel bedeckte ihren Körper über der freizügigen Sommerkleidung, die sie der Jahreszeit angemessen trug, und ließ ihre nackten Beine der Kälte und dem Wind über. Dann griff auch die Nervosität nach ihr, Unsicherheit, die sie eigentlich mit allen Mitteln vertreiben wollte. Was wäre, wenn ... So begann jeder Gedanke, der ihr den Mut nahm. Da in ihr der Wunsch aufkam der gesamten Szenerie den Rücken zu kehren und davonzulaufen, zwang sie sich Nate entgegenzukommen. Im letzten Jahr hatte sie deutlicher denn je zu spüren bekommen, dass sie gegen ihre Angst ankämpfen und handeln musste. Sonst war sie ihr Sklave.


    Mit jedem Schritt erkannte sie seine recht große, schlanke Statur besser, erkannte seine zu einem losen Pferdeschwanz gebändigten langen, gewellten Haare, die für einen Mann vielen Schmuckstücke, die er trug. Das Dämmerlicht gab sein Haar als dunkles Grün preis. Sie wusste, dass es bei Tag viel heller war. Frühling – genau, wie der Frühling. Um sein rechtes Handgelenk lagen drei lockere, viereckige Armreifen, um sein Linkes ein schwarzes Band. Um den Hals trug er eine Kette mit einem runden Anhänger. An seinem Gürtel baumelte ein würfelartiges Gebilde herab und harmonierte mit seiner schlichten Kleidung. Wahrscheinlich sah nur sie diesen jungen Mann so genau an.

    Er senkte den Blick und verbarg sich hinter Strähnen. Feigling! Sah ihr nicht einmal ins Gesicht. So oft hatte sie es mit Verständnis versucht, dieses Mal würde sie ihn nicht mehr mit Samthandschuhen anfassen. „Bist du stolz, ja? Auf Daddys Werk?“

    Noch einige Schritte näher sah sie, wie er den Mund öffnete, um etwas zu sagen und doch verließ kein Laut seine Lippen. Im Schein der Kronleuchter erschien sein Gesicht jünger als das eines Siebzehnjährigen, noch weicher als sonst, noch wärmer, noch feiner gezeichnet.

    Hayleys Unsicherheit war ungebändigter Wut gewichen, die entladen werden wollte. Mit festen Schritten überwand sie das letzte Stückchen, bis nur mehr eine Armlänge Entfernung zwischen ihnen lag. Für ein Mädchen gewöhnlich groß, musste sie den Blick heben, um direkt in seine Augen sehen zu können. Vermutlich sah es eher lächerlich aus, wenn sie ihre Hände zu Fäusten ballte und sich vor ihm aufbaute. Das war jetzt auch schon egal. „Kannst du nicht mehr reden?“, blaffte sie ihn an.

    „Das ist mein Traum, nicht der meines Vaters“, entgegnete Nate schüchtern. Seine Gestik, seine Mimik, seine Sprache, ja sein gesamtes Verhalten war innerhalb eines Jahres natürlich geworden – menschlicher, nicht mehr ganz so gekünstelt und lebensfremd wie früher. Dass er bis zu dem Zeitpunkt, an dem er Hayley und ihren Freunden begegnet war, fast nur in Gesellschaft einiger Pokemon gelebt hatte, schien tatsächlich nicht übertrieben gewesen zu sein.

    „Dein Traum ist es, mir meine Pokemon wegzunehmen, ja?“

    Fassungslos sah er sie an, vermutlich hatte er daran noch keine Gedanken verschwendet. „Dir nicht.“

    „Allen anderen schon? Warum mir nicht?“

    „Auch Lucas, Cheren und Bell nicht. Ihr seid sehr gute Menschen.“ Nate sah sie sanftmütig an, gab vielleicht etwas zu viel von sich preis. Wie hätte es auch anders sein sollen? Von jemanden, der nie gelernt hatte, wie man seine Gefühle verbarg, noch wie man sie richtig zeigte.

    Noch versuchte sie ihren Zorn hinunterzuschlucken, sicherlich war sie auch nur enttäuscht von ihm, weil sie ihn in ihre „goldene Freundesmitte“ aufgenommen hatten und dann der ernüchternden Realität entgegensehen mussten. Sie entgegnete fest: „Andere auch. Wie willst du wissen, dass es nicht so ist? Du kennst nur uns. Du warst mit uns drei Woche auf Reise. Sei‘n wir mal ehrlich.“ Sie rief sich ins Gedächtnis wie eindringlich Cheren sie gewarnt hatte, mit ihm gäbe es bloß Probleme und wegen Nate – es war schwer ihm deswegen keinen Zorn entgegenzubringen – hatten sie sich gestritten. So etwas kannte sie gar nicht von ihren Kindheitsfreunden.

    Niemals würde sie locker lassen, andernfalls blieb ihr keine andere Wahl als sich seinem Reshiram zu stellen. Daran wollte sie gar keine Gedanken verschwenden. Wer wollte schon einem dieser übermächtigen Wesen entgegensehen und wissen, seine letzte Stunde hätte geschlagen?

    „Viele Trainer versklaven ihre Pokemon.“ Wie auswendig gelernt. „Ich habe es gesehen“, fügte er hinzu. „Sonst wüsst‘ ich es nicht. Es gibt kaum gute Menschen auf der Welt.“ Hörte er ihr denn richtig zu? Wie eine Maschine wiederholte er seine Gedanken und Träume, die nicht ihm entsprangen. Worin lag überhaupt seine eigene Persönlichkeit? Existierte sie oder konnte sie bis an den Grund graben, ohne auf etwas zu stoßen? War da … nichts? Sie wollte es nicht glauben. Sanftmütig, mitfühlend und höflich, so würde Ghetsis Puppe nicht werden. Nicht, wenn sie willenlos war.

    „Was?“

    Und wieder senkte er seinen Blick. Zornig packte Hayley ihn am Handgelenk. „Ich hab gefragt ‚was‘?“

    „Menschen, die Pokemon grausam behandelt haben. Das war es.“ Er klang wie ein kleines Kind, welches versuchte seinen Schrecken in Worte zu fassen.

    Hayley wurde schlagartig bewusst, dass er tatsächliche Qualen beschrieb und keine Trainer, die sich hier und da schroff ihren Partnern gegenüber verhielten. „Das hat mir vorhin schon … die blonde Frau erzählt. Sie scheint dich gut zu kennen. Nate, ich wollte wissen, was das war.“

    Nate blinzelte, dann überkam ihn ein Ausdruck tiefer Traurigkeit, welche wohl Erinnerungen darstellten, die sie nicht erreichen würden. Zumindest nicht in absehbarer Zukunft. „So etwas darf nicht mehr passieren. Nie wieder.“

    „Du bist so dumm!“ Ein Schrei aus voller Kehle, so laut, so schrill, dass sie die Vibration und Anspannung ihrer Stimmbänder spürte. „Und naiv. Ich versteh‘ nicht, wie man so sein und werden kann wie du. Menschen sind untereinander sehr grausam, sie sind zu Pokemon grausam. Richtig bestialisch manchmal. Willst du jeden für sich auf eine eigene, kleine Insel setzen? Nur damit die Welt ein schöner, pinker Ponitahof wird? Dein Vater wollte doch, dass du diese ganzen Grausamkeiten siehst. Damit du mitspielst. Siehst du das nicht?“ Aufgelöst tigerte sie im Saal umher, warf verzweifelt die Hände in die Luft und ließ all ihren Ärger hinaus, ohne zu wissen, was sie bezwecken wollte. Hier störte sich wenigstens niemand daran, wenn sie schrie, wütete, keifte und tobte. Vielleicht benötigte Nate sogar klare Worte. „Ein Schloss, Nate, ein Schloss! Und hat Daddy dich schon ‚gekrönt‘, ja? Das ist größenwahnsinnig. Genauso wie irgendein irrer Heldenmythos und dein Plan. Ghetsis Plan. Vorhin noch, er hat es mir fast unter die Nase gerieben, dass du nur eine Puppe bist. Und mein Arceus, dein Vater hat es geschafft, du bist verrückt geworden.“

    „Ich bin nicht verrückt“, erwiderte er kleinlaut. „Es ist mein Traum, alles hier. Man muss etwas Neues versuchen, wenn das Alte nicht funktioniert.“ Nate lächelte und doch wirkten die Worte hohl. „Das alles sagst du nur, damit ich meine Ideen aufgebe. Ich hab alles immer und immer wieder durchdacht.“

    Während sich Hayley unzählige Male mit ihm unterhalten hatte, hatte sie die meiste Zeit damit verbracht, ihm in die Augen zu sehen. Hellgrün waren sie, von dünkleren Sprenkeln durchzogen. Jedes menschliches Auge wies besondere Muster auf, nur achtete sie bei anderen nicht darauf. So etwas fiel bloß auf, wenn man die Person aufmerksam betrachtete. Sie konnte sein Bild bereits eins zu eins, naturgetreu, in ihre Gedanken projizieren: das hier war nicht echt.

    „Weißt du, was wir alles durchmachen mussten, nur weil dein wahnsinniger Vater anscheinend Isshu unterjochen will – oder was weiß ich, was der Verrückte noch für Pläne hat. Weil du dich ausnutzen lässt?“ Ihr war bewusst, dass sie wie eine Furie auf ihn zukam, als sie ihm die Hand mit aller Kraft gegen die Brust stieß, die Zähne fletschte und einen wütenden Aufschrei entließ. Anscheinend hatte er nie gelernt, wie er sich in einer solchen Streitsituation verhalten sollte, also sah er sie verwundert an, fing sich und versuchte zu verstehen, was sie eben getan hatte. „Weil es da draußen noch andere Menschen gibt, die einfach Ghetsis folgen, ohne nachzudenken? Weißt du, was ich alles durchmachen musste? Und Lucas? Und Cheren? Und Bell? Diese verdammte Drachenstiege sind wir raufgekrochen. Meine Mutter hat mich weinend angerufen, weil sie wollte, dass ich wieder nach Hause komme. Die Eltern meiner Freunde machen sich genauso Sorgen. Wir haben uns wegen euch durch’s Wüstenresort gekämpft.“

    „Das tut mir leid.“ Ob sie es glauben konnte oder nicht, seine Mimik war derart aufrichtig, dass seine Bekundung nicht gespielt sein konnte.

    „Leid?“, spie sie aus. „Du machst dich zu Ghetsis Spielzeug – und wir werden es auch. Es ist egal, ob wir wollen oder nicht: wir konnten ja nicht einfach Team Plasma zusehen. Auch, dass alte Knacker und ein Haufen eurer Leute den Weg versperrt haben und jetzt paar Arenaleitern und meinen Freunden das Leben schwer machen? Tut dir das auch leid?“

    „Das wollte ich nicht.“

    Aufgebracht hielt sie ihm den Zeigefinger entgegen. „Unterbrich mich nicht! Dass ich hier raufkommen muss, weil du irgendeiner dummen Sage, einer noch dümmeren Idee und Reshiram nachläufst? Die Leute aus Isshu glauben jetzt, sie würden einen ‚Helden‘ bekommen.“ Ungläubig schlug sie sich gegen die Stirn und lachte bitter. Wenn sie all das aussprach, konnte sie es selbst nicht glauben und hielt die gesamte Situation für einen bizarren Traum.

    Da hatte sie auch in ihm ein Feuer entfacht, eindringlicher und doch nicht so explosiv wie sie, gab er ihr Konter. Wenigstens etwas. So drang sie eventuell zu ihm vor. „Der Lichtstein hat geleuchtet, als ich ihn die Hand genommen habe. Das ist doch -“

    „Der Dunkelstein hat auch bei mir geleuchtet. Jetzt haben wir hier ein Problem. Isshu verträgt keine zwei Helden, die ganz unterschiedliche Dinge wollen.“ Hayley umrundete ihn selbstbewusst und wertete ihn mit ihren Blicken ab. „So sieht kein Held aus einer Sage aus.“ Reale Märchen waren aus einem anderen Material geschnitzt. Sie waren kompliziert und handelten von Prinzen, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrten, dass die Heldin sie rettete. Niemand hatte sie davor gewarnt, dass das Gute verlieren konnte.

    Vielleicht hatte sie sich vorgestellt, wie alles nachher werden würde. Sie wollte Nate die Welt zeigen, ihre Welt, eine, in der man selbstverständlich jeden Tag mit Menschen in Kontakt kam und es nicht als befremdlich empfand, in der man Freundschaften pflegte, neue Bekanntschaften machte und in der es selbstverständlich war mit jemanden zusammen zu sein. Eine Welt, in der Trainer ihre Pokemon kämpfen ließen und sie als Kameraden betiteln konnten, ohne sich in einen Widerspruch zu verstricken. „Aber mir reicht schon, wenn da jemand ist, der dem Ganzen hier ein Ende macht. Auf mich hört Team Plasma nicht. Auf dich schon.“

    Etwas apathisch folgten seine Augen ihr. „Ich glaub' dir nicht. Du musst dich irren. Ich bin sicher kein Spielzeug für meinen Vater. Hayley, er ist mein Vater und er unterstützt mich …“

    Hayley wusste nicht, ob in ihr Verständnis oder Zorn reifen sollte. Auch sie würde niemanden glauben, dass ihre Eltern sie in Wirklichkeit ausnutzten und Pläne auf ihre Kosten verfolgten. Aber Ghetsis war irre, das sah man doch … oder? Als Sohn auch?

    „Und außerdem: deine Doppelmoral kotzt mich an“, warf sie provokant ein und hob herausfordernd die Augenbrauen.

    „Doppelmoral?“, echote Nate verwundert.

    „Du willst die Pokemon befreien und hältst selbst ein ganzes Team aus sechs Pokemon in Bällen.“ Besonders lange konnte sie ihren Triumpf nicht genießen.

    Daraufhin nickte er nur wissend, als hätte er diesen Einwand von vorhinein bedacht. „Wenn sie, nachdem ich Reshiram gerufen habe, bei mir bleiben möchten, geschieht das aus freien Willen. Ich habe noch nie ein wildes Pokemon gewaltsam seiner Freiheit beraubt, es vielleicht aus einem Familienverband oder Rudel gerissen, nur damit ich es für mich wie ein Kampfwerkzeug verwenden kann. Damit es für mich kämpft und ich den gesamten Ruhm für die Anstrengung meines Partners ernte. Meine Partner haben sich mir aus freien Willen heraus angeschlossen. Sie haben es mir so gesagt.“

    Es stand fest, er war anscheinend endgültig verrückt geworden. Jemand, der behauptete er könne mit Pokemon sprechen – abgesehen von einigen Ausnahmen, bei einem Simsala könnte sie sich etwas dergleichen gut vorstellen – gehörte doch in die Klapsmühle! Trotzdem verspürte sie Zuneigung wie zuvor auch.

    „Gib mir den Lichtstein, Nate“, sagte sie betont eindringlich und streckte ihm eine offene Hand entgegen. „Sei vernünftig. Du weißt nicht, was du tust.“

    „Ich weiß genau, was ich tu!“ Eisern, so wie er selten war. „Seit elf, zwölf Jahren hab ich an nichts anderes als meinen großen Traum mehr denken können! Ich habe alles durchdacht, alles.“

    Sprach sein eigener Größenwahn oder der seines Vaters aus ihm? Sie hoffte inständig auf Zweiteres, schließlich erschien ihr das auch wahrscheinlicher. „Alleine oder hat Ghetsis für dich gedacht?“, erwiderte sie spöttisch und deutete mit einer heranlockenden Bewegung ihrer Finger an, er solle ihr den Lichtstein überreichen. Tatsächlich nahm er ihn aus der Tasche und betrachtete das makellose, schneeweiße Relikt melancholisch.

    „Gib ihn mir, du willst mir sicher nicht Reshiram auf‘n Hals hetzen.“ Sie berührte mit Fingerspitzen seine Hand, öffnete sie sanft und erhielt ein vertrautes Lächeln. „Du kannst ein ganz neues Leben haben.“

    „Ich will dir Reshiram nicht an den Hals hetzen“, bestätigte er. „Ich will nicht, dass dir was passiert.“ Unsicher ließ er vom Lichtstein ab. „Vielleicht …“


    Just in dem Moment ertönten schwere Schritte. „Was tust du?“, jaulte eine ältere, krächzende Männerstimme.

    Nate entzog ihr den Lichtstein und seine Hand wieder. „Vater!“ Jeder Muskel in seinem Körper verspannte sich. Sofort zog er seine Schultern an.

    „Du bist wie ein kleines Kind. ‚Daddy sagt …‘ und ‚ja, Daddy, mach ich. Wenn du willst, dass ich Isshu zerstör‘, mach ich das, weil du es sagst‘“ Sie wollte ihn provozieren, alles aus ihm herauslocken. „Nate, du bist siebzehn. Rebellier. Widersetz dich. Geig ihm deine Meinung. Sag verdammt nochmal ‚nein‘. Nein!“

    Sie wirbelte um und sah voller Verachtung Ghetsis entgegen. „Was für eine Freude, die dumme, kleine Hayley hier zu sehen, nicht? Sie gibt einfach nicht auf.“

    „Wahrlich eine Freude.“ Ein schiefes Lächeln umspielte die dünnen, alten Lippen. Der betagte Mann war in eine bodenlangen, aufwendig bestickten Robe gekleidet. Als wäre er eben aus einem Portal des Mittelalters gesprungen und im einundzwanzigsten Jahrhundert gelandet. Sein grünes Haar, welches zu beiden Seiten über seine Schultern fiel, war beinahe ergraut. Auf seinem rechten Auge prangte stets ein rotes Monokel, welches darunter nichts erkennen ließ – vermutlich hatte er es verloren –, sein Anderes fixierte sie irr und starr. Hayley hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihr mehr Angst bereitet hätte. Desto trotziger musste sie sich ihm entgegenstellen.

    „N, das ist also dein Dank? Du enttäuscht mich. Vielleicht hast du es tatsächlich nicht verdient, mein Sohn zu sein? Solch eine Schande, wie du bist. Solch ein undankbares Etwas. Vergiss niemals, wer dich aufgezogen hast.“

    Das Mädchen zuckte unter den Worten mehr zusammen, als Nate selbst. Vermutlich hatte er sie nur schon viel zu oft gehört.

    „Er heißt Nate“, widersprach sie. Sie erinnerte sich, wie schwer es für sie gewesen war, seinen richtigen Namen zu erfahren. Mit N hatte er sich ihr auch vorgestellt, vermutlich war er sich es nicht einmal selbst Wert gewesen, etwas Menschliches an sich sehen zu dürfen. Vielleicht hatte er sich auch bis vor kurzem als Pokemon im falschen Körper angesehen.

    Wieder dieses zynische Lächeln. „Ist zu bezweifeln.“ Egal ob er ein alter Mann war, Hayley wollte ihn am Ende dieses Tages im Staub kriechen sehen, vor ihr auf den Knien und sie um Verzeihung anflehen. Nein, nicht vor ihr, besser noch vor seinem Sohn.

    „Es tut mir leid, ich wünschte, du würdest das verstehen.“

    „Wehe dir!“, keifte sie und rieb mit der linken Hand auf Nate auf.

    „Ich werd dir nicht deine Pokemon wegnehmen – oder Lucas, Cheren, Bell. Nur den anderen Menschen, die …“


    Nate riss selbst verwundert die Augen auf, als der Lichtstein zu leuchten begann. Zwischen seinen Fingern bannte sich lohendes, reinweißes Licht hindurch und erfüllte den Saal. Warum? Was hatte er dazu beigetragen? Vielleicht hatte ein sehnlicher Wunsch von ihm ausgereicht. Einer, den sie zu gerne gekannt hätte.

    Im selben Moment begann das Relikt in ihrer Hand zu glühen, heiß wie Kohlen. Fast hätte sie es von sich geschleudert. Die schwarzen Strahlen deckten sich mit denen seines Gegenstückes und malten seltsame Muster an die Wände und in ihre Gesichter.

    „Was hast du getan?“, wisperte sie fassungslos.

    In den ersten Sekunden geschah nichts, ihr pochendes Herz wollte glauben, dass sie alle nur auf einen alten, dummen Mythos hereingefallen waren, der nicht existierte. Auch als weitere Sekunden vergingen, blieben sie in Alarmbereitschaft. Hayley durfte nicht in Panik geraten.

    Dann geschah es, wie aus dem Nichts. Die Boten waren regelrecht harmlos, wenn sie daran dachten, was weiters geschehen könnte. Zwei sich überkreuzende Schatten bildeten sich am Marmorboden ab. Hayley hatte als Kind den Kopf in den Nacken gelegt, um eine landende Boeing zu betrachten. Die gesamte Welt war für sie damals einige Sekunden lang schwarz geworden, als das Flugzeug die Sonne verdeckt hatte.

    Doch diese Schatten eben konnte sie mit nichts Gesehenem vergleichen.

    Ein Orkan riss sie alle von den Beinen, wie ein schwebendes Blatt im Wind, ohne Standfestigkeit. Etwas Zierliches und Leichtes, das einfach so davontreiben konnte. Erst einige Momente nach dem Sturz, fühlte sie den Schmerz in ihren Gliedern. Am liebsten wäre sie dort liegengeblieben, mit gesenktem Blick und hätte einfach auf das Ende gewartet, jenes, welches sie Nate nicht zutraute, das er ihr bereitete. Seinem Vater umso mehr.


  • Fanart-Quelle unbekannt



    Part 2


    Hayley wollte nicht mehr, Hayley konnte nicht mehr. Sie erwartete bereits ein Erzittern der Erde, als wäre ein Meteorit neben ihr eingeschlagen und suchte bereits vergeblich Halt am glatten Parkett. Stattdessen berührten vier leichtfüßige Pfoten den Boden, elegant wie ein Kleoparda und schwerelos wie eine Feder. Waren das also Reshiram und Zekrom? Musste sie nun, wie es ihr gesagt wurde, gegen den ‚finsteren Drachen‘ kämpfen? Sie traute ihren Partnern alles zu – nur das nicht. Und sich selbst erst recht nicht. Das ging einfach nicht. Deswegen versteckte sie lieber noch ihren Kopf zwischen ihren schützenden Unterarmen, wartete, hoffte und betete.

    Sollten nicht Kampfgeräusche zu ihr durchdringen? Sollte sich Nate nicht gegen Reshiram beweisen? – obwohl er dafür lebensmüde sein musste.

    „Gib her, du nutzloses Ding“, hörte sie Ghetsis keifen. Vielleicht riss er seinem Sohn den Lichtstein aus der Hand. In diesem Moment erschallte tatsächlich ein Schrei, so wie sie sich Reshiram vorgestellt hatte. Als pompösen Drachen, gefährlich, mit fletschenden Zähnen und einem Feueratem, doch ebenso auch rein und engelhaft. So stellte man sich Reshiram, die Reine‘ vor. Es hieß, sie hatte das Gute und den Frieden in diese Welt gebracht. Vielleicht … ja hatte es einen Grund, dass sie sich Nate anschloss? Noch nie hatte sie bemerkt, wie er jemanden etwas Schlechtes gewünscht hätte.

    Hayley hob den Kopf und blinzelte. Reshiram war wunderschön. Gleich in welcher Situation sie sich befand, bei diesem Anblick blieb ihr keine andere Möglichkeit, als sich geborgen zu fühlen. Der aufrechte, schlanke Drache war in der Farbe frischgefallenen Schnees gefärbt, seine nach oben angewinkelten Schwingen sahen wie ein weiches Bett aus Federn aus, oder wie die Wolken, von denen jedes Kind glaubte, sich einmal fallen lassen zu können. Um ihren Hals waren zwei platine Ringe geschnallt. In einer Fabel war von den ‚heiligen Ringe‘ die Sprache. An ihrem prächtigen Haupt, mit einer spitzen, fast animalischen Schnauze, floss eine weiße Mähne herab, die sie von ihrer Konsistenz an Nebelschwaden erinnerte. Als der Drache erneut aufschrie, färbte sich sein Schweif glutrot. Hayley starrte ihn erstaunt an. Die olympische Fackel: Die Übereinstimmungen konnte niemand von der Hand weisen.

    Hayleys Blick wanderte weiter von Reshiram zu Zekrom. Dies war also ihr Drache. Stämmiger und furchteinflößender als sein Gegenstück, doch keinesfalls bösartig. Sein schwarzer, anscheinend aus einem dunklen Stein gemeißelter, Körper erschien ihr standhafter, mit Beinen wie Säulen. Ihm fehlte jede Eleganz, dafür besaß er etwas, das Reshiram nicht zu Eigen war: eine Ausstrahlung immenser Macht. Sein Schweif bildete einen Funken sprühenden Donnerkeil.

    „Du darfst nicht gegen Reshiram kämpfen!“, beschwor Hayley. Erst nachdem sie ihre Bitte zu Ende gesprochen hatte, bemerkte sie, dass man so nicht mit einem ehrwürdigen Wesen sprach. „Bitte“, fügte sie scheu hinzu.

    Richt‘ dich auf, erklang eine männliche, tiefe Stimme. Ohne nachzudenken, kam sie sofort auf die Beine. Zekrom wandte sich an sie. Das ist eure Angelegenheit.

