Sometimes

  • Hallo, meine lieben Leser!


    http://img714.imageshack.us/img714/5613/huschen.jpg


    Eine Kurzgeschichtensammlung wollte ich lange schon eröffnen. Jetzt wird es Zeit, damit mal anzufangen.
    Die meisten Geschichten schreibe ich im Unterricht und hier, für die Wettbewerbe im BB. Die sind meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit, um eine gewisse Themenvielfalt zu erreichen. Es ist mir eigentlich recht egal, welchen Platz ich dort erreiche, aber ich gebe natürlich mein Bestes. Mein Schreibstil orientiert sich oft am allgemeinen Fantasystil.


    Widmung:


    ~Für mein Tagebuch, dem ich all meine Gedanken anvertrauen kann~ und für den Schutz in der eisigen Nacht, den dein feuriges Herz mir gewährt



    Allgemeines:


    Damit das nicht zu Spam ausartet: Nicht weniger als drei Zeilen pro Post, sonst melde ich den Beitrag!
    Meine Lieblingsgenre finden sich im Bereich Fantasy, Science-Fiction und Drama, doch bei entsprechenden Ideen findet sich in diesem Topic bestimmt alles von Horror über Komödie bis zu Märchen. Ich hoffe, dass euch meine Geschichten erfreuen und ihr Spaß beim Lesen habt.
    Hinweis: Gedichte werde ich hier NUR posten, wenn ich das Gefühl habe, dass sie mir leidlich gut gelungen sind. (Was übrigens für 1 von 1000 gilt, also braucht Ihr in meiner Sammlung eher wenige zu erwarten.)
    Wer Probleme mit teils traurigen, manchmal auch grausamen Darstellungen hat, sollte seine Aufmerksamkeit einem anderen Topic widmen.


    Copyright:


    Das liegt natürlich hauptsächlich bei mir, Nintendo (Pokémonnamen und Orte) und den Bildurhebern. Wenn ich jemals andere Quellen benutze, werde ich dies anmerken.


    Eure Leandy


    Inhaltsverzeichnis: (folgt noch)



  • Ein sehr interessantes Thema, was du hier aufgegriffen hast.
    Die Grundaussage steht deutlich am Anfang und am Ende, womit die Geschichte eingerahmt wird und damit als abgeschlossen gilt, als feststehend und vollkommen. (Wenn man ein Gedicht schreibt und die erste und letzte Strophe denselben Inhalt haben, symbolisiert es den Kreis, der unendlich und vollkommen ist - auf deine Geschichte bezogen, würde meiner Meinung nach dasselbe gelten.) Auch wenn es ungewöhnlich ist, die Aussage so direkt hinzuschreiben - da sie bei Kurzgeschichten eigentlich in der Geschichte verborgen liegt - so denke ich doch, dass es hier ganz gut passt. Und ein schönes stilistisches Mittel ist es allemahl. :)
    Die Idee für die Geschichte ist schön ausgedacht und zeigt auch deutlich, welche Rolle der Mensch in der Welt spielt und welche die Tiere.


    Ein paar Verbesserungsvorschläge habe ich aber doch noch für dich und eine Frage.
    Du hast deine Kurzgeschichte sehr frei geschrieben, so wie man sie wohl auch jemand anderem erzählen würde. Ohne viel um den heißen Brei herum zu reden und ohne unnötige Beschreibungen. Kurz und knapp - das hat was. Ich hätte für so ein Thema eine "mystischere" Sprache gewählt und ein wenig geheimnisvoll erzählt. Die Tiere nicht genannt, nur beschrieben, so dass jeder sie sich selbst vorstellen, seine eigene Vorstellung aufbauen kann. Aber soetwas ist nicht zwingend notwendig, aber ich denke, dass es passender gewesen wäre. Jedoch muss ich auch sagen, dass deine Geschichte sofort verstanden wird, was bei meiner vielleicht nicht ganz so klar gewesen wäre - hätte ich soetwas geschrieben. :) Du hättest aber nicht schreiben brauchen, dass die Tiere sich am Ufer getroffen haben. Schließlich hat der Delphin magische Kräfte und bei so einer Art von Thema, ist es auch nicht unbedingt nötig sich an die Realität zu halten.^^
    Und nun zu meiner Frage: Warum ausgerechnet der Schneeleopard? Meiner Meinung passt er nicht ganz hinein, verkörpert er doch eigentlich das Eis, oder? Nun gut, ein Drache oder ähnliches wäre mal wieder typisch (klischeehaft) gewesen und so überrascht mich der Leopard ein wenig.

  • Ich denke, es ist wirklich ein wenig abstrakt geworden, vielleicht werde ich (wenn ich mit meinen ganzen anderen Geschichtchen) fertig bin, deine Idee noch einmal aufgreifen und einen eher mythischen Text erzählen.
    Ich wollte hier, dass es so wirkt, als hätte es damals eine mündliche Überlieferung gegeben, die alles ein wenig für die Menschen in Bilder gefasst hat.
    Wegen des Schneeleoparden... kA., warum ich den hineingeschrieben habe oO
    Ich finde dieses Tier nur sehr hübsch und majestätisch. Außerdem ist er vom Aussterben bedroht ;(

  • Abstraktes ist ja nicht schlecht und so abstrakt ist es ja gar nicht.^^
    Das mit der mündlichen Überlieferung ist ja auch eine sehr schöne Idee und passt sehr gut. Über einen mystischen Text würde ich mich auch sehr freuen. Den kannst du dann deinem ersten Text gegenüberstellen, das ein oder andere weglassen/anders schreiben/hinzufügen - mein Gedanke wäre dabei, dass es zwischen einem mystischen Text (,der eventuell irgendwo in einem Buch steht, oder in Stein gemeißelt ist) und der mündlichen Überlieferung einige Dinge gibt, die anders sind. Ist ja nichts ungewöhnliches und würde meiner Meinung nach die ganze Geschichte nocheinmal abrunden. Du musst es nicht machen, ist ja nur eine Idee meinerseits. :)
    Ich habe gar nicht daran gedacht, dass der Schneeleopard bedroht ist. Doch dann passt er natürlich auch sehr gut in die Geschichte hinein und mit seinem Tod natürlich auch als Mahnmal für die Zukunft. Als Stilmittel gefällt mir das sehr gut, dass er bedroht ist natürlich weniger. :/

  • So... jetzt kommt der versprochene mythische Part! (ufffff....)


    Elemente


    Griechische Säulen, von eingemeißelten Weinranken umschlossen, stützten die hohe, gewölbte Decke der Bibliothek. Neumodische Bücherregale in unauffälligen Farben wie weiß und grau bildeten enge, fast zwei Meter hohe Durchgänge.
    Dicke Lederrücken standen neben Taschenbüchern, Notizheftchen und einzelnen Pergamentrollen.
    Es roch nach frischem Holz, Reinigungsmitteln und altem Papier.
    Auf dem Tresen vorm Eingang konnte man Computer benutzen, um einzelne Bücher oder Themenbereiche ausfindig zu machen.
    Eine junge Frau stand gerade dahinter und erklärte einer ungeduldigen Kundin die neue Technik.


    Dennoch sah man in einem etwas weiter abgelegenen Bereich aufgeschlagene Wälzer auf dunklen Tischen liegen, teilweise in Vitrinen, die vor der schädlichen Luft und Sonnenstrahlung schützten.
    Jedem Besucher stach sofort ein rotgoldener Band ins Auge, dessen einzelne Seiten hauchdünn, fast transparent waren.
    Wer die schrägen, handgeschriebenen Buchstaben entziffern konnte, dem enthüllten sich auf den Seiten des Buches unbekannte Sagen und Mythen.
    Heute lag eine kurze Legende zuoberst, die mit einem wunderschön ausgeschmückten Titel die Augen der Leser auf sich zog.


    Regen fiel in dem Moment, als vor fünftausend Jahren die Erde aufbrach und glühende Lava aus ihrem Inneren spuckte. Erdbeben und Flutwellen zerrissen die wenigen menschlichen Siedlungen, die es damals schon gab.
    Die Tiere der Wüsten, Steppen und Wälder hatten die Katastrophen schon länger vorausgeahnt, und nur sie hatten die Macht, den kommenden Untergang der Welt zu verhindern.
    Denn ihnen wohnte noch die Magie inne, die in ihren Nachfahren längst verstummte. Sie wollten sich und den Menschen helfen, die Krisen zu überstehen, und taten alles für die Welt, in der sie lebten.


    Sobald sich das Land wieder beruhigte, die Vulkane und Meere ihren Zorn kundgetan hatten und das volle Maß der Zerstörung ersichtlich wurde, suchten die Tiere die Fähigsten aus ihrer Mitte aus, um sich zusammenzutun und das Land zu heilen.


    Vier Tiere, die ihre jeweiligen Elemente verkörperten, trafen auf diesem Schlachtfeld der ungezähmten Naturkräfte zusammen. Sie erkannten, dass sie als Individuen keine Möglichkeiten hatten, die Vernichtung einzudämmen.
    Also gaben sie ihre Körper aus, verbanden ihre Seelen in einem unglaublich lange währenden, anstrengenden Akt zu einer einzigen mächtigen Kraft und erschienen in der Gestalt eines wunderschönen, rein weißen Schneeleoparden mit hellen, silbrigen Schwingen.
    Wie man sich berichtet, spross unter dessen Tatzen frisches, dunkelgrünes Gras und frühlingshafte Blumen in allen Farben des Regenbogens.
    Wo er flog, klarte sich die Luft wieder auf und das Wasser, das er trank, wurde rein und sauber, wie es vor der Verseuchung gewesen war.
    Seine salzigen Tränen ließen das vorher blutrot gefärbte Meer klar und tief blau zurück, und durch einen Blick konnte der weiße Leopard die Wunden von Mensch und Tier heilen.
    Der Friedensbringer kam durch zerstörte Dörfer und gab den Menschen Lebensmut und Willen, noch einmal von vorne zu beginnen.
    Ein halbes Jahr lang reiste er der Spur aus Verwüstung und Chaos nach, bis er schließlich sein Werk getan hatte und alle Lebewesen gleichermaßen ihr Glück fanden.
    Der Schneeleopard legte sich nieder und wurde eins mit der Natur, die er geheilt hatte.
    Endlich.



    Ein sanfter Windstoß ließ die Seiten weiterblättern. Der Zauber der Geschichte verblasste. Die Legende hatte ein Ende. Der Leser kehrte zurück aus der Welt hinter den Seiten und wieder in seine eigene. Ob die Menschen etwas daraus gelernt haben? Wissen sie jetzt, wie wertvoll jedem Lebewesen unser kleiner blauer Planet ist? Die Zukunft wird es zeigen.

  • Hi


    Ich denke, ich werde gar nicht lange um den heißen Brei herumreden ;) Diese Kurzgeschichten waren wirklich sehr gut geschrieben und, was mich am meisten freut, ich habe nur einen einzigen Rechtschreibfehler gefunden (Also gaben sie ihre Körper aus, ... es muss natürlich auf heißen, kleiner Flüchtigkeitsfehler, mehr nicht wahrscheinlich). Aber erstmal zu der ersten Geschichte ...


    Elemente. Schon der Titel hört sich interessant an, ziemlich unscheinbar, um genau zu sein, und dennoch verbirgen sich hinter diesen Buchstaben eine lange Reihe verschiedenster Interpreationen. Und die, welche du gewählt hast, finde ich ganz besonders gelungen. Denn du verpackst die Hauptgeschichte ebenfalls in etwas Unscheinbarem, eine normale Bibliothek in der heutigen Zeit, ein paar alte Bücher. Da würde niemand auf die Idee kommen, dass ein Buch anders ist als die anderen, eine perfekte Tarnung. So nebenbei, diese Kurzgeschichte erinnert mich an einen Traum, den ich mal hatte: Ich träumte von einer unscheinbaren Bibliothek, doch hinter einem der Bücher befand sich das Tor zu einer anderen Welt, welche aus dem Gleichgewicht geraten war ... Als ich deine Geschichte gelesen habe, musste ich unwillkürlich daran denken :) Aber egal, weiter im Text: Auch deine Formulierungen finde ich sehr gelungen und es war, ich freue mich immer noch darüber, wirklich eine Wohltat für die Augen, keinen einzigen Rechtschreibfehler zu finden, bis auf den einen (hier sei anzumerken, dass sogar schon in Büchern Rechtschreibfehler zu finden sind ... einfach schrecklich). Dazu noch diese schön umwebten Sätze, der perfekte Inhalt, eine grandios erzählte Geschichte, und ich habe Lust, sie immer und immer wieder zu lesen. Und auch das Ende der Kurzgeschichte finde ich sehr gelungen, unscheinbar und schlicht fing es an, und genauso hörte es auch auf. Doch das Wichtigste ist meiner Meinung nach eindeutig die Moral von der Geschichte: Wir sollten uns mehr um unseren Planeten kümmern, wir sollten nicht tatenlos zusehen, wie er Stück für Stück zerstört wird, sodass am Ende nur noch die Natur alles retten kann. Und das führt mich zu einer weiteren Überlegung: Spielt diese Geschichte in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Eigentlich tendiere ich eher zu Zukunft, schließlich hat es erst vor ein paar hundert Jahren mit der "Verseuchung" der Erde angefangen. Ein anderer Teil von mir jedoch tendiert zu der Vergangenheit, aber auch zu der Gegenwart. Schließlich muss man die Geschichte nicht nur auf die Natur beziehen, vielleicht geht es ja auch um Menschlichkeit ...? Wie auch immer, du hast einem mit dieser Geschichte auf jeden Fall Stoff zum Denken gegeben und ich mag sie wirklich sehr.


    So, ich denke aber, dass ich die andere Kurzgeschichte wann anders kommentieren werde, schließlich will ich dich nicht mit meinen Meinungen, etc. zumüllen ;) Ich hoffe aber auf jeden Fall, dass du weitere Kurzgeschichten schreibst und ich werde sie alle mit Freuden verfolgen.


    lg, Tears

  • Ich bin ein ewiger Weltverbesserer... Ich kann nix daran ändern. Viel Spaß beim Lesen... Lehnt euch zurück und genießt meine nächste Kurzgeschichte:


    Telling the reasons for living


    Es ist dieser Moment. Winzige Eiskristalle überziehen das Glas des Fensters. Die Stille ist erfüllt von jenen leisen Augenblicken, die schon immer viel zu schnell vorübergehen.
    Warme Sonnenstrahlen lassen jede einzelne Schneeflocke schimmern wie einen kostbaren, zarten Diamanten.
    Auf der Uhr an der orangefarbenen Wand streichen die Sekunden vorbei. Ein Windhauch lässt Schnee vom Dach und den Ästen der Bäume rieseln. Beete, Büsche und Hecken liegen unter der weißen Pracht begraben, während die Knollen der Pflanzen sehnsüchtig auf den Frühling warteten, auf den Moment, in dem sie ihre zarten, grünen Köpfe aus der gefrorenen Erde strecken können.
    Ein zitternder, aufgeplusterter Spatz sitzt auf der Fensterbank und drückt sich nahe an das Wärme ausstrahlende Glas.
    Ein Falke fliegt oben in den Wolke, die Flügel ausgebreitet, als wollte er damit die ganze Welt umarmen. Mancher Mensch wünscht sich, er könnte die Freiheit ebenso genießen, vielleicht, um dem Leben und seinen zweifelhaften Qualitäten einen Schritt voraus sein zu können. Alles wird durchgeplant: Schule, Studium oder Ausbildung. Im Endeffekt nimmt dann das Schicksal alles in die Hand. Man kann niemals vorausahnen, was kommen wird, aber wir nehmen alle Erinnerungen mit, positive wie negative. Was wir mit anderen Menschen teilen, Hoffnungen, Gefühle, Weltanschauungen, Hobbys… Das ist es, was verbindet. Und Liebe ist für viele das, was für viele Menschen ihr Leben lebenswert macht.
    Kommt man ohne dieses Gefühl aus? Niemals, sagt das Herz. Vielleicht, meint der Kopf.
    Es ist fast unmöglich, stellt man später fest.
    Das Leben ist hart, für jedermann, egal aus welcher Region der Welt er kommt, wie viel Geld er hat oder was es sonst noch alles gibt. Jeder Mensch hat seine eigenen Probleme, ohne die er vielleicht viel glücklicher sein würde. Aber wie sinnvoll ist es, sich in diese hineinzusteigern? Verliert man dabei den Verstand?
    Niemand kann das Leben an sich genießen, jeden Atemzug in vollen Zügen auskosten. Dennoch sollten wir es versuchen und lernen, einen inneren Frieden zu finden. Sich nicht aus der Welt zurückzuziehen und seinen Mitmenschen zu helfen, ist auch wichtig. Einsam ist man nicht glücklich, denn jeder Mensch braucht Freunde und das Gefühl der Geborgenheit.
    Wir müssen weitergeben und teilen, was wir bekommen. Gutes tun, um selbst Gutes zu erfahren. Und dem Schrecken des Alltäglichen seine Macht nehmen.
    Unter der schützenden Schneedecke wächst eine neue Blume heran. Später werden ihre Samen vom Wind hinweg getragen und entdecken die Welt. Vielleicht werden sich darüber wundern, was für ein unglückliches Völkchen wir Menschen sind. Und warum wir nicht merken, dass Leichtigkeit und Liebe alles ins Gute wenden kann.



