Regenbogenfragmente


  • Regenbogenfragmente


    Sie leben unter uns. Lernten sich zu tarnen, uns zu täuschen.
    Wir bemerken sie kaum, denn sie sprechen, verhalten und agieren wie wir. Trotzdem
    sind sie anders.
    Viele von ihnen flohen vor der Öde der Anderswelt und leben in Einklang mit uns Menschen.
    Doch das betrifft nicht jeden von ihnen. Einige kommen, um uns zu schaden, das Leben
    schwer zu machen. Vielleicht auch, um diesem ein Ende zu setzen.


    »Sogleich spürte sie die Energie, die durch den Körper ihres Gegenüber floss, als ihre Hand seinen Arm berührte.
    Es war unausweichlich. Entweder er oder sie.
    Sein Leben würde ihm langsam entweichen und er könnte nichts dagegen tun.
    In Windeseile zog sich eine steinerne Schicht über seinen Körper. Diese nahm alles von ihm ein und
    verwandelt ihn in eine Statue. Und als das letzte Fünkchen Leben ihn verließ, zerfiel sein Körper.
    Was übrig blieb, war bloß ein Häufchen Asche.
    Die Schuldige an seinem Tod jedoch fiel auf die Knie und brach in Tränen zusammen.«


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    »Handlung
    In Regenbogenfragmente begleitet ihr die junge Aúren, Gail. Nach der Hinrichtung ihrer Mutter Catríana und monatelanger Gefangenschaft in den Händen der Elben wird sie in die Menschenwelt verbannt. Sie findet Zuflucht bei ihrem Vater, einem einfachen Sterblichen und einem zwergischen Pubbesitzer in der Kleinstadt Maynooth. Während alle glauben, dass sie sich langsam ihrem Schicksal gefügt hat, vergeht kein Tag, an dem Gail nicht an Rache denkt. Denn es ist ganz und gar nicht in ihrem Sinn nie wieder in ihre Heimat zurückzukehren.



    »Vorstellung
    Soll jetzt keine Vorstellung von mir als Autorin sein, da gibt es nämlich nicht viel zu sagen. Ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe. Das hier soll eigentlich eine kleine Vorstellung sein, wie ich zu dieser Geschichte stehe. Es ist nun fast dreieinhalb Jahre her, dass ich angefangen habe an Regenbogenfragmente zu arbeiten. Anfangs lief es wie am Schnürchen aber irgendwann klappte das Schreiben einfach nicht mehr so richtig, und bevor ich erzwungen etwas geschrieben habe, lies ich es fürs Erste ganz sein. Zwischendurch gab es doch tatsächlich immer mal Phasen, in denen ich an der Geschichte weiterschrieb. Sie wollte mich einfach nicht loslassen und das tut sie immer noch nicht. Immer wieder kommen mir Ideen in den Sinn, wie es mit meiner Protagonistin und den Hauptcharakteren weitergehen könnte.
    Irgendwann kam die Idee von einem "Neuanfang". Mir fielen Lücken in der Story auf, der Verlauf bisher gefiel mir nicht und ich war auch ziemlich unzufrieden, was meine Protagonistin Scarlett anging. Ich entwickelte eine Antipathie ihr gegenüber. Tatsächlich glaube ich, dass mich die Motivation verließ, weil ich mit diesem Charakter unzufrieden war.
    Deswegen der "Neuanfang"! Nur in Anführungszeichen, weil ich nicht alles verändert habe.



    »Die Anderswelt
    Dabei ist meine Anderswelt eine Anlehnung an die keltische Anderswelt. Sie ist mit der unseren Verbunden und kann durch diverse Eingänge betreten oder verlassen werden. Dabei ist der Zeitpunkt relevant, da es nur vier Tage im Jahr gibt, die einem diese Möglichkeit geben. Samhain am 1. November, Imbolc am 1. Februar, Beltaine am 1. Mai und Lughnasadh am 1. August.
    In der Anderswelt sind spezielle Tore angesiedelt, während in der Menschenwelt der Eingang z.B. durch Höhleneingänge oder durch Löcher im Boden gewährleistet ist.



    Heilige Erden - "Neutrales Gebiet"

    • Teufelsmarsch
    • Quelle der Naga
    • Blassfälle
    • Rosenquarzküste
    • Windtallichtung
    • Goldener Wald


    Das Elbenkönigreich

    • Hauptstadt


      • De'ohnélle
    • Weitere Städte


      • Roter Hafen


      • Elbenstein
    • Orte


      • Trauerweidengärten


      • Schimmernder Hain


      • Rosenmeer


    Das Zwergenkönigreich

    • Hauptstadt


      • Ksenwvia
    • Weitere Städte


      • Sigilheim


      • Bärenwache


      • Gral
    • Orte


      • Stille Berge


      • Regenbogenriff


      • Rubinriff


    Das Feekönigreich

    • Haupstadt


      • Dialoj
    • Weitere Städte


      • Solajconte
    • Orte


      • Najadenbucht


      • Salua Insel



    »Kapitelübersicht
    Prolog - Ketten
    Kapitel I - Sie träumte
    Kapitel II - Kostbare Narben

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    Teil I - Dunkle Ecken
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    Prolog - Ketten


