Logbuch eines Gestrandeten

  • 19. Eintrag: Gesucht - gefunden


    Was macht einen echten Forscher aus? Was für Erwartungen sind zu erfüllen, welche Bedingungen gestellt? Ist dies der mir vorbestimmte Kurs? Es ist befremdend, aus welch sonderbaren Richtungen die Winde plötzlich wehen, und das von dem einen auf den anderen Tag. Gestern noch haderte ich mit völlig grundverschiedenen Fragen, und heute … Dabei fing alles so unscheinbar an.
    Wir befanden uns auf dem Weg zur Schule - ausnahmsweise sogar überpünktlich. Cenra war besonders guter Dinge, denn sie hatte von ihrem Opa Geld statt des üblichen Pausenbrotes bekommen und sie drängte darauf, ihr kleines Vermögen gleich umzusetzen. Es ging sehr geschäftig an diesem Morgen zu. Ungewöhnlich viele Besucher waren auf den Beinen, und ausgerechnet der Marktstand mit der längsten Warteschlange fand das ungeteilte Wohlgefallen meiner Freundin. In den Mahlrädern der Zeit zermürbten allmählich die wertvollen Minuten bis zum Schulbeginn. Unter den Anstehenden erkannte ich Ampharos, den Neuling bei uns im Dorf. Gerne hätte ich ihn noch weiter beobachtet, aber als Cenra endlich den Platz an der Spitze der Reihe erkämpft hatte, war der Gast bereits längst über alle Berge. Der Zufall und ein wachsames Auge spielten uns einen Gegenstand aus Ampharos’ Besitz in die Hände. Metallisch, glatt geschliffen, silbern, mit reicher Verzierung, etwas größer als eine Brosche und mit dem Namen des Eigentümers darauf eingraviert. Die Medaille erweckte einen gewichtigen Eindruck; zu wertvoll, als dass wir das Kleinod in die Obhut dieses Halsabschneiders von einem Kaufmann geben oder gar einfach liegenlassen wollten. Die Zeit jedoch drängte. Pünktlichkeit war nur noch eine Frage von einer raschen Entscheidung. Cenra spielte mit dem Gedanken, die Situation schamlos zum Schwänzen auszunutzen, und auch ich kämpfte erbittert gegen meine Neugierde an. Am Schluss stimmten wir dann aber doch überein, ein Treffen mit Ampharos auf den Nachmittag zu verlegen - wir hatten in jüngster Zeit einfach genug Schererein mit der Schule. Dennoch hinterließen wir noch schnell unsere Namen beim Standbesitzer, nahmen gleich darauf die Beine in die Hand und schafften es gerade so pünktlich zur ersten Stunde.
    Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal solche Probleme hatte, dem Unterricht zu folgen. Ähnlich erging es auch Cenra. Ich erwischte sie wiederholt, wie sie das Medaillon aus der Tasche zog und andächtig bewunderte, einem kostbaren Schatz gleich, den man wie seinen eigenen Augapfel hütet. Unter der hellen Sonne blitzte und strahlte es dabei in allen Regenbogenfarben, was so manch fremden Blick ebenfalls darauf lenkte. War es das wert? Das Risiko? Will sagen, meine Nachbarin, der quirlige Wirbelsturm von Ruhenau, genoss noch nie den besten Ruf, ganz milde ausgedrückt. Bestimmt hatte sie sich nie einer Straftat schuldig gemacht und auch sonst steht ihr der Sinn im schlimmsten Fall allenfalls hin und wieder nach einem Jux. Aber mit einem so kostbar wirkenden Gegenstand aus fremden Besitz erwischt zu werden … Hätten die Dorfbewohner die Geschichte ohne Weiteres für bare Münze genommen? Dass der pure Zufall uns die Fundsache in die Hände gespielt hatte? Und was, wäre dem nicht so gewesen? Ja, was dann? Ich will gar nicht darüber nachdenken …
