Beiträge von Tyto

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    Kurzes kleines Update

    Ich hätte gerne am Artfight teilgenommen, aber da ich schon seit Wochen Urlaubsvertretung mache, komme ich leider zu fast nichts. Weiter als bis zur Anmeldung auf der Website bin ich bisher nicht gekommen, was schon ein ziemliches Armutszeugnis ist.

    Aus diesem Grund gibt es nur ein paar schnelle Skizzen und Bleistiftzeichnungen, die ich in der wenigen Zeit gezeichnet habe, die mir geblieben ist.






    Hallöchen,


    ich habe schon lange keinen Kommentar mehr im FF-Bereich hinterlassen, da bot sich deine Geschichte geradezu an.


    Fangen wir mal einfach bei Minato und Akihiro an. Ich finde, dass ihre Charakterzüge sehr gut miteinander funktionieren (harmonieren). Minato als Erzähler trägt den Text ziemlich stark. Seine trockene Art, seine Selbstironie und seine Kommentare auf alles und jeden haben mich oft zum Schmunzeln gebracht. Auch die Dynamik zwischen ihm und Akihiro fand ich sehr gelungen. Man merkt schnell, warum die beiden trotz ihrer völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten befreundet sind.

    Besonders gefallen hat mir, dass sich viele Szenen sehr natürlich anfühlen. Das gemeinsame Zocken, die Ramen, die Gespräche im Konbini oder später die Begegnung mit Marie haben eine angenehme Slice-of-Life-Atmosphäre.

    Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch.

    Der größte ist für mich das „Pacing“. Die eigentliche Geschichte beginnt gefühlt erst mit Maries Ankunft, davor wird sehr viel Zeit auf Hintergrundinformationen verwendet. Das ist zwar alles nicht uninteressant, aber stellenweise hatte ich das Gefühl, dass die Handlung etwas auf der Stelle tritt. Gerade der längere Abschnitt rund um die Gilde und die Goblin-Schlacht zieht sich für meinen Geschmack etwas.

    Was mir außerdem in Kapitel 1 und teilweise auch in Kapitel 3 aufgefallen ist: Bei Dialogen habe ich hin und wieder den Überblick verloren, wer gerade spricht. Nicht immer, aber so, dass ich einzelne Absätze noch einmal lesen musste. Kapitel 2 fand ich in der Hinsicht deutlich klarer.


    Bei Marie bin ich außerdem noch etwas zwiegespalten. Sie ist sympathisch, keine Frage, aber aktuell wirkt sie noch sehr perfekt. Sie ist freundlich, höflich, dankbar und scheint an allem Gefallen zu finden. Der kleine Herd-Zwischenfall am Ende war deshalb tatsächlich eine meiner Lieblingsstellen mit ihr, weil sie dadurch sofort menschlicher wirkt. Ich hoffe, dass später noch mehr solcher Eigenheiten oder Schwächen dazukommen.

    Sprachlich liest sich das Ganze angenehm flüssig. Man merkt auch, dass du gerne ausführlich erzählst, was mit dem lockeren Ton und der Ich-Perspektive super passt.

    Unterm Strich hat mir die Geschichte bis hierher wirklich Spaß gemacht. Vor allem Minato und seine Sicht auf die Welt sind für mich aktuell der größte Pluspunkt. Ich bin jedenfalls neugierig, wie das Zusammenleben mit Marie weiterläuft und welche Rolle die anderen Figuren später noch spielen werden. Nebenfiguren, insbesondere die Mitspieler aus der Gilde, sind in Kapitel 2 und 3 etwas in den Hintergrund gerückt. Das ist an sich kein Problem, weil der Fokus dort klar auf Marie und der neuen Wohnsituation, sowie der Schulalltag liegt. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass Figuren wie Katsu, Osamu und Yu (ich hoffe ich habe die Namen alle richtig xD) später noch eine größere Rolle spielen werden. Gerade bei Katsu hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass da noch mehr dahintersteckt. Vielleicht ein Mädchen?? Generell ist für mich momentan noch nicht ganz ersichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte langfristig entwickeln soll. Im ersten Kapitel hatte ich durch verschiedene Hinweise den Eindruck, dass im Hintergrund eine größere Geschichte aufgebaut wird. In den Kapiteln 2 und 3 verschiebt sich der Fokus jedoch, sodass dieser Eindruck für mich etwas verloren geht. Außerdem musste ich mehrmals an Tron denken.


    Ich bin gespannt in welche Richtung du uns führst.

    Kapitel 23 - Mike


    Aufgewühlt war gar kein Ausdruck für das, was ich fühlte, als ich mich auf mein Bett sinken ließ. Eigentlich hatte ich nur kurz durchatmen wollen, doch stattdessen saß ich wie erstarrt da. Mein Herz schlug längst wieder ruhiger, aber innerlich fand ich keine Ruhe. Ich hatte ihr diesen Satz einfach entgegengeschleudert. Es hat sich angefühlt wie ein Pflaster, das man schnell abriss – nur dass die Stellen, an denen es auf der Haut geklebt hatte, immer noch wehtaten. Jetzt wusste sie es. Dieser eine Satz lief in Dauerschleife durch meinen Kopf, und jedes Mal fühlte er sich anders an. Erleichternd, weil ich es endlich ausgesprochen hatte. Schwer, weil ich es mir nie so vorgestellt hatte. Und beängstigend, weil ich keine Ahnung hatte, was sie jetzt darüber dachte. Viele Male hatte ich mir vorgestellt, wie ich es ihr sagen würde. In diesen Vorstellungen war ich immer ruhig gewesen und gut vorbereitet, damit eben nicht das passierte, was gerade vor ein paar Minuten passiert war. Ich ließ mich nach hinten fallen und starrte an die Decke. Mir war gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zumute. „Super gemacht“, dachte ich beschämt. „Ganz ruhig, wie ein Erwachsener.“

    Jetzt war es wieder schlimmer, weil ich nicht wusste, ob meine Mutter es für sich behalten konnte. Kurz darauf wieder einfacher, weil ich an Chloe dachte und daran, dass sie jetzt sicher irgendetwas Aufmunterndes gesagt hätte, um die schlimmeren Gedanken zu verscheuchen. Erst als ich Schritte auf der Treppe hörte, richtete sich meine Aufmerksamkeit wieder nach außen. Die Schritte hielten direkt vor meiner Tür an, und ich konnte spüren, wie selbst sie damit haderte zu klopfen, so als wäre sie ebenfalls noch nicht bereit dafür. Ich hielt unwillkürlich den Atem an. Insgeheim hoffte ich, sie würde wieder umdrehen. Dass wir beide einfach so tun könnten, als wäre das alles nicht passiert. Es klopfte leise, und es klang wie eine Frage. Die Hoffnung der Zurückweisung konnte man deutlich raushören.

    „Mike?“

    Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, gar nicht zu antworten. Oder sie zu bitten, wieder zu gehen, bevor ich sie doch mit einem „Ja“ hereinbat.

    Die Tür öffnete sich, und sie blieb erst einmal im Türrahmen stehen, auf Abstand bedacht.

    „Ich komme kurz rein, ja?“, fragte sie.

    Ich nickte nur, als ich mich wieder aufrichtete, blieb dennoch auf meinem Bett sitzen. Sie setzte sich nicht zu mir. Stattdessen zog sie den Schreibtischstuhl ein Stück heran und ließ Sich darauf langsam sinken. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Dieser Abstand fühlte sich wie eine Befürchtung an, von der ich hoffte, dass sie nicht wahr wurde.

    „Du bist ziemlich schnell verschwunden“, sagte sie schließlich.

    „Ja, kann sein“, antwortete ich und achtete darauf, nichts zu sagen, was die Situation verschlechtern könnte. Wir waren beide unsicher; in ihrem Verhalten konnte ich es deutlich erkennen. Sie sah sich im Zimmer um, als wäre sie nicht schon tausendmal hier gewesen.

    „Das war viel auf einmal.“

    Ich wusste genau, wie sie das meinte. Sie sprach mir aus meiner Seele mit diesem Satz und ich fuhr mir nervös durchs Haar.

    „Ich weiß. So hatte ich das sicher nicht geplant.“

    „Du hattest einen Plan?“, fragte sie überrascht und hörte auf, mein Zimmer zu betrachten.

    „Zumindest dachte ich das.“ Ich atmete aus. „Hat offensichtlich nicht ganz funktioniert.“ Ich gab ein schwaches Lächeln von mir. Vielleicht hoffte ich, die Stimmung dadurch ein wenig aufzulockern, wenn ich selbst darüber scherzte. Zumindest nickte sie langsam. „Seit wann weißt du das?“

    Die Frage kam nicht unerwartet, und trotzdem musste ich überlegen, wie ich darauf antworten sollte. Weil es dafür kein konkretes Datum gab.

    „Schon lange“, sagte ich schließlich. „Ich hab’s nur sehr lange ignoriert. Und dann noch länger versucht, es niemanden merken zu lassen.“

    „Aber wieso?“

    Ein kurzes, trockenes Lachen entwich mir.

    „Im Ernst?“ Ich sah sie wütend an. „Weil es einfacher war.“ Ich dachte an Ian. An meinen besten Freund. Denn ich glaubte, dass er länger mein Freund bleiben würde, wenn ich ihm nur lange genug nicht die Wahrheit sagte. Das waren kindische Gedanken, das wusste ich. Doch sie waren entstanden, als ich selbst noch ein Kind gewesen war. Trotzdem verlor ich kein Sterbenswörtchen darüber. Erschrocken sah sie mich an. Erst da bemerkte ich, dass ich zu schroff gewesen war.

    „Tut mir leid. Ich meinte nur …“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „So war es für mich einfach leichter.“

    „Und du dachtest, du kannst mit niemandem darüber reden?“

    „Ich wollte nicht, dass plötzlich alles anders wird.“

    Dass sie sich zuvor in meinem Zimmer umgesehen hatte, war Beweis genug. Sie betrachtete bereits jetzt schon alles mit anderen Augen und stellte sich vermutlich die Frage, warum sie es nie bemerkt hatte, und was ihr entgangen war.

    „Und Chloe?“, fragte sie vorsichtig. „Weiß sie Bescheid?“

    Wieder nickte ich. „Ja. Schon länger. Zwischen uns war nie, also … sie war eigentlich die Einzige, bei der ich nichts vorspielen musste“, gestand ich ehrlich. Zum ersten Mal fühlte sich unser Gespräch dabei nicht mehr gezwungen an und diesmal huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht.

