Unleashed - Entfesselt

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  • Kapitel 19 – Mike


    Ich saß neben Chloe im Pokékunde-Unterricht und starrte auf meinen Aufsatz, den ich den Tag zuvor bei ihr verfasst hatte. Ich war wirklich froh darüber den restlichen Sonntag mit ihr verbracht zu haben und ein klein wenig erleichtert, dass Ian den Morgen nicht aufgetaucht war. Keine Ahnung ob ich schon mit ihm über alles sprechen konnte, so blieb mir zumindest noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Chloe beugt sich näher über ihr Heft. Ich sah, wie sie einzelne Sätze noch einmal durchlas und die Stirn leicht runzelte.

    „Meinst du, das ist zu kritisch?“, flüstert sie zu mir rüber. Seit gestern machte sie sich Sorgen um ihren Aufsatz, der um die Pokémon in Zuschaltungen zum Erhalt von Nahrungsmitteln ging - Pokémon, die gezüchtet, gehalten und ausgebeutet werden, damit am Ende Fleisch auf unseren Tellern liegt, Milch in Gläsern landet oder Eier und Wolle als Selbstverständlichkeit gelten.

    Ich zuckte mit den Schultern und drehte meinen Stift zwischen den Fingern. „Ich hoffe nicht. Ich glaube, genau darum ging es ja.“

    Mein Blick wanderte über meine eigenen Zeilen. Ich hatte über Pokémon geschrieben, die gefangen wurden, um zu kämpfen oder zu arbeiten. Ich hatte versucht, es sachlich zu halten. Über Verletzungen aus Kämpfen, die zwar behandelt werden, aber nie genug Zeit bekamen, um wirklich zu heilen, weil der nächste Einsatz schon wartete. Wie sie in Turnieren wie hochgezüchtete Kämpfer gehalten wurden.

    Ich hatte geschrieben, dass Heilung mehr sein sollte als nur ein Trank oder ein Besuch im Pokémon-Center. Dass viele Pokémon Symptome zeigten, die man nicht einfach messen kann: Angstreaktionen, Apathie, Aggression. Dinge, die oft als „Charakter“ abgetan werden, obwohl sie klare Zeichen von Überlastung sind.

    Mein Stift blieb kurz stehen. Ich erinnerte mich an den Absatz, in dem ich erwähnt hatte, dass Pokémon sich meist nicht bewusst für dieses Leben entschieden. Dass wir Menschen Verantwortung tragen, nicht nur dafür, sie einsatzfähig zu halten, sondern dafür, ihr Wohlergehen ernst zu nehmen.

    Vorne im Raum räusperte sich Mrs. Winton, und langsam kehrte Stille ein. Chloe legte den Stift zur Seite, als müsste sie sich zwingen, nichts mehr zu ändern. Ich klappte mein Heft zu und lehnte mich zurück.

    Der Unterricht verlief danach ruhig. Mrs. Winton griff keine neuen Themen mehr auf und ließ uns stattdessen unsere Unterlagen ordnen und über unsere Ausätze sprechen, die wir dann anschließend gemeinsam besprachen. Man merkte, dass sich doch viele Themen wiederholten. Die Stimmung im Raum war entspannt, viele Schüler darunter waren bereits wie abwesend, als hätte kurz vor den Weihnachtsferien niemand mehr wirklich Platz für etwas Neues im Kopf. Als der Unterricht vorbei war, packten Chloe und ich unsere Sachen zusammen. Wir blieben noch im Raum, während die anderen hinausgingen. Mrs. Winton stand vorne und legte ihre Unterlagen ordentlich zusammen. Als sie uns bemerkte, sah sie zu uns auf.

    „Mrs. Winton, dürften wir Sie kurz wegen der speziellen Aufgabe etwas fragen?“, sagte ich. „Wir sind uns nicht ganz sicher, was genau von uns erwartet wird.“

    Chloe nickte dabei zustimmend.

    Sie legte ihre Unterlagen beiseite und sah uns aufmerksam an. „Sie haben tatsächlich freie Hand“, erklärte sie uns ruhig. „Aber das bedeutet nicht, dass Sie sich etwas Beliebiges aussuchen sollten. Mir ist wichtig, dass Sie sich ernsthaft Gedanken machen.“

    „Gedanken in welche Richtung?“, hakte ich nach.

    „Suchen Sie sich ein Thema, über das kaum gesprochen wird“, erklärte sie. „Eine Nische. Etwas, das oft übersehen wird oder dass Menschen lieber ausblenden.“

    Ich runzelte die Stirn. „Also nichts Offensichtliches? Keine typischen Probleme, die jeder kennt?“

    Mrs. Winton bestätigte mit einem Nicken. „Genau. Ich möchte sehen, dass Sie genau hingeschaut haben.“

    Chloe hob leicht die Hand. „Und wie sollen wir da rangehen? Einfach unsere Meinung aufschreiben?“

    „Nein“, sagte Mrs. Winton bestimmt, aber freundlich. „Recherchieren Sie. Lesen Sie Berichte, Studien, vielleicht auch Erfahrungsberichte. Hinterfragen Sie, was als normal gilt. Und ziehen Sie erst dann Ihre eigenen Schlüsse.“

    Ich nickte langsam. „Also erst einmal Fakten sammeln, bevor wir sie bewerten.“

    „Ganz genau“, bestätigte sie. „Und keine Sorge, ihr habt genug Zeit dafür.“

    „Danke“, sagte Chloe leise.

    „Ja, danke“, fügte ich hinzu.


    Wir verließen den Raum und traten auf den Flur. Nach ein paar Schritten blieben wir abrupt stehen. Vor uns hatte sich eine kleine Gruppe aufgebaut und David Rush mitten drin.

    Er lehnte sich lässig an der Wand, seine Arme waren locker verschränkt, als hätte er dort schon eine Weile gewartet. Er war ein gutes Stück größer als ich, schlaksig, aber mit dieser selbstverständlichen Art, die einem sofort das Gefühl gab, im Weg zu stehen. Seine dunklen Haare waren absichtlich unordentlich gestylt, die Jacke trug er offen über dem Hoodie.

    „Na, so eilig?“, fragte er grinsend.

    Chloe und ich gingen keinen Schritt weiter. David stieß sich von der Wand ab und trat einen Schritt nach vorne, nah genug, dass ich instinktiv den Atem anhielt. „Also?“, meinte er. „Was war das eben bei Mrs. Winton?“

    „Nichts Besonderes“, sagte ich und hörte selbst, wie unsicher meine Stimme klang.

    David zog eine Augenbraue hoch. „Ach ja? Sah aber ziemlich nach Sonderbehandlung aus.“

    Sein Blick blieb an mir hängen. „Oder gibt’s jetzt Extra-Aufgaben für Extra-Punkte? Die könnte ich nämlich gut gebrauchen.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger auf seine Unterlippe.

    „Es ist nur eine Aufgabe,“ antwortete ich und am liebsten wäre ich einfach weitergelaufen.

    „Nur eine Aufgabe“, wiederholte er spöttisch. „Klar. Und ich bin Champ der Pokémon-Liga.“

    Ein leises Lachen ging durch seine Gruppe. David beugte sich etwas vor. „Also? Was springt für euch dabei raus? Bessere Noten? Streber-Bonus? Jetzt sagt es mir schon,“ forderte er uns auf.

    Chloe machte einen Schritt nach vorne. „Geh aus dem Weg, David.“

    „Oh“, sagte er und hob gespielt überrascht die Augenbrauen. „Die Kleine wird ja mutig.“

    Dann sah er wieder mich an. „Und du? Lässt du sie immer für dich reden? Passt ja.“

    Mir wurde heiß im Gesicht. Ich brachte kein Wort heraus, während sein Blick langsam an mir auf und ab wanderte.

    „Ihr tut immer so, als wärt ihr was Besseres“, fuhr er fort, mit seiner schlechten Art, wenn er seinen Willen nicht bekam. „Immer in der vordersten Reihe. Extra-Aufgaben, als hättet ihr ohnehin nicht schon die besten Noten. Ständig Lob für eure klugen Fragen.“

    Er stieß mir leicht gegen die Schulter. „Dabei bringt euch das später auch nichts.“

    Chloe funkelte ihn an. „Fass ihn nicht an.“

    David lachte leise. „Oder was?“ Sein Blick wurde kälter. „Willst du Mrs. Winton holen?“

    Mein Magen zog sich zusammen. „Lass es einfach“, sagte ich leise zu Chloe, weil ich befürchtete, dass er eventuell handgreiflich wurde, wenn man ihn zu sehr provozierte.

    „Hörst du das?“, meinte David grinsend und beugte sich noch einmal zu mir. „Sag mal, … was ist eigentlich mit deinem Freund? Wie hieß er noch gleich?“ Er tat, als würde er überlegen.

    „Ist ja auch egal“, fuhr er fort. „Scheint aber rumzugehen, dass von der Polizei gesucht wird. So hätte ich ihn gar nicht eingeschätzt, als jemanden, der anderen Leute hilft.“

    „Ich weiß echt nicht, was du meinst“, sagte ich schnell und log weiter. Ich wusste er sprach über die Nachrichten, in der Ian zu sehen war, aber wie er über ihn sprach brachte mich zur Weißglut. Ian war speziell, dass stimmt, aber sicherlich nicht so eigennützig wie viele vielleicht vermuteten.

    David lächelte schief. „Ach nein? Ich dachte er wäre dein Freund? Naja zumindest sehe ich euch immer zusammen abhängen.“

    David zuckte mit den Schultern, als wäre das alles nur belangloser Klatsch. „Schon verrückt, oder?“ Sein Lächeln wurde schmaler. „Einen von unseren Schülern plötzlich in den Nachrichten zu sehen.“

    „Ich kann dir damit nicht weiterhelfen, ich habe Ian schon länger nicht mehr gesehen“, sagte ich, diesmal schroffer, was nicht ganz meine Absicht war.

    „Klar“, meinte er gedehnt. „Wie du meinst.“

    Er warf einen kurzen Blick zu den anderen aus seiner Gruppe, als wollte er sich vergewissern, dass sie zuhörten. „Ich frage mich wohl, was das für eine Belohnung ist, die so ein reicher Sack zur Verfügung stellt.“

    Chloe machte sich neben mir bemerkbar. „Du laberst Mist und außerdem geht dich das überhaupt nichts an.“

    David grinste und beugte sich diesmal ein Stück näher zu Chloe „Ist nur komisch, wie schnell sowas die Runde macht.“

    Ich spürte mein Herz bis zum Hals schlagen. „Kannst du uns nicht einfach durchlassen.“

    Einen Moment lang sah es so aus, als würde er sich weigern. Dann machte er langsam einen Schritt zur Seite. Gerade genug, um eine Lücke freizugeben. Seine Miene verfinsterte sich ein Stück weit, was mich vermuten ließ, dass er sich durch unser Gespräch mehr erhofft hatte.

    „Klar“, sagte er beiläufig. „Geht schon.“

    Als wir an ihm vorbeigingen, hörte ich ihn noch sagen: „Man weiß ja nie, was Leute wirklich treiben.“


    Ich ging weiter, ohne mich umzudrehen. Chloe griff nach meiner Hand. Ich atmete erst wieder richtig, als wir weiter weg waren.

    „Alles okay?“, fragte Chloe sofort.

    Ich nickte, auch wenn es sich nicht so anfühlte. Keine Ahnung warum uns David diesmal so angegangen war. Ich glaubte nicht, dass es ihm sonderlich um die Aufgabe von Mrs. Winton ging.

    „Er ist einfach ein Ekel“, sagte sie, die mich wohl etwas aufheitern wollte. Ich sah den Flur entlang, in die Richtung, in die David noch an der Wand gelehnt stand.

    „Ja“, gestand ich. „Ich hasse solche Momente.“ Ich ließ Chloes Hand los um meine Schultasche wieder auf die Schulter zu schieben.

    „Ich verstehe gar nicht, was du so toll an ihm findest,“ entgegnete ich Chloe, als er tatsächlich schon außer Hör- und Sichtweite war.

    „Wenn du nicht schwul wärst, dann würde ich mich für dich entscheiden,“ stieß sie mir aufgebracht entgegen, wohl immer noch aufgewühlt über das Gespräch mit David.

    „Kannst du das bitte nicht so laut rausbrüllen,“ zischte ich sie an und schenkte ihr einen finsteren Blick. Zwar waren wir inzwischen weiter von den anderen entfernt, aber wenn es jemand bemerkte, sprach sich so etwas schnell herum.

    Ich zog sie am Ärmel ein Stück weiter den Flur entlang, weg von den offenen Türen und den vereinzelten Schülern, die noch unterwegs waren. „Chloe, bitte“, sagte ich leiser, nicht hier.“

    Sie presste die Lippen aufeinander und atmete hörbar aus.

    „Tut mir leid“, sie ließ ihr Schultern sinken.

    „Der Typ bringt mich einfach auf die Palme.“

    „Mich auch“, sagte ich und rieb mir unbewusst die Stelle an der Schulter, an der David mich angestoßen hatte.

    „Na ja, gutes Aussehen ist eben nicht alles“, behauptete Chloe, als wir gerade dabei waren, das Schulgebäude zu verlassen. Am Wetter hatte sich nichts geändert: Es war kalt, grau und meistens auch noch nass.

    „Du findest, dass er gut aussieht?“, fragte ich sie beiläufig. Sie wartete mit einer Antwort, bis wir an ein paar Schülern vorbeigegangen waren.

    „Irgendwie schon. Du etwa nicht?“ Ich zuckte mit den Schultern.
    „Keine Ahnung. Vielleicht. Aber selbst wenn, sein Charakter macht ihn nicht attraktiver.“ Chloe musste darüber lachen, dieses Geräusch ließ meine Anspannung etwas sinken. Als wir weitergingen, zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke höher und steckte die Hände in die Taschen. Da fiel mir wieder ihr Satz ein, den sie zuvor so beiläufig erwähnt hatte.

    „Stimmte das, was du gerade gesagt hast?“, fragte ich nach und hielt sie wieder sacht am Ärmel fest, damit sie stehen blieb.

    „Welchen Satz meinst du?“, fragte sie schließlich, obwohl wir beide genau wussten, wovon ich sprach.

    „Das mit …“, ich brach ab und schaute verlegen zu Boden. „Das du dich für mich entscheiden würdest, wenn ich...“ ich konnte den Satz einfach nicht beenden, noch nicht einmal vor ihr. Sie atmete langsam aus.
    „Ja“, sagte sie dann ruhig.
    „Das meinte ich so.“ Mein Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals.
    „Warum hast du das gesagt?“, fragte ich unsicher.

    Chloe schaute mir direkt in die Augen. „Weil es stimmt“, meinte sie. „Und weil ich sauer war. Auf David. Auf die ganze Situation.“ Sie verzog den Mund. „Vielleicht auch, weil ich wollte, dass du es weißt.“ Nach dem letzten Satz schaute sie zur Seite und ich sah wie ihre Wangen eine andere Farbe annahmen.

    Ich ließ ihren Ärmel los. Die Kälte schien mir auf einmal egal zu sein.

    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Für einen Moment standen wir einfach nur da, während um uns herum weitere Schüler vorbeigingen. Die Worte, die mir schon die ganze Zeit im Hals steckten und keinen Platz mehr hatten, fanden ihren Weg nach draußen.

    „Es tut mir leid“, sagte ich, als ich näher auf sie zuging und sie schaute mich nun an.

    „Dass ich Dinge nicht einfach kann. Dass ich es mir selbst und anderen so kompliziert mache.“ Ich schluckte und deutete mit der Handfläche über mich. „Manchmal wünschte ich, ich könnte das einfach ablegen. Und dann wäre es leichter.“

    Ich lachte kurz, aber es tat weh. „Weißt du, wie viel einfacher es wäre, wenn ich normal wäre?“ Meine Hände zitterten leicht. „Vielleicht wären wir dann wirklich zusammen. Nicht das, was wir den anderen halbwegs vorspielen, sondern ganz normal. Es würde so vieles einfacher machen, wenn…“

    „Hör auf“, unterbrach sie mich und nahm meine Hand fest in ihre.

    „Nein“, flüsterte ich. „Ich meine das ernst. Ich hasse es manchmal. Dieses Gefühl, immer falsch zu sein.“

    „Mike“, ermahnte sie mich streng, „du bist nicht falsch.“

    „So fühlt es sich aber an.“ Der Kloß in meinem Hals wurde immer schwerer.

    „Du bist normal. Genauso, wie du bist.“

    Ich wollte widersprechen, aber mir fehlte die Kraft, also schloss ich meine Arme einfach um sie.

    „Ich weiß wie sich das anfühlt, jemanden zu mögen und gleichzeitig zu wissen, dass man ihn nicht festhalten kann, so wie man es sich wünscht.“

    Chloe erwiderte die Umarmung und es fühlte sich so sicher und vertraut an. „Ich verlange nichts von dir Mike, das werde ich niemals tun und ich bin trotzdem froh darüber, dass wir zusammen sind.“

    Ich atmete zittrig aus. „Es fühlt sich trotzdem so an, als würde ich dir damit etwas vorenthalten.“

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, so darfst du nicht darüber denken. Du gibst mir Ehrlichkeit. Und Vertrauen. Und dich selbst, meinen besten Freund.“ Ihre Stimme wurde fester. „Du schuldest mir keine andere Version von dir.“

    Ich drückte sie unbewusst ein wenig fester an mich. „Ich wollte nie, dass du wegen mir wartest oder hoffst oder dir etwas ausmalst, was ich dir nicht geben kann.“

    „Das weiß ich“, sagte sie sofort. „Und trotzdem bin ich hier. Ich verstehe nur nicht, warum du es Ian nicht auch sagen kannst.“

    Ich löste mich langsam aus der Umarmung, damit ich ihr wieder in die Augen sehen konnte.

    „Weil ich Angst habe“, gestand ich ehrlich. Sie runzelte die Stirn. „Wovor?“

    Ich atmete tief ein. „Davor, ihn zu verlieren.“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ian ist mein bester Freund. Er bedeutet mir manchmal mehr als mit lieb ist und mehr als ich selbst verstehen kann.“ Ein bitteres Schmunzeln zeichnete sich auf meinem Gesicht ab, gerade weil ich ihn so gut kannte. „Wenn ich ihm die Wahrheit sage, weiß ich nicht, ob er bleibt.“

    Chloe ließ meine Hand nicht los, aber ihr Blick wurde fragend. „Aber wenn er dein Freund ist, dann…“

    „…dann sollte er es verstehen“, fiel ich ihr ins Wort und beendete ihren Satz. „Ich weiß. Das sagt man aber so leicht.“ Ich schüttelte den Kopf. „Aber was, wenn nicht? Was, wenn die Wahrheit genau das ist, was unsere Freundschaft kaputtmacht?“

    Ich wandte den Blick ab. „Mit dir ist es anders. Du hast mir gezeigt, dass ich sein darf, wie ich bin. Aber Ian …“ Ich zögerte. „Ian sieht mich so, wie ich immer war. Und ich habe Angst, dass das das Einzige ist, was er akzeptieren kann.“

    Chloe schwieg einen Moment. Ich merkte, dass sie versuchte, meine Worte nachzuvollziehen.

    „Also lebst du lieber in einer Lüge?“, fragte sie schließlich vorsichtig.

    Ich zuckte mit den Schultern. „In einer halben Wahrheit. Es tut weniger weh.“ Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht. „Solange ich nichts sage, kann ich mir einreden, dass alles bleibt, wie es ist.“

    „Aber es bleibt doch nicht so“, entgegnete sie mir. „Nicht wirklich.“

    „Ich weiß“, stöhnte ich sofort. „Aber im Moment fühlt es sich sicherer an.“ Ich sah sie wieder an. „Und ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.“ Ich war nicht stark genug ihm schon die Wahrheit zu sagen, genauso wenig mit seiner Reaktion zu leben, wenn er sich gegen unsere Freundschaft entscheiden würde.

    Chloe seufzte leise. „Ich verstehe deine Angst“, sagte sie dann. „Wirklich. Aber ich kann nicht ganz begreifen, wie man jemanden schützen will, indem man sich selbst dabei so sehr belügt.“

    „Ich weiß, irgendwann werde ich bereit dafür sein, aber jetzt gerade kann ich besser mit dieser Lüge leben.“

    Sie widersprach mir nicht und wir setzten unseren Weg Richtung Straßenbahn fort.

    „Aber vergiss nicht, dass Aufschieben auch eine Entscheidung ist.“

    Ich nickte. In meinem Kopf drehte sich alles, und doch fühlte sich dieser Moment seltsam richtig an und gleichzeitig befreiend.