    Ampharos hatte den restlichen Tag den Marktplatz gemieden, ließ und der Händler von heute Morgen gleich nach Unterrichtsende wissen. Auch das Gasthaus war verwaist, doch unterrichtete uns Kangama, die Betreiberin der Pension, dass der Reisende ihr Haus kürzlich und mit schwerem Gepäck verlassen hatte. Abgereist? Ein Ärgernis, stimmten Cenra und ich überein. Wir sahen es als unsere Verpflichtung an, die Wertsache nicht nur aufzubewahren, sondern sie ihm zurückzubringen. Karippas und einige Dorfbewohner waren zum Glück Zeuge von Ampharos’ Aufbruch; leider Richtung Quappo-Flüsschen, ein vom Hörensagen vielleicht idyllisches Plätzchen, aber dennoch ein schlechter Spielplatz für Knirpse, und unter keinen Umständen ohne Begleitung. Ich hasse es, wenn die Erwachsenen so daherreden. Es fühlt sich an … eben als ob ich ein unbedarftes Kind sei. Was ich möglicherweise auch bin … oder nicht. Wieder quält mich die Frage der eigenen Herkunft, nach meinem Alter, wer ich eigentlich tatsächlich bin. Es kommt mir widersprüchlich vor, nicht wirklich echt. Antworten - irgendwann …
    Wir ignorierten die Warnungen, zudem ließen wir uns von Gerüchten um eine gemeine Bande von Wegelagerern keinen Wind aus den Segeln nehmen. Im Kielwasser eines günstigen Moments stahlen wir uns aus Ruhenau und setzten nach etwa halbstündiger Reise Fuß in die Region, vor der man uns so eindringlich gewarnt hatte. Etwas mulmig krankte es mir schon in der Magengegend, so unverfroren gegen das mahnende Wort der Dorfbewohner zu verstoßen. Doch dieses Gefühl verschwamm bald darauf in einem Ozean saftiger Wiesen und üppiger Flussläufe. Die Landschaft, die Atmosphäre, das unaufhörliche Sprudeln kühlen Nasses - eine atemberaubende Schönheit! Weitere Zeit bekamen wir nicht. Prompt griff man uns auf, wir gerieten in einen perfiden Hinterhalt. Ich habe sie noch gut vor mir: Drei Angreifer, blau wie das Meer, groß, mächtig, Arme dick wie Taue. Wir hatten ihnen keinen wissentlichen Grund zur Feindseligkeit gegeben, trotzdem mussten wir uns der eigenen Haut zur Wehr setzen. Zwei der drei schlugen wir wie durch ein Wunder in die Flucht, doch dann verließen uns die Kräfte. Erst ging ich in die Knie, kurz daraufhin auch Cenra. Mir war schon ganz schwarz vor Augen. In trüben Gedanken schleppten wir uns ausgeraubt und verwundet nach Ruhenau zurück, wo ein Donnerwetter auf uns wartete, als durch ein zweites Wunder Ampharos auftauchte und den verbliebenen Angreifer Mores lehrte.
    Endlich hatten wir Gelegenheit, uns zu erklären und damit außerdem Möglichkeit die Fundsache zurückzugeben. Trotz allen Ärgers ging der Retter glücklicherweise nicht allzu streng mit mir und Cenra ins Gericht - ganz im Gegenteil. Ihm war sein Verlust völlig entgangen, weswegen Dankbarkeit und Ergriffenheit ihm ins Gesicht geschrieben standen. Die Plakette, so erklärte er, habe tatsächlichen beträchtlichen Wert; weniger aber materiell, sondern vielmehr symbolisch. Sie zeichnet den Träger nämlich als Mitglied des Forscherteams aus Trubelstadt aus. Cenra verschlug es die Sprache, mehr aber noch, als Ampharos uns für Ehrlichkeit, Heldenmut und Findigkeit auszeichnete und zu Junior-Forschern ehrenhalber machte. Morgen schon soll die Einweisung beginnen. Er wird also wohl noch länger bei uns bleiben. War die Expedition zum Quappo-Flüsschen teil seiner Arbeit als Forscher?
    Ich vermute, Blanas hat mir die - natürlich erfundene - Geschichte, wie ich zu meinem Veilchen gekommen bin, nicht abgenommen. Ich hatte keine Bemühungen angestrebt, es zu kaschieren (blaues Auge auf grüner Haut - ein hässlicher Hingucker). Cenra ist ganz Feuer und Flamme und sehnt den nächsten Morgen erwartungsvoll herbei. Wahrscheinlich wird es ein ziemlicher Kraftakt, sie überhaupt zur Schule zu überreden. Ich bin mir unsicher, ob die Vorfälle von heute nun Zufall oder Schicksal waren. Unter welchem Stern wird meine weitere Reise stehen? Finde ich durch sie Antworten? Ich denke wieder zu viel nach … Ich brauche Schlaf.