    „Das erklärt so einiges“, sagte sie mehr zu sich selbst.

    Nach einer Weile stand sie auf, strich sich ihre Hose glatt, ging ein paar Schritte und blieb dann noch einmal stehen.

    „Ich brauche wahrscheinlich etwas Zeit, um das alles einzuordnen“, erklärte sie offen.

    „Nicht, weil es schlimm ist“, fügte sie schnell hinzu. „Sondern weil mir gerade klar wird, dass du das schon lange ganz allein mit dir ausgemacht hast.“

    Ich sah sie an und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

    „Aber du hast gerade nichts falsch gemacht“, ergänzte sie schnell, weil ich nicht antwortete. Ich war ihr trotzdem dankbar für ihre Ehrlichkeit.

    „Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast,“ beendete sie unser Gespräch und Sie klang fast stolz dabei, bevor sie mein Zimmer verlies und mein Herz ein wenig leichter zurückließ.


    Klar war Chloe völlig außer sich vor Freude, als ich ihr am nächsten Tag davon erzählte, und ich musste sie regelrecht bremsen, damit sie nicht sofort loslief und es jedem weitererzählte. Es war die letzte Woche vor den Weihnachtsferien und ich wollte das mit Sicherheit noch nicht an die große Glocke hängen. Sobald wir allein waren, redete sie fast ohne Pause darüber, und darüber, wie gern sie mich unterstützen wollte. Doch da war noch ein anderes Thema, dem ich nicht länger aus dem Weg gehen konnte. Zumindest ließ mein Kopf mir damit keine Ruhe. Auch wenn ich es nicht wollte, es ärgerte mich, dass Ian die ganze Woche nicht aufgetaucht war. Er meldete sich nicht. Nicht einmal ein winziges Lebenszeichen. Wenn ich Ian nicht besser kennen würde, könnte man wirklich davon ausgehen. Meistens tauchte er aus unerklärlichen Gründen ab und Wochen später wieder auf, so als wäre nie etwas gewesen. Ich saß in der Küche und starrte auf den dunklen Bildschirm und überlegte, ob ich ihn nicht einfach anrufen sollte. Vielleicht war irgendetwas dazwischengekommen. Gründe gab es bei Ian genug. Wenn wirklich etwas nicht stimmte, dann würde Abwarten nichts bringen. Ian war nicht der Typ, der um Hilfe rief – eher der, der sich zu viel auflädt, bis es zu viel wurde. Ich griff erneut zum Handy, diesmal entschlossener, und scrollte durch meine Kontakte. Sein Name leuchtete mir entgegen.

    „Bitte geh ran“, flehte ich, während ich auf Anrufen tippte. Ich wartete, doch es klingelte durch und niemand ging ran. Ich ließ das Handy sinken und starrte einen Moment lang auf die Arbeitsplatte in der Küche. Ich atmete tief durch, schob die Gedanken beiseite und stand schließlich auf. zog mir meine Jacke über, schnappte mir meinen Rucksack und verließ das Haus. Draußen war es kühl und der Himmel grau verhangen. Der Weg zur Schule war mir vertraut. Erst Laufen, dann ein Stück mit der Straßenbahn, dann wieder laufen. Automatisch setzten sich meine Füße einen vor den anderen, während mein Kopf weiter bei Ian blieb. Jede Straßenecke oder Kreuzung ließ mich kurz aufblicken, als würde ich ihn irgendwo stehen sehen. Natürlich war da niemand. Nur andere Schüler, die in kleinen Grüppchen unterwegs waren. Während ich durch das Schultor ging, zog ich mein Handy noch einmal aus der Tasche und sah auf den Bildschirm. Kein Rückruf. Nichts. Ich steckte es wieder verärgert weg.

    „Wenn du heute nicht auftauchst...", dachte ich, während ich das Gebäude betrat, „…dann suche ich dich."

    Der Vormittag verlief anders als sonst, der letzte Schultag vor den Ferien eben. Statt Unterrichtsplänen und Stundenwechseln wurden alle noch verbliebenen Schüler in einem einzigen Klassenraum zusammengeführt. Irgendjemand hatte die Tische halb zur Seite geschoben, die Stühle standen kreuz und quer, und die Stimmung war auffallend locker.

    In den ersten beiden Stunden durften wir frei entscheiden, was wir machen wollten. Einige spielten Karten, andere wiederum saßen in kleinen Gruppen zusammen und redeten durcheinander, kicherten und verplanten bereits ihre wohlverdienten Ferien. Jemand versuchte Musik leise über sein Handy laufen zu lassen, bis unsere Lehrerin mahnend den Finger hob und die Musik wieder verstummt war. Ich setzte mich neben Chloe ans Fenster. Sie lehnte sich leicht zu mir rüber, ihre Beine waren auf dem Stuhl angezogen, und sie stupste mich sacht mit dem Ellenbogen an.

    „Hast du was in deinen Ferien geplant?“, fragte sie nach und wirkte genauso müde wie unsere Lehrerin.

    Ich schüttelte leicht den Kopf, richtete meine Brille und ließ den Blick über den Schulhof schweifen, der draußen grau und leer dalag. „Noch nichts Konkretes“, antwortete ich schließlich. „Vielleicht ein bisschen lernen, wie immer. Viel nichts tun, schätze ich. Und was ist mit dir?“ Chloe brummte zustimmend. „Klingt ehrlich gesagt ziemlich gut.“

    Sie folgte meinem Blick hinaus. „Meine Eltern wollen nicht, dass ich alleine zu Hause bleibe. Sie zwingen mich mit nach Fractalia zu kommen, Ski fahren. Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust darauf und würde am liebsten hierbleiben.“

    „Das hattest du gar nicht erwähnt“, gestand ich und konnte meine Enttäuschung kaum verstecken.

    „Ich weiß, ich dachte auch vor kurzem noch das ich hierbleibe“, sagte sie gequält traurig. „Es tut mir so leid, Mike. Ich wäre gerne hiergeblieben, dann hätten wir zusammen viel nichts getan.“

    Über ihre Wortwahl musste ich doch schmunzeln.

    „Und was ist mit Ian?“, fragte Chloe plötzlich leise, ich befürchtete sie wollte von ihrem Thema ablenken, damit ich nicht länger darüber nachdachte, dass sie wegfuhr.

    Ich zuckte kaum merklich zusammen. „Keine Ahnung“, gab ich ausweichend zurück. „Er meldet sich nicht. Wie immer.“

    Sie musterte mich von der Seite, sagte aber nichts weiter. Stattdessen nickte sie langsam, als hätte sie sich die Antwort bereits gedacht. „Wenn du willst…“, begann sie, brach aber ab und zuckte mit den Schultern. „Du weißt ja.“

    „Ja“, seufzte ich. Kurz darauf ging unsere Lehrerin nach vorne und klatschte einmal in die Hände. „So, Leute, wir machen gleich eine kleine Pause. Danach schauen wir einen Film.“ Ein leises Raunen ging durch den Raum, gefolgt von vereinzeltem Applaus. Chloe grinste schief und beugte sich näher zu mir.

    „Hoffentlich was romantisches.“


    Nach der kurzen Pause wurde es wieder etwas geordneter. Widerwillig standen einige auf, schoben Stühle zurück an ihre Plätze und halfen dabei, die Tische wieder in halbwegs gerade Reihen zu rücken. Es quietschte und rumpelte, irgendwo kippte fast ein Stuhl um, begleitet von Gelächter. Die Lehrerin stellte ihren Laptop auf den Lehrertisch, schloss den Beamer an und tippte sich durch ein paar Fenster, während das Gerät leise zu surren begann. Nach und nach wurde das Licht gedimmt, bis der Raum halbdunkel war und die Gespräche allmählich verebbten, bis nur noch vereinzeltes Kichern zu hören war. Ich ließ mich in den Stuhl zurücksinken und atmete kurz auf. Kaum hatte ich mich bequem hingesetzt, spürte ich einen Luftzug direkt hinter uns. Ein weiterer Stuhl wurde absichtlich langsam herangezogen.

    „Na, Zufälle gibt’s“, sagte David hinter mir und beugte sich ein Stück nach vorne. Ich konnte seinen Blick regelrecht im Nacken spüren. Als ich mich leicht zu ihm umdrehte, lächelte er mich verschwörerisch an. Irgendwie hätte ich ahnen können, dass das Gespräch nach Pokékunde nicht das letzte war. Ich verdrehte die Augen und richtete meine Konzentration wieder nach vorne. Gar nicht erst auf sein Geschwafel eingehen. Chloe hatte das natürlich bemerkt. Sie beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Ignorier ihn einfach.“

    „Ich versuche es“, versprach ich ihr. Hinter uns räusperte sich David demonstrativ, sagte aber nichts mehr. Der Film begann, und erstaunlicherweise wurde es wirklich ruhig. Sogar hinter uns blieb es die meiste Zeit still. Es folgte hin und wieder ein Kommentar von David, waren aber alle samt auf den Film bezogen. Ich dachte nicht weiter darüber nach und ließ meinen Blick über die flackernden Bilder auf der Leinwand gleiten. Irgendwann spürte ich ein leichtes Gewicht an meiner Seite. Chloe hatte sich an mich gelehnt, ganz selbstverständlich, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ihr Kopf ruhte an meiner Schulter und ich legte meinen Arm um sie.

    Sie blieb die meiste Zeit bei mir ihm Arm, bis plötzlich das Pausenklingeln durch den Raum schrillte. Mehrere Schüler stöhnten auf und jemand beschwerte sich lautstark, dass es „gerade spannend geworden“ sei – was offensichtlich gelogen war. Chloe hob den Kopf, blinzelte verschlafen und sah mich an.

    „Sollen wir ein wenig raus an die frische Luft?“, fragte sie mich leise und streckte sich ausgiebig.

    Ich nickte. „Gerne.“

    Wir standen auf, schnappten uns unsere Jacken und schoben uns mit den anderen Richtung Tür. Draußen kam uns die kalte und klare Winterluft entgegen und war ein willkommener Kontrast zum stickigen Klassenzimmer. Die alten Beton-Tischtennisplatten lagen etwas abseits, halb von kahlen Büschen eingerahmt, aber wir schlugen diese Richtung ein. Als wir näherkamen, sah ich schon, dass dort jemand saß.

