Leben und lernen - Die Celebi-High

  • Part 6: Sinnesfreuden


    Von dem einen auf den anderen Augenblick hatte sich die Zahl der Campingteilnehmer verdoppelt. Auf zwei oder auf vier Beinen, mit oder ohne Sohlen unter den Füßen, zu Lande und in der Luft - sie alle hatten das gleiche Ziel. Es ging westwärts; dorthin, wo gewaltige Bäume unheimliche Schatten warfen. Der Echwald war ein Moloch der Möglichkeiten, eine Bestie der Phantasien. Vom Raikou-Schulhaus genoss man den besten Blick auf die turmhohen Kiefern; ewige Wächter, deren Nadeln wie Schwerter und deren Zweige Schilde waren, das mysteriöse Innere bewachend. So jedenfalls sahen Träumer den Wald. Für Andersdenkende war er nichts weiter als ein Hort dornigen Gestrüpps, Brennnesseln und jeder Menge krabbelnden Ungeziefers. In einem gingen beide Parteien allerdings konform, nämlich, dass unterhalb des Gewirrs von Ästen und Zweigen und im Schatten moosbewachsener Felsen ein Paradies für Wald-Pokémon sein musste. Selbst den kühnsten Vorstellungen waren hier keine Grenzen gesetzt. Nicht selten machten sich darum Schüler höherer Jahrgangsstufen einen Spaß daraus, ahnungslose Grundstufler mit phantasievollen Abschlussprüfungen und exotischen Belohnungen aufs Kreuz zu legen.
    „Warum sollte Dimitri lügen?“
    „Weil er ein fetter Klebstoffschnüffler ist, der nur ans Fressen denkt,, darum! Echt jetzt, Topf voller Smarties - ziehst dir wohl dasselbe wie er durch die Nase, Valentine.“
    „Umgangston, Linsey!“, mahnte Professor Armadis, wobei er nicht verhindern konnte, dass sich seine Lippen zu einem Anflug eines Lächelns kräuselten.
    „Naah, ich brauch den Klebstoff für meinen nächsten Prank. Leihst du mir noch dein Tagebuch? Oh, never mind, hab’ schon.“
    Du Arsch! Gib das wieder her!“
    Auch die zweite Warnung des Lehrers ignorierend, zweckentfremdete Linsey das eben aus Rays Händen entrissene Eigentum als Knüppel. Dieser ließ sie - breit grinsend - gewähren.
    „Ich finde ja die Idee mit dem Bleistift interessanter. Wie nannte Dimitri ihn?“
    „Rechtschaffender Bleistift der Wollust“, antwortete Sonja auf Millers Frage. „Gib einer gewöhnliche Sache ein Präfix und ein Suffix, um es außergewöhnlich zu machen.“
    „Verwandelt uncoole Hausaufgaben in heiße Dampfnudeln mit Zuckergussglasur“, schwärmte Ray verträumt.
    „Sag ich doch: Er ist ein Fresssack. - Nur ein Wort davon, und du bist totes Fleisch, Valentine“, drohte Linsey knurrend, während sie ihr Tagebuch brutal in ihren Rucksack stopfte (diesmal ganz nach unten).
    Auf Anraten seines Lehrers hatte Ray die Hosenbeine hochgekrempelt, um nicht plötzlich darüber zu stolpern. Wie er zugeben musste, fühlte es sich auch gleich viel angenehmer an, viel natürlicher; ganz zu Schweigen davon, dass die unteren Enden seiner Hosen allmählich mit Tauwasser vollgelaufen waren. Inzwischen hatte Ray auch begriffen, was Professor Armadis damit meinte, ihm würde nur kalt werden, wenn er noch länger herumstünde. Nach den ersten 500 Metern hatte sich das Eis an den Füßen in ein angenehmes, warmes Kribbeln verwandelt, das wie ein brodelnder Vulkan langsam nach oben kochte. Doch statt Lava war sein Blut in Wallung geraten, das der Körper heiß durch die Adern pumpte. Nun schwitzte er so sehr, dass er auf Jacke und Pullover verzichtete. Ray hatte Spaß daran, das unterschiedliche Terrain zu entdecken. Jeder Grashalm, jeder Stein, jeder andere Untergrund waren neue Welten, die es nur unter Einsatz des Spürsinns neu kennenzulernen galt. Und an jeder dieser aufregenden Welten wollte er kompromisslos teilhaben. Auch dann, wenn es sich hierbei um eine schlammige Pfütze handelte, um die jeder andere im Normalfall einen Bogen gemacht hätte, und er nun sinnlich durchwatete. Und bereits nach wenigen Schritten hatte das feuchte Gras den Schmutz oberflächlich von der Haut geputzt. Die Natur wusste sich zu helfen.