    PS: Zukünftig kürzer fassen!

  • 20. Eintrag: Auf Jungfernfahrt

    Eigentlich hatte ich ja die wirklich allerletzte Schuppe meines grünen Kostüms darauf verwettet, dass der Unterricht an diesem selten trüben Tag ins Wasser fallen würde. Nicht, da alle Barometer auf Sturm deuteten, nein. Vielmehr, weil Cenras Dickschädel manchmal so unbeugsam wie die See sein kann - aber eben nur manchmal. Ihr Großvater legte nämlich ungeheuren Wert auf die Unannehmlichkeit, uns heute höchstpersönlich zur Schule zu begleiten. Ergo hatte meine Nachbarin zuhause geschwatzt, und das kaum zu knapp. Hat es ein Donnerwetter gegeben? Bestimmt. Allerdings ist es mir schleierhaft, dass Karippas die Geschichte nicht ohne Wenn und Aber als Seemannsgarn in die nächst beste Schublade steckt. Demnach muss Cenra wohl sehr glaubhaft erzählt haben. Was mich betrifft, habe ich bislang absolutes Stillschweigen bewahrt. Jetzt jedoch, wo die Nachbarschaft so umfangreich im Bilde ist … Ich denke, ich sollte besser rausrücken. Nicht mehr lange, und mir steht die Tide bis zum Hals …
    Zu meiner großen Verwunderung tat es Cenra weitaus weniger weh, ihre Zeit in der Schule abzusitzen. Ruhelos war sie, keine Frage, allerdings nutzte sie die Gelegenheit schamlos aus, um hier ebenfalls großspurig über die Ereignisse des gestrigen Tages zu berichten. Natürlich stieß sie auch hier auf Misstrauen, und man strafte sie wiederholt mit ungläubigen Blicken. Ich konnte nur dasitzen, das Haupt gesenkt und mit kochendem Gesicht. Jedes ihrer Worte musste ich über mich ergehen lassen, jede Sekunde endlos lang. Meine Gebete blieben unerhört: Als dann zu guter Letzt auch der Name Dian in den Raum geworfen wurde, war mir, als hätte man mich soeben einer Bestie mit unzähligen Fangarmen zum Fraß vorgeworfen. Erst das polternde Machtwort des Lehrers bereitete dem Spuk endlich ein Ende - die Rettung aus dem schmierigen Würgegriff des Monsters. Oh, Cenra, in was für tückische Gestaden hat dein blinder Eifer uns nur geführt …?
    Wir mussten weitaus weniger glaubhaft gewirkt haben, als es Cenra bei ihrem Großvater gelungen war. Jedenfalls trafen wir Ampharos zur vereinbarten Uhrzeit am abgesprochenen Treffpunkt an - und zwar allein, ohne eine neugierige Seele an seiner oder unserer Seite. Wir waren nervös, am meisten noch meine Begleitung, die sich plötzlich selten lakonisch präsentierte. Der Forscher nahm glücklicherweise Rücksicht und klärte uns in aller Ruhe und Gelassenheit über das weitere Vorgehen auf. Wie sich herausstellte, ist das Forscherdasein deutlich vielschichtiger, als der bloße Name Glauben schenken mag. Reine Forschungsarbeit ist dieser Tage eher selten und wird überhaupt nur von den erfahrensten Veteranen des Forscherteams in Angriff genommen. Vielmehr besteht die Aufgabe des Einzelnen darin, ein nützlicher Mitglied der Gesellschaft zu sein; helfen, wo man nur kann. Zu jenem Zweck machte er uns einer Bekannten vertraut, die zufällig gerade in der Gegend war. Sie stellte sich uns als Glaziola vor, einer jungen Dame, die in Trubelstadt eine kleine Apotheke betreibt, und zu diesem Anlass besondere Heilkräuter aus der Umgebung von Ruhenau sammelt. Der Anfang von Cenras und meiner neuen Karriere bestand darin, ihr bei besagtem Unterfangen zur Seite zu stehen. Ich will nicht von »Knochenarbeit« sprechen, aber unter der schwülen Sommerhitze und gefährlich rumpelnden Wolkendecke hatten wir schon ein schweres Kreuz zu tragen. Dennoch fühlte es sich gut an, zu helfen. Jedenfalls werde ich so schnell die Dankbarkeit in ihren strahlenden Augen nicht vergessen. Ampharos war ebenfalls mit der Arbeit seiner neuen Kadetten zufrieden und versprach, brächten wir es erst fertig, einen redlichen Namen unter unseren Freunden, Nachbarn und den anderen Dorfbewohnern zu verdienen, könnten wir uns vor weiteren Aufträgen kaum noch retten. Wir werden sehen … Ich zu meinem Teil bin jedenfalls auch mit unserem Tagwerk zufrieden. Und was Cenra betrifft … Ich habe keine Ahnung, wovor sie am heutigen Abend mehr überquoll: Erschöpfung oder Stolz. Bleibt nur zu hoffen, dass sie mit ihrem neuen Ehrgefühl besonnen umzugehen weiß.
    Im Moment schüttet es aus Eimern. Vorausgesetzt, dass es so weitermacht, dann werden morgige Forscherarbeiten bestimmt ins Wasser fallen. Genug Zeit also, damit Cenra ihre Gedanken sammeln und über ihre neugewonnene Position in der Gesellschaft sinnieren kann, auch wenn es sich dabei nur um Ruhenau handelt. Da fällt mir ein: Was treibt eigentlich einen Forscher wie Ampharos in ein so verschlafenes Nest wie dem unseren? Wäre es angebracht, ihn danach zu fragen? Oder gar frech? Vorlaut? Ich weiß es nicht. Besser, ich lasse es bleiben. Bleibt nur noch offen, wie ich all das unter einen Hut bekommen soll: Schule, Forscherarbeit und mein wahres Selbst erkunden. Wenn es nach mir gehen sollte, müssten wir längst Hochsommerferien haben. Heiß genug war es die letzten Tage auf jeden Fall.

  • Hallo,


    ich war ja schon gespannt, wie du die Connexussphäre schlussendlich umsetzt und finde die Umwandlung zum rein symbolischen Objekt als Mitglied der Forschergilde gut gelöst. Dadurch sollten in Zukunft auch keine merkwürdigen Situationen entstehen (zumindest in der Öffentlichkeit ließe sich das Gerät ja wohl nicht so gut bedienen) und darüber hinaus können die beiden auch sofort als das erkannt werden, was sie sind. Man erspart sich also praktisch einmal nachfragen. Die Begegnungen mit den Klienten werden nämlich auch so geschehen und laufen dann natürlich auch persönlicher ab, als es über die Spielfunktion der Fall ist.
    Jedenfalls kommt ja nun nach den anfänglichen Dingen langsam Schwung in die Sache. Schule ist Routine, Forscherarbeit wird es auch bald und irgendwann geht es schließlich auch weiter, um sich dem eigentlichen Problem, nämlich dem verlorenen Gedächtnis, zu widmen. Da du dies aber meist nur nebensächlich angesprochen hast, war für Dian in der Zwischenzeit wohl kaum Neues zu erkennen. Es standen einige Auseinandersetzungen und Aufgaben auf dem Plan, aber der hier dargestellte Verlauf gibt Dian und Cenra weiterhin viel Charakter. Gerade die Freude, als Junior-Forscherin anzufangen, hat ihr ja besonders gut getan. Ich bin also gespannt, ob es noch einen schwierigeren Auftrag gibt, bevor es auf die Reise geht.


    Eine Sache aber noch: Hast du das Quapsel beim Quappo-Flüsschen absichtlich weggelassen?


    Wir lesen uns!

