Beiträge von Silvers

Die Insel der Rüstung erwartet euch!


Alle Informationen zum ersten Teil des Erweiterungspasses "Die Insel der Rüstung" findet ihr bei uns auf Bisafans:

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    Hallo :)
    Ich habe bisher nicht alles gelesen; aber ich werde dazu die nächste Zeit kommen und mich dann entsprechend nochmal melden. Jetzt gerade will ich mich mit meinem ersten Eindruck bei dir melden.

    Ich fange mit meinen Anmerkungen zuerst an, ehe ich zum Positiven komme:

    • Was deinen Startpost betrifft. Es kann gut sein, dass er mit der Zeit Anzeigefehler aufweist; beispielsweise ist die letzte Charakterbeschreibung auf meinem Rechner total unleserlich. Ich meine damit die Nennung von Alice. Wird dir der Fehler auch angezeigt?
      Denke dran, deinen Startpost entsprechend zu überprüfen und aufzupolieren. Ich hatte auch Schwierigkeiten mit meinem dunklen Layout, deine hell unterlegten Texte zu lesen, da die Schrift darauf ebenso weiß war.
    • Weiterhin sind mir ein paar Schreibfehler im Text der ersten beiden "Kapitel" aufgefallen; ein Blick darüber mit entsprechenden Korrekturen wäre angebracht; ich kann es nachvollziehen, dass es schwierig ist, seinen Anfang zu korrigieren, wenn man schon weit fortgeschritten ist.


    Nun zu meinem Lob: Ich finde die Art, wie du die Geschichte in Kurzepisoden-Form schreibst, abwechselnd erfrischend. Man kann es sich portionieren und muss sich nicht, wenn die Ausdauer nicht vorhanden ist, mit einem meist langseitigen Kapitel befassen. Es gelingt dir gut, deine Charakter zwar kurz, aber mit ihren entsprechenden Merkmalen einzuführen (was jetzt Michael und Pakhet betrifft). Es wird klar, dass Pakhet schon recht routiniert und kampferprobt ist und dass sie mit Michael schon länger eine offene Rivalität hat, obwohl er ihr Vorgesetzter ist.

    Solche Kurzepisoden laden nicht ein, ausschweifend zu beschreiben, du setzt - was meine Sichtweise betrifft - aber dafür die richtigen Akzente. Ich bin gespannt, wie sich die nächsten Episoden lesen lassen.


    Sollte ich auf dem aktuellen Stand sein, werde ich mich nochmal melden und auch zu der Handlung mein Statement lassen. Ich hoffe, dieser Kommentar bewegt dich, mit dem Schreiben weiterzumachen und dranzubleiben.

    Ich wünsche dir einen schönen Abend sowie alles Gute weiterhin,
    Silvers :)

    V
    Die Geheimniswahrerin


    Cephal beugte sich über Max, Mimi und Iro, die alle dicht beieinander lagen und bewusstlos waren. Er fühlte bei allen den Puls und untersuchte die Stellen, die Herakles mit seinem Horn getroffen hatte.
    „Mach dir keine Sorgen, Jimmy. Es sieht übler aus als es ist. Sie kommen schon bald wieder auf die Beine.“
    Erleichtert atmete Jimmy auf. Seine Furcht, die er vor Herakles hatte, als dieser wieder auf die Beine kam, legte sich allmählich. Dennoch blickte er sorgenvoll auf das Skaraborn, welches etwas entfernt von ihm an einen Baum gelehnt war. Herakles war nicht mehr wieder zu erkennen, nachdem sein prominentes Horn und sein dicker Panzer nicht mehr an seinem Körper befestigt waren. Jimmy schoss das Bild durch den Kopf, was passieren würde, sollte dieser wieder erwachen.
    „Selbst wenn“, antwortete Cephal, als Jimmy ihn darauf ansprach, „er ist jetzt sowieso harmlos. Der tut keinen mehr was, selbst wenn er wollte.“
    „Weshalb bist du dir da so sicher?“, fragte Jimmy.
    „Ganz einfach“, sagte Cephal gelassen und malte mit seiner weißen Klaue drei Stricke in den Erdboden. „Jetzt, wo er seine drei Asse nicht mehr zur Hand hat, ist dieses Skaraborn genauso harmlos wie ein pazifistischer Trickbetrüger.“
    „Mit den drei Assen meinst du...“, sagte Jimmy und blickte sich um. Sein Blick fiel auf das Horn sowie auf die Splitter des Panzers. Cephal nickte.
    „Das waren die beiden offensichtlichsten; eine starke Offensive gepaart mit einer guten Defensive. Du hast ja gehört, wie es gerummst hat, als Iro gegen den Panzer geschlagen hat.“ „Du hast das gesehen?“, sagte Panflam und sein Blick weitete sich vor Überraschung. In Cephals Gesicht zeichnete sich Schuld ab und Jimmy war erstaunt, wie selbst ein ausgewachsenes Knarksel klein wirken konnte, als dieses verlegen nach unten blickte.
    „Ich habe mich recht schnell aufrappeln können, nachdem mich Herakles aus der Bahn geworfen hat“, sagte er. „Ich wollte direkt wieder zu euch stoßen, doch ich sah, wie gut ihr mit ihm klar kamt. Dennoch beschlich mich das Gefühl, dass er sein drittes Ass einsetzen würde. Und ich wollte mich gerade entsprechend wappnen, als ihr dann schon seinen Panzer zerschmettert hat.“
    „Dieses dritte Ass ... was war es?“, fragte Jimmy. Cephal deutete auf Herakles.
    „Das hast du mit deinem Flammenwurf gezielt ausschalten können, und dies war seine Trumpfkarte, könnte man meinen.“
    „Du meinst die Flügel?“
    „Genau die“, sagte Cephal und blickte zu Jimmy. „Ist dir Käfergebrumm ein Begriff?“
    Jimmy schüttelte den Kopf und Cephal nickte, als ob er eine Bestätigung erhalten hatte.
    „Eine selten bei Käfer-Pokémon gesehene Technik. Stell dir vor, du hättest mit einem Schlag hunderte von Bienen in deinen Ohren brummen.“
    Cephal musste lachen, als Jimmy instinktiv und in Schrecken die Hände an seine Ohren hielt.
    „Und das ist mit Max und Mimi passiert; und da beide vom Typ her gegen Käfer-Pokémon im Nachteil sind, haben sie diese Technik umso schlimmer erfahren als du und ich es hätten können.“
    „Deswegen konnten sie sich nicht rühren, als Herakles so nahe bei ihnen waren. Und deshalb konnten sie sich auch nicht verteidigen.“
    „Genau. Auf dieses Ass wollte ich euch hinweisen, bevor er mich so überrumpelt hat“


    Cephal setzte sich auf den Boden und nestelte an den Verschlüssen seines Ledermantels, der seine Flügel bedeckte. Jimmy bemerkte, dass bis auf zwei fast sämtliche der fünf Klammern geöffnet waren. Auf einen bittenden Blick von Cephal hin half Jimmy ihm dabei, diese wieder zu verschließen.
    „Ein Glück, dass ich am Ende nicht darauf zurückgreifen musste“, murmelte Cephal, mehr zu sich selber als an Jimmy gewandt. Dieser begutachtete das Lederwerk, das bis zu den Schultern des Knarksels reichte.
    „Wofür sind diese Ledermäntel eigentlich, Cephal?“, wollte Jimmy wissen.
    Gerade als dieser antworten wollte, regten sich Max und Iro zur selben Zeit. Jimmy eilte zu ihnen und half ihnen dabei, sich aufzurichten. Verwirrt blickten beide sich um. Ihr Blick fiel zuerst auf Cephal, auf die umher liegenden Reste des Kampfes und dann auf Herakles selbst. Da beiden die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stand, erklärte Jimmy ihnen, was vorgefallen war. Nur musste er mittendrin abbrechen, weil auch Mimi wieder zu Bewusstsein kam. Und Jimmy erklärte auch ihr von vorne, wie Cephal in letzter Sekunder eingeschritten war, ihn rettete und wie er selber mit seinem Flammenwurf Herakles‘ Flügel neutralisierte. Auch wenn alle drei noch sichtlich benommen waren, so verstanden sie Jimmys Ausführungen.
    „Wir schulden dir unseren Dank, Cephal!“, sagte Mimi und versuchte sich aufzurichten, doch wackelten ihre Kniee und sie sank wieder herab. Cephal fing sie sanft dabei auf.
    „Ich denke, wir können echt von Glück reden, dass wir dir begegnet sind“, pflichtete Max ihr bei. Iro nickte zustimmend.
    „Dennoch muss ich mich bei euch entschuldigen“, sagte Cephal reuevoll. „Ich hätte euch viel früher warnen und auch rechtzeitiger eingreifen können. Dass ihr getroffen wurdet, ist mein Fehler gewesen!“
    „Mag sein“, winkte Mimi ab, „aber man kann es auch als eine überlegt zurückhaltende Strategie von dir bezeichnen. Wer weiß, was passiert wäre, wenn du dich direkt gezeigt hättest? Ich bin sicher, dass Herakles auch dich irgendwie erwischt hätte, und dann wären wir alle erledigt gewesen.“
    „Nun, in dem Fall...“, wollte Cephal ansetzen und hob seine lederbekleideten Flügel, als ein Dumpfen ertönte, gefolgt von einem Rascheln. Alle blickten sich um. Iro, der als Einziger stand, hatte sich vom Kreis entfernt und mit der Faust gegen einen nahestehenden Baum geschlagen. Durch den Schlag fielen ein paar Äpfel auf den Boden, doch Iro kümmerte es nicht. Er schnaubte wütend.
    „Dieser verdammte...!“, zischte er und schlug wieder zu. Wieder fielen Äpfel auf ihn herab. „Er hat mich doch noch K.O. schlagen!“
    „Er hat dich eiskalt erwischt“, versuchte Jimmy ihn zu beruhigen, doch Iro wandte sich mit zornig funkeldem Blick ihm zu: „Versuch es nicht, Jimmy! Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen! Ich fordere eine Revanche, sobald dieser Mistkerl aufwacht. Dann wird er mich kennen lernen.“
    „Wenn du deine Kraft beweisen willst“, sagte Cephal tonlos, „dann wirst du dies bei einem Pokémon tun müssen, das nicht seiner eigentlichen Kampfkraft beraubt wurde. Andernfalls wäre es unnötiges Nachtreten.“
    Iro blickte von ihm zu Herakles und wieder zurück. Dann stieß er ein letztes Schnauben aus, verschränkte die Arme und wandte sich ab.
    „Er schmollt meistens, wenn er Pokémon nicht mit seiner Kraft besiegen kann“, flüsterte Jimmy Cephal und Mimi zu und das so leise, dass nur Max ihn noch hören konnte. Verständnisvoll nickte Cephal. Dann wandte er sich an Mimi: „Wie machen wir das eigentlich jetzt?“
    Verwirrt blickte Mimi ihn an. Cephal nickte an ihr vorbei zu Herakles.
    „Wir haben alle dazu beigetragen, diesen Ganoven zu schnappen. Ich würde vorschlagen, dass wir ihn nahe deiner Gilde, also in Schatzstadt, der Justiz übergeben und uns die Belohnung teilen. Wäre das in Ordnung?“
    „Wer soll sie uns denn geben? Der Auftrag wurde nicht von Oberwachtmeister Magnezone erteilt. Wenn, sollte sich der Klient oder die Klientin mit uns in Verbindung setzen.“
    „Stimmt, da ist etwas dran“, sagte Cephal und hielt inne, als ob er sich auf etwas konzentrieren würde. Dann richtete er sich auf. Er erhob seine Stimme, was Max jedoch unnötig fand, da sowohl er als auch die anderen ihn bereits gut hören konnten. Doch Cephals Blick galt nicht ihnen, sondern er blickte an ihnen vorbei inmitten des Dickichts.
    „Ich bin mir sicher, dass es der Verfasser des Auftrags kaum erwarten kann, sich bei uns zu bedanken. Er versucht erst die richtigen Worte zu finden, bevor er aus seinem Versteck kommt, nicht wahr?“
    Verwirrt folgten die Erkunder um ihn seinem Blick. Max versuchte tiefer in den Wald zu spähen, doch konnte er kein Pokémon zwischen den tiefhängenden Zweigen und Ästen erkennen. Doch Cephal schien sich sicher sein, dort jemanden zu vernehmen. Er schob seinen Fuß etwas nach vorne und schloss dabei die Augen. Umso mehr schien er an Gewissheit zu gewinnen, denn nun rief er in den Wald hinein: „Vierbeiniges Wesen, das uns aus rund zwanzig Metern beobachtet, neben einer Buche stehend. Oder ist es eine Eiche? Jedenfalls, ich weiß, dass du da hinten stehst.“
    „Wie kannst du das so genau...“, wollte Mimi ungläubig wissen, als dann auch aus weiter Entfernung tatsächlich etwas raschelte. Es kam aus der Richtung, in die Cephal gespäht hatte. Und dann schälte sich eine schlanke und grazile Gestalt aus dem Dickicht hervor. Für einen Moment dachte Max, ein wiesengrüner Cephal käme auf sie zu, denn der Kopf des Pokémon wuchs wie bei Cephal in die Breite, doch bestand er aus zur Seite wachsendem Fell,welches sich in jeweils eine Locke am Ende verlief. Dem Kopf folgte eine schlanke Gestalt, die zur Hälfte ebenfalls mit dem wiesengrünen Fell bedeckt war. Alle vier Beine endeten in Hufen, die von dem grünen Fell umzogen wurden und daher wie Stiefel wirkten.
    Die Augen des Pokémon, das in stolzer und erhabener Haltung auf sie zuschritt, wandten sich jedem der Anwesenden zu, dann ruhten sie auf Cephal: „Du verfügst über ein feines Gespür.“
    Ihre Stimme klang recht jugendhaft, fand Max.

    „Ich hatte gehofft, unentdeckt zu bleiben. Doch wollte ich mich vergewissern, dass dieser hier...“, und ihr Blick fiel verächtlich auf Herakles, „tatsächlich eurer Justiz übergeben und aus meiner Sphäre geschafft wird.Was das betrifft“, und sie verbeugte sich andächtig vor den Erkundern. „Ich danke euch! Seid euch meiner Gunst gewiss und gehet in Frieden.“
    „Vi...ri...dium...“, röchelte Herakles, als seine fast zur Gänze geschlossenen Augen sie erblickten. Doch sie gab ihm keine Aufmerksamkeit.
    „Moment...“, versuchte Mimi dazwischen zu reden, doch Viridium wandte sich, ohne sie zu beachten, um und war dabei im Wald zu verschwinden, als Max ein seltsames Gefühl beschlich. Die Art, wie sich das Pokémon bei ihnen bedankt hat, kam ihm seltsamer Weise vertraut vor. Dann fiel ihm ein, dass er ihre Stimme schon einmal gehört hatte. Jäh trat er hervor: „Bitte warte!“
    Das Pokémon hielt inne. Kaum merklich wandte Max dem Kopf zu: „Gibt es einen Grund, dass ihr mich an diesem Ort weiter festbinden wollt?“
    „Den gibt es tatsächlich“, sagte Max und trat einen weiteren Schritt. Sein Blick fiel auf den bewusstlosen Herakles und dann auf das Pokémon. „Was war der Grund, dass Herakles es auf dich abgesehen hatte?“
    „Uns hat er erzählt, dass du ihm ein Erbstück gestohlen hättest“, pflichtete ihm Cephal bei. „Gewiss, er hat nicht mit sich reden lassen, aber ich finde schon, dass wir diese Angelegenheit klären sollten.“
    Ihr Blick wandte von Max zu Cephal und wieder zurück, dann lächelte sie kühl: „Das Einzige, was ihm abhanden gekommen ist, ist seine Ehre. Doch das hat er sich selbst zuzuschreiben. An mich hat er sich nur geheftet, weil er glaubte, ich könnte sie ihm irgendwie wiedergeben. Doch wollte er mir nicht glauben, als ich ihm sagte, dass dies nicht möglich sei. Seither verfolgte er mich durch das ganze Land. Ich hoffe, das reicht als Erklärung.“
    Und wieder wandte sie sich ab und wollte verschwinden, dann wagte Max einen gewagten Versuch: „Ist es vielleicht möglich, dass du den Weg in den Geheimnisdschungel kennst? Und dass Herakles von dir eine Art Schlüssel ergattern wollte?“


    In einer gewissen Entfernung fiel ein Apfel dumpf auf den Boden. Auf der Lichtung, auf der sich die Erkunder und Viridium versammelt hatten, wehte kein Wind und alle Äste wirkten wie erstarrt. Viridium, die ihren Blick nach vorne geheftet hatte, drehte sich langsam um. Argwöhnisch nahm sie Max in Augenschein. Er glaubte für einen kurzen Moment, Unglauben, Entsetzen, aber auch eine gewisse Neugier in ihren Augen zu erkennen. Dann aber verengte sie irritiert die Augen: „Ich ... weiß nicht wovon du redest. Geheimnis... wie war das?“ „Geheimnisdschungel“, wiederholte Max nachdrücklich, ohne seinen Blick von Viridium abzuwenden. Aus seiner Ahnung wurde Sicherheit, als er sah, wie sie kaum merklich mit ihren Hufen scharrte.
    Jimmy trat an Max heran: „Bist du dir sicher, dass sie den Weg kennt?“
    „Ich erkenne ihre Stimme aus meinem Dimensionalen Schrei wieder“, sagte Max. „Und ihre Reaktion spricht für sich. Also ja, ich bin mir sicher.“
    „Nun mal langsam“, sagte Viridium, welche stolz ihren Kopf in die Höhe streckte. „Ich lasse mir doch nicht unterstellen, dass ich über irgendetwas eine Ahnung hätte, wovon ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Ich bin zwar in vielen Wäldern dieser Welt gewandert, aber keiner von ihnen trug den Namen Geheimnisdschungel.“
    „Es handelt sich auch nicht um einen Wald, sondern um einen Dschungel, und Mew ist der Wächter, habe ich Recht?“
    Jetzt verriet sich Viridium endgültig, denn ihr Blick weitete sich erneut, sodass es auch die anderen sahen. Erschrocken blickte sie von einem zum anderen, dann seufzte sie resigniert. Als sie dann Max wieder in die Augen blickte, sah er, wie eine Herausforderung aus ihren Augen geschossen kam.
    „Woher hast du von diesem Ort gehört? Von ihm hier kannst du es nicht erfahren haben“, und sie nickte verächtlich zu Herakles hinüber. Max blieb standhaft, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden.
    „Mew schickte nach uns“, sagte er bestimmt.
    „Das denke ich nicht“, sagte Viridium kalt lächelnd. „Mew hätte mich informiert, wenn er euch erwarten würde, was er aber nicht tat. Ich bin mir sicher, dass du dir das ausgedacht hast.“
    „Also kennst du den Ort?“, fragte Max.
    „Ich stamme von dort, wenn du das meinst“, antworte Viridium. „Und gerade deshalb bin ich mir sicher, dass du anderweitig von meiner Heimat gehört haben muss. Es ist nämlich eine strikte Regel, dass absolut niemand die Existenz des Geheimnisdschungels außerhalb seiner Grenzen verraten darf. Wenn er dies überhaupt kann.“
    „Was meinst du damit?“, fragte Jimmy neugierig. Viridium blickte ihn kühl an. Dann schüttelte sie den Kopf.
    „Wie ich schon sagte, du kannst es nicht von Mew selbst erfahren haben. Wie auch immer du von dem Geheimnisdschungel erfahren hast, ich frage dich hiermit, alles zu vergessen. Und das gilt für euch auch!“, und sie blickte sowohl Jimmy als auch Iro, Mimi und Cephal in die Augen, wobei letzterer mit seiner Klaue an seinem Kinn grübelte.
    „Es stimmt aber!“, rief Jimmy hektisch ein, als Viridium ein paar Schritte von ihnen weg gegangen war. Wütend stampfte sie mit ihren Hufen auf.
    „Ich verschwende meine Zeit nicht mit Lügnern! Geht in Frieden und lasst mich in Ruhe!“ Und sie wäre fast im Gebüsch verschwunden, als Cephals stimme sie erreichte: „Dann kannst du dich darauf einstellen, dass die Jagd nach dir mit Herakles nicht enden wird!“

    Max blickte zu ihm hin und sah erschrocken, dass Cephal ein böses Grinsen aufgesetzt hatte. Auch Viridium schien dieses zu spüren, denn sie drehte sich um und trat wieder auf die Lichtung. Ihr Blick begegnete Cephals und Max spürte, wie eine unheimliche Spannung sich zwischen diesen ausbreitete.
    „Was meinst du damit?“, sagte Viridium mit unterdrückter Wut. Cephals gemeines Grinsen wurde breiter und er fing einen Bogen um sie herum zu laufen. Ihr Blick folgte ihm, während sie standhaft an Ort und Stelle stehen blieb.
    „Ich meine nur, dass meine Gefährten hier es nicht leicht hatten mit Herakles. Er hat nicht nur Max, sondern auch Iro und Mimi außer Gefecht gesetzt. Nicht zu vergessen sind auch die anderen Erkunder, die von ihm erledigt wurden. Glaubst du etwa, mit einem einfachen ‚Danke‘ wären wir als Belohnung zufrieden?“
    „Es geht doch nicht um die Belohnung, Cephal“, versuchte Mimi ihm ins Gewissen zu reden, doch er gebot ihr mit einer erhobenen Klaue zu schweigen. Herausfordernd blickte er Viridium in die Augen: „Es wäre nur fair, wenn wir ein bisschen mehr als Gegenleistung fordern dürften, findest du nicht auch?“
    „Treibe dein Glück nicht soweit“, sagte Viridium kühl. Cephal lachte kurz auf.
    „Sonst was? Wirst du uns dann angreifen? Dann nur zu, dieser Herakles war jetzt nicht wirklich eine Herausforderung“.
    „Ich habe doch schon in meinem Schreiben an eure Gilden bereits gesagt, dass ich mich erkenntlich zeigen werde, Und ich habe mich zu erkennen gegeben und euch sogar gedankt. Ich habe mehr gegeben als ich es gemusst hätte.“
    „Mir reicht es nicht“, sagte Cephal trotzig, „jedenfalls nicht nach den Strapazen, die ich und andere auf uns genommen haben“.
    Viridium musterte ihn mit verengten Augen: „Was wäre für dich denn eine angemessene Belohnung? Ein Kuss vielleicht?“
    „Mit sowas kannst du mir nicht drohen“, lächelte Cephal schwach. „Ich habe da eine einfache Bitte an dich“.
    „Wenn du von mir verlangst, dass ich dich in den Geheimnisdschungel führen soll, dann bin ich schneller von hier weg, als du blinzeln kannst.“
    „Wer redet denn von mir? Ich will dich einfach darum bitten, dass du das Team Mystery in den Dschungel führst. Das ist alles.“
    „Du ... was?“ Viridium blickte Cephal überrascht in die Augen. „Du verlangst das nicht für dich?“
    „Wieso denn? Hast du das etwa erwartet?“, fragte Cephal. Auch dieser wirkte perplex. Als er dann Mimi und dem Team Mystery in die Augen blickte, schien er zu verstehen, woraufhin er lachte. Jetzt stand Viridium die Irritation förmlich ins Gesicht geschrieben.
    „Ich war etwas wütend, dass du Max und Jimmy als Lügner bezeichnet hast, obwohl sie die Wahrheit sagten. Und ich musste dich irgendwie hier behalten, bis du dich bereit erklärt hast, sie mitzunehmen. Tut mir natürlich Leid, wenn ich dabei etwas drohend klang.“
    Er blickte zu Max: „Ich glaube euch, wenn ihr sagt, dass ihr in diesem Geheimnisdschungel was zu erledigen habt. Und als Dank, dass ihr uns geholfen habt, Herakles zu besiegen, verhelfe ich euch dazu. Das war schließlich nicht euer Auftrag, denn den haben Mimi und ich angenommen. Daran ändert sich nichts“.
    Mit einer fieseren Stimme und mit selbst sicherem Grinsen wandte er sich wieder an Viridium: „Wenn du dem Team Mystery den Zutritt in den Geheimnisdschungel verwehren solltest, dann werde ich überall rumerzählen, dass es diesen Ort gibt und dass du dessen Geheimniswahrerin bist.“
    „Und ich nehme an, ich hätte dein Wort, dass du dies eben nicht tun würdest, wenn ich das Team Mystery in den Dschungel führte, oder?“, sagte Viridium mit schiefem Lächeln.
    Cephal nickte: „Meines und Mimis. Stimmt doch, oder?“, und er wandte sich an Mimi, die ratlos zwischem ihm und Viridium hin und her blickte. Dann aber nickte sie eifrig zustimmend.
    Viridium musterte nun sie, als würde sie Mimi prüfen wollen, ob sie vertrauenswürdig sei. Dann fiel ihr Blick auf das Team Mystery und Max sah ihr an, dass ein innerer Kampf in ihr tobte. Dann schnaubte sie lange aus, wandte sich um und ging ein paar Schritte von ihnen weg. Max spürte, wie das Gefühl von Niederlage ihn schon packte, als Viridium dann stehen blieb und zu ihnen zurück blickte: „Was ist denn denn? Wollt ihr nun zum Geheimnisdschungel oder nicht? Dann folgt mir, ehe ich es mir anders überlege!“

    Ein Gefühl der Dankbarkeit erfüllte Max‘ Brust und er sah Jimmy und Iro ebenso die Erleichterung an. Er wandte sich an Cephal, doch dieser winkte ab: „Geht schon, ihr drei. Mimi und ich kümmern uns um diesen hier“, und er ging auf den bewusstlosen Herakles zu und warf ihn sich mit einem Flügel auf seine Schulter. Mimi trat nun an Max heran: „Ich weiß zwar nicht, auf was für einen Auftrag ihr unterwegs seid, doch ich hoffe, ihr könnt mir bald mehr von eurem Abenteuer erzählen. Jedenfalls...“, und sie umarmte jedes Mitglied des Team Mysterys herzlich, „vielen Dank euch allen! Ohne euch hätten wir es nicht geschafft, Herakles zu stellen!“
    „Ich habe euer Wort!“, rief Viridium zu ihnen hinüber, „Ich weiß, wo ich euch antreffen kann. Wenn ich also erfahre, dass-“
    „Schon klar“, rief Cephal über seine Schulter, während er sich mit Herakles auf den Rückweg machte. Er hielt inne. Dann wandte er sich zu Max um: „Ich freue mich schon auf den Tag, wo wir uns wiedersehen werden! Bis dahin, macht’s gut!“
    „Wiedersehen!“, rief ihnen zu, als sie an Cephals Seite trat. „Ich bleibe für eine Weile bei Rose. Hoffentlich sehen wir uns da, wenn ihr zurückkommt!“
    Dann verschwanden sie und Cephal im Gebüsch und Max, Jimmy und Iro nickten einander zu, ehe sie Viridium folgten.
    „Damit das klar ist“, sagte sie hörbar genervt, „ich führe euch nur, weil ich keine andere Wahl habe. Und ich glaube euch immer noch nicht, dass Mew euch sehen will. Ich führe euch nur bis zum Dschungel, den Weg zu Mew müsst ihr aber selber finden, verstanden?“
    Sie wartete nicht die Antwort des Teams, sondern sie schritt ohne ein weiteres Wort zu sagen los.


    Einige Zeit später verließen sie den Apfelwald und schritten auf eine am Horizont befindliche Bergkette hinter einer weiten Ebene zu. Max, der die Wunderkarte von Ekunda vage im Gedächtnis hatte, ahnte, dass sie in Richtung Norden unterwegs waren. Jimmy, der einen ähnlichen Gedanken zu haben schien, holte im Gehen die Karte aus dem Beutel, den Max um sich herum trug.
    „Labyr-Berge“, sagte er nach einem Blick auf diese. „diese Gebirgskette ist ziemlich weitläufig. Was genau ist unser Ziel, Viridium?“
    Sie gab keine Antwort. Sie tat stattdessen, als hätte sie Jimmy nicht gehört. Als dieser sich dreimal räusperte, brummte sie genervt.
    „Ich wollte nur wissen, wohin es geht“, wiederholte Jimmy zaghaft. Max konnte förmlich das Augenrollen Viridiums hören, als sie genervt nach vorne sprach: „Wir müssen über diese Berge und dann in den dahinter liegenden Wald. Reicht das, Roter?“
    „Das wäre dann“, murmelte Jimmy und fuhr mit dem Finger über die Karte. Er deutete auf den besagten Wald, der auf der Karte abgebildet war: „Trübwald ... ich glaube, ich habe schonmal davon gehört. Ist der nicht in einem dauerhaften Nebel eingehüllt?“
    „Wie der Nebelwald etwa?“, fragte Max zurück.
    „Das weiß ich nicht. Viridium, warst du schonmal im Ne-“
    „Tu mir bitte den Gefallen und stell mir keine unnötigen Fragen, Roter!“, sagte Viridium nun sichtlich genervter. Sie beschleunigte ihre Schritte, als hätte sie es nicht eilig genug zum Ziel zu kommen. Max hatte keine Mühe, sie aufzuholen: „Entschuldige, aber ich fände es sehr nett, wenn du uns etwas freundlicher behandeln könntest. Wir wollen dir und dem Dschungel wirklich nichts Böses.“
    Viridium blieb stehen und blickte Max an: „Hör mir mal gut zu! Ich bin nicht eure Freundin, daher kann ich mit euch reden, wie es mir passt. Und ihr braucht mich, ich aber euch nicht. Wenn es euch nicht passt, dann könnt ihr meinetwegen gehen. Ich wäre froh, euch loszuwerden! Ich bekomme so oder so schon Ärger daheim, da ist es mir jetzt egal ob ihr jetzt geht und das Geheimnis um mich herum posaunt.“
    „Und warum fliehst du dann nicht von uns?“, sagte Max mit leiser Wut. Viridium verdrehte die Augen: „Weil ich nunmal zugesagt habe euch zu führen; und ich halte mein Wort für gewöhnlich und werde gewiss nicht anfangen, das zu ändern. Letztendlich will ich keinen Ärger von Mew, solltet ihr tatsächlich von ihm eingeladen worden sein, was ich immer noch bezweifle.“
    Stolz übernahm sie die Führung und Max gesellte sich wieder zu Jimmy und Iro.
    Es ging auf den Mittag zu, als sie endlich am Fuß des Labyr-Gebirges angekommen waren. Eine unebene und steile Wand aus scharfem Gestein türmte sich vor ihnen auf. Ein direkter Aufstieg oder ein Pfad, der über diese Steine führte, waren nicht zu erkennen. Jimmy nahm wieder die Wunderkarte zur Hilfe.
    „Laut der Karte gibt es wohl eine Straße, die durch die Labyr-Berge führt. Doch ... oh je ...“
    „Was ist denn?“, fragte Max. Jimmy blickte geknickt auf.
    „Der Zugang zu dieser Straße befindet sich auf der anderen Seite. Auf unserer ist hier keine Straße eingezeichnet.“
    „Das heißt, wir müssten das gesamte Gebirge umlaufen?“, brummte Iro wenig begeistert. Lange Wandertouren waren nicht das, was Iro Freude bereitete, wenn diese nicht alle paar Meter mit einem Faustkampf bestückt waren. Auch Max war nicht wohl bei dem Gedanken, Stunden damit zu verbringen, um ein Gebirge herumzulaufen. Als er selber auf die Karte blickte, stellte er bei all den eingezeichneten Wegen und Routen fest, dass diese tatsächlich auf der anderen Seite lagen, während sich vor ihnen eine unüberwindbar erscheinende Mauer auftürmte.
    „Wären wir alle doch nur Flug-Pokémon“, seufzte Jimmy wehmütig. „Wir könnten über diese Berge einfach hinwegfliegen“.
    Max blickte zu Viridium, um ihre Reaktion zu sehen. Doch wirkte diese regelrecht gelassen. Unsicher blickte sie nach links und rechts entlang der Bergkette, als suchte sie etwas. Dann schien sie es gefunden zu haben, denn sie wandte sich nach rechts und ging die Bergwand entlang. Überrascht folgte das Team Mystery ihr und Jimmy nahm die Karte unter die Lupe.
    „Wenn wir hier langgehen, brauchen wir noch länger, als wenn wir anders herum gehen würden“, sagte er mit einem Anflug von Panik. „Viridium, wir gehen in die falsche Richtung!“
    „Du meinst, deine vermeintlich akkurate Karte zeigt dir, dass wir falsch gehen?“, sagte sie gelangweilt, ohne sich umzuwenden. Max legte seine Hand auf Jimmys Kopf, um ihn zu beruhigen. Niemand hatte ihn zuvor in seiner Navigation kritisiert. Dies wollte er nicht auf sich sitzen lassen, denn er trat mit der Karte an Viridium heran: „Aber sieh dir doch die Karte an! Selbst die kleinsten Wege durch das Gebirge sind eingezeichnet, und diese liegen nunmal auf der anderen Gebirgsseite. Und wenn wir jetzt rechts gehen, dann-“
    „Roter... wie, meinst du, bin ich überhaupt zum Apfelwald gekommen? Habe ich mich vielleicht dorthin teleportiert?“
    Jimmy entgegnete dem nichts. Viridium feixte. Sie kamen an einer besonders rau erscheinenden Felswand an, vor der sich viele Geröllbrocken häuften, auf diese Viridium zuschritt. Sie ging diese ein paar Mal ab, dann ging sie hinter einem, der der Bergkette am nächsten war, und verschwand. Max dachte sich, dass sie kurz eine Notdurft ablassen musste, doch Viridium tauchte nach ein paar Minuten noch immer nicht auf. Iro fing an einen Scherz zu machen, dass Viridium ein wesentlich großes Geschäft hinter dem Felsen zu erledigen hatte, als dann ihre Stimme zu ihnen drang. Doch war sie leise, als würde sie aus größerer Entfernung zu ihnen kommen. Verdutzt blickten sich die Erkunder an, dann trat Max als Erster an den Felsen heran und sah hinter diesen. Vor sich sah er nur den hinteren Teil des Felsen, wobei die rechte Hälfte durch das Gebirge im dauerhaften Schatten verborgen war.
    Doch bedeckte der Schatten kein Gestein, sondern einen leeren Luftraum, der in tiefe Dunkelheit innerhalb der Felswand führte. Jimmy trat heran und musste auch vorausgehen, da sein Feuer die Dunkelheit vertrieb und einen tiefen und niedrigen Höhlenkorridor beleuchtete. Iro musste sich ducken, um diesen zu begehen. Kühle und nach Erde riechende Luft empfing, als sie ein paar Meter diesen Korridor beschritten. Dann war Tageslicht am Ende zu erkennen, das einen kleinen Felspfad beleuchtete, der wieder nach oben führte. An der Stelle war die Decke sehr niedrig und Iro musste sich etwas mehr als er es gewohnt war verbiegen, um durchzupassen. Draußen wurden sie von Viridium empfangen, welche schadenfroh dieses Schauspiel betrachtete.
    „Wenn du größer gewesen wärst, Blauer, hättest du wirklich um das gesamte Gebirge laufen müssen. Und was deine ach so akkurate Karte betrifft, Roter“, wandte sie sich dann an Jimmy zu. „Es gibt Dutzende Schleichwege, die nur wenigen, meistens Räubern, bekannt sind. Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ich euch diesen hier gezeigt habe, denn sonst hättet ihr eurer Karte folgen müssen.“ Sie konnte sich ein höhnisches Kichern nicht verkneifen, ehe sie sich dem Weg, der vor ihnen lag, zuwandte. Der Weg wurde wieder breiter, auch wenn er mit sehr vielen spitzen Gesteinsbrocken übersät war. Und da dieser von beiden Seiten von Bergwänden eingeschlossen war, lag er im Schatten. Es war, als befänden sie sich nun in einer kleinen Schlucht.
    „Wir müssen nur noch diesem Weg folgen, dann sind wir auch fast im Trübwald“, sagte Viridium mit einem Nicken in Richtung des Weges, als das Team Mystery sich näherte. Dort, wo sie stand, war der Boden weniger unfreundlich und Jimmy ließ sich seufzend auf seinen Hintern fallen. Viridium funkelte ihn an.
    „Nicht trödeln, Roter!“, sagte sie gereizt. Jimmy hob eine Hand.
    „Nach der Begegnung mit Herakles haben wir uns nicht gerade ausruhen können. Und wir sind jetzt die ganze Zeit über gewandert. Können wir nicht eine Pause einlegen?“
    „Es mangelt dir wirklich an Ausdauer, nicht wahr?“, sagte Viridium leise.
    „Und tu nicht so, als hättest du keine harte Zeit gegen ihn gehabt“, brummte Iro, der sich schnaufend an eine der Felswände lehnte. Auch Max fühlte, wie sich die Strapazen vom Kampf und von der Wanderung in seinen Gliedern bemerkbar machte. Offenbar hatte ihn die Aussicht, bald den Geheimnisdschungel zu sehen, mit Energie versorgt, die jetzt aber nachließ. Besorgt richtete sich sein Blick nach oben zum Himmel, der zu beiden Seiten von schwarzem Gestein durchzogen war.
    „Du sagtest, dass dieser Schleichweg auch Räubern bekannt sei, Viridium?“, sagte er. Viridium warf ihm einen Seitenblick zu, ehe sie sich wieder nach vorne wandte.
    „Ich bin ein paar von ihnen begegnet, als ich das letzte Mal hier durchgegangen bin. Doch das war keine nennenswerte Begegnung, ich hätte diese fast schon vergessen.“
    „Das heißt, sie sind nicht gerade bedrohlich, oder?“
    Viridium blickte Max nun direkt an. Erschrocken erkannte Max die Empörung in ihren Augen.
    „Diese ‚Räuber‘ sind ein Witz, Grüner! Selbst er hier-“, und ihre Augen huschten in Richtung von Jimmy, „hätte es spielend leicht mit ihnen. Jedenfalls braucht ihr mit dem, was ihr drauf habt, keine Angst zu haben.“
    „Wenn du wüsstest, was wir schon zu dritt oder schon zu zweit alles bewerkstelligt haben...“, sagte Max und setzte sich zu Jimmy auf den Boden. Auffordernd blickte Viridium in die Runde: „Ihr habt mich darum gebeten, euch zum Geheimnisdschungel zu führen. Ich habe zwar zugesagt, dies zu tun, doch könnt ihr nicht von mir verlangen, dass ich warte, bis ihr euch ausgeruht habt.“
    „Dann geh doch einfach vor?“, schlug Iro knirschend vor. Viridium blickte leicht errötet an, dann lachte sie kurz auf. „Meinetwegen. Ich gehe dann einfach vor und ihr kommt rechtzeitig nach. Doch gebt mir nicht die Schuld, wenn ihr mich aus den Augen verliert!“
    „Wäre es für dich nicht die Chance, ganz abzuhauen?“, sagte Max. In seinen Augen funkelte nun die Herausforderung, die Viridium auch verstand. Kühl begegnete sie seinem Blick: „Grüner, ich wäre euch schon etliche Male losgeworden, hätte ich die Chance ergriffen. Leider bindet mich mein Versprechen an euch. Doch auch dieses hat seine Grenzen. Strapazier sie nicht!“

    Einige Zeit lang blickten sich beide an, dann nickte Max zustimmend: „Wir brauchen nicht lange, gib uns fünf Minuten, dann beeilen wir uns damit, dich einzuholen.“
    „Einverstanden“, sagte Viridium und sie drehte sich. Über ihre Schulter rief sie: „Aber ich werde nicht auf euch warten, sollte ich am Trübwald ankommen!“, ging dann voraus.


    Eine halbe Stunde später, als sie das Ende des Schleichweges erreichte, blickte sie zurück. Ihr hoffnungsvoller Ausdruck schwand, als sie die drei Erkunder in einiger Entfernung auf sich zuspurten sah. Ihre Miene glättete sich und sie empfing mit das Team mit gespielt freudiger Miene. Dieses brummte missvergnügt, worüber sie sich doch wunderte.
    „Was ist mit euch passiert? Ausgeruht sieht aber anders, oder?“
    „Die Räuber, von denen du uns sagtest, sie würden keine Bedrohung darstellen“, sagte Max und Jimmy deutete auf seinen Kopf, während Iro seinen Arm hochhielt. Auf beiden befanden sich frische Kratzer und kleinere Schürfwunden.
    „Sie haben uns von oben überrascht, und zwar mit einer Steinlawine!“, rief Jimmy aus. Max blickte wütend zu Viridium: „Du hättest uns sagen müssen, womit wir es genau zu tun haben!“, sagte er.
    Viridium verzog dabei keine Miene: „Ihr habt die Begegnung doch überstanden, oder nicht?“
    „Tu nicht so!“, rief Jimmy gereizt. „Sie sagten uns, dass sie von dir beauftragt wurden, jeden, der dich verfolgt, aus dem Weg zu räumen.“
    Viridum blickte nachdenklich drein, dann dämmerte es ihr: „Stimmt, habe ich total vergessen. Mein Fehler, bitte verzeiht. Wenn ihr fertig mit Jammern seid, können wir weiter?“
    „Werden uns im Nebelwald ebenso welche erwarten, die uns für dich erledigen sollten?“
    „Letztens bin ich ihnen nicht begegnete“, warf Viridium schmunzeld zurück. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen war, wandte sie sich dem Team Mystery wieder zu: „Das war ein Scherz, falls das nicht offensichtlich gewesen sein sollte. Wollt ihr mir nun folgen oder nicht?“
    „Ich hätte Lust, Nein zu sagen“, murrte Jimmy und Iro räusperte sich zustimmend.
    Auch wenn Max sich ebenso angenehmere Gesellschaft vorstellen konnte, so blieb ihm und seinen Freunden keine andere Möglichkeit als Viridium zu folgen.