    In ihrem Kopf hallte Zekroms Stimme wider! Ihr Mund war vor Schock so trocken, dass sie keinen Laut hervorbrachte. So nickte sie nur einsichtig.

    Auch Reshiram senkte ihr Haupt und stieß Nate sanft mit ihrer Schnauze an. Du darfst von mir nicht erwarten, dass ich mich benutzen lasse. Das liegt weiter unter meiner Würde.

    „Aber…“ Er unterbrach sich, schüttelte über sich selbst den Kopf und umarmte ihren mächtigen Kopf mit beiden Armen. „Warum hast du mich dann auserwählt?“

    Auserwählt? Erst dachte Hayley, die Drachendame würde ihre Zähne blecken, dann erst sah sie das Lächeln hinter den dolchartigen Fängen. Aber doch nicht, um dich zu einem ‚Helden‘ zu machen. Ihr entrann ein Seufzen, bei dem eine hellgraue Rauchwolke ihre Nüstern verließ. Menschen benötigen Schutzengel. Früher kamen die Menschen mit einem Gebitt zu mir, sie suchten Rat. Sie wollten mich für gewöhnlich nicht beherrschen. Sie bauten mir eine monumentale Stufenpyramide und legten den Lichtstein in einen Schrein. Dort kamen sie die Stufen hinauf, nur zu mir und brachten mir stets mundende Opfergaben bei. Doch viele Menschen wies ich auch ab. Ich wollte nicht, dass sie den Lichtstein berührten, sie waren mir zutiefst zuwider. Als du schließlich den Stein berührtest, war ich schon in der Annahme, dass wenigstens ein Mensch nach hunderten Jahren den tieferen Sinn dahinter begreift, zu mir zu kommen. Jedenfalls wirktest du, als suchest du Rat und da du mir sympathisch erschienst, wollte ich ihn dir schenken. Ich bin ein Orakel, kein Werkzeug. Schon gar kein Werkzeug eines anderen Werkzeugs.

    Zutiefst verletzt sah Nate auf. Schlussendlich musste er die Wahrheit erfahren. Wenn er Reshiram nicht glaubte, würde ihm niemand mehr zu helfen wissen. Er entgegnete nichts, schloss nur die Augen und versank in seiner Gedankenwelt. Vielleicht versuchte er auch mit allem umzugehen.

    Trotzdem wollte Hayley nicht, dass der Drache ihm ungeschminkte Tatsachen ins Gesicht schlug. So lange hatte er auf ihr Erscheinen gewartet, nur um mit der Wahrheit konfrontiert zu werden.

    Sie traf ein sanftmütiger, fast mütterlicher Blick aus eisblauen Augen. Riesig, wie das gesamte Wesen auch, und mandelförmig. Eine tiefschwarze Pupille und die hellblaue Iris am äußeren Rand von einem dunkelblauen Ring eingegrenzt. Genauso wenig wie Zekrom eines ist.

    Aber sie hatte doch gute Gründe gehabt! Selbst Lauro hatte ihr dazu geraten, den Dunkelstein an sich zu bringen. Auf ihn baute sie, ihre Freunde ebenso. Er wusste immer, was richtig war und was falsch - und nun hätte er sich einfach so irren sollen, wie jeder Andere auch? Selbst wenn sie ihm dieses Jahr noch den Titel abnehmen sollte, für sie würde Lauro auf ewig der einzig wahre Champ bleiben. Sie wollte Zekrom nicht glauben.


    Wie aus heiterem Himmel ging eine Energiesalve auf Reshiram nieder. Hayley wollte bereits vorstürmen und nach Nate sehen, da hörte sie bereits das belustigte Gurren der Drachendame, welche die rechte Schwinge schützend über ihn gehoben hatte und sich unbeeindruckt zeigte. Ihre Augen fanden Ghetsis Trikephalo und fixierten die dreiköpfige Hydra. „Ich werde das also übernehmen müssen“, rief Ghetsis atemlos, mit weit aufgerissenen Augen, aus und griff sich mit gekrümmten Fingern an die Stelle seines Herzens. „Mein gesamter Traum …“

    Wärst du so gut und würdest diese Angelegenheit für mich regeln, Nate?, sagte sie sanft. Wenn ich mich diesem Trikephalo entgegenstelle, bedeutet das seinen sicheren Tod. Ich weiß, dass du ein solches Szenario nicht ansehen möchtest. Darauf möchte ich Rücksicht nehmen.

    „Ich kann nicht.“

    „Natürlich kannst du!“, blaffte Hayley, lief zu ihm, packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich. „Komm, wir machen das zusammen.“

    Sträubend stemmte er sich erst gegen sie. „Aber… das war doch auch mein Traum. Und dann …“

    „Hast du Reshiram nicht richtig zugehört?“, knurrte sie ihn an. Langsam reichte es dann auch mit ihm.

    Mit neuem Mut ausgestattet – sie musste nicht gegen die Drachen kämpfen, jetzt schien alles gut zu werden! –, betätigte sie den dritten Ball in ihrer Tasche. Die Reihenfolge kannte sie auswendig. Ein roter Strahl suchte seinen Weg aus der Tasche und formte sich zu ihrem stämmigen Stalobor, beinahe so groß wie sie. Sein Kopf mit der spitzen, langen Schnauze war von einem stählernen Visier geschützt, welches er bei Bedarf hinunterklappen konnte. Der Maulwurf richtete bereits feindselig seine Metallscheren auf die feindliche Hydra.

    „Du auch“, forderte sie Nate auf.

    Unsicher griff er an seinen Gürtel und hielt bereits einen Ball zwischen den Fingern, ohne dessen Mitte zu berühren. „Vater, vielleicht ist es wirklich falsch. Reshiram …“

    „… ist auch nur ein Pokemon. Man kann es ebenso wie jedes Andere auch in Bälle sperren.“

    Lasst es ihn doch versuchen, kicherte Reshirams Stimme in ihren Köpfen.

    Nein, mischen wir uns nicht in die Angelegenheit der Menschen ein, erwiderte ihr Pendant, sodass sie sich schnaubend abwandte.

    Spöttisch lachte Ghetsis. „Niemand stellt sich mir in den Weg. Ich werde die Herrschaft über Isshu übernehmen. Ich weiche nie von meinen Zielen ab, sonst würde ich heute nicht hier stehen. Ein Pokemon wird mich daran nicht hindern.“ Der alte Mann lehnte sich auf seinen Stock vorne über und stierte Hayley aus einem starren, aufgerissenen Auge an. „Wie Marionetten werde ich die ahnungslosen Menschen steuern; ganz wie es mir beliebt und N sollte für mich seine Rolle als König bei Team Plasma erfüllen. Du wirst mir nicht länger im Weg stehen. Wenn sich N ebenso weigert, werde ich mir eine neue Puppe suchen.“

    „Machen Sie Ihre Drecksarbeit doch selbst!“, schrie ihm Hayley entgegen. „Aber damit haben Sie keinen Erfolg und darum haben Sie Nate gebacht. Lassen Sie ihn endlich mal in Ruhe!“

    „Das konnte ich nicht. Ja, verstehst du denn nicht?“ Sein Blick wurde melancholisch, aber verlor nicht an seinem Wahnsinn. „Mir war es leider nicht vergönnt, als Held angesehen zu werden. Der Lichtstein verschloss sich vor mir, ich durfte ihn nicht noch nicht einmal anfassen. Dafür und nur dafür habe ich N benutzt.“

    „Nate“, warf Hayley trotzig ein.

    „Spiel dich nicht so auf, deine Mühe ist ohnehin vergebens. N ist meine Schöpfung und dort, wo bei anderen ein menschliches Herz pocht, herrscht bei ihm gähnende Leere. Er ist sozusagen das Resultat eines Experimentes, ein unvollkommenes und unzulängliches Zerrbild von einem Menschen. Du glaubst doch nicht tatsächlich, dass so einer je begreifen wird, was du oder Reshiram von ihm wollen.“

    Sie wusste nichts mehr zu entgegen, da waren ihr alle Worte vergangen und so drückte sie nur Nates Hand. Er zitterte, mit seiner Anderen wischte er sich über sein Gesicht.

    Eine Frage lag ihr auf der Zunge und obwohl das auf keinen Fall der richtige Moment dafür war, musste sie eine Antwort erhalten. „Verstehst du jetzt, was ich gemeint hab‘?“

    „Ja“, murmelte er zwischen zwei schweren Atemzügen, in denen er wahrscheinlich versuchte seine Tränen im Zaum zu halten.

    „Du glaubst doch nicht, was er sagt?“

    „Aber er hat doch Recht.“ Er fasste sich mit einer Hand an die Schläfe. Es hätte sie nicht gewundert, wenn all die wirren Gedanken in seinem Kopf, die Enttäuschung und Traurigkeit in ihm für ein Ohnmachtsgefühl gesorgt hätten.

    „Hat er nicht!“, entschied Hayley und erlaubte keinen Widerspruch.

    Trotzdem glaubte er ihr nicht, das spürte sie.

    „Ab diesem Moment ziehe ich eine andere Saite auf. Wenn sich Reshiram weigert, in mir einen Helden zu sehen, werde ich sie dazu zwingen.“

    „Reshiram wird zu gar nichts gezwungen werden!“ Endlich meldete sich Nate zu Wort und schnitt ihm mit einer harschen Handbewegung das Wort ab. Den Zorn in seinem Blick, den kannte sie nicht, aber es gefiel Hayleys rebellischem Herzen.


    „Ich hab die Elite Four besiegt“, teilte sie Ghetsis großspurig mit. Selbstbewusst zeigte sie auf den Drachen. Seine schwarzen, dreipaarigen Schwingen hoben ihn bereits wieder in die Luft. Die drei Köpfe reckten ihre langen Hälse und betrachteten ihren Kontrahenten von allen Seiten.

    „Lichtkanone!“ Stalobor formte seine Scheren zu einem kreisähnlichen Gebilde, in welchem sich gleißendes, silbernes Licht sammelte. Eine Kugel ging auf den rechten Kopf der Hydra nieder, als diese zu langsam reagierte. Jedes ihrer Köpfe brüllte und schüttelte sich.

    Eine schlanke, aufrechte Gestalt kam aus einem dunklen Eck hervorgeprescht. So hatte sie nicht gewettet! „Eisenabwehr, Stalobor!“ Da der Maulwurf weder besonders flink war, noch gut sah, hatte sie seit je auf andere Stärken als der Schnelligkeit setzen müssen.

    Ihr Pokemon klappte das Visier herab und kreuzte die Scheren vor seinem Körper, um einen weit ausgeholten Hieb abzufedern. Sie erkannte ihren zweiten Kontrahenten als Caesurio. Die Gestalt hob abermals beide Klingenarme über den Kopf und stach abermals auf ihren Maulwurf ein. Der Stahl kreischte, als Eisen auf Eisen auftraf.

    „Spukball.“ Nates Stimme. Deutlich, selbstsicherer als sonst und er bombardierte für sie das samuraiähnliche Wesen von ihrem Pokemon weg.

    Hayley sah dankbar zu ihm – nicht, dass ihr Stalobor nicht selbst damit fertiggeworden wäre – und erkannte, wie er sich darum bemühte, die Fassung zu wahren. Er presste die Lippen zusammen und fixierte sein eigenes Pokemon. Sein Symvolara? Ein Psychopokemon? Das war entweder eine besonders dumme oder kluge Wahl. Da sie ihm einen solchen Patzer nicht zutraute, vertraute sie darauf, dass er wenigstens in dieser Angelegenheit tatsächlich wusste, was er tat. Wendig und geschickt wich das Wesen, das aussah, als wäre es der Fantasie eines Menschen und nicht der Natur entsprungen, den kombinierten Strählen beider Feinde aus.

    „Schütz Symvolara. Erdbeben und Steinkante!“

    Der Marmor zerbarst unter Stalobors Gewicht, sodass der Maulwurf einen Felsen aus dem Erdboden trat, welcher sich wie eine riesige, massive Wand vor ihnen aufbaute. Hayley kannte ihre große Stärke in Pokemonkämpfen: Sie war kreativ. Das zulaufende Ceasurio prallte daran ab und sprang an die Seite seines Trainers zurück.

    Überlegend sah sie das Symvolara an, sein Körper war eine Kugel. Sein gesamtes buntes Erscheinungsbild mit ausgefransten Flügel, welche nicht genug Tragefläche besaßen und trotzdem flog es, sein exotisches Erscheinungsbild. Weshalb setzte man so etwas gegen einen Drachen ein?

    „Und jetzt schmeiß ihm die Steinkante an den Kopf!“

    Ein Schlag genügte, der Felsen zerbarst und kam in tausenden, spitzen Splittern auf Ghetsis Pokemon zu.

    „Schafft euch dieses Gräuel vom Hals“, befahl Ghetsis knurrend. „Finsteraura.“

    Über das Kampffeld legte sich eine Böe, welche schwarze Nebelfetzen mit sich machte.

    „Greif Trikephalo an.“ Wenn Nate seinen Pokemon Anweisungen gab, klang es in ihren Ohren viel mehr wie eine Bitte, die sie ihm abschlagen konnten, ohne mit Konsequenzen oder Empörung rechnen zu müssen. Trotzdem war es für sein Pokemon selbstverständlich, im gleichen Moment noch auf den Gegner zuzupreschen. Ein Symvolara gegen ein Trikephalo? Nate war ja tatsächlich durchgeknallt, schickte sein Pokemon, um das er sich angeblich so sehr sorgte, mitten in eine Unlichtattacke.

    Aus dem dunklen Dunst, der vorhin ihre Steinspitzen fortgeweht hatte, ragten plötzlich rote, dolchartige Krallen heraus. Warum hatte sie nicht früher daran gedacht? Natürlich, sein Zoroark. „Fokusstoß.“ Der Schattenfuchs streckte eine Pfote aus und sammelte umherschwirrende Energiefunken in ihr, die er als Salve auf Trikephalo entlud. Wieder schrie die Hydra auf und biss verzweifelt um sich. Der Fuchs sprang zwischen den herumwirbelnden Köpfen hindurch und landete in sicherer Entfernung. Als Nate sein Zoroark in Sicherheit glaubte, ging ein Feueratem auf das Pokemon nieder. Der Fuchs wirbelte knurrend um und gab ein Geräusch von sich, das Hayley an ein Bellen erinnerte.

    „Kannst du aufstehen?“, fragte er besorgt.

    „Lichtkanone!“ Stalobor grub sich unter den Klingen Caesurios hinweg und kam zwischen beiden Kontrahenten zum Vorschein, einen Arm auf den Drachen gerichtet, der sofort von Zoroark abließ, einen Anderen auf den stählernen Krieger, welcher ihm entschwand, bevor die Mischung aus Eisen und Licht ihn treffen konnte. Das Adrenalin schoss durch Hayleys Adern. Gewinnen! Weiter reichten ihre Gedanken nicht.

    Solange, bis sie Ghetsis zynisches Grinsen sah. Das passte gar nicht in diese Situation, jetzt, da er im Nachteil war, da sie und Nate so gut zusammenarbeiteten. Sie wurde unsanft aus der Situation gerissen, als sie spürte, wie neben ihr etwas vorbeischoss. Verwundert sah sie neben sich und erblickte Caesurio. Nate atmete rasselnd und riss erschrocken die Augen auf. Das Pokemon hielt ihm den Dolch an seinem Arm an den Hals. Das Metall berührte bereits kaum merklich und trotzdem bedrohlich seine Haut.

    „Pokemon zurück. Ihr übergebt mir brav die Steine. Und keinen Unfug.“ Höhnend und spöttisch.

    Stalobor kehrte von selbst wieder in seinen Pokeball ein.

    Dann sah sich der alte Mann nach den sagenumwobenen Drachen um. „Ihr werdet mich nie wieder ablehnen. Ihr werdet auch noch sehen, was ihr davon habt, mich zu schmähen.“

    Hayley hätte gedacht, dass eine solche Tat selbst für ihn zu weit gehen würde. Den eigenen Sohn mit dem Leben zu bedrohen, das war starker Tobak.

    Sie versuchte Ruhe zu wahren und wog fiebrig die Vor- und Nachteile einer Finte ab.

    Anscheinend gab es keinen anderen Ausweg, als ihm tatsächlich die Steine zu übergeben. Alles andere war ihr zu riskant.

    Als sie bereits einen Fuß vor den anderen setzen wollte, vorsichtig, vielleicht würde er auch sie in die Enge treiben, hörte sie bereits schnell auf sie zukommende Schritte. Wer war das? Nicht das auch noch. Plötzlich drehte sich alles und wurde wieder wirr.


    Den Ersten, den sie erkannte, war Cheren. Schlank, fast schlaksig, kinnlange, schwarze Haare, eine Brille. Unverkennbar und sie kannte seinen Anblick, seitdem sie sich zurückerinnern konnte. „Bleib stehen!“, rief sie ihm entgegen, als sein erster Fuß den Saal betrat. Sie wusste nicht, wie Ghetsis auf ihn reagieren würde.

    In seinem Vertrauen zu ihr, hielt ihr Kindheitsfreund abrupt inne und starrte voller Erstaunen und Demut die legendären Drachen an.

    Beim Zweiten handelte es sich um Lauro – auch das feuerrote Haar und die Kleidung des indianischstämmigen Mannes war nicht zu verwechseln –, dem Champ der Isshuregion. Cheren legte ihm eine Hand auf die Brust und auch er verharrte auf den Stufen. Sie sah, dass Lauro keuchte, war auch nicht mehr der Jüngste.

    „Du hast gewusst, dass sie noch heraufkommen würden“, warf ihr Ghetsis vor. „Du hast von Vorhinein für Verstärkung gesorgt.“

    „Nein!“, beschwor sie verzweifelt, hob beschwichtigend die Hände und ließ ihren Blick zu Nate schweifen. Wenn ihr dieser Wahnsinnige nicht glaubte, stand es nicht gut um ihn. „Ich war selbst ganz überrascht.“

    „Wer soll dir das nun noch abnehmen? Du bist ein Fluch, du dummes Weib, du kleine, ungezogene Gör‘. Erst verdirbst du die Gedanken meines Experiments, an dem ich siebzehn Jahre lang gearbeitet und alle Müh‘ hineingesteckt habe. Dass meine Geduld mit diesem Nichtsnutz so weit reichte, ist alleine meiner unendlichen Güte zu verdanken. Dann zerstörst du all meine Träume. Mein Leben arbeitete ich auf sie hin.“

    Neben Cheren grub sich eines seiner Pokemon in den bereits von Stalobor aufgewühlten Boden. Hayley spürte plötzlich ihre Aufregung wie starkes Fieber, hoffte dass Ghetsis in seinem Wahn kaum noch etwas mitbekam. Sie durfte keinen Verdacht auf ihren Freund lenken. Seinem wie zumeist kühlen-analytischen Blick schwang ebenso Sorge bei. Nur Sekunden vergingen, die sie schon zu zählen begann, neun waren es, doch sie kamen ihr wie Minuten vor, bis sich ein beige-braun gestreiftes Wieselpokemon, das sie gar nicht kannte, aus dem Erdboden grub und Caesurio tackelte. „Wiesenior, Feuerschlag“, wies Cheren selbstsicher an, worauf die Pfote seines Partners zu glühen begann und Caesurio aus der Bahn brachte.

    Nate eilte sofort einige Schritte zur Seite und griff sich schockiert an den Hals, an die Stelle, an der das Metall ihn berührt, nur um sicherzustellen, dass es ihn nicht verletzt, hatte.

    „Brüller, Bissbark.“ Er befreite seinen treuen Hund und schickte mit einem sonderbaren Gekläff alle Pokemon im Saal in ihre Bälle zurück. Bloß Reshiram und Zekrom blieben. „Ende“, kommentierte er trocken.

    Sie wusste, was er meinte. Das war nicht nur das Ende dieser wahnsinnigen Szene, die ihnen allen bereitet wurde, sondern allen Schreckens, den sie durchlebt hatten.

    Freunde von euch?, fragte Reshiram. Und oh, Lauro. Schön dich wiederzusehen.

    Cheren zuckte kurz zusammen, während Lauro der Drachendame sanft die Seite klopfte.

    „Ja, Freunde von uns.“

    „Von uns“, wiederholte Nate und suchte eine Bestätigung.

    „Mehr oder weniger“, erwiderte Cheren.

    „Geht es dir gut, Nate?“, fragte Lauro schließlich.

    „Ja, mir ist nichts passiert. Danke.“ Er konnte ihm nicht ins Gesicht sehen, seine Schuld war wohl zu groß.

    „Geht es dir wirklich gut? Dass dir nichts geschehen ist, sehe ich.“

    „Nicht so besonders“, erwiderte er gezwungenermaßen.

    „Benötigst du Zeit zum Verdauen?“

    Er nickte. „Nehmen Sie mich auch mit, ich bin genauso Schuld wie mein Vater.“

    Lauro legte ihm beide Hände auf die Schulter, war vielleicht der Erste, der tatsächlich väterlich zu ihm war. „Genau das wäre der größte Triumpf für Ghetsis. Du hast dazugelernt, das zählt. Du hast viel Gutes in dir, das zählt noch mehr.“


    Als der Champ Ghetsis abführte, wollte sein Sohn nicht hinsehen. Egal, was er ihm angetan hatte, er schien ihn nicht hassen zu können, vielleicht nicht noch einmal verachten. Der alte Mann revoltierte, versuchte sich loszureißen und ließ dafür seinerseits ein Schwall an Verachtung und Abscheu für Nate auf ihn herabprasseln. Jedes seiner Worte nahm er hin. Hayley wusste nicht, ob er womöglich dachte, dass er sie verdienen könnte.


    „Cheren, lässt du uns bitte eine Minute alleine? Ich komm‘ gleich nach.“ Ihr langjähriger Freund ließ Nate feindselige Blicke zukommen, wandte sich um und ging Lauro nach, welcher Ghetsis so schnell es ihm möglich aus Nates Blickfeld schaffte. „Wir warten auf dich.“

    „Gut, ich komme gleich.“

    Einige Zeit herrschte Stille, sie beide mussten sich anscheinend erst wieder sammeln und alles überdenken. So blieben sie einige Zeit stumm und sahen sich den bizarren Saal an. Verwüstet. Schutt und Asche. Reshiram und Zekrom harrten an ihren Seiten aus und schienen bloß abzuwarten.

    „Glaub Lauro. Wirklich. Und Reshiram und mir.“

    „Das funktioniert nicht von Jetzt auf Gleich“, wehrte Nate ab. „Ich würde gerne, aber…“

    Wie würde sie sich denn fühlen, wenn sie realisierte, dass ihr Vater sie hassen und für größenwahnsinnige Zwecke ausnützen würde? Das wäre unvorstellbar für sie.

    „Was willst du jetzt tun?“ Besinnliche Ruhe war in ihr Innerstes eingekehrt. Sie hatte es geschafft. Geschafft! Die Siege gegen die Elite Four waren lasch hierzu gewesen. Dies war ein Sieg auf einer ganz anderen Ebene.

    „Die Menschen in Isshu hassen mich doch bestimmt. Ich weiß nicht, ich will …“ Mit einer Hand verdeckte er die ihr zugewandte Gesichtsseite. Hayley wusste, was sie nicht sehen sollte und akzeptierte seinen Wunsch.

    Reshiram beugte ihr Haupt. Abstand, erhallte die weise Frauenstimme. Herausfinden, welche Zauber das Leben tatsächlich für dich bereithält.

    Eindringlich schüttelte sie den Kopf, hier lief etwas vollkommen schief. „Wir alle werden dafür sorgen, dass dich die Menschen in Isshu nicht hassen werden“, ereiferte sie sich. „Sie werden das verstehen. Wir erzählen die ganze Geschichte. Ich meine, die Echte. Das muss man doch verstehen.“

    „Sie werden mich trotzdem hassen, das möchte ich nicht. Und alle von Team Plasma. Reshiram hat Recht.“

    „Was willst du rausfinden? Dir einen eigenen Dschungelfleck suchen und dort bis an dein Lebensende meditieren? Das macht gar nichts besser. Glaubst du, wenn du noch länger von Menschen abgeschottet bist, wird etwas besser für dich? Du musst dich mitten ins Leben stürzen. Du kannst alles nachholen. Du kannst zum ersten Mal in einer normalen High School sein und mit uns zusammen pauken.“ Hayley lachte fast überdreht, kannte sich selbst nicht mehr. „Wenn wir genug gepaukt haben, genießen wir unsere Freizeit. Und ich, oder wir, zeigen dir, wie man das bei uns macht. Wir schauen Filme, wir gehen tanzen und in Rayono in den Vergnügungspark. Von mir aus fahren wir den ganzen Tag Riesenrad. Von mir aus picknicken wir mitten in der Elektrolith-Höhle. Und jeder, der vorbeikommt, sagt: ‚die sind verrückt‘. Aber das stört uns nicht, weil wir eh schon wissen, dass wir etwas durchgeknallt sind.“

    Diese Gedanken ließen ihn schwach lächeln. „Könnte Spaß machen.“

    „Na eben! Und wir stellen dir auch unseren Freundeskreis vor. Das sind alles nette Leute. Weißt du was? Du kannst mich anfeuern, wenn ich gegen Lauro kämpfe.“ Egal, ob er beteuerte, dass er Pokemonkämpfe nicht mochte. So wie er vorhin sein Zoroark gelenkt hatte, hatte er wohl doch öfter gekämpft, als es notwendig gewesen wäre. „Die Kamera läuft, ganz Isshu schaut zu.“ Verträumt sah sie in den nächtlichen Himmel, breitete die Arme aus und drehte sich langsam im Kreis. Sie sprach lauter und schneller als sonst, so sah er hoffentlich nicht, dass ihre Lippen bebten. „Und der Moderator sagt: ‚Dieses Jahr fordert die erst fünfzehnjährige Hayley Caroll unseren Champ heraus. Er ist seit vier Jahren ungeschlagen. Wird sie es schaffen?‘ Und sie schafft es, das Publikum ist außer Häuschen, klatscht, pfeift und gibt eine Standing Ovation. Neben mir stehen meine ganzen Pokemon und ich hab den Pokal in der Hand. Und dann kannst du ganz stolz sagen: ‚Meine Freundin ist der Champ‘.“

    „Das glaub ich dir. Sie werden dich sehr mögen.“

    „Und du wirst stolz sein, wie die ander'n auch“, fügte sie hinzu. „Cheren wird so eifersüchtig auf meinen Titel sein, aber er wird sich trotzdem freuen.“ Innerlich beschwor sie sich, sich zu beruhigen. Ihr Kopf brummte und sie konnte sich nicht zusammenreißen. „Aber du gehst, egal was ich sage, was?“, nuschelte sie.

