Schwert der Abenddämmerung

  • Hi Neru,


    ich fand's witzig, dass du am Anfang des Kapitels aufglöst hast, warum Elaine eigentlich zu einer von Suicunes Hohepriesterinnen geworden ist. Als du die Szene damals geschrieben hast, klang das eher wie ein zwielichtiger Versuch, irgendeine alte Macht wiedererstehen zu lassen, nur dass die Beteiligten am Ende wortlos verschwunden sind, ohne sich zu erklären. Es ist anzunehmen, dass sie (laut Anweisung) auch nicht mehr machen sollten, um den Plan nicht zu veröffentlichen und das hat leider irgendwie falsche Hoffnungen verbreitet. Ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll, weil ich mir schon einige Szenarien ausgemalt habe, die im späteren Verlauf eintreffen könnten; dass es ausgerechnet diese Möglichkeit ist, hätte ich nicht erwartet.
    Da auch Namika wieder besondere Erwähnung findet, erinnert es mich daran, als sie sie zum ersten Mal getroffen haben und welchen Eindruck sie nun mittlerweile vermittelt. Man will gar nicht glauben, dass sie eine Herrscherin sein soll, weil sie sich nicht so gibt und ihre neuen Freunde auch nichts davon zu halten scheinen, außer Claudio auf die Palme zu bringen. Er hat es aber auch verdient.
    Der Kampf gegen Ende war interessant aufgezogen. Auch wenn Entei keine bestimmten Gründe für den Angriff hatte, so war es aufgrund der vergangenen Ereignisse doch nachvollziehbar. Etwas Größenwahn gehört hier aufgrund des legendären Status fast schon zum Programm. Nett fand ich jedoch, dass das Spektakel von einem Neuankömmling aufgelöst wurde, dessen Beweggründe aber noch ausstehen. Vor allem aber, welche Auswirkungen diese Begegnung hatte, da alle Anwesenden wohl einen Teil ihrer Kräfte eingebüßt haben. Angesichts der nahenden Bedrohung wäre das natürlich nicht ideal, aber womöglich bezieht sich das auch nur auf einen kurzen Zeitraum; das wird aber wohl frühestens beim nächsten Mal aufgelöst.


    Wir lesen uns!

  • *liegt mit Pfannkuchen im Bett und übergießt diese mit Ahornsirup und Schokosauce* :3


    @Rusalka



    Heya vielen Dank für ein weiteres Kommentar von Dir, Rusalka! :D Kreuz doch bitte noch die zu dem letzten Kapitel gehörige Lieblingschara-Umfrage an, die hast du wahrscheinlich am Ende vergessen! ^-^


    "Es ist anzunehmen, dass sie (laut Anweisung) auch nicht mehr machen sollten, um den Plan nicht zu veröffentlichen und das hat leider irgendwie falsche Hoffnungen verbreitet. Ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll, weil ich mir schon einige Szenarien ausgemalt habe, die im späteren Verlauf eintreffen könnten;"
    Kagayaku: Traust du mir wirklich SO wenig über den Weg? Ich habe die Wahrheit gesagt, dass ich damit gar nichts zu tun habe. Ich weiß nicht, was die sich erhofft haben, also dürfen wir alle gemeinsam weiterrätseln. o.o" Nur weil Elaine etwas VERMUTET, stimmt es noch lange nicht, Schätzchen~ ..
    Elaine: *shrug* ...


    "Man will gar nicht glauben, dass sie eine Herrscherin sein soll, weil sie sich nicht so gibt und ihre neuen Freunde auch nichts davon zu halten scheinen"
    Namika: *schüchtern* Das ist richtig, aber ist das für dich jetzt etwas Schlechtes oder etwas Gutes? :c o///o


    Nochmal danke schön! (:

  • Kapitel XIV: Blurred Times


    Wenn man mich so sah, würde man nicht wirklich glauben, was ich alles zu berichten gehabt hatte. Verspielt schaukelte ich mit meinen Beinen, während ich mich mit meinen Händen an einem Bambuszaun festhielt.
    „Ein Haufen Erkunderpokémon, auf die Arisu gerade aufpasst, wurden von Entei und Konsorten angegriffen und plötzlich hat ein Schreinmädchen seine Gegner in Stein verwandelt. Man könnte meinen, sie hätten in die Augen einer Sphinx gesehen … auch wenn es eher etwas mit dieser Waffe zu tun hat. Wie genau das vonstattenging, ist aber eher etwas für unsere Wissenschaftler. Euer Onkel war ganz schön krank vor Sorge, als ihr ihm das berichtet hattet”, schnurrte Kagayaku, die plötzlich hinter mir auftauchte und sich in einem glänzenden, rot-goldenen Kimono vor mir niederließ, Tsoony direkt hinter ihr. Sofort schmiegte die junge Sphinx sich an sie und empfing einen sanften Schlecker über ihre Wange. Ich schwieg und beobachtete die beiden beim leidenschaftlichen schmusen, als ob sie sich schon jahrelang kannten. Aber wer wusste schon, was Tsoony alles bei Yomi über Kagayaku in Erfahrung bringen konnte?
    „Deine Augen … sie sind die Augen meiner Mama, und auch wie das eine meiner Schwester. Setsuna … sie war die beste große Schwester, die du haben konntest. Sie hat mich vor Monstern beschützt, mich ständig gekuschelt, mich gekämmt, meine Tränen aus den verängstigten Äuglein gewischt. Und später? Eigentlich hatte sich für mich nichts geändert, auch wenn sie gegenüber anderen immer distanzierter wurde. In einer kalten Steppennacht hatte sie mich einst in ihren Schwingen gewärmt, obwohl sie genauso kälteempfindlich war wie ich. Sie hat all meine Wunden gepflegt und mir Stacheln aus den Fußballen gezogen, meine Kleidung geflickt … nur durch Setsuna habe ich mich überhaupt überwunden, offen mit anderen Leuten zu reden! Als kleines Mädchen war ich total schüchtern, kannst du dir das vorstellen?”, fragte die Blaublüterin ihr Gegenüber, das aufmerksam lauschte und energisch den Kopf schüttelte – die kleine Miss Kagayaku und schüchtern? Never ever! Wie vom Ariados gestochen fuhr die Ältere jedoch plötzlich hoch, ihre goldenen Augen erschrocken geweitet.
    „Das Essen im Ofen! Es brennt an! Gyaaa!”, rief Kagayaku, als sie panisch davonstürmte, mit dem stählernen Schweif aufgeregt auf dem Boden rasselnd. Die smaragdäugige Sphinx verblieb somit alleine auf der kleinen Fläche Gras unter einem mit orangenen Früchten geschmückten Kaki-Baum, doch nur wenige Sekunden später würde ich von meinem Zaun springen und ihr Gesellschaft leisten.
    „Hey, Lanie”, begrüßte Tsoony mich mit einem warmen Lächeln, doch um die Arme wie bei Kagayaku fiel sie mir nicht, da wir noch nie wirklich etwas miteinander zu tun hatten, bevor wir hier und heute die silberne Mondsichel am sternenklaren Himmel betrachteten.
    Als ich neben ihr Platz genommen hatte, versuchte ich trotz meiner nie verheimlichten Schwäche im Smalltalk ein Gespräch zu eröffnen: „Setsuna also … ich hätte sie gerne kennen gelernt ...”
    „Ja, ich auch. Yomi hat mir viel über sie erzählt. Die beiden standen sich sehr nahe, da Setsuna sie damals aus den Fängen einer skrupellosen, gierigen Gruppierung errettet hatte. Ich kenne die ganze Geschichte, vom Anfang bis zum Ende.”
    „Ich habe nie vom Ende erfahren, muss ich gestehen ...”, beichtete ich, während ich meine Ohren etwas verlegen nach hinten klappte und leicht errötete, und zwar nicht nur, weil ich mir ein großes Glas Rotwein zuvor gegönnt hatte.
    So offen und ehrlich, wie ich mit Tsoony zu reden versuchte, verhielt sich Yomis Assistentin auch mir gegenüber, ihre Beine über Kreuz geschlagen und die Flügel entspannt herabhängend: „Das kannst und wirst du auch nicht. Vielleicht … irgendwann anders.”
    „Wie meinst du das?”
    „Es ist nicht dein Bier … die Sache ist sensibler, als du denkst.”
    „Hm? Setsuna gehört zu meiner Familie. Eigentlich schon.”
    „Hör zu, Yomi hat Setsunas letzte Stunden miterlebt … da war sie schon mehr oder weniger so wie heute, aber …”, entgegnete sie, sich verlegen an der Schläfe kratzend.
    Es war ihr sichtlich etwas unangenehm, darüber zu reden, aber wenigstens ein bisschen wollte ich noch nachhaken, wo dieses Gespräch meine Neugier gegenüber Kagayakus sagenumwobener Schwester, der einstigen Kaiserin von Hexalos, entfacht wurde: „Aber? Aber was? Wie … wann ...”
    „Okay, hör zu, ich zitiere jetzt Yomi, okay?”, wandelte sich die ruhige, leicht melancholische Stimme meiner Gesprächspartnerin nun in eine aufgeregte, leicht panische: „Sie sagte ungefähr sowas wie: ‚Wenn die drei Miezekätzchen, vor allem dieses besserwisserische, neugierige Blondinchen, dir Fragen stellen, sage ihnen unter keinen Umständen etwas. Du weißt genau, dass Kagayaku daran zerbrechen wird … und dann zerbreche ich.’ Sie ist eine reife, starke Frau voller Schönheit, aber Yomi kennt auch ihre andere Seite, die sie offenbart hatte, als Setsuna schon einmal als tot galt. Und … Elaine … ich möchte das, was sie mir geschildert, nicht selbst erleben. Hoffe, du verstehst das, Miezchen ...” Traurig blickte ich sie an, als ich mir eine am Boden zerstörte, zusammengebrochene und in Tränen aufgelöste Kagayaku vorzustellen versuchte. Dies war in den ersten Momenten etwas schwierig, doch von Sekunde zu Sekunde wurde der Gedanke immer lebendiger. Nervös biss ich mir auf die Lippe und blickte verlegen zur Seite, den Smaragdaugen der Sphinx ausweichend.
    „Yomi vertraut uns nicht, oder? Sie fürchtet, dass wir es ihr sagen oder etwas versehentlich ...”, seufzte ich ernüchtert.
    Tsoonys Antwort ließ nicht lange auf sich warten und sparte nicht an Direktheit: „Jup. Ihr habt in ihrem Labor herum geschnüffelt, sie bekämpft uuuund … das war das einzige Mal, dass ihr miteinander zu tun hattet.”
    „H-hey, WIR wurden angegriffen!”
    „Elaine …”
    Erneut entfuhr mir ein Seufzer, während ich meine Ohren leicht entmutigt hängen ließ. Wenn die Sache nicht für Kagayakus Ohren bestimmt war, würde ich schweigen wie ein Grab, aber ich konnte ebenso gut nachvollziehen, dass gerade eine Wissenschaftlerin besonders auf Nummer sicher gehen wollte. Plötzlich robbte Tsoony sich etwas näher an mich heran und schlang ihre dünnen Ärmchen um meine Schultern, um mich mit einer sanften Umarmung aufzumuntern. Es war Zeit, diesen Abend nun zu genießen, gemeinsam mit einem feinen Abendmahl zu zweit, bevor wir uns in unsere jeweiligen Unterkünfte mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurückzogen. Ich hatte viel über Tsoony lernen können, zum Beispiel, dass sie gerne die japanische Laute Shamisen zupfte, gerne Sake trank, aber dafür nicht besonders viel Alkohol vertrug!


    Das Land lag im blutigen politischen Chaos – und Elaine bis in die frühen Mittagsstunden hinein in ihrem Futonbett, immer noch in einen violetten Pyjama gehüllt und vom kompletten Wachzustand ein ganzes Stück entfernt. Gähnend entblößte ich meine Reißzähnchen, während ich all meine müden Glieder von mich streckte. Charlie war locker an die Schiebetür unserer Unterkunft im östlichen Stil gelehnt, lediglich in einem morgenmantelähnlichen Kurzkimono namens Yukata gekleidet und mit einer Tasse dampfendem Kaffee in der Hand.
    „Und, Elaine? Süß geträumt, Sweetie?”, fragte er mich, ohne auch nur die Spur eines Lächelns auf seinem Gesicht erkennen zu lassen: „Aber sei ehrlich, die Sauerei im Badezimmer hättest du schon beseitigen können …”
    Steil schossen meine Ohren nach oben und die Schamesröte in mein gebräuntes Gesicht, denn an die Ereignisse nach dem angenehmen Abend mit Tsoony konnte ich mich bei weitem weniger genau erinnern. Nicht, dass ich mich total dem Alkohol hingegeben hätte, denn es war weder meine Art noch gab es einen zumindest halbwegs erklärbaren Ansatz dafür, aber an ein solches Malheur hätte ich mich erinnert!
    Unbeeindruckt schob mein Bruder die Tür aus viel Papier und wenig Holz zur Seite, um sich den Zugang zu meinem Zimmerchen zu erleichtern, während er sich zu mir auf den weichen Futon setzte und mich über meine schändliche Tat aufklärte: „Du musst irgendwie an den Tontopf mit dem Farn gekommen sein … da lag überall Blumenerde. Und wer durfte es mal wieder wegmachen? Roxy. Befehl von Onkelchen.” Ich schluckte – das war Grund genug für Roxy, trotz ihres sonst so sonniges Gemüt verstimmt zu sein, aber wer wollte schon zu etwas verdonnert werden, für das er nicht verantwortlich war?
    „Blu- … Blumenerde, hm? Kann sein. Muss mich gestoßen haben ...”, versuchte ich kleinlaut, das Vergessene Revue passieren zu lassen, während Charlie sanft meine nach vorn geknickten Ohren kraulte. Ein Blick auf meinen leicht violett gefärbten linken Ellenbogen verriet mir, dass seine Vermutung korrekt war. Ich blinzelte verwundert.
    „Elaine, ich weiß, dass dieses ganze Chaos in einem fremden Land für uns eine große Herausforderung ist … aber wenn du dir Sorgen machst … ich bin für dich da. Hast du … schlecht geträumt?”, spielte er ein weiteres Mal auf das Thema Traum an, doch ich hatte nichts zu berichten.
    Etwas beleidigt, schmollte ich und begegnete Charlie mit leicht gespieltem Augenrollen: „Denkst du, ich lasse mich zulaufen? Charlie … und geträumt habe ich gar nichts, wenn du schon so fragst.”
    „Gut, gut … ich war nur beunruhigt. Ich mache mir als großer Bruder eben Sorgen. Gibt nicht viele, die mir auch nur irgendetwas bedeuten … Menschen und andere Gijinkas sind in der Regel laut, nervig und dumm.”
    „Sorgen, um mich? Eine erwachsene Frau?”, zuckte ich mit meinen Ohren etwas ungläubig: „Weil ich ein Girlie bin?”
    „Nein, du bist zwar schon immer noch die kleine Süße, die du schon immer warst. Aber das hat nichts mit dir als Mädchen zu tun, denn Roxy ist genauso ein Girlie wie du, doch sie wehrt sich! Du allerdings, du wolltest nicht mal Fiona die Stirn bieten, weil du Angst hattest, sie zu verletzen. Lanie … Elaine! Als Tetsu-Yomi uns dann attackiert hatte, bist du zum ersten Mal richtig wild geworden. Gekämpft wie ein Raubtier, um unsere Leben zu schützen, und gegen Entei noch viel mehr. Ich war so unglaublich stolz auf dich - meine Schwester - gewesen. Weißt du, manchmal wünschte ich, ich könnte genau wie du richtig einschätzen, wann ich kämpfen und wann ich Angriffe stecken lassen muss”, vertraute mir mein Bruder an, als er mich in einer innigen Umarmung umschlang, doch es gab noch eine Sache, die er mir beichtete: „Die Visionen, von denen ich euch nach der Entei-Sache berichtet hatte … die Steinstatuen, dann andere mit wütenden Samurai und brennenden Tempeln … heute Nacht kam eine weitere hinzu. Ich bin seit Fünf Uhr wach, habe unzählige Tassen Tee und Kaffee in mich hineingekippt und fühle mich um kurz vor Zwölf bereit, dir entgegen zu treten. Erbärmlich … miserable, isn’t it?” Ich erwiderte Charlies warme Umarmung, bevor er mich schließlich sanft an den Schultern packte und leicht von sich wegschob. Während ich mir zwei niedliche, blond-schwarze Zöpfe an den Seiten flocht, lauschte ich den Worten meines Bruders: „Lanie … schwarze Erde, roter Himmel … wie Blut … Stahlspitzen ragten aus dem Boden, Rost, zerstörte Kutschen und zerschlagene Rüstungen. Natur? Nichts außer einigen verkümmerten oder niederbrennenden Bäumen. Und an zwei dieser mannshohen Klingen ...” Charlie stoppte, schluckte, begann nun zu zittern, ohne dass man die Schuld auf das koffeinhaltige Heißgetränk schieben könnte, während die sich auf seiner Stirn kräuselnden Falten sicher auch auf der meinen abzubilden begannen.
    „Zwei dieser Klingen durchbohrten eure Körper. Roxys … und deinen.”
    Ich erstarrte, inmitten meines Flechtens, als meine zarten Finger sich wie von Angst gelähmt an einem der Zöpfe wie an einem Tau aus Stroh festhielten, ja fast schon klammerten.
    „Euer Oberkörper war durchbohrt, blutgetränkt … ansonsten wart ihr unversehrt, die Augen friedlich geschlossen, aber die Ohren schlaff und leblos herabhängend. Diese Vision darf niemals Wirklichkeit werden, niemals! Niemals, Elaine, verstehst du das?”, erhöhte Charlie seine Stimme und rüttelte mich an den Schultern aus meiner kurzen Trance. Für einen kurzen Moment hatte die Schockstarre der reinen Vorstellung Besitz ergriffen bevor ich mich ein weiteres Mal in eine liebevolle Umarmung flüchtete. Roxy und ich … tot? Diesem Albtraum konnte ich nicht mit offenen Armen begegnen – wenn ich leben wollte, musste ich ihn als falsch deklarieren.


    So abgeschieden, wie wir lebten, bekamen wir kaum etwas von den Wirren des Krieges ab. Auch in den umliegenden Dörfern stand trotz der vorangegangenen Ereignisse das Leben nicht still, denn schließlich musste der Alltag weitergehen. Solange die Menschen nicht direkt vom Krieg betroffen waren, schien das Ganze weitestgehend unproblematisch, wie ich auf mittäglichen Marktbesuchen aus erster Hand in Erfahrung bringen konnte. Ob da oben nun ein junges Kaiserchen, eine Namika, eine Kagayaku oder sonst wer den Thron wärmte – für den einfachen Mann und die einfache Frau würde sich erst dann etwas ändern, wenn etwas Zeit vergangen war. Uns erging es nicht anders, so hatte Tsoony ihre Freizeit beispielsweise mit der Malerei verbracht.
    Stolz zeigte sie mir ihr Gemälde, bevor sie mir keck die Nasenspitze schwarz anmalte und verspielt kicherte: „Lanie! Lanie, schau mal! Ich habe mich mal daran versucht, einen immer wiederkehrenden Ort meiner Träume auf einer Leinwand zu manifestieren. Hübsch, nicht wahr?” Boden aus rotem Marmor und eine Wand mit Ebenholztäfelung fügte sich in das Gesamtbild genauso wie ein goldener Kronleuchter und ein schwarz-goldenes Doppelbett mit dazugehörigen Nachttischen, auf dem ein kleiner Bonsai platziert worden war. In den Ecken befanden sich große, tropische Yucca-Palmen, während der durch seine Möbel an sich etwas dunkel wirkende Raum dank eines großen Fenster mit Licht durchflutet wurde. Diese noble Schlafsuite diente jedoch nicht Erwachsenen, sondern Kindern als nächtliche Unterkunft, denn verschiedene puppen- und plüschtierartige Spielzeuge lagen auf dem glänzenden Boden verteilt, wovon ich eines als Voltilamm identifizieren konnte.
    „Hast du geträumt, du wärst Prinzessin?”, fragte ich die kleine Malersphinx scherzhaft, als sie sich nun auch noch dafür entschied, meine Wange zu bepinseln.
    Tsoony schüttelte ihren Kopf und verneinte die Antwort: „Das nicht! Es waren eher unabhängige Träume, ohne, dass ich selbst eine Rolle spielte. Irgendwie hat sich dieser Raum dann in meinem Kopf festgesetzt, genau wie große, saftige Wiesen, palmenreiche Strände ...” Plötzlich segelte Kagayaku in den kleinen Birnbaumhain, in dem wir unseren freien Nachmittag in aller Ruhe genossen und erhaschte einen Blick auf das Gemälde, das sie erst einmal für einige Momente sprachlos machte. Schweigend blinzelte sie, unfähig, ihre Gedanken in Worte zu fassen, so sehr fesselte das Bild sie.
    „Das … das kenne ich … wow ...”, staunte die blaublütige Sphinx nicht schlecht, was mich wiederum überraschte – schließlich war es doch Tsoonys ganz eigenen Traum, den sie da kommentierte: „Wie … das ist exakt unser … unser altes Schlafzimmer als kleine Mädchen! Setsunas und meins, damals in Mu! Ich war erst vier, aber … das Plüschvoltilamm … das war der Grund, wieso wir Yomi damals ein echtes Voltilamm geschenkt hatten. Wie … wie kannst du diesen Ort kennen? Es gab nie ein Bild davon!” Die Jüngere zuckte ratlos mit den Schultern, wobei sie diese Frage auch nicht im Geringsten zu beschäftigen schien, ganz im Gegensatz zu Kagayaku. Logisch betrachtet war dies in der Tat äußerst außergewöhnlich … wie konnte sie diesen ihr eigentlich komplett unbekannten Ort so originalgetreu kennen? Kagayaku wusste darauf keine Antwort, so sehr sie auch grübelte … vorerst.

