The Forgotten Heroes (Percy Jackson)

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  • "Drum folget diesem Ruf, oh Helden,
    die ihr vergessen seid vom Ruhm,
    denn nur ihr könnt entgegentreten
    was in Schatten und Vergessenheit ruht."


    Vorwort
    Herzlich willkommen zu einer Neuauflage einer alten Fanfiction! Es ist jetzt drei Jahre her, da habe ich angefangen, eine Fanstory zur Percy Jackson Reihe zu schreiben, doch schon bald hat die sich im Sand verlaufen und endete wie so viele meiner Geschichten im Archiv. Vor kurzer Zeit erschien ein neues Buch von Rick Riordan, dem Autor der Reihe, und nachdem dieses fertig gelesen war verfiel ich wieder in die alte Euphorie. Ich erinnerte mich an diese alte Geschichte, las sie erneut und stellte fest, dass ich alles andere als zufrieden damit war. Und bevor ich mich versah, plante ich in meinem Kopf schon eine Neuauflage. Doch dieses Mal mache ich nicht denselben Fehler, einfach blind ins Geschehen zu schreiben. Dieses Mal ist alles vorher zumindest grob geplant.


    Im Vergleich zu alten Version der Geschichte hat sich einiges verändert. Charaktere haben ein neues Aussehen und andere Persönlichkeiten erhalten, die Storyline wurde geändert, und, und, und. Es wird also auch für diejenigen unter euch, die vielleicht die alte Fanfiction noch kennen, nicht langweilig werden.



    Zwei Jahre nach den großen Titanenkriegen schien der Frieden wiederhergestellt worden zu sein. Doch gerade, als Ruhe einkehrte, droht der Welt eine erneute Katastrophe und die Menschheit steht vor dem drohenden Abgrund.
    Die Götter selbst können nicht kämpfen. Sie brauchen Helden, die zurückbringen, was verloren ist, und bekämpfen, was in jedem Herzen lauert. Eine verlorene Prophezeiung scheint sich zu erfüllen, und dieses Mal liegt es an denen, die nicht mit Ruhm geschmückt sind. Es ist ihre Chance, sich zu beweisen.
    Doch der Weg ist gepflastert mit Gefahr und Verrat. Und der Kampf gegen die uralten Mächte droht alles zu verschlingen.


    Genre
    Urban Fantasy


    Copyright
    Die Percy-Jackson Reihe stammt aus der Feder von Rick Riordan. Charaktere und fiktive Orte, die in dieser auftauchen, gehören also ihm. Einige Charaktere wurden von mir erstellt, und sind daher als mein Eigentum zu betrachten. Ich bitte darum, dass diese Story nicht ohne mein Einverständnis weiterverbreitet wird.



    Alterbeschränkung
    Da es im Laufe der Story zu einigen Kämpfen und dementsprechend auch Wunden kommen werden und ich plane, darauf auch genauer einzugehen, wird sie nicht für junge Leser geeignet sein. Daher gebe ich schon hier eine Warnung heraus und empfehle sicherheitshalber eine Freigabe ab 16.


    Benachrichtigungen
    Katoptris



    Kapitelübersicht


    Prologue: Die Mondscheinsonata
    Chapter 1:Take me home to your arms
    Chapter 2: Follow you down
    Chapter 3: Cumulonimbus
    Chapter 4: Solitary
    Chapter 5: Golden
    Chapter 6: After-Theft-Party
    Chapter 7: Dance-Aholics
    Chapter 8: Missing Data Found
    Chapter 9: Misfired



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  • Charaktere


    Hinweis: Es ist nicht zwingend notwendig, die Kurzsteckbriefe zu lesen. Sie enthalten nur wenige Informationen, werden aber im Verlaufe der Story angepasst und könnten daher Spoiler enthalten. You have been warned!







    Glossar


    Hier werden kleine Erklärungen zu den mythologischen Figuren und Gegenständen, die in der Fanfiction auftauchen, festgehalten. Beware the spoilers!







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  • Prologue: Die Mondscheinsonata



    Sehr verehrtes Memoire meiner peinlichsten Gedanken,


    du hast es schon wieder geschafft. Ein weiteres Jahr hast du deinen Weg in meine Hände gefunden. Ein weiteres Jahr muss ich Interesse an dir heucheln und dem Drang widerstehen, dich einfach aus dem Fenster zu werfen. Oder dich zu zerreißen. Oder anzuzünden. Oder in einen See zu schmeißen.
    Du verstehst schon, was ich meine.


    Ich denke, dir müsste mittlerweile klar sein, dass du mein persönliches Downlight des Tages bist. Dummerweise bin ich dich auch die letzten paar Jahre nie losgeworden und selbst wenn mir dieses Kunststück gelingt, ohne dass Mom davon mitbekommt, würde die mir im nächsten Jahr einfach ein neues kaufen und mir sagen, dass ich etwas vorsichtiger sein soll. Dementsprechend muss ich mich wohl damit arrangieren, dass auf allen deinen vorherigen Seiten schrecklicher, pubertärer Unsinn steht, der mich auf ewig verfolgen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass, wenn ich sterbe, dich nie jemand zu Gesicht bekommt. Könnte sonst echt peinlich werden.
    Die gute Nachricht ist, dass ich das fürs nächste Jahr auch nicht werde. Dich zu Gesicht bekommen, meine ich. Denn es ist wieder diese Zeit des Jahres. Und das bedeutet für dich, dass du in irgendeinem Staufach vor dich hin schimmeln wirst.
    Bevor das allerdings passiert, muss ich zumindest einen kleinen Alibi-Bericht verfassen. Mom mustert mich aus dem Augenwinkel nämlich verdammt misstrauisch. „So ein Tagebuch ist äußerst nützlich“, hatte sie mir gesagt, als sie mir dich geschenkt hat. „So wirst du nie etwas Wichtiges vergessen.“
    Stimmt. Und genau das ist das Problem. Ihr Blick wurde gerade noch etwas kritischer, weil ich dich im Takt der Musik, die aus unserem Radio plärrt, gegen das Armaturenbrett geschlagen habe. Tut mir Leid, hatte vergessen, dass du ein lebendiges Wesen bist. Hups.


    Wie auch immer. Alibi-Eintrag Nummer 6.


    Es ist der 5. März, und drei Uhr zweiundzwanzig, zeigt zumindest unser Radiodisplay an. Ja, es ist mitten in der Nacht. Eigentlich würde ich schon längst schlafen, aber um ganz ehrlich zu sein konnte ich das schon seit knapp drei Tagen nicht mehr wirklich. Ich war schrecklich aufgeregt, endlich wieder zurückzukommen.
    Nicht, dass die Reise quer durch Europa schlecht gewesen ist, ganz im Gegenteil. Aber es tat einfach gut, wieder ins Camp zu kommen.
    Mom rast über den alten Montauk Highway. Hier und da leuchtet eine Straßenlaterne, aber ansonsten ist alles still. Kein Wunder, niemand, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde um halb vier in der Nacht in einem Wohnmobil auf den Highways von Long Island durch die Gegend rasen. Außer uns natürlich. Und ich gebe es zu, das liegt vor allem an mir. Mum hätte am liebsten noch die Nacht über Rast eingelegt, aber jetzt, so kurz vor dem Ziel, war meine Aufregung einfach zu groß. Vielleicht habe ich auch etwas gequengelt, dass wir noch weiterfahren. Aber auch nur vielleicht.


    Das weiße, geräumige Wohnmobil hüpfte ein wenig, als es über eine Delle im Highway jagte. Das Mädchen im Beifahrersitz fluchte leise.
    „Jetzt habe ich mich verschrieben“, gab sie murmelnd Auskunft, aber die ältere Frau neben ihr reagierte gar nicht erst. Ihre Augen, blutunterlaufen vom mangelnden Schlaf, waren fest auf die schwach beleuchtete Straße vor ihr gerichtet. Ihre Hände fest am Steuer drückte sie das Gaspedal für den Geschmack ihrer Tochter ein wenig zu sehr durch. Und obwohl sie so konzentriert war, summte sie noch immer das Lied im Radio mit.
    Um die Tachoanzeige nicht länger anstarren zu müssen- 130 Kilometer pro Stunde auf einer so holprigen Straße war doch ein wenig beängstigend- richtete die Jüngere ihren Blick aus dem Seitenfenster. Sie sah nicht wirklich viel, dicke Wolken am Himmel blockten sämtliches Mondlicht ab und mittlerweile wurden die Straßenlaternen so spärlich, dass nur noch alle zwanzig Sekunden eine auftauchte.
    „Schon aufgeregt, Feliz?“, fragte ihre Mutter in die Klänge eines merkwürdigen achtziger Jahre Remixes hinein, den sie versuchte so gut es ging auszublenden.
    Feliz nickte langsam, den Blick noch für einen kurzen Augenblick aus dem Fenster gerichtet. Dieses Mal lag er allerdings auf dem Seitenspiegel. Auch hinter ihnen war absolute Schwärze und kein Anzeichen von irgendetwas auch nur ansatzweise Lebendigem. Es beruhigte sie ein wenig, was eigentlich bescheuert war. Nur, weil sie es nicht sehen konnte, hieß das nicht, dass auch wirklich nichts hinter ihnen war.


    Als Feliz das Schild einer Ranch wiedererkannte, bemerkte sie, wie das Wohnmobil stetig langsamer wurde. Das rhythmische Klacken des Blinkers drang zu ihr herüber und ihre Mutter kurbelte wild am Lenkrad. Sie bogen vom Highway ab, rauf auf eine kleinere, noch hügeligere Strecke, was überraschenderweise tatsächlich möglich war. Dieses Mal beschleunigten sie nicht mehr so stark, denn das hätte die Federung des Wagens wohl kaum überstanden. Hinten im Wohnbereich klapperten in den Staufächern die Teller, aber die hatten diese Reise schon die letzten sechs Jahre ausgehalten, also würden sie das auch dieses Mal. Immer mehr Bäume reihten sich am Straßenrand nebeneinander, bis sie komplett vom Wald umgeben waren. Feliz atmete aus. Bald waren sie da.


    Sie klappte das Tagebuch in ihrer Hand zu und schob es ins Handschuhfach, aus dem sie auch gleich eine Packung Kaugummi herausnahm, die sie sich in die Hosentasche stopfte.
    „Den Weg kennst du noch?“, wandte sich ihre Mutter an sie.
    „Es ist doch erst ein halbes Jahr her“, erwiderte Feliz.
    Nach einem drängenden Seitenblick der junggebliebenen Frau nickte Feliz beschwichtigend, was sie scheinbar zufrieden stellte. Das Mädchen drehte an den Knöpfen der Klimaanlage herum, bis ein stetiger, lauwarmer Luftstrom ihr die goldblonden Haare aus dem Gesicht blies. Ihr graute es bei der Vorstellung, dass sie gleich aus dem schönen, warmen Wohnmobil aussteigen und sich durch den Wald um sie herum kämpfen musste. Für März war es selbst an der Ostküste verdammt kalt und das würde den Weg nicht einfacher machen.
    Gerade rechtzeitig sah Feliz am rechten Straßenrand ein unscheinbares, kleines Schild. Die Buchstaben darauf sahen aus wie einer dieser kaum lesbaren Wordschriftarten, kantig und bis zur Unkenntlichkeit stilisiert. Dass es dazu noch in einer anderen Sprache geschrieben war, war dadurch erst einmal zweitrangig. Vor Feliz Augen sprangen die Buchstaben jedoch im Takt der grässlichen achtziger Musik hin und her, verbogen sich und bildeten dann die Worte, auf die sie so lange gewartete hatte.
    „Wir sind da“, stieß sie aus und konnte nicht verhindern, dass sie ein wenig lächelte. Ihre Mutter brachte den Wagen mit einem leisen Quietschen zum Stehen.
    Für eine Weile schauten beide nur durch die Frontscheibe auf den Teil der Straße, der von den Scheinwerfern beleuchtet wurde. Keine der beiden Frauen bewegte sich. Im Radio lief mittlerweile ein schnulziges Liebeslied, das Feliz nach kurzem Zögern leiser drehte. Dieses Lied übertrat die Grenze zur musikalischen Folter um mehrere Kilometer…
    „Also gut“, stieß die Jüngere aus und wandte den Kopf herüber zu ihrer Mutter. Sie tat es ihr nach und für einen Moment starrten sich die beiden nur gegenseitig in die bernsteinfarbenen Augen. Feliz sah, wie sich ihre Mutter zu einem Lächeln zwang, aber sie wusste ganz genau, wie sehr es ihr jedes Mal wieder das Herz zerriss, ihre Tochter in die Obhut anderer Leute zu geben. Sie fand es etwas albern, wo sie doch schon siebzehn war und es bereitete ihr ein schlechtes Gewissen… Aber gleichzeitig konnte sie nachvollziehen, warum. Es war das gleiche Gefühl, dass sie jeden Tag hatte, den sie mit ihr zusammen verbrachte. Sorge darum, dass ihr etwas zustoßen könnte.
    „Ich melde mich bei dir“, versprach Feliz, fummelte am Verschluss des Sicherheitsgurtes herum und ließ ihn zurück in die Halterung schnellen. Ihre Mutter brachte ein Nicken zustande und atmete dann betont ruhig aus. Sobald ihre Tochter weg war, würde Helen Benett das Wohnmobil zu ihrem Haus in einem der Vororte New Yorks fahren, ihn dort abstellen und das nächste halbe Jahr nicht mehr ansehen. Sie würde wieder ihrem geregelten Leben nachgehen, reichen Kids beibringen, Klavier und Geige zu spielen, und ab und an ein Konzert geben. Sich weiterbilden und neue Bücher holen, damit sie ihrer Tochter beim nächsten Zusammentreffen all den Stoff, den sie über das Schuljahr verpasst hatte, nachträglich beibringen konnte. Der Geruch ihrer Tochter würde bald verschwinden und dann wäre sie wieder eine ganz normale Sterbliche. Dann wäre sie wieder in Sicherheit.
    Zumindest so lange, bis ihre Tochter sie anrief und ihr sagte, ihre Mutter solle sie abholen. Dann würde sie alle wichtigen Sachen zusammenpacken und her rasen, und sie würden durch Amerika fahren oder Europa. Vielleicht war nächstes Mal auch Asien dran, das entschieden sie meist spontan.


    Jetzt kämpften sich beide Frauen aus ihren Sitzen, streckten die von der langen Fahrt steifen Beine und bewegten sich in den hinteren Teil des Wohnmobils. Während Helen die zum Bersten gefüllten Sporttaschen aus einem Staufach unter einem der Betten herausholte, öffnete Feliz den Wandschrank und zog ihre Wintersachen heraus. Sie schlüpfte in die braunen, hohen Wanderschuhe, zog eine dicke Winterjacke und einen Schal an und dann noch eine Wollmütze über die Ohren und Handschuhe über die Finger.
    Ihre Mutter lehnte an der Tür zum kleinen WC und betrachtete sie mit einem traurigen Lächeln.
    „Du bist groß geworden, seit ich dich das erste Mal hier hergebracht habe“, flüsterte sie und richtete ihrer Tochter die Mütze.
    „Das ist ja auch schon sieben Jahre her“, gab die zurück und ließ es über sich ergehen. Die Abschiede von ihrer Mutter wurden nie wirklich einfacher. Aus Mangel an anderen Beschäftigungen wandte sich Feliz ihren Taschen zu und überprüfte ein letztes Mal, ob alles Wichtige darin war.
    Sieben Jahre… Es kam ihr wesentlich kürzer vor, aber das Lederband um ihren Arm bewies ihr, dass es tatsächlich schon sieben lange Jahre waren. Mehrere bunte Perlen hingen am Band, mit kleinen, feinen Zeichnungen darauf, jede ein kleines Kunstwerk. Von diesen sieben Jahren hatte sie nicht mal ansatzweise alles mitbekommen, immerhin verbrachte sie immer mindestens die Hälfte der Zeit außerhalb des Camps, aber wenn sie sich vorstellte, dass sie das erste Mal mit zehn dort gewesen war… Es hatte sich vieles verändert.


    „Pass auf dich auf, ja?“ Helen malträtierte ihre Unterlippe mit den Zähnen, zwang sich aber wieder, tapfer zu lächeln.
    „Du auch“, antwortete Feliz leicht nuschelnd. Dann, deutlicher: „Lass dich nicht von den Monstern fressen.“ Sie drückte ihrer Mutter die Zeigefinger in die Seite, was die mit einem kurzen, hellen Aufschrei quittierte. Beide schauten sich für einen Moment stumm lächelnd an, dann warf sich Feliz die beiden Sporttaschen und den Rucksack über die Schulter und drückte die Klinke der Wohnmobiltür herunter. Eisig kalter Wind drang herein und blies ihr die Haare aus dem Gesicht. Leicht fröstelnd wandte sie sich ein letztes Mal ihrer Mutter zur.
    „Ich hab dich lieb“, sagte die.
    „Ich dich auch.“
    Helen drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und strich ihr ein letztes Mal über die sonnengebräunte Wange.
    „Ich bin dann weg“, gab Feliz bekannt und nach einem wehmütigen Nicken ihrer Mutter schlüpfte sie durch die Tür. Helen beobachtete, wie ihre Tochter durch den Schein der Scheinwerfer über die Straße huschte und dann, mit einem letzten Winken, zwischen den Bäumen verschwand. Helen blieb alleine im Wagen zurück, rieb sich frierend über die Arme und drängte die Tränen zurück.
    Fünf Minuten stand das Wohnmobil noch auf der Straße. Dann wurde der Motor wieder angelassen, der Wagen wendete mitten auf dem Weg und rauschte in die Dunkelheit davon.


    Je weiter sie sich durchs Dickicht schlug, desto mehr verfluchte sich Feliz dafür, dass sie so ungeduldig gewesen war. Am Tag hätten sich zumindest ein paar Sonnenstrahlen durchs Geäst verirrt, aber jetzt gerade sah sie so gut wie nichts, weswegen sie regelmäßig saftige Flüche ausstieß, wann immer sie stolperte, und schon der erste Katzer quer über ihre Wange verlief, als ihr einer der Äste genau ins Gesicht geklatscht war. Der vom Schneematch aufgeweichte Boden machte es auch nicht wirklich einfacher vorranzukommen, und noch dazu gab er eklige Geräusche ab. Feliz hasste den Winter. Viel zu kalt und viel zu wenig Zeit, in der die Sonne schien. Ohne die Sonne fehlte ihr etwas, hauptsächlich Energie, auch wenn sie das ungern zugab. Sie hasste den Gedanken, dass ihr Vater sie so sehr beeinflusste.


    Sie stolperte wieder und rettete sich gerade noch davor, mit dem Gesicht den Schneematsch zu begrüßen, dieses Mal wegen einem quer liegenden Baumstamm. Jetzt reichte es! Sie würde gleich morgen eine Petition einreichen, dass hier endlich mal ein ordentlicher Weg angelegt wurde. Er musste ja nicht sofort an der Straße beginnen, aber das hier war echt nicht zum aushalten!
    Ein Knacken im Unterholz, das ausnahmsweise nicht von ihr stammte, ließ Feliz innehalten. Mit einem vorsichtigen Blick nach rechts entdeckte sie zwei riesige, gelbe Augen, die sie intensiv anstarrten und gefährlich nah waren.
    „Peleus?“, entkam ihr, als sie sich aufrichtete und die Augen zusammenkniff, um besser sehen zu können. Das brachte zwar nicht wirklich etwas, aber das ging Feliz erst später auf.
    Für einen Moment geschah nichts, dann tanzten Flammen aus den Nüstern des Wesens und erhellten die roten Schuppen der riesigen Echse für einen kurzen Augenblick. Der gigantische Leib des Drachen war um einen Baum geschlungen, der bis hoch in den Himmel wuchs.
    Über Peleus Kopf strahlte schwach etwas im letzten, trockenen Laub der Baumkrone. Goldenes Licht schimmerte zwischen den Ästen hervor und erleuchtete schwach die dunkle Rinde. Feliz lächelte. Jetzt wusste sie zumindest, wo genau sie war.
    Vorsichtig und leicht gebückt bewegte sich das Mädchen von dem großen Drachen weg, den Blick fest auf ihn gerichtet und bemüht, keinen Ton von sich zu geben. Je mehr Distanz zwischen ihnen lag, desto mehr schien sein Interesse an dem Eindringling zu schwinden, bis die leuchtenden Augen in der Dunkelheit verschwanden und nur noch das ferne Schimmern im Baum übrig blieb. Feliz wandte sich nach links um und setzte ihren Weg fort.


    Jetzt, wo sie wusste, wo sie war, bewegte Feliz sich sicherer und schneller vorwärts. Die Freude, bald da zu sein, trieb sie immer schneller an. Sie drückte tiefe Äste aus dem Weg und sprang über Steine und Matschhügel, bis sie in der Ferne einen leichten Anflug von Helligkeit sah. Sofort hielt sie darauf zu.
    Als sie aus der letzten Reihe Laub- und Nadelbäume hervorbrach, da erhob sich direkt vor ihr, umgeben von Gebüsch und Ranken aus Stein, die sich um sie schlangen, zwei marmorne Säulen. Sie hätten eigentlich fehl am Platz wirken müssen, ein Relikt aus längst vergangener Zeit, aber der Stein war poliert und ohne ein Anzeichen von der Witterung, dem er ausgesetzt war. Die Säulen trugen einen Querbalken, auf dem die gleichen Buchstaben in der gleichen, stilisierten Word-Schriftart standen, wie schon auf dem Schild am Straßenrand. Etwas außer Atem blieb Feliz darunter stehen und als sie hochsah, tanzten die Buchstaben zum Takt ihres Herzschlages hin und her. Erst als sie nur noch leicht vibrierten, konnte das Mädchen sie lesen.


    CAMP HALFBLOOD


    Unwillkürlich musste Feliz lächeln und das Herz in ihrer Brust pochte laut.
    Sie war zu Hause.

  • Chapter 1: Take me home to your arms


    Nachts durch das Camp zu laufen war eine seltsame Erfahrung. Tagsüber erleuchtete die Sonne jeden Winkel, leichter Wind rauschte durch Bäume und Gebüsch, Dryaden und Nereiden lugten kichernd und neugierig aus Wald und Wasser hervor, überall waren Demi-Götter und trainierten Bogenschießen oder Schwertkampf oder kletterten die Wände über dem Lavabecken hoch. Das Tal brummte geschäftig und der Duft von wilden Kräutern, Wasser, Erdbeeren und hin und wieder kokelndem Halbgott verbreitete sich darin. Das Camp war beinahe lebendig.
    In der Nacht dagegen wirkte es geradezu bedrohlich.


    Feliz huschte über die Kieselsteinwege, jeder Schritt brachte den Untergrund zum Knirschen. Wind pfiff ihr um die Ohren, schien sie zurück in die Wälder ziehen zu wollen, so stark, dass sie sich dagegen stemmen musste. Überall um sie herum herrschte Stille. Viel schlimmer waren allerdings die Momente, in denen neben oder hinter ihr im Gebüsch ein Knacken oder das Schaben von Krallen auf Stein zu hören waren. Einige Male sah sie aus dem Augenwinkel schnelle Bewegungen. Sicherheitshalber lag ihre Hand auf einem kleinen Dolch an ihrer Seite. Die meisten Monster würde sie verscheuchen können bevor es überhaupt zu einem Kampf kam. Darauf anlegen wollte sie es aber nicht. Sie war müde und kraftlos und die Taschen auf ihrem Rücken und an ihren Seiten machten es ihr unmöglich, im Notfall schnell auszuweichen.
    Zumindest auf den Wegen konnte sie noch etwas erkennen. Laternen standen in regelmäßigen Abständen daran, die weißlichen Flammen darin waren ganz offensichtlich magisch und hielten alles, was im Wald lebte, auch genau da zurück.


    Je weiter sie lief, desto ruhiger wurde Feliz. Sie war jetzt beinahe in der Mitte des Camps angekommen, und selbst in der Dunkelheit wusste sie genau, wo sie war, ein tröstlicher, beruhigender Gedanke. Nicht mehr weit zu den Hütten. Im schwachen Licht des Mondes, der nur dem Tal Licht spendete, konnte sie die Fassade des Haupthauses sehen, das mit seinen vier Etagen selbst über die Baumwipfel herausragte. Jetzt, nur im Mondschein, wirkte es silbrig weiß, aber morgen schon hätte es wieder die gewohnte, babyblaue Färbung. Feliz verharrte einen Moment. Im Erdgeschoss drang Licht zwischen den Vorhängen hervor.
    Sie wandte sich von dem Weg zu den Hütten ab und folgte dem zum Haupthaus.


    Im Inneren der Hütte knisterte munter ein violettes Feuer, das gierig die Holzscheite im Karmin verschlang. Bunter Rauch waberte den Schornstein hoch, bedeckte die Steine darin mit einem seltsam schimmernden Belag.
    Direkt vor dem Karmin stand ein Ottomane bezogen mit rotem Samt, darauf lagen die massigen Beine eines kleinen, dicklichen Mannes. Sein Oberkörper dagegen versank im dazugehörigen Sessel, das Doppelkinn lag auf seiner Brust und seine Hände trommelten auf seinem von einem Hawaiihemd mit Leopardenmuster bedeckten Schmerbauch herum. Er starrte zu einem kleinen, gläsernen Cafétisch herüber und durchlöcherte ein Weinglas, das voll war mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Und genau das war sein Problem.
    Mit einem kurzen Fingerzeig flog das Glas in Richtung Karmin. Kurz bevor es in die Flammen fiel, schnappte scharfe Zähne danach, verfehlten sie aber um Haaresbreite.
    „Aus!“, zischte der Mann im mittleren Alter und ein leises Winseln kam von der Wand. Inmitten ausgestopfter Tierköpfe, von Hirschen und Ebern bis hin zu grün geschuppten Drachen und Schlangen, deren Fangzähne so lang waren wie ein Unterarm, bewegte sich der Kopf eines Leoparden, das an einem hölzernen Schild befestigt war. Seine großen Augen sahen den Mann im Sessel unterwürfig an und seine gefleckten Ohren zuckten. Er fixierte die rosanen Flauschpantoffel, die auf dem Ottomanen auf den Füßen des Typen mit lockigen, schwarzen Haaren steckten, aber der ignorierte sein ungewöhnliches Haustier. Stattdessen starrte er mit finsterem Blick auf die Luft direkt vor seiner Nase. Einen kurzen Augenblick lang zögerte er, schaute sich dann verstohlen um- durch seine merkwürdige Haltung ähnelte sein Blickfeld mehr dem eines Maulwurfs- und mit einem Schnippen tauchte ein weitere Glas auf, bis zum Rand gefüllt mit dunkelroter, dicklicher Flüssigkeit. Der Mann öffnete mit überraschtem Gesichtsausdruck den Mund und wollte schon jubeln, da verfärbte sich das Getränk in seinem Glas plötzlich. Sämtliche Farbe wurde daraus gezogen bis es, genauso wie vorhin, nur noch durchsichtig war.
    „Ha ha ha“, stieß der Mann im Sessel scharf aus. Er schwang die Beine vom Ottomanen und richtete sich zähneknirschend auf. Mit einem Blick in den Sessel schnippte er das Glas erneut in die Flammen und zischte dann: „Das ist wirklich sehr amüsant, habe selten so gelacht!“
    Der Leopard stieß ein kurzes Jaulen aus, doch bevor der Hawaiihemdträger ihn zurechtweisen konnte, klopfte es an der Tür. Er fuhr zusammen, einen kurzen Moment nur, und stieß dann lang gezogen und warnend aus: „Wer ist da?“
    Ein kurzer Seitenblick auf die große Standuhr in der Ecke des Zimmers zeigte kurz nach vier. Wer, der noch halbwegs bei Verstand war, wanderte so spät noch durch das Camp? Er kniff die Augen zusammen.
    „Feliz Benett, Mr. D“, drang es gedämpft durch die Eingangstür. Mr. D runzelte die Stirn. Die Stimme kam ihm nicht bekannt vor. Zumindest hatte er sie in den letzten zehn Tagen nicht gehört, und seitdem war niemand im Camp angekommen. Oder zumindest hatte er nichts davon mitbekommen. Das hieß nicht zwingend etwas, immerhin war sein Interesse an den Insassen… Pardon, den Bewohnern dieses verdammten Camps nie besonders groß gewesen. Bei der Wahl, diese Kinder zu hüten oder Gras beim Wachsen zuzusehen hätte er echt Probleme, sich zu entscheiden.
    Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen und kalte Luft drang von draußen hinein. Auf dem kleinen, bunten Flickenteppich am Eingang stand ein Mädchen. In ihren blonden Haaren hatten sich kleine Äste und Blätter verfangen, die Wollmütze saß schief auf ihrem Kopf und über ihre Wange zog sich eine hässliche, rot leuchtende Linie. Sie ging zwei watschelnde Schritte, um die zum zerbersten gefüllten Taschen an ihren Seiten auszubalancieren und schniefte einmal laut.
    „Sagt mir nichts“, grummelte Mr. D und betrachtete sie argwöhnisch. Feliz. Was für ein grausamer Name. Der Geschmack dieser Menschen hatte sich in den letzten zweitausend Jahren wirklich nicht verbessert. Damals, als er noch ordentlich angebetet wurde und die rauschendsten Feste gefeiert hatte, das war eine Zeit! Wein, so viel er trinken konnte, Musik, Tanz und hin und wieder eine Verwünschung, die einen der Partygäste in den Wahnsinn trieb. Das war Entertainment! Das spannendste, was die Menschen heutzutage zu bieten hatten, waren hispanische Telenovelas und Talkshows, und das war ein gigantisches Armutszeugnis an die Unterhaltungsindustrie dieses Landes.
    Das Mädchen an der Eingangstür räusperte sich.
    Mr. D wandte seine Aufmerksamkeit von seiner Erinnerung an den Schweinehirten, der wild grunzend mit den Armen wedelte und den Hühnertanz aufführte auf den unerwünschten Eindringling und hob eine Augenbraue. „Kenne ich dich?“
    „Nur erst seit sieben Jahren“, erwiderte sie vollkommen trocken.
    „Echt?“, entkam dem Campleiter, der sich jetzt gähnend den kleinen Finger ins Ohr schob. Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und hob die Beine mit einem kleinen Ächzen auf den Ottomanen. „Kann mich nicht erinnern.“
    „Das habe ich nicht für möglich gehalten“, gab das Mädchen mit deutlich sarkastischem Unterton zurück. Eigentlich sollte er sie für so eine Frechheit in ein Gänseblümchen verwandeln. Aber nicht mal dazu hatte er gerade Lust. Und das war ein großes Armutszeugnis an ihn, stellte er viel zu nüchtern fest. „Ich wollte mich sowieso nur kurz zurückmelden. Bin auch schon wieder weg.“
    Er warf ihr noch einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zu und runzelte die Stirn. „Was kommst du eigentlich mitten in der Nacht an? Wenn Peleus dich erwischt hätte, dann hätte er dich gebraten.“ Er gab sich aber nicht mal Mühe besorgt zu klingen.
    „Gute Nacht, Mr. D!“, stieß sein Besuch noch aus und zog dann die Tür hinter sich zu. Das Flackern im Karmin und das leise Jaulen des Leoparden an der Wand waren jetzt die einzigen Geräusche. Entnervt kickte Mr. D seinen linken Plüschhausschuh in Richtung Wand, wo er von messerscharfen Zähnen zerfetzt wurde.
    „Und jetzt halt dein Maul.“


    Feliz wusste nicht, ob sie lachen oder genervt sein sollte, während sie sich über den Kiesweg vom Haupthaus entfernte. Sie hatte nicht wirklich erwartet, dass Dionysos sich an ihren Namen erinnerte, aber sie zumindest am Aussehen zu erkennen war doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Der Entzug tat dem Gott des Weines wirklich nicht gut. Vor einem Jahr war es ihm zumindest noch möglich gewesen Alkohol heraufzubeschwören, es war ihm aber verboten, ihn zu trinken. Dass Zeus seine Augen überall hat war ihm dabei scheinbar entgangen, denn so unbeobachtet, wie sich Mr. D gefühlt hatte, als er einen kleinen Schluck genommen hatte, war er gar nicht gewesen. Eines musste Feliz dem Herrscher des Himmels lassen: Er hatte einen guten Sinn für Humor. Trotzdem hoffte sie, dass sie den niemals selbst zu spüren bekommen würde.
    Auf einer Weggabelung folgte sie dieses Mal dem Weg zur Hütte. Ihre Beine wurden mit jedem Schritt schwerer und die Tragegurte ihrer Tasche drückten sich unangenehm in ihre Schultern ein. Dichte Wolken bildeten sich bei jedem Atemzug und trotz ihrer dicken Winterkleidung fror sie etwas. Auch, wenn die magische Barriere um das Camp eigentlich dafür sorgte, dass es kein schlechtes Wetter gab, passte sie die Temperaturen zumindest halbwegs an die umliegenden Gebiete an. Und da das Wetter in letzter Zeit schrecklich launisch gewesen war, bedeutete das für sie, dass sie einen Haufen Klamotten mitbringen musste. Einfach mal einkaufen gehen ging schlecht, und auf Dauer würde es verdammt teuer werden, sich ständig gegen einen ziemlich großen Obolus von den Hermes-Kindern Sachen ins Camp schmuggeln zu lassen.


    Schnaufend kämpfte sie sich vorwärts. Als sie aus der Ferne die dunklen Silhouetten von Gebäuden erkannte, verpasste ihr das einen kleinen Motivationsschub. Die Taschen klatschten schmerzhaft gegen ihre Hüften als sie auf die vertrauten Formen zueilte. Nebenbei bemerkte sie, dass sie jetzt an sehr viel mehr Hütten vorbeikam als vor ihrer Abreise, aber darum würde sie sich später kümmern. Im Moment konnte sie ohnehin nur Schemen erahnen und ihr ganzer Körper schrie nach Ruhe und Schlaf. Ihr Kopf stimmte dem ausnahmsweise mal zu.
    Als sie die Hütten erreichte, die ein Hufeisen um ein flackerndes Feuer bildeten, seufzte sie erleichtert auf. Wie automatisch wandte sie sich einem unscheinbaren Gebäude zu, das im Licht des Feuers silbrig wirkte. Hütte 7. Ein letzter Stoß Energie jagte durch ihre müden Muskeln und sie eilte darauf zu.


    Als sie die Eingangstür leise aufschob, protestierte die mit einem leisen Quietschen. Feliz fluchte kurz, schlüpfte durch den Spalt und drückte sie dann wieder in den Rahmen, bevor zu viel kalte Luft hinein drang. Im schwachen Licht einer Kerze, die mitten auf einem kunstvollen, massiven Mahagoni-Tisch stand, erkannte sie die vertrauten Formen des Aufenthaltsraumes. Seit zwei Jahren, als die Hütte neu gebaut wurde, existierte er. Davor hatten noch alle Mitglieder der Hütte 7 in einem großen Raum mit dutzenden Betten geschlafen, aber dafür waren sie mittlerweile einfach zu viele geworden. Abgesehen davon hatte Annabeth es sich nicht nehmen lassen, alle Hütten so ausladend und wohnlich zu entwerfen, wie nur möglich.
    Feliz schlich so leise sie konnte über den Parkettboden ans andere Ende des Raumes und unterdrückte das schlechte Gewissen, jetzt vermutlich überall schlammige Abdrücke hinterlassen zu haben. Links und rechts führte jeweils ein Flur zu den Räumen ihrer Geschwister. Sie öffnete die rechte Tür und schlüpfte hindurch.


    Am Ende des Ganges, der gesäumt war von Portraits, abstrakten Kunstwerken, Fotografien und Schnitzereien, fand sie eine Türe, an der ein kunstvoll bemaltes Pergament festgeheftet war. Drei Namen waren darauf geschrieben worden.
    An erster Stelle stand, in einer geschwungenen Schrift „Feliz Benett“.
    Ein Lächeln schlich sich auf die Lippen des Mädchens, als sie vorsichtig die Klinke herunterdrückte und die Tür aufglitt. Sie schlich hinein und drückte sie wieder zu. Durch die absolute Dunkelheit im Zimmer konnte sie nur einige Schemen erkennen, aber sie war so oft in diesem Raum gewesen, dass sie sich auch blind orientieren konnte. In der Mitte standen ein großer Tisch und einige Stühle, und in allen vier Ecken gab es kleine Abteile für die Bewohner. Ein Bett und ein Nachttisch schmiegten sich an die Wände, und darüber schwebte eine Art zweiter Boden, den man nur über eine Leiter erreichen konnte. Darauf gab es gute vier Quadratmeter an Platz, den jeder selbst einrichten konnte. Feliz schlich nach links, zu ihrem Abteil herüber. Sie hörte leises Atmen aus der anderen Ecke des Raumes und lauschte kurz.
    Als sie die massiven Taschen endlich von den Schultern herunterzog stieß das Mädchen einen sehr leisen Seufzer der Erleichterung aus. Sie schob sie unters Bett, um Aufräumarbeiten würde sie sich später noch kümmern können. Feliz setzte sich auf die kalten Laken, strampelte ihre Stiefel ab, zog Winterjacke, Schal, Mütze und Handschuhe aus und lies sie zusammen mit Hose und Pullover achtlos auf den Boden neben dem Bett fallen. Das Zimmer war geheizt, aber trotzdem jagte ihr das kalte Laken einen Schauer durch den Körper, als sie darunter schlüpfte. Sie wälzte sich hin und her, rieb sich die schmerzenden Glieder. Irgendwann lullte sie die schwere Müdigkeit dann ein und sie versank in angenehme Bewusstlosigkeit.


    Der Morgen kam unerwartet früh.
    Und dazu mit einer Menge Geschrei.
    Feliz fuhr aus ihrem Schlaf und stand förmlich in ihrem Bett, was das Laken, das sie in der unruhigen Nacht mehrfach um ihren Körper geschlungen hatte, allerdings gut zu verhindern wusste. Noch nicht ganz wach dachte das Mädchen erst ein wenig panisch, irgendjemand würde sie festhalten und strampelte wild. Gerade, als sie dachte, sie wäre freigekommen, schlang dann tatsächlich jemand seinen gesamten Körper um ihren.
    Als ein ohrenbetäubender und drei Oktaven zu hoher Schrei ihre Ohren zum Klingeln brachte und der Griff um ihren Hals ihr sämtliche Luft raubte dachte sie schon, dass das Land der Träume sie bald wieder hatte, aber mit einem Male war dann alles vorbei. Der Klammergriff löste sich und das laute Quietschen wurde jäh erstickt. Feliz blinzelte wild um im spärlich erleuchteten Zimmer ein wenig Orientierung zu bekommen, da entdeckte sie zwei Gestalten direkt vor ihrem Bett.
    Die größere von beiden war lang und schlank. Glattes, dunkelbraunes Haar fiel ihr unordentlich auf die Schultern und sie zischte etwas, das Feliz durch ihren temporären Hörsturz aber nicht wirklich verstand. In ihren Armen hielt das Mädchen eine kleinere Figur, die wild strampelte und versuchte, die Hand der größeren von ihrem Mund zu ziehen, den die eisern darauf behielt.
    „… weckst noch alle auf!“, hörte Feliz die wohlbekannte Stimme der Größeren zischen, als das Pfeifen endlich nachließ. Als Antwort kam nur sehr gedämpfte Laute. Zumindest wehrte sich die Jüngere jetzt nicht mehr ganz so stark. Dafür tauchte auf dem Gesicht des blonden Lockenkopfes ein bockiger Ausdruck auf.
    Für einen kurzen Moment herrschte Stille, in der Feliz sich langsam komplett aus ihrem Laken kämpfte und sich durch die wild abstehenden Haare fuhr. Dann, in einem kurzen Augenblick, in dem die Ältere der beiden nicht aufpasste, brach der plantinblonde Lockenkopf aus ihrem Griff aus und sprang auf Feliz, die nicht mal protestierte. Vom Schwung der Kleineren umgerissen fielen beide zurück aufs Bett und Feliz fand sich wieder in einer massiven Bärenumarmung wieder, die man so eher einem Profi-Wrestler und nicht einer zierlichen Gestalt wie ihr zutraute.
    „Du bist wieder da!“, stieß sie aus und kassierte sofort ein angespanntes „PST!“ vom dritten Mädchen, das sich schon daran machte, die Kleinere wieder zurückzuziehen. Aber gerade, als sie ihre Hand in ihre Richtung ausstreckte, packte Feliz ihren Arm und zog sie neben sich ins Bett. Ihr erschrockenes „Hey!“ wurde von Lachen der anderen übertönt. Für einen Moment versuchte sie sich an einem bösen Blick, aber dann schlich sich auch auf ihr Gesicht ein Lächeln.


    „Mitten in der Nacht?“
    Feliz nickte leicht, wurde aber direkt von Miriam, dem kleinen Lockenkopf, ermahnt, dass sie still halten soll. Die war gerade dabei, die goldblonde Mähne irgendwie zu bändigen, was nach einer unruhigen Nacht wie dieser ein ziemliches Kunstwerk war. Zumindest war jetzt der Großteil der Vegetation daraus entfernt. Hoffte sie zumindest.
    „Ich wollte einfach nach Hause“, stieß sie aus und unterdrückte ein Gähnen. Alle drei saßen jetzt auf Feliz‘ Bett, die die Beine im Schneidersitz überschlagen hatte. Sie streckte sich hin und wieder und rieb sich schlaftrunken über die Augen. Jetzt, wo die erste Aufregung verflogen war, wurde sie wieder müde. Die Uhr an der Zimmerwand sagte ihr, dass es gerade einmal sechs Uhr war. Sie hatte noch keine zwei Stunden geschlafen.
    „Heimweh?“, kicherte Miriam und ihr Gesicht tauchte für einen kurzen Moment über Feliz‘ Schulter auf.
    „Schon.“
    Hayley, die dunkelhaarige, schenkte ihr einen forschenden, fragenden Blick, den Feliz mit einem erwiderte, der ungefähr so etwas bedeutete wie „alles klar, es ist nichts passiert“. Damit gab sie sich scheinbar zufrieden.
    „Wie war die Außenwelt?“, fragte sie dann. Feliz setzte zu einer Antwort an, die dann aber in einem kurzen „Au!“ unterging. Miriam entschuldigte sich kurz und zerrte dann kichernd die Bürste aus ihrem verknoteten Haar. Zumindest eine hatte dabei Spaß, stellte Feliz zerknirscht fest und biss sich auf die Lippen, bis Miriam es irgendwann geschafft hatte die Bürste zu entfernen, ohne ihr die Kopfhaut gleich mit abzureißen. Hayley seufzte und schüttelte resignierend den Kopf, Feliz schnitt eine Grimasse. Miriam liebte es, sich an den Haaren anderer zu schaffen zu machen. Generell wäre sie vermutlich besser in der Aphrodite-Hütte aufgehoben gewesen. Der Lockenkopf war niedlich und hübsch wie eine Porzellanpuppe, nur fehlten ihr leider so ziemlich alle Fähigkeiten, die ein Apollo-Kind sonst hatte. Feliz erinnerte sich noch an das Desaster auf den Schießrängen. Der arme Satyr hatte bestimmt drei Monate nicht mehr normal laufen gehen. Hätte man sie gefragt, wie Miriam jemanden, der mehrere Meter hinter ihr stand treffen konnte, hätte sie nicht gewusst, was sie geantwortet hätte. Es war alles viel zu schnell gegangen und physikalisch betrachtet eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Davon unterkriegen ließ sich der kleine Sonnenschein aber trotzdem nicht. Dem Camp zu Liebe hatte sie zwar das Bogenschießen aufgegeben, schien aber kein Problem damit zu haben, als ein Kind des Sonnengottes ziemlich unzureichend zu sein.
    „Interessant“, antwortete Feliz dann, als sie sicher war, dass ihre Kopfhaut erst einmal in Sicherheit war. „Wir sind ganz schön herumgekommen. Wenn du willst, erzähle ich dir-“
    Aber weiter kam das Mädchen gar nicht, denn Hayley war schon aufgesprungen und eilte herüber zu ihrem Nachttisch. Mit einem Block, einem dieser Luxus-Kugelschreiber, die nur echte Hipster-Autoren verwendeten, und leuchtenden Augen ließ sie sich wieder neben Feliz fallen, die ihr ein eindeutiges Grinsen schenkte. Als sie von Berlin erzählte, Köln, London, Paris, Marseille, Madrid und Rom und all den anderen Städten, die sie im letzten halben Jahr mit ihrer Mutter bereist hatte, machte sich Hayley eifrig Notizen, nickte ab und an oder stieß ein ehrfürchtiges „Wow“ aus. Feliz gab sich Mühe, das unangenehme Gefühl in ihrer Magengegend zu verdrängen. Hayley konnte das Camp nicht verlassen. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch klein war, ausgerechnet bei einem ordinären Autounfall. Menschen, die mit Göttern in Kontakt getreten waren, waren normalerweise von ganz anderen Dingen gefährdet, da kam es Feliz immer wie ein schlechter Scherz vor, dass Hayley ihre Mutter auf so eine normale Art und Weise verloren hatte. Die Dunkelhaarige lebte schon seit mehreren Jahren im Camp und vertrieb sich ihre Zeit damit, Romane aller Art zu schreiben, immer unter anderen Aliasen. Die Reisen ihrer Freundin nahm sie dabei als Recherchematerial. Feliz musste Hayley jedes Mal wieder versprechen, sich alles genau zu merken und haufenweise Fotos mitzubringen, und dieser Bitte ging sie gerne nach. Es war jedes Mal ein Fest, die sonst so kühle Brünette so aufgeregt zu sehen. Sie hatte das Gefühl, ihr damit zumindest ein bisschen etwas von dem zu geben, was sie selbst bekam.
    „Hey“, stieß Feliz aus, als Miriam den kunstvoll geflochtenen Zopf auf Feliz‘ Rücken mit einem Haargummi fixierte. „Können wir eigentlich auch im Laufen reden? Ich möchte mir ein wenig die Beine vertreten.“


    Nach einer kurzen Katzenwäsche im Badezimmer der Mädchen schlüpfte Feliz in eine bequeme Turnhose und streifte sich einen dicken, leuchtend orangen Pullover über, auf dem in großen Lettern Camp Halfblood stand. Darauf folgten Mütze und Schal und dann schlüpfte sie mit ihren Halbschwestern auch schon aus der Hütte.
    Jetzt, wo die Sonne die erste Helligkeit über das Camp sandte und im Osten langsam den dunklen Himmel mit seinen Sternen verdrängte, konnte Feliz die Umgebung wieder besser erkennen. Die Hütte hinter ihr stand noch immer ziemlich unscheinbar zwischen Hütten mit Stacheldraht, gigantischen griechischen Säulen oder großen Beeten, aber sie wusste, dass man sie, sobald die Sonne darauf stand, beinahe nicht mehr anschauen konnte. Dann würde die Fassade in hellem Gold schimmern und jeden blenden, der vorbeikam. In Hütte 7 drehte sich nun einmal alles um die Sonne, und auch sie selbst merkte, wie sie mit jeder Minute, der sie dem Sonnenaufgang näher kam, zunehmend wacher und motivierter wurde.
    Als die Mädchen über das knirschende Gras liefen, erwachte das Camp langsam zum Leben. Zwischen den Bäumen reckten sich Dryaden, sanfter Wind wehte den süßlichen Geruch der Erdbeeren zu ihnen herüber und die ersten Satyrn huschten wie aufgescheuchte Hühner über das Gelände. Im schwachen Schimmer des ersten Lichts konnte Feliz jetzt auch die anderen, neuen Hütten erkennen, die ganz in der Nähe des Hufeisens standen. Sie wurde langsamer, und als Hayley ihren neugierigen Blick auf die Neubauten bemerkte, begann sie zu erklären.
    „Zephyr, Nike, Khione und Aletheia.“ Sie deutete bei jedem Namen auf ein Gebäude aus der Reihe der neuen Hütten, die den Weg säumten.
    „Es sind noch mehr dazu gekommen, als ich dachte“, stieß Feliz mit leichter Verwunderung aus. Seit Percy einen Handel mit den Göttern eingegangen war, der sie dazu zwang, ihre Kinder anzuerkennen, kamen immer mehr Halbgötter ins Camp. Auch Kinder von Göttern, die vorher noch nie vertreten gewesen waren. „Als ich gefahren bin, war nur die Rede von Hypnos, Morpheus, Nemesis und Hebe.“
    „Die stehen auf der anderen Seite.“ Hayley nickte in die entgegengesetzte Richtung. „Es hat sich viel getan. Die Satyrn werden immer öfter losgeschickt und sie kommen fast immer mit mindestens zwei Kindern zurück.“
    „Und wenn deren Eltern noch keine Hütte haben, dann entwirft Anni eine und die Hephaistos Leute bauen sie dann!“, trug Miriam ihren Teil bei. Feliz betrachtete die neuen Hütten noch für einen Moment, dann ging sie in normalem Tempo weiter.
    „Und was hat sich sonst noch so getan?“
    „Ach, nicht viel. Wir haben ein paar Mal Fang die Fahne gespielt-“
    „Eroberung der Flagge, Miriam“, korrigierte Hayley mit einem resignierenden Seufzen.
    „Ja, das auch“, gab die Kleine zurück und wank ab. Sie mochte diese Art von Spielen sowieso nicht und war komplett zufrieden damit, immer als Späherin weit weg vom eigentlichen Geschehen eingesetzt zu werden, da bekam sie vom Kampf sowieso nicht viel mit. „Das Amphitheater wurde ausgebaut und letztes Weihnachten haben wir Wagenrennen in Weihnachtsmann-Kostümen gemacht, das war lustig!“
    Die drei Halbschwestern bogen auf den Pfad ab, der zum Haupthaus führte. Die Fenster im Erdgeschoss waren wieder erleuchtet. Es musste jetzt ungefähr zwanzig vor sieben sein…
    „Wartet ihr kurz auf mich?“, fragte Feliz Hayley und Miriam, die nickten und zu einer Bank herüber schlenderten. Feliz überquerte den kleinen Platz vor dem Haupthaus, stieg die Stufen auf den kleinen Balkon vor der Eingangstüre hoch und drückte sie auf.


    Das Feuer im Karmin brannte noch immer, dieses Mal allerdings in einem schönen gelb-orange. Der lebendige Leopardenkopf an der Wand schien zu schlafen, nur hin und wieder zuckte eines seiner Ohren und direkt unter ihm lag ein zerbissener, rosa Flauschhausschuh. Die anderen Jagdtrophäen waren merkwürdig und bewegungslos wie immer. Dionysos war verschwunden, dafür bewegte sich jetzt im hinteren Teil des Raumes etwas. Feliz glitt durch die Türöffnung und beobachtete das Geschehen für eine Weile.
    In der hinteren Ecke des Haupthauses, eingerahmt von mehreren prall gefüllten Bücherregalen und Kräuterschränken, stand ein großer Tisch auf dem sich aufgeschlagene Bücher, Reagenzgläser, Labor-Apparaturen und andere kaum identifizierbare Gegenstände befanden, von denen einige verdächtig blubberten. Darüber beugte sich der Oberkörper eines älteren Herrn mit schulterlangem, braunen Haar und einem sorgsam gepflegten Bart, über den er ständig strich. Er trug ein Sakko in Sandfarben, mit grünen Flicken auf den Ellbogen, und einen moosgrünen Pullover, unter dem noch der Kragen und der Mittelteil eines weißen Hemdes hervorragten. Ab dem Bauchbereich hörte die Erscheinung eines coolen, junggeblieben Collegeprofessors aber schlagartig auf. Statt einem Paar Beine mündete sein Oberkörper in den Körper eines weißen Hengstes, was ihn um einiges größer machte als einen durchschnittlichen Menschen. Sein Schweif schlug in einem ruhigen Takt hin und her. Der Zentaur war vollkommen in das Buch vertieft, das vor ihm auf dem alten Eichentisch lag und bemerkte gar nicht, wie Feliz näher kam.
    Einen kurzen Moment zog sie es in Erwähnung, ihn ganz einfach anzutippen. Aber das wäre ja langweilig.
    Das Mädchen holte einmal Luft, spürte das vertraute Prickeln in ihrer Brust und öffnete dann den Mund.
    „Du wagst es, mich zu ignorieren, Chiron?“, donnerte eine tiefe, grollende Männerstimme durch den Raum. Ihr Echo vibrierte so heftig, dass die Bilderrahmen an den Wänden etwas wackelten und klirrten, und ging Feliz dabei durch Mark und Bein.
    Der Zentaur vor ihr versteifte sich für einen Moment und aus seinem Gesicht wich alle Farbe. Sein Blick schnellte an die Decke und Feliz konnte hören, wie er leise „Beim Gütigen“, ausstieß, die Augen weit aufgerissen.
    „Hier bin ich!“, informierte die gleiche Männerstimme ihn, aber dieses Mal blieb das Echo und die Vibration aus. Sie klang gleich viel weniger bedrohlich. „Ich stehe bei der Tür.“ Beim dritten Wort veränderte sich die Männerstimme dann wieder, wurde leiser und weiblich. Feliz‘ Stimme.
    Mit kurzem Zögern wandte sich Chiron um und brauchte dann noch einen Moment um zu verarbeiten, war er sah.
    „Feliz Benett“, stieß er vorwurfsvoll aus und schenkte ihr einen passenden Blick, der dem Mädchen direkt ein kleines, schlechtes Gewissen machte. Aber auch nur ein kleines. „Das hätte ich mir ja denken können.“ Als sie entschuldigend lächelte, verpuffte der Ärger in Chirons Augen und seine Miene verwandelte sich in ein herzliches, aufrichtiges Lächeln. Mit jedem Schritt, den er auf sie zumachte, klapperten seine Hufe auf dem Laminat.
    „Deine Fähigkeit hat sich seit letztem Sommer sogar noch verbessert“, stellte er anerkennend fest und legte seine Hand auf ihre Schulter. Dann lächelte er schief. „Ich wäre dir aber sehr verbunden, wenn du sie in Zukunft nicht mehr so oft an mir aufprobierst. Ich dachte schon, Zeus persönlich würde mit mir reden.“
    „Schlechtes Gewissen?“, stieß Feliz mit einem verschlagenen Grinsen aus, aber Chiron ging gar nicht darauf ein.
    „Seit wann bist du hier?“
    „Heute Nacht, so gegen vier. Hat Mr. D dir nicht Bescheid gesagt?“ Das war eine rein rhetorische Frage. Natürlich hatte Dionysos ihm nichts gesagt, der Gott des unfreiwilligen Entzuges hatte sicher jetzt schon wieder vergessen, dass überhaupt jemand da gewesen war. Feliz lehnte sich an den Sessel, auf dem er vor wenigen Stunden noch schlecht gelaunt ins Feuer gestarrt hatte und musste etwas grinsen.
    „So spät noch?“ Chiron hatte sich wieder seinem Arbeitstisch zugewandt, aber hin und wieder warf er ihr einen kleinen Schulterblick zu, als Zeichen, dass er noch zuhörte.
    „Ich wollte einfach nach Hause.“ Anfangs war es Feliz noch schwer gefallen, das Camp als ihr Zuhause zu bezeichnen. Normalerweise war ein Zuhause der Ort, an dem man mit seiner Familie lebte, und sie hatte immer das Haus ihrer Mutter als solches gesehen, auch, wenn sie nicht oft da war. Schon bevor sie ins Camp gekommen war, war sie mit ihrer Mutter immer mal wieder umgezogen, zum einen, weil ihr Job es verlangte, zum anderen aber auch, weil Helen wusste, dass sonst Monster auf die aufmerksam werden konnten. Schon vor Feliz Geburt hatte sie gewusst, dass der gutaussehende und wirklich nur ganz dezent eingebildete Dirigent, der sich in sie verliebt hatte, nicht bloß unverschämt talentiert, sondern der Gott der Musik höchstpersönlich war. Und dieses Wissen machte das Leben mit ihrer Tochter gefährlicher. Feliz hatte niemals ein wirkliches Zuhause, bis ihr klar wurde, dass die Campmitglieder ebenso eine Familie für sie waren wie ihre Mutter. Sie hatte immerhin eine ganze Hütte voll mit Halbgeschwistern, und viele andere waren im Grunde nichts anderes als Cousins und Cousinen. Von mehr Familie konnte sie eigentlich kaum umgeben sein.
    „Wie ist es deiner Mutter ergangen?“, riss Chiron sie schließlich aus den Gedanken.
    „Ganz gut soweit“, antwortete Feliz, und dann, mit einem resignierenden Lächeln: „Flippig und besorgt wie eh und je.“ Der Campleiter wandte sich kurz zu ihr herum und hob eine Augenbraue.
    „Sie weint noch immer jedes Jahr“, erklärte das Mädchen und starrte auf ihre Fingernägel. Sie konnte es nicht leiden, dass sie ihrer Mutter so viel Sorgen bereitete. Gleichzeitig fand sie es aber auch etwas albern. Man sollte meinen, dass man sich nach spätestens 5 Jahren an den Gedanken gewöhnt…
    „Sie macht sich eben Sorgen“, erklärte Chiron mit einem leichten Lächeln.
    „Ich bin aber keine zehn Jahre mehr“, stöhnte Feliz als Antwort.
    „Das mag stimmen“, begann Chiron und schaute zum Karmin herüber. Für einen Moment schaute er nur in die Flammen, die an frischen Holzscheiten züngelten. „Aber Helen fiel es nie leicht, dich in die Obhut anderer zu geben. Und nach dem, was vor zwei Jahren passiert ist…“ Seine Stimme verstarb mitten im Satz.
    Feliz wusste genau, wovon er sprach. Die Titanenkriege… Es war jetzt schon zwei Jahre her, aber immer noch gab es Nachwirkungen und alleine der Gedanke daran versaute allen die Stimmung, da sie noch immer unheilvoll in den Erinnerungen aller Beteiligten geblieben war. Sie selbst hatte von all den Gefechten nichts mitbekommen. Immer, wenn es zu einem Kampf gekommen war, war sie nicht im Camp gewesen, sondern in einem anderen Teil dieses Planeten, weit weg von der Gefahr. Sie fingerte am Lederband an ihrem Arm herum. Eine der Perlen war beschriftet mit all den Namen der Halbgötter, die im Kampf ihr Leben gelassen hatten. Es waren viel zu viele Namen, die meisten von ihnen hatte Feliz schon eine Weile gekannt. Dass überhaupt jemand den Krieg heil überstanden hatte grenzte an ein Wunder. Ein Wunder, für das Feliz jedes Mal wieder dankbar war.
    „Vermutlich ist ihr erst dadurch wieder klar geworden, in welcher Gefahr ihr Halbgötter jeden Tag schwebt“, vollendete Chiron seinen Satz nach einem kurzen, aber energischen Kopfschütteln, als wolle er die düsteren Erinnerungen verscheuchen.
    Feliz schwieg. Es war ja nicht so, als ob sie ihre Mutter nicht verstehen konnte. Sie machte sich ja selbst immer wieder Gedanken, dass jeden Moment etwas passieren könnte. Andererseits waren die draufgängerischen Fahrkünste ihrer Mutter immer noch als die größte Gefahr, die ihr bisher so begegnet war. Das behielt sie wohlweislich aber für sich.
    „Ich muss los. Miriam und Hayley warten draußen auf mich“, informierte Feliz Chiron. Der nickte, schon wieder vollkommen in sein Buch vertieft.
    Feliz grinste. Es hatte sich wirklich kaum etwas verändert…


    Als sie unter dem kleinen Dach hervortrat, schien ihr die aufgehende Sonne ins Gesicht. Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und erfüllte sie mit Energie. Feliz schloss für einen Moment die Augen und reckte sich in der wohltuenden Wärme.
    Sie sprang die Stufen zum kleinen Vorplatz des Haupthauses herunter und sah, wie Miriam und Hayley sich von der Bank erhoben und zu ihr kamen. Gemeinsam schlugen sie den Weg zum See ein.