    Chloes Freundinnen.


    Sie hockten auf der Kante einer der Platten und winkten uns kurz zu, als sie uns erkannten. Wir gesellten uns zu ihnen, lehnten uns gegen den kalten Beton und wechselten ein paar Worte über den langweiligen Unterricht. Ich schaute über den Pausenhof, beobachtete einige Schüler, die in kleinen Grüppchen herumstanden, miteinander lachten und sich gegenseitig mit Schneereste bewarfen. Dann fiel mir aber eine Person am anderen Ende des Schulhofes auf. Es war David, der direkt auf uns zuzulaufen schien.

    „Verdammt…“, stieß ich fluchend aus. Warum gerade an unserem letzten Schultag.

    Chloe bemerkte sofort meine Anspannung. „Was ist los?“

    Ich nickte unauffällig in Davids Richtung. Sie folgte meinem Blick, verdrehte die Augen und seufzte leise. „Ernsthaft?“

    Chloes Freundinnen richteten sich etwas auf, ebenfalls auf unser Problem aufmerksam geworden. Ich versuchte nicht wegzusehen, während David näherkam.

    „Hey“, sagte eine von Chloes Freundinnen leise, „ist das nicht…?“

    „Ja“, stöhnte Chloe und rollte erneut mit den Augen, damit sie verstanden, dass er Ärger bedeutete. „Ignorieren. Einfach ignorieren.“ Wiederholte sie ihr heutiges Mantra.

    David kam näher, die Hände in seiner Winterjacke vergraben, mit seinem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht, das mir sofort den Magen verkrampfte ließ. Er blieb schließlich direkt vor uns stehen, musterte erst Chloe, dann mich.

    „Na, was für eine gemütliche Runde“, meinte er locker. „Stör ich?“

    „Ja“, sagte Chloe ohne zu zögern.

    Ein kurzes, überraschtes Lachen entwich ihm. „Wow. Das nenne ich direkt!“

    David ließ sich davon kein bisschen beeindrucken. Das Gegenteil passierte, sein Grinsen wurde nur breiter.

    „Ach komm schon“, sagte er und trat einen Schritt näher, als wäre er bereits eingeladen worden. „Ich dachte mir, ich gesell mich einfach mal dazu. Kann doch nicht schaden, oder?“

    Niemand antwortete sofort.

    Chloe verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir sind bereits in bester Gesellschaft, wir brauchen dich hier nicht.“

    „So so, dass sehe ich anders“, entgegnete David und ließ den Blick demonstrativ über die Gruppe schweifen. Eine von Chloes Freundinnen schnaubte leise. „Komisch, wir hatten gerade Spaß, bis du aufgetaucht bist.“

    David tat erneut so, als hätte er das nicht gehört, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Außerdem“, fuhr er fort, „ich wollte ja nur nett sein. Man wird doch wohl noch auf dem Pausenhof stehen dürfen wo man möchte.“

    „Nicht bei uns“, sagte Chloe diesmal schon etwas ruhig, aber unmissverständlich.

    Plötzlich änderte sich sein Blick und auch seine Stimme, als er Chloe genauer ansah.

    „Weißt du“, sagte David und lehnte sich ein Stück näher zu Chloe, „du bist heute besonders… direkt.“ Seine Augen glitten offen und bewusst zu lange über sie.

    „Steht dir irgendwie,“ schmeichelte er ihr mit einem süffisanten Grinsen.

    Chloe verzog angewidert das Gesicht. „Lass es.“

    „Ach komm schon“, erwiderte er. „Ich mag Frauen, die wissen, was sie wollen.“

    Das reichte. Ich trat einen halben Schritt nach vorne, stellte mich unbewusst ein Stück zwischen ihn und Chloe. „Sie hat ziemlich klar gesagt, dass sie das nicht will.“ Ich wusste nicht, woher ich gerade meinen Mut nahm. Doch es zeigte bereits Wirkung, Davids Grinsen wurde blasser.

    „Du solltest dich da besser raushalten, Mike.“

    „Oder was?“, entgegnete ich, bevor ich darüber nachdenken konnte mit wem ich mich gerade versuchte anzulegen. Das letzte Mal hatte ich mich nicht getraut, weil es um mich ging und weil es mir egal war. Aber wie er Chloe ansah, machte mich wütend. Ich erreichte damit aber was ich wollte, er ließ von Chloe ob, auch wenn er auf mich zukam. Er blieb nur einen Schritt entfernt stehen und ich konnte seinen Atem sehen als er genervt aus dem Mund ausatmete.

    „Denkst du, sie braucht jemanden, der für sie spricht?“

    „Nein“, sagte ich ruhig, auch wenn mein Herz raste. „Aber sie braucht auch niemanden, der sie belästigt.“ David verzog das Gesicht, als hätte ich ihn persönlich beleidigt, und machte noch einen Schritt nach vorn. Instinktiv wich ich zurück, doch nach kaum einem halben Schritt spürte ich plötzlich den harten, kalten Widerstand in meinem Rücken. Die Tischtennisplatte.

    Der Beton drückte sich unangenehm in meinen Rücken und ließ mir keinen Raum mehr zum Auszuweichen. Ich hob das Kinn ein Stück, auch wenn mein Puls mir bis in die Ohren schlug. „Was hast du vor?“

    „Ich dachte immer du versteckst dich hinter deinem Freund, aber wenn er nicht da ist, bist du ganz schön vorlaut.“ Er lachte trocken auf, und stützte eine Hand neben mir auf der Tischtennisplatte ab. Hinter mir hörte ich Chloe scharf einatmen. „David, hör auf“, sagte sie fest. „Jetzt sofort“.

    Er reagierte nicht auf Chloes Befehle. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass er wartete – darauf, was ich als Nächstes tun und wie weit ich gehen würde. Ich wollte mich nicht mit ihm prügeln; dafür war ich nicht der Richtige. Ian hingegen hätte eine solche Provokation mit Freuden angenommen.

    Dann machte er endlich zu meiner Erleichterung einen halben Schritt zurück.

    „Ihr seid echt anstrengend“, meinte er und schnaubte verärgert aus. „Man will einmal nett sein.“

    „Dann lern, was nett bedeutet“, fauchte Chloe.


    David ließ demonstrativ die Hand von der Platte sinken, doch seine Augen verrieten mir, dass das hier noch nicht vorbei war. Er wollte sich gerade abwenden als er gegen etwas stieß was direkt hinter ihm stand. Wie aus dem Nichts stand er plötzlich hinter David. Ich hatte ihn weder kommen sehen noch gehört. Wie als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht. Aber was noch merkwürdiger war, war die Kleidung, die er trug. Sie passte nicht richtig, hing ihm zu locker an den Schultern, als hätte er sie irgendwo aufgesammelt. Es waren nicht seine Sachen, das wusste ich sofort.

    Ich war erleichtert ihn zu sehen, doch dieses Gefühl schlug sofort um. Etwas stimmte nicht mit ihm und das lag nicht an der fremden Kleidung. Er sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Sein Gesicht war blasser als sonst, und unter seinen Augen lagen dunkle, tiefe Ringe, die ihn älter wirken ließen. Er war dünner geworden, und seine Haltung war angespannt, leicht nach vorn geneigt, als kostete es ihn Kraft, überhaupt aufrecht zu stehen.

    „Ian…“, brachte ich entsetzt hervor.

    Chloe sah ihn jetzt auch. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von Ärger zu blankem Erstaunen. „Was…?“

    Ian machte einen Schritt nach vorn und David stolperte automatisch einen Schritt nach hinten, als Ian ihn von mir wegzog. Ein überraschter Laut entwich ihm. Ian ließ ihn erst los, als genug Abstand zwischen uns war.

    „Verzieh dich“, sagte Ian.

    David blinzelte irritiert und musterte Ian nun genauer. Sein Grinsen war verschwunden. „Was willst du hier…?“, begann er, doch Ian unterbrach ihn sofort.

    „Das geht dich einen Scheißdreck an“, sagte er. „und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst.“

    Für einen Moment schien David etwas erwidern zu wollen. Seine Lippen öffneten sich, schlossen sich jedoch schnell wieder. Irgendetwas an Ians Ausstrahlung ließ ihn zögern. Vielleicht waren es aber auch seine eiskalten, stechenden Augen. Ich kannte ihn. Das war sein Blick, „bis hierhin und nicht weiter, außer du willst ärger.“

    „Bist du ihr Babysitter oder was?“, stammelte David schließlich verärgert, versuchte es mit Spott, doch seine Stimme hatte an Schneid verloren.

    Ian machte einen halben Schritt auf ihn zu und David stolperte fast Rückwärts, dann drehte er sich um und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Ian blieb noch einen Moment stehen, sein Blick auf Davids Rücken geheftet. Dann wandte er sich langsam zu mir um. Seine ersten Worte, die er an mich richtete irritierten mich, weil sie nicht zum alten Ian passten.


    „Tut mir leid“, sagte er so leise, dass ich Mühe hatte ihn überhaupt zu verstehen. Ich hatte mich aber nicht verhört.

    Er blieb stehen, fuhr sich fahrig durch die Haare und atmete tief ein. Mir fiel dabei auf, wie sehr seine Hände zitterten. Es tat ihm leid. Ich war mir nicht Ganz sicher ob mir diese Entschuldigung reichte. Ich wollte ihm hundert Dinge auf einmal sagen. Meine Fragen häuften sich bereits ins Unendliche. Meine Vorwürfe hingegen verblassten bei seinem Anblick. Doch keines dieser Dinge sprach ich laut aus.

    „Was ist passiert?“, fragte ich unterdessen.

    Seine lockere Haltung die er mittlerweile angenommen hatte, sowie die müden Augen täuschten. Er war angespannt. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Ich stand ihm gegenüber und hatte plötzlich das Gefühl, ihn nach dieser Woche kaum wiederzuerkennen.

    „Du siehst scheiße aus,“ rutschte es ehrlich aus mir heraus.

    „Ich weiß“, gestand es ohne jegliche Widerworte. Er schabte verlegen mit seinen Füßen über den Boden.

    „Es ist sehr kompliziert und zu lange um es dir hier jetzt ausführlich zu erklären“, erklärte er mir. „Außerdem weiß ich nicht einmal, wo ich anfangen soll.“ Ich verschränkte die Arme, damit symbolisierte ich ihm, dass ich Zeit hatte und er anfangen konnte.