  • Kapitel XV: Tea Time



    Weitere Tage vergingen, in denen berunruhigende Gerüchte über geplünderte und ausgebrannte Dörfer die Runde machten. Tage, in denen Tsoony im Kakihain saß und weitere hübsche Gemälde anfertigte, Tage, in denen Tetsu-Yomi wahrscheinlich an ihrem Geniestreich feilte, um den ganzen Unruhen ein jähes Ende zu bereiten. Onkel Claudio verlangte diesmal von seinen Naschkatzen, dass sie einen Schrein untersuchten. Zugegeben, ich rechnete ihm hoch an, dass er Roxy und mich alleine ziehen ließ, denn im Umgang mit religiösen Autoritäten waren wir wirklich nicht geschult, zumindest den hiesigen. Ach, wie sehr hatte ich die allsonntägliche Bibelklasse gehasst, aber kein Kind unserer Zeit blieb davon verschont. Kurzum sollten wir herausfinden, wie ein shintoistischer Schrein sich zu dem Kaiser, dem Buddhismus, den Pokémon und anderen wichtigen politischen Faktoren dieser Zeit positionierte – ein Interview n unserer Rolle als „neutrale” Ausländer führen.
    „Schau mal, diese Bernsteinkette hat mir Kamataros geschenkt. Darin ist eine kleine Sphinxenfeder eingeschlossen, ist sie nicht schön?”, fragte meine ältere Schwester nach meiner Meinung, als sie mit funkelnden Augen ein kleines Amulett aus ihrer Jackentasche nahm und sich damit schmückte.
    Verblüfft blinzelte ich mit den Augen: „Why would you do that …? Also … ich meine … wieso du? Wieso nicht ich?”
    „Vielleicht sind Blondinen nicht sein Typ”, zuckte Roxy gleichgültig und fasst schon ein bisschen herablassend mit den Schultern, die ich mir plötzlich krallte.
    So würde sie mir nicht davonkommen, wie ich ihr klarzumachen versuchte: „Nein, ich meine … die haben doch NUR schwarzhaarige Schönheiten! Du bist jetzt echt nix Besonderes aus deren Sicht!”
    „Ach ja? Offenbar ja schon, aber gut zu wissen, dass du offenbar nichts Besonderes in mir siehst!”
    „So meinte ich das doch gar ni- … ach Roxy!”
    „Shut up”, fauchte mein Schwesterchen und beschleunigte ihren Gang. Hatte ich mich wirklich so ungeschickt ausgedrückt? Jedoch entschloss ich mich dazu, meiner Schwester für den Rest des Weges die von ihr gewünschte Ruhe zu gönnen, sodass die verbliebene Zeit in ein eisiges Schweigen eingehüllt und darin eingefroren wurde. Nichts weiter als ein paar erfrischende Brisen wehten durch die Bambusstangen, die Baumwipfel der Kampferbäume, Kirschbäume und Kiefern sowie durch jedes einzelne meiner Haare. Ein kleiner Tunnel bestehend aus acht gleichgroßen, scharlachroten Torii-Schreintoren kündigte letztlich unser Ziel an.
    Als ob jemand eine warme Decke um mein Herz legen würde, verspürte ich den unbezahlbaren Anstieg von unerklärlicher Wärme in meinem Körper, als sich Roxy umdrehte und mir liebevoll mit einem Schlecker über mein Ohr vergab: „Alles gut, Elaine. Du bist immer noch meine süße Schokomieze Lanie~ … und etwas Besonderes.” Zugegeben, der letzte Teil besaß immer noch einen bitteren Nachgeschmack, wodurch mir erst jetzt vollständig klar wurde, wie sehr sie meine Worte verletzt zu haben schien. Doch dies stand nun erstmal nicht mehr zur Debatte, als sich ein rotweißer Großschrein mit einem prachtvoll geschwungenen Strohdach und mehreren Minischreinen an der Seite des mit grauem Kies und achteckigen Trittsteinen gefüllten Hof vor uns auftat. Dieses Kies kannte ich bereits von buddhistischen Tempeln, doch dieses hier war nicht in verschiedene wellenartigen Mustern angelegt worden, sondern einfach nur so belassen. Palmen und kleine Kiefern waren an verschiedenen Stellen um das Gebäude herum positioniert, doch die wohl prächtigste Pflanze auf dem gesamten Gelände war eine elegante Weide, die sogar den Schrein selbst überragte. Ein kleiner Brunnen in der Form eines ehemals kupfernen Rayquaza-Kopfes, umgeben von in diesem Land so ungemein häufigen Thujahecken, lud uns zur seelischen Reinigung ein, während Hände und Mund ebenfalls von allerlei Schmutz und Schweiß befreit werden würden. Nachdem wir uns mithilfe der Bambuskellen kurz gereinigt hatten, schritten Roxy und ich unter einem geflochtenen Reisstrohseil hindurch, an dem sakrale Papierstreifen in unschuldigstem Schneeweiß befestigt waren. Meine Schwester entschloss sich im Anschluss dazu, eine Münze mit einem Loch in ihrer Mitte in eine kleine hölzerne Spendenbox zu werfen. Für einige Sekunden hielt sie inne, läutete die am Schreingiebel befestigte Bronzeglocke und klatschte danach zweimal in die Hände, um den Naturgötter dieses Landes ihre Ankunft mitzuteilen. Roxanne Aveline de Courtenay, eine ganz besondere Mieze.


    „Sssss ...”, zischte es plötzlich hinter uns, als wir uns etwas auf dem leeren Tempelgelände umgesehen hatten: „Ssssssakkiiiiii ...” Schnell legte sich meine Stirn in Falten – Saki? Bevor ich mir überhaupt die Frage stellen konnte, wer denn für dieses scharfe Zischen verantwortlich war, war hinter uns eine große, violette Kobra aufgetaucht. Dieses Arbok ließ seine gespaltene Zunge immer wieder hervorschnellen und züngelte uns förmlich an!
    „Keine … Angssssssst … sssssofern ihr nichtssss zzzzu verbergen habt!”, empfing uns der Mini-Basilisk, doch ich merkte, dass nicht nur mir, sondern auch Roxy das Schlangenmännchen nicht ganz geheuer war: „Folgt miiiir ...” Das war zum Glück überhaupt nicht gruselig – oder so. Mit nach vorne geknickten, zuckenden Ohren ließen wir uns zum Herzen des Schreins führen, um unseren Auftrag zu erfüllen. Ein Arbok allein würde kaum eine große Gefahr darstellen, aber als ich auf der kleinen Holzveranda tatsächlich die uns bekannte Miko in ihrem weiß-violetten Dress erkannte, wurde mir ein ganzes Stück mulmiger. Ihre verhängnisvolle Waffe trug sie nicht bei sich, jedoch einen kleinen Bambusfächer, mit dem sie sich Luft zufächelte.
    Saki erkannte uns ebenfalls sofort wieder und winkte uns mit einem leicht herablassend wirkenden Lächeln heran: „Ihr beiden! Setzt euch zu mir, es gibt Tee, Mochi und Schokolade~” Schoko-schokolade? Wo war die Falle? Roxy hob nur ihre Augenbrauen und starrte mich mit einem breiten Grinsen an, als sie das Ringen zwischen Gier und Vernunft in mir beobachtete. Etwas verhalten trippelten wir in unseren gewöhnungsbedürftigen Reisstrohsandalen zu der Miko, die neben sich ein Tablett auf die andere Seite verfrachtete, sodass die Leckereien genau neben uns standen. Sorgfältig betrachtete ich unser Gegenüber, während diese uns aromatisch duftenden Tee einschenkte – ein Bernsteinanhänger in der Form eines Auges zierte als Amulett ihre Brust. Kleine Schokoladenkuchen westlicher Art waren etwas untypisch neben den grünen, gesprenkelten und in ein Eichenblatt gehüllten Reisküchlein positioniert worden.
    Ehe ich mich versah, erschütterte plötzlich ein lautes Aufprallgeräusch die aus gebranntem Ton angefertigten Tassen, die selbst die Schlange hinter uns aufschrecken ließ, doch den Tee glücklicherweise nicht herausschwappen ließen. Ein kräftig gebauter Mann in dunkelblau-silberner Montur, der seine schwarzen Haare in einer Art kurzem Pferdeschwanz trug, hatte sich unbemerkt auf einen Baum manövrieren können, bevor er nun genau vor Saki stand, mit drei blitzenden Kunai-Messern in der Hand! Wollte er dem Schreinmädchen etwas antun?
    „Mach dassssss … nicht nochmaaaaal”, zischte das Arbok garstig, obwohl ihm wohl klar war, dass der Bewaffnete es wohl nicht verstehen konnte. Die Kunai verschwanden jedoch recht schnell in einer Art Lederetui, das am Gürtel des Mannes befestigt war, und er packte ein freundliches Lächeln aus seinem Mimikrepertoire aus. Er trug außerdem eine Art bis zu den Ohren verlängerten, dünnen Henri-Quatre-Bart, was ich für die hiesigen Einwohner definitiv als eine Seltenheit empfand.
    Völlig ungeniert griff der Krieger beherzt zu und verleibte sich ein Mochi und einen Schokokuchen ein, als sich über seine Gesellschaft äußerte: Aaaah, Kiyomori … hast wohl nicht mit meinen überragenden Ninjakünsten als Top-Shinobi gerechnet, was? Mach’ dir nichts draus, Junge. Und was ist mit euch beiden? Ich wusste ja gar nicht, dass mein Schwesterchen soziale Kontakte pflegt, haha!”
    „Wie jetzt? Hab euch für den ersten Moment für ein Pärchen gehalten ...”, antwortete Roxy prompt. Immerhin schien es dem nicht wirklich verhüllten Ninja bestens zu gehen, sodass ich bezüglich der angebotenen Speisen wirklich keinen Argwohn schieben musste.
    Saki kräuselte ihre Lippen, als schien sie nicht besonders begeistert von all jenen Umständen zu sein: „Shuzo, du störst. Ich habe dir gesagt, dass Kiyomori es nicht leiden kann, wenn man sich so anschleicht.”
    „Na das kann er mir doch auch selbst sagen.”
    Shuzo erntete einen düsteren Blick von seiner Schwester, die ihn weiter rüffelte: „Wo steckt dein Partner-Pokémon überhaupt?”
    Mir war das Ganze nicht so wirklich geheuer, weswegen mit eine Frage so lange auf der Zunge brannte, bis ich ihr Abkühlung verschaffte: „Partner-Pokémon? Du kamst mir nicht wirklich wie eine Pokémon-Freundin rüber, Saki. Eher … stolz auf deine Taten.”
    „Ja, bin ich doch auch. … Also. Stolz auf meine Taten~”, entgegnete das Schreinmädchen kühl und fächelte sich weiter Luft zu, während Roxy intensiv den Tee beäugte. Sie war nicht so naiv, wie man auf den ersten Blick anzunehmen vermochte, schien sie doch auch mit einem Hinterhalt gerechnet zu haben.
    Ihr Bruder hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass wir Zeuge von Enteis Versteinerung waren und ließ seinen Blick etwas ratlos immer wieder zu einer anderen Person richten: „Ihr … ihr … Moment … wirklich? Ihr habt das beobachten können?” Verhalten nickte ich und biss mir schüchtern auf die Lippe. Wenn ich süß wirkte, würde vielleicht zumindest er mir nichts tun, doch beide Geschwister blieben ruhig. Der züngelnde Echsenwurm hatte sich derweil um Saki herum gelegt und starrte Roxy an, die nun eines der Mochi nicht nur mit ihren Fingern untersuchte, sondern wie eine jüngere Kagayaku gleich komplett in ihrem Mund unterbrachte.
    Dass sie sich damit völlig übernommen hatte, merkte sie selbst früh genug und würgte den großen, glatten Reiskloß schnell wieder aus. Immerhin war sie so klug gewesen, das Blatt nicht mitzuessen, denn das war nur bei den rosa Kirsch-Mochi zu empfehlen …
    „Immer wieder ersticken Menschen, weil sie die Mochi nicht gut genug kauen ...”, merkte Shuzo an, als er neben seiner Schwester Platz nahm und sich ebenfalls Tee einschenken ließ. Als auch Shion davon getrunken hatte, wagte ich es ebenfalls, an meiner Tasse zu schlürfen. Dieser Tee schmeckte so viel mehr nach echten Teeblättern als der, der letztlich in Europa serviert wurde.


    So harmonisch, wie die beiden Geschwister für einen Moment nebeneinandersaßen, wirkten sie gar nicht so gefährlich, schon gar nicht ohne die mystische Waffe. Ich gönnte mir ein paar Meter Auslauf und linste wagemutig in den Schrein herein, aber mehr als ein Futon, Opfergaben in Form von Apfelsinen, Sake und Münzen umringt von kleinen Vulnonastatuen konnte ich nicht ausmachen. Selbst wenn Sakis Kampfgerät hier irgendwo versteckt war, würde ich es wohl kaum einfach auffinden, doch die Winzigkeit der Fuchsstatuetten beruhigten mich. Ich konnte ziemlich sicher daraus schließen, dass dies keine versteinerten Pokémon waren. Ein paar heftige, weit hörbare Flügelschläge kündigten die Ankunft eines weiteren Gastes aus der Luft an.
    Mit diesem Libelldra-Weibchen war nun auch die Frage nach Shuzos Partner-Pokémon geklärt, doch viel mit Saki unterhalten hatte ich mich noch nicht, doch Roxy schien gerade mit ihr ins Gespräch gekommen zu sein: „Also eigentlich haben wir dich für ziemlich böse gehalten. Du hast ein Pokémon versteinert, nur um … seine Kraft zu absorbieren?” Roxy. Wir halten sie immer noch für böse, auch wenn wir eine Mahlzeit angenommen haben.
    „Sieben. Ich habe sieben versteinert. Oder sechs?”, kicherte die Miko, unbeeindruckt jeglicher moralischer Grenzen, die jemandem das Lachen eigentlich im Halse stecken lassen würde: „Wenn ihr mich für böse haltet … tja, was kann ich tun, um euch zu überzeugen?”
    „Ja, gute Frage eigentlich ...”
    „Hmmm, ich habe auch nicht wirklich Interesse daran.”
    Verdutzt blinzelte meine Schwester die Schreinwächterin an: „Echt jetzt? Siehst du dich gerne in der Rolle des Bad Girls? Ich meine … wieso solltest du uns unvergiftetes Essen anbieten, wenn du wirklich böse wärst?”
    „Ich habe euch damals gesagt, dass ich euch zu Dank verpflichtet bin. Schätze, wir sind wohl quitt.” Das war nicht unbedingt die beruhigende Antwort, die sowohl meine Schwester als auch ich uns erhofft hatten.
    Hin- und hergerissen beobachtete ich, wie die beiden Geschwister die Köpfe ihrer Reptilien-Pokémon kraulten, doch konnte ich mir eine weitere spitz formulierte Frage nicht verkneifen, als ich mir den leckeren Schokokuchen langsam zu meinem Mund zuführte: „Hast du noch mehr Pokémon versteinert?”
    „Nein.”
    Puh. Durchatmen. Meine heruntergeklappten Ohren richteten sich voller neuen Mutes auf und folgten der Bewegung meines Kopfes, bis mein Blick Sakis schwarze, erschaudernde Augen traf.
    „War gelogen”, erwiderte sie schulterzuckend und strich sich durch die dunklen Haare, bevor ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Arbok galt.
    Als ich mit einem einfachen „Aber warum?” noch eine weitere Frage anhängte, schnellte Kiyomori plötzlich nach vorne und bäumte sich mit seinem muskulösen Schlangenkörper vor mir auf: „Du ssssstellsssst viele Fraaagen an Sssssakki, Kleinessssss. Deine Neugier wird dich noch … in grosssssse Probleme manövrieren ...” Die rot-schwarze Gesichtsmarkierung auf seinem gedehnten Hals flackerte bedrohlich auf, während ich mir gemütlich das Stück Kuchen in den Mund schob. Ich fühlte mich unglaublich unbehaglich, wie die Giftnatter mich zischend anzüngelte, doch gleichzeitig wurden meine Sinne durch den schokoladigen Geschmacks des fast schon auf der Zunge zergehenden Gebäcks in eine andere Sphäre gehoben. Wirklich genießen konnte Schoko-Mieze Elaine ihre Mahlzeit nicht wirklich … dementsprechend schlecht gelaunt blickte ich die Kobra mit vollen Backen an.
    Von Saki erhielt ich lediglich nur eine einschüchternde Antwort: „Wenn ich dir das verraten würde, würdest du mich vielleicht noch an Ort und Stelle töten wollen. Glaub mir, das möchte ich gerne vermeiden.” Zahlreiche Gedanken strömten nun in Sekundenschnelle durch meinen Kopf – was, wenn Saki wirklich jemand war, deren Existenz dieser Welt enorm schadete? Was, wenn wir sie hier und jetzt ohne ihre Waffe überwältigen könnten? Was, wenn Saki nicht böse war, sondern die Schuld vor allem bei Entei selbst zu suchen war? Viele Einfälle und Gedankenspiele plagten mich, doch dabei wollte ich einfach nur meine leckere Tea Time genießen. Gegen das Libelldra würde ich nicht allzu viel ausrichten können und ein präzise platzierter Biss des Arbok könnte uns selbst bei einem Erfolg enorme Schwierigkeiten bereiten – im schlimmsten Fall sogar unsere jungen Leben auslöschen. Roxys mir geltender Blick wirkte etwas hilfesuchend, wie verloren in diesem kleinen Sanktuarium der Ruhe. War es überhaupt legitim, an einer solch heiligen Stätte die Krallen auszufahren? Ich wollte kein Wagnis voller unsicherer Faktoren riskieren, nur um mich mit irgendwelchen Lorbeeren zu brüsten. Das hatte eine Elaine nicht nötig, denn schließlich war ich weder Oz noch Kagayaku. Ich wollte nur … die beste Entscheidung treffen. Was wusste ich schon über Saki, um mir ein gutes Urteil zu erlauben, zudem ihr Bruder ein netter Kerl zu sein schien, so wie er sich seinem Libelldra zuwandte und auch meinem Schwesterchen gestattete, den Bauch des Wüstendrachen zu reiben. Wie viele Entscheidungen würde man mir hier noch abverlangen?

  • Hallo Neru,


    Namika: *schüchtern* Das ist richtig, aber ist das für dich jetzt etwas Schlechtes oder etwas Gutes? :c o///o

    Sowohl als auch. Zum einen ist Namika damit sehr nahbar und man kann mit ihr auf diese Weise schnell sympathisieren. Auf der anderen Seite ist es als Herrscherin schwierig, sich so locker zu geben, weil man im besten Fall ja auch von seinem Volk respektiert werden will und dementsprechend auch etwas dafür tun muss. Inwiefern das hier gegeben ist, lässt sich aber noch kaum abschätzen.


    Auf jeden Fall, zum neuen Kapitel: Von einer Schlange verführt zu werden hat in der Regel noch nie etwas Gutes bedeutet. Da möchte man gar nicht glauben, dass sich Roxy und Elaine ursprünglich religiös fortbilden und mehr über die fremde Kultur kennenlernen wollten. Die typische Eigenart beim Sprechen passt für das Arbok auf jeden Fall gut und ich find's fast schade, dass Libelldra später nicht zum Zug kam, auch ein paar Worte zu verlieren. Ich hoffe mal, das ändert sich etwas später.
    Jedenfalls, solche Szenen sind immer recht besonders und mitunter schwierig, wenn sich zwei praktisch gegensätzliche Fraktionen zusammensetzen und diverse Dinge besprechen, wie etwa hier die Hintergründe mit den Versteinerungen. Da darf man sich natürlich fragen, was Saki noch zu verbergen hat. Jedenfalls kann sie eigentlich gar nicht so böse sein, denn sie hat durchaus Anstand, nicht ausfallend zu werden, was an sich schon mal für eine gute Bildung spricht. Im direkten Dialog spiegelt sich das auch durch eine eher kühle Art wider, aber grundsätzlich scheint sie für ihre Liebsten immer da zu sein.
    Wirklich viele Informationen bekommt man hier aber auch wieder nicht. Ein paar neue Erkenntnisse und die Gewissheit, sich in diesem Gebiet keine Dummheiten erlauben zu dürfen. Das sind ja gute Voraussetzungen, um Entscheidungen zu treffen! Die Frage bleibt also offen, was Saki und Shuzo von den beiden nun genau wollen, aber wir werden sehen.


    Wir lesen uns!

  • Huhu, @Rusalka ! Erstmal vielen Dank für den Kommentar zum aktuellen Kapitel! Bin sogar etwas traurig, dass ich nicht alle deine Wünsche im nächsten Kapitel unterbringen kann.


    Zum einen ist Namika damit sehr nahbar und man kann mit ihr auf diese Weise schnell sympathisieren. Auf der anderen Seite ist es als Herrscherin schwierig, sich so locker zu geben, weil man im besten Fall ja auch von seinem Volk respektiert werden will und dementsprechend auch etwas dafür tun muss. Inwiefern das hier gegeben ist, lässt sich aber noch kaum abschätzen.
    Das stimmt, das ist wirklich ein Drahtseilakt, auf dem sie sich befindet. Wir werden noch sehen, wie sie sich entwickelt und wie sie mit der ständig umgeworfenen politischen Situation zurechtkommen wird, wenn auch nicht jetzt direkt!


    Auf jeden Fall, zum neuen Kapitel: Von einer Schlange verführt zu werden hat in der Regel noch nie etwas Gutes bedeutet. Da möchte man gar nicht glauben, dass sich Roxy und Elaine ursprünglich religiös fortbilden und mehr über die fremde Kultur kennenlernen wollten.
    Elaine: Also die Schlange (als Vorstufe oder sogar Synonym des Drachen und damit des Wasserherrschers) hat aus japanischer Sicht eine gute und eine schlechte Imageseite, während im Westen die negative deutlich überwiegt!


    Die typische Eigenart beim Sprechen passt für das Arbok auf jeden Fall gut und ich find's fast schade, dass Libelldra später nicht zum Zug kam, auch ein paar Worte zu verlieren. Ich hoffe mal, das ändert sich etwas später.
    Ich werde dran denken, beim nächsten Aufeinandertreffen auch Libelldra eine kurze Szene zu widmen! Ist wirklich etwas zu kurz gekommen im jetzigen Kapitel, da müssen wir wohl ein bisschen warten - aber dann gerne!


    Jedenfalls kann sie eigentlich gar nicht so böse sein, denn sie hat durchaus Anstand, nicht ausfallend zu werden, was an sich schon mal für eine gute Bildung spricht. Im direkten Dialog spiegelt sich das auch durch eine eher kühle Art wider, aber grundsätzlich scheint sie für ihre Liebsten immer da zu sein.
    Ich gebe mir generell bewusst viel Mühe, meine Charaktere relativ gemischt zu gestalten, sodass man es manchmal wie bei Saki überhaupt nicht klar erkennt, weil es vielleicht auch nicht die eine klare Schattierung gibt, sondern irgendein Grau mit verschiedensten hellen und dunklen Tüpfeln. Meine Hauptfiguren haben wiederum selbst ihre Mängel und Schwächen, Kagy z.B ein mehr als Sheila, Elaine oder Yomi - und selbst Letztere litt unter ihrer Nibelungentreue zu Setsuna.


    Wirklich viele Informationen bekommt man hier aber auch wieder nicht. Ein paar neue Erkenntnisse und die Gewissheit, sich in diesem Gebiet keine Dummheiten erlauben zu dürfen. Das sind ja gute Voraussetzungen, um Entscheidungen zu treffen! Die Frage bleibt also offen, was Saki und Shuzo von den beiden nun genau wollen, aber wir werden sehen.
    Dafür macht die politische Situation im folgenden Kapitel ein paar Fortschritte. x) Aber lies selbst! Gibt auch mal zur Abwechslung wieder etwas mehr Action und Konfrontation!

