Kapitel 19 – Mike
Ich saß neben Chloe im Pokékunde-Unterricht und starrte auf meinen Aufsatz, den ich den Tag zuvor bei ihr verfasst hatte. Ich war wirklich froh darüber den restlichen Sonntag mit ihr verbracht zu haben und ein klein wenig erleichtert, dass Ian den Morgen nicht aufgetaucht war. Keine Ahnung ob ich schon mit ihm über alles sprechen konnte, so blieb mir zumindest noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Chloe beugt sich näher über ihr Heft. Ich sah, wie sie einzelne Sätze noch einmal durchlas und die Stirn leicht runzelte.
„Meinst du, das ist zu kritisch?“, flüstert sie zu mir rüber. Seit gestern machte sie sich Sorgen um ihren Aufsatz, der um die Pokémon in Zuschaltungen zum Erhalt von Nahrungsmitteln ging - Pokémon, die gezüchtet, gehalten und ausgebeutet werden, damit am Ende Fleisch auf unseren Tellern liegt, Milch in Gläsern landet oder Eier und Wolle als Selbstverständlichkeit gelten.
Ich zuckte mit den Schultern und drehte meinen Stift zwischen den Fingern. „Ich hoffe nicht. Ich glaube, genau darum ging es ja.“
Mein Blick wanderte über meine eigenen Zeilen. Ich hatte über Pokémon geschrieben, die gefangen wurden, um zu kämpfen oder zu arbeiten. Ich hatte versucht, es sachlich zu halten. Über Verletzungen aus Kämpfen, die zwar behandelt werden, aber nie genug Zeit bekamen, um wirklich zu heilen, weil der nächste Einsatz schon wartete. Wie sie in Turnieren wie hochgezüchtete Kämpfer gehalten wurden.
Ich hatte geschrieben, dass Heilung mehr sein sollte als nur ein Trank oder ein Besuch im Pokémon-Center. Dass viele Pokémon Symptome zeigten, die man nicht einfach messen kann: Angstreaktionen, Apathie, Aggression. Dinge, die oft als „Charakter“ abgetan werden, obwohl sie klare Zeichen von Überlastung sind.
Mein Stift blieb kurz stehen. Ich erinnerte mich an den Absatz, in dem ich erwähnt hatte, dass Pokémon sich meist nicht bewusst für dieses Leben entschieden. Dass wir Menschen Verantwortung tragen, nicht nur dafür, sie einsatzfähig zu halten, sondern dafür, ihr Wohlergehen ernst zu nehmen.
Vorne im Raum räusperte sich Mrs. Winton, und langsam kehrte Stille ein. Chloe legte den Stift zur Seite, als müsste sie sich zwingen, nichts mehr zu ändern. Ich klappte mein Heft zu und lehnte mich zurück.
Der Unterricht verlief danach ruhig. Mrs. Winton griff keine neuen Themen mehr auf und ließ uns stattdessen unsere Unterlagen ordnen und über unsere Ausätze sprechen, die wir dann anschließend gemeinsam besprachen. Man merkte, dass sich doch viele Themen wiederholten. Die Stimmung im Raum war entspannt, viele Schüler darunter waren bereits wie abwesend, als hätte kurz vor den Weihnachtsferien niemand mehr wirklich Platz für etwas Neues im Kopf. Als der Unterricht vorbei war, packten Chloe und ich unsere Sachen zusammen. Wir blieben noch im Raum, während die anderen hinausgingen. Mrs. Winton stand vorne und legte ihre Unterlagen ordentlich zusammen. Als sie uns bemerkte, sah sie zu uns auf.
„Mrs. Winton, dürften wir Sie kurz wegen der speziellen Aufgabe etwas fragen?“, sagte ich. „Wir sind uns nicht ganz sicher, was genau von uns erwartet wird.“
Chloe nickte dabei zustimmend.
Sie legte ihre Unterlagen beiseite und sah uns aufmerksam an. „Sie haben tatsächlich freie Hand“, erklärte sie uns ruhig. „Aber das bedeutet nicht, dass Sie sich etwas Beliebiges aussuchen sollten. Mir ist wichtig, dass Sie sich ernsthaft Gedanken machen.“
„Gedanken in welche Richtung?“, hakte ich nach.
