Beiträge von Silvers


    19

    Ewiger Winter


    Part I: Lucy


    Als Erkunderin der Glacial Hearth-Gilde war Lucy eigentlich daran gewohnt, dauerhaft im Schnee und in der Kälte unterwegs zu sein. Doch die Firntundra war zum einen ein Ort, der wie die Schädelwüste anders war. In dieser Tundrawaren die Winde, wenn sie aufkamen, schärfer und stärker und so wie es mit Sandstürmen in der Schädelwüste der Fall war, so wirbelten große Massen an festem Schnee und Eiskristallen auf, die nicht weniger als der raue Sand die Körper überfielen. Auch dann war es, als würden hunderte von kleinen Bissen diesen Körper angreifen, bis es dann dankenswerter Weise wieder vorbei war.


    Einmal mehr war Lucy doch froh, dass sie das Grab im Sand, wie die Erkunder der Red Scorpion-Gilde es nannten, verlassen und nun ein Gebiet betreten hatten, mit dessen Natur Lucy einen Heimvorteil hatte. Im Vergleich zu diesen harschen Winden, die ihr peitschend und bitterkalt ins Gesicht flogen, stellten die südlichen Polar-Inseln ein tropisches Paradies dar. Das Gebiet um die Blizzard-Inseln, in deren Nähe Glacial Hearth seit fast zwei Jahren ihren Standort hatte, war gesegnet von Schnee, der im Vergleich zu dem der Firntundra so weich wie Sand am Strand war. Und in diesem schien die Sonne, während sie über der Firntundra sich eher hinter hellen bis grauen Wolken versteckte.

    Die Sicht war auch alles andere als klar. In der Ferne setzte der Wind sein Schneegestöber fort und Lucy konnte nicht weiter als ein paar Meter nach vorne sehen. Doch der Aufenthalt in der Schädelwüste und das Passieren des Schlangenpasses hätte sie eigentlich darauf vorbereiten müssen. Entweder verlor man nach einem Sandsturm die Orientierung oder unerwartete Angriffe aus dem Nebel machen aus dem Aufenthalt auf dem Pass einen eher kurzen. Nun war der Weg verborgen unter einem dauerhaften Winter-Unwetter.


    Doch Lucy redete sich ein, dass dies nur eine weitere Prüfung auf dem Weg zum Lawinenberg war. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass der Wächter des Berges für diese Hindernisse verantwortlich war. Wie genau wusste sie in dem Moment nicht, vor allem was die sonderbare Beschaffenheit der Schädelwüste betraf. Sie glaubte zuerst, dass auf jeden Fall dieses Schneetreiben dessen Werk sein musste. Als Wächter sah er den Lawinenberg bestimmt als sein Refugium und Heiligtum an, zu dem nicht jeder Zutritt erhalten dürfte. All diese Hindernisse wären nur eine Prüfung, um sich letztlich als würdig zu erweisen, den Berg zu erklimmen und dem Wächter gegenüberzustehen. Doch Lucy dachte an jene Garados, die in Schockstarre aus dem Wasser am Schlangenpass herausragten. Es passte nicht zu der Legende, die sie über die Wächter gehört hatte. Die Wächter sollten, gemäß der Legende, das Gleichgewicht der Natur bewahren. Doch wieso würde es sich ein Wächter zur Aufgabe machen wollen, eine Schar wütender Garados einzufrieren?


    Lucy schüttelte den Kopf und schob sich behutsam und mit vorsichtigen Schritten durch die Schneefelder, die sich sowohl vor ihr als auch hinter ins scheinbar Unendliche erstreckten. Das kleine Stück Wald hatten sie vor einigen Stunden ungefähr verlassen. Ein Schauer, der nicht zu der Kälte um sie herum zu gehören schien, fuhr ihr über den Rücken.
    Ihre Schritte hatten in diesem Wald seltsamerweise aus allen Winkeln der dicht beieinanderstehenden Bäume widergehallt. Und sie war das Gefühl nicht losgeworden, dass irgendwer oder irgendwas sie dauerhaft beobachtet hatte. Sie hatte mehrmals ihre Gegend abgehorcht, doch die Anwesenheit eines anderen Pokémons war nicht auszumachen gewesen.

    In ihren Gedanken verloren schob Lucy ihr rechtes Bein etwas weiter als bisher nach vorne, um sich durch etwas dichterem Schnee zu bewegen. In dem Moment aber durchzog ein sprichwörtlich beißender Schmerz ihre rechte Hüfte, sodass sie jäh stehen blieb und schmerzerfüllt das Gesicht verzog.

    „Lucy, alles in Ordnung? Tut es noch weh?“, rief Jimmy hinter ihr.


    Lucy wandte sich ihm zu und senkte ihren Blick nach unten, da Jimmy nur halb so groß war wie sie. Sie begegnete dem großen Augen des Panflams, welches sorgenvoll sie anblickte.

    „Es wird schon wieder“, versuchte Lucy tapfer zu klingen, doch der beißende Schmerz ließ nicht nach und abermals verzog sie das Gesicht.. Sie blickte hinunter zu ihrer Hüfte, die von einem blauen Fell überzogen war. Doch dieses Blau war unterbrochen von dunkelroten Punkten, aus denen immer noch Rinnsale an Blut sickerten.

    Nur knapp hatten sie gemeinsam diese seltsamen Tiere aus Eis zerstören können. Sie hatten ihr und Jimmy im Wald etwas weiter hinten aufgelauert und beide angegriffen. Und während sie sich wie Marionetten bewegt hatten, war eine seltsame Aura von ihnen ausgegangen. So blau leuchtend ihre Augen geglänzt hatten wusste Lucy, dass etwas Lebendiges, also ein Pokémon, diese Wölfe zum Bewegen gebracht hatte. Obwohl ihre Hüfte in Abständen mal leicht, dann aber wieder brennend schmerzte, horchte Lucy in sich hinein und dachte zurück. Die seltsame Präsenz, die sie in den Augen gespürt hatte, war ähnlich der, die von den eingefrorenen Garados ausgegangen war.


    Sie ließ ihren Geist in die Umgebung um sich fahren. Sie fühlte unter dem tiefen Schnee die Ebene, als wäre sie aufgetaut. Sie erspürte deren Unebenheit, ihre Tiefen und Erhebungen. Und dann ließ sie ihren Geist sich in die Luft strecken und diese aufnehmen. Von der Kälte spürte sie gerade nicht viel, tatsächlich war sie in dem Moment mit ihr einst geworden. Sie war der Wind geworden, der ihren und Jimmys Körper umfasste und dann weiterzog. Dann war sie eine andere Windböe, die erst auf sie beide zukam. Und kurz darauf war sie wieder eine andere. Dies führte Lucy fort, bis sie dann eine Böe nahe dem riesigen Berg war, der sich in der Ferne vor ihnen in die Höhe erstreckte. Und von dieser Nähe wurde Lucy geschickt, denn sie hatte einen Auftrag von dem Berg erhalten: Halte jeden auf, der sich mir nähern will!


    Doch es war nicht die Stimme des Berges, der ihr diesen Befehl erteilte. Lucy selbst war ein erzeugter, unnatürlicher Wind. Sie folgte einer Stimme, die vom verlassenen Gipfel des Berges kam. In ihr lag eine Gewissheit, als wäre sie sich dessen sicher, dass auf ihren Befehl nicht nur Folge, sondern auch Erfolg geleistet wurde. Lucy achtete auf die Farbe der Stimme, die nur sehr schwach zu erkennen war. Sie erkannte eine ähnliche Signatur wie bei den Wölfen und bei den gefrorenen Garados. Das verwirrte Lucy, denn sie gewann den Eindruck, dass es diese Stimme war, die die Wölfe kontrolliert hatte, doch schienen beide sowie das Eis um die Garados das Werk einer gänzlich anderen Person zu sein.


    Doch bevor Lucy weiter erhören konnte, was es mit ihnen auf sich hatte, flammte ihre Hüfte abermals auf. Sie verlor mit einem Male die Verbindung zur Firntundra, keuchte auf und fiel auf die Knie. Jimmy trat mit einem Mal an sie heran und blickte sie besorgt, fast schuldbewusst an.


    „Es ist meine Schuld …“, sagte er und war den Tränen nahe. Lucy blickte von ihrer Wunde auf und sah ihn verdutzt an. Bestürzt sah sie, dass Jimmy Tränen ins Gesicht standen.

    „Du hast mich vor deren Angriffen beschützen müssen, während sie zu viert auf mich fielen", sagte er mit brüchiger Stimme. "Ich konnte auch nur vier andere von uns vertreiben, während du die ganze restliche Meute am Hals hattest. Wäre ich doch nur größer …“

    „Machst du dir deswegen etwa Vorwürfe?“, fragte Lucy streng und richtete sich wieder auf, obwohl ihr Bein dabei zitterte.

    „Wäre ich nicht gewesen, hättest du dich nicht verletzt …“, sagte Jimmy mit glitzernden Augen. Lucy schüttelte bedeutsam den Kopf.

    „Wenn du nicht gewesen wärst, hätten sie mich mit ihrer Überzahl überrumpelt. Du hast mir in gewisser Weise das Leben gerettet!“

    „Aber deine Hüfte!“, wollte Jimmy einwerfen, doch Lucy hielt ihm mahnend eine schwarze Pfote hin: „Ich habe es fast gewusst, dass diese Reise nicht spurlos an mir vorbeigehen wird. Und du bist auch in dem Wissen mitgekommen, dass es nicht leicht wird!“


    Sie fand, dass sie etwas zu streng und tadelnd klang und verzog den Mund. Jimmy meinte es mit seiner Sorge um ihr auch nur gut und sie mochte ihn auch dafür. Sie besah sich die kleine Gestalt vor ihr genauer. Wie sie hatte Jimmy ein paar Kratzer von dem Kampf gegen diese Wölfe davongetragen und wie bei ihr war sein Kopf-Fell deutlich zerzaust. Dass er sich aber mehr um ihre Verletzung Sorgen machte rührte sie sehr. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Fähigkeiten durchaus bewusst war, hatte sie ihre Antwort ernst gemeint. Die Wölfe waren aus etlichen Winkeln des Waldes gekommen. Sowohl von unten aus dem Schnee kommend als auch von oben von den schneebedeckten Ästen waren diese über sie beide hergefallen. Sie hatten sich in ihrer Angriffslust so sehr mit den feindlichen Winden, die vom Lawinenberg zu kommen schienen, getarnt, dass Lucy ihre Anwesenheit erst dann erahnt hätte, wenn es schon zu spät gewesen wäre. Jimmy war im Wald aufmerksamer als sie gewesen und als hätte er schon Erfahrung gehabt, war sein Blick immer wieder nach oben geglitten, bis er dann die wartenden Angreifer auf den Ästen erblickt hatte.


    Lucy fragte sich in dem Moment, ob sie sich mehr um ihn Sorgen machte als er um sie. Denn sie wusste, warum sie überhaupt bis hierhin gekommen war. Jimmy hingegen hatte keine Erinnerung an das Vorherige. Sie hatte ihn ohnmächtig auf dem heißen Boden der Schädelwüste gefunden und ihr war sofort klar, dass einer der Sandstürme ihn dorthin gebracht hatte. Vom Sand bedeckt hatte Jimmy auch ziemlich angeschlagen gewirkt und erst durch die Zugabe einer Sinelbeere von Lucy hatte er wieder seine Augen öffnen können. Und der Sandsturm hatte mehr getan als ihn seiner Orientierung zu berauben.

    Lucy hatte sich überlegt, ob sie trotz ihres Fortschritts mit ihm hätte umkehren und ihn zur Obhut der Red Scorpion übergeben sollen. Doch es hatte sie dann erstaunt, dass Jimmy so offenkundiges Interesse an ihr und an dem Grund gezeigt hatte, warum sie in der Schädelwüste unterwegs war. Sie hatte ihm von ihrer Tätigkeit in der Glacial Hearth-Gilde erzählt. Sofort war ihr klar gewesen, dass Jimmy ebenso ein begeisterter Erkunder war. Und als sie von ihrem Auftrag erzählt hatte, war er sprichwörtlich Feuer und Flamme dafür gewesen, ihr bei ihrem Auftrag zu helfen. Allein schon als Gegenleistung dafür, dass sie ihn gerettet hatte. Und er hatte sich als angenehme Begleitung erwiesen, auch wenn er etwas nervös und ebenso ängstlich bei größeren Dingen war. Sie blickte ihn abermals an und bemerkte, wie er etwas zitterte. Die Kälte zog wohl beißend an seinen Gliedern. Lucy hatte sich schon gefragt, ob die Firntundra, das Extremste an Eis, einem Feuer-Pokémon wie Jimmy zusetzen würde. Ohne ein zusätzliches Hitzeband war es für ihn doch eine frostige Kälte, wo Finger taub wurden und schmerzten und wo auch das Gefühl in den Zehen irgendwann verschwand.


    Jimmy versuchte, mit ein paar Feuerstößen in seine zusammengefalteten Hände sich zu wärmen, doch diese verschwanden sofort im bösen Wind. Lucy ahnte, dass er und dann definitiv auch sie trotz Hitzezufuhr von Band und Feuer in der Tundra erfrieren würden, wenn sie sich zu lange in dieser aufhielten. Lucy hatte es vorher schon erspürt, dass dieser böse Wind, der einem Befehl vom Berg immerwährend folgte, nicht nachlassen würde. Sie mussten also schleunigst einen Unterschlupf finden.

    Sie versuchte, die aufkommenden und immer stärker werdenden Schmerzen in ihrem Bein zu ignorieren und schloss erneut die Augen. Ihre langen schwarzen Ohren richteten sich von ihrem Kopf ab und abermals ließ sie ihren Geist in die Umgebung fahren.

    Sofort wurden wieder die Umrisse der Firntundra, die unter dem Schnee des ewigen Winters verborgen lagen, vor ihrem inneren Auge sichtbar und sie ließ ihr Sichtfeld sich erweitern. Wie aus einem schwarzblauen Nebel sich schälend wurden mit jedem Meter weitere Details der Tundra erkennbar. Sie erspürte einen Riss im Boden, der tief nach unten führte und über dessen Grund ein kleiner Back floss. Doch je weiter sie ihren inneren Blick nach vorne führte, umso schwieriger wurde es für Lucy, ein klares Bild von der Tundra vor ihnen zu erhalten. Sie schaffte es noch rechtzeitig, den Anfang einer Bergkette nordöstlich von ihrer Position zu erspähen, ehe ihr Bein wieder schmerzte und die Vision abriss, die ohnehin angefangen hatte zu flackern.


    Sie begegnete wieder dem Blick des Panflams und gab ihm ein aufmunterndes Lächeln, doch verzog sie vor Schmerzen ihren Mund, sodass es halb bei Jimmy eher halb ankam.

    „Hast du was … sehen können?“, rief Jimmy etwas lauter, da der eiskalte Wind um sie herum stark heulte. Lucy hörte Unglauben als auch Erstaunen in seiner Stimme, doch sie lächelte dieses Mal fester und nickte. Doch sie hatten einen weiten Weg zu gehen, den sie sofort gehen mussten. Mit der Bergkette, so hoffte Lucy, würden sie auch endlich eine Höhle oder zumindest einen Unterschlupf finden, in dem sie vor dem Wind sicher sein würden. Sie richtete sich mühevoll auf und auch Jimmy nickte eifrig, auch wenn ihm dabei die Zähne klapperten. Dann schlugen sie sich wieder durch den dichten, rauen Schnee.





    18
    Der Schlangenpass


    Mit einer enormen Wucht schlugendie Wellen, die links und rechts vom Meer kamen, gegen die Klippe und die Luft wurde jedes Mal erneut vom salzigen Geschmack feinster Wassertropfen erfüllt. Das Gewässer war wie lebendig und entsprechend launisch. Mal umspülte es nur den untersten Rand der Klippe, dann aber schlug es derartig hoch, dass Wassermassen auf den Weg niederprasselten.


    Abermals spuckte Max salziges Wasser aus dem Mund, seine Zunge war wie betäubt und wie die anderen war er darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu tun. Der Weg war schmal und war nur an sehr wenigen Stellen von einer kleinen Felswand umrandet. Ein größerer Wellenschlag würde genügen, um ein unvorsichtiges Pokémon ins Meer zu schlagen.


    „Bäh, allmählich vermisse ich die Wüste!“, rief Rose laut über das Brausen des stürmischen Windes und den lauten Klang der Wellen hinweg. Max konnte sie nur unscharf vor sich erkennen, denn zahlreiche Wasserschleier zogen sich über den Pfad. Auch von den anderen waren fast nur Schemen zu erkennen.

    „Ich auch!“, hörte er Shadow rufen. „Lieber diese Hitze als diese Gewässer!“

    „Wieso benutzen wir nicht deinen Schatten?“, rief Rose ihm zu.

    „Wird nichts bringen! Siehst du all diese Pfützen vor uns?“, antwortete das Gengar. Max wusste, was er meinte. Seine Füße waren schon durchnässt und kalt von dem vielen Wasser, durch das er bereits gewatet war. Manche der Pfützen waren sogar so tief gewesen, dass er fast mit dem ganzen Unterleib in diese eingetaucht war. Shadows Schatten wäre in der Tat sehr vorteilhaft gewesen.

    „Ich kann nicht durch oder über das Wasser gleiten!“, erklärte Shadow laut, sodass alle vor und hinter ihm seinen entschuldigenden Ton hören konnten. „Wenn ein längeres Stück mal ohne Wasser wäre …“

    „So könnte man dich festnageln?“, rief Iro belustigt von hinten. Max konnte sehen, wie Shadows rotes Augenpaar durch die Wasserspritzer zu ihm hinüberfunkelten.

    „Wenn ihr meine Schattenfähigkeit aushebeln wollt … ja, das wäre eine effektive Methode. Im Grunde genommen alles, was nicht fest ist, kann gegen mich verwendet werden!“


    „Feste Materie fällt durch dich hindurch, so war das doch, oder?“, rief Max ihm entgegen. Er konnte erkennen, dass Shadow nickte.

    „Ist mir dann ein Rätsel“, schrie Vane schon fast von ganz vorne, „wie die eine Pute dir dann das blaue Auge verpassen konnte, Boss! Ist doch im Grunde nicht möglich, oder?“

    „Erinnere mich nicht daran!“, entgegnete Shadow mürrisch und laut zurück brüllend. „Es war ein einfacher Faustschlag … ich verstehe es immer noch nicht …“


    In dem Moment schlug eine der hohen Wellen auf sie ein. Erschrocken schrien sie auf und Max spürte eiskaltes Wasser um seinen Unterkörper fahren. Einzig Emil und Iro schienen sich als Wasser-Pokémon nicht an diesem zu stören, wobei Iros sorgenvoller Blick den Bandagen seines rechten Armes galt, der etwas befeuchtet aussah.

    „Na prima!“, rief Rose nun erbost aus und schüttelte sich. „wenn wir in der Firntundra ankommen, werden wir doch direkt schockgefrieren sein, so durchnässt wie wir sind!“

    „Beschwöre es besser nicht!“, rief Emil düster. „Vielleicht haben wir Glück und das Wetter bessert sich auf halbem Weg …“


    Max sah nach oben zum grauen vernebelten Himmel. Dessen Wolken sahen eher weniger danach aus, als würden sie sich so schnell auflösen. Viel mehr wirkte es, als nähme der feine Nieselregen sogar zu. Zwar war er weitaus eher zu ertragen als die Sandstürme und die Hitze der Wüste. Es aber dennoch nicht angenehm, dass sie bis auf die Knochen durchnässt wurden. Und Max fühlte sich auch noch an die Passage in den Geheimnisdschungel erinnert, als er sich den feinen Nebel um sie herum betrachtete. Wie im Trübwald bekam er das Gefühl, dass irgendetwas aus dem Nebel heraus sie alle beobachtete. Er fragte sich, wie lange der Weg sich noch erstrecken mochte und wie weit sie schon gelaufen waren.


    Dann aber ertönte ein mächtiger Knall und die steile Wand des Pfades vor ihnen brach in einer hellen Explosionswolke auf. Geröll rollte knirschend herab und landete platschend im Meer.

    „Was zum…?“, schrie Rose erschrocken auf, doch die anderen blickten bereits angespannt in den Nebel. Dies war der Knall von einem Hyperstrahl, das wusste Max sofort. Sie alle kniffen angestrengt die Augen zu, um etwas in diesem Nebel zu erkennen, doch die feinen Wasserschleier nahmen nach wenigen Metern schon die komplette Sicht. Und das laute Brausen machte es unmöglich, einen Feind auch nur näher kommen zu hören. Lediglich ein gelb aufleuchtender Punkt wurde sichtbar. Max glaubte, unter all dem Tosen ein immer lauter werdendes Brummen zu hören. Und sofort überfiel ihn die erschreckende Erkenntnis, dass dieses Brummen ihnen galt.

    „In Deckung!“, schrie dann Emil sofort. Sofort wichen sie alle von der Stelle, an der sie zusammen gestanden hatten, und spurteten nach vorne. Gerade noch rechtzeitig, denn ein weiterer, viel lauterer Knall ertönte und jene Stelle ging in einer großen Explosion in die Luft hoch. Eine starke Druckwelle erfasste sie und Max, Shadow und Rose warf es auf den Boden.. Die anderen konnten sich erfolgreich gegen diese stemmen. Sofort blickten sie sich nach dem Angreifer um, doch nachwievor war nichts auszumachen.

    „Ist er weg?“, rief Iro angespannt. Auch Emil und Vane stand diese Ungewissheit ins Gesicht geschrieben.

    „Achtet auf gelb leuchtende Punkte!“, erklärte ihnen Emil. „Hyperstrahlen müssen aufladen, ehe sie abgefeuert werden können!“


    Obwohl sie sich sicher sein konnten, dass der Angriff noch nicht vorbei war, blieben diese gelben Punkte in ihrem Sichtfeld aus. Max aber spürte abermals, wie ein Blick sie aus der Ferne zu beobachten schien und erneut spürte er, wie die Luft aus dem Nebel heraus zu vibrieren begann. Plötzlich dann kam ihm die Erkenntnis wie eine einbrechende Welle: „Von hinten!"

    Als sie sich dann alle umwandten, erschraken sie zutiefst, als nicht nur einer, sondern gleich drei gelb leuchtende Punkte durch den Nebel zu erkennen waren. Sie hatten kaum Zeit zu reagieren. In wilder Panik spurteten sie nach vorne und warfen keinen Blick zur Seite. Abermals ertönten drei Knallgeräusche und Max wusste, dass der Weg hinter ihnen soeben ins Meer hinabfiel, und das in Form einzelner Brocken.

    „Was zum Teufel sind das nur für Wesen?“, rief Shadow vollkommen bestürzt aus und kaum, dass er die Frage beendet hatte, fuhr ein mächtiger, länglicher Schatten aus dem Wasser heraus. Er beschrieb einen einzelnen Bogen, während er über sie hinweg glitt, und verschwand dann im Wasser auf der anderen Seite der Klippe. Rose schrie in Panik auf: „Die Seeschlangen!“


    Und wieder flammten zwei weitere Punkte im Nebel auf. Doch dieses Mal lag ein Stück Pfad vor ihnen, der so mehrere Kurven nahm. Dieses Mal würden sie nicht so einfach vom Fleck wegkommen, befürchtete Max. Und als er seinen Blick erneut zur Seite wandte, nahm es ihm fast den Atem vor Schreck, als er zwei helle Lichtstrahlen auf sich zuschießen sah. Doch direkt zu seiner rechten flammten zwei Lichter auf und laut hörte er das Brummen in seinen Ohren. Emil hatte eine konzentrierte Miene aufgesetzt und schickte zwei Lichtstrahlen in Richtung der anderen beiden. Die vier Hyperstrahle trafen in der Luft aufeinander und ein ohrenbetäubendes Krachen hallte in Max‘ Ohren und es riss ihn nach hinten. Doch Iro war zu Stelle und hielt Max auf, bevor er ganz von der Klippe fallen konnte.

    „Gut gemacht, Emil!“, rief Shadow anerkennend, doch er selber wirkte hoch konzentriert. Seine Hände hielt er vor sich und zwischen sammelte sich schwarz-violette dunkle Energie, die knisterte. Diese formte er zu einem Ball, den er einem weiteren Hyperstrahl entgegenschickte, der auf sie abgefeuert worden war. Auch dieser zeigte Wirkung und eine Explosion erfüllte die Luft, deren Licht seltsame Schatten in die Luft warf.



    „Von der anderen Seite auch!“, rief Rose dann auf einmal entsetzt und sie alle erkannten, dass sie Recht hatte. Auch auf der anderen Seite flammten einzelne gelb leuchtende Punkte auf. Auf einmal fühlte sich Max chancenlos. Einer solchen Übermacht konnten sie nicht standhalten.

    Doch Vane hatte sich schon nach rechts zu diesen neuen Lichtern gewandt. Er stampfte mit Füßen, von denen jeweils ein stachelförmiger Diamant wuchs, in den Boden und hielt seine Arme von sich. Weitere Diamanten sonderten sich von diesen ab und wuchsen nach vorne, dann verbanden sie sich eiligst zu einem niedrigen, aber breiten Schild. Die Hyperstrahlen aus der Ferne wurden abgefeuert und Vane hatte nur eine Sekunde Zeit, die er auch ausnutzte. Er hielt den Schild so in der Luft aufrecht, dass alle Strahlen auf diesen trafen. Drei Knallgeräusche erklangen laut und Vane hätte der Aufprall nach hinten gerissen, doch mit seinen Füßen stemmte er sich verbissen vom Boden. Jäh zersprang der Schild und sofort lösten sich die Diamanten in kleine Staubkörner auf, die sofort im Wind davon wehten. Doch Vane wirkte mehr als zufrieden mit sich.


    „So geht es nicht weiter, wir kommen hier noch um!“, rief Shadow aus. Er wandte sich eilig zu dem Weg, der vor ihnen lag. Dann gab er Emil ein Zeichen und als er sich ihm zuwandte, deutete Shadow auf den Weg. Emil schien sofort zu verstehen und jäh richtete er seine Kanonen auf den Weg. Deutlich schwächere Hyperstrahlen wurden abgefeuert und Max fragte sich ob Shadow den Verstand verloren hatte. Was nützte es ihren Fluchtweg derartig zu zerstören?

    Doch ehe er laut seine Bedenken ausrufen konnte, erstarrte er und er spürte sofort, wie ein kalter Griff seine Beine ergriff. Jäh zog es ihn nach unten und er fand sich in einer anderen und vertrauten Welt wieder. Auf einmal umfasste ihn Ruhe, doch Max rauschte der Schlangenpass und die Angriffe laut in den Ohren. Er suchte die roten Fenster, die er beim ersten Aufenthalt gesehen hatte. Und tatsächlich sah er, wie Shadow nun über den Weg glitt, der von Emils Hyperstrahlen ziemlich zerstört wirkte. Doch hatte sich auf diesem noch kein neues Wasser gesammelt und sofort verstand Max, was Shadows Plan war.


    Sofort empfand er Respekt für das Gengar, das in der Gefahr mit so einem Manöver aufgekommen war. Doch die Fahrt dauerte nicht lange.

    Als Shadow dann einige Sekunden später auf einen Teil des Pfades stieß, der nicht von Emils Kanonen bearbeitet worden war, spürte Max jene kalten Hände auf seinen Schultern, die ihn daraufhin nach draußen zogen.


    Sofort, fast ohrenbetäubend, drang das Rauschen der Wellen an seine Ohren, doch Max glaubte zu hören, dass der Wind nachgelassen hatte. Er blickte sich um. Auch Rose, Iro und Vane sahen danach aus, als hätte Shadows Manöver sie überrascht. Doch als sie sich aufrichteten und nervös umblickten, stand ihnen kurz darauf respektvolle Anerkennung ins Gesicht geschrieben.

    „Eine Spur vom Feind?“, fragte Shadow keuchend, der sich halb aus seinem Schatten erhoben hatte.

    „Zurzeit nicht …“, antwortete Emil. Seine Stimme war nun deutlicher zu vernehmen, da der Wind nicht mehr so laut brauste. Sie alle wandten sich erneut um und blickte nervös in den Nebel, der nun auch seltsamerweise lichter wirkte. Zumindest konnte Max viel weiter sehen als zuvor. Das Meer vor ihnen hob und senkte sich in wilden stahlgrauen Wellen. Doch aus diesem Meer hoben sich keine eventuellen Schatten von Angreifern ab. Max richtete sich auf und half auch Rose auf die Beine, die aufgeregt nach Luft schnappte.


    „Alles in Ordnung?“, fragte er sie besorgt.

    Sie nickte, auch wenn ihr Blick anders sprach.

    „Ich hätte nicht gedacht … dass Erkundungen so gefährlich werden können …“, japste sie und rieb sich ihre Knie. „Ist das normal für solche?“

    „Für gewöhnlich nicht“, meinte Iro, der sorgenvoll seinen bandagierten Arm betrachtete. „Für gewöhnlich haben wir es mit weit harmloseren Dingen zu tun, wie…“

    „Wie mir?“, schielte Shadow zu ihm hinüber und lächelte verschmitzt. Auch Iro schmunzelte belustigt. „Ich glaube, dass du für uns nun harmlos wärst, jetzt wo wir deine Schwachstelle kennen. Nämlich Wasser!“


    Alle lachten und Max fühlte zum ersten Mal, dass dieses Lachen echt war. Er blickte zu Shadow hinüber und sofort wusste er, dass es die richtige Entscheidung war, ihn und sein Team sie begleiten zu lassen. Wo wären sie jetzt nur ohne ihn, Emil, Vane und Rose?

    Letztere löste sich was von der Gruppe und blickte auf den Weg, der vor ihnen lag. Sie legte den Kopf etwas zur Seite.

    „Ich glaube, wir passieren gleich eine Art Torbogen. Ich sehe nämlich was im Nebel vor uns …“


    „Heißt das etwa, dass wir angekommen sind?“, rief Vane aufgeregt und trat an ihre Seite. Zusammen gingen sie dann den Weg, der allmählich gerade aus verlief. Auch Max betrachtete nun die schattenhaften Umrisse eines Torbogens, welche in der Mitte durchbrochen wirkte. Je näher sie kamen, umso mehr schälten sich Details bei diesem aus dem Nebel heraus. Offenbar war er in der Form zweier Pokémon geschlagen, die einen seeschlangenähnlichen Körper hatten und deren Köpfe sich fast in der Luft begegneten.

    „Was zum?!“, riefen sie alle erschrocken und verdutzt aus, als sie sich in unmittelbarer Nähe befanden und der Nebel sich immer mehr gelichtet hatte. Max hatte noch nie zuvor eine solche Szenerie gesehen.


    Das Meer war zur Gänze eingefroren, soweit sie blicken konnten. Auch der Pfad vor ihnen lag unter einer dicken Eisschicht verborgen. Und es war kein Torbogen, unter dem sie standen. Dafür waren die Details zu ausgearbeitet. Max erkannte, dass es echte Garados waren, die offenbar mitten in ihrer Bewegung eingefroren worden waren. Sie hatten sich offenbar aus dem Meer erhoben und ihrem erstarrten Blick folgend wirkten sie, als hätten sie ein Pokémon angreifen wollen, das sich auf dem Weg vor ihnen befand. Denn sie hatten ihre breiten Mäuler aufgerissen und auch ihr Blick zeugte voller Zorn, mehr als es für ein Garados typisch war. Während Max sich diese und, wie er jetzt sah, viele andere im Meer eingefrorene Seeschlangen betrachtete, fühlte er sich von einer seltsamen unheimlichen Macht umgeben. Denn er spürte es förmlich, wie ein Pokémon für all dies verantwortlich war. Doch er konnte sich keines vorstellen, dass dazu in der Lage war. Er suchte den Blick der anderen und erkannte, dass auch sie vollkommen verblüfft und sprachlos waren.


    „War jemand vor uns hier gewesen?“, hauchte Shadow beeindruckt, aber auch sichtlich eingeschüchtert.

    „Es muss ein Eis-Pokémon gewesen sein, anders kann ich es mir nicht erklären …“, murmelte Rose und ließ ihren Blick über die gefrorene Szenerie wandern. Sie schritten dann weiter über diese bizarre Landschaft und achteten darauf, nicht auf dem Eis auszurutschen, was aber schwierig war. Je weiter sie kamen, umso mehr spürte Max einen kalten Wind um seinen Körper wehen. Er fand den Zeitpunkt reif, dass er sich das Hitzeband anziehen konnte und sofort durchströmte ein Wärmegefühl seinen Körper bis zu den Gliedern. Auch folgten die anderen seinem Beispiel, selbst Shadow wickelte sich ein Band um eines seiner Arme.

    „Ich bin sehr empfindlich, was Kälte betrifft!“, erklärte er peinlich berührt. „In der Wüste hatte ich keine Probleme, aber jetzt hier …“

    „Seht mal!“, rief Rose aufgeregt aus und deutete nach vorne.


    Sofort wurde Max klar, dass sie an sich nur noch gerade aus zu gehen hatten. Der schwarze Umriss des in der Ferne befindlichen riesigen Berges hob sich als einziger hoch in den dunklen wolkenverhangenen Nachthimmel, sodass dessen Gipfel nicht zu sehen war. Der Pfad hatte sich nun geweitet und mündete in den Anfang eines schneebedeckten Waldes mit hohen Tannen. Auf beiden Seiten war dieser Wald in größerer Entfernung von einer größeren Bergkette umgeben, die aber ziemlich unpassierbar aussahen. Max wechselte einen Blick mit Iro und dann mit den anderen. Auch sie waren beeindruckt von dem Anblick, der sich ihnen bot.


    „Das muss er wohl sein, nicht wahr?“, bemerkte Vane mit Blick auf den großen Berg in der Ferne. „Der Lawinenberg?“

    „Ich schätze schon …“, nickte Shadow und sah dann in den Wald hinein. Max wusste, dass er genauso wenig erkennen konnte wie er, denn die schneebedeckten Zweige wuchsen so nah und dicht am Boden, dass sie die Sicht versperrten. Nur die Anfänge einzelner kleiner Wege, die durch dieses Geäst führten, waren zu erkennen.


    „Also, was meint ihr?“, sagte Shadow dann angespannt und drehte sich zu Max und Iro um.

    „Wir sind bereit … nicht wahr?“, und er blickte zu Emil, Vane und Rose, die zwar nicht gleich aufgeregt waren, aber dennoch nickten. Max blickte noch einmal zu dem großen schattenhaften Umriss des Berges am Horizont.


    Wie Mew es in seinem Brief mitgeteilt hatte, befand sich dort Arktos. Max spürte Aufregung in sich aufsteigen, als ihm bewusst wurde, dass ihr Ziel nicht mehr so weit entfernt war. Er zog sich das Hitzeband fest um den Hals und spürte dessen wärmende Wirkung aufs Neue. Sie könnten es tatsächlich schaffen. Nur noch die Firntundra, die offenbar hinter dem Wald begann und der Aufstieg zum Lawinenberg lagen noch vor ihnen. Dann könnten sie endlich heimkehren und vielleicht auch mit Jimmy wieder zusammenkommen.


    Bei den Gedanken blickte Max nach hinten. Es war nachwievor ein bizarrer Anblick, ein Meer derartig zugefroren zu sehen. Der vereiste Pfad führte in einen grauen Nebel, sodass nicht einmal die Umrisse des Ekunda-Kontinents auszumachen waren. Wie weit hatten sie sich wohl vom Festland entfernt?

    Doch das spielte keine Rolle. Jimmy befand sich in bester Begleitung, so hoffte Max es jedenfalls von ganzem Herzen. Und er vertraute sowohl seiner Vision als auch Shadow Shadow, dass diese bei ihrer Zuversicht auch entsprechend fähig war, sich in der Schädelwüste zurechtzufinden.


    „Warte auf uns, Jimmy!“, dachte Max im Verborgenen zu sich und ballte die Faust. Er wandte sich Iro und den anderen zu und nickte. Dann traten sie in den Wald ein.

    Part IV: Die Mauer


    „Ihr … wollt dahin?“, stammelte Pan sichtlich verdutzt und blickte Max mit weiten Augen an. Er und Iro nickten bestimmt. Geistesabwesend fummelte sie an den Figuren herum, die in ihrem Arm lagen. Sie suchte den Blick von Shadow und den anderen, doch sie blickten gebannt zwischen der Sandamer und dem Team Mystery hin und her.


    „Und?“, setzte Max nach und blickte ihr tief in die Augen: „Könnte Castiel es schaffen, dorthin zu gelangen?“

    „Nun …“, wollte Pan zur Erklärung ansetzen, doch sie fand keine Worte. Erleichterung stieg ihr ins Gesicht, als Nocrow mit Gladius, Sense und Winny zu ihnen stieß. Die Beutel, die um den Körper des Arkani hingen, waren nun deutlich gefüllter mit allerlei Früchten und Gladius hielt diverse Holzscheite in den Händen.

    „Was ist los, Pan?“, fragte Nocrow, als er ihrem Blick begegnete. Sie erklärte ihm darauf, wonach Max und Iro gefragt hatten und auch dem Noktuska war es sofort anzusehen, dass ihn das Reiseziel der Erkunder sehr erstaunte. Er richtete sich auf, sodass sogar seine Stirn unterhalb des grünen Pflanzenhuts zu sehen war und blickte die beiden mit vor Interesse geweiteten gelben Augen an.


    „Um eure Frage zu beantworten: Castiel wäre schon in der Lage dazu …“, begann Nocrow und musste sofort seine Stimme anheben, da Max und Iro laut aufatmeten. „Doch dürfte ich erfahren, was ihr dort zu suchen habt?“

    „Das können wir nicht im Großen und Breiten erklären“, erwiderten Max und Iro im Chor.

    „So?“, sagte Nocrow ernst und verbarg wieder seine Stirn unter dem Hut, sodass seine Augen wieder im Schatten lagen. Ihr gelber Glanz wurde dadurch etwas unheimlicher, vor allem, weil sich seine Augen tief in Max und Iro bohrten.

    „Der Freund von uns beiden, der verloren ging“, erklärte dann Max, „ist mit jemandem dorthin aufgebrochen. Wir wollen ihnen hinterher …“. Max spürte, dass er seine Erklärung schwach abgeschlossen hatte. Dies glaubte wohl auch Nocrow, der seine Miene nicht veränderte. Doch sein Mund verzog sich, als würde er über etwas nachdenken. Doch dann schüttelte er bestimmt den Kopf.

    „Tut mir wirklich leid, doch das ist für mich kein Grund, euch ebenso dorthin zu bringen. Zumal ich es sehr bezweifle, dass euer Freund sowie seine Begleitung dorthin kommen kann …“


    „Wieso sollte er es nicht können?“, meldete sich Iro dazwischen und wirkte dabei recht wachsam. Auch hörte Max eine ungewohnte Strenge in dessen Stimme.

    „Die nördliche Grenze der Schädelwüste zu erreichen wird sehr erschwert durch etwas, was wir als die Mauer bezeichnen. Es handelt sich bei dieser um einen Sandsturm der besonderen Art. Anders als jene, die man in der Schädelwüste antrifft, bleibt dieser an Ort und Stelle bestehen und hört nicht auf. Hinzu kommt noch, dass dessen Winde um ein Vielfaches stärker sind als die der gewöhnlichen Stürme.“

    „Es klingt ganz so, als hättest du bereits Erfahrung …“, sagte Shadow und klang interessiert. Nocrow nickte.

    „Als wir Stahlard und Axel vor vielen Jahren begegnet sind, baten sie uns, dass wir sie durch die Mauer zum Lawinenberg bringen. Cas war zum Glück in der Lage, uns heil durch diese zu bringen“, und Nocrow blickte hoch zu dem Castellith. Max bemerkte nun, wie Gladius, der als Galagladi vom Zweittyp her ein Psycho-Pokémon war, ihm von Weiten Wasser aus dem See zukommen ließ. Dieses wand sich wie eine meterlange Schlange in der Luft, ehe sie Castiel in den Mund floss.

    „Doch die beiden hatten, nachdem wir durchgebrochen waren, recht früh erkannt, dass sie nicht für die weitere Reise gewappnet waren …“

    „Dabei hatten sie doch Hitzebänder für die Firntundra eingepackt …“, entgegnete Max und wechselte einen besorgten Blick mit Iro, der ihn aber nicht erwiderte. Gebannt und angespannt hing er an Nocrows löchrigem Mund.


    „Die Sache ist die, dass zwischen der Wüste und der Tundra sich ein weiteres Stück liegt. Ein schmaler Pfad, der sich über das nördliche Meer hin zur Tundra erstreckt. Und obwohl Stahlard und Axel zuversichtlich gewesen waren, kamen sie kurze Zeit später, nachdem sie auf diesen Pfad gegangen waren, wieder zurück. Sie hatten etwas von Seeschlangen geredet und dass sie gegen diese sich nicht vorbereitet hatten. Wir haben sie kurzerhand dann wieder mit uns durch die Mauer und anschließend nach Süden, zur Nordwüste, gebracht. Ich kann euch sagen, sie waren nicht begeistert, ihre Mission abzubrechen …“, schloss Nocrow düster und blickte Max und Iro an.


    „Ich hoffe, ihr versteht mein Zögern, euch nicht dahin zu bringen, so gern ihr es auch wünscht …“

    „Wieso haben die beiden uns nicht davon erzählt …“, murmelte Iro nachdenklich, doch Max fand, dass es dringenderes gab. Er trat einen Schritt vor: „Wir müssen aber dorthin. Deswegen sind wir überhaupt hierher in die Schädelwüste gekommen.“

    „Und was genau hofft ihr, dort zu finden? Wollt ihr wie Stahlard und Axel einen Wächter herausfordern, der angeblich dort leben soll?“

    „Nicht angeblich!“, erwiderte Iro hitzig. „Wir wissen, dass er dort lebt.“

    „Und wenn schon!“, fauchte Nocrow nun zum ersten Mal seit ihrem Aufeinandertreffen bestimmt zurück. „Ich will euch keine Schwäche zumuten, doch wenn ich mir euren Zustand so ansehe-“

    „Was ist mit diesem?!“, zischte Iro finster. Nocrows Blick glitt auf seinen rechten bandagierten Arm.


    „Ich will es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, euch dorthin zu bringen, während ich genau weiß, dass ihr es nicht weniger schwer als Stahlard und Axel haben werdet. Ihr werdet es sogar noch schwerer haben, bei deinem rechten Arm und bei dir“, und er wandte sich Max zu, „einem Pflanzen-Pokémon. Noch dazu kommt noch die Gefahr durch den Schlangenpass, wie Stahlard und Axel diesen beschrieben hatten. Und das wollt ihr auf euch nehmen, um etwas Ruhm zu erlangen? Weil ihr einen Wächter herausfordern wollt?“ „Es geht uns nicht um Ruhm oder sonst irgendwas!“, erwiderte Max ungeduldig. Je mehr Zeit sie mit Erklärungen verbrauchten, umso mehr rückte Jimmy in größere Entfernung. Und Max hoffte inständig, dass Jimmy noch einzuholen wäre. Nocrow aber blickte ihn an, als würde er wissen, woran Max dachte.

    „Ich bin mir sicher, dass auch euer Freund es einsehen wird, dass er ohne die Hilfe eines Pokémons wie Castiel nicht durch die Mauer kommt. Außer vielleicht, er selbst ist zehn Meter hoch?“


    „Shadow!“, rief Max und wandte sich so schnell dem Gengar zu, dass dieser zusammenzuckte: „Die Begleitung … diese ‚Pute‘, wie du sie nanntest … sah sie nach einem Pokémon, dass durch einen Sandsturm kommen kann?“

    „Ich kenne ihre Fähigkeiten nicht“, sagte Shadow knapp. „Doch vom Äußerlichen her wirkte sie genauso groß wie du, Max, und sah auch nicht gerade nach einem Muskelpaket wie Ironhard aus. Mehr nach der Art von Pokémon, die weggeweht werden, wenn ein ordentlicher Sturm herrscht.“


    Max hatte gehofft, dass Shadow ihnen erklären würde, bei Jimmys Begleitung würde es sich um eine andere Art von Pokémon handeln. Er dachte an seinen letzten Dimensionalen Schrei und aus diesem hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie so zuversichtlich über ihr Reiseziel war, dass Jimmy sich aus dem Grund ihr angeschlossen hatte. Max versuchte, nicht an Jimmys Entschluss zu denken, und wandte sich wieder Nocrow zu, der bestimmt den Kopf schüttelte: „Tut mir wirklich leid, doch ich kann euch nicht ohne triftigen Grund diese Orte betreten lassen. Euren Freund werden wir hier schon aufgabeln, denn wie gesagt: Er kann unmöglich durch die Mauer gekommen sein! Wenn wir ihn und seine Begleitung gefunden haben und vielleicht auch der Arm von Ironhard wieder verheilt ist und ihr euch zusätzlich auch auf den Schlangenpass vorbereitet habt, dann können wir nochmal darüber reden. Bis dahin-“

    „Wir haben aber keine Zeit!“, rief Max bestimmt. „Wir müssen so schnell es geht den Wächter Arktos treffen!“

    „Wieso müsst ihr?“, entgegnete Nocrow scharf. „Was habt ihr mit ihm zu schaffen?“


    War nun so ein Zeitpunkt gekommen? Musste Max nun von dem Hintergrund ihrer Mission erzählen? Offenbar war es nun an der Zeit, denn Nocrow sah nicht danach aus, als würde er sie nach Norden bringen, ganz gleich wie er es anders versuchen würde. Max wechselte einen schnellen Blick mit Iro, ehe er dann tief durchatmete und anfing zu erzählen.


    Er benötigte zehn Minuten, um Nocrow und allen Umstehenden von der Legende um Arceus und auch vom Dämon Kyurem zu berichten. Wie dieser Dämon in einem Jahr bald auf die Welt zurückkehren würde und dass es von entscheidender Bedeutung wäre, dass die sieben Wächter rechtzeitig davon in Kenntnis gesetzt werden. Nur diese sieben Pokémon, zu denen auch Arktos gehörte, wären in der Lage, Kyurems Wiederkehr abzuwenden. Max erzählte auch, wie Mew ihnen von Arktos erzählt hatte und dass sie auf seinen Ratschlag hin diesen aufsuchen sollten. Wie Jimmy sich auf dieser Reise von ihnen getrennt hatte, verschwieg Max dann. Doch er spürte die Kälte, die sich in der Oase ausgebreitet hatte. Er blickte zu Iro, der steif und stumm zurückblickte und Max bemerkte, wie auch Shadow und den anderen jegliche Worte fehlten.

    „Ein Jahr …“, flüsterte Rose und ihre Stimme klang seltsam schwach. „Und was würde passieren, wenn ihr es nicht rechtzeitig schafft?“

    „Wir wissen es nicht genau …“, gab Max zu und ließ den Kopf senken. „Lashon, der uns die Legende erzählt hatte, glaubte, dass es für die Welt eine Katastrophe bedeuten würde, wenn Kyurem wieder auf dieser wandeln würde. Kyurem würde es nur nach Seelen verlangen, meinte er, und wenn sich ihm die Sieben Wächter nicht in den Weg stellen, gibt es kein Pokémon, das ihn aufhalten könnte …“

    Rose Gesicht nahm eine gelbliche Färbung an, die der der Schädelwüste Konkurrenz machte. Auch Vane, der meistens ein aufgeregtes Lächeln aufgesetzt hatte, blickte so ernst drein wie nie zuvor. Eine Weile herrschte noch Stille, ehe dann sich Nocrow räusperte, sodass Max seinen Blick zu ihm wandte: „Ein Jahr ist nicht gerade viel an Zeit, die euch bleibt … wenn man bedenkt, wie viele Wächter ihr noch aufzusuchen habt …“


    Sofort wandte sich Nocrow an alle Umstehenden und blickte sie reihum an: „Tut mir leid, Freunde, doch wir werden unseren Aufenthalt an der Oase heute etwas verkürzen. Wir brechen in ein paar Minuten. Pan?“, und sofort trat die Sandamer heran. „Sag Cas, dass wir Kurs gen Norden nehmen. Wir wollen durch die Mauer!“


    Pan nickte eifrig und stürmte wie die anderen Nomaden in Richtung Castiel. Nocrow wandte sich wieder Max und Iro zu: „Was euren Freund betrifft, werden wir unser Wort halten, nachdem wir euch zur Nordgrenze gebracht haben! Wir werden ihn finden und auf eure Rückkehr warten!“

    „Nocrow …“, wolle Max sagen, doch schon wurde ihm ein stachelbesetzter Arm mahnend entgegen gehalten. „Zwar habe ich immer noch Sorge um euch … wenn ihr es aber wirklich derartig eilig habt, werde ich diese solange verdrängen!“


    ***


    Während Cas sich bewegte, rumpelte es leicht in dessen Höhlen. Max hätte nicht auf dem kleinen Steinbett schlafen können, auch wenn er es gewollt hätte. Er und Iro saßen einander gegenüber und schwiegen sich an. Shadow und die anderen waren bei Nocrow außerhalb. Nach längerer Zeit waren beide wieder alleine, doch wussten sie nicht, worüber sie reden sollten. Max fand, dass nur auf dem Boden zu sitzen und die Zeit verstreichen zu lassen eine vergleichsweise interessante Methode wäre. Doch er wollte mit Iro über alles reden, was ihnen in den letzten Stunden widerfahren war. Doch wusste Max nicht, wo er anfangen sollte.
    „Es war die richtige Entscheidung, Nocrow von unserem Auftrag zu erzählen!“, fing Iro dann an, der Max schräg betrachtete. Sein Oberkörper wurde geisterhaft von dem Leuchtstein beleuchtet, dessen Ader über ihn im kreisrunden Höhlenraum wuchs. Max begegnete dem Blick seiner Augen, die im Schatten ihrer Höhlen lagen.

    „Findest du? Sie wirkten ziemlich schockiert. Und jetzt leben sie das nächste Jahr in Sorge damit, dass wir es eventuell nicht schaffen könnten …“

    „Und wenn schon!“, grunzte Iro. „Deren Sorge soll nicht unsere sein, während wir genug solche haben.“

    „Redest du auch von Jimmy?“, entgegnete Max frei heraus und er merkte, dass etwas wie Hoffnung in seiner Stimme lag. Iro zuckte mit den Schultern.

    „Dieser kleine Wicht bereitet mir gerade weniger Kopfzerbrechen. Er scheint ja in guten Händen zu sein, wie Shadow berichtet hat.“.

    Er blickte gerade rechtzeitig zu Max hin, der seinen Blick senkte. Sofort legte sich seine Stirn in strenge Falten: „Du hast noch etwas gesehen, nicht wahr? Oder gehört?“

    „Ich-“, wollte Max abwehren, doch er erkannte sofort, dass Iros scharfes Auge, das er sonst nur für Kämpfe verwendete, ihn richtig ablas. Er seufzte dann und da sie endlich unter sich waren, erklärte er ihm, wie er Jimmy in seinem Dimensionalen Schrei wahrgenommen hatte. Als er endete, blickte Iro ihn eine Weile ausdruckslos an, ehe er dann ein gehässiges Lächeln von sich gab: „Ich sag’s ja: Ein kleiner Wicht, sonst nichts!“

    „Ich bin ehrlich gesagt schockiert, dass er kein Wort über uns verloren hat …“, räumte Max ein und blickte betrübt zu dem dunklen Steinboden. Es kam ihm vor, als würde dieser immer brüchiger werden und es würde nicht mehr lange dauern, bis er durch diesen hindurch fiel. Doch ein Schnipsen holte ihn aus seiner Trance hervor. Iro blickte ihn streng an: „Ich hoffe sehr, dass wir ihm begegnen werden. Dann kann ich dem mal etwas Respekt beibringen, wenn er es wagt, uns zu vergessen!“


    Max konnte nicht die Kraft aufbringen, Widerworte zu leisten. Tatsächlich kränkte Jimmys Verhalten auch ihn, doch er wusste nicht, wie er selbst damit umgehen sollte. Er empfand etwas wie Bewunderung dafür, dass Iro schnell wusste, was zu tun und was zu denken war. Schließlich war er es, der Max eine Weile durch die Schädelwüste getragen hatte.

    „Eine andere Sache“, setzte Iro nun an, dieses Mal war sein Blick erfüllt mit Neugier. „Was hältst du von Shadow und den anderen?“


    Max brauchte eine Weile, um eine Antwort zu finden. Zumal er etwas brauchte, um von dem Gedanken an Jimmy wegzukommen. Doch kaum wollte er eine geben, da klopfte es laut an der morschen Holztür, sodass sie zusammenzuckten. Ohne eine Antwort abzuwarten huschte ein Schatten unter den Türspalt und Shadows schwarzer Körper erhob sich aus diesem. Mit ausdruckslosem Gesicht blickte er die beiden an.


    „Ich soll euch von Nocrow Bescheid sagen, dass die Mauer bald in Sicht sein wird. Er meint, ihr würdet diese gerne sehen wollen, bevor wir durch diese durchbrechen.“

    Und ebenso verschwand er so rasch durch den Türspalt wie er gekommen war. Max und Iro warfen teils empörte, teils belustigte Blicke. Und auch in Iro schien die Neugier zu siegen, denn beide erhoben sich, verließen ihr kleines Zimmer und folgten den Höhlengängen nach oben bis zur Falltür.


    Kaum, dass Max seinen Kopf durch diese geführt hatte, sah er sie in Ferne. Dunkel hob sie sich vom gelben Steinboden ab und Max wurde aus der Entfernung sofort klar, dass die Sandsturmmauer dreimal größer als Castiel selbst sein musste. Wie ein verschwommener dunkelbrauner Streifen zog sie sich über den flimmernden Horizont und Max hörte über das Stampfen und Beben von Castiels Schritten das leise Rauschen, wie das einer tosenden Flut.

    „Der Wahnsinn!“, rief Rose aus, als Max und Iro zu ihr, Emil, Shadow, Vane und Nocrow stießen. Ihrer Miene konnte man ansehen, dass sie sowohl fasziniert über den Anblick als auch davon eingeschüchtert war. Auch Emil und Vane stand die Neugier ins Gesicht geschrieben. Max musste dann bei Shadow stutzen, der tief in Gedanken versunken war und der Szenerie vor ihm eher wenig Beachtung schenkte.

    „Es ist schon ein seltsames Gefühl, dass wir auf diese direkt zusteuern“, gab Vane mit einer Stimme zu, die zittrig vor Erregung war. „Ich frage mich, wie es wohl in diesem Sandsturm ist …“


    „Versuch es besser nicht herauszufinden!“, warnte ihn Nocrow eingehend und wandte seinen gelb glühenden Blick ihm zu. „Ich musste schon damals Stahlard und Axel davon überzeugen, dass sie sich nach unten zurückziehen sollen. Wir alle würden sofort weggeweht werden, wenn wir hier uns hier draußen aufhalten. Ich war nur der Ansicht, dass ihr diesen imposanten Anblick gerne sehen wolltet, bevor wir passieren.“

    „Da hast du richtig gelegen!“, kommentierte Vane begeistert. Auch Rose nickte zustimmend, auch wenn sie immer noch etwas nervös wirkte: „Wird Castiel denn da durchkommen?“

    „Macht euch da keine Sorgen, Cas hat beim ersten Mal schon das mit Bravur überstanden und ihm hat es nichts ausgemacht. Wie ich schon sagte, er dürfte in der Schädelwüste das einzige Pokémon sein, dass dazu in der Lage ist …“


    Abschätzend wandte er sich der Mauer in der Ferne zu, die langsam aber stetig an Höhe zunahm. Auch wurde das tosende Geräusch immer lauter und durchdringender. Sein Blick wurde ernster.

    „Wir sollten uns allmählich in Cas zurückziehen …“, und er bedeutete den anderen Erkundern, ihm durch die Falltür zu folgen. Max und Iro blieben zurück und blickten zu der Mauer. Max verstand nun, was Nocrow meinte. Und insgeheim fühlte er sich beruhigt. Jimmy und seine Begleitung konnten unmöglich von sich aus durch diese Mauer. Endlich fühlte Max, wie er um Jimmy sich weniger Sorgen machen musste, da er nicht in sonderlicher Gefahr zu schweben und in zuversichtlicher Begleitung schien. Er brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande. Als er dann Iro zunickte und sich in Richtung Falltür umwandte, glaubte er eigentlich, dass Iro ihm direkt folgen würde. Doch als er bei der Falltür sich umwandte, stand Entsetzen in sein Gesicht geschrieben: „Was tust du da?!“


    Iro hatte sich nicht bewegt, sondern stand nachwievor der Mauer zugewandt. Sofort trat Max an ihn heran und zerrte an seinem linken Arm.

    „Komm schon! Warum bleibst du stehen?“

    „Der General hat sich in Castiel zurückgezogen …“, sagte Iro leise und Max hörte, wie er mit den Zähnen knirschte. Als Iro dann zu Max hinunterblickte, stand eine Mischung aus Zweifel und grimmiger Entschlossenheit in seinem Gesicht geschrieben. Mit einem Schlag verstand Max.

    „Bist du wahnsinnig? Du glaubst doch nicht, dass du, anders als er, diesen Sandsturm überstehen könntest?!“

    „Es würde ihn in der Hinsicht übertreffen …“, gab Iro grimmig zu und ließ seinen Blick wieder zur Mauer gleiten, die mittlerweile und immer lauter tosend doppelt so hoch wie Castiel gewachsen war. Max fand, dass die Schädelwüste auch von Iro nun ihren Tribut an Verstand einforderte. Umso umso mehr zerrte er an dessen Arm. Auf keinen Fall würde er es zulassen, dass ein weiterer Freund im Sandsturm verloren ging. Doch ihm wurde bewusst, wie viel größer und damit schwerer sein Freund war. Iro rückte nicht von der Stelle und Max brachte nicht genug Kraft auf.

    „Iro, bitte!“, flehte Max verzweifelt und Tränen standen ihnen in den Augen.

    Das Tosen wurde unerträglich laut, sodass Max seine eigene Stimme nicht mehr hören konnte, während er an Iro zerrte und auf dessen Arm schlug.


    Dann spürte er, wie er in seiner Bewegung schlagartig erstarrte. Auch Iro, der sich gegen Max‘ Versuche gewehrt hatte, schien in seinen Bewegungen eingefroren zu sein. Bevor dann dunkelbraune Dunkelheit und tosende Winde sie zu verschlucken drohten, zog es sie fast blitzartig in Richtung der Falltür. Max und Iro stießen in ihrer Erstarrung mit dem Kopf an dessen Rand und Max spürte, wie sein Körper sich wieder löste. Beide rollten die Treppen herab und landeten unsanft und hart an deren Fuß, um den sich Rose, Vane, Emil, Nocrow und Pan versammelt hatten. Während Max sich mit vor Schmerz tränenden Augen den Kopf rieb, wurde unter lautem Poltern die Falltür zugeschlagen und das laute Tosen des Sandsturms drang nur gedämpft zu ihnen herunter.


    „Seid ihr wahnsinnig geworden?“, drang eine Stimme von der Falltür zu ihnen. Max öffnete die Augen und sah, wie Shadow aus seinem Schatten zurückkehrte und mit weiten roten Augen auf sie hinabblickte. Auch in den Mienen der anderen stand Fassungslosigkeit geschrieben.

    „Was lässt euch glauben, dass ihr in der Lage wäret, einem solchen Sturm standzuhalten?“, flüsterte Shadow sichtlich aufgebracht. „Ihr seid sehr starke Pokémon, Team Mystery … doch so stark seid ihr auch wieder nicht!“

    „Shadow hat Recht!“, rief Rose schwer atmend. „Wieso um alles in der Welt …?“

    „Ich …“, wollte Max sich zur Wehr setzen, doch er verstummte. Er warf Iro einen Blick zu, der grimmig zu Shadow hinaufblickte und ihn wütend anfunkelte. Doch obwohl er nichts sage, deutete Shadow wohl seinen Blick richtig. Abschätzig wandte er sich dem Impergator zu: „Du denkst wirklich, du könntest die Grenzen des Unmöglichen sprengen, was? Du hast gesehen, welche Windstärken da gerade über uns herrschen?“

    Wie zur Bekräftigung wurde die Falltür mit einem Mal, wie von selbst, wieder aufgeschlagen und ein Getöse erfüllte die Luft und es war derartig laut, dass sich alle die Ohren zuhalten musste. Shadow griff mühevoll nach deren Griff, schlug die Falltür wieder zu und schob einen kleinen Riegel in das Gestein. Nun blieb sie zu, auch wenn es offensichtlich war, dass der Wind sehr an ihr zog.


    Schweigen erfüllte nun den Raum. Max richtete sich auf und wollte Iro helfen, doch er blieb weiterhin unten und blickte zu Boden. Nun, da sie in Sicherheit waren, war Max auch ganz kurz danach, Iro deswegen anzuschreien. Er hatte gehofft, dass Iro nach dem Kampf mit dem General seine Lektion gelernt hatte. Als er aber dann Iro so vor sich auf dem Boden kauernd sah, besänftigte Max dann doch. Er spürte, wie Iro sein dämliches Vorhaben immer bewusster wurde. Max suchte den Blick von Shadow, der nachwievor fassungslos war. Als Max ihm aber dann dankbar zunickte, schnaubte das Gengar gereizt, sagte aber dann kein Wort mehr. Die ganze Fahrt durch die Mauer über herrschte Schweigen von allen Anwesenden, die hin und wieder Blicke einander zuwarfen.

