Der bizarre Fall des Samuard Stegen

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  • Nach einem kritisch bejubelten Erstlingswerk holt Ulti H. aus dem Dorf des Nebels ein Jahr nach Graue Tage zur zweiten Punktlandung in der Welt der Schundliteratur aus und hat sich für diesen besonderen Anlass nur den feinsten Schmutz unter den Fingernägeln stehen lassen. Auf der Flucht vor seinem bekennenden Erzfeind, dem Boden der Tatsachen, spinnt der nachlässigste Internetbewohner des Dreiländerecks einmal mehr behände eine Studie aus Gleichgültigkeit, Empörung und Liebe und schmilzt die hartnäckige schwarze Kruste am Boden diverser kreativer Sammelcontainer endlich zu einem kohärenten Werk zusammen - es erforderte nicht mehr als ein halbes Jahr der Verantwortungslosigkeit, um alte Ideen mit neuen Problemen zu verpaaren, das Ergebnis versetzt Kenner literarischen Nährwertes in helles Erstaunen und peitscht die Eutrophierung des Fanfiction-Haifischbeckens wie beiläufig voran: Pünktlich zum 12. November präsentiert Gecko Cultures ungreifbarster Funktionär den letzten Schrei in einer langen Folge der Kakophonien, frostig verstahlt und matschfarben träumend schlägt Der bizarre Fall des Samuard Stegen in die Reihen der Novembernovellen ein und das Volk redet.




    Alles das + der Umstand, dass ich mich diesen November und darüber hinaus an einer Elder Scrolls Fanfiction versuchen will. Sie spielt einige Jahrzehnte nach dem Allianzkrieg der zweiten Ära (die Zeit von Elder Scrolls Online) in Kluftspitze, der nördlichsten Gegend von Hochfels. Sämtliche handelnden Personen sind frei erfunden. glhf


    Kapitelübersicht:


    1 - Arbeit

    2 - Die frommen Leute von Schloss Stegen

    3 - Schieferbucht

    4 - Lange Schatten

    5 - Hammonds Wirken

    6 - Arkays Diener

    7 - Onduwen zählt Bäume

    8 - Steckenpferde

    9 - Gift und Galle

    10 - Eine Peinlichkeit

    11 - Das Gewerbe

  • Arbeit


    Es war ein Loredas der Ersten Saat, nasskalt und überhaupt schrecklich ungemütlich, durchzogen von einem feuchten, schweren Nebel, der sich über die Tannen am Rande der großen Bucht gelegt hatte wie ein schimmliger Flaum. Vereinzelte Vogelrufe hallten durch den Wald, auch ein Specht machte sich bemerkbar – doch wurden sie alle übertönt vom nimmermüden Knirschen der Speichenräder, auf denen eine schäbige Kutsche den Hang zum Meer hinunterrollte. Gezogen wurde sie von zwei schäbigen Gäulen, auf ihrem Bock saß ein schäbiger alter Bretone und einzig die Gerte, die er in der Knochenhand führte, stellte sich tadellos gefettet und gewartet dem Bild der allgemeinen Zerlumptheit entgegen. Mit ihr trieb er seine Pferde an, die es indolent hinnahmen; nie gerieten sie aus ihrem stumpfsinnigen Trott, genauso wie die Bewegungen des Kutschers beiläufig mechanisch waren, als hätte er sich einem unsichtbaren Publikum verpflichtet, sein Handwerk zu spielen anstatt es auszuführen – doch es gab kein Publikum, selbst seine Passagiere hatten sich schon länger an der tristen Umgebung sattgesehen und sich von der Monotonie wegtragen lassen. Es waren eine Frau und ein Mann, die in der Kutsche Platz genommen hatten, vor zu langer Zeit einmal, um das eigene Gesäß noch zu spüren. Der Mann war ein Mensch, aus welchem Winkel der Welt war schwer zu bestimmen; er hatte volles, schwarzes Haar, das ihm in verspielten Locken bis unter das Kinn fiel, tiefe, scharfe Wangenknochen, dazu eine ebenmäßige Nase und einen unspektakulären Mund, um den der Bartschatten einer mehrtätigen Reise spross. Bemerkenswert war weiterhin sein gepflegter Schnauzer, der beeindruckend schmal und spitz ausfiel – er wäre von einer gewissen Schönheit gewesen, wenn ihm in der Vergangenheit nicht die Pockenkrankheit über das Gesicht gefegt und ihr Narbengeflecht hinterlassen hätte. Über seinem weißen Leinenhemd trug er ein mit Lammfell gefüttertes, ärmelloses Cape, wie es Reisende oft zu tragen pflegen, den dicken Umhang hatte er auf die Sitzbank neben sich gelegt, genauso seine elegante Stoffhaube im Stil der Fürsten von Hochfels. Seine Kleidung war vornehm, aber auch nicht mehr – er besaß die Ausstrahlung eines Mannes, der für sein Geld gearbeitet hatte, und führte dies entsprechend dezent Spazieren. Schweigend hatte er bislang auf seine gefalteten Hände gestarrt, bis sich die Frau ihm gegenüber zu regen begonnen hatte.

    Sie trug noch immer Hut und Mantel, hatte darin geschlafen – ein abgescheuerter, militärisch anmutender Dreispitz und der Mantel mit ausladendem Pelzkragen nach Machart Einsamkeits hatten sie größtenteils vor den forschenden Blicken, die ihr ihr Mitreisender gelegentlich zugeworfen hatte, verborgen, nun aber schob sie sich den Hut aus dem Gesicht und blinzelte mürrisch den Schlaf aus den Augen. Sie hingegen war eine Altmer, kaum schwer zu erkennen, wenn auch nicht mehr besonders frisch – weder alt noch greis, doch aus der Jugend herausgewachsen in eine Zeit, die ihr eine selbstverständliche Abgeklärtheit verschafft hatte. Die hellblonden Haare trug sie kurz, in einer gewagten Kombination aus seitlich gescheitelten Fransen und geschorenen Seiten, ein seltsam ungeschlechtliches Attribut, das ihr eine gewisse Unnahbarkeit verlieh; eine gewisse Unnahbarkeit, die sie sogleich ausspielte, als der Mann seine untätige Zunge lockerte und mit trockener Stimme das Rumpeln der Kutsche herausforderte. „Wir sollten bald da sein.“

    Die Mer antwortete nicht, nicht im Gespräch – stattdessen rückte sie sich den Hut wieder über die Augen, streckte die Beine und ließ sich tiefer in die Sitzbank sinken. Der tüchtige Mann verstand ihre Absicht sehr wohl, wollte sich aber auch nicht so einfach abspeisen lassen – nicht aus Stolz, derartige Kleinlichkeiten betrafen ihn nicht, vielmehr stand ihm schon länger der Sinn nach einem Gespräch und die Fremde interessierte ihn.

    „Götterverlassene Gegend. Was führt Sie hierher?“

    Erst blieb es stumm unter dem Hut, dann aber wurde ein gleichgültiges „Arbeit“ geknurrt und der elegante Mensch nickte langsam.

    „Ach, wie gewöhnlich. Aber … lassen Sie mich raten – ich habe Muße und Redebedarf, bitte erlauben Sie mir dies“, er fasste seine Mitreisende streng ins Auge und dachte nach, bevor er wissend einen Finger schwang, „ja ja, hm. Eine Abenteurerin sind Sie, das sehe ich. Ihr Säbel ist gepflegt, Ihre Stiefel verstärkt und kräftig scheinen Sie mir auch zu sein. Außerdem ist Ihr Mantel viel zu schwer, um als Reisekleidung durchzugehen – das ist gewiss schon eine Rüstung. Ja, eine Abenteurerin“, schloss er seine Beobachtung nicht ohne triumphalen Unterton.

    „Falsch.“

    „Entschuldigen Sie?“

    „‘Falsch‘, meine ich.“ Die Mer hatte sich nun aufgesetzt und schien mit der Idee eines Gespräches etwas eher warm geworden zu sein. „Das sind alles scharfe Beobachtungen, zu denen ich Ihnen gratulieren würde, wäre ich etwas leichter zu beeindrucken. Aber Sie bedenken nicht alles.“

    Sie schälte sich aus ihrem Mantel und machte es sich dann wieder bequem, er hingegen machte Augen, kurzzeitig – denn der Frau fehlte beinahe der gesamte linke Arm, was vorhin den Ärmel ihrer Kleidung ausgefüllt hatte, war bloß eine krude Beschwörung gewesen, die an den bandagierten Oberarmstumpf anschloss und einen echten Arm imitierte. „Damit lassen sich noch immer Stiefel schnüren oder Haare kämmen, aber Abenteuer kommen nicht mehr in Frage.“ Sie sprach darüber, als wären Arme bloß eine distinktive Gattung der Werkzeuge.

    „Oh“, sagte also der Herr und schlug nachdenklich die Hände vor dem Gesicht zusammen, seine tiefen braunen Augen kreuzten die trübgrünen der Einarmigen, „dann müssen Sie eine Beraterin sein, berufen nach Schloss Stegen, um die arme Baronin Marlene mit ihrer zweifellos … umfangreichen Lebenserfahrung durch die Finsternis zu leiten, die sich über ihr Familienglück gelegt hat. Sie sehen nämlich aus, als hätten Sie Lebenserfahrung.“

    Doch die Mer schnaubte nur ungeduldig. „Lassen Sie das Rätselraten. Es irritiert mich, und wenn ich ehrlich bin, irritieren Sie mich ebenfalls. Denn überhaupt liegen Sie falsch; nicht die Baronin, sondern ihr Sohn erbat meine Anwesenheit, und lange bleiben will ich erst recht nicht. Ich soll bloß herausfinden, wer seinen Vater nach Aetherius geschickt hat, mehr nicht. Mehr will ich auch nicht – ich hasse Kluftspitze.“

    „Natürlich, natürlich. Dann scheinen wir durchaus ähnliche Gründe zu haben, die uns in diesen trostlosen Winkel der Welt ziehen – sehen Sie, auch ich folgte dem traurigen Ruf des toten Barons, den ganzen Weg aus Wegesruh trat ich an, sobald ich von seinem Tod erfahren hatte, stellen Sie sich das einmal vor. Wir haben uns jahrelang nicht mehr gesehen, gewissermaßen aus den Augen verloren, und jetzt wird sich das auch nicht mehr ändern. Das Mindeste, was ich jetzt noch tun kann, ist seiner Bestattung beizuwohnen.“

    „Tragisch. Sie standen sich nahe?“ Der Ton der Frau ließ erahnen, dass sie das Ganze nicht so tragisch fand, wie sie behauptete. Gleichmütig ließ sie den Blick aus dem Fenster schweifen und schien sich nur deshalb eine Rückfrage geleistet zu haben, weil es entfernt ihre Aufgabe war.

    „Früher einmal, ja. Einst schwärmten wir für dasselbe Mädchen, doch am Ende wurden wir beide stehengelassen. Das schweißt zusammen, doch ich rede mir nicht ein, dass nicht mein Gewissen der Hauptgrund für diese Reise war. Ich kann den alten Samuard nicht einfach vergessen – erst wer vergessen wird, ist wirklich tot, und das hat er nicht verdient.“

    In einem Anflug von Schwermut wandte auch er sich der Szenerie außerhalb der Kutsche zu, obschon er gleich darauf wieder das Gespräch aufnahm, als behage ihm die Vorstellung des Schweigens nicht. „Aber ich merke gerade, wir sind einander noch gar nicht bekannt, wie unsittlich – dann möchte ich mich also in aller gegebenen Form als Gasoque Pierose vorstellen, professioneller Gewerbemann aus Wegesruh.“

    Er neigte höflich den Kopf und fixierte dann mit gefrorenem Lächeln die Mer, diese lehnte an der Rückwand der Kutsche und erwiderte seinen Blick ohne Regung, bis sie irgendwann – irgendwann! – Erbarmen zeigte und sich als Onduwen Torbrecher vorstellte. Pierose setzte sich mit wissender Miene auf. „Ach, wie Ranveig Torbrecher. Wissen Sie, sie war meine Lieblings-“

    „Ja, das war sie von allen“, fiel ihm Onduwen ins Wort, die Aussagen dieser Art offensichtlich nicht zum ersten Mal hörte, „sie war ziemlich beeindruckend darin, Eindruck zu schinden.“

    „Oh, Sie kannten sich? Vielleicht eingeheiratet, hinsichtlich Ihrer Natur?“, griff Pierose sogleich seine Deduktionsbemühungen wieder auf. Onduwen lehnte sich zurück und starrte an die Holzdecke. „Komplizierte Verwandtschaft. Auch nicht weiter wichtig.“

    „Mitnichten! Ich bitte Sie, erzählen Sie, erzählen Sie aus Ihrem Leben, diesem bewegten Leben, das ich Ihnen doch ansehe. Der Umstand dieses Treffens mag ein trauriger sein, doch öde muss es deshalb noch lange nicht geraten.“

    Aber Onduwens Desinteresse war maßlos. „Mit dreizehn Jahren warf mich mein Vater in das Hafenbecken von Senchal. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

    Pierose schaute sein Gegenüber mit hoch erhobenen Augenbrauen an, gespannt auf das, was folgen würde. Aber nichts folgte, für Onduwen schien ihre Schuldigkeit getan und sie hatte sich wieder der Außenwelt zugewandt, wo sich der Wald gelichtet und den Blick auf eine Handvoll miserabler Häuschen am Meer freigegeben hatte.

    „Nun … oh, wir sind angekommen“, stürzte er sich dann eifrig auf den nächstbesten Umstand, der versprach, die seltsame Stimmung in der Kutsche zu zerstreuen. Sie reckten beide die Hälse und wurden enttäuscht; Schieferbucht war eine außerordentlich schäbige Ansiedlung, dem Namen entsprechend gelegen in einer schartigen kleinen Bucht aus dunkelgrauem Fels, wo unter grauem Himmel eisige graue Wogen gegen den grauen Kiesstrand brandeten. Zum Ausgang der Bucht hin erhob sich eine winzige Felsinsel aus dem Wasser, auf der sich ein modriger Leuchtturm mehr schlecht als recht im Gleichgewicht hielt – es spielte keine Rolle, die letzten Schiffe, die Schieferbucht angesteuert hatten, waren schon lange Geschichte. Östlich davon erstreckte sich endlos der Wald; im Westen überragte eine steile Klippe die Bucht, auf der eine bestenfalls einfache Burg thronte, die sich nahtlos in das restliche Dorfbild einfügte. Diese Burg, Schloss Stegen, war ihr Ziel. Sie brauchten das Dorf nicht zu passieren und ließen es an der Küste, im Schatten der Klippe kauern, stattdessen folgten sie der erhöhten Straße zur Burg, wo der Kutscher schließlich am Fuße des Hanges die Rösser bremste und seine Passagiere in die kalte Frühlingsluft entließ. Pierose war zuerst ausgestiegen, doch kaum hatte er einen Fuß auf den matschigen Untergrund gesetzt, schien er zusammenzusinken, als hätte ihm die bloße Nähe zu diesem jämmerlichen Fischerweiler die Lebensgeister gemindert. „Meine Güte“, murmelte er, ließ den Blick voller Widerwillens schweifen und half Onduwen aus dem Wagen, „hier sterben Träume.“

    „Und Barone.“

    „Ja, die auch. Als wäre eine Beisetzung nicht trist genug! Hätten sie ihn nicht irgendwo an der Abekäis ruhen lassen können?“

    Seine Frage verhallte, denn Onduwen war damit beschäftigt, zusammen mit dem Kutscher ihr Gepäck auszuladen. Als ihre Reisetaschen dann am eisernen Tor vor dem Aufstieg zum Schloss lehnten, strich das lumpige Männlein seine Bezahlung ein, verabschiedete sich und ließ sie im beißenden Seewind stehen, wo sie darauf warteten, dass sich jemand ihrer annahm.


    -.-


    Valerian Stegen wirkte mehr wie ein Konzept denn wie eine Person, auch, hinsichtlich seiner Stellung als Erbe eines wertlosen Landstriches am Rande der Zivilisation, wie eine enorme Verschwendung an Prinzlichkeit. Er war groß, blond, breitschultrig und so bemüht würdevoll, dass sich höfische Schwiegermütter aller Herren Provinzen die Finger nach ihm geleckt hätten, wäre ihnen seine Existenz nur bewusst gewesen. Sein langes Haar hatte er in einem sauberen Pferdeschwanz zusammengebunden und die ebenfalls sauberen, geteilten Fransen standen in starkem Kontrast zu seinen schwarzen Augenbrauen; die Ehlnofey mussten diesen Mann mit einem Lineal geschaffen haben, so scharf waren seine Züge. Er hatte sie in Trauerkleidung aufgesucht, selbst diese war adrett und herrschaftlich, insbesondere der schwarze Umhang mit den silbernen Schulterplatten – der Sprössling des Grafen schien überaus bereit, die Pflichten seines verschiedenen Vaters anzutreten und war auch ansonsten ein Fremdkörper in einer Gegend, die der Verfall so eifersüchtig in seinen Klauen hielt. Hätte man Schieferbucht zusammengekehrt und ausgepresst, so hätte ein einzelnes Zwinkern von diesem Schönling noch immer ein Vielfaches der Strahlkraft besessen von dem, was auch immer man aus der schmierigen Brühe destilliert hätte. All dies war Onduwen und Pierose bewusst, ohne dass sie darüber nachdenken mussten, ohne dass Valerian Stegen zu strahlen brauchte, denn zurzeit präsentierte er eine vornehme Niedergeschlagenheit, nicht zu aufgelöst, aber auch nicht zu kalt; nicht mehr, als die Pflicht erlaubte, nicht weniger, als der Anstand gebot. So war er von Schloss Stegen zu ihnen herabgestiegen, man grüßte sich. Ein Diener hatte sich des Gepäcks angenommen und Valerian führte sie einen von mächtigen Eichen gesäumten Pflasterweg hinauf, in dem das Moos kauerte.

    „Zuerst will ich mich persönlich entschuldigen, dass ich Sie ausgerechnet zu einem so trübsinnigen Anlass gerufen habe“, wandte sich der junge Stegen an Onduwen, die mit der Hand in der Hosentasche den Blick über die zaghaft sprießende Allee schweifen ließ. Pierose indessen hielt einige Schritte Abstand und tat dasselbe. „Doch ich hielt es für überaus bedeutend, dass Sie sich ein so präzises Bild meiner – unserer – Situation machen können, wie es denn möglich ist. Der Trübsinn wird ohnehin bleiben – wie viel heute auch getrauert wird, satt wird er nicht werden. Sie kannten meinen Vater nicht, standen in keinerlei Beziehung zu ihm, daher regt Sie sein Tod wohl kaum; aber Schwermut kann ansteckend wirken, und das tut mir leid.“

    „Machen Sie sich keine Gedanken, Junior“, Valerians Züge wurden kurzzeitig hart, als sie ihn so ansprach, „ich bin nicht der guten Laune wegen hier. Sie schrieben, man habe Ihren Vater vergiftet.“

    „Man hat.“ Valerian nickte grimmig, während Pierose aufholte. „Vor drei Tagen, beim Abendmahl. Es war so schrecklich … unerwartet. Er starb, ohne ein Wort von sich zu geben, im Sitzen, wer weiß, wie lange es uns entgangen wäre, wenn er nicht auf sein Geschirr gekippt wäre. Danach brach ein gewaltiges Geschrei aus.“

    Sie hatten nun das weit geöffnete Tor des Schlosses Stegen erreicht und passierten es, davor warf Onduwen einen Blick zurück auf die Häuschen Schieferbuchts und gestand sich sogleich ein, dass es sich nicht gelohnt hatte – jedoch war auch das Schloss der Grafenfamilie ähnlich abweisend, zwar ging ihm die abstoßende Unwürdigkeit des Dorfes ab, doch die dicken Bruchsteinmauern und das ursprungslose Tageslicht unter der Wolkendecke versprachen auch hier keine Zuflucht vor der allgemeinen Tristesse. Dies war nie ein Herrschaftssitz gewesen; Schloss Stegen wollte drohen und verteidigt werden, wer sich hier niederließ, tat dies aus Pflichtgefühl, nicht des Prestiges wegen. Doch es gab nichts mehr zu verteidigen, und so hatte man sich apathisch demselben Zerfall hingegeben, der auch am Mündel der Schlossherren nagte, der den Leuchtturm dunkel und die Geschäfte geschlossen zurückgelassen hatte. Valerian führte sie über den Hof zum Eingang der Burg.

    „Man war sich schnell einig, dass es Gift gewesen sein musste – es gab keine sonstigen Verletzungen, dazu war er in keinem Alter, in dem man einfach so stirbt.“

    „Gift – Dann sind Sie sich sicher?“

    „Nur so sicher, wie mir andere Erklärungen entgehen. Ich … oh, ja.“ Ein älterer Diener mit Augenringen bis zum Hals hatte ihnen die Tür geöffnet und teilnahmslos gewartet, Valerian drehte sich zu Pierose um und übergab ihn dem Diener. Sie verschwanden im Bauch des Gemäuers.

    „Eben. An besagtem Abend befanden sich sechs Leute beim Abendmahl – Vater, Mutter, meine Schwester Arielle, ich, Chauncey, den Sie eben kennenlernen durften und Schwester Orphelia, die Priesterin, die am kommenden Morgen die Messe in der Schlosskapelle lesen wollte. Sie schien es am schlechtesten aufgefasst zu haben.“

    „Das sagen Sie als sein Sohn? Und Ihre Schwester, Ihre Mutter?“

    Valerian straffte die Schultern und schaute ihr direkt in die Augen. „Vermutlich wirke ich kalt, aber ich habe keine nennenswerte emotionale Haltung zu diesem Vorfall, die über die konkrete Empörung, dass in meinem Heim gemordet wurde, hinausgeht.“

    „Sie standen Ihrem Vater nicht besonders nahe.“

    Er atmete ein und erlaubte sich ein Seufzen. „Ja, das stimmt. Ich möchte nicht an seiner Bestattung schlecht über ihn reden, aber wir hatten uns nicht viel zu sagen. Und nun ist er tot und hinterlässt mir nicht nur die Erwartungen an einen Baron, sondern auch Mutters und Arielles erschütterte Herzen. Ich traue mich kaum zu trauern – und brauche Sie deshalb dringend. Ich kann diesen heimtückischen Anschlag nicht so stehen lassen, mein Verhältnis zu meinem Vater ist sekundär, wenn nicht nur er, sondern auch Anstand und Gerechtigkeit zu den Opfern gehören. Das ist meine Aufgabe, und dabei bin ich auf Ihre Hilfe angewiesen.“

    Onduwen konnte so viel Idealismus zwar nicht verstehen, aber immerhin nachvollziehen. „Die haben Sie ja. Und bestimmt haben Sie auch Ideen, wer Ihrem Vater Übles wollte.“

    „Vermutungen.“ Valerian verschränkte die Hände hinter dem Rücken und starrte zum Tor hinaus, dann drehte er sich wieder um und griff zum Torriegel. „Aber wir wollen derlei Angelegenheiten nicht hier draußen besprechen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Gemach.“

    Er öffnete das Eingangstor, dahinter befand sich ein junges schwarzhaariges Mädchen, das, dem ertappten Blick und den hilflosen Bemühungen nach Gleichgewicht nach, eifrig gelauscht hatte. Valerian bedachte sie mit einem tadelnden Kopfschütteln, zog sie auf die Beine wischte ihr eine verrutschte Strähne zurück in die Frisur. Die Kleine lächelte Onduwen mechanisch an und präsentierte einen Knicks, hinter ihr schleppte sich ein großes, pelziges Tier an ihre Seite und hechelte freundlich.

    „Meine Schwester, Arielle“, stellte Valerian sie nicht ohne eine gewisse Resignation vor, „und ihr Hund, Bär. Arielle, das ist Onduwen, sie kommt auch zur Bestattung.“

    Das Mädchen hatte sie mit großen, traurigen Augen angestarrt und genickt, danach hatte sich auch diese Begegnung erledigt. Niemand wollte einem Kind, das seinen Vater verloren hatte, diesen Umstand weiter unter die Nase reiben, also hatte man Arielle bei ihrem Hund gelassen und vorerst nicht weiter über sie gesprochen. Ohnehin war Onduwen gerade nicht besonders gesprächig – Valerian hatte zwar bereits angekündigt, dass die Schwermut um sich greifen würde, doch sie hatte nicht erwartet, dass das Schloss einer der Gründe dafür sein würde: Schloss Stegen war unheimlich düster und eng und setzte die draußen demonstrierte Wehrhaftigkeit konsequent auch drinnen um, durch massives Mauerwerk, niedrige Decken und nackte Steinböden, dazu hatte der stinkende Ruß der Lampen schon lange Zeit gehabt, jede metallene Oberfläche matt und unschön werden zu lassen. Valerian führte sie eine gewundene Treppe hinauf, von der Onduwen nicht sagen konnte, ob sie der Diener- oder der Herrschaft zugedacht war und ob es überhaupt weniger herausfordernde Treppen in dieser Burg gab. Vorbei an winzigen, verschmierten Glasfenstern folgte sie ihm und fand sich schließlich wenig beeindruckt vor ihrem Zimmer, sie betraten den Raum, der nach Staub roch – das Gepäck war bereits geliefert worden und stand bescheiden neben einem schweren Holzbett, Bär ebenfalls. Als sie eingetreten waren erhob er sich, drückte sich schwanzwedelnd an ihnen vorbei und verschwand im Zwielicht des Schlosses. Sie blickten ihm grübelnd hinterher.

    „Er ist merkwürdig schlau“, sprach Valerian aus, was sie bereits angenommen hatte, „wahrscheinlich weiß er ganz genau, wo die Gäste untergebracht sind - auch wenn wir nur selten welche haben.“

    Onduwen zog ihren Mantel aus. „Er scheint zumindest nichts an meiner Tasche auszusetzen gehabt zu haben.“ Dann warf sie ihn auf das Bett und Valerian stürzte sich förmlich auf ihn, um ihn am Kleiderständer aufzuhängen – doch Onduwen ließ ihn nicht, sie riss ihm den Mantel weg und funkelte ihn vorwurfsvoll an. „Lassen Sie das doch. Sie nehmen Ihren Dienern ja die Arbeit weg.“

    „Er wird sich nicht beschweren. Chauncey ist der Einzige, der noch übrig ist, und er hat insbesondere heute weiß Arkay alle Hände voll zu tun. Also … erlauben Sie mir diese Geste.“

    Er streckte galant die Hand aus, Onduwen überreichte ihm den Mantel und trat dann an das Fenster, von dem aus man direkt auf die Bucht hinunterschauen konnte. Inzwischen war sie sich sicher, dass es keinen Blickwinkel gab, aus dem diese jämmerliche Siedlung nicht jämmerlich aussah; von hier oben konnte sie dazu einige besetzte Anlegestege erkennen sowie ein paar Netze, die wie hochgewürgte Haarklumpen leidender Katzen auf den Holzpfählen hingen und wahrscheinlich nur noch durch das garstige Wetter von Kluftspitze nass wurden.

    „Weshalb fischen die Leute nicht mehr?“, fragte sie das Fenster, nahm die Antwort dann aber von Valerian entgegen.

    „Weil es sich nicht mehr lohnt.“ Er trat zu ihr und blickte sorgenvoll auf seine neueste Zuständigkeit hinab. „Zu Emerics Zeiten blühte der Handel mit den Orks, also fielen für einen Zwischenstopp nach Wrothgar auch einige Brösel vom Tisch des Wohlstandes. Mein Vater selbst wollte die Fischerei in Schieferbucht großziehen, doch das ging nur solange gut, wie Schiffe vorbeikamen – als sich die Beziehungen verschlechterten, verschwand auch der Traum einer Bedeutung, die über diejenige eines bloßen Rasthafens hinausging und die Leute blieben auf ihren Fischerbooten sitzen. Schieferbucht wurde belanglos, nachdem selbst die besten Umstände auch nur vielversprechend gewesen waren. Ich habe all das natürlich von meinem Vater – ich war zu dieser Zeit noch nicht am Leben. Aber ich fürchte, er ist nie über ihren Verlust hinweggekommen.“

    Onduwen hatte auf der Bettkante Platz genommen, danach sich und den Anstand fallen gelassen und betrachtete nun den lädierten Stoffbaldachin über sich. Es war widerwärtig kalt in diesem Zimmer, wenn sie ausatmete, glaubte sie, den feinsten Dampf zu erkennen und prüfte dies erst einige Male nach, dann streckte sie den Rücken durch und zitterte ausgiebig. „Ihr Vater – was für ein Mann war er? Bislang klang er sehr … investiert.“

    Valerian wandte sich nachdenklich vom Fenster ab und setzte sich auf den geschwungenen Stuhl daneben, von dem die Goldfarbe abblätterte. Lange dachte er nach. „Ein Staatsmann“, entschied er sich schließlich, „so befremdlich das auch klingen mag. Sie können sich vermutlich denken, dass der Adel keine nennenswerten Ansprüche an einen Baron von Schieferbucht hat, wenn man denn überhaupt von seiner Existenz weiß. Doch mein Vater hatte genau dies zu seiner Lebensaufgabe erkoren, seine Berufung war es, den ‚Einwohnern Schieferbuchts mit Würde und Weisheit voranzustehen‘. So ungefähr pflegte er zumindest zu sagen, alles, was er tat, diente einem Zweck, der größer war als er selbst. Deshalb war er auch immer im Recht.“

    Der Grimm zum Ende seiner Ausführung ließ Onduwen aufhorchen, doch sie regte sich nicht. Valerian schluckte und sprach weiter. „Er hatte hohe Ansprüche, doch die höchsten stellte er an sich selbst. Wir – seine Familie – wussten alle, dass sie ihn niederrichteten, selbst Arielle, deren Interessen ganz woanders liegen; niemandem entging, wie sich Vater je länger je stärker grämte. Er bemühte sich wirklich, wissen Sie – um Beziehungen und Renommee, war für Wochen und Monate verreist, um sich mit den Häusern von Hochfels gutzustellen, doch er fand keinen Anklang, hat unsere Familie doch nichts zu bieten außer…“, er überlegte und beendete den Satz dann mit einem entschlossenen Rücken seines Stuhls. „Er fand keinen Anklang, darauf wollte ich hinaus. Und so wurde Stagnation zu Zerfall und mein Vater bitter und misstrauisch… Seine Familie litt mit.“

    „Richtig, die Baronin. Wie hat sie seinen Tod aufgenommen?“

    „Ich kann nur vermuten. Vorhin im Hof meinte ich, Schwester Orphelia habe sich am stärksten betroffen gezeigt, doch Mutters Reaktion könnte sogar ausgeprägter ausgefallen sein … wenn auch anders. Sie ist schon immer eine bewundernswert stille und duldsame Frau gewesen, doch Vaters Tod ließ sie regelrecht erstarren. Seit dem Vorfall hat sie kaum mehr ihre Gemächer verlassen.“ Diese ganz eigene Härte, die Onduwen bereits vorher aufgefallen war, blitzte kurzzeitig wieder auf seinen Zügen auf. „Ich mache ihr keinen Vorwurf, ich wünschte mir nur, dass sie sich uns nicht verschließen würde. Gerade Arielle braucht sie.“

    Nicht unbedingt das, was Onduwen zu hören gehofft hatte – wenn die Baronin auf unbestimmte Zeit unpässlich war, könnte sich das auch ihren Aufenthalt in dieser entsetzlich reizlosen Burg auswirken. Aber Valerian befand das Gespräch ohnehin für beendet, er erhob sich geräuschlos, strich sein Cape zurecht und bedachte sein sich träge aufrichtendes Gegenüber mit einer entschuldigenden Verbeugung. „Aber ich fürchte, das war ein Stichwort; ich werde gebraucht. Leider kann ich Ihnen nur versprechen, zur Ihrer vollen Verfügung zu stehen, sobald wir die Feier hinter… über die Bühne gebracht haben. Ich werde nach Ihnen schicken lassen, fühlen Sie sich bis dahin wie daheim … für Chauncey müssen Sie leider schreien, das wirkt meist besser als die Glocke hier.“

    Er wies auf ein Glöckchen auf einer wuchtigen Kommode neben der Tür und empfahl sich so untertänig, wie es sein Status zuließ – seine Hingabe war vorbildlich. Als er die Tür aufstieß, musste er erst Bär, der es sich davor bequem gemacht hatte, zur Seite schieben, dann verschwand er im Gedärm von Schloss Stegen und Onduwen streckte einen Augenblick später den Kopf aus dem Zimmer, um sicherzugehen, dass sich der Hund auch wirklich verzogen hatte. Sie mochte ihn nicht.


    -.-




    Kein Wunder führt dieses Kapitel nirgendwo hin, ich habe mich schon jetzt so sehr in seiner Länge verschätzt und es nach knapp 4k Wörtern aufgeteilt, man verlor sich. Nichtdestotrotz heiße ich alle Interessierten herzlich willkommen und wünsche eine kurzweilige und anregende Zeit mit meiner Geschichte, hier habt ihr schonmal ein paar Charaktere und die Umrisse eines Settings 👌

  • Hallo,


    der Beginn der Geschichte ist traumhaft. Man erhält mit den schäbigen Adjektiven direkt einen kleinen Ausblick darauf, wie die Welt zu funktionieren scheint, nur um dann zu erfahren, dass die vornehme Elite einen Mordfall zu beklagen hat. Die Tat an sich kann durchaus als schäbig angesehen werden und lässt an der Stelle viel Freiraum, damit sich die Charaktere entfalten können. Insbesondere finde ich Onduwens Einführung außerordentlich gut. Ihre Abneigung gegenüber ihrer Gesellschaft ist eine Sache, aber dass sie wortgewandt zur Tat schreitet und jegliche erste Eindrücke anderer Personen zerstört, lässt sie im Moment überraschend sympathisch erscheinen.


    Wir lesen uns!

  • Die frommen Leute von Schloss Stegen


    „Und wenn ich Ihnen doch sage, dass Sie meine Arbeit behindern.“

    „Dann sage ich Ihnen dasselbe, Gnädigste. Tatsächlich habe ich es Ihnen bereits zuvor gesagt, es wäre nun das dritte Mal, wenn Sie mich erneut dazu bringen wollen.“

    Es war zum aus der Haut fahren, Mäuse melken und dem Vollbringen anderer, ähnlich kurioser Taten. Gleich nachdem Onduwen sich in ihrem zugigen Winkel eingerichtet hatte, war sie ihm auch schon abhandengekommen und hatte sich alsbald durch das ernüchternde Innenleben der Burg gemüht, auf der Suche nach der einzigen Person, die bisher ihr aufrichtiges Interesse geweckt hatte: Baronin Marlene Stegen. Sie ärgerte sich, dass sie Valerian einfach so hatte gehen lassen, denn danach war sie alleine durch die Burg, an deren Wände die Kerzen diffuse Halos warfen, gezogen und hatte wahllos an Türen geklopft. Irgendwann war sie von Chauncey aufgegabelt worden, der sie erst pflichtbewusst zum Gemach der Baronin geführt, sich dann aber strikt geweigert hatte, ihr Einlass zu gewähren. Der alte Mann hatte sich tief eingegraben in jene stumpfsinnige Beharrlichkeit, die sich Kosmopoliten und Philosophen nicht einmal vorstellen können, Onduwen aber brauchte sie sich nicht vorzustellen, denn sie biss sich stattdessen lebhaft die Zähne daran aus.

    „Das nehme ich in Kauf. Lassen Sie mich rein.“

    „Sie und ich verstießen beide gegen die ausdrücklichen Wünsche der Baronin, ließe ich das zu – bitte erweisen Sie Ihrer Gastgeberin den Respekt, der ihr gebührt.“

    „Ich antworte nur Valerian“, schnauzte Onduwen und bediente sich dabei an Chaunceys eigener Selbstverständlichkeit, denn eigentlich hatte sie keine Ahnung, ob das auch stimmte. Sie wusste nicht einmal, ob die Stegen von ihrer Anwesenheit hier in Kenntnis gesetzt worden war.

    Baron Valerian“, korrigierte der Diener, Onduwen nahm den immateriellen Arm und versetzte ihm einen Hieb in die Magengrube. Während er noch zusammengekrümmt nach Luft schnappte, drängte sie sich an ihm vorbei und stieß die Türen zum Gemach der Baronin auf. Es war leer.

    „Und was ist das jetzt?“

    „Sie … Sie Unmensch!“, keuchte Chauncey hinter ihr, was an Onduwen als Altmer einfach abperlte. Sie ignorierte sein Leiden und wiederholte ihre Frage energisch.

    „Das ist … ungewöhnlich. Man ist beinahe verleitet, es sogar als seltsam zu bezeichnen.“ Der alte Mann schleppte sich, die Hand auf den Bauch gepresst, als könne er dadurch den Schmerz lindern, ebenfalls in das Zimmer und vermied es angestrengt, Onduwen anzuschauen. So angestrengt schien er sich unsichtbar machen zu wollen, dass es schon wieder auffällig war.