  • 21. Eintrag: Beunruhigende Gerüchte


    Ampharos muss etwas gedreht haben oder Neuigkeiten verbreiten sich noch schneller in Ruhenau, als ich ursprünglich angenommen habe. Jedenfalls sprachen mich und Cenra heute Morgen auf dem Weg zur Schule gleich zwei Leute an und zudem einmal jemand auf dem Nachhauseweg, ob das nachgesagte Engagement für das Forscherteam tatsächlich wahr sei. Gleichzeitig gab man uns ein neues Kommando mit auf den Weg. Im Gegensatz zu der gestrigen Aufgabe empfand ich es jedoch weitaus weniger befriedigend: Nachmittagserfrischungen für die Arbeiter in der Rotomurf-Mine austragen. Doch Cenras Augen strahlten jedes Mal wie die Sterne am Firmament, wenn man sie für die ausgetragenen Essenspäckchen lobte. Ich denke, man muss wohl auch kleinere Brötchen backen können. Diesbezüglich ist mir Cenra anscheinend etwas voraus.
    Seltsame Gerüchte erzählt man sich in den Stollen. Die Kumpel in den Minen munkeln, man wisse über »geisterhafte Sichtungen«; jedenfalls berichtete die Nachtschicht davon. Auf dem Weg zum Dienst habe man durch die verlassenen Straßen Ruhenaus eine Gestalt in einem blassblauen Flammengewand schreiten sehen. Daher riet man uns, auf keinen Fall nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus zu gehen. Sind alle Bergleute so abergläubig? Man möchte doch meinen, die Arbeit unter Tage härte Körper und Geist ab. Wie kann man da ein solches Seemannsgarn glauben? Oder ist es wahr? Gespenster? Wirklich? Nicht jeder Kumpel jedoch schien davon überzeugt zu sein. Beinahe brach deswegen sogar ein Streit aus, den im allerletzten Moment nur Kangamas herzhaft gebutterte Toastscheiben zu verhindern vermochte. Am Schluss war man sich zumindest diesbezüglich einig, dass es für Kinder - gleichwohl ob Geister nun existieren oder nicht - nachts in ihren Betten zu liegen haben. Oh, wie ich es hasse, wenn Erwachsene einen so bevormunden …!
    Am Ende des Tages stand mir noch ein schwieriger Marsch bevor. Ich hatte es lange hinausgezögert, aber angesichts der Tatsache, wie schnell Neuigkeiten in Ruhenau ihre Runde machen, blieb mir keine andere Wahl, als Blanas von meiner Aktivität als Junior-Forschermitglied zu berichten. (Je öfter ich das hier lese, desto mehr klingt es mir in den Ohren, als musste ich ihn auf Knien um Erlaubnis bitten …) Beim gemeinsamen Abendessen mimte ich so sehr den Unschuldigen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich auf Blanas’ gekräuselter Stirn auf Grund lief. Also rückte ich früher, als es mir lieb war, mit der galligen Wahrheit heraus - und es war gar nicht so schlimm! Da von den Megalon seiner Meinung nach keine Gefahr mehr auszugehen schien, begrüßte er mein gemeinnütziges Engagement. Die Regeln, die er mir setzte, konnten ebenso gut von einem der Kumpel aus den Minen stammen: Das Dorf niemals alleine und zu weit verlassen, Fremden gegenüber stets mit distanzierter Vorsicht begegnen und vor Einbruch der Dunkelheit heimkehren. Es von Blanas zu hören, klang weitaus hinnehmbarer als aus dem Mund irgendeiner anderen Person. Zu viel hatten wir gemeinsam durchgemacht und ich schuldete ihm wirklich einiges, als dass ich ihm Vorwürfe für seine Sorge machen könnte. Überdies bringt er mir gegenüber großzügiges Verständnis und reichlich väterliche Liebe auf, obwohl wir einander bis vor einen Monat gar nicht kannten. Dafür bin ich sehr glücklich.


    Nachtrag: Wir haben jetzt endlich Ferien! Hoffentlich weiß Cenra die freie Zeit zu schätzen. Gerne würde ich mal ein, zwei Tage lange ausschlafen und die Füße hochlegen …

  • Hey Jens,


    dieser Part der Geschichte bleibt leider recht gut wegen seiner elend vielen Missionen in Erinnerung, die man erst absolvieren muss, bevor es weiter geht. Ich find's daher gut, dass du es entsprechend kurz hältst und bereits jetzt die Gerüchte um das Gespenst in Ruhenau aufbringst, da das im Spiel eher still vonstatten ging. In der Rotomurf-Mine kann ich mir die Verbreitung solcher Gerüchte sogar gut vorstellen, weil die Pokémon bei ihrer täglichen Arbeit immer wieder mal etwas aufschnappen können.
    Nach wie vor niedlich ist ja auch Cenras Engagement für das Forscherteam. Bei ihr erkennt man wirklich gut diese kindliche Freude, die sie bei allen ihren Taten empfindet und die sie schlussendlich auch vorantreiben. Wer weiß, vielleicht lässt sich Dian davon später ja auch noch anstecken. Besonders da nun Ferien sind, wäre das gar nicht mal so unwahrscheinlich, um sich selbst auch mal etwas abzulenken, aber ich denke mal, das wird so schnell nichts. Man kennt ja Cenras Gemüt mittlerweile und sie lässt es auch sicher nicht zu, dass Dian zu seinem Schlaf kommt.


    Wir lesen uns!