    In einem halben Jahr war viel geschehen, sowohl im Camp, als auch außerhalb. Die Halbschwestern setzten sich auf einen kleinen Hügel in der Nähe des Sees und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, über Politik, über Wissenschaft, über Europa, und dann wieder über die letzte Partie Eroberung der Flagge, in der die Athena-Hütte gewonnen hatte, und über die Gerüchte von zwei turtelnde Camp-Bewohner. Es tat gut, einfach nur herumzusitzen und zu reden, sich in all die kleinen Geheimnisse einweihen zu lassen, die sie verpasst hatte. Sie kicherten und lachten, rissen Witze und blödelten herum, bis um acht Uhr dann das Dröhnen des Horns quer durch das Camp schallte und alle zum Essen rief.


    Als Feliz, Hayley und Miriam zum Essenspavillon kamen, da waren alle Hütten bis auf die von Hypnos und Morpheus schon da. Die hatte vermutlich wieder verschlafen, so wie eigentlich immer, deswegen machte sich keiner Gedanken darum.
    Je näher sie kamen, desto lauter wurden die Stimmen und erfüllten die Luft mit geschäftigem Summen. Feliz roch die unterschiedlichsten Gerüche, die in Waden zu ihr herüber schwebten, und bemerkte, wie hungrig sie war. Bevor sie allerdings einfach so in den Pavillon spazierten, schob sie Hayley und Miriam vor sich und duckte sich hinter den beiden Mädchen. Als sie noch etwas weiterliefen, hörte sie plötzlich die strenge Stimme eines jungen Mannes.
    „Hayley, Miriam“, sprach er ihre Halbschwestern an. „Wo wart ihr denn?“
    „Spazieren“, antwortete Hayley, bevor Miriam, die sich das breite Grinsen einfach nicht verkneifen konnte, sich verplappern konnte.
    „Um die Uhrzeit?“, mischte sich die Stimme eines anderen Mädchens ein. „Miriam ist doch sonst nie so früh aus dem Bett zu bekommen!“
    „Bestimmt hat sie wieder zu viele Süßigkeiten gegessen“, lachte ein anderer.
    „Hab ich nicht!“, verteidigte sich Miriam und zog eine beleidigte Schnute, aber ihre Geschwister grinsten nur.
    „Tu doch nicht so!“, stieß das erste Mädchen jetzt wieder aus. „Ich hab dich gestern Nacht doch noch naschen sehen!“ Miriam verschränkte die Arme vor der Brust und spitzte beleidigt die Lippen, aber der Hauch von Röte, der sich auf ihre Wangen schlich, war Antwort genug.
    „Warum hast du heute Morgen eigentlich so geschrien?“, fragte das Mädchen jetzt. Miriam warf einen halbwegs unauffälligen Blick über ihre Schulter. Feliz konnte sich ein schiefes, aber durchweg glückliches Grinsen nicht verkneifen. Die Stimmen ihrer Geschwister würde sie überall erkennen. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, dass sie Zuhause war. Und das ließ ihr Herz höher schlagen. Sie räusperte sich laut, richtete sich auf und legte ihren Ellbogen auf Miriams Schulter ab.
    „Sorry!“, stieß sie so beiläufig und locker aus, wie sie konnte. „Das war wohl meine Schuld!“
    Für einen Moment starrten nur alle, dann brach die Hölle los. Apollo-Kinder sprangen von den Bänken auf und riefen ihren Namen, breit grinsend oder lachend. Aber bevor sich jemand ihr wirklich nähern konnte, schallte die Stimme des Jungen einmal quer durch den Pavillon.
    „Beruhigt euch mal!“, stieß er laut aus, was aber eigentlich gar nicht nötig war. Wenn er sprach, dann hörten alle zu. Er erhob sich von seinem Platz und ging zu Feliz herunter, die Lippen zu einem herzlichen Lächeln verzogen. Feliz erwiderte es ohne zu zögern und kam ihm entgegen. Er war ein Musterexemplar eines Apollo-Sohns. Sonnengebräunte Haut, weizenblondes Haar und ein strahlendes, freundliches Lächeln. Einen halben Meter voneinander entfernt blieben sie stehen und sahen sich grinsend an.
    „Wen haben wir denn da“, fing er an. „Feliz Benett.“
    „Will Solace“, erwiderte sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Du hast die anderen ja gut unter Kontrolle.“
    Will verzog für einen Moment das Gesicht. Er wollte etwas sagen, aber Feliz unterbrach ihn.
    „Ich wusste, dass du das hinbekommst.“
    Ihr Halbbruder war jetzt schon eine Weile der Hüttenälteste der Apollo-Hütte. Damals, als nach dem Tod des letzten Hüttenältesten ein anderer das Amt antreten musste, wäre es rein von der Zeit im Camp eigentlich Feliz gewesen, die in die Rolle der Anführerin geschlüpft wäre. Aber das kam ihr nicht richtig vor. Sie war viel zu oft nicht im Camp, um wirklich eine gute Anführerin zu sein. Stattdessen schlug sie Will vor, der erst überhaupt nicht begeistert war. Die beiden unterhielten sich lang und schließlich konnte Feliz ihn überzeugen, dass er der Richtige für den Job sei. Sie wusste aber, dass sie nur ein Wort sagen müsste und er würde freiwillig zurücktreten und ihr das Amt überlassen. Sie hatte allerdings nie auch nur darüber nachgedacht. Will machte seine Sache gut und das war das wichtigste.
    Er lächelte sie dankbar an und öffnete dann seine Arme zu einer Umarmung. Feliz kicherte kurz und schlang dann ihre Arme um ihn. Die beiden kannten sich schon seit Jahren und sie hatte den Heiler längst ins Herz geschlossen.
    „Am Lagerfeuer war es ohne dich ganz schön langweilig“, raunte Will ihr zu.
    „Ach, tu nicht so“, entgegnete Feliz gespielt beleidigt. „Ich wette, ihr hattet jede Menge Spaß ohne mich!“ Sie hörte ihn lachen und stimmte mit ein.
    „Gruppenumarmung!“, stieß Miriam begeistert aus und sprang an Feliz‘ Rücken hoch, was sie und Will gefährlich zum Schwanken brachte. Die anderen vom Apollo-Tisch zögerten erst, aber als Feliz ihnen zuzwinkerte, stürmten auch sie heran und ließen sie in einem riesigen Pulk aus Menschen verschwinden. Als sie sich dann aber nur noch gegenseitig auf die Füße traten und sich gegenseitig zerquetschten, wies Will sie an, es erst einmal gut sein zu lassen.


    Zwei Minuten später saß Feliz am Tisch der Apollo-Hütte, vor sich einen Stapel an Pancakes, der auf den magischen Tellern des Camps aufgetaucht war und zwischen den Bissen beantwortete sie Fragen. Links neben ihr hatte sich Will platziert, und rechts saß ein Junge von 13 Jahren, der sich in dem Tumult schnell den Platz gesichert hatte. Immer wieder grinste er Feliz an, protestierte aber heftig, wann immer sie ihm durch die unordentlichen, weizenblonden Haare strich. Die Sommersprossen in seinem Gesicht tanzten wild.
    „Leon hat dich ziemlich vermisst“, stieß Will mit neutraler Miene aus. Der Junge neben ihr blinzelte und verzog das Gesicht, konnte aber nicht verhindern, dass er etwas rot wurde.
    „Hab ich gar nicht“, widersprach er und starrte Löcher in die Pancakes, als hätte er nie etwas Interessanteres gesehen. Will rollte grinsend mit den Augen, und Feliz legte Leon ihren Arm um die Schultern, zog ihn an sich heran und lächelte schelmisch.
    „Ist ja gut, Leon“, raunte sie ihm leise zu. „Bin ja wieder hier.“ Sie erntete dafür einen Stoß in die Rippen, aber das machte ihr nichts aus. Leon war über das letzte halbe Jahr wieder gewachsen. Für einen Jungen in seinem Alter war das nichts besonderes, und es würde noch immer etwas dauern, bis er sie überragte, aber trotzdem war es ein merkwürdiges Gefühl. Vor zwei Jahren, als sie sich das erste Mal gesehen hatten, war er noch so kindlich und ängstlich gewesen… Und jetzt lachte und scherzte er mit allen um sich herum. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
    Nach und nach gesellten sich immer mehr Halbblute um den Apollo-Tisch. Die meisten waren schon fertig mit Essen und lauschten jetzt Feliz Erzählungen und den Gesprächen drum herum. Auch, wenn sie nicht permanent im Camp war, so ziemlich jeder kannte Feliz. Sieben Jahre waren eine sehr lange Zeit und sie hatte nie Probleme damit gehabt, neue Leute kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen, auch, weil sie immer gerne half, den neuen Demi-Göttern das Camp zu zeigen oder Feste mit plante. Vielen ging es auch wie Hayley, sie konnten das Camp nicht verlassen, und selbst wenn, dann kamen die wenigstens so weit herum wie sie. Vermutlich hörten deswegen die meisten gerne zu, wenn sie von ihrer letzten Reise erzählte.
    Mittlerweise standen rund dreißig Leute um sie herum, die, die saßen, nicht mitgezählt. Immer wieder klopfte ihr jemand auf die Schulter oder begrüßte sie mit einer kurzen Umarmung oder einem Winken. Die restlichen Halbgötter saßen an ihren Tischen, lauschten aber ebenso. Sie genoss es, wieder unter ihnen zu sein. Unter Personen, die genauso waren wie sie auch. Feliz entdeckte zwischen den bekannten Gesichtern Gina, die mit ihrem feuerroten Haar aus der Masse hervorstach, aber auch Annabeth und Percy, die Hand in Hand an einem anderen Tisch lehnten, Chiron, der an einem Tisch zusammen mit Mr. D, dem die Aufregung wohl absolut nicht gefiel, aß, und viele, viele mehr. Das Camp war so groß wie schon lange nicht mehr und von den vielen Gesichtern schwirrte ihr der Kopf. Ein Gähnen entkam ihr, als der Berg an Pancakes verschwunden war, was Will als Zeichen sah, dass es jetzt genug war.
    „Lasst ihr ein wenig Ruhe, Leute“, bat er, und auch, wenn viele lieber noch etwas länger zugehört hätten, löste sich der Trubel doch etwas auf. Feliz schenkte ihm ein erschöpftes, aber dankbares Lächeln und legte ihr Gesicht auf die kühle Tischplatte. Sie brauchte dringend Schlaf. Oder mehr Sonne. Aus dem Augenwinkel sah sie Gina, die fragend lächelnd eine Augenbraue hob. Feliz winkte ihr kraftlos zu und formte mit ihren Lippen die Worte „Wir sprechen später“. Ihre Freundin nickte und verschwand dann nach einer Ansage ihres Hüttenältesten mit ihren Halbgeschwistern aus dem Pavillon.
    Leon drückte ihr seinen Ellbogen in die Seite und wirkte tatsächlich etwas besorgt. Sie musste etwas lachen, auch wenn sie eher kraftlos klang als amüsiert. Für einen kurzen, nur ganz, ganz kurzen Moment, schloss sie die Augen, schreckte ab sofort wieder auf, als Will neben ihr laut verkündete: „Apollo-Hütte: Zu den Schießrängen.“
    Feliz murrte undeutlich in ihre Haare, da ihr Zopf mittlerweile genau vor ihrem Gesicht lag und rappelte sich dann auf. Bevor sie sich hinstellen konnte, griff Will sie aber am Arm.
    „Du solltest noch eine Runde schlafen gehen.“
    „Passt schon“, gab sie mit einem Kopfschütteln zurück. „Wenn ich gleich in der Sonne bin, ist wieder alles okay.“


    „Legt an!“
    Sehnen wurden durchgezogen, die Federn am Ende der Pfeile streiften leicht die Wangenknochen der Schützen. Will huschte durch die Gegend und korrigierte Haltungen.
    „Schuss!“
    Feliz atmete ein letztes Mal aus und der Pfeil sirrte durch die Luft. Bullseye, wie die meisten der Schützen. Sie kreiste ihren Kopf und streckte alle Glieder von sich, dann übergab sie einem ihrer Halbbrüder, der auf sie zukam, ihren Bogen. Mittlerweile waren sie so viele geworden, dass sie gestaffelt schießen mussten.
    Feliz entfernte sich von der Schießposition und stellte sich der Sonne entgegen. Sie schloss die Augen und genoss für einen Moment einfach nur die Wärme auf ihrem Gesicht.
    Als sie eine Berührung an ihrem Arm spürte, öffnete sie wieder die Augen. Leon stand neben ihr und wagte sich nicht so recht, sie direkt anzusehen. Er versuchte es immer wieder, fand dann aber schnell etwas, das tausendfach so interessant war wie sie.
    „Kommst du mit?“, fragte er und nickte in eine unbestimmte Richtung.
    „Wohin?“
    „Nur ein bisschen herumgehen“, nuschelte er als Antwort. Feliz grinste und legte ihm ihren Arm um die Schultern, dann fuhr sie ihm durch die zerzausten Haare. Leon protestierte und drückte sie von sich weg, aber obwohl er eine beleidigte Schnute zog, wusste Feliz doch, dass er nicht wirklich beleidigt war.


    Sie entfernten sich schlendernd vom Schießgelände und bewegten sich auf Amphitheater zu. Miriam hatte erwähnt, dass es umgebaut worden war, vermutlich, um auch wirklich alle Halbblute beherbergen zu können. Das Amphitheather war einer ihrer Lieblingsplätze im Camp und sie konnte es kaum abwarten, eine kleine Party zu schmeißen. Vielleicht nicht unbedingt heute, dafür hatte sie nicht die Kraft, aber sie würde vorher sowieso noch mit einigen Leuten sprechen müssen.
    Leon neben ihr sagte kein Wort, seit sie sich von den anderen entfernt hatten.
    Sie ging etwas näher an ihn heran und stieß ihm spielerisch in die Seite. Leon schaute auf und grinste, bevor er zurückschlug. Sie hätte es niemals zugegeben, aber ihr kleiner Bruder war verdammt stark geworden. Als sie nebeneinander herliefen, immer darauf achtend, den nächsten Angriff abblocken zu können, bemerkte sie, dass sich sogar sein Gesicht ein wenig verändert hatte. Langsam aber sicher wich die Kindlichkeit daraus. Bald schon würde er ein ziemlich attraktiver junger Mann sein, mit seinem breiten, strahlenden Lächeln und seinen himmelblauen Augen. Der Knick in seiner Nase, da, wo er sie sich als Kind mal gebrochen hatte, gab ihm ein etwas unperfektes Aussehen, aber das war gut so. Feliz blieb stehen und musste willkürlich Lächeln.
    „Ist was?“, fragte Leon und hob eine Augenbraue.
    „Schon gut“, antwortete Feliz. „Musste nur daran denken, wie groß du geworden bist.“ Sie sah genau, wie er unter seinen Sommersprossen rot wurde und das Gesicht verzog.
    Für Feliz war Leon nicht bloß ein Halbbruder.
    Vor zwei Jahren, kurz nach den Titanenkriegen, waren Feliz und ihre Mutter über den damals Elfjährigen gestolpert. Er war auf der Flucht vor den Harpyien gewesen, die ein paar Tage vorher seine Mutter getötet hatten, als Apollo seinen Sohn anerkannte, und seitdem lief er. Feliz war sich sicher, dass ihr Vater sie zueinander geführt hatten, damit sie ihn retten konnte. Mit ihrem Bogen und den Pfeilen aus himmlischer Bronze, die sie für den Fall der Fälle mit sich geführt hatte, waren die hässlichen Monster schnell vom Himmel geholt. Trotzdem brauchte es eine ganze Weile, bis Leon sich beruhigt hatte, Stunden, bis er ihnen seinen Namen nannte und Tage, bis er erzählte, was passiert war. Helen kümmerte sich um ihn als wäre er ihr eigener Sohn, Feliz erklärte dem verschüchterten Jungen, was das Zeichen, das über ihm geschwebt hatte, bedeutete und brachte ihn ins Camp, wo er ihr zuerst nicht von der Seite wich. Seitdem verband sie alle ein enges Band des Vertrauens. Eineinhalb Jahre zuvor hatte Feliz ihre Mutter für den Jungen versetzt, damit er sich noch etwas länger an das Leben hier gewöhnen konnte und ihre Mutter verstand es.
    Bevor er es verhindern konnte, schlang Feliz die Arme um die Schultern ihres Bruders und drückte ihn an sich. Erst murrte Leon, aber dann ließ er es über sich ergehen. Er tat gerne unabhängig, aber beide wussten genau, wie wichtig der jeweils andere für sie war. Und jetzt, wo keiner sie sah, war Leon bereit, die „rebellischer Teenie“-Fassade fallen zu lassen. Als sie ihm dann aber die Haare zerwuschelte, wandte er sich auf ihrem Griff.
    „Lass das, Fe!“, stieß er grummelnd aus. „Ich bin kein Kind mehr.“
    Sie verkniff sich das ‚Für mich wirst du immer ein Kind bleiben‘, weil ihr aufging, wie sehr sie wie ihre Mutter klang.
    „Und, wie war die Zeit ohne mich?“, fragte sie stattdessen unvermittelt.
    Leon öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder, als hätte er es sich anders überlegt, und sagte dann nach einer Weile: „Eigentlich ganz cool.“
    „Oh wirklich?“ Feliz hob kritisch eine Augenbraue. Leons Gesichtszüge entglitten ihm für einen Moment, als sie scheinbar beleidigt ein „Ts“ ausstieß.
    „Dann kann ich ja wieder gehen“, sagte sie.
    „Nein!“, antwortete Leon ein bisschen zu schnell und heftig, was ihm auch sofort klar wurde. Er gab sich alle Mühe, ruhig und neutral zu klingen. „Ich meine, die anderen würden dich sicher vermissen.“
    „Und du nicht?“ Sie schaute traurig drein, musste aber grinsen, als Leon halb verzweifelt den Kopf schüttelte.
    „Hey, keine Sorge“, stieß sie dann aus und schenkte ihm ein Lächeln. „Ich bin froh darüber, dass es dir hier so gut geht. Wenn ich daran denke, dass du vor zwei Jahren nicht mal alleine schlafen wolltest…“
    Leons Ohren wurden knallrot, was sie zum Lachen brachte. Er warf ihr einen bösen Blick zu.
    „Stimmt doch gar nicht“, grummelte er als Antwort, obwohl beide wussten, dass es sehr wohl stimmte.
    „Du hattest sogar Angst vor den Demeter-Kindern, den wohl friedfertigsten Wesen in diesem Camp“, zog Feliz ihn weiter auf. „Und einmal, als dich die Nereiden am See nassgespritzt haben, hast du dich tagelang geweigert, wieder hinzugehen.“
    „Liz!“, stieß Leon ärgerlich aus, schaute sie aber nicht an.
    „Oder damals, als du-“
    „Feliz!“
    Ihre Stimme verstarb sofort und ihr entglitt das Lächeln. Leon benutzte nie ihren vollen Namen. Sie blieb mitten auf dem Weg stehen und starrte Leons Hinterkopf an.
    „Hey“, sagte sie dann nach einer Weile leise. Das Mädchen ging ein paar Schritte auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine.“ Plötzlich hatte sie Gewissensbisse. War sie zu weit gegangen? Sie zogen sich öfters gegenseitig auf, aber seine Vergangenheit war verständlicherweise ein wunder Punkt. Leon schaute demonstrativ auf den Boden und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
    „Bist du wirklich wütend?“, fragte Feliz zögerlich. Für einen Moment blieb er still, dann wandte sich Leon so schnell, dass sie es kaum registrierte, um und schlug ihr mit der Faust leicht gegen die Schulter.
    „Nö!“, stieß er aus und bevor sie reagieren konnte, rannte er schon breit grinsend von ihr weg. Feliz seufzte resignierend, musste aber lächeln.
    „Na warte!“, rief sie und jagte ihm hinterher. Sie hörte ihn kurz fluchen und dann schnell die Flucht ergreifen. Offensichtlich war er nicht scharf darauf, Feliz‘ Rache zu spüren.
    Aber die verfiel nur in Joggen und sah ihrem Halbbruder hinterher, wie er sich hinter Will versteckte, der ihn nur stirnrunzelnd ansah.
    Er war wirklich aufgegangen. Vielleicht ein wenig zu sehr.
    Mit diesem Satansbraten würde sie noch einiges an Spaß bekommen, so viel stand fest.




    @Katoptris
  • Hallo Cáith,


    jetzt weiß ich immerhin endlich, was du da für eine Geschichte im Geheimen geplant hast. Mit Percy Jackson hatte ich zwar bisher nicht so viel am Hut, aber zum einen sieht es so aus, als würdest du dich nicht allzu sehr darauf beziehen und zum anderen kann ich das ja selbst in absehbarer Zeit ändern.


    Auf jeden Fall: Ich mag die Einleitung mit dem Tagebuch. Es hat etwas von Filmen, dass ein bestimmter Eintrag vorgelesen wird und dann blendet das Geschehen um zu dem damaligen Erlebnis. Man bekommt dadurch auch gleich ein eher nostalgisches Gefühl, was bei den Jugendlichen gar nicht so verkehrt ist, um diese Atmosphäre aufzubauen. Dadurch, dass die Geschichte bisher nicht hochmodern wirkt, hat das durchaus seine Vorteile.
    Ganz grundsätzlich war ich anfangs nämlich auch verwirrt. Feliz wandert bei Schnee und Kälte in der Nacht durch das Dickicht, während ihre Mutter nach Hause fährt und plötzlich taucht ein Drache auf. Da wusste ich dann nicht, ob sie überhaupt darüber Bescheid wusste, aber das ist nur eine der Sachen, die du später nochmal aufgegriffen hast. Die verschiedenen Häuser, Informationen über diverse Götter und auch die Charaktere wollten nach diesem Beginn erst einmal verdaut werden, weil es doch recht viel ist. Ich bin schon gespannt, wie viele davon noch für den Plot wichtig werden und was du eigentlich geplant hast. Eine normale Camping-Story wird das ja sicher nicht werden.


    Stilistisch bekommt man von dir gewohnte Kost. Ich hab mich gut unterhalten gefühlt und du schaffst es eben hervorragend, die Charaktere darzustellen und sie auch gleich sympathisch zu machen. Keine Einwände in dieser Hinsicht. Schau aber am besten, dass du "Karmin" zum "Kamin" machst, weil ersteres ist ein Farbton und nicht die Feuerstelle.


    Wir lesen uns!

  • Chapter 2: Follow you down


    Als sie den Weg zur Schmiede hochstieg, konnte Feliz schon von Weitem die dichten Rauchwolken aus den unzähligen Schornsteinen in den Himmel steigen sehen. Die Werkstatt der Hephaistos-Hütte lag etwas außerhalb des Camps. Für den Fall, dass mal wieder etwas explodierte oder eine Erfindung Amok lief wollten alle sichergehen, dass man zumindest etwas Zeit zur Vorbereitung hatte. Abgesehen davon hatte die Schmiede dort auch sehr viel mehr Platz und mit Percys Hilfe war vor zwei Jahren ein kleiner Bach direkt ans Gebäude geleitet worden, der zum Abkühlen diverser geschmiedeter Gegenstände diente. Oder zum Kühlen von eventuellen Brandwunden.
    Feliz wandte sich sofort zum rechten Teil des großen Gebäudes. Darin lag der Teil, in dem Dinge zusammengeschraubt wurden, links dagegen befand sich die Schmiede mit ihren Öfen. Dort hielt sich Gina aber normalerweise nicht auf.
    Als sie die Türe öffnete empfing sie sofort eine gelb leuchtende Rauchwolke. Einen Moment lang zögerte Feliz. Gelbe Rauchwolken waren sicher nicht normal, und alles was hier nicht normal war, war vermutlich gesundheitsschädlich.
    „Alles okay!“, quäkte die Stimme eines Hephaistos-Sohns zur Tür. „Ist nicht giftig!“ Das „Denke ich“ hatte sich die Apollo-Tochter mit Sicherheit nicht nur eingebildet. Sie starte den Nebel an, als würde er dadurch verpuffen, zog sich dann ihren Schal über den Mund und schlüpfte durch die Tür.


    Die Werkstatt der Hephaistos-Hütte war… Besonders. In vielerlei Hinsicht. Überall stapelten sich die unterschiedlichsten Gerätschaften, neunzig Prozent davon kannte Feliz nicht einmal vom Namen und bei den restlichen zehn war sie sich nicht sicher, ob sie sie richtig aussprechen könnte. Auf den Metalltischen, die alle zehn Tage ausgetauscht werden musste, weil sie dann meist schon ein oder zwei Beine verloren hatten, türmten sich Blaupausen, aus denen außer den Handwerks-Kindern und Annabeth keiner auch nur ansatzweise schlau wurde, in allen Ecken gab es riesige Schränke, Regale oder Tonnen, bis zum Zerbersten gefüllt mit Metallteilen, Schrauben, halb zusammengebauten Gerätschaften oder sonstigem Kram, an den Wänden hingen lange Reihen voll von Werkzeug… Und vieles davon hatte Dellen oder war leicht angekokelt. Es war ein heilloses Durcheinander. Aber gleichzeitig fand man hier mit jedem Blick etwas Interessantes. An der großen Pinnwand direkt neben der Eingangstür war eine gigantische Blaupause festgeheftet, deren Zeichnung Ähnlichkeit mit einem… Pferd hatte? Überall waren Notizen daran gekritzelt, aber sie gab sich keine Mühe, die zu verstehen. Durch die Luft schwirrten mehrere kleine, goldene Käfer, allesamt Automaten die damit beauftragt waren aufzuräumen oder Werkzeuge zu ihren Schöpfern zu bringen. An der Decke baumelten filigrane, unglaublich detaillierte Modelle von alten und neuen Flugzeugen, Schiffen und Zügen, und einige davon waren sogar funktionstüchtig. Vier Hephaistos-Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, saßen um eine der zahlreichen Werkbänke, die voll war mit Kanten und Einschlaglöchern und starrten gespannt auf eine Phiole mit elektrisch-blauer Flüssigkeit, die strahlte als wäre sie radioaktiv. Die Vier hoben kurz ihren Kopf und nickten Feliz zu, dann zogen sie wieder ihre Schutzbrillen auf und murmelten etwas von Reaktionsgeschwindigkeit und hochexplosiv, und das reichte Feliz an Informationen.
    Gina war nicht hier. Ihre Geschwister in der Hütte hatten ihr allerdings mitgeteilt, dass sie hergekommen war. Das konnte nur eines bedeuten, und bei dem Gedanken verzog Feliz das Gesicht. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Hephaistos-Kinder an der Werkbank mit äußerster Vorsicht eine komplett schwarze Flüssigkeit zu der radioaktiven gaben und als das Mädchen sich zitternd die Hände vor die Schutzbrille hielt, wurde Feliz bewusst, dass sie nicht länger hier sein wollte. Schnell öffnete sie die Seitentür zur Schmiede und schloss sie, bevor irgendetwas explodierte.


    Die Schmiede sah nicht viel anders aus als die Werkstatt. Statt mechanischer oder elektronischer Teile gab es hier haufenweise unterschiedliche Metalle, von himmlischer Bronze bis hin zu Gold, und auch die Werkzeuge sahen etwas anders aus. Hitze schlug Feliz ins Gesicht, aber die machte ihr als Kind der Sonne etwas weniger aus als den anderen Halbgöttern. Trotzdem begannen ihre Augen etwas zu brennen, denn dichter Qualm sammelte sich unter der Decke. Sie zog wieder ihren Pullover über den Mund und arbeitete sich vorwärts, vorbei an Reihen von Schmelztiegeln und Werkbänken aus massivem Gestein. Am anderen Ende der Schmiede konnte sie die Silhouette eines Mädchens ausmachen, und als sie die leuchtend roten Haare sah, wusste Feliz, dass sie Gina gefunden hatte. Sie wollte gerade nach ihr rufen, aber…
    BUM. Die Luft vor Gina explodierte in grünen, blauen und vor allem glitzernden Nebel.
    Die Tochter des Hephaistos stieß einen frustrierten Fluch aus, der mittendrin aber von einem heftigen Hustanfall unterbrochen wurde. Sie wedelte wild mit den Armen, um den Rauch zu verscheuchen, und wischte sich über die Schutzbrille, deren Gläser aussahen, als hätte ein Kleinkind mit Glitzerkleber darauf herum gemalt. Die Türe der Schmiede öffnete sich schnell und knallte gegen die Wand, als jemand hereinstürzte.
    „Was ist passiert?!“, fragte die Stimme eines Jungen. Er riss alle Fenster auf und ein Windhauch vertrieb den gröbsten Rauch aus der Schmiede. Dann wandte er sich dem wortwörtlichen Herd des Übels zu und starrte auf das kleine Häufchen Asche, das noch im Karmin übrig geblieben war.
    „Ich hab versucht-“, begann Gina, musste aber wieder heftig husten.
    „Du hast munter Chemikalien zusammengemischt“, stellte der hispanische Junge fest. Seine dunkle Haut war vom Ruß geschwärzt und überall auf seiner Haut stand der Schweiß. Er hatte vermutlich draußen gearbeitet. „Ehrlich, Gina“, setzte er seufzend an, ließ den Rest des Satzes aber unausgesprochen.
    „Ich weiß“, murmelte die Tochter des Hephaistos und wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Es tut mir Leid, Alex.“
    Alex legte eine seiner Hände, die mit dicken, halb kaputten Handschuhen bestückt waren, auf ihre Schulter und warf ihr einen halb resignierenden, halb aufmunternden Blick zu.
    „Bleib doch einfach bei mechanischem und technischen. Das kannst du am besten.“ Dann, mit einem kritischen Blick auf die kleine, hellblau leuchtende Flamme: „Die Schmiede liegt dir einfach nicht.“
    Er klopfte ihr ein letztes Mal auf die Schulter und verschwand dann wieder nach draußen. Gina blieb zurück, nahm die Schutzbrille ab und starrte darauf.
    Feliz hatte sich das ganze Spektakel aus sicherer Entfernung angeschaut, jetzt aber ging sie zu ihrer Freundin herüber. Als die Blonde ihr eine Hand auf die Schulter legte schreckte Gina kurz zusammen.
    „Hey“, raunte Feliz ihr mit einem leichten Lächeln zu. Gina gab sich alle Mühe, es zu erwidern, aber wirklich gelingen tat es ihr nicht. Seufzend legte sie ihre Schutzbrille und ihre Handschuhe auf einen kleinen fahrbaren Metallwagen.
    „Lust auf einen Spaziergang?“, schlug Feliz vor und Gina nickte, die Stirn in Falten gezogen.


    Als sie an die frische Luft kamen besserte sich Ginas Stimmung ein wenig. Sie fuhr sich mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn und holte einige Male tief Luft.
    „Ist euer Training schon vorbei?“, fragte sie dann Feliz. Die nickte.
    „Zumindest für mich“, antwortete die Blonde. „Für heute reicht es.“
    Sie folgten dem Weg runter ins Camp. Gina hatte sich einen Stein ausgesucht, den sie immer wieder ein Stück weiter trat. Klirrend rollte er den kleinen Abhang herunter.
    „Alles klar bei dir?“, fragte Feliz. Sie wusste eigentlich schon, dass nichts klar war. Aber Gina würde niemals von sich aus darüber reden, also musste sie fragen.
    „Zuerst wollte ich ein neues Schwert anfertigen. Das Mischungsverhältnis der Metalle ist so daneben gegangen, dass es nach dem Erhitzen die Konsistenz von Gummi hatte. Danach hab ich mich an einer Speerspitze versucht und hab mir beinahe die Füße versengt. Danach wollte ich nur ein paar Schrauben gießen, aber die Formen sind einfach so auseinander gebrochen. Also hab ich es mit Experimentieren probiert, aber du hast ja gesehen, was passiert ist… “, seufzte ihre rothaarige Freundin, den Blick fest auf ihre Schuhe gerichtet. Feliz setzte ein schiefes Grinsen auf und legte ihren Arm um Ginas Schultern, zog sie an sich heran. „Ich bin eine Niete.“
    „Das ist nicht wahr und das weißt du“, stieß sie aus, aber Gina schüttelte nur mit dem Kopf, so, dass ihre schweißnassen Haare durch die Luft flogen.
    „Ich bin die Tochter der Gottes der Schmiede“, sagte sie. „Und wann immer ich ein Feuer nur schief ansehe fliegt alles in die Luft.“
    Feliz zögerte. Das war leider wahr. Schon seit sie hier angekommen war, hatte Gina immer und immer wieder bewiesen, dass sie und alles, was mit Feuer zu tun hatte, eine verdammt schlechte Kombination war. Feliz wollte nicht wissen, wie viele der Löschaktionen oder giftigen Rauchwolken von ihrer Freundin zu verantworten waren. Egal was Gina tat… wenn Feuer involviert war, dann ging es schief.
    „Hey“, stieß Feliz leise aus und pikste ihr in die Seite. „Ist doch egal. Dafür bist du ein Genie, was Technik und Mechanik betrifft.“
    „Ja. Und eine Versagerin als Kind des Hephaistos.“
    „Gina“, seufzte Feliz resignierend auf. Wie oft hatte sie ihrer Freundin schon versucht zu erklären, dass es vollkommen unwichtig war, wer ihr Vater war. Und immer dann, wenn es so aussah, als hätte sie endlich akzeptiert, dass sie andere Dinge hatte, in denen sie gut war, erlitt sie einen schlimmeren Rückfall als so mancher Alkoholsüchtiger. „Jedes Hephaistos-Kind kann ein paar Waffen schmieden. Aber niemand kann so gut Maschinen konstruieren wie du. Niemand hat so viel Ahnung von Technik wie du. Niemand. Das macht dich für deine Geschwister doch so wertvoll. Du könntest aus kaputten Kaffeemaschinen ein funktionierendes Auto bauen, wenn du wolltest.“
    Gina sah auf, die grünen Augen waren ganz rot. Ob vom Rauch oder von zurückgehaltenen Tränen konnte Feliz nicht sagen. Für einen Moment sah ihre Freundin ihr nur suchend in die Augen, dann schlich sich ein wackeliges, schwaches Lächeln auf ihre Lippen. Aber zumindest ein Lächeln.
    „Du hast Recht“, seufzte Gina dann und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „So wie immer.“
    Feliz schnitt eine Grimasse.
    „Ich weiß schon, was dich aufmuntern wird“, sagte sie dann und wank sie dann mit einem verschwörerischen Blick näher an sich heran. Gina grinste schief und kam näher.
    „Morgen Abend“, flüsterte Feliz verheißungsvoll, so leise, als würden um sie herum dutzende, neugierige Menschen stehen. Gina Augen wurden etwas größer.
    „Du meinst…?“
    „Genau!“
    Sie sahen sich für einen Augenblick an. Dann lächelte Gina und Feliz sah ihr an, wie die Zahnräder in ihrem Kopf auf Hochtouren arbeiteten. Ihre Finger zuckten, als würden sie schon jetzt an etwas arbeiten und ihr Blick huschte quer durch die Umgebung.
    „Das wird gut“, raunte sie dann mit leichter Vorfreude.
    „Natürlich wird es das“, gab Feliz zurück. „Wenn du daran arbeitest bestimmt.“


    Der erste Tag nach einem halben Jahr außerhalb des Camps war immer anstrengend. Feliz gab sich die größte Mühe, alle Neuigkeiten, alle neuen Camper, jede kleine Veränderung zu erfahren, aber es war einfach zu viel für ihr vollkommen übermüdetes Hirn. Nachdem sie und Gina noch eine Weile beim Amphitheater waren, um einige Dinge für den morgigen Tag vorzubereiten, gab sie sich schließlich geschlagen. Ohne zu Abend zu essen zog sie sich in die Apollo-Hütte zurück. Sie kletterte für eine Weile auf ihren zweiten Boden, wo sie die Bücher aufbewahrte, die ihre Mutter ihr kaufte, ein ganzes Regal voll mit Noten für diverse Lieder, einige Skizzenbücher, in denen sie hin und wieder kritzelte, auch, wenn sie nur mittelmäßig begabt war (zumindest im Vergleich zu ihren Geschwistern), und ihre Akkustik-Gitarre, der man ihr hohes Alter gar nicht ansah, da sie gehütet wurde wie ein Schatz. An den Wänden hingen dutzende Fotografien von ihren Reisen und Schnappschüsse aus dem Camp, aber auch Bilder, die andere Apollo-Kinder für sie angefertigt hatten. Auf einem Schreibtisch lagen einige, wenige Malutensilien, direkt darunter eine prall gefüllte Box mit CDs, genretechnisch quer durchs Beet. Von Aufnahmen von berühmten Orchestern über Pop-Alben bis hin zu Musicalnummern, Rock und USB-Sticks voll mit den unterschiedlichsten Remixen. Verstaut in einer Glasvitrine, in der sie auch allerlei Andenken aufbewahrte, stand ihre sündhaft teure Violine. Sie war ein Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter gewesen und Helen hatte sie ihrer Tochter überlassen, als sie das erste Mal ins Camp kam. Feliz ging all diese Dinge für eine Weile durch, dann kletterte sie wieder zu ihrem Bett herunter, kickte ihre Klamotten darunter und ließ sich ins Bett fallen. Noch bevor sie sich großartig drehen oder wenden konnte, war sie schon eingeschlafen.


    Am nächsten Tag ließen ihre Geschwister sie schlafen. Als Feliz das erste Mal die Augen aufmachte, zeigte die Uhr an der Wand mit dem kunstvoll gearbeiteten Stuck 2 Uhr Nachmittags an. Sie hatte tatsächlich fast einen ganzen Tag geschlafen, aber zumindest fühlte sie sich jetzt wieder fit. Nachdem die Apollo-Tochter ihr Gepäck in die Schränke neben ihrem Bett geräumt hatte, schlüpfte sie in die gleiche Kleidung wie am Tag zuvor und verließ die Hütte.
    Das Wetter im Camp war wie üblich toll. Die Sonne schien Feliz ins Gesicht und als sie sich umdrehte sah sie, wie Hütte 7 im Schein glitzerte wie von Diamanten besetzt. Dutzende Jugendliche trieben sich im ganzen Camp herum, immer wieder hielt Feliz an und plauderte ein wenig. Ihr wurden neue Camper vorgestellt, die erst im letzten halben Jahr zu ihnen gestoßen waren, aber es waren soviele neue Gesichter, dass sie Mühe hatte, sich auch nur die Hälfte von ihnen zu merken. Sie plauderte und schwatzte, scherzte mit denen, die sie schon länger kannte und feuerte die an, die an der Kletterwand hochjagten, die heiße Lava direkt unter ihnen. Zufrieden stellte sie fest, dass alle bester Laune waren. Kein Anzeichen von Streit, Ärger, Krieg oder gar Tod. Kaum zu glauben, dass die Welt vor zwei Jahren erst vor dem Abgrund stand.
    Sie entdeckte Percy und Annabeth auf dem Trainingsplatz, wo sie sich ein Duell mit dem Schwert lieferten. Percys Schwert, Springflut, schimmerte bei jedem Hieb und auch wenn Annabeth erfahren war, nach einer kurzen Weile wurde doch klar, dass sie im Schwertkampf keine Chance mehr gegen ihren Freund hatte. Mit einem kurzen Hieb der flachen Seite musste Annabeth den Griff ihres Schwertes loslassen, es flog quer durch die Luft und bohrte sich in den sandigen Untergrund der Arena. Percy grinste, für einen Moment wirkte Annabeth alles andere als begeistert, dann seufzte sie. Feliz schmunzelte, griff sich die zwei Flaschen Wasser, die am Rande der Arena standen und schlenderte zu den beiden herüber. Erst, als sie laut „Fangt!“ rief, bemerkten die Halbgötter sie, aber ihre Reflexe waren gut und beide fingen die Flaschen ohne Probleme.
    „Hey, Feliz!“, stieß Percy aus. Sein Schwert verwandelte sich wieder in die Form eines Kugelschreibers und er fuhr sich einmal durch die schwarzen, dichten Haare. Annabeth lächelte ihr kurz zu und hob die Hand zum Gruß.
    „Nicht das Trinken vergessen“, mahnte Feliz sie mit einem Augenzwinkern.
    „Na hör mal. Ich bin ein Sohn des Poseidons“, antwortete Percy lachend. „Selbst wenn ich wollte könnte ich Wasser nicht vergessen.“
    Annabeth verdrehte mit einem resignierenden Lächeln die Augen.
    „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie dann.
    Annabeth hatte schon im Camp gelebt, lange bevor Feliz dazu gestoßen war. Sie waren beinahe im selben Alter und da Annabeth eine der Camper war, die es nicht verlassen konnte, hörte auch sie gerne von Feliz‘ Reisen. Feliz dagegen schätzte die scheinbar grenzenlose Intelligent der Tochter der Athene, auch wenn Gespräche mit ihr manchmal etwas anstrengend sein konnten.
    „Wenn du später in Hütte 7 vorbeischaust, hab ich etwas für dich“, sagte Feliz und bemerkte grinsend, wie sich die silbergrauen Augen ihrer Freundin weiteten. „Fotos sind zwar nicht dasselbe, wie es live zu sehen, aber-“
    „Macht nichts!“, unterbrach Annabeth sie schnell. Ihre Lippen waren zu einem begeisterten Lächeln verzogen. „Danke, Feliz!“
    Die lächelte aber nur und zwinkerte Percy zu, der zwischen Freude für seine Freundin und Verzweiflung schwankte. Diese Bilder bedeuteten nämlich leider auch, dass Annabeth über Tage hinweg über nichts anderes nachdenken und reden würde und das wiederrum bedeutete auch, dass alle in ihrer Umgebung sich auf Vorträge über Statik, Stile und Baumaterialien einrichten konnten.
    „Ihr kommt doch heute Abend zum Rundgesang, oder?“, fragte Feliz, mehr an Percy gerichtet, weil Annabeth mit einem seligen Lächeln in Gedanken versunken war.
    „Sicher“, antwortete der Sohn des Poseidons.
    „Dann freut euch drauf“, gab Feliz zurück und lächelte verschwörerisch. „Ihr werdet es nicht bereuen.“
    „Oha.“ Percys meeresgrüne Augen funkelten als er grinste. „Hast du etwas geplant?“
    „Immer doch.“


    Bis zum Abend vertrieb Feliz sich die Zeit weiter mit einem Spaziergang und einigen Gesprächen. Als das Horn zum Abendessen blies, war sie froh, endlich etwas in den Magen zu bekommen. Bevor sie jedoch aß, opferte sie traditionell einen Teil ihrer Mahlzeit ihrem Vater Apollo, mit der stillen Bitte, heute Abend alles gut gehen zu lassen.
    Vor lauter Aufregung und Vorfreude zuckten Feliz‘ Finger. Sie wippte mit den Beinen in einem Takt, den nur sie hörte. Im Flüsterton wurden die letzten Absprachen mit ihren Geschwistern gemacht, und als Chiron das Abendmahl dann endlich beendete und alle Campteilnehmer zum Rundgesang einlud, da huschten Feliz, fünf weitere Apollo-Kinder und Gina aus dem Essenspavillon zum Amphitheater.


    Eine Viertelstunde später war das Amphitheater brechend voll. Hundert Stimmen wuchsen zu einem Brummen heran, das an den marmornen Stufen immer und immer wieder zurückgeworfen wurde. Die Bühne war mit einem dicken, roten Samtvorhang vom Publikum abgetrennt, darauf standen riesige Boxentürme, die mit einigen Instrumenten verbunden waren. Ganz vorne stand ein Mikrofon, und im Hintergrund glühte in einer riesigen, goldenen Schale ein magisches Feuer. Es zeigte die Laune der Camper in der Umgebung an und in diesem Moment flackerte die Flammen in einem schönen gelb.
    „Alles klar soweit!“, informierte Gina Feliz, nachdem sie ein letztes Mal die Boxen und die Scheinwerfer, die oben an den großen, griechischen Säulen angebracht waren, überprüft hatte. Feliz nickte und zwang sich dazu, ruhig ein und auszuatmen. Sie war nicht wirklich nervös, eher… vorfreudig. Sie liebte die Rundgesänge, die ab und an stattfanden. Und der heutige war ein ganz besonderer.
    Feliz lockerte ihre Finger und zog an ihren Klamotten herum. Sie hatte sich schnell umgezogen und trug jetzt eine eng anliegende, schwarze Hose, ein Crop Top und Stiefel mit Nieten, ein Hemd in rotem Schottenmuster hatte sie sich nur um die Hüfte gebunden. Eigentlich war es viel zu kalt für so ein Outfit, aber sie wusste schon jetzt, dass sie in spätestens zwanzig Minuten davon gar nichts mehr mitbekommen würde.
    Ein Apollo-Sohn mit blonden Dreadlocks streckte den Daumen hoch, als er sich an sein Schlagzeug setzte, eine ihrer Schwestern platzierte sich hinter ein Keyboard, eine andere schnappte sich ihren Bass und steckte das Verbindungskabel hinein. Als der letzte im Bunde probeweise kurz über die Saiten seiner Gitarre strich und ihr dann zunickte, verschwand Gina von der Bühne und ließ den Samtvorhang mit einem Druck auf einen der Knöpfe an einem Schaltkasten weichen.
    Für einen kurzen Moment bemerkten die Zuschauer nichts, dann, als der erste jubelte, gesellten sich immer mehr Camper dazu. Feliz wurde für einen kurzen Moment von den Scheinwerfern geblendet und hörte nur den Beifall der Halbgötter, begeisterte Rufe und Pfiffe. Sie stellte sich ans Mikrofon, holte einmal tief Luft und atmete dann konzentriert aus. Als sie ins Publikum blickte, konnte sie sich nicht auf ein Gesicht konzentrieren, denn es waren ganz einfach zu viele.
    Feliz‘ Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihre Finger zitterten.
    Sie war sowas von bereit.


    „Guten Abend Camp Halfblood!“, rief sie gut gelaunt ins Mikro. Einige riefen „Guten Abend!“ zurück, der Rest klatschte Beifall.
    „Für alle, die uns noch nicht kennen“, fuhr sie dann fort und deutete auf ihre Bandkollegen. „Wir sind heute Abend hier, um euch mal ordentlich einzuheizen!“
    Johlen aus der Ecke der Apollo-Hütte.
    „Also, seid ihr bereit?“
    Die begeisterten Rufe nahm Feliz einfach mal als Ja. Grinsend drehte sie sich um und nickte dem Drummer zu, der sich einen kurzen Moment sammelte und dann mit einigen rhythmischen Schlägen den Takt angab. Auf dem siebten öffnete Feliz den Mund und spürte das Prickeln in ihrer Brust. Auf den achten ließ der Klang von Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug ihren gesamten Körper vibrieren, während sie die ersten Wörter des Liedes sang, ihre Stimme dunkel und geschmeidig.
    „It’s been a while. I know I should not keep you waiting. But I’m here now!“


    Eine Stunde und dutzende verschiedene Songs später ging ihnen allen langsam die Puste aus. Das Publikum rief immer noch nach mehr, Jubel und Applaus ging durch die Runde und manchmal ein lautes „Feliz, ich will ein Kind von dir!“. Feliz warf der Richtung, aus der der Ruf kam, einen Handkuss zu und lachte. Ihr ganzer Körper zitterte vor Anstrengung, ihr stand der Schweiß auf der Stirn, aber so gut hatte sie sich schon so lange nicht mehr gefühlt. Sie liebte dieses Gefühl. Auf der Bühne zu stehen und sich die Seele aus dem Leib zu singen, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie liebte den Bass, der ihr durch den ganzen Körper fuhr, das Adrenalin in ihrem Blut, die jubelnde und klatschende Menge, die fröhlichen Gesichter. Nach dem Krieg hatte es ihr so gut getan, das zu sehen. Sie trug dazu bei, dass alle Halbblute in dieser kurzen Zeit sämtliche Sorgen vergessen konnten und einfach Spaß hatten. Das konnte sie am besten.
    Feliz drehte sich zu ihren Bandkollegen um. Sie alle strahlten genauso wie sie.
    „Ein letztes Lied noch?“, fragte sie, aber statt einer Antwort gab der Drummer schon wieder den nächsten Takt an. Dieses Mal etwas langsamer, ruhiger. Ein entspanntes Lied zum Abschluss, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Sie alle wussten sofort, welches Lied er spielte. Ihre Schwester legte ihren Bass weg und eilte herüber zum Cello. Nach und nach stimmten alle mit ein. Feliz spürte ein Kribbeln in ihrer Brust als sie den Mund öffnete und sang:
    „I need another story, something to get off my chest
    My life gets kind of boring, need something that I can confess.“
    Ihre Stimme, hell und klar und glockenrein, schallte durch das ganze Amphitheater. Immer wieder spaltete sie sich auf, mehrere Stimmen aus einem Körper, etwas, das sie so lange geübt hatte. Die Halbgötter im Publikum verstummten und lauschten, einige hielten Feuerzeuge in die Luft und schwenkten sie, doch Feliz’ Augen waren geschlossen. Sie konzentrierte sich ganz auf die Musik.
    „Tell me what you want to hear, something that will light those ears
    I'm sick of all the insincere so I'm gonna give all my secrets away
    This time-“


    Doch weiter kam sie nicht. Ein Schrei nach Hilfe, markerschütternd, vor Angst verzerrt, drang zu ihr herüber. Mitten im Satz brach sie ab und die Instrumente hinter ihr verstummten ebenso. Das Publikum wurde unsanft aus der ruhigen Musik gerissen. Feliz versuchte den Ursprung des Schreis ausfindig zu machen, genauso wie alle anderen Demi-Gottheiten auch. Leises Murmeln machte sich breit, als sich alle umsahen, um die Quelle zu finden. Plötzlich hörte sie ein „Da!“ und nach und nach wandten sich alle Köpfe auf die oberste Stufe des Theaters, wo, keuchend und leichenblass, ein Halbgott stand. Seine Augen waren geweitet und er zitterte am ganzen Leib, aber er sagte nichts. Er stand einfach da, bis seine Beine unter ihm nachgaben und er auf die Knie fiel. Das Gemurmel verstummte jäh, als Chiron neben ihm auftauchte, ihm die Hand auf den Rücken legte und eindringlich mit ihm sprach. Feliz steckte das Mikro zurück in seine Halterung und versuchte angestrengt zu hören, was er sagte. Aber das war gar nicht nötig.
    Als das Halbblut aufschaute, sein Blick voll mit Angst, schallte seine zitternde Stimme durchs ganze Amphitheater:
    „Neun Frauen am Camp-Eingang, schwer verletzt. Die Musen… E-Es sind die Musen!“


    Für einen Moment blieb alles still. Feliz sah, wie sich Chirons Gesicht verdüsterte. Mr. D stand plötzlich neben ihm und fauchte den jungen Halbgott an, dem sofort Tränen in die Augen schossen. Gemurmel rührte sich in den Reihen, mehr und mehr Campbewohner diskutierten und die Lautstärke nahm weiter zu. Feliz starrte bloß Chiron an, der sich eindringlich mit Mr. D beriet.
    „Die Musen?“, der Dreadlock-Drummer stand plötzlich neben ihr und mit ihm alle ihre Bandkollegen. Der Gitarrist versuchte sich an einem lockeren Lächeln, aber mit den zuckenden Mundwinkeln wirkte er eher nervös.
    „Der muss sich irren. Wie sollten sich die Musen denn verletzen? Sie sind Göttinnen.“
    Seine Halbschwester mit dem Cello sah nicht überzeugt aus. „Er ist vollkommen aufgelöst. Ich glaube wirklich nicht, dass er lügt oder-“
    „Er muss sich einfach irren“, unterbrach der Gitarrist sie heftig. Er war wesentlich nervöser, als er zugeben wollte. Ihre Halbgeschwister verfielen in angespannte Diskussionen, aber davon bekam Feliz nichts mehr mit. Sobald sich Chiron umdrehte und sich vom Amphitheather entfernte, sprintete sie hinterher, die Stufen hoch vorbei an anderen Halbgöttern, die wie angewurzelt sitzen blieben.