    Sie erreichten den Anfang eines Waldes, dessen dunkle Baumstämme und dichte Baumkronen für eine trübe Dunkelheit sorgten, die bereits von Spuren eines gräulichen Nebels durchzogen wurde. Viridium wandte sich Jimmy zu: „Du solltest dein Feuer möglichst klein halten, Roter. Zwar gibt es hier keine Räuber, doch manche Bewohner dieses Waldes können ziemlich ungehalten sein, wenn sie Fremdlinge entlang ihrer Bäume gehen sehen.“
    Mit einem Flackern ähnelte die Flamme, die an Jimmys Hintern brannte, der einer Kerze und dicht zusammen betraten die vier Pokémon den Wald. Nur wenige Schritte empfing sie dichterer Nebel, sodass sie nicht weiter als einen Nebel sehen konnten. Jeder Ast, der in ihr Sichtfeld kam, wirkte wie ein knorriger Arm, der sie von oben herab angreifen wollte. Max hörte Jimmys nervöses Keuchen und das Knacken der Knöcheln von Iros Fäusten. Viridium schien jedoch gelassen ihren Weg zu finden. Über Hebungen und Senkungen und über einen halb verwitterterten Baumstamm, der über eine tiefere Grube führte, fanden sie ihren Weg durch den Trübwald. Das Gefühl, dass irgendetwas in dem Nebel lauerte, ließ Max nicht los, doch fühlte auch er sich sicher, zumal seine Freunde als auch Viridium anwesend waren. Hin und wieder warf er einen Blick nach hinten und vergewisserte sich, dass sowohl Jimmy als auch Iro noch immer da und nicht zwischenzeitlich verschwunden waren.

    Wenige Augenblicke später passierten sie zwei dicht beieinander stehende Bäume und Max hatte das Gefühl auf eine Lichtung getreten zu sein. Viridium hielt inne.
    „Wir sind da“, sagte sie mit einem Blick zu beiden Seiten. Panflam trat an ihre Seite und blickte aufgeregt von einer Seite zur anderen.
    „Sind wir im Geheimnisdschungel angekommen?“, sagte er. Viridium druckste
    „Ich hätte euch längst verlassen, wenn dem so wäre. Doch wir sind so gut wie da. Seht her.“
    Und sie stieß einen langsamen und melodischen Pfiff in den dichten Nebel vor ihnen hinein, der in diesem widerhallte. Es vergingen einige Sekunden und Max hatte den Eindruck, dass das, was Viridium vorhatte, nicht geklappt hatte. Er war in der Erwartung, dass sie es wieder versuchte, als er es dann hörte.


    Ein Quietschen wie das einer rostigen Schraube. Und es kam aus dem Nebel heraus auf sie zu, denn es wurde immer lauter und deutlicher zu vernehmen. Und das Team sah, wie ein geisterhaft blaues Licht sich in dem trüben Grau auftat, das wenig später von zwei darüber liegenden gelben Lichtern begleitet wurde. Als sich dann eine schattenhafte Silhouette diese umfasste, wusste Max, dass sich ein Pokémon ihnen näherte. Ein Pokémon, dessen Körperbau Ähnlichkeiten mit einer altertümlichen Laterne aufwies. Ein blaues Feuer brannte innerhalb einer Glaskugel, von der ein gelb leuchtendes Augenpaar auf die Erkunder herabblickte. Das Pokémon wackelte in der Luft, als es wäre mit der Spitze seines schwarzen Laternenhuts an diese gehängt. Lippen besaß es keine. Die Laterne blickte stumm erst auf Max, dann auf Jimmy und Iro. Letztlich blickte es Viridium an, die sanft und freundlich lächelte.
    „Ich habe drei Pokémon, die in das Geheimnis eingeweiht werden. Zeige ihnen bitte den Weg.“

    Die Laterne schang nach hinten, was einem Nicken gleichkommen sollte. Sie drehte sich wie von Geisterhand in der Luft um und schwebte langsam von ihnen weg zurück in den Nebel. Rasch wandte sich Viridium an die Erkunder: „Weicht nicht vom Weg, den Lucien vor euch geht. Nimmt jede Kurve, die er nimmt, ganz gleich, ob sie nach vorne, zur Seite oder nach hinten führt. Und nun beeilt euch!“
    Sie bugsierte das Team dazu, der Laterne zu folgen. Es war am Anfang für das Team schwierig, ihre Geschwindigkeit der Laterne anzupassen, die mal schemenhaft, mal deutlicher zu erkennen war. Sie beschrieb einen seltsamen Weg. Die ersten Schritte schwebte sie geradewegs voraus, dann nahm sie eine scharfe Rechtskurve, nur um dann mit einer scharfen Linkskurve wieder in dieselbe Richtung wie am Anfang zu gehen. Manchmal blieb sie mitten in der Luft stehen und schwebte wieder zurück. Viridium musste die Erkunder immer wieder daran erinnern, es der Laterne möglichst genau gleich zu tun. Dies bedeutete, dass sie an der exakt gleichen Stelle anhalten und umkehren sollten. Dieses Hin und Her zog sich über mehrere Minuten und Max fing an zu zweifeln, ob die Laterne überhaupt wusste, was sie tat.
    „Sie weiß sehr wohl, was sie tut!“, erboste sich Viridium, als Max sie über seine Schulter hinweg darauf ansprach, der er die Laterne nicht aus den Augen verlieren wollte.
    „Lucien weiß als Einziger, wie er den Weg vom Trübwald in den Geheimnisdschungel zu gehen hat. Niemand anderes kann sich den Weg merken und keiner kann sich die Zeit erlauben, den Weg zu protokollieren.“
    „Doch ich habe das Gefühl, wir bewegen uns von kaum von der Stelle, so oft wie wir hin und her, vorne und zurück gehen“, rief Jimmy dazwischen. Wieder hörte Max, wie Viridium die Augen verdrehte.
    „Roter, kannst du eins und eins nicht zusammenzählen?“
    „Was soll das heißen?“, fragte Jimmy hörbar verwirrt.
    „Du kannst hier und sonst wo auf der Welt laufen soweit du willst: Nie wärst du in der Lage, über den Geheimnisdschungel zu stolpern.“
    „Aber wie soll das möglich-“
    „Der Dschungel befindet sich in einer anderen Dimension“, dämmerte es Max. Viridium gratulierte ihm zu dieser Erkenntnis.
    „Vor vielen Jahren hatten wir im Geheimnisdschungel ziemlich unangenehmen Besuch. Um zu verhindern, dass er weiterhin für jene, die uns Schaden zufügen wollten, zugänglich war, hat ein mächtiges Pokémon die Gnade walten lassen und den gesamten Dschungel in einer anderen Dimension versteckt. Nur vier Portale gibt es weltweit und jeder der vier Kontinente enthält eines dieser Portale. Und das von Ekunda ist hier im Trübwald verborgen.“
    „Kann man trotzdem nicht Gefahr laufen, dass man durch Zufall über dieses Portal stolpert und damit in den Dschungel gelangt?“, sagte Iro skeptisch.
    Die Erkunder schlugen eine rechtwinklige Kurve nach rechts ein und gingen in gerade Richtung. Max hatte das Gefühl verloren, ob sie jetzt nach Rechts vom Startpunkt aus gesehen gingen oder wieder gerade aus. Doch er schien zu ahnen, warum sie all das taten.
    „Was das Portal hier betrifft, so hat das den Raum kontrollierende Pokémon einen Zusatzweg eingebaut, den er nur einem Pokémon beigebracht hat. Nur dieses ist dann neben der Gottheit in der Lage, den Weg in und auswendig zu kennen. Und das ist nunmal Lucien, der gerade vor uns schwebt. Und ich muss sagen, dass dies eine sehr effektive Methode darstellt. Eine kleine Abweichung vom Weg, den Lucien vor einen geht, und schon müsstest du von Neuem anfangen, den zu gehen. Daher sagte ich euch, dass ihr den Weg genaus gehen müsst, wie Lucien es euch vorgemacht hat.“
    „Hat?“, sagte Max verwirrt und wagte es nach hinten zu blicken. Viridum nickte nach vorne und Max sah beim Zurückblicken, dass Lucien inmitten der Luft vor ihnen verharrte.
    „Glückwunsch“, sagte Viridium müde lächelnd. „Ihr habt die Prüfung von Lucien, dem Laternecto, bestanden. Einfach jetzt unter ihm hergehen.“


    Max tat, wie Viridium es beschrieb. Dankend wandte er sich an Lucien, der daraufhin als Antwort quietschte. Als Max unter ihm trat, spürte er augenblicklich, wie sich die Atmosphäre veränderte. Fremdartige und vielseitige Gerüche stiegen in seine Nase und auch befremdliche Geräusche erreichten sein Ohr. Während vorher die Luft kühl und feucht war, so war sie jetzt wärmer und tropischer. Max blickte sich nach hinten und er lächelte Jimmy und Iro zu, de genauso vom plötzlichen Wechsel überrascht waren. Auch wenn sie noch nicht viel durch den Nebel sehen konnten, sie waren im Geheimnisdschungel angekommen.

    IV
    Cephal


    Zurück in ihren Betten wachte das Team Mystery nahezu zeitgleich auf. Obwohl Max sich fühlte, als hätte er nicht lange fest geschlafen, spürte er keine Müdigkeit in seinem Körper. Vielmehr war es die Aufregung über das, was Lashon ihnen offenbart hatte. Falls die Begegnung mit ihm wirklich real gewesen ist, dachte Max. Er blickte zu den anderen. Ihre Umrisse konnte er nur spärlich wahrnehmen. Draußen dämmerte es und fahles Licht fiel in das Zimmer. Vielsagend wechselten sie Blicke.
    „Wir drei haben alle das Gleiche geträumt...“, begann Jimmy zaghaft.
    „Folglich hat sich wirklich ein Pokémon die Mühe gemacht, uns gleichermaßen zu kontaktieren.“, sagte Iro. Max nickte.
    „Also haben wir einen neuen Auftrag angenommen, oder?“
    „Es scheint so“, bestätigte ihn Jimmy, der sogleich wieder in sein Bett zurückfiel. Er stöhnte. „Warum müssen immer wir es sein, die die Welt retten müssen? Und dieses Mal haben wir uns bewusst dafür entschieden!“
    „Nun ja“, korrigierte ihn Iro. „Ihr habt wenn vorher die Welt gerettet, und das zwei Mal. Ich bin erst seit Kurzem in diesem Geschäft, wie ihr wisst.“
    „Aber selbst dann waren wir nie wirklich allein“, sagte Jimmy, der sich wieder aufrichtete. „Beim ersten Mal hatten wir Reptain dabei, und beim zweiten kämpfte Cresselia an unserer Seite. Und dieses Mal ...“
    „Dieses Mal bin ich dabei!“, sagte Iro stolz und rieb sich seinen Bizeps. Jimmy stöhnte.
    „Problem damit?“, sagte Iro grimmig.
    „Nö“, sagte Jimmy. Iro schnaubte.

    „Wir haben zuerst mal das folgende Problem: Der Geheimnisdschungel“, ging Max dazwischen, da er schon den Kleinkrieg kommen sah. Jimmy und Iro verstummten.
    „Wir haben alle keine Ahnung, wo sich dieser aufhalten soll, habe ich Recht?“, fragte Max in die Runde. Das darauf folgende Schweigen verstand er sofort.
    „Und wir kennen bestimmt auch keine Person, die uns etwas über diesen erzählen könnte“, überlegte Max weiter, doch da meldete sich Jimmy aufgeregt: „Plaudagei! Er weiß doch generell sehr viel, dann vielleicht auch etwas darüber.“
    „Glaubst du, dass Plaudagei uns Glauben schenken wird?“, sagte Iro. Jimmy blickte ihn von der Seite an: „Warum sollte er nicht?“
    „So, wie ich ihn bisher kennen gelernt habe, ist er nicht gerade der Typ, der etwas auf solche Legenden geben würde. Gewiss würde er die Existenz solcher Pokémon nicht leugnen, von denen Lashon uns erzählt hat, aber dass der Zusammenhang mit der Legende um Arceus und Kyurem mit diesen wahr sein würde, halte ich eher für unwahrscheinlich.“
    „Da ist was dran“, sagte Max nachdenklich. „Und ich finde nicht, dass wir ihm von unserem Auftrag erzählen sollten. Generell keinem.“
    Max hatte es schon geahnt, wie die beiden reagieren würden, denn verdutzt sahen sie ihn an.
    „Aber Max“, sagte Jimmy, „wie sollen wir in irgendeiner Art und Weise diesen Auftrag erfüllen, wenn wir uns keinem anvertrauen sollen?“
    „Entschuldige, Jimmy.“, nickte Max ihm zu. „Ich meinte natürlich, dass wir nicht alles von unserem Auftrag jemandem anvertrauen sollten. Denn so wie es klingt, steht uns innerhalb eines Jahres eine große Katastrophe davor, wenn Kyurems Komet auf diesen Planeten auftrifft. Ich finde, wir würden nur unnötige Panik verbreiten, wenn wir so etwas jemandem erzählen.“
    „Du weißt schon, dass wir von einem verdammten Meteor reden, der auf den Planeten krachen wird, oder?“, sagte Iro skeptisch. „Meinst du nicht, dass andere sich nicht auf den Einschlag vorbereiten sollten?“
    „Was macht das denn für einen Unterschied?“, stöhnte Jimmy, der auf seinem Bauch lag und abwechselnd zu den beiden hochblickte. „So viel ich weiß, würde es so oder so das Ende der Welt bedeuten, wenn so ein Riesenmeteor auf die Erde kracht. Da kann man sich so viel vorbereiten, wie man will“
    „Würdest du dann schon ein Jahr vorher hören wollen, dass das Ende der Welt bevorsteht?“, fragte Max. Jimmy überlegte, dann legte er sich mit gequältem Blick auf den Rücken: „Wahrscheinlich nicht... eher würde ich mein Leben genießen wollen, ehe es abrupt endet.“
    „So denke ich auch“, nickte Max und wandte sich Iro zu. „Unsere Aufgabe wird es lediglich sein, die Wächter aufzusuchen, damit sie in der Lage sind, eben das zu verhindern. Sollten wir auf irgendeine Art erfolgreich sein, so braucht keiner was davon zu erfahren und alle können ungestört unseren Alltag genießen.“
    „Und wenn wir versagen?“, sagte Iro skeptisch. Max seufzte.
    „Dann haben sie bis kurz vor Schluss ihre Tage ohne Sorge verbracht. Ich mag es mir nicht ausmalen, wie es ist, die Tage zu zählen, bis die Welt untergeht. Lieber würde ich meine Tage in Ungewissheit verbringen, ehe es dazu kommt. Dann hätte ich eine Sorge weniger.“
    „Und was genau willst du Plaudagei dann erzählen?“
    „Dass wir von einer Legende der Sieben Wächter erfahren haben und dass wir uns gerne dieser Art von Herausforderung stellen würden, diese aufzusuchen. Vielleicht diese auch sogar bekämpfen, das wäre auch vermutlich in deinem Sinne, oder?“
    Max grinste verführerisch und Iro erwiderte allzu gerne das Grinsen. Er ließ die Knöchel seiner Faust knacken: „Diese Idee könnte dann auch sogar von mir sein.“
    „Ich werde definitiv erzählen, dass es deine ist!“

    Alle lachten, selbst Jimmy ermutigte sich zu einem schwachen Lächeln. Da der Magen aller drei knurrte standen sie auf und richteten ihre Betten ordentlich. Sie einigten sich, Plaudagei in der Knuddeluff-Gilde nach dem Geheimnisdschungel zu fragen und sonst so diskret wie möglich bezüglich ihres Auftrages zu sein. Dann machten sie sich auf in die Haupthalle der Taverne. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen stieg ihnen in die Nase. Max würde definitiv den Teil seines Traumes wahr werden lassen wollen, in dem er Rose seine Wiederkehr in ihre Taverne versichern würde. Am Beginn der Treppe nach unten hörte er ihre Stimme und dem Klang nach schien sie empört: „Bezahl vorher deine Zeche!“
    Dann hörte Max, wie eine Tür zugeschlagen wurde und Rose wütend schnaubte: „So was aber auch!“
    „Alles in Ordnung?“, sagte Max, als das Team an ihre Theke trat. Rose sah ihn mit glasigen Augen, ehe sie sich fing. Sie schüttelte den Kopf.
    „Ja... gewiss... es ist nur so, dass ... ach schon gut. Wollt ihr Brötchen mit Marmelade und Honig?“


    Sie servierte den dreien einen Korb dampfender Brötchen sowie Schalen von Marmelade und Honig, in denen die Brötchen getunkt werden konnten. Iro verschlang gleich zehn hintereinander und Max war verblüfft. Solch lockeres sowie geschmackvolles Gebäck hatte er nie vorher kosten können. Auch Jimmy stand die Sorglosigkeit ins Gesicht geschrieben, als er genussvoll an seinem Brötchen kaute.
    „Freut mich, dass es euch schmeckt!“, lächelte Rose ihnen zu, als sie die Freude auf den Gesichtern der drei Erkunder erkannte. „Der Erkunder der Red Scorpion-Gilde fand auch Gefallen an meinem Frühstück, bis er dann urplötzlich aufsprang und verschwand.“
    „Ber di Zeffe gefrellt hat?“, mampfte Iro mit vollem Mund, worauf Rose seufzte.
    „Genau der“, sagte sie, wandte sich ihrer Küche zu und wollte gerade in diese hineingehen, als die Tür der Taverne jäh aufgestoßen wurde. Eine dunkle schuppige Gestalt fiel wie ein Blitz herein und kam wenige Zentimeter vor dem Thresen, an dem das Team Mystery ihr Frühstück genoss, zum Halt. Max wurde beinahe vom Stuhl geworfen, als die Gestalt mit ihm zusammenstieß.
    „Verzeihung, Rose!“, sagte das Pokémon, griff mit seiner weißen Klaue in einen Beutel und holte einen kleineren aus Leder hervor, in dem es klimperte, und platzierte diesen auf den Thresen.
    „Behalt den Rest! Tut mir Leid, ich habe es eilig!“, und das Pokémon verschwand so blitzartig durch die Tür wie es hereingekommen war. Jimmy und Iro blickten ihm verdutzt nach: „Was war das denn?“, sagten beide im Chor. Rose lächelte und nahm den Geldbeutel in ihre Hufe und zählte das Gold. Sie nickte zufrieden.
    „Ein sonderbarer Geselle, dieser Erkunder“, sagte sie und verstaute das Gold unter ihren Thresen. „Erst den ganzen gestrigen Abend nicht zu uns gesellen und am nächsten Morgen direkt die Taverne verlassen, bevor alle anderen beim Frühstück sind. Erlebe ich auch zum ersten Mal.“
    „Nun ja, wie lange noch mal bist du schon Wirtin?“, grinste Iro amüsiert. Rose warf ihm einen herausfordernden Blick zu, dann fiel ihr Blick auf Max. Ihre Miene veränderte sich: „Alles in Ordnung, mein Lieber?“
    „Hey, Max?“, sagte Jimmy, der nun auch bemerkte, dass Max seit dem Zusammenstoß mit dem Pokémon wie in sich versunken war.
    Tatsächlich verschwamm Max‘ Blick vor seinen Augen und er fühlte, wie sich sein Magen umdrehte und sein Kopf Karussell fuhr. Max versuchte aufzustehen, doch kaum hatte er seine Füße auf den Boden gestellt, knickten seine Beine in sich zusammen und er fiel zur Seite. Er hörte nicht mehr, wie Jimmy erschrocken aufschrie, Iro jäh aufstand und Rose schon dabei war, um den Thresen zu laufen. Er landete seitlich und als sein Kopf den Boden berührte, fuhr ein heller Blitz über seine Augen, der seine Sicht nahm.


    Dann veränderte sich alles und er hörte gequälte Rufen, die schmerzerfüllt klangen. Ein Szenenwechsel fand statt und er sah, wie er selber nun, offenbar ebenso vor lauter Schmerz, sich die Hände an die Ohren hielt und Iro neben ihm zusammensank. Er war ohnmächtig und an seinem Kopf befand sich eine blutende Wunde. Wieder fand ein Szenenwechsel statt und er sah, wie eine massige in Schatten gehüllte Gestalt sich auf ein Pokémon zubewegte, das seine in Schuppen und Leder gewandten Arme in Kampfstellung brachte. Dann wurde es schwarz und eine weibliche Stimme, die Max noch nie zuvor gehört hatte, ertönte. Er konnte nicht alles von dieser verstehen. Es war, als spräche sie durch einen lauten Sturm. Nur Fetzen konnte er vernehmen: Ich danke ... führen ... Geheimnisdschungel.


    Seine Wange glühte auf und ein peitschender Schmerz durchzog diese. Max schlug die Augen auf. Er lag auf dem Rücken und über sich sah er die besorgten Blicke von Jimmy, Iro und Rose. Langsam richtete er sich auf. Sein Bauch fühte sich wieder normal an und doch keuchte er. Auch kam es ihm fast peinlich vor, dass er scheinbar einfach so umgefallen ist.
    „Alles in Ordnung?“, fragte Rose sichtlich besorgt. Sie sank auf ihre Kniee und fühlte Max‘ Puls an seinem Hals. Er nickte zuversichtlich.
    „Du hast uns einen Schrecken eingejagt“, sagte Jimmy erleichtert lächelnd. „Was war denn los?“
    „Hast du etwas Schlechtes gegessen?“, fragte Iro. Er bemerkte nicht, wie Rose empört zu ihm aufblickte. Jimmys Blick ruhte lange auf Max, dann hellte sich seine Miene auf: „War es etwa ein Dimensionaler Schrei?“
    „Ich denke schon“, antwortete Max.
    Iros Blick wanderte zwischen seinen Teamkollegen hin und her:“Ist es das, wovon ihr beide ihr mir mal erzählt habt, als ich euch beigetreten bin?“
    Beide nickten. Das Impergator rieb sich den Kopf: „Das ist ein höchst sonderbarer Anblick, wisst ihr?“
    „Du sagst es“, lächelte Jimmy verlegen, „ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt.“ „Glaubt ihr, ich habe es?“, lachte Max und nahm Iros Hand und zog sich an dieser hoch. Rose blickte verwirrt die drei an: „Dimensionaler Was?“.
    Jimmy erklärte ihr, dass Max manchmal in der Lage war, Bilder oder Stimmen aus der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu vernehmen, sofern er mit etwas in Berührung kam, das mit diesen in Verbindung stünde. Auf die Art habe Max stets verborgene Zuammenhänge auf ihren Erkundungen entdeckt. Rose schien dies sehr zu faszinieren. Dann wandte sich Jimmy wieder Max zu: „Aber was hast du eigentlich gesehen? Oder gehört?“

    „Beides“, antworte Max und eigentlich hatte er seine Vision schildern wollen, als ihm dann wieder einfiel, wen er gesehen hatte. Blitzschnell wandte er sich an Rose: „Der Erkunder von vorhin: Weißt du, wohin er unterwegs war?“
    „Hey, Max...“, wollte Jimmy fragen, doch Max winkte ab. Rose wirkte perplex.
    „Der... Erkunder? Aber warum ...?“
    „Es ist wichtig, dass wir ihn aufspüren. Weißt du, wohin er unterwegs ist?“
    „Er...“, stotterte Rose völlig verdutzt. „Er sagte, er müsse für einen Auftrag zum Apfelwald. Er wirkte wie alarmiert, als ich ihm sagte, dass Mimi ebenfalls schon zu diesem aufgebrochen ist. Und dann...!“
    „Dann müssen wir auch dahin. Jimmy! Iro! Folgt mir, schnell!“
    Völlig perplex folgten beide ihm. Jimmy warf an der Tür nach draußen Rose einen mit Gold befüllten Beutel zu, den sie wie versteinert auffing. Ohne sich zu regen sah sie, wie die Tür nun wieder zu fiel.

    „Jetzt warte mal, Max!“, keuchte Jimmy, der Mühe hatte, mit den Schritten seiner größeren Teamkollegen mitzuhalten. „Was hast du gesehen? Und wieso ist der Erkunder auf einmal so wichtig geworden?“
    „Ich sah ihn in meiner Vision, aber das ist nicht mal der Hauptgrund“, rief Max gegen den Fahrtwind. In der Ferne sahen sie schon die im blassen Morgennebel verborgenen Baumspitzen des Apfelwaldes. Max setzte zu noch mehr Geschwindigkeit an. Hinter sich hörte er die bebenden Schritte Iros und das Getippel von Jimmys Füßen.
    „Da war noch eine Stimme. Sie hat für etwas gedankt. Und sie weiß etwas über den Geheimnisdschungel! Und eventuell wäre sie in der Lage, uns dahin zu führen.“
    „Moment, wirklich?“, rief Jimmy verdutzt. Er vergaß dabei, richtig zu rennen, und wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert.
    „Hat sie das denn so gesagt?“, rief Iro Max von hinten zu.
    „Es ware nur Fetzen, doch mein Gefühl sagt mir, dass dem so ist.“, rief Max nach hinten zurück. Er spürte, wie sein Herz immer schneller klopfte und wie Adrenalin seine Adern erfüllte. Hinter ihm blickte Iro hinab zu Jimmy: „Lag sein Gefühl bei sowas je richtig?“ Jimmy fehlte die Energie, um noch zu antworten. Doch er nickte überdeutlich.

    Die Bäume kamen ihnen immer näher. Deren Grün wurde immer satter, während sich der Himmel immer mehr lichtete. Und nun sah Max auch eine Gruppe von Pokémon, die vor dem Eingang zum Wald kauerten.
    „Was ist mit denen los?“, sagte Iro überrascht. Max erkannte, was für ihn so sonderbar war.#


    Als sie an die Gruppe der Pokémon herantraten, bemerkten sie, dass viele von ihnen sehr mitgenommen aussahen und einige Wunden offenbarten. Ein paar andere waren ohnmächtig an einen Baum gelehnt, auch sie sahen danach aus, als hätte man ihnen vorher übel mitgespielt. Über ein anderes beugte sich eine schlanke Guardevoir, die dieses verarzte. Max erkannte das blaue Kurvenhaar: „Mimi!“
    Überrascht drehte sie sich und lächelte, als sie das Team Mystery erblickte: „Gut, dass ihr hier seid, es scheint, als könnten wir alle eure Hilfe brauchen.“
    Sie ließ die Hände von der Schürfwunde, die sich am pelzigen Arm eines bärhaften Ursarings befand. Sie schrumpfte in sich zusammen und bald war die Haut wieder normal. Das Ursaring brummte dankbar und lehnte sich sichtlich erschöpft an den nächst gelegenen Baum. Max‘ Blick fuhr über diese Szenerie.
    „Was ist hier nur passiert?“, fragte er erschrocken Mimi, welche betroffen seufzte.
    „Hier ist nichts passiert, diese Pokémon haben sich alle aus dem Inneren des Apfelwaldes heraus gequält. Ich habe sie hier vor einer Stunde ungefähr gefunden, als ich hierher kam.“
    „War das... etwa das Werk eines Pokémons?“, sagte Jimmy nervös. Mimi nickte, auch wenn ihr selber das Unglauben ins Gesicht geschrieben stand. Hinter sich hörten sie ein röchelndes Husten. Mimi schritt sofort an das Team Mystery vorbei und ließ sich neben einem Lohgock nieder, dessen hühnerhafter Schnabel angebrochen wirkte.
    „Halt still“, murmelte Mimi diesem zu und hielt ihre Hände an dessen Schnabel. Das schmerzverzerrte Gesicht des Lohgocks löste sich und sichtlich entspannter schloss es seine himmelblauen Augen.
    „Dankeschön!“, sagte er aufrichtig zu Mimi, welche bescheiden abwinkte.
    „Ihr seid ebenfalls Erkunder, oder? Das erkenne ich an euren Schatzbeuteln“, während es sprach, zuckte sein Körper, als hätte dieser noch immer Schmerzen. Mimi holte aus ihrem Beutel eine kleine blaue Beere hervor und hielt sie dem Lohgock hin, doch dieser lehnte ab: „Wir von der Wild Heart-Gilde lehnen es ab, unsere Körper mit der Energie von Sinelbeeren zu versorge! Gib diese besser einem der anderen Unglücksraben hier!“, und er wies mit seiner vogelartigen Krallenhand zu ein paar der anderen angeschlagenen Pokémon.
    „Seid ihr auch von einer Erkundergilde?“, fragte Mimi an diese gewandt. Eine grazile Wie-Shu, dessen fliederfarbener Körper von vielen kleinen Wunden übersät war, löste sich von der Gruppe: „Wir sind von Rosendorn. Wir haben im Apfelwald einen Auftrag übernommen; wir sollten einen Ganoven ausfindig und dingfest machen.“ Beschämt blickte sie zu ihren Kolleginnen, dann fuhr sie fort: „Dann hat der Ganove aber uns gefunden und neutralisiert. Ich habe uns drei gerade noch rauszerren können, aber ... es war schrecklich!“
    Mimi, die bemerkt hatte, dass die Wie-Shu ihren Arm seltsam steif hielt und dabei schmerzerfüllt nach Luft japste, hielt mit deren Erlaubnis ihre Hände dagegen. Ein unschönes Knacken ertönte, doch das Team Mystery hörte sie erleichtert aufkeuchen und dann sahen sie ihren Arm wesentlich freier bewegen.
    „Wirklich vielen Dank!“, sagte sie. Mimis Blick fiel auf die anderen beiden, doch die Wie-Shu winkte ab. „Sie werden wieder. Sie sind nur ohnmächtig, aber sie haben nichts Schlimmes am Körper erfahren bekommen.“
    „Dann ist ja gut“, nickte Mimi zufrieden. Das Team Mystery trat an die Gruppe heran und auch das Lohgock richtete sich unter Mühen wieder auf. „Dann hat euch also dasselbe Schicksal ereilt wie mir und Ursus“, sagte es mit Blick auf die Erkunderinnen von Rosendorn.
    „Wir sollten uns was schämen, Lohahn“, brummte das Ursaring mit Namen Ursus vom Baum aus zu ihnen zu. „Schließlich ist der Apfelwald ein Haupteinsatzgebiet der Wild Heart-Gilde.“
    „Damit ich es richtig verstehe“, sagt die Wie-Shu mit Blick auf die beiden angeschlagenen Wild Heart-Erkunder. „Ihr seid auch wegen einem Ganoven hier?“
    „Bei uns ist es ein Skaraborn, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses-“
    „Mich und meine Kolleginnen ebenso bedient hat wie euch? Doch, ich schätze, genau das ist passiert.“
    „Ein Skaraborn als Ganove?“, sagte Mimi sichtlich verdutzt. Die anderen Erkunder starrten sie an.
    „Jetzt sag nicht“, sagte Lohahn sichtlich perplex, „dass du auch von einer anderen Gilde bist und ebenso den gleichen Auftrag hast.“
    „Genau das! Dieser Auftrag ging vor einer Woche in der Knuddeluff-Gilde ein. Ich hätte nicht erwartet, dass Wild Heart und Rosendorn ebenso diesen Auftrag erhalten haben.“

    „Nicht nur Rosendorn, Knuddeluff und Wild Heart!“, meldete sich eine neue Stimme. Bereit zum Kampf wandten sich alle Anwesenden um und sahen, wie ein beschupptes und in Leder gewandtes Drachen-Pokémon sich aus dem Wald heraus auf sie zubewegte. Max erkannte sofort, dass es sich um das Pokémon aus seiner Vision handelte. Es war nur wenige Zentimeter größer als und seine purpurfarbenen Schuppen zogen sich über seinen ganzen Körper. Nur die Arme sowie seine beiden Flügel an diesen waren mit einem mit Metall verschlossenen Ledermantel umhüllt.
    „Bist du nicht eben an uns vorbei in den Wald gehuscht?“, sagte das Lohgock mit Namen Lohahn aufgebracht. „Du hast dich auch ruhig um uns kümmern können!“
    „Ich habe gesehen, dass sie hier bereits alles im Griff hatte“, sagte das nickte in Richtung von Mimi. „Ich fand es dann wichtiger mich zu vergewissern, dass der Ganove sich noch immer in Reichweite befindet.“
    „Du hast dir doch kaum die Zeit genommen, das zu urteilen“, meldete sich Mimi, doch der Erkunder lächelte ihr zu: „Ich habe direkt, als ich dich aus der Ferne gesehen habe, erkannt, dass du eine erfahrene Heilerin bist. Andernfalls wärst du wahrscheinlich wie ich auch direkt auf der Suche nach dem Ganoven gewesen.“
    „Was das betrifft“, sagte die Wie-Shu aus Rosendorn. „Was hat ein Knarksel wie du hier zu suchen? Und aus welcher Gilde kommst du?“
    „Und wie ist dein Name überhaupt?“, brummte Ursus.
    Sichtlich unberührt vom skeptischen Ton nahm das Knarksel eine gerade Haltung an und beugte seinen mit zylinderförmigen Auswüchsen besetzten Kopf: „Cephal aus der Red Scorpion-Gilde, zu euren Diensten.“
    „Red Scorpion?“, sagte die Wie-Shu. „Die Gilde in der Wüste?“
    Cephal lachte: „Ich kann mir denken, dass dies euch überrascht. Was glaubt ihr, wie überrascht ich war, als ich eben mitbekam, dass drei, wenn nicht sogar noch mehr Gilden, mit ein und demselben Auftrag beschert wurden.“ Und er kramte eine Handvoll von Papier aus seinem Beutel heraus, den er um seinen Körper hängen ließ. Er stöberte in diesen, bis er ein einzelnes herausholte. Max erkannte, dass dieses die Form eines Ganoven-Steckbriefes hatte, aus dem Cephal nun laut vorlas:


    Wenn die Kompetenz euer Gilde tatsächlich den Gerüchten entspricht, so fände ich es wirklich hilfreich, wenn ihr meinen lästigen Verfolger loswerden könntet, der mir seit geraumer Zeit nachstellt. Es handelt sich um ein ziemlich aufdringliches und aufbrausendes Skaraborn mit Namen Herakles.
    Ich werde ihn meine Spur bis zum Apfelwald aufnehmen lassen. Dort erwarte ich, dass ihr ihn dingfest macht. Ich hoffe, ihr könnt meine Skepsis, was euch Erkunder-Gilden betrifft, widerlegen. Ich werde mich erkenntlich zeigen, wenn ihr den Auftrag übernehmen und auch erfüllen könntet.