    Greetz (and: think positiv! 8-) )

  • So, dann komme ich mal zu deiner neuesten und zu der Kurzgeschichte Undefinierbar. Insgesamt denke ich, dass man diese beiden Geschichten sehr gut zusammen bewerten kann, denn beide haben etwas damit zu tun, wie Menschen ihr Leben leben. Und bei beiden habe ich zudem das Gefühl, dass du deinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf gelassen hast, du hast aufgeschrieben, was dich beschäftigt, und es philosophisch begründet. Aber zuerst einmal zu deiner ersten Kurzgeschichte, Undefinierbar ...


    Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass diese Geschichte mich nicht so angesprochen hat wie die beiden anderen. Sie erscheint mir so, als ob du zwischenzeitlich nicht wusstest, was du schreiben solltest und deshalb irgendetwas, was zum Thema passt, geschrieben hast (das ist keineswegs schlecht, ich selbst mache das immer und immer wieder). Aber auch wenn es meiner Meinung nach diesen kleinen Makel gibt, ist doch der Inhalt der Kurzgeschichte umso besser. Du beschreibst, dass das Leben einfach so an uns vorbeizieht, dass wir immer nur nach Jahreszahlen leben und dass wir uns fragen sollten, ob wir in der Zeit, in welcher wir leben, Dinge tun, die uns glücklich machen ... Ich finde, das ist ein sehr schönes Thema, man kann sehr viel darüber nachdenken und mich beschäfigt dieses Thema auch seit ein paar Wochen (vor allem seit ich gelesen habe, dass die Zeit einem immer kürzer vorkommt, was leider stimmt ...). Du hast dir anscheinend wirklich Gedanken darüber gemacht und wer weiß, vielleicht kann man manche Sachen ja nicht in Worte fassen ;)


    Und nun zu deiner neusten Geschichte, Telling the reasons for living. Schon der Gedanken macht einen aufmerksam und es ist wieder ein sehr interessantes und philosophisches, welches du gewählt hast. Der Sinn des Lebens ... auch bei dieser Geschichte hast du offensichtlich deinen Gedanken freien Lauf gelassen und niedergeschrieben, was dich beschäftigt. Allerdings gibt es auch hier etwas, was ich zu bemäkeln habe: Ich finde, die Geschichte ist etwas unübersichtlich. Man versteht nicht ganz, was du einem mitteilen willst, in einem Moment sprichst du von Freiheit, im nächsten von Liebe und ich habe nicht ganz den Zusammenhang zwischen den ganzen Sachen verstanden (was aber auch an dem Umstand liegen könnte, dass es 11:oo abends ist ;) ). Wie auch immer, an sich ist die Wortwahl aber auf jeden Fall wieder gut und was mich besonders anspricht ist, dass du wieder ein ähnliches Schema wie am Anfang benutzt hast: Der Anfang und das Ende sind fast gleich, es beginnt und endet mit einer Blüte und dem ganzen wird so etwas unscheinbares, aber auch mystisches verliehen. Aber etwas positives ist mir auf jeden Fall wieder aufgefallen: Deine Rechtschreibung und Grammatik. Ich kann gar nicht oft genug sagen, dass ich es liebe, wenn ein Text voller richtig gesetzter Kommas und gut benutzten Genitiven ist :)


    So, das soll es aber auch gewesen sein. Es tut mir leid, dass der Kommentar nicht so lang wie der davor ist, obwohl ich dieses Mal zwei Kurzgeschichten kommentiert habe ... Wie dem auch sei, ich hoffe, dass bald die nächste Geschichte folgt und ich freue mich schon darauf, sie zu lesen ;)


    lg, Tears

  • Hallo ^^ Ich meld mich mal wieder zurück, mit meiner Kurzgeschichte vom Geister- FS- Wettbewerb, wo ich, mit noch jemand anderem, den ersten Platz belegt habe.
    Ich bin damit nicht wirklich ganz und gar zufrieden, aber was soll´s... Mit dieser Wortbegrenzung hatte ich wirklich zu kämpfen :thumbdown:


    http://img535.imageshack.us/img535/8114/ghostk.jpg


    Unvollkommen



    Fahles, bläulich schimmerndes Mondlicht schien auf die Blätter am Waldboden und durchdrang die Finsternis am Fuße der riesigen Nadelbäume.
    Ein kühler Wind strich über die moosbedeckten Stämme vom Sturm entwurzelter Kiefern, kräuselte das ruhige Wasser eines Gebirgsbachs und formte das knöchelhohen Gras draußen auf der Ebene zu raschelnden Wellen.
    Hier, in dieser Nacht, ruhte das Leben. Füchse schliefen wohlbehalten in ihrem Bau, Mäuse kuschelten sich unter das Laub. Selbst die Tiere der Dunkelheit waren noch nicht erwacht, jene leisen, tödlichen Räuber, deren angestammter Platz die Nacht war, denn sie fürchteten das Licht des Mondes.


    Wahrscheinlich war Ich das einzige Wesen, das heute hier einsam durch die Wälder streifte. Denn der Tod und seine Geschöpfe schlafen niemals.
    Ein Nebelschleier legte sich über den schnell fließenden Bach, der meinen Weg kreuzte, silbrig schimmernd wie eine endlose Schlange aus geschmolzenem Metall.
    Ich sah in das Wasser, um wie so oft mein Spiegelbild zu betrachten, und fand es so wie immer:
    Ein weißer, muskulöser Puma mit tiefschwarzen Augen blickte zu mir hoch.
    Der Wind ließ meine Gestalt verschwimmen, während ein unheimliches Licht, ähnlich dem der Sterne, mein Fell umspielte.
    Es hatte sich nichts verändert. Seit tausenden von Jahren blickte ich nun in diesen Bach, und es hatte sich immer noch nichts verändert.
    Ich streifte unter den Mammutbäumen hindurch, die ich schon vom Sprössling an begleitet hatte, und wusste, dass ich keine Wahl hatte, als mich in mein Schicksal zu fügen.
    Ich als Wächter des Waldes, als Heiler der Seelen.
    Konnte meine jemand retten? Ich rief es in die Nacht hinaus, aber aus den Schatten kam keine Antwort. Niemand kam, um mir die Bedeutung des Lebens zu erklären. Was nutzte der andauernde Kampf, wenn am Ende niemand als Sieger daraus hervorgehen konnte? Warum strebte jeder nach Perfektion? Alles war unvollkommen. Weshalb akzeptierte das niemand?
    Die Zeit hatte, wie vieles andere für mich, keine Bedeutung mehr.


    Schon lange hatte ich gelernt, meinen Körper aufzugeben, ihn in der irdischen Welt zurückzulassen und durch Raum und Zeit zu reisen.
    Meist verzichtete ich darauf, denn solche Ausflüge kosteten sehr viel Kraft, und es gab keine Garantie, dass ich wieder ins Jetzt zurückkehren konnte.
    Aber wenn ich mich daran erinnerte…
    Es war tatsächlich etwas Besonderes in meinem Dasein, das es wert war, dafür Risiken einzugehen. Wenn man in den letzten Frühling zurückkehren konnte, überstand man jeden Winter.
    Das fröhliche, hoffnungsvolle Wesen der Tiere hier in den Wäldern erhellte tags die Erinnerungen an die trüben, einsamen Nächte.
    Ich musste sie beschützen, das war meine Aufgabe, schon seit ewigen Zeiten. Ich reiste durch die Jahre und durfte meist doch nur zuschauen.


    Der Wind verstärkte sich, während die Zweige der Bäume raschelten und die Blätter in den Böen zu tanzen. Ein kühler Hauch ließ mich schaudern. Schnuppernd hob ich den Kopf und bemerkte sofort, dass Regen in der Luft lag. Oben am tiefschwarzen Himmel dräuten Wolken heran und verschluckten das restliche Licht des Mondes. Noch ehe die ersten Tropfen fielen, hallte der Donner, als würde eine mythische Gestalt auf die Felsen einhämmern und mit Gewalt riesige Stücke aus dem Berg brechen.
    Kaum zwei Minuten später brach das Wüten der Natur endgültig los. Kaskadenartig ergoss sich der Regen über den Wald, und alsbald klebte das Fell kalt an meinem Rücken.
    Ich zog knurrend die Schultern ein und legte genervt die Ohren an.
    Die Dunkelheit vertiefte sich, während ein grausam peitschender Sturm die Kiefern unerbittlich zur Seite drückte. Tiefe Pfützen bildeten sich in den wenigen geschützten Kuhlen am Erdboden.
    Ich setzte mich unter den gewaltigen Stamm eines Mammutbaumes und beobachtete lange, wie Blitze am Himmel von einer Wolke zur Nächsten zuckten.


    Ein grell Weißer schlug in einen Höhenzug nicht weit entfernt ein.
    So, wie es jetzt aussah, konnte der Sturm noch einige Zeit dauern.
    Verfluchtes Nordamerika, dachte ich und machte es mir unter einer Wurzel des Baumes bequem, die gewölbt in die Luft ragte und so einen sicheren Platz gegen die Flut bot.


    Ich legte die Pfoten übereinander und schaute den Tropfen beim Fallen zu.
    Draußen tobte der Wind unvermindert weiter, Donner hallte von der einen Bergflanke zur Anderen, und immer noch trommelten große Hagelkörner auf die Steine.
    Ich schloss die Augen, und selbst wenn ich niemals schlafen konnte, so drifteten meine Gedanken dennoch in die Ferne ab, ich sehnte mir den Tag entgegen, den Moment, wo ich wieder die aufblühenden Blumen auf der Ebene sehen und die Nacht hinter mir lassen konnte.
    Es juckte mir in den Fingern, einfach durch die Zeit zu reisen, aber ich durfte meine Fähigkeiten nicht wahllos gebrauchen, denn das war es, was mich von den anderen, seelenlos gewordenen Geistern unterschied.
    Zwei weitere Stunden später ließ es endlich ein wenig nach.
    Ich schüttelte mich und tapste benommen aus meinem Versteck. Zum ersten Mal drang ein Lichtstrahl der Sterne durch das Blätterdach.


    Bald würde der Morgen anbrechen, der Horizont färbte sich schon langsam heller.
    Ich atmete tief ein und genoss die Stille, die sich über den Wald gelegt hatte. Nachdem das Gewitter weiter gezogen war, lebte die Natur wieder auf und erwachte aus ihrem nächtlichen Schlaf. Tautropfen überzogen das Moos auf den Bäumen, die Luft roch nach frischem Gras und Tannennadeln.
    Ich saß einfach nur da und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter den Bäumen auftauchte und ihren rosigen Schein über die Welt legte.
    Plötzlich und völlig unerwartet drang ein leiser, erschöpfter Ruf an meine Ohren, weshalb ich mich schnell umdrehte und mit großen Augen nach dem Ursprung des Schreis suchte.
    Ein kleines Füchschen trottete müde aus einem Dornbusch heraus, das Fell voller Stacheln.
    Erstaunt beobachtete ich, wie es den Kopf langsam hob und dann, als es mich erkannte, erleichtert auf mich zu kam.
    “Rhydian!”, sagte der kleine Fuchs und hoppelte einige Meter näher.
    Besorgt musterte ich ihn. “Was ist denn passiert?”
    Er tapste auf der Stelle umher und sah einem Schmetterling hinterher.
    “Sag schon”, forderte ich ihn sanft auf und hockte mich hin, sodass ich mit dem Fuchs auf Augenhöhe war.
    “Ich hab mich verirrt”, gestand er und fuhr fort: “Bei dem Sturm. Da waren plötzlich so seltsame Schatten unter den Bäumen, und meine Mutter hat gesagt, wir sollten abhauen.”
    Vielleicht Wölfe, dachte ich bedrückt und stupste mein kleines Findelkind in die Seite. “Wir finden sie schon wieder. Wo sind denn deine Geschwisterchen?”
    “Weiß nicht”, erklärte das Füchschen und blickte sich nervös um. “Ich hab Angst bekommen und bin einfach fortgelaufen. Aber… Rhydian?”
    Die letzten Worte hatte ich nicht mehr mitbekommen. Ich schickte meine Sinne auf die Suche nach den Vermissten, schloss die Augen und folgte in Gedanken den Spuren der Füchse.
    Das war mehr als eine einfache Konzentrationssache. Als Geist verfügte ich zwar über gewisse Fähigkeiten, aber schwierig war es jedes Mal wieder.


    Endlich hatte ich sie entdeckt. “Komm mit”, rief ich dem kleinen Fuchs zu und sprintete los. Meine Füße folgten einer deutlichen Linie, die ich in Gedanken gezogen hatte, und die mich zu einer einsamen kleinen Lichtung führen würden. Nach zwei Minuten nahm ich das Füchschen auf meinen Rücken und flog regelrecht durch die Luft. Vielleicht kam ich zu spät.
    Oh bitte, ich musste es schaffen, denn ich spürte auch eine dunklere Gegenwart, die nichts Gutes bedeuten konnte. Je näher wir kamen, desto klarer sah ich im Geiste die Umrisse dreier Wölfe vor mir, die eine kleine Gruppe Füchse umkreisten.
    Verdammt.
    Mit einem gewaltigen Satz brach ich durch das Unterholz, hinaus auf die Lichtung, und spürte, dass es zumindest für einen von ihnen zu spät war.
    Der Fuchs auf meinem Rücken begann, zu wimmern und krallte sich in mein Fell, während ich langsam den Blick zur Seite wandte und sah, wie die Wölfe ehrfurchtsvoll vor mir zurückwichen.
    Eigentlich griff ich niemals in den ewigen Kreislauf ein. Fressen und gefressen werden, so lautete das immer wieder zitierte Gesetz.
    Die drei Raubtiere warfen einen misstrauischen Blick auf mich und verschwanden dann in den Schatten.
    Bedächtig schritt ich auf die vor Angst zitternden kleinen Füchschen zu, die am Boden kauerten und sich um den Körper ihrer toten Mutter geschart hatten.
    Ich spürte meinen Begleiter von seinem Sitzplatz springen, fassungslos und unsicher auf den Beinen wie ein junges Reh.
    Mühsam setzte ich mich neben sie, begutachtete, plötzlich traurig geworden, die lange, blutende Wunde, die sich über die Seite der Füchsin zog, und bedauerte, dass ich nicht früher gekommen war.
    Eine halbe Ewigkeit später fragte ein sehr junger Fuchs mich mit rauer Stimme: “Rhydian, kannst du nichts tun? Kann sie ein Geist werden?”
    Ich starrte ihn an. Sollte ich? Schließlich stand es mir frei, ihre Seele nun an die Welt zu bannen.
    “Ich tue es”, sagte ich mit belegter Stimme, und beugte mich über den reglosen Körper der Füchsin.
    “Erwache”, befahl ich. “Bleib bei uns.”
    Ich fing ihren Geist auf, schloss ihn wieder in sein irdisches Gefäß ein und schloss die Augen, als eine Welle aus Erschöpfung über mich hereinschlug.
    Ein silberner Schleier wehte durch die Luft und hüllte den toten Fuchs ein. Mit einem Seufzen regte er sich und hob den Kopf.
    “Guten Morgen, meine Liebe”, begrüßte ich sie sanft.
    “Rhydian… Ich glaub´s nicht!” Sie blickte an sich herunter und bemerkte, dass sich ihr früher rötliches Fell komplett weiß gefärbt hatte. Die Füchse drängten sich um ihre Mutter.
    “Danke”, sagte sie.
    Und so blickten nun zwei Wächter dem neu beginnenden Tag entgegen.


    Seht ihr, was ich mit dem Ende gemeint habe? Zuuu kurz.


  • Reptain, Teil I: ~Die Träne der Finsternis~


    Diese Geschichte gehört eigentlich in den Pokémon Mystery Dungeon Bereich, aber dafür ist sie ein bisschen zu kurz, deshalb habe ich sie aus der Versenkung geholt und hier gepostet.
    Der Titel ist vielleicht. ein bisschen blöd gewählt, aber mir fällt nix ein; Vorschläge dazu könnt ihr gern machen.
    Die Idee zum Inhalt ist mir eigentlich erst nach und nach gekommen, ich habe einfach so drauf los geschrieben, aber ich weiß nicht, in wie weit man das bemerkt. Ich habe vor allem Wert gelegt auf die Ausführung der Charaktere, als kleine Übung sozusagen.



    Die Sonne brannte heiß auf der Haut der wenigen Reisenden, die sich hierher, direkt in die Wüste, verirrten. Kaum ein Lebewesen war zu sehen, doch zu den Abendstunden, wenn der Sand abkühlte, würde sich das ändern.
    Dann kamen die Skorglas aus ihren Höhlen, in denen sie den Tag verbrachten, und giftige Skorpione schälten sich aus dem Sand, um ihre nächsten Opfer zu suchen.
    Aber noch war es Nachmittag, und seit die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, war die Temperatur kaum gesunken.