    Sie lief wie automatisch, wich Büschen und Ästen und Steinen aus, ohne wirklich darauf zu achten. Neun Frauen. Wenn es wirklich die Musen waren, dann… Dann war Polyhymnia auch unter ihnen. Feliz‘ Fingernägel bohrten sich in ihre Handflächen. Das konnte einfach nicht stimmen. Es durfte nicht stimmen.
    Als sie über einen Stein springen wollte, rutschte sie aus. Das Mädchen spürte, wie die Gravitation sie zum Boden zog. Kies kratzte ihr die Unterarme und Knie auf, die sofort brannten wie mit Säure übergossen. Sie stöhnte, als ihre Sicht kurz verschwamm, mit zitternden Fingern zog sie die Beine an. Für einen Moment musste sie sich setzen, der Schwindel war einfach zu groß. Sie saß mitten auf dem Weg zu den Hütten, schwarze Schatten huschten durch ihr Blickfeld. Sie atmete heftig. Aber von ihrem Keuchen abgesehen war alles still. Kein Wind, der durch die Blätter pfiff. Kein Rascheln von Gras. Keine Dryade im Wald neben ihr. Keine Vögel, Mäuse oder Monster. Komplette Stille. Feliz lief es kalt den Rücken runter und sie wusste nicht warum. Das Camp wirkte wie ausgestorben. Selbst der Mond am Himmel war von Wolken verdeckt. Nur die magischen Flammen in den altmodischen Laternen warfen flackernd Licht auf den Weg. Und selbst die schienen kurz davor zu sein, einfach auszugehen.
    Feliz schnaufte und kämpfte sich mit wackeligen Gliedern zurück auf die Beine. Dann rannte sie weiter.


    Die Tochter des Apollo konnte Chirons weißen Pferdeleib schon von weitem sehen. Er trabte auf und ab, sein Schweif schlug nervös hin und her. In der Nähe stand auch Mr. D und wackelte nervös mit dem Bein. Und hinter ihnen…
    Adrenalin rauschte durch Feliz‘ Blut als sie die weißen Gewänder sah, neun an der Zahl, auf dem Gras ausgebreitet. Halbgötter knieten über ihnen. Sie konnte nicht denken. Jeder Gedanke verblasste in ihrem Kopf, bis er nicht mehr greifbar war. Stattdessen rannte sie.
    Je näher Feliz kam, desto kälter wurde ihr. Sie erkannte die Gewänder. Und auch die Frauen in ihnen. Das Mädchen rannte an Chiron vorbei, an Mr. D, der wüst fluchte, und fiel neben den Frauen auf die Knie. Aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken.
    Neun wunderschöne, elfenbeinfarbene Gesichter… Hohe Wangenknochen, sanft geschwungene Lippen, lange, schwarze Wimpern, Schmuck aus purem Gold an ihren langen Gliedern. Dreck an ihren Füßen und auf dem Stoff, Schnitte überall auf ihrer Haut, Blut, dass die weiße Gewänder dreckig rot färbte, Stöcke und Geäst in ihrem matt braunen Haar, verklebt mit Schmutz, Kratzer und geschwollene, rot leuchtende Wunden…
    Sie waren übel zugerichtet. Aber als sie das Gesicht von Polyhymnia sah, die mit trübem Blick in den mit Wolken verhangenen Himmel sah, da wusste sie, dass es die Musen waren.
    Feliz rutschte zu Polyhymnia herüber, die zitternden Finger griffen nach ihr, aber sie wagte es kaum, ihre Freundin zu berühren. Sie fürchtete, dass diese wunderschöne Frau unter jeder Berührung einfach zerbrechen würde, zerfallen wie ein trockenes Blatt. Ein Rinnsal aus Blut floss ihr über die zerplatzten Lippen. Feliz wollte nicht länger hinsehen. Die Musen so zu sehen, umgeben vom verunreinigten Gold ihrer Haare, der Anmut beraubt, verletzt und schmutzig…
    „Das wird Zeus gar nicht gefallen“, hörte sie Mr. D murmeln. Er bedachte die Frauen mit einem durchdringenden Blick, aber Feliz glaubte nicht, dass er sie wirklich ansah. Er fixierte nur wahllos einen Punkt. Chiron trabte neben sie und faltete die Vorderbeine unter seinem Körper. Er tauschte einen intensiven Blick mit der Tochter des Apollo.
    „Das ist Polyhymnia“, hörte sie sich selbst sagen, merkwürdig tonlos. Sie merkte nicht einmal, dass sie sprach. Die Gedanken wurden noch immer aus ihrem Kopf gewaschen, als würden Wellen über sie schwemmen und sie mit sich nehmen. Sie konnte einfach keinen Gedankengang zu Ende führen. Das Herz in ihrer Brust schien stumm. Der Schmerz an Händen, Armen und Knien war vergangen. Sie starrte Chiron in die alten, weisen Augen.
    Polyhymnia reagierte nicht, als man ihren Namen sagte. Sie schaute einfach in den Himmel, aber auch sie sah ihn nicht wirklich an. Die trüben, goldenen Augen brauchten nur einen Punkt, den sie anstarren konnte. Ihr Mund war leicht geöffnet, und unter ihrem verdreckten, kaputten Chiton hob und senkte sich ihre Brust regelmäßig. Als Feliz sich endlich traute, ihre Hand zu greifen, spürte sie, wie sehr die Muse zitterte. Dass jemand sie berührte schien sie nicht zu bemerken.


    Feliz wusste nicht, wie lange sie da saß und einfach nur Polyhymnias zitternde Hand hielt. Irgendwann legte jemand ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft beiseite. Als sie sich umwandte sah sie Will, aber die Befehle, die er gab, verstand sie nicht. Mit tauben Gliedern zog sie sich beiseite und sah, wie ihre Geschwister die Musen nach und nach auf Tragen hoben. Sie hörte scheinbar Kilometer weit entfernt die Heilgesänge. Mühsam kam sie auf die Beine und ging herüber zu Chiron, der die Heiler beobachtete. Feliz wusste, dass sie nichts tun konnte. Sie vertraute Will. Er würde die Wunden der Musen versorgen. Schon bald wären der Schmutz, der Dreck und das Blut verschwunden. Sie würden wieder strahlen wie zuvor.
    Blut.
    Die Wellen verebbten. Der Wind in ihrem Kopf verschwand. Gedanken formten sich, Worte reihten sich aneinander, bis sie eine Frage bildeten. Für einen Moment starrte Feliz auf das Gras vor sich, dann, als Chiron ihr seine Hand auf die Schulter legte, fuhr sie herum.
    „Sie bluten!“
    Er zuckte zurück. Die Heftigkeit in ihren Worten schien ihn zu erschrecken. Feliz fuhr sich unwirsch durch die Haare, ihr Blick glitt von einem Punkt zum nächsten als sie versuchte, einen Sinn daraus zu erkennen.
    „Rotes Blut, Chiron!“, stieß sie ungeduldig aus. Für einen kurzen Moment sah er sie nur an. Dann, als er verstand was sie meinte, weiteten sich seine Augen. Schnell galoppierte er davon, der Karawane an Krankentragen hinterher. Feliz folgte ihm sofort, aber fiel bald zurück. Jetzt, wo die Gedanken zurück waren, liefen sie Amok in ihrem Kopf.
    Rotes Blut. Kein Ichior. Die Musen waren Göttinnen. Sie müssten goldenes Blut bluten. Warum waren ihre Wunden noch nicht geheilt? Nur Menschen und Halbgötter bluten rot. Sie wurden angegriffen. Wie? Warum? Wer würde die Musen angreifen? Wer konnte die Musen überhaupt angreifen? Wie waren sie ins Camp gekommen?
    Es waren zu viele Fragen auf einmal. Feliz konnte sie nicht beantworten, und sie drehte sich im Kreis. Sie würde einfach den Musen folgen. Sicherstellen, dass sie versorgt wurden, dass ihnen niemand etwa tat, dass sie nicht weiter verletzt wurden.
    Die Tragen näherten sich den Hütten. Sie steuerten auf einen Bau mit großen, weißen Mamorsäulen zu, die hoch in den bewölkten Himmel ragten, nur erleuchtet von zwei Feuerschalen. Zeus‘ Hütte. Die Musen waren Töchter des Zeus. Dort würden sie sicher sein.
    Doch gerade als die Träger der ersten Muse einen Schritt in den Säulenbau tat, kam heftiger Wind auf. Viel zu stark, viel zu plötzlich. Die Rufe der Halbgötter wurden davongetragen, Böen aus wilder Luft peitschten das Gras um sie herum und riss an ihnen allen. Rufe wurden zu Schreien als der Sturm, ein wildes, unsichtbares Biest, sie einfach umwarf, zu Boden presste und ihnen die Luft zum Atmen raubte. Steine, Stöcke und Blätter wurden durch die Luft gewirbelt, wurden zu gefährlichen Geschossen. Der Wind pfeifte neben ihren Ohren und er hörte sie an wie das Brüllen eines wilden Tieres, wütend und laut und unaufhaltsam.
    Die Wolken hoch über ihren Köpfen türmten sich zu einer Festung aus purer Dunkelheit auf. Blitze zuckten aus ihnen hervor, gleißend helle Schlangen aus tausenden von Volt, Donner knallte in ihren Ohren wie Kanonenschüsse. Feliz presste sich flach auf den Boden, holte schnappend Luft. Sie wollte schreien, doch jedes Geräusch versank im Gebrüll des Sturms. Sie zwang sich, die Augen offen zu behalten, doch die schiere Angst machte sie bewegungsunfähig. Sie zitterte und hoffte, betete, dass es bald vorbei war. Doch es hörte nicht auf. Der Sturm wütete weiter. Er war zu schnell gekommen, zu heftig, um natürlich zu sein.
    „Vater!“, hallte eine Stimme durch den Sturm. Feliz verstand nicht, wie sie sie hören konnte, wo doch sonst jedes Geräusch einfach verschluckt wurde. Mühevoll wandte sie ihren Kopf.
    Polyhymnia saß wenige Meter von ihr entfernt, die Hände zu einem Gebet vor ihrer Brust gefaltet. Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr goldenes Haar schimmerte matt und rot im Licht der Blitze. Alles um sie herum war still. Das Gras bewegte sich nicht. Ihre Haare schwebten in der Luft. Der Sturm schien eine Barriere zwischen ihr und allem anderen zu bilden. Polyhymnia hatte den Blick in den Himmel erhoben.
    „Sie waren es nicht!“, rief sie mit einer wundervoll melodischen Stimme, aber Feliz hörte die Angst und den Schmerz darin. „Sie retteten uns. Wir brauchen ihre Hilfe! Vergib!“
    Für einen kurzen Moment geschah nichts. Dann zog sich der Sturm so schnell zurück, wie er gekommen war. Noch immer grollte der Himmel über ihnen und Wind fuhr durch das Gras wie ein Raubtier, das sich an seine Beute anschlich. Aber die Halbgötter konnten sich endlich wieder aufrichten und saugten gierig die Luft ein.
    Polyhymnia saß im Gras, die Augen geschlossen, ihre Lippen bewegten sich lautlos. Feliz rutschte zu ihr herüber, gerade rechtzeitig, denn die Muse wankte gefährlich. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, ihr ganzer Körper zitterte. Als sie kippte, fing Feliz sie in ihren Armen auf. Sie spürte die Hitze, die von ihrer Freundin ausging, das fieberhafte Schütteln in ihrem Körper. Langsam öffnete Polyhymnia ihre goldenen Augen, aber sie brauchte einen Moment, um Feliz zu erkennen.
    „Es ist okay. Alles ist gut“, raunte die ihr zu, aber ihre eigene Stimme zitterte so stark, dass sie sich selbst kaum verstehen konnte. Der Schock vom plötzlichen Sturm steckte ihr noch immer in den Knochen. Sie konnte jetzt nicht reden. Feliz strich das goldene Haar ihrer Freundin aus ihrem Gesicht.
    „Feliz“, keuchte die Muse. Feliz wollte ihr sagen, dass sie nicht reden solle, sondern die Augen zu machen und sich schonen, aber es kam nichts heraus, als sie den Mund öffnete. Polyhymnias rote Augen wurden wieder merkwürdig trüb, als sie ihre zitternde Hand auf Feliz‘ Wange legte.
    „Unsere Attribute“, flüsterte sie kaum hörbar. „Wir… Wir sind sterblich!“





    @Katoptris
    Re-Kommentar wie immer an Pinnwand und so. o/
  • Chapter 3- Cumulonimbus



    Als die Sonne am nächsten Morgen aufging herrschte trügerische Stille im Camp. Es war, als hielte die Natur ihren Atem an, als ob sie Angst hätte, den Sturm von gestern wiederzuerwecken. Wind pirschte noch immer durchs Camp, aber weder Tier noch Mensch wagte es, zu viel Lärm zu machen.


    Feliz hatte kaum geschlafen. Nachdem sich der Sturm endlich gelegt hatte, hatten ihre Heiler-Geschwister die verletzten Göttinnen in die Zeus-Hütte getragen. Sie wollte eigentlich hinterher, doch Chiron empfing sie am Eingang und versperrte ihr den Weg. Sie erzählte ihm kurz von den gestohlenen Attributen und der Tatsache, dass die Musen nun sterblich waren und war dann entlassen. Erst protestierte sie, aber am Ende blieb ihr nichts anderes übrig als kehrt zu machen und seinem Befehl, schlafen zu gehen, zu folgen. Sie war gerade ein paar Schritte in Richtung Hütte 7 gegangen, da rief der Campleiter sie noch einmal zurück.
    „Kein Wort den andere gegenüber“, forderte er mit einem eindringlichen Blick. „Wir wollen keine unnötige Aufregung.“
    Unnötige Aufregung, pah. Die Musen wurden attackiert. Sie waren sterblich. Unnötig wäre eine Aufregung wirklich nicht. Trotzdem stimmte sie zu, auch, um ihn zufrieden zu stellen.


    Noch vor Sonnenaufgang war die Apollo-Tochter wieder wach. Sie schlich sich aus ihrem Zimmer, in dem Hayley und Miriam noch selig schliefen. Mit den beiden hatte sie nicht mehr gesprochen. Feliz hatte so getan, als würde sie bereits schlafen, als ihre Schwestern ins Zimmer gekommen waren.
    Sie war allerdings nicht die einzige, die schon auf war. Im Gemeinschaftsraum saß Will auf einem Stuhl und blätterte einen Haufen dicker Bücher über magische Heilungen durch. Er wirkte bleich und müde, mit tiefen Schatten unter den Augen, und immer wieder malträtierte er seine Lippen mit den Zähnen. Er hob nur kurz den Kopf, als Feliz hereinkam, und vertiefte sich dann wieder ins nächste Buch. Als sie ihn auf die Musen ansprechen wollte, schüttelte er bloß den Kopf und gab ihr mit einem eindringlichen Blick zu verstehen, dass er jetzt nicht sprechen könnte. Feliz spürte, dass sie gereizt war. Aber die Sorge um ihren erschöpften Halbbruder überwog, also ging sie zu ihm herüber und nahm ihm das Buch aus der Hand.
    „Geh schlafen. Du hast sicher die halbe Nacht gearbeitet“, wies sie ihn an. Und auch, wenn er erst wiedersprechen wollte, nickte er müde und verschwand im Jungs-Trakt der Hütte. Feliz starrte für einen Moment den Stapel Bücher auf dem Tisch wütend an, als würden die ihr die Lösungen für alle ihre Fragen verschweigen, räumte sie dann aber in eine Ecke, wo sie nicht weiter auffallen würden. Sie war sich ziemlich sicher, dass Chiron allen beteiligten Heilern das Versprechen abgenommen hatte, mit niemandem zu sprechen. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr bewusst, dass es vielleicht wirklich das Beste war. Alleine schon um der Musen Willen. Jetzt, wo sie sterblich waren, heilten ihre Wunden nicht mehr so schnell. Ambrosia und Nektar würde sie verbrennen. Sie mussten sich vollkommen auf die Kinder des Apollo verlassen, wenn sie sich schnell erholen sollten. Dutzende neugierige Halbgötter waren da sicher nicht vom Vorteil.


    Der Platz vor den Hütten, auf dem Hestias Feuer stand und munter vor sich hinflackerte, sah aus wie immer. Kein Anzeichen von den schwer verletzten Musen, dem plötzlichen, heftigen Sturm… Der Gedanke daran jagte Feliz einen Schauer über den Rücken. Wie hatte Zeus bitte denken können, dass sie der Grund für die Verletzungen seiner Töchter waren? Erst vor zwei Jahren hatte das Camp alles riskiert, um den Olymp zu schützen…
    Feliz‘ Blick wanderte kurz zur ersten Hütte herüber. Der Marmor schimmerte im Licht der Feuerschalen. Die Hütte des Zeus stand ruhig und still im Zwielicht. Für einen Moment dachte sie darüber nach, einfach hineinzugehen. Stattdessen wandte sie sich um. Ihren MP3-Player in der Tasche vor ihrem Bauch, die Kopfhörer in den Ohren und die Lautstärke fast unerträglich laut stapfte sie die vom Reif überzogenen Wege entlang.


    Im Haupthaus brannte Licht.
    Chiron war, natürlich, schon wach. Als Feliz die Eingangstür hinter sich schloss, war auch er tief versunken in eine Reihe Bücher. Neben ihm stand allerdings noch ein Mädchen, etwa in Feliz‘ Alter. Ihre wilden, roten Locken hatte sie sich notdürftig mit einem Stoffband nach hinten gebunden, ihr weißes Shirt war voll mit Farbkleksen und ihre Jeans hatte überall kleine Löcher und winzige Wörter waren darauf geschrieben. Sie beugte sich über etwas, das Feliz von ihrer Position an der Tür nicht sehen konnte. Die Falten auf ihrer Stirn dagegen schon.
    „Was machst du denn hier?“
    Sie hatte ihn vorher gar nicht bemerkt, aber Mr. D saß in seinem weinroten Sessel und starrte die Apollo-Tochter düster an. Nein, eigentlich schaute er schon wieder durch sie hindurch. Feliz trat unbehaglich von einem Bein aufs andere. Normalerweise machte Mr. D ihr keine große Angst. Aber gerade leuchteten seine violetten Augen gefährlich auf.
    „Feliz?“ Chiron hatte sich zu ihr umgedreht. Als sie sein Gesicht sah, wurde ihr klar, dass er nicht schon früh auf war. Er hatte mit Sicherheit die ganze Nacht nicht geschlafen. Der Zentaur hatte dicke Säcke unter den Augen und war seltsam blass, die Falten zogen sich wie dunkle Schluchten überall durch sein Gesicht. Er rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen.
    Das Mädchen neben ihm sah schon etwas besser aus. Rachel Elisabeth Dare hatte nicht die gleichen Müdigkeitserscheinungen, aber ihr Blick war mindestens genauso besorgt. Als sie Feliz erkannte, hellte sich ihr Gesicht für einen Moment auf, wurde dann aber wieder ernst. Rachel mochte die Apollo-Kinder generell recht gerne. Als neues Orakel von Delphi fühlte sie sich Apollo am nächsten, genauso wie dessen Kinder.
    „Wie geht es…“, begann Feliz, brach dann aber ab. Sie ging zwar davon aus, dass Rachel eingeweiht war, immerhin war sie das Orakel und damit eine gute Quelle für Weissagungen und dazu auch noch ziemlich intelligent, aber sie wollte Chiron, der ohnehin schon gestresst genug aussah, nicht noch unnötig reizen.
    „Besser“, antwortete der Zentaur nach einem kurzen Räuspern. Seine Stimme klang rau und müde. „Sie waren schwer verwundet, aber Will und die anderen Heiler haben ihr bestes getan. In ein paar Tagen werden sie wohl wieder fit sein.“
    Feliz merkte die Tonne Steine in ihrem Magen erst, als sie von ihr abfiel. Polyhymnia ging es gut, den anderen Musen auch.
    „Gibt es schon Hinweise darauf, wer das war?“, fragte Feliz. Chiron wollte gerade antworten, da schnitt Dionysus ihm das Wort ab.
    „Das geht dich nichts an“, zischte er und starrte Löcher in seinen Kelch voll mit Wasser.
    „Ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren!“, antwortete Feliz ungehaltener als sie eigentlich wollte. Jemand hatte ihr Freundin verletzt und wer auch immer es war konnte sich darauf gefasst machen, seinen Kopf quer durch seinen Körper und raus aus seinem Hin-
    „Du hast überhaupt kein Recht auf irgendetwas“, gab Mr. D zurück und funkelte sie an. Mit einer kurzen Handbewegung flog sein Kelch zu dem Leopardenkopf an der Wand, wo er allerdings nur abprallte. Das Tier war zu angespannt um zu spielen. Seine Ohren zuckten wild, als würde er spüren, dass etwas nicht in Ordnung war.
    Für einen kurzen Moment öffnete Feliz ihren Mund. Sie wollte etwas sagen. Sie wollte diesen verdammten Gott des Entzugs zurechtweisen, ihm sagen, dass er zum Tartaros fahren solle, dass er seinen dicken Hinter hochkriegen und etwas tun soll, das zur Abwechslung mal produktiv ist und dass seine Leoparden-Hemden die größte Geschmacksverirrung seit den Achtzigern ist und jeder im Camp Schmerzensgeld verdient hätte.
    Dann schloss sie ihn wieder. Es hatte keinen Sinn, mit ihm zu streiten. Im schlimmsten Fall würde er sie noch verfluchen oder in einen Grashalm verwandeln. Feliz hasste die Aussicht darauf, aber sie würde warten müssen, bis es Polyhymnia wieder gut ging. Sie würde ihr sicher sagen, was passiert war.
    Sie fing Chirons und Rachels Blicke auf und gab sich alle Mühe, ihren Ärger zu verstecken.
    „Ruh dich etwas aus, Chiron“, sagte sie ihrem Campleiter. „Wenn du umkippst hat Will noch jemanden, um den er sich kümmern muss.“ Der Zentaur schenkte ihr ein kleines Lächeln, aber als sie sich umdrehte, wandte er sich schon wieder seinem Schreibtisch zu, auf dem sich noch mehr Bücher stapelten als vor zwei Tagen.


    Feliz ging die Stufen herunter und wollte gerade die Kopfhörer wieder in ihre Ohren drücken, da schlüpfte Rachel aus der Tür und rief ihren Namen. Überrascht drehte sie sich um.
    „Warte kurz“, bat die Rothaarige und sprang die vier Stufen einfach herunter. Im Sonnenlicht sahen Rachels Haare aus als würden sie in Flammen stehen, fast so wie bei Gina. Feliz blieb stehen und hob eine Augenbraue. Sie hatte keine Ahnung, was Rachel wollte.
    „Ich gehe nicht davon aus, dass du mir irgendwelche Antworten gibst“, murmelte sie angespannt und warf einen tödlichen Blick in Richtung Haupthaus.
    „Nein. Und das ist auch das Beste. Zumindest im Moment“, antwortete Rachel mit ernstem Blick. Feliz verzog das Gesicht, erst dann sickerten die Worte so richtig durch.
    „Im Moment?“
    Rachel sah kurz hinter sich, als würde sie fürchten, dass Mr. D jeden Moment auf seinem Leoparden-Kopf reitend aus dem Haupthaus stürzen würde, um sie in Blattläuse zu verwanden. Dann beugte sie sich vor.
    „Halt dich bereit“, raunte das Orakel leise. „Wenn ich Recht habe, und ich denke, dass ich das habe, dann…“ Sie zögerte einen Moment. „Bleib in der Nähe und bereite dich vor.“
    „Auf was?“, flüsterte Feliz eindringlich zurück, aber Rachel schüttelte nur den Kopf.
    „Mehr kann ich nicht sagen“, antwortete sie. Einen Moment lang schien sie zu überlegen, ihre grünen Augen funkelten, aber dann entschied sie sich um. Das Orakel schenkte ihr ein kleines Lächeln und sprintete dann die Treppen hoch, zurück ins Haupthaus. Feliz blieb zurück, schaute ihr noch einen Moment hinterher und wandte sich dann dem Weg zum Amphitheater zu.


    Als die Sonne aufging, lag sie auf den marmornen Stufen des Amphitheaters und starrte in den Himmel. Die Wolken vom Vortag hatten sich verzogen, aber trotzdem wirkte das Blau über ihr merkwürdig trüb, als läge ein grauer Schleier darüber. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wärmten sie und gaben ihr etwas mehr Energie. Fürs erste waren die Musen hier sicher. Das goldene Vlies in Thalias Baum schützte das Camp vor Monstern. Die Barriere hielt alles ab, was nicht hineingehörte.
    Feliz blinzelte. Warum konnten dann die Musen herein? Wenn sie wirklich gänzlich menschlich wären, dann hätte die Barriere sie eigentlich aussperren müssen. Andererseits war es auch Rachel vor zwei Jahren möglich gewesen, ins Camp zu kommen und sie war ebenfalls menschlich. Vielleicht hatte die Barriere erkannt, dass in den Musen mal etwas Göttliches gesteckt hatte. Oder sie waren nicht ganz menschlich…
    Feliz richtete sich erst auf, als das Horn zum Frühstück blies. Mr. D hatte es recht klar gemacht, dass sie sich nicht einzumischen hatte. Trotzdem würde sie zumindest Chiron all das erzählen, über das sie nachgedacht hatte. Sie wusste nicht, ob es helfen würde, aber einen Versuch war es wert. Der Zentaur war Jahrtausende alt, er würde wissen, was zu tun ist.


    Das Frühstück war ein verfluchter Spießrutenlauf. Alle hatten gemerkt, dass die Heiler der Apollo-Hütte sich irgendwann weggeschlichen hatten, unter irgendwelchen dummen Vorwänden, während sie selbst von Argus im Amphitheater festgehalten worden waren. Alle wollten wissen, was passiert war. Auf dem Weg zum Pavillon wurde Feliz immer wieder von neugierigen Campern angesprochen, aber sie tat so, als hätte sie niemanden gehört, oder sagte, dass sie schnell weitermüsse. Vielen ihrer Halbgeschwister ging es kaum anders. Besonders die Heiler, allesamt bleich vor Anstrengung und Schlafmangel, wurden permanent ausgefragt und viele schienen unter dem Druck bald zu kollabieren. Irgendwann reichte es Will dann.
    „Keine weiteren Fragen!“, brüllte er so aufgebracht, wie Feliz ihn noch nie erlebt hatte. Mit einem Mal verstummten alle Gespräche in der Umgebung, niemand hatte mit so einem Ausbruch vom sonst so entspannten Apollo-Sohn gerechnet. Aber Will sank nur zurück auf seinen Platz am Apollo-Tisch und rieb sich erschöpft die Schläfen. Feliz setzte sich neben ihm und legte ihm eine Hand auf den Rücken. Er sah sie aus dem Augenwinkel an und seufzte.
    „Hast du geschlafen?“
    „Ein wenig“, antwortete der Heiler nuschelnd. Feliz biss sich auf die Lippe. Die Stimmung am Tisch war auf einem absoluten Tiefpunkt. Einige Geschwister hatten sich scheinbar gestritten, vermutlich, weil die Heiler ihnen nichts sagen durften. Miriam stocherte nur in ihrem Müsli herum und Leon wippte nervös mit dem gesamten Körper. Er warf ihr immer wieder drängende Blicke zu, aber Feliz schüttelte nur kaum merklich den Kopf. Ihr Halbbruder war definitiv nicht begeistert, selbst von ihr eine Abfuhr zu kassieren. Er verzog ärgerlich das Gesicht und starrte Blicke des Todes in sein Omlett. Das Frühstück lief vollkommen still ab. Die meisten Heiler stopften sich das Essen förmlich herein, was definitiv nötig war. Sie verbrauchten viel Energie und viel Zeit zum Essen hatte sie nicht, denn nach einigen Minuten am Esstisch lagen ihre Köpfe schon auf dem Tisch und sie waren eingeschlafen. Will versuchte sich zusammenzureißen, aber Feliz sah ihm an, wie schwer es ihm fiel. Für alle Fälle schob sie seinen Teller zur Seite, damit er kein unfreiwilliges Bad in Frittata machte, wenn es hart auf hart kam.
    Die Blicke der Halbgötter von den anderen Tischen bohrten sich förmlich in ihren Rücken. Natürlich hatte sich mittlerweile auch herumgesprochen, dass sie entkommen war, bevor Argus das Theater abgeriegelt hatte. Es war nicht so, dass Feliz die Neugierde nicht verstehen konnte. Ein Halbgott (auch er saß nervös am Tisch der Hermes-Hütte, mied aber sämtlichen Augenkontakt), der völlig aufgelöst verkündet, dass die Musen verletzt im Camp liegen, Heiler, die vor lauter Erschöpfung beim Frühstück einschlafen, und alle sagen, dass sie nicht darüber reden können. Nicht reden zu dürfen bedeutete in einem Camp wie diesem eigentlich immer, dass etwas im Busch war. Und nicht zu wissen, was dieses etwas war, machte es in den meisten Fällen nur schlimmer, denn Halbgötter, die sich nicht auf eine Gefahr einstellen konnten… Die wurden ruhelos, nervös, gereizt. Alles Teil ihrer Kampfinstinkte. Die drängten sie darauf, sich bei Ärger vorzubereiten. Nur konnten sie das nicht, wenn ihnen nicht gesagt wurde, was Sache war.
    Feliz sah sich heimlich um und sah, dass Percy Chiron mit Blicken löcherte, ebenso Annabeth und auch Clarisse. Alle drei waren Helden im Titanenkrieg gewesen und hatten ihr Leben schon so oft riskiert, um alle anderen zu schützen. Dass sie unbedingt wissen wollten was vor sich ging, war nur natürlich. Dann schaute sie herüber zu Gina, die auf ihrem Löffel herum kaute. Ihr nichts sagen zu können würde am schlimmsten werden. Gina war schon immer ein persönlicher Ruhepol für Feliz gewesen. Bei ihr konnte man sich darauf verlassen, dass ihr Rat alle Pros und Contras genau abwog, ohne, dass ihre eigenen Gefühle der Entscheidung im Weg standen. Sie war intelligent und überlegt, war sie immer schon gewesen und das bewunderte ihre Freundin so an ihr. Feliz‘ selbst war vor allem unter Druck kaum zu vernünftigen Entscheidungen fähig.


    Zehn Minuten hielt sie es nach dem Essen auf dem Campgelände aus. Dann platzte ihr vor lauter Fragen und drängenden Blicken beinahe der Schädel. Feliz fand sich in einem Pulk aus Halbgöttern wieder, die alle versuchten, ihr etwas zu entlocken und sich dabei äußerst intelligent vorkamen, weil sie sich möglichst leise und unauffällig- Achtung, Sarkasmus- verhielten. Egal wie oft sie sagte, dass man aus ihr nichts herausbekam, sie wurde immer weiter bedrängt. Irgendwann platzte ihr der Kragen. Ohne ein weiteres Wort, aber mit einem giftigen Blick an alle in Sichtweite, konzentrierte sie sich auf ihren Körper und spürte, wie ein Kribbeln durch ihn fuhr. Ihre Füße hoben immer weiter ab, bis sie schließlich den Boden nicht mehr berührten. Sie schoss ein Stück in die Luft, so, dass niemand sie packen konnte, sah zu, wie die Halbgötter unter ihr sich fluchend gegenseitig schubsten und nach ihr riefen und flog dann eilig davon.


    Die Heiler waren schon kurz vor dem offiziellen Ende des Frühstücks aufgestanden und Richtung Apollo-Hütte verschwunden, damit sie keiner aufhalten konnte. Jetzt wanderten noch einige von ihnen im Aufenthaltsraum herum, trugen aber schon ihre Schlafklamotten. Feliz assistierte Will dabei, sie alle in ihre Betten zu scheuchen. Nur Will selbst vergrub sich schon wieder in einem Buch.
    Feliz riss es ihm aus der Hand.
    „Ich brauche das!“, fuhr der Apollo-Sohn sie an, bereute es aber sofort. Er seufzte mit einem deutlich zerknirschten Gesichtsausdruck und fuhr sich mit zitternden Fingern durch das Gesicht.
    „Du brauchst vor allem Schlaf“, raunte Feliz ihm leise zu und schob ihn in Richtung Jungstrakt. Einen Moment lang leistete er noch Gegenwehr, aber dann lächelte er seiner Halbschwester schwach zu und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Feliz war wieder alleine im Gemeinschaftsraum. Alle anderen waren mit Chiron zum Bogenschießen gegangen, aber sie hatte eine gute Entschuldigung, nicht draußen zu sein. Feliz sah sich das Buch in ihrer Hand etwas genauer an. Ihr Finger steckte noch zwischen den Seiten, die Will aufgeschlagen hatte. Sie selbst hatte zwar eine Grundausbildung in Erster Hilfe, aber Heilen gehörte nicht zu ihren Fähigkeiten. Sie konnte Bogenschießen, im Vergleich zu den Besten ihrer Hütte aber auch nur mittelmäßig, hatte eine natürliche Begabung, was Instrumente betraf, konnte ihre Stimme verstellen und einige Zeit lang fliegen. Nichts davon half ihr im Kampf großartig weiter und auch wenn sie ungern darüber nachdachte war sie deswegen ständig in Gefahr. Sie hatte eine grundlegende Ausbildung in allerlei Waffen bekommen, aber wenn es hart auf hart käme, wäre sie der ideale Monstersnack...
    Für eine Weile las sie die Hymnen in Wills Buch, aber es brachte doch nichts. Sie verstaute es mit einem Stück Papier zwischen den Seiten in einem der zahlreichen Bücherregale und legte sich dann auf eine schöne, beigefarbene Couch. Die Apollo-Tochter starrte an die Stuckdecke und steckte ihre Kopfhörer in die Ohren. Dieses Mal setzte sie die Lautstärke etwas herunter, für den Fall, dass etwas passierte. Aber nach einer kurzen Weile, in der sie die Decke nach merkwürdigen Mustern abgesucht hatte, fielen ihr die Augen zu und irgendwann entglitt sie in einen unruhigen Schlaf.


    Sie wusste nicht, was sie geträumt hatte, aber es musste etwas Grässliches gewesen sein, denn als sie aufwachte, schreckte sie so stark auf, dass sie beinahe die Couch herunterfiel. Für einen Moment war Feliz komplett orientierungslos. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust und sie spürte förmlich, wie die Details ihres Traumes immer weiter verschwanden. In einem Moment war sie sich noch sicher, sich an etwas zu erinnern und im nächsten Moment war es einfach weg. Sie versuchte danach zu greifen, aber es hatte keinen Zweck. Innerhalb kürzester Zeit war vom Traum nur das ungute Gefühl und das Wissen geblieben, dass etwas damit… nicht gestimmt hatte. Sie konnte nicht sagen, was und warum. Sie wusste es einfach.
    Großartig Gedanken darum machen konnte sie sich allerdings nicht, denn direkt neben ihr sah sie plötzlich eine Bewegung. Sie brauchte einen Moment um Will zu erkennen, der versucht hatte, sich vorbeizuschleichen.
    „Wo gehst du hin?“, fragte Feliz ihn scharf. Mit einem Blick auf die Uhr sah sie, dass es neun Uhr war. Sie hatte schon wieder das Essen verschlafen, wie vermutlich alle Heiler auch. Will drehte sich zu ihr herum. Er wirkte ertappt. Sein Gesicht war noch immer blass, aber die Ruhe hatte ihm gut getan. Allerdings würde er noch sehr viel mehr davon brauchen, um wieder vollkommen normal auszusehen.
    „Spaziergang“, presste er hervor, vermied aber Augenkontakt.
    „Du bist ein miserabler Lügner“, antwortete Feliz nüchtern. Er lächelte schief und sah sie dann zum ersten Mal an. Er schien sich geradezu zu erschrecken.
    „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte er und richtete sich jetzt erst ganz auf. Feliz warf ihm einen fragenden Blick zu.
    „Du bist leichenblass“, flüsterte er als Antwort. Sie runzelte die Stirn, aber Wills Blick nach zu urteilen war es ihm vollkommen ernst. Das Herz in ihrer Brust klopfte noch immer schmerzhaft heftig.
    „Ich hatte einen Albtraum“, gab sie zu, schüttelte aber nur den Kopf und zuckte mit den Schultern, als danach fragte. „Keine Ahnung. Vielleicht wurde ich von irgendetwas gejagt. Einem Höllenhund, oder einer Bande Zyklopen, vielleicht auch einem Massenmörder. Oder Wespen. Ich erinnere mich nicht.“
    Will hob eine Augenbraue, aber Feliz wollte nicht weiter darüber reden. Das ungute Gefühl, dass sie etwas Wichtiges einfach so vergessen hatte, bereitete ihr Sorgen.
    „Wo gehst du hin?“, versuchte sie es noch einmal. Will starrte sie halb nervös, halb besorgt an. Dann seufzte er und nickte Richtung Tür.


    Es war kein weiter Weg, denn sie bogen direkt vor der Tür schon in Richtung Hütte 1 ab. Feliz‘ Augen weiteten sich.
    „Du kennst eine von ihnen, oder?“, fragte er sie, als die beiden mit schnellen Schritten die kurze Strecke überbrückten. Komischerweise war niemand mehr draußen, obwohl Sperrstunde erst um zehn war. Zumindest konnte sie so keiner aufhalten.
    Feliz nickte, die Hände in der Bauchtasche ihres orangen Pullovers versteckt. Die Temperatur war schnell gesunken. Dicke Wolken türmten sich am Himmel und bereiteten ihr ein ungutes Gefühl. Sie würde Wolken wie diese nie wieder mit den gleichen Augen sehen.
    „Polyhymnia. Ich kenne sie schon fast mein ganzes Leben lang“, antwortete Feliz. Kurz nach ihrer Geburt hatte die Muse Helen und ihre Tochter im Krankenhaus besucht. Sie konnte wohl spüren, dass das neugeborene Mädchen ein besonderes Talent hatte. Künstlerisch begabte Apollo-Kinder hatten schon immer einen besonderen Zugang zu den Musen, aber es geschah selten, dass eine von ihnen sich einem Halbblut so sehr annahm wie Polyhymnia es bei Feliz getan hatte. Als Kind dachte sie, dass die Muse ihre Tante sei, aber irgendwann erfuhr sie dann die Wahrheit. Siebzehn Jahre lang hatte sie Polyhymnia mehrmals im Jahr gesehen, im Gegensatz zu ihrem Vater. Zumindest letzteres machte ihr nur wenig aus. Nach den Geschichten ihrer Mutter und Percys Erzählungen über ihren Erzeuger war sie sich ziemlich sicher, dass sie seine Anwesenheit auch nur etwa fünf Sekunden ertragen würde. Polyhymnia dagegen…
    „Das ist gut“, murmelte Will vor sich hin. „Sie können ein vertrautes Gesicht gerade wohl gut gebrauchen.“


    Feliz war noch nie in der Zeus-Hütte gewesen und hatte nach einem kurzen Blick hinein auch nie wirklich das Bedürfnis gehabt, das zu ändern. Es gab keine Kinder des Zeus im Camp, nachdem Thalia jetzt eine Jägerin der Artemis war. Deswegen stand die Hütte im Normalfall leer. Die großen, leuchtend weißen Marmorsäulen standen nur dort, um Zeus zu ehren, genauso wie auch Artemis‘ und Heras Hütten. Man gewöhnte sich zwar daran, aber das bedeutete auch, dass die Hütten ein wenig in Vergessenheit gerieten, je länger man im Camp wohnte.
    Will klopfte an die Tür und wartete auf eine brüchige Stimme, die ihn hereinbat. Feliz wollte auch über die Schwelle treten, aber er hielt sie zurück.
    „Sie müssen es dir erst erlauben“, raunte er ihr zu und verschwand dann ohne sie hinein. Es dauerte eine Minute, in der sie unbehaglich von einem Bein aufs andere trat. Wenn jetzt jemand vorbei kam, könnte es durchaus Ärger geben. Gleichzeitig wollte sie Polyhymnia unbedingt sehen. Und sie war nervös. Gestern noch hatte sie ihre alte Freundin kaum ansehen können, so schwer verletzt war sie gewesen… Feliz biss sich auf ihre Unterlippe und verschränkte ihre Finger in der Bauchtasche. Sie beobachtete für einen Moment, wie die Flammen in den Feuerschalen in der Luft züngelten.
    Sie wusste nicht, was es war. Aber etwas daran…
    Die Tür glitt wieder auf. Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig, die goldblonden Haare in einen tiefen Zopf zusammengebunden und ein großes Pflaster auf der Stirn stand etwas wackelig auf der Schwelle. Feliz brauchte einen Moment, um Polyhymnia zu erkennen.
    „Ich gewähre dir, Kind des Apollo, Einlass in das Haus unseres Vaters und Herren Zeus“, brachte sie hervor. Einen kurzen Moment wartete sie, dann umschlang Polyhymnia Feliz und drückte sie an sich. Feliz schwankte ein wenig unter dem zusätzlichen Gewicht. Sie sah Will, der seine Arme ausstreckte um zu helfen, schüttelte aber nur den Kopf.


    Zuerst waren die Musen wenig begeistert, jemand neues zu sehen. Als Polyhymnia sie allerdings als ihre Freundin und Vertraute vorstellte, entspannten sich die Frauen und gingen wieder dazu über, an die Wände oder auf den Fußboden zu starren. Zwei von ihnen probierten sich daran zu gehen, aber nach wenigen Schritten stürzten sie wieder zurück auf ihre blütenweißen Betten, bevor sie vor Erschöpfung zu Boden gingen. Sie alle waren übersät mit Verbänden, Pflastern und seltsamen, grünlichen Pasten. Man hatte ihnen weiße Shirts und weite Hosen geliehen, sie waren gewaschen und Blut und Dreck war verschwunden. Die göttliche Aura war verschwunden, aber sie waren immer noch unglaublich schöne Frauen, trotz den weiten Shirts und den leicht unförmigen Sporthosen. Ihre Gesichter waren allerdings vor Anstrengung, Müdigkeit und Angst verzerrt.
    Will huschte durch die Gegend, wechselte Verbände und Pflaster und sang hier und da eine leise Heilungshymne. Feliz sah immer mal wieder zu ihm herüber. Heilungen kosteten viel Kraft und er war noch immer nicht vollkommen erholt. Sie wusste, dass er darauf nicht achten würde, also müsste sie das machen.
    Die Apollo-Tochter saß neben Polyhymnia auf deren Bett. Ihre Freundin brachte ein schwaches, aber tapferes Lächeln zustande.
    „Deine Geschwister haben uns sehr geholfen“, sagte sie mit zittriger Stimme. Feliz wusste nicht, ob es an der Erschöpfung oder an der Angst lag. Beides gab ihr kein besseres Gefühl. Sie fühlte sich grässlich, aber Feliz musste einfach fragen.
    „Was ist passiert?“
    Polyhymnia senkte den Blick und das Lächeln verging. Sie griff nach Feliz‘ Händen.
    „Ich…“, begann sie heiser. Sie räusperte sich. „Ich bin nicht sicher. Es ging alles so schnell…“
    Feliz wartete ab. Sie wollte die Muse nicht unter Druck setzen. Sie hatte schon so viel durchgemacht, da brauchte es nicht auch noch einen neugierigen Halbgott, der nicht wusste, wann man es besser gut sein lässt.
    „Wir alle haben einen starken Impuls gefühlt“, fing die Muse dann wieder an. „Alle gleichzeitig. Er war so stark, dass wir einfach hin mussten. Als wir da waren, waren wir überrascht einander zu sehen. Im Olymp sehen wir uns ständig, aber nicht auf der Erde. Noch nie waren wir alle neun an einem Ort versammelt gewesen. Aber bevor wir verstehen konnten, was passierte, wurden wir schon angegriffen. Es war dunkel. Wir konnten nichts sehen. Jemand riss mir meine Leier aus den Händen…“
    Sie stockte wieder. Feliz Gehirn brummte. Polyhymnias Erklärung wiedersprach allem, was die Muse ihr jemals über Ihresgleichen erklärt hatte.
    „Aber sind eure Attribute nicht fest mit euch verbunden?“
    „Natürlich.“ Sie nickte bekümmert. „Normalweise ist die feste Form unserer Attribute immer bei den Formen von uns, die auf dem Olymp leben. Aber was auch immer uns zusammengerufen hat… Es hat uns in unserer Gesamtheit beschworen.“
    Feliz rieb sich die Schläfen. Das machte doch alles keinen Sinn. Eine Muse auf sich aufmerksam zu machen war schon schwierig genug, denn es brauchte einiges an Kreativität und Willensstärke. Sie alle zu rufen war ein Ding der Unmöglichkeit. Und selbst, wenn man das schaffte, hunderte von Erscheinungsformen in einer Form zu vereinen… Wenn nicht einmal die Musen wussten, wie das funktionierte, erreichten sie hier eine absolute Sackgasse.
    Warum würde jemand solche Mühen in Kauf nehmen, um die Attribute der Musen zu stehlen? Niemand anderes konnte sie nutzen und ohne die Göttinnen waren sie nicht mehr als mal mehr, mal weniger hübsch anzusehende Deko-Objekte.
    „Und du hast keine Idee, was…“, begann Feliz, ließ den Satz aber in der Luft hängen, als Polyhymnia sie ansah. Die Apollo-Tochter sah in den goldenen Augen ihrer Freundin, dass da mehr war als sie zugeben wollte. Irgendetwas hatte sie ihr nicht gesagt. Aber so angespannt und schuldbewusst wie die Muse sie anstierte, war Feliz sich sicher, dass sich daran so bald nichts ändern würde.
    Das Mädchen schnaubte. Jetzt hatte sogar ihre Freundin seit Kindertagen Geheimnisse vor ihr.
    Sie konnte nicht wütend auf sie sein. Sie konnte nicht wütend auf jemanden sein, der verletzt und ängstlich war wie die Muse vor ihr, die noch immer leicht zitterte und bei jedem Geräusch erschreckte, deren Augen rot waren vor Erschöpfung und Tränen. Es ging einfach nicht. Aber gleichzeitig fühlte sie sich so schrecklich nutzlos. Irgendetwas musste sie doch tun können. Sie konnte nicht einfach so herumsitzen und Däumchen drehen. Es fühlte sich falsch an. Ihr ganzer Körper schrie förmlich danach, dass sie etwas tun sollte, verdammt, selbst ihr Kopf stimmte halbherzig zu. Aber sie konnte nicht. Durfte nicht. Und das war schrecklich ermüdend.
    Feliz Blick blieb auf dem Pflaster auf der Stirn der Muse hängen. Dieses Mal war sie es, die stierte und wahllos einen Punkt fixierte. Polyhymnia wich ihrem Blick aus, aber irgendwann drückte sie die Hände ihrer Freundin.
    „Das ist sicherlich eine merkwürdige Sicht“, seufzte sie und strich sich über die Pflaster an ihren zerschundenen Fingern. Feliz brauchte einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden.
    „Ein wenig“, gab sie zu. „Ich habe dich noch nie verletzt gesehen.“
    „Wir waren auch noch nie verletzt.“ Ein schiefes Lächeln schlich sich auf Polyhymnias Gesicht. „Seit ich denken kann sind wir Göttinnen. Aber wir beschwören keine Blitze, kontrollieren nicht Wasser oder Erde, wir erschaffen nichts, wir kämpfen nicht… Wir waren nie wichtig genug, um von jemandem attackiert zu werden.“ Das stumme ‚Bis jetzt‘ schwebte zwischen ihnen.
    „Ihr werdet bald wieder gesund“, versicherte Feliz ihr und strich ihr vorsichtig über den badagierten Arm. Polyhymnia öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich, schwankte zwischen Kummer und… Zufriedenheit? Feliz warf ihr einen fragenden Blick zu.
    „Du wirst mich für verrückt halten“, hauchte sie kaum hörbar.
    „Ihr wurdet angegriffen und seid jetzt sterblich. Ein bisschen Verrücktheit ist da ziemlich verständlich“, gab das Mädchen nüchtern zurück und erntete ein leises Lachen. Die Muse schien mit sich selbst zu ringen. Aber schließlich redete sie dann doch weiter.
    „Ich… Ich bin dankbar für diese Schmerzen.“
    Feliz‘ Augen weiteten sich. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Sie blinzelte, als Polyhymnia sich auf die Lippe biss.
    „Es ist ein seltsames Gefühl. Wir hatten nie Sorgen. Seit wir geboren wurden, ging es uns nie wirklich schlecht. Wenn Gefahr drohte, liefen wir einfach davon. Uns zu fassen ist kaum möglich. Selbst, als Kronos im Olymp auftauchte fürchteten wir uns nicht. Wir nahmen unsere Attribute und verließen den Olymp ganz einfach, reisten zu weit entfernten Orten. Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Ihre Stimme klang seltsam melancholisch. Als könne sie sich nicht recht entscheiden, ob diese Erinnerungen gut seien oder nicht. „Menschen dagegen haben ständig Sorgen. Immer wieder müssen sie Angst haben, denn ihr Leben ist vergänglich. Wie können wir ihnen Inspiration bringen, wenn wir doch selbst gar nicht wissen, wie sich Leid und Kummer anfühlt? Und diese Schmerzen… Sie beweisen, dass ich noch immer am Leben bin, dass ich die Welt und mich selbst noch spüre. Ich fürchte, wir haben nach dreitausend Jahren vergessen, wie wertvoll das Leben ist, mit allen Facetten. Und dazu gehört auch Kummer, Angst, Wut und Schmerz.“
    Polyhymnia wagte es kaum, Feliz in die Augen zu sehen. Als sie es tat, sah man der Apollo-Tochter nicht an, was sie dachte. Sie beäugte ihre Freundin einfach mit einem ruhigen Blick. Als sich die Muse auf die Unterlippe bis, drückte Feliz ihre Hand.
    „Ich weiß nicht, ob ich genau nachvollziehen kann, was du fühlst“, gab sie zu. „Aber ich denke, ich verstehe es. Zumindest ein wenig.“
    Die beiden Freundinnen schwiegen eine Weile und schenkten sich gegenseitig ein entspanntes Lächeln. Feliz war froh, dass die Muse selbst in solchen Momenten noch das positive an der Situation finden konnte. Abgesehen davon waren sie hier in Sicherheit und würden sich bald erholen.
    Ohne ihre Attribute würden sie allerdings weiterhin sterblich bleiben… Polyhymnia schien eine Vermutung zu haben, weigerte sich aber, ihr etwas zu sagen.
    „Kannst du mir einen Gefallen tun, Feliz?“, bat die Muse. Feliz horchte auf.
    „Kommt darauf an, was das für ein Gefallen ist“, gab sie langsam zurück. Polyhymnia lächelte schief und fuhr sich durch die goldenen Haare.
    „Meine Schwestern haben niemanden, mit dem sie reden können. Sie sind ängstlich und schwach. Nur noch einen Körper zu haben ist für uns sehr gewöhnungsbedürftig. Wir fühlen uns seltsam eingesperrt. Dass wir dieses Haus nicht verlassen dürfen macht es nicht besser…“ Polyhymnias Stimme hing in der Luft. Sie hatte sich zu ihren Schwestern umgewandt und beobachtete für einen kurzen Augenblick, wie eine von ihnen einige Schritte tat. Erst sah es gut aus, aber dann klappten die zittrigen Knie unter ihr einfach zusammen und sie stürzte. Will lief zu ihr und half ihr zurück aufs Bett, wo sie mit seltsam leeren Blick auf ihre Beine starrte, als sehe sie auf einen fremden Körper.
    „Würdest du ein wenig für uns singen?“, bat die Muse neben Feliz dann. „Ich bin mir sicher, dass sie das etwas aufmuntert.“
    „Ich bin keine Heilerin“, gab Feliz unsicher zurück.
    „Erinnerst du dich daran, dass ich dir einmal gesagt habe, dass deine Stimme ein mächtiges Instrument ist?“ Polyhymnia sah zur Eingangstür der Hütte herüber und strich über ihren Verband. „Musik hat schon immer eine heilende Wirkung auf die Seele gehabt. Und manche Halbgötter wussten diese Wirkung zu nutzen. Ich denke, dass du auch…“ Ihre Stimme wurde immer leiser. Die Muse schüttelte kurz den Kopf und lächelte Feliz dann bittend an. Die Apollo-Tochter rutschte auf dem Bett hin und her. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine singende Halbgöttin die Situation groß besser machen könnte, aber der bittende Blick in den goldenen Augen ihrer ältesten Freundin war schwerer zu wiederstehen als eine Box voll mit Katzenbabys. Also strich sie sich ihren Pullover glatt, half Polyhymnia vom Bett und führte sie zu ihren Schwestern.
    Feliz hatte es nicht für möglich gehalten, aber nach zwei, drei Balladen, die Polyhymnia aussuchte, schienen sich auch die anderen Musen ein wenig zu entspannen. Will und Feliz hatten die Betten zusammengeschoben, damit die Göttinnen es möglichst bequem hatten, und während sie sang, verpflegte er weiterhin die Wunden. In einer Ecke türmten sich die alten Verbände und Pflaster. Ein paar mal erhaschte sie einen Blick auf die Wunden der Musen. Es waren viele, aber durch die gemeinsame Anstrengung ihrer Geschwister sahen sie schon wesentlich besser aus als am Vortag, und das erleichterte sie ziemlich.
    Irgendwann machte die Musik die Göttinnen schläfrig, das Zeichen für die Apollo-Kinder zu gehen und sie sich ausruhen zu lassen. Das würde ihren Heilungsprozess sicher etwas beschleunigen und auch ihre Stimmung heben. Davon abgesehen sah Will schon wieder bleich aus und so drängte Feliz ihn, schnurstracks ins Bett zu gehen. Sie huschten schnell über den Platz zurück zur Apollo-Hütte, bevor die Harpyien sie wittern konnten, denn es war längst Sperrstunde.


