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    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    20: Gewohnheiten


    Es war Abend, ziemlich spät sogar. Im Schatten des Berges war die Sonne schon nicht mehr so sehen, aber sie brachte noch ein wenig Helligkeit über den Trainingsplatz. Cedric schwitzte enorm unter seiner Rüstung und seine Muskeln protestierten gegen jede Bewegung, die er ihnen abverlangen musste. Doch er biss die Zähne zusammen, er wollte nicht nachgeben. Er wollte unbedingt mithalten. Schon bei den letzten Einheiten hatte er vermieden, seine Kameraden, die um ihn herum standen und die gleiche Schlagkombination wieder und wieder vollführten, anzusehen. Sie sahen auch gegen Ende des Tages immer noch aus, als würden sie ein Schonprogramm durchlaufen. Entweder forderte sie das Training wirklich so wenig, oder sie ließen es sich einfach nicht anmerken.

    „Nicht nachlassen, da drüben. Leg alles rein, was du hast!“

    Die Worte kamen von Thorien und gingen in Cedrics Richtung. Er wurde gewarnt, dass er keine Sonderbehandlung erhalten würde. Er hätte auch nie um eine gebeten, aber die Männer, die denen er mithalten musste, waren einfach in überragender Form.

    Die ordentlich aufgereihte Trainingsgruppe führte die Übungen immer bis Sonnenuntergang unter Thoriens Aufsicht durch. Der Abschluss bestand immer aus ein paar ausgewählten Schlag- und Schrittkombinationen, die besonders belastend für den Körper waren. Sie waren simpel, doch Technik stand zur Mittagsstunde auf dem Plan. Wenn der Körper Abends langsam müde wurde und die Muskelkraft nachließ, kamen die Ausdauereinheiten dran, die Cedric schon ein paar Mal verflucht hatte.

    'Komm, jetzt streng dich mal an.', dachte er still für sich und achtete darauf, dass seine Atmung nicht aus dem Rhythmus kam. Das beschämende Gefühl der ersten Tage, als er aus Kraftmangel nicht weitermachen konnte, war ihm gut in Erinnerung geblieben und er wollte dies auf keinen Fall wiederholen. Um die nötige Kraft dafür aufzubringen begann er, mit jedem Schwung, mit jedem Atemzug, einen tiefen, kämpferischen Laut auszustoßen, wie es bereits einige in der Gruppe taten. Wie alle wusste Cedric ebenfalls, dass der Körper auf diese Weise mehr Kraft entfaltete, die er nun dringend benötigte.

    Irgendwann ertönten endlich Thoriens erlösende Worte.

    „Allemann halt!“

    Sofort rührte sich niemand mehr.

    „Waffen runter und einstecken, für heute war's das. Gute Arbeit.“

    Aus mehreren Richtungen ertönte erschöpftes Schnaufen, während sich der Truppenführer Richtung Haupthaus entfernte. Über schmerzende Muskeln beschwerte sich niemand, zumindest nicht lautstark.

    Cedric schob sein Schwert in die Befestigung an seinem Gurt und schüttelte seine Arme um die Muskulatur zu lockern. Seit zehn Tagen nahm er nun am Training teil, erledigte die Arbeiten, die täglich in der Burg anfielen und lebte. Ja, er lebte dieses neue Leben und konnte nicht wirklich über etwas klagen. Regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf waren nicht die einzigen Dinge, die er genoss. Seine neue Rüstung, die er zwei Tage nach seiner Ankunft erhalten hatte, erstaunte ihn immer noch. Auch wenn er sich an das Gewicht erst hatte gewöhnen müssen, wog sie nicht so sehr, wie er zunächst erwartet hatte. Vor allem aber erstaunte ihn, wie gut sie sich an seinen Körper schmiegte und ihn in seinen Bewegungen kaum einschränkte. Dieser Figrolf verstand sein Handwerk. Er und Reinhold könnten gemeinsam sicher ein Vermögen machen.

    Die anderen Ritter hatten ihn vom ersten Tag an gut behandelt. Keiner sah ihn ihm einen Neuling, den man nicht zu beachten brauchte. Von dem Moment an, als er zum ersten Mal mit der Rüstung, die sie alle trugen aus der Schmiede herauskam, sprach man mit ihm, als wäre er schon lange Teil der Gemeinschaft.

    „Na, wie steht's?“, hörte er plötzlich aus seinem toten Winkel und sah dann in die Gesichter von Kecigor und Marek.

    „Es ist anstrengend.“, begann er, grinste dann aber. „Doch das ist schließlich der Sinn des Ganzen.“

    „Da hast du Recht.“

    Marek war wenige Tage nach ihrer Ankunft ebenfalls in der Burg angekommen, hatte sich tatsächlich schon wieder erholt und nahm uneingeschränkt am Training teil.

    „Gehen wir, ich brauche jetzt wirklich was zu Essen.“

    Kecigor und Cedric ging es da nicht anders.

    Zuvor war natürlich noch ein Zwischenstopp von Nöten. Denn in verschwitzter Montur saß hier niemand am Tisch, daher suchten sie zunächst die Quartiere auf und entledigten sich ihrer Rüstungen. Nach einem raschen Abstecher in die Waschräume, wo mich sich von grobem Dreck und Geruch befreit und in bequeme Klamotten aus feinem Stoff und leichtem Leder gehüllt hatte, steuerte die Dreiergruppe den Essenssaal an, der sich, wie die anderen Einrichtungen im Erdgeschoss des Burghauses befand. Hier fanden sich die Ritter ihrer Trainingsgruppe zur Stärkung ein. Selbstverständlich speisten hier nicht alle Leute aus der Burg gleichzeitig, sondern immer so, wie es der Trainingsplan der verschiedenen Gruppen zuließ. Mehrere Köche arbeiteten dazu den ganzen Tag fast durchgehend. Der Raum selbst war wie die komplette Burg natürlich eher auf die effektive Nutzung von Platz, als auf Komfort ausgerichtet. Neben einem langen Holztisch mit zwei Sitzbänken gab es hier nichts, lediglich ein paar Fackeln am Gemäuer erleuchteten den Raum. Zur Küche gelangte man durch die Tür am anderen Ende. Trotzdem war hier die Atmosphäre untereinander eine ganz andere, als draußen auf dem Trainingsplatz.

    Cedric, Kecigor und Marek waren nicht die Ersten, die auf der Bank an dem lang gestreckten Holztisch, der bereits mit Tellern und Essbesteck ausgestattet war, Platz nahmen. Gallander, ein Ordensbruder von gepflegtem Erscheinungsbild mit Kinnbart und schulterlangen, hellbraunen Haar, saß bereits gegenüber von ihnen.

    „Hey, gute Arbeit.“, lautete sein Gruß, als er die Gruppe erblickte. Nicht nur nach erledigten Aufgaben, auch am Ende eines normalen Trainingstages grüßte man nicht selten mit einem Lob, welches der Anstrengungen der Tages galt.

    „Danke, du auch.“, gab Marek lächelnd zurück.

    Noch ehe es sich jeder bequem gemacht hatte, traten zwei weitere Männer ein, die auf die Namen Obelion und Ardanon hörten. Sie waren Brüder, zwei Jahre trennten sie voneinander. Obelion, der erstgeborene fiel durch seine kurz geschorenen Haare als rüder Zeitgenosse auf, während Ardanons pechschwarzes Haar wie immer ordentlich gekämmt war. Auch die Gesichtszüge der beiden ähnelten sich nicht. Ardanon hatte eine schmale Kopfform und starke Wangenknochen, wogegen das runde Gesicht seines großen Bruders sehr weich wirkte. Meist blieben die beiden eher unter sich. Nicht wegen einer Absicht, die anderen Männer zu meiden, es war halt einfach so. Vermutlich brachte sowas das Dasein als Bruder eben mit sich. Doch eines hatte Cedric in den anderthalb Wochen hier sehr schnell gelernt. In gewisser Weise waren sie alle Brüder. Zumindest war das der Eindruck, den er hier Tag für Tag erhielt.

    „Sag, hast du eigentlich an deiner Zielgenauigkeit gearbeitet?“, fragte Obelion seinen jüngeren Bruder, welcher lächelnd abwinkte.

    „Wenn ich nicht hin und wieder mit jedem Schuss treffe, denkst du irgendwann noch, du könntest mit mir mithalten.“

    Diese spöttische Bemerkung entfachte ein heiteres Lachen in der gesamten Runde. Sie wussten, dass die beiden besonders beim Magietraining selten darauf verzichteten, sich gegenseitig zu messen. Ebenfalls eine Sitte, die vor allem unter Blutsverwandten verständlich war.

    Cedric genoss dieses Theater der Beiden jedes Mal. Da auf dem Tisch bislang noch nichts stand außer einer großen Obstschale in der Mitte, bediente er sich an einem Pfirsich, hoffte aber, dass die warmen Speisen schnell kamen.

    „Jetzt wird er eingebildet, weil er mal einen guten Tag hatte.“, lachte Marek.

    „Aber bei guter Leistung darf man den jüngeren Bruder ruhig mal loben, nicht war?“, stichelte er in Obelions Richtung.

    Der sah völlig unschuldig.

    „Deswegen sage ich ja nichts.“

    Erneut entfachte Gelächter im Raum. Auch unter den beiden Streithähnen. Wobei dieses Wort im Grunde nicht zutraf, schließlich lachten sie jedes Mal mit, selbst wenn der Scherz auf ihre Kosten ging. Während er seinen Pfirsich vertilgte, fragte sich Cedric, wie wohl adlige Gemeinschaften reagieren würden, wenn sie diese Runde sehen würden. Doch gerade weil es hier eben nicht so verklemmt war, fühlte er sich wohl.

    „Sag mal Kecigor, kannst du eigentlich mal ein paar Informationen aus dem Vizekommandanten herausbekommen, wann es endlich losgeht?“, wich Gallander auf ein ernsteres Thema aus.

    Viele hier in der Burg kannten die ungewöhnliche Geschichte, wie Kecigor zu diesem Orden kam, schließlich waren die meisten hier schon deutlich länger dabei. Er hatte deshalb schon immer den Ruf des Lieblings bei Lord Thorien, der auch irgendwo berechtigt war. Cedric hatte sich sagen lassen, dass zwischen den Zwei fast schon eine Vater Sohn Beziehung herrschen würde. Der Angesprochene fuhr sich durchs blonde Haar und kratzte sich am Hinterkopf.

    „Keine Chance. Was dass angeht, hält er sich eisern an seine Anweisungen.“

    Die Nachricht, dass Lord Sigurd eine strategische Karte des Feindes in Händen hielt, wurde offiziell noch nicht verbreitet, doch irgendwie hatten es ein paar Truppmitglieder doch aus Kecigor heraus bekommen können. Natürlich hielt man diese Information vorerst noch geheim, doch die wenigen, die davon wussten waren – man mochte fast schon über diese Formulierung lachen – Feuer und Flamme, wann sie denn nun ausrücken würden. Klar war, der Kommandant schmiedete längst einen Plan, doch jedem juckte es bereits in den Fingern, den Schattenkriegern einzuheizen.

    Während sie weiter tratschten, trafen weitere Ritter ein, nahmen nacheinander Platz schalteten sich in die Gespräche ein oder warteten einfach stumm. Die Seitentür des Raumes wurde aufgestoßen und die Köche brachten die Speisen für die Hungrigen. Über den Tisch verteilt wurden gebratenes Fleisch, gekochtes Gemüse, heiße Kartoffeln, frisch gebackenes Brot und ein paar weitere Beilagen. Abends war es den Rittern sogar vergönnt, sich etwas Wein zu gönnen, wenn auch nur in geringen Maßen, schließlich sollte sich hier ja niemand betrinken.

    Cedric blicke zwischen den anderen Rittern umher. Es waren irgendwie immer die selben Männer, bei denen er Abends am Tisch saß. Doch wenn er die Sitzbänke entlang sah, fanden sich da noch zu genüge Leute, deren Namen er noch nicht einmal kannte. Nun gut, an der hinteren Ecke saß noch Eredan, ein stiller Zeitgenosse aus dem Westen des Reiches, der auf den ersten Blick eher wie er Jäger als ein Ritter wirkte. Und dem war tatsächlich so, der Mann hatte mehr Zeit seines Lebens in Wäldern und Höhlen verbracht, als in Städten und Dörfern. Und obwohl er sich oft abspaltete, empfing er jeden, der zu ihm kam, offen und freundlich.

    In der Mitte der Reihe sah er dann noch Varo. Einer der Besten im Umgang mit dem Schwert, aber auch eine Person mit seltsamen Humor. Der hatte beim ersten Abendessen glatt ein Stück Brot in die Hand genommen und zu Cedric gesagt: „Rate mal, was ich in meiner Hand halte.“

    Die anderen warnten ihn, nicht darauf zu antworten, woran er sich auch gehalten hatte. Ob diese Aktion ein Scherz werden sollte, oder tatsächlich ernst gemeint war, wagte Cedric tatsächlich nicht zu beurteilen. Und trotzdem wurde er von allen als sehr zuverlässig beschrieben, da er hier angeblich kaum jemanden gab, der so gut Kämpfe in Unterzahl bestehen konnte. Cedric war sehr erstaunt, als ihm beschrieben wurde, was für einen gefährlichen Blick Varo in seinen Augen hatte, wenn er kämpfte.

    Und all diese Männer, die teilst so unterschiedlich waren, wie man sich nur irgendwie vorstellen konnte, lebten hier Tag ein Tag aus auf engem Raum. Trainierten, aßen und zogen Seite an Seite in den Kampf. Ja, es war wirklich eine sonderbare Gemeinschaft, doch Cedric hatte sich seit etlichen Jahren nicht mehr so zu Hause gefühlt. Die noch unbekannten Ritter näher kennen zu lernen stand daher auch ziemlich weit oben auf seiner Prioritätenliste. Doch jetzt stand erst einmal etwas anders an.

    „Also bis nachher.“, meldete er sich plötzlich von der Runde ab, nachdem er fix einige Sachen auf seinen großen Teller gepackt hatte, sich noch eine Flasche mit Wasser nahm und zur Tür hinaus ging.

    „Sag schöne Grüße!“, scherzte Kecigor ihm hinterher und widmete sich gleich wieder seiner Mahlzeit.

    „Hey Kecigor, du kennst ihn etwas besser, als alle hier. Was meinst du ist sein Problem?“

    Der angesprochene war schon wieder am Kauen, daher schüttelte er zunächst nur den Kopf und gab Gallander seine Antwort, nachdem er sich etwas von seinem Wein genehmigt hatte.

    „Kein Problem, ich denke er ist sogar ziemlich glücklich. Es ist nur alles ein bisschen viel auf einmal für jemanden, wie ihn.“

    Er legte den Kopf schief.

    „Wie ihn?“

    „Einer, der an seinen Gewohnheiten hängt.“


    Cedric erstarrte für einen kurzen Moment ob der Kälte draußen. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht war derzeit sehr stark. Doch das hielt ihn nur sehr kurz auf seinem Weg auf, denn dort, wo sonst im Sonnenschein die Ritter trainierten, befand sich zu dieser Stunde kein Mensch, dafür wer anderes.

    Komura hatte dort niedergelassen, wo er es immer tat und seinen Flammenkragen entfacht, wenn auch nur dezent. Dies spendete ihn Wärme und halt Cedric, ihn auf dem schwach beleuchteten Innenhof auszumachen.

    „Na du?“, grüßte er lächelnd, als er sich ihm näherte und sich an seine Seite setzte. Das Pokémon grüßte auf seine Art mit einem freundlichen Ruf.

    „Mann ich bin wirklich fertig für heute.“, kommentierte er und sah sich kurz am Boden um und fand dort eine große leere Schale.

    „Hast du etwa schon gegessen?“

    Komura legte seinen Kopf auf Cedrics Schoß und blickte mit großen, entschuldigenden Augen auf. Sein Fell war weich und sein Körper war, was bei der Kälte wirklich angeenhm war. Jetzt mit Schmuseaktionen entschuldigen, was? Das war mal so gar nicht seine Art.

    „Das merk ich mir, das verletzt nämlich meine Gefühle.“

    Cedric scheiterte daran, diesen Satz ernst klingen zu lassen und lachte stattdessen.

    „Dann kriegst du jetzt auch kein Fleisch von mir.“

    Da verstand das Tornupto wiederum keinen Spaß und protestierte mit empörtem Knurren. Wieder musste Cedric lachen.

    „Heute machst du es mir zu leicht, Kumpel.“

    Und so saßen sie da. An jedem Abend – vorausgesetzt es herrschte kein Scheißwetter – klingten sie sich aus der Gruppe aus, um gemeinsam unterm Sternenzelt zu sitzen und ein paar Minuten für sich zu haben. Keineswegs, weil sie der Gesellschaft der Anderen bereits überdrüssig waren, aber so wie jetzt war es nunmal immer. Seit sie sich kannten, war das gemeinsame Essen der Abschluss des Tagen. Manchmal war es auch gemeinsames Hungern gewesen, doch in erster Linie ging es darum, dass sie zusammen und ungestört waren.

    Die Ritter, die auf der Mauer oder vorm Hauptgebäude Wache standen, hatten diese Sitte nur ganz am Anfang mit Verwunderung beachtet. Warum sollten sie die zwei neuen jede Nacht raus in die Kälte setzten, anstatt mir den anderen in der Warmen Stube zu entspannen? Doch niemand hatte jemals etwas gesagt, gab auch schließlich keinen Grund, warum sich einer daran stören sollte.

    Auch Balsa, der Mann, der sich um die Pokémon kümmerte, hatte verwundert geschaut, als Cedric ihn zum ersten Mal gebeten hatte, Komura einmal des Abends austreten zu lassen, dies aber letztendlich mit einem 'Macht was ihr wollt' quittiert. Er war sogar freundlich genug, Komuras Futter, welcher er selbst herstellte und an alle Pokémon in der Burg verfütterte, am Abend für Komura raus zu stellen.

    Ja, sie konnten sich wirklich über nichts beschweren. Es war anstrengend, aber es gab nichts, worüber Cedric und Komura wirklich klagen konnten. Mittlerweile war das Essen verspeist und die Wasserflasche leer. Nun hatte Komura seinen Kopf wieder auf Cedric platziert, der im Schneidersitz saß und ihm an seiner Lieblingsstelle am Hinterkopf kraulte.

    „Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, das wir uns einmal in so einer Position wiederfinden.“, fragte Cedric aus dem nichts und starrte in den Nachthimmel.

    Komura blickte erneute auf. Die Verletzung, die er bei dem Kampf mit dem Sniebel des Schattenkriegers davongetragen hatte, war inzwischen verheilt, wozu die Salben von Balsa erheblich beigetragen haben. Die Narbe über dem Gesicht würde aber vielleicht nie komplett verheilen.

    Lächelnd legte Cedric seine Stirn auf die seines Partners.

    „Wir werden hieraus etwas machen. Bist du dabei?“

    Eine helle Stichflamme verließ den Nacken von Komura. Damit war er mehr als zufrieden.

    „Und, hast du's endlich mal geschafft, Gallanders Vulnona den Hof zu machen?“, fragte er in die Stille hinein und grinste frech.

    Komura biss ihm mahnend , aber blitzschnell in die Hand. Seine Art zu sage: Kümmere dich um deinen Kram.

    Cedric spürte den kurzen Schmerz deutlich, lachte aber direkt danach heiter.


    Remilia war nervös. Wann zu Hölle war sie das letzte Mal nervös gewesen?

    Sie wusste, wie die Dinge standen. Ständig wurde sie über alles wissenswerte informiert. Sie war nicht besonders, hatte dennoch einen besonderen Standpunkt, der ihr vielerlei Türen öffnete. Doch dieses Mal war das anders.

    Ein paar Tage war es nun her, dass sie Kryppuk wieder zu seiner Meisterin zurück geschickt hatte. Die Menschen, die es im Problemviertel von Toldus beobachtet hatte, nachdem sie selbst mit einem von ihnen in der Kneipe gesprochen hatte, schienen ungemein wichtig zu sein. Warum? Was machte sie so wichtig? Sie wusste es nicht. Und genau deshalb war sie so nervös, als sie nun der Anweisung gefolgt war, die verlassene Kapelle im Moor aufzusuchen. Die Pokémon, die die Umgebung bewachten, rührten sie nicht an, hielten sich ganz und gar von ihr fern. Auch hierfür war deren Meisterin verantwortlich. Selbige war anwesend, dass wusste sie. Auch wenn sie sie noch nicht sehen konnte. Also verharrte sie inmitten des halb zerfallenen Gemäuers. Und man sah ihr ihre Gefühlslage an, die Hände hinter dem Rücken versteckt, die Beine überkreuzt gegeneinander gepresst und den Blick getrübt Richtung Boden gerichtet. So kannte sie Remilia ja überhaupt nicht.

    „Du schaust, als würde dich eine Bestrafung erwarten.“, hauchte eine Stimme von den Wänden wieder. Remilia reagierte nicht im geringsten. Sie wünschte sich, der weiße Stoff auf ihrem Haupt würde ihr komplettes Antlitz verdecken.

    „Du hast gemacht, was dir aufgetragen wurde. Dsahva hat mir berichtet, was er beobachtet hat. Ich musste feststellen, das es richtig war, diesen jungen Mann im Auge zu behalten.“

    Remilia atmete einmal tief durch und hob endlich den Blick. Ihr Gesprächspartner war nach wie vor nicht zu sehen, was ungewohnt war, daher starrte sie emotionslos geradeaus.

    „Und warum?“

    Stille Momente vergingen, die ihre Nerven gehörig auf die Folter spannten. Letztendlich blickte sie vollends auf, suchte die Szenerie ab. Suchte den Blickkontakt zu Merry.

    „Was hat der Kerl an sich, das du sogar mir verschweigen musst? Sag es mir!“

    „Er hat nicht das geringste an sich. Jedenfalls bis jetzt. Dass er nun in Kontakt mit diesen Rittern gekommen ist, könnte in komplizierten Angelegenheiten münden.“

    Fast verlor Remilia die Beherrschung.

    „Rede! Komm zur Sache und quatsche nicht drum herum. Wären diese Angelegenheiten wirklich komplizierter, als die Tatsache, dass du mir nicht mal dein Gesicht zeigen kannst, wenn wir miteinander sprechen?

    In dem Moment bemerkte sie eine Bewegung, gut zehn Schritte geradeaus. Dort, wo das Dach der Kapelle bereits eingestürzt und der Boden teilweise aufgebrochen und vom Moor geflutet war, stürzte eine Gestalt herab. Ein zierlicher Körper landete auf der Wasseroberfläche, welche reagierte, als wäre lediglich ein winziger tropfen gefallen. Eine winzig kleine Welle breitete sich in Kreisform aus und verlor sich.

    Remilia wollte schon sprechen, als sie auf die Gestalt zugehen wollte, die in der Dunkelheit einfach nicht genau zu erkennen war.

    „Me...“

    Sie erstarrte wie von Blitz getroffen, als ohne Vorwarnung eine Hand ihre Schulter packte. Sie unterdrückte den Reflex, nach ihren Schwertern zu greifen. Als sie den Kopf drehte, stand die Gestalt von eben auf einmal hinter ihr. Sie war kleiner, als sie selbst. Das Gesicht war unter einem weißen Hut verborgen. Teile ihrer übrigen Kleidung waren ähnlich gefärbt, hielten sich aber mit Schwarz in etwa die Waage.

    „Spiel nicht mit mir!“, keifte sie die Trickserin an, die sich kaum regte, lediglich die linke Hand auf den Kopf legte und ihren Hut noch fester auf das Haupt presste.

    „Du musst achtsam sein, Kleine.“, sprach sie zu Remilia, ohne ihr Gesicht zu zeigen.

    „Bald schon könntest du zwischen Fronten stehen, die jeden Menschen hinfort fegen können, ohne auch nur ihre wahre Kraft zu entfesseln. Also sei achtsam, dass der Tod dich noch nicht ereilt. Ich kann dir mehr nicht verraten.“

    Nun kamen Remilia wahrhaftig die Tränen.

    „Nein, du musst es mir sagen. Was soll das alles bedeute...“

    Sie war weg. Direkt vor ihren Augen war es geschehen und trotzdem wusste sie nicht wie. Doch sie war weg. Hatte sich zurückgezogen, sie zurückgelassen. Und so weinte sie in Einsamkeit.

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    19: Der lodernde Kommandanten


    „Eines noch, bevor du gehst.“

    Eine wichtige Sache musste Sigurd noch klären, ehe der neue Ritter wegtrat.

    „Nun wüsste ich gerne, was es mit dem auf sich hat, was zu vorhin gesagt hast. Du sprachst von einer Karte der Schattenkrieger, wenn ich mich nicht irre.“

    Man konnte die Neugierde deutlich aus seiner Stimme heraushören, doch das war nur allzu verständlich.

    „Ich hatte noch nicht vor zu gehen.“, erwiderte Cedric den Vorwurf, sich aus dem Staub zu machen, ohne sein Wort zu halten.

    „Dann sag, wo befindet sich eine solche Karte.“

    Cedric schaffte es gerade so, sein Grinsen zu kontrollieren.

    „In meiner Tasche.“, triumphierte er und sah Sigurds Augen aufleuchten, als er kurz darauf das zusammengerollte Pergament hervor holte.

    „Ich habe sie einem jungen Schattenkrieger abgenommen, den ich auf seinem Fluchtweg abfangen konnte. Sie wollten sie vor dem Orden in Sicherheit bringen.“

    „Zeig her.“, forderte er mit ausgestrecktem Arm.

    Cedric wartete geduldig ab, während Sigurds Augen sorgfältig das Pergament inspizierten und dabei langsam größer und größer wurden. Mit aufgewühltem Blick sah er schließlich auf.

    „Deine erste Tat als Ritter kann sich wahrlich sehen lassen. Wenn die Informationen dieser Karte stimmen, dann haben wir einen enormen Vorteil gegen unseren Feind. Dass wir diese Karte in die Hände kriegen, war definitiv das letzte, was die Schattenkrieger gewollt hätten.“

    Cedric lächelte Stolz.

    „Wie wirst du diesen Vorteil ausnutzen?“

    Grübelnd kratzte sich der Anführer am Kinn und schien sich dessen noch nicht wirklich sicher zu sein.

    „Das werde ich noch entscheiden. Ich treffe keine voreiligen Entscheidungen.“

    „Wir warten also zunächst ab?“

    Cedric war nicht wirklich erfreut über diese Passivität, doch Sigurd belehrte ihn prompt.

    „Ein gelungener Zug muss wohl überlegt sein. Unser Problem im Kampf gegen die Schattenkrieger besteht aus zwei Hälften. Nummer eins: wir kennen ihren Standort nicht. Hier zumindest werden uns diese Informationen von Nutzen sein.“

    Erst jetzt blicke er von der Karte auf und sah Cedric eindringlich an.

    „Nummer zwei: wir wissen noch nicht, welche Waffe sie noch in der Hinterhand versteckt halten. Ein zu ungestümes Vorgehen kann meine Männer leicht ins offene Messer laufen lassen.“

    Dem hatte Cedric nichts entgegenzusetzen. Genau genommen war dies auch nicht seine Absicht. Er sah schnell ein, dass Sigurd sein Handwerk als Anführer und Stratege sicherlich exzellent beherrschte. Aber eine Sache machte ihn Neugierig.

    „Welche Waffe? Was meinst du damit?“, fragte er mit erhobener Augenbraue.

    Er war sich nicht sicher, ob Sigurd das beabsichtigt hatte, aber Cedric hatte herausgehört, dass der oberste Ritter noch mehr wusste. Doch der winkte ab.

    „Du erfährst alles wichtige noch. Geh nun, ich habe mich jetzt um einige Dinge zu kümmern. Wende dich an Kecigor, um dich in der Burg zurecht zu finden.“

    Mit einem gehorsamen Nicken wandte Cedric sich ab, schulterte sein Schwert und bedeutete Komura, der still neben ihm stand, mit einer kurzen Handbewegung, ihm zu folgen. Sigurd widmete sich sogleich wieder einigen Schriften auf seinem Arbeitstisch. Erst als sein neuer Ritter das untere Ende Ende der Treppe erreicht hatte und Richtung Tor nach draußen ging, erlaubte er sich, ihm nachdenklich hinterher zu sehen.

    Er hatte einen jungen, vielversprechenden Mann für seinen Orden gewonnen. Die wenigsten hatten ihn gleich bei ihrer Aufnahme so beeindrucken können. Zudem schien er von seiner Persönlichkeit sehr vielschichtig zu sein. Er war sehr interessiert, zu sehen, wie er sich machen würde. Vielleicht würde er ihm für seine erste Trainingseinheit jemand besonderen zuordnen. Keine schlechte Idee, wie er so darüber nachdachte. Davon würde er sich einiges Versprechen.

    Wieder von warmen Sonnenstrahlen empfangen traten Cedric und Komura ins Freie. Sich genüsslich streckend passierte er die Torwache und ging entspannt die Treppe hinab. Während er dabei erneut das Innere der Burg betrachtete, merkte er, wie er diese Plötzlich ganz anders war nahm. Verständlich, wie ihm klar wurde. Immerhin war dies ab sofort ihr zu Hause. Das erste Heim seit Jahren.

    Wie ihm geraten wurde, würde er sehr zeitnahe die Schmiede aufsuchen, um sich um seine Rüstung zu kümmern. Da er aber drüben bei den Pokémon ein Lohgock und direkt darauf Kecigor aus der Ferne erkennen konnte, stellte er dieses Vorhaben an zweite Stelle und ging stattdessen zu ihnen rüber.

    Razton bemerkte ihn zuerst, da sie in seiner Blickrichtung auf ihn zukamen. Kecigor bemerkte die Beiden etwas später, strahlte aber übers ganze Gesicht, als er sie erblickte.

    „Hey.“, rief er erfreut.

    „Da wären wir wieder.“, verkündete Cedric.

    Kecigor betrachtete die Waffe auf Cedrics Schulter. Kombinierte man diesen Anblick mit seinem zufriedenen Ausdruck, kam man schnell zu einem Schluss. Ähnlich wie neulich in Toldus, als sie sich das erste Mal begegneten, straffte er seine Haltung und legte die Faust auf den Brustkorb.

    „Willkommen in unseren Reihen, Kamerad.“

    Auch Razton vollführte die Geste und knurrte freundlich.

    Cedric winkte lächelnd ab.

    „Können wir einfach so miteinander reden wie bisher? Das fühlt sich irgendwie komisch an.“

    „Du wirst dich dran gewöhnen. Solche Kleinigkeiten bringt der Rang mit sich, besonders wenn du in fremden Städten bist.“

    Cedric dachte an den Moment zurück, als sie sich in Toldus begegnet waren. Künftig würde seine Erscheinung wohl ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Allerdings nur wenn...

    „Ich werde erstmal zum Schmied gehen, wegen einer Rüstung für mich.“

    „Mhm.“, nickte Kecigor prompt.

    „Hättest du danach etwas Zeit, mir alles in der Burg hier zu zeigen?“

    „Können wir machen.“

    Ein dankendes Lächeln. Dann wandte er sich zu Komura.

    „Was meinst du, willst du erstmal hier bleiben? Dich mich den anderen Pokémon bekannt machen?“

    Das angesprochene Feuerpokémon sah sich einen Moment um und Cedric könnte schwören, dass sein Blick einen Moment lang an einem ruhenden Vulnona hängen geblieben wäre. Komura stimmte ein.

    Die Pokémonstation hatte selbstverständlich auch einen Betreuer, Bertram war sein Name. Eine entspannt wirkende Person fortgeschrittenen Alters. Cedric übergab Komura in seine Obhut und marschierte mit Kecigor zur Schmiede hinüber.

    „Und wie findest du deine neue Waffe?“

    Ohne zu stoppen nahm Cedric sein Schwert von der Schulter und streckte es empor, gestattete sich, die Eleganz dieser Klinge ein weiteres Mal zu bewundern.

    „Es übertrifft alle meine Erwartungen.“

    „So soll es auch sein.“, sagte Kecigor und lächelte.

    „Was es mit der Schmiede auf sich hat, weißt du bereits, oder?“

    Er fuhr sogleich fort, als Cedric nickte.

    „Jeder von uns erhält von unserem Gott ein Schwert, dass perfekt zu ihm und seinem Kampfstil passt. Dafür sorgt die Magie in Ho-oh's Flamme. Das besondere ist, dass niemand sonst, diese Waffen benutzen kann.“

    Ein verdutzter Blick.

    „Wie meinst du das?“

    Kecigor packte den Griff seines eigenen Schwertes, welches er nach wie vor am Rücken trug, zog es aber nicht.

    „Du hast gesehen, dass es mir trotz der Größe keine Probleme bereitet, diese Klinge führen. Jeder andere Mensch würde sich nur beim Versuch, es zu stemmen, einen Bruch heben.“

    Verblüfft hob Cedric eine Augenbraue. Natürlich erinnerte er sich gut daran, wie eindrucksvoll Kecigor dieses Schwert umhergewirbelt hatte. Damals hatte er es auf eine Kombination von leichtem Material und gutem Training geschoben. Diese neue Information war er bereit zu testen.

    „Hier.“, sagte er und streckte ihm seinen Griff entgegen.

    „Das würde ich gerne sehen.“

    Kecigor presste die Lippen aufeinander.

    „Wenn es sein muss, dann quäle ich mich halt kurz für deine Neugier.“

    So nahm er es entgegen. Überraschenderweise konnte er es ohne Probleme stemmen, lies es jedoch schon eine Sekunde später wieder panisch los.

    „Ah, verdammt!“

    Mit dumpfen Ton fiel die Waffe auf den Erdboden.

    „Was ist?“

    „Glaub mir oder nicht, aber das Ding ist glühend heiß.“

    „Heiß?“, fragte er skeptisch.

    „Hab ich gestottert?“

    Cedric hob es auf und tastete Griff, Parierstange und Klinge ab. Es war ganz kühl.

    „Und wie war das jetzt mit dem Gewicht?“

    Kecigor zog den Handschuh, den er unter seiner Rüstung trug, von den Fingern und pustete sachte auf seine Hand.

    „Was weiß ich. Es ist ja nicht so, als würden wir alle die Schwerter des anderen nehmen, um zu schauen was passiert.“, erwiderte er leicht genervt. Offenbar hatte das wirklich weh getan, immerhin, hatte er bislang immer sehr souverän gewirkt. Mit einem Male kam ihm in den Sinn, dass Sigurd zuvor das Schwert nicht ein einziges Mal direkt berührt hatte. Nun war klar, aus welchem Grund.

    „Okay, tut mir leid. Geht es?“

    Kecigor bewegte seine Finger ein bisschen.

    „Ja, alles in Ordnung.“

    Nach dieser kurzen Einlage steuerten sie ihr eigentliches Ziel an.

    Figrolf war ein Schmied, wie man sich ihn vom Erscheinungsbild vorstellte. Fortgeschrittenes Alter – Cedric schätzte ihn auf etwa fünfzig, kaum noch Haar auf dem Haupt, dafür ein Vollbart in Braun und Grau. Sein Blick wirkte recht grimmig, vielleicht waren es aber auch einfach die Falten in seinem Gesicht, die ihn so erscheinen ließen. Wie bei jedem Schmied bestand die Arbeitskleidung aus einem leichten Hemd, welches ordentlich Schmutz aufgefangen hatte und einer dicken grauen Schürze. Die beiden Besucher stimmten ihn offenbar mürrisch.

    „Ah, schon wieder ein paar Jungspunde, die einem geschundenen Mann harte Arbeit abverlangen müssen.“, maulte er und blickte dann auf Cedric.

    „Dich hab ich hier allerdings noch nie gesehen.“ und trat an ihn heran. Seine Körperhaltung war straff und gerade, dennoch war er gut einen halben Kopf kleiner als Cedric. Auch wenn sein Körperbau kräftig war, einen imposanten Eindruck machte er trotzdem nicht.

    „Bin auch gerade erst angekommen.“, sagte er.

    „Mein Name ist Cedric. Ich wurde eben in den Orden aufgenommen.“

    Er erhielt nur ein eher gelangweiltes Nicken.

    „Verstehe, wieder einer mehr, der ausgerüstet werden darf. Ich bin ja froh, dass ich mich nur um eure Rüstungen kümmern muss. Kämen noch die Schwerter hinzu, wäre dieser Körper schon vor Jahren zusammengeklappt.“

    Er schien das Nörgeln fast schon zu genießen, während er sich an einem Wassereimer die Hände säuberte und anschließend auf Cedric zukam. Er war überraschend klein, etwa einen halben Kopf tiefer, obwohl Cedric Normalgröße hatte.

    „Dann lass mich mal sehen, was du brauchst.“, murmelte er und zog Cedrics Arm zu sich, sodass dieser gerade vom Körper weg zeigte. Anschließend tastete er mit flachen Händen seinen Torso ab, als wolle er prüfen, ob er Schmuggelware oder so in der Kleidung versteckt hat.

    „Was wird das, wenn's fertig ist?“, fragte er gereizt. Dass man ihn so plötzlich anfasste, mochte er gar nicht.

    „Quatsch nicht, Bursche. Wenn ich dir schon die beste Rüstung deines Lebens schmiede, lass mich wenigstens dafür sorgen, dass sie dir perfekt passt.“

    Cedric sah hilfesuchend zu Kecigor.

    „Ist das normal?“

    „Glaubs oder nicht, aber das reicht ihm schon, um abzuschätzen, welche Größen er für deine Rüstung braucht. Du kannst darauf vertrauen, dass sie wie angegossen passen wird.“

    Der Schmied fixierte Cedric wieder direkt, nach wie vor grimmig blickend.

    „Das will ich meinen. Schließlich rüste ich diese Truppe schon lange genug aus und beherrschte mein Handwerk bestens.“

    Nicht lange dauerte es, bis er wieder von ihm ab lies.

    „Alles klar, du kannst dir deine Rüstung in zwei Tagen abholen.“, sagte er, während er den beiden schon wieder den Rücken gekehrt hatte und nahm seine Arbeit wieder auf.

    Cedirc torkelte leicht irritiert zu Kecigor zurück.

    „Habt ihr das alle über euch ergehen lassen?“

    Er schwieg und mied mit kapitulierendem Gesichtsausdruck den Blickkontakt.

    „Immer wenn man denkt, man hat schon einige komische Vögel gesehen...“

    Vielleicht hätte Cedric etwas ruhiger sprechen sollen. Zwar hatte Figrolf ihn nicht gehört, dafür machte sich jemand anders mit tiefer, lauter Stimme bemerkbar.

    „Beurteile Menschen nicht wegen ihres Verhaltens, sondern wegen ihrer Fertigkeiten.“

    Sowohl Cedric als auch Kecigor drehten sich in Richtung der Person, die gesprochen hatte und die keiner von beiden bemerkt hatte.

    Sie erblickten einen groß gewachsenen Mann mit gebräunter Haut und rauen Gesichtszügen. Sein tiefbraunes Haar war stand ziemlich wild, war aber zu kurz um ihm Sicht zu nehmen und seine dunklen Augen blickten sehr durchdringend. Vor allem aber fiel Cedric auf, dass die Rüstung, die der Mann trug, sich von denen der anderen Ritter unterschied. An manchen Stellen war sie stärker gepanzert und prunkvolle Details in Rot-Orange. Cedric realisierte schnell, dass es sich um genau die gleiche Rüstung handelte, die Sigurd trug. Folglich war er kaum überraschend, dass Kecigor seine Haltung straffte, was Cedric ihm sicherheitshalber nach tat. Es stand keine einfacher Ritter vor ihnen.

    „Thorien.“, sprach Kecigor. „Sei gegrüßt.“

    Der angesprochene schaute nicht sehr zufrieden zu ihm rüber.

    „Ich hätte es begrüßt, als Erster von deiner Rückkehr zu erfahren, Kecigor.“

    Der gab sich leicht schuldbewusst, lächelte aber.

    „Entschuldige, aber mein Bericht für Lord Sigurd konnte nicht warten.“

    Er nickte.

    „Da muss ich dir allerdings Recht geben. Er hat es mir schon erzählt. Das war gute Arbeit.“

    Dann wandte er sich Cedric zu, der sich in Schweigen gehüllt hatte. Aus irgendeinen Grund wirkte etwas an dieser Person vertraut. Doch es war unmöglich, dass er ihn schonmal irgendwo gesehen hatte. Wie hatte Kecigor ihn angesprochen? Thorien...

    „Moment, dann ist das der Mann von dem du erzählt hast?“, spielte er auf Kecigors Geschichte an, als er von seinem Beitritt in den Orden sprach.

    Ein nicken bestätigte stumm, Thorien selbst ergriff erneut das Wort.

    „Ich bin Lord Thorien, Vize-Oberhaupt des Ordens der Flamme. Und auch in meinem Namen heiße ich dich bei uns willkommen.“

    Den angebotenen Händedruck erwiderte Cedric selbstverständlich.

    „Lord Thorien ist die rechte Hand unseres Anführers. Er wird wie für uns alle dein Ausbilder sein.“

    „Wie gesagte habe ich bereits erfahren, dass du dich bewehrt gemacht hast und den Segen des Phönix trägst.“

    „Dieses hier habe ich offenbar nur ihm zu verdanken.“, antwortete er und präsentierte seine Waffe. Wirklich beeindruckt sah Thorien aber nicht aus.

    „Dann zeige mir doch mal, wie du damit umzugehen weißt.“

    Cedirc war verdutzt.

    „Also wir...“

    „Wir tragen einen Kampf aus. Ich will deine Fähigkeiten sehen.“

    Cedric stand ein wenig irritiert auf der freien Grasfläche im Schatten des Hauptgebäudes der Burg. Obwohl sie sich zwischen selbigem und der Mauer befand, kam man sich hier nicht eingeengt vor und hatte ausreichend Platz. Zudem gab es hier hinten keine Zuschauer. Kecigor wurde angewiesen, seine Ausrüstung prüfen zu lassen, obwohl er versichert hatte, dass diese in Ordnung sei. Somit befanden sich er und Thorien allein und ungestört auf diesem abgelegenen Übungsplatz. Der Vizekommandant zog bereits sein Schwert vom Rücken.

    „Ich kämpfe nicht direkt mit voller Kraft. Ich will sehen, auf welchem Stand sich seine Schwertkunst befindet, also halte so gut es geht dagegen.“

    Cedric nickte und betrachtete kurz die Waffe, die Kecigor in seiner Geschichte schon beschrieben hatte. Ein Zweihandschwert mit nach vorne gerichteter Parierstange, fast komplett von dunkelroter Farbe, nur die Klinge selbst glänzte metallisch. Der Ausdruck Dämonenschwert kam unweigerlich in den Sinn. Fast schon unpassend für einen Ritter des Phönix.

    Eine gewisse Nervosität konnte Cedric nicht leugnen, als er seine eigene Waffe zog. Kecigors Kampfkünste hatten ihn bereits enorm beeindruckt. Thorien hatte definitiv noch mehr zu bieten. Gleichzeitig war er neugierig diese heilige Klinge zum ersten Mal zu testen.

    „Bereit? Gib dein Bestes.“, sagte er und kam mit dem Schwert im Anschlag auf ihn zugestürmt.

    Der erste Angriff war ein kräftiger Schlag von oben. Der Schwung des kurzen Sprints verstärkte die Wucht des Aufpralls, als Cedric sich dem Angriff entgegenstellte. Seine Parade wurde einfach hinweggefegt und er selbst zurückgestoßen. Es folgte eine Schlagkombination aus schnellen Hieben, die abwechselnd von links und rechts einprasselten. Cedric hielt jeden Angriff auf, musste aber um einen festen Stand kämpfen. Wenn man im Zweikampf des Halt verlor, war es aus und auch wenn dies ein Übungskampf war, wollte er sich gut präsentieren. Also hielt er nach Kräften stand und beobachtete die Bewegungen seines Gegenübers.

    Thorien strengte sich augenscheinlich noch nicht sonderlich an. Selbst Angriffe die ihn noch nicht ins Schwitzen zu bringen schienen, verlangten schon einiges ab. Vielleicht konnte Cedric es ausnutzen, wenn er zu lässig werden würde. Einen weiteren Angriff zur Seite abwehrend vollführte er einen Ausweichschritt und brachte ein wenig Abstand zwischen die beiden. Ein paar wenige Sekunden wollte er haben, bevor er etwas versuchte.

    „Das war noch nicht alles.“, warnte Thorien und kam wieder mit schnellen Schritten.

    Ein wuchtiger Stoß mit der Schwertspitze war seine nächste Aktion. Cedric meinte den Angriff schon spüren zu können, bevor er ihn überhaupt erreicht hatte. Von diesem Mann ging eine wahnsinns Kraft aus. Dennoch gelang es erneut, ihn abzuwehren, indem er Thoriens Schwert mit dem seinen abdrängen konnte und die Klingen kreischend aneinander schabten. Nun schnellte sein Körper nach vorne und ging in einer fließenden Bewegung von Abwehr auf Angriff. Ein gezielter Angriff auf die Kopfregion fand jedoch kein Ziel, da Thorien rechtzeitig zurück zog und sich unter der nahenden Klinge hinweg ducken konnte.

    „Oho, nicht schlecht.“, lobte er kurz und entlockte Cedric so den Drang nach mehr Initiative.

    Leichter und wendiger gerüstet versuchte er, Thorien mit permanenten Attacken aus verschiedenen Richtungen in die Defensive zu bringen. Thorien aber hatte die Arme schnell erhoben und seine Klinge nach unten gerichtet. Arme und Körper benötigten nur einen minimalen Bewegungsaufwand, um die Hiebe links wie rechts abprallen zu lassen.

    Cedric hatte nicht direkt erwartet, ihn einfach überwältigen zu können, doch er war sich sicher, dass hier etwas nicht stimmte. Während die Klingen weiter aufeinanderprallten, klirrten und unter der Wucht des Aufpralls vereinzelte Funken versprühten, fühlte er sich mit jeder Sekunde schwächer. Nicht nur, dass er immer mehr dass Gefühl bekam, seine Angriffe würden zunehmend an Kraft verlieren, schien es, als wäre bei Thorien mit jedem Schwung das genaue Gegenteil der Fall. Verliesen ihn etwa so schnell schon die Kräfte?

    Er machte einen Ausweichschritt nach hinten und lies das dämonisch wirkende Schwert in Leere gehen. Thorien gab ihm offenbar einen kurzen Moment zum Durchatmen, denn er griff nicht sofort wieder an. Cedric sah die Waffe seines Gegenüber an und kam gleich zum Entschluss, dass hier etwas nicht normal verlief.

    Thoriens Schwert war umgeben von einem seltsamen Flimmern, ähnlich wie man es bei großer Hitze kannte. Die Klinge gab eine pulsierende Energie von sich, die ihn einschüchterte. Hier musste wieder Magie im Spiel sein, anders konnte er sich das nicht erklären.

    Thorien grinste einmal kurz, kam dann wieder mit Schwung angerannte, ähnlich seinem allerersten Angriff. Cedric hatte keine Idee, war zu sehr von seinen Gedanken abgelenkt und versuchte, wie zuvor zu blocken.

    Der kraftvolle Schlag war kein Vergleich zu dem von vorhin. Nicht nur die Wucht des Metalls, sondern etwas anderes gingen damit einher. Etwas, das Cedric zwar nicht sehen, aber definitiv spüren konnte, lies ihm keine Chance, standzuhalten.

    Die Kraft des Angriffes riss ihn um und warf ihn schmerzhaft zu Boden. Sein ganzer Leib bebte und ehrfürchtig blickte er auf.

    Thorien verharrte kurz in seiner Kampfstellung und musterte Cedric. Dann entspannte er mit einem tiefen Ausatmen seinen Körper und steckte seine Waffe weg.

    „Okay, das reicht.“, verkündete er das offensichtliche Kampfende und half Cedric auf die Beine.

    „Du bist in Ordnung?“

    Cedric musste sich einmal schütteln, bestätigte aber.

    „Ja, es geht. Aber das hat mich echt umgehauen.“

    Er klopfte sich den Staub von den Klamotten und hob sein Schwert vom Boden.

    „Was zur Hölle ist da gerade passiert? Ist das Schwert magisch?“

    Er verschränkte die Arme und starrte auf ihn herab.

