Gedankensplitter

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  • „Erzählt es mir noch einmal. Weswegen sind wir hier?“ Griesgrämig zog Sora Murtor ihre Lippen in die Breite, bis sie nur noch ein dünner, rosaroter Strich auf ihrem Gesicht waren. Von Süden her peitschte ihr eine eisige Böe ins Gesicht, fast so, als hielten die klammen Berge der Zittergipfel eine Antwort für den Unmut in der Stimme der jungen, hageren, blasshäutigen Menschenfrau parat. Die noch an diesem Morgen ordentlich gekämmten, langen, silbernen Haare fingen den Wind auf als wären sie Segel und flatterten wie Flaggen. Der dünne Strich, der einst ihr Mund gewesen war, erbebte vor Eiseskälte und nahm daraufhin schnell wieder seine gewohnte Form an, wenngleich auch zu Beginn noch leicht bläulich gefroren. Die wenigen Nackenhaare kräuselten sich, anfangs noch vor Kälte, dann nur noch vor innerlicher Wut. Dass dieser erneute Gefühlsausbruch ihrem Leib mehr Wärme spendete als die nur recht dürftige Robe der Abtei Durmand - ein Orden, der sich der Erhaltung, Entdeckung und Weitergabe jahrhundertealten Wissens verschrieben hatte -, stimmte sie mittlerweile, nach bereits dreieinhalb Stunden Fußmarsch, nicht mehr milde. Auch ihr Reisegefährte, der wie sie ein Mitglied des Ordens war, trug ebenfalls die gleiche Kleidung, ein eher schlichtes, blassblaues Forschergewand. Der Saum der Robe reichte bis zum Fußknöchel und war daher dazu verdammt, auf langen Wanderschaften bedauerlicherweise allzu oft den schmutzigen Boden zu streifen. Die Tracht selber bestand aus edler Seide, so wie man sie dieser Tage fast nur noch im fernen Cantha fand. Muster, abhängig davon, welchen Rang man bei der Abtei bekleidete, zeichneten sich auf der Kleidung ab. Das Beinkleid einfacher Novizen - die rangjüngsten Mitglieder Durmands - schmückte mehrere wellenförmige Streifen auf unterschiedlicher Höhe, während Magister oder Magistra, die höchstrangigen Mitglieder - so wie Sora Murtor eine war - das Privileg genossen, das Emblem dieser Bastion des Wissens, einen anthrazitgrauen, zwergischen Schlüssel mit zwei kompliziert geformten Bärten und einem schildförmigen Haltegriff, auf Brusthöhe zu tragen. Für Forschungsarbeiten innerhalb den massiven Steinmauern der Abtei, insbesondere bei den schier endlos langen Vorträgen über geheimnisvolle Zwergenrunen, der einstigen Glorie längst zu Staub zerfallener Imperien oder der unmittelbaren Gefahr durch die Alt-Drachen, tat die Tracht ihre Arbeit zur Genüge, auch wenn sie dennoch nicht sonderlich kleidsam war, wie Sora fand. Hier aber, in der eisigen Ödnis der Zittergipfel, wo uralte, mächtige Felsgiganten wetteifernd in den Himmel ragten, deren schneebedeckte Gipfel aus der Ferne wie zuckergussbedeckte Süßigkeiten zum Wintertag aussahen; dort, wo selbst die wetterbeständigsten Fichten sehnsüchtig dem immergrauen, wolkenverhangenen Horizont ihre schneebedeckten Nadeln auf der Suche nach einem verirrten Sonnenstrahl entgegenstreckten; der vor Tagen gefallene Schnee noch immer unnachgiebig glitzerte, als ob er gerade erst einer jungfräulichen Wolke heimlich entglitten wäre ... In eben dieser Umgebung fühlte man sich mit oder ohne diese Kleidung wie nackt. Erschwerend hinzu kamen dann natürlich noch die unzähligen Gefahren, die in den gigantischen Schatten der verräterischen Berge lauerten: War es nun ein aus heiterem Himmel kommender, unberechenbarer Schneesturm, eine lüsterne Lawine, deren gieriges Verlangen einen unangenehmen Erfrierungstod für den ahnungslosen Wanderer bedeutete, oder aber ausgehungerte wilde Tiere. Wölfe, Greife, Eislindwürmer, Skelke, ... sie alle teilten sich die Nachbarschaft, und im Hungerwahn scherten sie sich keinen Deut darum, wie geschliffen eine Klinge in der matten Sonne blitzen konnte, wenn sie erst gezogen wurde.
    Ein desinteressiertes Seufzen löste sich nächst zu der Menschenfrau. Norx, ebenfalls ein Magister der Abtei Durmand, hob seinen Kopf zur Seite. „Das wollt Ihr doch gar nicht“, stellte der kleine Asura fest, „sondern nur eine Bestätigung meinerseits, auf welch“ - er räusperte sich vornehmlich -„sinnlose Art und Weise wir doch unser Leben riskieren. Habe ich Recht?“ Kühle Rationalität stand in den großen, minzgrünen Augen der kleinen Kreatur geschrieben, die Sora nur knapp zur Hüfte reichte. Jene Augen begegneten die smaragdgrünen, kalten der Menschenfrau, gepaart mit einer selbstgefälligen Grimasse. Als sich Sora schnaubend, aber sonst schweigend abwendete, machte sich ein zuckersüßes Lächeln auf Norx’ Lippen bemerkbar. Mit kaum einem Wert dieser Welt konnte man die Genugtuung aufwiegen, die ein Asura verspürte, wenn er sich selbst bestätigt fühlte. Tatsächlich ließ sich dieses Verhalten problemlos auf beinahe sämtliche seiner Artgenossen übertragen. Wenn auch von kleiner Gestalt, überragte der asurische Verstand selbst ihre überproportionalen Segelohren. Vornehmlich traf man diese meist eher unangenehmen Zeitgenossen an der Befleckten Küste, im südwestlichen Teil Tyrias, an. Dort, wo sie vor Jahrhunderten von den ersten Anzeichen eines Alt-Drachens an die Erdoberfläche getrieben wurden, hatten sie ihre Hauptstadt errichtet: Rata Sum, eine Hochburg technologischen und arkanen Wissens. So wie es bei diesem Volk gang und gäbe war, traten junge Asura einer von drei großen Hochschulen, den Kollegs, bei, um dort Ruhm, Anerkennung und natürlich den höchstmöglichen Abschluss zu erlangen. Für gewöhnlich gründeten junge Asura Krus, um eigenständig Forschungen zu betreiben, oder gingen im Anschluss in eine Lehre. Diese dauerte Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte; das hieß, wenn sie das notwendige Geschick besaßen, zu überleben, denn die Sterberate von Lehrlingen war hoch, fast so hoch sogar, wie die der erfolgreichen Absolventen einer Lehre. Bei Norx allerdings war es etwas anders: Zweimal war er Protegé zweier großer Geister Rata Sums, und zweimal in Folge kamen seine Mentoren auf mysteriöse Art und Weise ums Leben. Seit diesen Vorfällen blieben Norx weitere Lehrstellen vorenthalten. An solch primitive Schauermärchen wie Flüche glaubten die intellektuellen Asura natürlich nicht, doch natürlich waren sie schlau genug, um fortan einen großen Bogen um Norx einzulegen, der wohl seine Mentoren kaltblütig auf dem Gewissen hatte, oder auch nicht - wer wusste das schon? Nun nannte sich Norx selbst Meister, selbst wenn ihm der Arkane Rat, die Regierung Rata Sums - natürlich nur von den gelehrtesten Genies ihrer Zeit geleitet -, dieses ungebührliche Verhalten verkannte. Seit diesem Tage war Norx nur noch selten im sonnigen Süden anzutreffen, sondern zog die stille Forschungsarbeit in der Abtei Durmand vor, in der er sich nach nur wenigen Jahren zum Magister gemausert hatte.
    Einen ihrer beiden Stiefel rammte Sora so tief in den Schnee, dass der gräuliche Untergrund der zugewehten Straße darunter zum Vorschein kam. „Vielleicht will ich das“, räumte Sora zornig ein, ohne jedoch wirklich völlig davon überzeugt zu sein. „Aber könnt Ihr mir das verdenken? Ich habe Zhaitans Macht erblickt, die freien Völker Tyrias in einer Flut schleimiger Untoten untergehen sehen, wie die zerfetzten Leiber zu beben begannen, sich noch im Todesgriff in nekrotischer Energie suhlten und wieder erhoben, von der Macht des Alt-Drachens ergriffen. Und Sieran ... sie ...“ Sora erbebte am ganzen Leib, noch schlimmer als es selbst die kälteste Windböe der Zittergipfel hätte bewerkstelligen können. Es fiel ihr nicht leicht, an die schrecklichen Bilder zu denken, jener Tag, als sie ihre Freundin und Mentorin Sieran bei dem Sturm von Zhaitans Diener auf die Klaueninsel verloren hatte. Jemand muss sie aufhalten, damit die anderen entkommen können. Nein, nicht jemand. Ich.
    Auf dem eben vor Genugtuung nur so triefenden, schmutzig grauen Gesichts des Asuras breitete sich ein tiefes Gefühl des Mitleids und des Verständnisses aus, aber auch von Nachdruck. „Sierans Opfer rettete Hunderten das Leben, darunter auch das Eure.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie würde nicht wollen, dass Ihr so sehr ihrem Ableben nachtrauert, sondern Euren Blick nach vorne richtet. Dort, wo die Antworten liegen - in dem Wissen und der Forschung. Auch Sieran vertraute stets darauf, dass der Schlüssel über den Sieg gegen die Alt-Drachen in der Forschung ruht. War dies nicht der eigentliche Grund, warum Ihr zur Abtei kamt?“
    „Dieses naive Mädchen ist längst nicht mehr.“ Sora Murtor zog eine Grimasse, während sie die märchenhafte Winterlandschaft vor sich betrachtete, so grimmig, dass sie selbst Grenth, dem rauen Gebieter von Tod und Eis, das Fürchten hätte lehren können. „Ihr wart nicht bei der Schlacht um die Klaueninsel dabei. Ihr habt das Grauen nicht erblickt.“ Instinktiv hatten sich die Finger der Magistra um den kalten stählernen Griff einer ihrer beiden Dolche geschlossen, die sie in Hüfthöhe trug. Sie fühlten sich seltsam heiß an, während es sie im Geiste immer wieder auf das Schlachtfeld verschlug, wo sie so viele Leben hatte zu Ende gehen sehen. Fast schon konnte Sora den beißenden Gestank von Verwesung und Schießpulver wieder unangenehm in der Nase brennen spüren, das Donnergrollen der Kanonen und die qualvollen Schreie in Stücke zerrissener Soldaten widerhallen hören, das aufgewühlte Meer schäumen sehen, kurz bevor ihren eisigen Tiefen ganze Heerscharen verrotteter, bis zur Unkenntlichkeit pervertierter Leiber entstiegen. „Rohe Gewalt. Sie wollen unseren Tod? Dann reißen wir sie eben mit! Kampflos wird das menschliche Geschlecht, ob nun ascalonisches oder krytanisches Blut in unseren Adern fließt, nicht untergehen. Bis zum bitteren Ende, zum letzten Blutstropfen, zum letzten Atemzug!“
    „Typisch Mensch. Unvernünftig. Irrational.“ Kopfschüttelnd verdrehte Norx die Augen, einmal wieder mit der Gewissheit beseelt, dass er mit seinen Äußerungen natürlich recht hatte. „Tut mir aber bitte einen Gefallen, ja? Lasst es mich wissen, wenn dieser Tag gekommen ist, denn ich werde da sein, um das, was am Ende von eurer Rasse übrig geblieben ist, vom Boden zu kratzen und daraus ein nornhohes Mahnmal menschlicher Torheit anfertigen lassen.“

    Über die nächsten Stunden hinweg begegneten die beiden Mitglieder der Abtei Durmand einander stillschweigend. Sora war erbost über die fehlende Opferbereitschaft ihres Gefährten, Norx dagegen kritisierte den Mangel an Einsicht und Vernunft der menschlichen Spezies. So unterschiedlich ihre Geister in ihrem gemeinsamen Streit auch waren, so teilten sie zumindest dieselbe Sturheit. Dem anderen gegenüber klein beigeben stand völlig außer Frage.
    Unentwegt trat die bleiche Sonne derweil ihren Triumphzug weiter an, bis sie den höchsten Punkt erreichte. Hatte sie eine Lücke in der dichten Wolkendecke erkämpft, glänzte der alte Schnee auf den sonst Felsen wie auf Hochglanz poliertes Silber, sodass man bei näherem Hinsehen beinahe zu erblinden drohte. Die holprige Handelsstraße - nur von Dolyak-Karawanen befahren oder von wagemutigen Haudegen auf der Suche nach neuen Herausforderungen bereist - wand sich einer unermesslich langen Schlange gleich von beinahe dem einen Ende der Zittergipfel südwärts zum anderen, und weiter ins Dampfsporn-Gebirge. Im Zeitalter, als sich noch die beiden großen Zwergenvölker bekriegten, die Zwerge von Deldrimor und die des Steingipfels, diente der Lornar-Pass als wichtige Handelsstraße des Deldrimor-Reichs. Doch mit dem Verschwinden der Zwerge vor über 200 Jahren zeugten nur noch zerfallene Bauten und metertief unter Schmelzwasser versunkene Ruinen von der einstigen Glorie dieser Bewohner der Zittergipfel. Der letzte unter ihnen, ein Zwerg bekannt unter dem Namen Ogden Steinheiler, stand unter dem Schutz der Abtei Durmand. Die Gelehrtheit des letzten bekannten Überlebenden dieses Volkes stellte sich für die Abtei als unschätzbar heraus. Schon in Tagen, als die Menschheit keinen Fuß auf tyrianische Erde gesetzt hatte, hatten die Zwerge die Bedrohung durch die Alt-Drachen zu fürchten gelernt. Sie besaßen das Wissen, dem unstillbaren Appetit der schuppigen Plage entgegenzuwirken, sie einzudämmen, vielleicht sogar endgültig in die Schranken zu weisen; wertvolles Wissen, das nun als verloren galt. Dieses wiederzuentdecken und zum Wohle aller Völker Tyrias nutzbar zu machen, das war die Intention der Gelehrten. „Eure Macht ist nur so groß wie die Summe Eures Wissens“ - das Axiom der Abtei. Und zu einem solchen Hort des Wissen waren die beiden Magister unterwegs: Eine von einer Ausgrabungsexpedition kürzlich freigelegten Kammer; wohl eine alte Zwergengruft.


    Bald schon misste man das markante Ächzen und Knacken der Schneemassen unter den blassblauen Stiefeln der Abtei. Stattdessen das knirschende Geräusch leichten Schuhwerks über den noch gefrorenen, mit losen Geröllablagerungen gespickten Boden. Die nur noch stellenweise rutschige Straße wurde mit sinkendem Abstand zum Himmel wegsamer, die dünne Luft sauerstoffreicher, bodenlos unter baufälligen Granitbrücken oder tückischen Bergpässen klaffende Abgründe seltener. Die kaltherzigen Gebirgsböen flauten langsam ab und gingen allmählich in eine schmeichelnde Brise über, die gerade noch dazu in der Lage war, die leichtesten Schneeflocken durch die Luft tanzen zu lassen. Felsformationen, die in diesem Teil der Zittergipfel in den Himmel ragten, wirkten jung, sogar beinahe kümmerlich im Vergleich zu den grimmigen Fratzen fern des näherrückenden Tals. Erste Nadelbäume hatten ihr weißes Schneekleid und den Schmuck fingerlanger Eiszapfen abgeworfen - ein fremdartiger Anblick, der die Pflanzen beinahe schon kahl wirken ließ. In weiter Ferne, jenseits eines von kleineren Bergkämmen umgebenen Plateaus, auf dessen spärlichem Grün sich hier und da unförmige, schroffe Felsbrocken in der wenigen Mittagssonne räkelten, glitzerte Schmelzwasser, von Dekaden vereint in einem einzigen großen See, so rein, als ob die Göttin des Lebens, Dwayna, es selbst gesegnet hätte. Noch weit davor erregten erste Anzeichen von Zivilisation Aufmerksamkeit.
    „Ah, wir sind da“, sagte Norx überflüssigerweise.
    Eine Reihe von fünfeckigen, bis zu vier Meter hohen Zelten am Fuße eines weiteren Gebirgszuges, ein notdürftig gezogener Graben, ein wackeliger Aussichtsturm - es war ein typisches Lager der Abtei, so wie man sie in ganz Tyria fand, und zwar immer dort, wo verloren geglaubtes Wissen wieder ans Tageslicht gefördert wurde. Das mächtigste dieser Zelte beherbergte meist das ranghöchste Mitglied, das die Expedition anführte. Sora und Norx entboten auf dem Weg dorthin den sich im Lager befindenden Novizen ein höfliches, doch deutlich distanziertes Zunicken, diese wiederum entgegneten den Gruß mit einem respektvollen Faustschlag auf die Brust oder den Kopf gesenkt zu einer ehrerbietigen Verbeugung. Wenige von ihnen waren vor Ort, was aber auch nicht ungewöhnlich war. Schließlich befand man sich nicht auf einer Urlaubsreise, sondern auf einer wichtigen Mission, vielleicht sogar jene, die Tyria endlich vom Joch der Drachen befreien und den ersehnten Frieden bringen könnte.
    „Exploratorin Gipfelbändiger, hier habt ihr Euch also verkrochen! Und wieder einmal habt Ihr Verwalter Gixx um Eure Anwesenheit bei einer seiner Vorlesungen betrogen. So schafft Ihr es nie zur Magistra.“
    Von Norden her löste sich eine frostige Böe aus den geschlossenen Mündern der steinernen Riesen und rüttelte zum gleichen Teil an Kleidern, den Zelten, den dort hängenden Bannern der Abtei und an den langen, rubinroten Haaren der leitenden Exploratorin. Verschmitzt lächelnd erwiderte die große Frau den Gruß der beiden Neuankömmlinge, woraufhin sie ihren Kopf weit senken musste, um den kleinen Asura, der ihr noch nicht einmal bis zur Hüfte reichte, anzusehen. „Als ob man mich in den staubigen Bibliotheken der Abtei großartig vermissen würde“, antwortete Alva Gipfelbändiger dem Asura schulterzuckend. „Hier dagegen kann ich mich wirklich entfalten, und beklagen kann ich die Distanz zum Verwalter und dessen albernen Vorschriften auch nicht.“ Ihr Lächeln wurde breiter, während sie eine Handbewegung hinterrücks machte, wo ein Großteil ihres Zeltes von einem großen Eichenfass beansprucht wurde. Der Zapfhahn war bereits angeschlagen; einige Tropfen lösten sich und besudelten den roten, schon jetzt an der Stelle aufgeweichten Teppich darunter. „Bei der Schneeleopardin, wo bleiben meine Manieren? Wollt ihr auch einen Schluck? Björns Gebräu, nicht dieses Seifenwasser aus Götterfels - soll natürlich keine Beleidigung sein, Magistra Murtor, verzeiht.“
    Exploratorin Alva Gipfelbändiger gehörte dem Volk der Norn an, Kinder der Zittergipfel, die einst den hohen Norden ihre Heimat genannt hatten. Viele von ihnen hatten für das unvergänglich geglaubte Land ihrer Vorfahren ihr Leben lassen müssen, das nach blutigen Schlachten dem Alt-Drachen Jormag anheimgefallen war. Die üppigen Jagdgründe und prächtigen Hallen waren unter Eis gefangen, tapfere Männer und Frauen zu Drachendienern bekehrt. Doch war nicht der Mut und Tatendrang der Überlebenden gebrochen. Neue, glorreiche Legenden wurden geschmiedet und von den Skalden an den Feuern Hoelbraks, ihre neue Heimat in den südlichen Zittergipfeln, besungen. Manche mochten die hühnenhaften Norn als zu impulsiv und temperamentvoll bezeichnen, andere dagegen als herzlich, leidenschaftlich und lebensfroh, und - wie Asura immer wieder gerne zur Aussprache brachten - auch ein wenig einfältig und nicht selten unflätig. Einig konnte man sich aber sicher sein, dass es solche und solche gab.
    Entfalten? Ihr meint wohl eher das Bier auf Eurer sittenlosen Zunge. Und wenn dem so ist, erleben wir wohl keine Überraschungen, sei es nun der Pegelstand Eures Fasses oder der Fortschritt der Ausgrabung.“ Ein Feuer brannte auf Soras von der Kälte geröteten Wangen, dass die wenigen tanzenden Schneeflocken bei der bloßen Berührung ihrer Haut augenblicklich zum Schmelzen brachte.
    „Im Gegenteil. Es sind sogar bemerkenswerte Funde, die wir verzeichnen können. Wir sind da auf etwas gestoßen, was ein Zwergenmonument sein könnte; darum auch hat man euch schicken lassen.“ Das kochende Temperament ihrer ranghöheren Kollegin mochte allen Schnee und Eis der Berge in ein gewaltiges Rinnsal wandeln können, das spitzbübische Lächeln der Norn aber blieb ungetrübt.


    Eine grob geformte Verwerfung klaffte in dem Massiv, fast tausend Fuß von dem Lager der Abtei entfernt; teilweise sogar noch so frisch, dass quellfrisches Wasser wie Blut aus den Adern des Felsen sickerte. Die Eingeweiden des Berges waren zu Schutthaufen so hoch wie Norn getürmt und achtlos weggeworfene Werkzeuge säumten den Schatten des Berges. Ein Tragwerk aus geschälten, oberschenkelbreiten Kiefernstämmen stützte den Höhleneingang und zog sich wie Spinnenweben an der Stollendecke entlang. Fackeln waren grob in den harten, unbeständigen Lehm- und Steinuntergrund gerammt worden, deren fahles Licht die verrotteten, kreuz und quer auf dem zerfallenen Mauerwerk wuchernden Efeusträngen schleimig grün glänzen ließ. Die Luft war stickig und roch zum gleichen Teil faulig wie auch nach einem unendlichen Vorrat an Staub, der bereits nach wenigen Sekunden unangenehm in der Kehle kratzte. Über den launenhaften, schmalen Pfad tiefer und tiefer ins Berginnere neigte sich die Decke gefährlich tief, sodass Exploratorin Gipfelbändiger - die größte der drei und schon jetzt von Spinnenweben arg geplagt - den Kopf einziehen musste. Mit sinkendem Sauerstoffgehalt in der Luft wuchs der Weg langsam in die Breite, bis selbst fünf breit gebaute Norn bequem nebeneinander Platz hätten finden können.
    Zuletzt betrat Norx die Halle, in die Alva Gipfelbändiger ihre Kameraden geführt hatte. Die Zeit hatte ihre sichtlichen Spuren hinterlassen: Verblasst zu einer schwachen Erinnerung lag der einst so sorgfältig polierte Marmorfußboden unter Ablagerungen zentimeterdicken Drecks begraben und späte schwächlich aus einigen nicht ganz so verschmutzten Stellen hervor, wo zuvor Mitglieder der Abtei ihre Fußabdrücke hinterlassen hatten. Reliefs grimmig dreinblickender Zwecke, so groß, dass sie jeden Norn noch um einen Kopf überragten, und mit einem Schwert in beiden Händen, deren Klinge zum Boden hin geneigt und breit wie eine junge Esche war, ragten paarweise links und rechts aus den Höhlenwänden, als ob sie über den Ort wachten. Tiefe Furchen jahrelangen Zerfalls befleckten das Gestein der stummen Wächter, zogen sich wie klaffende Schnittwunden durch deren schwere Rüstungen oder durch die gespenstigen Gesichter, einer Tränenspur gleich, als ob sie ihre zu Ende gegangene Dynastie beweinten. Bäume hatten in jahrelangem Kampf ihre Wurzeln durch die bröckelige Höhlendecke geschlagen. Wie schaurige Skeletthände hingen sie herab und schienen nach den Erdbodenbewohnern zu greifen versuchen, um sie ins Totenreich zu zerren. Ein breiter Durchbruch war in die fast parallel zum Eingang liegende Höhlenwand unleidenschaftlich geschlagen worden; noch sehr frisch, wie es wirkte, denn war der Boden davor besonders von Schutt belastet. Exakt in der Mitte des Raums thronte ein besonders auffälliges Stück Gestein. Nichts, was dieser Ort ohne das Zutun eines anderen allein hätte bewerkstelligen können, da die halbkreisförmige Oberfläche zu glatt war, die auffälligen Spuren auf der Fassade zu regelmäßig. Jemand hatte sich außerdem noch die Mühe gemacht, kniehohe Fässer links und rechts von dem Stein zu einer kleinen, dreistöckigen Pyramide aufzutürmen. Es war ein Monument.
    „Wo sind Eure Leute, Exploratorin? Müssten hier nicht Restaurierungsarbeiten stattfinden? Ein Skrittbau ist nicht weniger schmuddelig!“ Ihre Augen zu bedrohlichen Schlitzen verengt, schaute Sora Alva Gipfelbändiger anklagend an. Beinahe gleichgültig zuckte diese mit den Schultern.
    „Machen wohl gerade Pause. Könnt ihr es ihnen verdenken? Diese muffige Gruft lädt nicht gerade zu einem Bierrat ein.“
    Sora Murtor trat an Alva Gipfelbändiger heran. Der Norn reichte sie kaum zu deren Hals, und doch baute sich die Menschenfrau tollkühn vor ihrem Gegenüber auf. Zwischen den Schlitzen ihrer Augen trat das Funkeln und Zucken eines herannahenden Gewitters hervor, während Sora ihren rechten Zeigefinger mehrmals in Alvas Brust bohrte. „Ich bin es allmählich leid, mir weitere Eurer Saufkapriolen anzuhören! Bringt mir Ergebnisse oder, bei Grenth, Eure nächste Ausgrabung wird in dem trockensten, heißesten und entlegensten Winkel der Kristallwüste stattfinden. Habt - Ihr - mich - verstanden, Exploratorin?“ Trotzig straffte Alva die Schultern und öffnete bereits den Mund, als Norx’ Stimme ihre Versuche zur Gegenwehr im Keim erstickte.
    „Wenn Ihr fertig seid, Eure banalen Drohgebärden auszutauschen, Magistra, so könntet Ihr Euch vielleicht hier nützlich machen.“ Zähneknirschend stapfte Sora Murtor an der Norn vorbei, nun viel wütender darüber, dass Norx sie indirekt gemaßregelt hatte, statt ihr den Rücken zu stärken. „Eure Meinung?“, fragte der Asura.
    Das Artefakt reichte einem Menschen knapp über die Hüfte. Farblich reihte sich der Stein mit der abgerundeten Oberseite nicht zu dem Staub, den Wänden, der Decke und den am Boden lose herumliegenden Gesteinsfragmenten ein. Jemand musste sich die Mühe gemacht haben, einen fremden Stein beizuschaffen, ganz zu schweigen von den aufgestapelten Fässern. Verwitterte Symbole verliefen in vier Reihen von links nach rechts. Die oberste Inschrift stach mit besonders großen Schriftzeichen deutlich hervor.
    „Ein Grabstein“, stellte Sora nüchtern und fern jeglicher Begeisterung fest. Ohne das abfällige Schnauben des Asuras, das habe er auch selbst bereits gemerkt, einer Beachtung zu würdigen, ging sie in die Knie und säuberte das Monument mit ihrer rechten Handfläche von dem gröbsten Schmutz. Es waren Zwergenrunen, von denen es hunderte gab. Deldrimor. Steingipfel. Familienrunen. Sogar die unterschiedlichen Adelsgeschlechter hatten ihre ganz eigenen Formen von Wort und Schrift im Laufe der Jahrhunderte gepflegt. Diese – der rechte Zeigefinger wanderte langsam über die erste Zeile – waren unzweifelhaft Deldrimor-Schriftzeichen. „Könnt Ihr sie entziffern?“ Obgleich sich Sora gekniet hatte, befanden sich sie und Norx in gemeinsamer Kopfhöhe.
    Selbstbewusst lächelte Norx. „Aber sicher.“ Ein kurzes Zögern ging dem fokussierten Blick voraus, mit dem der Asura die verworrenen Symbole in seinen Geist sog. „Leider ließ ich meine Aufzeichnungen in der Abtei zurück, sonst wäre ich schon fertig. Ihr habt nicht zufällig Eure griffbereit? Nein?“ Er bedachte Soras das Kopfschütteln seiner Partnerin mit tiefen Furchen der Enttäuschung auf seinen jungen Gesichtszügen. „Es kann ja nicht schwerer als die Ausrichtung eines überlagerten, differentiellen Äther-Relais sein. Also ...“ – abermals zögerte er – „das hier ist ein krytanisches B“ – sein Finger glitt zum nächsten Symbol –„ ein U ... ein T ...“
    „D“, korrigierte Sora überlegt.
    „Ja, ja, das weiß ich doch. Raubt dem Ganzen schon nicht seinen Sinn. Und jetzt stört mich nicht!“, fauchte Norx.


    Budger Schwarzpulver,
    Freund im Leben, Freund im Tode.
    Auf dass wir in den Feuern der großen Schmiede wiedervereinigt werden mögen.
    Dein Freund in Ewiger Erinnerung, Rornak Steinkante.


