Beiträge von Eagle

    13. Rutenas Sorge


    »Es ist mir ein Rätsel, warum der Bengel mich so penetrant verfolgt.«

    Bei einem Morgenrundgang durch die Stadt blickte Lucario finster in die bleiche Sonne hinauf. Grillchita, der an seiner Seite ging, gluckste. Passanten passierten links und rechts an den Ordnungshütern vorbei, wünschten ihnen einen guten Morgen und gingen ihren Geschäften nach.

    »Bis vor Ihrer Ankunft war er ein unbeschriebenes Blatt. Scheint einen Narren an Ihnen gefressen zu haben, Sheriff. Was sagen die Eltern dazu?«

    Aus der Ferne war das ausgelassene Toben von Kindern zu hören, die in der Schule gerade ihre Pause begingen. Der Wechsel der Geräuschkulisse ließ Lucarios Grimmen nur noch finsterer werden.

    »Ich habe nicht mit ihnen gesprochen. Wie ich gehört habe, ist sein Vater Minenarbeiter, der gerne einen über den Durst trinkt. Und die Mutter kann mich anscheinend nicht besonders gut leiden. Soll mir recht sein.«

    »Nun, vielleicht sollten Sie das mal nachholen. Kann ja nur besser werden«, schulterzuckte Grillchita.

    »In solche Sachen mische ich mich nicht ein. Ich verlasse mich da ganz auf die elterliche Strenge.«

    Grillchita legte die Hände an seinen Hinterkopf, während er Lucario nachdenklich von der Seite aus beäugte.

    »Gehen der Konfrontation aus dem Weg, hm? Sieht Ihnen nicht ähnlich, Chef.«

    »Sagen wir: Ich habe im Moment andere Sorgen«, erwiderte Lucario. Er senkte seine Stimme etwas. »Wo wir beim Thema sind: Was machen die Nachforschungen?«

    »Es war in den letzten Tagen ziemlich ruhig in der Stadt, wie Sie wissen - keine besonderen Vorkommnisse und so weiter. Und auch er benimmt sich, von dem, was ich so gesehen habe, ganz normal. Verbringt die meiste Zeit in der Poststelle und geht abends gerne einen heben. Nichts Ungewöhnliches. Ich bleibe an ihm dran, keine Sorge«, ergänzte Grillchita hastig, »aber erwarten Sie bitte keine Wunder. Für Wunder ist der Reverend zuständig, nicht ich. - Was ist eigentlich mit den anderen Verdächtigen: Z, Pantimos, die Aussiedler?«

    »Eher bekommt man aus einem Felsbrocken genug Saft gequetscht, um daraus einen Hochprozentigen zu brennen, als aus Z eine gescheite Antwort. Ich hasse es, zuzugeben, aber der Kerl ist gut. Das muss ihm der Neid einfach lassen«, knurrte Lucario.

    Grillchita gluckste.

    »Ich wette, Sie können gar nicht abwarten, ihn endlich hinter Schloss und Riegel zu sehen.«

    Der Sheriff sah seinen Deputy streng von der Seite an.

    »Ich kann Z nicht einfach einbuchten, nur weil er mir auf den Sack geht! So funktioniert das mit Gesetz nicht. Das weißt du genau so gut wie ich.«

    Rhino hatte einige ruhige Tage hinter sich gelassen. Unter der warmen Herbstsonne hatten zwei Handelskarawanen die Stadt passiert und ihr endgültiges Ziel ebenso unbeschadet erreicht. Eine weitere Postkutsche hatte an diesem Morgen die Vorräte in der Stadt aufgefüllt und die Motivationsschraube in der Bevölkerung stark nach oben gedreht. Bewohner nutzten diese Gelegenheit, um das locker sitzende Portemonnaie um einige klingende Münzen zu erleichtern. Außerordentlich gut gingen die Geschäfte insbesondere dann, wenn die neuste Ausgabe der Tageszeitung aus Ramal in den Verkaufstheken auslag - so wie heute. Denn auch wenn sich Rhino nach außen hin gern als stark und unabhängig präsentierte, so bewies ausgerechnet etwas so Banales wie die Neuigkeiten über das auswärtige Tagesgeschehen das Gegenteil.

    Nachrichten aus aller Welt gehörten zu einer besonderen Art von Ware; die Sorte, auf die selbst Rhinos Bürgermeister keinen Einfluss hatte: Informationen. Sie waren das stille Bedürfnis der Stadtbewohner, sich hier, im Herzen des Sandkontinents, ebenfalls als Teil der restlichen Welt zu fühlen. Dieses Verlangen ging so weit, dass sich der unerbittliche Durst nach neuen Informationen so gut bezahlt machte wie Wasser in der Wüste. Dementsprechend war man gewillt, für eine Zeitung tiefer in die Tasche zu greifen als irgendwo anders auf dem Kontinent. Umso gründlicher las man sie; selbst Tage später noch und nachdem man den gesamten Inhalt bereits in- und auswendig kannte. Nachrichten über das verheerende Feuer in der Stadtbücherei von Ramal, von den Umsatzeinbußen eines Tavernenbesitzers, der öffentlich die Branntweinsteuer anprangerte, oder von dem verkorksten Wahlkampf der kandidierenden Stadtbürgermeister - sie alle waren ein willkommener Zeitvertreib für Rhino, in der üblicherweise das Interessanteste die neue, provozierende Frisur der First-Lady war.

    »Schauen Sie, Chef, das muntert Sie gleich wieder auf: Die Puppen zaubern wieder Stimmung in die Bude.«

    Grillchita deutete breit grinsend auf den Saloon, wo sich zwei Männer im Wettstreit, wer zuerst das Etablissement betreten durfte, regelrecht über den Haufen rannten. Zum gleichen Zeitpunkt hatte es eine Bürgerin besonders eilig, die raufenden Männer und den Fröhlichen Fuchs schnell hinter sich zu lassen. All dies wurde von lautem Pianospiel und frenetischem Gegröle innerhalb des Saloons begleitet, welche noch auf der anderen Straßenseite das Blut in Wallung brachten.