  • Kapitel XVI: Empire of the Free


    Unser Onkel tobte. Gestresst ging er auf und ab, immer wieder seinen Kopf schüttelnd.
    Lautstark beschwerte er sich über seine unfähigen Nichten: „Ihr hattet einen ganz klar formulierten Auftrag! Wie kann man das denn versauen? Ihr seid einfach nur unglaublich!”
    „A-also ...” versuchte Roxy als ältere Schwester, uns eine glaubhafte Verteidigung zu verschaffen: „Naja, also die Leute am Schrein waren so nett und haben uns eine kostenlose Mahlzeit angeboten. Wir waren so beeindruckt davon, dass wir uns diese Möglichkeit für die Zukunft nicht verbauen wollten. Ich meine … wer mag denn schon unangenehme Fragen von neugierigen Journalisten? Das war einfach nur taktisch klug!”
    „Taktisch klug? Über taktisches oder diplomatisches Geschick hast DU von allen dreien doch am wenigsten verfügt, um nicht zu sagen – noch nie! Ums Fressen ging es also wieder, natürlich. Du bist nicht hier, um Freunde zu finden, die dir ein Essen erschnorren und wenn du auf romantische Abenteuer aus bist, bist du hier genauso fehl am Platze!”
    „W-was?! Wenigstens habe ich Freunde!”
    Funkstille. Eine vor Verlegenheit glutrote Roxy wurde von einem vor Wut glutroten Claudio angefunkelt, doch ich fühlte mich mindestens genauso unwohl. Um ehrlich zu sein, hatten wir nicht nur den Interview Auftrag vergessen, weil wir von Saki sowieso keine für die allgemeine Priesterschaft gültigen Aussagen herausbekommen konnten, schon gar nicht zu Pokémon … sondern weil wir ihn sogar komplett vergessen hatten. Das passierte eben, wenn man eine Mahlzeit serviert bekam und danach noch eine Runde Kunaiwettwurf mit Shuzo und Saki spielte. Unnötig zu sagen, dass selbst die Miko uns gnadenlos an die Wand oder eher gesagt die Baumrinde gespielt hatte, aber ich empfand es als eine nicht ganz so blöde Idee, sich mit den beiden gut zu stellen.
    Beide Kontrahenten rangen nach Worten, doch es war Onkel Claudio, der seine zuerst wiedergefunden hatte: „Das werdet ihr beide wieder gut machen, Roxanne und Elaine. So viel steht fest.”
    „Lass Elaine in Ruhe, sie trifft keine Schuld!
    „Sie ist ein jünger als du und mit 22 eine genauso mündige Frau.”
    „Mündige Frau. MÜNDIGE FRAU? Nicht nur behandelst du uns ständig wie Kinder, nein, das von Setsuna damals eingeführte Frauenwahlrecht wurde von irgendwelchen reaktionären Holzköpfen natürlich wieder umgehend zerschlagen!”, fauchte Roxy und ließ ihren Emotionen freien Lauf: „Ich hoffe Kagayaku führt es wieder ein und dann lasse ich mich ins Parlament wählen! Was dann folgt wird dich verblüffen, denn ich erlasse ein Gesetz, dass du 1 Jahr lang nur Hafergrütze essen musst!”
    Ich ließ meine langen Ohren entmutigt hängen und seufzte auf. Das brachte uns gar nichts. Auch Charlie schien das zu merken, als er hinter mir auftauchte und seinen Arm um mich legte. Dankbar leckte ich ein Ohr, bis ich nach wenigen Sekunden angeekelt meine Zunge wieder einfuhr. Was war das denn für ein abartiger Geschmack?
    „Golly, wo warst du?”, fragte ich angewidert, während der Drang nach einer kräftigen Mundspülung plötzlich in mir aufkam. Mein Bruder zuckte mit den Schultern und gab auf das Gekeife im Hintergrund nicht viel Wert, denn er präsentierte mir ein paar illustrierte Dokumente, die Gesichter verschiedener Männer und Frauen zeigten.
    Er erklärte damit auch den seltsamen Geruch, der seinen Körper umhüllte: „Verbrecherjagd. Du willst gar nicht wissen, wo er mich herumgeschickt hat. Eine kleine Siedlung völlig paranoider Feuer-Pokémon in einer ehemals abgebrannten Pagode, wo sich auch mehrere Smogon heimlich fühlten. Grässlich ...”
    „Du bist aber nicht verletzt, oder?”, erfragte ich und befühlte seine schwarzen, nachtara-artigen Ohren, denen man eine Verbrennung auf den ersten Blick nur schwer ansehen würde.
    Charlie tätschelte mich liebevoll und drückte mich kurz fest an sich, bevor er gemächlich zu seinem Onkel trotten würde: „Nein, alles bestens, Lanie. Solange es euch beiden und Namika gut geht.” Ich schnurrte laut auf und sah meiner Familie noch einmal hinterher, bevor ich meinen Plan einer ausführlichen Mundhygiene in die Tat umsetzte.


    Nachdem unser Onkelchen sich strikt weigerte, uns für die nächste Zeit am Weltgeschehen und ganz besonders dem in Japan auch nur ansatzweise teilhaben zu lassen, durften wir uns mit spannenden Aufträgen wie Einkaufen oder Putzen vergnügen. Letztere endeten immer darin, dass sich Roxy nach dem aus dem Sichtfeld Tretens unseres Aufpassers auf den Boden gelegt hatte und die Arbeit verweigerte. Sie begründete ihren Ungehorsam damit, dass sie schließlich eine erwachsene Frau war und frei entscheiden konnte, wie sorgfältig sie ihre Unterkunft … ihre temporäre Unterkunft pflegen würde, völlig unabhängig von der Meinung unseres Onkels, der selbst nicht den kleinsten Handschlag tat. Er selbst rechtfertigte sich dadurch, dass er schließlich den ganzen Tag arbeiten ginge, denn wer arbeitete, hätte seinen Teil bereits geleistet, während die anderen für den Haushalt übrig blieben. Namika brachte dieser Aufgabe als direkte Adlige ebenfalls keinerlei Interesse entgegen, sodass ich mich versuchte, mich argumentativ mit der Rechtfertigung Clauidos auseinanderzusetzen. Die Lösung war denkbar einfach – statt dass ich Tsoony beim Malen, unserem Doc beim Wundenpflegen oder Namika bei einem traditionellen, schachähnlichen Holzbrettspiel mit meinem Bruder zusah, weil ich in keiner dieser drei wesentlich interessanteren Alternativen auch nur eine Spur Talent besaß, würde ich selbst meine Arbeit wieder aufnehmen. Wieso kam ich denn tagelang nicht auf die Idee, dass ein Verbot meines Onkels mich ernsthaft davon abhalten könnte? Zum Erteilen welcher Repressionen und Sanktionen wäre er denn in der Lage? Als mir über unsere fliegende Zeitung Tsoony zu Ohren kam, dass sich Kagayaku mit dem Kaiser des zerrütteten Zappangu-Reiches treffen würde, war ich sofort Feuer und Flamme! Mit ihr an meiner Seite würde mir schon nichts zustoßen, wenn jemand nicht gerade mit irgendwelchen Fallen à la Fiona aufwarten würde.


    Einem erfolgreichen heimlichen Ausbruch nachts folgte eine Übernachtung in einer heruntergekommenen Scheune, in der noch etwas altes Reisstroh zur Polsterung verblieben war, doch mit Komfort hatte diese anspruchslose Bleibe wenig zu tun gehabt. Meine Reise zog mich nach Chimiya, die alte Kaiserstadt, die ihrem Namen mit den 1000 Schreinen gerecht wurde. In jeder noch so kleinen, verwinkelten Marktgasse verbarg sich ein hölzernes Sakralgebilde, klein und unscheinbar. Ich hatte gelernt, dass es neben den größeren Schreinen wie dem, an dem Saki gerastet hatte, auch zahllose kleine selbst in den Häusern zur Ahnenverehrung aufgestellt waren. Kulturell fand ich mich zweifelsohne besser zurecht als sprachlich, was allerdings auch nicht besonders schwer war. Das kulturelle Herz dieses im Vergleich zum Westen so anderen, aber nicht schlechteren Reichs befand sich hier, inmitten großartiger Pagoden, hölzernen Schmuckläden, Restaurants und Plundergeschäfte, der bereits erwähnten Schreinen sowie kleinen Parks. Verschiedene Kiesflächen, Teiche, Brücken und ein Zusammenspiel verschiedenster Baumarten wie Ahorn, Kirsche und Weide schmückten die idyllischen Oasen der Stille in der ansonsten lebhaften Großstadt. Man mochte sich gar nicht ausdenken, was eine einzige lieblos platzierte Backsteinfabrik diesem Stadtbild nur antun zu vermochte. Hier, wo lächelnde Schirmdamen mit schneeweißen Gesichtern, komplizierten Frisuren aus rabenschwarzem Haar und edelsten Kimonos aller Farben unter den biegsamen, jedoch unbeugsamen Weidenbäumen hindurchtrippelten, würde ein solches Gebäude die Atmosphäre in tausend Einzelteile zerbersten lassen. So mittelgroßes, sich von den anderen Villen lediglich durch seine rote Färbung abhebendes Haus der Bourgeoisie diente an jenem Tag dem Kaiser als Gesprächskulisse. Mit einem von Kagayakus Siegeln, dass sie wohl in einer Schublade vergessen haben musste, konnte ich mich als Dienerin der Sphinxenkaiserin ausgeben, sodass ich ohne größeren Widerstand das Innere betreten konnte. In der selbstverständlich ebenfalls mit Holz, aber in den inneren Räumen auch mit Blattgold und Papier ausgekleideten Villa verdoppelte sich plötzlich mein Herzschlag – nur all zu gut hatte ich die Geschichte von einst im Kopf, in der meine Ahnin Sheila heimlich Kagayakus große Schwester Setsuna belauscht hatte. Ich hingegen war nicht zum lauschen hier, denn verstehen würde ich generell nichts, doch mich interessierte, was es mit diesem Kaiser auf sich hatte. Was war das für ein Kerl, der in Namikas Alter gegen sie ausgespielt würde. Welche Beweggründe lagen hier überhaupt vor? Natürlich hätte ich diese Information auch aus Kagayaku herausquetschen können, doch ich wollte mir mein eigenes, zumindest auf Mimik und Gestik begrenztes Teilurteil bilden.
    In einem der langen, äußeren, schwach orange beleuchteten Fluren, in dem jeweils nur ein vorderer und ein hinterer Ausgang in einen anderen Raum führten, erblickte ich eine weitere Person, die sich am anderen Ende befand. Sie trug ein größtenteils indigoblaues und zinnoberrotes Kleid westlichen Stils mit einem glockenförmigen Rock wie ein Mega-Guardevoir, während die mittleren Teile weiß gefärbt waren. Kaum noch sichtbar blickten zwei dunkle Stelzen aus dem gellen Tüll hervor, genauso wie ein silberner, segmentierter Schweif, der in einer spitzen Pike endete. Ein Königinnenballkleid an Kagayaku hatte ich noch nie gesehen … aber vermutlich stand ihr einfach alles, selbst der völlig überraschte Gesichtsausdruck, mit dem sie mich unerwartet empfing.
    „E- … -laine? Ummm … was verschlägt dich hierhin?”, fragte sie mich blinzelnd.
    Ich begrüßte meine Lieblings-Vollblutsphinx mit einer zarten Umarmung, die sich mit einem liebevollen Streicheln über Kopf und Ohren erwiderte.
    Nun gestand ich ihr meinen Plan: „Ich möchte einmal den Kaiser sehen.”
    „Das geht nicht.”
    „Was? Warum nicht? Das ist doch ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.”
    „Du hast ja mal gar nichts verstanden. Absolutismus. Götterabstammung. Gnade Gottes. Egal ob im Westen, hier oder auf Mu. Es gibt keine Beweise, ob ein Monarch mehr ist als ein Mensch, aber im Allgemeinen wird er für mehr gehalten. Begib dich nicht in gefährliches Fahrwasser, wenn du schon im Gezeitentümpel ertrinkst und von Lithomith in die Nase gezwickt wirst.”
    Ich schnaubte verächtlich, Kagayaku einen bösen Blick zuwerfend: „Was soll das denn heißen? Bin ich nicht würdig, ihm unter die Augen zu treten?”
    „Das wäre nicht mal das allergrößte Problem. Was ich aber wirklich nicht gut einschätzen kann, ist dieses ‚Vertreibt die Barbaren, huldigt dem Kaiser’, das die aufständigen Samurai der Bevölkerung eingeimpft haben. 11 Matrosen von Hexalos wurden im Hafen von Fanatikern gemeuchelt und ich möchte dich nicht unnötig in Gefahr bringen. Ich bin aus deren Sicht nicht nur eine ausländische, sondern auch eine westliche Herrscherin, sei dir dem bewusst!”, entgegnete mir die Dunkelhaarige mit den Engelsschwingen, ihren Schweif nervös über den Boden wischend: „Wenn du durch die Tür willst, musst du erst an mir vorbei~”
    Eine Herausforderung, die ich gerne annahm: „Lass mich durch! Ich habe schon einen Onkel Claudio, der ständig auf mich aufpassen will! Meine Gesellschaft verlangt von mir, dass ich sicher im Haus verbleibe und mein Leben dem Haushalt und dem Wohlergehen meines zukünftigen Gatten widme! Ich brauche keine Kagayaku, die mir auch noch Freiheiten nimmt!” Sanft versuchte ich sie, zur Seite zu schieben, doch ein etwas energischer Rückstoß von ihrer Seite aus brachte mich beinahe aus der Balance!



    Sofort wagte ich einen neuen Anlauf, doch nun schlug die Sphinx energisch mit ihren Flügeln und drückte mich mit starken Windböen immer wieder nach hinten! Ich hatte die zerstörerischen Angriffe von Tetsu-Yomi überlebt. Musste ich einen Menschen fürchten? Würden sie mich festnehmen und einkerkern, dann ja – aber genau davon wollte ich nicht ausgehen, bevor ich den Kaiser mit meinen eigenen Augen gesehen und mir ein eigenes Bild von ihm und seinen Beratern gemacht hatte. Die nächsten Windböen zielten auf meine Beine ab und zogen mir diese weg, sodass ich schnaufend auf meine Knie stürzte. Unter meinem Kimonogürtel trug ich eines der Kunai aus dem kleinen Trainingsspiel mit Shuzo bei mir, doch ein Angriff auf Kagayaku selbst war hier für mich keine Option. Wie dunkel und niederträchtig müsste mein Herz sein, dass ich in einer solchen Situation zu diesen Mitteln greifen würde, um mein Ziel zu erreichen? Sie musste doch auch mit Worten überzeugbar sein, oder nicht?
    „Kagayaku! Lass mich durch! Ich kann auf mich selbst aufpassen! Erinnere dich an den Fiona-Kampf!”, rief ich, während ich gegen die heftigen Sturmböen weiter erfolglos anrannte und erneut unsanft auf den Tatamiboden der Tatsachen zurückbefördert wurde.
    „Du hast eine Person überlebt, die dich gar nicht töten wollte. Incredible. Totally incredible … wie ihr sagen würdet ...”, schnaubte das Goldauge distanziert, und peitschte immer wieder mit dem Schweif auf den Boden.
    Diese Antwort versuchte ich mir, zumindest teils zu Nutze zu machen: „Woher willst du sicher wissen, dass der Kaiser mich töten lassen will? Will er es nicht, droht mir keinerlei Gefahr! Lass uns an das Gute in den Menschen glauben!” So, wie uns Saki auch nichts getan hatte, versuchte ich meinen neu gelernten Optimismus mit einzubringen.
    „Welche Menschen? Die, die Mu untergehen haben lassen? Die, die Bara ermordet haben? Die, die meiner großen Schwester nach meinem Verschwinden den Krieg erklärt hatten? Oder halt – Wie wäre es denn mit allen?”, zischte die junge Kaiserin zynisch und verschärfte ihre eigentlich harmlosen Windstöße, sodass diese zu sichelartigen Windschnitten mutierten, die mir für einen kurzen Moment einen stechenden Schmerz bescherten, der jedoch schon wenige Augenblicke später inein nicht all zu lästiges Brennen überging. Ich überkreuzte meine Arme, um mein Gesicht zu schützen, doch erneut zielte der Angriff auf meine Unterschenkel ab, an denen sich der ein oder andere scharlachrot blutende Schnitt abzeichnete. Doch viel mehr als mich schien sie selbst die Verletzung zu schockieren, als ihr Herz von bestens sichtbarer Reue durchbohrt wurde. Gequält biss sie sich auf die Lippe und hielt inne, sodass ich den Moment nutzte und erneut auf sie zuraste, bis schwächere Windböen mich erneut ausbremsten. Kagayaku hatte extra für mich einen Gang heruntergeschaltet, um mich nicht ernsthaft zu verletzen …
    „Ich dachte, du wärst progressiv! Eine Frau, die für die Freiheit kämpft und zu der ich immer aufgesehen habe! Dann gewähre mir auch meine freie Entscheidung!”, forderte ich erneut lautstark, erreichte damit jedoch nur noch stärkere Windstöße, die mich unsanft zu Boden warfen und einen pochenden Schmerz in meinem rechten Handgelenk aufkommen ließen: „Kyaaah!”
    Die Sphinx blickte etwas beschämt zur Seite, nachdem sie sich für den ersten Moment erschrocken hatte. Sie gab sich gleichgültiger, als sie war: „Ich habe genug verloren. Findest du nicht?” Noch immer hielt ich meine Hand vor Schmerzen mit der anderen umklammert und verzog das Gesicht, während sich die neuen Windstöße als wesentlich ungenauer herausstellten.
    Es war nicht schwer, ihnen auszuweichen und gleichzeitig weiter zu diskutieren: „Du bist eine Frau mit Flügeln, der alles offen steht und an jeden Ort der Welt fliegen kann, frei von Fesseln! Und genau solche Flügel sollen auch mir wachsen, bevor die Fesseln mich erdrosseln! Es tut weh, wenn ich nicht wie die unzähligen Generationen vor mir meine eigenen Entscheidungen treffen darf! Habt ihr nicht dafür in der Revolution gekämpft?” Je unpräziser die Angriffe waren, desto schneller konnte ich voranschreiten, während einige Tropfen Blut durch die Windschnitte zuvor meine Beine herunterkullerten. Kagayaku konnte ihren Blick kaum davon abwenden, doch die Konzentration auf ihr elegantes Geflatter konnte sie stets aufrecht erhalten. Zwei Windkanäle an der Seite ließen mir nun freie Bahn, um direkt zu ihr vorzudringen und ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Die Sphinxenherrscherin wirkte traurig, zwar gelang es ihr, jegliche Spur von Tränen zurückzuhalten, doch ihren geknickten Gesichtsausdruck konnte sie nicht verbergen. Ich war stolz, mein immer noch im jadegrünen Kimonogürtel meiner türkisen Kleidung verstecktes Messer nicht gezückt zu haben, nicht einmal zur Drohung. Alleine der Gedanke an einen Angriff hätte ihrem Herzen eine tausendfach größere Wunde zugefügt als die Bagliatellenwunden durch eine ihrer schwächsten Attacken überhaupt. Einen richtigen Kampf gegen sie würde ich niemals überstehen.
    „Entschuldigung, Elaine. Einige Punkte, die du angesprochen hast, haben durchaus ihre Berechtigung. Ich habe mich nur gesorgt … aufgrund meiner eher pessimistischen Weltanschauung. Ob ich wieder vertrauen lernen sollte? Als Herrscherin nicht, aber vielleicht als Kagayaku~ ...”, erklärte die Sphinx, als sie schulterzuckend die Tür zum letzten Gang öffnete und mich danach noch kurz sanft umarmte.




    Verwundert rieb ich mir die Augen. Ich war weder gefangen noch von gefährlich blinkenden Speerspitzen bedroht, lediglich von einigen misstrauischen Blicken umzingelt … doch das Bild, dass sich mir in der wenig opulenten Haupthalle bot, versetzte mich komplett ins Staunen. Hatte mein Herz noch vor wenigen Momenten in Erwartung des hiesigen Herrschers vor Aufregung gepocht, war es nun in einem Zustand der Verwirrung eingenebelt. Bei einem Kaiser aus dem Fernen Ostens hatte ich mir immer einen bärtigen Mann mit geschmücktem, einzigartigen Hut vorgestellt, der in einer glorreichen Robe zwischen Marmorsäulen auf seinem güldenen Thron regierte und mit dem Mandat des Himmels Recht sprechen ließ. Der … Jugendliche, der allem Anschein nach der amtierende Kaiser sein musste, war zwar aufgrund seines Alters wenig überraschend glatt rasiert, allerdings trug er eine rote Marineuniform im westlichen Stile ähnlich der meines Heimatlandes Angiterra, mit zahlreichen goldenen Verzierungen, gepaart mit einer schneeweißen Hose. Dieser schlanke junge Mann war kaum größer als Kagayaku oder die vielleicht ein kleines bisschen ältere Namika, wodurch er alles andere als furchterregend wirkte. Trotzdessen blickte er selbstbewusst, aber auch distanziert drein, sein längliches Gesicht spiegelte Ernst und Seriösität wieder.
    Nachdem Kagayaku und die ebenfalls in westlichen Militäruniformen gekleideten Samuraigeneräle an der Seite des Kaisers einige mir unverständliche Worte ausgetauscht hatten, gestattete ich mir ebenfalls eine Frage in die Runde, mit besonderem Hinblick auf den Übersetzer, der mit der Sphinx nun auf Hexalois redete: „Tenno-san wa mo ingurisshu supiiku suru ka?”
    Eigentlich wollte ich nur wissen, ob der Göttersohn meiner Muttersprache mächtig war, dies verneinte der Übersetzer schnell: „Ingu- … Eigo? Ah! Eigo! Nein, seine Kaiserliche Majestät Munehito hat diese Sprache nicht erlernt. Er brilliert im Verfassen von traditionellen Gedichten in unserer Landessprache, junge Westlerin. Aber einige Mitglieder unserer Elite erlernen diese Sprache, so wie ich. Ihr erinnert euch doch an die Landesdevise, oder?”
    Ich schluckte. Als ob ich einen seltsamen Zaubertrank herunterschluckte, der meinen Körper in Stein verwandelte. Mein Herz wurde erneut von einem Gefühl der Panik umschlossen, mein Magen rebellierte gegen die Art und Weise, mit welch ernsten und finsteren Mienen die als Westler verkleideten Elitekrieger mich nun anstarrten. Auch Kagayaku schien sich aufgrund des Zucken ihres Schweifs unwohl zu fühlen, doch ansonsten versuchte die Kaiserin, sich nichts anmerken zu lassen, befand sich ihr Reich schließlich in intensiven Spannungen mit der Regierung des jungen Munehito.


    SONNO JOI.
    Ehret den Kaiser – verjagt die Barbaren.
    Dies war die Devise, mit der diese Regierung die Macht errungen hatte. Und im Grunde genommen war ich ein solcher Barbar, den Kagayaku schützen wollte. Wo würde mich mein Traum nach Freiheit nur hinführen?


    Bunmei Kaika. Zivilisation und Aufklärung. Unter diesem neuen Motto wollen wir unser Land modernisieren”, veranlasste mich der Übersetzer zu einem erleichterten Aufatmen: „Das sich dem Westen anbiedernde Shogunat hat es uns leicht gemacht, Westfeindlichkeit als Trumpfkarte auszuspielen und es zu schwächen, aber nun haben wir keine Verwendung mehr für diese Strategie. Jedes ärmere Land profitiert von den Errungenschaften des reichen Westens. Daher erstreben wir ein Bündnis zum Vereinigten Inselimperium von Angiterra und eignen uns ihre Sprache an.”
    Kagayaku konnte sich ihre Verwunderung nicht verkneifen, auch wenn sie nur für mich hörbar flüsterte: „Na toll. Sie wollen lernen, wie man mit der Kutsche auf der falschen Seite fährt!” Ich gab mir reichlich Mühe, trotz diesen kleinen Seitenhiebs auch gegen mich, ein Kichern zu unterdrücken, doch auch Sorge über meine geflügelte Beschützerin schwang gehörig in meiner Gefühlslage mit. Wenn sie noch nicht über den Vorfall gesprochen hatten, würde eine solche Einstellung nicht unbedingt zur Deeskalation beitragen

  • Hallo Neru,


    ich hab vernommen, dass es mal wieder Kasalla gibt. Seltsamerweise schon wieder mit Kagayaku, das muss etwas zu bedeuten haben. Angesichts dessen, dass die bisher vermittelten Interessen des Kaisers eher gegen Besucher aus der westlichen Welt stehen und Kagayaku Elaine nicht in Gefahr bringen will, ist daher schon nachvollziehbar. Wobei es am Ende ja doch wieder anders kam als erwartet und die Situation nicht ganz so ausgegangen ist, wie vermutet. Ja, ich würde sogar sagen, dass die neue Devise durchaus Gutes mit sich bringt, aber auch seine schlechten Seiten zu haben scheint, wenn die beiden trotzdem so nervös sind. Jedenfalls, der japanische Satz war lustig zu lesen. Ich find's auch eher ungewohnt, wenn es direkt transkribiert und nicht beispielsweise mit den entsprechenden englischen Begriffen geschrieben wird. So kannst du auch aber leichter Dinge verschleiern und es eher wie eine Kunstsprache aussehen lassen. Nette Idee also.
    Auf jeden Fall: Die Kampfszene zwischen den beiden war interessant gestaltet und auch mit dem Hintergrund, dass da noch ein ganz anderer Weg gewesen wäre als gegen den Wind anzukämpfen, hast du eine interessante Moralfrage aufgeworfen. Auch wenn es die leichtere Methode gewesen wäre, hätte es womöglich für ganz andere Probleme gesorgt, mitunter dass sich beide auf längere Zeit nicht hätten in die Augen sehen können. So hat Elaine aber durchaus Stärke in einer angespannten Situation bewiesen.
    Der Dialog am Anfang mit Claudio war witzig gestaltet. Da kam jeder mal wieder auf seine Kosten, auch wenn es wieder mal nur ums Essen ging. Mich wundert eh, dass da noch kein Relaxo in die Geschichte gefunden hat.


