[Digimon] Doppeltes Erbe (Update: Die schwebende Insel (2))


  • "DigiDestined"
    In der deutschen Version: Digiritter - Aber was macht das kleine Wörtchen "Destiny" da? Ist es wirklich "Schicksal"?
    Und was bedeutet Schicksal? Sind es nicht unsere eigenen Entscheidungen, die uns zu dem werden lassen, was wir sind?
    Sollten wir nicht selbst entscheiden können, für wen und für was wir kämpfen?



    // Warnung: Es wurden OCs gesichtet. //
    // Kombination aus Staffel 1+4 //




    Wir schreiben das Jahr 2012. In Japan haben gerade die Sommerferien begonnen. Digimon sind allgemein unbekannt.
    (Vorwissen ist nicht erforderlich.) Die "Spirits" und andere Eigennamen wie Angriffe sind in Englisch. Stört euch daran einfach nicht.
    Keine Panik wegen den vielen Updates zu Beginn, mir war es nur wichtig 2-3 solide Kapitel zum Einstieg zu präsentieren.


    Anders als in Digimon Frontier werden die zukünftigen Digiritter nicht vor eine Wahl gestellt. Es wird einfach für sie entschieden.
    Aber sollen sie dieser merkwürdigen Stimme wirklich vertrauen? Immerhin werden sie dazu gezwungen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
    Trotzdem... vielleicht sind diese Wesen mehr, als nur bedrohliche Gefahren. Vielleicht können sie fühlen genau wie wir.
    Können sich vor dem Untergang ihrer Welt fürchten, für die Sicherheit ihrer Freunde bangen, mit diesen lachen und weinen.
    Vielleicht unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von Menschen.


    ***


    Das Release von Digimon Linkz für Europa wird aufgegriffen, weil es im Prinzip das war, was mich wieder zum Schreiben motiviert hat.
    Das Gameplay spielt für die Geschichte jedoch keine Rolle und auch das Spiel selbst wird in der Digiwelt keinen Einfluss haben.


    Das Prinzip der Digiwelt:
    Basiert auf Digimon Frontier - Gebiete setzen sich aus Daten zusammen und können zerstört werden.
    Die Gebiete sind jedoch eine eigene Zusammensetzung. Es gibt Städte und Gebiete aus allen Staffeln.
    (Karte folgt bei Bedarf?)


    Digivice:
    Besitzt eine Kartenfunktion, einen Digimonscanner und eine Ruffunktion. Kann außerdem Daten von besiegten Feinden reinigen, wodurch diese wieder zu Digieiern werden und ihr Leben von Neuem starten und ändern dürfen.








    [IMG:https://abload.de/img/bokomonbuchvsjbb.png]
    Quelle: Digimon Frontier Anime


    >> Inhaltsverzeichnis <<


    >> Prolog <<
    Sommerferien
    Digital Monsters


    >> Die Legende der Digikrieger <<
    1.1 Eine neue Welt
    1.2 Strandausflug
    1.3 Die stillgelegte Fabrik
    1.4 Flamme der Beharrlichkeit
    1.5 Die Kraft eines Digimon
    1.6 Digibabys in Gefahr!
    1.7 Beschützer mit weißem Cape
    1.8 Verblassendes Licht
    1.9 Ein neuer Freund


    Die schwebende Insel (1)
    Die schwebende Insel (2)


    2.0 >folgt<

    Momentan auf dem Festival Plazza: Schatzsucher 2 -> Aufstellen für 100FM und einen garantierten Silberkronkorken erhalten.

    34 Mal editiert, zuletzt von Hinoko () aus folgendem Grund: Inhaltsverzeichnis aktualisiert.

  • Sommerferien



    Gähnend blickte Tory von seinen Hausaufgaben auf. Er war wohl der einzige Schüler der Unterstufe, der die Ferienaufgaben noch vor Anfang der Ferien bearbeitete. Mit einem kurzen Blick durch sein Zimmer, versuchte er sich wieder zu orientieren. Da stand sein Schreibtisch keinen Meter vor ihm, auf diesem ein älterer Laptop. Zwar gab es schon weitaus bessere Computer, doch hatten diese ihren Preis. Links von ihm stand sein hölzerner Kleiderschrank und rechts hinter ihm sein Bett mit buntem Bettzeug. Wohl der einzige Farbtupfer in seinem Zimmer. Aber mehr brauchte er hier auch nicht. Er zog sich nur hierher zurück, um zu Schlafen oder zu lernen. Die restliche Zeit konnte er sich frei in dem großen Haus bewegen - war doch seine Mutter nie zu Hause.


    Schulterzucken folgte auf Torys kurze Desorientierung, dann stand er auf und zog seinen schwarzen Rollkragenpullover über sein weißes T-Shirt. Nein, Tory war nicht komplett verrückt. Er fror nur ziemlich leicht, da er ziemlich zierlich gebaut war und generell konnte er sich mit Sonne nicht anfreunden. Seine helle Haut hatte den selben Ursprung wie seine weißen Haare. Irgendeinen Gendefekt, der ihn nicht genug interessierte, um mehr darüber zu lesen. Jedenfalls bekam er innerhalb kürzester Zeit Sonnenbrand und dann wurde er nur noch häufiger ausgelacht und geärgert. Deswegen entschied er sich für den Pullover.
    Nachdem er sich eine Flasche Wasser und seine khakifarbene Umhängetasche geholt hatte, verließ er das Haus. Von außen sperrte er ab, kontrollierte ob die Tür auch wirklich zu war, zog dann den - an einer Kette befestigten Schlüssel - über und machte sich auf in Richtung Stadt. Was genau er da wollte, wusste er noch nicht, aber er brauchte frische Luft und in den Park traute er sich schon lange nicht mehr alleine. Zu oft hatte diese eine Person ihn belästigt. Genauso oft wie er dem Rektor Bescheid gegeben hatte. Jedes Mal folgte das Argument, dass er anfangen sollte, sich zu wehren. Nur wollte Tory das nicht - hätte es ihn doch zu dem gemacht, was er hasste. Schläger.


    Es vergingen einige Minuten, vielleicht sogar Stunden, die der kleine Junge durch die Stadt schlenderte. Wie viele abwertende Blicke er für seinen Pullover einstecken musste, wusste er schon nicht mehr. Er hatte bei zwanzig aufgehört zu zählen. Mit seinen Gedanken war er trotzdem noch immer bei seiner Hausarbeit. Er hatte sich selbst geschworen, die beste Note der Klasse zu bekommen, damit ihn endlich jemand abseits der Schläger beachten würde. Bevor er diesen Gedanke zu Ende führen konnte, riss ihn etwas zurück in die Wirklichkeit.



    "Bitte! Ich brauche dieses Spiel! Sonst stehe ich doch vor meinen Freunden da, wie ein armer Sack!" Tory zuckte zusammen, als er die Stimme von Bado hörte. Hatte man ihm schon wieder aufgelauert und wollte ihm etwas antun? Ein hektischer Blick durch die Stadt, ehe er den Rüpel erblickte. Verwundert musste Tory feststellen, dass dieser gerade aus einem Elektronikladen geworfen wurde.
    "Kein Geld, kein Spiel!", erwiderte der gereizte Verkäufer. Neugierig schritt Tory auf die Diskussion zu und blickte zwischen den Beteiligten umher. Bado schien wirklich verzweifelt an dieses Spiel kommen zu wollen. Zwar war er ein Rüpel, doch hatte er noch nie gestohlen oder es überhaupt versucht.


    "Du willst vor deinen Freunden nicht schlecht dastehen? Urteilen sie über dich wirklich nach deinem Besitz?", stieß der bisher stille Junge plötzlich hervor. Jetzt war es an Bado, sich zu erschrecken, als Tory plötzlich hinter ihm stand und größer war als er - immerhin saß er noch am Boden und rieb sich seinen Ellenbogen, den er sich beim Rauswurf verletzt hatte.
    Doch Zeit zum antworten blieb dem rothaarigen Rüpel nicht.


    "Ich bezahle für ihn. Hier." Tory hatte bereits seinen Geldbeutel gezückt und drückte dem verwunderten Verkäufer das Geld in die Hand. Anschließend entriss er ihm förmlich das Spiel und kniete sich, ohne den Mann weiter zu beachten, neben Bado.
    Dieser musterte Tory noch immer ungläubig. Man konnte ihm ansehen, dass er sich wie in einem falschen Film fühlte. Vielleicht war es ein Trick, oder er träumte?


    "Nimm es. Es gehört dir.", fügte der zierliche Junge deswegen hinzu und hielt das Spiel vor sich. Es war ein seltsamer Anblick. Tory schien Angst davor zu haben, dem fast doppelt so großen Jungen zu nahe zu kommen und dieser wiederum schien sich nicht zu trauen, Tory auch nur anzufassen. Hätte er Angst, dass er in dem Moment zerbrechen würde und der Traum enden würde?


    "Was willst du dafür?", fragte Bado schließlich stotternd.
    Schulterzuckend legte Tory das Spiel auf den steinigen Boden zwischen ihnen.
    "Ich wollte dir helfen, nicht dich erpressen."
    Doch Bados Ungläubigkeit legte sich dadurch erst recht nicht. Wieso sollte ihm jemand helfen, den er - und das war noch eine Untertreibung - monatelang ärgerte?
    Plötzlich ergriff er das Spiel und richtete sich auf. Er hatte seine Erscheinung lange genug vernachlässigt.
    "Wenn... wenn du irgendwann mal möchtest... können wir das Spiel ja zusammen spielen...", verlegen grinsend kratzte sich der große Schüler am Hinterkopf. Jetzt musste auch Tory lächeln. Wenn Bado glücklich war und ihn jetzt nicht mehr ausgrenzte, war das doch ein doppelter Gewinn - oder?


    Über beide Ohren strahlend lief der kleine Junge also durch die Stadt in Richtung vertrautes Heim, machte aber an für ihn ungewöhnlich vielen Ständen eine Pause. Er hatte vorhin schon etwas von seinem ersparten Taschengeld ausgegeben, also konnte er sich jetzt auch noch ein Eis, einen Eistee, einen Anhänger für sein Handy und einen neuen Notizblock kaufen, der passend zum Anhänger einen Hasen auf den Umschlag gedruckt hatte.
    Aber wie das Schicksal so wollte, sollte Tory ein fünftes Mal davon abgehalten werden, zurück nach Hause zu gehen. Dieses Mal von einem ungewöhnlichen Piepsen seines grünen Handys. Wieso es grün war? Das wusste er selbst nicht. Er hatte sich damals spontan dazu entschieden. Aber warum es solch merkwürdige Töne von sich gab, wusste er auch nicht.
    "Das ist nicht mein Klingelton... ", murmelte Tory vor sich hin während er sich davon überzeugte, dass es auch wirklich sein Gerät war. Als schließlich der Boden unter seinen Füßen verschwand wusste er gar nichts mehr. Er schrie nur noch fassungslos los und das, obwohl er während dem freien Fall keine Luft bekam.



    Nach einer gefühlten Ewigkeit – Der Weißhaarige Junge hatte sich längst beruhigt und aufgehört zu schreien - kam Boden unter ihm in Sicht. Aus der momentan vorherrschenden Verwunderung wurde nun Panik. Einen solchen Fall würde er doch niemals überleben. Womit hatte er das nun wieder verdient? War das die Strafe dafür, so viel gekauft zu haben? Aber vielleicht träumte er auch nur und war zusammengeklappt, nachdem er einen Hitzeschlag erlitten hatte.
    Was auch immer der Grund dafür war, es gab jetzt Wichtigeres zu tun. Hektisch versuchte der kleine Junge den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken - ohne Erfolg. Auch seine Vogelähnlichen Armbewegungen trugen keine Früchte. So blieb ihm nichts weiter als die ängstlich die Augen zu schließen und auf ein Wunder zu hoffen.


    Als der Boden unter ihm wie ein Trampolin nachgab und ihn sanft ein gutes Stück zurück in die Luft schickte, staunte Tory nicht schlecht. Verwirrt öffnete er seine Augen und versuchte die nächsten paar Sprünge auf seinen Beinen zu landen. Als er endlich aufhörte zu Federn, blickte er sich vorsichtig um. Nicht weit von diesem Trampolin standen überdimensionale Spielzeugwürfel, der Boden war mit Teppich bedeckt und wenige Meter weiter lagen Gleise, die eine Lok zum fahren nutzte.


    "Soll das mein Gewissen sein, welches mir sagt, ich solle meine Kindheit genießen?"


    ***


    Kopfschmerzen. Furchtbare Kopfschmerzen. Und ein grelles Leuchten, das Rai aus dem Schlaf riss. Hatte er wieder schlecht geträumt?
    Für einen Moment - er saß noch immer vom Schock aufrecht im Bett - blieb er ganz still. Dann zog er seine Beine an und verschränkte seine Arme über diesen, um seinen Kopf abstützen zu können.
    Seit fünf Tagen jetzt, hatte er jede Nacht von dieser anderen Welt geträumt. Doch meistens konnte er sich nur an eine einzelne Szene erinnern. Dieses Mal sah er sich selbst, wie er auf einem Felsvorsprung stand. Der Himmel hinter Sturmwolken versteckt. Die Sonne ebenfalls nicht sichtbar. Oder vielleicht war es auch Nacht?
    Zu seinen Füßen erstreckte sich eine große Ebene. Ein Schlachtfeld. Seltsame Wesen rangen um den Sieg und die völlige Vernichtung der Gegenseite. In seiner Hand hielt er ein ihm fremdes Gerät. Eine Mischung aus einem alten dunkelblauem Gameboy und einem weißen Handy. Das quadratische Display war gespalten, wie das Schlachtfeld an sich. Aber zu welcher Seite gehörte er? So weit er es einschätzen konnte, standen doch auf beiden Seiten Menschen. Beide Truppen wurden von Menschen kommandiert.


    "Vielleicht ein neues Spiel?", seufzend blickte der schwarzhaarige Junge auf. Für ein belangloses Spiel fühlte sich die Szene viel zu ernst an. Als ginge es bei dem Krieg um Leben und Tod. Aber er wollte sich auch nicht beunruhigen lassen.
    Widerwillig rutschte der Schüler zur Bettkante. Aufstehen musste er so oder so. Die Sonne drang gnadenlos durch die leichten Rollläden in sein kleines Zimmer ein. Dem Bett gegenüber fand sich ein relativ aufgeräumter Schreibtisch mit einem Computer und einem Manga Regal drüber. Dem Fenster gegenüber waren einige Schränke und Schulbücher untergebracht.
    "Ich sollte das Lexikon zurückbringen, bevor es zu heiß wird."
    Besagtes Lexikon wurde schnell aus dem Regal gezogen. Die Klausuren waren geschrieben, die Mittelstufe – hoffentlich – für immer beendet und die Sommerferien konnten endlich beginnen. Fix schlüpfte Rai in ein schwarzes T-Shirt und in eine hellblaue, ausgewaschene Jeans. Anschließend machte er sein Bett, setzte sich auf eben dieses um seine weißen Sportschuhe anzuziehen und die schwarzen Schnürsenkel zu binden.
    Nachdem er seine dunkelblaue Weste ohne Ärmel übergezogen und die schwarze Umhängetasche gepackt hatte - sein Geldbeutel und Handy durften natürlich nie fehlen - war er bereit zu gehen.


    Nur abschließen musste er noch. Solange seine Mutter bei einer kranken Bekannten war, um diese zu pflegen, musste er das Haus alleine hüten. An sich kein großes Problem. Einfache Dinge wie Nudeln und Reis konnte er alleine Kochen, seine Mutter war bei Problemen immer erreichbar und ein so kleines Haus sauber zu halten, war nicht viel Arbeit.
    Der Flur an sich bestand aus einer Holztreppe und einem schmalen kleinen, aber liebevoll dekorierten Gang. Im Erdgeschoss waren eine kleine Küche und ein im japanischen Stil gehaltenes Esszimmer. Oben befanden sich das Schlafzimmer von ihm und von seiner Mutter.


    Der Schüler war gerade in der Stadt angekommen, da klingelte plötzlich sein Handy. Genervt kramte er es aus seiner Tasche, hoffend, dass es nicht seine Mutter war, die etwas von zu Hause brauchte, sonst hätte er den ganzen Weg wieder zurücklaufen müssen.
    Als angenehme Überraschung stellte es sich jedoch heraus, dass es eine Nachricht von einem Klassenkameraden war. Er las doch tatsächlich den Vorschlag, sich später auf eine Tasse Tee – wohlgemerkt kein Kaffee, den Rai überhaupt nicht mochte – zu treffen. Wie untypisch es für Ash war, merkte er dennoch unterbewusst in Gedanken an. Beide mochten es nicht unbedingt, von vielen Menschen umringt zu sein und so ließ sich die Spekulation nicht vermeiden, ob dieser nicht vielleicht etwas Ernstes zu sagen hatte.


    Nach einer Zusage und einer gefühlten Ewigkeit unter der heißen Sonne später, kam endlich die Bibliothek in Sicht.



    Seufzend stellte Rai das Lexikon zurück ins Regal. So ganz realisieren konnte er es noch nicht. Er hatte jetzt wirklich Sommerferien, richtig? Der Klang davon war schön, doch so sehr er es auch herbei wünschte, es bedeutete auch, dass die nächsten Jahre seine Letzten werden würde. Danach müsste er eine Ausbildung finden, oder studieren und bisher wusste er immer noch nicht, was er gerne tun würde.
    Angespannt versuchte er an etwas Angenehmes zu denken. Er könnte sich ja langsam mal fragen, was er mit seinen Ferien anfangen würde. Wegfahren war keine Option, das wusste er, also musste er sich hier seine Zeit irgendwie vertreiben.
    Während er auf dem Weg zurück zur Eingangshalle war, um zu bestätigen, dass er das Lexikon einsortiert hatte, fiel sein Blick auf etwas seltsam Bekanntes.


    "Das Schlachtfeld...", murmelte er leise vor sich hin, während er das Cover der Werbebroschüre' studierte. Die Wesen könnten mit Leichtigkeit mit den bereits verschwommenen Erinnerungen seines Traumes übereinstimmen. Auch das Gerät, dass dieser braunhaarige Junge auf dem Cover in der Hand hielt erschien ihm vertraut.
    "Ha, ich muss den wohl im Vorbeigehen schon mal gesehen haben und hab deswegen davon geträumt", dachte sich der schwarzhaarige Schüler schmunzelnd.


    "Du hast ein gutes Auge." Perplex drehte Rai sich um. Die Stimme gehörte zur Aushilfe der Bibliothek. Sie war schon eine grauhaarige, ältere - vielleicht sogar im Rentenalter - Frau, doch gewöhnte er sich nie daran, wie sie sich mit fast unhörbaren Schritten durchs Gebäude bewegte. Die Aussage tat er nur mit einem zuerst desinteressiert scheinenden Schulterzucken ab. Wenige Sekunden später griff er jedoch teils neugierig und teils fragend nach dem dünnen Heftchen.


    "Eine relativ neue Veröffentlichung. Eigentlich haben diese Videospiele ja nichts mit Büchern zu tun, aber sie erzählen ebenfalls Geschichten. Das Genre würde ich wohl als Abenteuer/Drama einordnen. Vielleicht sogar als Reise/Fantasy."
    Nachdenklich lauschte der Junge den Worten der alten Dame und blickte nun auch auf die Rückseite der beschriebenen Ware. „Digimon Linkz“ stand darauf geschrieben mit dem Untertitel: „Digital Partner.“


    "Die Lore selbst basiert auf einer alten Legende... einem Mythos. Nun, vielleicht nicht ganz so alt, wie wirkliche Legenden, doch gibt es diesen Gedanken seit der Entwicklung der ersten Computer."
    Skeptisch wandte Rai seinen Blick ab und musterte nun die in ihre Erzählung vertiefte Dame. Ihre grauen Augen schienen in eine nicht zu deutende Ferne zu blicken.
    "Artificial Intelligence ist der Fachbegriff, mit dem die Forschung an ihren Robotern arbeitet. Der Gedanke hierbei jedoch ist, dass sich unabhängig von menschlicher Forschung, eine Welt entwickelt hat, die anders als auf Atomen, komplett auf Daten basiert. Die Binäre Codes in physische Gesetze und DNA umwandelt, wie sie unsere Computer auch verwenden."
    "Eine andere Realität?", schlussfolgerte der schwarzhaarige Junge.


    "Nun, wie genau er es im Endeffekt umsetzt, bleibt dem Entwickler überlassen. Aber genug Potential ist für ein ausgiebiges Abenteuer sicher gegeben. Sollte es nicht sogar heute veröffentlicht werden?" Etwas verwirrt über den abrupten Themenwechsel blieb Rai am Regal stehen, während die Aushilfe sich nun langsam wieder auf den Weg machte, ihrer Arbeit nachzugehen.
    "Danke...", rief er dennoch unschlüssig hinterher, dachte sich aber seinen Teil dazu.


    Endlich zurück im Erdgeschoss registrierte er die Abgabe des Lexikons auf seinem Bibliotheksausweis und verließ das stille, kühle Gebäude. Von der Hitze unangenehm wachgerüttelt, erinnerte er sich daran, dass er sich ja noch mit Ash treffen wollte. Auf die Uhr blickend drehte er sich also um und schritt in die entgegengesetzte Richtung. Seinen Blick jetzt gen Boden gerichtet - um der Sonne auszuweichen - bemerkte er nur den gepflasterten Boden und die Straßenlaternen und Pfosten, die an den jeweiligen Abzweigungen stationiert waren. Wenige Straßen später stolperte er fast über das Werbeschild des Teeladens, war aber umso erleichterter, endlich in den Schatten zu kommen.

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  • Digital Monsters



    „Ein Videospiel sagst du?“ Rai gegenüber saß ein zweiter schwarzhaariger Junge. Ein wenig kleiner und in ein olivgrünes Hemd sowie eine schwarze Jeans gehüllt, aber dennoch genauso alt wie er.
    „Ich hätte irgendwie damit gerechnet, dass du lachst.“


    Perplex schüttelte Ash den Kopf und musterte Angesprochenen, wie dieser etwas Milch in seinen schwarzen Tee kippte.
    „Wieso sollte ich dich nicht ernst nehmen?“, fragte er mit starrem Blick auf die große Porzellantasse.
    „Weil ich meinen Tee mit Milch trinke?“, spaßte Rai während er rührte.
    Er war gerne in diesem Teeladen. Schon beim Eintreten wurde man mit den Gerüchen verschiedenster Sorten begrüßt. Überall standen verschiedene Tassen und Dekorationen, die man kaufen oder einfach nur bestaunen konnte. Ebenso kannte er die Besitzerin zu gut, welche seine Vorlieben gewohnt war und ihm immer reichlich Milch und Kekse dazu reichte.
    „Ich denke, das hast du dir in deiner Kindheit angewöhnt. In London wird Schwarzer Tee mit Milch getrunken und sagtest doch, du hast dort gelebt, bevor du mit deiner Mutter nach Japan gezogen bist. Was natürlich nicht heißen soll, dass es nicht merkwürdig ist oder ein Grund wäre, dich nicht ernst zu nehmen.“
    Einerseits war Rai enttäuscht, dass Ash den Witz nicht als solchen auf fasste, andererseits aber auch beeindruckt, dass Ash sich an etwas erinnerte, das er vor Jahren zur Einschulung erzählt hatte.


    „Aber um aufs eigentliche Thema zurückzukommen, ja, ein Videospiel.“
    Prompt wurde das Werbeprospekt aus Rais Tasche gekramt und auf den kleinen, nussbraunen Tisch zwischen den Schülern gelegt. Ungläubige Blicke folgten, die zwischen Rai und dem Magazin umherwanderten.
    „Die Email kam also von dir?“ Von welcher Email sprach Ash plötzlich?
    „Ich weiß nicht, was du meinst.“
    Und so kramte auch der kleinere Schüler in seiner Tasche und zog ein Smartphone heraus.
    „Eine Email von irgendeiner Petition, an der ich aber nie teilgenommen habe. Sie zeigt genau dieses Game, anscheinend ist es eine App, Rundenbasierter Kampf mit einem Sammelsystem, welches bestimmt Pay-To-Win sein wird.“
    Unschlüssig verglich Rai die Mail mit dem Cover seines Prospekts. Sie stimmten perfekt miteinander überein.
    „Ich war heute noch nicht am Computer, aber woher sollten die unsere Mailadressen haben?“
    Nur Schulterzucken folgte auf diese Frage.
    „Wenn es im Appstore ist, können wir es uns ja wenigstens mal ansehen, oder?“, schlug er deswegen vor.
    Immerhin gab es im Laden kostenloses WLAN, was wiederum die Frage aufwirft, wieso nicht mehr Kunden herkamen, um eine Pause einzulegen. Selten waren hier alle Tische belegt. Die meisten Leute kauften ihre Packung Tee und verließen den Laden wieder.




    „Es lässt sich nicht installieren, angeblich habe ich nicht genug freien Speicher.“ Gleichermaßen frustriert und skeptisch gab der Teenager sich schließlich geschlagen und schob seufzend seine Teetasse zur Seite um sein Smartphone auf den runden Tisch zu legen.
    Bei Ash lief es nicht viel besser. Zwar ließ sich die App für ihn installieren, doch wurde er bald vor ein neues Problem gestellt.
    „Was ist dieses Ding?“
    „Das wurde dir doch gerade erklärt.“, antwortete Rai aufmerksam zusehend. Er hatte sich neben seinen Freund gesetzt und blickte ihm über die Schulter.
    „Meinst du, ich lese dieses Tutorial? Diese Anime Waifu ist doch viel zu überzogen dargestellt.“, verteidigte sich Ash nun.
    „Dann erkläre ich dir das eben. Also so wie ich das verstanden habe, sind diese kleinen Wesen Digimon, wie auch im Titel angemerkt und sie bestehen komplett aus Daten. Wie kleine, virtuelle Haustiere.“
    „Haustiere, die kämpfen können... Also ist diese rosa Fellkugel mein erster Kämpfer?“
    „Finden wir es heraus, los, mach schon weiter.“, drängelte der größere Schüler ungeduldig.
    „Geht nicht. Angeblich bricht die Verbindung ab und es will etwas neues installieren, aber es tut sich nichts.“
    Hatte Ash ebenfalls nicht genügend Speicherplatz für dieses Spiel?


    „Ach vergiss es.“, grummelte dieser schließlich und wollte die Datei beenden.
    „Bitte, ich muss wissen, was es damit auf sich hat.“, kam sofort der Einwand von Rai.