    Und dann endlich, nach fünf Minuten, die sich sehr lange angefühlt hatten, ließ draußen das Getöse nach und auch die Falltür ließ immer weniger Geräusche von sich vernehmen. Nocrow, der immer wieder von dem Team Mystery zu Shadow hin und her geblickt hatte, lockerte sich und sagte dann leise und bedeutend: „Wir sind da. Kommt mit nach draußen!“


    Als sie aus Castiel ausgetreten waren, wusste Max direkt, dass sie die Schädelwüste verlassen hatten. Anders als in dieser schlugen den Pokémon kühlere Winde und Temperaturen entgegen. Auch schmeckte Max Salz in der Luft und er hörte das permanente Brausen von Wellen, die gegen hohe Felswände schlugen. Er drehte sich um und sah ein vom Wind aufgepeitschtes Meer vor sich. Es fröstelte ihn leicht, als kalte Winde ihn hart umfassten und sein Blätter, die von seinen Arm herabhingen, flatterten. Und in einiger Entfernung sah er den Anfang eines tatsächlich eher kleinen, rauen Felsweges, der über eine kleine Bergkette führte, die etwas unterhalb in Schlangenlinien zum Meer lief. Feuchte Luft hing in Nebelschwaden über dem Meer, sodass man nicht weit in die Ferne blicken konnte. Nocrow trat an ihn heran und wies auf den Pfad: „Geht diesen Weg entlang. Stahlard und Axel waren sich sicher, dass dieser zum Lawinenberg führt!“

    Er blickte Max von der Seite an: „Seid ihr sicher, dass ihr gehen wollt? Vergesst nicht, was die beiden hierüber gesagt haben …“


    Max schwieg eine Weile. Sie waren nun soweit gekommen, doch sollten sie umkehren, wie es einst Stahlard und Axel getan hatten? Er tauschte einen Blick mit Iro, doch er schien nur noch auf Max‘ Entschluss zu warten. Er nahm einen tiefen Atemzug und spürte das Salz des Meeres seine Nasenhöhlen kitzeln.

    „Ja!“, sagte er dann bestimmt. „Wir werden unseren Weg fortzusetzen! Wirst du …?“, und voller Hoffnung wandte er sich Nocrow zu, der ihm zunickte.

    „Ich werde euren Freund in der Wüste finden und wir werden dann hierher zurückkommen und auf eure Rückkehr warten. Darauf gebe ich euch mein Wort!“

    Max nickte dankbar und hielt Nocrow seine Hand hin. Verdutzt wollte dieser sie nehmen, doch Max zog frech grinsend seine Hand zurück. Nocrow unterdrückte ein Lachen.


    „Max?“

    Shadow trat nun heran und Max war erstaunt, als er dessen Blick begegnete. In diesem lag eine noch nie zuvor gesehene Entschlossenheit. Shadow holte tief Luft, blickte noch einmal zu Vane, Rose und Emil, die in einiger Entfernung standen, und wandte sich dann Max zu: „Ich habe mich mit meinen Kollegen unterhalten … wir finden, dass ihr euch eine enorme Bürde aufgelastet habt …“

    Max hörte zu und auch Iro schien interessiert an Shadows Worten zu hingen. Das Gengar wirkte überrascht, dass beide ihm nicht mehr mit dem Misstrauen wie am Anfang begegneten. Dies schien Shadow zu ermutigen, denn seine Stimme klang noch eine Spur entschlossener: „Wenn ihr es euch vorstellen könnt … hättet ihr was dagegen, dass wir euch noch eine Weile begleiten? Ich kann mir denken, dass wir uns auf dieser Reise sehr gut ergänzen könnten statt gegeneinander zu kämpfen …“

    „Willst du dich etwa uns anschließen?“, fragte Max verdutzt und Shadow lief etwas braun an.

    „Versteht mich nicht falsch!“, sagte er rasch. „Es ist nicht so, als würde ich unbedingt mit euch befreundet sein wollen! Wenn ich nur daran denke, dass wir euch quasi gerettet haben … Ich weiß nicht … vielleicht könntet ihr unsere Hilfe auch in dieser Firntundra gebrauchen … Sobald wir den Lawinenberg dann erreicht haben …“, und Shadow wirkte, als kosteten die nächsten Worte ihn viel an Überwindung. Shadow seufzte und blickte Max aufrichtig in die Augen. „Wir wollen uns nicht in eurem Auftrag einmischen, wenn ihr es wünscht. Mit den Wächtern selber kommt ihr wohl gut klar und müsst wohl auch nur mit ihnen reden. Wir vier können dann-“



    „Shadow!“, sagte Max bestimmt und hob die Hand. Shadow verstummte augenblicklich.

    „Ohne euch wären wir in der Schädelwüste verloren gewesen“, sagte Max und warf einen Blick auf Iro, der grimmig zustimmend nickte. „Wenn ihr uns begleiten wollt, hätten wir absolut nichts dagegen. Und jetzt, wo Jimmy gerade nicht bei uns sein kann …“, und Max versuchte, den Schmerz an seinen Freund zu unterdrücken. Er lächelte dann Shadow zu und er spürte, dass es ein ehrliches, fast freundschaftliches Lächeln war.

    „Wir könnten auf dieser Reise eure Hilfe wirklich gebrauchen!“

    Part III: Blüte des Dankes


    Beim Austritt aus Cas‘ Höhle wurde Max deutlich, was mit dem Siwasser gemeint war. Er hatte sich mittlerweile so sehr an das Gelb- und Ockerfarbene der Wüste an sich gewohnt, dass ihm die breite Flut an Grüntönen fast in die Augen stach. Er selber als ein Reptain wirkte schon fast grau dagegen.


    Von einer erhöhten Ebene aus konnten sie auf ein weitläufiges Tal blicken, in dessen Mitte sich ein großer See ausbreitete, um den eine Vielzahl an Palmen wuchs. Max hatte kaum die Ausmaße geschätzt, als auch schon viele Pokémon an ihm vorbei und darauf zu liefen. Nun hatte er auch aus nächster Nähe einen besseren Blick darauf, aus welchen Pokémon der Rest der Nomaden bestand. Erstaunt war er, als ein Pokémon des Typs-Eis an ihm vorbeizischte. Es hatte eine klobige Form eines rötlichen Schrankes, der am Rand violett zu leuchten schien. Hinter ihm, gut auf Abstand, folgte Pan, die nervös darauf bedacht war, diesen einzuhalten. Dann schob sich das Rihorn, das Max zuvor erblickt hatte, an ihm vorbei und warf ihm einen prüfenden sachlichen Blick zu. Dann gesellte auch er sich zu der Truppe, die weiter unten hinter den Palmen verschwand und wenig später in den See sprangen.

    „Nur keine falsche Scheu!“, ermutigte ihn Nocrow, der an seine Seite getreten war und zum Tal hinunter wies. „Erhol dich!“

    „Was ist mit Castiel?“, fragte Max und blickte zu dem riesigen Felsen.

    „Er wird gleich versorgt; es ist für ihn ziemlich anstrengend, sowohl runter zum Tal als auch aus diesem heraus zu gehen. Du siehst ja, wie eng und windend der Weg vor uns ist. Mach dir also keine Sorgen!“

    „Ist das denn so in Ordnung?“, erwiderte Max. „Wir könnten euch auch bei was behilflich sein …“


    „Sprich nur für dich!“, rief Iro ihm zu, während er mit Shadow, Rose, Emil und Vane ebenfalls zu dem See hinunter watete. Max warf ihm einen empörten Blick zu, doch Nocrow lachte auf: „Entspann auch du dich; du siehst ziemlich grau für ein Pflanzen-Pokémon aus! Ich komme auch nachher zu euch, ich mache mit ein paar anderen gerade einen Rundgang.“

    Er rief sowohl ein Arkani als auch ein Sichlor und ein Galagladi zu sich. Um das orange-schwarz-gefärbte Fell des Hunde-Pokémons lag ein Band, von dem zwei Beutel, eines auf jeder Seite, herabhingen. Max erkannte, dass sie dem seinen ähnelten, und das schienen auch die drei Pokémon zu bemerkten,

    „Auch ein Erkunder, nehme ich an?“, sagte das Galagladi feierlich und hielt Max seine tiefgrüne Hand entgegen, die er auch annahm.

    „Gladius, mein Name! Und das sind Sense“ – er deutete auf das Sichlor – „und Windy!“

    „Es heißt eigentlich Winny“, verbeugte sich das Arkani höflich und trat zum Flüstern an Max heran: „Doch weil Gladius denkt, ich sei so schnell wie ein Windhund, nennt er mich so.“

    „Ich verstehe“, sagte Max, doch schon trat Gladius wichtigtuerisch an sie beide heran: „Du hast wirklich Glück, dass ihr uns über dem Weg gelaufen seid! Die Reise in die Schädelwüste ist gefährlich und gewiss nicht leicht zu bewältigen!“

    „Du tust so, als hätten wir keine Schwierigkeiten gehabt!“, sagte die Sichlor namens Sense mit einem schiefen Lächeln. Ihre glitzernden Käferflügel ruhten ruhig auf ihrem Rücken, doch ihre schwarfen Klingen, die auch gleichzeitig ihre Arme waren, blitzten auf, als sie Gladius einen taktierenden Blick zuwarf. Diesen bemerkte er auch und er räusperte sich verlegen: „Verzeih, Sense! Wir als Team hatten wohl auch so viel Glück! Gewiss hattet ihr euch ebenso so gut es ging vorbereitet, doch sobald man die Schädelwüste betritt, kann man diese eigentlich schon über Bord werfen, nicht wahr?“

    Max wusste nicht, was er antworten sollte. Es traf zu, was ihn, Iro und auch Jimmy betraf. Ein scharfer Schnitt, den nicht mal Senses scharfe Arme hätten verursachen können, fuhr durch seine Brust.

    „Genug nun, wir haben noch ein paar Vorräte einzusammeln“, erinnerte Nocrow sie bestimmt. Die vier nickten Max zu, sodass er sich mit gemischtem Gefühl ins Tal begab.


    Die Nomaden sowie Erkunder genossen es sichtlich, im Schatten und kühlem Wasser zu sein. Als Max an den See trat, bemerkte er, wie Iro mit seinem Unterkörper im Wasser saß und darauf bedacht war, nicht seinen bandagierten Arm nass werden zu lassen. Emil indessen hatte sich mit dem ganzen Panzer in den See begeben und hielt sich nun auf dem geschätzt zwei Meter tiefliegenden Grund auf. Shadow war nirgendwo zu sehen, doch Max kam der Gedanke, dass er doch nun vor dem Team Mystery geflohen war, abwegig vor. Stattdessen vermutete er, dass er sich in einem Schatten der Bäume zurückgezogen hatte. Rose und Vane hatten sich zu den Nomaden am restlichen Seeufer gesellt und es wurde schnell deutlich, dass sie alle die Gesellschaft miteinander genossen. Auch Max hätte ein Grund gehabt zu lächeln. Doch der Gedanke an Jimmy schmerzte Max und er merkte, wie sehr er seinen Freund sehnlichst vermisste. Gewiss hätte auch er Freude daran gehabt, an dieser Oase zu sein.


    „Alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme neben ihm. Max drehte sich um und sah Pan, die ihn mit ein paar seltsam aussehenden Steinfiguren im Arm besorgt ansah. Max nickte schnell und deutete auf die Figuren: „Wofür sind denn die?“

    „Für den Schrein!“, antwortete Pan lächelnd und wies Max an, ihr zu folgen. Einige Blicke der anderen, darunter Iro, Rose, Vane und auch Emil, der mittlerweile wieder an der Oberfläche aufgetaucht war, folgten ihnen. Die Sandamer führte Max zu einem großen Kaktus, der zwischen all den Palmen stand. Sofort fiel die große Blüte ins Auge, die auf dessen Spitze wuchs. Trichterförmig und in kräftigen Farben funkelte sie förmlich auf sie alle herab. Da die anderen Erkunder diese nun auch bemerkt hatten, traten sie ebenfalls neugierig hinzu, sogar Shadow tauchte aus einem Baumschatten in der Nähe auf.

    Pan legte die Steinfiguren zu Füßen des Kaktus und Max erkannte, dass andere bereits dort lagen. Diese aber nahm die Sandamer auf. Sie wandte sich um und begegnete den fragenden Blicken der Erkunder: „Das sind alles Gaben für eine nächste sichere Reise. Diese alten Figuren werden aufpoliert und dann mit denen eines anderen Schreins einer anderen Oase ausgetauscht.“

    „Was ist denn der Sinn dahinter?“, meldete sich Vane. Pan blickte ihn schweigend an. Rose patschte dem Stolloss mit ihrem Huf auf die Brust: „Das ist ein symbolischer Akt, Stahlhirn! Das sieht man doch!“

    „Na gut, aber was ist so besonders an diesem Schrein oder an den anderen, dass das gemacht wird?“, setzte Vane nach, ohne sich Roses Bezeichnung zu Herzen zu nehmen. Pan begegnete ihm nun mit einem sanfteren Lächeln und drehte sich um. Mit einer Kralle deutete sie auf die Kaktusblüte.

    „Seht ihr sie? Kaktusblüten sind ein wahrhaft seltener Anblick. Und es gibt so eine Legende, dass sie nur blühen, wenn ein Pokémon voller Dankbarkeit stirbt.“

    „Ist hier also jemand gestorben?“, sagte Rose nervös. Max fühlte mit ihr, doch er war erstaunt, wie Pan lächelte: „Nun ja… Cas ist hier gestorben …“

    „Aber …“, sagte Shadow langsam und wandte sich um. Sein Blick galt dem Plateau, auf dem sie den riesigen Felsen von Castiel erblicken konnten. Als sie sich wieder Pan umwandten, sahen sie ein Funkeln in ihren Augen.

              

    „Es war vor fast 25 Jahren, als Nocrow und ich eine Erkundungstour in die Schädelwüste unternommen haben. Wir wollten damals den Gerüchten von sagenhaften Ruinen nachgehen, die in dieser versteckt waren. Doch genauso wie ihr haben Nocrow und ich uns ziemlich verlaufen und waren auch unserem Ende nahe … Dann sind wir aber auf Cas gestoßen, der noch ein viel kleineres, fast handgroßes Litomith war. Könnt ihr es euch vorstellen, Cas so groß wie ein einfacher Felsbrocken zu sehen?“

    Alle schüttelten den Kopf und Pan lachte.

    „Cas war aber schwach und hatte selber nicht viel Kraft. Er kannte aber den Weg zu einer Oase, zu dieser hier, und hat uns versprochen, dass er uns dorthin führen würde, wenn wir unsere Vorräte mit ihm teilten. Nocrow und ich haben am Anfang gezögert, da wir selber kaum noch was zu essen hatten. Doch haben wir am Ende mit Cas unser Essen geteilt. Wenn wir schon drohten zu sterben, wollten wir noch eine gute Tat machen!“

    Sie lächelte schwach, als sie den Erkundern in die Augen blickte. Auch die anderen Nomaden schienen Interesse an ihrer Geschichte entwickelt zu haben, denn auch sie traten hinzu. Pan, die diese Menge an Zuhörern etwas nervös machte, räusperte sich und blickte gedankenverloren zu der Blüte auf.


    „Tatsächlich hat Cas uns hierhergeführt. Es war nur früher ein viel kleinerer See, deutlich weniger an Palmen und auch dieser Kaktus war nicht groß, wie jetzt heute. Wir waren sehr erleichtert, hier angekommen zu sein. Doch Cas, nun ja … er war klein und schwach und hat am Ende sein Leben ausgehaucht. So dachten wir es anfangs …“

    „Wie meinst du das?“, wollte Max wissen.

    „Kaum dachten wir, dass Cas verstorben war, hatte dieser Kaktus, den wir nun vor uns sehen, seine Blüte geschlagen. Und kaum war sie ganz aufgegangen, hatte Cas‘ Körper aufgeleuchtet. Und dieses Leuchten wurde derartig schnell groß, dass wir von ihm wegmussten. Und als wir dann wieder aufblickten …“, und Pan deutete gewichtig zu Castiel hin, der wie ein großes Monument auf dem Plateau stand.

    „Wir waren einfach baff … dass aus so einem kleinen Kieselstein so ein Berg geworden ist … noch dazu hat Cas uns versichert, dass wir fortan auf ihm reiten dürfen und sogar Behausungen in seinen Stein bauen können!“

    „Und wo habt ihr all die Materialien her, um die ganzen Türen und Ketten für den Innenbau herzustellen?“, fragte Shadow. Pan wies als Antwort über die Palmen.

    „Mit der Zeit ist diese Oase auch nach dem Erblühen der Kaktusblüte fruchtbarer und entsprechend größer geworden. Aus denen haben wir das Holz bezogen. Und die Ketten waren Funde, die wir bei einigen Ruinen in der Schädelwüste finden konnten. Glücklicherweise sind wir irgendwann auf ein paar Pokémon gestoßen, die sich mit sowas besser auskannten als wir.“

    Sie ließ ihren Blick über die anwesenden Nomaden schweifen: „Sie sind entweder als Wache in Cas geblieben oder streunen hier gerade herum … ich sehe sie hier nicht …“

    „Heißt das also“, unterbrach sie Vane aufgeregt, „dass Cas sich sehr gut in der Schädelwüste auskennt? Schließlich habt ihr am Ende die Ruinen gefunden, die ihr aufsuchen wolltet, oder?“


    „Eine von zwei großen“, korrigierte Pan ihn. „Aber tatsächlich, ja, auch wenn ich mich selber frage, wie er den Überblick behält …“, antwortete Pan bestimmt. „Nocrow teilt es ihm mit, wohin wir gehen wollen, und Castiel setzt sich sofort in Gang. Ihn scheinen die ganzen Sandstürme, die einen hin und her teleportieren, nichts auszumachen.“

    „Castiel findet also dorthin, egal um welchen Ort es sich handelt?“, fragte Max mit angespannter Stimme. Pan blickte ihn verdutzt an, dann nickte sie. In Max flammte eine Idee von einer Möglichkeit auf und mit Blick zu Iro wusste er, dass dieser dasselbe dachte:


    „Wäre Castiel dann auch in der Lage, zum Lawinenberg zu gelangen?“

    Part II: Leben im Grab


    Stechende gelbe Augen lugten unter einem dichten Hut hervor, der vom Kopf wuchs. Der Mund war schmal und löchrig und verlieh dem Pokémon eine unheimliche Aura. Eine Art Unnahbarkeit wurde auch dadurch garantiert, dass der ganze Körper des Pokémon durch und durch mit dunkelgrünen Stacheln besetzt war. Das Pokémon der Art Noktuska wandte seinen Blick nach rechts und beäugte jenen zertrümmerten Felsen, den Vane zuvor aus dem Boden schießen gelassen hatte. Und jäh nahm das Noktuska auch das Stolloss ins Visier.

    „Ich nehme an, dir haben wir dieses unvorhergesehene Hindernis zu verdanken?“


    „Ich … ähm …“, stammelte Vane sichtlich verlegen, doch das Noktuska beachtete ihn nicht. Es schritt auf eines der riesigen Beine und Max wusste, dass er jenes suchte, dass zuvor Vanes Felsen zerschmettert hatte. Als es dieses Bein endlich fand, untersuchte er es eingehend. Unterdessen bemerkte Max, wie andere Pokémon sich vorsichtig aus dem Loch nach draußen lehnten und erst Noktuska und dann die anderen beobachteten.


    Es war eine bunt zusammengewürfelte Menge und Max zählte ungefähr sieben, wobei er glaubte, dass innerhalb dieser Burg, wie Shadow sie nannte, noch mehr Pokémon sich aufhalten mussten. Das auffälligste Pokémon von ihnen war ein Sandamer, das aufgeregt an dem steinernen Körper eines Rihorns kratzte und auf Max und die anderen deutete.

    „Ist ja gut, ich sehe sie ja!“, hörte Max dieses Rihorn genervt aufseufzen.


    „Also, wen haben wir denn hier?“, sagte dann das Noktuska laut. Es entfernte sich vom Bein des riesigen Pokémon und trat an die sechs Pokémon heran. Erst aus der Nähe erkannte Max, dass der löchrige Mund sich zu einem Lächeln verzogen hatte, auch wenn dieses etwas grotesk wirkte. Erwartungsvoll blickte es die sechs an, die alle aber zu perplex über diese Szenerie waren.


    „Vielleicht würde es helfen, wenn ihr euch vorstellt? Schließlich habt ihr fast dafür gesorgt, dass Cas einen Beinbruch bekommt.“


    „Cas?“, wiederholte Max und das Noktuska deutete ungeduldig auf das riesige Krabben-Pokémon.

    „Dies hier ist Castiel, und er ist auch unser Zuhause, das ihr beinahe bewegungsunfähig gemacht habt!“

    „Wieso, er hat meinen Felsen gut weggesprengt!“, rief Vane entrüstet. Das Noktuska blickte ihn mit seinen gelb glühenden Augen so scharf von der Seite an, dass Vane tatsächlich zusammenzuckte und zurückwich.


    „Tut uns leid!“, sagte Max dann sofort. „Wir wussten nicht, dass mit dem Sandsturm ein Pokémon auf uns zugelaufen kam.“

    „Wir haben uns nur vor diesem schützen wollen“, setzte Rose nervös an. „Wir wollten verhindern, dass wir fortgewehrt werden …“


    „Hm, verstehe …“, sagte das Noktuska langsam und blickte jedem der sechs eindringlich in die Augen. Dann, nach einigen Augenblicken, streckte es Max, der ihm am nächsten war, seine mit Stacheln besetzte Hand hin. Max wusste, dass er die zum Gruß anbot, war aber wenig erpicht darauf, diese Stacheln zu ergreifen. Doch dies schien das Noktuska durchaus wenig zu stören. Es grinste bei Max‘ Zögern noch breiter und ließ dann die Hand zurückfahren.

    „Ich mache nur meine Späße!“, lachte er kurz auf und wollte Max auf die Schulter klopfen. Dieser zuckte instinktiv zusammen, worüber sich das Noktuska noch mehr amüsierte. Auch Shadow lachte bei diesem Anblick laut auf. Selbst Max kam ein schwaches zögerliches Lächeln.

    „Mein Name ist Nocrow“, stellte sich das Noktuska dann vor. Auch die anderen nannten ihre Namen. Dann verbeugte sich Nocrow andächtig vor ihnen: „Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen! Ich bin Leiter der Wüstennomaden. Seid gegrüßt!“


    Max wechselte rasche Blicke mit Iro und den anderen.

    „Wüstennomaden?“, meldete sich Emil skeptisch. Nocrow sah ihn neugierig an.

    „Du bist verwirrt, nehme ich an?“

    „Nun … ja“, entgegnete Emil. „Wir dachten die ganze Zeit, dass die Schädelwüste unbewohnt sei und dass sich keine andere Seele außer uns hier befindet…“


    „Das liegt daran, dass ihr von außerhalb kommt und noch nicht so mit dem eigentlichen Leben in der Wüste vertraut seid“, entgegnete Nocrow milde lächelnd, warf dann einen Blick nach oben zur Sonne und verengte etwas die Augen.

    „Aber hier draußen ist es doch etwas zu heiß, meint ihr nicht? Kommt mit rein, bestimmt seid ihr nach eurer Reise müde!“


    Zufrieden mit sich lächelnd wandte er sich um und schritt zu der Zugbrücke. Er scheuchte die anderen Pokémon, die sie neugierig beobachtet hatten, wieder nach drinnen und winkte Max und den anderen zu.

    „Ich kann euch sicher hier herausbringen, wenn ihr das wünscht. Aber das ist eure Entscheidung! In einer Minute schließt sich das Tor!“, rief er sachlich Pokémon zu. Max und die anderen blickten sich an und als dann Iros Magen vernehmlich knurrte, beeilten sie sich damit, die Zugbrücke raufzulaufen. Es war eigentlich verrückt, einem fremden Pokémon so zu vertrauen. Doch überall war es besser als draußen in der Schädelwüste unterwegs zu sein


    Unter lautem Rattern und Klirren wurde dieser wieder hochgefahren und ein Beben kündigte wenige Augenblicke später an, dass sich Castiel wieder in Bewegung setzte.

    Nocrow hatte auf sie inmitten einer kleinen Halle gewartet, in deren Wänden kleine Adern an Gestein leuchteten. Max fühlte sich, als wäre er in eine Mine getreten, in der Pokémon nach Gold und anderen Edelsteinen schürften. Nocrow entging der faszinierte Blick nicht; generell wirkten seine Augen, die nicht ein einziges Mal blinzelten, so, als würde ihnen rein gar nichts entgehen.


    „Leuchtsteine“, beantwortete er Max‘ unausgesprochene Frage, als dieser die leuchtenden Adern genauer betrachtete. „Castellith, also die Pokémon-Art von Cas, haben alle verschiedene Erze in sich. Es wäre immer wieder eine Überraschung, welches Erz ein solches Castellith in sich verbirgt.“

    „Und es wird abgebaut?“, fragte Iro, der sich skeptisch und verblüfft zugleich umsah.

    „An sich nur, wenn ein Castellith das Ende seines Lebens erreicht hat. Davor gilt es als Unverschämtheit, ein noch lebendes entsprechend auszubeuten.“

    „Aber…“, wandte Rose und ihr Blick glitt nach oben. Auch Max erkannte, dass Treppen von grober Hand in das Gestein gemeißelt waren und dass auch Nägel und allerlei in dieses geschlagen wurden. Nocrow lächelte, als sie sich ihm wieder zuwandten.


    „Cas ist da eine Ausnahme, aber die Geschichte kann ich euch gleich erzählen. Kommt mit nach oben. Ach, Pan?“, und mit dem Namen wandte sich Nocrow an das Sandamer, das Max zuvor bemerkt hatte. Aufgeregt trat dieses herbei und seine braunen Stacheln richteten sich steif von seinem Körper ab.

    „Wärst du so gut, und bringst du ein paar Erfrischungen zu uns hoch?“


    „Nocrow …“, sagte Pan nun wenig begeistert. Ihre Stacheln sanken wieder nach unten. „Ich mag es nicht, in ihr Zimmer zu gehen. Immer will sie mir den Streich spielen, wo sie mich in ihrem Kühlschrank konservieren will.“

    „Sie weiß genauso, dass sie mit mir Ärger bekommt, wenn sie das wagt. Ich bitte dich darum, ja?“


    „Ich … na gut!“, sagte Pan nicht wirklich überzeugt. Sie warf den Neuankömmlingen einen Blick zu, als wäre das nur deren Schuld, und stapfte vorsichtig die steinerne Wendeltreppe zu einer Ebene hoch. Dort angekommen rollte sie sich zusammen und verschwand in einem Loch in der Wand.


    „Nimmt es euch nicht so zu Herzen“, erklärte Nocrow ihnen lächelnd, als er Max‘ und Iros besorte Miene sah.

    „Motor nutzt es als Rotom gern aus, dass sie ihre Form verändern kann. Meistens aber ist sie als eine Art kühlender Schrank sehr hilfreich, und das weiß sie auch gut gegen uns einzusetzen!“

    Er lachte herzlich auf, räusperte sich und winkte die sechs Pokémon zu sich heran: „Folgt mir! Doch passt auf mit den Stufen. Da Cas sich bewegt, kann es manchmal was wacklig sein!“


    „Aber eines finde ich immer noch seltsam“, sagte Emil, der hinter allen anderen herging und genauso die Höhe des Raumes betrachtete. Es war als stünden sie in einem kleinem Turm. Die Treppe beschrieb im Gesamten eine Spirale, hier und da mündete sie aber in eine kleine Fläche mit einem Felsen, in die eine Tür eingelassen war.

    „Wie kann ein Castellith derartig groß werden, dass eine Hand voll an Pokémon in dieses hineinpasst?“, staunte Emil nicht wenig beeindruckt über diese Geräumigkeit. „Für gewöhnlich werden sie nicht mal zwei Meter hoch, oder?“


    „All das und mehr, dazu komme ich gleich“, sagte Nocrow ruhig, der nun weiter oben eine schmalere und steilere Treppe nahm, die bis zur Decke führte und an einer hölzernen Falltür endete. Diese stieß er auf und helles Sonnenlicht drang durch die Decke herein.

    „Kommt“, sagte er munter und einer nach dem anderen traten die sechs Pokémon durch die Tür.


    Warme Luft, die aber nicht mehr so heiß wie weiter unten wirkte, empfing sie und Max sah sich um. Sie standen auf einer kahlen kleinen fast quadratischen Steinfläche, die auch an manchen Stellen von Venen an Leuchtsteinen durchzogen waren. Über den Rand dieser Fläche hinweg konnte Max die Weiten der Schädelwüste erkennen. Ein nahezu endloses Mehr an rissigem gelblichem Steinboden, der sich träge zu bewegen schien. Doch an dem sanften Beben unter seinen Füßen wusste Max, dass es jenes Castellith namens Cas war. Vorsichtig trat er an den Rand blickte nach unten. Obwohl ihn dieser Anblick mulmig war, so war er doch erstaunt. Die langen und dicken Beine von Cas hoben sich und stießen herab im Takt und von weiter vorn sah Max, wie eine große Staubwolke aufgewirbelt wurde, die die ganze Frontseite des Castellith umfasste. So hatte es gewiss den Anschein, als würde ein riesiger Sandsturm auf jemanden zukommen.


    „Der Wahnsinn…“, hörte Max Shadow kaum durch das Brausen der schweren Schritte sagen. Max trat vom Rand weg und trat wieder zu den anderen.

    „Bitte setzt euch“, rief Nocrow und wies auf eine kleine Einbuchtung inmitten der Felsfläche. Zögerlich und gegen das Wackeln von Cas setzten sie sich hin. Max hörte ein Knarren. Die Sandamer namens Pan trat zu ihnen und ihren Klauen hielt sie eine große Feldflasche sowie kleine Holzbecher, die sie ihnen reichte.

    „Vielen Dank, Pan“, sagte Nocrow mit einem Lächeln. „War Motor nett zu dir?“

    „Hmpf“, sagte sie mürrisch. Wasser tropfte von den Spitzen ihrer Stacheln herunter. Nocrows Grinsen wurde noch vergnügter.

    „Sie hat dich wenigstens nicht ganz eingefroren“, zwinkerte er der Sandamer zu. „Willst du nicht was zu uns setzen?“

    „Es ist ziemlich eng“, entgegnete Pan. „Am besten, die anderen lernen sie kennen, wenn wir unseren Halt erreicht haben.“


    „Halt?“, fragte Rose verwirrt. Nocrow lächelte nun ihr zu: „Denkst du, wir alle würden rein ziellos durch diese Einöde waten? Man sollte für dieses Gebiet schon einen Plan haben, wohin man will, bevor man sich verläuft.“


    „Und was habt ihr … wie nanntet ihr euch? … Wüstennomaden hier zu tun?“, fragte Emil scharf. Er betrachtete eingehend das Gestein um sich herum und fuhr dann fort: „Es hat ganz den Anschein, als könntet ihr jederzeit diesen Ort verlassen…“

    „Das könnten wir durchaus …“, nippte Nocrow gelassen an seinem Drink. Als Max seinen Becker an den Mund fuhr, spürte er eine eiskalte Flüssigkeit seine Zunge benetzen. Sie schmeckte wie eisgekühltes Obstwasser.

    „Wenn dir dies aber tun würden“, fuhr Nocrow fort, „wer würde dann Pokémon wie euch aufgabeln?“


    „Heißt das also…“, schloss Rose dann direkt. „Ihr rettet Pokémon aus der Schädelwüste?“

    „Seid ihr alle Erkunder?“, antwortete Nocrow ihr und Rose stutzte. Sie blickte zu Shadow, Emil und Vane. Doch Shadow nickte direkt: „Sozusagen, ja …“, und er warf Max und Iro einen flüchtigen Blick zu. Nocrow aber schien diese Antwort zu genügen: „Dann hattet ihr bestimmt einen Grund hierher zu kommen, musstet aber dann recht früh einsehen, dass ihr die Schädelwüste schnell unterschätzt habt?“

    Nur Max und Iro warfen sich betroffene Blicke zu, während Shadow und die anderen recht entspannt dreinblickten. Nocrows gelbe Augen huschten zu ihnen hinüber.

    „Ich sehe“, sagte er, nachdem er sich Max und Iro genau angesehen hatte, „ihr seht eindeutig aus, dass ihr beinahe es nicht überstanden hättet … was war es bei euch?“


    „Wie meinen?“, fragte Max perplex.

    „Was euch gerettet hat. War es vielleicht ein Sandsturm, der euch zu einer der beiden Ruinen gebracht habt?“

    „Woher-?“, wollte Iro verdutzt wissen, doch Nocrow kicherte.

    „Bei mir, Pan und ein paar anderen war es genauso. Wir hatten enorme Schwierigkeiten mit der Hitze und wussten nicht, wie wir hier rauskommen sollten. Dann aber hat uns ein Sandsturm zu einer Ruine gebracht und wir konnten einen sicheren Ort finden.“


    „Aber ihr seid doch … ich meine, dieses Castellith … Cas …“, stammelte Vane verwirrt. Nocrow warf ihm einen erstaunten Blick zu, während er sich mit einem seiner Kaktusarme am Kopf kratzte.

    „Habt ihr in eurer Heimat nicht davon gehört, dass sieben Erkundungsteams in die Wüste gegangen waren und nur zwei Pokémon je zurückgekehrt sind?“

    „General Stahlard und Axel?“, fragte Max sofort. Nicht nur Nocrow warf ihm einen erstaunten Blick zu, sondern auch Shadow.


    „Sieh an, Stahlard ist General geworden?“, sagte Noktuska.

    „Max, du kennst den General?“, rief Shadow fast erschrocken. Max wandte sich an Shadow: „Ist das so besonders? Viele kennen ihn doch …“


    „Er hat sich also wirklich einen Namen gemacht“, sagte Nocrow und grinste, als würde er sich rührselig an eine vergangene Zeit erinnern. Dann aber blickte er wieder auf: „Aber genau, diese beiden meine ich. Zwei junge Burschen, die ebenso die Herausforderung unterschätzt hatten, wie jene, die vor ihnen kamen.“


    „Aber sie haben es überlebt“, entgegnete Iro und ballte seine linke Faust. „Die anderen sechs Teams haben es nicht herausgeschafft und sind umgekommen…“


    „Ach, ist das so?“, entgegnete Nocrow in einem Ton, der keineswegs besorgt war. Auf die verdutzten Blicke der anderen grinste er und trank erneut aus seinem Becher: „Nur weil diese sechs nie herausgekommen sind, heißt das nicht, dass sie tot sind. Tatsächlich leben sie alle … und zwar hier!“


    „Du meinst, in Cas?“, hauchte Rose ehrfürchtig. Nocrows Blick verfinsterte sich.

    „Ich muss mich korrigieren, nur fünf haben es damals überstanden. Bei dem sechsten Team kamen wir zu spät … und um deine Frage zu beantworten, Rose: Ja, wir retten Pokémon aus der Schädelwüste und eskortieren sie aus dieser hinaus, sofern sie nicht eine Weile bei uns bleiben und die Schädelwüste von Cas aus kennenlernen wollen. Die meisten aber wollten bleiben, nachdem sie sich an das Leben hier gewöhnt haben, aber der Platz reicht nicht aus, um weitere sechs dauerhaft aufzunehmen …“


    Nocrow sah bestürzt aus und sein Blick wirkte entschuldigend. „Nichtsdestotrotz sind unsere Ressourcen beschränkt und wir steuern nur einmal die Woche eine Oase an, um die Vorräte aufzufüllen.“

    „Oase?!“, rief Vane begierig. Nocrow nickte.


    „Da sonst kaum Pokémon von außerhalb der Schädelwüste hierher kommen, haben wir uns sehr gut mit Öko-System hier arrangiert. Es gibt so um die sechs Oasen in der Schädelwüste, doch diese allein zu erreichen ist ein schwieriges Unterfangen. Ihr wisst ja, wie tückisch diese Sandstürme sein können …“


    „Oh ja …“, entgegneten die sechs Erkunder einstimmig. Max fand es immer weniger seltsam, auch Shadow und die anderen als solche zu bezeichnen. Doch nachdem er Nocrow zugehört hatte, fiel ihm etwas ein. Doch bevor er seinem Gedanken länger nachhängen konnte, meldete sich Iro zu Wort: „Wieso haben die beiden uns nicht gesagt, dass ihr hier unterwegs seid? Uns haben sie davon abgeraten, in die Schädelwüste zu gehen. Sie haben es uns nicht wirklich zutrauen!“, und erbost schlug er mit der Faust auf den Boden. Nocrow blickte ihn eine Weile fasziniert an, bis er antwortete:

    „Wie du bestimmt jetzt von hier oben sehen kannst, ist die Schädelwüste ein sehr großes Gebiet der Trockenzone. Und obwohl Cas gigantisch für seine Art, ist er von hoch oben betrachtet nur ein kleiner Fleck … Wenn Pokémon anfangen würden, motivierter Erkundungstouren in die Schädelwüste zu unternehmen und dabei hoffen, uns über dem Weg zu laufen … Was meinst du, wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist?“


    „Die dürfte nicht gerade groß sein, wenn man bedenkt dass die Sandstürme einen an einen anderen Ort bringen“, antwortete Rose nachdenklich. Nocrow nickte.

    „Es ist besser, wenn die Schädelwüste im Hören-Sagen weiter als solch ein gefährlicher Ort bestehen bleibt. Denn sie ist es nachwievor. Uns zu begegnen zeugt von enormen Glück; andere werden nicht so viel davon wie ihr haben. Ich habe euch ja gesagt, dass von den sieben Erkundungsteam einzig das sechste es nicht überlebt hat. Stahlard und Axel haben wir darum gebeten, nichts von uns Wüstennomaden zu erzählen. Es würde nur falsche Hoffnungen in angehende Reisen erwecken und ich will nicht nochmal Leichname in der Wüste bergen …“


    „Es hatte aber nicht gerade den Anschein, als hättet ihr uns mitnehmen wollen …“, warf Shadow ein. Wir wären ja fast von eurem Cas überrannt worden, wenn wir nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen wären.“

    „Das stimmt. Selbst uns über dem Weg zu laufen ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Noch ein Grund also, weswegen nicht allzu viele Pokémon hier unterwegs sein sollten. Aber wir hätten euch nicht übersehen, wenn du darauf hinauswolltest. Wir haben ein wachsames Auge unter uns, das mir mitgeteilt hätte, wenn wir Pokémon passiert hätten.“


    „Wo wir gerade dabei sind!“, meldete sich Max rasch und Nocrow blickte ihn verdutzt an.

    „Seid ihr vielleicht zwei anderen Pokémon begegnet?“

    „Ihr seid die ersten sechs Pokémon nach Wochen, denen wir begegnen“, antwortete Nocrow kurz angebunden und legte den Kopf schief: „Sucht ihr Freunde von euch?“


    „Eines von denen ist unser Freund“, erklärte Max und achtete nicht darauf, wie Iro kaum merklich die Augen verdrehte. „Wir haben uns verloren, als wir allein in der Wüste unterwegs waren.“

    „Was heißt allein?“, fragte Nocrow erstaunt und blickte jeden der sechs Erkunder an. „Ich habe gedacht, ihr seid alle zusammen hierher gekommen?“


    „Wir haben uns sozusagen hier in der Wüste bei einer Ruine getroffen“, erklärte Shadow. Das Noktuska blickte ihn neugierig an und Max fragte sich allmählich, ob er sich daran erfreute, so viele andere Pokémon als die anderen Nomaden vor sich zu sehen. Auch glaubte er fast zu spüren, wie Nocrow eine bestimmte Frage auf seinem löchrigen Mund lag: Was habt ihr eigentlich in dieser Wüste zu suchen?         


    Doch bevor Nocrow tatsächlich eine Frage stellen konnte, drang ein tiefes, langgezogenes Röhren zu ihnen herauf und Max spürte, wie das sanfte durchgehende Beben unter sich nachzulassen begann. Nocrow wirkte hellwach und richtete sich auf: „Wir sind am Siwasser angekommen! Ich nehme an, ihr wollt euch dort etwas erfrischen?“


    17

    Wüstennomaden


    Part I: Die wandernde Burg


    „Nein, Max! Das kann ich nicht so einfach abtun wie du!“


    Max versuchte, Iro zu beschwichtigen, doch er wehrte sich gegen jede Art des Versuchs. Ungeduldig lief das Impergator auf und ab. Zu seiner Seite lagen die Trümmer der Säule, die er in seiner Wut mit seiner linken Faust zerschmettert hatte. Dies hatte sowohl bei Rose als auch Vane großen Respekt abgerungen. Während sie mit Shadow und Emil alle Sachen, die das Gengar zuvor aus seinem Schatten entlassen hatte, wieder ordentlich aufeinander legten, warfen sie nervöse Blicke zu Iro und Max

    „Was denkt sich dieser Schimpanse dabei?“, zischte Iro abermals wütend und blickte Max gerade heraus an. „Was haben wir ihm getan, dass er nun leugnet, uns zu kennen?“

    Max wusste darauf keine richtige Antwort. Hilfesuchend wandte er sich an Shadow: „Du bist dir sicher, dass Jimmy das so wortwörtlich sagte?“

    „Zum wiederholten Male, ja!“, antworte Shadow etwas genervt. „Und wie ich es auch schon ein paar Mal erwähnt habe: Mehr Worte konnte ich nicht mit ihm wechseln. Dafür hat diese blöde Pute gesorgt…“


    „Die wird von mir ein paar Takte zu hören bekommen!“, rief Vane erbost aus. „Niemand verpasst meinem Boss ein solch blaues Auge!“

    Bei den Worten fuhr Shadow seine Hand an linkes Auge, um das sich ein rotblauer Ring gezogen hatte. Rose betrachtete es sorgenvoll.

    „Ich frage mich, wie das passieren konnte …“, sagte sie schließlich mit skeptischem Blick. „Normalerweise gehen doch physische Angriffe durch dich hindurch, oder?“

    „Ich war auch baff, das kannst du mir glauben!“, schnaubte Shadow wütend und sah dabei so bedrohlich wie damals aus, als er von Magnezone abgeführt worden war. „Ich bin dann schnell geflohen, ehe sie mich komplett ausknocken konnte!“

    „Hast du nicht ihre Pokémon-Art erkannt?“, warf Emil ein und Shadow schüttelte den Kopf. „Diese Art von Pokémon habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Sie war hochgewachsen, stand auf zwei Beinen und hatte eine Schnauze. Hatte von den Gesichtszügen her Ähnlichkeiten mit einem Fukano …“, und Shadow legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten.


    „Doch Jimmy war mit ihr unterwegs, sagst du?“, erinnerte Max ihn hoffnungsvoll an den Grund, weswegen Shadow überhaupt losgezogen war. Das Gengar blickte auf und nickte bestimmt: „Er sah jedenfalls nicht schlimmer aus als ihr, als wir euch hier in den Ruinen gefunden haben. Und diese Pute schien sich seiner angenommen haben, denn sie war sehr beschützerisch ihm gegenüber. Und darüber schien er auch irgendwie dankbar …

    „Hauptsache, er hat zuvor uns Vorwürfe gemacht, dass wir ihn aus allem heraushelfen müssen!“, setzte Iro bissig an. Er schien es nicht unterdrücken zu können, denn abermals suchte er sich einen großen Stein aus, der auf dem Boden lag. Er spannte seinen Schweif an und stieß diesen meterweit weg, was abermals von Vane positiv kommentiert wurde. Doch Iro achtete nicht darauf und Max war einfach froh, dass es Jimmy soweit gut ging. Er hatte schon viel Schlimmeres befürchtet.


    „Wir sollten uns jedenfalls beeilen jetzt!“, setzte Shadow bestimmt an. Nachdem Rose, Emil und Vane damit fertig waren, alles von ihrem nächtlichen Lager auf einen Haufen zu legen, ließ sich Shadow zum Boden herabsinken. Sein Körper verschmolz darauf mit diesem, als würde er in ein Becken mit Wasser eintauchen. Sein Schatten weitete sich mit einem Mal und umfasste auch den Berg an Vorräten und anderen Gegenständen. Dann versank dieser langsam und ohne Halt im Schatten und einige Sekunden später war er verschwunden.


    „Ich kann mich noch ungefähr an den Weg erinnern, auf dem wir zu dem Panflam und zu dieser Pute gelangen!“, erklärte Shadow ihnen. „Wenn wir bis zu ihnen in keinen Sandsturm geraten, haben wir gute Chancen, sie einzuholen. Dann könnt ihr das selber mit eurem Freund besprechen. Seid ihr also bereit?“

    Erwartungsvoll blickte er alle und sowohl Emil als auch Vane und Rose nickten. Mit einem beklommenen Gefühl sah Max ihnen dabei zu, wie sie angespannt, aber auch ohne Gegenwehr ihre Schatten mit dem von Shadow verbinden ließen und wie sie kurz darauf in diesem versanken, ohne nur eine Spur auf dem Boden zu hinterlassen. Als Shadow dann sich Max und Iro zuwandte, sahen sie sich einander in die Augen. Eine seltsame Atmosphäre lag zwischen ihnen.

    „Ihr müsst nicht …“, begann Shadow zaghaft, mit festem Blick auf Max. „Ich biete es euch nur an …“

    „Ich schätze, wir haben Grund und Beweis genug, Rose in der Hinsicht zu vertrauen, oder?“, sagte Max an Iro gewandt. Er wusste, dass er Shadow selbst damit nicht viel an Vertrauen entgegen brachte, doch dieser schien es mit einem schiefen Lächeln stoisch aufzunehmen. Iro nickte bestimmt und Max gab damit Shadow auch sein Einverständnis. Das Gengar zögerte, verband aber seinen Schatten auch mit denen von Max und Iro.


    Es war, als würde von unten eine kräftige und kalte Hand Max an den Füßen greifen und mit ihn sich zurückziehen. Und es war ein erschreckendes Gefühl, wie Max scheinbar ohne Widerstand im Boden versank und er selber sich nicht im Stande fühlte, sich irgendwie zu bewegen. Doch ebenso befremdlich war die Welt innerhalb von Shadows Schatten. Sie war ein kreisrunder Raum mit schwarzen Wänden, die sich scheinbar ins Endlose weiteten. In diesem konnte er sich wieder frei und sogar fast schwerelos bewegen, doch gab es nichts in diesem Raum, auf das er sich zielstrebig hätte zubewegen können. Eine angenehm kühle Luft umfasste ihn und er verstand nun gut, was Rose zuvor gemeint hatte. Auf die Art wären die hohen Temperaturen der Schädelwüste definitiv besser zu ertragen. Er blickte sich um und versuchte, in all dem Schwarz die anderen auszumachen. Doch er fand sie nicht. Stattdessen glaubte er, ihre schemenhafte Umrisse an ihm vorbeihuschen zu sehen, mit denen er aber nicht kommunizieren konnte.

    Es war seltsam, dass Max sich sowohl frei und schwerelos als auch wie ein Gefangener spürte. Schwaches, rot angehauchtes Licht fiel von oben herab und er sah wie durch zwei rote Fenster die Umrisse der Ruinen, die sich aus seinem Blickfeld stahlen. Stattdessen war nun eine kahle Ebene zu erkennen, die Max ohne Zweifel als die Schädelwüste erkannte. Shadow schien sich wohl in Bewegung zu setzen und auch zur einer hohen Geschwindigkeit anzusetzen. Denn der Boden verschwamm am unteren Rand der Fenster, doch von den Bewegungen spürte Max nichts.


    „Ein wirklich seltsames Gefühl!“, flüsterte Max vor sich hin und er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass er soeben in eine Falle getreten war. Er dachte schon daran, dass Shadow ihn und Iro nie wieder aus seinem Schatten entlassen würde. Doch das Gengar hatte in so kurzer Zeit recht viel für das Team Mystery getan, ohne dass er darum gebeten wurde. Max war durchaus gewillt, Rose Glauben zu schenken, wenn sie sagte, dass Shadow kein so übles Pokémon mehr war. Doch die Art, wie boshaft er mit ihm, Jimmy und Iro gespielt hatte, als sie ihn stellen wollten, ging ihm nicht aus dem Kopf. Noch immer rangen zwei Seiten eines Bildes in ihm und er war sich nicht sicher, ob er Shadow vollständig vertrauen konnte oder nicht.


    Während dieser seltsamen Fahrt, die schon gefühlte zwanzig Minuten andauerte, blickte Max immer wieder nach draußen durch die roten Fenster, doch außer kahlem Wüstenboden konnte er nicht viel erkennen. Widerwillig staunte er über Shadows Fähigkeiten und er fragte sich, ob sie tatsächlich nur Glück hatten, als sie ihn gefasst hatten.

    Auf einmal kam Shadow wohl zum Halt, denn das Bild von der Wüste rastete ein und erstarrte. Dann spürte Max, wie dieselbe kalte Hand wie zuvor ihn packte, dieses Mal von oben und an den Schultern. Es zog ihn gegen eine der pechschwarzen Wände, doch statt hart gegen diese zu prallen glitt er durch diese hindurch, als wären sie überhaupt nicht da. Jäh empfing ihn glühende Hitze und ein enorm greller Sonnenschein, der ihn fast blendete. Dabei war es doch erst am Dämmern gewesen. Selbst Tageszeiten spielten in der Schädelwüste verrückt, schloss Max. Er kramte in seinem Erkunderbeutel und holte ein Kühlband hervor, das er sich sofort umlegte. Nun war die Hitze etwas erträglicher und auch seine Sicht beruhigte sich. Max sah, dass auch die anderen, welche aus Shadows Schatten gehoben wurden, mit dem plötzlichen Licht- und Temperaturwechsel zu kämpfen hatten, wogegen sie sofort Maßnahmen ergriffen.


    „Dies ist die Stelle!“, bemerkte Shadow mit vergnügtem Lächeln, nachdem er sich genug dieses Schauspiel angesehen hatte. Er deutete mit seiner Hand auf ein X, das er in den harten Steinboden eingraviert hatte. Mit schmalem Mund blickte Shadow sich um.

    „Doch von den anderen beiden keine Spur mehr … bestimmt sind sie weitergezogen.“

    „Und jetzt?“, entgegnete Iro bissig. „Willst du wieder losziehen und sie suchen?“

    „Weniger empfehlenswert“, antwortete Shadow. „Hier mitten in der Wüste ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr währenddessen in einen Sandsturm geratet, tausendmal höher als bei den Ruinen. Ich hätte Schwierigkeiten, euch wiederzufinden, wenn ihr irgendwo anders teleportiert werden würdet.“


    „Und die Sachen würden hier in dieser Hitze eingehen, wenn wir sie wieder rauslassen würden…“, gab Rose zu bedenken. Max fand, dass es weitaus wichtigere Dinge gab als ein paar eingegangene Lebensmittel, doch er besann sich, da es nicht sein Team war und er kam sich auch undankbar vor, dass er überhaupt an sowas dachte. Schließlich waren erst durch die Hilfe von Rose und den anderen so weit gekommen.

    „Gab es kein Anzeichen, wohin sie unterwegs wären?“, fragte Max Shadow, der aber den Kopf schüttelte. Er schien sich nicht erneut wiederholen zu wollen. Und Max ging um die Stelle herum, die Gengar markiert hatte. Irgendwo hier in der Nähe hatte Jimmy gestanden mit einer unbekannten Begleitung. Und obwohl er sie nicht kannte, brachte Max ihr dennoch schon Dankbarkeit entgegen. Denn er spürte, dass es ihr zu verdanken war, dass Jimmy noch nicht tot war.


    Bei dem Gedanken wurde Max schwindlig.


    Doch wohin waren sie verschwunden? Jetzt, wo er sich so umsah, erkannte Ma bestürzt, dass sie keinen Ansatz hatten, wo sie sich befanden. Er und Iro hatten keine Möglichkeit mehr, herauszufinden, wo Norden, Osten, Süden und Westen lagen. Ihre letzte war Jimmy aus der Hand geglitten und war in tausend Stücke zersprungen.


    Die Hitze trübte sein Sichtfeld und Max kniff die Augen zusammen.


    „Was sollen wir jetzt tun, Boss?“, warf Vane ein und Max fand, dass dies eine sehr gute und treffende Frage. Und wie ein Pfeil wirkte die Hitze scharf und spitz auf seine Augen ein, sodass Max sie schließen musste. Und während sie sich hinter ihren Lidern in der Dunkelheit beruhigten, hörte Max eine Stimme, die er nicht kannte. Sie sprach in einem ernsten Ton mit jemanden und er fühlte sich an sich selbst erinnert, wie er Jimmy und Iro ihr nächstes Vorgehen erläuterte:


    Die Störung kommt von dort, das spüre ich! Daher begebe ich mich auf den Weg dorthin! Ich weiß, wir kennen uns erst seit kurzem, doch wenn du selber auf dem Weg dorthin bist, wollen wir uns zusammenschließen?“         

    Und zu Max‘ Freude und Entsetzen hörte er eine Stimme, die enthusiastischer als zuvor klang, als er deren Urheber zuletzt in die Augen geblickt hatte:

    „Klar! Ich denke, zusammen werden wir das schaffen!“    

    Er konnte sich Jimmy gut vorstellen, wie er zuversichtlich grinste und Max wusste nicht mehr, wie lange es schon her war, dass er Jimmy so selbstbewusst erlebt hatte. Die Stimme wies nicht die kleinste Spur von Bedauern auf, dass Jimmy sich zuvor von seinen engsten Freunden getrennt hatte.

    „Ich mag deine Einstellung!“, lobte ihn die andere Stimme. „Dann auf zum Lawinenberg!“


    Max bekam einen warmen Schwall an Wasser über sein Gesicht. Erschrocken fuhr er hoch und blickte sich um, doch er merkte, dass er auf dem Boden lag. Vane und Shadow blickten ihn interessiert an und Emil war argwöhnisch, während Rose voller Sorge war. Nur Iro war der Einzige, der eine Ahnung von dem zu haben schien, was in Max gerade vorgegangen war.

    „Wie in der Taverne!“, kommentierte Rose beängstigt. „Passiert das bei dir öfter, Max?“

    Er spürte, in welche Richtung diese Frage ging.

    Er und Iro waren sofort darauf bedacht, sie und die anderen über Max‘ besondere Fähigkeit des dimensionalen Schreis aufzuklären. Alle machten große Augen und Rose schlug sich gegen die Stirn: „War das dann der Grund, weswegen du so plötzlich nach dem Knarksel gefragt hast?“

    Als Max dann nickte, stieß sie einen bewundernden Pfiff aus.

    „Hört sich nach einer ziemlich brauchbaren Fähigkeit an!“, nickte Emil anerkennend, der seinen Argwohn wieder abgelegt hatte.


    „Was hast du denn gesehen? Oder gehört?“, wollte Iro wissen, bevor die Bewunderung zu sehr die Oberhand gewann. Max blickte ihn an. Sollte er Iro davon erzählen, dass Jimmy offenbar unbekümmert klang? Dass er nicht ein Wort über ihn und Max gesagt hatte?

    „Sie sind auf dem Weg zum Lawinenberg“, sagte Max dann schließlich matt. „Jimmy und diese eine … eine …“

    „Pute?“, ergänzte Shadow bissig. Max nickte zustimmend, wenn auch widerwillig wegen der Bezeichnung. Er blickte zu Iro, der steif zurückblickte. Iro schien zu spüren, was Max bewusst zurückgehalten hatte, denn seine Augen verengten sich. Doch bevor er etwas sagen konnte, trat Rose zwischen ihnen: „Zum Lawinenberg also? Wisst ihr, wie ihr dahin kommt?“


    „Weißt du es denn?“, warf Shadow spöttisch ein. Rose achtete nicht auf ihn, doch erkannte sie an den Blicken von Max und Iro, dass auch sie keine Idee hatten, wie sie sich orientieren sollten. Emil warf einen Blick zum weißlichen Himmel und kniff gegen das Sonnenlicht seine Augen zusammen: „Wir könnten warten, bis es Nacht wird. Und uns so vielleicht an den Sternen orientieren.“

    „Oh ja, die ach so tollen Wegweiser!“, schnaubte Vane verächtlich.

    „Aber es stimmt!“, fuchste Rose ihn an. „Wenn man sich auskennt, kann man zumindest grob die Himmelsrichtungen bestimmen!“

    „Sollen wir jetzt hier draußen warten, bis es Nacht wird?“, stöhnte Iro und klopfte gegen seine Stahlrüstung: „Trotz des Kühlbands drohe ich hier heiß zu laufen!“

    „Wir haben sowieso gerade andere Sorgen! Seht!“, rief Shadow jäh dazwischen. Er deutete von ihnen weg und sofort sahen sie, was er meinte.


    Eine gewaltige Mauer aus aufgewirbeltem Sand kam ihnen entgegen. Rose schrie panisch auf und auch Max stieg jäh die Angst hoch. Was, wenn sie sich nun alle verlieren würden. Doch selbstbewusst grinsend ist Vane ein paar Schritte vor sie getreten.


    „Geht hinter mich! Und haltet euch fest!“, und er wartete nicht darauf, ob die anderen seiner Anweisung folgten. Er kniete sich auf dem Boden und hob die Arme so hoch wie er konnte. Währenddessen sammelten sich die anderen dicht hinter ihm und Max spürte, wie er dann zu erstarren schien. Shadow hatte sämtliche Schatten in seiner Nähe gepackt bis auf Vanes, der sehr konzentriert wirkte. Dann hämmerte er beide Arme auf den Boden und mit einem Mal schoss ein großer Felsen, der doppelt so breit wie sie alle zusammen war, aus dem Boden.

    Und das keine Sekunde zu früh, denn schon kam der Sandsturm über sie, doch dieses Mal umfassten keine harschen Winde Max. Zwar wirbelten spitze Sandkörner über sie hinweg, doch wurde nicht mehr derartig an seinem Körper gezogen. Vanes Felsen fing das meiste ab und auch Shadow sorgte dafür, dass alle an Ort und Stelle blieben.

    Doch dafür setzte nun ein leichtes Beben an, das sehr schnell stärker wurde. Es war ein Beben der Art, dass mehrere schwere Körper gleichzeitig auf dem Boden fielen. Max hörte nur, wie Vane verdutzt aufschrie: „Was zum ...?! DECKUNG!“


    Und abermals kam diese Warnung nicht zu früh. Denn auch Shadow schien was zu spüren, weswegen er alle nach links schleuderte. Nun zog wieder der starke Wind an Max Körper. Und kaum, dass Shadow sie alle von dort geworfen hatte, durchbrach ein mächtiges Bein, das dem einer Krabbe ähnelte, Vanes Felsen und stach dort ein, wo zuvor Iro noch erstarrt gewesen war. Nun erfüllte ein tiefgezogenes Röhren die Luft und mit einem Mal änderte sich die Art, wie der Wind wehte. Tatsächlich ließ er sogar an Kraft nach und die sonst so dichte braune Wolke aus Sand begann sich zu lichten. Unsanft landete Max auf dem harten heißen Steinboden und hustete Sand und kleine Steine. Er stöhnte, als er sich aufrichten wollte. Da durchbrach Roses zittrige Stimme die Luft: „Grundgütiger!“

    „Eine Burg?!“, kam es von Shadow und Max fand, dass ihm die Hitze der Schädelwüste zusetzen musste.


    Doch er tat ihm Unrecht, als er selber nun aufblickte. Ein gigantischer Felsen, der seltsam behauen wirkte, richtete sich steil gegen den Himmel. Und Max erkannte, was Shadow meinte. Etliche Geländer, Eingänge sowie Treppen und Leitern zu verschiedenen Ebenen waren zu erkennen, sodass der Felsen Ähnlichkeiten mit der Mauer einer Burg hatte. Nur die Zinnen fehlten eigentlich noch. Doch es war kein Felsen, wie Max nun feststellte. So unglaublich es wirkte, schien ein Pokémon doch imstande zu sein, diesen gigantischen Felsen auf seinen Rücken zu tragen. Drei Beine wuchsen unterhalb des Felsens erst zur Seite und dann zu Boden, von dem sie sich offenbar mühelos stemmen konnten. Und eine enorm große Krabbenschere war zu erkennen, die der von Krebscorps Konkurrenz gemacht hätte.


    Alle Pokémon starrten baff dieses Ungetüm an. Iro rieb sich mit verzerrtem Gesicht seinen rechten Arm, auf dem er zuvor gelandet war.

    „Meine Fresse!“, kommentierte Shadow sichtlich beeindruckt.


    Ein leises Klirren und Rasseln erfüllte die Luft und ein Rattern ertönte. Max erkannte sofort, wie an der Seite des Felsen, die zu ihnen gewandt war, eine lange, alt aussehende Zugbrücke herabgelassen wurde, die mit einem lauten Krachen auf dem Boden aufschlug. Ein großes, in Form gehauenes Loch offenbarte sich und ein Pokémon schälte sich aus deren Dunkelheit heraus.