    »Etwas früh für ›Puppen‹«, merkte Lucario an. »Was ist da los?«

    »Die Miezen sind seit gestern aus dem Urlaub zurück«, antwortete Grillchita. Da Lucario auf sein anzügliches Zwinkern nicht reagierte, erklärte er weiter: »Sie wissen ja wahrscheinlich, dass die Traumweber hier nur zeitweise für Unterhaltung sorgen; oder sagen wir: gesorgt haben. Es stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon am ersten Tag, als keine Miezen mehr da waren, flog der erste Stuhl durch die Scheibe.« Sein Grinsen wuchs in die Breite. »Sieht so aus, als wollte Rutena es jedermann wissen lassen, dass endlich wieder Normalität eingekehrt ist.«

    Im Gegensatz zu Grillchita verzog Lucario keine Miene. Doch seine Schritte verlangsamten sich zunehmend.

    »Was ist mit den Traumwebern? Sind sie weitergezogen?«

    »Ja und nein. Wie ich gehört habe, haben alle bis auf Pantimos die Stadt verlassen. Gestern war er jedenfalls noch da und hat beim Poker die Hosen runterlassen müssen.«

    Lucario seufzte frustriert.

    »Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht … Findest du das nicht verdächtig?« Er war mittlerweile stehengeblieben, den Blick streng auf Grillchita gerichtet. »Dass ausgerechnet der Kopf der Truppe zurückbleibt?«

    »Äh, jetzt wo Sie’s sagen: Ist schon sehr merkwürdig, dass er sich immer noch in der Stadt aufhält.«

    Lucarios Mundwinkel zuckten von links nach rechts, als er den Ärger um seinen Deputy zur Seite schob und stattdessen gedanklich das fehlende Puzzlestück suchte. Schließlich kratzte er sich nachdenklich am Kinn und nickte abschließend.

    »Die Angelegenheit ist eine Nachforschung wert.«

    Grillchitas Stirn schlug Furchen.

    »Und wie sollen diese ›Nachforschungen‹ aussehen?«

    Lucario betrachtete einige Sekunden den Saloon. Dann begann er, forsch zu schmunzeln.

    »Ich werde ihn fragen.«


    Die Uhren standen auf spätem Vormittag, als Lucario einen Fuß über die Türschwelle des Fröhlichen Fuchs setzte. Seit seiner Ankunft in Rhino hatte er es selten erlebt, dass der Saloon rappelvoll war, allenfalls gut gefüllt, und schon gar am frühen Tag. Doch an jenem besonderen Morgen war alles anders. Männer, die zu dieser Uhrzeit für gewöhnlich auf dem Feld standen oder unter Tage schufteten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, besetzten bereits sechs der insgesamt zehn Tische sowie zwei Stehplätze direkt an der Theke. Auf der kleinen, angehobenen Bühne mit dem provisorischen Piano und mit bestem Blick auf das gesamte Erdgeschoss traten an diesem Tag nicht die brav musizierenden Traumweber auf, sondern Pantimos am Klavier und zwei Tänzerinen - Saloon-Girls. Sie waren junge Frauen, die zu flotter, aufreizender Musik ihre Hüften kreiseln ließen und die mit ihrem freizügigen Auftreten nichts der Fantasie überließen. Wenn sie gerade nicht auf der Bühne standen, servierten sie Drinks - stets ein Lächeln auf den Lippen und ein Augenzwinkern für ein Trinkgeld parat. Üblicherweise wechselten sich Saloon-Girls bei ihrer Arbeit ab - mal am Piano, mal am Singen und Tanzen, oder mal mit einem Getränketablet unterwegs. Es war ein bewährtes System, das das Interesse der Kundschaft aufrecht hielt und damit den Getränkeabsatz ankurbelte. Ob man sich nun in einer der renommiertesten Bars des Landes aufhielt oder in einer kleinen Provinzspelunke: Eine unsittliche Berührung galt überall als Tabubruch. Es verwunderte daher kaum, dass eine Keilerei zwischen schamlosen Sittenstrolchen und scheinheiligen Moralaposteln meist nur ein anstachelndes Schwanzwedeln entfernt war.

    Die zweiflüglige Saloontür schwang noch quietschend hinter Lucarios Rücken, als auch schon eine von Rutenas Angestelltinnen auf ihn zugeeilt kam. Bevor er es sich versah, hatte sie auch schon ihren Arm um den seinigen geschlungen und machte Anstalten, ihn so sanft wie bestimmend zu einem freien Tisch führen zu wollen. Der Griff des Saloon-Girls war wie ein Meer aus widerborstigen Fangarmen, die sich ihm immer wieder um den gegenüberliegenden Arm wickelten, nachdem er zuvor den anderen befreit hatte. Er werde erwartet, log Lucario schließlich ungehalten, und deutete auf Rutena, die ihm von der Theke aus heiter zuwinkte.

    Als er den Weg Richtung Theke einschlug - Lucario hatte sich dazu überreden, dass die Angestellte ihn zumindest dahin begleiten durfte - spürte er deutlich mehr Interesse auf sich ruhen, als ihm lieb war. Darunter befand sich auch ein vertrauter Glücksspieler, dessen Vorliebe für ein spätes Frühstück sich in den vergangenen Tagen nicht geändert hatte. An seinem Stammtisch sitzend und besonders gut gelaunt würdigte Z Lucario erhobenen Glases und mit einem kurzen Lächeln und wandte sich anschließend wieder der Show auf der Bühne zu.

    »Bei ihm hast du keine Chance, Darling. Er ist mir bereits ganz und gar zugetan«, neckte Rutena ihre Mitarbeiterin. Diese schnitt ihr daraufhin eine freche Grimasse und wandte sich im Anschluss wieder ihrer Arbeit zu. Rutena legte derweil ihren Kopf auf die eigene Schulter, kreuzte die Arme und fragte Lucario mit energischem Blick: »Na?«

    Lucario reagierte nur langsam. Ein Stirnkräuseln ging einem »Hm?« voraus.

    Rutena kicherte.

    »Habe dich die letzten Tage kaum noch zu Gesicht bekommen. Hast du mich vermisst?«

    »Etwas«, log Lucario.

    »Nur etwas?« Rutenas Lächeln wurde ein wenig blasser. Sie seufzte. »Immerhin ein Anfang … Was darf ich dir bringen, Sugar?«

    »Deshalb bin ich nicht hier.« Mit einer kurzen Kopfbewegung gestikulierte er Richtung Bühne. »Ich will mit Pantimos sprechen. Wann ist er frei?«

    Rutena zog einen Schmollmund.