    „Im Anbetracht der Umstände sollten Sie besorgter sein, finden Sie nicht? Noch ein Familienmitglied, das uns verlassen hat.“

    Chauncey stierte vor sich hin und nahm sich für eine Antwort Zeit. Dann sagte er höflich „Ja“ und nicht mehr. Es war offensichtlich, dass Marlene Stegens Abwesenheit mitnichten so seltsam war, wie Chauncey sie darstellen wollte – entweder hatte er gewusst, dass sie sich gar nicht in diesem Zimmer aufgehalten hatte und ihr von Anfang an eine Farce vorgespielt, oder aber er wusste, dass sie andere Möglichkeiten hatte, ihre Gemächer zu verlassen. Niemand wollte sich so richtig der falschen Sorge annehmen, die Chauncey so gewissenhaft impliziert hatte. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und holte tief Luft, Onduwen indessen ging im Zimmer auf und ab und machte sich ein Bild. Sie hatte bereits in der Vergangenheit Gemächer von Baroninnen gesehen, weshalb sie im ersten Moment, in dem sie diejenigen von Marlene betreten hatte, umso überraschter gewesen war. Dann aber hatte die abgeklärte Erkenntnis eingesetzt; dies war Schloss Stegen und nichts in diesem Schloss vermochte zu beeindrucken. Verglichen mit ihrem Gästezimmer gab es gar nicht so viel, was verglichen werden konnte: Es gab geringfügig mehr Möbel, die geringfügig hübscher bemalt und in geringfügig besserem Zustand waren; es war geringfügig wärmer und die Fensterscheiben klapperten nicht; das ebenfalls überdachte Ehebett gegenüber dem Fenster war mit intakter Wäsche bezogen, eine Seite der Bettdecke zerwühlt, die andere glatt und unberührt. Der markanteste Unterschied machte der Leuchter an der Decke aus, protzig, ja, aber so alt und angelaufen wie alle anderen Kerzenhalter im Schloss auch. Dann gab es noch einen angemessen schönen Teppich aus Elsweyr, der den Großteil des Bodens bedeckte und einige Portraits von ernst blickenden Bretonen an den Wänden. Das war alles.

    Onduwen setzte sich knarrend auf Marlenes Bettseite, zu ihrer Überraschung war sie noch warm. Chauncey durchbohrte sie mit vorwurfsvollen Blicken, die nur ärger wurden, als sie sogleich wieder aufgestanden war und den Raum nach dem ältesten Trick im Büchlein der Schlossherrinnen absuchte – um sich aber weitere Empörungen des Alten zu ersparen, warf sie ihm einen Hinweis auf ihr Vorhaben vor die Füße.

    „Die Baronin war eben noch hier, das Bett ist noch warm. Sie können mir nun also helfen, den Geheimgang zu suchen, ansonsten lade ich Sie herzlich ein, mir dabei zuzusehen, wie ich das Zimmer selbst auf den Kopf stelle.“

    Das zog. „Was erlauben Sie sich!“, ereiferte sich darauf Chauncey unerwartet heftig und hievte sich auf die Beine, „Wer sind Sie überhaupt? Erklären Sie sich endlich! Sie marschieren in unser Heim, geben sich so unverschämt vertraut mit dem jungen Herrn, verprügeln mich und wollen mir nun mit Vandalismus drohen? Verlassen Sie auf der Stelle diesen Raum, Sie haben nicht das geringste Recht-“

    Ein maßlos schockierter Schrei entfuhr ihm, als Onduwen, ihren Blick in herausfordernder Ignoranz auf ihn fixiert, eine Kommode von der Wand geschoben und auf den Boden gekippt hatte. Es knallte dumpf. Sie beobachtete sein weiteres Gebaren, welches erwartbar fassungslos ausfiel, und inspizierte dann demonstrativ die frei gewordene Wand.

    „Nein, nicht hier.“

    Dann steuerte sie das nächste Portrait an und warf es ebenso gleichgültig auf das Bett, auch hier war kein Geheimgang. Sie hielt inne, als Chauncey sie an der Schulter packte.

    „Erklären Sie sich, sage ich! Oder ich sorge dafür, dass … dass…“ Wofür er sorgen wollte, ging in seinem grimmigen Zähneknirschen unter. Onduwen brachte ihn auf Abstand.

    „Ich ermittle“, predigte sie streng, was sie sich selbst einredete, „weil euer Baron ermordet wurde, nicht wahr. Ihr junger Herr hat mich bestellt und nun bin ich hier, also lassen Sie mich machen. Und wenn Sie dadurch besser schlafen – ich bin Onduwen… Torbrecher.“

    „Torbrecher!“, rief Chauncey aus. „Ich kannte mal jemanden mit diesem Namen – die hatte aber deutlich bessere Umgangsformen, lassen Sie sich das gesagt sein. Sie war meine Lieblings-“

    „Ja, das war sie von allen. Und jetzt zeigen Sie mir endlich den Geheimgang – oder reden Sie mir ein, dass die Stegen durch die Zimmertür gegangen sei, dann mache ich eben alleine weiter. Ihre Wahl.“

    Baronin…“, begann der ausmanövrierte Diener reflexartig, ließ es dann aber bleiben und schlurfte mürrisch zur entferntesten Ecke des Teppichs. Er zog sie zur Seite und präsentierte Onduwen finster eine kleine Falltür. Diese kam nicht umhin, sich ein schwaches Lächeln zu leisten.

    „Sie haben das Zimmer nach ihr wieder hergerichtet.“

    „Die Pflicht“, gab er knapp zurück und schaute mit verschränkten Armen zu, wie Onduwen die rostige Metallleiter im engen Loch in Angriff nahm. Zu ihrem Erstaunen folgte er ihr, sobald sie ausreichend tief hinuntergeklettert war; anscheinend waren Hunde nicht die einzigen Bewohner der Burg, die sie für beobachtenswert erachteten. Der Abstieg dauerte nicht lange: Schon nach wenigen Metern hatte sie wieder festen Boden unter den Füßen und fand sich in einem dunklen Gang wieder, zu dessen nahem Ende das schwach einfallende, kränkliche Licht der Burg den Umriss einer Tür zeichnete. Onduwen steuerte darauf zu, Chauncey folgte ihr schweigend.

    Es war nicht abgeschlossen, doch ein Wandteppich davor erschwerte das Aufdrücken. Man kriegte es trotzdem hin und trat auf einen weiteren Gang hinaus, der sich nur durch das schmierige Kerzenlicht vom vorherigen unterschied – Onduwen hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Chauncey hingegen, die Hände stoisch hinter dem Rücken gefaltet, sah sie an, als weide er sich heimlich an ihrer Ratlosigkeit; hier war weit und breit keine Marlene Stegen, hier war überhaupt nichts außer Tristesse und Beengung. Onduwen versuchte, es sich einfach zu machen.

    „Also. Wo ist die Baronin?“

    Doch einfach war es nie.

    „Bedaure, das weiß ich nicht.“

    Sein beharrliches Pflichtbewusstsein ging ihr gewaltig auf den Zeiger, so gewaltig, dass sie in voller Absicht ihren ohnehin angeschlagenen Geduldsfaden reißen ließ, den Handschuh von der Linken zog und die beschworenen Finger drohend zur Faust ballte.

    „Sie wissen, dass ich es ernst meine. Wo ist die Baronin?“

    „Ich kann mich nur wiederholen, ich weiß es nicht. Und wenn Sie glauben, dass Sie mit Ihren primitiven Methoden mehr bewirken können als das Ernten meiner Verachtung, so befinden Sie sich leider auf dem Holzweg – ough!“

    Er hatte sich den nächsten Schlag gefangen und krümmte sich zusammen, Onduwen legte mit einer kratzigen Ohrfeige nach.

    „Stehen Sie mir nicht im Weg, verdammt!“ Sie war laut geworden, machte keinen Hehl mehr aus ihrer Frustration und gefräßigen Anspannung. Eigentlich hatte sie sich diese Angelegenheit einfacher vorgestellt, aber eben. Dabei half ganz und gar nicht, dass Chauncey sein Wort verbissen hielt und nicht daran dachte, von seiner verschlossenen Haltung abzurücken. Stattdessen schrie nun auch er herum.

    „Zur Hilfe! Bitte helfen Sie mir, ich bin in Gefahr! Man rette mich vor diesem rüpelhaften Weib!“

    Überfordert mit der eskalierenden Situation presste ihm Onduwen die Hand auf den Mund, nur um genervt festzustellen, dass die Materie des Reiches des Vergessens nicht schalldicht war. Gefangen in diesem wenig aussichtsreichen Kampf bemerkte sie dann aber, wie Chaunceys Augen sich weiteten und nicht länger sie fokussierten, sie sollte sogleich erfahren, warum.

    „Was um alles in der Welt tun Sie hier?!“

    Eine schrille Stimme in Onduwens Rücken forderte, dass man sich erklärte – eine Frauenstimme. Onduwen ließ von dem alten Diener ab und drehte sich ertappt um, nur um den nächsten Schreck zu erleben: Der Ausdruck 'einen Geist gesehen haben' befasst sich aufgrund seiner metaphorischen Natur nur selten mit echten Geistern, einen Moment lang war sich Onduwen aber keinesfalls sicher, inwiefern eine Metapher ihre Reaktion begründen konnte – die Gestalt, die sie bei ihrer Rauferei erwischt hatte, war so fragil, so staubgrau und so unendlich deprimierend, dass sie beinahe durchlässig wirkte. Sie hatte strähniges graues Haar, ein verkniffenes graues Gesicht, aus dem die Trauer triefte wie schleimiger Fruchtsaft aus altem Obst und trug ein bodenlanges schwarzes Kleid, von dem filigrane Schleier herabhingen und ihre geisterhafte Erscheinung nur unterstrichen. Aus den wässrigen blauen Augen sprach das Entsetzen, für aufrichtige Empörung schien der Frau die Kraft zu fehlen. Dies war die ungreifbare Schlossherrin Marlene Stegen und Onduwen hatte sich die erste Begegnung mit ihr sehr anders vorgestellt.

    Chauncey hatte die Gunst des Moments genutzt und sich aus dem Griff seiner Peinigerin gewunden, worauf er sich eilends an die Seite der Baronin begab und sich schützend vor sie stellte, als wäre er eben nicht ganz und gar gefaltet worden.

    „Passen Sie auf, Milady! Sie ist gefährlich!“

    Onduwen wollte das nicht gelten lassen, sie hob entschärfend die Arme und setzte ihr empfänglichstes Gesicht auf. „Das stimmt nicht, ich bin…“

    „Entschuldigen Sie sich gefälligst!“, keifte Chauncey und Marlene schaute bloß traurig. Onduwen bröselte eine Entschuldigung über die Lippen und hoffte innigst, dass der Alte bald verschwinden möge, sie konnte es sich gewiss nicht leisten, die Baronin zu verschrecken. Nachdem Chauncey sein Leid geklagt und Onduwen seine Version der Geschichte nach Kräften verwässert hatte, war er auf Wunsch Marlenes von dannen gezogen. Noch etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Marlene schien auch etwas von ihr zu wollen.

    „Sie sind also Onduwen Torbrecher.“ Sie hatte eine unangenehme Stimme, leise, aber seltsam tief und heulend, wie Wind, der durch Hohlräume fegt. „Kennen Sie Ranveig Torbrecher? Sie war meine Lieblings-“

    „Ja, das war sie von allen. Aber sie ist leider tot.“

    „Tot…“, murmelte Marlene und begann zu weinen, Onduwen merkte erst einige Sekunden später, dass sie sich dafür selber an die Nase fassen konnte. Tröstend legte sie den organischen Arm um die knochige Schulter der Baronin, diese ließ es geschehen und schaute verheult zu ihr auf. „Ich habe Sie gesucht… Seitdem mir Valerian berichtet hat, dass Sie eingetroffen sind.“

    Nach den Ereignissen der letzten halben Stunde zweifelte Onduwen diese Aussage stark an, doch sie wollte nicht widersprechen, vielmehr wollte sie hören, was ihr die geisterhafte Gestalt zu sagen hatte.

    „Ich habe nämlich etwas für Sie… Ich möchte Ihnen doch Ihre Arbeit erleichtern, wissen Sie… Valerian gibt sich solche Mühe, da musste ich doch auch… Hier, nehmen Sie...“

    Sie drückte Onduwen eine kleine Phiole in die Hand, heimlich, wie eine Großmutter, die ihren Enkeln abseits der Augen ihrer Eltern Geld schenkt. Darin befand sich ein Quantum einer dunkelroten Flüssigkeit, die an den Glasrändern langsam gerann. Es war zweifellos Blut.

    „Blut von meinem Samuard … voller Gift, da bin ich mir sicher. Aber welches Gift könnte es bloß sein…? Ich weiß es nicht… Aber Sie können es wissen. Sie können es in Erfahrung bringen, unten im Dorf… Bei Laura Ysallia, der Alchemistin.“

    Unschlüssig verstaute Onduwen die Phiole. Auch das hatte sie nicht erwartet, langsam dämmerte ihr, dass sich ihre Aufgabe nicht alleine im Stellen von scharfsinnigen Fragen erschöpfen würde.

    „Sie wollen, dass ich dieses Blut … analysieren lasse.“

    „Ja…“

    „Gut. Danke.“

    Ohne ein weiteres Wort wandte sich Marlene dann ab und ging. Onduwen, stehengelassen, wollte das nicht stehen lassen und schloss schnell wieder zu ihr auf, wobei sie zwischen dem Knarren ihrer eigenen Stiefel und den sanften Schritten der Baronin ein drittes Geräusch auszumachen glaubte, das in ihr einen namenlosen Missmut aufflackern ließ; das Klicken von Hundeklauen auf Stein, das sich langsam in den labyrinthartigen Gängen der Burg verlor. Sie beschloss, sich auf naheliegendere Dinge zu konzentrieren.

    „Einen Augenblick noch, Lady. Sie sind mir schon einmal entwischt, erlauben Sie mir, mich noch etwas länger an Ihre Gesellschaft zu klammern.“

    Marlene sah sie zwar nicht an, schien aber zu wissen, was sie meinte.

    „Ich weiß nicht, was Sie meinen … entwischen…?“

    „Sie haben Ihren Diener angewiesen, vor Ihrem Gemach Schmiere zu stehen, während Sie sich durch Ihren Geheimgang verdrückt haben. Und nun behaupten Sie, Sie hätten mich gesucht.“ Onduwen wurde das Gefühl nicht los, sich auf dünnem Eis zu bewegen – Marlene wirkte, als wäre der nächste Dammbruch nur einen unüberlegten Vorwurf entfernt und es ärgerte sie. Warum konnten die Leute ihre Gefühle nicht einfach im Griff haben, so wie sie etwa. „Das scheint mir im besten Fall ineffizient.“

    „Das Blut ist frisch … ich habe es erst gerade entnommen. Es war kein … rühmliches Vorhaben, oh nein… Arkay vergebe mir, dass ich mich an den geheiligten Toten zu schaffen gemacht habe, doch Samuards Schicksal darf kein Rätsel bleiben. Man durfte mich nicht sehen, niemand durfte das… Was würden die Leute denken … was würde Arkay denken.“

    „Aha.“

    Und dafür hatte sie sich mit Chauncey gefetzt – sie kam sich gehörig lächerlich vor, wiederum waren die Wege einer Gottesnärrin unergründlich. Wenigstens gab es nun ein Mysterium weniger, das sie plagte, zumindest hoffte sie das. Aber fertig war sie mit Marlene noch lange nicht.

    „Falls es Ihnen nichts ausmacht – ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn Sie mir mehr über Ihr Verhältnis zu Ihrem Mann erzählen könnten.“ Dieser Eiertanz, diese Wortwahl irritierte Onduwen so immens, doch in der Not fraß selbst Molag Bal Fliegen, eine Behauptung, die sie auf einer früheren Reise nach Kalthafen tatsächlich von einem dortigen Anwohner bestätigt bekommen hatte. „Und auch ob er Feinde hatte, seine Geschäfte, vielleicht die Fischerei – und sein Testament? Damit würden Sie mir einen großen Dienst leisten.“

    „Aber es macht mir etwas aus…“, hauchte Marlene und beschleunigte ihre Schritte gerade genug, um der Fragenden zu signalisieren, dass sie nicht länger an einem Gespräch interessiert war. Als sie dann um die nächste Ecke verschwunden war, packte Onduwen einen der Kerzenhalter, schmiss ihn zu Boden und trampelte in ohnmächtigem Frust darauf herum.


    -.-


    Schwester Orphelia war eine eifrige Predigerin, so viel stand fest. Samuard Stegens Leiche war in der Schlosskapelle aufgebahrt worden, so reich geschmückt, wie es die bescheidenen Mittel der Adelsfamilie eben erlaubten, während die Schwester mit feuchten Augen vor der versammelten Trauergesellschaft die feierliche Messe las. Auch Onduwen hatte sich eingefunden, hatte sie während diesem Ereignis doch sonst nichts zu tun, und kam sich ziemlich fehl am Platze vor, was nicht zuletzt ihrer Aufmache geschuldet war: Sie hatte nicht bedacht, dass eine bretonische Begräbnisfeier einen so strikten Dresscode erfordern würde – schwarz – und hatte sich nur dank Pieroses liebenswürdiger Hilfe an die Versammlung anpassen können. Er hatte ihr, in seiner für ihn typisch zuvorkommenden Art, eine schwarze Decke aus seinem Reisegepäck überlassen, die er auch gleich zu einem Umhang umgeschneidert hatte und nun saß sie, gekleidet wie eine Okkultistin, neben heruntergekommenen Dörflern in der engen Kirchbank und ließ den Blick schweifen. Die Einwohner Schieferbuchts waren so armselig wie die Ansiedlung, die sie bewohnten, damit hatte Onduwen gerechnet – nicht aber mit der schieren Abnutzung, die den meisten von ihnen anhaftete: Selbst die jüngsten unter ihnen sahen aus, als hätten sie schon mehrere Jahrzehnte hinter sich, Arielle, eigentlich ein gewöhnliches Kind, wirkte dagegen wie der personifizierte Jungbrunnen. Eine Alchemistin war ihr nicht aufgefallen, sie wusste aber auch nicht, nach was oder wem sie Ausschau halten sollte, also ließ sie die Feier weiterhin stumm über sich ergehen.

    Am ehesten noch vermochte Orphelia ihre Aufmerksamkeit zu erregen, alles andere wäre auch ein Armutszeugnis gewesen: Die Priesterin war eine kleine Frau unbestimmbaren Alters mit lockigem braunen Haar, die das Kunststück vollbracht hatte, sich trotz ihrer Umgebung einige Pfunde zu viel stehen zu lassen. Insbesondere ihr Gesicht war seltsam – es war bemerkenswert nichtssagend, Falten oder Grübchen gab es überhaupt keine, es war, als hätte man ein Kleinkind auf die Länge einer Erwachsenen gezogen und es dann in die Welt hinaus geschickt. Die Akustik der Kapelle kam ihrer eher schwachen Stimme zugute.


    „… so möge Arkay seine schützende Hand über unseren Samuard halten, ihm sicheres Geleit in seinen Schoß bieten und ihn auf immerdar umsorgen, auf dass ihm das Glück hundertfach widerfahre, das er uns im Diesseits so unermüdlich zu bieten gesucht hat. Ein Abschied wie dieser soll nicht grämen – freut euch stattdessen, Schieferbucht, dass unser verschiedener Herr nun an einem besseren Ort ist und den Lohn seiner Arbeit nicht durch weltliche Mühen erfahren muss, sondern geborgen in Arkays Seligkeit finden wird. Ihr wisst, genauso wie ich: Das Leben des Samuard Stegen war eines von Aufopferung und Zurückweisung, doch so wie er nie verzweifelt ist, so dürfen wir nicht verzweifeln. Bis zu seinem letzten, tragischen Atemzug brannte das unbezwingbare Feuer in seinem Herzen für Schieferbucht, für uns, doch einmal mehr war jenen, die es am meisten verdient hatten, ein langes Leben nicht vergönnt. Oh, Unheil! Geraubt wurde er uns, zu früh Arkays Gnade überlassen, in seine Umarmung gestoßen von mörderischer Hand, der tödliche Streich geführt aus den Schatten. Doch die frommen Leute von Schieferbucht lassen sich nicht beirren! Wir wissen um die niederen Beweggründe, die uns Samuard genommen haben, wir wissen um den Neid und die Missgunst, die uns den liebsamsten Menschen von allen genommen haben – Schande über die Mörder in Nordspitz, in Schornhelm, in Wegesruh! Schande über all jene, die im Angesicht von Samuards Licht in die Schatten flohen, um sein gerechtes Streben zu untergraben! Zerfressen von Gier und Verunsicherung wussten sie, dass ihre Niedertracht niemals triumphieren kann, solange Samuard Schieferbucht behütet! Schande! Fluch!“


    Je länger Orphelia sprach, desto feindseliger wurde ihre Rede. Onduwen beobachtete das zunehmend enthemmte Spektakel mit zusammengezogenen Augenbrauen – das schien ihr weniger und weniger als Predigt zu geraten und je länger je mehr in lupenreine Scharfmacherei abzurutschen, aber vielleicht war sie sich bloß nicht an die Totenmessen der Bretonen gewohnt. Dennoch suchte sie in der Menge nach Valerian, sie entdeckte ihn in der vordersten Bank, wo auch er sich umsah und ihre Blicke sich schließlich kreuzten. Er wirkte verwirrt, war damit aber in der Minderheit: Die Gesellschaft begann, erst zögerlich, dann mutiger, Orphelias Schlagwörter zu wiederholen, ‚Schande‘ und ‚Fluch‘ waberten über der Masse, die die Kapelle in Trauer vereint betreten hatte, sie zuletzt aber in gemeinsamem Groll verließ.

    Wieder draußen gab Onduwen Pierose seine Decke zurück und kämpfte sich durch die Menschenmenge zu Valerian. Er hatte alle Hände voll zu tun: Die erregte Versammlung forderte zu wissen, wie er seinen Vater zu rächen gedachte, doch es war schmerzlich offensichtlich, dass er nichts dergleichen beabsichtigte. Bevor sie aber die Aussagen, die sie von ihm erwarteten, aus ihm herauspressen konnten, hatte Onduwen ihn gepackt und ihn unter großzügigem Ellenbogeneinsatz in den Schlossgarten geschafft, wobei ihr die unverhohlenen Schmährufe auf ihre Abstammung nicht entgingen. Unter einer alten Weide atmeten sie beide durch.

    „Das … tut mir leid. Ich hatte es mir anders vorgestellt, nicht … so.“

    „Dafür können Sie nichts, Junior. Da bin ich mir sicher.“ Onduwen setzte sich auf die Wurzeln und ließ den erkämpften Frieden auf sich wirken. „Und reden Sie sich nichts anderes ein. Sagen Sie mir lieber, was diese Priesterin geritten hat.“

    „Wenn ich das wüsste.“ Auch er setzte sich, die Szene eben hatte seinen würdevollen Schein erodiert und einen ratlosen jungen Mann freigelegt, dem die Schuhe, in die er zu schlüpfen hatte, zu groß waren. „Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass diese Rede nicht von ungefähr kam.“

    „Ach?“

    „Zuletzt“, er unterbrach sich und atmete tief aus, „also – bevor Vater starb… Ich sagte ihnen bereits, er sei grimmig und bitter geworden. Er verwünschte die Städter, behauptete, die Missachtung seiner Anliegen stamme aus Missgunst und Angst vor seinem Schaffensdrang, sagte, Schieferbucht könnte längstens florieren, wenn sich denn die mächtigen Häuser nicht gegen ihn verschworen hätten. Anfangs versuchte ich, ihn aus dieser … Spirale rauszureden, doch er wollte nichts davon wissen. Er warf mir vor, mein Kopf sei voller Flausen, die mir ‚die‘ – Dorell, Tamrith, Rabenwacht – in den Kopf gesetzt hätten und verlor sich zunehmend in dieser Besessenheit. So tat ich es bald Mutter gleich und ließ ihn in Ruhe, auch wenn ich ahnte, dass er daran zugrunde gehen würde.“

    „Aber Orphelia war empfänglich dafür.“

    „Offensichtlich. Ich hatte ja keine Ahnung… Bei Arkays Bart, was fällt ihr überhaupt ein! Sie ist eine Priesterin! Ihre Pflicht war es, die Erinnerung an Vater zu pflegen und seinen Abschied zu erleichtern, nicht dieses … Spektakel.“

    „Tut mir leid.“

    „Danke. Ich werde sie noch zur Rechenschaft ziehen – wahrscheinlich ist sie sich nicht einmal bewusst, was sie mir damit eingebrockt hat. Soll ich etwa zum Krieg rüsten lassen? Eine Handvoll Greise und Kinder in den Tod schicken, weil ich mir von meiner Priesterin auf der Nase herumtanzen lassen? Das kommt nicht in Frage, es ist absurd.“

    „Glauben Sie, die Geschichte hat einen wahren Kern?“

    „Nein“, kam es entschieden von Valerian. „auch wenn sie eine romantische Nebelwand für den sehr banalen Grund von Schieferbuchts Siechtum ist. Die Leute lieben Tragödien, aber nur, wenn es darin einen Helden gibt – Vater glaubte, er sei dieser Held und nun hat Orphelia dafür gesorgt, dass das ganze Dorf es auch glaubt. Es wird eine elendige Arbeit, die Konsequenzen des heutigen Nachmittages auszumerzen; denn ohne ein so dankbares Feindbild wie die großen Häuser wird man sich damit abfinden müssen, dass man den eigenen Verdruss höchstens gegen sich selbst richten kann. Und wer will das schon.“

    Onduwen schaute in die wiegenden Äste über sich und tastete nach der Phiole in ihrer Manteltasche, neben ihr erhob sich Valerian und glättete seine Trauerkleidung.

    „Ich sollte wohl nach Mutter sehen. Was haben Sie noch vor? Gibt es Neuigkeiten?“

    „Ich wollte ins Dorf, mich umhören. Vielleicht habe ich danach welche.“

    „Ein gefährlicher Zeitpunkt.“ Er schien zu überlegen, was er dem noch anfügen sollte, fand aber nichts und nickte ihr zum Abschied zu. „Viel Erfolg.“

    Er ging, seine Rolle wieder überstreifend, zurück zur Kapelle und streichelte unterwegs Bär, der unter einem nahen, wild wuchernden Strauch hervorgekrochen kam und Onduwen zufrieden hechelnd anstarrte.


    -.-




    Ulti Heiliggeist hat die Zeit im Blick, gehen wir von einem Zeitrahmen des bestehenden Jahres aus. Im November begann für mich eine seltsame Periode, in deren Tiefe ich hier nicht gehen will, lasst mich aber sagen, dass ich mir unter anderem deshalb so lange Zeit gelassen habe, weil ich mich mit der Draftversion der Geschichte nicht ausreichend identifizieren konnte und schrecklich trödelnd und ineffizient erst noch einige Ecken davon aufpolieren wollte. Jetzt aber habe ich eineinhalb Kapitel an einem einzigen Tag heruntergeschrieben und eigentlich bin ich sehr zufrieden, nicht nur der Cast wird erweitert, sondern auch der Maßstab der Welt, in der Onduwen zwischen den Situationen umherstolpert. Und wenn wir schon die Welt angesprochen haben, wollen wir uns auch nicht den Meinungen aus ihrer Weite verweigern.


    Zitat von Donald J. Trump, amerikanischer Verurteilter

    Der bizarre Fall des Samuard Stegen ist die beste, die größte, die ausgezeichnetste Geschichte. Alle meine Freunde lesen den bizarren Fall des Samuard Stegen. Ich sage: Wer den bizarren Fall des Samuard Stegen nicht liest, liegt falsch.


    Zitat von Heinrich Hugentobler, Hassprediger

    senex gibts bequem


    Zitat von Michael Corleone, Missverstandener

    Gerade als ich dachte, dass Ulti H. wirklich weg ist … zieht mich der bizarre Fall des Samuard Stegen wieder rein!

    Dabei darf die Fangemeinde auf keinen Fall vergessen werden.

    Hallo,


    der Beginn der Geschichte ist traumhaft. Man erhält mit den schäbigen Adjektiven direkt einen kleinen Ausblick darauf, wie die Welt zu funktionieren scheint, nur um dann zu erfahren, dass die vornehme Elite einen Mordfall zu beklagen hat. Die Tat an sich kann durchaus als schäbig angesehen werden und lässt an der Stelle viel Freiraum, damit sich die Charaktere entfalten können. Insbesondere finde ich Onduwens Einführung außerordentlich gut. Ihre Abneigung gegenüber ihrer Gesellschaft ist eine Sache, aber dass sie wortgewandt zur Tat schreitet und jegliche erste Eindrücke anderer Personen zerstört, lässt sie im Moment überraschend sympathisch erscheinen.


    Wir lesen uns!

    Damn, traumhaft ist eines der Adjektive, die ich wahrscheinlich im Zuge dieser Geschichte nie nutzen werde, aber es schmeichelt mit als Autor natürlich ungemein. Dafür hast du korrekt erkannt, dass ich mich sehr fühle beim Beschreiben des Elenden und Abstoßenden, freu dich auf den Trip ins Dorf, es wird nämlich nicht schöner.

    Umso lustiger, dass dir Onduwen als sympathisch erschienen ist, dein Kommentar war nämlich ein wenig mitschuldig daran, dass ich ihre Unzulänglichkeiten stärker betonen und sie nicht bloß als Plot Driver oder Projektionsfläche präsentieren wollte, obwohl sie das die längste Zeit (die Zeit, in der ich ESO spielte, nicht wahr) war. Danke für den Kommentar

  • Hallo,


    sagen wir, Onduwen hat das gewisse Etwas zwischen selbstbewusster Haltung und Grenzen überschreitend, ohne zu extrem zu werden. Das gibt ihr wesentlichen Charakter und ich finde, die Ergänzungen im neuesten Kapitel unterstreichen das, was sie tatsächlich ausmacht, perfekt. Solche nachvollziehbaren Ecken werden benötigt, damit sich die Handlung nicht zu homogen liest und in meinen Augen wird das angesichts der Gemächerdurchsuchung und den anschließenden Auseinandersetzungen gut umgesetzt. Noch interessanter fand ich die Hasstirade in der Kapelle, die in gewissem Umfang schon unterstreicht, welche Probleme in diesem Dorf herrschen. Auf den Trip dahin freue ich mich tatsächlich schon.


    Wir lesen uns!

  • Schieferbucht


    Die Dorfbewohner hatten sich nach Valerians Verschwinden nicht mehr lange um die Kapelle oder die Burg aufgehalten und sich in ihrem ausgedehnten, aufgebrachten Zug zurück in ihre Behausungen begeben. Onduwen war es nicht allzu eilig, ihnen zu folgen; da sie vorhatte, das Dorf in erster Linie als Beobachterin aufzusuchen, wollte sie ihre Absicht und Präsenz nicht jetzt schon an die große Glocke hängen. Denn die Menschen – und das konnte sie inzwischen mit Sicherheit sagen – verhielten sich unterschiedlich, abhängig vom Grad der Observation, der sie sich ausgesetzt glaubten. Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem sich die Menge den Hang über der Bucht heruntergeschoben hatte, machte auch sie sich auf den Weg.

    Die Sonne ging gerade unter. Im Norden tat sie das früh und unspektakulär, Onduwen merkte aber ohnehin nichts davon, da dieses Ereignis in ihrem Rücken stattfand. Hinter dem Leuchtturm in der Bucht gähnte bereits das Schwarz der Nacht, davor kauerten im aufziehenden Nebel die farblosen Holzhäuser Schieferbuchts. Weder gaben sie sich Mühe einzuladen, noch wiesen sie direkt ab – vielmehr ließ sich dieser Ansiedlung auch beim besten Willen keine Agenda zuschreiben, ihr war vielleicht die ranzige Reizlosigkeit von Aas eigen, vor allem aber dessen Passivität. Vereinzelte Laternen beleuchteten die herbeikriechenden Schwaden und ließen sie wieder im schwächer werdenden Zwielicht verschwinden, die wenigen menschlichen Gestalten, die Onduwen von dem Feldweg vor dem Dorf in ihrem Schein ausmachen konnte, unterschieden sich von ihrer Perspektive aus kaum von kadaverbewohnenden Fliegen.

    War der Feldweg noch stellenweise, wenn auch nachlässig gekiest gewesen, so waren die Straßen und Wege in Schieferbucht mitnichten so luxuriös: Ohnehin gab es keine wirklichen Straßen, die Versorgungsstation, aus der diese Totgeburt gewachsen war, hatte zu ihrer überschaubaren Blütezeit langsam, aber unkontrolliert metastasiert, ohne System oder Planung; daher waren Wege und Pfade weniger als solche angelegt worden und mehr die bloßen Zwischenräume zwischen den Behausungen, die im Laufe der Jahre breitgetreten wurden, wenn die Fliegen denn Bedarf für sie hatten. Zeit und Regen hatten die lehmigen Rinnen ausgewaschen und dem kümmerlichen Straßennetz ein unangenehm organisches Ambiente verschaffen, zusammen mit den überall präsenten Überresten von eingestürzten Dächern, durchgefaulten Holzwänden und den schimmelnden Netzen, die hie und da wie sich ablösende Membranen zwischen den Häuschen gespannt waren – zweifellos nur noch aus Nichtbeachtung vorhanden, gab es doch schon lange keinen Verwendungszweck mehr für sie – kam Onduwen nicht umhin, am Vergleich des Kadavers festzuhalten. Sie war angewidert. Im diffusen gelben Licht der Laternen, von denen es weitaus mehr gab als nur die brennenden, schritt sie rasch die Hauptstraße herunter, die sie nur als solche erkannt hatte, weil man sich bei ihrer Instandhaltung anscheinend geringfügig mehr Mühe gegeben hatte als beim Rest der Trampelpfade durch das Dorf. Morsche Holzbretter hielten die Rinne in Form, gelegentlich erleichterten halb im Sand vergrabene Stufen den Abstieg zum Meer, über die Onduwen eines der markanteren Gebäude auf einem flachen Abschnitt des Strandhanges ansteuerte, denn sie wusste sich nicht besser zu behelfen, als sich am Auffälligen zu orientieren. Über der mürben Veranda des zweistöckigen, ebenso heruntergekommenen Baus baumelte ein Schild, einst von zwei Ketten getragen, nun musste eine alleine sein Gewicht halten und am Schriftzug Interessierte brauchten den Kopf zu neigen.

    Letzter Schluck stand darauf.

    Strohiges Licht fiel aus seinen schmierigen Fensterscheiben, dahinter konnte Onduwen einige der Anwohner erkennen. Doch eine lustige Runde schien es nicht zu sein, vielleicht auch nicht mehr. Obwohl die Sonne gerade erst untergegangen war, wirkten die Gäste, als säßen sie bereits den halben Tag hier gefangen, als können sie kaum noch stehen, vor allem: Als hätten sie nicht besonders Spaß an ihrer Tätigkeit. Als Onduwen eintreten wollte, flog die Tür von innen auf und ein Mann, den sie nicht einmal mit dem Stock angefasst hätte, torkelte ihr entgegen. Er sah völlig fertig aus, hatte schütteres, zerzaustes Haar und war dünn wie ein Strich; entgegen ihrer ersten Erwartung schlug ihr nicht der Gestank von veratmetem Alkohol entgegen, sondern nur der Pfeifenrauch aus der Schankstube – der Mann selber roch nicht, wahrscheinlich konnte sie sich glücklich schätzen, dass er vor der Messe gebadet hatte. Sie starrte ihn an, er tat es ihr gleich.

    „Na, sieh an. Kaum geht hier alles den Bach runter, taucht wer auf? Die Elfen, natürlich. Sucht wohl nach leichter Beute, nachdem wir euch“, er hustete wüst und geradeheraus, „in den Arsch getreten haben in Cyrodiil, was? Typisch! Aber da müsst ihr früher aufstehen, den Stegen mögt ihr erwischt haben, mit eurem…“, er hob die Hände und ließ die Knochenfinger wirr tanzen, während er nach Worten suchte, „ähh, Fluch! Giftmord, dass ich nicht lache. Ich weiß, wie eure Elfenmagie funktioniert, mein Vater hat mir alles erklärt. Erst erfindet ihr ein Problem, und dann, dann tut ihr so, als würdet ihr es lösen – nicht mit uns! Eher sterbe ich, als dass ich das Knie vor einem Spitzohr beuge, merk dir das, Spitzohr.“

    Er holte keuchend Luft, wie um zu beweisen, dass er es mit seinem Ultimatum ernst meinte. Dann spuckte er aus und wollte Onduwen aus dem Weg stoßen, doch ihm fehlte offensichtlich die Kraft, also zog er sich bloß an ihr vorbei und humpelte die Stufen der Veranda herunter – er schien nicht betrunken zu sein, nur ganz und gar erschöpft. Unten drehte er sich wieder um.

    „Ficken könnt ihr euch alle! Euch und eure Hexerei! Verschwindet!“

    Einen Moment lang hatte Onduwen überlegt, ihm eine reinzuhauen, doch sie befürchtete, dass er sich dabei etliche Knochen brechen könnte und so etwas brauchte sie jetzt nicht. Ohnehin hatte sie sein Gerede mehr stutzig denn ärgerlich gemacht, sie riss sich am Riemen und lehnte sich auf dem wurmstichigen Geländer zu ihm herunter, wobei es gefährlich knirschte.

    „Sag das nochmal. Das mit dem Fluch.“

    „Hörst wohl doch nicht so gut mit deinen Säbellauschern, was? Gar nichts werde ich tun. Hau ab!“

    Der Elendige drehte sich weg und schleppte sich von dannen. Onduwen schlug mit der Faust auf den Holzbalken, er brach ohne nennenswerten Widerstand und sie betrat den Letzten Schluck.