    Aus Eigeninitiative heraus umarmte er sie. Zuerst blieb ihr Körper starr, sie musste erst verinnerlichen, was geschehen war. Dann erwiderte sie seine Umarmung und genoss den Moment. Ihre Finger berührten sein Haar. Sie spürte seine Wärme. „Aber du rufst mich daweil wenigstens an.“

    „Ich hab' aber kein Handy“, sagte er betreten.

    „Hallo? Münztelefone wirst du ja wohl irgendwo finden, oder?“ Ausreden ließ sie keine mehr gelten, keine Einzige.

    „Ja, natürlich. Mach’s gut.“

    Langsam löste er sich von ihr. Reshiram beugte bereits ihren Oberkörper vor, damit er aufsetzen konnte.

    „Mach’s gut?“, schnaubte sie. „Mehr ist da nicht, als so ein dummes ‚mach’s gut‘?“

    „Tut mir leid, ich weiß nicht wie…“ Beschämt sah er einen imaginären Punkt an der Wand an. „Ich hab' das einmal so im Fernsehen gesehen, ich dachte, das … macht man so.“

    Hayley musste unweigerlich schmunzeln. „Tu einfach das, was du für richtig hältst.“

    Erst wandte er sich an Reshiram und Zekrom, doch sie beide blieben stumm. Nach einigen Sekunden des Nachdenkens griff er sich in den Nacken und öffnete den Verschluss seiner Kette. Sie verstand, nahm ihr Haar hoch und senkte den Kopf, spürte seine etwas nervösen Hände um ihren Hals und hörte schließlich, wie der Verschluss wieder zuschnappte. Sofort fiel ihr Blick hinab. „Warum schenkst du mir die Kette? Hat sie dir etwas bedeutet?“ Ihre Finger griffen nach der Kugel, welche von einem gelben Ring umgeben war, der sie an den Saturn erinnerte. Der Planet war gläsern blau. In ihm steckte etwas, das sie an eine kleine, goldene Nadel erinnerte. „Was stellt es dar?“

    „Ich weiß es nicht. Kate und Aileen haben sie mir geschenkt. Also … die Musen, du hast sie vorhin getroffen.“

    Hayley nickte.

    „Das ist ein Schutzamulett. Ich möchte, dass du es trägst.“

    Mit einer fahrigen Bewegung wischte sie über ihre feuchten Augenwinkel. „Danke, werd‘ ich.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Siehst du, so verabschiedet man sich. Jetzt kannst du gehen.“

    Na komm, mein Lieber, sagte Reshiram herzlich.

    Einige Male sah er unsicher zurück, bevor er auf Reshiram aufsetzte.Auf wiedersehen, Hayley. Das, was du für ihn getan hast, wird man dir ewig danken. Die Drachendame schlug mit ihren Flügel und erzeugte einen wahren Sturm. Hayley hielt sich an ihrem Stalobor fest und spürte, wie ihr das eigene Haar ins Gesicht peitschte. Und danach war da niemand mehr. Sie war mit ihrem Pokemon alleine. Im selben Moment hatte sich der verschwiegene Zekrom in seinen Dunkelstein zurückgezogen.

    Verloren wirkend sah sie abermals in den Nachthimmel. Das Bild vor ihren Augen verschwamm und ihre Augen brannten. Sie hielt sich eine Hand vor den Mund und biss sich leicht in die Haut, um ihre Tränen zurückzuhalten. Doch sie siegten und Hayley hörte ihr eigenes, unterdrücktes Schluchzen.

    Niemand hatte sie davor gewarnt, dass sich gerettete Prinzen aus dem Staub machten.

  • Diese Kurzgeschichte ist mein Beitrag für die Osteraktion auf Animexx für das Jahr 2022 und... sie ist sehr experimentiell haha


    Alaiya hat so viel über Solarpunk getwittert, dass ich mich in einer Kurzgeschichte auchmal an etwas wagen musste, das zumindest diese Richtung einschlägt. xD


    Für den Ostersonntag waren auf Animexx zwei Prompts vorgegeben. Einer davon hieß "Ostern in der Wüste" und da haben sich mir schon einige Plotbunnies aufgedrängt.

    Also eigentlich hatte ich einen sehr weirden Traum und musste etwas daraus machen haha.


    Da Ostern ursprünglich ein germanisches Fest war, das die Ankunft des Frühlings feierte, wollte ich mich natürlich eher davon inspirieren lassen, als vom christlichen Osterfest.


    PS: Da ich das Neopronomen dey noch nie in einem Fließtext benutzt habe, war ich deshalb beim Überarbeiten der Story regelmäßig ein bisschen überfordert bzw. verunsichert, ob die Sätze mitsamt Grammatik korrekt dekliniert sind haha.

    Wenn ich mich irgendwo geirrt haben sollte, tut es mir leid. ^^"


    Enjoy! :heart:




    Wenn die Wüste erblüht




    Bildquelle: https://www.dystopiarisinggeorgia.com/


    Original

    Genres: Fantasy, Post-Apokalypse, teilweise Solarpunk-Einschläge, Romantik (Hetero), Fluff

    Themen: Wiederaufbau einer zerstörten Erde, Kontakt mit Fabelwesen, Beziehung zwischen Mensch und humanoiden Fabelwesen

    Wortanzahl: 2.716

    Entstehungsjahr: 2022




    Inmitten des Schutts der alten Welt, einer längst untergegangenen Zivilisation, erblühte jährlich zum Frühlingsfest die Wüste. Das Ödland, in dem die Menschen gezwungen waren zu leben und zu überleben, und das ihnen bloß wenig Wasser und Nahrung gönnte, war zu dieser Zeit kaum wiederzuerkennen. Für wenige Tage im Jahr öffnete sich im Herzen des ehemaligen Kontinenten Europas ein Portal zu einer eigentümlichen wie ebenso wundervollen Welt, die von mythologischen Wesen bewohnt wurde. Den Menschen aus vergangenen Tagen erschienen sie wie Märchengestalten, erzählte man sich. Bis weit in die Antike hinein hätte der Mensch noch Kontakt zu all diesen Wesen gehabt, doch seine Taten enttäuschten sie zutiefst und so schlossen sie die Portale für viele Jahrhunderte.

    Zweite Chancen sollte man dankbar entgegennehmen. Sowohl auf der Erde, wie auch im Kontakt mit mythologischen Wesen, sinnierte Tamin. Dey saß inmitten der antiken Gebäude auf einer Parkbank und wartete auf das Morgengrauen. Vor Sonnenaufgang waren wenige Menschen auf den Straßen und die meisten Feiernden reisten gen späten Mittag oder Nachmittag aus den umgebenen Orten und Kleinstädten an.

    Hinter dem Horizont kündigte sich bereits die sengende Hitze an, die sich wie an den meisten Tagen im Jahr über das Land legen und alles für sich vereinnahmen würde. Die Menschen der alten Welt hatten diese Erde mit tiefgreifenden Narben und ganze Städte aus Beton und Stahl als Andenken hinterlassen. Die mehrstöckigen Gebäudekomplexe und einige, wenige Wolkenkratzer, die der Zeit standhielten, waren überwuchert von den Pflanzen, die diesem Klima noch trotzten.

    Man erzählte sich, dass die Erde damals an einem Punkt angelangt war, an dem es kein Zurück mehr gegeben hatte, bis sich eines Tages an einem Ostersonntag ein Portal geöffnet hatte, aus dem Energie geströmt war, welche dem Leben auf der Erde eine neue Chance geboten hatte. Seit diesem Jahr feierten die überlebenden Menschen keine Osterfeste mehr, sondern ein Fest zur Rückkehr des Lebens, da der Erde ein zweiter Frühling beschert worden war.

    All diese Ereignisse waren bereits beinahe zwei Jahrhunderte vergangen und füllten die Geschichtsbücher für die zweite und dritte Klasse Unterstufe und darüber hinaus. Aus diesen hatte Tamin auch gelernt, dass dey von einem Kontinenten stammte, der früher als Afrika betitelt worden war, aber seitdem die Erde von zahlreichen Naturkatastrophen und den darauffolgenden Kriegen, die um die letzten Ressourcen geführt wurden, gebeutelt worden war, spielte all das keine große Rolle mehr. Es existierten immer noch vereinzelte, nicht allzu dicht besiedelte, Zivilisationen, die sich selbst zu erhalten und wieder aufzubauen versuchten. Schade, dachte Tamin manchmal für sich, dass sie recht wenig Kontakt zueinander hielten. Die Menschheit war versucht ihr altes Wissen und ihre Technologie wiederzuerlangen, diesmal hoffentlich mit mehr Umsicht, und Tamin fand, die Menschen sollten miteinander arbeiten, um voranzukommen.


    "Hey", riss Tamin eine vertraute Stimme aus den Gedanken. "Ich hab dieses Jahr wieder eine Extraportion ergattern können. Weißt ja, vor dem Auferstehungsfest sind sie nicht ganz so versessen darauf deine Portionen aufs Gramm genau abzuwiegen."

    Tamin drehte sich zu deren alten Schulfreund um, der sich mit zwei Beuteln in der Hand zu denen auf die Bank setzte.

    "Was gibt es diesmal?"

    "Mehr. Sogar eine größere Wasserration."

    "Aber was gibt es?"

    Kylan öffnete einen der Beutel und ließ dey hineingreifen. "Schau doch selbst nach."

    Tamins Hand ergriff ein großes Glas, das dey mit Vorfreude herausnahm. Unter anderem befand sich in dem Beutel eine große Portion Obstmus. Wie gestern bereits. Die gab es bloß an mehreren Tagen in der Woche, wenn die Rationswächter wenigstens einmal besonders gute Laune hatten und freigiebiger als an den meisten anderen Tagen waren.

    "Oh-ha! Da waren die heute großzügig. Sogar Eier... blau gefärbte?" Man sagte sich, dass das Färben der Eier zum Auferstehungsfest ein Jahrhunderte alter Brauch war. Wenigstens versteckte sie niemand mehr, seitdem dey achtzehn geworden war. Manche Traditionen starben wohl nie aus.

    Kylan summte zufrieden und beschloss zuerst in das Fladenbrot hineinzubeißen, das mit einer kleinen Schüssel eines Kicherbsenaufstrichs serviert wurde.

    Dieser Dialog wiederholte sich jedes Jahr auf ein Neues und jährlich wieder legte sich zuerst eine Stille zwischen ihnen, in der sie in Ruhe aßen, die Geschmäcker auf der Zunge zergehen ließen und feststellten, dass sie endlich wieder satt wurden. Im Gegensatz zu den Monaten zuvor.

    Als es jedoch keinen Grund mehr gab, weshalb sie nicht miteinander reden sollten, mussten sie sich dem Gespräch stellen, das sie bereits seit Tagen führen wollten.

    "Heute ist es also soweit?", setzte Kylan vorsichtig an.

    "Ja." Tamin wartete wie all diese Menschen auf das Frühlingsfest, das für eine volle Woche im Überfluss gefeiert werden würde, aber noch eher wartete dey auf deren Partnerin. "Heute werd ich mit ihr gehen."

    "Du wirst für ein ganzes Jahr nicht mehr zurückkehren können. Das Portal wird bis zum nächsten Auferstehungsfest geschlossen bleiben." Kylan klang so, als würde er es bereuen, weil er sonst keinen Freund mehr hatte, nicht aus Sorge um Tamin.

    "Wenn du mit mir gehen dürftest ..."

    "Ich weiß. Ich weiß. Aber die Feenwesen haben mir noch keine Erlaubnis erteilt."

    Tamin legte einen Arm um seine Schulter und drückte sich an ihn. "Nächstes Jahr werden sie es, vertrau mir."

    Sie beide wussten, dass diese Erlaubnis eine Seltenheit war. Die Feenwesen hegten etliche Vorbehalte und Groll gegen die Menschen. Verständlicherweise. Sie befürchteten, dass sie ihre Dimension ebenso zerstören würden, wie sie einst die Erde in Schutt und Asche gelegt hatten, und sie hatten diese Welt nicht den Menschen, sondern dem Leben zuliebe gerettet.

    "Das ist gelogen", stellte Kylan trocken fest.

    "Ich hoffe nicht."

    Langsam nickte Kylan und bestätigte, dass dey seinen Segen hatte zu gehen.

    "Du wirst in deiner Uni schon Leute finden, mit denen du dich anfreunden kannst."

    "Als ob. Du kannst das leicht sagen. Du gehst in einen Raum voller fremder Leute und kommst mit zwei oder drei wieder raus, mit denen du dich angefreundet hast. Du hast dir sogar eine Fee angelacht. Wie schafft man sowas? Jeder andere kriegt Schiss, wenn man nur ein paar Worte mit einer Fee - oder wie auch immer man diese Wesen nennen möchte - wechselt. Du bist als Kind hingegangen und hast Laiyla Gebäck geschenkt. Einfach so, als wäre sie ein Mensch."

    "Aber nur, weil wir beide noch Kinder waren. Ich hab mir dabei wenig gedacht. Ich glaube, ich hab nur daran denken müssen, dass die Feenkinder unsere Speisen nicht kennen und ich wollte meines mit ihr teilen." Dey räusperte sich und lachte. "Ja gut, ich hab es getan, weil sie süß war."

    Kylan war es immer schwergefallen das Eis zu brechen und mit anderen Menschen zu sprechen, doch dey war sich sicher, dass deren Schulfreund in der Universität aufblühen würde. Sobald Kylan sich für eine Sache begeistern konnte, hörte er für gewöhnlich nicht mehr auf darüber zu reden und dort würde er Gleichgesinnte finden, die sich all das, was er an Zoologiewissen und seine Begeisterung, sowie sein Zorn über die immense Anzahl ausgestorbener Tierarten, angehäuft hatte, anhören und sogar mit Freude mitdiskutieren würden.

    "Ich meine, die Chance ist groß, dass du einen Haufen anderer Nerds findest. Wo denn sonst, als auf einer Uni", setzte Tamin mit einem Grinsen nach und Kylan lachte ebenfalls kurz auf. Dann setzte dey melancholisch nach: "Wenigstens hast du noch deine Eltern und deine Geschwister. Das freut mich wirklich." Tamin war sozusagen in Kylans Familie hinein- und aufgewachsen und sah ihn seit jeher fast wie einen Bruder an.

    "Hm." Mehr wusste Kylan nicht hinzuzufügen und musste das auch nicht. "Danke, dass du mir immer zugehört hast, obwohl dich die Hälfte davon nicht interessiert hat. Mach's gut."

    Deren alter Schulfreund ließ eine innige Umarmung zu. "Mach's gut", sagte er nochmals mit Nachdruck und Wärme in der Stimme, die Tamin wohl eine Weile begleiten würde, wenn dey Tag für Tag in einer anderen Dimension aufwachen würde, von dey bloß von den Erzählungen deren Partnerin wusste wie diese aussah.

    "Ich werde gehen, bevor zu viele Menschen da sind und mir keine Chance mehr bleibt ein wenig mit Laiyla alleine zu sein. Und grüß bitte deine Eltern. Sie haben viel mehr für mich getan, als sie müssten." Tamin stand auf und drehte sich im Gehen einmal um, dann zweimal, bevor dey entschloss, dass Kylan alleine gelassen werden konnte... und dass Tamin selbst ebenfalls alleine gelassen und auf einen neuen Weg geschickt werden konnte.


    Dey folgte einer kleinen Gruppe von Menschen, die bereits zu einem der Orte pilgerten, an denen sich die Portale öffnen würden. Die Leute erzählten sich, dass die Dimensionen und die Pfade, die beide miteinander verbanden, in der Woche des Frühlingsfestes am nächsten standen. Die Menschen kannten Tamin bereits und man tratschte ein wenig mit Mischung aus Freude darüber, dass sich zwei junge Personen gefunden hatten, und Missgunst sowie Angst vor dem Neuen, über denen und die Fee. Dabei war ihre Situation keinesfalls einzigartig, bloß ungewöhnlich und eher selten anzutreffen. Beide Seiten hatten noch zu große Berührungsängste.

    Jeder von Tamins Schritten wurde leichter und beschwingter. Der Weg zur Portalsstätte wand sich einen steilen Hügel hinauf und dennoch fühlte sich Tamin jedes Jahr wieder so leicht wie noch nie.

    Links und rechts wuchs bloß dorniges Gestrüpp, einige zähe, mediterrane Pflanzen, die zu stur waren, um unter der sengenden Hitze der allmählich aufgehenden Sonne und ihrer täglichen Hitze einzugehen. Wenn sie abends hier hinunterschlenderten, war der Pfad nie wiederzuerkennen und alles stand in voller Blüte und grünte. Dieses Wunder hatte Tamin stets fasziniert, seitdem dey denken konnte. Deshalb hatte dey als Kind bereits unbedingt mit einem jener Wesen, Waldgeister oder Feen, es war egal wie man sie bezeichnen wollte, sprechen wollen, die solche Wunder verbringen konnten.

    Vorfreude und ein wenig Nervösität erfasste dey Jahr für Jahr erneut und ebenso erfasste dey Melancholie, sobald sie sich wieder trennen mussten, bis es für sie beide nicht mehr auszuhalten gewesen war voneinander getrennt zu leben.

    "Führt eine Fernbeziehung in eine andere Dimension" stand mit einem ironischen Zwinkersmiley in Tamins Jahrbuchseintrag unter deren Foto, das eine junge, androgyne Person mit dunklerer Hautfarbe und einem breiten Grinsen zeigte. Denen steht der Schelm in den Augen, hatte all das Lehrpersonal und Kylans Eltern immer wieder über Tamin gesagt, und die Leute hatten stets über deren Beziehung gewitzelt. Tamin wusste, dass sie Recht hatten.

    Dey wollte nicht ewig so weiterleben und eine Beziehung führen, die bloß für eine Woche im Jahr hielt. In dieser einen Woche redeten sie und redeten sie stets, als gäbe es kein Morgen, und irgendwie war jedes Mal wieder etwas Wahres dran.


    Und dann wartete Tamin erneut. Eine Stunde oder zwei, in denen Tamin von einem Fuß auf den anderen trat und dey die Vorfreude nicht mehr zügeln konnte. Dey war immer früh zur Stelle, um Laiyla in die Arme zu schließen. Zu früh.

    Jedes Mal erstaunte es dey wieder. Das Portal öffnete sich inmitten eines Ortes, der an einen Steinkreis erinnerte, den Tamin aus Geschichtsbüchern kannte. Es war anders als in den Phantastikgeschichten, die Tamin ab und an gelesen hatte.

    Der Steinboden auf dem Portal zeigte Risse aus den vielen Jahren, in denen es sich bereits zuvor geöffnet hatte, und so öffnete es sich auch dieses Jahr mit tiefen Einfurchungen und Ranken, die aus dem Stein herauskrochen und ein Loch in den Boden rissen. Es war ein grotesker und faszinierender Anblick, den wenige Menschen miterleben wollten. Bloß die Neugierigen und Furchtlosen sahen wieder und wieder zu, wie das Ritual vonstatten ging. Andere Menschen blieben lieber auf Abstand und doch reckten sie von den hinteren Reihen ihre Köpfe hoch, um besser sehen zu können. Der Erdboden erzitterte ein wenig und ein tiefes Rumpeln erklang über den Portals-Hügeln. Die Ranken zwangen den Stein auseinander und erschufen ein Loch, in dem ein wendeltreppenartiges Gebilde entstand, gerade groß genug, um den humanoiden Feenwesen Durchgang zu gewähren.

    Diese Prozedur war Tamin bereits bekannt und deren Gedanken drehten sich immer wieder nur um einen Namen. Mit jeder verstrichenen Minute, in denen sich die unterirdische Wendeltreppe in die andere Dimension hineindehnte, konnte dey bloß an Laiyla denken.


    Endlich. Nach etwa dreihundertsechzig Tagen schritt sie auf denen zu und breitete mit einem großen Lächeln ihre Arme aus.

    "Tamin, endlich!" Sie fielen sich in die Arme, drückten sich und betrachteten einander, als wäre es das letzte Mal, dass sie sich sehen würden. Tamin erfasste ihre Hand, um die Sensation wieder wahrnehmen zu können. So vertraut und humanoid, fast menschlich, und doch so fremdartig. Unter deren Finger lag eine Struktur, die an das weiche, noch grüne Holz junger Triebe erinnerte. Nicht hart, aber es fühlte sich nicht wie Haut an. Es fühlte sich einfach wie Laiyla an, bereits so vertraut, dass dey vergaß keinen Menschen vor sich zu sehen. Ihr Gesicht hatte sehr humanoide und menschliche Züge und ihre tiefbraunen Augen sahen dey liebevoll an.

    Dey betrachtete deren Freundin für einen Moment. Die leicht grünliche Struktur ihrer Hände zog sich an ihren Armen hoch und endete in ihren Schulter in dichteren Bewuchs aus immergrünen Pflanzen, die sie aussehen ließen, als trüge sie ein Kleid aus einem dichten Blätterwerk. Ihr Haar war fest und erst auf zweitem Blick nicht als Haar zu erkennen. Auf ihrem Kopf saß eine Krone aus feinen Verästelungen, aus denen kleine Blätter in den verschiedensten Grüntönen prangten.

    "Tamin steht auf Pflanzen", hatten dey manche ab dem Jugendalter ausgelacht und gewitzelt. Wahrscheinlich waren diese neidisch auf deren Beziehung mit einem Waldgeist, oder einer Fee. Diese Begriffe waren ineinander übergegangen, seitdem die andere Dimension mit den Menschen erneuten Kontakt gesucht hatte.

    Sie sahen sich einander für zwei oder drei Minuten an und dann gab sie etwas beschämt zu, sie hatte vergessen wie sich die Haut eines Menschen anfühle und an manchen Tagen vergesse sie wie Tamin aussah.

    "Das erging mir nicht anders", sagte dey kleinlaut. "Und ich bin so froh, dass uns das nicht mehr passieren wird."

    "Ich möchte nicht, dass du in einem solchen Ödland lebst", sagte sie zärtlich und streichelte über Tamins Wange. "Ich möchte, dass du bei uns lebst und lernst wie wir leben. Dann lernen wir uns erst wirklich kennen, findest du nicht?"

    "Ja!" Begeistert wiederholte dey: "Ja! Darauf hab ich schon so lange gewartet, seitdem mir mitgeteilt wurde, dass ich bei euch leben darf. Erstmal nur für ein Jahr, aber wir werden es genießen."

    Die anderen Menschen, sowie Feenwesen, beäugten sie neugierig, doch sie entließen das Paar aus dem Kreis und ihre eigenen Wege gehen. Tamin fühlte die Augen von Laiylas Mütter auf sich ruhen und lächelte ihnen nun doch etwas verkrampft zu, bevor sie Hand in Hand auf einem etwas höher gelegenen Ort nach Ruhe und Zweisamkeit suchten.

    Aus der Ferne sahen sie mit an, wie Höflichkeiten und Geschenke zwischen den Botschaftern der Menschen und Feenwesen ausgetauscht wurden. Glücklicherweise mussten sie sich mit all diesen Sorgen noch nicht herumplagen, doch eines Tages, wenn ihre Beziehung hoffentlich Blüten tragen würde, würden sie Teil derjenigen sein, die für Diplomatie zuständig waren.

    "Schau." Laiyla umarmte ihren Partner von hinten, da sie Tamin sowie die meisten anderen Menschen überragte, und legte ihren Kopf auf deren Schulter. "So wird es bei uns das ganze Jahr über aussehen. Nie wieder wirst du dich mehr mit Rationswächtern rumärgern müssen... Aber die anderen Menschen, die müssen uns erst beweisen, dass sie die Kraft und Energie, die wir der Erde schenken können, verdienen. Die Menschheit schätzt nicht, was wir ihnen geben."