    »Pantimos willst du sehen. Z willst du sehen. Rameidon willst du sehen … Wann kommst du endlich, um nur mich zu sehen?«

    Neben Lucario lachte die Stimme eines Gastes höhnisch auf, der von seinem Stehplatz aus die Unterhaltung bislang still verfolgt hatte.

    »Du laberst einfach viel zu viel. Zeig ihm doch mal stattdessen deine Schenkel. Oder noch besser: Geh‹ einfach runter auf alle Viere und besorg’s ihm gleich hier und jetzt.«

    Die Überraschung stand dem Saloonbesucher noch im Gesicht geschrieben, als Lucario ihn bereits am Fellkragen gepackt und wie einen Sack Federn ruckartig in die Luft gehoben hatte. Im ganzen Saloon wurde gejohlt, gepfiffen und auf die Tische geklopft. Nicht aber wegen der Keilerei an der Theke, sondern, was sich sonst noch zum selben Zeitpunkt dort abspielte.

    Rutena saß in herausfordernder Pose auf ihrer Theke. Die Schürze provozierend zur Seite geschoben und das linke Bein lässig über der Theke baumeln, offerierte sie Lucario das rechte ihrer schlanken, anthrazitgrauen Beine. Dann rückte sie etwas näher heran. Zärtlich wanderten ihre Zehen erst an der Hüfte des Sheriffs entlang, dann hinauf, wo sie seine Brust liebkosten - ein sinnlicher Stepptanz, der Lucarios Welt zum Beben brachte. Ganze Haarbüschel rieselten ihm durch seine Finger, als er den mittlerweile vor Schmerzen quiekenden Mann unsanft wieder herabsetzte.

    »Gefalle ich dir so besser?«, fragte Rutena provozierend. Die Leidenschaft in ihrer Stimme säuselte wie eine warme Frühlingsbrise. Das Glühen ihrer Augen vermochte Stahl zum Schmelzen zu bringen.

    »Komm … komm wieder runter«, murmelte Lucario. Der Druck seines rasenden Pulses schnürte ihm die Kehle zu, was seine Stimme wie ein heißeres Gurgeln klingen ließ. Er verlieh seiner Bitte Nachdruck, indem sich mit einem wackligen Schritt zurück von der Berührung der Barkeeperin lossagte.

    Einige Sekunden vergingen. Schweigend schauten sie einander an. Während Rutenas Passion unvermindert leidenschaftlich loderte und Lucario gegen das rasch ansteigende Wechselbad der Gefühle ankämpfte, nahm die Kakophonie im Saloon orkanartige Züge an.

    »Nun gut, du hast gewonnen, Sugar.« Rutenas breites Lächeln verlor keinen Millimeter, als sie Lucario ihre Pfote anbot, damit er ihr hinunterhalf.

    Zögerlich kam Lucario ihrer Bitte nach. Rutena quittierte die Hilfsbereitschaft, indem sie Lucario absichtlich entgegen stolperte und sich daraufhin in dessen Armen wiederfand. Mit aufgesetzter Verlegenheit blickte sie ihm tief in die Augen.

    »Ich Schussel.«

    Rutenas Odeur war ein heißer Wüstenwind, der durch einen Rosengarten tanzte. Jeder Atemzug trieb Lucario mehr und mehr zur Besinnungslosigkeit. Die Knochen schmerzten, als ob sie versuchten, gewaltsam aus seinem Körper auszubrechen. Doch das anfängliche Verlangen, die Saloonbesitzern abzuschütteln, die ihm zärtlich über die Schulterblätter streichelte, schwand mit jeder weiteren Sekunde.

    »War das geplant?«, fragte Lucario.

    »Pure Absicht«, grinste Rutena.

    Noch kurz ließ er sie noch gewähren, dann versteifte er sich und drückte sie sanft, doch souverän von sich weg.

    »Das … das reicht jetzt.«

    »Nur noch ein bisschen«, flehte Rutena. Aber es gelang ihr nicht, Lucarios abwehrende Haltung zu überwinden. Mit enttäuscht hängenden Ohren löste auch sie sich schließlich langsam von ihrem Gegenüber. »Ich will dir doch nur etwas näher kommen. Ist das denn so schwer zu verstehen?«

    »Ich weiß nicht, ob ich es verstehe«, beschwichtigte Lucario«, aber ich bin einfach nicht der Typ für so was.«

    »Dann versuch’ es gar nicht zu verstehen! Lass’ es einfach nur zu!«

    »Ich will dich nicht in Gefahr bringen.«

    »Ich liebe gefährliche Männer.«

    »Das bin ich nicht wert. Ich tue dir nur weh.«

    Rutena schüttelte den Kopf.

    »Sag’ doch so was nicht …!« Sie machte einen behutsamen Schritt auf Lucario zu. »Du tust immer so verschroben, willst immer nur allein sein, niemanden an dich heranlassen. Dabei hast du hier schon so viele Leben bereichert, so viel Gutes getan. Darum glaube ich das nicht, dass du das wirklich von dir selbst denkst. Und darum möchte ich mehr Zeit mit dir verbringen, dich besser kennenlernen.«

    Lucario atmete aus. Er war die Unterhaltung überdrüssig. Ohnehin fand er den gut gefüllten Saloon, in dem die Leute mittlerweile lautstark skandierten, was für ein unsensibler Bastard er doch sei, als denkbar schlechten Ort für eine Privatunterhaltung.

    »Das lässt sich vielleicht eines Tages arrangieren. Aber nicht heute«, warf er kopfschüttelnd ein.

    »Vielleicht bei einem gemeinsamen Candlelight Dinner? Mit einem unschuldigen Kuss auf die Wange zum Nachtisch?« Rutena deutete auf dieselbe.

    »Das … wäre zu viel verlangt.«

    Mit dem Lächeln einer würdigen Verliererin nickte sie sacht. Sie rückte ihre Schürze zurecht und begab sich wieder hinter ihren Tresen.

    »Ich schätze, man kann nicht alles im Leben haben«, seufzte sie.

    »Wir alle haben Träume«, meinte Lucario.

    »Das weiß ich nur zu gut. Ich hätte gerne einen Billard-Tisch.«

    Lucario runzelte die Stirn.