    -.-


    Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, erstarb das Gemurmel und ein Dutzend Augenpaare fixierten sie. Nur in Begleitung ihrer knarrenden Schritte bahnte sie sich einen Weg durch die Rauchschwaden zum Tresen, während sie ihrerseits missmutig den Blick schweifen ließ. Der Letzte Schluck war nur spärlich belegt und die Atmosphäre so freudlos und abgestanden wie der ganze Rest des Dorfes, was momentan wahrscheinlich nicht zuletzt ihrer Anwesenheit geschuldet war. Die schwere Holzdecke war niedrig und wurde von massiven Balken getragen, an den Wänden hingen nichtssagende Portraits und Landschaftsgemälde und die brennenden Kerzen ließen die Luft hier drin noch ungesunder wirken, als sie ohnehin war. All dies nahm Onduwen wahr, während ihr die Blicke der Gäste ein Loch in den Pelz brannten. Als sie nach einer halben Ewigkeit schließlich den Ausschank erreicht hatte, wurde sie mit dem ersten Lächeln seit langem belohnt.

    „Guten Abend, meine Dame. Was darf es sein?“

    Eine junge Frau mit strohblondem Haar war aus dem Nebel aufgetaucht, sie hatte den Humpen, den sie mit einem Lappen ausgewaschen hatte, beiseitegelegt und die potentielle Kundin freundlich empfangen. Diese musterte sie eingehend – auch ihr haftete die Kraftlosigkeit Schieferbuchts an, jedoch gab sie sich große Mühe, dies nicht zu ihrem Hauptmerkmal zu machen: Ihr Hauptmerkmal nämlich war ihr kurviger Körper und, im starken Kontrast zu sämtlichen anderen Dörflern, denen Onduwen bisher begegnet war, diese überaus erleichternde Zuvorkommenheit.

    „Laura Ysallia.“

    Die Schankmaid blinzelte fragend. „Wie bitte?“

    „Wo finde ich Laura Ysallia? Es ist dringend.“

    „Oh, das… Ohje, ja, natürlich ist es das.“ Das Mädchen schien aufrichtig mit sich zu hadern, Onduwen ließ es geschehen und trommelte mit der Rechten auf dem Tresen herum. Das Gemurmel um sie herum gewann an Stärke und ein stumpfsinniger Durchschlag von Geselligkeit schien langsam wieder von den restlichen Gästen Besitz zu ergreifen. „Aber … Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“

    „Offensichtlich. Warum?“

    „Weil…“, verschwörerisch beugte sich die Schankmaid zu ihr über die Tischplatte, die Stimme gesenkt, „Frau Ysallia mich gebeten hat, niemanden aus dem Dorf zu ihr zu lassen. Sie ist nämlich hier, wissen Sie. Im Hinterzimmer.“ Sie nickte verstohlen zu einer unscheinbaren Tür neben dem Ausschank. „Die letzten Tage sind sehr anstrengend für sie gewesen, sie ertrinkt doch in ihrer Arbeit… Bitte überfordern Sie sie nicht mit Ihrem Anliegen. Aber wenn Sie eigens aus der Ferne wegen ihr gekommen sind, wäre es verantwortungslos von mir, Ihnen diese Bitte zu verweigern. Und bitte schließen Sie die Tür hinter sich.“

    Endlich hatte Onduwen einmal Glück. Sie kaufte der Geschwätzigen irgendein Bier ab, bedankte sich und drückte sich dann verstohlen durch besagte Tür ins Hinterzimmer. Auch hier roch es nach Rauch, doch verglichen mit dem Miasma im vorherigen Raum konnte man beinahe frei atmen. Ein geöffnetes Fenster erklärte den Hauch von Frische, davor befanden sich zwei Menschen über einen schweren Holztisch gebeugt, in der Hand je einen langen Stock. Der Tisch selber war mit grünlich-grauem Filz bezogen und hatte einen halbhohen Rand, weiterhin konnte Onduwen gefärbte Kugeln darauf erkennen – dies schien ein Spiel zu sein, was für eines, wusste sie aber nicht. Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, sahen die zwei Spielenden, ein Mann und eine Frau, auf und der Blick der Frau wurde angespannt.

    „Was soll das? Ich sagte Madri, dass ich nicht gestört werden will. Ich habe Feierabend, verschwinden Sie.“

    Das hatte Onduwen heute schon einmal gehört und einmal mehr beschloss sie, es zu ignorieren. Sie ging auf die beiden zu, während der Mann, ein älterer Herr mit Glatze, grauem Bart und schmalen, wohlwollenden Augen, der eine ähnliche Geborgenheit ausstrahlte wie die Schankmaid, mit seinem Stock vor Ysallia auf den Tisch tippte.

    „Langsam, Laura. Sieht so etwa eine Totkranke aus? Lass sie sich doch erst erklären, ich bin mir sicher, sie weiß etwas Interessantes zu erzählen. Kommen Sie, nehmen Sie sich einen Stuhl, hier…“, er zog einen Stuhl von der gegenüberliegenden Wand heran und wies die werdende Bekanntschaft an, sich zu setzen, „und berichten Sie, was Sie für uns haben.“

    Onduwen stellte ihr Glas auf den Tisch, ließ sich auf den Stuhl fallen und verschränkte die Beine. Dann holte sie Marlenes Phiole aus dem Mantel und legte sie dazu.

    „Blut.“

    „Wie bitte? Wer sind Sie überhaupt?“, schnappte Ysallia und Onduwen erklärte erst sich – wobei sie es beim Vornamen beließ – und dann ihr Anliegen. Das vermochte die Alchemistin milde zu stimmen.

    „Das ist auf jeden Fall interessanter als Rheuma und Haarausfall. Bitte entschuldigen Sie meine Anspannung von vorhin – ich führe derzeit einen Kampf gegen eine regelrechte Hydra an Gebrechen, das ganze Dorf ist von heute auf morgen krank geworden und wenn ich heute noch einmal wegen Zahnschmerzen belästigt worden wäre, dann…“

    Sie seufzte und ließ die klumpige Flüssigkeit in der Phiole gedankenverloren kreisen. Laura Ysallia war jung – zwar nicht ganz so frisch wie die Valerians und Madris dieser Welt, aber wer konnte das schon von sich behaupten – und hatte eine scharfe kaiserliche Nase, durch deren rechten Flügel ein kleiner Ring gestochen war. Ihr dickes Haar war tiefschwarz, nur eine einzelne, markante Stelle direkt über der Stirn, seitlich des Scheitels, war seltsamerweise vollständig ergraut, so regelmäßig und klar, dass man sie von Weitem auch mit einer ästhetischen Aussage hätte verwechseln können. Dunkle Schatten lagen um ihre Augen, die alsbald wieder zu Onduwen aufblickten.

    „Ja, dann wäre ich wohl durchgedreht. Sie haben doch keine Zahnschmerzen, oder?“

    Onduwen verneinte und Ysallia grinste müde. „Gut. Nun aber stehen wir vor einer Entscheidung, nicht wahr? Bedenkt man den Zeitpunkt von Stegens Tod, dürfte sein Blut auch nicht mehr berauschend lange frisch bleiben.“

    „Und die Entscheidung?“

    „Geduld! Mit Ihrem Kopf voller Fragen können Sie sich bestimmt denken, weshalb ich überhaupt hier bin, ich wollte es Ihnen nämlich schon vorher beibringen: Ich habe Feierabend. Mehr noch – ich habe einen überaus langen Scheißtag hinter mir und morgen wird nicht besser, wenn ich Ihnen also bei Ihrem zeitkritischen Anliegen befriedigende Antworten liefern soll, so fürchte ich, dass ich einen Anreiz benötige, der über reine Nächstenliebe und Gerechtigkeitsstreben hinausgeht.“

    Onduwen starrte sie an, ungerührt. „Also.“

    „Also: Laden Sie mich ein. Auf, sagen wir“, sie stellte ihre Überlegungen sehr offen zur Schau, „zehn Flaschen Amenos Zweiundfünfzig. Das sollte mich motiviert halten.“

    „Zehn Flaschen! Das ist Erpressung! Da komme ich günstiger weg, wenn ich mir die Alchemie selber beibringe!“

    „Um danach geronnene Staubreste vom Glas zu kratzen? Die Zeit rennt, meine Liebe – und momentan ist sie auf meiner Seite.“

    Großtuerisch wandte sie sich dann wieder zum Tisch, griff sich den Stock und stieß damit eine der Kugeln an, die in weitere hineinschoss und sie in alle vier Ecken versprengte. Der Reaktion ihres Gegners entnahm Onduwen, dass es kein besonders beeindruckender Zug gewesen sein musste, gleich darauf aber fiel ihr ein, wie sie die Ysallias dreister Forderung dennoch nachkommen konnte. Sie seufzte und zuckte die Schultern.

    „Nun gut. Valerian Stegen wird bezahlen.“

    „Fabelhaft!“, quietschte Ysallia und wirbelte zum Alten herum, „Wick, ich nehme gleich drei für den Heimweg, oder … nein, mach vier daraus, wir haben ja zwei Hände. Den Rest hole ich morgen.“

    Der Mann, den sie als Wick angesprochen hatte, war offensichtlich auch der Wirt. Er kratzte sich behäbig an seinem Bart und nickte, dann mühte er sich hoch und begab sich in die Schankstube, mächtigen Profit vor Augen. Als er mit vier Weinflaschen zurückgekehrt war, schnappte sich Ysallia rasch zwei davon, drückte sie ihrer Gönnerin in die Hände und erleichterte Wick um die übrigen, bedankte sich und verschwand durch das offene Fenster in die Nacht. Onduwen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, wobei es auch ihr mehr als recht war, dass sie nicht noch einmal den Marsch durch die Stube auf sich nehmen musste. Sie ließ sich also vom Fensterbrett fallen, landete exakt so, wie man es von ihrer Verfassung erwarten durfte und sah sich nach Ysallia um, die an der Ecke auf sie wartete. Hinter ihr wartete noch etwas: Ein Tier auf vier Beinen, langhaarig, groß und kaum sichtbar im Halbdunkel der Laternen. Ein Hund. Die Alchemistin sah sie skeptisch an, als Onduwen ebenso skeptisch an ihr vorbeiblickte und drehte sich dann sichtlich beunruhigt um, fand aber nichts. Bär war bereits wieder verschwunden, wie er es anscheinend zu tun pflegte.

    „Was haben Sie denn?“

    „Nichts, ich … ich dachte, da wäre ein Hund gewesen.“

    „Ihrem Gesicht nach hätte es auch ein Gesandter Vaerminas höchstselbst sein können.“ Sie leistete sich ein Kichern über ihren eigenen Vergleich. „Wahrscheinlich bloß ein Fuchs. Hunde gibt es hier keine mehr, soweit ich weiß.“

    Man setzte sich in Bewegung, auch Onduwens Gedanken machten Spaziergänge. „Ich traf einen im Schloss. Sah aus wie ein Bär und wurde auch so genannt.“

    „Ach, der. Der kam früher öfters herunter ins Dorf und gab sich hündisch, aber ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Mein bester Abnehmer für die hier war er“, sie fischte eine Handvoll Bonbons aus der Manteltasche und leckte sie von der offenen Handfläche wie eine Ziege, bevor sie mit vollem Mund weitersprach, „aber seitdem die vornehme Familie ihr eigenes Dorf meidet, taucht er auch nicht mehr auf. Mein Vorgänger – er hatte sein Schleckzeugs heiß geliebt – hat mir Säckeweise von ihnen vermacht, aber dann ging irgendein dummes Gerücht um, dass sie ein Ablaufdatum hätten – und jetzt sitze ich auf Bergen davon und werde sie kaum mehr los.“

    Laura Ysallias Süßigkeitenerbschaft interessierte Onduwen nicht im Mindesten, dafür aber hatte sie aufgehorcht, als sie die Familie aus der Burg erwähnt hatte.

    „Sie meiden das Dorf?“

    „Also, nicht alle.“ Sie schluckte die Bonbons herunter. „Der Baron tauchte regelmäßig hier auf, trank mit den Leuten und lieh ihnen sein Ohr. Dann wetterte er mit den Arbeitslosen und Säufern sämtliche Häuser von Hochfels ins Vergessen, beklagte den Niedergang des Bündnisses, diese Leier eben – gelegentlich stand er ihnen auch mit seinen eigenen Mitteln bei, aber kein Vermögen der Welt taugt, wenn man es nirgendwo ausgeben kann. Es kommt eine trübe Zeit auf uns zu, jetzt, wo er ins Gras gebissen hat.“

    Sie wurde für einen Moment nachdenklich, aber nur für einen Moment. „Seine Frau hingegen bekam ich seit der Geburt der kleinen Stegen nicht mehr zu Gesicht, das war vor acht Jahren… Und der Jungspund begleitet manchmal noch die Dienerschaft bei Besorgungen, aber viel zu besorgen gab es ohnehin nie. Hauptsächlich Gemüse und dergleichen, aber bohren Sie jetzt nicht nach, die Felder liegen im Westen und mein Laden nicht.“

    Es war kalt geworden in Schieferbucht und ihre Atemstöße bildeten Dampfwolken. Onduwen ließ sich Ysallias Worte durch den Kopf gehen und tat ihr Möglichstes, sich in den verlotterten Gassen nicht beobachtet zu fühlen – erhellte Fenster waren selten und hinter den dunklen lauerten die unschönsten Produkte ihrer Fantasie, geprägt von Hunger und Kälte. Und von einer bösen Ahnung war es dann nur ein Katzensprung zur nächsten.

    „Hm. Wie auch immer, überrascht bin ich eigentlich nicht. Aber … ich gehe davon aus, dass Ihnen bereits schon zu Genüge damit in den Ohren gelegen wurde, wenn ich denn nicht das Pech hatte, dem abergläubigsten Trottel des ganzen Dorfes über den Weg zu laufen: Schieferbucht ist also verflucht.“

    „Oh, hören Sie mir auf damit!“ Ysallia hatte ihren Schritt verlangsamt, um die Hände zu verwerfen, eine Geste, die ihr wohl zu liegen schien. Dann legte sie los. „Natürlich bin ich die Letzte, die das Siechtum, das über das Dorf gekommen ist, bestreiten könnte, dafür habe ich die letzten Tage zu wenig Schlaf bekommen. Auch bin ich keine Magierin, meine Kompetenz reicht nicht bis in die Wirren des Arkanen, aber: Schieferbucht tut sich einen gewaltigen Bärendienst, wenn die Anzeichen einer sich ausbreitenden Seuche als Fluch verschrien werden! Sollen wir uns etwa gesundbeten? Uns allesamt in die Askese verziehen und hoffen, dass wir dadurch aufhören, Blut zu husten? Ich bin die Einzige, die diesen Jammerlappen auch nur einen Hauch Linderung zu verschaffen mag, und das ist die Anerkennung, die mein Handwerk dafür erntet? Für Symptombekämpfung bin ich gut genug, oh ja, aber glauben Sie, irgendjemand hier würde mir zutrauen, dem Problem Herrin zu werden? Nein! Lieber wollen sie verflucht sein!“

    Onduwen hatte die Augenbrauen zusammengezogen, nicht etwa urteilend, sondern aufrichtig verunsichert, auch wenn es nicht ihrem Naturell entsprach, dies zuzugeben. „Ah… Von was für einer Seuche sprechen wir? Ist sie ansteckend? Tödlich? Und – weshalb erscheint sie nicht auch als solche, sondern wird als Fluch interpretiert?“

    Einen kurzen Moment lang wirkte Ysallia, die sich eben noch in Rage geredet hatte, wie vor den Kopf gestoßen, auch war sie stehengeblieben und fixierte erst ihre Begleiterin, dann angestrengt den Boden. Erst als sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, sprach sie weiter. „Sie ist auf jeden Fall … windig. Schwer zu fassen, zumindest mit meinen bescheidenen Fähigkeiten. Grenzenlose Erschöpfung, Gliederschmerzen, schlaffe Haut und beeinträchtigte Sicht ist bisher allen Betroffenen gemein, gleichsam existiert ein ganzer Rattenschwanz an Begleiterscheinungen wie die vorhin erwähnten Zahnschmerzen, Haarausfall, Schüttelfrost, Appetitlosigkeit und so weiter. Sie muss ansteckend sein, anders kann ich mir nicht erklären, dass plötzlich das ganze Dorf dahinsiecht, aber fragen Sie mich nicht, wie sie übertragen wird; ich weiß es nicht, niemand weiß irgendetwas und diese lästige Fluchtheorie ist das Einzige, was den Leuten ihr Leiden zu erklären versucht. Natürlich ist sie so falsch wie dumm, aber oh, wenn sie kein fesselndes Narrativ bietet! Wie besonders wir doch sein müssen, wenn ausgerechnet unser verrottendes Nest verflucht wurde, erst noch nach dem Tod des guten Barons – Tragödie um Tragödie, der Mensch liebt es, zu leiden und ist erst glücklich, wenn er sich übervorteilt, verlassen und geschlagen fühlen kann. Es ist lächerlich.“

    „Warten Sie jetzt“, fiel ihr Onduwen in den Monolog, denn ihre unruhige Aufmerksamkeit schien sich gelohnt zu haben – aus der Stille, die über dieser Ecke Schieferbuchts lag, hatte sie Geräusche entnommen, ein Platschen und Rascheln aus einem der miserablen Gässchen, die sie schon fast hinter sich gelassen hatten. Sie hielt an, kehrte um und spähte angespannt in den engen Durchgang, über dem sich die morschen Dächer einander entgegenneigten. Ysallia schien ernsthaft betroffen von Onduwens Unterbruch, folgte ihr aber dennoch die paar Schritte hinterher in die Gasse, wo man Erstaunliches erblickte.

    Pierose?!

    Tatsächlich fanden sie den professionellen Gewerbemann aus Wegesruh in eine Nische gedrückt zwischen zwei schiefen Holzwänden, die mit viel Fantasie und Wohlwollen ein Hauseingang hätte sein können. Er war sichtlich aufgewühlt. Neben ihm auf dem Boden stand eine Laterne, über die er ein Öltuch geworfen hatte, dazu hielt er merkwürdig steif in je einer Hand einen Stiefel, während seine bloßen Strümpfe nass und sandig waren. Wahrscheinlich hätte er ein komisches Bild abgegeben, wäre seine Anwesenheit denn nicht so ganz und gar unpassend gewesen.

    „Gehen Sie weg! Sie sollen mich nicht in diesem Zustand sehen!“

    „Dafür ist es jetzt zu spät. Was um alles in der Welt machen Sie hier, Pierose?“

    Hinter Onduwen drängte sich Ysallia heran und verrenkte den Hals, um den Versteckten zu inspizieren. „Und warum trägt er seine Schuhe an den Händen?“

    „Lassen Sie das! Ich sagte doch, ich sei in keinem Zustand!“

    „Und ich fragte, was sie hier machen“, schnauzte Onduwen, von Pieroses Misere gänzlich unberührt. „Sollten Sie nicht bereits wieder auf dem Weg nach Wegesruh sein? Behaupten Sie nicht, dass sie sich in die Gegend verliebt hätten, ich befinde mich nämlich in derselben und habe sie bereits erlebt.“

    „Ich – ahhh!“ Der arme Mann stöhnte leidvoll. „Nach was sieht es denn aus? Ich war am Meer und habe mir unvorsichtigerweise beide Stiefel gefüllt! Ich redete mir ein, dass ich so nicht zum Schloss zurückkann, aber nun? Nun überlege ich es mir durchaus, das ist kein Umgang, Frau Torbrecher, ich…“

    „Torbrecher? Wie Ranveig Torbrecher? Ach, sie war meine Lieblings-“, fiel ihm Ysallia in das Wort und Onduwen verlor die Beherrschung.

    „Das war sie von allen! Von allen! Oh, sie war großartig, was für eine Heldin, was für ein Vermächtnis“, sie spuckte das Wort regelrecht aus und vollführte eine grandiose Geste, „sie hinterlassen hat! Was für einen Namen, was für eine Voraussetzung für das Zusammenkratzen des kleinsten Restes Anerkennung, wenn die eigene Mutter Drachen tötete und Königreiche rettete! Was soll ich schon tun!“

    Sie war laut geworden, so laut, dass sich hinter den schmutzigen Scheiben der Nachbarschaft die Empörung regte. Pierose und Ysallia hingegen waren in betroffenes Schweigen abgerutscht und schauten in ihrer Verlegenheit überall hin, aber nicht zu Onduwen, die die Nachwirkungen ihres Ausbruches wie ein Hammerschlag erwischt hatte. Ihr dämmerte: Das war nicht richtig gewesen. Nicht gut. So stand sie in der abgestandenen Seeluft, eingeengt zwischen baufälligen Hütten, auf der Suche nach belanglosen Antworten in einem belanglosen Mordfall, umgeben von hohlen Handelstreibenden und gierigen Stößelstoßerinnen, fühlte sich aber nur alleine.

    Schließlich war es Pierose, der die erdrückende Stille durchbrach.

    „War Ranveig Torbrecher nicht eine Nord?“

    Onduwen trat ihm zwischen die Beine.

    „Ich bin adoptiert! Gehen Sie mir aus den Augen!“


    -.-


    Der übrige Weg zu Ysallias Laden wurde schweigend zurückgelegt. Onduwen hätte diese Zeit gerne genutzt, um sich über Pieroses Anwesenheit in Schieferbucht zu wundern, doch sie war leider zu beschäftigt damit, sich Vorwürfe zu machen – es war nicht ihre Art, Gefühle von dieser Magnitude einfach ausbrechen zu lassen, wiederum entsprach es durchaus ihrer Art, potentielle Geheimnisträger handgreiflich zu vergraulen und ihr Grimm minderte sich durch dieses Bewusstsein keinesfalls. Bevor sie der Strudel aus Selbstbezichtigung und schwelendem Ärger aber verschlingen konnte, hatten sie die Alchemistenhütte erreicht: Sie war ähnlich heruntergekommen wie der Rest Schieferbuchts, doch immerhin schien das Dach noch intakt zu sein. Hinter der Hütte ragten stumm und teilnahmslos die mageren Tannen der großen Bucht auf, davor standen unter einem klapprigen Unterstand einige wuchtige Pflanzenkübel, in denen fremde Gewächse tagsüber um das in dieser Gegend spärliche Sonnenlicht kämpften. Ysallia schloss auf, trat ein und zündete nicht ohne Mühe eine kleine Laterne auf dem Tisch in der Mitte des Raumes an, Onduwen sah sich um.

    Der Raum schien Wohn-, Schlaf- und Vertriebszimmer zugleich zu sein, was angesichts der überschaubaren Größe der Behausung nur Sinn machte. Zu ihrer Linken war er um einen kleinen Anbau erweitert worden, in dem sich ein paar Beete befanden, ihr gegenüber führte eine Tür zu einem Nebenraum, der wohl, wie sie annahm, Ysallias Laboratorium beherbergte. Diese wischte, noch immer wortlos, eine Handvoll Bonbons aus der Hitze der Laterne und stellte ihre Weinflaschen auf die Holzplatte, dann wandte sie sich an ihre Besucherin und täuschte ein Lächeln vor, ihr Ausdruck wurde jedoch früh genug eindringlich forschend.

    „Es ist nicht viel, aber ich habe auch nicht mehr… Und wollen Sie mir jetzt vielleicht erklären, warum exakt Sie als Fremde so … vertraut mit stiefellosen Männern umspringen?“

    „Sie meinen meine Beziehung zu ihm?“

    „Wenn diese die Tätlichkeiten auch abdeckt, dann ja.“

    „Gewohnheit. Zu sagen, dass ich ihn kenne, wäre eine Übertreibung – ich teilte mit ihm eine Kutsche auf dem Weg hierhin, er kam, um Stegen die letzte Ehre zu erweisen. Angeblich ein Freund aus Wegesruh; ich frage mich genauso wie Sie, warum er noch nicht abgereist ist, was er hier noch macht.“

    „Oh, darauf könnte ich Ihnen eine Antwort liefern, aber versuchen Sie, nicht allzu enttäuscht zu sein.“

    „Hä?“

    „Schieferbucht hat, wie Sie sich vielleicht denken können, keinen Kutschendienst. Wollen Sie weg von hier, planen Sie besser ein paar zusätzliche Tage ein – bis Ihr Brief in Raureiftal angekommen ist, dauert es seine Zeit, Ihrem Bekannten wird es kaum anders ergehen.“

    Onduwen atmete genervt aus und überreichte Ysallia wortlos die Blutprobe. Enttäuscht war sie durchaus, und während Ysallia ihre Utensilien aus dem winzigen Labor beschaffte und sich ans Werk machte, starrte sie mal hierhin, mal dorthin und verfluchte ihr Los. Selbstständig zu werden war ein Fehler gewesen – sobald sie Valerian zufriedengestellt hatte, würde sie bei der Magiergilde vorsprechen und sich die erstbeste Schreibtischstelle unter den Nagel reißen, vielleicht auch bei der Stadtwache, die nahmen wirklich alle auf. Doch kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende geführt, hagelten alte Erinnerungen und Erwartungen auf ihren unvorbereiteten Geist herunter und sie ballte die Linke so heftig zur Faust, dass der Zeigefinger zersplitterte. Hinter ihren Instrumenten und flachen Schalen sah Ysallia besorgt auf.

    „Alles in Ordnung?“

    „Nein.“

    „Geht mir ähnlich.“

    Danach übernahmen wieder die monotonen Geräusche von Ysallias Arbeit, Onduwen lehnte sich auf die Tischplatte und vergrub den Kopf in den Armen. So verharrte sie unbestimmte Zeit und verdrängte jegliche Gedanken, selbst die belanglosesten. Es war beinahe erholsam, wäre es in der Hütte denn nicht so scheußlich kalt gewesen. Erst die Stimme der Besitzerin vermochte sie wieder aus ihrer Starre zu lösen.

    „Nichts.“

    Wie von der Tarantel gestochen fuhr Onduwen auf, frustriert von der unheilvollen Andeutung und Ysallias Dreistigkeit, ihre ziellose Meditation zu stören.

    „Was soll das heißen?“, zischte sie mehr als ungehalten.

    „Genau das eben. Ich kann kein Gift feststellen, und glauben Sie mir, ich kenne eine Menge Gifte.“

    „Unsinn. Suchen Sie weiter, Stegen wurde vergiftet!“

    „Was ich, in aller Ehrlichkeit, anzuzweifeln wage. Schauen Sie hier“, mit einer einladenden Bewegung, viel zu freundlich für die Launen ihres Gegenübers, präsentierte sie die Vielzahl an Schälchen auf ihrer Ablage, „dreizehn Reagenzien, ein jede davon deckt gleich mehrere mir bekannte Gifte ab. Und bei keiner eine Reaktion – demzufolge kein Gift.“

    Sie füllte ihr Glas nach mit Amenos Zweiundfünfzig und trat dann zu Onduwen, um dasselbe zu tun. Diese wollte ihre Aussage nicht akzeptieren.

    „Das kann nicht sein! Dann haben Sie zu wenig von … etwas verwendet, dann war die Probe zu alt - überhaupt, woher weiß ich denn, dass sie die Wahrheit…!“

    Echte Verzweiflung war an ihr hochgekrochen. Alles, nur keine Sackgasse. Die dräuende Ahnung, dass sie diese beschissene Unternehmung gänzlich umsonst auf sich genommen hatte, schmetterte sie zu Boden, ähnlich hart, wie Ysallia nun die Flasche auf den Tisch knallte.

    „Jetzt kommen Sie mir nicht so! Sie brauchen meine Hilfe, also seien Sie verdammt nochmal dankbar dafür, dass ich meinen Abend für ihr planloses Herumstochern opfere! Glauben Sie etwa, ich sehe Ihnen nicht an, wie grün Sie bei all dem sind?! Reißen Sie sich zusammen, denken Sie an…“ Sie brach glücklicherweise umsichtig genug ab, aber der Name schwebte über ihnen wie der erstickende Nebel im Letzten Schluck. Früher hätte Onduwen eine weitere Eskalation nicht nur begrüßt, sondern aktiv gefördert. Heute aber wusste sie um ihre Position, auch wenn sie aus dem Zähneknirschen nicht mehr herauskam und noch immer Funken zwischen ihren gesunden Fingern sprangen.

    „Also“, begann sie schließlich nach einer krampfhaften Episode des Durchatmens, „dann erklären Sie mir jetzt, wie wir feststellen, woran Stegen wirklich gestorben ist.“

    „Sie haben Nerven, von einem wir zu sprechen. Aber gut, ich kann Ihnen ohnehin nichts abschlagen – könnte ich mich den Elenden verweigern, wäre ich längstens an einem viel schöneren Ort. Denn das Zauberwort lautet nämlich“, sie trank ihr Glas in einem Zug aus und stellte es entschlossen ab, „Autopsie.“

    „Sie verarschen mich“, schrie Onduwen entbrannt auf, „Sie wissen ganz genau, dass er heute eingesargt wurde!“

    „Meine Kompetenzen gehen genau bis dort“, erwiderte Ysallia kalt, „und wenn Sie es nicht schaffen, ihnen eine Grundlage zur Entfaltung zu besorgen, kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen.“

    Zwar waren das objektive Fakten gewesen, für Onduwen aber dennoch zu viel Aufsässigkeit und sie fand sich keinen anderen Ausweg, als ihren Frust in einem Lichtbogen in den Holzboden wortwörtlich zu entladen. Ysallia schreckte zusammen, hatte sich aber schnell wieder gefasst und trank weiter.

    „Zerstörung bringt uns nichts, zeigen Sie Ihre eitlen Zaubertricks woanders. Werden Sie kreativ, ob für mich oder jemand anderen überlasse ich Ihnen. Und falls Sie nicht mehr weiterwissen, habe ich hier noch das eine oder andere Buch von Ermittlerin Vala herumliegen. Danke für den Wein.“

    Als Onduwen einmal mehr von der eisigen Nachtluft umfangen wurde, hätte ihre Wut ganz Raldbthar betreiben können. Obwohl sie wusste, dass es nichts half, reagierte sie sich an einer nahen Tanne ab und glaubte, im aufflackernden Licht des Blitzschlages einen fliehenden Fuchs zu sehen, der ganz bestimmt keiner war.


    -.-




    Hell yeah, wir sind noch immer nirgends, aber die Gefühle kochen noch immer auf großer Flamme. Mit jedem Kapitel, das ich fertigbringe, wächst ihr Total weiter an, eigentlich wollte ich nach dem dritten bereits, äh, woanders sein, aber Loredumps … oder so ähnlich, ich kann die Fangemeinde nur beschwören, aufmerksam zu lesen und freue mich nach wie vor über jede Interaktion, die ihr mir gönnt. Aber nun zum Elefanten im Raum: Der bizarre Fall des Samuard Stegen hat endlich ein Titelbild, meine Güte, es ist so ein Banger geworden – ich habe die Weile des guten Dings zwar arg ausgereizt und keine bessere Ausrede dafür als der Umstand, dass ich mir für Ondus Referenz wieder ESO heruntergeladen habe und vielleicht etwas … eingefangen wurde. Ulti H. ist wieder auf dem Grind und mit alten und neuen Kameradis überaus beschäftigt im Endlosen Archiv, mehr dazu vielleicht einmal im Katalog der Anmaßungen (abonniert den Katalog der Anmaßungen).

    Cut und Sprung zu den Impressionen aus aller Welt.


    Zitat von Fluffy Ears Mutant, verblendete Nachtklinge

    finish it faster


    Zitat von Stuga, übereifrige Botin

    Wisst Ihr, wie lange ich nach dem dritten Kapitel des bizarren Falls des Samuard Stegen gesucht habe?


    Zitat von Katia Saporiti, Traumvandalin

    Onduwen ist ein Wellensittich, wo denken Sie auch hin! Und wenn Onduwen fröhlich plappert, dann nehme ich das persönlich.


    Executet diese Kommentare für 400% mehr Schaden!

    Hallo,


    sagen wir, Onduwen hat das gewisse Etwas zwischen selbstbewusster Haltung und Grenzen überschreitend, ohne zu extrem zu werden. Das gibt ihr wesentlichen Charakter und ich finde, die Ergänzungen im neuesten Kapitel unterstreichen das, was sie tatsächlich ausmacht, perfekt. Solche nachvollziehbaren Ecken werden benötigt, damit sich die Handlung nicht zu homogen liest und in meinen Augen wird das angesichts der Gemächerdurchsuchung und den anschließenden Auseinandersetzungen gut umgesetzt. Noch interessanter fand ich die Hasstirade in der Kapelle, die in gewissem Umfang schon unterstreicht, welche Probleme in diesem Dorf herrschen. Auf den Trip dahin freue ich mich tatsächlich schon.


    Wir lesen uns!

    Also ... ich meinte, die Kanten wurden festlich bedient. Freut mich sehr, dass du bereits ein Bild von Ondu hast, ich beabsichtige, sie in den folgenden Kapiteln stückweit noch etwas mehr zu umreißen, unter anderem steht bald noch ein Tauchgang in gewisse Aspekte ihrer Vergangenheit und den Zwist zwischen großen Schuhen und Minderwertigkeit an. Danke an meinen treuesten Fan fürs Verfolgen und die Geduld 💜

  • Hallo,


    bis Onduwen die Schankstube betreten hatte, hatte ich das Gefühl, dass du dich zu sehr in Nebensätzen verlierst. Dadurch ist die Erzählung weitaus langwieriger geworden, wodurch es mir häufig nicht problemlos möglich war, ihren Schritten zu folgen. Danach war ich aber im Fluss drin. Das Anliegen, Stegens Tod aufzuklären, der Deal mit den Weinflaschen (das war richtig gut ausformuliert), die anschließende Flucht durch das Fenster sowie dass da kein Gift im Spiel war: Man merkte, dass du hier voll im Fokus warst. Auf jeden Fall mag ich es, wie die Sache komplizierter als zuerst gedacht scheint.


    Wir lesen uns!

  • Lange Schatten


    Die Nacht hatte sich schwer und unverrückbar über Schieferbucht gelegt, was gut war – je weniger man davon sah, desto besser. Onduwen rauschte strengen Schrittes durch die Gräben, ihre Bewegungen zielstrebig, aber ihr Geist alles andere als das. Ihre Umgebung nahm sie kaum wahr, kein Gedanke wurde an die Orientierung verschwendet, stattdessen musste sich zerknirschtes Voranstreben als dürftiger Ersatz anbieten. So kam es, dass sie einmal mehr einem Tier über den Weg lief. Der verlauste Fuchs, dem sie sich gegenüber fand, wusste nicht ansatzweise um sein Glück, dass er nicht Bär war – erst hatte Onduwen ihn für den Hund gehalten und eine unüberlegte Untat abgewogen, dieses eine Mal aber beobachtete man sie nicht aus Neugierde – oder welch undurchsichtigen Regungen Bär sonst noch folgen mochte – sondern aus Angst. Der Fuchs war regelrecht fadenscheinig: Graues, löchriges Fell hing ihm von den spitzen Rippen, sein räudiger Schweif war kahl und seine Beine so dünn, dass sie sogar mit dem Tragen seines ausgemergelten Körpers überfordert wirkten. Eine ungewisse Zeitspanne verstrich, in der Onduwen ihn im flüssigen Schein einer stinkenden Laterne bloß anstarrte, schließlich wollte sie ihn verscheuchen, aber er rührte sich nicht vom Fleck. Die Räude hatte ihr gerade noch gefehlt, also suchte sie einen Bogen um ihn zu machen, übertrat sich schmerzhaft auf dem sandigen Untergrund und zeterte sämtliche Pantheone vom Himmel herab: Es half alles nichts. Immerhin war dem Fuchs der plötzliche Lärm in die klapprigen Knochen gefahren und er hatte das Weite gesucht, doch weitere Erfolge blieben aus.

    „Ich habe kalte Wickel in der Küche. Kommen Sie rein.“

    Onduwen zuckte zusammen, als sich plötzlich eine mitfühlende Stimme ihrer Misere erbarmt hatte. Sie schaute, suchte und forschte, konnte ihren Ursprung aber nicht ausmachen – nicht, bis sie den Kopf hob und über sich Wick entdeckte, der auf dem Fensterbrett des Hinterzimmers saß und Pfeife rauchte. Sie war, ohne es gemerkt zu haben, wieder beim Letzten Schluck angelangt.

    „Ich komme zurecht“, erwiderte sie forsch, den Kopf in den Nacken gelegt. Gleich der nächste Schritt aber ließ sie zusammenfahren und Wick schüttelte den Kopf.

    „Ich fürchte, ich glaube Ihnen nicht. Wenn Sie so zum Schloss wollen, gibt das ein böses Erwachen.“


    -.-


    Die Gaststube war leer. Wick hatte Onduwen auf eine Bank gewiesen, diese hatte den Stiefel auf die Tischplatte geknallt, noch bevor er darum gebeten hatte. Madri indessen hatte die versprochenen Wickel gebracht und sich dann ins Bett verabschiedet, während der Wirt sich am verstauchten Knöchel zu schaffen machte.

    „Heute wurde niemand alt“, stellte Onduwen fest, nachdem sie den Blick einmal mehr durch den Raum hatte schweifen lassen. Wick lachte pfeifend.