    Nach einigem Bitten und Betteln holte der Kleinere schließlich einen kleinen Laptop hervor.
    „Du hast deinen Laptop dabei?“ Verwundert griff Rai nach den Tassen und räumte diese ab, um Platz zu schaffen.
    „Ich treffe mich später noch mit der Computer AG.“


    Also wurde auch auf dem großen Gerät das Spiel installiert und wieder spielten die Jugendlichen bis zu dem Punkt, an dem sie ihr Teammitglied zugeteilt bekamen.
    „Jetzt sieht es ganz anders aus.“, gab Ash plötzlich von sich und weckte damit wieder das Interesse seines gelangweilten Gegenübers.
    „Das bildest du dir nur ein. Der Bildschirm ist viel größer.“
    Ungläubig stand Rai auf und wechselte wieder zu Ashs Seite des Tisches.
    „Nein, es sieht wirklich anders aus. Vorhin war es rosa, jetzt ist es braun und es hat ein Horn auf dem Kopf.“


    Tatsächlich hatte er damit Recht.
    „Und der Download ist viel schneller als vorhin. Er müsste jede Sekunde -“
    Plötzlich verfärbte sich der Bildschirm. Erst wurde er komplett weiß, danach zeigte er merkwürdige Zahlen vor einem schwarzen Hintergrund.
    „Du hast mir einen Virus aufgedrängt.“, stellte Ash schließlich fest und durchlöcherte seinen Begleiter förmlich mit Blicken.
    Bevor dieser sich verteidigen konnte, begann der Laptop plötzlich zu strahlen und der Boden gab unter ihnen nach. Zumindest für eine Sekunde. Als würde man im Schlaf fallen und davon wach werden.
    „Er funktioniert wieder, aber die Internetverbindung ist weg.“, stellte Ash schließlich trocken fest, fast so, als hätte er nichts von dem Fall mitbekommen.
    „Ehm.. Also...“, stotterte Rai wiederum und deutete mit seinem Finger in irgendeine Richtung.
    Erst jetzt blickte Ash vom Bildschirm hoch und nahm seine Umgebung wieder wahr.


    Statt dem gemütlich eingerichteten Teeladen saß er jetzt in einer Art Lego Haus aus bunten Steinen und mit Stoffwürfeln als Hocker.
    Damit war auch Ash sprachlos. Ungläubig sprang er auf und schritt zur Tür, drehte aber auf halbem Weg um und griff nach seinem Laptop und der dazugehörigen Tasche, um sie auf keinen Fall zu vergessen.
    „Hey, warte auf mich!“



    Die Aussicht außerhalb des Gebäudes sagte dem Zweiergespann nicht wirklich mehr zu. Der Boden unter ihnen setzte sich aus einem gekachelten, grünen Teppich zusammen.
    „Wo sind wir hier? Das ist nicht … Wo sind wir hier?“
    „Sieht aus wie ein Stadtteil“, Rai schien genauso ratlos wie Ash.
    „Sehen wir uns genauer um.“
    Als wäre es eine Aufforderung und kein Vorschlag, setzte sich der kleinere Schüler in Bewegung. Rai wollte nicht alleine zurückbleiben und so hatte er keine andere Chance als seinem Begleiter zu folgen.



    Hin und wieder kam die kleine Gruppe an offenen Gebäuden mit Zuckerwatte, Gummibärchen, Sauren Drops, farbigen Zuckerstangen oder Schokolade vorbei. Es wäre wohl überflüssig zu erwähnen, dass diese ebenfalls vollständig aus Bauklötzen oder überdimensionalen Legosteinen bestanden.
    Eine kühle Brise machte den Jugendlichen bewusst, dass sie hier nicht länger in einer Großstadt waren. Frisch und unberührt ruhte die Luft im Spielzeugdorf. Rein und magisch mit einem Gefühl von Abenteuern.
    Wenig später beobachteten sie eine Armee von Spielzeug Robotern, die gegen Actionfiguren kämpften. Selbst an einer Spielzeugbahn kamen sie vorbei, auf die sie hätten aufspringen können, wenn Ash nicht zu langsam gewesen wäre.

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  • 1.1 Eine neue Welt



    Tory hatte einen langen Fußmarsch hinter sich. Das Areal aus Spielzeugen schien kein Ende zu nehmen und so fragte er sich, ob er vielleicht nicht doch träumte.
    Ein seufzen folgte, dann blickte er sich erneut um. War nicht doch irgendwo ein Ende in Sicht? Ein Hinweis, wo er war, oder jemanden, den er fragen konnte?


    Dann wurde seine Aufmerksamkeit von einem entfernter gelegenen Bereich gestohlen.
    Waren das etwa Babywiegen? Neugierig schritt der immer noch verwirrte Junge auf den umzäunten Bereich zu. Je näher er ihm kam, desto klarer wurde seine Vermutung untermauert. In einigen Wiegen lagen bunte Eier, die ihn sehr an Ostern erinnerten. In anderen Wiegen lagen seltsame Wesen, fast wie Plüschtiere und wieder andere Wiegen waren leer.


    "Endlich bist du hier!" Tory zuckte zusammen, als eines der herumlaufenden 'Spielzeuge' anfing zu reden.
    Das Wesen trug eine rote Hose und lief wie ein Mensch auf zwei Beinen. Seine Haut hatte allerdings eine etwas dunklere Farbe als die von den Menschen und bestand aus kurzem, samtig weichem Fell.


    Zielstrebig lief es auf den doppelt so großen Jungen zu, der sich wissbegierig am Zaun abstützte, um das Gleichgewicht auf seinen Zehenspitzen zu halten und mehr zu sehen. Mit einem flinken Sprung katapultierte es sich hoch in die Luft und landete genau auf dem Zaun vor Tory. Dieser verlor vor Schreck sein Gleichgewicht und fiel nach hinten auf seinen Hosenboden, wobei ein seltsames Gerät aus der eben jener Hose fiel und nun neben ihm lag.


    "Aber da war doch vorher mein Handy drin. Und was bist du? Wieso kannst du sprechen und wieso kennst du mich?", sprudelten die Fragen aus dem kleinen Jungen hervor.
    Angesprochenes Wesen grinste, legte verwirrt seinen Kopf schief und steckte seinen Finger in die Nase:
    „Eh... weiß ich nicht.“
    „Du weißt nicht, wer du bist? Leidest du unter Amnesie?“, schlussfolgerte der noch immer sitzende Schüler sofort.
    „Achso, wer ich bin, Neemon.“, wusste das planlose Wesen jetzt doch zu antworten.
    „Und wieso sagst du dann, das würdest du nicht wissen?“
    „Na, deine anderen Fragen. Weißt du denn wieso du sprechen kannst? Und woher sollte ich dich kennen, wir haben uns noch nie gesehen!“
    Jetzt wusste Tory überhaupt nichts mehr.
    „Aber du hast doch so aufgeregt gerufen, dass ich endlich hier sei.“, erläuterte er also.
    „Weil du ein Mensch bist und ein Digivice bei dir trägst. Also musst du zu den legendären Digirittern gehören.“
    Digivice? Digiritter? Legende? Unschlüssig blickte Tory zu dem Gerät neben sich. Damit war wohl das Digivice gemeint?
    „Das musst du mir jetzt ganz genau erklären.“, forderte der Junge, während er sich aufrichtete und das Ding aufhob, um es genau zu betrachten.
    „Wenn unsere Welt in Gefahr ist, tauchen Digiritter auf, die uns retten.“ Fast schon stolz grinste Neemon. Darüber bewusst, wie erstaunlich nutzlos diese Antwort für Tory war, war es sich wohl nicht.
    „Eure Welt? Und wie und vor was sollen wir euch retten?“, hakte der verwirrte Junge weiter nach.
    „Na die Digiwelt, die Welt, in der du gerade bist! Wo wir Digimon leben! Du weißt aber auch gar nichts. Warte hier, ich bin gleich wieder da.“, schon sauste das 'Digimon' los, ehe es hinter der nächsten Ecke verschwand und Tory verdutzt zurückblieb.



    Keine zwei Minuten später, hörte er plötzlich Stimmen.
    „Du denkst also, wir wären in dieses Spiel geraten und sind jetzt in dieser virtuellen Welt?“
    Am Rand des Parks waren jetzt zwei schwarzhaarige Menschen zu sehen. Voller Freude darüber, hier endlich jemand Normalen zu finden, schritt der zierliche Junge auf die diskutierenden Schüler zu. Der kleinere von diesen, schien der vorhin geäußerten Vermutung nicht so ganz zuzustimmen.
    „Ich glaube eher, dass das hier ein schlechter Witz ist und wir nur die versteckte Kamera finden müssen.“


    Die Beiden stoppten jetzt und wandten sich einander zu, statt weiter zu laufen.
    „Es wäre nicht das erste mal, dass so etwas passiert. Denk doch mal an all die Animes.“
    Unschlüssig beobachtete Tory die Diskussion weiter, meldete sich aber schließlich doch zu Wort:
    „Das sprechende Spielzeug vorhin meinte, dass wir hier in der Digiwelt wären. Es stellte sich selbst als Neemon vor und erzählte von irgendeiner Legende, dass wir Digiritter wären, weil wir Menschen sind und ihm helfen sollen.“
    Die anfängliche Verwunderung plötzlich einen anderen Menschen zu sehen, wurde
    am Ende nur größer, als der viel jüngere Mensch von einem sprechenden Spielzeug berichtete.


    „Ein imaginärer Freund?“
    Nachdenklich legte Tory seinen Zeigefinger ans Kinn. Wie konnte er diese älteren Schüler davon überzeugen, dass er sich das nicht eingebildet hatte? Normalerweise wurde er doch immer als viel zu erwachsen beschrieben, kam er jetzt plötzlich als kindisch rüber?
    „Unsinn, denk nach was uns im Tutorial erklärt wurde, bestimmt hat er ein Digimon gesehen.“, verteidigte ihn plötzlich der Größere.
    „Also ist das hier nur eine virtuelle Realität?“, so die Schlussfolgerung des Zweiten.
    „Ich bin übrigens Tory“, fing der Kleinste plötzlich an und verbeugte sich einmal förmlich, wie er es gegenüber älteren Schülern gewohnt war.
    „Uh...“, etwas verunsichert vom plötzlichen Themenwechsel brauchte Rai einen Moment, eher er sich und anschließend auch Ash vorstellte.
    „Freut mich“, fügte letzterer noch so trocken hinzu, dass Tory nicht genau wusste, ob dieser es ehrlich meinte, oder ihn nur ärgern wollte.


    „Schnell weg hier!“
    Eine Panische Stimme durchdrang die Stille und hinter der selben Ecke, hinter der Neemon verschwunden war, kam dieses nun – schneller rennend als zuvor - wieder hervor.
    In seinem rechten, kurzen Arm hielt es etwas, das aussah wie ein grünes Buch und mit der anderen Freien Hand hielt es seine Hose fest, damit diese nicht zu Boden rutschte.
    Vor der Menschengruppe machte es schließlich Halt und blickte plötzlich überhaupt nicht mehr panisch drein.
    „Und wer seid ihr?“ Mit der wieder freien Hand deutete es jetzt auf Ash und Rai, erntete aber wie üblich nur ratlose Blicke.


    „Wieso bist du eben weggerannt?“, sprach Tory schließlich für alle aus.
    „Wegen Demidevimon“, kam wie selbstverständlich die Antwort. Sofort realisierte das kleine Wesen was es eben sagte und sprang panisch hinter Rai und Ash, um sich zu verstecken.
    „Ihr seid Digiritter, tut etwas!“, gab es dabei zitternd von sich.
    „Digi-was?“, Rai verstand ebenso wenig wie Tory zuvor, was von ihm erwartet wurde.
    „Nutzt euer Digivice!“, verlangte Neemon nun noch panischer.
    Fragend tauschten Ash und Rai Blicke aus.
    „Neemon meint dieses Ding.“ Stolz zeigte der kleinste der Gruppe sein verändertes Handy.
    „So was hab ich nicht.“, verneinten Rai und Ash gleichzeitig.


    Genervt kletterte Neemon also auf den Rücken des kleineren Schwarzhaarigen und kramte ungefragt in dessen Hosentasche.
    „Was machst du denn da?“, protestierte dieser und versuchte sich des Angreifers zu entledigen. Als Neemon etwas aus dessen Hosentasche zog, schrie es triumphierend auf:
    „Das Digivice!“
    „Mein Smartphone?“ Fix entriss Ash dem Digimon das Digivice, begutachtete es verdutzt und suchte gleichzeitig nach seinem verschwundenen Smartphone. Auch Rai musste feststellen, dass sein Handy verschwunden war und an dessen Stelle ein neues Gerät getreten war.
    „Das ist doch...“, stellte er sprachlos fest. Dieses Gerät ähnelte dem Ding, das er in seinen merkwürdigen Träumen immer bei sich hatte.
    „Fledermaus.“, unterbrach Tory das Geschehen plötzlich und zeigte auf die Ecke, hinter der Neemon hervorgekommen war.


    „Demidevimon!“, wimmerte dieses plötzlich wieder los und rannte ziellos im Kreis herum.
    Das sogenannte Demidevimon glich einer Fledermaus wie Tory sie in Büchern gesehen hatte, allerdings waren die Flügel dunkelblau und es hatte eine Art Maske über der oberen Hälfte seines runden Körpers. Die untere Hälfte bestand aus hellblauem Fell und ging in schwarze, kurze Beine über. Die wiederum blauen Füße waren fast so groß, wie sein kugeliger Körper und besaßen je drei riesige, rote Krallen. Es hatte auch keine richtigen Ohren, sondern eher langgezogene Fühler.


    Als es die Gruppe von Menschen erspähte, zuckte es erschrocken zusammen.
    „Menschen!", zischte es und fing dann an zu grinsen. „Aber sie sind ja noch Kinder und völlig schutzlos!“


    Wie aus dem Nichts ließ Demidevimon eine große Spritze in seinem rechten Flügel entstehen und warf diesen, mit einem Smiley versehenen, Behälter dann auf Tory und Neemon, welches sich sofort hinter Ash in Sicherheit brachte.
    In letzter Sekunde schaffte es Rai, den zierlichen Jungen aus der Schusslinie zu zerren.
    Enttäuscht verzog das feindliche Digimon sein Gesicht.
    „Nächstes Mal werdet ihr meinem Giftpfeil nicht ausweichen."


    „Was soll das denn werden?“, ergriff Ash nun das Wort – seine Augen auf der Fledermaus ruhend.
    „Wonach sieht es denn aus?“
    Eine weitere Spritze entstand und wurde von den Krallenartigen Füßen des Digimons ergriffen, dafür bereit geworfen zu werden.
    „Wir müssen hier weg.“, zischte Ash nun und blickte zu Rai, welcher angespannt Demidevimon beobachtete.


    „Hör zu Demidevimon, wir müssen nicht kämpfen.“, sprach Tory plötzlich, „Wir wollen niemandem etwas Böses und am aller wenigsten dir. Du hast also nichts zu befürchten. Wenn du willst, können wir alles friedlich klären. Vielleicht sogar Freunde werden."
    Der zierliche Junge war nicht so naiv, dass er sich etwas daraus erhoffte. Aber genauso wenig konnte er seinen Gegner als böse ansehen, ohne dessen Beweggründe zu erfahren oder ihm eine Chance gegeben zu haben. Es gab immer einen Grund für ein aggressives Verhalten. Das hatte sich doch vorhin noch bei Bado bestätigt. Also wieso sollte es mit diesen wundersamen Wesen anders sein?


    „Deine Freundschaft oder dein Charakter interessieren mich nicht. Ihr seid eine Gefahr für den Meister und deswegen werdet ihr vernichtet werden!"
    Es gab also keine Möglichkeit, einen Kampf zu umgehen. Schnell hob Rai ein herumliegendes Spielzeugschwert auf und positionierte sich vor Ash und Tory. Er war nicht dazu bereit, zurückzuweichen oder einfach die Flucht zu ergreifen.
    „Was machst du denn da? Wir müssen hier weg!“, rief Ash etwas lauter als zuvor. War sein Freund wirklich so dumm, sich für irgendein dahergelaufenes Wesen in Gefahr zu bringen?
    „Neemon, du bist doch auch ein Digimon, tu etwas!“, fiel ihm jetzt ein. Dieses legte nur planlos seinen Kopf schief. Genervt schlug Ash seine Hand vors Gesicht:
    „Lass mich raten, du kennst deine eigenen Attacken nicht?“
    Ash blieb wohl nichts anderes übrig, als seinen Freund von hier aus anzufeuern.



    „Giftpfeil!"


    Wieder wurde eine Spritze - mit irgendeinem Gift gefüllt - geschossen. Rai konnte dieser Blitzattacke nur um Haaresbreite ausweichen, indem er sich zu Boden warf. Als die Nadel der Spritze neben ihm im Boden steckte, verließ ihn der eben gefasste Mut. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?


    „Ihr sollt diese Welt retten? Erbärmlich!“, kicherte die grinsende Fledermaus und flatterte weiter um Rai herum, welcher sich die größte Mühe gab, den fliegenden Gegner irgendwie zu treffen.
    Von seinem eigenen Ausweichmanöver erschöpft, flog die Fledermaus weiter nach oben, wo es für einen Moment inne hielt. Mit seinen gelben Augen erzeugte es violette Ringe und sendete diese Ultraschallwellen - die dazu gedacht waren, die Opfer einzuschläfern - auf Rai.
    Desorientiert versuchte dieser auf den Beinen zu bleiben, reagierte aber nicht schnell genug, um dem nächsten Angriff zu entgehen.
    Mit voller Geschwindigkeit stürzte sich Demidevimon auf den Menschen und warf diesen zu Boden.
    „Jetzt habe ich dich!“, verkündete es voller Vorfreude und griff nach einem weiteren Giftpfeil.


    Doch plötzlich wurde es von irgendetwas getroffen und zurück in die Luft geschleudert. Ein zweiter Schuss folgte. Daraufhin ein dritter, bis Demidevimon schließlich aufgab. Nach Luft schnappend, kam es auf dem Ast eines Spielzeugbaums auf und warf dem Digiritter einen hasserfüllten Blick zu.
    „Hast du genug? Ich kann dir auch noch ein paar Lego-Steine entgegen schleudern!", drohte Ash mit einer gespannten Plastikschleuder in der Hand.
    „Das wirst du bereuen!“, rief es, flatterte dann aber widerwillig davon.
    Aus Torys Richtung kam ein erleichtertes Seufzen.
    „Geht es dir gut?“ Neemon hatte sich neben Rai gesetzt und musterte diesen besorgt.
    „Nichts passiert. Nur eine kleine Schramme als es mich zu Boden geworfen hat.“


    „Ich verstehe das nicht. Wieso ist nichts passiert?“, fragte es anschließend mit schief gelegtem Kopf.
    „Was sollte denn passieren?“, erkundigte sich Tory daraufhin und setzte sich ebenfalls zu Neemon und Rai.
    „In meinem Buch steht, dass ihr Menschen mit Hilfe von Spirits zu legendären Kriegern werdet!“
    Prompt wurde das Buch aufgeschlagen, das es noch immer unter dem Arm geklemmt hatte. Die Hälfte der Seiten waren in einer merkwürdigen Schrift beschrieben, die zweite Hälfte bestand aus selbstgezeichneten Bildern.


    „Steht in dem Buch vielleicht auch, wie wir hier hergekommen sind, oder wie wir in unsere Welt zurück können?“ Auch Ash hatte sich zur Gruppe gesetzt und blickte dem Digimon über die Schultern.
    „Weiß ich nicht.“
    „Wie das weißt du nicht, aber es ist doch dein Buch, oder?“, fragte sich Tory jetzt. Langsam verwunderte es ihn, dass dieses Digimon überhaupt etwas wusste.
    „Das Buch gehört meinem Freund. Er hat gesagt, dass ich darauf aufpassen soll, bevor er verschwunden ist.“
    „Also ist das hier überhaupt nicht dein Buch. Aber wo ist dein Freund denn jetzt?“, hakte Tory vorsichtig nach.
    „Ihm muss etwas passiert sein, deswegen wollte ich euch Menschen ja finden!“
    Ratlos blickten sich die Schüler an.
    „Das hast du vorhin schon gesagt. Dass wir die Digiwelt retten sollen, aber von wem?“
    „Das wollte Bokomon ja herausfinden. Er sagte, dass sich die Gebiete in Luft auflösen.“
    „Bokomon ist also dein Freund, wie? Hm, Schwierig...“, grübelte Tory noch immer ins Gespräch vertieft.
    „Also ich weiß ja nicht so recht, das klingt alles merkwürdig.“, seufzte Ash. Er rechnete jedoch bereits damit, dass er Rai nicht ausreden konnte, der Sache auf den Grund zu gehen.
    „Ich weiß, was du sagen willst. Wir sollen vorsichtig sein und, es ginge uns nichts an, aber...“, fing dieser wie erwartet an zu argumentieren.
    „Schon gut, wir bleiben hier und sehen uns etwas um.“, gab sich Ash geschlagen und erntete dafür eine unerwartete Umarmung von Neemon.
    Grinsend stand Tory auf und holte sein Digivice hervor:
    „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir diesem Ding noch sehr dankbar sein werden.“
    Ein letztes Mal ließ er die Umgebung auf sich wirken. Irgendwie schien nach diesem Kampf alles anders. Viel faszinierender und aufregender. Vielleicht weil er sich endlich auf diese fremde Welt einlassen konnte, ohne skeptisch zu sein und einen Traum zu erwarten.

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  • 1.2 Strandausflug



    „Ich weiß ja nicht.“
    Etwas abseits der Gruppe stand Rai – damit beschäftigt, sein sogenanntes Digivice zu begutachten.
    „Ein Ausflug zum Strand ist so ziemlich das letzte, was uns dabei hilft, Informationen zu sammeln.“, murmelte er.
    „Gibt es ein Problem?“ Tory näherte sich neugierig und blickte an dem viel größeren Schüler hoch.
    „Mein Digivice ist zum Großteil weiß. Die Tasten und das umrahmte Display sind dunkelblau. Bei Ash ist es schwarz mit hellgrauen Tasten und deines ist mint grün mit weiß. Haben die Farben irgendetwas zu bedeuten?“
    „Vielleicht damit man sie leichter unterscheiden kann?“, mischte Ash sich jetzt ein, „Aber fragen wir uns doch lieber, wieso sich Demidevimon hat so einfach vertreiben lassen. Sicher haben meine Schüsse nicht allzu viel Schaden angerichtet.“
    Dazu wusste Neemon immerhin eine nützliche Antwort zu teilen:
    „Jedes Digimon ist unterschiedlich stark. Zwar ist Demidevimon kein Baby mehr, doch ist es immer noch ein Kind. Es muss erst digitieren.“
    „Das heißt, es gibt noch viel stärkere Digimon da draußen?“, alleine bei dem Gedanken hatte Tory das Verlangen, sich hinter Rai zu verstecken.
    „Es gibt noch Champion und Ultra und Mega und Super-Mega und...“, begann Neemon aufzuzählen.


    „Genug“, wurde es von Ash gestoppt, welcher nicht genau deuten konnte, ob dieses die Wahrheit sagte, oder nur sinnlose Wörter aneinander reihte, „Wie sollen wir vorgehen, wenn wir auf stärkere Gegner treffen?“
    „Deswegen wollte ich ja zum Sandpalast! Er ist direkt hier am künstlich angelegten See. In ihm soll sich eine antike Waffe der legendären Krieger befinden.“
    Jetzt wurde die Gruppe wieder hellhörig.
    „Na dann los.“ Rai schien sofort motiviert und blickte erwartungsvoll zu Neemon.
    „Glaubst du ihm das etwa? Außerdem ist es nur eine Legende. Selbst wenn sie wahr wäre, vielleicht wurde die Waffe bereits gestohlen.“, Ash hingegen blieb skeptisch.
    „Aber was bringt es uns, wenn wir hier sitzen und darauf warten, dass Demidevimon mit Verstärkung zurück kommt?“, fügte der kleinste der Gruppe hinzu und überstimmte somit Ash, welcher schließlich leise grummelnd zustimmte.



    Einen langen Fußmarsch später, kam endlich der See in Sicht. Tatsächlich war das Ufer komplett von Sand bedeckt und auf einem kleinen Hügel - der als Klippe diente - stand eine riesige Sandburg.
    „Wie groß ist diese Spielzeugwelt?“, brabbelte Tory plötzlich los.
    „Die Stadt des ewigen Anfangs? Oh, das ist nur ein kleiner Teil des Kontinents.“ In der Nase popelnd schlug das Digimon eine Doppelseite in seinem Buch auf, in der eine gekritzelt Karte zu finden war. Dort zeigte es auf einen klitzekleinen, roten Punkt, der wohl diese Stadt darstellen sollte.
    „Du hast jedenfalls nicht übertrieben, als du von einem Palast gesprochen hast. Ist das Sandstein?“, gab Ash staunend zu und holte sofort seinen Laptop hervor um mit der Webcam ein Foto der Sandburg zu machen.
    „Ich muss doch sicher gehen, dass uns das später jemand glaubt“, fügte er rechtfertigend hinzu, als er sich der verdutzten Blicke von Rai und Tory bewusst wurde.
    „Wir sollten uns aufteilen, um das Gebiet schneller absuchen zu können.“, schlug das Digimon in roter Hose vor.
    „Den Babysitter werde ich für dich nicht spielen.“, unterbrach Ash das kleine Wesen sofort.
    „Dann gehe ich mit Neemon und du passt auf Tory auf.“, schlug der größere Schwarzhaarige vor.
    „Ich sagte doch, ich werde nicht -“ Den Babysitter spielen, wollte Ash zuerst sagen, verstummte aber nach wenigen Wörtern. Tory als Baby zu bezeichnen, nur weil er jünger war, wäre nicht fair gewesen., „In Ordnung“, sagte er also kleinlaut und wandte sich dann seinem Begleiter zu. „Also, wo sollen wir anfangen? Nehmen wir uns die Umgebung vor?“
    Motiviert nickte Tory. So musste er immerhin nicht aufpassen, die Sandburg versehentlich zum Einsturz zu bringen.


    Auch Neemon und Rai machten sich auf die Suche nach der genannten Waffe. Steil war der Hügel an sich nicht, doch gab es einige Stellen, an denen Neemon nach oben gezogen werden musste, da es zu klein war.
    „Wie sieht die Waffe eigentlich aus?“, fragte der Schüler schließlich.
    „Weiß ich nicht.“, kam die Standardantwort von Neemon. Seufzend lief Rai weiter. Was hatte er sich bloß erhofft?
    „Eigentlich ist es keine Waffe.“, rückte Neemon etwas später mit der Sprache heraus. „Aber du wirst es schon erkennen“, fügte es noch an.
    „Na hoffentlich verschwenden wir hier nicht unsere Zeit.“



    "Vernichten!"


    Plötzlich verwandelte sich die Urlaubskulisse in ein Schlachtfeld. Ein roter Laserstrahl schlug nur wenige Meter neben Rai und Neemon ein und hinterließ ein tiefes Loch im Hügel. Alarmiert hob Rai das kleine Wesen hoch und zerrte es hinter sich her. Mit schnellen Schritten steuerte er den Palast an, um in dessen Hallen Schutz zu suchen. Er hoffte, dort würden sie sicher sein, doch gerade als sie da waren, brachte der Laserstrahl mehrere Wände zum einstürzen. Rai signalisierte seinem Begleiter, still zu sein, indem er seinen Zeigefinger auf seine Lippen legte und kletterte dann über die Trümmer der Wände ein Stockwerk nach oben. Aus den Fenstern konnte er jetzt Ash und Tory sehen, die sich hinter einem großen Felsen in Deckung gebracht hatten. Danach kletterte der Junge eine weitere Treppe nach oben, bis er schließlich auf dem Dach des Gebäudes war.