    „Das Geheimnis ist zu wissen, wohin man treten muss. Nichts hilft einem mehr, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Man erlebt erst wahre Verbundenheit mit dem Partner, wenn man die gemeinsame Welt auch körperlich teilt“, hatte Professor Armadis Jake, Lisa und Ray erklärt.
    Auf Rays Jux hin, ob dies bedeute, auch die restlichen Hüllen fallenzulassen, hatte der Naturkundelehrer dann aber doch lieber nur mit einem Lachen geantwortet.
    Kleinere und größere Grüppchen hatten sich zwischenzeitlich gebildet, jedes begleitet von den jeweiligen Partner-Pokémon. Lediglich drei Pokémon bildeten die Ausnahme, die mit akrobatischen Flugmanövern um die Vorherrschaft am Himmel konkurrierten. Mit anfänglicher Neugierde hatte Sheinux die ungewöhnliche Aufmachung seines Partners aufgenommen. So wie jede andere ihrer beiden Verrücktheiten hatte er Rays Auftreten letztendlich aber keiner großen Bedeutung zugeordnet. Mit sich und der Welt zufrieden, trottete er an der Seite seines Gefährten her, genoss das schöne Wetter und nutzte die Gelegenheit, mit ein paar seiner Artgenossen Geschichten auszutauschen. Besonderes Aufsehen erhielt Dian, Professor Armadis’ Partner, der mit seinen fast zwei Metern Höhe deutlich aus der Rolle fiel. Aus der Nähe erschien Dian noch viel imposanter und eindrucksvoller, als an dem Tag, als er Panzaeron beispiellos niedergestreckt hatte. Im schrillen Kontrast hatte er etwas Geruhsames, betont von seinem ausgehenden Geruch frischer Piniennadeln.
    „Im Ernstfall kann Dian die Blätter an den Armen und am Schwanz hart wie Eisen werden lassen.“ Als Armadis noch davor warnte, dass ein Schlag mit seinem Schweif sogar Bäume fällen könne, distanzierten sich einige Schüler - teils respektvoll, teils beängstigt - von dem grünen Koloss. Im Normalfall aber sei es, als berühre man hohes Gras, fügte der Lehrer dann noch rasch hinzu. Als Beweis streckte Dian Arme und Schwanz geduldig aus. Ray strich über das Geflecht m Schweif. Es war biegsam und raschelte wie eine Wiese im Wind - ein tolles Gefühl. Während all dem hatte Dian die Augen geschlossen. Er reckte die Nase gen Himmel und atmete sinnlich durch, als badete er just seine Sinne in heißem Wasser.


    Mit zunehmend zurückgelegter Distanz nahm das Landschaftsbild neue Formen an. Das Raikou-Schulhaus rückte in immer weitere Ferne und hatte nun mehr mit einem kleinen, schwach auszumachenden Punkt als mit einem Gebäude gemein. Dagegen schienen die Bäume am Waldesrand immer weiter an Höhe zu gewinnen. Die Wärme ging zurück, es wurde kälter. Holpriger, lehmiger Untergrund löste zusehends das üppige Grün ab, bis der Trampelpfad fast vollständig von einem schmutzigen Braun verschlungen wurde. Hier und da schob sich unebenes Geröll wie Pocken aus dem Untergrund, das mit Stolpermöglichkeiten nicht nur den Barfüßlern zu schaffen machte. Zwei Wackersteine, die wie nach einer Partie Riesenmurmeln dort versehentlich zurückgelassen worden waren, säumten den Wegesrand. Hoffnungsvoll schauten einige Schüler dem einladenden Granit nach, auf dem eine halbe Schulklasse bequem dort hätte Platz finden können.