    Wir lesen uns!

  • @Rusalka



    Heyaaaaaa Zwei Hühnerknubbel bidde, Henk!


    Tja, der Sinneswandel der kaiserlichen Regierung hat dich überrascht, nicht wahr? :D Fremdenfeindlichkeit? IT'S JUST A PRANK! Zumindest aus der Sicht der Elite, die natürlich genau weiß, dass sie von den neuen Technologien profitieren kann. Was den dummen Bauerntölpel (Zitat Kagy) angeht ... naja, dazu im neuen Kapitel mehr.
    Vor allem Kagayaku ist extrem nachtragend und sieht sich schnell "hintergangen". Es hätte sie sehr verletzt, wenn Elaine eine größere Verletzung in Kauf genommen hätte, nur um ihren Willen durchzusetzen, dass die Neugier über dem Wohl ihrer "Familie" stünde. Claudio hat es wirklich nicht leicht mit seinen drei Zöglingen, auch wenn diese sich ja in den meisten Fällen zu benehmen wissen! Gut, Roxy jetzt etwas weniger als die beiden andern, aber immerhin!


    Das neue Kapitel ist nach 2.5 Kapiteln auch endlich fertig - und zwar ohne halbgaren Kitt, den ich mit wenig Überzeugung im Wochentakt draufschaufeln könnte ... weiß nicht ... kann das nicht. Die Anzahl der auftretenden Hauptcharaktere ist leider relativ gering, weshalb ihr einige Lieblinge vielleicht weiterhin vermissen werdet. ;w;





    Kapitel: XVII: Tradition meets Future


    Mir war also die Ehre zu Teil geworden, vor dem Kaiser Munehito stehen zu dürfen. Der junge Monarch mit dem länglichen Kopf und der prunkvollen Offizierskleidung westlichen Stils kehrte mir nun jedoch den Rücken zu, während man von mir nun erwartete, mich Kagayakus Autorität zu fügen.
    „Alle weiteren internen Angelegenheiten sollen jedoch unter sechs Augen besprochen werden, und zwar ohne die junge Dame aus dem Westen. Das seht Ihr sicher auch so, nicht wahr, Herrscherin von Hexalos?“
    Die Sphinxenkaiserin hatte tatsächlich nicht das geringste Interesse daran, mich an diesem Gespräch teilhaben zu lassen, auch wenn ich das Meiste ohnehin nicht verstehen würde: „Du hast es gehört, Lanie. Warte bitte draußen ...“
    „Miss ...“, hob eine der Hofwachen etwas unschlüssig an, als er mir die Shoji-Papiertür aufschob, denn meinen Namen hatte ich noch nicht fallen gelassen.
    Mit einer Stimme, laut und selbstbewusst genug, dass alle im Raum befindlichen Menschen es hören konnte, stellte ich mich vor, bevor ich den geräumigen Palastsaal in Richtung des engen, mit Kampf- und Schmauchspuren besudelten Holzkorridor eintauschte: „Elaine. Elaine de Courtenay.“ Kagayakus goldene Bernsteinaugen blitzten auf, als sie jede meiner Bewegung mit erschlafften Mundwinkeln verfolgte. Die leicht egomanisch veranlagte Herrscherin hatte mir im Privaten bereits erklärt, dass Zeit für sie Geld war und ich ihr somit eben eine ganze Rotte an Sparschweinen entwendet hatte.


    „Elaine!“ Die flammenfarbene Abendsonne brannte auf das leicht geröstete Gras nieder, in dem ich alleine ein Picknick for One zelebriert hatte, als jemand nach mir rief.
    Es war der Übersetzer, der mit dem Kaiser an seiner Seite als dessen Sprachrohr fungierte: „Ihre Majestät wünscht einen Pokémonkampf gegen Euch.“
    „Ja, aber ich besitze doch gar keine Pokémon als Kampfpartner.“
    „Ihr sollt Euch selbst im Gefecht messen, so wie sich Menschen und Pokémon gleichermaßen im Ringkampf beweisen.“
    „Ach … so?“ Verwundert hob ich meine Augenbrauen an. Ganz abwegig war dieser Gedanke nicht, aber ein wenig befremdlich immerhin schon, auch wenn ich meine Kräfte bereits mehrere Male unfreiwillig erprobt hatte. Ein Kampf von Kaiser zu Kaiserin wäre wahrscheinlich die hierarchisch edelste Variante eines noblen Gefechts gewesen, jedoch sah ich andererseits keinen Spaß darin, sich als aufstrebender Herrscher von einer Wahnsinnigen mit halbgottähnlichen Fähigkeiten niedermähen und deklassieren zu lassen.
    Mich herauszufordern war nur der folgerichtige Schritt, weswegen ich dem Vorschlag nach kurzer Bedenkzeit zustimmte: „Sehr wohl. Ihr bestimmt die Arena.“ Nachdem sein Vasall übersetzt hatte, zeigte der Kaiser mit einer dominanten Geste seines ausgestreckten Armes wortlos in eine Richtung, die zu einer eingerahmten Rasenfläche führte. Ein brusthoher Hügelwall, bepflanzt mit rosa, weißen, roten und gelben Chrysanthemen, umspannte unser rechteckiges Kampffeld und erweckte trotz der kaiserlichen Symbolblume nicht unbedingt einen typisch japanischen Eindruck, was auch an der Symmetrie des Platzes und der schieren Masse der kokardenförmigen Blüten lag. Dieser Kaiser würde sich gen Westen richten, nicht in Richtung der traditionellen aufgehenden Sonne, so viel stand fest.
    „Der Erlauchten Majestät Munehito ist es in diesem Kampf gestattet, drei Pokémon zu benutzen. Die Herausforderin ist auf sich alleine gestellt und darf keinerlei Unterstützung anfordern. Keiner der Kontrahenten darf das Kampffeld Kikuzono, den Chrysanthemengarten, verlassen, sonst gelten er oder sie als disqualifiziert.“
    Ohrenzuckend nahm ich das mir auferlegte Regelwerk zur Kenntnis und konnte nicht verhindern, wie sich ein flaues Gefühl in meinem Magen ausbreitete. Es war zwar nur logisch, dass der Herrscher in seinem Zuhause die Regeln festlegte, aber wie fair oder willkürlich diese waren, konnte ich nicht wirklich wissen. Diesmal würde ich nicht ausweichen können … diesmal würde ich wirklich kämpfen müssen.




    Das erste , das von einem kleinen Teehäuschen aus seinen Weg aufs Kampffeld fand, trieb mir bei aller Freundschaft wenig Schweißperlen ins Gesicht. Susanoo, ein … naja … Gramokles, stellte eine Seele eines toten Kriegers da, die sich in einem Schwert manifestiert hatte. Das süffisante Grinsen und das blau glitzernde Augen erweckten zugegebenermaßen selbst am helllichten Tage im Blumenmeer einen Eindruck, der einem einen leichten Schauer über den Rücken jagte, aber es handelte sich doch nur um ein Basis-Pokémon! Ohne lang zu fackeln entlud ich meine Elektro-Attacke auf den auf mich zufliegenden Gegner und nahm relativ unaufgeregt zur Kenntnis, wie die eiserne Klinge wie ein geschossenes Porenta im Gras versank. Also das war ja wirklich zu einfach.
    „Tsukuyomi … yuke!“, wies der imperiale Herrscher seinen zweiten Mitstreiter an, mir etwas mehr Paroli zu bieten. Auch dieses Pokémon, ein Rocara, gab sich nicht gerade agil, sodass ich wieder aus der Ferne angreifen konnte, dieses Mal jedoch mit einem schmerzhaften Stein an meiner Stirn konfrontiert wurde! AU! Hastig untersuchte ich mit den Fingern meiner linken Hand die getroffene Stelle und erschrak, als eine warme, scharlachrote Flüssigkeit in zum Glück eher geringen Mengen zwischen ihnen klebte. Verärgert entlud ich mich erneut, um das robustere Pokémon ebenfalls auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Zufrieden sah ich dem Rocara zu, wie es sich nach dem Stromstoß durch das Gras wälzte und sich mehr oder weniger freiwillig an den Rand der Arena manövrierte, wo es dann jegliche Regung verlor.


    Es … es war nicht tot, oder? Ich habe doch kein Pokémon getötet, oder?


    Eine Sekunden pochte dieser qualvolle Schmerz in meinem Herzen, doch weder der Kaiser noch sein Adjutant schienen großartig beunruhigt zu sein, weswegen ich von einem üblichen Bewusstseinsverlust ausging. Das letzte Pokémon, Teru, beeindruckte mich von allen jedoch am wenigsten. Fast schon leicht beschämt biss ich mir auf die Lippe, weil das letzte Pokémon des Kaisers ein wenig furchterregendes Bronzel war. Von allen Pokémon einen Spiegel mit Stupsnase? Offenbar hatte der Tenno ein Faible für Stahl- und Gesteinspokémon, die für eine starke Industrie standen, wie sie bei uns im Westen auf Kosten der Armen und Kinder seit Jahrzehnten florierte. Auch dieses Pokémon ließ ich gar nicht erst zum Erstschlag kommen, doch auch der merkwürdig anmutende Bronzespiegel überstand meine Attacke, umgeben von knisternden Blitzen. Offenbar hatte ich da einen Nerv getroffen, denn anstatt sich mir weiter zu nähern, hüllte das Bronzel seine gelben Augen in ein grelles, blaues Licht und starrte mich damit intensiv an. Mir war bewusst, dass ich an diesem Tag nicht viel gegessen wurde, sodass es mich wenig überraschte, etwas zu taumeln und mich plötzlich schlagartig schummrig zu fühlen. Es war warm und meine Wasseraufnahme hätte ebenfalls vorbildlicher sein können, was ich sofort bereute. Doch je länger ich in den metallisch-kühlen Blick des Stahl-Pokémon schaute, desto mehr fühlte ich mich in die Knie gezwungen … alles um mich herum drehend … schummrig … und verschwommen. Mein Körper gewann den Kampf für den Kaiser – was war ich nur für eine kümmerliche Gestalt, die schon der kleinsten schokoladigen Versuchung erlag? Keine starke Frau wie einst Sheila.


    Ich erwachte mit einem stechenden Schmerz, der meinen Kopf durchbohrte. Wie viel Zeit nach der Konfrontation mit dem Kaiser verronnen war, wusste ich nicht, doch dem Gefühl meines Körpers zufolge befand ich mich immer noch auf einer Wiese. Blinzelnd versuchte ich, mir ein Bild von meiner neuen Situation zu machen, doch geändert hatte sich eigentlich nicht viel. Der einzige Unterschied zu dem vor mir schwebenden Bronzel, den ich vorfinden konnte, war dieses nervenaufreibende Pulsieren in meinem Kopf. Der Kampf war demnach noch nicht verloren – denn ich war lediglich über eine Technik namens Hypnose kurzerhand ins Land der Träume geschickt worden, bevor mich der Gegner mit Konfusion, Traumfresser oder irgendwelchen anderen Psychospielchen peinigte. Ich hatte nicht den geringsten Schimmer, was ein unscheinbares Pokémon wie Bronzel überhaupt anwenden konnte, doch ein weiterer Stromstoß warf das schwebende Stück Metall nun endgültig aus der Bahn – der Sieg war mein, doch es fiel mir schwer, ihn zu genießen.
    Statt des Kaisers verbeugte sich der Übersetzer sehr vorsichtig bei mir und gratulierte zu meinem Sieg, während sein Herrscher sich bereits abwendete und nur noch einmal seitlich über den Rücken schaute, sodass sich unsere Blicke ein letztes Mal trafen, bevor er sich in seinen Palast zurückzog: „Die Erlauchte Majestät ist dankbar für diesen Übungskampf und wird daran wachsen, um unser Land mit der gewonnenen Erfahrung florieren zu lassen. Habt Dank und kehrt nun heim, Miss Elaine.“ Inwiefern das Inselreich von Erfahrungen eines relativ unspektakulären Pokémonkampfes profitieren würde, wussten wohl auch nur die beiden, doch mir blieb nun nur, mich auszukurieren. Das Team des Monarchen blieb den Kampf über so stumm wie er … eine mysteriöse Bande war das, so wie die meisten objektartigen Pokémon. Doch erst einmal würde ich mir ein wohlverdientes Bad mit einer warmen Tasse Tee mit Honig gönnen … ein Luxus, den ich gerne in Anspruch nahm, auch wenn mich Kagayaku für den Honig im Tee stets wie ein verschrockenes Sesokitz anblickte. Dabei genoss sie selbst beides separat voneinander.


    Das idyllische Dörfchen voller uriger Holzbauten, in das wir unsere heutige Unterkunft verlegt hatten, war von vielen matschigen Reisfeldern umgeben, wo in der Sonne hart gearbeitet wurde. Spitzen, flache Reisstrohhüte auf dem Kopf tragend, eigneten sich die Bauern einen Teint an, der fast so dunkel war wie der einer ursprünglichen Sphinx wie Kagayaku, nur mit dem Unterschied, dass diese mit Arbeit eher selten konfrontiert wurde. So bekam ich fast schon ein schlechtes Gewissen, mich nach faulenzendem Schlendern durch das Dörfchen auf einer Holzbank niederzulassen und den Arbeitenden bei ihrem anstrengenden Alltag zuzusehen – ich hatte eben eine andere Art von Arbeit zu verrichten. Der junge Mann, vielleicht 30, neben den ich mich arglos setzte, schien ebenfalls einem anderen Beruf nachzugehen. Sobald ich mich in einem luftigen, türkisen Yukata niedergelassen hatte und sorglos meine Beine baumeln ließ, richtete er sich auf, schlurfte wie ein Kingler zwei große Schritte zur Seite und setzte sich dann mit einer gehörigen Portion Abstand wieder hin. Missmutig hob ich meine Augenbrauen und suchte den Blickkontakt zu dem Kerl, doch dieser stierte relativ gedankenlos gerade aus, als wäre seine Reaktion das normalste auf der Welt. Auch meine geschwisterliche Begleitung entschloss sich, auf der kratzigen, unbequemen Holzbank in ihren eleganten Seidenkimonos Platz zu nehmen und wählte den Raum zwischen mit und dem glattrasierten Schnösel. Anders als meine Wenigkeit schafften es eine laut kichernde Roxy oder ein geräuschvoll irgendwelche Reiscracker zerbeißender Charlie es nicht, ihn zu vertreiben. Natürlich machte ich mir als blondes Elainchen da meine Gedanken. Also stand ich auf und setzte mich einfach mal auf Charlies Schoß – so gerne ich das Gesicht meines Bruders in dieser Situation betrachtet hätte, richtete ich meine Konzentration einzig und allein auf den Typen neben ihn, der wie erwartet seinen feinen Hintern von der Holzbank hob, diesmal nicht stoisch, sondern richtig verärgert. Mit gekreuzten Armen rief er laut mit einem Blick in unsere Richtung: „DAME! GAIJIN NO OKUSAN WA DAME!“
    Charlie wusste, wo er Prioritäten zu setzen hatte: „Wir sind Geschwister, keine Eheleute!“ Trottel. Das gab einen Tritt auf den Fuß.
    Roxy stand ihm in dieser unglaublichen momentanen Umnachtung in nichts nach: „Was ey? Hat der gesagt, dass ihr inzestuös veranlagt seid? Ist das nicht eher ein Problem von euch Landpomeranzen?“ Diese beiden waren eine hervorragende Hilfe gewesen und ich konnte mich bei allen Göttern dieses Landes bedanken, dass ein Oz oder eine Kagayaku für nicht noch skurrilere Reaktionen gesorgt hatten. Diesem Typen gefiel es nicht, das eine offensichtliche Ausländerin neben ihm Platz genommen hatte, und wenn sie dann noch mit dem „einheimischen“ Charlie schäkerte, war es dann ganz vorbei. Wie gerne würde ich einer solchen Person mit einem dermaßen einfältigen und niederträchtigen Charakter einen kleinen Denkzettel verpassen! Doch sämtliche Fünklein möglicher Pläne und Strategien erloschen umgehend, als die Erde plötzlich zu beben begann. Es ruckelte ungeheuerlich, sodass es uns sofort weg von den Gebäuden in die Nähe der Reisfelder zog, um vor möglichen einsturzgefährdeten Gebäuden sicher zur sein. In einer größeren Stadt wäre das ganze ungleich heikler, wenn man nicht das Glück hätte, in einer erdbebensicheren Pagode mit schwankender Säulenachse wie dem „Knofensa-Turm“ in Nura Zuflucht suchen zu können. Das, was jedoch nun vor unsere Augen trat, erschütterte mich noch viel mehr als der elende Fremdenhasser oder das bereits nachlassende Beben selbst.



    Ein markerschütternder, metallischer Schrei hallte durch das verschlafene Nest: „KOMAAAAAHAAAAHAAAA!“ Diese „Stimme“, wenn man sie so nennen konnte, war ziemlich tief und gehörte zu einem Pokémon, das in die Szenerie überhaupt nicht hineinpasste. Ein vierbeiniges, silbernes blaugraues Ungeheuer, auf dessen Stirn ein goldenes Kreuz prangte, blickte sich mit rot glühenden Augen um, die eisernen Krallen fest in den aufgewühlten Boden verankert. Wie in einem industriellen Höllenofen gegossen, versprühte der völlig deplatzierte Gast eine Aura, die die arglose Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Auch ich kauerte am Boden und drückte meinen in den hübschen Yukata gehüllten Körper tief in die weiche Erde, um von diesem schillernden Metagross nicht gesehen zu werden. Wenn es das gigantische, pechschwarze Innere seines furchterregenden Mauls preisgab, liefen mir gleich drei Schauer den Rücken herunter. Doch wie die meisten nicht in Rudeln oder Herden auftretenden Vierbeiner besaß dieses groteske Pokémon einen Meister in menschlicher Gestalt … oder zumindest teilweise menschenähnlicher Gestalt. Ein ebenfalls metallisch glänzender, aber eher schmächtig wirkender Körper ritt auf einer rotierenden Zahnradplattform das Monster und hatte ein kabelartiges Zaumzeug an es angelegt, um das Metagross zu lenken und zu manövrieren. In den kleinen, weißen Todeskimono gehüllt war ein zierliches Wesen, das mit seinem Helm schockieren wollte. Dieser Helm, bestehend einzig und allein aus dem oberen Teils des Büffelschädels eines verstorbenen Tauros, schob sich nun ein Stück nach oben, wodurch enthüllt wurde, sich gerade durch die Erde nach oben gebohrt hatte um … wozu eigentlich?
    YOMI! Würdest du uns das erklären? Warst du nun bereit für deinen großen Plan, so wie du einst angekündigt hattest? Das die Zeiten überdauernde Büffelmädchen mit ihren futuristischen Körpermodifikationen jedoch hegte andere Absichten, als sich uns zu erklären.
    Yomi, Yomi, Yomi. Du kleines, ausgefuchstes Büffelmädchen – auch wenn du trotz deiner Hörner keines warst. Du, die Charlies und mein Leben beinahe beendet hätte, wäre nicht Kagayaku gewesen. So völlig unberechenbar. Nicht einmal gesehen hatte sie uns und selbstverständlich führte ihr Weg auf ihrem auf dem Metagross montierten Klikdiklak fort von den monotonen Reisfeldern ins Dorfinnere. Sofort setzten wir drei Geschwister nach, verloren Tetsu-Yomi in den engen Gassen für einige Minuten aus den Augen … bis wir sie im Geschrei Dutzender Menschen sahen – und das Dorfzentrum war in einem Ring aus Feuer entflammt, der sich erbarmungslos ausbreitete und Unterkunft für Unterkunft verschlang. „Yomi … was führst du nur im Schilde?“, hauchte ich aus noch sicherer Distanz, schockiert in Anbetracht des Infernos, das das Dorf langsam in Asche zu verwandeln drohte.
    Charlie hingegen suchte die Schuld bei einer anderen Bekanntschaft, die an der Gurgel packte und an die Hauswand drückte – unseren Ausländerfreund von eben, dessen Magmars brennende Krallen sich nun die Kleidung, wenn nicht sogar Haut meines Bruders bohrten! Roxy und ich konnten nicht tatenlos zusehen!

  • Dann würde ich mal sagen, lasst uns feiern Elektek, das beste Team der Welt!


    Zumindest können wir damit ausschließen, dass die Pokémon des Kaisers zu Team Elektek gehören, da sie schon sonderlich schwach waren. Ich meine, du hast ja auch angedeutet, dass diese Pokémon offenbar mehr symbolischen Charakter haben, was bei einem Schwert, einem Schild/Spiegel und einem Diamanten, also praktisch die drei heiligen Schätze, eine durchaus nette Geste ist. Hatte mich da zuerst drüber gewundert, aber im Nachhinein fand ich das gut. Auch die Namenswahl passt grundsätzlich, da sie mit den Pokémon ein gutes Verhältnis eingehen. Bei Rocara gefällt mir die Verbindung zum Mond und bei Bronzel die Anspielung auf den Spiegel. Susanoo verbinde ich jetzt hauptsächlich mit Okami und Naruto und da macht das Schwert auch Sinn. Ich sollte übrigens erwähnen, dass der Kampf nett war und bei der Hypnose fast abzusehen war, dass da noch mehr passiert. Nur, dass das nicht eingetreten ist und Elaine Bronzel einfach weggefegt hat. So macht man das!
    Ich mochte übrigens auch die Szene, als sich die Geschwister vor dem Fremdsprachigen zu erklären versuchten. Das war schon witzig und zeigt einfach mal wieder, wie schlagfertig sie sind.
    Bleibt nur noch die Frage, was Yomi anrichten will oder ob das mal wieder nur falscher Alarm und eigentlich jemand anderer schuld ist. Feuer bietet sich auf jeden Fall für dramatische Stimmung an und du hast mal wieder einen netten Cliffhanger gebaut. Auch hier, warum auch immer sich das Magmar des Ausländers um Charlie kümmert. Passiert ja wieder mal mehr als genug und verspricht auch eine spannende Auseinandersetzung nach dem eher einfachen Kampf. Ich bin gespannt.


    Wir lesen uns!

  • Hey Rusalka! Tatsächlich hast du es auf Anhieb geschafft, die ursprüngliche Intention hinter diesen ja doch eher mäßig starken Pokémon unter der Fuchtel des Kaisers zu erkennen, 100 Punkte, super!^^ Eine "Amaterasu" ist nicht im Team erhalten, aus Respekt des Kaisers vor dem Namen, auch wenn das Bronzel als der Spiegel natürlich ihr Symbol darstellt.
    Wir hatten jetzt also mal wieder ein Kapitel mit viel Kämpferei, sodass noch mehr Kämpferei ... naja, ich finde danach mal wieder ein Kapitel mit viel Sozialem besser platziert, ein Kapitel, in dem mal wieder eine Beziehung zu Elaine in den Vordergrund gerückt wird, aber man auch einige andere interessante Dinge über die japanische Kultur und den Zustand der Meiji-Restauration lernen wird - eine ihrer Figuren wird sogar eine kurze Cameo im neuen Chapter haben, vielleicht erkennst du den Guten.