„Suchen Sie sich ein Thema, über das kaum gesprochen wird“, erklärte sie. „Eine Nische. Etwas, das oft übersehen wird oder dass Menschen lieber ausblenden.“
Ich runzelte die Stirn. „Also nichts Offensichtliches? Keine typischen Probleme, die jeder kennt?“
Mrs. Winton bestätigte mit einem Nicken. „Genau. Ich möchte sehen, dass Sie genau hingeschaut haben.“
Chloe hob leicht die Hand. „Und wie sollen wir da rangehen? Einfach unsere Meinung aufschreiben?“
„Nein“, sagte Mrs. Winton bestimmt, aber freundlich. „Recherchieren Sie. Lesen Sie Berichte, Studien, vielleicht auch Erfahrungsberichte. Hinterfragen Sie, was als normal gilt. Und ziehen Sie erst dann Ihre eigenen Schlüsse.“
Ich nickte langsam. „Also erst einmal Fakten sammeln, bevor wir sie bewerten.“
„Ganz genau“, bestätigte sie. „Und keine Sorge, ihr habt genug Zeit dafür.“
„Danke“, sagte Chloe leise.
„Ja, danke“, fügte ich hinzu.
Wir verließen den Raum und traten auf den Flur. Nach ein paar Schritten blieben wir abrupt stehen. Vor uns hatte sich eine kleine Gruppe aufgebaut und David Rush mitten drin.
Er lehnte sich lässig an der Wand, seine Arme waren locker verschränkt, als hätte er dort schon eine Weile gewartet. Er war ein gutes Stück größer als ich, schlaksig, aber mit dieser selbstverständlichen Art, die einem sofort das Gefühl gab, im Weg zu stehen. Seine dunklen Haare waren absichtlich unordentlich gestylt, die Jacke trug er offen über dem Hoodie.
„Na, so eilig?“, fragte er grinsend.
Chloe und ich gingen keinen Schritt weiter. David stieß sich von der Wand ab und trat einen Schritt nach vorne, nah genug, dass ich instinktiv den Atem anhielt. „Also?“, meinte er. „Was war das eben bei Mrs. Winton?“
„Nichts Besonderes“, sagte ich und hörte selbst, wie unsicher meine Stimme klang.
David zog eine Augenbraue hoch. „Ach ja? Sah aber ziemlich nach Sonderbehandlung aus.“
Sein Blick blieb an mir hängen. „Oder gibt’s jetzt Extra-Aufgaben für Extra-Punkte? Die könnte ich nämlich gut gebrauchen.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger auf seine Unterlippe.
„Es ist nur eine Aufgabe,“ antwortete ich und am liebsten wäre ich einfach weitergelaufen.
„Nur eine Aufgabe“, wiederholte er spöttisch. „Klar. Und ich bin Champ der Pokémon-Liga.“
Ein leises Lachen ging durch seine Gruppe. David beugte sich etwas vor. „Also? Was springt für euch dabei raus? Bessere Noten? Streber-Bonus? Jetzt sagt es mir schon,“ forderte er uns auf.
Chloe machte einen Schritt nach vorne. „Geh aus dem Weg, David.“
„Oh“, sagte er und hob gespielt überrascht die Augenbrauen. „Die Kleine wird ja mutig.“
Dann sah er wieder mich an. „Und du? Lässt du sie immer für dich reden? Passt ja.“
Mir wurde heiß im Gesicht. Ich brachte kein Wort heraus, während sein Blick langsam an mir auf und ab wanderte.
„Ihr tut immer so, als wärt ihr was Besseres“, fuhr er fort, mit seiner schlechten Art, wenn er seinen Willen nicht bekam. „Immer in der vordersten Reihe. Extra-Aufgaben, als hättet ihr ohnehin nicht schon die besten Noten. Ständig Lob für eure klugen Fragen.“
Er stieß mir leicht gegen die Schulter. „Dabei bringt euch das später auch nichts.“
Chloe funkelte ihn an. „Fass ihn nicht an.“
David lachte leise. „Oder was?“ Sein Blick wurde kälter. „Willst du Mrs. Winton holen?“
Mein Magen zog sich zusammen. „Lass es einfach“, sagte ich leise zu Chloe, weil ich befürchtete, dass er eventuell handgreiflich wurde, wenn man ihn zu sehr provozierte.