    Professor Armadis zog stattdessen Nutzen von der neuen Landschaft. Noch im Weitergehen lud er seine Schüler auf einen Exkurs in den Bereich der Herbst- und Winterkräuter ein. Problemlos erkannte und ließ man die Brennnessel links liegen. Sonja ordnete die zapfenartige Krone und die gelben Blüten dem Spitzwegerich richtig zu, Elli landete mit Sellerie einen Glückstreffer und Ray erinnerte sich an die abführende Wirkung von Schaumkraut. Beiläufig fiel Ray auf, dass man fast immer richtig lag, wenn man vorschlug, aus der Pflanze einen Tee zuzubereiten oder vor dem bitteren Geschmack warnte.
    „Dafür reich an Vitamin C. - Wir sind da.“
    Es war eine überflüssige Bemerkung des Professors, aber eine folgenschwere. Die Peripherie des Echwalds lag vor ihnen. Professor Armadis und seine Begleitung trafen als Zweites am Waldesrand ein. Schneller waren nur Staralili und ihre beiden gefiederten Konkurrenten, die sich jeweils einen eigenen Ast desselben Baums teilten und mit wachsamen Blicken die Nachzügler musterten. Bei genauerem Hinschauen registrierte man allerdings, dass selbst Eagles sonst so hitzige Partnerin sich weniger als sonst aufplusterte; ja, sogar ihr Schnabel wirkte angesichts des unheimlichen Forsts etwas blässer. Als Eagle endlich eintraf, kehrte sie sofort zu ihm zurück. So kurz wie liebevoll nahm sie dessen Zeigefinger in den Schnabel und thronte auf der menschlichen Schulter, von wo aus sie - wieder mit frischem Mut und wachsendem Ego - den Wald finster taxierte.
    Es war noch kälter geworden, kälter und dunkler. Man wollte fast glauben, die gewaltigen Nadelbäume entzogen der Umgebung alles Licht und jegliche Wärme. Ray schüttelte es. Er spürte eine neue Saat Gänsehaut langsam an seinen Beinen aufkeimen. Jake und Lisa nutzte die kurze Verschnaufpause und legten ihr Schuhwerk wieder an. Die Wanderschuhe des Professors dagegen baumelten nach wie vor gut an dem Rucksack befestigt. Ray entschied sich für das Mittelmaß: Er streifte wieder seinen Pullover über, ließ die Füße aber unbekleidet.
    Immer mehr Nachzügler trudelten ein, einige von ihnen schwer atmend und mit Schweiß auf der Stirn und nach einer Pause lechzend.
    „Alle da? Jetzt nur keine Müdigkeit vortäuschen! Eine halbe Stunde noch, dann sind wir da.“
    Manch einer ächzte, aber es half nichts. Mit Professor Armadis als Kopf setzte sich die Schlange wieder in Bewegung - hinein in den Echwald.

  • Part 7: Geschichtsstunde


    Zwischen turmhohen Kiefern und wild wuchernden Farngewächsen zog der Pfad eine tiefe Schneise in den Wald. Die zurückliegenden Regentage hatten Nadeln und Zweige abgeerntet und achtlos auf dem Weg zurückgelassen. Mehr als zuvor gab der Boden unförmigen Felsbrocken Geburt, die in ewiger Agonie aus dem braunen Lehm quollen. Sie waren rettende Inseln vor meterlangen, schlammigen Pfützen, von denen sogar mittlerweile Ray Reißaus nahm. Erste Bedenken wurden laut, in welchem Zustand sich wohl der Campingplatz befinde und ob man nicht lieber ein Hausboot mieten solle. Professor Armadis’ Enthusiasmus stieß dabei nur auf mäßige Beteiligung. Auch das Fernbleiben exotischer Wald-Pokémon nagte an der Stimmung. Es war verdächtig ruhig.