    Die Umstehenden sahen ihn verblüfft an.
    „Diesen Auftrag haben wir auch erhalten, und das Wort für Wort“, sagte die Wie-Shu perplex. Auch Lohahn und Ursus sahen sich an. Cephal, der zufrieden lächelte, rollte das Papier wieder zusammen und steckte es zurück in seinen Beutel: „Habe ich es mir doch gedacht, dass ihr alle über diesen Auftrag geredet habt. Ich habe ihn angenommen aus dem Grund, weil er interessant formuliert war. Ich meine“, und er klopfte gegen seinen Beutel, „kein Name, keine Angabe, wie die Belohnung aussehen wird geschweige noch, um welches Pokémon es sich handelt, das den Auftrag erteilt hat. Wer würde da kein Interesse daran haben?“
    „Glaube aber ja nicht, dass du unseren Ruhm einheimsen kannst!“, sagte Lohahn tapfer und richtete sich zur voller Größe auf, worauf er Iro ebenbürtig war. „Wir waren zuerst hier, ohnehin ist das hier unser Revier!“
    „Auch wenn es sich schön reimt“, sagte Cephal nun etwas ernster, „es kommt darauf an, dass der Ganove so oder so zur Rechenschaft gezogen wird. Da ist mir egal, ob ich den Ruhm teile oder nicht.“
    „Dass ihr überhaupt von sowas wie Ruhm dabei sprecht!“, empörten sich Mimi und die Wie-Shu. Mimi blickte kühl Cephal ins Gesicht: „Es geht doch mehr darum, dass dieser Ganove dem Klienten keinen Schaden mehr zufügt. Denn so wie ich es sehe, scheint dieser ihm lange schon zuzusetzen. Und er tut mir einfach dann Leid.“
    „Oder sie“, korrigierte die Wie-Shu sie. „Aber ich gebe dir Recht! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass dieses Skaraborn uns alle hat alt aussehen lassen.“
    „Eine Schande für euch Rosendorn, was?“, brummte Ursus hämisch. Die Wie-Shu sah ihn finster an. Cephal gewann mit einem Winken seiner mit Leder überzogenen Flügel deren Aufmerksamkeit wieder.
    „Ich glaube, euer Fehler war, blindlings in ihn hineingelaufen zu sein, ohne vorher euch ein Bild von dem Schurken gemacht zu haben. Deshalb bin ich auch zuerst in den Apfelwald hinein anstatt mich um euch zu kümmern.“
    „Du scheinst ja wohl schon alles geplant zu haben, oder?“, blickte Lohahn ihn von der Seite herausfordernd an. Cephals Miene veränderte sich nicht. Zuversichtlich lächelnd wandte er sich ihm zu: „Eine grobe Idee habe ich bereits, nachdem ich mir ihn angesehen habe. Ein Prachtexemplar eines Skaraborn, das muss ich ihm lassen. Alleine dürfte es jeder von uns in der Tat schwierig haben, aber zusammen-“
    „Ich arbeite bestimmt nicht mit Kerlen wie euch zusammen!“, rief die Wie-Shu aus und entfernte sich von der Gruppe. Bestürzt erkannte Max, dass sie dabei war in den Apfelwald einzutreten. Doch Cephal schob ihr einen seiner Flügel in den Weg.
    „Mit deinen Teamkolleginnen schon hattest du keine Chance. Glaubst du, das ändert sich, wenn du alleine hineingehst?“
    „Und außerdem bist du noch ziemlich angeschlagen“, versuchte Mimi dazwischen zu reden. Trotzig blickte die Wie-Shu von ihr zu Cephal und dann wieder zurück. Als dann ihr Blick auf ihre noch immer ohnmächtigen Teamkolleginnen fiel, seufzte sie bedrückt und wandte sich vom Wald ab. Sie trottete zu ihren Freundinnen und setzte sich betrübt. Dann blickte sie zur Gruppe hinüber: „Ich denke, es ist besser wenn wir uns weiterhin ausruhen. Rosendorn überlässt euch das Feld!“
    „So habe ich das aber nicht gemeint!“, sagte Cephal überrascht, doch es war dann Lohahn, der ihm mit seiner Hand Schweigen gebot.
    „Ich kann sie verstehen, Red Scorpion-Erkunder. Ich denke, dass wir von Wild Heart uns erst hier einmal ausruhen werden. Sollten wir zu Kräften und die Frauen auch, werden wir zu euch stoßen und euch gegebenfalls unterstützen. Stimmst du mir da zu, Ursus?“
    Das Ursaring brummte einvernehmlich. Cephal wirkte recht baff, so kam es Max vor.
    „Seid ihr euch da sicher?“, fragte er die Erkunder, welche alle nickten. Ratlos rieb sich Cephal den Kopf, ehe er sich an Mimi und das Team Mystery wandte: „Ich schätze, dann bleiben wir fürs Erste wohl nur zu fünft, oder?“
    „Sieht ganz so aus“, sagte Mimi und wandte sich Max und den anderen zu: „Ihr werdet auch mitkommen, auch wenn ihr diesen Auftrag nicht angenommen habt, oder?“
    Max blickte von ihr zu Cephal. Er dachte an seine Vision vom Dimensionalen Schrei. Es war definitiv Cephal, der in Angriffsstellung gegangen ist. Und bei der großen Gestalt, gegen die er antrat, musste es sich um den Ganoven, dem Skaraborn Herakles, handeln. Aber nachdem er sich mit einem Blick auf die Erkunder von Wild Heart und Rosendorn vor Augen geführt hat, dass dieses Skaraborn außerordentlich gefährlich sein musste, nickte er ihr zu. Auch Jimmy und Iro pflichtetem ihm bei.
    „Also gut“, sagte Cephal strahlend und wandte sich dem Wald zu. „Dann wollen wir uns in den Wald des Insekts wagen!“


    Die Gruppe verabschiedete sich von den zurückbleibenden Erkundern und bald trennte sie von diesen mehrere Reihen von Bäumen und Büschen.
    Cephal ging auf dem weichen Erdpfad voran. Mimi und das Team Mystery folgten ihm dicht. Und obwohl der süßliche Apfelduft deren Nasen erfüllte, lag eine Anspannung in der Luft, die alle Anwesenden spüren konnten. Mimi warf immer wieder Blicke auf Cephal, der fokussiert nach vorne blickte.
    „Hast du denn schon einen Plan, wie wir das Skaraborn im Kampf besiegen können?“
    „Wenn er erstmal uns sieht“, antwortete Iro, bevor Cephal reagieren konnte, „dann wird er sich sofort ergeben!“
    Cephal lachte dann laut auf: „Ich habe mir gleich schon gedacht, dass du eher der Draufgänger bist! Doch ich fürchte“, und sein Ton wurde etwas sachlicher, „dass wir nicht mit einer Lösung ohne Kampfhandlungen rechnen können.“
    „Du glaubst Pokémon wirklich gut einschätzen zu können, oder?“, sagte Mimi skeptisch. Cephal warf ihr interessiert einen Blick über seine Schulter zu. Mimi räusperte sich verlegen: „Ich meine, obwohl du das Skaraborn und Iro nur einmal kurz gesehen hast, glaubst du, sie direkt beschreiben zu können?“
    Cephal blickte von ihr hinüber zu Max, Jimmy und Iro. Dann wandte er sich dem Weg vor ihnen zu, der eine Rechtskurve nahm. Max hörte ihn vergnügt kichern.
    „Vielleicht mag ich nicht direkt die Persönlichkeiten beim ersten Anblick erkennen, doch ich habe ein Gespür dafür, zu was ein Pokémon fähig ist. Nehmen wir das Impergator hier zum Beispiel: Seinen Körper zieren viele Narben, und aufgrund seiner Aussage habe ich die Bestätigung meiner Annahme, dass es sich gerne in Kämpfe stürzt, habe ich Recht?“
    „Wenn du wüsstest“, sagte Jimmy verschmitzt lächelnd. Iro schnaubte trotzig.
    „Und auch bei dir und dem Reptain habe ich gleich schon eine gewisse Ausstrahlung erkannt, die mir verriet, dass ihr was drauf habt. Was das Panflam betrifft...“, und Cephal blieb stehen, um sich Jimmy in Augenschein zu nehmen, der nervös zusammenzuckte. Er musterte ihn eine Weile, dann wandte er sich allen zu: „Manchmal muss man zweimal hinblicken, um ein gewisses Potenzial zu erkennen. Ach übrigens, was sind denn eure Namen eigentlich?“

    Als Mimi und das Team Mystery ihre Namen nannten, nickte Cephal begeistert. Gerade beim Team Mystery hat er interessiert aufgehorcht: „Das berühmte Team Mystery also. Ich habe schon Legenden von euch gehört. Es heißt, ihr habt die Welt gerettet, und das zwei Mal?“
    „Wie man es nimmt; wir hatten auch viel Hilfe dabei“, sagte Max verlegen. Cephal lächelte umso breiter: „Ich mag Pokémon, die bescheiden sind und anderen ihren Anteil zugestehen. Ich persönliche halte nichts von Kulten um einzelne Persönlichkeiten. Jeder, der involviert ist, trägt seinen Anteil bei, oder nicht?“
    Ohne eine Antwort abzuwarten ging Cephal wieder voran. Aber Max stimmte ihm im Inneren zu und er konnte nicht umhin, Cephal für diese Ansicht zu mögen. Auch Mimi wirkte wesentlich weniger skeptischer als vorher.
    „Ehm, Cephal?“, rief Jimmy von hinten ihm zu. Cephal schob seinen Nacken nach hinten.
    „Was kannst du uns eigentlich über das Skaraborn erzählen? Du hast es doch gesehen, oder?“
    Cephal stapfte schweigend über den weichen Erdboden. Dann kicherte er: „Ich sage es mal so: Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass dieses in der Lage war, die anderen zu besiegen.“

    Sie traten nun auf eine größere von Bäumen befreite Fläche. Vereinzelt lagen halb verfaulte sowie rote Äpfel auf dem Boden verteilt, die allesamt einen süßlichen Duft verbreiteten. Cephal nahm sich mit Begeisterung einen solchen und biss hinein, wobei er diesen fast zur Gänze aß. Während er kaute, wandte er sich zu den anderen zu: „Ich glaube, dass man kaum ein solches Exemplar eines Skaraborns gesehen hat. Und es ist auch gut, dass ihr dabei seid. Die Fähigkeiten eines jeden von euch könnten brauchbar sein.“
    „Nun sag uns schon endlich, womit wir es zu tun haben“, sagte Mimi ungeduldig. Cephal lächelte geheimnisvoll.
    „Nun, zuerst kann man sagen, dass es über drei Asse verfügt...“
    „Asse?“, fragte Jimmy skeptisch. Cephal nickte.
    „Drei große Stärken, die alle schon für sich sprechen. Und dann noch kombiniert ...“, und jäh beginn Cephal mit voller Vorfreude zu lächeln. „Wir haben einen interessanten Kampf vor uns, kann ich sagen. Und danach...“, und er wandte sich an Max, „würde ich mich gerne mit dir duellieren!“
    Max blinzelte dreimal. Auch den anderen stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hielt Cephal ihm einen seiner lederüberzogenen Arme entgegen: „Bei dir, Max, habe ich ein Gefühl, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Von allen, die ich bisher begegnet bin, hast du enormes Potenzial, das sehe ich sofort. Ich ernenne dich hiermit zu meinem Erzrivalen!“
    „Okay“, sagte Max langsam, der noch immer wie erstarrt wirkte. Iro schaute grimmig zu Cephal. Jimmy blickte von einem zu anderem. Mimi war es dann, die sich räusperte:
    „Glaubst du nicht, dass du etwas zu vorschnell bist? Zum Einen müsst ihr erst einmal gegeneinander gekämpft haben, damit man euch überhaupt als Rivalen bezeichnen könnte. Und zum Zweiten-!“

    Cephal gebot ihr mit einer Geste zu schweigen und drehte sich wieder nach vorne um. Auch die anderen hatten es gehört. Ein lautes Knacken war zu vernehmen gewesen und Max spürte, wie die Luft sich mit Anspannung fühlte. Und ein Surren ertönte. Es fing leise an, doch wurde lauter und durchdringender, bis es wieder erlosch. Fast wie von selbst fuhr Max seine Laubklingen aus, Iro lockerte seine Gelenke und Jimmy ließ zögerlich sein Feuer stärker auflodern.
    „Es ist in der Nähe...“, sagte Cephal, trat ein Schritt weiter vor und spähte in das vor ihm liegende Grün des Waldes. „Haltet euch bereit, und achtet auf-!“
    Doch jäh raschelte es laut auf und etwas Wuchtiges schoss auf Cephal zu. Ihm blieb keine Zeit mehr zu reagieren, und diese dunkelblaue Gestalt traf mit der Geschwindigkeit einer Kugelsaat auf dessen weiße Schuppenbrust ein. Cephal japste nach Luft, ehe die Wucht ihn von den Füßen riss und über die Köpfe der anderen in die hinten liegenden Baumreihen schleuderte.
    „Cephal!“, rief Jimmy und wollte ihm zur Hilfe eilen, doch Iro stieß ihn zurück nach vorne. Jimmy sollte das Pokémon sehen, das sich nun vor den verbliebenen vier Pokémon aufbaute, welche allesamt erstarrt vor Verblüffung und teilweisem Entsetzen waren.


    Es war ein Skaraborn und Max war sich sicher, dass es sich um den gesuchten Ganoven Herakles handeln musste. Doch verstand Max direkt auch, warum der anonyme Auftraggeber sich an mehrere Gilden gewandt hat. Definitiv wollte er sicher gehen, dass dieser zur Rechenschaft gezogen werden würde, denn Max konnte sich nicht vorstellen, dass ein einzelnes Pokémon dazu in der Lage wäre. Allein dessen Horn sprach schon für sich. Max hatte bisher nur einmal ein Skaraborn gesehen und er war beeindruckt von dessen Größe. Doch dasjenige von Herakles war doppelt so groß und kantig. Und um dem die Krone aufzusetzen, wirkte auch sein Käferpanzer, der der Stahlplattenrüstung eines Stolloss‘ ähnelte, um ein Vielfaches dicker und robuster als der seiner Artgenossen. Am Meisten aber beunruhigte ihn der Anblick der Augen, mit denen Herakles jeden der vier Erkunder betrachtete. Sie waren blutunterlaufen. Und Max war sich sicher, dass es nicht an Schlafmangel lag. Aus ihnen sprach pure Kampfeslust.
    „Schon wieder Erkunder?“, spuckte das Skaraborn verächtlich aus. „Hier muss doch irgendwo ein Nest von euch sein...“.
    Mimi trat hervor: „Herakles, ich bin Mimi von der Knuddeluff-Gilde! Du bist ein gesuchter Ganove des A-Ranges und wir sind hier um-“
    „Tu mir den Gefallen und halt die Schnauze!“, fuhr Herakles sie genervt an. „Diesen Vortrag habe ich mir schon von den anderen Versagern an Erkundern anhören müssen!“ Und mit piepsig hoher Stimme fuhr er fort: „Ergib dich auf der Stelle oder werden dich dazu zwingen, mit uns mitzukommen. Zum Teufel damit!“ , und wieder spuckte er aus.
    „Ihr könnt mich nicht in Ruhe lassen, oder? Dass sie sich auch an jede Gilde auf diesem Kontinent wenden muss. Wenn ich sie erwische...“
    „Was immer du vorhast,“, sagte Mimi trotzig und entschlossen, „wir werden nicht zulassen, dass du ihr weiter nachstellst!“
    „Ihr nachstellen? Sie hat mich doch erst dazu gebracht, dass ich sie über den verdammten Kontinent verfolge.“
    „Was willst du damit sagen?“, sagte Max. Auch er trat nun vor, eine Laubklinge hielt er bis vor seinem Bauch. Herakles lachte höhnisch.
    „So so, ihr nehmt also einfach stumpf jeden Auftrag an, der euch zuschwebt, ohne euch zu informieren, ob eventuell ich der Geschädigte bin und nicht sie?“
    „Beantworte mir erst das: Wer ist sie?“, sagte Mimi. Wieder lachte das Skaraborn auf.
    „Ah, nicht mal ihren Namen hat sie hinterlassen? Ist es euch nicht verdächtig vorgekommen, dass sie anonym bleiben will, während ihr mich dingfest machen sollt? Ich hätte mehr erwartet, dass sie euch wenigstens persönlich die Lüge von mir als ihr Verfolger erzählt hat. Doch dabei war sie es, die mir was Wertvolles gestohlen hat!“
    „Was hat sie denn gestohlen?“, fragte Jimmy überrascht. Herakles reckte sein Horn in die Höhe: „Ein wertvolles Erbstück, dass ich um jeden Preis zurückhaben will. Und jeden, der sich mir in den Weg stellt, wird mich kennenlernen!“
    „Warum hast du dich nicht selber an eine Gilde gewendet? Eine hätte dir es zurückbeschaffen können. Vorausgesetzt, deine Geschichte würde stimmen“, sagte Mimi. Max hörte raus, dass sie nicht vorhatte, ihm Glauben zu schenken. Herakles stieß einen zornigen Schrei aus:
    „Ich konnte kaum reagieren nach dem Diebstahl, schon haben sich die ersten Erkunder an meine Fersen geheftet. Ich musste sie aus dem Weg räumen, sonst wäre ich unschuldig im Gefängnis gelandet!“
    „Selbst wenn!“, rief Mimi ebenso laut zurück. „Dadurch, dass du Erkunder großen Schaden zugefügt hast, hast du dich strafbar gemacht. Allein deswegen sollst du nun zur Rechenschaft gezogen werden!“
    „Schaut, was mir diese Erkunder von vorhin mir angetan haben!“, rief Herakles und deutete mit seinen Käferarmen auf eine große Kerbe auf seinem Käferpanzer. „Dieses verdammte Ursaring hat es mir angetan! Ich konnte mich kaum erklären, da haben sie mich angegriffen. Und sowas nennt sich Erkunder?“
    „Wir sind-“, wollte Mimi rufen, doch Herakles fuhr ihr harsch ins Wort: „Ihr seid Möchtegern-Polizisten sowie blinde Soldaten, die auf die Befehle der sogenannten Klienten hören! Ich bin durch mit euch und sehe euch als Feinde an!“


    Und das Skaraborn preschte mit laut surrenden Flügeln voran. Dessen Horn war bedrohlich gegen die Erkunder gerichtet und ihnen blieb kaum Zeit, ihren Gegenagriff vorzubereiten. Max spürte, wie etwas Schweres an ihm vorbei huschte. Es war Iro, der sich vor ihnen stellte und mit seinen beiden Klauen das mächtige Horn auffing. Zwar schob ihn die Wucht langsam nach hinten, doch schaffte er es mit angestrengt konzentrierter Miene, Herakles zum Halt zu bringen. Dessen Augen weiteten sich vor Überraschung, ehe er zu einem wütenden Schrei ansetzte. Mit einer Kraft, die der Iros gleich kam, hob er sein Horn und damit Iro von den Füßen. Überrascht lockerte er seinen Griff. Herakles nutzte diesen Moment, um sein Horn aus den Klauen des Impergators gleiten zu lassen. Mit einem unheimlichen Dumpfen schlug das Horn auf Iros Kopf auf. Jimmy schrie, doch Iro knickte nicht ein. Ein dünnes Rinnsal Blut lief an seiner Wange vorbei. Er kicherte und blickte Herakles trotzig in die Augen: „War das alles?“
    Herakles Blick verengte sich und er wollte zu einem zweiten Schlag ansetzen. Doch kaum hatte er sein Horn ein weiteres Mal nach unten schnellen lassen wollen, umschlangen dieses mehrere Ranken in der Luft. Herakles schnaubte wütend und blickte nach hinten, wo die Ranken herkamen. Ein riesiges Tangoloss, dessen Körper überall mit tiefblauen Ranken übersatz war, befand sich hinter ihm. Es versuchte, Herakles nach hinten zu ziehen, doch dies erwies sich als sehr schwierig. Denn Herakles war immer noch drauf und dran, Iro sein Horn überzuziehen.
    „Schnell, beeilt euch!“, rief es und Max hörte Mimis Stimme. Sofort verstand er und setzte zum Spurt an. Als er bei Iro ankam, wich dieser zur Seite, sodass Max ein direktes Angriffsfeld vor sich hatte. Seine beiden Laubklingen glühten immergrün und er führte sie in steilem Winkel nach oben und das Horn Herakles‘ an dessen Ansatz. Ein Geräusch, als würden zwei dicke Hölzer aneinander geschlagen werden ertönte. Herakles biss die Zähne zusammen, doch Max vernahm deutlich, wie dieser Kontakt ihm Schmerzen zufügte. Max verlagerte seine Kraft auf seine Schultern und seinen Rücken, um mitten in der Luft seinem Schlag Nachdruck zu verleihen. Auch Mimi in ihrem Tangoloss-Körper sah darin das Signal, noch einmal Schwung zu holen. Und dieses Mal riss es Herakles von Füßen. Er wurde nach hinten geworfen und sank mit seinen Flügeln auf den Boden und sofort machte sich Mimi daran, ihn mit ihren Ranken zu fesseln.
    Max sah darin das Ende des Kampfes und auch Jimmy jubelte. Iro und Mimi hingegen blieben angespannt. Und sie bewiesen ein besseres Gespür, denn Herakles sträubte sich gegen die Vielzahl von Ranken, die ihn fixieren wollten. Unter all diesen stieß er einen noch zornigeren Schrei aus und sein Horn leuchtete weiß auf. Und blitzartig durchschnitt er mit diesem die Ranken, worauf er sich aufrichtete. Schnaubend und keuchend blickte er wutentbrannt erst das Team Mystery und dann Mimi an. Dann flatterten seine Flügel enorm schnell und dieses Mal erhob er sich wenige Zentimeter vom Boden ab.
    „Vorsicht, Skaraborn sind schnell und wendig, wenn sie fliegen!“, rief Mimi dem Team Mystery zu. Dieses ging in Angriffsstellung. Obwohl Herakles wütend war, lachte er spöttisch: „Ihr werdet es nun sehen!“, und preschte erneut und dieses Mal viel schneller los.
    Doch kaum war er losgestartet, erklang wieder ein Krachen, welches lauter war als das von Max, als er gegen das Horn hieb. Iro hat sich wieder vor Herakles geworfen, dieses Mal aber hat er eine Faust gegen den dicken Panzer des Skaraborns eingesetzt, welches kurz die Luft wegblieb. Auch Max spürte, wie die Wucht des Schlags über seine Haut hinwegfegte und ihm einen Schauer versetzte. Iro stand felsenfest auf seiner Position. Herakles wich von ihm zurück und besah sich die Stelle, die die Faust getroffen hatte. Feine Risse bildeten eine kreisförmige Formation.
    „DU!“, rief er zornig und wollte auf Iro einschlagen, welcher sich mit grimmiger Miene die Faust rieb. Doch ein Flammenstoß schoß an Iro vorbei auf ihn zu und Herakles musste zur Seite ausweichen. Die Flammen trafen auf einen Baumstamm, welcher komplett Feuer gefangen hätte, wäre Mimi nicht in die Form eines Schilloks gewechselt, um das Feuer zu löschen. Jimmy fluchte, dass sein Flammenwurf nicht getroffen hatte, und wollte es erneut versuchen, als Mimi dann blitzartig, dieses Mal in der Gestalt eines Rattikarls, an seiner Seite auftauchte: „Hier ist es zu riskant! Du könntest den Apfelwald in Schutt und Asche legen!“ „Da hat sie Recht, trotzdem gehst du mir auf die Nerven!“, sagte Herakles, der nun auf die beiden zuraste. Mimi stellte sich schützend vor Mimi, welcher ratlos zublickte, wie das Skaraborn immer näher kam. Doch von dessen Seite sprang Iro herbei, griff in der Luft nach dem Horn und hielt Herakles zurück, indem er sich hinter ihm stellte und beide Arme überkreuzt vor dem Horn hielt.
    „Du schon wieder!“, rief Herakles zornig und wollte Iro abvon sich schütteln, doch dieser blieb standhaft.
    „Er ist stark!“, rief er angestrengt den anderen zu. „Beeilt euch!“
    Und Max und Mimi stürmten auf das Skaraborn. Max formte ein weiteres Mal seine Laubklingen und ließ sie dieses Mal auf die Stelle herabfahren, die Iro zuvor getroffen hatte. Tiefe Kerben, wie schon beim Treffer auf das Horn, zogen sich über die bereits rissige Stelle, die darauf hin noch mehr aufwies, welche sie über den gesamten Panzer zogen. Herakles versuchte erneut, Kraft zu sammeln und seinen Anhänger von sich wegzuschleudern, doch dieser biss die Zähne umso fester zusammen und es war deutlich, dass er nicht nachgeben würde. Auch Mimi verstand dies. Unter einem erneuten Leuchten nahm sie an Höhe zu und in der Gestalt des Ursarings, das sie zuvor verarztet hatte, holte sie mit ihrer bärhaften Faust aus. Es folgte ein drittes Dumpfen, dem das Geräusch von Scherben folgte. Herakles stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus, sodass auch Iro von ihm abließ. Durch die Wucht des Schlages wurde er nach hinten geworfen. Das Einzige, was von dem Skaraborn an Ort und Stelle blieb, waren die groben Splitter seines einstmals an ihm befestigten Panzers. Mimi blickte erstaunt auf die Tatze, die sie als Ursaring besaß.
    „Dabei kann ich stets die halbe Kraft derer benutzen, deren Gestalt ich annehme. Ich frage mich, ob alle Pokémon von Wild Heart so stark sind...“
    „Gut, dass sie es sind“, sagte Max keuchend und ließ seine Laubklingen zurückfahren. „Wir hätten sonst Schwierigkeiten gehabt, seinen Panzer zu durchbrechen.“
    „Ich war leider beschäftigt, ihn von euch fernzuhalten!“, lächelte Iro tapfer und leckte sich dabei das Blut von seiner Wange. Mimi trat sofort und besorgt an ihn heran, um seine blutende Kopfwunde zu untersuchen.
    „Zum Glück nur eine Platzwunde“, atmete sie erleichtert auf und behandelte mit einem Leuchten ihrer Hände diese. Jimmy trat an sie heran.
    „Es ist vorbei, oder?“, sagte er unsicher mit sorgenvollem Blick auf den Körper von Herakles.
    „Wenn er nicht mehr aufsteht, dann ja“, sagte Iro, trat Jimmy heran und tätschelte ihm den Kopf. „Danke, dass du mit deinem Flammenwurf ihn von mir abgehalten hast. Auch wenn ich ihn gut ein weiteres Mal hätte abwehren können.“ Aufmunternd lächelnd zwinkerte er Jimmy zu, welcher nur schwach lächelte.
    Auch wenn Max gerne in dieses eingestiegen wäre, so konnte er ein Gefühl nicht loswerden. Jetzt, wo sie Herakles besiegt haben, fragte er sich, ob jener Klient sich erkenntlich zeigen würde. Und würde dieser in der Lage sein, sie in den Geheimnisdschungel zu führen? Und auch ein anderes Gefühl beschlich ihn zunehmend. Das Gefühl von Gefahr erfüllte seinen Instinkt, doch konnte Max nicht zuordnen, woher dieses kam. Das Gefühl, dass sie beobachtet wurden, überkam ihn und Max blickte sich um, als Jimmy schon entsetzt aufschrie: „Da!“


    Herakles regte sich. Unter langsamen und bedrohlichem Knurren richtete er sich auf. Und Max wusste, woher das Gefühl der Gefahr kam. Man hätte meinen können, ein Skaraborn ohne Panzer würde keinen bedrohlichen Anblick ergeben. Doch auch mit einer schicht deutlich dünneren Panzers war Herakles Blick, mit dem er die Erkunder regelrecht anstarrte, erschreckend. In seinen Augen lag blanker Hass sowie eine Gier nach Vergeltung. Und ohne ein Wort zu sagen, ließ er seine noch intakten Flügel flattern. Dieses Mal taten sie dies so schnell, dass man sie weder hören noch sehen konnte. Kaum waren die Erkunder dabei, erneut in Angriffsstellung zu gehen, als Herakles auch schon los spurtete. Ohnen seinen Panzer war er erschreckend schneller und es verging kein Augenblick, als er mit wahnsinnig geweiteten Augen bei den Erkundern ankam. Blitzartig fuhr sein Horn herab, traf Iro mit enormer Wucht auf den Kopf, worauf dieser zusammenbrach.
    Jimmy, der vor Schreck ein paar Schritte zurückgewichen war, sah, wie auch Max und Mimi wie aus Leibeskräften schrien und sich die Köpfe hielten. Hilflos sah er zu, wie Herakles blitzartig nach links und rechts aushieb und beide ebenso heftig mit ihrem Horn traf. Mit entsetztem Blick sah er in Schockstarre zu, wie nun Max und Mimi ebenso bewusstlos zu Boden fielen und sich Herakles nun ihm langsam zuwandte.
    „Jetzt du noch“, sagte er langsam und schritt auf Jimmy zu. Erst spät wich Jimmy zurück, während sein entsetzter Blick dem Skaraborn galt, dessen Horn mit der Kerbe bereits hoch erhoben wurde. Jimmy wollte zum Flammenwurf ansetzen, doch Mimis Warnung sowie seine Angst hinderten ihn daran. Sein Rücken stieß an einen Baum. Nun war jeder Ausweg verloren. Das Einzige, was er jetzt sah, war die dunkle Gestalt des Skaraborn, welches nun sein Horn herabfahren ließ. Jimmy schloß die Augen und fürchtete, das Ende sei nun gekommen.
    Da fuhr ein tosender Sandsturm aus dem Boden zwischen ihnen hervor. Erschrocken wich Herakles zurück und Jimmy sah, wie eine dunkle Gestalt aus einem Erdloch vor ihm hervorschoss. Diese ähnelte in ihrer Haltung Max, vor allem, als sie weiß leuchtende Klingen gegen das Horn führte. Sie trafen es an derselben Stelle, die auch Max‘ Klingen erfahren hatten, und dieses erklang ein Krachen, dem ein schmerzerfüllter Schrei folgte.
    „Jimmy, zielen und treffen!“, erklang eine tiefe aber vertraute Stimme. Der Sandsturm, der aus dem Boden kam, lichtete sich und Jimmy sah nun, wie Cephal Herakles‘ Körper mit seinen Drachenflügeln packte, sich umdrehte und Jimmy diesen entgegen warf. Total verdutzt sah Jimmy den Körper auf sich zu zufliegen, ohne sich zu regen.
    „Feuer auf die Flügel!“, rief Cephal mit Nachdruck und dieses Mal, als hätte ein Mechanismus in ihm eingesetzt, stieß Jimmy einen Schwall von Flammen aus seinem Mund hervor. Und dieses Mal traf dieser. Herakles schrie erneut, doch dieses Mal erstarb dieses. Sein Körper hing, als die Flammen erlischen, ein paar Sekunden in der Luft, dann sackte dieser zu Boden. Jimmy blickte erstaunt auf das, was er angerichtetet hatte.
    Herakles‘ Flügel waren versengt, sein mächtiges Horn lag nicht weit von den Überresten seines mächtigen Panzers entfernt. Und Jimmy sah, dass in Herakles Augen eine endgültige und ungläubige Geschlagenheit lag. Und doch stieß dieser schwache röchelnde Atemzüge heraus. Jimmy wollte erschrocken zurückweichen, doch hinderte der Baum hinter ihm ihn daran. Cephal lachte, trat an Herakles heran und begutachtete ihn.


    „Keine Sorge, er wird das überstehen. Und seine drei Asse sind auch nun aufgebraucht. Gute Arbeit, Jimmy!“



    III

    Die Legende



    Am nächsten Tag war das Team Mystery unterwegs nach Schatzstadt. Sie hatten ein ausgiebiges Frühstück bei Rose eingenommen. Es war schwierig gewesen, noch etwas Essen bekommen zu haben, denn übernacht schien eine ganze Menge neuer Pokémon eingetroffen zu sein. Rose hatte alle Hände voll zu tun, die Gäste sowohl zu verabschieden als auch die neuen zu empfangen, sodass sie nicht mehr viele Worte mit dem Team wechseln konnte. Da Max, Jimmy und Iro allerdings einen angenehmen Schlaf gehabt hatten, versprachen sie ihr, sie würden recht bald wieder ein Zimmer mieten. Rose dabei lächeln zu sehen hat Max ein gutes Gewissen beschert. Mit gut gefülltem Magen dachte er an die vielen Neuankömmlinge, auf die er einen kurzen Blick erhaschen konnte. Da gab es sehr viele Pokémon, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Da war ein großer Steinhaufen, dessen gelben Augen wie gemeißelt waren. Ein anderes hingegen ähnelte einem Breitschwert, das sich hinter einem prächtig geschmückten Schild in seiner Scheide befand. Und auch ein Wailord war zugegen, worüber Max sich sehr gewundert. Schließlich kam es nicht oft vor, dass Wasser-Pokémon sich außerhalb des Wassers befanden. Dann fiel ihm peinlich berührt ein, dass Iro dann auch zu diesen besonderen Ausnahmen zählte.
    Gerne wäre Max noch etwas dageblieben, doch Iro hatte ihn dazu gedrängt, dass sie Plaudagei Bericht erstatten mussten. Max kam dies seltsam vor. Sonst war Iro es egal, wann sie den Erfolg ihrer Missionen berichteten. Doch er dachte sich nicht viel dabei. Er blickte zu seinen Teamkollegen, die ein paar Schritte hinter ihm her gingen. Jimmy und Iro befanden sich wieder einmal in einem Wortgefecht, doch lachten sie durchgehend über ihre Wortwahl. Max musste grinsen, als Iro zugab, dass Jimmy durchaus seine Qualitäten besaß. Er hatte es gewusst, dass Iro Jimmy trotz aller gespielter Rivalität respektierte.
    Er blinzelte nach oben. Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne glühte von einem ewig blauen Himmel herunter und ein sanfter Windhauch sorgte auf der von Schweiß leicht benetzten Haut bei allen drei Pokémon für eine kühle Brise. Die weite Wiesenebene, die sich vor ihnen erstreckte erblühte in einem derartigem Grün, dass Max‘ eigene Hautfarbe hingegen verblasste. Es war ein Tag, an dem jedes Pokémon gut drauf sein musste. Beherzt setzte Max einen Spurt an. Er wollte einfach diese Atmosphäre auskosten. Jimmy und Iro vergaß er in der Sekunde, in dem er sich der Natur hingeben wollte. Er blickte nach hinten und sah, wie sich Iro und Jimmy in Form kleiner dunkler Punkte in weiter Entfernung aufhielten. Max hatte nicht bemerkt, wie schnell und wie weit er gelaufen war. Er musste versehentlich zur Agilität eingesetzt haben, denn niemals hätte er so eine Entfernung nur durch Laufen zurückgelegt. Er hob den Arm und rief den beiden zu. Die Gestalten ließen sich nicht anmerken, dass sie ihn gehört hatten. Sie waren noch immer in ihr Gespräch vertieft. So sah es für Max jedenfalls aus. Da sie nicht näher kommen wollten, hob er nun beide Arme: „Hey, ihr beiden! Kommt ihr?“
    Sein Echo hallte über die Wiesenebene. Sekunden verstrichen und noch immer wurden die schwarzen kleinen Punkte nicht größer. Sie schienen sogar noch kleiner zu werden, als würden sie sich von ihm wegbewegen. Beunruhigt setzte Max abermals zum Spurt an. Und direkt ging er auch in die Agilität über. Obwohl er nun sechs Schritte innerhalb einer Sekunde tat, so kamen Iro und Jimmy ihm nicht näher. Sie schienen die Distanz zwischen Max und sich konstant zu halten. Nun war Max verärgert. Die beiden wussten, dass er von allen dreien der Schnellste war, weshalb sollten sie sich einen Spaß und ihn zu einem Laufduell herausfordern.
    Doch relativ schnell erkannte Max, dass es sich nicht um ein solches handelte. Obwohl er fast eine Minute lang gelaufen war und die Agilität ihm allmählich die Ausdauer austrieb, schien er nicht einmal dem Ende der Wiesenebene näher gekommen zu sein. Vor ihm erstreckte sich ein Meer von Grün und um ihn herum waren keine Berge zu erkennen, wie er es sonst auf seinen Reisen gewohnt war. Konnte es sein, dass sie in die falsche Richtung gelaufen waren? Unmöglich, dachte sich Max, denn Rose hatte ihnen vorher noch die Richtung beschrieben, ehe sie die Taverne verlassen hatten.
    Max hielt inne, denn etwas stimmte nicht. Rose hatte doch nicht die Zeit, um ihnen irgendetwas zu beschreiben. Wenn er so darüber nachdachte, stimmte so einiges nicht. Er dachte an die ganzen fremdartigen Pokémon und daran, dass er sich auf einer endlosen Grünebene befand. Er blickte sich nach Jimmy und Iro um. Sie waren nun verschwunden. Und der Wind heulte auf und blies Max unsanft ins Gesicht. Eine klamme Kälte umfasste ihn, die er sich nicht erklären konnte, denn zuvor war es ein sonniger Tag wie es ihn seit langer Zeit nicht mehr gegeben hatte. Doch mit einem Blick erkannte Max, dass dichte dunkle Wolken diese verdeckt hatten und sich in rasender Geschwindigkeit über den gesamten Himmel ausbreiteten. Und mit dem Wind kam ein Heulen, gefolgt von einem Grollen. Es war die Ankündigung eines Sturms. Max stieg jähe Panik auf. Er war vollkommen schutzlos inmitten dieser grünen Ebene, die sich in dem Moment auch noch so flach wie ein Spiegel glättete. Bei einem Blitz würde er der höchste Punkt in der Landschaft sein. Max musste sofort einen Unterschlupf suchen, ehe es soweit kommen konnte, und er sprintete los. Er forderte alles von seiner verbliebenen Ausdauer ab und legte sie in die Agilität. Mit Mach Eins raste er über die Ebene, doch die sich aufbauenden Sturmwolken fegten über ihn hinweg und verhüllten in Dunkelheit. Max fluchte in sich hinein, er war nicht schnell genug und inmitten der Dunkelheit, die ihn immer mehr einschloss, vermochte er nichts zu erkennen. Er fürchtete bereits das Schlimmste, jeden Moment würde ein Knall ertönen und ihn erwischen. Dann wäre es aus mit ihm. Als das Grollen ertönte, schloss Max die Augen. Sein Körper war vor Zerreißen gespannt angesichts des bevorstehenden Donners. Doch statt eines Knalls erfüllte ein Brüllen die Luft. Es war nicht das eines Sturms, vielmehr schien dieses zu einem Wesen zu gehören. Doch welches Wesen auf dieser Erde wäre zu so einem Gebrüll in der Lage?
    Wieder ertönte es und dieses Mal gefror Max das Blut in den Adern. Ein markerschütternder Schrei zerriss die Luft und Max spürte, wie etwas Großes und Schweres direkt hinter ihm auf dem Boden landete. Der Atem des Wesen war schwer und es klang danach, als würde es tief Luft holen. Max traute sich nicht, nach hinten zu blicken. Mittlerweile umgab ihn absolute Dunkelheit und alle anderen Geräusche, selbst die des Sturms, waren verstorben. Er hörte den hechelnden Atem des Wesens hinter ihm. Sein Herz klopfte ihm nun im Kopf, sodass er nicht mal seine eigene Gedanken hören konnte. Doch er wusste was er zu tun hatte. Es erschien aber lebensmüde. Doch gab es für ihn keinen anderen Ausweg. Max schloss die Augen und zählte bis Drei. Dann nahm er allen Mut zusammen, machte sich auf das Schlimmste gefasst und drehte sich um. Als er dann wieder die Augen öffnete, blickte er in ein gelbes Licht. Doch war dieses Licht nicht von dieser Welt. Es durchdrang ihn und dessen gieriger Glanz verriet, dass es seine Seele durchleuchtete.Obwohl Max nicht seinen Blick von dem Licht abwenden wollte, versuchte er zu erspähen, zu was diese Lichter gehörten. Doch dann schrie dieses Wesen markerschütternd auf. Dessen Maul öffnete sich und Max stieg nicht nur fauliger Geruch, sondern die Hölle entgegen. Tausende von Schreie kamen ihn aus einem dunkelroten Schleier entgegen. Sie riefen etwas, doch er konnte nicht ausmachen, was sie sagten. Dann, mit einem jähen Satz, kam dieser Schleier näher. Max schrie panisch vor Entsetzen auf. Nun war ihm klar, dass auch er nun zu diesen Seelen gehören sollte und er wusste wonach sie schrien: „Rette uns! Hilf uns! Töte uns!“

    „Nein!“, wollte Max sich wehren, hob seinen Arm und fuhr eine immergrün leuchtende Klinge herab.
    Die Schreie erstarben und auch der rote Schleier löste sich auf. Er schwebte nun in einer dunklen Schwerelosigkeit und fühlte nichts außer den Schrecken in seinen Gliedern. Etwas Warmes an seinen Wangen verriet ihm, dass Tränen aus seinen Augen kamen. Zu schrecklich und verzweifelt klangen die vielen Seelen, die nach Erlösung flehten. Max tat es nur unendlich Leid, dass er nicht einer einzigen helfen konnte. Die Trauer, die in ihm aufstieg, ließ seinen gesamten Körper taub werden. Er schloss die Augen und hoffte, er fände bald die Erlösung aus diesem real gewordenen Albtraum.
    Und dann plötzlich leuchtete ein Licht neben ihm auf. Es war ein weißes, Wärme spendendes Licht. Es war, als würde Max das erste Mal seit Jahrzehnten ein solches Licht gesehen. Eines, das ihm nach Jahren der Qual Hoffnung versprach. Und plötzlich gesellten weitere Lichter neben diesem. Eines von sanfter rosaner Farbe, dann ein hellblaues sowie ein Dunkelblaues. Denen folgte Sphären von rotem, grünem, violettem und braunem Licht. Diese sieben umtanzten die weiße Kugel, ehe sie zusammen nach oben stiegen. Max, der nicht wollte, dass seine einzige Hoffnung auf Rettung davon schwebte, griff nach diesen. Er musste aufstehen und zum Sprung ansetzen und währenddessen füllte kalte und zugige Luft den Raum, der sich immer mehr aufhellte. Dann landete auf einem rauen Steinboden und das unsanft, denn er stolperte vorneüber weg und er spürte, wie raues Gestein seine Knie aufrieb. Max stöhnte.


    „Deine Freunde landeten ebenso elegant hier“, ertönte eine Stimme über ihn. Max richtete sich auf und blickte einem Laschoking in die Augen. Dieses stand auf einem Felsweg, der an einer Steilwand vorbei hinauf führte. Max bemerkte, dass er sich nicht mehr im Zimmer der Taverne befand. Er kniete auf einem Felsvorsprung eines Berges, der der höchste eines Gebirges zu sein schien. Zu seiner Rechten erstreckte sich bis in die Ferne ein Meer von niedriger gelegenen Bergspitzen. Auch kam ihm die Luft, die er einatmete, ziemlich dünn vor und der eisige Wind umfasste beißend seinen noch immer zitternden Körper.
    „Wo bin ich hier?“, fragte er das Laschoking, welches freundlich lächelte.
    „Du befindest dich auf dem Königsberg, junger Max. Dem höchsten Berg der Welt. Mein Name ist Lashon und ich bin derjenige, der dich und deine Gefährten hierhergebracht hat.“
    „Wie...?“, fragte Max, der es nicht glauben konnte, dass er scheinbar über mehrere Kilometer aus der Taverne getragen wurde. Lashon schien seine verdutzte Miene nicht richtig zu deuten, denn er lachte herzlich, woraufhin Max verwirrt zurückblickte.
    „Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, dass du gleichzeitig hier und in der Taverne bist?“
    „Irgendwo muss ich ja sein“, sagte Max trocken zurück. Lashon druckste. „Deine Verwirrung ist nur verständlich. Komm mit mir, hier ist es mir doch was zu zugig, um zu reden. Deine Freunde warten oben in meiner Höhle.“
    „Meine Freunde?“
    „Das mürrische Impergator und das impulsive Panflam gehören doch auch wie du zum Team Mystery, oder? Ich war mir sicher, ich habe die richtigen Pokémon hierhergeholt...“.
    Lashon wandte sich um und ging den Felsweg hinauf. Max, der sich nicht sicher war, ob er ihm trauen sollte, folgte ihm nur zögerlich. Letztlich war es die Erwähnung von Iro und Jimmy, die ihn dazu brachte. Noch immer blickte er auf die vielen einzelnen Bergspitzen herab, die geheimnisvoll im Mondlicht schimmerten. Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken, als er sah, wie steil es vom Pfad aus nach unten ging. Es war offensichtlich, dass ein Fehltritt mehr als nur Knochenbrüche bedeuten würde. Wie aus der Ferne rief ihm Lashon zu. Max hatte nicht bemerkt, dass dieser mehrere Schritte vorausgegangen war und nun mit leichter Ungeduld auf ihn wartete.
    „Ich hoffe, du verzeihst die Hektik eines alten Mannes“, sagte er, als Max aufgeschlossen war. „Wir haben leider nicht viel Zeit und ich habe vieles mit euch zu besprechen, ehe ich euch wieder in eure Körper schicke.“
    „In unsere Körper?“, sagte Max verdutzt.
    „Glaubst du wirklich, ein Pokémon wie ich hätte die Macht, euch drei von Ekunda bis herher zu teleportieren? Selbst Legendäre Pokémon hätten Schwierigkeiten, das kannst du mir glauben. Es gibt eine simplere Lösung. Zumindest, wenn ich nur mit euch reden will. Und es ist einfacher, euer Unterbewusstsein hierher zu verfrachten, als mich dreimal zur gleichen Zeit in den euren zu manifestieren. Und auf deinen fragenden Blick hin“, fügte er hinzu, als er sich Max zuwandte, „eure richtigen Körper befinden sich nachwievor in der Taverne, in der ihr eingestiegen seid. Und sie haben alle den Anschein, als würdet ihr tief und fest schlafen.“
    „Ich verstehe“, sagte Max.