    „Dann fang irgendwo an.“

    „Ich kann nicht lange bleiben“, sagte er schließlich gegen meine Erwartung. „Ich bin nur hier, weil ich dich sehen musste.“

    Ich runzelte die Stirn, weil das alles keinen Sinn ergab. „Du bist doch gerade erst gekommen?“

    Ian sah kurz weg, hinüber zum Rand des Hofes, wo man die anderen Schüler noch erkennen konnte. Dann sah er mich wieder an.

    „Ich kann nicht länger bleiben,“ wiederholte er sich, als hätte ich ihn nicht schon beim ersten Mal verstanden.

    Mein Magen zog sich zusammen und mein Kopf begann zu schwirren. „Ian, was zur Hölle…“

    Er hob die Hand leicht, als wollte er mich bremsen.

    „Hör mir bitte erst zu.“ Ich sah ihn nur mit halboffenem Mund an. Na gut, soll er sich erklären, Hauptsache er fing damit an.

    „Ich brauche deine Hilfe.“

    „Meine Hilfe?“, fragte ich empört.


    Er nickte schwach. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich tatsächlich… besser. Als wäre ich wieder wichtig. Doch dieses Gefühl kippte schnell wieder und verwandelte sich in Wut.

    „Ach so“, sagte ich aufgebracht.

    Ian runzelte leicht die Stirn. „Mike, ich…“

    Diesmal hob ich die Hand, damit er den Mund hielt. „Nein, warte.“

    Ich lachte kurz auf, aber es klang bitter. „Du verschwindest einfach eine ganze Woche, mal wieder. Hinterlässt keine Nachricht, meldest dich nicht und rufst nicht zurück.“

    Ian öffnete den Mund, doch ich redete weiter und ließ ihm diesmal keine Chance sich zu erklären.

    „Ich dachte ernsthaft, dir wäre irgendwas passiert“, fuhr ich fort. „Ich habe dich angerufen. Mehrmals.“ Sein Blick senkte sich, wie ein geschlagener Yorkleff.

    „Und jetzt tauchst du einfach auf“, brüllte ich ihn fast an. „Und das Erste, was du sagst, ist, dass du mich brauchst?“

    Die Worte hallten vermutlich nicht nur in meinem Kopf nach. Ich war so abgelenkt gewesen, dass ich Chloe und die anderen kaum noch wahrgenommen hatte. Sie hatten sich ein Stück zurückgezogen und hielten sich aus dem Gespräch zwischen Ian und mir heraus. Doch das hatten sie sicherlich mitbekommen.

    „So meinte ich das nicht…“ Ich schüttelte den Kopf.

    „Du verschwindest, ohne mir irgendetwas zu sagen und kommst erst wieder, wenn du Hilfe brauchst.“ Die Enttäuschung in meiner Stimme war kaum zu überhören.

    „Weißt du, wie sich das anfühlt?“, setzte ich nach. Ian sagte wieder nichts, was mich annehmen ließ, dass ich Recht hatte. Seine Schultern sanken ein kleines Stück, als würde jedes meiner Worte ihn weiter nach unten drücken.

    „Als wäre ich nur dann wichtig, wenn du gerade nicht alleine klarkommst. So war es schon mit dieser blöden Zeitung und dem Symbol.“

    Sein Blick blieb kurz auf mir liegen, doch dann wanderte er wieder über meine Schulter hinweg. Zum Schulhof. Zu den Fenstern des Gebäudes. Zu den Gruppen von Schülern, die lachend über den Platz liefen. Jeder noch so kleine Laut schien ihn zusammenzucken zu lassen. Ein knallendes Geräusch von irgendwoher ließ seinen Kopf sofort herumfahren. Nur ein Schüler, der gegen einen Mülleimer getreten hatte. Ich bemerkte es jetzt erst richtig. Die Mischung in seinem Gesicht: Schuld. Erschöpfung. Seine Augen wirkten wach, und angestrengt, als würde sein Kopf ständig auf der Suche nach Gefahr sein.

    „Ian…“, begann ich wieder, bedacht nicht zu laut zu sein. „Was ist jetzt schon wieder los?“

    Er antwortete nicht. Stattdessen sah er kurz hinter mich, dann zur Seite, dann wieder zu mir. Seine Finger zitterten leicht, als er sie ineinander verschränkte.

    „Du verhältst dich, als würdest du verfolgt werden“, sagte ich vorsichtig.

    Sein Blick zuckte zu mir zurück.

    „Wirst du?“ Schon wieder keine Antwort, als hätte ihm jemand verboten darüber zu sprechen.

    „Ian, jetzt hör auf auszuweichen“, drängte ich. „Wenn du wirklich Hilfe willst, dann sag mir endlich, was passiert ist.“

    „Nach der Schule“, flüsterte er, damit nur ich es mitbekam.

    Ich blinzelte. „Was?“

    „Komm nach der Schule zum Industriehof.“ Ich runzelte die Stirn. „Warum dort?“

    „Weil das ein sicherer Ort ist“, erklärte er mir. „Hör zu. Du darfst niemandem davon erzählen. Nicht einmal Chloe. Niemandem. Hast du verstanden?“

    „Ist das nicht etwas—“

    „Und pass auf, dass dir niemand folgt“, unterbrach er mich sofort. Ich starrte ihn an. Seine Augen hielten meine stand. Er meinte das sehr ernst.

    „Wenn dir jemand folgt“, sagte er weiter, „komm nicht dorthin.“

    „Ich weiß nicht, das klingt langsam wirklich verrückt, selbst für dich“, gestand ich ihm. Dann sah er noch einmal über meine Schulter hinweg, als hätte er wieder etwas gehört. Doch da war nichts, als ich nachsah.

    „Aber ich erkläre dir alles, versprochen“, sagte er und ein kurzer Moment verging. „Heute Abend.“


    Ian machte bereits einen Schritt zurück, für ihn war das Gespräch hiermit beendet. Sein Blick wanderte noch einmal über den Hof.

    „Ian, warte—“ Doch er ging bereits. Der Gedanke, ihn einfach wieder verschwinden zu lassen – nach allem, was er gerade gesagt hatte, traf mich mit voller Wucht, auch wenn ich ihn schon bald wieder sehen konnte. Ich fühlte mich schrecklich und dieses Gefühl, welches in mir aufkeimte erdrückte mich. Wie ein kleines Raupy im Sturm klammerte ich mich verzweifelt an den letzten Strohhalm, beim dem ich es nicht übers Herz brachte ihn loszulassen.

    „Nein.“ Ohne weiter nachzudenken griff ich nach ihm, meine Hand schloss sich um seinen rechten Arm. In dem Moment zuckte Ian heftig zusammen. Ein scharfes, unterdrücktes Stöhnen entwich ihm und ich dachte er würde gleich zusammensacken. Reflexartig riss er den Arm zurück, stolperte einen halben Schritt nach hinten und presste die Hand auf die Stelle, an der ich ihn berührt hatte.

    „Verdammt—!“, entfuhr es ihm.

    Ich erstarrte beim Anblick seines Gesichts, welches sich vor Schmerz verzerrte. Er presste nur die Lippen zusammen, als würde er versuchen, das Gefühl wegzudrücken.

    „Was…?“, begann ich, doch meine Stimme brach ab.

    „Nichts“, presste er hastig hervor. „Ist nichts.“ Er schüttelte den Kopf, wich meinem Blick aus und zog den Ärmel seiner viel zu großen Jacke tiefer über den Arm.

    „Ian!“

    Er konnte mir nicht mehr in die Augen schauen und gab euch keine Antwort

    „Ian“, wiederholte ich nun lauter und deutlicher. „Was ist mit deinem Arm?“

    „Es ist nichts“, fauchte er mich an, damit ich mich von ihm abwandte.

    Ich starrte ihn an. „Das hat sich aber fast so angehört, als hätte ich dir den Arm gebrochen, nur weil ich ihn berührt habe.“

    Er schwieg. Man sah ihm an, wie er überlegte.

    „Zeig mir deinen Arm,“ forderte ich ihn auf.

    „Mike, bitte tu das nicht.“

    „...tu was nicht?“

    Er atmete ein paar Mal tief durch, Sah mich prüfend an, als würde er überlegen, ob er lügen sollte. Ich hob beide Augenbrauen, dass er sich das bloß nicht wagen sollte. Schließlich ließ er die Schultern langsam sinken.

    „…du wirst ausrasten.“

    „Jetzt zeig ihn mir einfach.“ Zögernd griff er nach seinem Ärmel und schob ihn langsam ein Stück nach oben. Zuerst erkannte ich nur die gerötete Haut an seinem Handgelenk. Doch je weiter er den Stoff hochkrempelte, desto schlimmer wurde das, was darunter zum Vorschein kam.

    Die Haut war dunkel verfärbt, an manchen Stellen schwarzrot, und wirkte stellenweise aufgerissen, als hätte sich dort eine schwere Verbrennung gebildet. Die Wundränder waren unregelmäßig und an einigen Stellen glänzte die Haut feucht im Licht. Es sah nicht nur schmerzhaft aus, sondern begann sich zu entzünden, was mir den Atem stocken ließ.

    „Heilige Scheiße…“ Ich starrte ihn an, unfähig, etwas anderes zu sagen.

    „Ian, was ist das? Wer hat dir das angetan?“

    Er ließ den Ärmel wieder darüber gleiten, bis nichts mehr zu sehen war. Das Klingeln der Pausenglocke ertönte über dem gesamten Schulgelände. Und ich wusste, dass ich bis heute Abend waren musste, um eine vernünftige Antwort zu bekommen.







    Ein wenig verspätet, aber ich habe mich ein wenig mit dem Charakterbeschreiben beim neusten Fanart-Wettbewerb auseinandergesetzt und gesehen, dass es hier auch zum Thema kam.