    Zwei Meilen von den unwirtlichen Dünen entfernt döste ein Reptain im Schatten der Oasenbäume, eingeschläfert vom gemächlichen Tröpfeln des Wassers aus der Quelle.
    Eine Bewegung am anderen Ende des Wasserlochs ließ ihn sekundenschnell aufspringen und wachsam seine Umgebung betrachten, und Reptain behielt recht:
    Dort stand ein Pokemon, was schon ungewöhnlich genug war, wusste doch kaum jemand von der Oase. Reptain ahnte, dass es sich um einen Wüstenbewohner handeln musste. Tatsächlich war es ein Sandamer, das ihn da aus misstrauischen Augen beobachtete, und er näherte sich ihm langsam, um zu zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausginge.
    „Du?“ fragte das Sandamer plötzlich überrascht und machte einen Schritt vorwärts. Jetzt, wo es aus dem Schatten getreten war, erkannte Reptain die lange Narbe an seinem Hals und hätte fast gelacht.
    „Na, da sieht man es mal wieder! Dich wird man nie los!“ ausnahmsweise klang aufrichtige Freude aus seinen Worten, denn er hatte das Sandamer als alten Freund wiedererkannt.
    Es antwortete: „Von wegen! Du machst doch hier ein Nickerchen, nicht ich!“
    Reptain runzelte die Stirn. „Hast du die Oase gepachtet? Oder läuft hier sonst immer deine neue Flamme herum?“
    „Pff. Du hast dich nicht verändert.“ Sandamer musterte ihn besorgt. „Immer noch die gleichen mürrischen Blicke. Ist was passiert?“
    „Allerdings! Ich wurde gerade geweckt!“ knurrte Reptain gespielt.
    „Aber sonst?“
    „Nichts sonst. Frag nicht, was ich hier mache, das übersteigt selbst mein Vorstellungsvermögen. Ich glaube, das Leben in der Gruppe ist mir auf die Nerven gegangen.“
    „Wer war denn sonst noch dabei?“ Sandamer scharrte mit den Krallen im Sand.
    „Lohgock - du kennst ihn ja - und unser kleiner Schützling Panflam. Sonst niemand. Die beiden dürften fünfzig Meilen von hier entfernt in Leon übernachten und mich wahrscheinlich gerade suchen.“
    Sandamer schnaubte. „Du hast ihnen vor deiner… wie mag man es nennen, Flucht in die Wildnis nicht gesagt, dass du für ein paar Tage verschwinden wirst?“
    „Warum auch? So haben sie wenigstens etwas zu tun und sterben nicht vor Langeweile, wie es mir gegangen wäre. Ich an ihrer Stelle würde mich freuen.“
    „Leon ist nicht gerade langweilig.“
    „Nein. Es tut nur so.“ Reptain schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, was mit mir los war, aber ich musste da weg. Vielleicht kehre ich heute um.“
    „Komm doch kurz mit mir. Larvitar, Hippopotas und die anderen hängen irgendwo in der Nähe herum. Wir können alte Geschichten austauschen.“
    Reptain krächzte. „Das wird mir zu staubig. Aber, hmm…“ Er schien zu überlegen. „Kann Hippopotas immer noch so gut mit den kargen Wüstenfrüchten umgehen? Du weißt, mein Magen…“
    „Alles klar.“ sagte Sandamer resignierend. „Sie sind bei den Felsen im Westen.“


    Sie machten sich auf den Weg. Sandamer plauderte unterwegs, aber Reptain hörte ihm nicht zu, bis zu dem Punkt jedenfalls, an dem er sagte:
    „Erinnerst du dich noch an den Winter vor zwei Jahren?“
    „Nein… Unerfreuliche Ereignisse pflege ich aus meinem Gedächtnis zu löschen. Was genau meinst du? Eigentlich ist ja eine ganze Menge passiert.“
    Reptain blinzelte gegen die starke Sonne und schüttelte den Kopf, als sich durch eine Böe Sand auf seine Haut setzte.
    „Nun ja, wir beiden haben doch Dragonir besucht…“
    „Ach du je!“ unterbrach ihn Reptain. „Du meinst das Jahr, wo wir…?“
    „Genau. Wo sich so ein vertrotteltes Hoothoot an unsere Fersen geheftet hat und mit uns in die Berge gekommen ist-“
    „Und bei unserem Besuch bei Dragonir die ganze Zeit genervt hat. Ich weiß, aber was sagst du mir das jetzt? Soweit ich weiß, ist es doch nach Hause verschwunden?“ Er sah Sandamer an, dass ihn etwas bedrückte. Anscheinend verheimlichte er etwas vor ihm. Sein Freund unterdrückte die natürliche Reaktion, sich zu einer Kugel zusammenzurollen, hob den Kopf und ließ Reptain anhand seines Gesichtsausdrucks erraten, was los war.
    „Nein.“ hauchte der erschrocken, als ihm eine Möglichkeit einfiel. „Sag, dass das nicht wahr ist.“
    „Was?“ fragte Sandamer unschuldig.
    „Ach, hör schon auf!“ nörgelte Reptain. „Du hast ein viel zu gutes Herz, weißt du das? Man kann es dir glatt in den Augen ablesen. Ich nehme an, es ist wiedergekommen.“
    „Jaaah… Aber immerhin ist es kein Hoothoot mehr, sondern ein Noctuh.“
    Reptain legte den Kopf schief, hob ein Bein an und tat so, als würde er unsichtbare Flügel ausstrecken.
    „So ein Vieh meinst du?“ erkundigte er sich sarkastisch und drehte den Kopf noch ein bisschen weiter auf die Schulter.
    „He! Lass das!“ Sandamer warf ihm einen bissigen Blick zu.
    „Sorry. Aber weißt du, in so einer Situation ist Nettigkeit ein Luxus. Sei froh, dass ich nicht gleich wieder verschwinde!“
    „Es gibt da ein kleines Problem,“ erläuterte Sandamer. „Larvitar und Sandan werden ihn aus der Höhle werfen.“
    „Na und? Freu dich doch! Bist du verrückt? Mach dir doch um den keine Sorgen! Wozu hat er denn Flügel?“
    „Er kann nicht nach Hause zurück.“ antwortete Sandamer leise und sichtlich bedrückt. „Ich auch nicht, schon vergessen?“ fragte Reptain, während er einem Tuska auswich, das an ihnen vorbei wollte.“
    „Ja, ja, mach mir nur ein schlechtes Gewissen. Hör zu, für Noctuhs Problem gibt es einen Grund, anders als bei dir, also denke ich, wir sollten erst das bereinigen, für das wir den Grund kennen.“
    Reptain schnaubte. Ein Habitak sah erschrocken von einem kleineren Felsen auf ihn herab, während er sagte: „Ich denke mal, sein Problem ist Dummheit und eine manische Besessenheit hinsichtlich neuer Dinge.“
    „Falsch!“, frohlockte Sandamer. „Diesmal hast du nicht Recht. Noctuhs Heimat wurde vollkommen zerstört. Von Pokemon, die durchgedreht sind und alles vernichtet haben.“
    Reptain stockte. „Nun, das kann vorkommen.“ Sandamer sah ihn vorwurfsvoll an. „Was soll das denn jetzt heißen? Ich glaube, du willst nur nicht zugeben, dass du geschockt bist. Ich sehe es dir an. Diese Art, wie du deine Augen zusammenkneifst. Sag es: Worüber denkst du nach?“
    „Er tut mir Leid.“ sagte Reptain sehr leise.
    „Das tut er nur, weil du ihn und das Gefühl, entwurzelt zu werden, kennst.“
    „Nein. Jedenfalls nicht nur. Ich weiß es nicht wirklich, aber er war mir damals auf irgendeine Art sympathisch. Er ist immer optimistisch gewesen, hat uns einmal sogar geholfen… Er hat sich verändert, nicht wahr?“
    „Genau wie du, mein Freund.“ Sandamer nickte traurig. „Und die anderen verstehen ihn nicht. Er braucht uns, mehr als ihm selbst vielleicht bewusst ist.“
    „Aber was können wir schon tun? Ich meine, besonders gut im Trösten bin ich ja noch nie gewesen.“ Reptain klang frustriert.
    „Die anderen hören auf dich.“
    „Das haben sie das letzte Mal vor fünf Jahren gemacht.“
    „Versuch es!“ sagte Sandamer schlicht und bugsierte Reptain zu einer Felsformation, die sich vor ihnen erhob.
    Wilde Kräuter wuchsen an den steilen Hängen, und sogar ein verkrüppelter Baum hing mit den Wurzeln im weichen Sandgestein. Den Eingang zu der kleinen Höhle blockierte ein Hippopotas, sodass Reptain sich mit einem Sprung hineinkatapultierte und dann geschlagene zwei Minuten auf Sandamer warten musste, weil der versuchte, das Hippopotas aufzuwecken. Irgendwann gab er es auf und kletterte über den riesigen, sandbedeckten Rücken.


    Eine kleine Flamme erleuchtete die Höhle spärlich. Larvitar hockte mit Sandan in einer Ecke und knabberte an einer harten, gelben Beere, während ein junges Sheinux sanft schlief. Von Noctuh war zuerst nichts zu sehen, doch dann wies Sandamer in eine niedrige Ecke, in der der Vogel auf einem Bein stand und eindeutig ein Nickerchen hielt.
    „Wir sollten warten, bis es Nacht ist.“ sagte Reptain.
    „Ach, seid wann kümmern dich denn die Schlafenszeiten von uns, he?“
    „Seitdem ich hungrig bin.“
    „Hm. Das erklärt natürlich alles.“ Sandamer sah sich um. „Ich denke, wir müssen noch einmal hinaus und etwas von den Kräutern pflücken. Vielleicht finden wir auch ein paar Beeren.“


    Sie fanden. Reptain hielt nur einmal die Nase in die Luft und führte Sandamer dann zu einer kleinen Gruppe hartblättriger, zäh aussehender Büsche rund eine halbe Meile entfernt, die knallrote und äußerst scharfe Beeren trugen.
    Deshalb weichten sie ihre Beute in Wasser ein, legten die Kräuter dazu und hatten einen ganz appetitlichen Brei zum späten Mittag vor sich stehen.
    „Hmmm…“ schmatzte Sandamer. „Hippopotas kann zwar besser kochen, aber so schnell findet sie keine Beeren.“
    „Tja.“ sagte Reptain mit gespielter Arroganz. „Man muss halt dazu erst einmal aufstehen.“ Sein Blick blieb an der massigen Gestalt vor dem Eingang hängen.
    Als es dunkler wurde, öffnete Noctuh erschöpft ein Auge, erkannte Reptain und war hellwach.
    „Was machst du denn hier?“ seine Stimme klang rauer als vor zwei Jahren, aber immer noch hell.
    „Wonach sieht es denn aus? Ich habe die Sandkörner vermisst.“ Reptain lächelte selbst über seinen lahmen Witz und stupste Sandamer an, der eingenickt war.
    Noctuh hüpfte auf einem Bein hin und her.
    „Habt ihr mir wenigstens etwas zu essen übrig gelassen? Eulen müssen nämlich viel essen, um zu wachsen.“
    „Nein“ sagte Sandamer und gähnte. „Während du geschlafen hast, haben wir alles aufgegessen.“
    „Ihr seid furchtbar!“ murrte Noctuh. „Jetzt sind doch draußen alle diese Skorglas, oh, wie ich sie hasse… Und vielleicht sogar ein Pionskora… Und jetzt muss ich die ganze Nacht mit hungrigem Magen herumsitzen…“
    „Ruhe dahinten!“ knurrte Larvitar, der, auf dem Bauch liegend, im hinteren Teil der Höhle einzuschlafen versuchte.
    „He!“ fauchte Reptain. „Ich möchte mich gerne noch ein bisschen mit eurem Gast unterhalten!“
    „Dann verschwindet hier heraus!“ giftete Larvitar zurück.
    „Weißt du was? Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte.“ erklärte Reptain und wandte sich an den Meckernden.
    „Einst gab es ein Pokemon, das heute nicht mehr existiert; man nennt es Anorith. Es war ein ziemlich guter Jäger und lebte größtenteils in der Wüste. Doch eines Tages, weißt du, machte es einen Fehler. Es ging zu einem Freund, dem es vertraute, und fragte ihn um Rat. Sein Freund war gerade zu sehr mit sich selbst beschäftigt und nahm die Bitte des Anorith nicht so ernst, wie es eigentlich sollte.
    Denn Anorith hatte etwas Beunruhigendes entdeckt, doch ohne zu fragen, wies sein Freund es an, zu gehen.“
    „Reden wir gerade noch von unserem Beispiel?“ unterbrach Larvitar und runzelte die Stirn, aber Reptain fuhr ohne Kommentar fort.
    „Wie es der Zufall aber nun will hatte Anorith vor zwei Tagen einige Pokemon beobachtet, die sich merkwürdig verhielten, sich aber nichts weiter dabei gedacht. Als es nun Abend wurde, rief es sich den Vorfall noch einmal in Erinnerung, und ihm wurde bewusst, dass etwas geschehen könnte. Anorith dachte noch einen Tag darüber nach und ging dann zu seinem Freund, der ihn jedoch abwies.
    Er konnte ja nicht wissen, was er dadurch auslöste. Aber er hätte wissen müssen, dass man nicht nur sich selbst, sondern auch anderen- insbesondere seinen engsten Freunden- zuhören sollte. Denn als Anorith ging, kamen die beobachteten Pokemon und schlossen den Freund in seiner Höhle ein, sodass er verhungerte. Sie taten das aus dem wirklich witzigen Grund, dass sie selbst schon einmal von ihm zurückgewiesen oder auch belogen worden waren; und wie du weißt, ist Rache ja süß und eine Rache durch Ermordung noch besser.
    Egal, was Anorith auch tat, diese Geschichte wollte ihm niemand glauben. Aber er hielt noch zu seinem Freund und kehrte zu dessen Todesort zurück, um ihn einsam zu begraben.“ Reptain hielt inne. „Lustig, nicht? Was denkst du nun? So einem Kotzbrocken hinterherzutrauern ist ziemlich naiv, oder? Was ist mit den Mördern? Taten sie der Welt einen Gefallen, weil sie so ein idiotisches Schwein von der Erdoberfläche tilgten, das nicht einmal interessiert genug war, festzustellen, dass sein einziger Freund ihn vor übermächtigen Feinden warnen wollte?“
    Larvitar schwieg. Reptain wandte sich wieder ab, kratzte desinteressiert an einer Kralle herum und pulte den Schmutz darunter hervor.
    „Schon witzig,“ sagte er beiläufig, „wie seltsam das Schicksal manchmal verläuft, hm?“ Sandamer runzelte die Stirn und sah seinen Freund beunruhigt an, dann sagte es leise: „War das nötig?“
    „Aber klar doch!“ rief Reptain laut aus. „ Ich musste denen doch deutlich machen, wie sich jegliche egoistische Handlungen auswirken können!“
    „Du bist auch nicht gerade das Abbild von Selbstaufopferung, mein Lieber.“ erinnerte er ihn.
    „Na und?“ bohrte Reptain fast unhörbar nach. „Für unseren Zweck reicht es, nicht wahr?“
    „Du bist ein verdammt manipulatives… ach, was auch immer.“ erläuterte Sandamer.
    „Davon musst du mich noch überzeugen.“ meinte Reptain und stand auf.
    „Wie sieht es aus, Noctuh, wollen wir uns was zu essen besorgen?“


    Die beiden verließen zu zweit die Höhle, denn Sandamer blieb zurück und war wohl schon wieder eingeschlafen. Reptain hielt die Nase in den Wind und sagte: „Im Moment ist hier niemand, aber halte dich nahe bei mir.“
    „Keine Angst. Ich habe gelernt, zu kämpfen.“
    „Ach, und diese Szene da drin war also nur Vertuschung, um nicht zu zeigen, wie sehr du dich wirklich verändert hast?“ Reptain beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, doch zu seiner Überraschung war ihm diesmal nicht alles von der Stirn abzulesen.
    „Du verstehst das.“ sagte Noctuh nach einer längeren Pause und fuhr fort: „Wenn es wirklich jemanden gibt, der das versteht, dann du. Sandamer kann wunderbar trösten, doch er weiß nicht, wie tief der Schmerz in Wahrheit geht. Du bist der Einzige, der immer sieht, wenn etwas nicht stimmt. Auch wenn du vorgibst, dich nicht für solche Geschichten zu interessieren.“


    Nun war es an Reptain, zu schweigen und sich auf Noctuhs gute Sicht im Dunkeln zu verlassen, während er ihm die Stelle mit den scharfen Beeren beschrieb.
    „Was ist denn nun wirklich passiert?“ fragte Reptain schließlich, als sie sich auf dem Rückweg zur Höhle befanden und einen Hügel hinunterklettern mussten. Über ihm glitt Noctuh fast unhörbar durch die Dunkelheit und schlug leise mit den Flügeln.
    „Ich weiß es nicht genau.“ antwortete er schlicht. „Ich schlafe tags, also habe ich nicht sehr viel mitbekommen. Sie griffen zur Mittagszeit an, während alle beim Essen waren oder ein Nickerchen machten, und ich bemerkte den Überfall erst an dem Punkt, wo sie schon die ersten Bäume angesengt hatten.“
    „Feuer-Pokemon?“ sagte Reptain überrascht.
    „Ja… Soweit ich mich erinnere, ein Glutexo, ein Magcargo und ein Qurtel.“
    „Qurtel?“ rief er perplex. „Das kann nicht sein, ich habe nur einmal ein Qurtel gesehen, und das war oben bei den Heißen Quellen. Das kann es nicht sein.“
    Noctuh widersprach traurig: „Doch. Es stimmt, es ist dasselbe. Die ganze Gruppe wirkte unglaublich wütend, geradezu außer Kontrolle. Ich denke nicht, dass sie wussten, was sie da taten.“
    „Wie soll es anders gewesen sein?“ flüsterte Reptain. Er versank ins Grübeln.