    Ein metallischer Roboter kam zum Vorschein und als würde das Digivice sehen, was Rai sah, erstrahlte es und zeigte plötzlich ein 3D-Modell des Digimons an. "Mekanorimon. Level: Champion. Typus: Virus. Attacke: Fernlichter"
    War darunter zu lesen.
    "Schätze das ist unser Begrüßungskomitee...", murmelte Rai weniger motiviert. Wieder feuerte der Roboter mit seinem ungewöhnlich langen Armen einen Laser aus dem roten Kristall-ähnlichen Ding an seinem Rumpf ab.
    Fast schon panisch duckte sich Rai unter dem Angriff hinweg, verlor sein Gleichgewicht und stolperte mit etwas Glück an dem zweiten Laser vorbei.
    Jetzt begann das ganze Dach des Palastes einzustürzen.


    Am Boden liegend, hielt er seine Arme schützend über den Kopf.
    Die Trümmer schlugen wenige Zentimeter neben ihm ein und rissen den ganzen Boden mit sich.
    "Den Keller wollte ich eigentlich nicht finden!"
    Mit viel Glück konnte sich Rai an einer Kante festhalten. Er schluckte bei dem Anblick des tiefschwarzen Lochs unter sich.
    "Raus hier!", rief er in der Hoffnung, dass Neemon noch nichts passiert war.
    Dann brach der Rest des Daches ein und schlug den Vorsprung weg, an dem Rai sich festgehalten hatte.


    Er fiel immer tiefer. Immer schneller. Es schien kein Ende zu nehmen und für einen Moment dachte er schon, er sei tot. Dann erstrahlte Plötzlich ein Licht aus dem Loch und ein Artefakt oder eher eine Statue flog genau auf ihn zu.


    "Ist das die Waffe, von der Neemon gesprochen hat?"
    Als wolle das Digivice seine Aussage bestätigen, begann es ein weiteres Mal zu leuchten. Schlagartig wurde die ganze Umgebung klarer. Zudem war er nicht mehr am fallen, sondern schien auf dem Licht laufen zu können. Vor ihm schwebte die Statue.
    „Ein Wolfskopf?“, stellte Rai fest und beobachtete wie das Leuchten seines Digivices immer intensiver wurde.
    Als wolle es den Kopf verschlucken. Dann ging alles ganz schnell. Das Artefakt flog auf das blaue Gerät zu, verschwand in diesem und verwandelte sich in eine Reihe aus Daten.
    Rai wusste nicht genau, was überhaupt passierte und wie in aller Welt so etwas möglich war. Er hatte keinen blassen Schimmer wo er war, oder was dieses Ding war. Aber in diesem Moment wusste er genau was er tun musste.
    Instinktiv streckte er seine Hand aus, konzentrierte sich auf die Datenreihe und holte aus, um sie über das hellblaue Licht an der linken Seite zu ziehen und sie somit zu scannen. Eine seltsame Kraft umhüllte ihn und er dachte für einen Moment, er würde ohnmächtig werden.


    Die Daten verwandelten sich in eine weiße Rüstung und umschlossen den Jungen. Rais Haare verblassten zu einem Blond und wurden kurz darauf bereits von einem wolfsähnlichen Helm verdeckt.
    Seine Schultern, Unterarme und Knie wurden zusätzlich von lilafarbenen Schützern Verstärkt. Seine Hände wurden von schwarzen Lederhandschuhen bedeckt und seine Schuhe gegen Wolfsähnliche Eisenstiefel mit drei Krallen ausgetauscht. Aber aus irgendeinem Grund fühlte er sich nicht schwer. Als hätte er sogar Schnelligkeit und Instinkte hinzugewonnen. Als sich auf seinem Rücken ein Cape materialisierte, wurde es ihm klar. Er hatte die Kräfte eines Digimon hinzugewonnen.


    Lobomon - Das Licht.


    Auf einmal schien das Loch gar nicht mehr so tief. Ein kräftiger Sprung reichte aus, um nach oben zu kommen. Instinktiv wandte er sich nach rechts und sprang über die Trümmer hinweg. Im Sprung zückte er zwei Lichtschwerter, die er während der Digitation hinzu gewann und zog sie so schnell übereinander, dass ein Geschoss aus purem Licht entstand.
    Mekanorimon, welches gerade dazu aus holte Neemon mit einem Laser zu durchlöchern, wurde von dem Geschoss direkt in den Rücken getroffen. Anscheinend erkannte es Lobomon als Gefahr an, denn es ließ von dem kleineren Digimon ab und versuchte den Digiritter mit seinen langen Armen zu greifen.


    Die ersten Male konnte Lobomon spielend ausweichen und dem Roboter mit seinen Lichtschwertern zu setzen, doch irgendwann wurde Lobomon doch gepackt, hoch in die Luft geworfen und wie eine Zielscheibe mit dem Laserstrahl getroffen. Wackelig kam der Digiritter auf einem noch stehenden Teil der Mauern auf und schoss die Kanone an seinem rechten Handgelenk ab:
    "Lichtkugel!"
    Der Schlag ging genau durch das rote Etwas hindurch, aus welchem Mekanorimon seine Laserstrahlen abschoss. Aufgebracht schlug dieses um sich und versuchte Lobomon von der Mauer zu stürzen. Mit einem geschickten Schwerthieb konnte der Krieger des Lichts schließlich den roten Kristall durchbohren. Keuchend kam er zwischen dem Roboter und dem kleinen Digimon auf.


    Noch immer seinen Instinkten folgend, griff er nach seinem ehemaligen Handy. Es war fast so, als würde der Spirit mit ihm reden. Genau wie er ihm im Kampf zuvor signalisierte was für Angriffe er jetzt beherrschte. Fast so, als würde er nicht alleine kämpfen - als wäre ein weiterer Krieger bei ihm.
    "Seele, die du der Dunkelheit dienst, du sollst durch das Licht des Digivices gereinigt werden!"
    Der Roboter wurde komplett schwarz und löste sich in einzelne Datenstränge auf, die wie das Artefakt zuvor in Rais Gerät gespeichert wurden. Schließlich stieg ein graues Digiei zum Himmel auf.
    Digimon bestanden aus Daten. Aber sie wurden nach dem Tod zu Eiern und schlüpften auch aus diesen? Zum nachdenken blieb wenig Zeit. Der Trümmerhaufen unter Lobomon gab nach und als Rai die Wucht des Aufpralls spürte, war ihm klar, dass seine Rüstung verschwunden war.
    Angestrengt versuchte er das kleine Wesen zu erblicken und als er es unverletzt nicht weit von ihm stehen sah, lächelte er.
    "Ich habe absolut keine Ahnung was da gerade passiert ist... Da war irgend so ein Ding... und dann... war ich plötzlich nicht mehr ich."


    Das kleinere Digimon legte seinen Kopf schief - scheinbar überlegte es, ob es sich den ganzen Kampf nur eingebildet hatte.
    „Ich wusste nicht, dass ihr mit den Waffen der legendären Digikriegern selbst zu Digimon werdet.“, plapperte es nach kurzer Zeit und schlug das „schlaue“ - zumindest nannte es Neemon so - Buch auf.
    Mit offenem Mund staunend rannte Tory mit Ash im Schlepptau auf Rai zu:
    „Das war unglaublich!“, rief er dabei, fand aber keinen Vergleich, um sich besser auszudrücken. Er hatte nie Superheldencomics gelesen oder Actionfilme geschaut.
    „Du musst mir alles genau erklären“, verlangte jetzt Ash und setzte sich mit aufgeklapptem Laptop neben Rai.
    Dieser überreichte nur schulterzuckend sein Digivice und drückte eine der Tasten, um den Wolfskopf anzeigen zu lassen.
    „Das muss ein Spirit gewesen sein!, rief Neemon plötzlich laut und zitierte etwas aus dem der Abbildung folgenden Absatz. „Hier steht, dass sie die Seelen und die Daten der legendären Digikrieger enthalten.“
    „Interessant.“ Nachdenklich öffnete Ash irgendein Programm auf seinem Laptop und griff nach Rais Digivice, um es mit diesem zu verbinden.
    „Was genau machst du da?“, erkundigte sich der Besitzer des Geräts.
    „Ich versuche die Frequenz der Daten zu finden. Vielleicht finden wir so noch mehr Spirits.“
    Noch immer fragend starrte Rai auf den Bildschirm des Laptops.
    „Gibt es denn noch mehr davon?“, richtete er schließlich seine Frage an Neemon.
    „Damals gab es zehn legendäre Krieger.“ Noch immer blätterte das Digimon in dem merkwürdigen Buch herum.
    „Dann gibt es hier vielleicht noch weitere Menschen.“, spekulierte Tory leise.
    „Jedenfalls werde ich dich nicht alleine kämpfen lassen.“, erklärte sich Ash und gab das Digivice zurück an Rai. „Wir haben eine Spur.“

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  • 1.3 Die stillgelegte Fabrik



    Während sich Rai und Tory unterhielten, behielt Ash ihre Umgebung aufmerksam im Auge - Immerhin wussten sie fast nichts über ihre Umgebung und auf Neemon war nun wirklich kein Verlass. Wobei man der Fairness halber anmerken musste, dass es mit dem Spirit und dem Sandsteinpalast Recht hatte.
    Die Drei liefen jetzt fast seit einem halben Tag durch eine scheinbar endlose Graslandschaft die durch die mittlerweile fehlenden Spielzeuge nur noch trostloser wirkte.
    „Bist du sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?“, versicherte sich Tory dabei immer wieder und versuchte einen Blick auf den Bildschirm von Ashs Laptop zu werfen.
    „Hier sind jedenfalls noch Gleise, also müssen wir irgendwo ankommen.“, versuchte Rai ihn jedes Mal zu beruhigen.


    Endlich kam ein riesiges Gebäude in Sicht. Das monoton-graue Gebäude, in welchem man ein Flugzeug hätte verstecken können, thronte als einzige Erhebung in dieser Einöde. Die abgedunkelten Fenster waren ohne Makel und die Tür, die mehr einem großen Tor glich, stand einen Spalt weit offen.
    „Sehen wir uns das mal genauer an.“, schlug Rai vor, konnte aber bereits den ermahnenden Blick von Ash spüren.
    „Sei vorsichtig, wir wissen nicht, was uns darin erwartet.“
    Dennoch schritt der Digiritter unbeirrt weiter. Sein Digivice hatte er griffbereit in der Hosentasche, was konnte also schon passieren?



    Die Gänge schienen ziemlich verlassen, sonst wirkte aber alles hoch modern. Staub war ebenfalls nicht aufzufinden – sofern es diesen in der Digiwelt überhaupt gab. Hier und dort waren Schalter an den Wänden, die irgendeine Produktion regulieren konnten oder sonstige unbekannte Funktionen hatten.
    Sowohl Rai als auch Tory mussten sich zurückhalten, um diese nicht aus lauter Neugier zu drücken und den Zorn von Ash auf sie zu ziehen.
    Nach mehreren Abbiegungen, standen sie erneut vor einer Art Tor. Dahinter verborgen lag eine riesige Lagerhalle. Überall standen Kisten und Regale herum.
    „Was wird hier aufbewahrt?“, fragte Tory neugierig und ging weiter hinein.
    „Pass auf! Du weißt nicht, wer oder was hier drin sein könnte!“, ermahnte ihn Ash sofort zur Vorsicht und hielt ihn an der Schulter fest.


    „Mekanorimon. Hier werden Roboter produziert.“, konnte man Rai hören, der trotz der Warnung weiter ins Lager gegangen war.
    Er stand vor einer Wand von Helmen. Auf der gegenüberliegenden Seite waren die langen Roboterarme der Mekanorimon zu finden. Auch Schwerter, Schilde und anderes Zubehör häufte sich in der überdimensionalen Halle an.
    „Die Fabrik produziert Digimon?“, vergewisserte sich Tory ungläubig.
    „Scheint so… sehen wir, was wir noch so herausfinden!“ Rai schien keine Zeit verlieren zu wollen und verließ die Lagerhalle durch eine Tür auf der anderen Seite.
    „Jetzt warte doch Mal!“, rief ihm Tory hinterher und rannte los.
    „Pssst! Sei leise.“, ermahnte ihn Ash, der ebenfalls hinter Rai her rannte.


    Sie fanden sich in einem Raum mit einem Fließband wieder, wo Köpfe auf Oberkörper gesetzt wurden. Hier und dort konnte man die Geräte erblicken, die die Produktion leiteten. Während die Rüstungen mit Lasern bearbeitet wurden, kümmerten sich Roboterarme um die Positionierung der einzelnen Teile.


    „Heißt, wenn wir die Fabrik stoppen können, werden keine neuen Mekanorimon produziert.“, stellte Rai neutral fest.
    „Bestimmt wird die Produktion von jemandem Überwacht.“, warf Ash ein.
    „Wenn wir immer nur vorsichtig sind, werden wir nie ans Ziel kommen!“
    „Wieso bist du nur plötzlich so stur? Wir sind nicht hier, um uns in Gefahr zu bringen, wir wollen nur nach den Spirits suchen damit wir möglichst lebend zu Hause ankommen!“, argumentierte Ash aufgebracht.


    „Wo ist eigentlich Neemon?“, unterbrach Tory plötzlich den Streit, suchte zuerst hinter Ash und Rai und lief anschließend besorgt zurück zur Halle.
    Die Schwarzhaarigen musterten sich einander erst sprachlos, rannten aber beide hinter dem kleinsten der Gruppe hinterher.
    „Wir sollten zusammen bleiben.“, protestierte Ash während er dabei zusah wie Rai – flink genug – den Jüngsten einholte und ihn davon überzeugte, stehen zu bleiben.
    „Aber wir müssen Neemon finden!“, drängelte Tory nur.
    Er wusste selbst, wie gefährlich es werden könnte, doch fühlte er sich für Neemon verantwortlich, seit er es in der Spielzeugstadt aufgegabelt hatte. So verpeilt es auch sein konnte, es war immer noch sein Freund.
    Dennoch war er für Argumentationen und Vorschläge zu haben und so versuchten sie zu dritt einen Plan auszuhecken, der bereits in der Anfangsphase zum Scheitern verurteilt sein sollte.
    Wie aus dem Nichts schloss sich plötzlich das Eingangstor und die Lichter gingen an. Dank diesen war nun auch eine Überwachungskamera in der oberen Ecke der Lagerhalle zu sehen.
    „Wurden wir erwischt?“, stieß Ash alarmiert hervor, „Das war vielleicht unsere einzige Chance auf die Spirits!“
    Auch die zweite Tür begann jetzt, sich zu schließen. Sofort setzte sich Rai – zur Verwunderung der anderen – in Bewegung und sprintete auf die Tür zu, die zurück zum Raum mit dem Fließband führte.
    „Was hast du vor?“, rief ihm Ash sauer hinterher, wohl wissend, dass er Rai niemals einholen würde.
    „Die Spirits finden natürlich! Pass auf Tory auf!“ Ein Hechtsprung genügte und schon war Rai hinter der jetzt verschlossenen Tür verschwunden.



    Er konnte keine weitere Zeit verlieren. Ash und Tory waren zwar in der Lagerhalle eingeschlossen, aber immerhin bedeutete das auch, dass niemand zu ihnen gelangen konnte. Sie waren sozusagen in Sicherheit, während er entkommen und somit die wichtigere Gefahr darstellte.
    Ohne dem Fließband weitere Beachtung zu schenken, bahnte er sich – das Digivice in der Hand – einen Weg weiter ins Innere der Fabrik.


    Der nächste Raum schien eine Art Treppenhaus zu sein. Es hing sogar ein Plan an der sonst völlig weißen Wand. Scheinbar ein Fluchtplan, falls es zum Brand kommen würde.
    Die Treppen, die sich ineinander verschlangen und sich an die viereckige Form des Raumes anpassten, sahen leicht anders aus, als normale von Menschen erbaute Treppen. Ihr Geländer war einen guten Meter höher. Die Stufen waren nicht viel höher als normal, was ziemlich seltsam aussah. Unschlüssig begutachtete Rai das aus Elfenbein gemachte Geländer.
    „Die Digimon, die hier leben müssen ziemlich groß sein.“


    „Ich wusste, dass ihr herkommen würdet, wenn ich euch mit Spirits ködere!“, ertönte von oben plötzlich eine vertraute Stimme, untermauert von Flattern. Alarmiert richtete dieser sein Digivice nach oben – bereit zu digitieren. Doch es geschah nichts und der Bildschirm blieb schwarz.
    „Verdammt, wieso funktioniert das nicht?“
    Fluchend wich der Schüler zurück und versuchte hinter einer großen Metallsäule Schutz zu suchen.
    „Du wirst es bereuen, Demidevimon gedemütigt zu haben!“, drohte die Fledermaus auf dem Weg nach unten. Als sie unten angekommen war, erspähte sie den Menschen ohne große Probleme und feuerte einen Pfeil, dem Rai nur ganz knapp entkam.
    Schreckhaft sprang dieser auf und sprintete in die entgegengesetzte Richtung der Lagerhalle, wo er – so hoffte er – nicht auch in einer Sackgasse enden würde.


    „Bleib gefälligst stehen!“, krächzte das gefiederte Digimon. Zwar hatte es Flügel, doch schien es nicht annähernd schnell damit fliegen zu können.
    „Was ist denn los?“, machte sich eine weitere Stimme bemerkbar. Im Gang löste sich ein graues Zahnrad mit goldenem Rand von der Wand. An den Seiten hatte es zwei weitere, kleinere Zahnräder, die wie ein Ersatz für Arme aussahen.
    „Den Jungen, halte ihn auf!“, befahl Demidevimon völlig außer Puste und sank auf den Boden um eine Pause einzulegen. Dennoch grinste es hämisch, und blickte dem Zahnrad hinterher.
    „Hagurumon“, zeigte das Digivice von Rai an.
    „Das ist schön und gut, aber hilf mir endlich dabei, zu digitieren!“, verlangte er.
    Am Ende des langen Ganges erstreckte sich eine zweite Halle, gefüllt mit zahlreichen Maschinen.
    „Das Tor ist zu“, musste der Digiritter geschockt feststellen.
    „Jetzt habe ich dich!“, kündigte die Stimme von Demidevimon aus einiger Entfernung an.
    Wütend starrte der Schwarzhaarige auf das Digivice in seiner Hand. Das war jetzt wirklich nicht die beste Zeit für einen technischen Streik. Angespannt drückte er jede nur auffindbare Taste. Erst als die Fledermaus schon in Sicht war, erschien der Spirit endlich auf dem Display.
    „Na also!“, jubelte der Schüler und griff auf die Daten zu, indem er sie über den Scanner zog.


    „Spiritevolution!“


    An die Stelle des Menschen trat Lobomon und Demidevimon erlitt einen regelrechten Schock. „Du kannst schon digitieren?“, stotterte es dabei. Als es seine Fassung wiederfand, schickte es einige Schallwellen in die Richtung seines Gegners.
    Flink sprang Lobomon zur Seite und konterte mit einer Lichtkugeln die es mit der kleinen Kanone an seinem Handgelenk schoss.
    Panisch wich die kleine Fledermaus nach oben aus und schleuderte einen weiteren Giftpfeil auf Lobomon.
    „Stehenbleiben!“
    Auch das sprechende Zahnrad zeigte sich endlich wieder. Es hatte sich mit einer großen Maschine vernetzt und schien diese zu kontrollieren. Aus einem Roboterarm kam ein Stecker hervor, der voller Elektrizität knisterte. Blitzschnell schoss dieser auf den Digiritter zu und verpasste ihm einen elektrischen Schlag, der ihn am Ausweichen hinderte. Kurz darauf traf Demidevimons Pfeil die Schulter des Digiritters.
    Geschwächt sank Lobomon zu Boden.
    „Stirb, Digiritter!“, krächzte die Fledermaus und machte sich für einen weiteren Angriff bereit.


    „So leicht gebe ich mich nicht geschlagen!“, zischte der Digiritter und rollte sich zur Seite, um dem Angriff zu entgehen. Aus dieser geduckten Position schoss eine präzise gezielte Kugel auf das Zahnrad.
    Hagurumon löste sich in Daten auf und die Maschine zerbrach in ihre Einzelteile.
    „Das ist schlecht.“, musste Demidevimon geschockt feststellen und ergriff panisch die Flucht.
    „Verdammt, bleib stehen!“ fluchte der zurükgebliebene Digiritter, zu angeschlagen, um seinem Gegner zu folgen.




    ***



    "Kommen wir so hier raus?" Tory beobachtete jede Bewegung von Ash ganz genau. Erst wie er seinen Laptop drahtlos mit dem Netzwerk der Fabrik verbindete und anschließend, wie er irgendwelche Begriffe in eine Konsole eintippte. Alles nur, um die Verriegelung aufzuheben, die sie in der Halle einsperrte.
    "Fertig", teilte Ash kurz darauf mit und wartete stolz darauf, dass die Metallplatten in der Decke verschwanden und die Türen freigaben. Freudig lief Tory voran: "Jetzt können wir endlich Rai helfen!" Dem linearen Weg folgend kamen die Beiden bald ebenfalls zum Treppenhaus. "Da auf dem Plan! Das Kontrollzentrum ist im zweiten Stock, bestimmt verstecken sie dort die Spirits!", spekulierte der Jüngere aufgeregt, "Bestimmt ist Rai auch da lang.“

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  • 1.4 Flamme der Beharrlichkeit



    Das Treppenhaus schien komplett verlassen. Zumindest ging die Gruppe – bestehend aus Ash und Tory – davon aus. Trotz der Vermutung, hatte sich eine seltsame Maschine auf die Menschen fixiert und folgte diesen einige Minuten, ehe diese ihren Verfolger endlich bemerkten.
    „Was ist das?“, fragte der Jüngere verwundert und blickte mit großen Augen zu Ash.
    „Kann mir keinen Reim drauf machen“, enttäuschte dieser die Erwartungen, hatte im nächsten Augenblick aber bereits eine Idee, „Vielleicht kann uns das Digivice helfen, wie es auch bei Mekanorimon war.“


    >>Error. Es liegen keine Daten vor.<<


    Auch Ash schien nun ratlos und senkte seinen Scanner, bevor er dazu an setzte die Maschine zu begutachten. Trotz der lila Färbung erinnerte sie doch etwas an einen Satelliten, hatte das Wesen doch nur ein großes Auge und zwei Rotorblätter, die eher an Arme erinnerten da sie reglos herunter baumelten und nicht zum Schweben benötigt wurden.
    „Alert! Alert!“, stieß die Maschine plötzlich hervor und ehe jemand reagieren konnte,schlug ein orange-roter Laserstrahl neben ihnen ein und brach einen Teil des Geländers weg.


    „Weg hier!“, wies Ash seinen Begleiter an und zerrte diesen die Treppen hinauf, ehe er selbst innehielt um nach einem Teil des Elfenbeins zu greifen und dieses als Schlagstock zu verwenden.
    Ein Katz und Maus Spiel folgte, denn die merkwürdige Raumsonde wich jedem Hieb erfolgreich aus, nur um danach ebenfalls seinen Laser zu verfehlen.
    „So leicht gebe ich mich nicht geschlagen.“, grummelte Ash und setzte erneut zu einigen Schlägen an.
    Staunend verfolgte Tory den Schlagabtausch, für den Ash einige Kendotechniken benutzte.
    „Lauf weiter!“, rief der Ältere, als er Torys Zögern bemerkte. Schreckhaft zuckte dieser zusammen und setzte sich wieder in Bewegung.
    Ashs Gegner setzte währenddessen zu einem neuen Angriff an und drehte seine Rotorblätter um die eigene Achse, ehe es rasant auf den Schwarzhaarigen zusteuerte. Dieser blickte sich alarmiert um, konnte aber im engen Treppenhaus keine Möglichkeit finden, dem maschinellen Tornado auszuweichen.


    „Lichtschwert!“
    Noch bevor Ash sich Sorgen machen konnte, sprang eine flinke Gestalt zwischen ihn und das Digimon, um die Rotation zu stoppen und somit abzuwehren. Freudig nickte Ash seinem Retter zu, er war froh Rai – beziehungsweise Lobomon – unbeschadet zu sehen.
    „Das Kontrollzentrum ist oben.“, fing der Digiritter an.
    „Ich weiß“, kürzte Ash die Sache ab und folgte Tory, welcher bereits die Tür geöffnet hatte und hinter dieser verschwunden war.


    „Das Digimon ist ein Gizmon.“, fügte er unerwartet zuvor. An die Tür war ein Poster mit einem Diagramm angebracht, welches den Aufbau der Maschine zeigte. „Das Auge scheint die einzige Schwachstelle zu sein. Es ist nur eine Maschine.“


    Der Schlagabtausch zwischen den Digimon ging unbeirrt weiter. Zwar schien Lobomon nicht zuzuhören, doch verstand er jedes Wort von Ash genau. Allerdings war er konzentriert, wenn auch nicht konzentriert genug. Der nächste Laser erwischte ihn und er stürzte von den Geländer-losen Treppen nach unten.


    „Eine starke Maschine...“, beendete Ash seine Aussage besorgt. Unentschlossen blickte er zwischen dem Gizmon und Lobomon umher. Was konnte er schon groß ausrichten?


    „So leicht gebe ich mich nicht geschlagen.“, grummelte Rai, noch immer von Lobomons Rüstung geschützt und setzte sich auf, um sofort wieder in Kampfhaltung zu wechseln und seinen Gegner mit einer Folge aus Schwerthieben zu treffen.
    Er musste diesen Kampf beenden, bevor ihn Demidevimons Gift zu sehr auslaugen würde.
    Das viel zu schnelle Gizmon spielte zuerst auf Abstand, bereute diese Entscheidung jedoch, als eine Lichtkugel aus der Handkanone des Digiritters sein linkes Rotorblatt durchlöcherte.
    „Zwillingslaser!“, beide Lichtschwerter gezückt schnellte Lobomon los, bereit dazu seinen Feind zu durchbohren.
    Ein weiterer Laser kam ihm auf halbem Wege entgegen, dem er ohne Probleme auswich, dann aber bemerkte er Gizmon direkt vor sich. Die herabhängenden Kabel schnellten umher und umwickelten den Krieger des Lichts, um ihn mit irgendeiner Ladung zu schocken.
    Der Digiritter schrie unter Schmerzen auf.
    „Rai!“, panisch versuchte Ash die auseinanderbrechenden Treppen nach unten zu kommen, nur um auf halbem Weg den schwarzen Bildschirm des Digivices in Lobomons Hand zu bemerken. Auch der Digiritter starrte ungläubig auf sein Digivice, noch immer von den Kabeln umwickelt.
    „Gizmon hat das Digivice gehackt? Ich kann mein Lichtschwert nicht materialisieren.“


    „Gefahr eliminiert. Gefahr eliminiert. Gefangener wird weggebracht. Beförderung in Aussicht.“, mit diesen Worten begann Gizmon höher und höher in die Luft zu steigen. Wollte es etwa zum Dach der Fabrik? Oder wollte es Tory und Ash ebenfalls mitnehmen?