„Hörst du das?“, meinte David grinsend und beugte sich noch einmal zu mir. „Sag mal, … was ist eigentlich mit deinem Freund? Wie hieß er noch gleich?“ Er tat, als würde er überlegen.
„Ist ja auch egal“, fuhr er fort. „Scheint aber rumzugehen, dass von der Polizei gesucht wird. So hätte ich ihn gar nicht eingeschätzt, als jemanden, der anderen Leute hilft.“
„Ich weiß echt nicht, was du meinst“, sagte ich schnell und log weiter. Ich wusste er sprach über die Nachrichten, in der Ian zu sehen war, aber wie er über ihn sprach brachte mich zur Weißglut. Ian war speziell, dass stimmt, aber sicherlich nicht so eigennützig wie viele vielleicht vermuteten.
David lächelte schief. „Ach nein? Ich dachte er wäre dein Freund? Naja zumindest sehe ich euch immer zusammen abhängen.“
David zuckte mit den Schultern, als wäre das alles nur belangloser Klatsch. „Schon verrückt, oder?“ Sein Lächeln wurde schmaler. „Einen von unseren Schülern plötzlich in den Nachrichten zu sehen.“
„Ich kann dir damit nicht weiterhelfen, ich habe Ian schon länger nicht mehr gesehen“, sagte ich, diesmal schroffer, was nicht ganz meine Absicht war.
„Klar“, meinte er gedehnt. „Wie du meinst.“
Er warf einen kurzen Blick zu den anderen aus seiner Gruppe, als wollte er sich vergewissern, dass sie zuhörten. „Ich frage mich wohl, was das für eine Belohnung ist, die so ein reicher Sack zur Verfügung stellt.“
Chloe machte sich neben mir bemerkbar. „Du laberst Mist und außerdem geht dich das überhaupt nichts an.“
David grinste und beugte sich diesmal ein Stück näher zu Chloe „Ist nur komisch, wie schnell sowas die Runde macht.“
Ich spürte mein Herz bis zum Hals schlagen. „Kannst du uns nicht einfach durchlassen.“
Einen Moment lang sah es so aus, als würde er sich weigern. Dann machte er langsam einen Schritt zur Seite. Gerade genug, um eine Lücke freizugeben. Seine Miene verfinsterte sich ein Stück weit, was mich vermuten ließ, dass er sich durch unser Gespräch mehr erhofft hatte.
„Klar“, sagte er beiläufig. „Geht schon.“
Als wir an ihm vorbeigingen, hörte ich ihn noch sagen: „Man weiß ja nie, was Leute wirklich treiben.“
Ich ging weiter, ohne mich umzudrehen. Chloe griff nach meiner Hand. Ich atmete erst wieder richtig, als wir weiter weg waren.
„Alles okay?“, fragte Chloe sofort.
Ich nickte, auch wenn es sich nicht so anfühlte. Keine Ahnung warum uns David diesmal so angegangen war. Ich glaubte nicht, dass es ihm sonderlich um die Aufgabe von Mrs. Winton ging.
„Er ist einfach ein Ekel“, sagte sie, die mich wohl etwas aufheitern wollte. Ich sah den Flur entlang, in die Richtung, in die David noch an der Wand gelehnt stand.
„Ja“, gestand ich. „Ich hasse solche Momente.“ Ich ließ Chloes Hand los um meine Schultasche wieder auf die Schulter zu schieben.
„Ich verstehe gar nicht, was du so toll an ihm findest,“ entgegnete ich Chloe, als er tatsächlich schon außer Hör- und Sichtweite war.
„Wenn du nicht schwul wärst, dann würde ich mich für dich entscheiden,“ stieß sie mir aufgebracht entgegen, wohl immer noch aufgewühlt über das Gespräch mit David.
„Kannst du das bitte nicht so laut rausbrüllen,“ zischte ich sie an und schenkte ihr einen finsteren Blick. Zwar waren wir inzwischen weiter von den anderen entfernt, aber wenn es jemand bemerkte, sprach sich so etwas schnell herum.
Ich zog sie am Ärmel ein Stück weiter den Flur entlang, weg von den offenen Türen und den vereinzelten Schülern, die noch unterwegs waren. „Chloe, bitte“, sagte ich leiser, nicht hier.“
Sie presste die Lippen aufeinander und atmete hörbar aus.
„Tut mir leid“, sie ließ ihr Schultern sinken.