    „Danke, dass du so ehrlich zu mir warst. Dass du mir das gesagt hast, ich weiß das es dir schwer fällt es laut auszusprechen,“ sagte sie und ich hielt kurz inne und sie fuhr fort, „Das bedeutet mir wirklich viel. Mehr, als du vielleicht denkst.“

    „Mir auch.“

    Ein kleines, warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das freut mich“, sagte sie, als bereits der Zug mit tosendem Geräusch an unserem Bahnsteig einfuhr. Chloe wollte schon davonlaufen, da packte ich sie noch einmal am Arm und zerrte sie zu mir.

    „Hast du nicht was vergessen?“ Noch bevor sie etwas sagen konnte legte ich meine Lippen auf ihre. Ich spürte, wie sie den Atem anhielt und wie ihre Hand sich für einen Moment an meiner Jacke festklammerte und ich jetzt besser verstehen konnte wieso.


    Ich war froh, dass wir relativ offen miteinander darüber reden konnten, obwohl es mir, auch wenn Chloe so geduldig und verständnisvoll war, immer noch Probleme bereitete, es zu sagen. Dennoch fühlten sich meine Gedanken auf dem Heimweg um ein Vielfaches einfacher an, und wenn auch nur ganz wenig, konnte ich mir vorstellen, es langsam auch meinen Eltern anzuvertrauen. Zumindest meiner Mutter. Natürlich hatte ich mich auch davor immer gedrückt, oft auch wegen ihrer Sätze darüber, wie sehr sie sich freute, dass ich mit Chloe zusammen war, und wie toll sie es fände, sie irgendwann als Schwiegertochter zu haben. Selbstverständlich zog sich daraus irgendwie auch ohne mein Einverständnis die Erwartung, dass wir irgendwann einmal so weit sein würden, dass sie Enkelkinder erwartete. Diese Erwartung konnte ich ihr nicht erfüllen, und die Illusion hatte ich ihr die ganze Zeit über auch nicht nehmen wollen. Keine Ahnung, ob ich die Enttäuschung hätte ertragen können. Bei meinem Vater war es ähnlich wie bei Ian. Ich schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Es war gegen drei Uhr mittags, und ich wusste, dass meine Mutter bald nach Hause kommen würde und ich eventuell die Zeit hätte, es ihr erst einmal, ohne meinen Vater zu sagen. Der Gedanke stimmte mich zwar etwas mulmig, aber ich musste diesen Schritt nun einfach gehen, das ehrliche und offene Gespräch mit Chloe hatte mir den Mut dazu gegeben. Ich atmete tief durch, ließ meine Tasche im Flur fallen und ging langsam in die Küche. Ich hatte noch ein wenig Zeit. Es war niemand zu Hause und meine Mutter würde bald kommen. Ein möglicher Zeitpunkt mit ihr darüber zu sprechen. Immer wieder ging ich das Gespräch in meinem Kopf durch. Es gab zu viele Filme darüber und Videos in denen die Reaktionen ganz unterschiedlich ausfielen. Es war so klischeehaft und ich hasste sie, weil sie mit der Realität meistens nichts zu tun hatten. Als ich schließlich das Geräusch des Schlüssels in der Haustür hörte, zog sich mein Magen zusammen. Meine Mutter rief meinen Namen, noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, und ich antwortete schnelle: „ich bin hier.“
    Sie trat in die Küche, lächelte mich kurz an, stellte ihre Tasche ab und fragte beiläufig, wie mein Tag war. Ich nickte nur und spürte, wie mein Herz schneller schlug. Nun war es so weit.
    „Mama“, begann ich, und allein das Zittern in meiner Stimme verriet mir, dass es kein Zurück mehr gab. Sie sah mich sofort aufmerksam an, setzte sich mir gegenüber und wartete.

    „Ich möchte dir gerne etwas sagen, mit dir über eine bestimmte Sache reden… „: begann ich und verhaspelte mich bei manchen Worten, obwohl es keine schwierigen waren. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Riss in der Tischplatte, den ich schon seit Jahren kannte, und blieb dort hängen.
    „Es geht um mich“, brachte ich schließlich hervor.
    „Und um…“ Sie begann sich etwas zu trinken einzuschenken, und auch wenn sie bei mir war, hatte ich das Gefühl, dass sie nur beiläufig zuhörte.

    „Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll“, fuhr ich fort und merkte, wie meine Hände unruhig wurden. Für einen Moment wurde es still. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und schaute mich erwartungsvoll an.
    „Ich höre dir zu, mein Schatz.“

    „Es geht um Chloe“, begann ich leise. Und noch bevor ich weitersprechen konnte, wusste ich, dass es jetzt wirklich kein Zurück mehr gab, weil ich nun ihre Aufmerksamkeit hatte.

    „Was ist mit ihr?“, fragte meine Mutter sofort nach.

    „Also, wir sind eigentlich nicht wirklich zusammen.“

    Meine Mutter erstarrte. Das Glas, das sie gerade wieder auf den Tisch stellen wollte, setzte sie etwas zu hart ab.
    „Wie bitte?“ Ich hob hastig den Kopf.
    „Es ist nicht so, wie es klingt“, setzte ich an, doch sie ließ mich gar nicht erst ausreden.

    „Nicht wirklich zusammen?“ Ihre Stimme wurde höher, und ihre Stirn legte sich in Falten.
    „Mike, ihr seid schon so lange zusammen. Was soll das heißen?“

    Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Genau davor hatte ich Angst gehabt.
    „Ich wollte nur sagen, dass…“

    „Hast du Schluss gemacht?“ fiel sie mir ins Wort. Jetzt war da etwas in ihrem Blick, das mich zusammenzucken ließ. Enttäuschung, ja, aber auch Wut. „Nach all der Zeit? Mit Chloe?“

    „Nein“, widersprach ich ihr. Ich spürte, wie mir heiß wurde und meine Hände nervös gestikulierten.
    „Du verstehst das falsch“, versuchte ich es noch einmal, doch sie schüttelte schon den Kopf.

    „Falsch?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Ich verstehe nur, dass du offenbar einen Fehler gemacht hast. Wir haben Chloe, immer zu uns eingeladen,und wie eine Tochter behandelt. Wissen ihre Eltern es bereits?“

    Das traf. Mehr, als ich erwartet hatte. „Mama, bitte“, sagte ich leise. „Es geht nicht darum, dass ich sie verlassen habe.“

    „Dann erklär es mir“, erwiderte sie scharf. „Denn im Moment klingt es genau danach. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht was ich davon halten soll.“

    Ihre Worte hingen schwer zwischen uns. Ich sah ihre geröteten Wangen, die angespannte Kieferlinie, und mir wurde klar, dass ich diesen Punkt wohl hätte, kommen sehen müssen.

    Ich atmete tief ein, sammelte all meinen Mut und sagte schließlich: „Chloe und ich haben uns nicht getrennt. Aber wir waren auch nie das, was du dachtest, dass wir sind.“

    Das Gespräch verlief gerade in eine völlig andere Richtung als ich es vorher geplant hatte. Ich war nicht mutig genug es direkt laut auszusprechen und hatte gehofft mit dem richtigen Hinweis, dass sie selbst darauf kam und die richtigen Schlüsse zog. Doch statt eines verstehenden Nicks oder eines vorsichtigen Nachfragens verfinsterte sich ihr Blick nur weiter.

    „Mike“, sagte sie langsam, betont ruhig, und genau dieser Ton machte es schlimmer, „hör auf, um den heißen Brei zu reden.“

    Ich spürte, wie mir der Mut, den ich mir mühsam zusammengesammelt hatte, Stück für Stück zwischen den Fingern zerrann. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Gedanken überschlugen sich, fanden aber keinen Ausgang mehr. Alles, was ich mir zurechtgelegt hatte, wirkte plötzlich lächerlich und unzureichend.

    „Ich kann das gerade nicht“, murmelte ich und rieb mir fahrig über das Gesicht. „Es ist kompliziert, okay?“

    „Kompliziert?“, wiederholte sie und lehnte sich zurück. „Du kommst mit so einer Aussage um die Ecke und erwartest dann was genau von mir?“

    Die Enge in meiner Brust verwandelte sich langsam in Wut. „Ich erwarte gar nichts!“, fuhr ich sie schärfer an, als ich wollte. „Ich wollte dir nur sagen, dass nicht alles so ist, wie du glaubst. Mehr nicht.“

    Sie schwieg, sah mich prüfend an, und dieses Schweigen fühlte sich an wie ein weiteres Urteil. Ich hielt es keine Sekunde länger aus.

    „Vergiss es einfach“, sagte ich hastig und schob meinen Stuhl zurück, sodass er laut über den Boden kratzte. „Es war eine dumme Idee. Ich hätte das Thema gar nicht erst anfangen sollen.“

    „Mike...“, begann sie, doch ich hob sofort die Hand.

    „Nein“, unterbrach ich sie. „Bitte. Nicht jetzt. Ich will darüber nicht mehr reden.“

    Ich wich ihrem Blick aus, griff nach meiner Tasche und spürte, wie sich das Gefühl von Scham in mir festsetzte. Jeder Schritt aus der Küche fühlte sich an, als würde ich fliehen. Auf der Treppe stockte ich jedoch unerwartet. Mein Fuß blieb auf der nächsten Stufe stehen. Mein Körper wäre am liebsten weiter geflohen. Doch so konnte ich es nicht stehen lassen. So wollte ich es nicht stehen lassen. Nicht wieder davor fliehen, obwohl es bislang immer der einfachste Weg war für mich. Ich drehte mich um und sah meiner Mutter direkt in die Augen. Sie atmete hörbar aus, fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
    „Mike...“, sagte sie meinen Namen etwas ruhiger als zuvor. „...so funktioniert das nicht. Du kannst nicht einfach Dinge andeuten, alles in den Raum werfen und dann gehen, als wäre nichts gewesen. Wie soll ich da wissen, was da zwischen dir du Chloe los ist? Ich dachte du willst mit mir darüber reden.“

    „Ich bin schwul“, schleuderte ich die Worte ihr entgegen, und sie verschlangen die letzten beiden Worte ihres Satzes.

    „Okay? Das ist es. Bist du jetzt zufrieden?“

    Ihre Hand, die eben noch an ihrer Stirn gelegen hatte, blieb in der Luft hängen, kurz darauf setzte sie sich unbewusst gerader auf einen der Barhocker an der Kücheninsel nieder, die Finger krallten sich an die Kante des Tisches, als müsste sie sich festhalten. Meine Hände zitterten, und ich wusste nicht, ob es von der Wut kam oder von der Erleichterung, die sich wie ein schmerzhafter Stich durch meine Brust zog. Ich stand da, auf halber Höhe der Treppe, mein Herz kurz davor zu explodieren, und hasste mich dafür, dass es so herauskam. Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, drehte ich mich wieder um und ging weiter nach oben und flüchtete in mein Zimmer.










    Vielen Dank Dunames für dein Kommi und deine netten Worte – auch zu meinem persönlichen (Hass-)Kapitel mit Mike und Chloe im Café. Ich glaube, ich kann kaum in Worte fassen, wie lange ich dafür gebraucht habe und wie sehr ich damit gehadert habe, was mich letzten Endes auch ein wenig zu meiner halbjährigen Zwangspause verdonnert hat. Wesentlich leichter fiel mir dagegen das aktuelle Kapitel, das ich dank deiner Meinung bzw. deines Rates zum Schluss noch einmal ein wenig geändert habe. Und ich bin doch ganz froh darüber, den mutigen Schritt mit Mike gegangen zu sein xD

    Zitat von Dunames


    Ians Kampf gegen die Verbrecherorganisation liest sich fast wie ein Horrorfilm tbh; der französische Akzent der Antagonisten legt eine Verbindung zu Kalos und dem Mädchen, das aus dieser Region stammt und in einem früheren Kapitel erwähnt wurde, nahe. Wobei ich dahingehend auch auf die Rolle von Team Beta gespannt zugleich aber auch verwirrt bin, als sich abrupt herausstellte, dass Cornelius (und auch Boyd?) zu Team Beta gehört.

    Also von meiner Seite aus ist es beabsichtigt, dass das ein oder andere Kapitel auch mal ein wenig düsterer wird, weshalb ich noch einmal auf die Altersbeschränkung hingewiesen habe. Ich gehe davon aus, dass es auch in Zukunft immer wieder vorkommen wird, dass es etwas gruseliger wird, da ich versuche, die Welt und die Geschichte rund um Pokémon so realistisch wie möglich darzustellen.

    Ich hoffe, dass das für dich kein Problem ist und dich nicht am Weiterlesen hindert. Die Konstellation, in welchem Verhältnis Cornelius zu Boyd steht (oder auch andersherum), sowie wie sich Team Beta in das Ganze einfügt, wird in den nächsten Kapiteln nach und nach ersichtlicher werden.


    Zitat von Dunames


    Du hast dich in den letzten Kapitel sehr auf Ians gesundheitlichen Zustand fokussiert, was teilweise einen repetitiven Eindruck erweckte; ich habe mich ehrlichweise dabei ertappt, wie ich manche Beschreibungen eher überflogen habe, weil ich das Gefühl hatte, nicht viel Inhaltliches da zu verpassen.

    Was?! Einfach überflogen :verwirrt: ich bin schockiert xD (Ich muss zugeben, mache ich hin und wieder auch, gerade dann, wenn der Stoff zu trocken ist xD)
    Ich merke mir das als Reminder, beim Storytelling nicht zu sehr auf einzelnen Themen hängen zu bleiben... Und ich hoffe, ich halte dich mit dem Ende des Kapitels bei Laune :D

  • Kapitel 20 - Ian


    Die Kälte der Nacht konnte ich deutlich spüren, doch sie war nicht mehr so unangenehm wie zuvor, sondern fühlte sich fast wie eine frische Brise auf der Haut an. Alles um mich herum wirkte verschwommen; die grellen Straßenlaternen zeichneten mir zwar den Weg, dennoch zog es mich instinktiv in die stilleren, dunkleren Seitenstraßen, während ich meinen Weg nach Hause suchte. Ich wusste, dass ich eigentlich noch im Krankenhausbett lag. Das hier war vermutlich schon wieder einer dieser merkwürdig realen Träume, bei denen man sich der Tatsache bewusst ist, dass man träumt, ohne wirklich Kontrolle darüber zu haben. Er ähnelte sogar dem vorherigen Traum, in dem ein Sandsturm aufgetaucht war, wirkte jedoch weniger surreal und beinahe greifbar.

    Ich befand mich in Stratos City, das erkannte ich sofort an den Gebäuden um mich herum, an den charakteristischen Laternenmasten mit ihrer besonderen Form und dennoch bewegte ich mich schneller, als es mit meinen normalen Beinen jemals möglich gewesen wäre. Ich sprang förmlich durch die Gassen, setzte mühelos über Hindernisse hinweg, und immer wieder verschwamm meine Sicht, als stünde ich kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.

    Es fiel mir schwer, mich an diesen Traum zu klammern, doch ich wollte ihn nicht loslassen. Ich wollte ihn zu Ende träumen. Ich wollte träumen, wie ich endlich wieder nach Hause kam. Ich wollte die Gesichter meiner Geschwister sehen und wenigstens für einen Moment auch das meiner Mom. Ich sehnte mich einfach nach etwas Vertrautem, nach dieser schrecklichen Nacht am Hafen.

    Mein Herzschlag war schnell, aber gleichmäßig, und ich verfiel ganz automatisch in einen Laufrhythmus, der mich kaum außer Atem brachte, als würde mein Körper genau wissen, was er tat, auch wenn mein Verstand nicht mehr ganz hinterher kam.

    Die Pflastersteine unter meinen Füßen wirkten vertraut, ebenso wie die Abfolge der Häuser, die ich schon unzählige Male passiert hatte, und irgendwann musste ich nicht mehr überlegen, wohin ich lief, mein Körper wusste es längst. Ein paar Straßen weiter. Ich war fast zu Hause.

    Die Silhouette unseres Hauses zeichnete sich bald gegen den dunkleren Himmel ab, ein vertrauter Umriss, der mir einen unerwarteten Stich von Erleichterung durch die Brust jagte. Kurz darauf verlangsamte ich meinen Schritt, um das Gefühl des Momentes festzuhalten, doch statt zum Vordereingang zu laufen, wie ich es sonst getan hätte, bog ich wie von selbst zur Rückseite des Hauses ab. Der Garten lag still und unberührt da und die Rückwand des Hauses wirkte seltsam offen, wie eine Einladung. Mein Blick wanderte nach oben und da sah ich es.

    Das Fenster zu meinem Schlafzimmer stand offen.

    Ich trat einen Schritt zurück, musterte die Fassade, und in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges, etwas, das jede verbleibende Unsicherheit auslöschte und mir endgültig bestätigte, dass ich träumte.

    Ich sprang.

    Der Sprung trug mich mühelos in die Höhe, höher, als es physikalisch für mich möglich sein sollte, und dennoch fühlte es sich vollkommen natürlich an. Meine Füße berührten kurz die Wand, dann war ich schon auf Höhe des Fensters, bewegte mich erstaunlich sicher, und zog ohne Anstrengung durch den offenen Rahmen in mein Zimmer hinein. Ich landete lautlos auf dem Holzboden, und für einen Moment blieb ich einfach stehen, ließ den Blick durch den Raum wandern und sog das vertraute Bild in mich auf. Alles war da, wo es hingehörte: der Schreibtisch am Fenster, der Stuhl leicht schräg davor, die Regale mit all den Dingen, die ich kannte. Luca lag friedlich in seinem Bett, auf die Seite gedreht und die Decke bis zur Brust hochgezogen. Sein Gesicht war entspannt, frei von Sorgen, die Stirn glatt, der Mund leicht geöffnet, während sein Atem ruhig und gleichmäßig ging. Ich schaute ihn länger an, als nötig gewesen wäre. Die Erinnerungen an Kälte, an Dunkelheit und an Schmerz rückten weiter weg, verloren ihre Schärfe und wurden zum Glück leiser.

    Schließlich setzte ich mich auf mein Bett, ließ mich nach hinten sinken und zog die Decke über mich, als wäre es das natürlichste auf der Welt. Das Kissen unter meinem Kopf fühlte sich vertraut an, der Stoff roch nach Zuhause, und meine Gedanken begannen langsam, sich aufzulösen, wie Nebel im ersten Licht des Morgens.

    Ich schloss die Augen. Und in diesem Traum, in dem ich bereits wusste, dass ich träumte, schlief ich erneut ein als hätte mein Unterbewusstsein entschieden, mir für einen Augenblick Frieden zu schenken.

    Stinksauer zog ich mir die Decke weiter über den Kopf, in der festen Annahme, jemand hätte gerade die Vorhänge am Fenster des Krankenzimmers beiseitegeschoben. Ich fluchte leise vor mich hin und dachte sofort an den Kommissar, der mir mit Sicherheit erneut einen Besuch abstatten wollte.

    Doch dann fiel mir die Stille im Raum auf. Die gewohnten Geräusche der Maschinen fehlten vollkommen. Statt des regelmäßigen Piepens hörte ich nur ein leises, gleichmäßiges Schnarchen, und unwillkürlich musste ich an Herrn Boyd denken.

    Ist er etwa auf einem der Stühle im Zimmer eingeschlafen?

    Es widerstrebte mir, die Decke wieder von meinem Kopf zu ziehen. Beim letzten Mal hatten meine Augen gebrannt, sobald das Licht sie traf, und allein die Erinnerung daran ließ mich zögern. Trotzdem wusste ich, dass ich mich irgendwann aufraffen musste.

    Doch irgendetwas stimmte hier nicht. Hatten sie die ganzen Geräte etwa nicht mehr gebraucht? Wie konnte das passiert sein, ohne dass ich es überhaupt nicht bemerkt hatte? Bald würde vermutlich eine Schwester hereinkommen, um meinen Verband zu wechseln, und bis dahin wollte ich mich so lange wie möglich unter meiner Decke verkriechen — das nahm ich mir zumindest fest vor.

    Gerade als ich diesen Gedanken gefasst hatte, klopfte es plötzlich an der Tür. Sie wurde einen Spalt geöffnet, und in dem Moment, in dem die Person sprach, begann mein Herz auf einmal wie wild zu klopfen.

    „Luca, aufstehen! Wir wollen bald los!“

    Meine Gedanken überschlugen sich, und für einen kurzen Moment wusste ich nicht, ob ich noch träumte oder bereits wach war. Ich hörte das leise Rascheln der Decke neben mir und das verschlafene Stöhnen meines Bruders, der sich langsam bewegte, als würde er sich nur widerwillig aus dem Schlaf ziehen lassen.