    Nach fünf Minuten Slalomlauf verengte sich der Abstand zwischen den Bäumen zunehmend. Immer weniger des goldenen Herbstsonnenlichts schaffte es durch das Unterholz. Die Schatten der Bäume wurden kürzer, die Außenwelt kaum noch begreifbar. Nach fünf weiteren ereignislosen Minuten erreichte man eine Weggabelung, in der man die aktuelle Richtung beibehielt und dem leisen Geräusch fließenden Wassers folgte.
    Was als leises Plätschern begann, wuchs zu einem ausgewachsenen Fluss heran. Die langen Regenfälle hatten das knapp zehn Meter breite Flussbett hoch anwachsen lassen. Das im Normalfall durch die angrenzenden Farngewächse, Wasserpflanzen und Bäume leicht grünlich leuchtende Wasser schäumte nun milchig weiß, während es sich in wilder Leidenschaft der vorgeschriebenen Flusslaufrichtung südwärts bewegte. Die Wanderer wiederum zog es in die entgegengesetzte Richtung, über sporadisch aus dem Boden quellende Grasbüschel und an krumm an der Uferböschung wachsenden Pappeln und Weiden vorbei.


    „Endlich …“
    Wie aus einer Kehle löste sich Erschöpfung in einer Vielzahl erleichternder Atemzüge auf. Aus der Distanz war am anderen Ufer eine Hütte auszumachen. Unspektakulär, eine einfache Blockhütte eben, vielleicht etwas groß geraten, doch zweifelsfrei die symbolische Ziellinie der Reise. Instinktiv beschleunigte man die Schritte. Doch Vorfreude verwandelte sich rasend schnell in Skepsis, die sich wie Zementblöcke um die gematerten Füße legte. Es gab eine Brücke, nur führte der unverwüstliche, mattblaue Stahl nicht über das Gewässer, sondern wurde von mächtigen, zylinderförmigen Bolzen nach oben gestemmt. Eine Hebebrücke, mitten im Wald. Ray dachte laut, es sei „strange“, und stand mit dieser Meinung nicht allein da.
    „Ist es das? Wer möchte es erklären?“ Professor Armadis klatschte einmal in die Hände und rieb sie in Begeisterung. „Alles klar, ein Highfive für den Ersten, der es kann.“
    Mangelnde Beteiligung erbarmte ihn dazu, noch die „einzige Rolle Toilettenpapier im Umkreis von fünf Kilometern“ draufzulegen, was neben etlichen lautstarken Protesten auch zu einem Schnellfeuer bizarre Ideen anregte.
    „Der Fluss ist untypisch. Ich meine, er ist so schmal. Im Sommer gibt es bestimmt auch Niedrigwasser. Für die Schifffahrt ungeeignet.“
    Professor Armadis quittierte Sonjas Überlegung, indem er anerkennend auf sie deutete.
    „Gut! Was noch?“
    Sonja überlegte. Sie biss sich auf die Unterlippe, schüttelte dann den Kopf.
    „In welche Richtung fließt der Fluss?“, half Professor Armadis nach.
    Ray grinste. Mit seinem Daumen machte er die geläufige Pendlergeste.
    „Da lang.“
    Mit Überraschung stellte er fest, dass sein Lehrer ihm etwas Lob für kreatives Denken zollte.
    „Zum … Meer? Der Fluss mündet ins Meer?“, sagte Serina, mehr in Form einer Frage als in einer Aussage.
    „Bingo.“
    „Man fährt immer flussabwärts“, schlussfolgerte Sonja.
    „Es fahren aber keine Schiffe.“
    Man schaute zum Einzigen, der die Lösung wusste, aber der lächelte nur geheimnisvoll.
    „Man könnte ja auch mit etwas anderes runterfahren. Einem großen Pokémon vielleicht?“
    „Ein Kanu? Oder ein Floß?“, schlug Diana vor.