  • 22. Eintrag: Von Ruhe keine Spur


    Die letzten beiden Tage spannte mich Cenra so sehr in die Arbeit ein, dass ich erst heute Zeit zum Schreiben finde. Es fühlt sich seltsam an, in der Ferienzeit abends todmüde ins Bett zu fallen; fast schon nicht richtig. Bin ich ihr ein schlechter Freund und Teamkamerad, wenn ich zumindest für ein paar Wochentagen eine andere Auffassung von Freizeitbeschäftigung vertrete? Im Leben muss es schließlich noch mehr geben als arbeiten und in die Schule gehen! Zugegebenermaßen besaß Cenra wenigstens an diesem Ferientag etwas Nachsicht. Die meiste unserer freien Zeit verbrachten wir heute am Ruhenau-See.
    Ich bestreite nicht, den Tag nicht einigermaßen genossen zu haben, aber … jede Medaille hat eben ihre zwei Seiten. Wenn ich so darüber nachdenke - ich glaube, das halbe Dorf musste da gewesen sein. So um die Mittagszeit gipfelte der Lärmpegel in ein Gefühl von Bedrängnis und Unwohlsein. Man misste die Entspannung, weil die Geräuschkulisse einem diese ganze Fülle an Emotionen gewaltsam aufbürdete. Man fühlte sich bedrängt, es war laut, fand keine Muße. Cenras Beherztheit, einen Umweltsünder unbedingt vor großem Publikum zur Rechenschaft ziehen zu wollen, hämmerte - so gut und ehrenvoll ihre Absichten auch waren - den letzten Nagel in den Sarg. Der See stand zu besagtem Zeitpunkt in einem dystopischen Widerspruch zu dem, was er symbolisieren sollte, nämlich Ruhe, Nachdenklichkeit und Schönheit, all das und viel mehr. Ich konnte dem entrinnen - genug Platz gab es am Strand glücklicherweise -, aber es hörte auf eine völlig andere Melodie wie am Vormittag - eine disharmonische. Nächstes Mal entfliehen wir dem Ansturm besser rechtzeitig oder verlegen unseren Aufenthalt auf den frühen Abend. Ich muss lediglich Cenra dazu überreden … Bin ich deswegen eigensinnig? Unsolidarisch? Ein selbstsüchtiges Kameradenschwein und eine Spaßbremse? Ist es falsch, manchmal nur an sich zu denken? Ich leistete viel in der letzten Zeit, habe ich mir das dann nicht verdient? Der Anstand diktiert zweifellos, einen Raum leise zu betreten und ebenso zu durchqueren, um einen Schlafenden nicht zu wecken. Wo ist da der Unterschied, wo die unsichtbare Linie zum heutigen Tag? Ich sehe keinen Widerspruch in meiner Denkweise. Warum aber komme ich mir gerade nur so mies vor …?


    Nachtrag: Cenra klagt über Sonnenbrand. Es ist kaum verwunderlich, so wie uns die pralle Sonne heute geröstet hat. Sie allerdings verbrachte die meiste Zeit im Wasser, ich hingegen mehr am Strand und blieb dabei einigermaßen verschont. Farbe ins Gesicht bekommen ist anscheinend nicht allen Pokémon vorenthalten. Aber ich bin auch so schon grün genug … Ohnehin bereitet mir zurzeit eine ganz andere Sache größere Sorgen: In Ruhenau beginnen die Leute ebenfalls über Geister zu fabulieren. Steckt etwas Wahres dahinter?

  • 23. Eintrag: Überfall!


    Ein Lehrer wurde angegriffen! In der vergangenen Nacht!
    Bei einem Routinekontrollgang fand der Hausmeister unseren Klassenpauker Porenta bewusstlos auf dem Schulgelände. Es ist nur wenig bekannt, man versucht, die Dinge unter Verschluss zu halten, wohl auch zu Porentas Schutz. Aber … es wird so einiges gemunkelt. Körperlich sei ihm keine Feder gekrümmt worden, ebenso habe es der oder die Täter nicht auf weltlichen Besitz abgesehen. Es heißt allerdings, unser Lehrer sei ein geistiges Wrack. Fiebert unter Schweißausbrüchen und blassem Schnabel wiederholt etwas von »geisterhaften Erscheinungen«. Geister! In Ruhenau!
    Die Hinweise - oder sollte ich sagen »die Beweise« - verdichten sich. Die Kumpel in der Mine und die Sonnensucher am Strand hatten recht. Im Laufe des Tages bekamen wir außerdem Wind davon, dass noch mehr Leute Kenntnis von ähnlichen Sichtungen besaßen, nur hatten besagte Personen gewisse Bedenken, in der Öffentlichkeit von Geistern zu sprechen. Mit anderen Worten: Sie wollten sich nicht als abergläubige Spinner lächerlich machen. Jetzt aber, wo die mutmaßliche Wahrheit (darf man das so überhaupt schreiben? Klingt jedenfalls seltsam) ans Tageslicht gerückt ist, feuern die Gerüchte-Kanonen aus allen Rohren.
    Nach einem weiteren Tag des Müßiggangs, an dem unsere einzige Beschäftigung darin lag, den Gesprächen der Erwachsenen - ungewollt - zu lauschen, fühlt sich mein Kopf an, als hätte er schwere Schlagseite erlitten. Wenn man dem jüngsten Tratsch glauben schenken darf, ist Ruhenau unlängst von Spukgestalten unterwandert und Porenta als Außendienstmitarbeiter der Kriminalpolizei von Trubelstadt gewaltsam aus dem Weg geräumt worden. Schwachsinn!
    Ich denke, Cenra hat recht, worüber ich doch sehr dankbar bin: Wir sollten uns wirklich wieder auf die Arbeit als Junior-Forscher konzentrieren. Die knallharten Fakten der Forschungsarbeit dürften uns ablenken und für einen kühlen Kopf sorgen, es sei denn, man schickt uns morgen auf Geister-Patrouille …