    „Noch fünf Minuten…“, gähnte Luca, während er sich auf die Seite drehte und die Decke fester um sich zog. Ich lag reglos da, atmete so leise ich nur konnte und lauschte jedem kleinen Laut im Raum. Stattdessen war da nur die Stille unseres Zimmers, das noch hellere Licht vom Flur, das durch den Türspalt fiel, und Lucas gleichmäßiger Atem, der viel zu real klang, um Teil einer Einbildung zu sein.

    Es war kein Traum.

    Ich war tatsächlich zu Hause. In meinem Bett. In unserem Zimmer. Mitten in der Nacht.

    Und erst in dem Moment, in dem mir das bewusst wurde, stellte sich die eigentliche Frage mit voller Wucht: Wie zum Teufel war ich hierhergekommen?

    Vorsichtig hob ich die Decke ein kleines Stück an, gerade genug, um nach mir selbst zu sehen und in dem Moment zuckte ich schmerzhaft zusammen. Der Verband an meinem rechten Arm saß schief und viel zu locker. An einer Stelle war er bereits durchtränkt, und kaum fiel mein Blick darauf, explodierte der Schmerz augenblich.

    „Verdammt…“, zischte ich leise, konnte den Fluch aber nicht ganz unterdrücken.

    Luca fuhr ruckartig hoch. Seine Decke raschelte, und ich hörte, wie er scharf Luft einsog.

    „Was…?“ Seine Stimme war noch rau vom Schlaf. „… Ian?“

    Ich biss die Zähne zusammen, presste den Arm reflexartig an meinen Körper, was die Schmerzen nur noch schlimmer machte, und schloss kurz die Augen, um nicht laut aufzuschreien.

    „Ja… ich bin’s“, presste ich schließlich hervor. Luca starrte mich an und rieb sich über das Gesicht, als müsste er erst selbst begreifen, dass er nicht mehr träumte.

    „Woher bist du den aufgetaucht?“ Ich konnte ihm keine Antwort geben. Als die Schmerzen schließlich halbwegs erträglich wurden, wollte ich gerade die Decke beiseiteschieben, um aufzustehen, doch in diesem Moment bemerkte ich, dass ich darunter völlig nackt lag.

    Nicht auch noch das…

    Ein heißes Gefühl breitete sich augenblicklich in mir aus, eine Mischung aus Scham und Panik. Ich hoffte inständig, dass ich nicht tatsächlich so durch die Stadt nach Hause gelaufen war. In meinem Traum hatte es sich nicht so angefühlt, als wäre ich nackt gewesen. Es war mitten im Winter, und dennoch hatte sich die Kälte kaum bemerkbar gemacht.

    Hatte ich mich ausgezogen, bevor ich ins Bett gegangen war?

    Ich zog die Decke hastig wieder enger um mich, als könnte sie den Gedanken einfach auslöschen, und blieb einen Moment reglos sitzen, während mein Herz viel zu schnell schlug und mein Kopf fieberhaft nach einer halbwegs erklärbaren Reihenfolge der Dinge suchte.

    „Äh… alles okay?“ fragte Luca vorsichtig, jetzt deutlich wacher, und richtete sich im Bett etwas auf. „Warum starrst du so komisch auf die Decke?“

    „Ich…“ Ich brach ab, atmete einmal tief durch und entschied mich dann für den pragmatischsten Weg. „Guck weg“, sagte ich schlecht gelaunt und schwang die Beine aus dem Bett, wobei ich die Decke fest um mich geschlungen hielt.

    Der Boden war kalt unter meinen Füßen, und allein dieses Gefühl reichte aus, um mir endgültig klarzumachen, dass das hier kein Traum mehr war. Mit leicht schwankenden Schritten ging ich zum Kleiderschrank, jeder Schritt begleitet von einem Pochen in meinem rechten Arm, das mich daran erinnerte, dass ich eigentlich ganz woanders hätte sein sollen.

    „Ian“, sagte Luca langsam hinter mir, „du machst mir gerade echt Angst.“

    Ich zog die Schranktür auf und griff schließlich nach dem erstbesten Shirt und einer Jogginghose. „Mir auch“, gab ich ehrlich zurück. „Ich habe keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin.“

    „Du bist einfach nach Hause gekommen?“ fragte er ungläubig. „Wir wollten dich heute im Krankenhaus besuchen“, erklärte mir Luca leise.

    Ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte, und ließ die Decke kurz los, um mich hastig anzuziehen. „Sieht ganz so aus. Wer hat euch eigentlich erzählt, dass ich im Krankenhaus liege?“

    „Ich weiß es nicht, Mom hat den Anruft entgegengenommen. Es war gestern Abend, eigentlich schon relativ spät, weshalb wir uns entschieden haben, dich heute besuchen zu kommen.

    „Wahrscheinlich wäre ich heute sogar schon entlassen worden“, erwiderte ich und zuckte leicht mit den Schultern.

    Luca hob eine Augenbraue. „Also hast du dir gedacht, du entlässt dich einfach schon vorher?“

    „Nein, so war das nicht geplant“, antwortete ich und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich…“

    Weiter kam ich nicht, denn in diesem Moment rief unsere Mutter von unten noch einmal alle zusammen, die noch nicht am Frühstückstisch saßen.

    „Die werden Augen machen, dich hier schon zu sehen“, meinte Luca, während wir unser Zimmer verließen. „Was ist eigentlich mit deinem Arm los? Was ist mit dir passiert?“ sprudelte es aus meinem Bruder neugierig heraus.

    „Gleich, wenn wir unten sind, werde ich es erklären,“ beruhigte ich ihn und wusste aber erst einmal gar nicht was ich genau sagen sollte, weil die Wahrheit für mich selbst noch so fern und unreal wirkte.


    Als wir die Treppe hinuntergingen und unten ankamen, saßen die anderen bereits in der Küche. Einer nach dem anderen hoben sie den Blick, und starrten mich an, als sie mich erkannten.

    Anni und Paul brauchten keine Sekunde, um zu reagieren. Mit freudigen Rufen rannten sie auf mich zu und warfen sich mir um den Hals, als ich in die Hocke ging.

    Der Aufprall der beiden war weniger sanft, als ich es in meinem Zustand eigentlich hätte gebrauchen können, doch ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuschieben. Anni klammerte sich an meine Seite, Paul vergrub sein Gesicht irgendwo zwischen meiner Schulter und dem viel zu lockeren Verband an meinem Arm, und obwohl mir dabei kurz der Atem stockte, musste ich unwillkürlich lächeln.

    „Ian!“ rief Anni, viel zu laut für den frühen Morgen. „Du bist wieder da!“

    „Du hast uns voll erschreckt“, ergänzte Paul sofort, ohne auch nur einen Schritt Abstand zu nehmen. „Mama hat gesagt, du bist im Krankenhaus.“

    „Bin ich… eigentlich auch“, murmelte ich und hob vorsichtig den gesunden Arm, um ihnen über den Rücken zu streichen. „Also… sollte ich zumindest.“

    Erst jetzt bemerkte ich meine Mom, als sie sich leicht zu Seite drehte. Sie stand am Herd, mit einer Kaffeetasse in der Hand, die sie offenbar schon eine ganze Weile hielt, ohne einen Schluck daraus zu nehmen. Ihr Blick ruhte auf mir, als würde sie mir nicht ganz trauen.

    „Ian“, sagte sie schließlich, leise, und in ihrer Stimme lag etwas zwischen Erleichterung und unterdrückter Panik. „Was machst du hier?“

    Ich löste mich vorsichtig aus der Umarmung der Kleinen und trat einen Schritt näher an den Küchentisch heran. Erst jetzt bemerkte ich, wie still es geworden war. Selbst Luca hatte aufgehört, etwas zu sagen, und beobachtete uns nun aufmerksam.

    „Ich bin aufgewacht“, begann ich zögernd. „Und dann war ich hier.“ Ich deutete mit dem Zeigefinger nach oben, was mein Zimmer symbolisieren sollte. „Ich weiß, das klingt total bescheuert, aber ich kann mich an den Heimweg nicht wirklich erinnern.“ Ich behielt meinen Traum, den ich dachte, er sei ein Traum, für mich.

    Ihre Finger krampften sich um die Tasse. Dann stellte sie diese abrupt ab und kam auf mich zu. Sie legte mir beide Hände an die Wangen, musterte mein Gesicht, als würde sie prüfen, ob ich Fieber hatte, ob ich echt war. Erschrocken von ihrer plötzlichen Sorge und Nähe wich ich einen kleinen Schritt zurück und augenblicklich änderte sich ihre Haltung schlagartig. Ich rieb mir die Augen, weil ich erst dachte es läge nur an mir. Für einen flüchtigen Moment hatte ich das Gefühl, als würde sich der Raum verändern, als würde das Licht in der Küche langsam matter werden, es war ein schleichender Prozess, als hätte jemand einen Dimmer gedreht. Die vertrauten Farben der Wände wirkten plötzlich kühler, die Geräusche gingen zunehmend unter und selbst der Geruch vom Kaffee und Toast schien sich in etwas Fernes, Unwirkliches zurückzuziehen. Meine Mutter starrte mir direkt in die Augen.

    „Du bist nicht mein Sohn“, gab sie von sich. Auch sie ging einen Schritt rückwärts, um Distanz zwischen uns zu gewinnen. Die Luft in der Küche schien sich weiter zu verändern, sie wurde immer kälter.

    Und dann sah ich es.

    Ihre Augen, die mir eben noch so vertraut gewesen waren, begannen sich zu verändern. Die Iris verdunkelte sich sichtbar, das Braun wurde tiefer und das weiß wurde zunehmend rot. Panik schoss mir durch den Körper, weil ich nicht wusste, ob das nicht wieder irgendein sonderbarer Traum war. Ich stolperte einen Schritt zurück und stieß dabei gegen meinen Bruder Luca, dessen Blick plötzlich leer wirkte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass auch Anni und Paul denselben Ausdruck in den Augen hatten, sie waren körperlich anwesend, standen mitten in der Küche, doch es war, als nähmen sie überhaupt nicht wahr, was gerade geschah. „Luca…?“ flüsterte ich und griff instinktiv nach seinem Arm. Keine Reaktion. Sein Blick ging an mir vorbei, als würde er durch mich hindurchsehen. Auch Anni und Paul standen reglos da, ihre Gesichter ausdruckslos, als hätte jemand sie auf Pause gestellt. Die Küche war nun spürbar kälter. Mein Atem zeichnete sich hauchfein in der Luft ab. Die vertrauten Geräusche des Hauses, waren verschwunden. Es fühlte sich einfach nicht wie ein Traum an.

    „Was hast du getan?“, ihre Stimme war verzerrt und klang nicht nach meiner Mom. „Du hast hier nichts mehr verloren.“

    „Was? Was redest du da?“, stieß ich verwirrt hervor.

    Sie hob die Hand, und ich verstummte augenblicklich.

    „Du solltest nicht hier sein“, fuhr sie fort und machte einen weiteren Schritt auf mich zu.

    Ich presste den Rücken gegen den Tisch, spürte das kalte Holz in meinem unteren Rücken, und mir wurde schmerzhaft bewusst, wie allein ich plötzlich war. Umgeben von meiner Familie und doch völlig isoliert von meinen Geschwistern.

    „Mom… bitte“, flehte ich sie an. „Ich bin es immer noch.“

    Mir kam kurz der Gedanke mich zu zwicken, denn das konnte einfach nur ein verrückter Traum sein. Doch dann gab es etwas Neues, das mir einen eisigen Schreck einjagte, denn noch bevor ich es bewusst einordnen konnte, hörte ich ihn.

    Hauptkommissar Alexander Boyd.

    Seine Stimme hätte ich unter tausenden wiedererkannt. Er war nicht hier im Raum und doch hörte ich ihn laut und deutlich, so nah, als stünde er direkt neben mir. Das Gefühl war beunruhigend real, als hätte sich die Welt um mich herum für einen Moment überlappt.

    Sie suchten nach mir. Ich lag auch nicht mehr im Krankenhaus und ich stelle es nicht in Frage, dass sie schnell herausfinden konnten, wo ich wohnte.

    Das Geräusch einer zuschlagenden Autotür drang an mein Ohr, gefolgt von Boyds bestimmender Stimme:

    „Sichert zuerst das Gelände. Wir wissen nicht, in welchem Zustand er ist und ob er überhaupt mit uns kooperiert.“

    „Verstanden“, bestätigte eine mir fremde Stimme prompt.

    Er war nicht allein. Ich spürte, wie mein Verstand raste um nach einer Lösung zu finden. Fliehen. Bleiben. Kämpfen. Verstecken. Alle Optionen fühlten sich gleichzeitig falsch und unausweichlich an.

    Das Klopfen an der Tür und die erneute Stimme vom Hauptkommissar ließ meine Entscheidung fallen. Niemand außer mir rührte sich. Meine Mutter und Geschwister blieben in ihrer Reglosigkeit und ich kehrte auf dem Absatz um. Meine Füße trugen mich fast von allein zurück in den Flur, die Treppe hoch, hin zu meinem Zimmer. Hinter mir hallte Boyds Stimme erneut durch das Haus, gedämpft durch Holz und Wände, aber unmissverständlich kontrolliert.

    „Ian? Wir wissen, dass du da bist. Niemand will dir etwas tun.“

    Die Worte hätten beruhigend klingen sollen. Taten sie aber nicht. „Ian“, wiederholte Boyd, diesmal näher. Hatte ihm jemand die Tür geöffnet oder hatte er sich selbst Zutritt verschafft? „Wenn du mich hören kannst, bleib bitte stehen.“

    Ich blieb nicht stehen.

    Stattdessen zog es mich zum gleichen Fenster, durch das ich in der Nacht zuvor in mein Zimmer gesprungen war, ohne zu wissen wie. Der Gedanke ließ meinen Magen flau werden.

    Ich kann das nicht, dachte ich panisch. Ich kann nicht einfach springen und verschwinden.

    Doch die Ereignisse, sowie Boyd in meinem Nacken, trieben mich weiter an. Das, was gerade geschehen war, hatte mich bis ins Innerste erschüttert und ließ mir kaum Raum für klare Gedanken. Was war nur mit meiner Mutter los? Warum sagt sie sowas? Außerdem wusste ich, dass Boyd mir irgendwie helfen wollte, zumindest redete ich mir das immer wieder ein. doch gleichzeitig gab er mir keine Antworten. Und er war von der Polizei. Ich konnte ihm nicht trauen.

    Mein Verstand schrie mich an, stehen zu bleiben, nichts Unüberlegtes zu tun, doch mein Körper schien längst eine Entscheidung getroffen zu haben.

    Als ich Schritte in der Küche hörte, handelte ich instinktiv; ich sprang.


    Es fiel mir erschreckend leicht, aus dem Fenster im ersten Stock zu springen, und es fühlte sich beängstigend natürlich an, als hätte ich das schon unzählige Male getan. Die kalte Luft schlug mir sofort entgegen, und obwohl ich hart landete, verspürte ich kaum Schmerz. Ich sprintete durch den Garten, doch kam nicht sehr weit. Kaum hatte ich das Gartentor im hinteren Bereich erreicht, erklang auch schon eine Stimme, die mich zum Stehenbleiben aufforderte.

    Es waren zwei Männer, beide etwas älter als ich, und einen von ihnen erkannte ich wieder. Es hatte einen Moment gedauert, weil er so anders aussah als bei unserer letzten Begegnung. Damals hatte er normale, unauffällige Kleidung getragen. Seine kurzen dunklen, fast schwarzen Haare waren genauso wie ich sie in Erinnerung hatte, doch er trug diesmal eine Lederjacke, deren Schnitt klar und funktional wirkte, und darunter einen dunkelgrauen Anzug, der von schmalen, neongelben Streifen durchzogen war.

    Der schwarzhaarige Junge von der Parade, der der mit dem hübschen Mädchen namens Rose unterwegs gewesen war. Er gehörte somit definitiv zu Team Beta.

    Neben ihm ein Mann, der etwa einen halben Kopf größer war als er, mit kurzen, hellbraunen Haaren und einer markanten roten Strähne, die nach oben abstand. Er hatte breitere Schultern und mir fiel auf, dass er einen schlaksigeren Gang hatte, als sie langsam auf mich zukamen.

    „An deiner Stelle würde ich nicht abhauen“, sagte er süffisant und grinste mich dabei selbstgefällig an, als wüsste er genau, dass ich keine Chance gegen ihn hatte.

    Ich blieb stehen, die Finger fest um das kalte Metall des Tores gekrallt, und überlegte fieberhaft, ob es sich lohnen würde, es trotzdem zu versuchen.

    „Ian“, sagte der größere der beiden ruhig, fast beschwichtigend, als hätte er Angst, mich mit einem falschen Ton erneut zur Flucht zu treiben. „Bleib stehen. Wir wollen dir nichts tun.“

    Wie er meinen Namen aussprach, als würde er mich kennen, ließ mich einen Schritt zurückweichen, mein Blick huschte zwischen den beiden hin und her.

    „Du…“, begann ich und brach ab, weil mir plötzlich bewusstwurde, wie wenig ich eigentlich über den Schwarzhaarigen wusste. „Du warst… beim letzten Mal…“

    „Nicht im Dienst“, beendete er den Satz für mich, auch wenn es nicht das war was ich sagen wollte. Ein kurzes, schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht, verschwand aber genauso schnell wieder. „Jetzt schon.“

    Die Kälte kroch mir erneut den Rücken hinauf, doch diesmal kam sie nicht nur von der Luft. Irgendetwas an seiner Haltung, an der Art, wie er mich musterte, ließ mich ahnen, dass er genau wusste, was mit mir nicht stimmte. Wie bereits bei Boyd. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir vorhatten. Aber ich wusste, dass sie mir die Wahrheit verschweigen wollten.

    Ich wollte kein Versuchsobjekt sein – für niemanden. Weder für Phineas noch für Boyd oder diesen seltsamen Cornelius.

    Es fühlte sich an, als hätten sie es alle auf mich abgesehen, und dieses Gefühl wollte mich einfach nicht mehr loslassen, seit ich im Krankenhaus aufgewacht war und Boyd – auch wenn er wahrscheinlich an meiner Rettung am Hafen beteiligt gewesen war – mir nicht die Wahrheit sagen wollte.

    „Ian“, sagte er noch einmal drängender. „Bitte. Renn nicht weiter.“

    Ich ballte unbewusst die Hände zu Fäusten, mein Körper gespannt wie eine Feder, bereit loszuspringen.

    „Lasst mich endlich in Ruhe!“

    Die beiden tauschten nur einen kurzen Blick aus und diesmal lag darin nichts Beschwichtigendes mehr. Es war kein Wir sind auf deiner Seite, sondern ein klares Reiß dich zusammen.

    Der Mann mit den dunklen Haaren senkte langsam die Hände, die eben noch offen gewesen waren, also würde er sich darauf einstellen, wenn es sein musste, auch körperlich einzugreifen, sollte ich mich falsch verhalten.

    „Egal was du vor hast…“, sagte der Rotsträhne streng, „wir werden dich davon abhalten. Also versuch er erst gar nicht.“

    Am liebsten wäre ich noch einen Schritt zurückgewichen, nur um die Distanz zwischen ihnen aufzubauen, doch ich saß bereits in der Enge. Wenn ich das Gartentor öffnete oder darüber sprang, würden sie ohne zu zögern handeln.

    „Ich habe gesagt, lasst mich in Ruhe“, fauchte ich. „Ich will nichts mit euch oder der Polizei zu tun haben.“

    „Das ist nicht verhandelbar“, entgegnete mit der schwarzhaarige sofort. Der andere Mann verschränkte nun die Arme vor der Brust und trat einen halben Schritt näher.

    „Du kooperierst jetzt“, fuhr der Dunkelhaarige fort. „Ob dir das gefällt oder nicht.“

    Ich schnaubte auf. „Oder was? Ihr packt mich und schleppt mich zurück?“

    Ein kaum sichtbares Schmunzeln machte sich auf seinem Mund breit.

    „Wenn nötig, ja.“

    Die Worte hingen kalt zwischen uns, als würde ihm der Gedanke gefallen.

    „Hör zu“, sagte nun der andere mit der roten Strähne. „Wir wissen, dass du verwirrt bist. Wir wissen auch, dass du Dinge wahrnimmst, die andere nicht wahrnehmen. Das macht dich in unserem Fall keines Wegs besonders, es macht dich ehrlich gesagt gefährlich. Für dich selbst und für andere.“

    Mir wurde heiß unter der Haut. „Ich habe niemandem was getan.“

    „Noch nicht“, kam die knappe Antwort von ihm.