    »Billard? Was ist das?«

    »Kennst du wohl nicht. Nur wenige tun das. Ich habe das auch erst einmal gesehen - in einer Taverne an der Westküste«, erklärte Rutena. »Billard wird an einem großen, rechteckigen Tisch gespielt. Die Aufgabe ist es, mit einem Queue - das ist ein langer Spielstock mit einem stumpfen Ende - eine weiße Kugel anzustoßen und damit andersfarbige Kugeln in eines der Löcher an den Tischecken zu versenken. Es gibt vollfarbige und halbfarbige Kugeln. Man darf nur die eigenen versenken, nicht aber die des Gegners. Deshalb wird Billard meistens nur von zwei Leuten gespielt oder in einem von zwei Teams.«

    »Klingt unüblich für einen Saloon.«

    Rutena schmunzelte.

    »Das stimmt. Das Spiel benötigt echtes Geschick und kein Glück. Ich denke, es wird sich daher nur langsam etablieren und außerdem platztechnisch mindestens zwei meiner Tische kosten. Aber das ist mir egal. Ich will unbedingt so einen Tisch haben! Darum spare ich ihn mir seit einem Jahr vom Mund ab.«

    »Dann musst du aber etwas an deinen Preisen feilen, sonst kannst du noch lange knausern,« warf Lucario ein.

    »Du wolltest Pantimos sehen? Ich hole ihn für dich, Sugar.«

    Der plötzliche Richtungswechsel der Unterhaltung überraschte Lucario, war ihm aber auch nicht abgeneigt. Rutena stieg die drei Stufen der Bühne hinauf und neigte sich in Flüsterhöhe zu Pantimos hin. Die Musik blieb während des kurzen Gesprächs unverändert flott und fröhlich, hingegen sich die Augen des Unterhalters verengten und das restliche Gesicht verdrossene Furchen schlug.

    Nach wenigen Worten beendete Pantimos sein Pianospiel. Die darauffolgende Stille war nur ein erstickender Laut, der beinahe übergangslos von einer von Rutenas Angestelltinnen am Piano verschlungen wurde.

    »Sie wollten mich sprechen, Sheriff?«

    Mit unwirschem Ton, ungeduldig zuckender Unterlippe und gestrafften Muskeln verschränkter Arme machte Pantimos aus seiner Laune kein Geheimnis. Wie schon zuvor bei Rutena wünschte sich Lucario einen intimeren Ort für das Gespräch.

    »Ich habe gehört, Ihre Leute sind weitergezogen, während Sie zurückgeblieben sind«, stellte Lucario fest. »Darf man fragen …«

    »Hören Sie«, unterbrach Pantimos mit hochgehobener Hand. »Weder tue hier etwas Verbotenes noch gefährde ich jemanden. Alles, was Sie wissen brauchen, ist, dass ich noch ein paar Tage in Rhino bleibe und später zu meiner Truppe stoßen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden - ich habe zu arbeiten.«

    Rutena kommentierte Lucarios langes Gesicht mit einem Glucksen.

    »Na, das eskalierte ja schnell. Aber das hätte ich dir auch sagen können, Sugar«, tadelte sie schulterzuckend. »Pantimos hatte mich nämlich um eine Verlängerung seines Arbeitsverhältnisses gebeten.«

    »Gibt es sonst etwas, was du mir vielleicht noch verspätet sagen willst?«, grollte Lucario.

    »Außer, dass du wunderschöne Augen hast?« Rutena schielte in gekünstelt nachdenklicher Pose an die Decke. Dann lächelte sie ihn an. »Nein. - Ach, Sugar, jetzt schau doch nicht wieder so grantig. Du hättest mich ja vorher fragen können!«

    »Das … stimmt«, räumte Lucario nach kurzer Pause ein. Der Gedanke an seine nicht verzeichneten Fortschritte rebellierte wie ein ausgehungertes Tier in seinem Magen. Er wusste einfach nicht mehr weiter, was dem Tier in ihm nur noch die Tollwut anhängte.

    »Ich denke, ich habe für den Moment genug gehört«, sagte Lucario mit einem abschließenden Kopfschütteln.

    Rutena ließ die Ohren hängen.

    »Du willst schon wieder gehen?«

    »Ich habe noch zu tun«, log Lucario.

    Bleib’ doch noch ein bisschen …!«

    Doch Lucario hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt und winkte ab.

    »Ein andermal vielleicht.«

    Draußen, vor dem Saloon, blickte Lucario finster in die frühe Mittagssonne. Während er über die hölzerne Promenade stapfte, zogen Bürger an ihm vorbei, wünschten ihm einen guten Tag. Gut hörbar klimperte hinter ihm das Piano munter. Es wurde ausgelassen gelacht, ein neuer Drink bestellt. Alles klang wie Hohn in Lucarios Ohren. Etwas Weiteres mischte sich darunter: das stetig lauter werdende Tip-Tap schneller und rasch näherkommender Schritte.

    »Sugar! Lucario …«

    Rutena eilte ihm mit fliegender Schürze hinterher, überholte ihn und zwang ihn so zum Stehenbleiben. Sie zögerte in respektvoller Distanz. Deutlich zurückhaltender als es üblicherweise ihre Art war, neigte sie schweigsam ihren Kopf zur Seite, um Lucarios überraschten Blick auszuweichen. Dann machte sie plötzlich einen zögerlichen Schritt auf ihn zu und griff nach Lucarios rechter Pfote, hob sie in Brusthöhe und schloss diese mit ihren beiden eigenen fest ein. Sie sahen einander an. Rutenas rote Augen glimmten. Doch es war nicht ihr übliches Glühen, mit denen sie Lucario leidenschaftlich begegnete. Stattdessen besaß es etwas ungewöhnlich Eindringliches. Etwas Ernstes. Es waren Augen, die in ein in Sorge gemeißeltes Gesicht eingraviert waren.

    »Pass’ … pass’ auf dich auf.«

    Lucario zog die Stirn kraus, während er das überwältigende warme Gefühl in den Armen und das Taubheitsgefühl in seinen Beinen zu ignorieren versuchte.

    »Willst du mir vielleicht irgendetwas sagen?«

    Rutenas Augen sanken herab wie zwei untergehende Sonnen. Dann neigte auch sie ihren Kopf. Als sie ihren Griff um Lucarios Pfote löste, hinterließ sie in ihm ein Gefühl von Kälte und Leere. Nach kurz angehaltenem Schweigen antwortete sie leise und mit einem Kopfschütteln: »Es ist nur … so ein Gefühl.«

    »Ein Gefühl?«, wiederholte er. Ohne es zu wollen, näherte er sich ihr ein wenig.

    Rutena nickte sacht.