    „Im Gegenteil, wortwörtlich sogar. Früher – nein, ansonsten – herrscht um diese Zeit noch reger Betrieb, man hat ohnehin nichts zu tun. Aber so, wie sie heute gejammert und geklagt haben, könnte ich genausogut in Anwil ausschenken… Wo die Leute sich zur Ruhe setzen, nicht wahr“, fügte er auf Onduwens verständnislosen Blick hinzu. „Ich kann sie verstehen, so ist es nicht. Ich fühle mich, als werde ich mit jeder Sekunde älter.“

    „So funktioniert das, meinte ich.“

    „Nicht“, er zog die Wickel enger und fuchtelte erklärend mit der freien Hand, „so. Ob nun Krankheit oder Fluch, gesünder werden wir davon gewiss nicht. Kein Wunder, krochen die ansonsten so strammen Saufbrüder und -schwestern heute früh ins Bett – eine Schande, möchte ich anmerken. Da stürzt sich ein Ereignis, eine regelrechte Begebenheit auf unser aller tristes Leben und die Leute haben nicht einmal die Kraft, sich angemessen zu betrinken.“

    „Und was glauben Sie? Auch an den Fluch?“

    „Hm“, machte Wick und fuhr sich über den Bart. „Ich … ja, ich sehe mich dazu verleitet. Nennen Sie es den Einfluss des Trinkervolks, aber Ysallias Behauptungen, so gerne ich ihnen Glauben schenken möchte, verhalten mir nicht – ich sollte ich mich nämlich bei Ihnen bedanken, dass Sie unsere Diskussion vorhin gesprengt haben – mit einer Alchemiekundigen kann ich bestimmt nicht auf Augenhöhe diskutieren, wenn sich das noch länger hingezogen hätte, hätte ich ihr wohl Recht geben müssen bei einer Sache, die mein Bauch entschieden ablehnt. Denn mein Bauch, mag er auch schmerzen, sieht hier keine Seuche grassieren, also sehe ich auch keine.“

    „Ich kann mir denken, dass Ysallia dies nur wenig amüsierte. Sie war sehr entschieden, was ihre Vermutung bezüglich einer Krankheit betraf.“

    „Was davon besser ist – ob man überhaupt abwägen kann! – wage ich nicht zu beurteilen. Ließe sich diese Krankheit heilen, wäre das ein Wink der Göttlichen; ein Hoffnungsschimmer, jedoch fürchte ich, dass die Hoffnung schon vor Jahren ausgezogen ist und nicht mehr wiederkehrt. Vielleicht ist der Fluch deshalb so“, er legte eine nachdenkliche Pause ein, „beliebt.“

    „Erbärmliches Nest“, stieß Onduwen hervor und Wick nickte. Dann zog sie ihren Stiefel wieder an, rutschte tiefer in die Bank hinein und schaute mal hier-, mal dorthin, durch den Raum, in dem sich der Dunst inzwischen gelichtet hatte, bis ihr erschöpfter Blick auf einem Gemälde hinter dem Tresen hängenblieb.

    „Sagen Sie“, begann sie und Wick folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger, „wer ist das? Kommt mir … bekannt vor.“

    Der Alte gab ein Geräusch von sich, in dem Stolz mitschwang. „Der schneidige Teufel? Sie mögen es vielleicht für absurd befinden, aber das war ich in meinen besten Jahren.“

    Er hatte nicht Unrecht, früher einmal musste er wirklich gut ausgesehen haben. Doch es war nicht der junge Wick, für den sich Onduwen interessierte – es war die große blonde Frau in schwarzer Rüstung neben ihm, der der Maler ein breites Lächeln und eine tiefe Narbe über dem linken, trüben Auge verpasst hatte. „Aber darauf wollten Sie wohl kaum hinaus – Sie meinen meine bis heute berühmteste Kundschaft, denn auf ihren Reisen kehrte auch die Ranveig Torbrecher im Letzten Schluck ein. Nicht übel, hm.“

    „DIE WAS?“ Onduwen hätte sich beinahe an ihrer Zunge verschluckt und lehnte hustend über den Tisch, Wick klopfte ihr auf den Rücken und lachte lautlos.

    „Mit bekannt liegen Sie also nicht falsch.“

    Keuchend holte sich Onduwen die Luft zurück und fand gleich darauf einen Bierkrug vor sich stehen. Sie verstand nicht, womit sie diesen kosmischen Hohn verdient hatte. Da hatte die eigene Mutter vor Jahren vielleicht sogar an derselben Stelle wie sie gesessen, mit Ruf, Namen und Ansehen, während sie überhaupt erst in diesen götterverlassenen Winkel gestolpert war, um einem baren Flimmern dieses Glanzes hinterherzurennen – durch ebendieses Gasthaus hatte Ranveig Torbrechers Reise zum Zenit geführt, während Onduwens erratisch verglühender Stern voraussichtlich im Meer der Bucht versinken würde, nachdem sie verkrüppelt, betrunken und ziellos im Dreck stocherte in einer Angelegenheit, an deren Wert sie nicht mehr glaubte. Brennende orangene Flecken breiteten sich auf ihrem Gesicht aus und sie leerte den halben Krug in einem Zug. Wick musterte sie forschend.

    „Mir scheint, nicht nur Ihr Knöchel leidet.“

    „Das können Sie laut sagen“, maulte Onduwen, knallte den Krug auf den Tisch und schwang einen beschworenen Finger dem Gemälde entgegen. „Das da. Das ist meine Alte. Ranveig Torbrecher, die mich aus der Gosse in ihren Schatten gezogen hatte, der ich alles verdanke, der – der niemand das Wasser reichen konnte.“

    Sie hob ihr Bier an die Lippen und beendete es entschlossen, dann rülpste sie achtlos. Es wurde zunehmend schwerer, einen ganzen Kopf auf dem Hals zu balancieren.

    „Das … müssen Sie mir erklären“, brachte Wick sein Unverständnis zum Ausdruck. „Ich dachte mir schon, dass Sie ein bewegtes Leben führen, als Sie hier hereingerauscht kamen, aber noch zögere ich, mir einen Reim darauf zu machen.“

    „Lange Geschichte“, kam es sogleich von Onduwen, dann aber starrte sie ähnlich lange auf die letzten zwei noch brennenden Kerzen in der Schankstube und grub nach dem Anfang, bei dem sie beginnen wollte.

    „Meine … Eltern. Meine richtigen Eltern, damals, vor langer Zeit auf Sommersend. Mein Vater war Händler zur See, bereiste das Meer und so, meine Mutter war … auch da. Ich will Sie nicht langweilen mit hochelfischer Philosophie, ich habe sie selber auch nie verstanden, Sie brauchen nur – sagt Ihnen der Begriff Alaxon etwas? Der Pfad nach Alaxon, sagt Ihnen das etwas?“

    Wick schüttelte den Kopf.

    „Besser ist. Das ‚Streben nach Perfektion‘, Vollendung im Leben und in der Arbeit. Es durchdringt ihre gesamte aufgeblasene Gesellschaft, keine bloße Sitte wie…“, sie suchte schielend nach Beispielen, „Grüßen auf der Straße oder drinnen den Hut abnehmen, oh nein – das allerletzte Dogma, über der Gemeinschaft, dem Staat, der Familie. Ich … hatte mich schwer getan auf dem Pfad nach Alaxon, wie auch mit Anderem. Das Zusammenleben ist keine nennenswerte Stärke von mir, Regeln, Normen – die verdammten Normen, warum schreibt die niemand auf? Weil es nicht einmal in Apocrypha genug Tinte dafür gibt, genau darum!“

    Den letzten Satz hatte sie aufgebracht herausgeschrien und die flache Hand auf den Tisch geknallt. Ein Teil von ihr stand daneben und sah skeptisch dabei zu, wie sie vor diesem Provinzwirt ihre Lebensgeschichte ausbreitete, doch der Amenos Zweiundfünfzig hatte nichts dagegen.

    „Meine Eltern hatten wenig Geduld, dafür umso mehr Zeit, mir beizubringen, dass ich sie beschäme. Dass die Nachbarn über mich redeten, dass man sich für mich rechtfertigen musste – und glauben Sie nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Ich wollte gut sein, ich wollte genügen und Perfektion anstreben, aber … egal was ich tat, ich kam der Gesellschaft nicht näher, sie war mir nicht greifbar. Unverständlich, ein Buch mit sieben Siegeln und ich war die Einzige, die seine Schlüssel nicht besaß. Sie können es sich wahrscheinlich denken: Wenn man sein ganzes Leben lang erzählt bekommt, man sei nicht in Ordnung, dann wird man auch nicht in Ordnung geraten. Dieses … beschissene Sommersend, ich wollte nur weg. Und als ich dann kräftig genug war, führte mich mein Vater auf eine Handelsreise nach Senchal – zuvor hatte er mir gepredigt, dass dies sein letzter Versuch sei, etwas aus mir machen zu wollen; doch sollte ich nicht einmal zur See taugen, dann hätte er die längste Zeit eine Tochter gehabt. Haben Sie noch…?“

    Sie gestikulierte auf den Krug und Wick stand auf. Als er wieder zurückkam, war Onduwen nur finsterer geworden.

    „Danke. Vielleicht … hatte er den Beschluss schon lange vorher gefasst, vielleicht war es eine spontane Entscheidung gewesen, geändert hätte es wohl ohnehin nichts. Nachdem wir abgelegt hatten, hatte er mich auf das Achterdeck genommen und wir schauten uns die Stadt an, während wir in die Bucht hinausfuhren. Er sagte: ‚Onduwen Aratelle Nirasara Nenone Sillonaere, warum leben wir?‘ und ich erwiderte: ‚Weil wir noch nicht gestorben sind‘, das ist mir geblieben. Er aber schüttelte den Kopf – er schüttelte den Kopf!“, schrie sie, Wick pflückte darauf höflich sein Taschentuch aus der Brusttasche und wischte sich damit Onduwens Speichel vom Gesicht, „und stieß mich über die Reling, einfach so – zumindest gedachte er es zu tun, ich jedoch trat ihm ins Gesicht und schrie. Es klingt seltsamer, wenn ich es jetzt erzähle. Als die Crew auftauchte…“ Sie legte den Kopf in die Hände und starrte ins Leere, biss auf der Unterlippe herum. „Wir kommen gleich zu Ranny, versprochen, aber… Aber als die Crew auftauchte, meinte mein Vater: ‚Ein hoffnungsloses Leben ist nicht lebenswert. Bitte, lasst wenigstens mich hoffen‘, und schickte sie weg. Danach mochte ich mich nicht länger wehren.“

    Sie brach ab und sinnierte über das Gesagte, über das Erlebte. Wick regte sich unwohl auf seinem Stuhl.

    „Ich habe ja genug Geschichten über die Hochelfen gehört, dachte ich“, brummte er, „aber das ist bemerkenswert … schauerlich. Dann hat Ranveig Sie also gerettet?“

    „Nicht direkt. An Land kam ich selber, danach lebte ich jahrelang von Abfällen und Diebstählen und fing mir eine wüste Krankheit ein – was auch immer sie in mir gesehen hatte, wahrscheinlich hätte nicht einmal ich selbst es noch entdecken können. Aber so war sie; sie nahm die Probleme der Welt wahr und machte sie zu ihren eigenen, mochten sie noch so schrecklich oder abstoßend sein. Ich erzähle Ihnen gewiss nichts Neues, wenn ich sage, dass sie … außerordentlich war. Eingleisig vielleicht, aber im besten Sinne, Wille und Pflicht im Einklang. Sie nahm mich auf, ohne auch nur einmal mich oder überhaupt diese Entscheidung zu hinterfragen, auch wenn ich nicht einfach war – ich will nicht behaupten, dass sie die Rolle der Mutter perfekt gespielt hat, konnte sie auch nicht; diese besondere … Aufopferung beherrschte jeden Aspekt ihres Lebens und nachdem sie erkannt hatte, dass ich zurechtkam, folgte sie wieder dem Ruf des Reckentums. Sie war so verdammt…“, ein tiefer Seufzer entfuhr ihr, er roch brennbar, „heldenhaft. Nicht um der Anerkennung willen, mitnichten – sie stritt für eine bessere Welt, Ruhm oder Lohn kümmerte sie nicht. Heute macht mich das fertig.“

    „Sie glauben, Sie hätten in große Fußstapfen zu treten.“

    „Ich wünschte, mein Vermächtnis wäre nur eine hoffnungslose Ambition. Damit könnte ich eher umgehen als mit dieser … halben Identität. Onduwen bedingt immer auch Ranveig und wenn ich sage, ich verdanke ihr alles, dann meine ich wirklich alles, auch ein Schattendasein als die Tochter von.“

    Wick nickte bedächtig. „Ich hoffe, Sie legen mir dies nicht als Anmaßung aus, aber ich kann Ihnen nur raten, was ich auch Laura riet: Kein Vergleich endet je. Im selben Moment, in dem Sie eine fremde Leistung übertroffen glauben, werden Sie die nächste bemerken, an die Sie nicht herankommen. Seien Sie stolz auf das, was Ihnen eigen ist…“

    Onduwen wollte ihm gerade ins Wort fallen, aber Wick sprach schnell weiter. „… selbst wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, als seien Sie Spross statt Saat. Sie sitzen vor mir als Onduwen, nicht? Ranveig mag Sie geprägt haben, aber vergessen Sie nicht, dass Ihre Identität dadurch nur geformt wurde, nicht bestimmt.“

    Hinsichtlich dessen, was Onduwen eigen war, war Onduwen auch nicht allzu optimistisch. Doch während Wick seine aufmunternd gedachten Worte gesprochen hatte, hatte er auch etwas Eigenartiges gestreift.

    „Laura Ysallia – was hat sie damit zu tun?“

    „Große Erwartungen. Keine Heldin der bekannten Welt wie bei Ihnen, aber auch sie hat mit dem langen Schatten ihres Mentors zu kämpfen. Ich hätte gesagt, Sie würden sich verstehen, aber ihre Bekanntschaft haben Sie ja bereits gemacht.“ Er lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch. „Konnte sie Ihnen weiterhelfen?“

    „Ich wurde … hinausgebeten. Ysallia schien mir mehr mit ihrem Handwerk denn mit möglichen Gefühlen der Unzulänglichkeit zu hadern.“

    „Sie zeigt es nicht. Aber lassen Sie mich ausführen. Hammond“, brummte Wick gewichtig, offenbar nicht mehr nennenswert interessiert an Onduwens Erlebnis, „war der Alchemist hier im Dorf, bevor Laura sein Geschäft übernahm. Die Sache war eine unglückliche: Laura befand sich damals noch in der Ausbildung, als er – einfach so – von heute auf morgen verschwand, spurlos. Das Dorf war in Aufruhr, natürlich war es das, passierte doch sonst nichts und man tratschte sich den Mund wund, ob es denn ein Selbstmord oder eine Entführung gewesen war. Die wahre Leidtragende aber war die junge Laura, der ab dann die undankbare Aufgabe zukam, den Laden ohne erfahrene Anleitung zu führen und sich den ganzen Rest selber beizubringen. Das hat sie hart werden lassen, doch täuschen Sie sich nicht; sie mag bissig und stürmisch wirken, aber verübeln kann man es ihr nicht, fand sie sich doch seitdem ständig in Frage gestellt. Und wenn nicht von Schieferbucht, dann von sich selbst. Hammond hat ihr nicht nur ein Labor hinterlassen, sondern auch jenen Geltungsdrang, mit dem Sie wohl bereits vertraut sind.“

    „Ich wurde bereits Zeugin davon, ja“, pflichtete Onduwen bei und dachte an Ysallias Schimpftirade auf der Straße. „Und dieser Hammond – er verschwand? Spurlos?“

    „Das ist zumindest alles, was ich weiß. Obwohl … das stimmt nicht ganz – Hammond selbst tauchte nie wieder auf, doch mit den Veränderungen im Dorfleben, die sein Verschwinden mit sich brachte, konnte sich ein aufmerksamer Fantast wie ich gewissen Ahnungen nicht verschließen.“

    „Jetzt bin ich neugierig.“

    „Gut! Deshalb sind Sie schließlich hier, also hören Sie her: Dass die Baronin Stegen sich nicht in ihr eigenes Dorf traut, war nicht immer der Fall. Als Hammond noch unter uns weilte, war sie hier des Öfteren anzutreffen, präziser: Um den schönen Alchemisten herum. Man erzählte sich, dass nicht jeder Besuch im Laden von einer Besorgung begleitet wurde, oder vielleicht doch, wenn Sie verstehen. Nur Gerüchte, natürlich, aber auch die kommen nur in den seltensten Fällen aus dem Nichts. Mit Hammonds Verschwinden fanden auch die Visiten der Stegen ein Ende, Sie können Laura fragen, ich glaube nicht, dass sie jemals die Baronin bedienen durfte. Der Tratsch hingegen blieb frisch, als ein paar Monate später…“

    „Sagen Sie nichts – Arielle Stegen wurde geboren.“

    „Donnerwetter. Als wären Sie dabei gewesen.“

    „Ich fische im Trüben, am Haken habe ich bloß das Alter des Kindes.“

    „Zu ebendiesem Schluss kam man auch. Und weiterhin wirft es ein merkwürdiges Licht auf die gute Baronin, nicht wahr? Ein Kind sieht überaus ehelich aus, wenn es nur einen Vater gibt, der dafür in Frage kommt.“

    „Zumindest gab es keinen Hammond mehr, dessen Worten man hätte Beachtung schenken können.“

    „Wie ich schon sagte: Gerüchte und Tratsch. Sie genießen immerhin den Vorteil, dass Ihr Mörder eine Leiche hinterlassen hat. Und wenn Sie mich fragen, dann ist Marlene Stegen keine Wiederholungstäterin, wenn sie denn überhaupt jemals eine Täterin war. Falls Arielle wirklich von Hammond war, ließen sich ihre Beweggründe wenigstens im Mindesten nachvollziehen – nicht gutheißen, aber nachvollziehen. Aber der Baron, ihr Ehemann? Damit schneidet sie sich in das eigene Fleisch, weiterhin haben wir beide sie heute Nachmittag in der Kapelle gesehen – Sie mögen keinen Vergleich haben, aber Hammonds … Tod schien sie nicht berührt zu haben, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das sie in das Gespenst verwandelt hat, das sie dieser Tage ist.“

    Onduwen blickte aus dem verdreckten Fenster zu ihrer Rechten und dachte nach. Draußen war es still, so still sogar, dass sie beinahe den fransigen Schemen jenseits der Straße übersehen hätte, in dessen runden Augen das schwache Licht aus dem Gasthaus reflektierte. Als sie näher an das Fenster rückte, um ihn eingehender zu untersuchen, war er verschwunden – doch Onduwen konnte sich denken, dass es nicht der verhungernde Fuchs gewesen war, der sie so interessiert observiert hatte. Sie schrieb die Zeche an Valerian, bedankte sich bei Wick und trat in die frostige Nachtluft hinaus, wo sie unter gelegentlichen Schulterblicken den Aufstieg zum Schloss antrat.


    -.-




    Kurzes Kapitel mit drastischen Qualitätsdifferenzen, denn heute geht es nur um mich. Meine Beine sind noch immer zwei Meter zu kurz und die Frühlingsgefühle waren flüchtig, aber wenigstens ist das Badezimmer wieder sauber. Danke fürs Lesen, ich merke, dass ich es auch öfters tun sollte.


    Zitat von THATSAplusONE, Gamer

    Es spricht in herzerwärmender Manier gegen die Verrohung der Gesellschaft, dass Ulti H. nur für uns auf der Stelle tritt.


    Auch heiße Luft

    schafft Auftrieb


    Zitat von Anton Newcombe, Hutbesitzer

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  • Ulti

    Hat den Titel des Themas von „Der bizarre Fall des Samuard Stegen [NaNoWriMo+]“ zu „Der bizarre Fall des Samuard Stegen“ geändert.
  • Hammonds Wirken


    Wicks Warnung hatte sich als schrecklich treffend herausgestellt – das Erwachen war böse. Ein verbissenes Klopfen vor ihrer Tür hatte Onduwens Schlaf erdolcht und sich sogleich Unterstützung von ihrem pochenden Schädel geholt, dabei gaben sich auch die eisigen Bandagen um ihren Knöchel die größte Mühe, ihren Aufenthalt im ansonsten mäßig warmen Bett so unerträglich wie nur möglich zu gestalten. Einmal mehr verfluchte sie ihr Dasein und warf dann entschlossen die Decke von sich, abgestandene Kälte kroch ihr unter die Kleidung, in der sie geschlafen hatte. Das Klopfen hörte nicht auf. Grantig hievte sie sich von der steifen Matratze, ging in Strümpfen über den nackten Boden zur Tür und riss sie auf, wo sie Chauncey gegenüberstand, der sich ihrem plötzlichen Erscheinen nicht schnell genug angepasst hatte und mit mechanischen Bewegungen aus dem Handgelenk noch einige weitere Male in die Leere klopfte.

    „Was“, fauchte Onduwen und Chaunceys Gesicht zog sich noch etwas ärger zusammen.

    „Die Baronin wünscht Sie zu sehen. Ich denke, Sie wissen warum.“

    „Nicht einmal vielleicht“, gab sie zu, während sie ihren Arm materialisierte und sich in die Stiefel zwängte, „gestern schien sie nicht besonders scharf darauf, Zeit mit mir zu verbringen.“

    „Wer könnte es ihr auch verübeln“, kam es ungerührt von Chauncey, der noch immer starr im Türrahmen stand und sie hinter seinem Kneifer mit Adleraugen beobachtete. „Sie schliefen … angezogen?“ Der Widerwille in seiner Stimme war greifbar.

    „Haben Sie ein Problem damit?“

    „Nicht ich. Vielleicht Sie.“

    Sein ominöses Gebaren ging Onduwen auf den Geist. Sie warf sich den Mantel über, kippte die Wasserflasche auf dem Nachttischchen in sich hinein und folgte ihm dann zu Marlene Stegens Gemach.


    -.-


    „Frau Torbrecher“, krächzte diese, als Onduwen das Zimmer betreten hatte, „Sie enttäuschen mich.“

    Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich aus dem Bett zu bewegen, war mit den Decken über sich verschmolzen und starrte ihren Gast aus tiefen, traurigen Augen an. Onduwen zog einen Stuhl heran und ließ sich schwerfällig darauf fallen, während Chauncey von dannen schlich und die Tür hinter sich zuzog.

    „Wollen Sie nicht erst hören, was ich gestern getrieben habe?“

    „Es wurde mir berichtet, oh ja. Sie haben“, sie gähnte betont fein, „eine Grenze überschritten.“

    Onduwen ließ den Kopf hängen, Marlene aber nicht aus den Augen. Etwas stimmte hier eindeutig nicht. „Nun denn. Was ist hier eigentlich los – offensichtlich bin ich nicht wegen Ysallias Ergebnissen hier. Ob Sie wohl die Güte hätten, mich über angebliche Vergehen aufzuklären.“

    „Sie nehmen sich viel heraus, es scheint ein Muster zu sein mit Ihnen. Ihre Anwesenheit hier ist Valerians Angelegenheit, was Sie hier treiben, ist alleine seine und Ihre Sache; aber ich kann und werde nicht zusehen, wie sie sich an den Toten – an meinem Samuard! – zu schaffen machen! Was haben Sie sich bloß dabei gedacht! Wo ist er, wo haben Sie ihn hingebracht!“

    Vor lauter Überraschung hing Onduwens linker Ärmel leer und schlaff zu Boden und ihre Atmung setzte für einen Augenblick aus. Das war nichts, womit sie jetzt schon gerechnet hatte und sie hatte ihre liebe Mühe, eine Antwort auf den Vorwurf zu formulieren.

    „Was … reden Sie da? An gar nichts habe ich mich zu schaffen gemacht!“

    „Stellen Sie sich nicht unwissend!“, jammerte Marlene in ihrem üblichen gedehnten Zungenschlag. „Mir wurde berichtet, dass es zweifelsfrei Ihre Person war, die die Kapelle aufgebrochen und Samuard … geraubt hat! Heute Nacht…“

    „Nichts dergleichen! Wer behauptet so etwas?“

    Stegen setzte sich auf und legte die knochigen Hände auf die Bettdecke, während sie Onduwen unvermindert mit ihrem nebligen Blick durchbohrte.

    „Valerian... Er hat sie beobachtet.“

    Onduwen konnte den Boden unter ihren Füßen nicht einmal angemessen verabschieden, so schnell hatte man ihn weggezogen. Valerians Name war das Letzte, das sie in dieser beunruhigenden Wendung der Ereignisse zu hören erwartet hatte.

    „Dann rufen Sie ihn und wir klären das, jetzt gleich.“

    „Ich fürchte, er ist außer Haus… Vielleicht treffen Sie ihn, wenn Sie gegangen sind… Davor aber will ich Ihnen noch die Gelegenheit einer Erklärung geben. Es wird Ihre Tat nicht ungeschehen machen, vielleicht aber mein Urteil mindern…“

    Doch es kam keine Erklärung. Onduwen saß mit mahlendem Kiefer auf ihrem Stuhl und schwieg, Stegen fasste dies als Bestätigung ihrer Anschuldigung auf.

    „Sie wollen nicht… Womöglich die Schuld, die Ihre Zunge fesselt…?“

    „Sie machen einen Fehler, Baronin. Sie können mich nicht hinauswerfen auf eine bloße … Behauptung hin, das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat mein Auftraggeber – und das sind nicht Sie.“

    „Ich mag Sie nicht eingestellt haben, aber ich bin sehr wohl die Herrin dieses Hauses. Und als solche wünsche ich mir, dass Sie Ihre Sachen packen und mein Heim verlassen. Solange Ihr Wort gegen das meines Sohnes steht, werde ich als Mutter das seine gewiss nicht auf eine Stufe mit Ihren … leichenschändenden Methoden stellen. Bitte gehen Sie jetzt.“

    „Die Blutprobe interessiert Sie dann wahrscheinlich auch nicht mehr.“

    „Was ist schon ein ungelöstes Mysterium gegen einen Sittenbruch von diesem Ausmaß! Adieu, Frau Torbrecher, in Ihren Referenzen werde ich nicht erscheinen…“

    Nachdem sie sich erhoben hatte, widerwillig anerkennend, dass man hier wohl wirklich fertig war, warf Onduwen der Baronin einen letzten grimmigen Blick zu. Eine Sache gab es noch, die sie nicht verschwiegen lassen konnte.

    „Ich gehe jetzt zu Laura Ysallia. Wollen Sie mitkommen? Ich hörte, Sie schätzen die Gesellschaft der Alchemisten.“

    „Oh, verschwinden Sie…“


    -.-


    „Da drin steckt aber nicht … er, oder?“

    Ysallias Gesicht hatte sich in eine komische Fratze des Ekels verwandelt, als Onduwen mit ihrer Tasche bei ihr im Laden aufgekreuzt war. Sie hatte Kundschaft, ein alter, krummer Mann, der zusammengesunken auf demselben Schemel saß, auf dem auch Onduwen gestern gesessen hatte. Ihr aber war das egal.

    „Schön wäre es. Stattdessen ist er wohl weggelaufen.“

    „Bitte was?“ Ihr Ausdruck blieb verzogen, sie rang mit sich, wohl auch in Hinsicht des Kranken, der Onduwen mit unverhohlener Abneigung beobachtete. „Das … nein, nicht jetzt. Sie sehen, dass ich beschäftigt bin, was auch immer Sie jetzt von mir wollen, es muss warten. Und wenn Sie schon hier sind, können Sie sich auch nützlich machen.“

    Onduwen gab ein Schulterzucken des Geschmackes ‚von mir aus‘ zum Besten und stellte die Tasche ab, als sie jedoch in den Raum und damit zu Ysallia und ihrem Patienten trat, geriet plötzlich Leben in diesen.

    „Du schon wieder!“, zischte er sie an und wäre beinahe hingefallen, als er vom Schemel aufgesprungen war, um Distanz zwischen sich und Onduwen zu bringen. „Wenn du mir den Rest geben willst, dann komm nur, Spitzohr! Verflucht magst du mich haben, aber ich prügel‘ dich eigenhändig in deinen heimgesuchten Winkel der Welt zurück, wenn du auch nur einen Schritt näher kommst!“

    Onduwen traute ihren Augen nicht. Das war nicht bloß irgendein bedauernswerter Greis, das war ebenjener Dorftrottel, mit dem sie gestern vor dem Letzten Schluck aneinandergeraten war – nur wirkte er heute, bei Tageslicht, bestimmt zwanzig Jahre älter als gestern bei Nacht. Ob sie lachen oder ärgerlich werden sollte, hatte sich schnell und intuitiv geklärt; sie lachte, was dem Kerl überhaupt nicht gefiel.

    „Unhold!“, kreischte er und griff sich die nächstbeste Flasche, was Ysallia veranlasste, schockiert die Hände zu heben, davon wollte er aber nichts wissen. „Laura, sag‘ doch etwas! Du kannst hier nicht einfach Elfen in deinen Laden spazieren lassen, die glauben ohnehin, ihnen gehört die ganze Welt!“

    Aber Ysallia dachte nicht daran, bei seinem Ausbruch mitzuspielen, ihr Tonfall war bemüht gefasst und vor allem warnend. „Marley“, beschwor sie ihn, „stell das jetzt gleich wieder hin. Mit Nachtöl spielt man nicht, das ist ein Lösungsmittel und-“

    „Umso besser!“, verkündete der Mann, den sie als Marley angesprochen hatte und hob die Flasche, um sie auf Onduwen zu schleudern. „Damit löse ich ein Problem im Handumdrehen!“

    Der Angegriffenen indessen war das Lachen im Hals steckengeblieben, glücklicherweise hatte Ysallia schnell genug reagiert, um Marleys dürren Arm zu packen und ihm die Flasche aus der Hand zu winden. Der bedachte sie mit Namen, die Onduwen eigentlich für sich reserviert geglaubt hatte und stieß sie überraschend energisch von sich, worauf sie durch den Raum taumelte, mit einem Regal zusammenprallte und ein riesiges Glas der orangenen Bonbons umriss, das zersprang und seinen Inhalt über den gesamten Boden verteilte. Onduwen wog einen Augenblick zu lange ab, ob sie erst Ysallia helfen oder Marley unter Kontrolle bringen sollte, der Alte aber nahm ihr die Entscheidung ab und schwang mit der Faust nach ihr. Es war nicht Onduwens Unaufmerksamkeit, die ihn einen Treffer landen ließ, sondern der Umstand, dass sie niemals ohne Schutzrune vor die Tür ging – er traf sie an der Schläfe, ihr Kopf wurde zur Seite geschleudert und die Rune löste aus, sogleich stülpte sich eine einengende schwarze Sphäre über seinen Körper und reduzierte sich ins Nichts, mit ihr Marley. Onduwen rieb sich die getroffene Stelle und sah nach Ysallia.

    „Was … ist mit ihm?“

    „Rassismus.“

    „Ach, hören Sie auf. Sie wissen, was ich meine – was haben Sie mit ihm gemacht? Ich schwöre, wenn Ihretwegen Leute in meinem Laden umkommen…“

    „Beruhigen Sie sich, er ist nicht tot. Ein Versetzungszauber – er wurde versetzt, ein paar hundert Meter in eine geeignete Richtung. Wenn diese Richtung das Meer war, dann ist das eben so… Aber Sie können nicht behaupten, dass er es nicht herausgefordert hätte.“

    „Das kann ich in der Tat nicht. Es tut mir leid, Marley ist … extrem. Obwohl – was rede ich da! Sie schulden mir einen Kunden!“

    „Ich nehme etwas gegen die Beule, wenn Sie das glücklich macht.“

    „Sollen Sie bekommen. Aber mir wäre auch schon damit gedient, wenn Sie mir helfen könnten, das Chaos hier aufzuräumen.“ Sie zog sich auf die Knie und begann, die Bonbons zusammenzusammeln, Onduwen tat es ihr gleich. Während ihre Hand zunehmend klebriger wurde, stieß sie zwischen dem Zuckerwerk auf etwas Merkwürdiges: Ein zerknitterter Zettel, beschrieben in einer unordentlichen Handschrift. Sie zeigte ihn Ysallia.

    „Eine Quittung. Aus … der Kaiserstadt?“ Konzentriert entzifferte sie die Wörter und machte dann große Augen. „Für wie viel Gold? Oh Göttliche, ich wäre wohl auch verschwunden bei solchen Schulden! Wofür brauchte er dieses Zeugs?“

    „Schon wieder Hammond, nehme ich an?“

    Ysallia sah unschlüssig auf. „Was meinen Sie, schon wieder?“

    „Ich war gestern bei Wick, er versorgte mich mit Klatsch, auch über Ihren alten Meister. Vor allem über Ihren alten Meister.“

    „Ach so. Die Affäre und so. Das hätte ich Ihnen auch erzählen können.“

    „Gestern Abend war mir nicht bewusst, dass es früher so hoch herging in dieser Hütte. Und das da?“ Onduwen deutete auf die Quittung.

    „Das da … könnte ein anderes Licht auf die Sache werfen. Vielleicht. Er hatte eingekauft, zweifellos für ein großes Projekt. Ein teures Projekt. Aber … ich werde nicht schlau daraus. Wenn ich mir diese Dinge so ansehe, sieht mir das mehr nach Beschwörung aus, vielleicht Nekromantie. Und davon verstehe ich nichts.“

    „Pflegte er alle seine Quittungen in Bonbongläsern aufzubewahren?“

    „Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht gibt es noch mehr davon.“

    Es gab noch mehr davon. Eine weitere Quittung hatte sich ebenfalls inmitten der Bonbons gefunden, dazu kam eine auf Pergament geschriebene Korrespondenz aus Valenwald, offensichtlich in Code verfasst. Doch nachdem man die letzte Süßigkeit aufgehoben und sichergestellt hatte, dass keine Schrift übersehen wurde, führte auch das Brüten darüber auf keinen grünen Zweig. Hammond hatte luxuriöse Alchemiekomponente aus aller Welt zusammengetragen, doch zu welchem Zweck konnte weder Ysallia noch Onduwen bestimmen. So brachte Onduwen endlich zur Sprache, weshalb sie den Laden überhaupt aufgesucht hatte.

    „Er ist weg?!“

    „Wenn man der Baronin glauben kann. Sie war sehr überzeugt, dass es meine Schuld sei.“

    „Und Sie haben nicht nachgeprüft?“

    „Kennen Sie den Ausdruck Dünnes Eis? Weil genau darauf befand ich mich, bevor ich das Schloss hinter mir gelassen habe. Ich hätte mehr als nur meine Integrität auf das Spiel gesetzt, wenn ich danach noch um die Kapelle herumgeschlichen wäre.“

    „Verständlich. Und jetzt?“

    „Jetzt finde ich heraus, weshalb mich Stegen Junior anschwärzen wollte. Geiz wird kaum der Grund gewesen sein, eher vermute ich eine … Verschiebung seiner Perspektive auf dieses Debakel.“

    „Na dann.“ Ysallia stand auf, öffnete ein Schränkchen und holte eine Flasche heraus, deren Inhalt sie in einen Becher goss und ihn dann mit Wasser verdünnte. Anschließend stellte sie ihn vor Onduwen. „Hier noch etwas gegen die Beule – und den Kater. Sie wissen, falls Sie Stegen aufstöbern und er noch halbwegs frisch ist, dann bringen Sie ihn ohne zu Zögern zu mir. Aber bitte nach Feierabend, ja? Nehmen Sie es nicht persönlich, aber das Erlebnis vorhin hat mir klargemacht, dass Ihre Präsenz hier auch auf mich und meinen Ruf abfärben könnte.“

    „Ich werde es mir merken. Und … Sie wissen nicht etwa, wo ich den jungen Stegen um diese Zeit auftreiben kann? Man sagte mir, er sei außer Haus.“

    „Dann ist er im Dorf. Schauen Sie im Letzten Schluck nach, dort hat er eine … Investition.“ Sie grinste schwach. „Und wenn Sie ihn dort nicht finden, vielleicht, hm… Die Felder? Ich fürchte, ich komme zu selten raus, um mir Gedanken über seinen Tagesablauf zu machen.“

    Das war besser als nichts, also verabschiedete sich Onduwen und machte sich auf den Weg in das Gasthaus. Kaum aber hatte sie die Hütte verlassen, traf sie auf ein bekanntes Gesicht, eines, das sich weitaus öfters in Schieferbucht aufhielt, als man ihr erst weismachen wollte. Zwischen den Kräuterkübeln wartete, gelassen mit dem Schwanz wedelnd, Bär und Onduwen wurde säuerlich.

    „Falls du meinst, dass mir dein Nachstellen schmeichelt, so täuschst du dich gewaltig. Verschwinde, geh an Bäume pissen oder so.“

    Aber Bär bellte bloß kurz angebunden, ging einige Schritte dem Meer entgegen und drehte sich dann wieder zu ihr um. Wäre das Lesen von hündischem Verhalten eines von Onduwens Talenten gewesen, wäre ihr seine Erwartung eindeutig erschienen. So aber konnte sie nur interpretieren und kam zum gleichen Schluss: Man sollte folgen. Da ihr Valerian kaum weglief, konnte sie wohl auch der Sache auf den Grund gehen, die diesen Köter so antrieb und setzte sich in Bewegung.