    Ich beschreibe meine Charaktere grundsätzlich immer. Hier ist einfach nur wichtig, inwieweit du eine klare Linie hast und keine Abweichungen duldest oder eben dem Leser das ein oder andere selbst überlassen willst. Weniger Beschreibung regt eben die Fantasie an und gibt jedem die Möglichkeit, sich die Figur auf seine eigene Weise vorzustellen. Zu viele Details können zwar ein sehr klares Bild erzeugen, nehmen dem Leser aber manchmal genau diesen Freiraum. Ich versuche daher meist, die Merkmale zu beschreiben, die für die Handlung oder den Charakter wichtig sind, und lasse den Rest bewusst offen. So entsteht meiner Meinung nach eine gute Balance zwischen Orientierung und eigener Vorstellungskraft. Für mich hängt der Umfang der Beschreibung aber auch von der Relevanz des Charakters ab. Ein Nebendarsteller wird meist nur kurz und eher oberflächlich beschrieben, gerade so weit, dass man ihn einordnen kann. Da halte ich mich nicht lange mit Details auf. Hauptcharaktere hingegen sollten meiner Meinung nach immer zumindest eine gewisse Vorgabe bekommen. Nicht unbedingt eine seitenlange Beschreibung, aber genug Merkmale, damit der Leser ein grundlegendes Bild vor Augen hat. Das man in jedem Kapitel erwähnen muss, welche Kleidung er trägt, ist meiner Meinung nach überflüssig. Aber immer mal wieder das ein oder andere Detail deines Charakters zu erwähnen wäre von Vorteil, einfach um das Bild der Figur beim Leser präsent zu halten. Gerade bei längeren Geschichten vergisst man sonst schnell bestimmte Merkmale. Oft reichen kleine Hinweise, die sich natürlich in die Handlung einfügen. So bleibt der Charakter lebendig, ohne dass man den Leser ständig mit denselben Beschreibungen wiederholt und vermutlich auch langweilt.



    Ich weiß nicht wie es euch geht, arbeitet ihr nur an einer Geschichte oder lasst ihr euch gerne, so wie ich, auch mal dazu verleiten abzuschweifen? Mir schwirren zurzeit so viele Gedanken und Ideen durch meinen Kopf, sodass ich schon fast ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich nicht an meiner „Haupt“-Story weiterarbeite. Aber wenn ich diese Gedanken und Ideen nicht aufs Blatt bekomme, habe ich das Gefühl sie entgleiten mir.


    Deshalb notiere ich mir solche Einfälle meist sofort oder schreibe sogar ein paar Seiten dazu, wenn mich die Idee besonders packt. Und nicht selten entstehen daraus bereits die ersten paar Kapitel einer neuen Geschichte. Einerseits freue ich mich, den Gedanken festgehalten zu haben, andererseits reißt es mich natürlich immer wieder aus meinem eigentlichen Projekt heraus. Manchmal frage ich mich, ob das kreative Ablenkung oder einfach nur Prokrastination ist xD


    Wie handhabt ihr das? Bleibt ihr konsequent bei einem Projekt, bis es abgeschlossen ist, oder arbeitet ihr parallel an mehreren Geschichten?

    Heute spontan umentschieden, aber mir ist zu Ohren gekommen, dass man auch mehrere Werke abgeben darf. Sollte mich meine erste Idee noch einmal packen (und das wird sie) reiche ich diese hoffentlich noch in der vorgegebenen Zeit nach. Ich habe es nicht so mit Deadlines xD


    Ich habe das Ganze jetzt mal vorsichtshalber in einen Spoiler gepackt, weil ich selbst weiß, wie es ist, wenn man sich einen Charakter beim Lesen ganz genau vorstellt und er dann in Film, Fernsehen etc. völlig anders dargestellt wird.

    Die Idee, einen meiner Protagonisten zu zeichnen, hatte ich schon länger im Kopf und dieser Wettbewerb hat sich dafür einfach angeboten.

    Ian aus Unleashed war zuerst mein Favorit, aber letztendlich habe ich mich doch für Liv entschieden. Und während des Zeichnens habe ich direkt Lust bekommen, auch die anderen Charaktere aufs Papier zu bringen. Vielleicht folgen also noch der eine oder andere.

    Eine stichpunktartige Charakterbeschreibung hatte ich tatsächlich schon zur Hand und habe sie für diesen Anlass nur noch ein wenig angepasst.


    Update-Time!

    Ich beschäftige mich derzeit verstärkt mit digitalem Zeichnen und habe ein wenig herumprobiert.

    Koloriert habe ich Scherox mit dem Programm Artweaver. Allerdings habe ich Dödel das Bild ohne Ebenen gespeichert und musste später ohne diese weitermachen – eine völlige Katastrophe! Daraus resultierte: kein Hintergrund.

    Mit dem Programm ArtRage hat es diesmal schon etwas besser funktioniert, und ich komme langsam mit den Tools zurecht. Zumindest bin ich dem festen Glauben xD Trotzdem gehe ich beim Zeichnen noch immer sehr traditionell vor.







    Ich war vor Kurzem wieder bei Boesner und habe mir unter anderem eine weitere Acrylfarbe namens Graphit zugelegt. Schöne Farbe... – allerdings lässt sie beim Mischen die dunklen Bereiche nicht wirklich dunkel wirken, was ich erst im Nachhinein feststellen musste.

    Gut zu erkennen ist das im unteren Bauchbereich und an den Scheren von Parasek. Bei einem anderen Bild, bei dem dieser Effekt gewollt gewesen wäre, hätte das großartig gewirkt. Hier ist er leider eher fehl am Platz.

    @Emerald

    Weil du so lieb gefragt hast, bin ich gerne dabei :D Würde bei mir wohl etwas späterer Abend werden, falls es euch nichts ausmacht wenn ich erst nach 20:00 Uhr joine. Ein paar Übungen mit dem Tablet würden mir ganz gut tun. Jetzt liegt das Teil schon bereits seit einer Woche im Eck meines Schreibtischs und verstaubt so vor sich hin.

    Zum Start ein kleines WIP und ich muss gestehen, dass ich einen Freund sehr lange habe warten lassen. Dafür wird er es wahrscheinlich sowohl traditionell als auch digital erhalten.



    Ich hatte es bereits erwähnt und vorgewarnt... seit Kurzem bin auch ich stolzer Besitzer eines Grafiktablets, dementsprechend bin ich schon fleißig am Testen und Ausprobieren. Das erste Eis ist noch nicht gebrochen und wir sind noch keine Freunde geworden, aber ich bin mir sicher, dass der Funke irgendwann überspringen wird. Um das stundenlange Anschauen von Tutorials werde ich wohl nicht herumkommen …



              





    Und … eine klassische Porträtzeichnung darf natürlich nicht fehlen. Letzte Woche waren meine Schwester und ich in Frankfurt auf der Cardmadness, größtenteils wegen Pokémon TCG, aber auch unter anderem wegen einer speziellen Karte aus One Piece.

    Sie ist ein großer Fan von Kid und hielt Ausschau nach der Karte EB01-003, die sie tatsächlich schon am zweiten Stand gefunden hatte. Nach einer Weile, als wir uns auch ein wenig über das Zeichnen unterhalten hatten, fragte sie mich, ob ich ihr nicht auch einmal einen Kid malen könnte. Was soll ich sagen, es ist keine Woche vergangen :)



    Kapitel 22 - Ian


    Ein alter, modriger Geruch stieg mir in die Nase, als ich langsam mein Bewusstsein wieder erlangte. Es war kalt und ich zog meine Beine enger an meinen Körper. Die Bewegung schmerzte mir in jeder Faser meiner Muskeln. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch die wollten mir nicht gehorchen. Also lauschte ich, aber es war ruhig um mich. Das Erste, was ich wahrnahm, war etwas Weiches unter mir, aber es fühlte sich nicht wie ein Bett an. Meine Hand, meine Fingerspitzen rieben kurz über den Stoff. Im zweiten Moment war es doch etwas rauer. Ich versuchte meine Augen zu öffnen. Vorsichtig und langsam bewegte ich meinen Körper. Ich setzte mich auf, stützte mich schwer atmend mit den Händen ab und ließ den Blick unscharf über meine Umgebung gleiten. Irrtümlicherweise wurde es gerade zur Regel, an fremden Orten wieder zu Bewusstsein zu kommen und ich war mir nicht ganz sicher, ob das etwas gutes war. Hohe, graue Wände ragten über mir auf, stellenweise von Rost zerfressen, das Dach irgendwo über mir nur schemenhaft zu erkennen. Durch zerbrochene Fenster zu meiner Rechten fiel fahles Licht. Ich war in der Industriehalle. Ein leiser, fast bitterer Laut entwich mir, als Erinnerungen hochkamen. Mike und ich waren so oft hier gewesen, wenn wir allein sein wollten. Ich schaute an mir herab und erstarrte. Ich war nackt, schon wieder! Meine Hände zitterten, als ich sie betrachtete. Sie waren Arceus sei Dank menschlich und keine blauen Pfoten mehr. Die Krallen und das blaue Fell waren verschwunden. Ich fuhr mir hastig über den linken Arm, über die Brust, Gesicht, als müsste ich mich selbst davon überzeugen, dass ich wieder ich war. Jeder Muskel protestierte bei der Bewegung, als wäre ich Stunden lang weggelaufen. Ich zog hastig die Knie an, mehr aus Reflex als aus wirklicher Scham, und suchte den Boden um mich herum ab. Mein Blick huschte über den staubigen Beton, über alte Holzpaletten und zerbrochene Kisten – doch da lag nichts, was auch nur entfernt nach meiner Kleidung aussah. Erst da fiel es mir auf. Es lag an der Verwandlung. Meine Kleidung war zurückgeblieben, zerrissen in der Gasse, als mein Körper sich verändert hatte. Der Kampf war schmerzhaft real gewesen, egal wie sehr ich hoffte, dass das alles nur ein Traum war. Ich lehnte mich gegen die kalte Wand und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass mir etwas weiteres Entscheidendes fehlte.

    Zeit.

    Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich hier schon lag. Minuten? Stunden? Vielleicht sogar länger als mir lieb war. Das kühle Licht, das durch die zerbrochenen Fenster fiel, verriet mir nichts. Kein klarer Stand der Sonne, keine Geräusche von draußen, die mir einen Anhaltspunkt hätten geben können. Ich lauschte erneut, angespannter als zuvor. Kein hastiges Atmen hinter mir. Keine Schritte. Keine Stimmen. Kein Knistern oder dumpfes Grummeln. Nichts deutete darauf hin, dass mir noch jemand folgte oder hier war. Ich ließ mich sinken, als eine kleine Anspannung von mir abfiel. Wenn Noah oder die anderen mir gefolgt wären, hätten sie mich längst gefunden. Diese Halle war nie wirklich ein gutes Versteck gewesen. Dafür war sie zu offen, aber es reichte aus. Zumindest fürs Erste. Doch dieser Gedanke brachte keine wirkliche Erleichterung, eher eine seltsame Leere, gefolgt von Erschöpfung. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ich war Hundustermüde. Erst jetzt drängte sich ein weiteres Problem mit brutaler Klarheit in den Vordergrund.