    »Wegen deinen Vorgängern … Alle verschwunden, einer nach dem anderen … Ich … ich habe Angst um dich.«

    »Ich kann auf mich aufpassen. Beruhigt dich das?«

    Diesmal schüttelte Rutena den mittlerweile tief gesenkten Kopf, zaghaft und nach langer Pause. Heftig schluckte sie, dann hob sie ihren Kopf. Hinter einem verlegenen Lächeln glitzerten Tränen in ihren Augen.

    »Deine … Beine zittern«, hickste Rutena mit brüchiger Stimme.

    »So?«

    Rutenas wässriges Lächeln wuchs in die Breite. Eine Träne kullerte ihr über die Wange.

    »Ich wusste, dass du das jetzt sagst.« Wieder schluckte sie. »Du bist immer so beherrscht, so cool, so durchschaubar.«

    »Wenn das ein Kompliment sein soll, dann war das ein schlechtes. Durchschaubarkeit ist nichts, auf das ich bei meiner Arbeit stolz sein kann«, entgegnete Lucario. Seine Beine zitterten nicht mehr - sie bebten. Sein Mund war ausgetrocknet, seine Lunge zugeschnürt, sein Herzschlag Paukenschläge. Er spürte das Glühen, das von Rutenas ausging, ihr betäubendes Odeur, das einen sengenden Wüstenwind um ihn herum entfachte. Noch mehr aber spürte er sein eigenes Gesicht in Flammen stehen.

    »Jeder andere hätte die Situation jetzt schamlos ausgenutzt, weißt du?«, erklärte Rutena fast schon heiser. Ihre Hüften berührten sich, als auch sie sich ihm langsam entgegenstreckte und die Augen schloss. »Jeder andere hätte jetzt›Deine auch‹ gesagt und mich geküsst.

    »Ich bin aber nicht wie jeder andere.«

    »Ich aber.«

    Und dann küsste sie Lucario. Feuchte Wangen und trockene Lippen trafen aufeinander, Arme, die sich einander um den Hals legten, und lodernde Flammen, die auf den anderen übersprangen. Eine sengende Hitze breitete sich in Lucarios Lungen aus und flutete jeden Winkel in seinem Körper. Das Eis in seinen Beinen verwandelte sich in kochendes Blut, die Leere in seinen Fingerspitzen in ein behagliches Kribbeln, die Welt um ihn herum in wirbelnde Farben. Passanten blieben stehen, schauten ungläubig. Manch einer schüttelte sogar ablehnend seinen Kopf. Nur einer grinste.

    »Na, was ist denn das? Da suche ich meine Lieblings-Barkeeperin, und was finde ich: Fremde Zungen in fremden Schnauzen. Und wie beschäftigt die sind, und das noch dazu auf offener Straße. Tz! Tz!«

    Zs höhnische Stimme goss einen Schwall kalten Wassers über die heiße Leidenschaft. Augenblicklich kappte die Berührung der beiden. Wärme verwandelte sich Unbehagen, Unbehagen in eisigen Zorn.

    Rutena stapfte an Z vorbei, nur einen drakonischen Seitenblick und einen Stoß gegen dessen Schulter für ihn übrig. Z faltete die Arme entschuldigend zur Seite.

    »Du gönnst mir nicht mal den Dreck unter den Krallen.« Auf dem Weg zurück in den Saloon folgte er ihr auf kurzer Distanz, blickte dabei kurz Lucario über die Schulter an - und grinste.


    In einer schlaflosen Nacht wälzte sich Lucario zum gefühlten hundertsten Mal von einer Betthälfte auf die andere. Bilder materialisierten sich vor seinen geschlossenen Augen, dazu wild umherwirbelnde Gedanken, die ihn einfach nicht in Ruhe lassen wollten. Was war es, vor dem sich Rutena so sehr fürchtete? War es Einbildung? Ein Omen? Instinkt? Oder nur eine perfide Ausrede, um in seinen Mund zu kommen? Sie hatte an ihrem Interesse für ihn nie ein großes Geheimnis gemacht. Und doch … Wieder warf sich Lucario auf die andere Seite seines Bettes. Warum war Z ihr gefolgt? Lucario war Z noch nie auf offener Straße begegnet. Standen sie sich so nahe? Und was war mit Pantimos? Wieso hatte er sich von seinen Kameraden getrennt? Nur um in Rhino Geld zu machen? Hatte Rutena nicht gesagt, dass Pantimos ohnehin seinen Lohn regelmäßig beim Glücksspiel verwettete?

    Lucario träumte. Der kleine Igamaro stand vor ihm und fragte, ob er nicht ab und an als Hilfssheriff arbeiten könnte. Im nächsten Moment sah Lucario zu, wie Igamaro lachend einen Sheriffstern in Größe eines Spielreifens über den Pausenhof rollte. Im Fröhlichen Fuchs sang Armaldo aus voller Kehle ein Loblied auf seine tote Frau. Im selben Moment erklärte Rutena Lucario, dass sie nicht länger zusammenbleiben könnten, da Z sie beim Glücksspiel gewonnen habe. Mit grimmigen Gesichtsausdrücken waren Rameidon und Galagladi vor einer Postkutsche gespannt. Tauros skandierte frenetisch »Los, Zweibeiner!« und schwang dazu die Peitsche. Z stand neben Lucarios Bett. Eine mörderische Fratze ersetzte sein übliches Grinsen. Er hob eine Pranke. Die Klauen blitzten auf.

    »Sheriff!«

    Lucario schreckte hoch. Er war schweißgebadet. Sein Brustkorb wölbte sich unter heftigen Atemzügen. Arm- und Beinmuskeln verkrampften sich vor Schmerz, als er sich mit beiden Pfoten schwer auf seinen Knien abstützte. Er machte eine Kopfbewegung nach rechts. Kein Z, sondern ein Bürger von Rhino stand an der Schwelle seines Alkovens. Schneller, als er sein eigenes Umfeld realisierte, begriff Lucario: Er hatte am vergangenen Abend die Tür zum Sheriff’s Office nicht abgeschlossen. Jeder hätte ihn im Schlaf überraschen können. Absolut jeder. Oder Tyracrocs Bande aus den Zellen lassen können. Ein fahrlässiges und unentschuldbares Verhalten …

    »Wir brauchen Sie, Sheriff! Dringend!«

    Schweigend und anfangs noch schwankenden Schrittes eilte Lucario dem Mann nach draußen hinterher. Es war noch dunkel. Doch ostwärts kündigte ein seichtes Glimmen bereits den neuen Morgen an. Unverhältnismäßig viele Leute waren auf einer Stelle der Straße, nur unweit vom Sheriff’s Office entfernt, mit Lampen versammelt. Die meisten von ihnen wirkten, als wären auch sie gerade unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Auch Frauen und Kinder waren unter ihnen. Nicht wenige zerrten ihre Kinder in die entgegengesetzte Richtung, fort von dem Ort, wo andere noch mit offenen Mündern oder Händen davor verharrten.