  • Hallo Jens,


    gerade bei dem letzten Bericht fand ich es durchaus amüsant, dass diese Geistererscheinungen in Ruhenau auch wirklich als irgendwelche Geister dargestellt werden und nicht einfach als das Werk von Geister-Pokémon. Meines Wissens war das zwar auch im Spiel so, aber ich hab das nie direkt hinterfragt, weil es halt der weiterführende Plot war. In dem Zusammenhang darf man sich ja schon fragen, ob sich die Pokémon dessen eigentlich bewusst sind, dass es ja nur andere Pokémon sind, die für diesen Spuk verantwortlich sind. Auf der anderen Seite geschieht das in der Realität ja auch, wofür es immer einen rationalen Grund für die Ursache gibt. In diesem Sinn also Danke dafür, diesen Umstand noch einmal aufzuzeigen.
    Im Großen und Ganzen sind die Ferien also wirklich nicht entspannend, wie auch nicht anders zu erwarten und Cenra hält da natürlich auch sehr auf Trab. Als Junior-Forscher zu arbeiten hat eben doch auch seine guten Seiten in diesen Zeiten, wo jeder zu viel über diese Geister nachdenkt.


    Wir lesen uns!

  • 24. Eintrag: Wohin die Winde auch wehen …


    Heute nahmen wir Abschied von Ampharos. Oder besser gesagt: Er verabschiedete sich von uns.
    Dem reinen Zufall geschuldet, begegneten wir ihm am späten Nachmittag in voller Reisemontur, nur wenige Augenblicke vor seinem Aufbruch. Cenra und ich fielen aus allen Wolken. Natürlich war uns bewusst gewesen, dass das ruhige Landleben einen Forscher aus der großen Stadt nicht ewig halten könnte. Aber … es geschah so plötzlich. Ausgerechnet jetzt … Ich meine: Warum jetzt und nicht morgen? Zugegeben, wenn ich so darüber nachdenke: Die Gelegenheit bot sich an. Glaziola, die Apothekerin aus Trubelstadt, trat ebenfalls heute den Heimweg an. Und sie beide hatten dasselbe Ziel. Gemeinsam reist es sich eben angenehmer, keine Frage. Andererseits besaßen Ampharos und Glaziola ein denkbar schlechtes Zeitgefühl. Denn meine Freunde, Nachbarn und auch die restlichen Einwohner von Ruhenau saust der Wrack wegen dieser Geister-Geschichte. Mit einem Gesichtsausdruck und eine Gangart wie mit einem kalten, nassen Waschlappen im Nacken huschen die Leute inzwischen durch die Straßen. Jedes Lachen klingt verlogen und ist schnell verklungen. Einige fangen sogar bereits an, Vorräte zu hamstern. Als ob irgendwelche Schauergestalten die Plantagen befallen oder Handelskarawanen heimsuchen. Lächerlich!
    In Ampharos habe ich insgeheim immer etwas wie einen besonnenen Fels in der Brandung gesehen. Obwohl unsere Bekanntschaft erst von kurzer Dauer ist, lässt sein Lebewohl ein großes, dunkles Loch zurück. Ihn selbst scheint der Abschied eher kalt zu lassen. Abgebrüht? Gleichgültig? Nein, nicht Ampharos, das glaube ich nicht. Das ist eben seine Art. Auch, dass er seine beiden Junior-Forscher-Teamkollegen fast vergessen hätte. In der Stunde des Abschieds machte er uns Hoffnung auf ein Wiedersehen - in Trubelstadt. Irgendwann …
    Wie weit Ampharos und Glaziola heute noch gekommen sind? Selbst Cenra weiß nicht, wie weit entfernt Trubelstadt liegt, nur ostwärts. Übrigens: Cenra übernachtet heute bei mir. Es ist eine angenehme Abwechslung dafür, dass ich schon ein, zwei Male bei ihr schlafen durfte. Allerdings spickt sie mir beim Schreiben die ganze Zeit über die Schultern! Ich muss Schluss machen …



    PS: Finde nur ich es seltsam, dass Ampharos und Glaziola zu so später Stunde und nicht am frühen Morgen aufgebrochen sind? Wichtige Geschäfte, nehme ich an …

  • Zum letzten Absatz: Vielleicht sind sie ja keine Frühaufsteher und wollen eher die Kälte der Nacht nutzen, um zu reisen. Bei Glaziola ist das gut vorstellbar, bei Ampharos wieder weniger, aber der ist auch so oft genug ziemlich verpeilt.


    Es war aber eben auch abzusehen, dass irgendwann die Heimreise angetreten wird. Im Gegensatz zu Cenra und Dian kümmern sie die Belange Ruhenaus rund um die Geister eher weniger, denn warum sollten sie sich auch Gedanken um ein paar Hirngespinste machen? Was anderes wäre es, wenn es handfeste Beweise geben würde und selbst dann wäre nicht abgesichert, dass das von Interesse ist. Ganz interessant finde ich aber nach wie vor, wie sehr die Dorfbewohner das Thema beschäftigt. Gerüchte verflüchtigen sich ja sonst eigentlich recht schnell, aber das dürfte sie doch ziemlich auf Trab halten. Wird wohl mal Zeit für eine Unterrichtsstunde zu Geister-Pokémon.
    Und auch, wenn du es schon relativ am Anfang behandelt hast, finde ich es interessant, wie Dian wohl trotzdem in der Pokémon-Sprache sein Tagebuch schreibt. Das ist mir erst hier durch Cenras Neugierde wieder bewusst geworden.


    Wir lesen uns!