    Part III: Durch das Raue zu den Sternen


    „Aber erzählt mal, ihr beiden!“, warf Shadow ein und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. „Was macht ihr überhaupt hier? Euch gerade hier anzutreffen ist mehr als außergewöhnlich!“

    „Und überhaupt…“, murmelte Emil langsam und schien mit seinen Fingern zu zählen: „Wart ihr nicht mal zu dritt? Ich kann mich erinnern, dass das Team Mystery aus drei Pokémon bestand…“

    „Das war es bei meiner Festnahme auch noch …“, pflichtete Shadow ihm bei.

    „Stimmt, jetzt wo ihr es sagt!“, meldete sich Rose und neugierig huschten ihre Augen zu den Ruinen und suchten sie ab: „Jimmy ist doch nicht verletzt, oder? Liegt er da oben? Braucht er vielleicht Hilfe?“


    Die Nennung von Jimmys Namen ließ alles über Max einbrechen. Shadow zu begegnen und seine Geschichte sowie die der anderen zu hören hatte eine Zeit lang von der Sorge um ihn abgelenkt. Der Streit sowie das plötzliche Verschwinden fielen über Max ein wie eine einbrechende Welle. Max ließ den Kopf sinken und er hatte Mühe und Schwierigkeiten, seine Trauer nicht vor Shadow und den anderen zu zeigen.

    „Wir haben Jimmy in der Wüste verloren … wir haben nach ihm gesucht, doch ein Sandsturm brachte uns hierher …“, sprach Max dann mit belegter Stimme. Er sah nicht, wie schockiert Rose ihn ansah und wie sie schnelle Blicke zu Shadow warf.


    „Das erklärt aber noch nicht, warum ihr überhaupt hierher gekommen seid …“, grübelte Emil und Max sah, als er aufblickte, wie dieser ihn scharf musterte. Max tauschte Blicke mit Iro. In seinen Augen las er ab, dass er auch darüber grübelte, ob sie den vieren von ihrem Ziel berichten sollten oder nicht. Doch Vane meldete sich zu Wort und machte die Überlegung überflüssig: „Kann es sein, dass ihr auf dem Weg zum Lawinenberg seid?“


    Fassungslos blickten die beiden Erkunder zu dem Stolloss. Auch seine drei Gefährten schauten ihn verdutzt an. Vane erwiderte jeden einzelnen der Blicke und zuckte mit den Schultern: „Es ist doch eigentlich logisch. An sich gibt es hier nichts zu holen. Und der einzige Grund, den ich mir zurzeit vorstellen kann, ist der, dass ihr sowohl durch die Schädelwüste als auch durch die Firntundra wollt, um zum Lawinenberg zu gelangen. Habe ich Recht?“

    Statt einer Antwort folgte Schweigen.

    „Der Lawinenberg …“, sagte Shadow und schien nachzudenken. „Warum muss ich da an einen Schatz denken, der dort zu finden ist …?“


    „Vermutlich, weil dort ein Wächter schlummern soll?“, sagte Vane in einem Ton, als wäre dieser Fakt recht selbstverständlich. Shadows Miene hellte sich auch und gab ihm Recht, Max hingegen war sprachlos. Er hätte es nicht erwartet, dass andere Pokémon von der Legende der Wächter und des Dämons wussten außer jene, die direkt in diese eingeweiht waren. Und nun standen gleich zwei Pokémon aus unterschiedlichen Hintergründen direkt vor ihm und taten so, als wären die Wächter Teil des Allgemeinwissens.

    „Was soll das heißen? Wächter? Lawinenberg?“, fragte Emil skeptisch und blickte die beiden an, die beide lachten.

    „Das hat mir meine Großmutter als eine Art Gute-Nacht-Geschichte erzählt!“, erwiderte Vane nostalgisch und setzte zu einer ätherisch rauchigen Stimme an: „Als der Winter immer erbarmungsloser wurde, so sandte Gott einen Wächter herab, der ihn fortan unter Kontrolle hielt. Hoch oben auf einem Berg im Norden regiert er über Eis und Wind!“

    „Das ist die Legende?“, fragte Max verblüfft. Vane nickte ihm zu.

    „Das ist jetzt keine allzu weit verbreitete, nur die ganz alten Pokémon erinnern sich an deren ungefähre Wortlaute.“


    „Und den Wächtern, von denen es angeblich sieben geben soll, wird nachgesagt, dass sie über enorme Schätze hüten sollen!“, rief Shadow aufgeregt ein. Seine roten Augen funkelten vor Begeisterung. Max atmete beruhigt aus, denn er hatte schon befürchtet, dass Shadow und Vane auf irgendeine Art und Weise von ihrem Auftrag erfahren hatten.

    „Stimmt, auch über den Geheimnisdschungel gibt oder gab es mal Legenden …“, flüsterte Iro, der sich zu Max hinuntergebeugt hatte, sodass nur er ihn hören konnte. „Allerdings sind diese nicht gerade wahrheitsgemäß; du weißt ja selbst, dass Mew nicht über einen greifbaren Schatz hütet.“


    Max nickte und er erwiderte Vanes Blick, der ihn erwartungsvoll ansah. Dann nickte er ihm zu und mit überlegener Miene grinste Vane: „Im Grunde sind Erkunder auch Schatzsucher, sobald sie von so einer Legende hören! Ist jedenfalls cool von euch, dass ihr euch dieser Herausforderung stellt!“

    „Doch ihr habt Jimmy auf dem Weg dahin verloren, sagt ihr?“, gab Rose zu bedenken, die den Enthusiasmus von Vane und Shadow nicht wirklich teilen konnte. Erneut spürte Max einen Stich im Herzen und nickte.

    „Und nun haben wir die Sorge, dass Jimmy in der Wüste … und das allein…“, wollte Iro anstelle von Max erklären, doch auch ihm versagten die Worte. Er konnte es wohl ebenso nicht aussprechen, was schon Max durch den Kopf schoss. Als Max den Kopf hoch, bemerkte er, wie seltsam Shadow ihn anblickte. Auch als er seinen Blick abwandte, spürte er die roten Augen des Gengars auf sich brennen.


    Dann verformte sich Shadows Körper etwas und für eine Weile waberte er wie schwarzer Nebel in der Luft. Max und Iro blickten erstaunt auf, als aus diesem Nebel allerlei an Gegenständen und frischen Lebensmitteln auf dem Boden fielen.

    „Was zum …“, starrte Max auf die einzelnen Sachen, mit denen man ein ganzes Lagerhaus hätte vollstellen können. Haufenweise Äpfel und Bananen, ein großes Bündel an Stoff, das offenbar ein Zelt war, diverse Orbs und andere Ausrüstungsgegenstände lagen wie Kraut und Rüben auf dem ganzen Boden.

    „Shadows Schatten kann nicht nur Pokémon aufnehmen“, erklärte ihnen Rose und wies sowohl auf sich als auch auf die anderen. „Seht ihr irgendeinen von uns einen Schatzbeutel tragen?“


    „Und die Sachen werden zudem haltbar gelagert!“, pflichtete ihr Emil bei und griff sich eine Banane vom Boden und biss in diese hinein. Vane hatte eine von zehn vollen Feldflaschen Wasser aufgenommen und trank aus dieser. Bei dem Anblick starrten sich Max und Iro an und beiden stand der Hunger ins Gesicht geschrieben – mit einem Mal kam deren Mahlzeit aus Trockenobst von vorhin so karg vor, dass es so war, als hätten sie rein gar nichts gegessen. Als Rose ihnen beiden jeweils einen ganzen Apfel und eine Banane darreichte, nahmen sie ihre diese blitzartig aus der Hand. Auch Vane reichte ihnen seine Feldflasche Wasser, aus der beide Erkunder große Schlucke nahmen. Gerade als Iro als letztes die nun leere Feldflasche vom Mund nahm, verfestigte sich Shadows Körper wieder und entschlossen blickte er zu Rose und den anderen.


    „Wohin willst du gehen?“, fragte Emil forsch, doch Shadow grinste und warf dem Team Mystery einen Blick zu: „Ich will mal sehen, ob ich dieses Panflam in der Wüste irgendwo aufgabeln kann.“

    „Was?“, rief Max und verschluckte sich beinahe an seinem Stück Banane. „Was hast du vor?“

    „Na, was wohl?“, sagte Shadow enttäuscht. „Ich leere nicht einfach so meinen Körper, versteht ihr?“

    „Aber …“, warf Max völlig baff ein. „Wie… und wieso?“

    „Ich bin so schneller und ich habe so bessere Chancen, wieder hierhin zu finden. Es wird zudem gleich Nacht“, und er wies zum Himmel, der mittlerweile eine dunklere Blaufärbung angenommen hatte. „Bei Nacht bin ich noch schneller als üblich.“

    „Das stimmt!“, kommentierte Rose ehrfürchtig. „Er hatte es innerhalb weniger Stunden bei Nacht vollbracht, zur Nordwüste hin und zurück zu sausen, um das Pumpdjinn zu verfolgen!“

    „Aber wirst du denn auch in der Lage sein, die ganze Schädelwüste zu durchqueren?“, warf Iro skeptisch ein und Max dachte sich, dass er an die Gefahren dachte, die diese heimkehrten. Shadow lachte amüsiert auf: „Bisher waren nur die Sandstürme ziemlich nervig! Wie euch gesagt wurde, macht mir die Hitze nicht viel aus! Nur bei Kälte bin ich was empfindlich ...“


    Er griff sowohl zu einem roten Band als auch zu einem Orb am Boden, den er Rose reichte.

    „Sprich meinen Namen und wirf ihn auf den Boden am nächsten Morgen! Sollte ich nahe genug sein, werde ich an dem Ort erscheinen, wo er zerspringt.“

    „Ich verstehe“, nickte Rose knapp und nahm den Appell-Orb in ihre Hufe, doch Sorge lag in ihrem Blick: „Und was, wenn du nicht in der Nähe bist?“


    „Wartet dann bis zum nächsten Abend! Nutzt den morgigen Tag, um euch auszuruhen. Geht das für euch klar, Team Mystery?“

    „Wir … jetzt warte mal!“, rief Max empört ein.

    „Es gefällt mir gar nicht, dass du so für uns entscheidest!“

    „So?“, entgegnete Shadow kühl und steckte sich sowohl das Hitzeband als auch ein paar der Äpfel, Bananen sowie eine Feldflasche an Wasser in seinen Körper wieder ein. Kritisch blickte er Max von oben bis unten an und dasselbe tat er auch bei Iro. Sein Mund verzog sich.

    „Nimm es mir bitte nicht übel, doch ihr beide seht ziemlich schlimm aus. Auch ihr solltet euch gut ausruhen, bevor ihr euch wieder in die Wüste begebt!“

    „Das hast du nicht zu bestimmen!“, erwiderte Max wütend und wollte sich aufrichten. Er und Shadow wechselten Blicke. „Wenn du losziehst, um Jimmy zu suchen, dann komme ich mit!“


    Erstaunt weiteten sich die Augen des Gengars: „Also vertraust du mir nun?“

    Nat“, wollte Max schon sagen, doch jäh hielt er inne. Aus irgendeinem Grund zögerte er und Shadow lächelte schwach: „Ich habe es mir schon gedacht. An sich kannst du mitkommen, doch wenn du mir nicht vertraust, macht es keinen Sinn, dass ich dich in meinem Schatten mitnehme. Und generell rate ich dir, dich auszuruhen. Ob du hierbleibst oder nicht, wird für Jimmy keinen Unterschied machen!“

    „Wird es sehr wohl!“, sagte Max hitzig und wandte sich an Iro. Er erwartete Unterstützung von seinem Grund, doch war er erstaunt, dass Iro offenbar über diese Sache grübelte. Als Max dann Iro drängte, blickte dieser auf und in seinem Blick lag Entschlossenheit. Als er sich aufrichtete, vermittelte er trotz seines bandagierten Armes ein imposantes Bild.

    „Vergiss nicht, weswegen wir nach Jimmy suchen, Max!“, sagte Iro im ernsten Ton. Er sprach nun direkt zu seinem Anführer und blickten diesen fest in die Augen. Max wollte erwidern, doch er sah in Iros Augen etwas, das ihn verstummen ließ. Doch Iro kümmerte es nicht.

    „Du weißt, mit welchen Worten Jimmy uns verlassen hat? Du erinnerst dich, wie er sich benommen hat?“

    „Iro, müssen wir das hier …“

    „Ja, ich denke, dass du es auch von anderen hören solltest!“


    „Dass wir was hören?“, fragte Rose beklommen. Max wollte protestieren, doch Iro warf ihm einen scharfen Blick zu: „Willst du es ihnen erzählen? Oder soll ich es?“


    „Hört mal“, warf Emil beschwichtigend ein. „Es ist wohl offensichtlich, dass ihr untereinander Streit hattet. Doch das hat nichts mit uns zu tun. Wir wollen uns nicht einmischen …“

    „Sehe ich auch so“, stimmte ihm Shadow zu. Er warf einen fragenden Blick zu Iro: „Soll ich ihn dann hierherbringen, sollte ich ihn finden?“

    „Ja!“, rief Max sofort.

    „Nein!“, warf Iro hingegen ein. Max warf ihm empörte Blicke zu und Iro erwiderte diese trotzig: „Bedenke, wie du als Anführer dastehst, wenn du jemanden zurückholst, der sich sowohl dir als auch mir gegenüber respektlos verhalten hat!“

    „Und wenn schon!“, rief Max wütend und mit Tränen in den Augen.

    „Ich kann Jimmy nicht einfach draußen lassen!“

    „Das will ich auch nicht und deswegen soll Shadow ihn sicher aus der Wüste bringen, bevor er hier wirklich umkommt.“

    Iro warf Shadow einen Blick zu: „Das wäre nicht zu viel verlangt, oder?“


    "Ich bin mir sicher", grübelte Shadow. "Ich könnte ihn zurück zur Nordwüste bringen, aber zu weit will ich mich auch nicht von meinen Leuten bewegen … Es wäre mir eigentlich schon lieber, ich bringe euren Jimmy hierhin, sodass er mit uns zurückgehen kann, während ihr allein euren Weg fortsetzen könnt?“

    „Aber das klingt doch idiotisch!“, warf Rose kopfschüttelnd ein. „Vielleicht solltest du Jimmy hierherbringen und dann kann das Team Mystery seine Streitigkeiten klären, während wir alle nach Hause kehren können.“

    „Und was ist dann mit dem Mistsack an Pumdjinn?“, gab Vane knirschend zu bedenken. Roses Mund verzog sich so wie auch Shadows.

    „Wir würden die Spur zu dem Mistsack verlieren …“, flüsterte Shadow.


    „Am besten ihr haltet euch alle da raus!“, rief Max zum Erstaunen aller. Er hatte genug und er war wütend auf Iro, dass er vier fremden Pokémon erzählen wollte, was zwischen ihnen und Jimmy geschehen war. Doch mit Blick auf Shadow wurde ihm klar, dass dieser wohl oder übel die beste Möglichkeit darstellte, Jimmy in der Wüste auszumachen. Er und Iro waren zu erschöpft und im Vergleich zu Shadow so langsam, dass es gewiss zu spät sein würde, sollten sie überhaupt Jimmy finden können. Als er Iro einen flehenden Blick zuwarf, blieb dieser eisern, dann schloss Max die Augen, als würden ihm Worte sehr schwer fallen: „Solltest du Jimmy finden, bring ihn hierher. Wenn er dann nicht bereit zum Versöhnungsgespräch sein sollte, bitte ich euch darum, dass ihr ihn sicher aus der Wüste nehmt.“

    „Und das ist so in Ordnung für dich?“, fragte Shadow. „Du kannst immer noch gerne mitkommen … sofern du mir vertraust …“


    Max warf einen Blick auf Rose, die ihm zulächelte, als würde sie ihrer Geschichte Nachdruck verleihen. Shadow konnte man ihrer Ansicht wohl anvertrauen. Doch irgendetwas in Max‘ Körper hielt ihn davon ab. Doch es war die eigene Furcht vor einem erneuten Treffen mit Jimmy. Er könnte es nicht über sich bringen, einen eventuellen Leichnam zu erblicken, doch jäh schlug er diesen Gedanken aus dem Kopf.

    „Nein, ich denke, ohne mein Gewicht bist du am schnellsten und kannst Jimmy auch so schneller finden!“, schüttelte Max dann etwas dankbar den Kopf. Er nickte Shadow dann zu: „Beeil dich bitte!“

    „Keine Sorge! Und auch ihr nicht!“, wandte sich Shadow dann an seine Verbündeten. „Ich finde schon den Weg hierhin zurück … irgendwie. Notfalls bringen mich die Sandstürme hierher zurück!“


    Shadow lachte auf und Rose erwiderte es nur halbherzig, wie auch Emil. Vane hingegen stimmte mit ihm überein: „Du packst es, Boss! Da müsste mehr kommen, um dich niederzuwerfen!“

    Shadow lächelte, nickte jedem der Anwesenden zu und verschwand dann in seinem Schatten, welcher nun kreisförmig auf dem Boden lag. Und blitzartig war er verschwunden. Max sah nur innerhalb eines Augenblinzelns, wie der Schatten über die Felsen huschte, die die Ruinen umringten. Max blickte noch ein paar Sekunden an der Stelle, als dann Rose auf ihn zutrat.


    „Mach dir keine Sorgen!“, sagte sie aufmunternd. „Es würde mich nicht wundern, wenn Shadow in ein paar Stunden wieder kommt-“

    „Und gute Neuigkeiten bringt?“, fragte Max sie tonlos. Rose verstummte.

    „Ich bezweifle, dass wir das euch garantieren können“, sprang Emil ihr zur Hilfe. „Wir können jetzt nur abwarten und uns ausruhen.“


    „Ich mache uns was zu essen“, sagte Rose im Versuch, aufmunternd zu wirken und kramte diverse Lebensmittel – Eier in einem gefiederten Behälter, Gemüse sowie eine Zitrone – vom Boden und füllte sie in einen kleinen Topf. Auch kramte sie diverse Holzstücke sowie Reisig zusammen und wandte sich dann sachlich an Vane: „Du hast gesagt, du hast Erfahrung mit Camping? Weißt du, wie man ein Feuer anzündet?“

    Letztlich musste Emil ihnen zeigen, wie man mit Feuerstein ein kleines Feuer anfachen konnte. Es dauerte eine Weile, bis dieses auf dem Holz groß genug war, sodass darüber der Topf aufgehängt werden konnte. Vane hatte mit seinen Metallklauen das Gemüse in grobe Stücke gehackt und Rose bereitete ein paar der Eier in einer Holzschüssel zu.


    „Bevor wir losgegangen sind, habe ich sämtliches Inventar aus der Küche meiner Taverne geschafft und Shadow aufnehmen lassen.“, erklärte sie auf Max verdutzte Miene hin. „Sein Schatten ist eine wandelnde Lagerhalle, ziemlich praktisch!“

    Sie ließ etwas Planzenfett im Topf schmelzen und gab kurz darauf die Eier hinzu. Wenig später schüttete sie das von Vane gehackte Gemüse hinein und rührte mit einem Holzlöffel um. Ein wohliger Duft stieg in Form eines dicken Dampfes aus dem Topf hervor und Max spürte, wie es seinen Magen kribbelte. Rose fügte anschließend frisch gemahlenen Pfeffer sowie Salz hin zu und verteilte dann den Inhalt der Topfmenge auf mehrere kleine Holzschalen.


    „Leider reicht es nur für eine Portion pro Pokémon; und ich halte etwas für Shadow und vielleicht Jimmy zurück, wenn sie nachher schon kommen sollten…“

    Auch wenn der Gedanke an Jimmy schmerzte und Max inständig hoffte, dass Shadow ihn wirklich schnell finden würde, überwand er sich doch dazu, von dem Essen zu probieren, das Rose ihnen gekocht hatte. Wie schon bei den Brötchen hatte Max das Gefühl, selten etwas so Köstliches gegessen zu haben. Iro und so auch Vane und Emil schien es nicht anders zu ergehen. Rose lächelte breit, als sie Essenden betrachtete.

    „Ich muss sagen!“, mampfte Vane mit vollem Mund und Rose warf ihm ein etwas angewidertes Lächeln zu. Doch Vane sagte nichts Weiteres, sondern schmatze genüsslich weiter. Max spürte, wie sein Körper sich immer mehr zu entspannen schien, auch wenn er glaubte, die Nacht kein Auge zu machen zu können, während Shadow noch immer unterwegs war. Er erstaunte eine halbe Stunde später alle damit, dass er am Rande der Ruinen Wache halten wollte. Zwar gab es wohl kaum etwas zu befürchten, zumal sie zu fünft und gewiss fähig waren, andere Feinde abzuwehren. Doch etwas abseits von ihnen zu sein gab Max die Gelegenheit nachzudenken.


    Während er nach draußen auf die kahle Wüste blickte, während der Sternhimmel so hell wie nie zuvor glitzerte, ließ Max alles nochmal auf sich wirken. Die Sorge um Jimmy war immer noch präsent und solange Max nichts von Shadow hörte, würde es auch so bleiben. Doch glaubte er nun einen Silberstreif am Horizont zu sehen. Er hatte es nun mit eigenen Augen gesehen, wie blitzschnell Shadow sich bewegen konnte, und er war zuversichtlich, dass dieser einen Großteil der Wüste in wenigen Stunden absuchen könnte. Doch würde er Jimmy finden können? Und wieso hat er ihm so bereitwillig die Hilfe angeboten? Aus irgendeinem Grund konnte Max seine Vorsicht gegenüber Shadow nicht fallen lassen, die aberwitzige Idee, dass all das nur eine Finte von ihm wäre, ließ ihn nicht los.


    Etwas scharrte hinter ihm und Max drehte sich schnell um. Doch er sah nur Emil, wie dieser den Hang zu ihm hinaufstieg.

    „Du erlaubst?“, fragte er kurz angebunden und Max nickte kaum merklich. Emil lehnte seinen schweren Panzer an eine querliegende Säule und blickte seitlich auf die nächtliche Wüste. Eine Zeit lang starrten beide zusammen auf die Schädelwüste bei Nacht. Max bibberte etwas, denn er hatte vergessen, ein Hitzeband anzuziehen. Er war erstaunt, wie kalt die Luft in der Wüste sein konnte. Emil hingegen ließ sich nichts anzumerken, obwohl auch er kein Band trug. Vermutlich war es auch nur der Typen-Unterschied, dachte sich Max.

    „Wie sieht es eigentlich aus? Vertraust du uns?“, fragte Emil frei heraus und Max stutzte über diese Direktheit. Emil blickte ihm ins Gesicht und Max spürte, wie er um eine Antwort verlegen war. Doch Emil schien nicht sonderlich erpicht auf eine Antwort zu sein, denn schon sprach er weiter: „Ich könnte es verstehen, wenn du noch misstrauisch wärst … vielleicht solltest du es auch sein …“

    „Was meinst du damit?“, fragte Max und er bekam das Gefühl, seine Laubklingen im Anschlag zu halten. Doch Emil lächelte sanft: „Wir, also Shadow und ich, sind mit der Prämisse losgezogen, euch Erkundern vom Team Mystery das Handwerk zu legen. Schließlich hatten wir es euch zu verdanken, dass wir überhaupt ins Gefängnis gewandert waren.“

    „Und wie sieht es jetzt aus?“, fragte Max zaghaft.


    Sofort ließ Emil eine seiner Kanonen ausfahren und Max sprang instinktiv zurück und hielt eine Laubklinge hoch, die in der Nacht hell leuchtete. Er fragte sich, ob die anderen von weiter unterhalb diese sehen, doch Max ließ Emil nicht aus den Augen, der ihn scharf fixierte. Dann lächelte er abermals sanft und ließ seine Kanone zurückfahren.

    „Gut gemacht, deine Instinkte sprechen für dich!“


    „Was sollen die anderen denken, falls sie es gesehen haben?“, funkelte Max ihn wütend an. Emil ruckte mit dem Kopf: „Dass ich deine Reflexe testen wollte. Was willst du ihnen erzählen?“

    „Dass du vielleicht durchblicken lässt, dass du und Shadow vielleicht doch noch euren Racheplan durchziehen wollt?“, antwortete Max bissig.

    Emil sagte für eine Weile kein Wort. Dann kicherte er vergnügt: „Weißt du, ich bezweifle allmählich, dass Shadow wirklich dazu im Stande gewesen wäre, diesen durchzuführen. Du hast ihn ja gesehen.“

    Max wusste, was Emil meinte. Abermals fühlte er sich mit dem zweiseitigen Bild konfrontiert, welches er von Shadow hatte. Und auch zu Emil malte er sich ein Bild, auch wenn er diesen nicht konkret deuten konnte. Er wollte schon fragen, doch Emil richtete sich wieder auf: „Es gibt viele Pokémon, die einen mit ihren Worten täuschen. Halte dich immer für das Schlimmste bereit und du wirst aufs Neue immer wieder überrascht!“

    Mit diesen seltsamen Worten kehrte Emil zu den anderen zurück und Max blickte ihm nach: Was meinte Emil damit?



    „Ich wünschte, ich könnte mehr machen!“, sagte Rose zu Iro, als Max wieder zu ihnen trat. Sie hatte sich seinen Arm gesehen und Iro sah sie skeptisch an. Rose hatte ihm ein Glasbehältnis mit einer weißen Flüssigkeit drinnen gegeben, die Iro nun im Licht des immer schwächer werdenden Feuers begutachtete.

    „Ist das … Milch?“, fragte er fasziniert und etwas angeekelt zugleich. Rose stieß ihn unsanft gegen die Schulter: „Keine Vorbehalte gegenüber Milchgetränke anderer Pokémon!“

    „Es ist nur so …“, gab Iro zu Bekennen und lächelte sie schief an, „die Milch kommt von dir …“

    „Und?“, erwiderte Rose schnippisch. „Gewiss haben sich deine und meine Vorfahren auch von der Milch von Pokémon ernährt, wenn sie diese zur Verfügung hatten.“

    „Mag sein“, sagte Iro unverändert wenig überzeugt. „Doch das waren bestimmt wilde Pokémon. Doch wenn es von dir kommt …“

    „Meine Güte, stell dich nicht so an! Ich bin bereit, meine Milch mit dir zu teilen, um deinem Arm schnelleren Knochenwuchs zu ermöglichen. Was ist daran verkehrt?“

    „Du hörst also nicht, wie komisch sich das anhört?“, fragte Iro verdutzt. Rose schüttelte den Kopf.


    Irgendetwas an diesem Bild brachte Max fast dazu zu lachen und er konnte es sich nicht erklären, woran es lag. Belustigt sah er, wie Iro widerwillig das Glas mit Milch an seinen Mund ansetzte und dann die Flüssigkeit in einem Zug trank. Vane, der gespannt zugesehen hatte, brüllte auf vor Lachen: „Jetzt ist Rose quasi in dir drin!“

    „Halt die Klappe!“, fauchte Iro und warf das leere Glas zu ihm, worauf dieses an seinem stählernen Körper zerschellte.

    „Hey…“, sagte Rose bedrückt, während sie die Scherben aufsammelte. All das amüsierte Vane noch mehr und kugelte sich auf dem Boden. Ein mahlendes Geräusch ertönte und ein wütendes Brummen echote aus dem Panzer von Emil, in dem er sich zurückgezogen hatte, um sich etwas auszuruhen: „Ruhe da draußen!“

    „Verzeihung, Emil“, japste Vane und versuchte sich wieder einzukriegen. Iro schauerte noch immer etwas über das Milchgetränk, doch seine Miene wich begeisterter Freude, als er auf seinen Arm blickte.

    „Ich glaube, es wirkt!“, sagte er grinsend und bewegte leicht seine rechte Schulter, so gut es mit der Bandage ging. „Fühlt sich schon etwas besser und vor allem fester an!“

    „Siehst du? Ganz gleich, woher es kommt, Medizin ist Medizin!“

    „Oder aus wem es kommt!“, prustete Vane und lachte wieder laut auf. Ein Schauer Wasser goss sich sich über ihn und während Vane prustete, sah Max, wie Emils Kanone wieder in seinen Panzer zurückfuhr.


    „Ist es seltsam zu sagen, dass ich diese Truppe ungern mit einer anderen tauschen würde? Trotz ihres Humors?“, fragte Rose und wandte sich dabei an Max. Dieser blickte vom nassen Vane zu Emil und er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er zuckte mit den Schultern und Rose schien dies als Antwort von Max zu genügen. Rührselig blickte sie zu den beiden.

    „Obwohl ich wusste, dass auch Emil gesucht wurde, hatte ich kaum Angst, sobald ich erkannt hatte, wie sehr sich Shadow und er um Vane kümmerten, als dieser vergiftet war.“


    „Hast du dir nicht gedacht, dass sie Vane nur dabei haben wollten, damit sie uns besser erledigen können?“, fragte Max sie. Sie dachte eine Weile nach, dann schüttelte sie den Kopf: „Hätte das in dem Moment einen Unterschied gemacht? Vane war vergiftet und ich hatte die Mittel, ihn davon zu heilen. Es war klar gewesen, was ich zu tun hatte!“

    „Jedes Pokémon verdient Hilfe, wie es scheint …“, sagte Max leise und Rose pflichtete ihm bei. „Es ist ein schwieriger Kodex, gewiss gibt es diverse Typen, deren Taten einfach unverzeihlich sind. Und ich würde mich sehr darin herausgefordert fühlen, meinen hippokratischen Eid auf sie anzuwenden.“

    „Deinen was?“, fragte Iro, der neugierig mitgehört hatte. Rose lächelte mit gewichtiger Miene.


    „Das Gelöbnis aller Ärzte, jedes Pokémon zu heilen, das medizinische Hilfe erfordert. Zumindest habe ich darüber gelesen und ich finde ihn schon recht normgebend. Aber ich keine Ärztin oder Heilerin an sich, von daher-“

    „Machst du Witze, Rose?“, warf Vane ein, der ebenso trotz seines Lachanfalls zuhören konnte.

    „Du bist keine Heilerin? Hallo?“

    „Es stimmt doch!“, wehrte sich Rose entrüstet. „Ich habe nie die offizielle Ausbildung gemacht noch war ich in der Lehre von einem anerkannten Arzt. Nur so wird man zur Heilerin.“

    „Unsinn!“, warf Vane ein und richtete sich auf. Rose sah ihn mit großen Augen an.

    „Du wendest Wissen an, das du dir selber beigebracht hast. Mit der Erfahrung kommt die Expertise. Und das ist auch eine coole Profession, die damit einhergeht!“

    „Lieb von dir, das zu sagen“, sagte Rose mit einem sanften, schwachen Lächeln. Doch andere Mediziner würden dir widersprechen.“

    „Und wenn schon!“, rief Vane laut und Emil streckte genervt seinen Kopf aus dem Panzer. Doch er verzichtete auf einen weiteren Wasserstrahl, als er hörte, worüber sie sprachen. Vane deutete Iros rechten Arm: „Du hast vielleicht unkonventionelle Heilmethoden! Doch du schaffst es trotzdem als Normal-Pokémon dafür zu sorgen, dass der kaputte Arm dieses Impergators hier wieder heranreift.“


    „Das ist nicht so, wie es funktioniert“, wollte Rose einwerfen, doch Vane schnitt ihr in seinem Eifer das Wort ab.

    „Du hast auch mich mit ganz einfachen Mitteln von einer schwerwiegenden Vergiftung geheilt!“

    „So schwer war die jetzt auch nicht-“


    „Tu mir bitte einen Gefallen Rose und hör auf dich so runterzureden!“, rief Emil laut und seine Arme und Beine tauchten aus seinem Panzer hervor. Er schritt auf sie zu und sah ihr eindringlich in die Augen. Rose errötete und blickte verlegen zu ihm hoch.

    „Du bist eine gute Heilerin, und das weißt du! Wenn wir ein Erkundungsteam wären, hätten wir dich sehr gern als Heilerin dabei!“


    Eine seltsame Stille legte sich über sie. Rose blickte Emil lange an, bis sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie vergrub das Gesicht in ihren Hufen und schluchzte. Doch es war kein Schluchzen wie das, was Max zuvor von sich gegeben hatte. Statt Qualen hörte er Dankbarkeit und Freude aus Rose hervorquellen wie eine aufgebrochene Quelle. Vane blickte von Emil zu Rose, dann brummte er immer lauter auf, bis er einen erregten Schrei von sich gab: „Wow ... das ist eine sehr coole Idee, Emil!“

    „Was?“, fragte dieser und blickte irritiert zu Vane, der erregt seinen Stahlfinger auf ihn deutete.

    „Wir gründen ein Erkundungsteam! Ein richtiges! Kein Anti!“

    „Das war nur hypothetisch gesprochen!“, fuhr Emil das Stolloss an, das sich kaum halten sollte.

    „Shadow und ich werden wahrscheinlich schon überall im Land gesucht. Es gibt für uns keine Chance, je offiziell ein Erkundungsteam gründen zu können.“

    „AHA!“, rief Vane so laut aus, dass alle zusammenzuckten. Zusammen blickten sie irritiert Vane an, der ungläubig von einem zum anderen blickte.


    „Du hast nicht gesagt, dass du es selber nicht willst!“, schloss das Stolloss siegessicher und grinste Emil an, der den Mund öffnete, aber nichts sagte. Es war offensichtlich, dass er soeben überrumpelt wurde. Rose, die noch immer was schniefte, wandte sich an Vane: „Aber Emil hat Recht. Da er und Shadow gesucht werden, wird es uns versagt bleiben, je offiziell ein Erkundungsteam gründen zu können.“

    „Dann sind wir halt ein inoffizielles Erkundungsteam! Wer braucht schon uncoole Behörden!“, rief Vane begeistert und wandte sich an Max und Iro: „Was haltet ihr von der Idee, Team Mystery?“


    „Wir … also …“, versuchte Max zu antworten, der nicht weniger perplex über diesen plötzlichen Vorschlag. Doch erneut meldete sich Rose zu Wort: „Wir müssten erstmal abwarten, was Shadow dazu sagt. Vielleicht will er kein Team gründen, jetzt wo er von der Rache an das Team Mystery absieht.“


    Bei den Worten wechselten Emil und Max rasche Blicke und schätzten sich einander ab. Emils Mund zuckte leicht.

    „Und so ein Erkundungsteam braucht auch einen Namen“, warf Emil dann an Vane gewandt ein. „Es dürfte anstrengend sein, dass wir uns auf einen Namen einigen-“

    „Sternenjäger!“, rief Vane ein. Vier verdutzte Blicke, vor allem die von Emil und Rose, schauten ihn an.

    „Sternenjäger?“, sagte Rose verdattert. „Warum denn gerade der Name?“

    Vane antwortete nicht direkt. Er entfernte sich etwas von ihnen und vollführte einen seltsamen Tanz auf. Es waren stoßartige, seltsame Bewegungen, die bei einem stählernem Pokémon wie ihm recht grotesk wirkten. Und während er diese vollführte, begann er laut vorzutragen:



    „Durch die Höhlen unter Tage

    Oder auf dem hohem Berg,

    Laufen wir, sobald wir sagen:

    ´Heute schaffen wir das Werk!´


    Haben noch nicht viel erkundet.

    Nur gemeinsam sind wir was.

    Und ist einer auch verwundet,

    Wissen wir: Wir schaffen das.


    Wir sind welche von den Harten,

    Retten jeden, der uns ruft.

    Ihr braucht nicht mehr lang zu warten,

    Habt das beste Team gebucht.


    Per aspera ad astra - Team Sternenjäger



    „Wirklich? Du hast schon eine Art Slogan?“, warf Emil peinlich berührt ein. Vane strahlte ihn an.

    „Was heißt den Per aspera ad astra?“, fragte Rose verwirrt und Vane strahlte auch sie an.

    „Durch das Raue zu den Sternen. Und ich finde, dass passt zu uns ganz besonders gut. Ein neues aufstrebendes Erkundungsteam, das sich selbst durch die widrigsten Umstände kämpft. Sei es eine erbarmungslose Wüste oder uncoole Behörden. Uns kann nichts aufhalten. Wir streben danach, zu den Besten zu gehören. Wir greifen förmlich nach den Sternen. Daher der Name: Team Sternenjäger!“

    „Ziemlich gute Idee, muss ich schon sagen!“, ertönte eine Stimme hinter Max, Iro, Rose und Emil. Vane strahlte deren Urheber an und sie wandte sich um. Shadow stand breit lächelnd im Halbschatten und blickte die fünf Pokémon.

    „Dir gefällt also die Idee ein Erkundungsteam zu gründen, Boss?“, fragte Vane.

    Shadow lächelte schief: „Meine einzige Sorge wäre, ob es nicht ein Affront für diverse Erkundungsteams darstellen würde, wenn es ein Erkundungsteam gäbe, wo zwei gesuchte Verbrecher Mitglieder wären.“

    Max spürte, dass seine Meinung gefragt wurde, doch es gab in dem Moment Wichtigeres zu wissen. Jäh richtete sich Max auf und sah Shadow ernst in die Augen: „Und?“


    Eine Weile lang war Shadows Gesicht ausdruckslos. Und obwohl dieses dann ein Lächeln andeutete, spürte Max, dass etwas nicht stimmte. Auch bemerkte er, dass Shadow ein rot-blau umrandetes Auge erhalten hatte, als hätte etwas oder jemand ihm mit einem Faustschlag dieses verpasst. Auch den anderen blieb es nicht unbemerkt.

    „Wer hat dir das angetan, Boss?“, rief Vane wütend auf. Shadow aber winkte ab. Er wandte sich ernst an Max: „Die gute Nachricht, ich habe ein Panflam in der Wüste antreffen können. Es befindet sich in reizender Gesellschaft. Die hat mich auch als Verbrecher erkannt und wollte mich dingfest machen. Sie glaubte wohl, ich wollte das Panflam entführen, als ich es gesagt habe, dass ich es mit seinen Freunden wieder vereinen wollte ...“

    „Und dann?“, fragte Iro, doch Max fiel bei Shadows Wortwahl etwas auf: „Wieso sprichst du von einem es? Du weißt doch, dass unser Freund Jimmy heißt!“

    „Die Frage ist … war das wirklich euer Freund Jimmy?“, entgegnete Shadow tonlos und sah Max und Iro eindringlich an.

    „Denn als ich dem Panflam erklärte, dass Max und Ironhard mit ihm reden wollen, hat dieses nur gesagt: Wer ist das? Ich kenne die beiden nicht!“

    Part II: Anti-Erkundungsteam


    „Du?!“, rief Max zu Shadow und versuchte, seine Glieder zu bewegen. Doch da Shadow seinen Schatten mit dem von Max verband, lag es an ihm Max Körper so zu bewegen, wie er es wollte. Sein Name passte da sehr gut zu dieser Fähigkeit, die Geist-Pokémon anwenden konnten. Max versuchte, eine Salve von Kugelsaat auf Shadow abzufeuern, doch dieser verhinderte lässig den Treffer, in dem er Max‘ Kopf leicht in eine andere Richtung drehte. Unfähig, einen Angriff auszuführen, warf Max dem Gengar einen trotzigen Blick zu. Auch Iro erging es nicht anders. Shadow blickte zwischen den beiden hin und her und das breite Lächeln zog sich nachwievor über sein Gesicht.

    „Ehrlich gesagt, ich bin erstaunt, dass ich euch hier antreffe, Team Mystery!“, bekundete Shadow. „Von allen Ecken, an denen ich euch hätte antreffen können, laufen wir uns gerade hier, auf dem trostlosesten Flecken der Welt, über den Weg.“


    Das Stolloss, das zuvor mit Iro einen Schlagabtausch hatte, blickte vom Team Mystery zu Shadow: „Das ist also das Erkundungsteam, von dem du uns erzählt hast, Boss?“

    „Kein Zweifel“, sprach das Turtok an Shadows Stelle und nun erkannte Max, dass es sich um Emil, dem Scharfschützen, handelte. Wachsam und doch mit einer Miene, als würde ihn die Situation nur mäßig interessieren, blickte Emil die beiden Erkunder an: „In der Tat ein Zufall, euch hier zu begegnen, Team Mystery.“

    Gerade wollte Iro eine giftige Antwort erwidern, da schob sich eine vierte, kleinere und rundliche Gestalt hinter dem Stolloss hervor. Ihre Augen weiteten sich vor Aufregung, als sie das Team Mystery sah: „Max! Iro!“


    „Rose?“, die beiden und waren nun verblüfft über den Anblick, der sich ihnen bat. Dass Rose sich in der Gesellschaft zweier gesuchter Pokémon befand, schien sie keineswegs zu stören. Dafür aber störte sie etwas Anderes, denn sie warf nun Shadow einen mahnenden Blick zu: „Lass sie nun bitte runter, Shadow!“ „Ich weiß nicht, Rose…“, antwortete er langsam und ließ Max und Iro keine Sekunde aus den Augen. „Ich habe das Gefühl, dass die beiden auf mich losgehen würden, sobald ich sie aus meinem Schattengriff entlasse.“
    „Das werden sie schon nicht …“, sagte Rose, wurde aber dann doch nachdenklich und sah das Team mit ihren mandelförmigen Augen an: „Werdet ihr?“

    „Was heißt denn wir? Shadow will doch uns aus dem Weg räumen“, rief Max und wollte eigentlich kampfbereit klingen, doch er war noch immer so verblüfft über diese Konstellation, dass seine Stimme wenig überzeugend klang. Shadow lachte herzhaft auf:


    „Du siehst, Rose, dass zwischen uns böses Blut herrscht. Und ich muss ehrlich zugeben, die Versuchung ist gerade ziemlich groß, Vergeltung zu üben …“, und tatsächlich drehte er Max‘ Kopf langsam weiter in eine Richtung und Max kam der panische Gedanke, dass Shadow ih seinen Hals verrenken würde. Ein gemeines Grinsen überkam Shadow, als käme er auf denselben Gedanken, doch als er Roses strengen Blick auf sich spürte, seufzte er und versetzte Max und Iro in eine angenehmere Haltung und löste den Schattengriff. Wie von Fäden getrennt fielen Max und Iro prompt auf den Boden, von dem sie sich aber sofort aufrichten und auf das Gengar einstürmen wollte. Doch sowohl Rose als auch das Stolloss stellten sich ihnen in den Weg und abermals war Max verblüfft über Rose, da sie einen entflohenen Verbrecher schützen wollte. „Ich weiß, was du denkst, Max!“, sagte sie flehend, als sie seinem Blick begegnete, „doch wenn ihr für einen kurzen Moment ruhig bleibt, haben wir die Chance, euch alles zu erklären!“

    „Aber“, protestierte Max und blickte zu Shadow, von dem er sich dachte, dass sie ihm nicht vertrauen konnten. Rose deutete seinen Blick richtig und sie bat Max, sich wieder ihr zuzuwenden: „Wenn du ihm nicht vertraust, dann vertrau bitte mir, ok?“


    Nur widerwillig steckten Max und Iro letztlich ihre Waffen weg, nachdem sie einander versichert hatten, dass sie Rose wohl trauen konnten. Max fuhr seine Laubklingen wieder ein und Iro ballte nur noch zur Hälfte seine linke Faust. Doch sie blieben angespannt und funkelten Shadow, Emil sowie das Stolloss misstrauisch an, die sich etwas von ihnen zurückgezogen hatten. Rose stand nun in deren Mitte und wurde sich bewusst, dass sie unfreiwillig die Rolle einer Vermittlerin übernommen hatte. Nervös blickte sie zwischen den Seiten hin und her, seufzte und wandte sich dann ernst dem Team Mystery zu: „Ich will euch zunächst versichern, dass Shadow wirklich nicht so schlimm ist, wie es sein Kopfgeld auf den Fahndungsplakaten vermuten lässt ... er ist kein böses Pokémon!“

    „8000 Pokédollar, Rose!“, sagte Max in gereiztem Ton. Sowohl als auch Ros wussten so wie jeder Erkunder, dass so ein hohes Kopfgeld auf jene ausgesetzt wurde, die zahlreiche und schwerwiegende Straftaten begangen hatten. Und er sah es als Bestätigung, als er Shadow die Augen verdrehen sah.

    „Und nicht zu vergessen, dass er uns ziemliche Gegenwehr geleistet hat!“, ergänzte Iro mit Blick auf Shadow, dessen Blick sich verengte: „Es ist doch wohl mein gutes Recht, mich zu wehren, wenn ihr mich einbuchten wolltet!“

    „Du hast zuerst Straftaten begangen!“, zischte Max und das Reptain und das Gengar funkelten sich wütend an. Rose hob ihre Hufe in beiden Richtungen, um wieder für Ruhe zu sorgen.

    „Ich weiß, dass Shadow ein Dieb war-“

    „Du meinst, wohl er ist-“, korrigierte Iro sie, doch Rose schnitt ihm mit ihrer lauter gewordenen Stimme das Wort ab: „Er war früher vielleicht als Dieb tätig, doch er hat sich geändert! Er hat sozusagen die Seiten gewechselt!“


    „Mit was hast du sie verhext?“, rief Max, dem nun ein Licht aufgegangen war. Auch wenn er nur einmal in ihrer Taverne gewesen war, so ging Max durchaus davon aus, dass Rose nicht so naiv sein konnte. Wohl kaum hatte Shadow einen Sinneswandel gehabt, und das innerhalb der drei Wochen, die während des Aufenthalts im Geheimnisdschungel vergangen waren. Und er erinnerte sich, wie Plaudagei berichtet hatte, dass Shadow sich mit Emil verschworen hatte, um Rache an das Team Mystery auszuüben.

    Max‘ Blick glitt hinüber zu dem Turtok, der eine Kanone im Anschlag hatte und mit ausdruckslosem Gesicht, aber auch mit wachsamen Augen das Reptain beobachtete. Dann betrachtete er das Stolloss, dessen Name er nicht kannte. Doch das interessierte ihn nicht. Er dachte daran, wie einfach dieses Stolloss Iros Schlag einstecken konnte, und als Max sich erinnerte, dass Shadow sich rächen wollte, schnaubte er verächtlich.

    „Wie ich sehe, hast du dir nette Kumpane für deine Rache geholt. Nicht wahr, Shadow?“


    „Ich will mich nicht-“, wollte Shadow trotzig von sich geben, doch knurrend und knirschend schob sich das Stolloss mit seiner mächtigen Rüstung zu Max hin.

    „Mein Name ist Vane! Und ich bitte darum, mich nicht als Kumpan zu bezeichnen, kapiert?!“

    Max blickte grimmig zu Vane hoch, der nur wenige Zentimeter größer als Iro war. Dieser wandte sich ebenso an das Stolloss, doch in seiner Stimme lag mehr Unglaube als Trotz: „Wo um alles in der Welt hast du diese Schicht an Diamant her? Und wo ist er jetzt abgeblieben?“, endete er mit einer Spur perplexer.


    Wie auf Stichwort grinste Vane breit und zeigte seine stählernen Zähne. Er hielt einen Arm in die Höhe, den Iro und Max verwirrt anstarrten. Dann klappte beiden leicht der Mund auf, als aus dem Stahl heraus feine Körner aus Diamant-Gestein auftauchten, die sich auf der glatten Oberfläche miteinander verbanden und eine ganze Schicht an Diamant bildeten, die funkelte. Vane grinste noch breiter, als er die verblüfften Gesichter der Erkunder sah.

    „Diamantenhaut“, sagte er mit Stolz, sodass sich seine vorderen Brustplatten von seinem Steinkörper darunter abhoben. „Sehr selten unter Gestein-Pokémon! Leider verliert er rasch an Stabilität, sobald er sich von meinem Körper löst. Sonst wäre ich das reichste Pokémon der Welt. Cool, nicht wahr?“


    Max merkte, wie viel Betonung Vane auf das Wort Cool legte. Gewiss war das eine Fähigkeit, die er noch nie zuvor gesehen hatte und die definitiv Aufmerksamkeit erregend war. Doch Vane schien ein Bündnis mit Shadow eingegangen zu sein, wenn er diesen als Boss bezeichnete. Verächtlich warf Max dem Gengar einen Blick zu.

    „Also hast du wen gefunden, um Iros Angriffskraft zu kontern?“, sagte Max in beißendem Ton. Shadow wollte erwidern, betrachtete aber dann Iro genauer. Sein Blick fiel verdutzt auf Iros rechten bandagierten Arm und er schmunzelte leicht.

    „Wie es aussieht, ist uns jemand zuvorgekommen …“, kommentierte Shadow und Iros Augen blitzten wütend auf und seine Faust schloss sich wieder.

    Jäh trat Rose wieder zwischen und bat um Frieden. Diesen fand Max aber für unwahrscheinlich. Denn er erinnerte sich, dass er und Iro von ihrem Versteck aus gehört hatten, wie Shadow und seine Gefährten jemanden gesucht hatten.


    „Am besten wäre es, dass wir euch alles erklären, was in den letzten drei Wochen passiert ist …“, sagte Rose im Versuch, entspannt zu klingen, doch bei der Spannung in der Luft hätte man eine ganze Armee an Elektro-Pokémon wieder aufladen können. Misstrauisch blickte Max Shadow ins Gesicht, der zwar trotzig, aber in der Tat nicht wirklich feindselig, diesen erwiderte. Dann beschloss Max, Shadow seine Geschichte erzählen zu lassen. Er nickte Iro zu und bedeutete ihm damit, dass auch er seine Faust wieder etwas lockern konnte. Shadow lachte amüsiert, als er die beiden dabei beobachtete.


    „Wird das der Beginn einer großen Freundschaft, jetzt, wo ihr mich ausreden lässt?“, grinste er beide an, die beide ernst und leicht angewidert ihn anblickten.

    „Treib’s nicht zu weit!“, knurrte Iro. Shadow grinste und nickte.

    Nachdem er sich geräuspert hatte, schien er eine Weile nachzudenken. Dann begann er an Max und Iro gewandt und auch Vane, Emil und Rose hörten ihm aufmerksam zu:


    „Wie ihr euch erinnert, haben wir uns vor rund drei Wochen das letzte Mal gesehen. Ich wurde abgeführt und ihr konntet nach Hause gehen. Und ja, ich kann es nicht verfehlen, dass ich auf Vergeltung sann. Schließlich bin ich noch nie zuvor verhaftet worden und ihr habt mir das zunichte gemacht. Natürlich auch wegen der Tatsache, dass das Gefängnis einfach ein ätzender Ort ist. Doch trotzdem muss ich sagen: Hut ab, Team Mystery!“, und theatralisch nickte er beiden Erkunder zu. Max war sich nicht sicher, ob er Shadow dafür ernst nehmen konnte.

    „Ihr habt wohl zu den wenigen gehört, die es tatsächlich mit mir aufnehmen und mich sogar besiegen konnten. Und Glück war da auch nicht im Spiel. Mir war also klar, dass ich alleine eher wenig Chancen hätte, es mit euch aufzunehmen. Nicht bei euren Fähigkeiten. Um meine Rache also ausüben zu können, benötigte ich selber ein Team. Sozusagen eine Art Anti-Erkundungsteam. Und kaum hatte ich den Gedanken formuliert, bin ich im Gefängnis auch auf Emil gestoßen!“


    Shadow warf einen grinsenden Blick nach hinten zu Emil, der diesen mit einem andächtigen Nicken erwiderte.

    „Von ihm erfuhr ich, dass er ebenso von euch dingfest gemacht wurde. Wir haben uns daher auf Anhieb sehr gut verstanden, nicht wahr?“

    „Dein Grinsen ging mir schon was auf die Nerven“, sagte Emil lächelnd, aber mit kühlem Unterton. „Wirklich mal, Shadow, ich weiß nicht, wie du so entspannt bleiben konntest in deiner Zelle. Ich bin da fast verrückt geworden!“

    „Wenn du dich geistig beschäftigt hältst, überstehst du so ziemlich viel“, antwortete Shadow ihm und grinste breit. „Und sich auszumalen, was man tun muss, um sich an das Team Mystery zu rächen, gehörte dazu!“


    Max wusste nicht, was er davon halten sollte. Wohin sollte diese Erzählung führen? Skeptisch blickte er zu Rose, die seinen Blick erwiderte. Auch sie war nicht ganz begeistert von dem aktuellen Teil der Erzählung. Als Shadow drohte, immer mehr mit Emil in nostalgischen Erinnerungen über ihre Zeit im Gefängnis zu schwelgen, räusperte sie sich und Shadow stutzte. Dann lächelte er peinlich berührt und fuhr fort:

    „Jedenfalls war dann der Ausbruch ein Kinderspiel. Emil hat sich gemerkt, auf welcher Seite des Gefängnisses sich meine Zelle befand und hat mit gezielten Hyperstrahlen Teile von dessen Fassade aufgerissen. Wir mussten dafür sorgen, dass ein paar andere Kleinganoven den Ausbruch versuchten, damit die Wachen vielseitig beschäftigt waren. Sobald ich dann aus meiner Zelle raus und an der Luft war, konnte ich in meinem Schatten verschwinden und mich davon zu machen. Emil und ich beschlossen dann, erstmal einen Unterschlupf zu suchen, um unser nächstes Vorgehen zu planen.“


    „Wo habt ihr euch versteckt, beziehungsweise, bei wem?“, wollte Max wissen, doch Shadow lachte auf. Freudig lächelnd blickte er Max an: „Das wüsstest du in der Tat gerne, wer meine Kontakte sind, nicht wahr?“

    Er ging nicht mehr weiter darauf ein und Max fragte auch nicht mehr danach; er wusste, dass Shadow es vermeiden würde, weitere Namen zu nennen.

    „Wir kamen dann zu dem Entschluss, dass wir zu zweit zwar durchaus fähiger waren, es mit euch aufzunehmen, doch gegen euren Freund mit seinen … schlagkräftigen Argumenten …“, und an der Stelle nickte Shadow Iro zu, der schnaubte.


    „Offensichtlich brauchte unser Anti-Erkundungsteam jemanden, der Ironhards Kraft kontert. Die Schwierigkeit bestand darin: Welches Pokémon wäre stark genug, es mit ihm aufzunehmen? Daran hatten wir wirklich zu kauen!“

    Max sah es in den Augenwinkeln, wie Iro widerwillig ein kurzes Schmunzeln über das Gesicht fuhr. Und er konnte es ihm nicht verübeln.

    „Nur durch Zufall – oder war es am Ende vielleicht Schicksal? – haben wir durch meine Kontakte von einem Pokémon gehört, welches als unzerstörbar gelten soll. Es ziehe ums Land und fordere jedes starke Pokémon heraus, das es begegnet. Wir haben ein paar Tage gebraucht, bis wir dann auf Vane trafen. Ach, öhm …“

    Shadow wandte sich an seinen stählernen Verbündeten: „Willst du an der Stelle die Geschichte weitererzählen?“


    Vane grinste Shadow an, als hätte er von ihm ein großes Geschenk ganz nach seinem Geschmack erhalten.

    „Kein Problem, Boss!“, sagte Vane, ließ seine stahlbesetzten Knöchel knacken und blickte die beiden Erkunder an.


    „Ihr müsst wissen: Ich habe es mir vorgenommen, zu den coolsten Pokémon der Welt zu gehören. Ich will zwar die Welt sehen, doch alleine ist es einfach langweilig. Deswegen habe ich nach Compagnons gesucht, die sich meiner Reise anschließen würde. Doch die meisten, denen ich begegnet bin, waren solche Langweiler! Keiner konnte mit meiner Großartigkeit mithalten! Deswegen habe ich wohl oder übel meine Tour allein fortführen müssen.“

    „Bis zu welchem Tag?“, fragte Shadow in gespielt neugierigem Ton und Vane warf sich in die Brust.

    „Bis zu jenem Tag, an dem ich meinem Boss hier begegnet bin!“

    „Deinen Boss?“, fragte Max skeptisch. Vane nickte nachdrücklich.

    „Kein Pokémon ist so cool wie mein Boss und dessen Kompagnon! Zuerst war ich skeptisch, als sie auf mich zutraten und fragten, ob ich ihrem Team beitreten wollte.“


    „Team?“, staunten Max und Iro und wandten sich an Shadow, der eine leicht bräunliche Färbung annahm. Emil war es dann, der in sachlichem und ruhigen Ton für ihn sprach:

    „Wir konnten wohl kaum jemanden rekrutieren mit den Worten, dass wir ein Erkundungsteam verprügeln wollen. Wir haben daher am Anfang erzählt, dass wir, also Shadow und ich, selber ein Erkundungsteam gründen wollten.“

    „Und du hast es geglaubt?“, fragte Max Vane perplex, da er es sich nicht vorstellen konnte, wie jemanden zwei Pokémon beitreten konnte, die auf Fahndungsplakaten gesucht wurden. Doch Vane lachte und winkte ab, als wüsste er, woran Max dachte: „Zum Einen wusste ich nicht, dass die beiden gesucht wurden. Und zum Zweiten wäre es mir ohnehin egal gewesen, ob es sich bei den Pokémon um Verbrecher oder Erkunder handelten – Hauptsache sie sind cool drauf für das, was sie sind!“


    „Was meinst du damit?“, fragte Max, dem das Unverständnis im Gesicht geschrieben stand. Shadow lächelte und trat nun wieder vor, während Vane zufrieden mit sich verstummte.

    „Ich weiß, das klingt ziemlich verrückt. Wir waren auch überrascht, wie direkt Vane zu uns Vertrauen gefasst hat. Zwar ist er uns erst auf Vorbehalt beigetreten, doch er war dabei, als wir ihm vorgeschwindelt hatten, dass wir drei andere Verbrecher dingfest machen wollten. Verbrecher, die sich als das Team Mystery ausgaben.“

    „Pokémon, die Nachahmern zeigen wollten, dass sie kein so bekanntes Erkundungsteam kopieren sollten: So was war in meinen Augen cool genug, dass ich beschlossen habe, für eine Weile mit ihnen zu gehen!“, warf Vane ein.

    Rose legte ihren Huf auf den Mund und machte „Pst!“, doch dies lenkte Shadows Blick auf sie, woraufhin sie errötete. Zum ersten Mal erlosch Shadows Blick etwas, als er sie anblickte. Dann wandte er sich wieder an Max:

    „Du hast vorhin gefragt, ob ich Rose verhext hatte, damit sie mit uns kommt. Ich sage dir hier und jetzt, dass Rose aus freien Stücken mitgekommen ist, nachdem ich sie gefragt hatte, ob sie mit uns kommen wollte.“


    Verdutzt blickte Max zu Rose und auch Iro wirkte perplex. Rose spürte sofort, was hinter diesen Blicken steckte, und sie lief rot vor Entrüstung an: „Natürlich nicht! Ich wollte auf keinen Fall, dass Shadow und die anderen euch zur Strecke bringen! Ich bin aus einem anderen Grund mit ihnen unterwegs. Und zwar …“, sie brach ab und blickte fragend zu Shadow. Dieser blinzelte, dann nickte er aber breit lächelnd. Rose erwiderte dankbar das Lächeln, dann wandte sie sich an das Team Mystery:


    „Wie ihr glaubte ich auch, dass Shadow nachwievor ein gefährlicher Gefangener auf der Flucht war. Ich war entsprechend schockiert, als er bei mir in der Taverne aufgetaucht ist.“


    „Shadow war bei dir in der Taverne?“, fragte Max verblüfft und blickte zwischen der Miltank und dem Gengar hin und her. Dieses Mal setzten Shadow sowie auch Vane zu einem peinlich berührten Lächeln an, kicherten und sahen so aus, als würden sie sich selig an etwas erinnern. Rose hingegen verdrehte die Augen und wandte sich streng den beiden zu: „Ich hab’s euch x-mal schon gesagt: Wenn man sich nicht auskennt, sollte man keine Beeren essen, die man in der Wildnis findet!“

    „Lecker waren sie doch!“, grinste Shadow breit und auch Vane nickte amüsiert. Rose sah nun das Stolloss mit besonderer Härte an: „Du bist beinahe an diesen krepiert, erinnerst du dich?“


    Vane tat so, als würde diese Angelegenheit in weiter Vergangenheit liegen und dass sie ihn daher nicht mehr sonderlich bedrückte. Rose seufzte über diese Einstellung und wandte sich wieder dem Team Mystery zu:

    „Weil Vane die Beeren, die sie in ihrem Hunger wahllos gepflückt und gegessen hatten, gar nicht gut bekommen waren, ist Shadow zu mir in die Taverne gekommen. Er wollte auch nur wissen, wo er medizinische Hilfe erhalten konnte. Ich hingegen habe zuerst panisch reagiert und wollte auch schon einen Notbrief an die Knuddeluff-Gilde senden. Da musste Shadow mich erstmal fesseln … mit seinem Schatten!“, ergänzte Rose rasch, als Max und Iro Shadow empörte Blicke zuwarfen.


    „Er hat mich damit nur gehindert, mich irgendwie zu bewegen. Am Anfang hatte ich Angst und wusste nicht, was mir bevorstand … Als Shadow aber dann deutlich machte, dass er für einen Kameraden medizinische Hilfe brauchte, war ich dann neugierig. Ich willigte ein, Vane von seiner Vergiftung zu kurieren.“

    „Und sie war durchaus professionell, das muss ich ihr lassen!“, fügte Shadow hinzu und warf Rose ein breites Lächeln zu. Sie winkte dieses ab, doch Max konnte erkennen, dass ihre Wangen sich leicht röteten.


    „Und du hast dann beschlossen, Shadows Truppe beizutreten?“, wandte sich Max an Rose und fragte sich dabei, ob es nicht einen noch triftigeren Grund für sie gab. Doch Rose schien noch nicht fertig mit ihrer Erzählung zu sein und Max und Iro hörten ihr weiter zu. Zu seiner Überraschung spürte Max, wie sich seine Anspannung leicht lockerte. Mit Blick auf Shadow aber korrigierte er es sofort.