    „Knallrotes Gummiboot. Und mit diesem Gummiboot …“, trällerte Ray.
    „Mir gefällt die Idee mit dem Floß besser“, sagte Professor Armadis.
    Sonja klatschte sich auf die Stirn.
    „Oh! Ohhhh!“
    „Jetzt mach schon! Meine Füße bringen mich um!“, maulte Linsey.
    Währenddessen hatte Sonja auf das andere Ufer gespäht und lächelte nun siegessicher.
    „Der Wald wurde flussaufwärts gerodet. Statt die Bäume abzutransportieren, hat man die Stämme in den Fluss geworfen.“
    „Gut! Sehr gut!“, lobte Professor Armadis. „Aber sogar noch mehr: Man ist auf ihnen den Fluss runtergefahren. Von Beruf Wildwasserfahrer. Das sticht in jedem Lebenslauf hervor.“
    Mittlerweile war man an der Brücke angekommen. Unweigerlich registrierte man nun, wie breit und massiv sie eigentlich war; mit aller Wahrscheinlichkeit für schwere Landmaschinen. Gleichzeitig wirkte sie aber auch ungepflegt und in die Jahre gekommen. Wurde sie nur noch selten genutzt und noch seltener gewartet?
    „Also, ja: Der Echwald wurde abgeholzt, bevor die Schule überhaupt gebaut worden war. Damals hatte man noch kein so schweres Gerät wie heute. Und so sehr ich auch die kommerzielle Zerstörung von Leben missbillige, muss ich die Knochenarbeit anerkennen, die damals geleistet wurde. - Anbei dürft ihr euch ruhig einen stereotypischen Mann vorstellen: mit Holzspänen im langen Bart, Armen so dick wie Oberschenkel und Kreuzproblemen wie ein 100-Jähriger. Ernsthaft: Wenn diese Männer das Glück hatten, 40 Jahre alt zu werden, dann hatten sie deutlich mehr Tage hinter sich als vor sich. Zu dieser Zeit stand bereits die nächste Generation an seiner Stelle. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Niemals wurde mehr Wahrheit gesprochen.“ Professor Armadis seufzte. „Mit den Jahren änderte sich das Berufsbild. Schwerere Maschinen, schnelleres Abholzen, die Rücken machen es heute ein paar Jahre länger. Aber eine Tradition hielten die Holzfäller vom Eschwald am Leben: Wie schon damals nutzten sie den Fluss als Wasserstraße zum Abtransport der gefällten Bäume. Die Brücke hier wurde rauf und runtergelassen - damals noch mit Manneskraft wohlgemerkt -, entweder damit Leute über den Fluss kamen oder ihn runterfahren konnten.“
    „Es sieht aber nicht so aus, als ob hier noch Rodungen stattfinden“, stellte Sonja fest. Sie zeigte auf das andere Ufer, wo sich die Natur ungehindert das zurückholte, was ihr einst genommen worden war. Der Wald erholte sich.
    Ein selten bei Professor Armadis zu sehendes zynisches Lächeln kräuselte dessen Lippen. „Nur ein paar Jahre, nachdem sie dieses Ungeheuer“ - Professor Armadis gab dem Metall einen Klaps, das mit einem dumpfen „Klong“ antwortete - „gebaut haben, gab es einen Richtungswechsel in der Regierung. Zugeständnisse beim Umweltschutz. Eine Koalition mit den Grünen. Die Technokraten schmorten in der Oppositionshölle. Fünf Wälder zu Naturschutzgebieten erklärt. Der Rest ist Geschichte.“
    „Sozialkunde“, widersprach Ray und erntete für diese Bemerkung ein Highfive seines Lehrers.
    „Dann könnte man doch die Brücke heute immer unten lassen“, rätselte Jake.
    „Könnte man. Wegen Hochwassergefahr lässt man sie aber bei schweren Regenfällen oben.“
    „Staudamm“, murmelte Sonja.
    Der Professor nickte.