  • 25. Eintrag: Ein falsches Wort …


    Ich bin ein Idiot! Wie konnte ich mich dazu verleiten lassen, einer kindischen Mutprobe zuzustimmen? Ich hätte nichts auf Pam-Pams Provokationen geben sollen, genau so wie Cenra mich inbrünstig angebettelt, nein, angefleht hat. Was hielt mich nur davon ab, Pam-Pam den metaphorischen Vogel zu zeigen und spöttisch den Rücken zuzukehren. Mehr hätte es nicht gebraucht; das, und eine Spur von Selbstbeherrschung.
    War es Beschützerinstinkt, der mich dazu verleitete? Ich wollte lediglich, dass damit Pam-Pam aufhörte, auf Cenra rumzuhacken, nur weil sie sich davor fürchtet, das Schulgelände nachts aufzusuchen. Und sie ist noch nicht einmal die Einzige! Als Pam-Pam die Mutprobe in den Raum geworfen hatte, verhielt sich Cenra nicht weniger panisch als beispielsweise Viscora, und Schnuthelm wirkte ebenfalls deutlich blässer um die Nasenspitze als sonst. Aber diesbezüglich hat dieser Macho kein Wort verloren, nein, nicht mal eine Silbe, keinen Muckser! Ich glaube, ich wollte für Cenras Interessen, ihre Ehre, ihr Seelenwohl einstehen - und habe das Gegenteil erreicht …
    Zum Umkehren ist es zu spät. Morgen soll sich die Klasse auf dem Schulgelände zusammenfinden - natürlich bei Mitternacht, wie es sich für eine Mutprobe gehört. Niemand hat abgesagt, keine Ausnahmen. Könnte ich darauf wetten, würde ich all mein Hab und Gut auf Pam-Pams Fernbleiben setzen. Das wäre eine gelungene Blamage!
    Nach außen hin mimt Cenra die Enthusiastische, aber innerlich ist sie so brüchig wie Herbstlaub, das kann ich spüren. Und das alles nur wegen mir. Denn ich trage die alleinige Verantwortung für dieses Desaster. Was bin ich ihr nur für ein Freund!


    PS: Porenta ist mittlerweile wieder auf den Beinen. An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern, außerdem wirkt er noch etwas durch den Wind. Mir ist aufgefallen, dass die Ruhenauer ihn meiden. Hinter seinem Rücken zeigen die Leute auf ihn und tuscheln, als ob sie befürchteten, er wäre von einer fremden Macht befallen und könnte sich jeden Moment auf unschuldige Leute stürzen. Irrsinn!

  • 26. Eintrag: Um Haaresbreite


    Ich sollte schlafen gehen, abschalten, zur Ruhe kommen. Jedoch hege ich starke Zweifel daran, auch nur ein Auge zuzubekommen. Nicht heute, nicht nach dieser Nacht.
    Die Fülle an unterschiedlichen Gefühlen ist ein überwältigender Strudel, in dem ich mich gefangen fühle und darin zu ersticken drohe. Er übermannt mich, hält mich fest, es gibt kein Entrinnen. Ich fühle es ganz genau, fast so, als ob es gerade erst vor fünf Minuten passiert wäre. Wie ich mit dem Gedanken liebäugelte, mein Zimmer nicht zu verlassen. Wie Cenra und ich auf dem Weg zur Schule durch die pechschwarze Nacht irrten. Dasselbe noch einmal, diesmal zusammen mit den anderen Kindern über die beklemmende Leere des Schulhofes; bei Tage so überquellend vor Leben, des Nachts wie das weit geöffnete Maul eines ausgehungerten Ungeheuers. Und dann, als sie uns überfielen: die Kreaturen, die Ruhenau terrorisierten.
    Noch immer bin ich mir noch nicht vollständig im Klaren, wie und warum die Dinge so ihren Lauf genommen haben. Die Entscheidung, nach den zwei Vermissten zu suchen, trafen wir so schnell, wie wir zuvor das Bewusstsein verloren hatten und ohne Pam-Pam und Schnuthelm an unserer Seite wieder erwacht waren. Ich vermute, der ausschlaggebende Punkt dieser Entscheidung besitzt wenig Ehrenhaftes. Viel mehr war es die einzige Möglichkeit, noch einmal die Schlinge, die wir uns selbst um den Hals gelegt hatten, zu durchtrennen. Ja, es war kein Akt der Nächstenliebe, davon bin ich überzeugt. Den Schaden zu beheben oder zumindest zu begrenzen, stellte ein bizarrer Akt demütiger Feigheit dar. Lieber nahmen wir es in Kauf, alles zu riskieren und noch tiefer in die Geschichte verstrickt zu werden, als vor unseren Erziehungsberichten zu Kreuze zu kriechen.
    Wir, die übrig geblieben waren, Cenra, Sesokitz, Psiau Viscora und ich, verfolgten den unbekannten Feind, bis wir ihn in den alten Katakomben, die unterhalb des Friedhofs lagen, aufspüren konnte.
    Mein Stift wird von einem anhaltenden Zittern geführt. Es verfolgt mich noch immer, ist wie die langgezogenen Schatten, die uns auf den verschlungenen, nasskalten Pfaden des spärlich beleuchteten Gemäuers begleitet hatten. Es überdauerte, als wir uns nach schier endloser Irrfahrt mit dem Mut der Verzweiflung dem Feind stellten und obsiegten. Dass es uns gelang, in einem hoffnungslos unterlegen Gefecht die Oberhand zu gewinnen und die beiden Vermissten zu retten, grenzt für mich immer noch an ein Wunder. Die Wesen, die den Frieden Ruhenaus torpediert hatten, erklärten sich damit, von Gefühlen wie Ungewissheit und Furcht zu zehren. Nur so könnten sie überleben - verabscheuungswürdig. Aber mit meiner Meinung stehe ich auf verlorenem Posten.
    Cenra - wie kann sie das alles nur so verharmlosen, wie nur so unbekümmert sein, und vor allem: so nachsichtig? Ich kann es nicht einfach so hinnehmen, will es nicht. Nur Sesokitz sieht die Dinge ähnlich, doch auch sie zeigte sich angesichts der späten Stunde irgendwann tolerant. Somit wird Ruhenau auch weiterhin Opfer von Lug und Trug. Und einzig das Wort der Verantwortlichen, sich in Zukunft etwas zu mäßigen, gibt vage Garantie, dass es soweit nie wieder kommen wird. Es ist unbefriedigend.
    Es dämmert schon fast. Vielleicht finde ich jetzt, nach meiner Beichte, doch noch etwas Ruhe. Zumindest fühle ich mich etwas besser. Dennoch werde ich mehr Zeit brauchen, um die Dinge zu verarbeiten. Ich sehne mich nach einem ganz bestimmten Ast, unten am Ruhenau-See. Allein.