    "Das weiß ich nicht", musste Tamin einräumen. "Aber viele von uns versuchen es besser zu machen und ihr gebt uns schon genug. Die Kraft, die ihr uns innerhalb dieser einen Woche gebt, reicht für einige Monate aus, um Vorräte für das gesamte Jahr anzulegen. Ich bin euch sehr dankbar darum."

    Vor Tamins Augen breiteten sich Grünflächen über das Ödland aus und Pflanzen, die unter anderen Umständen keine Chance hatten wachsen zu dürfen, würden innerhalb kürzester Zeit gedeihen. Erste Triebe sprossen bereits aus den kargen Böden, als sich das Portal geöffnet hatten, und in wenigen Tagen würden sie in Blüte stehen. Die kahlen und verdorrten Bäume erblühten jedes Jahr auf ein Neues und in den nächsten Tagen würde erfrischender Regen auf die Menschen niedergehen. Was für ein Wunder und ein Bild voller Schönheit.

    "Ein paar Tage können wir noch auf der Erde verbringen", schlug sie vor. "Wir können noch ein wenig mit Kylan zusammen sein und dann bringe ich dich in eine Welt, in der es keine Wüsten mehr gibt. Das wünsche ich mir für dich."

    Tamin drückte ihre Hand. In der Ferne hörte dey wie die Menschen rituelle Gesänge zur Feier der Rückkehr des Lebens vortrugen. "Danke. Und danke für all die schönen Frühlingsfeste."

  • Hey Bastet! ^-^


    Hier kommt mein Feedback zu deiner Geschichte "Wenn die Wüste erblüht"! :saint:


    Ich bin allgemein ein großer Fan von postapokalyptischen Geschichten, und finde, dass deine Prämisse, die zerstörte Welt mit einer anderen, magischen Dimension zu verknüpfen mal mega-kreativ und cool ist!

    Die Idee hat mich gleich in ihren Bann gezogen und ich bin sehr froh, dass du diesem Plotbunny hinterhergejagt hast. :D

    Ich glaube dir auf jeden Fall, dass du dich an das Schreiben mit Neopronomina erst gewöhnen musstest; mir ging es letztes Jahr, als ich die zum ersten Mal in einer Geschichte verwendet habe, auch nicht anders. Aber der Text ist sehr gut lesbar und ich finde, du hast das toll gemeistert. :)

    Die Figuren sind alle sehr unterschiedlich, gerade von ihren Persönlichkeiten. Auch wenn sie aufgrund der Kürze der Geschichte alle gar nicht so lange auftreten, habe ich von ihnen allen ein gutes Bild bekommen (und finde sie alle sehr sympathisch ^^).

    Oh, und dieser eine Satz ist ja mal die absolute Wahrheit:

    "Ich meine, die Chance ist groß, dass du einen Haufen anderer Nerds findest. Wo denn sonst, als auf einer Uni", setzte Tamin mit einem Grinsen nach und Kylan lachte ebenfalls kurz auf.

    Viel wahrer geht es echt nicht, genau so sah mein Unileben auch aus. xD Und ich bin mir sicher, dass Kylan dort viele Freund*innen finden wird. ^^


    Der recht ruhige Ton der Geschichte hat mir sehr gut gefallen, das war auch ein schöner Kontrast zur lebensfeindlichen Einöde am Anfang der Geschichte und der Brutalität vieler anderer postapokalyptischer Geschichten. Ich fand das sehr schön, im Grunde war es fast eine postapokalyptische Iyashikei :saint:


    Danke, dass du die tolle Geschichte auch hier im BB gepostet hast! :smile:


    GLG

    Iluna

  • Hallo,


    eine Wüste neu aufleben zu lassen ist eine interessante Prämisse und ich mag es, wie du hier die Ereignisse der realen Welt mit denen einer lange vergessenen Fantasiewelt vermischt hast. Dass beide Seiten noch aufeinander zukommen und Vertrauen fassen müssen, ist indes sehr nachvollziehbar und über weite Strecken fasziniert der Austausch zwischen Menschen und Feen. Neben den schön beschriebenen Umgebungen gefallen mir die Gespräche zwischen den Charakteren und besonders Laiylas Herzlichkeit weiß zum Schluss hin zu überzeugen, dass das kommende Jahr ein gutes werden wird. Ich fände es tatsächlich spannend, diese andere Welt ebenfalls noch kennenzulernen.


    Wir lesen uns!

  • Hallöchen Bastet ~

    Funfrage: Was macht man, wenn man selbst eigentlich etwas schreiben wollte, aber irgendwie keinen Anfang findet? Richtig. Irgendwie im BB landen, im FF-Bereich rumgurken und Werke lesen. Und du hattest das Pech, dass ich auf dein Topic aufmerksam geworden bin und nun auch ein paar Gedanken dalassen möchte.


    Ich habe mir auch einfach mal dein neusten Werk geschnappt: »Wenn die Wüste erblüht«.

    Allein der Titel hat mich schon neugierig gemacht, weil ein Gegensatz drin versteckt ist. Zumindest denkt man das im ersten Augenblick. Ich bin zwar kein Wüstenprofi, aber Wüsten sind teilweise sogar ziemlich blühfreudig. Ein gutes Beispiel ist die Atacama Wüste und es sieht meiner Meinung nach wahnsinnig schön aus. Im ersten Moment denkt man immer an diese riesigen Sandlandschaften, wo kein bisschen Leben in Sicht ist - in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hierbei um ein postapokalyptisches Werk handelt, well, geht man irgendwie ganz automatisch davon aus, dass genau dieses Bild auch gemeint ist. Oder erzeugt werden soll. Aber die Atacama Wüste ist wie gesagt ein gutes Beispiel dafür, wie normal es auch sein kann, dass eine Wüste actually blüht. Als ich das das erste Mal gesehen habe, war ich schon ziemlich mindblown, haha.


    Anyway. Ich weiche ein bisschen ab. Das du Neopronomina verwendest bzw. hier damit gearbeitet hast, finde ich auch sehr spannend. Ich selbst habe das bislang nur in englischen Werken getan, weil es mir im Englischen durch "they/them" leichter fällt als im Deutschen. Ich habe mich aber zugegebenermaßen auch noch nicht wirklich damit in meiner (eigentlichen) Muttersprache beschäftigt. Umso interessanter war es also für mich, dass in diesem Werk mal erlebt zu haben. Außerdem mag ich das Wort dey - es klingt einfach schön, auch wenn ich es erst teilweise als Namen gelesen habe, haha. Aber: Gerne mehr davon!


    Kommen wir aber mal zum eigentlichen Inhalt deines Werkes. Ich muss sagen, dass ich nicht davon wegkomme, die Wüstenthematik unglaublich passend zu finden. Nicht nur weil man oft von Wüsten hört, wenn man an zerstörte Zivilationen denkt. Mitunter sind das eher sprachgebrauchliche Umschreibungen und keine tatsächlichen Wüsten (zum Beispiel in NieR oder Horizon Zero Dawn ist es sogar ziemlich weit von einer "normalen" Wüste entfernt. okay. in NieR gibt's eine - aaach, egal. Du weißt, worauf ich hinaus will xD). So oder so - das ein Paradis erblüht auf eben jener Grundlage einer "Wüste" ist ... oof, so eine schöne Symbolik. Und dir ist es sehr gut gelungen, um dieses Bild rumzuschreiben. Durch direkte Beschreibungen der Umgebung, der Vergangenheit, aber auch durch die Darstellung der Charaktere, die eine gewisse ... hm. Wie beschreibe ich das? Die selbst irgendwie erblühen oder zumindest auf mich so gewirkt haben. Als hätten sie mit ihrem Auftreten, Verhalten und reinem Existieren in deinem Werk aus einem faden Block Buchstaben ein wahres Paradies an Worten und Handlung erschaffen. Hah, yes. I'm weird. Aber solch philosophische Gedanken habe ich manchmal und ich denke mitunter auch zu viel über gewisse Bilder und/oder Charaktere nach. Oder über Titel. Oder- ah, ich denke generell zu viel nach manchmal und interpretiere gern.


    Positiv hervorheben möchte ich die Einfachheit der Dialoge. Sie wirken echt und sehr passend. Als Leser habe ich die einzelnen Charaktere so richtig schön kennenlernen können (oder zumindest so gut, wie man sie eben kennenlernen kann in einem relativ kurzen Werk). Ich mag es, wenn man eine gewisse Tiefe bemerkt und das sich der Autor auch Gedanken darum gemacht hat, wie er seine Chars eingebaut hat oder darstellen möchte. Dialoge bieten meist eine gute Grundlage dafür; nur sehe ich es zu oft, dass sie unvolltständig oder nicht richtig durchdacht wirken (teilweise frage ich mich, wer so reden würde im echten Leben). Irgendwie habe ich Kylan richtig lieb gewonnen. Du hast btw. auch ein gewisses Talent Charakternamen zu wählen, die sich in meinen Augen schön lesen und einen angenehmen Klang haben, lol.


    Des Weiteren - was dir auch schon von den anderen beiden Kommentatoren gesagt wurde - finde ich die Kombination aus Postapokalypse und Fantasy unglaublich gut umgesetzt, lol. Like, damn. Auch das es in Kombination mit dem Frühlingsfest leichter ist Dimensionsgrenzen zu überschreiten, ist eine interessante Überlegung. Auch das das Fest (Ostern) umbenannt wurde. I really like that. Das hat mich ein bisschen an "Lamento" erinnert - ein Fantasybuch aus meiner Jugendzeit, in welchem man durch Musik Feen beschwören konnte für eine Nacht (ganz einfach gesagt). Auch das ... mh. "Kraftverhältnis" empfand ich als interessant. Wenn man über Fantasy nachdenkt, dann erscheinen einem normale Menschen immer unterlegen; du greifst das zwar auch auf, aber in einer etwas lesenswerterin Adaption. Und hey. Das sich die Menschen erst beweisen müssen ... erscheint mir auch mehr als nur verständlich aus der Sicht eines anderen Wesens.


    Last but not least: Der Fluff. Gnaaargh. You got me there. Musste schon echt lachen bei der "Fernbeziehung in eine andere Dimension". I mean, das ist total logisch - zumindest in der Welt dort für die Beiden - aber es hat sich einfach zu geil gelesen. Besonders weil ich das Bild mit dem Jahresbuch nicht mehr aus meinem Kopf rausbekommen habe. xD


    Ja ... alles in allem ein sehr schönes Werk, was du da geschrieben hast. Ich hoffe, ich konnte dir eine kleine Freude machen mit meinen paar Gedanken! :3

  • Huhu Bastet~

    Nachdem ich dir bereits oft genug in den Diskussionen folgen kann und eiskalt beobachte, wie du Argumente schmiedest und Anime-Charaktere mit Liebe bombardierst, kann ich dir hier im FF-Bereich noch viel dreister ins Topic schreiben, hehe. >:3

    Denn hier brauche ich keine Argumente, nene. Hier kann ich einfach sagen: „Doof.“ Oder auch „Nicht genug Einhorn.“ In diesem Fall vielleicht auch: „Ich habe noch nie einen Bratapfel live gesehen oder gegessen oder es bereits vergessen.“


    Trotzdem wollte ich dir kurz einen Kommentar zu dem Werk "Bratapfelduft" dalassen, weil ich es einfach beeindruckend fand, wie du die Atmosphäre aufgebaut hast und nach und nach die Details im Text verwoben hast, dass es wirklich spürbar war. Von den Düften bis zur Wärme und den familiären Aspekten. In einem kurzen Text ist das durchaus tricky und auch wenn sowieso schon genug Wärme vom Wetter ausgeht, empfand ich es schön, auch diese Form der molligen Beständigkeit der Familie zu spüren. Ab der Mitte des Textes bekam ich dann insbesondere die Flaute im Magen zu spüren, die mir die Sorge einbrockte, die dann auch bestätigt wurde. Nämlich, dass es eiskalt kein schönes Ende nehmen könnte. Im Grunde könnte man darüber diskutieren, ob ein Tod im hohen Alter schlecht ist, je nachdem sicherlich. Auch die Message dahinter mit den Bazillen macht es dann irgendwie unangenehm und schmerzlich. Ich finde dennoch, dass es auch trotz des Tiefschlags am Ende immer noch eine feine, glühende Wärme vom Text ausgeht, der mit den Erinnerungen auch viel Wholesomeness birgt. Im Grunde hoffe ich nach dem Lesen einfach, dass die Tradition weiterlebt und irgendwie, irgendwo in der Familie oder anderswo einfach weitergeführt wird, damit das gemeinsame Freudenfest nicht endet. Bin selbst nicht der größte Familienmensch, aber ich empfinde es einfach als wundervoll, wenn es solche nicht so zwanghaften Momente in Familien gibt und sie sich dann einfach treffen, um gemeinsam diese tiefen Erinnerungen zu schmieden. Nicht nur aus Feiertagszwang, sondern einfach von sich heraus und weil sie sich wohlfühlen. I really like it, auch wenn es sad ist, haha. Thank you!

  • Danke euch allen für die Kommentare. :heart:



    Für das Frühlingswichteln auf Animexx habe ich eine Castlevania-Kurzgeschichte geschrieben, weil ich Alaiya gezogen habe und they sich das Fandom plus das OT3 sehr gewünscht hatte.


    Gegen Ende gibt es eine Erotikstelle, die ich hier nicht hochladen kann, aber wenn ihr auf Animexx als Adult freigeschalten seid, könnt ihr das Kapitel auch öffnen.



    Die Zukunft gehört denen, die Neues schaffen





    Fandom: Castlevania

    Genres: Slice of Life, Romantik (Hetero & Queer), Fluff

    Themen: Familienleben, neue Beziehung und Familie aufbauen

    Kapitelanzahl: 2

    Wortanzahl: 4.821

    Entstehungsjahr: 2022




    Kapitel 1 - Ein Neues Schloss



    Es war ein bequemer Morgen, der nur schleichend in die Gänge kam, und man hatte wohl entschieden Adrian nach dem gestrigen Angriff der umherirrenden Nachkreaturen ausschlafen zu lassen.

    Von draußen drangen Geräusche herein. Sie waren gedämpft und kamen aus weiter Ferne. Das Kinderlachen, das gefiel Adrian am meisten. Er hörte Menschen, die sich miteinander unterhielten, und all diese Alltagsszenen fanden tagtäglich vor dem Schloss seines verstorbenen Vaters, dem berüchtigten Dracula, statt.

    Jeden Morgen, wenn Adrian erwachte, musste er sich ins Gedächtnis rufen, dass sein neues Schloss nun lebensfreundlicher und heller war und es keinen Ort der Einsamkeit mehr darstellte, in dem er für sich allein fischte, jagte, sammelte und mit den selbstgenähten Puppen seiner beiden Partner sprach.

    Er schlüpfte aus dem Nachtgewand und wechselte in seine Tageskleidung. Heute Nachmittag sollte er Sypha und Greta bei den Vorbereitungen für den Unterricht zur Hand gehen. In den letzten Monaten hatten sie allesamt das Schloss und das Belmont Anwesen zusammen erkundet, den Großteil des unbeschädigten Materials neu archiviert, durchgelesen, erforscht, darüber nachgedacht, geredet und über alle Möglichkeiten geschwärmt, die die Zukunft für ihre Gemeinschaft, und die Menschen darüber hinaus, bereithalten könnte. Sie hatten manchmal wohl mehr Zeit in den Gängen der unterirdischen Bibliothek der Belmonts verbracht als im Sonnenlicht und unter der Gemeinschaft ihres im letzten Jahres gegründeten Dorfes.


    Sypha klopfte und kam durch die Tür. „Wie geht es dir? Du warst gestern etwas unaufmerksam, als die Nachkreaturen angriffen.“

    „Wir haben länger bereits keine mehr gesehen und ich habe nicht damit gerechnet wieder angegriffen zu werden.“

    „Und etwas anderes beschäftigt dich nicht?“

    „Nein.“

    Syphas Augen waren stets so aufmerksam und manchmal wünschte er sich, sie wären es nicht. Diesen Blick kannte er von ihr nur zu gut. Jedes Mal, wenn sie in der Bibliothek der Belmonts ein Buch in einer Sprache fand, die sie nur zu Bruchstücken beherrschte, las sie mit demselben konzentrierten Blick darin, mit dem sie andere Personen ansah, die etwas von ihr verbargen. Und besonders häufig galt dieser Blick Adrian. Ja verdammt, sie wusste es, doch hakte glücklicherweise nicht nach. „In Ordnung, dann komm bitte nach einer kleinen Stärkung mit. Wir müssen noch den Klassenraum vorbereiten.“

    „Wo sind Trevor und Simon?“ Obwohl Simon nicht sein leiblicher Sohn war, fühlte sich Adrian beinahe so, als wäre er es. Sie drei waren zu einer kleinen, in den Augen anderer wohl sehr ungewöhnlichen, Familie zusammengewachsen.

    „Simon ist bei Greta und Trevor hat sich in der Früh mit einem Trupp aufgemacht, um bei Nachtanbruch an einem Hof in der Nähe Wache zu halten. Die Stoicas haben in der letzten Woche einen Sohn an die Nachtkreaturen verloren, während er das Vieh verteidigte.“

    „Verstehe. Er wird in ein paar Tagen wiederkommen, denke ich?“

    „Ja, natürlich. Das hoffe ich… vermisst du ihn?“, zog sie ihn auf und kicherte, als sie seinen entgeisterten Gesichtsausdruck und ein gemurmeltes „ein paar Tage ohne ihn tun auch gut“ vernahm, ehe sie sich beide in den Speisesaal begaben.

    In einem Topf befand sich noch eine Eierspeise mit Gemüse und Schinken darin verquirlt, die Adrian vor der anstehenden Arbeit genoss.


    „Wir werden mit den Leuten heute über ein Heilmittel sprechen, das Krankheiten heilen kann und den Leuten noch nicht bekannt ist. Lisa hätte das wohl gefallen“, sagte Sypha erwartungsvoll, als wartete sie auf seine Bestätigung. „Gestern Mittag haben Greta und ich in dem unendlichen Schloss einen Bankettsaal entdeckt. Er sieht so ungenutzt aus und da haben wir ihn grundgesäubert und entschlossen, dass er unser Lehrsaal werden soll.“

    „Meine Mutter hätte es geliebt. Wir führen ihr Werk fort. Sie wurde damals gefangen genommen, als sie mit einer Patientin darüber gesprochen hatte und dann…“ Seine Hände hoben sich zu einer weiteren Erklärung, aber seine Lippen blieben stumm.

    Sypha nickte bloß, lächelte warm und drückte seine Hand, bevor sie sich wieder an die Arbeit daran machte den Raum zu einem provisorischen Klassenzimmer umzugestalten. „Sie wäre stolz darauf, dass ihr Sohn den Sinn ihrer Arbeit verstanden hat und sie fortsetzt. Stell dir vor, zuerst unterrichten wir das Dorf. Dann bilden wir einige Kinder unseres Dorfes zu Gelehrten aus und diese tragen all das Wissen von deiner und Trevors Familie durch die Walachei. Und darüber hinaus. Die Möglichkeiten erscheinen einem endlos, bei all dem Wissen, das wir in unserem Schloss und in der Bibliothek finden. Wir müssen es bloß weise nutzen, und die Menschen davon überzeugen, dass Wissen sie voranbringt, ihnen ein besseres Leben gibt; und ein längeres Leben.“

    Adrian folgte ihr durch einige Zimmer des Stockwerkes, in denen sie nicht benutzte Stühle einsammelten und in den Saal trugen. Sypha zog die schweren Vorhänge auf, damit natürliches Licht in den ehemaligen, nicht zu knapp bemessenen, Bankettsaal eintreten konnte, während sie weiter und weiter von einer Menschheit schwärmte, die sich der Wissenschaft zuwenden und lernen wollte. „Die Sprecher wären natürlich auch sehr froh und stolz auf mich“, verkündigte sie in einem selbstzufriedenen Ton. „Großvater wird an dem Werk, das wir hier schaffen, bestaunen können, was seine Enkelin erreicht hat.“

    „Bestimmt, das denke ich auch. Ihr schreibt euer Wissen nicht nieder, aber vielleicht wird er daran in Zukunft Gefallen finden.“

    „Ja, die Sprecher sollten endlich all ihr Wissen niederschreiben. Was für eine Schande, dass so viel wieder verloren gegangen ist, aber auf Wanderschaft ist es nicht gerade praktikabel eine Bibliothek hinter sich herzuziehen.“ Das Bild, das sich ihnen dabei bot, war etwas obskur. Eine Bibliothek im Schlepptau eines Anhängers.

    „Das denke ich auch. Weißt du“, begann er vorsichtig. Es war ihm immer noch fremd seine Gedanken und Erinnerungen derart freigiebig zu teilen. „dass wir den Saal nie genutzt haben? Mir gefällt der Gedanke, dass alles im Schloss nun endlich eine Aufgabe erfüllt.“

    Adrian sah sich um, während er sich selbst und seiner Partnerin dabei zusah, wie sich der Saal mit Stühlen und einigen Tischen füllte. Hier gab es keine Möbel, die man aus dem Weg räumen musste. Die Decken waren hoch und abgerundet und die Wände von hineingearbeiteten Säulen und Stuck gesäumt. Im zweiten Stockwerk gab es Logien, die nie benutzt worden waren.

    Sypha stellte sich in die Mitte des Raums und wiederholte zwei, drei Male eine kleine Textstelle ihres heutigen Vortrags. „Hier hört man sehr gut. Ein schöner Klang.“ Die Stimmen von Vortragenden besaßen tatsächlich eine gute Klangfarbe in diesem Raum, doch Adrian war nicht derjenige, der das beurteilen sollte. Dafür hörte er ihre Stimme zu gerne.

    Dann wandte sie sich wieder ihrem Partner zu. „Deine Eltern haben nie viele Gäste empfangen?“

    „Kaum. Als er meine Mutter getroffen hat, konnte sie ihn dazu bringen sich der Welt und den Menschen gegenüber mehr aufzuschließen.“ Gretas Worte aus einem der Gespräche des letzten Sommers, hallten plötzlich in seinen Gedanken wider und setzten sich bei ihm fest. Sie hatte ähnliches zu ihm gesagt; er solle sich den Menschen öffnen. „Aber wir hatten kaum Gäste und erst recht gaben wir keine Bälle. Als ich geboren war, hielten sie mich auch bei den meisten Menschen und Vampiren geheim.“

    „Du hattest keine gleichaltrigen Freunde?“, schloss Sypha. „Oh.“

    „Es existieren sehr wenige Dhampire, aber ich kannte ein Mädchen in meinem Alter. Da war ich etwa acht Jahre alt, oder vielleicht auch neun oder zehn? Sie war ein Dhampir wie ich, die Tochter einer Vampirin und ihres menschlichen Mannes. Die Familie hatte weder in der Gesellschaft von Vampiren noch von Menschen ein Heim gefunden. Aber meine Eltern verstanden sich mit diesem Paar gut und ich konnte über ein Jahr hinweg beinahe jede zweite Woche mit Hatice Zeit verbringen… irgendwann verschwand die Familie.“

    „Sie kam nie wieder und ihr habt nichts mehr von ihr gehört?“

    „Nein.“

    „Das tut mir leid. Hatice ist ein interessanter Name. Woher stammt er?“

    „Das weiß ich nicht genau. Ihre Mutter hatte ein wenig dunklere Haut, und ich rede ohnehin zu viel. Wir sollten die Vorbereitungen abschließen.“

    Sypha sah ihn wissend an. „Du hast vermutlich Recht. Wenn du möchtest, kannst du mir jederzeit davon erzählen. Von deiner Kindheit und deinen Eltern. Es ist immer wieder schön zu hören, dass Dracula nicht das Monster war, für das viele ihn hielten, aber ich denke, sonst wäre eine Frau wie deine Mutter ja wohl kaum bei ihm geblieben.“

    „Das war er nicht“, bestätigte Adrian mit einem nostalgischen Lächeln. „Wusstest du, sein richtiger Name war Matthias Tepes.“

    „Dann werde ich ihn nicht mehr Dracula nennen.“ Sie schoben einen großen Sekretär, den sie in einem der vielen Räume gefunden hatten, in die Mitte des Raumes, sodass sich auf beiden Seiten Menschen darum versammeln konnten, und Sypha kam etwas ins Schwitzen.

    „Mit Magie wären wir schneller.“

    „Solche Kleinigkeiten bekommen wir auch ganz ohne Magie hin. Dann kann man währenddessen noch ein wenig plaudern.“ Seine Partnerin wischte mit großer Sorgfalt den Staub vom Tisch, bis er glänzte, kommentierte, dass er nun ebenfalls Verwendung fand, und sah auf. „Wenn du das möchtest.“

    „Wir sollten lieber arbeiten“, wehrte Adrian ab. Erinnerungen kehrten zurück. Adrian hielt in der Arbeit immer wieder kurz inne, da sich kleine Erinnerungsstücke vor seinem inneren Auge abspulten, die sich bereits seit dem Tod seines Vaters immer wieder wiederholten. Es war ihm seit langem so, als hätten die Geister seiner Eltern und der Erinnerungen das Schloss befallen. Im Augenwinkel begegnete er ihnen immer wieder.