    Sie konnte nicht. Hielt sich kaum auf den Beinen. Ihren erschöpften Körper bedeckten unzählige Narben, Verletzungen und Dreck. Sie konnte nicht mehr, doch sie musste. Ansonsten würde der Wächter sie wie ein totes Tier hinter sich herschleifen.
    Doch irgendwann gaben ihre Beine nach und sie fiel in den Dreck. Die rostigen Ketten an ihren Handgelenken bohrten sich schmerzlich in ihre Haut, so wie die Steine auf dem Boden.
    Sie wunderte sich über den Schmerz. Anscheinend waren die Dinge, welche sie in den letzten Monaten ertragen hatte, noch nicht genug.
    Einer der Wächter, der sie eskortierte, trat ihr in den Rücken. Still nahm sie das Leid hin. Auf keinen Fall würde sie ihnen die Genugtuung, die sie aus ihren Qualen hatten, geben.
    „Los weiter“, zischte er.
    Im gleichen Moment zog ein anderer wütend an ihren Ketten, sodass sie ein weiteres Mal fiel.
    Sie musste sich nur zusammenreißen. Es war nicht mehr weit zum Portal. Nach monatelanger Folter und Demütigung erbarmte sich der Elbenkönig und verkündete ihre Verbannung an. Sie hatte nie verstanden, weswegen die Elben plötzlich so grausam waren. Oder sie redete sich das nur ein. Bloß, weil sie sich nicht eingestehen wollte, dass sie weiterhin für die Sünden ihrer Mutter bezahlte.


    Eine Welle der Erleichterung durchzog ihren Körper, als sie das meterhohe Portal vor ihnen erblickte. Metallisch leuchtend und mit altertümlichen Runen verziert stand es mitten in der Windtallichtung. An diesem Tag, von drei anderen, gewährte es jedem die Menschenwelt zu betreten und zu verlassen. Nur noch wenige Meter trennten sie von ihrer Freiheit. Einer der Elben brachte Gail direkt vor das Portal, während die anderen einige Meter Abstand hielten. Zurecht.
    Der Wächter kam ihr viel näher als zuvor, als er ihre Ketten abnahm. Hatte er vergessen, was man ihm die letzten sechs Monate eingetrichtert hat oder war er einfach nur naiv? Vielleicht war es auch ihr zerbrechlicher Zustand, der ihn in Sicherheit wog.
    Laut klimpernd fielen die Ketten schließlich zu Boden. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, sagte er abwertend: „Lass dich hier nie wieder Blicken!“
    Doch Gail würde nicht einfach so gehen. Er gehörte zu den Elben, welche ihr in den letzten Monaten so viel Leid zugefügt hatten. Sie warf den anderen noch einen letzten Blick zu, bevor sie blitzschnell seinen Kopf hob. Der Wächter konnte nicht anders als ihr in die dunkelgrünen Augen zu schauen. Er war in ihrem Bann. Trotzdem verriet sein Gesicht die Panik, welche in ihm hochstieg. Er konnte das Schicksal, welches ihm jetzt blühte, nicht mehr verhindern.
    Aber nein, sie würde ihn nicht umbringen. Das war nicht ihre Art. Er würde eine schlimmere Strafe bekommen.
    Mit beiden Händen ergriff Gail seine – den Blick nicht abwendend – und spürte die Energie durch seinen Körper fließen. Sie stahl sie dem Wächter, sog diese in ihren eigenen Körper hinein und spürte, wie sie sich in ihr breitmachte und sie stärkte. Laute Schreie kamen aus der Richtung der anderen Elben. Doch sie waren zu langsam. Der Prozess dauerte nur wenige Sekunden. Während der Elb immer noch in ihrem Bann stand, drehte sie sich um und sprang durch das Tor. In die Freiheit, nach der sie sich so lange gesehnt hatte.