    „Du hast zwei Optionen“, sagte der dunkelhaarige schließlich. „Du kommst jetzt ruhig mit uns, am besten ohne Drama. Oder du rennst. Aber dann – das verspreche ich dir – wirst du es bereuen, dich für Letzteres entschieden zu haben.“ Er drohte mir und ich spürte, dass er wollte, dass ich die zweite Option nahm. Noch bevor ich mich wirklich entscheiden konnte, bewegte sich Rotsträhne. Seine Hand schoss nach vorne, zielte auf meinen Arm als wollte er mich packen. In dem Moment, in dem seine Finger mich berührten, reagierte ich und noch bevor ich richtig begriff, was ich tat, stieß ich ihn von mir weg.

    Die Bewegung war so kraftvoll, dass ich selbst erschrak. Der Mann wurde zurückgeschleudert, taumelte mehrere Schritte, stolperte und fing sich nur knapp, sein Gesicht ein einziges, kurzes Aufflackern aus Überraschung und Unglauben.

    Mein eigener Schock traf mich fast ebenso hart und ich starrte auf meine Hand.

    Das war zu stark.

    Ich drehte mich bereits halb zur Flucht, als sich erneut eine Hand um meinen Arm schloss, diesmal ein Stück fester.

    „Schluss jetzt“, befahl der schwarzhaarige, seine Geduld war bereits am Ende.

    Als ich mich aus seinem Griff reißen wollte, bitzelte es an meinem ganzen Körper.

    Es war kein sichtbarer Blitz und es gab auch kein Geräusch. Es fühlte sich an, als würde eine angestaute Spannung, die sich seit dem Traum in der Wüste in mir aufgebaut hatte, schlagartig nach außen brechen, ein kurzer Impuls, der durch meinen Arm jagte und überging. Der dunkelhaarige erstarrte.

    Seine Finger lösten sich abrupt von meinem Handgelenk, seine Augen rissen weit auf, als hätte ihn etwas getroffen. Sein Körper spannte sich unnatürlich an, zuckte einmal heftig und dann gaben seine Beine nach. Er sackte zusammen und seine Knie schlugen schwer auf dem Boden auf.

    „Noah, alles in Ordnung bei dir?“ fragte der rotsträhnige Junge, den ich zurückgestoßen hatte. Dieser war inzwischen wieder auf den Beinen und sah zwischen seinem Partner namens Noah und mir verwundert hin und her.

    „Was hast du gemacht?“ fragte er unsicher. Ich schüttelte den Kopf, die Worte in meinem Kopf überschlugen sich, aber ich gab ihm keine Antwort. Noah, der noch am Boden lag, zog keuchend die Luft ein und seine Augen waren immer noch geweitet.

    „Wir sollten Cornelius Bescheid sagen…, „brachte Noah stockend hervor, „…er ist vom Typ Elektro, definitiv.“

    Das war der Moment, in dem mich die Erkenntnis traf: Das war ich gewesen!

    Was auch immer in mir war, es hatte reagiert und dass ohne meine Erlaubnis.

    „Das kann doch überhaupt nicht sein, er ist doch ein Mensch!?“

    Noah stützte sich mit einer Hand auf dem Asphalt ab und zwang sich langsam hoch, noch immer sichtbar benommen und sein Atem ging unregelmäßig. Er schüttelte einmal den Kopf, als wolle er das Nachzittern abschütteln, dann hob er den Blick, nicht zu mir, sondern zu seinem Partner.

    „Aiden, jetzt geh schon, ich komme schon allein mit ihm klar!“

    Erst jetzt setzte sich der andere, auch wenn etwas unbeholfen in Bewegung und lief geradewegs in die Richtung meines Hauses.

    „Also gut, “ setzte Noah an, als Aiden nicht mehr zu sehen war. „Du willst es also auf die harte Tour.“

  • Hallo,


    da ist sie also, die große Erkenntnis. Und wenn man von der Reaktion der Familie absieht (meines Erachtens nach etwas zu sehr wie ein Albtraum gestaltet, obwohl es die Realität zu sein scheint), ist dir die Enthüllung im letzten Kapitel gelungen. Von der benebelten ersten Nacht bis hin zu Ians erhöhter Stärke und seinen blitzschnellen Reflexen erhalten die Gespräche und auch seine Verwirrung eine enorme Intensität. Noch bin ich unschlüssig, ob ein Kampf in diesem Moment die beste Option ist, aber ich bin gespannt, was passiert. Anhand der leuchtenden Augen geht ich übrigens von Luxtra aus.


    Wir lesen uns!

  • Hey :D


    Ich finde nach wie vor (bzw. zumindest denke ich, dass ich das mal irgendwo schon mal erwähnt hätte), dass du eine gute Abwechslung zwischen „ruhigeren“ Kapitel, wie das zu Mike und „ereignisreicheren“, wie das zu Ian, hast. Zu Mike kann ich nicht viel sagen, außer, dass man deutlich merkt, wie ihm Ian fehlt. Es ist irgendwie interessant, das auch in den vergangenen Kapitel immer wieder feststellen zu dürfen, weil man zu Beginn der Geschichte eher den Eindruck hatte, dass Mike Ian mehr zur Seite steht – aber Mike braucht Ian genauso. Und der Cliffhanger tut ein bisschen weh, ngl. Ich hoffe, dass Mikes Mutter am Ende positiv reagieren wird. Ihre letzte Reaktion lässt ja einiges offen und der hier eröffnete Interpretationsspielraum kann auch… negativ gedeutet werden. :c


    Bzgl. Ians Kapitel stimme ich Rusalka zu; die Reaktion von Ians Familie hatte tatsächlich mehr was von einem (Alb-)Traum als von einer realen Begebenheit. Überhaupt muss ich gestehen, dass ich zu Beginn positiv verwirrt war, weil ich kurz angenommen habe, dass Ian wirklich nur träumt und sich vorstellt wieder zu Hause zu sein – und im weiteren Verlauf ich mir doch nicht mehr sicher war, ob Ian nicht doch aus dem Krankenhaus abgehauen war (was ihm zuzutrauen ist lol, aber bei den wahrscheinlich vorgenommenen Sicherheitsvorkehrungen eher unwahrscheinlich, dass es ihm geglückt wäre…). Was mich sehr stutzig werden ließ, war die Bemerkung von Lucas, dass man Ian eigentlich im Krankenhaus besuchen wollte. Soweit ich mich erinnere, war es Boyd der Ian mitteilte, dass er keinen Besuch empfangen werde… jedenfalls bin ich zur vorsichtigen Schlussfolgerung gelangt, dass das Kapitel ein Fiebertraum ist (bzw. sein muss). Daher bin ich umso mehr gespannt, wie es weitergehen wird und ob sich das als Traum oder als Realität herausstellen wird!

  • Kapitel 21 - Ian


    Noah blieb direkt vor mir stehen, bereit jederzeit einzugreifen, sollte ich beschließen etwas Dummes zu tun. Und seine gesamte Körperhaltung verriet mir, dass er dachte mir überlegen zu sein. Fieberhaft überlegte ich, wie ich das ausnutzen konnte. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals. Das Kribbeln in meinen Fingern war noch immer da. Wieder machte ich unwillkürlich einen Schritt zurück, mein Blick suchte erneut die Straße und die dunklen Gassen ab, nach irgendeinem Fluchtweg. Jetzt war er allein und die Chancen standen für eine Flucht auf meiner Seite. Doch Noah bewegte sich mit mir, hielt den Abstand konstant, ließ mir absolut keinen Raum, als würde er jeden meinen Schritt überdenken, welchen ich als nächsten machte, um ihn auszugleichen. Ich musste eingestehen dass er verdammt gut darin war.

    „Ich will keinen Stress“, brachte ich hervor, nur um die Unterhaltung weiter aufrecht zu erhalten.

    „Das glaube ich dir“, entgegnete er knapp. „Aber das ändert nichts an der jetzigen Lage.“

    Er verlagerte nur ein wenig sein Gewicht, doch ich spürte es sofort und korrigierte selbst meine Haltung. Es fühlte sich so an, als würde er sich auf etwas vorbereiteten. Nicht wirklich auf einen Angriff im klassischen Sinne, sondern darauf, mich aufzuhalten und zwar endgültig.

    „Hör zu“, fuhr er fort, ohne den Blick von mir zu nehmen. „Du hast mich gerade kurz mit einer elektrischen Entladung außer Gefecht gesetzt, ohne es zu merken. Wenn du jetzt rennst, riskierst du, dass noch mehr passiert.“

    „Ich habe das nicht gewollt!“ entgegnete ich ehrlich, und diesmal bebte meine Stimme. „Ich wusste nicht mal, dass ich das kann!“

    „Genau das ist das Problem“, sagte Noah ruhig.

    Er machte wieder einen Schritt auf mich zu. Nur einen, aber er reichte, um mir klarzumachen, dass er es, auf seine arrogante Art, ernst meinte.

    „Du bist überfordert, verletzt und unberechenbar“, fuhr er fort und als er die Verletzung erwähnte, huschte mein Blick kurz zu meinem rechten Arm. Das würde vermutlich doch noch ein Problem werden.

    „Und mein Befehl lautet dich auf keinen Fall gehen zu lassen.“ Seine Augen verengten sich und begannen langsam leicht gelblich zu leuchten, was mich unweigerlich an den Moment zwischen mir und meiner Mutter erinnerte.

    Mein Atem stockte kurz. Meine Hände ballten sich, dann zwang ich sie wieder locker zu lassen, aus Angst, dass allein diese Bewegung etwas auslösen könnte. Jeder Muskel in mir schrie danach, loszurennen, doch gleichzeitig hatte ich furchtbare Angst vor dem, was dann passieren würde.

    Aber mein Instinkt gewann erneut gegen meinen inneren Konflikt.

    Ich drehte mich ruckartig um, stieß mich vom Boden ab, über den kleinen Gartenzaun und setzte gerade zum Sprint an. Mein Kopf und meine Gedanken, waren bereits auf Flucht programmiert, da traf es mich so plötzlich und unerwartet, dass ich nicht den Hauch einer Chance hatte darauf zu reagieren. Etwas Kaltes, Festes schlang sich plötzlich um meinen linken Arm und riss mich so abrupt zur Seite, dass ich die Luft erschrocken aus meinen Lungen stieß. Ich stolperte, versuchte reflexhaft, das Gleichgewicht zu halten und im gleichen Moment spürte ich, wie sich eine zweite Ranke um mein rechtes Bein legte, knapp unterhalb des Knies, und sich unnachgiebig zusammenzog.

    „Was zum…?!“

    Ich schlug hart auf dem Boden auf, mein Sichtfeld kippte für einen Augenblick. Asphalt und Himmel tauschten für einen Moment die Plätze. Die Ranken hielten mich fest und zogen sich mit jeder Gegenwehr enger zusammen.

    Ich drehte den Kopf zur Seite und sah es nun: Am Rand des Gartens, halb im Schatten der Hecke, bewegte sich etwas. Blätter raschelten, und zwischen ihnen zeichnete sich die Silhouette eines Pokémon ab. Es war grün, stand aufrecht, die Arme in Form von zwei großen Rosen erhoben, aus denen die Ranken hervorgingen, die mich festhielten. Es war das Roselia von neulich am Hafen. Mir wurde schlecht, mein Kopf drehte sich, nur allein mit dem Gedanken an dieser Nacht.

    „Ihr wart das?“, keuchte ich. Noah lachte zu meiner Bemerkung laut auf. „Ihr wart doch neulich noch am Hafen, oder?“ Meine Frage ließ ihn völlig unberührt. Mein Fluchtweg war verpufft und ich gab mich, quer über den Gehweg liegend, geschlagen.

    Mein Herz raste unermüdlich weiter und gleichzeitig spürte ich dieses vertraute, heiße Kribbeln wieder unter der Haut.

    „Lass ihn ja nicht entkommen, und sei vorsichtig, selbst in seiner menschlichen Gestalt ist er gefährlich!“ Das grüne Pokémon nickte ihm zu.

    „Falls er sich überhaupt verwandeln kann, … einfach nur widerlich, “ sagte er beiläufig, doch ich hatte ganz andere Probleme, als seine spitze Bemerkung. Das Roselia rührte sich keinen Zentimeter weiter, doch die Ranken reagierten auf Noahs Worte, als hätten es sie verstanden.

    „Gefährlich…?“ presste ich hervor und versuchte, den Kopf zu heben, doch schon diese kleine Bewegung ließ die Ranken enger nachziehen. „Ich bin doch kein…“

    „Hör auf zu reden“, unterbrach Noah mich fast gelangweilt. Er stand nun dicht genug, dass ich seine Stiefel sehen konnte und wie er siegessicher die Arme vor seiner Brust verschränkte.

    „Wir warten bis die anderen da sind.“


    Ich ließ den Blick höher wandern zum Roselia, welches ruhig im morgendlichen Dunst stand.

    Das glatte, warme Gefühl der Ranken ließen mein Kopf Karussell fahren. Nein. Mein Magen rebellierte und ich würgte trocken, musste den Kopf zur Seite drehen, während mein Atem hektisch wurde. Ich mag Pokémon nicht, der Gedanke kam mir so klar und bitter das er in meiner Lage fast wehtat. Ich hatte sie noch nie gemocht und ich konnte einfach nicht verstehen, warum alle so taten, als wären sie nur niedlich oder nützlich oder faszinierend. Für mich waren sie immer unberechenbar gewesen. Zu stark und gefährlich. Mir wurde schlagartig heiß. Der Nebel schien sich zu drehen, der Boden unter mir schwankte, was den Schwindel nur noch verstärkte und mein Magen zog sich mit brutaler Deutlichkeit zusammen. Ich schluckte hastig, doch es half nichts. Speichel sammelte sich in meinem Mund und das Würgen kam so plötzlich, dass ich kaum reagieren konnte.

    Das Roselia, welches mich die ganze Zeit beobachtet hatte, schien einen Moment zu zögern, doch als ich ein weiteres Mal würgte, lockerte es angewidert dessen Ranken abrupt. Diesmal übergab ich mich auf den Asphalt auch wenn es nicht sehr viel war, der Nebel schluckte das Geräusch fast vollständig. Mein ganzer Körper krümmte sich, Scham und Elend mischten sich mit der Übelkeit.

    Die Hitze in mir kam nicht schleichend, sie kam schlagartig und drohte mich mit seiner Gesamtheit zu überwältigen. Ich presste die Lippen zusammen, versuchte gleichmäßig zu atmen, weil ich diese aufkeimende Hitze bereits kannte und ich flehte in Gedanken das sie aufhörte. Noahs Blick hob sich ruckartig, als hätte ihn jemand am Kragen gepackt. Die verschränkten Arme lösten sich und er sah nicht zuerst mich an, sondern direkt hinüber zum Roselia.

    „Nein, was machst du da,“ brachte er aufgebracht hervor, dem zuvor entgangen war, dass das Pokémon die Ranken ein wenig gelockert hatte.

    Ich versuchte mich auf meinen immer chaotisch werdenden Herzschlag zu konzentrieren und wie er hemmungslos durch meinen Körper pochte.

    Ein scharfes Knistern zerriss die Luft, grell und ohrenbetäubend, und noch bevor ich begriff, was geschah, schoss die Entladung aus mir heraus. Elektrizität raste über meine Haut und Roselia zuckte erschrocken zusammen. Die Ranken, die mich eben noch halbwegs gehalten hatten, fielen schlagartig herab, als hätte jemand die Spannung aus ihnen geschnitten und das Pokémon wich hastig zurück.

    Die Hitze ebbte daraufhin ab, so abrupt, wie sie gekommen war. Mein Herz raste noch immer, aber der Druck in meiner Brust ließ nach. Ich atmete tief ein, denn ich begriff, dass das meine Chance war, mein Überraschungsmoment, den ich ausnutzen konnte.

    Ich rannte los, so schnell ich konnte, was mich bei den ersten Schritten kurz ins Straucheln brachte, denn mein Traum zuvor war kein Traum gewesen. Ich war schnell, schneller, als ich es gewohnt war, was mir das Rennen zunächst eher erschwerte. Erst nachdem ich das erste Mal um eine Ecke gebogen war, gewöhnte ich mich an das Tempo. Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, warum und wohin ich genau rannte. Nur schnell weg von hier. Bei der nächsten Kurve wagte ich einen Blick nach hinten, doch für den kurzen Moment konnte ich niemand erkennen, was mich aber nicht langsam werden ließ. Im Gegenteil. Das Ausbleiben von Verfolgern machte mich nur nervöser. Meine Lungen brannten inzwischen, doch ich versuchte das Gefühl zu ignorieren. Jeder meiner Schritte fühlte sich federnd an, viel zu leicht, sodass der Asphalt, die Pflastersteine, sowie die schmalen Wege zwischen den Gebäuden verschwammen und diese, sowie ich selbst zu einem einzigen Strom aus Bewegung wurden.

    Ein Geräusch hinter mir ließ mich zusammenzucken. Es waren keine menschlichen Schritte, aber ich wagte es auch nicht genauer nachzusehen. Ich presste die Zähne zusammen und beschleunigte instinktiv, bog scharf in eine schmale Gasse ein, ohne zu wissen, ob sie irgendwohin führte oder in einer Sackgasse enden würde. Der Gedanke, eingesperrt zu sein, ließ mir das Blut in den Ohren rauschen. Denk nach. Doch mein Kopf war leer. Ich hatte keinen Plan oder eine Richtung, nur den Drang, weiterzulaufen. Am Ende der Gasse tauchte ein Zaun auf, er war zu hoch zum Überklettern. Ich keuchte schwer und rang nach Atem, als ich zum Stehen kam. Ich sah für einen Sekundenbruchteil noch die Möglichkeit umzukehren. Doch als ich mich hastig herumdrehte, der Schweiß mir in die Augen lief und meine Sicht verschwimmen ließ, konnte ich sehen, dass es bereits zu spät zum Umkehren war. Hinter mir stand ein weiteres Pokémon.


    Es löste sich aus den Schatten des anliegenden Gebäudes, als wäre es schon die ganze Zeit dort gewesen. Sein Körper war schlank, geschmeidig und tiefschwarz wie eines Nachthimmels. Auf seiner Stirn und an den Seiten seines Körpers glühten ringförmige Muster in einem intensiv leuchteten Gelb. Zwei rote Augen fixierten mich aufmerksam und es wartete. Es war, als würde es mich angrinsen. Wie konnten sie nur so schnell reagieren? Ich vermutete, dass Noah auch bald um die Ecke auftauchen würde, wenn vermutlich sein Pokémon schon bereits hier war.

    Ich wich einen Schritt zurück, bis mein Rücken den kalten Metallzaun berührte. Das Pokémon senkte leicht den Kopf, seine roten Augen verengten sich merklich. Es sah aus, als würde es auf etwas warten. Oder auf jemanden? Es schaute sich zu allen Seiten um und auch nach hinten, als wollte es schauen, ob die Luft rein ist. Es ging weiter mit seinem eleganten Gang auf mich zu und dann passierte etwas, was ich für unmöglich hielt. Die hinteren Pfoten streckten sich, formten sich zu Beinen, während sich der Oberkörper aufrichtete. Die Vorderläufe wurden zu Armen, die es beinahe beiläufig bewegte, als wäre dieser Übergang für ihn nichts Besonderes. Die schwarze Haut zog sich zusammen, wurde zu Kleidung, die sich nahtlos an den neuen Körper schmiegte.

    Ich starrte ihn an, unfähig, auch nur einen Laut von mir zu geben. Wo eben noch ein Pokémon auf vier Pfoten gestanden hatte, stand nun ein Mensch vor mir. Noahs Gesichtszüge waren mir sofort vertraut.

    Die roten Augen waren verschwunden, doch sein Blick war derselbe wie zuvor: überlegen und gelangweilt.

    „Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht weglaufen“, meinte er ruhig. Ich schluckte und spürte, wie mir immer kälter wurde.

    „Das war, …du hast dich verwandelt?!“, brachte ich entsetzt hervor, auch wenn mir die laut ausgesprochenen Worte absurd vorkamen. Auf einmal gab es für mich Sinn, das überall Pokémon auftauchten oder plötzlich ohne jede Erklärung verschwanden.