    Die meisten handelten von seinen Eltern, und einige wenige handelten von seiner Kindheitsfreundin. Er sah in diesen Bruchstücken wie seine Eltern ihm vorlasen, mit ihm spielten, ihn unterrichten, manchmal mit ihm schimpften, obwohl das selten von Nöten gewesen war, und wie er mit dem ein wenig dunkelhäutigen Mädchen im Garten spielte und über Bücher tratschte. Einmal drückte sie ihm zu Abschied einen Kuss auf die Wange, konnte sich aus Verlegenheit nicht mal mehr verabschieden, und verschwand schnell zum Ausgang. Bei dieser Erinnerung verkniff er sich mit großer Mühe ein Lachen.

    „Erinnerst du dich an etwas?“ Sypha grinste und ihr Singsang hallte durch den Saal. „Eine Erinnerung welcher Art?“

    Adrian fand nur langsam die richtigen Worte. „Nur Dummheiten, die Kinder so tun. Hatice hat mir mal einen Abschiedskuss auf die Wange gegeben und ist dann weggelaufen. Die Erinnerung ist etwas seltsam. Wir sahen schon älter aus als acht, weil Dhampire schneller heranwachsen, aber wir waren Kinder und verhielten uns so.“

    „Das ist ja süß“, trällerte Sypha und sie beiden lachten kurz.

    Adrian sah sich von außen zu, wie er alle Arbeiten, die Sypha ihm auftrug, verrichtete, und seiner Partnerin ab und zu antwortete, während er in Gedanken verloren war.

    Nach einer Stunde hatte sich der ehemalige Bankettsaal in einen Klassenraum verwandelt. Die großen, abgerundeten Fenster des Saals ließen den Raum einladend hell wirken und luden zum Lernen ein. Sypha nickte zufrieden. „Hier kommt die Sonne herein. Komm, holen wir nun die Unterrichtsmaterialien und rufen dann die Leute zu uns.“

    „Wir sollten vielleicht auch mehrmals in der Woche unterrichten“, schlug Adrian vor, während sie die Materialien holten und Sypha stieg begeistert darauf ein. „Natürlich. Das hatten wir uns vorgenommen. Wenn wir heute über das Heilmittel sprechen, könnten wir an anderen Tagen auch andere Krankheiten ansprechen. Es herrscht so viel Irrglaube da draußen und die Menschen können sich nicht immerzu nur auf Ärzte verlassen. Viele von ihnen sind ohnehin Quacksalber. Wir helfen den Menschen die Natur kennenzulernen und ihren Körper. Damit können sie nach einiger Zeit lernen sich auch selbst zu helfen.“ Ihre Augen funkelten regelrecht und er fand sowohl Greta wie auch seine Mutter in ihnen wieder, und all diese Neugierde und Freude machten Sypha noch schöner. Er beugte sich erst etwas zögerlich vor und gab ihr dann einen kurzen Kuss auf die Lippen, der mehr als bloß ein Dankeschön beinhaltete. Das erste Mal wieder in einigen Tagen. „Das werden wir.“

    Verwegen lächelte sie gegen seine Lippen. „Also das verschieben wir auf später.“

    „Später ‚heute‘ oder später ‚später, wenn Trevor wieder daheim ist‘?“

    „Ha, du wirst gleich gierig!“

    Beschämtes Schweigen.

    „Jetzt bist du wahrscheinlich beinahe so blaff wie damals, als dich Hatice geküsst hat, liege ich richtig.“

    „Ich werde aber nicht davonlaufen.“

    „Es ist noch ungewohnt für dich?“, schloss sie verständnisvoll.

    „Ja, aber das bedeutet nichts Schlechtes.“ Es hatte vor wenigen Monaten nach der Geburt von Simon begonnen. Adrian, Trevor und Sypha hatten sehr viel Zeit zusammen verbracht und Adrian fühlte sich zu beiden hingezogen; ja so würde man es vielleicht ausdrücken. Er fühlte sich in der Nähe beider wohl und spürte eine Anziehung zu den beiden. Zuerst waren da stets kleine Berührungen gewesen, und obwohl Trevor und Sypha seine beiden, engsten Vertrauten waren, war er zuerst bei manchen zusammengezuckt, denn Berührungen jeglicher Art hatten ihn zuerst an die Zwillinge erinnert, und er tat dies als lächerlichen Gedanken ab. Er war viel zu sensibel, dachte er.

    „Greta und du werden viel Spaß beim Unterricht haben.“

    „Das werden wir. Kümmere du dich bitte ein wenig um Simon, ja?“

    „Liebend gerne.“ Um seine Aussage von vorhin zu bestätigen, küsste er dieses Mal ihre Stirn und sah noch einmal zurück, bevor er auf dem Weg zum Saal Greta abfing, die Simon im Arm hielt.


    „Euer Sohn ist ein Sturschädel.“

    „Dir auch einen wunderschönen Tag, Greta.“ Mit einem empfangenden Lächeln nahm er das Kleinkind entgegen. „Na, kommst du ganz nach deiner Mama und deinem Papa?“

    Der Junge gluckste und griff mit der pummeligen, kleinen Hand nach Adrians blonden Haarsträhnen. Adrian hatte sich noch nie in seinem Leben zuvor mit Kindern beschäftigt und alles, was sie taten, war neu für ihn. Auch dass die kleinen Hände so grobmotorisch waren und erst lernen mussten Dinge richtig zu fassen, war einer dieser kleinen Dingen, über die er sich nie bei Kindern Gedanken gemacht hatte. „Nein, reiß nicht daran.“ Er versuchte sich aus der winzigen Faust zu befreien und für einen Moment sah Simon ihn aus blauen Augen an, neigte den Kopf, gluckste nochmals vergnügt und ließ sich nicht darin beirren mit den Strähnen zu spielen.

    „Nein“, wiederholte er dreimal hintereinander und beim letzten Mal lachte Simon laut auf und ließ sich mit beiden Händen voran in Adrians Haare hineinfallen, um an ihnen zu ziehen.

    „Ja, euch viel Spaß.“ Greta tätschelte im Vorbeigehen Simons rostbraunen Schopf und verschwand dann im Saal.

    Adrian konnte noch die Stimmen der beiden Frauen ausmachen, wie sie sich angeregt unterhielten und fachsimpelten. Das machte ihn … glücklich? Auf eine seltsame Art machte es ihn glücklich, dass die beiden Frauen die jeweils andere gefunden hatte, um eine Freundin, oder auch mehr, in ihr zu wissen. Er wusste, die Gesellschaft verlangte von Paaren Eifersucht und Missgunst, doch er konnte sich bloß freuen.

    „Wir beide werden den Bewohnern Bescheid sagen, dass deine Mama und Tante Greta bald soweit wären und danach die Zeit miteinander totschlagen. Au …“ Ein letztes Mal befreite er sich aus dem Griff, bevor Simon aufgab. „Du bist wirklich ein kleiner Sturschädel. Wie deine Eltern. Unglaublich.“ Das Kind kuschelte sich in seinem Arm ein und er fragte sich, was wohl wäre, ja wenn es tatsächlich so wäre, dass Trevor und Sypha ihn tatsächlich als einen ebenso wichtigen Teil ihrer eigenen, kleinen Familie ansahen. Nicht nur als den einen Freund, der außen vorstand. Sie gaben ihm nie das Gefühl, dass er nicht zu ihnen gehöre, und doch konnte er es noch nicht so recht glauben. Das Kind, das so vertraut in seinen Armen lag, als wäre Adrian ebenfalls sein Vater, zeigte ihm jedoch, dass seine Zweifel dumm waren und unfair gegenüber seinen Partnern. „Bist du müde, Kleiner?“

    Er würde heute noch viele Stunden mit ihm haben und wahrscheinlich könnte sich der Junge in einigen Jahren nicht mehr an sein erstes Lebensjahr erinnern, aber er würde nie vergessen, dass Adrian auch immer für ihn dagewesen war und ihm Zuwendung gegeben hatte.

  • Kapitel 2: Neue Beziehungen, neue Erfahrungen



    „Die Stoicas brauen ein Bier, das schmeckt so scheißgeil!“ Mit diesen Worten platzte Trevor in den Raum hinein.

    Sypha wechselte eben in ein hellblaues Nachtkleid aus einem feinen Stoff. Es war halbtransparent, da der Sommer einkehrte und die Nächte beinahe genauso schwül waren wie die Tage, und da ihre beiden Männer den Anblick genossen. Da machte sie sich nichts vor. „Auch einen schönen Abend, der Herr. Trevor, du warst über etliche Tage weg. Was ist geschehen!?“

    „Lass mich zuerst einmal daheim ankommen.“

    „Natürlich.“ Bei der Erwähnung von Bier, musste Sypha manchmal eine Augenbraue hochziehen. „Bier, das besser als Sex ist?“

    „Nicht besser, nur anders gut. Von diesem Standpunkt weiche ich nicht ab.“

    „Er liebt allgemein die simplen Dinge“, tönte es von Adrian aus dem Bad, der sein nasses Haar mit einem Handtuch auswrang. „Und da wir mit ihm zusammen sind, haben wir sie nun ebenfalls zu schätzen gelernt.“

    Sypha schnaubte. „Beschreibe unseren Sex bloß nie als „scheißgeil“ und wir sehen beide darüber hinweg.“

    „Keine Sorge, ich habe gelernt. Diese traumatische Erfahrung mit dem Eisklotz aus Bier will ich nicht noch einmal machen müssen … und, habt ihr mich vermisst? Was lief in der Zwischenzeit?“ Trevor setzte sich zu ihr aufs Bett, um ihr einen Willkommenskuss zu geben. Sie beide hatten ihn, seine Art, seine Sprüche und seine rauere Stimme vermisst, die durch den Raum und die Gänge hallte, doch speziell Adrian würde so etwas sehr selten aussprechen.

    „Ich würde es nicht als vermissen bezeichnen“, sagte Adrian trocken und selbst wenn Trevor ihn nicht sehen konnte, konnte er sich seine Mimik vorstellen und daraus lesen, als stünde er vor ihm. Die Badezimmertür war zur Hälfte geöffnet und Trevor war sich sicher, dass sein Partner den erhobenen Mittelfinger im Vorbeigehen erkennen konnte. Er wusste es mit Sicherheit, als ein noch trockeneres „liebenswert“ aus dem Raum ertönte.

    Zwischen ihm und seinem Partner lag noch immer die stille Übereinkunft, dass man hin und wieder noch so tat, als könnte man die Anwesenheit des jeweils anderen nicht leiden. Es war ein kindisches Spiel geworden, das mittlerweile seltener stattfand, ja, aber von keinem je beendet wurde, und wer war Adrian denn, dass er derjenige wäre, der als Erstes nachgab.

    „Wir haben dich vermisst, aber könntet ihr euch einmal wie Erwachsene verhalten. Ihr benehmt euch beide immer noch wie ungehobelte Jugendliche“, brach Sypha als Erstes das kindische Spiel zwischen den beiden. „Simon hat zum ersten Mal Hühnchen gegessen und er liebt es. Greta und ich haben unsere ersten Stunden abgehalten und es sind sehr viele Leute erschienen. Die Kinder waren so unglaublich begeistert und sogen jede Information in sich auf. Bloß manche der Erwachsenen waren skeptisch. Manche sprechen von Magie, obwohl wir immerzu erwähnten, dass es sich um Wissenschaft handelte.“

    Trevor wurde etwas nachdenklicher, während er sich seinen Stiefeln und des schweren Umhangs entledigte. „Manche der Bücher in der Belmont-Bibliothek sprechen davon, dass Magie und Wissenschaft wie Zahnräder ineinander übergehen und auf ähnliche Wirkungsweisen aufgebaut sind.“ Er hatte nun auch Adrians Aufmerksamkeit, der sich ebenfalls ein Nachthemd und eine dünne Hose übergeworfen hatte, als er aus dem Bad kam und an der Türschwelle lehnte. „Was weiß ich. Das Denken überlasse ich euch. Ich hau drauf und dann sauf ich Bier, wie der einfache Mann und Monsterjäger, der ich bin.“

    „Du hattest in frühen Jahren viel Pech und in deiner Kindheit weniger Bildung erfahren als wir, und vieles von dem, das du in frühen Jahren gelernt hast, hast du vergessen“, räumte Adrian ein und erntete Syphas Zustimmung. „Das macht dich nicht dumm.“

    „Ich bin ein Monsterjäger und benutze eben Wissen, um Monster zu jagen. Was zu meinen Aufgaben gehört, das weiß ich, und viel mehr brauche ich nicht.“ Diese Diskussionen endeten immer mit selbstironischen Sprüchen wie diesen. Dennoch war er in den letzten Wochen, und speziell in den Wintermonaten, in denen es nicht viel zu tun gegeben hatte, immer öfter im Belmont-Anwesen gewesen und hatte so gelesen, bis er die Zeit vergessen hatte. „Einiges von dem Wissen, das ich vergessen habe, kehrt auch wieder zurück. Die Stoicas hatten ein böses Problem mit einigen Dämonen und einiges von dem, was ich in den Büchern unserer Bibliothek gefunden habe, hat mir tatsächlich weitergeholfen.“

    „Dämonen?“, fragte Sypha überrascht. „Ich dachte, die übrig gebliebenen Nachtkreaturen treiben noch ihr Unwesen.“

    „Dämonen“, bestätigte Trevor. „Lasst uns morgen darüber reden, bitte. Ich bin geschafft. Scheiß Höllenschlundviecher; haben den Nachbarn der Stoicas auch noch eine der Töchter das Leben gekostet.“

    „Furchtbar.“ Seine Partnerin presste die Lippen zusammen. „Wir werden in Zukunft aufmerksamer sein und uns in den nächsten Tagen noch zu den Familien aufmachen. Vielleicht können wir noch etwas für sie tun.“

    „Das sollten wir“, stimmte Adrian zu. „Das klingt nach einem größeren Problem, dem wir auf den Grund gehen sollten.“

    „Ich hoffe, die Viecher sind in die tiefsten Ebenen der Hölle zurückgekrochen, wo ihnen die Dämonen aus den oberen Etagen auf den Kopf scheißen.“

    „Trevor.“

    „Was?“

    „Ich bin froh, dass Simon heute Nacht wieder bei Greta schläft.“

    „Und selbst wenn nicht. Das Kind ist ein Jahr alt.“

    „Unterbewusst nehmen Kinder auch im Baby- und Kleinkindalter bereits sehr viel auf, Trevor.“ An manches gewöhnte man sich nie und selbst, wenn Sypha nun ab und an ebenfalls durch seinen schlechten Einfluss ein „scheiße!“ entglitt, für das sie sich für gewöhnlich auch dreimal entschuldigte, war ihr Trevors Ausdrucksweise meist zu krass. Er drückte sich aus wie ein … Kerl aus der Gosse und gleich, nachdem ihr der Gedanke gekommen war, schalt sie sich selbst dafür. „Reiß dich ein wenig zusammen. Wenigstens vor dem Kind.“

    „Ich werde es versuchen. So, ich gehe zuerst einmal ins Bad. Ich stinke wie … ich dufte nicht nach einem Meer aus Rosen, würde eine feine Dame sagen.“

    „Der Ausdruck eines Edelmannes“, kommentierte Adrian amüsiert.


    Adrian und Trevor gaben sich beim Zimmerwechsel die Klinke in die Hand und während es sich Adrian und Sypha auf dem Bett bequem machten, hörten sie das Rinnsal des Wasserhahns. Dieser war eine moderne Erfindung, die Dracula, sie korrigierte sich: Matthias Tepes, wer-weiß-woher mitgebracht hatte.

    Heute fiel kaum Mondlicht in das Zimmer ein und Sypha entzündete mit einer passierenden Handbewegung die restlichen Kerzen des Kronleuchters. Das Zimmer konnte man kaum mehr als ein solches bezeichnen. Ein riesiges Bett, dessen Rückenlehne mit satinrotem Samt überzogen war, und ein Schlafgemach, das eines Herrschenden würdig war, war ohne Frage eine Verbesserung zu den Karawanen und den, vom Ungeziefer verseuchten, Abstiegen. Alles hier war so edel, aber befremdlich und die meisten Zimmer des Schlosses sahen nicht so aus, als hätte jemand darin leben wollen. Allmählich hatten sie sich in vielen der Zimmer heimlicher eingerichtet. Als Trevor und Sypha mit ihrem Kind zu Adrian zugezogen waren, hatten sie sich anfangs nicht wohlgefühlt, nachdem sie das Leben im Leben eines Anhängers und billigen Absteigen gewöhnt gewesen waren.

    Es lag an dem Schloss, in dem man sich sehr schnell einsam und verloren fühlen konnte, sowie sich Adrian gefühlt haben musste, als er von seinen Partnern nach dem Tod seines Vaters zurückgelassen worden war. Sypha wusste nicht, wie sie damals derart unsensibel hatten sein können, doch Adrian hatte es ihnen nie vorgeworfen. Natürlich nicht. Selbst wenn er deshalb einen Groll hegen sollte, würde er diesen für sich behalten.


    Im warmen Kerzenlicht des Kronleuchters konnte sie Adrians Profil betrachten. Das Licht schmeichelte ihm und manchmal stellte sie sicher, dass er wusste, oder sich ins Gedächtnis rief, dass er ein schöner Mann war.

    Sanft ließ sie eine Hand über seine Wange gleiten, dann durch sein Haar und wieder zurück zu seiner Wange. Die Berührung war leicht wie die einer Feder, und ihr Partner lehnte sich diese hinein. Der Blick in seinen Augen wurde so sanft wie er jedes Mal war, wenn sie miteinander schliefen, und er lehnte sich zu einem Kuss vor. Der Erste war nie fordernd oder lustvoll, bis Sypha ihn selbstbewusster werden ließ. „Ich bin froh, dass Simon heute Nacht wieder bei Greta schläft“, wiederholte sie mit dunklerer Stimme.



    „Besser als Bier. Nicht anders gut, sondern besser“, kommentierte Trevor schließlich nach einer Weile der Stille und des Zu-Sich-Findens.

    „Ein wahrer Romantiker.“ Sypha kicherte, insgeheim doch erfreut diese Worte endlich zu hören, und kuschelte sich zwischen ihre beiden Partner. „Wir haben dich vermisst.“

    Adrian legte einen Arm um beide, in der Mitte Sypha eingeschlossen, und streichelte nun auch über Trevors Haar, das nun vom Bad noch nass war und zugleich verschwitzt. Er blieb still, doch seine Hand fuhr hinab und suchte nach Trevors. Dieser verstand und umschloss sie fest. Noch immer fühlten sich diese Erfahrungen und diese Beziehung neuartig, aber gleichzeitig so richtig an und sie war die Beziehung, worauf er seine Zukunft aufbauen konnte. Endlich besaß dieses seit Jahren seelenlose Schloss wieder eine Seele.

  • Fluffcember 2022 Ankündigung





    Was ist der Fluffcember?


    Kurz erklärt, schreibt man 31 Kurzgeschichten, von denen man an jedem Tag des Dezembers eine hochlädt. Diese können zwar auch nachdenklichere, melancholischere und traurigere Elemente beinhalten, sollen jedoch alles in allem die Lesenden mit einem guten Gefühl zurücklassen. Deswegen findet die Challenge auch im Dezember statt. :D

    Meine Kurzgeschichten werden sich meistens im Bereich von 800-2.500 Worten bewegen, sind also gut in einem Rutsch zu lesen.


    Alaiya hat mir 31 Prompts, also Themenvorgaben, aus einem Generator und einer Ideensammlung von Animexx für diese Challenge vorgegeben und zu diesen hab ich mir Fandoms und Charakterbeziehungen verschiedener Art ausgesucht.

    Natürlich nutz ich die Chance, um über meine Lieblingsfandoms-, charaktere und -beziehungen zu schreiben. Es gäbe zwar noch ein paar andere, die ich ebenfalls drinnenhaben wollte, aber ich bin an sich ganz zufrieden damit.


    Weiter unten könnt ihr in der Liste nachsehen und euch die Kurzgeschichten zu den Fandoms rauspicken, die euch ansprechen würden.

    Wenn die Story Spoiler beinhaltet, warne ich euch natürlich im Vorwort davor.


    Ansonsten könnt ihr mir bereits gerne Rückmeldungen dazu geben, ob und was euch ansprechen würde. Ich meine, für mich stehen die Prompts plus Fandoms schon fest, aber mich würde es dennoch interessieren, was euch anspricht. ^^



    Zeichenerklärung


    "/" bedeutet Pairing in einem eher romantischen oder sexuellen Sinne, obwohl ich Letzteres höchstens andeuten werde / würde.

    "&" bedeutet Freundschaft, Familiäres und Platonisches; quasi alles, was nicht romantisch oder sexuell zu lesen ist.

    "/&" bedeutet, dass ich mich selbst nicht entscheiden kann *räusper*, oder dass man es interpretieren kann wie man möchte.


    PS: Wenn im Prompt von Family oder Siblings die Rede ist, nehme ich das nicht wortwörtlich als Blutsverwandtschaft.

    Für mich sind Armin und Mikasa sowas Ähnliches wie Geschwister und die Firelights sind Ekkos Familie.



    Prompt- und Fandom-Liste


    1.12. Falling Asleep by each other’s side - Kyoshi/Rangi (Avatar - Der Aufstieg von Kyoshi-Reihe)
    2.12. Toy Making - Wei Wuxian & Wen Qing & Wen Yuan (Mo Dao Zu Shi / The Grandmaster of Demonic Cultivation / The Untamed)
    3.12. Forehead Touches - Roy/Riza (Fullmetal Alchemist)
    4.12. Sharing/Exchanging Clothes - Korra/Asami (Avatar - The Legend of Korra & Sequel Comics)
    5.12. Joking with each other - Levi /& Hange (Attack on Titan)
    6.12. Playing Board Games - Geralt & Ciri (wenn Gwent als Board Game durchgeht. :D) (The Witcher-Series, hauptsächlich Bücher und Serie)
    7.12. Mutual Pining - Nobara/Maki (Jujutsu Kaisen)


    8.12. Snowed In - Shin & Raiden & Anju & Theo & Kurena (Eighty-Six - 86)
    9.12. Holding Hands - Kyoshi/Rangi (Avatar - Der Aufstieg von Kyoshi-Reihe)
    10.12. Siblings Arguing and Making Up - Armin & Mikasa (Attack on Titan)
    11.12. Power Outage - Yuuji & Megumi & Nobara (Jujutsu Kaisen)
    12.12. Repairing a broken Toy - Vi & Powder (Arcane, nicht LoL)
    13.12. Ice Skating - Viktor/Yuri (Yuri on Ice)
    14.12. Forehead Kiss - Ymir/Historia (Attack on Titan)


    15.12. Shared Hobbys - Sypha & Lisa (Castlevania-Serie, nicht die Spiele)
    16.12. Museum Date - Hange & Onyankopon (kurze Erklärung: ich wette, dass es in Marley naturwissenschaftliche Museen gibt, vll. auch mit Dinosauriern, weil Epoche würd auch halbwegs stimmen :D) (Attack on Titan)

    17.12 Favorite Plush - Vi & Vander (Arcane, nicht LoL)
    18.12. Taking care of a sick friend/partner - Levi /& Hange /& Erwin (Attack on Titan)
    19.12. Reading Stories together - Shin/Lena (Eighty-Six - 86)
    20.12. Babysitting - Wei Wuxian/Lan Wangji & Wen Yuan (Mo Dao Zu Shi / The Grandmaster of Demonic Cultivation / The Untamed)
    21.12. Love Confession - Vi/Caitlyn (Arcane, nicht LoL)


    22.12. Kids wanting to sleep in bed with parents - Adrian/Trevor/Sypha & Kids (Castlevania-Serie, nicht die Spiele)
    23.12. Meeting each other's families - Vi/Caitlyn und Vi/Caitlyn & Ekko & Firelights (also beim Ersten bezieh ich mich natürlich auf Caitlyns Vater, aber Zweiteres würde mir ebenfalls sehr zusagen und bei Lust schreibe ich vielleicht beides) (Arcane, nicht LoL)
    24.12. In front of a fireplace - Geralt/Yennefer (The Witcher-Series, hauptsächlich Bücher und Serie)
    25.12. Choosing Gifts for each other - Korra/Asami (Avatar - The Legend of Korra & Sequel-Comics)
    26.12. "I miss you" - Roy /& Riza & Hughes (Fullmetal Alchemist)
    27.12. "Baby, it is cold outside" - Ymir/Historia (Attack on Titan)
    28.12. Late Night Walk - Levi/Erwin (Attack on Titan)


    29.12. Friendly Competition - Yuuji & Megumi & Nobara (Jujutsu Kaisen)
    30.12. Star Gazing - Shin/Lena (Eighty-Six - 86)
    31.12. New Years Kisses - Ash/Eiji (Banana Fish)

  • So, ich hab nun Kurzgeschichten für das Sommerwichteln auf Animexx geschrieben. Jene von Attack on Titan hat sich leider verspätet, aber eine ist natürlich rechtzeitig zum Wichteln fertiggeworden.