    Hunger.
    Ich sah noch einmal an mir herab, zog die Arme fester um meinen Körper und verzog das Gesicht. So konnte ich unmöglich hier raus. Und selbst wenn ich es wollte, ich hatte nichts bei mir. Kein Geld. Kein Handy. Nicht einmal meine Schuhe. Alles war in der Gasse geblieben. Rausgehen und irgendwo etwas besorgen war keine Option. Es war zu risikobehaftet. Ich wollte unter allen Umständen meine gerade erlange Sicherheit, dieses Versteck, nicht aufgeben. Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich fuhr mir mit einer Hand durch die Haare und zwang mich nach einer Lösung zu suchen. Panik würde mir nichts bringen, dass würde mein überforderter Verstand auch nicht zulassen. Ich brauchte einen Plan. Irgendeinen. Vielleicht lag irgendwo noch etwas aus alten Zeiten hier herum. Eine Jacke vielleicht oder ein Tuch. Eine weitere Option wäre warten. Warten, bis es dunkel wurde und ich mich unauffällig bewegen konnte. Der Gedanke gefiel mir nicht, aber er war besser als jeder andere. Ich zog die Knie enger an mich heran, lehnte den Kopf erneut gegen die kalte Wand und schloss für einen Moment die Augen. Mein Körper zitterte vor Erschöpfung, doch mein Geist raste weiter. Gerade als ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, meldete sich mein Körper erneut, mein Bauch zog sich schmerzhaft zusammen. Ein dumpfes, hohles Gefühl breitete sich aus, gefolgt von einem lauten, beinahe schon beleidigten Knurren, das in der stillen Halle viel zu deutlich zu hören war. Ich legte instinktiv eine Hand auf den Magen. Es fühlte sich an, als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Kein Wunder eigentlich, nach allem, was mein Körper durchgemacht hatte, fühlte es sich an, als hätte jede einzelne Reserve aufgezehrt. Der Gedanke an Essen ließ mich kurz schwindelig werden. Mein Mund wurde trocken, mein Kopf fühlte sich leicht an. Wohl mit ein Grund, warum es mir gerade schwer fiel überhaupt auf ein Ergebnis zu kommen, wie ich mich aus meiner misslichen Lage befreien konnte. Hier sitzen war zumindest gerade körperlich einfacher. Ich ließ den Blick erneut durch die Halle schweifen, diesmal mit einem ganz anderen Fokus. Vielleicht hatte irgendjemand hier einmal etwas zurückgelassen. Eine alte Flasche. Eine Dose. Irgendwas. Die Hoffnung war dünn, aber sie war gerade gefühlt alles, was ich hatte.

    Mein Blick glitt weiter nach oben, entlang der hohen Wände, vorbei an den rostigen Stahlträgern und bröckelndem Beton. Erst jetzt fiel mir die Empore wieder ein. Sie zog sich an der linken Seite der Halle entlang mit einem schmalen Geländer und einer Treppe, die nach oben führten. Alte Büroräume und ein paar ehemalige Personalräume lagen dort oben. Spinde. Schreibtische. Ein Pausenraum vielleicht. Wenn ich irgendwo in dieser Halle etwas finden würde – Kleidung, Wasser, vielleicht sogar etwas Essbares –, dann dort. Langsam richtete ich mich auf. Meine Beine fühlten sich wackelig an, protestierten sofort gegen die Bewegung, doch sie trugen mich. Ich blieb einen Moment stehen, um das Schwindelgefühl abklingen zu lassen. Ich löste mich von der Wand und setzte mich vorsichtig in Bewegung. Jeder Schritt über den kalten Beton fühlte sich fremd an, mit nackten Füßen verletzlich, doch ich ignorierte das Unbehagen so gut ich konnte. Ohne mich noch einmal umzudrehen, verließ ich meinen Platz. Die Treppe knarrte leise, als ich den ersten Schritt daraufsetzte. Rostige Stufen, furchtbar kalt unter meinen Füßen und jede einzelne war mit einer dünnen Staubschicht überzogen. Ich hielt mich instinktiv am Geländer fest, auch wenn es sich kaum vertrauenerweckender anfühlte als die Stufen selbst, und begann langsam hinaufzugehen. Nach ein paar Stufen musste ich plötzlich schmunzeln. Merkwürdig, dass mir die Erinnerung jetzt wieder kam. Das erste Mal, als ich hier hochgegangen war.


    Damals war ich nicht allein gewesen. Mike hatte unten gestanden, seine Hände tief in den Taschen vergraben und die Arme fest an seinen Körper gepresst. Von dort aus hatte er mich misstrauisch angestarrt.

    „Vergiss es, ich komm da nicht hoch“, hatte er gesagt, und obwohl er versucht hatte, nicht nervös zu klingen, hatte ich es ihm sofort angemerkt. Höhenangst. Hatte er schon immer. Also war ich damals allein hochgegangen, ihm von oben zugerufen, dass alles halb so wild sei, während er unten angespannt hin und her kleopardert (getigert) war und mir geraten hatte, bloß nicht über das Geländer zu schauen. Die Erinnerung ließ mich leise aufatmen und ein schwaches Lächeln lag seit längerem auf meinen Lippen. Ich erreichte den oberen Absatz und blieb kurz stehen, um mich zu sammeln. Es hatte sich so viel geändert zwischen Mike und mir, dass ich gar nicht mitbekommen hatte wieso. Und ich wusste, dass ich das eigentlich nie wollte. Ich ging langsam den schmalen Gang entlang, öffnete eine Tür nach der anderen. Die meisten Räume waren leer oder bis zur Unkenntlichkeit verwüstet. Umgekippte Schreibtische, zerbrochene Stühle, vergilbte Ordner, deren Inhalt längst auf dem Boden verteilt war. Staub lag überall, dick und unberührt. In einem Raum stand noch ein alter Aktenschrank, dessen Schubladen sich keinen Millimeter mehr bewegen ließen. Im nächsten Zimmer hing eine flackernde Neonröhre schief von der Decke, als würde sie jeden Moment herabfallen. Für mich jedoch nichts Brauchbares. Ich biss mir auf die Unterlippe und ging weiter, mein Magen meldete sich erneut mit einem leisen, aber deutlichen Knurren. Dann öffnete ich die nächste Tür und blieb stehen. Der Raum sah anders aus, als die vorherigen Räume. Es gab keine Büroeinrichtungen mehr. Entlang der Wände standen einige alte und offene Metallspinde, andere wiederum verschlossen. Eine lange Holzbank zog sich durch die Mitte des Raumes, daneben lagen vereinzelte Schuhe, ein einzelner Handschuh, ein zerknittertes Handtuch. Es war eindeutig eine Umkleide gewesen. Vielleicht für die Arbeiter. Oder das Personal aus den Büros. Mein Blick wanderte fast automatisch zu den offenen Spinden. In einem hing noch eine Jacke. In einem anderen lag ein zusammengefaltetes Shirt. Daneben eine alte Hose, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich zögerte, trat einen Schritt näher, dann wieder zurück. Allein der Gedanke, fremde Kleidung anzuziehen, widerstrebte mir mehr, als ich erwartet hatte. Es fühlte sich einfach falsch an. Doch dann spürte ich die kalte Luft auf meiner Haut und die daraus resultierenden Verletzlichkeit. Die Tatsache, dass ich so nicht bleiben konnte, ließ mich dem offenen Spind nähern. Langsam nahm ich das Shirt aus dem Spind. Ich durfte mich nicht davon einnehmen lassen und den Gedanken beiseiteschieben, anderenfalls würde mich die Flut an Ereignissen zusammenbrechen lassen. Der Stoff war rau, roch alt und nach Staub, aber er war trocken. Ich zog es über, verzog kurz das Gesicht, als es über meine schmerzenden Schultern glitt. Danach die Hose. Sie saß nicht perfekt, war etwas zu weit, aber sie hielt. Ich atmete tief durch, als der Stoff endlich meine Haut bedeckte. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so etwas unangenehmes machen musste, aber es war besser, als nackt zu sein, zumindest redete ich mir das ein. Ich lehnte mich kurz gegen einen der Spinde, schloss die Augen und ließ den Moment wirken. Kleidung allein löste meine Probleme nicht, aber sie gaben mir nun die Möglichkeit mich um weitere Anliegen zu kümmern. Das war alles so absurd, dass es mir immer noch schwer fiel das Ganze zu verstehen. Ich verstand nun, um was es in diesem Experiment ging, nur konnte ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, wie Boyd, Cornelius, mit Noah und dem Rest des Team-Betas Zusammenhang. Steckten Sie wohlmöglich unter einer Decke, aber warum wurde ich von Phineas entführt, aber vom Kommissar gerettet? Und da war noch meine Mutter, die sich seltsam verhalten hatte. Ich wusste nicht welches dieser Tatsachen mir mehr Angst einjagte. Ich konnte erst mal nicht nach Hause zurück. Nicht, solange ich nicht wusste, wem ich überhaupt noch trauen konnte. Wenn sie mich finden wollten, dann wäre das der erste Ort, an dem sie suchen und beobachten würden. Ich öffnete die Augen wieder und starrte einen Moment lang auf den Boden. Zu viele Namen. Zu viele Rollen, die nicht zusammenpassen wollten.

    Boyd. Cornelius. Noah. Team Beta. Phineas.

    Jeder von ihnen schien ein Teil desselben Puzzles zu sein und doch fehlte mir das Gesamtbild. Ich fuhr mir mit beiden Händen durchs Gesicht und ließ sie dann schwer sinken. Dass ausgerechnet Boyd, ein Kommissar, darin verwickelt sein könnte, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Jemand, der mich eigentlich hätte schützen sollen? Ein Teil von mir glaubte daran, dass er mir helfen wollte. Aber der andere, wusste, dass er mich festhalten wollte. Nur zur Sicherheit? Aber warum durfte ich meine Familie nicht sehen oder Mike? Ich richtete mich vom Spind weg auf und sah mich noch einmal in der Umkleide um. Mein Blick blieb an meinen Händen hängen. Sie waren Menschlich, man sah keine Funken mehr oder eine fremdes Knistern unter der Haut. Und trotzdem spürte ich es noch immer. Etwas tief in mir. Was, wenn es wieder passierte?