  • Kapitel I - Sie träumte


    Ein Schrei drang aus der Realität bis hin zu ihr, in ihren Traum. Laut genug, um sie aus diesem zu wecken. Ihr Herz raste wie wild, als sie sich aufsetzte und nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob der Schrei bloß ein Teil ihres Traumes gewesen war. Sie blieb sitzen, lauschte den Geräuschen der Nacht. Draußen hörte sie das angenehme Zirpen der Zikaden, welche verrieten, dass es bereits Sommer in der Anderswelt war. Auch der Wind war leise hörbar, wie er durch die Baumkronen und Büsche fegte und sie zum Rascheln brachte. Mehr hörte sie nicht. Trotzdem sammelten sich Zweifel in ihr.
    Sie warf ihre bunt geflickte Decke zur Seite und stand auf. Das Mondlicht, welches durch das offene Fenster über ihrem Holzbett schien, spendete ihr genügend Licht, um problemlos durch das Zimmer zu laufen. An den kahlen, beigefarbenen Wänden blätterte bereits die Farbe ab und auch die hellen Holzdielen, die bei jedem ihrer Schritte Geräusche von sich gaben, hatten bessere Tage gesehen. Das einzige Möbelstück in diesem Raum war das Bett, was für ein Zimmer im Königshaus ziemlich ärmlich war. Trotzdem war sie froh überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben und dankte, wenn auch bloß im Stillen, der Elbenkönigin tagtäglich für ihre Güte.
    Vorsichtig drückte sie die kupferfarbene Klinke runter und zog langsam, so leise wie möglich, die Tür zum Zimmer ihrer Mutter auf. Es klappte jedoch nicht so, wie sie es wollte. Ein schiefes, lautes Quietschen ertönte, als sie die Eichentür aufzog.
    Vorsichtig spähte sie durch den Spalt ins Zimmer ihrer Mutter. Überraschenderweise saß Catríana aufrecht in ihrem Bett und starrte in die Leere. Selbst jetzt, mit dem Schrecken in den Augen, war ihre Mutter eine wunderschöne Frau mit bleichem, ebenmäßigen Gesicht, aus welchem einen mandelförmige, rote Augen anblickten. Eine längliche Stupsnase zierte ihr Antlitz, genauso wie die hellen rosa Lippen.
    Ihre Mutter hatte sie jedoch nicht bemerkt. Anscheinend war sie völlig in ihren Gedanken versunken oder aber sie war in einer Art Halbschlaf.
    "Mum?", sagte sie etwas leiser, um ihr keinen Schrecken einzujagen.
    Augenblicklich drehte sie sich zu ihrer Tochter um. Bevor sie etwas sagte, blinzelte sie kurz, um sich danach die Augen zu reiben.
    "Gail?", fragte sie leicht verunsichert. "Warum schläfst du nicht?"
    Sie trat ins Zimmer ein und ließ die Tür einen Spaltbreit hinter sich offen.
    "Ich dachte, ich hätte einen Schrei gehört. Warst du das, Mum?"
    Catríana nickte.
    "Ich habe schlecht geträumt."
    Erst jetzt bemerkte Gail, wie zittrig die Stimme ihrer Mutter klang. Sie ging zu ihr rüber.
    Der Ausdruck auf ihrem Gesicht bereitete ihr Sorgen. Etwas Schlimmes muss in ihrem Traum geschehen sein, sonst würde sie nicht weinen.
    Gail kniete sich vors Bett ihrer Mutter und nahm ihre Hand. Sie fühlte sich in ihrer Eigenen eiskalt an. Als sie zu ihr aufblickte, wischte sie sich gerade die Tränen weg.
    "Was war es, wovon du geträumt hast, Mum?"
    Zärtlich fing sie an, ihrer Tochter durch die im Mondlicht strahlenden, schwarzen Haare zu streichen. Sie hatte sie von ihr geerbt.
    "Ach Gail, mein Schatz", fing sie an, schien jedoch zu zögern. "Ich träumte, ich wäre nicht mehr hier. Und ... und du warst so verängstigt. Wusstest nicht, was du tun solltest. Doch das Schlimmste war, dass es niemanden zu kümmern schien. Du warst so-"
    mitten im Satz brach ihre Mutter ab. Gail sah zu, wie die Tränen nur so in Strömen ihre Wangen runterliefen und sie sich nicht beruhigen konnte. Das Mädchen nahm ihre Mutter in den Arm und jetzt strich sie ihr tröstend durch die Haare.
    "Bitte beruhige dich", flüsterte sie. "Beruhig dich. Du bleibst immer an meiner Seite und ich an deiner."
    "Man weiß nie, was die Zukunft einem bringt."
    Augenblicklich löste sie die Umarmung. Besorgt blickte sie Catríana an. Schaute zu, wie ihr die Tränen die blassen Wangen runterkullerten. Es dauerte einen Augenblick, bis sie den Mut aufgebracht hatte, nachzufragen.
    "Ist etwas passiert?", fragte Gail schließlich.
    Ihre Mutter reagierte nicht – sie schien sich jedoch wieder zu beruhigen.
    "Mum ist etwas passiert?", wiederholte sie.
    "Nein. Das habe ich nur so dahergesagt."
    Gail zwang sie ihren Blick zu erwidern.
    "Ganz sicher?", hakte sie nach.
    Doch Catríana wich der Frage aus und wechselte das Thema.
    "Du musst mir etwas versprechen."
    "Und das wäre?"
    "Wenn mir etwas zustößt, wirst du diese Welt verlassen und Schutz bei deinem Vater suchen."
    Die Bitte ihrer Mutter war mehr als verdächtig. Wäre wirklich nichts passiert, würde sie so etwas doch nicht sagen. Oder lag das alles nur an ihrem Traum? Selbst wenn. Sie wollte diesem Wunsch nicht einfach so nachgeben. Vor allem, weil sie ihren Vater kaum kannte, genauso wie die Welt, in der er lebte.
    "Mum, dir wird schon nichts passieren. Wir sind hier im Elbenkönigreich sicher."
    "Versprich es", drängte Catríana.
    Erst dann wurde Gail bewusst, wie ernst es ihre Mutter meinte und dass sie nicht nachgeben würde. Das verriet ihr ihr Blick.
    "Versprochen", sagte sie schlussendlich.
    Der Ernst war verflogen und in ihrem Gesicht war Erleichterung zu erkennen.
    Ehe sie ihrer Tochter bedeutete, ins Bett zu gehen, nahm sie ihr Gesicht in beide Hände und gab Gail einen Kuss auf die Stirn.
    "Träum was Schönes."


    Selbst ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter fragte Gail sich, ob der Traum nur ein Vorwand war, um ihr das Versprechen abzunehmen. Tatsächlich spielte sie diese Nacht oftmals in ihrem Kopf ab. Das Gefühl das Catríana zu dem Zeitpunkt bereits klar war, was die Zukunft bringen würde, verließ sie nicht. Doch mit dieser Ahnung verging auch nicht die Angst. Die Angst das ihre Mutter wirklich eine Königsmörderin war.
    Ach, was gebe sie dafür endlich die Wahrheit zu erfahren. Alles. Wirklich alles. Die innere Ruhe würde sowieso nicht zurückkehren, bevor die Geschehnisse von vor einem Jahr ans Licht kommen würden. Nicht, ehe Gail wieder in ihre Heimat zurück konnte, ohne als Gesetzeslose gejagt zu werden.