    Andererseits… So abwegig… Immerhin gab es Möglichkeiten, eine Hypnose zum Beispiel. Irgendwo mussten sie eine Lösung finden.
    „Es ist alles abgebrannt.“ sagte Noctuh mit einem seltsamen Klang in der Stimme. „Nichts sah mehr so aus wie früher, und weil nichts mehr übrig war, bin ich jetzt hier.“ Reptain wünschte, durch die Dunkelheit ebenso gut sehen zu können wie die Eule. Ewas in Noctuhs letzter Bemerkung ließ ihn an die Tage zurückdenken, in denen er vergeblich versucht hatte, zu begreifen… und zu vergessen. Es fröstelte ihn.


    Die Nächte in der Wüste waren ironischerweise so kalt, wie die Tage heiß waren; schnell holte man sich Erfrierungen. Also kehrten sie schnell in die Höhle zurück, sicher nicht nur, weil es kalt war, sondern auch, weil sie das Thema nicht vertiefen wollten.
    Reptain schwieg, als sie ankamen und Noctuh in der geräumigen Höhle umherflatterte. Er legte sich zu Sandamer, verspürte aber nicht die geringste Lust, einzuschlafen und lag stattdessen wach, während draußen die Nacht fortschritt und der Mond vom wolkenlosen Himmel herunter kräftig strahlte.
    Es musste eine Lösung geben, einen verbindenden Punkt, der die Katastrophen der letzten Zeit verknüpfte. Denn Katastrophen gab es genug, auch wenn Reptain sich darum nicht zu kümmern pflegte. Aber das hier war interessant, jedenfalls interessanter als alle anderen Vorfälle zusammen, denn es ergab keinen Sinn.
    Reptain liebte Rätsel, und je makabrer sie waren, desto besser. Allerdings war er mit seinen Überlegungen am Ende der Nacht noch kaum vorangekommen, und allmählich begann er zu bezweifeln, dass es für so etwas eine rationale Lösung gab.


    Das Schlimmste war, dass er Qurtel kannte und sich nicht vorstellen konnte, wie so ein weiser Alter etwas Derartiges tun könnte. Selbst wenn er gezwungen worden wäre, hätte er versucht, den Schaden so klein wie möglich zu halten oder die anderen zu warnen. Ein Hypnose dagegen ergab Sinn, doch es musste ein sehr starkes Pokemon beteiligt gewesen sein, das drei Pokemon gleichzeitig unter Kontrolle halten konnte. Mehrere gleichzeitig ergaben immer ein völliges Chaos, denn jeder wehrte sich geistig gegen die Übernahme.Doch Qurtel, Glutexo und Magcargo hatten sich verhalten wie Marionetten.


    Er drehte sich auf die andere Seite und schrak zusammen, als er urplötzlich bemerkte, dass Noctuh dicht neben ihm stand und ihn aus großen Augen beobachtete. Diese Eule! Jetzt machte sie einen auch beim Nachdenken schon ganz kirre!
    „Was ist los?“ sagte er ungehalten und immer noch regelrecht benommen vor Schreck. „Nichts.“ flötete Noctuh und sah ihn weiterhin aus großen Augen an, fast so, als hätte er Reptains Kopf beim Grübeln rattern gehört.
    „Na, das freut mich dann aber.“ sagte er sarkastisch. „Sei froh, dass ich nicht geschlafen habe, mein Lieber.“
    „Dann hättest du dich ja auch nicht erschrocken.“ Noctuhs Logik blieb unerschütterlich.
    „Ja, aber du würdest mich auch nicht ohne Grund so anstarren. Also denke ich, es ist entweder etwas peinliches oder etwas unheimlich Wichtiges. Dein „Nichts“ hingegen schließt Letzteres aus, also…“
    „Hör auf mit diesem Psycho-Gelabere!“ fuhr ihn Noctuh an.
    „Es war weder das Eine noch das Andere.“
    „Oh, das tut mir aber Leid! Meine Überlegungen waren wohl falsch wie?“ bohrte Reptain ungeduldig nach.
    „Nun komm schon, entweder du rückst freiwillig ab, oder ich werfe dich einhändig hinaus, du kleines Federbüschel!“
    „Ist ja gut!“ murrte Noctuh und verdrehte die Augen, was so komisch aussah, dass Reptain sich vor Lachen beinahe auf dem Rücken kugelte. Zum Glück beherrschte er sich und sagte mit unbewegter Miene:
    „Was ist denn nun los?“
    „Ich hatte eine Idee.“ sagte Noctuh endlich. „Und da ich wusste, dass es dir mehr am Herzen liegt, das Rätsel der willenlosen Pokemon zu lösen als alles andere, dachte ich, ich sag es dir.“
    „Braver Junge.“ lobte Reptain.„Es gibt da doch so eine Legende um ein Pokemon, das die Träume manipuliert.“
    Noctuh sah ihn an, als erwartete er, dass Reptain verstehe. Und dem war auch so. „Darkrai.“ meinte er leise. „Aber das kann nicht sein. Soweit ich weiß, ist Darkrai nicht willkürlich brutal und schon gar nicht so richtig böse.“
    „Aber wenn es seinen Zielen dienlich wäre, könnte er allerdings diese Fähigkeit auch zur Zerstörung einsetzen.“
    „Und was wäre sinnvoll daran, ein kleines Dorf von Pokemon mitten in den Wäldern zu vernichten und die Bäume anzufackeln?“ Reptain war nicht überzeugt, auch wenn er nicht verheimlichen konnte, dass etwas an diesem Gedanken Sinn machte.
    Schließlich war das der erste Fall von Hypnose, der so wunderbar funktioniert hatte.


    „Warum haben die Pokemon in deiner Geschichte den Freund des Anorith getötet?“Reptain runzelte die Stirn.
    „Aus Rache, denke ich mal. Er hatte sie belogen.“
    „Rache ist ziemlich vielfältig in ihren Motiven, nicht? Lügen, Eifersucht, Diebstahl, Mord… all das zieht Rache nach sich. Es könnte alles Mögliche gewesen sein.“ Noctuh sah ihn fragend an.
    „Du hast Recht.“ antwortete er zögerlich. „Darkrai ist sicher kein Idiot. Aber wer aus deiner Heimat könnte so etwas schon angerichtet haben? Ich kannte ja eine Menge deiner Leute.“
    „Die jetzt wohl alle tot sind.“ flüsterte Noctuh. Einen Moment trat Stille ein, während Noctuh den Kopf abwandte und mit einem müden Flügelschlagen davon flatterte. Reptain schloss die Augen und spürte Erschöpfung in sich hochkommen.


    Doch für ihn war noch keine Zeit zum schlafen, jedenfalls solange nicht, wie diese Sache ein Ende gefunden hatte. Er trat aus der Höhle hinaus in die eiskalte Luft und atmete tief durch, während über ihm die Sterne in all ihrem Glanz funkelten und kalt auf die Erde hinabsahen.
    Wenn man im Kreis läuft, dachte er, musste man irgendetwas tun, das diesen Kreis durchbricht. Etwas, womit andere nicht rechnen und das einem selbst merkwürdig vorkommt, damit man auf der Suche nach der Lösung vorankam und nicht dieselben Gedanken immer und immer wieder durchkaute.
    Wie zum Beispiel seine Flucht aus Leon in die Wildnis… Vielleicht musste er zurück, Lohgock und Panflam um Rat fragen und dann ein bisschen selbst nachforschen. Das war immerhin eine Möglichkeit und etwas, das einen Kreis recht gut durchbrechen konnte.
    Schließlich ging er in die Höhle zurück und schnappte Noctuh aus der Luft, der gerade über seinen Kopf geflogen kam. Die Eule befreite sich flügelschlagend aus seiner Hand und murrte: „Nicht so hastig! Bist wohl endlich dem Problem auf die Spur gekommen, was?“
    „Nein… Aber ich habe eine Idee, was wir als nächstes tun müssen. Ja, wir, denn du kommst mit. Auf nach Leon!“
    Noctuh sah ihn erstaunt an. „In die Stadt? Willst du ein paar Bücher lesen oder was?“
    „Zum Beispiel. Und zwei alte Freunde um Rat fragen.“
    „Jemand wie du hat Freunde?“ stichelte die Eule.
    „Überraschend, nicht? Aber vielleicht sind Lohgock und Panflam ja schon ohne mich weitergezogen, obwohl ich das nicht glaube. Eigentlich wollten sie länger in der Stadt bleiben.“
    „Jetzt? In der Nacht?“
    „Ich dachte, du schläfst tags?“ erkundigte sich Reptain ironisch.
    „Und ich dachte,“ erwiderte Noctuh säuerlich, „du schläfst nachts.“
    „Da mach dir mal keine Sorgen. Ich bin schließlich kein Hippopotas.“


    Und damit sprang er über die riesige Gestalt am Eingang hinweg, zum ungefähr sechsten Mal an diesem Tag. Erstaunlicherweise flatterte Noctuh hinter ihm her und das auch noch, ohne zu Murren. Wenn ihn nicht schon Noctuhs Bereitschaft zum Reisen verblüfft hatte, wäre Reptain wohl ob dieser Tatsache vollends erstaunt gewesen, doch so sagte er nur:
    „Ziemlich tatkräftig heute, was?“
    „Nur, weil ich deinen Vorschlag gut finde? Bist du nicht langsam gewohnt, dass alle hinter dir herlaufen?“
    Darauf gab er wohlweislich kein Kommentar ab, sondern ließ sich von Noctuh in der Dunkelheit den Weg zeigen. In einigen Stunden würde es Morgen werden, also mussten sie sich beeilen, um die Oase hinter sich zu lassen und vor dem Mittag, wenn die Sonne die Eule trotz aller Bemühungen einschläfern würde, die Wüste hinter sich zu lassen.
    Der Rest würde sich dann schon irgendwie ergeben, schließlich war es nicht so weit nach Leon. Höchstens zwei, drei Nächte würden sie brauchen. Doch der schlimmste Teil der Strecke lag gerade vor ihnen, in der Kälte durch die Wüste zu gehen, wo schon einmal ein Piondragi allen Hoffnungen ein Ende machen konnte.
    Reptain hasste es, nicht zu sehen, was vor ihm lag, doch er hatte keine Wahl; schließlich beleuchtete der Mond den ausgetretenen Pfad leidlich gut.


    Nach zwei Stunden hatten sie dann tatsächlich die Oase passiert und machten sich auf den beschwerlichen Weg über die sandigen Dünen, über die der eiskalte Wind fegte und den Sand auf ihre Haut legte. In einer Staubwolke rutschte er den Hang hinunter, dann ging es an der gegenüberliegenden Seite wieder gnadenlos bergauf. Zum Glück hatte Reptain sich richtig eingeschätzt, und so kamen sie halbwegs gut voran und verließen die Dünen kurz vor der Morgendämmerung, denn Noctuh wurde schon unruhig. Bald spürte Reptain wieder Steine unter den Füßen und wusste, dass sie nun auf die Steppe hinaustraten.


    Plötzlich landete die Eule auf seiner Schulter und flüsterte ihm zu:
    „In einiger Entfernung rechts kommt ein Pionskora auf uns zugelaufen. Ich glaube, es hat mich noch nicht entdeckt, dich aber schon.“
    „Wird es uns angreifen?“
    „Keine Ahnung. Es denkt wohl, wir hätten etwas zu essen bei uns, also…“
    „Halt dich bei mir. Vielleicht können wir es ein bisschen verwirren.“ Reptain lächelte böse. „Was genau stellt du dir dabei vor?“ fragte Noctuh unsicher. „Du bist ein Pokemon, oder? Versuchs mit Konfusstrahl.“
    „Ich werde es nicht treffen, denn es wird im Sand verschwinden.“
    „Und genau deshalb, Kumpel, sollst du dich bei mir halten. Ich werde es ablenken. Ich habe schon viel zu lange nicht mehr gekämpft.“ Er setzte sich in den Sand und ignorierte Noctuhs aufgebrachtes „Bist du verrückt?“ schlicht und einfach.


    Fünf Minuten später hörte Reptain ein Zischen von links und sprang auf. Alle seine Sinne warnten ihn vor der Bedrohung, doch er hörte nicht auf seine innere Stimme und harrte aus.
    In der Dunkelheit sah er die grünen Augen des Pionskora direkt neben ihm funkeln und brachte sich mit einem Satz in Sicherheit, gerade, als der Skorpion zum Angriff ansetzte.
    „Licht!“ rief Reptain Noctuh zu, der sofort mit einem Blitz den Boden erhellte. Pionskora fuhr geblendet zurück, zischte vor Schmerz und rollte sich hilflos zu einer Kugel zusammen.
    Reptain sprang vor, hielt mit beiden Händen Pionskoras Klauen fest und trat auf den giftigen Schwanz, sodass sich das Pokemon nicht rühren konnte. Noctuhs Blitz verlosch langsam, während die Eule zu ihnen hinabgesegelt kam und ihren Gegner musterte.
    „Was sollte das, he?“
    „Mein Revier!“ fauchte Pionskora. „Verschwindet!“
    „Wären wir auch, mein Lieber.“ Reptain lächelte. Pionskora zischte vor Wut und wand sich unter Reptains Griff.
    „Lass los!“
    „Wenn du uns versprichst, uns passieren zu lassen.“ antwortete Noctuh für ihn. Reptain ergänzte: „Du solltest außerdem überlegen, dir eine modische Sonnenbrille zu kaufen, das schützt die Augen.“ Er ließ los und das Pionskora verschwand in die Dunkelheit.
    „Weiter geht’s“ schlug Reptain vor und sie machten sich auf den Weg.
    Die Sonne stieg höher und kam über dem Horizont hervor. Die Wüste erstrahlte unter dem Licht des neuen Tages, während Noctuh oben die Augen zukniff und anfing, langsamer mit den Flügeln zu schlagen.
    „Es ist nicht mehr weit, reiß dich zusammen.“ rief Reptain zu ihm hinauf. „Nicht so zaghaft!“
    Tatsächlich schafften sie es aus der Steppe heraus, bevor Noctuh die Kräfte verließen, und kamen an ein karges Wäldchen, das auf dem trockenen Stein gewachsen war. Müde ließ sich die Eule auf Reptains Schulter nieder und schlief fast sofort ein, während er tiefer unter die Bäume ging und auf einer Lichtung ein hübsches Fleckchen Erde fand, auf dem er sich hinlegte und Noctuh auf einen nahen Ast verfrachtete.
    Er schlief bis zum Nachmittag und holte sich dann von den Bäumen einige Äpfel zum Essen, die er schnell verspeiste. Wohlweislich ließ er Noctuh ein paar übrig, was sich eine Stunde später als absolut richtig erwies.
    Kaum war die Sonne am Untergehen, wachte die Eule auf, murrte über ihren leeren Magen und entdeckte dann die Äpfel links von Reptain, der vor sich hingrübelnd im trockenen Gras saß.
    „Ich glaub es einfach nicht!“ freute sich Noctuh, als er auf sein Abendbrot zuflog. „Solltest du tatsächlich einmal nett gewesen sein?“
    „Wird nicht wieder vorkommen, keine Panik.“ erwiderte Reptain und drehte sich um. „Nein, hey, das ist großartig.“ Schmatzend lächelte ihm die Eule zu.
    Sie machten sich im Schutze der Dunkelheit wieder auf den Weg und begegneten bald anderen, freundlich gesinnten Pokemon, auch wenn viele von ihnen Reptain misstrauisch beäugten.