    Am Morgen sahen die Heiler schon wieder sehr viel besser aus, was in ihrem Fall hieß, dass sie jetzt nur noch einen Monat Koma hinter sich zu haben schienen statt drei. Die gröbsten Wunden der Musen waren vor zwei Tagen schon versorgt worden, alles weitere würde nicht mehr so viel Energie kosten, mit genug Schlaf würde es also sowohl den ehemaligen Göttinnen als auch den Heilern bald wieder gut gehen.
    Will schmiss sie alle aus dem Bett und zum ersten Mal, seit sie hier angekommen war, ging Feliz mit ihren Geschwistern zum Frühstück. Sie hatte eigentlich recht gute Laune, denn die anderen schienen überwiegend aufgegeben zu haben, Informationen aus den Eingeweihten herauszuquetschen und hin und wieder hörte man sogar ein Lachen durch die Hütte schallen. Nach der Anspannung in den letzten Tagen war das eine willkommene Abwechslung. Doch als sie durch die Tür trat verschwand die gute Laune auf nimmer wiedersehen.


    Die Wolken standen an diesem Tag tief. Grau und beinahe schwarz schwebten sie über ihren Köpfen, fest verankert am Himmel. Kein einziger Sonnenstrahl fand seinen Weg durch sie hindurch. Die Wolken waren wie eine Mauer zwischen der Erde und dem Blau des Himmels. Nichts drang durch sie hindurch.
    Wolken an sich waren eigentlich kaum ein Grund zur Sorge. Zwar sorgte die magische Barriere eigentlich dafür, dass das Wetter immer gut blieb, aber hin und wieder war ein wolkenbedeckter Himmel gar nicht so schlecht, denn er hielt die Wärme unten. Diese Wolken aber… Feliz konnte es nicht so recht in Worte fassen. Sie standen über ihr, hart und unbeweglich. Etwas daran bereitete ihr ein ungutes, nicht greifbares Gefühl. Sie wurde schon nervös, wenn sie nur nach oben sah. Als würde der Himmel jeden Moment auf sie niederfallen und sie alle zerquetschen.
    Das merkwürdige Wetter schien allen aufzufallen, aber sie reagierten sehr unterschiedlich darauf. Einige schienen sich genauso unwohl zu fühlen wie Feliz auch, andere dagegen taten es ab und setzten den Tag fort wie gewohnt. Unter dem Dach des Essenspavillons mussten sie die Wolken zumindest nicht mehr sehen und nach einigen Happen Frühstück entspannte sie Feliz ein wenig. Vielleicht war sie durch den Stress in den letzten Tagen einfach etwas zu sensibel geworden. Nicht alles, was um sie herum geschah war zwingend ein schlechtes Omen.
    Ganz verschwinden tat das ungute Gefühl aber trotzdem nicht.
    Selbst beim Frühstück schien irgendetwas anders zu sein und die Tochter des Apollo brauchte eine ganze Weile um zu bemerken, was das war. Als sie ihren Blick über die Tische der anderen Hütten gleiten ließ, hätte sie es beinahe übersehen. Chiron und Rachel saßen wie gewohnt am Tisch der Hüttenleitung. Sie waren in ein leises Gespräch vertieft und schauten immer mal wieder um sich, als ob sie befürchteten, dass man sie belauschte. Irgendetwas fehlte, das wusste sie sofort.
    Mr. D.
    Mr. D war nicht bei ihnen, fiel ihr dann auf. Überhaupt gab es nirgendwo auch nur eine Spur vom dicken Gott des Weines mit seinen grässlichen Leopardenhemden und das schien nicht nur ihr aufzufallen. Die Satyrn, die eigentlich unter seinem Kommando standen, zuckten nervös mit ihren Beinen und schienen nicht so recht zu wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollten. Seit Dionysos sich an eine Waldnymphe rangemacht hatte, war er von Zeus dazu verdammt worden, als Campleiter auf Long Island zu bleiben, denn dummerweise schien der sich ebenfalls Chancen auszurechnen, und alles, was der Herr des Himmels haben wollte (also im Grund alles, was hübsch und nicht bei drei auf einem Baum war), war absolutes Tabuterrain. Wenn er also könnte, würde der Gott des unfreiwilligen Entzuges möglichst oft aus Camp Halfblood verschwinden, nur durfte er das nicht. Es geschah höchst selten, dass er mal nicht da war und alle mit seiner mürrischen Miene erfreute, und heute war offenbar ein solcher Tag. Vermutlich war er auf dem Olymp und erstattete Bericht. Feliz sah herüber zum See. Soweit das Augen reichte türmten sich dunkle Wolken auf. Das flaue Gefühl in ihrem Magen nahm nicht ab.


    Zwei weitere Tage vergingen. Im Camp kehrte soweit Normalität ein, doch irgendwie schien jeder zu merken, dass etwas nicht stimmte. Die Wolkendecke blieb die ganze Zeit bestehen, schien sich noch nicht einmal zu bewegen. Das ungute Gefühl blieb bei allen tief in der Magengrube vorhanden, auch wenn die Camper versuchten, so weiterzumachen wie zuvor. Mr. D war drei Tage weg, aber Chiron verlor kein Wort darüber. Er und Rachel tuschelten weiter und jetzt wurden auch Percy und Annabeth eingeweiht. Feliz verbrachte die Zeit mit Training, Gesprächen mit Gina, Leon und anderen Campern und Besuchen bei Polyhymnia und den Musen, für die sie sang. Die Wunden der Frauen verheilten zunehmend besser und sie schienen sich langsam an ihren Körper zu gewöhnen. Sie wurden sehr viel entspannter, aber die Nervosität, die das gesamte Camp nicht komplett abschütteln konnte, beeinflusste auch sie. Es herrschte eine seltsame Stimmung, wie ein leises, ängstliches Flüstern, das sie versuchten mit normalem Verhalten zu überspielen. Aber selbst das normale Verhalten schien nur schlecht geschauspielert zu sein. Alle wirkten merkwürdig… Ausgelaugt und motivationslos.
    Feliz hatte sich mittlerweile damit abgefunden, dass Polyhymnia etwas vor ihr geheim hielt. Sie machte sich noch immer Gedanken darüber, was mit den Musen geschehen würde, wenn sie ihre Attribute nicht zurückbekommen würden. Vermutlich plante Chiron schon den nächsten Auftrag für Percy und Annabeth, die sich auf die Suche nach den kostbaren Gegenständen machen würden, und je mehr Zeit verging desto klarer wurde ihr, dass sie selbst auf einem Auftrag sicher kaum etwas ausrichten könnte. Sie war keine so gute Kriegerin wie die Helden des Titanenkrieges und lange nicht so erfahren. Aber sie konnte dafür sorgen, dass sich die Musen im Camp wohlfühlten, deswegen fühlte sie sich nicht komplett nutzlos.


    Feliz saß mit etwa dreißig ihrer Geschwister auf der Bühne des Amphitheaters, das Stimmungsfeuer hinter ihr flackerte vorsichtig in einem hellen gelb. Die Wolkendecke war drückend wie immer und stand fest über ihnen, als wäre im Himmel die Zeit gestoppt. Roland, ein Satyr höheren Alters, unterrichtete Musik. Er ließ sie immer wieder Tonleitern und einfache Melodien spielen, was dem Naturgeist gar nicht ähnlich sah. Sonst verlangte er immer schwieriger werdende Dinge und trieb sie an, perfekt zu spielen, wie es sich für Kinder des Gottes der Musik gehörte, aber heute schien er nicht bei der Sache zu sein. Niemand von ihnen schien das. Immer wieder verspielten sich Feliz‘ Geschwister, aber niemanden schien es so wirklich zu stören. Sie nahmen kaum Notiz davon. Feliz dagegen ärgerte das Verhalten der Apollo-Kinder immer mehr. Sie gab sich doppelt und dreifach Mühe, achtete penibelst auf Tempo und Rhythmus, aber das entlockte ihrem Lehrer gerade mal ein müdes Lob. Jede schiefe Note lief ihr kalt den Rücken herunter und mit jeder Minute schien es schlimmer zu werden. Langsam merkte sie, wie ihr die Lust verging und das war ihr beim Musizieren bisher noch nie passiert.
    Die Rettung vor einem drohenden Nervenzusammenbruch kam in Form eines achtzehnjährigen Jungens mit wildem, schwarzem Haar, der die Stufen des Theaters herunterjoggte. Schon von weitem sah Feliz, dass Percy sie mit einem Blick fixierte. Sofort ließ sie den Bogen in ihrer Hand sinken und stellte das Cello weg, mit dem sie heute geübt hatte. Die anderen nahmen erst Notiz von ihm, als er mit einem Satz auf die Bühne sprang, kurz das Gesicht verzog, als die kleine Kayla ein kreischendes C auf ihrer Geige spielte und dann Feliz ansprach.
    „Chiron will dich sprechen“, sagte er unvermittelt, aber kaum außer Atem. Feliz runzelte für einen Augenblick die Stirn, aber Percys drängender Blick überzeugte sie. Um die Wahrheit zu sagen war sie froh, von hier wegzukommen. Sie entschuldigte sich bei Roland, der träge nickte und sprintete dann Percy hinterher.


    Sie gingen direkt zum Haupthaus und Percy klopfte nicht einmal, als er die Tür öffnete. Im Wohnraum war niemand, also folgte Feliz dem Poseidon-Sohn die Treppe zum Hobby-Raum herunter. Schon von weitem hörte sie verschiedene Stimmen und als sie die Stufen herunterstieg entdeckte sie im trüben Licht der Neonlampe einen Haufen Jugendlicher, die auf einer Tischtennisplatte, Sesseln oder Couchen saßen und an Wände gelehnt im Raum standen. Sie verstummten mitten im Gespräch, als sie Feliz und Percy entdeckten. Feliz sah sich kurz um. Der Raum war mit jetzt zwanzig Halbbluten hoffnungslos überfüllt und in einer Ecke entdeckte sie zusätzlich noch Chiron, der in seinem magischen Rollstuhl zwar wesentlich weniger Platz wegnahm als in seiner Zentaurenform, aber immer noch den meisten beanspruchte. Sie entdeckte Annabeth, neben die sich Percy jetzt stellte, Will wank sie zu sich und nach einem kurzen Blick in alle Gesichter stellte sie fest, dass alle Halbblute im Raum Hüttenältesten waren. Travis und Conner warfen Darts an eine Scheibe an der Wand, immer knapp an Derek vorbei, einem Sohn des Hypnos, der davon aber nichts mitbekam, denn er schlief schon wieder. Clarisse hatte einen Haufen zerdrückter Pingpong Bälle neben sich und arbeitete fleißig daran, den Turm wachsen zu lassen, Alice aus der Aphroditehütte sah möglichst unauffällig immer wieder in den kleinen Taschenspiegel in ihrer Hand, Shirin, eine Tochter des Zephyr war in einem Buch versunken. Alle waren irgendwie mit sich selbst beschäftigt und warfen nur ab und an einen Blick in Feliz‘ und Chirons Richtung, der aber keine Anstalten machte, etwas zu sagen. Er starrte weiter auf die Treppe zum Erdgeschoss, als wäre Feliz nie angekommen. Die schlenderte zu Will herüber und setzte sich auf die Lehne des Sofas, auf dem er saß. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht wirklich deuten. Er sah ernst aus, aber dass das hier kein spaßiges Treffen war, hatte sich Feliz auch so schon denken können. Die Hüttenältesten wurden nur in Notfällen hier her gerufen.
    Sie warf Will einen fragenden Blick zu, aber der starrte nur auf seine verschränkten Finger. Auf der Couch neben ihr saßen zwei Mädchen, die Feliz als Celine und Thabatha erkannte, die einzigen Töchter der Hekate. Gina hatte ihr von ihnen erzählt, in ihrer Abwesenheit hatte sie sich mit den Mädchen angefreundet. Die Blonde, Thabatha, lächelte sie an, als sie Feliz‘ Blick bemerkte, Celine dagegen ignorierte alle um sie herum und fingerte stattdessen am Saum ihrer weiten Strickjacke herum. Von allen Anwesenden gab es nur einige wenige, an denen die Anspannung scheinbar komplett vorbeiging. Einmal Thabatha, ein andere war ein groß gewachsener, aber sehr dünner Junge mit langem, schwarzen Haar, dass ihm im blassen Gesicht hing. Feliz wusste nicht viel über ihn, nur, dass sein Name Arian war und dass man es sich mit ihm besser nicht verscherzte, denn wenn die Hermes-Hütte jemanden für seine Streiche bewunderte, war das ein eindeutiges Zeichen, dass man diese Streiche am besten niemals selbst erleben will. Auch er bemerkte ihren Blick und seine Lippen verzogen sich zu etwas, was er nur als leicht spöttisches Lächeln interpretieren konnte. Seine silbergrauen Augen funkelten. Feliz musste einfach weg sehen. Er hatte einen derart durchdringenden Blick, als wäre er in der Lage, ihre Gedanken zu lesen. Dummerweise schien er jetzt ein Interesse an ihr zu entwickeln, denn sie war sich sicher seine Augen auf ihr zu spüren. Feliz zog die Schultern an und versteckte ihre Hände in ihren Hosentaschen, als würde ihr das helfen, seinem Blick zu entkommen.
    Einige Augenblicke später polterte Rachel die Stufen herunter. Ihre roten Haare standen wirr von ihrem Kopf ab und ihre Augen funkelten ernst, aber merkwürdig aufgeregt. Die letzten Stufen sprang sie herunter, ein kleines Buch in der Hand, und ging dann schnurstracks auf Chiron zu, der sich in seinem Rollstuhl aufrichtete. Sie zeigte ihm eine Passage in dem Buch, tauschte einen kurzen, intensiven Blick mit ihm und schob ihn dann in die Mitte des Raumes, wo ihn alle sehen konnten.
    „Hast du die Prophezeiung gefunden?“, fragte Annabeth. Als Rachel nickte, legten alle Halbgötter beiseite, womit auch immer sie beschäftigt waren und Travis stieß Derek an, damit der aufwachte. Er fuhr kurz zusammen und murmelte ein hektisches „Ich habe nicht geschlafen!“, verstummte dann aber, als er sah, dass ihn keiner weiter beachtete. Will lehnte sich auf der Couch zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er warf Feliz einen kurzen Blick zu, den sie nicht deuten konnte, und wandte sich dann wieder Chiron und Rachel zu.
    Das Orakel öffnete das Buch und ihre Augen glitten über die Seiten, als Chiron sich räusperte.
    „Die Prophezeiung ist nicht sonderlich lang. Zumindest unsere Version davon nicht, denn es scheint als hätte jemand einige Seiten herausgerissen. Trotzdem geben uns die Passagen, die wir haben, ein relativ gutes Bild darüber, was passieren soll.“ Er wandte sich an Rachel und die öffnete sofort den Mund.


    „Wenn ein Band aus Luft und Rauch
    von den Göttern euch trennt
    und vergeht der letzte unsterbliche Hauch
    dann haltet ein und erkennt:


    Ein Feind in jedem Herzen wohnt,
    einer in Lanze und Schwert
    und längst schon unter euch thront,
    ewige Mächte aus Blut und Hass gezehrt.


    Drum folget diesem Ruf, oh Helden,
    die ihr vergessen seid vom Ruhm,
    denn nur ihr könnt entgegentreten
    was in Schatten und Vergessenheit ruht.“


    Die Worte schwebten noch eine Weile im Raum und keiner wagte sich so recht, etwas zu sagen. Feliz Kopf rauchte förmlich, als sie versuchte, irgendeinen Sinn darin zu finden. Glücklicherweise nahm Chiron ihr diese Aufgabe ab.
    „Die erste Strophe hat sich bereits erfüllt“, begann er. „Vor einigen Tagen wurden die Musen schwer verletzt im Camp aufgefunden. Sie wurden angegriffen und ihrer Attribute beraubt, schafften es aber über unsere Grenzen. Die Heiler der Apollo-Hütte haben hart gearbeitet und mittlerweile sind ihre Wunden verheilt. Aber mit dem Verlust ihrer Attribute habe sie auch ihre Unsterblichkeit verloren.“
    Die meisten schienen noch nicht eingeweiht gewesen zu sein. Abgesehen von Feliz, Will, Percy und Annabeth machte sich Verwirrung und Überraschung in den Gesichtern der Anwesenden breit. Clarisse zerdrückte einen weiteren Pingpong-Ball. Derek schreckte vollends aus seiner Schläfrigkeit hoch. Alices Taschenspiegel schnappte mit einem lauten Klacken zu.
    „Sie sind… sterblich?“, fragte Katie Gardner ungläubig.
    „Feliz“, wandte sich Chiron nun an die Apollo-Tochter. Zwanzig Paare Augen lagen auf ihr. Sie schrumpfte in sich zusammen. „Du hast viel mit ihnen gesprochen. Vielleicht haben sie dir etwas gesagt, was uns weiterhilft.“
    Er hatte also die ganze Zeit über gewusst, dass sie sich zu ihnen schlich. Dabei hatte sie extra darauf achtgegeben, dass möglichst niemand sie sah. Feliz schluckte.
    „Nicht so viel, wie du hoffst.“ Chirons Blick forderte sie auf weiterzureden, also holte sie Luft und sammelte ihre Gedanken.
    „Sie sind zusammengerufen worden, alle zur gleichen Zeit und an den gleichen Ort. So etwas ist vorher noch nie geschehen und bisher dachten sie, dass es gar nicht möglich wäre, die Aufmerksamkeit aller Musen gleichzeitig zu bekommen. Wäre es nur das gewesen, dann hätten sie ihre Attribute aber noch“, erklärte das Mädchen und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Sie vermied es, jemandem in die Augen zu sehen. Sie konnte all diese Blicke auf ihr nicht ausstehen… „Normalerweise sind die Musen an hunderten Orten gleichzeitig und ihr Hauptkörper bleibt auf dem Olymp. Wer auch immer sie angegriffen hat, hat es geschafft, sie in einen Körper zu vereinen und lange genug festzusetzen, um ihnen ihre Attribute zu stehlen. Die Musen sind an ihre Attribute gebunden und wenn sie sie nicht haben, dann… Naja, bisher ist das nie passiert, aber scheinbar verlieren sie damit ihre Unsterblichkeit.“
    „Dann hat der Angreifer es also auf Unsterblichkeit abgesehen?“, fragte Annabeth, aber Feliz schüttelte den Kopf.
    „So funktionieren die Attribute nicht. Sie können nur von den Musen genutzt werden. Ohne sie sind sie nutzlos. Das weiß ich aus erster Hand.“ Polyhymnia hatte ihr einmal ihre Leier gegeben, weil Feliz sie unbedingt ausprobieren wollte. Aber in ihren Händen erzeugte sie keinen Klang, die Saiten bewegten sich nicht, egal wie fest sie daran zog. Feliz dachte erst, es läge an ihr, aber Polyhymnia hatte ihr danach die einzigartige Verbindung zwischen Muse und Attribut erklärt.
    „Wenn die Dinger so nutzlos sind, warum sollte sie jemand stehlen?“, fragte Conner und hob eine Augenbraue. Hilfesuchend wandte sich Feliz an Chiron, aber der schien von ihr zu erwarten, die Antwort zu kennen.
    „Ich weiß es nicht“, gab sie schließlich zu. „Es war dunkel und es ging alles zu schnell, um irgendetwas zu erkennen. Ich habe Polyhymnia gefragt, ob sie einen Verdacht hätte, aber sie… Sie wollte mir nicht antworten.“
    „Also weiß sie etwas“, schlussfolgerte Rachel. Feliz wollte ihre Freundin ungerne verpetzen, aber sie nickte schluckend. „Ich denke schon.“


    Dieses Mal wurde Will losgeschickt. Chiron wandte sich an ihn und bat ihn, Polyhymnia herzubringen. Leise Gespräche wurden geführt. Annabeth kam zu ihr herüber und setzte sich neben sie, dicht gefolgt von Percy.
    „Hast du einen Verdacht?“, fragte die Tochter der Athena sie eindringlich. Feliz schüttelte langsam den Kopf und sah auf ihre Hände herunter. Sie hatte so oft darüber nachgedacht, aber ihre Gedanken blieben ganz einfach leer. Percy vor ihr wirkte deutlich zerknirscht.
    „Schon wieder eine Prophezeiung“, grummelte er. „Und die werden von Mal zu Mal unverständlicher.“
    „Nicht wirklich“, antwortete Annabeth und erntete postwendend einen fragenden Blick von Feliz. „Chiron hat recht. Die erste Strophe hat sich längst erfüllt. Der letzte unsterbliche Hauch, damit sind die Musen gemeint. Sie haben ihre Unsterblichkeit verloren.“
    Soweit war Feliz auch schon gekommen.
    „Aber was ist mit den Versen davor?“
    „Ist es dir nicht aufgefallen?“ Annabeth runzelte die Stirn.
    „Der alte Weinheini ist jetzt schon seit drei Tagen weg“, murmelte Percy leise. „Und egal was wir versuchen, wir kommen zu keinem Gott durch. Es ist, als ob jemand alle Telefonleitungen gekappt hat.“
    „Nur dass wir normalerweise keine Telefonleitungen brauchen, um sie zu erreichen“, meinte Annabeth.
    „Du weißt, was ich meine“, gab Percy leicht angesäuert zurück, aber seine Freundin reagierte gar nicht darauf. Für einen Moment überlegte Feliz, dann richtete sie sich mit geweiteten Augen auf.
    „Die Wolken!“, stieß sie aus. Deswegen fühlte sie sich beim Anblick der Wolken immer so merkwürdig. Sie hatte innerlich sofort bemerkt, dass etwas damit nicht stimmte. Ein Band aus Luft und Rauch… Die Wolken trennten sie von jeglichem Kontakt zu den Göttern. Annabeth nickte mit einem grimmigen Blick.
    „Irgendjemand will offenbar verhindern, dass wir uns Hilfe holen.“
    „Was ist mit den nächsten Strophen?“, fragte Percy. Annabeth schwieg für einen Moment. Feliz rief sich die Zeilen noch einmal in den Sinn. Ein Feind in jedem Herz, irgendetwas mit Schwertern und Lanzen…
    „Hört sich für mich ziemlich nach Ares an“, flüsterte sie mit einem Seitenblick auf Clarisse, die mit ihren Pingpongbällen beschäftigt war. Wenn sie mitbekam, dass man ihren Vater verdächtigte, würde sie austicken. Alleine der Gedanke daran war Material für Albträume, also verscheuchte Feliz ihn schnell.
    „Ares ist ein Arsch“, gab Percy leise zu, nur sah er nicht überzeugt aus. „Aber sich gegen die Götter zu wenden?“
    „Das hat er schon einmal gemacht“, murmelte die Tochter der Athena und verschränkte ihre Finger ineinander. „Vielleicht wird er auch wieder kontrolliert, genauso wie damals bei Kronos. Die Prophezeiung spricht immerhin von zwei Feinden.“
    Annabeth hatte recht. Wie man es drehte oder wendete, die Rede war von zwei Gegnern. Einer in jedem Herzen, einer in Schwert und Lanze. Und so wenig ihr der Gedanke gefiel, Lanze und Schwert klangen doch ziemlich nach Ares… Der Gott des Krieges lebte für eben jenen, da war es nicht schwer sich vorzustellen, dass er einen Streit vom Zaun brechen wollte um etwas Spaß zu haben.
    „Die dritte Strophe?“, wandte sich Feliz wieder an Annabeth, doch gerade, als die den Mund öffnete, hörten sie Schritte auf der Treppe. Einundzwanzig Köpfe wandten sich zum Aufgang um, wo erst Will und dann eine wunderschöne Frau mit Wellen aus goldenem Haar um ihren Körper herunter schritt. Polyhymnia sah deutlich nervös aus als sie die wartenden Halbgötter bemerkte. Feliz stand auf und eilte zu ihr herüber.
    „Alles okay?“, fragte sie ihre Freundin und die nickte tapfer, griff aber trotzdem nach ihrer Hand. Als Feliz sich umdrehte sah sie, dass alle anderen sich vor der Muse verbeugten. Sie tauschte einen kurzen Blick mit Polyhymnia, die lächelte, als sie ihre Gedanken erriet.
    „Du brauchst dich nicht zu verbeugen“, flüsterte sie. „Bitte“, sagte sie dann etwas lauter. Die Halbgötter richteten sich wieder auf, Percy und Annabeth räumten den Platz auf der Couch und Polyhymnia ließ sich dort nieder. Das war ihr erster Ausflug im Camp gewesen, bisher war sie immer nur in der Zeus-Hütte geblieben. Und bis zum Haupthaus war es für jemanden, der Laufen kaum gewöhnt war, eine ganz schön weite Strecke.
    „Verehrte Polyhymnia“, wandte sich Chiron an sie und die Muse lächelte milde. Jetzt, wo alle Wunden verheilt waren, strahlte sie wieder so hell wie Feliz es in Erinnerung hatte, da brauchte es gar keine göttliche Aura. Selbst in dem simplen, weißen Shirt und der dunklen Sporthose sah sie übermenschlich schön aus.
    „Will sagte mir, Ihr hättet Fragen“, sprach sie mit ihrer melodischen Stimme. Ihr Hüttenältester lehnte sich neben Feliz an eine Wand und beobachtete die Muse aus dem Augenwinkel, vermutlich für den Fall, dass sie doch noch nicht so fit war, wie sie sagte. Chiron nickte.
    „Wir wollen Euch nur ungern an diesen Tag erinnern, aber wir brauchen so viele Informationen wie möglich. Vielleicht hilft uns das, die Prophezeiung zu verstehen.“
    „Eine Prophezeiung also“, murmelte Polyhymnia und schwieg für einen Moment. „Nun gut. Ich vermute, dass Feliz euch schon mitgeteilt hat, was ich ihr erzählte.“
    Chiron bestätigte knapp. Im Raum herrschte Totenstille, alle waren sie im Bann dieser schönen Stimme.
    „Warum haben sie euch angegriffen?“, fragte Feliz leise. Polyhymnia sah sie für einen Moment traurig an, dann wandte sie sich an alle.
    „Das, was die Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet ist seine Fähigkeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu bedenken. Das ist ihre beste Eigenschaft. Ohne sie wären sie schon vor vielen tausend Jahren ausgestorben, denn im Vergleich zu vielen Tieren sind sie physisch betrachtet Mängelexemplare“, begann Polyhymnia mit einem trüben Blick auf den Boden vor sich. „Aber Menschen sind erfinderisch. Sie entwickeln, erfinden, bauen, erstellen… Alles, um in der Zukunft sicher zu sein oder ihren Lebensstandart zu erhöhen. Menschen nennen es Kreativität. Wir Musen unterstützen diese Kreativität. Wir suchen Menschen mit Ideen auf und helfen ihnen, diese Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, jede von uns in einem anderen Bereich. Wir bringen die Ideen aber nicht. Die liegen in jedem selbst. Wir geben den Menschen bloß einen Stoß in die richtige Richtung.“
    Polyhymnia verstummte für einen Augenblick und runzelte die Stirn. Die Halbgötter sahen sich unsicher an, sie verstanden nicht, was sie mit den Informationen anfangen sollten. Feliz drückte die Hand ihrer Freundin leicht und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Die Muse holte tief Luft und fuhr fort.
    „Wenn Menschen ihre Ideen nicht umsetzen können oder sie zu tief in ihnen versteckt sind, dann werden sie frustriert. Es liegt in ihrem Instinkt, Neues zu entdecken und Fortschritt zu machen, weil sie insgeheim wissen, dass sie ohne Fortschritt auf Dauer aufhören werden zu existieren. Jetzt, wo wir keine Macht mehr haben, können wir ihnen nicht mehr helfen. Ihr Fortschritt wird versiegen, sie werden antriebslos, frustriert und gereizt, mit jedem Tag etwas mehr. Und auf Dauer…“
    „Es werden Konflikte entstehen“, begann Rachel mit einem nachdenklichen Blick. „Wenn Menschen nichts mit sich anzufangen wissen, dann werden sie aggressiv.“
    „Ihre kreative Energie, die sie dazu drängt, etwas zu erschaffen, kehrt sich ins Gegenteil“, bestätigte Polyhymnia. „Ihr Zerstörungstrieb wird die Überhand gewinnen. Konflikte zwischen einzelnen sind erst der Anfang. Sie werden ihre Wut an Gegenständen auslassen, an Tieren, aneinander. Und was in kleinem Maße anfängt, endet schon bald in…“ Sie wagte nicht, es auszusprechen.
    „Krieg.“ Clarisse schon.
    Das Wort hing bedrohlich in der Luft. Polyhymnias Hand um Feliz‘ drückte zu, als würde ihr das Halt geben. Die Apollo-Tochter fing Annabeths düsteren Blick auf. Krieg. Genau das würde Ares wollen. Aber aussprechen wollte sie es nicht. Nicht, wenn Clarisse in der Nähe war.
    Chiron räusperte sich.
    „Dann bedeutet das, dass die Wiederbeschaffung Eurer Attribute von großer Wichtigkeit ist“, schlussfolgerte er. Die Muse nickte matt.
    Der Zentaur tauschte einen kurzen Blick mit dem rothaarigen Orakel neben ihm. Rachel schaute auf das Buch in ihrer Hand und schlug es erneut auf.
    „Drum folget diesem Ruf, oh Helden, die ihr vergessen seid vom Ruhm, denn nur ihr könnt entgegentreten was in Schatten und Vergessenheit ruht“, zitierte sie ein zweites Mal.
    „Vom Ruhm vergessen?“, stieß Travis fragend aus. „Was soll das denn bitte heißen?“
    „Wir glauben, dass die Helden, die mit dieser Prophezeiung gemeint sind, bisher noch keinen Ruhm erlangt haben. Das heißt, dass sie bisher noch keinen Auftrag erhalten haben“, erklärte Rachel.
    „Und in keinem großen Kampf beteiligt waren“, ergänzte Chiron.
    „Das schließt einen großen Teil von uns aus“, stellte Annabeth fest. „Bestimmt die Hälfte von uns hat im Titanenkrieg gekämpft. Sie sind von den Göttern selbst geehrt worden.“
    „Dann bleiben ja nur noch etwas hundert Halbgötter übrig, plus minus ein paar Dutzend“, gab Robyn, eine Tochter der Iris, nüchtern zurück. „Sollen wir sie alle losschicken? Oder auf gut Glück ein paar von ihnen aussuchen?“
    Gemurmel machte sich breit. Feliz wurde klar, dass sie auch in die zweite Kategorie fiel. Sie war nie an einem Auftrag beteiligt gewesen. Jedes Mal, wenn es zu einem großen Kampf kam, war sie hunderte Kilometer weit entfernt gewesen. Als sie aufsah bemerkte sie Chirons Blick, der auf ihr lag. Etwas in seinen Augen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Hatte er sie doch noch aus einem anderen Grund herbestellt? Nicht nur, um ihnen zu berichten, was Polyhymnia ihnen gesagt hatte?
    „Ruhig, Leute!“ Widerstrebend stellten die anderen ihre Gespräche ein und schenkten Rachel wieder ihre Aufmerksamkeit.
    „Wir haben noch einige Verse der Prophezeiung hier. Die schränken die Kandidaten ziemlich ein.“
    „Warum hast du das nicht gleich gesagt?“, knurrte Clarisse. Ein ‚Plop‘ schallte durch den Raum, als sie den nächsten Pingpingball in ihrer Faust zerdrückte, aber Rachel achtete gar nicht darauf. Sie räusperte sich.


    „Zehn Halbgötter folgen diesem Weg
    wenn die alte Macht sich regt.


    Ein Engel der Rache mit tausend Klängen,
    bringt Frieden und Ruhe in den dunklen Fängen.“


    Etwas in Feliz‘ Magen begann sich zu regen. Ein Kloß machte sich in ihrem Hals breit. Polyhymnia wandte sich zu ihr um, mit einem seltsam wissenden Ausdruck in ihren Augen. Sie drückte ihre Hand. Als Feliz aufsah, bemerkte sie, wie sowohl Chiron als auch Rachel sie ansahen. Wills Blick lag auch auf ihr. Und nach und nach bemerkten die anderen Halbgötter es ebenso.
    „Nein“, stieß sie mit brüchiger Stimme aus. „Das bin nicht ich.“
    „Du bist die einzige in diesem Camp mit der Fähigkeit, ihre Stimme zu manipulieren“, wandte Chiron ein. „Und du kannst fliegen, was mit Engel gemeint sein könnte.“
    „Ruhm hast du auch noch nicht erlangt“, gab Rachel zu bedenken. Sie hörte die anderen flüstern, sich darüber austauschen, ob das wirklich stimmte. Feliz wusste, dass es wahr war. Das merkwürdige Gefühl in ihrer Magengegend wurde drängender.
    „Wir haben noch drei weitere Beschreibungen“, sagte Rachel irgendwann in das allgemeine Gemurmel und sofort wurden alle wieder ruhig. Feliz zwang sich dazu, zuzuhören.


    „Ein Kind der Wahrheit mit durchdringendem Blick,
    der Schmerz ein Verräter eines jeden Tricks.“


    Fast sofort richteten sich alle Augen auf den schlaksigen Schwarzhaarigen, der an der Wand neben einem Kalender voll mit Bildern von erschlagenen Monstern stand. Arian schien die Nachricht besser aufzunehmen als Feliz, er schien nicht einmal ansatzweise beunruhigt. Er war der einzige Sohn der Aletheia in diesem Camp, da war es recht offensichtlich, wer gemeint sein musste. Aber Rachel fuhr schon wieder fort.


    „Auf Schwingen des Vaters wandert das Kind,
    bringt Hoffnung und Frühling mit ihrem Wind.“


    Chiron und Rachel sahen zur Shirin herüber, der großen, hübschen Schwarzhaarigen mit der kakaofarbenen Haut. Für einen Moment schien sie noch in ihrer eignen Welt zu sein, dann bemerkte sie die Blicke auf sich. Ihr entkam ein „Oh“ und sie rückte ihre große Brille zurecht, aber reagierte sonst nicht weiter.


    „Ein Sohn mit Augen aus gebrochenem Licht,
    nichts bleibt verborgen in seinem Angesicht.“


    Damit klappte Rachel das Buch zu. Dieses Mal sahen weder sie, noch der Zentaur neben ihr jemandem aus ihrem Kreis an.
    „Wer ist damit gemeint?“, wagte Percy nach einigen Momenten Stille dann die Frage. Die beiden sahen etwas ertappt aus.
    „Das wissen wir noch nicht“, gestand Rachel und fuhr sich durch das wilde, rote Haar. Chiron strich sich über seinen Bart und starrte auf den Boden vor seinen gefälschten Beinen.
    „Ich denke, ich weiß es.“ Alle Blicke richteten sich auf Robyn. Sie hatte die Lippen gespitzt und die Stirn gerunzelt und knetete den unordentlichen Dutt aus hellbraunem Haar auf ihrem Kopf. „Wenn man Licht bricht, dann entsteht ein Regenbogen. Ein Kind mit Augen aus gebrochenem Licht-“
    Doch weiter kam sie nicht, denn mit einem Male prustete Arian. Robyn blinzelte, als sie aber erkannte, wer da lachte, wich der ärgerliche Blick recht schnell. Stattdessen seufzte sie.
    „Das wird ihm gar nicht gefallen“, murmelte die Älteste der Iris Hütte.
    „Mit Sicherheit nicht“, pflichtete Arian ihr mit einem breiten Grinsen bei.
    Als Rachel ihren Namen nannte, wandte sich Robyn wieder an die Campleitung.
    „Es gibt nur einen Sohn der Iris in diesem Camp. Sein Name ist Levin. Und wie es der Zufall will, hat er regenbogenfarbene Augen.“
    Jetzt erinnerte sich Feliz. Levin war schon vor etwa zwei Jahren angekommen, zusammen mit Arian. Sie kannte ihn nicht allzu gut, hatte sich nur ein paar Mal mit ihm unterhalten und sah ihn ab und an im Camp, oft zusammen mit Arian, jetzt, wo sie genauer darüber nachdachte.
    „Dann sollten wir Levin herholen“, schlug Annabeth vor. „Hat jemand eine Ahnung, wo er ist?“
    Wieder musste Arian lachen und Feliz war nicht die einzige, die unbehaglich dreinsah.
    „Ich weiß genau, wo er ist“, antwortete er mit einem breiten Grinsen und in seinen Augen glitzerte neben Belustigung auch eine… schelmische, geradezu boshafte Zufriedenheit, die Feliz deutlich mitteilte, dass sie es sich mit ihm definitiv nicht verscherzen wollte. „Er hängt wohl noch immer ein wenig ab.“





    @Katoptris
  • Hallo Cáith,


    endlich geht die Legende los! Eine Legende, die Raum und Zeit überwindet, deren Auserwählter das magische Schwert zieht und nicht weiß, was eigentlich los ist.
    Na okay, ganz so extrem ist es nicht, da du alles recht schnell offen legst. Grundsätzlich hast du aber einen interessanten Ansatz, dass die Musen sterblich geworden sind und sich nun jemand (vielleicht sogar aus den eigenen Reihen?) gegen den Olymp verschworen hat. Das kennt man ja alles schon irgendwie. Warum sie aber trotzdem vergessene Helden sind, das kam noch nicht so wirklich hervor; oder es wurde schon an anderer Stelle erwähnt, dann will ich nichts gesagt haben. Jedenfalls erwarte ich mal nicht, dass die Gruppe so schnell hinter die Identität der anderen Auserwählten kommt und dass sich das erst mit der Zeit heraus kristallisieren wird. Mal abgesehen davon, dass erst einmal ein Plan geschmiedet werden muss.


    Die Charakterisierung ist es wieder, die mir besonders gefallen hat. Nicht nur Feliz sticht wieder hervor, wo sie zum Singen angehalten wird und mit Erfolg bessere Stimmung verbreitet, sondern auch die Aussagen der Musen regen zum Nachdenken an. In Ewigkeit ohne Schmerzen leben hat eben doch auch seine negativen Seiten, die sich aber wohl erst schleichend bemerkbar machen. Das zwischenzeitliche Menschsein scheint ihnen also gut zu tun.


    Wir lesen uns!

  • Chapter 4- Solitary



    Levin hasste sein Leben.
    Und seiner Meinung nach hatte er auch allen Grund dazu. Von allen verdammten Halbgöttern auf diesem Planeten hatte er ausgerechnet mit Arian zusammen in dieses blöde Camp gebracht werden müssen.
    Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Sicher, er war mehrere hundert Kilometer von seiner Heimat entfernt und er hatte seinen Vater mit einer Pfanne brutzelndem Speck sitzen gelassen, aber zumindest war er mit zwei überwiegend menschlichen Personen auf den Weg in ein Camp gewesen, in dem alle so waren wie er. Dauernervös, sprunghaft und mit einer Legasthenie, die seine Lehrer immer wieder in Staunen versetzte, und das nicht im positiven Sinne. Er war ein Halbgott, hatte ihm der Satyr erklärt, der ihn holen kam, da war das ganz normal. Und hey, zum Teil göttlich zu sein hörte sich zuerst auch ziemlich cool an. Das erklärte zumindest einiges. Seine Augen zum Beispiel. Zu schade, dass er das niemandem unter die Nase reiben könnte, ohne in die Geschlossene eingeliefert zu werden noch bevor er „Iris“ sagen könnte.
    Dummerweise war es weit weniger cool als Levin zunächst gedacht hatte. Auf dem Weg ins Camp schlitterten sie fünfmal zu viel an ernsthaften Verletzungen und schmerzhaftem Tod vorbei. Und spätestens danach wünschte er sich, dass er doch nur ein normaler Junge mit ernsthaften psychischen Problemen wäre. Dann hätte er einen Haufen Pillen einwerfen können und die Sache wäre gegessen gewesen.
    Und dann war da noch Arian, den sie zwischendurch auch noch aufgelesen hatten. Das Positive an ihm war, dass ihm scheinbar alles egal war. Ihn könnte man beleidigen und abgesehen von einer bitterbösen Antwort, die immer genau da traf wo es wehtat, würde von ihm nicht viel kommen. Das Negative an ihm war leider auch, dass ihm wirklich alles egal war und er jedem seine Meinung ins Gesicht klatschte, die ebenso genau da traf, wo es weh tat. Und Götter, der Mistkerl nahm wirklich kein Blatt vor den Mund.
    Und dann war da noch die Sache mit seiner Mutter…


    Levin schnaubte. Der Tag hatte so schön angefangen. Sicher, es war etwas kälter als normal, aber ihm machte das nur wenig aus. Okay, auch die Sonne hatte sich schon seit Tagen nicht mehr blicken lassen. Und das Frühstück schmeckte fad. Und alle schienen eine Runde zu viele Schlaftabletten eingeworfen zu haben.
    Aber abgesehen davon war es ein echt guter Tag gewesen! Er hatte mit einigen Mädchen aus der Aphrodite-Hütte gesprochen, die gelangweilt am See gesessen hatten, dann mit einer Athena-Tochter… Zumindest das Mädchen aus der Hermes-Hütte hatte er ein wenig zum Lächeln bringen können. Ja gut, er war über einen Ast gestolpert und hätte beinahe den Boden geküsst. Aber sie hatte gelächelt! Das war doch zumindest schon einmal ein Anfang.
    Ein Anfang, der Arian absolut nichts anging, was der aber ganz anders sah. Und genau das hatte den Sohn der Iris in diese blöde Situation gebracht.


    Der Himmel war genauso grau und wolkenbehangen wie schon Tage zuvor und bewegte sich die ganze Zeit in der er hier war kein Stückchen. Er würde sich ja darüber wundern, aber sein Kopf pochte von dem ganzen Blut, das ihm in den Schädel lief. Levin wollte nur zurück auf den Boden über ihm. Aber das ging nicht. Weil Arian ihn in eine verdammte Schlinge gelockt hatte, die ihn schon seit gefühlten Stunden kopfüber vom Baum hingen ließ!
    Levin wusste nicht, ob Arian für solche Fälle überall im Camp Vorbereitungen getroffen hatte oder ob er wirklich so schnell Fallen bauen konnte, denn nach seinem kurzen Gespräch mit ihm waren gerade einmal zehn Minuten vergangen, eher der Schwarzhaarige ihn überredete, einen kleinen Ausflug in den Wald zu machen und ihn wie einen Idioten in die Falle führte. Dieser Kerl hatte eindeutig viel zu viel Übung in sowas.
    Das hatte Levin wirklich nicht verdient. Ja gut, vielleicht hatte er etwas geflunkert, was die Mädchen von heute früh anging. Aber nur ein wenig! Und sowieso ging es diesen Bastard doch überhaupt nichts an, was er in seiner Freizeit tat! Soll er halt nicht so verdammt neugierig sein, dann müsste der Sohn der Iris auch nicht lügen. Aber Arian tat das mit Absicht, um eine Rechtfertigung für seine blöden Streiche zu haben.
    „Lüg halt nicht mehr so viel!“, hatte der Sohn der Aletheia mit einem Schulterzucken und seinem charakteristischen, überlegenen Grinsen, das in Levin immer wieder Mordfantasien weckte, gesagt. Und dann war er einfach so gegangen, zwischen den Bäumen verschwunden, während sein Opfer in einer Schlinge von einem verdammten Baum hing, sich von Arians kleinem Schubser munter im Kreis drehte und wild um sich schlug, als würde ihm das irgendwie helfen. Tat es natürlich nicht. Genauso wenig wie die wüsten Flüche und die lauten Rufe, denn hören würde ihn mitten im Wald bis auf ein paar Nymphen sowieso keiner. Und von denen traute sich niemand mehr heran, seit er eine von ihnen mal aus Versehen KO. geschlagen hatte im verzweifelten Versuch, sich aus einem Netz zu befreien…
    Irgendwann wurde Levin müde. Schläge und Flüche hörten langsam aber sicher auf und er baumelte nur noch stumm vor sich hin. Mittlerweile war er wohl einfach schon daran gewöhnt, stundenlang alleine in irgendeiner dämlichen Falle zu hocken. Irgendwann würde ihn schon jemand holen können. Spätestens beim Abendessen würde Robyn bemerken, dass er fehlte, und die wusste nur zu gut, dass das wiedermal nur an Arian liegen könnte. Und dann, nach dem Essen, würde er Arian eigenhändig erwürgen!
    Aber bis dahin blieb ihm nichts anderes übrig als abzuwarten. Und vom Baum zu hängen.
    Er stöhnte frustriert.


    „Keine Sorge. Wenn zwei hübsche Mädchen dabei sind wird er zahm sein wie ein Kätzchen.“
    Levins Augen flogen auf. Er versuchte sich umzudrehen, herauszufinden, von wo diese Stimme kam. Sie war weit weggewesen, aber…
    „Was zur Hölle macht er mitten im Wald?“, fragte eine weibliche Stimme deutlich verwirrt.
    „Hab ich doch gesagt“, lachte jemand, dessen Stimme Levin nur allzu bekannt vorkam. „Er hängt etwas ab.“
    Wäre das ganze Blut nicht ohnehin schon in seinem Kopf, wäre Levin vor Wut knallrot angelaufen.
    „Arian!“, brüllte er. „Du Bastard, hol mich sofort hier runter!“ Levin wandte sich, was aber nur dafür sorgte, dass er sich um sich selbst drehte und hin und her schwang. Und das war definitiv nicht gut für seinen Magen. Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung im Gebüsch, aber es brauchte einen weiteren Schwung, bis er in der richtigen Position war.
    Zwischen den Bäumen tauchten drei Personen auf. Eine davon war Arian, der seine Hand zum Gruß hob und schelmisch lächelte, aber scheinbar nicht plante näher zu kommen.
    „Du Drecksack!“, fluchte Levin und schätzte kurz seine Chance ab, ihn aus dieser Entfernung zu fassen zu bekommen. Die waren nicht gerade gut. Aber mehr Blut im Hirn bedeutete nicht automatisch, dass man bessere Entscheidungen traf. Levin holte Schwung und streckte die Arme aus, war aber selbst im höchsten Punkt noch einen Meter von Arian entfernt, der demonstrativ gähnte. Levin schwang wieder zurück und knallte durch den Schwung mit dem Rücken gegen einen Baumstamm. Er stieß wilde Flüche aus, die selbst die Partyponies hätten blass werden lassen.
    „Zahm wie ein Kätzchen“, hörte er die Stimme von vorher trocken ausstoßen. „Dass das Kätzchen Tollwut hat, hast du nicht erwähnt.“
    Erst jetzt konzentrierte sich Levin auch auf die anderen beiden Personen. Neben Arian stand ein groß gewachsenes Mädchen mit kakaofarbener Haut, einem langen, schwarzen geflochtenen Zopf und rückte sich mit einem schwachen Lächeln die Brille zurecht. Shirin warf ihm einen aufmunternden Blick zu, der aber neben Arians breitem Grinsen reichlich uneffektiv war. Das Mädchen, das gesprochen hatte, war die kleinste in der Truppe und hatte hüftlanges, goldenes Haar. Levin erkannte sie vom Konzert vor drei Tagen. Feliz Benett. Er kannte sie nicht gut und hatte sich bisher auch nicht gewagt, sich groß mit ihr zu unterhalten. Sie war eines dieser beliebten Mädchen, mit denen irgendwie jeder befreundet sein wollte. Und mit dieser Sorte Mädchen hatte der Iris-Sohn bisher keine guten Erfahrungen gemacht. Der halb irritierte, halb resignierende Blick ließ jedenfalls auf wenig Mitleid oder Begeisterung schließen. Sie sah fast schon genervt aus. Levin gab seine Mordpläne an Arian auf, wich Feliz‘ Blick aus und wandte sich an Shirin.
    „Könntet ihr mich bitte hier runter holen? Ich hänge hier schon seit Stunden!“
    „Stell dich nicht so an“, flötete Arian, machte aber keine Anstalten sich zu bewegen. „Es waren nur zweieinhalb.“
    „Er hängt schon seit zweieinhalb Stunden kopfüber mitten im Wald?“, fragte Feliz perplex. Shirin ließ ein unsicheres Lachen hören, während Arian mit den Schultern zuckte.
    „Keine Sorge, das hinterlässt keine bleibenden Schäden. Außerdem ist er das gewöhnt.“
    Levin sparte sich eine Antwort und beließ es bei einem gereizten Knurren.
    „Hilfst du mir?“, fragte Shirin die Tochter des Apollo und lächelte schwach. Die seufzte und setzte sich in Bewegung. Levin war sich sicher ein ‚Das kann ja heiter werden‘ zu hören.
    Als die Mädchen direkt neben Levin standen war er etwa auf Hüfthöhe von Shirin. Die beiden berieten sich kurz, wie man ihn am besten herunterbekam und Levin war sich nicht sicher ob er froh darüber sein sollte, dass Shirin in solchen Rettungsaktionen schon Übung hatte. Da die Zephyr-Hütte direkt neben der Iris-Hütte stand, waren beide schon früh ins Gespräch gekommen. Mit der Tochter des Zephyr zu sprechen war einfach. Sie machte sich nie über einen lustig und Levin vermutete, dass sie gar nicht in der Lage war, auch nur schlecht über jemanden zu denken. Es war eine gute Abwechslung zu all den blöden Idioten, die nur darauf warteten, dass man einen Fehler machte… Sie verband eine lose Freundschaft und Shirin hatte ihm schon öfters aus der Klemme geholfen, wenn Arian ihm mal wieder einen Streich gespielt hatte.
    Die Zephyr-Tochter hob vom Boden ab und glitt langsam durch die Luft, dicht gefolgt von Feliz. Es überraschte Levin nicht wirklich, dass auch die Blonde fliegen konnte. Die Kinder der Olympier schienen ohnehin alles zu können, was viele einem nur allzu gern unter die Nase rieben…
    Er spürte Hände an seinem Bein, das in der Schlinge steckte.
    „Jetzt den Knoten lösen“, hörte er Shirin sagen. Es dauerte einen Moment, da stießen beide ein „Na also“ aus.
    Und plötzlich löste sich das Seil und die Schwerkraft hatte Levin wieder. Er sah den Boden unter sich näher kommen und stieß einen hohen Schrei aus. Fünf Zentimeter vom Boden entfernt stoppte sein Fall plötzlich. Der Griff um sein Bein verstärkte sich und er hörte ein Fluchen von Feliz. Irgendwie hatten die Mädchen seinen Fall gebremst.
    Schnell setzte Levin sein freies Bein auf den Boden und stützte sich dann mit den Händen ab. Endlich wieder fester Boden unter den Füßen. Vorsichtig richtete er sich auf. Sein Kopf pochte noch immer fürchterlich und das letzte Mal hatte er den Fehler gemacht, das vollkommen zu ignorieren und das war mit einem Bad in einer dreckigen Pfütze geendet, als er im Stehen einfach so umgekippt war. Selbst jetzt, wo er es langsam angehen ließ, tauchten bunte Lichter vor ihm auf und ihm wurde sofort schwindelig. Shirin packte ihn an der Schulter.
    „Alles okay?“, fragte sie besorgt. Er bemühte sich zu nicken, ganz, ganz vorsichtig.
    „Unkraut vergeht nicht“, pflichtete Arian bei. Levin musste sich arg zusammenreißen, nicht auf ihn zu stürzen und seine Mordpläne noch vor dem Essen durchzuführen. Er beschränkte sich stattdessen auf einen Blick, der jeden anderen einige Meter hätte zurückweichen lassen, aber natürlich interessierte das den Sohn der Aletheia nicht. Ihn interessierte sowieso kaum etwas.
    „Wir sollten zurück“, riss Feliz ihn aus seinen Mordfantasien. „Chiron und Rachel warten.“
    Levin stieß ein selten intelligentes „Hä?“ aus und Feliz wandte sich zu ihm um. Die Apollo-Tochter sah ihm allerdings nicht in die Augen und kaute stattdessen auf ihrer Lippe herum. Er warf einen fragenden Blick in Shirins Richtung, aber auch die schien sich reichlich unwohl zu fühlen. Sie trat von einem Bein aufs andere und nestelte an ihrem Zopf herum.
    „Na komm schon, Batman.“ Bevor er reagieren konnte legte Arian seinen Arm um Levins Hals und zog ihn in Richtung Camp zurück und egal wie sehr er sich wand und um sich schlug, Arian lachte nur.


    Auf halber Strecke ließ sein Freund ihn endlich los, aber mittlerweile war ihm einfach die Lust vergangen, ihn zu erwürgen. Levin war immer noch etwas schwindelig und wenn selbst Shirin angespannt war, dann wusste er, dass etwas nicht stimmte. Er versuchte auf das Thema anzusprechen, aber keiner antwortete. Jetzt stapften sie nebeneinander den Weg zum Haupthaus entlang und Levin versteckte seine Hände in den Jackentaschen. Hatte er irgendetwas angestellt? Nicht, dass er wüsste. Oder zumindest nichts, was ihm hier großartigen Ärger einbringen würde. In seiner Schulzeit war er einige Male zum Direktor geschickt worden, weil er einfach nicht auspassen konnte und patzige Antworten gab oder weil er sich geprügelt hatte. Aber hier war Prügelei im Grunde genommen ein eigenes Schulfach, daran konnte es also nicht liegen. Abgesehen davon wüsste er nicht, was Feliz damit zu tun hätte. Er hatte sie das letzte Mal beim Rundgesang gesehen.


    Er warf Arian einen Seitenblick zu, aber der schien allerbester Laune zu sein. Im Gegensatz zu ihm waren so ziemlich alle Camper in den letzten Tagen angespannt. Nicht ganz ohne Grund, wenn man bedachte, was der Kerl aus der Hermes-Hütte so erzählt hatte. Levin wollte es an diesem Abend nicht glauben, wer griff schon die Musen an?
    „Es wird schon nichts passiert sein“, hatte er zu Arian gesagt, als alle um ihn herum nervös tuschelten und Argus das ganze Amphitheater in Schutzhaft nahm. „Keine Ahnung, warum sich alle so aufregen.“
    „Er hat aber nicht gelogen“, gab sein Freund zurück und schaute zur obersten Marmorstufe, wo sich seine Geschwister jetzt um den aufgelösten Jungen kümmerten.
    „Vermutlich, weil er wirklich glaubt, dass es die Musen sind“, antwortete Levin und zuckte mit den Schultern. „Sind sicher nur ein paar neue Halbgötter, die auf dem Weg angegriffen worden sind.“ Und auch, wenn er sich Mühe gab, zuversichtlich zu klingen… Das angespannte Gemurmel rund um ihn herum machte auch ihn langsam nervös.
    „Und selbst wenn“, fuhr er dann fort. „Was geht uns das an?“ Richtig. Es ging sie nichts an. Was die Götter machten war deren Sache und nicht seine. Die bekämpften sich doch sowieso ständig, da war es nicht unwahrscheinlich, dass sie sich auch mal verletzten. Na und? Vielleicht hatten sich die Musen darum gestritten, wer der beste Pop-Sänger ist oder ob eine orange gestrichene Leinwand jetzt Kunst ist oder nicht. Er wollte mit dem ganzen Kram nichts zu tun haben.
    „Ich bin immer wieder erstaunt, wie ignorant du bist“, sagte Arian ohne einen Hauch von Überraschung in seiner Stimme. Levin zuckte nur mit den Schultern, lehnte sich zurück und versuchte angestrengt, das Gemurmel rund um ihn herum auszublenden.


    Aber in den letzten Tagen hatten sich die Dinge einfach geändert. Er hatte gedacht, dass das Thema nach ein paar Stunden gegessen wäre, aber die Nervosität war im ganzen Camp bis jetzt spürbar und schien nur noch schlimmer zu werden. Und das reichte um den Iris-Sohn zweifeln zu lassen. Die Gerüchte waren überzeugend, aber keiner derjenigen, die etwas damit zu tun hatten, sagte auch nur ein Wort. Es gab keine Erklärung, kein Bericht über den Abend, keine Antworten. Und das machte Levin fuchsig. Wenn wirklich nichts weiter war, dann hätten sie darüber reden können. Und das bedeutete im Umkehrschluss, dass definitiv etwas im Busch war.
    Arian, der neben ihm lief, streckte seine Arme, bis seine Schultern laut knackten. Er hatte sein typisches, schelmisches Grinsen auf den Lippen, das schrecklichen Ärger bedeutete. Pah. Und ausgerechnet er bezeichnete Levin als ignorant.