    Noah nickte langsam. Sein Blick glitt kurz an mir vorbei zum Zaun, dann zurück zu mir. „Du bist schnell, das gebe ich zu. Aber Geschwindigkeit allein reicht nicht, um mir zu entkommen.“ Er verschränkte die Arme, lehnte sich leicht zurück, als hätte er alle Zeit der Welt. „Du kannst rennen, so viel du willst“, fuhr er fort. „Ich finde dich trotzdem, egal wo. Jedes Mal.“ Er grinste mich an und seine Stimme blieb dabei für meinen Geschmack zu freundlich. Und dann spürte ich sie wieder, diese unerträgliche Hitze, die mich sofort in panische Angst versetzte. Ich krallte die Finger in den Stoff meines Shirts, als könnte ich dieses Gefühl irgendwie loswerden.

    „Nein… nicht schon wieder“, stieß ich hervor. Ich dachte an den Traum und wie furchtbar schmerzhaft sich das anfühlte. Noahs Blick veränderte sich kaum, doch etwas in seinen Augen flackerte auf. Er war nun aufmerksam und voller Erwartung. Er richtete sich ein wenig auf, als würde genau das eintreten, worauf er die ganze Zeit gewartet hatte.

    „Du spürst es also“, sagte er leise. „Die Hitze.“

    Ich schüttelte den Kopf, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Körper fühlte sich falsch an, zu eng, als würde etwas in mir gegen seine Grenzen drücken. Die Umgebung verschwamm erneut vor meinen Augen, die Farben verzerrten sich und seine Stimme klang auf einmal dumpf und weit entfernt.

    „Was passiert mit mir?“, fragte ich ausgerechnet die Person, von der ich keine Hilfe erwartete und das Zittern in meiner Stimme verteilte sich über meinen gesamten Körper.

    Noah trat einen Schritt näher, blieb jedoch in sicherem Abstand stehen. „Das ist genau der Grund, warum du nicht weglaufen solltest“, antwortete er mir. „Du hast keine Kontrolle darüber und das macht dich gefährlich.“

    Die Hitze explodierte regelrecht in mir. Sie schoss durch meine Glieder, brannte unter meiner Haut, als würde sie von innen aufreißen wollen. Ich sackte nach vorne, fing mich gerade noch am Zaun ab, während mir ein erstickter Laut entfuhr.

    „Es tut so weh“, stieß ich hervor, meine Stimme brach, während ich mich verkrampfte. „Hör auf…“

    Doch es hörte nicht auf.


    Ein schmerzhafter Druck baute sich in meinen Armen und Beinen auf, meine Muskeln zogen sich unkontrolliert zusammen. Ich konnte es nicht genau benennen, aber mein Körper veränderte sich. Ein scharfes Ziehen fuhr mir durch den Rücken, ließ mich aufschreien, während mir die Knie nachgaben.

    „Verflucht…“, zischte Noah leise, jetzt deutlich energischer und diesmal sah ich auch eine gewisse Überforderung in seinen Augen.

    „Versuch nicht dagegen anzukämpfen.“

    Aber wie sollte ich nicht kämpfen, wenn sich alles in mir anfühlte, als würde ich zerbrechen? Was für ihn wohl ein gut gemeinter Tipp war, ging komplett an mit vorbei und brachte mich nur noch mehr in Rage. Er wollte gerade weiterreden, aber da traf mich der Schmerz ohne jede Vorwarnung. Der Schrei der aus meinem Mund kam, war selbst mir fremd. Panik vermischte sich mit meinem Schmerz als ich sah, wie sich meine Hände dunkel färbten. Meine Finger krümmten sich unwillkürlich, zogen sich zusammen, während ein stechender Druck durch meine Knochen ging. Die Finger wurden länger, die Nägel verdickten sich und wuchsen weiter, bis sie sich in dunkle, gebogene Krallen verwandelten. Ich krümmte mich weiter nach vorne, schrie erneut und spürte, wie sich etwas durch meine Haut schob. Fell brach durch, tiefschwarz und dicht. Es breitete sich rasend schnell aus, über Schultern, Rücken und Arme. Mein Körper wurde zunehmend schwerer und größer. Meine Wirbelsäule bog sich, meine Haltung veränderte sich, zwang mich tiefer und näher an den Boden. Meine Beine zitterten, dann streckten sie sich neu aus und meine Füße formten sich um, wurden zu Tatzen, die sich hart in den Asphalt drückten. Ich hörte ein tiefes Knurren. Erst dachte ich, es käme von irgendwo neben mir. Dann begriff ich, dass es aus mir kam. Noah wich instinktiv einen Schritt zurück, sein Gesichtsausdruck war plötzlich ernst. Mit dem letzten Ruck der Verwandlung fiel der Schmerz abrupt von mir ab, als hätte jemand ihn einfach abgeschaltet. Wo eben noch alles gebrannt, gezogen und zerrissen hatte, war nun Stille. Eine tiefe, fast erschreckende Ruhe breitete sich in meinem Körper aus. Unter meinem Fell lag eine dauerhafte Spannung, diese elektrische Energie wanderte über meine Haut, stellte das Fell auf, zog in feinen Bahnen über Schultern, Rücken und Flanken, sammelte sich kurz und floss weiter.

    Völlig entsetzt starrte ich auf die blauen Pfoten, die zuvor noch meine Hände waren. Jeder Versuch mich aufzurichten scheiterte, weil es sich plötzlich seltsam anfühlte auf zwei Beinen zu stehen.

    „Ein Luxtra also“, sagte Noah, darin lag aber keine freudige Erregung. „Das erklärt zumindest den elektrischen Schlag von vorhin.“ Seine zurückgekehrte, gelassene Art machte mich wütend, weil ich mich so fehl am Platz und in meinem eigenen Körper fühlte. Ich versuchte erneut, aufrecht zu stehen, schwankte und stieß mit der Schulter gegen die Mauer. Ein dumpfer Schlag, doch nicht schmerzhaft, zumindest nicht so, wie ich ihn erwartet hätte. Stattdessen zuckte etwas unter meiner Haut, ein Knistern, das sich unkontrolliert entlud. Funken sprangen von meiner Pfote auf den Boden, ließen mich erschrocken zurückweichen.

    „Siehst du?“, sagte Noah ruhig. „Kontrolliere sich, sonst.…“

    „Hör auf, so ruhig zu klingen“, fauchte ich, überrascht von der Tiefe und Rauheit meiner eigenen Stimme. Sie vibrierte ungewohnt in meiner Brust, wie elektrisch aufgeladen. Die Sackgasse fühlte sich erdrückend eng an. Mein Schweif – mein Schweif – ich fuhr aufgebracht herum und dieser schlug klirrend und unkontrolliert gegen das Metall. Meine Hinterpfoten verloren den Halt und rutschten über den Beton, ich verlor erneut das Gleichgewicht und musste mich mit den anderen Pfoten abfangen.

    „Verdammt!“, knurrte ich und zog die Pfote instinktiv zurück, als hätte ich mich verletzt, obwohl es nicht wirklich wehgetan hatte. Das ist zu viel! Alles war zu viel, die Enge der Gasse, das Knistern unter meiner Haut, dieses fremde Gewicht meines Körpers, sowie die falsche Körperhaltung. Die Energie in mir staute sich unaufhörlich, suchte sich einen Ausweg, und je panischer ich wurde, desto weniger hatte ich das Gefühl sie kontrollieren zu können.

    „Bleib ruhig“, sagte Noah jetzt eindringlicher, der ruhige Ton war einer angespannten Warnung gewichen. „Du musst sofort runterfahren, bevor noch etwas weitaus schlimmeres passiert.“

    Ich lachte hysterisch auf. „Ruhig bleiben? Wie soll ich das anstellen? Ich weiß noch nicht einmal was gerade mit mir passiert,“ brüllte ich ihn an. Als Antwort zuckte erneut ein Funke aus meiner Pfote, schlug gegen die Mauer und hinterließ eine geschwärzte Spur. Ich zuckte erschrocken zurück, mein Herz raste noch schneller. Meine Angst verwandelte sich in blanke Panik.

    „Geh weg von mir!“, fauchte ich und machte einen unbeholfenen Schritt nach vorn. Die Elektrizität in meinem Körper entlud sich schlagartig. Ein greller Blitz schoss über den Boden, wild und ziellos.

    Noah wich blitzschnell zurück. „Bist du irre?“, fauchte er. „Pass doch gefälligst auf!“

    Bevor ich begreifen konnte, was er vorhatte, veränderte sich seine Haltung. Er atmete tief und entspannt ein und im nächsten Moment begann sein Körper sich erneut zu wandeln. Seine Kleidung löste sich nicht auf, sondern verschmolzen mit seinem Körper. Seine Gliedmaßen verkürzten sich und sein Körper senkte sich geschmeidig ab. Schwarzes Fell überzog seine Haut, gelbe Ringe glühten auf, und rote Augen leuchteten mir aus der Dunkelheit entgegen.


    „Tut mir leid, Ian“, erklang Noahs Stimme nun tiefer, aber es war unverkennbar seine und es schwang kein Funke Mitleid darin. „Aber ich muss dich leider außer Gefecht setzen.“

    Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, wurde es kurz schwarz vor meinen Augen. Ich wollte nicht in Ohnmacht fallen, doch ich war am Ende mit meinen Kräften. Doch ich wollte auch nicht die Kontrolle abgeben. Ich riss den Kopf herum, gerade rechtzeitig, als Noah auf mich zu geschossen kam. Seine Bewegung war schnell. Ganz anders als meine. Der Angriff kam so schnell, dass mein Blick ihm nicht folgen konnte. Ein explosionsartiger Vorstoß, präzise und gnadenlos, getragen von Geschwindigkeit und perfektem Timing.

    Ich spürte ihn erst, als es zu spät war.

    Ein harter Einschlag traf meine Flanke, genau unterhalb der Rippen. Die Wucht schleuderte mich seitlich herum, als hätte mich etwas Unsichtbares gepackt. Schmerz explodierte an der Stelle, heiß und stechend, und ich stieß einen unkontrollierten Laut aus, der eher ein ersticktes Knurren als ein Schrei war. Meine Pfoten verloren den Halt, ich schlitterte ein kurzes Stück über den Asphalt und kam unsanft zum Liegen. Für einen Moment grießelte es vor meinen Augen und ich sah Sterne. Mein Körper reagierte verzögert, als würde er erst sortieren müssen, was gerade passiert war. Noah ließ mir keine Zeit und machte sich bereit zum nächsten Angriff. Er ließ mich nicht für eine Sekunde aus den Augen. Mein Verstand hatte nicht mehr die Kraft darüber nachzudenken. Mein Körper bewegte sich von selbst und reagierte schneller, als es mein Verstand in der jetzigen Verfassung gekonnt hätte. Ich stemmte mich hoch, knurrte tief aus der Brust heraus und wich seinem nächsten Angriff nicht aus, als Noah zum Sprung ansetzte. Er wollte mich erneut treffen. Stattdessen warf ich mich ihm entgegen. Unsere Körper prallten frontal aufeinander. Die Wucht ließ mich taumeln, doch ich hielt stand, und bevor ich realisierte, was ich tat, riss ich das Maul auf und biss zu. Meine Zähne schlossen sich instinktiv um sein Fell, irgendwo zwischen Schulter und Hals, konnte es aber nicht genau sagen. Ich spürte den haarigen Widerstand, seine Wärme und hörte ein kurzes Fauchen. Mit einem kraftvollen Ruck schleuderte ich ihn von mir weg. Noahs Körper wurde regelrecht durch die Luft gerissen, prallte hart gegen die gegenüberliegende Wand der Gasse. Er rutschte an der Wand hinab, fing sich im letzten Moment, blieb aber einen Herzschlag lang reglos stehen, weil er vermutlich nicht mit einem Gegenangriff gerechnet hatte. Sein Atem ging schwerer als zuvor. Seine roten Augen verengten sich zu Schlitzen und funkelten mich feindselig an. Ich starrte ihn an, selbst erschrocken über das, was ich gerade getan hatte. Wieder überkam mich eine dunkle Welle die meinen Kopf benebelte und Noah für einen kurzen Moment aus den Augen verlor. Noah hatte sich wieder gefangen und stand nun auf vier Beinen fest vor mir und es begann sich vor ihm etwas, nebelartiges zu bilden. Der lila Dunst verdichtete sich und formten ein, wie in Energie geladene Kugel. Ich kannte mich damit nicht aus, aber er griff mich mit dieser Attacke an.

    „Schei—“

    Die dunkle Energie schoss auf mich zu, schneller, als ich reagieren konnte. Verzweifelt versuchte ich auszuweichen, doch ich war nicht schnell genug. Sie traf mich seitlich am Kopf. Meine Beine gaben vor Schmerz nach und ich sackte zu Boden, wo ich erst einmal benommen liegen blieb. Ich keuchte, rang nach Atem, während dunkle Schlieren vor meinen Augen tanzten. Als das Dröhnen in meinem Schädel langsam nachließ, nahm ich nur noch schemenhaft wahr, wie sich Noah mir näherte. Siegessicher kam er auf mich zu, Schritt für Schritt, als wäre der Ausgang dieses Kampfes längst entschieden. Sein Blick ruhte fest auf mir.

    Noch nicht, dachte ich verzweifelt. Etwas tief in mir bäumte sich auf. Es war kein klarer Gedanke oder ein Plan, sondern mein reiner Überlebenswille. Ich wollte mich nicht geschlagen geben. Nicht gegen diesen hochnäsigen Angeber. Mit einem rauen Schnaufen stemmte ich mich hoch. Meine Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen an, jeder einzelne schrie vor Erschöpfung. Ich erwartete Funken, Blitze, das merkwürdige Knistern, doch diesmal kam etwas anderes. Ein kurzes, wellenförmiges Licht, welches sich explosionsartig von mir ausbreitete erschien. Es waren keine Blitze, nur eine pure Kraft, die Noah frontal traf. Sein Körper ruckte, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen, und er erstarrte mitten in der Bewegung. Die roten Augen weiteten sich schockiert. Jetzt oder nie.

    Meine Sicht wurde dunkler, die Ränder meines Blickfeldes verschwammen, doch ich befahl meinen müden und geschundenen Körper weiter. Mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt sprang ich ab. Mühelos setzte ich über Noah hinweg. Unsauber landete ich hinter ihm, fing mich gerade noch ab und rannte los. Hinter mir hörte ich noch ihn nach mir rufen, aber ich reagierte nicht.




  • Hallo,


    ich stelle mir das Erreichen dieses Punktes wie einen großen Meilenstein vor. Es hat wirklich lange gedauert, um zu sehen, in welche Richtung diese Geschichte geht und der gesamte Aufbau dieses und des letzten Kapitels ist grandios. Ians immer stärker werdende Schmerzen mit der Verwandlung zu kombinieren, als würde etwas aus ihm herausbrechen wollen, war äußerst realitätsnah und gleichzeitig einfühlsam beschrieben. Ich schwankte jedenfalls die ganze Zeit, ihm helfen zu wollen und ihn andererseits für seinen Sturkopf rügen zu wollen. Das machte die Angelegenheit aber umso spannender und ich kann es kaum erwarten, mehr zu lesen.


    Wir lesen uns!

  • Kapitel 22 - Ian


    Ein alter, modriger Geruch stieg mir in die Nase, als ich langsam mein Bewusstsein wieder erlangte. Es war kalt und ich zog meine Beine enger an meinen Körper. Die Bewegung schmerzte mir in jeder Faser meiner Muskeln. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch die wollten mir nicht gehorchen. Also lauschte ich, aber es war ruhig um mich. Das Erste, was ich wahrnahm, war etwas Weiches unter mir, aber es fühlte sich nicht wie ein Bett an. Meine Hand, meine Fingerspitzen rieben kurz über den Stoff. Im zweiten Moment war es doch etwas rauer. Ich versuchte meine Augen zu öffnen. Vorsichtig und langsam bewegte ich meinen Körper. Ich setzte mich auf, stützte mich schwer atmend mit den Händen ab und ließ den Blick unscharf über meine Umgebung gleiten. Irrtümlicherweise wurde es gerade zur Regel, an fremden Orten wieder zu Bewusstsein zu kommen und ich war mir nicht ganz sicher, ob das etwas gutes war. Hohe, graue Wände ragten über mir auf, stellenweise von Rost zerfressen, das Dach irgendwo über mir nur schemenhaft zu erkennen. Durch zerbrochene Fenster zu meiner Rechten fiel fahles Licht. Ich war in der Industriehalle. Ein leiser, fast bitterer Laut entwich mir, als Erinnerungen hochkamen. Mike und ich waren so oft hier gewesen, wenn wir allein sein wollten. Ich schaute an mir herab und erstarrte. Ich war nackt, schon wieder! Meine Hände zitterten, als ich sie betrachtete. Sie waren Arceus sei Dank menschlich und keine blauen Pfoten mehr. Die Krallen und das blaue Fell waren verschwunden. Ich fuhr mir hastig über den linken Arm, über die Brust, Gesicht, als müsste ich mich selbst davon überzeugen, dass ich wieder ich war. Jeder Muskel protestierte bei der Bewegung, als wäre ich Stunden lang weggelaufen. Ich zog hastig die Knie an, mehr aus Reflex als aus wirklicher Scham, und suchte den Boden um mich herum ab. Mein Blick huschte über den staubigen Beton, über alte Holzpaletten und zerbrochene Kisten – doch da lag nichts, was auch nur entfernt nach meiner Kleidung aussah. Erst da fiel es mir auf. Es lag an der Verwandlung. Meine Kleidung war zurückgeblieben, zerrissen in der Gasse, als mein Körper sich verändert hatte. Der Kampf war schmerzhaft real gewesen, egal wie sehr ich hoffte, dass das alles nur ein Traum war. Ich lehnte mich gegen die kalte Wand und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass mir etwas weiteres Entscheidendes fehlte.

    Zeit.

    Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich hier schon lag. Minuten? Stunden? Vielleicht sogar länger als mir lieb war. Das kühle Licht, das durch die zerbrochenen Fenster fiel, verriet mir nichts. Kein klarer Stand der Sonne, keine Geräusche von draußen, die mir einen Anhaltspunkt hätten geben können. Ich lauschte erneut, angespannter als zuvor. Kein hastiges Atmen hinter mir. Keine Schritte. Keine Stimmen. Kein Knistern oder dumpfes Grummeln. Nichts deutete darauf hin, dass mir noch jemand folgte oder hier war. Ich ließ mich sinken, als eine kleine Anspannung von mir abfiel. Wenn Noah oder die anderen mir gefolgt wären, hätten sie mich längst gefunden. Diese Halle war nie wirklich ein gutes Versteck gewesen. Dafür war sie zu offen, aber es reichte aus. Zumindest fürs Erste. Doch dieser Gedanke brachte keine wirkliche Erleichterung, eher eine seltsame Leere, gefolgt von Erschöpfung. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ich war Hundustermüde. Erst jetzt drängte sich ein weiteres Problem mit brutaler Klarheit in den Vordergrund.

    Hunger.
    Ich sah noch einmal an mir herab, zog die Arme fester um meinen Körper und verzog das Gesicht. So konnte ich unmöglich hier raus. Und selbst wenn ich es wollte, ich hatte nichts bei mir. Kein Geld. Kein Handy. Nicht einmal meine Schuhe. Alles war in der Gasse geblieben. Rausgehen und irgendwo etwas besorgen war keine Option. Es war zu risikobehaftet. Ich wollte unter allen Umständen meine gerade erlange Sicherheit, dieses Versteck, nicht aufgeben. Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich fuhr mir mit einer Hand durch die Haare und zwang mich nach einer Lösung zu suchen. Panik würde mir nichts bringen, dass würde mein überforderter Verstand auch nicht zulassen. Ich brauchte einen Plan. Irgendeinen. Vielleicht lag irgendwo noch etwas aus alten Zeiten hier herum. Eine Jacke vielleicht oder ein Tuch. Eine weitere Option wäre warten. Warten, bis es dunkel wurde und ich mich unauffällig bewegen konnte. Der Gedanke gefiel mir nicht, aber er war besser als jeder andere. Ich zog die Knie enger an mich heran, lehnte den Kopf erneut gegen die kalte Wand und schloss für einen Moment die Augen. Mein Körper zitterte vor Erschöpfung, doch mein Geist raste weiter. Gerade als ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, meldete sich mein Körper erneut, mein Bauch zog sich schmerzhaft zusammen. Ein dumpfes, hohles Gefühl breitete sich aus, gefolgt von einem lauten, beinahe schon beleidigten Knurren, das in der stillen Halle viel zu deutlich zu hören war. Ich legte instinktiv eine Hand auf den Magen. Es fühlte sich an, als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Kein Wunder eigentlich, nach allem, was mein Körper durchgemacht hatte, fühlte es sich an, als hätte jede einzelne Reserve aufgezehrt. Der Gedanke an Essen ließ mich kurz schwindelig werden. Mein Mund wurde trocken, mein Kopf fühlte sich leicht an. Wohl mit ein Grund, warum es mir gerade schwer fiel überhaupt auf ein Ergebnis zu kommen, wie ich mich aus meiner misslichen Lage befreien konnte. Hier sitzen war zumindest gerade körperlich einfacher. Ich ließ den Blick erneut durch die Halle schweifen, diesmal mit einem ganz anderen Fokus. Vielleicht hatte irgendjemand hier einmal etwas zurückgelassen. Eine alte Flasche. Eine Dose. Irgendwas. Die Hoffnung war dünn, aber sie war gerade gefühlt alles, was ich hatte.