    „Das war nicht der Grund, weswegen ich mit Shadow, Emil und Vane unterwegs bin. Ich konnte schließlich immer noch nicht sagen, ob Shadow ein gemeiner Schurke ist oder nicht. Doch zu meiner Überraschung hat Vane mich gefragt, ob ich dem Trio beitreten würde. So sehr hätten ihn mein medizinisches Wissen und meine sofortige Hilfsbereitschaft beeindruckt.“

    „Das war auch ziemlich cool von dir, einem fremden Pokémon einfach so zu helfen!“, komplimentierte Vane sie, worauf Shadow nickte und abermals liefen Rose Wangen rot an und sie lächelte verlegen und dankbar. Max dachte sich, dass Rose so ein Lob sehr gern hören mochte, nachdem sie in der Taverne einst von ihren Zweifeln über sich erzählt hatte. Und widerwillig empfand er einen Anflug von Sympathie für Shadow und seine Kumpane, obwohl ihm das Bild des Verbrechers noch immer im Kopf spukte.


    Rose räusperte sich und blickte zu Shadow und den anderen, ehe sie sich wieder Max zuwandte: „Es war mehr die Situation danach, die mich davon überzeugte, dass Shadow nicht so böse ist wie wir alle dachten; im Gegenteil: Shadow ist ein Pokémon mit dem Herz am rechten Fleck!“

    Und sie warf dem Gengar einen respektvollen Blick zu und Shadow starrte sie mit offenem Mund an. Dann schloss er diesen und obwohl aufgrund der roten Augen ziemlich schwierig zu erkennen war, so sah Max es ihm an, dass Shadow Roses Worte sehr bewegten.


    „Was ist denn passiert?“, fragte Max und war erstaunt darüber, dass aufrichtiges Interesse in seiner Stimme lag. Auch Iro machte den Eindruck, dass ihn Roses und damit Shadows Geschichte in den Bann zog.

    „Ich habe beim ersten Mal abgelehnt. Mein Vertrauen war noch nicht groß genug und ich war immer noch etwas empört darüber gewesen, dass ich in meiner Taverne gefesselt wurde!“

    Sie warf einen tadelnden Blick auf Shadow, der verschmitzt grinste. Sofort setzte auch Rose zu einem Grinsen an.


    „Er hat mich dann zurück zur Taverne gebracht und damit wäre es eigentlich gewesen. Doch an der Tür sind wir einer Chaneira begegnet, die ihr Kind vermisste. Nun, sie vermisste es nicht. Sie-“

    „Ihr Kind wurde verdammt noch mal entführt!“, fuhr Shadow fort und Max spürte, wie Wut und Ekel in dessen Stimme lag.

    „Stellt euch das vor: Ein verdammter Dreckskerl entführt einer Mutter ihr Kind und verlangt dann auch noch Lösegeld!“


    „Gar nicht cool! Das komplette Gegenteil!“, rief Vane laut aus und auch Emil nickte zustimmend. Auch Rose stand der Abscheu ins Gesicht geschrieben. Es war ein eindrucksvolles Bild, wie die vier so unterschiedlichen Pokémon in dieser Sache einander zustimmten. Shadow wandte sich an Max und das erste Mal war seine Stimme so ernst wie sie es war, als er von Magnezone abgeführt worden war und seine Rache angekündigt hatte:

    „Haltet von mir, was ihr wollt. Doch niemals würde ich einer Mutter ihr Kind entführen! So ein Verbrechen ist abscheulich und das arme Kind erst!“

    „Die Chaneira, die offenbar nicht wusste, wer genau wir waren, hatte sich flehentlich an uns gewandt“, erklärte Rose mit leicht zitternder Stimme. „Denn in dem Erpresserschreiben hieß es, dass sie keine Erkunder dazu schalten durfte. Deshalb hatte sie sich nicht getraut, sich an die Knuddeluff-Gilde zu wenden.“

    „Shadow hat dann prompt seine Hilfe angeboten“, sagte dann Emil und Max war über diese Hilfsbereitschaft verblüfft. All dies klang nach einem Shadow, den er bisher nicht kennen gelernt hatte. Er sah dann zu Shadow, der Emil bestimmt zunickte.

    „So ein Verbrechen sollte auch sofort bestraft werden! Das habe ich mir auch zur Aufgabe gemacht!“


    „Ich habe dann auch beschlossen, noch für eine Weile mit Shadow und den anderen unterwegs zu sein“, setzte Rose dann wieder ein. „Mein Gedanke war, dass das Kind bestimmt erste Hilfe benötigen würde, wenn es aus den Klauen des Entführers gerettet ist. Ich musste nur Shadow etwas im Zaun halten, denn er war kaum zu bremsen!“

    „Wie gesagt-!“, wollte Shadow hitzig ansetzen, doch Rose warf ihm einen Blick zu, der ihn verstummen ließ.


    „Wir haben uns mit der Chaneira auf einen Schlachtplan geeinigt. Sie würde die Übergabe mit dem geforderten Geld stattfinden lassen und Shadow und die anderen würden dafür sorgen, dass der Verbrecher…“

    „Der Mistsack!“, fügte Shadow hinzu.

    „Dass der Verbrecher sowohl unschädlich gemacht als auch an der Flucht gehindert wird. Und ich muss schon sagen, dass wir vier ziemlich gut zusammengearbeitet haben!“

    Sie nickte anerkennend zu ihren drei Gefährten, von denen nur Vane es mit einem Lächeln erwiderte. Emil und Shadow blickten nachwievor ernst drein.

    „Mit einem haben wir dann aber nicht rechnen können“, setzte Emil dann weiter an. Rose nickte traurig.

    „Die Übergabe hat zwar stattgefunden und das Kind der Chaneira konnte wohlbehalten gerettet werden, doch der Entführer war ein Geist-Pokémon. Jedenfalls konnte Shadow, der sich im Schatten der Chaneira versteckt gehalten hatte, sich nicht halten und ist rausgesprungen, um ihn anzugreifen.


    „Es war ein Pumpdjinn, diese Geist-Pokémon haben ohnehin nicht so viel drauf!“, rief Shadow trotzig, als wollte er seine Handlungen verteidigen. Doch keiner schien ihn dafür zu tadeln. Selbst Max hatte Verständnis für Shadows Unbeherrschtheit in dieser Situation.

    „Vane hatte zwar eine Steinmauer errichtet, doch dieses Pumpdjinn ist einfach durch diese hindurch und war verschwunden. Shadow ist ihm zwar für eine lange Zeit hinterher, doch nach einigen Stunden kam er ohne Erfolg zurück…“

    „Es war schon ein Erfolg!“, entgegnete Shadow und funkelte Rose finster an. „Ich habe herausgefunden, wo sich dieser Bastard versteckt hält!“


    „In der Nordwüste“, erklärte Emil auf Max‘ und Iros fragende Miene. „Und Shadow war sehr darauf bedacht, diesem Pumpdjinn in diese hinein zu folgen.

    „An der Stelle wurde es auch besonders schwierig Shadow davon abzuhalten, sofort in diese zu stürmen!“, erklärte Rose mit gewichtiger Stimme. „Ich habe ihn aufs Schärfste darauf hingewiesen, dass Vorstöße in die Wüste genau vorbereitet sein müssen!“


    „Und wenn schon!“, grummelte Shadow und Rose hob wütend, aber bestimmt, ihre Stimme an: „Was immer du auch für andere tun willst, sorge dafür, dass du selber nicht daran zerbrichst. Sonst hilfst du am Ende selber keinen mehr!“

    „Wahre Worte!“, nickte Emil ihr zustimmend zu.

    „Und wo wir bei der Wahrheit sind …“, trat Vane wieder hervor. Er lächelte wie ein stolzes Elternteil Emil und Shadow an.


    „In der Nacht, bevor wir dann in die Wüste aufgebrochen sind, habe ich die beiden gefragt, was dann aus dem falschen Team Mystery werden würde, wenn sie nun einen anderen Verbrecher verfolgten.“

    „Wir haben Vane dann die Wahrheit gesagt“, sagte Emil ernst. „Wir haben ihm erzählt, dass Shadow auf der Flucht und ich unter Verdacht für deren Beihilfe stehe.“

    „Habt ihr?“, fragte Max überrascht. Emil zuckte mit dem Kopf.

    „In dem Moment dachte Shadow wohl, dass es angebracht war, Vane aufzuklären. Ich wäre noch vorsichtig gewesen, sofort mit der Sprache rauszurücken …“


    „Wollt ihr wissen, wie Vanes Reaktion darauf war?“, fragte Rose Max und Iro, die neugierig ihren Blick erwiderten. Doch es war Vane, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er legte seine metallenen Klauenhände sowohl auf Emils als auch Shadows Kopf und schüttelte die beiden, während er breit grinste.

    „Gelacht habe ich! Einfach weil ich froh, die Pokémon getroffen zu haben, deren Coolness der meiner gleichkommt, gar sogar meine übertrifft! Die Wahrheit sagen, sodass das Vertrauen zwischen uns fester wird – Das ist cool!“


    Emil löste sich aus Vanes griff und schüttelte den Kopf. Doch lächelte er schwach dabei. Shadow hingegen blieb ernst, als würde die Erinnerung an das Pumpdjinn ihn nicht loslassen.

    „Wir haben dann in meiner Taverne sämtliche Vorräte eingesteckt. Natürlich habe ich für den Zeitraum dieser Mission sie natürlich geschlossen, weil ich nicht so kurzfristig Vertretung finden konnte. Mit dem Gold, dass ich durch meine ersten Kunden verdient habe, haben wir am Tag darauf in Schatzstadt entsprechende Ausrüstung besorgt, die unser Überleben in der Wüste wahrscheinlicher machen sollten. Wir haben Vane mit der Besorgung der entsprechenden Gegenstände beauftragt. Und er war zum Glück imstande, für alle von uns Kühl- und Hitzebänder zu besorgen. Wobei wir am Ende doch nur drei brauchten, da Shadow Hitze und Kälte nichts auszumachen scheint!“


    Weil Max so sehr von der ganzen Begegnung überrascht und danach eingenommen war, bemerkte er erst jetzt, wie um Vanes, Emils und Roses Hals Kühlbänder gewickelt wurden. Sie wirkten wie ein eigenes Erkundungsteam und Max kam nicht umhin, sie für ihre Selbstlosigkeit zu respektieren. In Shadow sah er nun zwei Bilder desselben Pokémons und Max hatte Schwierigkeit zu bestimmen, welches echter wirkte und welches nicht. Er erinnerte sich, wie die Kecleon-Brüder ihnen erzählt hatten, dass ein großes Stolloss den Restbestand an ihren Bändern aufgekauft hatte. Das musste dann wohl Vane gewesen sein. Doch etwas verstand Max immer noch nicht.

    „Ihr wart vor wenigen Tagen noch nahe Schatzstadt, oder? Wie konntet ihr dann innerhalb dieser bis hierher vordringen? Man braucht schon eine Woche, wenn man zu Fuß von Schatzstadt bis in die Schädelwüste gehen will…“


    „Das war kein Problem für uns!“, antwortete ihm Rose breit lächelnd. Sie lief hinüber zu Shadow, der sich allmählich von seinen finsteren Gedanken zu lösen schien und patschte ihm auf den Rücken. Der Gengar schien dies nicht zu mögen, denn er ließ Roses Hufe durch seinen schattenhaften Körper gleiten. Rose geriet beinahe aus dem Gleichgewicht, fasste sich aber schnell wieder. Ohne sich etwas in ihrem Gesicht anmerken zu lassen, fuhr sie fort: „Shadow kann Pokémon mit seinem Schatten nicht nur fesseln, sondern auch diese in seinem Schatten aufnehmen und sich mit ihnen fortbewegen. Und wenn er dann über dem Boden gleitet, kann er ziemlich schnell unterwegs sein. So haben wir recht schnell den Weg in die Nordwüste überbrücken können.“


    „Je weniger ich in meinem Schatten trage, desto schneller kann ich gleiten“, erklärte Shadow den beiden. „Deswegen konnte ich so schnell dieses vermaledeite Pumpdjinn bis hierher verfolgen, weil ich mich vorher von dem ganzen Ballast getrennt hatte.“

    „Es ist aber trotzdem besser gewesen, dass wir zusammen hierher gekommen sind“, entgegnete Rose. „Ich weiß, du hörst das nicht gerne, Shadow, aber gegen so einen Schurken benötigst du unsere Hilfe!“

    „Wenn du meinst!“, schnaubte Shadow, doch seine Mundwinkel zuckten und deuteten ein Lächeln an. Rose wandte sich mit einem Seufzer an Max und Iro: „Aber selbst in der Nordwüste konnten wir das Pumpdjinn nicht ausmachen. Shadow kam dann irgendwann auf die Idee, dass dieser-“

    „Mistsack!“

    „Dass dieser Verbrecher noch weiter nach Norden, in die sogenannte Schädelwüste, geflüchtet sein könnte. Davor sind wir einer Vibrava begegnet. Sie schien Shadow erkannt zu haben, denn sie war uns gegenüber recht kalt eingestellt …“


    „War sie bei uns auch!“, grummelte Iro belustigt. Rose war für einen Augenblick belustigt abgelenkt, ehe sie weitersprach: „Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, entgegen aller möglicher Gefahren uns in die Schädelwüste zu bewegen. In Shadows Schatten ist es es relativ kühl und angenehm gewesen und draußen taten dann die Kühlbänder so einigermaßen ihren Dienst. Doch Sandstürme haben uns immer wieder an andere Orte gebracht, an denen wir zuvor nicht gewesen sein konnten. Der letzte brachte uns aus ´nem Ödland hierher zu diesen Ruinen. Und hier sind wir dann euch begegnet!“


    Als sie geendet hatte, blickte sie Max und Iro ins Gesicht. Beide Erkunder blickten sich an und sie lasen gegenseitig voneinander ab, dass die Geschichte der vier Pokémon sie beeindruckt hatte.


    16

    Sternenjäger

    Part I: Ruinen


    „Komm schon, Max!“

    Vergeblich versuchte Iro, seinen Anführer zum Weitergehen zu überreden. Geschlagene zehn Minuten hatte Max noch nach Jimmy gerufen, ohne aber eine Antwort oder ein Lebenszeichen zu erhalten. Nur allmählich schien in Max die Realität Halt zu machen. Aus dem Rufen wurde ein unerbittliches Schluchzen. Und während Iro diese Laute von Max, die er noch nie zuvor vernommen hatte, wohl oder übel ertragen musste, hallten Jimmys letzte Worte auch in ihm nach. Iro wusste sehr gut, dass er sich eigentlich viel mehr Sorgen machen müsste, doch spürte er zu viel an Ärger und Wut in sich, als dass er wie Max am Boden zerstört war.

    Jimmy hätte sagen können, was er wollte. Für Iro war es klar, dass seine und Max‘ Entwicklung die Ursache dafür war, dass Jimmy sich schwach und zurückgeblieben fühlte. Iros Hand ballte sich zur Faust, die daraufhin stark zitterte. All die Zeit über hatte Jimmy kein Problem, so hatte Iro es geglaubt. Und er konnte es nicht fassen, dass Jimmy nicht schon viel eher dieses Thema angesprochen hatte, wenn es ihn doch so belastet hatte. Doch obwohl Iro ihn in der Sicht irgendwie verstand, so war es von Jimmy einfach eine Unverschämtheit zu sagen, dass Iro Max unter der Kontrolle des Waldschrats sämtliche Gliedmaßen gebrochen hätte. Er war doch selbst da gewesen und hatte gesehen, wie mühevoll es für Iro gewesen war sich zurückzuhalten.


    Ein Gewissensstich durchfuhr Iro. Trotzdem hätte er nicht so die Beherrschung verlieren dürfen und Jimmy mit seinem Schweif eine wischen sollen. Nur Schwächlinge würden zu Angriffen außerhalb von Kämpfen greifen. Jetzt aber, wo Iro darüber dachte und ihm sein bandagierter rechter Arm in sein Bewusstsein rückte, erkannte er einmal mehr, dass er noch immer schwach war, und das nicht nur dem General gegenüber. Sein Blick fiel auf Max. Wie er wohl über ihn dachte? Was ging seinem Anführer durch den Kopf?

    Doch seine Gedanken wurden abgelenkt von etwas, das an seinen Füßen kratzte. Iro blickte nach unten und sah feine Streifen an Sand um sein Fußgelenk schlängeln. Er spürte ihn nicht dort, doch Iro war sich sicher, dass der Sand von Wind getragen wurde. Instinktiv richtete Iro seinen Blick nach hinten. Der Sandsturm von vorhin hatte einiges an Wüstensand auf dem trockenen Boden verteilt, der vereinzelt durch dessen Risse rieselte. Es war ein erschreckender Anblick gewesen, wie aus dem Nichts diese tiefbraune Wolke aus spitzem Sand auf sich zukommen zu sehen. Iro schoss es durch den Kopf, was gewesen wäre, wenn er nicht rechtzeitig reagiert hätte und sich nicht mit Max im Arm auf den Boden geworfen hätte. Vermutlich wären sie wieder alle getrennt worden, so wie es im Geheimnisdschungel passiert war.

    Als Jimmys Name ihm vor Augen kam, spürte er gegen seinen Willen einen stechenden Schmerz in der Brust. Er blickte wieder nach vorne zu der Stelle, wo er Jimmy das letzte Mal gesehen hatte, als dieser schon etwas in seinem Flammenrad vorgeprescht war. Jimmy konnte sich nicht auf dem Boden halten, dafür war er zu klein und Bäume, an deren Äste man sich hätte festhalten können, waren weit und breit nicht zu sehen. Iro merkte, wie sein Atem selbst panischer wurde, obwohl seine Wut ihn wünschen ließ, dass es ihm egal wäre. Er versuchte es sehr, jenen schrecklichen Gedanken nicht seinen Kopf zu lassen.


    Jimmy hat bisher vieles überstanden, dachte sich Iro. Er kannte die Geschichten, die Jimmy und Max ihm erzählt hatten, als er gerade erst dem Team beigetreten war. Zwar hatte er das Meiste schon vom Hören-Sagen gekannt. Doch wenn er es von jenen hörte, die tatsächlich dabei gewesen waren, waren die Geschichten viel lebendiger gewesen. Und wenn sie sich alle so wirklich zugetragen hatten, dann standen die Chancen gut, dass der Schimpanse zwar fortgeweht, aber dennoch noch am Leben war. Doch noch befanden sie sich noch immer in der Schädelwüste. Zikabelle hallte gerade in seinem Kopf wieder und Iro erinnerte sich, dass sie gesagt hatte, dass die Schädelwüste weitaus schlimmer war als die Nordwüste. Und nun drohte Jimmy, sich alleine in dieser zurechtfinden zu müssen, ohne eine Karte oder Kompass in der Hand zu haben.

    Auch wenn Iro über Jimmys Ausfall noch immer wütend war, so erfüllte ihn eine grimmige Geschlossenheit. Er blickte zu Max, der auf die Knie gesunken war und keinen Laut mehr von sich gab. Iro trat an Max heran und rüttelte sanft an ihn, doch Max gab keine Reaktion. Iro seufzte und starrte seinen Anführer sorgenvoll an. Jimmy war sein erster und bester Freund und zusammen haben sie das Team Mystery gegründet. Iro wusste nur zu gut, wie es war, jemand Nahestehendes zu verlieren. Doch im Gegensatz zu seinem Fall bestand bei Jimmy noch immer die Möglichkeit, dass er am Leben war. Und ihm wäre nicht geholfen, wenn sie weiter Zeit verschwendeten. Deswegen fasste Iro sich einen Entschluss. Er legte seinen linken Arm um Max‘ Bauch und dachte darüber nach, wie er es mit nur dem einen Arm schaffen könnte. Dann richtete er sich schwungvoll auf und wie erhofft gelang es ihm, Max in der Luft zu drehen, sodass er mit dem Bauch voran auf Iros linker Schulter lag. Betreten merkte Iro, dass Max‘ Körper komplett locker und er selbst somit ohnmächtig geworden war. Er biss die Zähne zusammen und er ging in die Richtung, in die Jimmy verschwunden war.


    Sowohl wie befürchtet als auch wie erwartet erwies sich der Gang durch die Schädelwüste als die reinste Tortur. Nicht nur, dass sein rechter Arm im Gips sich anfühlte, als würde er aufgrund der Hitze und des Schweißes verfaulen, auch das Kühlband hatte Schwierigkeiten, gegen das Klima anzukämpfen. Iro wusste, dass er und Max ohne diese Bände vor Hitze direkt verrückt werden würden. Sogar die Augen fühlten sich allmählich an, als würden sie durch die Sonnenstrahlen wie von glühenden Kohlen versengt werden. Und mit Max auf seinen Schultern fühlte Iro, wie er eher langsam vorankam. Zwar gab es keine Sanddünen als Widerstand, doch allmählich machten Iro die Umstände zu schaffen. Hitze, Schweiß, schmerzende Augen, das zusätzliche Gewicht, und nun spürte Iro jäh den Hunger und den Durst in sich aufkommen. Und nicht zuletzt war doch noch die Wut über Jimmy und die Sorge um ihn. All dies setzte allmählich auch seinem Körper zu. Und die immer schwerer werdenden Glieder waren ein deutliches Zeichen. Doch Iro zwang sich dazu, weiterzugehen. Wenn sein Anführer meinte, sich verabschieden zu müssen, war das dessen Sache. Doch Iro weigerte sich aufzuhören. Das Bild des Generals und sein skeptischer Blick erschienen vor seinem geistigen Auge. Dazu gesellten sich Knuddeluff, Plaudagei, Axel sowie Zikabelle. All ihre Blicke sprachen von der einen Frage, die sie sich stellten: „Sind sie dafür geschaffen?“   


    Iro wollte einen Schrei der Entschlossenheit ausstoßen, doch seiner Kehle entfuhr nur ein trockenes kratziges Röcheln. Er hielt inne und blickte auf den Schatzbeutel, der von Max herunterhing. Dort drin waren die zwei verbliebenen Feldflaschen an Wasser. Jenes wertvolle Gut, dass einem Wasser-Pokémon wie ihm neues Leben spenden würde. Doch Iro unterdrückte den Drang, begierig zu trinken. Sie brauchten noch genug sowohl für den restlichen Weg zum Lawinenberg als auch für den Weg zurück nach Hause. Obwohl Iro förmlich danach lechzte, widerstand er dem Verlangen. Er wollte weitergehen, doch in dem Moment setzte sein Körper aus. Er sank dumpf auf die Knie und wie mit Eisen gewichtet, fiel sein Körper voran auf den harten trockenen Steinboden. Max fiel von seinen Schultern und lag dicht neben Iro.

    So würde es also enden, dachte Iro sich. Er dachte an das Wasser. Er ahnte, dass er nicht die Kraft gehabt hätte, es herauszuholen, selbst wenn er aus denen hätte trinken wollen. Langsam richtete sich sein Blick nach vorne. Obwohl er anfing zu trüben, sah er noch scharf genug, um die Umgebung zu betrachten. Ein heller flimmernder Steinboden, ein erbarmungslos weißblauer, wolkenloser Himmel und die Sonne, die wie hundertfach vergrößert, auf ihn herabschien. Iro wurde bewusst, warum dieser Ort als die Schädelwüste bekannt war. Recht bald würde man nur die Skelette von ihm und Max entdecken, vorausgesetzt, es kämen überhaupt Pokémon hierher.

    Ne-Nein!“, krächzte Iro und obwohl sein Körper sich sehnsüchtig nach dem Ende sehnte, verlangte er von ihm, dass dieser sich aufrichten sollte. Iro würde nicht zulassen, dass er und Max so einen Anblick abgeben würden. Das verbat ihm sein eigener Stolz.

    „Max…“, krächzte Iro und sein trüber Blick schweifte hinüber zu Max, der noch immer auf dem Boden lag. Iro torkelte den einen Schritt, der für ihn aber eine große Distanz bedeutete, auf Max zu und legte seine linke Hand auf die Schulter. Wenn er ihn nicht tragen konnte, so konnte er ihn zumindest ziehen. Und obwohl Max so schwer wie ein Stahlos war, schaffte Iro es doch noch, ihn mit sich zu schleifen.

    Genau so, dachte sich Iro. In diesem Tempo … Schritt für Schritt …      

    Und tatsächlich fühlte Iro, wie es tatsächlich so gelingen könnte. Verbissen kämpfte er gegen die Proteste seines Körpers an. Er würde es wie im Geheimnisdschungel machen: Gegen alle Widerstände ankämpfen, bis er diese niedergerungen hat. Und er und Max würden es allen beweisen und die Schädelwüste überstehen und auch den Lawinenberg erreichen. Nur sehr starken und erfahrenen Pokémon würde dies gelingen. Und Iro hatte das Bestreben, zu den stärksten Pokémon der Welt zu gehören. Er hatte es versprochen und wenn er etwas versprach, so hielt er es auch ein. Er durfte daher nicht aufgeben. Er konnte es einfach nicht.

    Doch in dem Moment knickte er wieder ein. Sein rechter Arm schmerzte auf, als würde auch dieser im Gips nun protestieren, doch Iro schaffte es noch rechtzeitig, sich mit der Spitze seines Mauls abzustützen. Obwohl seine Nüstern erheblich schmerzten, weil Hitze und Druck auf sie einwirkten, ließ er nicht locker. Auf keinen Fall würde er Max nochmal loslassen. Er würde nicht noch einen Freund verlieren. Iro spannte daher seine Nackenmuskeln bis zum Bersten an. Er schloss vor größter Anstrengung die Augen und mit einem letzten kräftigen Wutschrei stieß er sich mit seinem Maul vom Boden ab. Kampflos würde er sich nicht ergeben, das nahm er sich vor.

    Doch als Iro wieder die Augen öffnete, war er baff vor Entsetzen. Wieso nur musste Zikabelle Recht behalten, und das noch zu einem Zeitpunkt wie diesen? Er wollte erschrocken aufschreien, doch schon erfasste ihn die dichte stürmische Wolke aus Sand. Es riss ihn fast nach hinten, doch so stark waren die Winde nicht. Abermals hieben Sandkörner wie kleinste unscharfe Messer gegen seinen Körper, und ein Brausen erfüllte seine Ohren. Er spürte, wie Max‘ Arm seinem Griff entglitt. Iro hätte geschrien, doch sowohl der Sturm als auch seine eigene Kraftlosigkeit verhinderten, dass er keinen weiteren Ruf von sich geben konnte. Doch sofort spürte er, wie sich Arme sowie ein Körper um seinen linken Arm schlangen.

    „Durchhalten, Iro!“

    Max‘ Stimme drang kaum durch das laute Brausen, doch erfüllte deren Klang schon ihn mit Kraft, um der Forderung seines Anführers gerecht zu werden. Es war nicht viel, doch reichte sie, dass Iro Max enger um seinen Körper schließen und beide sich nach vorne krümmen konnten, um dem Sandsturm weniger Angriffsfläche zu bieten.


    Und als dann endlich das Brausen nachließ und sich eine vergleichsweise unheimliche Stille über sie legte, wagte Iro es, wieder seine Augen zu öffnen. Langsam und schwach blickte er sich um. Das erste, was er sah, war, wie Max sich aus Iros schützenden Umarmung löste und nun mit wackligen Beinen vor ihm stand. Er kramte etwas aus seinem Schatzbeutel hervor, zögerte einen Augenblick und führte sich dieses zu Mund. Sofort aber ließ er es aber wieder sinken und reichte es dann Iro.

    „Trink alles aus bitte!“, sagte Max im ernsten Ton.

    Iro krächzte. Er wollte protestieren, doch Max, der vom Wasser für eine kurze Zeit neue Kräfte erhalten hatte, drängte ihm die Feldflasche auf.

    „Was bringt dir dein Stolz, wenn du auch stirbst? Trink jetzt endlich!“

    Iro riss die Flasche aus Max‘ Händen und quetschte sie, so fest er konnte. Wie ein Wasserfall strömte Wasser in seinen Rachen und obwohl Iro sich verschluckte, trank er hustend und würgend alles aus, um ja keinen Tropfen zu verschwenden. Grimmig sah Max ihm dabei zu, wie Iro die Feldflasche schließlich vom Mund nahm. Mit einem Schlag spürte Iro die Lebensgeister in sich zurückkehren. Seine Sicht schärfte sich wieder und sein Körper fühlte sich an, als wäre er mit deutlich weniger Eisengewichten behangen. Er blickte zu Max, der ihn ausdruckslos ansah: „Danke, Max“.

    „Kein Problem, Ironhard“, sagte Max mechanisch. Iro stutzte bei der vollen Nennung seines Namens, doch als er seinem Anführer ins Gesicht blicken wollte, bemerkte er etwas, das sich hinter ihm befand. Er deutete hinter Max, sodass auch er sich umdrehte. Beiden klappte leicht der Mund auf, als sie die Säulen und Mauern einer Ruine vor sich sahen. Hier war deutlich mehr an Sand vorhanden, der sich unterschiedlich an den Mauern aufhäufte.

    Das Mauerwerk sah sehr alt aus, und das konnte Iro selbst als Laie der Architektur sagen. Sie waren einst auch bemalt, doch die rote Farbe schien über eine sehr lange Zeit durch die Sonne und Witterung an Intensität verloren zu haben. Und es hatte ganz den Anschein, als wären diese Ruinen relativ frei begehbar. Max und Iro blickte sich an, dann gaben sich beide einen Ruck. Mühselig schleppten sie sich durch den Sand und dann endlich sahen sie ein Loch im Mauerwerk, der in die Ruine hineinführte, wobei das Innere zum größten Teil durch Stein und Sand verschüttet wurde. Vom einem ehemaligen Korridor waren nicht mal drei ganze Meter übrig geblieben, doch bot dieser Teil der Ruine ersehnten Schatten.

    Iro hätte nie erraten können, wie gut sich der kühle Schatten anfühlen würde. Er fühlte sich sogar sicher genug, sein Kühlband abzulegen, da ihm doch etwas zu sehr kalt wurde. Auch Max legte sein Kühlband ab und beide legten sich jeweils auf einen anderen Haufen Sand, die in der Nähe waren. Sie schwiegen sich an und Iro spürte, wie Erschöpfung und Hunger seinen Körper nun überrannten, nachdem sie so lange unterdrückt worden waren. Seine Augen fielen zu wie eiserne Vorhänge und Iro schlief sofort ein.

    Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Seine Träume waren auch ziemlich wirr. Er hatte Jimmy gesehen, wie er eine kleine stählerne Schlange in der Hand zu würgen versuchte, doch es gelang ihm nicht. Aus Wut war die Schlange zu einem riesigen Stahlos herangewachsen und als Max und Iro dann zur Hilfe geeilt waren, hatte Jimmy sie nur wütend angeschrien. Dann aber teilte sich unter ihnen der Boden auf und Jimmy drohte, im plötzlichen Sandboden zu versinken. Iro war dann aus dem Schlaf gefahren und er hatte eine Weile gebraucht, um sich daran zu erinnern, wo er und Max sich befanden. Er fühlte sich nicht gerade ausgeschlafen und wollte sich eigentlich wieder hinlegen.

    Doch ein Blick veranlasste ihn, sich nicht zu sehr zu entspannen. Mit starrem Blick sah Max von seinem Sandhaufen aus auf den dunklen Steinboden. Es war nicht die übliche Haltung, die Max annahm, wenn er über etwas nachdachte. Tatsächlich sah Max fast genauso wie vorhin aus, nur dass er dieses Mal saß und nicht auf dem Boden kniete.

      

    „Woran denkst du?“, sagte Iro, auch wenn er es sich durchaus vorstellen konnte. Max antwortete nicht und Iro unterließ es, ein weiteres Mal zu fragen. Max war wenigstens der Typ, der offen über das sprach, was ihn bedrückte. Zumindest war er bereit dazu. Iro lehnte sich zurück und wollte Augen wieder zufallen lassen.. Und er fühlte sich, als würde er Schwierigkeiten haben dieses zu öffnen, denn die Müdigkeit überrollte ihn abermals. Doch er musste sich dazu überwinden, wach zu bleiben. Er musste mit Max über das sprechen, was vorgefallen war. Schwerfällig richtete er sich auf dem Sandhaufen auf und blickte Max an, der schon seinen Blick gesucht hatte.

    „Ich kann mir vorstellen, dass du mich für einen miserablen Anführer hältst, Ironhard …“

    „Schon wieder mein voller Name… erst von Jimmy und nun von-“, brummte Iro, verstummte aber, als er Max‘ verstörte Miene sah. Die Erwähnung des Namens vom Schimpansen schien in Max etwas auszulösen und Iro nahm sich vor diesen nicht nochmal zu erwähnen. Doch der andere Teil des Satzes sackte nun in ihm ein wie ein bleiernes Gewicht. Schockiert blickte Iro Max an: „Wie kommst du bitte auf diesen Schwachsinn?“

    „Nun“, entgegnete Max mit einer grimmigen Miene und hob zwei Krallen in die Luft: „Zum einen habe ich es nicht geschafft, den Streit zwischen euch zu schlichten, sodass es eskalierte. Und zum zweiten habe ich nicht verhindern können, dass Jimmy…“, und jäh brach Max ab. Beide starrten sich an und Iro konnte es nicht verhindern, denn eine unerklärliche Wut stieg in ihm hoch.

    „Und des Weiteren“, ergänzte Max, ohne auf Iros Miene zu achten, die sich merklich verzerrte. „Sitzen wir nun in der Schädelwüste fest, mit rund einem Drittel unseres Wasservorrats, den wir mitgebracht haben. Ich habe unsere Reise in die Schädelwüste unterschätzt und so wie es aussieht-“

    „Was wie aussieht?“, rief Iro dazwischen. Irritiert blickte Max ihn an. Und zu Iros Überraschung lächelte Max, doch es wirkte ziemlich gequält.

    „Glaubst du denn, wir schaffen es überhaupt noch? Wir sind momentan zu zweit und wenn ich daran denke, welchen Weg wir noch zu gehen haben …“

    „Und welches von den Punkten bedrückt dich nun?“, sagte Iro tonlos. Max’ Augen weiteten sich. Iros Mundwinkel zuckten, als er das sah.

    „Die ganze Zeit über treffen die meisten deiner Punkte zu, und doch hast du dich nicht beschwert, geschweige ich. Und nun kümmert es dich? Wo ist der zuversichtliche Max abgeblieben?“

    „Zuversichtlich, ja?“

     

    Max Stimme klang, als hätte Iro ihm eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte erzählt. Und dieser Klang ließ Iros Ärger noch mehr aufsteigen.

    „Was habe ich bisher groß getan? Wie ich durch Viridium erfahren habe, war ich im Geheimnisdschungel nicht gerade hilfreich … du hingegen-“

    „Fang du nicht auch noch so an!“, rief Iro laut und hob seine linke Hand, um Max Schweigen zu gebieten. Dieser wollte protestieren, doch Iro schnitt ihm das Wort ab: „Wenn du auch noch so anfängst wie Jimmy, werde ich der nächste sein, der das Team verlässt!“

    Max‘ Mund klappte auf und er starrte Iro baff an. Iro blickte grimmig zurück, doch besann er sich darauf, sich zu beruhigen. Sie waren müde, hungrig und waren dem Tod in der Wüste gerade noch so entkommen. Er blickte sich nach dem Schatzbeutel um und sah ihn nur wenige Zentimeter neben sich auf dem Boden liegen. Max musste ihn wohl geistesabwesend in Iros Nähe abgelegt haben. Er kramte nach einem Behältnis und ließ einen abgemessenen Schauer dunkelbrauner Rosinen auf seine Hand fallen. Diese warf er sich sofort in den Mund und spürte, wie leicht sein Magen sich ebenso beruhigte. Noch immer blickte ihn Max starr vor Entsetzen an.

    „Das meinst du nicht ernst, oder?“

    „Wenn du so weiter machst, dann lasse ich meine Drohung wahr werden!“, entgegnete Iro grimmig.

    „Wir brauchen nicht noch einen Jimmy in unserem Team!“


    Als Iro wieder zu Max blickte, sah er bestürzt, dass Max Tränen in die Augen stiegen. Sofort bereute Iro es, zu diesen Worten gegriffen zu haben. Er drehte sich vollständig zu Max um und blickte ihm ernst ins Gesicht: „Natürlich würde ich nicht das Team verlassen wollen … doch um Himmels willen, höre auf, in Selbstmitleid zu versinken!“

    „Aber… Jimmy …“, stammelte Max brüchig, doch Iro schüttelte den Kopf: „Er hat sich dazu entschieden, so mit uns zu reden. Und ebenso war es seine Entscheidung, zu gehen. Das hat weder was mit dir noch mit mir zu tun!“

    Max sagte nichts und blickte immer noch mit feuchten Augen Iro an. Dann bebte sein Körper und Max Stimme zitterte: „Doch wäre ich was aufmerksamer gewesen, was ihn betrifft … hätte ich gewusst, dass er so dachte … wir hätten dann … er wäre …“, und bei dem Gedanken vergrub Max das Gesicht in den Armen und schluchzte wieder. Mitleid stieg in Iro und er konnte Max es nicht verübeln. Er ließ sich wieder in den Sand zurücksacken und blickte zur löchrigen Decke der Ruine, durch die Streifen von Sonnenlicht fielen. Erst jetzt viel Iro auf, dass es allmählich auf die Dämmerung zuging. Iro fragte sich, ob Zeit und Raum tatsächlich anders in der Schädelwüste abliefen als anderorts. Wenn ja, so fragte er sich, wie sie sich überhaupt durch diese bewegen sollten, wenn Sandstürme sie tatsächlich immer wieder von A nach B und von dort nach C und so weiter brachten. Über Max‘ Schluchzen hinweg hörte er auch jenes Brausen, das die Ankunft eines weiteren Sandsturms ankündigte. Er spannte sich an und war darauf gefasst, dass harsche Winde in die Ruinen hineinwehten. Doch nichts passierte und das Brausen verstummte. Offenbar war es weitergezogen. Und auch Max hörte mit dem Schluchzen auf. Er hob sein Gesicht wieder aus den Armen und rieb sich die geröteten Augen. Dann blickte er mit verschwommenem Blick zu Iro: „Wie ist es eigentlich?“

    „Was?“, antworte Iro irritiert.

    „Wenn Jimmy und du euch gegenseitig diese Namen wie Zwerghand oder Hohlbirne gebt … warum amüsiert euch das so?“

    Iro blickte seinen Anführer an, dann musste er kichern.

    „Ich habe dieses Wort, Zwerghand, schon vergessen. Danke, Max!“, lachte er dann, als er Max‘ eigene irritierte Miene sah. Als diese sich nicht lichtete, hörte Iro auf zu lachen, doch lächelte er schwach: „Du fragst dich, warum Jimmy und ich uns so necken?“

    Max nickte neugierig und Iro dachte nach.

    „Im Grunde schwierig zu beantworten … so richtig einen Grund gibt es da nicht …“

    „Wieso tut ihr es dann?“, wollte Max wissen. Iro schüttelte den Kopf: „Ich denke nicht, dass man das mit Logik oder so begreifen kann. Es ist nun mal unser Ding, verstehst du? Seit ich Jimmy kenne, selbst als ich ein Karnimani war, haben wir uns manchmal in die Wolle gekriegt.“

    „Und das hat dich nie verärgert wie vorhin bei Jimmy?“, fragte Max skeptisch und Iros Miene wurde ernster.

    „Das war was Anderes. Und du hast es selbst gesehen. Im Vergleich zu den anderen Malen hat Jimmy dir gegenüber versucht zu erklären, dass ich dir ohne Weiteres die Gliedmaßen gebrochen hätte, als du vom Waldschrat kontrolliert wurdest. Und dass er sich von uns beiden überschattet fühlte war auch etwas, das ernst genommen werden musste!“

    „Meinst du nicht, dass dieses Gefühl von Jimmy sich nicht auch in euren Spaß-Streitereien gezeigt hat?“, entgegnete Max sorgenvoll. Iro blickte ihn eine Weile an, während er nachdachte.

    „Eventuell ja … zumindest war da immer stets ein Hauch von Neid oder dergleichen herauszuhören … Doch ich hätte nicht gedacht, dass es ihn so derartig bedrücken würde …“

    „Tja, wie es aussieht, kannten wir beide unseren Freund nicht so gut, oder?“

    „Hm“, grummelte Iro. Jimmy als einen Freund zu bezeichnen wirkte weder fern noch realitätsnah. Dann aber klarte sich seine Sicht diesbezüglich. Bestimmt blickte er Max an: „Für mich verhält sich so ein Freund nicht. Wenn ihn was bedrückt, soll er sich die Zeit nehmen, gut darüber nachzudenken. Doch es ist unfair seinen Freunden gegenüber, wenn er ausrastet und ihnen unfaire Vorwürfe macht.“

    „Du willst also Jimmy nicht mehr als Freund ansehen?“, flüsterte Max leise, doch Iro verstand ihn deutlich. Er holte darauf tief Luft und atmete aus: „Wenn Jimmy sich aufrichtig entschuldigt, dann bin ich bereit, ihm zu verzeihen. Doch bis dahin, will ich ihn weder als Freund noch als Kollegen desselben Teams betrachten. Wie ist es mit dir?“

    Nun war Max an der Reihe, Iro anzublicken, während er nachdachte. Dann holte auch er tief Luft und stieß einen langen Seufzer aus: „Ich weiß es nicht, Iro …“


    Allein, dass Max ihn wieder so ansprach, erfüllte Iro mit Dankbarkeit. Er wollte noch etwas sagen, doch ein metallenes Scheppern drang von außen. Und dieses Scheppern klang so derartig fremd und für eine Wüste unpassend, dass Iro und Max angespannt horchten. Sie hörten, wie das unregelmäßige Scheppern immer näher zu der Stelle der Ruinen kam, in der sich Max und Iro versteckt hielten. Dann drang eine raue Stimme zu ihnen, die mit jemandem sprach:

    „Was meinst du, Boss? Ob er sich da drin versteckt hat?“

    „Ich will es hoffen!“, erklang eine weitere, weibliche Stimme, die Iro und Max seltsam vertraut vorkam. „Diese Hitze bringt mich noch um! Wieso sind wir überhaupt so weit raus?“

    „Ich hatte nun mal diese Idee!“, drang nun eine energische dritte, ebenso vertraute Stimme zu ihnen. „Dieser schlüpfrige Bastard kann sich der gleichen Fähigkeiten wie ich bedienen. Natürlich ist dann diese Höllenwüste ein geeignetes Versteck.“

    „Da ist was dran“, ertönte nun eine vierte Stimme, und Iro wurde auch bei der das Gefühl nicht los, diese schon einmal gehört zu haben. „Wenn wir durch deine Hilfe so weit kamen, dann er bestimmt auch.“

    „Dennoch!“, erklang die weibliche Stimme wieder, die genervt und gereizt klang. „Bei meiner Körperstatur macht mir diese Hitze zu schaffen. Ich würde einfach sagen, wir durchsuchen die Ruine und sind dann von hier weg!“

    „In die gehe ich ehrlich gesagt ungern rein!“, sprach nun die erste, raue Stimme. „Was wenn die Ruinen einstürzen und meine Rüstung beschädigen?“

    „Eventuell müssen wir das nicht“, sagte die vierte Stimme wieder und eine Pause ertönte. Dann sprach die dritte Stimme wieder: „Was ist denn das für ein Ding?“

    „Ein Aufspür-Orb!“, erklärte die vierte Stimme. „Er teilt dir mit, ob sich in einem gewissen Radius Pokémon versteckt halten.“

    „Lass mich raten: Für deine sogenannte Scharfschützen-Karriere?“, kommentierte die weibliche Stimme kritisch. Ganz schwach war von der vierten ein unterdrückter Lacher zu vernehmen. Dann erklang ein gongähnlicher Laut und die Luft war erfüllt von einem weißem Licht, das sogar durch das Steinwerk der Ruinen reichte. Als es über Iro fuhr spürte er, wie dessen Körper leicht vibrierte und er sah sich und Max kurz aufleuchten. Er starrte seinem Anführer nervös und panisch in die Augen und beide wussten, was passiert war.

    „Sieh an“, sagte die vierte Stimme überrascht, aber doch zufrieden mit sich. „Da verstecken sich gleich zwei dort in den Ruinen!“

    „Zwei?“, sagte die dritte überrascht. „Der verdammte Kürbis war doch allein unterwegs. Hat er sich jetzt noch einen weiteren Komplizen dazu geholt?“

    „Das werden wir gleich sehen“, sagte die vierte Stimme und Iro hörte zweimal das Geräusch von einer Klappe, die aufgesprungen war. „Darf ich?“


    „Feuer frei“, sagte die dritte Stimme kurz angebunden und bevor Iro und Max realisieren konnten, was passierte, füllte die Luft sich mit einem Brausen, ehe sie von einem Knallen durchbrochen wurde. Gerade noch rechtzeitig war Max von der Wand gehechtet, denn diese war mit einem Schlag weggesprengt. Staub füllte den Korridor, Brocken flogen durch die Luft, sodass Max und Iro hustend sich zur Seite ducken und die Augen schließen mussten. Zu ihrer Panik erfüllte ein weiteres Brausen die Luft, doch die weibliche Stimme rief deutlich vernehmbar über diese hinweg: „Seid ihr bescheuert? Ihr könnt doch nicht dieses historische Bauwerk einfach vom Boden sprengen!“

    Das Brausen erstarb und das war eine willkommene Pause. Sofort hatte Max einen Strahlorb herausgeholt, den er offenbar als Blendgranate nehmen wollte. Er suchte in der sich legenden Staubwolke Iros Blick und beide nickten. Sie waren zu müde erschöpft und hungrig, als dass sie sich jetzt noch um diese vier Pokémon groß kümmern wollten. Max wollte gerade durch das Loch treten, das in die Ruine gesprengt wurde und hob den Strahlorb schon hoch. Doch zwei ziemlich kurz aufeinander folgende Zisch-Geräusche ertönten und sofort sah Iro, was diese verursacht hatte. Zwei dicke Wasserfontänen trafen sowohl den Strahlorb in Max‘ Hand als auch dessen Gesicht, worauf Max benommen zurück torkelte. Iro schob sich an ihm vorbei. Er hatte es schon fast erwartet, als weitere Fontänen nun auf ihn zugeschossen kamen. Doch sowohl mit seinem sturen Dickkopf als mit seinem linken Arm wehrte Iro diese ab und er sah den Schützen.

             

    Ein Turtok mit breitem Panzer und zwei ausgefahrenen Kanonen, das überrascht über Iros Erscheinen war und das Feuern daraufhin einstellte. Das kam dem Alligator nun sehr gelegen, denn er holte mit seiner linken Hand zum Schlag aus. Doch in dem Moment stellte sich ein Stolloss ihm in den Weg und Iro wusste, dass dieses das Scheppern verursacht hatte. Das Stolloss fing lässig mit seiner stahlbesetzten Klauenhand die Iros auf und warf sie ihm zurück. Doch bevor es etwas sagen konnte, ließ Iro Energie in die Faust fahren, woraufhin sie weiß aufleuchtete. Ein gezielter Durchbruch würde dieses Stolloss, das genauso groß wie Iro war, rasch zur Seite räumen, ganz gleich wie hart sein Stahlpanzer wäre. Doch Iros Faust erzeugte nicht das typische Geräusch, das eine Kraft auf Metall verursachte. Unerklärlicherweise wirkte seine eigene Kraft in seine linke Hand hinein und Iro zog keuchend diese weg und rieb sie sich. Er unterdrückte mühevoll den Schmerz auf den Knöcheln und sah ungläubig die Stelle an auf der Brust des Stolloss an, die er getroffen hatte. Eine dicke Schicht an Diamant, die vorher noch nicht da gewesen war, glitzerte farbenfroh von dem Körper des Stolloss, das zufrieden mit sich lächelte. „Das wird nicht funktionieren!“, sprach es mit seiner rauen Stimme.

    „Iro!“

    Max trat zu ihm mit erhobenen leuchtenden Laubklingen. Doch kaum konnten Max und Iro zum gemeinsamen Gegenschlag ansetzen, erstarrten sie in ihren Bewegungen. Und so sehr sie sich Mühe gaben, sie hatten keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Doch ihr Blick fiel auf ihre Schatten, die seltsamerweise nicht nur verbreitet, sondern auch miteinander verschmolzen waren.


    Dann erklang ein vergnügtes Kichern und Iro erkannte es sofort, da er es vor nicht allzu langer Zeit gehört hatte. Auch Max stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben.

    „Sieh an, sieh an“, sagte eine Stimme und ein pechschwarzer Schattenkreis zog sich in ihr Blickfeld. Und aus diesem erhob sich ein pechschwarzer Körper, dessen rote Augen neugierig die Blicke von Max und Iro suchten. Ein breites Grinsen fuhr über das Gesicht des Gengars.

    „Hätte nicht gedacht, euch gerade hier anzutreffen, Team Mystery!“, sagte Shadow vergnüglich.




    Man sollte sich vor Augen, dass es durchaus Einzelne gibt, die selbst lange Kapitel von 11.000 Wörtern gerne am Computer lesen, sofern sie gut geschrieben sind. Doch man muss sie erst dafür kennen. Bis dahin kann man annehmen aufgrund von eigener Erfahrung und Beobachtungen, dass die meisten Leute eher kürzere Kapitel lesen als längere, vor allen wenn es sie nur hier gibt und nicht auf eBook, wo das digitale Lesen etwas angenehmer zu handlen sind.


    Auf fanfiktion.de habe ich eine sehr begeisterte Leserin meiner Legende, die meine Gesamtwortzahl bei einem Kapitel nicht stört. Da bin ich eher gewillt meine Kapitel in Gänze hochzuladen. Man muss einfach so eigene und fremde Interessen abwägen und in Einklang bringen, finde ich :)

    Hello, Mandelev :-)


    Einmal vielen Dank dir, dass du dir die Zeit und Mühe genommen hast! Ich kann mir vorstellen, dass gerade das 8te Kapitel eine Herausforderung bei 10.000+ Wörtern war ... ich glaube, das neue Zählformat ist für dieses Forum wirklich angenehmer für dich und andere. Gerne freue ich mich, wenn du die Reise von 9-15 weiter zu Gemüte führst, aber dies ist dir überlassen! :)


    Wegen den Schreibfehlern folgt unten gleich noch was, vorher will ich auf deine offenen Fragen eingehen:

    Ein kleiner Kritikpunkt von mir an dieser Stelle wäre Myra, bei der ich kurz irritiert war, wer sich dahinter noch mal verbarg und wann sie eingeführt wurde. Zwischen dem Ende von Kapitel 7 und ihrer namentlichen Nennung in Kapitel 8 hätte sie vielleicht noch mal auftauchen können. An das Blubella mit seinem aufdringlichen Blick habe ich mich erinnert, an Myra nicht. Außerdem muss ich den Zusammenhang zwischen dem Verlust der Familie durch das Feuer und der Tatsache, dass sie sich nicht entwickeln kann, verpasst haben. So, wie ich mich kenne, stand es da und ich war einfach nur zu blöd, es zu finden, aber wurde das geklärt?

    Dass dies nicht so groß und breit erklärt wurde, passt nur zu der traumatischen Erfahrungen, die die Dschungelbewohner vor dreißig Jahren erlebt hatten. Ich zitiere hier Bella, wie sie über ihre Schwester Myra berichtet:

    „Ihre Schwester?“, sagte Iro und blickte sie das erste Mal aufmerksamer an. Ihr sah man es hingegen an, dass sie sämtliche ihrer Entwicklungsstufen hinter sich hatte. „Wie kann es sein dass…“

    „Das Feuer von vor dreißig Jahren“, wiederholte Bella tonlos, „hat uns alle sehr hart getroffen. Ich glaube, so viele uns sind von einem Schicksal getroffen worden, das ich sonst keinem wünschen würde…“     

    Ich stellte mir bei der Stelle vor, dass man solche Trauma so wesentlich wie nötig erzählen will, weswegen da genaue psychische Einwirkungen nicht beschrieben wurden. Aus dem Kontext geht aber hervor, dass dieses Trauma dafür verantwortlich ist, dass Myra als Myrapla sich nicht entwickeln kann, auch wenn sie gewiss dazu in der Lage wäre. Bella hatte dieses Trauma mit der Zeit besser verkraften und sich daher entwickeln können, Myra hat trotz ihrer Bereitschaft, Außenseitern zu helfen, dies nicht erlernen können. Dafür sitzt es immer noch recht tief in ihr. Ich finde es passend, dass selbst Geschwister aufgrund ihrer jeweiligen Persönlichkeiten unterschiedlich mit diesem einschneidenden Erlebnis klarkommen.


    Was die Bibor betrifft: Diese Stelle war für mich eine Gelegenheit das Konzept von "Wilden Pokémon" (ich glaube da gab es auch einen Spoiler dazu im Kapitel) einzubringen. Die Bibor haben DORT unabhängig reagiert, weil jemand in deren Nest geraten ist versehentlich. Als Wilde Pokémon verfügen sie nicht wie die namentlichen und sprechenden Charaktere über einen Verstand und handeln meist nach nem Reizmuster; oder jemand kann sie bewusst kontrollieren. Was aber Kapitel 6 betrifft, so war das Pech, dass man sprichwörtlich in ein Wespennest getreten ist :)

    Kronjuwild und Myra machen sich auf, den für Iro noch nicht bekannten Waldschrat zu treffen, damit er das Chelterrar Voru davon überzeugen kann, eine Beere für Jimmy herauszurücken. Kronjuwild hat tatsächlich einen Plan, von dem du in Kapitel 9 erfahren wirst. Hier folge ich einer wohl ziemlich vielen Geschichten anbelasteten "Logik": Erst durch die Ankunft der Hauptcharaktere kommt der Wind der Veränderung. Dieser Arc verfolgt das Ziel, das nach so vielen Jahren störrische System an Vorurteilen und Fremdenhass aufzulösen. In so einem System hat sich auch eine gewisse Logik etabliert, die mit den Kapiteln 5, 7 und, wie du vielleicht lesen willst, 9 und 10 vorgestellt und erklärt wird: Dass der Dschungel und seine raum-zeitliche Trennung von einem sogenannten Zirkel verwaltet wird, der auch mit einer gewissen Hierarchie und auch Befangenheit einhergeht. Und der Waldschrat - quasi Second-in-Command nach dem Wächter Mew, der gerade am Schlafen ist - vertritt SEHR STUR die Auffassung, dass keinem Außenseiter getraut werden darf und dass man mit ihnen so rasch und effektiv wie möglich verfahren soll; VOR ALLEM wenn darunter ein Feuer-Pokémon ist. Du hast ja gelesen, was Jimmy widerfahren ist. Kapitel 9 und 10 werden den Waldschrat noch viel eher charakterisieren und Iro merkt in Kapitel 8 schon früh, dass Kronjuwilds Diplomatie-Versuche ins Leere führen. Deswegen nimmt er es in der Eile - Jimmy droht am Gift zu sterben, wenn er nicht aufwacht - selber in die Hand. Aus dem Grund auch gibt es keine Zeit, sich auszuruhen, solange die Problematik um Jimmy nicht geklärt ist; Max ist nachwievor auch verschwunden. Und Iro kann, wenn er in Fahrt ist, sehr viel an Kraft aufwenden; sein eiserner Wille (Get it? Eisern=Iron(hard)) soll ihn ja letztlich auszeichnen, da mustert er soviel Kraft und Ausdauer, wenn es erforderlich ist. Was erst mit entsprechenden Flashback-Kapiteln deutlich gemacht werden soll: Sein ganzes Leben schon trainiert er wie ein Wahnsinniger. Daher kommt seine enorme Ausdauer :)


    Was ein anderes, aber nicht weniger wichtiges Thema betrifft:

    Ich werde mir jetzt das Wochenende die Zeit nehmen, über alles nochmal drüber zu lesen und entsprechende Korrekturen vorzunehmen. Ich bin einfach erstaunt, wie viele Worte mir manchmal abhanden kommen, ohne dass ich es merke. Mir graut es schon, diesen Re-Kommi zu lesen und zu sehen, dass auch bei diesem einige verschluckt worden sind :D


    In dem Sinne werde ich auch deine Anmerkung mit "DOCH" umsetzen; dein Beispiel-Abschnitt hat es mir deutlich gemacht und bestimmt finden sich Umschreibungen statt dieser Wiederholungen :)


    Von daher, vielen Dank für deine ehrliche Review! Ich habe mich gefreut :)

    Und hoffentlich bist du daran interessiert, wie das Abenteuer weitergehen wird!


    Da diese Korrekturen und ein Feinschliff generelll das ganze Wochenende beanspruchen wird, werde ich Part I von Kapitel 16 erst nächsten Sonntag (25.04) hochladen. Es fühlt sich gut, mal soweit zu sein, dass man für 6-7 Updates schon was in den Startlöchern hat :)

    Bis dann^^


    Hello :)
    Es ist mir eigentlich schon unangenehm zu fragen, doch bevor ich gegen Ende nächster Woche mein nächstes Update hochlade, will ich mich hier erkundigen, ob jemand bereit wäre zu dem aktuellen Kapitel 15 (mit allen drei Parts) meiner LEGENDE DES DÄMONS eine Review zu hinterlassen. Mich würde es einfach interessieren, inwiefern ich die dort beschriebene Atmosphäre eingefangen habe; natürlich können auch gern Anmerkungen zur Handlung gegeben werden :) Ich will schließlich auch generell einen Roman rausbringen und wäre froh, wenn ich in Sachen Story-Telling eine kleine Rückmeldung zu dem aktuellen Kapitel bekommen könnte :'D


    Ich würde mich riesig freuen!
    Euch einen schönen Tag!

    Silvers ~

    Part III: Schädelwüste


    Den Aufstieg fanden sie am nächsten Morgen recht schnell. Hin und her stiegen sie die Bergkette hinaus und mussten ab und an über größere Lücken springen oder auf schmaleren Felsstreifen darauf achten, nicht fehl zu treten. Doch einen solchen Fehltritt zu machen war nicht Max‘ einzige Sorge. Ihn behagte das Schweigen nicht, das sie seit dem Verlassen der Einbuchtung, wo sie die Nacht verbracht hatten, verfolgte. Jimmy und Iro hatten sich grimmig in die Augen geblickt und zornig in andere Richtungen geblickt. Max konnte froh sein, dass Iro Jimmy dieses Mal nicht helfen musste, den Weg zu bewältigen. Höchst wahrscheinlich würde dies Jimmys ohnehin gereizte Stimmung überstrapazieren.

    Noch während sie den steilen Weg nach oben nahmen, fragte sich Max aber dann doch, ob die beiden nicht von sich aus auf weitere Streitereien verzichten könnten. Viel hing von ihrem Erfolg ab und Max überkam der unangenehme Gedanke, dass den beiden dies nicht so deutlich bewusst war. Und nun spürte Max auch nun in sich eine Wut darüber aufsteigen, doch er schüttelte den Kopf, während er versuchte sich auf den Weg zu konzentrieren. Er musste als Anführer einen kühlen Kopf bewahren und einschreiten, sollte es zwischen den beiden krachen. Dies würde nicht gelingen, wenn er selber einen Groll hegte. Umso mehr hoffte er auf ein baldiges Ende ihrer Reise zum Lawinenberg.


    Und dann endlich erreichten sie die höhere Ebene und zum ersten Mal erblickte Max ganz weit hinten einen sehr schwachen Schatten, der sich nach oben hin zuspitzte. Er war kaum zu erkennen, denn abermals flimmerte die Luft, doch Max war sich sicher, dass dies keine Einbildung war. Auch wenn der Weg gewiss noch lange andauern würde, so war der Lawinenberg endlich in Sicht.

    Als Max sich umwandte und Jimmy und Iro von dieser Entdeckung in Kenntnis setzte, nahmen sie hingegen diese Neuigkeit wenig begeistert auf. Beide murrten über den langen Weg, den sie noch zu gehen hatten. Sie wollten daher ohne weitere Worte ihren Weg fortzusetzen. Max wusste nicht, wie er diese Anteilslosigkeit bewerten sollte. Die beiden schienen offenbar zu angespannt und zu ausgezehrt zu sein, als dass sie noch großartig Freude oder Aufregung hätten ausdrücken können. Max teilte zwar diese Stimmung, doch spürte er Zuversicht, da sie ihrem Ziel allmählich näher kamen. Doch wusste er auch in dem Moment, dass sie die Schädelwüste betreten hatten. Obwohl es noch Morgen war und der Himmel noch ein zartes Blau hatte, schlug dieses sofort in ein noch kräftigeres um, die Sonne stand plötzlich am Zenit und mit einem Schlag stiegen die Temperaturen an, sodass selbst die Kühlbänder kaum noch Wirkung zeigten. Das Dünenmeer hatten sie zwar hinter sich gelassen, doch nun breitete sich eine erbarmungslos kahle, trockene und rissige Fläche vor sich, die nur vereinzelt von ausgedorrten Büscheln an Gras unterbrochen wurde. Sie waren starr in der Luft, da kein Wind wehte. Max glaubte nicht, dass er je zuvor einen solchen Ort gesehen hatte, der nur vor Einsamkeit und Lebensfeindlichkeit strotzte. Seine Augen schmerzten, da die Hitze in der Luft stand und auch seine Füße fühlten sich an, als liefen sie auf einer Metallplatte, unter der heißes Wasser brodelte. Auch das Atmen tat Max leicht in der Lunge weh, als würde er sengende Hitze inhalieren. Eins war klar, ohne die Kühlbänder wären sowohl er als auch Iro aufgeschmissen und sofort würden sie ihren Rückzug verkünden.