    Nach wenigen Metern weitete sich der Pfad zu einem Kreis. Ein noch viel schmalerer führte weiter nach oben. Max stellte mit einem Blick nach oben fest, dass sie sich ziemlich nahe an der Spitze befinden mussten. Denn nicht mehr viel an Berg ragte nach oben inmitten des Nachthimmels. Von seinem Standpunkt aus wirkte es für Max, als würde sich nur noch ein felsiger Hügel über ihn auftürmen. Lashon lächelte ihm zu: „Die Aussicht von da oben ist einfach umwerfend! Ich wünschte wir hätten die Zeit, dass ich euch diese zeigen kann, doch es erforderlich dass-“
    „Max!“ Jimmy trat aus einem im Schatten verborgenen Höhleneingang hervor, aus der es orange-rötlich schimmerte. Im selbigen Schatten schälte sich eine hünenhafte Gestalt hervor, die sich sofort als Iro herausstellte. Max war nach froh, wieder die beiden so nahe vor sich zu sehen. Jimmy redete aufgeregt davon, dass er eine fantastische Herreise geträumt habe und wie er von Lashon empfangen wurde. Auch Iro erzählte von seiner Ankunft an diesem Berg. In Max stieg ein seltsames Gefühl auf. Nur er allein hat von einem unheilvollen Wesen geträumt, das ihn verschlingen wollte. Gerne hätte er gewollt, dass sowohl er als auch der Rest des Teams die gleiche Art von Traum gehabt hätten. Lashon hatte Mühe, Jimmys Redefluss zu unterbrechen. Als er die Aufmerksamkeit aller drei hatte, bat er sie mit einer Geste in die Höhle hinein.
    Der orange-rötliche Schimmer stellte sich als ein prasselndes Kaminfeuer heraus, das einen großen Hohlraum der Höhle erleuchtete. Obwohl nicht viel an Mobiliar zu erkennen war, so wirkte diese doch einladend. Ein bis zur Decke reichendes Bücherregal, wo es keine Lücke gab, stand neben einem großem Bett, auf dem ein großer Haufen Stroh lag. In eine Ecke war ein größeres Becken eingelassen, dass genug Platz für Lashon bot. In der Mitte des Raums war ein Kreisrunder Teppich ausgelegt, der mit einer Vielzahl von Symbolen geschmückt war. Max zählte insgesamt sieben, als er sich den Teppich näher anschaute, und seltsamerweise fühlte er sich bei den Farben, die die Symbole zierten, an seinen Traum erinnert. Mit unruhigem Gefühl folgte er der Bitte Lashons, auf diesem Platz zu nehmen. Zuvor hatte dieser von dem großen Strohhaufen mehrere Büschel mit seinen Psy-Kräften abgehoben und auf dem Teppich verteilt. Jimmy und Iro gesellten sich zu ihm und Lashon machte es sich ihnen gegenüber gemütlich. Das Feuer des Kamins befand sich zur Rechten des Teams und dessen Licht erleuchtete nur eine Seite von Lashons Körper, während die andere im Halbschatten lag.


    „Bevor ich zu dem Grund komme, weswegen ich euch hierher geholt habe, möchte ich euch vorher fragen, ob ihr mit der Legende von Arceus vertraut seid.“ Er blickte zu jedem der drei Pokémon. Max konnte sich auf den Namen kein Reim machen, Iro zuckte mit den Schultern, nur Jimmy blickte die beiden erstaunt an: „Ihr habt nie von Arceus gehört?“
    „Ich muss nicht jeden berühmten Erkunder oder dergleichen kennen, oder?“, sagte Iro. Jimmy schlug sich an die Stirn, während Lashon schmunzelte.
    „Dass du bei Arceus‘ Namen an einen Erkunder denkst, lässt sich bei deiner Profession erahnen. Die Realität ist doch dabei etwas ... besonderer“. Laschon schloss die Augen und das Feuer im Kamin senkte sich, sodass die Höhle fast in vollkommender Dunkelheit lag. Dann erfüllte eine Vielzahl von Lichtern den Raum, die aus dem Nichts aufleuchteten. Wie hunderte von kleinen Sternen umgaben sie die vier Pokémon. Jimmy keuchte erstaunt auf und Max und Iro beobachten sie interessiert, wie sie sich zu mehreren Gruppen formierten.
    „Am Anfang, bevor es Zeit und Raum ihre eigene Geburtsstunde hatten, schuf Arceus, der Gottvater, der Schöpfer der ersten Pokémon, das Universum. Ein riesiger Knall, den Arceus ausführte, ließ das Universum expandieren und sehr bald darauf formte Arceus mit seinem feurigen Atem die einzelnen Welten, auf denen Leben gedeihen sollte.“
    „Verzeihung, aber könntest du das Ganze vielleicht weniger geschwollen erklären?“, sagte Iro mit erhobener Hand. Er beachtete nicht die kritischen Blicke, die ihm Max und Jimmy zuwarfen. „Ich kann so eine Wortwahl nicht sonderlich leiden“, sagte Iro bestimmt. Lashon, der während seiner Erzählung die Augen geschlossen gehalten hatte, lächelte kaum merklich im schwachen Sternenlicht. Dann fuhr er fort:

    „Es war Arceus zu verdanken, dass auch diese Welt von ihm erschaffen wurde. Und er krönte den Abschluss seiner Schöpfung mit der Erschaffung der ersten Pokémon, eure am weitesten entfernten Vorfahren.“
    Bei Lashons Worten hatten die Sterne angefangen zu tanzen und die meisten von ihnen taten sich nun zu einer leuchtenden Sphäre zusammen, die bald an Farbe und Form gewann. Schnell erkannten die drei, dass es sich um eine Darstellung ihrer Welt handelte, denn man konnte deutlich Ozeane von Kontinenten unterscheiden.
    „Arceus war zufrieden mit seinem Werk und zog sich daher zurück. Er hoffte, dass die Welten, die er erschuf, im stetigen Gleichgewicht sein mögen. Jedoch ...“, und auf der Sternenwelt schienen sich eine Vielzahl von Veränderungen sowohl auf den Ozeanen als auch auf den Kontinenten abzuspielen, „die Macht der Natur hat Arceus unterschätzt. Kaum hat er sich zur Ruhe gelegt, so begann sie die Harmonie der Welt zu bedrohen. Erdbeben rüttelten das Land auf, Flutwellen verschlangen Landstriche. Wintereinbrüche hielten jahrelang an. Die Welt drohte im Chaos zu versinken.“
    „Wieso konnte Arceus das nicht verhindern?“, fragte Jimmy.
    „Weil es ihm als Gott untersagt war, in die Welt einzugreifen“, sagte Lashon, worauf Iro schnaubte: „Obwohl er sie selber erschaffen hatte?“
    „Ich möchte daran erinnern, dass es sich hierbei um eine Legende handelt. Die Erklärung, die sie liefert, ist wohl die, dass Arceus selbst als Gottheit einer Regelung unterlag. Sei es eine, die nur für Götter galt, oder weil Arceus sich selbst dieser Einschränkung warf. Er wollte, dass es den Pokémon, die er erschuf, von selbst gelingen würden, die Harmonie wiederherzustellen. Als er jedoch erkannte, dass sie alleine nicht dazu in der Lage waren, so beschloss er, zumindest noch indirekt einzugreifen.“
    „Indirekt?“, wiederholte Max. Lashon nickte zu der Sternenwelt, auf der sich mehrere andersfarbige Lichter auftaten. Und Max, dem eine Aufregung empor stieg fühlte sich erneut an den Traum erinnert.
    „Auch wenn Arceus selber nicht mehr dazu befugt war, einzuschreiten, so konnte er Teile seiner göttlichen Macht auf einige seiner Kinder verteilen. So kam es dazu, dass insgesamt sieben Auserwählte zu den Hütern der Welt ernannt wurden. Und durch die Kraft, die Arceus ihnen gab, waren sie in der Lage, die Gewalten der Natur unter Kontrolle zu bringen. Die Erdbeben hörten auf, die Meere beruhigten sich, der Winter wurde gemäßigt. Und da die Hüter ihre Kräfte durch Arceus, einem Gott, erhielten, sollten sie auch zu Halbgöttern werden, die die Zeit überdauern würden. Arceus‘ Plan ging auf: Sieben Hüter, die die Balance ihrerer Welt sicherstellen. Bis zu jenem Tag ...“, und nun tat sich ein achtes Licht auf der Sternenwelt auf, doch wirkte dieses mehr so, als würde es das Licht um sich herum in sich hineinsaugen. Max kam ein klammes Gefühl der Kälte auf, er ahnte, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte.
    „Ein achtes Kind, dass beinahe von Arceus auserwählt wurde, wollte sich mit dessen Urteil nicht zufrieden geben. Es war der Ansicht, dass es selbst besser als Hüter geeignet war als das andere. Arceus, der das Kind dazu aufforderte, seinem Urteil Vertrauen zu schenken, reagierte erbost, als das Kind sich mit anderen Nichterwählten zusammentat und diese gegen ihren Vater rebellieren wollten. Da Arceus den Frieden und die Harmonie seiner Welt in Gefahr sah, hat er diese kurzer Hand aus dem Paradies verstoßen.“
    „Verstoßen?“, sagte Jimmy erschrocken und Iro pflichtete ihm dabei: „Nicht gerade sehr väterlich von ihm, oder? Hätte er nicht etwas sanfter mit seinem Kind umgehen können?“
    „Das Kind hat damit angefangen, andere Pokémon gegen Arceus aufzuwiegeln. Der Frieden und deren Stabilität, die Arceus mit der Ernennung seiner Hüter hatte bewahren wollen, drohte erneut zu zerbrechen.“
    Lashons Miene weichte auf, so als würde ihn etwas bedrücken. Er seufzte, dann fuhr er fort: „Arceus hatte sich zwischen zwei Parteien entscheiden müssen; und nur schweren Herzens traf er die Wahl. So kam es dann, dass das Kind und sein Gefolge aus dem Paradies verbannt wurden und dass sie auf sich gestellt in der Einöde ausharren mussten. Und erst ab dem Zeitpunkt begann die Legende ihren katastrophalen Wendepunkt...“ Die Sternenwelt wurde jäh vom geöffneten schwarzen Loch verschlungen, sodass die Höhle im Dunkeln lag. Erst allmählich loderte das Feuer auf und der Halbschatten legte sich erneut über die Vier. Lashons Gesichtzüge waren verschwommen, während dieser in sich versunken war. Dann erzählte er, ohne die Augen zu öffnen:
    „Das Kind, das den Aufstand angefangen hatte, war von Trauer erfüllt und voller Zorn auf seinen Vater. Und diese starken Gefühle waren es, die das Kind veränderten, und zwar in einer Hinsicht, die niemand erwartet hätte. Es heißt, dass die feinen Gesichtszüge des Kindes sich verzerrten, dass seine Trauer in Hass umschlug und seine Wut seine Begierde nach Rache anfachte. Und auch entwickelte es unvorstellbare Kräfte, solche die Arceus nie vorgesehen hatte. Das Pokémon, das es einst war, wurde zu einer schrecklich verzerrten Gestalt: Einem Dämon, der sich Kyurem nannte, anders gesagt: Das kalte Nichts“
    Die Schrei des Ungeheuers tönte leise in Max‘ Unterbewusstsein, als Lashon vom Dämon erzählte und erneut ergriff ihn eine eisige Kälte. Er ahnte nun, von welchem Wesen er geträumt hat. Neben sich hörte er, wie es Jimmy schüttelte. Auch ihn schien die Erwähnung eines Dämons Unruhe zu bereiten. Von Iro kam keine Reaktion, doch Max war sich sicher, dass er dessen Kiefer niemals derartig angespannt gesehen hatte.
    „Der Dämon Kyurem war getrieben von blinder Rache und seine Kräfte waren wahrhaft dämonisch. Obwohl sie mit ihm gegen Arceus ins Feld ziehen wollten, so betrachtete er seine Verbündeten nicht mehr als solche. Er bemächtigte sich ihrer Kräfte und machte sich auf in Richtung des Paradieses, um sich Arceus zu stellen. Auf dem Weg dahin bemächtigte er sich der Kräfte jener, die seinen Weg kreuzten. Unglücklicherweise wäre es für sie besser gewesen, wenn sie vorher verstorben wären ...“
    „Wieso?“, warf Jimmy erschrocken ein. Er schlug entsetzt die Hand vor dem Mund, als Lashon die Antwort gab: „Sowohl von seinen Verbündeten als auch seiner restlichen hatte sich der Dämon deren Seelen einverleibt, um so seine Macht zu stärken.“
    Jetzt wusste Max auch, von wem die Vielzahl der Schreie kam, als das Wesen in seinem Traum seinen Schlund geöffnet hatte. Und das Entsetzen, das ein Wesen so eine Macht haben kann, betäubte ihn fast. Iro, dessen Fäuste laut beim Zusammenballen geknackt haben, versuchte gefasst zu bleiben: „Aber es heißt, dass sie noch am Leben waren, oder? Vielleicht hätten sie sich ihre Seelen vereint zurück erkämpfen können, oder?“
    Lashon sah in an. Seine Miene war todernst: „Sag mir, Ironhard, warum kämpfst du gern? Was treibt dich an, ein Erkunder zu sein und mit Max und Jimmy hier Abenteuer zu bestreiten?“
    Iro gab keine Antwort, doch offenbar verlangte Lashon keine.
    „Ihr müsst wissen, ganz gleich was ihr tut, eure Seele ist es, die den entscheidenen Antrieb gibt. Ganz gleich, was eure Gründe sind, die Seele ermöglicht es, dass ihr bei allen Dingen irgendetwas empfindet. Sei es Trauer oder Glück, Verzweiflung und Hoffnung oder gar Friede oder Hass. Die Seele ist, die euch erst dazu befähigt zu leben. Ohne eine Seele könnt ihr zwar leben, da euer Körper noch funktionieren wird. Doch nichts wird euch zu irgendwas mehr bewegen, ihr werdet keine Freuden, kein Glück, keine Gefühle mehr spüren. Ihr werdet zu einer leeren Hülle, die regungslos vor sich hinstarren wird. Und dann ist es auch nicht mehr wert, zu leben, wenn von außen euch nichts mehr erreichen kann.“
    Jimmy schüttelte fassungslos den Kopf. Max hingegen kam eine leise ungute Vorahnung: „die Legende geht noch weiter, oder?“
    „Gewiss“, sagte Lashon. „Und zwar wird sie an der Stelle fortgeführt, wo Arceus seine Hüter losschickte, um dem Dämon Einhalt zu gebieten. Es ist ungewiss, wie viele Seelen sich Kyurem bis dahin einverleibt hatte, doch war er stark genug, um es mit allen sieben Hütern gleichzeitig aufzunehmen. Und auch deren Seelen hätte er sich nach einem tagelangen Kampf einverleibt, wenn Arceus nicht am Ende eingeschritten wäre. Zusammen-“
    „Jetzt konnte er doch einschreiten?“, rief Iro empört. „Vorher hieß, dass er überhaupt nicht mehr in das Geschehen eingreifen konnte. Und jetzt konnte er es doch?“
    „Iro“, versuchte Max, ihn zu beruhigen, doch schob dieser seine Hand weg. Lashons Miene blieb unbeeindruckt hat. Er wartete, bis Iros Temperament sich gelegt hatte, dann erzählte er weiter:
    „Arceus wusste, welche Konsequenzen sein Einschreiten letztendlich bedeuten würde. Denn er verstoß gegen eine Regel, die ihm auferlegt wurde. Doch zum Wohle der Welt opferte er sich, indem er sich dem Dämon stellte und seinen Hütern zur Hilfe eilte. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den Dämon in seine Schranken zu weisen. Sie hatten die Möglichkeit, ihn an Ort und Stelle zu vernichten, doch Arceus, der sich selbst die Schuld über das Entstehen des Dämons eingestand, brachte es nicht über sich, sein Kind zu vernichten, ganz gleich wie entstellt es nun war. Gemeinsam mit den Hütern entschied er sich dazu, den Dämon in einem Stein zu versiegeln und diesen Stein in die Weiten des Weltraums zu verbannen, sodass Kyurem auf ewig diese Welt verlassen würde. Und dies kennzeichnete das Ende des Kampfes zwischen Göttern und dem Dämon.“
    Eine lage Stille trat ein, die gelegentlich vom Knistern und Rauschen des Feuers unterbrochen wurde. Allen drei Erkundern stand das Entsetzen und die Beklommenheit ins Gesicht geschrieben. Dann war es Jimmy, der zögernd das Wort ergriff: „Du hast gesagt, dass diese Legende in gewisser Hinsicht damit zu tun hat, dass du uns hierher gebracht hast, oder?“ Lashon sah ihn ernst an, dann seufzte er: „Lass mich vorher den Rest erzählen, ehe ich dazu komme. Denn es stimmt, diese Legende wird euer Bezugspunkt für den Auftrag sein, den ich für euch habe.“
    Er schien sich wieder zu sammeln, dann beendete er die Legende:
    „Obwohl der Dämon gebannt war, so hatte er dennoch irreparablen Schaden verursacht. Das Paradies hatte er entweiht und dessen Mauern eingerissen. Und auch kann Kyurem als der Grund angesehen werden, weswegen in vielen Köpfen der Pokémon die Saat des Bösen eingepflanzt wurde. Ohne Kyurems Auftauchen hätten sie alle die Harmonie aufrecht erhalten wollen und ein immer währender Frieden hätte walten können. Doch nun begannen negative Eigenschaften wie Habgier, Trauer, Zorn die Herzen einiger zu erfüllen und so standen Pokémon, die Gutes anderen tun wollen, gegenüber jenen, die bewusst andere schaden, um sich selbst zu befriedigen.
    Doch den größten Preis zahlte Arceus: Da er in das Weltgeschehen eingegriffen hatte, war er als Gottheit nun dazu verpflichtet, sich für immer aus dieser Welt zurückzuziehen. Nie wieder sollte er mit seinen Kindern in Kontakt treten und ihnen Weisungen oder seine Kraft geben. Und dies tat Arceus auch. Zuvor hat er seine Hüter zu den Wächtern der Welt ernannt, damit sie an seiner statt die Welt in ihrem Gleichgewicht halten. Doch ohne die weise Führung Arceus‘ begann selbst die Einheit der Wächter, Kyurems dunkler Aura zu unterlegen. Es kam sogar soweit, dass sich zwei der Wächter einen erbitterten Kampf miteinander lieferten, sodass sie zur Ruhe gelegt werden mussten.
    Arceus, der nur Frieden für seine Welt wollte, hat mit seinen Entscheidungen letztendlich das Gegenteil erreicht. Seit Kyurem herrschte stets ein Konflikt zwischen Gut und Böse, der auch heute noch ausgetragen wird. Ihr, meine drei Erkunder, seid Kämpfer der guten Seite. Und dann gibt es Pokémon wie einst Darkrai, die die Welt nur unterwerfen und zerstören wollen. Die Welt heute lässt sich derartig leicht aus dem Gleichgewicht bringen, während er sehr schwierig, nahezu unmöglich erscheint, dieses wieder aufzubauen.“


    Max, Jimmy und Iro blickten einander in die Augen. Max war es dann, der zögerlich sprach: „Also ist Kyurem für alles Leid auf der Welt verantwortlich?“ Lashon schüttelte den Kopf.
    „Er hat lediglich die Saat für alles Böse auf der Welt gesät; es lag dann an den Verfehlungen der Pokémon, dass sie sich vom Guten abwandten. Eigentlich gab es stets schlechte Gedanken von Neid, Wut und dergleichen. Kyurem war das erste Pokémon, die diese bewusst nährten und denen ihr Handeln zu Grunde legten. Und dies stieß auf viele Nachahmer, die sich von Arceus verlassen fühlten, weil er die Welt verließ und vorher zuließ, dass vielen ihrer Mitpokémon ihre Seele entrissen wurde.“
    „Und was wird diese Legende mit unserem Auftrag zu tun haben?“, warf Jimmy ein. Lashon seufzte.
    „Leider sehr viel. Denn im Laufe der Zeit haben sich die meisten der Wächter voneinander abgewandt und sind nur noch mit ihren Sphären beschäftigt. Doch einer von ihnen mit dem Namen Mew, der ein guter Freund von mir und als Psycho-Pokémon für sowas empfänglich ist, erhielt vor wenigen Nächten eine Vision, von der er mir erzählte.. Und zwar handelt es sich um die Vision eines Ereignisses, das in sehr bald eintreten wird. Und Mew ist sich sicher, dass es passieren wird. Auch ich spüre allmählich, wie es näher rückt. Auch ihr dürftet zumindest die ersten Anzeichen bemerkt haben.“
    „Wovon redest du?“, fragte Jimmy.
    „Ist euch nicht aufgefallen, dass die Schlagzeilen der Zeitungen immer häufiger von Verbrechen aller Art berichten? Ich habe gelesen, dass die Vielzahl der Erkundergilden überhaupt erst zu Stande kam, gerade weil allerorts Kriminelle ihr Unwesen treiben.“
    „Das stimmt schon“, stimmte Jimmy ihm nachdenklich zu, „doch was hat es mit der Legende zu tun? Die ganzen Verbrechen geschehen doch unabhängig von dieser, oder?“
    „Ich fürchte nicht ganz“, entgegnete Lashon. „Für mich sind dies klare Zeichen, dass ein dunkler Einfluss immer stärker wird. Und nach dem, was mir Mew erzählt hat, komme ich ebenso wie er zu der Überzeugung, dass etwas dieser Welt näher kommt.“
    Jimmy fragte nach, was es sein würde, doch Max überkam eine unangenehme Vorahnung und es war, als würde die ihn umfassende Kälte fest in ihrem Griff halten. Auch Lashon schauerte, als er antwortete: „Kyurem kehrt zurück. Der Meteor, in dem er verbannt wurde, wird in einem Jahr auf die Erde einschlagen und Kyurem wird aus seinem Gefängnis befreit sein.“


    „Was?“, sagte Jimmy entsetzt. Er sackte in sich zusammen und Max hörte sehr leise, wie Iros Faust vor Anspannung fast zerriss. Die Stille, die eintrat, fühlte sich wie mehrere Stunden an und Max hörte in weiterer Entfernung das Gebrüll eines Wesens und ein Beben der Erde. Lashon blickte jeden der drei Erkunder eingehend an.
    „Und deswegen habe ich euch hierher geholt, Team Mystery. Ihr müsst dafür sorgen, dass Kyurems Komet nicht auf den Planeten trifft.“
    Jimmy lachte, nachdem er realisiert hatte, worum sie Lashon bat. Max war sich nicht sicher, ob er diesen richtig verstanden hatte.
    „Wir sollen also einen gewaltigen Brocken, der aus dem Weltraum geschossen kommt, zu dritt aufhalten? Na denn, wir haben ein Jahr Zeit fürs Training, wir fangen besser an, oder?“ Iro versuchte entspannt tapfer zu klingen, doch Max hörte, wie seine Stimme nervös klang. Nie hatte er Iro derartig erlebt. Lashon schien ihn nicht verstanden zu haben, dann dämmerte es ihm, worauf er erschrak: „Um Himmels willen, um so etwas bitte ich euch nicht! Normalsterbliche Pokémon wären nie dazu in der Lage, ganz gleich wie mächtig sie wären“
    Er räusperte sich, dann fuhr er fort: „Ich habe eine andere Mission für euch, die unweigerlich entscheidend für das Abwehren von Kyurems Komet sein wird. Und zwar müsst ihr die Sieben Wächter aufsuchen, jene Pokémon, die von Arceus mit göttlichen Kräften ausgestattet wurden. Ihr müsst sie davon in Kenntnis setzen, dass Kyurem zurückkehrt. Nur sie wären vereint in der Lage, Kyurems Kometen abzufangen und diesen entweder zu zerstören oder zurück in den Weltraum zu schicken.“
    „Sagtest du nicht“, erwiderte Max, „dass einer der Wächter nicht schon Bescheid wüsste? Könnte dieser dann nicht die anderen warnen?“
    Lashon ließ sich tiefer in seinen Strohballen sinken. Es war das erste Mal, das er über etwas wahrlich zu trauern schien. Mit dem Blick zum Boden antwortete er Max: „Wie ich schon beim Erzählen der Legende gesagt habe, die Wächter haben sich im Laufe der Jahrtausende, die der Verbannung Kyurems folgten, zerstritten. Die meisten von ihnen treten nicht mehr in Kontakt miteinander und haben sich von daher von den anderen isoliert. Selbst wenn einer von ihnen, in dem Fall ist es Mew, Bescheid weiß, so ist er außer Stande, die anderen zu kontaktieren. Deswegen kam er auch erst zu mir, um meine Hilfe in Anspruch nehmen. Doch was soll ich tun? Ich bin zu alt, um mich irgendwo hin aufzumachen!“. Und Max bemerkte tatsächlich, wie alt Lashon war. Umso schärfer sah er das faltige Gesicht und den für ein Laschoking schmalen Körper.
    „Ich weiß, dass ich vermutlich viel von euch verlange, Team Mystery“, sagte Lashon in bedrücktem Ton und sah jeden der drei Erkunder eindringlich an. „Doch ich kann mir keine geeigneteren Persönlichkeiten vorstellen, die dieser Aufgabe gewachsen sind. Ihr habt zweimal schon die Welt gerettet, vor nicht weniger gefährlichen Dingen. Doch wir können nicht warten, bis Kyurems Komet auf den Planeten trifft, um ihn dann zu bekämpfen. Kyurem ist nicht wie Dialga, Palkia oder Darkrai, die ihr bekämpft hat. Er ist noch nicht einmal ein Pokémon. Er ist ein Dämon und sollte er wieder auf dem Planeten landen, so wird dessen dunkler Einfluss weitaus mehr Pokémon verderben als es jetzt schon welche sind. Und nicht zu vergessen, sein Hunger nach Seelen; ich will nicht wissen, wie viele Unschuldige seinem blinden Hunger zum Opfer fallen werden. Ich bitte euch daher um eure Hilfe!“
    Lashon, der sich wieder aufgerichtet hatte, ließ seinen Kopf voran auf den Boden sinken. Perplex blickten sich die drei Erkunder an. Max sah richtig, dass alle nicht wussten, was sie wie zu tun hatten. Dann redete Max beruhigend auf das Laschoking ein:
    „Lashon, wir verstehen jetzt, weswegen du uns hergeholt hast, doch bist du dir sicher, dass wir dafür geeignet sind? Wir haben nie etwas von den Wächtern vorher gehört, wie sollen wir sie aufsuchen, wenn wir keinen Anhaltspunkt oder Gerüchte darüber gehört haben, wo wir sie überhaupt aufsuchen können?“
    Lashon blickte auf und eine Art Hoffnungsschimmer lag in seinen Augen: „Wenn ich euch sage, wie ihr anfangen könnt, und der Rest wird sich danach ergeben, würdet ihr diese Aufgabe übernehmen?“
    „Wir... also ...“, sagte Max unsicher und blickte zu Jimmy und Iro, die zugehört hatten. In beiden Gesichtern lag nervöse Anspannung, doch nachdem sie sich gegenseitig vergewissert hatten, dass keiner von beiden sich zurückziehen würde, nickten beide Max zu. Dieser erwiderte und dann lag etwas mehr Entschlossenheit in seiner Stimme, auch wenn diese zitterte: „Wir übernehmen den Auftrag, Lashon. Sag uns nur, wie wir anfangen können.“
    Still lief eine Träne entlang Lashons Wange, ehe dieser dankbar den Kopf verneigte und sich aufrichtete. Auch das Team Mystery stand auf, denn Lashon bat es, ihm nach draußen zu folgen. Kalter Wind empfing sie, doch die Dunkelheit schien sich nun zu lichten. Am Horizont nahm der Himmel bereits ein helleres Blau an. Der Morgen dämmerte.

        
    „Sucht zuerst Mew im Geheimnisdschungel auf. Er wird euch dann alls Weitere erklären. Ich werde euch nun zurück in eure Körper schicken und ...“
    „Moment mal!“, rief Jimmy. „Wo liegt der Geheimnisdschungel? Ich habe noch von so einem Ort gehört.“
    „Ich leider auch nicht“, sagte Lashon bedrückt, während er die Arme hob. „Aber ich bin sicher, ihr Erkunder werdet eine Spur finden, die euch zum Geheimnisdschungel führen wird.“
    „Aber das reicht uns nicht ...“, wollte Jimmy protestieren, doch jäh wurde er in die Luft erhoben und mit einem leisen Plopp verschwand er. Auch Iro ereilte dasselbe Schicksal wenige Sekunden darauf. Als Max dann letztendlich in die Luft gehoben wurde, begegnete er Lashons Blick.
    „Ich danke euch, Team Mystery. Und viel Glück!“
    Und dann fühlte Max sich wie durch ein enges Rohr gezwängt und er spürte, wie die Landschaft unter ihm verschwamm und hinter einem dichten Nebel verschwand.





    II

    Das Team Mystery


    Ein Zurren und Knistern ertönte. Der schattenhafte Körper wurde in die Luft gehoben und blieb zwischen den zwei Magnethufen der beiden Magnetilo in der Luft hängen. Das Gengar, dessen selbstsicheres Grinsen erloschenwar, blickte mit seinen zu roten Schlitzen verengten Augen zu den drei Pokémon auf, die seine jahrelange Verbrecher-Karriere beendet hatten. Zwei von ihnen blickten zurück, der andere wirkte nach dem Kampf noch immer nervös, während der andere sich wieder desinteressiert abwandte. Der Dritte von ihnen, der Anführer des Teams, war im Gespräch mit Oberwachtmeister Magnezone, der auf dessen Augenhöhe schwebte. Dessen Auge konnte man ansehen, dass er sichtlich erleichtert war, diesen Verbrecher endlich gefasst zu haben. Auch das Reptain, das mit ihm sprach, war ebenso froh, einen Auftrag, der Wochen gedauert hatte, endlich zu einem erfolgreichen Ende geführt zu haben.

    „Der Einsatzleiter wird sich sehr freuen, wenn wir dieses Gengar endlich der Justiz überführen können“, zurrte Magnezone in seiner gewohnt neutral klingenden Stimme. „Wir haben auch bereits die Belohnung für euch dabei, wenn ihr sie bereits empfangen nehmen wollt.“

    „Nun, für diese Art von Zeitverschwendung wollen wir schon entschädigt werden“, sagte das hünenhaft wirkende Pokémon mit blauer ledriger Haut und einem markant ausgeprägten Körperbau. Dessen Hände waren noch immer zur Hälfte zu einer Faust geballt und in seinen krokodilähnlichen Augen lag weiterhin der Funke von Herausforderung. Doch als sein Blick erneut auf das geschlagene Gengar fiel, schnaubte er abfällig und wandte sich Magenzone zu: „Der Kerl hier war für uns am Ende keine wirkliche Herausforderung!“

    „Für dich vielleicht, Iro“, sagte das deutlich kleinere Pokémon zu seiner Linken. Dieses hatte Ähnlichkeit mit einem Schimpansen mit orange-rötlichem Fell, an dessen Hintern eine kleine handgroße Flamme brannte, was aber für ein Panflam durchaus einen Normalzustand darstellte. Dieses versuchte aber den Blick des Gengars zu vermeiden, das den seinen suchte. Doch das Impergator lachte herzhaft: „Du musst wissen, wovon du redest, Chim-Chim. Schließlich hat er dich mit seinem Schattenspiel als Marionette benutzt und wollte dich gegen uns kämpfen lassen.“

    „Danke, dass du diesen Kampf erwidert hast!“, sagte das Panflam nun sichtlich erbost und sich seinen Hinterkopf, an dem sich eine Beule befand. „Und hör auf mir diesen Kosenamen zu geben! Es heißt Jimmy, verstanden?“

    „Wie du meinst“, zuckte Iro mit den Schultern, „dennoch fand ich es sehr unterhaltsam, welche Figuren er dich hat machen lassen“. Den von unschönen Gesten begleiteten Protest von Seiten Jimmys ignorierte er und er blickte spöttisch grinsend zum Gengar: „Vielleicht kannst du im Gefängnis als eine Art Show-Act auftreten, um andere zu unterhalten.“

    Auch wenn sich die Augen verengten, erwiderte es mit einem ebenso spöttischen Grinsen: „Vorher aber werde ich ausbrechen und dann deinen Körper zur Schau stellen, dann werden die anderen was zum Lachen haben.“

    „Versuch es nur!“, trat nun Iro an das Gengar heran. „Du und ich, Eins-gegen-eins? Nachdem was ich heute mit dir im Kampf erlebt habe, habe ich nicht gerade Lust einen komplett einseitigen Kampf zu bestreiten.“

    „Ohne euren großartigen Anführer und seiner Agilität hättest du ganz schön welche kassiert bekommen!“

    „Sollen die Magnetilo dich freilassen und dann wollen wir es ausprobieren!“, sagte Iro sichtlich herausfordernd und seine Hände formten vollständig eine Faust. Gerade als er einen weiteren Schritt auf das Gengar machen wollte, hielt ihn ein laubgrüner Arm davon ab. Iro begegnete dem Blick seines Anführers, dessen topasgelbe Gecko-Augen ihn mahnend ansahen. Offensichtlich hatten er und Oberwachtmeister Magnezone mit halbem Gehör während ihres Gesprächs vom Wortgefecht der anderen mitbekommen. Nun trat das Reptain zwischen beide und blickte dem Gengar bestimmt in die Augen: „Wenn wir dich deswegen tatsächlich freilassen würden, würdest du doch nur die Flucht ergreifen, habe ich Recht?“
    Das Gengar sagte nichts, doch es lächelte überheblich. Sein Gegenüber nickte nur im Gefühl, bestätigt worden zu sein, und wandte sich an seine Teamkollegen: „Es ist besser, dass wir jetzt nach Hause gehen, bevor er uns zu weiteren Fehlern anstacheln will“.

    Das Gold, das als Belohnung zur Ergreifung des Gengars ausgesetzt war, hatte er schon in seinen Schatzbeuten verstaut und die drei Erkunder verabschiedeten sich von den Polizisten. Dann rief das Gengar ihm nach: „Dein Name ist Max, habe ich richtig gehört? Den merke ich mir! Denn wenn ich aus dem Gefängnis herauskomme, wirst du der erste auf meiner Liste sein!“

    „Ignoriert ihn“, sagte Max zu Iro und Jimmy, die sich auf die Drohung hin wieder umdrehen wollten. Beide taten wie geheißen, doch das Gengar setzte nach: „Ich, Shadow, werde mich rächen!“

    Je mehr sich die Erkunder von den Polizisten entfernten, die in eine andere Richtung gingen, umso mehr verstummte das Rufen des Gengars mit dem Namen Shadow.


    „Ein alberner Name!“, war Iros einziges Urteil, als sie den Fuß des Bergkammes erreicht hatten, auf dem sie Gengar in seinem Versteck gestellt hatten. Nun lag vor ihnen eine weitreichende Ebene, deren grüne Wiesen im ersten Goldschimmer des Sonnenuntergangs lagen. Iro streckte sich während des Gehens und gähnte gelangweilt; von allen dreien waren ihm die wenigsten Kratzer vom Kampf anzusehen. Jimmy hingegen, der sorgenvoll seine Schürfwunde am Arm begutachtete, schüttelte es bei dem Namen: „Er ist im jeden Fall passend! Ihr beide habt gesehen, was er mit seinen Schatten alles anstellen kann!“

    „Ich bin immer wieder erstaunt, wozu Geister-Pokémon in der Lage sind“, stimmte ihm Max zu. Die einzigen Kratzer befanden sich an seinen Armen, deren Blätter am unteren Teil leicht eingerissen waren. Max‘ Fähigkeit, diese Blätter zu einer smaragdgrün leuchtenden Klinge verschmelzen zu lassen, forderte nach jedem Gebrauch seinen Tribut. Zum Glück war Shadow kein mit Klauen besetztes Stahl-Pokémon, dachte Max sich, denn sonst hätte er entweder eine oder gleich beide Klingen im Schlagabtausch eingebüßt. Und nur sehr langsam und unter Schmerzen hätten sich neue bilden können. Doch konnte er in solchen Situationen dann auf Jimmy und auch auf Iro zählen. Letzterer lachte herzhaft über die Aussagen seiner Teamkollegen: „Ja, das haben wir gesehen! Und es sah einfach witzig aus, ich kann es nicht oft genug sagen!“

    „Warte nur, bis du davon betroffen bist …“, versuchte Jimmy zu murmeln, doch Iro, der ihn hörte, lachte wieder auf: „Als ob es bei mir funktionieren würde! Mein Körper ist perfekt darauf trainiert, dass er das tut, was ich ihm befehle, und er hat mich noch nie enttäuscht!“

    Jimmy verdrehte genervt die Augen: „Seit du dich zu einem Impergator entwickelt hast, bist du schon fast zu sehr von dir überzeugt. Schon als Karnimani warst du fast unerträglich mit deinem Geprahle.“

    „Nun ja“, hüstelte Iro gekünstelt, „ich habe auch guten Grund dazu. Wer von uns beiden hat denn eigenhändig ein Stahlos zu Fall gebracht? Das normal-gläubige Volk würde nun vermuten, dass es ein Feuer-Pokémon wie du es zu Stande gebracht hättest. Doch wo warst du noch gleich? Stimmt, vor lauterAngst in einer Ecke verkrochen.“

    „Du verdrehst wie immer die Tatsachen, aber das ist schon in Ordnung“, sagte Jimmy über Iros Stimme hinweg. „Was mir offensichtlich und schon als Panflam rein biologisch an Stärke im Gegensatz zu einem Protzer wie dir fehlt, mache ich durch andere Qualitäten wieder wett.“

    „Ach? Und die wären?“, sagte Iro, blieb stehen und blickte dem Panflam herausfordernd in die Augen. Dieses blieb ebenfalls stehen, so fühlte sich auch Max dazu gezwungen, wieder einmal den üblichen Kleinkrieg zwischen beiden anzusehen.

    „Ich meine mich erinnern zu können, dass von mir der Plan kam, wie wir Shadow am besten in die Ecke drängen konnten“, sagte Jimmy mit grimmigen Gesicht.

    „Ein guter Plan!“, spottete Iro grinsend. „Dich als Ablenkung anzubieten, während Max und ich die eigentliche Arbeit machen sollten. Aber nicht mal das hast du hinbekommen.“

    „Was genau meinst du damit?“, sagte Jimmy erbost.

    „Nun ja, der Sinn einer Ablenkung ist es, dass das Ziel auch tatsächlich abgelenkt ist. Doch Shadow hatte dich dermaßen schnell im Griff, dass Max und ich eher mit deiner Rettung abgelenkt waren.“

    Jimmy stieg verlegene Röte in sein Gesicht: „Na gut ... aber Shadow hat dermaßen schnell reagiert ... du hättest auch keine Chance gehabt ihn abzulenken.“

    „Doch“, entgegnete Iro grinsend, „er wäre davon abgelenkt gewesen mich kontrollieren zu wollen. Aber das wäre ihm nicht gelungen. Und zwar ... du weißt schon.“

    „Weiß ich was?“, sagte Jimmy knirschend. Iro blickte ihn herausfordernd an und grinste eine Spur fieser: „Ich bin stärker als du.“

    „Jetzt geht das schon wieder los“, sagte Jimmy aufgeheizt und seine Hinternflamme loderte wild auf. In beiden lag der Funke für einen Kampf, wie Max feststellen musste. Gleich ist es vorbei, dachte er sich. Jetzt hatte er nur noch auf seinen Einsatz zu warten.

    „Oho, der kleine Mann will den Großen markieren!“

    „So groß wie du will ich nicht sein, so wie du deinen Kopf in den Wolken hast!“

    „Jahrelanges Training haben mich überhaupt erst dahin gebracht. Dagegen bist du wohl auf dem Boden geblieben.“

    „Du willst wohl meinen Flammenwurf spüren, was?“

    „Mir egal, ich brauche nur meine Faust im Gegensatz zu dir!“

    „Hier und jetzt?“

    „Nur zu!“

    „Hohlbirne!“

    „Zwerghand!“


    „Und Schluss!“, schritt Max nun mit seiner leuchtenden Laubklinge ein, indem er sie zwischen den Konkurrenten hielt. Diese schnaubten nach dem Wortgefecht, doch sie hielten ein. Jimmys Flamme loderte nicht mehr und Iros Faust entspannte sich. Beide blickten sich mit musternden Blick an.

    „Hohlbirne?“, sagte Iro ungläubig. „Mehr ist dir nicht eingefallen?“

    „Zwerghand war neu, Hut ab“, gab Jimmy zwischen den Zähnen zu. Sein Gegenüber grinste: „Sieht so aus, als ginge diese Runde wieder an mich, Jimmy“

    „Seid ihr fertig?“, fragte Max sicherheitshalber nach, ehe er zum Weitergehen auffordern wollte. Er hatte mit einem Blick zum Himmel gemerkt, dass dessen Farbe ein tiefes Purpur angenommen hatte. Bald würde die Nacht hereinbrechen. Iro und Jimmy blickten sich abschätzend an, ehe sie sich grinsend zu Max wandten: „Du kennst uns doch!“ Auch Max grinste nun.