    Auf der Straße nach Leon trafen sie auf einige Kramurx, die munter von einem Baum herab um die Wette schrien, einem Zubat, das an einem Ast hing, zwei Hunduster, einem Hundemon und sogar einem schlafenden Dodri.
    Lange Zeit redeten sie nicht, aber als sie wieder allein waren, sagte Noctuh leise:
    „Und, wie steht es mit dir? Hast du es je überwunden?“
    Reptain wusste genau, was er meinte und antwortete: „Nein, aber man kann damit leben.“
    „Das hätte ich nie gedacht. Ich meine, dass so etwas passieren würde. Ich war damals ganz heiß auf ein Abenteuer, das weißt du sicher noch, aber so…“
    Noctuh klang bedrückt, und Reptain fühlte sich seltsam verpflichtet, die Eule aufzumuntern. „Hör mal, egal was passiert ist, wir werden herausfinden, wieso. Und wir werden weitere Katastrophen verhindern.“ Es klang selbst für ihn ziemlich zuversichtlich, jedenfalls mehr als er sich eingestanden hätte.
    „Ach,“ scherzte Noctuh, „du freust dich doch schon auf das schlechte Ende, das die ganze Geschichte nehmen wird, all die Rätsel, die offen bleiben werden… Oder denkst du wirklich, unser Besuch in der Stadt nützt auch nur das Geringste?“
    Diesmal antwortete er voller Überzeugung: „Ja, ich bin mir sicher. Ich weiß, dass irgendetwas geschehen wird, das uns auf die richtige Spur bringt- unabhängig davon, ob deine Idee mit Darkrai zustimmt oder nicht.“


    „Aber du freust dich trotzdem auf des schlechte Ende.“
    „Red keinen Schwachsinn! Das hab ich noch niemals! Außer wo ich einmal überzeugt war, dass wir das Falsche tun und niemand auf mich hören wollte. Da hab ich mich dann wirklich gefreut, aber so was kommt eher selten vor.“
    „Ich hatte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass du die Frage ernst nimmst.“ erläuterte Noctuh plötzlich in vergnügtem Ton. „Gut, dass ich das nun weiß.“
    Reptain schnaubte. „Ach was.“


    Sie wanderten weiter die Straße entlang und lauschten, durch den gestrigen Beinahe-Überfall von Pionskora wachsam geworden, in die Stille hinein. Gelegentlich hörte Reptain das leise Flügelschlagen Noctuhs, ansonsten war nichts mehr zu hören.
    Einmal kam ein kleines Rattfratz vorbeigeschlichen, aber sie kamen ohne weitere Pausen der Stadt Leon immer näher und sahen vor dem Morgengrauen noch die ersten, von Pokemon erbauten Häuser.
    Das bedeutete, dass sie den Bedürfnissen der einzelnen genau entsprachen und für ein Schallelos auch schon einmal von Wassergräben durchzogen waren. Eine sehr originelle Behausung besaß ein Folipurba, welches das alte Steingemäuer mit Efeu und Orchideen überzogen hatte.


    Reptain streifte durch die Straßen, eher ziellos auf der Suche nach seinen beiden Partnern, die er hier zurückgelassen hatte. Noctuh genoss den Ausflug sichtlich und machte Kommentare zu allen Häusern, an denen sie vorbeikamen.
    Reptain hüpfte auf den Marktplatz und sah sich dort um, gerade in dem Moment, wo er bemerkte, dass Noctuh nicht wie gewohnt von oben plauderte.
    Er schaute nach oben und entdeckte nichts als den warmen blauen Himmel und die inzwischen hoch stehende Sonne. Eigentlich hätte er sich keine Sorgen machen brauchen, denn schließlich schliefen Eulen tags; aber Noctuh war ein Fall für sich, jemand, den man besser nicht allein ließ.
    Vielleicht hatte er irgendetwas Auffälliges entdeckt und wollte seiner Ahnung nur schnell nachgehen.
    Hoffentlich.
    Er lief schnell in die Gasse hinein, aus der sie gekommen waren, kam sogar bis auf die Straße vor das Tor, passierte wieder Folipurbas Haus und wandte sich dann nach links zu der großen Bibliothek, aber auch hier war Noctuh nicht.
    Langsam und neugierig schritt Reptain auf das Tor zu, öffnete es und schlüpfte in die Stille dahinter hinein.


    Regale, hoch wie die Wände, standen geordnet in Reihen in der großen Halle, bis zum letzten Brett gefüllt mit Büchern in Fußabdruckschrift.
    Er sah Wälzer über Geographie und Geologie, über Anatomie und Legenden, über Geschichte und Geschichten, aber keine einsam herumflatternde Eule.
    Bis in den hinteren Teil der Halle gehend, blickte Reptain sich um und spähte in jede Ecke, doch erst ganz hinten, dort, wo die Schreibpulte standen, hörte er ein lautes, erhitztes Gespräch, aus dem ganz deutlich Noctuhs Stimme herausklang.
    Neugierig spähte er um die Ecke und sah die Eule auf dem Rand des Tisches sitzen und mit einem Nachtara diskutieren, das ihn weitestgehend ignorierte und nur dann und wann eine bissige Bemerkung einwarf.
    “Was - hast - du - dir - dabei - gedacht?” knurrte die Eule und schlug mit den Flügeln.
    “Halt die Klappe!” fauchte das Nachtara. “Es war nicht meine Absicht, Darkrai zu verärgern.”


    Reptain heilt die Luft an und lauschte.
    “Nein? Aber genau das hast du bewirkt, meine Liebe, nichts anderes. Und unser Dorf ist zerstört.”
    “Auch ich habe dadurch meine Heimat verloren, vergiss das nicht, Freund.” Jetzt klang das Zischen ganz deutlich aus Nachtaras Stimme.
    “Ja, vielleicht, aber du scheinst dich nicht im geringsten darum zu kümmern!”
    “Tue ich das?” Nachtara klang wieder gelangweilt. “Falls du es noch nicht gemerkt hast, aber deine Argumentation dreht sich im Kreis.”
    “Wir müssen ihn aufhalten! Und du sitzt hier seelenruhig herum und liest!” Noctuh konnte seinen Zorn nun nicht mehr verbergen.


    “Hey, hey, nicht so laut, bitte.” Reptain trat hinter dem Bücherregal hervor und die beiden Streithähne fuhren ertappt herum. Noctuhs Augen blitzten.
    “Du! Was machst du hier? Misch dich nicht ein!”
    “Ach, lass ihn doch ruhig.” sagte Nachtara noch gelangweilter.
    “Reptain!” sagte Noctuh. “Erkläre bitte, dass das Verhalten von Nachtara unverantwortungslos gewesen ist!”
    “Welches Verhalten?” fragte Reptain und tat so, als hätte er nicht gelauscht.
    “Was? Äh… Nun ja, Nachtara wollte ein paar Legenden auf den Grund gehen und ist deshalb an Orte gereist, von denen man sagte, Darkrai hielte sich bisweilen an ihnen auf. Leider,” seine Augen funkelten weiter zornig, “Hat sie ihn auch gefunden, nämlich im Zeitlosen Wald am Fuße des Gebirges, das wir vor zwei Jahren im Winter selbst durchquert hatten. Leider hatte sie sich nie klar gemacht, was für eine Art Pokemon dieser Darkrai ist, und…”
    “Stopp, stopp, stopp!” unterbrach Nachtara. “So ein Schwachsinn. Natürlich wusste ich, was auf mich zukam-”
    “Das macht es nur noch schlimmer!” ereiferte sich Noctuh.
    “Tut es nicht. Was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Ich weiß, dass ich nicht unbedingt klug gehandelt habe, aber es nützt nichts, mich im Nachhinein noch für die Folgen davon verantwortlich zu machen.”
    “Nachtara hat Recht. Wir müssen handeln, nicht Schuld zuschieben. Was genau hat ihn veranlasst, dich zu verfolgen und das Dorf zerstören zu lassen?”
    “Er wollte sein Geheimnis gewahrt wissen und befürchtete gleichzeitig doch, dass ich eine Bedrohung sein könnte, wenn er mich überleben ließe. Viele Pokemon fürchten Darkrai, und das zurecht- doch hat auch er Schwächen, und ich hätte sie ja ausplaudern können.” Nachtara lächelte gezwungen.


    „Wie konntest du fliehen?“ sagte Noctuh jetzt leise und entschuldigend.
    „Ich war gar nicht da, als es passierte. Ich sah den Überfall nur von weitem und habe mich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, einfach irgendwo verkrochen.“
    Reptain schwieg und dachte nach. „Wie… Wie können wir ihn aufhalten?“
    „Indem ich mich ausliefere.“ sagte Nachtara mit einem rauen Ton in der Stimme.
    „Das kann ich nicht zulassen. Und er weiß doch gar nicht, dass du überlebt hast.“ erklärte Reptain sofort.
    "Ich denke schon, leider. Ich spüre es. Keine Ahnung, warum, aber ich denke, dass er es vielleicht vermutet."
    "Ich werde dich trotzdem nicht gehen lassen." Reptain blieb beharrlich. „Dann solltest du dir mal über eine Alternative Gedanken machen.“
    „Wir gehen zu ihm. Und geben ihm unser Wort, dass nichts geschehen wird.“ schlug Reptain nach fünf Minuten vor, doch die anderen kamen nicht zu einer Antwort, denn hinter ihm ertönte ein Ruf.


    „Reptain? Was zum Teufel… Panflam, komm hierher! Wir haben unseren Freund gefunden.“
    Lohgock lief mit großen Schritten auf ihn zu und schüttelte ihn sanft. „Was haust du auch ab, he!?“
    „Unnngh…“ machte Reptain und trat einen Schritt zurück, als auch noch Panflam auf ihn zugestürmt kam.
    Noctuh und Nachtara musternd, sagte Lohgock: „Gibt’s ein Problem?“
    „So… kann man es auch nennen, ja.“ Reptain erzählte ihnen alles, mit leiser Stimme, um nicht auch noch andere Lauscher zu bekommen, und die beiden Feuer-Pokemon waren ziemlich erschrocken.



  • „Ach du je.“ jammerte Panflam und hüpfte auf Lohgocks Schulter.
    „Kommt es mir nur so vor, oder bringst du ständig schlechte Nachrichten?“ fragte dieser missmutig.
    „Ich nehme das als Kompliment.“ sagte Reptain trocken.
    „Also… irgendein Vorschlag, was wir als nächstes tun sollten?“ erkundigte sich Nachtara.
    „Kommt mit, wir haben uns im Wald ein hübsches Plätzchen zurechtgemacht. Da können wir weiterreden und endlich was essen.“ sagte Lohgock.
    Also verließen die fünf Leon und machten sich mit ihrem Führer auf zwischen die nahen Bäume.
    Noctuh saß unterdessen auf Reptains Schulter und steckte den Kopf müde unter den Flügel, ganz so, als ob das schon sein angestammter Platz wäre.
    Reptain seufzte und ließ ihn sitzen, schon ob des Gedankens an das Theater, das folgen würde, wenn er ihn wieder aufweckte.
    Sie kamen zu einer behaglich eingerichteten Lichtung mit einem warmen Feuer in der Mitte und zwei Schlafplätzen aus Heu und altem Laub, die nicht weit entfernt des Waldsaumes lag.
    Nachdem sie sich gesetzt und Reptain Noctuh von seiner Schulter auf einen Ast gestellt hatte, tauschten sie ihre Ideen aus.
    „Es gibt sicher eine Möglichkeit. Es war schließlich keine Absicht.“ sagte Nachtara unsicher.
    „Hoffen wir, dass Darkrai guter Laune ist.“ meinte Reptain düster.
    „Gute Laune hat er garantiert nicht. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen, damit er uns überhaupt zuhört.“ schlug Lohgock vor.
    „Aber was? Darkrai ist ein Wesen der Finsternis, es verfolgt Pokemon in ihre Träume und lässt sie nie wieder aufwachen. Was er hervorruft, ist eine Art Koma, ein unendlich lange währender Schlaf. Denkt nur an Groudon und Kyogre, die er, um Frieden zu schaffen, eingeschläfert hat und die immer noch irgendwo unter der Erde leben.“ sagte Nachtara beunruhigt.
    „Ich denke, er greift zu so einem Mittel nur im Notfall. Schließlich hast du ja auch schon geschlafen.“
    "Er hat keine solche Macht über mich wie über andere Pokemon.“ antwortete Nachtara leise.
    „Du sagtest etwas von seinen Schwächen. Ist das eine davon?“ erkundigte sich Reptain vorsichtig.
    „Er hat keine Macht über Pokemon, die keine Angst vor ihm und der Dunkelheit haben. Furcht und Hass stärken ihn. Zeigt niemals, dass er euch beeindruckt!“ Nachtara lachte rau.
    Eine Stunde verstrich, während sie von Lohgocks Vorräten aßen und sich untereinander austauschten.
    Nachtara saß allein und starrte ins Feuer, jegliche Gedanken waren ihr unmöglich von der Stirn abzulesen. Noctuh schlief, Panflam und Lohgock redeten leise mit Reptain über dessen Wiedersehen mit Sandamer und den anderen.
    „Du… bist unglaublich!“ lachte Lohgock, als er hörte, was Reptain zu Larvitar gesagt hatte. „Nicht, dass ich so etwas nicht schon gewohnt wäre, aber…“
    Bald gesellte sich Reptain zu Nachtara und ließ die anderen am Feuer plaudern, denn ihm war nicht nach Witzen. Irgendwie mussten sie eine Lösung finden.


    Er begann, im Kreis zu gehen und mit den Augen die Umgebung abzusuchen, nach irgendetwas, das ihm vielleicht helfen könnte. Aber im Moment noch schien es unmöglich, klar zu denken; zu schnell schoss das Blut noch durch seine Adern, er musste ruhig werden.
    Reptain setzte sich wieder hin und musterte Nachtara, die ernst und irgendwie frustriert immer noch ins Feuer sah, die tanzenden Flammen beobachtete und keinen Muskel regte.
    „Wir müssen wirklich zu ihm.“ sagte er schließlich. „Unsere einzige Hoffnung ist, dass wir ihn vielleicht besiegen können.“
    Nachtara sah ihn aus großen Augen an. „Besiegen? Bist du sicher?“
    „Schau mal.“ sagte Reptain. „Wir haben hier drei erstklassige Kämpfer und dazu noch ein ziemlich gerissenes, im Kampf nerviges Noctuh, das sich schon langweilt. Ich kann vielleicht gegen ein starkes Unlicht-Pokemon nicht viel ausrichten, aber ihr beiden… Lohgock ist im Kampf ziemlich beeindruckend.“
    „Schön, aber… vergiss nicht, mit wem wir es zu tun haben.“ wandte Nachtara ein.
    „Hast du es eben nicht selbst gesagt? Es ernährt sich von unserer Furcht. Wenn wir ohne Angst zu ihm gehen, haben wir eine Chance.“
    „Weißt du, ich glaube, ich will Darkrai gar nicht besiegen. Jeder von uns hätte in seiner Situation vielleicht das gleiche getan.“ sagte Nachtara langsam.
    „Zuerst können wir ja mit ihm reden.“ Reptain beobachtete ihre Reaktion, wurde aber enttäuscht: wieder war ihr keine Regung vom Gesicht abzulesen.
    „Wenn wir alle dort hin gehen, wird es wütend. Ich meine, wenn einer das Geheimnis kennt, gut…“
    „Du hast Recht.“ musste Reptain zugeben. „Viele Möglichkeiten haben wir nicht mehr.“


    Die Sonne schien durch die Bäume und schläferte Reptain nach und nach ein. Das Feuer knisterte, als die Äste begannen, vor der Hitze aufzuspringen und Risse zu zeigen.
    Er bemerkte, wie sich Nachtaras Miene verdüsterte und sie die Krallen in den Boden grub, und er versuchte kläglich, aufmunternd zu lächeln. Das hatte er noch nie gekonnt.
    Müde ließ Reptain sich auf den Rücken sinken, spürte die Schatten der Blätter über sein Gesicht streichen und hoffte darauf, eins mit der Natur zu werden.


    „Bis zur Nacht müssen wir uns entschieden haben.“ sagte Lohgock plötzlich, und er schrak auf. Tatsächlich wäre er beinahe eingeschlafen, doch nun war Reptain zu seinem Verdruss wieder hellwach und genauso übellaunig wie zuvor.
    „Nein, hört mal, das ist Schwachsinn. Wenn wir nicht schlafen, können wir den Aufbruch vergessen. Legt euch hin und lasst euch von Noctuh wecken, der bemerkt es garantiert, wenn es dunkel wird. Wir können uns hier nicht stundenlang den Kopf zerbrechen.“
    „Du bist aber grimmig drauf heute.“ sagte Lohgock mit einem Anflug von Häme.
    Dennoch taten sie alle, wie Reptain ihnen geraten hatte, und schliefen unter der warmen Mittagssonne.