    „Nur ein Grab. Nichts weiter. Keine Geheimnisse. Keine weiteren Artefakte. Bei Balthasars Hunden, als ob wir nicht genug zu Staub zerfallener Knochen freigelegt hätten! Nächstes Mal kommandiert gefälligst ein Expeditionsteam von der Granitzitadelle ab, statt uns hier bei jeder noch zu kleinen Leichenbeschau herzuzitieren!“ Die aufgestaute Wut der Magistra entlud sich explosionsartig. Eine weitere Reise umsonst. Auch hier gab es nichts, was dabei helfen konnte, Sierans Tod zu rächen. Nur ein weiteres Zeugnis der Sterblichkeit.
    „Ihr vergesst, Sora, hier könnten noch weitere Artefakte verborgen liegen. Bei all dem Aufwand, der betrieben wurde, um diesen Tunnel zu graben und den Raum herzurichten, würde es mich doch sehr wundern, sollte dies nur eine einfache Gruft sein.“
    „Jedenfalls“, rief Alva Gipfelbändiger so laut, dass der Grind wie feiner Schnee von der Decke rieselte, „haben wir allen Grund zum Feiern. Betrinken wir uns! Darauf warte ich schon seit Tagen.“ Die Norn baute sich vor der linken der dreistöckigen Fässerpyramide auf. Ihre muskulösen Arme machten Anstalten, das oberste Fass zu packen. Instinktiv schloss sich Sora Murtors Hand um das Handgelenk der Exploratorin. Norx schnitt den drohenden Protest auf Alvas Lippen ab.
    „Närrin! Das ist keines Eurer üblichen Gifte, das ist Sprengstoff! Wohl genug, um den halben Berg in seine Bestandteile zu zerlegen.“
    Und die Toten aufzuwecken“, fügte Sora zähneknirschend hinzu. Ihr Griff lockerte sich erst, als Alva schmunzelnd die Muskeln entspannte und die Arme zu einer arglosen Handbewegung senkte.
    „Warum sollte man nur einen halben Berg sprengen wollen? Sie waren es wohl gewohnt, ihre Dinge nur halb zu Ende zu bringen.“ Zeigefinger und Daumen bildeten eine Lücke, gerade groß genug, dass ein Fingerhut darin Platz gefunden hätte. „Dann leeren wir eben mein Fass. Ist wahrscheinlich auch zehnmal süffiger und zermürbender als jeder Zwergenfusel. Brechen wir auf. So nüchtern war ich seit Tagen nicht mehr.“
    Norx’ entspanntes, belustigtes Lächeln konnte Sora nicht nachempfinden. Länger als unbedingt notwendig wollte aber keiner von ihnen unnötig vor Ort verweilen; zumindest in dieser Beziehung waren sie sich einig.
    „Schickt Euer Ausgrabungsteam wieder an die Arbeit. Ich möchte genaue Aufzeichnungen über den Grabstein mitsamt originalgetreuer, detaillierter Übersetzung. Und lasst eine vorläufige Inventarliste über alle bisherigen Funde erstellen. Oh ja, und ein Replikat der Runen für meine persönlichen Unterlagen. Exploratorin? Hört Ihr mir überhaupt zu?“
    Ungewöhnlich vorsichtig trat Alva Gipfelbändiger an die weite Kluft an der Wand gegenüber des Eingangtunnels. Ihre Stirn warf tiefe Furchen. „Ich kann mich nicht an diese Öffnung erinnern.“ Erst jetzt hatte sie diesen Durchbruch bemerkt. Als ihr Ausgrabungsteam diesen Raum kürzlich freigelegt hatte, hatten sie sich strikt an die Anweisungen aus oberster Instanz gehalten: Bei Funden keine Veränderungen vornehmen, nichts unnötig berühren, kein Verzehr von Passionsfrüchten vor Ort, Übersetzungen alter Runen fachkundigen Gelehrten überlassen - kein weiteres Debakel wie jüngst bei den Ausgrabungen der Rankor-Ruinen, wo Lakki, eine Linguistin der Abtei, unbewusst einen versiegelten Eis-Elementar aus einem Artefakt heraufbeschworen hatte und seitdem die Ruinen von Unwettern mit Hagel groß wie Moa-Eier heimgesucht wurde. Die junge Novizin brach jedes Mal aufs Neue in Tränen aus, wenn Verwalter Gixx diese an ihr „jämmerliches Unvermögen“ erinnerte. Um nicht auf die Gefahr hinauszulaufen, tatsächlich irgendwann ohne einen Tropfen von Hoelbraks edelsten Tropfens im heißen Sand der unwirtlichen Kristallwüste nach Artefakten graben zu müssen, hatte Alva auch nicht angeordnet, weitere Ausgrabungen durchzuführen.
    Das schwächliche, um Luft japsende Licht der Fackeln reichte kaum über die Schwelle des Eingangs. Die blauen Augen der Exploratorin verschwammen in der trügerischen Nacht des Tunnels und gaben nur wenig von dem preis, was darin lauerte. Scheinbar provisorisch war der Schutt dieses Durchbruchs grob auf beide Seiten des Stollens geschoben worden. Bizarre Spuren klafften wie Schnittwunden an der Kehrseite des Eingangs, den pockenvernarbten Wänden und der Decke. Mit ihren Fingernägeln fuhr Alva über die Spuren. Sie reichten über eine Elle lang und waren fast einen fingerbreit tief. Kein herkömmliches Werkzeug hatte ihr Einsatz gefunden. Und wer auch immer hier Hand angelegt hatte, hatte den Tunnel nicht für Norn konzipiert. Breit genug, dass ein Charr bequem darin seine massigen Schultern ausbreiten konnte, aber kaum hoch genug für einen Menschen.
    Von alleine wird sich der Tunnel nicht gegraben haben“, schnaubte Sora abfällig. „Was seht ihr?“ Norx nickte beipflichtend, war aber eher neugierig als verärgert.
    Angestrengt verengte Alva ihre Augen - ohne eine Wirkung zu erzielen. Es kam ihr vor, als stierte sie in das weit geöffnete Maul einer Bestie, von der sie nicht wusste, wie viel Zähne womöglich jeden Augenblick auf ihren Leib zurasen würden. Ein mehr als unangenehmes Gefühl, bei dem sich ihr die Nackenhaare alarmiert aufrichteten und nur noch von dem kaum vernehmbaren, schabenden Geräusch die dunkle Speiseröhre hinab verstärkt wurde. „Schwärzer als die Schwingen des Raben“, murmelte sie knapp, während sie den Kopf verrenkte, um vielleicht doch irgendetwas erkennen zu können.
    „Verschont mich! Tretet zur Seite!“ Unwirsch und kompromisslos stapfte Sora Murtor los und drängte sich grob an der muskulösen Norn vorbei. Pechschwarze Nacht, ein Beginn eines schmutzigen Durchgangs, ein dumpfes, entferntes Grollen wie das Magenknurren einer ausgehungerten Bestie. Womöglich war dies die Pforte direkt zur Unterwelt, von der man munkelte, sie solle sich irgendwo in den Zittergipfeln befinden. Es war nichts, was nicht auch Alvas Sinne zuvor ausgemacht hatten; eine Schwelle der körperlichen Schwelle jedoch, die Sora zu überqueren bereit war. Endgültige Dunkelheit verschlang ihren Körper, als die Magistra ihre Augen in stiller Konzentration schloss. Der beißende Gestank des jahrhundertealten Zerfalls, das widerlich kratzende Gefühl im Hals, das heranpirschende Gefühl von Benommenheit ausgelöst durch den Sauerstoffmangel, jeder zuvor gehegte überflüssige Gedanken - ausnahmslos alles wurde aus dem menschlichen Geist getilgt. Ein Licht flackerte vor dem inneren Auge der Elementarmagierin auf, am Anfang noch schwach wie eine müde glimmende Kerze, bald darauf stärker und intensiver als es je Balthasars Flammen hätten bewerkstelligen können. Die Ketten konnten die sorgsam gehüteten Elemente nicht länger bändigen. Als Sora Murtor ihre Augen aufriss, war das Smaragdgrün darin verschwunden. Stattdessen ging ein orangefarbenes Glühen von den Pupillen aus, das einem Sturzbach gleich in die zu Klauen ausgefahrenen Fingerkuppen strömte und dort Gestalt einer kontrollierten Feuerzunge annahm, die die unmittelbare Finsternis durchdrang und das Verborgene dahinter demaskierte.


    Fortsetzung folgt ...

  • Guild Wars 2 - Winde des Zerfalls


    Von den klammen Felsen und den versteinerten Seeanemonen hallte der Trauerchor einer verblassten Epoche wider. Melancholisch zurückblickend auf eine Dynastie von Reichtum und Wohlstand fächerte der Lufthauch durch die spindeldürren, turmhohen Korallenformationen, die wie knochige Hände aus dem Boden ragten und den Himmel zu fassen versuchten. Wo schlammige Salzwasserpfuhle die graue, vernarbte Erde unterbrachen, schwang die Wasseroberfläche träge im Rhythmus des klagenden Gesangs. Hinter einem Acker unerbittlicher, schroffer Felsen nahm das leise Säuseln allmählich Formen einer unangenehm steifen Küstenbrise an. In ihrer Trauer so mächtig, vermochte die Arie ganze Meere und Ozeane zu überqueren und an den weit entfernten Gestaden gleichermaßen Abenteurer wie auch Todesmutige zu den verderbten Ufern dieses von den Göttern verlassenen Landes zu locken. Das Land mit Namen Orr.



    Riona Murtor hatte ihren Herzschlag der Atmung angepasst. Von dem stark reduzierten Augenlidschlag abgesehen rührte sich kaum ein weiterer Muskel. Längst hatte das Zeitgefühl die junge Waldläuferin mit dem kastanienbraunen, schulterlangen Haar verlassen. Nur wenige Minuten konnten verstrichen sein, seit sie von ihrem Stoßtrupp getrennt war, vielleicht aber sogar ganze Stunden. So weit hinter feindlichen Linien aber war Zeit bereits völlig bedeutungslos, und das wusste sie. Ebenso war sie gewiss, welche Aufgabe ihr zugetragen worden war. Sie war die Kundschafterin einer sechsköpfigen Expedition. Von ihrem Geschick, ihrem taktischen Verständnis und ihrer Geduld konnte der Erfolg, sogar das Überleben der Gruppe abhängen. Bislang hatte sie der Einheit, welcher sie angehörte, gute Dienste erwiesen, mögliche Gefahren frühzeitig registriert und Hinterhalte vermieden. Und die Göttin Melandru selbst war ihre Zeugin: So kurz vor dem Ziel zu scheitern war keine Option.
    Von dem Buckel eines knapp einhundert Fuß hohen Felsmassivs spähte Riona in das Tal hinab. Die vielen übereinander liegenden, teils von einer schleimig grünen Algenschicht bedeckten Gesteinsplatten erinnerten vage an Treppenstufen und hatten den noch zu Anfang schwerfälligen Aufstieg zunehmend erleichtert. Jetzt, hoch oben, boten sie die notwendige Deckung, um in Orr zu überleben. Vielleicht sogar lange genug, um dieses verfluchte Land in einem Stück wieder zu verlassen. Erneut fegte eine besonders hartnäckige Windböe über das Versteck der Späherin hinweg. Einem Raubvogel gleich schien der Wind den Gipfel zu umkreisen, erpicht auf die nächste Gelegenheit eines Sturzfluges wartend, um dann die eisigen Klauen erneut nach der unbekannten Fremden auszustrecken. Doch bereits der letzte Angriff hatte seine Spuren hinterlassen. Rionas in Anspannung verhärtetes Gesicht bröckelte, die kurzen Nackenhaare kräuselten sich in Empörung. Sie fror. Wo zuvor Schlamm und Wasser in Unachtsamkeit ihre mahagonifarbene Brünne berührt hatten, schien sich die die Nässe zunehmend in einen eisigen Dolch zu verwandeln. Teile ihrer leichten Lederrüstung waren bereits so stark durchtränkt, dass die Feuchtigkeit die darunter liegende Haut malträtierte. Ein wärmendes Feuer zu entfachen, konnte sie jedoch unmöglich riskieren. Allein der Gedanke war töricht. Ebenso gut konnte sie versuchen, einen Karren auf Hochglanz polierter Silberlinge durch einen Skritt-Tunnel zu bugsieren - da standen die Chancen wahrscheinlich sogar noch günstiger. Je tiefer Riona in diese alberne Phantasie eintauchte, desto mehr lockerte sich ihr angespanntes Gesicht. Der bloße Gedanke hatte etwas Wärmendes, etwas Linderndes. Für einen Wimpernschlag der Zeit vermochte sie sogar ihre Situation zu vergessen und die kalte Realität um sie herum auszusperren.
    Die Illusion war nur von kurzer Dauer. Schneller als es ihr eigentlich lieb war, besann sich Riona wieder ihrer Mission. Während der Blick wieder in das Tal hinab wanderte, legte sich der kalte Mantel wieder schonungslos über ihre Schultern. Die Seele krankte an Einsamkeit. Orr hatte sie wieder.



    Die Furchen im Boden waren zu regelmäßig und sauber angeordnet, als dass sie eine Laune der Natur hätten sein können. Nachdem Riona die Kreatur, die nur aus der Entfernung menschlich zu sein schien, inmitten dieser Gräben eine Weile beobachtet hatte, war sie sich ziemlich sicher, dass das Wesen einst Teil einer Familie von einfachem Geblüt gewesen sein musste, die hier ihre Feldfrüchte angebaut hatte. Wer war diese leere Hülle zu Lebzeiten? Ein bescheidener Bauer? Ein reicher Gutshofbesitzer? Welchem der Sechs hatte er seine Treue geschworen? Hatte er Familie besessen? Kinder? Wer er auch war - dieser Tage war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Bis auf wenige schüttere Strähnen war er kahlköpfig. Die Wangenknochen traten weit aus dem verfaulten, skelettartigen Gesicht hervor. Die einst von der Sonne gestählte Haut war aschfahl wie schmutziges Wasser und hing, alten Laken ähnlich, von den Knochen. Die Zeit - oder vielleicht auch jemand - hatte das vergilbte, ärmellose Hemd über der Brust windschief zerrissen, sodass ein Teil seines nackten, ausgemergelten Brustkorbes dahinter hervorschaute - womöglich Spuren eines Kampfes. Die kurze, graue Hose besaß viele Taschen, wahrscheinlich diente sie einst speziell zur Aufbewahrung unterschiedlichen Saatguts. Allem Anschein nach kümmerte es den Bauern nicht, dass ihm sein linker Schuh abhandengekommen war und sich der Schlick allmählich mehr und mehr seines nackten, knochigen Beines einverleibte. Auch nicht, dass das Ackerland, welches er wie besessen mit einer rostigen Hacke zu kultivieren versuchte, zu einem kargen, verdorbenen Ödland verkommen war; fast so, als besaß er gar keine Kenntnis darüber, welch grausiges Schicksal ihn und jeden einzelnen Bewohner des Königreichs von Orr heimgesucht hatte.
    Kaum erkennbar neigte Riona plötzlich ihren Kopf etwas zur Seite. Kurz sinnierte sie, dann öffnete die Waldläuferin den Mund. Nicht um die Kehle mit nasskalter Luft zu befeuchten, sondern um ihr Schweigen zu brechen. „Was gibt es, Vespa?“
    Der Klang der eigenen, zu einem gedämpften Flüstern gesenkten Stimme klang merkwürdig fremd. Ein unangenehmes Gefühl, sich selbst so zu hören, wie sich Riona eingestehen musste. Noch merkwürdiger aber war, dass tatsächlich jemand antwortete.
    „Baelfeuer soll mich holen! Das wievielte Mal ...? Wie stellt Ihr das bloß an?“
    Aus einer Bresche von Licht und Schatten schälten sich in Sekundenschnelle die Konturen von etwas Großem. Riona entgegnete dem Schauspiel beinahe mit Gleichgültigkeit, fast so, als wäre es das Banalste der Welt, dass eine breitschultrige, katzenhafte Bestie plötzlich aus dem Nichts erschienen war. Das krummbeinige, löwengesichtige Geschöpf mit den klauenbewehrten Füßen überragte Riona um einen halben Meter. Von Kopf bis zu der Schwanzspitze bedeckte rostbraunes Fell, das stellenweise von unförmigen schwarzen Flecken unterbrochen wurde, den stämmigen und doch irgendwie erstaunlich grazilen Körper; das Meiste davon verbarg sich unter einer eng ansitzenden, pechschwarzen (und im heutigen Fall schlammbeschmierten) Lederrüstung. Je zwei langgezogene Ohrenpaare ragten seitlich aus dem Kopf des Monsters, von denen ein Paar abgewinkelt in Richtung Tal ausgerichtet war. Wie jeder ihrer Art besaß auch dieses Exemplar vier Hörner: ein sehr kurzes Paar links und rechts zwischen den Ohren und zwei lange auf dem Kopf, die hinterrücks zu den breiten Schulterblättern ragten.
    „Einen Charr rieche ich aus einer halben Meile Distanz“, Riona tippte auf ihre Nasenspitze, „und einen nassen sogar noch aus weiterer.“
    Die Lefzen zu einem mörderischen Lächeln zurückgezogen, entblößte Vespa einen Satz scharfer Reißzähne, die so blank waren wie ihre schlitzförmigen Augen. „Seid Ihr sicher, dass unter diesen Hautfetzen nicht doch ein wenig Fell wächst? Bei der Asche-Legion hättet Ihr euch längst zum Zenturio gemausert.“ Die Charr lachte. Ob nun wegen der bloßen Vorstellung, wie zwischen ganzen Ansammlungen von Fell, Muskeln und Krallen eine zierliche Menschenfrau, kaum größer als ein Welpe, verbissen um die Gunst ihres Ausbilders buhlte, oder aber wegen des kleinen Maus-Seitenhiebes - in den Charr-Legionen eine nicht ganz adrette Umschreibung für einen Menschen. Eine Erklärung blieb sie ihrer Partnerin schuldig.
    Zurück in Ascalon, ihrer Heimat, hatte Vespa Nachtpirsch in der Asche-Legion gedient. In jeder anderen Einheit hätte man die Vorsicht und Geduld der leichtfüßigen Charr mit Feigheit gleichgesetzt, sie in der unerträglichen Mittagssonne angepflockt und den Krähen überlassen. Nicht aber in der Asche-Legion, wo man die Schläue und List der Diebin so sehr zu schätzen wusste wie einen scharfen Dolch. Schnell, lautlos, tödlich - alles Eigenschaften, die ihr schließlich den Weg zu einem ranghohen Offiziers in dieser Einheit von Assassinen und Spionen geebnet hatten. Auf besondere Empfehlung des Asche-Tribuns hatte es Vespa vor zwei Jahren zum Orden der Gerüchte verschlagen, eine von drei großen Vereinigungen der freien Völker Tyrias im Kampf gegen die Unterdrückung durch die Alt-Drachen.
    „Vielleicht hättet Ihr leichteres Spiel, wenn Ihr vorher nicht baden gegangen wärt. Seid Ihr hierher geschwommen?“ Kritisch musterte Riona die wenig schmeichelhaften Schlammflecken auf dem schwarzen Leder.
    Die Charr kreuzte beleidigt die oberschenkelgroßen Arme. „Pff! Da passt man einmal nicht auf, wo man hintritt, und schon ist man seines rechtlichen Lebens gebrandmarkt.“
    „Mit besserem Schuhwerk wäre Euch das vielleicht nicht passiert ... oder mit überhaupt etwas an den Füßen.“
    Vespa starrte für einen Moment ihre krummen Beine hinab. Ganze Schlammlawinen klebten zwischen ihren Krallen. Die Pfoten waren so voll von dem grauen Brei, dass sie wie in Asphalt einzementiert aussahen. Teils vorwurfsvoll, teils ungläubig öffnete sie den Mund. „Stiefel? Nein“, lachte sie. „Nicht diese Charr. Und nicht in diesem Leben. Ihr wisst gar nicht, was das für ein Gefühl ist, knöcheltief durch den Morast zu waten.“ Die Charr schüttelte sich leidenschaftlich. „Herrlich.“ Sie bezog an Rionas Seite Position. „Was macht unser Freund?“
    Unten auf seiner Ackerscholle rieb sich der Bauer den nicht existierenden Schweiß von der Stirn. Nach nur kurzer Pause hielt er strauchelnd und mit geschulterter Hacke auf die nächste Furche zu. Das Werkzeug riss eine Breche in den Nebelvorhang. Schlamm spritzte aus dem lehmigen Boden auf Kleidung und Gesicht des Bauern. Es war ein Wahn, eine Manie, wie der Untote die Halsstarrigkeit seines unwirtlichen Grund und Bodens mit schweren Hieben bestrafte. Ein sich tagein tagaus wiederholender Kampf gegen ein Monster, dessen abgehackte Gliedmaßen wucherten wie Unkraut. Nur dass noch nicht einmal die widerspenstigsten und hartgesottensten Diesteln in dieses verdorbene Erdreich ihre Wurzeln schlagen würden.
    Vespa kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Sie ähneln den Geistern in Ascalon. Ruhelose Gefangene der Zeit, ihrem Herrn treu bis über den Tod hinaus. Ein grausiges Schicksal ... Drachenmagie scheint in ihrer Wirkung jedoch anders zu sein. Sie verdirbt Körper und Seele. Die Geister in Ascalon sind einfach nur Abbilder. Echos der Vergangenheit. Ihre Gebeine sind längst zu staub zerfallen, die Seelen verflucht auf ewig.“
    „Darum könnt ihr sie nicht töten.“
    Vespa nickte Riona grimmig zu. „Noch nicht. Wäre es möglich: Wir hätten es vor Jahrhunderten schon getan.“
    Eine Minute des Schweigens brach zwischen den beiden Ordensfrauen an. Als sich Vespa an dem Bild der schuftenden Sklavenkreatur sattgesehen hatte, wandte sie sich direkt Riona zu. „Ich bringe Nachricht von Kriegsmeister Leddron: Ihr sollt zurückkehren. Er ist die Warterei leid.“
    Riona rümpfte abfällig die Nase. „Ehrlich gesagt hatte ich schon viel früher damit gerechnet; ungefähr fünf Minuten, nachdem ich überhaupt aufgebrochen war. Fast schon ein Wunder, dass er überhaupt mit meiner Exkursion einverstanden war.“
    Die Lefzen der Charr kräuselten sich zu einem verschmitzten Lächeln. „Eigentlich hatte er Euch bereits vor einer Stunde rufen lassen. Aber ich habe mir Zeit gelassen. Viel Zeit.“
    Auch Riona schmunzelte. „Das wird dem Guten aber bestimmt gar nicht gefallen.“ Die Waldläuferin entfernte sich ein Stück von dem unbequemen Felsbrocken, der ihr in der Not als Sitzmöglichkeit gedient hatte. Als sie gähnend die steif gefrorenen Arme von sich wegstreckte, begann das Blut die steifen Gliedmaßen allmählich wieder aufzutauen. Es fühlte sich gut an.
    „Was machen wir mit ihm?“ Vespa machte eine demonstrative Kopfbewegung in das Tal hinab. „Können wir ihn umgehen?“
    Rionas Züge verfinsterten sich in Sekundenschnelle. Als die Waldläuferin ihren Bogen vom Rücken zog und Stellung am Klippenrand bezog, wusste Vespa bereits die Antwort. „Ich fürchte nein.“ Sie spannte einen Pfeil und richtete die Waffe auf ihr Ziel. „Schenken wir der armen Seele Frieden.“



    Eine schlichte, von fauligen Wasserpflanzen befallene Höhle diente als provisorischer Unterschlupf des Expeditionsteams. Gefundene Knochenreste und Kratzspuren an den Wänden deuteten darauf hin, dass hier einst wilde Tiere gehaust hatten, vielleicht Bären oder Wölfe. Anzeichen von einer kürzlichen Auferstandenen-Präsenz hatte es nicht gegeben; Grund genug, hier ein Lager aufzuschlagen. Wasser sickerte an manchen Stellen durch die poröse Decke. Jahrtausende in Wind und Wetter hatten das kalkhaltige Gestein undicht werden lassen. Dementsprechend feucht war es in der überschaubaren, spärlich beleuchteten Höhle. Noch vor dem Einzug hatte es Unstimmigkeiten zwischen den in ihren Denkweisen völlig unterschiedlichen Mitgliedern der Exploration gegeben, allen voran die Wachsamen. Ein Unterschlupf mit nur einem gemeinsamen Ein- und Ausgang? Eine Todesfalle! Was, wenn sie plötzlich in einen Hinterhalt gerieten? Wohin sollten sie ausweichen, wenn Gegnerscharen den einzigen Fluchtweg blockierten? Berechtigte Argumente. Doch auf die Frage, wo sie in der Schnelle einen besseren Unterschlupf ausfindig machen könnten, wussten auch die mürrischen Krieger keine Antwort. Außerdem hatten sich die beiden Gelehrten der Abtei Durmand nach Fund der Höhle geweigert, ohne Rast auch nur einen Schritt weiterzugehen. Die Agentinnen vom Orden der Gerüchte hingegen sahen wenig Grund zur Besorgnis. Die Tarnung, die ihnen dieser Ort bot, war ihrer Meinung nach die beste Verteidigung.
    Recke Ekkill schob am Höhleneingang Wachdienst. Als noch rangjunger Wachsamer unterstand er dem direkten Befehl Kriegsmeister Leddrons, dem Leiter der Expedition. Ekkill hatte sich über die Art der Reise nur mäßig begeistert gezeigt. In der Illusion, seine Legende unter Abertausenden von Untoten, die seiner Klinge bei dieser Reise anheimfallen würden, formen zu können, hatte sich der Norn als Erstes freiwillig für dieses waghalsige Unterfangen gemeldet. Als er endlich die wahre Natur dieser Mission verstanden hatte, waren sie bereits auf halbem Weg zu den Zho’qafa-Katakomben, wo die Abtei Durmand mächtige Artefakte im Kampf gegen die Alt-Drachen vermutete. Das bislang Einzige, was Ekkills Stahl auf dieser Reise gekostet hatte, war eine stachelige, bauchnabelhohe Annemone am Höhleneingang, die der gelangweilte Norn mittlerweile in mundgerechte Stücke zerhackt hatte.
    So weit es ihm möglich gewesen war, hatte sich Kriegsmeister Leddron in dem winzigen Unterschlupf von den zwei Abtei-Frauen und deren unverständlichem Gewäsch isoliert. Wie alle auf den Kampf Mann gegen Mann ausgebildeten Krieger bei den Wachsamen trug auch der ranghohe Charr eine schwere, anthrazitfarbene Plattenpanzerrüstung, geschmiedet in den höchst eigenen Brennöfen und für die Bedürfnisse jedes einzelnen Soldaten speziell angepasst. Noch nicht einmal eine einzige Komponente dieses wuchtigen Monstrums hatte Leddron während der Wartezeit von seinem Körper abgelegt, als befürchtete er, jeden Moment in voller Montur ausrücken zu müssen. Passend dazu hatte er die die unfreiwillige Geduldsprobe genutzt, seine Klinge auf Hochglanz zu polieren - zweimal. Leddron, dem man nachsagte, nichts und niemand könnte seinem kriegsgegerbten Gesicht je auch nur ein winziges Lächeln abringen, war weiter denn je von Entspanntheit entfernt. Auch Rionas und Vespas Rückkehr trug nicht im Entferntesten dazu bei, die nasskalte Tristesse, an der alle Anwesenden in der Höhle krankten, zu erhellen. Als die Späherin vor dem Expeditionsführer salutierte, hatten die Stiefel des monströsen Charr in ihrer Ungeduld bereits ein ziegelsteingroßes Loch in den weichen Untergrund gebohrt.
    „Pünktlichkeit scheint euch fremd, oder warum habt Ihr euch so viel Zeit gelassen?“, tadelte Leddron die Ankömmlinge schroff. Sein grobschlächtiger Blick wanderte von Riona zu Vespa, wo er eine ganze Weile zum Stillstand kam. Je mehr schmutzige Details der Wachsame beim Taxieren der Charr-Diebin aufdeckte, desto angriffslustiger schien das hinter den Lefzen versteckte Zähnefletschen zu werden. „Ihr wart bei der Asche-Legion, nicht? Ist das die Art, wie man dort einen vorgesetzten Offizier empfängt?“ Seine Stimme wurde tiefer und nahm mehr und mehr die Form eines drohenden Unwetters an. „Eins könnt Ihr mir glauben: Wären wir in Ascalon und ich Euer befehlshabender Offizier - ich würde Euch auf der Stelle Euer räudiges Fell über die Ohren ziehen und es als Dreschflegel benutzen. Geht mir aus den Augen!“
    „Glücklicherweise sind wir weder in Ascalon noch seid Ihr hier auch nur ansatzweise in der Position, mir etwas zu befehlen. Dennoch darf ich mich verabschieden. Mir wird die Luft hier doch etwas zu dick.“ Eine spöttische Verbeugung, ein Augenzwinkern - mehr brauchte die Charr-Diebin nicht, um sich ohne weitere Vorwarnung in Luft aufzulösen.
    Riona konnte nicht anders als den Schneid ihrer Partnerin zu bewundern. Vielleicht bekleidete die vorlaute Agentin nicht gerade den höchsten Rang beim Orden der Gerüchte doch auch nur, da sie - allen Verdiensten zum Trotz - ihre Ernennung zu einer Lichtbringerin abgelehnt hatte. Dieses ranghohe Amt des Ordens hielten nur wenige Mitglieder inne, unter anderem Riona. Doch mit den vielen Privilegien dieses Ranges folgten neben großer Verantwortung auch andere Aufgaben. Unangenehme Aufgaben. „Schreibtischarbeit“, wie es Vespa gerne betitelte. Und darauf könne sie gut und gerne verzichten. So blieb die Meisterdiebin weiterhin eine schlichte Agentin des Ordens - zumindest formell auf dem Papier, und leider auch aus der Sichtweise der Wachsamen mit ihrer kompromisslosen Vorstellung einer klar strukturierten, straffen Befehlskette.
    Mit außergewöhnlicher Gleichgültigkeit wandte sich Kriegsmeister Leddron wieder der Späherin zu und forderte ihren Bericht an.
    „Die Informationen der Abtei sind tadellos. Hinter einem Feld, etwa eine Meile südwestlich von hier, konnte ich auf den Klippen deutlich Säulen und die Spitze einer gewaltigen Statue ausmachen. Zweifelsohne handelt es sich um die Ruinen des alten Balthasar-Schreins. Der Eingang zu den Katakomben muss irgendwo darunter ruhen.“
    „Aus dieser Entfernung? Und bei dieser Witterung?“ Argwöhnisch runzelte Leddron die Stirn. „Seid Ihr Euch absolut sicher?“
    Riona verhärtete Gesichtsausdruck wie Schultern gleichermaßen. „Bei allem nötigen Respekt, Kriegsmeister: Ich erkenne das Abbild Balthasars, wenn ich es sehe. Auch aus Distanz.“
    Der Charr hob eine Augenbraue, wirkte aber dennoch weiter unbeeindruckt. „Feindliche Aktivitäten?“
    „Keine Patrouillen. Ein einziger Auferstandener auf dem Feld. Er wird uns keine Probleme mehr bereiten. Keine Zeugen“, ergänzte sie.
    Nachdenklich kratzte sich Leddron am Kinn. „Und oben auf den Klippen? Am Schrein?“
    Riona zögerte leicht. „Ich vermochte nichts zu erkennen, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß. Bei allem, was wir von den Auferstandenen wissen, könnten Tempelpriester und Akolythen den Altar bewachen, so wie sie es schon vor Jahrhunderten taten. Ich schlage vor, wir nutzen den Schatten des Gebirges südlich des Feldes als Deckung. Es wäre nur ein geringfügiger Umweg und die Gebirgskette führt auf direktem Wege zum Fuße des Tempels. Zwangsläufig sollten wir irgendwann auf den Eingang zu den Katakomben stoßen. Die Alternative ...“
    „Ich kenne die Alternative!“, unterbrach Leddron die Späherin unwirsch. Einen Moment lang überlegte er, dann verscheuchte er knurrend den winzigen Gedanken eines Zweifels, der das grimmige Gesicht kurzzeitig getrübt hatte. „Nancy! Tebby!“ Er bellte die Namen der beiden Durmand-Gelehrten mit solch brachialer Gewalt durch den Raum, dass Nancys Federkiel, den sie gerade auf einem Dokument hatte ansetzen wollen, im hohen Bogen durch die Höhle flog. Kreidebleich und mit einem halben Papierkrieg unter dem Arm stolperte Nancy der Asura Tebby hinterher.
    „Ich habe alles mitgehört, Kriegsmeister, und ich teile die Meinung der Lichtbringerin: Auf offenem Feld wären wir ein prädestiniertes Kanonenfutter. Wobei ich doch stark daran zweifle, dass die Orrianer ihre sakrosankten Tempel mit rudimentärem Kroppzeug entweihen würden. Da ist sicherlich mächtige Magie am Werk. Aber warum ein Risiko eingehen?“
    Tebby machte dem Rest ihres zum gleichen Teil wissbegierigen wie schlagfertigen Volkes alle Ehre. Was die Asura nicht an Körpergröße wettmachten, kompensierten sie mit ihrem phänomenalem Verständnis und Auffassungsgabe. Dummerweise besaßen sie aber auch nicht selten - und ohne dies bewusst wahrzunehmen - ungefähr das gleiche Taktgefühl wie ein Haufen betrunkener Norn kurz vor einer Kneipenschlägerei. Zum ersten Mal wirkte Kriegsmeister Leddron tatsächlich so, als hatte man ihm den Wind aus den Segeln genommen. Zumindest für einen Augenblick.
    „Ich hatte Euch nicht um Eure Meinung gebeten, Gelehrte!“
    „Sondern?“
    „Ruhe!“
    Leddrons verheerendes Machtwort hatte die Durchschlagskraft eines entladenen Vierpfünders. Der Rest von Nancys gesammelten Werken landete mit einem gewaltigen Klatschen auf dem Boden. Tebby, die den Mund gerade noch geöffnet hatte, blieb das Gedachte im Halse stecken. Ekkills pflichtvergessener Kopf tauchte kurz hinter einem Steinbogen nahe dem Höhleneingang auf, neugierig den Grund des erfrischenden Tumults zu erfahren. Ein einziger vernichtender Blick seines vorgesetzten Offiziers reichte auf, den Recken wieder zurück auf dessen Posten zu befehligen. Unheilvoll blähten sich die Nasenlöcher des Charr mit jedem seiner ungehaltenen Atemzügen. Teile seiner in Wut gesträubten Mähne glättete er ungewollt, als er sich mit einer grobschlächtigen Bewegung den Speichel vom Mundwinkel wusch. „Wenn die Herrschaften dann endlich wieder bei Kräften sind“, Leddron sah in furchtbar affektierter Manier die Abtei-Fraktion an, „und das Kätzchen seine Krallen wieder eingezogen hat“, diesmal galt sein Blick Riona stellvertretend für deren entschwundene Partnerin, „könnten wir uns dann endlich wieder unserer Mission widmen.“ Ein Widerspruch blieb von beiden Seiten aus. Bestätigt nickte der Expeditionsleiter knapp. „In zehn Minuten brechen wir auf. Der Papierkrieg hat bis dahin verschwunden zu sein, Nancy, und Eure Partnerin abmarschbereit zu sein, Riona! Weggetreten!“