    Sie bogen auf den kleinen Platz vor dem Haupthaus ein. Levin war nur selten hier. Er hatte nicht viel mit Chiron zu tun und Mr. D konnte sowieso niemanden hier leiden und da er sich ein Leben als Weinrebe nicht sonderlich spaßig vorstellen konnte, hielt er sich auch von ihm lieber fern. Obwohl hier im Camp eigentlich alle sein sollten wie er, hatte sich doch kaum etwas geändert im Vergleich zu seinem vorherigen Leben. Es war ein ernüchternder Gedanke. Aber zumindest war er hier sicher und lief nicht dauernd Gefahr, von hungrigen Monstern zu Barbecue verarbeitet zu werden. Das heißt, zumindest außerhalb der Trainingsstunden.
    Feliz lief die Treppe hoch und öffnete ohne zu Zögern die Türe. Sie sah gestresst aus und genervt, als würde ein falsches Wort sie zum Platzen bringen. Shirin schenkte ihm ein kurzes Lächeln, das aber deutlich wackelig war, ehe sie durch die Tür verschwand. Levin folgte ihr, hinter ihm Arian, der sogar noch die Nerven besaß, den Trauermarsch zu summen.


    Der Wohnraum des Haupthauses war angenehm warm, was ihm einen kurzen Schauer über den Rücken laufen ließ. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass es draußen doch so kühl war. Auf einer weinroten Couch sah er Rachel Elisabeth Dare, das Camp Orakel. Jeder Halbgott in diesem Camp kannte das Orakel, aber gesprochen hatte der Sohn der Iris mit ihr noch nie und nach heute hatte er darauf auch nicht sonderlich viel Lust. Als er eintrat wandte sie ihren roten Lockenkopf zu ihm um und sezierte ihn förmlich mit ihren giftgrünen Augen. Levin zog den Kopf ein, als würde ihn das irgendwie schützen und sah zu Feliz herüber, die kurz mit Chiron sprach. Der alte Zentaur stand an einem Tisch, auf dem sich Bücher über Bücher türmten, sein Schweif schlug so wild hin und her, dass Levin befürchtete, er würde jeden Moment einen besonders wackeligen Turm umstoßen und eine Kettenreaktion auslösen. Der Blick, den der Campleiter ihm zuwarf, war weniger sezierend und etwas freundlicher, aber das machte das Starren in seinem Rücken auch nicht viel erträglicher.
    „Levin“, sprach Chiron ihn an und sofort richtete er sich etwas auf. „Danke, dass du gekommen bist.“
    Er verkniff sich das „Ist nicht so, als hätte ich eine große Wahl gehabt“ und nickte stattdessen einfach langsam.
    „Weißt du schon, worum es geht?“
    „Ich habe keinen blassen Schimmer“, antwortete er wahrheitsgemäß.
    „Wir dachten, wir überlassen euch die Erklärung“, stieß Feliz aus, während sie durch die Bücher auf Chirons Tisch blätterte und einzelne Seiten Papier zwischen ihnen herauszog, die sie konzentriert studierte. Der Zentaur und Rachel sahen sich kurz an, als wollten sie verhandeln wer die Ehre hat, dann wandte sich das Orakel- was für ein Glück er heute mal wieder hatte- an Levin und deutete auf die Couch ihrer gegenüber.
    „Setz dich“, sprach sie aus und das Funkeln in ihren Augen gefiel ihm gar nicht. „Wir haben einiges zu besprechen.“


    Normalerweise hätte Levin schon nach zwei Minuten innerlich abgeschaltet, denn die Situation erinnerte ihn viel zu sehr an eine langweilige Geschichtsstunde in seiner alten Schule. Nur war das hier keine Geschichtsstunde, sondern bitterer Ernst, was die Sache auch nicht viel besser machte. Die Gerüchte waren also wahr. Toll.
    Erst dachte er, das Blut würde noch in seinem Kopf rauschen und er hätte Rachel einfach falsch verstanden, aber als er nachfragte, wurde er bitter enttäuscht.
    „Ein Sohn mit Augen aus gebrochenem Licht, nichts bleibt verborgen in seinem Angesicht“, wiederholte sie und Levin entglitten seine Gesichtszüge. Wunderbar. Es könnte kaum besser werden. Er war ein Auserwählter der Prophezeiung. Ganz toll. Er war begeistert. Es gab dummerweise keinen Zweifel daran, dass er gemeint war. Der zweite Vers war einfach viel zu offensichtlich. Levin hatte nie jemandem von dieser Fähigkeit erzählt, denn er wurde ja jetzt schon von allen für kostenlose Iris-Botschaften angeschnorrt und das ging ihm tierisch auf die Nerven, er war schließlich kein verdammter Videochat. Wenn jetzt auch noch herauskäme, dass er die unauffälligste Universalüberwachsungskamera der Welt war… Nein. Nein, danke. Er setzte diese Fähigkeit ohnehin nicht gerne ein. Es fühlte sich einfach falsch an.
    Und dann war da natürlich noch der erste Vers.
    „Du bist der einzige hier mit regenbogenfarbenen Augen“, stieß Feliz nüchtern aus, als er instinktiv erst einmal „Nein“ zur Prophezeiung sagte. „Solange ich nicht plötzlich farbenblind geworden bin.“
    Levin zog den Kopf ein. Diese verdammten Augen. Er hasste seine Augen. Sie bereiteten ihm nichts als Ärger. In der Grundschule hatten die Mädchen das noch lustig gefunden, aber spätestens in der Unterstufe kamen die ersten Gerüchte auf, dass das nur farbige Kontaktlinsen seien, weil er auffallen wollte. Weiter hätten sie gar nicht danebenliegen können. Bis er fünfzehn war dachte er, dass seine Augenfarbe das Resultat eines merkwürdigen Gendefekts war. Kein Arzt konnte sich das so recht erklären, aber „Genmutationen sind erstaunliche Phänomene“, sagten sie und damit war die Sache für sie abgeschlossen. Erst als der Satyr aus Camp Halfblood vor seiner Haustür stand und ihm ins Gesicht klatschte, dass seine Mutter die griechische Göttin des Regenbogens sei, machte alles etwas mehr Sinn. Was nicht hieß, dass er seine Augen plötzlich mehr mochte.
    „Du siehst also“, riss Chiron ihn aus seinen düsteren Gedanken. „Wir sind ziemlich sicher, dass du gemeint bist.“
    „Toll“, murmelte Levin und rieb sich über die Schläfen.
    „Feliz, Shirin und Arian haben dem Auftrag schon zugestimmt“, informierte Rachel ihn. Ihr Blick hatte ihn die ganze Zeit gelöchert und langsam fühlte er sich, als ob sich seine Haut ganz von alleine ablösen würde. „Du fehlst noch.“
    Als er aufsah bemerkte er zuerst Feliz, die ihn forschend ansah. Sie kaute auf ihrer Lippe herum und knetete ihre Finger und zum ersten Mal verstand Levin, dass sie sich vermutlich genauso fühlte wie er auch. Alles andere als wohl in ihrer Haut.
    „Wir sollen also die Attribute zurückholen?“, fragte er sicherheitshalber nach, aber Rachel schüttelte den Kopf.
    „Nein, dafür braucht es vermutlich alle zehn von euch. Das Problem ist, dass unser Teil der Prophezeiung nach euren Strophen endet.“
    „Ihr habt aber doch sicher eine Lösung dafür“, riet Arian. Er lehnte an einem Fenster, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und hatte während der gesamten Erklärung nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Manchmal fragte sich Levin wirklich, was in seinem Kopf vorging. Dann entschied er sich um. Er wollte es gar nicht wissen.
    „Das Boston Museum of Fine Arts“, antwortete Chiron. „Dort gibt es eine große Ausstellung über griechische Kunst. Nach unseren Informationen stehen die Chancen gut, dass wir dort eine ähnliche Zusammenstellung an Prophezeiungen finden wie unsere.“ Er hob ein kleines Buch in unscheinbarem Einband vom Tisch hinter sich auf, das Levin eher für ein Tagebuch gehalten hätte, wenn er es gesehen hätte.
    „Also erst ins Museum und die Prophezeiung finden“, stieß Feliz aus.
    „Die Sicherheitsmaßnahmen überwinden und sie stehlen“, ergänzte Arian. Feliz biss sich auf ihrer Lippe herum, deutlich ertappt.
    „Nicht ganz.“ Rachel stand von ihrem Platz auf der Couch auf und beugte sich über den kleinen Glastisch, auf dem eine Papier-Rolle lag, die Levin schon vorher aufgefallen war. Als sie sie aufrollte, konnte er einen Stadtplan darauf erkennen.
    „Wir haben noch eine Weile mit Polyhymnia sprechen können“, erklärte Chiron. „Es scheint so, als wären sie in Harlem angegriffen worden. Sie konnte sich nicht an viele Details erinnern, aber durch die Beschreibung ihres Weges hierher gehen wir davon aus, dass es irgendwo in dem eingekreisten Bereich passiert ist.“
    Arian, Shirin, die bisher komplett still auf der Couch neben Levin saß, und Feliz kamen näher und beugte sich über die Karte. Ein roter Kreis war um mehrere Straßen gezeichnet. In schwachem Blau stand über dem Netz aus Straßen „Manhattan“.
    „Schaut euch etwas um“, wies Rachel an. „Vielleicht findet ihr Hinweise auf die Angreifer. Egal, was es ist, sammelt es auf und lasst es uns zukommen. Shirin sagte, dass die Windgeister ihr helfen könnten.“ Die Tochter des Zephyr nickte leicht, noch immer auf die Karte konzentriert.
    „Außerdem“, klinkte sich jetzt Chiron ein. „Versucht, in den Olymp zu gelangen. Vielleicht erreicht ihr die Götter über das Empire State Building. Ich weiß nicht, ob…“ Er wollte weiterreden, schüttelte dann aber leicht den Kopf und entschied sich dagegen.
    „Also“, sagte Feliz und atmete laut aus. „Harlem nach Hinweisen absuchen, die Götter besuchen, nach Boston fahren, die Prophezeiung finden.“
    „Und sie klauen“, ergänzte Arian mit einem breiten Grinsen. Feliz verzog das Gesicht und warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.
    Chiron nickte.
    „Und wann geht es los?“, fragte Shirin zögerlich und nestelte an ihrem Zopf herum. Sie runzelte die Stirn und prägte sich weiter die Karte ein.
    „Morgen früh“, verkündete Rachel, rollte das Papier vor ihr wieder ein und fixierte es mit einem Gummi. Levin grunzte unmotiviert. Na toll. Schön, dass er so viel Zeit zur Vorbereitung hatte. „Heute Abend beim Essen werden wir den Campern von den Musen berichten. Sie sind jetzt so weit geheilt, dass sie ihre Hütte verlassen können. Gleichzeitig werden wir euch offiziell euren Auftrag geben. Bereitet euch also gut vor, packt alles zusammen, was ihr braucht und ruht euch aus. Boston ist nicht weit entfernt, aber vier Halbblute werden einiges an Aufmerksamkeit erwecken.“
    Shirin, Feliz und Levin starrten auf den Glastisch und hingen ihren Gedanken hinterher. Nur Arian zuckte mit den Schultern und grinste.
    „Was soll schon groß schiefgehen“, stieß er unbekümmert aus. „Im schlimmsten Fall sterben wir eben.“


    Alle vier gingen schnurstracks zu ihren Hütten. Niemand sagte etwas, sie hingen einfach ihren Gedanken hinterher.
    Als der Satyr ihn damals ins Camp holte, sagte er, dass Levin dort sicher sei. Ein großer Krieg wäre gerade erst vorbeigegangen und da draußen wären noch viele Monster, die jetzt herrenlos durch die Gegend zogen, immer auf der Suche nach Halbgötter-Snacks. Es sei nicht sicher bei seinem Vater, weder für Levin, noch für den Wettermann. In Camp Halfblood würde man ihm beibringen, sich selbst zu verteidigen. Die Barriere würde ihn schützen. Er könnte ein Leben in Sicherheit führen.
    Und jetzt, zwei Jahre später, wurde er aus dem Camp geschickt, hinaus zu den Monstern, die sicher immer noch verdammt hungrig waren, auf der Suche nach irgendwelchen Gegenständen. Die Prophezeiung sprach von uralten, bösen Mächten und Levin war sich sicher, wenn nicht einmal neun Göttinnen diesen Mächten entgegentreten könnten, wie zur Hölle sollte er das dann schaffen?
    Er stieß die Türe zur Iris-Hütte auf. Es war eine vergleichsweise kleine Hütte, denn neben ihm wohnte bisher nur Robyn Jules darin, die kurz nach den Titanenkriegen anerkannt worden war. Für alle Fälle gab es noch sechs weitere Betten in kleinen Nieschen, die für ein wenig Privatsphäre sorgten, aber bisher standen diese leer und Levin hatte die Hoffnung aufgegeben, dass sich das in näherer Zeit ändern würde.
    Die Hütte war weiß gestrichen, hatte ein weiß glänzendes Ziegeldach und war zwischen all den extravaganten Hütten relativ unauffällig. Das einzige, was sie etwas besonders aussehen ließ waren die zahlreichen Wasserquellen, Brunnen, kleine Flüsse und Wasserfälle an den Wänden, die bei direktem Sonnenlicht dutzende Regenbögen erzeugten. Da jetzt aber schon seit drei Tagen die Wolken jegliches Licht abblockten, sprudelte das Wasser einfach vor sich hin und es gab auch keine Halbgötter, die Iris-Botschaften abschickten oder vor der Türe warteten, um sich eine zu erschnorren. Innen sah es nicht viel anders aus. Wände trennten die kleinen Nischen vom Hauptraum ein wenig ab, der mit weißem Parkett ausgelegt war. An den Seiten gab es kleine Einkerbungen im Boden, bedeckt mit Glas, durch die Wasser floss. Am Ende des Raumes sprudelte ein kleiner Wasserfall vor sich hin, der sich in ein großes Steinbecken ergoss. Kleine Seerosen schwammen auf dem unruhigen, aber ansonsten vollkommen klaren Wasser, und im Dach direkt über dem Becken waren große Fenster eingebaut, die an mit einer kleinen Vorrichtung verdunkeln konnte. Auf dem Steinrand gab es einige Sitzmatten und eine Schale mit Drachmen, die die Iris-Kinder manchmal ihrer Mutter opferten. Ganz selten durften auch andere Halbgötter hier ihre Iris-Botschaften abschicken, aber nur gegen eine entsprechende Gegenleistung und Robyn ließ sich das in den meisten Fällen sehr, sehr gut bezahlen. Meist in Form von Süßkram, denn die Sechzehnjährige war quasi süchtig nach süßem Gebäck, von dem man vieles einfach nicht ohne weiteres im Camp bekam.
    Gerade jedenfalls war der Süßkram-Junkie nicht da und Levin war das nur recht. Er hatte gerade herzlich wenig Lust darauf, groß mit ihr zu reden. Die beiden kamen nur bedingt miteinander aus, überwiegend, weil sie schrecklich ehrgeizig und ordnungsfanatisch war, und er eben nicht. Sie nahm ihre Position als Hüttenälteste von zwei Mitgliedern verdammt ernst, was Levin ziemlich auf die Nerven ging. Er wollte einfach in Ruhe gelassen werden. Robyn war bei der Besprechung dabei gewesen, deswegen wusste sie wohl, dass er bald einen Auftrag erhielt und er war sich sicher, dass sie ihm stundenlange Predigen halten würde, dass er der Iris-Hütte bloß keine Schande machen solle. Und darauf hatte er gerade wirklich keine Lust. Er sah für einen Moment zum Springbrunnen. Auch wenn die Sonne im Moment nicht schien könnte er trotzdem Irisbotschaften schicken, wenn er wollte. Annabeth hatte mit der Hephaistos-Hütte eine Lampe gebaut, die sonnenähnliche Strahlen abschickte und in Kombination mit dem Brunnen entstand ein stetiger Regenbogen mit guter Sendequalität. Aber das brauchte er eigentlich nicht einmal. Levin griff nach dem Lederband um seinen Hals und hob sich einen grauen Stein direkt vor das Gesicht. So, wie er ihn trug, sah er nicht nach viel aus, denn die matte Seite war oben. Aber wenn er ihn umdrehte, sah er die dutzenden, funkelnden Spiegelungen in dem ansonsten weißen Edelstein. Es war ein Geschenk seiner Mutter gewesen, als er zwei Jahre zuvor ins Camp gekommen war. Am Abend seiner Ankunft lag er einfach auf seinem Kopfkissen. Robyn hatte auch so einen. Nur Iris-Kinder konnten ihn benutzen, da es keinen Nebel gab, dem man eine Drachme opfern konnte, und er war nicht viel größer als eines dieser uralten Telefone, deswegen war die Qualität der Botschaft nicht sonderlich gut. Aber dafür konnte man ihn immer nutzen, wenn es zumindest ein bisschen Licht gab.
    Er ließ seinen Anhänger zurück unter seinen Pullover gleiten und verschwand in seine Wohnnische. Er könnte seinem Vater jetzt keine Botschaft schicken. Seit zwei Jahren hatten sie einander nicht persönliche gesehen und das letzte Mal, als Levins Kopf einfach so in der Küche aufgetaucht war, hatte er sich beinahe zu Tode erschreckt. Es war das erste Lebenszeichen seines Sohnes seit mehreren Monaten gewesen und die Unterhaltung war deswegen seltsam unangenehm und steif. Levin hatte ihm zwar einen Brief hinterlassen, wie der Satyr es ihm geraten hatte, aber er war sich nicht sicher, ob sein Vater ihm vor der körperlosen Botschaft wirklich geglaubt hatte. Einen Sohn mit einer Göttin zu haben ist eine ziemlich harte Nummer. Seitdem hatte er sich noch zwei, drei Mal gemeldet. Und etwas in ihm wünschte sich verzweifelt, das Gesicht seines Vaters jetzt noch einmal wiederzusehen, bevor sie das Camp verließen und möglicherweise einen schmerzhaften Tod starben. Ein anderer Teil dagegen wollte ihn dann aber wieder nicht sehen. Er hatte keine Lust auf diese seltsame Stimmung, auf das Gefühl, mit einem Fremden zu sprechen…
    Levin ließ sich in sein Bett fallen und vergrub sein Gesicht im Kissen.
    Er wollte keinen Auftrag haben. Damit machte er sich sicher keine Freunde, denn die meisten gierten förmlich danach, weil sie dadurch Ehre und Ruhm und den ganzen Blödsinn bekamen, aber er wäre der Erste, der seinen Platz räumen würde. Das letzte Mal, als eine Prophezeiung sich erfüllte, starben dutzende Halbgötter, der Olymp wurde halb zerstört und die Götter beinahe gestürzt. Die beiden letzten Dinge wären ihm relativ egal, wenn sie nicht dafür sorgen würden, dass ganz Amerika zerstört und die menschliche Zivilisation, inklusive ihm, vernichtet werden würde. Glücklicherweise ging es noch einmal gut. Aber beim letzten Mal war ein mächtiger Sohn des Poseidon und die intelligenteste Person im ganzen verdammten Camp unterwegs gewesen.
    Tja. Und dieses Mal hatten sie ihn. Levin, Sohn der Regenbogen-Göttin, durchschnittlicher Kämpfer mit den unbrauchbarsten Fähigkeiten auf diesem Planeten. Da konnte die Menschheit schon mal winken und „bye bye“ Leben sagen.
    Er stöhnte in sein Kissen. Warum von allen Menschen ausgerechnet er?
    Levin richtete sich auf und sah zu seinem kleinen Schrank direkt neben seinem Bett herüber. Darauf lagen einige Verpackungen von Süßkram, den Robyn ihm gegeben hatte, weil sie ihn nicht mochte, Pflaster, falls er wieder in eine von Arians Fallen tappte, Stift und Papier und ein Dolch, den er geschenkt bekam, als er im Camp angekommen war. Er rückte zur Bettkante und öffnete die oberste Schublade, in der heilloses Chaos herrschte. Zettel, Papiertaschentücher, mehr Verpackungen, kaputte Kopfhörer, eine kleine Anzahl von Steinen oder Tannenzapfen… Und ganz hinten, gut bedeckt von einem Notizblock, ein einzelnes Foto. Er warf einen Blick über seine Schulter in den Wohnraum, aber Robyn war nicht da, also zog er es heraus.
    Das Foto war schon acht oder neun Jahre alt. Es zeigte seinen Vater, ein großer, hagerer Mann mit hellbraunem Haar und einer schmalen Brille, und ihn, den achtjährigen Levin, der ihm gerade mal zur Hüfte reichte und ein Lächeln mit lauter Lücken darin zeigte. Sie waren im Urlaub irgendwo in Idaho und wanderten in den etwas flacheren Gebieten der Rocky Mountains. Die Sonne schien und ein Linseneffekt zeigte einen schönen, runden Regenbogen, der die beiden scheinbar einrahmte. Auch, wenn er es nicht gerne zugab, hoffte Levin doch, dass das ein Zeichen seiner Mutter gewesen war. Ein kleiner Beweis, dass sie ihn nicht vergessen hatte, so ähnlich wie der Stein auf seinem Kopfkissen. Er hatte sie nie kennen gelernt und sein Vater erzählte ihm immer nur die gleichen Geschichten. Dass sie eine wunderschöne Frau gewesen wäre, freundlich und fürsorglich, aber immer auf Achse und ein wenig hibbelig. Seinen Vater hatte es deswegen auch nie gestört, dass Levin nicht stillsitzen konnte. Er schob es darauf, dass er es von seiner Mutter geerbt haben musste.
    Als er das Foto betrachtete verschlechterte sich seine Laune zunehmend. Noch einmal sah er über seine Schulter und wieder gab es kein Zeichen von seiner Halbschwester. Er packte das Foto mit beiden Händen, atmete einmal tief ein und aus. Dann schloss er die Augen.
    Für einen Moment wurde es einfach dunkel, genauso wie sonst auch. Dann prickelte sein ganzer Kopf und er spürte, wie seine Augen zuckten. Bunte Flecken tauchten in der Schwärze vor ihm auf, die immer heller wurde. Dann ein Lichtblitz, der Levin kurz zusammenzucken ließ.

    Sonne blendete ihn für einen Moment. Als er wieder sehen konnte, entdeckte er hohe Glasscheiben direkt vor ihm, dahinter ein weiter, grüner Rasen bedeckt mit Raureif, umgeben mit dicken Fichten und dichtem Gebüsch. Er sah eine alte, verwitterte Schaukel irgendwo zwischen den Bäumen, eine Holzbank auf einigen bemoosten Steinplatten direkt vor dem Wintergarten, in dem er gerade stand. Nur, dass er nicht wirklich dort war. Als er nach unten sah, wo sein Körper sein müsste, gab es dort nichts. Levin wandte sich um und hinter einer halben Wand, die den Wintergarten mit dem kleinen Esstisch darin abtrennte, sah er die moderne, weiße Küche. Auf einer Theke entdeckte er einen halbleeren Korb mit Obst und eine zerknitterte Zeitung, die das heutige Datum trug. Er glitt herüber zum Flur, warf einen kurzen Blick in der kleine, aber gemütliche Wohnzimmer mit dem Backsteinkarmin, und dann die Treppen hoch. Rechts waren das Zimmer seiner Vaters und sein Arbeitszimmer, in dem er Bücher lagerte und seinen Computer stehen hatte. Links dagegen war sein eigener Raum.
    Levin glitt durch die Holztür, auf deren Rahmen verblasste Größenmarkierungen geschrieben standen. Es war ein seltsames Gefühl sein Zimmer wieder zu sehen. Es war erst zwei Jahre her, seit er das letzte Mal darin gestanden hatte. Es war seltsam vertraut und fremd zugleich.
    In der hinteren Ecke stand ein simples Holzbett und an der Dachschräge darüber hingen Bilder von weit entfernten Orten. Postkarten aus aller Welt, die sein Vater ihm von Kollegen mitgebracht hatte, ausgedruckte Fotos aus dem Internet… Es war einfacher an einen Ort zu reisen, den er schon einmal gesehen hatte. Wie oft hatte er nachts wachgelegen und sich Paris angeschaut? Moskau, London, Sydney, Tokyo, aber auch Sandstrände in der Karibik, Gipfel von Bergen, Höhlen und Korallenriffe unter Wasser?
    Auf einem Schreibtisch direkt vor einem Fenster, das den Garten zeigte, standen große Ordner mit Schulkram darin, seine alten Englisch und Geschichtsbücher, eine Lampe und eine Box mit Stiften. Die Unterlage zeigte den Sternenhimmel und als Levin sich umdrehte, entdeckte er neben einem hohen Schrank, randvoll mit Atlanten, Büchern von anderen Ländern, einigen Romanen und kleinen Souvenirs, ein Teleskop, das eigentlich seinem Vater gehörte.
    Sein gesamtes Zimmer war aufgeräumt und komplett staubfrei. Als wäre er nie weggewesen. Levin schluckte.
    Als er von unten das Geräusch eines Schlüssels in der Tür hörte zögerte er einen Moment.
    Dann glitt er aus seinem Zimmer heraus und stellte sich an die oberste Stufe der Treppe. Es dauerte einen Moment, in dem er nur das Rascheln von Stoff und regelmäßiges Atmen hörte, dann sah er seinen Vater. Er hatte sich in den letzten acht Jahren kaum verändert. Hier und da bekam er graue Strähnen und Levin wusste, dass er daran nicht ganz unschuldig war. Davon abgesehen hatte er noch immer das gleiche, leicht hilflose Lächeln, als wüsste er nie ganz genau, was er eigentlich gerade tat. Die gleiche, schwarzgerahmte schmale Brille, die gleiche Hakennase und die gleiche hagere, geradezu dürre Statur. Er legte seine Aktentasche gegen den Pfosten der Treppe, fuhr sich durch die Haare und sah nach oben.
    Levin schnappte nach Luft. Er sah ihn für einen Moment genau an. Konnte… Konnte er ihn etwa sehen?


    Nein. Nein, natürlich nicht. Sein Vater wandte sich wieder ab und verschwand in der Küche. Levin verharrte wie gelähmt an derselben Stelle.
    Natürlich. Er hatte immer auf der obersten Stufe gestanden, wenn sein Vater nach Haus gekommen war. Aber jetzt war er hunderte Kilometer entfernt. Und auf seinen Vater wartete niemand mehr.


    Robyn tauchte erst kurz vor dem Abendessen auf, aber zu Levins Überraschung sagte sie kein Wort über den Auftrag. Sie sah ihn nur lange und eindringlich an und er hatte das Gefühl, dass sie genau sah, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Die Wahrheit war, dass ihn der kleine Ausflug in sein altes Zuhause mehr mitgenommen hatte, als er dachte. Der Gedanke, dass er vielleicht nie wieder dort sein würde… Dass er nie wieder mit seinem Vater sprechen würde, von Angesicht zu Angesicht…
    Er schluckte, zog sich einen dickeren Pullover über und dieses Mal war er derjenige, der Robyn zur Eile antrieb. Noch bevor das Horn durch das Camp schallte, waren sie auf dem Weg zum Essenspavillon.


    Beim Abendessen war von Entspannung oder Ablenkungen keine Spur. Neben den gewohnten Gesichtern erschienen dieses Mal tatsächlich noch neun weitere, überirdisch schön und zuerst deutlich angespannt. Es war das erste Mal, dass er die Musen sah. Feliz und Will, der Älteste der Apollo-Hütte, redeten eindringlich mit ihnen und sie schienen sich etwas zu entspannen. Feliz umarmte eine der Musen und schenkte ihr ein Lächeln, dass Levin von ihr nicht erwartet hatte. Er wusste nicht genau warum, vielleicht, weil sie erst vor ein paar Stunden noch so angespannt und geradezu gereizt ausgesehen hatte. Sie bemerkte seinen Blick, aber bevor er sah, wie sie ihm schwach lächelnd zunickte hatte er sich schon weggedreht.
    Arian saß wie immer alleine am Tisch der Aletheia-Hütte aber wie immer schien ihm das rein gar nichts auszumachen. Er beobachtete die anderen Halbgötter um sich herum und grinste Levin schon beinahe provozierend an, aber er ließ sich nicht darauf ein. Shirin entdeckte er bei ihren jüngeren Geschwistern, Henry und Lilly, denen sie ruhig zuredete. Die beiden hatten rot verquollene Augen und klammerten sich förmlich an ihre Halbschwester, als würde sie das davon abhalten, das Camp zu verlassen. Auch aus der Apollo-Hütte gab es immer wieder heimliche Blicke in Feliz‘ Richtung, die sich gerade mit einer rothaarigen Tochter des Hephaistos unterhielt, Gina, wenn sich Levin richtig erinnerte. Neben ihr stand dazu noch ein etwas jüngerer Halbbruder der Blonden, der ebenfalls sehr unzufrieden aussah und den Boden mit giftigen Blicken zu löchern versuchte. Ginas Gesicht war angespannt und deutlich besorgt, aber Feliz lächelte es einfach weg und Levin konnte nicht anders als zu bemerken, wie fröhlich und hübsch sie dabei aussah. Sie war wirklich genau wie diese Cheerleader aus seiner alten Schule. Und das bereitete ihm mehr Sorgen, als er zugeben wollte.
    Ihn würde sicher niemand so vermissen. Er hatte nur wenige Freunde in diesem Camp, überwiegend, weil er sich mit vielen innerhalb kürzester Zeit stritt oder gar nicht erst die Lust hatte, sie näher kennen zu lernen. Er war nicht beliebt. Er hatte niemanden, um den er sich kümmerte. Und anders als Arian war ihm das sehr viel weniger egal, als er versuchte sich einzureden.
    Levin wandte sich wieder dem Tisch zu und sah, wie intensiv Robyn ihn musterte. Das Mädchen nestelte nervös am Bund ihres knallorangenen Camp-Halfblood-Pullovers herum, die Stirn heftig gerunzelt. Für einen Moment schwiegen die beiden sich an.
    „Hast du schon alles gepackt?“, fragte Robyn ihn dann mit seltsam hohler Stimme. Levin schüttelte den Kopf und sie seufzte. „Dann machen wir das später eben zusammen.“


    Bevor gegessen wurde löste Rachel ihr Versprechen ein und berichtete nun endlich auch allen anderen Bewohnern des Camps vom Angriff auf die Musen, der Prophezeiung und der neuen Aufgabe. Die Göttinnen wurden mit tiefen Verbeugungen willkommen geheißen, bei der Prophezeiung gab es leises Gemurmel und Spekulationen, was genau gemeint war. Die Athena-Hütte starrte zur Ares-Hütte herüber, offenbar war Annabeth nicht die einzige, die Ares hinter allem vermutete.
    „Ich möchte nun die Helden bekanntgeben, die ausziehen und sich der Aufgabe stellen.“
    Oh Götter nein. Bevor Levin protestieren konnte, rief Rachel sie der Reihe nach auf und verlangte, dass sie sich stellte, damit auch jeder sehen konnte, um wen es ging.
    „Feliz Benett.“ Obwohl einige von ihnen besorgt schienen, johlte vor allem die Apollo Hütte laut, als sich die Tochter des Sonnengotts stellte und ein wenig hilflos in der Menge stand. Auch von den anderen Tischen kamen Anfeuerungen, ermunternde Pfiffe und Beifall.
    „Shirin Kahla.“
    Shirin fühlte sich deutlich unwohl. Ihre kleine Schwester kämpfte schon wieder mit den Tränen, ihr Bruder dagegen klatschte laut und schniefend Beifall. Auch hier gab es einige anerkennende Rufe. Obwohl Shirin erst ein Jahr hier war, hatte sie sich schon einen Namen als freundliche und fürsorgliche Hüttenälteste gemacht, die immer ein Ohr für jeden hatte.
    „Arian Parker.“
    Arian richtete sich langsam auf und lehnte sich gegen die Tischplatte. Dieses Mal johlte die Hermes-Hütte. Beide teilten ihren Spaß an bescheuerten Streichen, deswegen kam Arian mit ihnen recht gut zurecht.
    „Levin Muller.“
    Er stöhnte leise und richtete sich dann auf, wagte aber kaum, hochzuschauen. Es gab verhaltenen Beifall. Hatte er es doch gewusst. Niemand würde ihn vermissen.
    Mit einem Mal klatschte es laut hinter ihm. Überraschte drehte sich Levin um und entdeckte Robyn, deren Augen vor Feuchtigkeit glitzerten. Sie klatschte als würde es um ihr Leben gehen und versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Levins Augen weiteten sich, aber ihm blieb keine Zeit um einen klaren Gedanken zu fassen, denn ab dem Zeitpunkt schien der Bann gebrochen. Mit einem Mal kamen Pfiffe dazu, Johlen und Rufe. Arian verließ seinen Platz an seinem Tisch und schlenderte zu seinem Freund herüber, griff sich Levin am Arm und zog ihn dann mitten zwischen die Tische, wo alle ihn sehen konnten, während er Feliz und Shirin herbei wank. Beide kämpften sich aus ihren Plätzen hervor, und mit einem Male standen alle nebeneinander. Als Feliz Levins Hand ergriff und die von Shirin neben ihm und sie in die Luft hob, tapfer lächelnd, da musste er auch lächeln. Arian neben ihm machte es dem Mädchen nach und dann standen sie dort, eine Gruppe Halbgötter, die gemeinsam losziehen und die Welt retten würden.
    Und plötzlich fühlte er sich so viel weniger allein.


    Nach dem Essen, vor dem er seiner Mutter einen Regenbogencupcake (den mochte sie laut seinem Vater am liebsten) opferte und dafür betete, dass alles glatt lief, zog Robyn ihn eilig zurück zur Hütte. Dann dämmerte Levin auch langsam, warum sie so lange nicht da gewesen war. Seine Halbschwester hatte den halben Tag damit zugebracht, Proviant und alles Wichtige für eine Reise zu organisieren.
    „Ihr werdet zwar relativ schnell wieder hier sein“, murmelte sie, während die Sechzehnjährige eine kleine Dose mit Ambrosia und eine Thermoskanne mit Nektar in einen großen, dunkelgrünen Rucksack packte. „Aber damit fängt euer Auftrag ja erst an. Und sicher ist sicher.“
    Levin stand unschlüssig daneben. Er konnte immer noch nicht ganz fassen, dass es Robyn so mitnahm, dass er jetzt ging. Sie vermied es, ihm in die Augen zu sehen und versuchte, möglichst beschäftigt zu sein. Es verschwanden noch ein paar Sandwiches und zu seinem Erstaunen auch eine Portion ihres Lieblingsgebäcks, Erdbeertörtchen, in seinem Rucksack, dazu Taschentücher, Block und Stift, zwei Flaschen Wasser und sein altes Taschenmesser. Neben der Tür stand noch ein Speer zur Selbstverteidigung, für die Reise auf die komfortable Größe seines Unterarms geschrumpft aber per Knopfdruck wieder tödlich, den er morgen an seinem Rucksack festmachen könnte, ebenso wie sein Dolch, der noch auf seinem Nachttisch lag. Als alles gepackt war, verabschiedete sie ihn kurz und bündig. Sie würden morgen in aller Frühe los, da würden die meisten noch schlafen. Danach stürzte sie in ihre Nische und war für den Rest des Abends verschwunden. Levin ging in seine eigene, überlegte einen Moment, ob er das Foto aus seinem Schrank mitnehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Hier war es zumindest sicher.


    Die Nacht war unruhig und als er am Morgen zum Treffpunkt am Haupthaus ankam sah er, dass das bei den meisten von ihnen der Fall war. Shirins Augen waren ein wenig gerötet, und als er ankam hörte er, wie sie Chiron das Versprechen abnahm, gut auf ihre Geschwister aufzupassen, während Feliz mit dunklen Augenringen und gähnend neben ihr stand, die Hand beschwichtigend auf ihre Schulter gelegt und den Köcher auf ihrem Rücken zurecht rückte. Levin presste ein flaches „Morgen“ heraus, das genauso unmotiviert zurückgegeben wurde. Sie warteten noch ein paar Minuten auf Arian, der als einziger gut drauf zu sein schien. Locker lief er den Weg zum Haupthaus herunter, wünschte Shirin und Feliz einen guten Morgen und schlug Levin grinsend, aber nur leicht seine Faust gegen die Schulter.
    Die Verabschiedung war genauso merkwürdig wie das Wiedersehen mit seinem Dad.
    „Ich wünsche euch viel Erfolg“, sagte Chiron und versuchte sich an einem zuversichtlichen Lächeln. Rachel stand neben ihm und nickte ihnen zu. „Wir bleiben in Kontakt“, sagte sie und sah dabei Levin an. Der nickte nur. Zumindest für etwas wäre er in dieser Gruppe nützlich.


    Der Zentaur und das Orakel begleiteten sie noch bis zu einem der Bus-Transporter, mit denen sie sonst die Erdbeeren des Camps auslieferten. Argus, dessen kompletter Körper übersät war mit Augen, die allesamt nervös zuckten, setzte sich auf den Fahrersitz. Chiron und Rachel wünschten ihnen noch ein letztes Mal viel Glück, dann glitten sie der Reihe nach auf die Sitze im hinteren Teil des Wagens. Argus ließ den Motor an und Levins Herz machte einen kleinen Sprung. Er war nicht bereit für diesen Auftrag. Aber das würde er wohl nie sein.
    Im Rückspiegel sah er Rachel winken und Feliz, die am Fenster saß, winkte zurück.


    Als sie auf den Montauk Highway einbogen begriff Levin zum ersten Mal richtig, dass sie jetzt Freiwild waren. Die Wolken standen noch immer dicht über ihnen, eine graue Barriere, als sie Richtung Manhattan fuhren.
    Dort, wo die Musen ihre Unsterblichkeit verloren.




    @Katoptris


  • Chapter 5- Golden


    Es war zwei Jahre her, seit er das letzte Mal außerhalb des Camps gewesen war. Zwei Jahre lang lebte er jetzt schon dort. Er dachte, das wäre eine lange Zeit, aber sie kam ihm so kurz vor. Ständig stand irgendetwas an, Training, Rundgesänge, Eroberung der Flagge… Aber jetzt, wo sie es verließen wurde Levin klar, dass er hier in der Gegend vollkommen fremd war. Er hatte Manhattan und Montauk nur ein einziges Mal gesehen, damals, als er und Arian hierhergebracht worden waren. Er konnte sich nicht einmal vage an den Weg erinnern, weil er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen war, sich an jeder Straßenecke ein Monster einzubilden, und das gefiel ihm gar nicht. Er wünschte sich schon jetzt zurück ins Camp, schluckte das Gefühl aber herunter. Bis auf Arian sahen auch die anderen ziemlich angespannt aus. Ob sie wohl das Gleiche dachten?
    Der Weg ins Stadtinnere war erst holprig und wurde dann langsam aber sicher zunehmend stockender. Selbst um diese gottlose Uhrzeit – eine grässlich übermotivierte Stimme im Radio verkündete, dass es 6:24 Uhr sei- waren schon die Ersten unterwegs, um zur Arbeit zu kommen. Die Halbblute waren hier, um herauszufinden, wer die Musen angegriffen hatte, um mit den Göttern zu sprechen und eine Prophezeiung zu stehlen, die potentielle Ausrottung der Menschheit zu verhindern. Für alle anderen aber ging das Leben einfach weiter, und das war ein seltsamer Gedanke. In den vielen Autos, die sich durch den morgendlichen Stau kämpften, saßen Frauen und Männer in Anzügen, die meisten deutlich müde oder schlecht gelaunt. Einige Frauen schminkten sich im Rückspiegel, manche Fahrer tranken Kaffee, andere sahen aus, als würden sie jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen und ließen ihren Frust an der Hupe aus, die Levin irgendwann einfach ausblendete. Ob sich diese ganze Musen-Sache schon jetzt auf sie auswirkte?
    Nein, vermutlich war der Morgen in Manhattan schon immer so gewesen. Sie machten sich nur Gedanken um den nächsten Abgabetermin, um ein Meeting, die Arbeitskollegen oder den Chef, während Levin sich ausmalte, wie Monster ihn in einer dunklen Gasse in New York zerfleischten.
    „Kennt sich eigentlich einer von euch in Manhattan aus?“, fragte Arian in die bedrückte Stille hinein und grinste sich einen ab, als die Frau im Wagen neben ihrem beim Anfahren ihr Auto abwürgte. Durch den kleinen, letzten Schubs verschmierte sie ihren Lippenstift einmal quer über die ganze Wange und fluchte jetzt wie wild.
    „Ja“, antwortete Feliz und reckte stirnrunzelnd ihren Hals. Sie wippte schon die ganze Zeit mit dem Fuß und das machte Levin noch sehr viel nervöser. „Meine Mum wohnt in der Nähe, wir sind einige Male hier gewesen.“
    Das erleichterte den Iris-Sohn ein wenig. Jemanden dabei zu haben, der wusste wohin sie gehen mussten war definitiv vom Vorteil.
    „Wie kommen wir nach Boston?“, fragte dann Shirin, die an ihrer grünen Winterjacke herumfummelte.
    „Wir nehmen einen Zug von der Pennsylvania Station.“ Feliz beugte sich zu ihrem Rucksack vor und fummelte an einem kleinen Verschluss für eine der Seitentaschen herum, dann zog sie einen kleinen, zusammengefalteten Zettel heraus. „Benedict aus der Hermes-Hütte kommt aus Boston, der nimmt immer diese Strecke. Er hat mir die Nummer und das Gleiß aufgeschrieben, wir müssen aber vor Ort noch die Tickets besorgen.“
    „Oha“, stieß Arian aus und schien tatsächlich etwas beeindruckt. „Du bist ja bestens vorbereitet.“
    Feliz verstaute ihren kleinen Infozettel wieder in den Rucksack und nickte mit düsterem Gesichtsausdruck. „Je besser wir vorbereitet sind, desto schneller kommen wir voran und desto geringer ist die Chance...“
    Levin biss sich auf die Lippe. Desto geringer war die Chance, dass sie Monster begegneten. Shirin sah der Reihe nach in alle Gesichter und dann auf ihren Rucksack herunter, wühlte einen kurzen Moment herum und zog dann eine große Plastikbox hervor.
    „Ihr habt doch sicher auch Hunger, oder?“, fragte sie leicht lächelnd und zog währenddessen den grünen Deckel ab, der sich mit einem „Plöp“ löste. Zum Vorschein kam ein Haufen Sandwiches, allesamt ordentlich neben- und aufeinander gestapelt, bis zum Rand der Box hoch. Sie reichte die Box erst an Feliz, die überrascht lächelnd eines herausnahm, aber noch nicht herein biss, und gab sie dann zu Arian und Levin herüber, die ihr gegenübersaßen.
    Levin zog die obere Scheibe probeweise ein Stück ab und sah Salat, eine seltsam orangene Creme mit grünen Stücken darin und etwas, das wie gepökeltes Hühnchen aussah.
    „Das ist gut“, raunte Arian zwischen zwei Bissen und versenkte den Rest des Sandwiches sofort hinterher. Feliz nickte und kaute eifrig und Shirin, leicht lächelnd, sah zu Levin herüber. Als er den ersten Bissen nahm wusste er, was Arian gemeint hatte. Die Sauce war fruchtig, ein wenig würzig aber auch süß, was das viele Salz im Fleisch ausglich. Als er wieder hineinbiss schien Shirin das als ausreichende Reaktion zu betrachten und nahm sich nun selbst eines der Dreiecke.


    Als sie in Manhattan hineinfuhren, war die Stimmung schon deutlich besser. Alle Sandwiches waren verschwunden und jetzt, wo der Hunger fürs erste gestillt war, entspannten sich alle vier ein wenig. Arian versuchte die Zutaten zu erraten, aber Shirin behielt stumm lächelnd Stillschweigen, da es ein Familienrezept wäre. Irgendwann hatten sich auch Levin und Feliz eingeklinkt, und ab da brach das Eis langsam.
    Levin klappte beim Anblick der ersten Wolkenkratzer ein wenig der Mund auf. Er hatte vor dem Camp sein ganzes Leben in einer kleinen Stadt in Idaho gelebt, dort gab es solche riesigen Gebäude einfach nicht.
    „Da fühlst du dich wohl glatt noch kleiner als sonst, hm?“, zog Arian ihn auf, als er den Blick seines Freundes sah. Der starrte ihn einen kurzen Moment tödlich an, entschloss sich dann aber dazu, ihn zu ignorieren. Die Sicht nach draußen war wesentlich spannender.
    „Warte, bis wir im Olymp sind“, lachte Feliz. „Ich hoffe von euch hat keiner Höhenangst.“


    Als sie im Busbahnhof von Manhattan einbogen, wippte Feliz lächelnd im Takt von Alicia Keys‘ Empire State of Mind. Levin hatte sie schon ein paar Mal singen gehört, aber nur in Begleitung von ihren Geschwistern und er erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie solo noch ein Stück besser klang. Vielleicht lag es aber auch daran, dass es unheimlich entspannend war, sie jetzt singen zu hören. Die Nervosität vom Anfang der Reise war wie weggeblasen. Shirin saß im Schneidersitz auf ihrem Platz und sah aus, als würde sie meditieren, so still und selig lächelnd saß sie da, Arian hatte die Augen geschlossen und döste vor sich hin und Levin selbst war noch immer begeistert von der großen Stadt. Er hatte sich nie groß für New York interessiert, aber selbst im von den Wolken gedimmten Licht glänzten die Wolkenkratzer ein wenig und die vielen Glasscheiben spiegelten die Neonreklamen und Videoleinwände wieder. Manhattan war groß und selbst am frühen Morgen schon laut und hektisch, modern und bunt und er fragte sich, wie er das vor zwei Jahren übersehen hatte.
    „New York, Concrete jungle where dreams are made of, there's nothing you can't do! Now you're in New York!“, sang Feliz leise vor sich hin, brach dann aber ab, als Argus den Wagen anhielt. Arian öffnete die Augen und streckte sich, bis seine Knochen knackten, Shirin machte etwas, das aussah wie sehr schmerzhaftes Entknotungs-Yoga. Levin öffnete den Sicherheitsgurt, warf seinen Rucksack über und drückte die Schiebetüre auf.
    Ihm fiel sofort auf, dass die Luft in der Großstadt stickig war und nicht annähernd so gut roch wie im Camp. Es wunderte ihn nicht groß, aber trotzdem verzog er für einen Moment das Gesicht.
    „Ahhh“, stieß Feliz aus, als sie neben ihm aus dem Wagen stieg. Sie streckte die Arme aus und holte tief Luft. Dann wandte sie sich mit einem schiefen Grinsen in seine Richtung. „Süßer, süßer Großstadtmief.“
    Er hörte Arian hinter sich lachen und sein Freund legte ihm einen Arm über die Schulter.
    „Widerlich“, kommentierte der Schwarzhaarige grinsend.


    Sie brauchten eine ganze Weile, bis sie in Harlem ankamen. Feliz führte sie relativ zuversichtlich, trotzdem sah sie zur Sicherheit ab und an auf Rachels Karte. Sie hatten Glück, dass sie schon so früh am Morgen angekommen waren, denn bisher waren die Straßen im Verhältnis zu sonst noch relativ leer. Die wenigsten Touristen standen schon um kurz vor sieben auf der Matte um New York zu erkunden. Trotzdem brummte Manhattan schon jetzt vor Leuten. Levin war sich relativ schnell klar darüber, dass er niemals für eine längere Zeit hier bleiben könnte. Für ein paar Tage wäre es wohl in Ordnung, aber er merkte, wie sehr ihm die Ruhe der Kleinstadt fehlte. Er musste ständig aufpassen und in der Nähe der Truppe bleiben, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
    In der Nähe des Times Square stiegen sie in die U-Bahn und fuhren eine gute halbe Stunde, umringt von Anzugträgern, Kindern und junge Erwachsene, die sich alle um ihren eigenen Kram kümmerten. Niemand achtete auf vier Jugendliche, von denen eine einen Köcher mitsamt Bogen auf dem Rücken trug. Shirin, Arian und er selbst hatten versucht ihre Waffen- Schwert, Lanzen und Dolch- irgendwie unter ihren Jacken zu verstecken, auch wenn Feliz gesagt hatte, dass es ohnehin niemanden interessieren würde. Selbst wenn die Sterblichen um sie herum durch den Nebel sehen könnten, die meisten hier hatten schon wesentlich Merkwürdigeres gesehen. Zusammen mit einer bunten Mischung aus Studenten stiegen sie in der Nähe des City College of New York aus, mussten aber noch ein Stück weiter nord-östlich, bis sie die Wohngegend erreichten, die in rot eingekreist war. Die Häuser hier waren nicht mehr ganz so hoch und es war kaum etwas los, was eine willkommene Abwechslung zu den Menschenmassen in der Nähe der Touristenorte war. Sie liefen vorbei an langen Reihen aus Backsteinbauten mit Flachdach, überall hingen große Kästen von Klimaanlagen an den Wänden und Autos reihten sich nah aneinander an den Bürgersteigen auf. Ab und an sahen sie kleine Gruppen Menschen und einige gingen an ihnen vorbei, aber niemand sprach sie an. Ihnen wurden kurze Blicke zugeworfen, aber das war‘s auch schon.
    Der Kreis umfasste einige Blocks, allerdings konnten sie die großen Straßen auslassen und sich stattdessen auf die kleinen Seitengassen fokussieren. Aber auch von denen gab es für Levins Geschmack viel zu viele und sie erst einmal zu finden war auch eine Kunst für sich. Sie liefen eine gute halbe Stunden durch einen Block, kamen aber einfach nicht weiter. Häuser reihten sich dicht an dicht und nirgendwo war eine Gasse zu finden. So würden sie definitiv zu lange brauchen.
    „Und wenn wir fliegen?“, sprach Shirin Feliz an, als sie eine kurze Pause einlegten um sich neu zu ordnen. Arian saugte an seiner Wasserflasche, bis das Plastik laut krachte und Levin lehnte sich stöhnend gegen eine Hauswand. Sie wussten ja nicht einmal, ob sie überhaupt etwas finden würden selbst wenn sie die richtige Gasse erwischten. Und sowieso… Wie sollten sie die erkennen?
    Feliz runzelte die Stirn und sah sich um.
    „Das könnte für ganz schönes Aufsehen sorgen“, murmelte sie vor sich hin.
    „Ich dachte, der Nebel würde uns schützen?“, wandte Levin ein.
    „Tut er auch“, antwortete die Apollo-Tochter. „Nur weiß ich nicht, was die Sterblichen sehen werden. Und ich würde ungern Aufmerksamkeit auf uns lenken. Wenn wir Pech haben, bemerken uns nämlich nicht nur Sterbliche.“
    „So kann es aber nicht weitergehen“, nuschelte Arian in seine Flasche. „Dann sind wir in einer Woche noch dran.“
    „Wenn wir hoch genug fliegen, dann werden sie uns sicher nicht bemerken“, wandte Shirin ein.
    „Aber nicht zu hoch, sonst seht ihr die Gassen nicht“, fügte Arian hinzu. Feliz überlegte für einen Moment und sah in den Himmel, in dem sich noch immer die Wolken türmten. Sie starrte sie düster an, als würde sie das auf magische Art und Weise verschwinden lassen, nickte dann aber.
    „Na gut. Dann los.“


    Nachdem Shirin und Feliz abgehoben waren, brauchten sie einen Augenblick um sich zu orientieren. Levin konnte sehen, wie Shirin gestikulierte und dann mit der Apollo-Tochter Richtung Norden flog. Arian und Levin liefen hinterher, den Blick immer auf die schwebenden Mädchen über ihnen gerichtet. Ab und an mussten sie einen anderen Weg einschlagen, verloren sie kurz aus den Augen oder die beiden wechselten plötzlich die Richtung und schon bald geriet Levin außer Atem. Arian neben ihm schien dagegen sichtlich Spaß an dieser unfairen Partie Fangen zu haben.
    Wann immer die Mädchen eine Gasse fanden, die der Beschreibung von Polyhymnia und den Musen entsprach, schwebten sie im Kreis darüber, bis Levin und Arian ebenfalls dort ankamen. Doch sie wurden nicht fündig. Abgesehen von großen Müllcontainern, die übervoll mit stinkenden, grünen Säcken waren, Metalltonnen und diversem eklig stinkendem Müll oder kaputten Möbelstücken fanden sie nichts vor. Nach 7 Gassen verlor Levin seine neugewonnene Hoffnung. Nach 13 wollte er vorschlagen, es gut sein zu lassen. Er glaubte nicht daran, dass sie irgendetwas finden würden, und auch die anderen schienen langsam aber sicher aufgeben zu wollen.
    Gut, dass sie es nicht taten. In Gasse 16 fanden sie schließlich, was sie gesucht hatten.


    Die Mädchen waren schon zwischen den zwei roten Backsteinhäusern gelandet und untersuchten den Asphaltboden weiter hinten. Levin zog den Kopf ein, als Arian eine alte Konservendose gegen eine Wand kickte, die über und über bedeckt war mit Graffiti und bunten Kaugummis. Er wich großen, grünen Müllsäcken aus und zwang sich dazu, flach durch den Mund zu atmen. Der Geruch in den Gassen wurde immer schlimmer.
    „Hier!“, stieß Shirin auf einmal aus und drei Köpfe schossen hoch. Schnell eilte der Trupp zur Zephyr-Tochter herüber, die sich bis zum Ende der Gasse vorgearbeitete hatte. Sie hockte am dreckigen Boden und starrte auf etwas, das Levin erst sah, als er Arian zur Seite drückte und seinen Kopf durch die neu entstandene Lücke drückte.
    Auf dem Asphalt glitzerte eine Flüssigkeit. Sie bildete einige Pfützen, als hätte es nur an diesem Ort geregnet. Levin war schlecht im Schätzen, aber er war sich sicher, dass es einige Liter sein müssten. Und das merkwürdigste war die Farbe. Die Pfützen glitzerten in hellem Gold.
    „Ichior“, kommentierte Feliz, die mit gerunzelter Stirn in das goldene Blut starrte. „Das müssen sie schon verloren haben, bevor man ihnen ihre Attribute gestohlen hat.“
    „Das ist also die richtige Gasse“, stellte Arian fest. Feliz schwieg, nickte aber mit einem deutlich grimmigen Gesichtsausdruck. Vom Abendessen am Vortag hatte Levin geschlossen, dass sie und diese eine Muse einiges mehr verband als nur eine dieser seltsamen, göttlichen Verwandtschaftsbeziehungen. Ihr Blut auf dem Asphalt zu sehen war sicher kein tolles Gefühl. Levin selbst machte der Anblick nicht wirklich etwas aus. Diese goldene Flüssigkeit sah einfach nicht aus wie Blut. Vielleicht lag es daran.
    „Durchsuchen wir die Gasse nochmal“, schlug Shirin vor. Sofort machten sie sich an die Arbeit.