    Tatsächlich wurden sie geweckt, und zwar von Noctuh, der aufgeregt umherflatterte, einem die Flügel ins Gesicht schlug und mit keifender Stimme schrie: „Wacht auf, wacht auf! Nachtara ist verschwunden!“


    Trotz dieser bemerkenswerten Nachricht konnte man nicht behaupten, dass alle sofort wach gewesen wären, doch Reptain sprang auf und orientierte sich in der aufziehenden Dunkelheit erst einmal an Noctuhs reflektierenden, großen Augen, die unablässig im Kreis umherfuhren.
    „Ich weiß, wohin sie gegangen ist.“ sagte er plötzlich müde. Lohgock und Panflam horchten aufmerksam, während er erläuterte: „Sie denkt, wenn sie sich selbst ausliefert, hört er auf, mit allen Mitteln zu suchen. Vielleicht lässt er die anderen Pokemon, die mit ihr zu tun hatten, dann in Ruhe.“
    „Ja, worauf warten wir dann noch?“ fragte Panflam drängend. „Hinterher!“
    „Das geht nicht.“ meinte Noctuh traurig, denn er hatte begriffen. „Nur sie weiß genau, wo Darkrais zuhause im Zeitlosen Wald ist.“
    Stille trat ein, doch dann sagte Reptain kaum hörbar: „Ich denke, ich weiß, wo sie hin will. Ich kenne den Platz, wo Darkrai sich aufhalten könnte. Damals, bei meinem Besuch, hatte ich wohl Glück und ahnte nicht, WEM ich da entgangen war.“
    „Wo ist das?“ fragte Noctuh aufgeregt und stellte nicht einmal eine seiner lästigen Fragen.
    „Zu weit weg.“ seufzte Reptain.
    „WAS?“
    „Ja. Wir haben keine Chance, sie einzuholen. Niemals.“ er klang erschöpft und traurig, als hätte es ihn all seine Kraft gekostet, diese Tatsache auszusprechen.
    „Woher willst du das wissen?“
    „Selbst wenn wir schnell genug wären,“ fuhr Reptain fort, „kämen wir dennoch zu spät.“
    „Warum?“ Noctuh klang wütend, und Reptain wurde klar, dass er der Eule sichtlich genug Grund dazu gab.
    „Darkrai merkt es, wenn jemand eindringt. Und glaub mir, Nachtara ist schnell und wohl auch gleich nach unserem Einschlafen aufgebrochen.“
    „Wir müssen es aber versuchen!“
    „Verstehst du nicht?“ jetzt klang Reptain zornig. „Warum tut sie das? Um uns und die anderen, die noch übrig sind, zu schützen. Wie würden wir es ihr danken, wenn wir uns einfach direkt nach ihr in den Tod stürzen? Meint ihr, sie wollte das?“
    Stille trat ein, während Noctuh zu Boden sank und die Augen schloss.
    „Gut.“ sagte die Eule schließlich, „dann werde ich allein gehen. Wie ihr wollt.“ Und mit einem kräftigen Flügelschlag schwang er sich in die Luft.
    „Halt!“ rief Reptain und rannte hinter ihm her. „Warte! Gut, ich komme auch mit. Aber ihr, Lohgock und Panflam, ihr bleibt. Ihr habt damit nichts zu tun.“
    Panflam hatte Tränen in den Augen, doch wagte er es nicht, zu widersprechen, und Noctuh machte sich mit Reptain still auf den Weg.


    Er rannte durch das dichte Unterholz, folgte seinen Sinnen, die ihm sagten, wohin Nachtara gelaufen sei, und vertraute sich ganz der Finsternis an, die ihn umgab. Sie löschte jeden Gedanken aus, der ihn vielleicht dazu bewogen hätte, auf der Stelle umzukehren.
    Es kostete all seine Willenskraft, den Gedanken an den Zeitlosen Wald zu vertreiben, an die schrecklichen Fallen, die dort lauerten, und an Nachtara, gefangen in einem endlosen Schlaf, oder Nachtara, wie sie kraftlos zu Boden sank, Darkrai über ihr…
    Reptain beschleunigte seine Schritte, horchte auf die leisen Flügelbewegungen Noctuhs und legte all seine noch vorhandene Energie in dieses Rennen gegen die Zeit, das er nur verlieren konnte.
    Wie viele Stunden vergingen, konnte er nur schätzen, doch bald ging die Sonne wieder auf und er rannte weiter durch die Düsternis des Wäldchens dahin, versuchte sich zu erinnern, wo der Platz damals gewesen war, und folgte nichts als seiner Spur aus Vermutungen.
    Bald sank Noctuh wie ein nasses Federbündel auf seine Schulter und schlief im Stehen, während Reptain so schnell es ging zwischen den Bäumen dahinraste, auf die Leere zu, die sich dahinter irgendwann öffnen würde…
    Viele Stunden noch vergangen, bis sie endlich in den Zeitlosen Wald kamen, der nicht mehr so aussah wie in Reptains Erinnerungen: So still, als wehte kein Lüftchen in ihm, leblos, ohne irgendein Zeichen von Pokemon, doch nun sah Reptain die Fußabdrücke Nachtaras auf dem schlammigen Boden vor sich und musste feststellen, dass sie schon einige Stunden alt war; also beschleunigte er seine Schritte noch einmal und rannte keuchend den alten, ihm wohl vertrauten Pfad entlang.


    Es kam ihm vor, als sehe er eine Welt wieder, die er fast schon vergessen hatte oder nur noch aus Erzählungen kannte; tatsächlich aber hatte er hier fünf Jahre nach seiner Geburt gelebt.
    Das hier war sein Zuhause, doch die Leere und die Stille zwischen den Bäumen war ebenso neu für ihn wie der Gestank nach Tod und Feuchtigkeit, der vom Boden hinaufstieg.
    Er war geflohen, als die Veränderungen begonnen hatten; als die Risse in der Erde tiefer, die Zerstörungen durch die Erdbeben stärker geworden waren, und nun sah er seine Heimat, bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
    Reptain kämpfte gegen die Tränen und spurtete einen kargen Hügel hoch, stützte sich an den dürren Nadelbäumen ab und konnte nicht verstehen, was hier passiert war.


    Das war keine natürliche Veränderung, wie es sie öfter gab und für die er es am Anfang auch gehalten hatte. Dies zeugte von dem bösartigen Willen, ein ganzes Land und seine Bewohner so gründlich zu vernichten, zu Boden zu zwingen, dass er froh war, geflohen zu sein.
    Er hatte überlebt, wenn auch zu einem hohen Preis.
    Aber das hier hätte er niemals verhindern können. Eine solche Macht besiegen zu können, war illusorisch. Was hatte sich Nachtara dabei gedacht? Konnte man sich von solch einem Wesen wirklich Gnade und Verständnis erhoffen?
    Zwei Stunden später trat er auf eine Lichtung heraus, die Ähnlichkeit mit einer Halle hatte; denn die Äste der Bäume über ihm waren zu einem Dach zusammengewachsen.


    Und in der Mitte dieser Halle schwebte, grausig und furchterregend, ein silbrig-schwarzer Schemen, der die Form eines Darkrai hatte. Noctuh schreckte auf und musterte die Umgebung mit angstvollen Augen.
    „Ah! Schön, dass auch ihr noch gekommen seid!“ rief Darkrai ihnen mit einer hohlen Stimme zu.
    „Ich frage mich,“ sagte der Schatten in vergnüglichem Ton, während er langsam auf die beiden zugeschwebt kam, „ob ich meine Adresse neuerdings schon an jede Ecke schreibe. Ihr habt genauso wenig Gnade zu erwarten wie das jämmerliche Nachtara von vorhin!“
    „Was hast du mit ihr gemacht, Bastard?“ rief Reptain ihm kalt und verachtend entgegen.


    „Ah!“ sagte das Darkrai wieder. „Ihr kennt euch? Das ist aber schade… Da hätte ich doch niemals…“
    „Hör auf mit den Spielchen!“ rief er. „Komm her und beweis, dass du auch die Macht hast, mich zu besiegen!“ Kälte drohte sein Herz zu ersticken, doch sie erstickte auch die Furcht, die in ihm zu wachsen drohte.
    Noctuh jammerte auf seiner Schulter: „Oh, halt du bloß die Klappe, das nimmt kein gutes Ende.“
    „Soll es auch gar nicht!“ fauchte Reptain ihm zu, sodass die Eule erschrocken zurückzuckte.
    „Was ich getan habe?“ sagte Darkrai langsam, an Reptain gerichtet, „ich habe Nachtara einmal gezeigt, was es heißt, um sein Leben zu flehen… Euch wird es nicht anders gehen!“ Es lachte.
    „Ich habe längst akzeptiert, dass es mit jedem einmal zu Ende gehen wird. Du aber, du bist verdammt, bis zum letzten Tag hier auszuharren und all die dreckigen Verräter dieser elenden Welt zu bestrafen, solange, bis du in dir selbst nichts anderes mehr siehst als den Tod!
    Vielleicht tut es dir dann Leid, wie lange du den Richter gespielt hast, wie lange du dir anmaßest, über Tod und Leben zu entscheiden! Du hast nicht die Macht, uns das Leben zu nehmen, denn du lebst schon längst nicht mehr! Du bist nichts als ein Geist, der sich hinter seiner eigenen Bösartigkeit versteckt, um nicht in sein Spiegelbild schauen zu müssen und erkennen zu müssen, wie klein die Bedeutung deiner MACHT noch ist, wenn alles vorbei ist! Wenn nichts mehr von der Welt existiert außer dir und der Leere, die du sorgfältig zu verbreiten pflegst! Du kannst mich nicht besiegen, denn ich bin anders als du, und deine Macht erstreckt sich nicht auf das Schicksal der Lebenden! Denen, die dich fürchten, kannst du Leid zufügen, aber vor denen, die die Angst vor dem Tod schon lange überwunden haben, denen kannst du nichts antun! Komm schon her und lass uns unsere Macht messen! Was ist wohl kostbarer? Leben oder Tod?“
    Er zitterte. Alle seine Wut war verflogen, sein Zorn aufgebraucht. was konnte er noch sagen? Hatte er eine Möglichkeit, die Dinge zu ändern? Wohl kaum.
    Darkrai blieb stehen und tat nichts anderes, als Reptain mit funkelnden roten Augen anzustarren. Wieder spürte er die Kälte in seinem Herzen, und wurde fast wahnsinnig vor Schmerz, doch wusste er, dass ihm nichts geschehen würde. Heute nicht und auch nicht an anderen Tagen. Schließlich gab es auch noch so etwas wie Gerechtigkeit.


    „Nun gut.“ sagte Darkrai mit veränderter, rauer Stimme, und plötzlich erschien drei Schritte vor Reptain ein kleines, hell-weißes Licht, wie in eine wabernde Wolke gehüllt. Winzige orangefarbene und goldene Funken tanzten in ihr umher, als sie wie ei lebendiges Wesen langsam zur Erde herunterschwebte. "Ich habe wohl keine Wahl. Aber..." Darkrai verstummte.
    Fast machte er sich bereit auf einen Angriff, aber Reptain erkannte plötzlich die verschwommene Gestalt in dieser Perle aus Licht: Nachtara, zusammengekrümmt am Boden. Das Licht verschwand, sie fiel zu Boden und bewegte sich nicht. „Nachtara!“ rief Reptain und stürzte auf sie zu, sehend, dass sich ein langer Striemen über ihren Rücken zog, doch sie schien in Ordnung. Noctuh flatterte voraus und betrachtete Nachtara sorgfältig aus der Nähe, während Reptain sich zum ersten Mal in seinem Leben richtig, richtig glücklich fühlte, als sie die Augen öffnete und ihn ansah. "Verdammt. Ich hätte es wissen müssen." War das erste, was sie herausbrachte


    Währenddessen wollte Darkrai einsam am anderen Ende der Halle verschwinden, doch Reptain sah ihn und stand noch einmal auf. „Danke.“ flüsterte er leise, und Darkrai senkte langsam den Kopf zu etwas Ähnlichem wie einem Nicken und verschwand in die Dunkelheit.
    Er hinterließ nichts als eine kleine, tränenförmige Perle auf den Wurzeln eines Baumes, in der sich das trübe Licht brach, während Reptain sie bedrückt betrachtete und sich dann zu den anderen umwandte.


    Nachtara lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Langsam rappelte sie sich hoch, mit schmerzverzerrtem Gesicht, und kam mühsam auf die Beine. „Warte.“ sagte er. „Ich kann dich tragen.“ Fürsorglich und zugegebenermaßen besorgt reichte er ihr seine Hand.
    „Nein, kannst du nicht.“ antwortete sie sofort. „DU bist vor Erschöpfung schon ganz grau im Gesicht. Wie seid ihr so schnell hinter mir hergekommen?“
    Reptain sparte sich eine Antwort, aber so musste er mit anhören, wie Noctuh von ihrem Sprint hierher prahlte und auch noch entsprechende Annerkennung bekam.
    "Ich danke euch. Wirklich. Ihr habt mir das Leben gerettet."
    Er nickte. "Scheint so. Aber ich bin sehr froh, dass wir diese Angelegenheit ohne einen Kampf regeln konnten. Ich weiß wirklich nicht, ob ich die Macht gehabt hätte, ihn zu besiegen, ganz egal, was ich vorher sagte."
    "Du hättest ihn hören sollen," sagte Noctuh und zwickte Reptain. "Absolut überzeugend."
    Sie traten aus der naturgeschaffenen, stillen Halle hinaus in den Zeitlosen Wald, ließen die baumartigen Säulengänge hinter sich, ebenso die Kuppel aus zusammengewachsenen, dunklen Ästen, die einen natürlichen Pavillon schuf. Dies hier, dachte er, hatte auch seine eigene, finstere Schönheit.
    Beim Gedanken, dass das hier einmal seine Heimat gewesen war, wollte Reptain schlecht vor Zorn werden, doch endlich begriff er: Darkrai gefiel das. Ihn störte die ganze bunte, erfüllte Fröhlichkeit anderer Wälder und der Städte, also hatte er sich sein eigenes Refugium erschaffen.
    Und Reptain konnte das nur nicht verstehen, weil es einmal sein Zuhause gewesen war.


    „Was meint ihr?“ sagte er dann zu Nachtara und Noctuh, „habt ihr Lust, noch ein paar Monate mit mir zu Reisen und die Welt zu unserem Haus zu machen?“
    „Sicher.“ lächelte die Eule, und auch Nachtara stimmte zu.
    "Vielleicht erleben wir noch so ein paar verrückte Dinge. Du bist schließlich immer für Überraschungen gut."
    „Unglaublich, was man so einer Situation an guten Dingen abgewinnen kann, was?“ Reptain lachte. Zum ersten Mal seit einigen Tagen ließ die Anspannung in ihm nach.


    ENDE

  • Tja, da ich dank Überlänge für den Wettbewerb nicht mehr zugelassen wurde, gibt´s das Märchenjuwel schon früher ^^


    Schneeweißchen und Rosenrot


    Dunkle Schatten lagen unter den Bäumen, deren dichtes Laubwerk die wenigen Sonnenstrahlen,
    die durch die oberen Lagen drangen, hellgrün färbte. Die Stämme waren bedeckt mit blaugräulichen Flechten, an einigen Stellen wuchsen Pilze heraus, unter deren schützenden Schirm die vielfältigsten Tiere ihre eigene kleine Welt bevölkerten. Der Wind fuhr in die Blätter der Bäume und erzeugte ein leises, geheimnisvolles Wispern, das dem aufmerksamen Zuhörer alle Rätsel der Natur zu verraten schien.
    Rosé bekam davon freilich nicht viel mit. Angestrengt atmend joggte sie einen schmalen Waldweg entlang, ganz im Rhythmus ihrer Musik, und ohne auf die Welt um sich herum zu achten.
    Keuchend passierte sie eine lange, natürlich gewachsene Allee aus hellen Birken, zwischen denen sich ein wucherndes Gestrüpp aus Brombeeren gebildet hatte, das sich allzu gern in der Kleidung der Vorbeikommenden verfing, doch Rosé wusste ihre Schritte geschickt zu setzen und auf dem winzigen Pfad zu bleiben.


    Plötzlich raschelte es leise im Gebüsch, und kaum zwei Sekunden später trat ein rotbrauner Hirsch heraus, der Rosé mit seinen samtenen braunen Augen beobachtete. Lächelnd blieb sie stehen und musterte das scheue Geschöpf. Der Hirsch war noch sehr jung, seinem kleinen Geweih nach zu schließen, und wollte noch kurz zurückzucken, aber dann kam er auf Rosé zu und rieb seinen Kopf an ihrer Hand.
    Zaghaft kraulte sie das Wesen hinter den Ohren. Es war wundervoll, dass die Tiere ihr so vertrauten… Rosé streichelte den Hirsch, der sie neugierig von oben bis unten beschnüffelte. Als er die Augen halb schloss und sie in die Seite stupste, sah Rosé, dass er lange geschwungene Wimpern hatte, wie ein Mädchen.
    Schließlich drehte er seinen schlanken Kopf, trat umsichtig über einige heruntergefallene Äste und verschmolz wieder mit den Schatten der Bäume. Auch Rosé machte sich weiter auf ihren Weg, jetzt aber deutlich gemütlicher. Sie pflückte ein paar Hände voller Himbeeren von einem nahen Busch, und als sie kurze Zeit später aus dem Wald auf die offenen Felder hinaustrat, kam ihr eine weiße Gestalt in einem kurzen, sommerlichen Kleid entgegen. Rosé lachte. Snowy schien die Tatsache, dass es Ende Herbst war, gern zu ignorieren.