    -.-


    Er hatte sie am östlichen Ufer entlanggeführt zu einer abgelegenen Bootshütte, auf deren eingestürztem Dach die Wildgräser wuchsen. Zu ihrer Linken befand sie die winzige Insel mit dem Leuchtturm, dazwischen lagen die grauen Wogen, deren Rauschen hier lästig laut war und beinahe Onduwens kreisende Gedanken verdrängten – während des gesamten Weges hatte sie gerätselt, was der Hund für so wichtig erachten konnte, dass er sie abgepasst hatte und hatte sich schließlich darauf eingestellt, auf eine Leiche zu treffen. Bestenfalls wäre es diejenige von Samuard Stegen, aber auch Valerian oder Arielle schloss sie nicht aus. Damit blieb die Frage, warum Bär sich ausgerechnet an sie gewandt hatte, was sie wiederum zu seiner unheimlichen Verfolgung brachte, mit der er sie zu belästigen pflegte. Sie verstand ihn nicht, sie verstand keine Hunde und mochte sie eigentlich ohnehin nicht, doch inzwischen stand sie vor der Hütte und drückte die Klinke der Tür, der einzigen Struktur des maroden Bauwerkes, die noch halbwegs intakt war.

    Zwar fiel Tageslicht durch das löchrige Dach und die schiefen Wände, doch Tageslicht war in Schieferbucht nichts wert. Onduwen drückte gegen die rostigen Scharniere an und sperrte die Tür so weit wie möglich auf, nur um nichts vorzufinden. Die Hütte war leer. Als sie sich ärgerlich zu Bär umgedreht hatte und ihn gerade für die Zeitverschwendung schelten wollte, knarrte der Boden hinter ihr, doch sie war zu langsam: Einen Arm um ihren Bauch, ein Schwert an ihrer Kehle und einige flache Atemstöße auf ihrem Nacken später fand sie sich in einer ganz und gar misslichen Lage. Es schien ihr angebracht, sich zu erklären.

    „Ich habe kein Geld, falls das im Interesse des Hundes liegen sollte.“

    Sekunden vergingen, in denen sie bloß so angespannt wie regungslos auf eine Reaktion ihres Häschers wartete. Der Größe der Hand auf ihrem Körper nach schien der Angreifer ein Mann zu sein, doch Weiteres blieb ihr vorerst vorenthalten. Zumindest, bis die unsichtbare Gestalt gesprochen hatte.

    „Sie haben Antworten. Und Samuard Stegen.“

    So lief also der Hase. Die Stimme war eine verstellte, doch noch konnte Onduwen nicht bestimmen, zu wem sie gehörte – ihre spezifische Forderung jedoch begrenzte die Auswahl an möglichen Personen hinter dem Schwert merklich.

    „Ich erzähle Ihnen, was Sie wollen – aber ich spreche freier ohne ein Schwert an meinem Hals.“

    „Dafür sind meine Ansprüche nicht hoch genug. Sagen Sie mir, warum Sie Samuard Stegens Leiche entwendet haben und wo sie jetzt ist.“

    Onduwens Augen verengten sich. Sie hatte dieses Gespräch heute schon einmal geführt, damals aber unter deutlich weniger widrigen Umständen. Dass man Sie unter allen Umständen missverstehen wollte, ärgerte sie aber mindestens so sehr wie damals im Zimmer von Marlene Stegen.

    „Ich habe keine Leiche entwendet. Der Sarg war leer.“

    Einige weitere stille Sekunden verstrichen, dann wurde das Schwert in eine weniger bedrohliche Position gebracht und der Griff um ihren Bauch löste sich. Onduwen drehte sich langsam um, ihre Überraschung hielt sich in Grenzen, als sie unter einer weiten Kutte Valerian Stegen erblickte.

    „Sie hätten auch einfach fragen können, wissen Sie.“

    „Das habe ich doch. Sie verstehen, weshalb mein Vertrauen in Sie erschüttert ist?“

    „Das sagt der Richtige. Warum haben Sie nicht erst mich aufgesucht, bevor Sie zu Ihrer Mutter gerannt sind, um mich zu verpfeifen?“

    Valerian hielt das Schwert weiterhin fest im Griff und machte ein beleidigtes Gesicht. „Das fragen Sie noch? Wissen Sie, wie verdächtig Sie sich mit Ihrem kleinen Einbruch gemacht haben? Ganz egal, ob Sie es waren, die meinen Vater verschleppt hat – wie soll ich jemandem vertrauen können, die Kapellen aufbricht wie eine gewöhnliche Grabräuberin?“

    „Weil“, sie stöhnte genervt auf und riss die Tür hinter sich zu, „Sie mich brauchen. Ohne mich hätten Sie wahrscheinlich noch jahrelang Kerzen vor einem leeren Grab angezündet. Ich gebe zu, die Dinge haben sich arg stürmisch entwickelt und ich hätte Sie einweihen können. Sollen. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich die Wahrheit sage: Als ich Stegens Sarg öffnete, war er leer.“

    Valerian nahm sich ordentlich Bedenkzeit. Als er antwortete, war seine Stimme ruhig, beinahe tonlos.

    „Warum haben Sie dann meine Mutter angelogen?“

    „Weil ich ihr nicht vertraue. Und sie mir dumm kam.“

    „Das … ist Ihr Recht, schätze ich.“ Dann sah er zur Tür und wirkte irritiert. „Und warum haben Sie die Tür geschlossen?“

    „Damit der Hund nicht lauscht.“ Onduwen zuckte die Schultern, Valerian schob die Tür wieder auf und begab sich ins Freie.

    „Er ist ein Hund, er hört ohnehin alles. Und verständig ist er, ich bin ehrlich überrascht, wie leicht er Sie zu mir geführt hatte.“ Er streckte sich müßig. „Aber ich merke schon, Ihr Vertrauen ist ein rares Gut. Ich werde versuchen, es zu erwidern – Sie haben sich ohnehin einiges eingebrockt mit Ihrer nächtlichen Aktion, doch wenn Mutter auf jemanden hört, dann auf mich.“

    Draußen fehlte von Bär jede Spur. Sie folgte Valerian unter die Wolkendecke, trat neben ihn und starrte auf das Meer. Von hier aus ließ sich der Gegend eine gewisse Idylle nicht absprechen, auch wenn das Dorf in der Ferne wie ein schwarzer Tumor am Strand kauerte.

    „Ich hasse diesen Ort“, entfuhr Onduwen der ungefiltertste aller Gedanken, „aber reden wir nicht länger um den heißen Brei herum: Wer auch immer Ihren Vater ... weggeschafft hat, schloss hinter sich ab. Wer also verfügt über einen Kapellenschlüssel?“

    „Da gibt es eigentlich nur zwei Personen“, begann Valerian, „den Totengräber und die Priesterin. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass…“

    „Apropos Priesterin“, unterbrach ihn Onduwen, „Sie haben schon mit ihr gesprochen?“

    „Wenn man das denn so nennen kann. Sie zeigte keine Einsicht, beharrte darauf, dass Vater einer Intrige der Häuser zum Opfer gefallen ist. Es war ziemlich ermüdend.“

    „Dann schießen Sie sie in den Wind. Sie sagten selbst, dass Sie sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen dürfen.“

    „Dass das nicht so einfach ist, wurde mir gestern klar, nach unserem Gespräch im Garten. Ich mag nun über die weltlichen Angelegenheiten Schieferbuchts gebieten, doch sollte ich mir anmaßen, in das Seelenheil der Leute zu pfuschen, verliere ich mein Gesicht. Orphelias Status ist keiner, mit dem man leichtfertig hantieren kann.“

    „Vielleicht ist das auch besser so, zumindest für den Moment. Verschaffen Sie mir diese Priesterin, ich will sie mir endlich genauer ansehen. Wenn Sie mich in die Burg zurückbringen können – gut. Wenn Orphelia mir aber nur verschnürt begegnen sollte, stimmt mich das auch nicht nennenswert trübe.“

    Valerian stemmte die Hände in die Hüfte und seufzte, während der Seewind seine Haare flattern ließ. „Gut, gehen wir es an. Ich versuche, Mutter von Ihrer Unschuld zu überzeugen und ein Treffen mit Orphelia zu arrangieren und Sie… Sie haben einen Termin beim Totengräber, wenn ich mich nicht irre.“


    -.-


    Diese kürzeren Kapitel machen Laune, ich fühle mich so frei. Das war Hammonds Wirken, in der Rolle von:

    Onduwen: Onduwen

    Marlene Stegen: Marlene Stegen

    Chauncey: Chauncey

    Laura Ysallia: Laura Ysallia

    Marley: Irgendein Penner, dem wir ein Sandwich vom Kiosk versprochen haben

    Valerian Stegen: Valerian Stegen

    Bär: Bär


    Zitat von Duty Free, beste Nase der Stadt

    Seitdem die Realität bar jeder Parodie ist, schätze ich die Bodenständigkeit des bizarren Falls des Samuard Stegen umso mehr. Wie überaus erfrischend, dass Ulti H. einen so ordinären Zugang zur Fantasy unterhält.


    Zitat von Onduwens Vater

    Was kümmert es mich denn, dass Sie Arktos in einem Pokéball gefangen hat?


    Zitat von Cardi O, moderner Mensch

    Während ich den von Ulti H. praktizierten Bruch mit dem guten Ton durchaus wertschätzen kann, bevorzuge ich für meinen Teil das Aufbrechen von Jogurtpaaren. Die daraus gewonnene Bestätigung ist an Unmittelbarkeit nicht zu übertreffen.

  • Hallo,


    die letzten zwei Kapitel haben endlich mehr über das Verhältnis mit Ranveig Torbrecher offenbart, die bisher immer mit böser Zunge von Onduwen verabschiedet wurde. Und angesichts der Erlebnisse kann ich die gesamte Abneigung auch nachvollziehen. Interessant jedenfalls, dass sich Onduwen trotz allem nur als Spross dieses Heldentums ihrer Mentorin ansieht. Noch interessanter, wie sich angesichts der fehlenden Leiche Gerüchte scharen und sie in ihren Ermittlungen weiter behindert wird. Die Szene war bei Ysallia war amüsant und hat Abwechslung reingebracht. Persönlich erwarte ich vom Totengräber eine ähnlich schräge Charakterart, mit der er bei Onduwen anstoßt. Bin gespannt.


    Wir lesen uns!

  • Ulti, ich glaube du bist ein Multitalent. Du kannst zeichnen, Kämpfe austragen und hervorragend schreiben und aus dem Stand eine so gute – und noch dazu sehr interessante – Geschichte veröffentlichen, die irgendwie eine Mischung aus Komfort-Krimi-Roman und mittelalterlicher High Fantasy ist. Ich mag deinen malerischen und doch sehr präzisen Schreibstil. Die Beschreibungen der Akteure sind teilwiese unkonkret und doch so spezifisch, dass man eine genaue Vorstellung von den Personen haben kann; ich muss hier vor allem an die Beschreibung von Ophelia denken, die zu ihrer Profession auch irgendwie sehr gut passt. Du schaffst es generell, Dinge in Worte zu fassen, die sonst nicht fassbar zu sein scheinen, wie das Aussehen von Menschen. Man hat immer ein sehr genaues Bild von bestimmten äußerlichen Merkmalen anderer Personen. Eine genaue Beschreibung in Worte zu fassen ist aber ein sehr schwieriges Unterfangen, das du meines Erachtens sehr gut rübergebracht hast.


    Onduwan (oder eher Ondu, wie du sie liebevoll bezeichnest) ist eine sehr… interessante Protagonistin, die mir durchaus sympathisch ist. Generell erscheint sie alles andere als konfrontationsscheu zu sein und zugleich zieht sie durch ihre Präsenz und durch die Tatsache, dass sie im Schatten ihrer Adoptivmutter agiert, Ärger und Missgunst magisch an. Die Reise und ihre Mission in dieses – anders kann man es wohl nicht ausdrücken – trostlose Fleckchen Erde kann ihr vielleicht helfen, mit ihrer eigenen Vergangenheit abzuschließen (und das indem sie stets an ihre Mutter und an ihre Vergangenheit erinnert wird). Der „Informationsaustausch“ zwischen ihr und Wick haben einige Erlebnisse von Ondu ans Tageslicht gebracht und man versteht nach dem Lesen, wieso sie – wie anfänglich beschrieben – einen „abgeklärten“ Eindruck erweckt. Generell muss ich sagen, dass die Handlungsstränge sehr organisch wirken; alles wirkt irgendwie richtig, man merkt, dass die Handlung zielgerichtet und dennoch in mancher Hinsicht sehr ausschweifend ist. Es erinnert mich ein bisschen an Spiele wie Kathy Rain, Whispers of a Machine und The Excavagation of Hobs Barrow… nicht zuletzt besteht die Ähnlichkeit der Spiele und deiner Geschichte darin, dass eine weibliche Protagonistin und ihre Vergangenheit im Zentrum des Geschehens steht. Sowohl die Spiele als auch deine Geschichte vermitteln ein der Ortschaft anhaftendes Mysterium, das erst durch die Entdeckung der Protagonistin ans Tageslicht kommen wird. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass Hammonds „Verschwinden“ und Samuards Tod miteinander zusammenhängen und das Dorf – einschließlich Baronin Marlene – irgendwie selbst eine Ahnung haben, was passiert ist. Zu Ophelia muss ich sagen, dass sie entweder mehr weiß als sie zugibt (oder vielleicht gar für alles die Verantwortung trägt) und/oder einem religiösen Wahn erliegt. Auf jeden Fall hatte ich in der Vergangenheit auch mal Erfahrungen mit Pfarrern, die auf Beerdigungen geschmacklose Predigen vorführten – und ich neige dazu, religiösen Personen in (fiktiven) Geschichten zu misstrauen.


    Laura wirkt – neben Wick – unglaublich sympathisch; ich bin gespannt, wie sich ihr Charakter in den nächsten Kapiteln machen wird und ob sie Schuld an den aktuellen Ereignissen trägt. Für mich persönlich wirkt sie zunächst unschuldig und dass sie mehr Wert auf ihr Geschäft legt, als dass sie ernsthaft in diese Sache verwickelt ist.


    Insgesamt bin ich von deiner Geschichte mehr als begeistert und freue mich auf mehr!

  • Huhu, Graue Tage ist ja leider an mir vorbeigegangen (wobei das kann ja noch nachgeholt werden ´^´), aber da ich momentan etwas mehr Zeit habe, dachte ich mir das man die Gelegenheit ja auch mal am Schopf packen sollte. Also dachte ich, ich hinterlasse mal einen Kommentar :3


    Jedenfalls finde ich alleine den Startpost schon richtig kreativ. Vor allem das Vorwort. Wie bist du denn da darauf gekommen? Das ist ja mal mega kreativ. Und das Cover ist auch richtig hübsch geworden. Das ist selbst gezeichnet und zeigt wahrscheinlich einige der Charaktere? Jedenfalls richtig cool geworden. Oh und der Name hat auch nen ziemlich schönen Klang. Bin ja immer ein ziemlicher Fan von Kapitelübersicht. So findet man sich immer viel leichter zurecht, also schön, dass auch hier zu sehen. Es sind 10 Kapitel gelistet, bedeutet dann wohl das es insgesamt 10 Kapitel geben wird.


    Was mir gleich einmal auffällt ist der Umgang mit Worten, allen voran die Umgebungsbeschreibung. Die ist großartig. Du hast da echt ein Händchen für. Man kann sich die ganze Umgebung + Stimmung und Atmosphäre gut vorstellen. Auch wie die Charaktere sprechen und sich ausdrücken, ist hier sehr eindrucksvoll beschrieben. Dazu zählt auch die Körpersprache, die hier super dargestellt wurde und dem ganzen Text noch ne Runde Note gibt. Finde auch die Unterhaltung sehr unterhaltsam gestaltet.


    Bin leider erst mitten im ersten Kapitel (also genau da, wo sie ankommen), find die Story bis jetzt allerdings schon richtig interessant. Und die Charaktere mag ich jetzt schon. Also bin ich richtig gespannt, wie es da weiter gehen wird. Werde die nächsten Tage (oder Wochen, bin leider ne etwas langsame Leserin XD), mal versuchen etwas aufzuholen.^^


    Lg Sinya

  • Arkays Diener


    Onduwen, freischaffende Ermittlerin und Amateurin auf ebendiesem Gebiet, von reizbarem Gemüt und der Ignoranz nicht abgeneigt, hatte ihr Gepäck in den Letzten Schluck geschleift und sich ein Zimmer gemietet. Wie schon am vorherigen Tage hatte man unverhohlen gestarrt, als sie das Lokal betreten hatte, glücklicherweise fehlte heute der Funke, der mögliche Ausschreitungen entzünden konnte und so wurde zwar gemurmelt, aber nicht geschrien. Den Zimmerschlüssel in der Tasche verstaut ließ sie sich mit einer Schale Kartoffelsuppe in einer Ecke nieder, Wick kam bald dazu. Seine Frage nach ihrem Knöchel führte nirgendwo hin, denn es war nicht die Verletzung, die Onduwen heute Sorgen bereitete, sondern ihr Leben. Auch der Wirt wirkte geplagt.

    „Zahnschmerzen“, meinte er auf ihre Erkundigung, obwohl diese nur die Spitze des Eisberges an Beschwerden seien. „Dabei sollte ich nicht jammern – noch bin ich am Leben.“

    Onduwen ließ den Löffel ruhen und hob eine Augenbraue. „Leute sterben ernsthaft daran?“

    „Überaus ernsthaft. Wie die Fliegen, möchte man fast sagen; von gestern auf heute gleich vier davon – natürlich, niemand mit noch erwähnenswert viel Zeit vor sich, aber … das habe ich auch nicht. Wenn das so weitergeht, wird sich Schieferbucht bald selbst einschenken müssen, sollte in naher Zukunft denn noch jemand übrig sein. Ich fürchte, meine Zeit naht.“

    „Unsinn“, versuchte Onduwen ihn auf andere Gedanken zu bringen, obwohl auch sie bemerkt hatte, wie ungesund Wick inzwischen aussah. Seine Augen lagen tief und waren trübe, sein Gesicht eingefallen und über seinen knochigen Händen spannte sich fleckenübersäte Haut.

    „Kein Unsinn. Heute Morgen haben sie“, mit ‚sie‘ waren die Dörfler gemeint, „beschlossen, dass man keine Zeit mehr verlieren darf mit der nächsten Messe – niemand weiß, wie viele weitere Tote es bis zum nächsten Sundas noch geben wird, die Leute haben Angst. Eben vorhin ist ein Bürschchen mit noch wackeren Beinen zur Schwester Priesterin aufgebrochen, um sie zu drängen, den Gottesdienst so bald wie möglich abzuhalten. Und Theodard arbeitet sich den Rücken noch krummer, als er schon ist, um die Verlorenen zu verscharren.“

    „Der Totengräber“, riet Onduwen, „zu dem wollte ich ohnehin.“

    Wick nickte müde. „Genau der. Sie kommen herum – was wollen Sie von ihm?“

    „Ihm auf den Zahn fühlen… Verzeihung.“ Dann berichtete sie mit gedämpfter Stimme, was sie aus den merkwürdigen Ereignissen in Schieferbucht bisher hatte herauspressen können. Vom Verschwinden des toten Barons erzählte sie, von ihrer gescheiterten Untersuchung der Kapelle letzte Nacht und wie sie nicht einmal wusste, ob Stegen tatsächlich Gift zum Opfer gefallen ist; vom plötzlichen Sinneswandel seiner Frau und wie sie auf einmal nichts mehr auf die Aufklärung des Mordes zu geben schien; von ihrer Entdeckung von Hammonds Dokumenten im Süßigkeitenglas; von Schwester Orphelia und Totengräber Theodards möglicher Verstrickung in den Leichenraub; selbst den Gewerbemann Pierose, der sich zu nachtschlafender Zeit die Stiefel im Meer nässte, erwähnte sie, genauso wie das bisher einzige Motiv für Stegens Ableben von einer Unruhe stiftenden und wahrscheinlich höchst unzuverlässigen Quelle, der Priesterin, stammte und wahrscheinlich nicht mehr als unkritisch übernommener Groll war.

    „Kurzum: Gar nichts weiß ich“, beendete sie zuletzt ihre Ausführung, „und verschwende meine Zeit mit Nebensächlichkeiten. Ich trödle auf einer Gespensterjagd und schimpfe es Ermittlung – es fühlt sich an, als hätte mir dieses Dorf bereits Jahre meines Lebens genommen.“

    Lange schwieg Wick. Fast hätte Onduwen den Gedanken gefasst, dass er den Geräuschen der Schankstube Platz gemacht hatte und dies seine ganze Antwort war, doch dann sah er wieder auf, alt, müde. „Das … stimmt nicht ganz. Sie haben in Erfahrung gebracht, was wir alle bereits wussten – wir, die hier festsitzen, nicht weil wir nicht anders können, sondern weil wir nichts anderes kennen. Sie irren herum, treten auf der Stelle, hängen einer Vorstellung von Erwartung nach; einst einmal – vielleicht gar nicht lange her – mochten Sie sich in dieser Vorstellung erkannt haben, glaubten zu wissen, was Sie tun und lebten mit Absicht und einem scharfen Bild Ihrer Welt. Aber so läuft das hier nicht, wie Sie ganz richtig festgestellt haben. Perspektiven verschwimmen, werden erstickt und hinterlassen an ihrer statt Verwirrung.“ Langsam, bedächtig fuhr er sich über den Bart. „Sie können sie mit Erinnerungen dekorieren, oder noch besser: Mit Erwartungen, mit Ihrer Idee, wie die Dinge sein sollten und darin Halt suchen, noch lange nachdem die Erfüllung aufgehört hat, von Substanz zu sein. Sie wissen nicht, was Sie hier überhaupt noch sollen, wenn Ihnen das Fundament Ihrer Tätigkeit jeden gleichförmigen Tag mehr entgleitet – aber noch haben Sie eine Tätigkeit und bilden sich deren Bedeutung ein, also klammern Sie sich daran fest, versuchen sich Ihre Verwirrung so schön wie möglich herzurichten und schauen weg, wenn die Zeit an Ihnen vorbeizieht. Sie mögen im Falle des Baron Stegen kein Land sehen, aber Schieferbucht haben Sie verstanden.“

    Seine Rede war Onduwen in die Knochen gefahren. Nicht etwa, weil er besonders akkurat ihre Lage beschrieben hatte, schließlich war sie erst seit zwei Tagen hier – vielmehr hatte er die seine dargelegt und dabei in einen Abgrund blicken lassen, an den sie bisher keinen Gedanken verschwendet hatte. Schieferbuchts Niedergang war nicht bloß ein Produkt eines Fluches oder einer Krankheit, er hatte schon viel früher Fuß gefasst, allem voran in den Köpfen der Leute. Was ihr Valerian am gestrigen Morgen so sachlich erklärt hatte – es kam ihr vor, als läge dieses Gespräch schon Monate zurück – war keinesfalls nur die Geschichte einer unglücklichen politischen Wendung, vielmehr ein kollektives Schicksal, das einem ganzen Landstrich die Hoffnung geraubt und dessen Bewohner in eine sinnlose Schleife aus Gewohnheit geworfen hatte, zu der es keine Alternative zu geben schien.

    „Sie haben eine poetische Ader“, stellte sie hölzern fest und fixierte ihre Suppe. „Aber ich kann Ihnen versichern, dass früh genug hier fertig sein werde, um mich nicht von diesem Kaff fangen zu lassen.“

    „Das hoffe ich für Sie.“ Nur langsam schälte er sich aus der Melancholie, die ihn so plötzlich überkommen hatte und zwang sich dann in die Rolle des Wirts zurück, indem er ein paar hohle Worte mit dem Tisch neben ihnen wechselte. Danach galt seine Aufmerksamkeit wieder Onduwen, in der sich inzwischen echtes Mitleid regte:

    „Wenn ich gehe, kommen Sie mit mir. Schieferbucht kann ins Vergessen fahren, das kümmert mich nicht – aber ich will mir keine Vorwürfe machen müssen, weil ich Sie diesem widerlichen Dorf überlassen habe.“

    Unter Wicks Schnauzer zogen sich die Mundwinkel ergeben nach oben. „Und Sie wollten mir weismachen, dass Sie nicht mit Gesellschaft umgehen können. Ihre Aufmerksamkeit ehrt mich, aber … die Welt wartet nicht auf jemanden wie mich. Dasselbe sagte ich damals zu Ranveig, auch sie meinte, dies sei kein Ort, an dem man alt werden solle – doch ich bin es geworden, und hätte ich früher mein Glück noch anderswo, vielleicht im geschäftigen Wegesruh oder im malerischen Immerfort suchen können, so schreckt mich der Gedanke der Veränderung heute mehr denn je.“

    „Sie haben es gar nicht versucht“, dachte Onduwen laut nach und wünschte sich gleich darauf, dass sie den Vorwurf aus ihrer Stimme hätte tilgen können.

    „Nein, das habe ich nicht. Wie ich sagte: Die Vorstellung, was man zu sein hat – sie mag sinnlos sein und sich beizeiten eng anfühlen, aber sie stiftet wenigstens Halt.“

    Damit war für ihn alles gesagt und er erhob sich, um Madris Position hinter dem Tresen zu übernehmen. Das Mädchen widmete sich darauf der Bedienung, beteiligte sich mal schlagfertig, mal kichernd am Geplapper und Gepöbel der ausgeblichenen Gestalten in der Herberge, denn auch sie kannte nichts anderes. Onduwen fiel auf, dass sie sich merklich krummer hielt als gestern, eine unangenehme Erinnerung daran, dass auch ihre Zeit stetig verstrich und jede weitere Grübelei ihren Aufenthalt in Schieferbucht nur verlängerte.


    -.-


    Totengräber Theodards Häuschen war nicht aus Holz, sondern aus Stein errichtet worden und lag einsam am Fuße der Schieferklippe, wo das bewaldete Gefälle auf die Küste traf. Ein durch den Regen rostzerfressener Eisenzaun grenzte es vom Rest des Dorfes ab und verschwand nach Süden zwischen den dunklen Tannen, dahinter wuchsen hölzerne Grabkreuze aus dem feuchten Boden, manche alt und morsch, viele davon aber noch hell und frisch. Des Totengräbers Arbeitsweg war ein kurzer. Als Onduwen über den Friedhof schritt auf dem kurzen Pfad, aus dem der ewige Niesel den Kies gewaschen hatte, kreuzte ihr Blick denjenigen eines alten Mütterchens, das die Herannahende von seiner Fensterwarte im Häuschen aus schon seit geraumer Zeit ins Auge gefasst hatte. Die Frau, deren Gesicht so verkniffen daherkam, dass eine lokale Gravitation nicht auszuschließen war, schien nicht besonders erfreut, sie zu sehen.

    „Verschwinden Sie“, wurde Onduwen nach schieferbuchter Art begrüßt, doch keine Bosheit lag in der Aussage, nur nüchterne Gewohnheit. Ihre Aufforderung jedoch wurde ebenso abgeklärt in den Wind geschlagen, Onduwen nahm die letzten Schritte zum Häuschen und sah dann mit verschränkten Armen überall hin, nur nicht zu der alten Frau. So hatten beide Parteien zu starren, während fein der Regen fiel. An den verwitterten Wänden rankte sich der blasse Efeu hoch; früher einmal hatte man sich wohl bemüht, ihn unter Kontrolle zu halten, heute aber zeugten nur noch die dunklen Abdrücke der Haftwurzeln davon. Unter dem Fenster, in dem sich das Mütterchen eingerichtet hatte, lagen assortiert einige Holzscheite herum – für den Winter würden sie nicht reichen. Es war alles entsetzlich gewöhnlich, schließlich akzeptierte Onduwen diesen Umstand.

    „Ich brauche den Totengräber.“

    „Natürlich tun Sie das. Ihr Städter braucht immer irgendetwas.“

    Unter ihrem Hut leistete sich Onduwen ein Blinzeln, unschlüssig, ob dieser Aussage weitere folgen würden. Tatsächlich war dem so, aber erst, als die Alte eingesehen hatte, dass auch ihre Besucherin das Maul nicht zu verschieben beabsichtigte. „Er schläft. Er ist müde.“

    Ein kurzer Blick zum bewölkten Himmel verriet, dass es kurz nach Mittag sein musste – eine ungewöhnliche Zeit, um sich dem Schlummer hinzugeben, wie Onduwen fand; doch auch ihr würde die Müdigkeit nicht so arg in den Knochen stecken, hätte sie sich letzte Nacht mit dem Anstand zufriedengegeben.

    „Dann wecken Sie ihn. Ich muss ihn sehen.“

    „Das ist doch die Höhe“, maulte das Mütterchen, in einem Tonfall, der ganz und gar nicht nach der Höhe klang, „ich sitze hier mit meinem grauen Haupt und frage mich, in was für einer Welt ihr Leute überhaupt lebt. Weder führen wir hier ein Museum, noch bin ich irgendjemandes Bedienstete. Das habe ich bereits Ihrem Kumpanen heute Morgen erklärt – ihr Reisende solltet euch wirklich besser organisieren, dann käme ich auch öfters zum Schweigen.“

    Jetzt aber hatte sich Onduwen an einer Kleinigkeit in diesem ansonsten so belanglosen Austausch gestoßen, sie war hellhörig geworden. „Jemand war heute Morgen hier?“

    „Ja.“ Ein finsterer Blick, sonst nichts.

    Wer war heute Morgen hier“, wollte Onduwen ermattet nachbohren, aber nach der Hälfte des Satzes war die Alte verschwunden und erst wieder aufgetaucht, als sie eine kleine Tontasse auf den Fenstersims gestellt hatte. Onduwen verstand, verdrehte die Augen und ließ das letzte Glied ihres Ringfingers in die Tasse fallen.

    „Feiner Schnauzer. Vernarbt, so“, bröselte daraufhin die Wächterin des Hauses über die dünnen Lippen, während sie die Scherbe genaustens begutachtete, „Feine Kleidung auch, Städter eben.“

    „Aus Wegesruh, ja.“ Diesen Besucher zu bestimmen war nicht schwierig, schwierig war nur, etwas mit der Information anzufangen; dass Pierose hier herumstolperte und ihr die Leute scheu machte, hatte ihr gerade noch gefehlt - und dennoch wucherte in ihrem Hinterkopf die Ahnung vor sich hin, dass Leute von seinem Schlag nichts ohne Absicht taten: „Er hat Ihnen bestimmt einen Grund für sein Erscheinen genannt.“

    Das habe er, kam es daraufhin vom Fenster, er hatte sich nämlich den Friedhof ansehen wollen. Onduwen konnte dies zwar nicht im Geringsten nachvollziehen, ließ sich aber nicht zu einer Unterbrechung hinreißen.

    „Wenn Sie mich fragen, dann spinnt der. Wandelte zwischen den Gräbern, als glaube er sich in einem Spaziergarten – und dabei schien ihn kein einziges zu interessieren, stellen Sie sich das nur vor.“

    Onduwen tat so, als stelle sie es sich vor.

    „Natürlich habe ich ihn nicht aus den Augen gelassen, meine Augen sind nämlich noch scharf, wissen Sie – hier habe ich gesessen, und als er um die Ecke ging, habe ich das Fenster gewechselt. Und was sah ich da, was glauben Sie, was ich da gesehen habe?“

    Die nächste Reaktion Onduwens war das Schieflegen des Kopfes.

    „Sein Schmuckstück hat er geschwungen, wie einer dieser … Wünschelrutenscharlatane. Und sowas soll einem geheuer sein! Natürlich habe ich ihn darauf zu Sheor gejagt, da konnte er sich noch so sehr überschlagen mit Ausreden und Entschuldigungen. Wir pflegen diese Gräber nun schon seit vierundfünfzig Jahren, doch noch nie hatten wir das Verlangen nach“, ihre als scharf bezeichneten Augen nahmen Onduwen fest ins Visier, während sie die Vergessensscherbe aus der Tasse klaubte und sogleich wieder geräuschvoll hineinfallen ließ, „Zaubertricks.“

    Offensichtlich war ihr Redefluss nun versiegt. An seine Stelle war dieselbe kaltschnäuzige Gleichgültigkeit getreten, mit der man schon begrüßt worden war und Onduwen besann sich ebenfalls zurück auf ihr eigentliches Anliegen.

    „Hakenhände stehen mir nicht, ich habe es versucht“, ertränkte sie ihre Rechtfertigung in Indifferenz, und obwohl sie gerne mehr über Pieroses Treiben auf dem Friedhof erfahren hätte, so fürchtete sie, dass sie bereits am Grund des Wissensschatzes der alten Frau angelangt war. „Und jetzt will ich den Totengräber sprechen. Mein Mantel lässt nämlich langsam durch.“

    „Er schläft. Er ist müde.“

    Sie atmete sich den Unmut aus dem Leib und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Bär sie hinter einem Grabkreuz versteckt fixierte. „Ich komme jetzt rein.“


    -.-


    Die Stiefel hatte Onduwen so laut wie möglich abgetreten, denn sie war effizient und hoffte, damit den schlafenden Theodard zu wecken. Vorerst aber hatte sie sich nur einen vernichtenden – durchaus scharfen – Blick zugezogen, auch machte die Alte keinerlei Anstalten, ihr irgendwie mit Gastfreundschaft zu begegnen. Sie saß noch immer am Fenster auf ihrem Schemel, hatte die Arme mürrisch verschränkt und gab Onduwen ausschließlich über ihr Gesicht Auskunft, denn als sich diese der ferneren der beiden Türen zur Stube näherte, wurde Theodards Gefährtin noch eine Spur säuerlicher. Mit Anklopfen hielt sich Onduwen nicht auf, sie trat ohne weitere Worte ein und kam nicht besonders weit, denn die Kammer war gerade groß genug um die Tür zu öffnen, ohne sie an das Bett darin zu stoßen. Tageslicht gab es keines, dafür sorgten die geschlossenen Läden vor dem einzigen, winzigen Fenster; im Halbdunkel ließen sich unter einer wäschelosen Bettdecke die Umrisse einer Person ausmachen, dies musste der Totengräber sein. Zwischen Bettkante und Wand stand ein Stuhl, Onduwen zog ihn lautstark über den Holzboden und setzte sich verkehrtherum, als dies beim Schlafenden keine Reaktion auslöste, trat sie gegen das Bettgestell. Das wirkte. Theodard zwang die verklebten Augen auf, öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch und starrte Onduwen an, erst gedankenlos, dann sichtlich schockiert.

    „Josefine!“, krächzte er und wand sich in der Decke, „Das Dominion ist hier…!“

    „Ist es nicht“, knurrte Onduwen und gab der Tür einen Stoß, als sie in der Stube das Rücken des Schemels vernahm. Dann erklärte sie sich – was davon wirklich ankam, konnte sie nicht exakt bestimmen. Überhaupt fragte sie sich, wie dieses Elend von einem Mann die Toten unter die Erde zu bringen vermochte, geschweige denn sein Bett verlassen konnte; war ihr zuvor noch Wicks Altersschwäche aufgefallen, so war sie beim Totengräber sein nahezu einziges Merkmal. Er erinnerte an einen der zu Rastlosigkeit neigenden Toten der Nord, die mittels Einbalsamierung gegen die Zeit gewappnet wurden: Zwischen Haut und Knochen schien kein Fleisch mehr zu existieren, allzu schütteres Haar klammerte sich wie Sumpfgras an seinen Skalp und in seinem Mund gab es mehr Lücken als Zähne. Onduwen traute sich kaum zu atmen, aus Angst, ihn zu zerbrechen – Theodard hingegen hatte keine solche Bedenken.

    „Und jetzt“, murmelte er unter pfeifenden Schnaufern, „kommst du götterloses Spitzohr, du Südpocke an, um mich in meinen letzten Tagen zu verhöhnen. Aber wisse dies, Kampfhund Ayrenns: Arkay mag meiner Dienste im Diesseits überdrüssig geworden sein, doch meine Seele wird auf ewig in seinem Schoß geborgen bleiben. Kannst du dasselbe behaupten?“

    „Was kümmert mich diese Elfenkönigin“, herrschte Onduwen ihn an, „Sie sollen mir sagen, was Sie letzte Nacht mit Ihrem Kapellenschlüssel angestellt haben! Wo ist Samuard Stegen?“

    Nachdem sie den toten Baron erwähnt hatte, veränderte sich Theodards seniles Antlitz geringfügig; sein Mund verzog sich zum schwächsten Lächeln, beinahe wirkte er ehrfürchtig. „Ah, der Baron Stegen… An einem besseren Ort ist er, um den gerechten Lohn für seine unermüdlichen … Mühen einzustreichen. Möge er in Frieden ruhen.“

    „Ich fürchte, das tut er eben nicht.“

    „Spotte nur, Spitzohr. Was versteht deine Art schon vom Jenseits.“

    „Was verstehen Sie alter Narr überhaupt von dem, was ich sage?“, explodierte Onduwen. „Stegens Leiche wurde entwendet und Sie sind verdächtig, Totengräber!“

    Ihr plötzlicher Ausbruch schien durch Theodards Schleier des Greisentums gedrungen zu sein, auf einmal blinzelte er hektisch und sah ihr dann mit klapperndem Kiefer direkt in die Augen.

    „Was – entwendet? Unerhört! Die Toten sind doch keine … Ware!“

    „Was mich betrifft, so könnten Sie sich auch bloß sehr überzeugend dumm stellen. Wenn Sie denn jetzt endlich so gut wären, mir zu erklären, was Sie gestern Nacht getrieben haben.“

    Er wirkte eingeschüchtert – endlich. „Ich … ich ging früh zu Bett. Nach der Feier ging ich schnurstracks nach Hause, ich hatte doch die Bellad Frenne und den Lou von den Laywalds beizusetzen. Danach war ich so erschöpft, dass ich mich gleich hingelegt habe, hier, schau jetzt.“ Umständlich rührte er sich unter der Decke, schlug sie dann zurück und Onduwen staunte nicht schlecht. Wo andere Leute Fuß und Wade hatten, ging Theodards Knie unter spröden Verbänden in eine Schaufel über, an der zerdrückte Erde klebte. Entgegen seinem ansonsten so ausgemergelten Körper war sein Oberschenkel beeindruckend muskulös und die Bewegungen, die er darauf mit dem Werkzeug ausführte, deuteten auf einen geschickten Umgang damit hin. Matt wischte er die Erdkrümel vom Laken.