    Sie überlegten für einen Moment, ob sie vielleicht auch den Müll durchforsten sollten, aber hätten die Angreifer wirklich Beweise verstecken wollen, hätten sie wohl mit dem offensichtlichsten, den großen Pfützen Ichior, angefangen. Es schien also nicht so, als würde es ihnen etwas aus machen, Beweise zu hinterlassen, und das machte es für sie einfacher und wesentlich hygienischer. Er entdeckte noch etwas Ichior an den Wänden, einen goldenen Handabdruck, der ihm dann doch ein wenig merkwürdig vorkam. Wenn er sich vorstellte, dass das dort Blut war… Nein, es wirkte einfach zu surreal. Blut musste rot sein, nicht golden.
    Aber auch Spuren von rotem Blut fanden sie am Eingang und da wurde ihm doch etwas übel. Schnell wandte er sich ab. Er wollte nicht wissen, wie viel Blut die Musen bei ihrer Flucht verloren hatte. Wenn man bedachte, wie stark ihre Wunden hatten sein müssen, dass so viel Ichior vergossen wurde… Plötzlich war er froh, dass Argus sie nicht aus dem Amphitheater gelassen hatte.
    Levin ging wieder ein Stück weiter in die Gasse. Bis auf Kaugummis und Müll fand man hier nicht viel. Er beugte sich vor und hievte einen der Säcke aus dem Weg. Ekliger, dunkler Schleim tropfte darunter hervor und als er gegen einen Container prallte, platzte das Material auf und Verpackungsmaterial kam hervor, mitsamt Windeln, Essensresten und Bio-Abfall. Er verzog das Gesicht, als der Verwesungsgeruch in Schwaden zu ihm herüber schwebte und wandte sich ab. Dort, wo der Sack vorher gestanden hatte, war bis auf Asphalt und ein, zwei Kaugummis nicht wirklich etwas zu sehen. Trotzdem beugte er sich herunter und erst dann bemerkte er, dass das schwarze Zeug gar kein Teil vom Asphalt war.
    Levin runzelte die Stirn. Er betrachtete es eingehender. Das schwarze Zeug war bröckelig und durchsetzt mit kleinen, spitzen, schwarz glänzenden Steinen und merkwürdigen roten Fasern. Was auch immer es war, er hatte es noch nie gesehen. Dieses Zeug erinnerte Levin entfernt an Erde, aber der charakteristische Geruch von feuchtem Erdreich fehlte. Stattdessen… Je mehr er darauf achtete, desto mehr stank es… verkokelt?
    „Hey, Leute?“, stieß er aus. Die anderen brauchten einen Moment um zu ihm zu stoßen.
    „Was ist das denn?“, fragte Arian und hob eine Augenbraue.
    „Erde?“, schlug Shirin vor, schüttelte dann aber sofort den Kopf.
    Bevor einer von ihnen reagieren konnte, streckte Arian die Hand danach aus. Doch gerade, als seine blassen Finger das Zeug berührten, zuckte er mit einem lauten Fluch zurück. Gelblicher Rauch stieg in die Luft. Es roch stark nach Schwefel und sie wichen zurück.
    „Keine Erde“, bestätigte Shirin und zog erschrocken den Kopf ein.
    Feliz wandte sich um und hob die Büchse auf, die Arian zuvor noch durch die Gegend gekickt hatte. Sie war verbeult, aber nach einigen Fingergriffen zumindest wieder halbwegs akzeptabel. Die Apollo-Tochter stülpte sich den Ärmel ihrer Jacke über die Finger und versuchte, die Büchse so über den Boden schaben zu lassen, dass das schwarze Zeug darin landete, was aber nur mäßig gelang. Levin griff hinter sich zu einem alten Pizzakarton, riss ein Stück darauf heraus und faltete es in eine behelfsmäßige Schaufel.
    Am Ende war die leicht verrostete Dose gerade mal zu einem Viertel mit dem merkwürdigen Zeug gefüllt, aber mehr gab es nicht, so sehr sie auch danach suchten. Auch sonst gab es nichts großartig Interessantes. Der Asphalt war zu hart um Fußabdrücke oder sonstiges darauf zu hinterlassen.
    „Wir sollen das Richtung Camp schicken, richtig?“, fragte Levin und starrte die Dose an. „Per Post?“
    Shirin schüttelte den Kopf.
    „Darum kümmere ich mich. Wir müssen die Dose aber irgendwie verschließen.“
    Arian sah sich kurz um und zog dann ein altes, furchtbares Hemd aus einem Haufen Müll. Er zerriss es und drückte den Stoff so eng in die Büchse, dass der Inhalt so schnell nicht herausfallen würde. Feliz schrieb in der Zwischenzeit noch eine kurze Notiz und steckte die ebenso hinzu. Shirin nahm die Büchse entgegen und wies sie alle an, ein Stück zurückzugehen.
    Für gewöhnlich sah man Shirin ihre Fähigkeiten nur sehr selten benutzen. Sie flog gerne auf das Dach ihrer Hütte, wo sie sich eine kleine Leseecke mit lauter Blumen, einem stark geflickten Sitzsack und haufenweise Decken eingerichtet hatte und den man nur erreichte, wenn man selbst schweben konnte. Ab und an half sie den Demeter- und Dionysos-Kindern auf den Erdbeerfeldern. Aber mit den Windgeistern redete sie nur äußerst selten. Zum einen, weil die fürchterlich wild waren und öfters mal etwas kaputt machten und zum anderen, weil sie immer aussah, als würde sie Selbstgespräche führen und das war selbst in Camp Halfblood ziemlich merkwürdig.
    Jetzt schaute sie zum Himmel und ihre Lippen bewegten sich, aber auf die Distanz konnte Levin nichts hören. Für eine Weile geschah nichts und Feliz tauschte fragende Blicke mit den Jungen neben ihr, aber Arian grinste nur.
    „Wart’s ab.“ Er verlagerte sein Gewicht etwas, sodass er jetzt stabiler stand. „Und versuch, stehen zu bleiben.“
    Doch gerade, als er das gesagt hatte, schwemmte ein starker Luftstoß über sie hinweg wie eine hohe Welle im Meer. Feliz erschrockener Schrei wurde weggeweht und sie wäre beinahe nach vorne umgekippt, hätten Arian und Levin sie nicht beide an einem Arm gepackt. Ihr goldenes Haar peitschte durch die Luft und Levin verengte die Augen zu Schlitzen. Es war kein schmerzhafter Wind. Er war nur unglaublich stark und plötzlich und die Windgeister liebten es, die Menschen hin und herzutreiben wie Konfetti. Mehrere Male musste Levin sich gegen einen plötzlichen Richtungswechsel stemmen, um nicht umzukippen. Er hörte Arian amüsiert lachen und sah, wie Feliz versuchte, sich die Haare aus dem Gesicht zu halten, aber immer wieder Strähnen in ihrem Mund landeten.
    Shirin stand im Zentrum des kleinen Sturms, aber ihr schien der Wind nichts auszumachen. Ihr Zopf wurde gezogen und gezerrte, der Wind griff nach ihrer Kleidung, aber sie ließ sich einfach treiben und lächelte. Sie redete noch immer, aber durch die starken Böen konnte Levin jetzt erst recht nichts mehr hören.
    Irgendwann hob sie die Dose in die Luft und als sie die dunklen Hände von ihr nahm, schwebte sie weiter, schwankte zwar ein wenig, schien aber ansonsten recht sicher zu sein. Und dann, so schnell, wie die Winde gekommen waren, verschwanden sie auch. Die Böen trieben mit einem letzten Pfeifen und Zerren an den Halbgöttern hoch in den Himmel, den dunklen Wolken entgegen, und mit ihm ging auch die Dose, die bald schon nur noch ein kleiner Punkt hoch über ihnen war.
    Feliz fluchte und fuhr sich durch die Haare, die vollkommen wild abstanden und kaum mehr zu bändigen waren. Sie war deutlich durch den Wind – wer hätte das gedacht- und kaum begeistert, denn sie spuckte noch immer goldene Strähnen. Arian unterdrückte ein Lachen und beschränkte sich auf ein schmales Lächeln, während Levin selbst den Kopf schüttelte, um das Pfeifen in seinen Ohren loszuwerden. Shirin, die ihnen entgegen kam, wirkte tiefenentspannt.
    „Das nächste Mal verlasse ich den Block“, grummelte Feliz und Shirin kicherte. Sie wies die Apollo-Tochter an, still zu halten und strich ihr durch die zerzausten Haare, bis diese wieder etwas glatter lagen.
    „Und die Büchse landet ganz sicher im Camp?“, fragte Levin misstrauisch. Shirin hatte ihm einmal gesagt, dass die Windgeister unberechenbar waren und gerne Unsinn trieben, genauso wie ein gewisser Sohn der Aletheia neben ihm, da glaubte er kaum, dass sie ihr gehorchten. Nachher war die ganze Reise umsonst und die alte Ravioli-Dose voll mit selbstentzündender Nicht-Erde landete in einer Grundschule oder einem Altenheim oder im Weißen Haus. Alles keine schöne Vorstellung.
    „Ich habe ihnen gesagt, dass Henry und Lilly ihnen Konfetti und Luftschlangen geben werden, da waren sie sofort bereit, uns zu helfen“, erklärte die Zephyr-Tochter. Feliz richtete sich wieder auf und wischte sich eine letzte Strähne aus dem Gesicht.
    „Windgeister lassen sich mit Luftschlangen und Konfetti bestechen?“, fragte sie deutlich säuerlich.
    „Sie sind wie kleine Kinder“, antwortete Shirin mit einem Blick in den Himmel. „Sie meinen es nicht böse.“
    Die Apollo-Tochter seufzte und sah noch ein letztes Mal zurück in die Gasse, wo, jetzt wo sie es wussten, ganz hinten das Ichior leicht schimmerte. Sie zog die Schultern an und wandte sich um.
    „Na los, wir haben noch ein paar Dinge zu erledigen“, sagte sie dann und ging schon die ersten Schritte. Levin folgte ihr gerne.


    Es war beinahe eins, als sie endlich am Empire State Building ankamen. Die U-Bahnen waren überfüllt gewesen und sie mussten sich auch erst einmal aus dem Wohngebiet heraus kämpfen. Zum Glück nicht wortwörtlich, bisher waren ihnen noch keine Monster begegnet und das beruhigte Levin ein wenig. Eine kleine Stimme in seinem Kopf mahnte ihn, dass er trotzdem die Augen offen halten sollte, aber alle anderen hielten dagegen. Wenn sie bis jetzt niemand gefunden hatte, würde das bestimmt auch so bleiben. Mit all den Touristen um sich herum wurde ihr Geruch vermutlich ohnehin vollkommen überdeckt. Trotzdem machten es die Menschenmassen wirklich nicht einfacher vorranzukommen.
    Das Empire State Building zu sehen machte das alles aber wieder wett. Gut, sehen konnte man es schon von weiter weg, es überragte die meisten Gebäude in der Umgebung, aber direkt davor zu stehen war trotzdem ein ganz anderes Gefühl. Als Levin nach oben sah wurde ihm beinahe etwas schwindelig und das Gebäude schien langsam, ganz langsam nur umzukippen und auf ihn herunterzufallen. Als Feliz mit einem belustigten Lächeln nach ihm rief schloss der Iris-Sohn seinen leicht offenstehenden Mund und eilte zu ihr. Er merkte die Hitze in seinem Gesicht, als ihr Mundwinkel zuckte und sie ihre Augenbrauen hob. Na toll. Er benahm sich wie ein verdammtes Kind. Schnell ging Levin an ihr vorbei und stieß die Glastüren zum Foyer auf.


    Die Eingangshalle war mehrere Meter hoch und glänzte vom bestrahlten Marmor in hellem Gold, doch nachdem sie noch nicht einmal eine Stunde vorher massenweise Ichior gesehen hatten, begeisterte ihn das nur wenig. Der braune Marmorboden spiegelte zwei abstrakte Skulpturen wieder, die entfernt Ähnlichkeit mit gigantischen und sehr unpraktischen Kleiderständern hatten, an denen lauter kleine Lichter hingen. Hinter runden Scheiben gab es kleine Miniaturversionen von Gebäuden, aber Levin hatte keine Zeit, sie sich genauer anzuschauen, denn Feliz ging Schnurstraks auf eine große Theke am anderen Ende der Halle zu. Direkt hinter dieser hing ein riesiges goldenes… Bild an der Wand? Es war schwer zu beschreiben. Das Empire State Building schien in eine Platte geprägt worden zu sein, links in der Ecke stand zusätzlich noch ein Modell, aufbewahrt in einem Glaskasten, als müssten sie jeden Besucher zur Sicherheit gleich noch ein paar Mal mehr daran erinnern, in welchem Gebäude sie sich gerade befanden.
    Als sie sich der Theke näherten, bemerkte Levin, dass der Rezeptionist gelangweilt an einem Telefonhörer hing. Er trug eine schwarz gerahmte Brille, Hemd, Krawatte und schwarze Nadelstreifenweste, und sobald er sah, dass eine Gruppe Jugendlicher auf sie zukam, schien das Gespräch mit einem Male unglaublich interessant. Arian wollte schon etwas sagen, aber Shirin hielt ihn zurück.
    „Er wird schon irgendwann auflegen“, sagte sie und schenkte dem Mann ein freundliches Lächeln, der sie eiskalt ignorierte.


    Er legte tatsächlich irgendwann auf. Laut Arians Uhr zwanzig Minuten später, und das auch nur, weil es Feliz irgendwann reichte und sie ungeduldig und vor allem laut auf dem marmornen Empfangstresen herumklopfte. Der Rezeptionist starrte sie giftig an, aber Levin fand schnell heraus, dass er Feliz niemals wütend machen wollte, denn sie hatte einen Blick drauf, der jeden dazu brachte, sich zurück in den Bauch seiner Mutter zu wünschen.
    „Was ist denn?“, zischte der Mann gereizt, fand aber scheinbar alles andere interessanter als Feliz‘ Gesicht.
    „Wir wollen in den 400sten Stock“, antwortete die gerade so laut, dass er es hören konnte. Der Mann sah sie für einen Moment ausdruckslos an und runzelte die Stirn.
    „Das Empire State Building hat nur 102 Stockwerke, junge Dame“, antwortete er dann näselnd und schob sich währenddessen die Brille hoch. „Versuch es doch mal im Burj Kalifa.“
    Feliz stöhnte und griff in ihren Rucksack. Als sie etwas hervorzog erkannte Levin nur am goldenen Schimmern, dass es wohl eine Drachme war. Sie legte sie mit einem metallischen Klackern auf den Tresen.
    „Und jetzt?“
    Der Mann beugte sich deutlich verwirrt und langsam auch noch genervter als vorher vor und betrachtete die Münze. Sein Blick schwankte zwischen der Drachme und der Gruppe Jugendlicher hin und her und er rümpfte die Nase.
    „Tut mir Leid“, näselte er herablassend. „Auch eine Plastikmünze wird nicht auf magische Art und Weise einen 400ten Stock erscheinen lassen.“
    Feliz‘ Augen blitzten.
    „Hören sie mal“, sagte sie und ihre Stimme vibrierte gefährlich. Levin, der direkt neben ihr stand, ging der Klang durch Mark und Bein und er wich instinktiv ein Stück zurück. Shirin und Arian ging es nicht anders. Ihm ging erst später auf, dass Feliz ihre Stimme verstellte, in diesem Moment wollte er einfach nur so weit weg sein wie möglich. „Vier Halbblute sorgen für eine Menge Aufmerksamkeit und wenn sie nicht wollen, dass diese Eingangshalle bald vor lauter Monstern platzt wäre es wirklich besser, sie würden uns endlich durchlassen.“
    Der Rezeptionist war deutlich eingeschüchtert, aber selbst das änderte nichts. Er stotterte ein wenig, als er sich möglichst weit von ihr weg in seinen Stuhl drückte und sagte: „Aber es gibt keinen 400ten Stock!“
    Feliz ließ die Hand auf den Tresen knallen, aber bevor sie dem Mann weiter drohen konnte, legte Arian ihr einen Arm um die Schulter.
    „Er sagt die Wahrheit“, murmelte er gerade so laut, dass die Halbgötter ihn hören konnten.
    „Unsinn“, entgegnete Feliz und starrte den Rezeptionisten gereizt an. „Ich war schon auf dem Olymp. Natürlich gibt es hier einen 400sten Stock.“
    „Das bezweifle ich nicht“, gab Arian zurück. „Aber dieser Kerl lügt nicht. Und das bedeutet, dass er fest davon ausgeht, dass es nur 102 Stockwerke gibt.“
    Feliz runzelte die Stirn. Als sie den Mann hinter den Tresen noch einmal ansprach, zuckte der kurz zusammen. Seine Hand lag verdächtig nah an einem kleinen, roten Knopf. Wenn sie diesen Kerl weiter reizten, dann, da war sich Levin sicher, würde der Knopf dafür sorgen, dass alle Wachleute in der näheren Umgebung bei ihnen waren, bevor sie „verdammte Sterblichen“ sagen könnten.
    „Arbeitet hier sonst noch jemand an der Rezeption?“, fragte die Tochter des Apollo ein wenig- und auch wirklich nur ein wenig- weniger gereizt.
    „Nein“, antwortete der und warf einen düsteren Blick zu den Glastüren herüber. „Mein Kollege hat vor ein paar Tagen erst aufgehört. Der Mistkerl hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Ist verschwunden ohne ein Wort.“
    Feliz‘ Augen weiteten sich, aber für eine Weile sagte sie nichts. Shirin tauschte verwirrte Blicke mit Levin und Arian konzentrierte sich ganz auf den Rezeptionisten. Er zuckte nicht zusammen, also musste der Kerl wohl weiterhin die Wahrheit sagen.
    „Verstehe“, sagte Feliz langsam und starrte das Empire State Building-Modell unter dem Glaskasten an, den Blick seltsam weiter entfernt. Dann schüttelte sie kurz, aber bestimmt, den Kopf und wandte sich wieder an den Mann hinter dem Tresen. „Entschuldigen sie die Störung. Ich habe mich im Gebäude geirrt.“
    Sie nickte den anderen zu und alle vier wandten sich von der Rezeption ab und marschierten Richtung Ausgang. Er merkte, wie die Blicke der anderen Besucher ihnen folgten und zog instinktiv den Kopf ein, als würde ihn das aus magische Art und Weise verschwinden lassen. Von weiter hintern hörte Levin den Mann beim Gehen noch leise „Hab ich doch gesagt“ murmeln.


    Feliz bestand darauf, dass sie mit Chiron reden müsste, aber vorher wollte sie schon einmal zur Pennsylvania Station gehen und die Tickets besorgen.
    Eine halbe Stunde später saßen sie, die Tickets in Shirins Rucksack verstaut, in einem kleinen Cafe, ganz hinten durch, wo sonst niemand war. Das Cafe war relativ leer, da sie es in einer etwas versteckteren Seitengasse gefunden hatten und sehr modern gehalten, geradezu nobel. Deswegen sah der Mann, der gerade eine sündhaft teure Espresso-Maschine bediente, auch erst etwas kritisch aus, als sie hineinkamen. Arian wedelte aber kurz möglichst beiläufig mit dem Lederportemonnaie, das Rachel ihnen prall gefüllt mit großen Scheinen für die Reise gegeben hatte und der Mann setzte sein freundlichstes Lächeln auf. Es hatte durchaus Vorteile, wenn das Orakel einen steinreichen Vater hatte, das Geld selbst aber kaum brauchte.
    Sie bestellten sich Getränke und Sandwiches, die so nah an den Touristen Hot-Spots natürlich sehr teuer waren, aber das machte ihnen gerade nicht allzu viel aus. Feliz sagte dem Kellner, dass sie sich melden würden, wenn etwas wäre, was Arian mit einem „Wir brauchen Privatsphäre“ unterstrich, was das Lächeln für einen Moment schwanken ließ. Letztlich drehte er sich aber dann doch um und verschwand hinter dem Teakholz Sichtschutz.
    „Der denkt jetzt sicher, dass wir ihm hier hinten die Bude auseinander nehmen“, murmelte Levin mit einem vorwurfsvollen Blick in Arians Richtung, der in sein Sandwich biss. „Oder dass wir mit Drogen dealen oder sowas.“
    „Deine Sandwiches sind besser, Shirin“, entgegnete der Schwarzhaarige und erntete ein schwaches Lächeln von der Zephyr-Tochter.
    „Ignorier mich nicht, du Arsch!“, stieß Levin genervt aus, aber natürlich wurde auch das ignoriert. Doch bevor er ihm an den Hals springen konnte, schaltete sich Feliz ein.
    „Levin, kannst du eine Iris-Botschaft an Chiron schicken? Du brauchst aber vermutlich einen Regenbogen, also…“
    Levin sandte noch einen kurzen, tödlichen Blick zu Arian, wandte sich dann aber der Apollo-Tochter zu und schüttelte den Kopf.
    „Die Qualität wird etwas darunter leiden, aber…“ Er zog an der Lederschnur um seinen Hals und fischte den ovalen Stein an der Kette hervor. Als er sie sich über den Kopf zog, setzte Feliz einen fragenden Blick auf.
    Levin drehte den Anhänger um und sofort tanzten bunte Schemen an den schwarz gestrichenen Wänden des Cafes, als die Scheinwerfen über ihnen sich in den Kristallen des Steins brachen.
    „Wie schön“, stieß Shirin mit einem überraschten Lächeln auf den Lippen aus. Bisher hatte er nur Arian diesen Stein gezeigt, denn wenn jemand herausbekam, dass er immer und überall eine Nachricht senden könnte, würden die anderen noch häufigen ankommen und schnorren. Und ihn nervte ja schon jetzt, dass ständig jemand vor ihrer Hütte stand und laute Gespräche führte, denn im Ernst, es interessierte ihn nicht die Bohne, dass ein Hermes-Sohn sein Zimmer zu Hause noch immer nicht aufgeräumt hatte und seine Unterhosen quer im Raum verteilt waren (widerlich), oder dass Mama die eigentlich gar nicht mal so kleine Anna fürchterlich vermisste und sich Sorgen machte, dass sie sich einen Splitter in den Finger rammt, während Klein-Anna versuchte, andere Halbgötter zu erstechen.
    Sein Freund lehnte sich zurück und beobachtete die Schemen an der Decke, einen nur wenig beeindruckten Gesichtsausdruck aufgesetzt. Arian hatte ihn noch nie um eine kostenlose Iris-Botschaft gebeten. Wenn er danach fragen würde, würde Levin sie ihm aber wohl übermitteln. So sehr er diesem Mistkerl manchmal auch den Hals umdrehen wollte- und das war leider sehr oft der Fall-… Arian war der Einzige, der es mit ihm so lange ausgehalten hatte. Und ab und an war er sogar etwas froh über diese lockere Art und Weise. Dem Sohn der Aletheia war nichts heilig und mit Sicherheit auch nichts peinlich oder unangenehm. Manchmal… Aber auch nur sehr, sehr selten, wünschte sich Levin, dass diese Eigenschaft sich ein bisschen auf ihn abfärbte.
    „Damit geht’s?“, fragte Feliz und musterte mit leicht geöffnetem Mund den Stein, den Levin mittlerweile auf den Tisch vor ihm gelegt hatte. Dann nickte sie ihm zu.
    Levin schloss die Augen.
    „Oh Göttin Iris, meine verehrte Mutter, gewähre mir deinen Segen“, sagte er die vertrauten Worte. „Wir müssen mit Chiron sprechen.“
    Einen Moment geschah nichts. Dann flimmerte die Luft über dem Stein direkt vor ihnen und verzog sich in merkwürdigen Schlieren, die erst wild zuckten und sich dann nach und nach beruhigten. Als das Bild dann stand wirkte es wie aus einem Film in den frühen 2000ern, bunt und deutlich erkennbar, aber mit merkwürdigen weißen Schlieren darüber, wenn man sich zu sehr auf die dunklen Stellen konzentrierte. Für ihre Zwecke würde es aber reichen. Levin und Arian rutschten auf die Längsseite der weißen Sitzecke und quetschten Feliz und Shirin damit zwar ein wenig ein, aber nur so konnten sie alle das Bild ordentlich sehen.
    Es zeigte das Haupthaus und den direkten Blick auf Chirons unordentlichen Schreibtisch, auf dem sich jetzt noch sehr viel mehr Bücher stapelten als am Vortag. Sie hörten leises Rascheln, aber sehen konnten sie niemanden.
    „Chiron?“, rief Feliz leise, aber drängend. Das Rascheln hörte auf und nach ein paar Sekunden tauchte das mittelalte Gesicht des Campleiters im Bild auf. Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.
    „Hallo ihr vier!“, begrüßte er sie und in seinem Blick lag eine Mischung aus Anspannung und Freude, sie zu sehen.
    „Hast du die Konservendose bekommen?“, fragte Feliz ohne groß drum herum zu reden. Chiron nickte und ein kurzes Lächeln schlich sich über sein faltiges Gesicht.
    „Gut, dass ihr den Zettel dazu gepackt habt“, sagte er. „Connor hätte sich beinahe die Finger versengt, wenn Rachel ihn nicht im letzten Moment gewarnt hätte.“
    Shirin neben Levin wirkte ein Stück weit erleichtert.
    „Schon eine Ahnung, was es ist?“, klinkte sich auch Arian mit ein.
    „Nein, bisher noch nicht. Aber wir arbeiten auf Hochtouren daran“, versprach der Zentaur mit einem halbwegs zuversichtlichen Lächeln. „Habt ihr schon mit den Göttern sprechen können?“
    Arian, Shirin und Levin sahen Feliz an, deren Blick sich verdüsterte.
    „Eigentlich rufen wir genau deswegen an“, gab die zurück. „Ich glaube, dass es nicht unsere Gegner sind, die den Kontakt unterbrochen haben.“


    Nachdem sie Chiron kurz erzählten, was im Empire State Building passiert war, machte sich Sorgen auf seinem Gesicht breit.
    „Direkt unter dem Olymp ist die Kraft der Götter am stärksten“, murmelte er und rieb sich über den Bart. „Wenn nicht einmal dort der Kontakt hergestellt werden kann…“
    „Der Diener der Götter ist offenbar auch von heute auf Morgen verschwunden“, pflichtete Feliz bei. „Wenn sie wollten, könnten sie sofort jemand Neues bereitstellen. Aber sie scheinen sämtlichen Kontakt abgebrochen zu haben.“
    „Nicht sämtlichen“, wandte Levin ein. „Iris hat noch immer meine Botschaft übermittelt.“
    „Vermutlich haben sie einen Teil ihrer Kraft in der irdischen Welt belassen, damit sie nicht vollkommen aus den Fugen gerät“, überlegte Chiron laut, schüttelte dann aber den Kopf. „Oder es ist eine sehr viel größere Macht am Werk, als wir gedacht haben. Vielleicht hat es jemand geschafft, größere Kraft zu entwickeln als die Götter.“ Wirklich überzeugt klang er aber nicht.
    „So oder so“, stieß Arian aus, der den Kopf in den Nacken gelegt und die Stirn gerunzelt hatte. Nicht einmal er konnte in so einer Situation entspannt sein. „Auf die Götter können wir uns nicht verlassen.“
    Chiron nickte grimmig.
    Großartig. Als hätten sie nicht schon genug Probleme. Er hatte nicht wirklich mit Hilfe von göttlicher Seite gerechnet, wenn er ehrlich war, aber jetzt wusste er definitiv, dass sie sie nicht bekommen würden und das beunruhigte ihn sehr viel mehr, als er zugeben wollte.
    „Sobald wir die Prophezeiung haben, wissen wir sicher mehr.“ Shirin versuchte ihr bestes, zuversichtlich zu klingen und es gelang ihr zumindest ein Stück weit. Feliz atmete laut aus und Chiron wagte ein aufmunterndes Lächeln.
    „Richtig. Ansonsten gab es aber keine Zwischenfälle?“
    „Nein, alles ruhig“, antwortete die Zephyr-Tochter. Das schien den alten Zentauren ein wenig zu beruhigen.
    „Dann werden wir alle dafür beten, dass das auch weiterhin so bleibt.“


    Sie verabschiedeten sich von Chiron und Levin zog seine Kette wieder an. Nachdem ihre Tassen leer und die Sandwiches gegessen waren, machten sie sich auf den Weg zurück zur Pennsylvania Station. Als der Zug nach Boston einfuhr, beschlagnahmte die Gruppe einen Viersitzer am Ende eines Abteils. Sie würden etwa vier Stunden brauchen, wären damit also um etwa sechs im Stadtinneren von Boston. Das Museum dagegen machte schon um fünf zu.
    „Wäre besser gewesen, wenn wir vorher schon mal drin gewesen wäre“, murmelte Arian, zuckte dann aber mit den Schultern. „Die Prophezeiung hätten wir uns aber ohnehin erst nach der Öffnungszeit holen können.“
    „Wie kommen wir überhaupt rein?“, fragte Shirin mit einem besorgten Blick auf einen Flyer, den sie sich aus einem kleinen Schränkchen im Zug holen konnten. „Die Türen werden wohl abgeschlossen sein.“
    „Luftweg?“, schlug Feliz vor, der Gedanke schien ihr aber gar nicht zu gefallen.
    „Für euch mag das ja funktionieren“, wandte Levin ein. „Aber wir können nicht fliegen.“
    Die Tochter des Apollo lächelte grimmig und schob sich die Haare hinter ihr Ohr. „Es gibt für alles ein erstes Mal.“


    Die Zugfahrt war entspannend. Hier von Monster angegriffen zu werden war unwahrscheinlich, deswegen nutzte Levin die Chance, um ein wenig vor sich hin zu dösen. Shirin und Feliz studierten wispernd die kleine Ansichtskarte auf dem Flyer und Arian hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte aus dem Fenster. Der Sohn der Iris seufzte und fuhr sich über die schmerzenden Beine. Man sollte meinen nach zwei Jahren Camp Aufenthalt würde er etwas fitter sein, aber er war darauf trainiert über kurze Zeit viel Leistung zu bringen, nicht über lange.


    Als er das nächste Mal die Augen öffnete waren schon zwei Stunden vergangen. Der kurze Mittagsschlaf hatte ihm gut getan. Levin reckte sich und gähnte. Shirin ihm gegenüber war vollkommen in einem Buch versunken und bemerkte nichts um sich herum. Sie saß wieder im Schneidersitz da und schlug jede halbe Minute eine neue Seite auf. Feliz schien zu dösen, schwarze Kabel führten von ihren verdeckten Ohren zu einem kleinen, goldenen Kästchen, offenbar ein MP3 Player. Der sendete keine Funkwellen ab, deswegen konnte man ihn wohl ohne Probleme verwenden, selbst wenn man ein Halbgott war. Ihr Fuß wippte im Takt zu der Musik, die sie hörte und wechselte ständig. Levin wollte gerade schon wieder die Augen schließen, da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.
    Arian grinste ihn an, den Kopf auf einer Hand abgestützt. Mittlerweile schien er wieder genauso locker und tiefenentspannt zu sein wie immer und Levin stöhnte innerlich. Sie planten gerade einen Einbruch in sein Museum und er schien das eher spaßig zu finden als besorgniserregend.
    „Läuft doch bisher alles ganz gut“, stieß der Schwarzhaarige aus.
    „Ja genau, alles bestens“, grummelte Levin und sah, wie sein Freund zusammenzuckte. Sofort bemerkte er einen kurzen Schmerz, als der sich mit einem Zwicken an seinem Arm revanchierte.
    „Das war Sarkasmus, verdammt“, zischte der Sohn der Iris, erntete aber nur ein spöttisches Grinsen, als er sich über den schmerzenden Arm strich.
    Levin sah für einen Moment aus dem Fenster, wo die Landschaft an ihnen vorbeiflog. Der Zug hatte eine ganz schöne Geschwindigkeit drauf.
    Er öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Arian hatte das dummerweise aber schon gesehen.
    „Was ist?“, fragte er und beobachtete den Sohn der Iris mit dem seltsamen, ausdruckslosen Gesicht, das er immer machte, wenn ihn etwas interessierte oder er über etwas nachdachte. Levin zögerte, aber Arian stieß ihm sanft mit dem Ellbogen in die Seite und nickte ihm zu.
    „Glaubst du, das geht gut?“, rang er sich dann irgendwann durch.
    „Der Einbruch?“
    „Der Auftrag.“
    „Keine Ahnung“, antwortete der Schwarzhaarige ohne zu zögern. „Ich glaube nicht, dass alles glatt läuft. Wir sind immerhin Halbgötter. Wir ziehen das Unheil förmlich an.“
    „Was, wenn wir angegriffen werden?“ Levin fummelte nervös an seiner Lederkette herum, die Stirn gerunzelt.
    „Ich weiß ja nicht, was du machst, aber ich hab meine Lanze nicht nur zur Deko dabei“, gab Arian schulterzuckend zurück. Als er sah, dass sein Freund wenig überzeugt aussah, legt er ihm seinen Arm um die Schulter, zog ihn etwas näher an sich und grinste breit. „Jetzt mach dir doch nicht jetzt schon ins Hemd. Wir sind vier gut ausgebildete Halbgötter. Wir kriegen das schon hin.“
    „Arian hat Recht.“
    Feliz‘ Stimme überraschte beide Jungen. Noch mehr überraschte Levin allerdings, dass die Apollo-Tochter ihn warm anlächelte. Für einen Moment konnte er ihr in die Bernsteinfarbenen Augen sehen, dann konzentrierte er sich lieber auf die Kapuzenkordeln an ihrem Pullover. „Wir bleiben nah zusammen und kämpfen im Team. Wenn es hart auf hart kommt, schmelze ich ein paar Gehirne und dann passt das schon.“
    „Gehirne schmelzen?“ Es kam Levin etwas seltsam vor, dass ausgerechnet das ihre Aufmerksamkeit weckte, aber Shirin riss sich von ihrem Buch los und blinzelte überrascht.
    „Hochfrequenz-Töne“, entgegnete Feliz und grinste fast so gefährlich, wie Arian es gerne tat. „Wenn ich euch irgendwann mal sage, dass ihr euch die Ohren zuhalten sollt, nicht fragen, einfach machen.“
    „Akzeptiert“, lachte Arian. Levin verzog sein Gesicht. Er war wenig scharf auf geschmolzenes Gehirn. Konnte sie so etwas wirklich? Arian hatte jedenfalls nicht mit der Wimper gezuckt, also log sie nicht. Er sah noch einmal zu Feliz herüber, die etwas lachte. Er wusste noch immer nicht, was er von der Blonden halten sollte. Einerseits erinnerte sie ihn stark an diese elitären Cheerleadermädchen, weniger vom Verhalten, eher vom Aussehen her. Dann schien sie wieder freundlich zu sein, so wie jetzt, wo sie sich grinsend einen kleinen, verbalen Schlagabtausch mit Arian lieferte, aber wer einen erwachsenen Mann nur mit einem Blick zum Schlottern und Gehirne zum Schmelzen bringen konnte… Als Feindin wollte er sie sicher nicht haben. Er war froh, dass sie auf ihrer Seite stand. Feliz hatte die Truppe schnell und gut durch New York geleitet, und auch, wenn sie jetzt nahezu unbekanntes Terrain betraten, war er sich doch relativ sicher, dass sie auch dieses Mal die Führung übernahm, und das passte ihm ganz gut, wenn er ehrlich war. Außer ihr würde es keiner machen. Arian war einfach nicht der Typ Mensch, der die Führung übernahm. Er war nicht dumm- so ungern Levin es auch zugab, der Sohn der Aletheia war vermutlich einer der intelligentesten Menschen, denen er je begegnet war, und in einem Camp voll mit Athena-Kindern hat das durchaus etwas zu bedeuten- und sicher nicht auf den Mund gefallen, aber… Er drängte sich ungern in den Mittelpunkt. Wenn man ihn als Anführer vorschlug, würde Arian die Hände heben und grinsend ablehnen, weil ihm das zu viel Stress wäre. Dabei könnte er seinen blöden Kopf ab und an wirklich mal für etwas sinnvolles nutzen, fand Levin. Er beobachtete seinen lachenden Freund, der Feliz intensiv musterte, als würde er ihre Schwachstelle suchen- vermutlich tat er auch genau das- und fragte sich zum gefühlt millionensten Mal, was in seinem Hirn eigentlich genau vorging. Manchmal glaubte er, dass dieser Kerl einfach keine dieser kleinen Stimmen hat, die sich permanent Gedanken macht. Seine tanzten vermutlich nur den Macarena und machten Pläne für irgendwelche Streiche.
    Danach fiel sein Blick auf Shirin, die selig lächelte und das kleine Wortgefecht hin und wieder mit einem Kichern kommentierte. Shirin war genauso wenig eine Anführerin. Sicher, sie war Hüttenälteste, aber das Camp war eine ganz andere Situation als das hier. Die Zephyr-Tochter hatte ein viel zu weiches Gemüt, um irgendjemanden anzuführen. Levin fand das an sich nicht schlecht. Sie würde es mit Sicherheit immer hinbekommen, Streit zu schlichten oder die Atmosphäre aufzulockern und ihr hoffnungsloser Optimismus würde ihnen bestimmt auch noch den Tag retten. Zumindest hoffte er das.
    Und dann blieb da noch er selbst.
    Wie er es auch drehte und wendete, er würde niemals ein guter Anführer sein. Levin war zu impulsiv, zu schnell gereizt, zu nachtragend, eckte zu sehr an… Wenn er es nicht einmal schaffte, mehr als zwei Freunde im Camp zu haben, wir sollte er dann bitte eine ganze Truppe Halbgötter zusammenhalten?
    Es war ein deprimierender Gedanken, wenn er ganz ehrlich war, aber er hatte sich damit abgefunden. Levin hatte versucht, sich zu ändern, aber am Ende wurde er doch immer wieder wütend oder trat jemandem auf den Schlips. Es hatte keinen Zweck. Und damit musste er leben.
    „Was liest du da eigentlich?“
    Feliz‘ Stimme riss Levin wieder aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Sie hatte mit Shirin gesprochen, die ihr das Cover ihres Buchs zeigte.
    „Die Gejagten“, las Feliz vor.
    „Band drei, der letzte Teil“, ergänzte Shirin lächelnd, strich sich dabei aber etwas nervös die Haare aus dem Gesicht. Sie mochte es eigentlich nicht, wenn alle Aufmerksamkeit auf ihr lag. Besonders dann nicht, wenn es um ihre Lesegewohnheiten ging.
    „Shirin ist vermutlich der einzige Halbgott auf diesem Planeten, der kein Problem mit Legasthenie hat“, raunte Arian mit einem breiten, leicht provozierenden Grinsen. „Vermutlich durften wir alle unsere Lese-Fähigkeiten an sie abtreten.“
    „So viel lese ich nun auch nicht“, gab die Zephyr-Tochter peinlich berührt zurück und fummelte an den Seiten ihres Buchs.
    „Nur so an die drei Bücher pro Tag.“
    „Bitte was?“, stieß Feliz etwas lauter aus, als sie scheinbar wollte, denn sie verzog kurz das Gesicht und hielt sich die Hand vor den Mund. Dann, betont leise: „Wie schaffst du das? Und woher bekommst du die ganzen Bücher eigentlich her?“
    „Die Windgeister bringen sie mir“, nuschelte sie, fixierte aber lieber ihre Füße als eines der Gesichter um sie herum. „Meistens aus Büchereien.“
    „Und da Shirin so ziemlich alles liest, was ihr unter die Finger gerät, wird ihr das Stoff vermutlich auch niemals ausgehen.“ Arian zuckte mit den Schultern. So wie er Stoff sagte hörte es sich für Levin eher nach einer Droge als nach einem Haufen Papier mit Buchstaben darauf an.
    „Ich weiß, es ist komisch“, murmelte Shirin nach einer Weile. „Aber…“
    „Komisch?“ Feliz ließ ein trockenes Lachen hören. „Shirin, wir sind Halbgötter. Zu lesen ist tausend Mal normaler als alles, was wir sonst so tun.“
    „Uns gegenseitig auf die Köpfe schlagen und mit Schwertern um uns wirbeln zum Beispiel“, warf Arian ein.
    „Lügen erkennen, die Stimme in alles Mögliche verstellen, das billigste und praktischste Videochat-Programm auf dem Planeten sein“, zählte Levin auf.
    „Gehirne in Brei verwandeln“, fügte Feliz hinzu.
    „In einem Camp mit einem Zentauren und Satyrn zusammen wohnen.“ Arian beugte sich vor und sah zwischen Feliz und Levin hin und her. Beide grinsten. Und jetzt wollten alle das letzte Wort haben.
    „Sehen, wie Bäume und Büsche sich in grüne Mädchen verwandeln“, stieß Feliz schnell aus.
    „Einen lebenden Drachen im Camp haben“, warf Levin dazu.
    „Von einem Gott betreut werden“, gab Arian zurück.
    „Bewaffnet durch eine Großstadt laufen.“
    „Eine Prophezeiung aus einem Museum klauen.“
    „Nachts von Wachdienst-Harpyien attackiert werden.“
    Es ging hin und her und jedes Mal, wenn sie dachten, dass ihnen endlich nichts mehr einfiel, stieß wieder jemand etwas aus. Levin sah aus dem Augenwinkel, dass Shirins Lächeln wieder zurückgekommen war und gab gerne zu, dass ihn das etwas erleichterte. Hin und her, hin und her, Levin, Arian, dann wieder Feliz, bis sie sich lachend die Bäuche hielten. Als für einen Moment keiner mehr wusste, was sie sonst noch sagen könnten, mischte sich dann tatsächlich auch Shirin ein.
    Sie beugte sich vor und strich über den schwarzen Zopf über ihrer Schulter.
    „Kinder von Göttern sein?“
    „Kinder von Göttern sein“, bestätigte Feliz und seufzte resignierend lächelnd.


    Es war schon dunkel, als sie endlich in Boston ankamen und ehe sie dann endlich vor dem Museum of Fine Arts standen, schien die Stadt wie ausgestorben, was doch etwas merkwürdig war und sich auf eine seltsame Art und Weise einfach falsch anfühlte. Es war bitter kalt, dichte Wolken aus weißem Nebel bildeten sich bei jedem Atemzug und Levin zitterte wie Espenlaub. Eigentlich war er an kalte Temperaturen gewöhnt, aber der Zug hierher war angenehm geheizt gewesen und jetzt plötzlich in der Kälte zu stehen war ein merkwürdiges Gefühl. Es war, als kroch die Kälte in ihre Körper und verschlang sämtliche Wärme, die noch übrig geblieben ist. Shirin und Feliz schien es nicht groß anders zu gehen, nur Arian stand vollkommen unbeeindruckt direkt neben ihnen. Die Straßenlaternen warfen fahles Licht auf den Gehweg direkt vor dem Museumgelände und beleuchteten die Truppe nur ein wenig. Trotzdem mochte Levin es nicht, hier so herumzustehen. Das wirkte verdächtig. Und verdächtig sein wollte er gerade ganz bestimmt nicht.
    Die Truppe bewegte sich weiter vorwärts, heraus aus dem Licht der Laternen, und marschierte den halbkreisförmigen Weg entlang. In der Dunkelheit sah Levin auf einer Wiese eine große Statue stehen, offenbar ein Mann auf einem Pferd, aber viel erkennen konnte er nicht und das hier war nicht die Zeit für eine Museumstour. Am Tag hätte das Gebäude sicher schön ausgesehen, aber jetzt ragte es in die Nacht hinauf und der griechisch wirkende Eingang kam ihm fast so erdrückend wie das Empire State Building vor. Sie versuchten es erst am Haupteingang, aber nachdem Arian ein paar Mal an den silbernen, eiskalten Griffen der Türen gerüttelt hatte wurde klar, dass sie nicht das Glück hatten, dass irgendein vergesslicher Wachmann nicht abgeschlossen hatte. Über diesen Weg kamen sie also wirklich nicht herein.
    Shirin schüttelte sich und rieb sich über ihre Arme in der Hoffnung, damit zumindest ein bisschen Wärme zu erzeugen. Feliz trat von einem Fuß auf den anderen und starrte die Türen böse an, was mit zitternden Lippen aber kaum überzeugend wirkte.
    „Also dann Plan B“, stellte Arian fest.
    Shirin nickte eilig und wollte etwas sagen, aber als sie ihren Mund öffnete, klapperten nur ihre Zähne. Die Tochter des Apollo neben ihr räusperte sich und sagte dann in ihrer besten Ansagerstimme:
    „Meine sehr geehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserem Einbruch Nr. B78. Ihre Kapitäninnen heute heißen Shirin Kahla und Feliz Benett. Wir hoffen, sie genießen den Flug.“
    Während Shirin kicherte, schnalzte Arian nur mit der Zunge.
    „Du hast die ganzen letzten vier Stunden darauf gewartet, diesen Spruch zu bringen, oder?“, fragte er mit einem wissenden Grinsen. Feliz erwiderte nichts, aber Levin sah, dass sie für einen kurzen Moment nur albern das Gesicht verzog und könnte schwören, dass sich ihre Wangen etwas rötlich färbten. Levin warf Arian aus dem Augenwinkel einen kritischen Blick zu, erntete aber nur einen Stoß in die Rippen.
    „Dann los“, stieß Shirin bibbernd aus und legte Feliz eine Hand auf die Schulter.
    „Air Zephyr&Apollo“, flötete Arian und an seinem Gesichtsausdruck konnte Levin erkennen, dass er einen Heidenspaß hatte.
    Er selbst sah zum Museum hoch, das still und dunkel in der Nacht stand. Oh Junge.
    Wieso hatte er das starke Gefühl, dass das hier noch sehr viel schwieriger werden würde, als es ohnehin schon schien…?




    Goddammit. Zwei Monate. Aber hey, hier gibts schneller ein Update als bei meiner anderen Story. ¯\_(ツ)_/¯
    @Katoptris
  • Hallo Cáith,


    die Reise Richtung Boston hast du richtig schön umschrieben mit dem Zwischenhalt in New York. Denn so ganz verschont ist die Gruppe ja nicht von neuen Erkenntnissen geblieben, wenn man sich die schwarze Masse in Erinnerung ruft. Gerade im Vergleich mit dem goldenen Ichior wirkt das Aussehen dieser Masse wie etwas klassisches Böses, wovon du ja auch keinen Hehl machst. Jedenfalls mag ich den anschließenden Zauber mit der Transportation, die du einleitest und schließlich die Windgeister vorstellt. Oder auch nicht, denn man sieht sie ja nicht wirklich, aber allein die Aufmachung ist für diese kontemporären Geschichten mitten in der Stadt richtig gut gelungen. Überrascht hast du daraufhin mit der Bemerkung, dass diese Geister wie Kinder sind und man sie bestechen kann. Nach dieser epischen Szene diese kleine Randbemerkung zu lesen hat schnell für die richtige Abwechslung gesorgt und ich bin froh, dass du diesen Humor auch in der Geschichte unterbringst. Selbiges gilt auch für den späteren Regenbogen, den man auch verschieden interpretieren kann, aber zu Iris passt.
    Darüber hinaus sind gerade diese Szenen interessant, die mitten aus dem Leben gerissen sind und in dem die Jugendlichen so sein können, wie sie eigentlich sollten. Fernab ihrer Verpflichtungen für den Olymp und ohne Gedanken an ihre Fähigkeiten. Als Gruppe machen sie sich bisher echt gut, wenn auch jeder recht eigen ist, aber diese Abwechslung gehört in eine Gruppe einfach rein. So kann sich jeder entfalten und man bekommt die unterschiedlichsten Hintergundgeschichten zu lesen. Insofern bin ich nach den Ereignissen in New York gespannt, was sie in Boston erwarten wird.


    Wir lesen uns!

  • Chapter 6- After-Theft-Party



    Es gab wesentlich schlimmeres als der Sohn einer Göttin zu sein. Er könnte als Obdachloser auf der Straße sein Dasein fristen, ständig Hunger haben und fürchten müssen, dass er in ein Battle Royal der Straßenbewohner hereingezogen wurde. Er hätte als Kind entführt und ermordet werden können, seine Leiche würde unter zwei Metern Erde liegen und als Futter für mehrere Großfamilien Maden dienen. Oder, noch schlimmer, er könnte mit einem übergroßen Trenchcoat, fusseligem Bart, Manbun, MacBook Pro und einem glutenfreien Chai-Latte mit Pumpkin Spice in einer Vorlesung über „irgendwas mit Medien“ sitzen. Da bevorzugte er definitiv sein aktuelles Leben, vielen Dank auch.
    Trotzdem erwischte sich Arian, als Feliz und Shirin ihn unter den Armen packten und in die Luft hoben, bei dem Gedanken, dass Lügendetektor eine ziemlich mickrige und verdammt lahme Fähigkeit im Vergleich zum Fliegen ist.
    Er war in seinem Leben noch nie geflogen, und das kribbelige Gefühl in seiner Magengegend, als sein Körper merkte, dass da nichts mehr unter ihm war, ließ ihn in leicht hysterisches Kichern ausbrechen. Er sah, wie Shirin ein Grinsen unterdrückte und wie angestrengt Feliz ihre Wangen aufbließ, was ihn gleich nochmal zum Lachen brachte, weil sie Ähnlichkeit mit seinem Hamster aus Kindertagen- möge er in Frieden Ruhen- aufwies. Arian sah nach unten und entdeckte Levin, der im Schatten der Dunkelheit immer kleiner und kleiner wurde und wünschte sich jetzt, ihm den Vortritt gelassen zu haben, alleine schon um seine Schreie zu hören, wenn er abhob. Sein vier Oktaven zu hohes Gekreische waren immer wieder Musik in Arians Ohren.
    Sie flogen immer näher an die graue Fassade des Museums heran, bis diese abrupt und in einem abgerundeten Dach endete. Der Seitenflügel neben dem Eingangsbereich hatte allerdings zum Teil ein Flachdach und dazu auch noch ein pyramidenartiges Glasfenster, das, wenn er sich den Plan richtig gemerkt hatte, Licht in die Kunstausstellung von Asien, Ozeanien und Afrika brachte. Shirin und Feliz setzten den hageren Schwarzhaarigen darauf ab, verschnauften kurz und schwebten dann zurück zu Levin. Für einen Moment stand Arian nur auf dem Dach und streckte sich, bis seine linke Schulter laut knackte. Dann bewegte er sich gähnend zum Glasfenster und zog den Rucksack von seinen Schultern. Er kramte eine Taschenlampe heraus, richtete den weißlichen Strahl auf den Rahmen, ging ihn Stück für Stück ab. Er hatte gehofft, vielleicht einen Riegel zu finden, ein Schloss, das er knacken könnte, aber es war offenbar gar nicht darauf ausgelegt, überhaupt geöffnet werden zu können. Hierrüber kamen sie zumindest schon einmal nicht rein, es sei denn sie würden das Fenster zerschlagen… Nein, nach einem kurzen Klopfen darauf stellte Arian fest, dass das Glas ziemlich dick war, vielleicht sogar zu dick für Halbgottstärke. Zumindest würde es viel Krach machen und sie würden ziemlich auffällige Spuren hinterlassen.
    Er bemerkte seine Reisekameraden schon bevor sie landeten, überwiegend durch Levins unterdrücktes Wimmern und Feliz leises Fluchen. Arian fuhr herum und sah, wie alle drei mit wackeligen Schritten auf ihn zukamen, die beiden Mädchen, weil es sicher nicht einfach war, zwei ausgewachsene junge Männer mehrere Meter durch die Luft zu tragen, und Levin, weil er noch nie ein Freund von Höhe war.
    „Und stell dir vor“, raunte Arian seinem Freund zu, als dieser sich zu ihm gesellte. „Wir müssen hier auch wieder runter kommen!“
    Ein Ausdruck blanken Entsetzen schlich sich für einen Moment auf sein Gesicht, dann beschränkte sich Levin darauf, den Sohn der Aletheia mit tödlichen Blicken zu löchern.
    „Ich hasse dich“, grummelte er und der bekannte, stechende Schmerz ließ Arian für einen Moment zusammenzucken, aber das Grinsen auf seinem Gesicht kam sofort wieder. Er war an diesen Schmerz längst gewöhnt. Er war ein Teil seines Lebens, so ätzend das manchmal auch war. Manchmal wünschte er sich, dass er stattdessen einfach anfangen würde, wie ein Weihnachtsbaum zu leuchten. Das wäre wesentlich angenehmer und auch um einiges lustiger.
    Heute Abend würde er Levin vergeben. Der arme Tropf war vollkommen bleich und zitterte wie Espenlaub, das war vermutlich Strafe genug.
    „Wie kommen wir jetzt rein?“, fragte er mit klappernden Zähne und Arian merkte, wie der Sohn der Iris sich regelrecht zusammenkauerte, als hätte er Angst, der nächste Windstoß würde ihn vom Dach fegen.
    „Durch das Fenster jedenfalls nicht“, murmelte Feliz mit verzogenem Gesicht, als sie, genau wie Arian vorhin, den Rahmen absuchte. Shirin stand unschlüssig hinter ihr und blickte sich besorgt um.
    „Wir werden uns wohl ein bisschen umsehen müssen“, grummelte die Tochter des Apollo und stieß einen genervten Seufzer aus. Arian sah sich um. Über die schrägen Dächer zu kommen würde nicht einfach werden. Ein falscher Schritt und er würde als Pfannkuchen am Boden enden.
    Levin schien der Gedanke an Halbgott-Pfannkuchen ganz und gar nicht zu gefallen. Er wurde noch ein Stückchen bleicher- eine Kunst für sich- und wich von der Gruppe zurück.
    „Wir sollen über die Dächer klettern?“, fragte er und das leicht hysterische Quietschen bei „Dächer“ brachte Arian zum Lachen. Aber dieses Mal war sein Freund vermutlich zu sehr damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie viele Saltos er auf dem Weg zum Boden machen würde, als dass er es mitbekommen würde.
    „Uns bleibt kaum etwas anderes übrig.“ Feliz sah Levin nicht an, stattdessen scannte sie die Dunkelheit nach… irgendetwas. Vermutlich einen Weg ins Museum.
    „Schön“, raunte Levin und gab sich sichtlich Mühe, nicht einfach zu kollabieren. „Klar. Warum auch nicht. Euch kann ja auch nichts passieren, ihr könnte ja fliegen.“
    Feliz ignorierte ihn- Dieses Mädchen gefiel Arian immer besser- und zog einen Flyer aus ihrer Jackentasche heraus.
    „Vielleicht sollten wir es mit dem Glasdach vom New American Café probieren“, schlug Shirin vor und eilte zu Feliz herüber, um ihr zu zeigen, was sie meinte. Die Mädchen sahen für einen Moment auf die Flyer, drehten sich dann im Kreis und richteten die Ansichtskarte so aus, dass sie sich orientieren konnten. Dann nickte Feliz, steckte die Karte wieder ein und wandte sich dem etwas höheren Dach des Eingangsbereiches zu.
    Eins musste man Levin lassen. Ihm schlotterten die Knie, als sie den Mädchen folgten, und er war bleich wie eine Gipswand, aber er bewegte sich vorwärts und seine Beschwerden waren nur noch leises, kaum verständliches Murmeln.
    „Wird schon schiefgehen“, raunte Arian ihm schulterzuckend zu. Levins Blick wurde noch ein Stück düsterer: „Genau das ist das Problem.“


    Arian und Levin mussten sich mit zitternden Händen das Dach hochziehen, die Mädchen schwebten einfach hoch, was ihm mal wieder bewusst machte, dass Fliegen eine sehr viel nützlichere Fähigkeit war. Zu Levins Glück wären die Dächer nicht sehr steil und dazu auch noch mit einem kleinen, steinernen Zaun umringt. Sie setzten ihre Füße langsam voreinander, gingen leicht in die Hocke, um ihren Schwerpunkt zu verändern und legten ihre Hände auf die Dachziegel rechts von ihnen. Arian fühlte sich relativ sicher, die Zäune verhinderten, dass ihre Schuhe auf den glatten Ziegeln abrutschten und Feliz und Shirin gingen vor um sie vor besonders glatten Stellen zu warnen. Sollten sie fallen, würden sie einfach davon schweben. Am Ende vom Dach kletterten sie wieder eine Etage tiefer, und nur ein Stück weiter fanden sie sich endlich auf dem Glasdach wieder. Arian war das Schlusslicht, um ein Auge auf Levin behalten zu können, sollte doch noch etwas passieren. Er schlug sich aber regelrecht tapfer, vermutlich, weil er sich keine Blöße geben wollte. Sein Stolz war ihm offenbar wichtiger als sein Überlebenswille. Erstaunlich.