    Ich würde sie auch gerne mit euch teilen, weil sie eine wholesome Spy x Family-KG ist und hoffe, dass sie euch gefällt. ^^




    Zoobesuche- Was dabei alles schieflaufen kann





    Fandom: Spy x Family

    Genres: Gen, Slice of Life, Fluff, Comedy

    Themen: Familienleben

    Kapitelanzahl: One-Shot

    Wortanzahl: 2.991

    Entstehungsjahr: 2022




    Familie Forger wollte ihrem normalen Alltag nachgehen. So normal wie ihr Alltag sein konnte. Man könnte glauben, ein Psychiater, eine Angestellte des Rathauses, ihr adoptiertes kleines Mädchen und ihr normaler, wenn auch sehr groß geratener Hund, ein Pyrénées, erlebten an einem gewöhnlichen Ausflugstag oder im täglichen Leben nur normale Dinge. Wie beispielsweise an dem Tag jenes Museumsbesuches, an dem man am späten Nachmittag noch einen Taschendieb gefasst hatte, oder an dem Tag der Schuleinschreibung, als die Familie von einem Schlamassel ins Nächste gestolpert war und beinahe von einer Horde Kühe überrannt worden wäre, bevor Anya mit dem Schuldirektor ins Gespräch kam. Und auch dieses war sehr normal und ereignislos abgelaufen, bis auf dass einer der reiche Schnösel das Mädchen zum Weinen gebracht und sich von Loid beinahe einen Schlag eingefangen hatte. Wie Bewerbungsgespräche an Eliteschulen nunmal so abliefen.


    Anya besaß ihren Hund erst seit kurzer Zeit und diesem war von Anfang an bewusst, dass diese Familie etwas… anders war, als man es sonst kannte. Sowie Bond auch und nach all den schrecklichen Tierexperimenten und den Grausamkeiten, die manche Menschen ihm angetan haben, wollte er nicht darüber klagen, dass seine Familie ein wenig exzentrisch und speziell auf ihre eigene Weise war. Sie alle waren gute Menschen, das konnte er spüren, und er wollte seine neue Familie vor jedem Unheil bewahren. Wie jedem anderen gewöhnlichen Hund auch, war ihm dies möglich, indem er in die nahe Zukunft sehen konnte.

    „Heute ist Ausflugssonntag“, verkündete Yor, als sie das Wohnzimmer betrat um den noch verschlafenen Bond von seinem Hundekissen zu holen. Ihr wuselte ein kleines Mädchen mit pinken Haaren nach. „Ausflugssonntag!“, rief die Kleine immer und immer wieder, setzte sich zu Bond und begann zu erzählen, welche Tiere sie sich im Zoo ansehen wollte. „Und Wölfe sind soo groß!“ Sie breitete die Arme so weit aus wie sie konnte. „Sogar noch größer als du.“

    Bond kommentierte mit einem tiefen Bellen.

    „Nein, das muss dir keine Angst machen. Die sind doch in einem Geh… hinter Gittern. Da geht es ihnen aber sehr gut. Es ist ein großes Geh… großer Käfig. Und Wölfe sind so aufregend!“ Sie sah ihn durchdringend an. „Du hast zum Glück gar keine Angst. Das weiß ich.“

    „Du kannst doch keine Gedanken von Tieren lesen.“

    „Ich kann…“ Anya schlug sich in einer großen und geräuschvollen Geste die Hände vor den Mund und sah zu ihrem Vater auf, der nun etwas verwundert eine Antwort erwartete. „keine Gedanken von Tieren lesen.“

    „Und du meinst Gehege. In manchen Zoos sind aber keine Hunde erlaubt“, wandte er ein, während Yor eine große Picknicktasche packte.

    Beide Elternteile tauschten fragende Blicke aus, bevor sie in stiller Übereinkunft zu dem Schluss kamen, dass das Verhalten eines Kindes keinen Sinn machen müsste, erst recht nicht, wenn es Anya hieß, und deshalb widmeten sie sich daraufhin wieder dem Packen. Hier ein paar belegte Brötchen, da Trinkflaschen, für jeden eine, und dort zwei Wechselanzüge für Loid und Wechselkleidung für Yor und Anya. Ebenfalls zwei Stück davon. Das waren Vorsichtsmaßnahmen, die wohl jede Familie traf, die auf ihr Auftreten ein wenig Wert legte. Dieses vorausschauende und weitsichtige Handeln hatte sie am Tag der Einschreibung vor einem Malheur gerettet, das Anya wohl den Schulplatz gekostet hätte.

    „Und Anya, nächstes Mal, wenn du zwielichtige Menschen siehst, laufen Bond und du ihnen nicht allein nach. Dann holt ihr uns oder andere Erwachsene, die in der Nähe sind. Einverstanden?“

    Auch diese waren vollkommen gewöhnliche Vorsichtsmaßnahmen und gut gesittete und vorausschauende Familien bereiteten sich eben drauf vor, dass man ab und an Verbrecher auf der Straße traf. Dieses „ab und an“ war leider zu einem „regelmäßig“ geworden, aber das war nunmal der Alltag der Familie Forger, der sich wohl doch ein wenig von jener anderer Familien unterschied.

    Loid sah sie abermals fordernd an, bevor sie widerwillig ein „ja“ murmelte.

    Meine Tätigkeit bringt dieses Kind zu häufig in Gefahr. Manchmal wünschte ich, ich könnte tatsächlich bloß ein Psychiater sein.

    „Psych… ein Arzt zu sein ist aber nicht so aufregend!“, widersprach sie, als sie seine Gedanken las.

    „Was… Anya, wovon redest du? Meinst du ein Arzt zu sein ist nicht so aufregend wie auf Verbrecher auf der Straße zu stoßen? Das war nicht aufregend, das war gefährlich.“

    „Nein, das war aufregend! Vielleicht aber auch gefährlich. Aber Papa… Bond muss schon in den Zoo mitkommen. Du hast gesagt, manche Zoos mögen es nicht, wenn man Hunde mitnimmt“, klagte das Mädchen, als sie verstand, dass man ihrer seltsamen Reaktion keine Beachtung mehr schenkte. „Bond will auch all die Tiere sehen. Er kennt sie gar nicht.“

    „Da hab ich mich bereits erkundigt, in diesem sind sie erlaubt. Wir müssen ihn allerdings an der kurzen Leine halten. Er muss artig bleiben, versprecht ihr mir das?“

    Abermals bellte der Hund bejahend.

    „Brot mit Erdnussbussbutter, Anya?“, fragte Yor, als sie alles Nötige herrichtete.

    „Erdnussbutter!“, wiederholte das Mädchen aufgeregt. Yor verstand ihre Reaktion als Bestätigung und schmierte gleich drei.


    Um Punkt zehn Uhr dreißig, da Familie Forger stets gut organisiert war, um jedem unvorhergesehenen Ereignis zu entgehen, wurden die Eintrittskarten für den Zoo gekauft.

    „Da ist ein Löwe auf der Karte! Ich willl gleich zu den Löwen!“, kommentierte Anya und sah mit großen Augen auf, als sie durch den riesigen Bogen schritten und mit einem Schritt vom Gewusel in der Stadt mitten in eine andere Welt kamen, die von den verschiedensten Tieren bewohnt wurde. Anya hatte sie alle bereits in einem Buch gesehen, manche sogar in einer Fernsehshow, doch noch nie mit ihren eigenen Augen und nun, da sie auf dem Pfad stand, der vom Eingang zu allen möglichen Gehegen wegführte, fühlte sie sich von dem Gedanken überrumpelt, dass all diese Tiere tatsächlich existieren.

    Viele von ihnen waren ja richtige Riesen! Viel, viel größer als es sogar Bond war. Und manche von ihnen sahen aus, als kämen sie aus einem Märchenbuch und wären von Menschen ausgedacht worden, wie ein Drache oder ein Pega… ein Pferd mit Flügeln, aber sie existieren wirklich. „Mama, Papa, das ist so aufregend! So aufregend!“, quiekte das Mädchen und sah von ihrer Karte auf um den Druck auf der Eintrittskarte mit den realen Abbildern vor ihren Augen abzugleichen. „Er sieht ja wirklich aus wie eine normale Katze, aber so viel größer! Und er hat sooo eine Mähne! Papa, ist der Löwe neben ihm seine Frau und der andere Löwe seine Schwester? Sind das Mädchen?“

    Sie kuschelte sich in Bonds flauschiges Fell und zog die Haare an seinen Nacken lang. Stoisch ließ der Hund es über sich ergehen. „Wir könnten Bond auchmal als Löwe verkleiden.“

    „Vielleicht ein andern Mal. Du willst wissen, wer die Löwen ohne Mähne sind?“

    Sie nickte bestätigend und erwartete eine Antwort, während Yor und Loid die Infoschilder durchlasen, die die Namen der Löwen verrieten und in welchem Verhältnis sie zueinander standen. „Ich denke, die beiden weiblichen Löwen sind… beide seine Frauen.“

    „Was!? Beide!?“

    Yor tauschte Seitenblicke mit ihm aus und flüsterte: „Das kannst du einem Kind doch nicht sagen. Wie sieht es denn die Kinderpsychologie?“

    „Das ist nicht mein Fachgebiet, aber ich bin mir sicher, dass man einem Kind beibringen kann, dass Tiere anders leben als Menschen.“ Ich sollte endlich mehr Bücher über verschiedene Fachgebiete der Psychologie und Psychiatrie lesen, um meine Tarnung Yor gegenüber besser aufrechtzuerhalten. Am Ende schöpft sie noch Verdacht.

    Ein Gedanken, der zu Anya durchkam. „Papa lernt nicht so fleißig“, sprach sie aus ohne darüber nachgedacht zu haben und erntete einen verwunderten Blick von Loid, der rasch in Verlegung umschlug.

    „Junge Dame, ich habe für meinen Beruf etliche Jahre lang an der Universität gelernt.“ Um vom Thema abzulenken, nahm er das Mädchen hoch, damit sie besser sehen konnte, und ließ sie auf die Raubkatzen zeigen. „Wenn sie alle glücklich sind, ist das ja nicht schlimm, dass er zwei Frauen hat“, schloss sie ihren Gedanken ab. „Aber ich glaube eine Mama reicht dir. Mir auch, ich brauche nicht noch eine Mama.“

    Die Erwachsenen kicherten und stimmten ihr zu, während sie den Tieren dabei zusahen, wie sie in ihren Gehegen, eigentlich waren es Käfige, auf und abwanderten und stets ihre selben Runden drehten. Man war zwar bereits von den runden Stahlbauten, die aussahen wie ein überdimensionaler Vogelkäfig, der eine Raubkatze verwahren sollte und in denen sich die armen Tiere nichtmal richtig umdrehen konnten, abgekommen, doch viel Platz bot die neue Version dennoch nicht.

    Anya nahm Yors Hand und schüttelte daran, bis sie ihre Aufmerksamkeit bekam. „Aber wieso ist das Gehege so klein?“ Ihr Ton wurde nachdenklicher und ließ die kindliche Unbeschwertheit missen. „Das ist so klein, da kann man gar nicht darin spielen und sich austoben. Die müssen doch laufen und toben und sie wollen bestimmt Kinder bekommen. Dann brauchen sie ein neues zu Hause mit mehr Platz.“ Das war wie im Waisenhaus. Da war es auch nicht schön und man konnte nicht frei draußen spielen. Anya wusste jedoch, dass sie diesen Gedanken nicht mit Yor teilen durfte, um ihren Vater nicht zu verraten. Diesmal dachte sie mit und schwieg sich über das Waisenhaus und ihre Vergangenheit aus.

    „Ich bin mir sicher, dass es den Löwen hier gutgeht.“ Yor drückte sanft ihre Hand und strich ihr durchs Haar. „Früher waren die Käfige der Tiere in Zoos sehr viel kleiner, aber nun haben sie mehr Platz bekommen.“

    „Noch kleiner?“

    „Ja, aber das fanden die Zoodirektoren und die Besucher nicht gut, also hat man ihnen neue Anlagen gebaut.“

    „Aber die sehen immer noch klein aus“, widersprach Anya, wollte heruntergelassen werden und kuschelte sich in Bonds Fell, der bisher artig jedes Tier nur aus der Ferne beobachtete.


    In den nächsten beiden Stunden ritt sie auf ihrem Hund durch den Zoo, was ihnen zugegebenermaßen einige Blicke bescherte und Familie Forger als nicht ganz so normale Familie hervorstechen ließ, und machte bei jedem Tier große Augen und quiekte vor Begeisterung, bevor sie sie kleinen Anlagen der Tiere bekrittelte und ihre Eltern einige Male wissen ließ, dass man die Tiere freilassen sollte.

    Bei den Elefanten, bei den Nashörnern, bei den Eisbären, obwohl sie dennoch Andenken und ein weißen Teddy, der einen Eisbären darstellte, mitnahm, … und bei den Robben. Bei den Robben vergaß sie ihre Einwände hingegen rasch, da um dreizehn Uhr eine Fütterung stattfand. Anya rannte mit Bond und den anderen Kindern im Zoo zu dem Glas vor, von dem man die Tiere unter Wasser beobachten konnte, und lachte jedes Mal schallend auf, wenn die Robben auf Befehl klatschten und Küsse gaben, und kreischte jedes Mal gleich daraufhin, wenn sie ins Wasser sprangen und die Kinder am Glas nassspritzten.

    Jedes Mal wieder versuchte sie sich auch hinter Bond zu verstecken, was bloß darin endete, dass sie beide klatschnass wurden. Als die Fütterung zu Ende ging, lachten die anderen Kinder ihren Hund aus, da sein zuvor so prachtvolles Fell an ihm klebte und ihn plötzlich so schmal und klein aussehen ließ. Er kommentierte dies mit einem tiefen Bellen.

    „Tut mir leid, Bond.“

    Abermals ein tiefes Bellen und die Erwachsenen kamen zur Stelle, um Anya rasch auf einer öffentlichen Toilettenanlage umzuziehen, da war bereits die erste Wechselkleidung dahin, und Bond bestmöglich trocken zu rubbeln.


    „Was schauen wir als Nächstes an?“, fragte Anya aufgeregt und wollte bereits zu einem Gehege hinlaufen, das sie noch nicht besucht hatten.

    „In der Mittagssonne ruht man sich ein wenig aus, sonst bekommst du noch einen Sonnenstich.“

    „Was ist das? Die Sonne kann doch gar niemanden stechen.“

    „Das ist, wenn du zu lang in der Sonne bleibst und es dir schlecht geht, weil deinem Körper zu heiß geworden ist.“

    „Aber ich will…“ Sie zeigte auf drei Orte der Karte. „Da sind die Prim… Affen.“

    „Primaten“, korrigierte Loid sie geduldig und reichte ihr die Wasserflasche, die sie morgens mit Apfelsaft gefüllt hatten. „Die sehen wir uns an bevor wir uns auf dem Heimweg machen.“

    Bis dahin war ihr nicht aufgefallen, dass die Gedanken der anderen Menschen und der Tiere viel zu laut waren, und der Abstand zu diesen recht guttat. Deshalb widersprach sie nicht weiter. „Mama, was liest du?“

    „Wusstet ihr, dass Löwen ihrem Opfer direkt an die Kehle springen, um es zu töten? Das ist die effektivste Tötungsmethode.“ Yor reichte ihrem Mann ein Buch, das sie an einem Kioskstand gekauft hatten, um ihm die Illustrationen darin zu zeigen. „Hier stehen noch sehr viel mehr Informationen darüber, wie verschiedene Tiere ihre Beute am effektivsten erledigen. Das ist sehr faszinierend. Darüber hab ich mir bisher nur wenige Gedanken gemacht.“

    Manchmal wünschte sich Loid, dass sich seine Alibifrau nicht so sehr hineinsteigern würde, sobald die Rede auf Gewalt und Tötungen kam. Für die Mission würde er es ertragen, aber da hatte er eine seltsame Frau mit morbiden Vorlieben und einem schrägen Humor gefunden. Wie kam eine Angestellte des Rathauses zu solch morbiden Interessen? „Nun bin ich mir sicher, dass solch ein Gespräch nicht für Kinderaugen oder -ohren geeignet ist“, versuchte er halbherzig einzulenken, da Anya bereits große Augen machte. Ob sie verstört oder ebenso fasziniert war wie ihre Mutter, oder wahrscheinlich war beides der Fall, konnte er nicht mit Treffsicherheit sagen. Da hatte er sich zwei sehr exzentrische Familienmitglieder für die Mission angelacht… obwohl er nicht in der Position war darüber zu urteilen, sah er sogleich selbst ein.

    Das Schlimme daran war, er stieg doch tatsächlich auf eine Diskussion mit Yor ein, da die Passagen, die sie vorlas, plötzlich doch sein Interesse geweckt hatten.


    Das sollte kein guter, normaler Familienvater tun, der das Bild einer perfekten Familie aufrechterhalten wollte und noch weniger sollte ein guter, normaler Familienvater seine Tochter und seinen Hund aus den Augen lassen.

    „Die Löwen in der Wildnis haben nur Hunger. Die müssen andere töten, damit sie essen können“, erklärte Anya ihrem Hund, dem sie die Hand auf den Rücken legte, während sich Kind und Hund von den Eltern entfernten, die noch immer über das Buch diskutierten. „Aber sie sind sicher nicht böse. Die Löwen im Zoo bekommen immer zu fressen, aber sie sollen nicht in einem so kleinen Käfig leben.“ Bilder ihrer Vergangenheit fraßen sich in ihre Gedanken. Immer eingesperrt, nicht gewollt und die Menschen waren grausam zu ihr gewesen und so wie Bond sie ansah und welche Gedanken er ihr übermittelte, wusste sie auf einer tieferen Ebene, dass er sie verstand. Die Gedanken von Tieren hörten sich anders als jene von Menschen an. Sie waren nicht so klar ausformuliert, sie drückten sich nicht mit Worten aus, aber Anya wusste es.

    Sie kannte den Weg zum Löwengehege noch. Da standen sie wieder. Nun Kind und Hund allein ohne Aufsicht eines Erwachsenen und die anderen Menschen waren viel zu sehr mit sich selbst und ihren eigenen Kindern beschäftigt, um die beiden wahrzunehmen.

    Der Löwe und seine beiden Weibchen ging immer noch auf und ab, auf und ab, immer dieselben Runden des Geheges, das mit nichts als etwas Sand aufgeschüttet worden war und einem einzelnen Baum, der ihnen Schatten bot. Manchmal legten sie sich für einige Zeit hin, doch sobald sich eine neue Menschenmasse um das Gehege bildete, waren sie zu gereizt um sich schlafen zu legen.

    Anya hörte zuerst die Gedanken der Löwen nicht, da die Menschen um sie herum zu laut und viel zu viel dachten, doch wenn sie sich nur auf sie konzentrierte, dann verstand sie die Tiere plötzlich. Erneut waren es keine klaren Gedanken, doch Anya verstand sie nur zu gut.


    „Komm“, flüsterte sie Bond verräterisch zu und ehe der Hund verstand, was das Mädchen in Inbegriff war zu tun und als es bereits über eine Abzäunung kletterte, bellte Bond aufgeregt. Sein tiefes Bellen erschallte hinter und der Hund konnte bereits vorhersehen, wie das Mädchen zu nah an die Gitterstäbe kam und wie eines der Weibchen hindurchbiss.

    Panisch und mit einem Hechtsprung, kam ihr der Pyrénées hinterher und erfasste das Kind noch rechtzeitig am Zipfel des Kleides, bevor es mit der Hand in die Nähe des Käfigs kam. Er zerrte an ihr und brachte sie zum sicheren Gehweg zurück. Für den einen Moment war Anya perplex. Dann sah sie ihn an und begriff, was geschehen hätte können und spürte, wie Tränen ihre Wangen herabliefen, bevor sie schluchzte und nicht mehr aufhörte zu weinen.

    Die Menschen drehten sich raunend um und beobachteten die Szene, als die Eltern laut nach ihrem Kind schrien und ihre Gesichter bleich vor Angst wurden. „Unverantwortlich!“, schimpfte jemand aus der Menge, gerade so laut, dass die Eltern es hören konnten, aber im Großen und Ganzen war man froh, dass dem Mädchen nichts geschehen war und nach wenigen Minuten löste sich die Masse um das Geschehen herum auf.

    Die Eltern rubbelten dem Kind über den Rücken und versuchten alles, damit es sich beruhigte. Allmählich kamen keine Tränen mehr und Anya entschuldigte sich kleinlaut.

    „Was hast du dir dabei gedacht?“ Loids Stimme war strenger als er es von sich selbst erwartet hatte. Dieses Mal ging es nicht um die Mission, oder dass er diese Familie zum Schein aufrechterhalten musste. Für einen Augenblick hatte er gedacht, dass Anya durch die Stäbe greifen würde und seine Sorge hatte nur ihrem Wohl gegolten. Ohne Hintergedanken, nur ihrer eigenen Sicherheit wegen.

    „Ich…“ Beinahe wären wieder Tränen geflossen. „Ich wollte sie trösten, weil sie eingesperrt sind.“

    „Das sind gefährliche Tiere, Anya!“

    „Ich weiß.“ Noch kleinlauter diesmal.

    „Verstehst du das!?“

    „Ja.“ Kaum zu hören. Dann wusste sie nicht mehr, was sie zu ihrer Verteidigung sagen sollte, oder wie sie es wieder gutmachen könnte.

    Versöhnlich nahm er sie auf den Arm. „Hauptsache dir ist nicht passiert. Mach sowas bitte niemals wieder.“

    Ein Nicken und dann vergrub Anya ihr Gesicht im Anzugkragen ihres Vaters, um zu verbergen, dass ihr abermals die Tränen kamen. Der Schrecken saß noch tief in ihren Knochen.

    „Ja, das ist doch das Wichtigste. Und Bond, du bist ein sehr guter Hund“, lobte Yor, nachdem die Anspannung von ihren allen Schultern gefallen war, schließlich. „Ich würde ihm unser Mädchen immer anvertrauen. Es ist fast so, als könnte er bereits ahnen, was geschieht.“


    Zur Schlafenszeit legten die Eltern nach einem normalen Familienausflug ihre Tochter mit einem neuen Teddybären und ihrem flauschigen Hund, der gut über das Mädchen wachte, ins Bett und waren heilfroh, dass heute wieder einmal nicht so viel Ungewöhnliches geschehen war.

  • So, das ist nun die zweite Kurzgeschichte, die ich für das Animexxwichteln geschrieben hatte.

    Mein Wichtelkind hat angegeben Armin besonders gerne zu mögen, also hab ich mich an einer Armin-centric Kurzgeschichte gewagt.

    Zuerst waren dies zwei eigenständige Kurzgeschichten, aber beim Korrigieren ist mir aufgefallen, dass ich sie beide zusammenfügen und das Ende der Zweiten behalten möchte, da sie thematisch zusammenpassten.



    SPOILER

    für das Ende der Staffel 3/2 und das Ende des Manga. Ich werde den letzten Absatz, der zum Manga spoilered auch dementsprechend in einen Spoilertag setzen.



    Die andere Kurzgeschichte ist ein süßer Spy x Family-Familienfluff, weil das hier nicht so fluffig ausfallen wird. Könnte am Fandom liegen haha (obwohl ich durchaus noch vorhabe in Zukunft auch ruhigere Geschichten für das Attack on Titan-Fandom zu schreiben)


    Man wird es im Text sehr bald erkennen, aber als Orientierungspunkt: Die KG umfasst eine Mission nach dem zweiten Teil der dritten Staffel, und konzentriert sich auf Armin und seine Selbstzweifel und den Survivor Guilt, der hier hinzukam.

    Ich hoffe, ich hab ihn gut getroffen. Da sie Armin als Erstes in deiner Lieblingscharakterliste angeführt hat und ich ihn auch sehr gerne mag, hat mir die Geschichte auch großen Spaß gemacht.


    Mit Horror hab ich leider noch keine Erfahrungen, obwohl es mein Lieblingsgenre ist, aber ich übe und würde ansonsten die Actionszenen eben mehr als Action bezeichnen.


    Zum Ende: Auf das Ende bin ich gekommen, weil Armin nach allem Anschein nach der Erzähler des Manga / Anime ist, also hat das für mich Sinn gemacht. ^^




    Um endlich von Nutzen zu sein

    (Und wann wir falschlagen)






    Fandom: Attack on Titan

    Genres: Gen, Drama, Action, Dark Fantasy (P16!)

    Themen: Charakterstudie (Armin), Survivor Guilt, geringes Selbstbewusstsein, (zerbrechende) Freundschaften, Krieg

    Wortananzahl: 6.083

    Entstehungsjahr: 2022




    Die Pferde scheuten. Etwas war falsch hier. Sie scheuten selten, nicht in Schlachten, nicht wenn sie um sie ihr Leben liefen, während ein groteskes Monster ihnen folgte. Normalität für alle, für Mensch und Pferd. Armins Pferd scharte im Waldboden und warf den Kopf zur Seite und damit verstummte auch jedes Wort, das dem Trupp im Hals stecken blieb. Keiner wollte derjenige sein, der den Standort seines Trupps verriet, obwohl er ohnehin schon gesehen werden musste.