    „Das Digivice!“, rief Ash von unten. Tatsächlich, es hatte sich wieder eingeschaltet, also war es auch nicht kaputt.
    „Licht...“, Lobomon holte dazu aus, einen Gegenangriff zu starten, doch spürte er ein stechendes Brennen in der Schulter und zuckte zusammen. Dies wurde jetzt auch von Gizmon bemerkt und bestraft. Eine weitere Energieladung wurde durch die Kabel geschickt und der Digikrieger ließ sein Digivice unter Schmerzen fallen. Genau vor Ashs Füße.
    Verzweifelt blickte dieser dem Gizmon hinterher, schüttelte dann aber seinen Kopf. Er musste etwas unternehmen, umschloss die Elfenbeinstange fester und warf sie mit aller Kraft auf den fliegenden Satelliten. Überrascht gab dieses ein „Error“ von sich und wandte sich dann zu dem neuen Feind um, welcher den Moment dazu nutzte, von der Treppe abzuspringen und genau auf der Maschine zu landen.


    Von dem zusätzlichen Gewicht aus dem Konzept gebracht, sank Gizmon zurück zum Boden, löste den Griff um Lobomon und nahm den anderen Schwarzhaarigen ins Visier.
    „Vorsicht!“, durchdrang Torys Stimme den Moment. Aus dem Kontrollraum ertönte eine Explosion, gefolgt von einem Krächzen. „Die Spirits gehören dem Meister!“
    Ängstlich stürmte der weißhaarige Junge aus dem Zimmer.
    „Er wird die ganze Fabrik in die Luft jagen, um die Barriere zu durchbrechen!“
    Was Tory damit meinte, konnten sich die Anderen nur zusammenreimen. Waren die Spirits etwa durch einer Barriere gesichert?
    „Dieses Mal entkommst du mir nicht!“, fluchte Lobomon leise und richtete sich auf, nur um sofort die Aufmerksamkeit des Gizmon auf sich zu ziehen.
    „Nicht so voreilig!“, kommentierte Ash und verpasste dem abgewandten Digimon einen gewaltigen Schlag auf die Rübe, der es dazu veranlasste Funken von sich zu geben und unkontrollierbar zu schweben, wodurch es in die nächste Wand krachte und reglos verstummte.


    Triumphierend zeigte der Digiritter einen Daumen nach oben, was wohl soviel wie „Good Job“ heißen sollte. Dann blickte er nach oben, sein Lichtschwert bereits gezückt.
    „Willst du wirklich weiterkämpfen?“, hielt ihn Ash auf, indem er seinem Freund eine Hand auf die Schulter legte.
    „Ich komme schon klar.“, murrte Angesprochener und versuchte, nicht vor Schmerz sein Gesicht zu verziehen.


    Schon erklomm der Digiritter in der Gestalt eines zweibeinigen Wolfes das zerfallene Treppenhaus. Auf halbem Weg kam er an Tory vorbei.
    „Du schaffst das!“, zeigte dieser sich zuversichtlich.
    Als Demidevimon schließlich mit zwei Spirits in den Händen – oder in diesem Falle eher Krallen – aus der Türe kam und fast in Lobomon hinein flog, bekam es den Schreck seines Lebens.
    „Du schon wieder“, schrie es auf, erinnerte sich aber sofort an seinen letzten Treffer und nutzte dies aus. Mit einem Giftpfeil zwang es Lobomon dazu, zurück zu weichen. Den gewonnen Abstand nutzte die Fledermaus für einen Überraschungsangriff und um Geschwindigkeit aufzubauen. Mit roher Kraft rammte es seinen Flügel gegen die Schulter seines Gegners und stieß ihn die Treppe hinab.
    Tory konnte den zurück verwandelten Digiritter gerade noch auffangen, bevor er als Mensch weitere Stufen hinab gerollt wäre.
    „Er glüht regelrecht!“, stellte der jüngste der Gruppe geschockt fest und begutachtete besorgt den bewusstlosen Digiritter.
    „Dummer, dummer Junge. Er hätte nicht weiterkämpfen sollen, nachdem ihn mein Giftpfeil getroffen hat.“, erklärte Demidevimon sarkastisch, während es auf ein Loch in der Decke zusteuerte - welches Gizmons Laser im Kampf zuvor geschaffen hatte.


    „Hiergeblieben!“, mischte sich Ash von unten an. In der Hand hielt er ein Stück Schrott. Zumindest sah es so aus.
    „Willst du mich damit etwa erschießen?“, kicherte Demidevimon, musste aber zu seinem Übel feststellen, dass es damit sogar Recht hatte.
    Mit der Laserpistole, die er Gizmon abgenommen hatte, schoss der Schwarzhaarige einige Projektile in die Richtung des fliegenden Ziels.
    Zwar verfehlten alle miteinander, doch rissen sie ein weiteres Loch in die Decke. Die herabfallenden Trümmer streiften Demidevimon und die Fledermaus ließ einen der Gegenstände fallen.
    Komm zu mir, Spirit!“ rief Ash, die Pistole fallen lassend, jetzt mit seinem Digivice in der Hand. Der Drachenkopf erstrahlte und tauchte das gesamte ehemalige Treppenhaus, oder eher das Trümmerfeld in Licht.


    Die schulterlangen, schwarzen Haare des Jugendlichen färbten sich feuerrot. Ein stählerner Helm schützte die obere Hälfte seines Kopfes. Als das Licht schließlich verblasste, schritt ein zweibeiniges Reptil auf Demidevimon zu.
    Das krasse Gegenteil zu dessen lila Haut bildete die dunkelgrüne Hose, die mit einigen Ledergürteln und Stahlplatten verstärkt war. Das gleiche Metall schützte auch die Krallen und Schultern des drachenähnlichen Kriegers.


    „S- Strikedramon, der Krieger des Feuers.“, stotterte Demidevimon und schüttelte sich, um die zahlreichen Steinchen loszuwerden, die an ihm hefteten.
    Ein zweites Flattern drang von oben durch die Öffnung und auf dem Gesicht der Fledermaus zeichnete sich ein finsteres Grinsen ab.
    „Verstärkung?“, spekulierte Tory angespannt.
    „Taktischer Rückzug!“, krächzte Demidevimon jedoch nur und steuerte auf die durchlöcherte Decke zu.


    „Schön stehen bleiben!“ Strikedramon nutzte seine hinzugewonnene Beweglichkeit, um über die Trümmer der Treppe nach oben zu springen. Seine rechte Kralle umhüllt von einer Flamme, stürzte es sich auf Demidevimon.
    Geschockt starrte es in Strikedramons Richtung. Eine pechschwarze, größere Fledermaus mit zerfetzten Flügeln, blutroten Krallen, langen Beinen und einem Drachenschwanz drehte seine Runden über Demidevimons Fluchtweg.
    Genau diesem Digimon warf es den Spirit zu, bevor es von Strikedramons Hieb getroffen wurde.
    „Verschwinde von hier!“, wies das kleinere Digimon den Neuankömmling zurecht, bevor es farblos zu Boden stürzte und sich in einzelne Datenstränge auflöste.


    „Dich auch noch!“, verkündete der Digiritter darauf gefasst, die Flucht des unbekannten Digimon zu verhindern, doch Letzteres war nicht unvorbereitet. Die vier dämonischen Augen glühten nun und mit diesem höllischen Blick durchbohrte es seinen Gegner. Wie paralysiert fiel Strikedramon zurück auf den kalten Boden, unfähig dazu, sich zu bewegen. Für die Drachenfledermaus genug Zeit, zu verschwinden.
    Frustriert digitierte Ash zurück. Die Paralyse ließ nach, sowie der Feind sich weit genug von ihnen entfernte.
    „Es tut mir Leid, das Digimon ist mit deinem Spirit verschwunden.“, gab er geschlagen von sich.
    „Mein Spirit?“, versicherte sich Tory ungläubig, doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass Ash Recht hatte.
    „Wir müssen hier weg, bevor uns die Fabrik um die Ohren fliegt.“, wurde ihm danach bewusst. Sofort eilte er zu den anderen Beiden und half Rai auf die Beine.
    „Kannst du laufen?“, erkundige er sich dabei und stützte den angeschlagenen Digiritter.
    „Wird schon irgendwie.“, gab dieser nachdenklich zurück. Er war genauso frustriert, wie Ash drein blickte.
    >> Ich muss stärker werden, wenn ich in dieser Welt etwas bewirken will. <<
    „Neemon... wo bist du?“, fügte Tory murmelnd hinzu.

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  • 1.5 Die Kraft eines Digimon





    Wenige Augenblicke zuvor waren sie noch am streiten, was sie wohl als nächstes tun sollten. Rai wollte trotz seiner Verletzung unbedingt dem Dieb des Spirits hinterher. Ash hingegen fand die Idee zu gefährlich - wie eigentlich alles, das Rai vorschlug - und wollte sich von dem Digimon fernhalten, um ein Gegengift zu finden.
    Die Entscheidung wurde ihnen abgenommen, als außerhalb der Höhle, in der sie sich ausgeruht hatten, Schritte zu hören waren. Vorsichtig lugte Tory um die Ecke und verzog skeptisch sein Gesicht. Einen Ritter hätte er am wenigsten erwartet. Als das Digimon, welches vollkommen in eine silberfarbene Rüstung gehüllt war, die Menschen erblickte und sich wieder in Bewegung setzte, schwand Torys Optimismus, dass es gutmütig sein könnte.
    „Knightmon, Level Champion“, zeigte das Digivice warnend an.


    Während ihr Gegner sein überdimensionales Schwert zückte, welches so groß war wie Ash und mindestens das Zehnfache wog, griff Rai nach der Hand seines zierlichen Begleiters und zerrte Tory tiefer in die Höhle hinein.
    Sowohl auf Knightmons Brust, als auch auf seinem großen Schild, welches es nun in die Hand nahm, die durch einen Eisenhandschuh geschützt war, glühte ein orangenfarbenes Zeichen. Während das Zeichen einem Kolibrikörper glich und von dessen 'Kopf' drei Zacken weg gingen, fanden sich diese auch unterhalb des 'Kolibrikörpers'.
    Den Sinn hinter dem Zeichen verstand Tory nicht, aber es war ihm in dem Moment auch egal. Das orangene Licht erhellte die Höhle hinter ihnen und nahm ihnen den Vorteil, ungesehen zu sein. Zwar waren sie sichtlich schneller als der Feind, doch an ein Entkommen war nicht zu denken. Zu gering war die Chance, dass dieses felsige Grab einen zweiten Ausgang hatte.
    Wie es so kommen musste, teilte sich der Gang in drei und stellte der Gruppe die Frage, welche Richtung sie einschlagen wollten. Rai wusste, Ash hätte seiner Idee zu kämpfen nie zugestimmt, weswegen er unter dem Vorwand, sich aufzuteilen - um Knightmon zu verwirren - vorschlug, in verschiedene Richtungen zu rennen.


    Selbst Rai musste zugeben, dass es reinster Wahnsinn war, sich diesem Ding entgegenstellen zu wollen, doch tat er es, um mehr über sich und die Spirits herauszufinden.


    Als Tory und Ash endlich in der Dunkelheit des linken und des mittleren Ganges verschwunden war und auch ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, zeigte Rai sich dem Knightmon und versuchte, es in seinen Gang zu locken. Zu seiner Freude - oder auch seinem Pech - folgte der Gegner der Provokation. Trotz seiner schweren Rüstung, legte das Digimon eine hohe Geschwindigkeit an den Tag. Viel zu lange für Rais Geschmack ging die wilde Verfolgungsjagd. Er hatte längst die Orientierung verloren und hatte alle Mühe, nicht vor Sauerstoffmangel Tempo einzubüßen. Als die Decke plötzlich höher und höher wurde und er einige Stalaktiten von der Decke hängen sah, stoppte er kurz. Die Höhle war um einiges größer, als sie von außen aussah. Ein ganzes Labyrinth schien in ihr verborgen zu sein.



    "Schachmatt..." Ratlos stand der keuchende Digiritter vor einer Felswand. Er war geradewegs in eine Sackgasse gerannt; hatte die falsche Abzweigung des Labyrinths genommen. Ein kalter Schauer lief über Rais Rücken. Digitieren konnte er in seinem Zustand nicht. Nur die Ruhe bewahren, sagte er sich und zwang sich, den Kloß im Hals herunter zu würgen. So aufrecht er - nach Luft schnappend - stehen konnte, versuchte er vor Knightmon selbstsicher zu wirken.
    "Ich habe keine Angst vor dir", behauptete er, glaubte es aber selbst nicht ganz.


    "Lass Knightmon die Wand hinter dir zerstören!"


    Rai staunte nicht schlecht, als er plötzlich die Stimme eines ihm fremden Wesen durch das Digivice hörte. "Einen anderen Plan habe ich nicht, also hoffen wir, dass das eine gute Idee ist!"
    Angespannt wartete Rai bis das Digimon sein riesiges Schwert erhob und zum Schlag ausholte.
    Als dieses mächtige Eisen sich in Bewegung setzte, sprang er zur Seite.
    Hinter ihm erstrahle ein blendendes Leuchten. Knightmon wich einige Schritte zurück - fast als würde es diese Macht verletzen.


    "Ravemon ist ein Freund von mir. Es wird sich um das Knightmon kümmern."
    Rai verstand überhaupt nichts mehr. Wer war diese Stimme, wieso half sie ihm und wieso wusste sie überhaupt, wo er war? Doch das war in dem Moment egal. Hinter dem Jungen erschien ein weiteres Digimon.


    Ein schwarzer Helm mit rotem Visier legte sich schützend um den Kopf des Digimons und eine dünne, blaue Rüstung umschloss seinen Körper. Die rechte Hand bestand aus einer Rabenklaue, während die linke Hand nur ein Handschuh zierte und ein Katana hielt. Den Rücken zierten Rabenflügel. Der linke komplett in schwarz gehalten und der rechte weiß an der Flügelspitze. Das Digivice bezeichnete den Neuankömmling als „Ravemon“, rückte aber keine genaueren Informationen heraus.


    Das Digimon in Ritterrüstung zeigte sich weniger beeindruckt. Wieder erhob es sein Schwert, doch dieses mal deutete es auf den Rabenkrieger.
    "Ich nehme das Duell an." Ravemon allerdings hatte nicht vor einen Schwertkampf mit seinem Feind auszutragen. Sein Katana würde in Windeseile zerbrechen. Aber seine Wendigkeit konnte er in dieser engen Höhle auch nicht nutzen und ein Angriff von hinten kam gegen die schwere Panzerung nicht in Frage. Keine ideale Ausgangssituation also.
    "Folge dem Digimon, es wird dich aus der Höhle führen."
    Langsam aber sicher manövrierte Ravemon das Kampfgeschehen zurück durch den Gang in Richtung eines größeren Raumes. Zuvor hatten Rai die Tropfsteine, die von der Decke ragten, wenig interessiert. Aber jetzt erkannte er einen Nutzen in ihnen. Das seltsame Digimon hatte scheinbar eine ähnlich Idee.


    Geduldig wartete Ravemon bis das langsam ebenfalls erschöpfte Ritterdigimon den großen Raum betrat. Es schien wenig begeistert davon, dass Ravemon über ihm - außerhalb seiner Reichweite - flog. Knightmon zückte deswegen sein Schwert, welches es zum Leuchten brachte und schleuderte eine Welle aus Energie auf den Raben.
    In letzter Sekunde realisierte Ravemon den Fernangriff und wich zur Seite aus. Die Felssäule über ihm wurde regelrecht zerschmettert und fiel in Einzelteilen auf den dunklen Höhlenboden. So hatte er es sich nicht gedacht. Ravemon brauchte eine komplette Säule und keinen Säulenpüree.


    Den nächsten Angriff beschloss Ravemon mit seiner sich drehenden Kralle abzuwehren. Diese war sogar so schnell, dass die Energie aus Knightmons Angriff einfach an dieser zerschellte und in viele kleine Partikel geteilt wurde.
    Mit dieser 'Wirbelnden Rabenklaue' flog er anschließend auf seinen Gegner zu und fügte der Rüstung einen beachtlichen Schaden zu. Knightmon hatte keine Chance, den flinken Raben zu treffen und musste die Angriffe über sich ergehen lassen.
    Einen Trumpf hatte es aber dennoch in der Hinterhand. Ravemon bemerkte nicht, wie sich aus dem leuchtenden Zeichen auf der Brust des Ritters ein gebündelter Energiestrahl bildete. Diese Explodierte direkt vor Ravemon und schleuderte es quer durch den ganzen Raum. Auf der anderen Seite krachte es von Schmerzen geplagt gegen eine Felswand.


    Rai hatte die Zeit damit verbracht, zur anderen Seite des Raumes zu laufen. Sein Gegner hatte dies offensichtlich ebenfalls bemerkt, hatte es sich immerhin schon in Bewegung gesetzt. Knightmon hatte bereits die Hälfte des Raums durchquert. Zielsuchend marschierte es weiter auf Rai zu und beachtete seine Umgebung nicht.


    "Das ist die Chance. Energieschwert!" Mit einem kraftvollen Schlag durchdrang Ravemons Schwert auf der anderen Seite des Raumes den steinigen Boden. Dort breitete sich jetzt eine grüne Macht aus, die schließlich die Form eines Pfeils annahm und auf den Fels über Knightmon zuschoss. Fein säuberlich trennte der messerscharfe Windpfeil den Stalaktit von der Decke der Höhle. Die Schwerkraft tat den Rest und der Ritter wurde von oben durchbohrt.




    ***



    Ein Mensch, etwas jünger als Rai - komplett vertieft in Gedanken - lag auf dem roten Dach eines kleinen Spielzeughauses aus Bauklötzen. Seine Arme hatte er hinterm Kopf verschränkt. Eine rote Weste benutzte er dabei als Kopfkissen. Mit seinen schwarzen Turnschuhen stützte er sich von der Regenrinne ab, um nicht die Steigung herunter zu rutschen.
    Eigentlich war es ja sein Auftrag, ins unterirdische Labyrinth einzudringen und die neuen Digikrieger abzufangen. Er hielt es jedoch für eine bessere Idee, in der Nähe des Ausgangs zu warten - so seine Ausrede - um die anderen abzufangen, sollten sie den Ausgang zur Spielzeugstadt nehmen.


    "Könnten es wirklich Menschen sein?", murmelte er noch immer nachdenklich und zupfte sich sein orangenes T-Shirt zurecht. Langsam wurde ihm kalt, da er sich die ganze Zeit nicht bewegt hatte.
    "Vielleicht sollte ich mir die Sache genauer ansehen, statt zu faulenzen."
    Motiviert setzte sich der Junge auf, zog seine Weste wieder an und hüpfte dann vom niedrigen Dach. Unten angekommen überprüfte er die Hosentaschen seiner schwarzen Jeans. Irgendwo hier musste doch sein D-Tector gewesen sein. Als er ihn endlich gefunden hatte, öffnete er die Kartenfunktion. Das orangene Gerät erinnerte an ein Digivice, war jedoch ein wenig größer und hatte ein rotes, sechseckiges Display und ebenfalls rote Halterungen, die den Grip verbesserten. Eigentlich wollte er nach jemand Anderen suchen, doch wurde seine Aufmerksamkeit von einem fremden Punkt in Anspruch genommen.


    "Rai! Ash!"


    Nicht weit außerhalb der Stadt lief ein ziemlich aufgewühlter, zierlicher Junge vorbei. Zwar suchte er aktiv nach seinen Freunden, doch war seine Körperhaltung ziemlich passiv und zurückgezogen. Fast schon schutzlos. Entweder er hatte kein gutes Selbstbewusstsein, oder er fühlte sich alleine und verloren.
    Der Blondschopf wusste, wie es sich anfühlte, ein Digimon zu werden. Hätte dieser Junge einen Spirit gehabt, hätte er viel leichter Mut fassen können. War er also noch nicht in der Lage dazu, zu digitieren?


    Neugierig lief der größere Junge über den grünen Spielzeugteppich, der eher wie ein Rasen aussah, in die Richtung des Suchenden. Die offene Fläche außerhalb der Stadt schien endlos und ein angenehmer Wind strich an dem Digiritter vorbei. Dieser grinste über beide Ohren. Zu groß war die Vorfreude, eine neue Person in dieser Welt kennen zu lernen. Eine Person, der er keine Rechenschaft schuldig war.


    "Kann ich dir irgendwie helfen?"


    Als der fremde Junge sich erschreckte und sich panisch umdrehte, fühlte er sich schuldig. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf:
    "Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich bin Arian, aber nenn mich Airi. Und wie heißt du? Kann ich dir irgendwie helfen?"
    Der Blondschopf fürchtete, zu direkt zu sein, erhielt zu seiner Freude aber doch eine Antwort.
    "Ich bin Tory.“, dann stockte er kurz, unsicher, ob er weiter reden sollte, „Du könntest wirklich helfen. Hast du hier vielleicht irgendwo weitere Menschen gesehen?"
    Jetzt war es an Tory einen neugierigen Blick aufzusetzen, mit dem er seine vorige Frage ergänzte:
    "Was machst du hier eigentlich alleine? Und bist du auch ein Digikrieger? Hast du schon deinen Spirit gefunden?"
    Bevor sich Airi der ganzen Fragen annehmen konnte, wurde er von Torys Magen knurren unterbrochen. Er konnte gerade noch ein Lachen unterdrücken, scheiterte aber kurz darauf, als dieser rot anlief.


    "Wenn du möchtest, lade ich dich auf einen Snack ein. Es hilft deinen Freunden sicher nicht, wenn du völlig entkräftest bei ihnen ankommst."
    Dabei wedelte der Blondschopf mit einem schwarzen Geldbeutel. Tory beobachtete diese Geste nur verwirrt, folgte aber dem ihm fremden Jungen, der in Richtung der Spielzeugstadt deutete.


    "Du bist also schon länger hier in der Digiwelt?"
    Worauf Tory diese Aussage stützte? Nun, Airi kannte sich scheinbar viel besser aus, hatte sogar Geld, welches in der Digiwelt zählte und schien nicht halb so aufgeregt oder verloren, wie Tory es war.
    Airi zögerte kurz.
    Wie viel konnte er erzählen, ohne verdächtig zu wirken? Andererseits wollte er auch nicht lügen.
    "Eine Weile."
    Tory hatte sich scheinbar mehr erhofft, denn er sah bedrückt auf sein Digivice. Jetzt tat es dem Blondschopf Leid, ihn so abgewimmelt zu haben. Dann bemerkte er etwas:


    "Dein D-Tector sieht ja ganz anders aus."


    Schulterzuckend verglich Tory beide Geräte.
    „Die von Ash und Rai sehen genauso aus wie meins. Nur in anderen Farben. Oh, und wir nennen sie Digivice.“
    Nachdenklich spekulierte Airi in Gedanken, was das zu bedeuten hätte.


    So vertieft in seine Gedanken, bemerkte er nicht einmal, dass Tory das Restaurant bereits gesehen und vor gelaufen war, weswegen Airi alleine vor dem Stadttor stand und auf seinen D-Tector starrte.



    "Du musst schnell kommen!"


    Das war wieder Tory. Fast schon panisch sprintete er in Airis Richtung. Skeptisch beobachtete er die hastigen Schritte seines Gegenübers.
    "Ich muss herausfinden, was das zu bedeuten hat..."
    Tory, der endlich bei Airi angekommen war, aber vor lauter Luft schnappen nicht reden konnte, wisperte nur ein "Bitte was?"
    Ablenken ließ er sich trotzdem nicht. Tory nahm einmal tief Luft und fing an, das Problem zu schildern:
    "Irgendein böses Digimon greift die Spielzeugstadt an! Es hat irgendetwas von Daten geredet und dass es jeden auslöscht, der nicht kooperiert."



    Für halbe Theorien war jetzt keine Zeit mehr. Airi musste sich schnell entscheiden und eine Seite wählen. Sauer blickte er in die Richtung, aus der Anzeichen von einem Kampf zu hören war. Sie wagten es, die Stadt des Ewigen Anfangs anzugreifen? Viel wusste der Blondschopf ja nicht, aber dass dies ein heiliger Ort war - der einzige Ort in der Digiwelt, an dem neue Digieier entstanden - wusste sogar er.


    "Dieses Gebiet ist tabu!"


    Tory konnte nur noch zusehen, wie Airi zum Kampf entschlossen los stürmte.
    "Ist der jetzt total durchgeknallt? Zuerst sieht er so aus, als hätte er einen Geist gesehen und dann lässt er mich hier zurück, um sich kopfüber in Gefahr zu stürzen. Also ich weiß ja nicht so recht, was ich davon halten soll."


    Als Tory endlich wieder bei Atem war, folgte er dem 'verrückten' Jungen, ließ es sich aber nicht nehmen, nebenbei die Bäume zu bewundern. Zuvor schon war ihm aufgefallen, dass Spielzeug an diesen hing. Jetzt aber hoffte er auf eine Art Waffe. Ein Zauberstab oder eine Wasserpistole. Irgendetwas, was ihn auch nützlich erscheinen ließ.

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  • 1.6 Digibabys in Gefahr!




    "Endlich gefunden", erleichtert seufzte der Junge. Er dachte schon, er würde Airi überhaupt nicht mehr einholen. Zuletzt genannter schien unentschlossen, was er tun sollte, lehnte deswegen für die Gegner nicht sichtbar gegen eine Hauswand und lauschte dem Gespräch der Digimon.
    "Wenn ihr kleinen Hosenscheißer nicht sofort wieder zu Digieiern werden wollt, dann sagt ihr mir, wo die Daten versteckt sind!"
    Die Stimme gehörte zu einem Scorpiomon, das wie der Name schon vermuten lässt, einen Skorpion darstellte. Mit dem Unterschied, dass er zur besseren Tarnung sandfarben war und an der Unterseite des Körpers Klingen trug. Auch sein Stachel und seine vorderen Scheren waren messerscharf.
    "Was ist los?" Besorgt blickte Tory zwischen Airi und den bedrohten Baby-Digimon umher. Wieso griff er nicht ein? Das große Meeresdigimon schritt immer näher an die kleinen kugeligen Digimon heran. Einige von diesen hatten sogar noch einen Schnuller im Mund und versuchten sich irgendwo in ihrer Babywiege zu verstecken.


    "Scorpiomon ist auf dem Ultra-Level. Es ist ein viel zu mächtiger Gegner und ich kann die Kraft meines Spirits noch nicht richtig einsetzen."
    Verbissen umklammerte Airi seinen D-Tector.
    "Aber du wirst doch nicht schwächer sein, als Rai oder Ash, oder? Du musst ihnen helfen!", kam jetzt wieder von Tory, der vergaß, dass Airi seine Freunde noch nicht kennenlernte.