    Kapitel #18 kommt gleich, aber bevor sich mein Internet nochmal schließt, bevor die Korrektur fertig ist, poste ich das jetzt schon ...


    Vielen Dank fürs Kommentieren! ^^

  • Kapitel XVIII - Rock and Rawr


    Über den beeindruckenden Taurosschädel, den Yomi als Helm benutzte, war ich immer noch nicht hinweg. Seinen Zweck verfehlte er allgemein gewiss nicht, doch zumindest ich blieb ohne Angst. Als ich die Forscherin dann schließlich gefragt hatte, was sie denn hier in diesem Aufzug zu suchen hatte, gestand mir die kleine gehörnte Frau aus dem wissenschaftlichen Jungbrunnen höflichst Rede und Antwort: „Was glaubst du? Dass ich hier noch besser bewaffnet erneut mit dir Kämpfe und deine Geschichte komplett beende? Coucoucou~ … ich bin nicht hier, um Ärger zu machen. Ich musste einzig und alleine mit diesem liebenswürdigen Wesen die Oberfläche erreichen, ohne meine Haupttunnel und -stollen zu zerstören. Deswegen werde ich mich nun auch wie beabsichtigt zurückziehen und weitere Vorkehrungen treffen, ma chère. Au revoir~!“ So schnell sie hier erschienen war, so schnell wies sie ihr Metagross nun auch an, ihren fragilen Körper schleunigst aus dem brennenden Dorfgelände herauszutragen und einen Unterschlupf zu finden! Was hätte ich tun sollen . Mich an das baumstammdicke Bein des Stahlungetüms klammern und sie nach weiteren Antworten ausquetschen? Natürlich war unsere Beziehung zueinander immer noch so kalt wie Nachtfrost auf jungen Kirschblüten, sodass sie nicht wirklich an einem längeren Plausch interessiert war. Yomi war höflich, charmant und formte ein niedliches Lächeln auf den Lippen, was jedoch alles wahrscheinlich nur jemand wie Kagayaku vollends genießen konnte. Doch der nächste Brandherd schloss sich unmittelbar daneben an: Charlie und Roxy hatten den mies gelaunten Dorfbewohner und sein Magmar in die Mange genommen! Etwas Rauch stieg von Charlies Yukata auf. Sein Gesicht verriet keinen Schmerz, doch seine merkwürdig gekrümmte Ohrenhaltung, außerhalb seiner eigenen Kontrollsphäre, offenbarte, dass sich der Feuerschlag bis zu seiner Haut durchgebohrt hatte.
    „Ob du vollkommen geistesgestört bist, habe ich gefragt!“, knurrte mein Bruder verächtlich, während Roxys Schweif fragezeichenförmig gekrümmt stumm nach Antworten verlangte, die ein gegen eine Holzfassade befördertes, bewusstloses Magmar nicht mehr geben konnte. So konnte man die letzten verbliebenen Holzstrukturen natürlich auch minimieren, well played, you two. Kühle Spritzer rissen mich plötzlich aus den Gedanken – begann es zu regnen? Ich blickte mich um und tatsächlich schossen gewaltige Säulen Rauchs und Wasserdampfs in den Himmel, doch dieser war bis zu diesem Moment komplett wolkenlos gewesen! Die Flegmon rufen konnte hier offenbar auch niemand, doch Gott sei Dank schien sich eine Art tierische Feuerwehr formiert zu haben, die den Großbrand mit riesiger Staffelstärke zu ersticken versuchte. Starmie, Turtok, Impergator, Jugong, Kappalores, Bojelin, Sumpex und andere starke Vertreter der aquatisch lebenden Pokémonriege verwandelten den verkohlten Ort schon bald in eine dampfende Hölle, aus der sich ein für einen Mann dieses Landes ein recht hoch gewachsener Schatten nahezu unbemerkt hinter meinen Geschwistern formieren konnte. Für einen kurzen Moment blieb mein Herz stehen, der Atem stockte mir, als ob mich eine riesige Rauchwolke umschlungen hatte, doch ich sah klar und deutlich.



    „Du schon wieder, Shintaro. Ein stadtbekannter Ausländerhasser wie du bleibt natürlich in keinem Strafregister unerwähnt, aber dass du ein Feuer legst, um unseren Gästen die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist selbst für dich ein starkes Stück. Na los, lauf. Du darfst dir aussuchen, welche Polizeiblockade du herausfordern möchtest, ich selbst kann dich schlecht festsetzen. Ich bin Politiker.“ Erleichtert atmete ich einen heißen Luftschwall aus und trippelte zu Charlie und Roxy, die von dem schlanken Mann in einem schwarzen, westlichem Anzug mitsamt Fliege überragt wurden. Kurze, glatte Haare, aufmerksam und intelligent wirkende Augen besaß er. Was mich jedoch komplett überforderte, war der mehr als nur skurril wirkende Bart des Politikers, den ich so noch nie in meinem Leben gesehen hatte, geschweige denn vor Ort. Ein Schnurrbart und ein verhältnismäßig dünner Bart am Kiefer bildeten nur Anfangs- und Endpunkt einer bis dato einmaligen Formation schwarzer Barthaare: links und rechts vom Kinn standen sie als eine Art komplett unförmiges Gebüsch ab, wurden sogar immer breiter statt schmaler, je weiter sie sich von seinem Gesicht entfernten!
    An meine Geschwister gerichtet, fuhr der Politiker fort: „Habt Dank, den Verbrecher identifiziert zu haben und verzeiht die Umstände, die er euch besorgt hat. Wir sind froh, Gäste aus dem Westen bei uns begrüßen zu dürfen und von eurer hochmodernen Technik zu lernen … vor drei Jahren, als das Verlassen des Landes noch unter Todesstrafe stand, hat unser Fürst ein Dutzend wissbegierige Samurai in den Westen geschickt, damit unser Fürstentum Shatsuna, der Stern des Südens, unserem gesamten Land die Moderne bringt. Umso mehr erschüttert mich es, wie einige Leute den Fortschritt verteufeln statt sich dankbar zu zeigen. Yoshikichi Tokuno, mein Name.“ Niemand unter uns Dreien wusste, wovon der gute Herr, in seinen Dreißigern wahrscheinlich, hier sprach. Nicht einmal von einem Fürstentum Shatsuna hatte ich gehört, bis Charlie auf seiner Landkarte mit dem Finger Weltreisen unternahm und letztlich am südlichsten Punkt des Inselreiches angekommen war.
    Es war wirklich zu leicht, wie wir nun, trotz zugegebenermaßen eher unschönen und anstrengenden Umständen, an einen ganzen Batzen Geld gekommen waren, den Tokuno uns als Lohn und Entschädigung überreichte: „Ihr seid verwundet, ich rate Euch daher umgehend, im Nachbardorf einen Arzt aufzusuchen. Dieser Obulus wird die Kosten nicht nur abdecken, sondern für weitere Erlebnisse in unserem schönen Land dienlich sein, nicht nur für den in schätzungsweise … zehn Minuten … gefassten Kriminellen, sondern auch als Wertschätzung meiner.“ Wahnsinn, sogar eine Taschenuhr trug er bei sich! Und dann sprach er noch perfekt eine Fremdsprache … bis mein Blick hinüber zu einem silbergekrönten Pokémon mit eisblau leuchtenden Augen glitt – einem Laschoking! So funktionierte also Telepathie von Mensch zu Pokémon. Und bereits ehe die beiden von dannen gezogen waren, hatten sich die Wolken über dem Dorf zusammengezogen, um dem Verbrechen endgültig ein Ende zu setzen, auch wenn vielleicht nicht mehr viel zu retten war für die Bewohner.


    „Atsu- … atsui …“, stöhnte Saki über die Hitze, während sie sich mit einem Fächer Luft zuwedelte.
    Halb im Kompliment, halb aus Belustigung sagte ich zu ihr: „Saki, deine Augen sind ja wie Schokolade! Dunkel, süß und sicher auch lecker, nyom!“ Denn ich hatte mir einen Auftrag gesetzt, nämlich Saki aus der Reserve zu locken und die junge Frau enthüllen, die sie sich innerhalb dieser selbst errichteten Aura des „Ich bin übrige böse“-Seins errichtet hatte. Irgendwas in mir sagte mir, dass ich sie öfter treffen musste, und vielleicht sogar zu mehr als einem Tässchen Tee zu schlürfen.
    Allerdings wusste sie nicht besonders gut mit Komplimenten umzugehen, errötete verlegen: „Umm … das höre ich jetzt zum ersten Mal. Das … war etwas Gutes, oder?“
    „Du weißt doch, wie verrückt ich auf Schokolade bin und wenn du mich weiter so anschaust, vernasche ich dich gleich! Dein Haar ist auch Schoki!“ Und der Boden war Lava!
    Die Miko blickte mich so erschrocken an, als fürchtete sie, tatsächlich mit Haut und Haar verspeist zu werden und stammelte: „Deine Ohren sind wie Bananen, m-mit schwarzen Schlieren. Ma-macht man sich so im Westen Komplimente?!“ Ja, fast. Close enough, Saki. Etwas desillusioniert zuckte ich mit meinen Ohren, aber es war so interessant zu sehen, wie sie hier ihr eigens kreiertes Selbstbild in unbekanntem Gefilde nicht mehr aufrecht erhalten konnte! Ich hatte es geschafft! Weniger erfolgreich war ich hingegen im Abwenden meines Blickes, denn das hübsche Schreinmädchendress übte eine ungeheure Faszination auf mich aus. Und dieser verlegen wirkende Gesichtsausdruck! Kawaiiii! Cute. Süß. „Kawaii“ war so ziemlich eines der von mir meistgenutzten Wörter der Landessprache, ohne Zweifel.
    Doch einen Moment später legte sie ihre durch mein Kommentar übergestülpte Unsicherheit ab, packte mich an der Hand und zog mich durch die fernöstliche Abenddämmerung: „ Weißt du was, Elaine? Wir werden jetzt Spaß haben!“ Spaß haben, genau, denn das stand nach der denkwürdigen Begegnung mit Neo-Tetsu-Yomi, einem Metagross, einem waschechten Rassisten und einem der einflussreichsten Politiker dieser Zeit auf meiner Agenda, und nichts Anderes! Wie ich später herausgefunden hatte, stand Yoshimichi Tokuno für eine fortschrittsgewandte Politik unter der Führung des Kaisers Munehito. Sein Fürstentum hatte unter Namikas Vorgängern viel erdulden und viele Querelen erleiden müssen. Doch sie war nicht alt genug gewesen, um diese Regeln zu ändern, geschweige denn, das Geschehene vergessen zu machen. Schritt für Schritt verstand ich mehr über die politischen Hintergründe dieses mysteriösen Landes, auch jenseits der unmittelbaren Gegenwart. Saki hatte sich indessen hinter einer Bambuskabine ein knapperes Stück Stoff um ihre Hüfte gelegt.
    „Dein Rock ist aber kurz ...“, merkte ich leise und mit einem Ohr zuckend an.
    „Ja klar ist er das. Ich will jetzt Spaß haben, verstehst du das? Yay! Und das geht nicht in einem gigantischen Fetzen, in dem ich überall hängenbleibe, Baka! Außerdem tragen das alle Mädchen hier in 100 Jahren, dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“ Na wenn sie das sagte, war da vielleicht sogar etwas dran, wer weiß?




    Wilde und rasante Klänge wie ein Geräuschfeuerwerk heizten die Stimmung in einer geräumigen und von einfachen leuten gut gefüllten Großkneipe an, in die Saki mich am Abend entführt hatte. Ich hatte es zuvor nie für möglich gehalten, dass inzwischen der unzähligen, fast hüfthohen Sakefässer aus hellem Reisstroh solche Töne auf der improvisierten Bühne kreiert wurden. Die ortsansässigen Musikinstrumente wie Shamisen, Biwa, Koto oder Fue-Flöte waren mir bisher nur als eher gemächliche, entspannte Werkzeuge des Musizierens aufgefallen, doch diese beiden in einen silbernen und goldenen Kimono gehüllten Männer verstanden es, wirklich alles aus den Geräten herauszuholen.
    „Na, Lanie? Wie gefallen dir die Kaminari-Brüder?“, stieß Saki mich leicht mit ihrer Schulter an und begann, für uns einige Gläser aus gebranntem Ton mit verschiedenen klaren und matten Flüssigkeiten zu befüllen.
    Obligatorisches Ohrenzucken der Unsicherheit meinerseits: „Vom Aussehen her?“
    „Von der Musik her, Baka! Wir sind keine vierzehn mehr, wo wir kreischend in Ohnmacht fallen, weil mal einer eine andere Figur hat als Porentas Lauchstange“, murrte sie zurück, bevor sie sich erneut ein amüsiertes Lächeln aufsetzte, als sie mir die Tässchen reichte und vorstellte: „Bier aus deiner Heimat, klarer Sake, matter Sake, Umeshu-Pflaumenwein und zum Schluss noch ein edles Tröpfchen Shochu, einem Reisschnaps aus Shatsuna! Vertrau mir, schmeckt gut, zumindest in Maßen. Tut auch gut, zumindest in Maßen.“
    Sie kostete vor, ich nach. Das Bier überlebte nicht einmal ein paar Sekunden, der Reiswein jedoch war für mich eine neue Erfahrung, die ich bewusst genießen wollte. Die kristallklare Flüssigkeit sah aus wie Tafelwasser, schmeckte jedoch etwas schwer definierbar, jedoch mit einer leicht süßlichen Note. Nicht schlecht, nicht allzu stark. Die matte Variante hingegen … man hätte wohl einen Sakefachmann bestellen müssen, der einer Laiin wie mir ausführlich die Unterschiede zu der vorangegangenen Version aufzeigte, denn ich fand sie nicht.
    „Und wenn man es übertreibt, Saki?“
    „Dann denkt man, dass es gut tut. Bis man aufwacht … uuuh reden wir lieber etwas Schöneres. Ummm … was naschst du am liebsten?“
    „Schokolade, weißt du doch!“
    „Langweilig.“
    „Wieso das denn?“
    „Frag mich doch mal.“
    „Was naschst du denn aufregendes?“
    „Hmmm … Elaine!“
    „Wa-was?“
    „Von leckerer Schoki ummantelt bist du echt genießbar! Nein, himmlisch süß sogar!“
    „Ach was! Bin ich denn soooo süß?“
    Plötzlich lehnte Saki ihren Oberkörper leicht nach vorne, packte sanft meine langen Ohren und zog sie vorsichtig herunter. Das musste vielleicht dusselig ausgesehen haben, jedenfalls weitete ich angesichts dieser überhaupt nicht erwarteten Aktion meine Augen und blickte sie etwas hilflos an, bevor sie nach wenigen Sekunden kichernd wieder abließ: „Hahahaha! Oh Mann! Du hättest dein Gesicht sehen soll. Jup, definitiv süß.“ Sakis leicht gebräuntes Gesicht war mittlerweile selbst im Dämmerlicht der rotglimmernden Lampions in einem ähnlichen Farbton wie diese erstrahlt. Ich selbst spürte auch, wie eine angenehme Wärme mich wie eine Wolldecke einzuhüllen begann und ein paar Koordinierungsschwierigkeiten meinen Bewegungsablauf leicht beeinflussten, doch das Schreinmädchen hatte gerade definitiv nichts mehr mit dem verschlossenen Austos zu tun, das einen mit vor Nihilismus nur so triefenden, pechschwarzen Augen anstarrte.
    „Und was ist das?“, fragte ich sie, als sie mir nun den goldenen Tropfen servierte.
    Sie musste tatsächlich für einige Momente überlegen, was jedoch nicht mit ihrem Alkoholspiegel zusammenhing, sondern mit einer kreativen Verpackung ihrer Antwort: „Es schmeckt nicht nach Saki! Ich meine … es heißt Umeshu, natürlich schmeckt es nach Ume, also Pflaume. Aber es ist das Beste von dem ganzen Zeug, davon könnte ich eine ganze Karaffe in mich hereinschütten!“
    „So so, wie schmeckt denn Saki?“, witzelte ich, als ich den ersten Schluck des fast schon zuckersüßen Trunks schlürfte.
    „Ummm, vielleicht eröffnet sich dir ja mal die Gelegenheit, es zu probieren! Knackig, fruchtig, süß …!“, klärte sie mich freudestrahlend auf und legte ihren Arm um mich, bevor sie in ein Kichern überglitt, das dann wiederum sehr wohl mit ihrem Alkoholspiegel zusammenhing: „Kihihihi!“ Meine Stirn glühte, mein Herz pochte. Ich gab den Getränken die Schuld, denn sie waren es sicher auch, dass ich mich kaum satt sehen konnte an einer Saki, die so sorglos und glücklich im Takt der Musik ihren Kopf von einer Seite auf die andere und wieder zurückbewegte, während sie mit ihren Händen auf ihre bloßen Oberschenkel trommelte. Im Sitzen schien ihr dunkelblauer Rock noch kürzer zu sein, aber das schien hier niemanden groß zu kümmern, aber was erwartete ich denn schon.
    Kaum hatte ich mich umgedreht und mir einen Blick auf den eigentlich uninteressanten Teil des Etablissements gegönnt, nämlich die Wand, zerfielen all meine Sprachkenntnisse zu Asche: „W- … wi- … wa- … was-warum … wie … WAS?!“ Der Holzschnitt zeigte eine nackte Asiatin mit prachtvollem, voluminösen, schwarzem Haar, die es auf dem Rücken liegend genoss, wie sämtliche ihrer Körperöffnungen von den Tentakeln zweier Octillery untersucht wurden. Um es mal … etwas euphemistisch zu formulieren.
    „Oh“, zuckte Saki unbeeindruckt mit den Schultern: „Das Bild ist über 50 Jahre alt.“
    „Und sowas ist normal?“
    „Der Künstler war einer der Größten seiner Zeit, im ganzen Land geschätzt. Es trifft jetzt natürlich auch nicht jedermanns Geschmack, das ist völlig klar.“
    ES TRAF NICHT JEDERMANNS GESCHMACK. Wenn dieses Bild es jemals in den Westen schaffen sollte, würde die Kirche wahrscheinlich buchstäblich in ihren Grundfesten erschüttert werden. Es war beeindruckend, wie unterschiedlich mit manchen Themen in verschiedenen Kulturkreisen umgegangen wurde.


    Für das fünfte und zu unserem Besten auch zugleich letzte Getränk ließen wir uns Zeit, nahmen schweigend auf den Reisfässern Platz und lauschten den dramatisch-energiegeladenen Klängen der Kaminari-Brüder, deren kleine Aufführung sich nun auch langsam dem Ende zuneigte.
    Als wir ein paar westliche Matrosen unter den vergnügten Gästen ausmachten, fiel Saki dann doch noch etwas ein, obwohl sie genau wie ich ihren Nachtzenit überschritten hatte: „Ich will auch so frei sein! Wie im Westen! In den Westen! Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Mann! Was glaubst du denn, wieso ich deine Sprache so gut spreche? Damit ich meinen zarten Körper an die behaarten Matrosen aus dem Okzident verkaufen kann?“
    Also ich wäre auf viele Ideen für ihre Motivationen gekommen, auf diese jedoch ganz sicher nicht.
    „Lanie, pass auf ...“, fuhr Saki fort: „Es war mir unter der Shogunatsregierung wie jedem anderen Bürger dieses Landes unter Todesstrafe verboten, das Inselreich zu verlassen! But now I gonna make it happen! … War das … richtig? Umm, also … das ist der Status Quo.“
    Ich hob meine Augenbrauen und runzelte die Stirn, denn einige Fragen ihres forschen Vorhabens standen noch komplett im Ungewissen: „Was ist mit deiner Familie? Die wird wenig darüber erfreut sein, oder?“
    Saki zuckte fast schon völlig gleichgültig mit den Schultern: „Nicht mal Shuzo weiß es, aber meine Eltern würden wohl eskalieren. Dieser Takehiro, mein Stiefschwanz, würde mir wohl wieder eine gute Tracht Prügel verleihen und jeden meiner Schritte noch penibler verfolgen. Mann, bin ich froh, dass ich abgehaut bin.“
    „Du musst ihn ja wirklich hassen.“
    Das alles andere als brave Schreinmädchen nickte: „Ich konnte ihn von Anfang an nicht riechen. Aber er wandelt immer noch gesund und munter durch die Weltgeschichte, um seinen Samuraisgeist an der verdadderten Reisbauernbevölkerung unsere alten, von Inzucht geprägten Wohnhölle in aller Glorie auszuleben. Als sein Fürst verstarb und das Shogunat das Lehen umstrukturiert hat, wurde er arbeitslos, was vielleicht sein Verhalten nicht rechtfertigt, um Amaterasus Willen, aber zumindest teilweise erklärt. Würde ich ihm jedoch auch nur den Arm brechen … das würde Mamas Herz brechen. Noch ein Grund mehr, das Pulverfass Saki weit wegzurollen, hehe~. I'm a dangerous girl, rawr~“ Und da waren wir wieder am Anfang unserer Bekanntschaft. Hallo, ich bin Saki. Ich bin übrigens sehr böse und gefährlich, vielleicht sogar tödlich. Habe ich bereits erwähnt, dass ich böse bin? Die brünette Asiatin blickte mich etwas verloren mit ihren dunklen Katzenaugen an, blinzelte ein paar mal behäbig und ließ sich leicht zur Seite fallen, um sich an mich zu lehnen. Mit einem Schlag kribbelte mein ganzer Körper, den ich selbst nach dem unfassbar starken Reisschnaps in allerbester Deutlichkeit spürte. Meine langen Blitzaohren zitterten wie Espenlaub, mein Schweif irrte ruhelos über den Boden aus gestampften Lehm. Es war an der Zeit, langsam nach Hause zu gehen.


    Zurück bei Onkelchen in der dunklen Nacht war ich zutiefst überrascht, dass genau dieser mir um diese Zeit begegnete, zirpten doch nicht einmal mehr die Ninjask, die ihren Schönheitsschlaf für die kommende Morgendämmerung nahmen. Hätte ich vor fünf Jahren noch die Hölle für meinen nächtlichen Ausflug heiß gemacht bekommen, war auch ihm völlig bewusst, dass diese Entscheidung niemandes außer meine selbst war, die einer jungen, erwachsenen Frau.
    „Hey, wie war dein Tag, Onkel?“, fragte ich unbefangen, im matten Licht seiner Handlaterne hoffentlich weniger zerzaust und angetrunken scheinend als ich es tatsächlich war.
    Und hier wurde mir klar, dass sein Fokus auf anderen Entscheidungen lag, die ich gerne nach seinem Gusto treffen sollte: „Durchwachsen. Kaiserin Kagayaku hat mich mit funkelnden Goldaugen von irgendwelchen wahnwitzigen Plänen eines 'Château de Mitour' unterrichtet, mal völlig abgesehen von dem Fakt, dass nach Entei nun auch Raikou Opfer der 'Medusa von Zappango' wurde. Wenn du diese Person zufällig totgeschlagen hast, kann mein Tag sogar noch überdurchschnittlich gut werden. Denn dann sind wir reich!“ Ich erstarrte. Mein Gehirn stellte sofort die Verknüpfung zu meiner neuen Freundin her, die mich nicht mehr aus ihrem Bann ließ, doch mein Herz wollte just in diesem Moment um Verzweiflung schreien, laut, schrill und in Furcht. Wie bestellt und nicht abgeholt schwankte ich auf den Tatamimatten von einem schwarz besockten Fuß zum Anderen, als würde mich mein Gleichgewicht jeden Moment im Stich lassen. Wenn dies die Wahrheit war, vertrug ich diese noch viel schlechter als den kräftigsten Alkohol. Ich hatte Saki viele Fragen gestellt, nur eben nicht die eine, die unangenehme – die zur Versteinerung der Pokémon. Quo vadis, Elaine?