„Der Typ bringt mich einfach auf die Palme.“
„Mich auch“, sagte ich und rieb mir unbewusst die Stelle an der Schulter, an der David mich angestoßen hatte.
„Na ja, gutes Aussehen ist eben nicht alles“, behauptete Chloe, als wir gerade dabei waren, das Schulgebäude zu verlassen. Am Wetter hatte sich nichts geändert: Es war kalt, grau und meistens auch noch nass.
„Du findest, dass er gut aussieht?“, fragte ich sie beiläufig. Sie wartete mit einer Antwort, bis wir an ein paar Schülern vorbeigegangen waren.
„Irgendwie schon. Du etwa nicht?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber selbst wenn, sein Charakter macht ihn nicht attraktiver.“ Chloe musste darüber lachen, dieses Geräusch ließ meine Anspannung etwas sinken. Als wir weitergingen, zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke höher und steckte die Hände in die Taschen. Da fiel mir wieder ihr Satz ein, den sie zuvor so beiläufig erwähnt hatte.
„Stimmte das, was du gerade gesagt hast?“, fragte ich nach und hielt sie wieder sacht am Ärmel fest, damit sie stehen blieb.
„Welchen Satz meinst du?“, fragte sie schließlich, obwohl wir beide genau wussten, wovon ich sprach.
„Das mit …“, ich brach ab und schaute verlegen zu Boden. „Das du dich für mich entscheiden würdest, wenn ich...“ ich konnte den Satz einfach nicht beenden, noch nicht einmal vor ihr. Sie atmete langsam aus.
„Ja“, sagte sie dann ruhig.
„Das meinte ich so.“ Mein Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals.
„Warum hast du das gesagt?“, fragte ich unsicher.
Chloe schaute mir direkt in die Augen. „Weil es stimmt“, meinte sie. „Und weil ich sauer war. Auf David. Auf die ganze Situation.“ Sie verzog den Mund. „Vielleicht auch, weil ich wollte, dass du es weißt.“ Nach dem letzten Satz schaute sie zur Seite und ich sah wie ihre Wangen eine andere Farbe annahmen.
Ich ließ ihren Ärmel los. Die Kälte schien mir auf einmal egal zu sein.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Für einen Moment standen wir einfach nur da, während um uns herum weitere Schüler vorbeigingen. Die Worte, die mir schon die ganze Zeit im Hals steckten und keinen Platz mehr hatten, fanden ihren Weg nach draußen.
„Es tut mir leid“, sagte ich, als ich näher auf sie zuging und sie schaute mich nun an.
„Dass ich Dinge nicht einfach kann. Dass ich es mir selbst und anderen so kompliziert mache.“ Ich schluckte und deutete mit der Handfläche über mich. „Manchmal wünschte ich, ich könnte das einfach ablegen. Und dann wäre es leichter.“
Ich lachte kurz, aber es tat weh. „Weißt du, wie viel einfacher es wäre, wenn ich normal wäre?“ Meine Hände zitterten leicht. „Vielleicht wären wir dann wirklich zusammen. Nicht das, was wir den anderen halbwegs vorspielen, sondern ganz normal. Es würde so vieles einfacher machen, wenn…“
„Hör auf“, unterbrach sie mich und nahm meine Hand fest in ihre.
„Nein“, flüsterte ich. „Ich meine das ernst. Ich hasse es manchmal. Dieses Gefühl, immer falsch zu sein.“
„Mike“, ermahnte sie mich streng, „du bist nicht falsch.“
„So fühlt es sich aber an.“ Der Kloß in meinem Hals wurde immer schwerer.
„Du bist normal. Genauso, wie du bist.“
Ich wollte widersprechen, aber mir fehlte die Kraft, also schloss ich meine Arme einfach um sie.