    Feiner Sprühregen setzte allmählich ein, als der Expeditionstrupp die Bergkette im Süden erreichte. Mit wachsender Distanz zu ihrer schützenden Zuflucht holte dasselbe unangenehme Gefühl die ungleichen Gefährten wieder ein, das sie auch bereits auf dem langen Hinweg heimgesucht hatte: Die beunruhigende Einbildung, aus freien Stücken tiefer und tiefer in das weit geöffnete Maul einer hungrigen Bestie hinunterzuklettern. Im trügerischen Schutze des düsteren Mantels, den der gewaltige Gebirgszug in inniger Umarmung über die Wanderer gelegt hatte, stank die Luft etwas weniger penetrant nach fauligen Pflanzen und verwestem Fleisch. Dafür fühlte sich die vom Regen durchtränkte Luft spürbar kälter an.
    Der jahrhundertlange Wechsel von Ebbe und Flut hatte tiefe Narben in dem Felsmassiv hinterlassen. Zersetzt vom scharfen Salzwasser klafften tiefe Risse wie Falten in dem greisenhaften Felsgesicht. Mit zunehmender Höhe häuften sich überlappende Gesteinsschichten, einem gewaltigen Überbiss ähnlich, die meterweit aus dem Felsen hervorstanden. Es lag nahe, dass diese Formationen die ungefähre Höhe markierte, wo der Gebirgszug noch vor wenigen Jahren knapp aus dem Ozean hinausragte und somit Zielscheibe zerberstender Wellen geworden war. Ab diesem Punkt lösten auch die Schattierungen von kräftigeren Grautönen das schleimige Algengrün stufenweise ab, bis nichts mehr darauf schließen mochte, dass der Ozean die Ländermassen Orrs einst verschluckt hatte.
    Rionas Nacken hatte sich zu einem steif gefrorenen See verkrampft, während ihr besorgniserregter Blick von Stein zu Stein wanderte, die wie rasiermesserscharfe Zähne auf sie wirkten. Das gleichmäßige Pling Pling des Regens auf den Stahlrüstungen der Wachsamen gab den viel zu schnellen Takt ihrer Schritte vor, denn das lose, unförmige Geröll, das den holprigen Pfad säumte, ließ sie langsamer als erwartet vorankommen. Nur Vespas katzenartigen Reflexen und einem beherzten Griff an Nancys Kragen war es zu verdanken, dass die Gelehrte nicht bereits zum zweiten Mal - laut schreiend - eine unfreiwillige Begegnung mit dem harten Erdboden gemacht hatte. Riona wusste nicht, was schlimmer war: Nancy erneut dabei beobachten zu müssen, wie sie nur Sekundenbruchteile davon entfernt war, schreiend und Arm rudernd über den nächsten Stein zu fallen, oder Ekkills von Minute zu Minute lauter werdender Protest, seine Klinge wüsste schon gar nicht mehr, wann sie zuletzt einen Lebensfaden durchtrennt hätte, oder Tebbys ellenlange, einschläfernde Exkursion über die Viskosität von Krait-Öl zuhören zu müssen. Auch Kriegsmeister Leddrons Stimmung nahm ähnliche Bahnen wie das Wetter an. In einem Ausbruch roher Ehrlichkeit spuckte der Charr auf den Boden und knurrte, dass es vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen wäre, mit wehenden Bannern auf den Tempel zuzumarschieren. Wenn sie dann fallen würden, dann zumindest ehrenvoll im Kampf, und nicht langsam dahinraffend durch ein Geschwür im Ohr.
    Das Gelände wurde schwieriger. Hohe Felswände zu Ihrer Rechten machten es den Gefährten unmöglich, eine mögliche Gefahr frühzeitig zu erkennen. Links und rechts nur nackter Stein, und sie in der Schlucht gefangen ohne Deckung oder Fluchtmöglichkeit. Eine günstige Position für einen Hinterhalt von oben, wie Tebby richtig bemerkte. Leddron erstickte aufkommende Proteste im Keim. Weder würden sie umkehren, um einen anderen Weg zu suchen, noch das Hindernis umgehen. Deutlich mehr Überredungskunst verlangte es, als Leddron bis zu den Knien im eisigen Morast versank. Der Schutz von Rionas Stiefel und Brünne versagte angesichts dieser Übermacht der Natur. Als die Brühe Hüfthöhe erreichte, gab es keine Pore in ihrem Körper, die nicht vor unerträglichen Schmerzen bitterlich schrie. Und in Tebbys Fall ... ihr reichte der Pfuhl wahrscheinlich bis zum Kinn. Erst aber auf halbem Weg durch den Pfuhl stellte man fest, dass die Asura noch nicht einmal einen kleinen Zeh in das Eiswasser gesetzt hatte. Kategorisch ablehnend wartete die Gelehrte, bis der Kriegsmeister seinem Recken - nach unerträglich langer Diskussion, die erst nach Androhung von lebenslangem Latrinenputzen endete - befehligte, umzukehren und die Sturheit der Asura damit zu belohnen, sie über den Sumpf zu tragen.
    „Jetzt lässt der Regen nach. Jetzt!“ Vor Wut fauchend wandte Leddron seinen Blick dem Himmel zu. Blanker Hohn, wie die grauen Wolken ihm hässliche Grimassen schnitten und langsam weiterzogen. Die bunt zusammengewürfelte Prozession hatte ihr Ziel erreicht. Müde, schmutzig und demoralisiert. Dafür unbemerkt. Es war die erste und einzige Öffnung im Berg, die sie gefunden hatten. Dennoch waren Menschen, Charr, der Norn und die Asura zum ersten Mal der gleichen Meinung: Hier und nur hier musste es sein. Der Atem des Berges war so klirrend kalt, dass er an der Oberfläche sichtbare Formen annahm wie Qualm, der aus den Nüstern eines feuerspeienden Lindwurms quoll. Jemand hatte eine Fackel in der Eingangsnähe angebracht, deren Licht unheimliche Schatten auf die kahlen Höhlenwände warf. Die in den Stein gemeißelten Treppenstufen und die hohen Säulen bildeten einen surrealen Übergang zu der melancholischen Einöde der Oberwelt, zu den schroffen, kalten Mauern und dem penetranten Gestank von vermoderten Leichen, bei dem sich selbst das Fell beider Charr wild sträubte. Es war eine Totengruft.
    So gut sie es konnte, verwischte Riona die verräterischen Fußabdrücke hinter ihnen. Die Waldläuferin kostete den Vorwand bis auf die letzte Sekunde aus, um ihre Lungen mit der deutlich erträglicheren Luft zu füllen. Erst, als sie es nicht mehr länger hinauszögern konnte, befreite Riona eine Fackel aus ihrer Halterung und tauchte als Schlusslicht der Gruppe in das Zwielicht der Krypta ein.



    Jede der Treppenstufen beantwortete die kleinste Bewegung mit einer beständigen Echo-Symphonie. Der Kanon leichten Schuhwerks, schwerer Stiefel und krallenbewehrter Pfoten erfüllte die klirrende Luft noch mit seinen hellen Klängen, als bereits die Schatten den Eingangsbereich wieder zu ewiger Nachtruhe betteten. Riona arbeitete sich an die Spitze der Gruppe vor - die Fackel in der einen und den in Leder gewickelten Knauf ihres Einhänders in der anderen Hand. Kurz nickte sie ihren Kameraden zu, dann setzte sich die Prozession wieder in Bewegung. Die anfängliche Sorge der Fackelträgerin, die Katakomben könnten bei ihrer Ankunft metertief unter Wasser stehen, hatte sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt. Die Restfeuchtigkeit in Wänden, Boden und Decke schimmerte gräulich-weiß in der kalten Luft, doch noch nicht einmal die kleinste Pfütze erinnerte daran, dass das Gewölbe vor Jahren noch überflutet war. Unglücklicherweise bestätigte das nur die Theorie des Ordens der Gerüchte: Für die ruhelosen Orrianer war dieser Ort heilig. Wie schon zu Lebzeiten pilgerten sie zum stillen Gebet in die Krypta hinab, um die Seelen der Verstorbenen zu ehren. Das erklärte auch etwas so Selbstverständliches wie die Fackeln, die umsichtig an den Wänden befestigt waren. Riona war sich sicher, dass ein derartiges Sakrileg, die schändliche Entweihung ihrer heiligen Stätte, mit Sicherheit nicht lange ungesühnt bleiben würde. Instinktiv beschleunigten sich die Schritte der Waldläuferin. Besser sie fanden das, was die Abtei zu finden erhoffte, bevor ein derartiges Szenario eintraf.
    Mit dem Eingangsbereich in weiter Distanz wuchs die Höhle allmählich in Höhe und Breite, bis sie direkt in eine weitläufige Halle mündete, die mit je einer Abzweigung in jede Himmelsrichtung wie eine Kreuzung angeordnet war. Die spröden, deformierten Felsformationen an Wänden, Decke und Boden wurden von stellenweiße mit Raufreif überzogenen Ziegeln abgelöst, die in den Berg gemeißelt worden waren. Spinnenweben waren verschwunden. Dunkle Brandspuren an den Mauern bezeugten den Einsatz von Elementarmagie gegen das Unkraut und Gestrüpp, welches sich über die Jahrhunderte hinweg wie Korrosion durch den Stein gefressen hatte. Stützpfeiler, noch zu Anfang klobige, brüchige Monstrositäten, waren jetzt symmetrisch angeordnet und brillierten in Goldfarben. Fackeln gab es keine mehr, dafür Goldschälchen, in denen ein unnatürliches purpur-weißes Feuer knisterte. Antike Reliefs von Männern und Frauen, so hoch wie ein Norn, quälten sich mit grimmigen Mienen in je einigen Meter Abstand aus dem Mauerwerk. Darüber prangten orrianische Schriftzeichen - wahrscheinlich die Namen der hier Bestatteten. Nur gab es keine sichtbaren Grabsteine, keine Särge. Die Toten mussten wohl eingemauert sein, vermutete Riona.
    „Bei der Bärin, was könnte man hier für einen Bierrat feiern! Wenn nur nicht der Nachschub so lange brauchen würde, hier einzutreffen. Auch die Gesellschaft könnte eine bessere sein.“
    „Seid kein Narr! Glaubt Ihr wirklich, die Orrianer würden Euch und Eure Bande von Trunkenbolden hier ein Saufgelage veranstalten lassen?“, zischte Tebby den Norn an.
    „Die werden erst gar nicht eingeladen. Und sollten sie trotzdem unangemeldet erscheinen, heißen wir sie mit gewetzten Klingen willkommen“, lachte Ekkill.
    „Schluss jetzt! Alle beide!“ Ausnahmslos jeder im Raum zuckte alarmiert zusammen. Die kalten Wände warfen Kriegsmeister Leddrons wütendes Echo hundertfach zurück. Das bärbeißige Gesicht des Charr gefror, während er mehr über den Verlust seiner Selbstkontrolle als über die beiden Streithähne leise zu fluchen begann. Riona und Vespa tauschten besorgt Blicke, bevor sie den Weg vor und hinter ihnen mit ihren Blicken absicherten.
    „Zuhören, alle! Wir sind so weit gekommen und wir werden nicht mit leeren Händen zurückkehren. Aber zurückkehren werden wir, verstanden?“ Leddron zuzuhören, wie er mit gedämpfter Stimme sprach, war mehr einem Knurren einzuordnen als ein Flüstern. Aber es war ihm ernst. Ernster als je zuvor. „Riona, Ihr und Nancy untersucht den Westflügel. Ekkill und Tebby übernehmen den Ostflügel. Dreht jeden Stein um, wenn nötig, und nehmt alles mit, was auch nur Spuren von Magie aufzeigt. Nachtpirsch, Ihr sichert unseren Rückweg, während ich den gegenüberliegenden Korridor ...“ Leddron geriet ins Stocken, als er feststellte, dass die kleine Asura bereits auf eigener Faust zum Ostflügel unterwegs war. Wie er es dabei noch schaffte, seine Wut weiterhin zu einem leisen Knurren zu dämpfen, war Riona ein Rätsel. „Bei der Klaue des Kahn-Ur! Recke, ihr nach! Und ihr anderen, Abmarsch!“
    Es fiel Riona schwer, in Anbetracht von Tebbys ungeheurer Forschheit ein verstohlenes Grinsen zu leugnen. Die Asura mit ihrem watschelnden Gang bog bereits um die Ecke, als der Norn noch auf halbem Weg zu ihr war. Nancy tauchte an Rionas Seite auf. Die Abtei-Gelehrte teilte das Lächeln der Lichtbringerin, wenn auch etwas gequält. Vespa winkte ihrer Gefährtin vom Orden kurz zu, dann verschmolz sie mit den Schatten.



    Die Kammer im Westflügel besaß nur einen schwachen Bruchteil der zurückgelassenen Imposanz. In jeder Ecke des quadratischen Raumes waren schwungvolle Haltevorrichtungen aus Eisen angebracht. Auf den Schälchen darauf brannte dasselbe purpur-weiße Feuer wie im Vorraum, nur waren diese aus Kupfer, statt aus Gold. Die Luft war etwas wärmer, dafür stickiger und stank fürchterlich nach einem Gemisch, das Riona als Weihrauch und verschiedenen Nadelhölzern identifizieren konnte. Ein Großteil des Raumes wurde von vielen kniehohen Krügen in Anspruch genommen, die mit akribischer Genauigkeit neben- und untereinander positioniert waren. Riona lief ein eisiger Schauer über den Rücken, schlimmer sogar noch, als sie fast bis zum Bauchnabel durch das Eiswasser gewatet war. Es handelte sich um Begräbnisurnen.
    „Nancy, wollt ihr Euch das nicht ansehen? Nancy?“
    Die Gelehrte reagierte erst beim zweiten Ansprechen. „Ja, gleich“, fuhr sie zerstreut aus den Gedanken. „Dieses Feuer ... So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Die Nasenspitze der Abtei-Frau war nur noch so weit von der Schale entfernt, dass Riona glaubte, jeden Moment müssten die Augenbrauen Feuer fangen.
    „Verbrennt Euch nicht!“, mahnte Riona, doch zum gleichen Zeitpunkt tauchte Nancy ihr Gesicht in die Schale. Riona entfuhr ein spitzer Schrei, den sie nur im letzten Moment mit der geöffneten Hand vor dem Mund abdämpfen konnte. Sie setzte bereits zum Spurt an, als Nancy den Kopf wieder anhob - und der Lichtbringerin gelassen zulächelte.
    „Lauwarm. Versucht es ruhig.“
    Erleichtert atmete Riona aus. „Dafür, dass Ihr keinerlei Erfahrung mit dieser Magie habt, geht Ihr ziemlich leichtsinnig damit um. Nicht vielleicht etwas zu leichtsinnig?“ Sie bemühte sich, nicht vorwurfsvoll zu klingen, schließlich hatte sie es mit einer erwachsenen Frau zu tun, und dann noch von der Abtei, nicht mit einem Kleinkind. Doch eine derartige Sorglosigkeit war ihr bislang nur selten untergekommen.
    „Ich war mir ziemlich sicher, dass nichts passieren würde. Siebzig ... nein, achtzig Prozent“, korrigierte die Gelehrte noch immer lächelnd.
    Kaum erkennbar schüttelte Riona den Kopf und trat an das Licht der Schale heran. „Ihr redet wie eine Asura“, sagte sie zu Nancy gewandt.
    Diese zuckte die Schultern. „Vielleicht. Ich habe die letzten Jahre fast ausschließlich mit ihnen verbracht. Sie sind gar nicht mal so schlimm, wie die Leute immer behaupten. Nur manchmal etwas mürrisch, wenn man sich beispielsweise ein Buch zu lange ausleiht.“
    Interessiert, wenn auch vorsichtig näherte sich Rionas Zeigefinger der Schale, die zuvor Nancys Test bestanden hatte. Es war lauwarm, irgendwie lindernd. „Ihr wart in Rata Sum?“, fragte die Lichtbringerin. Auf einen zweiten Test ließ sie es nicht ankommen.
    Nancy schüttelte den Kopf. „Oh nein, nur mein Arbeitsplatz in der Abtei ist für gewöhnlich die Bibliothek.“ Sie zwinkerte Riona zu. „Man könnte behaupten, alle Asura, die zur Abtei gehören, würden dort wohnen. Tebby zum Beispiel: Wuselt tagein tagaus in den Gängen herum wie eine großspurige Maus. Ich bin in meinem Leben eigentlich noch nie sonderlich viel rumgekommen“, überlegte die Gelehrte laut und mit abgewandtem Blick. „Geboren und aufgewachsen bin ich in den Zittergipfeln. Meine Eltern gehörten schon der Abtei an, als ich noch ganz klein war. Ich bin quasi hereingewachsen. Und Ihr?“
    „Aus Shaemoor, einer kleinen Siedlung südlich von Götterfels. Meine Vorfahren allerdings waren gebürtige Ascalonier. Nach dem großen Feuer vor fast 300 Jahre zogen sie mit anderen ascalonischen Flüchtlingen über die Zittergipfel und ließen sich in Kryta nieder. Nur wenige Erbstücke aus unserer alten Heimat haben die Zeit überdauert. Mittlerweile fließt wohl auch mehr krytanisches als ascalonisches Blut in unseren Adern. Meine Schwester und ich sind diesbezüglich zwar unterschiedlicher Meinung, aber ich betrachte Shaemoor und Kryta nun als meine Heimat.“ In stiller Nostalgie an ihr Zuhause ziepte Rionas Herz sehnsüchtig auf. Bessern wollten sich ihre Gefühle auch nicht, als sie unerwartet den Geschmack von Edas frischgebackenem Apfelkuchen auf der Zunge und eine warme krytanischen Brise auf der Haut spürte. „Sie ist übrigens auch in der Abtei Durmand. Vielleicht kennt Ihr sie?“, versuchte Riona das Gespräch wieder auf andere Bahnen zu lenken, fern den Gedanken an ihre Heimat.
    Erneut schüttelte Nancy den Kopf. „Höchstens flüchtig aus Vorlesungen. Ich ... verkehre relativ selten mit anderen Leuten. Ich bin lieber bei meinen Büchern.“
    „Ihr seid sehr weit von der Behaglichkeit einer Bücherei entfernt“, stellte Riona fest, „wie kommt das?“
    Nancy lächelte matt. „Das falsche Wort zur falschen Zeit - schon ist es herum mit der Gemütlichkeit. Außerdem meinte Gixx - er leitet die Abtei, unser Kopf sozusagen -, dass es allmählich Zeit sei, für meinen ersten Einsatz im Feld. Hätte ich gewusst, wo mich mein Interesse für die orrianische Sprache eines Tages hinbringen würde, hätte ich lieber ein anderes Fach belegt, Zwergenrunen zum Beispiel. - Seid so gut und gebt mit bitte die Fackel, ja?“
    Das purpur-weiße Feuer in der Schale reagierte sehr empfindlich, als die brennende Fackel näher rückte. Stück für Stück verdrängte das gewöhnliche Feuer das von Magie geschaffene, als ob man ein wildes Tier in die Ecke trieb. Dann plötzlich und ohne weitere Vorwarnung fuhr die zurückgedrängte Bestie Klauen und Zähne aus. Die Funken der Schale sprangen in Sekundenschnelle auf die Fackel über. Nancy keuchte vor Schreck. Als sie sich wieder fasste, war das orangefarbene Licht der Fackel erloschen - und das lauwarme, purpur-weiße brannte darauf.
    Die Gelehrte musterte die Fackel atemlos. „Verschlungen. Faszinierend.“
    „Und das? Habt Ihr das kommen sehen?“, fragte Riona.
    „Um ehrlich zu sein, nein. Als Elementarmagierin habe ich schon viele Formen von Magie studiert. Die Magie der Flammen-Legion, elonische Magie ... Doch noch nie war sie in ihrer Signatur so unterschiedlich wie dies hier.“
    Riona runzelte die Stirn. „Signatur?“
    „Ja, wusstet Ihr das nicht? Jede Form von Magie trägt eine Signatur in sich. Einen Stempel sozusagen.“
    „Mesmer nutzen Illusions- und Beherrschungsmagie. Elementarmagier schöpfen aus den Elementen.“ Riona zuckte die Schultern. „Allgemein bekannt. Aber Eure Umschreibung ist mir fremd.“
    „Ja, das ist richtig, aber darauf wollte ich nicht hinaus“, erwiderte sie kopfschüttelnd. „Das ursprüngliche Feuer der Fackel beispielsweise, das Ihr mitgebracht hattet. Ich konnte spüren, dass sie magisch entfacht wurde, unterschied sich aber in seiner Signatur völlig von meiner Elementarmagie, obwohl es letztendlich nur ein- und dasselbe ist, nämlich Feuer. Hätte ich diese Fackel mit meiner Magie entzündet, wäre nur rein optisch dasselbe Feuer gewesen.“
    „Als ob zwei verschiedene Schmiede denselben Stahl verarbeiten. Das Ergebnis wird immer unterschiedlich sein.“
    „Im Grunde richtig“, nickte Nancy. „Die Asura beschäftigen sich mit diesem Phänomen schon seit Jahrhunderten. Und auch, wenn sie es nicht gerne zugeben, so stehen sie eigentlich immer noch am Anfang ihrer Forschungen. Außerdem scheint es eine Ausnahme dieser Regel zu geben, die sämtliche bislang erzielten Ergebnisse völlig auf den Kopf stellt: In ihrer Magie scheinen die Orrianer alle dieselbe Signatur zu tragen, obwohl das eigentlich völlig unmöglich ist und allem widerspricht, was wir über Magie wissen ... oder zu wissen glauben. Und das hier“, sie drehte die Fackel zu allen Seiten, „ist mir ebenfalls völlig unbegreiflich. Es ist keine mir bekannte orrianische Magie. Aber was dann? Eine Unterart? Ist es vielleicht sogar Drachenmagie? Wo fand sie ihren Ursprung. Was ist ihr Katalysator? Was ihre Anwendungsmöglichkeiten?“ Nancy seufzte. „So viele Fragen, so wenig Zeit ...“
    Riona beobachtete, wie die Flammen auf dem Docht der Fackel tanzten. Eine unmittelbare Gefahr schien von der ungewöhnlichen Lichtquelle nicht auszugehen. Behutsam nahm sie das unnatürlich kühle Feuer entgegen. „Wir könnten es mitn...“
    Ein von Qualen durchzogener Schrei durchschnitt die Luft, erschütterte Mark und Bein und hämmerte noch in den Ohren aller, die ihn vernommen hatten, als die Stimme längst verklungen war. Riona wirbelte herum. Ihr Herz bebte so heftig, dass es schmerzte. Es war aus der Vorkammer gekommen. Genau genommen: aus der gegenüberliegenden Nische. Der Ostflügel.
    „Tebby!“, schrie Nancy entsetzt. Sie rannte los; Riona ihr hinterher.
    Aus tiefster Kehle stieß Ekkilll einen wütenden Schrei aus. Einen Moment später erzitterte die Erde. Etwas Großes donnerte mit geballter Wucht auf den Boden, dass noch in der großen Halle feiner Staub von der Decke rieselte. Als Riona, Nancy und wenige Sekunden später auch Leddron und Vespa die Kammer füllten, lag der Angreifer wieder leblos in dem kunstvoll dekorierten Sarg, aus dem er entstiegen war. Kopf, Schultern und der halbe Oberkörper fehlten, zerschmettert und zu Staub zermahlen von Ekkills Streitkolben, den er noch in der einen und sein Schwert in der anderen seiner zitternden Hände hielt. Die Asura lag daneben, die Robe blutgetränkt, ein Dolch im Zentrum der sich rasch ausbreitenden Lache. Tebbys Augen waren in Entsetzen weit aufgerissen, der Mund in Ungläubigkeit halb geöffnet, die Glieder schlaff. Sie war tot.
    Erst noch gelähmt vor Schreck, warf sich Nancy schluchzend vor den regungslosen Körper der Asura, ihre Arme fest um den Hals ihrer verstorbenen Abtei-Kameradin verschlungen.
    „Es geschah so schnell“, begann der Norn mit brüchiger Stimme, als er den anklagenden Blick seines Vorgesetzten auf sich spürte. „Tebby wollte den Sarg öffnen. Ich weigerte mich, Ihr zu helfen. Sagte Ihr, man solle die Toten in Frieden ruhen lassen. Sie wollte nicht hören. Meinte, ich sei ein unbrauchbarer Depp. Dann öffnete sie den Deckel. Ich habe nur kurz weggesehen ... da hatte ihr dieses feige Scheusal bereits den Dolch ins Herz gerammt. Nicht einmal die Schneeleopardin hätte das kommen sehen.“
    Nancy heulte laut auf. Bittere Tränen blitzten zwischen ihren Wangen und dem Kragen der gerade Verstorbenen.
    „Nancy ...“ Pelziger Flaum bedeckte Rionas Zunge. Kaum ein Wort vermochte sie ihren trockenen Lippen zu entlocken. Die Beine der Waldläuferin zitterten heftig, als sie neben der Trauernden niederkniete, die tauben Hände von einer dicken Eisschicht umgeben. Dennoch legte sie jene, die nicht gerade den Griff der Fackel umklammerte, der Frau mitfühlend auf die Schultern.
    Dann wurde es still. Nur das Wehklagen der Gelehrten war zu hören, abgerundet von dem müden Flackern der Fackel.