    „Ja und Nein. Magie war am Werk, doch sie kam nicht von der Waffe.“

    Cedric schaute auf Thoriens Schwert, von dem er nur den Griff sehen konnte, da es sich wieder in der Halterung am Rücken befand.

    „Du warst das also.“

    „Korrekt, du solltest nämlich wissen, dass Magie nicht immer gleich Magie ist.“

    Daraus wurde er wenig schlau.

    „Was soll das bedeuten?“

    Thorien stemmte die Arme in die Hüfte und holte zu einer Erklärung aus.

    „Magie einzusetzen ist nicht für jeden Menschen möglich. Und selbst bei denen, die sie beherrschen, kann sie auf unterschiedliche Weise wirken. Ich selbst war mein Leben lang ein Schwertkämpfer, habe aber dennoch den Segen des Phönix erhalten. Wenn ich meine Waffe ziehe, verspüre ich in meinem Inneren eine Flamme, die mit jedem Schlag und jedem Atemzug stärker wird, wie ein Brand, der sich ausbreitet. Diese Energie pulsiert in meinem Körper und überträgt sich auf mein Schwert, auf das meine Feinde davon überwältigt werden.“

    Dann trat er an Cedric heran und legte eine Hand auf seine Schulter.

    „Und so wie ich, wirst auch du deine ganz eigene Art finden, Magie in deinen Kampfstil einzubinden.“

    Cedric blickte mit großen Augen zu ihm empor. Noch immer außer Atem wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

    „Einfach ausgedrückt wirst du stärker, je länger der Kampf dauert. Kann man dich dann überhaupt schlagen?“, fragte er fast schon in sarkastischem Tonfall.

    „Auf jeden Fall.“

    Die Antwort kam schnell und Thoriens Ausdruck wurde streng, was ihn leicht überraschte.

    „Ich hörte bereits, dass du ein Tornupto deinen Partner nennst. Meine Fähigkeit ist für Duelle prädestiniert, doch wärst du gemeinsam mit ihm gegen mich angetreten, hätte ich Probleme bekommen.“

    „Dann hast du also kein Pokémon als Partner?“

    Als Antwort gab es ein betrübtes Kopfschütteln.

    „Mein Partner ist vor etwa einem Jahr gestorben, er hat seine Pflicht erfüllt. An mir liegt es nun, alles dafür zu tun, dass den Rittern diese Erfahrung erspart bleibt. Seither kümmere ich mich um die Ausbildung und die Truppenführung bei den Einsätzen.“, erklärte er.

    „Sigurd hat mich gleich nach deiner Aufnahme rufen lassen und mich gebeten, dein Können zu testen.“

    Damit war auch Cedrics noch ausstehende Fragen geklärt, warum er ihn überhaupt mit diesem Duell überrascht hatte.

    „Und welches Fazit kannst du mir geben?“

    Thorien fasste sich grübelnd ans Kinn, als hätte er nicht mit einer solchen Frage gerechnet.

    „Du hast gute Reflexe und Instinkte. Für den Anfang gebe ich dir drei Ratschläge, die du für deinen Kampfstil verinnerlichen solltest.“, setzte er an.

    „Ein Ritter setzt beim Kampf nicht nur sein Schwert ein, sondern auch den Verstand. Achte genau darauf, bis zu welchem Punkt du zurückweichen darfst, ohne dich in Bedrängnis bringen zu lassen. Und bedenke, du kämpfst gut, wenn du den Gegner steuerst und ihm dadurch keine Möglichkeit gibst, sich selbst zu steuern.“

    Cedric lies die Worte einen Moment auf sich wirken, vermied aber weitere Fragen. Wie ihm gesagt wurde, würde er versuchen, diese Anweisungen zu verinnerlichen, also nickte er nur stumm.

    „Dann wäre das fürs Erste alles, Ritter Cedric.“, sagte er und lächelte erbauend.

    „Sobald Figrolf deine Rüstung fertig gestellt hat, wirst du zu unserem Training dazustoßen. Die individuellen Fertigkeiten von dir und deinem Partner werden wir dann gemeinsam verbessern. Wir werden schon dafür sorgen, dass sich das Potential, das Sigurd in euch gesehen hat, entfalten wird und ihr zu wahren Streitern der heiligen Flamme werdet.“

    Cerdic konnte den Ausdruck der Euphorie in seinem Gesicht nicht unterdrücken. Dieser Mann, der ihn gerade in vielerlei Hinsicht beeindruckt hatte, würde ihn tatsächlich trainieren. Es würde sicher hart werden, sehr hart. Aber die Voraussicht, von einem solch starken Kämpfer unterrichtet zu werden, war einfach so vielversprechend, dass er die Fäuste ballte.

    „Ich freue mich schon drauf.“

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    18: Warum das Schwert geführt wird


    Cedric erlaubte sich ein lauten Schnaufen. Die Tatsache, dass seine Beinmuskeln langsam rebellisch aufzuschreien begannen, wäre ihm so ziemlich egal, wenn nicht nicht noch mindestens genauso viel Höhenmeter vor, wie hinter ihm liegen würden. Mitten auf der Treppe erlaubte er sich, kurz zu pausieren und seinen Atem wieder etwas zu beruhigen. Ebenso gestattete er sich, einen Blick nach hinten zu werfen und somit eine eindrucksvolle Aussicht genießen zu können. Die Stufen, welche beeindrucken sauber in den Berg hineingearbeitet waren, führen recht steil den Hang hinauf. Die Glutschwinenburg war am Fuße des Berges noch gut zu sehen, auch wenn sich das sicher noch ändern würde, wenn er und Komura erstmal an der Spitze angelangt wären. So verdammt hoch hatte der Berg unten nun wirklich nicht ausgesehen.

    Cedric schniefte angestrengt und wischte sich verschwitzte Haare von der Stirn. Das man ihm nicht einfach sagen würde 'Ok, du bist dabei, herzlich willkommen.', das war ihm natürlich bewusst gewesen. Doch mit einer solchen Aufnahmebedingung hatte er nicht wirklich gerechnet.


    „Ich will mich in den Dienst des Ordens stellen.“

    Sigurds Blick wurde noch durchstechender und er straffte seine Haltung.

    „Ich will für dich hoffen, dass dies eine gut überlegte Entscheidung ist, Cedric.“

    „Das ist sie.“, versicherte er eiligst, was ihn aber wenig überzeugte.

    „Das sagt sich vorher immer sehr leicht. Dir sollte klar sein, dass wir eine Pflicht haben, die uns jeden Tag das Leben kosten kann und es auch nicht so funktioniert, dass man seine Rüstung einfach wieder abgibt, wenn man nicht mehr dazu gehören will. Wir haben eine ehrenvolle, aber blutige Arbeit, von der man nicht flüchten kann, wenn man sich dem Orden erstmal angeschlossen hat.“

    Cedric kamen bei diesen Worten Gedanken an die vergangenen Jahre seines Lebens und musste feststellen, dass dies für ihn keine großen Änderungen bedeuten würde. Schließlich hatte auch er schon viel Blut gesehen und sich in scheinbar aussichtslosen Situationen behaupten müssen.

    „Das ist kein Problem.“

    „Und ob das eins ist.“, kam prompt die Erwiderung.

    „Denn das ist nur ein kleiner Teil der Bedeutung, Ritter des Ordens der Flamme zu sein.“

    Cedric wurde aus den Worten nicht direkt schlau, wünschte sich eher, dass Sigurd etwas mehr Klartext sprechen würde. Sicher, er würde jetzt nicht den Fehler begehen, dem Anführer gegenüber ungehalten zu werden, doch das dieser scheinbar dachte, dass Cedric unüberlegt handelte, schmeckte ihm nicht.

    „Was meinst du damit?“

    „Ein Ritter des Phönix zu sein, bedeutet, sich ganz und gar in seine Sache zu stellen. Nur die mutigsten Männer werden bei den Streitern des Phönix aufgenommen. Wer die Absicht hat, einer von uns zu werden, muss wirklich vollkommen begreifen, welche Bürde wir tragen und welche Werte wir um jeden Preis schützen müssen.“

    Sigurd ging langsamen Schrittes um seinen Tisch herum und hob bestimmend den Zeigefinger, als er fort fuhr.

    „Wir sind die Streiter des Gottes des Lebens, des Herrschers über das Feuer. Wir sind eine Gilde, in der Freud und Leid eines Einzigen jeden von uns betrifft. Wir alle kämpfen, siegen und sterben für die Ehre von Ho-ohs heiliger Flamme. Wenn wir unsere Aufgabe im Kampf gegen die Scherger der Dunkelheit nicht erfüllen und am Ende scheitern, beflecken wir die Mühen und Opfer von gefallenen Kameraden.“

    Nun baute er sich eindrucksvoll vor Cedric auf und stemmte die Arme in die Hüfte.

    „Das ist unser Lebensinhalt. Ein ehrenvoller Krieg für die gerechte Sache ist für uns jeden Tag ein Grund, sich aufs Neue zu erheben. Ihn zu gewinnen, wäre eine Bestätigung unserer Existenz. Nur wer dies wirklich versteht, ist würdig, ein Ritter der Flamme zu sein.“

    Er hatte deutlich vernehmbar seinen ganzen Stolz in jedes einzelne Wort gelegt und lies Cedric auf diese Weise spüren, mit welcher Leidenschaft er dieses Leben führte. Doch die wichtige Frage nun war, ob dieser die gleiche Leidenschaft dafür aufbringen konnte.

    Auffordernd streckte er die Hand aus.

    „Sag, glaubst du an die Götter?“

    Mit einem Male fühlte sich Cedric in die Enge gedrängt. Er begann die Frage noch einmal an sich selbst gerichtet zu wiederholen, was unweigerlich einen sekundenschnellen Ablauf seines bisherigen Lebens in ihm hervorrief. Seit er denken konnte, war er mit seinem Vater auf See gewesen, an seine Mutter erinnerte er sich kaum. Zu jung war er gewesen, als sie plötzlich für immer fort war. Hatten die Götter sie zu sich geholt? Er dachte an den Tag, an dem Gregorio das Mordopfer eines geldgierigen Sackes wurde und er fortan alleine auskommen musste. Ob die Götter auch dieses Leben genommen hatten? Sein letzter Gedanke galt den Dorfbewohnern im Wald, die ihn vor ein paar Tagen im Namen von Arceus hinrichten wollten. Hießen die Götter wirklich gut, was diese Menschen getan hatten? Aber nein, sein letzter Gedanke war dies doch nicht. Denn da war jemand, der ihm beistand, egal ob in Angesichts von vielen Feinden oder des sicher wartenden Todes. Er hatte Komura bei sich. Hatten die Götter ihm dieses Tornupto als Beistand geschickt? Die beiden Ritter sagten nichts, erkannten aber, wie angestrengt Cedric nach einer ehrlichen Antwort suchte und ließen ihm deshalb Zeit.

    Der Waldläufer bemerkte nicht, wie sein Atem hastiger wurde und er grübelnd mit seinen Augen den Boden absuchte, als ob dort die Antworten seiner Fragen stehen würden. Geschah alles wirklich aus einem bestimmten Grund? Haben mächtige Wesen wirklich direkten Einfluss auf das Leben dieser Welt? Was sollten sie davon haben? Und warum geschah dann so viel Ungerechtes?

    Cedric spürte eine Berührung an seiner Schulter und suchte mit den Augen nach ihrem Ursprung. Komura hatte sich zu voller Größe aufgerichtet und seine Vorderpfote auf ihn gelegt. Er mahnte Cedric zur Ruhe, bat um ein tiefes Durchschnaufen und riet, die Gedanken im Kopf langsam zu sortieren. All dies mit solch einer einfachen Geste. Wahrscheinlich war das das menschlichste, was das Feuerpokémon jemals getan hatte.

    Cedrics Blick blieb wehmütig an der Wunde hängen, die seit kurzem Komuras Gesicht verunstaltete. Er packte die Pfote mit festem Griff, sprach ein stummes Danke aus und atmete durch. Er sprach mit einem Hauch von Bedauern.

    „Warum sollte ich an die Götter glauben?“

    Er bedauerte, nur mittels einer Gegenfrage antworten zu können, doch er sprach so ehrlich, wie es nur möglich war. All seine Gedanken wurden durch sie zusammengefasst. Auch wenn Sigurd vermutlich etwas anderes hatte hören wollen, so sah die Realität nunmal aus. Der Anführer antwortete vollkommen gefasst.

    „Das ist eine Fragen, die dir kein Mensch der Welt beantworten kann. Jeder zieht seinen Glauben aus persönlichen Erfahrungen und den damit verbundenen Emotionen. Ich schätze deine ehrliche Antwort, Cedric. Doch wenn du nach wie vor anstrebst, Ordensritter zu werden, musst du beweisen, dass du würdig bist.“

    Dass klang eher nach einer Forderung, mit der er fertig werden konnte.

    „Wie kann ich mich würdig erweisen?“

    „Deine Taten werden zeigen, ob du das Zeug dazu hast, uns beizutreten.“

    Und mit diesem Satz Schoss es Cedirc wieder in den Kopf, dass er ja noch ein Ass im Ärmel hatte. Eines, dass er fast schon wieder vergessen hatte. Er versuchte ein Grinsen zu vermeiden.

    „Was hältst du dann davon: Ich kann dir sagen, wo sich eine strategische Karte der Schattenkrieger befindet.“

    Für eine gefühlt sehr lange Zeit sagte und rührte sich keiner im Raum. Während Kecigor mit total überraschten Gesichtsausdruck auf Cedric starrte – obgleich dieser es nicht sah, da er in seinem Rücken stand – verzog Sigurd kaum eine Miene. Doch ganz konnte er die leuchtenden Augen nicht unterdrücken.

    „Ist das so?“, hakte er murmelnd nach, wollte aber anscheinend nicht genau darauf eingehen. Eventuell vertraute er der Aussage nicht blindlings.

    „Das kannst du mir später auch noch beweisen. Zunächst stelle ich dir die Prüfung, die entscheidet, ob du Ritter der Flamme werden wirst, oder nicht.“

    So langsam wurde es auch Zeit, dass er zur Sache kommt.

    „Was soll ich machen.“

    Sigurd zeigte mit dem Fingen zur Treppe und den Weg, den sie hereingekommen waren. „Wenn den Gang zurück gehst, nimmt die Türe zu deiner Rechten. Sie führt auf die oberste Spitze der Burg. Von dort aus führt ein Weg Richtung Gipfel des Berges. Dort wirst du einen Heiligen Ort finden, unsere Schmiede.“

    „Eure Schmiede?“, fragte Cedric.

    „Habe ich die nicht unten im Hof gesehen?“

    „Das ist eine ganz andere. Dort werden unsere Rüstungen hergestellt und repariert. Du hingegen gehtst zur Läuterschmiede. Niemand wird dort oben auf dich warten. Weder Kecigor noch ein anderer wird dich hinführen. Du wirst dort alleine sein, mit Ausnahme von deinem Partner, der dich gerne begleiten darf.“

    Verwirrung machte sich in ihm breit.

    „Und was soll ich dann dort?“

    „Ganz einfach. Kehre mit einer Waffe, geschaffen aus den Feuern dieser Schmiede zurück.“

    Cedric legte den Kopf schief, ungläubig.

    „Das ist alles?“

    „Das ist alles.“, bestätigte er und ging mit hinter dem Rücken verschränkten Armen zurück an seinen Tisch.

    „Schaffst du es, diese Aufgabe zu meistern, ist der Weg in den Orden der Flamme für dich geebnet. Doch ich empfehle, dir im Klaren über deine eigene Motivation zu sein und dir selbst die Frage zu beantworten, warum du an die Götter glauben solltest. Ich habe dir nichts mehr zu sagen, ehe du zurück bist.“


    Cedric lies sich erschöpft auf den Boden Fallen, als er das obere Ende der Treppe endlich erreicht hatte und schickte eine Ansammlung von Flüchen an wen auch immer. Wieso zu Teufel befand sich eine Schmiede an einem derart hoch gelegenen Ort? Auch wenn Komura sich souverän geben wollte, Cedric konnte in seinen Augen lesen, dass auch seine Beinmuskeln nach Erholung kreischten. Für ein oder zwei Minuten blieb Cedric auf dem Rücken liegen und lies Atem und Herzschlag ruhiger werden, während er gedankenlos die vorbeiziehenden Wolken betrachtete. Die Luft, die der Wind hier oben herumpeitschte war ein Segen für die Lunge und reaktivierte seine Kräfte nach kurzer Zeit. Er war auch schließlich nicht hier, um die Aussicht zu genießen.

    Das Plateau, auf dem er sich nun befand, stellte noch nicht ganz die Spitze des Berges dar, war aber auch nicht mehr sehr weit von selbiger entfernt. Wie ihm versprochen wurde, befand sich außer ihnen niemand hier oben. Doch dich an der Feldwand befand sich ein großer Schmelzofen.

    Er hatte sicher einen Durchmesser von gut drei Metern und machte den Eindruck, als wäre er wie die Treppenstufen in das Gestein des Berges hineingearbeitet worden. Seine Grundform war oval mit einer geschlossenen Kuppel und einem kleinen Einlass an der Front, durch die man an des Feuer kam. Eine große, wenn auch sehr simple Schmelze, wären da nicht die steinernen Schwingen eines Vogels, die das gesamte Werk umfassten und direkt bei der Öffnung endeten. Nicht nur die makellose Form, sondern besonders die Oberfläche jeder einzelnen, steinernen Feder, welche Detailvoll gearbeitet waren, beeindruckten ihn immens. Cedric musste sich wirklich fragen, ob sowas von Menschenhand geschaffen werden konnte. Für ihn schien es fast unmöglich, doch irgendwas sagte ihm, das er künftig noch einige Male ins Staunen versetzt werden würde. Kein Sinn also, über meisterliche Handwerkskunst nachzudenken.

    Cedric sah sich genau um. Am rechten Ende des Schmelzofens entdeckte er einen kleinen Schacht in der Wand, der ebenfalls fein säuberlich eingearbeitet wurde. Dort fand er einen Stapel mit Schmiedeeisen. Rau, dreckig und vollkommen unbearbeitet. Eben das ganz normale Rohmaterial eines Schmiedes.

    „Wir sollen unser Schwert also selbst schmieden.“

    Er war sich nicht sicher, ob dies eine Frage, oder eine laut gedachte Feststellung war. Komura legte jedenfalls nur den Kopf schief. Etwas stimmte hier nicht. Cedric sah sich ein weiteres Mal um, vergewisserte sich, dass seine Augen ihn bei seinem ersten Rundblick nicht getäuscht hatten, doch er irrte nicht. Hier gab es weit und breit weder Amboss noch Schmiedehammer. Ein Wasserkessel zum abkühlen des Stahls fehlte ebenso, wie ein Schleifstein zur Schärfung der Klinge. Ob man ihn hier verarschen wollte? Dieser Frage konnte er sich bei allem Sarkasmus nicht entziehen.

    Er hob den Rohstahl empor, fast so, als habe er ein Schwert in der Hand. An ihm war nichts ungewöhnliches, nichts auffälligen. Es war nur stinknormales Metall. Cedric verstand sich zwar aufs Schmieden, auch wenn er bei Weitem keine Meisterwaffen herstellen konnte. Doch ohne die nötige Grundausstattung ging hier einfach gar nichts.

    „Wenn das ein Scherz von denen da unten sein soll, ich schwöre ich schieb ihnen dieses Ding...“, Cedric hielt inne. Bildete er sich das ein, oder spürte er wirklich etwas in seinem Arm? Es fühlte sich an, als würde etwas nicht sichtbares an ihm zerren. Dies musste er rasch korrigieren. Nicht an ihm, sondern dem Rohstahl, den er hielt. Absurd, es schien, als würde er ihm langsam aus der Hand gerissen werden. Cedric weigerte sich aus unbekanntem Grund, loszulassen. Er klammerte und zerrte, doch das Objekt in seiner Hand wanderte langsam in Richtung der Schmelze, die wenige Meter von ihm entfernt war. Cedric wehrte sich mit aller Kraft, aber musste sich geschlagen geben. Er lies los und der Stahl raste rotierend durch die Luft und stoppte urplötzlich. Da schwebte er, auf einmal komplett regungslos, wie von Geisterhand direkt vor dem Einlass des Schmelzofens.

    Cedric keuchte, hielt sich die rechte Hand mit der linken. Was wurde hier gespielt? Er krampfte, wusste nicht, was er tun sollte. Somit starrte er einige Augenblicke auf das schwebende Schmiedewerkzeug. Windstill war es plötzlich geworden und das Raunen der Schmelze drang als einziges Geräusch an sein Ohr. Zumindest von außen, denn sein nervöser Herzschlag pochte deutlich vernehmbar in seiner Brust.

    Komura, der ähnliche Reaktion gezeigt hatte, fing sich als erster wieder und trat mit raschen Schritten an den Stahl heran. Er blickte zu ihm auf – auf allen Vieren schwebte er über seinem Kopf – und betrachtete ihn. Prüfend, abwägend, die Situation einschätzend. Doch es geschah nicht, gar nichts. Komura rief Cedric aus seiner Starre und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, sich das ebenfalls aus der Nähe anzusehen. Gefahr schien es jedenfalls keine zu geben.

    Cedric runzelte die Stirn, tat seine Schritte nur langsam. War das hier auch eine Art von Magie? Wenn nicht, was sonst? Aber von was oder wem sollte sie ausgehen. War es das Metall, oder womöglich die Schmiede selbst? Inzwischen war er ebenfalls sehr nahe an den Rohstahl herangetreten. Sein Atem hatte sich auch etwas beruhigt. Ein plötzlicher Windstoß warf ihm die Haare durchs Gesicht, doch er regte sich nicht. So, wie das Metall vor der Öffnung schwebte, schien es geradezu darum zu betteln, eben jene passieren zu dürfen. Sehr langsam, immer noch nicht im klaren, was hier eigentlich passierte, hob Cedric seine Hand und tippte das Metall ganz sachte an. Es war, als hätte man einer Kugel, den nötigen Schubs gegeben, um sie ins Rollen zu bringen. Mit der Berührung bewegte der Stahl sich wieder, nur diesmal in sehr langsamer Geschwindigkeit. Erneut wie von einer unsichtbaren Kraft geleitet, flog er präzise in die Öffnung der Schmelze hinein. Er verschwand vollkommen darin, man konnte auch nicht weit hinein sehen, so intensiv war das Feuer im Inneren. Cedric und Komura waren beide zu abgelenkt, um zu bemerken, dass keinerlei Hitze zu spüren war, obwohl sie unmittelbar vor dem Ofen standen.

    Momente vergingen, die sich wie Stunden anfühlten. Sie beide warteten. Worauf? Sie hätten es nicht sagen können, doch man konnte es fühlen, dass hier etwas passierte, dass aus irgendeinem Grund so passieren sollte.

    Ein lautes Zischen ertönte, keiner von Beiden schreckte jedoch zurück. Und aus den tanzenden Flammen kam etwas hervor. Fernab jeder Logik ragte ein Griff aus der Schmelze heraus. Ein dicker, abgerundeter Knauf in makelloser Form und ein simpler Schwertgriff, der mit Leder in Dunkelbraun und Schwarz umwickelt war.

    Cedric blinzelte irritiert. Wie war das möglich? Doch er schob die Frage bei Seite. Niemand würde sie ihm hier und jetzt beantworten können. Stattdessen schnellte seine rechte Hand nach vorne und packte den Griff, umklammerte ihn mit voller Kraft. Aus dem nicht schien der Wind verrückt zu spielen und Hüllte die Szenerie in einen kräftigen Wirbel, mit Cedrics Hand als Mittelpunkt. Eine Druckwelle ging von ihr aus und jagte die Unruhe ebenso schnell fort, wie sie gekommen war. Und dann schien die unsichtbare Kraft, die Cedric zurück gehalten hatte, endlich nachzugeben. Er zog den Griff heraus und hielt sein Schwert in der Hand.

    Mit großen Augen betrachtete er die Waffe, die, so viel konnte man nun zweifelsfrei sagen, aus magischer Quelle zu ihm gekommen war. Wie üblich trennte eine Parierstange den Griff von der Klinge. Erstere war äußerst dick und richtete sich in einer gebogenen Form leicht nach vorne. Sie war voll von dicken Einkerbungen und Gravuren in perfekter Geometrie. Und irgendwie, mit einer gehörigen Portion Fantasie, erinnerte es ein wenig an zwei ausgebreitete Schwingen. Die Klinge dagegen war von dunkelgrauer Farbe und recht breit, spitzte sich in ihrem Verlauf langsam zu und ging schließlich in einen erneut breiten Kopf und in die Spitze über. Eine perfekte Form für mächtige Hiebe und viel Schwung. Ein wirklich edles Breitschwert.

    Cedric wog die Waffe ein wenig in der Hand und betrachtete sie mit großen Augen von allen Seiten. Er sah, dass sich in der Mitte des Schwertkopfes ein Loch von etwa der Größe einer Münze befand, nur dass dieses nicht rund sondern mehr ovalförmig war. Keine Beschädigung, sondern säuberlich hineingearbeitet von was auch immer diese Klinge genau geformt hatte. Er machte zwei-drei schwungvolle Hiebe, um ein Gefühl für sie zu bekommen. Dann ein paar weitere mit deutlich mehr Krafteinsatz. Er war geradezu entzückt und lächelte, wenn auch nur schwach. Er selbst hatte immer behauptet, das alte Schwert seines Vaters hatte perfekt zu ihm gepasst, doch das hier fühlte sich nicht wie ein einfacher Gegenstand an, sonder wie eine geschärfte Verlängerung seines Armes. Das Gewicht war angenehm für seinen Kampfstil, er bevorzugte eher wuchtige, als filigrane Waffen. Doch es war immernoch leichter, als er angesichts des Erscheinungsbildes vermutet hätte. Doch was er hier in der Hand hielt, war in seinen Augen keine Waffe. Zumindest nicht hier in diesem Moment. Es war der Schlüssel zum Orden der Flamme.

    Wortlos schulterte er sein neues Schwert und sprach zu Komura, ohne ihn dabei anzusehen, mit entschlossener Stimme.

    „Gehen wir.“


    Als Cedric zu Sigurd zurückkehrte, war Kecigor nicht mehr da. Kaum verwunderlich, schließlich hatte er sicher auch mehr zu tun, als die ganze Zeit irgendwo auf Leute zu warten. Der Auf- und Abstieg – ersteres ganz besonders – hatten einiges an Zeit gefressen und so fand er lediglich den Kommandanten an selben Ort wieder. Der wiederum sah sofort auf, als er die beiden Rückkehrer bemerkte und war sogleich fixiert auf das Objekt, das Cedric bei sich trug. Imposant präsentierte er das Schwert, dessen Spitze er auf den Boden stützte.

    „Das sollte genügen, denke ich.“, sagte Cedric selbstsicher.

    Sigurd antwortete zunächst nicht, sondern räumte rasch einen Teil seines Tisches frei von den Pergamenten und forderte mit einer Handbewegung, die Waffe dort zu platzieren. Ein paar prüfende Blicke später wollte er sich immernoch nicht äußern. Stattdessen sollte Cedric, die Klinge aufrichten. Sigurd hob ein Stück Pergament und lies es über ihr fallen. So gemächlich es auch auf die Klinge traf, es wurde so säuberlich entzweit, dass es fast schon geisterhaft aussah, als habe das Papier sich selbst zerteilt, um dem scharfen Stahl im allerletzten Moment auszuweichen.

    „Ein wirklich schönes Schwert hast du da, Cedric.“

    Der legte nur den Kopf schief. Er war neugierig und wollte ein paar Antworten.

    „Was genau ist das da oben für ein Schmelzofen?“.

    Sicher musste Sigurd klar gewesen sein, dass diese Frage kommen würde. Offenbar, denn seine Erklärung kam prompt.

    „Der Ofen ist nicht das Besondere. Was hier am Werk war, war das Feuer, das in seinem Inneren lodert.“

    Cedric runzelte die Stirn. Nicht der Ofen oder das Metall selbst hatten dieses Werk verrichtet?

    „Du hast dich sicher nicht gefragt, woher die Läuterschmiede ihren Namen hat. Das Läuterfeuer ist eine Flamme, die nur Ho-oh selbst zu entzünden vermag. Sie ist um ein vielfaches heißer, als gewöhnliches Feuer und weder Wind noch Regen können es löschen. Diese Schmiede, in welcher dieses heilige Feuer brennt, ist das Heiligtum unseres Ordens und trägt den Segen des Phönix in sich.“

    Vor einer Woche noch hätte Cedric dies mit einem ungläubigen „Ja, klar.“ kommentiert, doch er zweifelte keine Sekunde an einem dieser Worte.

    „Und was genau war die Prüfung, wenn diese Schwerter von alleine entstehen?“

    „Das tun sie nicht.“, antwortete er sogleich.

    „Der Segen Ho-ohs geht nicht einfach so auf jeden über, der vor diese Schmiede tritt. Nur jenen, die er selbst als würdig ansieht, wird die Ehre zu Teil, das ihm eine einzigartige Waffe geschaffen wird, die nur für ihn bestimmt ist. Dieses Schwert ist jetzt dein alleiniges Eigentum.“

    Cedric wusste zunächst nicht, was er sagen sollte. Ho-oh, der Phönix, sah ihn als würdig an? Ihn, einen Mann, der die letzten Jahre im Wechsel zwischen Waldläufer und Straßengauner gelebt hat?

    „Das einem Tunichtgut, wie mir eine solche Ehre zuteil wird, kann ich kaum fassen.“, sagte er betrübt. Er freute sich innerlich, das tat er wirklich. Doch diese Freude wollte er nicht mit Füßen treten, indem er Sigurd vormachen würde, ein Mann mit reinem Gewissen zu sein.

    „Weißt du oder gar Ho-oh denn, was für eine Person ich bin? Was ich bislang falsch gemacht habe, in meinem Leben?“

    Sigurd hatte augenscheinlich mit einer anderen Reaktion gerechnet, gab aber mit einem Nicken zu erkennen, dass er die Bedenken verstand.

    „Der Unterschied zwischen einem Jungspund und einem alten Meister ist, dass der Meister schon mehr Fehler im Leben gemacht hat, als der Junge überhaupt die Möglichkeit dazu hatte. Du willst dich so präsentieren, wie du bist, das respektiere ich. Die wenigsten in diesem Orden sind Fehlerfrei, am wenigsten ich. Doch wenn eines Tages das Leben eines Mannes endet, muss er dafür gesorgt haben, dass er Stolz auf sich sein kann und das, was er getan hat.“

    Cedirc hob den Kopf mit vorwurfsvollem Blick, sprach aber immernoch ruhig.

    „Du hast keine Ahnung, was ich alles getan hab.“

    Er konnte es sich selbst nicht erklären. Egal, welche Vergehen er in den letzten Jahren begangen hatte, sie hatten nie an ihm genagt. Und ausgerechnet jetzt holten ihn Bilder aus seinem Gedächtnis ein. Wie er gelogen und geklaut hatte, um über die Runden zu kommen. Wie er sich geprügelt und durchgebissen hatte in hitzigen Situationen. Der Rachemord für seinen Vater und der, den Komura neulich in Toldus für ihn verübt hatte. All das, so sehr er auch seine Gründe für diese Aktionen hatte, kam ihm plötzlich nicht mehr richtig vor. Er hatte diese Jahre ehrloser gelebt, als er sich eingestehen wollte.

    „Klar ist, die Götter sind noch nicht fertig mit dir. Mich persönlich interessiert deine Vergangenheit nicht.“, erwiderte Sigurd mit fester Stimme, schlug eine Hand auf den Tisch und zeigte mit der anderen auf Cedrics Schwert.

    „Das hier ist Zeuge deines reinen Herzens. Du kannst Fehler nicht ungeschehen machen. Doch du kannst viel aus ihnen lernen, um dich zu bessern.“

    Er richtete sich wieder zu voller Größe auf und sprach ruhiger weiter.

    „Wenn es dein Wunsch ist, dann Werde ich dich in unserem Orden willkommen heißen. Doch ich würde zuvor gerne wissen, ob du eine Antwort auf die Frage gefunden hast, warum du an die Götter glauben solltest.“

    Cedric atmete geräuschvoll aus. Er hatte nicht darüber nachgedacht, denn es beeinflusste seinen Wunsch nicht. Doch wenn er völlig neutral an die Sache heranging, dann viel ihm nur eines ein.

    „Wenn ich nicht an die Götter glauben sollte, warum sollten sie an mich glauben?“, sprach er mit einem schwachen Lächeln.

    Sigurd verkniff zunächst die Augen und schien die Antwort, die genauer genommen eine Gegenfrage war, auf sich wirken zu lassen. Letztendlich schien sie ihm zu gefallen.

    „Du willst dich beweisen, sehr gut. Viele Männer sind diesen Weg, der vor dir liegt gegangen und haben ihr Leben auf dem Altar des andauernden Kampfes zwischen Gut und Böse gelassen. Schwörst du ihre Taten zu ehren und in Ho-ohs Namen ihr Werk fortzuführen?“

    Kein noch so geringes Zögern.

    „Ich schwöre.“

    „Dann soll es so sein.“ Er machte eine erhebende Geste.

    „Hiermit ernenne ich dich zu einem Ritter der Flamme. Von nun an bist du Mitglied in unserer Gemeinde.“

    Er schenkte ein sachtes Lächeln und sah zu Komura.

    „Ihr beide seid das.“

    Cedric musste sich wirklich zusammen nehmen. Sein Herz schien mit einem Male voller Freude aus seinem Körper springen zu wollen, während seine Glieder dagegen wie taub waren. Ein Stoß in seine Seite holte ihn aus dieser Starre. Komura machte dies oft und gerne, wenn er Cedric tadeln wollte. Nun aber hatte sich das Feuerpokémon in voller Freude an ihn geworfen. Der frisch ernannte Ritter nahm seinen Weggefährten in eine kameradschaftliche Umarmung und bedankte sich mit einem breiten Lächeln, das erwidert wurde. Wann hatte Komura das letzte mal, überhaupt mal so geschaut. Die Freunde über das Glück, das Cedric in diesem Moment erfuhr, war so ehrlich, das man es fühlen konnte und er fragte sich nicht zum ersten Mal, womit er einen solchen Partner verdient hatte.

    „Deine Waffe.“

    Cedric wandte sich wieder zu ihm, beziehungsweise dem angesprochenen Schwert auf dem Tisch.

    „Diese gesegnete Klinge ist von nun an dein wertvollster Besitz und wird dich dein ganzes Leben begleiten. Nimm sie.“

    Er tat, wie ihm geheißen war und umklammerte das Schwert mit festem Griff. Dies war also endgültig der Moment, an dem sich sein Wunsch erfüllte. Eine feste Aufgabe. Gefährlich aber ehrenvoll. Nichts anderes hatte er jahrelang gewollt.

    „Du besitzt nun die Waffe eines Streiters des Phönix. Trage sie mit Stolz, Ritter Cedric.“

    Sigurd hatte die Anrede besonders hervorgehoben und Cedric hätte mit allen Worten der Welt nicht beschreiben können, wie gut es sich anfühlte, so angesprochen zu werden.

    „Wie sieht meine Anfangszeit hier in der Burg aus.“, fragte er und stemmte seine Waffe auf den Boden.

    „Fürs Erste kannst du dich frei bewegen. Du wirst dir bei unserem Schmied Figrolf deine Rüstung abholen können. Einen passenden Gurt mit Schwertscheide macht er dir ebenfalls. Deine ersten Trainingseinheiten werden nicht lange auf sich warten lassen. Doch bis dahin, lebe dich so gut wie möglich ein. Nahezu alle Bereiche der Burg sind dir zugänglich und mit deinen neuen Kameraden kannst du dich natürlich auch direkt bekannt machen.“

    Cedric vollführte eine Mischung aus Nicken und Verbeugen.

    „Werde ich. Dann erwarte ich meine Anweisungen.“

    Seinen zufriedenen Gesichtsausdruck bemühte er sich gar nicht erst, zu verstecken.

    „Danke.“, fügte er noch hinzu.

    Auch Sigurd lächelte erstmals.

    „Willkommen bei den Rittern der Flamme.“

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    17: Der Orden der Flamme


    Silvio war müde und erschöpft. Obwohl es bereits Abend wurde und die Sonne schon außer Sicht war, lediglich ihre letzten Strahlen über den Horizont werfend, war er doch stark am schwitzen.

    'Es hilft nichts.', dachte er sich und wischte sich mit dem Unterarm die Stirn trocken. Wenn erstmal die Nacht da war, sanken die Temperaturen in der Wildnis weit ab, daher zog er es vor, mit mehr Kleidung zu reisen, anstatt weniger. Entweder schwitzen am Tag oder frieren in der Nacht. Auf letzteres hatte er weniger Lust, also hatte er lieber ein oder zwei Westen mehr dabei. Zu dumm, dass es seine Reisetasche neulich zerrissen hatte. Was aber wesentlich wichtiger war, war das Fehlen eines Lagers oder Unterschlupfs, trotz der schon einkehrenden Nacht. Doch Silvio hatte unbedingt so viel Strecke wie möglich machen wollen, um bald in die Nähe einer größeren Stadt zu kommen. Diese Kleinstädte und Dörfer in den Wäldern waren für Wegelagerer einfach nicht ertragreich. Zu selten kamen Menschen die Straße entlang und die waren meist auch noch pleite. Diese Stadt namens Toldus, von der ihm erzählt wurde, schien die Beste Option in zumindest nicht ganz so großer Entfernung zu sein, um ein paar Leuten etwas Gold abzwicken zu können. Vorausgesetzt es trieben sich noch nicht zu viele andere Banditen dort herum.

    Nachdem er sich noch eine Weile durch das nervige Unterholz geschlagen hatte, erreichte Silvio einen sehr abgelegenen Ort. Mitten im Wald wurde der Boden weich und wässrig. Kaum Bäume, sondern hohe Gräser und Moos deckten eine Große Fläche ab, ein Moor. Jener war natürlich nicht wirklich von Belang für den Wegelagerer. Interessant war das alte Gebäude, dass sich in der Mitte befand. Es war etwas zerfallen und eingesunken, weshalb es eine leichte Schräglage hatte, doch nicht zuletzt wegen des Glockenturms konnte man es noch als Kapelle identifizieren. War wohl mit Abstand die beste Option.

    „Wehe, wenn da schon ein anderer pennen will.“, flüsterte er sich.

    Auf eine Auseinandersetzung mit einem anderen Gesetzlosen hatte er keine Lust, aber nachsehen würde er natürlich trotzdem. Verglichen mit anderen Orten, an denen er schon genächtigt hatte, war dieser zerfallene Kasten es sicher Wert, sich die Füße nass zu machen. Doch nach wenigen Schritten stoppte er, als ein Krächzen seine Aufmerksamkeit erlangte. Erst jetzt bemerkte er, dass die Bäume voll von Kramurx waren. Vielleicht zwei Dutzend von dem pechschwarzen Federvieh mit dem großen Schnabel und dem markanten Kopfschmuck fixierte ihn aufmerksam. Was sollte das denn jetzt?

    „Gibt's einen Grund, weshalb ihr so dämlich glotzt?“.

    Natürlich kam keine Antwort, also stapfte er weiter. Wieder dauerte es nur ein paar Schritte, bis er aufgehalten wurde. Ohne eine Ahnung, wo diese her kamen, hatten sich plötzlich zwei Snibunna vor ihm aufgebaut und drohten mit ihren glänzenden Klauen. Silvios Blick wechselte zwischen den Eis- und Flugpokémon hin und her. Was zum Geier wurde hier gespielt? Diese Frage packte er jedoch schnell wieder bei Seite. Stattdessen wollte er weg, die Situation wurde langsam echt unangenehm. Doch wie er feststellen musste, war der Weg zurück in den Wald keine Option. Aus den Büschen kamen weitere Pokémon hervor. Allesamt Vierbeiner mit dunklem Fell, ein paar hatten Hörner und knochenähnliche Merkmale, anstatt einer simplen Grau-schwarz Färbung. Magnayen und Hundemon knurrten mit gesenkten Kopf und wirkten hoch aggressiv.

    Nun packte Silvio die Angst. Egal was hier los war, er wollte weg, er wollte nichts mit diesen Viechern zu tun haben. Aber wohin?

    Feststellend, dass er nun völlig schweißgebadet war – wohlgemerkt keinesfalls von der Wärme seiner Klamotten – sah er sich hektisch um. Die Kapelle bot die einzige Möglichkeit, die Biester irgendwie loswerden zu können. Er sprintete los und hoffte, dass es dort drinnen irgendeine Möglichkeit gab, sich sicher zu verschanzen. Doch so wie er zu rennen begann, jagten sie ihm alle hinterher. Die wolfsähnlichen Pokémon hechteten sofort los, Die Kramurx erhoben sich und flogen ihm nach, während die Snibunna ihr von beiden Seiten flankierten. Das Krächzen und Bellen in seinem Rücken versetzte ihn in Panik und zwang ihn, sich hastig durch das unwegsame Gelände zu kämpfen. Und da Angst und Panik einen Menschen zu enormer Leistungsfähigkeit peitschen können, hätte er es auch beinahe geschafft. Aber eben nur beinahe.

    Nicht mehr weit vom Gemäuer entfernt tauchte aus dem Schatten von selbigen ein weiteres Pokémon auf. Das Wesen mit dem schneeweißen Fell sprang blitzschnell auf ihn zu und versetzte ihm mit einer dunklen Sichel, die sich an seinem Kopf befand einen Schnitt am Hals. Eine Sekunde lang hatte Silvio die Attacke gar nicht registriert, doch als der Schmerz einsetzte und Blut hervor spritzte, brachte ihn das augenblicklich zum Aufschreien und im Anschluss darauf zu Fall. Damit war sein Schicksal unausweichlich besiegelt.

    Gnadenlos stürzten sich alle auf ihn. Die Pokémon Schlitzten mit Krallen, pickten mit Schnäbeln und bissen mit Reißzähnen nach ihm. Unter den Schmerzensschreien brachte der Bandit nur noch einen Gedanken hervor: Das kann nicht sein. Das gibt es nicht! Wieso zur Hölle wurde er mitten im Nirgendwo von Pokémon unterschiedlichster Art angefallen? Geplagt von den Qualen war es nicht verwunderlich, dass ihm ein besonderer Fakt nicht mehr einfiel. Es handelte sich ausschließlich um Unlichtpokémon. Und auch wenn er es nicht wusste, von dem Moment an, wo er die Kapelle entdeckt hatte, war er bereits schon tot gewesen. Ehe das Leben seinen Körper verließ, war er irgendwie in der Lage, noch einmal aufzusehen. Was er erblickte, machte die Situation im Grunde noch verworrener. Dort oben, zuvor von ihm unbemerkt aber im Grunde recht deutlich zu sehen, war ein Mädchen. Ein junger zierlicher Körper, nur teils bedeckt von Kleidung in Weiß und Schwarz, ruhte in entspannter Position auf der Mauer. Die Beine überschlagen, die Arme hinter den Kopf gelegt, dessen Gesicht von einem weißen Hut verdeckt wurde. Verwirrt von endlos vielen Fragen brach der letzte Widerstand von Silvios Körper zusammen und sein Augenlicht schwand. Langsam ließen die Pokémon von ihm ab und wandten sich still und abwartend der Person auf der Mauer zu. Sie alle wussten, dass sie es vermasselt hatten.

    Das Mädchen hob den Hut mit dem Zeigefinger, den Blick auf die Leiche gerichtet. Die Anweisung war einfach und präzise gewesen. Jeder, der nicht der Finsternis angehörte, sollte sofort vernichtet werden, noch bevor er sich diesem Ort nähern konnte. So und nicht anders hatten ihre Worte gelautet.

    „Ihr habt lange gebraucht.“, tadelte sie mit bedrohlicher Stimme. Keines der Wesen gab auch nur einen Ton von sich.

    „Wenn das nochmal passiert, werdet ihr es bereuen.“ Schnell war sie wieder in Gedanken versunken und versteckte ihr Gesicht wieder unter der Kopfbedeckung. Die Pokémon machten sich schnurstracks davon. Bis auf das Absol, welches den Fremden aufgehalten hatte. Mit gesenktem Haupt und demütigen Blick sah es sie an, bettelte unterwürfig um Vergebung. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf das Gesicht des Mädchens.

    „Ist schon in Ordnung. Du bist ein guter Junge und hattest einen schlechten Tag. Wisse, dass du dich erst zu sorgen brauchst, wenn du es morgen nicht wieder besser machst.“

    Jedes einzelne Wort meinte sie ernst. Von allen Untergebenen war er einer der eifrigsten, stehst bemüht, seine Aufgaben Buchstabengetreu auszuführen. Doch sie war nicht so dumm, absolute Perfektion zu erwarten, da diese wohl kaum ein Lebewesen inne hatte. Etwas beruhigt zog Absol von dannen

    Das Mädchen blieb alleine zurück und grübelte angestrengt. Normalerweise zog sie es vor, nicht korrekt befolgte Anweisungen zu bestrafen. Das Strafmaß hing dabei immer vom Befehl und dem Grad seiner Missachtung ab. Aber jetzt gerade war sie mit den Gedanken immer noch nur beim vorgestrigen Tag, als sie in der Stadt Toldus gewesen war. Der Besuch dieses Ortes hatte keinen Grund gehabt, war nur eine Laune durch zu viel ungenutzter Zeit. Sie hatte in einer Ecke niedergelassen, entweder geschlafen oder nachgedacht, wie sie es jeden Tag für lange Zeit tat.

    Oft waren Menschen vorbei gekommen, doch die hatten nie Notiz von ihr genommen. Logisch, denn schließlich hatte sie nicht beabsichtigt, dass Menschen sie wahrnehmen würden. Sie konnten sie nicht sehen, weil sie nicht gesehen werden wollte, ganz einfach. Doch vorgestern war da dieser Kerl, der hatte sie gesehen. Und das beschäftigte sie sehr. Alle möglichen Wege und Gründe ging sie in Gedanken durch und kam am Ende nur zu einem logischen Schluss. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Dieser Zufall wäre nun wirklich zu groß, als dass dies tatsächlich wahr sein könnte. Oder war es vielleicht kein Zufall...?


    Obwohl Kecigor, Razton und sogar Komura bereits weiter gehen wollten, erlaubte Cedric sich, einen Moment zu verweilen und sich genauer umzusehen. Sie waren da. Er befand sich nun tatsächlich in der Burg des Ritterordens der Flamme.

    Die Heimat dieser Gilde entsprach in etwa dem, was er erwartet hatte, was seine Aufregung keineswegs minderte. Die Glutschwingenburg, wie sie Kecigors Aussage nach genannt wurde, befand sich am Fuße eines mächtigen Berges. Direkt hinter dem Haupttor, welches sie gerade passiert hatten, begann man langsam aber sicher bergauf zu gehen. Der Innenhof bot jede Menge Platz, war er schließlich auf die schnelle geschätzt etwa fünfzig Meter breit und etwa doppelt so lang. Und überall gab es etwas zu sehen.

    Als Cedirc bemerkte, dass seine Gruppe, die schon einige Meter weiter war als er, ihn wartend anstarrte, entschied er, sich im Laufen genauer umzuschauen. Seine Inspektion der schweren Mauern lies ihn annehmen, dass die Burg von oben wie ein lang gezogenes Sechseck aussehen musste. An den vorderen drei Ecken befanden sich überdachte Wachtürme, an den hinteren jedoch nicht. Dort befand sich das Hauptgebäude der Festung, welches sich in simplen Baustil an den immer steiler werdenden Berghang schmiegte. Cedric vermutete im Inneren des Bauwerkes schon Quartiere, eine Gemeinschaftsküche, sowie einen Besprechungsraum für strategische Diskussionen. Vor allem aber das Gemach des Anführers.

    Doch auch im Außenbereich war viel los. Zu seiner Rechten befanden sich offensichtlich die Trainingsplätze. In Reih und Glied wiederholte eine große Gruppe Ritter wieder und wieder die gleiche Schlagfolge, genauestens beäugt vom Trainingsleiter, der mit verschränkten Armen von ihnen stand. Die kämpferischen Laute und Aufschreie der Männer klangen wie aus einem Mund und schienen ihre Bewegungen in perfekten Einklang zu bringen. Cedric viel hier auf, das kein Schwert der Ritter dem anderen glich. Zumindest die Rüstungen waren vollkommen identisch. Vereinzelt trugen auch welche Duelle untereinander aus.