    Max wandte sich um und wollte nach den beiden sehen. Jimmy wirkte zum Glück unverändert, doch war er dieses Mal vor Iro unterwegs, der immer mehr zurückfiel und sich leicht verkrümmte. Etwas an diesem Anblick gefiel Max ganz und gar nicht.

    „Iro! Was ist los?“, rief er und trat auf den Alligator los. Dieser biss die Zähne zusammen und schien sich fest auf etwas zu konzentrieren.

    „Sag schon was!“, drängte Max und versuchte, Iros Blick zu erhaschen. Endlich sah dieser auf und blickte seinen Anführer an. Dabei wurde Max klar, dass Iro gegen etwas ankämpfte.

    „In meinem Gips breitet sich der Schweiß aus, Max … und es juckt höllisch! Und ich kann mich nicht kratzen!“, und fast verzweifelt kratze er sich mit seinen Krallen über den Gips. Max war ganz kurz nach Lachen zu Mute, da er befürchtet hatte, dass Iros Arm wieder am Zerbrechen war. Doch als er Iro dabei zusah, wie er sich krümmte und drehte, um gegen den Juckreiz anzukämpfen, kam ihm doch der Mitleid auf und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sich nicht kratzen konnte. Jimmy hingegen schien das ganze sehr zu amüsieren: „Wegen einem Juckreiz bleiben wir stehen? Ernsthaft?“


    „Trag du mal einen Gips und sei hier unterwegs, dann reden wir nochmal drüber!“, fauchte Iro zurück. Max spürte panische Unruhe in sich aufkommen. Wenn er nicht bald was unternahm, würde das eintreten, was er die ganze Zeit schon befürchtete. Er blickte zurück auf den Rand der Klippe, von der sie gekommen waren. Noch bestand die Möglichkeit umzukehren. Auch wenn der Rückweg anstrengend sein würde, doch mit etwas Glück kämen sie innerhalb eines Tages wieder an der Südgrenze der Nordwüste an. Doch statt nach Schatzstadt könnten sie die Red Scorpion-Gilde aufsuchen. Auf einmal kam der Gedanke, dass sie deren Hilfe hätten annehmen können, sehr vernünftig vor und er hätte sich nun ohrfeigen können, dass sie nicht eher Zikabelle darum gebeten haben, sie zur Gilde zu führen.

    „Nein, Max!“, sagte Iro, als Max ihm und Jimmy diesen Vorschlag unterbreitet hatte. „Wir sind jetzt soweit gekommen, den Rest werden wir auch noch durchstehen! Wir benötigen nicht die Hilfe von Red Scorpion. Dafür-“

    „Jaja, dafür bist bei uns!“, schnaubte Jimmy verächtlich. Er achtete nicht auf Iros wütenden Blick und auf den vorwurfsvollen, den Max ihm zuwarf. Der Schimpanse blickte sich um und seine Miene wurde immer skeptischer.

    „Sind wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg?“

    „Wir sind von der Klippe gekommen, die südlich von der Schädelwüste liegt“, sagte Max im Versuch, ruhig zu klingen. Doch er merkte, wie die Anspannung an seinen Nerven zehrte.

    „Wir müssen von hier einfach nur gerade aus nach Norden, dann kommen wir irgendwann beim Lawinenberg an.“

    Jimmy blickte Max hohl an: „Und wo ist nun die Klippe abgeblieben?“


    „Na, hier hinter-“, sagte Max und wollte nach hinten weisen, doch stutze er. Die felsige Umrandung der Klippe war auf einmal verschwunden, nur jene Einöde breitete sich hinter ihm aus, als wären sie schon viel weiter in die Wüste marschiert. Doch Max war sich sicher, dass sie sich nicht mehr als ein paar Meter von der Klippe entfernt hatten und diese somit noch in Sichtweite sein sollte.

    „Zikabelle hat es uns gesagt“, sagte Jimmy mit schiefem Lächeln, als Max ihm perplexe Blicke zuwarf. „Die Schädelwüste ist ein ganz eigener Ort als die Nordwüste. Zum Glück aber“, und Jimmy legte ein selbstgefälliges Grinsen an, „habe ich klugerweise einen Kompass-Orb erstattet!“

    Er fuhr seine Finger an den Beutel um seinen Hals heran und öffnete diesen und griff daraufhin hinein.

    „Wisst ihr noch, wie skeptisch ihr wart? Glaubt nicht, ich hätte eure Blicke nicht gesehen, als ich von Magiéve den Orb gekauft habe!“

    Seine Hand tauchte wieder auf und hielt jene gläserne Kugel, in der es sternenartig funkelte, in die Luft.

    „Jetzt wird sich dieser Kauf bezahlt machen! Es war Schicksal, dass ich ihn mir geholt habe!“, und Jimmys Stimme klang vor Erregung nahezu verzerrt, was Max beunruhigte. Doch nichts war mehr ein Grund zur Unruhe, sogar zum Schockiert-Sein, als das, was nach diesen Worten folgte. Gerade wollte Jimmy die Kugel vor sein Gesicht halten, da glitt ihm diese aus seinen schwitzenden Fingern. Wie in Zeitlupe und mit weit aufgerissenen Augen sahen sie, wie die Kugel zu Boden fiel und in tausend kleine Splitter zerbrach, aus denen eine kleine Wolke an Sternen emporstieg, ehe sie verpuffte.


    Max spürte nicht, wie er auf die Knie sank. Er tat es, ohne es zu wissen, Jimmy gleich, der mit offenem Mund und mit entsetztem Blick auf die Stelle starrte, von der die kleinen Splitter ihm entgegen funkelten. Iro stieß seltsame Laute von sich, ehe er dann in schallendes Gelächter ausbrach, wie Max es noch nie zuvor von ihm gehört hatte. Es war, als würde er krampfhaft versuchen, über einen unlustigen Witz zu lachen. Doch seltsamerweise war auch Max nach Lachen zu Mute. Nicht etwa, weil ihn die Situation erheiterte, denn das komplette Gegenteil war der Fall. Doch diese banale Endgültigkeit, mit der dieser Orb am Boden zerschellt war, war so simpel und doch derartig passend für einen Ort wie diesen, dass sich die Qualen in Gelächter entluden. Jimmy blickte entsetzt zu den beiden auf und schien nicht in der Lage zu sein, Worte dafür zu finden. Dafür fand Iro nun diese:

    „Bekommst du eigentlich irgendwas auf die Reihe, Jimmy?“


    Bei Jimmy schien offenbar ein Hebel umgelegt worden zu sein. Mit einem Mal loderte seine hintere Flamme auf und wütender als je zuvor trat er auf Iro zu: „Halt! Die! Klappe!“

    „Nein, werde ich nicht!“, sagte Iro mit Röte im Gesicht und schlug mit seinem Schweif auf. Max war wie erstarrt über die Lautstärke, zu der beide ansetzten.

    „Du hattest nur diese eine Aufgabe! Ein verdammtes Auge auf diesen Orb zu werfen! Nicht aber diesen auf den Boden zu werfen!“

    „Glaubst du etwa, ich tue das mit Absicht?“, fauchte Jimmy und auch ihm stieg die Zornesröte ins Gesicht.

    „Was war das denn für eine Show überhaupt?“, sagte Iro fuchsig. „Du wolltest dich unbedingt als Helden aufspielen, was?“

    „So wie du?“, entgegnete Jimmy, doch bevor er noch was sagen konnte, baute sich Iro bedrohlich vor ihn auf: „Genau wie ich?!“

    „Allerdings!“, sagte Jimmy bestimmt, auch wenn er gegenüber Iros Größe leicht einzuknicken schien. „Immer tust du so, als wärst du derjenige, der alles ins Lot bringen kann. Als wäre kein anderes Pokémon dazu in der Lage! Und noch dazu diese Arroganz!“

    „Arroganz?!“, rief Iro zornig und fletschte die Zähne. „Wo war ich jemals arrogant?“

    Jimmy zögerte, doch seine Wut, die ganze Zeit über nahe dem Siedepunkt gewesen war, kochte nun über: „Wieso sonst hättest du den General herausfordern wollen? Es war doch klar, dass du noch nicht soweit warst!“

    „Wenn du das hier meinst“, sagte Iro zischend und deutete auf seinen bandagierten Arm. „Hätte ich gewusst, dass es dazu führt, hätte ich die Herausforderung zurückgezogen. Ich wollte dem General nur beweisen, dass wir in der Lage sind, die Schädelwüste zu bestehen.“

    „Wir? Oder nur du?“, sagte Jimmy hinterlistig. Iro verengte die Augen und blickte Jimmy an, als würde er diesen nicht klar erkennen: „Was meinst du damit?“


    „Ich sage es dir ganz offen!“, sagte Jimmy und holte Luft. „Seit du unserem Team beigetreten bist, hast du dich zu einem überheblichen, gewalttätigen und selbstgefälligen Mistkerl entwickelt. Du lässt mir und Max kaum Chancen, uns zu beweisen. Im Geheimnisdschungel zum Beispiel bist du losgezogen und hast versucht, die Probleme mit deinen Fäusten zu lösen!“

    Iros Mund klappte auf. Und auch Max blickte Jimmy an, der wie ausgewechselt war. Dann begann Iro heftig zu schnauben, sodass sich seine Nüstern weiteten.

    „Okay … damit es klar ist …“, begann Iro leise, doch die Wut in seiner Stimme kündete großes Donnerwetter an. „Ich habe versucht, sowohl dich als auch Max zu retten, nachdem wir im Geheimnisdschungel getrennt wurden. Ich musste ein verdammtes Chelterrar verdreschen, um eine Frucht zu bekommen, die für dein Heilmittel bestimmt war, weil du bekannter Maßen vergiftet warst! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass ich dir und Max die Show stehle? Du etwa? Geht es dir darum?“

    Mit einem Mal wandte sich Iro zu Max, der erschrocken darüber, dass er nun angesprochen wurde, den Blick erwiderte: „Denkst du auch so?“


    „Ich…“, stammelte Max perplex.

    „Tu doch nicht so, Max!“, rief Jimmy laut und Max zuckte zusammen. Dass Jimmy so schrie, überraschte ihn genauso wie dessen Gebaren.

    „Ich sehe es dir doch an, dass du Iros Rücksichtslosigkeit und Sturheit genauso wenig gutheißt wie ich! Sieh doch, was ihm diese eingebrockt haben!“

    Der Boden bebte auf einmal. Iro hatte mit seinem Schweif auf diesen geschlagen und wütender als zuvor blickte er Jimmy an: „Ich will es wenn Max selber hören, da brauchst du nicht ihm die Worte in den Mund zu legen!“

    „Ich muss ihm gar nichts in den Mund legen, wenn er mir eh zustimmt, oder?!“, rief Jimmy und beide blickten zu Max, der es nicht fassen konnte. Ratlos blickte er von einem zum anderen und hätte sich gerade lieber da rausgehalten. Doch als beide auf eine Antwort drängten, gab Max höchst widerwillig nach. Er vermied es aber, einen der beiden anzublicken.

    „Dass Iro den General herausgefordert hat, war in der Tat unnötig und riskant. Doch ich glaube, dass Iro es nicht beabsichtigt hat, dass sein Arm dabei zu Bruch ging. Er hat diesen Unfall sozusagen nicht erwartet …“

    „Unfall!“, schnaubte Jimmy verächtlich und funkelte nun wieder zu Iro: „Sicher, dass er nicht versucht hat, Sturzbach anzuwenden, und sich dabei vollkommen überschätzte? Das tat ihm jedenfalls mal gut, so einen Denkzettel verpasst bekommen zu haben.“


    „Hast du sie noch alle?!“, rief Iro zornig und trat drohend an Jimmy heran: „Du meinst, ich hätte es verdient, dass ich eventuell nie wieder mit dem Arm kämpfen kann? Du meinst, ich hätte es verdient, dass ich meinen Traum für immer vergessen soll?“

    „Du wüsstest dann zumindest, wie es ist, wenn man nicht so stark ist, wie man tut …“, sagte Jimmy und obwohl er leiser und damit eher zu sich sprach, hatten Iro und Max ihn gehört. Iro deutete mit einem Finger auf Jimmy und lachte laut auf: „Geht es dir darum? Du denkst, du bist zu schwach?“

    „Das hat er nicht gesagt!“, warf Max ein und blickte Iro streng an. „Du weißt, dass Jimmy stark ist und dass er-“


    „LÜG NICHT!“, schrie Jimmy und abermals zuckte Max zusammen. „Ich habe dich und Iro letztens dabei gehört, wie ihr über mich geredet habt. Ihr habt euch gewundert, warum ich mich per tu nicht entwickeln will.“

    „Jimmy, es ist nicht so wie du-“

    „Ich habe es deutlich gehört!“, rief Jimmy und deutete anklagend auf Iro und äffte dabei jemanden nach: „Wir können wirklich von Glück reden, dich dabei zu haben, Iro. Ohne dich hätten wir beide im Geheimnisdschungel versagt!“

    „Und? Es stimmt doch in dem Fall!“, entgegnete Iro kalt. „Du wärst an einem Gift krepiert und Max wäre eine willenlose Marionette vom Waldschrat und …“


    Jäh brach er ab und sein Blick weitete sich vor Entsetzen. Auch Jimmy wirkte für einen Moment in seiner Wut unterbrochen und beide blickten zu Max, der diesen Moment vorhergesehen hatte. Irgendwann musste die Wahrheit über das, was wirklich geschehen war, ans Licht kommen.

    „Ich … weiß, was mit mir passiert ist, nach dem wir im Dschungel getrennt wurden. Viridium hat es mir im Vertrauten erzählt.“

    „Das hat sie?“, sagte Iro und sah nicht weniger wütend aus. Max nickte, doch blickte er den beiden fest ins Gesicht: „Sie hat mir aber erzählt, weswegen ihr mir diese Tatsache verschwiegen habt. Und ich bin euch dankbar, dass ihr es mir ersparen wolltet, ein schlechtes Gefühl zu bekommen. Ich hatte mich nicht unter Kontrolle und habe euch angegriffen … natürlich fühle ich mich deswegen auch schlecht aber …“, und Max holte tief Luft. „Ich kann mir vorstellen, dass ich euch dazu genötigt habe, gegen mich zu wehren. Und ich mache euch da keinen Vorwurf!“


    Stille trat ein. Dann lachte Jimmy hysterisch auf: „Viridium hat es dir also nicht erzählt?“

    „Was denn?“ sagte Max und ihn schwante Übles. Jimmy funkelte hinterlistig zu Iro, ehe er sich wieder Max zuwandte: „Ironhard war derjenige, der direkt dabei, dir eine verpassen zu wollen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er dir Knochen und Knochen gebrochen, um den Waldschrat aus dir herauszutreiben. Während ich-“, doch bevor er fortfahren konnte, durchfuhr ein blauer Blitz die Luft und Jimmy schleuderte es nach hinten. Iro vollführte die Drehung, die er mit seinem Schweif getan hatte, und blickte dann zornig auf den Schimpansen, der wenige Meter vor ihnen auf den Boden lag.

    „NEIN!“, rief Max sofort und stellte sich zwischen. Doch Iro schob ihn mühelos mit seinem linken Arm zur Seite.

    „Nein, Max! Dieses Mal wirst du dich nicht einmischen!“, und mit verzerrtem Blick wandte er sich an Jimmy, der sich langsam aufrichtete. „Und du, wag es nie wieder, mir so was zu unterstellen! Verstanden?!“


    Jimmy sagte nichts. Er spuckte auf den Boden und schien in sich hineinzuhorchen, ob Iros Schlag mit seinem Schweif größere Schaden angerichtet hatte. Dann richtete er sich langsam auf und blickte Iro ausdruckslos ins Gesicht: „Schon klar, Ironhard. Wenn dir die Argumente ausgehen, greifst du zur Gewalt. Das ist typisch du!“

    „Mach nur weiter und ich zeig dir mehr von dieser!“, fauchte Iro und ballte die Faust. Jimmy schüttelte den Kopf.

    „Mir ist klar, dass ich nicht der stärkste bin. Doch wenn es dem Mystery nur noch darum geht, aus starken Mitgliedern zu bestehen …“

    „Jimmy, das ist nicht wahr!“, rief Max jäh dazwischen, doch Jimmy hob die Hand, um Schweigen zu gebieten: „Was auch immer es ist, ihr beiden seid die einzigen, die überhaupt Anerkennung bekommen. Und was auch immer ich mache, es muss darin enden, dass ich von einem anderen viel stärkeren Pokémon gerettet werde. Ihr wisst einfach nicht, wie das ist …“

    „Dann entwickle dich einfach und dein Problem ist gelöst!“, fauchte Iro zornig. „Wag es aber nicht, uns einen Vorwurf draus zu machen!“

    „Ich mache euch keinen Vorwurf!“, rief Jimmy trotzig, doch seine Miene legte sich und Max sah bestürzt, wie Jimmys Augen glitzerten. „Nicht mehr jedenfalls. Ihr habt ein Recht auf Entwicklung und ich habe meine Gründe, diese nicht anzustreben. Doch wenn ich nun daran denke, dass ich euch nur eine Last bin …“

    „Du bist keine-“, wollte Max ihn korrigieren, doch Jimmy rief über seine Stimme hinweg.


    „Ihr müsst mich von Shadows Schattengriff befreien. Ironhard musste im Dschungel ein Gegengift für mich erkämpfen. Ironhard musste eingreifen, weil ich nicht gegen ein Stahlos bestehen konnte. Man musste mich aus dem Wüstensand rausziehen, weil ich in ihm zu versinken drohte. Sehen wir es doch ein…“, und Tränen flossen über Jimmys Gesicht.

    „Ich bin nur eine Last für euch! Ich kann nicht mit euch mithalten. Pokémon wie Cephal, der General und auch Axel erkennen eurer beiden Stärken an, während sie mich mit Skepsis beäugen. Und sie haben allen Grund dazu. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nachwievor der Feigling, der ich einst war, und der nicht ernstgenommen werden kann. Weder von Freund noch von Feind!“


    Und ehe Max es sich versah, loderte Jimmys Flamme auf, die ihn umhüllten.

    „Jimmy!“, rief Max, da er glaubte zu wissen, was Jimmy vorhatte. Auch Iro wirkte bestürzt über Jimmys Offenbarungen. Beide preschten vor, um Jimmy aufzuhalten, doch Jimmy war zu flink, als dass es ihnen gelingen konnte. Der Flammenrand formte sich um Jimmy und bevor dieses sich in Bewegung setzte, hörte Max Jimmys gequälte Stimme aus diesem hervorkommen: „Ich erspare euch alles Weitere!“


    Das Rad setzte sich unter Tosen in Bewegung und obwohl die Luft um Max herum brannte, musste er dies ignorieren. Er konnte es nicht wahrhaben, was sich vor seinen Augen abspielte. Es konnte nicht passieren. Er sah nur eine Möglichkeit, Jimmy aufzuhalten. Er musste selber zur Agilität ansetzen, um mit Jimmy Schritt zu halten. Und auch wenn es ihn versengen würde, er würde Jimmy in seinem Flammenmantel nicht loslassen, bis sie all dies klären konnten. Doch bevor er zur Agilität ansetzen konnte, fuhr ein dicker blauer Arm um seinen Arm und Max spürte, wie Iro ihn unsanft mit sich zu Boden warf.


    „Was tust du da?!“, schrie Max und wehrte sich gegen Iros starken Griff, doch der Alligator ließ nicht locker. Gerade dachte Max daran, Iro mit seinen Laubklingen eine zu verpassen, da hörte er es. Ein lautes Brausen kam näher und Max blickte hinter sich. Sofort musste er die Augen wieder schließen, da ihn die Sandkörner definitiv sonst erblindet hätte. Um ihn herum wurde es mit einem Schlag dunkel, Sandkörner trafen auf ihn wie Nadeln und ein starker Wind zerrte an ihn. Würde Iro ihn nicht auf dem Boden halten, würde er fortgeweht werden. Und er kann von Glück reden, dass Iro schwer genug war, um diesem Sandsturm standzuhalten, auch wenn dieser dennoch stark wackelte.

    Der Sandsturm endete so plötzlich wie er gekommen war. Als Max die Augen aufschlug, sah er die Schädelwüste in ihrer einheitlichen Einöde, während vom Sandsturm keine Spur mehr zu sehen war. Doch waren er und Iro nun die einzigen, die verblieben waren. Panisch richtete sich Max auf, schritt umher und versuchte in der Ferne ein vertrautes feuriges Glühen auszumachen. In der einen Richtung gab es keines. Er drehte sich um und auch in dieser Richtung war nichts zu erkennen, nur die Ödnis.

    „Jimmy!“, Max war sich sicher, dass sein Freund sich nur im Boden vergraben hatte, um sich vor dem plötzlich auftretenden Sandsturm zu retten. Er wusste, wenn er nach ihm rief, würde Jimmy aus der Erde wieder hervorschießen.

    „Jimmy!“, rief Max abermals. Vielleicht war es wie bei diesen Zaubersprüchen, die mehrmals aufgesagt werden mussten, damit ein bestimmtes Wesen in Erscheinung trat. Er blickte zu Iro und hoffte, dass auch dieser sich die Mühe gab, Jimmy herbeizurufen. Doch dieser hielt sich schmerzerfüllt die Stelle des Gipses, in der sein rechter Arm bandagiert lag. Offenbar hatte er auf dieser Stelle gelegen, um Max mit dem anderen Arm auf dem Boden zu halten.

    Die Aussicht, dass Iro tatsächlich seinen Arm verlieren würde, beunruhigte Max. Doch nichts war schrecklicher als jener Gedanke, der Jimmy betraf. Abermals blickte Max sich um und mit jedem Mal stieg das Entsetzen in ihm hoch. Dann ließ er sich auf die Knie, ein Schmerz machte sich in seiner Brust breit, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Dann holte er tief Luft und legte alle Qualen in einen Aufschrei zum Himmel:

    „JIMMY!!!“


    Part II: Sturm zieht auf


    Max hatte mit Jimmy ein paar Male schon Teile der Nordwüste durchschritten. Damals schon wurde ihnen klar, dass sie einen lebensfeindlichen Ort darstellte. Wo immer Max hinblickte, hoben und senkten sich Dünen wie Wellen am Meer und weit und breit war kein Leben zu erkennen. Nur entfernte Felsformation waren noch in ihren schemenhaften Umrissen zu erkennen. Bestimmt boten sie kühlere Schatten, doch sie zu erreichen würde sie wertvolle Zeit und Kraft kosten. Denn durch den Sand zu laufen und Dünen zu erklimmen stellte sich als sehr anstrengend heraus. Max, Iro und Jimmy mussten in breiten Schritten laufen, als sie Dünen erklommen, denn der weiche Sand sorgte für enormen Widerstand. Nun verstand Max, wie schwierig, eventuell auch unmöglich, es für das Stahlos gewesen wäre, sich durch den Sand zu bewegen. Nun lag es an ihnen, über diesen ihren Weg zu finden

    Doch kaum etwas hätte das Team Mystery auf jene Feindin einstellen können, die unbarmherziger wie kein anderer war. Sie, die Sonne, wie auf das Hundertfache vergrößert, glühte von hoch oben herab. Ihre Strahlen verschluckten sogar das Blau des wolkenlosen Himmels. Und kein Wind wehte, stattdessen schossen sengende Strahlen auf sie herab. Die Luft flimmerte und stand vor Hitze, doch die Kühlbänder taten zum Glück ihre erhoffte Wirkung. Für Max kam die Hitze wie die eines gewöhnlichen heißen Sommertages vor und er hoffte, dass das zweite Kühlband, das Iro zurzeit trug, auch seine Wirkung tat. Jimmy war als Feuer-Pokémon an größere Hitze gewöhnt, doch hatte er mit anderen Problemen zu kämpfen. Während Max und Iro es gerade noch schafften, ihre Körper über die Dünen zu hieven und breitbeinig durch den Sand zu waten, konnte Jimmy aufgrund seiner Größe und Statur nicht diese Kraft aufbringen. Stillschweigend setzten sie so ihren Weg fort. Denn sie hatten ausgemacht, dass Reden nur zusätzliche Kraft und Energie aufwenden würde. Max hatte nur die Richtung vor Augen, in die der Kompass-Orb zuvor gezeigt hatte, als sie Zikabelle hinter sich gelassen hatten. Und seitdem waren sie stur geradeaus gelaufen. Nur gelegentlich hatte Jimmy bestätigt, dass sie noch immer auf Kurs waren. Die Wunderkarte wäre hier nicht sonderlich nützlich gewesen. Zwar würde sie noch die Position in der Nordwüste anzeigen, doch ging aus dieser nicht hervor, in welche Richtung sie blickten. Zudem gaben Wunderkarten den Standort nicht an, wenn das Gebiet selber zum größten Teil noch unbekannt war. Ab der Schädelwüste wäre die Wunderkarte nicht besser als ein Stück Papier. Max war nun doch froh, dass sich Jimmy den Kompass-Orb von Magiéve erworben hatte, denn dieser würde eine große Rolle spielen.

    Er hörte ein leises, vom Sand verdecktes, schleifendes Geräusch hinter sich. Er drehte sich um und sah, wie Iro nun ein paar Schritte zurück watete und schließlich Jimmy vom Sand hob. Obwohl sie nur wenige Schritte voneinander entfernt waren, hörte Max Jimmys protestiertes Rufen nur schwach; oder war Jimmy selber recht erschöpft?


    „Ich kann selber laufen, Ironhard! Lass mich runter!“

    „Du versinkst mir fast im Sand und wir können es uns nicht leisten, nach dir zu buddeln! Und nun halt dich gefälligst an mir fest bitte!“

    Max sah, wie Iro den Schimpansen nahe seiner Schulte führte. Als sie wieder zu Max stießen, hörte er, wie Jimmy mit unterdrückter Wut murrte und sich um Iros Hals klammerte. Max sah, wie Jimmy Andeutungen machten, mehr als nötig zuzudrücken, doch Iro schien nichts davon zu spüren. Besorgt blickte Max die beiden an, doch beruhigte er sich mit den Gedanken, dass sie sich mit Widerwillen geeinigt haben. Sie setzten ihren Weg fort. Und nachwievor erwiesen sich der Sand und die Sonne als ihre größten Widersacher.

    Die Dünen herab zu laufen erwies sich genauso als anstrengend wie diese hinaufzusteigen, denn wenn sie nicht aufpassten, drohten sie vornüber zu stürzen. Mit Gedanken an Iros momentanen Zustand wären weitere Verletzungen unnötig, wenn nicht auch sogar fatal für ihr Unternehmen. Sie waren schon zu weit in die Wüste hineingegangen, als dass sie umkehren konnten. Max zweifelte allmählich, ob sie sich ausreichend vorbereitet hatten. Zikabelles Bericht über die Vorbereitungen der Red Scorpion-Gilde ließ Unruhe in ihm aufkommen, denn er fürchtete, dass sie es mit dem Aufbruch zu eilig hatten. Zwar hatten sie genug Vorräte an Trockenobst und Wasser und auch konnte ihnen bei Bedarf die Richtung gewiesen werden, doch vielleicht wäre ein Abstecher in die Red Scorpion-Gilde sinnvoll gewesen. Gewiss hätten sie von der Expertise der Wüsten-Erkunder Gebrauch machen können. Und nun fluchte Max vor sich hin, dass er diesen Gedanken nicht eher ergriffen hatte.

    Ein jäher Wind zog auf, als hätte Max diesen heraufbeschworen. Der Sand, so fein wie er war, wurde jäh aufgewirbelt und gegen die Erkunder geworfen, die eilig ihre Gesichter verdeckten. Wie kleine Nadeln trafen die Sandkörner Max Körper und er hatte Mühe, nicht vor Schmerz zu keuchen. Dann ließ der Wind mit einem Schlag nach und Max hörte wie Jimmy aufheulte. Rasch wandte er sich um, was auf dem Sand schwierig war.

    „Was ist passiert?“, sagte Max, doch er kannte die Antwort schon, als er Jimmy dabei beobachtete, wie er sich fluchend die Augen rieb.

    „Dieser verdammte Sand sticht dermaßen!“, rief Jimmy wütend aus und rieb sich durchgehend die Augen. Iro schmunzelte vernehmlich, worauf ihm Jimmy zornig auf den Kopf schlug.

    „Findest du das witzig?!“

    „Das nicht!“, entgegnete Iro fahrig und die Finger seiner linken Hand zuckten bedrohlich.

    „Mein Gips hat mich nur vor dem Sand größtenteils geschützt, und das war irgendwie ironisch.“

    „Erspar mir die Erklärung!“, sagte Jimmy wütend und schnaubte. Iro sah danach aus, als hätte er große Lust, Jimmy von seiner Schulter zu schmeißen, doch dankbar erkannte Max, wie er davon absah.


    Nun hatte sich eine angespannte Spannung in der Luft gelegt, die sich mit dem und der Sonne zu verbünden schien. Max zog die Karte hervor in der Hoffnung, sie möge einen kleinen Lichtblick geben. Dass sie zum Beispiel längst die Nordwüste hinter sich gelassen hatten und schon in der Schädelwüste waren. Doch enttäuscht sah er den leuchtenden Punkt in der Nordwüste, doch mit Freude erkannte er zugleich, dass sie die nördliche Grenze der Nordwüste beinahe erreicht hatten. Und ein Lächeln zog über sein Gesicht, als er auf der Karte eine eingetragene Kette von Felswänden sah, die ein erhöhtes Gebiet umgrenzten. Er richtete seinen Blick auf und tatsächlich sah er diese vor sich in der flimmernden Luft. Inständig hoffte er, dass es keine Fata Morgana war, doch die Wunderkarte irrte sich nie. Er rief diese Neuigkeiten Jimmy und Iro zu und mit Freude sah, wie auch ihnen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben stand.

    Es hatte noch eine Stunde gedauert, bis sie die hohe Felswand erreicht hatten, doch die Mühe war es wert. Dankbar, endlich wieder festen Boden unter sich zu spüren, ließ Max sich auf diesen fallen. Und das Beste war, dass sie eine Einbuchtung erblickt hatten, die auch etwas Schatten bot. Sie konnten sogar die Kühlbänder ausziehen, weil es sonst zu kalt für Max und Iro gewesen wäre. Auch Jimmy war hellauf begeistert von der Aussicht, endlich von Iros Schultern zu klettern.

    „Gern geschehen!“, giftete dieser, als Jimmy sich jubelnd von ihm geschwungen, doch der Schimpanse beachtete ihn nicht. Auch er hatte sich auf den Boden geworfen. Ebenso war es Iro anzusehen, dass er dankbar über diesen Ortswechsel war, denn erschöpft schnaubend ließ er sich nieder.

    Max holte eine Feldflasche hervor und trank aus dieser. Es war unglaublich, wie köstlich und Kraft spendend Wasser sein konnte, als dieses seinen Mund erfüllte. Gerade er als Pflanzen-Pokémon spürte, wie es ihn fast Superkräfte verlieh. Doch er musste sich stark zusammenreißen, denn auch Iro und Jimmy benötigten es genauso dringend wie er. Iro nahm es dankend und lächelnd an, als es ihm reichte. Doch er warf stattdessen Jimmy zu, der verdutzt aufblickte.

    „Ich kann nicht garantieren, dass ich es nicht in einem Zug trinke. Nimm du zuerst und ich übernehme den Rest. Wir haben noch zwei Feldflaschen, oder?“

    Max nickte und Jimmy trank begierig. Er warf dann Iro die Flasche zu, die er dann wie angekündigt in einem Zug leertrank.

    „Danke“, sagte er säuerlich und Max schloss, dass er von allen drei am wenigsten getrunken hatte. Er blickte zu Jimmy, der nicht schuldbewusst aussah, dann wollte er die zweite Feldflasche herausholen, doch Iro winkte sofort ab.

    „Es geht schon, Max. Wichtig ist, dass wir die Wüste überstehen, irgendwie. Und ich brauche nicht viel, wenn ich eh nicht kämpfen kann … oder mehr darf …“, sagte er eindringlich und tippte seinen Gips an. Max blickte Iro besorgt in die Augen, doch ein Schnauben, das von Jimmy kam, lenkte ihn ab: „Oh ja, Ironhard, der Superheld! Er kommt mit wenig Wasser und mit wenig Essen aus, nicht wahr?“

    „Sag mal, hast du irgendwie ein Problem mit mir?“, sagte Iro gerade heraus und fasste Jimmy scharf ins Auge. Beide blickten sich wütend an, dann wandte sich Jimmy ab: „Schon gut … ich bin nur … gereizt … sorry …“


    Max spürte, dass Jimmy eigentlich was Anderes sagen wollte. Zumal die Wortwahl ganz anders war als sonst. Auch Iro sah ganz danach aus, als würde er sich aufrichten und auf Jimmy losgehen wollen. Doch erneut schien er diesen Impuls gerade noch zu unterdrücken, wofür Max abermals dankbar war. Er konnte sich vorstellen, was in beiden vorging, doch er ahnte, dass er die angespannte Stimmung nur überladen würde, wenn er beide offen darauf ansprach. Er hoffte inständig, dass beide sich zusammenreißen konnten und Feindseligkeiten erst miteinander besprechen würden, wenn sie vom Lawinenberg nach Schatzstadt zurückkämen.


    Sie hatten eigentlich vor, nur ein paar Stunden sich auszuruhen und dann wieder sich auf den Weg zu begeben. Die Idee war, dass es nachts vielleicht angenehmer war, durch die Wüste zu waten. Doch in jener Nacht zog ein Sturm auf und Sandkörner wehten in die Einbuchtung hinein, sodass sich das Team Mystery so weit wie es ging nach hinten zurückziehen musste. Zudem trat, ganz im Kontrast zur Hitze am Tag, eine klirrende Kälte hinzu, die aber mit Hilfe der Hitzebänder erträglich wurde. Sie beschlossen, daher, am nächsten Morgen weiter zu marschieren und darauf zu hoffen, dass die Schädelwüste nicht allzu viel schlimmer war wie Zikabelle es ihnen prophezeit hatte.

    Als sich der Sandsturm in der Nacht legte, fühlte Max sich zwar sicher, dennoch hielt er es für angebracht, am Eingang der Einbuchtung Wache zu halten. Er ahnte, dass nachts das Leben in der Wüste anders war als am Tag. In Gedanken an ihre Mission blickte er auf die Dünen und von denen auf das breite Sternenmeer am Himmel. Noch nie hatte Max so einen Himmel gesehen, von dem Sterne in allen erdenklichen Größen zu ihm herab leuchteten. Er konnte sogar Sternenstaubstraßen erkennen, die sich schwach zeichneten. Max fiel kein vergleichbarer Einblick ein, außer jene Nacht, in der er mit Jimmy in ihrer Zeit als Gildenlehrlinge den Abendhimmel vom Fenster aus betrachtet hatte. Es war jene erste Nacht, die Max als Pokémon verbracht hatte. An jenem Tag war er auch Jimmy begegnet, sie hatten sich sein damaliges Reliktfragment zurückgeholt und sie hatten sich in der Gilde eingeschrieben. Dieser Tag lag nun vier Jahre zurück, doch für Max war es, als hätte er ein ganzes Leben seither verbracht. Und dies war nur geschehen, weil er Jimmy begegnet war. Ihm verdankte er es überhaupt, dass Jimmy ihn damals gefunden hatte. Max hatte ohnmächtig am Strang gelegen und er wusste nicht was passiert wäre, hätte ein anderes Pokémon ihn dort gefunden. Es war Schicksal, dass es gerade Jimmy war, der ihn fand, dessen war Max sich sicher. Ohne Jimmy wäre er vermutlich nicht direkt der Knuddeluff-Gilde beigetreten. Und er hätte wahrscheinlich nicht Monate später daraufhin erfahren, welche Aufgabe er zu erledigen hatte. Es wäre zu spät gewesen, Reptain wäre für ihn immer ein Verbrecher gewesen und die Lähmung des Planeten hätte stattgefunden.


    Max gähnte. Allmählich ermüdete es ihn, dass er und Jimmy es immer bisher gewesen waren, die die Hauptrolle bei diesen Weltrettungs-Aktionen gespielt hatten. Und nun sollten sie erneut die Welt retten, dieses Mal vor einem Dämon. Max war alles andere als wohl dabei. Gerne hätte er mit Jimmy und Iro den Abend einfach friedlich in Roses Taverne verbracht. Am nächsten Morgen hätten sie einfach nach Schatzstadt aufbrechen können, ein paar Tage dort verbracht und dann dorthin hätten gehen können, worauf sie Lust hatten. Seitdem sie mit Lashon gesprochen hatten, hatten sie es mit einem mächtigen Skaraborn zu tun gehabt, mit Feindseligkeiten von Dschungelbewohnern sowie jetzt mit der Hitze und Kälte einer Wüste. Und auf dem Weg zu dieser waren getrennt, versklavt, Jimmy beinahe vergiftet und Iro der Arm gebrochen worden. Was noch sollte den dreien widerfahren? Und waren sie die wirklich die Einzigen, die diese Aufgabe bewältigen konnten?




    15

    In der Wüste


    Part I: Das Grab im Sand

    Mahlend und laut knirschend zog sich die stählerne Schlange in Wellenlinien über den Boden der Ebene. Es war sehr mühevoll, seinen Halt auf dem sich gänzlich bewegenden Körper zu finden. Iro hatte es dabei am schwierigsten, da er nur einen Arm zu Verfügung hatte. Und diesen nutzte er auch, um sich mit aller Kraft am Hinterkopf des Stahlos‘ festzuhalten, der eine raue breite Kante darstellte. Max erinnerte sich nicht, ob er je zuvor Iros Arm so angespannt und übersät mit Adern gesehen hatte. Es war jedoch beeindruckend, wie sich Iro trotz der Umstände am Stahlos festhielt. Durch Stahlos‘ schlängelnde Bewegungen hatten sie keinen festen Boden und Max und Jimmy konnten sich so gerade an nach oben gerichtete Stacheln festhalten, die vom Körper der stählernen Schlange wuchsen. Nur allmählich fand Max einen Rhythmus, in dem er sein Gewicht verlagern konnte, doch Jimmy, der wesentlich kleiner als er war, drohte immer wieder abzurutschen. Mit angestrengter Miene hielt er sich mit allen Vieren an der Spitze seines Stachels und flüsterte etwas vor sich hin. Max konnte nur vermuten, dass er sich ein rasches Ende dieser Reise erhoffte. Max konnte es ihm nicht verübeln. Doch er stutzte, als er Jimmy die Augen öffnen sah und weder Qual noch Flehen lagen in seinen Augen. Obwohl er sein Sichtfeld aufgrund der Bewegungen des Stahlos‘ nicht vollständig fokussieren konnte, glaubte er Unmut und Wut in Jimmys Gesicht zu erkennen, die offenbar Iro galten.


    Es war auch offensichtlich, dass Jimmy dessen Eingreifen im Kampf zuvor nicht guthieß. Obwohl Max versuchte, Jimmy in der Sache nachzuvollziehen, war er Iro doch dann dafür dankbar, dass er Jimmy gerettet hatte. Er wäre in dem Moment des Schreckens, den das Stahlos Jimmy eingeflößt hatte, ziemlich zerquetscht worden, und diese Vorstellung behagte Max ganz und gar nicht. Letztendlich war es auch egal, wer von den beiden das Stahlos bezwungen hatte. Sie waren nun endlich unterwegs und das Gefühl, dass sich zwei lebensfeindliche Gebiete – die Schädelwüste und die Firntundra – sich näherten, rückten Max‘ Gedanken in einen anderen Fokus. Er wollte nochmal auf die Karte blicken, doch dies war bei dem Knirschen und Schlängeln nicht möglich. Da Stahlos nur auf Iro, seinem eigentlichen Bezwinger zu hören schien, wandte sich Max an ihm in der Hoffnung, dass Iro ihn bei dem Getöse hören konnte: „Wir sollten eine Pause einlegen und unser Vorhaben besprechen!“

    Max konnte selber nicht jedes Wort von sich hören, doch Iro schien das Wesentliche mitzubekommen haben. Er nickte knapp und schlug einmal mit seinem Schweif, der auf der Stirn des Stahlos lag, sanft aus. Als das Stahlos den leichten Stoß bemerkte, ließ es ein blechernes Röhren ertönen und wurde immer langsamer, bis es zum Stillstand kam. Max spürte mit Erleichterung, wie er sich endlich entspannen konnte. Jimmy, der zuvor wie festgefroren an den Stachel gewirkt hatte, ließ ebenso endlich locker und behutsam stieg er vom Stahlos herab. Max ahnte, dass auch Jimmy seine Glieder nach all der Anspannung weh tun mussten.

    „Nicht noch einmal!“, sagte Jimmy matt und ließ sich auf alle Viere fallen, als er den Boden erreichte und heftig keuchte. „Das ist … die schlimmste Art zu reisen!“

    „Selbst ich wäre geneigt, dir Recht zu geben …“, sagte Iro, der es aufgrund seiner Bandagen schwierig hatte, behände vom Stahlos herabzusteigen. „Wobei es für jeden Einarmigen schwierig sein sollte, sich an einem Stahlos festzuhalten. Wären beide Arme funktionsfähig …“

    „Ja ja, mit beiden Armen könntest du das Stahlos selbst vom Boden stemmen!“, rief Jimmy über sein Keuchen hinweg. Iro warf ihm einen verärgerten Blick zu, doch Max wusste, dass es nur das übliche Triezen waren. Er blickte sich aufmerksam. Zwar taten sich in ihrer Nähe mehrere Felsen vom Boden auf, doch keiner von ihnen sah danach aus, als würden sie dem Team genug Schutz bieten. Besorgt warf Max einen Blick zum Himmel. Stahlgraue Wolken schoben sich über den Nachthimmel und Max fürchtete, dass es in der Nacht regnen würde. Dann aber kam ihn ein Einfall und er wandte sich an Iro: „Meinst du, dass dein Stahlos sich um uns herum schlängeln kann? Dann hätten wir eine Art Schutzwall um uns …“

    „Ich wäre vorsichtig zu behaupten, dass es mein Stahlos sei“, sagte Iro und warf einen vorsichtigen einen Seitenblick auf die Stahlschlange zu, die ihre roten Augen aufmerksam auf ihn gerichtet hatte. Dann erteilte Iro die Bitte und das Stahlos schien tatsächlich zu verstehen. Unter erneutem Mahlen und Knirschen schlich sie um das Team herum und blieb in sichelmondförmiger Formation um es liegen. Dankbar klopfte Iro dem Stahlos auf den Kopf, was dieses als Signal verstand, sich zur Ruhe zu legen. Es schloss die Augen und stieß einen Atemzug aus, der wie entferntes Donnergrollen klang.

    „Spitze Idee, Max!“, kommentierte Iro, der sich den improvisierten Schutzwall ansah. „Ich denke nicht, dass ein Pokémon sich unbemerkt an uns heranschleichen wird.

    „Das ist auch der Plan, sagte Max, der die Karte aus dem Beutel zog. „Vergesst nicht, dass Shadow ausgebrochen ist und uns Plaudagei davor gewarnt hat, dass er sich an uns rächen wollen würde …“

    „Würde, Würde, seine Bürde!“, kommentierte Iro abfällig, der sich langsam auf dem Boden niedergelassen hatte. „Soll er nur kommen, wir werden ein weiteres Mal mit ihm fertig!“

    „Bist du sicher, Ironhard?“, sagte Jimmy tonlos, ohne seinen Blick zu wenden. Iro starrte ihn finster an: „Hast du etwa Zweifel an uns?“

    „Ich meine nur“, sagte Jimmy tonlos und irgendetwas in ihrem Klang ließ Sorge in Max aufkommen. „Du hast einen Arm weniger … wir sind selbst bei deiner vollen Gesundheit knapp davongekommen!“

    „Du kannst nur von dir sprechen, was?“, fauchte Iro zurück, doch Jimmy schnaubte verächtlich.

    „Jimmy … alles in Ordnung?“, sagte Max behutsam und blickte den Schimpansen eindringlich an, der seinen Blick ihm zuwandte. Ein seltsam schiefes Lächeln erfüllte Jimmys Gesicht.

    „Es ist nur so … ich habe es verbockt und Ironhard musste mich erneut retten … es ist schon frustrierend …“

    Max war dankbar, dass Jimmy dies offen ansprach. Er lächelte aufmunternd ihm zu: „Du warst halt nervös und du warst auch etwas damit überrumpelt. Wenn, ist das mein Fehler gewesen …“


    Iro schnaubte. Max warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Iro gab keinen Kommentar von sich. Auch Jimmys Stimmung schien sich nicht gerade gebessert zu haben. Max hoffte, dass nur die Reise auf dem Stahlos den beiden an die Nieren gegangen ist. Wenn sie sich ausruhen und ein paar Stunden später wieder aufbrechen würden, dann wären sie besser gelaunt. Das hoffte Max jedenfalls.

    „Wieso nur ein paar Stunden?“, fragte Jimmy, als Max seinen Plan vorschlug. „Wäre es nicht besser, wenn wir bis morgen unsere Kräfte sammeln und dann erst wieder aufbrechen?“

    „Wir würden aber inmitten des Tages in der Wüste sein, wenn meine Schätzung stimmt“, gab Max bedauernd zurück, während er einen Behälter mit Trockenobst in die Runde warf, aus dem sie sich genüsslich tätigen konnten.

    „Und wir wissen aus bereits eigener Erfahrungen, dass Wüsten am Tag ziemlich unangenehm sein können.“

    „Sprichst du von der guten alten Zeit, in der wir in einen Sandstrudel hineingesprungen waren, um Vesprits See zu finden? Oder wir von den Sandstürmen zermürbt wurden?“, fragte Jimmy. Max grinste, als Jimmys schelmisches Lächeln erblickte.

    „Eben diese Tage!“, sagte er, wurde aber wieder ernst, als er seinen Blick auf die Karte. Zu seiner großen Überraschung bemerkte er, dass sie der Trockenzone ziemlich nahe waren. Das Stahlos war wohl doch schneller, als Axel zunächst angenommen hatte. Gemessen von ihrer aktuellen Position glaubte Max, dass sie tatsächlich noch ein bis zwei Stunden an Weg zurückzulegen hatten. Er war schon drauf und dran, die anderen beiden zum Aufbruch zu motivieren, sah aber, dass Jimmy vor Erschöpfung eingeschlafen. Iro hatte sich gegen den stählernen Körper des Stahlos zurückgelehnt und auch er hatte die Augen geschlossen. Max lächelte bei dem Anblick. Auch er spürte seine Glieder leicht schmerzen, als wären sie ziemlich ausgeleiert worden bei dem Versuch, sich an dem Stahlos zu klammern. Er blickte sich um. Zwischen dem Kopf des Stahlos und dessen Schwanzspitze war eine Lücke, sodass der Kreis nicht ganz um sie geschlossen war. Max beschloss, an der Stelle Wache zu halten. Der Gedanke an Shadow ließ ihn nicht los und er war sich, dass dieser sein Versprechen einhalten und sich an ihn und die anderen rächen würde.


    Nahe der Schwanzspitze ließ er sich nieder. Er saß bewusst nicht nahe des Kopfes, weil Max befürchtete, dass das Stahlos nicht so erfreut wäre, einen Nicht-Meister so nah an seinem Antlitz zu sehen. Das Grau der Wolken am Himmel wurde indessen dunkler, offenbar brach die Nacht herein. Max kramte einen Orb aus dem Beutel hervor, den er sanft mit seiner Kralle berührte. Sie leuchte auf und hüllte ihn in ein helles und kaltes Licht, das er neben sich auf den Boden legte. Max zitterte, als ein kalter Windhauch ihn umspielte, und er musste zittern. Er fragte sich, ob er nicht jetzt schon ein Hitzeband um den Hals werfen sollte, als auch dann Iro an seine Seite trat: „Du bekommst das Zittern?“

    „Es wird Winter, und du weißt ja, wie Pflanzen-Pokémon zu Kälte stehen“, grinste Max verschmitzt. Iro lächelte und setzte sich neben ihm.

    „Wie geht es deinem Arm?“, sagte Max. Iro zuckte mit seiner linken Schulter.

    „Er hat nicht geschmerzt, seit wir unterwegs sind. Offenbar scheint noch alles dran und an Ort und Stelle zu sein“, sagte er. Max warf einen Blick auf die feinen Schlammspuren, die sich deutlich von dem Weiß der Bandagen abhoben.

    „Du machst dir Sorgen?“, sagte Iro scharf und blickte Max an. Als er nickte, verdrehte Iro die Augen.

    „Ich mache mir nur Sorgen“, sagte Max zu seiner Verteidigung. „Ich weiß, wie viel dir deine Kämpferehre bedeutet. Und auch entsprechend, was der Verlust eines Armes-“

    „Von dem wir besser mal nicht sprechen, bevor wir es damit heraufbeschwören!“, fuhr Iro ihn an und Max verstummte. Er erkannte den Blick von Iro. Es war einer von der Art, die von Iros Frustration zeugten. Offenbar war sich der Alligator dessen bewusst, denn er wandte seinen Blick von Max ab.

    „Solange wir uns auf dieser Mission befinden“, sagte Iro dann nach eine Weile und Max hörte ihm zu, „halte mich davon ab, den General erneut zu herausfordern. Es wird ihr nicht zu Gute tragen, wenn ich nur noch als Einarmiger unterwegs bin…“

    „Iro …“, versuchte Max zu sagen, doch Iro schüttelte den Kopf.

    „Ich habe es endlich begriffen. Zwei solch vernichtende Niederlagen hat es gebraucht, um es einzusehen, dass der General momentan zu hoch für mich ist. Hätte ich es nur früher erkannt … stell dir vor, er hätte mir noch den zweiten Arm brechen müssen, damit ich es endlich kapiere …“

    „Du würdest dann immer noch auf die Kraft deines Schweifes, deines Gebisses und deiner Beine setzen“, vermutete Max und Iro lachte herzhaft auf. Auch Max kicherte und spürte eine jähe Wärme in sich aufsteigen.

    „Tut mir Leid“, sagte Iro dann. Max, der selten diese Worte von seinem Freund gehört hatte, blickte verdutzt auf, lächelte aber dann sanft.

    „Der General ist das Ziel für dich. Wenn du die Möglichkeit darin sahst, dieses jetzt schon zu erreichen …“

    „Wie gesagt: Es hätte mir klar sein müssen, dass ich noch nicht bereit war. Aber das meinte ich nicht!“

    Iro blickte nach hinten, um sich über etwas zu vergewissern. Max folgte seinem Blick und sah, wie Iro zu Jimmy hinüber blickte.

    „Ich hätte es ihm wirklich gegönnt“, sagte Iro leise. „Aber so ungestüm, wie er in den Kampf gestürzt ist … ich musste eingreifen!“

    Sachte legte Max eine Klaue auf Iros bandagierte Schulter: „Du hast das Richtige getan! Denk‘ nur dran, was passiert wäre, wenn du es nicht getan hättest!“

    Iro grunzte. Abermals warf er einen Blick zu Jimmy, ehe er sich näher an Max heranbeugte: „Sag mal … hat er dir je was erzählt?“

    „Was erzählt?“, fragte Max verwundert. Iro schien mit der Frage zu kämpfen, als wäre er sich unsicher darüber, ob er diese stellen sollte. Dann aber stellte er sie, so leise wie er konnte: „Hat Jimmy dir je den Grund erzählt, warum er sich per tu nicht entwickeln will?“

    „Warum interessiert dich das?“, fragte Max tonlos.

    „Versteh‘ mich nicht falsch!“, sagte Iro hastig. „Für Jimmy besteht keinerlei Zwang sich zu entwickeln und ich weiß, dass wir nicht auf sowas Wert legen. Aber dennoch …“, und wieder zögerte er.

    „Es scheint mir, als würde Jimmy es mir und auch dir übelnehmen, dass wir ein paar Stufen weiter gegangen sind. Meine Frage ist, warum er es nicht dann tut?“

    Max antwortete nicht direkt, sondern erinnerte sich zurück. Auch er fand es schon seltsam. Es gab eine Zeit, wo Jimmy deutliches Interesse gezeigt hatte, sich zu entwickeln. Doch an einem Tag, bevor Max sich zu einem Reptain entwickelt hatte, schien sich seine Meinung geändert zu haben und seit diesem Tag war Jimmy strikt gegen diese Idee gewesen.

    „Als ich ihn daraufhin fragte, meinte Jimmy nur, dass klein zu sein seine Vorteile hätte und dass er es ungewohnt fände, eine neue Körperform zu haben.“

    „Gewiss ist das eine Veränderung, an die man sich aber schnell gewöhnt. Wieso ist Jimmy so verbittert, weil wir ihn so oft aus der Patsche helfen müssen?“

    „So oft doch auch wieder nicht …“, wollte Max entgegnen, doch Iro hielt ihm drei Krallen entgegen.

    „Das eine Mal gegen Shadow, da wurde er als Marionette gebraucht, ohne groß imstande sich zu wehren. Das zweite Mal im Geheimnisdschungel, als er bewusstlos und ich ihn mit mir tragen musste. Und dann noch heute, wo er fast vom Stahlos zertrümmert worden wäre.“

    „Tust du Jimmy, was den Geheimnisdschungel betrifft, nicht Unrecht?“, sagte Max mit scharfem Blick und sofort schüttelte Iro den Kopf.

    „du hast Recht, es war falsch von mir, das zu sagen“, sagte er betreten. Beide schwiegen sich an. Dann spürte Max jene Wärme für seinen großen Freund aufkommen.

    „Wir können wirklich von Glück reden, dich dabei zu haben, Iro. Ohne dich hätten wir beide im Geheimnisdschungel versagt!“

    Iro blickte verdutzt auf, doch lächelte er erfreut. Gerade wollte er was sagen, als sie hinter sich ein scharrendes Geräusch hörten. Erstaunt blickten sie sich um und sahen, wie Jimmy offenbar im Schlaf sich gedreht hatte und ihnen den Rücken zeigte.


    Da sie sich ziemlich nahe der Trockenzone befanden, war der Ritt auf dem Stahlos wenige Stunden später nur eine vergleichsweise kurze Tortur. Erneut hielten sich Max und Jimmy an dessen Stacheln fest und Iro an seinem Hinterkopf, während das Stahlos sich nun durch eine abschüssige Ebene grub. Beunruhigt stellte Max sich vor, dass sie dem Naturbild kein Gefallen taten, wenn sich eine breite Furche durch diese zog. Er hoffte sehr, dass sie keine unterirdisch lebenden Pokémon in Aufregung versetzt hatten. Tatsächlich sah er schon einen Auftrag in der Knuddeluff-Gilde aushängen: Stahlos zerstört Landschaft. Man bittet um Hilfe!  

    Max warf einen vorsichtigen Blick nach hinten um zu sehen, wie sich Jimmy hielt. Offenbar schaffte er wie zuvor, nicht herunterzufallen, doch etwas an seinem Gesicht ließ Max wieder einmal die Sorge in ihm hochsteigen. Anders als auf der ersten Etappe wirkte Jimmy aus irgendeinem Grund niedergeschlagen und fortwährend blickte er keinen der beiden anderen an. Max fragte sich, was der Grund sein könnte. Vielleicht hatte Jimmy doch nicht geschlafen. Doch selbst wenn er Max‘ und Iros‘ Gespräch mitbekommen hatte, so gab es für ihn keinen Anlass, so niedergeschlagen zu sein. Schließlich hatten sich Max und Iro nicht im negativen Sinn über ihn unterhalten. Er überlegte sich, ob er Jimmy später darauf ansprechen sollte, doch sein Gedanke wurde unterbrochen, als er das Stahlos röhrend aufbrüllen hörte. Der stählerne Körper bebte und das Stahlos hielt inmitten einer Schlucht an, deren hohe Felswände sich in den schwarzen Nachthimmel erhoben und im Schatten lagen. Das Stahlos kam allmählich zum Halt und erneut murrten die Erkunder erleichtert auf, von diesem herabzusteigen.

    „Was ist denn los?“, fragte Max, der sich in der Schlucht umherblickte. Das Gefühl beobachtet zu werden, ließ ihn nicht los. Und obwohl Mondlicht in Streifen durch die Wolken fiel, beleuchtete dieses nur wenig von den umherstehenden Felsen. Iro hingegen tippte Max auf die Schultern. Seine große Gestalt war nur schemenhaft zu erkennen, doch sah er diese in Richtung des Weges deuten, in die das Stahlos sich weiter hätte schlängeln können. Max musste die Augen zusammenkneifen, um etwas in der Entfernung ausmachen zu können. Der Übergang war nur sehr schwierig zu erkennen gewesen, doch er sah den schwarzen Nachthimmel sich über eine dunkle Fläche erheben, die sich von dem Gestein unterschied, auf dem sie im Moment standen. Wie automatisch holte Max die Karte hervor und zu seiner Erleichterung sah er den hellen Punkt, wie er sich kurz vor dem Eingang zur Nordwüste befand.

    Offenbar vermied das Stahlos, sie über Sand tragen zu wollen. Max erinnerte sich auch, wie ihnen Axel mitgeteilt hatte, dass dieses in der Wüste Schwierigkeiten hätte sich fortzubewegen. Von diesem Ort an waren sie nun wieder auf sich gestellt. Er nickte Iro bedeutungsvoll zu. Iro erwiderte das Nicken und wandte sich der Schlange zu.


    „Vielen Dank! Du kannst nun wieder deines Weges ziehen!“, sagte er zu dem Stahlos und gab ihm mit der linken Hand einen sachten Klaps auf den Kopf. Das Stahlos röhrte und das Team trat zurück. Es schlängelte sich einmal im Kreis und unter dem üblichen mahlenden Geräusch grub es sich seinen Weg zurück. Jimmy, dessen Hinternflamme in der Dunkelheit gespenstisch flackerte, blickte der Stahlschlange hinterher: „Warum lassen wir es nicht hier auf uns warten? Es könnte doch praktisch sein, auf diesem wieder nach Schatzstadt zu reisen, oder?“

    „Du willst dir nochmal diesen Ritt antun?“, sagte Iro skeptisch und blickte den Schimpansen schräg an. Dieser zuckte mit den Schultern.

    „Wir wissen nicht, ob wir hierher an diesen Ort zurückkommen. Stell dir vor, wir kommen ganz woanders aus der Wüste an und das Stahlos wartet vergeblich auf uns. Ich denke es ist besser, wenn wir das Stahlos in die Freiheit ziehen lassen.“

    „Auf einmal kommt mir der General nicht gerade so sympathisch vor“, gab Jimmy zu bedenken. Iro und Max nickten zustimmend. Max holte einen Leuchtorb hervor und ließ ihn aufleuchten, sodass sie sich im weißen Licht einander erkennen konnten. Alle drei wandten sich um und sahen nach vorne. Soweit das Licht des Orbs reichte, konnten sie erkennen, dass es ein mehr oder weniger gerader Weg in die Wüste war. Sie alle tauschten einen letzten Blick aus. Unsicherheit und Skepsis stand in allen geschrieben. Doch Max und Iro nickten zuversichtlich, was Jimmy weniger enthusiastisch erwiderte. Dann gingen sie voran.

    Doch nach wenigen Metern hörten sie ein lautes Schlagen mehrere Flügel sowie ein tiefes Brummen. Sofort hob Max eine leuchtende Laubklinge hoch, während Iro die linke Faust hochhielt. Max hielt den Leuchtorb in die Luft und schwenkte ihn hin und her. Nichts aber aber war zu erkennen, obwohl das Flügelschlagen und Brummen nicht aufhörte. Dann plötzlich verstummte es. Angespannt blickte das Team umher und für einen Moment glaubte Max, dass irgendein einheimisches Pokémon über sie hinweg gesaust war.

    „Angst vor ein bisschen Gebrumme?“


    Eine schneidende Stimme durchfuhr die Luft und Max und Jimmy zuckten zusammen. Max wandte sich nach rechts und endlich fiel das Licht des Orbs auf ein paar großer grüner Facettenaugen, die das Licht mehrfach widerspiegelten. Jimmy keuchte erschrocken auf und auch Max trat einen Schritt zurück, da dieses Augenpaar aus der Dunkelheit hervorragten und recht grotesk wirken. Die Stimme lachte vergnügt auf und Lider fuhren über die Facettenaugen. Als diese sich wieder zurückzogen, funkelte ihnen Augen mit gewöhnlicher Iris und Pupille ihnen entgegen. Eine zweite Lichtquelle leuchtete in deren Nähe auf und enthüllten einen länglichen insektenartigen Körper mit vier dünnen klauenbesetzte Beinen. Zwei Paar grün und silbern schimmernder Flügel fügten sich wieder zusammen und ruhten nun auf diesem Körper. Zwei Fühler, die etwas nach oben gebogen waren, befanden sich zwischen den Augen und waren nach vorne gerichtet, wobei sie dabei zuckten. Eine Mischung aus Neugier und Argwohn lag in dieser Vibrava, die jedes der Erkunder in Augenschein nahm. Max betrachtete sich die Leuchtquelle in ihrer Nähe und erkannte, dass sie aus einem sehr kleinen Beutel kam, der neben ihr auf dem Boden lag.