    Ein gedämpftes Stimmenwirrwarr riss die den Trauervorhang gewaltsam entzwei. Ächzend. Klagend. Vor allem aber: Wütend Fingernägel kratzten auf Stein wie auf einer Schiefertafel. Wände und Boden der Höhle begannen zu beben, selbst die Einkristalle in der Luft vibrierten. Vespa machte einen Satz zu der Öffnung, die zur Haupthalle führte. Dem braunen Fell schwand rapide die Farbe. Haare und Schwanz richteten sich steil zu Berge.
    Mit instinktiv gezückten Dolchen in den Händen wirbelte sie herum, das Gesicht vor Angst verzerrt. „Auferstandene!“ Die Charr machte keinen Hehl mehr daraus, ihre Hysterie durch ein Flüstern zu maskieren. Dafür war es bereits zu spät.
    Wie winzige Pendel schwangen die schweren Bodenplatten in dem fahlen Licht hin und her. Erste Fliesen donnerten mit gewaltigem Knall auf die Seite. Unterhalb des feinen Staubrinnsals, der von der Decke rieselte, krochen die ersten Orrianer, die körperlich Kräftigsten unter ihnen, aus ihren Gräbern. Unter Qualen rissen sich die ausgezehrten Männer und Frauen die zerfledderten Balsambandagen vom Leib. Grausame Abscheulichkeiten kamen unter den Verbänden zum Vorschein. Skelettartige Schädel, in deren weiten Augenhöhlen Magie wie kalter Hass funkelte. Gesichter, Arme und Beine besaßen mehr Ähnlichkeit mit altem Pergament als mit menschlicher Haut. Teilweise waren die Wangen und Stirnen mit unansehnlichen schwarzen oder grünen Löchern übersäht, in denen Maden sich eingenistet hatten. Unterhalb ihrer Verbände trugen die meisten Orrianer keine oder nur wenige Kleidung; brüchige Lumpen, kurz davor zu Staub zu zerfallen, oder nackte Brustkörbe, deren Knochenpartien unter der Haut weit hervorstanden, als ob man ein hauchdünnes Betttuch viel zu straff gespannt hätte. Doch einige unter ihnen waren auch in edlere Trachten gehüllt. Lange, weite Roben oder Mäntel, schmuckvoll verziert, die kräftigen Farben jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu aschfahler Tristesse verkommen. Erlesene Armbänder, Goldketten und Perlen hielten die Illusion von Glanz und Erhabenheit beharrlich aufrecht, während das verrottete Fleisch die Realität bittere Lügen strafte. Nicht wenige die Ruhelosen trugen Waffen bei sich. Dolche, Kurzschwerter manche auch Zweihänder oder Äxte. Wahrscheinlich Habseligkeiten ihres früheren Daseins. Das Alter stand den Klingen jedoch äußerst schlecht. Rost hatte sie porös und stumpf werden lassen, was die Auferstandenen jedoch nicht von der Verwendung abhielt.
    Während Leddron und Ekkil noch mit gezogenen Waffen zum Ausgang der kleinen Kammer stürmten, hatte Vespa bereits zwei Auferstandene wieder zurück in ihr feuchtes Grab befördert. Wann immer die Charr eine ruckartige Bewegung machte, verschwammen die dunklen Konturen ihrer Rüstung in einer Bresche aus Licht und Schatten. Schwarze Schemen flackerten auf, mal hier, mal dort. Das jähe Auffunkeln eines Dolches, kurzlebig wie der letzte Atemzug des ausgewählten Opfers. Die Klinge trennte Kopf von Schultern. Arme und Beine des Enthaupteten erschlafften, der restliche Körper sackte leblos zusammen. Auferstandene links und rechts heulten vor Wut laut auf und straften den rasch dahinschmelzenden schwarzen Schleier mit verzweifelten Hieben ihrer rostigen Klingen. Doch bereits am anderen Ende des Raumes schälten sich Vespas Konturen erneut aus den Schatten, die Dolche abermals auf das nächste Ziel gerichtet.
    „Nancy! Wir müssen hier raus!“ Eindringlich rüttelte Riona an der blauen Gelehrtenrobe. Sie reagierte nicht. „Nancy!“
    Von jenseits der Kammer übertönte Ekkils frenetischer Kampfschrei alles bisher Dagewesene. Schwert und Streitkolben brandeten auf eine unendliche Flut fauligen Fleischs, zerstückelten das Ziel grobschlächtig entzwei oder zertrümmerten ganze Gliedmaßen zu einem undefinierbaren Brei. Der nächste Aufwärtshaken seines Streitkolbens barst den Kiefer des mit erhobener Waffe heranstürmenden Untoten. Schleim und gräuliche Fleischfetzen spritzten in alle Richtungen und sprenkelten das zu einer diabolischen Fratze verformte Gesicht des Norn. Die Wucht katapultierte den Untoten rücklings meterhoch durch die Luft, wo er irgendwie in einem Meer näher rückender Sklavenkreaturen unterging. Augenblicklich nahm ein anderer Angreifer den Platz seines Vormannes ein. Geistesgegenwärtig tauchte Ekkil unter dem rostigen Axthieb hindurch und antwortete seinerseits mit einem Schwertstich durch den Brustkorb des Angreifers. Bis zum Schaft rutschte die Klinge durch die schleimigen Eingeweide. Strauchelnd taumelte der Untote zurück, die Äxte in beiden Händen noch wild um sich rotierend, bevor er stürzte. Doch der gewaltige Ruck, mit dem der Orrianer zu Boden ging, ließ Ekkils Griff um die schleimverschmierte Klinge, die noch immer in dem Brustkorb steckte, entgleiten, sodass der Angreifer das Schwert mit sich riss. Überrascht betrachtete Ekkil seine plötzlich leere Hand, dann den Untoten, den er zwar soeben niedergestreckt hatte, der aber am Boden noch immer beiden Äxte kreisen ließ, dann das Schwert zwischen den unheilvoll umherschwingenden Klingen, dann wieder seine leere Hand. Bevor er seine Gedanken zu Ende bringen konnte, spürte er plötzlich einen gewaltigen Stoß auf der Schulter. Heißer, fauliger Gestank stieg ihm in die Nase. Die Luft blieb ihm weg. Magere Arme schlangen sich um seine Kehle, während brüchige Knie ununterbrochen auf den Rückenpanzer eintraten. Fast ausdruckslos griff Ekkil hinter sich. Mit einem gewaltigen Ruck und dem Geräusch, als ob man gerade einen morschen Baum gefällt hätte, befreite er sich von der orrianischen Bürde auf seinem Rücken und schleuderte die Last quer durch den Raum. Dem Norn blieb weder Zeit, den Verlust seines Schwertes lange zu betrauern oder über den ausgerissenen, zuckenden Arm seines Angreifers, den er jetzt anstelle seines Schwertes in Händen hielt, angewidert zu sein. Schon rückte der nächste Auferstandene nach. Neben dem Streitkolben in der linken Hand diente jetzt das zappelnde Gliedmaß in seiner Rechten als notdürftiger Dreschflegel - den er auch gleich einsetzte.
    Unter den beißenden Verwesungsgestank mengte sich der scharfe Geruch von Schießpulver. Viermal, fünfmal ... Jedes unheilvolle Klicken von Leddrons Abzug würzte die Luft mit einer Verderben bringenden Bleimischung. Während der tödliche Odem Leben für Leben aushauchte, besaß er gleichzeitig die Wirkung eines Weckrufes. Langsam erhob sich im Nebenraum Nancys Haupt. Die Augen verquollen und die Wangen gerötet schaute sie Riona an. Verzagend schüttelte die Gelehrte den Kopf. „Das ... hat sie nicht verdient“, stammelte sie. „Nicht so ... Nicht so ...“ Weitere Tränen kullerten ihr dabei über das Gesicht.
    Riona kämpfte mit ihrem Gewissen. Sie viel, was sie in diesem Moment sagen könnte. So viel, was sie tun könnte. Nichts aber, was Nancys Gefühlen wirklich gerecht wurde ... oder Tebbys Opfer. Stattdessen stimmte sie wortkarg in Nancys Kopfschütteln ein. „Nein, hat sie nicht ...“
    Selbst im Nebenraum klang die letzte Explosion der abgefeuerten Pistole noch so brachial, als ob sie direkt an Rionas Schläfe saß. Beide Frauen zuckten zusammen. Es war wohl der letzte Schuss, denn plötzlich war das Schießeisen verstummt. Auch diente es Riona glücklicherweise als Ausrede: Nancy erhob sich ganz von selbst. Knie und Hände der Gelehrten zitterten, doch sie stand auf eigenen Beinen.



    Der Strom von fauligen Untoten riss nicht ab. Waren die Gräber zwar mittlerweile erschöpft, hatte der Lärm jedoch weitere Auferstandene jenseits der Halle alarmiert. Von der nördlichen Passage her kommend schlossen sich weitere Diener des Drachen dem Konflikt in den Katakomben an: Akolythen, die zu Lebzeiten betörenden, jugendlichen Gesichter von Verderbnis entstellt, Tempeldiener und sogar Priester. Es waren jene, die zu Lebzeiten die körperlichen Überreste in der Gruft beigesetzt hatten. Jetzt kämpften die versklavten Kreaturen unter gemeinsamen Banner Seite an Seite. Leddron hielt gleich fünf Orrianer auf einmal - mehr mit seinem schäumenden Zähnefletschen als mit dem Großschwert - in Schach. Vor dem Charr türmten sich abgehackte Gliedmaßen wie Brennholz auf. Irgendwo dazwischen lag die Pistole; das letzte Blei gewaltsam aus dem silbernen Lauf gequetscht und der Kolben zertrümmert, nachdem Leddron die Waffe als Knüppel zweckentfremdet hatte. Sein Glück stand auf Messers Schneide. Immer mehr Raum büßte der Charr zwischen seinem eigenen Stahl und den verrosteten Klingen ein. Fauchend preschte eine Kreatur vor, als sich eine Lücke in der Verteidigung des Wachsamen aufgetan hatte. Leddron parierte den Schlag mit seiner eigenen Klinge und stieß den Angreifer wütend zurück. Doch das gewährte gleich den anderen vier Orrianern eine Möglichkeit - die sie auch nutzten.
    Rionas Schwert raste heran. Die Wirbelsäule des Auferstandenen knirschte bei Kontakt mit dem Stahl kurz auf, darauf zerbarst sie und trennte Unter- von Oberkörper, woraufhin das Leuchten der Magie in den Augen verschwand. Mit der anderen Hand schwang Riona die Fackel, als hielte sie den Kopf eines fauchenden Drachen in Händen. Die Untoten stoben auseinander; wütend, manche sogar sichtlich verängstigt, doch gleichermaßen mit unnachgiebigem Kampfwillen.
    „Wir müssen hier raus!“, schrie Riona Leddron zu. Selbst durch die Todesschreie dahinscheidender Orrianer und das Stakkato klirrenden Metalls vernahm sie die Furcht in ihrer Stimme.
    Die Auferstandenen zogen ihren Kreis um die zwei Verteidiger allmählich wieder enger. Das violette Feuer der Fackel bleckte die Zähne - eine Schwelle, die die Messer und Schwerter der Auferstandenen nicht überqueren wollten. Oder konnten.
    Statt gleich zu antworten, trennte Leddron mit einem Aufwärtshieb den aufdringlichen Schwertarm eines Aggressors vom restlichen Körper. Der Ausgang befand sich in weiter Distanz. Verweilen konnte sie jedoch auch nicht. Und weitere Untote rückten bereits von Norden her nach.
    „Ich decke Euren Rücken, wenn Ihr meinen deckt. Los!“ Widerworte erwartete Leddron nicht - womit er auch recht hatte. Mit einer unmissverständlichen Kopfbewegung signalisierte Leddron Riona, ihm zu folgen.
    Auch Nancy hatte die Anweisung vernommen und dirigierte sich selbst auf einem blutigen Pfad in Richtung ihrer Gefährten. Der Schmerz um den erlittenen Verlust war zu kaltem Abscheu geworden, Abscheu zu vernichtender Magie. Die Haare ihres geflochtenen Zopfs standen ihr zu Berge, während die Gelehrte die Elemente anrief. Unablässig webte sie komplizierte Muster in die aufgepeitschte Luft. Binnen Sekunden nahm die Magie feste Gestalt an. Objekte formten sich in der Luft. Einen Meter lang und mindestens zwei fingerbreit, bläulich-weiß schimmernd, mit schier endlos gezackten Dornen an beiden Enden, dass allein ein bloßer Blickkontakt genügte, um das bloße Auge bluten zu lassen. Es waren Speere aus massivem Eis, dampfend vor einer brutalen Kälte, wie sie nur in der Unterwelt existieren konnte. Mit der Leichtigkeit einer spitzen Nadel durchbohrten die tödlichen Geschosse das verfaulte Fleisch, als wären es Tücher. Ein losgeschossenes Projektil wurde sogleich von dem nächsten ersetzt, nicht weniger verheerend als das letzte. Nancy überbrückte die verbliebene Distanz zu Riona und Leddron mit einem weiten Satz über gleich drei zur Strecke gebrachte Auferstandene, die sie zuvor mit einem einzigen Speer gemeinsam gepfählt hatte. Eine Lache aus Schleim und Eingeweiden ließ sie straucheln, bekam dann aber noch Leddrons Schulterschutz zu fassen und fand somit ihre Balance.



    Die Reihen der Auferstandenen im Südflügel hatten sich gelichtet. Nancy sicherte den Fluchtkorridor; derselbe Weg, den sie ursprünglich gekommen waren. Er war verlassen. Nächst zu ihren Kameraden entstieg Vespa aus einem lichtfressenden Vakuum. Schwere, metallische Atemzüge verformten das sonst so geruhsame Gesicht zu unerbittlicher Erschöpfung. Schweiß glänzte auf dem rostbraunen Fell. Ein feines Blutrinnsal quoll aus einer unförmigen Wunde am rechten Oberarm. Einen ihrer Dolche hatte sie im Kampf um das Überleben verloren. Passend dazu klebten in den ausgefahrenen Krallen ihrer rechten Pranke faulige Fleischreste, „Souvenirs“, wie sie beiläufig mit grimmiger Miene scherzte.
    Trotz etlicher Verletzungen, nahezu überall, wo kein hartes Metall Ekkils Haut bedeckte, kämpfte der Norn mit unverminderter Härte erbittert weiter. Erschöpfung hatte jedoch sein zu Anfang noch wildes Grinsen abgelöst. Wann immer er sich nicht gerade mit langsamer Rückwärtsbewegung Richtung Ausgang bemühte, zerfetzten seine schleimbeschmierten Stiefel die morschen Schienbeine vor ihm, während die kräftigen Hiebe seines Streitkolbens Schädel wie Nüsse knackten und sein schmutziges Gesicht mit weiterem Eiter befleckte. „Bei der Nase des Wolfes!“, röchelte er. Ihm war mittlerweile speiübel. Nancys Eisspeere verschafften dem Norn etwas Spielraum zu dessen Rechten. Einmal noch zertrümmerte der Streitkolben einen Kiefer, dann setzte Ekkil zum Spurt Richtung Ausgang an - ein Rammbock, der keine Kompromisse machte.
    Nichts wollte dem Krachen gleichkommen, das die Geräuschkulisse sprengte. Ekkil schnürte es die Kehle zu, das Gesicht brannte in jähen Schmerzen lodernd auf, bevor es ihn rücklings zu Boden warf. Unversehens schnitt ein kaltes, bellendes Lachen die panischen Rufe nach Ekkils Namen ab. Ein schlaksiger Mann trat aus den Reihen der Auferstandenen am Ende des Raumes hervor, in seinem stolzierenden Gang und den schwarzen Augen gleichermaßen nichts als blasierte Verachtung. Nur in wenigen Details unterschied sich sein Gesicht von dem der anderen Orrianern: Ein in die Jahre gekommenes, hauchdünnes, löchriges Betttuch, das sich gewaltsam um den ausgebleichten Schädel spannte. Die rechte Ohrmuschel der Kreatur fehlte, ebenso ein Teil der Nase, an deren Stellen nun rußige Löcher klafften. Die Kleidung, jetzt zwar verwaschen und porös, zeichnete sich jedoch deutlich von den anderen Roben und Gewändern ab, wirkte bei näherer Betrachtung sogar aufsehenerregend. Unter dem extravaganten Rüschenkragen zogen sich schmale Silberstreifen je links und rechts über die Brust des schwarzen, langen Ornats. In dem Zwischenraum waren goldene Symbole eingestickt - orrianische Schriftzeichen, die denen auf den Gräbern ähnelten. Horizontal um die Stirn spannten sich zwei Bänder, die der juwelenbedeckten, pilzförmigen Haube den notwendigen Halt gab. Um den schlanken Hals schlang sich eine Goldkette, an der in Brusthöhe ein reich verziertes goldenes Amulett befestigt war. Die spindeldürren Finger seiner rechten Hand umklammerten den Schaft eines Ebenholzstabes, dessen längeres Ende wie eine zackige, fast halbe Meter große Muschel aussah, oder aber schrecklich an den Brustkorb eines ausgeweideten Tiers erinnerte. In stiller Ehrfurcht wichen die Seinen zurück.
    Auch Nancy wich zurück. Stolpernd. Aus Angst. Die Gelehrte hauchte etwas, was sich Riona mit viel Phantasie als „Hohepriester“ zusammenreimte.
    Frevler! Erfahrt Eure gerechte Strafe!“ Ein wässriges Gurgeln quoll aus dem Rachen der Kreatur. Den Stab wie einen Speer auf die Eindringlinge gerichtet, ließ die muschelförmige Spitze ein wütendes Grollen verlauten. Ein Sturm blauer Blitze stob heraus, schnalzten über den Boden. Leddron, an vorderster Stelle, hob noch das Schwert in Verteidigungshaltung, doch bereits der erste Blitz riss ihm die Waffe gewaltsam aus der Hand. Leddrons Schneide segelte noch durch die Luft, als die nachfolgenden Funkenstöße den Charr in einem unbarmherzigen Meer von Qualen ertränkten. Erst nur auf die Knie gezwungen, krümmte und zuckte Leddron kurz darauf vor Schmerzen schreiend wie ein Wurm. Rionas Fackel fiel scheppernd zu Boden. Ein Pfeil verließ die Sehne ihres blitzschnell gespannten Bogens. Ein Eisspeer von fast zwei Metern jagte dem Geschoss hinterher. Nicht ein Muskelzucken und keine Miene verzog der Hohepriester, als das Projektil kurz vor seinen Augen in hohem Bogen abprallte, als ob eine unsichtbare, meterdicke Steinmauer zwischen ihm und dem Pfeil stand. Der Eisspeer hingegen zersprang in Brusthöhe. Riona spannte zwei weitere Pfeile und jagte ihrem ersten Angriff hinterher. Der Erfolg jedoch blieb derselbe. In ihrer Machtlosigkeit erschauderten die Frauen. Doch waren zumindest die letzten Stromstöße auf Leddron abgeklungen. Die Krallen des Charr rissen tiefe Furchen in den gepflasterten Boden, während er sich mühselig aufrichtete. Noch nicht wieder fest auf beiden Beinen, griff er nach seiner fallen gelassenen Klinge.
    „Ich spüre mächtige Magie. So etwas habe ich ... noch nie gespürt“, wisperte Nancy. Vor ihnen, noch in einigen Metern Entfernung, regte sich Ekkill; ein kurzes Zucken seiner Glieder, ein Ächzen, mehr brachte er nicht zustande. „Wir werden sterben, riskieren wir eine Konfrontation.“
    Leddrons Blick blieb auf dem Auferstandenen und den Heerscharen um diesen herum haften. Zwischen seinem angriffslustigen Zähnefletschen grollte er: „Fliehen? Und Ekkill? Lieber möchte ich tausend qualvolle Tode sterben, als dass ich meine Männer in Feigheit zurücklasse.“
    Riona suchte Vespas Blick. „Wie kriegen wir ihn heraus? Und schaffen es selbst?“
    Die Charr schüttelte nur den Kopf. „Verschwinden wir.“
    Gelehrte Nancy ...
    Nancys Atem stockte. Unter dem sanften, magischen Glühen seines Stabes löste sich der Hohepriester weiter aus der Menge, bis er die Mitte des Raumes erreichte. Das boshafte Wesen bohrte seinen Blick in das erstarrte Gesicht der Gelehrten. „Hier ist jemand. Jemand, der Euch sprechen möchte. Tretet hervor!“ Unter der fließenden Bewegung seines Armes zu seiner Linken flatterte der lange Ärmel seines Ornats wie Segel im Wind. Sich langsam nähernde Schritte trübten die Grabesstille. Sie kamen ... aus der rechten Kammer. Dem Ostflügel. Riona stülpte es den Magen um.
    Ein Schrei, so voller Angst, so voller Verzweiflung. Unter Tränen sank Nancy nächst zu der von Riona fallen gelassenen Fackel zu Boden, den Kopf unter ihren Händen begraben. Sie konnte es nicht, sie wollte es nicht sehen. Die vormalige Tebby war kaum wiederzuerkennen. Eine pervertierte Gestalt. Die Haut nur noch brüchiges, graues Leder. Kalter Hass in den Augen, die vor Stunden noch vor kühler Rationalität strotzten. Die Asura, noch mit dem Dolch in der Brust, bezog Stellung an der Seite des Priesters. Sie war eine von ihnen geworden.
    „Findet Euren Frieden unter den Schwingen des Drachen. Werdet eins mit uns. Auf ewig.“
    Nancy krümmte sich in Verzweiflung, während Tebby - oder das, was von der Gelehrten noch übrig war und mit ihrer verfälschten Stimme - auf sie einsprach. „Du bist nicht ... du bist es nicht!“, kreischte Nancy und riss dabei den Kopf in die Höhe. Dicke Tränen quollen ihr aus den Augen.
    Tebby erwiderte mit einem Grinsen.
    „Du bist es nicht!“, wiederholte Nancy aus heiserer Kehle. Keine eisigen Speere mehr, sondern funkenschlagende, faustgroße Kugelblitze donnerten paarweiße aus Nancys ausgestreckten Händen. Ihr Zorn entlud sich auf die Asura, doch schirmte der unsichtbare Schild des Hohepriesters sogar dessen Umfeld ab, sodass abermals Nancys Magie ergebnislos an der Barriere zerschellte.
    Die geifernden schwarzen Zähne des Klerikers bleckten, während er eine mitleidslose Grimasse schnitt. Ein weiteres Mal hob er seinen Stab. Ein letztes Mal. „Sterbt!
    Der Stab schien zu explodieren - ein Knall, wie ein gezündeter Vierpfünder. In einem lüsternen Wettlauf um das Fleisch der Lebenden stoben die Blitze heran, versengten auf ihrem vernichtenden Pfad die verstümmelten Leichen und den Boden selbst. Mit aller Kraft rissen Riona und Vespa die am Boden kauernde Abtei-Gelehrte zurück. Aussichtslos, wie sie beide insgeheim wussten, laut auszusprechen jedoch nicht wagten. Konnten sie diesem Angriff vielleicht noch mit knapper Not entgehen, dem darauffolgenden dagegen sicherlich nicht. In Verzweiflung wurden Schwerter gezogen und Dolche; alles, was in ihrer lähmenden Hilflosigkeit auch nur den bloßen Ansatz von Schutz bot.
    Das magische Licht der fallen gelassenen Fackel geriet mit einem Mal außer Kontrolle, just in dem Augenblick, als die heranrasenden Blitze den Lichtträger eigentlich in Stücke hätten zerreisen müssen. In einem blendenden Ausbruch violettfarbenen Lichts erwachte die Fackel schier zum Leben. Der metallische Schafft zappelte unruhig über den Boden, während am anderen Ende das flackernde Feuer immer mehr einem Mund glich, der in unendlicher Gier seinen Durst an den Blitzen stillte. Es war ein Sog, dem sich die Magie des Klerikers nicht entziehen vermochte.



    Eine gespaltene Kulisse. Ungläubigkeit. Hoffnung. Entsetzen. Dominiert von einer unheimlichen Stille. Abwechselnd starrte Riona auf das nun wieder kontrollierte violette Züngeln der Fackel sowie das ausgemergelte Gesicht des Priesters, von dem sie vermutete, wäre noch etwas Farbe darin, er würde auf der Stelle erblassen. Er hatte Angst.
    Der Magier wirbelte herum, wo am anderen Ende der Halle die Seinen in Untätigkeit verharrten. „Vernichtet sie!“, brüllte er ihnen hysterisch zu.
    Aus Dutzenden Kehlen quollen die gemeinsamen Schreie wie aus einer. Klingen wurden in die Höhe gerissen. Das Land unter den donnernden Füßen der Auferstanden schrie laut auf.
    Indessen Leddron in verwegener Gelassenheit sein Schwert zum letzten Gefecht zog, sprang Riona in rasanter Bewegung über die verzagende Nancy am Boden hinweg. Ihre Gedanken kreisten in Ungewissheit und Todesangst, noch als sie das kühle Metall der Fackel in den Händen spürte. „Vespa! Tarnung! Jetzt!“, schrie sie über die Schultern.
    „Zehn Sekunden. Zwölf maximal“, nickte die Charr, ohne Fragen zu stellen oder auf eine Antwort zu warten. Zu kurz oder ausreichend ... bedeutungslose Worte im Angesicht des Todes.
    Riona versank von Kopf bis Fuß in einem Fass öliger Tinte, so wie die letzten zwei Male, als sich die beiden Gerüchte-Frauen aus besonders prekären Lagen hatten herauswinden müssen. Vespas Tarnungsmagie verlieh dem Träger ein einmaliges Gefühl von Unbeschwertheit, als ob alle weltlichen Sorgen und jedes Herzleid vergessen waren. In dieser Welt, wo die Zeit nur halb so schnell zu verrinnen schien, existierten keine Farben, nur schwarz und weiß. Geräusche waren ein verschwommenes Dröhnen, Gerüche und jedes körperliche Gefühl nicht existent.
    Nur ihr eigener Herzschlag überholte die rasenden Schritte auf den Priester zu, indes ihr eine Sturmflut untoten Fleisches entgegenschwappte, sie bald überrollen und wegschwemmen würde. Riona passierte den bewusstlosen Ekkil zu ihrer Linken. Gleich darauf kam ihr die untote Tebby mit dem Dolch in Händen entgegen, der ihr zuvor in der befleckten Brust gesteckt hatte. Doch das Verlangen in dem Blick der blutleeren Hülle galt den anderen Lebenden im Raum, denn die gewaltige Magie, die die körperlichen Überreste zurück ins Diesseits gebracht hatten, vermochte nicht den Schleier zu durchschauen, hinter dem sich Riona verbarg. Die letzte Bestätigung die Riona brauchte, als sie Tebby hinter sich ließ: Das magische Feuer der Fackel reagierte nicht auf Vespas Tarnungsmagie, nur auf orrianische.
    Die Narben auf den Gesichtern der Auferstandenen kamen mehr und mehr zum Vorschein. Nur noch Augenblicke trennten die Waldläuferin von Leben und Tod. Rionas Beine verließen zum letzten Mal den Boden. Ihr Magen rotierte. Das Gefühl von Unbeschwertheit verließ allmählich ihren Körper. Immer mehr holte das Gefühl sie ein, durch ein Netz tentakelartiger Fangarme zu schwimmen. Sie spürte die Taubheit in ihren Beinen, der Krampf in ihrem Herzen, die Schlinge um den Hals, die Atemlosigkeit. Die Auferstandenen brüllten. Der Schleier verschwand. Rionas erschöpftes, doch wutverzerrtes Gesicht schälte sich aus den Schatten auf. Die kalten Augen des Priesters weiteten sich in Panik.
    Mit der Wucht eines Rammbocks durchstieß das lodernde Ende der Fackel die unsichtbare Barriere und bohrte sich in das Gesicht des Hohepriesters. Die Fackel begann zu beben. Die Todesschreie erstickten in dem Gelage verschlingender Flammen. Die nachfolgende Druckwelle schleuderte Riona meterweit zurück. Noch bevor sie die Schmerzen des Aufpralls erlitt, wurde es ihr schwarz vor Augen ...



    Die fünf Gefährten hatten sich um den Leichnam des Hohepriesters versammelt; oder vielmehr das, was noch von ihm übrig war: die schwarze Robe umsäumt von einem Häufchen Asche. Jeder Auferstandene im Raum hatte dasselbe düstere Schicksal ereilt, nur Augenblicke, nachdem das violette Feuer den Magier verzerrt hatte. Nur Tebbys Leichnam war zwischen den ganzen Aschedünen, Kleidungsresten und Waffen übrig geblieben. Der natürliche Lauf der Dinge würde den Rest besorgen. Riona wurde von Vespa gestützt. Ihr rechter Arm war ausgerenkt und das linke Bein waren ausgerenkt, einige blaue Flecken unter ihrer Rüstung schwollen zu prächtigen Blutergüssen an. Nichts, was ein Stückchen Apfelkuchen und eine Mütze gesunden Schlaf nicht wieder zu richten vermochten, wie sie nach dem Erwachen müde gescherzt hatte. Auch Ekkill war wieder auf den Beinen; auf den ersten Blick etwas übernervös, da der Reststrom in dem Nornkörper die Muskeln hin und wieder ungewollt zucken ließ.
    Nancy ging auf die Knie. Neben der Kleidung, dem schaurigen Stab und einer Ansammlung von Asche hatten nur noch zwei weitere Dinge die gewaltige Druckwelle überdauert, die die Magie aus den seelenlosen Hüllen gewaltsam herausgepresst hatte. Die Fackel mit dem violettfarbenen Licht in Nancys Hand brannte unnachgiebig. In der anderen Hand hielt sie das goldene Amulett des Klerikers. Die enthaltene Magie vibrierte sanft.
    „Ich spüre Restmagie. Orrianisch“, sagte sie und blickte in die Runde.
    Kriegsmeister Leddron belächelte das Kleinod herablassend. „Dann nehmt es mit. Aber bei Baelfeuer, wenn nur eines die Strapazen wert war, dann dieses ... dieses Ding!“ Anerkennend nickte er Richtung Fackel.
    „Woher wusstet Ihr das?“, wollte Nancy plötzlich von Riona wissen. Leddron und Ekkill taten es der Gelehrten gleich und schauten Riona an. „Woher wusstet Ihr, dass der Zauber der Auferstandenen brechen würde?“
    Riona lächelte sanft, doch Vespa schnitt ihr das Wort ab. „Gerüchte Geheimnis. Psst!“ Die Charr schnitt eine Grimasse.
    Protestierend öffnete Nancy den Mund, doch diesmal war Riona schneller. „Eigentlich müsstet gerade Ihr das verstehen, Nancy, denn es war eigentlich Eure Idee.“
    Verständnislos zuckte die Gelehrte die Schultern.
    „Die Signatur, erinnert Ihr Euch?“, erklärte Riona. „Die Fackel reagiert auf orrianische Magie. Darum verschlang sie das Feuer. Darum konnte Vespa ihre Magie auf mich wirken und Ihr Eure Zauber sprechen, hingegen die Magie des Priesters aufgesogen wurde. Das Feuer durchbrach die Barriere, weil sie dieselbe Signatur aufwies. Und natürlich entzog sie den Auferstandenen sämtliche Magie.“
    Nancy machte ein Gesicht, als ob das brachiale Wissen ganzer Bibliotheken über sie hereinbrach. „Natürlich! Oh, das ist genial! Das ist ... das ...“ Wie ein Kind im Bonbonladen streunte Nancy unruhig hin und her. „Genial!“, wiederholte sie begeistert. Dann stockte sie plötzlich, das Gesicht in nachdenklichen Falten gehüllt. „Dann ist das hier ...“ Das Amulett pendelte unruhig zwischen den Zeigefingern der Gelehrten, während sie es in das Feuer hielt. Doch nichts geschah. Kein gieriges Verschlingen, keine Stoßwelle, noch nicht einmal Ruß wollte das Metall beflecken. „Es stimmt“, nickte sie. „Es ist ein orrianisches Artefakt. Und die Auferstandenen ... in ihnen fließt Drachenmagie. Sie alle tragen dieselbe Signatur ... nämlich die des Altdrachen Zhaitan! Das Feuer reagiert also nicht auf orrianische, sondern auf Drachenmagie. Dieses Wissen ist unbezahlbar.“
    „Das ist mir alles zu kompliziert“, schüttelte Ekkil den Kopf und gähnte danach ausgiebig. „Können wir jetzt endlich gehen? Mich juckt es überall. Außerdem kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich mir das letzte Mal die Kehle befeuchtet habe.“
    Es waren die letzten Worte, die sie am letzten Ruheort des Priesters wechselten. Keiner wollte mehr länger als nötig hier verweilen. Vereint in ihrer Sehnsucht nach dem ersten lauen Sonnenstrahl, der den Alptraum dieser viel zu langen Nacht endgültig beenden sollte, kehrten sie der Kammer den Rücken zu. In stiller Trauer blickte Nancy noch einmal über die Schulter.
    „Lebewohl, Tebby.“

  • Freitag. Es war die erste Woche nach meinem großen Jahresurlaub. Und der heißeste Tag des Jahres. Weitere unbarmherzige sollten folgen. Schon als ich am Morgen Büro betreten hatte, war der blaue Strich unseres Thermometers auf alarmierende 30 °C geklettert - und dabei war es gerade erst 8:00 Uhr. Es war stickig, auf den Gesichtern der Anwesenden zeichneten sich bereits erste Schweißperlen ab. Nur ein Gedanke, ein einziger, bloßer Gedanke, erst am Vortag ganz spontan getroffen, half mir, einen sprichwörtlich kühlen Kopf zu bewahren: Ein Klimagerät musste her! Gerade wo das Wochenende vor der Tür stand und selbst in pechschwarzer Nacht die Temperatur sich weigerte, seinen Würgegriff um die Hitzegeplagten etwas zu lockern. Und der Preis für dieses Wundermittel, diese feige Flucht aus einem Gulag, den ich gerne Sommer nenne ... er spielte für mich keine Rolle. Es war eine Manie, eine Besessenheit. Die sengende Hitze hatte mir ihren glühenden Stempel in den Kopf gebrannt, mir das letztendliche Für und Wider endgültig abgenommen. Die Entscheidung war gefällt.