    Einige Zeit später, als die Sonne sich immer mehr zur Ebene neigte und der Himmel immer dunkler wurde, erblickten die drei in der Ferne ein Haus auf der Wiesenebene. Licht, das aus dessen Fenstern fiel, erschien ihnen wie kleine leuchtende Punkte und beim Näherkommen bemerkte das Team Mystery, das dieses Licht aus verschiedenen Fenstern in verschiedenen Stockwerken zu kommen schien.

    „Da fällt mir ein“, sagte Panflam, als sie den Weg entlang gingen, der auch an dem Haus vorbei ging. „Hat hier nicht vor Kurzem eine Art Herberge oder Taverne aufgemacht?“ Auch Max erinnerte sich an diese Neuigkeit, die vor zwei Wochen in Schatzstadt die Runde machte, bevor sie zu ihrem Auftrag aufgebrochen waren. Er war sich sicher, dass es sich bei dem Haus um jene Herberge handeln musste. Da die Sonne ohnehin zur Hälfte untergegangen war und sie erst mitten in der Nacht in Schatzstadt ankommen würden, beschlossen sie in der Herberge einzukehren. Dann könnten sie am nächsten Tag in die Knuddeluff-Gilde heimkehren und Bericht über ihren Missionsverlauf erstatten. Max klopfte vorher an Eichenholztür und als dann von innen ein munteres „Kommt herein“ heraus gerufen kam, traten er, Jimmy und Iro ein.

    Links und Rechts an der Wand befanden sich Tischreihen, die bis zum hinteren Teil des Erdgeschosses verliefen. Ein Kronleuchter, der von der Decke hing und mit Hilfe von Leuchtorbs – Kristallkugeln, die von Erkundern für gewöhnlich als Lichtquelle in der Dunkelheit verwendet wurden – das gesamte Haus erleuchtete. Eine große hölzerne Treppe führte ins erste und auch einzige Geschoss und Max erkannte die oberen Ende von Türen, die offenbar zu den einzelnen Zimmern führten.

    „Willkommen zur Munteren Kuh!“, ertönte eine heitere Stimme von links dieser Treppe und das Trio blickte in die Perlmuttaugen einer Miltank, die breit grinsend hinter einem Tresen stand. „Kommt nur herein, hier gibt es bequeme Speisen und Getränke und warme Zimmer … äh, ich meine, warme Mahlzeiten und warme Zimmer… also ... ich …“

    „Wir nehmen sowohl als auch“, fiel Max lachend in das Rotanlaufen der Miltank, die sich darauf hin wieder fing. „Verzeihung, ich mache das hier noch nicht lange und zudem sind noch nicht viele Kunden hierher gekommen.“

    Iro blickte sich verstohlen um und bemerkte tatsächlich nur zwei Pokémon, die hinter ihnen in einer Ecke an einem Tisch saßen. Er sah, wie ein breitschultriges Maschok seinem Gegenüber, einem Pokémon mit roter Schale und Krebsscheren, auf dessen Kopf tippte und zu den drei Neuankömmlingen nickte. Daraufhin blickte sich dieses um und schon beim Erblicken dieses Trios hüpfte er freudig auf. Noch bevor Iro Max auf die Schulter klopfen konnte, krabbelte auch schon das Krabbenpokémon auf sie zu: „Hey hey! Team Mystery, schön euch zu sehen!“

    „Krebscorps!“, rief Jimmy und beide gaben sich andächtig die Hände. Jimmy merkte aber trotz aller Vorsicht, dass Krebscorps‘ Griff sehr kräftig war und durchaus seine Hand brechen könnte. „Ich dachte du befändest dich noch immer für deinen Auftrag an der Ostküste.“

    „Von da komme ich auch, der Auftrag war ein Klacks!“, wackelte Krebscorps sehr stolz mit seinen Händen. Iro blickte überrascht zu dem Krebs-Pokémon runter: „War das nicht der Auftrag, wo du im Sturm -Kap einen seltenen Gegenstand besorgen sollst?“

    „Das war nicht so schwierig, im Grunde war das ziemlich einfach für einen Auftrag der Klasse A.“

    „Das sagst du so leicht“, pfiff Jimmy durch die Zähne. Aufträge dieser Klasse waren selbst für erfahrenere Erkunder selten allein zu schaffen, zumal Krebscorps gerade mal zwei Wochen unterwegs war, von denen die meiste Zeit für die Reise hin und zurück draufgingen. Doch bevor sie weiter mit ihm angeregt sich unterhalten konnten, wurde Max von der Miltank angestupst, woraufhin er sich peinlich berührt zu ihr wandte.

    „Das macht doch nichts!“, sagte sie, als er sich entschuldigte. Tatsächlich war sie es nun, der eine peinliche Röte entstieg. „Seid ihr … seid ihr wirklich das Team Mystery? Habe ich es richtig gehört?“ Als Max nickte, lächelte sie breit. Sie verschwand für eine kurze Zeit unter der Theke, ehe sie dann mit einem Bündel an Zeitungsartikeln hervorkam. Die oberste Schlagzeile fiel Max direkt ins Auge: Erfolge des Team Mystery.
    „Ihr steht wie viele andere große Persönlichkeiten in fast allen Zeitungen, die ich hier hereinbekomme!“, sagte die Miltank atemlos und durchsuchte sorgfältig den Stapel. „Da gab es den Artikel ... und den und den ...“, und nacheinander holte sie einzelne Bündel heraus, die sie auf den Tisch in ihrer Nähe legte. Die Erkunder bekamen eine Schlagzeile zu sehen, die Team Mystery schlägt Entführer-Bande lautete, ehe diese von einer anderen verdeckt wurde: Red Scorpion und Rosendorn – neue Elite-Gilden.        

    „Sind die alle über die ganzen Erkunder-Gilden, die in den letzten Jahren im Lang gegründet wurden?“, sagte Jimmy und nahm mit brennendem Interesse den Artikel über die Red Scorpion- und Rosendorn-Gilde in die Hände.

    „Sehr wohl!“, sagte die Miltank mit glühenden Wangen. Und ich habe auch tatsächlich einen aus der Red Scorpion-Gilde hier zu Gast. Ein sehr eigensinnigeer Geselle, aber sehr nett. Er sagte, er sei wegen eines Auftrages in der Nähe und wollte sich nach der langen Reise von der Nordwüste erholen, ehe er morgen aufbricht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich tatsächlich eine Gilde in der Wüste etabliert haben soll. Als ich ihn nach dieser fragte, tat er sehr geheimnisvoll und meinte, er sei nicht dazu befugt, Details zu verraten. Aber jedem das Seine denke ich mir da und wo wir gerade davon red- oh Schreck, die Brötchen!“

    Die Miltank, die wie ein Wasserfall geredet hatte, ließ die Erkunder perplex zurück, als sie in einen Hinterraum verschwand, in dem Max die Küche vermutete. Wenige Sekunden später kam sie mit einem Tablett wohlriechender Brötchen wieder und reichte jedem der Erkunder mindestens eines.

    „Es tut mir wahnsinnig Leid!“, sagte sie bestürzt und ihre Farbe wich aus dem Gesicht. „Ich bin mega aufgeregt, wenn ich Erkunder treffe. Das, was ihr tut, finde ich dermaßen aufregend, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe.“

    „Hey hey, das ist doch kein Problem!“, rief Krebscorps heiter aus.

    Nachdem sich die Miltank an die Präsenz der neu angekommenden Erkunder gewöhnt hatte, brachte sie allen einen Becher köstlichen Sinelbeeren-Saftes, den gerade Jimmy aufgrund seiner Verletzung am Arm trank. Der Miltank ist diese nicht entgangen und kaum, als Jimmy seinen Becher auf den Tisch abgesetzt hatte, nahm sie seinen Arm genau unter die Lupe.

    „Sieht schlimmer aus als es ist, tatsächlich...“, und ohne ein weiteres Wort nahm sie ihren unbenutzten Becher und goss den Saft über die Wunde. Panflam keuchte auf und Max fragte sich, was dies für einen Sinn haben sollte, als dann alle Anwesenden sahen, wie die Haut in nur wenigen Sekunden erholte und narbenfrei glatt wurde.

    „Sinelsaft hat bei solch oberflächlichen Wunden eine starke heilfördernde Wirkung. Daher kann man beherzt einen Schuss auf diese geben.“, sagte die Miltank mit einem Lächeln. Jimmy begutachtete erstaunt das Resultat.

    „Du scheinst dich mit sowas auszukennen“, sagte Iro anerkennend. Die Miltank winkte ab: „Das ist fast medizinisches Basiswissen, nicht der Rede wert!“ Doch Jimmy schüttelte den Kopf: „Fühlt sich tatsächlich besser an. Vielen Dank ...“. Er zögerte, doch die Miltank verstand: „Mein Name ist Rose“. Sie lächelte dabei und setzte sich zu ihnen. Ihr Blick fiel auf das Erkundungsteam.

    „Kommen solche Verletzungen häufig vor?“

    Jeder vom Team blickte sich in die Augen, ehe Panflam verlegen antworte: „Wir haben es meistens nicht mit den ungefährlichsten Missionen zu tun. Da kann sowas“, und er bewegte dabei seinen Arm, „oder andere Dinge sehr schnell passieren.“

    Rose blickte ihneine Zeit lang forsch an, bis sie sich an das gesamte Team wandte: „Habt ihr schon mal überlegt, einen Heiler mit euch zu führen?“

    „Einen was?“, sagte Iro. Jimmy stupste ihn mit seinem wieder gesunden Arm an.

    „Ein Pokémon, das sich wie Rose mit der Heilung von Wunden und weiteren Sachen auskennt. Und eigentlich ist der Gedanke gar nicht so abwegig.“

    Iro schnaubte belustigt: „Dass du das gut fändest, kann ich mir denken, wo du zerbrechlich wie Porzellan bist!“

    „Klappe!“, entgegnete Jimmy, der rot anlief. Max ließ sich den Gedanken im Stillen durch den Kopf gehen. Es stimmte tatsächlich, dass entweder er, Jimmy oder Iro deutlich schlimmere Verletzungen erfahren haben, seit sie zu dritt unterwegs waren. Gerade Iro hatte sich mehr Verletzungen zugezogen als Max und Jimmy in ihrer gesamten Laufbahn als Erkunder. Zwar hatten sie seit Darkrai kein derartig bedrohliches Pokémon bekämpft, doch war Iro ungestüm auf den Missionen. Selten konnten sie eine abschließen, ohne dass sich Iro eine weitere Schürfwunde oder Prellung zusätzlich zugezogen hatte. Und da sie mittlerweile recht professionelles Erkundungsteam zunehmend gefährlichere Aufträge annahmen, gerieten auch er selber und Jimmy, meistens unfreiwillig, in Gefahr, sodass auch sie Verletzungen davon getragen hatten. Tatsächlich wäre es durchaus hilfreich, einen Heiler dabei zu haben.

    Er blickte hinüber zu Rose. Max fragte sich, ob sie dafür geeignet wäre. Oder ob sie ein anderes Pokémon kenne, das als Heiler in Frage käme. Er gebot mit einer Geste Jimmy und Iro, die beinahe in ihr übliches Wortgefecht verfallen wären, Schweigen und fragte sie, worauf sie sofort rot anlief.

    „Ich denke, ihr solltet euch woanders umschauen, Team Mystery!“

    „Warum denn?“, wollte Max wissen. Rose begutachtete ihre leere Tasse, als wollte sie deren Tonqualität bestimmen wollen. Sie bemerkte nicht, dass ein neues Pokémon soeben in der Taverne eingetroffen war.

    „Im Ernst, die besten Pokémon, die als Heiler in Frage kämen, sind entweder Psycho- oder Pflanzenpokémon. Meine Kenntnisse hingegen sind von eher bescheidener Natur.“

    „Du scheinst dir aber ziemlich sicher zu sein, so wie du Jimmys Arm behandelt hast“, lächelte Max ihr aufmunternd zu. Rose schüttelte verlegen den Kopf.

    „Das ist wirklich nichts. Ich bezweifle, dass ich als Heilerin was taugen würde. Eher bin ich-“


    „Ich höre wohl nicht Recht, Rose!“

    Das Pokémon, das vor wenigen Sekunden in der Taverne eingetroffen war, hatte sich zu ihnen an den Tisch begeben. Es war eine hochgewachsene hübsche Guardevoir mit rubinroten Augen und tiefblauem Haar, das sichelförmig gebogen bis zum Nacken fiel. Rose schaute zu ihr auf und ihre Augen weiteten sich vor Aufregung. Prompt stand sie auf und schloss die Guardevoir in die Arme, welche herzlich die Begrüßung zurück gab.

    „Was machst du denn hier?“, hörte das Team Roses gedämpfte Stimme.

    „Habe dir doch versprochen, dass ich vorbeikomme“, sagte die Guardevoir, löste die Umarmung auf und lächelte in die Runde. Sie grüßte Krebscorps und Maschock. Auch das Team Mystery grüßte sie, als würde sie es schon bereits kennen. Max war sich jedoch sicher, dass er einer Guardevoir mit so einer Farbgebung noch nie zuvor begegnet war.

    „Du hast schonmal von ihr gehört, Max!“, rief Krebscorps, der sich über Max‘ Miene und die vom Rest des Teams amüsierte. „Sagt dir der Name Mimi etwas?“

    „Die Mimi?“, sagte Jimmy überrascht. „Ein neues Mitglied, das aber schon zu den wenigen Mitgliedern gehört, die Aufträge ab dem S-Rang alleine annehmen dürfen?“

    „Genau die!“, sagte Maschock, der sichtlich beim Anblick von der Guardevoir errötet war. Er war schon dabei, aufzustehen und Mimi seinen Platz anzubieten, als sie sich schon elegant neben Rose auf den Stuhl setzte, den die Miltank soeben für sie herbeigeholt hatte. Da er als einziger stand, räusperte er sich verlegen, tat so, als hätte er sich strecken wollen, und fuhr an das Team Mystery gewandt fort: „Sie ist allerdings immer unterwegs, daher kann es sein, dass ihr sie nie zuvor gesehen habt. Und selbst wenn, hättet ihr nicht sagen können, ob sie es ist.“

    „Wie meinst du das, Maschock?“, sagte Jimmy verdutzt. Mimi kicherte vergnügt.

    „Das liegt vermutlich an meinen Fähigkeiten“, und sie lehnte sich zu Jimmy rüber und fuhr mit ihrer porzellanfarbenen Hand über dessen Wange. Jimmy erschauerte leicht. Gespannt wartete das Team, was als nächstes passieren würde, als Mimi wenige Sekunden später die Augen schloss und sich konzentrierte. Dann leuchtete sie mondhell auf. Und während ihre Gestalt leuchtete, schrumpfte sie zusammen. Ihre langen Arme und Beine zogen sich zusammen, das Haar wuchs in sich zurück und es dauerte keine fünf Sekunden mehr, bis ein weiteres Panflam auf dem Platz erschien, wo sie zuvor gesessen hatte. Max bemerkte eine verblüffende Ähnlichkeit zu Jimmy. Doch handelte es sich nicht um eine Ähnlichkeit. Ähnlich interessiert wie Iro stellte er fest, dass es sich um eine exakte Kopie von Jimmy handelte. Die Übereinstimmung reichte vom Haarwirbel auf dem Hinterkopf bishin zum umkehrten Spiralmuster auf der Brust. Jimmy stand auf so auch der andere, sodass sich beide Panflam von Angesicht zu Angesicht standen. Beide grinsten sich, der eine begeistert und der andere belustigt. Dann leuchtete der andere Jimmy wieder auf und es erschien wieder Mimi, die Guardevoir. Jimmy klatschte begeistert. Auch Krebscorps, Maschock und Rose stimmten in den Beifall ein. Iro kommentierte trocken, dass ein Jimmy schon schlimm genug sei und dass er dankbar war, dass Mimi den Anblick aufgelöst hatte. Auf sein verschmitztes Lächeln hin lachten alle.

    Wie alle anderen Gäste kam auch Mimi von einem Auftrag. Sie erzählte, wie sie ein älteres Pokémon von Schatzstadt durch die Labyr-Berge eskortiert hat. Mit einer leicht bitteren Stimme erklärte sie, dass ihr Auftrag eine Zeitverschwendung war, da ihr Klient etwas senil gewesen sei und ihm kurz vor dem Ausgang des Gebirges eingefallen ist, dass es doch keinen Freund in der Nähe vom Mühsalberg hatte und es deswegen nach Schatzstadt zurück eskortiert werden wollte.

    „Mit anderen Worten“, sagte Mimi, die einen beherzten Schluck vom Getränk nahm, das Rose ihr dargereicht hatte, „bis auf einen Wanderausflug konnte ich nicht viel dem Auftrag abgewinnen. Ich habe dann auf die Belohnung verzichtet, da ich im Grunde nichts geleistet habe.“

    „Du bist zu bescheiden“, sagte Rose. „Die Labyr-Berge sind alles andere als ein Urlaubsort geworden, habe ich gehört. Hast du mitbekommen, wie Pokémon häufiger von Überfällen in diesen berichtet haben?“

    „Unwahrscheinlich ist es nicht“, nickte Mimi. „Wie die Höhlen ist auch der Außenbereich ein vertracktes Labyrinth. Es ist ein Leichtes, sich dort zu verstecken und arglosen Reisenden aufzulauern.“

    „Feiglinge!“, sagte Maschock aufgebracht und schlug mir der Faust auf den Tisch. Krebscorps pflichtete ihm bei.

    „Gibt es in der Gilde Pläne, wie man gegen diese Räuber vorgeht?“, fragte Max. Mimi zuckte die Achseln.

    „Plaudagei machen diese Umstände ebenso Sorgen, da man durch die Laby-Berge am ehesten in die nördlichen Gefilde von Ekunda gelangt. Doch er zögert, Teams dorthin zu schicken, da man nicht weiß, wie viele es sind und womit sie gewappnet sind. Schließlich sind selbst professionelle Erkundungsteams ihnen zum Opfer gefallen.“

    „Bist du ihnen begegnet?“, fragte Max. Mimi schüttelte den Kopf.

    „Ich hatte Glück. Wie es scheint schlagen sie nie am selben Punkt zu. Man kann stets zwischen drei Routen aussuchen, die durch die Berge führen. Als hat man zu zwei Dritteln die Wahrscheinlichkeit, dass man gut durchkommt.“

    „Worüber ich auch froh bin!“, sagte Rose, die mit einem großen Eintopf an ihren Tisch zurückkehrte, aus dem es kräftig dampfte. „Das Leben als Erkunder hört sich neben all den Geschichten auch richtig gefährlich an.“ Sie reichte jedem eine Schüssel und bald war die Taverne von den Klanggeräuschen von Löffeln in Schalen erfüllt.

    „Du warst dennoch mal Feuer und Flamme dafür, auf Erkundungen zu gehen, oder, Rose?“, sagte Mimi und blickte ihre Freundin an. Rose hielt inne und starrte in den Topf. Dann schüttelte sie milde lächelnd den Kopf: „Das war ein dummer Kindheitstraum von mir. Ich habe nicht mal die Fitness dafür, ich könnte schon körperlich nicht mithalten.“

    „Aber das stimmt doch nicht“, sagte Mimi erschrocken, doch Rose fiel ihr ins Wort: „Sieh dich an. Sie alle anderen hier am Tisch an. Und dann sieh mich an.“

    Ein betretenes Schweigen trat ein, doch Rose winkte dieses sehr schnell wieder ab: „Ich kenne meine Stärken, was das betrifft: Ich kann für das leibliche Wohl sorgen, entweder in Form von warmen Speisen und bequemen Betten.“
    Ein ehrlich zuversichtliches Lächeln fuhr über ihr Gesicht. Dann aber verzog sich nachdenklich ihre Miene. Sie blickte in den Topf und dann nach oben zu einem der Zimmer: „Wo steckt eigentlich der andere Erkunder? Ich habe ihm doch gesagt, dass es heute Eintopf gibt, und da war er begeistert.“ Sie verließ die Runde und stapfte nach oben. Mimi blickte ihr nach.

    „Stimmt“, sagte Jimmy, „sie sagte doch, dass ein Mitglied der Red Scorpion-Gilde auch hier übernachtet.“

    „Red Scorpion?“, fragte Mimi verdutzt. „Die Erkundergilde, die ihre Basis in der Nordwüste hat ?“

    „Hey hey, genau diese“, sagte Krebscorps. “Ich habe mich auch schon bereits gefragt, was so ein Erkunder soweit südlich von seiner Gilde zu suchen hat."

    „Rose meinte, er sei wegen einem Auftrag hier“, sagte Max. Mimi strich mit ihren Fingern über ihr Kinn.

    „Ja“, sagte sie nachdenklich, „es lässt sich erwarten, dass Aufträge in der Wüste eher knapp sind. Dennoch ist es verwunderlich, dass er soweit hier draußen von der Wüste ist, oder?“ Darauf gaben die anderen keine Antwort. Sie blickten zu Rose, die wieder zu ihnen trat.

    „Er will, dass ich ihm das Essen nach oben bringe“, sagte sie müde. „Draußen ist es schon längst dunkel und wenn ich ehrlich bin, bin ich recht müde. Hättet ihr was dagegen, wenn ich die Runde für heute auflösen würde?“

    Auch Max spürte nun eine jähe Müdigkeit in sich aufsteigen. Ein Blick zu seinen Teamkollegen genügte zu wissen, dass auch sie daran dachten, sich schlafen zu legen. Unter lautem Scharren der Stühle trennten sich die Erkunder voneinander, wünschten sich und Rose eine gute Nacht und begaben sich auf ihre jeweiligen Zimmer. Mimi, Krebscorps und Maschock würden im Erdgeschoss übernachten, das Zimmer des Team Mystery befand sich im ersten Geschoss die Treppe hoch.

    Es war ein gemütlich eingerichteter Raum. Drei Betten standen nebeneinander, während an der Wand ein Spiegel sowie eine Kommodo aufgestellt wurden. Da Iro recht hünenhaft und damit schwer war, nahm er die Matratze vom Bettgestell und legte sie auf den Boden. Auf die Art konnte das Team nicht dafür belangt werden, für ein neues Gestell aufzukommen. Die drei erinnerten sich belustigt an das eine Mal, wo Iro in einer entfernten Stadt tatsächlich ein Bett zusammenkrachen ließ, weil er sich drauf geschmissen hatte. Er hatte sich jüngst zu einem Impergator weiterentwickelt und war daher nicht mehr so leicht, wie er es als Karnimani war.

    „Verrückt“, dachte sich Max, während er den anderen beiden zusah, wie sie sich erneut ihr Wortgefecht lieferten und sich dabei zudeckten. Seit fast einem Jahr schon war das Team Mystery um ein Mitglied reicher.

    Ironhard vom Team Mystery. Funktion: Kämpfer
    Max vom Team Mystery. Funktion: Anführer
    Jimmy vom Team Mystery. Funktion: Kartenleser

    So vermochte man in dieser Zeit über sein und andere Erkundungsteams zu sprechen. Ein jedes Mitglied müsste nun eine bestimmte Funktion zu erfüllen haben, damit das Team so effizient wie möglich arbeiten konnte. Auch Plaudagei hat hin und wieder einfließen lassen, wie modern Erkundungsteams geworden seien, dass die Aufgaben derartig aufgeteilt wurden. Max konnte sich nicht wirklich mit dem Gedanken anfreunden, Mitglieder des Teams sich durch ihre Position definieren zu lassen. Er und Jimmy haben das Team einst gegründet, um gemeinsam einem Mysterium auf die Spur zu gehen. Dabei hat ihre anfängliche Freundschaft stets im Hintergrund gestanden. Und das sollte sich auch nie ändern, so fand Max. Auch was das Aufnehmen weiterer Mitglieder betrifft, sollte dies das entscheidende Kriterium sein. Andernfalls, so beschloss Max nun im Stillen für sich, würde er diese nicht als Mitglieder akzeptieren. Mit einem Blick zu Jimmy und Iro, die beide von selber ihr Gefecht beendet haben, bestätigte sich Max in seinem Beschluss. Es war ihm egal, ob seinem Team ein Heiler fehlte oder nicht. Solange er und seine Freunde zusammen blieben und aufeinander aufpassten, so würden sie alles überstehen. Und er war sich dessen bewusst, dass Jimmy und Iro diese Ansicht teilten.

    Sie sprachen kein Wort mehr miteinander. Der Tag war recht lange gewesen und es fiel ihnen umso leichter ein einzuschlafen.


    „Auf einen guten neuen Tag!“, dachte sich Max lächelnd und schloss die Augen.

    I

    Nächtliches Treffen


    Der Königsberg verdiente seinen Titel. Für jene, die den Weg zu diesem nicht kannten, blieb sein Aufgang in einem dichten Nebel inmitten eines waldläufigen Tals verborgen. Umgeben von einer ringförmigen Gebirgskette ragte der Königsberg in die höchsten Punkte des Himmels hinein. Kein anderer Berg auf der Welt übertraf ihn und so wurde er als die letzte Herausforderung für jeden erfahrenen Bergsteiger angesehen – erst wenn sie diesen höchsten Berg bestiegen haben, galten sie als Legenden in ihrem Gebiet. Doch noch keiner vermochte die Spitze auch nur zu erspähen. Nicht einmal jene, die fliegen konnten, erreichten je diese Höhen, da sie von den rauen Einheimischen wieder vertrieben wurden. Es war eine gänzlich andere Welt als anderorts. Hier stählten die einheimischen Pokémon sich selbst, indem sie große Felsbrocken einen Hang rauf schoben und diesen wieder losließen, nur um ihn wieder hochzuhieven. Oder sie übten sich in der Meditation und harrten Stunden in eisiger Höhe aus. Wer den Königsberg erklimmen wollte, musste sich in den Augen der Einheimischen in Sachen Willen und Stärke beweisen, andernfalls wurden sie schnell wieder heimgeschickt.

    Doch die Spitze blieb trotz allem nicht unbewohnt. Ein einzelnes Pokémon lebte dort seit vielen Jahrzehnten und eben jenes stand nun am Eingang seiner Höhle, die in den Berg hineinführte. Und wie ein stiller Wächter blickte auf das im Nebel verborgende Tal hinab. Als sich der Vollmond hinter einer Wolke auftat und dessen Licht auf die Szenerie vor ihm fiel, glitzerte ihm ein silbriges Meer entgegen, aus dem schattenhafte Silhouetten von tiefer gelegenen Bergspitzen herausschauten. Der Blick des Pokémons fiel auf den Mond und seine Haltung war angespannt, als würde es etwas erwarten. Der Wind flatterte um seine weiß-rot-gestreifte Halskrause und er versuchte dessen eisige Kühle zu ignorieren. Dennoch schlotterte er und musste zittern, während sein Blick immer noch dem Mond galt.


    „Ich hoffe, du lässt dich heute noch blicken“, murmelte Lashon etwas ungeduldig. Als Pokémon der Art Laschoking war er nicht gerade an die eisige Luft gewöhnt, die seine rosafarbene Lederhaut umspielte. Zwar fand er seine Seelenruhe an diesem Ort, den er sich vor Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht hatte, dennoch war er nicht erpicht darauf mitten in der Nacht aus seinem Traum geweckt zu werden und von einem alten Freund aus seiner Jugend aus dem Bett geholt zu werden. Mittels Telepathie hatte er Lashon die Dringlichkeit eines Treffens nahegebracht, sodass dieser nun gespannt seine Ankunft erwartete. Der Grund, dass er diese Art von Traumbesuch nicht erneut als einen weiteren Scherz seines Freundes erachtete, lag in der Ernsthaftigkeit dessen Stimme. Es war das zweite Mal schon, dass er sofort das Gefühl hatte, dass etwas Ernstes am Geschehen. Und schon beim ersten Mal handelte es sich auch tatsächlich um eine Angelegenheit, die das Wohlergehen der gesamten Welt betraf. Umso mehr wartete Lashon halb erfroren und angespannt auf seinen angekündigten Besuch.

    Und endlich hörte er es in der Entfernung. Ein leises aber melodisches Klingeln, das die Ankunft seines Freundes ankündigte. Und da sah er schon dessen Silhouette vor dem Mond auftauen. Zunächst wirkte sie wie ein kleiner schwarzer Punkt, der immer größer wurde. Immer schärfer wurden ein Körper, der nur einen halben Meter maß, recht kleine Arme und lange Füße und ein ebenso zierlich wirkender runder Kopf sichtbar. Der Schwanz, der genauso lang wie der Körper war, schien die kleine Gestalt in der Luft zu halten, die breit lächelnd vor Lashon in der Luft Halt machte. Dieser erwiderte dieses Lächeln und er merkte wie seine Anspannung sich löste: „Willkommen, Mew!“

    „Danke, dass du mich erwartet hast, Lashon“, sagte Mew mit einer ruhigen Stimme. Er befand sich nun auf Augenhöhe mit Lashon. „Ich bedaure, dass ich dich zu solch später Stunde noch aus dem Schlaf gerissen haben.“ Lashon glaubte ihm, da er die Schuld von Mews Gesicht ablas. Doch konnte er es sich nicht verkneifen zu erwähnen, dass er fast erfahren hätte ob er in der Lotterie gewonnen hat oder nicht. „So wie ich dich kenne,“ druckste Mew vergnüglich, „hast du nicht mit dem einen Los verloren, sondern mit allem.“ – „Da magst du vielleicht Recht haben“, erwiderte Lashon ebenso vergnügt und deutete mit einem Kopfnicken und einer halben Drehung in seine Höhle. „Soll ich uns ein Feuer machen und etwas Tee ansetzen?“

    „So gerne ich auch dem zusagen würde“, antwortete Mew mit verzogener Miene, „doch ich habe leider nicht viel Zeit … im Grunde haben wir alle sie nicht.“ Lashon blickte unruhig in Mews blaue Augen, in den genau wie beim ersten Mal sowohl eine Ernsthaftigkeit als auch eine Spur von Angst lagen, worüber Lashon nun erst recht bestürzt war. „Was ist es?“

    Und Mew begann zu erzählen. Während er erzählte fühlte Lashon mit Unbehagen, wie der eisige Wind immer kälter wurde und er nun immer stärker zittern musste. Doch er war sich dessen sicher, dass es nicht nur der Wind war. Er sah an Mews Blick, dass er von dem, was er erzählte, auch vollständig überzeugt war. Als er geendet hatte, wollte Lashon es aber nicht wirklich realisieren.

    „Ich bin mir dessen sicher“, sagte Mew, als Lashon seine Zweifel offen zugab. „Ich fühle dessen Präsenz immer stärker … ich kann es mir nicht erklären, wie, aber es eine Frage der Zeit, bis es tatsächlich passiert.“

    „Aber habt ihr nicht damals dafür gesorgt, dass er für immer fort ist?“, warf Lashon ein, der angesichts der von Mew geschilderten Bedrohung unruhig von einem Bein zum nächsten sprang. „Davon waren wir alle überzeugt, dass wir ihn auf immer verbannt haben … und was noch schlimmer ist, dass ich keinen der anderen davon in Kenntnis setzen kann“.

    „Sag mir nicht, dass ihr noch immer zerstritten seid…“, rieb sich Lashon fassungslos seine Muschelkrone und Mew nickte bedauernd.
    „Jeder macht sein eigenes Ding, die Einheit der Wächter ist nicht mehr“.

    „Oh je…“, murmelte Lashon nachdenklich und sah Mew abwartend in die Augen. „Und was hast du nun vor zu tun?“

    „Wenn ich das wüsste!“, rief Mew fast hysterisch. Sein Gegenüber war durchaus bestürzt, seinen sonst immer gut gelaunten Freund derartig ohne Rat und Hilfe zu sehen. Er dachte an das, was Mew ihm erzählt hatte. Eine unangenehme Frage formulierte sich auf der Zunge, die er auch Mew stellte. Dieser wirkte nachwievor niedergeschlagen. Ehe er antwortete, blickte er betrübt nach unten: „Ich schätze, in einem Jahr.“

    „Ein Jahr?“, rief nun Lashon offenkundig bestürzt und seine Krone rutschte etwas von seinem Kopf und gab dabei einen peinlichen Flecken an glänzender Glatze frei. Schnell versuchte er sich mittels Richten der Krone zu fassen, doch die Kurzfristigkeit hing wie ein Damoklesschwert über ihn, weswegen er fahrig und sichtlich panischer werdend zweimal auf und abging. Mew beobachtete ihn dabei und als er und Lashon sich wieder in die Augen blickten, bemerkte er, dass Mew erneut schuldbewusst dreinblickte. „Ich müsste dich daher um einen Gefallen bitten, Lashon…“, sagte er mit einer Furcht, die seinen Freund beunruhigte. Doch trotzdem wollte er trotz aller Bedrohung Mew zur Seite und versicherte ihm, dass er zu allem bereit wäre.

    „Vortrefflich, Lashon!“, rief Mew mit sichtlich gespielter Begeisterung. „Denn du müsstest an meiner statt die anderen davon in Kenntnis setzen, da ich ja nicht mehr in der … Lage bin …“. Mew erkannte direkt, dass seine Bitte Lashon für einen Moment erstarren ließ. Er ahnte sehr gut, was er von seinem Freund verlangte, und versuchte schnell die Lage zu retten, ehe aber Lashon ihn unterbrach: „Ich? Alle?“

    „Ich weiß“, versuchte Mew ihn zu beschwichtigen, „dass ich viel von der abverlange, aber ich habe so ungefähr einen Plan wie wir es anstellen könnten.“

    „Hast du vielleicht daran gedacht, dass ich viel zu alt bin, um zu so einer Reise aufzubrechen?“

    „Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber …“

    „´Viel verlangt´ ist dabei noch untertrieben formuliert; du verlangst Unmögliches für den Zeitraum, der uns bleibt.“

    „Das weiß ich doch auch, und nichts wäre mir lieber, dich dabei rauszulassen. Doch du bist der Einzige, dem ich das zurzeit erzählen kann. Und du kennst die anderen auch. Ich hoffte auch mehr, dass du zwischen uns Waffenruhe stiften könntest.“

    „Wenn es wenigstens nur das wäre“, sagte Lashon relativ geplättet und er fühlte sich schlecht dabei, Mew derartig verzweifelt zu sehen. „Doch du vergisst, dass es an sich schon sehr schwierig ist, auch nur zu einem zu gelangen. Selbst wenn du mich von A nach B hin und her teleportieren würdest.“ Er sah es Mew an, dass er das aussprach, was Mew schon die ganze Zeit zu befürchtet haben schien. Beide erkannten, dass ein Jahr offenbar zu wenig an Zeit sei, um rechtzeitig alles zu erledigen, was erforderlich war. Lashon ging auf und ab und seine Gedanken kreisten sich sowohl um Mew als auch um dessen Erzählungen. Dann fiel ihm eine andere Idee ein. Er bat Mew zu warten und ging für ein paar Momente in seine Höhle, bis er dann wieder zwei Keksen in der Hand wieder zurückkehrte. „Hier“, sagte er zu Mew und warf ihm einen in seine kleinen Arme. „Vielleicht hilft uns das beim Nachdenken“

    „Tausend Dank, Lashon!“, mampfte Mew; Honigkekse waren seine liebste Süßspeise. „Ich wusste, dass dich das etwas aufheitern würde, Mew.“, lächelte Lashon aufmunternd. Er fand, dass eine positivere Einstellung eher förderlich war als reine Panik. Das merkte auch Mew, der wieder begann, sanft in der Luft hin und her zu schweben. Seinem Gesicht war es anzusehen, dass der Honigkeks ihn wieder zu seinem alten Selbst beförderte.

    „Na also“, sagte Lashon etwas munterer. „Essen hilft jedem. Sowohl alt als auch … jung …“. Gerade fiel ihm ein Detail an, das ihm beim Holen der Kekse ins Auge gefallen war. Und dieses Mal war er es, der Mew einen Vorschlag bereitete. Er wusste schon sehr gut um Mews Reaktion Bescheid und tatsächlich weiteten sich vor Überraschung dessen Augen: „Jemand anderes damit beauftragen? Glaubst du ich überlasse das Schicksal dieser Welt gewöhnlichen Pokémon?“

    „Ich weiß, was du damit sagen willst, und ich denke auch, dass keineswegs gewöhnliche Pokémon diese Aufgabe erfüllen könnten. Aber hör mich an, Mew“. Dieser wollte offenbar nichts mehr davon hören, daher wurde Lashon etwas energischer: „Bitte!“

    Mews Aufmerksamkeit galt nun dem Laschoking und dieser erzählte, dass er dabei an ganz bestimmte Pokémon dachte und dass er relativ davon überzeugt war, dass sie am ehesten dazu geeignet waren, sich dieser Sache anzunehmen. Mews Gesicht blieb während seiner Erzählung ohne Ausdruck und als Lashon geendet hatte, blickte er gedankenverloren in den Vollmond, der allmählich von einer größeren Wolke verschluckt wurde und das Licht bereits weniger wurde.

    „Du bist dir sicher, dass es ihnen gelingen könnte?“, blickte er zwar mit Zweifel, aber auch hoffnungsvoll.

    „Zumindest mehr als mir in meinem Alter gerade“, nickte Laschoking zuversichtlich. Mews Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln: „Dann hast du mein Vertrauen, Lashon, auch wenn mir nicht ganz wohl dabei ist …“

    „Ich weiß, Mew“, entgegnete Lashon. Dann nickt auch Mew endlich: „Schicke sie dann zuerst zu mir, dann kann ich sie in alles Weitere einweihen.“

    Lashon verstand. Mew bedankte sich bei ihm einer Verbeugung in der Luft, ehe er sich umdrehte und in Richtung des beinahe in Wolken verschwundenen Mondes schwebte. Sehr kurz darauf hörte Lashon erneut das sanfte Klingeln und als das Mondlicht verschwand und er im Dunkeln stand, kehrte er auch in seine Höhle zurück, die von einer kleinen Lichtkugel erhellt wurde. Diese löschte er nun mit seinen Psychokräften, doch zuvor fiel sein Blick auf das Detail, das ihn auf die Idee brachte, von der er Mew überzeugt hatte. Es war eine Zeitung, die er sich jeden Tag auf seine Erlaubnis hin in seine Höhle fliegen ließ. Und das Titelblatt beschrieb die Taten eines einzelnen Erkundungsteams, das in den letzten Jahren den Status einer Legende erreicht hatte.

    Die Legende des Dämons

    Vorwort
    Wer öfter vor vielen Jahren in diesem Bereich des Fanfiction-Topics unterwegs war, der dürfte diesen Titel schon länger kennen. "Die Legende des Dämons" ist nicht nur eine Geschichte, deren Entstehen jahrelang in meinem Kopf herumgeisterte, sondern sie ist auch das erste schriftliche Werk, das ich je verfasst habe. Hätte ich für die Kurzgeschichten-Rubrik auf bisafans.de nicht ebenso eine solche verfassen wollen, bezweifle ich, ob ich je überhaupt Mut und Spaß gehabt hätte, diese hier anzufangen. Nachdem ich "Mystery Dungeon: Erkundungsteam Dunkelheit" durchgespielt habe, war ich von der Geschichte begeistert. Von der Wende im Mittelteil bishin zu den einzelnen Charakteren, wo jeder einzelne seine eigene Persönlichkeit hatte; mit "... Erkundungsteam Himmel" wurde dieser Aspekt um etliche Extramissionen erweitert und umso mehr war ich davon begeistert, was für eine Welt mir dem Spieler geboten wurde. Es ist daher ein gewagter Versuch, die Geschichte fortzusetzen. Tatsächlich verspüre ich trotz der festen Vorgeschichte (die Spiele selber) keine eingeschränkte Freiheit - im Gegenteil: Ich habe die Freiheit darüber zu entscheiden, wie ich die Charaktere weiter entwickeln lassen will, welche ich neu einführe, welche Bedrohung dieses Mal die Aufmerksamkeit der Protagonisten erfordert und wie ich die Geschichte an sich erzählen will. Ich hoffe, ihr habt viel Vergnügen und Freude und auch Spannnung darauf, wie die Geschichte von Mystery Dungeon 2 fortgeführt wird.


    Klappentext

    Drei Jahre sind vergangen, seit das Raum-Zeit-Komplott von Darkrai von dem Team Mystery vereitelt. Max (ehemals ein Mensch und nun ein Reptain) und Jimmy (ein Panflam) haben in Ironhard, einem Impergator, einen schlagkräftigen Freund gefunden und sind seitdem zu dritt auf Missionen und Abenteuer unterwegs. Bald aber sollen sie erneut aus ihrem Alltag gerissen: Sie erhalten die Mission, die Wiederkehr eines Dämons zu verhindern, der vor vielen Jahrtausenden für große Zerstörung gesorgt hatte. Ihre Mission führt sie zu vielen versteckten Orten in ganz Ekunda und sie werden feststellen, dass dieser Auftrag alles von ihnen abfordert, nicht nur körperlich, sondern auch geistig.