    „Du bist eine Erkunderin, oder?“, sagte Max. Die Vibrava nahm ihn rasch in Augenschein.

    „Das ist richtig“, sagte sie kühl und als sie gespannte Erwartung von den Erkundern wahrnahm, seufzte sie genervt auf und neigte ihren runden Kopf leicht nach vorne: „Zikabelle von Red-Scorpion, nicht zu euren Diensten!“

    „Red-Scorpion?“, fragte Jimmy verblüfft. Zikabelle warf ihn einen Blick zu.

    „Ihr begebt euch in die Trockenzone und seid erstaunt, dass ihr einem Mitglied von Red-Scorpion über den Weg läuft? Ihr wisst doch, hoffe ich, dass die Nordwüste sowas wie eine Heimat für uns ist? Eine Heimat“, sagte sie nun im strengen Ton, „die ihr gerade betretet, ohne dass wir davon in Kenntnis gesetzt wurden…“

    „Ich wüsste nicht, dass Red-Scorpion über alles informiert werden müsste, was in der Nordwüste und darüber hinaus vor sich geht“, sagte Max kühl und verschränkte.

    „Und ob es uns was angeht!“, entgegnete Zikabelle in ruhigem Ton, doch Max spürte die Gereiztheit. „Schließlich habt ihr ein Anliegen bei uns, nicht wahr? Es wäre doch daher empfehlenswert gewesen, uns Bescheid zu sagen, damit wir euch zur Gilde führen können. Ihr seid meilenweit von unserem Eingang entfernt!“

    „Wir haben kein Anliegen bei euch!“, rief Jimmy ein, der das Missverständnis wohl schnell zu klären versuchte. Nun wirkte Zikabelle auf einmal erstaunt über diese Wortwahl und blickte Jimmy an. Max und Iro, die keine Feindseligkeiten spürten, ließen ihre Waffen – Klinge und Faust – senken.

         

    „Weshalb seid ihr dann hierhergekommen? Seid ihr Verbrecher auf der Flucht? Oder Verstärkung für das eine Team, das gestern schon hier durchkam?“

    „Welches andere Team?“, fragte Max. Zikabelle zuckte mit ihren Fühlern und Max glaubte zu wissen, dass sie damit ein Schulterzucken andeuten wollte.

    „Ich weiß nicht, wie diese vier hießen, sie sagten jedenfalls, dass sie einen Verbrecher in der Nordwüste verfolgen würden. Ich für meinen Teil glaube diese Geschichte nicht“, und Zikabelle hielt inne. Offenbar überlegte sie sich, ob ihr diese Tatsache egal sein sollte oder nicht. Dann schüttelte sie seufzend den Kopf: „Wir haben genug in der Gilde zu tun, auch wenn ich es beleidigend finde, dass wir nicht mit der Verbrecherjagd vertraut wurden … Wie dem auch, ihr habt mir meine Frage nicht beantwortet!“

    Erwartungsvoll blickte sie jedem Erkunder ins Gesicht. Dabei ruhte ihr Blick eine Weile auf Iros Bandagen, woraufhin dieser genervt die Augen verdrehte.

    „Wir wollen in die Schädelwüste“, sagte Max ohne Weiteres. Er wusste nicht, warum er das irgendjemandem gegenüber geheim halten sollte. Was sollte sie auch tun, um das Team Mystery aufzuhalten?

    Doch Zikabelle dachte wohl nicht dran, sie aufzuhalten. Ihr Blick hatte einige Momente lang auf Max geruht, ehe sie in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Iro und Jimmy blickten empört drein.

    „Es ist Jahre her, dass sich Erkunder in dieses Gebiet begeben haben“, holte Zikabelle Luft, nachdem sie sich abgeregt hatte. Sie blickte vergnügt zu den drei Pokémon. „Ihr wisst doch hoffentlich, dass kaum einer je dieses Gebiet verlassen hat? Egal ob lebend oder nicht?“

    „Das wissen wir“, sagte Max gereizt. Von Plaudagei und Axel schon hatten sie Zweifel erhalten, und Jimmy hatte von der Skepsis des Generals über ihr gegenwärtiges Ziel erzählt. Max war nicht scharf drauf, zum vierten Mal diese von einem Pokémon zu hören. Doch zu seiner Überraschung verzichtete Zikabelle auf diese.

    „Was auch immer ihr dort zu suchen habt, erledigt es schnell!“, sagte sie noch immer vergnügt, aber wesentlich ernster. „Selbst für uns Skorpione ist die Schädelwüste ein Ort, den wir nur aufsuchen, wenn wir uns eingehend darauf vorbereitet haben.“

    „Du willst uns das nicht ausreden?“, sagte Max erstaunt. Zikabelle schüttelte den Kopf.

    „Ich wüsste nicht, warum ich das machen sollte. Wir von Red Scorpion glauben an ein einfaches Prinzip: Tu, was du für richtig hältst, doch lebe mit den Konsequenzen. Jeder ist für sich selber verantwortlich. Und ich gehe soweit, dass ich das von jedem anderen Erkunder erwarte. Wenn sie sich nicht genug vorbereitet haben, ist das deren schuld.“

    „Das klingt aber nicht gerade sehr hilfsbereit…“, sagte Jimmy in enttäuschtem Ton. Zikabelle fasste ihn streng ins Auge: „Erstens unterscheidet sich unser Aufgabenfeld grundsätzlich von dem der anderen Gilden und zweitens bezieht sich dieses Motto nur auf die Mitglieder; unterstell uns nicht, dass uns das Schicksal der Pokémon, die zum Beispiel ausgeraut werden, gleichgültig sei …“

    „Tut mir leid …“, sagte Jimmy betreten. Zikabelle wandte sich von ihm, während Max eine Idee kam.

    „Es klingt bei dir so, als hättet ihr bereits Touren in die Schädelwüste unternommen“

    „Haben wir“, sagte sie und sah Max aufmerksam an. „Und bestimmt bist du an Tipps interessiert, habe ich Recht?“

    Max nickte. Zikabelle deutete ein Lächeln an.


    „Ich will euch Erkundern keinen Gefallen damit tun. Ich teile gerade nur Fakten mit, die ich selber sehr interessant finde. Die Schädelwüste selber kenne ich nur von den Geschichten der anderen. Doch dort soll das Wetter wesentlich verrückter spielen als in der Nordwüste. Die ist das reinste Paradies im Vergleich zur Schädelwüste.“

    Max hörte, wie Jimmy laut schluckte, und auch ihn erfreute diese Information nicht. Die Nordwüste allein war kein angenehmer Ort. Doch er musste konzentriert bleiben.

    „Was für Fakten sind noch interessant für dich?“.

    Zikabelle strahlte, als hätte Max die Regeln eines Spiels nach mehreren Versuchen verstanden.

    „An sich nur noch, dass hier und da plötzlich und wie aus dem Nichts Sandstürme aufkommen können“, sagte sie, während sie nachzudenken schien. Dann hellte sich ihr Blick und jedem der Erkunder blickte sie ins Auge: „Ihr seid euch sicher, dass ihr euch da rein begeben wollt?“

    Die drei nickten, auch wenn ihre Zuversicht nicht einheitlich war.


    „Die Schädelwüste ist auch unter einem anderen Namen bekannt: Das Grab im Sand!“





    Aber letztendlich ist das Geschmackssache. Wenn halt viel passiert, dann gibt es viel zu schreiben/viel in ein Kapitel zu packen. Fans der Geschichte werden sich von der Textgröße nicht abschrecken lassen. Und wenn man den Lesern trotzdem was Gutes tun will, macht man halt an günstigen Stellen einen Absatz. Gut finde ich es trotzdem, wenn die Größe von Kapiteln variiert. Gerade bei dem Start einer Geschichte oder eher zwanglosen Kapiteln sehe ich in kurzen Kapiteln einen Vorteil. Wenn es halt zur Sache geht und Geschichtsträchtiges passiert, muss das halt in ein Kapitel.

    Stimme dem vollkommen zu mittlerweile; zwar hat man eine Ambition, Kapitel zu schreiben, die eine gute halbe Stunde bei einem Hörbuch füllen. Ich nehme mir einfach die Länge der Kapitel bei den "Harry Pottern"-Büchern zum Vorbild, die je nach 25-60 Minuten bei einem Hörbuch (gelesen von Rufus Beck) füllen. Und auch will ich irgendwann die Geschichte auch vertonen, da will ich auch ne gewisse Hörbuchlänge draus machen.


    Ich veröffentliche meine Geschichte auch auf fanfiktion.de und habe da eine begeisterte Leserin, die selbst ein 7000 Worte-Kapitel noch am selben Tag liest. Auch sie ist der Ansicht, dass sie der Typ ist, der gern große Textblöcke liest, sofern sie spannend geschrieben sind.

    Ein feines Abwägen zwischen seinen eigenen Interessen und denen potenzieller Leser kann einfach nicht schaden in der Hinsicht :) Ich denke, dass ich das hier nun auch wie Eagle Teilkapitel hochladen werde. Ich habe gestern schon die Handlung des nächsten entsprechend eingegliedert und mir soll das nicht schaden, da ich nachwievor alles an einem Stück schreiben werde :)

    Am Ende läuft es bei mir wirklich darauf hinaus: Ich schreibe etwas, das ich im BB veröffentlichen will. Wie mache ich es potentiellen Leser*innen in diesem momentan sowieso etwas inaktiven Bereich so einfach wie möglich, mir Feedback zu hinterlassen?

    Ich habe es auch nicht ohne Grund als "Marktforschung" bezeichnet; letztlich haben beide Seiten Berechtigung. Irgendwo hält es die Spannung aufrecht, wenn das Kapitel nach nem recht kurzen aber spannenden Vergnügen mittendrin aufhört und es nach einer Woche weitergeht. Das merke ich beim One-Piece Manga sehr, dass ich das nächste kaum erwarten kann. Und dass so manche Enthüllung gerade dadurch sich mehr lohnt, weil man lange auf die gewartet.

    Hier kamen tolle Punkte von Mandelev, Emerald und Eagle zusammen! :)
    Werde ich ab meinem nächsten Kapitel anders umsetzen :)



    14

    Stahlross


    Axel hatte jeglichen Grund, sauer zu sein und seine Hilfe zu verwehren. Schließlich war es das Dach seiner Höhle, das durch Iros Sturzbach weggeschossen wurde. Doch überraschte es Jimmy, dass Axel ohne Weiteres einen flachen Steinbrocken aus seiner Höhle holte, auf den Iros kaputter rechter Arm gelegt werden konnte. Dessen Körper hatten Max und der General behutsam aus dem Flussbett gehievt und ihn auf das Ufer gelegt. Max ist daraufhin sofort in Richtung der Knuddeluff-Gilde geeilt, um Palimpalims Hilfe zu holen. Von allen Bewohnern Schatzstadts war sie das Pokémon mit der meisten medizinischen Erfahrung und sie hatte einst Plaudageis gebrochenen Körper gerichtet bekommen, nachdem dieser in der Salzwasserhöhle einst einen Hinterhalt abgefangen hatte.


    Schweigend saßen Jimmy, der General und Axel da und warteten. Der General saß im Schneidersitz und hielt wie in einer Art Meditation die Augen geschlossen und Axel wartete auf Zeichen, die die Rückkehr von Max mit Palimpalim im Schlepptau andeuten würden. Jimmy hingegen, der sich ohne Max‘ Präsenz recht verlegen in der Nähe der beiden Erkunder-Veteranen fühlte, blickte immer wieder zu Iro, der die Augen seit dem Kampf gegen den General noch immer verschlossen hatte. Würde sich sein Brustkorb nicht hin und wieder leicht heben und senken, hätte man meinen, dass Iro tot war. Es war ein himmelweiter Unterschied zu dem Iro, der immer laut im Schlaf brummte und sonst immer fest auf dem Boden stand, während sich seine Hände schon halb zu Fäusten ballten. Nun aber war es befremdlich, den einstigen Hünen so zu sehen. Sein rechter Arm, der immer danach aussah, als besäße er die Kraft von zehn Hämmern, war nun wie ein loses Stück Seil, das achtlos auf den Boden geworfen wurde. Und während dem vorherigen Iro eine Art friedliche Anspannung im Schlaf anzusehen war, so sah es nun bei ihm danach aus, als wäre ihm durchaus die Niederlage bewusst und würde deswegen keinen ruhigen Schlaf finden. Seine Mundwinkel hingen schlaff herunter und seine Augen wirkten, als hätte man sie gewaltsam zum Schließen gebracht. „Es ließ sich nicht vermeiden!“, sagte der General, der eingehend Jimmys besorgte Miene beobachtet hatte. Jimmy blickte verdutzt auf und begegnete dem kühlen Blick, welcher nun Iro in Augenschein nahm.

    „Sturzbach kann ein Wasser-Pokémon wahrhaft mächtig machen. Die körperliche Leistung erhöht sich drastisch, man wird schneller und stärker. Und noch dazu gewinnen Wasser-Attacken an Macht dazu. Du siehst ja, wie mühelos Axels Dach weggesprengt wurde.“

    Nervös blickte Jimmy zu Axel, der aber ausdruckslos in der Nähe hockte und dem General zuhörte, der unbeirrt fortfuhr:

    „Doch es ist durchaus riskant, sich in diesen Zustand zu versetzen, da die Gefahr sehr hoch ist, dass Wasser-Pokémon die Kontrolle über sich verlieren. Dich hat es ja erwischt, Jimmy.“

    Bei diesen Worten fuhr Jimmy mit einer Hand ans Gesicht, auf das zuvor eine große Fontäne geklatscht wurde. Jimmy ist fast dabei ohnmächtig geworden und noch immer schmerzten seine Nasenhöhlen leicht, die den enormen Wasserdruck empfangen hatten. Jimmy erinnerte sich, wie viele dieser Fontänen um Iro gewirbelt waren, während dessen Augen bedrohlich geglüht hatten. Und dann war da noch das Brüllen, das Iro von sich gegeben hatte. Ein Brüllen, dass Jimmy nie vergessen würde. Zwar hatte er öfter Iro dabei gehört, wie er hin und wieder laut werden musste, doch es war nicht mit jenem Brüller zu vergleichen. Jimmy lief ein eiskalter Schauer den Rücken runter, als er das Wesen, zu dem Iro geworden war, sich gänzlich bildhaft vorstellte. Der General nickte zustimmend, als könnte er Jimmys Gedankengang erahnen:

    „Wer so eine Macht nicht im Griff hat, der wird nur noch zu deren Gefäß, während sie sich in alle Richtung ausbreiten will.“

    „Doch du hast sie im Griff?“, sagte Jimmy, der nicht anders konnte als den General dafür zu bewundern, obwohl er es war, der Iro so zugerichtet hatte. Dieser nickte daraufhin und deutlich sah man ihm die Schuld an.


    „Ich habe sehr lange dafür gebraucht, diese Fähigkeit mir eigen zu machen. Doch dies erfordert Disziplin, sehr viel davon! Ich habe es, um ehrlich zu sein“, und bedauernd blickte er zu Iro, „schon befürchtet, dass Ironhards Eifer, mich unbedingt ausstechen zu wollen, der Grund wäre, dass er diese nicht kontrollieren könnte. Doch ich hätte nicht gedacht, dass dieser Eifer den Sturzbach tatsächlich auslösen würde …“

    Er verharrte eine Weile, dann richtete er sich plötzlich auf. Jimmy und Axel blickten verdutzt zu ihm auf.

    „Du gehst?“, sagte Axel. Der General nickte.

    „Tut mir leid, dass ich doch nur so kurz hiergeblieben bin, Axel …“

    „Du kommst wenn eh nur für ein bis zwei Tage“, grummelte Axel, und zuckte resigniert mit den Schultern, doch der General schien ihn nicht zu hören, denn sein Blick war auf Iro gerichtet.

    „Es wäre nicht ratsam für Ironhard, wenn er mich erblicken würde, sobald er aufwacht. Ich will ihm diese Schmach nicht antun.“

    „Ich denke nicht, dass das eine Schmach wäre“, sagte Jimmy zaghaft, worauf der General laut auflachte.

    „Ich dachte, du kennst ihn länger und besser als ich, Jimmy! Dann wüsstest du, dass ein Charakter wie er eher ungern denjenigen, dem er eine Niederlage verdankt, wieder sofort erblickt. Und es liegt mir fern, ihm eine Standpauke zu halten, der er ohnehin nicht zuhören würde.“


    Er reckte sich ausgiebig und verschwand in Axels Höhle mit Freilichtdach. Dann trat er wieder aus dieser vor, wobei er sich einen Beutel über die Schultern geschwungen hatte. Entschuldigend trat er an Jimmy heran: „Es tut mir nur leid, dass sich euer Trip zu der Schädelwüste etwas verschieben wird, solange der Arm von Ironhard in Heilung ist. Ich kann verstehen, dass ihr darauf branntet, euch einem Wächter gegenüber zu beweisen!“

    „Äh … was?“, fuhr es Jimmy unwillkürlich aus dem Mond. Der General stutzte und blickte Jimmy eindringlich an, während der Beutel aus seinen Händen glitt und zu Boden fiel. Seine Augen verengten sich dann, während sie Jimmy scharf musterten.

    „Ihr habt doch nicht vor, jetzt noch dorthin aufzubrechen? Mit der Verletzung, die Ironhard während unseres Kampfes davon getragen hat?“

    „Nun … ja!“, sagte Jimmy, obwohl er direkt spürte, dass seine Stimme alles andere als zuversichtlich klang. Als würde er dem Recht geben, lachte der General auf: „Macht euch nicht lächerlich! Generell ist es ein enormes Risiko, sich in die Schädelwüste zu begeben. Aber dann noch, wenn einer von euch nur zur Hälfte kämpfen kann?“

    Er schüttelte ungläubig den Kopf. Auch Axel stand der Zweifel ins Gesicht geschrieben, worauf Jimmy eine enorme Wut in sich verspürte. Glaubten der General und Axel tatsächlich, dass Iro die Stärke des ganzen Teams darstellte?

    „Und wenn Iro nur noch einen Arm benutzen kann, es gibt dann immer noch Max und mich! Und zusammen schaffen wir es irgendwie!“

    Jimmy merkte nicht, wie er aufgestanden und trotzig zum General hochblickte, der seinen Blick argwöhnisch erwiderte. Nach ein paar Sekunden dann, die für Jimmy viel bedeuteten, seufzte er auf und hob den Beutel vom Boden auf.

    „Ihr seid alt genug“, sagte er nur, nickte Axel einmal kurz zu, der es erwiderte, und wenige Augenblicke später verschwand der General zwischen den Bäumen. Jimmy blickte ihm nach und es war, als würde ein Funke in ein Feuer umschlagen, das in seiner Brust brannte. Doch war es kein Feuer der beruhigenden Art.



    „Ach herrje … ach herrje … ach herrje!“

    Palimpalim hatte sich tief über Iros rechten Arm gebeugt und fuhr mit ihren Händen sachte über jeden Zentimeter. Hin und wieder leuchtete ihre gelbe rundliche Antenne auf, als sie konzentrierter bestimmte Punkte unter die Lupe nahm. Max, der sich sehr beeilt zu haben schien, keuchte noch immer vom Spurt. Er und Jimmy sowie Axel standen nahe Iros linkem Arm und wechselten abwechselnd zu ihrem bewusstlosen Freund und dann zu Palimpalim, deren Miene ungewöhnlich ernst war. Zwar hatte Jimmy sie eher spärlich beim Behandeln von Verletzungen gesehen, doch sie hatte bei diesen Gelegenheiten recht entspannt gewirkt. Aber nun untersuchte sie mit verzogenen Mundwinkeln und besorgtem Blick den Arm, als befürchtete sie einen hoffnungslosen Kampf.

    „Nun sag schon!“, sagte Jimmy, der es nicht mehr aushalten konnte, nachdem Palimpalim zum wiederholten Male ihre Besorgnis geäußert hatte. „Du kannst den Arm doch richten, oder?“

    Palimpalim blickte auf und sah Jimmy finster an: „Max hat mir zwar erzählt, was vorgefallen ist, doch ich kann nicht glauben, dass man zu sowas greifen musste …“, und sie blickte wieder hinunter auf den Arm.

    „Wie schlimm ist es?“, sagte Max düster. Sie schüttelte traurig den Kopf.

    „Heißt das …?“, sagte Jimmy und Entsetzen erfüllte ihn. Doch wieder schüttelte sie den Kopf.

    „Der ganze Unterarm ist wie zersplittert …“, sagte sie langsam und ernst, „und ich wäre zwar in der Lage den größten Teil mit meinen psychischen Kräften zusammenzufügen …“

    „Aber?“, drängte Jimmy ungeduldig. Palimpalim seufzte und blickte entschuldigend zu den beiden hoch.

    „Bei solchen Knochenbrüchen wäre es ein heilerisches Wunder, wenn der Arm je wieder so wird wie früher …“


    „Was würde dann passieren?“

    Die drei Pokémon zuckten zusammen, als Iro sich schwach regte und langsam die Augen öffnete. Es war erschreckend, wie brüchig seine Stimme klang, als hätte Iro mit ungeheuren Qualen kämpfen. Langsam drehte er seinen Kopf und blickte Palimpalim scharf an.

    „Sag schon … was würde dann passieren?“

    Nervös begegnete sie seinem Blick, ehe sie antwortete: „Dein Arm wird irreparabel soweit beschädigt sein, dass die Knochen bei der kleinsten Belastung wieder zerbrechen… du wirst nie wieder Kämpfe bestreiten können, Ironhard!“

    Iros Blick war starr auf sie gerichtet. Jimmy wurde übel bei dem Gedanken, dass Iro nur noch einarmig unterwegs wäre. Auch Max sah danach aus, als beunruhigte ihn diese Vorstellung sehr. Dann atmete Iro tief ein und schloss die Augen, während er seinen Kopf nach oben drehte.

    „Dann tu, was du tun kannst! Ich nehme jede Chance wahr, dass er so wird wie früher!“

    „Willst du … willst du, dass ich dich vielleicht in einen Schlaf versetze?“, sagte Palimpalim nervös, doch ehe sie erklären konnte, ruckte Iro ungeduldig mit dem Kopf: „Den Schmerz muss ich jetzt ertragen! Bring‘ es einfach hinter uns!“


    Baff starrte Jimmy Iro an und er konnte das Gefühl in sich nicht richtig deuten. War Iro zu stur, um eine schmerzfreie Variante über sich ergehen zu lassen, oder sah Iro tatsächlich ein, dass er diesen aufgrund seiner törichten Herausforderung verdient hatte? Jimmy wusste nicht, ob er verärgert sein oder Iro deswegen bewundern sollte. Doch dies trat in den Hintergrund, als Palimpalim sowohl ihn als auch Max und Axel darum bat, dass sie Iro festhalten mögen. Als ihre Antenne daraufhin hell aufleuchtete, flogen aus der Tasche, die sie mitgebracht hatte, mehrere breite Bandagen hervor, die in der Luft schweben blieben, als warteten sie auf ihren Einsatz. Palimpalim gab den drei Pokémon um Iro ein Zeichen, dass sie nun beginnen würde. Jimmy sah, wie Iro angespannt die Augen fest zu hielt. Dann legte Palimpalim ihre Hände auf seinen, worauf auch sie zu leuchten begannen. Direkt schon bebte Iros Körper, sodass es auch Jimmy, der Iros linke Hand auf den Boden presste, leicht schüttelte. Direkt darauf stieß Iro einen schmerzerfüllten Schrei aus und Max, der Iros Schultern nach unten zu pressen versuchte, und auch Axel, der sich Iros Beinen zugewandt hatte, hatten wie Jimmy große Mühe, Iro auf dem Boden zu halten. Zwar versuchte auch dieser, sich gegen die Kaskade an wohl unvorstellbaren Schmerzen zu wehren, doch sein Körper schien ein Eigenleben zu entwickeln. Er hob und senkte sich schlagartig und sein Schweif schlug in alle Richtungen aus. Iros linke Hand zog Jimmy mit sich und schoss an dessen eigene Hüfte und ihre Krallen bohrten sich tief in das Fleisch. Jimmy, der direkt spürte, wie seine Kraft nachließ, warf einen raschen Blick auf Palimpalim, während er Iros Handgelenk so gut es ging in Schach hielt. Er sah es nur ganz kurz, wie sie sich allmählich bis zu seinem Handgelenk vorarbeitete. Mit etwas Glück würde sie gleich fertig sein, doch in dem Moment wurde Jimmy klar, wie lange diese Momente andauern konnten.

    Dann endlich, nachdem sich Axel und Max zur Gänze auf Iro werfen mussten, um ihn auf dem Boden zu halten, löste Palimpalim ihre Hände von Iros am und Jimmy spürte, wie Iro Körper immer weniger zuckte. Erschöpft ließ er vom Handgelenk und wollte verschnaufen, da drang Max‘ panische Stimme an ihn heran: „Iro, nicht!“

    Jimmy blickte panisch auf und sah bestürzt, wie sich Iros Augen langsam nach oben drehte. Axel hatte sich sofort von Iros Körper gelöst und war in seine Höhle geeilt, aus der er mit einer Schale an Wasser zurückkehrte, das er Iro ins Gesicht schüttete. Dieser prustete und hustete, doch schien die Menge kalten Wassers ihn wieder zurückzuholen.

    „Danke, Axel!“, sagte Palimpalim ernst und wandte ihren Blick den Bandagen zu, die nachwievor in der Luft hingen. „Nun haltet ihn bitte aufrecht, während ich seinen Arm fixiere!“


    Da Max schon genügte, um Iros Oberkörper aufrecht zu erhalten, sahen Jimmy und Axel dabei zu, wie sich die erste Rolle um Iros rechten Arm wickelte. Iro keuchte auf, als sie sich offenbar festzurrte und dann über seinen Oberarm zu seinen Schultern wickelte. Dann vollführte Palimpalim eine Handbewegung, sagte nur ganz kurz: „bitte den linken Arm heben“, ehe sein Arm eng an seinen Körper gelegt wurde. Als Iro dann ihrer Bitte direkt folgte, wickelten sich die verbliebenen Bänder kreuz und quer über seinen Schultern und um seinen Oberkörper. Während dieser immer mehr unterhalb von weißen Bandagen verschwand, sah es nun tatsächlich so aus, als wäre Iros linker Arm sein einzig Verbliebender. Dann endlich vollführte Palimpalim eine finale Bewegung und ein leises knisterndes Geräusch war zu vernehmen. Max trat nun von Iro weg, da dieser wohl selbst im Stande zu sein schien, aufrecht zu sitzen. Der Alligator fuhr mit seiner gesunden Hand über die Bandagen und als seine Krallen diese streiften, hörte Jimmy ein schabendes Geräusch. Offenbar sind die Bandagen hart geworden, als Palimpalim ihre Bewegung vollführte. Sie richtete sich erschöpft auf und betrachtete ihr Werk, ehe sie sich streng an Iro wandte: „Das muss jetzt mehrere Wochen, wenn nicht Monate so bleiben. Ich rate dir dringend, Kämpfe zu vermeiden!“

    Jimmy war jetzt in Erwartung, dass Iro protestieren würde und dass er von sich behaupten würde, sein linker Arm wäre genug, doch es überraschte ihn, dass Iro nur den Mund verzog und stumm nickte. Zufrieden erwiderte Palimpalim das Nicken und griff nach ihrer Tasche. „Komm am besten alle paar Wochen zu mir in die Gilde. Ich kann dann sehen, wie weit dein Arm schon verheilt ist.“

    „Danke“, sagte Iro tonlos. Es lag dann an Max, Palimpalim aufrichten Dank zu zollen, den sie aber abwinkte.

    „Das ist nun mal mein Job!“, sagte sie milde lächelnd. „Entschuldigt mich aber, ich habe in der Gilde noch weitere Pokémon, die ich zu betreuen habe?“

    „Ist es schlimm?“, fragte Jimmy besorgt, doch Palimpalin schüttelte lächelnd den Kopf.

    Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg zur Knuddeluff-Gilde. Max und Jimmy blickte ihr hinterher, während Iro nur auf den Boden starrte.


    „War es schlimm, mich so zu sehen?“

    Verdutzt blickten ihn seine Freunde an, doch Iro schien nicht erpicht auf eine Antwort zu sein. Seine linke Faust ballte sich, doch dieses Mal zitterte sie. Ein Knirschen verriet, dass Iro hinter verschlossenem Mund seine Zähne zusammenbiss.

    „Ich hatte nur das eine Ziel vor Augen …“, zischte er wütend und Jimmy blickte ratlos zu Max.

    „Ich wollte nur … ihn endlich schlagen … ich wollte verhindern, dass …“, und Iro bebte bei diesen Worten. Dann schlug er mit seiner linken Faust auf den Boden und Jimmy trat erschrocken zu.

    „Das wird nicht nochmal passieren! Ich werde es in den Griff bekommen! Ich werde stärker werden, das verspreche ich euch!“

    „Jetzt mach mal einen Punkt!“, stieß es unwillkürlich aus Jimmy hervor. Zornig blickte Iro ihn an, doch Jimmy ließ nicht nach. Ob es die Tatsache war, dass er im Stehen auf Augenhöhe mit dem sitzenden Iro war, oder dass er weniger einen Schlag von einer Faust Iros zu befürchten hatte, wusste Jimmy nicht. Doch ein unbarmherziger Ärger umfasste ihn und diesen wollte er Iro an den Kopf werfen, solange er dort bandagiert saß: „Es war schließlich dieser dumme Wunsch, stärker zu werden, der dich überhaupt erst dorthin gebracht hat!“

    „Du hast leicht Reden, da du diese Ambition wohl nicht hast, oder?!“, fauchte Iro zornig zurück und wollte sich aufrichten. Doch sein fest umwickelter Körper brachte ihn aus dem Gleichgewicht, sodass er nach vorne zu fallen drohte. Nur mühsam fing Max ihn auf und Jimmy schaffte es gerade noch, ein Kichern zu unterdrücken. Doch Max schien dies bemerkt zu haben, denn vorwurfsvoll blickte er zu Jimmy auf.

    „Was?“, entgegnete Jimmy fuchsig, doch Iro kicherte. Selbst jetzt konnte er zu diesem herabfälligen Ton greifen, obwohl er derartig geschlagen aussah. Jimmy merkte es kaum, wie seine Hinterflamme leicht aufloderte. Doch bevor er und Iro noch ein Wort sagen konnten, fuhr Max zwischen den beiden: „Hört auf! Es bringt nichts, sich zu streiten! Unsere Nerven liegen ohnehin schon blank!“


    „So spricht ein Anführer, der sein Ziel klar vor Augen hat!“, kommentierte Axel anerkennend, der an die drei Erkunder herantrat. Ihn schien diese Szene nicht groß zu berühren. Tatsächlich blickte er neugierig von einem zum anderen, ehe er sich räusperte.

    „Wo wir gerade von Zielen reden: Seid ihr euch immer noch sicher, dass ihr so bald wie möglich zum Lawinenberg aufbrechen wollt? Trotz der etwas … unglücklichen Lage?“, und sein Blick huschte zu Iros weiß bandagierte Oberkörper, woraufhin dieser grimmig zu Axel hinüberblickte.

    „Ja“, sagte Max und wirkte froh darüber, dass Axel diesen Themenwechsel gebracht hatte. Jimmy wäre es lieber gewesen, er hätte noch mehr Dinge Iro gegenüber gesagt, doch angesichts des strengen Blickes, den Max ihm zuwarf, beließ er es widerwillig dabei. Auch Iro war eine knirschende Resignation anzusehen.

    Axel blickte Max eindringlich an, ehe er wie der General seufzte: „Ich denke, es macht keinen Sinn, euch zu sagen, dass eure Chancen mit einem derartig geschwächten Mitglied gesunken sind?“

    „Uns ist das egal!“, sagte Iro, woraufhin er bedeutungsvoll seine linke Faust hob. Jimmy verdrehte die Augen, was keiner von den anderen bemerkte.

    „Je eher wir aufbrechen, desto besser … obwohl mir nicht wohl dabei ist …“, sagte Max mit vorsichtigem Blick zu Iros Oberkörper. Der Alligator verdrehte genervt die Augen: „Jetzt hört auf, mich deswegen zu bemitleiden! Es ist nun mal so, da kann man nichts machen“

    Jimmy meinte, knurrende Verbitterung in Iros Stimme zu hören, die aber nur er zu bemerken schien.

    „Hm, bewundernswerte Einstellung“, sagte Axel und betrachtete neugierig Iro. Er sah dann zu Max: „Je früher, desto besser, sagst du?“

    Max nickte nachdrücklich. Axel schien sich etwas durch den Kopf zu gehen, dann nickte er entschlossen.

    „Also gut, wenn ihr es derartig eilig habt, trotz aller Umstände so früh es geht dorthin zu kommen … dann trefft mich morgen Mittag beim Schild an der Treppe hoch zur Knuddeluff-Gilde. Ich kenne eine Art zu reisen, die euch schnell in die Nordwüste bringt“



    Jimmy schlief in dieser Nacht nicht.

    Es war nicht nur der Gedanke an die Abreise am nächsten Morgen, die ihn beschäftigte. Axel hatte nicht deutlich gemacht, mit was die drei Erkunder reisen würden. Und auch ging Jimmy nicht mehr der Blick aus den Gedanken, den Axel ihnen zugeworfen hatte. Obwohl er so getan hatte, als wäre es ihm egal, ob das Team Mystery überhaupt nach Norden aufbrach oder nicht, sah Jimmy ihm die flüchtige Besorgnis an. Er fragte sich, ob Max und Iro diese auch bemerkt hatten. Wenn ja, so hatten sie es gut verbergen können. Aber Jimmy war sich sicher, dass sie dies nicht bemerkt hatten. Schließlich schienen sie Zweifel und Skepsis wenig zu kennen, anders als bei Jimmy. Dafür hatte er diese zu oft schon bei sich erlebt, vor allem, wenn andere ihre Skepsis zum Ausdruck brachten. Jimmy glaubte auch gesehen zu haben, dass Axels skeptischer Blick gerade ihm galt, und bei dem Gedanken biss er fest die Zähne zusammen. So viele schon haben den Fehler gemacht. Sie haben ein kleines Pokémon, das sich nicht entwickelt hat, gesehen und dachten wohl, dass dieses nur einen geringen Beitrag leisten konnte. Doch sie waren nicht da, als Jimmy und Max gemeinsam mit Reptain in das Verborgene Land gereist waren. Sie waren nicht da, als Max und Jimmy am Ende allein gegen Dialga angetreten sind. Und damals war Max ein Geckarbor gewesen, ehe er sich zu einem Reptain entwickelt hat. Jimmy hatte Max‘ Beweggrund auch verstanden. Mit dieser Entwicklung wollte er Reptain einfach ehren, da dieser sich für sie geopfert hatte.

    Jimmy atmete tief ein und dann aus. Er fragte sich, ob Reptains Opfer überhaupt notwendig gewesen war. Wäre ihr Gegenangriff gegen Zwirrfinst damals stärker gewesen, hätte dieser vollständig ohnmächtig am Boden gelegen. Er wäre nicht nochmal aufgestanden und hätte dann auch Reptain nicht dazu gebracht, ihn mit sich zurück in die dunkle Zukunft zu zerren. Es war ein teurer Preis gewesen für etwas mehr Zeit, die Max und Jimmy auch bis zur letzten Sekunde nutzen mussten. Doch mit Reptain an ihrer Seite hätten sie Schatten-Dialga viel eher in Schach halten können. Zwei wären gewiss besser zur Ablenkung geeignet gewesen, während der Dritte die Zahnräder der Zeit eingesetzt hätte. Was war also schief gelaufen, dass Max und Jimmy nur zu zweit gewesen waren? Reptain und Max hatten gewiss alles an Kräften in ihre Attacken gelegt. Max wäre beinahe die Luft ausgegangen, als er einen Strahl immergrün leuchtender Saatkörner mit Reptains rasendem Energieball kombiniert hatte. Nun kam Jimmy der damalige Einsatz seines Feuerwirbels nicht nur schwach, sondern auch sehr riskant vor. Und vermutlich hat es auch an diesem gelegen, dass Zwirrfinst nicht vollständig k.o. gegangen war.

    „Hör auf!“, dachte Jimmy sich wütend und rieb sich mit seinen Fingern die Stirn. Diesen Gedanken hatte er schon einmal und er hatte diesen auch Max vertraut. Beide sind sich einig gewesen, dass es Reptains freie Entscheidung war und dass sie es ihm gedankt hatten, indem sie den Zeitturm gerettet und damit die Lähmung des Planeten verhindert hatten. Langsam ließ Jimmy seine Finge vom Gesicht gleiten und blickte zur Decke. Nur vage konnte er das raue Felsgestein wahrnehmen. Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah hinaus in den schwarzen Nachthimmel.

    Warum tat er sich das selbst an? Er hat oft genug bewiesen, dass er nicht mehr der Feigling von früher war. Er ist viel mutiger geworden und mit Max hatte er diverse Gefahren schon überstanden. Selbst Darkrai hatte in ihm eine Gefahr gesehen, weswegen er sowohl Max als auch Jimmy loswerden wollte. Doch ein bitteres Lächeln fuhr über Jimmys Gesicht. Er erinnerte sich, wie Darkrai höhnisch über seine Flammenangriffe gelacht, denen er mühelos ausweichen konnte. Letztlich lag die Gefahr in Jimmy für Darkrai nur darin, dass er Max‘ Partner war. Max war derjenige, von dem dieser Schurke die Gefahr befürchtete. Max war, anders als Jimmy, ein Mensch, der zu einem Pokémon geworden ist. Und was war Jimmy hingegen? Ein gewöhnliches Panflam. Ein Panflam, dessen Angriffskraft nur in dem Werfen von Flammen lag. Doch war das überhaupt genug?

    Jimmy erinnerte sich an den Tag, als Max beschlossen hatte, sich von einem Geckarbor in ein Reptain zu entwickeln. Wenn Max dies konnte, so hätte auch Jimmy sich definitiv entwickeln können. Die Versuchung war nur zu groß. Jimmy wusste sehr gut, wie stark Pokémon werden können, wenn sie sich entwickelt haben.

    Auf einmal verzog sich Jimmys Mund zu einer grimmigen Grimasse. Er hat schon öfters gesehen, was diese neue Kraft mit dem Pokémon anrichtete. Viele wurden richtig erheblich und zu selbstsicher. Fast automatisch drehte sich Jimmy auf seinem Heuballen um und warf einen Blick zu Iro, der aufgrund seiner Bandagen an einer Wand gelehnt schlafen musste. Schon als er Iro als Karnimani kennen lernte, hatte sich dieser als sehr selbstsicher gezeigt. Und als er sich dann direkt zu einem Impergator entwickelt hatte, ist dieser nahezu rücksichtslos geworden. Wo immer er hinkam, folgte ihm der Kampf auf dichtem Fuß. Das hat sich nun sowohl im Geheimnisdschungel als auch jetzt am Klarbach erwiesen. Ein leichter Gewissensbiss stieg in Jimmy hoch. Schließlich musste sich Iro im Geheimnisdschungel zur Wehr setzen. Und er konnte es selber sehr gut nachvollziehen, wieso es für Iro wichtig, sich seinem Rivalen zu beweisen.

    Jimmy seufzte, drehte sich abermals auf seinem Heuballen um und starrte wieder in den Nachthimmel hinaus. Er kam nicht drum herum, Iro und auch Max um ihre Fähigkeiten zu beneiden. Sie wurden wenigstens aufgrund dieser anerkannt. Cephal tauchte einmal vor seinem geistigen Auge auf. Doch anstatt Jimmy anzublicken, blickte er über ihn hinweg und rief etwas Max und Iro zu. Jimmy verstand kaum ein Wort, doch ein Satz klingelte in seinen Ohren: „Ihr seid es wert, meine Rivalen zu sein!“

    Jimmy packte sich wütend ein Büschel Heu und warf es zu Cephal, der daraufhin verschwand. Seine Sicht verschwamm leicht, denn ein eisiger Wind, der erste Hauch des Winters, fuhr durch die Höhle und ließ seine Augen tränen.



    Axel erwartete sie am nächsten Tag am Schild, das den Ausgang aus Schatzstadt heraus markierte. Entspannt und aufmerksam blickte er das Team Mystery an, das sich ihm näherte. Dessen Erkundern stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Zuvor hatten sie sich in ihrer Basis vergewissert, dass sie alles Notwendige dabei hatten. Im Beutel, den Max um seine Schultern trag, waren nun Seile, Orbs, drei Feldflaschen an frischem Wasser, Behälter an Trockenbeeren sowie die Hitze- und Kühlbänder verstaut. Sowie auch der Orb, den Mew ihnen mitgegeben hatte. In einem kleinen Sack, der um seinen Hals geschlungen war, trug Jimmy den Kompass-Orb mit sich. Von allen drei Pokémon war es Jimmy deutlich anzusehen, dass er kaum Schlaf in der letzten Nacht hatte. Leichte Schatten lagen unter seinen Augen und er bemerkte, wie Max immer noch besorgte Blicke zu ihm hinunterwarf, die er aber ignorierte.

    Auch Axel betrachtete Jimmys Gesicht eingehend, ehe er sich dann wieder an die drei wandte: „Seid ihr bereit?“

    Die drei nickten.

    „Dann folgt mir. Hier entlang, bitte!“


    Zu viert verließen sie Schatzstadt und gingen in das benachbarte Wäldchen, das auf einer Ebene über den Klarbach erhoben war. Angespannt und schweigsam folgten sie Axel, wie er prompt durch die Bäume trat. Es ging einen kleinen Pfad herunter, der sich wie eine Schlange hin und her wandte. Axel gab dabei keine Erklärung, wohin er sie führte. Er versicherte ihnen aber, dass sie, wenn sie Erfolg hätten, noch am nächsten Morgen an der Grenze zur Nordwüste ankommen würden. Jimmy wusste, dass die Reise zu Fuß fast zwei Wochen beanspruchte. Was könnte also derartig schnell sein, dass sie so früh dort ankommen würden. Während sie in einer tiefen Kuhle über klebrigen Schlamm stiegen, kam Jimmy der Gedanke an eine Koppel voller Galoppa, die zu den schnellsten Herden-Pokémon gehörten. Ob sie alle versuchen müssten, sie zu zähmen? Meinte Axel etwa das mit Erfolg haben? Jimmy hörte, wie Max hinter ihm auf einmal innehielt. Er wandte sich um und sah ihn nervös die Ränder der Kuhle betrachten. Auch in Iros Blick lag Argwohn.

    „Was ist los?“, fragte Jimmy verdutzt.

    „Dies ist keine natürliche Kuhle“, sagte Iro kurz angebunden. Sein vorher weißer Bandagengips hatte ein paar Schlammspritzer erfahren. Doch anders als Jimmy schien sich Iro darum keine Sorgen zu machen, der nun seine linke Faust ballte. Ein Zeichen dafür, dass Gefahr bevorstand.

    „Bist du dir sicher?“, sagte Jimmy, der nun aufmerksamer seinen Blick über die Kuhle gleiten ließ. Er verstand nun, was Max und Iro stutzen ließ. Die Ränder sahen tatsächlich so aus, als hätte ein Wesen mit riesigen Schaufeln mehrmals in diese gegraben, um sie so größer zu machen.

    „Du siehst es also auch, oder?“, sagte Max und warf seinen Blick zu Axel, der die Gruppe anführte: „Sag es schon, wohin führst du uns?“

    Unheilvoll lächelnd winkte Axel sie an sich heran, sodass sie ihm folgen mussten. Nun lag eine gänzlich spürbare Anspannung in der Luft, die immer größer zu werden schien, je näher sich Jimmy ihrem Ziel fühlte. Und als dann Axel wenige Augenblicke später zur Seite trat und den Blick auf eine Lichtung freigab, stockte Jimmy der Atem.


    Ein Ungetüm an Stahl hatte sich in der Mitte der Lichtung zusammengerollt. Der untere Teil seines Körpers sowie sein schwerer Kiefer waren in den Boden gegraben. Es hatte Ähnlichkeit mit einer Schange, die ein ganzes Onix verschlungen zu haben schien. Sein Körper bestand aus felsartigen Stahlgebilden, die aneinander lagen und aus manchen wuchsen zwei gegenüberliegende Stacheln hervor. Doch am imposantesten und auch am bedrohlichsten war dessen Kopf. Er war zweimal so breit wie sein Körper mit einem ausladenden stahlüberzogenen Kiefer. Einzig die Augen des Ungetüms waren verschlossen, doch das war Jimmy nur recht. Andernfalls hätte er sich an jene Szene von vor einem Jahr erinnert gefühlt, als er das letzte Mal einem solchem gegenüberstand. Damals musste Iro, als er noch ein Karnimani war, Jimmy aus einer misslichen Lage retten. Und als Jimmy nun zu dem Impergator hochblickte, sah er ihn in Erinnerung schwelgen. Jimmy aber dachte sich dabei, dass Iro daran dachte, wie er damals allein ein Stahlos überwältigt hatte.

    Max, der eher wenig von dieser Sache mitbekommen hatte zu der Zeit, betrachtete argwöhnisch die stählerne Schlange.

    „Ist es das, was ich denke?“, sagte er und blickte zu Axel, welcher nickte.

    „Sie sehen danach nicht aus, doch Stahlos können sich ziemlich schnell fortbewegen, wenn sie einmal in Pfad sind.“

    „Und wir sollen doch nicht etwa darauf …?“, brach es aus Jimmy hervor und abermals nickte Axel.

    „Wird er oder sie uns überhaupt lassen?“, fragte Iro skeptisch.

    „Es“, korrigierte ihn Axel. „Dies hier ist ein wildes Stahlos, und es kennt nur die Sprache des Stärkeren.“

    Iro horchte auf und Axel lächelte, als wäre Iro einer Erwartung gerecht gewesen. Jimmy hingegen ahnte Übles und blickte zum bandagierten Iro und dann zu Max, dem Pflanzen-Pokémon.

    „Der General benutzt hin und wieder dieses Stahlos, wenn er an der Ostküste Ekundas ankommt und mich besuchen will. Manchmal aber zieht er es vor, dann nach Hause zurückzuschwimmen, weswegen das Stahlos an Ort und Stelle bleibt und auf seinen Meister wartet.“

    „Warte, es bleibt dann Ort und Stelle? Bewegt es sich dann nicht fort?“, sagte Max überrascht.

    „Wie gesagt, wilde Stahlos folgen den Anweisungen des Pokémon, das ihnen im Kampf überlegen ist. Wenn ihnen gesagt wird, sie sollen warten, dann warten sie geduldig. Und wie ihr sehen könnt, rollen sie sich ein und schlafen.“

    In dem Moment erzitterte die Luft, als ein schepperndes lautes Schnarchen ertönte. Der riesige Kopf des Stahlos bewegte sich und Jimmy hörte eisenharte Zähne aufeinander knirschen.

    „Und wenn es auf den General wartet, wie können wir es dann reiten?“, fragte Iro.

    „Stahlos folgen nicht nur einem festen Meister. Sie nehmen Anweisungen von mehreren Pokémon entgegen, sofern diese als ihre Meister anerkannt werden. Und der einzige Weg, sich den Respekt eines Stahlos zu erarbeiten, wäre …?“

    „Das wäre dann in einem Kampf Eins-gegen-Eins, nicht wahr?“, sagte Iro und seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Es war ja zu erwarten gewesen, dass Iro drauf und dran war, es erneut mit einem Stahlos aufzunehmen. Doch es war dann Max, der Iro streng von der Seite ansah: „Palimpalim hat dir verboten zu kämpfen! Sie hat dir erzählt, was sonst mit deinem Arm passiert!“

    Fuchsig blickte Iro zu Max hinunter: „Ich habe immer noch meinen linken Arm!“

    Um es unnötig zu untermauern, hob er diesen und ließ seine Faust knacken. Max schüttelte energisch den Kopf: „Es ist zu früh für dich, wieder in Kämpfe zu geraten. Dein Arm wurde erst gestern wieder zusammengeflickt!“

    „Willst du dich etwa dem Stahlos stellen?“, sagte Iro überrascht. In dem Moment stieg Jimmy ein seltsamer Zorn in ihm hoch. Warum brachte Iro nicht die Möglichkeit auf, dass auch Jimmy es mit dem Stahlos aufnehmen sollte?

    Abermals schüttelte Max den Kopf: „Ich bezweifle, dass meine Laubklinge stark genug wäre, um seinen Stahlkörper zu schaden. Nein, ich dachte mehr an Jimmy“.


    Als Iro prustete, blickte Jimmy zornig zu ihm hoch. Als ihre Blicke sich trafen, hielt Iro inne, ehe er sich räusperte: „Es mag sein, dass Jimmy als Feuer-Pokémon im Vorteil wäre, doch bei dem Größenunterschied …“, und er ließ seinen Blick auf das Stahlos gleiten. Max lächelte, als er sich Jimmy zuwandte: „Meinst du, du schaffst das?“

    „Ich … nun …“, sagte Jimmy, völlig verdattert darüber, dass Max im Gegensatz zu Iro ihn so einschätzte. Nervös blickte er zur Stahlschlange. Max, der offenbar Jimmys Gedankengang spürte, lächelte und beugte sich zu ihm hinunter: „Wenn es nur darum geht, dem Stahlos zu zeigen, dass du es besiegen kannst, dürfte ein gut gezielter Flammenwurf ausreichen. Und das bekommst du hin, oder?“

    „Natürlich!“, sagte Jimmy barsch. Die Fähigkeit, Flammen zu werfen, in Frage zu stellen, galt bei Feuer-Pokémon als Beleidigung. Doch Jimmy musste lächeln, als er Max freches Grinsen erblickte. Nervös schluckend nickte er und trat vor. Und seltsamerweise gab auch Iro kein skeptisches Schnauben von sich. Vielleicht aber pochte auch sein Herz nun so laut in seinen Ohren, dass er nichts Anderes mehr vernehmen konnte. Axel, der geduldig gewartet hatte, dass sich das Team einig wurde, nickte, als er Jimmy hervortreten sah. Dennoch musste Jimmy nochmal bestätigen, dass er bereit sei. Axel trat dann an das Stahlos heran und Jimmy spürte jähe Aufregung in sich aufsteigen. Er ließ sich Max‘ Plan durch den Kopf gehen: Ein gezielter Flammenwurf müsse genügen. Sich Mut zu redend lockerte Jimmy seine Gelenke und stieß drei kurze Atemzüge aus.


    In dem Moment stieß Axel mit einem steif angespannten Arm, der weiß leuchtete, dem Stahlos auf den Kopf. Ein seltsam verzerrter Gong ertönte und der Schlag schien die ganze Schlange zu erzittern. Doch sie selber bewegte sich nun unter lautem mahlenden Geräusch und obwohl der Körper mehrere Kilo wiegen musste, richtete sie sich mühelos auf, sodass die Hälfte ihres Körper in der Luft, während sich die andere fest im Boden verankerte. Und das Stahlos brüllte auf, offenbar zornig darüber, dass es so unsanft aus dem Schlaf geweckt wurde. Die weißen Augen mit roten Schlitzen in ihrer Mitte erblickten das Panflam vor sich. Abermals riss es seinen schweren Mund auf und ein röhrendes Brüllen erfüllte die Lichtung. Jimmy glaubte, fast taub zu werden, doch hörte er Max‘ Rufe: „Tu es, Jimmy! Jetzt!“

    Und Jimmy stolperte hervor. Fast instinktiv umhüllten Flammen seinen Körper und Jimmy schlug mehrere Purzelbäume. Die Flammen folgten seinen Bewegungen und wurden voller und rauschender. Jimmy hörte Max entsetzt Nicht so! rufen, ehe die Flammen um seine Ohren rauschten. Und obwohl er selber nicht mehr viel sehen konnte, so erhaschte er immer wieder einen Blick von dem, was vor ihm lag, während er in seinem Rad aus Feuer nach vorne rollte. Und nun war auch Jimmy entsetzt darüber, dass er den Plan total vergessen hatte. Er schrie erschrocken auf und in dem Moment löste sich sein Flammenrad auf und er fiel vorneweg auf den Bauch. Doch es blieb keine Zeit, auf dem Boden liegen zu bleiben, denn ein Beben kündigte an, dass das Stahlos zum Angriff ansetzte. Jimmy blickte auf und er sah, wie ein Turm aus schwerem Stahl auf ihn herabfiel. Er schrie auf und rollte zur Seite. Ohrenbetäubend krachte der lange stählerne Schweif auf den Boden auf und hinterließ einen meterdicken Krater. Doch das Stahlos war nicht nicht fertig, es holte nun zu einem Seitenhieb auf. Jimmy war viel zu dicht dran, als dass er rechtzeitig hätte ausweichen. Er schrie auf. Wie damals schon sah er seinen kleinen Körper durch dieses Gewicht zerbersten.

    Und genau wie damals schob sich ein blauer, dieses Mal aber viel größerer Körper, der in Bandagen gewickelt war, dazwischen. Ein zur Gänze angespannter linker Arm streckte sich und eine ausgebreitete Hand fing den Stahlschweif inmitten der Luft auf. Jimmy, dem der Atem stockte, hörte Zähne knirschen und sah zu, wie Iro Körper ein paar Zentimeter in seine Richtung geschoben wurde. Iro schien mit dem Stahlos darum zu kämpfen, ob er nachgeben würde oder nicht. Und wie damals bewies Iro, dass sein Wille siegte. Er brüllte in Anstrengung auf,

    „Duck dich!“, rief er Jimmy zu, ehe er den Schweif umgriff und seinen Körper drehte, so gut er es mit den Bandagen konnte. Das Stahlos riss es nach vorne und in einer ausladenden Bewegung ließ Iro die stählerne Schlange im Kreis umherwirbeln. Dann ließ er los und das Stahlos krachte gegen den Rand der Lichtung und fiel zu Boden und blieb ohnmächtig liegen.


    Stille legte sich über die Lichtung. Axel nickte anerkennend und Max, der panisch besorgt seine Hände vor den Mund gelegt hatte, atmete sehr erleichtert auf. Auch Jimmy atmete schwer, doch fühlte er in dem Moment nichts. Nur die Gewissheit, dass er es wieder einmal verbockt hatte, überkam ihn und so auch die Wut darüber, dass wieder mal Iro, der ach so perfekte Kämpfer, es war, der ihn gerettet hatte. Dieser kicherte vergnügt und wandte sich erschöpft, aber zufrieden mit sich, zu Jimmy um: „Das erinnert an die alte Zeit, nicht wahr?“


    Jimmy konnte es nicht verhindern, als er den Blick erwiderte. Flammender Zorn stieg in ihm hinauf. Noch nie hatte Jimmy so viel Abneigung für Ironhard empfunden.




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    13

    Der General


    „Mew befindet sich also in diesem Orb drin?“

    Skeptisch hielt Iro die Kugel in seiner Hand, die Mew dem Team hatte mitgeben lassen. Eingehend betrachtete er deren von Ranken verzierte Oberfläche und hielt sie gegen den blauen Himmel, der durch die Klippenöffnung zu sehen war. Das Team hatte bis zum Nachmittag durchgeschlafen und Max, Jimmy und Iro saßen im Kreis. Max hatte ihnen erklärt, was in Mews Brief stand. Auch seinen Kollegen war darauf die Erleichterung anzusehen gewesen, dass der Weg ihnen gezeigt wurde. Die Wunderkarte lag vor ihnen ausgebreitet und eingehend betrachteten sie den Norden Ekundas, während sie sich an den restlichen Früchten aus dem Geheimnisdschungel genüsslich taten.


    „Viel lässt sich nicht erkennen“, stellte Jimmy enttäuscht fest, der die Karte verkehrt herum betrachten musste. „Selbst nach all den Jahren, in denen es Erkunder gibt, ist Ekundas Trockenzone so wenig kartographiert …“

    „Aber uns kann das egal sein, oder?“, warf Iro ein. „Schließlich müssen wir nur nach Norden. Dann müssen wir nur geradeaus gehen.“

    „Denk nach, Iro“, sagte Jimmy und verdrehte die Augen. „Du kannst genauso erahnen, dass wir ohne konkrete Wegpunkte uns nie wirklich sicher sein können, dass wir durchgehend uns dem Norden zuwenden. Wir werden definitiv abdriften, ob wir wollen oder nicht. Es wäre daher vorteilhaft, wenn wir in kleinen Etappen an diverse Orte vorbeikommen könnten, wenn sie nur auf der Karte eingezeichnet wären!“.

    Ungeduldig deutete Jimmy auf den Flecken an Gelb, der einen großen Teil von Ekundas Norden ausfüllte. Der unterste Teil der Trockenzone, wo sich die Nordwüste befand, war im Gegensatz zu diesem Gelb von mehreren Linien durchzogen, die Oasen oder Felsformationen markierten. Doch ab einem gewissen Punkt zeigte die Karte ein nur geringfügig von diesen Linien markiertes Gelb. Max gab Jimmy Recht, dass sie ohne Wegpunkte es tatsächlich schwierig hätten, sich in der Wüste zurecht zu finden. Doch spürte er kaum Unruhe in sich aufsteigen. Denn Max wusste, dass Karten nicht die einzigen Möglichkeiten waren, sich in fremdem Gebieten zu orientieren. Sie könnten sich immer noch nach den Sternen richten oder sich von jemandem führen lassen, der vielleicht in diesem nicht kartographierten Teil der Welt heimisch war. Und während er sich die dagegen detailreich gezeichnete Nordwüste ansah, dachte er seltsamerweise an einen Drachen, der aus dem Sand herausragte. Dann fiel es ihm wieder ein: Cephal war doch Mitglied einer Gilde, die in der Nordwüste ihre Basis hatte. Er suchte die Karte ab, doch seltsamerweise konnte er kein Gebäude ausmachen, das als die Red Scorpion-Gilde gekennzeichnet wurde.

    „Ihr wisst nicht zufällig, wo die Gilde von Cephal ihren Standort hat, oder?“

    Jimmy und Iro horchten auf und Max erklärte ihnen, auf welche Idee er gekommen. Jimmys Blick hellte sich auf: „Das ist eine gute Idee, Max! Wir sind Cephal schließlich vor einigen Tagen begegnet!“

    Prompt richtete er sich auf, worauf Max und Iro verdutzt aufblickten. Ungeduldig blickte Jimmy die beiden an.

    „Wenn wir uns beeilen, können wir Cephal vielleicht noch erwischen. Schließlich ist er mit Mimi unterwegs gewesen und sie wollten ja zur Knuddeluff-Gilde um Herakles abzuliefern.“

    „Wir sollten ohnehin dorthin zurück“, sagte Max, der seine Beeren runterschluckte und sich ebenfalls aufrichtete. „Wir müssen Plaudagei noch unseren Bericht über Shadow abliefern.“

    „Wen? Ach so … das Gengar“, gähnte Iro desinteressiert und brummend richtete auch er sich auf. Zusammen verließen sie ihre Erkunderbasis und machten sich auf den Weg zur Knuddeluff-Gilde. Erneut wanderten sie über die Straßen von Schatzstadt, die nun vor lauter Leben blühte. Allerlei Pokémon trabten hin und her, einige besuchten Freunde und Nachbarn auf der anderen Straßenseite. Einige blieben auf einen Plausch stehen. Andere blieben an den jeweiligen Marktständen stehen, die über Nacht aus dem Boden wie Pilze geschossen zu sein schienen. An jedem Stand wurden andere Arten an Ketten, Ringen sowie diverser Stoffstücke angeboten. Max wusste aus vertraulichen Quellen, dass einige dieser Dinge aus eher fragwürdigen Quellen stammen mussten, wofür das Ermitteln lange und aufwändig wäre. Und er war auch froh, dass die meisten Einwohner sich nicht dazu herabließen, diese zu erwerben. Zwar blieben sie neugierig stehen um einen Blick auf diese zu werfen, doch meistens schreckten sie entweder der zu hohe Preis oder die nur allzu fantastischen Kräfte zurück, die den Gegenständen angeblich innewohnen sollten. Umso erfreulicher war es, dass die alteingesessenen Ladenbesitzer sich gegen diese Basare nachwievor behaupten konnten.


    Garu, der Sohn von Kangama, der ehemaligen Führerin des großen Lagerhauses, bediente diverse Kunden, die entweder Schätze und Gegenstände jeder Art einlagern oder abholen wollten. Auch die Kecleon-Brüder vertrieben ihre zuverlässig funktionierenden und qualitativen Waren an Pokémon, die Schlange standen. Max hatte vergessen, dass nachmittags Hochbetrieb war, sodass es mühevoll war, sich durch die Pokémonmenge zu zwängen, ohne dass sie versehentlich mit jemandem zusammenstießen. Iro lief dabei am ehesten Gefahr, Pokémon umzustoßen. Erst nach einigen Minuten stiegen sie die große Steintreppe zur Gilde auf, deren äußeres Erscheinungsbild seit einem Jahr drastisch verändert war. Statt dem üblichem großen Zelt, das sonst über den Eingang der Gilde gespannt war, stand an dessen Stelle eine kleine fast quadratische Burg, deren rosa und beige angefärbte Fassade in die Höhe ragte. An jeder Ecke stand ein kleines Türmchen mit einer roten Zylinderspitze, von deren Spitze kleine Fähnchen an dünnen Masten in der Luft wehten. Ein großes Banner, das Knuddeluffs breit lächelndes Gesicht in vereinfachter Weise darstellte, war über dem Torbogen gespannt, dessen Fallgitter hochgezogen wurde. Im Schatten des Bogens richtete ein Pokémon den Blick auf das ankommende Team und laut drang seine Stimme zu ihnen herüber: „TEAM MYSTERY! Ihr seid ZURÜCK!“

    „Hallo, Krakeelo“, sagte Max lächelnd und sah den Torwächter aus dem Schatten treten. Dessen enorm breiter Mund, der fast den ganzen Oberkörper formte, bildete ein Lächeln, während seine enorm großen runden Ohren wackelte.