    Ich bekam direkt eine Entonhaut, nur allein bei dem Gedanken an die Hitze und dem Schmerz. Ich wusste nicht, was der Auslöser gewesen war. Angst vielleicht? Stress? Oder war es etwas völlig anderes, etwas, das ich gar nicht beeinflussen konnte? Die Vorstellung, jederzeit wieder die Kontrolle zu verlieren, ließ mich kurz erschaudern. Wenn ich mich noch einmal verwandelte – hier, allein, unvorbereitet. Ich ballte kurz die Hände zu Fäusten, lockerte sie wieder. Doch nichts geschah. Keinerlei Reaktion. Bei Noah sah das so einfach aus, er hatte sich in dem Moment verwandelt als er es brauchte. Und ich war in diesem Moment einfach erschöpf und leer. Vielleicht war das der einzige Grund, warum nichts passierte. Der Gedanke tröstete mich kaum. Eines war klar: Ich konnte nicht einfach so weitermachen wie zuvor. Wenn es wieder geschah, musste ich vorbereitet sein. Lernen, die Anzeichen früher zu erkennen. Lernen, nicht sofort in Panik zu verfallen.


    Und vor allem: herausfinden, was sie mit mir genau gemacht hatten. Könnte auch sein, dass diese Fähigkeit nur für einen bestimmten Zeitraum funktionierte. Ein Gedanke drängte sich plötzlich in den Vordergrund: Phineas. Wenn er es gewesen war – wenn er derjenige war, der das alles in Gang gesetzt hatte –, dann musste es auch einen Weg zurückgeben. Niemand erschuf so etwas, ohne zu wissen, wie man es kontrollierte. Oder zumindest rückgängig machte. Wenn es eine Methode gab, mich zu verwandeln, dann gab es mit Sicherheit auch eine, die Verwandlung zu beenden. Dauerhaft. Phineas hatte mich nicht einfach irgendwo aufgesammelt und dem Zufall überlassen – das hier war geplant gewesen. Ich sah meinen verwundeten rechten Arm an. Ich biss mir auf die Unterlippe. Das bedeutete auch, dass er Antworten hatte. Antworten, die mir sonst niemand geben wollte. Oder durfte. Dass hatte Boyd zumindest im Krankenhaus gesagt. Jetzt musste ich pragmatisch denken. Ich musste warten, bis es dunkel wurde. Erst dann konnte ich mich aus der Halle wagen, ohne sofort aufzufallen. Erst dann hätte ich eine Chance, irgendwo Essen aufzutreiben – eine Tankstelle, ein Automat, irgendetwas, wo niemand Fragen stellte. Mein Magen erinnerte mich gnadenlos daran, dass Aufschieben keine Dauerlösung war. Ich war am Ende. Nicht nur körperlich. Auch mein Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn zu oft gegen eine Wand geschlagen. Jeder Muskel schmerzte, mein Arm pochte dumpf, und die Erschöpfung lag schwer auf mir, wie ein Gewicht, das ich kaum noch tragen konnte. Selbst das Stehen fiel mir schwerer, als ich zugeben wollte. Ich brauchte Zeit, um im wahrsten Sinne des Wortes, meine Wunden zu lecken. Ich ließ mich erneut auf die Bank in der Mitte des Raumes sinken und starrte noch einmal über meinen rechten Arm wandern, über die blauen Flecken, die Schürfwunden, die Stelle die aussah als wäre sie verbrannt worden.

    Der Anblick rief mir Mike wieder ins Gedächtnis. Der Gedanke an ihn ließ mich kurz klarer sehen. Wenn es noch jemanden gab, der mir helfen konnte, dann er. Nicht nur, weil ich ihm vertraute – sondern weil er sich mit Pokémon besser auskannte als jeder andere in meinem Umfeld. Er hatte sich schon immer damit beschäftigt. Vielleicht konnte es mir mehr sagen. Ich musste irgendwie Kontakt zu ihm aufnehmen. Ich blieb eine lange Zeit dort sitzen, lauschte der Stille der Halle und ließ die Zeit verstreichen. Irgendwann würde das Licht draußen schwächer werden.


    Die Dunkelheit hatte sich inzwischen über die Straßen gelegt, als ich mich vorsichtig aus meinem Versteck wagte. Ich zog den Kopf ein wenig ein und wechselte rasch die Straßenseite, kaum dass sich eine Lücke im Verkehr auftat. Meine Augen wanderten unablässig. Schaufenster spiegelten mein verzerrtes Abbild zurück, dunkle Hauseingänge lagen wie offene Mäuler am Rand meines Sichtfeldes. Jede Bewegung, jeder Schatten ließ mich kurz innehalten. Ich lauschte den Schritten in meiner Umgebung, Stimmen, das ferne Rauschen eines Autos. Meine Ohren schienen jedes Geräusch einzeln herauszufiltern, einordnen zu wollen, ob es Gefahr bedeutete oder nicht. Und dann war da noch etwas Neues. Ich atmete die kalte Nachtluft unbewusst tiefer ein. Gerüche. Ich hatte das Gefühl sie nun ganz anders und viel intensiver wahr zu nehmen. Feuchter Asphalt. Abgase. Müll, der zu lange in einer Tonne gelegen hatte. Kalter Metallgeruch von einem Geländer. Es traf mich unerwartet klar, auch wenn ich mich noch nicht wirklich daran gewöhnt hatte, ich tat es schon fast automatisch durch den schärferen erlangten Sinn heraus. Ich wechselte erneut die Straßenseite, hielt mich im Schatten der Gebäude, vermied das Licht der Laternen so gut es ging. Ich war inzwischen fast in einem ganz anderen Stadtteil angekommen. Die Gebäude wirkten fremder, höher und dichter aneinandergedrängt. Andere Gerüche, andere Geräusche. Stratos-City war riesig – ein endloses Geflecht aus Straßen, Ebenen und Vierteln, die kaum etwas miteinander zu tun hatten. Wie groß war da schon die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand hier draußen finden würde?

    Ich atmete langsam aus. Vernünftig betrachtet war sie gering. Sehr gering sogar.

    Und doch ließ mich ein Gedanke nicht ganz los. Phineas hatte mich schon einmal gefunden.

    Ich befahl mir, nicht weiter darüber nachzudenken. Wenn ich damit anfing, würde ich den Gedanken nicht mehr loswerden. Er hatte mich aufgespürt, obwohl ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich gesucht wurde. Wenn ich mich von dieser Angst treiben ließ, würde ich überall Muster sehen, wo keine waren. Also ging ich schnell weiter. Ich mischte mich unter die vereinzelten Passanten, die noch unterwegs waren, hielt Abstand, ohne aufzufallen. Meine Sinne blieben offen und meine Schritte passten sich der Menge an. Jeder Atemzug brachte neue Gerüche und somit neue Eindrücke. Die Nacht war dunkel, aber auch hier hatte sich meine Wahrnehmung verändert. Das war mir bereits in der Halle aufgefallen. Sie wirkte nicht mehr so dunkel, wie ich es davor kannte. Unerwartet mischte sich etwas anderes darunter, ein Geruch, der mich mitten im Schritt stocken ließ. Der Duft war überwältigend, viel intensiver als alles andere zuvor. Heißes Öl mit angebratenem Fleisch. Mein Mund füllte sich sofort mit Speichel und mein Kopf hatte kurzzeitig mit dem Denken aufgehört. Dieses betörende Aroma zog regelrecht an mir, als gäbe es nichts Wichtigeres mehr als diesem Duft zu folgen. Ich musste mich zurückhalten, nicht einfach wie ferngesteuert loszugehen. Nicht nur meine Nase, sondern auch meine Augen folgten ihm und fanden ein offenes und hell erleuchtetes Fenster.

    Kurz hinter der Scheibe sah ich eine Theke, darüber eine Wärmelampe, unter der Essen lag, dampfend und frisch. Es war die reinste Folter.

    Ich trat näher an das Fenster heran, ohne es richtig zu merken, und blieb schließlich davor stehen. Die Wärme, die von drinnen nach außen drang, vermischte sich mit dem Geruch und machte es nur schlimmer. Mein Magen knurrte laut, beschwerend, als würde er mich verraten wollen. Ich hatte kein Geld dabei und somit keine Möglichkeit, einfach hineinzugehen und zu bestellen.

    Trotzdem konnte ich mich nicht sofort lösen um nach einer Alternative zu suchen. So etwas wie eine Tafel für Obdachlose kam mir in den Sinn.

    Ich stand da, starrte durch die Scheibe und atmete diesen verdammten Geruch ein, als würde er mir wenigstens ein klein wenig Kraft zurückgeben.


    Nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte ich eine blitzschnelle Bewegung im Augenwinkel zu meiner linken Seite. Keiner meiner Sinne hatte mich zuvor gewarnt, also war es nichts, was mich unmittelbar in Alarmbereitschaft versetzen sollte. Kein Schatten eines Menschen. Dennoch zog es meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich folgte dem lila Streifen, den ich gesehen hatte.

    Ich ließ von dem Imbiss ab, bog in die Seitengasse ein. Konnte jedoch auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches erkennen, als wäre das, was ich gerade gesehen hatte, einfach verschwunden. Anfangs bewegte sich nichts, und ich dachte schon, ich hätte es mir vielleicht doch nur eingebildet.