    Es war gerade Viertel vor fünf, als die junge Aúren ihren Laptop zuklappte und unter ihr Bett schob. Jetzt war es stockdunkel in ihrem Zimmer, doch in wenigen Stunden, würde das Sonnenlicht durch die Spalten ihrer Rollos scheinen. Seamus würde bald seinen Pub schließen und aufräumen. Sie könnte noch vorbeigehen. Jemanden zum Reden könnte sie jetzt auf jeden Fall gebrauchen. In letzter Zeit war Gail ein wenig neben der Spur, da Samhain immer näher kam und das, obwohl sie keine neuen Informationen hatte. Wie sollte sie auch in der Menschenwelt etwas erfahren? In Seamus‘ Pub waren selten gesprächige Andersweltler und wenn sie mal den Mund aufmachten, waren sie so sturzbesoffen, sodass sie sowieso nur Unfug redeten. Also was sollte sie anderes tun als bereits vergangene Ereignisse immer und immer wieder zu rekapitulieren und darauf hoffen, ihr würde etwas Neues auffallen.
    Vor ihrer Zimmertür waren Schritte zu hören. Ihr Vater hatte bereits seine Schuhe an. Würde wohl bald losgehen. Ob er mich wohl zum Goldkessel bringt? Sie könnte zumindest fragen.
    Auch wenn Lennox ihr Vater war, gab es da eine Distanz, die in dem letzten Jahr nicht viel kleiner geworden ist. Beide Seiten taten sich schwer einander näherzukommen. Die Tatsache, dass Gail ihren Vater erst mit ihren 19 Jahren wirklich kennenlernte, half nicht viel weiter. Die beiden hatten keine richtige Vater-Tochter-Beziehung. Lennox hat sie nie aufwachsen sehen, wusste nicht, was sie mochte und was sie gar nicht leiden konnte. Selbiges galt für Gail, die sich sowieso fühlte, als wäre sie in das Leben eines Fremden eingedrungen, als er sie damals aufnahm. Die ganze Situation war nicht einfach.
    Deshalb waren selbst so einfach Bitten eine riesige Herausforderung für sie. Ihr war nie ganz klar wie Lennox reagieren würde.
    Schließlich sprang sie aus ihrem Bett auf und ging raus ins Wohnzimmer, wo ihr Vater sich gerade seinen blauen Trenchcoat überwarf. Im gleichen Moment betrachtete er sich argwöhnisch im Spiegel.
    „Ich hab das Gefühl mit jedem Tag kriege ich immer mehr Falten in meinem Gesicht“, sagte er aus dem Nichts. Anscheinend an Gail gerichtet. Hatte sie wohl im Augenwinkel bemerkt.
    „Du siehst gut aus für dein Alter, Lennox“, antwortet Gail lächelnd.
    Er ließ seinen Blick zu ihr schweifen und erwiderte ihr Lächeln.
    „Catríana war deutlich älter und sah immer spitze aus.“
    Ein Stich. Genau mitten ins Herz.
    „Aúren altern nicht.“
    Gail legte ihren Kopf in den Nacken. Atme tief ein und aus. Vergiss den Schmerz. Du kannst ihn verdrängen. Sie wiederholte die Sätze ein paar Mal in ihrem Kopf ehe sie sich beruhigte.
    In der Zeit stand Lennox ratlos da. Zwei Leidende, die sich nicht zu helfen wussten.
    Die Stille brach schlussendlich Gail als sie ihren Mut zusammenfasste und fragte, ob er sie zum Pub bringen könnte. Ohne zu zögern stimmte er zu. Zumindest etwas, das er für sie tun konnte.