    Feliz und Shirin schwebten voraus, denn das Glasdach war vom Frost noch um einiges glatter als die Dachziegel. Sie wollten einen möglichen Eingang finden und liehen sich für diesen Zweck Arians Taschenlampe aus. Die beiden Jungen blieben am Rand des Dachs zurück und beobachteten die beiden schwebenden Gestalten. Arian setzte sich auf das schräge Dach und steckte seine Hände in die Hosentaschen.
    „Was ist, wenn die ein Alarmsystem haben?“
    „Für Glasdächer?“, fragte Arian und schüttelte grinsend den Kopf. „Wer ist bitte so blöd, mitten in der Nacht auf Dächern herumzuklettern. Außer uns, heißt das.“
    „Für die Prophezeiung, du Idiot“, entgegnete Levin und grummelte leise Beschimpfungen.
    „Dann müssen wir wohl schnell wieder abhauen.“
    „Weil der Weg über die Dächer ja auch so schnell ist.“
    „Im Notfall gibt es immer noch die Eingangstüren.“
    Levin schien alles andere als begeistert zu sein, Arian dagegen musste bei der Vorstellung ein wenig grinsen. Bisher lief alles glatt. Nur waren sie eben auch Halbgötter, und bei Halbgöttern lief erfahrungsgemäß niemals alles glatt.
    Als Shirin ihnen zuwank, richtete sich Arian wieder auf und sah aus dem Augenwinkel, wie Levin das Gesicht verzog.
    „Soll ich dich an der Hand nehmen?“, fragte der Sohn der Aletheia mit einem provozierenden Grinsen.
    „Danke, nein“, zischte Levin. „Wenn ich dich vom Dach schubse, möchte ich noch hier oben stehen bleiben.“


    Sie krabbelten tatsächlich mehr über das Glasdach, als das sie gingen. Die Scheiben waren durch den Frost verdammt glatt und deswegen wollten sie beide nichts riskieren. Als sie zur Stelle kamen, über der Feliz zitternd schwebte, deutete sie auf ein kleines Schloss am Rahmen.
    „Wenn wir das geknackt kriegen, dann ist das unser Weg rein.“
    „Ja“, murmelte Levin. „Wenn.“
    „Überlasst das mal mir.“ Arian verschränkte seine kalten, steifen Finger und ließ sie laut knacken. Dann griff er in seinen Rucksack und zog ein kleines, rot leuchtendes Kästchen hervor.
    „Ein Schweizer Taschenmesser?“, fragte Shirin.
    „Sonderanfertigung“, entgegnete Arian und zog ein Werkzeug nach dem anderen heraus. Eine kleine Klinge, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Flaschenöffner, Schere, Pfeile… Bis er letztlich zu einem kleinen Dietrich kam. Es war langer her, seit er das das letzte Mal gemacht hatte und seine kalten Finger würden Präzisionsarbeit auch nicht wirklich einfacher machen. Allerdings schien das Schloss praktischerweise auch nicht sonderlich sicher zu sein. Wer erwartete auch, dass jemand ausgerechnet auf ein zehn Meter hohes Glasdach klettert?
    Er drückte den Dietrich in die kleine Öffnung und machte sich ans Werk.
    „Du kannst ernsthaft Schlösser knacken?“ Feliz war mittlerweile direkt neben ihm gelandet und beleuchtete den Rahmen, damit er besser arbeiten konnte. Sie starrte konzentriert auf das Schloss aber Arian war sich ziemlich sicher, dass sie keine Ahnung hatte, was er genau machte.
    „Jeder braucht Hobbies“, entgegnete er schlicht und erntete einen merkwürdigen Blick. Es war jetzt bestimmt schon… zehn Jahre her, seit er einen Klienten seines Vaters überredet hatte, ihm das Schlösserknacken beizubringen. Der Kerl war in irgendein Juweliergeschäft eingebrochen, hatte aber kaum Spuren hinterlassen und behauptete, dass er unschuldig war. Arians Vater glaubte ihm und wollte ihn vor Gericht verteidigen, aber der Sohn der Aletheia wusste es besser. Schon nach dem zweiten Satz, den er vom Klienten hörte („Ich würde nie irgendwo einbrechen!“) hatte er das Gefühl, als würden sich tausend Messer in seine Magengegend bohren und munter Tango tanzen. Er wollte gar nicht wissen, wie viel Dreck der Kerl am Stecken hatte, dass seine Fähigkeit so heftig auf diese Aussage reagierte. Arian kollabierte damals fast vor der Arbeitszimmertüre seines Vaters. Mittlerweile war er daran gewöhnt. Lügen könnten ihn nicht umbringen, sonst hätte er vermutlich nicht mal das Kinderbett überlebt, und er bekam davon auch keine körperlichen Wunden, was es schwer machte zu erklären, warum er sich vor Schmerzen krümmte. Aber dieser Schmerz war real und so sehr er sich über die Jahre auch daran gewöhnte, Arian würde ihn niemals ganz ausblenden können. Aber es wurde einfacher, je öfter er ihn spürte. Eigentlich deprimierend, wenn man so darüber nachdachte. Zumindest machte ihn der Schmerz nicht an, das wäre eine Stufe kränker als er bereit war, zu akzeptieren.
    Er fing den Klienten ab und drohte ihm, seinem Vater zu erzählen, dass er log. Erst beeindruckte ihn das kaum, aber Arian ließ nicht locker. Wenn er seinem Vater bescheid sagte, dann würde dieser den Fall sofort fallen lassen. Nach und nach schien dem Kerl bewusst zu werden, dass der kleine Junge vor ihm nicht einfach nur bluffte. Also einigten sie sich auf eine etwas unorthodoxe Art und Weise. Der Klient brachte ihm bei, wie man Schlösser knackte, und sonstige, kleine Tricks, die jeder respektable Einbrecher beherrschen sollte, und Arian sagte, er würde seinem Vater nichts erzählen. Dass er das kleine Wort „heute“ anfügte, schien der Kerl nicht zu bemerken.
    Und sobald Arian hatte, was er wollte, verpfiff er ihn dann doch. Soweit der Sohn der Aletheia wusste, legte der Kerl noch im Büro seines Vaters ein Geständnis ab und verbrachte sein Dasein ab dann hinter schwedischen Gardinen.
    Er hörte ein kleines Knacken und das Schloss war offen. Vorsichtig glitten seine Finger unter den Spalt und hoben die Fensterscheibe hoch, bis sie senkrecht in der Luft vom Scharnier festgehalten wurde. Feliz stieß ein beeindrucktes Pfeifen aus und Shirin und Levin rappelten sich wieder auf. Der Einbruch hatte gerade erst angefangen.


    Glücklicherweise lag das offene Fenster direkt über dem Treppenhaus, deswegen konnten sie sich einfach auf den obersten Absatz fallen lassen. Normale Menschen hätte das sicherlich ihre Knöchel gekostet, aber, dem Halbgottblut in ihren Adern sei Dank, landeten sie alle unverletzt. Bevor sie die Treppen herunterstiegen, zogen die Hobbyeinbrecher ihre Kapuzen über die Köpfe und versteckten ihre untere Gesichtshälfte mit Schals und Kragen ihrer Jacken. Sie würden sich zwar Mühe geben, den Sicherheitskameras auszuweichen, aber es war trotzdem keine schlechte Idee, für den Fall der Fälle nicht sofort erkennbar zu sein.
    „Die Prophezeiung wird vermutlich im Bereich der europäischen Kunst sein“, stieß Shirin aus, die intensiv einen Wegweiser am Fuße der Treppe anstarrte. Feliz und Levin nickten langsam und wandten sich schon in die entsprechende Richtung um, aber Arian hatte andere Pläne. Er schlang seinen Arm um Levins Hals und zog in die entgegengesetzte Richtung.
    „Was zur Hölle?“, murrte der Sohn der Iris mehr überrascht als aggressiv und sowohl Feliz als auch Shirin blieben für einen Moment einfach nur verwirrt stehen. Erst als Arian den dunklen Gang entlang deutete, setzten sie sich in Bewegung und holten die Jungen ein.
    „Ich nehme an, du weißt, dass es da nicht zur europäischen Ausstellung geht?“, fragte Feliz seltsam nüchtern und wich dabei Levins Armen aus, die er wild um sich warf, als würde ihn das aus Arians Griff befreien. Tat es natürlich nicht. Er mochte schmächtig und geradezu mager aussehen, aber der Sohn der Aletheia war für jemanden von seiner Statur ziemlich stark.
    „Ja“, antwortete er kurz angebunden, grinste sie an und ging einfach weiter.
    „Okay“, hörte er die Apollo-Tochter murmeln. „Ich stelle einfach keine Fragen.“


    Das Museum lag düster und dunkel vor ihnen. Ab und an sahen sie ein rotes Leuchten in der Schwärze, solange die Kameras allerdings keine Nachtfunktion hatten, würden auf den Aufnahmebändern kaum mehr als schwarze Schatten zu erkennen sein. Bei Tageslicht wären die Ausstellungsstücke sicher eine interessante Sicht, aber mitten in der Nacht konnte man nicht viel sehen. Das hielt Feliz allerdings kaum davon ab, nicht trotzdem ab und an stehen zu bleiben und ihre Taschenlampe anzuschalten.
    „Schalt das Ding aus!“, zischte Levin, deutlich aufgekratzt. Er wandte sich ständig um, als würden sie jeden Moment von dutzenden Wachmännern umringt und verhaftet werden. Shirin legte ihre Hände auf Feliz‘ Schultern und schob sie langsam vorwärts, während die am Schalter der Lampe herumspielte, bis das Licht wieder erlosch und die Dunkelheit alles verschluckte.
    „‘Tschuldigung“, nuschelte die Tochter der Apollo. „Ich war nur noch nie hier. Wenn ich daran denke, was es hier alles zu sehen gibt…“
    „First World Apollo-Children Problems“, raunte Arian mit einem leisen, schelmischen Kichern. Er hörte, dass Feliz etwas Undeutliches von sich gab, das ihn vage an „Halt die Klappe“ erinnerte.
    Sie bewegten sich in die Richtung, die mit „Security“ gekennzeichnet war und landeten schließlich in der Eingangshalle. Die Ticketschalter waren mit Gittern versehen, aber da sie nach einer Prophezeiung suchten und nicht nach einem Jahresvorrat an Flyern kümmerte sie das wenig. Stattdessen wandte sie sich einem etwas versteckten Tresen zu, der nur mit ein paar Farnen dekoriert war. Als Feliz ihre Taschenlampe über die Schrift auf dem kleinen Dach darüber gleiten ließ, erkannte Arian vage das Wort „Security“. Einer nach dem anderen kletterten sie über den Tresen und versammelten sich schließlich an einer grauen Tür, auf der groß und rot „Zutritt nur für Befugte“ stand. Shirin rüttelte probeweise daran, aber auch die war abgeschlossen. Natürlich hatten sie also auch dieses Mal kein Glück. Arian seufzte resignierend, kramte sein Taschenmesser ein zweites Mal hervor und machte sich erneut an die Arbeit.
    „Zumindest ist es hier etwas wärmer“, murmelte Shirin in die Stille herein und rieb sich angestrengt ihre Hände.
    „Mir ist immer noch scheiße kalt“, grummelte Levin.
    „Stell dich nicht so an“, gab Arian tonlos vor Konzentration zurück. Dieses Schloss war schon etwas anspruchsvoller. „Wer hat denn auch behauptet, dass Einbrechen einfach ist.“
    Feliz hinter ihm schniefte laut, sagte aber nichts. Zwei, drei Minuten Schweigen vergingen, in denen Arian sich am Schloss zu schaffen machte, während seine Gefährten unruhige auf und ab liefen oder versuchten, Wärme zu erzeugen, dann, endlich, schallte das erlösende Klacken durchs Foyer. Der Sohn der Aletheia zog die Tür auf, deutete eine Verbeugung an und sagte zufrieden grinsend: „Ladies first.“


    „Dir macht das eindeutig zu viel Spaß“, zischte Levin ihm zu, als sie den Sicherheitsraum durchsuchten und Arian dabei Mission Impossible summte. Neonlicht blendete sie im ersten Moment, in dem sie es anschalteten, aber mittlerweile hatten sich ihre Augen an die grelle Helligkeit gewöhnt. An der einen Seite des Raumes gab es einige dutzend Monitore, die alle aus waren. Als Feliz auf einer Tastatur direkt davor herumtippte, erwachten sie wieder zum Leben und zeigten vollkommene Schwärze. Das bedeutete zum Glück auch, dass sie sich nicht weiter damit beschäftigen mussten. Blieben noch die Alarmanlagen.
    „Es gibt anscheinend kein zentrales System“, murmelte Feliz nach einer Weile. „Andererseits bin ich keine Computerexpertin. Wenn Gina hier wäre, könnte sie uns sicher mehr sagen.“ Arian wusste nicht, wer Gina war, aber er kam auch nicht dazu, groß nachzufragen, denn Shirin wandte sich wieder an die Gruppe.
    „Ich glaube, du hast Recht“, flüsterte sie, was eigentlich nicht notwendig war, aber Arian hatte nicht vor, ihr das zu sagen. „Hier hinten ist ein großer Schrank mit einigen Schlüsseln. Ich werde nicht ganz schlau aus den Beschriftungen, aber oben drüber steht etwas von Alarmanlagen.“
    „Jackpot“, raunte Levin, der sich zu ihr herüber bewegt hatte und das Innenleben des Schranks inspizierte. Feliz und Arian stießen zu ihnen und streckten die Köpfe um ebenfalls etwas sehen zu können.
    „Dann gibt es sicher für jeden Bereich ein Sicherheitssystem. Manche Museen haben so etwas“, murmelte sie vor sich hin und zog dann wahllos einen Schlüssel heraus. Darauf stand CAOASS2 oder etwas in der Art, vielleicht ärgerte ihn seine Halbgottlegasthenie einfach ein wenig. Vielleicht war auch „Schlüssel zur Prophezeiung“ drauf geschrieben, so sicher konnte man sich da nie sein.
    „Klasse, Abkürzungen die keiner versteht.“ Levin gab ein Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus Grunzen, Seufzen und Schnauben klang. „Nehmen wir einfach alle und probieren sie der Reihe nach aus.“


    Gesagt, getan. Sie verließen das Sicherheitsbüro, knipsten das Licht aus, stellten aber einen der Farntöpfe in den Türspalt, damit sie nicht ganz zu ging und Arian das dritte Schloss für heute knacken musste. Die Panzerknacker für Arme durchquerte das Museum bis zum anderen Ende und fand sich schließlich in der europäischen Kunstaustellung wieder. Das Gute: Es gab keine Zwischenfälle und Feliz hielt ihr Halbgottblut zurück. Das Schlechte: Die Europaaustellung war gigantisch. Und um überhaupt etwas erkennen zu können, müssten sie dieses Mal dann doch die Taschenlampe benutzen. Erst versuchten sie es damit, das Licht durch Arians Jacke zu dimmen, aber das war doch etwas zu viel. Levin sah nervös hoch zur Sicherheitskamera. Wenn sie hier drin die Taschenlampe benutzten, dann wäre das weiß Gott zu auffällig.
    „Und wenn wir sie abdecken?“, schlug Shirin vor. Sie nahm Arians Jacke an sich, schwebte hoch zum kleinen, roten Punkt und wickelte sie mehrmals um die kleine Kamera. Feliz schaltete die Taschenlampe wieder an und strahlte die Jacke kurz an um sicherzugehen, dass die auch hielt, aber Shirin hatte eins A Arbeit geleistet und der Kamera einen schicken Turban gezaubert.
    „Darauf hätten wir auch sofort kommen können“, gab Levin murmelnd von sich. Sobald Shirin gelandet war, machten sie sich an die Arbeit und durchkämmten die Ausstellung.


    Etwas Glück hatten sie dann doch noch. Die Ausstellung teilte sich auf mehrere Räume aus und sie hatten auf Anhieb einen der beiden erwischt, in denen die griechischen Artefakte ausgestellt wurden. Neben kopflosen Büsten, Marmorstatuen mit abgeschlagenen Geschlechtsteilen, Bronzeschildern mit heftigen Dellen und vollkommen verbogenen und verrosteten Schwertern fanden sie auch kleine Stücke Steinrelief, auf denen in altgriechisch Alltagssituationen beschrieben standen. Arian las auf einer von einem Händler, der mitten auf dem Marktplatz in hysterisches Gelächter ausbrach und für fünf Stunden nur Purzelbäume machte. Die Vorstellung brachte ihn zum Grinsen. Sobald sie wieder im Camp waren, würde er die Hekate-Töchter darum bitten, ihm so einen Fluch herzustellen.
    „Ich hab hier was!“, zischte Levin irgendwann in die Stille hinein. Sie trafen sich an einem recht kleinen Glaskasten in der Ecke des Raumes, wo sonst nie jemand hinschauen würde. Darin lagen eine kleine Menge goldener Drachme, ein verrosteter Dolch, der auch nur ausgestellt wurde, weil seine Scheide mit einigen verblassten Ornamente versehen war und, ganz links, ein unscheinbares Buch, das entfernt Ähnlichkeit mit dem hatte, aus dem Rachel Dare die Prophezeiung zitiert hatte. Die vier warfen sich einen kurzen Blick zu, dann kramte Feliz die Schlüssel aus ihrem Rucksack hervor und tastete den Kasten ab, bis sie schließlich ein leises „Aha!“ von sich gab. Shirin leuchtete das elektronische Kästchen mit dem schwach grün blinkenden Licht an der Seite der Vitrine an und Arian konnte ein Schloss erkennen. Feliz sah auf den kleinen Haufen Schlüssel herunter und stöhnte. Der Sohn der Aletheia legte sich auf dem Fliesenboden und schloss die Augen. Das könnte eine Weile dauern.


    Nach etwas, das sich wie Stunden anfühlte, und vielen unterdrückten Flüchen schnaufte Feliz halb triumphierend, halb entnervt. Als Arian die Augen öffnete, sah er, dass man Schlüsselhaufen nur noch ein einziges Exemplar übrige geblieben war.
    „Ist das dein Ernst?“, fragte Levin mit einem düsteren Blick auf den Schlüssel, der jetzt im Kasten steckte. „Es war der vorletzte?“
    Arian musste grinsen. Offenbar wollte Tyche das Glück, das sie bisher gehabt hatten, jetzt doch ein wenig ausgleichen.
    Er stand auf, streckte seine kalten Gliedmaßen von sich und gähnte laut, während der Aletheia-Sohn sich neben die anderen Halbgötter stellte, die sich erst etwas nervös ansahen, dann aber das Glasdach der Vitrine zurückschoben. Für einen Moment verharrten alle, falls der Alarm seinen Einsatz verpennt hatte und sich doch noch dafür entschied, loszugehen, aber nichts geschah. Shirin griff hinein und hob das Buch von seiner Halterung und aus dem Kasten heraus. Levin drängte sich neben sie und Feliz nahm die Taschenlampe wieder an sich. Als Shirin das Buch aufschlug, hielten alle drei die Luft an, was scheinbar aber nur Arian auffiel.
    Shirin blätterte ihr Diebesgut schnell durch, scannte immer nur die ersten paar Zeilen jeder Seite und ihr Gesicht verspannte sich zunehmend, als wäre sie nicht zufrieden mit dem, was sie da gerade las. Dann, ganz unvermittelt, brach das Rascheln ab und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.
    „Wir haben es!“, flüsterte sie und obwohl sich die Tochter des Zephyr große Mühe gab, ihre Stimme leise zu halten, hörte man die Aufregung darin doch ganz deutlich.
    „Sehr gut“, stieß Feliz sichtlich erleichtert aus. „Dann raus hier!“


    Tyche hatte einen vergleichsweise guten Tag. Der kleine Scherz mit den Schlüsseln schien ihr vollkommen auszureichen, denn die Flucht aus dem Museum verlief sehr viel besser, als Arian sich jemals vorgestellt hatte. Irgendetwas hätte schief laufen müssen. Jemand hätte einen Alarm auslösen oder etwas kaputt machen müssen. Sie hätten von den Kameras gefilmt oder von einem zufällig auftauchenden Wachmann erwischt werden müssen. Aber nichts. Rein gar nicht. Die Truppe schloss die Vitrine, entfernte den Turban von der Kamera, ging zurück zum Sicherheitsraum und Levin klatschte einfach alle Schlüssel auf den Boden des Schranks, weil das weniger auffällig wäre, als sie falsch aufzuhängen- diese Logik erschloss sich Arian nicht ganz, aber er beschloss, es für heute gut sein zu lassen. Danach flogen die Mädchen Arian und Levin im New American Café wieder aufs Glasdach hinauf, sie schlossen das Fenster, balancierten über die Dächer zum Eingangsbereich und fielen auch nur drei Mal fast in ihren Tod. Eine letzte Flugeinlage runter auf den Boden, dann noch den kurzen Weg runter vom Museumsgelände und sie hatten ihren kleinen Einbruch ohne Komplikationen überstanden. Arian traute dem Braten nicht.
    Alle anderen schienen aber sichtlich erleichtert zu sein und er hatte nicht mehr die Energie, Spielverderber zu sein. Sein Magen knurrte und sein Körper schrie nach Schlaf und auch wenn Levin ihn dafür hasste, er hatte wirklich Spaß gehabt. Man hatte Arian immer gesagt, dass das Leben eines Halbgottes voller Gefahren war, aber davon bekam man im Camp so gut wie nichts mit. Sicher, ab und an wurde jemand von einem Schwert durchbohrt oder fiel in die Lavagrube, aber die wurden auch relativ schnell wieder zusammengeflickt und spätestens am nächsten Tag sprach niemand mehr davon. Aber mit Sicherheit war noch keiner in ein Museum eingebrochen. Obwohl ein kleiner Showdown mit einem Wachmann sicherlich auch etwas gehabt hätte. Naja. Das nächste Mal vielleicht.
    „Sonst noch wer Hunger?“, stieß Arian beiläufig in die Stille aus, während die Truppe sich möglichst unauffällig vom Museum entfernte und langsam Kapuze und Schals wieder so anzog, dass die Ähnlichkeit mit Einbrechern im Teenageralter verschwindend gering war.
    „Ich“, meldete sich Shirin mit schwacher Stimme. Sie bewahrte das Buch der Prophezeiungen in einer Innentasche ihrer Jacke auf und behielt eine Hand immer auf der Stelle an ihrer Brust, als würde es sich sonst in Luft auflösen. Nicht, dass das nicht passieren könnte. Wer wusste schon, was für Zauber oder Flüche auf diesem Ding lagen.
    Feliz sah kurz auf ihre Armbanduhr herunter.
    „Halb zwölf“, verkündete sie. „Da wird vermutlich schwierig, noch etwas zu finden…“
    „Fast Food passt immer“, entgegnete Levin.
    Sie einigten sich darauf, Ausschau nach irgendetwas Essbarem zu halten, und schienen auch ein stilles Übereinkommen darin zu haben, dass sie erst morgen die Rückreise antreten würden. Ein Hotel musste also auch her.


    Im Nachhinein hätte es Arian wohl auffallen müssen, aber zu diesem Zeitpunkt, so kurz nach einem Einbruch, halb verhungert und im Stehen schlafend, dachte er sich nicht viel dabei, dass alle vier ohne große Absprache Richtung Norden gingen, obwohl sie eigentlich nach Osten gemusst hätten um zum Bahnhof zu kommen. In der Nähe von Bahnhöfen gab es eigentlich immer etwas zu Essen und einen Ort zu schlafen und sie wären am nächsten Morgen ohne große Umwege wieder zurück nach Manhattan gekommen. Aber stattdessen gingen sie nach Norden, vorbei am Museum und direkt in einen Park. Keiner fragte warum und keiner beschwerte sich, dass es weit und breit kein McDonalds gab. Sie gingen einfach stur weiter, über eine Brücke, dann an einer Gabelung des Weges rechts.
    Je weiter sie gingen, desto weniger schien Arians Kopf wirklich zu funktionieren. Er schob es darauf, dass er todmüde war und jetzt einfach nicht mehr nachdenken konnte und ging weiter. Ganz weit entfernt hörte und sah er irgendetwas, aber sein Gehirn verarbeitete nicht, was es war.


    Erst, als sie direkt davor standen, begriff Arian, was passierte.
    Die vier Halbgötter hielten gleichzeitig an und sahen zu einer Wiese herüber, auf die sie zugesteuert hatten und plötzlich brach alles über ihn hinein. Bunte Lichter flackerten in der Nacht und erleuchteten die Wolken über ihnen wie bunte Zuckerwatte. Laute Bässe knallten an seine Ohren und gingen ihm durch Mark und Bein. Nebelmaschinen standen zwischen gigantischen Boxen, lange Tafeln waren gedeckt mit Plastiktischdecken in Polkadots und lustigem Konfetti-Print, auf denen große Schüsseln voll mit allen möglichen Knabbereien standen. Er sah eine Kinderpoolgroße Bowle-Schüssel, in der tiefrote Flüssigkeit zum Beat der Musik hin und herschwappte. Und überall waren Menschen, die hin und her wogen, tanzten und lachten. Das gesamte Gelände wurde von großen Scheinwerfern erleuchtete und sah taghell aus. Einen Moment lang wunderte sich Arian, dass sich noch niemand über die Musik, die man sicher in ganz Boston hören konnte, beschwerte, aber dann war der Moment vorbei und er beobachtete zwei Polizisten, die immer wieder Löcher in Nachos schossen, die andere Partygäste mit einem Jubeln in die Luft warfen.
    „Heeeeeeey!“
    Die leicht lallende Stimme weckte Arians Aufmerksamkeit. Vor der Gruppe stand- oder eher schwankte- eine Frau mit langen, wilden schwarzen Locken. Sie trug einen Kranz auf ihrem Kopf und das Wildledertop, der gerade so die wichtigsten Stellen abdeckte, glänzte in Nachtschwarz. Sie tänzelte in ihren braunen Cowboystiefeln hin und her und fingerte an einer ihrer dutzenden Ketten herum. Er brauchte einen Moment um zu erkennen, dass der Anhänger ein Pinienzapfen war. Vielleicht ein neuer Modetrend oder so.
    „Lust auf Party?“, lallte die Frau mit einem albernen Lachen. Als Arian ihr ins Gesicht sah wurde ihm bewusst, wie müde er eigentlich wirklich war, denn er konnte sich kaum darauf konzentrieren. Ihr Gesicht schien direkt vor seinen Augen zu verschwimmen. Nur ihre Augen, die glänzten feucht und weißlich.
    „Party?“, fragte Feliz und machte einen Schritt vorwärts. Ihr ganzer Körper wippte im Takt der Musik und sie lächelte selig.
    „Party!“, bestätigte die Frau hysterisch lachend und alle Gäste drehten sich zu ihnen um und riefen begeistert „PARTY!“.
    „Scheiße ja, Party!“, stieß Levin aus und selbst Shirin schien regelrecht begeistert. Für einen Moment wurde Arian schwarz vor Augen. Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf schien ihn anzubrüllen, aber… Nein. Sie war weg. Die Musik war zu laut um sie zu hören.
    Er spürte, wie die Frau seine Hand nahm und ihn auf die Wiese zog, mitten in die feiernde Menge. Er hörte Stimmen und Lachen und Musik und er schmeckte Nachos und Popcorn und Bowle und Götter war die Bowle gut! Aus dem Augenwinkel sah er Feliz, die tanzte, Shirin, die tanzte, Levin, der tanzte und er selbst wollte auch tanzen, also ging er zu ihnen und dann tauchte wieder die Frau von vorhin auf, vergrub ihre Hände in seinen Haaren und dann in seiner Jacke. Ihm war plötzlich so warm, er musste diese Jacke loswerden, also zog er sie aus und schmiss sie in die Menge und alles grölte.
    Die Musik nahm ihn ganz ein und jedes Mal, wenn der Geschmack von Bowle in seinem Mund verschwand trank er noch ein Glas. Er griff nach Feliz‘ Händen und drehte sich mit ihr im Kreis. Sie lachten als sie sahen, dass Shirin und Levin neben ihnen in der Luft schwebten und die Windgeister allen Gästen die Haare zerzausten. Die Scheinwerfer blendeten ihn und ihm wurde immer wieder für einen kurzen Moment schwarz vor Augen, aber es gefiel ihm. Dieser Kick, jeden Moment umzukippen… Wie lange würde er wohl aushalten? Er musste es wissen!
    Mit jeder Sekunde wurde er ekstatischer. Er tanzte wilder, lachte lauter, drehte sich im Kreis und die Lichter und Gesichter um ihn verschwammen. Ihm war warm, so unendlich warm, und-


    Arian prallte gegen etwas. Er stieß mit einem der Polizisten zusammen und seine Pistole verpasste ihm eine Beule an der Stirn. Dem Sohn der Aletheia wurde kurz schwarz vor Augen und er sank zu Boden. Die Musik war so laut, dass er sich kaum konzentrieren konnte, die Lichter viel zu grell. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und drückte seine Finger auf die Ohren. Der Schmerz pochte in seinem Kopf.
    Alles wurde dumpfer, ruhiger. Er spürte, wie die anderen Partygäste ihn anstießen, anrempelten und jedes Mal sandte der Schmerz einen kleinen Schock durch seinen Körper. Er wusste nicht, wie lange er im feuchten Gras saß und einfach nur versuchte, alles auszusperren. Er konnte nicht sagen, wie lange es dauerte, bis er wieder klar wurde. Die Stimme in seinem Hinterkopf wurde lauter. Die Wärme verschwand aus seinem Körper und plötzlich wurde Arian bitterkalt. Er zitterte wie Espenlaub, aber er durfte jetzt nicht die Finger von seinen Ohren nehmen. Er musste erst wieder komplett Herr über sich selbst werden.
    Es war nicht die Müdigkeit gewesen, die es ihm unmöglich gemacht hatte, die lallende Frau anzusehen.
    Sein ganzer Körper rebellierte, zuckte und wand sich gegen die Täuschung.
    Es ist alles nur eine Illusion. Ein Trick!, dachte er immer und immer wieder, wie ein Mantra, um sich selbst bei Sinnen zu halten. Erst, als er genug Willenskraft gesammelt hatte, wagte sich Arian, die Augen wieder zu öffnen.


    Er saß noch immer zwischen einer wogenden Menge im Gras und doch schien alles so ganz anders zu sein als vorher. Die Scheinwerfer waren grell und künstlich, die Musik laut und blechern, und die Partygäste bewegten sich im absoluten Gleichschritt wie eine Gruppe neonfarbener Zombies. Langsam rappelte Arian sich auf und sah sich um. Die Bowleschüssel füllte sich immer wieder von alleine auf, wenn jemand ein Glas nahm, aber mittlerweile wirkte das Zeug darin eher dickflüssig und eklig. Er roch den süßlichen Odor von Wein und ihm wurde sofort schlecht. Eine Faust in seinen Magen gepresst machte er sich auf die Suche nach den anderen.
    Feliz war schnell gefunden, denn sie schmetterte einen schrecklichen Oldie – „griechischer Wein!“- vor sich hin während der Pulk um sie herum grenzdebil in die Hände klatschte. Arian schob sich durch sie hindurch und schlug Hände von seinem Körper, bis er die Apollo-Tochter endlich erreicht hatte. Kaum erkannte sie ihn, schlang sie ihre Arme um seinen Oberkörper und lallte etwas von „Beste Party evaaaaaaaar“. Ihre bernsteinfarbenen Augen waren trüb wie Naturhonig und sie schwankte gefährlich. Arian kämpfte sich aus ihrer Bärenumarmung und zog sie weg von ihrem Publikum, was ihr gar nicht gefiel. Feliz schlug um sich und verpasste Arian beinahe eine passende, zweite Beule.
    „Feliz, wach auf!“, forderte er von ihr und schüttelte sie an den Schultern, aber nichts geschah. Sie grinste noch immer vor sich hin wie ein kleines Kind beim Gedanken an Regenbogeneinhörner. Er spürte wieder die Hände der anderen Gäste, einer zog an ihrem Shirt und Feliz versuchte, sich freizukämpfen und weiter schreckliche Aprés-Ski-Hits zu singen, aber wenn er sie jetzt verlor, dann würde der Sohn der Aletheia wieder das Bewusstsein verlieren, bevor er sie wiederfand. Arian rief immer wieder ihren Namen, aber es hatte keinen Zweck. Er spürte, wie die Musik ihn langsam wieder einlullte. Sie mussten schnell hier weg, bevor er wieder in einen unfreiwilligen Partymodus verfiel.
    Arian seufzte und ahnte schon, dass das noch Konsequenzen haben würde, aber ihm blieb nichts anderes übrig.
    Er holte aus und verpasste Feliz eine schallende Backpfeife.
    Feliz‘ Kopf flog zur Seite und für einen Moment dachte Arian, dass selbst das nicht gebracht hätte. Doch dann glitt ihre Hand zum roten Abdruck auf ihrer Wange und die honigfarbenen Augen wurden klar. Feliz‘ Mund öffnete sich in absolutem Unglauben, aber bevor sie sich hier und jetzt an Arian rächen konnte und ihm und allen anderen Partygästen beim Versuch das Gehirn schmolz, griff er schnell ihre Hände und raunte ihr eindringlich zu: „Nicht wieder verhexen lassen!“
    „Verhexen?“, echote die Apollo-Tochter und sah sich eindeutig verwirrt um. Es brauchte einen Moment, dann wich die Verwirrung auf ihrem Gesicht plötzlicher Erkenntnis.
    „Scheiße, sind das etwa…“, stieß sie aus und durchforstete die wogende Partymenge nach irgendetwas.
    „Wir müssen Levin und Shirin finden“, wies Arian an. Sie wollte seine Hand loslassen, doch er griff wieder danach. Als die Tochter des Apollo ihn fragend ansah, schüttelte der eilig den Kopf.
    „Zusammen bleiben. Und im Notfall noch ein paar Backpfeifen verteilen.“


    Es war gar nicht so einfach, die verbleibenden zwei Mitglieder der Museumsknacker zu finden, denn langsam aber sicher hatte Arian das Gefühl, dass die Partypeople um sie herum mitbekamen, dass sie nicht mehr ganz so in Feierstimmung waren, wie sie sein sollten. Es war gar keine schlechte Idee gewesen, einander an den Händen zu halten, denn irgendwelche Feierwütigen versuchten immer wieder, sie zurück in ihre Mitte zu ziehen. Feliz und Arian verankerten einander in der Realität und das Zittern von ihrer Hand in seiner lenkte ihn von der Musik ab.
    „Wo sind die nur?“, fragte Feliz mehr sich selbst als Arian und streckte verzweifelt den Kopf.
    Dann öffnete sich mit einem Male die Masse an Menschen vor ihnen, und mittendrin in einem Tornado aus Konfetti und Chipsresten standen Shirin und Levin und vollführten den wohl mit Abstand bescheuertsten Tanz, den Arian in seinem Leben je gesehen hatte. Offenbar zogen beide ihre Inspiration aus dem Macarena, dem Ententanz, Twerking, Dabbing, Hipthrusting und dutzenden anderen Bewegungen, die sie aussahen ließen, als hätten sie gerade einen epileptischen Anfall.
    „Wenn das hier nicht so ernst wäre“, murmelte Arian nüchtern. „Würde ich mir ein Handy besorgen und sie filmen. Die glauben uns das sonst eh nicht.“
    „Keine Sorge“, antwortete Feliz und deutete auf einen Typen der nicht mehr trug als einen Leopardentanga, einen Cowboyhut, Tennissocken und Lederschlappen. Der hielt in seiner Hand nämlich ein Smartphone und filmte das ganze Tanzdesaster. „Der erledigt das schon für dich.“
    „Erinner mich daran, das Ding mitgehen zu lassen.“
    „Sicher. Aber erst sollten wie die beiden erlösen.“
    Hand in Hand stapften Feliz und Arian an den anderen Partygängern, die sich an dem hektischen Rumgezappele erfreuten, vorbei, direkt auf ihre Freunde zu.
    „Heeeeeeeey!“, stieß Levin aus, dachte aber nicht mal daran, dieses peinliche Rumgehampele zu lassen. Seine Augen waren genau so trüb wie die von Shirin, aber die beschränkte sich zumindest nur auf seliges Grinsen, während Levin weiter lallte. „Lass tanzen, Arian! Komm, ich wollte schon immer mal Walzer tanzen oder Foxtrott oder einen flotten Tangooooo!“
    Hatte Levin ihn gerade tatsächlich zum Tango aufgefordert?
    Ja.
    Ja, er würde definitiv das Handy mitgehen lassen.
    „Ich halte das nicht länger aus“, raunte Feliz mit starrem Blick auf das Geschehen vor ihr und Arian sah ihr an, wie die ganze Situation der Apollo-Tochter geradezu körperliche Schmerzen bereitete. „Können wir ihm bitte einfach eine verpassen?“
    „Absolut deiner Meinung.“
    Sie überbrückten die letzten drei Meter und stellten sich direkt vor ihre Freunde, die weiter grenzdebil lächelten. Feliz und Arian tauschten einen kurzen Blick, holten aus… Und verpassten Shirin und Levin beinahe synchron eine Backpfeife.
    Das war wesentlich weniger spaßig gewesen als er gedacht hatte.
    Es dauerte wieder drei, vier Sekunden, dann kamen die beiden zu sich. Verwirrt blickten sie sich um, setzten zu vielen, unvollständigen Fragen an, doch sie hatten keine Zeit für lange Erklärungen, denn gerade, als Feliz zu einer ansetzte, fiel mit einem Male die Musik aus. Die Partypeople um sie herum verharrten mitten in ihrem perfekt synchronen Schaukeln und starrten aus ihren stumpfen Augen Löcher in die Luft vor sich. Nichts bewegte sich mehr, alles stand still. Das Herz in Arians Brust klopfte laut und dringlich. Die Stimme in seinem Kopf kreischte ‚Flucht!‘, aber aus irgendeinem Grund wagte er sich nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Irgendetwas lag in der Luft und das gefiel ihm so gar nicht.


    Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Etwas schlich durch die Reihen der starren Menschen, deren Augen trüb und deren Haut und Lippen bläulich schimmerten, denn keiner von ihnen trug Kleidung, die für diese Temperatur angebracht war. Feliz neben ihm griff Shirins Hand und die griff nach Levins Hand, aber ihre Augen durchsuchten genauso wie seine die Menschenmassen. Er war sich ziemlich sicher, dass sie alle nach der gleichen Person Ausschau hielten.
    Und gerade, als er das gedacht hatte, tauchte sie auf.
    Die Frau torkelte in ihren Cowboystiefeln auf sie zu und spielte mit dem Pinienzapfen an ihrer Halskette. Ihre wilden, schwarzen Locken standen von ihrem Kopf ab wie ein stark misslungener Afro.
    Dieses Mal konnte Arian ihr Gesicht erkennen und er wünschte sich fast, dass er es nicht konnte. Ihre Haut war gräulich-violett und selbst mit einigen Metern Abstand konnte er ihre knallrote Nase und die vielen, roten Adern unter ihrer Haut erkennen. Ihre Augen waren genauso trüb wie die ihrer Gäste, aber bei ihr fehlte die Pupille. Die Lippen der Frau waren vollkommen zerbissen und kleine Rinnsale Blut flossen an ihrem Kinn herunter, die aber von der Farbe her mehr nach gegorenem Wein aussahen. Sie hatte überall an ihrem Körper Kratzwunden und aus irgendeinem Grund hatte Arian plötzlich das Gefühl, dass sie sich die selbst zugefügt hat.
    „Wasn hier los?“, kreischte die Frau halb fragend, halb amüsiert. „Warum tanzt ihr nich‘ mehr?“
    „Wir haben für heute genug“, antwortete Feliz und Arian spürte, wie sie ihre Stimme manipulierte, um sie fester klingen zu lassen. Aber selbst damit hörte er das leichte Zittern darin.
    „Tanzen kann man nie genug!“, widersprach die Frau und schüttelte wie verrückt ihren Kopf. „Macht die Musik wieder an und tanzt! Trinkt noch was Bowle! Is‘ gut für die Haut!“
    Arian fielen auf Anhieb ein dutzend Sprüche zu dieser These ein, aber er hatte das leise Gefühl, dass die gerade nicht hilfreich wären. Nicht, dass ihn das sonst aufhalten würde, aber sonst hatte er auch niemanden vor sich, der so… SO war.
    Vielleicht würden sie es noch irgendwie aus dieser Situation herausschaffen, ohne die Waffen auf ihrem Rücken zu ziehen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt.
    „Danke, aber wir müssen jetzt wirklich gehen“, gab Feliz zurück und das war vermutlich das schlechteste, was sie hätte sagen können. Die Augen der Afro-Frau fixierten sich auf die Truppe und mit einem Mal hörte sie auf zu Schwanken. Sie fielen ihm erst jetzt auf, aber die langen, dreckigen Nägel sahen mit einem Male mehr nach Klauen aus, und die Sehnen auf ihrem Handrücken spannten sich wie Drahtseile unter ihrer trüben Haut. Sie beugte sich vor wie eine, zugegebenermaßen sehr hässliche und zerrupfte, Raubkatze, bereit, sich auf ihre Beute zu stürzen.
    „Oh nein“, raunte sie und ihre heisere Stimme war bedrohlich leise. „Hier geht niemand. Ihr wollt doch keine Spielverderber sein!“
    „Ich glaube, genau das wollen wir“, stieß Arian aus und seine freie Hand glitt zum Speer auf seinem Rücken.
    Die Frau fauchte, beugte ihren Rücken und stürmte auf sie zu.
    Und damit fing sie sich ein Verfahren wegen Mord an der Hoffnung ein.




    @Katoptris
    Goddamit. Ich muss zuverlässiger werden.

  • Chapter 7- Dance-aholics


    Er und Levin waren noch nicht lange im Camp und hatten deswegen nicht ansatzweise so viel Kampferfahrung wie der weibliche Teil der Truppe. Levin neben ihm schien das im schlechtesten Moment klar zu werden, denn statt aus der Schussbahn zu laufen, wie es ihnen beigebracht wurde, starrte der Sohn der Iris die Partybestie an als wäre er sich nicht ganz sicher, ob die passende Reaktion schreien oder sich übergeben ist. Sie war ja vorher schon keine schöne Sicht gewesen, aber jetzt, wo sie sich tatsächlich auf allen Vieren vorbewegte, schaffte die schlechteste Gastgeberin aller Zeiten es, auf eine bizarre Art und Weise noch ekelhafter auszusehen als vorher. An ihrem Rücken ragten die Knochen ihres Rückrates unter der Haut hervor, die Sehnen an Armen und Beinen spannten sich, als würden sie jeden Moment zerreißen und aus ihrem Mund kam neben einem unmenschlichen Fauchen ein Fluss aus dreckig gelbem Speichel.
    Arian wich wie automatisch nach links aus und griff zum Speer an seinem Rücken. Zu spät bemerkte er, dass sowohl Feliz als auch Shirin vom Boden abhoben und Levin alleine mitten im Weg der Afro-Bestie stand. Bevor er ihm zu Hilfe kommen konnte, sprang die grauhäutige Frau vom Boden ab und warf sich auf Levin, der sich noch immer nicht bewegte. Die Zeit schien sich zu verlangsamen und Arian lief zurück in der Hoffnung, vielleicht doch noch rechtzeitig zu kommen. Er sah den sehnigen Körper durch die Luft gleiten und wie sich auf Levins Gesicht ein Ausdruck breit machte, der eine Mischung aus „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, „Näher dran ist sie noch hässlicher!“ und „Ich will zu meiner Mama!“ war. Arian hatte gerade aber kaum Lust darauf, das in irgendeiner Weise spaßig zu finden, denn die hier würde nicht aufhören, wenn sich einer von ihnen ergab. Und er war wenig scharf darauf, Robyn zu erklären, warum von ihrem Bruder nicht mehr als ein Haufen Hautfetzen übrig war.
    Nur wenige Zentimeter, bevor ihr Klauen Levins Gesicht umoperieren konnten, zischte ein Pfeil hinter seinem Ohr hervor und bohrte sich in die Schulter der Bestie. Die pure Kraft hinter dem Geschoss war so stark, dass sie sie aus der Bahn warf und Discoqueen prallte neben ihm auf den Boden, kreischend vor Schmerz und Wut. Levin fiel auf seinen Hintern und starrte ihr in die weißlichen Augen, aber bevor er sich wirklich übergeben könnte griff sich Arian seinen Arm und zerrte ihn von ihr weg, wobei der Sohn der Iris mehr stolperte und über den Boden schliff, als wirklich selbstständig zu laufen.
    „Levin, reiß dich zusammen!“, zischte Arian ihm zu und brachte sich wieder in Angriffsposition, als sie genug Abstand zur Partyqueen hatten. Die starrte den Pfeil in ihrer Schulter für einen Moment an, griff sich den Schaft und brach ihn einfach ab. Die Spitze aus himmlischer Bronze musste noch immer in ihrem Körper stecken, denn die Wunde rauchte und blubberte vor sich hin, was sie aber kaum zu interessieren schien.
    „Was ist das?“, brachte Levin hervor und mittlerweile hatte sich sein Gesichtsausdruck darauf geeinigt, dass Entsetzen wohl die beste Reaktion ist.
    „Eine Mänade“, antwortete Feliz. Sie und Shirin schwebten direkt hinter ihnen, wohl um sicher zu stellen, dass Levin in Ordnung war. Die Augen der Mädchen waren auf die Partyqueen gerichtet, die erstaunlich ruhig blieb. Sie fauchte immer noch wie eine tollwütige Katze, aber statt wieder auf sie zuzuspringen wog die Mänade ihren Körper hin und her, als würde sie abwägen, wen sie von ihnen als erstes zerfleischen würde.
    „Levin“, wandte sich ausgerechnet Shirin an den Jungen, der es bisher noch nicht einmal fertig gebracht hatte, seinen Speer zu ziehen. Als die Tochter des Zephyrs ihm eine Hand auf die Schulter legte, zuckte er kurz zusammen. Sie tauschten für einen Moment einen Blick und Arian erwischte sich dabei, doch ziemlich überrascht zu sein.
    Feliz hinter ihm malträtierte sich die Lippen und die Anspannung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie hatte Angst vor dem Wesen vor ihnen, genauso wie Levin, dessen Hand deutlich zitterte, als er endlich nach seiner Waffe griff. Bei ihm konnte Arian es noch verstehen. Er hatte nicht ansatzweise so viel Kampferfahrung wie Feliz und Arian wusste genau, dass Levin nie sonderlich viel Spaß daran hatte, Waffen durch die Gegend zu schwenken. Wenn es nach dem Iris-Sohn gegangen wäre, dann würde er den lieben langen Tag… nichts tun. Einfach in der Gegend herumhängen und auf Morgen warten. Er ließ sich am liebsten einfach treiben, genauso wie Arian auch.
    Feliz dagegen war schon so lange im Camp. Die vielen Perlen an ihrem Handgelenk bewiesen, dass sie Jahre an Kampftraining durchlaufen haben müsste. Sie dürfte die letzte Person von ihnen allen sein, die sich Sorgen macht. Sie müsste ihnen sagen, wo es lang geht.
    Aber stattdessen war es Shirin, die Levin mit bloßen Blicken beruhigte. Ausgerechnet Shirin. Die verträumte, ruhige, Friede-Freude-Eierkuchen-Shirin behielt als einzige von ihnen einen kühlen Kopf. Arian hatte erwartet, dass sie anfangen würde zu weinen, dass sie fliehen würde oder genauso bewegungslos blieb wie Levin. Aber stattdessen war sie die Einzige von ihnen, die noch komplett zurechnungsfähig war.
    Als die Tochter des Zephyrs seinen Blick merkte, schenkte sie Arian ein kleines Nicken. Ihre Miene war ruhig, aber ernst und das war es vermutlich, was sie alle wieder zur Ordnung rief.
    Feliz atmete einmal tief ein und wieder aus. Sie griff sich einen Pfeil aus dem Köcher auf ihrem Rücken und wandte sich der Truppe zu.
    „Arian, Levin, benutzt eure Speere um sie auf Distanz zu halten. Sie hat keine große Reichweite und wenn ihr zusammen kämpft, kann sie euch nichts anhaben. Shirin, du versuchst Öffnungen zu finden, halt ansonsten Abstand. Ich unterstütze euch mit meinen Pfeilen und behalte sie im Auge.“ Ihr Ton war zuversichtlich, aber Arian fiel auf, dass sie dabei Shirin ansah, als würde sie von ihr Bestätigung haben wollen. Levin schluckte, nickte dann aber und positionierte sich neben Arian, der den Griff um seinen Speer verstärkte. Die Mänade wurde unruhiger. Es gefiel ihr offenbar gar nicht, dass die Partymuffel sich besprachen. Vermutlich befürchtete sie, dass die Truppe sich gerade Strategien ausdachte, ihre Party noch mehr zu ruinieren und das ging ja wohl mal gar nicht.
    Shirin hatte Recht. Sie dürften sich jetzt nicht beunruhigen lassen. Für solche Fälle waren sie im Camp trainiert worden. Noch dazu stand es vier Halbgötter gegen eine partysüchtige Mänade. Erinner dich an dein Training, mahnte er sich. Sie hat euch auf dem falschen Fuß erwischt. Das wird nicht noch einmal passieren.
    „Los!“, zischte Feliz und hob im selben Moment zusammen mit Shirin ab. Levin und Arian richteten ihre Lanzen auf den Gegner und stellten sich seitlich, wie sie es im Camp gelernt hatten, den Körper so verlagert, dass sie einen festen Stand hatten. Ein Pfeil sauste auf die Mänade zu, doch dieses Mal war sie vorbereitet und fischte ihn einfach aus der Luft. Arian pfiff beeindruckt, was das Monster mit einem Fauchen beantwortete. Wow. Unhöflich.
    „Ich rechts, du links?“, schlug Arian mit einem kurzen Seitenblick auf Levin vor. Er sah, dass sein Freund schluckte, aber er zitterte nicht mehr und die Entschlossenheit in seinen Augen beruhigte Arian ein wenig. Als der Sohn der Iris nickte, sprinteten die Jungen auf die Mänade zu.


    Mit ihren Lanzen hatten die Halbgötter erhebliche Vorteile. Sie konnten das Monster auf genügend Distanz halten, um nicht einmal in die Nähe ihrer Klauen zu kommen. Die Mänade war flink und verbog ihren Körper auf immer merkwürdigere Weisen um den Spitzen zu entkommen, aber je länger sie hieben und stachen, desto mehr Wunden fügten sie der grauen Frau zu. Dummweise schien sie das eher wütend zu machen als zu schwächen. Ihre Bewegungen wurden hektischer, wilder, ihre Augen leuchteten vor Frustration und sowohl Arian als auch Levin durften sich keinen Moment der Unachtsamkeit leisten. Shirin zischte durch die Luft und hieb mit ihrem Schwert nach ihr, aber sie hatte sehr viel weniger Reichweite und musste aufpassen, dass die Klauen nur ihre Kleidung traf. Hin und wieder zischte ein Pfeil ganz knapp an den Jungen vorbei, streifte das Partytier aber meist nur und grub sich dann in den Boden.
    Adrenalin rauschte in Arians Adern, aber er wusste, dass sie das hier schnell beenden mussten. Langsam aber sicher ging ihnen die Kraft aus, während die Mänade immer mächtiger zu werden schien, je mehr sie sie verletzten. Die Wunden waren meist nur oberflächlich, denn sie turnte über die Wiese, machte Flickflacks und Saltos wie ein wild gewordener Zirkusaffe um den Angriffen zu entkommen. Und selbst mit ihren Lanzen waren sie nicht ganz geschützt. Als Levin eine Chance ergriff und ein Stück zu weit vorpreschte, fuhr die Mänade ihm mit ihren gelben Klauen über den Handrücken. Er zischte nur, aber Blut floss in kleinen Rinnsalen aus der Wunde. Mit einem schnellen Stechen trieb er das Monster wieder zurück, aber der Schaden war schon angerichtet. Für einen Moment nur warf Arian einen Blick zu Levin herüber, der wieder angefangen hatte zu zittern. Dieses Mal aber nicht vor Angst, sondern weil ihm die Kälte in den Körper kroch. Seine Lippen waren eisblau und der Griff um seine Lanze wurde immer wackeliger.
    Arian ging es nicht anders. Sie hatten, genauso wie alle anderen Partygäste um sie herum ihre Jacken, Schals und Handschuhe ausgezogen und froren nun bitterlich. Feliz Schüsse litten am meisten unter der Kälte, denn sie zitterte so stark, dass nicht einmal ihre Kräfte als Apollo-Kind ihr groß helfen konnten. Dichte Wolken aus weißem Rauch kamen bei jedem Atemzug aus ihren Mündern. Nur die Mänade schien die Kälte nicht zu kümmern.
    Und dann passierte etwas, auf das sie nicht vorbereitet waren.