    Doch kurz darauf, als ich mich gerade abwenden wollte, sprang ein Felilou auf den Rand einer Mülltonne und starrte mich mit ihren grünen Augen an. An ihrer Haltung, die sich nach meinem Anblick wieder etwas entspannte, bemerkte ich, dass ich für sie keine Gefahr darstellte. Was ungewöhnlich war, denn normalerweise rannten wilde Pokémon gleich weg. Aber das Gegenteil passierte, völlig unbeeindruckt, dass ich sie beobachtete, begann sie mit ihrer Pfote einige Pappen und Plastiktüten, die oberste Schicht Müll aus der Tonne, zu kratzen. Nachdem sie mich noch einmal gemustert hatte, erkannte ich es an ihrem Blick. Ich war kein Feind für sie und somit kein Problem. Ihre Suche in der Tonne wurde intensiver und allein dem Geruch zu folgen, wusste ich auch wieso. Sie hatte Reste gefunden, eingepackt in einer Alufolie. Ich ging bereits einen Schritt auf sie zu, als sie plötzlich selbst mit ihrem Kopf herumschnellte, ein weiteres Pokémon, ein kleines kümmerliches Rattfratz, kam wie aus dem Nichts und stürzte sich auf das Katzen-Pokémon. Felilou fauchte überrascht auf und wich einen halben Schritt zurück, gerade rechtzeitig, um den ersten Angriff des Rattfratz ins Leere laufen zu lassen. Das kleine Pokémon landete unsauber auf dem Pflasterstein im Hinterhof, rappelte sich aber sofort wieder auf. Seine roten Augen fixierten die Beute in der Alufolie. Ein kurzes, wildes Gerangel entbrannte zwischen den Beiden. Felilou schlug mit der Pfote zu, Rattfratz wich aus und schnappte nach ihr, seine spitzen Zähne blitzten und Krallen kratzten über Metall und Beton. Ohne wirklich darüber nachzudenken, trat ich dazwischen. Doch anstelle eines Wortes brach mir ein Brüllen aus meinem Mund. Es kam so unerwartet, dass es selbst mich erschreckte. Beide Pokémon hielten augenblicklich inne. Das Katzen-Pokémon erstarrte mitten in der Bewegung und Rattfratz zuckte sichtbar zusammen, als hätte ich ihm einen Schlag versetzt. Die kleine lila Ratte fauchte unsicher und wich einen Schritt zurück. Seine roten Augen funkelte zwischen mir und Felilou hin und her, als würde es abwägen, erneut anzugreifen. Doch irgendetwas an meiner Ausstrahlung ließ sie den Entschluss fassen, sich mit einem hastigen Satz zurück zu ziehen. Sie verschwand zwischen Müllsäcken und dem dahinterliegenden Schatten, bis nur noch das leise Rascheln ihres Rückzugs blieb. Felilou blieb zurück.

    Sie spannte sich noch einmal an, musterte mich aus zusammengekniffenen Augen an. Erst dann senkte sie langsam den Kopf. Sie schnaubte missbilligend, nach ihren Augen zu Urteilen fast schon beleidigt, bevor sie einen Schritt zur Seite machte und mir den Platz überließ.

    Erst jetzt merkte ich, dass mein Herz raste.

    Ich bückte mich, hob die Alufolie auf und spürte sofort die Restwärme darin. Essensreste. Mit ruhigen Bewegungen riss ich die Folie auf und das überwältigende Hungergefühl übermannte mich. Ich zögerte keine Sekunde. Ich biss schnell hinein, verschlang das Essen, nur damit ich nicht darüber nachdenken musste, welchen Tiefpunkt ich gerade erreicht hatte.





    Zuerst ein großes Dankeschön an Dunames, die immer so fleißig korrigiert und mich kritisch auf meine Fehler hinweist. Gerne mehr davon ;P

    Außerdem muss sie immer mit meinen anderen „Spinnereien“ klarkommen – das rechne ich ihr hoch an :) Manchmal fällt es mir schwer, bei einer Sache zu bleiben, weil mir einfach so viele Ideen im Kopf herumschwirren. Zurzeit bin ich gesundheitlich ein wenig angeschlagen, weshalb dieses Kapitel länger gedauert hat. Zum anderen lag es wohl auch an der Anschaffung eines Grafiktablets. Wer weiß das so genau?



    Zitat von Rusalka

    Hallo,


    ich stelle mir das Erreichen dieses Punktes wie einen großen Meilenstein vor. Es hat wirklich lange gedauert, um zu sehen, in welche Richtung diese Geschichte geht und der gesamte Aufbau dieses und des letzten Kapitels ist grandios. Ians immer stärker werdende Schmerzen mit der Verwandlung zu kombinieren, als würde etwas aus ihm herausbrechen wollen, war äußerst realitätsnah und gleichzeitig einfühlsam beschrieben. Ich schwankte jedenfalls die ganze Zeit, ihm helfen zu wollen und ihn andererseits für seinen Sturkopf rügen zu wollen. Das machte die Angelegenheit aber umso spannender und ich kann es kaum erwarten, mehr zu lesen.


    Wir lesen uns!



    Hallo,


    und ja, du sprichst mir aus der Seele. Wie bereits (ein paar) Kapitel zuvor erwähnt (ich kann es gerade selbst nicht finden und zweifle gerade daran, ob ich es überhaupt geschrieben habe...), hatte ich diesen Twist bereits wesentlich früher geplant. Damals hätte ich nicht im geringsten erahnen können, dass mich Unleashed so lange begleitet. Worauf ich aber auch sehr stolz bin, selbst nach einer langen Pause dazwischen, wieder den Faden gefunden zu haben.


    Ich glaube das Schicksal rügt Ian für seinen Sturkopf von ganz allein und wir können gespannt zuschauen xD

    Nicht sehr viel, aber mehr als nix :D


    Aus einem Schmierblatt entstanden, diente dieses DIN-A5-Papier zuvor als Unterlage, damit ich meinen Holztisch nicht verschmiere. Die dunklen, braunen „Linien“ stammen tatsächlich vom Hintergrund des Pferdes.







    Noch in Bearbeitung, würde dieses Bild gerne colorieren, besitze aber noch nicht die passenden Stifte :(




    Ihr seid wirklich super schnell! Bei vielen Typen habe ich schon einen klaren Favoriten. Allerdings tue ich mich bei Pflanze und Unlicht noch etwas schwer, weil ich mich da noch nicht so richtig festlegen möchte.

    Für den Typ Normal habe ich schon angefangen, ein Hisui-Zoroark zu zeichnen, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich es zeitlich schaffen werde, hehe (damit meine ich die 18 Bilder)

    Bis jetzt hat mir besonders das Beatori von Xani richtig gut gefallen. Das gehört definitiv auch zu meinen Favoriten und reiht sich für mich beim Typ Gift ganz vorne mit ein.


    Update – ein wenig anders!



    Da ich in meinem Startpost noch nichts wirklich über mich erzählt habe, möchte ich das jetzt nachholen.

    Ich könnte natürlich damit anfangen zu sagen, dass ich schon immer gemalt habe, seit ich einen Stift halten kann, und ständig von anderen gebeten wurde, ihnen doch etwas zu zeichnen …

    Aber ich glaube, diesen Weg sind die meisten von uns gegangen. Deshalb muss ich vermutlich auch nicht groß erklären, dass das Schulfach Kunst für mich lange keine besondere Herausforderung war. Das änderte sich allerdings, als ich auf ein Gymnasium wechselte und dort den Leistungskurs Kunst belegte.

    Kunstgeschichte war für mich früher kein wirklicher Begriff und ehrlich gesagt fand ich sie damals sogar eher lästig. Mittlerweile beschäftige ich mich jedoch sehr gerne damit – genauso wie mit Architektur, auch wenn ich mich beruflich nie an meinem Hobby orientiert habe.

    Im LK-Kunst habe ich jemanden kennengelernt, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich mich heute so intensiv mit Portraits beschäftige. Das war nämlich nicht immer so. Es gab auch eine Zeit, in der ich überzeugt war, dass ich so etwas einfach nicht kann – und wahrscheinlich auch nie können werde.

    Er hingegen hat fast nichts anderes gemacht und sich auch gerne mit Aktzeichnen beschäftigt. Wir haben uns damals sehr gut ergänzt und konnten viel voneinander lernen – zumindest ich für meinen Teil.


    Wie es nach der Schulzeit leider oft passiert, haben wir uns irgendwann aus den Augen verloren. Trotzdem bleibt er mir in sehr guter Erinnerung. Vielleicht berührt es mich auch deshalb immer ein wenig, wenn jemand etwas Ähnliches schreibt und sich selbst oder seine eigenen Bilder schlechtredet.

    Ich kann euch beruhigen: Damit hört man eigentlich nie auf. xD Es wird immer jemanden geben, der besser ist – aber darum geht es auch gar nicht. Viel wichtiger ist, Spaß an dem zu haben, was man tut, und nach und nach seinen eigenen Stil zu finden. Und ja, auf diesem Weg fließen Blut, Schweiß und Tränen viele Stunden der Übungen ins Land.

    Ich habe mich für den traditionellen Weg entschieden – auch ein bisschen, weil ich zu geizig war, mir ein Tablet zu kaufen, und noch weniger Lust hatte, mir das Ganze aufwendig anzueignen *Hust*.

    Nein, Spaß beiseite. Irgendwann werde ich mir wahrscheinlich doch eines zulegen. Auf diesem Gebiet bin ich nämlich tatsächlich noch ein absoluter Anfänger. Umso schöner, dass es hier im Fanart-Bereich starke Veteranen gibt, bei denen ich abschauen kann, bei denen ich nachfragen kann.


    Nur mal als Beispiel: Diese Zeichnungen sind ungefähr 2010 entstanden und gehören zu meinen ersten etwas besseren Arbeiten. Danach folgten viele Zeichnungen aus One Piece, und bis heute versuche ich mich immer wieder gerne daran, Charaktere aus Animes als realistische Personen zu porträtieren.



    Für Portraits brauche ich tatsächlich die wenigsten Materialien, meist bleibt es bei einem Druckbleistift und weicheren Graphit-Stiften um Tiefe zu erzeugen.








    Für meine Acrylbilder verwende ich Farben von Schmincke sowie verschiedene Pinsel in unterschiedlichen Größen – von günstig bis teuer ist alles dabei. Außerdem arbeite ich mit hochwertigem Papier, weil ich es einfach nicht ausstehen kann, wenn es sich beim Malen wellt.

    Entsprechend gebe ich dafür wahrscheinlich auch das meiste Geld aus, denn im Vergleich zu meinen Bleistiften sind diese Materialien doch deutlich kostspieliger.







    Außerdem besitze ich noch einige Aquarellfarben und Aquarellstifte, auch wenn ich sie eher selten benutze. Bei Gelegenheit werde ich damit aber bestimmt mal wieder etwas zeichnen. Bisher haben mich jedoch die kräftigen Farben und die Qualität der Acrylfarben einfach mehr überzeugt.