    Mit Ellenbogengewalt bahnte sich Lucario eine Bresche durch die Masse an Leuten. Ein Körper mit seltsam verwinkelten Armen und Beinen lag auf dem Boden. Ein Mann. Lucario erkannte ihn. Snibunna, ein Mitglied der Schwarzen Kralle. Mehr sogar noch: ein Meuchelmörder, und zwar einer der besten, die Lucario kannte.

    Bei seiner Arbeit galt Snibunna als ebenso effizient und kompromisslos. Bei allem anderen, was er anpackte, jedoch als Unglücksrabe. Wann immer das Schicksal einen Eimer Pech ausschüttete, stand Snibunna darunter. Doch von diesem Schicksalsschlag konnte sich selbst ein Stehaufmännchen wie er nicht mehr erholen: Man hatte ihm das Genick gebrochen.

    Das war so schnell wie unerwartet - das stimmt.


    Edit: An dieser Stelle darf noch erwähnt werden, dass der Film mit seinen 30 Jahren wunderbar animiert wurde und eine bezaubernde Musik besitzt. Meiner Meinung nach sollte man ihn unbedingt mal gesehen haben.

    "Die Glücksritter" ist richtig. Ralph Bellamy (links im Bild alias Randolph Duke) und Don Ameche (rechts im Bild alias Mortimer Duke) haben ein Cameo in "Der Prinz von Zamunda", deshalb war die Antwort sehr nahe.

    Mit diesem Werk nahm ich vor zig Jahren an einem FF-Wettbewerb hier im Forum teil und erzielte - wenn ich mich recht erinnere - den zweiten Platz. Ich habe ihn vor Kurzem entstaubt und deutlich rausgeputzt. An einem kürzlichen Wettbewerb konnte ich leider damit nicht teilnehmen, da ich ihn - wie erwähnt - bereits zuvor verwendet hatte.



    Grimm’sche Rechtsprechung


    Akt I: Die Anklage


    »Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte Sie, sich zu erheben. Seine Lordschaft, der ehrenwerte Richter, Rumpelstilzchen betritt den Gerichtssaal.«

    Demütig erhob sich die Gemeinde im Saal, während der kleine Mützenwicht Position am Richtertisch neben Staatsanwalt und Protokollführer nahm. Die unnatürlich grünen Augen züngelten den Staatsanwalt giftig an.

    »Das hat dir der Teufel gesagt …!«, knurrte Richter Rumpelstilzchen zu dem Staatsdiener. Dann wandte er sich dem versammelten Saal zu. »Die Angeklagten mögen vortreten.«

    Zwei Kinder, ungefähr im Alter von zehn Jahren, bezogen Stellung an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Männlein und Weiblein. Bruder und Schwester. Der eine beständig, die andere eingeschüchtert.

    »Staatsanwalt, lesen Sie die Anklage vor!«

    Derselbe erhob sich, kaum als der Gerichtsvorsitzende ihn dazu aufgefordert hatte.

    »Im Fall ›Böse Hexe gegen Hänsel und Gretel‹ wird den hier vor eingefundenen Angeklagten die folgenden Straftaten zur Last gelegt: Vandalismus, versuchter Mord in Verbindung mit gefährlicher Körperverletzung, Hausfriedensbruch in Verbindung mit Sachbeschädigung, schwerer Diebstahl und an einem Gründonnerstag mit blauen Hosenträgern unterwegs zu sein, strafbar gemäß den Paragrafen 25 Absatz 2 Satz 5, 15 Absatz 1 Nummer 2, 14 Absatz 1 Nummer 1, 28 Absatz 1 Nummer 1 und 232 Absatz 4 fortfolgende Märchenstrafgesetzbuch (MStGB).« Kurz nachdem er seine Ausführungen beendet hatte, nahm der Ankläger wieder Platz.

    »Danke, Herr Staatsanwalt«, sagte der Richter und musterte von seinem hohen Platz aus die beiden Angeklagten scharf. »Das Aufnehmen der Personalien können wir uns ebenso gut sparen, ihr würdet meinen Namen ohnehin nicht erraten.«

    Die versammelte Gemeinde sah es ab, den Richter über das übliche Vorgehen, nämlich das Abfragen der Personalien der Angeklagten, nicht der es Richters, zu belehren. Zu sehr fürchtete man einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Stecknadelstille regierte den Saal, was Rumpelstilzchen mit einem zufriedenen Nicken quittierte.

    »Kommen wir zur Befragung der Angeklagten. Aber zack, zack, wenn ich bitten darf! Ich habe einen Kuchen im Backofen. Die Staatsanwaltschaft hat das Wort.«

    Ein weiteres Mal erhob sich der Staatsanwalt.

    »Angeklagter, Angeklagte: Bitte schildern Sie uns aus ihrer Sicht, was an den Tagen zum 21.04. und 22.04. vorgefallen ist.«



    Akt II: Verstoßene, kleine Kinder …


    »Es war der Tag des 21. April, als meine Schwester und ich in dem Wald in der Nähe unseres Zuhauses unterwegs waren. Draußen war es finster und ach so bitterkalt und …«

    »Warum waren Sie beide um diese Uhrzeit und ohne elterliche Aufsicht in besagtem Wald unterwegs?«, unterbrach der Staatsanwalt die Ausführungen des Knaben.

    »Wir hatten uns verlaufen. Vögel hatten unsere auf den Boden ausgelegten Brotkrumen, mit denen wir nach Hause finden wollten, aufgefressen«, schilderte Hänsel sachlich. Im Gegensatz zu seiner Schwester, die mit glasigem Blick auf die Tischkante starrte, erwiderte der ältere Bruder die kalten, schwarzen Augen des Staatsanwaltes unbeeindruckt. Der Staatsdiener musterte die Angeklagten mit skeptisch gekräuselter Stirn.