„Ich weiß wie sich das anfühlt, jemanden zu mögen und gleichzeitig zu wissen, dass man ihn nicht festhalten kann, so wie man es sich wünscht.“
Chloe erwiderte die Umarmung und es fühlte sich so sicher und vertraut an. „Ich verlange nichts von dir Mike, das werde ich niemals tun und ich bin trotzdem froh darüber, dass wir zusammen sind.“
Ich atmete zittrig aus. „Es fühlt sich trotzdem so an, als würde ich dir damit etwas vorenthalten.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, so darfst du nicht darüber denken. Du gibst mir Ehrlichkeit. Und Vertrauen. Und dich selbst, meinen besten Freund.“ Ihre Stimme wurde fester. „Du schuldest mir keine andere Version von dir.“
Ich drückte sie unbewusst ein wenig fester an mich. „Ich wollte nie, dass du wegen mir wartest oder hoffst oder dir etwas ausmalst, was ich dir nicht geben kann.“
„Das weiß ich“, sagte sie sofort. „Und trotzdem bin ich hier. Ich verstehe nur nicht, warum du es Ian nicht auch sagen kannst.“
Ich löste mich langsam aus der Umarmung, damit ich ihr wieder in die Augen sehen konnte.
„Weil ich Angst habe“, gestand ich ehrlich. Sie runzelte die Stirn. „Wovor?“
Ich atmete tief ein. „Davor, ihn zu verlieren.“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ian ist mein bester Freund. Er bedeutet mir manchmal mehr als mit lieb ist und mehr als ich selbst verstehen kann.“ Ein bitteres Schmunzeln zeichnete sich auf meinem Gesicht ab, gerade weil ich ihn so gut kannte. „Wenn ich ihm die Wahrheit sage, weiß ich nicht, ob er bleibt.“
Chloe ließ meine Hand nicht los, aber ihr Blick wurde fragend. „Aber wenn er dein Freund ist, dann…“
„…dann sollte er es verstehen“, fiel ich ihr ins Wort und beendete ihren Satz. „Ich weiß. Das sagt man aber so leicht.“ Ich schüttelte den Kopf. „Aber was, wenn nicht? Was, wenn die Wahrheit genau das ist, was unsere Freundschaft kaputtmacht?“
Ich wandte den Blick ab. „Mit dir ist es anders. Du hast mir gezeigt, dass ich sein darf, wie ich bin. Aber Ian …“ Ich zögerte. „Ian sieht mich so, wie ich immer war. Und ich habe Angst, dass das das Einzige ist, was er akzeptieren kann.“
Chloe schwieg einen Moment. Ich merkte, dass sie versuchte, meine Worte nachzuvollziehen.
„Also lebst du lieber in einer Lüge?“, fragte sie schließlich vorsichtig.
Ich zuckte mit den Schultern. „In einer halben Wahrheit. Es tut weniger weh.“ Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht. „Solange ich nichts sage, kann ich mir einreden, dass alles bleibt, wie es ist.“
„Aber es bleibt doch nicht so“, entgegnete sie mir. „Nicht wirklich.“
„Ich weiß“, stöhnte ich sofort. „Aber im Moment fühlt es sich sicherer an.“ Ich sah sie wieder an. „Und ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.“ Ich war nicht stark genug ihm schon die Wahrheit zu sagen, genauso wenig mit seiner Reaktion zu leben, wenn er sich gegen unsere Freundschaft entscheiden würde.
Chloe seufzte leise. „Ich verstehe deine Angst“, sagte sie dann. „Wirklich. Aber ich kann nicht ganz begreifen, wie man jemanden schützen will, indem man sich selbst dabei so sehr belügt.“
„Ich weiß, irgendwann werde ich bereit dafür sein, aber jetzt gerade kann ich besser mit dieser Lüge leben.“
Sie widersprach mir nicht und wir setzten unseren Weg Richtung Straßenbahn fort.
„Aber vergiss nicht, dass Aufschieben auch eine Entscheidung ist.“
Ich nickte. In meinem Kopf drehte sich alles, und doch fühlte sich dieser Moment seltsam richtig an und gleichzeitig befreiend.
„Danke, dass du so ehrlich zu mir warst. Dass du mir das gesagt hast, ich weiß das es dir schwer fällt es laut auszusprechen,“ sagte sie und ich hielt kurz inne und sie fuhr fort, „Das bedeutet mir wirklich viel. Mehr, als du vielleicht denkst.“
„Mir auch.“
Ein kleines, warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das freut mich“, sagte sie, als bereits der Zug mit tosendem Geräusch an unserem Bahnsteig einfuhr. Chloe wollte schon davonlaufen, da packte ich sie noch einmal am Arm und zerrte sie zu mir.
„Hast du nicht was vergessen?“ Noch bevor sie etwas sagen konnte legte ich meine Lippen auf ihre. Ich spürte, wie sie den Atem anhielt und wie ihre Hand sich für einen Moment an meiner Jacke festklammerte und ich jetzt besser verstehen konnte wieso.