    Zwanzig Minuten wären es zu Fuß bis zum Goldkessel, welcher sich im Zentrum der Kleinstadt Maynooth befand. Gerade um diese Uhrzeit wollte Gail eigentlich ungern die Landstraße entlang in einer kalten Oktobernacht entlanglaufen.
    Lennox mochte schöne Autos und vor allem seinen Lexus. Einen graphitfarbenen Zweisitzer mit einem Innenraum aus dunkelrotem Leder. Ein Boardcomputer mit jedem Schnickschnack, den man zurzeit haben kann, durfte natürlich nicht fehlen. Da macht Autofahren direkt viel mehr Spaß, sagte er gerne. Das empfand auch Gail jedes Mal, wenn sie in dem Fahrzeug saß. Obwohl sie dieses Gefühl in jedem hatte, allein deswegen, weil sie so was nicht lange kannte. Für sie waren Fahrten immer, wie ein kleines Abenteuer war. Selbst wenn sie nur zum nächsten Supermarkt mussten.
    Lennox besaß ein Einfamilienhaus auf der Lyreen Park. Für lediglich ihn eigentlich zu groß. Doch vor 19 Jahren hätte er nicht gedacht, dass er dort allein wohnen würde.
    Nachdem sie in die Dunboyne Road eingebogen sind, ging es stets geradeaus, bis sie im Zentrum Maynooths angekommen sind. Noch einmal rechts einbiegen und nach wenigen Metern ein letztes Mal links in die Straffan Road. Zwischen einem Barbier und einem Geschäft für vielen bunten Krimskrams befand sich das Pub „Der Goldkessel“.
    Gails Vater parkte direkt davor. Nun saßen sie beide da in dem spärlich beleuchtetem Auto. Unangenehme Stille herrschte. Überboten wurde sie nur durch die Verabschiedung, die nur so vor erzwungener Fröhlichkeit tropfte.
    „Grüß Seamus von mir und Emilia natürlich, falls sie nicht schon schläft,“ bat er.
    „Klar doch, mach ich und du komm gut zur Arbeit.“
    Sie zwang sich noch zu einem Lächeln, bevor sie ausstieg.
    Gerade als sie die Tür zuschlagen wollte, rief Lennox ihr noch „Pass bitte auf dich auf“ zu. Ihr Herz machte augenblicklich einen großen Sprung.
    Noch einmal beugte sie sich runter, spähte ins Auto und erwiderte lächelnd mit „Mach ich“. Lennox drehte mitten auf der Straße und fuhr los.
    Da stand sie vor dem hellblauen doppelstöckigen Gebäude. Durch ein längliches Buntglasfenster schien noch Licht durch. Darauf rutschte ein Zwerg einen Regenbogen, an dessen Ende ein Topf voll Gold war, runter.
    Mit geballter Faust klopfte Gail fest an die grüne Tür und wartete auf eine Reaktion.
    "Geschlossen", rief jemand aus dem Pub heraus.
    "Ich bin's", entgegnete sie.
    Schließlich hörte sie ein Stampfen und wütendes Gemurmel. Beides wurde lauter, als sich jemand der Tür näherte und diese plötzlich aufriss.
    "Was?!"
    Schweigend schaute sie den kleinen Mann vor sich eine Weile an. Die Stirn in Falten gelegt, mit den Mundwinkeln nach unten starrte er zurück. Seamus, so hieß der Mann vor ihr, war ein Andersweltler – um genauer zu sein gehört er der Zwergenrasse an. Vor dreißig Jahren wanderte er aus der Anderswelt nach Dublin aus – angetrieben von der Macht der Liebe. Gail lächelte immer in sich hinein, wenn sie an Seamus dachte, wie er sich Hals über Kopf in eine Menschenfrau verliebte und schließlich ihr Herz für sich gewann.
    Seamus sah mit seinen wuscheligen, grau-schwarzen Haaren und dem Bart, der ihm beim letzten Mal bis zum Bauch reichte, wie ein grimmiger alter Mann aus, doch eigentlich war er die liebenswürdigste Person, die sie kannte. Selten bekam sie einen bösen Blick von ihm zu sehen, weil er sonst immer ein breites Lächeln zeigte. Mit seiner tiefen kratzigen Stimme wiederholte er nur zu gern, dass er mit seinem Leben nicht glücklicher sein konnte. In Gails Leben nahm er einen wichtigen Platz ein. Die Person, welche Gail immer wieder auf den Boden der Tatsachen brachte, sie überzeugen und besänftigen konnte. Denn, wenn sie sich nach Außen als die Ruhe selbst gab, war sie eigentlich eine impulsive und ungestüme junge Frau.
    Schlussendlich ergriff Gail das erste Wort.
    "Ich hätte eine angenehmere Begrüßung erwartet", sagte sie mit beleidigtem Unterton. "Aber der Bart ist ab. Macht dich direkt zwanzig Jahre jünger.
    Sie beugte sich zu Seamus hinunter, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.
    "In Menschenjahren versteht sich", fügte sie schnell hinzu, ehe sie an ihm vorbei zur Bar stolzierte.
    Auf dem Papier war Seamus nämlich 63 Jahre alt, doch in Wirklichkeit hatte er mehr als das Doppelte auf dem Buckel. Für einen Zwerg war dies eher ungewöhnlich – wäre er damals in seiner Heimat geblieben, wäre die Wahrscheinlichkeit höher gewesen, dass er bei den dort üblichen Mienenarbeiten ums Leben gekommen wäre. Viele Zwerge erreichten deswegen nicht einmal ihren 60. Geburtstag.
    "Die Frau hat mir meine Männlichkeit geraubt! Weißt du, wie es für einen Zwerg ohne seinen Bart ist?", fragte er, ohne wirklich auf ihre Antwort zu warten. "Als hätte man einem das Glied ausgerissen!"
    "Netter Vergleich", sagte sie trocken, während sie die Scotch-Flaschen im Regal gegenüber von ihr begutachtete.
    Seamus kannte sie nur zu gut, um zu wissen, dass sie um diese Zeit nicht im Goldtopf auftauchen würde, hätte sie nicht etwas auf dem Herzen – ihr Blick auf den Alkoholflaschen sprach Bände.
    „Mädchen es ist fünf Uhr morgens. Finger Weg vom Alkohol. Ich mache uns einen Tee und du setzt dich.“




  • Kapitel II - Kostbare Narben


    Seamus verschwand in der Küche, während Gail sich an die Bar setzte. Um diese Uhrzeit, wenn der Goldkessel komplett leer war, war die Atmosphäre des Pubs ganz anders. Es sah aus als wären alle Gäste mit einem Mal verschwunden. Zurückgelassen wurden nur die leeren Stühle und Sitze zusammen mit den halb vollen Gläsern und Schüsseln. Dann umgab den Raum eine angenehme Stille.
    Gail brachte diese Atmosphäre immer zur Ruhe. Es passierte oft, dass sie kurz nach Geschäftsschluss noch auftauchte und einfach ihre Zeit vertrödelte bei einem Gespräch mit Seamus. Manchmal war Emilia, Seamus' Frau, noch wach und blieb statt ihm und leistete Gail Gesellschaft. Gern redete sie auch mit ihr, wenn ihr etwas auf dem Herzen lag. Tatsächlich über viele Dinge lieber, denn sie hatte eine aufgeschlossenere Art an sich.