    "Ich weiß. Das werde ich auch."


    Noch immer mit sich selbst ringend, blickte Airi ein letztes Mal um die Ecke.
    Sie waren noch ungesehen. Die letzte Chance, weg zu laufen.


    "Die wahre Macht der Spirits ist zwar etwas mächtiger, aber sie zu kontrollieren braucht viel Übung."


    Diese Anmerkung jagte Tory einen kalten Schauer über den Rücken. Wie hatte er es nur wagen können, jemals schlecht von dieser Person zu denken? Betrübt beobachtete er, wie Airi mehrere Datenstränge um seine Hand entstehen ließ. Der Digikrieger schien - trotz der zuvor geäußerten Stärke von Scorpiomon - fest entschlossen.


    "Spiritevolution! Raidramon!"


    Was, wenn er den Kampf nicht überlebte? Dann wäre das Torys Schuld. Immerhin hatte er den Digikrieger zum Kämpfen überredet. Angespannt beobachtete der zierliche Junge die Digitation.
    Was meinte der Blondschopf nur mit der „Wahren Macht der Spirits?“ War es etwas, das man sich erarbeiten musste?
    Airis Körper veränderte sich komplett. Er wurde nicht wie bei Lobomon oder Strikedramon von einer Rüstung umschlossen, sondern wurde in eine vierbeinige, tierische Gestalt gezwungen.
    Der blaue Körper des Digimon, welches jetzt vor Tory stand, war umgeben von einer schwarzen Rüstung. Die obere Hälfte der Beine war jeweils mit einer doppelten Rüstung verstärkt. Vorne wurde dieser Schutz von einer roten Scheibe verziert, unter der eine Steckdose - zumindest wusste Tory nicht, was es sonst sein sollte - lag. Seitlich des Rumpfes waren gelbe Streifen zu sehen, die fast wie Zähne wirkten. Das selbe Gelb zierte auch - in Form von zwei senkrechten Streifen 'durch' die roten Augen des Digimons - den schwarzen Helm. Zwischen den Augen ragte ein gelbes Horn nach oben, welches fast so aussah wie ein Blitz. Unterkiefer und Hals des Digimons waren ungeschützt. Ebenso der blaue Schwanz, der dem ganzen Digimon ein aerodynamisches Aussehen verlieh.


    In dieser Form war es dem Digikrieger ein Leichtes, die Distanz zu Scorpiomon in wenigen Sekunden zurück zu legen. Mit voller Geschwindigkeit und vollem Körpereinsatz rammte er den Feind regelrecht. Scorpiomon wusste nicht, was vor sich ging, als es hoch in die Luft katapultiert wurde und knapp außerhalb des Spielzeugparks auf einem großen Plüschwürfel landete.
    Mit einem geschickten Sprung überquerte Tory den Holzzaun, um die Ablenkung auszunutzen und zu den jungen Digimon im eingezäunten, geschützten Bereich zu kommen.
    "Geht es euch allen gut?"
    Jubel ertönte aus den Wiegen. Teils aus Erleichterung und teils, um Airi aus der Entfernung anzufeuern.



    "Na warte, du kleine Plage!"


    Sauer krabbelte der Skorpion von dem überdimensionierten Würfel. Es brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Rechts von ihm war die farbenfrohe Straße, direkt auf der anderen Seite mehrere Geschäfte, die Teigwaren, Getränke, Süßigkeiten und Spielzeug verkauften. Hinter ihm die Stadtmitte mit einer riesigen Tanne in der Mitte und links ein ziemlich schmaler, aber tiefer Fluss. Geradeaus waren die Babydigimon, doch Raidramon versperrte diesen Weg. Skeptisch beäugte Scorpiomon seinen Gegner.


    "Du wagst es, dich mir in den Weg zu stellen? Ausgerechnet du?"


    Als Antwort auf diese Frage nahm Raidramon Kampfhaltung ein. Es winkelte Vorder- und Hinterbeine an - jeder Zeit dazu bereit, los zu sprinten.
    Auf eine Antwort zu warten schien Scorpiomon sowieso nicht, denn es zögerte keinen Moment damit, den Kampf zu beginnen. Auf Raidramon fokussiert stellte sich der Skorpion auf die hinteren Klauen und zog seine Vorderen Waffen übereinander, um ein blaues Kreuz aus Energie auf seinen Gegner zu schleudern.


    "Schwanzmesser!"


    Für Raidramons Geschwindigkeit war es kein Problem, dem Projektil auszuweichen. Es machte einen kurzen Satz nach vorne, ließ das Kreuz hinter sich einschlagen und sammelte Elektrizität für seinen eigenen Angriff.


    "Gewitter Klinge!"


    Eine große Menge an Energie sammelte sich im Horn des Digikriegers und schoss dann in Form eines elektrischen Strahls auf Scorpiomon zu. Letzteres war nicht mobil genug, rechtzeitig auszuweichen und bekam die komplette Attacke zu spüren. Es war sichtlich angeschlagen, machte aber keine Anzeichen, den Kampf aufzugeben. Stattdessen schüttelte es die Elektrizität einfach ab und ignorierte den Schmerz.
    "Ich wäre kein Ultradigimon, wenn ich mich so leicht besiegen ließe!"
    Überraschend schnell setzte es sich jetzt wieder auf die hinteren Klingen und brachte mehrere Kanonen an seiner Unterseite zum Vorschein.
    "Was zur Hölle?"
    Hämisch grinsend - nun, falls ein Skorpion überhaupt Emotionen zeigen konnte - über Raidramons Überraschung, fing es an, unzählbar viele kleine Stacheln aus diesen versteckten Kanonen zu feuern:
    "Stachelüberraschung!"
    Raidramon gelang es zwar, den meisten Stacheln auszuweichen, in dem es sich mit vielen Sprüngen immer weiter in Scorpiomons Richtung zubewegte, musste aber trotzdem einige harte Treffer einstecken.
    Als der Krieger des Donners endlich die Distanz verringert hatte und direkt vor Scorpiomon stand, schleuderte Raidramon einen gewaltigen Strahl elektrischer Energie aus seinem Maul:


    "Blitzstrahl!"


    Dieser Konter brachte den gewünschten Erfolg. Scorpiomon wurde wieder einmal in hohem Bogen durch die Lüfte katapultiert und kam als schwarzer Schatten neben dem Fluss auf. Airi wäre am liebsten zurück digitiert. Sein ganzer Körper schmerzte. Zwar konnte er sich dem Drang, seinen animalischen Instinkten nachzugeben ganz gut widersetzen, doch konnte er bei weitem nicht die volle Kraft der Digitation nutzen. Trotzdem zwang er sich, den Datenfluss in seinem Körper aufrecht zu erhalten und bewegte sich auf den besiegten Feind zu.
    Gerade überlegte Airi, wie er in seiner animalischen Form hätte die Daten scannen können, da wurde er von einer aufbrausenden, weiblichen Stimme unterbrochen. Sein Atem stockte. Er kannte diese Stimme.


    "Scorpiomon! Wieso brauchst du denn so lange?"


    Aus dem Wasser des Flusses tauchte jetzt ein weiteres Digimon auf. Mehr oder weniger desinteressiert blickte es zu Scorpiomon, blinzelte einmal nachdenklich und entschied sich dann scheinbar dafür, dem Verbündeten zu helfen, in dem es sich zwischen den Skorpion und Raidramon stellte. Das Wesen, welches die Statur eines kleinen Mädchens hatte, trug eine hellblaue, Badeanzug-ähnliche Rüstung, die sich aber auch noch über Hände und Fußgelenke ausbreitete. Am Becken hatte das Digimon grün bis türkise Flossen, die dieselbe Farbe wie der restliche Körper hatten. Der blaue Kopfschutz, der ebenso gut eine Krone darstellen könnte, war wiederum in der Farbe der Rüstung gehalten und war wie diese mit runden Rubinen verziert. Im Großen und Ganzen konnte man allerdings sagen, dass das Fischdigimon bis auf die flossen-ähnlichen Ohren sehr menschlich wirkte.


    Instinktiv wich Raidramon mehrere Meter zurück. Es wusste um die Stärke von Lanamon und wollte in keiner ungünstigen Position starten.


    Scorpiomons Schatten verblasste zu seinem üblichen sandigen Farbton. Sofort erschrak das Digimon - immerhin stand sein Boss neben ihm - und verbeugte sich höflich. Anschließend wurde es dazu abkommandiert, sich zurück zu ziehen. Stattdessen befahl Lanamon einer schwarzen, drachenähnlichen Fledermaus, sich um die Daten zu kümmern.
    „Das ist das Digimon aus der Fabrik, das den Spirit entführt hat!“, rief Tory aufgeregt.
    "Verdammt!" Dieser Fluch stammte von Raidramon, welches sofort dazu ansetzte, mit einem weiten Sprung zu dem „Devidramon“ aufzuschließen und dieses von Tory und den frisch geschlüpften Digimon fern zu halten.


    "Du bleibst schön hier. Verrat wird hart bestraft!"


    Mitten in der Luft wurde Raidramon von einer riesigen Welle erfasst. Wo genau diese herkam, wusste es selbst nicht so genau. Die Wassermassen drückten Raidramon in die entgegengesetzte Richtung des Flusses, sodass der Park jetzt rechts von ihm und der Fluss vor ihm war.
    Am liebsten wäre Airi - noch immer im Körper von Raidramon - sofort wieder in Devidramons Richtung gesprintet. Lanamon konnte er aber nicht einfach ignorieren. Sie in die Richtung der Babys zu lassen, wäre deren Untergang gewesen.

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  • 1.7 Beschützer mit weißem Cape




    "Wieso stehst du da so dämlich? Hier spielt die Musik! Es sei denn, du möchtest deinen kleinen Freund retten."


    Angespannt wechselte Raidramon in Kampfhaltung. Seine Augen waren nur noch kleine Schlitze, die auf Lanamon fixiert waren. Die Beine waren derart angewinkelt, dass die Elle fast das nasse Gras berührte. Er musste jetzt darauf vertrauen, dass Tory die Babys in Sicherheit bringen konnte.
    Dann machte der Krieger des Donners sich dazu bereit, seinen wohl mächtigsten Angriff zu entfesseln. Bisher hatte er es vermieden, doch jetzt musste er seine Kraft vertrauen. In seinem Körper sammelte er wie bei den anderen Angriffen auch eine große Menge an Elektrizität an. Dieses Mal konnte er diese allerdings nicht in seinem Horn oder Maul kanalisieren. Stattdessen schoss er den Strom aus seinem kompletten Körper in Lanamons Richtung:


    "Blauer Donnerschlag!"


    Mit einem Knistern traf der Strahl auf Lanamon, die nicht damit gerechnet hatte, dass Raidramon von Devidramon ablassen würde und deswegen - seit ihrem provokativen Kommentar - ihren Diener beobachtete.
    Ziemlich genervt fiel sie durch den Rückstoß in den Fluss, wo sie sich fluchend neu orientierte und mit einem simplen Fingerschnippen eine Wassersäule entstehen ließ. Dieser Strahl aus fast schon massivem Wasser, schoss senkrecht in die Luft und bildete eine Plattform, auf der Lanamon stehen konnte. Vor Wut kochend, stemmte sie ihre Hände in die Hüften und brüllte förmlich in Raidramons Richtung:


    "Spinnst du?! Wie kannst du es wagen, mich einfach hinterrücks anzugreifen!"


    Ihr klar zu machen, dass es weder hinterrücks noch verboten war, wäre verschwendete Zeit gewesen. Raidramon schabte nur ungeduldig mit der rechten Pfote über den matschigen Boden. Dieses Verhalten passte Lanamon gar nicht. Aufgebracht ließ sie weitere Säulen entstehen und bewegte diese in Raidramons Richtung. Noch war die Distanz groß genug, um den Säulen leicht zu entkommen. Mit Sprüngen manövrierte sich Raidramon geschickt um das Wasser herum. Trotzdem musste es den Abstand zu Lanamon verringern, wenn es einen weiteren Gegenangriff starten wollte.
    Je näher Raidramon dem Fluss kam, desto schneller wurden auch die Wassersäulen.


    "Gewitterklinge!"
    Die Säulen, denen nicht auszuweichen war, zerstörte der Digiritter mit Energieprojektilen aus seinem Horn. Zwar konnte Lanamon ihm so nichts anhaben, doch spielte er mit dem Feuer, je näher er ihrem bevorzugten Lebensraum kam. Im Fluss war der Digikrieger des Wassers klar im Vorteil.



    Devidramon hatte in der Zwischenzeit Tory und die Babydigimon wieder erreicht und verbeugte sich einmal triumphierend.
    "Wenn ihr so gütig wäret, mir zu zeigen, wo die D-Codes lagern."
    Tory - noch immer auf den Kampf zwischen Lanamon und Raidramon konzentriert - schüttelte widerwillig seinen Kopf.
    "Ihr weigert euch"
    Erst jetzt blickte der braunhaarige Junge zu seinem Gegenüber:
    "Ich werde nicht zulassen, dass du diese Neugeborenen verletzt! Airi gibt sein Bestes, sie zu beschützen, auch wenn ihm der Gedanke zu Digitieren zuvor nicht zusagte! Es wird sicher nicht daran scheitern, dass ich dich vorbei lasse!"
    So viel Eifer hätte man dem zierlichen Jungen gar nicht zugetraut. Lautstark stimmten die kleinen Digimon zu und begannen zahllose Seifenblasen auf die schwarze Drachenfledermaus zu schleudern.


    Verwirrt blickte Tory sich um. Er war beeindruckt vom Mut der kleinen Digimon und auch etwas enttäuscht von sich selbst. Wie schafften es, diese jungen Wesen weniger ängstlich zu sein, als er selbst?
    Leider war der Regen aus Seifenblasen nicht annähernd stark genug, um Devidramon etwas an zu haben. Ungeduldig schüttelte das Digimon sich und stapfte, als die letzten zerplatzt waren, auf die ersten Kinderwiegen zu.


    "Ich werde nicht zulassen, dass du dieses Digiei zerstörst!"
    Unter Protest stellte sich der Digiritter vor die Wiege, auf die Devidramon zu schritt.
    "Was willst du schon ausrichten?"
    Devidramon hielt kurz inne, setzte aber dann zum Angriff an, als Tory keine Antwort parat hatte.
    "Dämonischer Sturm!"


    Eine Schockwelle brauste jetzt auf seinen Gegner zu. Tory beugte sich tapfer über die Wiege und schirmte das zerbrechliche Ei vor dem Sturm ab. Wie lange der Beschuss anhielt? Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Eine Ewigkeit, in der er weder sehen noch atmen konnte. Erst als der Schmerz der Schockwelle abnahm, knickte Tory ein. Erschöpft kniete er jetzt vor der Wiege und versicherte sich davon, dass dem Ei nichts passiert war.
    "Du stehst noch?"
    Nicht nur Tory war von sich selbst überrascht, auch Devidramon war beeindruckt von der Sturheit des Digiritters.



    Als Airi den Lärm aus dem Park hörte, wandte er seine Aufmerksamkeit für den Bruchteil einer Sekunde vom Kampffeld ab und überlegte, ob er nicht doch helfen sollte. Dieser Moment des Zögerns war genug für Lanamon, die Leichtigkeit in Raidramons Ausweichmanöver zu unterbrechen. Bisher hatte er sich keinen Kopf über die zerstörten Säulen gemacht, doch ließ es sich nicht leugnen, dass die ganze Wiese schon mehrere Zentimeter unter Wasser stand. Mit einer Handbewegung, die verdächtig nach Voodoo aussah, übernahm die zierliche Kriegerin die Kontrolle über eben dieses Wasser hinter Raidramon und brachte es in die Form einer Welle.


    "Du hättest dich nicht mit mir anlegen sollen!"


    Die gewaltigen Wassermassen trafen das unachtsame Raidramon von hinten und schwemmten es geradewegs in den Fluss hinein. Kaltes Wasser umschloss den Körper des Digiritters und fast schon panisch versuchte er, wieder ans Ufer zu kommen.


    "Schön hier geblieben!"


    Jetzt, da Raidramon endlich im Fluss war, konnte Lanamon die Macht über ihr Element komplett ausnutzen. Beide Hände übereinander reibend kreierte sie einen Strudel, der ihren Gegner weiter und weiter in die Tiefe des Flusses zog. Endlich war ihr Feind da, wo sie ihn haben wollte. Nun hieß es nur noch, sich zurück zu lehnen und abzuwarten. Schadenfroh setzte sie sich auf den Turm aus Wasser, der sie noch immer über dem Fluss schweben ließ und konzentrierte sich auf die Energie des Strudels, um diesen nicht abreißen zu lassen.



    "Dann werde ich dich eben mit meinen Krallen erledigen!"
    Devidramon holte zum finalen Schlag aus. Seine messerscharfe Klaue war hoch erhoben. Langsam stand Tory auf und drehte sich zu seinem Gegner um. Er hatte so lange durchgehalten, da würde er jetzt nicht aufgeben. Außerdem hätte er es sich selbst niemals verzeihen können, jemanden im Stich zu lassen, der seine Hilfe benötigte.


    "Ich respektiere deinen Mut, aber jetzt wirst du sterben!"
    War das das Ende? Zitternd schloss Tory seine Augen. Es gab noch so viel, was er tun musste. So viel, was er vor hatte. Der Junge war zu sehr damit beschäftigt, den Schmerz zu erwarten, und bemerkte daher nicht, was sich vor ihm abspielte. Erst als Devidramon fluchend zurück wich, öffnete Tory seine Augen und realisierte das grelle Leuchten. Verwirrt drehte er sich um. Der Spirit in Devidramons Besitz leuchtete? Wurde Devidramon etwa von diesem Leuchten verletzt? Wieso schmerzte es für ihn nicht?


    "Das kann doch nicht sein! Der Spirit reagiert auf deine Dummheit?"


    Devidramon erklärte zwar soeben, was passierte, verstehen konnte Tory aber trotzdem noch nicht. Das weiße Artefakt vor ihm leuchtete mit jeder Sekunde stärker, bis es sich plötzlich in viele Datenstränge verwandelte, die einen Gegenstand umschlossen hielten. Dieser Gegenstand war der Oberkörper eines Magiers, gehüllt in ein weißes Gewand.
    Wollte die Digiwelt sich dafür bedanken, dass Tory das Digiei beschützt hat? Oder war es sogar Schicksal und dieser Spirit stand ihm von vornherein zu?
    Entschlossen griff der Jugendliche nach seinem Digivice und richtete es auf die leuchtenden Daten aus:


    "Komm zu mir Spirit!"


    Das schützende Netz aus Daten entknotete sich und löste sich nach und nach auf. Der zurück gebliebene Spirit flog auf Tory zu und verschwand im Digivice. Sofort ließ der Junge die D-Codes des Spirits um seine linke Hand entstehen und zog diese über den Scanner des Gerätes. Ein gleißendes Licht legte sich um den Digiritter, während er die Transformation zum Digimon vollzog.


    "Spiritevolution! Sorcerymon!"


    Aus dem Licht, welches eben noch Tory umhüllte, trat nun der zuvor gesehene Magier. Die gelben Haare unter einem weißen Zaubererhut mit einem großem schwarzen Band versteckt. Mund und Nase wurden von einem ebenfalls weißen Umhang verdeckt, der auf der Innenseite wiederum lila war. Einige Reißverschlüsse und grüne Stofffetzen verzierten den weißen Anzug. Abgerundet wurde dieses Outfit mit Lederstiefeln, Handschuhen und einem getragenen Stab, der so groß war wie Sorcerymon selbst und aussah, als wäre eine große Schneeflocke ans Ende gesteckt.



    ***




    Airi - die Digitation mit letzten Kräften aufrecht erhaltend - versuchte währenddessen krampfhaft, den Reflex - Luft zu holen - zu unterdrücken. Der Strudel drehte sich so schnell, dass er absolut keine Orientierung mehr hatte. Zwar schrie alles in ihm auf, dass er eine Lösung finden musste, doch konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Alles, woran er denken musste, war die Tatsache, dass er doch überhaupt nicht schwimmen konnte. Sein Herz raste und sein Körper pulsierte, da er versuchte, den Sauerstoffmangel irgendwie auszugleichen.


    "War das schon alles? Ich hatte mich doch so auf einen Kampf gefreut."


    Lanamon schien sich nach nicht mal zwei Minuten zu langweilen und so ließ sie sich zurück in den Fluss fallen, um nach ihrem regungslosen Opfer zu suchen. Den Spirit und die Belohnung für das Ausliefern eines Verräters, wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.
    Dabei machte sie jedoch den Fehler, ihren Gegner zu unterschätzen. Gerade wollte sie zum vernichtenden Schlag unter Wasser ausholen, da öffnete Raidramon seine Augen. Furchterregende Augen, die Lanamon nun förmlich durchbohrten. War das Airi, oder war das die animalische Seite des Spirits?
    Der Krieger des Donners entfesselte eine starke Ladung Elektrizität, die sich im ganzen Wasser ausbreitete. Nun war es an Lanamon panisch das Weite zu suchen und aus dem Fluss zu fliehen, um dem wild gewordenen Tier zu entgehen. Mit einigen Brandwunden gelangte sie schließlich ans rettende Land und starrte geschockt auf den Fluss. Die Elektrizität knisterte noch immer in ihrem Körper. Das war also die furchterregende Macht des Digiritters.


    "Devidramon, ich ziehe mich zurück! Kümmere dich um die Babys, du hast jetzt freie Bahn!"


    Die Drachenfledermaus hatte jedoch andere Probleme. Probleme, die ein weißes Cape trugen und fest entschlossen waren, sein Leben zu beenden.


    "Du hast mich gefragt, was ich denn schon groß ausrichten könnte. Stell dich mir im Kampf und finde es heraus!"


    Unbeeindruckt lockerte Devidramon seine Muskeln - sofern es denn welche hatte - und stellte sich dann wieder auf die hinteren Beine, um mit seinen Klauen eine Schallwelle zu erzeugen. Tory wusste nicht, wie so etwas überhaupt möglich war, doch jetzt hatte er Sorcerymon an seiner Seite und konnte sich verteidigen.
    Präventiv faltete er seine Hände und murmelte etwas Unverständliches. Kurz darauf entstand ein eisiger Kristall vor ihm. Ohne einen Kratzer zu hinterlassen, prallten die Schockwellen an dem Eiskristall ab und fielen zu Boden.
    Das schien dem Devidramon gar nicht zu schmecken, denn es ging jetzt in den Nahkampf über und versuchte, mit seinen messerscharfen Krallen verletzliche Stellen zu treffen. Sorcerymons Antwort darauf war seine "Crystalcloud", welches eine fast undurchdringbare Abfolge von Eisklumpen war. Devidramon gab sich die größte Mühe, konnte aber nicht an den fliegenden Schneebällen vorbeikommen. Stattdessen steckte es selbst zahlreiche Treffer ein.


    "Jetzt mach schon, du Versager! Ich habe diesen Wicht nicht besiegt, damit du dich jetzt töten lässt!"


    Das war wieder Lanamon, welches ihren Diener anfeuerte. Aber was sagte sie da? Den Digikrieger besiegt? Ein Hektischer Blick von Sorcerymon zum Fluss. Raidramon oder Airi waren nirgends zu sehen.


    "Platz da!"


    Alles in Tory schrie auf. Er musste sofort zu Airi. Immerhin hatte er diesen doch erst zum Kämpfen überredet! Fast schon, als wäre es ein unbedeutender Angriff, hob Sorcerymon seinen Stab in die Luft. Die Schneeflocke füllte sich mit einem goldenen Licht, welches der Krieger des Eises anschließend wie ein Projektil als Eiszapfen auf Devidramon schleuderte. Das vor dem Kampf schon angeschlagene Digimon, wurde von dem Geschoss regelrecht durchbohrt und färbte sich schwarz.
    Sinnlose Worte sparte der Digiritter sich. Er scannte wortlos seinen Gegner und begab sich dann auf direktem Wege zu Lanamon. Letzteres erschrak, als plötzlich ein weiteres Digimon auf sie zustürmte. Einen weiteren Kampf würde sie mit diesen Verletzungen nicht überstehen. Ihr blieb nur, die Flucht zu ergreifen.
    Sorcerymon kümmerte das wenig, viel wichtiger war ihm ein schneller Sprung ins Wasser. Die Kälte ignorierend, tauchte er tiefer hinab, löste dabei sogar die Digitation auf, um nicht von den langen Gewändern behindert zu werden. Trotzdem schien die Zeit endlos. Das Wasser war trüb und mit aufgewirbeltem Sand versetzt. Die meisten Sonnenstrahlen wurden davon abgeblockt und auch Fische waren keine mehr vorhanden, die den Fluss hätten irgendwie lebhafter erscheinen lassen. Tory betete, dass diese Szene sich nicht in einen Horrorfilm verwandeln würde. Tapfer biss er die Zähne zusammen und weigerte sich, dem Verlangen - aufzutauchen und nach Luft zu schnappen - nachzugeben. Airi war bereits viel länger unter Wasser, so lange sogar, dass jeder logisch denkende Mensch aufgeben würde, da konnte er seine eigenen Bedürfnisse auch hinten an stellen.


    Als Tory endlich am Grund des Flusses angekommen war, griff er den bewusstlosen Airi, klemmte ihn sich unter den Arm und zerrte ihn danach so schnell er konnte, an die Wasseroberfläche. Nach Luft ringend, schleifte der zierliche Junge den Blondschopf ans Ufer, überprüfte aber ohne sich selbst eine Pause zu gönnen, sofort den Atem seines Freundes.


    "Verdammt... keine Reaktion? Was soll ich tun?", Tory hatte bereits durch diverse Bücher, die er immer einsam in den Schulpausen gelesen hatte, viel über Erste-Hilfe gelernt und so setzte er dazu an, Airi wieder zu beleben. Er war sich zwar nicht sicher, ob er dies richtig tun würde, aber Zeit für Zweifel blieben nun keine. Tory hatte so eine furchtbare Angst, dass sein neuer Freund sterben könnte; er zitterte regelrecht am ganzen Körper. Dann aber dachte Tory daran, wie dieser vor wenigen Augenblicken noch sein Leben gegeben hätte, um ihn und die Digimon zu retten.


    " Nicht mit mir! Das werde ich nicht zulassen..."