    Sein Blick führte ein Stück weiter. Die Burgmauer entlang waren vereinzelte Trainungspuppen aufgestellt worden. Hinter ihnen hatte man vor dem Gestein eine dünne Wand aus Metall platziert, die schwarze Spuren aufwies. In einiger Entfernung zu diesen Puppen standen weitere Ritter, von denen einer gerade nach vorne trat und seine Gelenke zu lockern schien. Dann straffte er auf einmal seine Körperhalten und führte eine stoßende Bewegung mit dem rechten Arm aus. Eine brennende Kugel erschien aus seiner Hand und flog schnurstracks auf die Puppe hinzu. Sie verfehlte das Ziel und flog durch die Lücke zwischen Kopf und Arm hindurch und zerschellte an der Metallwand. Unbeirrt von seinem Fehlschuss feuerte er erneut, traf dieses Mal den Arm. Ein weiterer Versuch schlug am Kopf der Zielvorrichtung ein. Mit einer sachten, wegwischenden Bewegung lies er die brennende Holzfigur wieder erlöschen und trat zurück. Für Cedric war es interessant, wenn auch bei erneutem Nachdenken einleuchtend, dass der Gebrauch der Magie anscheinend genauso trainiert wurde, wie der Umgang mit dem Schwert. Er bemerkte, dass er sich noch nicht die Frage gestellt hatte, ob die Magie, beherrschte man sie erst einmal, überhaupt weiter trainiert werden musste. Das war hiermit geklärt.

    Im Laufen drehte Kecigor auf einmal um.

    „Wartet kurz einen Moment, ja?“

    Ohne eine wirkliche Antwort abzuwarten, marschierten er und Razton zum Bereich zu ihrer Linken, wo sich ein Komplex befand, der wie eine Art Aufnahmestation für Feuerpokémon aussah. Cedric hatte ja bereits erfahren, dass einige, wenn auch längst nicht alle Ritter ein solches ihren Partner nennen konnten. Und dort drüben wurden jene augenscheinlich versorgt. Dies sah bei fast allen Exemplaren, die er sehen konnte anders aus. Als erstes sprang ein sehr großer Feuerfuchs mit auffälliger Mähne ins Auge, ein Arkani. Offenbar kurierte es derzeit eine Verletzung aus, da man an seiner linken Vorderpfote einen Verband wechselte. Ein paar Meter weiter ging es etwas gemächlicher zu. Ein Ritter war gerade dabei, das Fell seines Flamara mit einer großen Bürste zu pflegen. Den gesunden Zustand der roten Katze erkannte man sogar aus Entfernung.

    Kecigor sah, wie er eine grüßende Geste in Richtung eines anderen Ritters richtete. Was sie besprachen, das konnte er aus dieser Entfernung nicht hören. Razton gesellte sich in die schwer überschaubare Menge und schien sich sogleich in ein Gespräch mit dem Arkani zu verwickeln. Ob er sich nach dem Wohlergehen seines Kameraden erkundete?

    Ein leichtes, metallisches Scheppern war zu hören und Cedric bemerkte, wie jemand in seiner Rücken vorbei lief. Ein weiterer Ordensstreiter, der anscheinend von den Übungsplätzen gekommen war, musterte sowohl ihn als auch Komura so genau, wie es im Vorbeigehen möglich war. Sein Blick sagte nicht wirklich etwas aus und er sprach auch nicht zu Ihnen, sondern stapfte zielstrebig zum Hauptgebäude der Burg und deren Treppe hinauf.

    Da man es als verständlich betrachten konnte, dass ein Fremder Waldläufer mit seinem Pokémon auch mal ein Augenpaar auf sich zieht, wurde dem keine große Beachtung geschenkt. Allerdings war das eben bislang tatsächlich der Einzige hier, dessen Aufmerksamkeit er kurz gewonnen hatte. Nicht eine Person hatte zu im, der hier gerade mitten durch die Festung spazierte, herüber geschaut. Jeder hier widmete sich seinen Aufgaben mit hundertprozentiger Konzentration. Dieser Ort hatte eine gewisse Faszination, weshalb sich Cedric bereits vorgenommen hatte, sich später nach Möglichkeit genauer umzusehen.

    In seinen Gedanken gefangen hätte er beinahe nicht gemerkt, dass Kecigor gerade zurück kam, sogar schon fast vor ihm stand. Razton war bei den anderen Pokémon geblieben.

    „Danke für's Warten. Weiter geht's.“

    Die Pokémon und die Trainierenden passierend näherten sie sich dem Burghaus. Kurz davor befanden sich an den Seiten noch ein Lagerhaus sowie eine Schmiede, welche von einem kräftig gebautem Glatzkopf mit Vollbart betrieben wurde. Offenbar widmete er sich heute den Rüstungsteilen der Ritter, da Cedric neben jenen kein einziges Schwert an dem überdachten Arbeitsplatz sehen konnte.

    Dir Treppe zum Hauptgebäude war erreicht und somit keine Zeit mehr für Beobachtungen. Kecigor ging mit selbstbewussten Schritten voraus, Cedric mit Komura immer hinterher. Drei Stockwerke, an denen die Treppe an beiden Seiten zu den inneren Räumlichkeiten führe, wurden passiert. Ihr weg führte wie erwartet ganz nach oben, wo Cedric sich nochmal erlaubte, einen Moment stehen zu bleiben. Er wischte etwas Schweiß hinfort und überblickte die Burg nochmal im Ganzen von oben und sah anschließend zu Komura, der den Blick erwiderte. Da waren sie nun. Eine strahlende Sonne schien auf sie herab. Die, die mitten im Hauptquartier eines elitären Ritterordens, welcher mit Pokémon zusammen lebte, standen. Es war wie das Tor zu einer höheren Ebene in ihrem Leben. Der Braunhaarige grinste ohne ersichtlichen Grund, als ob er die Glutschwingenburg gerade eben erobert hätte. Sein Partner tat es ihm gleich. Wer sich von beiden mehr in aufgeregter Vorfreude sonnte, war nur schwer zu sagen. Kecigor, der die Gefühlswelt der beiden genau erkennen konnte, grinste ein wenig in sich hinein. Nicht, da er es amüsant fand. Viel mehr erinnerte es ihn an den Tag, an dem er hier vor Jahren zum ersten Mal gestanden hatte.

    „Na kommt.“, sagte er gelassen und ging weiter. Bei allem Respekt gegenüber den Zweien, er wollte seinem Anführer natürlich auch von der Mission, die ja überhaupt erst der Grund war, dass er sie in Toldus getroffen hatte, berichten.

    Ein schweres Holztor, welches in die Gemächer führte, wurde von zwei weiteren Rittern bewacht. Selbst im Inneren der eigenen Festung legte man auf Sicherheit großen Wert, wie Cedirc daraus schloss. Die Kameraden grüßten einander knapp.

    „Ist Sigurd zu sprechen? Ich habe Berichte für ihn.“

    Offenbar stand die Tür des obersten Ritters nicht jederzeit offen, wenn selbst Kecigor hier sein Anliegen vorlegen musste.“

    „Natürlich, geht ruhig rein.“, kam monoton zurück, auch wenn Cedric und Komura nun natürlich prüfend beäugt wurden. Fragen oder gar Einwände gab es aber keine, als Kecigor die Tore aufschob.

    Drinnen fand man sich in einem großen Eingangsbereich wieder, wo das kalte Gemäuer der Burg fast verdeckt wurde. Möbel und einen Fußboden in demselben, dunklen Holz verschafften stattdessen einen relativ gemütlichen und willkommenen Eindruck. Diverse Banner mit unterschiedlichen Wappen zierten die Wände, ebenso wie ein paar Karten und Gemälde mit kriegerischen Motiven. Da nach Schließen des Tores kein Tageslicht eindringen konnte, hingen in regelmäßigen abständen kleine Fackeln an den Wänden. Tiefe Töne erklangen bei jedem Schritt über den Fußboden, als sie den Eingangsbereich rasch geradeaus, vorbei an zwei geschlossenen Türen an den Seiten durchquerten und auf eine breite Treppe zusteuerten, die nur wenige Stufen nach oben führte. Dort fand man sich abermals in einem großen Raum wieder, dessen Einrichtung der Eingangshalle gleichkam. Mit dem Unterschied, dass es hier doch etwas chaotischer und unaufgeräumter war, da fast jede freie Fläche – von Fußboden natürlich abgesehen – zur Ablage von allerhand Zeug, wie Büchern und Schriftrollen verwendet wurde. Zudem gab es einen kleinen Kamin in der Ecke, in welchen gerade kein Feuer brannte und ein großes Gemälde des herrschenden Königs. Doch nichts von alldem erlangte größere Aufmerksamkeit von Cedric und Komura. Denn an einem Tisch in der Mitte dieses Raumes sitzend,war er, der Anführer des Ritterordens der Flamme.

    Wie zu erwarten war, trug der Mann, der gerade noch ein paar Schriften an seinem Arbeitsplatz studierte, die Plattenrüstung des Ordens. Die seine hatte ein paar Farbelemente in feurigem Rot-Orange, war dicker gepanzert und von noch edler Verarbeitung, als die, die Kecigor trug. Seine blonden Haare, welche nach hinten gekämmt waren, waren von einem recht dunklen Farbton. Als er die Ankömmlinge bemerkte, hob er den Blick und aus einem Gesicht mit verhärteten Zügen schauten zwei braune Augen sehr fixiert auf.

    Glücklicherweise musste Cedric nicht gleich nach Worten suchen, da Kecigor unbeirrt vortrat und seine Rechte Faust an die Brust hielt, wie er es getan hatte, als er sich Cedric in Toldus vorgestellt hatte.

    „Erstatte Bericht, Lord Sigurd.“

    „Ich höre.“, antwortete er seelenruhig und schenkte weder unbekanntem Mann noch Pokémon im Hintergrund Beachtung. Jene Zwei tauschten einmal kurz den Blick. So ignoriert zu werden, fühlte sich etwas merkwürdig an und Cedric konnte Komura ansehen, dass auch er inzwischen ein wenig unruhig geworden war. Keineswegs glaubten sie, der Ordensanführer habe sie nicht bemerkt, anscheinend überstürzte er es mit seinen Fragen aber nicht, sondern wartete erst einmal ab, was man ihm zu sagen hatte.

    „Wir haben das Versteck der Schattenkrieger in der Umgebung von Toldus ausfindig machen können, wie es unsere Informationen versprachen. Sämtliche Feinde, sowie der Anführer der Gruppe sind gefallen.“, schilderte Kecigor kurz und sachlich. Der Lord zeigte sich äußerst zufrieden.

    „Ich bin stolz auf euch, gute Arbeit. Aber was ist mit Marek? Wo steckt er?“

    „Marek ist bei den Kämpfen verwundet worden, aber wohl auf. Wir stießen auf mehr Gegner, als erwartet. Er kuriert in Toldus seine Wunden und wird voraussichtlich in ein paar Tagen wieder zu uns stoßen.“

    „Verstehe, dann war er wohl nicht in der Lage, den Weg hierher aus eigener Kraft anzutreten?“

    „Jawohl.“, nickte er.

    „Dann werden die Heiler sich mit ihm befassen, wenn er wieder hier ist, nur um sicher zu gehen.“, wies er sogleich an, was in Cedric die Frage aufrief, wovon genau da eigentlich gerade gesprochen wurde.

    „Wie ich sehe, kommst du aber dennoch nicht alleine zurück, Kecigor. Wer sind deine Begleiter.“

    Mit einem Mal verpuffte die Frage in Cedrics Gedanken und sein Herz hatte aufgeregt einen kleinen Sprung gemacht, als er ihn auf einmal direkt ansah. Kecigor, der sich umgedreht hatte, lud beide mit einer Handbewegung ein, nach vorne zu treten.

    „Sein Name ist Cedric, sein Begleiter heißt Komura. Sie beide haben uns bei unserem Auftrag unterstützt.“

    „Ist das so? In wie fern?“

    „Sie haben Marek und mir Rückendeckung gegeben und gleichzeitig den einzigen Fluchtweg unserer Feinde abgesichert. Sie kämpften unter Einsatz ihres Lebens gegen die Schattenkrieger und haben diese Prüfung bestanden.“, erläuterte Kecigor, erzählte weder kleinlaut, noch euphorisch, sondern schilderte monoton die Fakten.

    „So so.“, murmelte der Lord. Er sah die beiden Gäste grübelnd an und vermittelte so etwas den Eindruck, als wäre er gerade ab, wie glaubwürdig diese Aussage war. Cedric vermutete allerdings nicht, dass bei er seinem Untergebenen eine Lügengeschichte vermutete. Dann wandte er sich direkt an ihn.

    „Ich hörte schon, dass er vielversprechender, junger Mann mit seinem Tornupto die Burg betreten hat. Hm, wie mir scheint, hat man da nicht übertrieben. Du und dein Begleiter konnten tatsächlich gegen die Schattenkrieger bestehen?“

    Cedric nickte. Er wunderte sich keineswegs, dass die Nachricht seines Eintreffens schneller bei Anführer ankam, als er selbst. Es war gut möglich, dass einer die vielen Ritter, die er passiert hatte, eine kurze Meldung bei ihm gemacht hatte. Anstatt sich auf diese unwichtige Nebensächlichkeit zu konzentrieren, beantwortete er die ihm gestellte Frage.

    „Das konnten wir, auch wenn wir den geringeren Anteil an diesem Kampf hatten und ich letzten Endes Kecigor mein Leben verdanke.“

    Er hatten schon im Voraus beschlossen, sich nicht wie einen Held und Lebensretter zu geben, sondern bei Fragen bei der Wahrheit zu bleiben. Diesen Mann hinters Licht führen zu wollen, das würde Cedric sich wahrlich nicht trauen. Sigurd nahm es gelassen zur Kenntnis.

    „Mhm, eine ehrliche Antwort. Aber ich frage mich, wie es dazu kam. Wann und wieso hast du dich entschlossen, an der Seite meiner Ritter zu kämpfen?“

    Mit einem Male erhöhte sich Cedrics Herzschlag und eine schweißtreibende Hitze schoss durch seinen Körper. Daran hatte er ja gar nicht mehr gedacht. Die Auseinandersetzung mit den Wachen, das Kopfgeld, das drohende Gefängnis. Er hatte sich vorgenommen ehrlich zu sein, aber davon wollte er keinesfalls erzählen. Doch Kecigor wusste alles.

    Ein wenig hilfesuchend, sag er zu eben jenem rüber, doch hier wurde ihm kein Beistand gewährt. Dies war seine Verantwortung.

    „Ein Gefallen für den Freund eines Freundes.“, sagte er schließlich und war dankbar für seine feste und daher hoffentlich glaubhafte Stimme. Und deutete auf den jungen Ritter. „Eine gemeinsame Bekanntschaft brachte uns zueinander. Mit der Unterstützung seiner Mission gab er mir die Chance, eine Schuld zu begleichen.“, fasste er die Ereignisse zusammen und war froh, dass er es geschafft hatte, dies ohne irgendwelche Unwahrheiten getan zu haben. Eine gewisse Wortgewandtheit war manchmal eine Menge wert.

    Sigurd prüfte die Aussage mittels eines Blickes in Kecigors Richtung.

    „Er spricht wahr.“, war alles, was er dazu sagte. Der Ordensführer schien nicht unbeeindruckt.

    „Dann darf auch ich euch im Namen meiner Männer einen Dank aussprechen, Cedric und Komura. Meine einzige Frage ist, warum ihr den Weg hierher auf euch genommen habt?“

    Das Gefühl in Cedrics Körper war einer freudigen Aufregung gewichen. Sein Lächeln unterdrückend – er wollte ruhig und gefasst wirken – sah er kurz zu Komura herüber. Er grinste entschlossen übers ganze Gesicht.

    Cedric machte einen weiteren Schritt nach vorne.

    „Was das betrifft, möchte ich gleich zu Sache kommen.“, holte er aus.

    „Gut, ich mag es nicht, wenn Leute reden, ohne etwas zu sagen.“

    Er nickte und sprach mit ruhiger und gleichzeitig fester Stimme.

    „Ich will mich in den Dienst des Ordens stellen.“

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    16: Es zählt der Wille


    Die Gruppe war noch nicht sehr lange unterwegs. Toldus und seine umher liegenden Felder waren erst vor kurzem außer Sicht geraten, als Cedric gerne ein paar Fragen stellen wollte.

    „Sag mal,“ setzte er an und folge Kecigor über einen umgefallenen Baum steigend, „was für einen Weg haben wir eigentlich vor uns? Wie weit ist es zu eurem Stützpunkt?“

    Kecigor kratzte sich mit einem Finger an der Schläfe.

    „Hm...wenn wir das gleiche Tempo halten, mit dem Marek und ich gereist sind, erreichen wir es in zwei Tagen.“

    Obwohl der Ritter vorauslief ohne sich umzudrehen, nickte Cedric. 'Das geht.', dachte er sich und hätte auch eine längere Reise erwartet. Er schloss ein paar Schritte auf.

    „Kannst du mir mehr über den Orden erzählen?

    Ein leichtes Lächeln zeigte, das Kecigor Cedrics Neugier gefiel.

    „Das Wesentliche über uns, wirst du vor Ort schon noch erfahren. Aber was möchtest du denn wissen?“

    Schwierig, fürs Erste nur ein paar wenige Fragen auszusuchen. Cedric versuchte 'wesentliche' Themen auszusondieren.

    „Wie lange gibt es den Orden schon und wie groß ist er?“

    „Er existiert schon ziemlich lange, ist aber natürlich kein Vergleich zu den religiösen Kerngemeinden der Götter. Das Besondere ist, dass kein Adelstitel benötigt wird, wie du ja bereits weißt. Eine der einflussreichsten Religionsgemeinden ist die Phönixkirche. Ihre Mitglieder sind die bescheidenen Diener Ho-oh's, die Feuermagier!“

    Von diesen Magiern hatte Cedric mehrmals gehört, aber noch nie einen zu Gesicht bekommen. Doch irgendwie reichte das Wort alleine, um eine gewisse Ehrfurcht zu erzeugen. Magier jeglicher Art erhielten in der Regel das höchste Ansehen im Reich. Mit Ausnahme natürlich vom Königshaus und eine paar seiner Zweigstellen.

    „Wie du dir sicher schon denken kannst, stehen wir Ritter im engen Bündnis mit den Magiern. Früher wie heute gingen die Interessen und Anstrebungen von Adel und Kirche immer wieder auseinander. In erster Linie, wenn es um militärische Motive ging. Schließlich versucht ein Magier nach Möglichkeit jeden Konflikt zu vermeiden. Das tut die Armee nicht. Und vor,“ er schien kurz zu überlegen, während er pausierte, „genau 185 Jahren ergab es sich, das ein Novize mit an Sicherheit grenzender Aussicht auf den Magierrang sich entschloss, die Situation zu ändern und eine militärische Einheit zu gründen, die den Motivationen seines Glaubens folgen würde. Dies war Sargelar, Gründer und erster Ritter der Flamme.“

    Cedric lies den Namen auf sich wirken, den er gerade zum ersten Mal hörte. Wieder fühlte er, wie Respekt in ihm hervor kam. Die Leidenschaft, mit der Kecigor erzählte, war geradezu fesselnd und untermauerte die Taten dieses Mannes und seinen Mut sich nicht von einen festgefahrenen System steuern zu lassen, sondern einen neuen, anderen Schritt zu wagen.

    „Und das ging so einfach?“

    „Natürlich wollte man protestieren, nur haben die Feuermagier, wie erwähnt einen sehr sehr großen Einfluss, den sie aber nicht einmal zur Geltung bringen mussten. Zwischen diversen Diskussionen hatte der König diesem Vorhaben zugestimmt und unser Orden war geboren. Da ihr Gründer in der Gunst Ho-oh's stand, konnte er auch ohne Magierrang seine Zauber einsetzen und Flammen kontrollieren. Diese und ein paar andere magische Fähigkeiten sollten schließlich weiteren Kämpfern zukommen, die würdig wahren, sich anzuschließen. Die Magier sind die Diener von Ho-oh, wir dagegen sind seine Streiter. Die Magie, die wir erhalten, nutzen wir auf zwei Wegen. Zum einen fließt sie durch unsere Waffen und lässt und Hiebe von fast übermenschlicher Kraft vollführen. Zum Anderen gibt es die Magie, die sich sichtbar fürs Auge manifestiert und als Angriff, Schutz, oder sogar als Heilung verwendet wird. Beiden hast du ja miterleben können.“

    Cedric erinnerte sich genau daran. Allein die Wuchte des Schlagabtauschs, die ihm beim Zusehen entgegen gekommen war, hatte ihn beinahe umgerissen. Die, wie Kecigor sie eben beschrieben hatte, sichtbare Magie, war dennoch viel faszinierender. Sie war einfach etwas...vollkommen anderes.

    „Oh ja, das konnte ich.“, bestätigte es deutlich und Kecigor führ fort.

    „Heute bestehen wir aus zirka hundertzwanzig Rittern und etwa halb so vielen Pokémon.“

    Er bemerkte einen leicht skeptischen Blick seines Gesprächpartners.

    „Das mag zwar wenig klingen, aber mit unserer Kampfkraft, der Magie und wirklich gut trainierten Pokémon an unserer Seite könnte es unsere Einheit mit dem Fünffachen an Feinden aufnehmen, ohne zu schwere Verluste zu erleiden.“

    Bei diesen Zahlen weiteten sich Cedrics Augen.

    „Was? Du willst mir sagen, dass etwas über einhundert Mann von euch, eine Schlacht gegen eine vielfach größere Zahl an Feinden gewinnen können?“

    „Unsere Streitmacht ist klein, aber eine der elitärsten, die es gibt. Wir stellen uns selbst nur höchste Ansprüche.“

    Cedric war geplättet. Mit der Ernsthaftigkeit, die Kecigors stimme zierte konnte er nicht annehmen, das er sich nur aufspielte oder übertriebt. Komura schien all das nicht zu interessieren.

    „Was, wenn der Feind tausende Truppen zur Verfügung hat. Hat es das schonmal gegegen?“

    Ein Kopfschütteln, gefolgt von einem erhobenen Zeigefinger.

    „Vergiss nicht, wir existieren nicht, um Kriege für das Reich auszufechten. Wir ehren den Namen des Phönix Ho-oh, zerstören jene, die diesen besudeln wollen und Leben für seine aufrichtigen Werte. Nicht jede wichtige Schlacht wird von einem 10.000 Mann Heer gefochten.“

    Somit hatte Cedirc genug, was es zu verinnerlichen gab. Fürs erste jedenfalls, also beließ er es bei einem Nicken.

    Wärend die Gruppe weiter durch die Wildnis stapfte, versuchte Cedric die neu gewonnenen Informationen zu nutzen, um sich ein genaueres Bild von den Rittern zu machen. An einer felsigen Nische in der Landschaft, durch die ein kleiner Bach floss mussten Sie ein wenig vorsichtig sein, um nicht durch einen falschen Schritt einen metertiefen Sturz erleiden zu müssen. Die beiden Feuerpokémon konnten mit solchen Gelände dagegen sehr viel einfacher fertig werden. Vor allem die Sprungfähigkeiten eines Lohgock versetzten einen wirklich ins Staunen. Nach ein paar weiteren Anhöhen ging es westwärt meistens leicht bergab.

    Durch das vorherige Gespräch erinnerte Cedric sich an den Kampf im Lager der Schattenkrieger. Dieser Anführer war, wenn man seinen gesamten Kult beachtete sicher nicht mehr als sowas – wenn man es mal mit der Armee verlgeichen – wie ein Offizier. Es sollte also noch viel stärkere Kämpfer unter ihnen geben, als ihn. Trotzdem hatte Cedric nicht viel Land gegen ihn gesehen. Kecigor und Razton aber hatten ihm dermaßen eingeheizt, teilweise sogar wortwörtlich, dass sie ihm keine Chance auf den Sieg ließen. Wenn man dies berücksichtigte, war die Beschreibung einer kleinen Einheit, die reihenweise heroische Siege erlangen konnte, gar nicht mehr so unglaubwürdig.

    „Was ich wegen vorhin noch wissen möchte...“, begann Cedric.

    „Mhm?“

    „Ich bin von der Kampfkraft von euch Rittern überzeugt. Gestern Nacht sah das für euch schon fast ein bisschen zu leicht aus. Sind denn alle von euch so stark?“

    Der Blonde hob leicht mahnend die Hand, als wollte er die Lobeshymnen ausbremsten, die er da erhielt.

    „Zunächst, was die Stärke betrifft, unterscheiden sich hin und wieder natürlich gewisse Attribute. Unterm Strich jedoch sind wir alle etwa auf einem Level, abgesehen natürlich von unseren Kommandanten. Was den Kampf gestern angeht, interpretierst du etwas zu viel rein. Es ist hauptsächlich so gut gelaufen, da er und sein Pokémon schlechte Grundvoraussetzungen hatten. Seine leichten Waffen boten ihm gegen ein großes Schwert keinen Schutz. Und es gibt wohl kaum ein Pokémon, dass einem Sniebel so überlegen ist, wie Razton, oder jedes andere Lohgock.“

    Sein Blick ihm gegenüber war nun sehr ernst und seine Stimme hatte etwas mahnendes.

    „Für gewöhnlich läuft das nicht so gut, oder sieht zumindest nicht so einfach aus.“

    Cedric nickte nachdenklich.

    Bis in dem Abend waren sie unterwegs, das von Kecigor angesprochene Tempo für die pünktliche Ankunft stets beachtend. Als dann die Sonne begann sich dem Horizont zu nähern und ihre Strahlen wie grelle Lichtmesser zwischen die Bäume stachen, wurde in kürzester Zeit ein Nachtlager mit Feuerstelle errichtet. Den Platz dafür bot eine Stelle mit zwei große Felsen von identischer Größe mit wenigen Metern Platz dazwischen. Zudem wurde eine Seite dieses Zwischenraums von einem dichten Gebüsch geschlossen, was einen einladenden Lagerplatz darstellte. Dem wolkenlosen Himmel zu urteilen würden sie für diese Nacht keinen Regen zu befürchten haben. Cedric hatte noch seinen Proviant dabei, den er sich in Toldus gekauft hatte. Wie gewohnt nichts hochklassiges, aber allemal genug um satt zu werden. Während das Fleisch über dem Feuer brutzelte, entschied er sich, Kecigor eine Frage zu stellen, die etwas persönlicher war.

    „Sag mal,“, setzte er an und der Ritter, der gerade dabei war, seine Schulterpanzerung abzulegen, blickte auf. „wie bist du eigentlich ein Ritter der Flamme geworden?“

    Die angehobene Augenbraue verriet, dass Kecigor ganz offensichtlich nicht mit dieser Frage gerechnet hatte. Er schien das Thema aber auch nicht umgehen zu wollen, das er sich gemächlich in einen Schneidersitz hockte und die Arme auf den Knien abstützte.

    „Durch enormes Glück, würde ich sagen.“

    „Wie meinst du das?“

    „Naja, wenn ich stattdessen Pech gehabt hätte, wäre ich seit Jahren tot, statt ein Ritter zu sein.“

    Cedric wollte nicht auf Details drängen. Der Gesichtsausdruck seines Gegenüber sagte schon einiges aus, also wartete er geduldig, bis er von selbst weitersprach. Trotz eines schwachen Lächelns wirke er etwas traurig.

    „Ich bin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.“, fing er an und sein Geist versetzte sich neun Jahre zurück.

    Sein altes Ich hatte keine Eltern und lebte in einem leer Stehenden Haus, dass von den zahlreichen Straßenkindern der Stadt bewohnt wurde. Die Altersstufe der Jungen und Mädchen reichte in etwas von fünf bis dreizehn, wodurch er so ziemlich zu den Ton angebenden unter ihnen zählte. Wer älter, größer, stärker war, hatte hier das Recht und im Konflikt meist auch das letzte Wort.

    „Wir lebten zwar alle gemeinsam, aber Gemeinschaft konnte man es keineswegs nennen. Es war in einer großen Gruppe ganz einfach sicherer für uns. Die Stadt war ein ziemlich rauer Ort mit hoher Kriminalitätsrate. Dass Kinder verschwanden um verkauft und oder als Arbeitskraft eingesetzt zu werden, war nicht unüblich.“

    Cedric lehnte sich neugierig nach vorne. Mit so etwas hatte er nicht unbedingt gerechnet. Aber er konnte sich nun vorstellen, warum sich Kecigor schon die ganze Zeit so gut in seine Lage zu versetzen können schien. Schließlich hatte er ihn schon das ein oder andere Mal durchschaut, obwohl sie sich erst seit anderthalb Tagen kannten.

    „Dann kam der Tag, an dem da Gerücht kursierte, dass ein Ritter auf der Durchreise sei.“

    Wieder versetzte er sich gedanklich in seine Vergangenheit zurück. Er konnte sich noch zu gut daran erinnern, wie er die staubige Straße hinunter rannte, die harten und spitzen Steine an seinen nackten Füßen ignorierte und selbst spüren konnte, wie ihm Hektik und Aufregung im Gesicht standen. Doch die Enttäuschung war enorm, als er die letzte Kreuzung vor der kleinen Mauer und dem spärlichen Holztor der Kleinstadt erreichte. Dort war nämlich nur noch eine große Menschentraube zu finden, die sich eifrig über den Reisenden unterhielt, von dessen Sorte man hier so unglaublich selten einen zu Gesicht bekam. Von einem älteren Mann erhielt er die ernüchterde Nachricht ihn verpasst zu haben.

    An dieser Stelle der Geschichte hielt es Kecigor für angemessen, seine Emotionen von damals etwas zu erläutern. Wenn er schon so aufmerksam zuhörte, sollte er auch einen nachvollziehbaren Eindruck erhalten.

    „Du musst wissen, Cedric, mit Enttäuschungen habe ich damals täglich gelebt. Und gerade deswegen war mir jede noch so geringe Kleinigkeit, die mich vor meinem Alltag wenigstens kurz erlösen konnte, enorm wichtig. Einen Ritter zu sehen, ein Vorbild der Allgemeinheit, wäre damals schon so etwas, wie ein wahr gewordener Traum gewesen.“

    Cedric verstand ihn natürlich.

    „Der grobe Anblick eines besseren Lebens als dem eigenen kann zweierlei aufgenommen werden. Mit Neid, oder dem Wissen, dass da doch etwas Gutes existiert, von dem man träumen kann. Und Träume halten dich am Leben.“

    Kecigor nickte zufrieden. Sie konnten einander wirklich verstehen.

    „Ich bin dann gefrustet einfach in den Wald gerannt.“, fuhr er seine Erzählung fort.

    Er hatte weder die Absicht, noch die Hoffnung, den Ritter einholen zu können, sondern suchte einfach nur die Einsamkeit, um seinen Frust etwas abbauen zu können. Also hastete der junge Kecigor tief in den Wald hinein, wo er bis zur früher Dämmerung die Zeit damit verbrachte, große Steine an Abhängen hinunter zu werfen, oder abgestorbene Äste und Stämme von dünnen Bäumen zu zerschlagen. Die sinnlose Wüterei gab ihm hin und wieder ein befriedigendes Gefühl mit dem er Stress abbauen konnte. An diesem Tag hätte sie ihn beinahe Kopf und kragen gekosten.

    „Rückblickend war ich schon ziemlich dämlich. Ich meine, ich wusste von den Gaunern in und rund um die Stadt, die tagtäglich Kinder entführten. Und dann gehe ich alleine in den Wald und mache so einen Krach.“ Kecigor konnte ein sarkastisches Grinsen nicht verkneifen.

    „Du meinst, so welche haben dich dann gefunden?“, fragte Cedric.

    Ein Nicken.

    „Was hast du dann gemacht?“

    Er breitete die Arme aus.

    „Was wohl? Das, was ein Straßenkind ständig tut: wegrennen.“

    Auch die Erinnerung an die Hetzjagd durch das Dickicht war noch ganz klar.

    Mit schmerzenden Füßen und brennender Lunge versuchte er seine vier Verfolger abzuschütteln. Die Möglichkeiten, was mit ihm passieren würde, sollte er sich von ihnen schnappen lassen, waren recht begrenzt. Entweder würden Sie ihn verkaufen oder für sich selbst schuften lassen. Beide Aussichten reichten aus, den Schmerz zu ignorieren und weiter zu rennen. Doch so tief in der Wildnis hatte er einfach keinen Ort zum Flüchten und so endete die Jagd, als sein Körper schließlich erschlaffte und ins Laub fiel. Seine Verfolger, die dies wahrscheinlich hatten kommen sehen, machten sich keinen Stress und stampften die letzten Meter langsam und gemächlich auf ihn zu. Der Junge Kecigor fand sich bereits mit seinem Schicksal ab.

    Doch an diesem Tage sollte es wohl so kommen, dass sich das Glück dieser Welt vollends auf ihr zu konzentrieren schien. Der Bandit, der ganz rechts in der Gruppe stand, bekam ein helles Geschoss an den Kopf, das in diesem Sekundenbruchteil nicht zu identifizieren war. Klar war aber, es hatte keine feste Form, sonder löste sich zischend auf, setzte aber Oberarm und Schulter des Mannes in Brand – Feuermagie!

    Während sich der Getroffene schreiend in den Erdboden drückte, um die Flamme zu ersticken, blickten die anderen drei Männer erschrocken in die Richtung, aus der das brennende Geschoss kam. Auf einer kleinen Anhöhe zwischen den Bäumen stand ein Mann in glänzend prunkvoller Rüstung. Einen Helm trug er nicht, wodurch man sein kantiges Gesicht erkennen konnte. Die rot-braunen Haare waren recht kurz und nach hinten gestellt worden, was zusammen einen gefährlichen und aggressiven Eindruck machte. Sein Arm war noch ausgestreckt und die rechte Hand glühte in einem seltsamen Licht, dass von glühenden Funken umkreist wurde.

    Kecigor hätte am liebsten geweint vor Glück. Da dies sein Körper aber nicht mitmachen wollte, starrte er nur mit großen Augen auf den Ritter.

    Während der getroffene Bandit sich nach erfolgreicher aber schmerzhafter Löschaktion aufrappelte, rannten die anderen drei bereits schreiend auf ihren neuen Gegner zu.

    „Holt euch seinen Kopf!“, schrie der eine in der Mitte.

    Der Ritter bewahrte sichtlich Ruhe. Entfernte mit einer wegwerfenden Bewegung die feurige Magie aus seiner Hand und zog mit dieser seine Waffe vom Rücken. Es handelte sich um ein Schwert, das bis auf die silbern blitzende Schneide komplett dunkles Rot aufwies und eine leicht nach vorne gezackte Parierstange besaß.

    Leichthändig wirbelte die Waffe einmal und begab sich in eine abwartende Kampfhaltung. Mit scharfen Blick guckte er sich die Bewegungen seiner Widersacher aus , festigte den Griff seines Schwertarms und reagierte mit schnellen Gegenangriffen.

    „Nach dem, was du mir so erzählt hast, waren eine handvoll Gauner wohl keine Herausforderung für ihn, oder?“, unterbrach Cedric Kecigors Geschichte. Der bestätigte und meinte auch, dass er dieses Teil ruhig abkürzen konnte.

    „Er hat sie regelrecht fertig gemacht.“, erzählte er freudig.

    „Und getötet?“

    Kecigor überlegte einen Moment lang zurück.

    „Einen oder zwei. Der Rest hat dann das Weite gesucht. Anschließend stellte er sich mir als Ordensritter Thorien vor und erzählte, dass er sich auf der Heimreise von seiner letzten Mission befand.“

    „Thorien...“, wirderholte Cedric den Namen leise. „Und was ist dann passiert?“

    Ein breites Grinsen.

    „Rein gar nichts.“

    „Wie jetzt.“

    Kecigor zuckte nur mit den Schulter, als wollte er etwas fragen wie: Was willst du jetzt von mir hören?

    „Nachdem ich ihm auf seine Frage hin gesagt habe, dass mir nichts passiert sei, bin ich einfach nicht mehr von seiner Seite gewichen.“

    „Dein Ernst?“

    „Naja, wie bereits gesagt gab es damals nicht wirklich etwas, das mich an meine Heimat“, dieses Wort betonte er fast schon spöttisch, „gefesselt hat. Und da der Mann das mit Abstand beeindruckendste gewesen ist, was ich in meinem armseligen Leben gesehen hatte, hab' ich alle Belehrungen, die nebenbei bemerkt mit der Zeit immer energischer wurden, von ihm ignoriert und bin bei ihm geblieben.“

    Cedric verfiel in sein ungläubiges Lachen. Die Banalität dieser Geschichte war zu köstlich.

    „Aber...aber warte mal.“, fing er sich wieder.

    „Beim Orden aufgenommen wurdest du doch sicher nicht, weil du so penetrant geblieben bist, oder? Wie kam es denn dazu?“

    Kecigor kratzte sich am Kopf und wirkte ein klein wenig verlegen.

    „Naja, wie man sich denken kann, wollte ich zu dem Zeitpunkt unbedingt so sein, wie er. Und um das zu erreichen, habe ich immer, wenn wir auf dem Weg zurück zu seinem Stützpunkt Rast gemacht haben, trainiert. Oder zumindest hab ich mir eingebildet, dass ich das tun würde.“

    Wie er so daran zurück dachte, muss es ziemlich stümperhaft ausgesehen haben, wie er damals abseits des Lagers zwischen Bäumen und Büschen seinen Stock hin und her geschwungen hatte. Aber als Junge hatten wohl anfangs viele die Einbildung, auf diese Weise etwas zu lernen. Tatsache war, er hatte lediglich in der Luft herumgestochert. Doch dann bemerkte er, dass Thorien ihn aus einiger Entfernung beobachtete. Für einen Moment ergriff den Jungen ein nervöses Herzklopfen. Dann jedoch zwang ihn seine Entschlossenheit, sich zusammen zu reißen und ihm zu zeigen, woraus er gemacht war. Ohne den Blickkontakt mit dem Ritter zu suchen, führte Kecigor seine Übungen fort und legte allerhand Kraft und Schwung in jeden einzelnen Hieb. Dabei schritt er Schlag um Schlag stetig nach vorne, als würde er sich durch ganze Gegnerhorden metzeln, vollführte eine unsaubere Drehung und wiederholte dies. Er wiederholte es wieder und wieder, zwang sich kampfschreiend zu noch mehr Leistung, als seine Arme begannen von der Anstrengung müde zu werden.

    Doch plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und noch bevor er selbst seinen Zustand realisieren konnte, fiel er einfach um. Ihm selbst kam es nur wie ein Blinzeln vor, doch von einem Moment auf den anderen fand er sich auf dem Waldboden wieder, sein Oberkörper gestützt von Thoriens Arm. Verdutzt sah er zu ihm auf und erkannte ein entschuldigendes Lächeln.

    „Das ist wohl meine Schuld.“, sprach er mit seiner tiefen Stimme.

    „Die magische Energie, die mein Körper ausströmt ist unter normalen Umständen nicht wirklich wahrzunehmen. Doch gepaart mit deiner körperlichen Anstrengung hat sie wohl dafür gesorgt, dass du zusammen gebrochen bist, ohne diese Belastung zu bemerken. Wie fühlst du dich?“

    Kecigor, der mit verwunderten, großen Augen zu ihm aufsah, schien einen Moment seine Sinne zu überprüfen, bis er schließlich Entwarnung gab.

    „Gut...denke ich.“

    Das erleichterte den Ritter, der ihn nun aufstehen lies.

    „Sehr schön. Anscheinend bist du hart im nehmen.“

    Er holte einen Apfel und einen kleinen Wasserschlauch hervor.

    „Stärke dich erstmal ein wenig.“

    Nickend nahm er beides an und begann damit, den Apfel zu verspeisen. Thorien sprach zu ihm, noch während seiner Mahlzeit.

    „Du hast bemerkt, dass ich dir zugesehen habe, nicht wahr?“ Er wartete nicht auf eine Bestätigung.

    „Ich frage mich ununterbrochen, was dich dazu bewegt, mich seit drei Tagen zu begleiten. Aber noch mehr interessiert mich jetzt, für was genau du nun trainierst. Woher kommt dieser Einsatzwille?“

    Kecigors Antwort kam pfeilschnell, denn seit diesen von ihm erwähnten drei Tagen war sein Geist nur noch besessen von einem einzigen Wunsch...

    „Und das ist so ziemlich die ganze Geschichte, Cedric.“, beendete er schließlich seine Erzählung.

    „Ein glücklicher Zufall für einen unglücksgeplagten Jungen. Seitdem habe ich einfach jeden Tag wie ein Verrückter trainiert, um ein Ritter der Flamme zu werden. Und ich bin dankbar, dass sie meinen Willen anerkannt und mir diese Chance gegeben haben.“

    Ein übergroßes, zufriedenes Lächeln zierte sein Gesicht. Cedric nicke nur stumm, während er den neben liegenden Komura kraulte. Für ihn lies seine Geschichte keine Fragen offen. Es war weder Zufall noch eine Fügung des Schicksals, dass Kecigor in jungen Jahren ein angesehener Ritter geworden ist. Es war einfach nur die Belohnung von harter, langjähriger Arbeit, angetrieben von einem unerschütterlichen Willen. Eine Sache fiel ihm dann doch noch ein.

    „Und wie wurden Razton und du Partner? Hast du ihn irgendwo auf deiner Reise kennengelernt?“

    Kecigor schüttelte sachte den Kopf. Cedric erkannte einen Ausdruck von Bedauern in seinem Gesicht.

    „Er war der Partner eines anderen Ritters. Diared war ungefähr sei zwei Jahren ein Ritter, als ich dazustieß und nahm mich unter seine Fittiche. Meinen ersten Auftrag führten wir gemeinsam aus, Razton, zu dem ich zu dem Zeitpunkt keinerlei Beziehung hatte, begleitete uns. Es war eine simple Erkundungsmission einer alten Krypta, weit im Norden. Auf die Gefahr, dort auf Banditen oder sogar Schattenkrieger zu stoßen, waren wir gefasst. Nur nicht auf das, was wir tatsächlich vorfanden.“

    Kecigor machte kurz Pause. Cedric merkte, dass die Erinnerungen, die er da hervorholte, ganz klar keine angenehmen waren. Deshalb wollte er ihn nicht drängen und stützte nur still den Kopf auf die Arme und selbige auf die Knie. Kecigor sah nur mit einer Mischung aus Trauer und Wut in eine Willkürliche Richtung.

    „Weißt du, was ein Nekromant ist?“, fragte er.

    Cedric glaubte kaum, was er da hörte.

    „Was? Sowas gibt es wirklich?“

    Kecigor nickte nur, anstatt mit einer ausführlichen Erklärung zu antworten. Heilige sowie schwarze Magie waren Cedric nun ja schon bekannt. Die Küste der Totenbeschwörung waren für letzteres noch einmal eine ganz spezifische Form. Lebewesen zu willenlosen Puppen neu auferstehen zu lassen, war die mit Abstand widerwärtigste und sündhafteste Sache, zu der Magie im Stande war. Und so unglaublich selten sie auch von irgendwem angewandt werden kann – es ist wohl auch die am schwersten zu meisternde Magieform – sie existierte tatsächlich, obwohl viele denken, sie sei nur eine Fantasie.

    „Tief in die Krypta vorgedrungen haben wir zu spät erkannt, dass man unser eindringen bemerkt und eine Falle vorbereitet hatte.“, erzählte der Ritter und strich sich durchs blonde Haar.

    „Wir drei waren ohne Ausweg von Untoten umzingelt und hatten keine Chance, den Nekromanten zu erreichen, was unsere einzige Chance war, lebend dort herauszukommen.“

    Cedric versuchte sich die Situation vor Augen zu führen. Allein die Vorstellung war ein reiner Alptraum.

    „Wie viele von ihnen wir in Stücke zerschnitten haben, war egal. Ihren Zahl schien einfach nicht abzunehmen. Diared ist von ihnen erschlagen worden. Und ich konnte es einfach nicht verhindern.“

    „Wie zum Henker sind du und Razton da raus gekommen?“

    „Razton geriet komplett in Rage, als er Diared sah, und schien alles und jeden dort zu Asche verbrennen zu wollen. Das trieb zum einen die Untoten zurück, doch ich stand ebenfalls mitten in diesem Inferno. Als ich eine schwere Tür zu einer Nebenkammer erkennen konnte, schnappte ich mir Diared und suchte dort drinne Zuflucht.“

    „Du hast deinen toten Kameraden weggebracht?“

    Nun sah Kecigor Cedric sehr durchdringen an. Fast schon waren dem Waldläufer diese Augen unangenehm.

    „Wenn unser Kamerad fällt, wird er nicht zurück gelassen. Denn wer sein Leben in Dienste des Ordens und des Phönix gibt, verdient eine ehrenhafte Bestattung und nicht in einem dreckigen Loch zu vermodern.“

    Er beugte sich wieder zurück und entschloss sich, den Rest kurz zu fassen.

    „Ich ging wieder raus, half Razton bei den Untoten und brachte ihn ebenfalls in den Raum, bevor er in seinem Rausch ebenfalls sterben würde. Die Tür konnten wir verriegeln und zum Glück hielt sie auch eine Weile stand. Da ich mein Zeitgefühl dort irgendwann verlor, erfuhr ich erst im Nachhinein, dass wir bis zum nächsten Morgen verbarrikadiert hatten, doch irgendwann kam Hilfe. Unser Anführer rettete uns mit der Unterstützung von gut 30 Rittern. Sie erschlugen die Untoten und schließlich den Nekromaten, der irgendwo im Inneren der Krypta seine Magie wirkte. Nach diesem Ereignis wollte sich Razton mir anschließen und an meiner Seite kämpfen.“

    Kurz nahm Cedric sich erneut Zeit, sich in Kecigors Lage von damals zu setzen. Eingesperrt ohne Fluchtmöglichkeit, mit ständigem Blick auf den gefallenen Kameraden. Das war eine Situation, die andere Menschen mental wohl nicht verkraftet hätten. Eines erstaunte ihn ganz besonders.

    „Woher wusste euer Anführer, dass er eine so große Zahl an Rittern benötigen würde?“

    „Wusste er nicht. Er ist einfach der Typ Mensch, der alles in Bewegung setzt, wenn es Anzeichen gibt, dass jemand von uns in Schwierigkeiten steckt. Bei diesem eher simplen Auftrag hatten wir unser erwartetes Zeitfenster weit überschritten. Das reicht im, um ohne zu zögern eine größere Truppe zu mobilisieren.“

    Cedric begann diesen Anführer sehr zu schätzen. Ohne zu zögern zur Unterstützung zu eilen, ja sogar selbst loszuziehen, anstatt nur seine Gefolgsleute, so stellte er sich ein würdiges Oberhaupt vor. Er freute sich darauf, diesen Mann kennen zu lernen, doch es blieb ihm eine Frage zum Willen des Feuerpokémon.

    „Und warum wollte Razton bei dir bleiben?“

    „Ich dachte zuerst, er wolle wiedergutmachen, dass er die Besinnung verloren und mich mit seinen Flammen in Gefahr gebracht hatte. Später sagten mir die anderen, es sei vermutlich deshalb, weil ich mich um Diareds Leichnam gekümmert habe und er mir danken möchte.“

    Er breitete ahnungslos die Arme aus.

    „Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Wenn ich Razton frage, ignoriert er es.“

    Cedric hielt inne. Die Hand, die gerade Komura hinterm Ohr gekrault hatte, war wie versteinert und er blickte das ruhende Tornupto an. Kecigor und Razton. Es war genau wie bei den beiden. Er wusste nicht warum... wieso er...

    „Aber es ist gut, so wie es ist.“, sagte der Ritter abschließend und begab sich in eine waagerechte Position, stützte seinen Oberkörper nur noch mit seinem Unterarm.

    „Ich werd' mich mal hinlegen. Besser du bleibst auch nicht mehr so lange wach.“

    Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen legte er sich auf den Rücken. Ein Reisebeutel diente als Kissen.