    »Verlaufen? Brotkrumen?« Zu den Furchen auf seiner Stirn gesellte sich eine haarspalterisch gespitzte Lippe. Nach wenigen ereignislosen Sekunden ergänzte er: »Verschweigen Sie uns nicht gerade wichtige Einzelheiten, Herr Angeklagter? Ist es nicht viel eher so, dass Sie beide ihren hart arbeitenden Eltern nichts als Kummer bereitet haben, ihnen die Haare vom Kopf fraßen«, für jeden weiteren Punkt fügte der Staatsanwalt seiner geballten Faust einen weiteren Finger hinzu, »sie belogen und eine schlechte Mathezensur vor ihnen verheimlicht haben? Und als Resultat«, anklagend lehnte sich der Staatsanwalt über seinen Tisch hinweg Richtung der Angeklagten, »wurden Sie beide von Ihren Eltern verstoßen. Suchten Sie vielleicht nur einen neuen Ort, an dem Sie beide Unruhe stiften und jemand anderem zur Last fallen konnten?«

    »Einspruch!«, brüllte der Verteidiger der Angeklagten. »Diese Angaben sind nicht Gegenstand des Verfahrens!«

    »Einspruch abgelehnt«, donnerte der Richter dem Verteidiger entgegen. »Außerdem: Brotkrumen gehören – wenn überhaupt – in die Suppe. Salat lasse ich mir vielleicht noch gefallen. Nicht aber Brotkrumen, und schon gar nicht auf den Boden. Notieren Sie das!«

    »Ins Protokoll aufgenommen«, sagte der Schriftführer zu seiner Linken und rückte die eckige Brille zurecht. Er nickte und deklamierte laut: »Nicht auf den Boden.«

    »Angeklagter, fahren Sie fort«, ordnete der Staatsanwalt an.

    Hänsels Blick hatte etwas seines Resoluten eingebüßt. Er schluckte und fuhr mit etwas leiser gewordener Stimme fort: »Nach langer und ermüdender Reise kamen wir an einsames Häuschen mitten im Wald. Natürlich wollten wir uns dort nach dem Weg erkundigen und klopften an die Türe. Und dann kam sie!« Hänsel deutete drohend und mit bebendem Zeigefinger auf die düstere und bislang stillschweigende Gestalt mit krummer Hakennase, auf deren Ende eine dicke Warze thronte.

    »Mein Kind«, sagte sie mit krächzender, alter Stimme, »niemals habe ich dir auch nur ein Haar gekrümmt. Womit also hat eine arme, alte Frau wie ich deine tiefe Abneigung verdient?«

    »Wer’s glaubt, du scheinheilige, alte Vettel«, höhnte Hänsel.

    »Ich glaube«, begann sie mit jetzt deutlich hörbarer abfälligem Unterton, »du bist einfach nur ein rotzfreches Balg. Nichts, was eine deftige Tracht Prügel nicht kurieren könnte«, entgegnete die alte Frau kühl und schenkte dem Jungen einen ebenso kühlen Blick.

    »Ruhe im Zeugenstand! Fahren Sie fort, Angeklagter!«, ordnete der Richter an.

    »Das vermeintliche Opfer lud uns also in ihr Haus ein und begann – kaum hatte sie die Türe geschlossen –, uns fürstlich zu bewirten. Ja, es machte sogar den Eindruck, als würde sie uns mästen wollen. Nach dem vierten Nachschlag schließlich bot die Klägerin uns an, die Nacht in ihrem Haus verbringen zu dürfen. Wir nahmen ihr Angebot dankend an, denn es war auch bereits recht spät. Am darauffolgenden Morgen – es war der 22. April – änderte sich die Persönlichkeit unserer Gastgeberin auf dramatische Weise: Von ihrer Herzlichkeit fehlte auf einmal jede Spur. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als meine Schwester plötzlich die Katze der Hexe entlausen sollte, und ich hinter schwedischen Gardinen gesiebte Luft atmete, wurde uns plötzlich klar, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank haben konnte. Als mich die Klägerin plötzlich bei lebendigem Leibe in ihrem Ofen braten wollte, hörte der Spaß für uns endgültig auf. Im wirklich allerletzten Moment konnte meine Schwester mich aus den kalten Händen der Hexe befreien. Bei dem Handgemenge verlor die Klägerin offenbar das Gleichgewicht und fiel dabei selbst in ihren Ofen.«

    »Sie sagen also, Sie beide handelten aus Notwehr?«, rekonstruierte der Staatsanwalt mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen.

    »Korrekt«, antwortete Hänsel.

    »Notwehr!« Die Klägerin war schlagartig auf ihren spindeldürren Beinen. Ihr Hexenbuckel drückte sich wie ein eitriges Geschwür aus dem schwarzen Gewand. Die knochigen Zeigefinger waren drohend auf die Kinder gerichtet. »Schamlos ausgenutzt habt ihr mich. Eine arme, alte Frau kaltblütig versucht zu ermorden, und am Ende sogar noch ausgeraubt!«

    Gretel vergrub schluchzend ihr Gesicht in ihre Hände. Auch Hänsel war auf seinen Beinen und wollte gerade zum verbalen Gegenschlag ausholen, als der Richter ein weiteres Mal eingriff.

    »Ruhe!«, donnerte seine Stimme mehrfach durch den Raum, bis auch der letzte der Geschworenen und Zuschauer endlich schwieg. »Doch wenn Sie schon einmal auf den Beinen sind, wollen wir uns Ihre Variante des Tathergangs anhören.«

    »Keine weiteren Fragen an die Angeklagten - für den Moment …«, sagte der Staatsanwalt und nahm wieder Platz. »Die Verteidigung hat das Wort.«



    Akt III: Arme, alte Frau …


    »Es war der Abend des 21. April. Ich war gerade dabei, meine kleine Katze zu verwöhnen, als es an meine Türe klopfte. Zwei kleine, halb erfrorene Kinder – der Junge übrigens mitsamt seiner blauen Hosenträger – standen vor der Schwelle meines Pfefferkuchenhäuschens und …«

    »Pfefferkuchenhäuschen? Um diese Jahreszeit?«, unterbrach Richter Rumpelstilzchen die Ausfertigungen der Hexe. »Liebe Frau Klägerin«, fuhr er mit süßsaurer, tadelnder Stimme fort, »um diese Jahreszeit müssten Sie eigentlich in einem Osterei wohnen, schließlich ist Weihnachten schon längst passé. Notieren Sie das, Herr Schriftführer.«

    »… Osterei wohnen«, murmelte der Schriftführer, während sein Füller über das Papier kratzte.