    Kapitelliste

    I - II - III - IV - V



    Wichtige Informationen

    Bis auf die Einführung neuer Charaktere und mancher örtlicher Begebenheiten ist so ziemliche jede Ortsnennung und die Ausgangsituation nicht meiner eigenen Ideen entwachsen; eigene Inhalte werden in dafür spezifischen "Informationsspoiler" am Ende entsprechender Kapitel kenntlich gemacht. Wer die Vorgeschichte kennen will, dem empfehle ich vom Herzen, sich das Spiel "Erkundungsteam Zeit/Dunkelheit/Himmel" zu besorgen (entweder für Handheld oder auf Emulator).


    Aufgrund der oben geschilderten Ausgangssituation verzichte ich, altbekannte Charaktere mit Namen zu versehen. Mitglieder der Knuddeluff-Gilde zum Beispiel heißen also nachwievor Knuddeluff, Plaudagei, Krebscorps und so weiter. Geht es um die Einführung neuer Charaktere, die tragende Rollen entweder in diesem oder zukünftige Werke haben werden, so erhalten diese eigene Namen.


    Die Welt, in der sich die Geschichte abspielt, wird um einiges weiter gefasst als in den Spielen. Neben der Knuddeluff-Gilde haben sich auch andere Gilden im Laufe der im Klappentext beschrieben drei Jahr etabliert. Auch unterstehen sämtliche Gilde einer sogenannten Regierung, die ihre Gesetzgebung auf zwei von vier Kontinenten durchgesetzt hat. Einer dieser beiden Kontinente heißt Ekunda, auf dem sich die Handlung hauptsächlich abspielen wird. Weitere Details über die Welt werden im Laufe der Handlung enthüllt.





    -/ Startpost wird im Laufe der Geschichte um weitere Informationen ergänzt






    Schwierig zu beantworten, da sich die Frage kategorisch anders beantworten lässt:

    Auftreten
    Blau
    Er ist schon etwas überheblich und baut mit dir eine ziemliche Rivalität auf. Als Rivale ist er gut, aber als Champ fehlt ihm doch die Reife, aber wer weiß wie er sich verhält, wenn er anderen Anwärten auf dem Champ-Titel begegnet wäre? Wir wissen es nach den Spielen nicht...

    Siegfried
    Sein Auftreten entspricht da eher dem eines Champs; er ist ein Veteran des Pokémon-Kampfes und gewiss weiß er mit allerlei Pokémon und Menschen respekt- und würdevoll umzugehen. Ihm kaufe ich die Rolle des Champs eher ab. Schade nur, dass er nicht weiter in die Gesellschaft eingebunden wie seine Nachfolger (Generationstechnisch) ist.

    Troy bzw. Wassili.
    Er, der Sohn eines Intendanten, der gerne auf Entdeckungsreise geht, und ein (nach dem Anime) Top-Pokémon-Koordinator. Troy ist jung, von daher ist es legitim, dass man ihm ab und an draußen in der Natur begegnet. Wassili hingegen ist populär aufgrund seines anderen Erfolges als Koordinator. Wie es in Smaragd ist, kann ich grad nicht sagen, aber da scheint man vielleicht nicht nur aufgrund seines Champ-Titels ihn zu kennen.

    Alder
    Ich habe nicht wirklich groß Erinnerung an die 5te Generation, weswegen ich da nicht mehr viel sagen kann. Außer dass er ein chilliger Kerl ist und auch aufgrund seines Alters das gewisse würdevolle Auftreten eines Champs hat ...


    Diantha
    Sie scheint in den Spielen nur aufgrund ihrer Schauspielkunst bekannt zu sein. Doch ist sie freundlich zum Spieler und heißt ihn angemessen willkommen. Für mich ist die Darstellung und damit das Auftreten zu förmlich, da man sie im Laufe der Hauptstory nur zweimal sieht, aber sich nicht groß in das Geschehen integriert.

    Cynthia
    Nicht nur, dass man sie öfter sieht, sondern - gerade in Platin - sie bringt sich aktiver in die Hauptstory ein. Durch sie erhältst du überhaupt ein Item, das dem Spieler den Zutritt zu einer von Enton blockierten Route verschafft. Sie scheint sich sehr mit der Geschichte Sinnohs auszukennen. Und sie hat vom Charakter-Design eine coole Art, die sie gelassen gegenüber allen Situation wirken lässt. Auch im Anime kommt sie genauso rüber.




    Schwierigkeit im Kampf
    Blau
    Er mag zwar überheblich sein, doch sein Team ist sehr ausgewogen und man sollte selber die passenden Konter auf der Bank haben, da man mit einem zu einseitigem Team schnell besiegt werden kann. Die Höhe des Levels seiner Pokémon sprechen schon für sich.

    Siegfried
    Hat man genug Eistypen dabei - was in der 2. Generation relativ schwierig ist, da die Auswahl an starken Typen doch gering ausfällt - ist Siegfried doch leichter zu schlagen. Seine drei Dragoran waren die Hölle mit ihrem Donner, und es war mein erster Champ, den ich als kleinerer Junge besiegt habe.


    Troy/Wassili
    Hier gilt dasselbe wie bei Siegfried; die richtigen Typen dabei haben und Attacken weise einsetzen, dann sind diese Champs machbar.

    Diantha
    Würde ich ohne EP_Teiler X oder Y nochmal spielen, wäre dieser Champ eine viel größere Herausforderung, da das Level ihrer Pokémon außerordentlich hoch ist.

    Cynthia

    Nicht nur, dass sie auch ein ausgewogenes Team hat (Kryppuk, dass bis X Y absolut keinen Typ-Nachteil hatte), das Level ist auch sehr hoch. Vor allem in Platin wirkte der Kampf aufgrund des farbgeberischen Setting wie der "Final Boss".


    Ganz klar ist Cynthia der beste Champ für mich!

    https://www.pokewiki.de/images…hia.png/299px-Cynthia.png

    Rein Subjektiv und ohne eine Auflistung machen zu wollen: Das Team Rocket ist mein Favorit.

    Zumal sie wirklich wie klassische Diebe und Einbrecher aussehen mit ihrem Schwarz, so stellen sie zum Einen das Originale Schurkenteam dar. Außerdem ist es so oft bisher aufgetreten, von daher ist es für mich direkt präsent, wenn ich an ein Verbrecher-Syndikat mit Pokémonbezug denken muss (Rot/Blau/Gelb - Gold/Silber/Kristall -in Feuerrot/Blattgrün treten sie auch nach der Hauptstory nochmal auf.)


    Vom Flair her, wenn ich mir dessen Boss, Giovanni, ansehe, denke ich eher an die Mafia und dass Undercover-Agenten des Team Rocket die Möglichkeiten hätten, in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aktiv zu sein, sodass das Team Rocket über vielerlei an Beziehungen und Ressourcen verfügt. Dies ist im Manga glaube ich auch der Fall, dass selbst Arenaleiter Teil des Team Rocket sind. Generell wirkt - auf Basis dessen, was ich bereits gesehen habe - das Team Rocket in den Mangas sehr viel professioneller als auch ruchloser.


    Den anderen Verbrecher-Teams aus anderen Teams will ich keine Seriösität für ihre jeweilige Edition aberkennen; ich sage nur, dass das Team Rocket für mich den kriminellsten Touch hat und dass es in erweiternden Geschichten durchaus Potenzial hätte, einen Einfluss wie die Mafia auszuüben.

    Kapitel 4

    New Dawn


    ~Ignace~


    Ein lautes Treiben riss ihn aus dem ohnehin unruhigen Schlaf. Er richtete sich auf und hörte, wie Lucian es ihm gleichtat. Ein Klirren von Metall ertönte und mit einem Mal wurde die Tür zu ihrer Zelle aufgerissen. Eine Fackel trat ein, deren Flamme geisterhaft war. Erst wurde sie in Richtung Lucian gehalten, dann war er im Fokus des Flammenscheins.

    "Das ist er", rief eine Stimme knapp. Unter dem Licht des Feuers griffen Hände nach ihm und Ignáce wurde nach oben gerissen und aus der Zelle gezerrt. Lucian, der nicht rechtzeitig realisieren konnte, was passierte, wurde ratlos zurückgelassen. Erst als die Männer ihn fortführten, hörte Ignáce seinen jüngeren Bruder nach ihm rufen. Er selber hatte große Schwierigkeiten, in seiner Müdigkeit die nötigen Kräfte aufzuwenden, um sich gegen seine Ergreifer zu wehren. Doch diese waren nicht auf einen Kampf aus. Kaum hatte Ignáce eine Kampfstellung gefunden, wurde er sofort nach unten gerissen und sofort wieder aufgerichtet. Sie brachten ihn in eine Ecke der Höhle, die von anderen Positionen nicht direkt war. Er wurde mit dem Rücken voran an die Wand gepresst und seine Arme wurden von behaarten und deutlich dickeren festgehalten. Der Fackelträger trat an das laute Handgemenge heran und Ignáce erkannte ihn anhand der geplätteten Nase wieder.
    "Hey Lucky", lächelte er überspitzt heiter. Lukasz' Augen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen. Im Lichtschein der Fackel wirkten sie wie schwarze Perlen, von denen ein gefährlicher Glanz ausging. Sein bartbesetzter Mund formte sich zu einem Grinsen. Ignáce stellte fest, dass er in dem Licht eine Ähnlichkeit mit einem Wolf, der auf seine Beute hinabstarrte, besaß.
    Lukasz reichte seine Fackel einem seiner Kumpane und lief die Gelenke seiner Finger ziemlich laut knacken. "Du hast mir die Nase gebrochen, du kleiner Mistkerl!"
    Er trat näher und sein Gesicht kam dem von Ignáce immer mehr. Er wich zurück, da er den Atem seines Gegenübers riechen konnte. Lukasz ließ ihn nicht lange mit der Rache warten, denn blitzschnell versenkte er seine Faust in Ignáce Magengegend. Der Schlag war so stark, dass es ihn und seinen Rücken sehr hart gegen die Wand stieß. Ignáce keuchte, doch Lukasz setzte direkt nach, dieses Mal war es sein Knie, das scharf gegen Ignáces Brust stieß. Ignáce stöhnte laut auf, er japste und hätte sich auf den Boden gekrümmt, hätten ihn die Männer zu seinen beiden Seiten nicht hochgehalten. Lukasz, sichtlich in Ekstase, packte Ignáce bei seinem schwarzen Haarschopf und hielt seinen Kopf hoch, sodass er ihm direkt in die Augen blicken konnte: "Mal sehen, wie dir ein gebrochener Arm oder ein gebrochener Kiefer steht."
    Sein Atem roch fürchterlich und Ignáce wusste nicht, ob es deswegen oder wegen etwas in ihm Erwachten war, doch er sammelte alle Kraft in seinen Beinen und stieß sich ab. Er traf wie er es sich vorgestellt hatte. Seinen Kopf hatte er direkt in das Gesicht von Lukasz manövriert. Wieder hörte er ein unschönes Knacken und Lukasz heulte vor Schmerz auf, als dieser zurückwich. Ignáces Wächter waren verdutzt über diesen Angriff, und darin sah Ignáce seine Chance. Mit einem hiebartigen Bewegung schleuderte er seinen rechten Festhalter gegen den linken, der daraufhin die Fackel fallen ließ. Fast vollständig im Dunkeln brauchte Ignáce ein paar Versuche, bis er die beiden ausreichend bearbeitet hatte. Das war seine Chance. Einer von den beiden musste den Schlüssel zu seiner und Lucians Zelle besitzen und tatsächlich - sehr zu seiner Freude - ertastete er in einer Manteltasche eines Räubers den Schlüssel. Es war, als würde ein Feuer ihn mit Energie versorgen. Er musste jetzt nur noch den Weg zur Zelle zurückfinden, seinen Bruder befreien und dann-

    Wumm! Etwas Bärartiges tauchte aus dem Schatten hervor und warf sich mit seinem ganzen Körper gegen ihn. Ignáce taumelte und fiel rücklings um.
    "Du!", schrie er zornig auf.
    Lukasz hatte sich auf ihn geworfen, sein Gesicht lag im Halbschatten, doch Ignáce konnte sehen, dass ihm ebenso aller Zorn ins Gesicht geschrieben stand. Und etwas Hartes surrte auf Ignáce herab und traf ihn so hart wie eine Eisenkugel auf den Kiefer. Etwas Warmes füllte seinen Mund und Ignáce spuckte aus. Flecken von Blut besprenkelten Lukasz' Gesicht, was ihn nur weiter in Rage versetzte. Ignáce bekam eine Handfrei und schlug zurück. Seine Faust schmerzte, als sie ebenso einen Treffer auf das Gesicht landete. Beide verhingen sich ineinander, wild entschlossen den anderen zu verletzen. Irgendwo aus der Ferne erklang eine Stimme, die "Aufhören, sofort" schrie, doch die Geräusche seiner Umgebung trafen in Ignáces Ohren auf Taubheit. Erst als sowohl ein Messer als auch ein Pfeil mit Eisenspitze an den beiden vorbeisurrten und in der Wand ihm gegenüber stecken blieben, hielt Ignáce inne und blickte zurück. Dies nutzte Lukasz und stieß ihn von sich runter, und gerade als er aufgestanden war und sich auf ihn stürzen wollte, erstarrte er, als er in Marias strengen Augen blickte. Begleitet wurde sie von sechs weiteren Räubern, von denen zwei Fackeln trugen und die anderen ihre Bogen gespannt hielten und anteilig auf die beiden Kontrahenten zielten.

    "Maria!", lief Lukasz empört. "Du kannst doch nicht zulassen, dass dieser Scheißkerl mit dem davonkommt, was er mir antat!"
    Maria betrachtete sein Gesicht, das sie im Licht ihrer Fackelträger erkennen konnte. Ignáce grinste über sein Werk, denn die gesamte Nasenparty war purpurfarben und erneut wurde Lukasz Bart rot gefärbt. Sie zeigte keine Anzeichen, dass es sie kümmern würde.
    "Geh dich waschen und schone die Nase, Lukasz".
    Diesem klappte der Mund auf. Zornig blickte er zu Ignáce und trat bereits einen Schritt auf ihn zu, da erklang Marias Stimme wie ein Donnerschlag: "Du tust, was ich dir sage, Lukasz!"

    Er regte sich nicht. Ignáce hörte, wie es im Kopf des Räubers ratterte. Und zu seiner Verwunderung drehte dieser sich wieder um und blickte seiner Anführerin in die Augen: "Du befiehlst mir nichts mehr, du vorlaute Göre. Was denkst du eigentlich, wer du bist?"

    Maria wirkte sehr gefasst. Die Räuber in ihrer Nähe wichen ein paar Schritte zurück, als fürchteten sie einen Vulkanausbruch in ihrer Nähe. Maria sah ungerührt zu, Wie Lukasz das Messer, welches offenbar ihr gehörte, aus der Wand zog und es angriffslustig in seiner Hand umherwirbelte. Verächtlich schaute er Maria in die Augen: "Seit einem Jahr schon erschmeichelst du dir die Gunst unseres Bosses, und du glaubst, du hast das Recht verdient, uns herum zu kommandieren wie es dir passt?"
    Maria lächelte: "Wenn du glaubst, ich bin nur dank meiner Weiblichkeit soweit gekommen, dann vergisst du wohl, was ich mit allen hier gemacht habe, die an mir gezweifelt hatten"

    "Zufall und Glück!", rief Lukasz puterot, sichtlich peinlich getroffen. Ignáce kam trotz aller Abneigung gegenüber Maria nicht umhin, ihr Respekt zu zollen, und er war gespannt was passieren würde. Maria hatte noch immer ihre Arme gekreuzt. Sie war unbewaffnet, nur in dünnen Kleidungsstücken aus Leinen gewandt. Lukasz hingegen tigerte vor ihr in voller Ledermontur und mit einem Messer in der Hand.
    "Ich werde allen zeigen, dass hinter diesem hübschen Gesicht nichts steckt. Die Narben werden es zeigen!"
    Und jäh spurtete er auf sie los, das Messer auf Brusthöhe. Es ging alles sehr schnell. Ignáce sah nur, wie sie einen tiefen Seufzer tat, ihre Arme und Beine lockerte und in nur wenigen Sekunden hatte sie nicht nur Lukasz entwaffnet, sondern saß sie auch auf seinen Rücken und hielt mit einem Hand seinen Kopf unten. Von Seiten ihrer Begleiter kam zustimmendes Murmeln und Ignáce hörte einen von ihnen "war zu erwarten" murmeln. Lukasz sträubte sich auf den Boden, doch Marias Griff blieb standhaft. Dann gab er mit einer Handgeste auf und sie richtete sich auf. Mit einer Handgeste deutete sie ihren Begleitern Lukasz fortzubringen. Seine Nase müsste behandelt werden, sagte sie nur. Keiner kam nach der Vorstellung auf die Idee, ihr zu widersprechen. Sie nahm vorher eine Fackel entgegen und drehte sich zu Ignáce um.


    Ihr Gesicht wirkte im Licht des Feuers anders als bei der ersten Begegnung mit ihr. Die Gesichtszüge waren weicher und sanfter und auch ihre Augen besaßen einen seltsam schönen Glanz. Ignáce richtete sich auf, während Maria ihn dabei beobachtete. Als Ignáce erneut Blut spuckte und sich an den Kiefer fasste in Erwartung, einen Knochenbruch vorzufinden, schüttelte Maria langsam den Kopf, ihr braunes Haar fiel in kleinen Strähnen über ihr Gesicht. "Du verstehst es wohl wirklich, in Schwierigkeiten zu geraten, oder?"
    "Was redest du da?", ächzte Ignáce unter Schmerzen, während er immer noch seinen Körper untersuchte. Verschmitzt lächelnd erwiderte er ihrem Blick: "Ich hatte nur einen netten Plausch mit deinem Freund Lukasz.“
    Ihre Augen verengten sich: "Wenn du glaubst, mit so jemandem wie ihm wäre ich befreundet, schätzt du mich da falsch ein. So wie du manchmmal zu glauben scheinst, du scheinst dich aus jeder Situation herauskämpfen zu können, nicht wahr?"
    Sie sah ihn erwartungsvoll an. Und obwohl ihm eher danach war, sich aufgrund seines benommenen Körpers hinzulegen, zwang sich Ignáce gespielt mühelos zu einer aufrechten Haltung. Er brauchte nichts zu sagen, Maria las es an seinen Augen ab, was er sagen wollte. Und noch immer blickte sie ihn erwartungsvoll an, und Ignáce sah sie, wie sie sich nur scheinbar entspannte. Doch er ahnte, dass sie es nur vortäuschte. Er winkte ab mit einem Lächeln: "Ich merke schon, dass es heute noch keinen Sinn macht, es mit dir aufzunehmen."
    "Oho?" Maria hob überrascht eine Augenbraue. "Taff und kühn, wenn es gegen drei Räuber geht, doch bei einem Mädchen zögerst du?"
    Sie öffnete ihre Arme, als würde sie ihm all ihre Schwachpunkte offenbaren. Ignáce war sich nicht sicher, ob es an dem Licht des Feuers lag, doch ihre Figur, welche trotz Marias Kraft recht zierlich wirkte, war regelrecht verführerisch. Die Schatten umspielten die richtigen Stellen, doch Ignáce war sich sicher, dass Maria nur ihre Waffen ausspielte, die nur eine Frau ausspielen konnte. Er blickte ihr bestimmt in die Augen: "Wenn die Zeit reif ist, dann tragen wir es aus. Doch ich denke, du bestehst darauf, dass ich dich zu meiner Zelle begleite, oder?"

    Maria lächelte. Es schien sie zu beeindrucken, dass Ignáce zu den ersten Personen gehörte, die nicht auf ihre Weiblichkeit hereingefallen waren. Ohne Protest, und doch mit unterdrücktem Widerwillen, ließ sich Ignáce von ihr zu seiner Zelle zurückführen. Lucian, der hellwach an seinem Stück der Wand gelehnt hatte, sprang auf und fiel seinem Bruder um die Arme, der verdutzt erwiderte.
    "Was war...?", wollte Lucian von ihm wissen, doch es war Maria, die sich zu Wort meldete: "Lukasz und die anderen haben ihn nur etwas die Höhle gezeigt, stimmt´s?" Dabei blickte sie Ignáce aus dem Schatten heraus an, nachdem sie die Fackel gelöscht hatte. Ignáce spürte, dass sie dies tat, damit Lucian nicht direkt auf sein Veilchen blicken konnte, das sein linkes Auge kreisrund umspielte. Sie schloss die Tür, doch ehe sie den Schlüssel umdrehte, öffnete sie diese wieder. "Ihr könnt eigentlich jetzt schon rauskommen. Es dämmert und wir brechen gleich auf."


    Als Ignáce und Lucian heraus traten, sahen sie, wie zwei andere Räuber in ihre Richtung kamen. Sie hörten einen Schlüsselbund klirren, doch sie schritten an den dreien vorbei und öffneten eine benachbarte Zelle. Sie hörten die Räuber jemanden unsanft wecken, als diese dann wieder heraustraten. Zwischen ihnen befand sich eine dritte, deutlich kleinere Gestalt, die der eines Kindes ähnelte. Ignáces Magen verkrampfte sich. Er hatte nach der Schlägerei mit Lukasz völlig vergessen, dass er und sein Bruder und augenscheinlich noch ein viel kleinerer Junge Opfer von Entführungen waren. Und nun erinnerte sich daran, was Ramdaz über sie sagte: "Die drei können dann morgen zu Jack gebracht werden". Während er sich fragte, was dieser Jack für eine Person sein musste, wurden die drei Gefangenen von Maria und den anderen Räubern zurück in den Zentralteil der Höhle geführt, der leicht erhellt war. Das Licht des Morgens fiel durch einen Spalt in der Höhlendecke und Ignáce erspähte die klaren Umrisse von Ramdaz, dessen faltiges Gesicht noch zerknitterter wirkte. Er machte den Eindruck, als hätte er vergeblich versucht einzuschlafen, denn sein graues Haar war sehr zerzaust. Zu seiner Seite stand Terrance, der ziemlich wach und ausgeschlafen wirkte. Er besaß noch immer das freundliche Lächeln vom Vortag, mit dem er Maria und auch alle anderen begrüßte. Ramdaz konnte nur ein mürrisches Knurren hervorbringen, ehe er sprach: "Nun, Jungs, ich hoffe, ich konnte euch ein angenehmer Gastgeber sein" - Ignáce wollte sarkastisch schnauben, doch Maria gebot ihm mit einem strengen Blick, keine Reaktion zu zeigen - "denn heute werden wir Abschied voneinander nehmen. Ich kann nicht sagen, wie ihr es bei Jack haben werdet, doch das ist nicht mehr meine Verantwortung. Also dann..."

    Er wandte sich an Terrance und Maria: "Ihr sorgt dafür, dass alles glatt läuft. Ihr wisst, wie es abläuft."
    Beide nickten und dies stimmte Ramdaz zufrieden. Er winkte den anderen Räubern, die die Gefangenen beaufsichtigten, zu und verschwand in sein Quartier. Prompt wurden die drei von Maria dazu aufgefordert, sich in Bewegung zu setzen, während sie daraufhin verschwand. Nun war es Terrance, der die Gruppe anführte. Sie gingen den Weg zurück, den sie gestern gegangen waren, als sie in die Höhle geführt wurden. Terrances Ton war wesentlich freundlicher, wenn aber nicht weniger bestimmt. Auch vor ihm hatten die anderen Räuber offenbar großen Respeskt, denn sie traten zur Seite, als die Prozession an ihnen vorbeikam. Unterwegs bekamen Ignáce und Lucian hin und wieder einen Blick auf ihren Mitgefangenen, der hinter ihnen herging, bevor sie dann dazu gebracht wurden, auf den Weg vor ihnen zu achten. Es war ein Junge, der deutlich jünger als die Brüder selbst war. Sein blondes Haar war zerzaust und unkrontrolliert schauten viele Strähnen hervor. Er war bereits seit einiger Zeit schon in Gefangenschaft, stellte Ignáce fest. Draußen angekommen wurden sie von Rathan und seiner Kutsche empfangen. Bei seinem rattenhaften Anblick stieg Ignáce Zornesröte hervor und hätten die Räuber nicht instinktiv ihn an den Armen gepackt, hätte er sich mit Sicherheit auf ihn gestürzt. Er empfand es als tiefste Beleidigung, dass er mit Lucian in dieselbe Kutsche hineingesteckt wurde, in der er gestern überhaupt erst in der Falle saß.

    "Irgendwelche Vorkommnisse hier draußen, Rathan?", fragte Maria, die als Letzte aus der Höhle trat. Sie hatte sich einen ledernen Mantel über sich geworfen, der ihr bis zu den Füßen reichte. "Die Straße war ziemlich ruhig die Nacht über", verneigte sich Rathan andächtig ihr gegenüber. "Darf ich betonen, dass euer Versteck wahrhaft sehr gut ausgesucht ist, wenn hier keine Behörden vorbeischauen?"

    "Nur wenn du das nicht noch einmal laut aussprichst", fuhr Maria ihn scharf an.
    "Pass auf, dass du das nicht herauf beschwörst." Rathan nickte bestürzt. Maria schätzte währenddessen sowohl das Äußere als auch das Innere der Kutsche ab. "Drinnen wird nicht genug Platz für alle sein", sagte sie zu Terrance und ihren Gefährten. "Ich werde mit Rathan oben die Kutsche führen, der Rest von euch behält die Jungs im Auge."

    Es folgte kein Widerspruch. Als sich dann die Kutsche in Bewegung setzte, saßen Ignáce und Lucian dicht aneinander gedrängt zwischen zwei Räubern auf einer Bank, während ihnen gegenüber der andere Junge von Terrance bewacht wurde. Nun hatten beide die Gelegenheit, diesen genauer in Augenschein zu nehmen. Obwohl der Junge ihren Blick mied, konnte nun auch Lucian erkennen, dass seine Gesichtszüge zu jugendhaft, nahezu kindlich waren. Sein Gesicht war rund und er besaß eine kleine Stupsnase. Obwohl sie an manchen Stellen eingerissen waren, wirkten seine Klamotten relativ fein, als käme er wie die beiden aus gutem Elternhaus. Während der Fahrt sprach keiner der Insassen ein Wort miteinander. Der Junge schien es vorzuziehen, stur auf den Boden der Kutsche zu starren, während Terrance aufmerksam die beiden Brüder beobachtete. Ignáce kam nicht drum herum, ab und zu seinen Blick zu erwidern. Und er war erstaunt, dass er keineswegs das Gefühl verspürte, dass ihm ein Räuber gegenüber saß, der sich nur für Geld interessierte. Von Terrance ging eine Wärme aus, die Ignáce und Lucian bisher nur spürten, als sie mit ihrem Vater zusammen waren. Überhaupt machte Terrance den Eindruck, als wäre er früher einmal ein Vater gewesen. Seine Stimme war sanft, als er mit den beiden anderen Räubern sprach, wie das kommende Prozedere mit diesem Jack vorgehen würde. Ignáce, der aufhörte zu zählen, wie oft er diesen Namen gehört hatte, brach sein eigenes Schweigen und fragte Terrance um wen es sich handelte.

    "Käpt'n Jack ist ein Pirat", sagte Terrance sachlich. Der Junge neben ihn stöhnte. Terrances Blick ruhte auf diesen, dann wandte er sich Ignáce zu: "Aber ihr braucht euch keine wirklichen Sorgen zu machen. Ich kenne ihn, er ist ein alter Jugendfreund von mir. Sein Ton ist barsch, das muss ich gestehen, aber er ist nicht dafür bekannt, grausam zu sein."
    "Und warum liefert ihr uns an diesen aus?", sagte Ignáce sichtlich gereizt auf das, was er als Antwort erwartete. Terrance blickte aus dem Fenster, doch er besaß den Anstand, Ignáces Frage mit direktem Blickkontakt zu beantworten: "Ihr könnt euch vorstellen, dass das Leben auf hoher See rau ist. Und nicht selten gerät man in Situationen der natürlichen oder menschlichen Art, wo es brenzlig wird. Und nicht selten hat man dann ... nun ja ..."
    Er stockte in seiner Erklärung, dann fuhr er fort: "Jack kann stets neue Mitglieder für seine Crew gebrauchen. Wir haben mit ihm die Abmachung, dass wir ihm diese bringen, wenn er uns anteilig an seiner Beute aus seinen Streifzügen teilhaben lässt. Denn es gibt Zeiten, wo wir nicht das Glück besitzen, auf gut betuchte Jungen wie euch drei zu stoßen." Sein Blick ruhte auf jeden einzelnen. Auf Ignáce, der schmallippig mit seinen Zähnen knirschte. Auf Lucian, der dagegen eine neutrale Haltung besaß. Und auch auf den Jungen zu seiner Rechten, der sich nun fassungslos mit seinen Händen an den Kopf fuhr. Ignáce sah es ihm an, dass er sich im Moment unwohl in seiner Haut fühlte. Die beiden anderen Räuber ließen sich nichts anmerken. Dann beugte sich Terrance nach vorne und sah mit seinen braunen Augen die beiden eindringlich an: "Ich kann mir gut vorstellen, was ihr von uns halten mögt. Ich will euch auch nicht diese Meinung ausreden. Ich will nur sagen", und er blickte vielsagend seine beiden Gefährten an, "dass wir alle an unser eigenes Überleben denken müssen, gerade wenn wir nur uns selber haben. Für euch mögen wir nur gewissenslose Räuber sein, doch ich selber sehe uns als eine Art Familie an, die aufeinander Acht gibt und stets das tut, was deren Überleben sichert." Seltsamerweise galt sein Blick bei seinen letzten Worten durchgehend der Holzwand hinter den beiden Brüdern; es war die Wand, die dem Kutscher am nächsten war.

    Er lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Ignáce blickte zu seinem Bruder. Sie mussten sich eingestehen, dass es sie berührt hatte, als Terrance über seine Art von Familie sprach. Doch beide waren sich einig, dass es noch lange nicht die Berechtigung dazu gab, minderjährige Jungen zu entführen und sie hin und her zu schieben wie Gegenstände, die von Hand zu Hand gingen. Ignáce blickte trotzig und zornig zu Terrance, der noch immer gedankenverloren nach draußen blickte. Jetzt, so dachte er, war die Gelegenheit ideal, um einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen. Er müsste nur zeitgleich mit Lucian ihre beiden Wächter mit einem Tackle zur Seite ausschalten und Terrance überrumpeln. Doch selbst wenn sie nach draußen gelangten, würden sie ohne Zweifel von Maria wieder eingefangen und schlimmstenfalls wie Lukasz vermöbelt werden. Obwohl seine Arme förmlich bebten vor Anspannung, so verlangte er alles von seinem Körper ab, genau das Gegenteil zu tun. Und endlich konnte er sich mit einem verachtenden Schnauben in seinem Sitzplatz zurücksacken lassen. Terrance hatte ihn dabei beobachtet, ohne dass sein Gesicht Aufschluss darüber gab, was er dachte.

    "Woher wisst ihr eigentlich, wann Jack wieder da ist?", fragte Lucian im Versuch, die Situation aufzulockern. Ignáce fragte sich, warum Lucian überhaupt fragte. Terrance erzählte, dass ein anderer Räuber in Newdawn Stellung bezogen hatte und während diverser kleiner Diebstähle Ausschau nach dessen Schiff hielt, wenn die Ankunft kurz bevor stand. Er würde mit dem Piraten dann einen Zeitpunkt ausmachen, an dem der Austausch stattfinden würde.
    "Austausch der Waren", dachte sich Ignáce mit Zornesröte im Gesicht. Terrance entgegnete dem nichts, obwohl er Ignáces Gesichtsfarbe richtig deutete. Sein Blick fiel wieder auf dem Jungen zu seiner rechten, der seinem Kopf so tief in seinem Schoß vergraben hatte, dass er sich fast einrollte. "Warum richtest du dich nicht etwas auf, mein Junge?" schlug er freundlich vor, während seine Hand auf dessen Schulter ruhte. Ignáce spürte jäh ein Verlangen, die Hand von dieser wegzuschlagen. Nur langsam richtete sich wieder der Junge auf und dieses Mal konnten die beiden Brüder ihm in die Augen sehen und waren entsetzt was sie vorfanden.

    Das Veilchen, dass mittlerweilen leicht abgeklungen war, konnte Ignáce ganz leicht als das Werk von Lukasz identifizieren. Vielmehr war es die Leere in ihren Augen, die Ignáce und Lucian zutiefst bestürzten. Sie wirkten wie leerstehende Fenster. Jeglicher Glanz war aus ihnen gewichen und es war, als hätte man dem Jungen die Seele aus dem Leib gesogen, so wie er sich matt und widerstandslos zurück in seinen Sitz führen ließ.
    "Was habt ihr mit ihm gemacht?!", polterte es direkt aus Ignáce und Lucian heraus, die beide aufgesprangen waren. Terrance und die anderen Räuber waren sehr überrascht, dass in den beiden solche Lebensgeister erwacht waren. Doch Terrance bedeutete seinen Gefährten, einen Kampf auf sich ruhen zu lassen. "Unglüclicherweise haben wir ihn so gefunden ", sagte er mit Blick auf den Jungen.
    "Maria und die anderen haben ihn in derartig desolatem Zustand auf der Straße aufgelesen, wo sie euch traf. Bis heute wollte er uns nicht sagen, wer er ist oder woher er kommt. Und einige Männer von uns haben haben in nahe gelegen Städten Ausschau nach Vermissten-Anzeigen gehalten, jedoch ohne Erfolg." Er seufzte.
    "Ich wünschte Lukasz hätte nicht versucht, diese Antworten aus ihm herauszuprügeln. Maria konnte zum Glück Schlimmeres verhindern, ehe es dazu kam." Darauf sagten Ignáce und Lucian nichts. Auch wenn sie immer noch auf ihren Beinen standen, glaubten sie Terrance seine Geschichte, wenn aber nicht zur Gänze überzeugt. Lucian ließ sich als erster auf seinen Sitz zurückfallen und beugte sich vorsichtig vor. Er versuchte, dem Jungen in seine hellblauen Augen zu blicken.
    "Ähm Entschuldigung? Kannst du gerade einen Gesprächspartner gebrauchen?" Der Junge sagte nichts. Ignáce versuchte es nun: "He, wir reden mit dir!"
    "Ignáce!"
    "Was ist? Vielleicht kommt man so eher zu ihm durch."


    Wieder zeigte der Junge keinerlei Reaktion. Unablässlich galt sein Blick dem Waldstück, das er durch das Kutschenfenster erblicken konnte. Dem Blick folgend stellte Ignáce fest, dass es draußen immer heller geworden ist und der Wald immer lichter wurde. "Oh", sagte Terrance, und von außen rief Marias Stimme ihnen zu: "Newdawn liegt vor uns, wir sind in wenigen Minuten da."

    Alaiya vielen Dank für deine Kommentare. Ich habe es dir in deinem Gästebuch schon mitgeteilt, dass ich gewiss einige Tipps mitnehmen kann. Tipps, die ich versucht habe, hier in diesem Kapitel umzusetzen. Ich bin gespannt, ob dir was Neues auffällt ;) Desweiteren wünsche ich dir viel Spaß mit dem Weiterlesen!




    Kapitel 3
    Die Räuber


    ~Lucian~


    „Wohin soll es gehen?“

    Lucian zuckte zusammen und blieb an der Eingangstür stehen. Mit einem Blick nach links sah er seinen Bruder, der sich an der Tür zum Salon lehnte und ihn skeptisch ansah. Er war sich sicher, dass Ignáce oben in seinem Zimmer schlief und dass sein Verschwinden am frühen Morgen nicht vorzeitig entdeckt werden konnte.

    „Wohin du willst“, wiederholte Ignáce ruhig, als sein Blick auf den Rucksack fiel, den Lucian vor Schreck auf den Boden fallen gelassen hatte. Dieser stand da wie angewurzelt und begegnete dem Blick seines Bruders. Er fragte sich, ob er sich ihm anvertrauen sollte. Ignáce nippte an seinem Tee, aus dem es nicht mehr dampfte. Offensichtlich hatte er ihn vor einer Weile schon gemacht.

    „Du bist schon auf“, bemerkte Lucian mit dem Versuch locker zu klingen. Doch er hörte selbst, wie seine Stimme vor Aufregung leicht höher klang als gewöhnlich. Doch es kümmerte seinen Bruder nicht.
    „Es fällt mir seit geraumer Zeit schwer, bei deiner Lautstärke gut zu schlafen“, sagte er und blickte vom Inhalt der Tasse in Lucians Augen. Ein Schuldgefühl jagte einen Schauer über seinen Rücken, doch hielt Lucian seinem Blick stand, der ihn durchdringend ansah. Wieder fiel dieser auf den Rucksack zu Lucians Füßen und wieder fragte Ignáce nach dem Grund des frühen Aufbrechens.

    „Ein Spaziergang“, sagte Lucian. Sein Bruder hob nur eine Augenbraue.

    „Ja, ein Spaziergang“, versuchte er sowohl sich selbst als auch seinen älteren Bruder zu überzeugen, der ihn weiterhin ungläubig ansah. „Wird lange dauern, deswegen habe ich mir was zu essen eingepackt“, ergänzte er mit dem Blick auf seinen Rucksack, den er sich wieder um die Schultern warf.

    „Du warst nicht in der Küche“, sagte Ignáce. Er tat die letzten Schlücke aus seiner Teetasse, die er dann auf einen kleinen Tisch neben sich stellte. Er verschränkte nun die Arme und sah seinen Bruder erwartungsvoll an. „Wirst du mir nun endlich sagen, was Sache ist, oder willst du weiter versuchen, dich rauszureden? Und den Schlüssel zur Haustür habe ich hier übrigens“, und holte er aus seinem Morgenmantel eben diesen hervor und hob ihn für Lucian demonstrativ in die Höhe. Dieser sagte nichts. Natürlich würde er zu gerne sich seinem Bruder anvertrauen. Doch Ignáce würde ihm den Vogel zeigen, dass eine körperlose Stimme Lucian im Traum gesagt hätte, sich auf eine Reise zu begeben. Auch würde er ihn nicht aus so einem Grund fortgehen lassen. Dessen konnte sich Lucian sicher sein und im Grunde war er auch mehr als dankbar, dass sein Bruder sich wie sonst immer um ihn sorgte. Doch nun war es eine Eigenschaft seines älteren Bruders, auf die er momentan gut verzichten konnte. Daher hob Lucian seinen Arm auf Brusthöhe: „Bitte gib mir den Schlüssel.“

    „Und was hast du dann vor?“, wiederholte Ignáce die Frage. Doch Lucian blieb bestimmt und ließ alle Deckung von sich gleiten: „Ich werde verreisen. Nach Vaters Tod und dem ganzen Stress fühle ich mich, als müsste ich diese antreten. Einfach, um den Kopf frei zu bekommen.“

    „Aha“, nickte sein Gegenüber schmunzelnd, „und dieser Stress hat nichts mit den Albträumen zu tun, die du Nacht für Nacht hast, oder?“

    „Und selbst wenn?“, entgegnete Lucian genervt. „Was kümmern dich meine Träume?“

    „Sehr viel, wenn sie dich so oft quälen“, sagte Ignáce ernst. Lucian machte deutliche Gesten in Richtung des Schlüssels. "Gib mir bitte jetzt den Schlüssel“. Sein Bruder ließ diesen in seinen Fingern kreisen. Dann warf er ihn vor Lucians Füßen. Mit verägerterm Blick hob Lucian diesen auf. Ignáces hingegen war weiterhin argwöhnisch: „Weißt du, wohin es gehen soll?“

    „Nicht wirklich…“

    „Weißt du wie lange du weg sein wirst?“

    „Vermutlich länger…“

    „Wie lange genau?“

    „Das weiß ich nicht, warum willst du das wissen?“, rief Lucian genervt, doch Ignáce fuhr altbekannte Geschütze auf: „Erstens, weil du mein Bruder bist. Und zweitens, da es mir nicht egal ist, was aus dir wird!“

    Er schritt nun auf Lucian und für eine Sekunde dachte er, dass Ignáce ihn nun am Schlafittchen packen und ihn in sein Zimmer zurückschleifen würde. Instinktiv wollte er eine Abwehrhaltung einnehmen, doch Ignáce griff nach dem Schlüssel und schloss die Haustür auf. Er öffnete die Tür und trat zur Seite, scheinbar um Lucian den Weg freizumachen. Dieser zögerte angesichts dieser Handlung. Mit zaghaften Schritten trat er auf die Türschwelle und spürte bereits die frische und feuchte Morgenluft, die ihm entgegen wehte. Es war ein windiger Tag und bewölkter Tag. Mit einem Blick zu Ignáce, der ihn eingehend beobachtete, war er sich sicher, dass er ihn nicht aufhalten würde und trat hinaus.