    „Denn nun bekommst du deine Chance.“

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    15: Wichtige Entscheidung


    Der Schattenkrieger hielt einen Moment inne. Cedric war nicht sicher, wie er sein Aufrichten des Kopfes genau deuten sollte. Verwunderung war zweifelsohne zu erkennen, doch in seinem Blick, so düster er sein mochte, glaubte er Anerkennung zu finden.

    Der Anführer fasste sich und holte erneut aus.

    „Lebe wohl.“, flüsterte er. „In der Finsternis unseres Herrn.“

    Mit einem Male schien die Szene zu explodieren. Es knallte laut, eine Druckwelle fegte über den Hof und man vernahm das Bersten von festem Stein. Unmittelbar neben den Beiden hatte etwas die Wand durchbrochen, besser gesagt, einfach hinweggefegt. Was blieb, war ein großes Loch, dessen Schatten nichts preisgeben wollte.

    Aus diesem Schatten sprang eine große, humanoide Gestalt. Sie hieb nach Cedrics Widersachern, die ob der Überraschung gleich zurück wichen.

    Razton, Kecigors Lohgock!

    Eben jener stapfte gerade ebenfalls ins spärliche Licht, welches von seiner schimmerden Rüstung aufgefangen wurde. Es war wie im Märchen. Der strahlende Ritter in der Nacht, der zur Rettung eilte.

    Kecigor sah sich um, registrierte sofort die Lage und wandte sich an Cedric.

    „Du bist echt erstaunlich.“ Er packte den Griff seines Schwertes. „Du hast dich wirklich reingehängt, zumindest so sehr, dass Razton euren Kampf wahrnehmen konnte. Ich werde das für dich zu Ende bringen.“

    In Windeseile entstanden zwei Duelle. Mensch und Pokémon standen sich inmitten des Hofes gegenüber und hielten erbarmungslos aufeinander ein. Cedric konnte klar erkennen, dass der Schattenkrieger den neuen Gegner sofort ernst nahm und plötzlich sehr viel konzentrierter agierte als zuvor. Die Kraft, mit der beide Kämpfer zuschlugen war mit nichts vergleichbar, was er jemals gesehen hatte. Der Klang des Metalls schien bei jeder Kollision von überall wider zu hallen und die Luft vibrierte förmlich beim Schlagabtausch. Dabei waren die Kontrahenten auf jeder Seite von gleichem Maßstab. Kecigor, der mit seinem Zweihänder den nur leicht bewaffneten Schattenkrieger zu diversen Ausweichmanövern zwang, und Razton, der durch kräftemäßige Überlegenheit Sniebel mit Hieben und Tritten ähnlich einschränkte. Beide attackierten ohne Pause und schwungvoll. Kräftezehrende Paraden und Ausweichbewegungen waren nahezu alles, wozu die Gegner in der Lage waren.

    Cedric wusste, dass er nicht eingreifen sollte. Es war mehr als deutlich, dass er in diesem Augenblick nur im Wege stünde. Also raffte es sich auf, knickte sogleich unter seinen kreischenden Muskeln wieder ein und kroch somit auf alles Vieren zu Komura rüber. Die zwei großen Schnitte auf seiner Schnauze sahen mies aus, beunruhigten Cedric aber nach kurzer Überprüfung nicht weiter. Mehr als eine unschöne Narbe würde dies nicht zur Folge haben.

    „Hey, komm schon, Großer. Steh auf.“

    Leicht klatschte er mit der flachen Hand gegen seine Schläfe. Das Tornupto öffnete seine Augen. Cedric brachte unter seiner Erschöpfung ein Lächeln hervor.

    „Das ist mein Junge.“, keuchte er. „Nein, warte.“

    Komura hatte sich blitzschnell umgesehen und wollte schon zu Sniebel rennen, um sich für seine Wunde zu revanchieren. Doch Cedric hielt ihn zurück.

    „Wir überlassen das den Beiden.“ Dies war kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Viel Zeit war vergangen, seit er so bestimmend mit seinem Pokémon gesprochen hatte, doch es hielt sich daran, auch wenn man Widerspruch aus den Augen erkennen konnte.

    Inzwischen war bei den Kontrahenten ein Kräfteunterschied unverkennbar. Während die flinken Manöver die Unlichtfraktion ziemlich außer Atem brachte, schienen ihre Gegner deutlich mehr Ausdauer zu besitzen, wirken sie doch kein Stück ermüdet.

    Nun sahen wohl alle ein, dass der Zeitpunkt gekommen war, zusammen zu kämpfen.

    Seinen Nachteil erkennend wich der Schattenkrieger nun hinter sein Sniebel.

    „Los, Eissplitter!“, brüllte er.

    Kecigor machte es ihm nach. Als Mensch konnte er solche Attacken sehr viel schlechter wegstecken als Razton.

    „Mit Himmelhieb zerschlagen.“, verlangte er ruhig.

    Wie zuvor schon gegen Cedric und Komura lies das dunkle Pokémon scharfe Eiszacken um sich erscheinen, die es auf seinen Gegner feuerte. Doch das Lohgock tat ebenfalls, wie ihm befohlen wurde und lies seine Fäuste hell aufleuchten. Offenbar ohne geringste Probleme wurde ein Eisbrocken nach dem anderen zerschlagen. Der Angriff hatte keine Chance eines der beiden Ziele zu erreichen.

    Sniebels Meister biss sich zornig auf die Unterlippe. Alle wussten, in welch aussichtslosen Lage er sich befand, beherrschte sein Pokémon schließlich nicht einen Angriff, der einem Wesen mit Feuer- und Kampfgenen effektiven Schaden verpassen könnte. Somit war der nächste Befehl ebenfalls ohne wirklichen Plan.

    „Schlitzer, mach schon!“

    Wieder reagierte Kecigor sofort.

    „Du auch Schlitzer. Öffne eine Lücke.“

    Wie ihnen geheißen war, gingen die zwei Pokémon jetzt in den Nahkampf. Mit glänzenden Krallen und Klauen hieben sie aufeinander ein, zu schnell, als dass ein menschliches Auge alle Bewegungen erkennen konnte. Das Klirren, dass dabei entstand, erinnerte ein wenig an das Geräusch zweier aufeinander treffender Klingen. Den klaren Vorteil hatte hier wie schon zuvor Razton. Gegen ein fast genauso schnelles Pokémon mit immenser körperlicher Überlegenheit und einem Elementvorteil schien Sniebel einfach nur hilflos. So war es auch kaum unerwartet, dass Lohgock es gelang, mit einem wuchtigen Angriff die Oberhand zu gewinnen. Zwar konnte der Schlitzer pariert werden, brachte dafür den Bewegungsfluss des kleinen Pokémons komplett zum erliegen und schleuderte es etwas nach hinten. Die Verteidigung war durchbrochen.

    „Jetzt Feuerschlag!“, rief Kecigor.

    „Versuchs doch!“

    Plötzlich wollte der gerade gänzlich in den Hintergrund gerückte Schattenkrieger wieder eingreifen. Es war einer dieser entscheidenden Augenblicke, in denen alles wie in Zeitlupe geschah. Als Razton die rechte Kralle in heißen Flammen lodern lies, stürmte er nach vorne. Er wollte ausnutzen, dass das Feuerpokémon nur einem Kontrahenten seine Aufmerksamkeit schenkte und sich mordend zwischen den Angriff zu werfen. Noch bevor er sie erreichen konnte prallten seine Bewaffneten Handschuhe gegen großen Stahl. Kecigor hatte die Situation erahnt und schneller gehandelt. Der Schattenkrieger hatte keine Chance an ihm vorbei zu kommen um konnte so nicht verhindern, dass Lohgock Sniebel ein, zwei vernichtende Schläge verpasste. Erfüllt von den Schmerzen durch die Wucht und des Feuers jaulte das kleine Wesen auf, wurde fortgeschleudert und kam neben seinem Meister zum erliegen. Es regte sich nicht mehr.

    „Du verfluchter...!“, brüllte er, brachte wieder Distanz zwischen sich und Kecigor und breitete die Arme aus. Nun bekam Cedric das zu sehen, wovon er bisher nur hören durfte. Diese besondere Fähigkeit, um die sich Mythen und Legenden rankten, Magie.

    Als der Schattenkrieger die Finger krümmte, bildete sich direkt vor seinem Körper eine schwarz-violette Masse. Die Luft vibrierte förmlich bei dieser Energie. Mit einer ausholenden Bewegung wurde die dunkle Masse plötzlich in einer Spirale hinfort gejagt und sah einer Finsteraura Attacke nicht unähnlich.

    Kecigor zeigte sich nicht beeindruckt, sammelte nur für einen Moment seine Konzentration. Er hob seine Rechte, deren Finger angespannt und gekrümmt waren. Ähnlich wie sein Gegner erschien aus dem Nichts magische Energie, die sich bei ihm jedoch als hell lodernde Feuerkugel manifestierte. Der Ritter holte kurz aus und streckte diesen brennenden Orb in seiner Faust direkt dem Schattenangriff entgegen. Unmittelbar vor ihm stoppte die dunkle Masse und wurde prompt von den Flammen verzehrt. Aus Schatten wurde Feuer, welches sich bis zum Widersacher fraß und vor seinem Gesicht detonierte.

    Kurz von diesem Angriff benommen sah er sogleich den Ritter auf ihn zu hechten. Die gekreuzten Arme vor der Brust waren nichts weiter als ein planloser Schutzreflex, ohne jede Wirkung. Mit einem kräftigen Stoß rammte Kecigor sein Schwert in den Oberkörper des Mannes. Da sich eine so große Waffe nicht so einfach in ihr Opfer hineinbohrte, war dieser Angriff noch nicht tödlich. Jedoch versetzte sie den Schattenkrieger in Einsicht seiner Niederlage und in eine Starre. Mit leeren Augen sah er, wie der Ritter noch einmal mit beiden Händen über dem Kopf ausholte und den entscheidenden Schlag ausführte. Blut spritzte hervor, als der Körper des Mannes zusammen brach und neben seinem Pokémon zum erliegen kam.

    Razton und Kecigor, an dessen Seite er gerade trat, betrachteten einen Moment still die beiden besiegten Gegner. Das Pokémon bewusstlos, der Mann leblos. Ersteres würde verschont werden. Diese Schlacht war gewonnen, ein weiterer Tod wäre ohne jeden Zweck. Als sie sich dann abwandten, befreite Kecigor sein Schwert mit einem Schwung von einer groben Menge des Blutes, ehe er die Waffe zurück steckte. Auftrag erfolgreich.

    Mit zufriedenem Blick wandte er sich Richtung Cedric und Komura, die an Ort und Stelle verweilt hatten. Ihre Blicke zierte eine Mischung aus Erstaunen, Erleichterung und Respekt. Ihre Gegenüber schauten nur zufrieden.

    „Lass uns Marek holen und heim gehen.“


    Als Cedric sich endlich aus dem Bett wühlen konnte, war es schon fast Mittag. Doch er konnte nichts dafür. Die Nacht war lang und anstrengen, aber der Grund, warum er so gut schlafen konnte, war ein anderer, das wusste er genau.

    Gestern hatte er im Austausch einen Aufenthalt im Knast gegen die Unterstützung zweier Ritter bei ihrer Aufgabe eingetauscht und war erfolgreich gewesen. Es fühlte sich einfach gut an und bekräftigte ein angenehmes Gefühl von Befriedigung in seiner Brust. Fast schon in kinderähnlicher Manier auf den neuen Tag freuend, sprang der ausgeschlafene Waldläufer nun aus dem Bett. Komura war wohl schon längst auf, angesichts seines leeren Schlafplatzes. Cedric zog sich die Stiefel über, wischte sich die Haare aus dem Gesicht – vielleicht war es mal an der Zeit, diese zu schneiden – und trat aus dem Schlafzimmer.

    Im Aufenthaltsraum sah er, dass Reinhold den Schmiedehammer momentan ruhen lies und den Tisch mit Essen bestückte. Brot und Käse standen schon bereit, als er den Blick hob.

    „Ist das jetzt Zufall, dass du gerade jetzt wach bist, oder hast du eine gute Nase?“

    „Du hast auch immer einen dämlichen Spruch parat.“

    Für gewöhnlich hätte Cedric solch eine Bemerkung genervt ignoriert, doch bei seiner guten Laune konnte er diesmal problemlos darüber lachen. Fast schon war er sich selbst etwas unheimlich. Reinhold lachte nur und holte Wasser und Schinken an den Tisch und beide nahmen Platz.

    „Dann wohl beides, Mahlzeit.“

    Cedric musste sich zügeln, nicht alles Essen auf einmal zu inhalieren. Aber verdammt, hatte er einen Kohldampf. Glücklicherweise startete Reinhold ein Gespräch, das ihn davon abhielt.

    „Gehst du heute nochmal zur Kaserne?“, fragte er und riss ein Stück von seinem Brot ab.

    Cedric nickte stumm, bevor er ein Stück vom Schinken hinunter schluckte.

    „Erstmal sehe ich nach Marek. Sie meinten, ihn zu versorgen, wäre nicht schwer, da seine Wunden nicht zu tief seien.“

    Als sie in der Nacht allesamt zurück gekehrt waren, hatte eine Wache Kommandant Ullrich aus dem Bett holen müssen. Die Nachricht vom Erfolg des Einsatzes hatte ihn erfreut und er bestand darauf, den angeschlagenen Ritter unter seiner Obhut versorgen zu lassen. Auch Cedrics Haftstrafe wurde wie vereinbart fallen gelassen und er erhielt für seine Dienste sogar eine gute Bezahlung. Cedric hatte sich zwar gefragt, ob er sich das wirklich verdient hatte, doch Kecigors lobende Worte, die er über ihn an Ullrich richtete, hatten offenbar Wirkung gezeigt. Zumindest würde er damit Reinhold für seine Gastfreundschaft entlohnen können, denn als Schnorrer wollte er nicht bei ihm unterkommen.

    „Und was hast du jetzt als nächstes vor?“, wollte der Schmied wissen.

    Cedric, der sich gerade die Flasche mit dem Wasser genommen hatte, lächelte.

    „Da hab ich schon was ganz spezielles im Kopf.“


    „Ich will einer von euch werden.“

    Mit gerader Haltung und festen Blick hatte er seinen Wunsch Kecigor gegenüber geäußert, welcher nur eine Augenbraue anhob.

    „Irgendwie überrascht mich das,“ ein grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „aber irgendwie auch wieder nicht.“

    Die beiden standen am äußeren Ring der Kaserne, wo der Ritter ihnen am Vortage noch sein Pokémon vorgestellt hatte. Nachdem man sich nach Mareks Zustand erkundigt hatte – wie vermutet hatte er keine schlimmen Verletzungen erlitten und musste nur einige Fleischwunden verheilen lassen – hatte Cedric um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Sein Entschluss, endlich was aus seinem Leben zu machen, sowie die Sicherheit, die richtige Aufgabe für sich gefunden zu haben, waren unerschütterlich.

    „Ich hatte von vornherein gedacht, dass du das ganze nicht einfach so an dir vorbeiziehen lässt. Dafür hast du zu viel Schneid.“, erzählte er euphorisch.

    „Du weißt, dass für unseren Orden keinerlei Adelstitel oder dergleichen notwendig sind. Rein kommt, wer als würdig gesehen wird, ungeachtet seiner Herkunft. Doch wer sich würdig erwiesen hat, das entscheiden ganz andere.“

    Ein starkes Herzklopfen hatte Cedrics Brust erschüttert, allein da nicht gleich eine Widerrede ertönte. Die Möglichkeit bestand also.

    „Dann bring mich zu wer auch immer mich bei euch aufnehmen kann.“

    Er merkte garnicht, wie er voller Enthusiasmus die Faust geballt hatte, wie ein ungestümer Junge. Am liebsten würde er sofort zu besagter Person rennen.“

    Kecigor nickte.

    „Gut, dann will ich dir diese Chance natürlich geben. Gibt es denn noch etwas, dass du vorher noch erledigen musst?“

    Sanftes Kopfschütteln.

    „Ich bin bereit, aufzubrechen.“

    Nur kurz hatte es gedauert, sich von Marek und Ulrich zu verabschieden und die beiden wartenden Feuerpokémon zu holen. Schon traten sie die Treppenstufen der Kaserne hinab, wodurch das Stadttor ja bereits quasi um die Ecke lag. Doch an sprichwörtlich dieser Ecke wartete eine Person, die die Reisenden schon bei Sichtkontakt fixierte, sich selbst aber nicht von der Stelle rührte, Tristan. Cedric war überrascht, ihn hier zu sehen.

    „Gebt mir einen kurzen Moment.“, sagte Cedric der Gruppe und ging zum Straßenrand.

    Der Blick des Schwarzgekleideten, welcher mit verschränkten Armen an der Mauer lehnte, war nicht zu deuten. Ob er enttäuscht war, dass er nun einfach verschwand? Der Gesprächseinstieg gestaltete sich jedenfalls als schwierig.

    „Hey.“, hauchte der Waldläufer.

    „Hey.“

    Eine unangenehme Pause. Doch schließlich sprach Tristan.

    „Du ziehst also weiter.“

    „Ja.“ die Antworte kam nur mit einer sehr trüben Stimme.

    „Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht dachte ich ja, dass du dich hier in Toldus niederlassen willst oder so, keine Ahnung. Aber...“

    „Entschuldige.“, unterbrach Cedric ihn.

    „Ich weiß ja, dass es unangebracht ist, mich jetzt einfach so aus dem Staub zu machen. Aber ich will das unbedingt tun.“

    „Dann ist es gut so.“

    Cedric Blick, der etwas Richtung Boden gewandert war, hob sich rasch wieder. Tristan hatte seine Haltung nun gestrafft und lächelte.

    „Du hast nun endlich eine Aufgabe gefunden, der du nachgehen willst. Du hast deinem Leben selbst einen Sinn gegeben.“

    Cedric las Tristans Augen genauestens, lies die Worte in seinem Ohr widerhallen. Das war keine einfache Höflichkeit, er freute sich wirklich für ihn. Damit erhellte sich auch seine eigene Miene.

    „Danke. Du hast mir mehr als nur geholfen.“

    Er reichte ihm seine Hand.

    „Das werd' ich dir nicht vergessen.“

    Sie wurde ergriffen.

    „Ich würde dich eh dran erinnern, wenn doch.“, lachte Tristan.

    Nach dieser Verabschiedung war es nun an der Zeit, die Stadt zu verlassen. Das Tor wurde heute von zwei ihm unbekannten Soldaten bewacht. War wahrscheinlich auch besser so. Nur einige Schritte später hielt Cedric die Gruppe aber nochmal an.

    „Was ist?“, erkundigte Kecigor sich.

    Eine Antwort bekam er nicht wirklich. Cedric sah sich nur mit undeutbarem Blick um und bog nach rechts in die Wildnis ein. Der Ritter sah Rat suchend zu Komura, der ihn allerdings ignorierte. Also folgte er ihm neugierig und lies die beiden Feuerpokémon für den Moment auf dem Weg zurück. Cedric watete die Stadtmauer entlang zwischen den Bäumen und hielt an einer Stelle an, wo ein großer, pflanzenfreier Halbkreis am Gemäuer war. Diese Stelle schien angemessen.

    Mit einem immernoch verwunderten Kecigor im Rücken holte Cedric nun etwas hervor. Den Griff seines zerbrochenen Schwertes. Nur noch der Ansatz der Klinge war übrig, bevor einem die hässliche Bruchstelle ins Auge stach. Gerade genug, um das zerborstene Überbleibsel senkrecht in den Erdboden zu stecken. So, wie es da weilte, hätte man noch gut vermuten können, das hier jemand ein vollständiges Schwert zurück gelassen hat. Einen letzten betrübten Blick schenkte er der Waffe, die ihm Gregorio vor Jahren hinterlassen hatte. Als er sich aus der kniendenposition erhob, spürte er plötzlich die Hand von Kecigor auf seiner Schulter.

    „Dass dein Schwert zerbrochen ist, ist ohne Zweifel schade, jedoch ein Glücksfall angesichts dessen, was sonst noch womöglich passiert wäre.“

    Cedric sah betrübt zu Boden.

    „Ein Glücksfall...“ flüsterte er. Ein müdes Lächeln kam ihm empor. Kecigor schien zu realisieren.

    „Die Waffe hatte eine Bedeutung für dich, hab ich Recht?“

    Ein Nicken.

    „ Sie war stark und trotzdem leicht. Ich weiß nicht wo sie geschmiedet wurde, jedenfalls ist sie nicht für mich angefertigt worden. Trotzdem schien es mir immer, als wären das Schwert und ich perfekt aufeinander abgestimmt. Es war ein herrliches Ding. Und trotzdem, ich hätte es eigenhändig in tausend Stücke geschlagen, würde mir das meinen Vater zurück bringen.“, erzählte er mit rauer Stimme.

    Dies sollte als Erklärung genügen. Cedric wollte keine Details erläutern. Ob er ihm jemals die ganze Geschichte erzählen würde? Vielleicht, aber nicht hier und schon gar nicht jetzt.

    „Aber das Vergangene wird sich nicht wiederholen. Jetzt stehen wir zusammen und gehen einen gemeinsamen Weg.“

    Diese Worte der Aufmunterung zeigten Wirkung beim Braunhaarigen und lies seine hängenden Schultern sich aufrichten. Ja, es war an der Zeit, das Vergangene endgültig abzuhaken und den Blick nach vorne zu richten. Keine Ausnahmen und keine Ausflüchte, nur noch Einsatz und Hingabe.

    „Ja.“

    Der letzte Blick auf das gebrochene Schwert und somit in die Vergangenheit.

    „Ruhe in Frieden, alter Herr.“

    Nach kurzem Rückweg zu den wartenden Pokémon machte sich die Gruppe auf den Weg.

    Nice, du hast dich wieder hierher verirrt :P


    Eine Zusammenfassung ist tatsächlich keine schlechte Idee. Sollte ich evtl. wirklich mal in Angriff nehmen.


    Hast dir ja einiges an Zitaten rausgefischt. Auf alle gehe ich natürlich nicht einzeln ein. ^^

    Generell habe ich den Eindruck, dass du ganz gern kleine, scheinbar wenig bedeutende Details ins Auge fasst, die in den Texten Eingebaut sind. Ebenso meine Versuche einer bildhaften Darstellung von Gedanken oder Handlungen. Diese genaue Beobachtung gefällt mir sehr an deinem Kommentar, da es tatsächlich nichts, aber auch gar nichts gibt, das grundlos seinen Weg in meine Texte gefunden hat. Ich versuche mein Bestes, so viele Informationen wie möglich einzubauen, den Text aber so zu halten, dass er sich nach wie vor möglichst flüssig liest. Führt leider manchmal zu sehr sehr zähen Phasen beim Schreiben.


    Um ein paar deiner Fragen zu klären:


    Der Kampf gegen den Attentäter habe ich deshalb nicht aufgeschrieben, da sein Verlauf selbst tatsächlich keine Bedeutung von mir erhielt. Hätte ich das gemacht, hätte mir der Sprung zu Cedrics Mord, verkleider als der Attentäter, nicht mehr richtig gefallen, da es sogar noch vorhersehbarer geworden wäre.

    Dass der Kerl ein Profi sei, wurde nie behauptet. Schließlich war seine Taktik zwar absolut erfolgreich, war aber auch genau so simpel. Also weder Amateur, noch Veteran dieses "Berufszweiges" xD Zudem ist das Überraschungsmoment, welches klar auf Cedrics Seite ist, keinesfalls zu unterschätzen.


    RPG's sind mein unangefochtenes Lieblingsgenre bei games. Sie haben weit mehr inspiriert, als nur einfache Szenerien und deren Beschreibung :)


    Bei deinem letzten Zitat war ich leicht verwundert. Habe ich hier tatsächlich einen Fehler gemacht und mir selbst wiedersprochen? Irgendwie leidet gerade bei Kämpfen mein Schreibfuluss am meisten und es wir viel probiert und geändert. Das gehe ich definitiv nochmal durch und ändere es ggf. ab. Danke für den Hinweis.


    War eine erfreuliche Überraschung, dich hier mal wieder zu lesen.

    Bis bald.

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    14: Ein riskanter Schritt


    Bilder, Erinnerungen. Szenen, die immer wieder das geschehene in Cedrics Kopf wiederholten. Ununterbrochen quälend, als wollten sie sehen, wie lange es dauern würde, bis der Junge endlich vollends verzweifelte. Doch die Bilder waren stumm und so zuckten Cedrics Ohren auf ein unerwartetes Geräusch, dass die Stille durchstach. Verwundert blickte er auf und sah sich um, das Gesicht immernoch niedergeschlagen. Er zweifelte nicht. Da war doch eben das kräftige Schlagen zweier Flügel zu hören gewesen. Ein kurzer blick galt dem ersten der zwei Fenster im Raum. Eines, das von seiner Position aus auf der linken Seite lag und Blick auf den Hafen gewährte. Dann allerdings vernahm er so etwas, wie ein Klopfen. Sehr gedämpft, doch er begriff, dass es von woanders kam. Rechts, von ihm, neben dem Bett befand sich ein Dachfenster, aus dem Cedric hinaus spähte.
    Und inmitten der Nacht sah er einen Vogel, der mit seinem Schnabel gegen etwas pickte, dass Cedric aufgrund des Blickwinkels nicht erkennen konnte. Dem Geräusch nach zu Urteilen musste es das Fenster des Nebenraumes sein. Den Vogel selbst erkannte er sofort. Auf dem Dach stehend maß er in der Höhe etwa einen Meter, der Körper außergewöhnlich muskulös. Der Schnabel und die Klauen an den Füßen zeigten deutlich, dass es sich um einen Raubvogel handelte. Bestes Erkennungsmerkmal war aber das auffällige Gefieder von orange-roter Färbung. Die Bücher über Pokémon, die ihm sein Vater immerzu in die Hand gedrückt hatte, waren anstrengende Lektüre gewesen, doch ihnen war es zu verdanken, das Cedric das Fiaro als solches erkennen konnte. Von den Genen eines Flug- und Feuerwesen. Feuer.
    Durch die Stille entging es Cedric nicht, dass nebenan das Fenster geöffnet wurde, vor dem der Flammenvogal stur verharrte. Unter plötzlich ungeheuerlich hastigen Herzschlag presste Cedric sein Ohr an die Wand, ohne dabei verräterische Geräusche zu verursachen. Ein Teil von ihm betete darum, dass seine Idee ein Irrtum war. Ein anderer hoffte genau das Gegenteil.
    „Gut gemacht.“
    Cedric Sinne schärften sich. Die raue, männliche Stimme war nicht sehr laut und die dumpfen Worte kaum zu verstehen. Doch er horchte weiter.
    „Unser Ziel ist Tod. Flieg nun zum Treffpunkt im Wald. Pass auf, dass dich keiner sieht. Warte, bis ich dort bin, ich hole die Bezahlung.“
    Einen Herzschlag später zog das Fiaro direkt an Cedrics Fenster vorbei, was seinen Körper verkrampfen und sein Herz aussetzen lies. Doch seinem Glück war es wohl zu verdanken gewesen, dass es ihn nicht bemerkt hatte. Dennoch verweilte er in seiner lauernden Position an der Wand und begann Geschehenes mit Gehörtem zu verbinden.
    Der Anschlag auf die Esmeralda. Das plötzliche Feuer – ein Feuerpokémon. Der Mann, der dies verursacht hatte, war nur ein Zimmer entfernt. Und somit auch der Kerl, der Gregorio auf dem Gewissen hatte.
    Cedric wusste nicht, wie er in diesem Moment empfand. War das, was er fühlte wirklich so simpel als Hass zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht. Dieses Wort kam nicht ansatzweise dem gleich, was er spürte. Doch es war für ihn nicht weiter von Belang, als er mit vor Aufregung geweiteten Augen auf das Bett starrte. Dort lag nach wie vor das Schwert.
    Cedrics Herz raste und sein Körper war schweißgetränkt, als er mit schwachen Gliedern über den Boden kroch. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig tasteten seine Finger nach dem Griff, bevor sie jenen fest packten. Wieder konnte Cedric das Gefühl nicht beschreiben. Doch als er die Klinge langsam hervor zog und empor reckte, merkte er deutlich, das sich etwas veränderte. Zum ersten Mal in seinem Leben hielt er sein persönliches Tötungswerkzeug in Händen. Und auf unerklärliche Weise bestärkte dieser Moment Körper und Geist immens, auch wenn sein Atem noch schwer war. Noch kannte er weder Name noch Aussehen des Mannes im Nebenraum. Doch mit dem Überraschungseffekt auf seiner Seite war Cedric entschlossen. Sein Kopf gehörte ihm!


    Grummelnd beugte sich Antonio nach vorne und zog die beiden Fenstertüren zu, ebenso die beiden Vorhänge. Die kräftigen Winde, die das Meer diese Nacht entsandte, pfiffen unerträglich in seiner Wohnung und er brauchte Ruhe. Sich die schicke Tracht zurecht rückend stapfte er wieder die Treppe hinunter in den Wohnraum, wo vor warmen Kamin ein großer Tisch samt bequemen Sessel und weichen Teppichen platziert worden waren. Die Kerzen am großen Holzkronleuchter, der zwischen den Stockwerken baumelte, hatte der dämliche Wind bereits zum erlischen gebracht, doch das Licht des knackenden Feuers würde ihm schon reichen. Seufzend ließ er sich in das gepolsterte Möbelstück fallen und nahm die vor ihm liegenden Pergamente wieder zur Hand. Die heutigen Zahlen waren zwar nicht wirklich ein Desaster, gefallen konnten sie ihm allerdings auch nicht. Jedes verdammte Mal, wenn Gregorio wieder da war, hatte er es abgelehnt, sich am Geschäft zu beteiligen. Es war doch so einfach. Ein bisschen Schmiergeld hier, ein paar falsche Angaben dort und am Ende hatten alle ein größeres Stück vom Kuchen. Abgesehen natürlich von König, doch der machthungrige Sack konnte sich gerne zum Teufel scheren. Um schneller zu einem entspannten Lebensabend ohne Geldsorgen zu kommen, nahm er alles in Kauf. Gregorio allerdings nicht. Denn wie schon die letzten Male, hatte dessen Sturheit für deutlich weniger Einkommen gesorgt, als bei den weniger spießigen Kapitänen.
    Ein plötzlicher, pfeifender Wind riss Antonio aus seinen Überlegungen und er blickte auf. Ungläubig starrte er in den ersten Stock, wo das Fenster, welches er eben geschlossen hatte, sperrangelweit offen stand und die Böen die Vorhänge flattern ließen. War der Wind etwa so stark oder nur der blöde Riegel kaputt? Gerade als er sich murrend erhob erspähte er aus dem Augenwinkel eine Silhouette in der Zimmerecke.
    „Was...!“, rief er überrascht auf und trat einen Schritt zurück. Schon im nächsten Moment erkannte er aber den Eindringling. Wobei das Wort erkennen nicht ganz zutraf, war der Mann doch mittels dunkler Kapuze und Bandagen in der unteren Gesichtshälfte nicht wirklich zu identifizieren. Jedoch würde er wohl kaum den Anblick des Mannes vergessen, den er noch vor wenigen Stunden für einen ganz besonderenAuftrag angeheuert hatte. Seine Haltung entspannte sich.
    „Ach, du.“ keuchte er erleichtert. „Mann hast du mich erschreckt.“
    Der Attentäter trat aus dem Schatten, sprach aber kein Wort, fixierte nur mit starrem Blick seinen Auftraggeber.
    „Ich habe das mit dem Feuer mitbekommen. Kapitän Gregorio ist also tot.“
    Ein widerwärtiges Grinsen legte sich auf Antonios Gesicht.
    „Eine unkonventionelle Methode, aber das Ergebnis spricht für dich. Jetzt haben wir zwar einen fleißigen Freibeuter weniger, aber der alte Spießer hätte sich seine Worte eben besser überlegen müssen. Wer so ein Geschäft ausschlägt, muss eben mit Konsequenzen rechnen.“, faselte er grimmig lachend.
    Der Vermummte sprach nicht, starrte einfach nur weiter, was Antonio irgendwie den Spaß nahm. Auftragsmörder waren eben stille Zeitgenossen, das musste wohl einfach so sein.
    „Naja, das ist für dich ja nicht weiter von Belang. Ich muss zugeben, deine Bezahlung hast du dir Verdient.“, sagte er und wandte ihm kurz den Rücken, als er wieder an seinen Tisch heran trat. Statt den Lederbeutel mit den versprochenen Goldmünzen nahm er jedoch den großen Weinkrug in die Hand.
    „Du hast es sicher eilig, aber kann ich dir nicht einen Schluck W...“
    Antonio stoppte in seinem Satz. Gerade als er sich wieder umgedreht hatte, schien plötzlich sein Körper zu brennen. Mit grausamen Entsetzen stellte er fest, das ein Breitschwert tief in seinen Bauch getrieben wurde. Der Stoff seiner Kleidung wurde augenblicklich Rot getränkt und Antonios Geist gefüllt mit Schmerz und Übelkeit. Jeder Muskel in seinem Körper schien wie auf Kommando zu versagen und sein Leib erschlaffte. Nur zu einer Bewegung war er noch fähig und so griff er langsam an die Bandagen im Gesicht seines Angreifers. Dieser ließ es zu, dass ihm seine Maske mit letzter Kraft von Gesicht gezogen wurde.
    Antonio wollte schreien doch sein Körper gab ihm nicht die Kraft dazu. Zum einen vor Schmerzen, hervorgerufen durch die quälende Klinge. Zum anderen vor Schock, als er das Gesicht seines Mörders sah, welches ihn im Tod auf ewig verfolgen würde. Es war das Gesicht eines Jungen, den er schon oft auf dem Schiff von Gregorio gesehen hatte. Es war sein Sohn.
    „Ich kenne dich.“, röchelte er kaum hörbar, worauf ein Schwall Blut seinen Mund verließ und den edlen Teppich besudelte. Wie um alles in der Welt war das nur möglich? Wieso stand hier und jetzt Gregorios Abkömmling vor ihm? Wo war der echte Attentäter?
    Cedric empfand nicht das geringste Mitleid. Fast schon wollte er sogar behaupten, dass es sich gut anfühlte, Rache auszuüben. Doch in Wahrheit herrschte eine unsagbare Leere in ihm. Mit nach wie vor eingefrorenem Blick griff er unter den Umhang und holte ein eingerolltes Stück Pergament hervor. Es handelte sich um den Auftrag, den der Attentäter bei sich hatte.
    „Dein Freund hatte Pech bei der Zimmerwahl.“, flüsterte er und stopfte Antonio das Pergament in den Rachen. „Mordaufträge mit seinem Namen zu unterzeichnen ist nicht klug.“
    Mit diesen letzten Worten zog Cedric das Schwert aus dem Torso und ein lebloser Körper schlug dumpf auf den Boden. Lange wurde ihm jedoch keine Beachtung geschenkt. In Eile wischte Cedric das Blut der Klinge am teuren Sessel ab, las ganz nebenbei die Lederbörse vom Tisch auf – Tote brauchten kein Gold – und ging zu Tür hinaus. Nach der Vergewisserung, von niemandem gesehen worden zu sein, verließ er Ardenia noch in der selben Nacht. Wohin war ihm egal. Es machte keinen Unterschied. Diese Hafenstadt sah er heute zum letzten Mal in seinem Leben. Als die Leiche Antonios am nächsten Morgen aufgefunden wurde, war Cedric schon längst in der Wildnis verschwunden. Ein Fiaro wartete im Wald lange, aber vergeblich auf die Ankunft seines Meisters.


    Cedric vermochte es nicht, seinen Atem und Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Lange fünf Jahre lag jene Nacht nun schon zurück. Doch erst jetzt konnte er endlich das erfüllen, was er seinen Traum zu nennen wagte. Nahezu jeden Tag hatte Gregorio Respekt und Ehre gepredigt. Zwei Dinge, die er in diesen Jahren verzweifelt zu erreichen versucht hatte.
    Ein stummes Lachen stahl sich auf sein vor Schweiß verklebtes Gesicht. Doch diese Zeit war nun vorbei. Jetzt in diesem Moment erfüllte er die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte und setzte sein Schwert, das Vermächtnis des alten Herrn, für eine gute Sache ein. Am liebsten wollte Cedric in die Luft springen vor Freude, doch er schaffte es, sich einigermaßen konzentriert wieder in Bewegung zu setzen. Mit Komura im Schatten ging er zügig den Minenschacht entlang und hoffte, bald auf Kecigor oder Marek zu treffen. Obwohl die Beiden sicherlich keine großen Probleme mit den anderen Mitgliedern der Schattenkrieger hatten. Die Stärke dieser Ritter kannte er zwar nicht aus erster Hand, doch schon als er ihnen das erste Mal gegenüber stand, konnte er die Aura vernehmen, die Kampfkraft und Willen versprühte. Nein, diese Zwei würden sich nicht so leicht besiegen lassen, dennoch galt es keine Zeit zu verlieren, sie einzuholen.
    Keine Minute dauerte es, bis Cedric den Hauptschacht der Mine erreicht hatte. Der steinige Weg schlängelte sich hier in einem sehr steilen Winkel nach unten und die Luft wurde mit jedem Meter etwas dicker. Doch nicht die Eigenschaften des Tunnels beanspruchten Cedrics Aufmerksamkeit, sondern die Leichen schwarz gekleideter Männer, die fast überall lagen. Schnell waren bei den meisten von ihnen tiefe Wunden zu erkennen, aus denen noch Blut lief, doch keiner rührte sich auch nur um Haaresbreite. Der Geruch des Todes lag ihm ungewohnt stark in der Nase. Auf einmal verspürte der Waldläufer Ehrfurcht und blieb einen Moment stehen. Ein schneller Rundblick lies ihn die Zahl der Toten auf etwa fünfzehn oder sechzehn schätzen. Und das nur in diesem Schacht? Hatten sie die Zahl ihrer Feinde unterschätzt? Unangenehme Gedanken machten sich in ihm breit.
    „Schnell, komm!“, wies er Komura an und setzte sich wieder in Bewegung. Nicht lange dauerte es, bis der Tunnel sich wieder verengte und Cedric gezwungen war, geduckt voran zu eilen. Als sich dann abermals ein großer Schacht auftat, staunte er ob des erstaunlichen Anblicks. Vor seinen Augen lag, wohl freigelegt durch die Minenarbeit, der Eingang zu einem antiken, verschütteten Bauwerk. Heller Stein, der unmöglich in dieser Region gefertigt worden sein kann, formte sich zu einer sicher höher als zehn Meter großen Wand. Wobei es sogar wahrscheinlich war, das das alte Gebäude noch viel weiter in die Höhe ragte, allerdings nur ein Teil freigelegt worden war. Kantige Säulen stützten die Konstruktion und glatte Flächen waren mittels Gravuren veredelt worden. Am Fuße der Wand Befanden sich zwei Eingänge, die durch eine Statue eines betenden Menschen voneinander getrennt waren. Am Sockel dieser Statue erblickte Cedric eine Person in schwerer Rüstung und mit gesenktem Kopf. Es war nicht Kecigor, dessen Haar war nämlich etwas heller und hatte keine Kinnlänge.
    „Marek!“
    Besorgt eilte er zu dem Ritter. Mit schlaffen Körper lehnte er in sitzender Position gegen das Gestein und hielt sein Breitschwert offenbar nur noch mit großer Anstrengung. Glücklicherweise zeigte er Bewusstsein und hob den Kopf, als er seinen Namen hörte.
    „Cedric! Also lebt ihr zwei noch. Das ist gut zu wissen.“
    Marek lächelte, doch er war vom Kampf gezeichnet. Das Gesicht müde, dreckig und verklebt von dem Blut, das seine Stirn hinab lief. Auch seine Rüstung wies Kerben und Dellen auf.
    Besorgt erkundigte Cedric sich nach Mareks Verletzungen. Er hoffte inständig, dass er nichts schwerwiegendes erlitten hatte. Zu besonders großen Verarztungen war er nicht im Stande.
    „Mir fehlt nichts. Jedenfalls nichts, weswegen du dir Sorgen machen musst. Das waren alles Anfänger, leider nur viel mehr, als erwartet.“, erzählte er mit ruhiger Stimme. Dann wies er auf den rechten Eingang.
    Kecigor ist da lang gegangen. Wir haben immer noch nicht den Anführer dieses Verstecks gefunden, also muss er sich irgendwo in dieser Ruine aufhalten. Er versuchte sein Glück auf dieser Seite. Ich wäre im Augenblick leider keine Hilfe für ihn, deshalb hab ich ihn vorausgeschickt.“
    Cedric stand wieder auf und spähte in den Eingang. Die Fakeln, die auch dort aufgehängt worden waren, zeigten, dass die Ruine definitiv schon erforscht worden war. Dass sich der Anführer irgendwo dort drinnen aufhielt, war äußerst wahrscheinlich. Für einen kurzen Moment tauschte er einen Blick mit Komura, der anscheinend nur darauf wartete, dass er 'los' sagte.
    „Dann werde ich den linken Gang nehmen.“, verkündete er, was Marek überraschte.
    „Wirklich? Wäre es nicht besser für dich, wenn du Kecigor einholst?“
    Cedric hatte seine Wahl bereits getroffen und starrte bereits entschlossen auf seinen Weg, das Schwert wieder fest in seiner Rechten.
    „So wie ich Kecigor kennengelernt habe, wird er keine Hilfe von mir nötig haben. Nützlich kann ich mich besser machen, indem ich den verbleibenden Gang erkunde. Wer weiß, was passiert, wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen.“
    Cedric Ohren zuckten kurz. Hatte er da gerade ein zufriedenes Lachen von Marek gehört?
    „Nun gut, deine Entscheidung werde ich dir nicht ausreden. Ich verweile hier, viel Glück!“
    Cedric stürmte los.
    Auch dieser Gang war mit Fackeln ausgeleuchtet, zumindest gut genug um in dieses sich ständig windenden Gängen nicht gegen eine Wand zu laufen. Immerhin hatte er das Glück, keine weiteren Gabelungen mehr vorzufinden, so dass er nur diesem hier weiter folgen musste. Nach wenigen Minuten erreichten sie schließlich eine gewundene Treppe, die nach oben führte. Cedric begann sich, während er die Stufen hinauf rannte, zu fragen, wie groß diese Ruine denn war. Oder ob sie alt genug war, dass hier gleich eine Säule einstürzen und ihn unter sich zu begraben versuchte. Die Vorstellung war wenig erstrebenswert.
    Endlich am oberen Ende angekommen, musste Komura kurz auf Cedric warten, da dieser ziemlich ins Schnaufen geraten war. Der Ausgang, den er dann aber erblickte, lies ihn wieder los laufen. Die beiden schoben einige dicke Ranken zur Seite und fanden sich überraschender Weise im Freien wieder. Sie konnten einfach nicht anders, als sich umzusehen. Denn sie standen auf etwas, das wohl man ein Plateau oder so ähnlich gewesen sein soll. Doch zur Zeit seiner Erbauung war das Gebäude sicher noch nicht größtenteils unter der Erde. Doch hier war eine Nische zwischen den steilen Felswänden des Gebirges entstanden und hatte diesen Platz nicht unter Erde und Gestein begraben. Einige Ranken und dünne Äste, die es schafften, an den steilen Hängen zu wachsen, verliehen diesem Ort etwas idyllisches. Ohne die Fackeln die auch die an den Wänden hingen, welche gut 30 Meter auseinander lagen, würde hier in dieser finsteren Nacht, reinste Dunkelheit herrschen.
    Endlich fähig, sich von der malerischen Kulisse zu lösen, entdeckte Cedric am anderen Ende des Platzes, oberhalb einer kleinen Treppe einen weiteren Eingang, der wieder unter den Berg führte. Sein Instinkt sagte ihm, dass dort drinnen sehr bald der nächste Feind warten würde.
    „Wachsam bleiben.“, wies er ruhig an, was unnötig gewesen wäre. Komura schien ähnliches zu vermuten und hatte seine Sinne scharf gestellt. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort.
    Doch weit konnten Sie nicht ins Innere vordringen. Cedrics Augen konnten gerade noch so ein helles Glitzern im Lichtschein der Fackeln erkennen, ehe er und Komura unter dem Beschuss spitzer Geschosse wieder zurück gedrängt wurden. Die kleine Treppe hinter ihnen, konnte das Feuerpokémon mit einem Sprung überwinden, Cedric jedoch hatte sein Gleichgewicht beim Versuch auszuweichen verloren und purzelte schmerzhaft den harten Stein hinunter. Als er rasch wieder auf die Beine kam, stand in der Tür ein dünner, aber groß gewachsener Mann. Wie alle anderen trug er Stoff und Leder in Schwarz, hatte zusätzlich aber noch stählerne Panzerung an Schienbein, Handgelenk und Schulter. Sein Gesicht war sehr schmal und teils von dem langen Haar, dessen Schwarz schon allmählich verblasste, eingehüllt.
    Direkt neben ihm stand ein aufrecht gehendes Wesen, das ihm gerade mal zur Hüfte reichte. Die rote Feder am Kopf, sowie die hell aufblitzenden Klauen an den Händen waren ein starker Kontrast zur ansonsten sehr dunklen Färbung des Pokémons. Zudem war es keines, das man häufig zu Gesicht bekam, doch Cedric konnte es identifizieren.
    „Das ist etwas seltsam“, sprach der Mann mit klarer Stimme.
    „Hatten mir meine Untergebenen nicht gesagt, dass Ritter in unser Versteck eingedrungen wären? Wenn das stimmt, wer magst du dann wohl sein?“
    Seine Ausdrucksweise und Formulierungen ließen keinen Zweifel, dass Cedric endlich zum Anführer des Verstecks vorgedrungen war. Zudem ging ihm der hochmütige Tonfall sofort ziemlich auf die Nerven.
    „Tja, das braucht dich nicht zu interessieren. Wichtig ist nur, dass du mit mir erst mal Vorlieb nehmen musst!“
    Waldläufer und Pokémonpartner begaben sich in Kampfstellung, gewillt diesen letzten Gegner ebenso zu Fall zu bringen, wie seine Untergebenen. Der aber verschränkte nur die Arme.
    „Dann wollen wir doch mal sehen, ob du und dein Gefährte mich ein wenig unterhalten können.“
    Als wäre dies der Befehl gewesen, machte sich nun Sniebel bereit und erzeugte mit ausgebreiteten Klauen erneut eine Salve kleiner, spitzer Eiszapfen, die es auf die zwei feuerte. Eine Eissplitter-Attacke. Doch das war kein Problem.
    „Flammenwurf, schnell.“
    Das Tornupto hatte sein Feuer entzündet, war somit längst bereit und hatte nur auf die Anweisung gewartet. Folglich dauerte es nur einen Herzschlag, bis die geballte Feuerkraft entfesselt wurde und die Eissplitter ohne große Schwierigkeiten neutralisierte. Offensichtlich hatte Cedric heute echt Glück. Mit einem Feuertyp an seiner Seite war er gegenüber einem Eiswesen wie Sniebel im Vorteil. Gerade gab der erloschene Flammenwurf die Sich auf den Gegner wieder frei. Zeit für...
    Cedric hielt inne. Da war nur der Anführer, sonst nichts. Wo war Sniebel?
    Hektisch drehte Cedric sich in alle Richtungen. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen, als er sah, dass Komura, der rechts neben ihm stand, ebenfalls keine Ahnung hatte, wo es sich befand. Konnte er auch nicht, es war in seinem toten Winkel. Mit scharfen Klauen sprang Sniebel in die Luft, bereit den Nacken des feindlichen Pokémons aufzuschlitzen.
    Mit panisch geweiteten Augen hob Cedric sein Schwert. Bloß nicht. Auf keinen Fall durfte er das zu lassen!
    Sein Schlag hatte wenig Kraft. War mehr verzweifelt, als koordiniert. Doch er reichte aus. Er reichte gerade so dafür, Sniebels Schlitzer aufzuhalten und Komura zu schützen. Der wiederum registrierte nun die Situation und wollte sich brüllend auf den Gegner werfen. Doch flink und elegant vollführte der ein-zwei Sprünge, wich aus und verpasste dem Tornupto noch einen Schlag auf die Schnauze. Leichtfüßig landete es wieder vor seinem Meister und hielt einen Moment seine Position.
    Ein wiederholtes Klatschen sowie ein leicht erheitertes Lachen erfüllten danach die Luft. Es war der langhaarige Mann, der belustigt applaudierte.
    „Sehr gut, sehr gut. Keine schlechte Reaktion. Viele sind an der Stelle bereits tot.“
    Jetzt war Cedric regelrecht angepisst. Bildete sich der Dreckskerl allen ernstes ein, sie würden hier die Theatergruppe für ihn sein? Er sah doch nur zu und lies sein Pokémon kämpfen. Doch zu gerne würde er ihm dieses Grinsen aus dem Gesicht prügeln.
    „Nun denn. Lasst uns sehen, was ihr noch zu bieten habt.“
    Nur einen sehr kurzen Blick warf er Sniebel zu.
    „Agilität, rasch.“
    Das war definitiv ein Problem. Nicht genug, dass dieses Pokémon so schon zu den schnellsten überhaupt gehörte. Nun wurde dieser Effekt durch diese Technik noch verstärkt und lies das Eispokémon wieder und wieder nur kurz erscheinen, ehe es mit unerkennbarer Geschwindigkeit wieder verschwand. Leider fingen die Probleme damit erst an.
    „Nun Verhöhner.“
    Cedric war froh, dass er gelernt hatte, sich die seltenen Techniken besonders gut einzuprägen, falls der Ernstfall eintreten sollte. Doch genau aus dem Grund erschrak er bei diesem Wort. Ein simples, provokantes Heranwinken von Sniebel verleitete Komura zum unkontrollierten Angriff. Gegen seinen Willen preschte er frontal auf seinen Gegner zu. Der aber nutzte nun seine gewonnene Geschwindigkeit und lies ihn nach belieben hinter sich her jagen.
    Cedric versuchte nicht erst, die Wirkung mit Worten zu bekämpfen. Ihm war klar, dass Komura selbst wusste, dass er gleich ins offene Messer rennen würde. Dieser Anführer hatte wirklich hinterhältige Taktiken parat. Erneut hastete Komura dem eben wieder erschienenen Sniebel entgegen.
    „Flammenrad, los!“
    Die Attacke galt nicht dem effektiven Angriff, sonder eher der Schadensbegrenzung. Gerade als das Eiswesen seine Klauen erhob um seinen Widersacher tiefe Schnitte zuzufügen, hüllte dieser sich in Windeseile in eine brennende Kuppel. Das Ergebnis des Aufpralls war besser, als erwartet. Begleitet von einem schmerzhaften Aufschrei wurde Sniebel zurück geschleudert und landete unsanft. Die Chance war da!
    „Mit Flammenwurf nachsetzen!“
    Wieder schien es, als habe Komura nur auf diese Worte gewartet, so schnell entfesselte er die lodernde Feuerbrunst. Die Hitze des Kampfes trieb Adrenalin durch seinen Körper und verbesserte seine Reaktion. Doch es war nicht genug. Jedenfalls nicht für einen so flinken Kontrahenten. Die Attacke verfehlte und wieder erschien das Eiswesen in Komuras totem Winkel.
    „Du kleines...“
    Wutendbrand machte Cedric einen Satz nach vorne um den Angriff dieses nervigen Vieches erneut zu stoppen. Da spürte er einen unerwarteten Einschlag in der Magengegend, wodurch er rasch den Drang verspürte, sich zu übergeben.
    „Du bist sowas von unaufmerksam. So nützen dir deine guten Reflexe nur wenig.“, wurde er belehrt. Warum zum Geier hatte er nicht gemerkt, dass der Anführer sich nun doch in den Kampf einmischte?
    Cedric wollte fluchen, erstarrte jedoch, als er ein tiefes Heulen vernahm. Mit entsetzen drehte er sich um und stellte fest, dass Sniebels Angriff erfolgreich war. Die scharfen Klauen hatten Komura eine blutige Wunde zugefügt, die sich quer über seine Schnauze zog und dem Feuerpokémon mehr als offensichtlich große Schmerzen bereitete. Cedrics Körper füllte sich mit Hass.
    „Warum nur...“, flüsterte er und hieb schreiend mit seiner Klinge auf den Dreckskerl vor ihm ein, „verreckst du nicht einfach?“
    Der Waldläufer geriet in eine unkontrollierte Rage. Mit Zorn und purer Gewalt wollte er sein Gegenüber zerstückeln, der aber jedem Angriff auszuweichen wusste. Dennoch trieb Cedric ihn so immer weiter zurück, bis er schließlich mit dem Rücken an der Steinmauer stand.
    'Jetzt hab' ich dich.', triumphierte er in Gedanken.
    Der Schattenkrieger wich auch diesem Schlag aus. Eine wahnsinnig schnelle Drehung rettete ihn vor dem scharfen Stahl. Dieses Mal blieb es jedoch nicht beim Ausweichen. Als er in fließender Bewegung die rechte Faust hob, sah Cedric etwas metallisches aufblitzen. Und in dem Moment erst erkannte er mit schockiert geweiteten Augen, der Mann trug Kampfhandschuhe, die mit Klingen versehen waren. Es war ihm nicht aufgefallen, da die Klingen ebenfalls Schwarz waren, aber sie zogen sich über Handrücken und den kompletten Unterarm. Es gab keine Chance zur Parade. Der bespickte Handschuh traf ihn genau auf der Schwerthand, was Cedric nicht nur die Waffe entriss, sondern auch die Haut zerfetzte und das Fleisch darunter schnitt.
    Der darauf folgende Angriff mit der Klinge konnte er mit der seinen blocken, sodass beide eine Sekunde mit knirschenden Stahl zwischen ihnen verweilten. Der Schattenkrieger agierte in der Folge schneller. Mit der Rechten blockend, verhinderte er ein Vorankommen des Schwertes, sodass dieses zitternd stoppte. Sogleich holte er mit der Linken aus. Cedric konnte sich nicht erklären, was dann passierte. War es das Alter der Waffe? Der leicht geschundene Zustand des abgenutzten Materials? Oder war das die Kraft, mit der Leute seines Schlages kämpften? Was immer von all dem der Wahrheit entsprach, es sorgte dafür, dass der Hieb seines Gegners auf die Mitte der Klinge zu viel war. Für Cedric lief die Zeit unbeschreiblich langsam ab, als vor seinen Augen das Schwert seines Vaters zerbrach. Große Bruchstücke samt einiger kleiner Splitter schienen einen Moment vor seinem geweiteten Auge zu schweben. Als seine Wahrnehmung sich normalisierte, vielen eben jene zu Boden und ein wuchtiger
    Tritt schleuderte Cedric davon.
    Sich sogleich wieder aufrappelnd wurde ich dann mit einem Schlag klar, das er verloren hatte. Er selbst war entwaffnet, Komura lag angeschlagen in seinem Rücken und sein Gegner positionierte sich für den finalen Schlag.
    Es war vorbei.
    Doch konnte das einfach so sein? Hatte er an diesem Wendepunkt tatsächlich zu viel gewollt und war dieser Herausforderung nicht gewachsen? Er blickte auf den Schwertgriff in seiner Hand und anschließend zu seinem Partner. Seine Augen waren zugekniffen vom Schmerz, die Wunde blutete stark. Er war schutzlos, sie beide waren das. Musste er das einfach hinnehmen? Nein, ganz sicher nicht!
    Ohne sein Handeln wirklich zu registrieren, lies Cedric den Griff fallen. Während der klappern zu Boden ging, breitete er schützend die Arme aus. Die Augen panisch aufgerissen. Die pure Verzweiflung im Zwist mit dem unbeugsamen Willen.
    Bis hierher und nicht weiter.