  • Das Kapitel ist eigentlich schon viel länger draußen. Naja.




    Kapitel XIX - Eight, Nine, Three


    Mein Leben stand Kopf. Zusammengefasst, völlig klar denken konnte ich selbst am nächsten Morgen nicht, denn ich war noch beinahe genauso müde wie vorher, doch dafür fühlte ich mich noch irgendwie anders ausgelaugt. Dabei hatte ich gestern vielleicht eine der aufregendsten Nächte meines Lebens genossen! Doch es war Saki, die mich hin- und herriss. Das Pokémon versteinern konnte nur sie gewesen sein, denn was hätte eine Sphinx davon gehabt? Anders gefragt, inwiefern profitierte sie mit diesen „absorbierten Seelen“, wenn es das war, wovon ich damals im niedergebrannten Wald Zeugin wurde. Eine Dose Fisch und ein Glas Tomatensaft zum Frühstück mussten ausreichen, um wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen. Roxy war bereits aus dem Haus, um sich wieder mit dem Sphinxenkaiser zu treffen, während Charlie sich dazu entschlossen hatte, Namika einzuladen. Wohin? Das hätte mein liebster Bruder mir vielleicht verraten, aber sicher nicht meinem Onkel. Schlussendlich blieb die Arbeit wieder an der kleinen Lanie hängen, aber wenigstens diktierte mir Claudio zur Abwechslung etwas Aufregenderes: „Es gibt eine Geisha, der von zwielichtigen Personen aufgelauert wird, aber keine Sorge, ihr Englisch ist hervorragend. Du und Oz, ihr werdet sie eskortieren, denn die entsprechende Person dafür hat sich die Cholera eingefangen. Wir arbeiten an langfristigem Ersatz.“ Was konnte denn da schon schieflaufen? Meine Gedanken trieften nur so vor Ironie und Sarkasmus, als ich mich mit einem kurzen Zuzwinkern mit Oz in Kontakt setzte, der sich sofort aufplusterte und auf mich zu stolzierte. Dann soll er sich mal beweisen.


    Ein Takoyaki-Imbiss, ein kleiner Stand für runde, würzige Teigbällchen mit Oktopus-Füllung, diente mir als erste Anlaufstelle, um meine Klientin kennenzulernen. Sie sah eben genauso aus, wie eine Geisha auszusehen hatte – in einem edlen, reich und farbenfroh verzierten Kimono gekleidet, weiß geschminkt, weinrote Lippen. Ihr schwarzes Haar war in einer komplizierten Duttfrisur angerichtet, doch die Haarornamente beschränkten sich auf einen Schildpattkamm. Stattdessen glänzte sie mit dunkelbraunen Katzenaugen, die scharfen Verstand und Witz vermuten ließen, leider aber blitzte viel mehr eine Charaktereigenschaft namens Arroganz hervor. Allein wie sie bereits ihre Finger bewegte und die Lippen kräuselte erinnerte mich an irgendeine verbitterte Schnepfe, die jede westliche Teerunde in eine Lästerorgie verwandelte. Wenn ich ertrinken wollen würde, dann in Tee und nicht in Spott. Oder eben in Schokolade, was sich offenbar schneller herumgesprochen hat, als ich dachte.
    „Da ist ja das kleine Blondchen. Du musst Elena sein, oder? Dein Onkel hat gesagt, dass man dich leicht mit diesem süßen braunen Zeug bestechen kann. Aber keine Angst, hier werden dich nicht viele korrumpieren können“, überrumpelte sie mich förmlich und zündete sich eine Zigarette an.
    Oz war sich vielleicht nicht ganz bewusst, dass sie ihn nicht verstehen konnte, doch das tat seiner Vorstellung keinen Abbruch: „Sei gegrüßt, Mensch! Ich bin der große Oz und ich werde dich vor den Gefahren des Fernen Ostens schützen! Leg dein Leben in meine Hände!“
    „Was'n das für'n Ding?“, spottete die Meisterin der traditionellen zappangischen Künste mit zusammengekniffenen Augen, während sie ein paar Rauchwölkchen ausatmete: „Das nimmt man doch nicht zur Arbeit mit, du kleines Naivchen.“ Mit offenem Mund starrte ich sie fassungslos an. So übertölpelt war ich von ihrer Wortwahl, geschweige denn ihrer Intention.
    Natürlich konnte sie es selbst dann nicht lassen, an uns zu mäkeln: „Mund zu, Karpador. Wie sieht das denn aus? Also, ich muss durch ein berüchtigtes Viertel voller Zocker und Souvenirhändler. Hab bei denen Schulden wegen Zigaretten und so 'nem Kram. Die gehen wir jetzt gemeinsam abbezahlen, yay!“ YAY! Wie sympathisch sie mir doch war, mir, der kleinen, süßen Lanie, die doch eigentlich jedem erstmal eine Chance gab. Oz zeterte beleidigt irgendetwas, aber sie verstand Pokémon ohnehin nicht, sodass ihre Aufmerksamkeit ausschließlich mir galt, oder eben einem leckeren Fleischspießchen, das von einem Kussilla umhergetragen wurde.
    „Ich will das haben, klau' es!“
    Verwundert blinzelte ich, meine Ohren in einer undefinierbaren Form gekrümmt: „Wie bitte? … Übrigens, mein Name ist Elaine.“
    „Klau' es. Das da, da vorne der Spieß, du Dummerchen!“
    „Na dann kauf' dir doch selber einen“, zischte ich ungehalten, was erlaubte die sich denn bitte schön? Dabei sei nebenbei angefügt, dass sie jünger war als Kagayaku – also auch physisch und nicht nur chronologisch.
    „Ich hab Schulden, hörst du mir überhaupt zu? Das ist deine Arbeit!“
    „Jaja, ich kaufe dir so ein Ding, alles klar?“
    „Nein! Ich will das kleine beschissene Drecksbalg heulen sehen! Ich hatte eh vorhin Takoyaki, der Spieß ist mir doch scheißegal!“
    „Hör zu, du blöde Kuh, ich werde für dich keinen Ärger mit dem Gesetz bekommen, weil du einem Babypokémon den Tag verderben willst, weil dir meiner noch nicht reicht!“
    „Soooo redest du nicht mit mir, es ist dein Beruf, höflich zu bleiben!“, keifte sie nun, doch ihre schneeweiße Gesichtsbemalung verbarg, wie rot ihr Gesicht nun tatsächlich vor Wut gefärbt war.
    Über dieses Missverständnis klärte ich sie allerdings liebend gerne auf: „DEIN Beruf verlangt von dir, die Contenance nicht zu verlieren! Ich hingegen habe einzig und allein den Auftrag, für deine physische Sicherheit zu sorgen! Selbst wenn du mit einem Heulkrampf zusammenbrichst habe ich meinen Auftrag erfüllt und keiner wird mit dir Mitleid haben, weil du eine arrogante, blöde Ziege bist!“ Einmal ordentlich Luft herauslassen … es tat so unglaublich gut.
    „Weißt du, Elena, du hast recht. Ich, Hinagiku aus dem Hause Kameyama, gebe dir recht“, schmunzelte sie wie ausgewechselt, als sie auf einem Bambuszaun Platz nahm: „Dein Auftrag ist es, solange bei mir zu bleiben, bis ich den Zielort erreicht habe und mich zu schützen, sonst nichts, nicht wahr?“ Ich nickte, erleichternd seufzen, dass Hinagiku, wie sie sich mir endlich mal vorstellte, zu Vernunft gekommen war.
    „Das heißt, wenn ich nicht weitergehe, wirst du keinen Feierabend haben. Nach Stunden bezahlt wirst du auch nicht. Und glaube ja nicht, dass ich epicht darauf bin, meine Schulden bei diesen Pennern abzubezahlen“, setzte sie fort. Ich zitterte stattdessen am ganzen Körper, mir stockt der Atem und ein riesiges Geowaz rollte gerade von meiner Speiseröhre aus schnurstracks in meinen Magen.
    So unfair, dass sie mich hier auf ewig versauern ließe, war sie natürlich nicht: „Elena, ich gebe dir die Chance, dich ausführlich bei mir auf den Knien verbeugend zu entschuldigen und dich zu zügeln, damit ich deine Begleitung wieder zu schätzen weiß.“ Nun, was sollte ich tun? Knien und Demut zeigen und ihr somit in den Hintern kriechen? In Anbetracht des riesigen Stocks in diesem schien mir dieser Lösungsweg leider unmöglich – etwas Anderes musste herhalten. Die Einzigen, die sie freiwillig wieder auf die Beine brachten, waren die Verbrecher selbst.
    „Siehst du die Typen dahinten? Schau mal, die gucken genau in unsere Richtung! Das sind die, die hinter dir her sind, wenn ich du wäre, würde ich mich jetzt beeilen“, deutete ich mit meinem Schauspieltalent und hektischen Kopfbewegungen an, die Ohren etwas angsterfüllt an meine Schläfe gepresst. Mir war klar, dass diese Männer einzig und allein noch nie eine blonde Ausländerin gesehen hatten, aber etwas Anderes war mir nicht in den Sinn gekommen. Hinagiku gehorchte aufs Wort, stand auf und trippelte auf ihren Geta, den wenig bequem scheinenden Holzsandalen, die Straße entlang der Imbisse und Souvenirstände, die allen möglichen Ramsch, aber auch hochwertigere Produkte wie Messer, Teekessel oder Lampen verkauften. Es war unmöglich für uns, durch die Menschenmengen zu erkennen, ob wir verfolgt wurden oder nicht, aber dieser belebte Wochenendsmarkt kam für mich wie gerufen, obwohl ich selbst gerne gemütlich dort entlang geschlendert wäre. Zügig führte sie mich durch die Gassen, doch aufgrund ihrer hölzernen Behinderungen unter den Füßen kam ich gut hinterher.
    Oz war weniger begeistert von unserer Idee, einfach wegzulaufen: „Wieso stellen wir uns ihnen nicht einfach? Wir sind doch viel stärker!“ Ich fauchte stattdessen, denn mir schwebten stattdessen zahlreiche in Kimonos gehüllte Rücken vor den Augen, denen ich irgendwie ausweichen musste, bevor Hinagiku, das Knogga und ich eine weniger belebte Zone am Stradtrand erwischten. Die hölzernen Lagerhäuser der Großhändler der Handelsmetropole Megaoka sahen alle gleich aus. Groß, lang, rechteckig, kurzum langweilig – ein großartiges Versteck für Ganoven und ihre obskure Beute. Das Haupttor war aus offensichtlichen Gründen verriegelt, sodass ich in einen durch überdachte, dunkle Gässchen begrenzten Eingangsbereich geführt wurde. Das Beste an der ganzen Sache war, dass ich von Hinagikus arroganten Sprüchen verschont blieb. Doch die andere Seite der Medaille – ihre Gläubiger mussten ganz schön etwas auf dem Kerbholz haben, sonst hätte sie sich nie so leicht überzeugen lassen …




    Ein hölzernes Lager, das Holz lagerte, bot einen farblich sehr monotonen Empfang. Kisten und andere Gegenstände aus Holz oder Bambus würden jedem Sicherheitsbeauftragten die Haare zu Berge stehen lassen, denn die Fluchtwege hier waren wenig transparent, dafür aber verwinkelt und verschachtelt, geradezu ideal, um Hinterhalte zu planen und sämtliche Gäste in unliebsame Fallen zu locken. Natürlich dauerte es nicht lange, bis wir die Aufmerksamkeit auf uns zogen. Als wir widerstandslos etwas weiter ins Innere vorgedrungen waren, hörten wir ein rhythmisches Schnippsen sich uns nähern. Mit war zu Beginn nicht einmal klar, ob es sich um ein Echo des Geräuchs handelte, doch schon wenige Augenblicke später stellte sich heraus, dass da zwei Gauner schlurfend im Anmarsch waren.
    Die selbstverliebte Geisha hatte sich glücklicherweise bereits vor der Lagerhalle ihres Zigarettenstummels entledigt und kündigte den Kund für unser Kommen an: „Hey, ihr da! Bringt mich zu Naoya, ich habe das Geld!“ Die beiden unrasierten Halunken, einer dick, der andere wohl etwas doof, blickten sich gegenseitig an und stapften weiter auf uns zu. Was sollte denn dieses alberne Geschnippse?
    „Mag ja sein, S*hlampe, aber schon vergessen, dass du uns auch noch Asche schuldest?“, platzte es aus der Lauchstangen ungehalten heraus. Nicht nachdenken, aber keine Muckis haben … gewagte Mischung.
    Mit beiden Ohren nach vorne geklappt, versuchte ich die Ruhe in dieser ungewohnten Umgebung etwas zu bewahren, doch die Voraussetzungen waren denkbar schlecht, wie Hinagiku offenlegte: „Euer Geld? Nein, das ist schon in der Summe für Naoya drin. Er gibt euch euren Teil.“
    „Soso? Er gibt uns unseren Teil? Dann kennst du unseren Boss ja besser als wir“, merkte der Erfahrenere und Ältere der beiden mit einem süffisanten Lächeln und gespielt hochgezogenen Augenbrauen an: „Das lief so noch nie ab, wieso sollte es jetzt anders sein? Du hast das Geld nicht.“
    „Elena? Du kannst mir etwas leihen, oder?“, war das Einzige, was ich als Antwort seitens der Schuldnerin erhielt. Ich sollte diesen Auftrag aufführen, um Geld zu verdienen, nicht, um Geld loszuwerden! Der Klügere der beiden, ein Halbglatzenträger, hebte ratlos die Schultern, als wäre er es, der unser Schicksal in den Händ hielt.
    Doch sein geheucheltes Mitleid war selbstverständlich gespielt: „Nun, das bedauere ich zutiefst. Wenn wir unser Geld nicht bekommen, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als ...“
    „Ich habe Kohle dabei, alles gut ...“, fauchte ich grob und wühlte bereits in meiner Tasche: „Wie viel fehlt noch?“ Wie viele Schulden konnte sie denn bei diesen Kleinganoven haben?
    Hinagiku war verzweifelt, aber nicht weniger respektlos mir gegenüber: „Du siehst zwar wirklich nicht nobel aus, aber trägst du 10 Ryo bei dir?“
    „Du bist ja vollkommen gestört!“, echauffierte ich mich in einem wutgeladenen Impuls: „Eigentlich habe ich eine ganz ruhige Eskortmission mit einer etwas schwierigen Kundin erwartet, aber nicht sowas!“ Hatte ich wirklich erwartet, dass mal alles glatt laufen würde? Sollte ich mich selbst belügen? Der Plan B sah nun vor, das Geld für den Gangsterboss dazulassen und wegzulaufen, doch diesen Plan hatten uns die Pokémon der beiden schnell durchkreuzt – wir mussten uns nun durchkämpfen.




    Donphan und Morlord hießen unsere Widersacher. Zwei Bodenpokémon, mit denen gerade ich besonders viel Spaß haben würde. Was hatte „Elena“ eigentlich verbrochen, um in solche Situationen hineinzuschlittern?
    „Los, Elaine!“, rief der große Oz, als würde ER mich in den Kampf schicken: „Wir zeigen denen jetzt, dass niemand so fabulös und wunderbar wie wir sein kann!“ Das Morlord stellte für das Knogga die größere Gefahr dar, ich hingegen würde gegen beide nicht die beste Figur machen.
    Vielleicht konnte ich sie ja mit Worten überzeugen: „Hey, ihr beiden! Sicher, diesen beiden Schlägern die Treue zu schwören? Ihr habt nichts davon, uns niederzumähen!“
    „Die Kriminelle steht hinter dir, sie ist es, die den Besitz unseres Anführers nicht rechtmäßig zurückzahlt! Sie verleihen nur großzügig, der Aufstieg in die ehrenwerten Plätze der Gesellschaft bleibt ihnen ja verwehrt!“, schimpfte das Donphan mit einem lauten Tröten und setzte bereits zum Walzer an: „Der, der alles verliert, egal aus welchem Grund, muss ganz unten anfangen!“ Bei den Kriminellen. Auch das mochte ein Faktor sein, weshalb die alte Shogunatsherrschaft so verhasst war. Der Vorteil der mit Hindernissen übersäten Arena war das eingeschränkte Handlungspotential unserer Gegner. Niemals würde Walzer ein solches Tempo aufnehmen können, um mich wirklich in Bedrängnis zu bringen.
    „Oz, mach, irgendwas Schlaues!“, rief ich dem Knogga etwas ratlos zu, während ich mich auf einen der Holzstapel hievte, um vor dem Donphan sicher zu sein. Etwas beleidigt blickte er zu mir auf, nickte mir jedoch dann selbstbewusst zu, um seine Kraft unter Beweis zu stellen: „Jetzt zeige ich euch meine Blue Attack! Die hat Tsoony mir beigebracht!“ Ein hellblauer Strahl entwich seinem Maul und schoss das schwerfällige Morlord zu Boden – Eisstrahl!
    „Jetzt bist du Blau! Das ist meine Blue Attack, Gyararararara!“, freute er sich über seinen Triumph, der jedoch keiner war.
    Abfällig schnaubte ich: „Das ist ein Morlord, die sind immer blau! Die Attacke hätte Donphan vielleicht besser gebrauchen können!“ Als der Lurch wieder auf beiden Hinterbeinen stand, war er nah genug an meinem Partner, um ihn mit einem Nassschweif gegen einen der Holzstapel zu befördern. In der Defensive war es um Oz definitiv schlecht bestellt, sodass es kein Wunder war, wie ein grässlicher Schmerz durch mein Herz beim Vernehmen des dumpfen Aufpralls ging. Ich hatte mich nicht tatenlos und feige vor dem Gefecht gedrückt, sondern gerade eine Salve dunkler Energie vorbereitet, die ich ebenfalls auf den Sumpfbewohner abfeuerte. Um ehrlich zu sein, kam mir Charlies Spukball gegen Tetsu-Yomi allerdings wesentlich eindrucksvoller vor.
    In der Zwischenzeit hatte Hinagiku die Ruhe weg und zündete sich nicht eine, sondern gleich zwei … nein … drei … vier … mehr und immer mehr Zigaretten an! Das ganze Gebäude würde in Flammen aufgehen, was zur Hölle war nur in sie gefahren? Mit Händen und Füßen brachte ich Oz auf der gegenüberliegenden Seite bei, dass er auf die Holzstapel klettern sollte, während die Künstlerin ihre Zigaretten zu verteilen begann. Die beiden Rüpel jagten ihr nach, doch glücklicherweise befanden sich die hinderlichen Holzsandalen bereits unter dem Brennholz.
    „Ele- … Elaine! Greif – Donphan – an! Morlord wird meine kleinen Brände löschen müssen, mach' was draus!“, ließ sie den Glauben an die Menschheit wieder ein kleines Bisschen in mich zurückkehren. Donphan konnte uns unten nichts, während wir Spukball und Eisstrahl abfeuerten, doch der Elefant sah sich schon bald dazu gezwungen, die Stapel mit wuchtigen Schädelstößen zu erschüttern und uns herunterzustürzen! An einer niedrigen Stelle lag ein Notizblock, den ich auflas, während Oz unseren Gegenspieler mit Knochmerang in Schach hielt. Als mein Stapel dann einzubrechen drohte, landete ich mit einem schwungvollen Sprung auf dem Rücken des Rüsseltiers, jedoch nicht ohne sein wichtigstes Tastorgan mit einem geladenen Schweif-Peitschenhieb zu malträtieren. Mithilfe des Kampffeldes und der Unterstützung unserer Klientin hatten wir am Ende doch die Nase vorne, denn auch ein energisches Erdbeben war ganz sicher nicht im Bereich des Möglichen hier. Wir hatten sie ausgespielt und letztendlich beide Gegner mit dem letzten Spukball und der letzten Knochenhatz in die Knie gezwungen, der große Oz und ich.
    „Elaine! Das muss das Pokémondorf sofort erfahren! Nun hat sich der große Oz endgültig als würdig erwiesen!“, frohlockte der selbsternannte Held, der nie seinen Optimismus verlor. Doch die Realität würde ihn selbst dann wieder eines Besseren belehren, denn gewissermaßen hatte er Brüder im Geiste geschlagen.
    Das niedergeschlagene Morlord ächzte bitterlich: „Froh, ausgerechnet gegen die Ausgestoßenen der Gesellschaft gewonnen zu haben? Wir gehören zur YA-KU-ZA. 8, 9, 3, das Wertloseste aller Kartenblätter.“ Schlagartig senkten sich meine stolz aufgerichteten Ohren etwas … war es wirklich so, wie sie sagten?


    Ein Plappermaul par excellence betrat nun die Bühne und verzögerte unsere Flucht um ein Weiteres: „WAS? Du meine Kolleges besiegt haben? Ich nicht verstehen, Sansai und Santo-Menschen doch nicht so stark? Ich kommen aus Karyu, sein ein Ausländer wie du, kleine Miezekatze! Das nicht wahr, das nicht wahr, wenn Boss das sehen, wir bekommen große Problem! Du kleine Miezekatze, nix sagen, mir verstanden hast? Oki-doki? Aribidachi, kleine Miezekatze!“ Ich … blinzelte verwundert, zuckte erstaunt mit den Ohren und versuchte, den fremden Akzent irgendwie einzuordnen, während ich den kleinen Notizblock mit einer Liste an Namen und vielen unbekannten Schriftzeichen studierte. Die einzige Zeile, die ich lesen konnte, handelte von „Ausländern aus Hexalos“ namens Jeanne und Jonathan Masson, während der Neuankömmling irgendetwas von Sansai und Santo, den Regionen westlich und östlich des großen Schneebergs faselte. Endlich konnten wir aus der Lagerhalle verschwinden und zumindest dieser Naoya würde mir nicht noch ein paar Steine in den Weg legen. Ihm begegnete ich an diesem Tag auch nicht mehr, doch jemand anderes war gerade in Begriff, die zwielichtige Lagerhalle zu betreten. Mir stockte der Atem, als mir klar wurde, wer hier in einem schneeweißen Kostüm aufgekreuzt war, um nach dem Rechten zu sehen. Hut, Jackett, ein nicht einmal knielanger Rock und Stöckelschuhe in Weiß, dazu ein goldenes Hemd und eine schwarze Krawatte. Diese Mafiosi hatten nicht nur eine westlich gekleidete Frau über sich, sondern eine mit goldenen Augen und sandfarbenen Flügeln, gepaart mit einem silber-metallischen Schweif, der interessiert umherpeitschte.
    „Okay, DU bist nicht Naoya, oder?“
    „Nein, Lanie-Schätzchen, Naoya ist meine rechte Hand, aber der ist gerade nicht anwesend“, schmunzelte mir niemand Geringeres als unsere Kagayaku ins Gesicht.
    „Bist du nicht Kaiserin von Hexalos?“, entfuhr es mir, obwohl ich mit aller Gewalt meinen Mund mitsamt dessen geschockten Ausdruck zu verdecken versuchte. Kagayaku neigte verspielt ihren Kopf, als gäbe es nichts, für das sie sich rechtfertigen müsste.
    Sie war einfach nur absolut wahnsinnig: „Genau, aber hier könnte ich mir auch ein Denkmal setzen. Wir brauchen Geld für mein wunderschönes Prachtschloss Château de Mitour, und da kommt mir ein auf Glücksspiel basierendes Untergrundgewerbe rund um unzufriedene und familienbedürftige Kleinganoven jenseits der etablierten Gesellschaft nur gelegen, um meinen Traum zu finanzieren und die kleinen Tellerwäscher hier zu … naja, Menschen mit Perspektive zu machen.“ Oh, Kagy. Du kleines, abgebrühtes Luder. Kannte ich sie wirklich so wenig?
    „Hey, hast du das da drinnen gefunden? Zeig mal! Uuuh, Diebe, die Diebe beklaut haben. Mit denen haben wir noch ein paar Federn zu rupfen“, kommentierte sie das Schriftstück aus der Halle, das sie mir ungefragt aus der Hand entriss. Vollkommen taub fühlte sich mein Kopf an, als sie mir liebevoll durch die Haare wuselte und meine Ohren krallte, bevor sie die Lagerhalle untersuchte. Ich sollte fröhlich sein, oder? Feierabend mit einem geglückten Auftrag … doch ich war es nicht, zu sehr versank ich auf meinem Heimweg wieder ins Grübeln. War sie am Ende die größte Gefahr für dieses Land?