    Auf Knopfdruck erwachte die schlummernde Konstruktion zum Leben. Mit metallischem Ächzen arbeiteten sich die zylinderförmigen Bolzen langsam von einer schrägen zu einer horizontalen Position und schoben den Brückenboden zu einer geraden, darunterliegenden Linie, bis es schließlich mit lautem „Klong“ zum Stillstand kam. Gleichwohl er die kleine Geschichtslektion genossen hatte, zeigte sich Ray erleichtert endlich die letzten Meter der Reise anzutreten. Allmählich fühlte er sich, als trugen seine schmerzenden Füße das Dreifache des normalen Gewichts.
    Der mit Linienpaaren perforierte Metallboden war wie eine endlose Glasscheibe aus Eis, das mit jedem Schritt in tausend messerscharfe Scherben zersprang. Erleichtert ertastete er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder den lindernden Balsam eines lehmigen Untergrunds unter den Zehen. So angenehm die Anfänge seiner ersten Barfußwanderung auch gewesen waren: Für das Erste hatte er genug. Wie seine restlichen Klassenkameraden auch lechzte er nach einer Sitzgelegenheit - und nach einer Limo.
    Professor Armadis drückte den Knopf. Wie zuvor setzte sich das Getriebe in Bewegung. Doch auf dem Weg nach oben geriet die Elektronik plötzlich ins Stocken, die Bewegung der Bolzen wurde langsamer. Mit krausgezogener Stirn drückte Professor noch einmal den Knopf an der Konsole, dann noch einmal und noch einmal. Wie in einem mechanischen Schluckauf legte die Brücke noch einige Zentimeter zurück, bis sie in einem 45-Grad-Winkel vollständig zum Stillstand kam. Nur ein zum Leben erwachter, todesmutiger Evel Knievel mit viel Rückenwind und genügend Schwung hätte den Sprung zur anderen Seite zurücklegen können. Aus der Perspektive der Camper hingegen gab es keine Möglichkeit mehr, den Fluss zu überqueren.
    Professor Armadis atmete aus, die Hände in die Hüften gestemmt und mit ratloser Miene.
    „Wahrscheinlich ist die Batterie erschöpft.“
    „Das heißt, wir stecken hier fest.“
    Linsey äußerte keine Frage, keine Feststellung. Sie klagte an. Nach langer Zeit leise flackernden Unmuts fand sie endlich eine Basis, das Feuer neu zu schüren. Wirklich überspringen wollte der Funke aber nicht. Man reagierte mehr besorgt als verärgert darüber, dass die Lehrkraft die Kontrolle verloren haben könnte, was Linsey nur noch mehr auf die Palme brachte.
    „Zwei Kilometer flussaufwärts gibt es eine weitere Brücke“, sagte Professor Armadis ruhig.
    „Na, toll! Dürfen wir morgen zwei Kilometer weiter laufen!“
    „Vier“, korrigierte Sonja Linsey. „Zwei Kilometer flussaufwärts und zwei wieder runter.“
    „Super! Danke! Jetzt geht’s mir gleich viel besser!“
    „Bonbon? Für die Nerven“, bot Ray an und raschelte begeistert mit einer Bonbontüte.