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart

    13: Abschiedsgeschenk


    Ein sanfter Wind kitzelte Gregorios Antlitz und zwang den Seemann, seine Sicht von den schwarzen Haaren zu befreien. Dies war sein Lieblingsmoment an jedem neuen Morgen. Bei noch nicht ganz aufgegangener Sonne am Bug des Schiffes, das er die „Esmeralda“ gentauft hatte, zu stehen und die leichte Gischt zu spüren, wenn der Rumpf die salzigen Wellen zerschlug war schon seit Jahren sein ruhiges Ritual, den Tag zu beginnen. Besonders, wenn sich die See, wie heute zur Abwechslung von ihrer friedlichen Seite zu zeigen schien. In der selben Ansicht, trat soeben Offizier Daran an seine Seite.
    „Guter Fahrtwind ohne Sturmanzeichen.“, kommentierte er die Wetterlage mit Blick in den Himmel, wo schon die ersten Wingul auszumachen waren.
    „Da werden wir wohl noch am Mittag ankommen.“, antwortete Gregorio mit starrem Blick aufs Meer.“
    „Und genug Zeit haben, auszuladen, bevor wir heute Abend die Kneipen heimsuchen.“, ergänzte der Offizier lachend.
    Auch diese Bemerkung entlockte keine Reaktion. Stattdessen drehte er sich Richtung Osten, jener Richtung, aus der ihn gerade der erste Sonnenstrahl des heutigen Tages traf. Die Spiegelungen und Lichtreflexe waren ihm ein willkommenen Schauspiel und entlockten ein Lächeln. Die Mannschaft würde ihn sicher auslachen, wenn sie wüssten, dass er solche Naturschauspiele liebte. Einfach nicht männlich genug.
    „Dann geh' mal alle aufwecken, damit wir das Wetter nutzen können. Ich kümmere mich mal um meinen Sohn.“
    „Wird gemacht, Kapitän.“
    Mit zügigen Schritten entfernte sich Daran und ging unter Deck, wo bis auf ihn, Gregorio und Navigator Morgan noch alle Mitglieder seiner Besatzung im Tiefschlaf waren. Manchmal wünschte er sich wirklich, selbst noch Decksmann zu sein und das einfach Leben zu genießen. Das Sagen zu haben war aber schließlich auch nicht schlecht. So schlenderte er gemütlich über das Deck zum hinteren Teil des Schiffes, wo sich seine Kapitänskajüte befand. Anstatt selbige zu betreten, wandte er sich nach links und stieg eine kleine Treppe hinab, wo eine weitere Tür war. Seine Schritte waren längst vorsichtiger geworden und auch den Türgriff umfasste er möglichst geräuschlos. Ein letztes Mal holte Gregorio tief Luft. Sicher befand sich der Faulpelz noch im Tiefschlaf.
    Mit einem Ruck öffnete der Kapitän die Tür nach innen und stürmte auf das Bett zu, das an der linken Wand stand.
    „Hoch mit dir, Junge!“, rief er erheitert und hatte schon die Faust, mit der er seinen Sohn zu wecken gedachte, erhoben. Er erstarrte einen Moment, als er erkannte, dass unter dem zerwühlten Bettzeug niemand mehr lag. Nur eine Sekunde später, erhielt er einen heftigen Schlag auf den Kopf. Dann packte jemand seinen Arm, woraufhin er einen Tritt in den ungeschützten Bauch einstecken musste.
    „Bist du bescheuert?“, fragte erstaunlicher Weise der Angreifer.
    „Wie lange willst du den Mist eigentlich noch durchziehen?“
    Gregorio drehte sich um und blickte in das Gesicht seines Sohnes.
    „Du hast dich hinter der Tür versteckt? Das ist doch eigentlich viel zu banal, Cedric.“
    „Scheiß doch drauf!“


    Die aufgehende Sonne blendete Vater und Sohn, als sie wieder ins Freie traten und zwang sie, schützend die Hand vor ihr Gesicht zu halten. Während sich Cedric ans Heck verdrückte, trat Gregorio nach vorne ans Steuer, den Blick auf die Mannschaft gerichtet, die gerade an Deck gekrochen kam. Ein weiteres Mal holte er tief Lust.
    „Nennt ihr das etwas Bewegung, ihr müdes Pack? Los, setzt die Segel und seht zu, dass wir vorankommen. Wer saufen kann, kann auch anpacken, das unterscheidet die richtigen Männer von den Taugenichtsen!“, rief er wie ein einzelnes Wort und mit rauer Stimme. Und wieder einmal durfte er sich daran erfreuen, dass jeder Mann an Deck ihm immernoch seinen Respekt zollte, indem seine Anweisungen prompt befolgt wurden.
    „Navigator!“
    Der mittels Titel gerufene Morgan war sofort an seiner Seite.
    „Kapitän?“
    „Ans Steuer. Ich muss mit dem Miesepeter reden.“
    „Aye.“
    Ein grinsten konnte sich der Navigator nicht verkneifen. Gregorio entging dies zwar nicht, begab sich aber dennoch sogleich ans Heck, wo sein Sohn, wie jeden Tag die Wassermassen betrachtete, die sie hinter sich ließen.
    „Mir gefällt dein ständiges zurück Sehen nicht. Im Leben musst du nach vorne sehen, Junge.“
    Cedric gab darauf keinerlei Antwort, rieb sich stattdessen die noch etwas müden Augen und fuhr sich durchs kurze Haar.
    „Wer saufen kann, kann auch anpacken.“, äffte er die Worte seines Vaters nach.
    „Toll gesagt. Klingst schon fast wie ein waschechter Pirat.“
    Gregorio stützte sich neben ihm an die Reling und folgte seinem Blick.
    „Als Freibeuter sind wir von denen kaum zu unterscheiden. Der Unterschied ist, dass wir einen Teil unserer Beute an den König abdrücken, damit er das toleriert.“
    Anschließend grinste er breit.
    „Und du kannst mir glauben, dass der Alkohol einen Mann schneller auf den Boden befördern kann, als der härteste Knochenjob.“
    Das Schmunzeln, das für einen Moment Cedrics Gesicht einnahm, wenn auch nur kurz, konnte man definitiv als Erfolg bezeichnen.
    Cedric änderte seine Position und lehnte mit dem Rücken an die Reling, den Blick verträumt gen Himmel gerichtet. Eigentlich sollte er sich ja glücklich schätzen. Nicht jeder war so gesegnet, einen vom König unterzeichneten Kaperbrief zu erhalten und frei übers Meer segeln zu dürfen. Im Moment war das Königreich noch in viele Teile zersplittert und jene Gebiete von den verfeindeten Parteien hart umkämpft. Schiffe anderer Nationen anzugreifen und ihre Fracht mit dem König zu teilen, war sowohl für sie als auch ihn ein Gewinn. Doch angesichts der Meldungen zahlreicher Erfolge an den Fronten schien es nicht mehr lange zu dauern, bis der König sein Ziel eines vereinigten Reiches erreichen würde. Mit etwas Glück, würde der Krieg noch in diesem, seinem neunten Jahr enden und somit der Nutzen von Freibeutern zunehmend entfallen. Doch nicht nur das war der Grund, weshalb es Cedric mehr und mehr aufs Land zog.
    „Wirst du mich denn diesmal endlich meinen Weg gehen lassen, Vater?“
    Gregorio war für gewöhnlich ein Mann der guten Laune, doch immer wenn das alte Thema von seinem Sohn aufs neue angesprochen wurde, gab es dafür keinen Platz mehr. Er seufzte.
    „Ich verstehe einfach nicht, warum du es so eilig hast, von diesem Schiff runter zu kommen.“
    „Eilig?“, wiederholte Cedric mit fragendem Blick.
    „Ich bin 16 Jahre alt. Andere haben in meinem Alter schon keinen Kontakt zu ihren Eltern, da sie ihr eigenes Leben leben.“
    Sein Vater nickte leicht, lächelte etwas gequält und machte den Eindruck, als könne er verstehen, als könne er nachempfinden. Glücklich war er aber nicht.
    „Und du willst mir jetzt ernsthaft vorwerfen, dass ich als Vater meinen Jungen noch etwas länger bei mir haben möchte?“
    Für kurze Zeit sahen sich Vater und Sohn nur schweigend an. Es wirkte, als ob beide vehement versuchten, den Standpunkt des Anderen zu verstehen. Doch irgendwie hatten sie doch nur ihre eigenen Ziele im Kopf. Eine Wasserfontäne zerschlug die Stille, die wohl nur zwischen den Beiden herrschte, waren doch die Stimmen der Crew ebenso gut zu hören, wie die brechenden Wellen. Ein Wailord hatte ungesehen das Schiff flankiert, tauchte aber sogleich wieder ins tiefe Blau und verschwand spurlos.
    „Du weißt, dass ich vorhatte, dieses Schiff eines Tages dir zu überlassen, Cedric.“
    Er wich seinem Blick aus.
    „Ja.“
    „Also warum? Warum willst du es nicht zulassen, dass ich dir das vermache, was ich mehr liebe, als alles andere. Dieses Schiff würde dein Leben zeichnen. Es bedeutet viel Verantwortung, “, mit ausgestrecktem Arm zeigte er hinaus auf die See, “doch dafür trägt es dich in die Zukunft.“
    Nun suchte Cedric gezielt den Blick seines Vaters.
    „Ich will nicht das, was für dichwertvoll ist, sondern für mich!“
    Wieder herrschte kurz eigenartige Ruhe.
    „Dein Schwert.“, fuhr er schließlich fort.
    Verwundert löste Gregorio die Waffe von seinem Gürtel und hielt es ihm vor.
    „Das?“
    „Mhm.“, nickte Cedric nur und fixierte es mit sehnsüchtigen Augen, dachte aber nicht daran, es einfach aus der Hand zu reißen. Seit Jahren trainierte er mit seinem Vater nun schon den Schwertkampf, besaß aber immernoch keine eigene Waffe. Wenn es auf See in ein Gefecht ging, hatte er stets die Aufgabe, mit ein paar anderen Männern das eigene Schiff zu verteidigen. Nur war dies so gut wie nie der Fall gewesen, denn die Angriffe seines Vaters waren gut geplant und effektiv. Zudem hatte er immer eines dieser schäbigen Schwerter bekommen, mit denen die Mannschaft ausgestattet wurde. Keine Waffe, die er als seine eigene betiteln wollte. Es musste ja nicht unbedingt Gregorios Schwert sein, aber eine eigene Klinge stellte ohne Zweifel Cedrics absolute Spitze seiner Wunschliste dar.
    „Dein Schiff trägt mich. Ich will nicht getragen werden. Ich will selbst voranschreiten. Du sagst, es bringt mich in die Zukunft, aber ich will meine eigene Zukunft gestalten.“
    Schließlich ballte Cedric energisch die Fäuste.
    „Das Schiff bedeutet Verantwortung. Ein Schwert bedeutet Vertrauen!“
    Gregorio konnte kaum fassen, was er hörte. Viel weniger noch, mit wie viel Herz sein Sohn diese Worte aussprach. So staunte der Kapitän mit großen Augen und offenem Mund auf das Kind, das er großgezogen hatte. War er denn tatsächlich so blind gewesen, nicht mitzukriegen, wie Cedric erwachsen geworden war? War er wirklich dumm genug, dass er nicht begriffen hatte, was sein Sohn wirklich wollte? Resignierend ließ er den Kopf hängen.
    „Diesen Worten wirst du Taten folgen lassen müssen, mein Junge.“


    Ardenia war eine typische Hafenstadt, wie sie im Buche stand. Auf hohen Stegen, bestehend aus starkem Holz hatte man fast die Hälfte der Siedlung direkt über dem Wasser erbaut, während man Gebäude aus Stein nur ab dem Ufer vorfinden konnte. Dafür war der erstgenannte Bereich deutlich lebhafter aufgrund der ein- und auslaufenden Schiffe. Obwohl man die Größe des Hafens bestenfalls als durchschnittlich bezeichnen konnte, war Aboria aufgrund seiner Lage eine vielfach angesteuerte Route. So auch für Freibeuter Gregorio und seine Mannschaft an diesem Mittag.
    An einem zentral gelegenen Pier angelegt, machte sich die Crew sofort ans Abladen. Wie jedes Mal gingen Sie dabei eifrig und mit viel Fleiß vor, denn ein jeder von ihnen wusste, sobald diese Arbeit erledigt war, hieß es Alkohol trinken und hübsche Frauen verführen. Besonders zu letzterem hatte man auf See viel zu wenig Gelegenheit.
    Cedric war heute ausnahmsweise von dieser Arbeit befreit worden und sah deshalb nur zu, wie die Männer erbeutete Rohstoffe und Kisten voll Handelsware, die ihre Geldbörsen füllen würden, aus dem inneren des Schiffes und an Land trugen. Besonders die gewonnene Seide würde aufgrund ihrer hohen Nachfrage einiges einbringen. Gregorio stand derweil schon am Pier und unterhielt sich mit einem schick gekleideten Mann, der mittels Feder die angelieferte Ware auf Pergament festhielt. Kein Unbekannter, sein Name war Antonio. Cedric wusste, dass sein Vater diesen Kerl immer sehr genau auf die Finger schaute, da er gerne Mal mit den Zahlen jonglierten, um sich selbst etwas dazu zu verdienen. Auch heute würde er sicher wieder versuchen, seinen Vater in seinen Beschiss mit einzubeziehen und wie jedes Mal zuvor abgewiesen werden. Zumindest ließen das Gregorios drohende Gesten und eindringliche Worte, die er gerade an ihr richtete, vermuten. Cedric beobachtete aus der Ferne, wie eine kurze aber heftige Auseinandersetzung zwischen den Männern entstand. Er musste ihre Worte nicht verstehen, um zu erkennen, dass der Schreiber noch ein paar Flüche loswurde, ehe er angesäuert von dannen zog. Aber erst nachdem sein Blick noch einmal kurz an Cedric haften blieb, allerdings an dem Jungen abprallte.
    Verträumt blickte Cedric an Land und sehnte sich nach dem, was sich hinter der Küste befand. Hoffentlich würde er heute zum letzten Mal das Abladen miterleben.


    Das Abladen der Fracht nahm noch einige Zeit in Anspruch. Doch auch nachdem die letzte Kiste für den König von Bord war – Gregorio hatte wie immer von allen Waren etwas als seinen Anteil behalten dürfen – musste sich Cedric noch gedulden, bis er seinen Vater sprechen konnte. Wie es üblich war, kam nach der Arbeit sofort die Belohnung für die Crew. Erhalten würde sie jene einmal mehr in der örtlichen Kneipe, dessen Rum und Wacholdervorräte sicher auf eine harte Probe gestellt wurden. Als Kapitän würde Gregorio wohl traditionell die erste Runde zahlen, ehe jeder für seinen eigenen Suff verantwortlich war. Bis zur Rückkehr seines Vaters verweile er so lange an Deck des Schiffes und nutzte die Zeit, um sich seine Worte schonmal zurecht zu legen.
    Sicher würde er wieder versuchen, Cedric von seiner Entscheidung abzuhalten. Rein verbal versteht sich. Obwohl sich Cedric fragte, was wohl passieren könnte, wenn er es tatsächlich drauf anlegen würde, sich nur durch Gewalt dazu bringen zu lassen, auf dem Schiff zu bleiben.
    Er lachte leise in sich hinein. Wahrscheinlich wäre es ein einziges Durcheinander.
    Die Sonne war längst einem klaren Nachthimmel voller glänzender Sterne gewichen und der Klang der seichten Wellen bildeten die Einzige Geräuschkulisse, befanden sich doch Musik und Gelächter der Betrunkenen zu weit entfernt. Eine einsame Gestalt trabte ruhigen Schrittes den Steg entlang auf das Schiff zu. Cedric erkannte Gregorio bereits an der Silhouette. Sein alter Herr trat ihm mit fast schon gelangweiltem Gesichtsausdruck entgegen.
    „Bitte sag mir, dass du dich nicht schon betrunken hast.“, eröffnete Cedric das Gespräch.
    „Ein Kapitän muss mehr trinken und viel mehr vertragen können, als jeder seiner Männer.“
    Ein tiefes Seufzen entsprang ihm. Er sah in die Ferne.
    „Aber heute bin ich keineswegs in der Stimmung dazu.“
    „Hat Antonio wieder versucht zu bescheißen?“
    Ein Nicken.
    „Ich habe mich ziemlich unbeliebt gemacht, nur weil ich dafür sorge, dass alles seine Richtigkeit hat. Mir ist es lieber, wenn mir der König wohlgesonnen ist. Muss Antonio sich halt wen anderen für seine krummen Geschäfte suchen.“, erzählte er mit sanfter Stimme. Irgendwie wirkte er abwesend.
    „Aber ungeachtet dessen, wie klein oder groß die Strapazen heute oder an allen anderen Tagen waren, ich konnte mich nicht beklagen. Denn ich hatte das Privileg, dabei zuzusehen, wie mein Sohn heranwächst, Tag für Tag.“, fuhr er mit einem stolzen Lächeln fort.
    „Doch nun ist mein Sohn schon so weit, dass er mich nicht mehr braucht. Was du heute morgen zu mir gesagt hast, war sowohl wohltuend als auch schmerzhaft für mich. Aber du bist tatsächlich am Punkt angelangt, an dem ich dir nichts mehr beibringen kann.“
    Einen kurzen Moment nahm sich Gregorio Zeit in die großen, erwartungsvollen Augen seines Sohnes zu blicken, dessen Herz immer mehr vor Aufregung zu pochen begann.
    „Ich hatte andere Wünsche für deine Zukunft. Doch ich bin dein Vater und werde der letzte Mensch auf Erden sein, der sich dir in den Weg stellt.“
    Cedric konnte kaum fassen, was er vernommen hatte.
    „Du gibst mir also meine Chance?“
    Wieder ein Nicken.
    „Du bist bereit, deinen eigenen Weg zu finden. Auf dass er dich zu deinem Platz in dieser Welt führen möge.“
    Cedric zweifelte. War das real? Sein Vater erlaubte ihm endlich, das Schiff zu verlassen? Wo waren die Einwände, die Proteste und Versuche, ihn doch noch für eine weitere Fahrt an Bord zu behalten? Er hatte diesen Moment herbeigesehnt und nun schien es, dass der alte Herr ihn sogar freiwillig fort gehen lies. Unsicher, was er entgegnen sollte, kratzte Cedric sich verlegen am Hinterkopf. Auf einmal kam er sich im Moment wie der Böse vor.
    „Du weißt hoffentlich, dass ich das nicht etwa will, weil ich es auf dem Schiff gehasst habe.“, erklärte er. „Im Gegenteil, ich hatte es gut bei dir. Nur ist es...“
    „Was sollen auf einmal die Erklärungen?“, unterbrach Gregorio ihn.
    „Jetzt glaub mal nicht, ich wüsste nicht genau, wie du dich fühlst. Jeder Junge will den Schritt zum Mann hinter sich bringen. Das ging mir in deinem Alter nicht anders. Dass du es gut bei mir hattest, will ich hoffen, denn es war auch jeden Tag aufs Neue mein einziges Ziel. Ich habe dich im Kampf ausgebildet und alles dafür getan, dass du auch bereit bist, wenn du diesen Schritt tun möchtest. Jetzt sei auch wirklich ein Mann und zögere nicht.“
    Das entlockte dem Sohn ein Lächeln. Und so umarmte er seinen alten Herrn familiär, was dieser ihm sofort gleich tat.
    „Ich danke dir, Vater. Du hast deine Arbeit gut gemacht.“
    „Ich danke dir, mein Sohn. Denn du wirst es zu etwas bringen, das weiß ich.“
    Als sie wieder voneinander abließen und sich in die Augen sahen, war alles verschwunden. Sorgen, Zweifel, oder Reue wurden komplett aus ihren Körpern verbannt und ließen Raum für Freude, Dankbarkeit und Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.
    „Versprich mir, dass es kein 'Lebe wohl' ist, Cedric.“
    „Ichschwörees dir.“
    Das Lächeln wurde noch ein Stück breiter.
    „Wir werden morgen wieder auslaufen. Für dich habe ich ein Zimmer in der Hafentaverne bezahlt. Also nutze die Nacht, um dich von allen zu verabschieden und fange mit dem morgigen Tag dein neues Leben an.“
    „Das werde ich.“
    Mit einem Rest Wehmut im Herzen und Stolz im Gesicht trat Gregorio nun bei Seite und ließ seinen Sohn passieren, der äußerlich sehr gefasst wirkte. In seinem Inneren jedoch brannte ein Inferno an Gefühlen, welches durch Worte nicht zu beschreiben war. Wie nannte man jene Momente, die schmerzten und gleichzeitig Freude brachten? Sollte ein dafür geeigneter Begriff existieren, so war er Cedric nicht bekannt. Doch unnötiges Geschwafel brauchten sie auch nicht. Es war das Richtige, daher tat er, wie ihm geheißen wurde und verließ das Schiff. Kein zurück blicken. Kein Zögern. Kein Grund zur Trauer. Denn Cedric hielt endlich sein eigenes Schicksal in Händen.


    Die Verabschiedung der Mannschaft brachte Cedric kurz aber herzlich hinter sich. Es waren allesamt Männer, mit denen er jahrelang gefahren war, doch auch sie wollte er in Zukunft nicht vermissen. Ein jeder von ihnen wusste längst um Cedrics Vorhaben und gab ihm ausnahmslos Glückwünsche und wertvolle Ratschläge mit. Anschließend wollte er sich auf das Zimmer begeben, von dem Gregorio gesprochen hatte.
    Wie versprochen musste Cedric nur dessen nahmen erwähnen und erhielt sogleich einen dick gegossenen Schlüssel aus Kupfer, der für eines der Zimmer im ersten Stock gedacht war. Die knarrenden Holztreppen hochsteigend machte sich der Junge allerlei Gedanken über den morgigen Tag. Er besaß eigene finanzielle Mittel, um sich einige Zeit lang versorgen zu können, schließlich hatte er bei jeder Einkunft, die das Schiff gebracht hatte, seinen Anteil am Gewinn erhalten. Und im Gegensatz zum Rest der Crew war dieses Gold nicht im nächsten Hafen an Wirte oder Frauen in aufreizenden Kleidern weitergegeben worden. Stattdessen hatte sich Cedric fast jede Münze gespart, um für sich selbst sorgen zu können.
    Also würde er morgen wohl erst einmal Vorrat für die nächsten Tage besorgen, sowie eine Landkarte, die ihn präzise durchs Landesinnere führen würde. Dieser Gedanke fachte das Feuer der Sehnsucht noch weiter in ihm an. Schließlich hatte er in seinem Leben kaum etwas anderes getan, als mit seinem alten Herrn zur See zu fahren. Wie das Leben im Herzen des Festlandes aussah, konnte er aus eigener Erfahrung nicht sagen. Doch nun würde er weit mehr zu sehen bekommen, als nur Küste und Hafen. Wälder, Gebirge, Ländereien und Großstädte. All das wollte er sich ansehen. Und irgendwo dort, das spürte er, würde er seine Chance finden, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Ja, ein eigenes Leben, das von niemandem kontrolliert wird, Cedrics innigster Wunsch: sein eigener Herr sein.
    Am hinteren Ende des Ganges der oberen Etage angekommen, zog er seinen Schlüssel hervor, um die eben erreichte Zimmertür aufzuschließen. Doch in jenem Moment, als er das Schlüsselloch ausfüllte, hielt sein ganzer Körper inne. Etwas hatte die Aufmerksamkeit des Jungen vollständig eingenommen. Ein Licht, das stark und flackernd durch das Fenster zu seiner Rechten seinen Augenwinkel erreicht hatte. Neugierig spähte er aus einem Spitzen Winkel durch das Glas um nach der Quelle zu suchen. Der Anblick war ein Stich ins Herz.
    Ein Schock, der seinen gesamten Leib durchfuhr, weitete Cedrics Augen. Ohne erkennbare Ursache stand eines der Schiffe in Flammen. Und dieses erkannte er unter tausenden wieder. Es war die Esmeralda. Und die lodernde Feuerbrunst hatte bereits das ganze Deck in Beschlag genommen und fraß sich nur zu Mast und Kapitänshaus. Doch wie? Und warum?
    Sofort hastete Cedric wieder zurück, sprang über das Geländer auf die Treppe hinunter und scheiterte beim Versuch, das Gleichgewicht zu halten. Ein unsanfter Sturz, der purzelnd an einer Wand im Erdgeschoss sein Ende fand, war die Folge. Den Schmerz völlig außer Acht lassend rappelte er sich auf, spurtete aus der Tür und den Steg entlang. Doch selbst, als das Schiff noch gute zehn Meter entfernt war, zwang ihn die sengende Hitze der Feuerbrunst, stehen zu bleiben. Mit einer Mischung aus Schock und Ungläubigkeit betrachtete Cedric das Szenario. Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Wie war es möglich, dass binnen von Herzschlägen jede Planke, jedes Holzbrett und das Segel lichterloh brannten?
    Ein weiteres Mal wurden Fragen unwichtig, denn Cedric vernahm einen Schrei. Jener sollte ihm lange im Gedächtnis hängen bleiben, denn es war die panische und schmerzerfüllte Stimme seines Vaters. Der Kapitän des Schiffes war nirgends zu sehen. Zu hoch ragten bereits die Flammen der Feuerbrunst, als das er irgendwo zu erblicken gewesen wäre. Gleichzeitig nahmen sie Cedric jede Chance, irgendwie auf das Schiff zu kommen, ohne sein eigenes Leben dabei zu verlieren. Alles was er konnte war zusehen. Zusehen und lauschen, wie die gequälte Stimme des alten Herrn nach einiger Zeit leiser und leiser wurde, ehe sie letztendlich verstummte. Erst Jahre später würde Cedric es aufgeben, sich immer wieder zu fragen, warum er nicht jeder Vernunft trotzend an Bord gegangen war, um ihn zu suchen. Die Gewissheit, ob es tatsächlich die Angst war, selbst den Feuertod zu erleiden, würde er niemals erhalten. Er würde sich nur erinnern können, wie die ungeheure Hitze ihn aufgehalten hatte und zum Feigling werden lies.
    Geschwächt von dem brennenden Element knickte der Mast des Hauptsegels um und kippte ins salzige Meer. Die stolze Flagge der Esmeralda mit dem Königssymbol glitt sanft durch die Luft und verschwand ebenfalls in den Flammen. Das Knacken des berstenden Holzes erfüllte noch lange die ansonsten so stille Nacht.


    Später würde Cedric nicht mehr sagen können, wie er sich dazu überwunden hatte, den Ort des Geschehens zu verlassen. Wie sollte man sich umdrehen und laufen können, wenn direkt vor den eigenen Augen der wichtigste Mensch auf Erden qualvoll gestorben war? Wie um alles in der Welt hatte er etwas derart widerliches fertig gebracht? Er wusste es nicht, würde es auch in Zukunft niemals wissen, doch irgendwann in dieser sehr späten Nacht stand er wieder im Oberen Stockwerk der Taverne. Der Schlüssel, den er hatte stecken lassen, wartete an selbiger Stelle noch auf ihm. Mit bedrückter Miene und gesenktem Kopf nahm er ihn in die Hand. Cedric hielt inne. Wie zuvor in der Nacht schaute er nach rechts aus dem Fenster. Die Mannschaft der Esmeralda, die die Katastrophe erst viel später bemerkt hatte, war immernoch mit dem löschen des Brandes beschäftigt. Das Feuer war deutlich kleiner, aber noch nicht erloschen. Und die Überreste Gregorios würde man sicher nicht als solche Identifizieren können. Cedric hatte ihnen auf dem Steg keine Aufmerksamkeit geschenkt, als er sie passiert hatte. Sie waren ihm egal. Mit seinem Vater und dessen Schiff wurden ihm Familie und Heimat genommen. Was aus den Männern wurde, war ihm scheißegal. Er wollte weg. Nur weg.
    Mit bebendem Atem wandte Cedric sich von dem Geschehen draußen ab und drehte den Schlüssel um. Das Zimmer das er betrat erhielt keinerlei Beachtung von ihm. Übernachtungszimmer in solchen Tavernen sahen alle gleich aus. So stapfte er mit Blick gen Boden gerichtet zu dem Bett an der gegenüber liegenden Wand und lies sich kraftlos in selbiges Fallen. Die Hände über den Kopf schlagend kauerte er sich zusammen und litt. Er litt unter Schmerzen, die nicht zu beschreiben waren. Es war Leid, welches er seinem Schlimmsten Feind nicht wünschen würde und dass seine Brust zu zerquetschen schien.
    Als er sich auf die Seite drehte und die rechte Hand dabei ausstrecke, spürte Cedric plötzlich etwas. Unerwartet war sein Handrücken auf etwas hartes gestoßen und als er aufblickte, lag neben ihm auf der Decke etwas. Ein Schwert.
    Cedric identifizierte die Waffe sofort, was ihn blitzartig nach oben schießen und aufkeuchen lies. Die simple Schwertscheide war kaum von denen tausend anderer Schwerter zu unterscheiden. Doch dieser mit dunkelbraunen Leder umwickelte Griff mit der dünnen Parierstange...auch der Ansatz der breiten Klinge blitzte hervor. Das war zweifelsfrei Gregorios Waffe.
    Cedrics Emotionswelt brach in einen Trümmerhaufen und Tränen bahnten sich ihren Weg ins Freie, als er begriff. Jahrelang hatte er sich nach Verantwortung ins Form eines eigenen Schwertes gesehnt und nun hatte sein Vater ihm seines zu Abschied hinterlassen. Sie war sein Abschiedsgeschenk, sein Vermächtnis. Die Waffe fest an sich drückend vergrub er das Gesicht im Kopfkissen und gab sich Trauer und Reue hin. So lange, bis sämtliche Tränen, die sein Körper hergeben wollte, vertrocknet waren und ihn nurnoch die jagenden Bilder der heutigen Nacht wach hielten und quälten.

    Hey Rusalka,


    einfach nochmal ein kurzen Dankeschön, dass du so schnell und fleißig kommentierst :)



    Find's ja immer witzig, wenn dann drei Leute reinmarschieren und alle aufmischen (so denke ich bei Filmen und Spielen auch immer). Maximal das könnte ich dir also ankreiden, aber andererseits sollte das auch nicht im Fokus stehen.

    Verstehe hier durchaus, was du meinst, ist aber schon so gedacht. Man wird natürlich noch mehr über die Ritter erfahren und - so viel verrate ich schonmal - lernen, dass es durchaus seine Gründe hat, dass sie beeindruckendes leisten können. Auch ein kämferisch hervorragendes Pokémon wie Lohgock kann viel ausrichten. Aber um dich noch etwas zu beruhigen, in Shounen-Anime ähnlichen 1vs100 Massakern wird das hier nirgends ausarten. ^^



    daher verstehe ich auch seinen Tatendrang. Dass er Komura zurückhält ebenfalls, um seine Ehre im Zweikampf zu zeigen. Letzten Endes war es ja seinem Übermut zu verdanken, dass er nicht ganz ohne Verletzungen aus dem Kampf kam

    Cedric hätte umgehen können, sich in Lebensgefahr zu bringen, wenn er Komura mit eingesetzt hätte. Doch wie in der Vergangenheit angedeuten ist sein Ehrgefühl keinesfalls erloschen. So sehr dies aber Anerkennung verdienen mag, kann es auch als folgenschwerer Fehler enden.



    Überrascht hat mich persönlich, dass er den Tod seines Gegenübers doch sehr gelassen hingenommen hat. Das zeigt, dass er schon oft in solchen Situationen gewesen zu sein scheint, da er sonst definitiv anders reagiert hätte, auch bei seiner Vorstellung am Anfang. Dort hat er den Kampf ja regelrecht herbeigesehnt.

    Es war ja nicht das erste Mal, dass er ein Leben genommen hatte. Und hierbei spreche ich nicht nur von den Dorfbewohnern zu Beginn der Geschichte, auch in (noch) nicht erzählten Ereignissen in seiner Vergangenheit hat er dies getan. Der Unterschied zur Situation jetzt ist ein Feind auf Augenhöhe. Es geht nicht um feigen Mord oder ähnliches, sondern es sind zwei Kämpfer, die zwar unterschiedliche Ziele haben, aber für ihre Sache einstehen und bereitwillig ihr Leben aufs Spiel setzen. Ein Mann, der für seine Überzeugung alles gegeben hat, verdient es einfach nicht bemitleidet zu werden, so kann man das denke ich am besten ausdrücken.


    Was Cedric nun im Inneren des Berges erwartet, steht als nächstes noch nicht ganz im Vordergrund. Aber ich hatte das Gefühl, dass hier kein schlechter Augenblick war, ein-zwei Hintergründe zu erläutern ;)


    Bis zum nächsten Mal.

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart


    12: Jagd in der Dunkelheit



    Eigentlich hätte Cedric müde sein müssen. Doch davon war er weit entfernt. Zwar hatte er vergangene Nacht lange, aber dafür wenig erholsam geschlafen. Der darauf folgende Tag hatte zudem wieder nichts als Strapazen für den Waldläufer übrig gehabt, von denen die meisten eher seinen Nerven galten, anstatt den Muskeln. Und trotzdem war er den ganzen Abend noch unruhig da gesessen, als er von der Kaserne zu Reinholds Haus zurück gekehrt war, um dem Schmied über die Ereignisse zu informieren. Seine Reaktion war zunächst fassungslos, aber nachdem er die Nachricht von der nächtlichen Jagd erstmal sinken gelassen hatte, gewann auch er an Zuversicht.
    „Immerhin bist du mit zwei Rittern unterwegs. Sicherer kann man kaum sein.“, hatte er gesagt.
    Nach einem schnellen Abendessen hatte Cedric kaum die Füße still halten können und gleichzeitig die langen Sommertage verflucht. Als die Sonne schließlich endlich hinter den Horizont gesunken war, die Welt in unheimliches Zwielicht tauchend, konnte er seinem Drang, sich endlich zum vereinbarten Treffpunkt auf zu machen, endlich nachgeben. So unsicher er sich dieses Auftrages am heutigen Nachmittag noch gewesen war, so sehr blickte er ihm nun entgegen. Die Aussicht auf ein besseres Leben hatte einen starken Tatendrang in ihm hervorgerufen. Kombiniert mit dem von Komura ergab sich eine Vorfreude, die Cedric sehr lange nicht mehr erfahren hatte.


    Am vereinbarten Treffpunkt angekommen, wurden Cedric und Komura bereits erwartet. Razton hatte sich im Schneidersitz an die Mauer gelehnt, während Kecigor gelangweilt sein Schwert durch die Luft kreisen lies. Erneut war Cedric erstaunt mit welcher Leichtigkeit er diese riesige Klinge führte. Als er die Ankömmlinge bemerkte lies er diese in der Schwertscheide verschwinden und Razton erhob sich sogleich.
    „Bin ich spät dran?“, erkundigte Cedric sich beiläufig.
    „Nein, schon gut. Ein wenig Ruhe vor dem Abmarsch ist gar nicht schlecht. Bist du bereit?“
    Sicher, dass Kecigor die Anspannung in ihm erkennen konnte, nickte Cedric einfach und folgte dem Ritter zum Stadttor. Mittlerweile wirkte Toldus ziemlich leblos und lies irgendwie die Vermutung aufkommen, dass ein jeder hier wusste, dass heute Nacht etwas passieren wird. Es war, als wollte sich die Atmosphäre der Stadt der Situation anpassen, selbst wenn der Auftrag sie in die Wildnis führte.
    Auch wenn Cedric sich pausenlos Mut zusprechen wollte, konnte der Waldläufer es nicht verhindern, von seiner Nervosität in den Schwitzkasten genommen zu werden. Er hatte ja schon manches erlebt. Aber die heutige Nacht hielt einfach ein völlig neues Ereignis für ihn bereit. Das Kämpfen an sich stellte nicht Neues für ihn dar. Verbündete und Gegner waren so außergewöhnlich für ihn.
    Am Stadtrand angekommen und froh darüber, dass nicht wieder die selben Soldaten Wachdienst hatten, wie am Vortag, wies Kecigor weiter unbeirrt den Weg. Den Männern am Tor, die die zwei Feuerpokémon ehrfürchtig betrachteten, schenkte er keinerlei Aufmerksamkeit, sondern wandte sich draußen bald nach Rechts, Richtung Norden. Ein kurzes Stück der Mauer folgend dauerte es nicht lange, bis sie sich gänzlich im tief dunklen Wald wiederfanden. Ohne ihre beiden Begleiter, die den Weg etwas erleuchteten – Komura erzeugte wie gewohnt einen Flammenkragen, während Raztons Handgelenke Feuer ausstießen – hätte es nur Minuten gedauert, bis sie sich verirrt hätten. Kecigor aber schien genau zu wissen, wohin er die Gruppe führte, brach sein Schweigen aber nicht. Allerdings war Cedric auch nicht nach Reden zumute, wie meistens eigentlich. Doch da er es bislang vermieden hatte, in solch dunklen Nächten, in denen weder Mond noch Sterne hell leuchteten, unterwegs zu sein, war ihm tatsächlich sehr unwohl. Durch die sich fortbewegenden Lichtquellen waren auch sämtliche Schatten ständig in Bewegung, was dem menschlichen Auge immer wieder eine Regung im Dickicht vorgaukelte, während Laub und Zweige unter den Füßen knisterten. Cedric fragte sich, wo er in dieser Dunkelheit den Tatendrang vom Nachmittag verloren hatte. Er schaute rüber zu Komura, der seinen Blick auffing und den Abstand zwischen ihnen etwas verringerte. Ein aufmunterndes Knurren schenkte er ihm ebenfalls. Nur nicht zu nervös werden. Es würde schon gut gehen.