    Mein Blick glitt weiter nach oben, entlang der hohen Wände, vorbei an den rostigen Stahlträgern und bröckelndem Beton. Erst jetzt fiel mir die Empore wieder ein. Sie zog sich an der linken Seite der Halle entlang mit einem schmalen Geländer und einer Treppe, die nach oben führten. Alte Büroräume und ein paar ehemalige Personalräume lagen dort oben. Spinde. Schreibtische. Ein Pausenraum vielleicht. Wenn ich irgendwo in dieser Halle etwas finden würde – Kleidung, Wasser, vielleicht sogar etwas Essbares –, dann dort. Langsam richtete ich mich auf. Meine Beine fühlten sich wackelig an, protestierten sofort gegen die Bewegung, doch sie trugen mich. Ich blieb einen Moment stehen, um das Schwindelgefühl abklingen zu lassen. Ich löste mich von der Wand und setzte mich vorsichtig in Bewegung. Jeder Schritt über den kalten Beton fühlte sich fremd an, mit nackten Füßen verletzlich, doch ich ignorierte das Unbehagen so gut ich konnte. Ohne mich noch einmal umzudrehen, verließ ich meinen Platz. Die Treppe knarrte leise, als ich den ersten Schritt daraufsetzte. Rostige Stufen, furchtbar kalt unter meinen Füßen und jede einzelne war mit einer dünnen Staubschicht überzogen. Ich hielt mich instinktiv am Geländer fest, auch wenn es sich kaum vertrauenerweckender anfühlte als die Stufen selbst, und begann langsam hinaufzugehen. Nach ein paar Stufen musste ich plötzlich schmunzeln. Merkwürdig, dass mir die Erinnerung jetzt wieder kam. Das erste Mal, als ich hier hochgegangen war.


    Damals war ich nicht allein gewesen. Mike hatte unten gestanden, seine Hände tief in den Taschen vergraben und die Arme fest an seinen Körper gepresst. Von dort aus hatte er mich misstrauisch angestarrt.

    „Vergiss es, ich komm da nicht hoch“, hatte er gesagt, und obwohl er versucht hatte, nicht nervös zu klingen, hatte ich es ihm sofort angemerkt. Höhenangst. Hatte er schon immer. Also war ich damals allein hochgegangen, ihm von oben zugerufen, dass alles halb so wild sei, während er unten angespannt hin und her kleopardert (getigert) war und mir geraten hatte, bloß nicht über das Geländer zu schauen. Die Erinnerung ließ mich leise aufatmen und ein schwaches Lächeln lag seit längerem auf meinen Lippen. Ich erreichte den oberen Absatz und blieb kurz stehen, um mich zu sammeln. Es hatte sich so viel geändert zwischen Mike und mir, dass ich gar nicht mitbekommen hatte wieso. Und ich wusste, dass ich das eigentlich nie wollte. Ich ging langsam den schmalen Gang entlang, öffnete eine Tür nach der anderen. Die meisten Räume waren leer oder bis zur Unkenntlichkeit verwüstet. Umgekippte Schreibtische, zerbrochene Stühle, vergilbte Ordner, deren Inhalt längst auf dem Boden verteilt war. Staub lag überall, dick und unberührt. In einem Raum stand noch ein alter Aktenschrank, dessen Schubladen sich keinen Millimeter mehr bewegen ließen. Im nächsten Zimmer hing eine flackernde Neonröhre schief von der Decke, als würde sie jeden Moment herabfallen. Für mich jedoch nichts Brauchbares. Ich biss mir auf die Unterlippe und ging weiter, mein Magen meldete sich erneut mit einem leisen, aber deutlichen Knurren. Dann öffnete ich die nächste Tür und blieb stehen. Der Raum sah anders aus, als die vorherigen Räume. Es gab keine Büroeinrichtungen mehr. Entlang der Wände standen einige alte und offene Metallspinde, andere wiederum verschlossen. Eine lange Holzbank zog sich durch die Mitte des Raumes, daneben lagen vereinzelte Schuhe, ein einzelner Handschuh, ein zerknittertes Handtuch. Es war eindeutig eine Umkleide gewesen. Vielleicht für die Arbeiter. Oder das Personal aus den Büros. Mein Blick wanderte fast automatisch zu den offenen Spinden. In einem hing noch eine Jacke. In einem anderen lag ein zusammengefaltetes Shirt. Daneben eine alte Hose, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich zögerte, trat einen Schritt näher, dann wieder zurück. Allein der Gedanke, fremde Kleidung anzuziehen, widerstrebte mir mehr, als ich erwartet hatte. Es fühlte sich einfach falsch an. Doch dann spürte ich die kalte Luft auf meiner Haut und die daraus resultierenden Verletzlichkeit. Die Tatsache, dass ich so nicht bleiben konnte, ließ mich dem offenen Spind nähern. Langsam nahm ich das Shirt aus dem Spind. Ich durfte mich nicht davon einnehmen lassen und den Gedanken beiseiteschieben, anderenfalls würde mich die Flut an Ereignissen zusammenbrechen lassen. Der Stoff war rau, roch alt und nach Staub, aber er war trocken. Ich zog es über, verzog kurz das Gesicht, als es über meine schmerzenden Schultern glitt. Danach die Hose. Sie saß nicht perfekt, war etwas zu weit, aber sie hielt. Ich atmete tief durch, als der Stoff endlich meine Haut bedeckte. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so etwas unangenehmes machen musste, aber es war besser, als nackt zu sein, zumindest redete ich mir das ein. Ich lehnte mich kurz gegen einen der Spinde, schloss die Augen und ließ den Moment wirken. Kleidung allein löste meine Probleme nicht, aber sie gaben mir nun die Möglichkeit mich um weitere Anliegen zu kümmern. Das war alles so absurd, dass es mir immer noch schwer fiel das Ganze zu verstehen. Ich verstand nun, um was es in diesem Experiment ging, nur konnte ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, wie Boyd, Cornelius, mit Noah und dem Rest des Team-Betas Zusammenhang. Steckten Sie wohlmöglich unter einer Decke, aber warum wurde ich von Phineas entführt, aber vom Kommissar gerettet? Und da war noch meine Mutter, die sich seltsam verhalten hatte. Ich wusste nicht welches dieser Tatsachen mir mehr Angst einjagte. Ich konnte erst mal nicht nach Hause zurück. Nicht, solange ich nicht wusste, wem ich überhaupt noch trauen konnte. Wenn sie mich finden wollten, dann wäre das der erste Ort, an dem sie suchen und beobachten würden. Ich öffnete die Augen wieder und starrte einen Moment lang auf den Boden. Zu viele Namen. Zu viele Rollen, die nicht zusammenpassen wollten.

    Boyd. Cornelius. Noah. Team Beta. Phineas.

    Jeder von ihnen schien ein Teil desselben Puzzles zu sein und doch fehlte mir das Gesamtbild. Ich fuhr mir mit beiden Händen durchs Gesicht und ließ sie dann schwer sinken. Dass ausgerechnet Boyd, ein Kommissar, darin verwickelt sein könnte, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Jemand, der mich eigentlich hätte schützen sollen? Ein Teil von mir glaubte daran, dass er mir helfen wollte. Aber der andere, wusste, dass er mich festhalten wollte. Nur zur Sicherheit? Aber warum durfte ich meine Familie nicht sehen oder Mike? Ich richtete mich vom Spind weg auf und sah mich noch einmal in der Umkleide um. Mein Blick blieb an meinen Händen hängen. Sie waren Menschlich, man sah keine Funken mehr oder eine fremdes Knistern unter der Haut. Und trotzdem spürte ich es noch immer. Etwas tief in mir. Was, wenn es wieder passierte?

    Ich bekam direkt eine Entonhaut, nur allein bei dem Gedanken an die Hitze und dem Schmerz. Ich wusste nicht, was der Auslöser gewesen war. Angst vielleicht? Stress? Oder war es etwas völlig anderes, etwas, das ich gar nicht beeinflussen konnte? Die Vorstellung, jederzeit wieder die Kontrolle zu verlieren, ließ mich kurz erschaudern. Wenn ich mich noch einmal verwandelte – hier, allein, unvorbereitet. Ich ballte kurz die Hände zu Fäusten, lockerte sie wieder. Doch nichts geschah. Keinerlei Reaktion. Bei Noah sah das so einfach aus, er hatte sich in dem Moment verwandelt als er es brauchte. Und ich war in diesem Moment einfach erschöpf und leer. Vielleicht war das der einzige Grund, warum nichts passierte. Der Gedanke tröstete mich kaum. Eines war klar: Ich konnte nicht einfach so weitermachen wie zuvor. Wenn es wieder geschah, musste ich vorbereitet sein. Lernen, die Anzeichen früher zu erkennen. Lernen, nicht sofort in Panik zu verfallen.


    Und vor allem: herausfinden, was sie mit mir genau gemacht hatten. Könnte auch sein, dass diese Fähigkeit nur für einen bestimmten Zeitraum funktionierte. Ein Gedanke drängte sich plötzlich in den Vordergrund: Phineas. Wenn er es gewesen war – wenn er derjenige war, der das alles in Gang gesetzt hatte –, dann musste es auch einen Weg zurückgeben. Niemand erschuf so etwas, ohne zu wissen, wie man es kontrollierte. Oder zumindest rückgängig machte. Wenn es eine Methode gab, mich zu verwandeln, dann gab es mit Sicherheit auch eine, die Verwandlung zu beenden. Dauerhaft. Phineas hatte mich nicht einfach irgendwo aufgesammelt und dem Zufall überlassen – das hier war geplant gewesen. Ich sah meinen verwundeten rechten Arm an. Ich biss mir auf die Unterlippe. Das bedeutete auch, dass er Antworten hatte. Antworten, die mir sonst niemand geben wollte. Oder durfte. Dass hatte Boyd zumindest im Krankenhaus gesagt. Jetzt musste ich pragmatisch denken. Ich musste warten, bis es dunkel wurde. Erst dann konnte ich mich aus der Halle wagen, ohne sofort aufzufallen. Erst dann hätte ich eine Chance, irgendwo Essen aufzutreiben – eine Tankstelle, ein Automat, irgendetwas, wo niemand Fragen stellte. Mein Magen erinnerte mich gnadenlos daran, dass Aufschieben keine Dauerlösung war. Ich war am Ende. Nicht nur körperlich. Auch mein Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn zu oft gegen eine Wand geschlagen. Jeder Muskel schmerzte, mein Arm pochte dumpf, und die Erschöpfung lag schwer auf mir, wie ein Gewicht, das ich kaum noch tragen konnte. Selbst das Stehen fiel mir schwerer, als ich zugeben wollte. Ich brauchte Zeit, um im wahrsten Sinne des Wortes, meine Wunden zu lecken. Ich ließ mich erneut auf die Bank in der Mitte des Raumes sinken und starrte noch einmal über meinen rechten Arm wandern, über die blauen Flecken, die Schürfwunden, die Stelle die aussah als wäre sie verbrannt worden.

    Der Anblick rief mir Mike wieder ins Gedächtnis. Der Gedanke an ihn ließ mich kurz klarer sehen. Wenn es noch jemanden gab, der mir helfen konnte, dann er. Nicht nur, weil ich ihm vertraute – sondern weil er sich mit Pokémon besser auskannte als jeder andere in meinem Umfeld. Er hatte sich schon immer damit beschäftigt. Vielleicht konnte es mir mehr sagen. Ich musste irgendwie Kontakt zu ihm aufnehmen. Ich blieb eine lange Zeit dort sitzen, lauschte der Stille der Halle und ließ die Zeit verstreichen. Irgendwann würde das Licht draußen schwächer werden.


    Die Dunkelheit hatte sich inzwischen über die Straßen gelegt, als ich mich vorsichtig aus meinem Versteck wagte. Ich zog den Kopf ein wenig ein und wechselte rasch die Straßenseite, kaum dass sich eine Lücke im Verkehr auftat. Meine Augen wanderten unablässig. Schaufenster spiegelten mein verzerrtes Abbild zurück, dunkle Hauseingänge lagen wie offene Mäuler am Rand meines Sichtfeldes. Jede Bewegung, jeder Schatten ließ mich kurz innehalten. Ich lauschte den Schritten in meiner Umgebung, Stimmen, das ferne Rauschen eines Autos. Meine Ohren schienen jedes Geräusch einzeln herauszufiltern, einordnen zu wollen, ob es Gefahr bedeutete oder nicht. Und dann war da noch etwas Neues. Ich atmete die kalte Nachtluft unbewusst tiefer ein. Gerüche. Ich hatte das Gefühl sie nun ganz anders und viel intensiver wahr zu nehmen. Feuchter Asphalt. Abgase. Müll, der zu lange in einer Tonne gelegen hatte. Kalter Metallgeruch von einem Geländer. Es traf mich unerwartet klar, auch wenn ich mich noch nicht wirklich daran gewöhnt hatte, ich tat es schon fast automatisch durch den schärferen erlangten Sinn heraus. Ich wechselte erneut die Straßenseite, hielt mich im Schatten der Gebäude, vermied das Licht der Laternen so gut es ging. Ich war inzwischen fast in einem ganz anderen Stadtteil angekommen. Die Gebäude wirkten fremder, höher und dichter aneinandergedrängt. Andere Gerüche, andere Geräusche. Stratos-City war riesig – ein endloses Geflecht aus Straßen, Ebenen und Vierteln, die kaum etwas miteinander zu tun hatten. Wie groß war da schon die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand hier draußen finden würde?

    Ich atmete langsam aus. Vernünftig betrachtet war sie gering. Sehr gering sogar.

    Und doch ließ mich ein Gedanke nicht ganz los. Phineas hatte mich schon einmal gefunden.

    Ich befahl mir, nicht weiter darüber nachzudenken. Wenn ich damit anfing, würde ich den Gedanken nicht mehr loswerden. Er hatte mich aufgespürt, obwohl ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich gesucht wurde. Wenn ich mich von dieser Angst treiben ließ, würde ich überall Muster sehen, wo keine waren. Also ging ich schnell weiter. Ich mischte mich unter die vereinzelten Passanten, die noch unterwegs waren, hielt Abstand, ohne aufzufallen. Meine Sinne blieben offen und meine Schritte passten sich der Menge an. Jeder Atemzug brachte neue Gerüche und somit neue Eindrücke. Die Nacht war dunkel, aber auch hier hatte sich meine Wahrnehmung verändert. Das war mir bereits in der Halle aufgefallen. Sie wirkte nicht mehr so dunkel, wie ich es davor kannte. Unerwartet mischte sich etwas anderes darunter, ein Geruch, der mich mitten im Schritt stocken ließ. Der Duft war überwältigend, viel intensiver als alles andere zuvor. Heißes Öl mit angebratenem Fleisch. Mein Mund füllte sich sofort mit Speichel und mein Kopf hatte kurzzeitig mit dem Denken aufgehört. Dieses betörende Aroma zog regelrecht an mir, als gäbe es nichts Wichtigeres mehr als diesem Duft zu folgen. Ich musste mich zurückhalten, nicht einfach wie ferngesteuert loszugehen. Nicht nur meine Nase, sondern auch meine Augen folgten ihm und fanden ein offenes und hell erleuchtetes Fenster.

    Kurz hinter der Scheibe sah ich eine Theke, darüber eine Wärmelampe, unter der Essen lag, dampfend und frisch. Es war die reinste Folter.

    Ich trat näher an das Fenster heran, ohne es richtig zu merken, und blieb schließlich davor stehen. Die Wärme, die von drinnen nach außen drang, vermischte sich mit dem Geruch und machte es nur schlimmer. Mein Magen knurrte laut, beschwerend, als würde er mich verraten wollen. Ich hatte kein Geld dabei und somit keine Möglichkeit, einfach hineinzugehen und zu bestellen.

    Trotzdem konnte ich mich nicht sofort lösen um nach einer Alternative zu suchen. So etwas wie eine Tafel für Obdachlose kam mir in den Sinn.

    Ich stand da, starrte durch die Scheibe und atmete diesen verdammten Geruch ein, als würde er mir wenigstens ein klein wenig Kraft zurückgeben.


    Nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte ich eine blitzschnelle Bewegung im Augenwinkel zu meiner linken Seite. Keiner meiner Sinne hatte mich zuvor gewarnt, also war es nichts, was mich unmittelbar in Alarmbereitschaft versetzen sollte. Kein Schatten eines Menschen. Dennoch zog es meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich folgte dem lila Streifen, den ich gesehen hatte.

    Ich ließ von dem Imbiss ab, bog in die Seitengasse ein. Konnte jedoch auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches erkennen, als wäre das, was ich gerade gesehen hatte, einfach verschwunden. Anfangs bewegte sich nichts, und ich dachte schon, ich hätte es mir vielleicht doch nur eingebildet.

    Doch kurz darauf, als ich mich gerade abwenden wollte, sprang ein Felilou auf den Rand einer Mülltonne und starrte mich mit ihren grünen Augen an. An ihrer Haltung, die sich nach meinem Anblick wieder etwas entspannte, bemerkte ich, dass ich für sie keine Gefahr darstellte. Was ungewöhnlich war, denn normalerweise rannten wilde Pokémon gleich weg. Aber das Gegenteil passierte, völlig unbeeindruckt, dass ich sie beobachtete, begann sie mit ihrer Pfote einige Pappen und Plastiktüten, die oberste Schicht Müll aus der Tonne, zu kratzen. Nachdem sie mich noch einmal gemustert hatte, erkannte ich es an ihrem Blick. Ich war kein Feind für sie und somit kein Problem. Ihre Suche in der Tonne wurde intensiver und allein dem Geruch zu folgen, wusste ich auch wieso. Sie hatte Reste gefunden, eingepackt in einer Alufolie. Ich ging bereits einen Schritt auf sie zu, als sie plötzlich selbst mit ihrem Kopf herumschnellte, ein weiteres Pokémon, ein kleines kümmerliches Rattfratz, kam wie aus dem Nichts und stürzte sich auf das Katzen-Pokémon. Felilou fauchte überrascht auf und wich einen halben Schritt zurück, gerade rechtzeitig, um den ersten Angriff des Rattfratz ins Leere laufen zu lassen. Das kleine Pokémon landete unsauber auf dem Pflasterstein im Hinterhof, rappelte sich aber sofort wieder auf. Seine roten Augen fixierten die Beute in der Alufolie. Ein kurzes, wildes Gerangel entbrannte zwischen den Beiden. Felilou schlug mit der Pfote zu, Rattfratz wich aus und schnappte nach ihr, seine spitzen Zähne blitzten und Krallen kratzten über Metall und Beton. Ohne wirklich darüber nachzudenken, trat ich dazwischen. Doch anstelle eines Wortes brach mir ein Brüllen aus meinem Mund. Es kam so unerwartet, dass es selbst mich erschreckte. Beide Pokémon hielten augenblicklich inne. Das Katzen-Pokémon erstarrte mitten in der Bewegung und Rattfratz zuckte sichtbar zusammen, als hätte ich ihm einen Schlag versetzt. Die kleine lila Ratte fauchte unsicher und wich einen Schritt zurück. Seine roten Augen funkelte zwischen mir und Felilou hin und her, als würde es abwägen, erneut anzugreifen. Doch irgendetwas an meiner Ausstrahlung ließ sie den Entschluss fassen, sich mit einem hastigen Satz zurück zu ziehen. Sie verschwand zwischen Müllsäcken und dem dahinterliegenden Schatten, bis nur noch das leise Rascheln ihres Rückzugs blieb. Felilou blieb zurück.

    Sie spannte sich noch einmal an, musterte mich aus zusammengekniffenen Augen an. Erst dann senkte sie langsam den Kopf. Sie schnaubte missbilligend, nach ihren Augen zu Urteilen fast schon beleidigt, bevor sie einen Schritt zur Seite machte und mir den Platz überließ.

    Erst jetzt merkte ich, dass mein Herz raste.