    Seamus kehrte mit zwei großen Tassen wieder. Beide waren zugedeckt, sodass der Tee weiter ziehen und sein angenehmes Aroma entfalten konnte. Jetzt wo die Tasse vor Gail stand, sehnte sie sich mehr denn je danach.
    „Also sag mir, was liegt dir auf dem Herzen, meine Liebe.“
    „Ich will hier weg, Seamus.“
    „Aus Maynooth? Ich dachte, du hättest dich eingelebt.“
    „Nein. Ich will weg aus dieser Welt. Zurück in meine Heimat.“ Ehe Seamus etwas darauf antworten konnte, fügte sie „Ich bin hier unglücklich“ hinzu.
    Er reagierte nicht sofort auf ihre Worte, stattdessen senkte er seinen Blick und seufzte. Natürlich war ihm bewusst, dass es dauern würde, bis Gail sich einlebte. Genauso war es für ihn gewesen. Sowas brauchte nun mal seine Zeit.
    Schließlich sprach er: „Du bist noch nicht lange hier, Gail...“
    „Seamus ich sitze hier bereits ein Jahr fest“, unterbrach sie ihn.
    „Lass mich ausreden.“ Er war ihr einen ernsten Blick zu. „Hab‘ das Gefühl du würdest gar nicht versuchen dir ein Leben hier aufzubauen. Ich hab dir oftmals angeboten dich mitzunehmen zu Twinkletoes. Er könnte dir eine Identität in dieser Welt schaffen, du könntest dir etwas suchen, was dir Spaß macht. Vielleicht hättest du dann irgendwann kein Heimweh mehr.“
    Ein Seufzen, ein Augenrollen und eine lange Pause folgten von Gail. Manchmal fragte sie sich, ob er sie mit ihrer Mutter vertauschte.
    „Ich habe lange darüber nachgedacht, Seamus. Unzählige Male habe ich mir diese Situation durch den Kopf gehen lassen. Ich versuche ständig mich mit dieser Lebenslange anzufreunden und einfach nach vorne zu sehen. Aber...“
    Sie vergrub ihr Gesicht in einer Hand, nahm einen tiefen Atemzug und sortierte ihre Gedanken. Auf keinen Fall wollte sie, dass dieses Gespräch in einem Streit eskalierte. Sie wollte nur von ihm verstanden werden. Vielleicht sogar Zuspruch erhalten.
    „Aber stattdessen vegetiere ich nur so vor mich hin“, fuhr sie fort. „Du weißt, das ich mit so einem begrenzten Vorrat an Salua nicht viel machen kann. Eigentlich gar nichts, wenn wir ehrlich sind. Ich habe nun mal nicht die gleichen Möglichkeiten wie Mum sie hatte. Hinzu kommt, dass ich einfach keine Ruhe finde. Die werde ich nicht haben ehe ich weiß, was vor einem Jahr passierte. Nicht ehe ich weiß, warum ich das ertragen musste.“
    Im gleichen Moment als sie den letzten Satz sprach schob sie ihre Ärmel und ihr Shirt hoch.
    Zum Vorschein kamen unzählige Narben von Schnitt- und Brandverletzungen. Es gab nur wenig Stellen an ihrem Körper, die nicht verunstaltet waren.
    Seamus konnte nicht hinsehen. Dieser Anblick machte ihn wütend und traurig zugleich. Was musste sie nur alles etragen?
    „Wer hat dir das angetan?“, fragte er schließlich ohne sie anzusehen.
    „Die Elben“, antwortete sie und bedeckte sich gleichzeitig wieder. „Ich bin damals nicht geflohen, wie ich es euch erzählt hatte. Kurz, nachdem Mum mir gesagt hatte, ich solle meine Sachen packen und in den Wald flüchten, waren sie schon da und nahmen mich fest.“
    Seamus schnaubte und schlug wütend gegen die Bar.
    „Diese verdammten Heuchler. Stellen sich als die größten Pazifisten dar und im nächsten Moment foltern sie ein unschuldiges Mädchen.“
    Wieder schlug er mit der Faust gegen die Bar. Gail zuckte zusammen, so hatte sie ihn nie gesehen.
    „Bei den Windtalgöttern, ich bete, dass diese Drecksschweine eine hundertmal schlimmere Strafe kriegen. Wenn ich könnte, würde ich ihnen die Seele aus dem Leib prügeln!“
    Und wieder wollte er gegen die Bar schlagen, doch Gail nahm seine Hand und drückte sie fest.
    „Ich verstehe deine Wut. Ich habe genauso gefühlt, aber du musst dich beruhigen.“
    „Warum hast du mir nicht direkt erzählt, was passiert ist?“
    „Verstehst du denn nicht, dass ich nicht darüber reden wollte? Zu dem Zeitpunkt wollte ich das Ganze einfach verdrängen. Einfach alles.“
    Jetzt starrten beide den dunklen Holzboden an. Es war eine komische Stille. Im ersten Augenblick nicht wirklich unangenehm, aber dann irgendwie doch. Beide warteten nur, bis der jeweils andere das erste Wort sprach.
    „Vielleicht wäre ein Drink jetzt doch nicht verkehrt“, sagte Seamus schließlich und ging hinter die Bar. Er nahm zwei Tumbler aus dem Regal und schaute sich die Alkoholflaschen an. Mehrmals murmelte er „zu schwach“ ehe er eine Flasche Übersee Rum nahm. Zurück an seinem Platz schenkte er Gail und sich eine kleine Menge ein.
    „Nifte!“, sagten die beiden - was so was wie „auf uns“ bedeutete – als sie anstießen. Als das Glas in einem Zug weg war, verzog Gail das Gesicht und schüttelte den Kopf als Seamus ihr ein weiteres Mal einschenken wollte.
    „Also sag mir, wie kommt es das du jetzt vor mir sitzt und nicht in einem der elbischen Kerker?“
    Gail versuchte sich an diese Nacht zu erinnern. Wie das damals abgelaufen war.
    „Ganz genau weiß ich es tatsächlich nicht mehr. Ich war nicht in meiner besten Verfassung und die ganze Situation war so komisch. Prinz Aldamir, obwohl nein, da war er ja schon zum König gekrönt worden. Auf jeden Fall kam er irgendwann mitten in der Nacht ins Verlies und befahl seinen Männern mich freizulassen und in die Menschenwelt zu bringen.“
    „Einfach so?“, fragte Seamus verwundert.
    Gail nickte nur.
    „Das ist mehr als komisch. Davor ist wirklich nichts passiert?“
    Diesmal schüttelte sie den Kopf.
    „Was ich noch weiß ist, dass er darauf bestand das man mich zu dem Portal in den Trauerweidengärten bringt. Kein anderes.“
    „Ich verstehe gar nichts mehr“, meinte Seamus und nahm einen großen Schluck seines Rums.
    „Ich auch nicht. Deswegen will ich auch zurück. Ich will wissen, warum Mum Königin Mehrydia umgebracht hat.“
    Seamus schüttelte den Kopf.
    „Du weißt doch gar nicht ob Catriana wirklich schuldig war. Jemand hätte sie auch reinlegen können.“
    Gail konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen.
    „Du kannst doch nicht immer noch glauben, dass sie es nicht war. Es steht so ziemlich alles gegen sie.“
    „Catriana wäre zu so etwas nicht fähig. Ich will nicht, dass du so ein Bild von ihr hast, Gail.“
    „Ich will das doch auch nicht, aber es spricht wirklich alles gegen sie. Wochenlang dieses komische Verhalten, plötzlich wollte sie, das wir fliehen und im nächsten Moment sehe ich sie wie...“ Mitten im Satz brach sie ab. Diese Erinnerung wollte sie nicht zulassen.
    „Auf jeden Fall will ich nicht, dass diese Narben und Demütigungen umsonst waren. Deswegen will ich zurück, um herauszufinden, warum sie es getan hat.“
    Auch wenn Seamus es nur ungern zugab, verstand er Gail. Ihm war klar, dass er zuvor lediglich an dem Wunsch festhielt, sie hier in Sicherheit zu wissen. Doch er konnte sie nicht zwingen hier zu bleiben und er wollte es auch nicht. Nicht, wenn sie doch so unglücklich war. Sobald die Zeit kam, würde er Niamh und Nivên bitten auf Gail achtzugeben, wenn er sie schon zurück in die Anderswelt lassen musste.
    „Mein Okay hast du, Gail. Solange du dich meldest und ich weiß, dass du nichts Dummes anstellst, hast du meinen Segen zurückzugehen.“
    Sie schnappte nach Luft. Vor Überraschung, vor Freude. Sie war ihm so dankbar für diese Worte. So sehr das sie sie nicht einmal in Worte fassen konnte. Stattdessen sprang sie vom Hocker ab und umarmte ihn ganz fest.
    „Ich glaube, der Tee sollte jetzt langsam fertig sein“, meinte Seamus lachend und nahm die beiden kleinen Tellerchen runter von den Tassen.
    Auch wenn der Tee bereits lauwarm war und einen bitteren Geschmack hatte, konnte Gail nicht anders als den Geruch förmlich einzusaugen. Das war genau das, was sie brauchte, um nach diesem Gespräch wieder runterzukommen.
    „Sag, soll ich dir beim Aufräumen helfen?“; fragte Gail.
    Seamus schüttelte den Kopf.
    „Ach was, ist nicht nötig. Heute haben wir Ruhetag, da mach ich das, sobald ich ausgeschlafen bin. Du solltest lieber wieder nach Hause und mit deinem Vater über dein Vorhaben reden.“, erklärte er.
    Gail nahm einen Schluck vom Tee und verzog im gleichen Moment lachend das Gesicht. „Bittersüß“, sagte sie. „Und zu deinem Einwand muss ich sagen, dass Lennox wohl erst mal für die nächsten Paar Tage in London ist. Zumindest soweit ich mich erinnere.“
    „Wie läuft es eigentlich mit euch beiden? Ist es weniger...angespannt?“
    Gail musste grinsen. Angespannt war eigentlich untertrieben. Zumindest für die meiste Zeit. Zwischendurch gab es tatsächlich angenehme Momente, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte. Ihr kam die Situation von vorhin in den Sinn. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich.
    „Ach, mal so mal. Vorhin gab es so einen dummen Moment. Da habe ich kurz die Fassung verloren. Völlig banal aber irgendwie hat es mich getroffen.“
    „Was war es?“, fragte Seamus.
    „Er hat Mum erwähnt, wie man ihr doch ihr Alter nicht ansah trotz der vielen Jahre und da kam mir in den Sinn, wie sie eigentlich immer noch neben mir wäre. Was wir alles für unsere Zukunft geplant hatten. Wir hatten so viel vor.“
    Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. „Tief ein und aus“, sagte Gail in Gedanken zu sich. Sie wollte nicht mehr Schwäche zeigen, das hatte sie sich versprochen. Doch es gestaltete sich schwerer als sie dachte.
    „Lass es einfach zu, Gail“, sprach Seamus sanft.
    „Nein“, antwortete sie leise aber bestimmt.
    Mit diesen Worten nahm die Wut, die so stark in ihr verankert war, überhand und verdrängte die Trauer zusammen mit den Tränen.
    „Schlaf. Ich brauche ein wenig Schlaf und Ruhe, bin zu aufgewühlt.“