    Die Mänade fauchte und sprang nun von selbst vier, fünf Meter von den Lanzen der Jungen weg. Noch immer in vorgebeugter Angriffshaltung hob sie eine Hand in die Höhe und mit einem zu einem grausamen Lächeln verzogenen Gesicht schnippte sie.
    Augenblicklich knallte wieder Musik aus den Boxen auf der Wiese, so laut und heftig, dass der Boden unter Arians Füßen zu wackeln schien. Seine Trommelfelle vibrierten und aus Reflex hielt er sich die Ohren zu. Für einen kurzen Moment war er vollkommen ungeschützt, aber die Mänade dachte scheinbar nicht einmal daran, ihnen wieder näher zu kommen. Und Arian fand auch schnell heraus, warum.
    Die Masse, die er diese ganze Zeit über vergessen hatte, weil sie zu starren, geschmacklosen Gartenstatuen erstarrt war, setzte sich wieder in Bewegung. Männer und Frauen sangen, schwankten hin und her und zu spät bemerkte er, was sie vorhatten. Schritt für Schritt kamen sie näher und als dutzende Hände ihn packten und wegzerrten, konnte Arian nichts anderes mehr machen, als wie wild zu strampeln und zu schreien, seinen Speer festzuhalten und zu hoffen, dass keiner der Partypeople auf die Idee kam, ihm seine Lanze wegzunehmen. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, selbst seine Halbgottkräfte halfen nichts gegen einen Haufen verhexter Erwachsener. Bevor er es sich versah, konnte er Levin nicht mehr sehen und auch seine panischen Schreie gingen immer mehr im betrunkenen Lallen der Masse unter, die ihn weiter zerrte.
    Als sie ihn dann endlich losließen, bildeten sie einen Kreis um ihn, der nur wenige Meter Durchmesser hatte, und griffen sich an den Händen. Er versuchte sich durch diese Barriere an Menschen zu kämpfen, rannte gegen sie an, aber sie wichen nicht zur Seite. Wann immer er einen von ihnen mit der Rückseite seines Speeres ohnmächtig schlug, nahm ein Neuer seinen Platz ein. Kälte kroch in Arians Körper und ließ ihn immer tauber werden, die Bässe auf seinen Ohren knallten, die Scheinwerfer ließen bunte Schemen in seinem Sichtfeld tanzen und bei jedem zuckte er zusammen. Arian fuhr herum, immer und immer wieder, weil er jedes Mal wieder dachte, er würde die Mänade sehen. Aber da waren nur lauter selig grinsende Menschen. Die Anspannung schnürte ihm die Brust ab. Er war ganz alleine. Niemand war da, um ihm Deckung zu geben. Er hatte… Angst. Er hatte tatsächlich Angst. Noch nie hatte er Angst gehabt. Die Gesichter der Masse verschwammen direkt vor ihm. Ihm war so kalt und so schwindelig. Irgendwann gaben seine Beine nach. Er konnte nichts dagegen tun, fiel einfach auf seine Knie und schlang die Arme um seinen Körper in der letzten, verzweifelten Hoffnung, sich selbst irgendwie zu wärmen. Jemand kam auf ihn zu, doch sein Kopf hatte ihn im Stich gelassen. Zu spät registrierte er die graue, fleckige Haut, die langen Krallen, den zerrupften Kopf und die milchig weißen Augen. Finger schlossen sich um seinen Hals und scharfe Reißzähne leuchteten direkt vor ihm, bestialischer Gestank vernebelte ihm alle Sinne. Als etwas von dem gelblichen Speichel direkt auf seine Wange tropfte, nahm er es kaum war. Alles war taub. Die Stimmen in seinem Kopf waren ein bloßes Flüstern. Sie befahlen, nein, sie rieten ihm, etwas zu tun. Aber Arian konnte nicht. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er wusste nicht, ob es nur die Kälte war. Vielleicht auch die Magie der Mänade. Sie machte ihn gefügig.
    Irgendwie verstand er noch, dass er jetzt wohl sterben würde. Der Griff um seinen Hals wurde zunehmend stärker, aber die Mänade ließ sich Zeit. Konnte sie ja auch. Niemand würde ihm zu Hilfe kommen und rund um sie herum formten die Menschen noch immer eine Mauer aus-
    Moment.
    Aus dem Augenwinkel sah Arian, dass sich um sie herum etwas rührte. Nein, nicht etwas. Der Wall aus debil grinsenden Menschen hatte sich aufgelöst, und statt starr in der Gegen herumzustehen… Sie kamen näher? Weit weg hörte er mit einem Male etwas, das nicht ganz in die Szene herein passte. Die Mänade schaute verdutzt drein und lockerte den Griff um seinen Hals.
    Arians Lippen zuckten zu einem kurzen, freudlosen Grinsen.
    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet „Everybody was Kung Fu Fighting“ das letzte Lied wäre, das er vor seinem Tod hören würde?
    Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Mänade schien wirklich zunehmend verwirrter zu sein. Mit jeder Sekunde kamen die Menschen näher und machten die wohl stereotypischste Nachahmung von Kung Fu Moves, an die sie sich aus Karate Kid noch erinnern konnten. Sie kickten, warfen ihre Fäuste nach vorne und riefen laut „HU!“, alles in perfektem Einklang. Wären seine Finger nicht so kalt gewesen, hätte Arian wohl geklatscht.
    Langsam aber stetig kroch wieder Gefühl in seinen Körper. Seine Gedanken wurden klarer und die Stimmen lauter, deutlicher und sie waren alles andere als erfreut, dass die Dancing Queen noch immer so nah an ihm dran war, denn der Gestank war wirklich bestialisch. Langsam konnte er es Levin nicht mehr übel nehmen, sich mitten im Kampf übergeben zu wollen, denn er war auch kurz davor. Die Musik wurde lauter und die Stimme deutlicher.


    „Everybody was Kung Fu Fighting
    Those kids were fast as lightning
    In fact, it was a little bit frightening
    But they fought with expert timing!“


    „HU!“, brüllte die Masse und die Mänade zuckte zusammen. Langsam schien sie diejenige zu sein, die Angst vor den Nachwuchs-Jet-Lis bekam, die immer näher an sie heran… kung-futen. Arian wusste nicht genau, woher es kam, aber mit jeder Silbe des Liedes, die er hörte, schien er selbst waghalsige Kampfsport-Tricks ausführen zu wollen. Und irgendwann einigten sich die Stimmen in seinem Kopf darauf, dass es vielleicht sogar gar keine schlechte Idee wäre. Schlimmeres als zu sterben konnte ja ohnehin nicht passieren. Warum also nicht mit Stil untergehen?
    Arian griff sich das magere Handgelenk der Mänade, die länger als vorher brauchte, um darauf zu reagieren, aber als sie es dann tat war es schon zu spät für sie. Mit einem unschönen „Knack!“ brachen die Knochen unter der sehnigen, grauen Haut, denn mit seiner Halbgottstärke hatten die in etwa die Wiederstandkraft von alten Vollkorncrackern. Die Mänade kreischte vor Schmerzen, während Arian sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Rücken abrollte, seinen Fuß in den Magen der Frau rammte und sie mit einem kräftigen Tritt über seinen Kopf hinweg, mitten in die Menschenmenge hinein katapultierte, wo sie von allen Seiten mit Karateschlägen bearbeitet wurde ohne auch nur die Chance zu haben, da wieder herauszukommen.


    „There were funky China men from funky Chinatown
    They were chopping them up
    They were chopping them down.“


    Arian kämpfte sich hoch, griff nach seinem Speer und behielt dabei die Mänade genau im Blick. Eine alte Frau mit grau meliertem Haar, einem bunten Bastrock und einer knallpinken Federboa verpasste ihr eine Reihe von gut getimeten und äußerst schmerzhaft aussehenden Schlägen direkt in die hässliche Visage, doch gerade, als sich die abgesetzte Partyqueen aus ihrer Reichweite heraus rettete, nahm ein Kerl, der in seinen Jeansshorts mit den Hosenträgern und dem rot-weiß gestreiften Unterhemd nach einer Mischung aus Holzfäller und Wo-ist-Waldo aussah, ihren Platz ein. Schläge prasselten auf die schutzlose Mänade ein, Zähne flogen, der Afro wippte hin und her, als sie als äußerst hässlicher Boxsack missbraucht wurde. Für einen kurzen Moment zuckten seine Mundwinkel, dann unterdrückte er ein Kichern und bevor er sich versah, brach Arian in schadenfrohes Gelächter aus. Der Anblick war zu herrlich! Was gäbe er jetzt für eine Slow-Motion-Aufnahme!
    Vor lauter Lachen hörte er die Rufe der anderen erst, als sie nur noch drei Meter von ihm entfernt standen.
    „Arian!“, brüllte Levin durch die Menge, seine verletzte Hand in sein Shirt gepresst, das schon einige unschöne Blutflecken aufwies. Shirin schwebte direkt hinter ihm, das Schwert fest in der Hand, und neben ihr folgte auch Feliz, die blass war vor Anstrengung und aus voller Kehle sang:


    „It's an ancient Chinese art
    And everybody knew their part
    From a feinting, to a slip
    And a kickin' from the hip.“


    „HU!“
    Im letzten Augenblick sah Arian, wie ein gut platzierter Tritt mit perfektem 90 Grad Winkel die Mänade an der Schläfe traf und ihr den Kopf ein gutes Stück eindellte. Er prustete laut, als sie mit demselben grenzdebilen Lächeln, das alle um sie herum trugen, wankte.
    „Partey?“, lallte sie gackernd.
    Als die Mänade zur Seite kippte und leblos im nassen Gras liegen blieb, herrschte für einen kurzen Moment Stille. Dann streckten die Menschen ein letztes Mal die Hände in die Höhe und grölten begeistert „PARTEY!“, bevor sie es dem Monster nachmachten und ebenfalls mit dem Gesicht zuerst den Boden küssten.
    Die einzigen, die noch bei Bewusstsein waren, waren die vier Halbgötter. Zwei von ihnen schienen jeden Moment zu kollabieren, eine seufzte erleichtert und der letzte konnte noch immer nicht aufhören zu lachen.
    „Habt ihr das gesehen?“, gackerte Arian und ihm standen die Tränen in den Augen. Er war sich nicht sicher, ob das am Adrenalin lag oder ob das eine natürliche Reaktion darauf war, gerade beinahe das Zeitliche gesegnet zu haben, aber je länger er darüber nachdachte, desto lustiger kamen ihm die letzten Momente der Mänade vor.
    Levin schleppte sich zu ihm herüber und fiel neben Arian ins Gras. Er verpasste ihm eine kraftlose Kopfnuss und starrte ihn mit tödlichen Blicken in den Boden, aber für viel mehr war er einfach zu erschöpft. Shirin kam ebenfalls herüber und forderte Levin auf, ihr seine Hand zu zeigen, Arian achtete aber mehr auf Feliz, die mit deutlich bleichem Gesicht zur ausgeknockten Mänade herüber schwankte, den Dolch aus der Halterung an ihrer Seite löste und ihn dem Monster mit einem eklig klingenden „flatsch“ in die Brust jagte. Sofort begann der Körper zu dampfen, wo die himmlische Bronze ihn getroffen hatte. Für zwei, drei Sekunden geschah nichts, dann löste sie sich mit einem „Puff“ in einen kleinen Haufen Staub auf, der nach und nach im Boden versickerte. Als Feliz den Dolch an einem Umhang, den ein Typ ganz in der Nähe um den Hals trug, abwischte, war vom Monster schon nichts mehr übrig.
    „Im Rucksack habe ich etwas Ambrosia“, murmelte Shirin gerade und Arian drehte sich wieder zu ihr herum. Als die Tochter des Zephyrs aufstand sah er, dass sie auch einige Kratzer am linken Bein hatte. Ihre Hose war vollkommen zerfetzt, aber die Wunden waren nur oberflächlich. Shirin blickte sich um.
    „Unsere Sachen müssten irgendwo da drüber sein“, wandte sich Arian an sie und kämpfte sich dann ebenfalls hoch, während er auf die Bühne zeigte, auf der Feliz vorhin noch schlechte Oldies geträllert hatte.
    „Wartet kurz hier“, wies Shirin Feliz und Levin an, denn bei beiden sah man mit einem kurzen Blick, dass sie etwas Ruhe bräuchten. „Sind gleich wieder da.“


    Sie stiegen über gefühlt tausend vor sich hin schnarchende und im Schlaf sabbernde Menschen, die einfach dort, wo sie gerade Kampfsport betrieben hatten, kollabiert waren.
    „Alles okay bei dir?“
    Shirin riss Arian aus seinen Gedanken, in denen er schon plante, alle Partygäste in bescheuerten Posen zu positionieren. Der da drüben könnte zum Beispiel dem Kerl neben ihm in der Nase bohren…
    „Klar“, antwortete der Sohn der Aletheia. „Bin zwar fast erwürgt worden, aber ansonsten geht es mir blendend. Könnte allerdings ein bisschen wärmer sein.“
    Shirin verzog ihre Lippen zu einem resignierenden Seufzen und mit einem Mal verlor sich sämtliche Anspannung aus ihrem Körper. Sie schien einige Zentimeter kleiner zu werden, was bei einer Riesin wie ihr- Sie war nur einige Zentimeter kleiner als Arian, und mit 1,85 überragte er die meisten anderen- deutlich auffiel. Das Mädchen schob sich die große, schwarze Brille auf ihrem Nasenrücken hoch und rieb sich dann über die nackten, kakaofarbenen Arme. Und plötzlich war sie wieder die alte, zurückhaltende Shirin, die Arian Tag für Tag sah.
    Sie fanden ihre Klamotten alle auf einem großen Haufen. Arian war froh, seine Jacke und seinen Schal überziehen zu können und zum ersten Mal auf diesem Trip streifte er auch Handschuhe und Mütze über. Shirin holte kurz das kleine Buch aus ihrer Innentasche, blätterte es durch und seufzte dann erleichtert und leicht lächelnd. Dann griffen sie sich die übrigen Jacken und Rucksäcke. Shirin wollte sich schon wieder zu Feliz und Levin aufmachen, aber Arian grinste nur.
    „Warte kurz. Da gibt’s noch eine Kleinigkeit, die ich holen möchte.“


    Als die beiden Halbgötter zum Rest der Gruppe zurückkehrten, waren die näher aneinander gerückt und zitterten wie verrückt. Feliz und Levin rissen ihnen schon fast ihre Klamotten aus der Hand und versteckten jeden Zentimeter ihrer Haut, den sie konnten, unter dicken Schichten aus Stoff und Strick.
    „W-Was ist m-mit der P-Prophezeiung?“, fragte Feliz bibbernd.
    „In meiner Tasche“, antwortete Shirin und klopfte, wie zur Bestätigung, auf den kleinen, rechteckigen Umriss über ihrer Brust, wo das Buch verstaut war. Gleichzeitig kramte sie in ihrem Rucksack und reichte ihnen allen einen kleinen, weißlich-gelben Würfel Ambrosia. Als Arian darauf herumkaute, wurde sein Körper warm und sein Kopf wieder wach und einsatzfähig. Der Geschmack von Karamell, Rum und dunkler Schokolade machte sich in seinem Mund breit. Es war der Geschmack der Pralinen, die sein Vater immer dann mitbrachte, wenn er einen Fall gewonnen hatte. Und obwohl er es ihm immer verboten hatte, hatte Arian doch immer ein oder zwei davon genascht. Ärger gab es nie.
    Mit einem Seitenblick sah er, dass Feliz‘ Gesicht wieder eine gesunde Farbe annahm. Die blutenden Wunden auf Levins Hand verschwanden nach und nach und zurück blieb nur noch eine verwischte, rötliche Färbung.
    Trotzdem dauerte es ein, zwei Minuten, bis irgendjemand etwas sagte.
    „Wir können sie nicht einfach hier liegen lassen“, murmelte Shirin mit einem Blick auf die schnarchende Menge.
    „Wir haben aber keine Zeit, zur Polizei zu gehen“, antwortete Levin und zog den zweiten Handschuh über.
    „Ich will nicht wissen, wie viele Monster wir durch diesen Kampf angezogen haben.“ Feliz Stimme war mehr ein gedämpftes Murmeln, denn viel verstand man durch den dicken Schal, der nur noch ihre Augen zeigte, nicht. „Aber wenn sie hier liegen bleiben, erfrieren sie.“
    Levin wollte etwas sagen, verstummte aber jäh, als Arian ein Smartphone aus seiner Jackentasche herauszog, es mit einem kurzen Wisch über den Touchscreen entsperrte, ein wenig darauf herum tippte und es sich dann ans Ohr hielt.
    Feliz sah alarmiert aus und wollte es ihm abnehmen, aber bevor sie nach dem Handy greifen konnte, knackte es am Ende der Leitung und Arian begann zu sprechen.
    „Ich möchte eine große Menge von bewusstlosen, leicht bekleideten Menschen im Park nördlich des Museum of Fine Arts melden.“
    Für einen kurzen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.
    „Bitte was?“, hörte er dann die deutlich irritierte Dame fragen.
    „Leicht bekleidete Menschen, etwa… einhundertfünfzig, würde ich sagen. Wenn sie länger hier liegen bleiben, dann werden sie wohl erfrieren, an ihrer Stelle würde ich mich also beeilen.“
    Ohne auf eine Antwort zu warten, drückte er auf den Button mit dem roten Hörer. Danach drehte er das Smartphone um, öffnete die Klappe auf der Rückseite und entfernte die Speicherkarte, der Rest wurde achtlos über seine Schulter ins Gras geworfen.
    „Ist das etwa…?“, fragte Feliz mit verdattertem Blick auf die Speicherkarte, die Arian mit einem gefährlich zufriedenen Grinsen betrachtete, als wäre sie ein Schatz und kein nur wenige Millimeter großes Stück Plastik.
    „Oh ja“, raunte der Sohn der Aletheia. „Ist es.“
    Doch bevor Levin und Shirin auch nur fragen konnten, sprang er auf, verstaute sie sicher in einem kleinen Fach in seinem Rucksack und sagte:„Wir sollten uns besser vom Acker machen.“
    Und gerade, als sie das Gelände des Parks in Richtung Straßenbahn verließen, hörten sie das Geräusch von dutzenden Sirenen, das durch ein nachtschwarzes Boston schallte.
    Arian konnte sich nur noch wenig daran erinnern, wie sie zum Bahnhof zurückkamen. Sie mussten die U-Bahn genommen habe, vermutlich von der Station vor dem Museum aus. Er erinnerte sich vage an Neon-Lichter, unbequeme, kotzgrüne Polster, an Levin und Feliz, die beinahe sofort, als das Rattern des Wagons einsetzte, die Augen schlossen und dann aneinander gelehnt vor sich hin dösten, an einige wenige andere Passagiere, die aber alle keine Gesichter zu haben schienen, und an Shirin, die ihm müde zulächelte und sagte, sie würde Wache schieben.
    „Ruh dich etwas aus“, wies sie ihn an und obwohl er genau wusste, dass es keine gute Idee war, sie alleine auf eine Gruppe von vier Halbgöttern aufpassen zu lassen, nickte er doch, legte den Kopf in den Nacken und spürte die Kälte des Plexiglasscheibe hinter ihm. Das Adrenalin in seinen Adern war komplett versiegt und jetzt rächte sich die Euphorie.
    Irgendwann kamen sie an und Shirin rüttelte ihn wach. Sie torkelten aus der Bahn heraus, einige Treppen hoch, aber wenn man ihn fragen würde, welchen Weg sie genommen hatten oder wohin so genau wollten, dann hätte er keine Antwort geben können. Arian erinnerte sich vage an den Geschmack von versalzenen Fritten und pappigen Burgern, daran, dass er das Lederportemonnaie aus seinem Rucksack holte und dem Typ hinter dem Tresen ein paar Scheine gab, ohne sie abzuzählen, wie sie sich in den grell erleuchteten Aufzug stellten, wie Shirin eine weiße Plastikarte an ein Schloss hielt, während die Truppe in einem Korridor stand, der unendlich lang schien und an jeder Stelle gleich aussah. Dann spürte er Stoff in seinem Gesicht, wie sein Bein über der Bettkante hing, als er bäuchlings darauf kollabierte, bevor er auch nur daran denken konnte, sich auszuziehen. Die Schwärze holte ihn ein. Er konnte nichts dagegen tun. Und er wollte auch nicht.


    Er wusste nicht genau, was ihn weckte. Das fade, graue Licht, dass durch die vergitterten Fenster des Zimmers schien, das Knarzen vom Bett neben seinem, als sich jemand hin und her wälzte auf der verzweifelten Suche nach einer angenehmen Schlafposition oder die Tatsache, dass ihn beinahe jemand erwürgte.
    Arian riss die Augen auf und bereute diese Entscheidung sofort. Seine Haut spannte und juckte und er hatte das Gefühl, als wären seine Augäpfel mit einer Portion von Partyqueen Bowle überzogen worden. Er versuchte, Luft zu holen, aber die Kissen in seinem Gesicht verhinderten jede Luftzufuhr. Als er sich aber umdrehen wollte, hielten ihn ein Paar Arme, die seinen Oberkörper in einem Zangengriff hielten, davon ab. Stattdessen drehte er also nur seinen Kopf und holte einmal tief Luft. Was war gestern noch gleich passiert?
    Es hatte seinen Augen offenbar nicht gut getan, dass er sie die ganze Nacht über ins Kissen gepresst hatte, denn gerade war alles fürchterlich verschwommen. Er sah nur Schemen.
    Die Mänade. Richtig. Sie hatten die Mänade gerade so getötet und dann… Keine Ahnung. Er erinnerte sich nicht an viel. Jetzt jedenfalls lag er im Bett. Und irgendwer hielt ihn fest.
    Langsam wandte er seinen Kopf nach unten und strich sich dabei die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sein Nacken knackte laut und er grummelte. Da hatten sie gestern die verdammte Mänade überlebt und jetzt war das Bett so unbequem, dass es ihm beinahe das Genick brach.
    Arian spürte, dass sich neben ihm etwas bewegte, doch bevor er groß schauen konnte, drückten die Arme gefährlich stark zu. Ihm entkam eine Mischung aus Würgen und Grunzen. Shit, jetzt würde also sein Rückrat auch noch dran glauben müssen.
    Er versuchte, die Arme von seinem Oberkörper zu lösen, doch als er das tat, schienen die etwas dagegen zu haben und bewiesen ihre Anhänglichkeit mit einem weiteren, heftigen Drücken. Okay, dachte er sich. Keine gute Idee. Er musste es also anders versuchen. Vorsichtig und langsam rutschte Arian ein Stück tiefer. Gerade jetzt konnte er noch nicht einmal sehen, wer die heftigsten Bärenumarmungen, die er jemals erlebt hatte- was genau genommen keine Kunst war, normalerweise umarmte ihn keiner- überhaupt austeilte. Er lag noch immer auf dem Bauch, was ihm langsam aber sicher ein flaues Gefühl im Magen verpasste und sein Sehradius war dementsprechend eingeschränkt. Zentimeter für Zentimeter rutschte er herunter, bis er die ersten, braunen Haarsträhnen sehen konnte.
    Arian wusste nicht, ob er lachen sollte oder nicht. Die Versuchung war groß, andererseits befand er sich in einer ziemlich beschissenen Lage, denn wenn Levin aufwachte, bemerkte, dass er Arian eine ganze Nacht lang als überdimensioniertes Stofftier zum Kuscheln benutzt hatte, würde er kaum zögern seinen Freund mit einem weiteren, festen Drücken endgültig zum Schweigen zu bringen. Die Gefahr war groß, es wäre dumm, sie einzugehen.
    Also fing Arian an zu lachen.
    Sein ganzer Körper bebte, das alleine würde Levin wohl schon dazu bringen, aufzuwachen, deswegen hielt er sich mit lautem Gelächter zurück, damit zumindest die Mädchen noch etwas länger im Land der Träume bleiben könnten. Nach zehn Sekunden hörte er ein gereiztes Stöhnen, dann Genuschele, das sich verdächtig stark nach „Nur noch fünf Minuten, Dad“, anhörte und schließlich öffnete Levin dann, deutlich gereizt, die Augen. Er starrte für eine kurze Weile mit Blicken des absoluten Todes Löcher Arians Körper, den er noch immer mit den Armen umschlang.
    „Guten Morgen“, raunte Arian zu und unterdrückte verkrampft weiteres Gelächter. Bisher hatte Levin noch nicht begriffen, was vor sich ging. Sein Gehirn arbeitete am frühen Morgen offenbar noch langsamer als sonst. Aber nicht mehr lange, und er würde-
    Ah. Na also.
    Da war es.
    Levins Augen weiteten sich. Er öffnete den Mund, machte damit einige Bewegung die wie Schnappatmung eines Fisches aussahen und dann fing seine rechte Gesichtshälfte an zu zucken.
    „Würdest du die Güte besitzen, mich jetzt wieder frei zu lassen?“, fragte Arian und seine Lippen bebten vor unterdrücktem Lachen.
    Levin gab einige unzusammenhängende Wörter von sich, begriff dann, was sein Freund gesagt hatte und nahm sofort den Arm von dessen Rücken herunter. Dummerweise war der zweite von Arians Körpergewicht eingeklemmt. Levin zerrte daran, geradezu hektisch, als würde ein unsichtbarer Countdown ablaufen und alles um sie herum in die Luft jagen, wenn er nicht schnell genug wäre. Mit einem kräftigen Ruck und indem Arian seinen Körper etwas anhob, rutschte Levins Arm heraus. Dummerweise war der Schwung dann doch etwas zu viel. Mit einem unterdrückten Quietschen schleuderte sich der Sohn der Iris selbst vom Bett herunter und knallte auf den hässlichen, senfgelben Teppich, die Beine noch immer über die Kante auf der Matratze liegend.
    „Shit!“, hörte Arian ihn vom Boden fluchen. Der Sohn der Aletheia drehte sich mit einem zufriedenen Seufzen auf den Rücken um, verharrte für einen Moment, weil seine Wirbelsäule ihn heftig bestrafte, und richtete sich dann auf, um nachzusehen, ob Levin blutete und damit die eventuell die Hoteleinrichtung ruinierte. Soweit er wusste, kostete sowas nämlich extra.
    Doch sofort, als er Arians Gesicht sah, vergrub Levin seines in seinen Händen. Zumindest versuchte er es, denn alles konnte er nicht abdecken, und der Teil glühte so stark rot, dass er mit Sicherheit im Dunkeln leuchten würde.
    „Weißt du-“, begann Arian, aber Levin schnitt ihm sofort das Wort ab.
    „Halt die Fresse.“
    „Ich meine ja nur-“
    „Ein Wort und ich schwöre, ich bringe dich um. Ich werde dir sämtliche Knochen brechen, dir die Haut abziehen und-“
    „Warum kuschelst du mich nicht einfach wieder zu Tode?“
    Levins Augen sprühten Funken und Arian überlegte sich für einen kurzen Moment, so zu tun, als wäre er eingeschüchtert, aber als er sah, wie seine Ohren noch ein Ticken mehr die Farbe von reifen Tomaten annahmen- beeindruckend, wozu menschliche Körper so alles fähig sind- entkam ihm nur ein grunzendes Kichern und ein breites, schelmisches Grinsen.
    Das gab Levin den Rest. Er nahm sich sein Shirt, zog es bis hoch über seinen Kopf und versteckte sich darin, als würde er damit plötzlich unsichtbar werden. Arian schmunzelte nur und fuhr sich durch die zerzausten Haare. Für einen Moment herrschte Stille, dann knarzte das Bett der Mädchen rechts von ihnen. Als der Sohn der Aletheia zu ihnen herüberschaute, sah er, dass Feliz und Shirin Stirn an Stirn direkt nebeneinander lagen, die Körper eingewickelt in der dünnen, weißen Decke. Beide atmeten ruhig und gleichmäßig und schienen von Levins unfreiwilligem Sturz nichts mitbekommen zu haben. Und selbst wenn sie jetzt aufwachten, würden die beiden mit Sicherheit keinen so großen Aufriss machen.
    Arian zog die Knie an und legte seine Arme auf sie, während er Levin beobachtete, der sich scheinbar weigerte, sich in irgendeiner Art und Weise zu bewegen oder anderweitig Lebenszeichen von sich zu geben. Es war schon irgendwo lustig. Seit er Levin kannte, gab der sich Mühe, erwachsen zu wirken. Immer gab er vor, dass er sich keine Gedanken machen würde, dass es ihn nicht kümmerte, was andere sagten, dass es ihm vollkommen recht war, alleine zu sein. Aber für Arian war es im wahrsten Sinne des Wortes schmerzhaft offensichtlich, dass er log. Levin war nicht erwachsen. Er war nicht gleichgültig, auch wenn er sich Mühe gab, zumindest so zu wirken. Aber selbst hatte er das offensichtlich noch nicht ganz kapiert.
    „Du benimmst dich wie ein Kind, Levin“, sprach er ihn an, seltsam tonlos. „Werd erwachsen.“
    „Halt die Klappe“, kam es nuschelnd vom Boden zurück.
    „Du tust ja gerade so, als hätten wir miteinander geschlafen.“
    Levin zuckte zusammen. Stille.
    „Sieh’s positiv. So nah warst du noch nie dran, mich zu erwürgen.“ Mit einem „Flop“ ließ Arian sich zurück aufs steinharte Bett fallen. Er streckte die Arme über seinen Kopf, bis sie die Wand berührten. Seine Beine hingen am Bettende herunter. Manchmal war es ganz schön beschissen, so groß zu sein. Seine Schulter knackte laut.
    Eigentlich war er ein Einzelgänger. Menschen logen einfach viel zu häufig und er war kein Masochist. Viel lieber blieb Arian zu Hause und ging seinen Kindermädchen aus dem Weg, die sein Vater für ihn engagierten, da er in einem Erziehungs-Ratgeber gelesen hatte, dass ein Kind eine Mutterfigur bräuchte, um vernünftig groß zu werden. Arian war sein erstes Kind, das irgendwann einfach in einem Korb in seiner Apartment-Wohnung in Memphis auftauchte, zusammen mit einem Brief von „Vera“- seine Mutter war offenbar nicht gerade kreativ, was Decknamen betraf-, mit der er vor einigen Monaten ein paar schöne Wochen verbracht hatte, in dem stand, dass- Überraschung!- er der Vater des Kindes sei und sich bitte darum kümmern solle.
    Sein Vater nahm es wohl nach einigen Stunden völliger Perplexheit mit Fassung und Arian würde lügen- und da er kein Masochist war, tat er das grundsätzlich nicht-, wenn er sagen würde, dass er ein schlechter Vater gewesen sei. Er hatte sich zumindest immer Mühe gegeben, Erziehung und Anwaltsdasein unter einen Hut zu bekommen. Nicht, dass sein Sohn es ihm großartig schwerer machte, als es sein musste. Mit sechs fragte er nach Privatunterricht, da er es Leid war, die typischen Flunkereien von den anderen Kindern immer wieder wie Messer in seiner Magengegend zu spüren. Er verließ kaum das Haus. Stattdessen vergrub er sich in seinem Zimmer und ließ sich von seinen Kindermädchen ein Buch nach dem anderen vorlesen, denn seine Legasthenie hielt ihn davon ab, es selbst zu tun. Seine Langeweile war allerdings stärker.
    Sie hatten nie eine wirklich innige Beziehung zueinander. Sein Vater war stolz auf ihn, dass er so wissbegierig war, aber auch besorgt, weil er sich weigerte, mit anderen Kindern zu spielen. Ab und an spielte er den Kindermädchen Streiche. Wenn sie ihm auf die Nerven gingen, sagte er gemeine Sachen, um sie loszuwerden. Er war gut darin, andere Leute zu durchschauen. Seine Fähigkeit half ihm dabei. Aber weil er selbst früh lernte, dass es noch viel schmerzhafter war, selbst zu lügen, blieb ihm nichts anderes übrig, als immer das zu sagen, was er dachte. Sicher hätte er schweigen können. Aber dazu hatte er ganz einfach keine Lust.
    Und dann, vor etwa einem Jahr, tauchte dieser Typ auf. Er stand vor der Tür zum Apartment seines Vaters, aber statt wie alle anderen Gäste nach einem Rechtsbeistand zu fragen, wollte der Kerl mit den blonden Locken, aus denen merkwürdige, bräunliche Dinger herausragten, zu ihm. Arian hatte weder ihn, noch den dauernervösen Jungen mit den seltsamen, regenbogenfarbenen Augen neben ihm jemals gesehen. Tja, und damit nahm alles seinen Lauf.
    Arian erklärte es seinem Vater, der schien nur wenig überrascht. Vielleicht hatte er von Anfang an gewusst, dass mit der Frau von damals etwas nicht in Ordnung war. Vielleicht hatte sie es sogar im Brief erwähnt. Oder vielleicht war es auch einfach die Tatsache, dass kein Erziehungsratgeber der Welt ihm erklären konnte, warum sich sein Sohn bei jeder Lüge vor Schmerzen zusammenkrümmt. Sein Vater ließ ihn gehen. Sie teilten eine merkwürdig steife Umarmung, aber kaum Worte. Und dann verschwand er mit den merkwürdigen Gestalten aus der Tür. Ohne jede Vorwarnung. Einfach so.


    Arian sah an die dreckig weiße Decke über ihm. Eine verstaubte Lampe baumelte davon herunter, die verblichenen Kabel wanden sich aus dem ausgefransten Loch darunter. Dieses Hotel war eine absolute Bruchbude. Bei jeder kleinen Bewegung knarzten die Betten, die Heizung unter dem vergitterten Fenster pfiff, jetzt, wo er darauf achtete. Hatten sie überhaupt ein Badezimmer? Zumindest gab es eine Tür, aber er war sich nicht sicher, ob er das Bad überhaupt sehen wollte.


    Warum hatte er sich eigentlich mit Levin angefreundet? Ihre erste Begegnung lief darauf hinaus, dass er für mehrere Tage nicht mehr mit ihm sprach und sämtlicher Augenkontakt aus tödlichen Blicken bestand. Arian konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, womit er ihn aufgezogen hatte. Vermutlich waren es seine Augen gewesen. Auf diese Art von Sprüchen reagierte er immer besonders heftig.
    Wann genau hatte Levin ihm das verziehen? Hatte er es jemals? Oder vielleicht gewöhnte er sich auch einfach nur daran, dass Arian ihn neckte. Vielleicht gab er sich mit ihm zufrieden, weil sie sich zumindest schon eine Weile kannten, bevor sie ins Camp kamen.
    Warum beschäftigte sich Arian noch mit ihm? Vielleicht, weil es niemals langweilig wurde, ihn zu ärgern? Ein ziemlich beschissener Grund. Aber vielleicht die Wahrheit. Eigentlich hätte er sich längst von Levin entfernen müssen. Der Sohn der Iris log verdammt oft. Ihn in der Nähe zu haben kam Masochismus gleich.
    Arian hatte sich diese Frage schon öfter gestellt, als er zugeben würde. Jedes Mal kam er zur gleichen Antwort. Nämlich keiner. Eigentlich war es Zeitverschwendung, darüber nachzudenken.


    Seine Haut juckte. Er griff sich an seinen Hals, wo vor ein paar Stunden erst die ekelhafte, sehnige Hand der Mänade gelegen hatte. Ein Schauer überkam ihn.
    Er musste duschen. Egal wie grässlich das Bad aussah, nichts war schlimmer, als den fürchterlichen Geruch und das Gefühl der gräulichen Haut auf seinem Körper weiter darauf kleben zu haben.
    Arian schwang sich hoch, setzte die Beine auf den Boden neben Levin, der sich noch immer kein Stück weiter bewegt hatte. Er griff nach seinem Rucksack, der achtlos gegen den Nachttisch geschleudert worden war und nahm sich die Ersatzkleidung heraus, die er sich gepackt hatte. Als er einen Fuß über Levins Körper setzte lugten seine Augen aus seinem provisorischen Shirt-Sichtschutz heraus.
    „Was tust du?“, fragte er.
    „Duschen“, antwortete Arian. „Willst du etwa mitkommen?“
    Erst lief er knallrot an, dann stierte Levin seinen Freund in Grund und Boden. Arian lachte nur, griff sich die Decke vom Bett und warf sie über Levin auf den Boden, ehe er im Bad verschwand. Das leise Zischen und die geflüsterten Morddrohungen hörte er schon nicht mehr.


    Zu sagen, dass er sich nach der Dusche wie neu geboren fühlte wäre etwas übertrieben gewesen, aber zumindest war der Duft von Alkohol, Blut und Verwesung dem von künstlicher Kamille gewichen. Wenigstens kleine Shampoo- und Duschgel-Tuben hatte dieses Drecksloch, und der Schimmelbefall war auch nicht so schrecklich, wie er angenommen hatte.
    Als er das Bad verließ, waren die Mädchen wach. Shirin lag noch im Bett, die Arme von sich gestreckt und mit einem Blick auf dem Gesicht, der seltsam weit weg schien. Feliz saß an einem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes und striegelte ihre Haare mit den bloßen Fingern. Levin hatte sich in einen Kokon aus Decken gewickelt, in den er sich tiefer verkroch, sobald er Arian sah. Er schaute düster, aber die rote Färbung in seinem Gesicht verriet ihn.
    „Guten Morgen!“, stieß Arian enthusiastischer aus, als es vermutlich angebracht war. Feliz sah kurz zu ihm herüber, gähnte und stieß ein genuscheltes „Morgen“ hervor, dann verschwand sie selbst im Bad. Stille kehrte im Zimmer ein.
    Arian ließ sich neben Shirin auf die Matratze fallen. Die zuckte kurz zusammen, schüttelte den Kopf, als wolle sie lästige Gedanken vertreiben und lächelte ihn dann mild und müde an.
    „Alles klar?“, fragte Arian. Shirin hatte gestern Nacht alle Verantwortung übernommen. Im Gegensatz zu ihm, Feliz und Levin hatte sie sich nicht kurz ausruhen können. Die dunklen Schatten unter ihren Augen waren ein Zeichen, dass das auch im Hotel nicht viel anders war.
    „Alles gut“, antwortete sie, aber ein Schmerz wie ein kurzes Zwicken ließ Arian zusammenfahren. So früh am Morgen war er nicht auf eine Lüge eingestellt gewesen. Shirin bemerkte es, zog die Schultern an und murmelte: „Entschuldige.“
    „Macht nichts. Ruh dich noch etwas aus. Bald sind wir wieder im Camp.“
    „Ja“, murmelte sie und lächelte die Decke über sich an.


    Nach und nach machten sich alle fertig. In der Zwischenzeit wurde geschwiegen. Levin kramte kleine Erbeertörtchen aus seinem Rucksack hervor und sie legten nach und nach allen Proviant zusammen, den sie hatten, setzten sich auf einen Stuhl oder das Bett und aßen wortlos. Shirin hatte das kleine Buch aus ihrer Jackentasche geholt und las darin, aber alle anderen hatten dafür keinen Elan. Gerade jetzt hatte selbst Arian kaum Lust darauf zu erfahren, in was für tödliche Umstände sie sich als nächstes begeben würden. Er wollte zurück ins Camp, etwas essen, das in ihm keinen Krebs auslöste und dann in sein Bett fallen, ohne befürchten zu müssen, dass man ihn am nächsten Morgen erwürgte. Es war beinahe acht, als sie endlich ihre Sachen zusammenpackten, die Tür hinter sich schlossen und die Schlüsselkarte an der Rezeption abgaben.


    Sie saßen sich im Zug wieder gegenüber. Levin saß am Fenster und starrte heraus. Die Wolken waren heute noch dichter als sonst und heraus lösten sich einzelne Schneeflocken. Shirin war in Gedanken versunken, aber las ausnahmsweise mal nichts. Feliz fingerte an ihrem Mediaplayer herum, hatte die Kopfhörer aber nicht im Ohr. Stattdessen runzelte sie die Stirn, zog die Beine hoch auf den Sitz und drückte sie mit ihren Armen an sich.
    Als Arians Blick auf ihren Mediaplayer fiel, erinnerte er sich an eine Kleinigkeit. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen.
    „Spielt der auch Speicherkarten ab?“, sprach er Feliz an, die einen Moment brauchte um zu begreifen, dass sie gemeint war.
    „Du willst doch nicht wirklich…“, begann sie, ließ den Satz aber mit einem trockenen Lächeln in der Luft hängen. Levin richtete sich etwas auf und betrachtete Arian argwöhnisch aus dem Augenwinkel. Er wurde immer besser darin zu erkennen, wann sein Freund etwas ausheckte. Der Schwarzhaarige griff nach dem Rucksack unter seinem Sitz, öffnete ein kleines Fach und zog die Speicherkarte hervor, die er hatte mitgehen lassen.
    „Oh Junge.“ Feliz starrte das kleine Stück Plastik an, offenbar hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Mitleid.
    „Was ist das?“, fragte Shirin und runzelte die Stirn.
    „Mein Druckmittel für die nächsten zehn Jahre.“
    Er überreichte die Speicherkarte an Feliz, die fummelte an einer kleinen Klappe seitlich ihres Player herum und schob sie schließlich in die Öffnung hinein. Es dauerte eine Weile, dann tippte sie auf den Tasten des kleinen Geräts herum.
    „Das willst du bestimmt auch sehen“, wandte sich Arian an Shirin. Sie drängten sich zu viert um das kleine Display. Als Feliz den Startknopf drückte, musste sie sich zusammenreißen, nicht zu lachen.


    Fünf Minuten. Der Kerl hatte Shirin und Levin fünf Minuten lang gefilmt, bevor Arian und Feliz sie aus diesem Spektakel absoluter Peinlichkeit gerettet hatten. Es dauerte zwanzig Sekunden, dann entglitten Levin die Gesichtszüge und er trat wieder die „Wenn ich sie nicht sehe, sehen sie mich auch nicht“-Taktik an, indem er seinen Schal bis über seine Augen hochzog. Dummerweise schützte ihn das nicht vor dem Finale.
    Selbst Shirin musste etwas kichern, als sie den Iris-Sohn lallen hörte. Sie nahm das Ganze erstaunlich gut auf, obwohl sie selbst keine großartig bessere Figur machte.
    „Tango?“, wiederholte Levin seine eigenen Worte mit einem Quietschen wie ein Pubertierender im Stimmbruch.
    „Tango“, bestätigte Feliz und sah mit einem amüsierten Lächeln weiter aufs Display.
    „Bringt mich einfach um“, stieß er tonlos aus. „Tut mir den Gefallen.“
    „Nichts da“, antwortete Arian und schlang seinem Freund den Arm um den Hals. Er protestierte nicht mal mehr. „Wir haben noch eine Welt zu retten, oder?“
    Es dauerte eine gute Stunde, bis sie Levin überredet hatten, den Schal wieder vernünftig anzuziehen. Sie zerstörten die Speicherkarte, was Arian recht gleich war. Er hatte ohnehin nur Levin und Shirin zeigen wollen, was darauf gewesen war und die Reaktion war so saukomisch, wie er es sich erhofft hatte.
    „Netter Einfall mit Everybody was Kung-Fu-Fighting, nebenbei“, wandte er sich dann an Feliz, aber die deutete nur zu Shirin herüber.
    „Es war ihre Idee.“ Die Zephyr-Tochter zuckte nur mit den Schultern und rückte sich unsicher lächelnd die Brille zurecht.
    „Woher wusstet ihr, dass es klappt?“
    „Wussten wir nicht“, gab Levin zurück. Er gab sich allergrößte Mühe, Arian nicht anzusehen. Stattdessen beobachtete er lieber wie zwei Regentropfen die Scheibe des Zugs herunter rasten. „Aber irgendetwas mussten wir doch tun.“
    „Wenn die Mänade die anderen und uns mit Musik kontrollieren konnte, dann machte es nur Sinn, dass das für uns auch galt. Die Musik an sich war ja vollkommen normal, es waren die Menschen selbst, die verzaubert waren“, erklärte Shirin und nestelte am Ende ihres geflochtenen Zopfs herum.
    „Wegen euch ist mein Kopf noch da, wo er hingehört“, zuckte Arian schließlich mit den Schultern. „Danke dafür.“
    „Gerade wünsche ich mir, dass wir es nicht mehr geschafft hätten“, raunte Levin vor sich hin, aber der kurze, stechende Schmerz in Arians Magengrube bewies das Gegenteil.


    Als sie nach gefühlten Stunden endlich am Busbahnhof von Manhattan ankamen, wartete dort schon der Lieferwagen. Vor ihm stand Argus, seine Botenmütze tief ins Gesicht gezogen. Als eines seine Augen auf die Gruppe der Halbgötter fiel surrte der Rest in die gleiche Richtung. Er nickte ihnen zu, öffnete die Seitentüren und verschwand dann selbst hinter dem Steuer. Sie hatten Chiron über eine Iris-Botschaft mit Levins hübschem, kleinen Stein darum gebeten, ihn vorbeizuschicken, da keiner von ihnen eine andere Idee gehabt hatten, wie sie sonst wieder nach Montauk kamen. Bestimmt gab es irgendwelche Busse, aber sie hatten gerade herzlich wenig Lust, sich darum auch noch zu kümmern. Feliz schniefte immer wieder und Arian selbst merkte, dass die Hitze ihm in den Körper stieg. Er wurde tatsächlich krank, und das trotz Halbgottblut und dem Würfel Ambrosia von gestern. Die Müdigkeit, Anstrengung und Kälte waren wohl selbst für Lebewesen mit göttlichem Anteil zu viel gewesen. Sobald sie wieder im Camp waren, würden sie alle zusammen die Apollo-Hütte aufsuchen und sich heilen lassen. Irgendeinen Vorteil musste dieser ganze Mist hier schließlich haben…


    Im Camp wurden sie schon erwartet. Nicht von den anderen Halbgöttern, wofür er recht dankbar war, sondern von Chiron und dem Orakel, die ihr flammenrotes Haar notdürftig mit einem Band im Nacken zusammengebunden hatte. Der Zentaur neben ihr sah etwas gepflegter aus, trabte aber unruhig hin und her, bevor er den Lieferwagen sah. Danach stampfte er nur noch auf der Stelle.
    Noch bevor sie selbst zum Türgriff greifen konnten, riss Rachel schon daran und schob sie auf.
    „Habt ihr sie?“, fragte das Mädchen und schaute den vier Halbgöttern der Reihe nach in die Hände, als dachte sie, sie hätten das Buch die ganze Zeit über daran getragen.
    „Rachel“, mahnte Chiron sie mit einem resignierenden Seufzen.
    „Richtig. Hups.“ Das Orakel fuhr sich durch die Haare, lächelte und probierte es nochmal. „Hallo. Willkommen zurück. Ihr seid unversehrt, wie schön. Habt ihr die Prophezeiung?“
    Feliz lachte leise und stieg aus dem Wagen aus.
    „Ja, wir haben sie“, schniefte die Apollo-Tochter. „Aber das Haupthaus ist ein besserer Ort für so eine Unterhaltung.“


    Sobald Shirin ihr das Buch überreichte, war Rachel in ihrer eigenen, kleinen Welt. Chiron dagegen ließ sich jedes noch so kleine Detail seit ihrem letzten Kontakt erzählen, was Feliz gerne übernahm. Einige kleine Dinge ließ sie aus, was Levin deutlich erleichterte, denn er wurde mit jedem Satz, den sie näher an die Tanzparty kam, ein Stückchen bleicher.
    „Eine Mänade also“, murmelte Chiron.
    „Keine gewöhnliche“, entgegnete Feliz dann aber und weckte damit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, minus Rachel natürlich. „Sie sah kaum mehr menschlich aus. Und sie roch nach Verwesung. Vier Pfeilspitzen aus Himmlischer Bronze haben sie kaum aufgehalten.“
    „Und sie war grau“, fügte Levin dazu. „Falls das etwas besonderes ist.“
    Chiron strich sich über den Bart, die Stirn in tiefe Falten gezogen. Sein Schweif peitschte hin und her. Arian sah in seine Tasse, die gefüllt war mit dampfendem Kakao. Dass die Mänade für gewöhnlich nicht so aussah, wie sie es erlebt hatten, war für ihn komplett neu. War Feliz deswegen so eingeschüchtert gewesen? Wenn ja, warum hatte sie ihnen nichts gesagt?
    „Mänaden unterstehen doch normalerweise Diyonisos, oder?“, fragte Shirin leise, starrte aber lieber in ihren Tee. „Warum hat sie uns dann angegriffen?“
    „Das an sich ist nicht zwingend ungewöhnlich“, antwortete Chiron und starrte Löcher in den Glastisch vor ihm. Er schien weit weg mit seinen Gedanken zu sein, aber gerade, als Feliz den Mund öffnete, um ihn anzusprechen, schüttelte er seinen Kopf und rief sich selbst zurück in die Realität.
    „Jetzt, wo der Kontakt zu den Göttern abgebrochen ist, werden auch die Lebewesen, die normalerweise gehorchen, wenn ihr Gott ihnen Befehle gibt, tun was sie wollen. Für Mänaden ist es nicht ungewöhnlich, zu feiern. Sie leben quasi dafür. Auch haben sie eine Vorliebe dafür, Menschen in Stücke zu reißen.“ Er sagte es, als wäre es etwas vollkommen Normales, oder, als würde er eine Vorlesung abhalten. Beiläufig, fast schon gleichgültig. Nein, das stimmte nicht ganz. Er war definitiv besorgt, nur eben nicht darüber. „Aber für gewöhnlich sind sie nicht grau. Und nach Verwesung riechen sie auch nicht.“
    „Was ist mit dem Zeug, das wir euch geschickt haben?“, klinkte Arian sich ein. Er hatte bis vorhin nicht einmal mehr daran gedacht, was genau sie vor ihrer kleinen Steal-and-Run-Einlage in Boston getan hatten.
    Chiron verharrte für einen Moment und blieb vollkommen still. Er sah ihnen der Reihe nach in die Augen als wolle er abwägen, ob es eine gute Idee wäre, ihnen eine Antwort zu geben. Dann seufzte er.
    „Erde aus dem Tartaros“, presste der alte Zentaur hervor.
    „Der Tataros?“, wiederholte Feliz und wurde deutlich bleich. „Aber… Aber wie…?“
    „Das wissen wir nicht“, antwortete Chiron mit einem düsteren Blick. Als er die Arme vor seiner menschlichen Brust verschränkte, zuckten die Muskeln.
    „Es sind aber nicht die Titanen, oder?“, fragte die Apollo-Tochter weiter.
    Die Titanen, hm? Arian hatte sich einige Dinge von den etwas älteren Hermes-Kindern erzählen lassen. Ein paar von ihnen hatten in den Titanenkriegen vor zwei Jahren den Olymp verteidigt. Viele waren dabei gestorben. Er selbst erinnerte sich nur daran, dass es einen heftigen Tornado gab, der für Chaos und Zerstörung sorgte. Damals wusste der Sohn der Aletheia noch nichts von dieser ganzen Göttergeschichte und dass der Tornado in Wirklichkeit ein gigantisches Monster war, das mal eben das Empire State Building zerstören wollte, weil es sonst nichts Besseres zu tun hatte.
    Chiron zögerte, aber jetzt schaltete sich auch Rachel wieder ein.
    „Das hier hat nichts mit den Titanen zu tun. Die sind erst einmal Geschichte.“
    Das schien Feliz ein wenig zu beruhigen. Doch als sie den Mund aufmachte, kam Chiron ihr zuvor.
    „Wir wissen noch nicht, womit wir es hier zu tun haben. Aber wenn unsere Gegner die Macht haben, Monster aus dem Tartaros zu entlassen, dann…“
    „Sind das ziemlich miese Neuigkeiten“, schätzte Levin mit nüchternem Tonfall.
    „Exakt“, bestätigte Rachel in einem für den Anlass viel zu fröhlichen Ton. „Und so, wie ich das sehe, hören unsere Probleme da noch nicht auf!“
    Chiron drehte sich zu ihr um und setzte zu einer Frage an, aber das Orakel klatschte nur in die Hände.
    „Für schlechte Neuigkeiten haben wir auch morgen noch Zeit. Geht euch erst mal ausruhen, morgen reden wir weiter!“
    Und damit war das Thema für Rachel Elizabeth Dare gegessen. Sie drückte das Buch aus dem Boston Museum an ihre Brust, drehte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort durch eine Tür. Für einen kurzen Moment herrschte Stille, dann seufzte Chiron und zwang sich zu einem Lächeln.
    „Ihr habt sie gehört. Ruht euch aus, das habt ihr euch verdient.“
    Als sie durch die Türe nach draußen traten und sich in Richtung der Hütten wandten war ihnen allerdings allen klar, dass sie sich nach so einer Nachricht mit Sicherheit nicht mal eben entspannen würden.
    Arian vergrub die Hände in den Hosentaschen und schaute in den Himmel, der noch immer genauso aussah wie vor zwei Tagen.
    Der Spaß hörte und hörte einfach nicht auf.




    @Katoptris

  • Hallo Cáith,


    ist ja schon eine Weile seit dem letzten Kapitel her, aber ich find's schon erstaunlich, wie schnell man wieder reinfindet. Und bevor man sich's versieht, sind die vier auch schon in einem Museum eingebrochen. Noch erstaunlicher ist da wohl die Tatsache, wie sie praktisch ohne Probleme genau wissen, wo sie hin müssen und wie die Vorgehensweise lautet. Gut fand ich mittendrin den Einwand, die Kameras mit der Jacke abzudecken, weil es so ein schöner Facepalm-Moment ist, der sicher nicht nur einem von den vieren entkam. Selbiges gilt für die Schlüssel, weil natürlich immer erst einer der letzten der Richtige ist, um ja viel Zeit zu vertrödeln. Es ist aber gut zu sehen, dass sie ohne Probleme wieder aus dem Museum entkommen konnten. Für den Leser wäre es nur hilfreich gewesen, wenn Shirin vielleicht ein paar Wortfetzen von dem erwähnt hätte, was sie in dem Buch gelesen hat. Immerhin ist es ja auch für den Leser interessant, was da eigentlich vor sich geht.


    Die anschließende Party fand ich unerwartet und im ersten Moment dachte ich noch an Sirenen, aber Mänaden (die kannte ich bis hier noch gar nicht) erfüllen den Zweck mit den Tänzen ziemlich gut. Vor allem die ausgelassene Stimmung zu Beginn hat ja vermuten lassen, dass sich jeder davon einlullen lässt. Und ausgerechnet Levin tappt immer wieder in diese Fettnäpfchen; bekomme da irgendwie das Gefühl, dass du ihm keine guten Momente gönnst, in denen er triumphieren darf (aber die Reaktion auf das Video war schon gut gemacht). Mir hat der spannende Kampf gefallen wie auch der Fokus auf Arian, den man bisher noch nicht so groß in Aktion gesehen hat. Seine Kampfkünste sprechen aber schon für sich und die Menge mit einem Lied quasi gegen die Mänade in den Kampf zu schicken war eine interessante Idee. Da war schon ein bisschen abzusehen, dass Feliz dahinter steckt, auch wenn es mich wundert, dass er in dem MOment nicht mal einen Gedanken dazu hatte, wer eigentlich singt. Zugegeben, er Arian hatte andere Probleme.
    Und insgesamt ist so viel passiert, dass ich gar nicht mal alles in Worte fassen kann. Witziges hat sich mit Spannendem abgewechselt und darüber hinaus gibt es ja nun auch einen Hinweis darauf, was eigentlich passiert ist oder vor sich gehen könnte. Aber ob wirklich alles so scheint, wie es ist? Ich freu mich auf die nächsten Kapitel.


    Wir lesen uns!

  • Hey, Cáithlyn !


    Ich hab mir mal ein bisschen deiner Percy Jackson-Geschichte gegönnt. Dein Schreibstil gefällt mir wirklich gut, du verstehst, spannend und unterhaltsam zu schreiben! Und die Handlung ist auch interessant. Die Gefahren für die Halbgötter, die normalerweise am Spielfeldrand stehen, scheinen ja sehr ungewöhnlicher Natur zu sein ... du scheinst eine sehr gut konstruierte Idee dazu zu haben, daher wäre es toll, wenn du weiterschreiben und uns daran teilhaben lassen könntest!


    Ein paar Dinge aus dem zuletzt erschienenen Kapitel hab ich mir notiert, die ich ansprechen wollte.



    Mich erinnert das Setting ehrlich gesagt ein wenig an ein Spiel. Einen Spinn-Off aus der God of War-Reihe, genauer gesagt "Chains of Olympus". Basically versucht Persephone darin, die Götter/die Welt zu vernichten, weil sie mit ihrer Existenz nicht mehr klarkommt ... ob hier ein unzufriedener und/oder verzweifeter Gott Schuld an den Geschehnissen sein könnte? Oder mehrere?


    Vielleicht bekommst du ja Lust, die Geschichte weiterzuschreiben. Viel Vergnügen auf jeden Fall bei den Projekten, die du anstrebst!


    lg


    ~Sheo