    Ihre Schwester eilte zu Rosé und umarmte sie stürmisch. Lachend griff sie nach ihren Händen und wirbelte freudig herum. “Schön, dass du endlich da ist. Mutter hat sich schon Sorgen gemacht”, sagte sie mit glockenklarer Stimme und verwuschelte ihr langes, gelocktes blondes Haar aus Gewohnheit mit einer Hand. Rosé grinste und überreichte ihr einen Teil der Himbeeren. “Nun, Snowy, ich habe mich ein bisschen nützlich gemacht. Wie geht es unserer Mutter?”
    Einen winzigen Augenblick huschte ein Schatten über ihr Gesicht, als Snowy sagte: “Ich habe für sie Essen gemacht, aber… Im Moment sitzt sie schon wieder draußen, bei ihren Rosen, und redet mit ihnen. Oh Rosé, ich hoffe nur, sie schafft es über diesen Winter. Kommst du mit? Da gibt es noch den Dachstuhl, den wir reparieren sollten, bevor der Regen hindurch kommt.”
    Rosé seufzte. “Na schön. Machen wir das Beste daraus.” Nur kurze Zeit später verließen sie das kleine Dorf, passierten die meist einstöckigen Häuser und traten auf einen schlammigen Weg, der über die Felder zu ihrer Hütte führte. Goldgelber Weizen säumte den Pfad, seine Ähren wiegten sich im sanften Wind. Idyllischer konnte es kaum noch sein, aber dies trog.
    Dunkle Wolken dräuten an diesem sonnig blauen Horizont und legten sich schwer auf Rosés Gemüt. Traurig schlenderten die Schwestern nach Hause zurück, fort aus ihrem unbeschwerten Leben.
    Ein wackliger Zaun umgab den Hof einer kleinen Scheune, drinnen kreischte eine magere Gans. Rosé erinnerte sich noch gut an den Tag, als sie dieser aus der Schale half; wie sie damals dem kleinen Küken den Namen Isolde gegeben hatte und bald feststellen musste, dass sie stattdessen einen Gänserich in der Hand hielt. Snowy hatte noch Wochen später darüber gelacht.
    Die windschiefe Hütte hatte nur ein staubiges Fenster und war vollkommen mit Efeu überzogen. Auf dem Dach fehlten einige Ziegel, das Holz darunter war porös und brüchig. Der Wind pfiff um die Ecken, drang beständig durch die dünnen, schlecht isolierten Wände und erzeugte ein hohles, unangenehmes, ja geradezu schlangenhaftes Zischeln.
    Doch aus dem Kamin drang schon Rauch und waberte ihnen einladend entgegen. Er trug dieselbe Wärme und den Geruch mit sich, den Rosé schon lange mit >zuhause< verband, ohne länger darüber nachdenken zu müssen, und sie jedes Mal, wenn sie sich weiter davon entfernte, für einen Augenblick wehmütig werden ließ. Snowy dagegen machte ein angewidertes Gesicht und schritt stattdessen geradewegs auf die Tür zu. Zwei Rosenbüsche säumten den kiesbedeckten Weg dahin. Ein zerbeult wirkendes rotes Auto stand rechts in einer schlichten Einfahrt.
    Kaum drinnen, begrüßte Mutter Rosemarie schon freudig ihre beiden Kinder, schloss sie zusammen in die Arme und sagte dann: “Oh Snowy, Rosé, schön, dass ihr wieder hier seid! Und Beeren habt ihr mir auch mitgebracht, ja? Behaltet sie ruhig; ich freue mich viel mehr, euch wieder wohlbehalten hier zu sehen. Ja, seitdem Vater gestorben ist, habe ich auch allzu viele Sorgen…” Sie wuselte erstaunlich schnell aus dem winzigen Eingangsbereich, dessen Wände von Rosés gekritzelten Bildchen bedeckt war, in die weiß geflieste Küche und stellte eine Pfanne auf den Herd.
    “Nun, nicht so schnell, Mutter. Wir haben doch schon gegessen”, erklärte Snowy hastig und zog Rosemarie am Arm.
    “Oh. Okay, meine Lieblinge, für heute bleibt nichts mehr zu tun. Es ist schon spät, ihr solltet rechtzeitig zu Bett gehen.” In ihrer Stimme schwang ein leichtes Seufzen mit, als sich Rosemarie auf einen tief eingesunkenen Sessel fallen ließ.
    Rosé zog ihr Handy aus der Tasche und legte es oben in ihrem Zimmer in eine schlichte Truhe, die voller kleiner, persönlicher Dinge war. Der Raum lag sich im Dachgeschoss, und es befanden sich lediglich zwei schmale Betten, ein Schrank und eine Kommode darin. Snowy hatte schon ihre Schulsachen in eine Ecke geworfen und sich müde zum Entspannen auf ihr Bett gelegt, während Rosé noch nach draußen in den Sonnenuntergang spähte.


    Etwas bewegte sich dort unten im Gras und erweckte ihre Aufmerksamkeit. War es ein Mann? Tatsächlich humpelte eine Gestalt über den Weg und auf das Haus zu, völlig in Lumpen gehüllt. War es nur Einbildung, oder Rosé runzelte verblüfft und ein wenig verängstigt die Stirn. Niemand hier im Dorf war derart in Nöten, dass er in solcher Kleidung herumlaufen musste.
    “Snowy? Hier ist jemand… Komm schnell, ich weiß nicht, was das soll!”
    Ihre Schwester sprang auf und durchquerte schnell das Zimmer. Fassungslosigkeit spiegelte sich zwei Sekunden später in ihrem Gesicht wider, und schon klingelte es unten. Sie standen wie erstarrt da und sahen sich an.
    “Hallo?”, ertönte unten schwach die Stimme ihrer Mutter, worauf sie aus ihrer Versteinerung erwachten und die Treppe nach unten stürmten. Die Stufen knarrten so laut, dass der Fremde sofort den Kopf hob und sie anblickte. Einen Moment streifte er Rosés Blick, und sie war überrascht, wie jung das Gesicht des Mannes wirkte. Nur seine Augen waren tief und dunkel wie unergründliche Brunnenschächte.
    “Es tut mir Leid, dass ich hier so hereinfalle, und das auch noch um diese Stunde”, sagte er mit schwacher Stimme. Seine Augen flackerten zu Rosés Mutter hinüber. “Wenn ich ungelegen komme… Es ist nur…” Ihr später Gast senkte den Blick auf seine schmutzigen Schuhe, doch Rosemarie schien ihm zu trauen. Sie bat ihn hinein und drängte ihn sofort dazu, sich auf dem weichen, grau gemusterten Sessel niederzulassen.


    Snowy warf ihrer Schwester einen zutiefst ungläubig wirkenden Blick zu. Das war gut nachzuvollziehen, denn Rosemarie hatte zwar schon früher bewiesen, dass sie gegenüber ihren Mitmenschen ein geradezu naives Vertrauen hegte, doch das hier war eine seltsame Situation.
    Rosé schaute so unauffällig wie möglich zu dem Fremden hinüber und musterte ihn diesmal von Kopf bis Fuß, darauf bedacht, jede Einzelheit im Gedächtnis zu behalten.
    Unter der Kapuze seines ausgefransten Regenmantels hingen ihm einige Strähnen mahagonifarbenen, gelockten Haares in die Stirn. Soweit sein Gesicht nicht von Schatten bedeckt war, sah Rosé keine Anzeichen dafür, dass er schon länger auf der Straße lebte. Er war weder ausgemergelt, noch sah sie Ringe unter seinen Augen.
    Fünf Minuten später, als Rosemarie ihm auch noch einen heißen Früchtetee in die Hand gedrückt und das Feuer des Kamins entfacht hatte, begann er, im flackernden Licht zu erzählen:
    “Ich bin nicht mehr der, der ich früher einmal war. Vielleicht gibt es keine Möglichkeit, die Geschehnisse angemessen wiederzugeben, doch ich glaube, dass ich mich erklären muss.” Er brach kurz ab und machte eine Pause. Rosé war überwältigt. Seine Worte klangen nicht wie die eines Hausierers oder Diebs, aber auch nicht aufgesetzt oder steif, sondern so, als wäre der Fremde gewohnt, immer so zu sprechen.
    “Ich habe einige unverzeihliche Fehler begangen und weiß nun, dass ich mich aus meinem früheren Leben zurückziehen muss. Vor zweieinhalb Tagen bin ich von dem Landsitz, der bisher mein Zuhause war, verschwunden. Ich muss sagen, dass ich darauf nicht vorbereitet gewesen war, als Sohn eines Neureichen plötzlich auf der Straße zu sitzen. Ich habe zu oft alles auf eine Karte gesetzt, und am Ende verloren.”
    Seine Stimme wurde am Ende des Satzes kaum noch hörbar.
    “Was ist passiert?”, fragte Rosé atemlos.
    Ihr Gast sah sie einen Moment lang an und sagte: “Ich habe durch einige Geschäfte mein Vermögen verloren und vielen Menschen durch Überheblichkeit Probleme bereitet. Das ist meine Schuld, und ich hatte nicht länger vor, damit zu leben. Es ist Zeit für mich, etwas zu verändern. Ich werde niemandem mehr schaden.”
    Rosé starrte ihn an. Die Ehrlichkeit seiner Rede hatte sie überzeugt.
    “Es gibt Wichtigeres als Geld und Luxus”, meinte sie sanft, “aber Sie können sicher für eine Weile bei uns bleiben.”
    Der Fremde sah ihr tief in die Augen. Er hatte das Kinn auf eine Faust gestützt, das lockige Haar fiel ihm in die Stirn. “Ich danke euch”, sagte er müde.


    ENDE

  • Das Mittelstück dieser Kurzgeschichte ist leider ziemlich kurz und mager geraten, aber, huh? Was soll man machen mit 1500 Wörtern, huh?


    "Trauerspiel - Traunmagil"


    Der warme Duft von frisch gemahlenem Kaffee zog durch die Flure des Hauses. Sonnenlicht schien durch die großen Fenster, fiel auf den Holzfußboden und ließ Staubflusen in der Luft tanzen wie kleine Goldkörnchen. An der Wand hing eine imposante Uhr, deren Schläge durch die Stille hallten, während ich den Blick über die schlichte Einrichtung schweifen ließ und am Gesicht meines Gegenübers hängen blieb.
    Liu Bai musterte mich ruhig, und es schien, als würden seine eindrucksvollen, tiefblauen Augen durch mich hindurch blicken.
    “Das ist eigentlich nichts für Reporterinnen wie Sie”, stellte er mit rauchiger Stimme fest.
    “Vielleicht doch”, entgegnete ich wenig schlagfertig und lehnte mich zurück. Der Stuhl knarrte unangenehm.
    Es waren jede Menge Überredungskünste meinerseits nötig gewesen, um überhaupt so weit zu kommen, und ich wollte jetzt nicht, dass sie vergebens waren.
    “Meister Liu Bai, diese Sache bedroht möglicherweise ganz Teak City. Da ist es ganz natürlich, dass die Presse und damit die Öffentlichkeit davon erfahren möchte.”
    Er seufzte. “Na schön. Aber passen Sie auf sich auf.”


    Zwei Minuten später hatte ich den Schlüssel zum abgebrannten Turm in der Hand und konnte mein Glück kaum fassen.
    Endlich. Es ging voran. Vielleicht fand ich in dem abgesperrten Bereich, wonach ich schon so lange gesucht hatte. Einen Hinweis, mehr wollte ich gar nicht, und ich hatte nur noch eine Chance. Mein Redakteur hatte mich bereits für verrückt erklärt.
    Nachdem ich ein Chicken Curry mit gewohnt feuriger Soße gegessen hatte, stand ich eine halbe Stunde später mit zitternden Händen vor dem Tor.
    Über mir ragte die rauchgeschwärzte, immer noch majestätische Fassade der Ruine auf.
    Dunkelheit erwartete mich, als ich die knarrende Tür aufstieß und in den Raum dahinter trat.
    Schatten zogen sich über die Wände, mächtige Säulen stützten die hohe Decke, und ich fröstelte jetzt sicher nicht nur wegen der Kälte, sondern auch, weil ich gegen meinen Willen Respekt verspürte.


    Tintenschwarze, elegante Schriftzüge aus Hieroglyphen bedeckten die runden Säulen, vor denen ich atemlos stand und mit den Fingern die winzigen Buchstaben entlang fuhr.
    Erst auf der vierten und hintersten Säule fand ich, was ich gesucht hatte. Mit Bildern und Texten hatten die alten Einwohner Teak Citys ihre Vergangenheit festgehalten. Seit ich vor fünf Jahren gelernt hatte, die Hieroglyphen zu lesen, hatte ich immer wieder von diesem Raum gehört. Von den vielen Mythen, die die Stadt umgaben, waren nur wenige hier vertreten.
    Erneut fühlte ich die Dunkelheit um mich herum, und nur die Taschenlampe in meiner Hand warf ihr kühles Licht auf die zarten Buchstaben. Unter meinen Füßen knarrte der Boden wie ein lebendiges Tier, als ich die Lampe auf die letzte Tafel richtete.
    Während ich sie überflog, kroch ein eisiger Schauder meinen Rücken empor.
    Ja. Das war es, das Ziel meiner Träume. Aber es war ganz anders, als ich erwartet hatte.
    Zeile für Zeile las ich die Aufzeichnungen durch, so lange, dass mir die Augen von dem diffusen Licht der Taschenlampe brannten.
    So unmöglich es schien, stand es doch klar und deutlich hier und ließ keinerlei Platz für Interpretationen.
    Seelenlose Körper. Blaues Feuer auf den Seen. Eine Zeit der eisigen Kälte, Geister in der Turmruine.
    Beunruhigt sah ich mich um. Geister. Eigentlich neige ich eher dazu, alle Dinge logisch zu bewerten, abzuwägen und zu durchdenken, doch diese Vorkommnisse im letzten Jahrhundert machten mir Sorgen.
    Gab es Anzeichen für diese Katastrophen in diesen Wochen nicht erneut? Manche berichteten von Erscheinungen auf dem Wasser, der Frühling kam zu spät und die Pokémon waren nervös.
    Geister. Das Wort kam mir unvermittelt wieder in den Sinn.
    Ich nestelte zugegebenermaßen angespannt an den Pokébällen herum, die an meinem Gürtel hingen.


    Urplötzlich ging eine gewaltige Druckwelle durch das Gebäude, die mich fast von den Füßen fegte. Draußen ertönte ein Knall, dann bebte die Erde. Jetzt landete ich doch noch auf dem Bauch.
    Sofort wurde es eiskalt um mich herum, ich hörte Rufe. Keuchend stemmte ich mich wieder hoch und rannte unsicher auf die Tür zu, ohne das Ende der Tafel gelesen zu haben.
    In meinem Kopf fuhren die Gedanken Achterbahn. War Teak City verflucht? Gab es Ereignisse, die sich alle paar Jahrzehnte wiederholten, und was- zum Teufel- hatten die Geister damit zu tun?
    Ich stürzte hinaus.
    Die Stadt war in einen dichten, dunklen Nebel gehüllt, während schemenhaft Häuser aus der Dunkelheit auftauchten, sobald ich an ihnen vorbeieilte.
    Ein unheimliches Summen ertönte vor mir, wieder durchsetzten Vibrationen die Luft. Vor meinem Gesicht bildeten sich Dampfwölkchen, die sich mit dem Nebel vermischten.
    Geisterstunde, dachte ich. Aber warum?
    Es wiederholte sich. Was, wenn es wirklich zur kompletten Zerstörung Teak Citys kam? Den Reflex unterdrückend, einfach nur noch zu flüchten, rannte ich den Schreien nach, die von weiter östlich zu kommen schienen.
    Neben mir schossen kleine blaue Flammenzungen aus dem Boden und säumten unheimlich flackernd die Straßen.
    Erschöpft passierte ich einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern, trat aus der Gasse hinaus und fand mich schließlich auf dem Marktplatz wieder, wo sich schon eine stumm wartende Menschenmenge versammelt hatte.
    “Was wollt ihr von uns?”, rief jemand in die Schatten hinein und verbarg sich dann wieder im Kreis der anderen. Angestrengt versuchte ich, mehr als nur einen vagen Schemen zu erkennen, aber es war unmöglich. Das Wesen darin wusste genau, wie man sich unsichtbar machte.
    “Ihr wisst, wer ich bin”, erklang eine glockenklare, kalte Stimme aus dem Dunkel.
    “Dies war mein Platz seit ewiger Zeit und wird es auch bald erneut sein. Denn vor einigen Jahrhunderten geschah etwas, das euer Verderben sein wird.”
    “Warum? Zeige dich!” Meine Stimme hallte unangenehm laut in der Stille, aber das war mir egal.
    Ich musste es einfach herausfinden; vielleicht gab es auch eine Möglichkeit, zu helfen.
    In Sekundenschnelle verschwand der wabernde Nebel. Er zog sich um seinen Kern zu einem fast greifbar wirkenden Knäuel zusammen und löste sich danach auf einmal auf.
    In der Mitte erschien die klar umrissene Gestalt eines Traunmagil.
    Obwohl meine Knie zitterten, hielt ich dem Blick aus den roten Augen, die sich in meine bohrten, entschlossen stand.
    “Du kannst nichts tun, um den Lauf des Schicksals zu verändern”, erklärte es unbarmherzig, “ihr alle könnt nichts tun, aber vielleicht solltet ihr vor dem Untergang eurer Heimat den Grund dafür kennen.”
    Eine Pause trat ein, dann fuhr das Pokémon fort: “Vor dreihundert Jahren war ich frei. Mein Geist gehörte der Natur und meinem Clan, niemandem sonst. Wir lebten nicht zusammen mit den Menschen, sondern unabhängig im hohen Norden und in den Wäldern. Den Geistern gehörten die Berge, und ich war einer ihrer Herrscher.
    Wir schützten unsere Familien vor den Menschen und ihrer Habgier, doch ich war es, der zu schwach war. Als eure Vorfahren hier eindrangen, war ich zu arrogant, um mir einzugestehen, wie groß die Gefahr schon geworden war.
    Vom Rat der Geister wurde ich also verbannt, um Teak City zurückzuerobern, und vor hundert Jahren hätte ich meine Aufgabe fast erfüllt. Doch ich schaffte es erneut nicht, ich war so knapp vor meinem Ziel und scheiterte schließlich, weil ein mächtiger Trainer meinen Versuchen jäh ein Ende setzte.”
    “Und darauf hast du dir geschworen, stark genug zu werden und uns endgültig von hier zu vertreiben”, schlussfolgerte ich leise.
    Die anderen blickten nervös von mir zu Traunmagil, dessen Augen auf mir ruhten.