  • Hallo Nekomata,


    das hat jetzt auch etwas gedauert, aber ich bin erstaunt, wie schnell ich wieder reingekommen bin. Konkret hat mir das letzte Kapitel relativ gut gefallen, weil es eigentlich zum ersten Mal in Richtung Auftragsarbeit geht. Bekannterweise ist der erste Job eh immer der schwierigste, ganz egal, wie schwierig dann der Kunde ist, wobei du dieses Mal das Handicap genutzt hast. Mehr oder weniger, weil sich die Kundin ja stellenweise doch als ganz nützlich herausgestellt hat, wenn ich den Kampf gegen Morlord bedenke. Ansonsten konnte man sie aber echt in die Tonne kloppen.
    Okay, was haben wir gelernt? Kagayaku macht gefühlt alles, was irgendwie für Ansehen oder Geld sorgt, was ja schon wieder ein Running Gag werden könnte. Achtsam ist es da vielleicht, das nicht zu oft anzuwenden, da es sich sonst abnutzen könnte. Für einen Schmunzler hat es dieses Mal auf jeden Fall gesorgt, weil es so unerwartet kam.
    Oz hat auch mal wieder gezeigt, was in ihm steckt. Die Blue Attack hast du sinnvoll eingebracht, sodass es halt wirklich in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen war. Ob das jetzt für seine Fähigkeiten spricht, man darf es anzweifeln, aber cheesy dialogue muss bei so einem Charakter einfach rein. Ich freu mich auf jeden Fall auf die Fortsetzung.


    Wir lesen uns!

  • Aloha @Rusalka , schön, dass du wieder vorbeischaust. ^^


    Doof ist die Geisha nicht, aber eben eine richtige bitchy Diva. u_u" Nicht alle sind so, weiß Gott nicht, aber hey, es ist Elaine. Und unsere arme Lanie hat immer richtig viel Scheiße am Pfötchen. ;w; Tja Kagy hat nichts mehr, sie braucht also irgendetwas in der jetzigen Welt für sich alleine. Familie/Nachfahren schön und gut, aber die leben immer noch ihr eigenes Leben. Bis auf Elaine, die sich schon bald in einer kleinen Sinnkrise wiederfinden wird, vier weitere Kapitel sind ja schon geschrieben. Aber gut, Geldgierkagy wirst du nicht sooo oft sehen, sie wird in einer anderen Szene auf eine völlig andere Weise bald wieder wichtiger werden.
    Und Oz ist eben genauso ein Heißluftgenerator wie die meisten aus dem Team, irgendwie müssen sie sich durch Leben hangeln und mit Charisma nicht vorhandene körperliche oder/und intellektuelle Stärken wettmachen. Nur so kann diese seltsame Gruppe es durch stürmische Zeiten schaffen! ;///; Vielen Dank!


    Weiter geht es mit Kapitel #20!




    Kapitel XX: Amber


    „Lanie! Lanie-Lanie-Lanie-Lanie-Laniiiiie!“, begrüßte mich meine ältere Schwester stürmisch und umtanzte mich wie das goldene Miltank. Nach der ganzen Yakuza-Geschichte genoss ich die Zärtlichkeiten, die sie mir in Form von Umarmungen und Schlecken entgegenbrachte, in vollen Zügen. War Roxy richtig gut gelaunt, konnte sie unglaublich anhänglich sein, so wie sie auch hier kaum von meiner Seite weichen wollte.
    Ganz aufgeregt erzählte sie mir von den Sachen, die sie erlebt hatte: „Weißt du, wo ich heute war? Ich habe mit Kamataros ein Kap besucht, an dem gerade ein Leuchtturm durch unsere Landsleute und die Hexalois fertiggestellt wird. Übergangsweise erhellen ihn Pokémon … das war nachts sooo romantisch, das glaubst du gar nicht. Aber ich nehme ständig Geschenke von ihm entgegen, was kann ich ihm denn zurückgeben? Wir haben ja … nicht so viel.“
    „Umm, mag er Schokolade? Wie wärs mit einer Schoko-Roxy?“
    „Oh, typisch Elaine! Nya, aber es klingt super süß. Ich frage einfach mal Alice, ob ich so viel Schokolade günstig bekommen kann, wie beim letzten Mal. Und du kannst mir dann dabei helfen!“
    Roxy drückte mich noch viel fester und blickte mich mit glitzernden Augen an, während ich einfach nur glücklich war, nicht über meinen Tag ausgequetscht zu werden und in Ernährungsnot zu geraten. Ein heißes Bad sollte mich noch einmal vollends entspannen, bevor ich mich mit Schwung auf den Futon warf, der mir als Matratze und Bett zugleich diente, obwohl er bei weitem mehr Ähnlichkeiten mit einer Matratze besaß.


    Erneut war es Roxy, die mir schon bald die nächste „Sensation“ zeigen musste: „Laaaaniiiie! Komm schnell und ganz leise! Schleeeeichen!“ Gerade erst aufgestanden und in Bademantel durch meinen Raum wandernd, um ein kochend heißes Tässchen Kaffee zu schlürfen, hatte ich natürlich keine andere Wahl, als mein Heißgetränk zur Seite zu stellen und meiner gelegentlich extrem aufdrnglichen Schwester zu folgen, damit sie nicht aufsässig wurde. Wir linsten durch den Schlitz einer Schiebetür im Wohnzimmer, in das Charlie Namika eingeladen hatte und sich mehr amüsierte als mit jeder anderen Person bisher. Ich klappte meine Ohren neugierig nach oben, um mehr Gesprächsschnipsel zu erhaschen können.
    „Mein Onkel ist für die nächsten paar Tage nicht hier. Du kannst gerne hier übernachten“, schlug er ihr vor und ließ mir beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Charlie hasste Gesellschaft. Und zwar so sehr, dass er nie jemanden bei sich einladen wollte. Gut, der Gedanke, dass ein mit Öl und Staub bedeckter Schulfreund unsere gesamte Einrichtung mit Gott-weiß-was infiziert hätte, eventuell noch rüpelhaft sämtliche Privatschubladen durchwühlen würde oder gar in Ermangelung an Manieren auf den Boden spucken würde, war ein abschreckender Punkt, den er stets glaubhaft in seine Argumentation einfügen konnte.
    „Also … ich bekomme keinen Ärger? Denn dann … dann bleibe ich gerne.“
    „Es wird keinen geben, das versichere ich dir.“
    Mir gefiel es nicht, wie Roxys Augen plötzlich begannen, zu glitzern. Um ehrlich zu sein, war es vielleicht sogar besser, nicht zu wissen, was sie sich gerade ausmalte. Namika stützte sich mit ihren Armen komplett am hohen Esstisch auf, der für die Bewohner des fernen Ostens so fremd und merkwürdig fern ihrer eigenen Kultur war, legte ihr Köpfchen ab und ließ sich mit geschlossenen Augen kraulen. Nachdem ihre kleine Kopfmassage beendet war, erhob sie sich wieder und stellte sich blinzelnd vor meinen Bruder, ihren Schweif rastlos umherpeitschend. Nicht nur Charlies Schweif trommelte zudem aufgeregt auf dem Holzboden, sondern auch ich war gefordert, den meiner Schwester in Zaum zu halten, um uns nicht zu verraten. Wie gebannt blickte die gestürzte Herrscherin, die selbst nie herrschen durfte, in die Augen ihres Bruders. Ein vorsichtiger Schritt nach vorne, der andere Fuß zog sofort nach. Namika neigte ihren Kopf nach vorne, bis an die Brust meines Bruders. Im Anschluss streichelte sie Charlie sanft für einige Augenblicke, bisher ihr Kinn mit seiner Hand vorsichtig anhob und ihr erneut in die kristallklaren Augen schaute. Ihr Mund war leicht geöffnet, sodass die oberen Reißzähnchen aufblitzten … diese Szene überwältigte mich einfach, so süß war sie!


    Sanft legte Charlie nun seine Lippen auf die ihren, schloss seine Augen und gab sich nun etwas hin, das er nie zuvor für notwendig gehalten hatte. Sich einem anderen Wesen öffnen und seine ehrlichen Gefühle gegenüber jemandem preiszugeben, den er noch nicht zwanzig Jahre lang in- und auswendigkannte. Es schien fast so, als würden Namika und er sich besser kennen als wir ihn! Wie der Kuss zwischen ihnen wohl wahr? Sanft? Leidenschaftlich? Verspielt? Ich hätte es nur zu gerne gewusst, doch während ich bereits in meiner Imagination versunken war, hatte sich Roxy bereits meiner Aufmerksamkeit entrissen.


    Der Kuss fand nie statt. Zumindest … nicht an diesem Ort in diesem Moment. Was genau im Kopf meiner Schwester vorging, konnte ich allenfalls raten, doch sie schaffte es, jedes Donphan im Porzellanladen alt aussehen zu lassen. Mit einem lauten Knall beförderte sie die Papiertür an den Holzrahmen und schlurfte mit einem breiten Grinsen, das provokanter hätte nicht sein können, in das Esszimmer.
    „Guten Morgen, Brüderchen! Und Nami-chaaaan~ Habt ihr auch solch einen gewaltigen Hunger wie ich?“
    „Nein, Hunger habe ich überhaupt keinen mehr. Vor allem nicht, wenn ich sehe, dass Elaine es sich vor der Tür gemütlich gemacht hat“, ätzte Charlie und warf uns beiden einen bösen Blick zu. Erst einmal, auf einer Reisstrohmatte knien hatte nach westlicher Vorstellung mit dem Wort „gemütlich“ so viel zu tun wie Roxy und „taktvoll“. Andererseits bemerkte ich erst einige Sekunden später, dass die Schiebetür komplett an mir vorbeigerauscht war und nun genau in das Blickfeld der beiden geriet.
    Offensichtlich hatte Charlie aber begriffen, dass ich alleinw ohl kaum auf diese Idee gekommen wäre: „Wenigstens habe ich den Anstand, dir nicht hinterherzuschnüffeln, wenn du deine Zunge auf dem König kleben hast!“
    „KYAAH?“, fauchte seine schwarzhaarige Schwester entrüstet: „E-es ist nicht so, dass ich mit ih-ihm viel zu tun habe oder so … er möchte hin und wieder gerne seine Sprachkenntnisse aufpolieren!“ Kagayaku hätte sich nun wahrscheinlich damit gebrüstet, besonders viel Wertschätzung eines Monarchen zu genießen.
    „Nicht ganz bei Trost bist du! Du siehst dich wohl schon als die nächste Kagayaku, hm?“
    „Du siehst dich wohl als der nächste Shogun! Nur zu blöd, dass Nami-chan gar nicht regieren will, nicht wahr, Schätzchen?“
    „Blöde Ziege! Glaubst du wirklich, deine Beziehung fußt auf einer gesunden Basis? Es gibt Tausende schöne Sphinxen in Nord-Mu, die dich jederzeit ersetzen können.“
    „Es gibt jeder Zeit ein paar große, blonde, blauäugige Exoten-Gaijin, die wesentlich netter zu ihrer Schwester sind!“
    „Die sind nicht Namikas Typ. Und so kurz wie deine Röckchen, mit denen du deinen König beeindrucken willst, bin ich jetzt auch nicht.“
    „HEH! Wenigstens werde ich in diese Röckchen weiterhin reinpassen, während du im Alter aufgehst wie ein Hefeteig, wenn du weiter so kochst!“
    Zugegebenermaßen, das war nicht fair, denn Charlie kochte sehr gesund und auch gut, was nicht gerade die Stärke von Naschkatze Roxy war. Dass mir die allgemeine Diskussionsatmosphäre, komplett im persönlichen Sumpf versunken, nicht gefiel, war fast schon überflüssig zu erwähnen. Ich fühlte mich unbehaglich, doch die Auswirkungen des Streits auf Namika waren wesentlich dramatischer. Ihre schönen Kristallaugen füllten sich von Sekunde zu Sekunde mehr mit Flüssigkeit, ohne dass es irgendjemand der beiden bemerkte. Statt zu zischen oder zu fauchen hüllte sie sich in Traurigkeit und stürmte nur kurze Zeit später aus unserer kleinen Holzvilla, Charlie folgte er sofort hinterher. Doch die 3/4-Sphinx breitete nun zum ersten Mal vor unseren Augen ihre reinen, im Sonnenlicht fast schon schimmernden Flügel auf und hob ab, um fortzusegeln. Als wir sie nicht mehr sehen konnten, schlug mein Bruder seine rechte Hand vor seine Augen, um jeglichen Blickkontakt zu uns zu meiden.
    Ein tiefes, ehrliches Grollen voller Enttäuschung stieg seine Kehle empor: „Ich habe euch nie um viele Gefallen gebeten. Aber das wäre einer gewesen.“
    „Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, Roxanne?“, fauchte ich mein große Schwester an, deren zwei Rubine mich vor Schock geweitet anstarrten. Ihr Schweif hämmerte so angriffslustig gegen einen großen Blumentopf, in den eine Miniaturkiefer gebettet war, sodass deren Nadeln haufenweise ausfielen.
    Roxanne Aveline de Courtenay machte manchmal den Eindruck,vergesslich zu sein, aber nachtragend war sie schon immer, wie sie mir indirekt bestätigte: „Schon vergessen, als unser Bruder meinte, dass ausgerechnet nur wir noch sozial unverträglicher seien als er? Jetzt ist er von seinem hohen Tauros gefallen!“
    „Das sagtest du, Charlie?“, empörte ich mich zischend, mit zurückgezogenen Ohren. Ich war immer davon ausgegangen, dass er „seine kleine, süße Lanie“ stets sehr schätzte, während ein Streit mit Roxy nicht allzu selten war.
    „Okay, wie viele Freunde hast du hir bis jetzt gemacht?“
    „Umm … Oz ...“
    „Humanoide.“
    „UMMM …“, knobelte ich angestrengt: „Also … äh … ich kenne viele!“
    „Ja, Geschäftspartner, Freunde, Geistesgestörte wie Fiona, Größenwahnsinnige Verwandtschaft ...“
    „Alice!“
    „Alice mag erstens jeden und zweitens unternimmst du überhaupt nichts mit ihr.“
    „Yomi.“
    „Wollte dich töten. Schon vergessen?“
    „Saki!“
    „Tja. Ein Punkt für dich. Leider spielen wir hier Tennis und da reicht ein Punkt nicht.“
    „Vielleicht spielen wir ja dieses brandneue Spiel … Fußball!“
    „Onkelchen würde dich kielholen. Da werden mehr Lehmstücke und Beine als Bälle getreten.“
    Kurzum, wir kamen nicht wirklich voran und hatten uns mittlerweile soweit vom ursprünglichen Gesprächsthema entfernt, sodass es keinem von uns gelang, dahin zurückzufinden. Aber in einem Punkt hatte er Recht – wirkliche Vertraute außerhalb meiner Familie hatte ich wenn überhaupt nur in Saki gefunden, und selbst das war mit akuter Vorsicht zu genießen.


    Immerhin konnte ich auf einen erfolgreich ausgeführten Auftrag mit einer schwierigen Klientin zurückblicken, der mir einen kleinen Geldsegen und etwas Freizeit bescherte. Zwar wollte ich unbedingt mit Namika sprechen, doch sie war die ganze Nacht über fort gewesen. Ich nahm mir die rohe, nackte Kritik meines Bruders zu Herzen und schlenderte für einen spätabendlichen Besuch in Alices Café, wo ein warmer Kamin und ein geschmacksintensives Heißgetränk auf mich warten würde. Ich wurde freundlich empfangen, doch das kleine Dicloniüschen hielt sich vor allem hinter der Theke auf und war zu beschäftigt, um mit mir mal mehr als den üblichen Smalltalk zu bequatschen. Die rosahaarige Gehörnte servierte den wenigen anwesenden Leuten köstlich duftendes Gebäck und war offenbar nicht für eine kleine Pause zu haben, aber ich konnte zum Glück noch jemanden Anderes ausfindig machen. Vom Obergeschoss, offenbar der Wohnung unseres Docs, stieg plötzlich Tsoony, die kleine Sphinx aus Tetsu-Yomis Untergrundlabor hinab, um gleich noch eine weitere Treppe in ein finsteres Terrain zu nehmen. Das zweistöckige Gebäude besaß also noch einen Keller, den ich noch nicht näher untersucht hatte. Mir kam entgegen, dass das sorglose Sphinxchen fröhlich vor sich hinpfiff. Die Öllampen an den Seitenwänden des Korridors waren in ungeschickten Abständen hintereinander positioniert, sodass ich relativ wenig in der Dunkelheit erkannte und mich an Tsoonys umherschwingender Schweifspitze orientieren musste. Die kleine Malerin trug einen schwarz-goldenen Kimono und war damit umso schwerer für mich zu erkennen, denn auch ihre langen Haare verschmolzen mit der Dunkelheit der Nacht. Als Miezekatze war ich eine hervorragende Schleicherin und konnte mich geschickt an die einzige Tür des Untergeschosses heranpirschen, die Tsoony mit einem lauten Klicken entriegelt hatte. Ein Blick hinter die Kulissen enthüllte einen ebenfalls mangelhaft beleuchteten Raum, dessen kreisförmig positionierten Lampen jedoch einen entscheidenden Vorteil genossen: In der Mitte befand sich ein großer goldener Kristall, der das Licht reflektierte und den finsteren Ort in einen wunderschönen Schimmer hüllte. Der Schweif der kleinen Sphinx zuckte neugierig, als sie den Kristall anstarrte. Irgendetwas musste darin eingeschlossen sein, doch wenn Tsoony nicht zur Seite gehen würde, blieb mir ein Blick auf sein Inneres weiterhin verwehrt.
    Leider brach mir die dunkle Umgebung das Genick, als ich versehentlich auf etwas trat, umknickte und ein schmerzerfülltes Schnaufen ausstieß: „Phyuu ...“ Bugger!




    „Oh, Elaina, suchst du die Toilette? Die befindet sich im Obergeschoss“, verriet mir die Sphinx, doch sie konnte ein Zischen aus Missgunst, von mir heimlich verfolgt zu werden, nicht unterdrücken: „Oder suchst du nur meine Nähe? Du liebebedürftiges, kleines Miezekätzchen.“ Da war sie. Die sphinxische Arroganz, die ich ihnen allen nur zu gerne aus dem Gesicht gewischt hätte. Bei einer Königin wie Kagayaku mit einem solch aufregenden Leben konnte ich sie aufrichtig nachvollziehen, aber was erlaubte es meinen Geschwistern oder dieser kleinen Pinselschwingerin, sich für etwas Besseres zu halten? Sie hatte sich nun erst recht bewusst vor dem Kristall positioniert, wodurch mir endgültig klar war, dass sie etwas verbarg. Ich erkannte meine Chance und schubste die zierliche Mieze zur Seite, um einen Blick zu erhaschen, doch der Anblick ließ mich selbst beinahe zu Kristall erstarren.
    „KAGAYAKU?“
    Eine wunderschöne Sphinx in einem weinroten und goldenen Kimono befand sich in kompletter Stasis, ihre hüftlangen, dichten schwarzen Haare fielen sanft über ihre Schultern. Wie bei den anderen Sphinxen waren ihre gebräunten Beine nicht besonders lang, doch trotzdem versprühte ihre gesamte zierliche Statur eine ungeheure Eleganz, die ihre sandfarbenen Flügel, mondsichelfrömig gekrümmt, nur noch unterstrichen. Die erstarrte Schönheit hatte ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen, doch ihre Augen waren wie im Schlaf verschlossen. Gerade, als ich ihr glitzerndes Gefängnis selbst berühren wollte, revanchierte sich Tsoony für meine rüpelhafte Neugier mit einem Ellenbogenstoß in die Niere.
    „Kyaaaah!“
    In die Hocke gezwungen und meine verletzte Flanke haltend, glitt mein Blick ab vom wie gemalten Gesicht der im Kristall eingefrorenen Schönheit und blieb an ihrem Torso haften, wo die weinroten Anteile ihres Kimonos ein sehr skurriles, unregelmäßiges Muster annahmen. Ich benötigte einige Sekunden, um zu erkennen, dass es sich hierbei um einige große Wunden handelte. Mir stockte der Atem. Mir war klar geworden, dass diese Sphinx glücklicherweise nicht Kagayaku sein konnte, denn sie wirkte ein paar Jahre älter, vielleicht um die 35, doch mir ließ diese bildschöne Lady keine Ruhe.
    Tsoony würde mir verraten müssen, was es damit auf sich hatte: „Wer ist das denn? Wieso hält der Doc eine Sphinxenlady hier unten gefangen? Weißt du, welche Angst ich hatte? Jeder würde sie zuerst für Kagayaku halten. Lass sie frei!“
    Die sonst so freundliche Sphinx blinzelte verwundert mit den Augen, brach dann jedoch in ein wütendes Fauchen aus, als sie mich umstieß und an den Boden pinnte: „Danach fragst du, aber als Arisu mit einem verstauchten Knöchel außer Gefecht war, hast du dich hier nicht blicken gelassen, hm?“ Davon wusste ich doch überhaupt nichts! Natürlich nicht … zu sehr hatte meine Aufmerksamkeit in letzter Zeit Saki oder meinen Geschwistern neben ein paar netten Erkundungen allein gegolten.
    „Yomi hat ihr unterirdisches Versteck für immer aufgegeben, weswegen wir einige ihrer wichtigsten Erinnerungsstücke irgendwo lagern müssen, bis sie sich für einen festen Wohnsitz entschieden hat.“
    „Erinnerungsstück? Das ist eine Sphinx! Was will sie mit ihr machen? Ihr Schlafzimmer dekorieren?“
    „Ja, das könnte ich mir gut vorstellen, direkt in die Mitte des Altars“, zuckte Tsoony mit den Schultern, als ob es das normalste der Welt wäre, ein hochintelligentes Wesen in einem Kristall zu konservieren.
    Mir war dieser Gedankengang absolut suspekt und deswegen wehrte ich mich, ihr Vorhaben einfach so unhinterfragt zu hinterlassen: „Soll sie sich doch selbst einfrieren! Ich hole sie da raus!“
    „Schätzchen, wenn du wüsstest, wie oft die zuckersüße Yomi sich bereits eingefroren hat, thehe~“, kicherte die Sphinx und drehte verspielt ihre beiden niedlichen Pferdeschwänzchen, um mich mit ihrem durchaus verführerischen Charme einzulullen: „Aber du holst hier sowieso niemanden aus dem Bernsteinkristall. Nicht nur, dass du es nicht schaffen würdest … selbst du würdest nicht den letzten Willen von Kaguya-chans großer Schwester so respektlos ignorieren wollen. Erstarrt in ewiger Schönheit und konserviert bis in alle Ewigkeit. So wird selbst aus einer absolut tödlichen Wunde etwas Wunderschönes. Yomi hat ihr damit ihren letzten Traum erfüllt.“
    Angsterfüllt blickte ich Tsoony an, die wiederum die kristallisierte Kaiserin von Mu anhimmelte. Kagayakus ältere Schwester, die eigentliche Herrscherin des untergegangenen Kontinents, hatte nicht zugelassen, dass ihr Körper nach ihrem Ableben zum Spielball der Natur werden würde. Wie ihr von Dialga in der Zeit gefrorenes, liebliches Schwesterchen machte sie in Stasis eine genauso entzückende Figur wie in volle Lebenskraft gehüllt. Sie sah so zufrieden aus, als ob sie ein erfülltes Leben gehabt hätte. Wie alt sie genau war, konnte ich nicht schätzen, wollte ich allerdings auch nicht in diesem Moment fragen. Setsuna wurde mir selbst jedoch von ihrer Schwester als unglaublich eitel beschrieben, und das wollte etwas heißen! Deswegen also auch dieses provisorische Mausoleum. Würde man den Kristall zerstören, wäre ihr Körper erneut allen leiblichen Qualen ausgesetzt, allen voran einer gefährlichen Wunde, wegen der sie diese Entscheidung zu genau diesem Zeitpunkt letztlich getroffen hatte.
    „Yomi ist dagegen, den Kristall Kaguya-chan zu zeigen. Sie fürchtet, es könnte ihr kleines Herzchen brechen ...“, hauchte Tsoony, die sich nun gemeinsam mit mir auf den Boden gesetzt hatte und andächtig den funkelnden Bernstein anblickte.
    Warum sie Kagayaku „Kaguya-chan“ nennte, war mir nicht ganz klar, aber erneut befand ich mich in einer Situation, in der ich das Denken zu meinem eigenen Wohle aufgab: „Ich werde nichts sagen. Versprochen, Tsoony. Das ist eigentlich total süß, wie ihr sie nach all den Jahren nicht vergessen habt.“ Plötzlich drehte sich die junge Sphinx zur Seite und verpasste mir mit ihrr Raspelzunge einen herzhaften Schlecker über mein rechtes Ohr, um danach in ein mädchenhaftes Kichern auszubrechen. Eigentlich war sie doch ganz süß, diese kleine Setsuna II, die mich verspielt mit ihren violetten Amethystaugen anfunkelte und nur auf ihre nächste Gelegenheit zur Überraschung hier unten lauerte.