    „Ihr werdet schon SEIT LANGEM ERWARTET!“, sagte Krakeelo. Max, Jimmy und Iro widerstanden gekonnt dem Kribbeln, das ihnen überkam, wenn Krakeelo immer wieder zu seiner lauten Stimme ansetzte. Es war war sowohl Fluch als auch Segen, denn man konnte immer sicher sein, dass man im Gespräch mit Krakeelo wach wurde, wenn einem, so unvorbereitet wie er war, nicht das Trommelfell platze. Max schien aber zu hören, dass Krakeelo seine Lautstärke immer mehr in den Griff bekam, denn nun war es so, als würde er das Team von der Ferne anbrüllen, obwohl sie nun wenige Schritte vor ihm standen.

    „GEHT NUR REIN!“, sagte Krakeelo und deutete auf die Wendeltreppe, die im Zentrum des Burghofes stand. Das Dach war nach außen hin geöffnet, um das Tageslicht einfallen zu lassen. So konnte man am besten die Stufen sehen, über die man nach unten in die Gildenhallen gelangte. Das Team bedankte sich höflich bei Krakeelo und stiegen diese hinab.


    Kurz darauf fanden sie sich der weitläufigen Halle des ersten Untergeschosses der Gilde wieder. Auch hier fiel Sonnenlicht durch die Fenster ein, die in die Wand der Klippe, auf der die Gilde stand, eingelassen war. Während lediglich dieser Anblick von den Fenstern vertraut war, so musste Max feststellen, dass er sich noch nicht ganz an die neue Inneneinrichtung der Gilde gewöhnt hatte. Die Auftragsbretter befanden sich nun alle auf der rechten Seite. Mehrere Holzbretter standen an der Wand und jedes hatte an deren Kopfende einen anderen Buchstaben. Ganz hinten stand das Brett, das mit einem goldenen Stern gekennzeichnet war und mit sehr schwierigen Aufträgen behangen war. Doch nur einmal hing ein solcher an diesem aus. Dafür war das mit einem S gekennzeichnete Auftragsbrett voller. Diese Aufträge handelten meist von Ganoven, die zur ekundaweiten Fahndung ausgeschrieben wurden und die oftmals sehr gefährlich waren. Nahezu überquellend vor lauter Aufträgen waren die Bretter, die Aufträge der Ränge A, B, C, D und zuletzt E hatten. Max war immer wieder erstaunt, wie viele Pokémon die Hilfe von Erkundergilden beanspruchten.

    In der Mitte der Halle befanden sich fünf große Tische mit jeweils zwei Bänken, an denen man sich hinsetzen konnte, um etwas zu essen und zu trinken. Speise und Trank wurden von linker Seite gestellt. Das Pandir-Café, das einst außerhalb der Gilde seinen Platz hatte, befand sich nun in der Gilde. Während Pandir ein paar Erkunder oder Gäste hinten an seinem Tresen bediente, winkte ihnen von weiter vorne Palimpalim zu. Ihr hellblauer Schweif mit roter Spitze wallte leicht in der Luft und ihr klingelkopfförmiger Körper schwebte zu ihnen herüber.

    „Hallo, Max, Jimmy und Iro!“, sagte sie in ihrer sanften, fast träumerischen Stimme. „Ich habe mich schon gefragt, wann ihr auftauchen werdet.“

    „Hallo, Palimpalim“, sagte Max lächelnd. „Krakeelo hat uns schon erzählt, dass wir von dir erwartet werden.“

    „Oh, nicht nur von mir“, sagte sie sanft und reichte dem Team einen Umschlag, den Max verwundert annahm.

    „Mimi und so ein Gentleman namens Cephal haben hier ein paar Tage gewartet, ehe sie wieder unterwegs waren, um Aufträge zu erledigen. Sie haben mich darum gebeten, den Brief an euch zu übergeben, solltet ihr irgendwann hier auftauchen.“

    „Wir waren aber nur ein paar Tage fort?“, sagte Max verdutzt, doch Palimpalim schüttelte den Kopf und ein leises Klingeln ging von ihr aus: „Nein, ihr wart fast drei Wochen unterwegs. Zumindest hat Mimi uns vor zwei Wochen mitgeteilt, dass sie euch begegnet ist und dass ihr unterwegs zu einem Auftrag gewesen seid. Genaueres hat sie mir nicht erzählt, als sie mir den Brief gab. Wenn ihr was wollt, kommt gern an den Tresen“, und leise vor sich hin summend schwebte sie davon und ließ das Team Mystery perplex zurück.

    „Wir haben doch nur ein paar Tage im Geheimnisdschungel verbracht…“, sagte Jimmy leise, sodass nur Max und Iro ihn hören konnten. „Wie können wir dann drei Wochen lang unterwegs gewesen sein?“

    „Entweder haben wir im Dschungel alle einen sehr langen Schönheitsschlaf gehabt, nachdem wir getrennt wurden, oder …“, sagte Iro und Max wusste, worauf er hinauslaufen wollte.

    „Oder die Zeit im Geheimnisdschungel verläuft anders als hier. Während dort nur drei Tage vergingen, sind hier drei Wochen vergangen…“

    Max wusste nicht, ob er froh oder panisch sein sollte. Der Gedanke, dass in ihrer Heimatdimension drei wertvolle Wochen vergangen waren, beunruhigte ihn. Was hätten sie in diesen Wochen bezüglich ihrer Mission bewerkstelligen können, hätten sie diese erlebt. Andererseits war er froh, dass nicht noch mehr Zeit während ihres Aufenthaltes im Dschungel vergangen. Max war erleichtert, dass er, Jimmy und Iro unbewusst die richtige Entscheidung getätigt hatten, indem sie so früh es ging den Dschungel wieder verlassen hatten. Sein Blick fiel auf den Brief in seiner Hand, auf dem in feiner Schrift Mimis Name als Verfasserin stand. Er bedeutete seinen Kollegen, sich weiter hinten an einem Tisch zu setzen, und als sie ihre Plätze eingenommen haben, öffnete Max den Brief und las leise vor:



    Lieber Max, lieber Jimmy, lieber Ironhard.


    Gerne würde ich noch etwas länger hier in der Gilde verweilen. Doch ich kann nicht genau voraussehen, wie lange ihr noch unterwegs sein werdet. Die aktuellen Vorkommnisse veranlassen mich und Cephal, der ebenfalls ein paar Tage hier verbracht hat, wieder unterwegs zu sein. Plaudagei wird euch eventuell über diese auch in Kenntnis setzen wollen.

    Herakles dürfte mittlerweile erfolgreich der Justiz überstellt sein worden. Oberwachtmeister Magnezone war genauso wie Cephal und ich erstaunt darüber, dass wir weder über die Auftragsgeber noch oder über die Art der Entlohnung ein Wort verlieren konnten. Doch mit etwas Glück wird die Zeugenaussagen diverser Opfer von Herakles ausreichen, um ihn hinter Gittern zu bringen. Ich muss sagen, dass wir enormes Glück hatten, dass ihr dabei wart. Cephal meint, dass ohne euer Zutun Herakles nicht zu schlagen gewesen wäre. Er hofft, euch bald wieder zu treffen, und dann will er sowohl gegen Iro als auch Max einen guten Kampf führen. Ihr wäret es wert, seine Rivalen zu sein, sagt er.


    Ich selber hoffe ebenso, dass wir uns bald wiedersehen werden. Und vielleicht können wir dann Geschichten austauschen. Auf dem Weg zur Gilde haben wir Rose nochmal getroffen. Sie lässt ebenfalls Grüße ausrichten.


    Mit lieben Grüßen,

    Mimi



    „Mimi scheint also auch nicht zu wissen, was mit Rose passiert ist“, sagte Jimmy, als Max aufgehört hatte zu lesen. Max beunruhigte noch immer die Tatsache, dass drei Wochen vergangen sind. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Iro tiefer zum Papier neigte: „Was für Vorkommnisse meint denn Mimi nur?“

    „Tatsächlich betreffen diese in gewisser Weise euch!“, erklang plötzlich eine Stimme vor ihnen. Das Team schreckte hoch und sie sahen Plaudagei vor sich auf dem Tisch stehen. Sie hatten nicht gemerkt, wie der Ara zu ihnen geflogen war, der sie nun forsch anblickte.

    „Willkommen zurück, Team Mystery“, sagte er knapp angebunden. „Bitte folgt mir in die Kammer des Gildenmeisters!“

    Etwas in Plaudageis Stimme ließ nichts Gutes erahnen und Max wechselte besorgte Blicke mit Jimmy und Iro. Als sie Plaudagei folgen wollten, sahen sie dann erstaunt, wie der Ara zum C-Rang-Brett flog und einen Zettel in seinen Schnabel nahm. Dann glitt er ihnen voran in das zweite Untergeschoss der Gilde. Hier war die Einrichtung dieselbe wie vor drei Jahren, nur war jetzt die ehemalige Küche zur Rechten der Treppe ein großer Versammlungsraum für größere Ankündigungen. Plaudagei schlug in der Luft eine Kurve und flog dann links durch eine Tür, die in Knuddeluffs Kammer führte. Innendrin wurden sie von einem breit lächelnden Gildenmeister erwartet, der willkommen heißend die Arme ausstreckte.„Max! Jimmy! Iro! Eine große Freude, euch wieder zu sehen! Ich hoffe, euch geht es gut?“

    „Uns geht es gut“, sagte Max, der sich nervös umsah. Doch nichts im Raum oder im Gesicht Knuddeluff wies daraufhin, dass sie eine Art Strafe oder Schelte für ihr wochenlanges Wegbleiben zu erwarten hatten. Das einzig Auffällige war ein Blatt Papier mit einem Bild drauf, zu dem Plaudagei das legte, das er zuvor vom Auftragsbrett entnommen hatte.

    „Ihr solltet einen Blick darauf werfen“, sagte er sachlich und deutete auf das erste, das Max in die Hand nahm. Ein unangenehm vertrautes Gesicht blickte ihn hämisch vom Blatt aus an. Der Körper des abgebildeten Pokémon war pechschwarz und rote Augen, die bedrohlich zu Schlitzen verengt waren, schienen ihn anzufunkeln. Max las den Namen des Pokémon, der unter dem Schriftzug Gesucht stand.


    „Shadow?“, sagte Max und blickte verwirrt zu Plaudagei. Dann fiel ihm wieder ein, das Plaudagei seit Tagen auf den Bericht des Teams wartete. Doch handelte es sich bei den Tagen eher um Wochen und Max wusste, was Plaudagei von solchen Verzögerungen hielt. Doch als er sich erklären wollte, schüttelte der Ara überraschenderweise den Kopf: „Leider müssen wir mitteilen, dass dieser Steckbrief nachwievor aktuell ist. Denn Shadow ist die Flucht aus dem Polizeirevier gelungen.“

    „Was?!“, sagte das Team Mystery aus einem Mund. Jimmy nahm Max den Steckbrief aus der Hand und auf seinem Gesicht formte sich Entsetzen, als er den fiesen Blick des Gengars betrachtete.

    „Aber…“, sagte er und schluckte nervös. „Wir haben ihn vor drei Tagen gefasst. Wie konnte er …“, doch kaum wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte, verstummte er. Plaudagei starrte ihn durchdringend an, doch schien er sich für einen Gedankenwechsel zu entscheiden. Wieder wandte er sich an Max, da er der Anführer des Teams war.

    „Oberwachtmeister Magnezone ist sich sicher, dass Shadow Hilfe von außen hatte. Und wir vermuten, dass seine Flucht ihm zu verdanken ist.“, und er nickte runter auf den Steckbrief, den er vom Brett entnommen hatte.

    Max betrachtete das darauf abgebildete Pokémon und erkannte abermals ein vertrautes Gesicht. Es ähnelte dem einer Schildkröte, der Kopf war klein, rund und ragte aus einem mächtigen Schildkrötenpanzer hervor. Auf dem Bild war auch der metallene Lauf einer Kanone zu sehen, die aus einer Klappe des Panzers ragte. Max betrachtete die Beschreibung zu diesem: Emil (Art: Turtok) – Gesucht zur Vernehmung auf den Verdacht der Beihilfe zur Flucht.


    „Diesen Ganoven habt ihr auch mal gefasst, oder?“, sagte Plaudagei, der Max dabei beobachtet hatte. Mit einem Nicken zum Ara reichte Max Emils Steckbrief zu Jimmy und Iro, die ihn argwöhnisch beäugten.

    „Sicher, dass er Shadow zur Flucht verholfen hat?“, sagte Iro. Dieses Mal war es Knuddeluff, der nickte.

    „Eine Woche lang befand er sich mit Shadow in Gewahrsam, ehe er dann nach Absitzen seiner Strafe entlassen wurde. Und die Wachen wollen sie dabei gesehen haben, wie sie über mögliche Rachepläne flüsterten. Wir vermuten, dass die beiden sich zusammenschließen werden, um Vergeltung an euch zu üben.“

    „Sollen sie nur kommen!“, schnaubte Iro verächtlich und Max und Jimmy warfen ihm verdutzte Blicke zu. „Wir haben schon mal die beiden besiegt, das schaffen wir ein zweites Mal.“

    „Nur waren sie damals allein, und wenn sie sich zusammenschließen…“, sagte Jimmy sichtlich nervös und legte die beiden Steckbriefe nebeneinander. Shadow und Emil so zusammen zu sehen bereitete auch Max ein ungutes Gefühl und er wusste, was Jimmy meinte. An Emil konnte er sich genauso gut erinnern, denn obwohl er als Turtok an Land nicht gerade der Wendigste gewesen war, machte er diesen Nachteil mit seinen zwei Kanonen mehr als wett. Tatsächlich konnte Max sich nicht entscheiden, wer von den beiden schwieriger zu fassen gewesen war. Emil war ein Meisterschütze und so sehr sich das Team Mystery damals angestrengt hatte auszuweichen, immer hatte er sie mit sehr starken Wasserfontänen erwischt. Nur Iro hatte sich am Ende durchsetzen und Emil letztlich überwältigen können. Es wunderte Max nicht, das Iro selbstbewusst grinste.

    „Wir denken auch, dass ihr selbst diesem Zweiergespann überlegen sein werdet“, sagte Plaudagei anerkennend, „doch wir wollen euch dennoch zur Vorsicht ermahnen. Gerade Shadow erweist sich aufgrund seines Geist-Typs als recht gefährlich, habt daher besondere Vorsicht, Team Mystery. Bestimmt werdet ihr euch wieder auf die Suche nach ihnen begeben, oder?“

    „Wie?“, sagte Max. Plaudagei fasste ihn ins Auge.

    „Ich kann mir denken, dass euer Stolz von euch verlangt, dass ihr Shadow und seinen eventuellen Kumpanen wieder dingfest macht.“

    „Nun …“, zögerte Max, doch Plaudagei fuhr munter fort: „Dieser Sache wird sich auch ein Spezialist der Polizei annehmen. Ihr werdet also ziemlich gute Hilfe bekommen und dann –“

    „Wir können aber nicht!“, platzte es auf Jimmy heraus, ehe Max und Iro ihn aufhalten konnten. „Wir haben schon einen Auftrag!“

    „Es stimmt also, was Mimi uns erzählte?“, sagt Plaudagei und seine muntere Einstellung wich einem skeptischen Blick. Max fühlte, dass Plaudagei nur auf diesen Moment gewartet hatte, um das Team Mystery darauf festzusetzen. Doch im Grunde war er schon darauf vorbereitet. Seit er mit Jimmy und Iro darüber gesprochen hatte, wusste er, was er in so einem Fall zu sagen hatte.

    „Ja, Plaudagei. Wir haben inzwischen einen neuen Auftrag aufgenommen. Allerdings unterliegt er einer Geheimhaltung.“

    Plaudagei blickte ihn durchdringend in die Augen, sodass Max eine Spur energischer wurde: „Es tut mir wirklich leid, Plaudagei, aber zurzeit können wir nicht erklären, was es mit diesem Auftrag auf sich hat!“

    „Also, ich finde schon, dass wir-!“

    „Euch dann die Hilfe zur Verfügung stellen, wenn ihr sie braucht. Das können wir euch versichern, oder nicht, Plaudagei?“

    Der Ara blickte perplex zu Knuddeluff auf und auch das Team Mystery sahen den Gildenmeister erstaunt an, wie er breit lächelnd vor ihnen stand.

    „Gildenmeister“, räusperte sich Plaudagei und Max hörte, wie strapazierte Geduld in seiner Stimme lag. „Ich meine, es wäre schon angebracht zu erfahren, auf was für einen Auftrag sich das Team Mystery begibt, oder?“

    „Ah, Plaudagei!“, sagte Knuddeluff und lachte herzlich. „Ich kann verstehen, dass du da genauso neugierig wie ich bist. Doch wenn das Team Mystery nun mal sagt, dass das ein Geheimauftrag sei, wieso sollen wir dann groß nachfragen?“

    „Aber was ist mit Shadow?“, sagte Plaudagei, doch Knuddeluff überging ihn und trat an das Team Mystery heran.

    „Wenn wir euch irgendwie helfen können, lasst es uns wissen, ja? Doch ich muss Plaudagei Recht geben und euch ebenso darum bitten, vorsichtig zu sein. Falls Shadow und Emil wirklich etwas gegen euch im Schilde führen sollten …“

    „Sie sollen aufhören zu planen und einfach kommen!“, sagte Iro und ließ die Knöchel knacken. Knuddeluff lachte herzlich auf. „Nun, es steht außer Frage, dass ihr abermals erfolgreich gegen sie bestehen werdet. Dafür habt ihr mehrmals unangenehmere Dinge erlebt!“

    Knuddeluff strahlte in die Runde. Plaudagei stand hinter ihm wie zu Eis erstarrt und Max und Jimmy lächelten schwach. Max war Knuddeluff dankbar, dass der Gildenmeister nicht weiter nachbohrte.

    „Es gibt tatsächlich etwas, womit du und Plaudagei uns vielleicht helfen könntet!“, und Max erzählte den beiden von dem Lawinenberg und dem Weg, den die Erkunder zu beschreiten hatten.


    „Oho, da habt ihr euch was vorgenommen!“, sagte Knuddeluff mit einem andächtigen Pfeifen, als Max geendet hatte.

    „Die Schädelwüste ist kein Ort, den man ohne triftigen Grund aufsuchen sollte. Es gab zwar diverse Expeditionstouren dort hinein, doch mussten sie unverhoffter Dinge abgebrochen werden.“

    „Hast du irgendwelche Ratschläge für uns?“, sagte Max und Knuddeluff überlegte.

    „Auf jeden Fall solltet ihr Kühlbänder einpacken! Denn was ich von der Schädelwüste gehört habe ist, dass die Temperaturen dort ziemlich hoch sein sollen. Das Verdursten dort soll ziemlich wahrscheinlich sein“, und sein Blick galt sorgenvoll Iro, der nun angespannt wirkte.

    „Dazu sollen starke Sandstürme das weitere Vorankommen verhindern. Die Reise dorthin soll daher sehr gut vorbereitet sein.“

    „Und was die Firntundra betrifft“, sagte Plaudagei, der sich nun damit abgefunden hatte, dass das Team Mystery keine weiteren Informationen über ihre Mission preisgab. „Es gibt nur Geschichten vom Hören-Sagen, was diesen Ort betrifft. Er soll jedoch das komplette Gegenteil der Schädelwüste darstellen: Eiseskälte, starke Schneestürme. Aber das sind nur Legenden, die mit dem Lawinenberg in Verbindung stehen. Es heißt angeblich, dass der Geist des ewigen Winters auf diesem lebe und für dieses kalte Klima verantwortlich sei.“

    „Und dieser Legende wollen wir auf den Grund gehen“, sagte Jimmy gerade heraus. Max blickte Plaudagei verstohlen an, der Jimmy eingehend studierte. Doch zum Glück ging er nicht darauf ein. Mit ernstem Blick wandte er sich an Max: „Wenn euer Team sowohl die Schädelwüste als auch die Firntundra heil überstehen solltet, werdet ihr einmal mehr in die Geschichte der Erkunder eingehen.“

    „Ähm … wieso?“, sagte Jimmy tonlos. Auch Max spürte eine finstere Vorahnung.

    „Von den insgesamt sieben Expeditionsteams, die bisher in die Schädelwüste gegangen waren, sind nur zwei je zurückgekehrt. Der Rest kam nie wieder zurück.“


    Stille machte sich breit und Max hörte das schwere Schlucken von Jimmy neben sich.

    „Doch ich bin sicher, dass ihr vorsichtig sein werdet!“, sagte Plaudagei gespielt zuversichtlich. „Wie der Gildenmeister schon sagte, ihr habt schon deutlich schlimmere Dinge durchlebt. Man denke nur an Darkrai!“

    „Und damals waren die beiden hier noch alleine!“, sagte Iro breit grinsend und legte seine Hände auf die Köpfe seiner Kollegen. „Wir als Trio sind nicht aufzuhalten!“

    „Übertreib‘ nicht, Iro“, sagte Max, der aber belustigt lächelte.

    Das Team bedankte sich beim Gildenmeister und Plaudagei und verließen die Kammer. Gerade, als Max die Tür schließen wollte, kam ihm ein Einfall: „Knuddeluff? Weißt du eigentlich, was mit Rose passiert ist? Der Besitzerin der Taverne?“

    „Nein …“, sagte der Gildenmeister. „Wieso?“

    „Ihre Taverne ist geschlossen, und wir dachten, ihr wüsstet vielleicht …“, sagte Max, doch hielt er inne. Er schüttelte den Kopf, bedankte sich bei den beiden und schloss die Tür hinter sich.


    Sie brauchten sehr viel Proviant, viel Wasser und vor allem brauchten sie Hitze- und Kühlbänder, die sie gegen die starken Temperaturen in der Wüste und in der Tundra wappnen sollten. Als sie die Gilde verließen, machten sie sich ohne Umschweife auf zum Schatzstädter Markt. Krakeelo jedoch ließ es sich nicht nehmen, Jimmy beim Verabschieden mit seiner lauten Stimme einen gehörigen Schreck einzujagen, den Jimmy keineswegs amüsant fand, während Krakeelo wie immer lauthals lachte.

    Das Treiben hatte sich etwas gelegt, auch wenn immer noch viele Schlangen die Wartezeit an den beliebtesten Geschäften verlängerten. Das Team musste geschlagene zehn Minuten warten, bis es endlich von Zwirrlicht, dem Geist-Pokémon, das die Schatzstädter Bank bewachte, einen prall gefüllten kleinen Sack mit Goldmünzen erhielt. Zu ihrem Ärger befand sich eine nicht weniger lange Schlange vor dem Laden der Kecleon-Brüder. Jimmy versuchte die ganze Zeit zu erspähen, weswegen sich bei den Kecleon so ein Tumult bildete.

    „Sie haben wohl irgendeine Neuheit im Angebot…“, sagte Jimmy, als sie etwas vorrücken konnten und über dem Laden ein breites Reklame-Banner erkennen konnten. „Doch ich kann nicht erkennen, was es ist …“

    „Bestimmt nur Tand, der seichte Bedürfnis-Befriedigung verspricht. Die Kecleon-Brüder erweisen sich mal wieder als sehr kleingeistig!“


    Das Team drehte sich nach links und erschrocken bemerkten sie, wie nah sie an Magiéves Stand getreten waren. Max konnte sich immer noch nicht mit der Idee anfreunden, dass Magiéves Stand als solcher angesehen werden konnte. Es war im Grunde eine Kiste, die mit einem Tuch aus rotem Samt bedeckt war und die von den psychischen Kräften der Traunmagil in der Luft gehalten wurde. Magiéves gelbliche Augen, die unheilverkündend unter ihrem breiten violetten Hut glühten, betrachteten das Team Mystery eingehend. Ein boshaftes Lächeln umspielte ihr Gesicht.


    „Hallo, Magiéve“, sagte Max, der ihrem Blick lieber nicht begegnen wollte, bei dem er stets Gefahr verspürte. Ihre Augen ruhten dagegen begierig auf ihn. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Traunmagil für Max schwärmte. Er jedoch fand diese Art an Magiéve eher unheimlich als ihre äußere Erscheinung. Jetzt hoffte er umso mehr, dass sie in der Schlange vorrücken konnten. Doch zu seinem Ärger glitt Magiéve mit ihnen, sodass sie Max weiterhin unverwandt anstarren konnte.

    „Was hast du denn heute so im Angebot?“, sagte Jimmy im kühnen Versuch und Max spürte jähe Dankbarkeit für Jimmy, als er Magiéves Blick von sich gleiten spürte.

    „Etwas ganz Besonderes …“, sagte sie theatralisch und lüftete die Kiste, indem sie an einer Seite das Samttuch zurückfaltete. „Seht her!“

    Und zum Vorschein trat ein Orb zum Vorschein, der danach aussah, als seien Sterne in ihm gespeichert, die um das Zentrum des Orbs schwirrten. Jimmy, der immer schon für diese Art von Dinge schwärmte, hauchte begeistert und Magiéve ließ verführerisch den Orb herabsinken, sodass er vor Jimmys Gesicht schwebte.

    „Ein Kompass-Orb, der euch die gewünschte Richtung anzeigt“, sagte sie langsam. Max sah sie skeptisch an, doch das war ein Fehler. Als hätte Magiéve darauf gewartet, begegnete sie seinem Blick und Max spürte, wie ihr Blick sich in ihn hineinbrannte.

    „Funktioniert er?“

    Nun galt Max Dankbarkeit Iro, der den Orb skeptisch musterte. Magiéve Blick funkelte ihn kühl an.

    „Ja, er funktioniert … unterstellst du mir etwa, ich würde nur Plunder und Schrott verkaufen?“

    „Das nicht“, entgegnete Iro kühl und sein Blick hielt dem ihrem Stand. So wie Magiéve für Max eine offene Schwärmerei hegte, hatte sie das komplette Gegenteil für Iro übrig. Ihrer Aussage nach, als sie das erste Mal dem Team Mystery begegnet war, verabscheute sie Pokémon, die rohe Gewalt dem Intellekt vorzogen. Das war auch der Moment, in dem das Team Mystery beschloss, möglichst wenig mit ihr zu tun zu haben.

    „Und ich wäre dir dankbar, wenn du ihn nicht zerbrichst. So ein Kompass-Orb ist sehr empfindlich!“

    Schnaubend hielt Iro ihr den Orb wieder entgegen, doch Jimmy hob verlegen die Hand: „Wie viel verlangst du dafür?“


    „Du willst den doch nicht etwa kaufen, oder?“, sagte Iro erstaunt und sah Jimmy spöttisch von oben an. Magiéve ignorierte diesen Ton und wandte sich mit geschäftsmäßigem Interesse Jimmy zu. „Nun, da ihr es seid“, und sie funkelte Max dabei glühend an, dem ein Schauer den Rücken entlang lief, „mache ich einen Sonderpreis: Zweihundert Pokédollar, und der Orb gehört euch!“


    „Heda!“

    Das Team hatte nicht bemerkt, dass sie nun die nächsten waren, die die Brüder Kec und Leon bedienen konnten. Betreten sahen sie, wie die Brüder überraschte Blicke wechselten, ehe sie sich dem Team und Magiéve zuwandten.

    „Wollt ihr etwa dieser Besitzerin eines Ramschladens uns vorziehen, Team Mystery?“, sagte Kec geringschätzig, das grüne Kecleon. Sein violetter Bruder Leon nickte zur Bekräftigung.

    „Wir haben nur“, wollte Max sich erklären, doch eine unangenehme Welle fuhr über ihn hinweg und bestürzt sah er, wie sich Magiéves Augen nun wahrhaft bedrohlich zu Schlitzen verengt hatten. Eine Aura von Macht strahlte sie aus, die auch Jimmy, Iro sowie alle anderen Umstehenden zu spüren schienen, denn sie schauerten vor Kälte. Dies brachte Kec und Leon dazu, etwas herzlicher zu Magiéve zu sein.

    „Ich will doch sehr meinen!“, sagte sie kalt, als die Kecleon-Brüder sich bei ihr entschuldigten. „Ich biete Kuriositäten und Kostbarkeiten aus aller Welt an. Ich führe ein zwar kleines, aber doch sonderbares Sortiment, von dem ihr nur träumen könnt, Kecleon-Brüder!“

    „Tut uns wirklich leid“, entgegnete Kec in zwar höflichen, aber bestimmten Ton. „Doch wir müssen nun mal den alltäglichen Bedarf decken, während dein Sortiment in der Tat zwar sonderbar, aber auch ziemlich überteuert ist.“

    „Man muss halt das richtige Gespür haben“, sagte Magiéve siegesgewiss und wandte sich mit freundlichem Lächeln wieder Jimmy zu. „Du willst immer noch den Kompass-Orb kaufen, nicht wahr?“

    Max konnte Jimmy nicht daran hindern, schließlich bezahlte er den Kompass-Orb von seinem Anteil des Goldes, das sich das Team Mystery teilte. Es gab einst Streitigkeiten, wie die Ausgaben zu verwalten seien, da hatte Jimmy die Idee, dass jeder einen eigenen Anteil des Gesamtgoldes bekam, während der größte Teil für gemeinsame Ausgaben vorgesehen war. Zweihundert Pokédollar für jeden neben dem gemeinsamen Budget hatten sie ausgemacht und Max war sich sicher, dass Magiéve davon wusste. Hilflos sahen er, Iro und die Kecleon-Brüder dabei zu, wie Jimmy Magiéve sein Gold reichte und er im Gegenzug dafür den Kompass-Orb erhielt, den er nun eingehend betrachtete. Magiéve lächelte zufrieden, warf Max einen letzten durchdringenden Blick zu und entschwebte.


    „Sie jagt mir schon Angst ein …“, sagte Leon, als er sicher war, dass Magiéve ihn nicht hörte.

    „Dass du tatsächlich den Orb gekauft hast …“, schüttelte Iro den Kopf und Jimmy warf ihm einen trotzigen Blick hoch: „So werden wir uns nicht verlaufen, weißt du?“

    „Wo wir gerade davon sprechen“, sagte Max, der Kleinkrieg aufkommen sah, „wir wollten euch fragen, ob ihr Kühl- und Hitzebänder im Sortiment habt?“

    „Oh … das ist aber nicht so ganz euer üblicher Einkauf …“, sagte Kec tonlos. Max ahnte Übles und tatsächlich blickte Leon schuldbewusst drein „Es ist ziemlich verrückt, bis vor wenigen Momenten hatten wir tatsächlich ein paar Restbestände von beidem, Kühl- und Hitzebänder. Doch die haben wir heute Morgen an ein Stolloss verkauft.

    „Alle?“, sagte Max, dem der Plural nicht entgangen war. Kec nickte.

    „Alle vier verbliebenen!“

    „Welche Pokémon benötigt vier Bänder der jeweils selben Sorte?“, sagte Iro und sein Blick verengte sich skeptisch. Die Brüder zuckten mit den Schultern.

    „Vermutlich hat er für ein Erkundungsteam eingekauft. Jedenfalls …“, sagte Leon und hatte sein üblich strahlendes Grinsen aufgesetzt: „Können wir vlt euch anderweitig behilflich sein?“


    Von den Bändern abgesehen hatten die Kecleon-Brüder noch genug Vorrat an Sinelbeeren, Blendorbs und Wurfseilen. Alles an Gegenständen, von denen das Team überzeugt war, dass es sie benötigen würde. Mit gefüllten Taschen kehrten sie zurück in ihre Basis und breiteten sie vor sich auf dem Boden aus. Jimmy hatte den Kompass-Orb behutsam auf einen Büschel Stroh gesetzt, sodass dieser nicht zerbrechen konnte. Iro füllte am Wasserbecken zwei große lederne Feldflaschen voll mit Wasser und Max packte etwas Reisig und Feuerholz und band es zu einem Bündel zusammen. Sie würden es bestimmt als zum Feuer-Machen in der Firntundra gebrauchen, dachte sich Max.

    Plötzlich hörte er hinter sich einen wütenden Aufschrei und er wandte sich um. Jimmy hielt den Kompass-Orb eng an sich gepresst und funkelte Iro zornig an, der nicht weniger zornig erblickte.


    „Was ist denn los?“, fragte Max.

    Iro schnaubte verächtlich und blickte zu Max: „Der schnappt hier fast über und das nur, weil ich versehentlich mit der Spitze meines Schweifes seinen dämlichen Orb gestreift habe!“

    „Dieser dämliche Orb“, knirschte Jimmy mit den Zähnen, „könnte eventuell die entscheidende Hilfe sein, mit der wir unseren Weg durch die Schädelwüste finden. Und du willst ihn vorzeitig schon zertrümmern?“

    „Dann pack ihn nicht dorthin, wo man versehentlich draufstößt!“, fauchte Iro zurück. Max, der dieses Mal eine Eskalation spürte, trat sofort zwischen die beiden.

    „Es reicht, alle beide!“, sagte er scharf und blickte jedem streng in die Augen. Iro und Jimmy funkelten sich immer noch zähneknirschend an, ehe sie sich abwandten. Max stieß einen langen Seufzer aus.


    Er hatte es schon geahnt, dass die momentane Lage einiges von ihnen abverlangte. Schließlich sind schon drei Wochen und damit fast ein ganzer Monat vergangen. Danach hätten sie nur noch elf Monate Zeit, zu jedem der sechs verbleibenden Wächter zu gelangen. Je mehr Max darüber nachdachte, umso unmöglicher erschien ihm die Aufgabe. Die Reise zum Lawinenberg würde jetzt schon fast einen halben Monat beanspruchen, selbst wenn sie sich nur ein Minimum an Zwischenstopps einrichteten. Sie konnten es sich nicht leisten, noch mehr Zeit zu verschwenden. Doch durften sie auch nichts überstürzen. Knuddeluffs Warnung hallte in seinen Gedanken wieder: Die Reise dorthin soll sehr gut vorbereitet sein.


    In dem Sinne gab er Jimmy Recht. Er hoffte inständig, dass der Kompass-Orb seine Aufgabe erfüllen würde. Er beobachte Jimmy dabei, wie er diesen Orb nun in eine Ecke legte, die weit von Iro entfernt war. Doch bevor einer von den dreien ein weiteres Wort sagen konnte, läutete ein kleines Glöckchen in der Nähe ihres Eingangs. Über eine Schnur war es mit einem Zughebel außen verbunden und normalerweise kündigte dieses Glöckchen Besuch an. Max, Jimmy und Iro wechselten neugierige und auch nervöse Blicke. Dann machten sie auf den Weg nach draußen.


    Draußen trafen sie auf ein hölzernes Totem und Max hatte zuerst den Gedanken, dass ihnen ein Pokémon dieses offenbar zum Geschenk machen wollte. Dann aber merkte, dass die Federn des Totems nicht aufgemalt waren und dass dessen Augen lebendig waren.

    „Xatu, hast du uns erschreckt“, sagte Max erleichtert. Auch Jimmy und Iro stand die Entspannung ins Gesicht geschrieben, als sie Xatu erblickten. Der Seher von Schatzstadt blinzelte einmal kaum merklich, ehe er dann mit einer ätherischen Stimme sprach: „Verzeiht, dass ich so spät euch störe. Ich …“

    „Die Sonne geht noch nicht mal unter“, sagte Jimmy. Xatu hielt inne und blickte ihn lange an. Jimmy verstand sofort, dass er ihn unterbrochen hatte und schrumpfte unter Iros genervtem Blick verlegen zusammen. Xatu nickte langsam, ehe er fortfuhr.

    „Ich habe vernommen, dass ihr auf der Suche nach Gegenständen seid, die auf eurer Reise von Nutzen sein werden?“

    „Woher-?“, wollte Max wissen, doch Xatu breitete seine Flügel aus, wodurch die Ähnlichkeit zu einem Totem weiter zunahm.

    Heiß und kalt. Ein Aufpeitschen alter Gefühle. Klarheit werden die Suchenden am Sinnbild der fließenden Zeit finden.“


    Das Team Mystery blickte Xatu baff an, während dieser seine Flügel wieder zusammenfaltete.

    „Diese Vision hat mir meine Kristallkugel zugetragen. Ich sah euch einen alten Freund und Widersacher treffen.“

    „Ich verstehe nicht ganz“, sagte Max, doch Xatus Gesicht blieb unbeeindruckt.

    „Sucht ihn am Klarbach auf, und ihr werdet finden, wonach ihr sucht“, sagte Xatu mit leiernder Stimme. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung Schatzstadt. Wortlos blieb das Team Mystery wie verwurzelt stehen.


    „Was war das denn?“, sagte Iro perplex, während er die immer kleiner werdende Xatus beobachtete. Er suchte den Blick der anderen, die ihn genauso perplex erwiderten.

    „Am Klarbach …“, wiederholte Jimmy. Er sah über die weiter entfernt liegenden Baumspitzen, hinter denen nach einer Senkung sich jener fließende Bach befand.

    „Ist das nicht der Ort, wo so ein Sumpex namens Alex lebt?“, sagte Iro.


    „Axel“, korrigierte ihn Max. Er erinnerte sich an jene Begegnung, die er mit ihm einst hatte, als er und Jimmy noch Rekruten in der Knuddeluff-Gilde waren. Damals wurden sie nach einem verpatzten Dienst als Wachposten zum Wasser-Holen verdonnert, bei dem sie dem Sumpex damals begegnet waren. Er war zwar ein eigenbrötlerischer Einsiedler, der die Ruhe genoss, aber er war den beiden freundlich aufgeschlossen gewesen und Max wusste von anderen Gildenmitgliedern, die nach ihm und Jimmy kamen, dass er sich nicht verändert hatte.

    „Meint ihr, wir sollten mal nachsehen?“, schlug er den anderen vor. Wie erwartet sah er Skepsis in deren Mienen.

    Heiß und kalt“, rezitierte Max Xatus Vers. „Vielleicht hat er sich auf die Hitze- und Kältebänder bezogen, die uns fehlen.“

    Iro schnaubte: „Das wäre aber ein enormer Zufall, dass wir die ausgerechnet dort finden würden!“

    „Vielmehr beunruhigt mich der andere Teil: Ein alter Freund und Widersacher. Wen er wohl meint? Doch nicht etwa Shadow, oder?“


    „War der je unser Freund?“, entgegnete Iro.

    Max konnte nicht umhin, Neugier für die Worte Xatus zu entwickeln. Auch sah er in den Gesichtern der anderen beiden, dass auch sie widerwillig dem nachgehen wollten. Es war ohnehin schon zu spät, um jetzt noch zur Wüste aufzubrechen. Diese Reise würden sie erst am nächsten Tag antreten wollen. Sie nickten daher einander zu zu und liefen in das Wäldchen, der an Schatzstadt angrenzte.

    Über einen schmalen Waldpfad, der steil nach unten führte. Direkt schon hörten sie das sanfte Plätschern eines fließenden Baches und als sie die letzte Baumreihe durchquert hatten, sahen sie ihn. Das Ufer war frei von jeglichem Buschwerk und der Bach selber floss aus einer Felsformation, in die ein Pokémon eine Tür hatte einbauen lassen. Aus ihrer letzten Begegnung wusste Max, dass in dieser Höhle Axel hauste. Die Höhle erhob sich vom flachen mit weißem Kies besetzten Ufer, an dem der kristallklare Bach floss. Und Max sah, wie zwei Pokémon es sich vor dieser Höhle gemütlich gemacht haben und ihre Füße ins Wasser hielten. Aus der Ferne waren sie nur als zwei miteinander verschmolzene Gestalten zu erkennen gewesen. Erst als sie nähertraten, wurden deren Umrisse deutlicher. Und Max erkannte Axel mit seinen zwei breiten grauen Kämmen, die sich über seinen Kopf zogen. Axel war der Einzige der beiden Gestalten, der aufrecht saß. Sein Körper verdeckte den des anderen, sodass Max nur einen wuchtigen und doch durchtrainierten Unterkörper sah. Als sie näher traten, blickte Axel auf, der zuvor in Gedanken versunken ins Wasser gestarrt hatte. Er schien das Team Mystery zu erkennen, doch statt sie zu grüßen, tippte er flüsternd das andere Pokémon an, das sich unter lautem Murren aufrichtete. Max fand, dass dieses Murren ihm höchst vertraut vorkam und instinktiv blickte er zu Iro, da er es sonst nur von ihm hörte. Doch er erkannte zugleich, warum er diesen Eindruck hatte.


    Das fast exakte Ebenbild von Iro erhob sich und schielte mit müdem Blick zu dem ankommenden Erkundungsteam. Max hörte, wie Iro augenblicklich erstarrte und den Blick des anderen Impergators begegnete. Während Iros lederfarbene Haut tiefblau war, hatte die seines Gegenübers eine türkise Färbung. Der Rückenkamm des anderen Impergators war blau statt rot, doch das war bei Weitem nicht das Auffälligste an diesem. Auch wenn Iro schon einige Kämpfe bestritten hatte und ein paar Narben davon getragen hat, so hatte das andere Impergator keinen Flecken an Haut, der nicht von Narben übersät war, sodass es mehr einer Relief-Arbeit ähnelte. Die Auffälligste Narbe zog sich über dessen linke Auge. Das andere Impergator erhob sich nun vollständig und schritt langsam auf das Team Mystery zu.


    Erschrocken und beeindruckt zugleich bemerkte Max, wie groß dieses tatsächlich war. Iro selber war schon ein Hüne, doch sein Ebenbild übertraf ihn um das Anderthalbfache. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt blieb das Impergator stehen und blickte nacheinander das Team Mystery an. Dann lächelte er breit: „Sieh an! Sieh an! Ich habe es geahnt, dass ich euch über den Weg laufen würde, sobald ich mich hier in Schatzstadt aufhalte!“

    Jäh nahm er scharf Iro ins Visier, der auf einmal wie versteinert wirkte und die Fäuste laut knacken ließ. Doch dies überging das Impergator. Forsch betrachtete er den Körper Iros: „Du wirkst etwas kampferprobter, Ironhard. Wie ist es dir ergangen seit unserer letzten Begegnung?“

    „General Stahlard?“, sagte Jimmy voller Ehrfurcht. „Wir haben nicht damit gerechnet, Euch hier zu treffen!“

    „Habt ihr nicht?“, entgegnete der General verdutzt und ließ Iro dabei nicht aus den Augen. „Dabei könnte man doch meinen, dass er hier ein Gespür dafür entwickelt hat, wann ich in seiner Nähe bin.“

    Ein Knirschen verriet, dass Iro große Mühe hatte, seine Wut zu verbergen. Dieser Anblick schien den General sehr zu belustigen, da er laut auflachte.


    General Stahlard sind Max, Jimmy und Iro nur einmal bisher begegnet. Damals war er am Umbau der Knuddeluff-Gilde beteiligt gewesen und hatte sich als durchaus helfende Hand erwiesen. Schwere Lasten hatte er mühelos allein tragen können und Knuddeluff sowie Plaudagei hatten in höchsten Tönen von ihm gesprochen. Dem Team wurde erzählt, dass General Stahlard dem Titel nach eine Armee ausbildete und in Kriegszeiten deren Anführer war. Auch war er ein hohes Tier in der gesetzgebenden Regierung und genoss daher auch aus diesem Grund schon besonderes Ansehen und Respekt. Und ein Detail hatte das Team sowie alle anderen, die den General bis dato nicht kannten, beeindruckt. Es galt als unbestritten, dass der General zu den stärksten Pokémon der Welt gehörte und dass kaum ein Pokémon es mit ihm im Kampf aufnehmen könnte.

    Diese Lektion hatte Iro jedoch auf die harte Tour lernen müssen. Direkt hatte er ihn zum Kampf aufgefordert, um ihn diesen Titel streitig zu machen. Jedoch hat der General ihn nach nur einem Schlag innerhalb von zehn Sekunden außer Gefecht gesetzt. Den Anblick würde Max dabei nie vergessen, wie Iro dann, mit dem Rücken voran, an jener Stelle verweilte, auf der er den Schlag des Generals erlebt hatte. Erst ein wütender Klageschrei hatte ihn in der Nacht von dem Boden gelöst und Iro hatte sich darauf fest geschworen, nie aufzugeben, bis er den General besiegt hätte.


    Iros Blick, den er dem General nun zuwarf, sprach genau von diesem Schwur. Nur wusste Max nicht, ob Iro seine Wut von damals in den Griff bekommen würde. Es war bestürzend zu sehen, wie sich Iros Pupillen zu Schlitzen verengten und wie seine Faust bebte. Doch der General schien das Interesse an Iro verloren zu haben und wandte sich nun Jimmy zu: „Ihr seid also nicht wegen mir hier? Dann wollt ihr vermutlich zu Axel, oder?“

    Nun richtete sich das Sumpex unter Ächzen auf und trat an die Seite des Generals.

    „Es ist lange her, Team Mystery“, sagte er und lächelte Max und Jimmy an. „Ihr seid ordentlich groß geworden. Von dir“, und er blickte zu Iro, „habe ich über Stahl gehört. Ihr steht ziemlich oft in den Zeitungen, wusstet ihr das?“

    „Ach, nun …“, sagte Jimmy und winkte verlegen. Axel trat zur Seite und wies mit seinem Arm in Richtung. „Ich habe nicht viel Platz … wenn ich euch die Gastfreundschaft erweisen kann …?“

    „Eigentlich“, sagte Max. „Wir sind eigentlich hier, weil wir gehofft haben, Hilfe zu bekommen …“

    „Hilfe? Wobei denn?“, sagte Axel, der sofort skeptisch wirkte. Max wusste, dass es ziemlich fremdartig klingen würde, wenn er von Xatus Weissagung erzählte. Doch entschied er sich, offen darüber zu reden. Der General und Axel hörten teils interessiert, teils skeptisch zu. Als Max dann von der Schädelwüste und von der Firntundra sprach, sah er nun, dass Xatu offenbar Recht hatte. Denn jäh wechselte Axel und der General Blicke, die Bände sprachen.

    „Ihr wisst etwas davon, oder?“, sagte Max, der mit einem Mal wie erwacht war. Axel schmunzelte und auch der General setzte zu einem schrägen Lächeln an.

    „Wenn ihr schon derartig weit seid, dann habt ihr auch gehört, dass nur zwei von sieben Erkundungsteam je von der Schädelwüste zurückgekehrt sind?“, sagte Axel tonlos, worauf Max eifrig nickte.

    „Es gab eine Verwechslung, was das betrifft“, sagte der General matt. „Es waren nur zwei Pokémon und keine Erkundungsteams, die zurückgekehrt sind. Das sind Axel und ich hier gewesen.“

    „Heißt das …“, sagte Jimmy matt und Axel nickte steif.

    „Auch wir waren einst Erkunder, Stahl und ich. Wir unternahmen oft Touren zusammen.“

    „Wir gehörten zu den Besten, neben Knuddeluff, Alakrates und andere berühmte Namen …“, fuhr der General fort, ehe er nun mit den Zähnen knirschte. „Die Schädelwüste war unsere erste von zwei großen Niederlagen.“

    „Was war die andere?“, wollte Jimmy neugierig wissen, doch der General winkte ab. Er und Axel wechselten grimmige Blicke, ehe er, dieses Mal an das Erkundungsteam gewandt, fortfuhr: „Was führt euch denn in diese Wüste, wo nichts als Tod und Niederlage euch erwartet?“

    Nun wechselten Max und Jimmy rasche Blicke, während Iro den General immer noch mit steinernem Blick ansah. Doch wie schon bei Knuddeluff waren sie sich wortlos einig, dass sie mit ihren Reisezielen offen sein, über deren Hintergrund aber nachwievor schweigen wollten. Max erzählte vom Lawinenberg, der am Ende der Firntundra lag, und erstaunt sah er, wie der General und Axel nostalgisch grinsten.

    „Die Sieben Wächter also“, sagte der General anerkennend und jäh überkam Max das Gefühl, bei einer Lüge ertappt worden zu sein. Doch es konnte nicht sein, dass der General und Iro von Kyurem wussten.

    „Wer die sieben Wächter besiegt, gilt als Halbgott“, sagte der General nachdenklich, während er sich an Axe wandte: „So war doch die Legende um die sieben Wächter, oder?“

    „Ich denke mehr“, sagte Axel, „dass die Wächter Halbgötter waren. Doch es käme auf dasselbe hinaus.“

    „Und gegen die wollt ihr kämpfen?“, sagte der General mit Erstaunen. Max entschied sich zu nicken, auch wenn er nicht wusste, ob er damit einer Wahrheit oder einer Lüge zustimmte. Der General pfiff durch die Zähne.

    „Ihr habt euch was vorgenommen …“, sagte er und warf dabei einen kurzen Blick zu Iro.

    „Ich will jetzt nicht sagen, dass ihr schwach seid. Keineswegs …“


    „Aber?!“, sagte Iro mit schneidender Stimme und so plötzlich, dass Jimmy und Max zusammenzuckten. Der General blickte ihn prüfend an. Seine Augen verengten sich leicht, ehe er fortfuhr: „Wenn Axel und ich es nicht geschafft hatten, auch nur durch die Schädelwüste zu gelangen, habe ich ehrlich gesagt gewisse Zweifel, dass ihr es schaffen werdet …“

    „Und was wäre, wenn doch?!“, zischte Iro. Nun blickte der General ihn scharf an. Kein Funke seiner vorherigen Freundlichkeit lag in seinen Augen. „Worauf willst du hinaus?“

    „Das kann ich dir sagen!“, sagte Iro angriffslustig und stampfte auf. „Wir werden im Gegensatz zu euch sowohl die Schädelwüste und die Firntundra durchqueren. Und wir werden hierher zurückkehren und dann wirst du sehen, dass wir ein starkes Team geworden sind.“

    „Sprichst du vom Team? Oder von dir?“, sagte der General kalt und blickte Iro abschätzig an. Ein höhnisches Grinsen zuckte in seinen Mundwinkel. „Ich habe eigentlich gehofft, du hättest deine Lektion nach dem letzten Mal gelernt.“

    „Was soll das heißen?“, zischte Iro scharf.

    „Wenn du das nicht weißt, dann kann ich dir nicht helfen“, sagte der General. In Iro schien eine Art Pulverfass zu explodieren, denn wütend schrie er aus und schlug mit seinem Schweif auf den Boden, sodass dieser leicht erbebte und Steine aufeinander klapperten. Max und Jimmy blickten bestürzt ihren Freund an, der jedoch nur einen zornigen Blick für den General übrig hatte:

    „Kämpfe gegen mich und ich zeige dir, was ich seit letztes Jahr gelernt habe!“


    „Abgelehnt!“

    Der General wandte sich und ging wieder zu der Stelle, an der er zuvor gelegen hatte. Iro trat wütend vor und Max hatte Mühe ihn zurückzuhalten. Axel hingegen blickte interessiert zwischen den Impergator hin und her. Max ahnte, dass er diesen Wortwechsel vorausgeahnt hatte. Während er Iro mühevoll davon abhielt, zum General zu gehen, blickte er Axel in die Augen, der den Blick erwiderte.

    „Knuddeluff hat uns schon gewarnt, dass die Reise alles andere als angenehm sein wird. Um uns auf die vorzubereiten, sind wir auch daher hierhergekommen.“

    „Weil der Dorfseher davon sprach, dass ihr hier das fändet, was ihr sucht?“, sagte Axel skeptisch, worauf Max nickte. Axel sah eingehend jedes Mitglied des Team Mystery an. Dann wechselte er einen Blick mit dem General, der mit ausdruckslosem Gesicht dastand. Dann seufzte Axel, entfernte sich von den Pokémon und verschwand in seine Höhle. Wenige Augenblicke später trat er wieder aus dieser heraus, nur hielt er mehrere Stücke an Stoff in seinen Händen. Max erkannte vier Bänder zu Dreiecken gefaltete Bänder. Zwei von denen waren in ein helles Blau getaucht und deren Ränder zierten gestickte Schneeflocken. Die anderen beiden waren hellrot und deren Ränder waren mit gelben Sonnen bestickt. Axel hielt dem Team diese entgegen.

    „Sind das …?“, sagte Max sprachlos, der die Bänder entgegennahm,

    „Hitze- und Kühlbänder“, sagte Axel. „Die sind von meinen und Stahls Erkundung in die Schädelwüste übrig geblieben. Jetzt haben wir für diese keine Verwendung, oder doch, Stahl?“

    Der General schüttelte den Kopf, während er vom ein paar Schritte entfernten Ufer aus zusah, wie Max sich ein Kühlband um den Hals wickelte. Sofort überfiel ihn ein durchgehender kalter Schauer, sodass er zittern und sich das Band wieder abwickeln musste. Axel schmunzelte bei dem Anblick.

    „Zieht sie besser an, sobald euch entweder zu heiß oder zu kalt wird“, sagte er.

    Begeistert betrachtete Jimmy ein Hitzeband, das er ausgebreitet vor sich in der Luft hielt. Dann aber trübte sich sein Blick: „Es sind aber nur zwei … wir brauchen aber drei, damit wir …“


    „Ich brauche keine!“, entgegnete Iro knapp angebunden.

    Alle Blicke ruhten auf ihn, selbst der General wandte sein Augenmerk wieder auf ihn. Trotzig verschränkte Iro die Arme, während er immer wieder Seitenblicke auf den General warf.

    „Mach dich nicht lächerlich!“, sagte Axel scharf. „Du wirst sie brauchen! Du wirst entweder vor Hitze eingehen oder dich zu Tode frieren, wenn du vollkommen ungeschützt in diese Gebiete hineingehst.“

    Axel deutete erst auf sich und dann auf den General, ehe er fortfuhr: „Selbst Stahl und ich sind beinahe umgekommen. Wir waren weise genug, rechtzeitig umzukehren.“

    „Wir werden aber nicht umkehren! Wir werden es schaffen!“, sagte Iro mit verengten Augen.

    Ein unterdrücktes Lachen drang zu ihnen und die Blicke fielen auf den General, der die Augen verschlossen und sein Gesicht dem Boden zugewandt hatte, um sein Grinsen zu verbergen. Erst nach einigen Sekunden blickte er wieder zu Iro: „Wem willst du was beweisen? Dir? Deinen Freunden? Oder doch nur mir?“


    Iro sagte nichts und der General trat wieder auf sie zu. Tatsächlich aber hatte er nur Augen für Iro, der ihn finster anblickte. Er trat dicht an ihn heran und einmal mehr wurde der Größenunterschied zwischen den beiden deutlich. Der General überragte Iro wie ein Berg, während er auf diesen hinabsah. Und Max war erstaunt, wie Iro dem Blick standhielt, obwohl der General durchaus einschüchternd war. Gefühlte Minuten schauten sie sich an, ohne dass einer der Anwesenden ein Wort sagte. Dann lächelte der General kaum merklich: „Es ist mir egal, wenn du dich waghalsig in Situationen begibst, die deine Fähigkeiten übersteigen. Doch ich werde nicht zulassen, dass du in eine solche Todeszone gehst. Jedenfalls nicht, bevor du lernst, dich selber richtig einzuschätzen!“

    „Und was willst du dagegen tun, Stahl?“, sagte Iro mit möglichst viel Verbissenheit und Verachtung auf dem letzten Wort. Der General lächelte und wandte sich ab. Dieses Mal aber trat er mit seinen Beinen ins seichte Wasser und begab sich in die Mitte des Flusses. Dort angekommen wandte er sich an Iro und sah ihn auffordernd an. Iro schien zu verstehen und mit einem selbstsicheren Grinsen trat er ebenso ins Wasser. Max wusste nicht, was er davon halten sollte. Zwar ahnte, dass Iro keine Ruhe mehr gegeben würde, wäre der General nicht bereit, der Aufforderung zum Kampf zu folgen. Doch ahnte er genau, wie der Kampf enden würde. Und Max war sich sicher, dass ein niedergeschlagener frustrierter Iro nicht gerade der angenehmste Reisegefährte sein würde. Doch so hilflos wie er Jimmy dabei zusehen musste, wie er zweihundert Pokédollar für einen Orb ausgab, genauso machtlos war er gegenüber der Stimmung der beiden nach einem Kampf. Wortlos entfernte er sich daher und Jimmy und auch Axel taten es ihm nach. Sie traten an die hinteren Bäume zurück und sahen, wie die beiden Impergator in Stellung gingen.

    Während Iro seine Gelenke lockerte, macht der General keine Bewegung. Mit verschränkten Armen stand er im Wasser und wartete den ersten Angriff von Iro ab. Dieser hielt ihm aus einiger Entfernung die Faust hin: „Dieses Mal wird es anders laufen!“

    Grimmige Entschlossenheit lag in Iros Gesicht und Max wusste, dass für ihn eine Niederlage undenkbar war.


    Dann stieß Iro seinen Schweif ins Wasser und setzte zu einem großen Schwung in Richtung des Generals an.. Dabei zog er eine große Menge Wasser mit sich, die seinem Schweif folgte und sich zu einer kleinen Flutwelle auftürmte, die auf den General zulief. Die Welle zog das Wasser des Flusses, dessen Fließrichtung zur Welle hin war, mit sich, worauf sie sich immer zu einer Größeren auftürmte. Langsam drohten nun diese Wassermassen auf den General einzubrechen. „Nummer eins!“, rief Iro und vollzog eine Volldrehung nach links, in der er seinen Schweif mitzog, aber dieses Mal nicht in das Wasser stieß. Scheinbar aus dem Schweif selbst kommend umhüllte Wasser diesen. Mit einem zweiten Schwung wie beim Ersten ließ Iro eine Wassersichel los, die horizontal auf die Flutwelle steuerte. Max sah Iro eine angestrengte Konzentration und er erkannte, dass dieses Manöver erst jetzt von Iro erdacht worden war. Und dieses musste er nun schnell zu Ende führen, denn hastig hüllte sich seine rechte Faust in eine Wolke aus Eis ein. Blitzartig, wobei er fast stolperte, drehte sich Iro abermals und schlug mit der eisüberzogenen Faust auf das Flussbett ein. Der Abschnitt des Flusses zwischen den beiden Pokémon gefror augenblicklich und Max und Jimmy pfiffen erstaunt aus, wie mächtig Iros Eishieb war. Mit dem Flussbett erstarrte auch gleichzeitig die riesige Flutwelle, die sich in gefährlicher Nähe beim General befand, worauf sie sich nicht mehr bewegte. Die Sichel aus Wasser aber durchschnitt an einer tiefgelegenen Stelle diese eismauerartige Welle, worauf sie nun auf dieses stürzte.

    Ein beeindrucktes Raunen kam von Axel.


    Den General jedoch schien das Ganze nicht zu kümmern. Die ganze Zeit über hatte mit der gleichen Haltung wie am Anfang Iros Aktionen beobachtet und widmete nun seine Aufmerksamkeit dem Eisblock, der ihn von Sekunde zu Sekunde zu zerquetschen drohte. Ohne eine Miene zu verziehen löste der General seine Arme voneinander, ballte die rechte Hand zu einer Faust und schlug mit dieser gegen den Eisblock, der in der Luft wie in Schwebe blieb und augenblicklich in mehrere Eissplitter zersprang, die im Tageslicht glitzerten und sich im Flussbett verteilten.

    Ohne ein Wort zu sagen ging nun auch der General in Kampfstellung.

    Iro wartete gespannt darauf, dass sein Gegner anfing, auf ihn zuzukommen. Doch Jener öffnete nur die Augen und schlug in seine Richtung ein. Seine Faust verharrte in der Luft und ein lauter Knall, wie von einer Kanone, erklang. Doch nichts passierte.

    Max und Jimmy wechselten Blicke und schauten zu Axel, der aufmerksam Iro beobachtete. Und dann sahen Max und Jimmy, wie Iro unter Schmerzen sich zusammenkrümmte und den Bauch hielt.


    „Was passiert da?“, rief Jimmy entsetzt auf, während Max versuchte zu verstehen, was passiert war. Doch Axel lächelte leicht.

    „Eine Stoßwelle!“, erklärte er ihnen. „Stahl schlägt mit einer enormen Wucht in die Luft, worauf diese in sehr komprimierter Form auf seinen Gegner einwirkt. Ähnlich der Druckwelle von Sprengfallen“


    Max war baff, dass ein Pokémon wie der General zu so einer Technik in der Lage war. Und erschrocken sah sah er, wie sich Iro langsam aufrichtete und dabei in das Wasser spuckte. Iro sah man es an, dass der Druck auf sein Inneres eingewirkt hatte.

    Und nicht weniger erschrocken sah Max nun, wie der General sich anspannte und mehrmals blitzartig in die Luft schlug. Es war, als würde der General mehrere Salven an Kanonen abfeuern, die laut in der Luft widerhallten. Und Iro, der vom Schmerz der ersten Welle unfähig war, sich zu bewegen hob die Arme überkreuzt zum Schutz seiner Brust und seines Kopfes.