  • Hallo,


    auf den Eintrag mit den Katakomben habe ich schon gewartet, da der in vielerlei Hinsicht etwas Neues mit sich bringt. Nachts rauszuschleichen kennt man ja, aber ich find's deswegen gut, weil Dian das Handeln der Geist-Pokémon tatsächlich in Frage stellt. In RPGs zeigen die Protagonisten dem Feind ja in der Regel Vergebung, was nicht selten deswegen paradox ist, weil es manchmal aufgrund der Situation nicht wirklich nachvollziehbar ist. Hier ist es dasselbe: Die Geister sind sich ihres Treibens und ihrer Gewohnheiten bewusst und wer weiß, wann das nächste Mal etwas in diese Richtung eintreten wird. Die Sichtweise fand ich sehr erfrischend.
    Ansonsten mag ich die durchaus mutigen Kompromisse der Pokémon. Quasi aus Verzweiflung nach ihren Schulkollegen zu suchen kann töricht sein, aber es zeigt auf der anderen Seite den Zusammenhalt aller, obwohl sie sich manchmal in die Haare kriegen. Das ist etwas nicht Selbstverständliches.


    Wir lesen uns!

  • 27. Eintrag: Trotz


    Man kann davon denken, was man will: Wir sind keine Helden. Je mehr Zeit ich mit Nachdenken verbringe, desto mehr fühle ich mich in dieser Einschätzung bestätigt.
    In den letzten drei Tagen hatte ich hier, auf meinem Ast, unten am Ruhenau-See, einige Besucher. Cenra gehörte natürlich auch dazu. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass sie nicht die Erste war, aber Psiau und Sesokitz kamen ihr zuvor. Mir ist bewusst, dass selbst die längst Denkpause nichts an der Einstellung der beiden ändert, aber … insgeheim hatte ich es dennoch gehofft! Von unserem lebensmüden Haufen ist Sesokitz die Einzige, die den Ausgang unseres halsbrecherischen Abenteuers - zumindest im Ansatz - kritisch beäugt. Psiau dagegen … Wer kann schon wissen, was sich hinter ihrem starren Blick verbirgt. Wenn ich aber so darüber nachdenke, fühlt es sich doch gut irgendwie gut an, die beiden im Widerspruch vereinten Freundinnen zu sehen. Der Gedanke, dass eine Freundschaft nicht an einer unterschiedlichen Meinung zerbricht, ist meine Stütze. Ich hoffe, Cenra denkt da ähnlich. Sie wirkte sehr enttäuscht, als ich ihr erklärte, dass ich ein paar Tage Auszeit bräuchte. Natürlich hatte sie gebohrt, und das nicht zu knapp; am ersten und auch am zweiten Tag. Ist es so verwerflich, so schwer nachzuvollziehen, auch mal ein wenig allein sein zu wollen? Ich würde es in ihrer Lage verstehen - denke ich zumindest. Ich meine, sie besitzt doch kein Monopol über meine Zeit! Ich darf doch auch tun, was ich will! Wieso … wieso denke ich wieder so viel darüber nach, was andere über mich denken …? Und wieso rechtfertige ich mich die ganze Zeit? Das flaue Gefühl in meinem Magen während ich diese Zeilen aufsetze, spricht mir weder Mut noch Bestätigung zu. Vielleicht bin ich doch etwas zu streng mit ihr …
    Pam-Pam und Schnuthelm gehören ebenfalls zu meinen Besuchern. Es überraschte mich doch sehr, als sie gestern unter dem Deckmantel, über das schöne Wetter reden zu wollen, bei mir aufkreuzten. Es war viel guter Wille vonnöten, am Ende aber entschuldigten sich beide für ihr gelegentliches rüdes Verhalten. Sie - entschuldigten - sich. (Das muss ich hier unbedingt hervorheben.) Ich kann noch immer die tiefe Schneise sehen, die Pam-Pam in den Boden gebohrt hat, bis er endlich genug Mut (oder Überwindung) fand. Beide wollen uns in den nächsten Tagen etwas bei Cenras und meiner Forscherarbeit helfen. Ich kann es gar nicht erwarten, Pam-Pam etwas zu scheuchen!
    Es ist jetzt der dritte Tag ohne einen weiteren nächtlichen Übergriff. Die Ruhenauer scheinen aber noch fern von ihrem gewohnten Alltag zu sein. Es trägt nicht unbedingt positiv dazu bei, dass ein Reisender, der gestern im Gasthaus eingekehrt ist, ein beunruhigendes Gerücht verbreitet hat. Angeblich soll es jenseits des Meeres Sichtungen von Pokémon geben, die zur Salzsäule erstarrt wurden. Versteinert - was zur Hölle geht nur vor sich?