    „Ich war Belagerungsoperateur, damals in der Schlacht von Roebeck – habe mir das dumme Ding im Tribok eingeklemmt, keine große Kriegsgeschichte… Doch Arkay nahm sich meiner an und gab mir eine Bestimmung, als das Bündnis keine Verwendung mehr für mich hatte. Ach, Josefine mag es nicht, wenn ich schmutzig zu Bett gehe… Aber ich mag mich doch nicht mehr bücken…“

    Onduwen hatte sich pflichtbewusst erhoben und einige Brösel der Erde zwischen den Fingern zerrieben, sie schien mehr oder weniger frisch zu sein. Dann setzte sie sich wieder und dachte nach. Es schien ihr zunehmend unwahrscheinlich, dass sich dieser tattrige Veteran nach seiner Bestattungstätigkeit noch einmal zum Schloss hochgemüht hatte, denn bestattet hatte er wohl.

    „Haben wir eigentlich gewonnen?“, wollte Theodard wissen, nachdem er sich wieder hingelegt und zugedeckt hatte. Onduwen zuckte die Schultern.

    „Woher soll ich das wissen. Ich weiß nicht einmal, wer den Stegen gestohlen hat.“

    „Und du glaubst jetzt zu denken“, er hatte den Arm hochgemüht und schwang den Zeigefinger der Decke entgegen, „dass ich es gewesen sein könnte.“

    „Ich denke, dass die Kapelle aufgeschlossen wurde. Und Sie haben einen Schlüssel.“

    „Unverschämtheit – wer bin ich denn. Nichts erwarte ich von einem Heidenweib wie dir, darum lass mich ausführen: Als ergebener Diener des Herrn der Jahreszeiten bin ich gewiss der Letzte, der Arkay mit Grabräuberei Schande bereiten würde.“

    „Das verhält nicht. Eure Priesterin wird dasselbe behaupten, und außer ihr und Ihnen kommt niemand sonst in Frage. Mir scheint, als hätte sich Arkay in mindestens einem seiner Diener getäuscht.“

    Sie wusste sehr wohl, dass sie damit nur provozierte – aber wenn sie schon den alten Krüppel ausschließen konnte, ließe sich vielleicht noch etwas zu Orphelia aus ihm herauspressen.

    „Miststück. Dich meine ich damit, nicht etwa die Schwester Orphelia – was maßt du dir eigentlich an. Am Ende-“ Er wurde von einem wüsten Husten geschüttelt und brach ab. Onduwen hob bloß eine Augenbraue.

    „Am Ende was.“

    „Ja, am Ende. Ich bin am Ende, es ist bedauerlich…“ Er schien vergessen zu haben, worauf er noch Sekunden zuvor hinausgewollt hatte. „Doch ich werde Arkays Weisheit nicht hinterfragen. Wenn er meines Schaffens überdrüssig geworden ist, so kann das nur bedeuten, dass es schon bald nichts mehr zu beerdigen geben wird. Und das ist schön. Soll mich die Schwester überleben – sie kümmert sich um die Seelen der Verblichenen, ihre Pflicht wird die meine überdauern. Und wenn sie es war, die den seligen Baron verlegt hat, so wird sie ihre Gründe gehabt haben, die du nicht verstehst.“

    Onduwen war milde enttäuscht darüber, wie schnell der Totengräber vom Verdammen der Grabräuberei zur Billigung von Orphelias angeblichen Gründen gesprungen war, doch sie ließ es gelten. Der ätzende Veteran in seinem stickigen Kämmerchen hatte sich als Sackgasse erwiesen, jetzt war es an der Zeit, aus dem eingegrenzten Kreis der Verdächtigen Kapital zu schlagen. Sie nahm den Hut, grunzte eine Verabschiedung und rauschte dann aus dem Zimmer, vorbei an Josefine und hinaus in die kühle Frühlingsluft, wo sie tief Luft holte und anschließend eine kleine Runde zwischen den Gräbern drehte. Tatsächlich stieß sie auf Abdrücke ebenjener Stiefel, die sie gestern durchnässt an Händen gesehen hatte, auch fand sie die frischen Kreuze von Bellad Frenne und Lou Laywald, beide gestorben in einem Alter, in dem man konventionell noch nicht zu sterben hat. Ansonsten war da nichts. Von Stiefeln rutschte ihr Geist in die eigenartige Vorstellung, wie Theodard die Gräber mit seinem Schaufelbein ausgehoben hatte, sie erkannte, dass es hier nichts mehr zu holen gab und kehrte in den Letzten Schluck zurück.


    -.-


    Auf der Treppe zur Veranda wäre sie beinahe mit Valerian zusammengestoßen, noch immer gab er sich große Mühe, verhüllt auszusehen, was sie überaus amüsierte. Ysallias Bemerkung bezüglich einer Investition kam ihr wieder in den Sinn.

    „Vielleicht macht Liebe wirklich blind, hm.“

    Unter seiner Kapuze schoss die Röte in Valerians blasses Gesicht. In echter Verlegenheit hatte Onduwen ihn bisher noch nicht erlebt, nun aber wurde sie daran erinnert, dass der neue Baron Stegen unter all der Ernsthaftigkeit und Beflissenheit im Grunde auch nur knapp aus der Jugend herausgewachsen war.

    „Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie“, versuchte er sich zu fangen und stolperte dann über ihre beiläufige Bemerkung, „Was – was meinen Sie mit…?“

    „Sie waren bei der Wirtstochter, nehme ich an? Eine mutige Zeit für derlei Besuche.“

    „Wären Sie doch bloß so zielsicher bei Ihren eigentlichen Ermittlungen“, ließ er sich hinreißen, verbat sich aber sogleich das Wort und Onduwen wäre beinahe ärgerlich geworden, musste ihm aber innerlich zu seiner Schlagfertigkeit gratulieren.

    „Kein Vorwurf, Junior. Wäre ich etwas jünger“, sie machte eine Pause, um sich an der blitzartigen Verfinsterung seines Gesichts zu weiden, „wüsste ich trotzdem nichts mit ihr anzufangen, keine Sorge.“

    „Wenn Sie mit Ihrem durch Abenteurertage raffinierten Geschmack Eindruck schinden wollen, so muss ich leider zugeben, dass ich Besseres zu tun habe.“

    Es war beinahe komisch, wie einfach sie einen Nerv getroffen hatte, aber auch nur beinahe, denn die entstandene Spannung war selbst für Onduwen greifbar. Valerian hatte nämlich durchaus Recht, sie hatten beide Besseres zu tun.

    „Keinesfalls. Ich habe viele Dummheiten begangen, aber Liebe und Romantik bin ich nie verfallen – fragen Sie mich also nicht nach dem Hebelpunkt einer Frau; fragen Sie mich nach dem Totengräber.“

    Der abrupte Themenwechsel ließ Valerian einen Augenblick sinnieren, dann aber akzeptierte er ihn bereitwillig.

    „Nun denn. Der Totengräber.“

    „Er macht es nicht mehr lange, da bin ich mir sicher. So sicher, dass ich sogar ausschließen möchte, dass er es war, der zu nachtschlafender Zeit den Aufstieg zum Schloss auf sich genommen hatte, denn das musste er, war er zuvor eindeutig mit seinem Handwerk auf dem Friedhof beschäftigt gewesen.“

    „Wenn das so ist…“, Valerian nickte bedächtig, „Also Orphelia.“

    „So scheint es. Ich meine, Sie haben sie noch nicht erwischt?“

    „Nein. Ich war im Dorf.“

    „Richtig, das waren Sie. Wahrscheinlich können Sie es sich bereits denken, aber es nützt niemandem, wenn die Schwester Priesterin weiß, was wir wissen. Sie darf sich nicht in Gefahr wähnen, egal, wie gerechtfertigt sie sein mag – ansonsten geht sie uns noch durch und wir finden Ihren Vater niemals.“

    Wieder nickte Valerian und lehnte sich an das Geländer, das noch immer Onduwens Faustabdruck trug. „Was schlagen Sie also vor?“

    „Nichts Neues. Reden Sie Ihrer Mutter gut zu, bringen Sie mich in das Schloss zurück, damit ich Orphelia in die Finger kriege. Alternativ besuche ich die nächste Messe und passe ihr dort ab, aber wer weiß, was sich bis dahin alles getan hat.“

    „Nichts, auf was man sich zu freuen hat, fürchte ich.“


    -.-


    In der Nacht tat sich Onduwen schwer mit dem Schlafen. Hin und her wälzte sie sich in ihrem Gästebett, ließ die Decke rotieren wie ihre ziellosen Gedanken und gab sich ihrer durchweg beschissenen Laune hin. Sie wäre wohl erleichtert gewesen, als sie sich endlich durch den Schlossgarten der Stegens rennend fand, hätte nicht eine ungeheuerliche Angst von ihr Besitz ergriffen. Hinter ihr kreischte Schwester Orphelia unablässig „Fluch, Fluch!“ und jagte sie auf Bär, diesem Untier, durch Hecken und Beete. Es spielte keine Rolle, wie schnell sie war, wie geschickt sie sich anstellte beim Hakenschlagen durch den Garten, der Hund ließ sich nicht abschütteln und schnappte wie besessen nach ihren Füßen – ihre unermesslich zähen Schritte vermochten sie vielleicht über die Kieswege tragen, an der Distanz zwischen ihr und ihren Verfolgern aber änderten sie gar nichts. Schließlich stand sie vor der Kapelle. Die Tür stand weit offen und Onduwen hastete hinein, schlug sie hinter sich zu und hielt dagegen, während draußen Bär die Zähne fletschte und Orphelias hohles Geschrei nicht abbrechen wollte.

    Als sie wieder zu Atem gekommen war, hatten sich Onduwens Augen an die Dunkelheit in der Kapelle gewöhnt. Zwischen den Bänken, im Gang zum Altar, lag ein Sarkophag: Auf seinem Deckel sprang Arielle Stegen unbekleidet auf und ab, die nackten Füße bei jeder weiteren Landung energisch in die steinerne Oberfläche stemmend. Sie hielt inne, starrte Onduwen an mit einer Neugier, wie sie nur den Kindern eigen war und sprach, während ihre schwarzen Haare blond und wieder schwarz wurden:

    „Wie peinlich.“

    Dann schob sich der Deckel zur Seite, Arielle stürzte vom Sarkophag und schlug sich den Kopf an einer Bank auf, grünes Blut floss aus der Wunde. Onduwen sah sich zu ihr eilen und ihren schlaffen Kopf zwischen den Händen halten, während das Knirschen des Sargdeckels nicht mehr abbrach – und als sie den eisigen Griff des Barons um ihren Hals spürte, wachte sie schweißnass auf.

    Panisch nach Atem ringend wagte sie keine Regung; so lag sie lange Zeit wie erstarrt in ihrem Bett und erschrak ein weiteres Mal bis ins Mark, als sie die Bettdecke endlich von sich geworfen hatte: Im Dämmerlicht der Morgenstunden starrte sie auf ihre Hand, die faltig und dürr geworden war.


    -.-



    Oh Hells, das war wieder anständig viel. Meine Drafts haben diesem Kapitel niemals die Größe eingeräumt, die es schlussendlich angenommen hat, denn eigentlich war wirklich nur die Unterredung mit dem Totengräber und die Traumsequenz geplant gewesen. Naja, ich habe mich gespürt. Um dieser Abmoderation aber trotzdem noch einen Hauch der Existenzberechtigung zuzugestehen, will ich noch informiert haben, dass gewisse Personenbeschreibungen im ersten Kapitel zurechtgestutzt wurden, um meiner aktuellen Vision zu entsprechen – Pierose wurde dem Titelbild und Arielle den Bedürfnissen der Story angepasst, unter dem Strich aber nichts Dramatisches. Danke fürs Lesen, bevor wir uns Onduwen zählt Bäume annehmen, schalten wir zu den Kommentaren.


    Zitat von Charles Statham, zunehmend

    Gööd.


    Zitat von Flizzy Fler, Erfinder & Urheber

    Neidischer Schwanz, wer den bizarren Fall des Samuard Stegen nicht peilt, Digga. In Miami schütteln die Ollen Arsch zu Lesungen von Ulti H.


    Zitat von Karin Keller-Sutter, ausgerechnet gelernte Dolmetscherin

    Aroace Icon Ondu beeindruckt mich nicht. Habe die Kollegin neulich im Dufort-Anleger 1vX‘t als sie die Treppe zur Mitte hochstreaken wollte, die trägt wirklich noch immer Way of Fire 💀💀💀


    Tretend und kreischend zerrt man mich aus dem Untergrund.


    Hallo,


    die letzten zwei Kapitel haben endlich mehr über das Verhältnis mit Ranveig Torbrecher offenbart, die bisher immer mit böser Zunge von Onduwen verabschiedet wurde. Und angesichts der Erlebnisse kann ich die gesamte Abneigung auch nachvollziehen. Interessant jedenfalls, dass sich Onduwen trotz allem nur als Spross dieses Heldentums ihrer Mentorin ansieht. Noch interessanter, wie sich angesichts der fehlenden Leiche Gerüchte scharen und sie in ihren Ermittlungen weiter behindert wird. Die Szene war bei Ysallia war amüsant und hat Abwechslung reingebracht. Persönlich erwarte ich vom Totengräber eine ähnlich schräge Charakterart, mit der er bei Onduwen anstoßt. Bin gespannt.


    Wir lesen uns!

    Ja, Ondu T. steht leider nicht für gefestigte Identität – täte sie es, wäre sie wohl aus anderen Gründen nach Schieferbucht gekommen und hätte einfach kassieren wollen, anstatt sich noch beweisen zu müssen. Vielleicht war der ehemalige Ballgroupsurfer Theodard (der bizarre Fall ist nichts, wenn nicht meta) nach deinem Geschmack; nachdem mir mitten im Kapitel bewusst wurde, dass die Bretonen etwa das einzige Menschenvolk sind, die nicht per default Elfen hassen, schüttelte ich mir eine Vergangenheit im Allianzkrieg aus dem Ärmel und habe die für Spannungen eingespannt, die die Fremdenfeindlichkeit aus der Stadt-Land-Distinktion noch etwas weiter unterstützt.


    Ulti, ich glaube du bist ein Multitalent. Du kannst zeichnen, Kämpfe austragen und hervorragend schreiben und aus dem Stand eine so gute – und noch dazu sehr interessante – Geschichte veröffentlichen, die irgendwie eine Mischung aus Komfort-Krimi-Roman und mittelalterlicher High Fantasy ist. Ich mag deinen malerischen und doch sehr präzisen Schreibstil. Die Beschreibungen der Akteure sind teilwiese unkonkret und doch so spezifisch, dass man eine genaue Vorstellung von den Personen haben kann; ich muss hier vor allem an die Beschreibung von Ophelia denken, die zu ihrer Profession auch irgendwie sehr gut passt. Du schaffst es generell, Dinge in Worte zu fassen, die sonst nicht fassbar zu sein scheinen, wie das Aussehen von Menschen. Man hat immer ein sehr genaues Bild von bestimmten äußerlichen Merkmalen anderer Personen. Eine genaue Beschreibung in Worte zu fassen ist aber ein sehr schwieriges Unterfangen, das du meines Erachtens sehr gut rübergebracht hast.


    Onduwan (oder eher Ondu, wie du sie liebevoll bezeichnest) ist eine sehr… interessante Protagonistin, die mir durchaus sympathisch ist. Generell erscheint sie alles andere als konfrontationsscheu zu sein und zugleich zieht sie durch ihre Präsenz und durch die Tatsache, dass sie im Schatten ihrer Adoptivmutter agiert, Ärger und Missgunst magisch an. Die Reise und ihre Mission in dieses – anders kann man es wohl nicht ausdrücken – trostlose Fleckchen Erde kann ihr vielleicht helfen, mit ihrer eigenen Vergangenheit abzuschließen (und das indem sie stets an ihre Mutter und an ihre Vergangenheit erinnert wird). Der „Informationsaustausch“ zwischen ihr und Wick haben einige Erlebnisse von Ondu ans Tageslicht gebracht und man versteht nach dem Lesen, wieso sie – wie anfänglich beschrieben – einen „abgeklärten“ Eindruck erweckt. Generell muss ich sagen, dass die Handlungsstränge sehr organisch wirken; alles wirkt irgendwie richtig, man merkt, dass die Handlung zielgerichtet und dennoch in mancher Hinsicht sehr ausschweifend ist. Es erinnert mich ein bisschen an Spiele wie Kathy Rain, Whispers of a Machine und The Excavagation of Hobs Barrow… nicht zuletzt besteht die Ähnlichkeit der Spiele und deiner Geschichte darin, dass eine weibliche Protagonistin und ihre Vergangenheit im Zentrum des Geschehens steht. Sowohl die Spiele als auch deine Geschichte vermitteln ein der Ortschaft anhaftendes Mysterium, das erst durch die Entdeckung der Protagonistin ans Tageslicht kommen wird. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass Hammonds „Verschwinden“ und Samuards Tod miteinander zusammenhängen und das Dorf – einschließlich Baronin Marlene – irgendwie selbst eine Ahnung haben, was passiert ist. Zu Ophelia muss ich sagen, dass sie entweder mehr weiß als sie zugibt (oder vielleicht gar für alles die Verantwortung trägt) und/oder einem religiösen Wahn erliegt. Auf jeden Fall hatte ich in der Vergangenheit auch mal Erfahrungen mit Pfarrern, die auf Beerdigungen geschmacklose Predigen vorführten – und ich neige dazu, religiösen Personen in (fiktiven) Geschichten zu misstrauen.


    Laura wirkt – neben Wick – unglaublich sympathisch; ich bin gespannt, wie sich ihr Charakter in den nächsten Kapiteln machen wird und ob sie Schuld an den aktuellen Ereignissen trägt. Für mich persönlich wirkt sie zunächst unschuldig und dass sie mehr Wert auf ihr Geschäft legt, als dass sie ernsthaft in diese Sache verwickelt ist.

    Oh Rini, ich habe mich gefreut wie ein Kind, als ich lesen durfte, dass ich dich abgeholt habe – du hältst mir den Umgang mit Worten zu, aber meine Begeisterung über diesen wundervollen Kommentar geht über meine Fähigkeit des Beschreibens hinaus. Mischung aus Komfort-Krimi-Roman und mittelalterlicher High Fantasy trifft dabei ziemlich ins Schwarze, denn das sind die zwei Dinge, die mich überhaupt zu dieser Geschichte motiviert haben – ich spiele ESO und lese Glauser und so, der bizarre Fall trieft dann aus dieser Vereinigung und wird hier aufgefangen. Die genannten Spiele kenne ich leider nicht 🥲 Aber deine Mutmaßungen sind gewiss nicht fehl am Platz, es gibt noch ein bisschen Dreck auszugraben und auch die Geschäftigkeit wird nicht zu kurz kommen. Die Inspiration für Orphelia war tatsächlich meine Religionslehrerin in der Grundschule, die ernsthaft Frau Bischof hieß und viel dogmatischen Unsinn von sich gegeben hat, ich habe die Schwester Priesterin nie mit der Absicht geschrieben, vertrauenswürdig zu sein 😮‍💨


    Huhu, Graue Tage ist ja leider an mir vorbeigegangen (wobei das kann ja noch nachgeholt werden ´^´), aber da ich momentan etwas mehr Zeit habe, dachte ich mir das man die Gelegenheit ja auch mal am Schopf packen sollte. Also dachte ich, ich hinterlasse mal einen Kommentar :3


    Jedenfalls finde ich alleine den Startpost schon richtig kreativ. Vor allem das Vorwort. Wie bist du denn da darauf gekommen? Das ist ja mal mega kreativ. Und das Cover ist auch richtig hübsch geworden. Das ist selbst gezeichnet und zeigt wahrscheinlich einige der Charaktere? Jedenfalls richtig cool geworden. Oh und der Name hat auch nen ziemlich schönen Klang. Bin ja immer ein ziemlicher Fan von Kapitelübersicht. So findet man sich immer viel leichter zurecht, also schön, dass auch hier zu sehen. Es sind 10 Kapitel gelistet, bedeutet dann wohl das es insgesamt 10 Kapitel geben wird.


    Was mir gleich einmal auffällt ist der Umgang mit Worten, allen voran die Umgebungsbeschreibung. Die ist großartig. Du hast da echt ein Händchen für. Man kann sich die ganze Umgebung + Stimmung und Atmosphäre gut vorstellen. Auch wie die Charaktere sprechen und sich ausdrücken, ist hier sehr eindrucksvoll beschrieben. Dazu zählt auch die Körpersprache, die hier super dargestellt wurde und dem ganzen Text noch ne Runde Note gibt. Finde auch die Unterhaltung sehr unterhaltsam gestaltet.


    Bin leider erst mitten im ersten Kapitel (also genau da, wo sie ankommen), find die Story bis jetzt allerdings schon richtig interessant. Und die Charaktere mag ich jetzt schon. Also bin ich richtig gespannt, wie es da weiter gehen wird. Werde die nächsten Tage (oder Wochen, bin leider ne etwas langsame Leserin XD), mal versuchen etwas aufzuholen.^^


    Lg Sinya

    Hach Sinya, mein nonchalantes Fanart-Idol, auch du hast mir den Sonntag gemacht mit deinem Kommentar. Den Anstoß für den Startpost gab mir, wenig überraschend, das Intro des Albums Einsam sterben die Tapferen im Sinne einer prahlerischen Eröffnung, danach habe ich einfach laufen lassen und die eigene Kunstfigur eifrig aufgebläht als Fingerübung der Wortakrobatik, die ansonsten keinen Platz finden würde – damals hatte ich den Katalog ja noch nicht, Ruhe in Frieden.

    Weiterhin liegst du ganz richtig mit dem Cover, das ist selbstgemacht und zeigt Ondu, Pierose und Valerian vor dem Panorama Kluftspitzes, angelehnt an diese Oldschool-Hiphop-Possepics in geringfügiger Berücksichtigung ihrer Eigenarten – frag nicht warum, mir war einfach danach 🗿 Die zehn Kapitel … werden wohl elf, zwischen 9 und 10 gedenke ich noch ein kürzeres einzuschieben, aber ich habe zurzeit noch keinen schmissigen Namen dafür. Meinen unendlichen Dank jedenfalls für deine schmeichelhaften Worte zu meinem Geschriebenen. Während die meisten (!) relevanten Orte inzwischen zwar erklärt sind, kann ich hoffentlich nach wie vor mit Dialogen dienen und die Leute schwätzen lassen. Freut mich wirklich, wenn ich deine Zeit unterhaltsam gestalten kann 🙏

  • Hallo,


    das Kapitel ist in vielerlei Hinsicht unterhaltsam. Auf der einen Seite ist da Onduwens Ratlosigkeit in der gesamten Angelegenheit rund um die entwendete Leiche und dass das Dorf eigenbrötlerisch und kaum kooperativ agiert. Es zeigt auf anschauliche Art, dass Personen von außerhalb häufig mit Argwohn begegnet wird und angesichts des Etablissements verwundern die Reaktionen kaum. Andererseits ist da das Gespräch mit dem Totengräber, das Ondu auf so herrlich nonchalante Art zeigt, um ihrem Ziel endlich etwas näher zu kommen. Wie sich Ernst und Humor so gut abwechseln, ohne dass es übertrieben wirkt, finde ich wirklich faszinierend.


    Wir lesen uns!

  • Ulti :heart:

    Wie man es von dir gewohnt ist, war auch das folgende Kapitel sehr angenehm und schön zu lesen. Ich muss auch sagen, dass die anfängliche Erwähnung über den Tod durch Zahnschmerzen so ein gewisses US-amerikanisches Flair mit sich bringt; in Anbetracht des desaströsen Gesundheitssystems dort ist es tatsächlich nicht ungewöhnlich, dass Menschen an unbehandelten Zahnerkrankungen sterben.

    Ich finde, man merkt dir besonders deine Freude daran an, Onduwens Sichtweise zu (be-)schreiben; auch wenn es nicht direkt aus ihrer Perspektive ist, wirkt sie wie ein Teil deines Schreibstils. Das zeigt sich besonders in deinen Formulierungen, die ich im Spoiler erwähnt habe. Es ist auch interessant, dass sich Ondu nicht bewusst ist (oder ihrer Persönlichkeit nach zu urteilen, nicht eingestehen möchte), dass sie in den Gesprächen mit anderen viel von sich preisgibt. Besonders im Gespräch mit Wick, dem sie scheinbar Vertrauen schenkt, wird das ersichtlich – da sie zum einen einräumt, dass sie jegliches Zeitgefühl verloren hat und sich vorkommt, als würde sie schon länger an diesem Ort verweilen. Zum anderen aber auch durch ihre geradezu widersprüchliche Beobachtung, dass Wick sie ja nicht wirklich kennen könne (bzw. im engeren Sinne ihre Lage nicht ganz akkurat beschreiben könne), weil sie ja erst seit zwei Tagen hier ist.

    Dabei wird in der Art und Weise, wie sie mit anderen umgeht und spricht, sehr deutlich, wie sie selbst ist: Dass sie z. B. versucht, Theodard bewusst einzuschüchtern, damit er ihr mehr Informationen über den entwendeten Leichnam von Samuel Stegen gibt – und sobald es scheinbar geglückt ist, sie zufrieden ist – verweist doch auch auf so manche Fehleinschätzung, die sie trifft. Theodard wirkte (zumindest auf mich …) nicht eingeschüchtert, sondern eher genervt bis leicht erschrocken über Ondus stürmisches Gemüt. Aber das verweist noch einmal auf Ondus schwieriges Unterfangen, sich selbst immer beweisen und durchsetzen zu müssen. Dadurch wirkt sie sogar noch sympathischer und nahbarer auf mich als zuvor.

    Die letzte „Albtraum-Sequenz“ deutet noch einmal auf ihr komplexes Innenleben hin: Orphelia, die wie ein Endgegner auftritt, gepaart mit dem doch sonderbaren Hund Bär, wirken tatsächlich bedrohlich – und das vielleicht zurecht.

    Bin auf jeden Fall gespannt, wie sich die weitere Handlung entwickelt.

    In freudiger Erwartung <3

  • Onduwen zählt Bäume


    Heute hingen Fetzen grauer Wolken tief über dem Dorf, doch der Regen hatte sich gelegt. Als Onduwen gerädert und zerschlagen in die kühle Morgenluft vor dem Letzten Schluck trat, musste sie blinzeln – durch die Bedeckung, jenseits des Leuchtturms, drang fahles Sonnenlicht auf die Wogen und verlieh den Hütten an ihrem Rand eine Sichtbarkeit, um die niemand gebeten hatte. Mit dem entsprechenden Widerwillen gegen alles verharrte Onduwen so auf der Terrasse, denn sie ging auf dem Zahnfleisch, sowohl geistig als auch körperlich; mit schweren Lidern schob sie sich den Hut aus der Stirn, tastete beiläufig nach den Falten, die sie nach dem Aufstehen im Spiegel ihres Gastzimmers entdeckt hatte und seufzte sich die Last der Welt von der Brust. Zwischen den faulenden Bretterbauten sah sie ihre Felle davonschwimmen: Inzwischen liefen sämtliche ihrer Optionen beim jungen Stegen zusammen, doch solange dieser keine Ergebnisse lieferte, hätte sie auch liegenbleiben können. Sie fand sich in einem unangenehmen Rollentausch, nach dem sie sich auf Forderungen verlassen musste, um den Forderungen an sie nachzukommen – Gift für den Rest der Selbstwirksamkeit, der ihr Schieferbucht noch gelassen hatte.

    Draußen beim Leuchtturm stritt ein Schwarm Möwen mit einigen Krähen über Vogelgeschäfte. Onduwen ließ sinnlos Zeit verstreichen, indem sie die Tiere bei ihrem Zwist beobachtete, als die Geräuschkulisse der See zittrig und verhalten um eine weitere Folge anwuchs. Erst noch skeptisch, lauschte sie genauer – es erschien ihr allzu absurd, dass jemandem ausgerechnet an diesem Ort der Sinn nach Musik stand – doch Zweifel waren nicht angebracht, es wurde Geige gespielt. Sie glaubte, das Lied zu kennen und setzte sich in Bewegung.


    -.-


    Treibholz, Kadaver und anderes verrottendes Gut säumte den steinigen Strand, doch das spielte keine Rolle; morsche Holzstege hatten damals die Füße der Fischersleute trocken gehalten, auch heute standen sie noch und erfüllten denselben Zweck, wenngleich sie niemand mehr in Anspruch nahm. Vor einer Hütte wie jeder anderen saß ein hagerer Mann auf einer Bank aus einem halbierten Baumstamm und fiedelte mit seinen krummen Fingern auf einer ebenso krummen Geige, die er sich hingebungsvoll auf die Schulter gelegt hat. Onduwen lehnte sich an die Hauswand und hörte zu. Sie gab nach, also suchte sie sich die nächste.

    „Nicht die schlechteste Art, die Zeit zu verbringen.“

    Er hielt inne und sah auf. Vertrocknete Züge und ein Haaransatz, dem schon das Ansetzen zu viel war; dazu ein Schnauzer, der Onduwen an die Raupen aus dem Valenwald erinnerte. Seine Zunge fuhr über die gesprungenen Lippen, erwischte besagten Schnauzer ebenfalls und ein Räuspern rutschte irgendwo darunter hervor.

    „Die Ansprüche sind gering. Früher ging das besser, aber … die Gicht.“

    Seine Finger bezeugten die Aussage. Onduwen nickte wissend und setzte sich neben ihn, wo sie die Beine streckte und ebenfalls das Alter spürte. Er musterte sie eindringlich.

    „Sie sehen eigentlich ganz normal aus“, gestand er ihr zu und nahm gleich darauf den Bogen wieder hoch, wohl um sich aus der Verantwortung für mögliche Implikationen zu ziehen. Aber Onduwen hatte nicht vor, diesen Mann für etwas verantwortlich zu machen – vielmehr hatte sie nicht einmal eine Antwort darauf parat, also forderte sie stattdessen eine.

    „Was hatten Sie denn erwartet.“

    „Bitte, bringen Sie mich nicht in Verlegenheit – aber man kennt sie ja, die Elfen, die-“

    „Und Sie sollen sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen“, fiel ihm Onduwen ins Wort, höchstens milde genervt, denn der Stumpfsinn Schieferbuchts hatte abgefärbt, „ich bezweifle nämlich, dass man hier irgendetwas jenseits des Waldes kennt.“

    Er schaute sie dumm an. „Ich meine nur, dass Sie längstens nicht so exa… - so abgehoben wirken, wie Sie mir beschrieben wurden. Beinahe würde ich sagen, Sie passen ins Dorfbild, hahah!“

    Und beinahe wäre ihr die Hand ausgerutscht, der Mann aber bekam davon nichts mit und redete ungerührt weiter. „Ich mache mir nämlich viele Gedanken, wissen Sie. Es gibt hier ohnehin nicht viel anderes zu tun, und was ich aufschnappe, über das denke ich dann nach. Philosophieren tue ich, wenn ich nicht gerade geige – haben Sie sich zum Beispiel schon einmal gefragt, warum man Eule und Säule so verschieden darstellt in Schrift und Druck, wenn sie doch so ähnlich klingen? Derzeit versuche ich ebendies zu ergründen, doch das Meer ist heute sparsam mit der Inspiration.“

    „Vielleicht sollten Sie sich nicht an das Meer, sondern an die Linguistiker wenden. Die können Ihnen bestimmt konkretere Antworten liefern.“

    Onduwen gähnte unverschämt, es wurde nicht bemerkt. Stattdessen krächzte der bekennende Philosoph verächtlich. „Pah, und mir Flausen in den Kopf setzen lassen von den Gelehrten in ihren Elfenbeintürmen? Ich denke nicht. Es sind die kleinen Wahrheiten, auf denen die großen fußen, und diese findet man nicht in Büchern – die findet man durch Intuition und ein wenig Aufmerksamkeit. Die Forscher und Schreiberlinge dieser Welt wollen sich nur wichtig machen; und es funktioniert vortrefflich, das muss man ihnen lassen. Ganze Disziplinen der heißen Luft haben sie auf Sand gebaut, aus Staub und weniger gehoben, in denen sie sich verbissen messen im Kampf um Sinnstiftung und die Anerkennung ihrer ebenso taumelnden Genossen. Doch führen tut das nirgendwo hin. Sollte mir der Sinn nach einem Wettstreit stehen, so gehe ich in den Letzten Schluck und spiele Karten.“

    Widerwillig musste sich Onduwen eingestehen, dass sie beeindruckt war von der Rechtfertigung der Ignoranz, die ihr hier präsentiert wurde. Widersprechen mochte sie nicht, doch diesen Kerl links liegen lassen kam ihr falsch vor; wenn ihr das Schicksal schon einen redseligen Dörfler zugehalten hatte, dann konnte sie auch das Beste daraus machen.

    „Wer hat den Baron Stegen umgebracht?“, peitschte sie in den Monolog des Geigers, arg grob zwar, doch es riss ihn aus seinen ziellosen Gedanken.

    „Ach, richtig.“ Er wirkte enttäuscht. „Ich hätte Sie nicht gleich überfordern dürfen – Sie beschäftigen sich ja mit weitaus weltlicheren Angelegenheiten als ich. Ich weiß es nicht.“ Dann streckte er die Beine und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, sein Instrument hatte er neben sich auf die Bank gelegt. „Meine Beziehung zur Gewissheit ist eine offene, eine tolerante. Doch für Vermutungen bin ich mir nie zu schade, und deshalb will ich Ihnen meine Vermutung mitteilen. Versuchen Sie, mir zu folgen: Der gute Baron, möge er Frieden finden, zerbrach in seinen letzten Tagen an der Hartherzigkeit der großen Häuser, wie sie vielleicht wissen. Sein Flehen stieß auf taube Ohren, hatte Schieferbucht – und damit er – nichts zu bieten, was einer Verhandlungsposition gleichkäme. Solch schwere Zeiten lassen sich kaum alleine überstehen, nur gab es tragischerweise niemanden, an den er sich hätte wenden können!“ Er sagte dies, als sei es die letzte Ungerechtigkeit und führte gleich darauf aus. „Seine Familie hatte sich von ihm abgewandt, gerade mit seinem Ältesten stritt er sich beinahe täglich, davon berichtete er uns, wenn er ins Dorf gekommen war. Wer kann schon wissen, zu welch Gräueln derartige Animosität beflügelt – und wer übernimmt Titel, Autorität und Land, jetzt, wo der Visionär schweigt? Stegen Junior! Das kann doch kein Zufall sein!“

    „So … funktioniert die Erbfolge des Adels“, erwiderte Onduwen mit zusammengezogenen Augenbrauen.

    „Ah, welch einfache Erklärung für einen überaus komplizierten Sachverhalt. Doch einfach ist es nie-“

    „Sie widersprechen sich“, rief Onduwen empört aus, „eben meinten Sie, dass die einfachsten Erklärungen die besten seien!“

    „Das tue ich nicht!“ Nun war auch er laut geworden. „Ich sagte, die kleinen Wahrheiten bilden das Fundament der großen! Und wenn Machtgier keine fundamentale Motivation ist, dann soll mich der Blitz beim Scheißen treffen! Ich habe keine neunundzwanzig Jahre auf diesem Landstrich ausgeharrt, beobachtet und gelauscht, um mich jetzt von einer Wildfremden anzweifeln-“

    Onduwen entfuhr ein erregtes Geräusch, es klang nach maßloser Überraschung und Ungläubigkeit. „Wie lange sagten Sie?!“

    „Neunundzwanzig Jahre“, wiederholte er sich wieder etwas gefasster, „hier geboren, hier gelebt und wahrscheinlich auch hier gestorben. Drüben beim Theodard wird dann“, er formte mit den krummen Fingern einen Rahmen in der Luft, „‚Giulien Paige – dem mehr Talente als Jahre geblieben waren‘ stehen.“

    „Sie wollen mich hochnehmen. Sie sind zehnmal älter.“

    „Mitnichten. Übrigens haben Sie Glück, dass ich ein so beherrschter und reflektierter Mensch bin – Sie können nicht einfach herumgehen und Leute alt nennen, wie alt sind Sie denn, hm?“

    Onduwen antwortete und Giulien Paige machte ein selbstzufriedenes Gesicht. „Sehen Sie, Sie nehmen den Mund ganz schön voll. Das ist die Luft, hier am Meer – die Luft ist Gift, was alle Toten vereint ist der Umstand, dass sie einst geatmet haben. Da, schauen Sie.“

    Er streckte den Fuß den Wellen entgegen, wo auf den Schaumkronen Treibgut und braune Blätter tanzten. Es knackte unschön, als er dies tat. „Den Pflanzen geht es nicht anders, und die machen den ganzen Tag nichts anderes, als an der frischen Luft herumzustehen. Verglichen mit dem Laub da bin ich doch unverbraucht.“

    Sie machte sich Vorwürfe, sich überhaupt auf Paige eingelassen zu haben. Um ihm nicht gleich die nächste Vorlage für seine haltlosen Behauptungen zu liefern, korrigierte sie ihre Haltung und ließ den Blick eingehender über den dichten Wald um die Bucht schweifen. Dass der hier hauptsächlich aus Tannen bestand, hatte sie schon bei ihrer Ankunft festgestellt und sich danach nicht mehr weiter dafür interessiert – nun aber stachen ihr vereinzelte Laubbäume ins Auge, manche blühend, andere in bunten Herbstfarben erstrahlend und einige davon sogar komplett kahl. Ob das so seltsam war, wie es ihr erschien, musste Paige beantworten.