Ich war froh, dass wir relativ offen miteinander darüber reden konnten, obwohl es mir, auch wenn Chloe so geduldig und verständnisvoll war, immer noch Probleme bereitete, es zu sagen. Dennoch fühlten sich meine Gedanken auf dem Heimweg um ein Vielfaches einfacher an, und wenn auch nur ganz wenig, konnte ich mir vorstellen, es langsam auch meinen Eltern anzuvertrauen. Zumindest meiner Mutter. Natürlich hatte ich mich auch davor immer gedrückt, oft auch wegen ihrer Sätze darüber, wie sehr sie sich freute, dass ich mit Chloe zusammen war, und wie toll sie es fände, sie irgendwann als Schwiegertochter zu haben. Selbstverständlich zog sich daraus irgendwie auch ohne mein Einverständnis die Erwartung, dass wir irgendwann einmal so weit sein würden, dass sie Enkelkinder erwartete. Diese Erwartung konnte ich ihr nicht erfüllen, und die Illusion hatte ich ihr die ganze Zeit über auch nicht nehmen wollen. Keine Ahnung, ob ich die Enttäuschung hätte ertragen können. Bei meinem Vater war es ähnlich wie bei Ian. Ich schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Es war gegen drei Uhr mittags, und ich wusste, dass meine Mutter bald nach Hause kommen würde und ich eventuell die Zeit hätte, es ihr erst einmal, ohne meinen Vater zu sagen. Der Gedanke stimmte mich zwar etwas mulmig, aber ich musste diesen Schritt nun einfach gehen, das ehrliche und offene Gespräch mit Chloe hatte mir den Mut dazu gegeben. Ich atmete tief durch, ließ meine Tasche im Flur fallen und ging langsam in die Küche. Ich hatte noch ein wenig Zeit. Es war niemand zu Hause und meine Mutter würde bald kommen. Ein möglicher Zeitpunkt mit ihr darüber zu sprechen. Immer wieder ging ich das Gespräch in meinem Kopf durch. Es gab zu viele Filme darüber und Videos in denen die Reaktionen ganz unterschiedlich ausfielen. Es war so klischeehaft und ich hasste sie, weil sie mit der Realität meistens nichts zu tun hatten. Als ich schließlich das Geräusch des Schlüssels in der Haustür hörte, zog sich mein Magen zusammen. Meine Mutter rief meinen Namen, noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, und ich antwortete schnelle: „ich bin hier.“
Sie trat in die Küche, lächelte mich kurz an, stellte ihre Tasche ab und fragte beiläufig, wie mein Tag war. Ich nickte nur und spürte, wie mein Herz schneller schlug. Nun war es so weit.
„Mama“, begann ich, und allein das Zittern in meiner Stimme verriet mir, dass es kein Zurück mehr gab. Sie sah mich sofort aufmerksam an, setzte sich mir gegenüber und wartete.
„Ich möchte dir gerne etwas sagen, mit dir über eine bestimmte Sache reden… „: begann ich und verhaspelte mich bei manchen Worten, obwohl es keine schwierigen waren. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Riss in der Tischplatte, den ich schon seit Jahren kannte, und blieb dort hängen.
„Es geht um mich“, brachte ich schließlich hervor.
„Und um…“ Sie begann sich etwas zu trinken einzuschenken, und auch wenn sie bei mir war, hatte ich das Gefühl, dass sie nur beiläufig zuhörte.
„Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll“, fuhr ich fort und merkte, wie meine Hände unruhig wurden. Für einen Moment wurde es still. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und schaute mich erwartungsvoll an.
„Ich höre dir zu, mein Schatz.“
„Es geht um Chloe“, begann ich leise. Und noch bevor ich weitersprechen konnte, wusste ich, dass es jetzt wirklich kein Zurück mehr gab, weil ich nun ihre Aufmerksamkeit hatte.
„Was ist mit ihr?“, fragte meine Mutter sofort nach.
„Also, wir sind eigentlich nicht wirklich zusammen.“
Meine Mutter erstarrte. Das Glas, das sie gerade wieder auf den Tisch stellen wollte, setzte sie etwas zu hart ab.
„Wie bitte?“ Ich hob hastig den Kopf.