    Eine Stunde vor dem eigentlichen Dienstschluss packte ich auf der Arbeit mein Bündel. Zeittechnisch wollte ich mir etwas mehr Spielraum einplanen, da ich noch auf einen Geburtstag eingeladen war. Der Knopf am Ventilator ließ auch die letzte Energiequelle im Raum versiegen - für Abkühlung hatte er längst nicht mehr sorgen können. Hinter mir fiel die große Abschlusstür zu. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, brannte unerbittlich. Müde doch erleichterte atmete ich die schwüle Luft ein. Der Alptraum - bald schon sollte er vorbei sein. Mit grimmiger Zufriedenheit nahm ich es in Kauf, dass sich mir die Türklinge meines Opels ins Fleisch brannte. Die Motorhaube hätte man als Grill zweckentfremden können, die Lederpolster sprengten die Skala des Unerträglichen, das Lenkrad konnte ich nur mit regelmäßigen Pausen anfassen.
    Ungefähr zwanzig Kilometer waren es bis zur nächsten großen Stadt. Die Klimaanlage im Auto brummte bereits auf vollen Touren, als ich auf die Umgehungsstraße einbog, die es mir erlaubte, kleinere Ortschaften zu umfahren. Eigentlich war es im Wagen mittlerweile sehr erträglich ... der Klimaanlage war es gedankt. Bereits am Vortag hatte ich im Geiste gescherzt, wie angenehm es doch eigentlich wäre, würde ich im Auto übernachten. Albern, wie ich mir ins Gedächtnis rief. Außerdem natürlich absolut überflüssig.


    Der Parkplatz des Elektro-Fachgeschäfts meiner Wahl herrschte unerwartet wenig Betrieb. Bereits als ich mich der Stadt genähert hatte, war mir der Feierabendverkehr entgegengeströmt. Wohlgemerkt: entgegen. Die Leute flüchteten. Sie flüchteten aus der Stadt, wollten heim, bloß raus aus der Hitze. Wie konnte ich anders als ihnen mitfühlend nachempfinden? Doch zumindest mein persönlicher Alptraum sollte an dieser Stelle sein Ende finden.
    Ich glaubte, mich treffe der der Schlag, als ich mein klimatisiertes Auto verließ. War es zwischenzeitlich etwa noch heißer geworden? Glücklicherweise hatte ich einen Parkplatz nahe dem Eingang erwischt. Bloß raus aus der prallen Hitze!
    Es war das erste Mal, dass ich für etwas anderes als Computer-Artikel oder Videospiele den Laden aufsuchte. Wo also sollte ich hin? Haushaltsgeräte wie Kühlschränke und Backöfen? Zu den Staubsaugern? Oder den Luftbefeuchtern? Etwas verloren irrte ich in den Gängen umher. Kurzum suchte ich mir einen x-beliebigen Angestellten. Besser gesagt: eine Angestellte. Sie war gerade dabei, handliche Ware aus Kartons in Regale einzuräumen, als ich mich ihr näherte.
    „Entschuldigen Sie“, fragte ich freundlich die junge Dame - sie konnte etwa Mitte zwanzig sein - an, „ich bräuchte Kaufberatung in Sachen Klimageräte. Können Sie mir weiterhelfen?“
    Ich stellte ein eher dürftiges Interesse an mir, ihrem Kunden, fest. Weder hielt sie es nötig, ihr Werkzeug aus der Hand zu legen, noch ein halbwegs freundliches Lächeln aufzulegen.
    „Ja, da kann ich Ihnen weiterhelfen. Wir haben keine. Restlos ausverkauft.“
    Ungläubig schaute ich sie an. „Okay ... Lagerbestände auch nichts mehr?“
    Fast schon gelangweilt schüttelte den Kopf. „Nichts mehr. Wir bekommen am Montag eine neue Lieferung.“
    Natürlich war ich etwas demotiviert. Wer hätte schließlich ahnen können, dass einem der größten Fachmärkte für Elektronik ein Artikel restlos ausgeht? Doch blieb ich nach dieser Schlappe außergewöhnlich geduldig, sogar freundlich. „Mir ist aber jetzt warm“, gab ich sanft lächelnd retour. Kurz dauerte unser Kundengespräch noch an, dann verabschiedete ich mich. Glücklicherweise hatte ich noch ein anderes Eisen im Feuer.


    Der nächste Stopp sollte beim nächsten großen Elektro-Fachmarkt sein. Dummerweise wusste ich nicht genau, wohin ich fahren musste. Eine ungefähre Ahnung, weil ich kurz vor meinem Aufbruch einen Stadtplan angeschaut hatte - das war mein einziger Anhaltspunkt.
    In meinem Auto war es wieder so heiß wie nach acht Stunden in der prallen Sonne. Statt des Lenkrads hätte ich genau so gut in eine kochende Suppe fassen können - es gab keinen Unterschied. Klimaanlage sogleich auf volle Touren - und los ging es. Natürlich landete ich nach zehnminütiger Fahrt irgendwo im Nirgendwo.
    Ich muss eine Abzweigung verpasst haben, redete ich mir ein und machte kehrt.
    Die erste Abzweigung führte mich in eine 30-km-Zone. Sackgasse. Also zurück. Schon als ich die Hoffnung aufgegeben hatte - eine weitere Abzweigung! Es ging einen Berg hoch - aber die Richtung stimmte irgendwie nicht ... Eine weitere Kurve, jetzt passte die Richtung, ein großes Schild - plötzlich war ich wieder auf der Gewinnerspur! Ich hatte den Fachmarkt gefunden.


    Abermals flüchtete ich aus der Hitze ins kühle Gebäudeinnere. Und abermals stand ich vor demselben Problem: wohin? Ein vermeintlicher Mitarbeiter, den ich ansprach, entpuppte sich als Dienstleister eines Co-Unternehmens. Natürlich konnte er mir nicht weiterhelfen, riet mir allerdings, nach den Leuten mit roten T-Shirts Ausschau zu halten.
    „Entschuldigen Sie bitte?“ Auch im zweiten Geschäft blieb ich meiner Mentalität treu und sprach einen Mitarbeiter freundlich an.
    „Ausverkauft, tut mir leid“, sagte er.
    Irgendwie wollte ich meinen Ohren nicht trauen. „Hier auch?“, deutete ich an, dass ich bereits bei der Konkurrenz erfolglos gewesen war. „Aber ich habe hinten doch noch welche gesehen.“
    Wir gingen ein paar Gänge weiter, bis wir ein paar Geräte in einem Regal erreichten. Verneinend schüttelte er den Kopf. „Das sind Luftbefeuchter. Ich habe zehn neue Klimageräte bestellt, die kommen aber erst am Montag.“
    Lakonisch verabschiedete ich mich. Nächst davon hörte ich, wie eine Frau ihrem klagenden Kind müde erklärte, dass es doch gehört habe, dass es keine Anlagen mehr gebe. Meine Laune lief entgegengesetzt zu der steigenden Temperatur auf meinem Gesicht.
    „Was jetzt?“, fragte ich mich laut.
    Es gab da ein Warenhaus, wie ich mir ins Gedächtnis rief ... Mein nächster und eigentlich letzter Anhaltspunkt. Die Chancen malte ich mir aber deutlich geringer aus, als es bereits bei den beiden Geschäften vorher der Fall gewesen war.


    Langsam lief mir die Zeit davon. Um diese Uhrzeit hatte ich ursprünglich schon ein halbes Glas auf der Geburtstagsfeier geleert haben wollen. Aber noch gab es Hoffnung. Noch gab es sie ...
    Wie bereits zuvor gab es auf dem Parkplatz noch sehr viel freie Flächen. Der nächstbeste in der Nähe des Eingangs war schnell gefunden. Ebenso der Informationsschalter im Inneren des Geschäfts. Der Schalter wurde von drei Damen bedient. Eine telefonierte, zwei andere waren mit einem Kunden auf der anderen Seite beschäftigt. Nach kurzer Wartezeit nahm man mich entgegen. Meine Hoffnung bröckelte, als ich die ersten Anläufe eines Neins auf dem Gesicht der Dame bemerkte.
    „Ausverkauft.“
    Und was jetzt?
    Ich war frustriert. Demotiviert. Nach meiner kurzer Elegie, in der ich ihr meine bisherige Irrfahrt erläuterte, riet mir die freundliche Dame, es doch mal in Baumärkten zu versuchen.
    Baumärkte?
    Irgendwie konnte ich mir das nur schwer vorstellen. Allerdings war es ein weiterer Anhaltspunkt. Es gab da zwar noch ein Geschäft, eine Großhandlung, die sich speziell auf den Verkauf von Elektrogeräten spezialisiert hatte, allerdings wusste ich nicht, wo sich diese befand. Und auch die Dame im Warenhaus wusste es nicht.


    Nachdem ich mich einmal verfahren hatte, erreichte ich den ersten Baumarkt, den nächstgelegenen. Eigentlich auch nur einer von zwei, von denen ich genau wusste, wo sie lagen. Im Inneren war es drückend warm. Kein Vergleich zu den klimatisierten, weitläufigen Hallen der Vorgeschäfte. Ich fühlte mich irgendwie albern, überhaupt in einem Baumarkt anzufragen. Doch war das mein geringstes Problem. Wie mir eine Mitarbeiterin mitteilte, verkauften sie welche. Doch sie waren - wie konnte es anders sein? - ausverkauft.
    Der Schlüssel landete im Zündschloss. Die Nadel meines Benzinstandes bewegte sich kaum noch. Mein Wagen dürstete nach Treibstoff. Ich musste tanken. Entweder das oder die Klimaanlage notgedrungen runterdrehen. Schnell verscheuchte ich diesen Gedanken wieder.
    Niemals!
    Für 20 Euro füllte ich den Tank auf. Auf Anfrage bekam ich bei den Tankstellenwärtern weitere Vorschläge. Genauer gesagt: wo ich weitere Baumärkte finden konnte. Ein Silberstreifen am Horizont!


    Für den nächsten Stopp musste ich wieder in die entgegengesetzte Richtung, von woher ich gekommen war. Den Weg aber ... ich hätte ihn mir sparen können. In dem zweiten, nicht weniger stickigen Baumarkt bekam ich dieselbe Antwort wie schon die Male zuvor. Also weiter. Und weiter. Und weiter. Bis es nicht mehr weiter ging. Endstation.
    Ich war mit meinem Latein am Ende. In einer ganzen Stadt - vielleicht war sie nicht die größte, aber auch nicht gerade klein - war ein Produkt ausverkauft. Restlos.
    Stocksauer vergrub ich meine Fingernägel tief in das heiße Lenkrad. An den Gedanken daran, eine weitere unerträglich warme Nacht verbringen zu müssen, spuckte ich Galle. Auf dem Weg zum kürzesten Nachhauseweg, über die Autobahn, keimten hasserfüllte Gedanken. Vorstellungen über Verschwörungen gegen mich. Wie sich die Glücklichen, die mir jedes einzelne Gerät vor der Nase wegstibitzt hatten, in ihrem kühlen Glück räkelten. Oder stattdessen sich diese Heuchler von Mitarbeitern der zuvor besuchten Geschäfte ihre Klimaanlage vorsorglich gesichert hatten. Es war albern. Infantil. Aber so fühlte ich mich im Augenblick. Mal wieder vom Schicksal ins Gesicht gespuckt.
    Es gab nur noch ein Geschäft. Ein einziges Geschäft, das ich auf dem Nachhauseweg passierte. Nun ja, eigentlich zwei. Aber eines von beiden, da war ich mir sicher, hatte sicherlich schon geschlossen, wenn ich es erst erreichte. Und ehrlich gesagt malte ich mir auch dort keine große Hoffnung aus.


    In den Nachrichten spülten die Moderatoren abermals das aktuelle Weltgeschehen rauf und runter. Griechenland ging es schlechter denn je. Umfragen hier, Umfragen da. Spionage-Affären. Morgen sollte es noch heißer werden. Noch heißer? Ging das überhaupt? Nächtliche Temperaturen von mindestens 20 °C. Die nachfolgende Staumeldung erreichte mich zu spät. Ehe ich es mir versah, stand ich im Stau. Den Geburtstag hatte ich in Gedanken mittlerweile völlig begraben. So sauer wie ich war, konnte ich da unmöglich aufkreuzen. Außerdem hatte ich noch einen anschließenden Termin, den ich noch wahrnehmen wollte und nicht mehr absagen konnte. Das alles konnte ich unmöglich erreichen. Ich schwor mir, selbst wenn ich am nächsten Tag ganz Deutschland absuchen musste: Ich würde mein Gerät bekommen.


    Noch nie hatte es so lange gedauert, die Strecke zurückzulegen. Hinter der Autobahnabfahrt fädelte ich mich hinter einem Motorradfahrer ein - einem Trödler. Vorbei kam ich nicht. In der Stadt ging es auch irgendwie nicht vorwärts. Ampeln standen auf Rot, Leute wollten alles, nur mich nicht vorbei lassen.
    Die Fahrzeuge hätte auf dem Parkplatz des letzten, des allerletzten Baumarktes hätte man beinahe an zwei Händen abzählen können. Es war mir recht. Auf der Flucht vor dem heißen Asphalt stürmte ich den Laden, drängte mich an bummelnden Besuchern vorbei. Am Informationsstand nahm mich eine Dame - sie mochte etwa Anfang 50 gewesen sein - in Empfang. Ausgesprochen ruhig erklärte ich ihr, dass ich auf der Suche nach Klimageräten sei. Augenbrauen runzelnd meinte sie, sie wüsste nicht, ob noch welche da seien.
    „Das klingt ja schon sehr vielversprechend“, dachte ich laut, während die Mitarbeiterin einen Anruf tätigte. Ein Herr meldete sich am anderen Ende der Leitung. Dann setzte kurz Stille ein. Eine beunruhigende Stille. Erst nach etwa einer halben Minute war die Männerstimme wieder zu vernehmen. Die Frau nickte knapp. „Wir haben noch welche, aber nur noch für 299 € und 399 €.“
    „Das ist mir so was von egal! Ich nehme sie!“, sprudele der Schwall flüssigen Glücks aus mir hinaus. Ich konnte es nicht fassen! Nicht nur, dass ich mit einem derartigen Preis bereits von Anfang an gerechnet hatte, hätte ich in diesem Moment wahrscheinlich sogar meine Seele für eine Flasche Cola verkauft.
    Von dem sachverständigen Verkäufer, der sich zuvor noch etwas lautstark wegen der Arbeitszeiteinteilung am darauffolgenden Samstag mit seinen Kollegen unterhalten hatte, ließ ich mich kurz beraten. Keine zehn Minuten später war der Kauf besiegelt und die Anlage in meinem Kofferraum verstaut. Schon auf dem Weg zu meinem Wagen hatte ich Pläne geschmiedet: Noch kurz in den Supermarkt etwas Büchsenfutter für schnelle Küche besorgen. Vielleicht noch eine Cola und etwas Schokolade. Meine Wahl fiel auf Konservenravioli, eine Cola dritter Klasse und Schokolade, die sich bereits in den Regalen ungewöhnlich weich angefühlt hatte. An der Kasse ging es nur langsam voran. Die Mitarbeiterin hatte eigentlich bereits ein „Kasse geschlossen“-Symbol aufgestellt, was allerdings jeder - so auch ich - arglos übersehen hatte. Mit den erzielten Erfolgen hatte sich meine Wut etwas gelegt, wurde jedoch mit den inhaltslosen Plattitüden, mit denen Einkäufer die Dame an der Kasse langweilten, wieder etwas angeheizt. Mit jeder weiteren Sekunde zerfloss das braune Gold in meinen Händen in seine Bestandteile. Rasch bezahlte ich, stürmte zu meinem Auto, drehte die Klimaanlage zum Anschlag und hielt die Schokolade dagegen.


    Zwanzig Minuten später stand ich in meiner Garage. Mein Nervenfutter genoss Priorität und musste zuerst verstaut werden. Erst nach rascher Katzenwäsche hievte ich das Klimagerät aus dem Auto. Ich wusste, dass es schwer war, hatte ich es schließlich gemeinsam mit dem Verkäufer verladen. Doch erst jetzt, alleingelassen und der abendlichen Hitze ausgesetzt, bekam ich das unerbittliche Ausmaß zu spüren. Meter für Meter schleppte ich den voluminösen Kasten erst die Straße, dann die Auffahrt hinauf. Aus unmittelbarer Ferne hörte ich Nachbarn reden. Sie lachten. Über mich? Ächzend schaffte ich auch die letzten Zentimeter. Es war vollbracht. Jetzt musste es nur noch zwei Treppen hoch. Vom kühlen Erdgeschoss über einen unerfreulichen Zwischenstopp im deutlichen wärmeren ersten Obergeschoss zu dem Hochofen, genannt zweites Obergeschoss. Die Verpackung öffnete ich bereits unten. Das Gewicht verringern, indem ich die Kleinteile separat trug. Eine Viertelstunde etwa, erst dann hatte ich das Gerät mit all seinen kleinen Plastikkomponenten oben. Wie oft ich die beiden Treppen zurückgelegt hatte - ich konnte es nicht mehr sagen. In meinem Raum gärte die Hitze, und das, obwohl bereits am frühen Morgen sämtliche Vorkehrungen getroffen waren. Ventilator an. Volle Pulle. Die Bedienungsanleitung war von gigantischem Ausmaß, das aber auch nur, da es wohl keine Sprache dieser Welt gab, die man dem weißen Papier nicht finden konnte. Ich aber hatte ein anderes Problem: Bereits als ich die ganzen Plastikteile gesehen hatte, stülpte sich mir der Magen um. Als eine absolute Niete, was das Zusammenbauen von Geräten anbelangte, konnte dies einige Zeit mit sich bringen. Und ich sollte recht behalten. Der Abgasschlauch war entweder zu dick oder ich zu ungeschickt, vielleicht auch beides. Nichts wollte passen. Langsam wurde ich ungeduldig, begann zu fluchen, laut. Es war so heiß. Ich wollte doch nur etwas Abkühlung. Was das etwa zu viel verlangt? Warum konnte im Leben nicht einmal, ein einziges Mal, etwas funktionieren? Der Ventilator stand im Weg, dann war er wieder zu weit weg. Der Adapter wollte auf den Schlauch nicht richtig passen. Nur mit sehr viel Mühe bekam ich ihn schließlich drauf, und das noch nicht einmal richtig. Erst dann stelle ich fest, dass der Schlauch auch noch zu kurz war, um ihn aus dem Fenster zu hängen. Ich war schweißgebadet. Meine Flüche wurden noch lauter. Im Fernsehen wären sie wahrscheinlich unlängst durch einen hellen Piepton ersetzt worden. Plötzlich war mir alles egal. Ich rollte das Gerät zur Tür und baute es dort auf. Den Abgasschlauch ließ ich auf den Gang hinaus und schaltete das Gerät ein. Während in meinem Raum die Temperatur merklich zurückging, schien der Korridor außerhalb zu kochen. Ich redete mir ein, dass ja schließlich keiner meiner Mitbewohner da war, es also okay war. Nur ein paar Minuten also ... Ich riss die Fenster und Türen aller Zimmer auf in der Hoffnung, die heißen Abgase so aus dem Haus treiben zu können. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Dafür aber war bei mir plötzliche eine gefühlt arktische Kälte angebrochen. Viel länger jedoch konnte ich dieses böse Spiel nicht mehr treiben. Kaum waren die Zahlen auf dem Display erloschen, spürte ich, wie die Hitze wieder zurückgekrochen kam, sich mehr und mehr meiner krankenden Seele einverleibte.
    Ich musste duschen. Raus aus meinen durchtränkten Klamotten. Ich brauchte etwas zu trinken. Und vor allem: eine Auszeit.


    Während der lange ersehnten Abkühlung konnte ich meine Gedanken etwas sortieren. Der Schlauch war dran, vielleicht nicht professionell, aber er war dran. Alles war mir fehlte war noch nicht einmal ein halber Meter zum Fenster. Den Schreibtisch unter dem Fenster zweckentfremden? Je länger ich darüber nachdachte, desto eher konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden. Warum eigentlich nicht? Vorläufig ... Den Schlauch verlängern konnte man sicherlich irgendwie.


    Und so neigte sich der bislang heißeste Tag seinem Ende zu. Mit dem Ergebnis lässt sich vielleicht nicht unbedingt prahlen, aber was nimmt man nicht alles auf sich für etwas so Banales wie etwas Abkühlung? Und wenn ich den Tag so Revue passieren lasse, meinen Muskelkater spüre und die Schrammen an meinen Armen betrachte, die ich mir beim Transport zugezogen hatte ... kann ich bereits mit diesem Ergebnis durchaus zufrieden sein.

  • Hallo Jens,


    mittlerweile ist es ja schon einige Zeit her, dass wir miteinander zu tun hatten, aber mich freut es, dass du nun doch wieder vermehrt Zeit hast zu schreiben. Besonders die Celebi-High entwickelt sich ja besonders prächtig. Aber darum soll es hier nicht gehen, deswegen beschränke ich mich vorerst einmal auf die Geschichte zu Guild Wars 2. Zwar kenne ich das Spiel per se nicht, aber ich durfte in der Vergangenheit schon einmal in die Lore schnuppern und daher waren einige Dinge nicht ganz so neu für mich.


    Mir gefällt überhaupt der Aufbau der ganzen Geschichte. Anfangs war noch gar nicht abzusehen, worauf es wohl hinauslaufen wird und erst nach und nach hat sich herauskristallisiert, dass eine Quest im Vordergrund stehen sollte. Zugegeben war dieser Teil noch etwas verwirrend, da man erst einmal mit den anwesenden Charakteren und deren Namen hantieren muss, da es nicht gerade wenige waren, aber mit der Zeit und fortlaufendem Text hat sich das Gefühl der Orientierungslosigkeit wieder gegeben. Punkto Charaktere durfte man auch recht schnell mit Riona und Vespa sympathisieren. Besonders letztere überzeugt durch ein loses Mundwerk und einer gewissen Prise Ironie, die ihre Art ansprechend macht und auch überraschend gut zu einer Charr passt. Dafür hatte man es mit den anderen Charakteren nicht so leicht, da sie sich eher missmutig oder schweigsam gaben, sodass im späteren Verlauf nur Nancy noch hervorstach, was allerdings durch die Umstände und ihre wissbegierige Art nicht sonderlich überrascht.
    Die Geschichte liest sich von vorne bis hinten sehr gut und besonders auffällig sind dabei die malerischen Umgebungen, durch die man sich sofort im entsprechenden Gebiet "heimisch" fühlt. Dadurch hat man immer vor Augen, wie das Terrain aufgebaut ist, sodass man sich auf bevorstehende Szenen einstellen kann und die Ausführlichkeit trägt hier auch viel zur Atmosphäre bei. Ruhe wechselt sich mit Hektik ab und schafft ebenfalls eine gute Balance.
    Erwähnenswert ist hier außerdem noch der Kampf gegen die Auferstandenen zum Ende hin. Deren Auftauchen kam zuerst schleichend, jedoch stellten sie sich bald schon als Bedrohung heraus. Die Aktionen der einzelnen Charaktere wirkten hier nachvollziehbar und gründlich auf die Situation abgestimmt. Dass gerade eine halsbrecherische Tat dem Feind zuletzt schwer zusetzte, war wohl der einzige Ausweg, allerdings sah man das bereits in der Vergangenheit sehr oft und ist dahingehend auch nicht überraschend, dass es geklappt hat. Ob sie ihre neuen Erkenntnisse dadurch auch weiter anwenden können, das bleibt offen; vielleicht folgt ja irgendwann ein Nachfolger, hm?


    Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Ich hoffe, dass dir der Kommentar in der weiteren Planung helfen kann und vielleicht liest man sich ja wieder einmal.


    ~Rusalka

  • Seit kurzem bin ich freier Mitarbeiter bei der "Rheinpfalz", die größte Tageszeitung von Rheinland-Pfalz. Mit diesem kleinen Artikel feiere ich meinen Einstand bei dieser großen Zeitung.

  • Hallo Jens,


    interessanter Artikel, den du da geschrieben hast. Das scheint wohl wirklich etwas sehr Regionales zu sein und klingt rein von der Beschreibung her auch recht interessant, dass sich die Gruppe dazu entschlossen hat, alte Bräuche wieder aufleben zu lassen. Es ist eine Möglichkeit, um die Tradition zu wahren und auch den Jüngeren zu vermitteln, am besten natürlich mit den Hintergründen.


    Ich weiß nun nicht, wie die Artikel in der Rheinpfalz normalerweise aussehen oder vom Inhalt her aufgebaut sind, aber für eine Reportage hast du relativ viel von diesem Tag erzählt, aber verhältnismäßig wenig über die Hintergründe dieses Brauches, warum es eigentlich abgehalten wurde und welchen Zweck es verfolgt. Zwar lese ich die grundsätzlichen Eigenheiten (also das Singen und das Herumziehen von Straße zu Straße) heraus, für den vollen Durchblick fehlt mir hier allerdings etwas. Im Großen und Ganzen ist dir der Artikel vom Schreibtechnischen her dennoch wirklich gelungen. Er ist abwechslungsreich, gut geschrieben und ich kann mir vorstellen, für das Erstlingswerk war auch etwas Nervosität dabei. Das nehme ich jetzt aber einmal nur an.


    Wir lesen uns!

  • Am Wochenende gab es in unserer Gemeinde anlässlich 30-jähriger Partnerschaft mit einer französischen Ortschaft eine kleiner Feierlichkeit. Hierzu hätte man wirklich eine ganze Zeitung füllen können, so viel ist passiert. Ich habe mich leider auf das Wesentliche konzentrieren müssen, ansonsten wäre viel, viel, viel mehr zusammengekommen; vielleicht auch, wenn ich ein wenig französisch könnte …

  • Hallo Jens,


    deine Artikel umfassen ja ein ziemlich großes Spektrum an Ereignissen, auch wenn sie eben hauptsächlich als ausführliche Berichte formuliert sind. Ich finde, so etwas liegt dir und es ist manchmal auch nicht ganz leicht, völlig neutral an so eine Sache heranzugehen und darüber zu berichten, sodass sich jeder im Anschluss seine eigene Meinung bilden kann. Du schaffst aber genau das; dich auf das Wichtigste zu konzentrieren und es den Lesern zu vermitteln.
    Im Großen und Ganzen kann ich dazu auch nichts bemängeln, weil es gut ist, wie es ist. Eine Sache ist mir in dem Artikel mit dem Freibad aufgefallen. Du schreibst da nämlich "In dem 20 mal zehn Meter großen und bis 1,60 Meter tiefen Becken". Auch wenn es technisch richtig ist, wirkt die ausgeschriebene Zehn neben den anderen beiden Zahlen komisch. Der Duden sagt mir auch, dass es hier generell keine Regelung gibt, außer dass im Normalfall ein- und zweisilbige Zahlwörter ausgeschrieben werden. Das ist jetzt in dem Fall also kein Fehler, aber ich wollte es mal angemerkt haben.


    Wir lesen uns!

  • Das „Krankhaus“



    Das Vorgeplänkel

    Als mein HNO bei mir Polypen diagnostizierte, war mir von Anfang an bewusst, auf was es kurz oder lang hinauslaufen würde. Natürlich konnte eine solch zum gleichen Teil unangenehme wie ungebetene Störung meines Alltags nicht per Fingerschnippen aus der Welt gezaubert werden. Nein, ein operativer Eingriff musste erfolgen. Im Grunde ganz einfach: Messerchen rein, raus, was nicht rein gehörte, verkleistern und auf die Heilung warten. Die ganzen Einzelheiten bekam ich fein säuberlich schwarz auf weiß auf sechs DIN-A4-Seiten Papier vorgelegt, wobei im Grunde vier Seiten nur von Risiken und Nebenwirkungen handelten; von „leichten Nachblutungen“ bis hin zu „HIV“ - ein sehr breites Spektrum, das keine Schreckenswünsche übrig ließ, wirklich für jeden was dabei. Schon nach dem ersten Abschnitt stülpte sich mir der Magen um. Trotzdem zwang ich mich durch die sechs Seiten Panikmache/Informationspflicht und krakelte anschließend geistesgegenwärtig meine Unterschrift unter die Einverständniserklärung (nein, ich stehe nicht unter Drogen, und ja, ich bin bereits 18). Ich wurde noch einmal geröntgt, um meinen HNO im vollen Umfang über meinen desolaten Zustand zu informieren. Danach erfolgte ein letztes Informationsgespräch, bei dem auch der Behandlungstermin festgesetzt wurde. Hätte er nicht die Praxis voller Wartenden und einen vollgeknallten Terminkalender, ich glaube, er hätte mich am liebsten gleich auf ein Bett gefesselt und in mir rumgebohrt. Frei nach dem Motto: „Raus mit dem Mist.“ Schließlich fühlte ich mich mittlerweile als eine Art ungebetener Gast. Zum vierten Mal hatte ich ihn aufgesucht, ach, was sage ich, bin quasi auf Knien zu ihm gekrochen, da die verschriebene Therapie (Kortison-Nasenspray) gegen die ursprüngliche Diagnose („Alte-Männer-Grippe“) nicht angeschlagen hatte. Erst als er dann mal den ganzen Zement in meiner Nase weggelasert hatte, hatte er den Durchblick, was bei mir nicht stimmte. Was uns also zurück zu den Polypen bringt. Die sollte ich in zwei Wochen im Krankenhaus entfernt bekommen. Im Vorhinein wusste ich: Das Schlimme ist nicht die Operation, auch nicht die Nachwirkungen von OP und Narkose. Pustekuchen! Nein. Von meinem letzten Krankenhausaufenthalt lag mir noch bestens in Erinnerung, dass Langeweile tödlicher als jedes Metzgermesser sein kann. Wie man so von Tag zu Tag dahinsiecht, die einzige Abwechslung die Auswahl an Wurstsorten beim Abendessen darstellt und ein funktionierender Verstand allmählich zu einer breiigen Masse verkommt und so lange gärt, bis nur noch ein willenloses Vakuum übrig bleibt. Doch diesmal wollte ich mich wappnen. Ja, diesmal wollte ich schlauer sein. Im heutigen Informationszeitalter kann einem doch schließlich gar nicht mehr langweilig werden. Und als einer der Pioniere von modernem Schnickschnack war ich natürlich bestens gewappnet. Tragbare Spielekonsole, internetfähiger PC, eine so tiefe wie breite Auswahl an Software, und zur Not natürlich auch etwas Lesestoff. Was braucht ein junger Mensch des 21. Jahrhunderts denn noch mehr? Vielleicht noch eine Flasche Spezi und eine Tafel Schokolade - ja, an die hatte ich natürlich auch gedacht. In meiner Traumblase war alles perfekt, wirklich alles. Unverfroren die Nadel genannt Realität, die diese Blase dann plötzlich platzen ließ. Ein Anruf beim Krankenhaus (man wollte ja schließlich auf Nummer sicher gehen) schaffte Gewissheit: W-LAN? Haben wir nicht. In meinen Gedanken waberten Bilder von Bahnhöfen, Flughäfen, Hotels und sonstigen öffentlichen Einrichtungen - natürlich alle mit dem omnipräsenten Zugriff auf das weltweite Wissen ausgerüstet. Von einer sehr weit entfernten Bekannten wusste ich sogar, dass das psychiatrische Zentrum bei ihnen - unter Absprache natürlich - ihren Patienten W-LAN zur Verfügung stellte. Aber was maßte ich mir überhaupt für eine Dreistigkeit an, ausgerechnet in unserer dünn besiedelten Kante von solchem Luxus zu träumen. Ja, der Burger King einen Kilometer weiter, der besaß einen Hot-Spot, aber ein Krankenhaus? Absoluter Irrsinn! Nun gut, dann musste eben mein restliches Inventar dafür sorgen, meinen Verstand zusammenzuhalten. Es geht schließlich auch ohne.