    „Ist schon gut, den brauchen wir beide.“
    Wenig später hatte Scarlett sich von Seamus verabschiedet und lief in der kalten Oktoberluft nach Hause. Um halb acht waren die Straßen Maynooths bereits voll von Autos, Bussen und Fußgängern. Ihr Weg nach Hause führte sie erst an einigen kleinen Cafés und Geschäften. Vor allem an einer kleinen Bäckerei namens „Elite Confectionary“, die von außen rosa gestrichen war, blieb sie stehen. Von dort roch es so unbeschreiblich gut nach frischen Donuts und anderen süßen Sachen. Wie gern hätte sie sich dort etwas gekauft, doch hatte sie kein Geld dabei. Ziemlich enttäuscht lief sie weiter die Main Street entlang, bis sie wieder in die Dunboyne Road einbog und dort der Straße folgte. Gail ging an vielen kleinen Einfamilienhäusern vorbei bis irgendwann auf der linken Seite nur noch weite grüne Felder waren. Nach gut zwanzig Minuten kam sie zuhause an. Als sie gerade den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, bemerkte sie bereits, dass etwas nicht stimmte. Die Tür war bereits offen. Gail konnte sich nicht erklären warum doch lies die Angst, die in ihr hochstieg nicht zu und öffnete die Tür ganz.
    Und dort direkt gegenüber an der Wand, wo eigentlich sonst ein Bild hang, waren Worte geschrieben. Worte, die in ihr eine Panik breit machten:
    „Seelenfresserin du wirst sterben"
    Oh Grilean, dachte sie voller Furcht.
    Bilder schossen ihr durch den Kopf. Erinnerungen an ihre Zeit im elbischen Gefängnis, von denen sie eigentlich gehofft hatte sie verdrängt zu haben. Sie sank in sich zusammen, spürte, wie ihr Herz zu rasen begann und sie die Kontrolle über ihre Atmung verlor. Irgendwann verkrampften sich ihre Beine. Sie spürte den Schmerz doch dieser wurde völlig von ihren eigenen Gedanken verdrängt. Immer mehr konzentrierte sie sich auf ihre Angst und verlor umso schneller die Kontrolle über ihren Körper, bis ihr schließlich schwarz vor Augen wurde.