    „Halt die Klappe!“
    „Dann lieber eine Luftpizza? Locker und flockig.“
    „Ich geb’ dir gleich …!“
    „Ich hätte gern ein Bonbon.“
    „Ich auch!“
    „Ich nehm’ drei!“
    „Wow! Noch nie so viele Freundschaftsanfragen. Ich muss Linsey wohl öfters ärgern.“
    „Ich töte dich!“
    „So, Ruhe jetzt!“ Lauter als unbedingt erforderlich schloss Professor Armadis den Batterie-Schließkasten. Ein strenger Blick lag auf seinem Gesicht, als er in die Runde schaute. „Linsey, Sie mäßigen sich jetzt bitte, und Ray, Sie verteilen bitte Ihre Bonbons. Anschließend halten wir uns an den Plan: Wir legen noch die letzten Meter zurück, schlagen unser Lager auf, machen uns einen schönen Abend, übernachten hier und gehen morgen zurück.“


    Etwa zweihundert Meter von der Brücke entfernt stand die Blockhütte. Mit schwindender Distanz wurde deutlich, dass der gewaltige Eindruck, den man aus der Ferne gehabt hatte, nicht gerecht gewesen war. Denn dadurch, dass das eigentliche Haus in gut zwei Meter Höhe auf einer oberschenkeldicken Holzplatte ruhte, büßte es gewaltig Wohnraum ein. Sechs stahlummantelten Stützpfeilern, drei links und drei rechts, verliehen die notwendige Stabilität. Am Fuße der Konstruktion gab es eine Treppe, ebenfalls aus Stahl, die - sechs Stufen in die eine und vier Stufen in die andere Richtung - zum oberen Ende der Plattform führte. Meterlange Holzstämme mit einem Durchmesser wie Essteller vertäfelten die Hütte, dazu ein weit hervorstehendes Vordach mit rostbraunen Ziegeln. An der Stirnseite gab es ein kleines Fenster mit urigen Brettverschlägen als Fensterladen. Linker Hand, vorbei an deutlich größeren und moderneren Fenstern, gab es eine kleine Terrasse mit dazugehöriger Abschlusstür. An dem Konstrukt grenzte schließlich das Campinggelände an; zu dieser Jahreszeit ein schlammiger Pfuhl, so löchrig, dass ein falscher Schritt genügte, um bis zu den Knöcheln im Morast zu versinken. Normalerweise. Denn nichts dergleichen war vorzufinden.
    Ungewöhnlich nachdenklich betrachtete Ray die Umgebung, bohrte einen Zeh etwas in die noch warme, lockere Erde. Es fühlte sich unwirklich an, nicht real. Ein Hauch von verbrannter Erde haftete unheilschwer auf dem Gelände, das etwa die Ausmaße eines halben Fußballplatzes besaß. Hier und da wiesen vage Kratzspuren darauf hin, dass der knochentrockene Boden frisch umgegraben und im Anschluss großflächig begradigt worden war. Ray entging nicht, dass Sheinux und einige weitere Vierbeiner ihre Nasen argwöhnisch nahe am Boden trugen, als versuchten sie, sich die vergangenen Stunden dieses Ortes begreifbar zu machen. Hatte irgendwer oder irgendwas nachgeholfen? Maschinen? Oder Pokémon? Wenn, dann mussten es viele an der Zahl gewesen sein; entweder das, oder aber besonders mächtige Exemplare gewesen sein. Nur wenige teilten Rays Interesse. Tatsächlich nahmen es die Meisten gleichgültig hin und rastete bereits dort, wo man ursprünglich eine Sumpflandschaft erwartet hatte. Besonders großen Andrang fand die Feuerstelle, um die vier Baumstammhälften quadratisch positioniert lagen. Linsey gehörte zu den Ersten, die sich dort zu einer Rast einfand. Auch Eagle besetzte einen Platz, jedoch auf dem von Linsey gegenüberliegenden Stamm, wo er seine über Kreuz geschlagene Arme auf den Oberschenkeln abgelegt hatte und lustlos zu Boden blickte.


    Einige Minuten verstrichen. Es lag die beunruhigende Erwartung in der Luft, dass Professor Armadis diesen Punkt der Ruhe und Eintracht jeden Moment mit einer neuen Welle seines unerschütterlichen Enthusiasmus wegspülen würde. Der kleine Kreis derjenigen, die Interesse für das Verhalten ihres Lehrers zeigten, wuchs rasant an. Nicht aber lag der Grund in Professor Armadis selbst, sondern war durch eine junge Frau veranlasst, mit der er sich in unmittelbarer Nähe zu der Blockhütte unterhielt. Sie war keine Fremde, ganz gewiss nicht, doch ihre Anwesenheit surreal und widersprüchlich. Rays Kopf war noch heiß von dem Mysterium um das Campinggelände, doch jetzt qualmte er förmlich. Er suchte Sonjas Blick, wo er jedoch nur auf dieselbe Fassungslosigkeit und dieselbe Frage stieß. Was zur Hölle machte die Schulleiterin hier?