    „Sagen Sie“, machte sie ihren Gedanken skeptisch Luft, „welche Jahreszeit haben wir?“

    Er schaute sie an, als hätte er bei der Einschätzung ihres Intellekts richtiggelegen. „Frühling, natürlich. Im Letzten Schluck hängt ein Kalender, falls Sie an mir zweifeln – jedoch rate ich davon ab.“

    Onduwen erhob sich und entging nur knapp einem Hexenschuss. „Danke. Dorthin wollte ich ohnehin.“


    -.-


    Hinter dem Tresen hob Wick eine Augenbraue, als Onduwen schon so bald von ihrem Ausflug zurückkehrte. Er musterte sie mitleidig.

    „Guten Morgen. Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie es Ihnen geht.“

    „Gleichfalls. Sie haben hier einen Kalender?“

    Er nickte, trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf besagten Kalender frei. Es war ein schönes Exemplar, nur unten wellte sich der Rand – das verfärbte Holz dahinter erweckte den Anschein, als landeten die Getränke hier nicht ausschließlich in den dafür vorgesehenen Gläsern. Onduwen starrte auf die Seite und stellte zufrieden fest, dass Paige die Wahrheit gesprochen hatte; gleich darauf nahm sie sich innerlich an der Nase und zweifelte an ihrem Stand in der Wirklichkeit. Wick beobachtete sie interessiert.

    „Sie sind auf einer Spur?“

    „Mehr oder weniger. Ich denke, Sie können der Laura Ysallia ausrichten, dass ihre Krankheit endlich einen Namen hat.“

    Der bedauernswerte Wirt rang nach Luft und lehnte sich schwach an das Spülbecken. Madri kam herbei und schenkte ihm Tee ein, Onduwen bat ebenfalls darum. Mit seiner Tasse gestikulierte Wick auf das Hinterzimmer.

    „Sprechen wir darüber, aber … nicht hier. In letzter Zeit gab es bereits genug ungute Gerüchte, und Sie spielen in mehr davon die Hauptrolle, als Ihnen wahrscheinlich lieb sein dürfte.“

    Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, setzten sie sich vor das Fenster, in dem Wick zu rauchen pflegte. Onduwen schlug einen gewichtigen Ton an.

    „Die Leute werden alt.“

    Offensichtlich war das nicht die Erklärung, auf die man gewartet hatte. Nachdem er einen ausgiebigen Schluck genommen hatte, stellte Wick seinen Tee ab und schaute sie zweifelnd an. „Das ist gewiss nichts Neues. Göttliche, ich weiß das wahrscheinlich am besten.“

    „Nein, nicht … so. Vorhin begegnete ich diesem Giulien Paige – er sieht aus wie zweimal gestorben und wollte mir erzählen, dass er noch keine dreißig sei. Bei allem Respekt, Sie sehen noch schlechter aus. Hier ist nichts Natürliches am Werk und ich kann es Ihnen belegen. Schauen Sie nach draußen, zum Wald.“

    Er tat wie geheißen und als er nicht sofort reagierte, führte Onduwen aus.

    „Die Zeit verläuft hier falsch. Ich wollte den Kalender sehen, weil ich nicht glauben konnte, dass der Herbst bereits eingezogen sein sollte – denn das sollte er nicht, wir haben, wie bereits festgestellt, Frühling. Warum also das Herbstlaub inmitten der Ersten Saat, warum also die winterkahlen Laubbäume, warum also wird ausgerechnet ein Mensch, der seine Tage am Meer verbringt und zweifellos abgehärtet sein sollte, von der Gicht erwischt?“ Sie hieb mit der Faust auf den Tisch. „Warum kriege ich mit knapp siebzig Falten im Gesicht, die mein Vater mit huntertachtzig Jahren nicht hatte? Irgendetwas – nennen Sie es meinetwegen einen Fluch, denn diese Möglichkeit besteht durchaus – lässt sämtliche Lebewesen in und um Schieferbucht ihren Lebenszyklus unfassbar schnell durchlaufen. Deshalb sterben die Menschen wie die Fliegen. Wann sagten Sie, fingen Ihre Beschwerden an?“

    Wie vor den Kopf gestoßen saß Wick krumm auf seinem Stuhl und grübelte, bevor er zögerlich und voller Sorge antwortete. „Gestern. Gestern Morgen wachte ich auf und alles tat mir weh.“

    Mehr sagte er nicht, er schien darauf zu warten, dass Onduwen die Natur der Situation weiter umriss, was sie auch energisch tat.

    „Ebenso. Seit gestern Morgen fühle ich mich so beschissen wie selten in meinem Leben – derzeit bin ich an einem Punkt, an dem ich noch einen Arm geben würde, wenn ich dafür dem Alter entkommen könnte. Und dabei“, sie tippte mit dem Finger des Vergessens auf die Tischplatte, „dürfen wir auf keinen Fall die begleitenden Ereignisse außer Acht lassen.

    „Stegens Tod war der Auslöser.“

    „Vielleicht, doch Stegen starb einige Tage früher. Dieser Fluch – bleiben wir dabei – kam schnell und brutal über Schieferbucht, gleich nachdem Stegen beigesetzt worden war … oder entwendet. Auf dem Weg hierhin habe ich mir Gedanken zu möglichen Erklärungen gemacht.“

    Onduwen hörte sich sprechen und fühlte sich zum ersten Mal seit Beginn ihres Auftrages wie eine Ermittlerin. Sie stellte sicher, dass sie Wicks ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, dieser aber hing ohnehin schon an ihren Lippen, die Angst im Gesicht. Ihr Herz verkrampfte sich bei dem Anblick, doch sie blieb professionell, denn endlich hatte sie Grund dafür.

    „Also, entweder: Stegen war der Erste, der dem Fluch erlegen ist und jener hatte bloß eine gewisse Inkubationszeit gebraucht, um seine volle Stärke zu entfalten. Die Leiche verblieb kontaminiert und sämtliche bei der Beisetzung anwesenden Personen wurden ebenfalls mit dem Fluch geschlagen. Ich will diese Option nicht sogleich ausschließen, doch dann müsste ich mir meine eigene Ratlosigkeit bezüglich der alternden Bäume eingestehen – nein, Stegen als Epizentrum halte ich dennoch für unwahrscheinlich, nicht zuletzt, weil Valerian Stegen kaum betroffen zu sein schien, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Insofern könnte man auch eine Übertragung auf Informationsbasis ausschließen, da sich der Wald kaum um die Neuigkeit von Stegens Dahinscheiden scheren dürften. Verfluchte Blutlinien brauchen wir nicht zu beachten – selbst wenn sich Schieferbuchts Leute für Jahrhunderte nur innerhalb des Dorfes verpaart haben sollten, so leiden Sie mit Ihren wegesruher Wurzeln und ich selbst genauso sehr darunter. Oder aber es bleibt die Option einer territorialen Ausdehnung mit einem festen magischen Nexus – ob man dann noch von einem Fluch sprechen kann ist debattierbar, doch minder gefährlich ist das nicht: Selbst, wenn es sich bloß“, sie betonte das Wort stark und gab die entsprechende Geste zum Besten, „um einen Zauber handeln sollte, so droht er dennoch das ganze Dorf zu entvölkern.“

    „Das klingt … schrecklich. Ich verstehe nichts von Magie“, gab Wick wie erschlagen zu auf Onduwens Monolog hin, „ich wünschte, ich könnte helfen, aber…“

    „Das wäre meine Frage an Sie gewesen: Denken Sie nach, Wick – gibt es in diesem Kaff einen Dorfmagier, Hexenzirkel vielleicht, gab es irgendwelche magischen Anomalien, sowohl in letzter Zeit als auch in grauer Vergangenheit-“

    „Peter Hammond.“

    „Oh, bitte nicht-“, entfuhr es Onduwen, als jener Name hochkam, den sie eigentlich als irrelevant für den bizarren Fall des Samuard Stegen hatte abtun wollen.

    „Er war kein Magier von nennenswertem Kaliber, sofern ich das beurteilen kann, doch mit der Schule der Wiederherstellung kannte er sich aus. Er pflegte zu sagen, dass selbst der Alchemie Grenzen gesetzt seien, seine Pflicht als Heiler aber nicht davon eingeschränkt werden dürfe. Ansonsten… Nein, niemand, der mir bekannt wäre. Und ich kenne jeden im Dorf.“

    War sie eben noch in einem regelrechten Rausch der Berufstätigkeit gefangen gewesen, so erlebte Onduwen nun einen gewaltigen Dämpfer ihres Eifers. Inzwischen liefen bereits zwei lose Enden ungelöster Rätsel bei diesem Hammond zusammen, bei ausgerechnet dem Mann, der die Dreistigkeit besessen hatte, sich nach erfolgreicher heimlicher Zeugung eines Kindes in Luft aufzulösen. Die Verstohlenheit schien ihm gelegen zu haben. Sie dachte an die Unterlagen, die sie in Ysallias Hütte gefunden hatten und wurde grimmig.

    „In der Alchemistenhütte fanden wir Rechnungen für … Utensilien. Wahrscheinlich Ritualkomponenten, exotisches Zeug. Aber nichts Gegenwärtiges.“ Sie wusste selber nicht so recht, was sie damit hatte sagen wollen und besann sich. „Wie dem auch sei. Fluch, Zauber – das kann so nicht weitergehen, sonst erlebt niemand hier die nächste Woche. Wenn ich nicht katastrophal falsch liege, dann existiert ein Nexus dazu und liegt im Zentrum der Ausdehnung. Und dafür“, sie fixierte ihn eindringlich, „brauche ich eine Karte der Umgebung.“

    „Hm“, machte Wick und kratzte sich am Bart. „Damit kann ich dienen.“

    „Vielen Dank. Ich wiederum möchte Ihnen mit einem dringlichen Rat dienen: Verschwinden Sie von hier. Nehmen Sie mit, wem Sie habhaft werden – aber hier zu verbleiben wäre eine beispiellose Torheit.“

    Er schüttelte den Kopf, langsam, resigniert. „Sie kennen meinen Stand zu den Perspektiven, die ich mir noch erlauben darf-“

    Tee spritzte auf den Tisch, als Onduwen aufsprang und mit den Oberschenkeln an die Platte stieß. Ernsthaft verärgert funkelte sie den Alten an. „Machen Sie mir nichts vor! Glauben Sie, ich sehe Ihnen nicht an, wie Ihre Wirbel knirschen? Wie Ihnen das Augenlicht weggefressen wird? Haben Sie es so eilig, Ranveig zu berichten, dass Sie an Sturheit draufgegangen sind?!“

    Ihr Zorn machte ihm keinen Eindruck, doch er wagte es nicht, sie anzuschauen. Hätte er es getan, hätte sie wohl den Zweifel erkannt, der in den trüben Augen aufflackerte; dann nickte er und erhob sich ebenfalls.


    -.-


    Es war eine anständige Karte, die Wick ihr mitgegeben hatte: Gezeichnet von Jägersleuten enthielt sie zahlreiche Trampelpfade und Wildwechsel, dazu einen angemessenen Teil der gewundenen Straße nach Raureiftal sowie eine angedeutete Route nach Orsinium, die dieser Tage jedoch nicht mehr existierte, da Orsinium nicht mehr existierte. Eine Abbildung Schieferbuchts war nachlässig und kaum detailliert an den Rand der Bucht geschmiert worden, eine weise Entscheidung, wie Onduwen fand, denn die armen Kartographen hätten gewiss mehr als ein paar graue Haare gewonnen beim Versuch, aus dem Aufbau des Dorfes schlau zu werden.

    So wanderte sie durch den noch immer feuchten Wald und zählte Bäume. Von einem markant aus der Zeit geratenen Gewächs zum nächsten drückte sie sich mal durch das Unterholz, mal über eingezeichnete Wege und notierte sich stets die ungefähre Position von kahlen, bunt belaubten und Früchte tragenden Bäumen – die exakte Position war dabei nicht wichtig, es ging ihr um die Menge. Geriet sie in einen Teil des Waldes, der sich eindeutig dem Frühling zuordnen ließ, bog sie ab und suchte sich die nächsten Außenseiter. Das dauerte, denn hier war die Natur wild und ungezähmt: Nahezu jeder Fleck Erde war mit dampfendem Moos überwuchert, es wuchs die gewundenen Tannen hoch und machte die Steine glitschig, merkwürdig geformte Pilzkolonien hatten sich mächtige gefallene Stämme angeeignet und die vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch die Kronen fielen, wirkten durch die feuchte Luft steif und greifbar. Selten hatte Onduwen einen so redseligen Wald erlebt: Von der Magie über der Bucht ihres natürlichen Rhythmus beraubt gab sich jeder einzelne Waldbewohner gleichzeitig brünstig, familiär und gerüstet für die Winterruhe und man vernahm es nur zu deutlich. Wenigstens spürte sie ihren Körper hier draußen weitaus geringer als in der erstickenden Dorfatmosphäre und für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie nicht einfach weitergehen sollte, immer geradeaus, weit weg von Hinterwäldlertum und Samuard Stegens unheilvoller Absenz. Dann aber, als sie gerade einen mit Sumpfgras gefüllten Muränengraben herunterschlitterte, entdeckte sie auf dessen anderer Seite Merkwürdiges: Von ihrer niedrigen Position aus erinnerte es an einen Käfig aus Knochen, dessen Speichen unkontrolliert über- und ineinander hineingewachsen waren – zweifellos organisch anmutend, aber kaum lebendig. Sie setzte die nächste Markierung auf der Karte und begab sich auf die Anhöhe.

    Es war ein Hirsch. Der Kadaver konnte kaum älter als ein paar Tage sein, die Vögel, die ihn zu zerrupfen begonnen hatten, stoben davon, als Onduwen sich näherte. Was sie erst für einen Käfig gehalten hatte, war tatsächlich das Geweih des Tieres – nachdem Jahre zu Minuten geworden waren, schien es nicht länger mit dem Abstoßen hinterhergekommen zu sein und frisches Gehörn hatte so rasch und unkontrolliert unter dem alten gewuchert, dass die Last zu viel geworden war und sein Genick schließlich brechen musste. Regungslos betrachtete Onduwen das groteske Biest, keinen festen Gedanken fassend, bloß Ahnungen.

    „Lieber Himmel, die Göttlichen würfeln also doch.“

    Fast wäre ihr ein Aufschrei entfahren, als hinter ihrem Rücken eine Stimme erklungen war. Sie raste herum und ihr linker Arm aus dem Ärmel des Mantels, gedehnt bis zur Grenze seines inneren Zusammenhaltes. Der Besitzer der Stimme bekam einen Peitschenhieb aus Vergessensscherben ab, er krümmte sich zusammen und sank auf die Knie, wo er wehleidig stöhnte.

    „Das … habe ich wohl herausgefordert.“

    „Pierose?!“

    „Derselbe. Bitte entschuldigen Sie, dieses eine Mal verstehe ich sämtliche Vorwürfe an mich. Ich hätte Sie nicht so erschrecken sollen.“

    „Viel eher sollten Sie mir vielleicht erklären, warum Sie immer an den unmöglichsten Orten auftauchen“, verlangte Onduwen finster zu wissen. Pierose aber gab sich lammfromm.

    „Unmöglich? Nicht doch – ich bin Ihnen gefolgt. Sollte dieser herrliche Wald unmöglich sein, so sind Sie besser informiert als ich.“

    Sie wurde nicht schlau aus dem Spiel, das dieser katzenfreundliche Schönling trieb und es bescherte ihr gewaltigen Frust. Da er aber noch immer nicht aufrecht stehen konnte, verzichtete sie auf weitere Tätlichkeiten. „Stellen Sie sich nicht dumm. Erst die nächtliche Gasse, dann der Friedhof und jetzt die Wildnis – Sie führen doch etwas im Schilde. Was suchen Sie hier?!“

    Anschreien wollte sie ihn, durchschütteln und überhäufen mit Vorwürfen zu doppelten Identitäten, Rachefantasien, Verantwortungslosigkeit und Intrigen, deren Ausmaß sie selber nicht begriff; wohl aus dem Wunsch, den aalglatten Gewerbemann endlich in die Enge zu treiben, ihn am Kragen zu packen und ihm unter die narbige Nase zu reiben, dass sie ihm seine Darbietung niemals abgekauft hatte. Denn gerade als sie den Friedhof erwähnt hatte, glaubte sie für einen Augenblick, eine fremde Gefühlsregung in den Winkeln seiner Züge zu erkennen: Verunsicherung. Doch sie traute sich nicht, hatte Angst, ihre Karten zu früh zu spielen und Pierose einen Vorteil zu verschaffen, den sie womöglich nicht mehr wettmachen konnte. Und als sie ihn so bebend vor Anspannung ins Auge fasste, fiel ihr auf, dass er taufrisch wirkte – keine Spur von Erschöpfung oder Zerfall, vor Onduwen stand der exakt gleiche Mann, mit dem sie damals eine Kutsche geteilt hatte. Derartig aufgemacht trat er einen vorsichtigen Schritt von der Erregten zurück und beließ es bei einer beschwichtigenden Geste.

    „Z-zerstreuung, meine Liebe. Genau die suche ich, solange ich auf eine Möglichkeit warte, diesen Ort hinter mir zu lassen. Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich Sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt-“

    Woher er gekommen sei, forderte sie zu erfahren. Pierose deutete auf einen Waldweg einige Dutzend Meter den Graben hinunter und Onduwen realisierte, dass sie nichts in der Hand hatte.

    „Schön für Sie“, knurrte sie und drehte sich weg, „und, fühlen Sie sich zerstreut?“

    „Ja, durchaus“, bestätigte er, das Gewinnerlächeln spürte sie brennend am Hinterkopf, „gerade Ihre Gesellschaft verspricht stets … Aufregung.“

    Onduwens Faust krampfte sich so sehr zusammen, dass sie zersprang. Nachdem sie sich um eine neue bemüht hatte, beschloss sie, ihn ein letztes Mal zu testen. „Sehr verbunden auch. Jedenfalls – was glauben Sie, kostet eine Werwolfplazenta?“

    „Eine … oh, fantastisch! Genau das meinte ich – lassen Sie mich nachdenken…“ Er dachte nach. „Ich kann nur eine ungefähre Vermutung abgeben, aber… Die derzeitige geschätzte Population sowie die Nachfrage und die momentane Lage des Silbermorgens berücksichtigend, denke ich, dass man mit viertausend auskommen sollte.“

    Er lag weit daneben – oder aber Hammond hatte sich damals gehörig übers Ohr hauen lassen von den Kaufleuten aus der Kaiserstadt. So oder so war Onduwen unzufrieden mit seiner Antwort, Pierose hingegen schien nicht zu verstehen, warum sie sich mit solchen Fragen beschäftigte und tat dies kund.

    „Ich kann nicht leugnen, dass auch mir seltsame Gedanken kamen hier draußen. Die Natur ist unheimlich, nicht wahr? Ich denke das zumindest, ich, der kaum in ihr verkehrt. Aber wissen Sie auch, weshalb ich so empfinde?“

    Ob sie das wusste oder nicht, hätte Onduwen nicht egaler sein können. Sie hatte ihr Vorhaben, Pierose entschlüsseln zu wollen, vorerst aufgegeben und war bereit, weitere Äußerungen seinerseits in den Wind zu schlagen. Sie hatte zu tun und verneinte knapp, setzte sich dann über den toten Hirsch hinweg, kam aber so einfach nicht davon. Er machte unbekümmert weiter.

    „Hier gibt es keine Kultur, hier gibt es keine Regeln und Normen und sicherheitsspendenden Gewissheiten, das Chaos regiert, der Wahnsinn herrscht. Wer nicht frisst, wird gefressen, so simpel ist das und jeder noch so geringe Nachteil stellt ein potentielles Verhängnis dar.“

    Sein Geschwätz ging Onduwen auf den Zeiger, sie brauchte sich derlei Binsenweisheiten nicht anzuhören. „Ich weiß“, schickte sie hinter sich und prüfte die Standfestigkeit des Gerölls, das sie hinunterzusteigen gedachte.

    „Richtig. Sehen Sie nur diese bemitleidenswerte Kreatur hier.“ Er wies auf den verendeten Hirsch. „Welch schlechte Karten ihr das Leben ausgeteilt hatte, sie hatte nie eine Chance gehabt, sich dem Wahnsinn zu stellen, in den sie hineingeboren wurde. Ein Glück, dass unsereins Mittel und Wege hat, derlei Nachteile auszugleichen, nicht wahr?“

    „Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Ich bin beschäftigt.“

    „Manchmal übermannt mich der Zynismus – ich meine, dass das alles nicht wahr ist. Was wir uns einreden, die vermeintliche Sicherheit, die uns nachts ruhig schlafen und auf Augenhöhe mit unseren Mitmenschen verkehren lässt, ist nichts wert. Das ist der wahre Schrecken der Natur – ihre grausame Grundlage, das Einzige, was sie kennt, ist keine Antithese zur Zivilisation, sondern auch deren Basis. Könige, Richter und Priester mögen ihr Bestes tun, um unsere fabrizierten Prinzipien aufrecht und stabil zu halten, doch am Ende des Tages sind sie nicht mehr als ein bereits glühender Deckel auf dem Kochtopf des urtümlichen Wahns, der in uns allen brodelt. Und gelegentlich entweicht ein wütender Dampfstrahl, dann stirbt vielleicht ein Baron.“

    Jetzt hatte er sie doch erwischt. Ungeduldig fuhr Onduwen herum und musterte ihn skeptisch. „Für Sie war Stegens Tod … natürlich?“

    „Leider war er das. Spreche ich von ‚natürlich‘, so meine ich nichts Nobles oder Unverdorbenes – ich spreche von der urteilsunfähigen Grausamkeit, die sich nicht von Moral und Gewissen zurückhalten lässt, um zu erreichen, was sie erreichen muss.“

    Sie legte die Stirn in Falten. „Sie sind mir ja ein ziemlicher Schwarzseher. Aus Ihnen wäre ein guter Bandit geworden.“

    „Wie bitte? Kaum etwas ängstigt mich mehr als die befreite Natur! Dass wir uns den Sieg über unser bösartiges, egoistisches Wesen einreden können, ist die stolzeste Errungenschaft der Zivilisation. Es ist ein hohler, ein magerer Sieg, verstehen Sie mich nicht falsch; der Mensch – und Sie bestimmt auch! – steht des Morgens auf und fragt sich, welches arme Geschöpf er heute reißen muss, um des Abends satt zu Bett zu gehen. Doch dass inzwischen niemand mehr stirbt dabei, ist der große Segen unserer gesellschaftlichen Vereinbarung.“

    „Ich schätze, eine geregelte Arbeit stellt so etwas an mit einem.“

    Pierose zuckte die Schultern. „Vielleicht. Aber genug davon – Sie meinten, Sie seien beschäftigt. Ich hoffe doch sehr, die Werwölfe haben damit nichts zu tun? Mit Ihrer Karte?“

    Energisch faltete Onduwen zusammen und hielt sie nahe bei sich. „Nein. Ich versuche bloß, den Wahnsinn, der Sie so schreckt, unter Kontrolle zu halten.“

    „Und dafür haben Sie meinen Dank! Was denken Sie denn, wer dafür verantwortlich ist?“

    Sie schaute ihn böse an, das konnte sie gut. Dass er sich so vertraut gab, gefiel ihr nicht. „Ich weiß es nicht. Und jetzt entschuldigen Sie mich.“

    Damit ließ sie ihn stehen und schlug sich weiter durch das Dickicht, den Pfad, von dem Pierose gekommen war, ignorierte sie verbissen.


    -.-


    Es war nicht die letzte Begegnung gewesen, die ihr im Wald widerfuhr. Das Gelände stieg an, Onduwen war in die Gegend des Schlosses Stegen geraten, wo weniger Sträucher und Tannen, dafür mehr Buchen wuchsen. Sie sahen aus, wie Buchen zu dieser Jahreszeit auszusehen hatten und schließlich gelangte sie auf eine sonnenbeschienene Lichtung, wo tiefe Regenpfützen zu einem unförmigen Teich verschmolzen waren. An seinem Ufer, knöcheltief im Matsch, stand Arielle Stegen und ließ Steine über das Wasser springen, wann immer sie das tat, rannte Bär hinterher und schnappte nach den Spritzern. Onduwen stand am Rande und starrte sie an, milde überrascht, dass sie und der Hund für einmal die Rollen getauscht hatten. Arielle unterdessen hatte sie gesehen und machte ein schockiertes Gesicht, dann winkte sie zögerlich.

    „Frau Torbrecher“, kam es von jenseits des Tümpels, „was machen Sie denn hier? Leben Sie jetzt im Wald?“

    Onduwen erwischte sich dabei, wie sie grinste und tarnte es flott mit einem Kopfschütteln. Dann stakste sie durch den Morast, er schmatzte bei jedem Schritt.

    „Ich zähle Bäume“, eröffnete sie Arielle, diese verstand nicht.

    „Machen die Elfen das so?“, bohrte sie mit schiefgelegtem Kopf nach, doch eigentlich wollte sie etwas ganz anderes fragen – nachdem sie tief Luft geholt hatte, platzte es aus ihr heraus. „Haben Sie wirklich Vater gestohlen? Warum haben Sie das-“

    „Habe ich nicht!“, schrie Onduwen unbeherrscht und Bär brach in Gebell aus; sogleich war es ihr peinlich, beschwichtigend hob sie die Hände. „Deine Mutter … hat sich geirrt. Ich konnte sie nicht überzeugen.“ Letzteres war nicht einmal gelogen, denn dass sie es nicht versucht hatte, hatte ihr kein nennenswert anderes Ergebnis beschert. Darauf machte Arielle ein verdrießliches Gesicht und trat vorsichtig einen Schritt zurück, Bär drückte sich gegen ihre Beine und gefährdete ihren Stand.

    „Aber wer war es dann!“

    Ein Name brannte schwer und dringlich auf Onduwens Zunge, sie ließ ihn genau da liegen und bekräftigte einmal mehr an diesem Tag ihre Unwissenheit. Das Kind war enttäuscht, aber nicht dumm.

    „Würden Sie es Valerian sagen?“

    „Ja, das würde ich wohl“, rang Onduwen um ihre Integrität und Triumph kroch in Arielles Augen.

    „Dann haben Sie ein Geheimnis – aber wir haben auch eines. Wollen wir tauschen?“

    Ob sich das Geheimnis der Arielle Stegen überhaupt lohnen würde, konnte Onduwen nicht abwägen. Nach der Begegnung mit Pierose stand sie ungefragten Eröffnungen eher kritisch gegenüber, in diesem Moment aber verfügte das Mädchen über jene seltenen Einsichten in das Schloss Stegen, an denen es ihr wiederum so arg mangelte.

    „Gut, wir tauschen.“

    Arielle stieß ein freudiges Geräusch aus. „Ja! Sie zuerst.“

    „Schwester Orphelia.“

    Die Reaktion war etwa diejenige gewesen, mit der sie gerechnet hatte: Entsetzen, große Augen, atemloses Aufatmen. Schnell musste sie nachlegen, wollte sie sichergehen, dass ihr Geheimnis eines blieb. „Hör zu jetzt, hör zu. Ich behaupte das auch nur, weil ich es nicht besser weiß, ja? Sie ist die Einzige, die den Schlüssel hat und zu der gefragten Zeit da war – das Letzte, was du jetzt tun solltest, ist Herumerzählen.“

    „Ja“, nickte Arielle, wieder ernst, „es ist ja ein Geheimnis. Unseres ist aber besser, wir können uns nämlich ganz sicher sein.“

    Onduwens Nase rümpfte sich wie von selbst, doch sie bemühte sich um eine zuvorkommende Haltung. „Das glaube ich erst, wenn ich es höre.“

    „Bär, sitz“, befahl Arielle und Bär saß. Dann beugte sie sich über ihn und zog ihm die Lefzen nach hinten, er sah aus, als grinse er dümmlich. Onduwen starrte ihn verwirrt an, dann starrte sie Arielle verwirrt an und diese starrte erwartungsvoll zurück. „Sehen Sie es nicht?“

    Sie sah es nicht.

    „Bär hat einen Goldzahn!“, wurde stolz verkündet und Onduwen wünschte sich ihr Geheimnis zurück. Sie bückte sich zum Hund herunter. Natürlich hatte Arielle recht, in Bärs Unterkiefer war der rechte Reißzahn aus Gold, etwas größer als der linke und von der Benutzung ein wenig zerkratzt, doch was sie damit anstellen sollte, wusste Onduwen beim besten Willen nicht. Verlegen berührt fragte sie trotzdem, wie er dazu gekommen sei.

    „Er hatte den schon immer. Vielleicht kam er damit zur Welt, ich weiß nicht. Er ist ja älter als ich.“ Liebevoll tätschelte sie ihm den Rücken, er wedelte mit dem Schwanz.

    „Na dann“, wand sich Onduwen aus der Situation und erhob sich wieder, während die verschwendete Zeit an ihr nagte, „bin ich gegangen.“

    Gerne hätte sie Arielle um Einsatz bei Marlene Stegen gebeten, doch das hätte mehr schwierige Fragen aufgeworfen, als sie gebrauchen konnte. Also ging sie von der Lichtung, die Karte in der Hand und Bärs Goldzahn im Kopf. Wenn sie hier fertig war, war Ysallia gefragt.


    -.-


    Geschrieben habe ich dies mit einer Fahne wie Schrebergärten von Kroaten, als gemachter Autor habe ich mich dafür in ein Schloss in den Bergen zurückgezogen und warte darauf, dass mich der Wahnsinn endlich umarmt – mein Sohn hat es nicht anders verdient. Hier ist das versprochene Onduwen zählt Bäume, nichts anderes wurde getan und ich werde nicht müde, mir dafür auf die Schulter zu klopfen. Vertun konnte ich mich, ausschweifen und palavern und die Drafts kenne ich nur noch aus den Zahltag-Spielen, ich bin wirklich sehr zufrieden, wie das Ganze geraten ist. Shoutout an Frechdachs, der mit seinem Hotspot einen raschen Upload ermöglicht hatte, ihm widme ich dieses Kapitel und Eisenrad One noch eine Schwechathülse.


    Zitat von @Royalnonsense, Opfer der Zwiebeln

    Man kann sich nicht aussuchen, wann man geboren wird, leider. Wäre dem anders, würde ich Ulti H. gehörig die Meinung geigen.


    Zitat von El Drisso, Wirtschaftsgenie

    Now Worries – ich meine es ernst, die Sorgen sollen jetzt gleich beginnen.


    Zitat von Friedrich Merz, Sithlord

    Es schmerzt mich zu sagen, dass der bizarre Fall des Samuard Stegen Ausmaße angenommen hat, denen eine simple Abschiebung nicht beikommen kann. Diese Zeiten verlangen Anschiebungen.


    Rrraaaa


    Hallo,


    das Kapitel ist in vielerlei Hinsicht unterhaltsam. Auf der einen Seite ist da Onduwens Ratlosigkeit in der gesamten Angelegenheit rund um die entwendete Leiche und dass das Dorf eigenbrötlerisch und kaum kooperativ agiert. Es zeigt auf anschauliche Art, dass Personen von außerhalb häufig mit Argwohn begegnet wird und angesichts des Etablissements verwundern die Reaktionen kaum. Andererseits ist da das Gespräch mit dem Totengräber, das Ondu auf so herrlich nonchalante Art zeigt, um ihrem Ziel endlich etwas näher zu kommen. Wie sich Ernst und Humor so gut abwechseln, ohne dass es übertrieben wirkt, finde ich wirklich faszinierend.


    Wir lesen uns!

    Ich habe an dich und deinen Signaturausdruck gedacht, als ich mich endlich (!) getraut habe, konkret zu werden. Weiterhin freut es mich, dass ich irgendwie an eine Darstellung des Dorflebens herangekommen bin – ich mag zwar auch vom Lande kommen, meinen Veranlagungen nach kann ich aber nicht behaupten, jemals ernsthaft daran teilgenommen zu haben. Freut mich jedenfalls, dass ich Faszination hervorrufen konnte!


    Rini

    Es freut mich so, dass du mich so gründlich durchschaust – eine bessere Bestätigung für meine Darstellungen kann ich mir nicht wünschen, denn das, was du ansprichst, hatte ich beabsichtigt – Ondu stolpert durch die Szenen und steht sich mehr als einmal selbst im Weg, auch im aktuellen Kapitel hätte es gewiss mehr zu holen gegeben.

    da sie zum einen einräumt, dass sie jegliches Zeitgefühl verloren hat und sich vorkommt, als würde sie schon länger an diesem Ort verweilen.

    Und jetzt wisst ihr auch, warum ich diese Formulierung gewählt habe :’) Hänsel und Gretel rennen mir die DMs ein auf der Suche nach Ratschlägen zur Verteilung von Brotkrumen, ich aber hätte schon fast einen allergischen Schock erlitten, als ich nach sieben Kapiteln endlich Pierose charakterisieren musste.

    Und dann wollte ich mich noch für die Reaktionen auf spezifische Passagen bedanken, ich will mir jetzt auch die Zeit nehmen, auf deine zu reagieren.

    Gute Zeit mit dem Kapitel wünsche ich jedenfalls und vielen Dank fürs Lesen✌️

  • den bizarren Fall des Samuard Stegen

    Title Drop!


    Und damit hallo. Ich fürchte, dass ich die Brotkrumen nicht so klar wahrgenommen habe, finde die teilweise Auflösung dieses Problems im Dorf aber sehr zufriedenstellend. Es ist etwas, was in der Spielwelt erwartbar ist und für viel Rätselraten sorgt, was denn nun genau für die ungleichmäßig vergehende Zeit sorgt. Obwohl Ondu jeden Grund dazu hätte, wütend zu sein, bleibt sie im Tonfall den Geschehnissen entsprechend durchweg sympathisch. Im Übrigen mochte ich den Titel des Kapitels sehr. Er wirkt absolut banal, wird am Ende aber seiner banalen Tätigkeit absolut gerecht.


    Wir lesen uns!

  • Ulti :heart:


    Ich hatte dein Kapitel im Wartebereich vor dem Raum meines Dozenten angefangen zu lesen – was vor einem Monat war – und habe mir danach wirklich lange Zeit gelassen, den Rest zu lesen. Daher konsultiere ich mal meine Notizen von damals und bin dementsprechend in der Mitte des Kapitels eingestiegen. Ich finde, dass du die Form des „Body Horrors“ – die frühen, zu frühen Anzeichen des Alters – sehr gut in den Anfang der Geschichte verwoben hast. Zunächst dachte ich nämlich, dass es sich um nur kleine Nebenbemerkungen handelt – der Hexenschuss, die Stirnfalten -, da Ondu in den vorherigen Kapiteln nicht so einen zerbrechlichen Eindruck gemacht hat. Aber wenn ich recht darüber nachdenke, hast du davor immer wieder anklingen lassen, dass Ondu jegliches Zeitgefühl verloren hat. Wick wirkt auch hier wieder sehr sympathisch und man merkt, dass Ondu nicht nur das Gespräch mit ihm sucht, in der Hoffnung mehr Informationen zu gewinnen, sondern, weil sie inmitten der ganzen Sache eine Pause einlegen möchte. Man hat selbst als Leser das Gefühl, mit Ondu zu „pausieren“ und sich Klarheit verschaffen zu wollen. Pierose wirkt mysteriöser denn je und ngl, ich weiß nicht, was ich von ihm halt soll.


    Ondus Gespräch mit Arielle fand ich amüsant und irgendwie berührend zugleich; Ondu scheint mir nicht unbedingt eine Person zu sein, die den Umgang mit Kindern gewohnt ist, aber ihre direkte und teilweise hilflose Art, Arielle klar machen zu wollen, dass sie die Leiche ihres Vaters nicht entwendet hat, zeigt, dass sie ihren Anstand vor den anderen wahren will. Und auch wenn sie denkt, dass der Austausch von Geheimnissen mit Arielle mehr Zeitverschwendung war, habe ich das Gefühl, dass Bär und sein wundersam goldener Zahn ihr zufällig eine wichtige Offenbarung beschert haben.