    „Moment!“

    So schnell konnte man sich irren. Lucian blickte zurück und sah, wie Ignáce ihn zurückwinkte. Da er seinem Bruder nicht widersprechen wollte, tat er wie geheißen und trat wieder ein. Auf seine Geste hin schloss er auch wieder die Tür und wartete ab, was nun passieren wird.

    „Warte hier“, sagte Ignáce knapp und ging die Treppe hoch und ließ Lucian erstaunt zurück. Fünfzehn Minuten später kam sein Bruder wieder die Treppe herunter, dieses Mal war er selber reisetauglich angezogen, mit einem Mantel auf der rechten Seite unter seiner Schulter eingeklemmt und einem Reiserucksack über die linke Schulter geworfen. Den Mantel drückte er Lucian an die Brust, den er mit halb offenem Mund entgegennahm. Dann verschwand er in die Küche. Zwei Minuten später sah Lucian, wie sein Bruder zwei belegte Brote in seinen Rucksack verstaute. Als er Lucians überraschtem Blick begegnete , lächelte er verschmitzt: „Du sagtest, dass du dir schon welche eingepäckt hättest“. Lucian druckste aufgrund dieses Scherzes, doch musste er nach dem Grund dieses Sinneswandels fragen.

    „Wie gesagt“, antworte sein Bruder, der sich den Mantel anzog und danach den Rucksack über die Schulter warf. „Du bist mein Bruder und es kümmert mich sehr wohl, was du machst. Wenn du so entschlossen bist zu gehen, werde ich mitkommen. Irgendwer muss schließlich auf dich aufpassen."

    "Aber was ist mit dem Haus? Und überhaupt mit allem hier?", fragte Lucian, da er erwartet hatte, dass sich sein Bruder um alles kümmern würde. Doch dieser winkte lächelnd ab und schritt auf eine Kommode nahe der Haustür zu und lehnte einen Brief an die Wand. "Ich hinterlasse Oberst Justus ein paar Anweisungen. Er und weitere Freunde von Vater sollen sich um die übrigen Angelegenheiten kümmern, solange wir unterwegs sind. Außerdem gibt es da noch Glacia, die hält das schon alles zusammen."

    Lucian fragte sich, ob seine Schwester sich Gedanken darüber machen würde, wohin ihre beiden Brüder unterwegs wären. Doch Ignáce schnaubte grimmig und sagte, dass sie froh wäre, wenn beide möglichst weit weg wären. Er sah seinem Bruder in die Augen: "Eben wolltest du unbedingt los und jetzt willst du doch hierbleiben?"

    "Ich fühlte mich sicherer, wenn du da bleiben würdest", entgegnete Lucian.

    Ignáce nickte: "Wird schon werden. Außerdem ist es ohnehin wichtiger, dass jetzt wir beide sicher zurückkommen. Und nun lass uns aufbrechen!"

    Mit diesen Worten klopfte er Lucian auf die Schulter und trat ins Freie. Nur zögerlich trat Lucian ebenfalls wieder hinaus. Er war noch immer überrascht, dass sein Bruder sich ziemlich rasch darauf eingelassen hatte. Er blickte noch einmal zurück in das Innere und verweilte noch an Ort und Stelle. Das Mobiliar lag im Halbschatten, da nur das Tageslicht in die Eingangshalle fiel. Doch in Lucian tat sich das unruhige Gefühl auf, dass all die Dinge, die er in seiner Kindheit für selbstverständlich hielt, nun immer mehr in die Dunkelheit verschwanden, als würden sie nun für immer erlöschen. Einen kurzen Moment lang kam in ihm Zweifel auf, ob er wirklich der Stimme im Traum vertrauen sollte. Erst auf ein erneutes Rufen von Ignáce hin schloss er mit gemischten Gefühlen die Tür.


    Ignáce war zielstrebig unterwegs. Lucian war froh, dass er zuerst daran dachte, in der Bank eine gute Summe an Geld abzuheben, damit sie sich die weitere Reise überhaupt leisten konnten. Lucian tat es ihm gleich und hob auch von seinem Konto eine beachtliche Höhe ab. Mit genügend Münzen und Geldscheinen in der Tasche besorgten sie sich ein ausgedehntes Frühstück. Bei Croissant und Kaffee erwachten ihre Geister und Lucian fiel es leichter, sich auf die bevorstehende Reise zu konzentrieren. "Also", mampfte Ignáce mit seinem Brötchen im Mund, "woran dachtest du hinzugehen?"

    "Zum Newdawner Hafen", sagte Lucian mit einer Sicherheit, die ihm fremd vorkam. Es war, als hätte ihm die Stimme Details seiner Reiseroute in sein Gedächtnis gemeißelt, die erst nach und nach offenbart wurden.

    "Newdawn ... das ist eine halbe Tagesfahrt mit der Kutsche entfernt. Sicher, dass du dort hin gehen willst?" Lucian war noch immer überrascht, dass sein Bruder keine Anstrengungen mehr unternahm, ihn von der Reise abzuhalten. Doch er nickte über das aktuelle Reiseziel.

    Wenige Minuten später trafen die beiden auf eine Kutsche am Straßenrand. Da es noch ein früher Sonntag Morgen war, gab es noch keinen Andrang auf diese bequeme Reisemöglichkeit, was sie auch willkommmen hießen. Der Kutscher, ein kleinerer untersetzter Mann mit Dreitagebart und wässrigen Augen, lehnte sich an der Kutsche und stöberte vor sich hinmurmelnd in der Tageszeitung.

    "Guten Morgen", sagte Ignáce heiter, als sie näher traten. Der kleine Mann sah auf und eine Zeit lang musterten seine kleinen Augen die beiden von unten nach oben.

    "Mor'n", sagte er mit leiernder Stimme und faltete die Zeitung zusammen. "Nur ihr beide?".

    Ignáce nickte. Der Kutscher nickte zurück und öffnete den beiden die Tür, durch die beide eintraten. Die Sitze der Kutsche waren im roten Leder gehalten, auf dem sich die beiden gut setzen konnten. Die Tür wurde zugeschlagen und wenig später setzte sich die Kutsche in Bewegung. Durch das Fenster hindurch sahen sie die Reihenhäuser an sich vorbeiziehen und einige Minuten später auch das Stadttor. Ignáce Miene wurde skeptisch: "Ehm ... wissen Sie überhaupt wo wir hinfahren wollen?"

    Die Kutsche geriet mit einem Ruck im Stillstand. Lucian dachte, dass er sich genauso verhalten würde, wenn ihm ein Fehler unangenehm peinlich wäre.

    "Wohin soll's gehen?", kam dann von außerhalb die Stimme des Kutschers. Als Ignáce ihm das Reiseziel nannte, wurde die Fahrt fortgesetzt und Lucian sah seinen Bruder den Kopf schütteln. "Ich weiß, es ist noch früh am Morgen, aber sowas?"

    Sie fuhren durch das große Westtor und folgten der Straße, die nach Süden führte. Lucian hielt es für eine gute Idee, den ausgebliebenenen Schlaf nachzuholen. Eine Idee, die auch Ignáce teilte, da er sogar vor seinem Bruder schon wach war. Die ersten Stunden verbrachten die beiden daher schlafend in der Kutsche, die Köpfe hatten sie an die am nächsten liegende Kutschenwand gelehnt. Als die Kutsche dann auf eine unebene und brüchigere Straße fuhr und diese darauf begann, in unregelmäßigen Abständen unsanft auf und ab zu hüpfen, war es für beide mit dem Schlaf vorbei.

    Es ging schon auf den Mittag zu, der Himmel leuchtete nun in einem deutlich kräftigeren Blau als vorher. Lucian öffnete das kleine Fenster, das in die Tür eingelassen war und lugte mit dem Kopf aus der Kutsche. Sie fuhren entlang eines Feldes. Er erkannte auch das dazugehörige Bauernhaus, das nicht weit weg von diesem lag. Aus dessen Schornstein stieg gräulicher Rauch.

    "Die kochen bestimmt gerade", murmelte Ignace gequält, der sich an die Seite von Lucian gequetscht hatte, um ebenfalls mehr von der Umgebung sehen zu können. Sein Magen grummelte unmerklich und bei dem Klang bekam auch Lucian Hunger. Ignáce verbog sich wieder zurück auf seinen Sitz und kramte in seinem Reiserucksack. Er holte die belegten Brote hervor und warf eines Lucian zu.

    "Wenn wir in Newdawn ankommen, holen wir uns was Kräftiges zu essen, ehe es weitergeht.", sagte Ignáce. Er schaute seinen Bruder von der Seite an. "Weißt du überhaupt was als Nächstes kommt?"

    Lucian überlegte. Er versuchte sich an die Details aus seinem Traum zu erinnern. Die Wegbeschreibung, die ihm die Stimme seinem Gedächtnis eingeflüstert hatte, lag vor seinem geistigen Auge wie im Nebel verborgen. Der einzige Wegpunkt, an dem sich beide zu dem Zeitpunkt orientieren konnten, war ihr momentanes Reiseziel. Lucian schaute auf und schüttelte den Kopf, was Ignáce mit einem lässigen Schulterzucken entgegennahm. Mit dem Blick auf die Kutschenwand ihm gegenüber biss er nachdenklich in sein Brot. Lucian schaute wieder aus dem Fenster und betrachtete den Weg, der noch vor ihnen lag. Weiter schien immer mehr ein Wald aus dem Boden zu ragen. Dessen Bäume wurden immer größer und Lucians Sicht nach vorne wurde immer mehr von deren Grün eingenommen. Zu dem stetigen Klappern der Pferdehufe und dem Knarren der Holzräder gesellte sich der sanfte Vogelgesang, der die Reisenden empfing. Lucian schloss die Augen und nahm einen großen Zug von der süßlichen Waldluft, die durch das offene Fenster in die Kutsche drang. Auch Ignáce schien ganz angetan vom Wechsel der Atmosphäre.


    "Ho!"

    Der Kutscher schien die Zügel kräftig nach hinten zu packen, denn die Kutsche kam langsam aber allmählich zum Stehen, während das Hufklappern erstarb. Ignáce warf einen Blick auf seine Armbanduhr. "Wir können noch nicht da sein", murmelte er und öffnete das Fenster auf seiner eigenen Seite und steckte seinen Kopf heraus. Sein Blick suchte den des Kutschers. "He, warum halten wir an?"

    "Pferde brauchen 'ne Pause", sagte dieser unbekümmert. Lucian hörte, wie er von seinem Führersitz abstieg und sich an die Seite der Kutsche begab. Er hörte Metall scheppern, ehe ihr Fahrer wieder sprach. "Ich hole kurz Wasser, hier in der Nähe ist ein Bach". Auch wenn Lucian nichts sah, sah er es anhand der Geräusche draußen vor sich, wie der Kutscher in den Wald verschwand. Äste knackten und Blätter wurden unter Rascheln aufgewirbelt.

    "Hat man da noch Töne?", blickte Ignáce herausgefordert seinen Bruder an. "Lässt er uns hier alleine."

    "Vielleicht hatte er vorher eine anstrengende Nacht", versuchte Lucian sich verständnisvoll zu zeigen. Doch er konnte es seinem Bruder nicht verübeln, dass dieser sich genervt und leicht mit den Zähnen knirschend gegen die Rückenpolsterung warf. Jede Sekunde, die sie mit dem Stillstand inmitten eines ihnen fremden Waldes verbrachten, bedeutete keinerlei Fortschritt. Lucian wurde nervös. Um Ignáce nicht weiter zu beunruhigen, hatte er auf Details aus seinen Träumen verzichtet. Und auch hatte er darauf verzichtet zu betonen, dass ihre Reise eine besondere Art von Eile gebot. Und sollte er zu spät sein, auch nur für ein paar Minuten, dann ...

    Er schüttelte den Kopf. Es gab keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen. Zumal war sich Lucian nicht sicher, ob an seinen Visionen und Traumbegegnungen nun auch tatsächlich ein Funke Wahrheit dranhing. Doch seine Anspannung und auch die von Ignáce legten sich, als ein erneutes Aufwirbeln von Blättern die Rückkehr des Kutschers ankündigten.

    Doch etwas war anders. Das Rascheln schien sowohl von links als auch rechts zu kommen. Die Pferde scharrten nervös mit den Hufen, einige schnaubten. Lucian blickte zu Ignáce, dessen Augen alarmiert aufgerissen waren. Stillschweigend einigten sie sich darauf, kein Geräusch von sich zu geben. Das Rascheln wurde lauter und von beiden Seiten knackten Äste. Es näherten sich mehrere Personen der Kutsche. Lucian versuchte zu horchen und auszumachen, wie viele es waren. Er wollte nach draußen schauen und einen Einblick über die Situation gewinnen, doch eine mahnende und auch vernünftige Stimme riet ihn zur Besonnenheit und Deckung. Er beobachtete Ignáce, wie dieser mit einem offenbar ähnlichen Einfall zu kämpfen hatte.

    Stille trat ein. Lucian hörte sein Herz immer höher und lauter in seinem Kopf schlagen Das Blätterwirbeln und das Knacken der Äste war wie ausgestorben und die Pferde schienen sich immer mehr zu beruhigen. Eine Zeit lang passierte nichts. Lucian und Ignáce wollten langsam wieder tief aufatmen, da erklang das Geräusch wie von einer kleinen Peitsche und ein ganz kurzes Trommeln kam von Seiten der Kutschentüren. Sie schraken auf, denn sie wussten, dass soeben ein Pfeil abgefeuert wurde. Weitere kurze Schläge folgten direkt, allesamt auf das Holz der Kutsche und Lucian, der sich so tief wie möglich in seine Sitzecke presste, hörte es an seinem Ohr vibrieren. Wäre das Holz nicht zwischen ihm und den Angreifern gewesen, so hätte der Pfeil ihn in sein Ohr getroffen. Ein paar Sekunden erfolgte der Angriff, ehe dann wieder Ruhe eintrat. Beide keuchten und horchten nach draußen. Nichts war zu hören.


    "Also, ihr beiden. Die Kutsche ist umzingelt. Kommt mit erhobenen Händen raus, dann sind wir nicht gezwungen, euch mit Löchern zu versehen!"

    Lucian sah, wie Ignáce sich auf die Lippe biss. Grimmig schien er Möglichkeiten durchzugehen, aus dieser Lage herauszukommen. Doch nachdem unter deren Aufschrei etwas schmales und dünnes durch das eine Fenster rein und durch das andere hinaus schnellte, mussten sie aufgeben und traten mit erhobenen Händen aus der Kutsche heraus. Ungefähr zehn vermummte Gestalten, einige kaum vom hinter ihnen liegendem Gebüsch zu unterscheiden, hielten ihre Bogen gespannt, deren Pfeile bedrohlich auf die beiden Jungen gerichtet waren.

    Erwartet wurden sie draußen von einem Mädchen, das Lucian ungefähr in seinem Alter schätze. Sie war sommersprossig um die Nase und ihr zottliges braunes Haar fiel ihr wie ein Schal über die linke Schulter. Siegessicher grinsend empfing sie die beiden, als sie aus der Kutsche stiegen, und Lucian erkannte, dass ihre Hände auf dem Riemen ihres Gürtels lagen, eine Hand war dabei gefährlich dem Griff eines Dolches nah. Ignáce zorniger Blick galt währenddessen der kümmerlichen Gestalt, die seinen Blick mied. Es war der Kutscher und Lucian wurde schnell klar, dass dieser von Anfang vorhatte, die beiden in einen Hinterhalt zu locken.

    "Ihr hättet euch nicht so fein rausputzen sollen", sagte das Mädchen, die beiden von unten nach unten mit ihren tiefblauen Augen abschätzend. "Man kann förmlich riechen, dass ihr aus gutem Elternhaus kommt. Rathan hier", und sie nickte ihren Kopf in Richtung des Kutschers, "hat entgegen seines Hygiene-Sinns einen guten Riecher für gute Ziele."

    Ihr Blick ruhte durchdringend auf den beiden, während sie besonders Ignáce flammenden Blick in Augenschein nahm. Lucian sah, dass er seine Faust fest geballt hielt. Er fürchtete, dass Ignáces Temperament jeden Augenblick mit ihm durchging. Belustigt fuhr dem Mädchen ein Lächeln übers Gesicht. Dann, auf ihr Fingerschnipsen hin, tauchten plötzlich zwei Gestalten an der Seite jedes Jungen auf. Mit ziemlich schnellen und sichtlich geübten Handgriffen wurden sie um sämtliches Geld, das sich in ihren Taschen befand, erleichtert und Lucian bemerkte, dass auch im Inneren der Kutsche an deren Gepäck hantiert wurde. Mit einem Stöhnen hörte er, wie die Räuber ebenso Erfolg hatten und das restliche Papiergeld, das sich beide am Morgen abgehoben hatten, an sich rissen. Das Mädchen, das den Vorgang beobachtet hatte, grinste vergnügt.

    "Was sollen wir mit ihnen machen?", fragte eine männliche Stimme, die von einer der vermummten Gestalten kam. Das Mädchen ließ sich mit der Antwort Zeit, als die dann einen Entschluss fasste: "Fesselt sie, wir nehmen sie mit!"

    Ehe Lucian reagieren konnte, haben die zwei Männer zu seiner Seite ihn schnell auf den Boden geworfen und seine Hände auf den Rücken gelegt. Ignáce entstieg ein Wutschrei und Lucian war, als er aufblickte, beeindruckt, dass sich Ignáce gegen seine zwei Gegner behaupten konnte. Ein unschönes Knacken ertönte, als er mit seiner Faust in das Gesicht von einem schlug, der daraufhin zurückwich. Nun hatte Ignáce einen befreiten Arm zur Verfügung, um auch den zweiten mit einer Energie und Kraft zu bearbeiten, die Lucian beeindruckte und auch erschrak. Doch kaum hatte Ignáce seinen zweiten verscheucht, traten dieses Mal drei andere heran, denen es erst unter Anstrengung gelang, ihn zu überwältigen und seine Hände auf dem Rücken zu fesseln. Beide wurden aufgerichtet und die Gestalt, der Ignáce einen Fausthieb auf die Nase verpasst hatte, trat an diesen heran und schlug ihm sehr hart in die Magengegend. Ignáce stöhnte und krümmte sich, Lucian schrie.

    Das Mädchen hatte ungerührt die Szene beobachtet, doch auch sie schien vom Kampfgeist Ignáces beeindruckt. Sie wandte sich an den Mann, der inzwischen seine Maske abgenommen hatte und Blut auf den Boden spuckte. Seine Nase war wie platt gequetscht und Blut hatte seinen Oberlippenbart rot gefärbt. "Ich hoffe, die Blagen sind es wert, Maria!", spuckte er zornig, während er Ignáce böse anfunkelte. Das Mädchen winkte ab. "So wie sie angezogen sind, wird es das bestimmt. Die Eltern von denen werden bestimmt viel Geld bezahlen. Deren Schaden wird es nicht sein."

    "Aber der eurer!", krächzte Ignáce, immer noch vom Magenhieb wie benebelt. Maria wandte sich ihm zu und ihre Augen verengten sich leicht zu bedrohlichen Schlitzen.

    "Wie war das?", fragte sie herausfordernd. Ignáce richtete sich auf und blickte ihr trotzig in die Augen. Er grinste spöttisch: "Wir haben keine Eltern, deswegen sind wir beide unterwegs. Wir kommen aus einem Waisenhaus und wollten von da weg."

    "Ja sicher", sagte Maria höhnisch nahm einen Zipfel von seinem Mantel in ihre Hand. "Und diese Klamotten habt ihr wohl gestohlen oder wie darf ich es verstehen?"

    "Genau das", lachte Ignáce gehässig. "Die und das Geld, das ihr uns eben entwendet habt. Wir hatten es satt und haben daher alles genommen, was wir mitnehmen konnten."

    "Dir kaufe ich das sofort ab", meinte Maria, doch ihr Blick galt dabei Lucian. "Ihm hier traue ich es nicht zu; ich erkenne Weicheier, wenn ich sie-"

    "Red nicht so über meinen Bruder!", rief Ignáce wieder zornig und machte Anstalten, sich aus dem Griff der Räuber zu befreien, die ihn festhielten. Maria schritt einen sehr kleinen Schritt zurück. Sie tat gut daran, dachte sich Lucian, denn beide waren vor wenigen Sekunden Zeugen von dessen Kraft. Doch wünschte er sich, dass auch er in der Lage gewesen wäre, zurückzuschlagen. Nun lag er vollkommen wehrlos auf den Boden, während vier kräftige Arme ihn auf diesen festnagelten.

    "'nädigste?", meldete sich der Kutscher hinter ihr zu Wort. Maria hörte zu, ohne den Blick von Ignáce zu lassen, der sich noch immer sträubte.

    "Ich kenne diese Jungen, ich habe sie vor einigen Jahren schonmal in meiner Kutsche gefahren. Damals lebte ihr Vater noch. Mortimer Destiné, ein bekannter Geschäftsmann!"

    Lucian bemerkte, wie Ignáce erstarrte und er sah, dass sein wütender blick dem Kutscher galt. Dieser zuckte zusammen, als seine wässrigen Augen den seinen begegneten. "Doch wohl keine Waisen", sagte Maria genussvoll und siegessicher.

    "Wie es scheint, wird dann euer Vater sehr gern bereit, für euch ein paar Tausender springen zu lassen."

    "Eben nicht, 'Nädigste", meldete sich der Kutscher zu Wort. "Deren Vater ist vor wenigen Tagen verstorben. Ich habe es in der Zeitung gelesen."

    Lucian spürte, wie sein Herz von einem anderen großen Nagel durchstochen wurde. Er schaute hinüber zu seinem Bruder und sah diesen, wie er seinen Kopf hängen ließ, die Augen fest geschlossen. Aber auch Maria und einige der Umstehenden wirkten wie betroffen. Lucian spürte, wie die Räuber, die ihn festhielten, ihren Griff lockerten. Maria wirkte wie vom Blitz getroffen, ehe sie blitzschnell ihr Lächeln aufgesetzt hatte.

    "Nun gut, und ich denke es gibt niemanden mehr, der für die beiden Lösegeld zahlen würde?"

    Lucian konnte nicht klar erkennen, an wen diese Frage gerichtet war. Maria blickte in die Luft, als würde sie dort jemanden vermuten. Erst nach einem Zögern bestätigte der Kutscher, dass es außer der Schwester keinen nächsten Verwandten gibt. Maria blickte Lucian fragend an, und er ahnte was sie wissen wollte. Er ging in sich. Würde Glacia Lösegeld für die beiden zahlen? Doch er ahnte die traurige Realität und er schüttelte langsam den Kopf. Marias Lippen wurden schmal. Dann wandte sie sich an ihre Gefährten: "Wir überlegen uns daheim, was wir mit ihnen machen. Nehmt alles Verwertbare aus ihrem Gepäck und dann geht es ab nach Hause."

    Einige brummten zustimmig, einige klatschten. Lucian fühlte sich alles andere als erfreut. Die Erinnerung an seinen Vater hatte ihn alle Kraft gekostet, die er hätte aufbringen können, um sich aus dem Griff seiner Wächter zu befreien. Auch Ignáce wirkte, als wäre sein inneres Feuer mit einem Schwall eiskalten Wassers zum Erlöschen gebracht worden. Ohne Gegenwehr zu leisten ließen sie sich von den Räubern abführen, die Maria vorneweg anführte.


    Der Eingang zum Versteck der Räuber lag zwischen den Ästen und Ranken eines mit Dornen spitzen Blättern bewehrten Baumes, der nahe einer Felswand wuchs. Lucian und Ignáce wurden nicht vorsichtig durch diese geführt, daher wiesen ihre Arme und Gesichter feine Kratzer auf. Sie betraten eine Art Korridor, der von Fackeln an den Wänden hell erleuchtet wurde. Nervös staunte Lucian nicht schlecht, als sie nach dem Korridor in einem großen Hohlraum der Höhle traten, aus dessen Decke Tageslicht fiel und somit die Umrisse natürlich erleuchtet wurden. An etlichen Stellen an den Wänden führten andere Ausgänge außerhalb dieses Hohlraumes. Holzbrücken sind dort geschlagen worden, wo es sonst einen Spalt zwischen zwei Enden eines Weges gegeben hätte. Und von unten konnte Wasserrauschen ausgemacht werden; es schien ein Fluss, vielleicht sogar auch ein Wasserfall durch diesen Ort zu fließen. Maria, die Lucians Blick aufmerksam gefolgt war, grinste ihn an: "Deutlich anders als bei euch in der Villa, stimmt's`?"

    Lucian blickte zurück, sagte aber nichts. Auch Ignáce ließ sich nichts anmerken und blieb unbeeindruckt von der Szenerie und versuchte, seinen Blick weder seiner Entführerin noch der Höhle gelten zu lassen.

    Die Jungen wurden bis zur untersten Ebene der Höhle gebracht. Dort angekommen schritten sie auf eine große eichene Tür zu, die zu beiden Seiten von weiteren Räubern bewacht wurde. Anders als die Heimkehrer trugen sie keine Masken. Einer von ihnen, ein kleiner Mann mit harten Gesichtszügen, starrte unablässlich nach vorne, während der andere, ein deutlich größerer älterer Mann mit bereits weißem Haar und Vollbart, die hinzutretende Maria herzlich begrüßte.

    "Hallo, Terrance", sagte Maria mit einem Lächeln. Lucian meinte festzustellen, dass dies das erste warmherzige ist, das er bei ihr sah.

    "Ist Ramdaz da?", fragte sie den alten Räuber. Dieser nickte und öffnete nur mit einer Hand die schwer wirkende Holztür. Er winkte Maria hinein, während Sein Augenmerk neugierig auf die Neuankömmlinge fiel. Als seine und Lucians Blicke einander kreuzten, bekam Lucian das sonderbare Gefühl, dass er in Terrance einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner gefunden hatte. Er wollte zu Ignáce blicken, ob er eine Reaktion zeigte, doch beide wurden barsch von den anderen Räubern in den Raum geschubst.

    Der kreisrunde Raum ähnelte einer Kammer. Die Decke war nicht viel höher als zwei Meter vom Boden entfernt und kaum mehr als sieben Personen hätten aufrecht stehen können, ohne dem anderen auf die Zehen zu treten. Die einzige Lichtquelle stellte eine große Laterne dar, die auf einem kleinen Holztisch stand. Ignáce und Lucian wurden im Zentrum des Raumes aufgestellt, während Maria, von der nur ihre Silhouette zu sehen war, weiter vor ihnen mit einer Person sprach. Auf die Bitte einer starken Stimme hin trat sie zur Seite und Lucian bekam einen Blick auf den Mann, der hinter dem Tisch saß. Seine Falten, welche sich über sein Gesicht zogen, wirkten im Lampenschein wie Furchen, sodass der Mann wie entstellt wirkte. Sein graues Haar war straff zurückgekämmt, doch seine grauen Augen waren so wachsam wie die eines Tieres, das seine Beute fixierte. Ramdaz betrachtete zuerst Lucian und dann Ignáce eingänglich, ehe er sich seiner Untergebenen wieder zuwandte: "Und für diese Jungen gibt es keinen Verwandten mehr?"

    "Nur eine Schwester", sagte Maria sachlich, "doch die wird nichts für die beiden zahlen." Ramdaz nickte nachdenklich. Lucian beobachte ihn dabei, wie er die beiden Jungen wieder musterte. Dann lag sein Blick auf Ignáce: "Ich hörte von Maria, dass du Lukasz eine blutige Nase verpasst hast."

    "Hat er verdient", sagte Ignáce prompt, das erste Mal seit der Ankunft schenkte er einer Person seine Aufmerksamkeit. Ramdaz lachte amüsiert: "Sowas missfällt ihm ordentlich. Es würde mich nicht wundern, wenn er sich dafür gerächt hat .. oder sich noch rächen wird"

    Ignáce zwang sich zu einem Lächeln, welches der Räuberanführer richtig deutete. Er blickte wieder zu Maria: "Von dem einen Jungen haben wir noch immer keine Gewissheit darüber, ob jemand für ihn aufkommt?" Maria schüttelte den Kopf: "Wir warten noch immer auf eine Nachricht, aber das ist schon einen Monat her..."

    Lucian fragte sich, von wem die beiden sprachen.

    "Dann bringt es nichts mehr weiter zu warten", seufzte Ramdaz mit teilnahmsloser Miene. "Steckt diese beiden Jungen in eine Zelle, die können dann morgen mit dem anderen zu Jack gebracht werden."

    Maria machte eine Geste, die ihrem Anführer nicht entging, und er blickte sie forsch an: "Einwände?"


    "Nein", sagte sie, doch Lucian erkannte eine Spur von Nervosität in ihrer Stimme. Sie wandte sich um und schritt aus dem Raum heraus. Die Jungen und ihre Wächter folgten ihr. Sie schritten quer durch die Höhle, ohne die Ebene zu wechseln, und kamen in einem Höhlenkorridor an, der wie die anderen von Fackeln erleuchtet war. Manchmal unterbrach eine eisenbeschlagene Tür die raue Höhlenwand und die erste, an der die Gruppe ankam, wurde von Maria geöffnet. Ohne, dass sie ein Wort sagten, lösten die Räuber die Fesseln an den Händen der beiden Brüder und stießen sie mit einem kräftigen Stoß hinein. Als Lucian nach Ignáce hineinstolperte, den Halt verlor und auf dem Boden landete, wurde die Tür rasch hinter ihnen geschlossen. Ignáce, dem plötzlich die Lebensgeister wieder eingehaucht wurden, hämmerte mit eiserner Faust gegen die Tür. Die Zelle lag nur im Halbschatten. Das Licht der Fackeln schien nur von oberhalb der Tür herein, sodass Lucian es sich bildlich vorstellen musste, wie sein Bruder mit grimmig verzerrter Miene seinen Weg in die Freiheit zu kämpfen versuchte. Selbst als beide sich mit gemeinsamer Kraft mehrmals gegen die Tür warfen, gab sie nicht nach.

    Lucian war sich nicht sicher, wie viel Zeit seitdem verging, als dann auch Ignáce zähneknirschend aufgab und sich dem Geräusch nach an einer Wand der Zelle niederließ. Lucian hatte sich bereits geschlagen auf den Boden gesetzt. Betten oder andere weiche Unterlagen gab es in der Zelle nicht. Die beiden würden in dieser Nacht in kalter Höhlenluft und auf hartem Stein übernachten. Es kam ihm, als wären seit ihrer Abreise bereits Wochen vergangen. Seine vertraute Heimat war bereits in so eine Ferne gerückt. Wehmütig dachte er an die Zeit zurück, in der sein Vater noch lebte. Und unruhig machte ihn der Gedanke, was passieren würde. Was wenn er und Ignáce tatsächlich nie mehr zurückkehrten? Sie würden nie wieder ein vertrautes freundliches Gesicht sehen. Was war mit ihrem Zuhause? Würde Glacia es übernehmen, während sie hoffte, dass ihre Brüder nie wieder kämen? Lucian fragte sich, wie es überhaupt nun dazu geführt hatte, dass er und Ignáce sich in einer derartig misslichen Lage wieder fanden.

    Doch es dämmerte vor seinem Auge ziemlich schnell: Hätte er nicht darauf bestanden der Stimme zu folgen, dann wären sie noch immer daheim. Es war, als hätte er seinen Bruder in eine Falle mitgezogen, die nur für ihn ausgelegt war. Ignáce hätte er zu gerne da rausgelassen. Es war seine alleinige Schuld, dass sie nun Gefangene von Räubern waren. Und so wie es sich anhörte, wären sie bald Gefangene von jemand anderem. Marias Reaktion bedeutete für ihn ganz sicher, dass dieser Jack eine schlimme Person darstellen musste, dass jemand Gefasstes wie sie bei seinem Namen zusammenzuckte.

    Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Lucian an die harte Wand hinter ihm gewöhnt hatte. Er fiel in einen unruhigen Schlaf, er hörte Peitschen knallen, Sklaventreiber, die alle Jack hießen, rufen, und er hörte es wieder. Dieses Brausen, das seine Alpträume erfüllt hatte und ihn mit Angst erfüllte. Und er sah sich auf einer Ebene, die nach und nach von Dunkelheit erfasst wurde...


    2
    Der Ruf des Lichts


    ~Lucian~


    „Mein aufrichtigstes Beileid euch allen!“ Oberst Justus nahm alle drei Händepaare der Geschwister in die seine und drückte sie andächtig und mit einem aufmunternden Lächeln, obwohl seine Stimme bebte und seine Augen rötlich und feucht wirkten. Sie standen am Rand der Eichentür, die in den Salon führte. Glacia, Ignace und Lucian, die alle drei ihre Sonntagssachen trugen, erwiderten dankend, während sie den schwarz gekleideten Männern Platz machten, den einen edlen hölzernen Sarg aus dem Salon trugen. Lucian hatte ein unangenehmes Gefühl im Bauch bei dem Gedanken, dass der leibliche Körper seines eigenen Vaters sich unmittelbar vor ihm befand, aber er selbst außer aller Reichweite war. Kein Rufen hätte ihn nicht mehr zurückholen können, kein Greifen hätte ihn an Ort und Stelle festhalten könnten. Mit einer Mischung aus Unglauben und unterdrückter Trauer sah er zu, wie der Sarg durch die Haustür hinausgetragen wurde. Hilfesuchend wandte sich sein Blick zu Ignace und Glacia, die aber beide mit genauso versteiftem Gesichtsausdruck ihrem Vater nachsahen. Alle vier sahen durch die Tür, wie der Sarg in eine schwarze Kutsche vorsichtig hineingelegt wurde, die dann daraufhin abfuhr.

    „Was wird nun mit ihm passieren?“, fragte Lucian Oberst Justus mit so einer kindlichen Stimmlage, dass es ihm selber etwas peinlich wurde. Doch Oberst Justus lächelte nur und legte die Hand auf Lucians Schulter: „Euer Vater wird zunächst ordentlich hergerichtet. Dann wird er solange im Bestattungsinstitut aufgehoben, bis ihr ihn für die Beerdigung abholt.“ Er wandte sich an Glacia, da sie die älteste Tochter war: „Ist schon ein Termin für diese vereinbart?“

    „Ich werde mich gleich selber auf den Weg dorthin machen“, sagte Glacia kurz und knapp angebunden. Ihr Blick fiel ganz kurz – so kam es Lucian vor – auf ihre Brüder, ehe sie an den Oberst gewandt fortfuhr: „Ich werde einen Termin in sieben Tagen ausmachen und der Tradition unserer Familie nach wird sie um um zwölf Uhr mittags abgehalten. Die beiden werden die Einladungen raussenden“. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Lucian, wie sein älterer Bruder bereits protestieren wollte, doch dieser ließ davon ab. Stattdessen nickte er noch immer mit grimmigem Gesichtsausdruck, während er sich seinem Bruder zuwandte: „Dann wollen wir besser mit dem Schreiben mal anfangen; wir wissen ja schon, wen Vater unbedingt bei seiner Beerdigung dabei haben wollte. Das hat er vor Wochen schon erzählt“.
    Lucian nickte schweigend. Glacia nahm dies zur Kenntnis und ohne ein weiteres Wort zu sagen oder sonst Notiz von ihren beiden Brüdern zu nehmen verließ sie sie das Haus. Oberst Justus nahm seinen Hut vom Kleiderhaken und zog ihn sich über.
    „Wenn ich sonst etwas für euch beiden tun kann …?“, fragte er die beiden Brüder, doch Ignace schüttelte dankbar den Kopf. Nun war auch der Oberst zu einem schwachen Lächeln bereit, dann verabschiedete er sich höflich, als er von Ignace zur Tür begleitet wurde.
    Als dieser dann diese schloss, trat Schweigen in der Empfangshalle ein. Lucian war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Überhaupt war ihm nicht klar, wie er fortfahren sollte. Das letzte Gespräch mit seinem Vater war nur ein paar Stunden her, aber mittlerweile kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. So weit war sein Vater bereits in die Ferne gerückt, ohne niemals wieder zu kehren. Doch hatte ihm das letzte Gespräch irgend eine Art der Erleichterung gebracht? Wieder hatte er denselben Albtraum, als er wieder eingeschlafen war. Dieses Mal hatte er keine Stimme mehr gehört und kein Licht war ihm erschienen.
    Ohne, dass er es wirklich realisierte, trübte nun ein dunkler Schleier seine Sicht, während sein Blick sich in den Dielen des Fußbodens verlor. Es war, als würde ein schweres Gewicht seinen Blick nach unten ziehen. Seine Augen wurden schwer und langsam hörte er immer mehr das Brausen, dass er jedes Mal im Traum hörte. Lucian atmete schwer, denn eine Kälte hüllte seine Brust und er zitterte am ganzen Leib, da er bereits jene grausame Stimme, die voller Gnadenlosigkeit im Traum zu ihm sprach und dann auch noch Recht behielt: „Verlier, was du liebst!“ Wie ein Echo hallte es in seinen Ohren. Verlier, was du liebst! Verlier, was du liebst! Verlier -

    „Lucian?“. Etwas Warmes, fast Heißes fasste ihn an den Schultern. Mit einem Mal war Lucian raus aus dem Sog der Dunkelheit, die ihn umgab und er blickte überrascht in die bernsteinfarbenen Augen seines Bruders, die sorgenvoll in die seinen blickten.
    „Was ist?“, fragte Lucian und er war froh, dass seine Stimme normal klang. Er mochte es nicht, dass Ignace ihn immer wieder auf seine Albträume ansprach, und er wollte im Moment darauf verzichten. Ignace trat einen Schritt zurück und musterte seinen jüngeren Bruder von unten nach oben. „Du hast gezittert wie Espenlaub, hast du das gemerkt?“

    „Nein…“, versuchte Lucian überrascht zu klingen. Entweder konnte er es nicht schauspielern oder man konnte ihm die Furcht tatsächlich ansehen, denn Ignace hob skeptisch eine Augenbraue. „Sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“
    „Es geht mir gut“, sagte Lucian nun deutlich bestimmter und er war dankbar, dass sein Bruder ihn aus seinen Gedankensog herausgeholt hatte. Doch auf die beharrlich sorgenvolle Miene seines Bruders hin gab er nach: „Es ist wegen Vater, weißt du? Er ist … nun … ich…“ Doch Ignace nahm seinen Bruder in die Arme. Für eine Zeit lang verharrten beide in dieser Haltung, doch Lucian hatte keinen Grund, sich zu beschweren. Es war schön, nahezu beruhigend, sich in derartiger Nähe zu seinem Bruder zu befinden, der ihm zärtlich den Hinterkopf streichelte. Er war wesentlich größer als Lucian selbst, daher konnte dieser nur den Rücken seines älteren Bruders streicheln. Dennoch gab es ihm ein Gefühl der Sicherheit. Beide Brüder verstanden sich in dem Moment, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Zufrieden schloss Lucian die Augen und lächelte trotz allem glücklich.

    Dann, als sich sein Bruder von ihm löste, konnte er ihm zuversichtlich in die Augen schauen. Auch Ignace war nun überzeugt, denn er lächelte, ehe es verblasste. Er drehte sich um und wandte sich zur Tür gegenüber dem Balkon, wo das mittlerweile ehemalige Arbeitszimmer ihres Vaters lag. „Komm schon, wir müssen die Einladungen für die Beerdigung schreiben. Hoffentlich schafft Glacia es, den Termin in sieben Tagen anzusetzen, sonst bekommt sie was von mir zu hören, wenn wir einen falschen Termin angeben haben!“
    Auch wenn sie 200 Einladungen hätten schreiben müssen, hätten die beiden Brüder diese Arbeit ohne größere Beschwerden durchgeführt. Dennoch waren sie froh, dass die Zahl der Gäste, die ihr Vater zu seiner Beerdigung einladen wollte, einigermaßen gering ausfiel. Die engsten Freunde sowie die noch lebenden Verwandten sollten kommen. Relativ schnell, jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit sowie in eigener Handschrift, waren dreißig Einladungen formuliert und in Umschläge gesteckt, als Schlüssel klirrten und Glacia durch die Tür ins Haus trat. Ihr Blick begegnete denen ihrer Brüder und sie bemerkte die fertigen Briefe in deren Händen. „In sieben Tagen, punkt 12 Uhr in der Kapelle“, sagte sie knapp und ging mit zügigen Schritten die Treppe hoch, ohne ihre Brüder einen weiteren Blick zu schenken.
    „Ich vermute, sie will auch raus dem Haus, sofern die Beerdigung vorbei ist…“, schüttelte Ignace grimmig den Kopf. Dann machten sich er und Lucian auf, die Einladungen bei der Poststelle mittels Eilauftrag zu verschicken.