    Ich bückte mich, hob die Alufolie auf und spürte sofort die Restwärme darin. Essensreste. Mit ruhigen Bewegungen riss ich die Folie auf und das überwältigende Hungergefühl übermannte mich. Ich zögerte keine Sekunde. Ich biss schnell hinein, verschlang das Essen, nur damit ich nicht darüber nachdenken musste, welchen Tiefpunkt ich gerade erreicht hatte.





    Zuerst ein großes Dankeschön an Dunames, die immer so fleißig korrigiert und mich kritisch auf meine Fehler hinweist. Gerne mehr davon ;P

    Außerdem muss sie immer mit meinen anderen „Spinnereien“ klarkommen – das rechne ich ihr hoch an :) Manchmal fällt es mir schwer, bei einer Sache zu bleiben, weil mir einfach so viele Ideen im Kopf herumschwirren. Zurzeit bin ich gesundheitlich ein wenig angeschlagen, weshalb dieses Kapitel länger gedauert hat. Zum anderen lag es wohl auch an der Anschaffung eines Grafiktablets. Wer weiß das so genau?



    Zitat von Rusalka

    Hallo,


    ich stelle mir das Erreichen dieses Punktes wie einen großen Meilenstein vor. Es hat wirklich lange gedauert, um zu sehen, in welche Richtung diese Geschichte geht und der gesamte Aufbau dieses und des letzten Kapitels ist grandios. Ians immer stärker werdende Schmerzen mit der Verwandlung zu kombinieren, als würde etwas aus ihm herausbrechen wollen, war äußerst realitätsnah und gleichzeitig einfühlsam beschrieben. Ich schwankte jedenfalls die ganze Zeit, ihm helfen zu wollen und ihn andererseits für seinen Sturkopf rügen zu wollen. Das machte die Angelegenheit aber umso spannender und ich kann es kaum erwarten, mehr zu lesen.


    Wir lesen uns!



    Hallo,


    und ja, du sprichst mir aus der Seele. Wie bereits (ein paar) Kapitel zuvor erwähnt (ich kann es gerade selbst nicht finden und zweifle gerade daran, ob ich es überhaupt geschrieben habe...), hatte ich diesen Twist bereits wesentlich früher geplant. Damals hätte ich nicht im geringsten erahnen können, dass mich Unleashed so lange begleitet. Worauf ich aber auch sehr stolz bin, selbst nach einer langen Pause dazwischen, wieder den Faden gefunden zu haben.


    Ich glaube das Schicksal rügt Ian für seinen Sturkopf von ganz allein und wir können gespannt zuschauen xD

  • Hallo,


    nach allem, was zuletzt vorgefallen ist, wirkt dieses Kapitel etwas erlösend. Dass sich Ian nach der letzten Attacke erst einmal zurechtfinden und die Zusammenhänge verstehen lernen muss, war an dieser Stelle genau richtig, ebenso wie ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Mein Lieblingspart ist aber in der Stadt zu finden. Die feineren Sinne, das Verlangen nach Essen und wie er sich in Anwesenheit von Pokémon behauptet, ist sicher eine enorme Umstellung. Er kann ja offensichtlich seine neuen Fähigkeiten nutzen, wenn auch nicht auf Befehl. Ich bin allerdings auch gespannt, wie lange Ian noch so herumstreunern kann.


    Wir lesen uns!

  • Hey!😊


    Die letzten beiden Kapitel waren auf unterschiedliche Art und Weise gut. Sehr beeindruckend fand ich es – da stimme ich Rusalka vollkommen zu – wie du den Aufbau der Geschichte gestaltet hast; man hatte als Leser (zumindest ich nicht) gar nicht geahnt, in welche Richtung das Ganze gehen wird und umso beeindruckender fand ich es, wie du den Kampf zwischen Ian und seinen Widersachern – allen voran Noah – auf den Höhepunkt zuspitzend beschrieben hast. Dieses Body Horror-Element deiner Geschichte, dass Ian, wie Noahs selbst in der Lage ist sich in ein Pokémon zu verwandeln war durchaus erschreckend (aber im positiven Sinne). Ian, der eigentlich eine Abneigung gegenüber Pokémon hegt, – wie es nochmals im Kampf gegen Roselia zur Sprache kam – wird zu dem, was er selbst nicht mag und ihm wird schmerzlich bewusst, dass er sich nicht nur mit seinen neuen übermenschlichen Fähigkeiten arrangieren, sondern auch evaluieren muss, wem er vertrauen kann und wem nicht. Selbst seiner eigenen Familie wirft er (durchaus berechtigterweise) vor, dass diese ihm was verheimlichen muss – und die von mir zuvor angesprochene Vermutung, dass sich das Ganze um einen Traum handeln könnte trifft insofern zu, als dass es sich um einen Alptraum handelt, mit dem er nun irgendwie lernen muss zu leben. Das nächste Kapitel wirkt daher nach der neuen Erkenntnis um seine körperliche Beschaffenheit, wie Rusalka schon erwähnt hat, wie eine Pause.

    Die Rückblende mit Mike war btw sehr schön eingebaut; gerade dann, wenn Ian in Schwierigkeiten steckt fungiert Mike immer noch als eine Art Rettungsanker. Damit wird abermals die tiefe Verbundenheit der beiden verdeutlicht, die sich vor allem in solchen kritischen Momenten äußert. Ian weiß, dass Mike ein vertrauenswürdiger Mensch ist und vor allem, dass er kompetent genug ist, ihm helfen zu können. Das zeigt besonders, dass Ian Mike auch respektiert.


    Bin sehr gespannt wie es weitergehen wird!

  • Kapitel 23 - Mike


    Aufgewühlt war gar kein Ausdruck für das, was ich fühlte, als ich mich auf mein Bett sinken ließ. Eigentlich hatte ich nur kurz durchatmen wollen, doch stattdessen saß ich wie erstarrt da. Mein Herz schlug längst wieder ruhiger, aber innerlich fand ich keine Ruhe. Ich hatte ihr diesen Satz einfach entgegengeschleudert. Es hat sich angefühlt wie ein Pflaster, das man schnell abriss – nur dass die Stellen, an denen es auf der Haut geklebt hatte, immer noch wehtaten. Jetzt wusste sie es. Dieser eine Satz lief in Dauerschleife durch meinen Kopf, und jedes Mal fühlte er sich anders an. Erleichternd, weil ich es endlich ausgesprochen hatte. Schwer, weil ich es mir nie so vorgestellt hatte. Und beängstigend, weil ich keine Ahnung hatte, was sie jetzt darüber dachte. Viele Male hatte ich mir vorgestellt, wie ich es ihr sagen würde. In diesen Vorstellungen war ich immer ruhig gewesen und gut vorbereitet, damit eben nicht das passierte, was gerade vor ein paar Minuten passiert war. Ich ließ mich nach hinten fallen und starrte an die Decke. Mir war gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zumute. „Super gemacht“, dachte ich beschämt. „Ganz ruhig, wie ein Erwachsener.“

    Jetzt war es wieder schlimmer, weil ich nicht wusste, ob meine Mutter es für sich behalten konnte. Kurz darauf wieder einfacher, weil ich an Chloe dachte und daran, dass sie jetzt sicher irgendetwas Aufmunterndes gesagt hätte, um die schlimmeren Gedanken zu verscheuchen. Erst als ich Schritte auf der Treppe hörte, richtete sich meine Aufmerksamkeit wieder nach außen. Die Schritte hielten direkt vor meiner Tür an, und ich konnte spüren, wie selbst sie damit haderte zu klopfen, so als wäre sie ebenfalls noch nicht bereit dafür. Ich hielt unwillkürlich den Atem an. Insgeheim hoffte ich, sie würde wieder umdrehen. Dass wir beide einfach so tun könnten, als wäre das alles nicht passiert. Es klopfte leise, und es klang wie eine Frage. Die Hoffnung der Zurückweisung konnte man deutlich raushören.

    „Mike?“

    Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, gar nicht zu antworten. Oder sie zu bitten, wieder zu gehen, bevor ich sie doch mit einem „Ja“ hereinbat.

    Die Tür öffnete sich, und sie blieb erst einmal im Türrahmen stehen, auf Abstand bedacht.

    „Ich komme kurz rein, ja?“, fragte sie.

    Ich nickte nur, als ich mich wieder aufrichtete, blieb dennoch auf meinem Bett sitzen. Sie setzte sich nicht zu mir. Stattdessen zog sie den Schreibtischstuhl ein Stück heran und ließ Sich darauf langsam sinken. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Dieser Abstand fühlte sich wie eine Befürchtung an, von der ich hoffte, dass sie nicht wahr wurde.

    „Du bist ziemlich schnell verschwunden“, sagte sie schließlich.

    „Ja, kann sein“, antwortete ich und achtete darauf, nichts zu sagen, was die Situation verschlechtern könnte. Wir waren beide unsicher; in ihrem Verhalten konnte ich es deutlich erkennen. Sie sah sich im Zimmer um, als wäre sie nicht schon tausendmal hier gewesen.

    „Das war viel auf einmal.“

    Ich wusste genau, wie sie das meinte. Sie sprach mir aus meiner Seele mit diesem Satz und ich fuhr mir nervös durchs Haar.

    „Ich weiß. So hatte ich das sicher nicht geplant.“

    „Du hattest einen Plan?“, fragte sie überrascht und hörte auf, mein Zimmer zu betrachten.

    „Zumindest dachte ich das.“ Ich atmete aus. „Hat offensichtlich nicht ganz funktioniert.“ Ich gab ein schwaches Lächeln von mir. Vielleicht hoffte ich, die Stimmung dadurch ein wenig aufzulockern, wenn ich selbst darüber scherzte. Zumindest nickte sie langsam. „Seit wann weißt du das?“

    Die Frage kam nicht unerwartet, und trotzdem musste ich überlegen, wie ich darauf antworten sollte. Weil es dafür kein konkretes Datum gab.

    „Schon lange“, sagte ich schließlich. „Ich hab’s nur sehr lange ignoriert. Und dann noch länger versucht, es niemanden merken zu lassen.“

    „Aber wieso?“

    Ein kurzes, trockenes Lachen entwich mir.

    „Im Ernst?“ Ich sah sie wütend an. „Weil es einfacher war.“ Ich dachte an Ian. An meinen besten Freund. Denn ich glaubte, dass er länger mein Freund bleiben würde, wenn ich ihm nur lange genug nicht die Wahrheit sagte. Das waren kindische Gedanken, das wusste ich. Doch sie waren entstanden, als ich selbst noch ein Kind gewesen war. Trotzdem verlor ich kein Sterbenswörtchen darüber. Erschrocken sah sie mich an. Erst da bemerkte ich, dass ich zu schroff gewesen war.

    „Tut mir leid. Ich meinte nur …“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „So war es für mich einfach leichter.“

    „Und du dachtest, du kannst mit niemandem darüber reden?“

    „Ich wollte nicht, dass plötzlich alles anders wird.“

    Dass sie sich zuvor in meinem Zimmer umgesehen hatte, war Beweis genug. Sie betrachtete bereits jetzt schon alles mit anderen Augen und stellte sich vermutlich die Frage, warum sie es nie bemerkt hatte, und was ihr entgangen war.

    „Und Chloe?“, fragte sie vorsichtig. „Weiß sie Bescheid?“

    Wieder nickte ich. „Ja. Schon länger. Zwischen uns war nie, also … sie war eigentlich die Einzige, bei der ich nichts vorspielen musste“, gestand ich ehrlich. Zum ersten Mal fühlte sich unser Gespräch dabei nicht mehr gezwungen an und diesmal huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht.

    „Das erklärt so einiges“, sagte sie mehr zu sich selbst.

    Nach einer Weile stand sie auf, strich sich ihre Hose glatt, ging ein paar Schritte und blieb dann noch einmal stehen.

    „Ich brauche wahrscheinlich etwas Zeit, um das alles einzuordnen“, erklärte sie offen.

    „Nicht, weil es schlimm ist“, fügte sie schnell hinzu. „Sondern weil mir gerade klar wird, dass du das schon lange ganz allein mit dir ausgemacht hast.“

    Ich sah sie an und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

    „Aber du hast gerade nichts falsch gemacht“, ergänzte sie schnell, weil ich nicht antwortete. Ich war ihr trotzdem dankbar für ihre Ehrlichkeit.

    „Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast,“ beendete sie unser Gespräch und Sie klang fast stolz dabei, bevor sie mein Zimmer verlies und mein Herz ein wenig leichter zurückließ.


    Klar war Chloe völlig außer sich vor Freude, als ich ihr am nächsten Tag davon erzählte, und ich musste sie regelrecht bremsen, damit sie nicht sofort loslief und es jedem weitererzählte. Es war die letzte Woche vor den Weihnachtsferien und ich wollte das mit Sicherheit noch nicht an die große Glocke hängen. Sobald wir allein waren, redete sie fast ohne Pause darüber, und darüber, wie gern sie mich unterstützen wollte. Doch da war noch ein anderes Thema, dem ich nicht länger aus dem Weg gehen konnte. Zumindest ließ mein Kopf mir damit keine Ruhe. Auch wenn ich es nicht wollte, es ärgerte mich, dass Ian die ganze Woche nicht aufgetaucht war. Er meldete sich nicht. Nicht einmal ein winziges Lebenszeichen. Wenn ich Ian nicht besser kennen würde, könnte man wirklich davon ausgehen. Meistens tauchte er aus unerklärlichen Gründen ab und Wochen später wieder auf, so als wäre nie etwas gewesen. Ich saß in der Küche und starrte auf den dunklen Bildschirm und überlegte, ob ich ihn nicht einfach anrufen sollte. Vielleicht war irgendetwas dazwischengekommen. Gründe gab es bei Ian genug. Wenn wirklich etwas nicht stimmte, dann würde Abwarten nichts bringen. Ian war nicht der Typ, der um Hilfe rief – eher der, der sich zu viel auflädt, bis es zu viel wurde. Ich griff erneut zum Handy, diesmal entschlossener, und scrollte durch meine Kontakte. Sein Name leuchtete mir entgegen.

    „Bitte geh ran“, flehte ich, während ich auf Anrufen tippte. Ich wartete, doch es klingelte durch und niemand ging ran. Ich ließ das Handy sinken und starrte einen Moment lang auf die Arbeitsplatte in der Küche. Ich atmete tief durch, schob die Gedanken beiseite und stand schließlich auf. zog mir meine Jacke über, schnappte mir meinen Rucksack und verließ das Haus. Draußen war es kühl und der Himmel grau verhangen. Der Weg zur Schule war mir vertraut. Erst Laufen, dann ein Stück mit der Straßenbahn, dann wieder laufen. Automatisch setzten sich meine Füße einen vor den anderen, während mein Kopf weiter bei Ian blieb. Jede Straßenecke oder Kreuzung ließ mich kurz aufblicken, als würde ich ihn irgendwo stehen sehen. Natürlich war da niemand. Nur andere Schüler, die in kleinen Grüppchen unterwegs waren. Während ich durch das Schultor ging, zog ich mein Handy noch einmal aus der Tasche und sah auf den Bildschirm. Kein Rückruf. Nichts. Ich steckte es wieder verärgert weg.

    „Wenn du heute nicht auftauchst...", dachte ich, während ich das Gebäude betrat, „…dann suche ich dich."

    Der Vormittag verlief anders als sonst, der letzte Schultag vor den Ferien eben. Statt Unterrichtsplänen und Stundenwechseln wurden alle noch verbliebenen Schüler in einem einzigen Klassenraum zusammengeführt. Irgendjemand hatte die Tische halb zur Seite geschoben, die Stühle standen kreuz und quer, und die Stimmung war auffallend locker.

    In den ersten beiden Stunden durften wir frei entscheiden, was wir machen wollten. Einige spielten Karten, andere wiederum saßen in kleinen Gruppen zusammen und redeten durcheinander, kicherten und verplanten bereits ihre wohlverdienten Ferien. Jemand versuchte Musik leise über sein Handy laufen zu lassen, bis unsere Lehrerin mahnend den Finger hob und die Musik wieder verstummt war. Ich setzte mich neben Chloe ans Fenster. Sie lehnte sich leicht zu mir rüber, ihre Beine waren auf dem Stuhl angezogen, und sie stupste mich sacht mit dem Ellenbogen an.

    „Hast du was in deinen Ferien geplant?“, fragte sie nach und wirkte genauso müde wie unsere Lehrerin.

    Ich schüttelte leicht den Kopf, richtete meine Brille und ließ den Blick über den Schulhof schweifen, der draußen grau und leer dalag. „Noch nichts Konkretes“, antwortete ich schließlich. „Vielleicht ein bisschen lernen, wie immer. Viel nichts tun, schätze ich. Und was ist mit dir?“ Chloe brummte zustimmend. „Klingt ehrlich gesagt ziemlich gut.“

    Sie folgte meinem Blick hinaus. „Meine Eltern wollen nicht, dass ich alleine zu Hause bleibe. Sie zwingen mich mit nach Fractalia zu kommen, Ski fahren. Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust darauf und würde am liebsten hierbleiben.“

    „Das hattest du gar nicht erwähnt“, gestand ich und konnte meine Enttäuschung kaum verstecken.

    „Ich weiß, ich dachte auch vor kurzem noch das ich hierbleibe“, sagte sie gequält traurig. „Es tut mir so leid, Mike. Ich wäre gerne hiergeblieben, dann hätten wir zusammen viel nichts getan.“

    Über ihre Wortwahl musste ich doch schmunzeln.

    „Und was ist mit Ian?“, fragte Chloe plötzlich leise, ich befürchtete sie wollte von ihrem Thema ablenken, damit ich nicht länger darüber nachdachte, dass sie wegfuhr.

    Ich zuckte kaum merklich zusammen. „Keine Ahnung“, gab ich ausweichend zurück. „Er meldet sich nicht. Wie immer.“

    Sie musterte mich von der Seite, sagte aber nichts weiter. Stattdessen nickte sie langsam, als hätte sie sich die Antwort bereits gedacht. „Wenn du willst…“, begann sie, brach aber ab und zuckte mit den Schultern. „Du weißt ja.“

    „Ja“, seufzte ich. Kurz darauf ging unsere Lehrerin nach vorne und klatschte einmal in die Hände. „So, Leute, wir machen gleich eine kleine Pause. Danach schauen wir einen Film.“ Ein leises Raunen ging durch den Raum, gefolgt von vereinzeltem Applaus. Chloe grinste schief und beugte sich näher zu mir.

    „Hoffentlich was romantisches.“


    Nach der kurzen Pause wurde es wieder etwas geordneter. Widerwillig standen einige auf, schoben Stühle zurück an ihre Plätze und halfen dabei, die Tische wieder in halbwegs gerade Reihen zu rücken. Es quietschte und rumpelte, irgendwo kippte fast ein Stuhl um, begleitet von Gelächter. Die Lehrerin stellte ihren Laptop auf den Lehrertisch, schloss den Beamer an und tippte sich durch ein paar Fenster, während das Gerät leise zu surren begann. Nach und nach wurde das Licht gedimmt, bis der Raum halbdunkel war und die Gespräche allmählich verebbten, bis nur noch vereinzeltes Kichern zu hören war. Ich ließ mich in den Stuhl zurücksinken und atmete kurz auf. Kaum hatte ich mich bequem hingesetzt, spürte ich einen Luftzug direkt hinter uns. Ein weiterer Stuhl wurde absichtlich langsam herangezogen.

    „Na, Zufälle gibt’s“, sagte David hinter mir und beugte sich ein Stück nach vorne. Ich konnte seinen Blick regelrecht im Nacken spüren. Als ich mich leicht zu ihm umdrehte, lächelte er mich verschwörerisch an. Irgendwie hätte ich ahnen können, dass das Gespräch nach Pokékunde nicht das letzte war. Ich verdrehte die Augen und richtete meine Konzentration wieder nach vorne. Gar nicht erst auf sein Geschwafel eingehen. Chloe hatte das natürlich bemerkt. Sie beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Ignorier ihn einfach.“

    „Ich versuche es“, versprach ich ihr. Hinter uns räusperte sich David demonstrativ, sagte aber nichts mehr. Der Film begann, und erstaunlicherweise wurde es wirklich ruhig. Sogar hinter uns blieb es die meiste Zeit still. Es folgte hin und wieder ein Kommentar von David, waren aber alle samt auf den Film bezogen. Ich dachte nicht weiter darüber nach und ließ meinen Blick über die flackernden Bilder auf der Leinwand gleiten. Irgendwann spürte ich ein leichtes Gewicht an meiner Seite. Chloe hatte sich an mich gelehnt, ganz selbstverständlich, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ihr Kopf ruhte an meiner Schulter und ich legte meinen Arm um sie.