    »Fahren Sie fort, Frau Klägerin.«

    »Ich lud also die beiden Kinder in mein Haus ein, ungeachtet der Tatsache, dass sie bereits angefangen hatten, die Fassade aufzuessen. Aber ich bin ja schließlich nicht nachtragend und schon gar kein Unmensch. Also …«

    »Kein Unmensch?« Diesmal war es der Verteidiger, der die alte Frau unterbrach. Er kratzte sich theatralisch an seinem Drei-Tage-Bart und fragte im gleichen Moment spitzfindig: »Können Sie uns dann vielleicht erklären, warum Sie den Beinamen ›Böse‹ tragen? Und wo wir gerade dabei sind: Wie lautet eigentlich Ihr richtiger Name?«

    Die Hexe grinste verschmitzt. »Dreimal dürfen Sie raten, Herr Verteidiger.«

    »Jetzt reicht es aber!« Nun war es der Richter persönlich, der auf seinen kleinen Stummelbeinen stand. Die grünen Schlangen, die zuvor aus seinen Augen gezüngelt waren, waren nun zu feuerspeienden Drachen geworden. Ihr lodernder Odem fauchte der Klägerin angriffslustig entgegen, willens und fähig, den Gerichtssaal einzuäschern. »Ich erachte diese Aussage als grobe Missachtung des Gerichts. Notieren Sie das, Herr Protokollführer! Und Sie …«, er deutete mit bebendem Zeigefinger auf die Hexe »fahren Sie fort! Und keine weiteren Mätzchen mehr!«, presste er zwischen malmenden Kiefern hervor.

    »Wie der Angeklagte richtig geschildert hat, tischte ich den beiden hungrigen Kindern alles auf, was meine Küche hergab. Doch wollten sich die Kinder einfach nicht mit meinen mildtätigen Gaben zufriedengeben, sondern verlangten immer mehr von mir armen, alten Frau. Endlich, nach dem vierten Nachschlag schließlich, waren sie endlich gesättigt. Doch es war bereits zu recht später Stunde, und so lud ich meine Gäste dazu ein, die Nacht in meinem Haus zu verbringen. Am nächsten Tag wollte ich den beiden noch ein paar Butterbrote auf ihren Nachhauseweg mitgeben. Folglich war ich fleißig am Brot Backen. In dem Schweiße meines Angesichts und betört von dem wohlriechenden Duft meines frisch gebackenen Brotes bemerkte ich leider nicht, wie sich die beiden Kinder heimtückisch an mich heranschlichen. Ehe ich es mir versah, hatte das Geschwisterpaar mich überrumpelt und … und …« Ihre zuletzt immer heißer gewordene Stimme brach ein. Zwischen knochigen Fingern, mit denen sie nun ihr Gesicht bedeckte (nur die krumme Warzennase schaute daraus hervor), begann sie, heiser zu schluchzen. »Mit der Kraft ihrer Jugend steckten sie mich in meinen eigenen Backofen.« Sie schüttelte sich und schnäuzte einmal, zweimal, gleich dreimal tief in ihr rot-weiß getupftes Taschentuch. Hänsel, einen Tisch weiter, steckte sich vielsagend den Zeigefinger in den weit geöffneten Mund mit heraushängender Zunge. Kurz darauf fuhr die Angeklagte mit brüchiger Stimme fort: »Mit letzter Kraft gelang es mir glücklicherweise, aus dem feurigen Verderben meines Backofens zu entrinnen. Von den Missetätern fehlte natürlich jede Spur. Wie ich im Nachhinein allerdings feststellen musste, hatten die Täter zudem meine missliche Situation schamlos ausgenutzt, um mein Hab und Gut unter ihre klebrigen Finger zu reißen. Und das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und jetzt, ja jetzt verlange ich Gerechtigkeit!«, donnerte sie abschließend, untermauert von dem Zorn ihrer knochigen Faust, die sie auf den Tisch schmetterte.

    »Lügen! Nichts als Lügen!«, brüllte Hänsel. »Die flunkert doch, wenn sie den Mund aufmacht!«

    »Still, du vorlautes, kleines Balg!«

    »Hässliche, alte Krähe!«

    »Rotzlöffel!«

    »Spinatwachtel!«

    »Ruhe! Ruhe im Saal!« Holzsplitter flogen durch die Luft, als der Richter seinen Fuß durch den Dielenboden hämmerte. Durch die Wucht des Richters vibrierten die eckigen Brillengläser des Schriftführers selbst nach zehn Sekunden Stecknadelruhe noch unheilvoll. Einzig und allein das Rascheln eines Taschentuchs, mit dem sich Rumpelstilzchen den Schaum vom Mund wusch, durchbrach das Schweigen. Am Ende dann atmete der Gerichtsführer einige Male tief und schwer durch, bevor er verkündete: »Das Gericht wird sich nun zur Beratung zurückziehen.«



    Akt IV: Rechtsprechung

    »Im Namen des Volkes ergeht im Fall ›Böse Hexe gegen Hänsel und Gretel‹ folgendes Urteil«, verkündete Rumpelstilzchen nach einstündiger Beratung mit den Geschworenen. »In den Anklagepunkten versuchter Mord, Körperverletzung, schwerer Diebstahl und dem Tragen blauer Hosenträger an einem Gründonnerstag werden die Angeklagten wegen mangelnder Beweislage freigesprochen. Aufgrund der Bissspuren an dem Haus der Klägerin und dem Fund einiger Habseligkeiten im Besitz der Angeklagten sehen wir die Angeklagten in den Punkten Vandalismus, Hausfriedensbruch in Verbindung mit Sachbeschädigung und schweren Diebstahls als schuldig an. Wir verurteilen sie daher zu fünfzig Tagessätzen rohem Blumenkohl. Ferner verurteilen wir wegen Missachtung des Gerichts und des Auftischens von Pfefferkuchen zur falschen Jahreszeit Frau Böse Hexe zu dreißig Tagen Wellness-Urlaub in Schneewittchens und Dornröschens 7-Zwerge-Schöhnheitsklinik. Gegen das Urteil besteht das Recht auf Berufung. Die Verurteilten haben das Recht, sich gegenseitig mit Popeln zu beschießen. Die Sitzung ist geschlossen.«