  • Hallihallo, Grunkle Stan !


    Wow, muss ich sagen. Mich hat das, was man bisher von deiner Geschichte lesen kann, sehr beeindruckt. Einmal natürlich die Karte, die sehr detailliert ist und gleichzeitig sehr natürlich wirkt - das Problem, das man mit eigenen Welten oftmals hat, ist ja, dass sie zu gewollt/künstlich wirken (empfand ich z.B. bei Eragon extrem so). Hast du auch Karten zu den anderen Reichen?

    Aber nicht nur das finde ich toll an deiner Geschichte. Du hast eine leichte, aber gleichzeitig emotionale Art zu schreiben, die die Situation und das Innere der Charaktere gut rüberbringt. Ich weiß, dass das nicht immer einfach glaubwürdig rüberzubringen ist. Was mir ein bisschen Gedanken macht (sieh es erstmal aber ruhig als Luxuskritik) sind die Wächter vom Anfang, die einen Hauch Richtung "böse Buben"-Klischee neigen. Ich gehe aufgrund all dessen, was man bisher lesen konnte, zwar davon aus, dass sich das im Verlaufe der Geschichte relativieren wird, aber ich wollte es als Hinweis dalassen: Um den tollen, natürlichen Anfang mit den differenzierten und absolut glaubwürdigen Charakteren wäre es schade, wenn das in eine andere Richtung abdriften würde. Nebenbei - am Anfang wirkt es so, als würden das Mädchen nur zwei Wachen zum Tor begleiten, schlussendlich scheinen es aber mehrere zu sein. Wie sah die Situation konkret aus?

    Im Übrigen finde ich es auch interessant, dass du dich entschlossen hast, in zumindest einer Welt das Fantasysetting in einer technischeren Umgebung anzusiedeln. Das ist ungewöhnlich, gelingt dir aber ziemlich gut!


    Vielen Dank für deine schönen Kapitel. Schreib fleißig weiter!


    ~Sheo

  • Hey Sheogorath


    hab mich sehr über deinen Kommentar gefreut, vor allem, weil der so positiv ist hehe. Danke dafür ♥

    Finds schön, dass die Karte gut ankommt (meine erste Karte war ja lächerlich dagegen kek) - hat immerhin ein paar Stunden in Anspruch genommen. Denke mal, dass die so natürlich wirkt liegt an dem Tutorial, das ich zur Hilfe genommen habe. Zu den einzelnen Reichen habe ich keine Karten - wollte ich tatsächlich erst machen, aber ich dachte, je detaillierter ich sie mache, desto mehr nehme ich mir den Spielraum etwas zu ändern.

    Ja kek, die Wächter - tatsächlich ist der Prolog aus der ersten Version von Regenbogenfragmente fast komplett übernommen. Da gab es mal die Anmerkung, dass es unlogisch wirkt, wenn man mit der Protagonistin nur einen Wächter (damals war es nur einer) mitschickt, wenn sie doch so gefährlich ist. Hab versucht mehr von denen einzubauen ohne großartig den Lesefluss zu stören - hat aber wohl nicht soooo gut funktioniert haha. Es sollen eigentlich mehr als zwei sein.

    einer Welt das Fantasysetting in einer technischeren Umgebung anzusiedeln

    Mal gucken ob ich mich da nicht verrenne .-.


    Danke nochmal!