    Fortsetzung folgt …

  • Tag 1

    Es war ein verregneter Montag. Ich entschied mich dafür, mein Gepäck vorerst im Auto zu lassen. So eine Patientenregistration konnte schließlich dauern, ahnte ich. Von meinem HNO hatte ich ein paar Blätter mit den allernotwendigsten Informationen bekommen: wann und wo.
    Es war nicht lange her, da war ich nur Besucher der Klinik, denn mein Opa musste wegen Gallenproblemen unter das Messer. Er hat es gut überstanden, und ich, als damaliger Besucher, noch gut den groben Umriss des Gebäudes in Erinnerung. Ich sollte in den dritten Stock, Flügel B. Kein Problem. Ab in den Fahrstuhl, ein kurzer Fußmarsch, dann stand ich bereits vor dem Betreuerschalter der Station. Nur war der leer … Es gab keine Klingel und der Anstand gebot mir, zu warten. Dann irgendwann tauchte gleich ein ganzes Rudel Belegschaft auf. Nur wahrnehmen taten sie mich nicht wirklich. Stattdessen schwadronierten die einen gemütlich, während sich die anderen über den Dienstplan disputierten. Nachdem ich dann so unverfroren war und nicht ganz von alleine verschwand, erbarmte sich dann schließlich ein junger Pfleger, mich anzusprechen. Ich erklärte mein Anliegen, dass ich eine Überweisung meines HNO habe und jetzt Patient hier sei. Man musterte mich von oben nach unten (ich trug normale Straßenkleidung und erweckte auch einen fitten Eindruck). „Ach so“, meinte man dann so zu mir. Eine Pflegerin nahm dann meine Überweisung und mein Krankenkärtchen und suchte mich auf ihrer Agenda. Man sei es aber nicht gewohnt, dass jemand so gesund Aussehendes hier auftaucht. Mit einem zurückhaltenden Lächeln mimte ich den Verständnisvollen, wobei der Witzbold in mir fröhlich auf einem Trampolin Saltos schlug. Ich hatte eben nur ein paar nervige Polypen im Sortiment, die raus sollten, leider nicht die Pest und auch nicht die Cholera. „Ich kann ja ein Husten vortäuschen“, witzelte ich, erklärte dann aber auch gleich, um was es ging. Okay, so weit, so gut. Man fand mich schließlich auf der Liste. Hastig kritzelte die „Pflegerin 2A“ dann noch kommentarlos auf die Überweisung und schickte mich erst einmal in den ersten Stock zur Registration. Ein paar flüchtige Erklärungen später stand ich an einem Schalter im ersten Stock. Auch der war - Wunder über Wunder - unbesetzt. Gut, zur Verteidigung muss ich gestehen, dass es vielleicht nicht die beste Uhrzeit war. Mittagszeit. Da wäre ich auch lieber ganz woanders statt auf der Arbeit, am liebsten zwischen zwei Schnitzeln, Pommes und Salat. Also wartete ich. Eine Minute, zwei Minuten … Hinter mir tauchte ein anderer Mann auf, der - so wie ich - etwas verloren wirkte. Ob ich mich hier auskenne, er suche dies und das, fragte er mich. Als ich ihm wahrheitsgetreu erklärte, dass ich ihm leider nicht helfen könnte, tauchte endlich hinter dem Tresen eine gestresst wirkende Mitarbeiterin auf. Die verklickerte dem Hilfesuchenden dann rasch, wo er hin musste, und nahm sich dann meiner an. Wir verschwanden in ein kleines Büro. Während der ganzen Zeit, in der die Frau meine Personalien aufnahm, stand das Telefon nicht still. Erst klingelte es im Nachbarzimmer, dann, Sekunden nachdem es dort aufgehört hatte, auch bei uns. Sie blendete das Läuten völlig aus und arbeitete sich mit mir akribisch durch die Fragebögen. Nach 3B müsse ich, meinte ich irgendwann mitten bei der Aufnahme, spickte noch einmal prüfend auf die Anweisung meines Arztes und nickte es ab. So stand es schließlich auf meinem Zettel. Der Drucker spie die ersten Formulare aus, als die Dame sich kurz nach draußen wandte, wo bereits drei weitere Neuaufnahmepatienten eine Schlange bildeten. „Bin gleich soweit …“, meinte sie erschöpft. Oh ja, ich konnte der Guten nachempfinden, arbeite ich schließlich auch in einem Büro. Da gehört es zum guten Ton, Prioritäten zu setzen und irgendwie den Spagat zwischen angefangener Arbeit, Telefon und unerwarteten Kunden zu meistern. Nur wenn der Chef einen Wunsch äußert, der ja natürlich wichtiger als alles andere auf der Welt ist, selbst wenn es sich um so etwas Banales wie Druckerpapier nachlegen handelt, dann musst man alles stehen und liegen lassen - zum Wohle der Firma. Endlich waren wir durch, das letzte Blatt aus dem Drucker gekommen, die letzte von gefühlten 50 Unterschriften gesetzt. Doch dann schreckte sie auf. „Wer hat das hier draufgeschrieben?“, fragte sie mich und deutete mit bebenden Finger auf die Notiz „2A“. Mir schwante Unheil, als ich ihr erklärte, ihre Kollegin von 3B habe das getan, die Sache aber nicht erläutert. Wie Recht ich doch hatte … Unendlich viel Papierkrieg später waren wir dann endlich durch. Ich wusste endlich, wo ich hingehörte (nämlich zu 2A) und die Dame am Empfang in den Urlaub (am besten gleich auf die Insel). So gleicht sich im Leben eben alles aus.



    Mit dem Fahrstuhl ging es einen Stock höher. Ich schlug den linken Korridor ein und landete schließlich am - Wunder über Wunder - ausnahmsweise gut besetzten Empfangsschalter der Station. Die Mitte des Gangs wurde von einem sperrigen Essenswagen empfindlich blockiert, etliche benutzte Tabletts stapelten sich darin. Ich quetschte mich irgendwie daran vorbei und stand nun ziemlich unbequem zwischen Wagenrückseite und Empfangsschalter. Ich überreichte den Berg Dokumente und fasste das Notwendige in aller Kürze zusammen. Dann ging es plötzlich ziemlich schnell: Augenblicke später fand ich mich in einem großen Vierbett-Zimmer wieder. Eine blaue Tüchertrennwand bildete eine behelfsmäßige Barriere zwischen den jeweils zwei Betten an der Süd- und Nordseite des Raums. Vor den so hoch wie breiten Kippfenstern hing ein schlichter grüner Vorhang. Vier Schränkte hielten großzügigen Stauraum für die Kommode bereit, außerdem gab es eine weitere Tür im Raum, die zu einem Badezimmer führte. Wie mir überflüssigerweise mitgeteilt wurde, hatte ich freie Bettwahl, denn andere Patienten gab es nicht. Dann war ich plötzlich allein, niemand mehr da. Letzte Anweisung: Auf die Einweisung warten. Ein wenig verloren ging ich in dem Zimmer auf und ab, entschied mich dann, auf meinem Bett am Fenster Platz zu nehmen und erst einmal durch die ganzen Info-Broschüren zu arbeiten. Radio und Fernsehen über den schwenkbaren Bildschirm frei, Telefon nur über Bezahlung. Das war die Zusammenfassung von vier Seiten Info-Broschüre, die ich, schneller als mir lieb war, assimiliert hatte. Jetzt stand ich wieder auf verlorenem Posten. Höflich wartete ich noch ein, zwei Minuten, dann ging ich hinaus und suchte die Pflegerin, die mich auf das Zimmer begleitet hatte. Ob ich fix meine Sachen aus dem Auto holen könne, wollte ich wissen. Sie nickte es mit der Antwort ab, sie hätten jetzt gleich ohnehin eine Besprechung und ich könne mir Zeit lassen.
    Inzwischen hatte es stärker zu regnen begonnen. Glücklicherweise hatte ich einen Parkplatz in Eingangsnähe ergattern können. Leider standen trotzdem immer noch gut 50 Meter Fußweg zwischen mir und meinem Auto, und der Regenschirm war natürlich im Auto, klar. Ziemlich durchnässt hatte ich schließlich mein Gepäck auf dem Zimmer. Dort verstaute ich mein Inventar im Schrank und entschied anschließend, mich ein wenig frisch zu machen.
    Das Badezimmer war überschaubar, aber es mangelte an nichts. Ein Waschbecken, Toilette, Dusche, Papierhandtücher, sogar an Seife und ein Handtuch hatte man gedacht. Jetzt, in einem geschlossenen Raum, wurde ich mir meines süßen Moschus bewusst. Es war gut, dass ich Zeit für die Toilette hatte. In meinem Zimmer hatte sich bei meiner Rückkehr wenig getan. Nach wie vor war ich allein und ohne Beschäftigung. Also nahm ich mir ein Buch, das ich mitgenommen hatte, machte es mir auf dem Bett bequem und fing zu lesen an. Irgendwann musste ja schließlich jemand kommen. Ein Kapitel später hatte sich an meiner Situation nichts geändert. Ich tauschte das Buch gegen meinen Nintendo 3DS. Erst nach einer guten halben Stunde trat dann schließlich die Pflegerin von vorhin ein. „Ach, da sind sie ja endlich“, atmete sie auf. „Wieso ,endlich’?“, antwortete ich verdutzt. „Ja, sie sind ja weggefahren, um ihre Sachen zu holen.“ - „Wieso weggefahren? Ich war nur auf dem Parkplatz“, erwiderte ich entgeistert. Das hätte sie missverstanden und mich beim Einräumen nicht gesehen, meinte sie dann so zu mir. Wir verständigten uns abschließend darauf, dass ich bei ihrer Inspektion wohl gerade im Badezimmer gewesen sein musste. „Ja, das blöde Wetter“, kommentierte sie schlussendlich mit einem Lächeln. Ich müsse noch zum EKG und anschließend zum Anästhesisten, dem Narkosearzt. Sie gab mir eine grobe Wegbeschreibung, und nachdem ich mich in den verworrenen Gängen dennoch dreimal verlaufen hatte, stand ich vor verschlossener EKG-Tür. Mit einem dezenten Anklopfen verschaffte ich mir Gewissheit: kein Arzt da. Na toll! Ich nahm auf einer Bank draußen Platz und wartete, und wartete, und wartete. Dann endlich - ein Arzt. So gestresst wie unwirsch öffnete er mir die Tür. „Oberkörper freimachen, Schuhe ausziehen und auf die Liege legen“, waren die Anweisungen. Gleich darauf war ich gesprenkelt mit Elektroden, aus denen Kabel die Fangarme ragten. Es machte ein paar Mal „Piep! Piep!“, dann war der Spuk auch schon vorbei. „Und“, fragte ich so, „wie ist das EKG?“ - „Das klärt ihr Arzt mit ihnen.“ Schön, dachte ich mir, verließ den Raum und kehrte auf die Station zurück. Kaum angekommen bekam ich die nächste Anweisung: af zum Narkosearzt. Natürlich verlief ich mich wieder zwei-, dreimal, fand aber schließlich mein Ziel und damit einen weiteren Berg Papierkrieg. Wieder wurden Personalien aufgenommen (hatte ich das eine oder andere nicht schon bei der Neuaufnahme beantwortet?), aber auch ein riesiger Fragenkatalog über mein Gesundheitsprofil ausgebreitet. Welche Krankheiten ich so in der Vergangenheit hatte. Welche Gebrechen und sonstige Wehwehchen. Warum ich schon das Krankenhaus aufsuchen musste. Welche Medikamente. Und vieles, vieles mehr. Je weiter ich die Liste abarbeite (nein, nein, nein, nein, …), desto gesünder, aber auch langweiliger fühlte ich mich. Der Narkosearzt erklärte mir anschließend kurz die Prozedur. Wieder einmal war ich heil froh, dass ich unter einer Totalnarkose stehen würde. Ein Beatmungsschlauch im Hals? Sehr appetitlich … Aber endlich hatte ich Gewissheit, wann die OP stattfinden würde: morgen um 11 Uhr.



    Mein Plan für den Tag war abgearbeitet. Den verbliebenen Tag machte ich es mir in meinem Zimmer bequem. Beschäftigung hatte ich ja auch ohne Internet genug. Stets im Hinterkopf schwebte allerdings noch der Gedanken an die Einweisung. Tja, das Übliche halt: Wo gibt’s Getränke, wie funktioniert das Bett, wie rufe ich das Personal, wann sind die Essens- und Besuchszeiten, solche Sachen eben. Aber darauf wartete ich vergebens. Stattdessen bekam ich irgendwann nachmittags Besuch von einer Zivildienstleistenden, die, statt Fragen zu beantworten, Fragen stellte; Fragen, die ich wohlgemerkt mitunter jetzt bereits zum dritten Mal gestellt bekam (nein, nein, nein, nein, …). Am Schluss verlieh ich meinen Gedanken offen Ausdruck, wie langweilig ich doch sei. Die meinte daraufhin, das sei gut, habe sie schließlich weniger Arbeit. Kurz danach musste ich noch unerwartet zur Blutabnahme. Das ging ruckzuck, auch wenn das Blut erst einmal großzügig das Ziel verfehlte und auf den Fingern des Arztes landete. Die Nadel blieb zu meinem großen Schrecken drin. Das kannte ich bereits aus vergangenen Krankenhausaufenthalten. Das Ventil, die Kanüle, diente als Eingang für Medikamentlösungen. Ich sah mich bereits wie einen dieser Zombies, die mit einer Plastikflasche an einem sperrigen fünfbeinigen Fahrgestell hilflos durch die Gänge irrten. Das Schlimmste an diesen Nadeln ist allerdings, dass sie so angenehm sind wie Klärschlamm unter der Nase. Sie stören quasi immer. Man will duschen: Da ist die Nadel. Man will schlafen: Da ist die Nadel. Man bekommt eine Medikamentlösung: Da ist die Nadel (logisch, oder?).



    Um 18 Uhr war dann Fütterungszeit. Spöttisch belächelte ich die Portion, die mir so weltfremd war wie die hebräische Schrift: zwei Scheiben Brot, zwei Scheiben Käse, vier Scheiben Wurst, ein Päckchen Butter, ein Päckchen Senf, Tee und irgendeine kleingeschnittene Passionsfrucht. Wozu zum Geier sechs Scheiben Aufschnitt bei nur zwei lumpigen Scheiben Brot? Und wer sollte davon satt werden? Selbst als Seniorenteller empfand ich die Portion als mager. Gelangweilt kaute ich mein Abendessen und plante bereits insgeheim, gleich danach noch rasch dem Bistro im Erdgeschoss einen Besuch abzustatten; das aber hatte bei meiner Ankunft leider schon zu. Den Rest des Abends „ernährte ich mich von einer reichlich ungesunden Mischung aus Schokolade und Gummibärchen - ein krönender Abschluss eines verkorksten Tages. Und was war mit meiner Einweisung? Na, zumindest vergaßen sie es nicht, mir - warum auch immer - den Blutdruck zu messen. Aber gerne doch!


    Fortsetzung folgt …

  • Tag 2


    So gegen 1 Uhr nachts bereute ich es dann schließlich doch, dass ich auf das angebotene Beruhigungsmittel zum besseren Einschlafen verzichtet hatte. Schon aus Gewohnheit finde ich in fremden Betten selten Ruhe, dann aber noch mit laufender Nase und mit dieser ärgerlichen Nadel am linken Arm - undenkbar. Hinzu kamen dann noch höllische Kopfschmerzen, die sich innerhalb von ein, zwei Stunden von einer lauen Brise zu einem ausgewachsenen Tropensturm entwickelt hatten. Fahrig wälzte ich in meinem Bett hin und her. Ich redete mir ein, dass es glücklicherweise niemanden bei mir im Raum gab, den ich mit meinen unruhigen Einschlafbemühungen auf die Palme bringen würde. Ein schwacher Trost für mich, und schon gar keine Lösung. Gegen 2 Uhr hatte ich dann doch genug und suchte den Nachtdienst für ein Medikament auf. Krampfhaft wurde nach einfachem Aspirin gesucht - Fehlanzeige. Erst nach zwei ergebnislosen weiteren Minuten hatte ich schließlich und endlich dann doch eine kleine Pille in der geschlossenen Faust. Die Wirkung trat erst nach einer weiteren halben Stunde ein. Bis ich dann irgendwann zur Ruhe kam und endlich eine Mütze Schlaf fand, musste es zwischen halb vier und vier Uhr gewesen sein. Dann plötzlich ohne weitere Vorwarnung sprang die Zimmertür (Rumms! Wumms! Bumms!) krachend auf. Der Dämmerschein meines Quartiers verschwamm mit dem kalten Flurlicht. Der wirbelte Kontrast von hell und dunkel spuckte zwei in grün gekleidete Pflegekräfte aus. Man bemühte sich erst gar nicht, ein wenig Rücksicht auf etwaig andere Patienten im Raum walten zu lassen. Nein, Priorität hatte einzig und allein der Neuzugang auf der Krankenliege, den man wenig einfühlsam, dafür umso lauter klar machte, dass dies nun sein Zimmer für die nächsten Tage sei. Was folgte, waren etliche Erklärungen, nicht nur an meinen Zimmerkameraden, einen Mann Mitte 70, sondern auch an dessen Frau. Die Uhr zeigte kurz vor sechs an, als man dann endlich Erbarmen hatte oder vielleicht auch einfach keine Lust hatte, alles wieder und immer wieder zu erklären. Demonstrativ rammte ich meinen Schädel zurück in das Kopfkissen. Bis zu meiner OP waren es noch einige Stunden. Noch genug Zeit, um etwas Kraft und Willensstärke zu tanken. Rumms Wumms! Bumms! Wieder krachte die Tür auf und ein neuer Patient, ein etwas rundlicher Mann im mittleren Alter, wurde hineingeführt (hatte ich überhaupt etwas geschlafen?) und mit Erklärungen wieder einmal wenig gespart. Damit war die Nacht für mich nun endgültig zum Tag geworden; Tag zwei meiner Acherbahn-Geisterfahrt mit Dauerkarte. Aus dem Badezimmerspiegel schaute mich ein gefrustetes, mit blutunterlaufenen Augen dreinblickendes Häufchen Elend an. Es hilft ja nichts, redete ich mir ein, schnappte mir Zahnbürste und Creme und schrubbte mir missmutig den nächtlichen Zahnmief aus dem Mund. Auf das Frühstück brauchte ich nicht zu warten, da ich aufgrund der Narkose unbedingt nüchtern sein musste. Mein Nintendo 3DS war mein Steuerrad auf dieser Irrfahrt von sehr frühen Morgenstunden in den eigentlichen Tag. Mit ihm trotzte ich diesem Sturm, während meine zwei Zimmerkameraden komischerweise schnell Ruhe fanden. Ihr Glücklichen!



    Es war noch nicht 8 Uhr, als unerwartet zwei mit Krankenliege bewaffnete Pflegekräfte den Raum stürmten. Ich sei jetzt schon dran. Unsicher vergewisserte ich mich nach der Uhrzeit. „Ja, es hätte sich was ergeben.“ In Gedanken schulterzuckte ich das weg. Je früher, desto besser. Wie gesagt: Die OP empfand ich überhaupt nicht als Problem, weswegen ich auch immer die Frage, ob ich denn aufgeregt sei, wahrheitsgetreu mit Nein beantwortet hatte. Dummerweise war ich aber auf diesen plötzlichen Überfall überhaupt nicht vorbereitet. Meinen Spielstand speichern konnte ich nicht mehr, also klappte ich den DS einfach zu und musste mich dann erst einmal mit dem Tresor auseinandersetzen, in dem ich meine Wertsachen einlagern konnte (erwähnte ich eigentlich, dass ich noch immer keine Einführung bekommen hatte?). Als kleines Geschenk bekam ich noch Thrombosestrümpfe und OP-Kittel. In das Kleidungsstück schlüpfte ich problemlos rein, doch mit den Strümpfen hatte ich dann doch etwas zu kämpfen. Bis man mir dann mal erklärte, man müsse die Strümpfe ganz nach oben ziehen, verging ungefähr so viel Zeit, wie sich mit dem Tresor anzufreunden (einem unbedarften männlichen Wesen etwas zu helfen, auf die Idee kam natürlich niemand). Nun gut, irgendwie schaffte ich es dann doch halbwegs ordentlich und war für die OP bereit. Der Wagen, auf dem ich lag, rollte durch ein paar Gänge, durchquerte ebenso viele zweiflüglige Türen, bis ich mich in einem großen Raum wiederfand. Er hatte etwas wie eine Halle, nur nicht so hoch. Die grünen Laborkittel der umherwuselten Menschen bildeten einen sanften Übergang zu den Wänden, der Decke und dem Fußboden, die in ähnlichen Farbtönen grün gekachelt waren. Hier und da standen. Karren auf vier Rädern herum, wie man sie beispielsweise vom Frisör oder auch aus der Werkstatt her kannte. Über offene Portale konnte man in andere Bereiche der Halle treten. Ich machte dort weitere Patienten auf ihren Liegen aus. Es musste hier zugehen wie am Fließband. Einer nach dem anderen wurde behandelt, abgefertigt, aufgeschlitzt, whatever. Man kann es nennen, wie man will. Da die ganze Atmosphäre wirkte auf mich wie in einer Großmetzgerei. Ich über es daher euch, meine Einstellung zu dem Thema zu interpretieren. Nach und nach stellte sich mir das Ärzteteam vor. Ich bin der und der, ich mache das und das. Zugegeben: eine nette Geste, vielleicht sogar auch eine Verpflichtung, wer weiß, aber im Grunde fast nutzlos. Für mich sahen sie alle gleich aus. Ohne Gesichtsmasken hätte ich vielleicht zwischen Männlein und Weiblein unterscheiden können, wobei es mir letztendlich reichlich egal war, wer an mir rumdoktorte, im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwann scharrten sich die Leute dann schließlich um mich, nachdem man glücklicherweise einmal gefragt hatte, mit welchem Patienten man es denn zu tun hatte. Es gab unter den Doktoren noch einige Unstimmigkeiten, warum ich denn jetzt schon hier auf meine OP wartete, schließlich war diese ja eigentlich (richtigerweise) um 11 Uhr angesetzt. Nun gut, man entschied sich, jetzt nicht darüber zu streiten. Der Patient wurde verkabelt und an ein Herzkontrollgerät angeschlossen, anschließend eine Atemmaske auf den Mund gestülpt. Alles wurde angekündigt. Erst Sauerstoff, dann der Wechsel zu Schmerzmittel und schließlich Betäubungsgas, alles geruchlos. Hier an der Stelle muss ich ja mal erwähnen, dass ich als Hobbyautor schon des Öfteren eine Ohnmacht oder etwas Vergleichbares beschrieben habe, und es ist tatsächlich genau so, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Es ist ein fließender Übergang von Realität zu einem leicht schwummrigen Gefühl. Dann tritt auch schon leichte Desorientierung ein, bis dann der unsichtbare Holzhammer den K.O.-Schlag durchführt. Ich erinnere mich noch, (komischerweise) irgendwo die ganz alte instrumentale Titelmusik von Bibi Blocksberg gehört zu haben, als mir dann plötzlich eine entfernte weibliche Stimme zurief, ich müsse tief ein- und ausatmen. Ich befand mich in einem Nebenraum, ähnlicher Aufbau wie die Haupthalle, nur deutlich kleiner, mit einigen Liegen, auf denen Patienten - so wie ich - ihren Rausch ausschliefen. Schmerzen plagten mich keine, aber meine Nase fühlte sich an wie auf die dreifache Größe gewachsen, rund, pickelig und unförmig, so eine richtige Trollnase eben. „Tief ein- und ausatmen!“ Nachdem ich frühzeitig festgestellt hatte, dass ich keine Luft durch die Nase bekam, tat ich dann, wie geheißen. Ein und aus, ein und wieder aus. Das ging dann etwa zwei Minuten so, bis man mich dann - zufrieden mit meiner Leistung - auf mein Zimmer brachte. Der Wagen, auf dem man mich gebettet hatte, wurde dich an mein Bett geschoben, sodass ich bequem hinübergleiten konnte. Im Normalfall hätte ich mich wahrscheinlich spektakulär zur Seite abgerollt, aber das Narkosemittel hatte mich schwach und gefügig wie ein kleines Kind gemacht. Anweisungen, wie ich mich nun verhalten sollte, bekam ich keine, bloß einen Stapel Papierhandtücher, mit denen ich eventuell austretendes Blut abfangen konnte. Und wie das blutete! Ach, ich weiß gar nicht, wie viele Bäume heute wegen mir ihr Leben geben mussten, nur damit ich meine weiße Bettdecke nicht in einem aufregenden Rot einfärben konnte.
    In einer solchen Situation wollte man natürlich nur eines: nämlich schlafen. Und tatsächlich kam ich auch für ein paar Minuten zur Ruhe, wohl sanft durch Restbestände von Narkosemittel in den Schlaf gewogen. Rumms Wumms! Bumms! Der seidene Vorhang zum Reich der Träume wurde gewaltsam von der Gardinenstange abgerissen, zusammengeklumpt, grob in die nächste Mülltonne gestopft, um dort noch einmal kräftig draufzuspucken. Mein Bettnachbar bekam seine Einweisung. Wie funktioniert das Bett, wie rufe ich die Schwester, wo gibt’s Getränke. Ach nein, wie schön! Denkt hier jemand vielleicht mal an mich? Nicht nur, dass ich seit gestern früh quasi immer noch auf dem getränklosen Trockenen saß, nein, auch könnte man ja auch ein klein wenig Rücksicht nehmen, die Stimme senken, vielleicht sogar einfach die ganze Geschichte zu einer anderen Stunde durchkauen. Ein Wunschtraum … Ich hatte das Bedürfnis, unbedingt aufzustehen und das, was sich in meinem Gesicht wie zwei Jahre alte Karnevalsschminke anfühlte, abzuwaschen. Gut, ganz so schlimm war es zum Glück dann doch nicht. Verkrustetes und frisches Blut an einigen Stellen, aber ansonsten ganz okay. Die Nase war über zwei Pflaster verbunden. Beide begannen auf dem Nasenrücken. Auf dem Weg nach unten pressten sie die Nasenflügel links und rechts zusammen und gingen dann in einem Bogen zu den Nasenlöchern über, um diese zu verschließen. Na ja, fast, denn wie ich feststellte, gab es am linken Nasenloch eine ganz kleine, minimale Öffnung, durch die eben beständig Sekret und Blut sickerten. War es gewollt oder nicht - darüber machte ich mir gerade wenig Gedanken. Die meiste Flüssigkeit wurde von der Tamponade in der Nase aufgesogen, ein Gefühl wie zuzementiert. Das Schlucken war auch so eine Sache. Quasi bei jedem Schlucken baute sich ein Druck auf den Ohren auf und ab, so wie im Schwimmbad mit zu viel Wasser in den Ohren. Gleichzeitig blubberte diese zähflüssige Suppe aus Blut und Schnodder in der Nase wie zu dick angesetzte Tomatensoße, während die Nase sich anfühlte, als würde sie bei diesem Vorgang auf das doppelte anschwellen. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, wie unangenehm sich das anfühlte.