    Und so begann der Jugendliche mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung, solange, bis ihm selbst schwindelig wurde und die Angst ihm Tränen in die Augen trieb.
    "Wieso klappt das nicht? Jetzt komm endlich zu dir!", vor lauter Verzweiflung, dass er es nicht schaffte, ballte er seine rechte Hand zur Faust und schlug wütend auf Airis Brust, sodass dieser kurzerhand vor Schreck das geschluckte Wasser ausspuckte und zu sich kam.
    Erleichtert - fast schon lachend - lehnte sich Tory zurück und saß nun auf seinem Hosenboden. Die zuvor unterdrückten Tränen liefen nun seine Wangen hinunter. Selbst die Peinlichkeit dieses Anblicks war ihm gerade egal. Er wollte so viel sagen, doch brachte kein Wort heraus.
    Airi hingegen schien ziemlich gefasst, oder eher teilnahmslos. Entkräftet und nach Luft schnappend blickte er sich um. Der Schock saß ihm tief in den Knochen und er versuchte, die letzten Minuten in sein Gedächtnis zu rufen. Hatte er Lanamon in die Flucht geschlagen? Wenn ja, wie? Wie konnte Tory Devidramon plötzlich aufhalten und wieso war er selbst überhaupt noch am Leben? Natürlich freute er sich darüber, aber hauptsächlich war er enttäuscht, Lanamon unterlegen gewesen zu sein.


    Als er wieder einigermaßen gut Atmen konnte, setzte der Blondschopf sich vorsichtig auf. Jetzt blickte er Tory genau an, sagte aber noch immer nichts. Wie gerne hätte der zierliche Junge gewusst, was gerade im Kopf seines Freundes vor sich ging. Ging es ihm gut? War er verletzt? Wieso redete er nicht?
    Vor lauter Neugier über seinen Gegenüber, stoppten auch endlich die Tränen, die zuvor endlos schienen. Noch immer besorgt, rieb er die Letzten aus seinen Augen und schluckte den Kloß unter, der ihn bisher vom Reden abgehalten hatte:
    "Es tut mir so Leid! Ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wusste doch nicht, dass ein Spirit so schwer zu kontrollieren sein könnte!"
    Endlich zeigte der Junge eine Reaktion. Zögerlich schüttelte er seinen Kopf. Jetzt wurde auch sein Blick klarer und Tory meinte, Schuld, oder zumindest Enttäuschung daraus ablesen zu können. Ein Gefühl, dass er nur zu gut kannte. Nicht gut genug für etwas zu sein.


    "Bitte sag so etwas nicht." Airis Stimme war ungewohnt ernst. Nicht halb so energiegeladen oder fröhlich, wie er klang, als er sich zuvor vorgestellt hatte.
    "Ich habe die Digimon beschützt, weil ich mich dazu entschieden habe. Nicht, weil du mich dazu überzeugt hast."


    Um seine Aussage zu untermalen, rang sich der Blondschopf ein Lächeln ab. Dann jedoch schien ihm etwas Wichtiges einzufallen und er schreckte auf, nur um sich anschließend verlegen grinsend am Hinterkopf zu kratzen:
    "Weißt du, eigentlich sollte ich mich bei dir für die Rettung bedanken und dir nicht irgendwelche Entschuldigungen ausreden. Also Danke."

    Momentan auf dem Festival Plazza: Schatzsucher 2 -> Aufstellen für 100FM und einen garantierten Silberkronkorken erhalten.

  • 1.8 Verblassendes Licht




    Komplette Dunkelheit. Fast schon panisch versuchte Rai etwas in der Dunkelheit erkennen zu können, doch er konnte nicht einmal die eigene Hand vor Augen sehen. Eine bedrohliche Kälte umhüllte ihn. Es war nicht die typische Kälte einer Höhle, oder die Kälte, die man verspürte, wenn man nass war. Sondern etwas viel Bedeutenderes. Es fühlte sich so an, als würde er von der endlosen Dunkelheit erdrückt werden. Hätte er nicht entfernt Wassertropfen gehört, die ins knöcheltiefe Wasser am Boden des Raumes fielen, hätte er daran gezweifelt, überhaupt noch am Leben zu sein.


    ***


    Erst vor kurzer Zeit hatte Rai es geschafft, Tory und Ash die Chance zum Weglaufen zu verschaffen. Es war ein vielversprechender Plan. Dass er damit seinen eigenen Fluchtweg blockierte, fiel ihm erst zu spät auf.
    Er ärgerte sich über sich selbst, wurde aber von seinem Digivice abgelenkt. Ein merkwürdiges Zeichen erschien auf dem Display. Das Herz des jungen Digikriegers setzte einen Schlag aus, als er das seltsame Auge ansah. Falls es überhaupt ein Auge war.
    Kurz darauf verschwand das helle Leuchten wieder und das Gerät öffnete ganz von alleine die Kartenfunktion. Zuerst hatte es also die Aufmerksamkeit des Jungen gesucht und nun wollte es ihm etwas zeigen?
    Schulterzuckend - fast als wäre es keine große Sache - folgte Rai dem Pfeil. Er hatte momentan nichts besseres zu tun, irrte verloren in einem Labyrinth herum und wenn ihm sein Digivice einen Ausweg zeigen wollte, wieso sollte er diese Hilfe ablehnen?
    Wie sich später herausstellte, war das Ziel des Weges kein wirklicher Ausgang sondern nur der Weg in die Traufe. Zu Rais Freude konnte er immerhin wieder etwas sehen. Vor ihm erstreckte sich ein riesiger, kreisförmiger Raum, fast wie eine Lichtung im Wald - nur eben für eine Höhle. Er war so hoch, dass er die Decke nicht sehen konnte und mindestens genauso tief. Überall waren Eingänge zu Tunneln verstreut, die scheinbar sinnlos über den zylinderförmigen Raum verteilt waren.
    "Dann ist das hier der Mittelpunkt des Labyrinths?" Die Augen des Jungen wanderten zwischen den Eingängen umher. Wo kam überhaupt das Licht her? Wie sollte irgendwer diesen Raum durchqueren? Er konnte schlecht von Säule zu Säule zu springen, um auf gut Glück irgendeinen anderen Tunnel zu betreten und auf einen Ausgang zu hoffen.


    Noch immer streiften Rais Augen umher, in der Hoffnung eine Lösung zu erspähen. Belohnt wurde er für seine Wachsamkeit aber mit etwas komplett anderem. Zeitgleich mit ihm war ein weiteres Digimon in dunkler Kriegerrüstung angekommen. Dieses schien jedoch nur halb so überrascht zu sein wie Rai. Mit einem Gesichtsausdruck, der vor Vorfreude fast überlief, rief das Digimon von seinem Tunneleingang aus durch den ganzen Raum zu Rai hinüber:


    "Endlich habe ich dich gefunden!"


    Perplex zuckte Rai mit den Schultern. Er kannte dieses Wesen nicht und wusste noch viel weniger, was es von ihm wollte.
    Schultern und Knie des Digimon waren von Augen geziert und auch am Oberkörper des Fremden war ein Auge zu sehen. Die Hände bestanden aus dämonischen Köpfen, aus welchen wiederum rote Schwerter ragten. Die Schuhe ähnelten knochigen Überresten. Der Helm rundete das dämonische Aussehen nur noch mehr ab, denn er war im Großen und Ganzen ein Schädel ohne Unterkiefer, der links und rechts Ausbuchtungen für die Augen hatte und von drei Hörnern sowie drei roten Kristallen geziert wurde. Das einzige Menschliche an diesem Digimon waren die langen, gelben Haare, die unter der Rüstung hervor schauten.



    "Wenn du glaubst, ich würde mich nicht verteidigen, dann hast du dich gewaltig geirrt!"
    Rai hatte sein Digivice in der Hand und inspizierte die Daten des Gegners. Duskmon, so hieß es, befand sich auf einem variablen Level. Was auch immer das zu bedeuten hatte, er fühlte sich erholt genug, um einen Kampf zu riskieren. Entschlossen ließ er die Daten des Spirits um seine Hand entstehen und zog sie über das Leuchten an der Seite des Gerätes.


    "Spiritevolution! Lobomon!"


    Die altbekannte Rüstung des Kriegers umhüllte Rais Körper. Es war noch immer ein seltsames Gefühl, plötzlich die Reflexe und den Instinkt eines Digimons zu besitzen. Als die Digitation abgeschlossen war, ruhten Lobomons Augen ruhig auf seinem Gegner. Es war bereit zu kämpfen, doch irgendetwas an Duskmon war noch immer störend.
    "Es ist fast so, als könnte ich die Macht spüren, die von ihm ausgeht... Was unterscheidet dieses Digimon von anderen? Sind das meine Instinkte, die mich warnen wollen?"
    Duskmon schien von der passiven Haltung seines Gegenübers weniger begeistert.


    "Was murmelst du da vor dich hin? Kämpfe, Lobomon!"


    Diese Provokation ließ der Krieger des Lichts sich nicht gefallen. Sein Lichtschwert in der Hand, überquerte Lobomon den Abgrund und sprang vom Tunnel auf die erste Säule. Jetzt erklärte sich auch, wieso der Raum hell erleuchtet war. Das Gestein der Säulen schien aus irgendeinem Grund Licht abzugeben.
    "Eine letzte Sache, Duskmon. Wieso hast du mich gesucht? Es klang nämlich nicht so, als hättest du nur irgendeinen Menschen gesucht!"
    Der dämonische Krieger hörte zu Lobomons Freude sogar zu. Auch wenn es gemein war, er hätte Duskmon keine solche Selbstdisziplin zugetraut. Dazu sah es zu ... finster aus. Trotzdem gab es ihm keine Antwort und blickte ihn nur mit kalten Augen an.


    Lobomon verstand nicht, wie er diese Stille zu deuten hatte. Trotzdem würde es sich verteidigen. Egal wie stark sein Feind auch zu sein schien.
    Zeitgleich sprangen die beiden Krieger auf die größte Säule, die in der Mitte des Raumes ein perfektes Kampffeld bot. Die ganze Höhle bebte, als die Schwerter aufeinander trafen. In diesem Moment wurde Lobomon bewusst, was an seinem Gegner so besonders war. Er war kein animalisches Wesen, welches Befehle befolgte, oder wortlos angriff. Er schien wesentlich selbstbestimmter. Und stärker. Lobomon konnte keinen einzigen Treffer landen, so sehr es sich auch anstrengte. Mit Leichtigkeit wehrte Duskmon die Schläge ab und verzog dabei keine Miene.


    Je mehr Lobomon realisierte, dass seine Angriffe keine Wirkung zeigten, desto mehr fing sein Körper an zu zittern. Irgendwie musste er doch einen Treffer landen können!


    "Zwillingslaser!"


    Aus den Daten des Spirits ließ der Krieger des Lichts ein zweites Schwert entstehen und zog beide übereinander. Durch die Energie der Klingen entstand eine Sichel aus Licht, die genau auf Duskmon zuflog und es auch tatsächlich traf.
    Gespannt beobachtete Lobomon, wie sich die kleine Wolke aus Lichtpartikeln verzog, die sich beim Aufprall auf die Rüstung gebildet hatte.


    "Das kann doch nicht möglich sein!"


    Duskmon stand genau wie zuvor. Es hatte keinen Muskel gerührt und keinen Kratzer abbekommen. Geschockt wich Lobomon einige Schritte zurück. Es hatte bereits befürchtet, dass sein Gegner stark war, aber dass Duskmons Macht seine so weit übersteigen würde?


    "Du bist nicht würdig! Ich werde mir die Spirits mit Gewalt holen."


    Kopfschüttelnd umklammerte Lobomon den Griff seiner Lichtschwerter. Es wollte widersprechen, doch fielen ihm keine passenden Worte ein.


    "Sengende Augäpfel!"


    Energie sammelte sich in den Augen der Rüstung. Sie waren nicht wie angenommen nur Dekoration, sondern Waffen. Jedes einzelne Auge. Rote Strahlen schossen auf Lobomon zu. Letzteres konnte nur knapp mit seinem Sprung entkommen. Die feuerrote Energie traf auf eine der leuchtenden Säulen und pulverisierte die getroffene Stelle förmlich, woraufhin der Rest des Gebildes in sich zusammen fiel. Einzelne Trümmer fielen ins Wasserbecken am Boden, das wahrscheinlich aus gesammeltem Regenwasser entstanden war.
    Trotzdem kam es Lobomon nicht in den Sinn, einfach weg zu laufen. Stattdessen stand es wie angewurzelt da und versuchte einen Schwachpunkt in der Verteidigung des Feindes zu finden.
    Duskmon jedoch schien das nicht zu kümmern, denn es setzte mit einem zweiten Angriff nach. Mit beiden Schwertern bildete es einen Halbmond. Erst konnte Lobomon sich keinen Reim auf diese Handbewegung machen. Kurz darauf wurde aber klar, was passierte. Die Schwerter von Duskmon begannen in einem unheimlichen Rot zu strahlen. Das Leuchten breitete sich aus und bildete einen leuchtenden Kreis, den Duskmon wie ein Wurfgeschoss in die Richtung seines Gegners warf.


    " Strudel der Finsternis!"


    Lobomon wollte wie zuvor ausweichen - immerhin war Duskmon nicht so schnell wie der Digiritter selbst - doch entfaltete sich die gesammelte Energie der Kugel noch im Flug. Wie eine Explosion breitete sich die glühend rote Macht aus und traf sowohl Lobomon als auch die Säule in der Mitte des Raumes.
    Der Krieger des Lichts wurde mit einer fast schon unvorstellbaren Wucht gegen die letzte noch stehende Säule im Raum geschleudert und riss diese allein durch den Rückstoß ein. Als Mensch kam Rai auf dem Boden des Raumes wieder auf. Wenigstens das Wasser hatte seinen Sturz ein wenig abgebremst.


    Der ganze Raum war mit Dunkelheit erfüllt. Keine Säule war mehr da, die hätte Licht spenden können. Unter Schmerzen setzte sich der Digikrieger auf.


    "Sitz hier nicht so bedröppelt rum, komm schon!"


    Rai bekam fast einen Herzinfarkt, als plötzlich etwas direkt neben ihm stand und regelrecht anschrie. Immer noch neben sich stehend, versuchte er, Duskmon zu orten. Erfolglos ohne die Instinkte von Lobomons Spirit.
    Stattdessen wurde der Junge jetzt von dem unbekannten Wesen weggezerrt. Offenbar wusste dieses, wo der Ausgang war, denn es rannte geradewegs auf einen Tunnelausgang zu. Wegen dem fehlenden Licht, stolperte Rai fast die jetzt erscheinende Treppe nach oben. Wer hätte auch schon in einem Tunnel Stufen erwartet?
    Höher und immer höher hinaus ging die wilde Verfolgungsjagd. Nun, das heißt, falls Duskmon ihnen folgte. Rai hatte keine Zeit, sich um zu drehen, da das Digimon noch immer sein Handgelenk fest umgriffen hatte und keine Anzeichen machte, stehen zu bleiben.


    "Das war knapp..." Wenige Minuten später kam endlich Licht in Sicht.
    Frische Luft, Sonne, Rettung.
    Völlig außer Puste blickte Rai zu seinem Retter. Erstmals konnte er das ganze Digimon sehen. Es glich verdächtig einer weißen Katze, lief aber auf zwei Beinen. Seine Vorderpfoten wurden durch gelbe Handschuhe mit orangenen Tigerstreifen geschützt. Sein Schwanz war mit lila Streifen verziert und endete in einem lila Pinselähnlichen Fellstück. Dieses war auch an den Katzenohren zu finden.


    Das Katzendigimon legte seinen Kopf schief und musterte den Jungen sehr, fast schon zu genau.
    "Ich bin übrigens Gatomon."
    Verwirrt stellte sich Rai ebenfalls vor. Dann blickte er sich neugierig um. Er war umgeben von einem dichten Wald.
    Gatomons Gesicht war ernst, teilweise sogar besorgt.
    "Wir sollten hier nicht ewig bleiben."
    Dann griff erneut nach Rais Hand und zerrte den viel größeren Menschen hinter sich her.
    „Dein Freund ist in Gefahr.“, merkte es schließlich beiläufig an.

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  • 1.9 Ein neuer Freund



    In einem gut versteckten Schuppen, etwas außerhalb des Waldes, fand Rai endlich den „Freund“, den Gatomon meinte. Letzteres hatte ihn angewiesen, sich durch den Hintereingang hinein und wieder raus zu schleichen, während es die Wachen – bestehend aus zwei Knightmon - ablenkte.
    „Rai!“, rief Ash freudig, als er den größeren Jungen erblickte, wurde aber sofort dazu angehalten, nicht weiter zu sprechen. Mit seinem Zeigefinger an den Lippen, schlich Rai zu einem kleinen hölzernen Tisch, griff nach den Schlüsseln für die Zelle, in der Ash eingesperrt war und dessen Digivice und befreite den Schwarzhaarigen anschließend.
    Dann deutete er auf den Hinterausgang und verließ gemeinsam mit Ash den Schuppen.
    Zurück im Wald warteten sie auf Gatomon.



    „Du hast was?“, schlug sich Ash genervt die Hand vors Gesicht.
    „Ich konnte doch nicht einfach weglaufen!“
    „Aber es ist doch kein Wunder, wenn du deinen Gegner nicht verletzt, weil du völlig ausgepowert bist.“, ermahnend musterte Ash seinen Gegenüber.
    „Nein, ich glaube, ich hätte auch mit ganzer Kraft nichts gegen ihn ausrichten können.“
    „Jedenfalls solltet ihr zurück zur Spielzeugstadt.“, warf Gatomon ein und unterbrach die beiden Digiritter.
    „Was wirst du tun?“, erkundigte sich Ash nachdenklich, da Gatomon keine Anstalten machte, mit zu kommen.
    „Ich werde weiter nach Neemon suchen.“, erwiderte die Katze ernst. Scheinbar kannte sie das vermisste Wesen. „Bokomon hat mich damals gebeten, auf diese Schnarchnase aufzupassen. Ich muss mein Versprechen einhalten.“, fügte es anschließend hinzu.


    „Dann sollten wir dir helfen!“, warf Rai ein, immerhin hatten sie Neemon aus den Augen verloren und es verließ die Stadt nur wegen ihnen.
    „Nein, ihr ruht euch jetzt Beide aus! Ich bin nur eine kleine Katze, ich werde viel schneller und ungesehen sein, wenn ich mich alleine umsehe.“
    Ohne auf eine Antwort zu warten, sprintete es – die Bäume und Äste nutzend - davon.



    Die am Waldrand zurückgebliebenen Digiritter blickten der Katze verdutzt hinterher.
    „Folgen wir Gatomon!“, verlange Rai.
    „Nichts da, wir wären so oder so nutzlos. Wir brauchen eine Pause.“
    Regelrecht zerrend sorgte Ash dafür, dass sein Begleiter sich in Bewegung setzt und ihm zur Spielzeugstadt folgte, die am Horizont zu sehen war.



    ***


    „Da hinten sind Rai und Ash!“, rief Tory plötzlich freudig. Er hatte sich mit Airi auf einen kleinen Holzzaun gesetzt. Ein seltener Anblick, wenn man bedachte, dass sonst alles in dieser Stadt aus Plastik war.
    Da keine Reaktion von dem in Gedanken verlorenen Blondschopf kam, stand Tory kurzer Hand auf und rüttelte an dessen Arm.
    „Ist etwas?“, fragte er schließlich.
    „Meine Freunde, sie haben uns gefunden!“, fix deutete Tory auf das große Stadttor. Dann lief er den Menschen entgegen, umarmte den größeren einmal erleichtert und grinste dann den kleineren an. Schließlich drehte er sich um und zeigte auf Airi, wahrscheinlich um diesen vorzustellen.
    Dann setzte sich die Gruppe in Bewegung und schritt auf Airi und den Holzzaun zu, um sich dem neuen Digiritter vorzustellen. Wenig später saßen sie alle gemeinsam auf der stabilen, improvisierten Bank.


    „Du bist also schon etwas länger in der Digiwelt?“, fasste Ash zusammen, als Airi mit seiner Erzählung fertig war. Angesprochener nickte kurz.
    „Sein Digivice sieht ganz anders aus.“, steuerte Tory aufgeregt bei und so musste der Blondschopf das angesprochene Gerät herausholen.
    „Interessant.“, grübelte Ash, „Vielleicht ein älteres Modell?“
    Schulterzuckend packte Airi den D-Tector wieder weg.


    „Was sollen wir jetzt tun?“, schob Rai die Konversation voran. „Ich meine, wir haben die Spirits gefunden, wie Neemon vorgeschlagen hat, aber was ist der nächste Schritt? Wie sollen wir diese Welt retten und vor was?“
    „Wollen wir das überhaupt? Weiterkämpfen, statt den Weg nach Hause zu finden?“, merkte Ash skeptisch an.
    „Wir können die Digimon nicht einfach im Stich lassen!“, mischte sich auch Tory ein.
    „Die meisten Digimon, die wir bisher getroffen haben, wollten uns umbringen.“, argumentierte der Skeptiker weiter.
    „Wie stehst du dazu?“, fragte Rai schließlich und blickte zu Airi, welcher bisher schweigend zuhörte und nichts beisteuerte.
    „Also... ich weiß sogar ganz genau, dass die Mehrheit der Digimon nicht Bösartig ist.“, fing der Blondschopf zu Torys Freude zögerlich an zu sprechen.
    „Und weiter?“, forderte Ash dazu auf, den Gedanken zu Ende zu bringen.
    „Dass nur wir Menschen diese wundervolle Welt retten können, indem wir... also... ich weiß nicht...“, den letzten Teil nuschelte er regelrecht.
    „Alles in Ordnung?“, versicherte sich Tory besorgt, als Airi kopfschüttelnd aufstand und sich von der Gruppe abwandte. Auch Ash und Rai schienen nicht zu wissen, was sie davon halten sollten.


    Unerwartet drehte der Blondschopf wieder um, grinste sogar dabei:
    „Vielleicht finden wir etwas heraus, wenn wir Nachforschungen anstellen. Es gibt Legenden darüber, wie schon einmal Menschen hier waren.“
    „Dafür müssten wir Neemon finden. Oder das Bokomon, das es erwähnte“, widersprach Tory niedergeschlagen.
    „Entschuldige, habt ihr eben Legende gesagt?“, nicht weit von der Gruppe meldete sich ein bisher unbemerktes Digimon zu Wort. Diese kleine Gestalt bestand vollständig aus Steinen oder dunklen Erzen, stand aufrecht wie ein Mensch, war aber nur halb so groß wie Tory und hatte knallgelbe Augen.
    „Zufällig studiere ich die alten Legenden.“, erklärte es weiter.
    „Und du bist....?“, fragte Ash unschlüssig, mit dem selben strengen Blick, mit dem er zuvor Airi begutachtet hatte.
    „Gostumon. Freut mich.“, merkte es knapp an und verbeugte sich vor der Gruppe.
    „Das wäre etwas zu günstig, wieso sollten wir dir glauben?“, durchlöcherte Ash das fremde Digimon weiter. Airi schluckte bei dem Gedanken daran, dass sein Wissen genauso hinterfragt werden könnte.
    „Weil ich die Spirits der legendären Digikrieger finden will, um die Welt zu retten!“, antwortete das sture Felsendigimon aufgebracht.
    „Schon gut, wir glauben dir.“, kürzte Tory die Sache ab und blickte erwartungsvoll zu Ash – eine Entschuldigung erwartend. Dieser drehte sich jedoch weg und verschränkte genervt seine Arme.


    Immerhin folgte Ash der Gruppe. Gotsumon geleitete die Gruppe zurück zu dem Teil des Gebietes, in dem sich zahlreiche Häuser anhäuften.
    „Wieso ist hier eigentlich alles verlassen?“, kam es Tory auf einmal in den Sinn. „Und wieso kümmert sich niemand um die Babydigimon?“
    Bedrückt verlangsamte sich Gotsumons Schritttempo. „Monzaemon sollte sich eigentlich um die Babys kümmern, aber es hat sich von einem Tag auf den anderen verändert und greift jetzt jeden an, der sich ihm nähert.“
    „Monzaemon? Ich glaube nicht, dass wir ihm begegnet sind.“, steuerte Rai nachdenklich bei.
    „Es hält sich unterhalb der schwebenden Insel auf, Dort hat es die Seilbahn abgeschaltet, die uns rauf oder runter bringt. Deswegen traut sich auch keiner mehr, diese verlassen zu wollen.“, fasste die laufende Steinstatue zusammen.
    „Fliegende Insel?“, fragte die Gruppe in Einklang.
    „Da oben! Dort finden wir auch die Inschriften, die uns an die Legende erinnern.“
    Gotsumon deutete hoch in den Himmel und für einen Augenblick zweifelten die Digiritter daran, ob diese Insel wirklich existierte. Wieso ist sie ihnen zuvor noch nie aufgefallen?


    „Wie groß ist diese Spielzeugstadt eigentlich?“, sprach Tory schließlich für alle aus.
    „Gar nicht so groß, sobald man sich hier auskennt.“, sprach das kleine Digimon und signalisierte der Gruppe stehen zu bleiben. „Wir müssen uns irgendwie an Monzaemon vorbeischleichen.“
    „Wenn wir Monzaemon besiegen, kommt wieder Leben zurück in die Stadt.“, warf Airi schlussfolgernd ein. Sprachlos begutachtete Tory den Blondschopf. Woher nahm er nur den Mut, sich kopfüber in Kämpfe zu stürzen?
    Seufzend blickte Ash zwischen Airi und Rai umher. Beide schienen Feuer und Flamme zu sein, sich auf das Abenteuer einzulassen. Rai konnte er immerhin noch bitten, vorsichtig zu sein, aber ob der Blondschopf auf ihn hören würde, war ungewiss.
    „Wir sollten unnötige Kämpfe vermeiden.“, betonte er.
    „Wir können nicht ewig davonlaufen. Wir sind vielleicht die Einzigen, die dieser Stadt helfen können.“, widersprach Rai ernst und Airi ergänzte die Aussage. „Außerdem sind wir jetzt auch Digimon, oder?“
    „Vielleicht hast du Recht.“, gab Ash zu. „Aber einer muss ja auf euch aufpassen, oder?“



    „Da hinten ist Monzaemon!“, warnte Gotsumon wenig später. Im Schatten der Insel stand ein riesiger, gelber, Plüschbär. Die Schnauze und der Bauch des überdimensionalen Kuscheltiers war weiß. Die schlitzförmigen Augen leuchteten in einem mysteriösen Rot und der Rücken des Digimons wurde von einem Reißverschluss geziert.
    „Eindringlinge!“, antwortete der Teddy auf die Stimme von Gotsumon und setzte sich in Bewegung, um auf seine Feinde zu zustürmen.
    „Bereit!“, riefen Airi und Rai zur selben Zeit, bemerkten, dass sie dieselbe, kampfbereite Körperhaltung einnahmen und mussten im Ernst der Lage ein Lachen unterdrücken.
    Monzaemon wartete nicht auf seine Gegner und so hatte es bereits eine Attacke, bestehend aus blauen fliegenden Herzen, auf die Gruppe losgelassen. Diese Seifenblasen, umschlossen die beiden Digiritter, noch bevor sie digitieren konnten.
    Frustriert mussten Tory und Ash zusehen, wie ihre Freunde nun einige Meter über dem Plüschbären schwebten und keine Anstalten mehr machten, sich irgendwie zu befreien. Stattdessen starrten sie teilnahmslos und orientierungslos in die Luft, fast als wären sie deprimiert, oder in einer Art Trance.