  • Steckenpferde


    Auf ausgewaschenen Schotterwegen stiefelte Onduwen am frühen Abend Schieferbucht entgegen. Manchmal kreisten ihre Gedanken um ihre aus dem Ruder laufende Zuständigkeit, der sie durch das Versprechen einer simplen Ermittlung in die Arme gelaufen war, vor allem aber um Gasoque Pierose, den sie törichterweise hatte stehenlassen. Im Wald fand sie ihn nicht mehr. Wahrscheinlich hatte er sich nach seinem kleinen Monolog hinter die sicherheitsspendenden Mauern des Schlosses Stegen zurückgezogen, seine Neugier hatte sie vorübergehend gestillt. Die ihre dagegen brannte ihr beinahe ein Loch in die Brust, wobei Neugier eine lächerlich schwache Bezeichnung für das tiefe Gefühl des Mangels war, das von ihr Besitz ergriffen hatte. Dass Pierose den Regeln der Gesellschaften zu Füßen lag, weil seinem verkommenen Menschenbild nach einjeder der nächste Mörder des nächsten Stegens sein konnte, konnte sie hinnehmen. Was sie ihm hingegen niemals hätte abkaufen sollen, war die Behauptung gewesen, er hätte sich bloß einen Waldspaziergang geleistet. Einmal mehr zog ihr der Gedanke durch den Kopf, dass Leute von seinem Schlag nichts ohne Absicht taten – doch sie ob diese Absicht überhaupt zu betreffen hatte, konnte sie nicht bestimmen und die Unklarheit fraß sie auf, verdarb ihr gründlich die Laune. Schließlich war es die Entdeckung eines fahlweißen Streifs auf heller werdendem Schwarz, die sie aus ihrer Grübelei riss und fast zu günstig kam; doch da Onduwen Ysallia ohnehin hatte aufsuchen wollen, weigerte sie sich ungerührt, dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen. Auf einem quer zur Küste verlaufenden Stück Waldweg – zumindest war es anzunehmen, versperrte der Wildwuchs doch die Sicht auf Himmel und Meer – blieb sie stehen, trat sich vergebens die Stiefel ab und wartete, dass sie von der Alchemistin auf dem bewaldeten Abhang unter ihr bemerkt wurde.

    Aber Ysallia war ganz versunken in ihr Hantieren mit der kleinen Schere, deren Klingen unscheinbare Blümchen von ihren Wurzeln trennten. Onduwen warf ihr ein energisches „hey“ herunter. Sie schaute auf, lächelte einstudiert zum Gruße und richtete sich auf halbe Höhe auf, worauf sie im nächsten Moment aufschrie, sich in den Rücken griff und Obszönitäten in die Natur hinausschrie. Onduwen litt zwar nicht mit, so war sie nicht zur Welt gekommen, doch sie rutschte umgehend den feuchten Hang hinunter und bot ihr den Halt, nach dem sie ruderte.

    „Verdammte Scheiße“, ächzte Ysallia, „das ist schon das zweite Mal heute.“

    „Bleiben Sie so“, gehieß Onduwen sie und drückte mit der Linken ungeschickt an der vermeintlich betroffenen Stelle von Ysallias Wirbelsäule herum. Diese schrie noch einmal.

    „AH- Was soll das, tragen Sie etwa Schürhaken in-“

    Aus ihrer gekrümmten Position drehte sie sich nach Möglichkeiten nach hinten und fixierte mit zusammengebissenen Zähnen die Hand, die ihr so übel mitgespielt hatte. Onduwen zog sie sofort zurück, von echter Verlegenheit gestreift.

    „Verzeihung, ich bin nicht sehr … geübt.“

    „Wenn Sie sich schon an solchen Manövern versuchen, dann lassen Sie sich wenigstens gesagt sein, dass echte Finger…“, wollte Ysallia loswettern, kam dann aber selber auf die Unverschämtheit, die sie zu begehen im Begriff war. „Egal. Ich muss einfach…“

    Sie stöhnte wie eine ganze Krypta Untoter und zwang sich durch schiere Missachtung ihrer eigenen Gesundheit wieder in eine aufrechte Haltung. Es schien höllisch wehzutun, doch Laura Ysallia war nichts, wenn nicht verbissen.

    „Geht doch“, keuchte sie geschlagen. „Ich war hier ohnehin so gut wie fertig.“ Dann fing sie sich wieder. „Tut mir leid, ich wollte nicht gefühllos sein. Aber wenn Sie mir die Akelei dort noch aufheben könnten…

    Durch die jüngsten Geschehnisse vorsichtig geworden ging Onduwen behutsam in die Knie und sammelte die geschnittenen Pflanzen zusammen.


    -.-


    „Wie kamen Sie eigentlich dazu?“, wollte Ysallia salopp wissen und hob das Kinn zur beschworenen Hand ihrer Begleiterin, als sie einmal mehr Schieferbuchts grauen Sand unter den Füßen hatten. „Eine kreative Lösung, soweit ich das beurteilen kann, aber ohne Notwendigkeit legt man sich kaum so etwas zu.“

    Onduwen murmelte Unverständliches und spreizte die Scherben gedankenverloren.

    „Was?“ Hakte Ysallia grob nach.

    „Hircine, sagte ich.“ Und nicht mehr, weshalb sie bis kurz vor dem letzten Schluck mit unverhohlener, skeptischer Neugier gemustert wurde.

    „Ich erkläre es Ihnen nur ungern“, kam es von Ysallia, als sie die Terrasse passierten, denn man nahm einvernehmlich an, dass ihre Hütte das Ziel des Marsches war, „aber Sie können nicht einfach den Jagdvater beim Namen nennen und dann erwarten, dass man es ohne Weiteres hinnimmt.“

    „Kann ich wohl“, erwiderte Onduwen knapp, denn sie mochte das Thema nicht besonders. „Aber Sie werden ohnehin nachbohren. Daher: Vor“, kurz rechnete sie im Kopf die Zeit nach, „einer gefühlten Ewigkeit hatte ich das Pech, Hircines Aufmerksamkeit zu erregen. Seinen Ärger vielleicht, wer kann das schon wissen. Es fühlte sich auf jeden Fall nicht unpersönlich an, als seine Bluthunde den Arm forderten und sie hätten gewiss noch mehr verlangt, doch mehr war ich nicht bereit zu geben.“

    Durch Schwaden fauligen Salzwassers bog man nach Osten ein und Ysallia wirkte verstört. „Wie auch immer Sie es geschafft haben, den Zorn des Jägersmannes höchstselbst auf sich zu ziehen.“

    „Ich war krank. Schwerkrank, so krank wie man nur sein konnte. Und als ich endlich die Chance auf Heilung zu packen bekam, hatte Hircine ein Problem damit.“

    Die Frau Alchemistin verstand sogleich, sie war nicht auf den Kopf gefallen. „Sie hatten-“

    „Mondsucht. Canis Hysteria“, beendete Onduwen tonlos ihre Feststellung. „Aber das ist kein Thema für … hier. Nicht hier draußen. Sie haben noch Wein?“


    -.-


    „Ich mag sie einfach nicht“, brachte Onduwen ihre Ausführung zu den Hunden zum Schluss und hängte den Mantel an die Kleiderstange der Alchemistenhütte. „Keinen davon, egal wie dumm und treuherzig sie auch sein mögen. Weder erinnere ich mich an den Tag der Infektion noch an die Zeit danach, doch schon ihr ekelhafter Geruch lässt mir die Haare zu Berge stehen – was mich erleichtert. Es gab Zeiten, da war er vertraut, und das war noch viel schlimmer.“

    „Kann ich mir vorstellen“, meinte Ysallia geschäftig, doch Onduwen wusste, dass sie es nicht konnte. „Aber heutzutage schlafen Sie bei Vollmond durch?“

    „Nein, aber das können wohl die wenigsten.“ Die darauffolgende Stille war so geladen, dass sich Onduwen hingerissen fühlte, ihre Antwort zu präzisieren: Von der allgemeinen beunruhigenden Wirkung des Vollmondes rede sie, nicht etwa von jener, die Pelz und Klauen wachsen ließ. „Meine Körper ist wieder mein eigener, schon lange.“

    „Immerhin.“ Eine Flasche wurde entkorkt und auf den Tisch gestellt, zusammen mit zwei Gläsern. Ysallia schenkte ein und beobachtete Onduwen dabei scharf von unten, der Versuch, ihre morbide Faszination zu verbergen, scheiterte schnell und entschieden. „Wie war es?“

    „Beschissen.“

    Sie stießen an.

    Onduwen rang mit sich, als sie das Glas wieder abgesetzt hatte. „Hircine verlangt nichts. Seine Missgeburten sind ihm selten auch nur einen zweiten Blick wert, brauchen sie auch nicht zu sein – seine primitive Gewähr ist ihr Trieb und sie brauchen keinen Anstoß, um ihm zu folgen. Ich hatte damals Gitterstäbe vor dem Fenster, innen. Ohne Ranny hätte ich mich doppelt und dreifach verloren.“

    „Das klingt schrecklich. Was…“ Was hielt Sie davon ab, ins Silber zu springen hing schwer unter der Hüttendecke, doch so unverblümt war selbst Ysallia nicht. Vielleicht war es die Anwesenheit Onduwens, die eine Grenze diesbezüglich bereits greifbar gemacht hatte. „Wie gingen Sie damit um, meine ich?“

    „An guten Tagen trottete ich der Alten hinterher und versuchte, den Kopf nicht zu verlieren. An schlechten sperrte ich mich ein und übte mich in Trotz und Zerstörung.“

    Einen Moment lang schwiegen sie beide und lauschten dem aufkommenden Regen, viel zu sagen gab es dazu nicht. Dann lehnte sich Ysallia in ihrem Stuhl zurück, faltete die Hände um ihr Glas und musterte ihr Gegenüber unaufdringlich, aber eingehend.

    „Ich muss springen. Aber da ist noch etwas, was ich nicht verstehe. Ich habe an Hammond gedacht.“


    -.-


    Vom Meer her zog ein Sturm auf. Der unangekündigte Themenwechsel war auch Onduwen recht und sie nickte. „Wenn Sie glauben, dass ich etwas dazu beitragen kann.“

    „Das hoffe ich zumindest.“

    Sie stand auf, trank aus und verschwand im Hinterzimmer. Onduwen fragte sich, was ausgerechnet sie Ysallia beibringen sollte – niemand hatte Hammond besser gekannt als die Alchemistin – als diese nach einigem Rumoren mit einem verblichenen Stoffkorb in den Händen zurückkehrte. Sie stellte ihn auf den Tisch und zog die Decke darüber weg, sichtbar wurde ein Sammelsurium aus Gegenständen und Utensilien, deren Zweck Onduwen auf den ersten Blick nicht mit Sicherheit bestimmen konnte.

    „Sie kennen sich aus mit Magie, das haben Sie neulich bewiesen. Wenn ich Sie jetzt also frage, was dieses Zeugs hier ist, können Sie mir eine Antwort liefern?“

    „Vielleicht. Holen Sie mal die Rechnungen.“

    Ysallia schenkte ihnen erst nach, dann stand sie wieder auf und beschaffte die verlangten Unterlagen. Währenddessen breitete Onduwen den Inhalt des Korbes auf dem Tisch aus, es gab kaum Platz für alles.

    „Ich sagte ‚Magie‘, weil ich mir noch heute keinen Reim darauf machen kann. Am Morgen seines Verschwindens lag das meiste davon verstreut hier im Raum herum – ich persönlich habe ja nie an Selbstmord geglaubt, niemand würde sich die Mühe machen, seine letzten Augenblicke mit dem Anrichten einer solchen Unordnung zu verschwenden.“

    Abwesend fummelte Onduwen einen milchig-durchsichtigen Splitter, kaum größer als ein kleiner Finger, mit ihrer gesunden Hand. „Warum haben Sie mir das nicht gesagt?“

    „Weil ich es vergessen hatte. Dieser Korb staubt schon seit Jahren vor sich hin, ich schenkte ihm keine Beachtung, da er nichts Brauchbares beinhaltet. Erst als Sie gestern Marley … versetzt haben, verstand ich überhaupt, dass die Magie auch derlei Dinge vollbringen kann.“

    „Nun gut.“ Neugier wogte in Onduwen auf, dazu die feinste Anwandlung eines ungewohnten, aber nicht unwillkommenen Gefühls. Stolz.

    „Das hier“, der Splitter wurde hochgehalten, „ist ein Seelenstein. Ein weißer; er fasst die Seelen geringerer Kreaturen – Worte des Vanus Galerions, nicht meine. Der Größe nach zu urteilen, passte da nichts Komplexes rein. Vielleicht ein kleines Tier, eine Möwe oder eine Katze. Solche eingefangenen Seelen finden Verwendung bei alltäglichen Ritualen – mit der passenden Anleitung kann damit jeder Laie umgehen.“

    Ysallia lauschte aufmerksam und nahm ihrerseits einen weitaus größeren Stein von dunklerer Färbung vom Tisch. Er war nahezu schwarz. „Das klingt ungut … grausam sogar. Dann ist der hier auch einer?“

    „Ja.“ Mit einem entschlossenen Schluck ertränkte Onduwen die Anstrengungen des vergangenen Ausfluges, sie brauchte sich nicht zu mäßigen. „Aber ein schwarzer. Wollen Sie die Seele von Mensch oder Mer in einem der weißen Steine einfangen, haben Sie nichts erreicht außer einem sinnlosen Mord. Nein, dafür brauchen Sie einen schwarzen, und das ist ein wirklich finsteres Geschäft.“

    Sichtlich schockiert warf Ysallia den schwarzen Seelenstein zurück auf den Haufen magischen Krimskrams. „Da steckt ein Mensch drin?!“

    „Nicht mehr, soweit ich das beurteilen kann. Der Stein ist leer, er wurde benutzt.“

    Gedanken wurden geordnet, Verunsicherung gezeigt. „Hammond hat … schwarze Magie betrieben, hier in der Hütte. Nicht wahr?“

    Onduwen rümpfte zweifelnd die Nase. „Seien Sie vorsichtig mit solchen Behauptungen. Welche Schule der Magie als schwarz gilt und welche nicht, scheint sich mit jedem weiteren Jahrzehnt zu ändern – wir wissen bloß, dass er Ware für ein Ritual zusammengetragen hat, für das ein weißer Seelenstein nicht ausgereicht zu haben schien. Und dennoch hatte er einen. Vielleicht ein erster, gescheiterter Versuch – Sie sprachen vorhin von Unordnung. Denken Sie nach, beschreiben Sie die Szene, die Situation.“

    Der Alkohol und die vage Beweislage verliehen Onduwen eine Selbstsicherheit, die ihr lange fremd gewesen war. Endlich wusste sie, wovon sie sprach – über ihre Behinderung hatte sie sich nicht hinwegsetzen können, weil sie nichts von Seelenmagie und damit Beschwörung verstand. Ysallia schnappte sich eine Handvoll der angebrannten Kerzen aus dem Korb.

    „Die hier lagen im ganzen Zimmer verstreut herum, daran erinnere ich mich“, eröffnete sie, wobei ihre Zunge auch schon flinker gewesen war. „Diese Seelensteine auch, zusammen mit dem anderen Zeugs. Damals ... wohnte ich noch im Gasthaus. Vor der Arbeit pflegte ich anzuklopfen, denn Hammond schloss stets ab – an diesem Tag aber musste ich eine gute Stunde vor der Tür gewartet haben, niemand öffnete, egal, wie energisch ich klopfte. Da begann ich mir Sorgen zu machen. Ich – ich weiß nicht, warum ich nicht früher daran gedacht hatte, einfach einzutreten, aber die Tür war die ganze Zeit unverschlossen gewesen; die Gewohnheit, nehme ich an. Ich weiß noch, wie mir schauderte, denn das war nicht normal.“

    Der Wein floss ungehindert und Ysallia lehnte sich umständlich um den Tisch herum, um mit dem Fuß auf den Boden darunter zu tippen. „Hier, sehen Sie. Diesen schwarzen Fleck habe ich nie weggebracht, deshalb steht der Tisch hier und nicht anderswo. An jenem Morgen aber war hier nichts, nur diese Verfärbung mitten im Raum und die Kerzen irgendwo daneben. Es stank.“

    Onduwen starrte und überlegte. „Ruß?“

    „Vielleicht. Ich weiß, ich weiß, für derlei Dinge sollte ich ein Auge haben und glauben Sie mir, ich versuchte, die Verfärbung abzutragen und zu analysieren. Wer sonst, wenn nicht ich. Aber dieser … Belag war – ist – so fein, dass ich nicht mehr als Späne des Bodens daraus kriegte.“

    Wieder Stille.

    „Ich mag diese Kerzen nicht“, gestand Onduwen dann und stellte eine aufrecht auf einen freien Fleck der Tischplatte. „Sie sind zu groß.“

    „Hä?“

    „Gehen wir davon aus, dass sich Hammond davon… gezaubert hat – denn vielleicht hat Ihre Bemerkung zur Versetzung durchaus Hand und Fuß, aber nageln Sie mich nicht daran fest – so war nach seinem Verschwinden niemand mehr in der Hütte, der sie hätte löschen können. Sie wären komplett heruntergebrannt oder aber hätten sich auf dem Boden verformt. Das haben sie aber nicht, sie wurden zweifellos ausgelöscht; und wenn die Tür wirklich unverschlossen gewesen war…“

    „… dann musste er Hilfe gehabt haben.“ Ysallia schluckte leer und anschließend Amenos Zweiundfünfzig.

    „Sofern das wirklich der Zweck des Rituals gewesen war. Eigentlich bezweifle ich es. Nach dieser ganzen Heimlichtuerei passt Hilfe von außen nicht ins Bild, denken Sie nicht? Vielleicht macht Hammond wirklich seit acht Jahren Urlaub in irgendeiner Zwischenebene oder am anderen Ende des Kontinents, doch dafür hätte er keine zusätzlichen und eigentlich vermeidbaren Zeugen in Anspruch nehmen müssen. Er hätte einfach verschwinden und die Tür verschlossen lassen können.“

    Das Denken war klebrig geworden und die zwei Seelensteine vor ihr schienen Onduwen mit ihrem Schweigen zu verhöhnen. Warum zwei? Der schwarze hätte genügt, dessen war sie sich sicher. Auch war sie sich sicher, dass Hammond das gewusst haben musste – ein rasches Überfliegen der Rechnungen gab nach wie vor keine Auskunft über die konkrete Natur des Rituals, ersichtlich war nur, dass der Alchemist nicht ziellos gehandelt hatte. Er hatte gewusst, was er brauchen würde und was nicht.

    Nachdenklich hielt Onduwen das letzte Dokument vor sich, den verschlüsselten Brief waldelfischer Machart. Dies waren die Erklärungen, die sie suchten. Sie starrte ihn grimmig an, als würde er dadurch aus lauter Angst seine Geheimnisse preisgeben; nichts dergleichen passierte und sie wandte sich den anderen seltsamen Gegenständen zu, denn davon gab es einige.

    Da fand sich unter anderem körniges schwarzes Pulver, überall in den Falten des Korbes festgesetzt; ein zusammengeschrumpftes, ausgetrocknetes Organ, zu fremdartig, um Nirn zu entstammen; ein unscheinbarer Reißzahn; ein leeres Fläschchen mit flachem Boden, seine Innenseite mit einer dunklen Kruste überzogen; und ein Schädel ohne Unterkiefer, so alt, dass er noch im Korb zu zerbröseln angefangen hatte. Auf seiner braun verfärbten Stirn fanden sich zwei Runen:

    „Indeko … Itade. Wie exzessiv.“

    Ysallia verstand nicht, Onduwen erklärte es ihr. „Verzauberung. Indeko, die obere hier“, sie deutete auf die Ritzung, achtsam, sie nicht zu beschädigen, „steht für ‚Regeneration‘, wenn ich mich nicht täusche. Die Verzauberer arbeiten mehr mit Ideen denn handfesten Regeln, doch das dürfte die geläufige Bedeutung sein. Und die Itade darunter bestimmt den Grad der Potenz, in diesem Fall die Potenz der Umkehrung dessen, auf was auch immer sie angewendet wird. Diese Rune ist mächtig – damit verzauberte Objekte behalten ihre arkane Ladung über Jahrzehnte.“

    „An Ihnen ist eine Gildenmagierin verlorengegangen.“

    „Verloren erst im Dreck des Abenteurerdaseins und dann … hier, ja.“

    Onduwen massierte sich die Schläfen. Sie sollte sich wirklich nicht zum Trinken hinreißen lassen, wenn sich daraufhin stets die verschleierten Erkenntnisse zu ihrem koketten Tanz aufmachten, doch die Hellsicht lag weit außerhalb ihrer Kompetenzen. Indeko, Itade. Irgendetwas übersah sie, sie spürte es in ihren abwesenden Fingerspitzen, sie brannten und juckten. „Diese Runen spielen zusammen“, stellte sie fest, mehr für sich selbst, „darum sind sie auf demselben Schädel.“

    Dieser Schädel, alt und morsch. Wofür brauchte man Schädel bei derlei Spielereien? Sterbliche Überreste überhaupt? Um die residuale nekrotische Energie daraus zu nutzen, wofür sonst. Schädel, Indeko, Itade. Ihr Kopf schwirrte und fühlte sich fast so fragil an wie der des armen Verblichenen auf dem Tisch.

    „Regeneration und Umkehrung zehnten Grades. Gibt…“

    Ysallia wagte es nicht, in ihre ziellosen Äußerungen zu fallen mit Fragen, die ihr ohne Zweifel auf der Zunge brannten.

    „Trans…“

    Das Kratzen des Schemels über den Holzboden peitschte durch die Monotonie von Regen gegen Glasscheiben wie ein Donnerschlag, als Onduwen aufsprang und ihn umwarf.

    Transfer!“, brüllte sie mit glasigen Augen und packte den Schädel grob an der nackten Decke. Bevor Ysallia überhaupt angemessen erschrocken hatte reagieren können, hatte ihr Gast bereits weit ausgeholt und den uralten Knochen mit aller verfügbaren Wucht auf den Boden geschmettert, wo er nicht einmal zersprang, zu gering war die Spannung im toten Gewebe geworden.

    „Was tun Sie da, um Himmels Willen?!“

    „Ich breche den Scheißfluch, Ysallia! Ich breche ihn gleich jetzt!“

    Wieder und wieder trampelte sie auf den Knochenscherben herum, das Gesicht orange vor Aufregung und Trunkenheit. Ysallia hingegen gefiel dieses Verhalten nicht im Mindesten, sie verstand es nicht und hielt es für daneben – darum erhob auch sie sich, stützte sich mit beiden Händen auf den vollgestellten Tisch und wurde laut.

    „Beherrschen Sie sich, verdammt nochmal! Ich verlange eine Erklärung, oder Sie gehen erneut ohne Ihre Zustimmung!“

    Aus ihrem Fieber gemahnt hörte Onduwen zwar auf zu trampeln, aber der fiebrige Ausdruck in ihren Augen blieb. Sie streckte den Rücken durch, es knackte. Dann lockerte sie ihren Nacken und spannte die Kiefermuskeln.

    „… spüren Sie es?“

    Eine fast flehende Erwartung lag in dieser Frage, so dringlich nach Bestätigung dürstend, dass die Verzweiflung darin nur einen Schluss zuließ: Was auch immer man zu spüren hatte, Onduwen spürte es nicht.

    „Was soll ich…“, kam es unwirsch von Ysallia, die aber sofort zu ihrem eigentlichen Anliegen zurückkehrte. „Nein! Antworten Sie mir endlich! Was ist bloß in Sie gefahren!“

    Es vergingen einige zähe Sekunden, in denen Onduwen wie eingefroren dastand und ihrem ermatteten Körper lauschte. Dann seufzte sie schwer, hob den Schemel auf und ließ sich darauf fallen.

    „Der Fluch.“

    Die Karte wurde mit fahrigen Fingern über Hammonds Habseligkeiten ausgebreitet. Sämtliche Kraft, in die sich der Frust der letzten Tage verwandelt hatte und die so plötzlich aus ihr herausgebrochen war, hatte sie verlassen.

    „Er ist real – nein, sagen Sie nichts, noch nicht. Ihre Meinung ist wichtig, aber erst sollen Sie zuhören.“

    Dann berichtete sie von ihren Funden im Wald und den Schlüssen, die sie daraus gezogen hatte.


    -.-


    „Das ist absurd“, widersprach Ysallia mürrisch, als Onduwen ihre Vermutungen restlos geteilt hatte. „Hammond hegte keinen Groll, weder gegen die Stegen noch gegen das Dorf. Wenn überhaupt war er das Problem und das wusste er wohl.“

    „Das können wir nicht mit Sicherheit sagen.“

    „Das können Sie nicht…“

    „Wir wissen nicht einmal, ob das Ritual dem Heraufbeschwören des Fluches diente“, fuhr Onduwen über ihren Einwurf und hob dann die Schädelbrösel vom Boden, „aber irgendeinen Zweck musste es gehabt haben. Hier ist … war ein nekrotisch geladener Schädel, der einen mächtigen Transferzauber hervorrufen, vielleicht betreiben sollte – Indeko und Itade, richtig.“

    Ysallia nickte trüb und griff nach ihrem Glas. Onduwen tat es ihr gleich und fuhr fort.

    „Den Leuten fliehen die Jahre. Ihre Lebenskraft verschwindet in den Äther, sie wird transferiert, denn Energie geht nicht einfach verloren. Wären diese Runen andere gewesen, so würden wir jetzt womöglich alle langsam erfrieren oder in einer Flut aus Blitzen ertrinken, doch es sind keine anderen. Der beabsichtigte Zauber und die Symptome des Fluches passen zusammen, das kann kein Zufall sein.“

    „Aber … warum? Und warum ausgerechnet jetzt?“

    „Genau daran störe ich mich auch. Ich glaube – ich gehe davon aus, wenn Sie so wollen – dass Stegens Tod die Ereignisse in Gang gesetzt haben muss. Nur sollte das mit dem ‚Warum‘ im denkbar ärgsten Konflikt stehen.“

    „Das ergibt doch keinen Sinn. Selbst wenn Hammond Rachegelüste gehegt hat, so hätten sie dem Baron gelten müssen, von dem sich Marlene Stegen nicht hatte lösen können. Schieferbucht deshalb auszulöschen ist wahnsinnig.“ Ysallia umschlang ihre Oberarme, als wollte sie sich von der Vorstellung schützen, dass ihr alter Meister aus purer, fehlgeleiteter Missgunst ein solches Übel über das Dorf gebracht haben könnte.

    „Korrekt. Wenn wir unsere aktuelle Lage Hammonds Abschiedsgeschenk verdanken, dann kommt es nicht nur viel zu spät; es trifft auch die völlig Falschen.“

    „Was ist überhaupt mit dem Stegen?“

    „Keine Ahnung. Gerade haben wir dringlichere Probleme, denke ich.“

    „Das stimmt wohl.“ Ysallia hustete und stieß auf, was Onduwen an etwas erinnerte.

    „Übrigens haben Sie mir noch nicht gesagt, wie sie sich fühlen. Vorhin, als ich den Schädel zerstört habe.“

    „Schlecht. Also, wirklich schlecht. Dass ich inzwischen den Grund dafür kenne, ändert leider nichts daran, dass mir die Zeit buchstäblich gestohlen wird.“

    Onduwen konnte nur zustimmen. Mochte sie zwar die Saat des Elends in Form der alten Knochen gebrochen haben, war ihr ihre Frucht, der Fluch, dabei entgangen. Nachdem sie ihren Mantel ungelenk übergestreift hatte, tippte sie noch einmal mahnend auf die ausgebreitete Karte, bevor sie auch die einsteckte.

    „Tun Sie sich den Gefallen und hauen Sie ab. Gehen Sie nach Raureiftal, Schornhelm, egal wo. Hauptsache weg vom Zentrum.“

    „Vielleicht werde ich das“, antwortete Ysallia matt und schaute an Onduwen vorbei, hinaus auf das Meer. Die Regenwolken dämpften das Mondlicht, doch es reichte aus, um die Bucht nicht in totaler Tintenschwärze versinken zu lassen. Gegen den fransigen Rest Nachthimmel erhob sich die Leuchtturmruine auf ihrem Inselchen als ironische Absenz jeglicher Helligkeit und labte sich stumm und blind an den Überbleibseln des Dorfes, für dessen Gedeihen sie einst gesorgt hatte.


    -.-


    Das und mehr ging Onduwen durch den Kopf, als sie durch den an Stärke gewinnenden Sturm und den Schlamm zum Letzten Schluck stapfte. Den Ausgangspunkt von Hammonds Ritual zu beseitigen hatte sich als fruchtlos erwiesen, sie spürte es in jeder Faser ihres weichenden Körpers. Derzeit konnte sie daran nichts ändern; bei diesem Seegang hätte der Leuchtturm genausogut im alten Yokuda stehen können, dazu war sie betrunken, ganz und gar erschöpft und ihr grauste vor der Eröffnung, die sie im Gasthaus erwarten würde. Sie hatte Wick in miserablem Zustand verlassen, seitdem würde der sich kaum gebessert haben. Auf den faulenden Brettern der Terrasse stoppte sie ihre erschöpften Schritte und spähte durch die trüben Scheiben ins Innere, wo im Schein einer einzelnen Kerze eine einzelne Gestalt über dem Ecktisch der Südseite hing, regungslos. Es war Madri. Onduwen betrat die Stube und sperrte den Regen aus, streifte die Stiefel ab und ließ die diffuse Stille auf sich wirken. Zu ihrer Erleichterung rührte sich die Wirtstochter, sie musste leicht geschlafen haben.

    „Da sind Sie ja“, murmelte sie abwesend und richtete sich auf, die Augen klein und verklebt. „Ich habe auf Sie gewartet – ein Brief wurde für Sie abgegeben.“

    „Von wem?“, wollte Onduwen wissen, als sie sich ächzend neben Madri in die Bank fallen ließ wie damals, als ihr Fuß dasselbe verlangt hatte. Das Mädchen schob ihr den besagten Brief entgegen.

    „Valerian Stegen.“

    Noch machte sie keine Anstalten, das Schriftstück an sich zu nehmen. „Hm. Wie geht es Wick?“

    „Nicht gut. Kurz nachdem Sie gegangen waren, begab er sich zu Bett. Ich machte ihm Tee, doch er war nicht wachzukriegen.“

    „Verdammt.“ Das war alles, was sie im Moment dazu zu sagen hatte, die Schwere im Raum war unerträglich. Sie riss den Brief auf, zum Vorschein kam eine elegante, altmodische Handschrift, die nicht dem jungen Stegen gehörte – dessen war sie sich sicher, denn seinen Vertrag hatte sie in einem anderen Leben eingehend gelesen.



    Frau Torbrecher


    Noch zögere ich, eine Entschuldigung auszusprechen, doch jüngste Entwicklungen in meinem Heim lassen mich um meine und die Sicherheit meiner Familie fürchten. Betrachten Sie Ihre Verbannung als aufgehoben und suchen Sie mich so bald wie möglich auf.

    Hochachtungsvoll


    M. Stegen



    -.-



    Ich muss die Wunden versorgen und endlich aufhören zu bluten. Als ich mir „nicht einfach machen, einfach machen“ vorgenommen hatte, erwartete ich keine ~4k Wörter vor dem eigentlichen Kapitel, aber das ist der Preis der dünner werdenden Drafts. In meinem Kopf und meinen Fingern wohnt eine Perse, sie zwingt mich zu Schwaden mäßig relevanter Exposition und steht beharrlich der Reduktion direkter Rede im Weg. Dies ist nicht mein glänzendstes Kapitel; ich musste mich an zu vielen selbstverständlichen In-Universe-Begebenheiten bedienen, für deren klare Nachvollziehbarkeit ich nochmals doppelt so viel hätte schreiben müssen. Hinsichtlich des Charakters der gefundenen Verzauberungsrunen kann ich die geneigte Leserschaft nur beschwören, sich in ESO hineinzusteigern oder aber mir ihre Gnade zu gewähren. Dazu stand ich wie noch nie zuvor zwischen Tür und Angel, was den Konflikt von Knappheit gegen Immersion betraf, sodass ich mir irgendwann eingestehen musste, dass Gift und Galle ver- und Steckenpferde eingeschoben werden musste. Als ungeplante Überschrift ist dies die erste, die nicht ausschließlich Bezug auf die Handlung nimmt und damit nicht nur alte und gegenwärtige Beschäftigungen der drei relevanten Akteure bezeichnet, sondern auch meine. Danke fürs Lesen, jetzt, wo der Oktober rennt, darf ich baldige Updates ankündigen.


    Keine halluzinierten Zitate heute, ich mag nicht.


    Title Drop!


    Und damit hallo. Ich fürchte, dass ich die Brotkrumen nicht so klar wahrgenommen habe, finde die teilweise Auflösung dieses Problems im Dorf aber sehr zufriedenstellend. Es ist etwas, was in der Spielwelt erwartbar ist und für viel Rätselraten sorgt, was denn nun genau für die ungleichmäßig vergehende Zeit sorgt. Obwohl Ondu jeden Grund dazu hätte, wütend zu sein, bleibt sie im Tonfall den Geschehnissen entsprechend durchweg sympathisch. Im Übrigen mochte ich den Titel des Kapitels sehr. Er wirkt absolut banal, wird am Ende aber seiner banalen Tätigkeit absolut gerecht.


    Wir lesen uns!

    Wie immer meinen aufrichtigsten Dank für deinen Kommentar, er zeigt mir unter anderem, dass ich nicht einfach darauflosschreiben sollte ohne vorheriges Einlesen in vergangene Kapitel. Trotzdem mochte ich den Rausch, der mich beim Produzieren des aktuellen Auswurfes überkommen hat, nicht ungern und ich werde ihn wohl noch einige weitere Male in Anspruch nehmen müssen. Es wird eng, Kameradis.


    Ulti :heart:


    Ich hatte dein Kapitel im Wartebereich vor dem Raum meines Dozenten angefangen zu lesen – was vor einem Monat war – und habe mir danach wirklich lange Zeit gelassen, den Rest zu lesen. Daher konsultiere ich mal meine Notizen von damals und bin dementsprechend in der Mitte des Kapitels eingestiegen. Ich finde, dass du die Form des „Body Horrors“ – die frühen, zu frühen Anzeichen des Alters – sehr gut in den Anfang der Geschichte verwoben hast. Zunächst dachte ich nämlich, dass es sich um nur kleine Nebenbemerkungen handelt – der Hexenschuss, die Stirnfalten -, da Ondu in den vorherigen Kapiteln nicht so einen zerbrechlichen Eindruck gemacht hat. Aber wenn ich recht darüber nachdenke, hast du davor immer wieder anklingen lassen, dass Ondu jegliches Zeitgefühl verloren hat. Wick wirkt auch hier wieder sehr sympathisch und man merkt, dass Ondu nicht nur das Gespräch mit ihm sucht, in der Hoffnung mehr Informationen zu gewinnen, sondern, weil sie inmitten der ganzen Sache eine Pause einlegen möchte. Man hat selbst als Leser das Gefühl, mit Ondu zu „pausieren“ und sich Klarheit verschaffen zu wollen. Pierose wirkt mysteriöser denn je und ngl, ich weiß nicht, was ich von ihm halt soll.


    Ondus Gespräch mit Arielle fand ich amüsant und irgendwie berührend zugleich; Ondu scheint mir nicht unbedingt eine Person zu sein, die den Umgang mit Kindern gewohnt ist, aber ihre direkte und teilweise hilflose Art, Arielle klar machen zu wollen, dass sie die Leiche ihres Vaters nicht entwendet hat, zeigt, dass sie ihren Anstand vor den anderen wahren will. Und auch wenn sie denkt, dass der Austausch von Geheimnissen mit Arielle mehr Zeitverschwendung war, habe ich das Gefühl, dass Bär und sein wundersam goldener Zahn ihr zufällig eine wichtige Offenbarung beschert haben.

    Aye danke, beim Hirsch hatte ich mich wirklich gespürt, überhaupt habe ich eine Schwäche für langatmige Grotesken, die heute leider etwas zu kurz gekommen sind. Dein scharfes Auge hat natürlich erwischt, was ich nicht oder nur schwer in die Handlung einbauen konnte, ohne sie noch weiter aufzublähen – Ondu, inzwischen auf sich alleine gestellt, musste den grundlegenden Anstand verinnerlichen, um ohne das Wohlwollen von Freunden und Familie in der Gesellschaft manövrieren zu können. Da Sommersend zweifellos der letzte Ort für eine Kindheit auf dem Spektrum ist, freuen wir uns, dass sie freundlichere Umgebungen für ihre Schwimmflügel gefunden hat.

  • Ulti :heart:


    Auch ohne Vorkenntnisse über ESO, fand ich alles doch relativ nachvollziehbar. Ich glaube, dass man an der Stelle der Leserschaft immer bisschen mehr zutrauen kann, denn die Erwähnung zu Magie sind ja im Kontext deiner Geschichte eingebettet und machen – zumindest auf den ersten Blick – Sinn. Die Unterhaltung zwischen Ysallia und Ondu hat nicht nur zahlreiche neue Erkenntnisse hervorgebracht, sondern auch gezeigt, dass beide irgendwie vom gleichen Schlag sind. Auch wenn Ysallia vielleicht weniger über bestimmte Magie weiß, war es doch sehr interessant, wie Ondu sie hinsichtlich einer Einteilung in weißer und schwarzer Magie belehren musste. Irgendwie bekomme ich den Eindruck, dass man näher dran ist, das Mysterium zu lösen und zugleich haben sich noch mehr Fragen nach diesem Kapitel eröffnet: Wem galt dieser Fluch und – ich hoffe, dass ich das noch richtig im Kopf habe – wieso hat er an Wirkung gewonnen, nachdem Hammond verschwunden ist? Ich bekomme hier den Eindruck, dass Ondu selbst was übersieht – was übersehen muss – und dass der ominöse Brief von Valerian (oder von einem anderen Absender?) mehr als Warnung gilt. Die neu gewonnen Erkenntnissen passen… irgendwie nicht ganz zusammen. Deswegen bin ich noch umso mehr gespannt, wie sich alles im kommenden Kapitel fügen wird.