    Dieser eigentlich nur kurze Ausflug ins Badezimmer hatte mich völlig ausgelaugt. Kraftlos sank ich zurück auf mein Bett. Es war noch nicht wirklich spät, kurz nach 10 Uhr, glaube ich. Die OP war also ziemlich schnell über die Bühne gegangen. Gerne hätte ich etwas getan, um mich von dem unangenehmen Gefühl im Gesicht abzulenken. Lesen, zocken, schreiben, Filmchen schauen - irgendetwas. Am Ende musste ich mir allerdings eingestehen, einfach zu ausgelaugt für irgendetwas zu sein. Also zurück ins Bett und schlafen. Dummerweise war während der gerade mal einminütigen zeitlichen Differenz zwischen Badezimmer und Matratze wieder so viel Kloake ausgetreten, dass ich genau so gut mein Quartier im Badezimmer hätte aufschlagen können. Papierhandtücher mussten her. Viel mehr. Ich weiß ja nicht: Ich als Laie hätte ja gesagt, so ein kalter Nackenwickel würde Wunder bei so etwas wirken. Ist ja schließlich kein Geheimnis, dass sich die Gefäße bei Kälte zusammenziehen, ergo wird die Blutzufuhr gehemmt. Aber man ist ja kein Fachmann und schon gar kein Klugscheißer. Wäre es tatsächlich so einfach, musste das ja zur Routine gehören. Oder? Oder? Ich verscheuchte den Gedanken und kletterte zurück ins Bett, wo ich tatsächlich eine Stunde, glaube ich zumindest, Ruhe fand. Rumms Wumms! Bumms! Es wäre ja auch zu schön gewesen … Igitt, war ich wieder klebrig. Der Besuch galt diesmal aber sogar mir. Mir. Tatsächlich mir. Nun gut, meine Begeisterung hielt sich dann doch eher in Grenzen. Eine Nudelsuppe versprach man mir für den Abend. Mittagessen musste der frischen OP in blutvermengtes Wasser fallen. Außerdem bekam ich einen Speiseplan, auf dem ich Frühstück, Mittag- und Abendessen wählen durfte. Die Auswahl war nicht schlecht. Eigentlich zähle ich mich zu einer ziemlich wählerischen Sorte Mensch, aber tatsächlich gab es jeden Tag etwas, was nur vom bloßen Lesen meinen Gaumen streichelte. Gefüllte Putenbrust mit Mandelreis und Karottensalat. Spaghetti Bolognese mit grünem Salat. Backfisch mit Kartoffelsalat. Ja, das klang alles wirklich nicht schlecht. Ähnlich verlief es auch beim Abendessen, und sein Frühstück konnte man sogar ganz individuell zusammenstellen. Welche Sorte Brot, wie viel Scheiben, Aufschnitt oder Marmelade, was für Getränke, Pudding, Müsli, Corn Flakes. Die Liste war wirklich lang. Dementsprechend überfordert - immer noch unter Narkosemittel, auf Schlafentzug und dauernd die Nase abtropfend - war ich leider (ist ja nicht so, dass ich gestern keine Zeit gehabt hätte …). Beim Frühstück kreuzte ich also was an, was mir am ehesten in den Sinn kam. Zumindest bei de anderen zwei Mahlzeiten glaubte ich, eine gute Wahl getroffen zu haben. Die Schwester nahm das Papier entgegen und zeigte sogar etwas Mitleid mit mir - die erste Person! Sie eilte kurz aus dem Zimmer und kam dann mit einem - ich nenne es mal so - Rotzfänger. Das müsst ihr euch vorstellen wie ein großes Stück Watte, das man in die Länge gezogen hat und wie ein großer, weißer Schnauzbart unter der Nase platziert wird. Mit zwei Schlaufen wird diese behelfsmäßige Rotzbremse an den Ohren befestigt, sodass nichts verrutschen kann, sogar nicht einmal beim Schlafen. Dummerweise fühlte sich dieses Monstrum an, als ob man mir weiche Knetmasse unter die Nase gesetzt hätte. Man konnte es nun drehen und wenden, wie man wollte, die Hilfe erfüllte ihren Zweck in vollen Zügen. Damit hatten die Papierhandtücher nun endlich einmal Ruhepause. Und selbst wenn ich das Gefühl hatte, das ein wenig Sekret oder Blut einen Ausreißversuch unternahmen, konnte ich mit einer einfachen Handbewegung die Watte etwas in die notwendige Richtung schieben und das Übel verhindern.



    Den Rest des Tages verbrachte ich stillschweigend auf meinem Bett. Ich tat alles, um mir die Zeit zu vertreiben: Lesen, schreiben, zocken. Noch hatte ich es aufgeschoben, einen Film in das DVD-Laufwerk einzulegen. Dieses Privileg wollte ich noch etwas hinauszögern - vielleicht auf den Abend. Jedenfalls verhielt ich mich sehr ruhig, wollte schließlich den restlichen Zimmerkameraden nicht auf die Pelle rücken. War ja bereits schlimm genug, dass ich alle zehn Minuten auf die Toilette stürmte und unter lautem Würgen überflüssiges Blut aus dem Rachen ins Waschbecken hustete.
    Gegen 14 Uhr standen die Krankenhaustüren für Besucher offen. Die zwei Herren auf meiner Stube bekamen jeweils Gäste. Mir war klar, dass ich heute allein bleiben würde, hatte ich schließlich vor meiner Abreise den Wunsch geäußert, so wenig wie möglich Besuch zu bekommen. Nicht, dass ihr das jetzt falsch versteht! Ich bin kein Widerling oder so. Nur weiß ich doch, wie es ist: nämlich langweilig. Klar, man selbst als Patient greift nach jedem Strohhalm, um sich abzulenken. Dementsprechend glücklich ist man, wenn Freunde oder Familie mit einem gezwungenen Lächeln den Laden stürmen. Aber wie verhält sich das auf der anderen Seite? 20 Kilometer Fahrt, nur um dann irgendwo rumzuhocken und sich dann anzuhören, wie dreckig es dem Gegenüber doch geht. Ich nenne das Kind dann einfach mal beim Namen: Es macht keinen Spaß. Es ist langweilig. Deshalb habe ich gleich gesagt, man solle mit seiner Zeit lieber was Sinnvolles anfangen, sein Leben leben eben. Ich bin kein Heiliger. Ich glaube einfach nur, rücksichtsvoll zu sein. Jedenfalls wurde meine Rücksicht und Geduld an diesem Nachmittag doch sehr auf die Probe gestellt, als ich die vergeblichen Bemühungen anstrebte, vielleicht doch noch ein paar Minuten Schlaf zu finden (Rumms Wumms! Bumms! „Na, so eine Überraschung!“ - „Wie geht es dir?“).



    Und so kam dann langsam der Abend. Preisfrage: Wisst ihr, was man für eine Nudelsuppe braucht? Richtig! Nudeln und Suppe. Genau das bekam ich dann auch serviert. Es war heißes Wasser mit Nudeln drin. Ich bin ja kein allzu großer Freund von Kaninchenfutter, aber ich hätte mich ja tatsächlich sogar über die Spuren von Karotten oder Suppengrün gefreut. Aber von solchem Luxus wollen wir hier jetzt gar nicht erst reden. Um dem Löffel den Weg zum Mund überhaupt zu ermöglichen, musste die Rotzbremse ab. Das Innere des Wattebausches hatte bereits mehr rote als weiße Farbe angenommen. Folglich musste ich mir erst einmal die Oberlippe etwas sauber machen und bestückte mich mit reichlich Papierhandtüchern. Denn hatte ich die Rotzbremse ab und das verkrustete Blut aus dem Gesicht, liefen die Bilgepumpen wieder auf vollen Touren und sorgten für reichlich blutigen Nachschub. Auf jeden Löffel Suppe durfte ich quasi zweimal die Blutung stillen. Löffelchen rein, Nachschub an Papierhandtüchern, Löffelchen rein, Nachschub an Papierhandtüchern. Joa, sie ging das eine ganze Weile. In dem brüchigen Irrglauben, es könnte ja mal eine Sekunde lang nicht bluten, lehnte ich mich irgendwann kurz zurück, nur um bei dem nächsten Löffel wieder eines Besseren belehrt zu werden. Immerhin schaffte ich etwa 3/4 meiner Suppe, bis mir weniger der Appetit, sondern eher die Lust verging. Ein letztes Mal also trockenreiben, dann wieder die arg in Mitleidenschaft gezogene Rotzbremse drauf und zurück ins Bett. Von dort aus ging es wieder im Zehnminutentakt ans Waschbecken zum Würgen. Unter meiner Nase fühlte es sich mittlerweile richtig feucht an - die Watte hatte die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht. Also ließ ich mir draußen am Arzttresen einen neuen geben, den sie glücklicherweise vorrätig hatten. Besser wäre es natürlich, würde man vielleicht eine Möglichkeit in Betracht ziehen, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen (kalter Nackenwickel anyone?), aber lassen wir das.



    Da es mir untersagt war, zu duschen (angeordnet oder mich deswegen ermahnt hatte das natürlich niemand, aber diese kategorische Anweisung war mir glücklicherweise noch gut aus der zwei Wochen alten Info-Broschüre bekannt), blieb ich den restlichen Abend im Bett. So gegen 20 Uhr warf ich einen Film ein. Die „Zurück in die Zukunft-„Triologie war meine rettende Oase in der Wüste für diesen Abend. Endlich fühlte ich etwas Warmes in mir aufkommen, wärmer als die Suppe, die vorhin meine blutige Kehle heruntergelaufen war. Es war ein Gefühl von Freude, etwas Lebensbejahendes. Alle Ärzte und Medikamente, die meine körperliche Krankheit hätten lindern können, waren machtlos gegen das, was die Abenteuer von Marty McFly und Doc. Brown für meine geplagte Psyche erreichen konnten. Ein Balsam für die Seele. Ich kam etwa zur 20. Minute des ersten Films, als im Raum die Lichter ausgingen. Natürlich sagte das niemand offen, aber die Botschaft konnte klarer nicht sein: Meine Zimmerkameraden wollten schlafen. Und da ich eben ein äußerst rücksichtsvoller Mensch bin, entschied ich mich dafür, das Licht ebenfalls zu löschen, sowohl Nachtlampe als auch Monitor. Tja, so einer bin ich eben. Vielleicht, so redete ich mir ein, würde ich jetzt endlich ein wenig Schlaf nachholen können. Ach, was für ein verträumter Narr ich doch war …

    Fortsetzung folgt …

  • Tag 3

    Kennt ihr das Gefühl, wenn euch beim Einschlafen die Bilder eurer Erlebnisse des vergangenen Tages vor dem inneren Auge verfolgen? Sie euch gar nicht in Ruhe lassen? Besagte Bilder wurden mir von meinem ruhelosen Verstand quasi auf die Netzhaut gebrannt, und war ich auch noch so müde. Nur handelte es sich bei meinen Erinnerungen weniger an Bilder einer traurigen Nudelsuppe oder maskierten Menschen in grünen Arztkitteln, sondern waren es kleine, rote Panzer, die in einer postapokalyptischen Zukunft gegen böse Plünderer um das nackte Überleben kämpften. Tja, das hatte ich nun davon, dass ich die Batterien meines Nintendo 3DS bis zum Exzess malträtiert hatte. Zugegeben: Fünf oder sechs feuchte Seemannskapitel meiner Leselektüre hatte ich ebenfalls assimiliert. Aber seltsamerweise wollten nur Panzer durch Staub und Morast rollen und kein Jüngling hoch oben durch die Takelage der Galeone klettern, auf der er diente. Als ich mich stark, sehr stark konzentrierte, vermochte ich die Gehirnkapriolen für wenige Sekunden auszublenden. Doch wie gesagt: nur für kurze Dauer. Schon flimmerten wieder Soldaten in roten Uniformen vor dem geistigen Auge, bereit und willens, ihr Leben in blindem Gehorsam für ihren Kommandanten zu geben.
    Zum gefühlten 20.000 Mal rückte ich das Kopfkissen zurecht und passte den Schädel neu darin ein. Die Rotzbremse verrichtete unverminderter Dinge ihre Arbeit, auch wenn ich glaubte, ein wenig ihrer Saugkraft hätte sie bereits eingebüßt. Fast genau so machte mir das zu schaffen, was sich eine Etage drunter abspielte: Meine Lippen waren durch die einseitige Luftzufuhr ausgetrocknet und spröde. Auf den Zähnen hatte sich trotz regelmäßiger Mundhygiene ein unangenehmer, gefühlt Zentimeter dicker Belag gebildet wie nach wochenlanger Zahnpasta-Abstinenz. Am Tage hatte ich zumindest mit Leitungswasser etwas Frischegefühl in den Mund gemogelt und die Lippen behelfsmäßig geflickt. Aber unter Berücksichtigung meiner schlafenden Zimmerkameraden konnte ich nun den Gang zur Toilette unmöglich in Angriff nehmen. Man wollte ja schließlich niemanden „unnötig“ verärgern. Draußen auf dem Flur wollte davon natürlich keiner wirklich etwas wissen. Dort ging das Leben weiter - die ganze Nacht. Die Station musste ja schließlich für Patientenbedürfnisse und andere Notfälle bemannt sein. Dann gab es unter den Patienten noch die Nachtschwärmer, die zu der Schlafenszeit erst richtig aufblühten - und es auch jeden wissen lassen mussten. Ach, was wurde da schwadroniert! Über Gott und die Welt, die Regierung, bevorstehende US-Wahlen, Fußball, Sport allgemein, Frau Merkel und vieles, vieles mehr. Am liebsten aber natürlich, wie krank man doch sei. Ich glaube, alle Krankheiten dieser Welt waren bei uns auf dem Stockwerk vertreten - in mehrfacher Ausführung. Ganz abseits im wirklich allerletzten Zimmer hatte man am vergangenen Tag außerdem einen (anscheinend) schwerkranken Patienten in Einzelhaft isoliert; zumindest ging ich davon aus. An was er litt, kann ich hier jetzt nicht sagen, nur … Habt ihr euch jemals durch ein Survival-Horror-Spiel gezittert? Mit Menschen fressenden Zombies und so? Genau so heulte der arme Mann - und zwar die ganze Nacht. Glücklicherweise war ich weit genug davon entfernt, um das nur als klagendes Seufzen wahrzunehmen. Zum Ausgleich hatte ich das unverschämte Pech, dass mein Zimmer am nächsten zur Pflegerstation lag, wo alle paar Minuten ein lauter Signalton schmetterte, wann immer ein Patient noch einen nächtlichen Wunsch hatte oder ein Wehwehchen plagte.
    Irgendwie schaffte ich es irgendwann, alles auszublenden. Die verbliebenen Nachtschwärmer hatten endlich ihr eigenes Genörgel satt oder waren vom Pflegepersonal hinter Schloss und Riegel gesetzt worden, die letzten Patientenwünsche waren befriedigt und auch mein Verstand kam so langsam zur Ruhe. Wurde auch Zeit … Ich glaube, es war kurz nach 12 Uhr. Dann plötzlich … Schnarch! Meine Fresse! Auch mein Bettnachbar war endlich eingeschlafen. Und der sägte so laut, wie ein Holzfäller fluchte, der sich gerade mindestens zwei Finger abgehackt hatte. Womit hatte ich das nur verdient …?



    Nach einem unregelmäßigen, wiederkehrenden 5-Minuten-Schlaf knallte gegen 5.30 Uhr (Rumms Wumms! Bumms!) die Zimmertür auf. Am liebsten hätte ich mein Gesicht Kopf vor in das Kopfkissen gerammt, aber das Taubheitsgefühl an der Nase erinnerte mich gleich an meinen Zustand. Keine gute Idee. Bevor ich ein schläfriges wie genervtes „Was’n los?“ zwischen meinen mahlenden Kiefern quetschen konnte, kam die Anweisung der Krankenschwester: „Alle HNO-Patienten haben um 6.30 Uhr Vorstellung beim Arzt.“ Schön, dass mir/uns das auch mal gesagt wurde. Oder vielleicht wussten es sogar meine Mitleidensgenossen. Zumindest wäre das eine Erklärung, warum sie so früh zum Matratzenhorschdienst angetreten waren. Ich ergatterte den ersten Platz in der Warteschlange zum Badezimmer, schrubbte mir gefühlte Tonnen Belag von den Beißern und wusch mir das blutverkrustete Gesicht (untere Hälfte).
    Gegen fünf Minuten vor halb machten wir uns geschlossen und mit unseren eigenen Akten im Gepäck auf den Weg. Es war ja nicht so, dass wir einen langen Fußmarsch vor uns hatten. Mit dem Fahrstuhl ein Stockwerk höher, dann nur noch den Gang hinunter. Auf den reichlichen Sitzgelegenheiten warteten bereits Patienten. Sie hatten sich so verstreut, als ob sie fürchteten, von ihrem unmittelbaren Nachbar mit der Pest infiziert zu werden. Demonstrativ nahm ich Platz neben einem Mann im mittleren Alter, während sich meine Zimmerkameraden wiederum verstreuten. Lange musste ich glücklicherweise nicht warten. Von den rund 15 Patienten kam ich als Zweiter an die Reihe - man muss ja auch mal Glück haben.
    Mein Arzt rang sich einen flüchtigen Morgengruß ab und fragte, wie es mir denn so gehe. „Na ja“, meinte ich so wahrheitsgetreu, „den Umständen entsprechend. Habe die letzte Nacht wieder nicht geschlafen, weil mein Bettnachbar so laut schnarcht.“ - „Sie schnarchen auch.“ Wahrscheinlich musste ich ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn mein Arzt erklärte mir sofort, alle Nasenpatienten schnarchen. Jedenfalls nahm er mir die Rotzbremse ab und warf diese kommentarlos in den Müll. Da er mir nicht in die Nase schauen konnte, schaute er oberflächlich darüber, nickte und schrieb in die Akten, ich bekäme fortan Antibiotika. Die Tamponade wolle er dann am Samstag entfernen. Samstag, stöhnte ich resignierend in Gedanken. Jetzt war gerade erst Mittwoch. Würde ich denn überhaupt so lange überleben …?



    Ich fand mein Zimmer ausgestorben vor. Niemand war da, so wie am Tag, als ich es bezogen hatte. Die Uhr schlug noch nicht einmal zur siebten morgendlichen Stunde. Und ich war kaputt. Richtig gemartert. Das Bett war nicht mehr warm, als ich mich wieder hineinlegte, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Ich - brauchte - Schlaf.
    Kennt ihr eigentlich die erste „Werner“-Comic-Verfilmung? Die mit dem Krankenhaus? Ich wette, ihr alle habt euch herzhaft darüber amüsiert, wie der gute Werner sich von einem Schlaf-Delirium zum nächsten quälte. Ja, ich auch. Aber ich kann euch sagen: So geht es wirklich zu, und es ist nicht witzig! Es fing an, dass meine Zimmerkameraden (der eine früher, der andere später) wieder eintrafen (Rumms Wumms! Bumms!). Danach folgte irgendwann die Reinigungskraft (Rumms Wumms! Bumms!), die für Ordnung sorgte, wobei sie auch den von mir ganz allein mit blutigen Taschentüchern gefüllten Papiermülleimer leerte („Um Himmels Willen!“). Dann kam das Frühstück (Rumms Wumms! Bumms!). Wo ich denn essen wolle, am Bett oder am Tisch, rief man mir zu. Ohne die gute Frau auch nur eines Blickes zu würdigen, murmelte ich nur, ich wolle heute Morgen nichts frühstücken, es sei meine zweite schlaflose Nacht gewesen sie könne den Kram wieder einpacken und mir lieber ein Schlafmittel geben. Doch darauf wartete ich lange. Stattdessen machte es irgendwann noch einmal Rumms Wumms! Bumms! und den Insassen wurde der Blutdruck gemessen. Ich war als Letztes an der Reihe und brummelte nur in mein Kopfkissen, die Mühe könne man sich genau so gut sparen, man solle einfach nur „Der Blutdruck ist im Arsch“ aufschreiben. Zu guter Letzt reichte ich dann aber doch brav mein Ärmchen und ließ den Mann seine Arbeit tun (Wunder über Wunder: Der Blutdruck war im Keller). Rumms Wumms! Bumms! Ich wurde an eine Infusion mit Antibiotika angeschlossen. Als denn endlich das letzte Klirren von Besteck gestorben war, ging ein letztes Mal noch die Tür (Rumms Wumms! Bumms!) auf, um das Geschirr und die Tabletts auf den Wagen draußen zu parken. Dann endlich - Ruhe. Himmlische Ruhe. Auch meine restlichen Stubenkameraden waren heilfroh darüber, und so schnorchelten wir dann so gut es ging in einem dämmrigen Halbschlaf um die Wette.



    Um Punkt 12 wurde das Mittagessen aufgetischt. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass es wirklich gut aussah, was mir da serviert wurde: gefüllte Putenbrust, Mandelreis und Karottensalat. Ich ließ es mir nicht nehmen, mal am dritten Tag ganz nebenbei, aber mit leicht vorwurfsvollem Unterton zu fragen, wo es denn Getränke gebe. Mit diesem Wissen im Gepäck konnte ich dann das Mittagessen endlich angehen. Ich hätte es wahrscheinlich sogar sehr genossen, hätte ich irgendetwas geschmeckt. So hatte ich bei allem, was ich mir ganz vorsichtig in die Futterluke stopfte, das Gefühl von Nichts im Mund. Gleichzeitig waren Papierhandtücher wieder mein ständiger Begleiter, denn bei jedem Bissen und bei jedem Schluck öffneten sich die Blutgefäße und sprudelten nur so förmlich.
    Nachdem ich mich also durch mein Mittagessen „getupft“ hatte, ging es zurück in die Heia. Oder sollte ich lieber etwas anderes tun? Lesen? Zocken? Ich ging das Wägelchen neben meinem Bett und damit meine Alternativen von oben nach unten durch, wobei mir die angebrochene Tafel Schokolade und das Päckchen Gummibärchen ins Auge fiel. Eigentlich ein gelungener, wenn auch nicht besonders nahrhafter Nachtisch. Leider aber hätte ich mir genau so gut gequirlten Sumpffrosch die Kehle runterjagen können - geschmacklich dasselbe. Kurz überlegte ich noch, ob ich vielleicht meinem Bettnachbar (der mit dem Holzfällersägen) ein Stückchen Schokolade anbieten sollte, was ich am Schluss dann aber doch unterließ. Es wäre ohnehin Verschwendung gewesen, da dieser sich einige Minuten später aufgrund zu schneller Infusion das Badezimmer stürmte und sich dort so spektakulär übergab, dass eine Reinigungskraft kommen musste.



    Gegen Nachmittag bekam ich zum ersten Mal Besuch von der lieben Verwandtschaft. Ich reagierte prompt und verlagerte das Zusammensein auf das Bistro im Erdgeschoss aus, schließlich wollte ich meinen Zimmerkameraden ihre Ruhe lassen. Da ich in den letzten zwei Tagen kaum gesprochen hatte, war meine Stimme so brüchig wie meine Lippen und belegt wie meine Zähne. Aber es tat gut, sich den ganzen Frust von der Seele zu quatschen. Außerdem konnte ich so endlich die Krankmeldung loswerden, die ich in meinem Zimmer liegen hatte; zwei großzügige Wochen war ich krankgeschrieben.
    Dann dämmerte auch schon der Abend. Abendessen, eine weitere Infusion, bisschen Lesestoff, nur kein Schlafmedikament - so sah es aus. Kurz vor dem Zubettgehen hüpfte ich noch fix unter die Dusche, wo ich eine vergessene EKG-Elektrode in Hüfthöhe fand. Griesgrämig zog ich sie ab und betrachtete dabei meinen restlichen Körper ich Spiegel. Ich sah wirklich wüst aus. Blutverkrustetes Gesicht, Saugnapfdruckstellen am ganzen Leib, fettiges Haar, glänzende Stirn. Umso besser fühlte es sich an, als endlich der ganze Dreck drunten war. Doch ich ahnte bereits, was mich in den kommenden Stunden erwarten würde. Ich sollte recht behalten …

    Fortsetzung folgt …

  • Das Krankhaus also. Ich hab mich ja schon über den Titel gewundert, aber angesichts der vielen Dinge, die bei dem Krankenhausaufenthalt geschehen, ist die Bezeichnung nur nachzuvollziehen. Besonders amüsant ist darüber hinaus natürlich, dass du dich auf das ganze Drumherum konzentrierst, das man so sonst eher selten zu Gesicht bekommt. Am häufigsten wohl das (offenbar inkompetente) Personal und die Krach machenden Putzkräfte und Gäste, die sich sehr lautstark ankündigen, bevor sie ins Zimmer eintreten. Es sind tatsächlich die kleinen Dinge und Details, die es spannend zu lesen machen. Dieser kurz angebundene Erzählstil passt auch wunderbar dazu und er erinnert an diese regelmäßigen Tagebucheinträge, die man von so manchem Protagonisten liest.
    Jedenfalls bin ich schon recht gespannt, was da noch alles folgen wird. Es scheint ja nicht zu lang zu werden, da du kein eigenes Thema dafür eröffnet hast, aber mal sehen.


    Wir lesen uns!

  • Tag 4

    Irgendwann inmitten einer weiteren schlaflosen Nacht mit Zombiegestöhne und Holzfällersägen fasste ich den Entschluss, meinen Arzt gleich bei der nächsten Visite anzuflehen, Verband und Tamponade früher als geplant zu entfernen. Beides waren Fremdkörper, deren Lebensdauer mein angekratztes Nervenpaket unlängst überschritten hatte. Ohne diese Störquellen, so redete ich mir ein, würde der Heilungsprozess eintreten. Ich könnte endlich wieder am Stück durchschlafen und wieder durchatmen - im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwei Dinge standen im Weg: Noch mehrere schlaflose Stunden pechschwarze Nacht und danach noch den Arzt von meiner fragwürdigen Bitte überzeugen.



    Phasen über Phasen 5-Minuten-Schlaf später schreckte ich aus meinem jüngsten Schlummer-Delirium auf. Diesmal hatte es einer meiner Zimmerkameraden nicht mehr im Bett gehalten und noch vor dem Weckkommando in das Badezimmer getrieben. Die interne 3DS-Uhr verschaffte Gewissheit: Es war kurz vor 6.30 Uhr. Innerlich verteufelte ich meinen Bettnachbar, der sich jede Menge Zeit bei seiner morgendlichen Toilette ließ. Eigentlich nicht viel mehr oder weniger als jeder andere mit waschen, Zähne putzen, rasieren und so weitere verbringt; das volle Programm eben. Mittlerweile hatte ich mein Gewissen auf moralischen Tiefkühlmodus umgeschaltet, einen Zustand, der einen unempfindlich für Schuld und Reue macht, Höflichkeit und Diskretion auf Eis legt und nicht anderes mehr als das eigene egoistische Glück zulässt. Ich erkämpfte mir den zweiten Platz in der Warteschlange um das Badezimmer und spülte erst einmal den ganzen morgendlichen Mief vom Leib. Ein letztes Mal noch verschwand ein roter Klumpen halbverweste Gallenmasse in den wirbelnden Untiefen des Abflusses, danach ging es auch schon ein Stockwerk höher, wo zwischen Flügel 3A und Flügel 3B alle HNO-Patienten des Hauses auf ein vertrauliches Gespräch mit ihrem Arzt warteten.
    Das Glück ist ein furchtbar launisches Wesen. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen, nur mein Name ließ grausam lang auf sich warten. Als ich dann endlich reingebeten, hatte sich die Reihen von ungefähr 15 Patienten auf drei gelichtet. Es folgte der obligatorische Morgengruß, danach thronte ich auch schon auf dem Patientenstuhl. „Schmerzen?“, fragte er. „Nein, aber ich habe wieder nicht geschlafen.“ - „Ich verschreibe ihnen Diazepam.“ Normalerweise habe ich Probleme, mir krankheitsbedingtes Kauderwelsch zu merken; meist geht das innerhalb weniger Minuten bei mir unter. Hier hatte ich aber ausnahmsweise mal keine Probleme, dem Arzt zu folgen. Diazepam, das weiß ich, ist ein Medikament, das meinem Lieblingsvideospielspion einen ruhigen Finger am Abzug ermöglicht. Ein Beruhigungsmittel. Allerdings zweifelte ich an der Wirkung an mir. Ruhig war ich auch so, oder? Jedenfalls gab es im Moment Wichtigeres. Mein Arzt rekapitulierte gerade noch einmal den Plan von gestern, dass Verband und Tamponade am Samstag raus sollen, als ich eiligst einschritt. „Können wir es nicht früher machen? Heute oder von mir aus morgen?“ Der Akademiker überlegte kurz und sparte sich glücklicherweise mühselige Diskussion. „In Ordnung, dann morgen.“ Damit gab es keinen weiteren Grund mehr für den Verbleib. Ich war überglücklich und er hatte mich los. Win-Win-Situation. Zum ersten Mal seit Tagen ging es aufwärts bei mir, und genau so fühlte ich mich auch. Jeglicher Frust war auf einen Schlag verraucht. Sogar richtig Appetit rumorte plötzlich in meinen Eingeweiden.



    Kurz vor dem Frühstück bekam unsere Runde letzten Zuwachs: Ein älterer Herr wurde bei uns einquartiert. Er machte auf mich einen stark verwirrten Eindruck, redete viel, das heißt: Er nuschelte viel. Viel mehr redete aber seine Frau, die ihn bemutterte wie ein kleines Kind. Sehr fremd an dem Pärchen war, dass sie wiederholt von der deutschen in die englische Sprache abdrifteten, wie es ihnen gerade passte. Aber auch Akzent ließ eine britische Herkunft vermuten. Kein amerikanisch, sondern richtiges lupenreines Oxford-Englisch. Die Dame verabschiedete sich dann irgendwann, denn sie musste noch Besorgungen machen, und vertraute ihren Herrn Gemahl in die fähigen Hände des Personals an.
    Wir bekamen derweil unser Frühstück aufgetischt und wurden beiläufig gefragt, ob Änderungen gewünscht seien. Der Neuankömmling hatte mehr Glück als ich beim ersten Tag, denn er war noch rechtzeitig gekommen, um eine kostenlose Mahlzeit zum Start in den Tag abzusahnen. Es wurde kräftig improvisiert, mit Brötchen, Marmelade und Kaffee. Typisch Englisch ist was anderes, aber einem geschenkten Gaul, schaut man bekanntlich nicht ins Maul. Unser Neuzugang wollte gerade loslegen (er und sein Bettnachbar nahmen ihre Mahlzeit am Bett zu sich), als plötzlich eine Schwester das Zimmer stürmte. „Missverständnis, Herr X. Sie müssen heute Morgen nüchtern bleiben. Nachher bekommen Sie noch eine Magenspiegelung.“ Und schon war das Tablett mit den Fressalien wieder in sicherem Gewahrsam. Ich glaube schon, dass mein werter Zimmergenosse verstand, aber als er dann trotzdem so klagte, wie hungrig er sei, hatte er richtig etwas von einem Kleinkind, dem man soeben seine Nudeln mit Tomatensoße stibitzt hatte.



    „Haben Sie hier Ihren Fernseher mitgebracht?“ Mit diesen Worten wurde ich aus meinem spritzig-feuchten Seemannsabenteuer gerissen, in das ich mich gerade vertieft hatte. Ach ja, es war mal wieder Zeit für die Infusion …
    Ich schaute etwas verdaddert nach links, wo mein Monitor den Desktop mit seinen vielen bunten Anwendungen zeigte, darunter auch Sachen wie „Arbeitsplatz“ und „Papierkorb“. „Das ist doch kein Fernseher, das ist ein Computer“, verneinte ich.“ „Sieht aus wie ein Fernseher. Aber ich bin ja schon älter, da muss ich mich nicht auskennen“, meinte die Pflegerin, während sie mir die Infusion anlegte. Älter, dachte ich so. Sie war nicht mehr die Jüngste, das stimmte wohl, aber noch kaum über die 50, schätzte ich sie. „Sie müssen doch den Unterschied zwischen einem Computer und einem Fernseher kennen. Sie arbeiten doch in einem wissenschaftlichen Betrieb“, hakte ich nach. „Ich arbeite nicht in einem wissenschaftlichen Betrieb“, korrigierte man mich. „Ist Medizin denn keine Wissenschaft?“ - „Nein.“ Damit war das Thema für mich dann auch gegessen.