    Nach einiger Zeit – wie lange sie wirklich unterwegs waren, dass konnte Cedric nicht mehr einschätzen – gab Kecigor ihm mit erhobener Hand das Zeichen, stehen zu bleiben.
    „Wir sind jetzt fast da. Achtet nun genau darauf, euch geräuschlos zu bewegen.“
    Mit rasant ansteigendem Puls nahm er es mit einem einfachen Nicken zur Kenntnis. Gleich würde es also losgehen.
    „Razton, geh' schonmal vor.“, wies er zudem an, worauf Lohgock seine Flammen löschte und blitzschnell in der Dunkelheit verschwand. Kecigor wandte sich Cedric noch einmal zu.
    „Besser er löscht sein Feuer ebenfalls.“, wies er mit Blick auf Komura. Die daraufhin einsetzende Finsternis war Cedric unangenehm. Dennoch setzten er und Kecigor weiter einen Fuß vor den anderen.
    „Wir treffen jetzt meinen Kameraden, Marek. Wahrscheinlich weiß er schon, wie wir am besten angreifen sollten. Halte dich einfach an unsere Absprache, okay?“
    Cedric meinte, sein Herz wolle seiner Brust entspringen, so stark pochte es. Doch ein Rückzieher war nun nicht mehr möglich.
    „Alles klar?“, fragte der Ritter nochmals.
    Ein Lächeln.
    Der Waldläufer holte tief Luft, besah sich noch einmal gründlich seiner Situation. Die Nacht, der Wald, der Ritter, sein Pokémon. Dennoch, er war hier, weil er dem zugesagt hatte. Aus freiem Entschluss. Ja, das hier fühlte sich an, wie der Weg, den er gehen wollte.
    Er setzte seine Kapuze auf.
    „Legen wir los.“
    Komura unterstützte ihn mit offenkundigem Tatendrang. Kecigor sah zufrieden aus. So verloren sie keine weiteren Worte, sondern schlichen in die Richtung, in der Razton verschwunden war. Es dauerte nicht allzu lange, bis sie am Fuße einer Bergkette ankamen, die sich von Westen nach Osten zog und wie eine riesige Wegsperre wirkte. In einer natürlichen Senke, die parallel zu einem kleinen Bach verlief, der sich plätschernd bergab schlängelte, fanden sie Razton und einen Ritter mit identischer Rüstung wie Kecigor, der in Richtung des Gebirges spähte und es nicht aus den Augen zu lassen scheinen wollte. Als er die Neuankömmlinge bemerkte, ließ er sich seine Verwunderung entweder nicht anmerken, oder der Anblick von Cedric und Komura überraschte ihn aus irgendeinem Grund nicht wirklich. Wahrscheinlich war er nur auf seine Mission fokussiert. Kecigor konnte sich sein Erscheinungsbild bei der Dunkelheit nicht genau ansehen, aber im Moment gab es ohnehin Wichtigeres, daher gesellte sich geschwind an seine Seite.
    „Gut dass du da bist, Junge. Obendrein mit Verstärkung, wie ich sehe.“
    Seine Stimme war rau, dennoch mit einem angenehmen Ton. Allein an ihr konnte man erkennen, dass er einige Jahre älter als Kecigor sein musste.
    „Er wird uns sicher eine Hilfe sein.“, antwortete er und winkte Cedric näher heran.
    „Mein Name ist Cedric, das ist Komura.“, stellte er sich und seinen Partner schnell vor und reichte ihm die rechte Hand, welche rasch ergriffen wurde.
    „Ich bin Marek, freut mich, dass ihr da seid.“
    Damit war die Vorstellungsrunde in wenigen Sekunden beendet und alle bereits auf die bevorstehende Aufgabe fokussiert.
    „Wie ist die Lage?“, erkundigte sich Kecigor.
    Marek wies auf den Berg, an dessen Fuß ein Rahmen aus dicken Holzbalken zu sehen war, sowie ein Weg, der unter die Erde führte. Er war kaum erkennbar aus dieser Entfernung, so schwach war er ausgeleuchtet.
    „Dort drüben gibt es einen verlassenen Minenschacht, der in den Berg hinein führt. Ein anderer Ort kommt in dieser Gegend als Versteck nicht in Frage. Dort drinnen müssen die Schattenkrieger sitzen.“
    Cedric schaltete sich mit ein.
    „Ist es der einzige Eingang?“
    Marek zeigte in die Richtung, die sich links vom Eingang befand.
    „Etwa zweihundert Meter entfernt ist ein zweiter Eingang. Die Minen sind miteinander verbunden, aber der Hauptschacht befindet sich hier vorne. Zumindest sind das unsere Informationen.“
    „Wir müssen uns also aufteilen.“, schlussfolgerte Kecigor mit Blick auf den Berg und drehte sich dann zu Marek um. „Also, wie genau machen wir's?“
    „Kecigor, wir bleiben zusammen und übernehmen den Hauptschacht. Cedric, deine Aufgabe ist es, den Nebenschacht zu sichern und später zu uns zu stoßen. Ich glaube nicht, dass sich besonders viele Feinde da drinnen aufhalten, aber wenn dort jemand das Sagen hat, wird er sich bestimmt tief in der Mine verschanzt haben. In erster Linie muss du sicher stellen, dass niemand diesen Weg zur Flucht nutzen kann.“
    Da niemand irgendwelche Einwände hatte, verschwendeten sie keine weiteren Worte und machten sich auf den Weg. Während die beiden Ritter zusammen mit Razton gleich den Haupteingang stürmten, begaben sich Cedric und Komura im Laufschritt zum Nebenschacht. Der Waldläufer merkte überrascht, dass seine Nervosität scheinbar gänzlich verflogen war. Kein Herzrasen oder schwache Glieder. Jede seiner Bewegungen wurde von der Überzeugung getragen, etwas richtiges zu tun. Trotz schwachen Lichtverhältnissen verpasste er den gesuchten Eingang nicht und betrat ohne zu zögern den dunklen Schacht, Komura immer direkt in seinem Rücken. Leicht wunderlich, dass keine Wachposten aufgestellt wurden. Vermutlich, damit niemand, der zufällig diese Gegend durchstreifte, auf die Idee kam, dass hier jemand verschanzt wäre.
    Das kühle Gestein des Berges empfing die beiden Ankömmlinge mit sehr milder Temperatur, welche sie leicht frösteln lies. Cedric bemühte sich geräuschlos vorzugehen, um möglichst lange unentdeckt tiefer in das Höhlensystem vordringen zu können. Da Marek und Kecigor mittlerweile schon Aufmerksamkeit erregt haben könnten, hatte er nun die Gelegenheit in den Schatten zu agieren.
    Dann verlangsamte er sein Tempo. Ein starkes Licht am Ende des Ganges wies darauf hin, dass sich dort ein größerer Raum befand. Dicht an die kalte Steinwand gepresst, wagte Cedric sich nun sehr langsam voran.
    „Ich verstehe das Ganze nicht.“
    Cedrics Muskeln stoppten abrupt, als auf einmal diese Stimme durch den Gang hallte. Im Schein des Fackellichtes bewegte sich plötzlich ein Schatten.
    „Sollten wir nicht als geschlossene Einheit agieren, anstatt in den verschiedensten Winkeln verstreut dem Feind Möglichkeiten zum Angriff zu geben? So, wie wir momentan aufgestellt sind, wäre es ein Leichtes, eine Gruppe nach der anderen auszuschalten, selbst für diesen Abschaum.“
    Den Worten folgten ein paar schwere Schritte, sowie das Rascheln von Pergament. Dann schaltete sich eine Stimme ein die wesentlich rauer klang und offenbar einem älteren Mann gehörte.
    „Deine Aufgabe ist, zu gehorchen, nicht zu fragen. Wenn wir den Befehl kriegen, uns aufzuteilen, dann hat unser Meister auch eine genaue Vorstellung, wie er zuschlagen will.“
    Cedric notierte sich geistig jedes einzelne Wort das ausgesprochen wurde. Offenbar hatte dort ein Jüngling der Schattenkrieger Einwände bezüglich der strategischen Position. Allem Anschein nach, waren diese auf einer Landkarte verzeichnet. Cedrics Körper verfiel einem ungeheuren Tatendrang. Sollte es ihm gelingen, diese Karte zu ergattern, wäre das einfach großartig. Da Stehlen und Weglaufen wohl keine Option war, fuhren seine Finger bereits Richtung Schwert.
    „ALARM!“, hallte es plötzlich.
    Cedrics Herzschlag setzte kurz aus. Hektisch sah er sich um. Hatte man ihn entdeckt? Niemand war zu sehen, also wer hatte da geschrien?
    Als seine Ohren vernahmen, wie eine Person ihren Lauf stoppte und schwer atmete, wagte er es, endlich einen Blick in den Raum zu werfen, auch auf die Gefahr, dass sie ihn sofort sehen würden. Zu seinem Glück befand er sich in einem neunzig Grad Winkel zu drei Personen, jede von ihnen in einfacher Tracht aus schwarzem Stoff und Leder. Einer von ihnen war gerade aus einem anderen Tunnel hervor getreten und stützte nun schwer atmend die Hände auf die Oberschenkel.
    „Ein paar Ritter haben den Hauptschacht angegriffen. Es gibt bereits Tote.“
    Ein groß gewachsener Mann mit grauem Haar reagierte als erster.
    „Was heißt 'ein paar Ritter'? Wie viele sind es denn?“
    „Ich weiß nur, dass es mehr als einer sind. Ich konnte allerdings nur einen sehen. Ich bin dann sofort hierher gerannt.“
    Der graue Mann fluchte und wandte sich an den offensichtlichen Jüngling – einem etwas klein geratenen Lockenkopf – und drückte ihm ein zusammengerolltes Pergament in die Hand.
    „Nimm die Karte und flüchte zum nächsten Stützpunkt. Wir dürfen nicht riskieren, dass sie den Rittern in die Hände fällt.“
    Der Angesprochene machte einen nervösen Eindruck, nickte aber und steckte die Karte ein.
    „Sie haben den Nebenschacht wohl noch nicht entdeckt. Wenn wir sie unten einkreisen können, sitzen sie in der Falle.“, fuhr er fort.
    „Los, du kommst mit.“,wies er an und rannte mit dem anderen Mann zurück in den Tunnel.
    Cedric war mittlerweile wieder hinter der Ecke verschwunden. Dabei ertappte er sich selbst, wie ein breites, diabolisches Grinsen sein Gesicht einnahm. War das denn zu fassen?
    Glück, ja so viel Glück hatte er in diesem Moment. Marek und Kecigor mischten weiter drinnen bereits das ganze Versteck auf und lenkten Feinde von ihm ab. Und nun saß eine einzelne Person, jünger als er selbst mit wertvollen Informationen in der Falle. Er sah Komura an. Seine Gesichtszüge waren ähnlich definiert. Das Klimpern und Klappern, das ertönte, als der Junge anscheinend noch ein paar Sachen hastig zusammen wühlte, hörte Cedric schon garnicht mehr. Zum ersten Mal seit langer Zeit war er aufgeregt und freute sich euphorisch, nach seinem Schwert greifen zu dürfen. Er genoss es richtig, die Finger um den Griff zu schließen. Verstecken war nicht mehr notwendig, also trat er hervor, strich sich die Kapuze vom Kopf und zog mit metallischem Kreischen die Klinge seines Vaters hervor. Es war Zeit zum Töten.
    Der Junge erstarrte sofort, als er sich von dem alten Tisch und dem Bücherregal in der Ecke umdrehte und Cedric erblickte. Noch viel ängstlicher beäugte er das Tornupto, das sich angriffslustig neben ihm positionierte und seine Nackenflammen lodern lies.
    „Wer zum Teufel bist du?“, wollte er wissen.
    Cedric entschied sich, nicht zu antworten. Er sah keinen Grund, dies zu tun. Trotz der Schweißtropfen, die seine Schläfe hinab wanderten, lächelte sein Gegenüber aber plötzlich.
    „Nein, du bist kein Ritter.“, stellte er fest.
    „Hat dieser armselige Haufen solch einen Mangel an Männern, dass sie jetzt schon Söldner anheuern?“
    Dass er seine Überlegenheit nur vorgaukeln wollte, entging Cedric nicht. Er wollte verbergen, dass er nervös war, schaffte es allerdings keineswegs. Trotzdem sprach er immer weiter.
    „Was haben die dir geboten? Wahrscheinlich Gold, richtig? Ja, Gold hat dieser korrupte Haufen, wie Heu. Aber du weißt ja gar nicht, mit welch dreckigen Mitteln die daran kommen. Hauptsächlich durch Leute wie dich. Sie arrangieren Fremde für die Drecksarbeit, damit sie sich nicht selbst die Hände schmutzig machen müssen. Ich sage dir, da hättest du es bei uns sehr viel besser. Was würdest du also sagen, wenn...?“
    „Hältst du mich für einen Bauern?“, unterbrach er ihn genervt.
    „Denkst du, ich bin so blöd, dir den Scheißdreck abzukaufen?“
    Der Junge schien einen Moment komplett sprachlos, fing sich erst nach einigen Momenten wieder.
    „Je- Jetzt hör mich doch erstmal zu. Ich kenne eine Menge wichtige Leute bei uns. Ich kann dafür sorgen, dass du wie ein Prinz leben wirst, wenn du uns hilfst. Wenn du ablehnst, wäre das der größte Fehler deines Lebens!“
    Cedric seufzte.
    „Warum redest du so viel?“
    „Hä?“
    „Ich bin nicht zum Plaudern hergekommen. Aber wenn du unbedingt reden willst, dann mach' es während ich dich in Stücke hacke!“
    Mit dieser Drohung nahm er seine Kampfhaltung ein. Mit der linken Schulter Richtung Gegner gewandt und dem Schwert parallel zum rechten Bein, fixierte er sein Gegenüber.
    „Hältst du dich raus?“, erkundigte er sich bei Komura, ohne seinen Blick abzuwenden.
    Das Tornupto sah ihn kurz an, schien zu überlegen und erkannte, dass dies kein Befehl, sondern eine Bitte war. Er wusste um den Wunsch und dem Verlangen nach Ehre, die der Waldläufer anstrebte. Einen einzelnen Gegner mithilfe eines Pokémons zu besiegen wäre feige und niemals in seinem Sinne. Also trat Komura ein paar Schritte zurück. Er würde sicher noch seinen Einsatz bekommen. Cedric nahm dieses Einverständnis mit einem kleinen Lächeln hin und wies ihn an, vorauszugehen und den nächsten Tunnel zu sichern. Komura gehorchte ohne Widerwillen und Cedrics Herz schlug in freudiger Erwartung auf den Bevorstehenden Kampf.
    Sein Gegner hatte offenbar endlich erkannt, dass er sich nicht mit Worten aus der Affäre ziehen konnte und zog zwei Kurzschwerter mit dünner Klinge. Waffen die sehr schnell geführt wurden. Er nahm sich vor, vorsichtig zu agieren.
    „Ist das nicht etwas übermütig, dein Pokémon wegzuschicken? Das erscheint mir sehr arrogant.“
    Cedric sah keinen Grund, sich um diese Worte zu scheren.
    „Zeig, was du drauf hast.“
    Der Junge nahm ihn beim Wort und griff an. Cedric bemerkte, wie er die Schwerter führte. Das in der linken Hand hielt er normal, das Rechte hielt er mit der Rückhand, wie einen Dolch. Sofort ging er in eine schnelle Drehung über, ließ nacheinander die Klingen auf ihn nieder sausen. Einer schnellen Drehung seinerseits folgte eine knappe Abwehr mit seiner eigenen Waffe, ehe Cedric zwei Schritte nach hinten machte um einer Folgeattacke zu entgehen.
    „Schon auf dem Rückzug?“, provozierte der Junge.
    So sehr er auch daneben lag, musste Cedric jetzt schon seine Geschwindigkeit anerkennen. Da er einem beidhändig kämpfenden Kontrahenten gegenüber stand, hatte er sich von vornherein dazu entschieden, zunächst abzuwarten und seine Bewegungen zu beobachten.
    Erneut hechtete er auf ihn zu. Diesmal mit mehr Gewalt als Tempo fuhren zwei überkreuzte Klingen auf ihn nieder. Wieder gelang ihm der Block nur gerade so. Drei Schwerter trafen aufeinander, kreischten schrill, als ihre Besitzer verbissen versuchten, den Gegner zurück zu drängen. Cedric erkannte die zitternden Muskeln in den Armen seines Gegenüber. Also schrie er. Er schrie mit rauer Stimme, entfesselte mehr Kraft und gewann die Oberhand. Langsam drängte er den Jungen zurück, setzte immer schneller einen Fuß vor den anderen und beging dabei einen Fehler. Zu unkoordiniert vorwärts stürmend, gewillt seine Gegner in die Ecke zu treiben, gab sich Cedric eine Blöße. Eine schnelle Körperdrehung ließ seinen Angriff ins Leere laufen, woraufhin wieder Angriffe in Wirbelwind artigen Bewegungen auf in niedergingen. Cedric rollte sich rückwärts ab, brachte so schnell, wie möglich Distanz zwischen die beiden Widersacher.
    Sogleich ging er wieder in seine gewohnte Haltung, erkannte dann aber, dass sein Gegner ihm garnicht hinterher eilte. Mit lockerer Körperhaltung betrachtete der Junge scheinbar fasziniert seine Klingen.
    „Ich glaube ich hatte Recht.“, sagte er. Den Blick von dem rot gefärbten Stahl abwendend, nahm ein bösartiges Grinsen sein Gesicht ein.
    „Du bist übermütig.“, lachte er.
    Cedric verzog nach wie vor keine Mine, auch wenn die Schnitte an seinem Arm und am Bein höllisch brannten. Es war kein unbekannter Schmerz. Doch wenn man einmal die wirklich schlimmen Verletzungen überstanden hatte, begann man, einfachen Schnittwunden keine große Beachtung mehr zu schenken. Es hatte jeweils die linken Glieder erwischt, was er als Glück verbuchen konnte. Hätte es seinen Schwertarm getroffen, wäre die Situation wesentlich schlechter. So war es ein Preis, denn er bereit war zu zahlen. Denn im Austausch für diese Schnitte wusste er nun, wie er diesen Kampf gewinnen konnte.
    Da er in Sachen Geschwindigkeit nicht mithalten konnte, musste Cedric auf seine Überlegene Muskelkraft setzen, ohne ein weiteres Mal so stur vorwärts zu preschen. Zudem vollführte der Junge mit seinen Drehungen scheinbar gerne einen regelrechten Klingensturm, um seine Gegner zurück zu treiben. Ein schwieriger Angriff, wer aber etwas Erfahrung mitbrachte, konnte damit umgehen.
    „Ab jetzt zählt es.“, sagte er nur zu sich selbst und griff nun selbst an.
    Mit nun mehr Acht auf seine Deckung agierte Cedric ab sofort offensiver. Mit fließenden Bewegungen lies er seine Schlagserie nicht stoppen und zwang seinen Gegner zu immer mehr Paraden. Dabei gelang es jenem jedoch nicht, den Verlauf von Cedric Klinge zu stoppen, sondern sie nur wieder und wieder an den seinen abprallen zu lassen. Seine Chance witternd legte der Waldläufer an Kraft zu, indem er durch kurze, kräftige Schreie mehr Gewalt in seine Hiebe setzte. Er musste nicht vorwärts stürmen. Durch seine körperliche Überlegenheit würde sein Kontrahent bald von selbst in die Knie gehen. Wieder stellte Cedric es sich zu einfach vor.
    Der Moment eines Augenblinzeln war es – Cedric hatte noch nicht einmal eine falsche Bewegung vollführt – in dem der Junge aus seiner Deckung brach und offen angriff. Der ersten Klinge wich Cedric aus, indem er seinen Unterleib einzog und somit einem aufgeschlitzten Bauch entging. Als er merkte, dass die zweite Attacke zu schnell kam, um ihr auszuweichen, schnellte seine freie Hand hervor und packte das Handgelenk des Jungen. Sofort lies Cedric sich rücklings fallen, zog den Kopf ein und beförderte seinen Gegner mit einem starken Schulterwurf auf den Boden. Der stöhnte voller Schmerz, als er mit dem Rücken auf das harte Gestein prallte, war allerdings zäh genug, nicht einfach hilflos liegen zu bleiben.
    „Du...!“, keuchte er verärgert und riss sich von Cedric los, rollte sich ab, entkam so dem vernichtenden Schlag und stand sogleich wieder aufrecht in Kampfhaltung. Nun von der Hitze des Gefechtes gepackt, zögerte er nicht, erneut anzugreifen. Dieses Mal attackierte er mit beiden Schwertern zugleich und von beiden Seiten. Ähnlich einer Scherenbewegung sausten die Klingen auf Kopf- und Brusthöhe auf Cedric zu. Abermals nicht in der Lage, beide Hiebe zu parieren, blockte er das Schwert auf Brusthöhe, duckte sich unter dem anderen hinweg und hielt auf die Beine seines Gegners zu. Der lies die Klinge mit einem Sprung ins Leere laufen und benötigte sofort wieder einen festen Stand. Anders hätte er den Folgeangriff, der ihm mit Sicherheit den Schädel gespaltet hätte, nämlich nicht mit überkreuzten Waffen auffangen können.
    Erneut standen sich die Kontrahenten mit rasselnden Klingen gegenüber und blickten einander an. Zornig, verbissen, zielstrebig. All das spiegelten sich in ihrer Mimik wieder und Cedric spürte, wie etwas seltsames von ihm Besitz ergriff. Die Gefahr das eigene Leben zu verlieren mischte sich mit dem Willen, das Richtige zu tun und löste eine Explosion von Emotionen in ihm aus. Er genoss diesen Kampf.
    Der entscheidende Moment wurde schließlich eingeleitet, als sich die beiden Widersacher kraftvoll voneinander abstießen um direkt erneut anzugreifen. Der Jüngling machte einen raschen Schritt in Richtung Wand, fort von Cedric. Schwungvoll sprang er auf den Fels zu, stieß sich mit einem Bein daran ab und katapultierte sich so hoch in die Luft, wie es der Minenschacht zu lies. Mit weit ausgeholten Klingen stürzte der junge Schattenkrieger nun auf Cedric herab. Der wiederum versuchte nicht erst, den Angriff abzuwehren sonder wirbelte zur Seite. Der Moment war gekommen.
    „Zu langsam!“
    Ein Teil der Faszination, die einen Kampf ausmachen konnten, war der kurze Augenblick, in dem urplötzlich alles vorbei war. Der fatale Fehler, er wurde begangen. Das Ergebnis war eine Klinge, die ins Leere ging und eine, die sich blutrot färbte.
    „Das war's.“, brachte der Schwarzgekleidete erschöpft hervor.
    Cedrics Augen wanderten zu Boden.
    „Ja.“, hauchte er.
    „Warum?“
    Cedric ging aus seiner geduckten Haltung hervor und zog mit der Rückhand sein Schwert aus dem Körper des Jungen, der auf die Knie sank.
    „Du wärst sicher einmal ein begnadeter Kämpfer geworden. Nur hast du einen tödlichen Fehler begangen, als du dich auf mich stürzen wolltest. In der Luft bist du an die Schwerkraft gebunden und leicht zu kontern. Kein Stoppen, kein Ausweichen. Du hast dich selbst in eine hilflose Lage gebracht.“, belehrte er ihn, als er sehen konnte, wie das Lebens mitsamt seines Blutes aus dem Körper wich.
    „Ein...“, hustend spuckte er mehr von der roten Flüssigkeit, „beschissenes Ende.“
    In dem Moment, als der Leib leblos zu Boden prallte, wusste Cedric nicht genau, was er fühlen sollte. Freude oder Reue? Welches dieser Beiden hatte gerade die Oberhand. Er war zielgerichtet in diesen Kampf gegangen, hatte es genossen, einem ebenbürtigen Gegner gegenüber zu stehen und hatte einen Feind besiegt. Doch dieser Feind war noch jung, viel zu jung. Er kannte die Umstände nicht, die ihn zu den Schattenkriegern gebracht hatten, doch irgendwie hatte er einen anderen Gegner erwartet. Grummelnd schüttelte Cedric den Gedanken ab. Blödsinn, er war der Feind. Als Mitglied eines Kultes, der sich mit einem Ritterorden im Krieg befand, musste er auf den Tod vorbereitet sein.
    'Soll doch dieser komische Darkrai sich jetzt um ihn kümmern.', dachte er sich, als er in Windeseile seine Taschen durchwühlte. Wichtiger waren die Leben, die es zu schützen galt. Komura, Kecigor, Marek. Sie alle waren aus bestimmtem Grunde hier. Für einen ehrenvollen Sieg.
    „Einen ehrenvollen Sieg.“, murmelte Cedric seine Gedanken nach und hielt inne, als er gerade weiter den Tunnel hinabsteigen wollte. So sehr die Zeit drängte, sah er sein Schwert an, folgte mit seinem Blick den Verlauf des scharfen, robusten Stahls. Ein wenig wie in Trance wischte er das Blut am Ärmel seines Mantels ab und fixierte die halbwegs saubere Klinge. Jene hatte sein Vater ihm damals hinterlassen. Jene wollte er verantwortungsvoll einsetzen um seinen alten Herrn zu ehren. Heute, Jahre später tat er dies zum ersten Mal.
    Mit aufgerissenen Augen hob er das Schwert hoch und Blickte empor auf des Gestein, das den Himmel verdeckte.
    „Siehst du das, Vater? Das ist deine Ehre!“
    Mit schnelles Schritten eilte Cedric tiefer in den Minenschacht.

    Hab mir mit dem Antworten diesmal Zeit gelassem...


    ich war ja schon unheimlich gespannt, was nach dem eher hinterlistigen Ereignis im letzten Kapitel nun mit Cedric und Tristan passieren wird.

    Ja, erstmal nichts. Zumindest nicht durch die gerade Anwesenden, denn beobachtet wurde er von jemand anderes. Die Aktion hat keine direkten Folgen, sondern hat in erster Linie nur die Aufmerksamkeit von jemandem geweckt...



    Dass Cedric schließlich einen Dienst ablegen muss, finde ich verständlich und da kam Kecigors Einwand durchaus rechtzeitig, dass er quasi seine Unschuld ja beweisen kann, indem er an der Mission teilnimmt. In dieser Hinsicht war Ullrich sehr fair. Wenn Cedric nicht überleben sollte, hat er schließlich auch nichts verloren.

    Ullrich ist nicht voreingenommen oder parteiisch. Er hat sich sein eigenes Bild gemacht und bei Tristan zum Dank für seine Hilfe ein Auge zugedrückt. Diesen Bonus hat Cedric bedauerlicher Weise nicht, was ihn in eine Sackgasse stellt. Dass Kecigor sich hier eingeschaltet hat, kann natürlich nun gut oder schlecht für ihn sein, je nachdem wie die Geschichte ausgeht.



    Angesichts dessen, dass auch Kecigor ein Pokémon an seiner Seite (passend, dass er als Ritter der Flamme Lohgock als Partner schätzen darf), verwundert es mich auch nicht, dass Pokémon unter den Rittern gar nicht als zu fremd angesehen werden. Hier mag ich es, dass du zum einen die Mythologie wieder rein bringst und auch erwähnst, dass es Cedric eigentlich nicht kümmert, da er nicht gläubig ist. So merkt man auch von Anfang an seine Motivation, nicht sofort zustimmen zu wollen, damit er von seiner Schuld befreit ist.

    Pokemon bietet eine Plattform, die sich unfassbar gut für alte Mythologien und weiteres verwenden lässt. Damit kann man wunderbare Grundsteine für eigene Ideen im Pokemonuniversum legen. In diesem Bereich entstehet bei mir immer der beste Schreibfluss.
    Cedric hatte wenig bis gar keinen Grund, um eine Verbindung zur Religion aufzubauen, daher ist es nur logisch, dass er nicht direkt angetan von all dem ist. Doch schon bald wird er sehr viel offener für neues sein müssen.



    Übrigens war es nett, dass Komura Cedric ein bisschen angetrieben hat. Eventuell hätte hier Kecigor eine kleine Reaktion zeigen können, dass er den schlagkräftigen Austausch zumindest mit einem interessierten Blick verfolgt. Er wird ja selbst auch wissen, wie ungestüm so ein Pokémon sein kann.

    Oftmals drifte ich etwas beim Schreiben ab und denke mir, dass ich den Pokemon bisher etwas zu wenig Aufmerksamkeit gebe, weshalb Aktionen wie diese manchmal erst im Nachhinein eingefügt wurden. Das mit Kecigor wäre nicht schlecht gewesen. ^^

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka @southheart



    11: Ein Auftrag für die Freiheit



    Cedric musste sich eingestehen, dass er etwas Glück hatte. Einen Notfallplan hatte er nicht parat gehabt, für den Fall, dass Tristan oder Kecigor den Verdacht schöpfen könnten, dass er von Beginn an nie vorhatte, Mira am Leben zu lassen. Doch nicht nur, dass sie seine Ausrede vonwegen „zur Sicherheit bewachen“ akzeptiert hatten, sie stellten auch keine Fragen mehr, als Komura nach kurzer Zeit zu ihnen aufgeschlossen hatte.
    „Gut, dann auf zur Kaserne.“, hatte der Ritter nur gesagt.
    Am meisten hatte er ja befürchtet, Tristans Nachtara Maros könnte den heimlichen Mord vermuten. Ein Blick auf die Nachtkatze brachte keine Erkenntnisse, es setzte seelenruhig eine Pfote vor die andere, ohne erkennbare Anspannung. Generell strahlte es eine unglaubliche Ruhe aus, ließ sich aber sicherlich nicht leicht täuschen. Cedric war sich sogar ziemlich sicher, dass er zumindest etwas ahnte, zugleich aber auch dankbar, dass es Maros offenbar nicht kümmerte. Schon einige Male wirkte er ausgesprochen teilnahmslos. So, als stünde er weit über dem, was die Menschen um ihn herum taten. Etwa Überheblichkeit? Wer wusste das schon.
    Mit der geistigen Notiz, das Unlichtwesen nicht zu unterschätzen, stieg Cedric nun samt Begleiter die massiven Stufen hinauf, die zur Kaserne führten. Das mächtige Bauwerk bestand fast ausschließlich aus gemeißeltem Stein und machte einen anschaulichen Eindruck, war jedoch etwas abseits der Wohnhäuser und des Marktplatzes errichtet worden und versteckte sich somit in der Ecke zwischen der Nord- und der Westmauer von Toldus. Das Eingangstor, welches laut Tristan fast immer für die Bürger geöffnet war, führte direkt in den Innenhof, wo ein paar Ausbilder in gerade damit beschäftigt waren, bei einigen Soldaten die Schwertkünste oder Treffsicherheit mit der Armbrust zu beäugen. Die Holzpuppen sowie die Bretter mit den aufgemalten Zielscheiben waren bereits stark ramponiert. Zudem hingen an allen vier Wänden des Innenhofes die dunkelroten Banner mit goldenen Linien, die das Königliche Wappen darstellten.
    „Wir sind nicht auf dem Bauernhof, also hör' auf, das Schwert wie eine Mistgabel zu schwingen.“, hörte er jemanden sagen und korrigierte die Bewegungsabläufe eines Mannes, dessen Schwertstil Cedric eben noch als ziemlich gut empfunden hatte.
    Da war sie wieder, die verdammte Nervosität. Er hoffte inständig, dass hier nicht alle so streng waren, insbesondere der Kommandant.
    „Cedric?“, hörte er Kecigors Stimme und bemerkte im gleichen Moment, dass er beim Zusehen der Soldaten stehen geblieben war. Er deutete auf eine offene Tür auf der linken Seite, hinter der sich wohl Kommandant Ullrichs Gemach befinden musste. Komura lief unbeirrt voraus und trat vor Cedric in den Raum ein, der sich als sehr schlicht bezeichnen lies. Ein Holztisch der allerlei Kleinkram stemmte, Truhe, Buchkommode, Waffenständer in der Ecke und eine Karte des Reiches an der Wand. Im Grunde nicht anders, als man sich eine Kaserne von innen vorstellte. Eine weitere, jedoch verschlossene Tür zu seiner Linken war mit dem Schild „Kerker“ versehen. Hinter ihm hörte er, wie Kecigor die Eingangstür schloss, nachdem er ebenfalls eingetreten war.
    „So, ihr seid also die Männer, die bei meinen Leuten für solchen Ärger gesorgt hatten.“, sprach Ullrich, der seine Lektüre auf den Tisch warf und an Tristan und Cedric herantrat. Ihre Pokémon hatten sich an der Seite ihres jeweiligen Herren platziert.
    Der Anführer der Stadtwache war ein recht groß gebauter Mann, dessen schwarzes Haar bereits Grautöne preis gab und dessen Alter durch grobe Gesichtszüge auf der Sonnengebräunten Haut verraten wurde. Dennoch stand er ihnen kräftig und stolz gegenüber, wie man es von einem Kampferfahrenen Hauptmann erwartete. Seine Rüstung war ein verbessertes und schwereres Modell derer, die seine Untergebenen trugen. Weniger braunes Leder, dafür umso mehr dunkelgrauer Stahl über dunkelrotem Stoff, der die Farbe des Königshauses repräsentieren sollte. Cedric war sich sicher, dass dieser Mann ihm in kurzer seit Bekanntschaft mit dem Pflasterstein machen lassen könnte, sollte er sich in diesem Gespräch im Ton vergreifen. Die Tatsache, dass niemand sie aufgefordert hatte, ihre Waffen abzulegen, sprach für sich. Wie allerdings zu erwarten war, wandte er sich zuerst der bekannten Person und sprach zuerst nur mit dem Schwarzgekleideten.
    „Ich hatte gehofft, dich unter fröhlicheren Umständen wiederzusehen, Tristan.“
    „Und ich hatte gestern gehofft friedlich meine Heimat erreichen zu können, somit haben wir wohl beide kein Glück.“
    Ihm war deutlich anzumerken, dass er darauf achtete, in welchem Ton er sprach. So schaffte er es, diese freche Antwort weniger provozierend klingen zu lassen. Auch wenn die Beiden sich kannten, den Rang, den Ullrich trug sollte man besser in Erinnerung behalten, wenn man mit ihm sprach.
    „Mir wurde gesagt, dass du gestern mit der Wache des Südtores gekämpft hast. Ist das war?“
    „Ja.“, antwortete er knapp.
    „Und du hast sie verletzt und letztendlich den Sieg errungen.“
    „Ja, das stimmt.“
    Cedrics Herzschlag gewann an Geschwindigkeit und er fragte sich, was Tristan da genau machte. Anstatt zur Sprach zu bringen, wer diesen Kampf gefordert hatte, beließ er es bei knappen Antworten, die ihn zunehmend in ein schlechtes Licht rückten. Immerhin machte Ullrich noch keine Anstalten, ihn zu verurteilen.
    „Wie kam es zu der Auseinandersetzung?“
    Erst jetzt musterte der Kommandant Tristan sehr präzise, schien vielleicht auf etwas in seinem Gesicht zu achten, das eventuell auf eine Lüge hinweisen könnte.
    „Er wollte uns und vor allem diese beiden Pokémon“, er deutete auf Maros und Komura, „nicht durch lassen. Dann schlug er den Kampf vor.“
    Ullrich ging in die Hocke und besaß sich der beiden Wesen sehr genau. Im Gegensatz zu Maros, der miauend und völlig harmlos erscheinend da saß, machte Komura sich keinerlei Mühe, sich wie ein nettes Schmusetierchen zu präsentieren. Den scharfen Blick des Mannes konterte er mit dem kurzen Ausstoß einer kleinen Flamme. Er zeigte sich unbeeindruckt.
    „Nun zu dir, wie ist dein Name?“, forderte er jetzt von Cedric zu wissen, nachdem er sich wieder zu voller Größe aufgerichtet hatte.
    „Cedric, und ich möchte nochmals klarstellen, dass wir nicht diejenigen waren, die als erste das Schwert gezo-“
    „Antworte nur auf die Frage, die ich dir stelle und hülle dich ansonsten in Schweigen.“, befahl er mit autoritärer Stimme.
    „Warum hast du mitgekämpft? War es wegen diesem Tornupto?“
    Als sein Blick erneut auf Komura fiel, stieß dieser ein kurzes Knurren aus. Cedric ermahnte ihn prompt.
    „Ruhig. Mach es nicht noch schlimmer.“
    Ullrich hob eine Augenbraue.
    „Als der Kampf beendet war, wollte einer der Männer Tristan angreifen, als er ihm den Rücken kehrte. Ich sah es als meine Aufgabe, ihn davon abzuhalten und stürmte auf ihn los. Eine Verletzung habe ich ihm nicht zugefügt.“
    „Verstehe.“, murmelte Ullrich und trat Kinn kratzend zurück an seinen Tisch, wo die Steckbriefe von ihm und Tristan lagen. Nach Momenten des Betrachtens, die sich nach Cedric Zeitempfinden ewig hinzogen, ergriff er wieder das Wort.
    „Ich habe meinen Männern genau die gleichen Fragen gestellt, wie euch. Wie befürchtet, unterscheiden sich die Aussagen in den entscheidenden Punkten voneinander.“
    Cedric und Tristan tauschten einen Blick aus. Das war ja zu erwarten gewesen. Wahrscheinlich hatten sie die Geschichte total verdreht um sich von jeder Schuld frei zu sprechen. Cedric ballte die Fäuste bei der Vorstellung, wie der zwei Wachmänner ihrem Anführer ihre erlogenen Schuldzuweisungen überbracht haben. Das würde er nicht auf sich sitzen lassen, niemals!
    „Was haben die erzählt? Dass wir sie etwa grundlos angegriffen haben? Das ist lächerlich, wir haben uns nur selbst verteidigt. Eigentlich dürften wir hier garnicht stehen.“
    „Das sagst du. Nur bin ich es, der nun zwischen den Aussagen zweier meiner Männer und den euren entscheiden muss. Ihr könnt mir den ganzen Tag Geschichten erzählen, am Ende liegt die Entscheidung bei mir.“
    Danach herrschte einen ganzen Moment lang Stille im Raum. Cedric sah ein, dass Diskussionen ihn nicht weiter bringen würden. Neutral betrachtet musste er eingestehen, dass Ullrich nicht falsch handelte. Seinen eigenen Männern eher zu glauben als einem Fremdling wäre nur verständlich. Üble Befürchtungen setzten seinen Nerven weiter zu und beschleunigten ununterbrochen seinen Herzschlag. Sicher lag ihm bereits der Schweiß auf der Stirn.
    „Verbrechen gegen die Stadtwache gehören zu den schwersten, die begangen werden können.“, holte Ullrich schließlich aus und sah anschließend Tristan an.
    „Ich habe mich nicht entschieden, wem ich letztendlich glauben soll. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen beiden Geschichten. Aber da du und dein Nachtara uns und der Stadt einmal einen großen Dienst erwiesen hast, werde ich Gnade vor Recht walten lassen. Ein Gefallen, den ich dir kein weiteres Mal erteilen kann, also halte den Ärger von dir fern.“
    Als ob er bereits damit gerechnet hatte, nahm Tristan diese Botschaft mit einem einfachen Nicken hin. Dann sah er mit einem Seitenblick zu Cedric.
    „Gilt das auch für ihn?“
    „Nein.“
    Unfassbar, wie schwer Cedric nur durch ein einzelnes Wort verunsichert werden konnte. Es hatte sich wie ein Hammerschlag auf seiner Brust angefühlt. Ullrichs Gedanken waren nachvollziehbar und er war dankbar, dass er sich nicht vollständig auf die Aussage seiner Soldaten stützte. Seine Gnade gegenüber Tristan war ebenfalls eine gute Geste, doch dass ihm selbst das nicht helfen würde, war vorherzusehen.
    „Eine gute Tat seinerseits wird dich nicht aus der Affäre ziehen, verstanden? Du solltest wissen, dass sich man als Fremder nicht sofort in einen Kampf mit der Miliz einmischt. Ich werde dich dafür zur Rechenschaft ziehen.“
    Cedric wollte widersprechen, wollte ihm erneut sagen, dass er keinen Kampf gesucht hatte, sondern einfach nicht mit ansehen konnte, wie ein besiegter Soldat einen Mann angriff, der ihm den Rücken gekehrt hatte. Doch es würde nichts bringen. Er merkte schon, das Wiederworte bei Ullrich im Keim ersticken würden und er sich nicht durch Bitten oder Proteste umstimmen lassen würde. Tristan versuchte es dennoch.
    „Ich bitte darum, diese Entscheidung zu überdenken. Cedric hatte am allerwenigsten Schuld an diesem Vorfall.“
    Seine Stimme war kleinlaut, als wüsste er schon, dass seine Bitte nicht erhört werden würde. Ein Vorahnung, die sich natürlich als Wahrheit herausstellen sollte.
    „Mein Entschluss steht fest.“, gab er mit erhobener Stimme von sich.
    „Jede gute und schlechte Tat in dieser Stadt wird ihre Konsequenzen nach sich ziehen.“ Vorwurfsvoll hielt er ihm Cedrics Steckbriefe entgegen.
    „Er kam hier an und hat es in nur einem Tag geschafft, hier auf den Steckbriefen zu landen. Das kann ich nicht ignorieren und er hat uns keinen Dienst wie du erwiesen, der dies wett machen kann.“
    Cedric war am Boden. Alles was er erhofft hatte hier zu finden – ein neues Leben, in dem er ehrliches Gold verdienen konnte und das mehr Sinn hatte, als sein altes – lag als Trümmerhaufen vor seinem inneren Auge.
    Seine Augen wanderten zu Komura hinab, der Ullrich wütend fixierte. Cedric kraulte ihn mit der rechten Hand im Nacken, was ihn dazu brachte zu ihm aufzuschauen. Alles, was das Tornupto sah, war sein Herr, der das Gesicht in der noch freien Hand vergraben hatte, wissend, dass er es dieses Mal vermasselt hatte.
    „Und wenn er es würde?“
    Alle Augen im Raum wanderten schlagartig zu der Quelle der Stimme, die so unerwartet die Stille durchbrochen hatte. Kecigor lehnte an der Wand neben der Tür und hatte sich der allgemeinen Aufmerksamkeit komplett entzogen. Nun aber ruhten die Blicke aller Anwesender auf dem Ritter, der sich von der Wand abstieß und in die Mitte des Raumes trat.
    „Was, wenn er sich ebenfalls in den Dienst der Stadt stellen würde? Kann er es auf diese Art wieder gut machen?“
    Wieder hob Ullrich eine Augenbraue, verengte zudem die Augen zu schmalen Schlitzen.
    „Fast würde ich glauben, dass du vorschlägst, ihn bei der Miliz aufzunehmen, aber ich glaube, du hast etwas besonderes im Sinn.“
    „Wir haben ja bereits erzählt, warum wir hier sind.“, deutete Kecigor wohl auf eine zuvor geführte Unterhaltung.
    „Ich würde ihn gerne mit auf meine Mission nehmen, wenn das in Ordnung ist.“
    Cedric starrte ihn entgeistert an. Wovon redete Kecigor da? Wieder gut machen? Was für eine Mission? Es fühlte sich an, wie eine Ewigkeit, bis Ullrich eine Antwort gab.
    „Ich bin nicht dazu berechtigt, mich dem Vorhaben eines Ritters in den Weg zu stellen. Wenn ihr es wünscht, werde ich ihn euch überlassen. Was mit ihm danach passieren wird, hängt zunächst einmal davon ab, ob er am Leben bleibt.“
    Cedric stockte der Atem. Hatte er sich soeben verhört? Auf einmal sollte er zwischen dem Knast und seinem möglichen Tod entscheiden? Natürlich wollte er etwas sagen, wurde aber an der Schulter gepackt, ehe er einen Ton heraus bringen konnte.
    „Komm mit.“, sagte Kecigor nur.