    Sie blieb die meiste Zeit bei mir ihm Arm, bis plötzlich das Pausenklingeln durch den Raum schrillte. Mehrere Schüler stöhnten auf und jemand beschwerte sich lautstark, dass es „gerade spannend geworden“ sei – was offensichtlich gelogen war. Chloe hob den Kopf, blinzelte verschlafen und sah mich an.

    „Sollen wir ein wenig raus an die frische Luft?“, fragte sie mich leise und streckte sich ausgiebig.

    Ich nickte. „Gerne.“

    Wir standen auf, schnappten uns unsere Jacken und schoben uns mit den anderen Richtung Tür. Draußen kam uns die kalte und klare Winterluft entgegen und war ein willkommener Kontrast zum stickigen Klassenzimmer. Die alten Beton-Tischtennisplatten lagen etwas abseits, halb von kahlen Büschen eingerahmt, aber wir schlugen diese Richtung ein. Als wir näherkamen, sah ich schon, dass dort jemand saß.

    Chloes Freundinnen.


    Sie hockten auf der Kante einer der Platten und winkten uns kurz zu, als sie uns erkannten. Wir gesellten uns zu ihnen, lehnten uns gegen den kalten Beton und wechselten ein paar Worte über den langweiligen Unterricht. Ich schaute über den Pausenhof, beobachtete einige Schüler, die in kleinen Grüppchen herumstanden, miteinander lachten und sich gegenseitig mit Schneereste bewarfen. Dann fiel mir aber eine Person am anderen Ende des Schulhofes auf. Es war David, der direkt auf uns zuzulaufen schien.

    „Verdammt…“, stieß ich fluchend aus. Warum gerade an unserem letzten Schultag.

    Chloe bemerkte sofort meine Anspannung. „Was ist los?“

    Ich nickte unauffällig in Davids Richtung. Sie folgte meinem Blick, verdrehte die Augen und seufzte leise. „Ernsthaft?“

    Chloes Freundinnen richteten sich etwas auf, ebenfalls auf unser Problem aufmerksam geworden. Ich versuchte nicht wegzusehen, während David näherkam.

    „Hey“, sagte eine von Chloes Freundinnen leise, „ist das nicht…?“

    „Ja“, stöhnte Chloe und rollte erneut mit den Augen, damit sie verstanden, dass er Ärger bedeutete. „Ignorieren. Einfach ignorieren.“ Wiederholte sie ihr heutiges Mantra.

    David kam näher, die Hände in seiner Winterjacke vergraben, mit seinem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht, das mir sofort den Magen verkrampfte ließ. Er blieb schließlich direkt vor uns stehen, musterte erst Chloe, dann mich.

    „Na, was für eine gemütliche Runde“, meinte er locker. „Stör ich?“

    „Ja“, sagte Chloe ohne zu zögern.

    Ein kurzes, überraschtes Lachen entwich ihm. „Wow. Das nenne ich direkt!“

    David ließ sich davon kein bisschen beeindrucken. Das Gegenteil passierte, sein Grinsen wurde nur breiter.

    „Ach komm schon“, sagte er und trat einen Schritt näher, als wäre er bereits eingeladen worden. „Ich dachte mir, ich gesell mich einfach mal dazu. Kann doch nicht schaden, oder?“

    Niemand antwortete sofort.

    Chloe verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir sind bereits in bester Gesellschaft, wir brauchen dich hier nicht.“

    „So so, dass sehe ich anders“, entgegnete David und ließ den Blick demonstrativ über die Gruppe schweifen. Eine von Chloes Freundinnen schnaubte leise. „Komisch, wir hatten gerade Spaß, bis du aufgetaucht bist.“

    David tat erneut so, als hätte er das nicht gehört, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Außerdem“, fuhr er fort, „ich wollte ja nur nett sein. Man wird doch wohl noch auf dem Pausenhof stehen dürfen wo man möchte.“

    „Nicht bei uns“, sagte Chloe diesmal schon etwas ruhig, aber unmissverständlich.

    Plötzlich änderte sich sein Blick und auch seine Stimme, als er Chloe genauer ansah.

    „Weißt du“, sagte David und lehnte sich ein Stück näher zu Chloe, „du bist heute besonders… direkt.“ Seine Augen glitten offen und bewusst zu lange über sie.

    „Steht dir irgendwie,“ schmeichelte er ihr mit einem süffisanten Grinsen.

    Chloe verzog angewidert das Gesicht. „Lass es.“

    „Ach komm schon“, erwiderte er. „Ich mag Frauen, die wissen, was sie wollen.“

    Das reichte. Ich trat einen halben Schritt nach vorne, stellte mich unbewusst ein Stück zwischen ihn und Chloe. „Sie hat ziemlich klar gesagt, dass sie das nicht will.“ Ich wusste nicht, woher ich gerade meinen Mut nahm. Doch es zeigte bereits Wirkung, Davids Grinsen wurde blasser.

    „Du solltest dich da besser raushalten, Mike.“

    „Oder was?“, entgegnete ich, bevor ich darüber nachdenken konnte mit wem ich mich gerade versuchte anzulegen. Das letzte Mal hatte ich mich nicht getraut, weil es um mich ging und weil es mir egal war. Aber wie er Chloe ansah, machte mich wütend. Ich erreichte damit aber was ich wollte, er ließ von Chloe ob, auch wenn er auf mich zukam. Er blieb nur einen Schritt entfernt stehen und ich konnte seinen Atem sehen als er genervt aus dem Mund ausatmete.

    „Denkst du, sie braucht jemanden, der für sie spricht?“

    „Nein“, sagte ich ruhig, auch wenn mein Herz raste. „Aber sie braucht auch niemanden, der sie belästigt.“ David verzog das Gesicht, als hätte ich ihn persönlich beleidigt, und machte noch einen Schritt nach vorn. Instinktiv wich ich zurück, doch nach kaum einem halben Schritt spürte ich plötzlich den harten, kalten Widerstand in meinem Rücken. Die Tischtennisplatte.

    Der Beton drückte sich unangenehm in meinen Rücken und ließ mir keinen Raum mehr zum Auszuweichen. Ich hob das Kinn ein Stück, auch wenn mein Puls mir bis in die Ohren schlug. „Was hast du vor?“

    „Ich dachte immer du versteckst dich hinter deinem Freund, aber wenn er nicht da ist, bist du ganz schön vorlaut.“ Er lachte trocken auf, und stützte eine Hand neben mir auf der Tischtennisplatte ab. Hinter mir hörte ich Chloe scharf einatmen. „David, hör auf“, sagte sie fest. „Jetzt sofort“.

    Er reagierte nicht auf Chloes Befehle. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass er wartete – darauf, was ich als Nächstes tun und wie weit ich gehen würde. Ich wollte mich nicht mit ihm prügeln; dafür war ich nicht der Richtige. Ian hingegen hätte eine solche Provokation mit Freuden angenommen.

    Dann machte er endlich zu meiner Erleichterung einen halben Schritt zurück.

    „Ihr seid echt anstrengend“, meinte er und schnaubte verärgert aus. „Man will einmal nett sein.“

    „Dann lern, was nett bedeutet“, fauchte Chloe.


    David ließ demonstrativ die Hand von der Platte sinken, doch seine Augen verrieten mir, dass das hier noch nicht vorbei war. Er wollte sich gerade abwenden als er gegen etwas stieß was direkt hinter ihm stand. Wie aus dem Nichts stand er plötzlich hinter David. Ich hatte ihn weder kommen sehen noch gehört. Wie als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht. Aber was noch merkwürdiger war, war die Kleidung, die er trug. Sie passte nicht richtig, hing ihm zu locker an den Schultern, als hätte er sie irgendwo aufgesammelt. Es waren nicht seine Sachen, das wusste ich sofort.

    Ich war erleichtert ihn zu sehen, doch dieses Gefühl schlug sofort um. Etwas stimmte nicht mit ihm und das lag nicht an der fremden Kleidung. Er sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Sein Gesicht war blasser als sonst, und unter seinen Augen lagen dunkle, tiefe Ringe, die ihn älter wirken ließen. Er war dünner geworden, und seine Haltung war angespannt, leicht nach vorn geneigt, als kostete es ihn Kraft, überhaupt aufrecht zu stehen.

    „Ian…“, brachte ich entsetzt hervor.

    Chloe sah ihn jetzt auch. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von Ärger zu blankem Erstaunen. „Was…?“

    Ian machte einen Schritt nach vorn und David stolperte automatisch einen Schritt nach hinten, als Ian ihn von mir wegzog. Ein überraschter Laut entwich ihm. Ian ließ ihn erst los, als genug Abstand zwischen uns war.

    „Verzieh dich“, sagte Ian.

    David blinzelte irritiert und musterte Ian nun genauer. Sein Grinsen war verschwunden. „Was willst du hier…?“, begann er, doch Ian unterbrach ihn sofort.

    „Das geht dich einen Scheißdreck an“, sagte er. „und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst.“

    Für einen Moment schien David etwas erwidern zu wollen. Seine Lippen öffneten sich, schlossen sich jedoch schnell wieder. Irgendetwas an Ians Ausstrahlung ließ ihn zögern. Vielleicht waren es aber auch seine eiskalten, stechenden Augen. Ich kannte ihn. Das war sein Blick, „bis hierhin und nicht weiter, außer du willst ärger.“

    „Bist du ihr Babysitter oder was?“, stammelte David schließlich verärgert, versuchte es mit Spott, doch seine Stimme hatte an Schneid verloren.

    Ian machte einen halben Schritt auf ihn zu und David stolperte fast Rückwärts, dann drehte er sich um und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Ian blieb noch einen Moment stehen, sein Blick auf Davids Rücken geheftet. Dann wandte er sich langsam zu mir um. Seine ersten Worte, die er an mich richtete irritierten mich, weil sie nicht zum alten Ian passten.


    „Tut mir leid“, sagte er so leise, dass ich Mühe hatte ihn überhaupt zu verstehen. Ich hatte mich aber nicht verhört.

    Er blieb stehen, fuhr sich fahrig durch die Haare und atmete tief ein. Mir fiel dabei auf, wie sehr seine Hände zitterten. Es tat ihm leid. Ich war mir nicht Ganz sicher ob mir diese Entschuldigung reichte. Ich wollte ihm hundert Dinge auf einmal sagen. Meine Fragen häuften sich bereits ins Unendliche. Meine Vorwürfe hingegen verblassten bei seinem Anblick. Doch keines dieser Dinge sprach ich laut aus.

    „Was ist passiert?“, fragte ich unterdessen.

    Seine lockere Haltung die er mittlerweile angenommen hatte, sowie die müden Augen täuschten. Er war angespannt. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Ich stand ihm gegenüber und hatte plötzlich das Gefühl, ihn nach dieser Woche kaum wiederzuerkennen.

    „Du siehst scheiße aus,“ rutschte es ehrlich aus mir heraus.

    „Ich weiß“, gestand es ohne jegliche Widerworte. Er schabte verlegen mit seinen Füßen über den Boden.

    „Es ist sehr kompliziert und zu lange um es dir hier jetzt ausführlich zu erklären“, erklärte er mir. „Außerdem weiß ich nicht einmal, wo ich anfangen soll.“ Ich verschränkte die Arme, damit symbolisierte ich ihm, dass ich Zeit hatte und er anfangen konnte.

    „Dann fang irgendwo an.“

    „Ich kann nicht lange bleiben“, sagte er schließlich gegen meine Erwartung. „Ich bin nur hier, weil ich dich sehen musste.“

    Ich runzelte die Stirn, weil das alles keinen Sinn ergab. „Du bist doch gerade erst gekommen?“

    Ian sah kurz weg, hinüber zum Rand des Hofes, wo man die anderen Schüler noch erkennen konnte. Dann sah er mich wieder an.

    „Ich kann nicht länger bleiben,“ wiederholte er sich, als hätte ich ihn nicht schon beim ersten Mal verstanden.

    Mein Magen zog sich zusammen und mein Kopf begann zu schwirren. „Ian, was zur Hölle…“

    Er hob die Hand leicht, als wollte er mich bremsen.

    „Hör mir bitte erst zu.“ Ich sah ihn nur mit halboffenem Mund an. Na gut, soll er sich erklären, Hauptsache er fing damit an.

    „Ich brauche deine Hilfe.“

    „Meine Hilfe?“, fragte ich empört.


    Er nickte schwach. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich tatsächlich… besser. Als wäre ich wieder wichtig. Doch dieses Gefühl kippte schnell wieder und verwandelte sich in Wut.

    „Ach so“, sagte ich aufgebracht.

    Ian runzelte leicht die Stirn. „Mike, ich…“

    Diesmal hob ich die Hand, damit er den Mund hielt. „Nein, warte.“

    Ich lachte kurz auf, aber es klang bitter. „Du verschwindest einfach eine ganze Woche, mal wieder. Hinterlässt keine Nachricht, meldest dich nicht und rufst nicht zurück.“

    Ian öffnete den Mund, doch ich redete weiter und ließ ihm diesmal keine Chance sich zu erklären.

    „Ich dachte ernsthaft, dir wäre irgendwas passiert“, fuhr ich fort. „Ich habe dich angerufen. Mehrmals.“ Sein Blick senkte sich, wie ein geschlagener Yorkleff.

    „Und jetzt tauchst du einfach auf“, brüllte ich ihn fast an. „Und das Erste, was du sagst, ist, dass du mich brauchst?“

    Die Worte hallten vermutlich nicht nur in meinem Kopf nach. Ich war so abgelenkt gewesen, dass ich Chloe und die anderen kaum noch wahrgenommen hatte. Sie hatten sich ein Stück zurückgezogen und hielten sich aus dem Gespräch zwischen Ian und mir heraus. Doch das hatten sie sicherlich mitbekommen.

    „So meinte ich das nicht…“ Ich schüttelte den Kopf.

    „Du verschwindest, ohne mir irgendetwas zu sagen und kommst erst wieder, wenn du Hilfe brauchst.“ Die Enttäuschung in meiner Stimme war kaum zu überhören.

    „Weißt du, wie sich das anfühlt?“, setzte ich nach. Ian sagte wieder nichts, was mich annehmen ließ, dass ich Recht hatte. Seine Schultern sanken ein kleines Stück, als würde jedes meiner Worte ihn weiter nach unten drücken.

    „Als wäre ich nur dann wichtig, wenn du gerade nicht alleine klarkommst. So war es schon mit dieser blöden Zeitung und dem Symbol.“

    Sein Blick blieb kurz auf mir liegen, doch dann wanderte er wieder über meine Schulter hinweg. Zum Schulhof. Zu den Fenstern des Gebäudes. Zu den Gruppen von Schülern, die lachend über den Platz liefen. Jeder noch so kleine Laut schien ihn zusammenzucken zu lassen. Ein knallendes Geräusch von irgendwoher ließ seinen Kopf sofort herumfahren. Nur ein Schüler, der gegen einen Mülleimer getreten hatte. Ich bemerkte es jetzt erst richtig. Die Mischung in seinem Gesicht: Schuld. Erschöpfung. Seine Augen wirkten wach, und angestrengt, als würde sein Kopf ständig auf der Suche nach Gefahr sein.

    „Ian…“, begann ich wieder, bedacht nicht zu laut zu sein. „Was ist jetzt schon wieder los?“

    Er antwortete nicht. Stattdessen sah er kurz hinter mich, dann zur Seite, dann wieder zu mir. Seine Finger zitterten leicht, als er sie ineinander verschränkte.

    „Du verhältst dich, als würdest du verfolgt werden“, sagte ich vorsichtig.

    Sein Blick zuckte zu mir zurück.

    „Wirst du?“ Schon wieder keine Antwort, als hätte ihm jemand verboten darüber zu sprechen.

    „Ian, jetzt hör auf auszuweichen“, drängte ich. „Wenn du wirklich Hilfe willst, dann sag mir endlich, was passiert ist.“

    „Nach der Schule“, flüsterte er, damit nur ich es mitbekam.

    Ich blinzelte. „Was?“

    „Komm nach der Schule zum Industriehof.“ Ich runzelte die Stirn. „Warum dort?“

    „Weil das ein sicherer Ort ist“, erklärte er mir. „Hör zu. Du darfst niemandem davon erzählen. Nicht einmal Chloe. Niemandem. Hast du verstanden?“

    „Ist das nicht etwas—“

    „Und pass auf, dass dir niemand folgt“, unterbrach er mich sofort. Ich starrte ihn an. Seine Augen hielten meine stand. Er meinte das sehr ernst.

    „Wenn dir jemand folgt“, sagte er weiter, „komm nicht dorthin.“

    „Ich weiß nicht, das klingt langsam wirklich verrückt, selbst für dich“, gestand ich ihm. Dann sah er noch einmal über meine Schulter hinweg, als hätte er wieder etwas gehört. Doch da war nichts, als ich nachsah.

    „Aber ich erkläre dir alles, versprochen“, sagte er und ein kurzer Moment verging. „Heute Abend.“


    Ian machte bereits einen Schritt zurück, für ihn war das Gespräch hiermit beendet. Sein Blick wanderte noch einmal über den Hof.

    „Ian, warte—“ Doch er ging bereits. Der Gedanke, ihn einfach wieder verschwinden zu lassen – nach allem, was er gerade gesagt hatte, traf mich mit voller Wucht, auch wenn ich ihn schon bald wieder sehen konnte. Ich fühlte mich schrecklich und dieses Gefühl, welches in mir aufkeimte erdrückte mich. Wie ein kleines Raupy im Sturm klammerte ich mich verzweifelt an den letzten Strohhalm, beim dem ich es nicht übers Herz brachte ihn loszulassen.

    „Nein.“ Ohne weiter nachzudenken griff ich nach ihm, meine Hand schloss sich um seinen rechten Arm. In dem Moment zuckte Ian heftig zusammen. Ein scharfes, unterdrücktes Stöhnen entwich ihm und ich dachte er würde gleich zusammensacken. Reflexartig riss er den Arm zurück, stolperte einen halben Schritt nach hinten und presste die Hand auf die Stelle, an der ich ihn berührt hatte.

    „Verdammt—!“, entfuhr es ihm.

    Ich erstarrte beim Anblick seines Gesichts, welches sich vor Schmerz verzerrte. Er presste nur die Lippen zusammen, als würde er versuchen, das Gefühl wegzudrücken.

    „Was…?“, begann ich, doch meine Stimme brach ab.

    „Nichts“, presste er hastig hervor. „Ist nichts.“ Er schüttelte den Kopf, wich meinem Blick aus und zog den Ärmel seiner viel zu großen Jacke tiefer über den Arm.

    „Ian!“

    Er konnte mir nicht mehr in die Augen schauen und gab euch keine Antwort

    „Ian“, wiederholte ich nun lauter und deutlicher. „Was ist mit deinem Arm?“

    „Es ist nichts“, fauchte er mich an, damit ich mich von ihm abwandte.

    Ich starrte ihn an. „Das hat sich aber fast so angehört, als hätte ich dir den Arm gebrochen, nur weil ich ihn berührt habe.“

    Er schwieg. Man sah ihm an, wie er überlegte.

    „Zeig mir deinen Arm,“ forderte ich ihn auf.

    „Mike, bitte tu das nicht.“

    „...tu was nicht?“

    Er atmete ein paar Mal tief durch, Sah mich prüfend an, als würde er überlegen, ob er lügen sollte. Ich hob beide Augenbrauen, dass er sich das bloß nicht wagen sollte. Schließlich ließ er die Schultern langsam sinken.

    „…du wirst ausrasten.“

    „Jetzt zeig ihn mir einfach.“ Zögernd griff er nach seinem Ärmel und schob ihn langsam ein Stück nach oben. Zuerst erkannte ich nur die gerötete Haut an seinem Handgelenk. Doch je weiter er den Stoff hochkrempelte, desto schlimmer wurde das, was darunter zum Vorschein kam.

    Die Haut war dunkel verfärbt, an manchen Stellen schwarzrot, und wirkte stellenweise aufgerissen, als hätte sich dort eine schwere Verbrennung gebildet. Die Wundränder waren unregelmäßig und an einigen Stellen glänzte die Haut feucht im Licht. Es sah nicht nur schmerzhaft aus, sondern begann sich zu entzünden, was mir den Atem stocken ließ.

    „Heilige Scheiße…“ Ich starrte ihn an, unfähig, etwas anderes zu sagen.

    „Ian, was ist das? Wer hat dir das angetan?“

    Er ließ den Ärmel wieder darüber gleiten, bis nichts mehr zu sehen war. Das Klingeln der Pausenglocke ertönte über dem gesamten Schulgelände. Und ich wusste, dass ich bis heute Abend waren musste, um eine vernünftige Antwort zu bekommen.