  • Heißluftgenerator ist ein guter Ausdruck. Da wär's ja witzig, wenn in so einem Fall tatsächlich mal einer daneben wäre.


    Hallo! Etwas Entspannung nach der Anspannung ist schon ganz spannend, wenn es so zugeht. Den nächsten Streit hab ich ja schon erwartet und ich find's immer wieder faszinierend, wie sie sich in die Haare kriegen und welche Auslöser das hat. Meistens eigentlich Zuneigung oder Glanz und Gloria, irgendwas ist immer dabei. Man möchte kaum glauben, dass sie sich ein anderes Mal wieder wie ein Herz und eine Seele vertragen. Die Frage danach, wie viele Freunde Elaine gemacht hat, ist im Kontext auch wieder so random, dass es gut zu den Alltagsgesprächen passt. Ich erwarte da mal für die nächste Zeit keine sichtliche Verbesserung für Elaine. Als tragische Heldin ist man leider dazu verdammt, von einem Problem ins nächste zu schlittern.
    Was die Sphinx in dem Kristall angeht, frage ich mich gerade, ob ihr Name je mal gefallen ist. Als Kagayakus ältere Schwester kann das aber grundsätzlich mal nichts Gutes bedeuten, sollte sie je wieder gesund erwachen. Das steht aber eh mehr oder weniger noch in den Sternen. Irgendeinen Grund wird das hier allerdings sicher haben. Mal sehen, zu welchen Missetaten das noch führt.


    Wir lesen uns!

  • Hey na :3 Vielen Dank für das Kommentar!
    Elaine ist wirklich eine tragische Heldin, da werden noch einige Dinge für die arme Schoko-Lanie passieren, die ihr kleines Miezenherzchen belasten, buhuhuhu;w;. Ich kann das jetzt nicht zitieren, aber (gut, die Geschichte streckt sich schon eine Weile) irgendwo wurde mal gesagt, dass diese Sphinx tödlich verwundet wurde. Sie wird nicht mehr zurückkehren, lediglich ihren Körper hat Yomi in dem Kristall schützend versiegeln, die Seele jedoch, die ist nun woanders, wo man auch wirklich raten kann, wo. Btw sie heißt Setsuna. .3. Übernächstes Kapitel wird das aber wieder wichtiger, erstmal jedoch das Nächste!



    Kapitel XXI: Crime and Escape




    Nachdem es mir nicht nur gelang, Tsoonys kleines, glitzerndes Geheimnis zu enthüllen, sondern mich auch irgendwie ein bisschen mehr mit ihr anzufreunden, stand schon bald der nächste Auftritt der Kaminaris an. Statt der großen Izakaya-Kneipe diente diesmal ein anderer, eher an einem Stadtrand befindlichen Ort als Bühne für die Musiker, doch an Besuchern mangelte es auch hier nicht. Das alte Inn an der Zollstraße war zwar von offizieller Seite schon lange aufgegeben worden, doch das machte es für die nächtliche Nutzung nur noch attraktiver. Das dunkelbraune Holzgebäude verfügte über zwei Stockwerke, von denen das Obere jedoch abgesperrt war, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten. Saki hatte mich an diesen Ort eingeladen und war bereits fleißig Sake und Umeshu am schlürfen, während ich mich auf eine ranzige Tatami-Matte legte, um mit dem Blick an die Decke bei der energiegeladenen Shamisen- und Koto-Musik zu entspannen. Zwielichtige Gestalten waren in dieser Menschenmenge allemal dabei, von lüsternen Kaufleuten bis hin zu feierwütigen Prostituierten, die es mir allerdings immerhin ersparten, hemmungslos alle Hüllen fallen zu lassen. Doch nicht jeder schien vorrangig wegen der Musik oder den alkoholischen Getränken an diesem Ort eingetroffen zu sein, denn lautes Herumgekeife aus allen Richtungen signalisierte meinen ausgezeichneten Katzenohren, dass sich einige dieser „sketchy guys“ wohl in der Wolle lagen. Mittlerweile hatte sich auch Saki nach einem kleinen Tänzchen neben mir niedergelassen, doch sie schnellte nach kurzer Zeit wieder hoch, um ihren Blick auf ein Paar Streithähne zu richten.
    „Saki-chan, leg dich doch wieder hin. Lass uns dieses Erlebnis nicht von diesen Chaoten verderben“, flüsterte ich ihr liebevoll zu, doch die Brünette packte stattdessen meinen Arm, um mich als Unbeteiligte in dieses Schlamassel mit hinein zu ziehen!
    Der Grund lag eigentlich auf der Hand: „Erkennst du die Stimme nicht? Das dahinten, das ist Shuzo! Mein Bruder!“ Tatsächlich war es Shuzo, der in eine Streiterei verwickelt war, doch es war nicht sein bulliger Körper, der gegen die Holzwand gepresst wurde. Stattdessen war er es, der mit einem silbernen Kunai vor einem großen, aber schmächtigen Kerl herumfuchtelte und ihm gerade die Leviten ließ. Von dem netten Mann, mit dem ich vor einiger Zeit noch Messerwurf trainiert hatte, war in dieser Szene nichts zu erkennen. Zwar verstand ich nicht, was Sakis Bruder dem Fremden zuknurrte, doch er klang sehr verärgert!
    Trotzdem interessierte es mich, worum es ging: „Was ist das Problem, Saki-chan?“
    „Dieses Zeug wird aus Mohn gewonnen und hat die Leute im Reich der Drachen schwach gemacht. Hier ist es nicht verbreitet und mein Bruder erhofft sich, über eine Monopolstelle einen guten Batzen Geld anhäufen zu können. Oder hast du ernsthaft gedacht, dass Ninja heutzutage noch ein Beruf ist?“, erklärte mir die Brünette mit einem schelmischen Grinsen: „Und dieses Geld werde ich mir schon bald zunutze machen können.“
    „Du willst das Geld klauen?“
    „Nein, nicht klauen, doch nicht meinen eigenen Bruder! Ich werde es mir … leihen … ausborgen! Dann werde ich eine englische Handelscrew bestechen und wir können abhauen von hier!“
    „Ich habe gehört, dass der Kaiser einige junge Leute in den Westen schicken möchte, damit sie so viel Wissen wie möglich aufsaugen, wäre das nichts für ...“
    „Ausschließlich Männer! Wäre ja zu schön gewesen, aber da haben wir keine Chance.“
    Mit einem kräftigen Stoß beförderte Shuzo seinen Kunden an die Wand, sodass dieser beinahe mit dem Rücken diese hinabrutschte. Ganz mundtot war er noch nicht, denn es gelang ihm immer noch, einige abscheugetränkte Wörter auszuspeien, die Sakis Bruder zum sofortigen Umdrehen bewegten. Noch einmal am Yukatakragen gepackt und dann auf eine weitere Reise geschickt, machte der Strich in der Landschaft nun endgültig Bekanntschaft mit dem Erdboden. Meine Ohren waren angewinkelt, denn mir behagte es nicht, wie Shuzo auf dem offensichtlich Schwächeren herumhackte.
    Also trat ich vor und beschwerte ich mich: „Lass ihn in Ruhe! Er hat seine Lektion gelernt, glaubst du nicht?“
    „Nein! Er hat seit drei Wochen versäumt, seine Hausaufgaben in einfachster Händlermathematik abzugeben.“, raunte der kräftige, bärtige Ninja mich mit zusammengekniffenen Augen an. Ihm schien das Ganze sehr wichtig zu sein.
    „Vielleicht hat er einfach kein Geld!“
    „Dann soll er sich nichts bei mir kaufen, so einfach ist das!“
    „Wieso gibst du ihm dann trotzdem das Zeug? Willst du auf die Zinsen warten?“
    „Ja. Im Gegensatz zu ihm kann ich auf irgendetwas warten. Schau dir dieses Weichei doch an. Haben, haben, haben, aber sich nicht an einfachste Regeln halten ...“
    Mein bislang vorwurfsvoller Ton färbte sich nun aber endgültig in ein verärgertes Fauchen um: „Natürlich kann er nicht warten, wenn du Leute in Drogenabhängige verwandelst, nur um Profit da rauszuziehen! Hast du überhaupt keine Hemmungen?“
    Shuzos wütender Blick schwenkte zu Saki rüber, die laut hörbar aufseufzte und ihren Kopf zur Seite drehte.
    „Saki-chan!“
    Für einige Sekunden knisterte die Atmosphäre wie eine pechschwarze Regenwolke. Solch eine intensive Spannung, die meinen ganzen Körper zum kribbeln brachte, obwohl ich mich gar nicht aufgeladen hatte, erlebte man definitiv nicht allzu oft. Saki schwieg, gedachte sich aber, aus der Situation ganz simpel herauszuwinden. Sie packte meine Hand, zerrte mich durch die Menschenmengen und trat den strategischen Rückzug an!


    Sie entführte mich! Nicht im klassischen, strafrechtlich relevanten Sinne, sondern in einen durch Steinlaternen beleuchteten Kiefernwald, wo ein kleiner Schrein auf der Spitze eines Hügels trotzdem einen Blick auf das alte Gasthaus bieten konnte.
    Auf dem Holzpodest des kleinen Hauptschreins in der Mitte nahmen wir gemeinsam Platz, doch ein paar tadelnde Worte ließen nicht lange auf sich warten: „Elaine! Sag mal, bist du völlig bescheuert? Ich habe dir gesagt, dass ich dieses Geld brauche! Halt dich da einfach raus! … Außerdem … ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt, okay?“ Meine Ohren hingen enttäuscht an meinen Schläfen herunter und ich wippte immer wieder vor und zurück, während meine Knie von meinen Armen umschlungen waren. Sichtlich war ich nervös und aufgeregt, was sich durch diesen Anblick im durch den Kiefernhain scheinenden Mondlicht sicher nicht ändern würde. Mit offenen Haaren sah Saki noch bezaubernder und niedlicher aus als ohnehin schon … irgendwie … sollte ich mich wieder mehr auf unser Thema konzentrieren.
    „Elaaaaahaaaaine! Hallo! Sag mal, was ging in dir überhaupt vor? Deine Verwandtschaft zieht doch auch zur Genüge krumme Dinger ab, wo ist das Problem?“
    „Meine … was? Kannst du die mir mal auflisten? Schlimmer, als eine Gesellschaft mit diesen Teufelsstoffen unterwandern und korrumpieren zu wollen, um sich zu bereichern, kann es kaum sein!“
    „Deine Schwester macht den Sphinxenkaiser an, dein Bruder verkehrt mit einer potentiell Unerwünschten, die für die ungerechte Gesellschaft der alten Militärherrschaft steht, deine … was auch immer Kagayaku ist, zieht gleich haufenweise krumme Dinger ab und du? Du hängst mit einem Mädchen ab, das ein legendäres Pokémon versteinert hat. Kommt der Moralapostel nicht etwas spät, Süße? Ich habe dir von Shuzos 'Karriere' erzählt, weil ich dir vertraue … Lanie-chan.“
    Sprachlos blinzelte ich Saki an, senkte meinen Blick dann beschämt zur Seite. Wo war ich da nur reingeraten? Mein Onkel Claudio würde definitiv kein Verständnis dafür zeigen, dass meine Freunde gesuchte Verbrecher waren. War es richtig, mich mit diesen Menschen gut zu stellen? Für diesen Moment wusste ich es wirklich nicht, doch plötzlich schloss Saki mich in einer Umarmung ein. Dankbar nahm ich ihre Zärtlichkeit an und rieb meinen Kopf an ihrem, während sie meine Blitza-Ohren ausgiebig zu kraulen begann.
    „Myaaaa … kawaii ...“
    „Kawaii neko-chan! Süße Miezekatze, thehe~!“
    Es tat so gut, dass ich mich sogar dazu hinreißen ließ, ihr über die Wange zu schlecken, auch wenn ich mich mit den felinen Gewohnheiten bewusst immer sehr kontrolliert gehalten hatte. Saki kicherte und verlangte nach mehr Raspelküsschen, wobei ich nicht für sicher sagen konnte, dass sie im nüchternen Zustand genauso viel Spaß dabei gehabt hätte. Alles in allem war körperliche Nähe in diesem Kulturkreis nicht bei weitem so beliebt wie im Westen. Letztlich lehnten wir beide unsere Schultern und Köpfe aneinander und blickten durch das schwarze Nadelwirrwarr über uns, um den Mond und die glitzenden Sterne zwischen den Lücken zu entdecken und zu bewundern. Der Alkohol machte definitiv schläfrig … selbst ein heftig pochendes Herz wie das meine brachte er irgendwann wieder zur Ruhe! Ich fühlte mich wie von einer Wolldecke umhüllt, so warm war es mir nicht nur ums Herz, sondern um meinen gesamten Körper, so, wie ich einst in heißer Schokolade baden durfte. Ein letztes Mal leckte ich mir über die Lippen, um Sakis Geschmack irgendwie einordnen zu können. Zwar hob er sich eindeutig von der dunklen Kakaomasse ab, war jedoch definitiv ähnlich süß und köstlich.
    „Lass mich wissen, wenn … oder wann ... du mit mir abhauen willst. All das hinter uns lassen, das uns nicht glücklich macht ...“ Ich antwortete Saki nicht. Nicht jetzt. Nicht mehr heute. Nur noch an ihrer Seite einschlafen.




    Die Zeit lehrte mich, das Onkel Claudio wie erwartet alles andere als glücklich mit den Kreisen war, in denen ich verkehrte. Er wusste noch nicht einmal von der Kriminalität, doch mich egal wohin abdriften zu lassen, gefiel ihm gar nichts, sodass er sich sehr darum bemühte, mir als Nesthäkchen abendliche und nächtliche Aufträge in der absolut unmittelbaren, sicheren Umgebung aufzudrücken, während ich meine Freizeit im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten dann im Tageslicht genießen durfte. Ich fühlte mich von Tag zu Tag mehr bevormundet, während meine beiden Geschwister mittlerweile mehr Nächte woanders als in unseren Hauptquartieren verbrachten. Diese beiden de Courtenays verbringten den Großteil ihrer Zeit mit Adligen, wenn auch eher mit genau einer Person, doch dies reichte, um Onkelchen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
    Immer, wenn ich von meiner kleinen Miko-Freundin sprach, hieß es nur: „Ich traue diesen Schamanen-Scharlatanen nicht!“ Natürlich begann ich, mich irgendwann zu widersetzen und mich nicht mehr an seine Kommandos zu halten, und je mehr ich rebellierte, desto enger wurde das Korsett in das er mich einschnürte, da er sein Vertrauen in mich verloren zu haben glaubte. Von meiner Seite aus stand diese gegenseitige Bindung schon längst auf einem porösen Steinpodest. Mittlerweile war ich an dem Punkt angekommen, Saki definitiv bedingungslos zuzusagen, sobald sie eine Chance zum Abschied wittern würde. Aber was war, wenn ich mein Schicksal etwas voreilig in ihre Hände legte? Charlie und Roxy schienen momentan zufrieden mit ihren Leben hier zu sein. Ich hingegen … musste mehr und mehr das ausbaden, wofür unser Onkel sie kaum noch zur Verantwortung ziehen konnte oder sogar wollte. Ich war frei, überall hätte ich hingehen können, nur brauchte ich eine Basis für die Zukunft, die bis jetzt einfach nicht gegeben war.


    Als ich eines Abends in Docs Café ein aromatisches Heißgetränk schlürfte und plötzlich unsere Exzellenz Kagayaku Konagata in den kleinen Salon hineinschlenderte, kam mir für kurze Zeit sogar der Gedanke auf, mit ihr nach Hexalos zu reisen. Wäre das nicht auch eine Idee, die Saki gefallen könnte? Zumal die Teleportpokémon sicher eine einfachere und günstigere Reisevariante darstellen würden.
    „Arisu-chan! Deine Lieblingskundin ist zurück!“, kündigte sich die junge Monarchin mit stolz herausgestreckter Brust an, auch wenn sie in punkto Kleidung und Schmuck auf überflüssigen Prunk verzichtet hatte: „Und Elaine ist auch da, wie schön~ … das freut mich! Darf ich mich zu dir gesellen, meine kleine Schokomieze?“
    „Kagy!“
    Sofort sprang ich auf und umarmte die kleine Sphinx, raspelte ihr einmal sogar aus Übermut über die Wange … immerhin hatten wir uns länger nicht mehr getroffen, von der kurzen Begegnung am Lagerhaus mal abgesehen.
    Ich vertraute ihr den Wunsch an, es wenigstens mal versuchen, in den Westen zurückzukehren, genauergesagt in das neue Kaiserreich Hexalos. Ihre goldenen Bernsteinaugen blinzelten eine Weile, ohne dass ich nur einen Ton vernehmen konnte. Intensiv dachte sie nach, starrte eine Weile in ihren Kaffee und rührte darin, obwohl sie grundsätzlich niemals Milch oder Zucker hineinschüttete, bis sie sich letztlich wie hypnotisiert im Strudel verlor.
    „Kaaaagyyyy?“, fragte ich neugierig nach, die Ohren steil aufgerichtet und meine Hände sanft auf ihren abgelegt.
    „Lanie? … Oh, also, das ist so … vielleicht lässt sich das sogar einrichten, aber viel mehr frage ich mich, was dich dazu bewegt.“
    „Mir macht es keinen Spaß mehr, unter meinem Onkel zu arbeiten. Dann die Sprachbarriere … es ist ein schönes Land, wenn es ums Reisen geht … einige Dinge sind so viel besser als im Westen, aber trotzdem hat auch dieser seine Vorzüge, die man vielleicht erst jetzt richtig schätzen lernt.“
    „Ich habe nie verstanden, was er überhaupt von euch wollte. Er brauchte Arbeitskräfte und dachte, dass es für euch eine tolle Erfahrung sei, ins Ausland zu gehen, neues zu Lernen und seinen Horizont zu erweitern. Was auch absolut stimmt. Aber nun hast du das getan und das meiste wird nicht mehr neu, sondern zur gottverdammten Routine. Es ist ja nicht so, dass du hier eine Lebensmission hast … keine Ahnung, Verbrecher zur Strecke bringen oder so.“
    Aufdecken von Kriminalität war vielleicht nicht unbedingt meine Stärke. Da hatte sie recht.
    Meine Ahnin neigte vorsichtig ihren Kopf zur Seite und fasste nun die ein großes, schweres Backblech balancierende Alice in ihr Blickfeld, als sie mir einen weiteren Rat zu geben versuchte: „Weißt du, Schatz … so, wie ich in Alice eine kleine Yomi sehe, sehe ich in dir eine kleine Sheila. Sheila war eine große Heldin, die Monster gebändigt hat uuuund … gewissermaßen auch Oberschurken gejagt und bekämpft hat. Hexalos hatte jemanden wie sie damals gebraucht, aber … dieses Land braucht dich nicht, Elaine.“
    Erschrocken blickte sich auf, denn diese Aussage war ohne den entsprechenden Kontext etwas verletzend, um ehrlich zu sein.
    „Nein, nein, es hat nichts mit dir zu tun. Dieses Land … braucht keine einzelne Person, aber in Hexalos ist das genauso. Die absolutistischen Herrschaften exisitieren in diesen Ländern nicht mehr, also ist auch nicht mehr nur eine Hand voll Stellschrauben, die es zu drehen gilt. Sheila konnte die Macht im Land umsortieren, wenn sie die Schlüsselperson ausschaltete, doch nun liegt die Macht bei größeren Gruppen. Außerdem war Setsuna nicht wegen der Niederlage gegen Sheila als Kaiserin zurückgetreten, sondern um mich auf dem Trohn zu sehen. Das hatte also nicht direkt was mit einer Heldentat zu tun.“
    Kagayaku nahm noch einmal neu Puste und ein finales Schlückchen aus ihrer mittlerweile lauwarmen Kaffeetasse, bevor sie zum Fazit kam: „Was ich sagen will, Elaine … so ähnlich du Sheila auch bist, wird deine Geschichte eine komplett andere sein. Du kannst nicht ein ganzes Land retten, im Gegenzug erwartet es auch niemand von dir. Es gibt den Kaiser, den Shogun, den Sphinxenkaiser, eine handvoll westlicher Staaten, miiiich … du verstehst das Problem, oder? Nur diese großen Mächte können einander den Einfluss nehmen, aber keine junge Frau wie du oder Sheila … oder ein Diplomat wie dein Onkel, obwohl er dann schon eher. Du bist an nichts gebunden und ein freies Leben genießen. Stell dir nur eine Frage: Würde es mir, Elaine, an meinem neuen Ort besser gehen als hier?“
    Das war eine sehr gute Frage. Ich spülte die letzten Schlucke mittlerweile eisigen Tees meine Kehle herunter, verzog leicht angesäuert mein Gesicht und starrte an die getäfelte Holzdecke, von der ein goldenes Kronleuchterchen baumelte. Mit Gewissheit könnte ich diese Frage sicher nicht beantworten, Saki hingegen um so eher. Es … es würde ohnehin kein Abschied auf ewig sein, oder? So würde es eine weitere Nacht voller Grübeln sein, die ich mir nie wieder zurückholen könnte …