    Dort war mit bloßem Auge nichts zu sehen, bloß gigantische Bäume, die einen freien Blick auf jedmögliche Gefahr verbargen, die sich dahinter befinden könnte. Mit Sicherheit befand. Die Hölle würde in Kürze über den Trupp hereinbrechen. Armin kannte das bereits. Die bereits allen bekannte Hölle, die so gut wie jedes Mal Leben gekostet hatte. Sie würde bald zu Ende sein. Im besten Falle war dies ihre letzte Mission, in der sie die übriggebliebenen Titanen jagten. Danach könnte die Insel endlich aufblühen, würden sich nicht all jene Probleme in Übersee ankündigen.

    Hange und deren Forschungseinheit, oder was von dieser übrig geblieben war, musste man leider einräumen, hatten versucht ein Gegenmittel zu dem Titanenserum zu extrahieren. Da man nun wusste, dass jeder von ihnen eigentlich ein unschuldiger Mensch gewesen war, war es falsch geworden sie als Monster zu behandeln und zu jagen, aber die Forschung hatte noch keine Ergebnisse eingebracht und die Bevölkerung drängte dazu, dass sie endlich von ihren Fesseln und ihren Mauer befreit wurde.

    Nach dem Massaker in Shiganshina war der Aufklärungstrupp geschrumpft wie noch nie zuvor und damit das Vertrauen der Menschen, auch der eigenen Soldaten, in sie. So standen sie nun hier, an der Spitze mit Captain Levi und Kommandant Hange, mit Eren, Armin, Mikasa, Sasha, Jean, Connie, Floch und zehn weiteren Soldaten, die sich dazu bereiterklärten die Mission zu begleiten. Diese waren hauptsächlich für die Versorgung des Trupps und die Karren verantwortlich.

    Weiterhin herrschte Stille, bis auf die Geräusche des Waldes, die zu ihnen durchdrangen. Die Tierwelt des Waldes ging weiterhin ihrem Tag nach, gab Töne von sich, und der Wind rauschte und brachte eine kühle, nasse Brise des nahegelegenen Ozeans mit sich, als wären in diesen Wäldern niemals Blutbäder geschehen. Im Dickicht raschelte es. Das Geräusch war zu leichtfüßig, um von einem Titanen zu stammen. Es erschienen ein Geweih und ein Augenpaar, dann noch zwei Weitere. Sie beobachteten die Menschen auf der Lichtung neugierig, empfanden sie nicht als Bedrohung wandten sich wieder ab. Außerhalb der Mauern gab es sehr viel Wild, das gelernt hatte, dass die Titanen keine Gefahr für es darstellte, und in der bestmöglichen Zukunft wäre Sasha bald in der Lage auf die Jagd zu gehen und die Fülle des Waldes zu genießen.

    Sasha ergriff als Erstes das Wort, wagte es aber nicht sich in langen Ausschweifungen zu verlieren, sondern hielt sich kurz. „Das Wild hält sich gerne in der Nähe von Titanennestern auf.“

    „Raubtiere wagen sich dann nicht an es heran“, schloss Armin. Den meisten war dies nicht aufgefallen. Armin nicht, obwohl er von sich glaubte, er hätte eine scharfe Beobachtungsgabe und Hange hatte sich wohl ebenso nie genügend auf das Verhalten von Wildtieren bei deren Forschungen und Beobachtungen konzentriert. Dey bedankte sich bei Sasha und lobte sie.

    „Ich … kenn mich nur in Wäldern gut aus“, erwiderte sie etwas verlegen. Sonst lobte man Sasha für ihre Treffsicherheit mit Pfeil und Bogen, meist nicht für ihren Verstand oder ihr Wissen, fiel ihm auf. „Mein Vater hat mir das einmal erklärt. Ich hab auch seit langem nicht so viele Tiere gesehen.“

    „Dann haben wir noch mehr Grund aufmerksam zu sein.“ Hanges Stimme klang freundlich, aber darin lag ein Befehl wieder still zu sein und zu lauschen was weiterhin geschehen würde.

    Um deren Hals lag nun jenes Bolo Tie, das in einem Medaillon aus einem dunkelgrün glänzenden Jadestein endete und man traditionsgemäß jedem neuen Kommandanten des Aufklärungstrupps zur Ernennung überreichte. Das Medaillon erinnerte Armin jedes Mal schmerzlich an den Tod von Kommandant Erwin und dass dey und Captain Levi wohl lieber ihn an ihrer Seite und an der Seite des Trupps wüssten. Er beobachtete aus dem Stillen heraus, wie sich Hange verändert hatte, viel weniger lachte, sich für weniger begeisterte und deren alte Persona nur noch manchmal durchschien, - es lag bei weitem nicht bloß an deren verlorenem Auge -, und er analysierte, wie Levi stets versuchte wie gewöhnlich eine Distanz zu allen zu wahren und sich nie etwas anmerken zu lassen. Er ritt mit Hange ständig ein paar wenige Fuß voraus und Armin überkam genauso ständig der beißende Gedanke, dass beide bloß mit ihm interagierten, wenn sie dazu gezwungen waren. Oder vielleicht spielte ihm sein schlechtes Gewissen einen üblen Streich, vielleicht war ein wenig paranoid geworden und sah Feindseligkeiten, wo nie welche gewesen waren. Sie hatten ihm nie Vorwürfe gemacht. Natürlich hatten sie es nicht. Solch ein Verhalten wäre beiden nicht würdig, doch er konnte den Gedanken nicht abschütteln.

    Konzentration, sagte er sich und tat sein Bestes, um diese aufrechtzuerhalten. Der Trupp sah den Hirschen zu, wie sie unter dem Schutz des Waldes verschwanden und die Menschen wieder alleine auf der Lichtung zurückließen.

    Ihre Pferde standen weit genug von der Mauer des aufbäumenden Waldes entfernt, sodass man nicht Opfer eines Überraschungsangriffs von den Seiten her wurde. Sie standen gleichzeitig nahe genug, sodass der Waldesrand rasch zu erreichen war und die riesenhaften Bäume als Objekte für die 3D-Manöver herhalten konnten. An der anderen Seite endete der Wald in dem unendlichen Meer, das Armin vor wenigen Tagen erst gesehen hatte und dessen Anblick er nicht vergessen konnte.

    Zum Ozean hin lichtete sich der Wald und dort befanden sich wohl weitere Ansammlungen von Titanen. Dorthin brachten „die von außerhalb“ die Menschen an, denen sie das Serum injizierten. Auch wenn Armin das Weshalb und die Motivation hinter solch einem Verbrechen noch nicht vollends verstand, es ging erstmal um die Mission an sich und es war logisch, dass sich dort die meisten von ihnen befanden, dass einige von ihnen in der Nähe ihrer Verwandlungsstelle bleiben würden, weil sie keine Orientierung und kein Ziel besaßen.

    Als sie vor wenigen Tagen den Ozean erreicht hatten, hatten sie ebenfalls mit diesem Problem zu kämpfen, doch glücklicherweise keine Toten zu beklagen, gehabt.


    Und nach all der Stille, die bloß von den Brisen des Meeres, Vogelgezwitscher und Rascheln in den Blättern und einem kurzen Gespräch über Wild durchbrochen worden war, brach nun tatsächlich die altbekannte Hölle los. Zuerst war ein Stampfen zu hören. Nein nicht eines, mehrere. Zuerst kamen sie aus einer Richtung, dann ebenfalls aus mehreren und als sie näherkamen, erzitterte der Erdboden unter den Hufen ihrer Pferde. „Bereithalten“, befahl der Captain in einem harschen Tonfall und sie hielten sich bereits instinktiv mit gezückten Klingen bereit. „Und mir stirbt keiner mehr weg. Verstanden?“

    Aus ihren Kehlen erklang eine einstimmige Zustimmung in der üblichen, militärischen Tonlage, die verriet, dass man den Befehl entgegengenommen hatte.

    „Wir bleiben nicht auf der Lichtung“, rief Hange in den Trupp hinein.

    Erneut eine einkehlige Zustimmung.

    Hange nahm die Zügel straff, befahl einen der Karren weit abseits der anderen abzustellen, und daraufhin galoppierte der Trupp auf den Teil des Waldesrandes zu, aus denen noch keine Wellen der Erschütterungen zu ihnen durchdrangen. Auf der Lichtung waren sie eventuell nicht schutzlos ausgeliefert, doch in einem Nachteil, sodass die Sicherheit in den Bäumen vorzuziehen war. Das kannten sie alle bereits. Kaum war man dem Waldesrand nahe genug, stieg man auf das 3D-Manöver um und schwang sich mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung auf eine höhere Ebene hinauf, ließ die Pferde und die Versorgungswägen stehen, da sie ohnehin nicht zum Ziel eines Titanenangriffs werden würden und brachte sich in eine vorteilhafte Position.

    Armin landete neben Mikasa und Eren und sah sich um, um die Positionen der anderen einzuschätzen, während der Waldboden immer noch bebte und dann das Stampfen und Schreien der Titanen allmählich verklang. Nun waren sie unter ihnen und lechzten nach den Menschen. Das Kratzen war beinahe rhythmisch und die erstickten Laute, als wollten sie sprechen, konnten jedoch nicht, klangen durch den Wald.

    Armin schenkte ihnen noch keine Beachtung und durchdachte ihre aller Situation. Weshalb hatte Hange einen der Wagen abseits der anderen abstellen lassen. War dies der Wagen mit den Donnerspeeren?

    Sie befanden sich in einem Dreieck zueinander. Jean, Connie und Sasha waren nur wenige Reihen entfernt in einer Diagonale zu ihnen, und der Captain und der Kommandant hatten sich etwas weiter entfernt, waren jedoch noch gut in Sichtweite. Sie wollten sicherlich eine Vorhut bilden, um die ersten, ankommenden Titanen von vorne abzufangen.

    Armin äußerte seine Vermutungen.

    „Vermutlich.“ Eren versuchte gar nicht erst zurückzulächeln. Früher hätte er wenigstens versucht seine Aufmunterung wertzuschätzen.

    Es war der falsche Zeitpunkt, um zu hinterfragen weshalb Eren so abweisend war. „Später“, setzte Armin erneut vorsichtig an. „wenn wir zurück sind, dann hab ich einige Fragen an dich.“ Die Szene am Strand spulte sich in den letzten Tagen viel zu häufig in Armins Kopf ab. Irgendetwas ging in Eren vor, das er verstehen wollte.

    Erens Augen waren müde und er sah ihn nur widerwillig an. „Ja, soll mir recht sein.“

    Und plötzlich begann er dieses Gespräch.

    „Wenn man daran denkt, dass sie alle einmal zu uns gehörten“, sagte Eren hasserfüllt, als er auf einen der Kreaturen hinabsah, die am Stamm kratzte, die ihn zu schütteln beginnen wollte, die so hässlich und grotesk hervorquellende Augen hatte. Doch seitdem Armin die Wahrheit kannte, war der Ekel mehr Mitgefühl gewichen. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass er tatsächlich etwas gesagt hatte. Er war auf eine seltsame Weise schweigsam und in sich zurückgekehrt geworden und weder Armin noch Mikasa drangen zu ihm hindurch. Daher war jede andere Person bei ihm ohnehin auf verlorenen Posten.

    „Ich weiß.“ Armin nahm seinen zitternden Arm, wie er schon einige Male getan hatte, bis das Zittern aufhörte. Vor wenigen Tagen hatten sie das erste Mal den Ozean gesehen und für einige Minuten hatte Armin eine Leichtigkeit und so viel Glück empfunden, wie er es seit sehr langem nicht mehr gekannt hatte. Doch in Eren hatte sich an dem Tag etwas verändert und es war etwas Neues in ihm aufgekeimt, das Armin Sorge bereitete. Mehr als die Hasstriaden gegen Titanen zuvor, die von Zorn und einem Wutausbruch begleitet gewesen waren. All sein Hass hatte eine gewisse Kälte angenommen, die er nicht kannte. „Du weißt auch, dass wir kein Antiserum gefunden haben. Wir werden uns um all die anderen Probleme kümmern, wenn wir zurück sind und wir werden Lösungen finden.“

    „Haben sie sich um das Antiserum überhaupt bemüht. Wirklich bemüht.“ Er lachte freudlos auf.

    „Ja, das haben wir, aber uns fehlt die Zeit und uns fehlen die Möglichkeiten. Wir sprechen später ausgiebig und ruhig darüber, wenn wir zurück sind“, schlug Armin vor und erhielt keine Antwort und keinerlei Reaktion.

    Eine seltsame Beklemmung machte sich in ihm breit und so beobachtete er lieber das Szenario um ihn herum.

    Die anderen Soldaten rund um Floch hatten sich etwas weiter entfernt abgesetzt und niemand rügte sie dafür. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen. Nach alledem, was in Shiganshina geschehen war, hatten sie sich von Beginn an bloß dazu bereiterklärt den Aufklärungstrupp zu begleiten, um logistische Aufgaben zu übernehmen und die Pferde, die die Versorgungswägen zogen, zu führen. Sie hatten das Vertrauen in sie verloren, wollten dennoch noch ihren Teil zum Beenden der jahrzehntelangen Qualen beitragen, durch jene die Menschheit, - die ihnen bekannte Menschheit -, gegangen war.

    Hange und Levi unterhielten sich, nur für wenige Sätze. Das sah Armin, doch er hörte nichts. Mit einer Handbewegung befahl man Mikasa und Jean die Plätze zu tauschen. Erst dachte Armin, es ginge bloß um ihre Kampfkraft. Nein, kam es ihm, sie taten es, weil sich Mikasa verändert hatte, nachdem Eren sich ebenso auf diese seltsame Weise verändert hatte. Sie war in den letzten Tagen ihm gegenüber noch gluckenhafter geworden, beobachtete, dass er wenig aß und seine Umgebung wenig wahrnehmen, und würde vielleicht wieder unüberlegt handeln, sollte sie den Anflug von einer Gefahr erkennen. Sie sah ihre beiden Freunde an, verließ sie nie gerne und erst recht wollte sie Eren nicht zurücklassen, doch sie folgte ihrem Befehl. Eren wollte ihr nach, doch der Captain hob stoppend die Handfläche und so folgte auch er widerwillig. „Eren, sie kommt schon alleine zurecht“, sagte Armin beruhigend.

    Erneut Stille.

    „Jean.“ Armin kam ihm mit einem Schritt entgegen, als er neben ihm landete. Seine Anwesenheit beruhigte ihn ein wenig. Mit ihm lag er gewissermaßen auf einer ähnlichen Wellenlänge. Jean war auch einer jener Personen, bei denen er sich beinahe sicher war, dass er ihn nicht insgeheim verabscheuen könnte; der in gewisser Weise Armin respektierte und sogar mochte.

    „Wie viele sind es, denkt ihr?“ Jean kam neben Armin in eine hockende Position, sowie er immer Armins Seite bevorzugte, wenn er die Wahl hatte, ob er eher mit ihm oder Eren interagierte.

    „Wir dachten letztens noch, das Gröbste sei bereits hinter uns und dann entdecken wir immer wieder welche. Ich glaube, sie sind auch nicht einig.“ Armin deutete mit einem Seitenblick zu dem Kommandanten und dem Captain.

    Als der Trupp noch im Quartier gewesen war, hatte man noch darüber diskutiert, ob man Fallen und Netze mit sich führen sollte, doch ohne dem Wissen darüber, wo und wie viele „Titanennester“ sich noch auf der Insel befanden, war man besser ohne Fallen dran, die wertvolle Zeit und Soldaten, die daran arbeiteten, benötigte, um sie auszulegen. Man war besser dran, wenn man spontan handeln und planen konnte, und deswegen führte sie bloß eine eher geringe Anzahl von Donnerspeeren neben Nahrung, Verband, Klingen und Antriebsgas mit sich. Eine zu große Anzahl an Donnerspeeren mit sich zu führen war gefährlich und hätte zu einem Unfall führen können und zudem sei ihre Produktion aufwändig, hatte Hange begründet und Armin sah das ein.


    Dann kam der erste Befehl und er galt Mikasa. Ihrer kleinen Gruppe, bestehend aus ihr, Sasha und Connie, zu Füßen kratzte eine überschaubare Anhäufung an Titanen, vier vielleicht auch fünf oder sechs, die sich ein wenig abseits befanden, an den Bäumen und doch erreichten sie ihre Beute nicht. Armin nahm das groteske Aussehen von ihnen gar nicht mehr wahr. Die Gruppe saß an einer Seitenflanke, an der nicht so rasch weitere Titanen dazustießen würden, und deswegen hielten Levi und Hange es für sinnvoll, wenn sie sich um diese kümmerten.

    Mikasa warf ihren Kopf zurück und rief ihren Freunden etwas zu. Es hatte den Anschein, als wollte sie, dass sich Sasha und Connie bloß um einen Kleineren kümmerten, während sie durch die Lüfte flog und ihre Klingen mit jedem Mal präziser herabschwingen ließ. Sie kämpfte anders als andere und es sah faszinierend, wie auch unheimlich aus. Levi war der Einzige, bei dem man denselben Eindruck gewinnen konnte. Es war etwas anders an ihnen, dieses Ackermann-Blut, das sich ebenso wie vieles andere dem Verständnis der Welt von ihnen allen entzog.

    Diese hünenhaften Hände versuchten sie zu greifen und sie wich ihnen mit Leichtigkeit aus, schnitt sie in einem einzigen, sauberen Schnitt ab, stieß sich von einem Baum ab und stürmte dann vor. Schreien lag in der Luft und dann der gewohnte Dunst, der von den Körpern der Titanen aufstieg und dem rasch verdampfenden Blut von Mikasas Kleidung und Gesicht.


    Nun kamen einige hinzu, die sich zuvor um die anderen Bäume geschart hatten und nun von diesen lösten, da sie ein mögliches Opfer witterten, und stürmten auf Mikasa los. Sie war ein Lockvogel, verstand Armin und setzte sich zusammen mit seinen Kameraden in Bewegung. Mikasa vertraute darauf, dass ihr rechtzeitig zu Hilfe geeilt wurde und so stand sie am Boden und wartete bis einer nach dem anderen zu ihren Füßen fiel, da sie den anderen Gruppen den Rücken zugekehrt hatten. Diese Mission verlief bisher großartig, stellte er fest, sah zurück und bemerkte, dass sich Eren mit dem Töten zurückhielt und wieder eine seiner Klingen halb in der Aufbewahrung verschwinden ließ.

    Als sie alle auf dem nächsten Baum zusammenfanden, löste sich der Captain nochmals von ihnen, um sich alleine um eine kleine Gruppe, die hinter den Bäumen hervorspähte und ihnen schließlich entgegenschrie, zu kümmern. Es ging beinahe lautlos vonstatten und ohne jegliche Probleme, wäre da nicht das dumpfe Aufschlagen der Körper auf dem Waldboden gewesen; das war beinahe unheimlich. So unheimlich und leichtfertig, wie es bei Mikasa gewesen war.

    „Der Captain und ich haben entschlossen, dass sich Armin verwandeln wird. Wenn du einverstanden bist“, begann Hange ihre Ausführung schließlich und Armin war ebenso erschrocken wie auch … fasziniert? Eingenommen? Die Idee, dass man darüber diskutierte auf welche Weise er ihnen nützlich sein konnte und wie seine Fähigkeit, von der er dachte, sie könnte nur alles Leben um ihn herum in Gefahr bringen, nahm ihn ein. „Wenn ich mich verwandle…“

    „Wird alles in deinem Umkreis in einer Feuerwalze aufgehen. Ich weiß das.“ Deren Stimme hatte diesen bestimmten Unterton und mit einem Blick auf deren Augenklappe, konnte er gut erahnen, was dieser Unterton zu bedeuten hatte. Selbst wenn es nicht mit Absicht geschehen war, aber Armin hörte das und konnte wieder einmal nur in seiner Schuld aufgehen. Er hatte die Situation falsch eingeschätzt, er hätte Berthold damals nicht in ein Gespräch verwickeln dürfen. Doch er schob das beiseite und hörte sich an, wie er nun nützlich sein konnte. „In Strandnähe hatten wir noch das letzte, große Nest entdeckt und wir möchten, dass du sie von deinen Kameraden wegführst und dich in sicherer Entfernung verwandelst. Du wirst natürlich Hilfe erhalten bis dorthin zu gelangen und dann einen Moment abwarten müssen, bis sich all deine Kameraden in Sicherheit befinden. Meinst du, du kannst das?“

    Armin wusste nicht, was er erwidern sollte. Er hatte sich noch nie bewusst verwandelt und er hatte keine Gelegenheit gehabt dies zu trainieren. Nirgendwo gab es eine für eine Explosion, die halbe Dörfer ausradierte, die Gelegenheit sich auszuprobieren.

    „Ich weiß nicht. Denkst du, ich könnte es?“

    „Ich wüsste nicht, weshalb du es nicht können solltest. Du bist doch ein intelligenter, junger Mann und du wirst dich sehr schnell mit dieser Fähigkeit arrangieren. Du weißt um die Funktionsmechanismen schon Bescheid, weil Eren all das Training hinter sich gebracht hat und wir haben zusammen so viel über sie herausfinden können. Du hattest bisher bloß keine Gelegenheit dazu deine Fähigkeiten zu erproben und einzusetzen. Aber du bist nicht unwissend.“ Hange drückte seine Schulter und erklärte die Formation, die Armin bis zum Meer begleiten würde. „Du brichst sofort ab, wenn du es dir nicht zutraust und Hilfe benötigst. Dann werden wir die Mission auf herkömmliche Weise ausführen, oder einen ähnlichen Plan mit den Donnerspeeren ausführen.“

    Eventuell war das nur ein bisschen Nettigkeit, die ihm entgegengebracht wurde, aber eventuell bereute es doch nicht ein jeder außer Eren und Mikasa, und vielleicht Jean, dass er noch am Leben war. Wieso sollte dey ihm sonst diesen Plan vorschlagen?

    „Du traust dir es zu?" Levi kam zurück und musterte ihn auf diese einschüchternde Weise, die ihn wieder klein fühlen ließ, obwohl Armin nie glaubte, dass dies seine Absicht war. Früher hatte er das nicht angenommen, doch nun überkam ihn wieder etwas Paranoia.

    „Du musst die Entscheidung für dich selbst treffen. Ich muss wissen, ob du mein Team gefährdest und sie pulverisiert oder zu Titanenfressen werden.“

    „Ein Nein wäre in Ordnung?“

    „Ich will eine ehrliche Einschätzung. Ob du dir dabei in die Hose scheißt, ist mir egal, solang du und der Rest meines Teams die Mission überleben. Wir hätten noch andere Möglichkeiten.“

    „Kommandant Erwin hätte dem ohne zu zögern zugestimmt und es besser erledigt als ich es könnte.“

    „Ich frag mich auch jeden Tag, was er in dieser oder jener Situation getan hätte.“

    Überrascht blickte er wieder zu Hange auf. Diese Ehrlichkeit gab ihm Mut und Gewissheit. Sie beide hassten ihn nicht, und die meisten anderen hassten ihn nicht dafür, dass er überlebt hatte.

    „Er hätte dich auch in diese Gefahr gebracht. Ich bin mir nichtmal sicher, ob ich dir das zumuten möchte, aber ich denke, dass ich es dir zumuten kann. Wenn du es für machbar hältst.“

    Und Eren sagte das erste Mal an diesem Tag etwas, das nicht bloß eine abweisende Antwort war. „Du hast mich auch immer unterstützt, als ich dachte, ich könnte nicht mehr oder würde es nicht schaffen. Bei jeder Verwandlung in den Titanwandler, die nicht funktionierte. Wieso sollte ich es können und du nicht.“

    „Danke“, erwiderte Armin berührt und spürte gleichzeitig einen beklemmenden Druck in seinem Magen, als würde ihn einer der damaligen Schlägerjungen die Faust hineinschlagen. Jean und die anderen seiner Freunde versuchten ihn noch aufzumuntern. Armin hörte nur die Hälfte, bis auf die strategischen Kleinigkeiten, die ihm wichtig sein könnten. „Ich hab große Angst davor, dass etwas schiefläuft, oder wie sich die Verwandlung anfühlt, weißt du. Ich war beim ersten Mal nicht bei Bewusstsein.“

    Eren sah ihn ein jedes Mal perplex an, wenn er dies so offen zugab. Es gab für ihn keinen Grund es nicht zuzugeben.

    „Ich hasse es, dass wir sie töten müssen.“

    „Mir gefällt es auch nicht.“ Erens Gedanken drehten sich doch so häufig um Freiheit. „Wir befreien sie von ihrem eigenen Leid, wenn wir sie nicht als Menschen zurückholen können.“ Und dieses Argument schien in Eren etwas zu bewirken. Armin wusste nicht, ob er selbst so recht daran glaubte, oder ob es grundlegend menschlich falsch war, was er da sagte.