    „Was sollte das gerade eben?“
    Keine Sekunde hatte Cedric verstreichen lassen, seit sie alle wieder den Innenhof betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatten, um seine Frage zu stellen. Einerseits freute er sich, dem Kerker entronnen zu sein, andererseits fragte er sich, welches Schicksal er dafür gezogen hatte. Ihn für seine Eigene Mission zu beanspruchen, von der er nicht die leiseste Ahnung hatte und seinen Tod bedeuten könnte, erschien Cedric wenig reizvoll. Im Knast war man wenigstens am Leben.
    Kecigor führte die Gruppe, entgegen Cedrics Erwartung, nicht aus der Kaserne heraus, sondern hielt quer über den Innenhof auf einen Durchgang in der Mauer zu.
    „Nun erzähle mir nicht, dass du es vorziehen würdest, verhaftet zu werden, anstatt mir bei meiner Aufgabe zu helfen.“, antwortete er, ohne sich umzudrehen.
    „Ich wüsste einfach gerne, um was für eine Aufgabe es sich dabei handelt, verstehst du? Was meinte Ullrich mit am Leben bleiben?“
    „Wenn ich mir nicht sicher wäre, dass du es schaffst, würde ich dich nicht mitnehmen.“
    Cedric riss langsam ernsthaft der Geduldsfaden.
    „Jetzt sag mit endlich, was du vorhast.“
    Mit diesem Satz waren sie am Ende des Durchgangs angelangt und betraten einen kleinen Platz am Rande der Kaserne, der einen Überblick über die Häuser von Toldus gewährte. Der eigentliche Blickfang war jedoch etwas ganz anderes. Nahe der Wand ruhte sitzend eine Kreatur, die sich, als sie die Ankömmlinge mit scharfen Augen wahrnahm, zu imposanter Größe aufrichtete, was Cedric versteinern lies und Komura in Alarmbereitschaft versetzte. Allerdings nur für einen Moment bis Kecigor sich dem Lohgock selbstbewusst näherte.
    Das zirka zwei Meter große Pokémon wirkte vom Anblick sehr humanoid, wies mit seinen scharfen Klauen und dem Schnabel gleichzeitig die Züge eines Raubvogels auf, der seine Flügel abgeworfen hatte. Stattdessen besaß es eine Art Mähne am Rücken, die sich in zwei Hälften teilte. Der Körper wies durch seine rot-gelbe Färbung deutlich auf das Feuerelement hin, welches dieses Pokémon in sich trug. Cedric glaubte sich zu erinnern, dass sich Lohgock aus einem kleinen Feuerküken entwickelte. Eine eindrucksvolle Evolution, wie er empfand.
    Kecigor trat nahe an das Feuerpokémon heran und wandte sich Cedric zu.
    „Das hier ist Razton und beginnend mit ihm erkläre ich dir, wer wir sind, was unsere Aufgabe ist und was wir heute Nacht tun werden.“
    Cedric reagierte zunächst nicht auf seine Worte, denn seine Aufmerksamkeit galt nach wie vor dem Lohgock, das Kecigor ihm als Razton vorgestellt hatte. Nur zögerlich fand er seine Sprache wieder.
    „Also haben Ritter auch Pokémon als Partner?“
    „Manche.“, antwortete er zunächst nur knapp.
    „Ich habe dich mir heute als Ritter der Flamme vorgestellt, falls du dich daran erinnerst.“
    Nach kurzem überlegen stellte Cedric fest, dass er Recht hatte, nur hatte er es heute Mittag vermieden, nach dem Hintergrund zu diesem Namen zu fragen, da er sich in diesem Augenblick mehr Sorgen um sich selbst gemacht hatte. Nun aber interessierte es ihn, was hinter dieser Bezeichnung steckte.
    „Schonmal vom dem Phönixgott Ho-oh gehört?“
    „Ich bin kein gläubiger Mensch.“, sagte Cedric, ohne wirklich über diesen Namen nachzudenken. Er war sich allerdings sicher, ihn schon gehört zu haben.
    „In unserer Mythologie ist Arceus der Schöpfer allen Lebens, wie du vielleicht weißt.“, begann Kecigor zu erklären. Cedric nickte.
    „Ho-oh ist der Phönix, der seinem heiligen Wort direkt gehorcht und dessen Flammen ebenso Leben nehmen, wie geben können. Zu ihm beten wir und für seinen Ruhm ziehen wir in die Schlacht.“
    Cedric musste sich bemühen, nicht mit den Augen zu rollen, doch als er diese Worte hörte, musste er an all die verblendeten Wahnsinnigen denken, die ihr Leben irgendwelchen Gottheiten gewidmet hatten und so aufhörten, wirklich zu leben. Ganz zu schweigen von dem gottesfanatischen Pack, das ihn im Wald hatte erhängen wollen.
    „Wenn es euch Spaß macht.“, sagte er schließlich mit gleichgültigem Tonfall.
    „Ho-oh existiert.“, sprach Kecigor , der bereits verstanden hatte, dass Cedric nicht an die Götter glaubte, und ballte entschlossen eine Faust.
    „Durch den Bund mit seinem Feuer, den jeder von uns eingegangen ist, verleiht er uns die Gabe, diese Flammen in Form von Magie einzusetzen. Und diese Verbundenheit mit dem Feuer führte dazu, dass einige Ritter in den Feuerpokémon einen wertvollen Gefährten fanden, der sie nun durch ihr Leben begleitet. Es trifft nicht auf alle zu, doch ich hatte das Glück Razton zu treffen, sowie du dein Tornupto.“
    Cedric hörte interessiert zu. Als dieser von ihm so angezweifelte Glaube in Magie überging, wurde er plötzlich hellhörig. War das etwa wirklich ein Beweis, dass dieser Gott existierte? Diese Frage hatte er sich bis zu dem Moment gestellt, in dem Kecigor Komura ansprach.
    „Willst du damit behaupten, ich wäre von Ho-oh erwählt, oder so etwas?“, fragte er gereizt.
    „Keinesfalls, auch wenn es nicht auszuschließen ist.“
    „Den Gedanken kannst du gleich wieder vergessen, ich bin kei-“
    „Ich weiß.“, unterbrach er ihn.
    „Und darum geht es auch nicht. Das du ein Feuerpokémon an deiner Seite hast, kann genauso gut ein Zufall sein.“
    Cedric beruhigte sich und sah Komura an, der ihn mit großen Augen anstarrte. Obwohl er sich seiner Aussage sicher war, konnte er es nicht vermeiden, sie dennoch zu hinterfragen. Folgte er ihm wirklich, weil er, wie Kecigor es formuliert hatte, mit dem Feuer verbunden war? Nein, das konnte nicht sein. Eine solche Bindung besaß er nicht, er war kein Ritter.
    „Jedenfalls,“ fuhr Kecigor fort, „gibt es mehrere Gilden, die ihr Leben den Göttern widmen. Leider gehören dazu auch Menschen, die sich den dunklen Gottheiten verschrieben haben.“
    Cedric runzelte die Stirn.
    „Dunkle Gottheiten?“
    Er nickte.
    „Ho-oh ist der Gott der Flamme und des Lebens. Einer seiner größten Widersacher ist der Gott aus den Schatten und der Finsternis, Darkrai.“
    Kecigor machte eine kurze Pause um die Worte sinken zu lassen. Cedric fühlte sich aus unerklärlichen Gründen unwohl. Darkrai. Nie hatte er diesen Namen gehört, noch weniger hatte er eine Ahnung davon, wer oder was genau dieser Gott war. Doch allein sein Name verschaffte ihm ein mulmiges Gefühl. Er jagte einem die Panik eines gehetzten Beutetieres ein, welches nicht vor seinem Angreifer davonlaufen konnte. Als er dies zu erkenne schien, fuhr Kecigor fort.
    „Ein unheimlicher Gott, doch auch er hat seine Anhänger. Menschen, die die Dunkelheit lieben und in den Schatten leben. Sie sind seit der Entstehung unseres Ordens unsere Feinde. Wir nennen sie ganz einfach Schattenkrieger.“
    Cedric wusste langsam nicht mehr, wie er all dies verarbeiten sollte. Ritter, die einem Phönix dienten und Schattenkrieger, die dunkle Götter anbeteten. Viel war er bereits herum gekommen, doch das sprengte den Rahmen seiner Vorstellungen.
    „Das ist also deine Mission? Diese Leute aufzuspüren und zu verhaften?“
    „Sie zu töten.“, korrigierte er.
    „Moment, soll das heißen, es gibt welche davon in dieser Stadt?“
    Ein Hauch von Panik schwang in seinen Worten mit, doch Kecigor schüttelte ruhig den Kopf.
    „Meistens leben sie an menschenleeren Orten, um unentdeckt zu bleiben. Unsere Späher haben jedoch ein Versteck ausfindig machen können. Die Siedlung, die diesem Versteck am nächsten liegt, ist Toldus.“
    „Und warum brauchst du mich dafür? Du hattest doch etwas von einem anderen Ritter erzählt, mit dem du hergekommen bist.“
    „Das stimmt, er bewacht in diesem Augenblick das Versteck. Wir haben vereinbart, dass er prüft, ob sich tatsächlich jemand dort befindet und ich später zu ihm stoße. Und um ehrlich zu sein brauchen wir dich nicht zwingend, ich dachte mir aber, dass dir das lieber ist, als hinter Gittern zu sitzen.“
    Ein Ausdruck des Grübelns legte sich auf Cedrics Gesicht. Nun, da er den Auftrag der beiden Ritter kannte, war die Entscheidung dennoch keine einfache.
    „Du kannst gerne zu Ullrich zurück gehen und ihm sagen, dass du es dir anders überlegt hast, wenn du das möchtest. Aber wenn wir heute Erfolg haben, wird es nicht dein Schaden sein. Es ist eine blutige, aber vor allem ehrenvolle Aufgabe.“
    Geistesabwesend starrte Cedric gen Himmel, wo nur vereinzelte strahlen der Nachmittagssonne ihren Weg durch die Lücken der Wolken fanden, um den Tag wenigstens ein bisschen zu erhellen. So unpassend es vielleicht gerade sein mochte, er erlaubte es sich, zu lächeln. So ereignisreich war sein Leben in nur zwei Tagen geworden und nun lag es an ihm eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. Niemand konnte ihm sagen, was passieren würde, wenn er einwilligte mitzukommen. Gesund und lebendig im Gefängnis zu sitzen war immer noch besser als der Tod. Sollte er es aber schaffen am Leben zu bleiben, wer wusste schon, was sich ihm danach bieten könnte. Hatte er nicht noch gestern gesagt, dass nun alles anders werden sollte? Dass er nicht mehr von Stadt zu Stadt trotten, dort einen kurzen, dreckigen Aufenthalt fristen und dann weiterziehen wollte?
    Mit Herzklopfen fuhr er über den Griff des Schwertes, das alles war, was noch an seinen Vater erinnerte. Genau, Cedric wollte einen Weg finden, stolz sein zu können, dieses Schwert einzusetzen. Er konnte nicht auf einen Schlag wieder gut machen, was er damals getan hatte, doch es wäre immerhin ein Anfang. Ihm bot sich eine Chance, die er vielleicht nicht mehr bekommen würde, sollte er jetzt ablehnen. Wieder tauschte er mir Komura einen Blick. Das Tornupto sah, was seine Augen ausdrückte und kam langsam auf ihn zu, nur um ihn kräftig mit dem Kopf zu stoßen. Cedric taumelte etwas zurück.
    „Was ist jetzt schon wieder mit dir?“
    Wütende Laute waren die Antwort. Komura kam mit schnellen Schritten auf ihn zu und richtete sich zu voller Größe auf, stemmte gleichzeitig seine Vorderläufe gegen seine Schultern und drückte ihn von sich weg. Cedric befürchtete zunächst nach hinten zu kippen, konnte seinen Stand aber gerade noch festigen.
    „Was willst du, huh?
    Cedric reizte das ganze allmählich und breitete herausfordernd die Arme aus. Zwar zeigte Komura die letzten Tage den gewohnten Gehorsam, hatte aber ansonsten nur merkwürdige Blicke und abwesendes Verhalten für ihn übrig gehabt. Was zum Henker war sein Problem? Bestimmt sah es für die Anwesenden so aus, als wollte Cedric sich gleich mit dem Pokémon prügeln. Sie konnten noch nicht wissen, dass er und Komura manchmal auf ruppige Art und Weise ihre Differenzen klärten.
    In dem Moment wurde Cedric aber etwas klar. Komura stemmte sich immer so gegen seinen Oberkörper, wenn er etwas von ihm verlangte. Normalerweise hielt er dem Druck und Gewicht des Feuerpokémons stand, eben hätte es ihn beinahe dem Boden näher gebracht. Cedric meinte in diesem Moment etwas anderes in den Augen seines Partners zu erkennen. Der Blick war herausfordernd aber nicht mit Aussicht auf eine Streiterei. Vielmehr kam es ihm vor, als wollte er ihm sagen, dass er sich endlich zusammenreißen und standhaft bleiben solle. Zögere nicht mehr. Wage endlich den Schritt. Mach etwas aus deinem Leben. Und Cedric musste zugeben, dass er in letzter Zeit oft zögerlich, misstrauisch und nervös gewesen war.
    Mit einem Lächeln kraulte er dankbar den Hals des Tornuptos. Er sehnte sich nach Unbekümmertheit und einer Aufgabe für sein Leben. Es war unnötig so lange über das Angebot nachzudenken.
    „Wann brechen wir auf?“, fragte er, ohne seine Augen von denen Komuras zu lösen. Sie wirkten zufrieden und voller Vorfreude.
    „Bei Sonnenuntergang werden wir von hieraus losziehen.“
    Nickend nahm Cedric es zur Kenntnis.
    „Dann viel Spaß, aber ohne mich.“
    Einen Moment brauchte Cedric um zu registrieren, wer da gesprochen hatte, bis ihm dämmerte, das Tristan die ganze Zeit schweigend hinter ihm gestanden hatte. Verblüfft über den Ton in dem er Sprach, drehten er und Kecigor sich zu ihm.
    „Du hast keine Schuld bei der Stadt zu begleichen, daher zwingt dich niemand mitzukommen. Ich würde deine Stärke allerdings willkommen heißen, wenn du doch mitkommen willst.“, sagte der Ritter. Tristan allerdings winkte gleich ab und wandte sich zum gehen. Maros folgte ihm still.
    „Vergesst es. Ich jage doch nicht den Anbetern des Totengottes hinterher.“
    In Cedrics Ohren klang es nicht, als hätte er Angst. Vielmehr schwang eine Menge Lustlosigkeit in seiner Stimme, was mehr als verwunderlich bei ihm war. Allerdings wunderte er sich ebenfalls, warum er so reagierte.
    „Ich denke, ihr beide seid alte Freunde. Warum willst du ihm dabei nicht helfen, Tristan?“
    „Ich mache es einfach nicht.“, stellte er lauthals klar.
    „Viel Glück.“, sagte er dann nur und bog um die nächste Ecke, hinter der die große Treppe Richtung Wohnhäuser und Stadttor führte.
    Zurück ließ er zwei schweigende Männer mit ihren Pokémon, die ihm lange hinterher schauten. Beide wollten sie gerne wissen, was bei Tristan ein solch abblockendes Verhalten verursacht haben könnte, doch waren sie gleichermaßen ratlos.

    Nach einem so entspannten Sonntag, wie heute will ich mich deinem Kommentar natürlich gerne noch annehmen, Rusalka. ^^


    Kecigor macht dabei die meiste Zeit einen recht kumpelhaften Eindruck, wobei für ihn besonders die Gerechtigkeit im Vordergrund steht, wie man am Ende des Kapitels sieht.

    Auch wenn er hier auf einen alten Bekannten trifft, darf selbst ein junger Ritter nie seine immer geltenden Pfilten und Prinzipien vergessen. Ich werde mir in den folgenden Kapiteln Mühe geben, ihn trotzdem nicht wie einen so einfach gestrickten Charakter darstehen zu lassen. Hoffe mal, dass mir das auch gelingt.



    Wobei da natürlich die Frage aufkommt, wie er und Tristan sich kennengelernt haben, wenn sie nicht gerade Kindheitsfreunde sind. Umso interessanter natürlich auch, dass er mit Tristan und Cedric trotz ihres Gesuchten-Status so milde umspringt, auch wenn sie die Chance haben, sich freizusprechen.

    Tristan kennt ein paar interessante Leute, nicht wahr? xD Das liegt in erster Linie daran, dass er sich nicht vorab einnehmen lässt und sich stattdessen selbst ein Bild von der Situation machen will. Jetzt Gedankenlos auf die Gesuchten loszugehen ist was für einfache Milizen, aber definitiv nicht sein Stil. Falls die beiden Probleme gemacht hätten, so viel kann ich dir sagen, hätte er sie beide alleine überwältigen können.



    Zuerst hatte ich ja nicht mit einer recht überraschenden Wende gerechnet, aber als die Banditen angriffen und Cedric Komura zurückließ, damit er die Frau schließlich im Geheimen umbringt, kann das in Zukunft durchaus ein Problem darstellen.

    Wie genau ich diese Tat mit seiner Zukunft einarbeiten will, weiß ich tatsächlich auch noch nicht zu 100%. Ich wollte sie aber unbedingt so geschehen lassen, um noch einfach die hässliche Seite von Cedrics Charakter zu zeigen. Dass seine Ansichten nicht immerg die edelsten sind, wurde hier denke ich deutlich Bewiesen.



    Die Tat blieb ja nicht unbeobachtet und ich habe das Gefühl, dass das spätestens dann, wenn sie mal um ihre Freiheit kämpfen, ein ernstes Problem wird. Bleibt natürlich nur noch die Frage, wer diese Leute waren. Freund, Feind oder jemand Neutrales, der erst sehr viel später in Aktion tritt?

    Ich möchte dir an dieser Stelle verraten, dass hier nicht wichtig ist, wer bekämpft wurde - es waren ja offensichtlich wirklich nur einfache Straßenräuber - sondern wer all dies mitbekommen hat (besonders den hinterlistigen Mord durch Komura). Mag sein, dass ich hier jetzt etwas gespoilert habe, aber ich finde es würde keinen Sinn machen, ein Geheimnis um die Identität der Angreifer zu machen. Schließlich ist diese für die Story nämlich belanglos.


    Dann bis zum nächsten Mal. :)

    Heieiei, da hast du dir mal echt mühe gegeben. Na dann wollen wir mal...


    Bezüglich des angesprochenen Mixes zwischen Pokemon und Mittelalter kann ich nur sagen: Bis zum Punkt, als ungefähr ein Drittel des Plots schonmal in der Planung fertig war, spielte die Geschichte auch noch in der Neuzeit. Kam aber irgendwie nicht mehr weiter. Mit der Zeit hat sie meine Variante einer typischen Trainerreise letztendlich in ein Fantasy-Epos verwandelt. Ich liebe dieses Genre einfach zu sehr und in diesem Setting konnte ich meine Ideen viel besser zusammenfügen.


    Manchmal kriegt man den Eindruck Cedric hätte mit Aggressionsproblemen zu kämpfen xD

    Im Nachhinein gebe ich dir Recht, dass man Cedrics Art noch nicht gut genug kennt, um diesen Zorn zu verstehen. Wie du später vielleicht gemerkt hast, hat er sich längst mit dem rauen Bild der Welt abgefunden und setzt mehr auf Logik und Verstand (auch wenn er sich selbst nicht immer dran halten kann ^^). Religiöse Fanatiker sieht er daher sehr ungern, da er ihren Glauben als unsinnig und hirnlos ansieht. Schließlich glaubt er auch so gar nicht an Götter. Solche... nennen wir es mal aus seiner sicht "Dummheit" bringt sein Blut ganz einfach schnell in Wallung.
    Bei dem Verrat der Anhänger gebe ich dir Recht. Hat man schon tausend mal gesehen, wird aber nicht wirklich langweilig. ^^


    Pkmn sind nicht einfach Tiere. Sie können glasklar mit dem Menschen kommunizieren und haben Gefühle, Gedächtnis wie auch Moral. Ist es dann in Ordnung, sie zu essen?

    Auch viele Tiere besitzen Intelligenz und gewisser Maßen soziales Verhalten. Ist das auch in Ordnung? Diese Diskussion will ich gar nicht groß anheizen, aber ich wollte diese Jagd auch nochmal als Indikator für den Leser da lassen, wie denn meine FF so "tickt", wenn du verstehst.


    Schön, dass ich mit dem Setting in der Stadt deinen Geschmack getroffen habe. Den Aufbau, sprich Mauern und Straßen habe ich mir nie so genau vir Augen geführt, wie du. Ich habe im Kopf immer nur mit kleinen Stadtteilen gearbeitet.


    Auch in diesem Moment kriegt man wieder den Eindruck eines jungen Mannes mit Aggressionsproblemen

    Im Gegensatz zu den Gläubigen ging es in dieser Szene nicht um verschiedene Ansichten oder dergleichen. Aber mit dem Kommentar zu seiner Waffe hat der Schmied unwissend ein Thema angesprochen, dass Cedric sehr an die Substanz geht. Sobald seine Hintergrundgeschichte genauer erläutert ist, wird dies aber klarer ;)


    Ähnlich wie beim Sport, wo man starke und schlechtere Tage hat, was die eigene Leistung betrifft, schwank auch manchmal die Rechtschreibung mit allem Drum und Dran. Vielleicht war ich müde, vielleicht hatte ich an dem Tag einfach nur den Fehlerteufel. :wacko:


    Auch wenn Samurai und Ninja zur gleichne Zeit existierten wie Ritter, ist es wriklich sehr, sehr unwahrscheinlich, dass jemand im Mittelalterlichen Europa im Besitz eines Katana ist.

    Brems dich an der Stelle. ^^ Ich hatte nie vor, Leser den Eindruck von Europa oder sonst einem realen Ort zu vermitteln. Wenn derartige Logiklücken im Bezug auf Nationalitäten oder dergleichen auftauchen, sind die bewusst von mir ignoriert worden. Es ist meine erfundene Welt, in der Ritter und Samuraiwaffen nebeneinander existieren können. Ein Grund, warum ich Fantasy so liebe ist, weil man derartige Fehler einbauen kann/darf.
    Dass die Vertrauensfrage mit Tristan und Remilia auch bei dir gezündet hat, freut mich sehr.


    Bestimmte Wortwahlen und Formulierungen, die nicht ins Setting passen mögen, sind ebenfalls Absicht. Zum Einen hat es für mich einen gewissen Humor und macht beim Schreiben echt Spaß. Zum Anderen habe ich vielleicht einfach nur zu oft die Gothic-Reihe durchgespielt. Dieses Mittelalter-Rollenspiel kommt nämlich auch mit einer Menge an schimpfwortschwangeren Dialogen daher. Aber es funktioniert so gut xD


    Zum Abschluss nochmals danke, dass du dir so viel Zeit genommen hast. Jede einzige Person, die ich mit meinen Fantasien unterhalten kann, bedeutet mir eine Menge. Ich hoffe, ich kann mich weiter steigern und werde wieder von dir lesen.

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka
    @southheart dir gebe ich erst mal die Gelegenheit, aufzuschließen :)  



    10: Gnadenlos



    „Halt...Cedric...hey, jetzt bleibt doch mal hier.“
    Tristan lies sich nicht einfach abweisen und packte Cedric nun wiederholt, dieses Mal nur sehr viel kräftiger, am Handgelenk. Widerwillig lies sich der Waldläufer aufhalten und betrachtete ihn nur aus nüchternen Augen. Tristan schien einen Moment lang etwas in ihnen zu suchen, seufzte allerdings nur nach ein paar stillen Sekunden und erhob sich ebenfalls.
    „Ich sagte dir doch, du sollst nicht zu ihr rüber gehen.“, belehrte er ihn, schien sich einzubilden, eine Ahnung zu haben, was Remilia zu Cedric gesagt haben könnte.
    „Eine unangenehme Zeitgenossin, nicht wahr?“
    Cedric ignorierte Tristans Kommentar, schwieg auch für ein paar weitere Momente, was dazu führte, dass die Beiden mitsamt ihren Pokémon stumm im Raum standen. Ein weiterer, kurzer Blick über die Schulter verriet, dass Remilia ihnen immer noch den Rücken kehrte. Gar mochte man von ihr den Eindruck haben, noch überhaupt keine Kenntnis von den Zwei genommen zu haben. Cedric entfuhr ein Schnauben, ehe er sich letztendlich Tristan zuwandte.
    „Ich kann dir versichern, wir haben sehr unterschiedliche Ansichten von ihr. Aber sie hat mich zum Nachdenken gebracht.“
    „Nachdenken worüber?“
    Keine Antwort. Cedric hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel Gewicht er den Worten Remilias geben sollte, für den Fall aber, dass er sich vor Tristan tatsächlich in Acht nehmen musste, hatte er mit bedrohlichem Unterton eine Warnung andeuten wollten. Ohne Ergebnis, entweder war Tristan wirklich harmlos, oder konnte wahnsinnig überzeugend den Unschuldigen spielen. Verflixtes Dilemma.
    Mit ihren Pokémon im Schlepptau steuerten sie nun auf den Ausgang zu. Doch noch bevor sie die Kneipe durchquert hatten, geschah etwas unerwartetes.
    Ein Knall ertönte ob des wuchtigen Einschlages. Holz krachte, zersplitterte laut und alle Anwesenden schreckten auf. Die ruhige Atmosphäre war in Sekundenbruchteilen zerstört worden und ein Raunen ging durch die gesamte Gästeschaft, während jedes Augenpaar auf dem Mann ruhte, der gerade eben durch die Holztür geflogen war. Cedric erkannte ihn sofort als den grimmigen Türsteher, der ihnen zuvor den Weg nicht hatte frei machen wollen. Ein anderer Besucher schien weniger zurückhalten mit roher Gewalt an ihm vorbei zu wollen. Für ihn offenbar ein sehr unglücklicher Tag.
    Lange betrachtete er den Mann am Boden allerdings nicht, da der offensichtliche Verursacher dieses Aufruhrs eintrat. Er bemerkte noch, wie Komura sich an die Seite seines Herren gesellte, bereit, jeden potentiellen Feind zu attackieren.
    Für den ersten Moment rechnete Cedric mit einem wahrscheinlich groß gebautem, kräftigen Unruhestifter, dem ebenfalls der Zutritt zur Kneipe verwehrt werden sollte und darüber nicht erfreut war. Jedenfalls war dieser Gedanke naheliegender , als das, was Cedric gerade tatsächlich sah.
    Er selbst wurde mit seinen 19 Jahren von den meisten alten Leuten immer noch ein Junge genannt. Die eintretende Person war - das sah man schon auf den ersten Blick – definitiv jünger als er. Dementsprechend fassungslos war sein Blick, angesichts der Tatsache, dass sie in prächtiger Rüstung gekleidet war, die so gut poliert war, dass man selbst bei dem etwas spärlichem Licht die Details erkennen konnte. Der glänzend saubere Stahl war elegant verarbeitet und mit anmutigen Gravuren versehen. Am Oberkörper besaß die Panzerung keinerlei Lücken, Arme Beine dagegen schützte sie nur an der Vorderseite, wodurch die Beweglichkeit wohl gewahrt werden sollte. Darunter erkannte er dickes, schwarzes Leder. Ein Blickfang waren auch die Schulterplatten, die mit gewellt hervorstehenden Spitzen entfernt an Flammen erinnerten und ebenfalls von Gravuren geziert wurde. Eine meisterliche Schmiedearbeit wie diese, sah Cedric zum ersten Mal.
    Einen Helm trug die Person nicht, so konnte man klar das kantige Gesicht mit dem grimmigen Blick sehen. Die Haare waren kurz, dunkelblond und etwas zerzaust. Spontan schätzte Cedric ihn auf höchstens 18 Jahre, vielleicht sogar weniger. Konnte das dennoch wirklich ein Ritter sein? Was sollte solch eine Persönlichkeit hier zu suchen haben? Gab es jetzt etwa noch mehr Schwierigkeiten?
    Beim Eintreten – den Mann am Boden lies er relativ unbeachtet – kniff er ein paar Mal die Augen fest zusammen, musste sich offensichtlich an die schwache Beleuchtung hier drinnen gewöhnen. Er allerdings kam nicht dazu, die Stille mit seinem Wort zu brechen. Das übernahm just in diesem Moment Tristan.
    „Kecigor?!“
    Während Cedric gerade ungläubig abschätzte, ob er sich verhört hatte, sah der Angesprochene prompt auf und schien in Tristan ein bekanntes Gesicht zu finden.
    „Mir war klar, dass ich dir hier irgendwo finde.“, sein Ton war irgendwie mürrisch, jedenfalls nicht unbedingt erfreut, wie Cedric fand. Tristan ignorierte dies und ging auf diesen Kecigor zu. Eine kameradschaftliche Geste zur Begrüßung blieb aus. Stattdessen sah Tristan auf den niedergeschlagenen Türsteher hinab, der sich nur schwach und sichtlich unter Schmerz rührte.
    „Was hast du denn mit dem gemacht?“
    „Tse, der wird in Zukunft wissen, wie er mit mir zu reden hat.“, war alles, was er sagte.
    „Verstehe, hör mal, die ich will dir jemanden vorstellen.“
    Er wandte sich um.
    „Hey Cedric, komm mal her, anstatt so geistlos zu starren.“, lächelte er.
    Zunächst kam er der Aufforderung nicht nach. Nicht, ehe er die Frage stellen konnte, die ihm auf der Zunge brannte.
    „Was für Leute kennst du denn?“
    Vorsichtig lugte Cedric um die Mauer des alten Hauses, den Körper gerade so gegen selbige gedrückt, um nicht zu sehr aufzufallen und somit die Aufmerksamkeit vorbei trottender Menschen auf sich zu ziehen. Niemand schien sie beachtet zu haben, als das Trio mitsamt der zwei Pokémon aus der Kneipe herausgetreten und direkt in eine Seitengasse abgebogen war, um dem allgemeinen Trubel zu entgehen. Dass in einer solchen Gegend niemand diesen Ritter ins Visier genommen haben sollte, hielt er für sehr unwahrscheinlich, doch niemand schien ihnen Beachtung geschenkt zu haben. Trotzdem wollte er weiterhin vorsichtig bleiben, solche Gegenden waren unberechenbar. Misstrauisch grübelnd drehte Cedric sich letztendlich von der Wand weg und widmete sich Tristan und dessen Bekannten.
    „Kein schöner Ort, um sich kennen zu lernen, aber darüber müssen wir wohl hinweg sehen.“
    Tristan, der mit verschränkten Armen abwartend an der Wand gelehnt hatte, machte Anstalten, den Ritter vorzustellen, der dies jedoch rasch selbst übernahm.
    „Nun denn, ich bin Kecigor, Ordensritter der Flamme.“
    Mit gestraffter Haltung und ernstem Gesicht salutierte er vor ihm, indem er seine Faust auf den Brustkorb schlug.
    „Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Freund von Tristan.“, und ihm anschließend die Hand hinhielt.
    Cedric lächelte amüsiert, schaut kurz zu Tristan rüber, der nur eine Augenbraue hob. Den Händedruck – der Kerl hatte gewaltige Kraft – erwiderte er dann ohne weiteres Zögern.
    „Ganz meinerseits, aber Cedric reicht vollkommen aus.“
    „Ich hätte nie gedacht, dich hier zu treffen, warum bist du hier?“, mischte sich Tristan wieder ein.
    „Ich bin nicht allein in die Stadt gekommen.“
    Tristans Augen wurden groß.
    „Hast du ihn etwa mit hergeb...“
    „Einer unserer erfahreneren Ritter spricht gerade mit dem Kommandanten der Miliz. Mit ihm bin ich hergekommen.“, unterbrach er ihn. Eine Antwort von Tristan bahnte sich an, doch vorerst fuhr Kecigor mit nun viel ernsterem Gesicht fort.
    „Dort in der Kaserne habe ich eure Steckbriefe gesehen.“
    Mit einem Mal war Cedric höchst alarmiert. Verfluchter Dreck. War der etwa hier, um die Beiden in den Knast zu befördern? Rasch zog er sich einen Schritt zurück, die Hand schon am Schwertgriff und Komura ebenfalls in Angriffsbereitschaft.
    „Lass das sein.“, gab ihm Kecigor in seiner autoritären Haltung zu wissen. „Ich habe nicht vor, euch festzunehmen.“
    Cedric hielt inne, entschied sich aber, seine Hand noch nicht von dem Griff zu entfernen.
    „Sondern?“
    „Ich habe vom Kommandanten erfahren, was in etwa passiert ist. Ihr werdet mit mir zur Kaserne kommen und die Chance kriegen, ihn davon zu überzeugen, dass ihr kein Verbrechen begangen habt.“
    Er hob eine Augenbraue.
    „Sofern das denn der Fall ist.“
    Cedric fiel auf, dass er nicht nur ihn, sondern auch Tristan mit scharfen Augen musterte.
    „Dass du mir nicht traust, verstehe ich, aber ich dachte ihm gegenüber sei das anders.“, sagte Cedric mit einem Nicken in Tristans Richtung.
    „Ich traue ihm.“, antwortete er ohne Wimpernzucken, „Aber wenn er diesmal doch einen Fehler begangen und das Gesetz gebrochen hat, bin ich nicht sein Freund, sondern der Mann, der ihn zur Verantwortung ziehen wird.“
    Er sah zum Schwarzgekleideten hinüber.
    „Und das weiß er auch.“
    „Dann haben wir nicht viel zu befürchten.“, sagte Tristan heiter. Er war mit einem Mal in Aufbruchstimmung. Auch Cedric hatte keine Einwände mehr und folgte Kecigor, der die Gruppe nun stumm anführte. Seine Augen blieben einen Moment lang an der riesigen, schwarzen Schwertscheide, die er am Rücken trug, hängen. Wie er so über den Ritter nachdachte, kam er nicht drum herum, erstaunt von seiner Einstellung zu sein. Sich seinen Rang in diesen jungen Jahren zu erarbeiten, war schon eine besondere Leistung. Doch sein Pflichtbewusstsein gegenüber dem Gesetz hatte noch mehr Priorität, als seine Freundschaft zu Tristan. Aus seiner Sicht nicht sehr vorteilhaft, aber neutral betrachtet doch lobenswert. Eigentlich brannte ihm die Frage auf der Zunge, woher sich die beiden überhaupt kannten, doch er entschied sich, dieses Thema zu verschieben. So, wie er Tristan bereits kannte muss es auch für diese Bekanntschaft ein interessantes Ereignis in seiner Vergangenheit geben.
    Als seine Gedanken eine andere Richtung einschlugen, fragte er sich erneut, welches Märchen die Torwache seinem Boss wohl eingetrichtert hatte, damit diese dämlichen Steckbriefe gemacht wurden. Besorgt blickte er zu Boden. Er hoffte inständig, beim Kommandanten nicht auf taube Ohren zu stoßen und dass dieser sie nicht einfach einbuchten würde.
    „Keine Sorge.“, flüsterte Tristan von der Seite.
    „Ich hab dir doch von damals erzählt oder? Kommandant Ullrich kennt mich. Er wird mir zuhören und es wird gut ausgehen, da bin ich sicher.“
    Cedric atmete einmal tief und blickte gen Himmel. Er hoffte, dass Tristan Recht hatte. Ihm würde eine große Last abgenommen werden, wenn er sich darüber keine Sorgen mehr machen müsste. Schließlich wollte er hier einen Neuanfang machen.
    'Nur optimistisch bleiben', erinnerte er sich selber und musste innerlich lachen. Früher hätte er nie so gedacht.
    In den darauf folgenden Minuten wurden keine weiteren Worte gewechselt. In den Gassen des Problemviertels unter einem grauen Himmel war eine erdrückende Atmosphäre spürbar, die mit jedem Schritt deutlicher wurde. Unberührt davon führte Kecigor die Gruppe weiter in die Richtung in der Cedric den Marktplatz in Erinnerung hatte in dessen Nähe angeblich die Kaserne der Stadtwache war. Die absolute Stille öffnete die Tür für seine Gedanken, sich verschiedene Szenarien auszumalen, was ihn dort erwarten könnte und seinen Herzschlag ganz langsam immer weiter beschleunigten.
    Dann, mit einem mal wurde dieser Puls unglaublich schmerzhaft in der Brust, als er etwas bemerkte. Absolute Stille? Schnell blickte er zu seiner Rechten, wo Komura neben ihm herlief. Als hätte er es in genau dem selben Moment gemerkt, blickte sein Pokémon ihm in die Augen, welche bei ihm alarmiert aufgerissen waren. Das Tornupto festigte seinen Stand und begann wütend zu knurren.
    „Hey!“, rief Cedric den beiden Vorderleuten zu, die seine Reaktion anscheinend nicht bemerkt hatten und sich erst jetzt nach ihm umdrehten. Beide realisierten sofort die Situation, Tristan stellte sich dich an Maros Seite und zog sein Schwert. Kecigor hingegen drehte sich wieder um, da er als Erster die Person bemerkt hatte, die plötzlich auf der Straße vor ihnen aufgetaucht war. Eine dünne Frau von gebräunter Hautfarbe und schwarzem, geflochtenem Haar grinste die Gruppe mit verschränkten armen frech an. In enger, dunkler Kleidung, gezeichnet von Wunden und einer ungewöhnlichen Körperhaltung machte sie den Eindruck eines Raubtieres. Weitere Menschen kamen langsam aus den Ecken der Häuser hervor, alle ungepflegt, dreckig, bewaffnet. Sie waren von mindestens einem Dutzend Straßenräubern eingekreist.
    „Ach, verdammt.“, fluchte Cedric leise, doch er hätte es ahnen müssen. Nachdem Kecigor auf dem Weg hierher sämtliche Blicke auf sich gezogen hatte, hatte Cedric nicht gemerkt, wie menschenleer es auf einmal war. Die trügerische Ruhe war ebenfalls ein Anzeichen darauf, dass hier ein Hinterhalt geplant war. Mit gezogener Waffe nahm er seine Kampfposition – die Knie leicht gebeugt und das Schwert in der rechten Hand parallel zum Bein – ein. Nur Kecigor stand nach wie vor seelenruhig da und betrachtete die Frau, welche womöglich die Anführerin der Bande war.
    „Schau an, heute ist ein echter Glückstag. Gleich zwei gesuchte Verbrecher und sogar ein Ritter.“, lachte sie.
    „Ich dachte mir schon, dass sowas passieren wird.“, antwortete dieser seufzend, sprach aber mit drohenden Ton weiter.
    „Wenn du meinen Rang kennst, brauche ich dich wohl nicht zu warnen oder? Falls doch, lass dir gesagt sein, dass ich dich und alle anderen hier als Feinde anerkenne, sollte es jemand wagen, uns anzugreifen.“
    Nun zog auch er seine Waffe.
    „Ich werde ohne Zurückhaltung kämpfen.“
    Aus der Scheide an seinem Rücken zog er das größte Schwert, das Cedric jemals gesehen hatte. Es war beinahe Mannshoch und breiter als ein Oberarm. Es hatte einen geraden, ungeschärften Rücken von schwarzer Farbe. Die Klinge dagegen war leicht gebogen, glänzte in einem hellen Silber. Seine Hand umfasste fest einen Griff, den dunkelrotes Leder und ein nur sehr schmaler Knauf zierte. Ein paar edle Gravuren zierten den Stahl. Zudem besaß die Waffe keine wirklich Parierstange, sondern eine Verdickung, die Griff und Klinge voneinander trennte. Cedric konnte es nicht fassen, als er sah, dass Kecigor scheinbar keine Mühe hatte, dieses monströse Schwert zu führen, als er es auf die Frau richtete.
    „Kommt her, ich werde es mit jedem von euch aufnehmen.“
    „Überschätze dich ja nicht!“, schrie sie und stürmte los, was selbige Reaktion bei den anderen Männern auslöste.
    Cedric tauschte erneut einen Blick mit Komura aus. Er und Tristan befanden sich momentan unter der Obhut eines Ritters. Da dieser ebenfalls angegriffen wurde, würde jede Kampfhandlung hier unter Selbstverteidigung fallen und keine neue Strafe nach sich ziehen. In diesem Falle...
    „Keine Zurückhaltung.“, befahl er.
    Komuras Gesicht zieht etwas, dass einem Grinsen ähnlich kam und entzündete seinen Flammenkragen.
    „Los, Flammenwurf.“
    Das Tornupto holte einmal tief Luft, wobei es heißes Feuer in seinem Rachen sammelte. Als er diese in einem sengenden Flammenstrahl entweichen ließ, trieb das die Banditen sofort zur Seite und spaltete die gesamte Gruppe in zwei Hälften. Nach diesem einen Befehl agierte Komura dann auf eigene Faust.
    Brüllend rannte er auf einen der Angreifer zu. Der hatte bereits zu einem Schlag mit seinem Beil angesetzt, scheiterte aber an der Ausführung, als das Tornupto auf ihn zu sprang, sich in dessen Arm verbiss und ihn mit seinem ganzen Kampfgewicht zu Boden riss. Cedric dagegen verweilte in seiner Kampfhaltung, als sich ihm ebenfalls ein Gegner näherte. Dieser holte zu einem beidhändigen Schlag aus, sprang zudem in die Luft um zusätzliche Kraft für seinen Angriff zu gewinnen. Die Bewegung war leicht zu lesen, sodass Cedric den Schlag rechtzeitig parieren konnte, allerdings um seinen festen Stand kämpfen musste und in Rücklage geriet. Kreischend schabten die Klingen aneinander, als beide Kontrahenten versuchten, den Gegner zurück zu drängen. Mithilfe einer Körperdrehung schaffte es Cedric, den Angreifen an sich vorbei zu lenken und ihm mit der freien Hand einen Faustschlag auf die linke Wange zu verpassen. Gleich darauf drehte er sich im Uhrzeigersinn und fügte ihm einen schmerzhaften Schnitt quer über dem Rücken zu wodurch er schreiend zu Boden ging und sich beeilte kriechend dem Kampf zu entkommen.
    Da von ihm also keine Gefahr mehr ausging, suchte Cedric sich einen neuen Gegner. Weil ihn aber in diesem Augenblick niemand angriff, wagte er es einen Moment, sich nach der Lage von Tristan und Kecigor zu erkundigen. Beide hatten sie schon mehrere Angreifer Kampfunfähig gemacht.
    Dass Tristan fast schon spielend mit seinem Gegner fertig wurde überraschte ihn in diesem Augenblick nicht mehr. Mit seiner schnellen Reaktion hatte er keinerlei Hilfe nötig, sodass sich Maros darauf beschränkte, ihm den Rücken zu decken und weitere Feinde mit Ruckzuckhieben und Finten abzuwehren, denen mit bloßem Auge nicht zu folgen war . Um die zwei musste er sich definitiv keine Sorgen machen.
    Kecigor duellierte sich mit der Anführerin der Gruppe, welche ein großes Talent für den Umgang mit dem Säbel aufwies. Man erkannte auf den ersten Blick, dass ihre Kampffähigkeiten sich von denen der anderen unterschied. Die Art und Weise, mit der Kecigor ihre Schläge blockte, war erstaunlich. Tatsächlich schien sein Zweihänder für ihn so gut wie nichts zu wiegen, so schnell führte er ihn. Mittels einer Körpertäuschung lies er sie schließlich ins leere rauschen und befand sich plötzlich direkt hinter ihr. Blitzschnell drehte er die Waffe in seinen Händen und versetzte ihr mit dem Schwertrücken einem Hieb in den Nacken, wodurch sie Augenblicklich ihre Waffe fallen ließ und zu Boden ging.
    „Mira!“, rief plötzlich jemand.
    Cedric erblickte einen Mann, ebenfalls von gebräunter Haut und kurzem, schwarzem Haar. Sein Blick war panisch, als er zu der Frau eilen wollte, um ihr zu helfen. Ein treuer Anhänger? Oder vielleicht sogar ihr Geliebter? Egal wer, er wollte so schnell es ging zu dieser Mira. Komura drängte sich jedoch vor ihn. Er holte zum Schlag aus.
    „Aus dem Weg!“
    Cedric Beschützerinstinkt setzte ein. Niemand würde Komura etwas antun, dafür würde er sorgen. Das hatte er geschworen. Und keinesfalls würde ein armseliger Dreckskerl aus der Gosse dafür sorgen, dass er scheiterte.
    Den Blick nicht von ihm abwendend griff Cedric an seinen Stiefel, versuchte gleichzeitig den Laufweg des Mannes zu antizipieren. Er zog den Dolch, den er dem alten Dacol genommen hatte hervor und warf ihn mit einer Mischung aus Kraft und Präzision. Er war kein zielsicherer Werfer, doch mit einem Treffer, der die Schwerthand des Mannes durchbohrte, was diesen stoppte und aufschreien lies, hatte er wohl den Wurf seines Lebens gemacht.
    Komura nutzte seine Gelegenheit. Ein Feuer sammelte sich in seinem Rachen, wuchs weiter und hüllte fast seinen ganzen Kopf ein. So ging er schließlich seinem Angreifer an die Kehle, grub seine Fangzähne in sein Fleisch und verbrannte es. Statt einem Schrei brachte der Mann nur ein schwaches Röcheln hervor. Einige Augenblicke rührte sich niemand, bis schließlich Komura den Mann los ließ und dieser zusammen brach.
    Nun war es Mira, die laut und voller Wut schrie.
    „Wie kannst du es wagen, du Mistvieh!“
    Ebenfalls wollte sie Komura mit gezogener Waffen angreifen. Doch aus diesen Angriff konnte mittels eines heißen Flammenstrahles aufgehalten werden. Nur knapp schaffte Mira es, rechtzeitig zur Seite zu springen, und weitete vor Schreck die Augen, als Cedric auf einmal neben ihr stand. Ein schwungvoller Hieb entwaffnete ihre Hand schließlich von dem rauen Säbel. Als sie sich panisch umsah, musste sie feststellen, dass die meisten ihrer Männer bereits kampfunfähig waren. Manche geflüchtet, die meisten verwundet, aber am Leben. Nur einen Toten gab es, ihren Mann.
    Cedric wusste dies natürlich nicht, als er der Frau gegenüber stand und die Waffe auf sie richtete. Mit verachtenden Augen voller Tränen blickte sie in die seinen.
    „Tse, so tief gesunken, dass du eine wehrlose Frau töten musst, um dich stark zu fühlen, Scheißkerl?“, zischte sie zwischen ihren Zähnen hervor.
    Leicht verwundert hob Cedric eine Augenbraue.
    „Wäre ich nun in deiner Lage, du würdest keine Sekunde zögern, mich zu töten. Nicht nur das.“
    Er nickte zu Komura.
    „Du würdest auch ihn töten, dann meine Leiche plündern und mich hier im Staub zurück lassen. Warum also sollte ich einer schäbigen Krähe wie dir mein Mitgefühl schenken?“
    „Weil ich das so will!“, mischte sich Kecigor auf einmal ein und trat vor.
    „Tötest du sie im Kampf, wenn du keine andere Wahl hast, so würde ich es dir vergeben. Das hier ist aber eine völlig andere Situation.“
    Schon stand er direkt neben ihm und fixierte Cedric mit scharfem Blick.
    „Deine Worte sind war, doch sind sie auch der Grund, warum du dich zurück halten solltest. Wenn du hier Gleiches mit Gleichem vergelten willst, begibst du dich auf einen Pfad, der mich dazu zwingen wird, dich als Verbrecher anzusehen. Tu dir einen Gefallen und mache das nicht.“
    Weder mitfühlend, noch bedrohlich klangen Kecigors Worte. Mehr hörte er sich an, wie ein Lehrmeister, der einen Schüler von einem fatalen Fehler abhalten wollte.
    „Willst du mich verarschen?“ Das wären wohl Cedrics Worte gewesen. Er wollte gerne erwidern, wollte ihm ins Gesicht sagen, dass dies genau das wäre, was sein Instinkt ihm befahl. Töte die, die dich töten wollen. So hatte er immer gelebt.
    Als er merkte, dass Kecigos Augen, die ihn scheinbar aufspießen wollten, keinen Widerspruch zuließen, tauschte er einen Blick mit seinem Pokémon. Er war düster, nicht nur der seine, sondern auch Komuras. Er steckte seine Waffe weg.
    „Gut, ich werde ihr nichts antun.“
    „Schön.“, sagte der Ritter, wandte sich anschließend noch an Mira.
    „Dein Glück besteht darin, dass wir gerade wichtigeres zu tun haben, als dich der Miliz zu übergeben, deshalb darfst du gehen. Ich rate dir davon ab, uns zu folgen und nochmal anzugreifen.“
    Sie nickte schwach, ihre Augen sahen jedoch verräterisch und plötzlich sah Cedric eine perfekte Gelegenheit.
    „Lass uns schonmal vor gehen, Komura wird hier auf sie aufpassen und uns folgen, sobald er sicher ist, dass sie das nicht ebenfalls tut. Nur als Vorsichtsmaßnahme.“
    Nach kurzem Überlegen willigte Kecigor ein und Cedric wandte sich ein letztes Mal an Mira.
    „Du wirst dich nun umdrehen und es nicht wagen uns nachzustellen. Rühre dich erst wieder, wenn er wegläuft. Einholen wirst du ihn eh nicht.“, wies er an, worauf sie widerwillig gehorchte. Cedric besah sich kurz die umher liegenden Ausrüstung, die zurück gelassen wurde.
    „Und denk' nicht daran, eines dieser Schwerter aufzuheben. Du wärst tot, bevor deine Hand den Griff packen kann.“
    Keine Reaktion, er hatte aber auch keine erwartet.
    „Gehen wir.“, sagte Kecigor und machte sich mit Tristan, der stumm zugesehen hatte auf den Weg.
    Cedric wartete noch einen Moment. Mira konnte ihn nicht sehen, stand mit zu ihm gekehrtem Rücken zu ihm und zitterte vor Wut. Auch Tristan und Kecigor schenkten ihm gerade keine Aufmerksamkeit. So wagte er es, Komura noch einmal einen bedeutenden Blick zu schenken. Er war düster, fordernd, seine Augen befehligten stumm, sein Mund war zu einem diabolischen Grinsen geformt. Das Tornupto erwiderte es. Dann schloss er schnell zu den anderen auf, die ihn neugierig betrachteten.
    „Sicher, dass das in Ordnung ist?“, fragte Tristan, leicht besorgt um das Feuerpokémon.
    „Glaub mir, es ist okay.“, antwortete er beiläufig. Innerlich dagegen freute er sich. Komura hatte verstanden.



    Ein pfeifender Wind zog durch die Straße, wirbelte Staub auf und verlieh der Szenerie etwas trostloses. Mira hielt die Hände etwas nach oben und zeigte damit ihre Unterwerfung. Sie hatte es akzeptiert, dass sie die falschen Männer angegriffen hatte und wollte das Tornupto nicht versehentlich zu einem Angriff provozieren. Also kniete sie dort, wartete, zitterte und hoffte, dass es bald verschwinden würde.
    Komura stand nach wie vor direkt in ihrem Rücken, sodass sie nicht sehen konnte, was er tat. Er erlaubte es sich, sich nach beiden Richtungen umzusehen. Von den verletzten Männern waren die meisten geflohen, bevor Cedric und die anderen gegangen waren. Nur noch eine handvoll von ihnen lag noch bewusstlos da, einer sogar leblos. Abgesehen von der Frau vor ihm war hier kein Mensch, der sie beobachtete. Perfekt um das zu tun, was Cedric von ihm gefordert hatte.
    Mit langsamen, geräuschlosen Schritten rückte er dichter an sie heran. Sie rührte sich auch weiterhin nicht. Komura setzte zu einem Sprung an. Mira wusste nicht, wie ihr geschah, sie bekam nicht die Chance, etwas zu realisieren. Noch ehe sie aufschreien konnte, als Komura mit geneigtem Kopf seine Zähne in ihrem Nacken vergrub, drehte er diesen mit der ganzen Kraft seines Körpers und brach der Frau so das Genick. Ein lautes Knacken ertönte, als ihre Knochen auf eine für den Körper nicht vorgesehene Weise verdreht wurden und schließlich brachen. Der Körper erschlaffte und ging mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden.
    Komura schenkte ihr keine weitere Sekunde Beachtung und beeilte sich, seine Gruppe wieder einzuholen. Mit schnellen Schritten verschwand er die Straße entlang.
    Nichteinmal die stark ausgeprägten Sinne des Feuerpokémons hatten ausgereicht, um zu bemerken, dass doch ein Augenpaar auf ihm geruht hatte. Im Schatten einer Gasse schien einen Moment die Luft zu flimmern, dann war deutlich eine leuchtende, gemein grinsende Fratze zu sehen, als sich langsam eine Gestalt verdeutlichte. Absolut geräuschlos schwebte sie sogleich davon, steuerte einen einsamen Hinterhof an, wo ihre Herrin, eine Frau in schneeweißer Tracht auf ihn wartete.
    „Und?“, wollte sie wissen.
    Der dunkle Schemen kam nun endgültig aus seiner Tarnung hervor, grinste noch etwas breiter. Jeder normale Mensch wäre schreiend geflohen beim Anblick der diabolischen Fratze.
    Wie interessant.“, murmelte sie.

    Hi Rusalka,
    ja, das Kapitel hat seine Zeit gebraucht, aber du lässt mich echt nie lange warten. Ist ja fast ja unfair von mir xD


    Ich hatte zwar kurzzeitig überlegt, wer nochmal Maros war, aber als du die Finsteraura erwähnt hast, wusste ich wieder, dass es sich um Nachtara handelt. Auf jeden Fall hat man es als Söldner ja nicht leicht, da man ihnen schon von vornherein eine gewisse Prise Vertrauen entgegen bringen muss

    Mir ist das bei anderen FF's auch schon passiert. Blöde individuelle Namen.^^ Niemand hat es leicht auf der Welt. Nicht nur Cedric, sondern auch andere haben ihre Probleme und Sorgen. Doch die habe ich in Wahrheit noch lange nicht enthüllt. Schließlich wird die Vergangenheit der Chraktere natürlich nicht sofort erzählt.



    Umso interessanter ist dann natürlich die Begegnung mit Remilia. Mit der angespannten Atmosphäre in der Kneipe und dem stilvollen Auftreten hast du eine tolle Einleitung dazu geschrieben. Selbiges gilt wohl für die Szene, als sich Cedric vorstellen will und ihm die Worte fehlen, womit er das Gespräch lenken kann. Es erinnert an so manche echte Begebenheit, wo das ebenfalls passieren kann.

    Eben! Gerade weil wohl fast jeder diese Momente kennt, fiel es mir auch so leicht, diesen Dialog niederzuschreiben. Generell habe ich immer besonders viel Spaß, wenn ich zu neuen Charakteren komme. Was ein Glück an dieser Stelle, dass der nächste nicht lange auf sich warten lies ;)



    Dass Cedric nun von zwei Seiten vor dem jeweils anderen gewarnt wird, lässt natürlich die Frage offen, ob er in dieser Stadt überhaupt jemandem vertrauen kann. Schließlich ist jeder ein Unbekannter und diese Komponente hast du auch gut eingefügt

    Danke. Ich wusste vorher nicht, wie viel Spaß es machen kann, Leser im unklaren zu lassen. Die Vertrauensfrage wird sich noch ziehen, zugegebenermaßen auch zwischenzeitlich mal beiseite gelegt werden. Dafür gibts dann zur Abwechslung mal richtig was auf die Fresse ;)


    Man liest sich.