    „Was ist das für eine fiese Attacke?“, rief Tory ängstlich und blickte zu Gotsumon. „Monzaemons Herzen rauben jedem den Kampfgeist.“, erklärte das Erzdigimon angespannt. „Das ist alles meine Schuld, lasst mich kämpfen.“
    Mit erhobener Faust lief es auf Monzaemon zu und schleuderte einige Felsen aus seiner Hand: „Angry Rock!“ Der Teddy schien weniger beeindruckt als die Steine von seinem weichen Körper abprallten.
    „Wir helfen dir.“, verkündete Tory und zu seiner Freude stimmte Ash sogar zu.


    „Spiritevolution: Sorcerymon!“
    „Spiritevolution: Strikedramon!“


    Kurz darauf standen sowohl der Krieger des Eises als auch des Feuers hinter Gotsumon. Überrascht drehte dieses sich um. Menschen, die zu Digimon wurden? Davon hatte es bisher nur gelesen, aber es zu mitzuerleben war dennoch unerwartet. „Wir übernehmen ab hier.“, Strikedramon deutete an, dass Gotsumon lieber bei Seite gehen sollte.
    „Sein Körper ist viel zu widerstandsfähig. Ihr könnt ihm nichts anhaben.“, beklagte sich das Felsendigimon.
    „Und fällt schon was ein.“, versicherte ihm Sorcerymon – den Zauberstab gezückt.


    Ein zweites Mal entsandte Monzaemon tiefblaue, herzförmige Luftballons, denen die Digiritter auswichen. Dabei gaben sie sich gegenseitig Rückendeckung und kam eine Blase zu nahe, wurde sie mit einem Feuer- oder Eisgeschoss zum Platzen gebracht.
    Als der Teddy keine Möglichkeit sah, noch mit seiner Attacke zu treffen, stürmte es entschlossen auf Strikedramon zu und versuchte dieses zu rammen.
    Sorcerymon hatte nicht vor, den Bären tun zu lassen, was es wollte und so schob es sich vor Strikedramon, um eine mächtige Wolke aus pulverisiertem Schnee entstehen zu lassen. Diese umhüllte das gelbe Digimon und fror dessen Stofffüllung ein, wodurch es bewegungsunfähig wurde.


    Das war für Strikedramon das Signal, den Kampf zu beenden. Es ließ die Metallplatten an seinem Körper glühen und umhüllte sich selbst mit Feuer. Als flammendes Geschoss rammte es seinen Gegner, welcher statt zu verbrennen sofort schwarz wurde und seine Daten enthüllte.
    „Seele, die du umhüllt von Dunkelheit warst, du sollst durch die Flamme meines Spirits gereinigt werden.“
    Die von einem Virus befallenen Datenstränge verschwanden im Digivice des Digiritters. Zurück blieb ein sitzender Teddybär, der langsam wieder auftaute, jetzt aber blaue, freundliche Augen hatte.
    Die Seifenblasen, in denen Rai und Airi weggesperrt waren, zerplatzten nun ebenfalls und die Jugendlichen wurden von dem meterhohen Sturz wach gerüttelte.
    Verwirrt saßen sie jetzt auf dem schattigen Rasen und blickten zu den zwei Menschen, sowie Digimon.
    „Was ist passiert?“, wunderte sich Airi, erntete aber nur ein Grinsen von Tory, welcher ihm versicherte, dass nun alles mit Monzaemon in Ordnung wäre.
    „Ich danke euch, dass ihr mich vor diesem Virus gerettet habt. Ich werde mich nun wieder um die Babys kümmern.“, dann stapfte das überdimensionale Plüschtier davon, hielt aber kurz darauf noch einmal Inne, um der Gruppe zuzuwinken.
    „Dann können wir jetzt endlich zur schwebenden Insel?“, versicherte sich Rai.
    „Auf auf, kein Trödeln!“, beantwortete Gotsumon motiviert die Frage und rannte auf die Seilbahn zu.
    „Warte auf uns!“, rief Tory verdutzt hinterher. Auch Rai und Airi rappelten sich auf, um gemeinsam mit Ash dem Erzdigimon zu folgen.

    Momentan auf dem Festival Plazza: Schatzsucher 2 -> Aufstellen für 100FM und einen garantierten Silberkronkorken erhalten.

  • Die schwebende Insel (1)




    „Wow, sieh dir diese Aussicht an!“, staunend lehnte sich Tory aus dem Fenster der Seilbahn und begutachtete die Spielzeugstadt von oben.
    „Scheint, als hätten wir jetzt jede Ecke abgeklappert, oder?“, fügte Rai hinzu. Da war einerseits der zerstörte Sandsteinpalast in der Nähe des südlichen Tores und dann die abgelegene Fabrik im Norden. Schließlich der Park mit den Babydigimon im Westen und die schwebende Insel im Osten, auf die sie gerade zusteuerten.
    „Wir müssen genau in der Mitte der Stadt angekommen sein.“, schlussfolgerte Ash und deutete auf den Stadtkern mit den vielen Häusern. „Vielleicht etwas wie ein Spawnpunkt.“, fügte er hinzu.
    „Wie bist du eigentlich in die Digiwelt gekommen?“, fragte Tory neugierig und blickte zu dem Blondschopf, der neben ihm saß.
    „Also...“, begann dieser zögerlich und erntete dafür sofort misstrauische Blicke von Ash.
    „Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht möchtest.“, rechtfertigte sich der Jüngste der Gruppe direkt und verblüffte damit sowohl Airi als auch Ash.
    „Macht euch bereit zum Abspringen, wir sind gleich da.“, hörten sie in dem Moment Gotsumon von vorne.


    Die Insel selbst sah aus wie ein Geschäftsviertel. Es gab Shops, Restaurants und alles, was man unten in der Stadt nicht fand. Trotzdem bestand die Mehrheit der Gebäude ebenfalls aus bunten Bauklötzen.
    Die Gruppe war sich einig, dass sie bisher nie so viele Digimon gesehen hatte. Die fremden Wesen kamen in allen Größen, Formen und Farben, die man sich nur vorstellen konnte.
    „Wie viele Digimon gibt es denn hier?“, erkundigte sich Tory neugierig, doch ihr 'Reiseführer' schien darauf keine genaue Antwort zu haben.
    „Hier müssten alle gutartigen Digimon vertreten sein, die sich auf dem Ausbildungslevel oder Rookielevel befinden. Für die Babys ist es noch zu gefährlich, mit der Seilbahn zu fahren.“, spekulierte es dennoch.



    Im Zentrum des regen Treibens fand sich eine alte Turmruine und so gerne die Digiritter sie erkundet hätten, die Treppe zu den oberen Stockwerken war lange eingestürzt.
    Vor einer Wandmalerei stoppten sie schließlich und warteten darauf, dass Gotsumon bereit war. Angespannt räusperte sich das Erzdigimon, als würde es wie ein Mensch einen Vortrag in der realen Welt halten.
    „Einst herrschte ein Krieg zwischen humanoiden und animalischen Digimon. Lange und gnadenlos wütete diese Zerstörung, bis sich Lucemon aus der Menge erhob und den Krieg beendete.“
    Dargestellt wurde dieser Krieg durch zwei Armeen und ein Engel, der über den beiden Parteien schwebte.
    „Bald aber wurde Lucemon von seiner eigenen Macht verdorben und unterdrückte die Digimon, über die es wachen sollte.“
    Gotsumon deutete nun auf ein zweites Bild, indem Lucemon von zehn weiteren Digimon umkreist war.
    „Zehn legendäre Digikrieger sammelten sich, um die Terrorherrschaft zu beenden. Gemeinsam schafften sie es, Lucemon in die dunkle Zone einzusperren, die sich im Kern unseres Planeten findet.“


    „Ein Gefängnis als Erdkern? Ganz schön blöd.“, merkte Ash nachdenklich an, wurde aber sofort von Gotsumon zurechtgewiesen, dass er zuhören sollte, statt es zu unterbrechen.


    „Die zehn legendären Digikrieger ließen bei dem Kampf ihre Leben. Doch unsere Welt sollte nicht im Chaos versinken. Die Spirits der Helden wurden zwischen zwischen drei Engeln aufgeteilt. So gingen die fünf animalischen Spirits an Cherubimon, dem Hüter der Hoffnung, und die andere Hälfte wurde zwischen Seraphimon und Ophanimon aufgeteilt.“
    Das nächste Bild in der Reihe zeigte drei Engel, zwei davon humanoid anmutend.
    „Wenn Cherubimon für Hoffnung steht, für was waren die menschlichen Engel zuständig?“, fragte Tory, nachdem er brav die Hand gehoben hatte.
    „Seraphimon war für Recht und Ordnung zuständig und Ophanimon für Liebe und Leben.“, ergänzte das Erzdigimon stolz.
    „Doch im Laufe der Zeit wurde Cherubimon von Lucemon negativ beeinflusst. Es zettelte einen Krieg zwischen den humanoiden und animalischen Digimon an und griff Seraphimons Palast an, welches durch den Angriff in einen tiefen Schlaf fiel. Ophanimon wurde gefangen genommen, aber statt tatenlos herumzusitzen schickte es nach Kinder aus eurer Welt. Diese leitete es dazu an, die Spirits der legendären Digikrieger zu finden und gemeinsam konnten sie Cherubimon besiegen.“
    Gotsumon holte einmal tief Luft und versicherte sich davon, dass seine 'Schüler' noch folgen konnten.
    „Was ist mit den Engeln passiert?“, hakte Rai nach.
    „Seraphimon und Ophanimon gaben beide im Kampf gegen Cherubimon und dessen Diener ihr Leben. Doch sie wurden alle drei wiedergeboren und freundeten sich sofort mit dem gereinigten Cherubimon, jetzt ein kleines Lopmon, an. Leider war die gesammelte Menge an D-Codes von Cherubimons Feldzug genug, um Lucemon aus seinem Gefängnis zu befreien. Nur mit vereinten Kräften schafften es die neuen Digikrieger, die Gefahr zu bannen und Lucemon zu scannen, ehe sie in ihre eigene Welt zurückkehren mussten.“


    „Dann müssen wir dich auch zurücklassen, wenn wir die Digiwelt gerettet haben?“, erkundigte sich Tory und blickte Gotsumon niedergeschlagen an.
    „Ich... also...“, stotterte dieses. „Es ist nur eine Legende, wer weiß, ob sie sich wirklich so zugetragen hat?“
    Immerhin schien Tory dadurch wieder etwas aufgeheitert.
    „Sie wurde also von jemandem geleitet...“, fasste Ash nachdenklich zusammen. „Wo sind diese Digiengel jetzt? Können sie uns vielleicht auch weiterhelfen?“
    Grübelnd studierte Gotsumon die Bilder der drei Engel.
    „Sie wurden zwar wiedergeboren, aber haben die Beschützerrolle an andere, stärkere Digimon abgegeben.“
    „Und wo finden wir diese?“, meldete sich Airi zu Wort.
    „Taomon müsste sich in der Zone des Lichts aufhalten. Darcmon und Nefertimon sollten ihm zur Seite stehen, doch ich fürchte, sie wurden bereits vernichtet.“
    „Was genau bedroht denn jetzt die Digiwelt?“, hakte Tory weiter nach.


    “Ihr habt doch Monzaemon gesehen. Digimon werden plötzlich aggressiv und greifen alles und jeden an, der nicht dem Typus Virus zugehörig ist.”
    “Virus?”, griff Ash nachdenklich auf. “Etwa so etwas wie ein Computer Virus?”
    “Die in dieser Welt lebenden Wesen werden in drei Typen unterteilt. Die so genannten Serum Digimon sind eher friedlich und haben nicht selten heilige Kräfte... Dann gibt es noch die neutralen Digimon vom Typus Datei – meist mechanisch aussehende Wesen, die eher durch logisches Denken an Sachen herangehen und mit wenig Gefühl zu leben scheinen...Die letzte Gruppe der Typen wäre hierbei die unheimlichste, dunkelste. Die so genannten Viren-Digimon sind meist Anhänger der dunklen Kräfte und verfügen oftmals über enorme Macht.“
    Aufmerksam folgten die Menschen der Erklärung des Digimon.
    “Hunger.”, stieß Tory plötzlich neutral hervor. Seine Begleiter schauten ihn erst perplex an, wurden aber kurz darauf von ihrem eigenen Magenknurren daran erinnert, dass sie seit ihrer Ankunft nichts gegessen hatten.
    “Draußen geht bereits die Sonne unter…”, stellte Tory enttäuscht fest, als sie gemeinsam mit Gotsumon die zerfallene Ruine wieder verließen. Würde um diese Uhrzeit in der Digiwelt noch irgendein Restaurant offen haben?


    „Also, da brat mir einer ´nen Storch, das gibt’s ja überhaupt nicht.“ Die zuvor mit Trubel gefüllte Stadt schien langsam aber sicher wieder etwas stiller zu werden. Zuerst verschwanden die jungen Babydigimon und zurück blieben nur – so dachte sich Rai – die bereits älteren Digimon. Eine leicht verschrammte Eierschale watschelte auf die Gruppe zu. In der Mitte des seltsamen Anblicks war ein großes, tiefschwarzes Loch, durch das kleine orangene Augen hindurch schienen. An der Unterseite des Eis waren ebenfalls zwei Löcher, aus denen starke, grünliche Dinosaurierbeine hinaus ragten. Arme hatte das merkwürdige Wesen keine.
    „Na doch, anscheinend schon!“, noch immer mit sich selbst im Gespräch, begutachtete der Neuankömmling zuerst die vier „Nicht-Digimon“ und lief dann um Gotsumon herum.
    „Du hast also tatsächlich diese Menschen gefunden, von denen du immer zu gesprochen hast.“
    Noch immer ungläubig, schüttelte das Ei seinen Kopf und beobachtete Gotsumon, wie es sich verlegen am Kopf kratzte.
    „Und du bist?“ Rai wusste nicht so recht, was er von dieser Gestalt halten sollte und so stellte er sich sicherheitshalber neben das kleine Erzdigimon.


    „Ah, natürlich, verzeiht mir meine Unhöflichkeit.“ Das Ei positionierte sich jetzt zentral vor der Gruppe und verbeugte sich flüchtig, ehe es weitersprach:
    „Ich bin Digitamamon und ich leite ein Restaurant hier auf der schwebenden Insel.“
    Gotsumon bestätigte diese Aussage und merkte noch kurz an, dass sie alte Bekannte wären.


    „Jedenfalls habt ihr euch diesem Ungeheuer Monzaemon widersetzt und unsere schöne Stadt gerettet. Zugegeben, es könnte etwas dauern, bis sich wieder Gäste hier einfinden, aber ohne euch wäre mein Restaurant wohl dem Untergang geweiht. Darf ich euch vielleicht als Dank zum Essen einladen?“


    Jetzt, da erneut das Wort Restaurant fiel und die Rede von Essen war, fing der Bauch von Gotsumon zu knurren an.
    „Der Kampf hat mich ziemlich hungrig gemacht.“ Erwartungsvoll blickte Tory durch die Runde..
    „Wenn sonst niemand etwas einzuwenden hätte…“, schloss sich jetzt auch Rai an.
    „Naja, ich glaube, wir sind uns alle einig.“, fasste Airi grinsend zusammen und wartete auf das Einverständnis von Ash.



    Wenig später saßen Airi, Tory, Rai, Ash und Gotsumon gemeinsam im Restaurant. Die Decke war ziemlich hoch, weswegen sich Tory sogleich fragte, wie groß Digimon überhaupt werden könnten. Das Gebäude an sich war rustikal gehalten und bestand – anders als der Rest der Stadt – aus dunklem Holz. Unter dem von Stützbalken gehaltenen Dach, waren riesige Glasscheiben angebracht, die das Restaurant sehr hell und offen wirken ließen.
    "Oh, du hast also Monzaemon aufgehalten?!", stieß einer der Gäste laut auf, als er Gotsumon das Gebäude betreten sah. „Naja, nicht direkt… ich habe nur mitgeholfen.“, kam die verlegene Antwort. Die Digimon konnten sich wohl nicht erklären, wie einige Menschen einen Bären besiegen würden. Dann stellte Gotsumon seinen Freund der Gruppe vor:
    „Das hier ist Agumon.“
    „Freut mich.“, der kleine, orangene Dinosaurier auf zwei Beinen verbeugte sich kurz und streckte der Gruppe zur Begrüßung seine Hand – mitsamt den drei großen weißen Krallen – entgegen.


    „Agumon, du bist der Beste!“, rief Tory freudig, als es mitbekam, wie dieser einen großen Nachtisch zusätzlich zum - von Digitamamon versprochenen, kostenlosen Essen - bestellte und alles Notwendige zum Tisch trug. Gotsumon half ein wenig mit dem Besteck und so setzten sich alle hin und warteten, bis Digitamamon aus der Küche zurückkam, um ihnen das Essen zu bringen.


    "Hm... wie wird das Digimon uns eigentlich das Essen servieren? Ich meine, so ganz ohne Arme?"
    Doch Torys Frage wurde recht schnell beantwortet, als das Digimon in Form eines Eis plötzlich um die Ecke gebogen kam und ein großes Tablett um seinen Körper geschnürt hatte. Auf der Spitze der Eierschale wiederum saß eine kleine violette Maus - oder war es eine Ratte? -, die ein wenig frech grinste und daraufhin das ganze Essen vom Tablett nahm und auf dem Tisch an die jeweiligen Menschen und Digimon verteilte. Alle schienen neugierig darüber, wieso jemand wie Lanamon die Spielzeugstadt angreifen würde, um diese zu scannen. Selbst Rookiedigimon, die Gotsumon zuvor nie gesehen hatte, gesellten sich zu ihnen. Eines von ihnen schien ein kleiner schlappohriger Hund mit beigem Fell und einem heiligen Ring um den Hals zu sein, ein Anderes sah so aus wie eine Pflanze mit einer Blume auf dem Kopf und ein wieder anderes Digimon sah aus wie ein pinker Vogel.


    „Wenn sie die Daten dieser Gebiete sammeln, vielleicht wollen sie den Einfluss der Souveränen schwächen?“ Fast schon nebensächlich gab der Blondschopf seinen Senf dazu und stocherte weiter nachdenklich in seiner Nudelsuppe umher.
    „Aber wenn sie alle Gebiete löschen, dann sterben doch alle Digimon, die nicht rechtzeitig evakuiert werden?", warf das pflanzliche Digimon mit kratziger Stimme besorgt ein.
    „Die Souveränen wurden von einer Gruppe - von mächtigen Digimon angegriffen, während die Engel versuchten, den Aufstand nieder zu schlagen.“, merkte der Vogel währenddessen erklärend an.
    „Das könnte also gut zusammenpassen. Jemand zettelt einen Aufstand an, tötet die Digiengel und die Souveränen und hat jetzt freie Hand, selbst über die Digiwelt zu herrschen und sie zu verändern.“, fügte der zierliche Hund hinzu.


    „Woher kennst du dich eigentlich mit den Souveränen aus? Oder mit den Daten dieser Welt? Was verschweigst du uns?“
    Skeptisch blickte Ash in die Richtung des Blondschopfes. Er hatte dem Gespräch lange genug zugehört. Niemand schien ihm etwas erklären zu können, doch alle spekulierten sie und warfen mit seltsamen Worten und Bezeichnungen um sich.
    "Nichts Persönliches! Ich versuche nur, herauszufinden, wieso du so viel weißt. Vorhin schon und jetzt wieder mit den Souveränen. Woher kannst du so etwas wissen, hast du etwa schon diese ganze Welt bereist, oder hat dir jemand diese Information gegeben?"
    Ein belangloses Schulterzucken von Airi folgte, doch schien er sich nicht erklären zu wollen.


    Tory versuchte die Anschuldigungen aus dem Weg zu räumen, doch hörte Ash nicht auf, Airi förmlich zu verhören, was dadurch nicht besser wurde, dass dieser nichts darauf antwortete.
    Kurzerhand stand Tory also auf und legte beide Hände auf den Tisch, während er den Schüler genau musterte.
    "Airi gehört nicht zu diesen bösen Wesen! Definitiv nicht! Im Gegensatz zu denen, hat er keine Lust daran, den Digimon wehzutun! Er hat sein Leben riskiert, um gegen dieses Lanamon zu kämpfen!"


    Dann wandte der zierliche Junge sich von der Gruppe ab und verließ den stillen, über seine Aktion schockierten, Raum. Ob er Airi so einfach zurücklassen konnte? Er vertraute seinem neuen Freund, doch konnte er sich nicht vorstellen, wieso er ihnen nicht einfach erklärte, woher er die Digiwelt kannte.


    Nachdem Airi sich ebenfalls vom Tisch entfernt hatte, kam er kurzerhand später in einem anderen Bereich des Restaurants an, wo er einmal kurz innehielt und die kleinen Räume kurz auf sich wirken ließ.
    "Kann man hier etwa schlafen?", neugierig schaute sich Airi etwas genauer um und entdeckte mehrere Betten, aber auch ein paar einfache Matratzen auf dem Boden liegen.
    "Ganz genau.", sprach nun hinter dem Jugendlichen Digitamamon, welches mit einem für ihn freundlichen Ausdruck in Richtung des Menschen sah.
    "Wenn ihr mögt, könnt ihr heute Nacht hier übernachten. Ihr habt wie dein kleiner Freund schon anmerkte, euer Leben für uns Digimon riskiert, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen. Die heutige Nacht würde also aufs Haus gehen. Seid lieber froh darüber, gerade nachts laufen hier in letzter Zeit komische Digimon herum."
    Nachdem das Eidigimon seinen letzten Satz ausgesprochen hatte, verschwand es kurzerhand wieder in Richtung der restlichen Gruppe, um denen noch etwas Trinken einzuschenken.
    Still, aber auch lächelnd sah sich der Junge weiter im Raum um. Er machte sich seine eigenen Gedanken zu dem, was Ash gesagt hatte. Vielleicht sollte er die Gruppe hinter sich lassen alleine weiterziehen. Es wäre für niemanden hilfreich gewesen, wenn es kein Vertrauen gab.



    ***


    Tory war genervt. An einem einzigen Tag waren so viele Dinge passiert, dass er dies alles gar nicht richtig fassen konnte. Und zum krönenden Abschluss musste auch noch dieses dämliche Gezeter am Essenstisch stattfinden und Misstrauen in der Gruppe schüren. Er verstand nicht, warum Ash so auf eine Antwort behaarte. Warum hätte Airi schließlich einem ihm wildfremden irgendetwas über sich erzählen sollen? Andererseits fragte sich Tory auch, warum Airi so schweigsam war und nichts erzählte. Würde es den Digirittern in Zukunft von Hilfe sein, wäre es doch besser, es der Gruppe anzuvertrauen? Tory verstand niemanden in der Gruppe – vielleicht auch, weil er nur selten mit anderen Leuten zu tun hatte.


    „Ich brauch einfach nur Schlaf... das habe ich nach heute extrem nötig...“, redete der Weißhaarige mit sich selbst, während er durch die Räume des Gasthauses wanderte.
    „Nanu?“ , etwas Auffallendes bemerkend blieb er schnurstracks im hölzernen Flur stehen und blickte zu seiner Rechten.
    „Eine Tür mit blauem Aufdruck. Das Abbild erinnert stark einer heißen Quelle... gibt es so etwas denn hier in der Stadt des ewigen Anfangs?“, neugierig öffnete der Jugendliche die Tür vor ihm und trat hinein, wohl wissend, dass dies Digitamamon vielleicht nicht gefallen könnte. Als er wiederum im Raum angekommen war, bemerkte er, dass es sich hierbei um einen Umkleideraum handelte, in welchem bereits Handtücher für die nahe gelegene heiße Quelle bereitlagen. Sogleich schnappte er sich ein Handtuch, ließ seine Klamotten am Boden liegen und ging Richtung des Wassers, die Müdigkeit in seinen Knochen noch immer verspürend.


    „Ob die anderen schon zu Bett gegangen sind...?“, Tory wusste nicht mehr, wie lange er bereits in der heißen Quelle badete, doch gefiel ihm dies so sehr, dass ihm die Zeit total egal schien, sich sein Gesicht aber allmählich rot zu färben begann vor lauter Hitze.
    „Auch egal... was interessiert es mich...“, genervt sackte der kleine „Mann“ weiter ins Wasser hinein, bis nur noch seine Haare und seine Augen über Wasser waren.
    „IHR SEID ALLE SO DOOF!!!!!“, es dauerte nicht lange, da hatte Tory sich wieder aufgerafft in der heißen Quelle, stand urplötzlich im Becken und bemerkte nur noch, wie er in den dunklen Nachthimmel schrie.
    „Was... äh... hm...“, peinlich berührt blickte sich der Jugendliche nun in der Umgebung um, schauend, ob noch jemand mit ihm im Becken war und dies hätte hören können. Zu seinem Glück schien dies jedoch nicht der Fall gewesen zu sein, woraufhin er wieder erleichtert ins Becken sackte und weiter sein Bad genoss.


    Es dauerte abermals mehrere Minuten, bis Tory plötzlich Schritte hinter der schützenden Wand der Quelle hörte. Den Geräuschen nach zu urteilen war dort draußen etwas auf zwei Beinen entlang gelaufen, in eiliger Hast und dennoch leise genug, um im Gebäude nicht bemerkt zu werden. Ahnend, was gerade passiert, schrak der Jugendliche auf, ging auf die Wand der heißen Quelle zu und lugte durch eine Rille in den Brettern.
    „Ist das Airi...?“
    In geringer Entferhnung konnte er einen Blondschopf mit zerzaustem Haar ausfindig machen.
    „Das MUSS Airi sein...!“, stellte Tory nun erschrocken fest, fasste jedoch schnell einen Entschluss und rannte Richtung Umkleide, wo er seine Klamotten griff, sich notdürftig überwarf und weiter Richtung Ausgang des Gasthauses lief. Hierbei rannte er fast Rai um, welcher sich gerade im Flur zu befinden schien, wohl überlegend, ob er auch ein Bad nehmen sollte. Doch der war dem kleinen Mann gerade scheißegal.


    „AIRI!“, schrie Tory nun lauthals auf, als er aus der Herberge herausgestürmt und ein paar Meter Richtung des nahen Waldes gelaufen war. Er hatte es scheinbar geschafft, den Blondschopf einzuholen. Dieser wiederum drehte sich erst erschrocken um, schaute dann jedoch Tory verwundert von oben bis unten an. Dies war auch der Zeitpunkt, in welchem Tory bemerkte, dass er zwar seine Klamotten gegriffen hatte, jedoch zu wenig Zeit hatte, diese auch richtig anzuziehen, sodass er immer noch nur im Handtuch und mit einem nicht zugeknöpften weißen Hemd, welches in der Umkleide bereit gelegt war, vor seinem Gegenüber stand.
    „Ich... äh... also...“, Tory errötete, als ihm dies bewusst wurde, rannte schnell hinter einen der naheliegenden Bäume und warf das Handtuch in eines der Büsche, während er sich nun seine Hose und Schuhe überzog.
    „Nicht spicken!“, rief er dabei mehrmals seinem blonden Freund zu.