„Es ist nicht so, wie es klingt“, setzte ich an, doch sie ließ mich gar nicht erst ausreden.
„Nicht wirklich zusammen?“ Ihre Stimme wurde höher, und ihre Stirn legte sich in Falten.
„Mike, ihr seid schon so lange zusammen. Was soll das heißen?“
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Genau davor hatte ich Angst gehabt.
„Ich wollte nur sagen, dass…“
„Hast du Schluss gemacht?“ fiel sie mir ins Wort. Jetzt war da etwas in ihrem Blick, das mich zusammenzucken ließ. Enttäuschung, ja, aber auch Wut. „Nach all der Zeit? Mit Chloe?“
„Nein“, widersprach ich ihr. Ich spürte, wie mir heiß wurde und meine Hände nervös gestikulierten.
„Du verstehst das falsch“, versuchte ich es noch einmal, doch sie schüttelte schon den Kopf.
„Falsch?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Ich verstehe nur, dass du offenbar einen Fehler gemacht hast. Wir haben Chloe, immer zu uns eingeladen,und wie eine Tochter behandelt. Wissen ihre Eltern es bereits?“
Das traf. Mehr, als ich erwartet hatte. „Mama, bitte“, sagte ich leise. „Es geht nicht darum, dass ich sie verlassen habe.“
„Dann erklär es mir“, erwiderte sie scharf. „Denn im Moment klingt es genau danach. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht was ich davon halten soll.“
Ihre Worte hingen schwer zwischen uns. Ich sah ihre geröteten Wangen, die angespannte Kieferlinie, und mir wurde klar, dass ich diesen Punkt wohl hätte, kommen sehen müssen.
Ich atmete tief ein, sammelte all meinen Mut und sagte schließlich: „Chloe und ich haben uns nicht getrennt. Aber wir waren auch nie das, was du dachtest, dass wir sind.“
Das Gespräch verlief gerade in eine völlig andere Richtung als ich es vorher geplant hatte. Ich war nicht mutig genug es direkt laut auszusprechen und hatte gehofft mit dem richtigen Hinweis, dass sie selbst darauf kam und die richtigen Schlüsse zog. Doch statt eines verstehenden Nicks oder eines vorsichtigen Nachfragens verfinsterte sich ihr Blick nur weiter.
„Mike“, sagte sie langsam, betont ruhig, und genau dieser Ton machte es schlimmer, „hör auf, um den heißen Brei zu reden.“
Ich spürte, wie mir der Mut, den ich mir mühsam zusammengesammelt hatte, Stück für Stück zwischen den Fingern zerrann. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Gedanken überschlugen sich, fanden aber keinen Ausgang mehr. Alles, was ich mir zurechtgelegt hatte, wirkte plötzlich lächerlich und unzureichend.
„Ich kann das gerade nicht“, murmelte ich und rieb mir fahrig über das Gesicht. „Es ist kompliziert, okay?“
„Kompliziert?“, wiederholte sie und lehnte sich zurück. „Du kommst mit so einer Aussage um die Ecke und erwartest dann was genau von mir?“
Die Enge in meiner Brust verwandelte sich langsam in Wut. „Ich erwarte gar nichts!“, fuhr ich sie schärfer an, als ich wollte. „Ich wollte dir nur sagen, dass nicht alles so ist, wie du glaubst. Mehr nicht.“
Sie schwieg, sah mich prüfend an, und dieses Schweigen fühlte sich an wie ein weiteres Urteil. Ich hielt es keine Sekunde länger aus.
„Vergiss es einfach“, sagte ich hastig und schob meinen Stuhl zurück, sodass er laut über den Boden kratzte. „Es war eine dumme Idee. Ich hätte das Thema gar nicht erst anfangen sollen.“
„Mike...“, begann sie, doch ich hob sofort die Hand.