    „Das tun wir“, bestätigte sein Kindheitsfreund schließlich und das erste Mal in Tagen schien Leben in ihn zurückgekehrt zu sein. Dies hatte Armin bewirken wollen. „Ich bin mir sicher, dass du es können wirst. Selbst wenn ich es unbedingt wollte, manchmal war da etwas in mir, das mich nicht ließ. Du bist nicht so, und du bist die mutigste Person, die ich kenne.“

    Das hatte er ihn bereits einmal gesagt und es kam ihm seltsam unecht vor. Wer, der bei Sinnen war, würde Armin als mutig beschreiben.


    Sie beeilten sich um zum Ozean vorzustoßen und die Mission hinter sich zu bringen, denn auch wenn das Gas in ihren Behältern noch gut gefüllt war, wollten sie sich etwas für den Rückweg aufheben. Das war sicherer so. Und Armin wollte diese Verwandlung hinter sich bringen. Wie geplant folgte ihnen die restliche Horde und im Vergleich zu den kleinen Gruppen zuvor, splittete sie sich nicht auf und erschien riesig. Der Vorschlag des Kommandanten und des Captains war vermutlich die effektivste Lösung, um diese Mission zu bewältigen und dann für immer diese Angst und diese Kämpfe darum, nicht von einem Monster verschlungen zu werden, beiseitelegen zu können. Im besten Falle würden sie nie wieder gegen Titanen kämpfen.

    Armins Kameraden bildeten einen Schutzring um ihn, um ihn gegen die ausgestreckten Hände und Mäuler abzuschirmen, und schickten ihn dann vor, um Abstand zwischen ihm und sich hinter zu bringen. Der Captain schnitt ein Paar Hände mit einem sauberen Schnitt ab, das auf den Trupp zukam. Er fiel mit diesem Titanen zurück und kümmerte sich selbst um ihn. Dasselbe Schauspiel wie immer. Eine von der Ferne kleine Gestalt, die sich durch die Luft schwang, und mit fast chirurgischer Präzesion das Fleisch im Nacken durchschnitt.

    Und diese Beklemmung kehrte mit einem schweren Druck in seinen Magen zurück. Plötzlich wurde Armin bewusst, dass er alleine sein würde, selbst wenn es bloß für einige Momente war. Keine Mikasa, kein Captain, keine anderen Freunde, die ihn schützen würden. Just in dem Momenet fielen seine Kameraden zurück und zerstreuten sich aus dem Trupp, einer nach dem anderen.

    Selbstverständlich taten sie dies.

    Selbstverständlich hätte Armin nie gewollt, dass einer von ihnen unter eine Feuerwalze gefangen geworden wäre.

    Selbstverständlich war er nun alleine. Er verließ den Waldesrand und er musste sich nicht umsehen. Hinter ihm kam eine tosende Horde her, da er eine Kanone in die Luft abfeuerte um all ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, und er hörte seinen eigenen Schrei aus tiefster Kehle. Kaum hatten seine Füße Sand erreicht, stieß er sich nochmals mit einem Gasausstoß ab, um Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern zu bringen. Rasch brach er die Spitze seiner Klinge ab und umfasste sie mit festem Griff. Es floss Blut in den Ozean und doch spürte er keine Energiewelle in sich aufsteigen, oder was ein Titanwandler auch immer kurz vor einer Verwandlung spüren sollte.

    Selbstverständlich lief nicht alles nach Plan. Armin geriet in Panik, versuchte sich aber noch nach bestem Wissen zu fassen. Er stolperte ins Meer und schrie nochmals auf. Für einen Moment dachte er, Titanen könnten eventuell nicht schwimmen oder wären wasserscheu. Nichts davon war der Fall. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Und sie wateten, stolperten in die Wassermassen und dann schwammen sie für ein paar Längen. Armin konnte diesen grotesken Anblick kaum begreifen, bemühte sich aber immer noch verzweifelt darum seinen Abstand zu vergrößern. Armin sah eine gierige Hand auf ihn zukommen, die größer war als er selbst und ihn zu diesen gierigen Mündern führen wollte. Verwandeln… wie funktionierte das? Durfte er bereits? In welchem Abstand befanden sich die anderen zu ihm?

    „Kommt mir nicht nach!“ Das fürchterlichste Szenario, das er sich vorstellen konnte, war jenes, indem seine Kameraden zögerten, weil er sich nicht verwandeln konnte. Dann funktionierte es doch. Urplötzlich. Und sie wurden alle erfasst. „Kommt mir nicht nach!“, schrie er so laut es seine Lungen und Stimmbänder zuließen.

    Es war eine seltsame Art von Beruhigung, als ihm niemand zu Hilfe kam. Er wusste, dass irgendwo in der Ferne die Blicke aller auf ihm lagen, und sie diskutierten, ob die Mission abgebrochen werden müsste. Was hatte der Kommandant gesagt? Armin versucht sich fieberhaft zu erinnern. Er könnte abbrechen, er konnte Hilfe verlangen und müsste keine Verwandlung durchführen. Sollte er…?

    Aus der Ferne hörte er Eren nach ihm schreien. Dann glaubte er seine anderen Freunde zu hören. Mit Bestimmtheit hörte er Mikasa, Jean und Hange heraus.

    Die Riesenhand hatte ihn beinahe erreicht. Was sollte er tun? Konnte er das? Hatte er den Mumm dazu? Eren meinte, er hatte es und dass er ihn für mutig hielt, das verlieh ihm diese innere Ruhe und Sicherheit. Er ließ sich von dem Ungetüm greifen und in dessen Hand gleiten und schrie nochmal aus voller Kehle, dass er keine Hilfe bräuchte. Er sah in diesen Schlund und spürte, wie sein Unterarm zusammengedrückt wurde, wie etwas darin brach und das löste in ihm diese unglaublichen Wellen von Energie aus, die ihm mit Selbstsicherheit erfüllten. Nur um sicher zu gehen, ließ er das Klingenstück nochmals auf seine Hand hinunterschnellen und dann schleuderte eine Druckwelle, die dicht gefolgt wurde von einer Feuerwalze, alles von ihm. Armin spürte, wie das Wasser um ihn verdampfte und Wasser in einer kreisrunden Welle von ihm geschleudert wurde. Titanschreie erklangen. Glücklicherweise keine Menschenschreie seiner Kameraden. Und dann glitt er in wenigen Sekunden in einen Schlaf über, da diese eine Verwandlung alle Energie aus seinen ungeübten Körper gesaugt hatte.


    „Ich war wieder nützlich“, sagte Armin schließlich, als er auf der Ladefläche des Karren erwachte und seinen, von Eren hastig und amateurhaft eingebundenen, Arm anstarrte und ihn eine seltsame Zufriedenheit überkam. Unter diesen Verbänden und der Haut und den Muskeln konnte er erahnen, wie der Knochen darunter aussehen mochte. Er konnte es fühlen und es schmerzte. Und wie es schmerzte. Aber er war allen nützlich gewesen. „Ihr seid alle unversehrt?“

    „Natürlich, sehr gut gemacht.“ Eren lächelte sogar. Es war flüchtig, aber er tat es.

    „Ist er wach?“, rief Hange und manövrierte deren Pferd zu dem Karren hinüber. „Sehr gut gemacht. Zwischenzeitlich hatten wir Sorge um dich, aber ich wusste es. Und es sah umwerfend aus!“

    Umwerfend war vielleicht nicht das Wort, das er benutzen wollte. Armin setzte sich vorsichtig auf und sah sich um. Neben ihnen lagen seltsame Tiere, Fische, die anders aussahen, als jene aus den Flüssen, die sich über die Insel schlängelten. Einen solchen hatte er noch nie gesehen. Ein länglicher Fisch mit gräulichen Schuppen, bestimmt eineinhalb Meter lang, einer spitzen Schnauze und einem Maul voller spitzer, fast dreieckiger Zähne. „Sag nicht, dass…“

    „Die wurden nach der Explosion angespült“, erklärte der Kommandant und drang sich zu einem Lachen durch, das beinahe so wie früher klang. „Die Fische, die nicht in direkter Nähe pulverisiert wurde, und Sasha hatte darauf bestand diese als Abendessen mitzunehmen. Eigentlich sieht der hier zu interessant aus, um ihn zu essen. Man könnte den, oder diese, bestimmt sezieren.“

    „Die sind Abendessen!“, bestand Sasha von weiter hinten auf ihren Fang.

    „Sasha, das ist fragwürdig“, rief er zurück.

    „Nein, das ist ein Fisch.“

    Armin war so froh ihre Stimme zu hören, ihrer aller Stimmen, und ihre kleinen Exzentriken mitzuerleben und wusste nicht, ob das Lachen oder die Tränen zuerst kamen. „Ich war nützlich“, wiederholte er abermals Eren gegenüber.

    „Das lief besser, als meine ersten Verwandlungen.“

    Hange nickte ihm nochmals zu und ritt dann wieder vor, um zum Captain aufzuschließen.

    Nachdem Armin ins Leben zurückgeholt worden war und nicht der vorige Kommandant Erwin, hatte er stets nach dem Wieso gefragt. Warum ich. Warum nicht der Kommandant, der mehr Lebenserfahrung und auf dem Schlachtfeld mehr Erfahrung hatte, der einfach … mehr Wert war als Armin es je sein könnte. Laut Augenzeugen hatte der vorige Kommandant die Injektion von sich geschlagen und jeden Lebenswillen verloren gehabt.

    Aber er war wieder nützlich gewesen und es war, als wäre ein Teil der Schuld von ihm abgefallen. Es fühlte sich nicht richtig an zufrieden zu lächeln, während er seine Verletzung ansah und sich zu freuen, dass er einen Beweis dafür hatte. Zumindest für eine kurze Zeit. In wenigen Stunden würde der Bruch ohnehin ausgeheilt sein.


    Aber er war wieder nützlich gewesen und es war, als wäre ein Teil der Schuld von ihm abgefallen. Es fühlte sich nicht richtig an zufrieden zu lächeln, während er seine Verletzung ansah und sich zu freuen, dass er einen Beweis dafür hatte. Zumindest für eine kurze Zeit. In wenigen Stunden würde der Bruch ohnehin ausgeheilt sein.

    „So lustig ist deine Verletzung jetzt nicht“, kommentierte Eren schließlich. „Sonst bin ich es, der blutend dasitzt, aber so lustig ist das nicht.“

    „Natürlich nicht.“

    Mikasa saß neben ihm, drückte ihn betont sanft, obwohl es bei ihrer Stärke eine Leichtigkeit war ihn mit einer Hand zu halten, in eine sitzende Position zurück, und nahm ihm den Verband ab. „Lass mich das sauber verbinden. Beweg dich nicht.“

    „Das ist nicht nötig, Mikasa. Im Lazarett werden die Krankenpfleger. Mikasa, wirklich … das ist nicht nötig.“

    Erst reagierte sie nicht, dann sah ihn mit dunklen Augen an, noch dunkler als sonst. Die Sorge färbte sie in einem Schwarz, das er sonst bloß sah, wenn sich Eren in Gefahr befand. „Ich mach das schon. Bleib sitzen. Stillhalten.“

    „Ich hatte es eilig“, verteidigte Eren sein amateurhaftes Werk, aber er erhielt keine Antwort.

    So sah Armin ihr für einige Minuten zu, wie sie sich sorgfältig um den Bruch kümmerte. Auf dem Karren befanden sich einige Flaschen, die mit Alkohol gefüllt waren, um den gröbsten Dreck aus den Wunden auszuwaschen und darauf zu hoffen, dass ihnen keine folgeschweren Infektionen folgen würden. Armin zuckte kurz, als die brennende Flüssigkeit über und unter die aufgeschürfte und blutende Haut sickerte und Mikasa legte beinahe als wollte sie sich entschuldigen eine Hand auf seinen Oberarm, ehe sie sich daran machte den Verband zu erneuern und ihn in eine Schlinge zu legen. Diesmal hatten sie Zeit und diesmal war es nur der unebene Boden unter den Rädern, der hier und da ein Ruckeln verursachte. „Ist das gut so?“

    „Ja, danke. Mir geht es gut. Ich bin ein Titanwandler, das wird in wenigen Stunden wieder heilen. Bei mir funktioniert das bloß noch nicht so schnell, ich bin darin noch ungeübt. Ich hätte andere in den Tod reißen können...“

    „Manchmal vergesse ich auch noch, dass du nun wie ich bist und deine Wunden schnell wieder verheilen.“

    „Andere sind nicht so wichtig“, sprach Mikasa schließlich aus, was ihr wohl schon seit langem auf der Zunge lag, und eine unangenehme Erinnerung kam in Armin auf, als sie bei einer Verfolgungsjagd Ymir und Historia gedroht und an den Kopf geworfen hatte, ihr Herz sei zu eng geworden, um sich um andere Menschen, abseits von Eren und eventuell einer Handvoll anderer, zu sorgen.

    „Das sind auch unsere Kameraden…“

    „Das sind sie. Aber sie sind nicht ihr. Ich will nicht wissen, was dann … dort drüben geschehen wird.“


    „Wir werden uns rächen, das wird geschehen.“ Irgendetwas an Erens neuer, hasserfüllter Tonlage ließ Armin und auch Mikasa immer wieder zusammenzucken.

    „Nicht das wieder“, sagte sie bloß mit stumpfer Stimme, aber sie beließ es dabei. Sie wollte keinen Streit beginnen. Sie war müde und Armin verstand das zu gut. Sie hatten ihren Freund schon so häufig hasserfüllt und zornig erlebt, mit einem Hass auf die gesamte Welt und speziell die Titanen, die für all das Unheil verantwortlich gewesen waren. Aber nun hatte sich sein Ziel gewandelt. „Dort drüben“ war das Ziel für seinen Hass geworden und dieser neue Hass hatte etwas so Kaltes und Endgültiges angenommen, dass er sich auf eine gewisse Weise selbst von seinen beiden, engsten Freunden entfremdet hatte.

    Armin schluckte und versuchte eine beruhigende Tonlage beizubehalten. „Wir werden zum Abend in das nächste Lazarett in den Mauern zurückgebracht und morgen sind wir zurück in der Stadt. Das wird jetzt erstmals geschehen. Das Politische und das Strategische wird später besprochen.“

    Dieses Wissen, dass es jenseits des Ozeans Menschen gab, die ihnen dies alles angetan hatten, wühlte auch etwas in Armin unbeschreiblich auf, gewiss in jedem von ihnen. Doch Armin war nicht so wie er, selbst wenn er ihn auf eine verdrehte Weise verstand und zu wissen glaubte wie Eren dachte. Armin hatte vor wenigen Tagen den Ozean mit eigenen Augen gesehen, diese unendlichen Weiten an Wasser, die in der Sonne glitzerten, und das machte ihn so unheimlich zufrieden. Glücklich. Und noch mehr. Neugierig, wie er es zuletzt gewesen war, als er die Bücher seines Großvaters zum unzähligsten Male durchgeblättert hatte. Er hatte den Ozean gesehen und nun wollte er sich überzeugen, dass ebenso unendliche Weiten aus Sand und Schnee existierten.

    Die Welt hielt mehr parat, als nur den nächsten Feind. Und dies teilte er Eren mit. Immer und immer wieder. Eren stimmte zu, aber seit diesem Augenblick war der Hass aus seinen Augen nie wieder verschwunden. Sein engster Kreis hatte nie wieder jene Momente mit ihm zwischen all dem Zorn und der Verzweiflung erlebt, in denen er sich normal verhielt.


    In den drei weiteren Jahren, bis sich die Welt tatsächlich unter all der Gewalt der Menschen, die sie sich einander antaten, aufzulösen und unter Feuerwalzen der von Menschenhand erschaffenen Waffen und Erdgrollen der Titanen zu verschwinden schien, weil sie nicht mehr aushielt, was sich die Menschen gegenseitig antaten und Eren es nicht mehr aushielt, was seiner Insel und seiner Familie angetan worden war, war nie mehr jemand zu Eren durchgedrungen.

    Im Nachhinein erschien es so, als hätten sie alle mit ihm öfter reden sollen. Sie hatten es alle auf ihre eigene Weise versucht, aber vielleicht war es nicht genug. Vielleicht hatten sie es nicht genug versucht, obwohl sie es bei jeder Möglichkeit versuchten. Versuchten, versuchten… wieso waren sie nie erfolgreich gewesen. Er weigerte sich mit jemanden tatsächlich zu sprechen und sein gesamtes Wissen mit anderen zu teilen. Er tat sein eigenes Ding und führte seine eigenen Kriege und keiner wusste, wie genau dieses „eigene Ding“ aussehen sollte und welche Kriege er führte. Nach Sashas Tod hatte sich nochmals etwas verändert, das keiner von ihnen so recht beschreiben konnte, aber das sich furchteinflößender als alles zuvor anfühlte.

    Und dann saß Armin mit blutender Nase auf dem Fußboden dieses Besprechungszimmers, nach dem schlimmsten Streit, den Mikasa und er mit ihrem Kindheitsfreund erleben hätten können, und wusste nicht, wann und wo er, wieder einmal, versagt hatte, um zu Eren durchzudringen und was Kommandant Erwin getan hätte.



    Wenige Tage darauf wusste Armin nichts mit sich anzufangen und in seinem Kopf war es viel zu laut, und so nahm er sich ein leeres Buch und eine Feder und begann zu schreiben. „Im Jahr 845 …“

  • Hallo,


    da ich den Manga zu Spy x Family verfolge, konnte ich mit deiner Kurzgeschichte gut harmonieren. Mit etwas mehr Kontext zu Anyas Eltern wäre sie vermutlich auch ohne Vorwissen komplett verständlich. Die wichtigsten Punkte wurden für die Handlung aber aufgegriffen und ich mag es, wie du Anyas kindlichen Charakter adaptiert und zusätzlich erweitert hast. Besonders witzig empfand ich, als Yor aus dem gekaufen Buch vorgelesen hat und ihr Kind aufgrund der morbiden Gedanken erschrocken war. Es ist ein kleines Detail in einer schön geschriebenen Geschichte, das zeigt, dass du dich gut mit der Reihe auseinandergesetzt hast.


    Wir lesen uns!

  • Mit etwas mehr Kontext zu Anyas Eltern wäre sie vermutlich auch ohne Vorwissen komplett verständlich.

    Kann ich so unterschreiben. :D

    Ich nehme das mal als Einleitung, haha. Also ich kenne, wie sagt man das am besten ... nur Snippets bisher vom Anime und habe es durch den Hype mitbekommen, aber so ein paar grobe Sachen habe ich eben mitbekommen. Kann aber auch bestätigen, dass die Geschichte auch was für Leute ist, die sich da eben wie ich nicht mit Spy x Family auskennen, hallo Bastet übrigens. o/

    Das was, was für mich am ungewohnsten war, ist der Hund bzw. auch die Fähigkeiten, das wusste ich nicht und das war dann das, wo ich als einziges eben beim Lesen kurz drüber grübeln musste und realiseren musste, aber das hemmt den Spaß an der Geschichte nicht.^^


    Das ist wirklich wholesome und Slice of Life at it's best. Ich fand vor allem Anya sehr niedlich und schön poträtiert, mein Favorit auch vor allem, dass sie die schwierigen Wörter noch nicht ganz formulieren bzw. verwenden kann, das fand ich sehr nachvollziehbar und cool. Vor allem der Versuch und dann well, doch lieber etwas Leichteres nehmen. Erinnert mich daran, wenn mir random ein englisches Wort einfällt und dann das Deutsche nicht mehr und man fühlt sich einfach lost, während die Hände wild gestikulieren. xD

    Morbide Gedanken kann ich echt nachvollziehen, das weckt gleich Sympathie, idk. Bei deren eigentlichen Berufen ist das wohl nicht verwunderlich. Auch Bond als Name für den Hund und wie er sich dann in der Geschichte schlägt, da will ich eigentlich gleich auch mal in Spy x Family reinschauen, wenn das alles so niedlich ist. Finde die Geschichte auch echt niedlich und gemütlich beschrieben, mit all den Fluff und Feinheiten. Da ist auch es schön, dass der spannende Abschluss mit dem Gehege doch so flink von statten geht. Diese umständen Menschen ey, jeder ist doch mal unaufmerksam! Alles in allem echt eine Geschichte, die sich schnell und mit molligwarmen Gefühl lesen ist, genau so, wie es bei Genre etc. zu erhoffen ist. Da ich sowieso niedliche Sachen mag, lese ich das natürlich sowieso gern, hehe. An die Attack on Titan-Story trau ich mich noch nicht, haha. Wobei ich sowieso nicht weiß, ob da weit genug bin. Ich habe immer Angst vor Attack on Titan bevor ich es weiterschaue. x3

    Wünsche dir viel Spaß beim weiteren Schreiben und wir lesen uns hoffentlich. ^-^)/

  • Rusalka


    Hallo,


    da ich den Manga zu Spy x Family verfolge, konnte ich mit deiner Kurzgeschichte gut harmonieren. Mit etwas mehr Kontext zu Anyas Eltern wäre sie vermutlich auch ohne Vorwissen komplett verständlich. Die wichtigsten Punkte wurden für die Handlung aber aufgegriffen und ich mag es, wie du Anyas kindlichen Charakter adaptiert und zusätzlich erweitert hast. Besonders witzig empfand ich, als Yor aus dem gekaufen Buch vorgelesen hat und ihr Kind aufgrund der morbiden Gedanken erschrocken war. Es ist ein kleines Detail in einer schön geschriebenen Geschichte, das zeigt, dass du dich gut mit der Reihe auseinandergesetzt hast.


    Wir lesen uns!

    Freut mich, dass es dir gefallen hat. ^^

    Also auseinandergesetzt... ich verfolge nebenbei Anime und Manga, weil die süß sind. Ist aber nun keines meiner Hauptfandoms, aber einen Anime, den ich doch sehr mag.

    Was mich dabei auch freut ist, dass Anya mal ein Animekind ist, das sich in vielen Szenen tatsächlich wie ein fünfjähriges Kind verhält und das wollte ich gerne übernehmen.



    Das ist wirklich wholesome und Slice of Life at it's best. Ich fand vor allem Anya sehr niedlich und schön poträtiert, mein Favorit auch vor allem, dass sie die schwierigen Wörter noch nicht ganz formulieren bzw. verwenden kann, das fand ich sehr nachvollziehbar und cool. Vor allem der Versuch und dann well, doch lieber etwas Leichteres nehmen. Erinnert mich daran, wenn mir random ein englisches Wort einfällt und dann das Deutsche nicht mehr und man fühlt sich einfach lost, während die Hände wild gestikulieren. xD

    Tbh, ist das einfach von den Kindern geklaut, die ich betreut habe.

    Ich glaube Anya hat im Vorstellungsgespräch für die Eden Akademie auch mit einigen Worten gehadert, was zwar ihrer Nervosität geschuldet war, aber Fünfjährige können Psychiater selten mit dem ersten oder zweiten Versuch richtig aussprechen und manche Worte kannte sie bestimmt nicht, oder waren ihr im Alltag nicht so sehr geläufig. Ich bin mir sicher, dass sie zb. Primaten richtig aussprechen können wird, aber sie ist beim Lesen drüber gestolpert.


    Auch Bond als Name für den Hund und wie er sich dann in der Geschichte schlägt, da will ich eigentlich gleich auch mal in Spy x Family reinschauen, wenn das alles so niedlich ist. Finde die Geschichte auch echt niedlich und gemütlich beschrieben, mit all den Fluff und Feinheiten. Da ist auch es schön, dass der spannende Abschluss mit dem Gehege doch so flink von statten geht. Diese umständen Menschen ey, jeder ist doch mal unaufmerksam! Alles in allem echt eine Geschichte, die sich schnell und mit molligwarmen Gefühl lesen ist, genau so, wie es bei Genre etc. zu erhoffen ist. Da ich sowieso niedliche Sachen mag, lese ich das natürlich sowieso gern, hehe. An die Attack on Titan-Story trau ich mich noch nicht, haha. Wobei ich sowieso nicht weiß, ob da weit genug bin. Ich habe immer Angst vor Attack on Titan bevor ich es weiterschaue. x3

    Wünsche dir viel Spaß beim weiteren Schreiben und wir lesen uns hoffentlich. ^-^)/

    Tu es, der Anime ist sehr süß und eine witzige Parodie auf das Spy Fiction-Genre.
    Freut mich, dass es dir auch gefallen hat!



    PS: Du "musst" natürlich nicht, aber sobald du den Anime beendet hast (also auch die letzte, kommende Staffel), würde ich mich dennoch sehr freuen, wenn du würdest. ^^

    Der One-Shot ist auch weniger Horror, eher Dark Fantasy Action mit Drama. Die normale Portion an Traumatisierung für dieses Fandom also.

    (Ja, verstehe ich. Liebe es aber traumatisiert zu werden, I guess.)




    Mal frech eine Ankündigung / Werbung!


    Es soll zu Halloween eine orginale Horrorgeschichte folgen, also ist mal Schluss mit fluffigem SOL... der geht im Dezember weiter. xD

    Muss ich nach der Fertigstellung erstmal für mich schauen, ob ich den hier posten kann, weil Richtlinien halt und ich will in kein "All Age-Forum" tatsächlichen Horror posten.

    Wenn nicht, dann weißt du / weiß man, dass ich auf Animexx und FF.de einen Account habe (keine versteckte Botschaft in diesem Satz.)