    Von Besuchszeiten wollte die werte Frau Gemahlin unseres jüngsten Neuzugangs wenig wissen. Es schlug 19 Uhr, als sie mit der halben Familie plötzlich unser Zimmer stürmte. Auch der Rest der Verwandtschaft bewies ein absonderliches Talent, mitten im Satz plötzlich lingual umzuschwenken; manchmal einfach so, manchmal, weil Wörter wie „Magenspiegelung“ anscheinend in ihrem englischen Sprachschatz einfach nicht existieren. Für mich war es mal wieder Zeit für die Infusion. Ich kannte die Prozedur mittlerweile in- und auswendig, auch wenn es immer jemand anderes war, der mich verkabelte. Ich gab gleich zu verstehen, dass ich mein „Beruhigungsmittel“ gerne etwas später haben mochte. Wer wollte schon schließlich um 20 Uhr schon in die Heia? Also zögerte ich es noch etwas hinaus, bis dann um etwa 21 Uhr meine Stunde schlug und ich meine Dosis injiziert bekam. Natürlich war ich gespannt, nicht aber gespannt genug, um meinen 3DS wegzulegen. Irgendwann dann, so nach einer Viertelstunde, merkte ich dann doch ein wenig Dösigkeit aufkeimen. Also legte ich das Gerät weg, deckte mich zu und hoffte auf das erste Mal erholsamen Schlaf. Rumms Wumms! Bumms! „Na, merken Sie schon was?“ Brummig reichte ich meinen Arm, um die Verkabelung zu lösen. Die Flasche war nach etwa einer halben Stunde leer. „Nein“, log ich. „Na, wird schon.“ Worte, nichts als Worte. Nachdem man mich abgekoppelt hatte, blieb ich abermals schlaflos - die ganze Nacht.


    Fortsetzung folgt …

  • Tag 5


    Auch die längste Nacht musste irgendwann ihr Ende finden. Hinter den verschlossenen Fenstern war es noch mindestens zwei Stunden zur Morgendämmerung entfernt. In meinem Kopf dagegen dämmerte ein schwacher Hoffnungsschimmer, dass bald alles vorbei sein würde. Drei von vier Personen im Raum waren wach. Unser neuster Neuzugang war kein HNO-Patient und hatte folglich auch kein Stelldichein zu einer gottlosen Uhrzeit wie der Rest von uns. Zu dumm nur, dass der Weckdienst darauf wenig Rücksicht nahm. Das heißt: Heute Morgen tat er es zwar, aber auch nur, weil der Arzt unseres Vertrauens Verspätung hatte und wir deshalb eigentlich noch etwas hätten liegen bleiben können. Am Ende kamen wir (nach dem Weckruf) lediglich rund 30 Minuten später nach oben zu den restlichen Wartenden. Fiebrig sehnte ich das Ende der Warterei herbei und verteufelte innerlich jeden, der vor mir aufgerufen wurde. Aber dann endlich war es dann soweit: Man bat mich herein.
    „So, die Tamponade wollen wir heute rausmachen, richtig?“ - „Ja, bitte!“ - „Also gut. Kopf nach oben. Das Pflaster zuerst. Das ist auch der schmerzhafteste Teil.“ Ja, da hatte ich auch gar nichts anderes erwartet. Es war eben ein typisches, wenn auch sehr feuchtigkeitsrobustes Pflaster, das mit ein wenig Ratsch Ratsch dann rasch drunter war. Jetzt war die Tamponade dran. Nur noch … Ich bekam einen üppigen Vorrat an Papiertüchern und ein ausgehöhltes, längliches Kartonkästchen, das etwas an typisches Verpackungsmaterial von Elektroartikel erinnerte, in dem ich die verbrauchten Tücher sammeln konnte. Mir schwante Unheil, als ich es unter die Nase hielt. Im Vorhinein hatte ich bereits vage Bilder, wie es ablaufen würde. Dabei war es eigentlich sogar ziemlich offensichtlich. Mit einer kleinen Zange in die Nasenöffnung, zupacken und raus mit dem Mist. Nur wie sich das anfühlen würde, davon konnte ich mir natürlich nur sehr schwer ein Bild machen. Nein, das muss man erleben. Und zwar einmal und nie wieder! Das kann man sich ungefähr so vorstellen, als ob man einen Korkenzieher in die Nasenöffnung einführt, dort ganz tief bohrt, bis man auf etwas Weiches stößt und dann dieses Weiche, das Gehirn, mit einem gewaltigen Ruck durch die Nase zieht.
    Alle Alarmglocken läuteten Feuer. Was über die vergangenen Tage lange und mühsam verheilt war, knackte wie sprödes Herbstlaub unter einem Rasenmäher. Die verkrusteten Wundstellen sprangen auf, ach, was rede ich da: sie explodierten. Alle Blutgefäße in der Nase mussten plötzlich mit einem Mal geplatzt sein. Schmerzen hatte ich nur im Bruchteil der Sekunde, als der Fremdkörper gewaltsam entfernt worden war. Jetzt spülte nur noch ein Gefühl von Erschöpfung Körper und Geist durch. Spätestens jetzt war ich knallwach.
    Ganz der Pragmatiker und völlig fern von jeglicher Empathie verordnete mir mein HNO Emulsion. Später solle ich außerdem noch zum Inhalieren und morgen heim, meinte er. Aber dann, als ich so mit meiner Akte, Papierhandtüchern und dem Kartonbehälter für die verbrauchten Tücher aus dem Zimmer wankte, riet er mir dann doch, besser noch zehn Minuten draußen Platz zu nehmen. Ich sei ja kreidebleich.


    Das Blut sprudelte munter aus einer niemals versiegenden Quelle. Allmählich dämmerte es mir, warum er es so großzügig mit den Papiertüchern gemeint hatte - nach nur wenigen Minuten war der Vorrat empfindlich geschrumpft. Die gleiche Menge lag mittlerweile in dem Kartonbehälter, nur knallrot und feucht wie ein Schwamm. Die Tür ging auf und ein weiterer Patient wurde hereingebeten. Mein Arzt warf in diesem Moment einen Blick nach draußen. „Blutet es immer noch? Haben Sie schon Emulsion bekommen?“ Ich glaubte mich im falschen Film. Ja, hatte er nicht gesagt, ich solle erst einmal warten? Jetzt also auf einmal doch die andere Richtung. Okay, von mir aus … Ich stemmte meinen Kopf in den Nacken, um den Blutfluss etwas zu hemmen. Mit meiner Krankenakte in der einen und den Papiertüchern und dem Auffangbehälter in der anderen Hand torkelte ich also zum Aufzug, betätigte mit dem Ellenbogen den Abwärtsknopf und schaffte tatsächlich irgendwie den Balanceakt zur Station zurück. „Tamponade entfernt, brauche Emulsion, nachher noch zum Inhalieren“, gab ich rasch an der Station zu verstehen. Es wurde abgenickt, also ging es zurück aufs Zimmer, wo mein Bett gerade frisch überzogen worden war. Na, das hätte man sich sparen können, dachte ich mir und so auch das Pflegepersonal im Zimmer, die mich erst einmal an den Tisch orderte, um das schöne Leintuch nicht gleich zu beflecken. Und da wartete ich dann auch. Und wartete. Und wartete. Der Vorrat an Papiertüchern ging zur Neige, dafür füllte sich die Mülltonne bei uns in alarmierender Geschwindigkeit. Ja, wie ging es denn weiter? Kümmerte sich denn niemand um mich? Hatte ich nicht irgendwas von „Emulsion“ gesagt? „Blutet es noch?“ - „Wie sau.“ Plötzlich ging es dann doch schnell. Ein kalter Nackenwickel wurde mir gebracht (endlich) und die Prioritäten, was denn wichtiger sei, Bett oder Patient, neu abgewogen. „Legen sie sich hin. Wenn der Wickel zu kalt ist, kann ich das noch mit einem Handtuch abdecken.“ Und ob der kalt war. Extrem kalt. Aber das fand ich in Ordnung. Schließlich sollte es ja helfen. Nur gab es Meinungsverschiedenheiten unter dem Personal, ob ich nun am besten liegen oder sitzen sollte. Schließlich stürmte eine Pflegekraft das Zimmer („Bloß nicht liegen! Aufrecht sitzen! Kopf gerade!“) und schaffte Klarheit. Okay, so weit, so gut. Aber was war nun mit meiner Emulsion? Und wieder wartete ich. Und wartete. Und wartete. Eine Dreiviertelstunde. Was nicht an Blut aus mir heraussprudelte, schoss mir allmählich in den Kopf. Mein Gesicht brannte. Ich war sauer, wütend, rasend. Zum ersten, ja, zum allerersten Mal bediente ich den Knopf, um eine Pflegekraft zu rufen. Nach drei Minuten kam dann auch endlich die Dame herein, die mich am allerersten Tag in das Zimmer verfrachtet hatte. Mich hielt mittlerweile nichts mehr. „Fünf Tage lang habe ich immer nur gelächelt, brav meinen Arm gereicht, immer das Maul gehalten, mich nie beschwert. Jetzt will ich einmal was, nämlich meine Emulsion, und die bekomm ich nicht!“ - „Emulsion? Weiß ich nichts von.“ Bevor ich ein „Großartig“ schnauben konnte, war sie weg, um alles zu klären. Fünf Minuten später kam sie zurück, in der Hand ein kleines Fläschchen und eine Tube Salbe. „Die Emulsion können Sie erst einnehmen, wenn es zu bluten aufgehört hat. Die Salbe können Sie aber schon mal benutzen.“ Ich war mittlerweile viel zu schwach, um mich noch aufzuregen oder mich zu fragen, warum mein Doc denn schon nach fünf Minuten gefragt hat, ob ich meine Emulsion schon bekommen hätte oder, dass ich den Kram alleine auftragen sollte. Ich nickte es also resignierend ab und hoffte, dass der Nackenwickel Wirkung zeigte. Ach, und da kam auch schon eine weitere Pflegerin für die Infusion; komischerweise immer überpünktlich. Ja, gerne doch!
    Ach, und ob ihr es glaubt oder nicht: Ich hatte es noch nicht gewagt, durch die Nase zu atmen - der Augenblick, auf den ich so lange und so erpicht hingefiebert hatte. Ich war einfach viel zu panisch darüber, unnötig Blut in die falsche Richtung zu fördern. Dann wagte ich es, oder versuchte es vielmehr. Ich bekam keine Luft. Alles zugeschwollen. Großartig!


    Nach etwa zwei Stunden und dem kompletten ersten „Zurück in die Zukunft I“-Teil hatte sich die Lage etwas entspannt. Zumindest aus dem rechten Nasenloch tropfte es nur noch ein wenig altersschwach, während das linke mir weiterhin Kummer bereitete. Das Frühstück stand noch auf dem Tisch, dafür hatte ich einfach keinen Nerv, beziehungsweise wollte ich einen Teufel tun und unnötig Muskeln im Gesicht provozieren. Auf der Rückseite der Emulsionsflasche standen die Inhaltsstoffe. Wie viel und wie oft ich davon nehmen sollte, davon war aber nicht die Rede. Derartige Banalitäten waren ebenso untergegangen wie die Einweisung vom ersten Tag. Viermal täglich sollte ich sie einnehmen, teilte man mir dann auf Anfrage mit. Gesagt. Getan. Mit der Pipette landete versehentlich ein kleiner Teil Blut in der Flasche, aber das Einführen der Emulsion war kein Hexenwerk; eben wie Nasentropfen einnehmen. Sofort merkte ich ein warmes, linderndes Gefühl in der Nase kribbeln. Etwas von der zähen Flüssigkeit rutschte mir den Rachen runter und hinterließ ein dumpfes Taubheitsgefühl. Aber das war okay. Immerhin war jetzt ein wichtiger Schritt auf meinem Weg der Genesung getan. Die Zeit sollte den Rest besorgen. Und da war ja auch noch das Inhalieren. Ja, wann war das denn eigentlich an der Zeit? Ich übte mich in Geduld und legte den zweiten „Zurück in die Zukunft“-Film ein. Schließlich nach ungefähr einer Stunde (es schlug jetzt fast 11 Uhr) entschied ich mich dann doch, mal lieber nachzufragen. Also wurde heute zum zweiten Mal das Knöpfchen für das Pflegepersonal gedrückt. Nach rund zwei Minuten kam dann die Schwester von vorhin, die mit der Emulsion, rein. „Ich soll noch zum Inhalieren. Wann ist denn das?“ Ihr Stirnrunzeln sprach bereits Bände, bevor sie den Mund aufmachte. „Inhalieren? Weiß ich nichts von. Steht nichts in der Akte.“ „Der Doc hat’s aber angeordnet und ich hab es auch weitergegeben.“ Mein Bettnachbar amüsierte sich königlich und meinte, er habe auch bereits Sachen angeordnet bekommen, aber auch keinen Aktenvermerk erhalten. Also wurde eiligst ein Termin in der Bäderabteilung im Erdgeschoss vereinbart und noch vor dem Mittagessen durfte ich runter - ein Glück.


    „Ich bin hier zum Inhalieren.“ - „Okay, kommen Sie mit, nehmen Sie Platz. Die junge Dame (ich schätze sie mal auf Anfang 20, also wohl eine Praktikantin) führte mich in einen kleinen Raum. Links stand ein längliches Regal mit vielerlei Arbeitsmittel für das Personal. Dem gegenüber standen drei Stühle, vor denen oben Waschbecken und unten große Glasflaschen angebracht waren. Ein Schlauch führte aus jeder Flasche hinaus, auf dem man am Ende einen Adapter für Mund oder Nase befestigen konnte. Und genau das war dann auch der Knackpunkt: Mund oder Nase? Musste sie das nicht am besten wissen? Ich zog die Stirn kraus. „Ja, ich bin Polypen-Patient. Also eigentlich ja durch die Nase. Aber durch die Nase kann ich nicht atmen.“ - Gut, dann durch den Mund.“ - „Hilft das dann auch?“ Die Dame zögerte. „Ja … ist ja ein gemeinsamer Ein- und Ausgang.“ Gemeint war natürlich der Rachen. Ich wagte dann mal nicht, zu widersprechen. Sie musste es ja am besten wissen. Also befestigte sie einen Mundadapter und schaltete das Gerät ein, das laut zu surren begann, während sich ein dünner Salznebel aus dem Mundstück löste. „Tief einatmen und ausatmen. Was sich im Rachen löst, dann einfach ins Waschbecken husten.“ - „Muss ich denn ins Gerät ausatmen oder wie funktioniert das?“ - „Nein, kurz vor dem Gerät weg und ausatmen.“ - „Okay.“
    Irgendwie fühlte sich das alles ziemlich nutzlos an. Die warme, salzige Flüssigkeit kroch mir in den Hals, wo sie einfach wirkungslos zu versiegen schien. Irgendwann ging ich dann mal mit der Nase an das für diesen Zweck eigentlich fremde Adapterstück und benetzte ein wenig den vorderen Naseneingang. Das kam zumindest dem etwas nahe, weswegen ich in Behandlung war. Wie sollte denn bitteschön das Einatmen in den Rachen Wirkung im Nasenbereich erzielen? Nach zehn Minuten und Ende der Therapie hakte ich deshalb noch einmal nach, wiederholte, dass ich Polypen-Patient sei und es doch demnach sinnig sei, durch die Nase zu inhalieren, auch wenn ich nicht einatmen könne. „Ja, wie der Patient eigentlich will“, war die Antwort, die im Grunde keine Antwort war. Das Personal muss doch wissen, was für den Patienten richtig ist! „Wissen Sie denn“, fragte ich, „wann ich wieder durch die Nase atmen kann?“ „Weiß ich nicht, ich frage nach, Moment.“ Nach einer Minute kam sie zurück. „Von Patient zu Patient unterschiedlich.“ - „Aha …“ - „Morgen dann wieder um 8 Uhr.“ 8 Uhr, überlegte ich. Dann konnte ich bei meinem HNO für Gewissheit sorgen. Er muss es ja wissen, ob durch Nase oder Mund.


    Gegen 16 Uhr saß ich mit meiner Schwester, die mich besuchen kam, im Bistro. Zum ersten Mal seit Tagen genehmigte ich mir eine Cola und sogar einen sündigen Eisbecher. Wie es der Zufall wollte, hatte meine Schwester ein freiwilliges soziales Jahr in der Bäderabteilung absolviert, also fragte ich sie, wie das denn mit dem Inhalieren für Polypen-Patienten sei. „Durch den Mund ist Quatsch! Natürlich durch die Nase!“ Als ob ich es geahnt hätte … Am liebsten wollte ich gleich die ganze Abteilung zur Rechenschaft ziehen - wenn ich jetzt wegen dieser Misere noch einen Tag länger bleiben müsste …! -, doch die hatten mittlerweile geschlossen. Okay, morgen dann.
    Unserem jüngsten Neuzugang, der gleichzeitig der älteste Patient im Raum war, erklärte ich an diesem Abend, wie denn sein Fernsehbildschirm funktioniert. Eine Stunde später hatte er es zwar wieder vergessen und der nächste Helfer musste ran, aber zumindest konnte ich mit einem guten Gewissen zu Bett gehen. Morgen sollte der Albtraum endlich vorbei sein. Morgen …


    Fortsetzung folgt …

  • Tag 6

    Das Diazepam zeigte auch diese Nacht klägliche Wirkung. Warum hätte es schließlich anders sein können? Die Tamponade war zwar draußen, aber die Nasenhöhlen nach wie vor geschwollen und verstopft. Dann noch diese verteufelte Infusionsnadel … Die Haut rundherum hatte sich entzündet und juckte wie verrückt; wahrscheinlich, weil ich immer wieder mit der Bettdecke daran hängen blieb. Vielleicht hing es aber auch an dem regen Gebrauch. Mittlerweile bekam ich je morgens und abends einmal Antibiotika und am gleichen Abend dann noch einmal das Beruhigungsmittel. Mussten die Nadeln eigentlich irgendwann ausgetauscht werden? Ergibt irgendwie Sinn. Auf meiner Agenda gleich nach dem Aufstehen stand allerdings, dieses Ding so schnell wie möglich loszuwerden.
    Diesmal eilte der Weckruf einem vorzeitigen Erwachen voraus. Es war wieder einmal 5.30 Uhr, als wir uns aus den Betten quälten. Nur unser Deutsch-Brite durfte weiterschlafen - falls ihm das bei dem ganzen Lärm gelang. Es trieb mich heute Morgen als erster Mann ins Badezimmer, wo mir erst einmal ein riesiger rotbrauner Klumpen aus der Kehle kroch. Der Mülleiner war noch mit verbrauchten, blutbeschmierten Papiertüchern gut befüllt und sollte erst in ein, zwei Stunden geleert werden. Wenn ich Glück hätte, würde ich davon gar nichts mehr mitbekommen.



    Eine halbe Stunde später machte ich mich mit den restlichen zwei HNO-Patienten aus dem Zimmer auf zur Visite. Ich war heute Morgen sehr guter Dinge, was schließlich konnte noch schiefgehen? Nun gut, dass ich nicht als Erster ins Zimmer gerufen wurde, empfand ich jetzt nicht als besonders tragisch. Sechs Tage hatte ich hier ausgeharrt, da kam es jetzt auf ein paar Minuten auch nicht mehr an. Und da bat man mich auch schon herein, diesmal etwa in der Mitte der Warteschlange - na also!
    „Morgen“, flötete ich freundlich und nahm auch schon auf dem Stuhl platz. Mein HNO erwiderte den Gruß und machte sich gleich ans Werk. „Kopf ganz nach oben und zu mir. Na, das sieht ja gut aus“, attestierte er. Auf dem langen Instrument war eine kleine Lampe, das auch ins tiefste Nasendunkel Licht brachte. Am anderen Ende schaute er herein wie mit einem winzigen Teleskop. Prima, dachte ich mir, das wollte ich hören. „Sie bekommen noch Emulsionsspülung.“ - Ich dachte, ich könnte heute nachhause?“, reagierte ich panisch. Der Mann grinste. „Dürfen Sie auch, habe ja nur gesagt, Sie bekommen Emulsionsspülung. Danach können Sie frühstücken und gehen.“ - „Emulsionsspülung …“, überlegte ich laut, „Emulsion habe ich aber schon bekommen.“ - „Das ist wieder was anderes. Das bekommen Sie schon gesagt.“ Er wollte mich schon entlassen, als ich dann aber noch schnell Gewissheit schaffte. Natürlich war mein Verdacht gerechtfertigt und meine Schwester hatte recht: Inhalieren nur durch die Nase. Weiter kommentierte er das Versagen des Personals aber nicht. Das konnte ich dann schließlich selbst in die Hand nehmen. Ich hatte zwar noch Zeit, aber entschloss mich dann doch, etwas früher zum Inhalieren zu gehen. Je früher ich das hinter mir hatte, desto eher war ich hier raus. Vorher wollte ich allerdings noch fix die Geschichte mit der Emulsionsspülung klären. Also erst einmal zurück auf die Station. Der Korridor lag zum größten Teil noch in friedliches Schweigen gehüllt. Bis zum Frühstück dauerte es noch eine gute Stunde und wer schon auf den Beinen war, der kümmerte sich um seine Morgentoilette. Nur ich nicht. Ich wollte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen.
    „War gerade bei meinem HNO. Er hat mich entlassen. Kann gehen. Nehmen Sie mir die Nadel ab?“ Oh ja, dieses nervtötende Teil genoss Vorrang. Die Stelle am linken Arm, wo die Infusionsnadel saß, war leicht rötlich und sah entzündet aus. Für kein Geld der Welt wollte ich noch einmal an eine Flasche angehangen werden. „Kann ich tun. Kriegen Sie heute Morgen noch eine Infusion?“ Ich hatte die Rechnung tatsächlich ohne den Wirt gemacht, wie man so schön sagt. Ich zögerte nicht länger als unbedingt nötig. „Der Arzt hat nichts dazu gesagt“, antwortete ich wahrheitsgetreu, ahnte dabei allerdings, dass womöglich eine nigelnagelneue Flasche dort hinter der Zimmertür auf mich wartete - so wie jeden Morgen. Ich betete, dass keine weiteren Fragen gestellt würden. „Okay, dann nehme ich sie jetzt ab. Sieht entzündet aus.“ Vorsichtig entfernte die Pflegerin die Nadel und verband die Stelle großzügig mit einer Bandage wegen eventueller Nachblutung. Nach zehn Minuten könne ich diese schon abnehmen. Schon in Begriff ins Erdgeschoss zum Inhalieren zu fahren, drehte ich dann aber noch einmal um. „Mein Arzt hat noch was von einer Emulsionsspülung gesagt. Wo krieg ich das?“ Als ob ich es geahnt hätte. Natürlich wusste die gute Frau leider überhaupt nichts damit anzufangen. Zweimal wiederholte ich den Begriff und beteuerte auch, Emulsion schon längst erhalten zu haben. „Vielleicht wissen die in der Bäderabteilung ja Bescheid“, schlug ich am Ende vor und machte mich dann ins Erdgeschoss auf.



    Von der jungen Dame von gestern fehlte an diesem (Samstag-)Morgen jede Spur. Es lag daher sehr nahe, dass es sich bei ihr tatsächlich um eine Praktikantin oder FSJ-lerin handelte. Die Betreuerin, die mich heute begrüßte, sah auf jeden Fall deutlich geschulter aus. „Ja, durch die Nase, natürlich.“ - „Die junge Dame von gestern wusste das nicht.“ - „Oh, na ja, normalerweise bekommen Polypen-Patienten auch immer erst samstags die Tamponade entfernt. War für sie dann wahrscheinlich das erste Mal.“ - „Ich hab drum gedrängt“, schloss ich das Thema dann schließlich grinsend ab. Ich nahm neben meinem Bettnachbar, der heute Morgen auch zum Inhalieren da war, platz und bekam diesmal das richtige Endstück aufgesetzt. Auch wenn das Luftholen durch die Nase weiterhin unmöglich war, fühlte sich die Prozedur aber deutlich sinnvoller an und war weitaus weniger unangenehm, konnte schließlich bequem durch den Mund ein- und ausatmen, ohne dass das Gerät mich beim Absetzen mit Salzwasser besprühte. Beinahe vergaß ich am Ende, nach der Emulsionsspülung zu fragen, doch dummerweise konnte die gute Dame mit diesem Thema nichts anfangen. Ich eilte daher zurück zum dritten Stock. Wenn ich Glück hatte, war mein Arzt noch da. Der Wartebereich zwischen Flügel 3A und 3B war ausgestorben, keine Patienten mehr dort. Vorsichtig klopfte ich an die Tür - keine Antwort. Ich öffnete die Tür einen Spalt weit. Licht brannte noch in dem Zimmer, doch ein höfliches Anfragen blieb unbeantwortet - es war leer.
    „Wenn keiner mehr da ist, ist er in seine Praxis.“ - „Aber es brennt noch Licht.“ - „Er lässt immer das Licht brennen.“ Ich hatte die Station 3A aufgesucht, um Klarheit zu verschaffen. Irgendwie im Haus musste doch Bescheid wissen, was es mit dieser ominösen Emulsionsspülung auf sich hat! „Emulsionsspülung …“ Die Pflegerin von Station 3A überlegte kurz. „Ja, das ist das und das. Von welcher Station sind Sie eigentlich?“ - „Von 2A. Wollte ja eigentlich nur zu meinem HNO.“ - „Moment, ich sag unten Bescheid.“ Ein Anruf später und die Sache war geritzt. Ich kehrte zurück auf meine Station, wo auch schon eine randvolle 250-ml-Plastikflasche auf mich wartete (sowie eine neue Dosis Antibiotika; so ein Pech, dass die Nadel draußen war), dazu eine Plastikspritze mit rundem Ende. Anweisungen dazu keine. „Ja, und wie geht das jetzt?“, fragte ich so laut in die Runde, dass es meine Zimmerkameraden hören konnten. „Spritze irgendwie rein und dann in die Nase“, meinte mein Bettnachbar. „Und wie viel? Wie oft?“ - „Keine Ahnung. Haben sie nicht gesagt.“ Genervt ging ich raus. Das ist doch keine Art, mit seinen Patienten umzugehen! So nach dem Motto: Sieh zu, wie du damit klarkommst. Und schon gar nicht mit irgendwelchen pharmazeutischen Dingen! Gut, zugegeben: Laut Etikett handelte es sich bei der Flüssigkeit in der Flasche lediglich um destilliertes Salzwasser. Aber war es trotzdem zu viel verlangt, mal zur Abwechslung ausnahmsweise eine - ja was wohl? - Einweisung zu bekommen? Anscheinend schon … Auf die Frage, wie viel und wie oft ich mir die Nase mit Salzwasser spülen sollte, musste erst einmal die halbe morgendliche Belegschaft untereinander beratschlagen, bis ich dann endlich Gewissheit hatte: vier Mal. Ach, was das wieder schwer! Schließlich ein Unding, dass ein HNO-Patient auf einer (unter anderem) HNO-Station eine HNO-spezifische Frage stellt … Wie hoch eine Dosis ist, das konnte mir aber keine beantworten. Na toll!



    Noch etwas unbedarft beim ersten Mal füllte die Spritze und spülte damit die Nase aus. Die Kunst dabei ist es, den Kopf nicht zu stark zurückzulehnen, damit das Wasser nicht die Kehle hinunterläuft, aber trotzdem weit genug, damit auch dort Feuchtigkeit ankommt, wo sie gebraucht wird. Ich entschloss mich für eine komplette Spritze á 10 ml für beide Nasenlöcher. Ob das zu viel oder zu wenig ist, das weiß nur der Teufel …
    Inzwischen stand bereits das Frühstück auf dem Tisch. Ich bekam heute Morgen zu meinem üblichen Speisen und Getränken außerdem einen Kaffee, den ich nicht bestellt hatte. Unser Deutsch-Brite hatte zu seinem Missvergnügen ebenfalls einen Kaffee bekommen. „Ich habe gestern gebeten, einen Tee zu bekommen, schwarz, mit einem Schuss Milch.“ Geduldig entschuldigte sich das Personal, meinte dann aber, dass er das einer ganz besonderen Dame mitteilen müsse, die das Essen aufnimmt. „Damen hat es hier aber viele“, meinte er. Ich musste auf diese Antwort grinsen, denn natürlich stimmte es: Damen hatte es hier tatsächlich mehr reichlich. Derweil nippte ich an meinem Kaffee, traf dann aber am Ende doch die Entscheidung, dass der einzig richtige Ort dafür der Abfluss war (niemand sonst hatte ihn wollen haben).



    Ich hatte dann endgültig genug, setzte gleich meinen Hilferuf ab und packte meine Siebensachen. Und das war dann endlich das Ende meiner Odyssee. Von dem eigentlich erwarteten Papierkrieg bei der Entlassung blieb ich glücklicherweise verschont, da mein HNO auf so etwas keinen Wert legt. Was bleibt abschließend zu sagen …? Mit Langeweile hatte ich glücklicherweise während der kompletten sechs Tage nicht zu kämpfen, was ja meine größte Sorge gewesen war. Ich denke, zukünftig, das heißt, falls - und so Gott will, werde ich das nicht - ich noch einmal ein Krankenhaus aufsuchen muss, muss ich wohl meine Prioritäten neu setzen; mit Narkosehammer einfach den kompletten Aufenthalt durchschlafen zum Beispiel.
    Als gesunder Mensch ging ich ins Krankenhaus und kehrte als kranker Mensch zurück. Die beste Kur gibt es eben nur daheim. Nach fünf Minuten im eigenen Bett war ich eingeschlafen.


    Ende

  • Ich habe gestern gebeten, einen Tee zu bekommen, schwarz, mit einem Schuss Milch.

    Ganz der Engländer.


    Nun ist also diese Odyssee auch zu einem Ende gekommen. Dabei möchte man gar nicht glauben, dass es anfangs nur um Polypen ging und dann eine Menge anderer Probleme dazu kamen, hauptsächlich durch die Unfähigkeit des Personals angetrieben. Obwohl es eigentlich nicht witzig ist, wie das abgelaufen ist, hat es doch etwas Komödiantisches an sich; besonders, als zum Schluss wieder niemand wusste, was der Patient denn eigentlich wollte und worum es sich bei der Emulsion handelte. Es ist quasi der perfekte Abschluss für eine Folge schlechter Organisation, die bereits so angefangen hatte: Ohne Erklärungen, ohne Einweisung und mit dem Glauben, dass es noch besser werden könnte. Nur dass es das nicht tat. Die letzten drei Sätze sagen also im Grunde das aus, was du schon beschrieben hast. Das muss zwar nicht immer zutreffen, aber im Eigenheim fühlt man sich eben doch zumeist am wohlsten.


    Wir lesen uns!

  • Mein erster Bericht aus dem Bereich Politik, leider gleich aber auch mit einem Fehler: In meiner ursprünglichen, eingereichten Fassung hieß es: "Nicht nur vonseiten der SPD, sondern aus allen Teilen des Raumes kommentierte man diesen Vorschlag mit verwundertem Raunen." Die Redaktion wollte diese Passage ändern und wiederholte sich damit gleich zweimal. Sieht leider sehr unschön aus.