„Nein“, unterbrach ich sie. „Bitte. Nicht jetzt. Ich will darüber nicht mehr reden.“
Ich wich ihrem Blick aus, griff nach meiner Tasche und spürte, wie sich das Gefühl von Scham in mir festsetzte. Jeder Schritt aus der Küche fühlte sich an, als würde ich fliehen. Auf der Treppe stockte ich jedoch unerwartet. Mein Fuß blieb auf der nächsten Stufe stehen. Mein Körper wäre am liebsten weiter geflohen. Doch so konnte ich es nicht stehen lassen. So wollte ich es nicht stehen lassen. Nicht wieder davor fliehen, obwohl es bislang immer der einfachste Weg war für mich. Ich drehte mich um und sah meiner Mutter direkt in die Augen. Sie atmete hörbar aus, fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Mike...“, sagte sie meinen Namen etwas ruhiger als zuvor. „...so funktioniert das nicht. Du kannst nicht einfach Dinge andeuten, alles in den Raum werfen und dann gehen, als wäre nichts gewesen. Wie soll ich da wissen, was da zwischen dir du Chloe los ist? Ich dachte du willst mit mir darüber reden.“
„Ich bin schwul“, schleuderte ich die Worte ihr entgegen, und sie verschlangen die letzten beiden Worte ihres Satzes.
„Okay? Das ist es. Bist du jetzt zufrieden?“
Ihre Hand, die eben noch an ihrer Stirn gelegen hatte, blieb in der Luft hängen, kurz darauf setzte sie sich unbewusst gerader auf einen der Barhocker an der Kücheninsel nieder, die Finger krallten sich an die Kante des Tisches, als müsste sie sich festhalten. Meine Hände zitterten, und ich wusste nicht, ob es von der Wut kam oder von der Erleichterung, die sich wie ein schmerzhafter Stich durch meine Brust zog. Ich stand da, auf halber Höhe der Treppe, mein Herz kurz davor zu explodieren, und hasste mich dafür, dass es so herauskam. Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, drehte ich mich wieder um und ging weiter nach oben und flüchtete in mein Zimmer.
Vielen Dank Dunames für dein Kommi und deine netten Worte – auch zu meinem persönlichen (Hass-)Kapitel mit Mike und Chloe im Café. Ich glaube, ich kann kaum in Worte fassen, wie lange ich dafür gebraucht habe und wie sehr ich damit gehadert habe, was mich letzten Endes auch ein wenig zu meiner halbjährigen Zwangspause verdonnert hat. Wesentlich leichter fiel mir dagegen das aktuelle Kapitel, das ich dank deiner Meinung bzw. deines Rates zum Schluss noch einmal ein wenig geändert habe. Und ich bin doch ganz froh darüber, den mutigen Schritt mit Mike gegangen zu sein xD
Zitat von Dunames
Ians Kampf gegen die Verbrecherorganisation liest sich fast wie ein Horrorfilm tbh; der französische Akzent der Antagonisten legt eine Verbindung zu Kalos und dem Mädchen, das aus dieser Region stammt und in einem früheren Kapitel erwähnt wurde, nahe. Wobei ich dahingehend auch auf die Rolle von Team Beta gespannt zugleich aber auch verwirrt bin, als sich abrupt herausstellte, dass Cornelius (und auch Boyd?) zu Team Beta gehört.
Also von meiner Seite aus ist es beabsichtigt, dass das ein oder andere Kapitel auch mal ein wenig düsterer wird, weshalb ich noch einmal auf die Altersbeschränkung hingewiesen habe. Ich gehe davon aus, dass es auch in Zukunft immer wieder vorkommen wird, dass es etwas gruseliger wird, da ich versuche, die Welt und die Geschichte rund um Pokémon so realistisch wie möglich darzustellen.
Ich hoffe, dass das für dich kein Problem ist und dich nicht am Weiterlesen hindert. Die Konstellation, in welchem Verhältnis Cornelius zu Boyd steht (oder auch andersherum), sowie wie sich Team Beta in das Ganze einfügt, wird in den nächsten Kapiteln nach und nach ersichtlicher werden.
Zitat von Dunames
Du hast dich in den letzten Kapitel sehr auf Ians gesundheitlichen Zustand fokussiert, was teilweise einen repetitiven Eindruck erweckte; ich habe mich ehrlichweise dabei ertappt, wie ich manche Beschreibungen eher überflogen habe, weil ich das Gefühl hatte, nicht viel Inhaltliches da zu verpassen.
Was?! Einfach überflogen
ich bin schockiert xD (Ich muss zugeben, mache ich hin und wieder auch, gerade dann, wenn der Stoff zu trocken ist xD)
Ich merke mir das als Reminder, beim Storytelling nicht zu sehr auf einzelnen Themen hängen zu bleiben... Und ich hoffe, ich halte dich mit dem Ende des Kapitels bei Laune :D