    „Warum bist du mir gefolgt?“, fragte Airi nun verwundert, als Tory wieder vom Baum hervorkam und gerade seine nassen Haare ausdrehte.
    „Als ob du das nicht wüsstest, du Dummkopf!“, mit einem ernsten Gesicht stand der Weißhaarige seinem neuen Freund gegenüber, seinen rechten Zeigefinger auf ihn richtend.
    „Du willst das alles alleine tragen... die ganze Last, nicht wahr?“, Tory ging einen Schritt auf Airi zu, dann einen zweiten und schlussendlich stand er direkt vor dem Blondschopf.
    „Wir sind doch Freunde... oder habe ich mich da etwa wieder geirrt?“
    Wieder blickte der Jugendliche mit einem ernsten Gesicht in das seines Gegenübers, genau in dessen grüne Augen schauend.
    „Du kannst dir Zeit lassen, wenn du nicht bereit bist, mit mir oder den anderen über das alles hier zu sprechen. Oder über das, was du weißt. Mein Gott, du brauchst es doch gar nicht sagen, wenn du der Meinung bist, es uns nicht sagen zu können. Ich traue dir... ich vertraue dir. Du hast mich und die Babys vor Scorpiomon und Lanamon geschützt Wenn du meinst, dich von der Gruppe entfernen zu müssen, dann kannst du das gerne tun. Aber mich wirst du nicht los! Ich werde dann an dir hängen wie eine Klette, ob du es willst oder nicht!“
    Nun veränderte sich der ernste Gesichtsausdruck des kleinen Digiritters in einen lachenden, fast schon frech grinsenden Ausdruck. Tory hatte sich entschieden und würde an Airis Seite bleiben, egal wofür er sich entscheiden würde.

    Momentan auf dem Festival Plazza: Schatzsucher 2 -> Aufstellen für 100FM und einen garantierten Silberkronkorken erhalten.

  • Die schwebende Insel (2)




    Ash hatte sich nach dem Abendessen auch ein wenig auf den Weg durch das Gasthaus gemacht und hatte hierbei von Digitamamon vernommen, dass es eine heiße Quelle zu geben scheint, in welcher er sich ruhig hätte ausruhen können. Den Anweisungen folgend hatte sie den Weg zur Tür gefunden und ging so ins Becken auf der rechten Seite, da die andere Umkleide belegt schien.
    Zwar fanden sich auch ein paar Biyomon in der heißen Quelle, doch störte sich Ash nicht weiter an ihnen.



    „Sagt mal, Gotsumon, was hältst du von der ganzen Sache? Diese Welt... das heutige Erlebnis von uns allen. Und selbst dieser „Streit“ nun zum Ende...“, müde und auch ein wenig traurig über die Geschehnisse blickte Rai zu dem Erzdigimon, das mit ihm noch immer am Tisch saß, um irgendeinen alten Text zu studieren.
    „Nun, wenn du mich fragst, ist eure Gruppe einfach viel zu unerfahren... Euer Zusammenhalt bildet sich aus einem wackeligen Turm, zusammengewürfelt aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die ein Leben so hervorzubringen vermag. Wie soll eine so unterschiedliche Gruppe, die sich nicht einmal kennt, großartig zusammenarbeiten und diese Digiwelt retten können...“, grübelnd legte der lebende Felsen das Pergament auf den Tisch um Rai ansehen zu können.



    „IHR SEID ALLE DOOF!!!!“ Ash erschrak. Eine Stimme ertönte lauthals aus dem gegenüberliegendem Gelände der heißen Quelle. Anscheinend war dort im Becken jemand, der sich gerade ziemlich aufzuregen schien. Während die Biyomon krampfhaft nach Luft schnappten, weil sie sich so sehr erschraken, wusste Ash sofort, wer dort zu sein schien.


    „AIRI!!!!“, wieder schrie die gleiche Stimme auf, nun jedoch schien sie weiter weg im nahegelegenen Wäldchen zu sein. Die Biyomon hatten langsam genug und flogen alle Richtung Ausgang der Quelle, um sich genervt bei Digitamamon zu beschweren. Ash wiederum hatte sich gerade aufgerafft, um aufzustehen.



    „Nanu? Rai?“, gerade als Ash aus der Umkleide herauskam, immer noch seine Haare trocken wischend, erspähte er Rai, welcher verwirrt vor der linken Umkleide zu stehen schien.
    Tory ist vor wenigen Minuten nur mit Handtuch bekleidet aus der Umkleide gelaufen und an mir vorbei raus aus der Herberge...“, immer noch verwundert blickte der Schwarzhaarige sein Gegenüber an. Dieser legte nachdenklich seinen Zeigefinger ans Kinn, schaute dann Richtung Ausgang und dann wiederum Richtung Gotsumon, welches auch gerade aus dem Restaurant zu kommen schien.
    „Die beiden brauchen ihre Zeit, lasst sie einfach in Frieden und kümmert euch um eure Angelegenheiten“, genervt und Augen rollend blickte das sture Digimon auf die beiden Jugendlichen, welche sich so eben dazu bereitmachen wollten, ihren Freunden zu folgen.


    Digitamamon, welches soeben aufgetaucht war, immer noch aufgeschreckt von den genervten Biyomon, schien komplett in seiner Fantasie verschwunden zu sein, redete teilweise merkwürdiges Zeug, teilweise gab er aber auch gute Ideen von sich:
    „Auch wenn ich die Wortwahl und die Tonlage eures Freundes ein wenig bedenklich finde, bin auch ich der Meinung, dass ihr die beiden erst einmal alleine lassen solltet. Ich habe mit ein paar Freunden die Netzwerke der naheliegenden Gebiete restauriert. Ihr solltet also in der Lage sein, über eure Digivices miteinander zu kommunizieren, solltet ihr euch danach fühlen. Jetzt aber sollten wir erst einmal weiter darüber reden, was als Nächstes zu tun ist. Wir könnten meine Gaststätte sogar zu unserem Hauptquartier erklären und nach Bestehen von Missionen wieder hierher zurückkommen, um Bericht zu erstatten!“


    Rai blickte in Richtung des anderen Schwarzhaarigen.
    „Vielleicht hat er Recht. Airi scheint doch ohnehin etwas mehr zu wissen. Und auf Tory kann er sicherlich auch aufpassen. Und wir können uns derweilen um andere Dinge kümmern und überlegen, was wir tun können.“
    Rai blickte freundlich zu Ash, dann zu Gotsumon und letztendlich zum Ei. Sowohl Ash als auch das Ei schienen einverstanden zu sein; Gotsumon hingegen gähnte gelangweilt und wirkte eher genervt, widersprach aber auch nicht, weshalb Rai dies als ein Ja wertete.



    ***


    “Wir sind verloren!”, kreischten die Biyomon stürmisch, als sie zuerst an Rai, Ash, Gotsumon und Digitamamon und danach an Airi und Tory vorbei flatterten. Gerade begannen beide Gruppen sich zu wundern, was sie nun wieder aufregte, da zerfiel ein angrenzendes Gebäude in Einzelteile, nur um sich danach in Daten aufzulösen und komplett zu verschwinden.
    Alarmiert zückte Airi seinen D-Tector und setzte sich in Bewegung, an der anderen Gruppe vorbei und in Richtung zu dem leeren Grundstück. Kurz darauf realisierte auch Tory, was geschah und folgte dem Blondschopf.
    “Aber Monzaemon wurde doch besiegt.” Gotsumon suchte verzweifelt nach einem Grund für den Angriff. Digitamamon schien schon eher die Ruhe zu behalten und so rannte es los, um die anderen “erwachsenen” Digimon der Insel aufzuwecken und zusammen zu trommeln.
    “Wir haben keine Zeit, um auf Digitamamon zu warten.”, blickte Rai zu seinem Begleiter.
    “Ausnahmsweise stimme ich dir da mal zu.”, erwiderte Ash und griff ebenfalls nach seinem Digivice.


    “Du kannst unmöglich wieder zu Raidramon digitieren, lass mich kämpfen.”, rief Tory dem Blondschopf hinterher und nutzte die gespeicherten Daten des Spirits, um zum Magier in weißem Anzug zu digitieren:
    “Spiritevolution: Sorcerymon!”
    “Für eine normale Digitation reicht es.”, widersprach der Blondschopf und nahm ebenfalls die Gestalt eines Digimon an. “Spiritevolution: Rinkmon!”
    Dieses Mal verwandelte er sich nicht in ein vierbeiniges ungetüm, sondern behielt seine menschliche Gestalt. Ähnlich wie Sorcerymon trug er einen weißen Anzug, dieser war jedoch enger geschnitten und hatte blaue Streifen an der Seite. Außerdem trug er blaue Schuhe, die jeweils eine große Klinge an der Unterseite hatten - Fast wie Schlittschuhe. Auch die blauen Handschuhe hatten Klingen an der Unterseite des Arms, die an Blitze erinnerten. Zudem trug der Digiritter einen blauen Helm und ein weißes Cape.
    “Meintest du das mit wahrer Macht des Spirits? Dann war Raidramon auf einem höheren Level?”, schlussfolgerte Sorcerymon, doch verdrängte den Gedanken für den Moment. Er konnte sich nach dem Kampf noch Sorgen darum machen und weiter spekulieren.


    “Die Daten gehören mir und sollte euch euer Leben lieb sein, dann akzeptiert ihr das und verschwindet von hier.”, verkündete eine freche Stimme aus einem angrenzenden Gebäude, ehe auch dieses auf nimmerwiedersehen verschwand.
    “Die Stimme gehört zu Grumblemon!”, stellte Gotsumon geschockt fest, welches gemeinsam mit Rai und Ash zum Blondschopf aufgeschlossen hatte.
    Erstmals kam die ganze Gestalt des Digimons zum Vorschein. Seine Mimik sowie sein Auftreten erinnerten an einen Kobold. Sein Körper steckte bis auf die zu groß gewordene Nase und Arme in einer blauen Rüstung, die sowohl Beine, Brust, Schultern als auch Füße durch Stacheln doppelt schützte. Ansonsten fiel sie sehr gering aus. Grumblemons restlicher Körper wurde durch eine rote Hose, ein blasses Oberteil, Schuhe und eine karmesinrote Mütze bedeckt, an welcher ein kleiner Morgenstern hing, der die selbe Farbe hatte wie seine leichte Rüstung. Auf Brust, Knollnase und seinen Armen fand sich das japanische Schriftzeichen für Erde. Ein Zahn ragte aus Grumblemons Mund hervor und bei seinem grimmigen Gesichtsausdruck war es schwer, es nicht für sadistisch zu halten. In seiner Hand hielt seinen braunen Stab, an dem ein massiver Hammerkopf mit hervorragenden Stacheln angebracht war.


    Ash und Rai verstanden die Drohung und waren ebenfalls dazu bereit, zu kämpfen.
    “Spiritevolution: Strikedramon!”, angespannt musterte der Krieger des Feuers seinen Gegner. Würde er ohne eine Waffe an der Verteidigung von diesem vorbeikommen, ohne von dem Hammer getroffen zu werden?


    “Spiritevolution: Lobomon!” Letzterer zögerte keinen Moment, den Kampf zu beginnen und so stürmte der Digiritter mit einem Lichtschwert in der Hand auf den Kobold zu.
    “Aufhören!”, verlangte er. Interessiert wandte sich das Digimon vom dritten Gebäude ab und blickte Lobomon musternd an:
    “Ihr habt also Spirits gefunden und haltet euch jetzt für Helden, wie? Wenn ich euch die Spirits abnehme, erspart mir das eine Menge arbeit.” Mit seinem Hammer in der Hand sprang es genau auf Lobomon zu: “Schlangenaugenkracher!”


    Dem Digikrieger des Lichts gelang es, auszuweichen und stattdessen den Angreifer in eine Wand der Ruine zu werfen, die das zweite zerstörte Gebäude war. Ein weiteres Mal holte Grumblemon zu einem Schlag aus und verfehlte, wodurch es ein großes Loch in den Boden riss. Ein Abgrund klaffte zwischen den beiden Kämpfern.
    “Es will noch immer die D-Codes.”, stellte Lobomon geschockt fest.
    “Lichtkugel!”, mit einem Geschoss aus Licht, welches aus der Kanone am Handgelenk abgegeben wurde, hoffte der Digiritter seinen Feind aufzuhalten.



    “Wir müssen ihm helfen!”, erinnerte Rinkmon, als sie das letzte Digimon - eines der Pflanzendigimon, welches sie am Abend getroffen hatten - aus den umliegenden Gebäuden evakuiert hatten.


    “Verdammt!”, fluchte Lobomon plötzlich und als die Gruppe bei der Ruine ankamen, sahen sie wie der Digiritter an einer Kante des Abgrunds hing. Zufrieden grinsend stampfte Grumblemon mit seinem Fuß auf die Hände des Digiritters.
    “Spinning Cutter!”, Rinkmon reagierte sofort und so bewegte es sich wie auf Rollschuhen mit einer rasanten Geschwindigkeit auf den Kobold zu. “Ich bin dein Gegner!”, merkte es dabei an und verpasste seinem Gegner einen starken Tritt mit den Klingen an der Unterseite der Stiefel.
    “Interessant.”, gab dieses trocken von sich, fing aber alsbald an wieder zu grinsen.


    Kurz darauf verschwand es im Untergrund und ließ eine überraschte Gruppe zurück.
    “Es kann sich unter der Erde bewegen?”, stellte Sorcerymon geschockt fest.
    “Wo ist es hin?”, fragte Strikedramon mehr für sich selbst und blickte sich angespannt um.
    “Direkt hinter dir!” Mit einem gewaltigen Hammerschlag tauchte es hinter seinem Gegner auf und verfrachtete diesen gegen eine Hauswand.
    Unter Schmerzen digitierte Ash zurück und musste feststellen, dass Grumblemon nun direkt vor ihm stand und sich der Daten Strikedramons bemächtigte.
    “Mein Spirit!”, niedergeschlagen starrte der Schwarzhaarige auf das flimmernde Display seines Digivices. Eine Digitation schien nicht länger möglich.



    “Schlangenaugenkracher!”, auch Sorcerymon wurde Ziel eines Angriffs, während Rinkmon damit beschäftigt war, Lobomon hoch zu helfen.
    Mit einer geschickten Pulverschneewolke blendete der Magier den Kobold genug, um ausweichen zu können. Darauf folgend beschwörte Sorcerymon einige Eiszapfen, die versuchten, Grumblemon zu durchlöchern.
    Sichtlich wütend zog der Kobold nun einen kleinen braunen Beutel hervor, aus dem er irgendein merkwürdiges Puder hervorholte, um es vor sich zu streuen.
    “Will er böse Geister vertreiben?”, wunderte sich Tory noch immer umhüllt von seiner Magierrüstung.


    Aus dem Erdboden formte sich nun eine große Säule, die zersprang und ein Digimon freigab.
    Vor Grumblemon stand eine massive Gestalt. Bei näherer Betrachtung stellte sie sich als steinerner Golem heraus, bei dem die einzelnen Körperteile mit Drahtseilen zusammen gehalten wurden. Die Hände des Ungetüm waren gut und gerne dreimal so groß, wie der kleine - durch einen schwarzen Helm geschützten - Kopf.
    “Rockmon sind Felsendigimon, deren Körper aus sehr hartem Gestein besteht. Sie leben sehr primitiv, da sie nicht wirklich mit viel Hirn ausgestattet sind.”, erklärte Gotsumon, ehe es von der kleinen Maus, die Digitamamon begleitete, angestupst wurde.
    “Wir haben die Digimon mit Hilfe der Seilbahn evakuiert, du solltest auch verschwinden.”
    Ein letztes Mal blickte das Erzdigimon zu den Digirittern, dann entschied es sich dazu, dass es nicht helfen konnte und besser nicht im Weg stehen sollte und folgte der Maus.



    Mit gezückten Zauberstab schritt Sorcerymon auf das Rockmon zu.
    Der Golem schien wenig beeindruckt und nutzte seine massiven Fäuste, um sich aufrecht und gerade hinzustellen. Wohl, um den Eindringling in die Flucht zu schlagen.
    Grumblemon beobachtete seinen Diener interessiert.


    Dann veränderte sich die Geschwindigkeit des Kampfes mit einem Wimpernschlag.


    Ausgelöst wurde dies von dem felsigen Wesen. Das Abschrecken seiner Gegner war fehlgeschlagen, also verteidigte es jetzt seinen Meister mit einer enormen Kraft. Die Fäuste, die zugleich Waffen waren, schlugen wenige Zentimeter von Sorcerymon entfernt auf den Boden ein und hinterließen ein Fußball großes Loch in der Erde.
    Zur Vorsicht alarmiert, bewegte sich der Magier von dem angeschlagenen Ash weg, drehte Rockmon förmlich um und lockte es in die Richtung der Hausruine. Dort angekommen hob es seinen Stab zum Himmel und wartete auf einen Energieschub.
    Als der Stab leuchtete, schwang Sorcerymon ihn in Rockmons Richtung, um eine mächtige Welle aus Eis zu beschwören.


    Der Golem hatte dem jedoch nicht tatenlos zugesehen und so warf es einen riesigen Felsen aus seinem Mund. Erst prallte das steinige Geschoss gegen die Welle und ließ diese in der Luft zerschellen und anschließend gegen Sorcerymon, welches überrascht einen harten Treffer einstecken musste.
    Fernkampf war folglich keine Option, weswegen der Krieger des Eises die Distanz verkürzte und versuchte, den massiven Koloss in einen Nahkampf zu verwickeln. Doch auch das schien eine Verschwendung von Kraft zu sein. Unbeeindruckt sah Rockmon dabei zu, wie sein Gegner mit Zahnstochern durch den Stein brechen wollte.
    Mit einem mächtigen Felsenschlag - einer Technik, bei der Rockmon seine Faust als Schlagwaffe benutzte - unterbrach der Felsgolem die verzweifelten Angriffe seines Gegners. Sorcerymon wurde durch die Luft katapultiert und blieb wenige Meter vor der Schlucht angeschlagen auf dem Boden liegen.


    Statt es zu erledigen, ließ das schweigsame Digimon jedoch von Sorcerymon ab, überließ es Grumblemon den Spirit einzusammeln und marschierte auf Lobomon und Rinkmon zu. Letzteres war von den Ereignissen sichtlich überfordert, denn es stand nur wie angewurzelt da und starrte unentschlossen auf seinen D-Tector, sich fragend, ob er eine Digitation zu Raidramon riskieren sollte. Tory hatte diesen Ausdruck von Angst in den Augen seines Begleiters noch nicht gesehen. Selbst im Kampf gegen Lanamon nicht.


    Dennoch konnte er nicht länger dabei zusehen, wie Rockmon und Grumblemon, welches in einen Zweikampf mit Lobomon verstrickt war, seine Freunde bedrohten.
    Auch Sorcerymon wollte noch nicht aufgeben, und so richtete es sich auf, um Rinkmon zu helfen.


    "Keine Unterbrechung!"


    Diese tiefe, einschüchternde Stimme stammte offenbar von dem Rockmon, denn es hielt kurz inne, um auf den Feind hinter sich zu zielen. Aus seinem Rücken strömte jetzt ein violettes Gas. Erst verstand Sorcerymon nicht ganz was passierte, doch als es das Gas es berührte, sank es unter Schmerzen zusammen.


    "Rockmons Drüsen sondern eine Substanz ab, die seinen Gegner paralysiert. Dadurch kann es flinke Gegner einfacher... zerschmettern...."
    Der Blondschopf unter Rinkmons Helm schüttelte seinen Kopf. Wollte er so die Zweifel verdrängen?
    "Tory braucht meine Hilfe.", verkündete er, endlich wieder zum Kampf entschlossen.


    Die elektrischen Angriffe hatten ohne Zweifel bessere Chancen, der harten Verteidigung des Golems zu trotzen. Gerade setzte Letzteres dazu an, Sorcerymon mit einem vernichtenden Schlag zu töten, da wurde es von Projektilen aus Elektrizität getroffen.


    "Vernichten!", wieder stieß der Fels eine Wolke aus, dieses Mal aber um sich selbst zu verteidigen. Dennoch zögerte Rinkmon nicht und stürmte ungesehen schnell auf das Ungetüm zu.
    “Quadruple Storm!”, mit dem Momentum der Geschwindigkeit vereinte es die elektrischen Projektile mit den Klingen an seinen Schuhen und schnitt den felsigen Körper des Digimon sauber entzwei.


    Dieser zweite Treffer schien genug, um das Digimon zu besiegen.
    Als das braune Digiei zum Himmel aufstieg und in Richtung Spielzeugstadt flog, löste sich auch der Nebel um Sorcerymon auf. Erleichtert stand dieses auf, nur um einen hustenden, zurückdigitierten Airi vorzufinden.
    "Geht es dir gut? Du hast doch nicht etwa dieses Gas eingeatmet, oder?"
    Airi hatte sichtliche Probleme, sich während dem Hustenanfall auf den Beinen zu halten. "Mir geht es gut. Ich habe mich nur verschluckt.", antwortete dieser entkräftet, erntete aber nur einen skeptischen Blick von Tory.
    "Wirklich, es ist alles in Ordnung", versicherte Airi erneut.



    ***


    “Stopp!”, wiederholte Lobomon als Grumblemon nach der Beschwörung von Rockmon wieder die Daten der Insel scannen wollte.
    “Du schon wieder….”, murmelte es. “Gut, dich wollte ich mir eh zuerst vorknöpfen.”
    “Was?”, wich Lobomon angespannt zurück.
    “Du bist vorhin davongekommen, aber dieses mal hole ich mir deinen Spirit.“
    Siegessicher zückte Grumblemon etwas, das aussah wie sein eigener Spirit und hielt ihn provokativ nach vorne. Anschließend wurde es von Datensträngen umhüllt und wechselte seine Form.
    “Grumblemon digitiert zu Gigasmon!”, verkündete es siegessicher.
    Im Gegensatz zu vorher besaß das Digimon nun keine Rüstung mehr, die seinen massiven Körper schützte - es war auch nicht länger nötig. Seine Unterarme sowie Fäuste waren so groß wie Gigasmons eigener Kopf und genauso muskulös war auch der Rest des riesigen braunen Körpers, welcher scheinbar aus Gestein bestand.


    Mit einer enormen Kraft sprang das Digimon hoch in die Luft, nur um sich wie eine Bombe - Die beiden Felsenarme voran - zurück auf den Boden fallen zu lassen. “Erdbeben!”
    In einem verzweifelten Versuch, sich zu verteidigen zückte Lobomon beide Lichtschwerter und rotierte diese wie ein Sägeblatt.
    Dennoch war der Aufprall so enorm, dass die ganze Insel in sich zusammenbrach und gen Erdboden stürzte. Sorcerymon konnte gerade noch reagieren und so ließ es zwei Plattformen aus Eis entstehen, eine unter Ash und die andere unter sich und Airi, um damit langsam zum Boden zu schweben.
    “Wirbelwindbombe!” Gigasmon schien mit der Flucht seiner Gegner nicht einverstanden zu sein und so schnellte es - sich um die eigene Achse drehend - auf Sorcerymons Skateboard zu. Dieses wurde ohne Widerstand in Einzelteile zersplittert und auch der Digiritter hatte dem Angriff nichts entgegen zu setzen.


    Mit dem nächsten Spirit in den Händen und Tory am Boden, setzte das Ungetüm dazu an, auch Airi auszuschalten. Ein hastiger Blick des Blondschopfes zur Seite folgte. Wo zuvor Lobomon war, lag nun der Schwarzhaarige Junge am Boden. Anscheinend hatte Gigasmon auch Lobomon besiegt, bevor es auf Sorcerymon zugestürmt war.
    “Willst du dich denn gar nicht verteidigen?”, forderte Gigasmon den letzten, stehenden Digiritter auf und amüsierte sich über dessen erschöpften Zustand.
    “Und wie ich mich verteidigen werde. Nicht nur bedrohst du diese heilige Stadt, du bedrohst auch meine Freunde!”
    Gestärkt durch seinen Mut und seinen Eifer erzeugte Airi eine Kugel aus D-Codes, die seine Hand umschwirrten


    “Spiritevolution: Raidramon!”
    Wie zuvor im Kampf gegen Scorpiomon trat ein animalisches Digimon aus dem Licht der Digitation.
    Blitzschnell sprang das wolfsähnliche Wesen auf seinen Feind zu und verpasste ihm einen elektrischen Schlag, indem es einen Strahl aus seinem Horn auf Gigasmon schoss.
    Ein Schlagabtausch folgte, dem Raidramon jedoch unterlag.
    “Glaubst du wirklich, dass mir - dem Krieger der Erde - Strom etwas ausmachen würde?”, kommentierte Gigasmon die Bemühungen seines Gegners, als dieser mit einem mächtigen Hieb davon geschleudert wurde.


    ***


    “Schluss damit!”, rief plötzlich eine fremde Gestalt. In der Dunkelheit der Nacht rauschte ein kleines Wesen an Raidramon vorbei.


    “Blitzpfote!”


    Mit einem blitzschnellen Schlag traf die weiße Katze auf Gigasmon.
    Angespannt richtete sich der Digiritter auf und beobachtete die beiden Kämpfer. War das etwa Gatomon? Wie lange hatte er dieses Digimon nicht mehr gesehen?
    “Was tust du da?”, fragte er die Katze schließlich, als sie neben ihn geworfen wurde.
    “Das selbe könnte ich dich fragen. Das letzte Mal haben wir uns noch als Feinde gegenüber gestanden.”, antwortete sie schnippisch.
    “Ihr werdet so oder so beide hier sterben!”, wieder erhob sich Gigasmon hoch in die Luft und machte sich dafür bereit, ein weiteres Erdbeben auszulösen.
    “Wir müssen Gigasmon aufhalten!”, knurrte Raidramon. Doch diese Aussage kam zu spät. Gatomon ergriff bereits die Initiative und sprang angriffslustig auf Gigasmon zu.
    “An dir bin ich nicht interessiert.”, beschwerte sich Letzteres und kickte die Katze aus dem Weg, indem es noch im Sprung zu einer Wirbelwindbombe wechselte. Anschließend nutzte es seine Geschwindigkeit um Raidramon den Gnadenstoß zu verpassen.


    Die gesamte Erde um die Kämpfer riss auf und wurde von Abgründen zerfressen. In der Mitte dieser Abgründe auf einer kleinen Erdsäule, die übrig geblieben war, thronte Gigasmon. Neben ihm der bewusstlose Digiritter - in menschlicher Gestalt und ohne Spirit.
    “Meine Arbeit hier ist getan.”, verkündete es und verschwand im angrenzenden Wald. Gatomon - noch immer angeschlagen - folgte diesem. Es hatte nicht vor Grumblemon oder eher Gigasmon entkommen zu lassen.

    Momentan auf dem Festival Plazza: Schatzsucher 2 -> Aufstellen für 100FM und einen garantierten Silberkronkorken erhalten.