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya @Rusalka

    9: Warnsignale


    „Also, du bist schon einmal in diesem Stadtteil gewesen. Warum?“
    Bereits im Voraus hatte Cedric sich ein paar Fragen im Hinterkopf zurecht gelegt, die er an Tristan stellen wollte. Die soeben gestellte fiel ihm als erste wieder ein, da er zuvor keine Antwort auf sie erhalten hatte.
    „Ich muss auch mein Geld verdienen.“, sich rechtfertigend zuckte er mit den Schultern.
    „Und da ich keine feste Arbeit habe, biete ich meine Dienste an, wo es mir eben möglich ist.“
    „Also ein Söldner?“, fasste er die Umschreibung zusammen. Tristan nahm einen Schluck Bier und verzog leicht das Gesicht.
    „Ich mag das Wort nicht. Als Söldner kann jeder abgerissene Prügelknabe arbeiten. Ich bezeichne mich eher als qualifiziertes Hilfspersonal.“
    Hatte er sich das von einem Dichter ausdenken lassen? Cedric hob eine Braue, Tristan sah ihn unschuldig an, untermauerte die Aufrichtigkeit seiner Worte mit seinem standhaften Blick. Also doch kein Witz.
    „Jedenfalls hatte die Miliz Probleme mit einem gesuchten Verbrecher, der es auf die wohlhabenden Bürger abgesehen hatte. Da sich sein Versteck im Problemviertel befand, kamen sie nicht an ihn ran, da sie ihn auch nie bei seinen Einbrüchen zu fassen bekamen. Also habe ich bei Kommandanten der Kaserne meine Hilfe angeboten, gegen entsprechende Bezahlung natürlich.“
    Während Cedric interessiert zuhörte und trank, konnte sich sein Verstand schon ausmalen, auf welch unglückliche Situation das ganze hinaus lief.
    „Ich hatte den Vorteil, einen Partner wie Maros einsetzen zu können. Er hat ihn in der Nacht ausfindig gemacht, als er in das Haus eines dieser edlen Händler eingestiegen ist. Dort wollte ich ihn stellen.“
    Eine kurze Pause folgte. Cedric hatte sich unbewusst, aber dennoch mit ruhiger Miene immer weiter nach vorne über den Tisch gebeugt und reckte nun den Kopf in Tristans Richtung.
    „Und dann?“
    Er kratzte sich am Hinterkopf. Leicht verlegen mit gesenktem Haupt.
    „Ist echt knapp gewesen. Kann sein, dass er mich getötet hätte, wenn Maros nicht dazu gekommen wäre. Wie eine Wilder ist er durch die Fensterscheibe herein geschossen und sofort zum Angriff übergegangen. Nur hat seine Finsteraura damals den ganzen Laden vollständig zerstört.“
    Etwas in der Richtung hatte Cedric bereits erwartet. Er musste zugeben, dass ihn der Gedanke leicht erschaudern lies, dass dieser professionelle Einbrecher scheinbar im Kampf besser gewesen war als Tristan, dessen Fähigkeiten er ja bereits zu sehen bekam.
    „Und die Soldaten kriegen das Gejammer der einflussreichen Bürger ab, da sie dich mit der Aufgabe betraut hatten.“, vervollständigte Cedric die Geschichte. Ein Nicken.
    Blöde Situation, keine Frage, doch nun verstand er es besser.
    Noch allzu gut erinnerte er sich daran, wie sich die Torwache benommen hatte, im Angesicht Tristans und seines Pokémons. Also war sein Verhalten begründet gewesen, anstatt vor Paranoia und Vorurteilen diesen Wesen gegenüber.
    „Was ist dann passiert?“
    Tristan lehnte sich zurück.
    „Ein Teil meiner Belohnung wurde mir dafür abgezogen, damit war die Sache für den Kommandanten gegessen. Ein paar seiner Leute wollen mich deshalb aber anscheinend nicht mehr hier haben. Wahrscheinlich denken sie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wieder was ähnliches passiert.“
    Womit nun ein Großteil von Cedrics Fragen geklärt wäre. Irgendwie fühlte es sich besser an, den Standpunkt der Wachen zu kennen und einigermaßen nachvollziehen zu können, auch wenn ihre Aktionen übertrieben waren. Und was ihn betraf...
    „Ich glaube ich muss mich bei dir entschuldigen.“
    Das schwache Lächeln in Tristans Gesicht verschwand und wich einer ernsten Miene. Cedric verstand jedoch zunächst nicht.
    „Wie jetzt?“
    „Weil du in Begleitung mit mir, einem Typen, der sich hier schon reichlich Ärger eingehandelt hat, unterwegs warst, bist du jetzt auch auf der schwarzen Liste. Bestimmt haben die dich direkt mit mir in einen Topf geschmissen.“
    Eine solche Entschuldigung passte nun überhaupt nicht zu der offenen, leicht frechen Art des Schwarzgekleideten.
    „Ich hab' den Kerl angegriffen. Und ich benötige niemanden, der meine Taten auf sich nimmt.“
    Cedirc bemühte sich, sich nicht allzu sehr zu empören, doch zu glauben, dass er ihn jetzt vielleicht noch auf diese Weise in Schutz nehmen musste, reizte ihn irgenswie. Cedric tat selten etwas unüberlegtes und wusste, dass Verantwortung für seine Taten auch ein Teil des Wortes 'Stolz' war.
    „Tja, dann sind wir wohl in gewisser Weise Partner.“, grinste Tristan.
    Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das sagten zumeist die Leute, die dieses Leid nicht selbst betraf, doch Cedric musste sich selbst eingestehen, dass es sich gut anfühlte, neben Komura auch einen Menschen zu haben, der ihm zur Seite stand. Mit diesem beruhigenden Gefühl im Bauch erhob er seinen Bierkrug.
    „Ich trinke auf meinen Leidensgenossen.“, sagte er in scherzhaften Ton.
    „So, wie ich auch.“
    Nach einem kräftigen Anstoß tranken beide ihr Bier restlos aus, stellten die Krüge geräuschvoll wieder auf den Tisch und lächelten einander kameradschaftlich an.



    Der angebrochene Mittag verging ungewöhnlich langsam angesichts der wachsenden Freude, die Cedric aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz klar waren, empfand. Doch auch wenn Tristan und er im Augenblick von der Miliz gesuchte Verbrecher waren, fühlte er ohne Zweifel Optimismus in sich aufsteigen, welcher ihm zuzuflüstern schien, alles würde sich zum guten wenden. Und das zu seiner Verwunderung nur, indem er sich mit ihm sprach, trank und ihn besser kennen lernte. Gestern Abend, als er von den beiden Steckbriefen erfahren hatte, war ihm seine Zuversicht, gar schon der Wille, sein Leben endlich in den Griff zu bekommen, scheinbar gänzlich verflogen. Doch da war zu seinem Glück dieser hilfsbereite Kerl, der das alles mit ihm durchstehen wollte und ihm die Gewissheit gab, dass es schon irgendwie gut ausgehen würde. Bis gestern noch hatte Cedric nur widerwillig und gezwungener Maßen Städte aufgesucht und die Einsamkeit in der Wildnis mit Komura genossen. Im Augenblick jedoch fühlte er sich trotz der Umstände ziemlich wohl in seiner Haut.
    „Na toll.“
    Tristan, der gerade den kompletten Raum leicht geistesabwesend beobachtet hatte, verlor mit einem Schlag seinen unbekümmerten Gesichtsausdruck und lies den Kopf sinken. Als Cedrics Augen in jene Richtung wanderten, blieb ihm einen Moment lang der Atem weg. Von all den Menschen, die in diesem Stadtteil lebten, hätte er nicht gedacht, so jemanden erblicken zu können.
    Der helle, weiße Stoff stach sofort ins Auge und war sicher für die meisten Menschen so ziemlich das Letzte, das sie sich in so einer Gegend anziehen würden. Noch auffälliger hätte sie nur sein können, wäre sie brennend in die Kneipe eingetreten, oder nackt.
    Cedrics Augen betrachteten einen makellosen weiblichen Körper, dessen elegante Form durch das schneeweiße Gewand stark zur Geltung kam. Oberkörper und Hüfte wurden durch den offenbar sehr dicken Stoff undurchsichtig bedeckt, Bauch und Beine zeigte sie hingegen der Öffentlichkeit. Ihr Schuhwerk bestand dagegen aus engen, schwarzen Stiefeln. Was er nicht erkennen konnte, war ihr Gesicht, welches durch einen Schleier verdeckt wurde. Schon seltsam, sich so auffällig zu kleiden und dann das Gesicht zu verbergen.
    Die Blicke der Anwesenden gekonnt ignorierend, ging sie zielstrebig zu einem runden, kleinen Tisch an der Wand, unweit von ihm und Tristan entfernt. Als sie sich setzte und Cedric den Rücken zuwendete, sah er ihr glattes, dunkelbraunes Haar, welches fast bis an ihre Taille reichte. Zur Seite gedrängt wurde die Haarpracht durch zwei Katana – Griffe und Schwertscheiden beide in Schwarz – die sie überkreuzt an ihrem Rücken trug. Trotz des spärlichen Lichtes, erkannte er ein kleines, lilafarbenes Band, das sie mit einer Schleife um einen der Griffe gebunden hatte.
    „Hey Cedric, ich will jetzt nicht panisch werden, aber ich rate dir, sie nicht anzustarren.“ Cedric gab nichts auf diese Aussage zurück.
    „Wer ist sie?“
    „Dein Tod wenn du dich nicht von ihr fern hältst.“ Tristan hatte sich weit zu ihm rüber gelehnt damit diese Worte für die Frau ungehört blieben. Doch auch im Flüsterton blieb er sehr eindringlich.
    „Das Weib ist ein echter Drache, wobei es mir doch lieber gewesen wäre, wenn so einer an ihrer Stelle hier aufgetaucht wäre.“
    „Und warum?“
    „Weil es immer Ärger gibt, wo sie aufkreuzt. Die war schon in Sachen verwickelt, dagegen ist unsere Situation mit den Steckbriefen eher harmlos.“
    Cedric erlaubte sich einen weiteren Blick in Richtung der Frau, die nicht nur seine Anwesenheit, sondern auch die der anderen Gäste gezielt zu ignorieren schien. Er wandte sich wieder Tristan zu.
    „Und läuft trotzdem noch frei herum?“ Der Tonfall war schon fast spöttisch.
    „Glaube mir, im Gefängnis wäre sie mir lieber. Ich denke mal, dass sie aus einem ähnlichen Grund in diesem Stadtteil ist, wie wir.“
    Cedric war sich unsicher, was er davon halten sollte. Wieder sah er zu ihr herüber.
    Diese Frau konnte er sich nur äußerst schwer als das vorstellen, was Tristan ihm beschrieb. Sie war bewaffnet, nicht sehr ungewöhnlich, obwohl man Schwertkämpferinnen eher selten zu Gesicht bekam. Anzeichen eines bevorstehenden Blutbades gab es ebenfalls keine. Und dann war ihr Anblick noch so schön.
    Cedric erhob sich von seinem Platz, ohne Tristan anzusehen.
    „Ich geh zu ihr rüber.“
    „Hä?“
    „Ich will mal mit ihr sprechen.“
    Tristan sah ihn an, als würde er mit einem Geisteskranken reden, fasste sich aber wieder.
    „Verstehe. Du kannst es dir sparen. Auch wenn sie hübsch ist, ihr Charakter ist völlig anders. Die beißt ihn dir ab, also schlag dir das aus dem Kopf.“
    „Unfug, ich will...“.
    Cedric entschied sich, die Worte lieber stecken bleiben zu lassen und einfach rüber zu gehen. Tristan hatte da ganz offensichtlich total falsche Absichten in ihm erkannt. Ihm das jetzt zu erklären schien Cedric weitaus aufwendiger, als es zu ignorieren und die junge Frau anzusprechen.
    Nur ein paar Schritte später nahm er am Tisch der in Weiß Gekleideten Platz, ohne sich vorher die Erlaubnis dafür zu sichern. Wahrscheinlich hätte sie abgelehnt, doch er wollte gerne etwas ausprobieren. Eine Flasche dunkelroten Wein in der Hand, wandte sie nur sehr leicht den Kopf in seine Richtung, das Gesicht immer noch verdeckt.
    „Ja?“, fragte sie. Ihre Stimme war etwas tiefer, als er erwartet hatte. Vermutlich gab sie sich zusätzlich Mühe, gefährlich zu klingen.
    Cedric hatte ein nettes Lächeln aufgesetzt und beugte sich mit auf dem Tisch verschränkten Armen zu ihr, darauf bedacht, sie durch seine Nähe nicht zu sehr zu bedrängen.
    „Zeig mir doch mal bitte dein Gesicht.“
    Zuerst reagierte sie nicht. Dann hob sie ihre Flasche und legte zum trinken den Kopf in den Nacken. Zwei große, dunkelbraune Augen, die ihn neugierig musterten, stachen für einen kurzen Moment unter ihrem Schleier hervor.
    „Ich erinnere mich nicht, dass wir uns schonmal getroffen haben. Normalerweise gehört es sich, sich vorzustellen, bevor man fremden Menschen eine Bitte stellt.“, sprach sie schließlich.
    „Genauso gehört es sich, den Leuten sein Gesicht zu offenbaren, um zu zeigen wer du bist und dass man nichts zu verbergen hat.“
    Ihr Mund formte so etwas Ähnliches, wie ein Schmunzeln und sie schob ihre Kopfbedeckung mit den Fingern nach hinten.
    „Scheint, als wüssten wir beide, wie man sich vorbildlich benimmt, tun es aber dennoch nicht.“
    Wie Cedric es vermutet hatte, sprach sie nun mit ihrer normalen Stimme. Heller, weicher als zuvor sprach sie nun ihre Worte aus. Ihr Gesicht wirkte unschuldig und aufrichtig. Der etwas wilde, ungleichmäßige Haarschnitt verlieh ihrem Antlitz einen Hauch Verspieltheit. Cedric merkte zuerst nicht, das er sie für einen Augenblick stumm anstarrte, fing sich aber, bevor sie es ansprechen konnte.
    „D-Du machst auf mich nicht den gewalttätigen Eindruck, wie offenbar auf Andere.“
    „Bitte?“
    „Naja, es gibt scheinbar Leute, die dich als allzeit lebensbedrohlich einschätzen, oder so.“
    Cedric merkte kaum, wie sein Blick hinüber zu Tristan wanderte, der ihn gerade mit offenen Mund anstarrte und eine fassungslos die Arme ausbreitete. Unweigerlich drehte sich die Frau um und folgte seinem Blick. Als ihre Augen und Tristans aufeinander trafen, erstarrte dieser für einen Moment, drehte sich schnell zur Seite und tat so, als würde er keinerlei Kenntnis von ihr nehmen.
    „Verstehe.“
    Sie wandte sich wieder Cedric zu.
    „Und weiter?“
    „Wie weiter?“ Cedric merkte, dass sie nicht im geringsten widersprochen hatte.
    „Was willst du jetzt von mir?“
    „Ich...“, unsicher, wie er auf diese Frage antworten sollte kratzte Cedric sich am Hals und biss sich auf die Unterlippe. Hatte er denn eine Antwort darauf? Im Grunde wusste er selbst nicht, warum er sich an ihren Tisch gesetzt hatte.
    „Naja, ich hätte hier nicht eine so schöne Frau erwartet und dachte mir...“
    Bevor Cedric aussprechen könnte, verfinsterte sich ihr Blick drastisch.
    „Du...“
    Mit flinker Hand hatte sie eines ihrer Katana blitzschnell gezogen und auf ihn gerichtet. Nur Zentimeter war die Klinge von seinem Hals entfernt. Sie selbst rückte ebenfalls näher heran und sprach gerade so laut, dass nur er ihre Worte hören konnte.
    „Schlag dir aus dem Kopf, was auch immer du dir mit mir vorgestellt hast.“
    Cedric bewahrte nach Möglichkeit seine Ruhe.
    „Falsch. Das hast du jetzt ganz falsch verstanden, glaub mir.“ Beschwichtigend hob er den rechten Arm in ihre Richtung. Bevor sie etwas erwidern konnte, erregte eine schnelle Bewegung in ihrem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit. Als sie sich hastig zur Seite wandte, stand ihr auch schon ein wütend knurrendes Tornupto mit entzündetem Flammenkragen gegenüber.
    Nun gab Cedric seinem Partner per Handzeichen, die Anweisung, sich zurück zu halten.
    „Halt!“
    'Jetzt bloß keine Eskalation!', dachte er, doch Komura hielt glücklicherweise inne.
    Die Frau schaute nun erstmals ziemlich verwundert. Neugierig musterten ihre Augen das mannsgroße Feuerpokémon, blickte dann Cedric an und schließlich wieder Komura.
    „Er gehört zu dir?“
    „Ja, schon ziemlich lange.“
    Daraufhin schien sie intensiv über etwas nachzudenken. Grund für diese Annahme waren ihr Schweigen und ihre sich schnell hin und her bewegenden Augen. Aus dem leichten Anheben ihrer Augenbraue entzifferte er, dass ihr wohl etwas in den Sinn gekommen war. Als sie ihr Schwert zurück steckte, entspannte sich auf einen Schlag die Atmosphäre. Erst jetzt sah Cedric, dass es das Schwert mit dem lila Band gewesen ist. Langsam verstand er auch, wie Tristans Ansicht zu dieser Frau entstanden sein mag.
    „Gib gut auf ihn acht.“ wies sie an und nickte in Komuras Richtung, was Cedrics Neugier weckte.
    „Nicht, dass ich etwas anderes vor hatte, aber warum kümmert es dich?“
    Sie schwieg zunächst, starrte nur das Feuerpokémon neben sich an, das sich mittlerweile ebenfalls beruhigt und an Cedrics Seite Platz genommen hatte. Es fixierte die Braunhaarige mit scharfem Blick.
    „Ich mag ihn.“ Sie lächelte. „Er steht dir so treu zur Seite.“
    Cedric kam zu der Annahme, sie sei mit Sicherheit ebenfalls im Kontakt mit einem Pokémon, oder war es wenigstens einmal, denn niemand anderes hatte bis jetzt so von seinem Begleiter gesprochen. Diese innere Zufriedenheit, die er nun verspürte, wollte ihn das Gespräch rasch beenden lassen. Fürs Erste jedenfalls, konnte er sich ein Bild von ihr machen, hatte somit bekommen, was er wollte und erhob sich.
    „Du bist eine interessante Person. Wenn du nicht vorhast, die Stadt demnächst zu verlassen, sehen wir uns sicher nochmal.“
    Sie nickte nur mit neutralem Gesicht und zog sich ihren Schleier wieder über den Kopf.
    Eine Sache musste er natürlich noch sagen, bevor er ging.
    „Und mein Name ist Cedric.“
    Sie blickte kaum auf.
    „Remilia.“
    Ein Lächeln zierte das Gesicht des Waldläufers, doch als er sich gerade abwenden wollte, packte sie sein rechtes Handgelenk und zog ihn nahe an sich heran.
    „Hüte dich vor deinem Freund, da hinten am Tisch.“, flüsterte sie, ohne ihn anzusehen.
    Stirn runzelnd schaute Cedric zu Tristan hinüber, der ihn kurz ansah, als er zu merken schien, dass ein Augenpaar auf ihm ruhte. Mit aufgestütztem Kopf und säuerlichem Gesicht wich er Cedircs Blick jedoch gleich wieder aus. Was hatte das nun zu bedeuten?
    „Wenn du nicht aufpasst, bringt der dich mächtig in Schwierigkeiten.“, fügte sie noch leiser hinzu – wahrscheinlich hatte nichtmal Komura diese Worte gehört - und lies ihn dann von sich, ohne eine Antwort abzuwarten.
    Den Weg zurück zu seinem Tisch konnte Cedric nicht gehen, ohne sich noch ein- zweimal zu ihr umzudrehen, doch Remilia zeigte ihm stur den Rücken. Tristan erwartete ihn mit gespanntem Blick.
    „Was ist los?“
    Einen Moment lang überlegte Cedric, wie ehrlich er auf diese Frage antworten sollte. Aber was sagte man in einer Situation, in der zwei Menschen ihn vor dem jeweils anderem warnen wollten. War er umgeben von Feinden? Direkt zwischen zwei Fronten geraten, die ihn auf ihre Seite zerren wollte, um den Widersacher auszustechen?
    Vorstellen konnte er es sich allemal. Direkt, nachdem er sie erspäht hatte, hatte Tristan ihn mit Warnungen überschüttet, sich von Remilia fernzuhalten. Cedric hatte sie ignoriert. Dies hatte er jedoch nicht getan, da er ihm misstraute, denn sein Vertrauen hatte Tristan sich mittlerweile ehrlich verdient. Eher war es aus einer Laune heraus gewesen. Unbekümmertheit und Optimismus waren für ihn derzeit so deutlich spürbar, wie schon seit Jahren nicht mehr, dank Tristans Hilfsbereitschaft. So war er weniger zurückhaltend, empfand einen gewissen Reiz, Sachen auszuprobieren, die er sonst nicht tun würde, auch wenn das Ansprechen einer gut aussehenden Frau in der Kneipe jetzt keine außergewöhnliche Bedeutung hatte. War dies sein Fehler? Und müsste das nicht gleichzeitig darauf schließen, dass er Remilias Warnung ebenso ignorieren sollte, wie Tristans? Wie viel wusste er denn schon von dieser Frau, als dass er ihr glauben schenken konnte. Ihren Worten mehr Bedeutung zuzuordnen, als denen seines Freundes – er mochte es immer noch kaum glauben, dass er jemand anderes, als Komura als Freund bezeichnete – wäre doch eine absolute Dummheit. Oder nicht?
    Erst nach ein paar Momenten des Schweigen, konnte Cedric eine Antwort formulieren.
    „Wir sollten gehen.“

    Freut mich, dass du wieder da bist!


    Feuerfliege

    Woot? XD


    Ich find's gut, dass nicht sofort, nachdem die Steckbriefe erstellt wurden, jemand auf sie zukommt und sie überfällt, aber das wird auf Dauer wohl auch mal passieren

    Das passiert aus dem Grund nicht, da sie natürlich nun versuchen, solche Begegnungen zu vermeiden. Sie sind ja nicht dumm ;)  
    Diese Situation hat nämlich auch nicht den Zweck, direkt Kämpfe zu forcieren, sondern die Charaktere in eine Ecke zu treiben, aus der sie sich rausfuchsen müssen.


    Auseinandersetzungen in und um Pubs wundern mich dabei kaum und dass du den Fausthieb zuerst ausgelassen und später kurz erwähnt hast, fand ich als Stilmittel ganz gut.

    Der nervige Typ in oder vor der Kneipe. Kennt wohl jeder xD
    Kleine Zeitsprünge machen Spaß und machen den Text meiner Meinung nach schöner. Die Handlung wie an einer Kette durchzuziehen liegt mir nicht.


    Mal sehen, was die beiden zu besprechen haben oder was sie noch planen werden; ich erwarte, dass etwas Ungeplantes eintreffen wird. Ob es vielleicht auch mit den beiden Rittern zu tun hat, die eingetroffen sind?

    Ist denn bisher viel von dem, was passiert ist, geplant gewesen? :P  
    Cedric hatte ja schonmal angemerkt, dass er sich gerne mal mit Tristan austauschen würde. Schließlich weiß er nach wie vor annähernd garnichts über seinen Weggefährten.


    Du schaffst es nach wie vor sehr gut, die Atmosphäre einzufangen und dieses Flair eines Fantasy-Mittelalters einzufangen. Das liest man echt gerne und ich bin gespannt, was du noch für Ideen in die Welt einbringst.

    Ist bei mir wirklich in jeder Szene mit das oberste Ziel. Danke!

    @MarieAntoinette @Sheogorath @Paya

    8: Problemviertel



    Cedric hatte selten so schlecht geschlafen, am liebsten wäre er heute gar nicht aufgewacht. Die Sorge, wie es nun weiter gehen sollte, fraß sich in der Stille der Nacht besonders schlimm in die Brust hinein und hatte ihm jegliche Erholung verwehrt. Der Lärm des Schmiedehammers, der draußen laut auf den Amboss knallte, war obendrein keine angenehme Art des Aufwachens. Jedenfalls nicht für ihn.
    „So müde.“, seufzte er, stand aber dennoch auf. Komura war mal wieder längst wach, verweilte aber dennoch an seiner Seite. Ein hastiges Kraulen seines starken Nackens stellte die morgendliche Begrüßung dar, ehe Cedric sich anzog und das schlich eingerichtete Gästezimmer, welches ihm freundlicherweise angeboten wurde, mit ihm verließ. Auf dem Weg durch den Flur machte er sich Gedanken, wie lange er wohl noch Reinholds Gastfreundschaft gezwungener Maßen in Anspruch nehmen würde. Die Möglichkeit, seine Strafe bei der Stadtwache zu bezahlen, gab es nicht. Ihnen gegenüber zu treten und versuchen, die Situation zu erklären, war auch nicht überaus erfolgversprechend. Sich erst einmal zu verstecken, war, da waren am gestrigen Abend alle einer Meinung, vorerst am ehesten ratsam. Doch Cedric kam nicht drum herum, sich innerlich wieder und wieder über die Torwache vom Vortage aufzuregen. Er war einfach fassungslos, dass dieser ehrlose Kerl eine Suchaktion wegen eines verlorenen Kampfes einleiten konnte, den er selbst gefordert hatte.
    Unbemerkt ballte er beim erneuten Gedanken daran die Fäuste.
    Wie er die Tatsachen vor seinem Vorgesetzten wohl zu seinen Gunsten verdreht hatte, malte Cedric sich nicht erst aus. Aggressive Störenfriede, ein unprovozierter Angriff, irgendetwas in dieser Richtung hatte der sich bestimmt einfallen lassen. Doch zu oft hatte er nun schon darüber nachgedacht, als das die Wut in seinem Körper lange bestand und in diesem Moment auch schon wieder langsam abflaute. Seufzend rieb er sich die müden Lider und atmete tief durch. Wieder ertönte das metallische Hämmern vor der Tür, zu dieser Tageszeit so fleißig zu sein, wäre nichts für Cedric und einen Moment überlegte er, ob er sich trauen sollte, nach draußen zu gehen. Er sah nicht, wie Komura ihn in seinem Rücken betrachtet, abwartete.
    Die grellen Sonnenstrahlen, die sich durch die nur sehr leicht geöffnete Türe zwängten, waren bereits eine enorme Qual für Cedrics Augen. Nicht nur deshalb hielt er sich zunächst noch im Schatten, anstatt gänzlich ins Freie zu treten. Entlang der rechten Hauswand, erspähte er Reinhold an seinem überdachten Arbeitsplatz. Gerade machte er sich mit einer groben Klinge in Richtung Schleifstein.
    „Hey.“ Cedric unterdrückte seine Stimme leicht. Der Schmied bemerkte ihn sofort und winkte ich sorglos heraus.
    „Morgen, keine Sorge, alles sicher.“, versprach er.
    Mensch und Pokémon kamen seiner Aufforderung nach traten auf die Straße. Während Cedric sich noch misstrauisch umsah – war das simple Vorsicht oder wurde er schon paranoid? - fuhr der Reinhold mit seiner Arbeit fort und begann die Klinge in seinem Händen gleichmäßig am Schleifstein entlang zu ziehen. Er sprach, ohne seine konzentrierten Augen von dem Stahl zu lösen.
    „Eigentlich ist unsere Stadtwache nicht übel, Ausschreitungen gibt es meist nur selten. Aber die meisten von ihnen brauchen ganz schön lange um morgens auf die Beine zu kommen.“
    Cedric streckte seine Glieder, beobachtete dabei den Himmel. Ein eher düsterer Tag schien es heute zu werden. Er dachte an den Soldaten vom Stadttor und die Geschichte von der Eskalation, die er am Vortage im Vorbeigehen bei einem Bürger aufgeschnappt hatte.
    „Ausnahmen bestätigen die Regel, wie?“
    Nun unterbrach Reinhold seine Arbeit doch, als er sich zu Cedric umdrehte und ihn mit verengten Augen ansah.
    „Versuche mal, nicht immer alles negativ zu sehen. Glaub mir, das macht einiges leichter.“, und fuhr mit dem Schleifen fort.
    'Ein toller Rat', dachte er und lehnte sich an die Mauer. Lies sich bestimmt sehr leicht sagen, wenn man selber keine Probleme hatte. Eigentlich wäre es ihm egal gewesen, was ein Waffenschmied von ihm denkt, nur konnte er diesen auffordernden Blick, den Komura ihm in diesem Moment zukommen lies einfach nicht entgehen. Mit einem Schulterzucken breitete er die Arme aus und stellte mit weit geöffneten Augen die Frage, was er denn seiner Meinung nach machen sollte. Cedric gestand sich ja mittlerweile ein, das sich an ihrem Leben etwas ändern musste und hatte nun beschlossen, auch was dafür zu tun. Nur ging das halt nicht von heute auf morgen, also was sollte dieser mahnende Blick schon wieder? Natürlich bekam er von dem Tornupto keine klare Antwort, nur wusste er mit den leisen Knurren und kurzem Nicken im Moment wenig anzufangen. Seufzend rieb sich Cedric die noch müden Augen. Hoffentlich musste er nicht zu lange auf Tristan warten.
    Gestern war er noch überrascht gewesen, als er erfuhr, Tristan besäße ein kleines Haus hier in Toldus. Um aber unterwegs nicht vielleicht doch von einem Frühaufsteher der Wache gesehen zu werden, würde er sich wohl die nötige Zeit nehmen müssen, um unbemerkt hierher zu gelangen. Eigentlich eine unnötige Aktion, aber so lange es gut ging...
    „Verstehst du was vom Schmieden?“
    Dieser plötzliche Themenwechsel überraschte Cedric leicht. War es in dieser Situation okay, sich jetzt unbekümmert zu unterhalten?
    „Wenig.“
    „Wie viel?“ Erst jetzt drehte sich Reinhold in seine Richtung. Cedric schwenkte den Kopf hin und her, während er überlegte.
    „Wie es funktioniert weiß ich, heißt aber nicht, dass ich selbst was Vernünftiges herstellen kann. Für Schwerter habe ich mich schon immer interessiert, aber geschmiedet habe ich noch nie welche.“
    Reinhold legte die geschärfte Klinge auf der Arbeitsfläche neben der Schmelze ab.
    „Sie sind toll, oder? So ähnlich und gleichzeitig so verschieden. Größe, Gewicht, Beschaffenheit. Im Aussehen zu variieren ist besonders toll. Ich liebe die Detailunterschiede, die jede Waffe besonders machen.“
    Cedric hätte schwören können, kleine, leuchtende Sterne in seinen Augen erkannt zu haben, während er von seiner Leidenschaft erzählte. Er schien wirklich verrückt nach Schwertern zu sein, nur verstand er nicht, auf was er hinaus wollte.
    „Ist im Grunde genau so, wie bei Pokémon, was?“
    Unterschiede, etwas besonderes. Er tauschte einen Blick mit Komura aus. Allmählich fragte sich Cedric, ob Reinhold und Tristan das abgesprochen hatten, jemand solle immer seltsame Fragen an ihn stellte, damit er was zum grübeln hatte. Falls ja, waren sie erfolgreich, denn einmal mehr wollte Cedric den Sinn einer solchen Aussage nicht richtig verstehen. Klar war, Tristan wollte Cedric helfen, deshalb wollte es Reinhold auch. Nur könnten sie ihre Weisheiten doch bestimmt auch verständlicher mit ihm teilen, oder? Der Schmied las scheinbar etwas in seinem Gesicht und faltete die Hände hinter dem Kopf.
    „Tristan meinte gestern noch, dass irgendwas mit deinem Tornupto ist. Mir ist das nicht ganz deutlich, aber angeblich möchte es etwas von dir, oder so ähnlich.“
    Wenn es um Komura ging, war es besser, nichts falsches zu sagen und dieses Gespräch in eine andere Richtung zu wenden wäre jetzt wohl besser gewesen. Cedric war froh, im selben Moment einen Mann in nachtschwarzer Kleidung zu erkennen, der unauffällig aus einer Gasse auf die Hauptstraße trat und sich ihnen näherte. Reinhold winkte ihm kurz zu, verschwand anschließend aber ohne ein Wort im Haus. Kurz sah Cedric ihm hinterher, war aber insgeheim froh darüber, sein Gefasel nicht ertragen zu müssen. Tristan kam bei ihm an.
    „Morgen.“
    Auch er sah nicht gerade unbekümmert aus.
    „Wie geht’s dir?“
    „Geht so.“, antwortete er mit verschränkten Armen.
    Cedric blickte sich um, konnte aber die Mondkatze nirgends sehen.
    „Wo ist Maros? Springt der wieder auf den Dächern 'rum?“
    „Behält die Umgebung im Auge.“
    Er nickte zufrieden. So war das Nachtara sicher am besten von Nutzen. Dafür hielt Komura mit seiner einschüchternden Erscheinung so manch Unerwünschten vom Leib. Neugierig fragte er nach Tristans Plan.
    „Die Stadt hat unterschiedliche Gesichter, je nach dem, wo man sich befindet.“, begann er.
    „Die Tore im Norden und Süden, der Marktplatz und die Kaserne im Westen sind unter strenger Bewachung der Miliz. Im östlichen Bezirk sieh das aber anders aus. Dort verstecken sich die Armen und Verbrecher, deshalb traut sich kaum jemand von denen dorthin.“
    Cedric hatte eine Ahnung, auf was er hinaus wollte.
    „Also tun wir das auch? Uns vor der Stadtwache verstecken?“
    Bevor er eine Antwort erhielt, öffnete sich die Haustür und Reinhold trat mit Tristans Schwert – erst jetzt sah Cedric, dass die Scheide ebenso dunkel war, wie seine gesamte Kleidung – heraus.
    „Ich habe fast die ganze Nacht dran gearbeitet, damit es perfekt wird. Es wird dir gefallen.“
    Tristan begutachtete seine verbesserte Waffe nur kurz, zog die Klinge ein Stück hervor, die nun, offensichtlich durch das Obsidian, ebenfalls eine sehr dunkle Farbe angenommen hatte. Er wirkte sehr zufrieden.
    „Wir tauchen erst einmal unter und lassen etwas Zeit verstreichen. Dort können wir uns wenigstens frei bewegen. Reinhold wird bei Zeiten mal mit der Wache reden. Vielleicht bringt es ja etwas. Danach sehen wir weiter.“, beantwortete er schließlich die Frage.
    Ein Versuch, selbst mit den Soldaten zu reden, war das letzte, was Cedric tun wollte, daher hatte er nicht viel auszusetzen, bis auf eine Sache. Menschen, die nichts besaßen, waren meist bereit, alles für Gold zu tun.
    „Und du meinst, wenn uns dort jemand als gesuchte Verbrecher erkennt, wird er uns einfach in Ruhe lassen?“, hinterfragte er mit skeptischem Blick, worauf Tristan tatsächlich leicht grinste.
    „Ganz sicher nicht, aber ich komme damit jedenfalls besser klar, als mich mit einem halben Dutzend Soldaten zu schlagen.“
    Cedric konnte sich irgendwie nicht zu einer Antwort überwinden.
    „Komm schon, es wird schon klappen. Und wenn nicht, gehen wir nach Plan T vor.“
    „Plan T? Was soll das sein?“
    Töten, was auch immer sich uns in den Weg stellt. Also was sagst du?“
    Zu seinem Leidwesen hatte sich Komura bereits auf Tristans Seite geschlagen und forderte mit herablassendem Blick, dass Cedric sich endlich in Bewegung setzen sollte.
    Seufzend kratzte sich der Braunhaarige am Hinterkopf.
    „Na dann los.“



    Schon fast zwangsweise musste Cedric sich fragen, wieso man einen Stadtteil derartig verkommen lies und dem Gesindel überlassen hatte.
    Dass sich die Bürgerschaft meist dem Ansehen und Wohlstand entsprechend voneinander abschottete, war nicht ungewöhnlich, doch einen ganzen Stadtteil einfach aufzugeben, konnte doch nicht im Interesse des Stadthalters sein. Wie Tristan es beschrieben hatte, war wirklich nirgends ein Königssoldat auszumachen, was wohl ganz einfach daran lag, dass ein einzelner Vertreter dieser Gemeinschaft der erste Kandidat für den nächsten Mord wäre, sollte er sich in dieses Viertel wagen.
    Die Straßen und Häuser möchten sicherlich einmal einen ähnlich anschaulichen Zustand gehabt haben, wie im restlichen Teil der Stadt, doch wucherndes Unkraut, zerschlagene Fensterscheiben, sogar die ein oder andere zerstörte Mauer machten eine friedliche Atmosphäre schnell zunichte. Hinzu kamen stinkende Leute in abgerissenen Klamotten, die an jeder Ecke herumlungerten und jeden finster betrachteten, der es wagte, auch nur in ihr Blickfeld zu geraten. Allein die Straße entlang zu laufen, brachte Tristan und Cedric sehr viel ungewollte Aufmerksamkeit, was den Waldläufer dazu veranlasste, seine Kapuze über den Kopf zu ziehen, um einigen Blicken zu entkommen. Dass sie Pokémon an ihrer Seite hatten, – Maros war schon nach kurzer Seit wieder zu ihnen gestoßen – machte es nicht besser. Auch nicht, dass Komura in der angespannten Atmosphäre seine Egal-Stimmung abgelegt hatte und aussah, als wolle er dem nächsten Halunken direkt an die Kehle springen. Wenn das alles mal gut ging.
    „Warst du schon mal hier?
    Tristans Augen behielten weiterhin wachsam die Umgebung im Auge, während er seine Antwort gab.
    „Einmal.“
    Cedric runzelte die Stirn. Mehr sagte er nicht dazu?
    „Schon vorher mal Ärger mit Wachen gehabt?“
    „Später, okay?“
    Seine Stimme war eindringlich, vielleicht auch etwas nervös, fast war er sich sicher, das Tristan sogar darum flehte, das Gespräch zu verschieben.
    Cedric musste selbst gerade feststellen, wie überaus unpassend dieser Augenblick war. Der ebene Weg endete hier und die Straße führte in die Richtung, in der abermals Stadtmauern zu sehen waren, in eine Senkung. Während Tristan und Maros unbeirrt weiterliefen, konnte Cedric dem Zwang, kurz anzuhalten, nicht widerstehen. Komura gesellte sich an seine Seite, allein das war ihm schon eine Unterstützung. Dennoch fragte er sich, ob er dort wirklich hinunter gehen sollte. Ein wolkenverhangener Himmel, eine finstere Gegen, das alles im Schatten der Mauern, in denen sich die beiden mehr eingesperrt, als geschützt fühlten. Als er sich doch wieder in Bewegung setzte, war ihm, als würde er eine Höhle betreten. Freundlicher würde es da unten sicher nicht aussehen. Dennoch schlossen beide die verlorenen Meter zu Tristan und seiner Nachtkatze wieder auf, seine Sorgen wurden von ihm anscheinend ignoriert.
    Es dauerte nicht lange, bis Cedric sah, wohin sie geführt wurden. Über der Tür von einem, der etwas größeren Häuser stach eine Holzschild mit einem überschäumenden Bierkrug darauf ins Auge. 'Zum betrunkenen Fettsack' hatte mach draufgeschrieben.
    Wie sich die Gruppe der Kneipe näherte, stellte Cedric fest, dass er gegen einen kräftigen Schluck Alkohol gerade nicht einzuwenden hatte. Dagegen sprachen allerdings nicht nur seine leere Börse, sondern auch der kahle Typ mit dem runden Gesicht, der sich vor der Türe aufgebaut hatte und nicht den Eindruck machte, jeden durch zu lassen. Er entschied sich jedoch, es Tristan zunächst nachzumachen und dem Türsteher nicht zu beachten, als sie auf den Eingang zuhielten. Wie erwartet stellte er sich ihnen jedoch entgegen.
    „Hey, wo soll es denn hingehen?“ Seine Stimme war tief und wirkte, als konnte er schon seit zu vielen Jahren nicht die Finger von Schlohkrautstängeln lassen. Der Geruch, der Cedric entgegen kam, widerte ihn regelrecht an. Diese Raucher konnte er nicht ausstehen. Zudem sprach er sehr langsam, irgendwie heimtückisch.
    „Wie du siehst, wollen wir etwas trinken gehen.“ Tristan klang bereits ziemlich genervt.
    „Sag doch einfach, was du wirklich von uns wissen willst.“
    Der nach Rauch stinkende Mann sah kurz etwas überrascht aus, dann aber zeigte er seine gelben Zähne durch ein breites Grinsen.
    „Oh, na gut, Kleiner. Wie wäre es dann, wenn ihr euch wieder umdreht und dorthin geht, wo ihn hergekommen seid?“ Seine Miene verfinsterte sich. „Glaubt ihr wirklich, das ihr mit euren komischen Viechern hier herumspazieren und machen könnt, was ihr wollt?“
    Während Maros solche Worte abermals wenig bis gar nicht zu interessieren schienen, musste Cedric inständig darum bangen, dass Komura nicht auf ihn los gehen würde. Knurrend begab sich sein Tornupto in Kampfhaltung und fokussierte den Mann. Er wusste, wie sehr er es hasste, als niederes Lebewesen angesehen zu werden.
    Cedric rollte auffällig mit den Augen. Musste es denn jedes verfluchte Mal das gleiche Theater sein?
    „Wer bist du, der Oberaufseher?“, fragte er ihn spöttisch.
    Wieder grinste der Mann.
    „So ähnlich. Ich sorge dafür, dass es hier keinen Ärger gibt.“
    Dann schaltete Tristan sich erneut ein.
    „Ich kann das besser als du. Also lass es gut sein und geh' beiseite.“
    „Oho, und was wirst du tun, wenn ich es nicht mache?“



    In eine Kneipe einzutreten war für Cedric etwas ziemlich unangenehmes. Auch wenn niemand wirkliches Interesse an ihnen zeigte, als die Tür sich quietschend öffnete, besaßen sie für ein paar Sekunden die komplette Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Sollten sich die Kerle doch lieber um etwas anderes Sorgen machen, wie ihr langweiliges Leben, oder, das ihr Bierkrug schon wieder leer war. Er versuchte sie zu ignorieren und mied jeden möglichen Blickkontakt mit einem der Säufer, während er Tristan folgte, der direkt nach rechts zur Bar schwenkte, hinter der der Wirt sie und natürlich die beiden Pokémon schon argwöhnisch betrachtete.
    „Wer hat euch denn hier reingelassen?“
    „Wir wollen nur in Ruhe etwas trinken.“, umging Tristan die Frage und legte ihm eine Handvoll Goldmünzen vor die Nase. Es war definitiv mehr, als die beiden Getränke kosteten.
    Prüfend sah der ältere Mann mit der Schürze und dem grauen Haar zwischen den vier Gestalten hin und her.
    „Ihr macht also keinen Ärger?“
    „Wir fangen zumindest keinen an.“
    Damit schien er sich zufrieden zu geben. Dennoch murrend schnappte er sich die Münzen und stopfte sie sich in die Tasche.
    Nun erlaubte sich Cedric erstmals, sich genauer umzusehen, was eher relativ war, da die Kneipe wohl unter tausenden in keinster Weise heraus stach. Da außer den alten Tischkerzen kaum Lichtquellen existierten, war es sehr dunkel, trotzdem war zu erkennen, das ausschließlich altes und billiges Holz für Wände und Möbel verwendet worden war. Zu dieser frühen Mittagszeit gab es noch nicht sehr viele Gäste, lediglich die Leute, die ihren Alkohol unabhängig der Tageszeit zu sich nahmen.
    An einer Wand hatten sie schnell einen freien, abgelegenen Tisch ausgemacht, an dessen Sitzbänken sie nun alle Platz nahmen – Komura und Maros machten es sich unter dem Tisch bequem. Das Gelächter der anderen Besucher kam in dieser Ecke kaum an.
    „Sag mal Tristan,“ ergatterte Cedric sich dessen Aufmerksamkeit, „warum hast du dem nicht auch einfach eine runter gehauen, anstatt ihm großzügig das Gold in die Tasche zu stopfen?“ Dass es ihn ungemein amüsiert hatte, als Tristan den Türsteher mit einem satten Fausthieb dazu gebracht hatte, ihnen Platz zu machen, verschwieg er lieber.
    „Unsere Ankunft im Viertel muss nicht noch chaotischer sein oder? Der Typ vor der Tür war ja drauf aus, aber der Kerl dort an der Bar versucht nur, sein Geschäft am laufen zu halten und Ärger aus dem Weg zu gehen.“
    Wo er Recht hatte...
    „Außerdem halte ich es für unklug, es sich mit dem Kerl zu verscherzen, der dir deine Getränke serviert.“, grinste er und Cedric erwiderte es.
    „Aber jetzt mal wieder ernst.“
    Er beugte sich nach vorn und stützte seinen Kopf auf die zusammen gefalteten Hände.
    „Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, sich auszusprechen, meinst du nicht?“
    Cedric merkte, wie die Stimmung zwischen ihnen wechselte. Der meist so lockere Ausdruck in Tristans Gesicht war verschwunden. Stattdessen schien sein Blick ihn nun regelrecht zu durchbohren, was ihn überraschenderweise nicht wirklich beunruhigte.
    In diesem Moment trat der Wirt mit zwei Bierkrügen an den Tisch heran und stellte sie wortlos ab, um sogleich wieder von dannen zu ziehen. Cedric legte seine Hand um das Gefäß und blickte sein Gegenüber nickend an. Schließlich wollte er noch ein paar Sachen wissen, so wie Tristan wahrscheinlich auch.
    „Gerne.“



    Reinhold mochte die Kaserne überhaupt nicht. Das lag nicht speziell an dieser hier, ihn schreckte einfach die kriegerische Atmosphäre dieser Einrichtungen enorm ab. Natürlich war ihm bewusst, in welch einem Widerspruch er lebte, waren es doch Leute, wie er, die die Truppen des Königs mit Waffen versorgten und damit das alles hier am Laufen hielt. Doch die Herstellung von Waffen lag ihm einfach im Blut. Zu sehr, um damit nicht seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schließlich war die Arbeit eine ehrliche und gekonnt ausgeübt auch sehr ertragreich.
    Trotzdem legte er einiges an Tempo zu, als er die Treppe erreichte, die zu dem großen Gemäuer führte, das sich unweit des Marktplatzes an die Stadtmauer schmiegte. Auch im Innenhof verschwendete er keine Zeit, sich großartig umzusehen. Das Bild von Soldaten, die ihre Schwertkünste verfeinerter, oder mit Bogen und Armbrust auf Zielscheiben schossen, während die Ausbilder das ganze mit strengem Blick überwachten, bot sich hier jeden Tag. Reinhold allerdings fühlte sich hier mehr fehl am Platz, als ein Myrapla am Schmelzofen, weshalb er direkt nach links drehte, wo sich die Tür zum Kommandanten der Stadtwache befand. Wie praktisch, dass jene für Besucher immer offen stand. Nicht jeder Mann in dieser Position war zu zugänglich, wie Ullrich.
    Der Raum war durch die Tatsache, das es hier kein Fenster gab, sehr dunkel, woran sich Reinholds Augen auch erst einmal gewöhnen mussten. Blinzelnd lies er den Blick umher schweifen. Was die Einrichtung betraf, gab es hier nicht viel zu sehen, dass wusste er noch von seinem ersten Besuch hier, als er sich damals von Ullrich die Genehmigung für die Waffenanfertigung geholt hatte, die zusammen mit der, des Stadthalters nötig gewesen war, um seine Schmiede zu eröffnen. Also fokussierten seine Augen das Einzige hier, das er noch nicht gesehen hatte. In diesem Falle waren dies zwei Männer in auffällig edlen Rüstungen, vor denen der Kommandant gerade respektvoll den Kopf neigte. Erst im Anschluss an diese Geste bemerkte er den neuen Besucher.
    „Ah, hallo Reinhold.“, begann seine raue, gleichzeitig freundliche Stimme. Dann wandte er sich nochmals an einen der anderen Gäste.
    „Ich erkläre es ihm kurz, dann ziehe ich mich zurück, wenn das in Ordnung ist, Sir.“
    Ein Mann mit Vollbart und langem, schwarzen Haar nickte. Reinhold realisierte in diesem Moment, was für Leute da vor ihm standen. Was bei allen Meisterschmieden machten zwei Ritter hier in Toldus?