    In darauf folgenden Woche wechselten die Brüder mit ihrer Schwester kein Wort. Sie blieben meist unter sich. An einem Tag verabschiedete sich Ignáce für einige Stunden, da er mit Geschäftsleuten ihres Vaters wichtige Angelegenheiten zu klären hatte. Schließlich war er nun Teilhaber des Import-Geschäfts, das sein Vater vor seinem Ableben geführt hatte. Lucian indes zog es vor, allein in der Stadt herumzuwandern, um seinen Kopf von den jüngsten Erlebnissen frei zu machen. Während sein älterer Bruder im Eifer aufging, versuchte Lucian sich vom beunruhigenden Gedanken abzulenken, dass er mit seinem Vater nicht über seine Albträume gesprochen hatte, die ihn weiterhin jede Nacht plagten. Mittlerweile, so dachte er sich beim Spaziergehen im Park, sollte er sich daran gewöhnt haben. Doch jedes Mal aufs Neue erfüllten ihn die Erlebnisse im Traum mit Entsetzen, sodass er schreiend und verschwitzt aufwachte. Ignáce fragte ihn nicht mehr nach diesen; entweder wollte er respektvoll sein oder aber er befand sich im absoluten Tiefschlaf. Lucian war auch froh, dass er das nicht tat, denn es wäre ermüdend gewesen, immer wieder vom Gleichem zu erzählen.

    Lucian kam zu einer Parkbank aus schwarzem, kunstvoll gebogenen Metall. In Gedanken versunken setzte er sich hin und beobachtete die Enten im Teich gegenüber, wie sie scheinbar sorglos an Brotkrümeln knabberten, die Kinder von einer darüberliegenden Brücke runter warfen. Während er ihnen dabei zusah, fragte er sich, ob Tiere ebenso Albträume bekommen könnten. Und selbst wenn, würden sie sich untereinander austauschen? Lucian fiel es schwer, das zu glauben, da Tiere vermutlich nicht so wie er dauernd Gedanken daran verschwenden würden. Ein Brotkrümel reichte schon und schon würden sie sich diesem widmen. Warum konnte er dann nicht so einfach davon loskommen? War es das Schuldgefühl, das ihn erfüllte, da er einmal seinen eigenen Vater sah, wie er seine Frau bei der Geburt seiner Söhne verloren hatte? Oder die scharfen Worte seiner Schwester, die von diesem Tage an nicht mehr als Abscheu für sie übrig hatte? Lucian dachte auch an die Stimmen, die er hörte. Eine grausame und voller Kälte, während eine andere ihn wiederum mit Mut erfüllte. Und ihm kam diese Stimme seltsam vertraut vor, obwohl er sich sicher war, diese nie zuvor gehört zu haben. Zornig über diese Ungewissheit warf er einen kleinen Kieselstein ins Teichbecken, das darauf hin Wellen schlug. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er vom Boden einen aufgehoben hatte. Die Enten stoben vor Schreck davon.
    Ein Glockenschlag zog im Nebel seiner Überlegungen seine Aufmerksamkeit auf sich und sein Blick wandte sich nach rechts in Richtung des Glockenturms der Kirche. Das große Zifferblatt zeigte fünf Uhr nachmittags an, die Zeit, die das Ende der Beichte bedeutete. Eine Zeit lang saß Lucian regungslos, den Blick auf den Kirchturm gerichtet. Auch wenn es für ihn aberwitzig vorkam, doch er hatte das seltsame Empfinden, in die Kirche zu gehen.


    Pfarrer Simeon war ein Mann mittleren Alters, der bereits grau überzogene Schläfen besaß aber noch recht kräftig wirkte. Als er aus der Sakristei trat, bemerkte er den einzigen Besucher der Kirche und schritt andächtig auf ihn zu. In seiner schwarzen Robe wirkte er relativ einschüchternd, doch Lucian wusste, dass Pfarrer Simeon in der Stadt angesehen war und gemocht wurde. Auf die Frage des Pfarrers, ob er trotz Ende der Beichtzeit diese nachträglich ablegen wollte, entgegnete Lucian, dass er ein anderes Anliegen auf dem Herzen hatte. Pfarrer Simeon lächelte freundlich und wies ihm den Weg.
    Sein Büro war ordentlich aufgeräumt, Bücher mit christlichen Symbolen auf ihren Rücken reihten sich im rechten Bücherregal aneinander und zur Linken war die Tür des Schranks, in der Pfarrer Simeon seine kirchlichen Gewänder lagerte, sicher verschlossen. Dieser bot Lucian etwas zu trinken an, was er auch dankend annahm. Nachdem beide ein Glas Wasser in der Hand hatten, saßen sie sich am Schreibtisch gegenüber.

    „Nun, mein Sohn“, begann Pfarrer Simeon, „wie kann ich dir behilflich sein?“
    Das ist doch schwieriger als ich dachte, schoss es Lucian in den Kopf. Auf der Parkbank erschien es weitaus weniger verrückt, sich einer dritten Person anzuvertrauen. Doch nun von in Flammen liegenden Feldern und Schattengestalten zu sprechen, kam ihm nicht nur unangenehm, sondern auch peinlich vor. Es war schon schwierig, alltägliche Sorgen jemandem anzuvertrauen. Dies schien Pfarrer Simeon an seiner Körperhaltung auszumachen, denn er bot ihm statt des Wassers eine Tasse Tee an. Peinlich über seine Stille berührt räusperte sich Lucian: „Also … ich weiß nicht so richtig, wie ich das erzählen soll, doch ich habe … Nacht für Nacht dieselbe Art von Albtraum…“.
    Er empfand es als richtig, so oberflächlich wie möglich beim Thema zu bleiben. Und erzählte, wie ihn die Albträume immer wieder aus dem Schlaf rissen. Pfarrer Simeon hörte ihm aufmerksam zu, ohne eine Frage zu stellen. Zunehmend fühlte sich Lucian zuversichtlicher und er begann nun in der Wärme des Vertrauens auch von Einzelheiten der Träume zu berichten. Pfarrer Simeon sah nachdenklich drein, als Lucian von den Stimmen berichtete. „Und diese Stimmen hast du nur einmal bisher in deinen Träumen gehört?“, fragte er, als Lucian fertig erzählt hatte. Dieser nickte. „Nun ... ist dir Josef, der Sohn Jakobs, ein Begriff?“

    „Ja“, sagte Lucian. „Er war ein Sklave in Ägypten, bis er zur rechten Hand des Pharaos aufgestiegen ist, oder?“ Pfarrer Simeon nickte: „Und weißt du, wie ihm das gelungen ist?“ Lucian war nie ein Freund biblischer Geschichten; in der Art von Lehre hat er sich nur halbherzig mit diesen auseinander gesetzt. Doch Pfarrer Simeon sah über sein Zögern lächelnd hinweg: „Er hat die Träume von Menschen gedeutet; vielmehr war es der Herr selbst, der Josef sagte, was diese Träume zu bedeuten hatten. Die Träume, die Josef sowohl selber kannte als auch von anderen hörte, hatten den Charakter einer Vision, die in der Zukunft Wirklichkeit werden würden. Auch die Träume des Pharaos deutete er mit Hilfe des Herren insofern, dass er sieben Jahre reiche Ernte für Ägypten erkannte, auf die sieben Jahre voller Missernten folgten. Doch konnte er den Pharao rechtzeitig warnen, sodass dieser für diese sieben Jahre vorsorgen konnte.“

    „Dann waren die Träume also stets Visionen von der Zukunft?“, fragte Lucian. „Nun“, entgegnete Pfarrer Simeon und er schlug im Geiste die Seiten der Bibel zu diesem Thema auf. „Auf verschiedenen Wegen sind sie tatsächlich wahr geworden. Manche wurden erst wahr, eben weil Josef durch die Traumdeutung Gottes auf diese reagieren konnte.“ Lucian verstand, doch eine Unruhe machte sich in ihm breit. „Aber meine Träume müssen nicht unbedingt wahr werden, oder?“

    „Nun, für gewöhnlich sind die meisten Träume nichts anderes als Eindrücke des Vortages, die man verarbeitet, oder aber auch Fantasien, die man auslebt. Ich glaube nicht, dass mein Traum, dass ich sechzig Kilometer Marathon laufen kann, unbedingt Realität werden müsste… und könnte. Doch in deinem Fall … es ist schwierig zu sagen, denn für gewöhnlich erfährt man im Traum keine Stimmen, die tatsächlich zu einem sprechen. Ich muss übrigens sagen“, sagte er auf Lucians bestürzte Miene, “dass es sich in biblischen Träumen um symbolische Botschaften des Herren handelte. Rein bildlich wurden sie nie wahr. Vielleicht stehen die Szenarien, von denen du erzählt hast, auch symbolisch für etwas anderes? Ich kann es dir nicht sagen, vielleicht aber eröffnet sich dir Gott im Gebet und klärt dich über die Hintergründe deiner Träume auf?“

    „Vielleicht …“, murmelte Lucian nachdenklich. Er trank sein Glas mit Wasser aus, bedankte sich bei Pfarrer Simeon für seine Zeit und ging auf der Hauptstraße entlang nach Hause. Anstelle von Ruhe, wie er es sich erhofft hatte, machte sich das genaue Gegenteil in seiner Magengegend breit. Es war für ihn offensichtlich, wofür brennende Felder und eine grauenhafte Verkörperung der Zerstörung symbolisch standen. Doch die Frage, die ihn quälte war: Wann wird es passieren? Und vor allem: Wo?


    Trotz aller Kurzfristigkeit kamen alle Gäste, die eingeladen wurden, zur Beerdigung. Lucian, Ignáce und so auch Glacia hatten – mit gegenseitigem Einverständnis – geradezu in Stillarbeit die Herrichtung der Kapelle bewältigt und alle drei empfingen nun den Rest der Familie und Freunde, die ihrem Vater die letzte Ehre erweisen wollten. Von Personen, die die drei bereits näher kannten, bekamen sie eine herzliche Umarmung, als wollten sie ihnen ihr Mitgefühl bekunden. Auch für sie war Herr Destiné ein wertvoller Mensch gewesen und ebenso waren sie alle bereit, ihre Art der Trauerrede den anderen vorzutragen. Teilweise waren es Geschichten, über die die drei Kinder staunten. Von einem engen Freund ihres Vaters hörten sie die aufregenden und witzigen Eskapaden ihrer eigenen Jugendzeit, andere erzählten von den Momenten, wo er ein Mensch herausragenden Charakters gewesen wäre. Und auch wenn nicht alle etwas zu erzählen hatten, so fühlte Lucian doch, dass sie alle die Erinnerung an seinen Vater in den höchsten Ehren hielten.

    Von der Beerdigung aus, die bei strahlendem Wetter abgehalten wurde, ging es zum Leichenschmaus in ein edleres Restaurant, in dem Glacia einen größeren Tisch für die Gäste reserviert hatte. Sie hatte sich zwar nicht mit ihren Brüdern darüber ausgetauscht, doch es störte die beiden nicht sonderlich; sie alle sind gerne mit ihrem Vater dort essen gewesen, wenn er einen erfolgreichen Geschäftsabschluss zu feiern hatte. Jeder Gast konnte bestellen was er wollte; Vor- und Hauptspeise ebenso die Getränke wurden von Glacia bezahlt. Lucian fragte sich, ob sie ein Teil ihres geerbten Geldes dazu aufgewandt hatte, wollte aber nicht weiter mit Ignáce darüber diskutieren. Viel lieber hörten sie den anderen Trauergästen, wie sie sich weiterhin munter Geschichten austauschten, die sie mit ihrem Vater erlebt hatten. Auch teilweise erheiternde Anekdoten kamen zu Tage und Lucian sah mit Freuden, dass selbst Glacias Mund sich zu einem beherrschten Grinsen verzog. Für einen Moment fühlte sich Lucian wieder wohl im Kreise seiner Familie, umgeben von fröhlichen Menschen trotz des traurigen Anlasses. Es war das, was sich sein Vater für ihn und seine Geschwister erhofft hatte.

    Doch er wusste, dass dies nur ein flüchtiger Augenblick war. Schon bald säßen sie alle in ihren Kutschen in Richtung ihrer eigenen Heimat und er, Ignáce und Glacia wären allein in dem großen Haus, das nun einen Bewohner weniger hatte. Zwei sogar, denn es war, wie Ignáce es prophezeite, unwahrscheinlich, dass Glacia weiterhin unter einem Dach mit ihnen wohnen würde. Mit Traurigkeit nahm Lucian einen vorfreudigen Unterton in der Stimme seines Bruders wahr, doch konnte und wollte er dem nichts hinzufügen. Neben Glacia war Ignáce die zweite Person, von den er sehr gut erwarten konnte, dass sie ihre Meinung nie freiwillig ändern würde. Selbst wenn seine Geschwister auf einer einsamen Insel gestrandet wären, so eher auf diese eigene Staaten gründen als gemeinsam eine Lösung zu suchen.


    Auf dem Heimweg grübelte Lucian darüber, wie er es schaffen könnte, die beiden irgendwie zur Versöhnung zu bringen. Schließlich wollte er den letzten Wunsch seines Vaters diesbezüglich erfüllen. Doch er merkte schon aus den Augenwinkeln, dass beide mit verschränkten Armen und den Blick nach außen auf die Straßen gewandt hatten. Es war sinnlos, in dem Moment einen Versuch zu starten. Wie Lucian auch schnell merken sollte, gab es sehr geringe Zeitfenster, in dem die Mühe eines Versuchs möglich gewesen wäre. Kaum aus der Kutsche ausgestiegen, als sie wieder daheim angekommen waren, gingen Ignáce und Glacia mit zügigen Schritten auf das Haus zu. Als dann Lucian heraus auf die Straße trat, ertönte ein erschreckend lauter Donner. Der Himmel hatte sich in wenigen Stunden seit dem Begräbnis sehr schnell mit dunklen Wolken verfärbt und nun goss es, als hätten sich Schleusen eines Dammes geöffnet. Durchnässt trat Lucian in das Haus, deren Haustür Ignáce ihm rücksichtsvoll aufhielt. Kaum klickte das Schloss, als Glacias monoton kühle Stimme den Eingangsbereich füllte: „Ich werde übrigens noch heute ausziehen, damit ihr Bescheid wisst.“ Ignáce feixte und Lucian bemerkte dies mit gar nicht glücklicher Miene. „Sollen wir dir beim Packen hel-“, wollte er Glacia fragen, doch schon schlug oben die Tür ihres Zimmers zu.

    „Schlag es dir aus dem Kopf, Lucian, von der kannst du nichts erwarten“, schüttelte sein Bruder den Kopf, während er seinen Mantel an den Kleiderhaken hing. „Das einzige, was du von ihr bekommst, ist eine kalte Schulter, ein kühler Blick und eine Eiseskälte in ihrer Stimme. Nichts, was uns von Nutzen sein könnte.“

    „Aber“, versuchte Lucian das Gespräch zu beginnen, „sie ist unsere Schwester und…“
    „Und was?“, fiel ihm Ignáce direkt ins Wort. „Hast du vergessen, dass sie uns all die Jahre genau das gegeben hat? Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, dass du überhaupt daran denkst, das Gespräch mit ihr zu suchen.“
    Er ging hinüber in die Küche, und kam mit zwei mit Wasser gefüllten Gläsern wieder, von denen er eines Lucian reichte, welcher annahm. „Und ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte.“
    „Vater hätte es gewollt, dass wir uns wieder vertragen würden…“
    Wieder“, schnaubte Ignáce verächtlich, dann ruhte sein Blick auf seinen jüngeren Bruder. Er schien etwas im Gesichtsausdruck zu lesen. Lucian war nicht sicher, wie er im Moment dreinschaute. Ignáces Gesicht hellte sich auf: „Du hast mit Vater darüber gesprochen, oder?“

    „Nur am Rande“, sagte Lucian, den Blick leicht gesenkt. Er schien es als Vorwurf von seinem Bruder zu nehmen, doch Ignáce winkte dies ab und schritt mehrmals auf und ab: „Vater gab sein Bestes, damit es uns an nichts mangelte. Dummerweise war er sehr oft und bis sehr spät auf der Arbeit, sodass wir von Kindermädchen großgezogen wurden. Und du weißt, dass auch sie ohne Ergebnis versucht hatten, Glacia umzustimmen?“
    Lucian nickte und Ignáce tat dies auch, da er sich bestätigt fühlte. Er blickte mit strengem Blick durch das Fenster. Die Sicht war durch den starken Regenfall verschwommen, dennoch schien sein Blick etwas zu suchen. Dann nach einiger Zeit klang Ignáce Stimme nun nicht mehr streng. Tatsächlich hörte Lucian das erste Mal, sofern er sich erinnern konnte, eine Spur von Bedauern: „So viele Jahre hatte sie die Gelegenheit dazu … ich meine, spätestens im Erwachsenenalter sollte es klar werden, oder?“

    „Was denn?“, wollte Lucian wissen, doch er wusste es anhand des traurigen Blickes seines Bruders, was er meinte. Dieser wurde nachdenklich und blickte wieder aus dem Fenster. Ohne den Blick davon abzuwenden wandte er sich an Lucian: „Was wäre, wenn es andersrum gewesen wäre? Würden wir beide genauso über sie denken wie sie es über uns tut?“
    Lucian sagte nichts. Er selber hatte sich die Frage schonmal gestellt, doch konnte er genauso wie in dem Moment keine Antwort darauf finden. Tatsächlich behagte der Gedanke ihm nicht, eine derartig abgrundtiefe Abneigung gegenüber jemandem zu empfinden. Er hatte diese Frage immer wieder in den Hintergrund gestellt, doch nun schien sie wieder Besitz von seiner Seele zu nehmen, wie ein langsam wirkendes Gift. Sein Blick verlor sich im Boden, während er darüber nachdachte. Und vermutlich lag es an dem erschreckend finsteren Gedanken, dass sich sein Blick trübte und schließlich immer mehr verfinsterte. Ein Brausen ertönte…

    „Hey!“. Lucian schreckte auf und sah in die Augen seines Bruders. Sie hatten sich auf ihn fixiert und musterten aufmerksam jeden Aspekt seines Gesichtes. Dann lockerte sich Ignáces Haltung und er wandte sich komplett seinem jüngeren Bruder zu: „Ich mache mir mittlerweile große Sorgen um dich, kleiner Bruder“.
    Lucian konnte es nicht leiden, wenn sein Bruder so mit ihm sprach. Alles, was er wollte, war nicht in dem Moment über seine wiederkehrenden Albträume zu sprechen. Er wollte sich schon zur Treppe begeben, doch offenbar war es Ignáce dieses Mal leid, das Thema wieder fallen zu lassen. Er versperrte seinem Bruder den Weg nach oben und sein breiterer Körperbau ließ nicht zu, dass Lucian ein Schlupfloch finden konnte.
    „Lass mich durch, bitte“, sagte er nur, in der Hoffnung sein Bruder würde zur Seite treten. Doch dieser legte behutsam seine Hand auf seine Schulter: „Ich würde gerne langsam wissen, was dir diese Albträume bereitet“.
    „Ich habe kaum noch welche“, entgegnete Lucian gereizt und wollte ihn zur Seite schieben, doch Ignace versteifte sich ausgesprochen gut auf seiner Position. Bestimmt sah er seinem Bruder in die Augen: „Ich höre dich jede Nacht im Schlaf wimmern, und du fängst nun an am Tag abzudriften., wie gerade eben. Ich will allmählich wissen, was mit dir los ist, Lucian!“.
    „Es sind nur Albträume, da gibt es nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest“.
    „Das sehe ich aber anders!“ Mittlerweile waren die beiden sich fast am Rangeln, da Lucian unbedingt nach oben wollte, aber Ignáce es nicht zuließ.
    „Lass mich los!“, schrie dann Lucian, als Ignáces Griff immer einem Schraubstock glich. Wie vom Blitz getroffen ging dieser ein paar Schritte zurück und sah seinem Bruder mit geweiteten Augen ins Gesicht: „Du hast mich vorher noch nie angeschrien …“

    Bestürzt eilte Lucian die Treppe nach oben, während Ignáce ihm verdattert nachblickte. Während der Schrecken über sich selbst weiter in seinen Gliedern saß, lehnte er sich an die Wand im Flur, um sich zu beruhigen. Als sich dann sein Puls beruhigt hatte, wollte er auf sein Zimmer gehen, um einen kühlen Kopf zu bekommen, doch bevor er in dieses eintreten wollte, blieb er im Flur schlagartig stehen und blickte nach links. Er hätte schwören können gesehen zu haben, wie sich eine Türklinke im letzten Moment in ihre Ausgangsposition zurück versetzt hatte. Mit Unbehagen dachte er zunächst, dass eine fremde Person sich im Schlafzimmers seines Vaters befand, doch beim genauen Hinsehen bemerkte erleichtert, dass es sich nur um die Tür zu Glacias Zimmer handelte. Wieder dachte er, an dieser zu klopfen in der Hoffnung, sie wäre zu einem Gespräch bereit. Doch dieses Mal war es Ignace, der sein Denken einnahm und Lucian stimmte ihm im Stillen zu, dass es zurzeit keinen Sinn machte. Auch wenn er von der Idee selber nicht begeistert war, vielleicht würde es sich doch als effektiv erweisen, wenn die Geschwister einmal getrennt voneinander leben würden. Er hoffte, dass Glacia dann zur Einsicht kommen und dann den Frieden mit ihren Brüdern suchen würde. Denn nach dem Tod ihres Vaters und ihrer Mutter waren ihre Brüder das Einzige, was ihr an nächster Familie noch übrigblieb. Und er erinnerte sich, was sein Vater über sie sagte: Glaubst du, dass jemand, der so voller Liebe ist, wahrhaft dazu in der Lage wäre, jemanden aus tiefstem Herzen zu hassen?

    Lucian lächelte, während er die Tür öffnete und in sein Zimmer eintrat. Er fühlte sich wegen seiner Schwester weniger unruhig als vorher. Wenn nicht jetzt, so dachte er sich, dann zu einem anderen Zeitpunkt. In dem Moment fühlte er, wie ihn der Tag einholte. Die Beerdigung, die Runde am Tisch, der Streit mit seinem Bruder – er merkte nun, wie alles davon an seiner Kraft gezehrt hatte und er schaffte es nicht mehr, das Hemd auszuziehen. Er fiel der Länge auf die weiche Matratze seines Bettes, und war trotz gemischter Gefühle sehr froh, von ihr in Empfang genommen zu werden.

    Sie wirkte so weich, dass er sich wie im Treibsand fühlte. Leicht sank er immer tiefer in den weichen Stoff, doch es war ihm egal. Er bekam fast nichts mit, da seine Augenlider schwer wie Eisen waren und fast sofort zu fielen. Und er sank nun immer tiefer, eine angenehm weiche Wolke umfasste ihn. So weiß wie Schnee und sie wirkte genauso einladend wie sein Bett. Er räkelte sich in dieser und egal wie er sich positionierte, er fühlte sich wie schwerelos, was er sehr willkommen hieß. Auf einmal schien alles andere von seiner Seele abgehangen zu sein und er fühlte, wie seine Brust viel freier als vorher atmen konnte. Er nahm einen tiefen Zug von der Luft, die ihn umgab. Sowohl mit der Nase als auch mit dem Mund tat er dies. Die Luft in der Wolke schmeckte süßlich, fast wie gesüßtes Wasser und auch konnte er diese wie Watte anfassen. Lucian wusste natürlich, dass dies ein Traum war, und doch fand er Freude daran, aus der Wolke kleine Tiere zu formen. Endlich träumte er nicht von verbrannten Feldern und finsteren Wesen. Er legte sich auf den Rücken – er glaubte zumindest, dass er es tat – und nahm mit geschlossenen Augen einen weiteren Zug der Wolkenluft. Dieses Mal aber roch sie etwas nach Kamin und auch auf seiner Zunge schmeckte sie wie angebranntes Karamell. Jäh schlug Lucian die Augen auf, in ängstlicher Vorahnung. Und tatsächlich glich das Schneeweiß einer immer dunkler werdenden Farbe von Ruß und sein Blick wandte sich nach unten. Er hätte sich selbst dafür verfluchen können, daran gedacht und es sozusagen damit herauf beschworen zu haben. Er kannte zwar diesen Anblick, doch jedes Mal wurde ihm schlecht davon; zumal er diese Verheerung dieses Mal von oben betrachtete. Sollte es wirklich die Hölle auf Erden geben, so sah er sich vor sich ausgebreitet.

    Kein Flecken Land stand nicht in Flammen oder war nicht bereits zerstört. Unzählige Türme schwarzer Rauchschwaden verdunkelten den Himmel und raubten dem Erdboden jeglichen Anblick des Lichts. Und die Luft stank entsetzlich, sodass Lucian größte Anstrengung hatte, so wenig Luft wie möglich zu holen. Der Geruch von Verwesung und Tod erfüllte sie und er konnte kein Lebewesen außer sich in diesem Inferno ausmachen. Sein Blick schweifte ratlos über jenes zerstörte Land, welches er immer wieder in seinen Träumen sah. „Was ist nur passiert?“, flüsterte er vor lauter Angst. Jäh ertönte das gewaltige Krachen eines Donners in seiner unmittelbaren Nähe und mit einem Mal hatte ihn die Schwerkraft am Körper gepackt, Lucian schrie vor Schreck. Die Wolke schien ihn nicht mehr halten zu wollen und er fiel rücklings in die Hölle hinein, geradewegs auf ein Flammenbecken. In Sekundenschnelle fühlte er, wie die Hitze und das Feuer sich nach ihm streckten. Er hörte es Brausen und er hörte ein boshaftes Gackern, als wären sie von kleinen Dämonen bewohnt, die sich über ihr neues Opfer der Peinigung freuten.

    Durch die Flammen hindurch fiel Lucian auf den harten Steinboden. Er spürte die Schmerzen, als würde er sie leibhaftig spüren, und ihm blieb die Luft weg aufgrund des Sturzes. Doch darüber konnte er sich auch nicht beschweren. Er musste hier weg, und zwar sofort. Doch kaum hatte er sich aufgerichtet, überfielen ihn die Schmerzen, als stünde sein Körper kurz davor, in jedem seiner Knochen gebrochen zu sein. Da ihm die Hitze ins Gesicht schlug, kniff er die Augen zu und versuchte zu erspähen, wie er herauskommen konnte. Panik stieg in ihm auf, da er einige Zeit lang keinen Weg daraus fand. Zu allem Überfluss schienen die Flammen es nun vollständig auf ihn abgesehen zu haben, denn sie sammelten sich in Scharen um ihn. Langsam musste er sich was einfallen lassen, damit er nicht bei lebendigen Leibe verbrannt wird. Die Hitze wurde unerträglich, seine Haut fing langsam an Blasen zu werfen, er schrie jetzt vor Schmerz auf, unfähig sich diesem zu entziehen. Und obwohl er schreiend so schnell rannte wie er konnte, er fand keinen Ausweg, während die Flammenwand ihm immer näher kam. Schon bald würde er von den Flammen komplett verschlungen sein.

    Dann kam ein Windhauch. Ein sehr kühler, fast so kalt wie Eis. Doch er war stark genug, die Flammen, die Lucian umgaben, fortzuwehen. Mit einem Mal spürte er auch keine Schmerzen mehr. Unter starkem Zittern und Keuchen betrachtete er seinen Körper, der wie geheilt war. Keine Brandblasen schmückten ihn und die Flammen waren mit einem Mal wie ausgepustet. Der Wind, der dies bewerkstelligt zu haben schien, wehte andachtsvoll um ihn, streichelte sanft sein Haar und umspielte sanft seine Stirn. Die Erlösung ließ ihn einbrechen und ihn auf die Knie senken. Wie dankbar er jetzt für diesen Windhauch war, dass ihm Gnade gewährt wurde.

    Doch der Windhauch verließ ihn bald wieder und mit einem Schlag stand er inmitten einer Leere. Keine Spur von einem Erdboden, durch den er gefallen war. Nur Dunkelheit umgab ihn. Offenbar blieb ihm nichts anderes übrig als entweder an Ort und Stelle zur verharren oder einen Ausgang zu suchen, auch wenn ihm dieser Gedanke abwegig vorkam. Dennoch schritt er in eine beliebige Richtung, und das einzige was er hörte, war das Hallen seiner Schritte. Das Echo seiner Schritte verfolgte ihn in einem gleichmäßigen Takt, er selber blickte umher, auf der Suche nach etwas, das ihn aus dieser Leere hinausführen würde. Er wusste nicht, wie lange er ging oder wie spät es bei ihm zu Hause war. Das Echo seiner Schritte war sein einziger zeitlicher Orientierungspunkt.

    Es kam ihm wie Stunden mittlerweile vor, in dieser Leere unterwegs zu sein. Lucian spürte eine Unruhe in sich aufsteigen: Was wäre, wenn er nicht mehr erwacht? Wird er für immer im Schlaf in dieser Leere umherwandern? Während seine Gedanken sich in wachsende Panik verloren, wurde das Echo seiner Schritte frühzeitiger wiederholt als er überhaupt ging. Er blieb jäh stehen und horchte in die Dunkelheit. Eine Zeit lang blieb es still, dann aber hörte er tatsächlich das Trittgeräusch von einer weiteren Person, falls es eine war. Mit größter Anspannung richtete Lucian seinen Blick in die Richtung, aus der die Schritte kamen. Und da löste sich eine schemenhafte Gestalt aus der Dunkelheit heraus, die stillschweigend auf ihn zukam. Auch wenn Lucian nach Weglaufen zu Mute war, so wollte er sich die Gestalt genauer ansehen, als sie näher kam.

    Es war nicht viel zu erkennen, lediglich eine schwarze Robe, deren Kapuze tief über das Gesicht der Person gezogen wurde. Sie schien ihren Kopf gesenkt zu halten, denn nicht mal einen Mund konnte Lucian aus der Entfernung erkennen. Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit und auch eines der Gefahr mischten sich in seiner Magengegend. Er schien die große und dünne Gestalt wieder zu erkennen, doch hatte er selber noch nie zuvor eine solche Person gesehen. Eine Kälte erfüllte die Luft, wie er sie noch nie derartig gespürt hatte. Sie ging von der schwarzen Gestalt aus, die nur noch wenige Schritte entfernt war. Jede Sekunde bedeutete immer näher kommende Gefahr, doch Lucian blieb weiterhin wie angewurzelt stehen, unentschieden darüber, was er tun sollte. Er hörte auch schon die Andeutung des Brausens und er war sich nun sicher, dass die Quelle seiner Alpträume direkt auf ihn zukam. Sofort kam ihm das Zittern, doch ein Blick nach hinten verriet ihm, dass es keinen Ausweg aus dieser endlosen Leere gab. Als das Brausen immer lauter wurde, wandte er sich und sah die Gestalt nicht weniger als drei Schritte von ihm entfernt vor sich, die auch nun langsam den Kopf hob. Und das Glühen der roten Augen tauchte unterhalb der Kapuze auf. Beim Anblick derer wäre wie schon bei den ersten Malen Lucians Körper vor Furcht erstarrt. Doch er konnte nicht fort und auch gar nicht mehr aufwachen.

    Kein Ausweg, schoss es ihm durch den Kopf. Und mit angstvoller Gewissheit konnte er erahnen, dass es vor seinem Gegenüber kein Entkommen gab.
    „Also gut!“, rief er im Versuch, tapfer zu wirken. Und tatsächlich fühlte er jetzt zum ersten Mal eine Entschlossenheit in sich entstehen, die seinen gesamten Körper belebte und auch seine Stimme lauter werden ließ. Auch wenn es irrwitzig war, unbewaffnet der Gestalt entgegenzutreten, so wollte er dies mit dem Funken an Mut tun, die das Feuer in seiner Stimme wieder belebte: „Ich werde nicht mehr vor dir weglaufen! Und Angst werde ich auch keine mehr haben! Nimm das!“

    Mit einem Stoßgebet zum schwarzen Himmel der Leere ballte er seine Hand zur Faust, holte mit einem lauten Kampfschrei aus und zielte inmitten auf das Augenpaar, dass nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war. Die Entschlossenheit, die in ihm aufgeflammt war, schien sich in seiner Faust zu bündeln und es war, als würde Eisen auf Glas treffen. Er traf punktgenau und jäh zersprang nicht nur die Gestalt, sondern auch die gesamte Leere mit einem Mal in Tausende von kleinen Scherben, die ins Nichts verschwanden.


    Nun schwebte er in einer Sphäre aus weißem Licht, das ihn nicht einmal blendete. Verwirrt betrachtete Lucian seine Faust, die dies bewerkstelligt zu haben schien. Das Gefühl der Entschlossenheit füllte sie noch immer, obwohl sich sein Puls schlagartig merklich beruhigt hatte. Dann erkannte er das Leuchten seines Handrückens, den er verwundert und fasziniert ansah. Seine Hand hatte keinerlei Schaden vom Angriff davon getragen und ein seltsames Symbol zierte nun die gesamte Fläche des Handrückens. Lucian war sich sicher, dass er dieses noch nie gesehen hatte, dennoch kam es ihm in unheimlicher Weise mehr als nur vertraut vor. Es war, als wäre dieses Symbol immer dagewesen und hätte sich gerade erst zum ersten Mal wieder gezeigt. „Was ist hier nur los?“, sagte er vor lauter Unglauben über das, was ihm in nur gefühlt wenigen Stunden passiert war, vor sich hin.

    „Lucian…“, schien auch tatsächlich jemand antworten zu wollen. Es war die Frauenstimme, die er schon einmal hörte und die ihm erneut seltsam vertraut vorkam.
    „Wer bist du?“, wollte er endlich wissen, doch er war nicht sicher, wohin er hinsehen sollte, da die Stimme von überall zu kommen schien.

    „Du hast der Finsternis getrotzt und so dein Schicksal angenommen. Deine Fragen werden schon sehr bald alle beantwortet werden“
    „Ich verstehe nicht!“, protestierte Lucian ungeduldig, dem es nun langsam leid war, stets im Unklaren gelassen zu werden. „Was soll ich tun, damit das alles ein Ende findet?“

    Die Stimme antwortete ihm nicht, doch jäh tauchten vor seinem geistigen Auge Bilder von Orten und Landschaften auf, die er nicht erkannte. Und es war, als würden sie etwas in seinem Kopf eingeben. Es war eine Art Wegbeschreibung, die er sich sofort merken konnte. Dann sprach die Stimme wieder: „Dein Weg liegt dir vor Augen. Folge ihm und ich werde dir dein Schicksal offenbaren!“


    „Ich verstehe aber nicht –“, wollte Lucian dazwischen rufen, doch ein Erdbeben unterbrach ihn. Die gesamte Sphäre schien zu beben und mit einem Mal zersprang auch sie in mehrere Scherben. Dieses Mal traten an deren Stelle Details, die ihm endlich wieder vertraut vorkamen. Er hatte die Decke seines Zimmers vor Augen und fühlte unter sich die Matratze seines Bettes. Ein Griff mit seinen Fingern genügte und er merkte, dass er dieses Mal nicht seine gesamte Bettdecke nass geschwitzt hatte. Er blickte aus dem Fenster. Am leicht feurigen Streifen des Himmel hinter den Häusern erkannte er, dass die Abenddämmerung angebrochen war. Da sein Zimmer nun spärlich erleuchtet war, betrachtete er seinen rechten Handrücken, wo er das Leuchten von vorhin vermutete. Doch sein Handrücken war blank. Von einem Symbol war nichts zu sehen.





    An sich fand ich es in Y für eine gute Wahl; besonders mit der Attacken-Kombination "Dampfwalze" (Boden; lässt Gegner langsamer werden), Protzer und Holzgeweih: Da hast du dich gegen Pokémon, wo man einen neutralen bis positiven Typvorteil hat und die auf physische Angriffe fokussierten, gut gewappnet. Und ich habe den besten Namen für ein männliches Mähikel/Chevruum gefunden: Ziegbert

    Ich schreibe immer auf Word vor und daher hätte ich beim Übertragen aufs BB eine andere Schriftart; auf einen Kommentar zu Thrawn im letzten Vote hin will ich nachfragen, ob andere Schriftarten zu den erlaubten Codes hin gehören (Schriftarten werden nicht im Regelwerk aufgelistet) oder ob es für alle Abgaben eine einheitliche geben soll.


    Bevor wieder Verwirrung auf meiner Seite deswegen entsteht, frage ich sicherheitshalber nach :)

    Huhu ~ Lugia


    Ich fühle mich geehrt, gleich den Anfang machen zu können. Ich habe mir gestern Abend die ersten fünf Abgaben angesehen und heute die verbliebenen zwei und gebe gerne meine Kommentare zu allen Abgaben ab. Ich hoffe, man kann mir verzeihen, wenn ich ganz nach dem ersten Eindruck gehe und nicht auf die Details eingehen kann. Ich hoffe, ihr könnt euch trotzdem auf Lob freuen und meine Kritik nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Ich werde auch nicht ganz nach der Nummerierung gehen wie im Vote-Topic über mir, sondern nach der Reihenfolge wie ich die Texte gelesen habe:



    Nach meiner Rezension oben komme ich nun zu meiner Bewertung und ich hoffe, manche können es mir verzeihen:

    Danke für eure Abgaben und viel Glück weiter beim Wettbewerb!

    Lugia~Silvers~Lugia

    Es dürfte keinen verwundern: The Elder Scrolls (allgemein)


    Nachdem ich meinen Laptop wieder zum Laufen gebracht habe, kann ich endlich ohne Ruckeln und mit fließenden Bewegungen (zwar aber auf niedriger Qualität, was mir aber egal ist) Skyrim zocken und seit gestern auch Oblivion. Wie sehr ich es vermisst habe, weite Landschaften zu begehen, als ich für meine Prüfung am Dienstag gelernt habe. Zwar habe ich vorher schon Breath of The Wild gespielt, aber bei Skyrim steckt dann in der Wildnis deutlich mehr Leben in den einzelnen Charakteren, die du vor Ort triffst. Auch trete ich jedes Mal an in der Hoffnung, alles Mögliche hoch zu leveln. Tatsächlich bin ich dank Meister-Perk im Schmieden gut dabei, nach der Schweren Rüstung nun auch die Leichte Rüstung (momentan auf Level 60) zu leveln. Auch die Wiederherstellung läuft super dieses Mal (60). Das nächste große Projekt wird Alchemie leveln.


    Aber jedes Mal hoffe ich mir, dass ich einen Charakter level kann, dass er mit seiner Alchemie-Kunst Tränke erstellt, die Verzauberungen wirksamer machen, damit Verzauberungen erstellt, die Alchemie-Tränke wirksamer machen, die daraufhin Verzauberungen wirksamer machen ... Und dann am Ende sowohl eine Rüstung schmieden, die 10.000 Rüstung hat und dann so verzaubern, dass man gegen Feuer oder Eis-speiende Drachen und magische Gegner gefeit ist (Feuerkaiser-Rüstung, Nord-Champion-Rüstung (Anti Eis auf Stalrhim). Ich will erst ab Stufe 80 nach Sovngarde reisen und um auf Legendär Alduin zu besiegen :D


    Skyrim macht nachwievor Spaß obwohl ich es schon etliche Male neu angefangen habe; Bethesda hat es richtig gut gemacht ein Spiel zu erstellen, das dazu einlädt, etliche Varianten durchzuprobieren. Oblivion ist etwas schwieriger zu verstehen, aber Cyrodiil und die Musik sind wahnsinnig schön gestaltet!



    Ich denke schon, dass es neue Spiele geben wird, da es auch immer neue Pokémon-Generationen geben wird. In den ganzen Spielen, von Rettungsteam zu Erkundungsteam zu Portale und nun zu Super Mystery Dungeon wurde zum Teil auch die Lore um Legendäre Pokémon wie Dialga und Palkia erzählt, welche auch Teile der Haupthandlung ausmachten (Lähmung des Planeten, Primal Dialga etc. - Erkundungsteam-Serie).


    Ich kann mir vorstellen, dass spätesten mit der 8. Generation genug Stoff und Anreiz durch die neuen Legendären vorhanden ist, dass man eine neue Geschichte schreiben kann, die es dann zu spielen gilt. Was das Gameplay betrifft; so groß haben sich Rettungsteam und Erkundungsteam nicht voneinander unterschieden. Die Mechanik wird sich daher nicht verändern.


    Es lässt sich abwarten, solange die Möglichkeit von Seiten der Produzenten nicht ausgeschlagen wurde :)

    Was ist mit der Idee, den Wortlaut eines Briefes in den Text einfließen zu lassen?

    Spontan würde sich mir ergeben, dass das an sich zwei gleiche Textarten sind, nur dass eine anders geschrieben und formatiert ist.