    Die vielen Stoßwellen, die der General von sich gab, wirkten wie Hunderte von Kanonenkugeln besonders stark auf rechten Arm des Rivalen ein. Während sie auf ihn zuflogen, spritzten einige von ihnen das unter ihnen befindliche Wasser auf. Die gezählten ersten zwanzig Male schien Iro dem noch standzuhalten, doch Max sah dann, wie er immer verbissener versuchte, an Ort und Stelle stehen zu bleiben. Fast konnte er hören, wie Iros Zähne knirschten. Max kreuzte die Finger und hoffte inständig, dass Iro erkannte, dass er dem General unterlegen war. Denn dieser machte keine Anstalten, aufzuhören geschweige denn zu ermüden.

    Doch Iro knickte nicht ein. Verbissen blickte er zum General auf. Dann entschloss Iro endlich, das Blocken der Stoßwellen sein zu lassen, und sprang nach links um den weiteren Salven auszuweichen. Mit seinem linken Arm hieb er das erfrorene Flussbett ein, worauf dieses in mehrere große Brocken zersprang. Dies brachte den General dazu aufzuhören und Iro abschätzig anzublicken, der nun mit schmerzverzogenem Gesicht seinen rechten Arm hielt.

    „Sollen wir lieber aufhören, bevor du dir ganz den Arm ruinierst?“, sagte der General ernst.


    Als Antwort richtete sich Iro auf und seine Beine zitterten. Max hörte, wie knapp seine Atmung war, und erneut hoffte er, Iro würde zur Vernunft kommen.

    „Ich denke nicht daran!“ japste dann Iro und dann mit einem Schrei schlug er mit dem Schweif auf den Fluss. Ein paar große Eisbrocken sprangen durch die Wucht des Schlages aus dem Boden heraus und einen von ihnen Iro mit seinem Schweif gegen seinen Erzfeind.

    „Was soll denn das werden?“, fragte dieser gelangweilt und fing den Brocken lässig mit der rechten Hand. Ein zweiter Brocken wurde auf dieselbe Art und Weise geschleudert und auch mit derselben Lässigkeit mit der linken Hand dieses Mal gefangen. Doch kaum den Zweiten gefangen, flog auch schon ein Dritter dem General entgegen. Da er aber beide Hände voll hatte, erfolgte mit dem dritten Eisbrocken der erste Treffer von Iro, der mit gewisser Wucht in den Bauch des Generals erfolgte.

    Jimmy jubelte Iro zu, doch Max beobachtete, wie Iro ernst blieb.


    Der General schien nicht ernsthaft getroffen gewesen zu sein, denn der Brocken, der ihn erwischt hatte, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf das Eis und der General fasste Iro streng ins Auge: „Wenn du den Gegner angreifst, dann gib ihm nie eine Konterchance hinzu!“

    Mit diesen Worten warf er mit hohem Tempo die zuvor gefangenen Eisblöcke auf Iro zu, worauf er nach rechts auswich. Als ob der General gewartet hatte, schlug er ein erneutes Mal, jedoch mit zwei Fäusten, in die Luft. Abermals erklang der Knall zweier Kanonen und Iro befand sich noch in der Luft und konnte nicht mehr rechtzeitig seine Arme zur Deckung heben.

    Entsetzt sah Max zu, wie sich Iros Körper in der Luft nach innen wölbte und wie dieser mit einem Mal weit nach hinten geschleudert wurde. Wie bei einem Steinwurf krachte Iros Körper mehrmals auf dem Eis auf, ehe er dann auf dem Rücken liegen blieb.


    Eine unheimliche Stille legte sich über den Klarbach, da dessen Strömen durch das Einfrieren unterbrochen worden war. Und Iro machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Max und Jimmy wollten sich schon aufrichten um ihrem Freunde zu Hilfe zu eilen, doch Axel gebot beiden mit einem Arm, an Ort und Stelle zu bleiben.

    „Euer Freund hat den General herausgefordert, nun trägt er die Konsequenzen!“

    „Mir egal!“, sagte Max hitzig. „Was wenn Iro schwer verletzt…“, doch dann hörte er ein Röcheln und erleichtert sah Max, wie Iro anfing wieder zu atmen. Doch es klang, als würde Iro kaum noch Luft bekommen, weswegen er so begierig nach Luft röchelte. Doch es war vorbei. Wie Max es geahnt hatte, hat Iro erneut gegen den General verlor. Und dieser schien nun seine Haltung lockern, da auch er den Kampf für beendet sah.


    Doch jäh erklang ein Grollen. Obwohl der Himmel klar war, erklang eine Art Donnergrollen und Max und Jimmy mussten sich umsehen, von woher dieses kam. Doch es war Axel, der auf die Quelle deutete, und Max sah bestürzt, wie Angst und dunkle Vorahnung in seinen Augen lag. Auch der General war beunruhigt.

    „Ich ...werde ... nicht aufgeben!“ rief Iro mit brüchiger Stimme hervor, und sein Körper leuchtete azurfarben auf. Ein seltsames Licht umgab ihn und jäh lag eine Aura von Macht in der Luft. Mit einem Mal wurde der General angespannter und konzentrierter als zuvor und auch Axel wurde jäh ernst.

    „Wir sollten von hier weg!“, sagte er scharf.

    „Was? Wieso?“, sagte Jimmy verwirrt, der erschrocken Iros seltsames Erscheinungsbild in Augenschein nahm.

    „Es ist hier nicht sicher; nicht wenn er es nicht kontrollieren kann... “


    „Was denn kontrollieren?“, sagte Max panisch, doch jäh setzte ein starker Wind ein, der die Bäume wild hin und her tanzen ließ. Und die Eisbrocken, die Iro umgaben, zitterten und lösten sich in Wasser, welches sich aber sofort um ihn herum aufbaute. Dann brach es mit einem Mal in Form mehrerer Fontänen aus. Eine davon traf Jimmy mitten ins Gesicht, woraufhin dieser ohnmächtig wurde.

    „Jimmy!“, rief Max entsetzt, doch Axel hatte schon den bewusstlosen Körper unter seinen Arm geklammert. Er begegnete Max‘ Blick: „Ist das das erste Mal, dass du Ironhard in diesem Zustand siehst?“

    „Was ist das für einer?“, rief Max über das Brausen des Windes hinweg und sah Iro dabei zu, wie er schwer atmete, während das Licht um ihn herum immer stärker leuchtete.

    „Sturzbach – eine sehr mächtige Fähigkeit von Wasser-Pokémon, doch wenn Ironhard sie nicht kontrollieren kann …“


    Und in dem Moment brüllte Iro auf, sodass Max‘ Trommelfell zu platzen drohte. Das Wasser um ihn herum toste weiter auf und nun waren auch Iros Augen von jenem Licht erfüllt, das ihn umgab. Als würde das Licht ihn blenden, schlug Iro wild um sich. Wasserfontänen peitschte in alle Richtungen und sie besaßen so viel Druck, dass sie tiefe Furchen im Boden hinterließen oder getroffene Bäume durchtrennten. Ein paar von denen sprengten sogar das Steindach von Axels Höhle fort.


    „Tu doch endlich was!“, rief Axel, doch wandte er sich nicht an Max, sondern an den General. Doch dieser war schon dabei, etwas zu unternehmen. Denn auch sein Körper leuchtete im selben azurfarbenen Licht auf, doch wirkte der General unverändert. Als dann weitere Fontänen auf ihn zuschossen, wischte er diese mühelos und Max wusste, dass dies nur durch seinen eigenen Sturzbach möglich war. Sein Blick traf den des Generals und in diesem lag Entschlossen sowie die Bitte um Vergebung. Dann schlug er mit seinem Schweif auf den Boden und mit einem Mal hatte er sich in Iros direkte Nähe katapultiert. Ob Iro die Anwesenheit des Generals spürte, konnte Max nicht sagen, doch fing er nun an, mit beiden Armen und Fäusten auf den General einzuhauen. Doch dieser wischte alle Angriffe mit seiner linken Hand zur Seite, während er mit seiner rechten Faust ausholte. Als dann Iro auch mit seiner Faust ausholte und zuschlug, ließ auch der General seine Faust nach vorne schnellen.


    Erst war ein Dumpfen zu vernehmen, dann knallte es laut auf und eine Stoßwelle breitete sich von den Impergator aus, die auch Max und Axel umwarf. Dann hörte Max ein lautes Knacken und Splittergeräusche und wie etwas Schweres auf den Boden geworfen wurde. Von der Druckwelle benommen richtete sich Max. Axel half ihm dabei. Als er sich dann umblickte, sah er den General über Iro stehen, der ohnmächtig vor ihm auf den Boden lag. Dessen Arm stand im seltsamen Winkel zu seinem Körper ab. Dann wurde klar, was das Knacken und die Splittergeräusche verursacht hatte.


    Der Klarbach war wieder aufgetaut und das Wasser floss wieder, als hätte sich nichts verändert.




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    12

    Das Schatzstädtische Nachtleben


    Die Abreise des Team Mystery erregte einige Aufregung. Fast das ganze Dorf hatte sich am Eingang versammelt, um den Erkundern eine gute und sichere Heimreise zu wünschen. Besonders Iro und Jimmy brachten sie große Heiterkeit entgegen. Iro meinte, dass sie sich dafür entschuldigen wollten, dass sie ihm und Jimmy am Anfang mit Misstrauen begegnet waren. Max war es nur recht, denn ungern hätte er mit dem bitteren Beigeschmack, dass man ihm und dem Rest des Teams noch immer nicht gänzlich vertraute, den Dschungel verlassen. Zumal hatte er nicht gut geschlafen. Immer wieder hat er den Albtraum durchleben müssen, den er schon in der ersten Nacht im Geheimnisdschungel hatte. Doch letzte Nacht waren die Bilder erschreckend real gewesen. Die Worte Viridiums, dass er selber Iro und Jimmy angegriffen und Iro dabei die Schnittwunde auf der Brust zugefügt hatte, hallten immer noch in seinem Kopf. Der Albtraum hatte den bereits furchtbaren Gedanken nur noch mit grotesken Bildern untermalt. Jimmy hatte beim Aufstehen angemerkt, dass Max einen Albtraum hatte, denn Max war alles andere als ausgeschlafen. Doch zum Glück glaubte er Max, als dieser erklärte, dass es die allgemeine Aufregung vor dem Kommenden war, die ihm die unruhige Nacht bereitet hatte. So wie sie beschlossen hatten, kein anderes Pokémon in den Hintergrund ihrer Mission einzuweihen, so hatte Max für sich beschlossen, Jimmy und Iro nicht zu erzählen, dass er die Wahrheit wusste. Auf Iros Nachfrage hat er ihnen erzählt, dass Viridium ihm und sein Team für ihren Mut dankte und dass sie um Diskretion bat. Iro hatte bei dieser Erklärung geschnaubt und Max hatte befürchtet, dass seine Lüge durchschaut worden war

    „Als ob es sie umbringen würde, uns allen zu danken“, hatte Iro spöttisch gesagt. Erleichterung ist in Max emporgestiegen und er war froh, dass sie nicht mehr dieses Thema angeschnitten haben.

    Draußen wurden sie von Chuck erwartet, der ungeduldig die Arme verschränkt hatte und sie missmutig ansah.

    „Da steht man früher auf und ihr lässt euch dann doch die Zeit!“, sagte er mit mürrischem Blick, doch er lächelte dabei.

    „Wir haben nicht drum gebeten“, entgegnete Iro lächelnd zurück. „Du begleitest uns also?“

    „Muss ich ja wohl. Ich denke schon, dass dies zu meinem Aufgabenbereich gehört, oder?“, sagte Chuck mit gewichtiger Miene. Die Erkunder machten große Augen.

    „Du hast also die Position als neuer Waldläufer angenommen?“, sagte Jimmy überrascht und war sich sogleich unsicher, ob er Chuck als neuen Würdenträger ehrfürchtig anblicken sollte oder nicht. Doch dieser winkte eifrig ab.

    „Kein Grund, so förmlich zu sein. Wir sind Kumpel, nicht wahr? Auch so hätte ich mich bereit erklärt, euch zurück zum Portal zu führen, das in die Außenwelt führt. Denn ich glaube, dass ihr ohne meine Hilfe euch verlaufen würdet.“

    „Das stimmt!“, rief Jimmy heiter und patschte mit dem Handrücken gegen Iros Bauch, woraufhin dieser einen strengen Blick auf seinen Kollegen warf: „Dich habe ich auf Anhieb gefunden, damit du das weißt!“

    „Bist du nicht erst Voru in die Ranken gelaufen, und das sprichwörtlich?“

    „Werden wir Kronjuwild, Viridium und die anderen noch sehen, ehe wir durch das Portal schreiten?“, sagte Max über den Streit der beiden hinweg. „Ich will mich gerne ausführlich bedanken für alles, was sie für uns getan haben.“

    „Sie warten auf euch beim Portal“, sagte Chuck. „Bella und Lilli meinten, dass sie noch etwas zu erledigen hatten und dass sie beim Portal zu euch stoßen werden, wenn sie können. Und ich fände es unhöflich, sie noch länger warten zu lassen. Wollen wir dann?“


    Nachdem die Erkunder den Dorfbewohnern ein letztes Mal zugewunken hatten, folgten sie Chuck durch den Dschungel. Erst jetzt wurde Max klar, wie groß dieser war. Die Folge war, dass sie einen sehr langen Fußmarsch vor sich hatten. Als sie losgegangen sind, ist es Mittag gewesen, denn die Sonne hat am Zenit gestanden. Doch es kostete sie sehr viel Zeit, über Stock und Stein, Senken und Hügel und auch über herabgefallene Baumstämme zu klettern oder sich an Lianen über breite Gruben zu schwingen. Bei Iro war eine solche Liane gerissen und nur langsam hatte er sich mit den Händen am Rand der Grube hochhieven können. Jimmy hat über diesen Anblick gelacht und zum Preis dafür einen Faustschlag von Iro auf den Kopf bekommen. Endlich dann traten sie auf einen höchst vertrauten Flecken. Es war jene Lichtung, auf der das Team Mystery ihre erste Nacht verbracht hatte und von der sie vom Waldschrat verschleppt wurden. Und nun trat ihnen auf der Lichtung der neue Waldschrat entgegen. Er löste sich von der Gruppe, die aus Bella, Lilli und Viridium bestand, die das Team aufmerksam anblickten. Max bemerkte, dass Jimmy und Iro nicht übertrieben hatten, was Kronjuwild betraf, während er ihn das erste Mal derartig formal erlebte. Sein Gang war stolz und elegant, doch lag in seinen braunen Augen eine freundliche Wärme, die er den Erkundern entgegenbrachte.

    „Ihr habt euch Zeit gelassen, wir warten hier schon eine Weile“, begrüßte er die vier Pokémon, wobei er sich an Chuck wandte, der schief lächelte.

    „Sie haben noch ihren Schönheitsschlaf halten wollen, ehe wir aufbrechen konnten“, sagte er säuerlich und deutete mit dem Daumen nach hinten zu den Erkundern. Kronjuwild musterte erst ihn und dann das Erkundungsteam, ehe er lächelte.

    „Jedenfalls haben wir eine Kleinigkeit für euch noch zusammengestellt, ehe wir euch verabschieden.“

    Bei diesen Worten traten Bella und Lilli hervor, die beide etwas in den Händen hielten.

    „Dies ist ein neuer Beutel, denn wir haben bemerkt, dass euer alter seit eurer ersten Nacht hiergeblieben ist. Er hat die Witterung leider nicht überstanden und war am Ende etwas, auf dem sich kleine Insekten zu Hause gefühlt haben. Die Gegenstände, die wir retten konnten, und ein paar vom Dschungel haben wir in diesen hineingetan.“ Mit diesen Worten reichte Bella ihn dar.

    „Verstehe“, sagte Max, dem erst jetzt peinlicherweise auffiel, dass ihr Erkunderbeutel, der ihnen jahrelange Dienste geleistet hatte, nicht mehr um seinen Körper hing. All die Erlebnisse haben nicht eine Sekunde die Sorge um ihr Hab und Gut aufgeworfen. Dankbar nahm er den Beutel von Bella entgegen. Er war aus erstaunlich robustem Material und auch die Liane, die als Gurt diente, war erstaunlich reißfest. Ein Gefühl der Vertrautheit stieg in Max hervor, als er ihn sich um seinem Hals warf.

    „Und dies hier soll ich euch im Namen von Mew überreichen“, sagte Kronjuwild erneut und Lilli reichte dem Team ein kleines Säckchen, in dem sich etwas Kugelförmiges befand. Auch überreichte sie ihnen ein großes Blatt, das zusammengerollt und mit einer Kordel zugebunden war. Überrascht nahm das Team diese Geschenke entgegen und Iro wollte das Säckchen schon öffnen, da meldete sich Kronjuwild dazwischen.

    „Mew will, dass ihr den Brief, den er an euch geschrieben hat, im Privaten lest. Er meint, dass es eure Mission betreffe, und er war auch recht verschwiegen, was diese betrifft. Aber ich denke, dass entweder er oder ihr uns irgendwann mal davon erzählen werdet, oder? Wir alle sind schon sehr neugierig, was für eine Aufgabe euch der Wächter gegeben hat.“

    „Ihr werdet doch irgendwann wiederkommen, oder?“, sagte Bella hoffnungsvoll, während sie zu Iro hochblickte.

    „Bestimmt“, sagte er trocken. „Oder, Max? Jimmy?“, worauf beide nickten. Bellas Lächeln wurde breiter.

    „Ich hätte noch etwas, was ich dir mitteilen will, Iro …“, sagte sie puterrot und winkte ihn zu sich herunter. Skeptisch beugte er sich zu ihr, sodass sein Kopf auf gleicher Höhe mit ihrem Mund war. Gespannt wartete er darauf, was sie ihm ins Ohr zu flüstern hatte. Doch dazu kam es nicht. Nachdem Bella sichtlich mit Überwindung zu kämpfen hatte, beugte sie sich vor und ihre Mundspitze berührte sanft Iros Backe. Es war in dem Moment sehr schwierig zu beurteilen, welcher von den beiden vor Verlegenheit röter war. Iro richtete sich mit starrem Blick und hochroten Wangen auf und blickte Bella an, die nicht weniger rot angelaufen zurückblickte. Dann lächelten beide und blickten verlegen in andere Richtungen. Max konnte nicht anders als zu schmunzeln und aus den Augenwinkeln sah er, dass auch Chuck, Lilli, Kronjuwild und vor allem auch Jimmy sich köstlich amüsierten.


    Im Namen des Team Mystery bedankte sich Max bei Kronjuwild und allen anderen vielmals für deren Hilfe und Unterstützung. Er und die anderen Erkunder sahen ein letztes Mal in die Runde. Bella, Lilli und Chuck winkten ihnen begeistert zu, während Kronjuwild anerkennend und lächelte nickte. Dann ließen sie sich von Viridium durch das Gebüsch führen. Schweigsam folgten sie ihrer Gestalt und Max merkte nun, dass ein sanfter Nebel sie umhüllte. An einem Punkt machte Viridium halt, trat zur Seite und erklärte dem Team, dass sie nur noch geradeaus zu gehen hatten. Sie würden sich daraufhin wieder im Trübwald wiederfinden. Sie und Max wechselten bedeutsame Blicke, ehe er sich auch bei ihr bedankte und zusammen mit Jimmy und Iro durch den Nebel schritten. Und erneut stieg in Max das Gefühl hoch, dass sie etwas aus den Nebel heraus beobachtete. War es vielleicht nur Lucien, das Laternecto, der unsichtbar in der Luft hing? Oder war es ein anderes im Nebel verborgenes Ungeheuer? Max konnte nicht mehr ausmachen, ob die Geräusche, die die Erkunder umgaben, noch immer zum Dschungel gehörten. Sie wirkten durch den Nebel wie verzerrt.

    Auf einmal dann verschwanden sie und eine unheimliche Stille umgab sie, die nur von den nervösen Atemzügen der Erkunder durchbrochen wurde. Sie haben wohl nun die Grenze zwischen den Dimensionen überwunden und befanden sich wieder auf Ekunda. Das Gefühl, wieder Heimatboden zu betreten, gab Max ein Gefühl von Sicherheit. Doch dieses trübte sich beim Gedanken, dass er und die anderen noch immer sich im Nebel verlaufen würden. Sie versuchten sich zu erinnern, wie sie Lucien gefolgt waren, als er sie in den Dschungel geführt hatte. Es wurde jedoch schnell ersichtlich, dass sie unmöglich sich an den Weg erinnern konnten, geschweige denn diesen umgekehrt zurückzugehen. Sie folgten daher Viridiums zuvor ausgesprochene Anweisung, einfach gerade aus zu laufen. Und tatsächlich, nachdem sowohl Max als auch Jimmy in Senken gefallen waren, die im Nebel des Trübwaldes verborgen waren, lichtete sich irgendwann der Nebel und das Team trat aus dem Trübwald auf eine Steppe heraus, die von dem bronzefarbenen Licht des Sonnenuntergangs angestrahlt wurde. Begierig atmeten sie die nebelfreie Heimatluft und verharrten auf dem Boden, der mal nicht zu einem Dschungel oder zu einem Wald gehörte. Iro lachte immer noch hingegen über Max und Jimmy, da sie im Gegensatz in Senken gestürzt waren. Max lächelte peinlich berührt, während Jimmy wütend vor sich hinmurmelte.


    Zunächst musste er herausfinden, von wo sie aus dem Trübwald herausgetreten sind. Max fürchtete schon, dass sie sich recht weit östlich befinden mussten und dass ihnen ein langer Fußmarsch nach Südwesten bevorstand. Er suchte in seinem Beutel nach der Karte. Erst stutzte er, doch dann fiel ihm wieder ein, dass sie einen neuen besaßen. Und zum Glück befand sich in diesem auch noch ihre Wunderkarte. Sie schien größtenteils unversehrt, als er sie im Schein der untergehenden Sonne begutachtete. Nur die Ränder schienen nach der Einwirkung von Feuchtigkeit etwas eingerissen zu sein. Ein winziger leuchtender Punkt, der Max darstellen sollte, verriet ihm, dass sie an einem südlichen Punkt des Trübwaldes herausgekommen sind. Und Max erkannte freudig, dass eine von den drei Passagen, die über das Labyr-Gebirge im Süden führten, nicht weit von ihrer Position entfernt war. Auch suchte er schon erste Anhaltspunkte, wo sich der Lawinenberg befand. Doch sah er ihn auf der Karte nicht, was Max seltsam fand. Die Wunderkarte hatte die wahrhaft wunderbare Fähigkeit, jeden Ort von Ekunda anzuzeigen, sobald man auf diesen deutete. Max ließ seinen Finger über den südlichen Polarkreis fahren. Ihm wurden zwar die Blizzardinsel, die Gletscherhöhle sowie einige andere Orte, Städte und Dörfer gezeigt, doch keiner von ihnen wurde als Lawinenberg bezeichnet. Max betrachtete nun den nördlichen Teil der Karte. In diesem war kein Polarkreis eingezeichnet, was genauso sonderbar erschien. Max konnte es sich nicht vorstellen, dass der Norden keine kalte Klimazone enthielt. Zwar wurde er, was Ekunda betraf, vom nördlichen Wüstenklima dominiert, doch Max hatte das unerklärliche Gefühl, dass sich mehr dort befand. Und Aufregung stieg in ihm hoch bei dem Gedanken, dass sie für ihre Mission, die Mew ihnen aufgetragen hatte, tatsächlich Ekunda verlassen mussten. Mit der Erkenntnis nüchterte seine Aufregung aus. Was wäre, wenn sich der Lawinenberg doch westlich oder östlich von Ekunda befand? Oder noch weiter im Süden hinter dem ekundanischen Polarkreis? Max hatte sich noch nie so die Gedanken darüber gemacht, wie groß die Welt war, in der sie lebten, und dass Ekunda nur einer von vier Kontinenten auf der Welt war.

    „Max? Alles in Ordnung?“

    Jimmys Stimme holte Max aus seinen Gedankengang heraus. Verwirrt blickte er in seines und Iros Gesicht, die ihn musterten. Max fiel auf, dass sie sich eine Weile lang nicht von Ort und Stelle fortbewegt haben und bald würde die Sonne untergehen. Sie einigten sich, einen Gang zuzulegen, sodass sie zumindest nicht in tiefster Nacht bei Rose in der Taverne ankommen würden. Sie freuten sich schon, erneut eines ihrer Zimmer zu belegen und am nächsten Morgen frisch gebackene Brötchen zu kosten. Im Trab schilderte Max den beiden anderen seinen Gedankengang.

    „Mach dir mal keine Sorgen!“, sagte Jimmy zu Max‘ Überraschung recht entspannt, während sie den Aufstieg in eine der Passagen durch die Labyr-Berge nahmen. „Wir werden einfach Plaudagei oder Knuddeluff in der Gilde fragen. Bestimmt kann einer von ihnen genaueres sagen, wo sich der Lawinenberg befinden könnte.“

    „Und was, wenn sie nichts wissen?“, gab Max zu bedenken. Jimmys zuversichtliches Lächeln erstarb für eine Weile, ehe er den Kopf schüttelte. „Lass uns erstmal bei Rose einkehren. Wir können uns dann immer noch Gedanken drum machen, wenn wir was zu essen haben.“

    „Da sprichst du mal ein wahres Wort!“, sagte Iro. „Mein Magen knurrt schon.“

    „Ich habe eben gesehen, dass Lilli und Bella auch ein paar Lebensmittel aus dem Dschungel in den Beutel hinterlassen haben. Willst du?“, sagte Max und warf Iro eine große rote Beere zu, die Iro auffing, musterte und auch dann direkt aß. Seine Augen weiteten sich.

    „Köstlich!“


    Dieses Mal trafen sie nicht auf die Banditen, denen sie bei ihrer Hinreise zum Geheimnisdschungel begegnet waren. So konnten Max, Jimmy und Iro ohne große Unterbrechungen die Passage überqueren und ebenso fast geradlinig ihren Weg durch den Apfelwald finden, wo sie mit dem Erkunder der Red Scorpion-Gilde, Cephal, zuvor Herakles gestellt und besiegt hatten. Max fragte sich, ob Cephal und Mimi auch wieder bei Rose eingekehrt sind, nachdem sie Herakles der Justiz überstellt hatten. Schließlich war es Cephal, dem sie es zu verdanken hatten, dass Viridium sich bereit erklärt hatte, das Team Mystery in den Dschungel zu führen. Und Max fand, dass er sich nicht entsprechend bei dem Knarksel bedankt hatte, was er aber dann ändern wollte. Endlich dann tat sich die Silhouette von Roses Taverne aus dem Nachthimmel auf. Die Sonne war schon lange untergegangen und der Himmel war ein dunkelblaues Sternenmeer mit einem Sichelmond, dem ein paar dünne Wolkenstreifen vorhanden. Da fast schon der Winter anfing, wusste Max, dass es noch nicht allzu spät sein musste. Er stellte sich vor, dass es für Rose ein Aufwand wäre, in tiefster Nacht aus dem Bett geholt zu werden, wenn er und die anderen an ihrer Tavernentür klopften. Doch es konnte noch nicht so spät sein. Daher wunderte es Max, dass aus keinem einzelnen Fenster, nicht einmal aus denen im Erdgeschoss, Licht nach draußen fiel. Auch aus dem Schornstein stieg kein Dampf auf.

    Iro, der offenbar zu müde und noch immer zu hungrig war, um dem Beachtung zu schenken, wollte schon die Tür öffnen. Mit einer Hand auf dem Griff krachte er mit seinem Maul voran dagegen und rücklings fiel er mit dem Hintern voran auf den Boden. Jimmy brüllte vor Lachen, während Max das Schild ins Auge fiel, dass sich schwach im Mondlicht vom Holz der Türe abhob. Er trat näher, um die Inschrift darauf zu lesen: „Bis auf Weiteres geschlossen“.

    „Das ist nicht wahr, oder?“, sagte Jimmy baff, als Max die Inschrift laut vorgelesen hatte. „Dabei hat die Taverne erst vor Kurzem geöffnet, oder? Und es sah danach aus, als kämen regelmäßig Besucher.“

    „Offenbar reicht es nicht, wenn nur die Erkunder der Knuddeluff-Gilde zur Übernachtung vorbeikommen“, sagte Max und sah sich um. Er vermutete, dass Rose vielleicht eine Art Häuschen für sich besetzte, um über die Zukunft ihrer Taverne zu grübeln. Doch nachdem er einmal um die Taverne herum gelaufen war, erkannte er, dass von Rose selbst keine Spur zu sehen war. Jimmy hatte sich auf ein Fenstersims geschwungen und durch eines der Fenstergläser gespäht.

    „Innen gibt es auch kein Lebenszeichen. Alles ist verlassen.“ Er löste sich vom Fenster und im schwachen Mondlicht sah Max sein sorgenvolles Gesicht. „Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein, oder?“

    „Ich schätze, das müssen wir in der Gilde fragen, oder?“, sagte Iro, worauf sich die anderen zu ihm wandten. Er zuckte mit den Schultern: „Schließlich kennt sie ja Mimi, oder? Wenn, weiß sie vielleicht, warum Rose ihre Taverne dicht gemacht hat.“

    „Heißt das etwa …?“, sagte Jimmy und kletterte lustlos wieder auf den Boden zurück. „Wir werden jetzt nach Schatzstadt durchlaufen?“

    Da sein Magen knurrte, warf Max auch ihm nun eine der Beeren aus dem Geheimnisdschungel zu, während er sich selber eine nahm. Sie schmeckte sauer, aber köstlich, und er fühlte, wie blitzartig sich Energie in ihm aufbaute. Er blickte in die Richtung, von der er wusste, dass in dieser Schatzstadt lag. Dann blickte er seine Kollegen an. Sie nickten, wenn auch wenig begeistert, da beiden mittlerweile die Müdigkeit und der Hunger anzusehen war. Alle drei seufzten und machten sich stumm auf den Weg in Richtung Schatzstadt. Max wusste, dass sie in tiefster Nacht dort ankommen würden.


    Nur selten ist das Team Mystery zu so einer späten Stunde heimgekommen. Für die Erkunder wirkte Schatzstadt bei Nacht wie leergefegt. In den wenigen Malen, wo sie weit nach Mitternacht heimgekehrt waren, waren Läden sowie Behausungen fest verschlossen gewesen. Selbst nach drei Jahren schien sich das Nachtleben nicht sonderlich verändert zu haben. Obwohl die Einwohnerzahl nach drei Jahren auf das Zehnfache angestiegen war, blieb die friedliche Gemeinschaft nachwievor ruhig. Das Team Mystery hat andernorts schon öfter erlebt, wie selbst nach Mitternacht Pokémon auf den Straßen unterwegs waren, munter miteinander schwatzten oder in mehr oder weniger zwielichtigen Spelunken sich über große und ominöse Vorhaben austauschten. Die Veränderungen, die in den letzten drei Jahren ganz Ekunda betroffen haben, waren in Schatzstadt nur spärlich zu erkennen. In einem sehr starken Sturm wurden viele der damaligen Zelte, die den Bewohnern der Stadt als Behausung dienten, aus der Erde gerissen und nur mühevoll hat man stabilere Steinbauten an deren Stelle gesetzt, in denen die Einwohner leben konnten. Seit die Knuddeluff-Gilde durch die Taten des Team Mystery fast weltweit bekannt wurde, sind auch sehr viele Anwärter nach Schatzstadt gezogen. Das Pandir-Café wurde daraufhin umstrukturiert, sodass nur eingetragene Gildenmitglieder nachtsüber den Eingang benutzen konnten, während Drinks, Klatsch und Tratsch und weitere Unterhaltung in das erste Geschoss der Knuddeluff-Gilde verlegt wurden. Seither blieb das Pandir-Café nachts genauso ruhig wie der Rest der zwar neuen, aber noch immer alten Schatzstadt. Max ist bisher diese Stille nur sonderbar vorgekommen, weil er an das geschäftige Treiben vor der Zwirrlicht-Bank, vor Kangamas Lager und vor allen vor dem Laden der Brüder Kecleon gewöhnt war. Die belebten Straßen dann so verlassen und still gesehen zu haben war dann für Max und auch Jimmy dann so, als hätten sie eine falsche Abzweigung genommen und wären ganz woanders rausgekommen. Zwar dachte Max sich nichts Weiteres dabei bei diesen Gelegenheiten, trotzdem schätzte er die Lebendigkeit des Ortes, der seit so vielen Jahren nun sein Zuhause war.


    ***


    Max sowie Jimmy und Iro waren mehr die Art von Pokémon, die eher tagaktiv sind. Für sie war das Leben am Tag besonders aufregend und eher weniger stellten sie sich vor, wie es nachts sich entfaltete. Was sie jedoch nicht ahnten oder schlicht nie zu Gesicht bekamen war die Tatsache, dass das Leben auch nachts florierte, wenn auch in anderen Zügen. Für manche Pokémon wurde das Leben erst nach der Abenddämmerung interessanter. Wenn ein Pokémon tagsüber einer anstrengenden Arbeit nachging, konnte es abends die Ruhe finden und sich die Zeit für die Dinge nehmen, die es aus eigenem Antrieb interessant fand – vorausgesetzt es war nicht zu müde vom Arbeitstag dafür. An der Arbeit konnte man zwar gut verdienen, doch, wenn man tagein tagaus dieselben Fragen gestellt bekam und daraufhin immer wieder dieselben Antworten gab, konnte sich nur eine gewisse Monotonie einstellen. Zwar konnte man es ihm nie ansehen, doch Xatu, der seit einiger Zeit als Seher in Schatzstadt arbeitete, missfiel dieser Andrang, den die Zuwanderung neuer Bewohner mit sich brachte. Pokémon, die sich kürzlich in der Gilde eingeschrieben hatten, kamen täglich zu ihm und fragten nach Rat bezüglich der Aufträge, die sie angenommen hatten. Und nachdem Xatu sich nach den ersten Fragen noch Mühe gegeben hatte, musste er sehr schnell einsehen, dass er nur vier bis fünf bestimmte Antworten auswendig zu lernen hatte. Er hielt es daher für eine Verschwendung seiner seherischen Fähigkeiten und auf gewisse Weise war er den Erkundern gegenüber, die etwas mehr Erfahrung hatten als die Anfänger, sowohl dankbar als auch enttäuscht eingestellt. Zwar trugen sie nicht dazu bei, dass er gar keine Ruhe mehr vor den Standardfragen hatte, doch schienen sie seine Kunst entweder zu unterschätzen oder diese als unnötig abzustempeln. Sie hielten wohl seinen Rat für überflüssig und verließen sich offenbar mehr auf ihre Fähigkeiten. Nur selten schnappte Xatu tagsüber auf, auf welchen Missionen welches Mitglied unterwegs war. Und als er dann in ruhigen Momenten versuchte zu erblicken, was ihnen widerfahren würde, sah er nur blitzartige Szenen, deren Bilder dazu noch verschwommen waren. Dann hätte Xatu sich selber dafür schelten können, dass er sein inneres Auge derartig vernachlässigt hatte. Sein Geist wurde tagsüber viel zu sehr von anderen banalen Angelegenheiten belagert, wobei seine Art nur still dastehen sollte, während ihre Geister im Äther schwelgten. Nicht selten hatte Xatu sich überlegt, sich wieder diesen alten Wurzeln seiner Art zu widmen. Gewiss schadete es nie, mehr im Miteinander mit anderen Pokémon zu lebten. Doch fühlte er sich seit einiger Zeit entwurzelt und damit unsicher, was sowohl seine Aufgabe als auch seine Fähigkeiten betraf.

    Nun hingegen sah Xatu endlich die Gelegenheit bekommen, sich eingehend seiner selbst zu beschäftigen. Und er wusste sofort, dass er es nicht bereuen würde. Endlich ist die langersehnte Lieferung eingetroffen, die nun geheimnisvoll auf einem tiefblauen Samtkissen schimmerte. Sein Haus lag im Dunkeln und die kleine Kugel aus Glas, in der sich ein schwächlich blau leuchtender, wabernder Nebel befand. Das schwache Licht der Kugel verlieh dem Bett eine unheimlich schemenhafte Gestalt, für die Xatu aber kein Auge hatte. Sein Hauptmerk galt dem wabernden Inneren der Kugel. Xatu blinzelte dabei nicht einmal mit den Augen. Nachdem er Wochen mit der Sorge verbracht hatte, dass sein Brief mit dem Gesuch um die Kugel nicht angekommen wäre oder dass sie auf dem Weg zu ihm verloren hätte verloren sein könnte, erfüllte nun eine Art tiefe Ruhe seinen Körper. Obwohl es für ein Xatu üblich war, still dazustehen und durchgehend in eine Richtung zu starren, so hätte man in dem Moment meinen können, dass Xatu vollständig zu einer Statue geworden ist. Die Ähnlichkeit zu einem anderthalb Meter großen Totem wurde so deutlich, dass ein exzentrischer Kunstsammler Xatu direkt hätte mitnehmen und bei sich im Haus für dekorative Zwecke aufstellen wollen. Das Innere der Kugel wirbelte immer weiter und schien dann auf einmal anzuschwellen. Doch war es Xatu, der gänzlich in diese Wolke aus schwachem blauen Licht eintauchte. Sein Körper fühlte sich auf einmal viel leichter und begeistert sah er das erste Mal nach so vielen Jahren eine klar umrissene Szenerie vor sich und auch ebenso erfreute es ihn, dass er auch die Geräusche von dem Ort vernahm. Und Xatu erkannte den Ort, den er sah.


    ***


    Der Klarbach glitzerte im schwachen Schein des Sichelmonds. Er war seicht, sodass problemlos selbst kleinere Pokémon in ihm stehen konnten. Nahe einer Felsformation floss das Wasser in rhythmischen Klängen aus einer unterirdisch gelegenen Ader. Und diese Felsformation schien der Wohnraum eines Pokémons darzustellen, denn eine große schlichte Holztür mit einem einfachen Türgriff wurde in einen Felsen eingelassen. Und an diese Tür trat nun ein großes Pokémon heran, dessen Züge im Schatten der Bäume waren, die nahe dem Ufer des Baches in den Himmel wuchsen und den Mond bedeckten. Der Fremde blickte sich um und warf dabei einen Blick hoch über die Bäume auf der anderen Seite. Dort oben, hoch auf einer Klippe hinter den Baumspitzen thronend, stand eine kleine Burg, von der nur vier kleine Turmspitzen zu erkennen waren. Genaueres war nicht zu erkennen, doch wegen der Burg auf der Klippe schien der Fremde nicht da zu sein. Sein Augenmerk galt nun der Tür, deren Bretter an den Enden schon etwas verwittert waren. Das Pokémon hob eine mächtige mit Klauen besetzte Hand und pochte sachte, aber dennoch laut, gegen die Tür. Das Klopfen hallte leicht über das Plätschern des Baches hinweg. Der Fremde erwartete wohl eine Reaktion, denn er verharrte mit erhobener Hand an die Tür. Er verzog das Gesicht, ehe er dann gegen die Tür regelrecht hämmerte. Dann endlich hörte er eine gereizte Reaktion und ein anderer Körper schien sich schlurfend von anderer Seite der Tür zu nähern. Der Fremde hörte unter dumpfen mürrischen Gemurmel Ketten klirren und kurz darauf, wie ein Riegel zur Scheite geschoben wurde. Dann schwang die Tür nach innen auf und der Fremde sah in ein verdrießlich dreinblickendes Gesicht. Es war ziemlich oval und zwei große Flossen sprossen von seinem Kopf, von deren Ende schräge orangefarbene Augen den Besuch zornig anfunkelten.

    „Du hast gesagt, du würdest gegen Mittag da sein!“, sagte das Sumpex ziemlich gereizt. „Du weißt, dass ich meinen Schlaf schätze?“

    „Es kam was dazwischen“, sagte sein Besuch, der ohne Weiteres eintrat. Die kleine Höhlenkammer wurde von vier kleinen stark leuchtenden Glaskugeln erleuchtet, die wohl kurz zuvor aktiviert worden waren. Leuchtorbs ließen bei zu langer Nutzung irgendwann an Leuchtkraft nach, sodass sie sich aufladen mussten. Das Sumpex schritt an seinem Besuch vorbei und griff in ein kleines Becken an Wasser, das vermutlich mit dem des Baches gefüllt worden war. Es holte zwei Flaschen hervor, von denen er eine dem Besuch zuwarf.

    „Du könntest dich ruhig mal an die Zeiten halten, die wir vereinbaren, Stahl“, sagte das Sumpex, das nun zeitgleich mit seinem Gast die Flasche öffnete, woraufhin beide tranken.

    „Tut mir leid, Axel“, sagte Stahl, der mit einem Zug seine Flasche geleert hatte. „Aber die anderen meinten unbedingt, mich wegen eines Anwärters zurückhalten zu müssen. Dem konnte ich in meiner Position nicht so einfach absagen, verstehst du?“

    Axel senkte die Flasche herab und seine Augen weiteten sich trotz aller Müdigkeit vor wachsamen Interesse: „Und? Ist der vakante Posten endlich besetzt?“

    „Er muss sich erst gegen einige andere behaupten. Ich persönlich halte nicht viel von seinen sogenannten Talenten. Diesen Titel geben wir nicht an jemanden, nur, weil er viel verspricht.“

    „Er hat also gegen dich nicht eine Minute bestanden?“, fragte Axel, obwohl seine Miene klar danach aussah, als wüsste er die Antwort. Und zur Bestätigung nickte ihm Stahl zu, woraufhin beide wieder tranken.

    „Jedenfalls habe ich mir eine Pause verdient, um meinen alten Kollegen wieder zu besuchen!“, sagte Stahl munter und grinste Axel an. „Erzähl, wie läuft es bei dir?“

    „So ziemlich das Übliche“, sagte Axel gähnend. „Gildenneulinge kommen ab und an hier runter um Wasser zu schöpfen. Mit ihnen habe ich dann dann interessante Gespräche. Sonst ist das Leben hier ruhig und beschaulich, also perfekt.“

    „Was man daran perfekt finden kann“, sagte Stahl und schaute sich in der Höhle um. Bis auf eine Kuhle voll Schlamm, die offenbar als Schlafplatz diente, zierten nur einige Skizzen und Portraits die kahle raue Höhlenwand. Der Blick von Stahl fiel auf eines, das ihn und Axel zeigte, doch wirkten beide um viele Jahre jünger. Ihre Gesichter waren glatter und der Körper von Stahl war wesentlich weniger gezeichnet. Beim älteren Stahl zogen sich Narben über Brust, Arme und Beine und eine große senkrechte Narbe verlief quer über sein linkes Auge, das etwas trüber war als das andere. Doch nur bei Axel schien das Alter seine Spuren zu hinterlassen zu haben, denn im Gegensatz zu dem Axel auf dem Portrait war Axels gegenwärtiger Körper weicher und deutlich weniger kantig. Stahl hingegen schien nach seinen jungen Jahren an Breite und Härte gewonnen zu haben und die Muskeln wirkten im Licht der Leuchtorbs deutlich definierter als auf dem Bild. Jeder Zentimeter von Stahls Körper erschien mit den Narben wie ein einziges Relief, das Axel nun eingehend untersuchte.

    „Ein paar neue, oder?“, sagte er abschätzend und ließ seine schmalen Augen über Stahls Körper leiten, der stolz nickte. „Jede erzählt ihre eigene Geschichte. Aber du weißt ja, welche mir am allermeisten Stolz bereitet, oder?“

    „Ich weiß“, seufzte Axel sichtlich genervt und fasste Stahl ins Auge. Genauer gesagt blickte er auf das linke Auge, über das Stahl vorsichtig mit einer Kralle fuhr. Nostalgisch blickte er auf das Bild.

    „Das waren Tage, nicht wahr?“

    „Hmhm“, murmelte Axel mit einem eher gezwungenen Lächeln, als er auf das Portrait blickte.

    „Doch wenn ich dran denke, wie sie geendet haben …“, sagte er matt und auch Stahls Lächeln erlosch.

    „Unsere größte Niederlage …“, sagte Stahl, doch er lächelte kurz darauf wieder: „Doch dankbar sind wir ihr schon, oder? Wir sind danach dort hingekommen, wo wir hingehören, nicht wahr?“

    „Da ist was dran. Ich hätte zu unserer Zeit nicht daran gedacht, dass es mir bestimmt sein würde, Schatzstadt mit zu gründen. Und nun sieh dir an, wie sie in den letzten Jahren gewachsen ist. Da fällt mir ein: Wirst du die Tage auch bei der Knuddeluff-Gilde vorbeischauen? Schließlich hast du ja an deren Neubau mitgeholfen.“

    „Ich denke immer noch, dass die kleinen Türme ein bisschen zu viel des Guten waren, doch du kennst ja Knuddeluff. Und ich denke nicht, dass ich vorbeischauen werde“, schloss Stahl nüchtern. „Ist mir für meinen Kurzurlaub viel zu viel Trubel, jetzt wo die Gilden so erweitert wurden.“

    „Hast du nicht daran mitgewirkt?“, sagte Axel überrascht, woraufhin Stahl den Kopf schüttelte.

    „Das ist eine ganz andere Abteilung, die nicht meine Arbeit betrifft. Und die Fraktion, der ich angehöre, kommt wegen sowas nicht zusammen, um irgendwas zu beschließen. Außerdem habe ich kein Interesse, ihm über den Weg zu laufen, wenn ich mich zur Gilde aufmache. Ich weiß schon sehr gut, wie es ausgehen würde, sollten wir uns wiedertreffen.“

    „Du glaubst, diese Niederlage wurmt ihn immer noch?“, fragte Axel. Stahl lachte herzhaft auf, ehe er antwortete: „Er ist wie ich: Natürlich wurmt es ihn!“

    „Für manche kann das ein Antrieb sein, nicht wahr?“, sagte Axel mit einem selbstgefälligen Grinsen, das Stahl nur widerwillig erwiderte.

    „Er ist wie viele andere: Rohe Kraft, doch er setzt sie nicht effektiv genug ein.“

    „Müsstest du deiner Verantwortung als General nicht nachgehen und diesen jungen, ich sage mal, Soldaten dann ausbilden?“, sagte Axel und Stahl zuckte mit den Schultern.

    „Dafür ist er viel zu stolz, als dass er von irgendwem Ratschläge annehmen würde. Ich will meine Zeit nicht derartig verschwenden, ihn davon zu überzeugen. Doch wir können gerne am Tag darüber sprechen; ich habe dich viel zu lange schon wachgehalten.“


    ***


    „Plaudagei, du wirkst allmählich was übernächtigt! Willst du dich nicht schlafen legen? Das kannst du mir auch am Tag vorlesen. “

    Mit sanftem Lächeln wand sich der Gildenmeister dem Vogel, dessen Kopf, der einer Musiknote ähnelte, nach unten gerichtet war. Mit müden Augen ging Plaudagei einen langen Bericht durch, den er auf dem Boden ausgebreitet hatte. Seine Augen huschten über die schräge Schrift und seine Miene versteinerte sich immer mehr.

    „Dies ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit, Knuddeluff“, seufzte Plaudagei auf und blickte hoch zu Knuddeluff der seitlich zum Fenster stand, aus dem auf das offene Meer blicken konnte. Der Blick von Knuddeluff war aufmerksam und seine länglichen Füße, die unter seinem rundlichen Körper hervor lugten, wippten gelassen auf und ab. Das Lächeln gefror ein wenig auf dem Gesicht des Gildenmeisters, als er den ernsten Ausdruck auf dem Gesicht des Aras sah.

    „Von wem ist denn der Brief?“, sagte er dann und deutete dann auf das ausgerollte Pergament.

    „Von Oberwachtmeister Magnezone“, sagte Plaudagei knapp. „Er berichtet, dass es mehrere Ausbrüche aus dem Polizeirevier gab.“

    „Von wie vielen reden wir?“, sagte Knuddeluff ernst. Plaudagei blickte wieder auf das Pergament.

    „Von insgesamt vier, wobei drei von ihnen eher harmlose Hochstapler und Kleinkriminelle sind. Wir können von Glück reden, dass keine weiteren gefährlichen Gestalten wieder auf freien Fuß sind.“

    „Wie konnten sie ausbrechen? So etwas ist noch nie bisher vorgekommen, oder?“

    „Eindeutig hatten sie Hilfe von außen. Wobei Oberwachtmeister Magnezone meint, dass diese nur einem bestimmten Pokémon, nämlich dem vierten galt.“

    „Konnte man das Pokémon, das für den Ausbruch mitverantwortlich war, identifizieren?“, sagte Knuddeluff, während sich eine kleine Sorgenfalte zwischen seinen Augen bildete. Plaudagei kicherte und schüttelte den Kopf: „Wer auch immer das war, er hat aus großer Distanz agiert. Er hat von außen die Fassade des Reviers aufgesprengt und es so diesen vier Pokémon ermöglicht, die Flucht zu ergreifen.“

    „Und all das, nur um ein bestimmtes Pokémon dort herauszuholen?“, wiederholte Knuddeluff die Worte vor sich hin, woraufhin Plaudagei nickte und seinen Blick wieder auf das Pergament richtete.

    „Die Wachen gehen davon aus, dass es sich bei dem Helfer um Emil, dem Meisterschützen, handelt. Bis vor zwei Wochen war er noch dort in Gewahrsam und ein paar Mal haben die Wachen ihn im Gespräch mit einem der Geflüchteten gesehen.“

    „Mit wem denn genau?“, sagte Knuddeluff.

    Plaudagei zögerte mit der Antwort. Sein Federkleid plusterte sich auf und ein nervöser Seufzer fuhr aus ihm heraus. Dann blickte er erneut zu Knuddeluff: „Das Gengar namens Shadow“.

    Knuddeluff begegnete Plaudageis Blick einige Sekunden.

    „War das nicht ein Ganove, den das Team Mystery vor zwei Wochen gefasst hat?“, sagte Knuddeluff langsam. Abermals nickte Plaudagei, der dann stutzte, als Knuddeluff zu einem breiten Lächeln ansetzte: „Sie haben ihn schon einmal gefasst und sie werden bestimmt wissen, wie er erneut zu fassen sein wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns dann keine großen Sorgen zu machen brauchen.“

    „Magnezone beschreibt hier, dass Shadow öfter von Vergeltung gesprochen habe“, las Plaudagei besorgt aus dem Brief vor. Knuddeluff und er wechselten beunruhigte Blicke.

    „Meinst du, wir sollten Max und den anderen davon in Kenntnis setzen? Es betrifft sie ja nun im doppelten Sinne, nun da Shadow entkommen ist.“

    „Das sollten wir in der Tat“, stimmte ihm Knuddeluff mit einem ernsten Nicken zu.

    „Wo wir gerade vom Team Mystery sprechen“, sagte Plaudagei in einem nun geschäftsmäßigen Ton, „es hat sich noch immer nicht zurückgemeldet, seit es die Verfolgung von Shadow aufgenommen hat. Was Mimi uns vor drei Wochen erzählt hat, ist der aktuelle Status über den Verbleib des Teams.“

    „Ich bin da immer noch neugierig, aus was für ein Abenteuer sich die drei begeben haben“, sagte Knuddeluff aufgeregt und mit sichtlichem Vergnügen. Er blickte schwärmerisch ins Leere. Plaudagei räusperte sich und Knuddeluff wandte sich erstaunt ihm zu.

    „Es ist trotzdem untypisch für das Team Mystery, sich auf ein Abenteuer zu begeben, ehe sie sich von ihrem aktuellen Auftrag zurückgemeldet haben. Sie wissen ja, dass wir immer auf ihren persönlichen Kurzbericht warten, wenn sie heimkehren. Mich verwundert vor allem Mimis Verhalten …“

    „Was soll damit sein?“, fragte Knuddeluff mit vor Überraschung geweiteten Augen. „Sie hat uns erzählt, dass das Team Mystery unterwegs ist. Daran ist doch nichts auszusetzen, oder?“

    „Es ist die Art, wie sie es uns erzählt hat“, fuhr Plaudagei fort und schien mehr mit sich selbst als mit Knuddeluff zu reden. „Ich hatte den Eindruck, als wüsste sie sehr gut, wohin das Team Mystery unterwegs wäre. Doch hat sie fest darauf beharrt, keine genauen Kenntnisse zu haben. Und auch dieser Erkunder der Red Scorpion-Gilde, Cephal, schien auch etwas zu wissen. Doch auch er behauptete fest und steif, von nichts zu wissen. Das ist doch irgendwie verdächtig, oder nicht, Knuddeluff? Knuddeluff?“


    Plaudagei wandte sich um und sah Knuddeluff steif ins Leere starrend. Er war wie erstarrt und seine Augen zuckten nicht mit ihren Lidern. Dann erklang das leise Geräusch eines Schnarchers in Plaudageis Gehör. Er verdrehte die Augen und mit zwei mächtigen Flügelschlagen flog er auch schon auf den Kopf des Gildenmeisters und kniff mit seinem Schnabel stark in eines von Knuddeluffs langen Ohren. Der Gildenmeister fuhr mit einem Mal aus seinem Schlaf hoch, sodass sein Körper heftig zuckte. Plaudagei aber glitt schon elegant zu Boden zurück.

    „Ja, dieser Erkunder war ein witziger Geselle!“, sagte Knuddeluff heiter, als wären sie nicht von dieser Schlafpause unterbrochen worden. „Ich habe ihn schon einmal getroffen, Plaudagei. Vor einem Jahr, als in der Red Scorpion-Gilde das halbjährliche Treffen der Gildenmeister stattfand.“, und mit einem Mal blickte er den Ara vorwurfsvoll an.

    „Diese Treffen sind wirklich unterhaltsam! Ich verstehe nicht, wie du immer ablehnen kannst, wenn ich dich einlade mitzukommen.“

    „Um dann die Gilde nach dem ersten und damit auch letzten Mal nochmal unbeaufsichtigt zurückzulassen? Besser nicht“, sagte Plaudagei und sein Gefiederkleid plusterte sich ein weiteres Mal auf.

    „Aber es sind doch so viele andere hier, die einen Blick auf die Gilde haben können“, sagte Knuddeluff und klang dabei wie ein Vertreter, der einem störrischen Kunden einen Gegenstand andrehen wollte, den dieser per tu nicht kaufen wollte. Plaudagei fasste den Gildenmeister streng ins Auge: „Du weißt sehr wohl, von was ich rede, Knuddeluff. Oder muss ich dich an die ach so tolle Aufsicht von Seiten Krebscorps‘ und Krakeelos erinnern?“

    „Sie haben doch einen guten Job gemacht?“, sagte Knuddeluff mit schmollendem Mund. Plaudagei schnaubte verächtlich.

    „Eine Riesenparty über unser, ich zitiere, Verschwinden des Jahrhunderts zu schmeißen und dabei alle Bewohner von Schatzstadt einzuladen. Aus dem Grund wurde es doch erst recht notwendig, das erste Gildengeschoss neu in Stand zu setzen!“

    „Aber das meine ich doch“, sagte Knuddeluff halb lachend, halb verärgert. „Das haben die beiden wirklich gut hinbekommen!"


    ***


    Max kicherte. Als er, Jimmy und Iro den Aufstieg zur Knuddeluff-Gilde passierten und somit endlich, nach Stunden der Wanderung, in Schatzstadt angekommen waren, fiel ihm jene denkwürdige und spaßige Nacht ins Gedächtnis. Jimmy und Iro nahmen von seiner guten Laune kaum Notiz. Auch brachten sie es kaum fertig, ein Wort zu sagen. Schweigsam überquerten sie die leergefegte Hauptstraße Schatzstadts und fanden sich einige Minuten später an einer Klippe wieder, von der man einen guten Blick auf das weitere Meer werfen konnte. Im Osten, hinter einer Bergkette, zogen schon hellblaue Himmelsstreifen auf. Der Morgen graute an und offenbar konnten Jimmy und Iro nur noch an ihre Betten denken. Jimmy tastete im weichen dunkelgrünen Gras herum, bis er dann einen Hebel fand, an dem er zog. Eine Luke im Gras klappte auf, die zwar nicht breit, für Iro aber gerade noch genug Platz bot, um durch diese zu gehen. Eine kleine Steintreppe führte sie durch den Boden in einen Hohlraum der Klippe, der gleichzeitig ihre Basis war. Ein enorm großer Heuhaufen befand sich hinter einer verschließbaren Holztür, die Iro öffnete. Wortlos hob er drei große Heubündel ab, die er dann über die Schulter warf, worauf sie perfekt in der Mitte der Höhle landeten. Jimmy grummelte ein Danke, ehe er sich mit dem Bauch voran auf das Heu warf. Iro tat es ihm gleich und beide seufzten zufrieden, endlich wieder daheim angekommen zu sein. Max wollte es ihnen nur zu gerne gleichtun. Auch ihm schmerzten die Beine vor Erschöpfung, nachdem sie mehr als einen halben Tag lang durchgehend unterwegs waren. Doch etwas nagte an seinem Bewusstsein, das ihn daran hinderte, gewissenhaft einschlafen zu können. Aus einem Schrank suchte er eine kleine Glaskugel heraus. Er musterte sie im schwachen Licht des Morgengrauens, das immer mehr durch die Öffnungen von außen in die Höhle drang. Er hatte die richtige Kugel herausgeholt und tippte mit einer seiner Krallen dagegen, woraufhin sie aufleuchtete.

    „Muss das jetzt sein?“, murrte Jimmy, als Max sich mit der hellen Lichtkugel zu ihnen gesellte.

    „Wir haben noch eine Nachricht von Mew mitbekommen, die wir im Privaten lesen sollten“, sagte er mit schuldbewusster Miene. „Ich weiß, dass wir schlafen wollen, aber meint ihr nicht, wir sollten-“

    „Wenn du sie unbedingt lesen willst, dann tu das ruhig Max“, knurrte Iro und drehte sich auf dem Heu von der hellen Lichtkugel weg. „Nur erzähl uns dann von deren Inhalt, wenn wir wieder wach sind, einverstanden?“

    Max fiel kein Argument gegen diesen Vorschlag ein. Mit mildem Lächeln beobachtete er seine Freunde dabei, wie sie mit einem Mal offenbar fest einschliefen und laut atmeten. Er jedoch griff nach dem Beutel und holte jenes Säckchen aus diesem hervor, das Mew ihnen zukommen ließ. Sein Inhalt fühlte sich wie jene leuchtende Glaskugel in seiner rechten Hand an und tatsächlich war es eine solche, als er sie herausholte. Sie war etwas kleiner und hatte vielerlei Verzierungen, die blätterbesetzten Ranken ähnelten. Ein schwaches, rosafarbenes Licht schimmerte aus ihrem Inneren hervor und wieder mal fühlte sich Max seltsamerweise an jenem Albtraum erinnert, in dem er sieben Lichter in verschiedenen Farben gesehen hatte. Das Licht aus der Kugel war eines davon. Max wollte schon dagegen tippen, weil er neugierig war, ob dieser Orb eine besondere Fähigkeit hatte. Doch beließ er es dabei, denn er hatte das Gefühl, das etwas zu Spektakuläres passieren würde. Und dann könnte er es verstehen, wenn Iro ihn dafür ungespitzt in den Boden hauen würde.

    Verdient hätte ich es, dachte Max im Stillen und er dachte an jene Worte, die Viridium ihm mitgeteilt hatte. Doch er schüttelte den Kopf. Es war weder die Zeit noch die Gelegenheit, um über so etwas nachzudenken. Er suchte daher das eingerollte Blatt, das ihnen mit dem Säckchen gegeben wurde, löste die Kordel auf und entrollte das Blatt. Eine ziemlich krakelige Handschrift kam zum Vorschein und leise fluchte Max vor sich hin. Er fürchtete, es würde viel zu viel Energie in Anspruch nehmen, diese Hieroglyphen zu entziffern. Doch zu seiner Überraschung gewöhnte er sich schnell an das Schriftbild und innerhalb weniger Minuten konnte er das Wesentliche der Nachricht ausmachen:


    Führt diesen Orb stets mit euch. Ich habe in diesen sowohl einen Teil meiner Kraft als auch einen Teil meines Bewusstseins gespeichert. Wenn ihr den anderen Wächtern begegnet und sie sollten euch anfangs nicht glauben, dass Kyurem tatsächlich zurückkehrt, so zeigt ihnen diesen Orb hervor. Ich werde erscheinen und persönlichen mit ihnen sprechen, auch wenn mein richtiger Körper nachwievor mit dem Baum des Anfangs verbunden ist.


    Mir ist zudem wieder eingefallen, wo sich der LAwinenberg befindet, auf dem Arktos meist residiert. Er befindet sich im hohen Norden. Damit ihr wisst, in welche Richtung ihr gehen müsst. Passiert die Schädelwüste sowie die Firntundra, dann werdet ihr auf den Lawinenberg stoßen

    Viel Glück!


    Max‘ Mund formte sich zu einem Lächeln. Dankbarkeit überkam ihn, dass Mew diese wichtigen Informationen nachträglich festgehalten hatte. Sie hätten sonst sehr viel Zeit damit verschwendet, in eventuell falsche Richtungen zu laufen. Zufrieden rollte er das Blatt wieder zusammen und auch er hatte nun endlich das Gefühl, sich mit gutem Gewissen schlafen legen zu können.




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