    “Ich kann euch nicht ziehen lassen und fortgehen, ohne Teak City zerstört zu haben, selbst wenn ich wollte. Ich muss meine Schuld begleichen.”
    Die blauen Feuer loderten auf, wieder bebte die Erde. Um mich herum schrien die Menschen verzweifelt auf, Häuser stürzten ein, während ich mich zu Traunmagil durchkämpfte und dabei fast von den Flüchtenden zu Boden gestoßen wurde.
    “Hör auf!”, brüllte ich über den Lärm hinweg, “es gibt immer einen Ausweg!”
    Ich gab mir alle Mühe, meine Stimme entschlossen und überzeugt klingen zu lassen, doch bei den letzten Worten versagte sie fast.
    “Nein. Du solltest nun gehen, denn ich will nicht all die Leben auslöschen”, sagte das Wesen endgültig.
    “Es ist sinnlos. Die Menschen werden wieder kommen”, meinte ich resignierend.
    “Das mag sein. Aber dann ist es nicht mehr meine Schuld, und ich bin frei.”
    Traunmagils rote Augen glänzten wie Juwelen, doch jetzt entdeckte ich ein wenig Trauer in ihnen. Liu Bai hatte Recht gehabt. Ich musste nun fort, also riss ich mich los und verschwand.

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    So. Ein nächster 1. Platz im Wettbewerb für mich, eine neue Geschichte für euch ;) Ich hoffe, sie gefällt - und berührt - euch. Die Kurzgeschichte hat einen realen Hintergrund, auch wenn ICH persönlich nicht betroffen war.
    In Anlehnung an: "Boulevard of Broken Dreams"


    Broken


    In dieser Nacht war die Luft klar und kalt, vom dunkelblauen, fast schwarzen Himmel funkelten die Sterne. Mondlicht fiel auf die Betonfliesen eines einsam daliegenden Bahnhofgebäudes, das ins kühles Neonlicht der Straßenlaternen getaucht war.
    Der Wind fuhr über die Schienen, zerrte mit unsichtbaren Fingern an meinem Mantel und wirbelte eine zerknitterte Papiertüte über das Gelände.
    Ich zupfte den Kragen höher in mein Gesicht, schlenderte langsam an den Automaten vorbei und setzte mich allein auf eine hölzerne, schmutzige Bank.


    Die kalten Böen hatten jede menschliche Seele längst von hier vertrieben, zusammen mit der unheimlichen Stille und den leeren Hallen, deren Fenster wie tote Augen in die Düsternis starrten.
    Alles um mich herum ignorierend lehnte ich mich weiter zurück, betrachtete einen Fleck auf meinen Schuhen und dachte nach.
    Warum war ich hier?
    Was in aller Welt würde sich je ändern?


    Wie in Trance war ich durch die Straßen der Stadt gewandert - erst viel später sollte mir klar werden, dass ich dort, in den Schatten, etwas Verlorenes gesucht haben musste.
    Es schien, als käme die Dunkelheit auf mich zu, streckte ihre Arme aus, um mich freundlich zu empfangen, doch ich würde dieser Einladung nicht nachgeben.
    Im Prinzip konnte ich auf den Morgen warten und mich dann vor einen Zug werfen - niemand würde später auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden.


    Doch zugegeben, das war eine abstrus widerliche Art des Selbstmordes. Es musste einen anderen, würdevolleren Ausweg geben, ich durfte mein Leben nicht so wegwerfen. Trotz allem war jeder Augenblick zu wertvoll, zu einzigartig. Vielleicht war es albern von mir, immer noch Hoffnung zu verspüren, obwohl es hier eisig kalt war und meine Hände bei dem bloßen Gedanken an den nächsten Tag zitterten.
    Ich wollte nicht sterben.


    Vielleicht schaffe ich es noch eine Weile, einfach meinen Weg fortzusetzen und zu hoffen, dass die Einsamkeit irgendwann endete.
    Ist es nicht naiv, dachte ich, daran zu glauben, dass die Zeit Wunden heilte, selbst wenn auch nur die leichtesten? Viel zu lange hatte ich schon darauf gewartet, sagte ich mir und starrte, ohne etwas zu sehen, die Gleise entlang.


    Wieder schlug mir der eiskalte, betäubende Wind mit Wucht entgegen. Jeder Atemzug schmerzte in meiner Brust. Einen Moment dachte ich, ein leises, qualvolles Röcheln läge darin, doch ich musste mir eingestehen, dass meine Erinnerung mir wohl einen Streich spielte.
    Grausame Gedanken überkamen mich, und plötzlich schien die dunkle Welt um mich herum ein wenig zu verschwimmen.
    Ich war nicht einmal dagewesen, als es geschah. Als der Tod zu meiner Anja ans Bett getreten, ihr die Hand gereicht und sie von ihrem Lungenkrebs befreit hatte. Das Ende war schmerzhaft plötzlich und schnell gekommen, nachdem sie schon mehrere Monate darauf gewartet hatte. Ihr Anblick damals hatte mir ein letztes Mal noch das Herz gebrochen.


    Verzweifelt stützte ich meinen Kopf in die Hände und versuchte, alles zu vergessen. Doch diese Gnade war mir nicht gewährt: Verdrängen, ja - wirkliches Vergessen, nie. Bitter musste ich mir eingestehen, dass ich schon vor meiner Hochzeit gewusst hatte, was auf mich zu kam. Und dennoch hatte ich Anja geheiratet, um ihr Hoffnung und Stärke zur Therapie zu geben.
    Alles war vergebens.
    Als der Krebs zurückgekommen war, wurde Anjas Willen gebrochen. Vielleicht gab auch ich mir die Schuld daran; wenn ich ihr nur etwas mehr geholfen und nicht nur Zuflucht im Vergessen gesucht hätte… Immer wieder musste ich mir sagen, dass nichts, nichts in der Welt ihr Schicksal hatte abwandeln können.


    Wahrscheinlich wurde ich langsam tatsächlich verrückt. Es gab keinen Ausweg, jedenfalls keinen, der sich mir jemals offenbart hätte. Was mir blieb, war Verbitterung und Einsamkeit. Schuldgefühle. Schmerzhafte Liebe zu längst vergangenen Erinnerungen. Die Trostlosigkeit dunkler Straßen. Immer wieder enttäuschte Hoffnungen, die Suche nach etwas Besserem, nach einem Ziel.


    Plötzlich leuchteten zwei grüne Punkte weiter rechts von mir auf. Ich verschob meine Gedanken auf später; Trauer verging nicht.
    Das mit den Schatten verschmelzende Wesen war zu klein für einen Hund, aber auch zu groß, zu elegant für eine Ratte.
    Kaum zwei Sekunden später trat eine grauschwarz gestreifte Katze mit buschigem Schwanz und verfilztem Fell auf mich zu und schaute mich taxierend und aufmerksam an. Sie war ein Streuner,
    eine halb verwilderte, ausgesetzte Hauskatze. Wie ich, nur mit dem Unterschied, dass ich mich selbst ausgesetzt hatte.
    Sie schlich um mich herum und ließ es schließlich zu, dass ich ihr Fell mit der linken Hand noch mehr verwuschelte. Schnurrend sprang sie neben mir auf die Bank, setzte sich aufrecht wie eine Sphinx hin und warf mir einen halb misstrauischen, halb zufriedenen Blick zu.


    Wir leisteten uns eine halbe Stunde lang Gesellschaft; zum ersten Mal, seit ich vor dem Leben geflohen war, fühlte ich mich ein wenig wohler. Ihr Schnurren ließ sogar ein Lächeln auf meinem Gesicht erscheinen.
    Schließlich streckte sie sich, machte einen Buckel und sprang von ihrem behaglichen Platz auf meinem Schoß herab. Fast wollte ich ,geh nicht´ rufen, doch es war eine Katze, verdammt. Eine Weile ärgerte ich mich, doch dann wurde mir klar, dass der Wunsch, nicht allein zu sein, gar nicht so kindisch war.


    Ich konnte nichts dagegen tun, dass ich die nächsten paar Stunden noch deprimierter wurde. Die Kälte drang tief in meine Knochen ein, es war fast, als schnitten mir Eissplitter in die Haut.
    Einsamkeit überkam mich wie eine donnernde Gewitterwolke; die Blitze daraus schienen mir den Schädel zu spalten.


    Es war Zeit. Verdammt noch mal, ich musste hier weg. Bald würde die Sonne aufgehen, der Horizont wurde schon an den Rändern heller.
    Endlich stand ich auf, steif vor Müdigkeit, Enttäuschung und Kälte, und verließ den Bahnhof.


    Meine Wege führten mich durch die verlassenen Straßen, eine lange, endlos anmutende Einkaufsmeile entlang und weiter in die Vorstädte hinein.
    Ein umzäuntes, begrüntes Grundstück zog meine Aufmerksamkeit an. Steintafeln erhoben sich in Reih und Glied auf dem flachen Rasenstück.
    Es war ein Friedhof.


    Ihr Grab stand in der fünften Reihe, schlicht und ungeschmückt. Nur ein Name und ihre Daten standen in eleganter Schrift auf dem Stein. Ein tränenförmiger Edelstein war hineingelassen worden, als letztes Geschenk von mir an den besten Menschen, der mir je begegnet war.
    Ein leichter Windhauch umspielte meinen Mantel und ließ die herbstlich gefärbten Blätter auf dem Boden wirbeln.
    Und ich wusste, dass meine Reise - zweifellos eine sinnlose Suche nach Glück - noch nicht beendet war. Nicht heute. Ich schuldete es ihr.



    ENDE

  • Ein - meienr Meinung nach - wirklich nicht schlechter Text für den 14. Wettbewerb. Hat leider nicht ganz gereicht. Würde mich hier über Kommis und besonders Verbesserungsvorschläge freuen. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn weiterschreibe.


    Gnadenlos


    Kälte durchfuhr Mariks Körper. Das letzte Fünkchen seiner Kraft entwich in die Dunkelheit, als er versuchte, den Kopf zu heben. Sein eigenes Gewicht schien ihn an den harten Beton zu fesseln. Tausend Sterne blickten hämisch auf ihn herab, die schmale Sichel des Mondes konnte kaum die Umrisse des einsamen Fabrikgeländes erleuchten.
    Marik kämpfte darum, nicht in Panik zu geraten. Jeder Atemzug brachte eine neue Welle des Schmerzes mit sich.
    Das Projektil musste eine seiner unteren Rippen gestreift haben und diagonal wieder ausgetreten sein.
    Warmes Blut lief an seiner Seite entlang und bildete ein kleines Pfützchen rechts von ihm. Das war das Ende. Irgendwie hatte er schon längst darauf gewartet. Er wandte gerade rechtzeitig den Blick ab, um einen hochgewachsenen, blonden Mann auf sich zukommen zu sehen, Lawrence Greenwood, ein alter “Bekannter”. Anscheinend war er es, der ihm hier aufgelauert hatte. Der Schatten in der Dunkelheit.
    “Uhups. Ich sollte in Zukunft wohl größere Kaliber benutzen, hm?” Seine Stimme schien direkt aus der Hölle zu kommen. Samten und ruhig.
    Marik hustete. Er spürte, wie sich sein rechter Lungenflügel mit Blut füllte. Glühende Messer bohrten sich in seine Brust.
    “Was wolltest du hier, Schnüffler?”, fragte Lawrence und trat neben ihn.
    “Seit wann duzen wir uns, mein Freund?”, krächzte Marik und blickte geradewegs in die wässrig - blauen Augen des anderen. Er versuchte, seine Schmerzen mit Hass zu ertränken, doch es wollte nicht funktionieren.
    Lawrence zog seine Pistole aus dem Hosenbund und ließ sie um den Zeigefinger drehen. Übelkeit stieg in Marik auf, als er sich die grausamsten Racheszenarien durch den Kopf gehen ließ. Er fühlte es. Wie er aufsprang und Lawrence mit einem Ruck das Genick brach.
    Stattdessen konnte Marik sich nicht rühren und spürte langsam, wie seine letzten Sekunden verrannen.
    “Ich werde schon noch erfahren, was Sie hier zu finden hofften”, erklärte Lawrence samtig, hockte sich mit einer fließenden Bewegung neben ihn und richtete die Mündung der Pistole auf die Schläfe des Liegenden.
    Marik atmete ruckartig ein. Jetzt überwältigte ihn doch die Panik, die er so lange zu besiegen versucht hatte. Nichts konnte die Kälte noch aus seinen Gliedern vertreiben. Wenn er je Angst vor dem Tod gehabt hatte, war das nichts im Vergleich zu dem, was er nun empfand. Er wollte nicht wissen, was nach dem Ende kam, wollte nicht sehen, wohin ihn sein Weg noch führte.
    Es fühlte sich an, als würde eine wütende Raubkatze auf seinen Rippen sitzen und ihre Krallen in seine Lunge graben.
    Doch viel schlimmer war die Gewissheit, dass er nun niemandem mehr von seinen Entdeckungen berichten konnte. Nichts davon würde jemals aufgedeckt, und Lawrence würde höchstens wegen Falschparkens Ärger mit der Polizei bekommen. Das Gefühl, versagt zu haben, schmerzte viel mehr als die Schusswunde. Alles war umsonst gewesen! Alles. Jede Sekunde, die er damit verbracht hatte, ein Rätsel zu lösen, das ihn schließlich zu diesem Punkt geführt hatte. In den sicheren Tod.
    “Ihr solltet eure Leichen besser vergraben”, meinte Marik kryptisch und mit zitternder Stimme.
    “Ach?”, fragte Lawrence. “Sie sind über Rosie gestolpert? Ein trauriger Fall.”
    Rosie. Gestolpert.
    “Bastard”, flüsterte Marik heiser. Jede Silbe bereitete ihm unerträgliche Qual.
    Ein Schuss ertönte. Er kniff in Erwartung einer neuen Schmerzwelle die Augen zu, doch Lawrence hatte nur auf eine allzu neugierige Taube geschossen. Hoffentlich hat das jemand gehört, flehte Marik und schaute zu dem zerfetzten Vogel hinüber. Ich sehe bestimmt nicht besser aus, dachte er sich.
    Lawrence seufzte und verlagerte das Gewicht auf sein anderes Knie.
    “Man wird nicht jünger, das kann ich Ihnen sagen. Also, verschwendet meine Zeit nicht. Wem haben Sie was erzählt?”
    “Meine Familie weiß von nichts”, ächzte Marik, “und auch sonst niemand. Sie kennen mich ja, ich habe keine Assistenten. Niemanden.”
    “Huh. Welche Überraschung”, höhnte Lawrence. “Wie sieht´s mit Tagebüchern aus? Internet? Oder haben Sie es ihrer Nutte erzählt?”
    Marik atmete schneller. Selbstverständlich hatte er Aufzeichnungen gemacht, doch nicht von dem letzten, dem wichtigsten Teil… Schicksal, dachte er sich. Was tat es schon zur Sache?
    “Nun hören Sie, Mann!”, fluchte Lawrence. “Ich will Ihnen nicht jedes Bisschen aus der Nase ziehen müssen, das gibt hier sonst eine ziemliche Sauerei.” Er warf seiner Pistole einen wohlwollenden Blick zu.
    Marik ballte die Hände zu Fäusten. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Alle seine Muskeln brannten vor Schmerz, während schwarzer Nebel vor seinen Augen auftauchte.
    Lawrence wusste, dass es sinnlos war, einem Sterbenden mit dem Tod zu drohen. Und er wusste auch, dass er gerade seine letzte Chance verspielt hatte, herauszufinden, wo der verfluchte Schnüffler seine Aufzeichnungen versteckt hatte.
    Er starrte in Mariks vor Schmerz und Angst weit aufgerissenen Augen. Sah, wie sein Gesicht langsam alle Farbe verlor, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte mit der süßlichsten Stimme, die er in seinem Repertoire hatte: “Ich glaube, Ihre Frau wird mich nicht mögen.”
    “Nein!”, schrie Marik verzweifelt, es war ein letztes Aufbäumen. “Nein, bitte. Nein…”

  • So, meine Lieben :3 Für den Sieg hat´s ganz knapp nicht gereicht, aber was solls... Immerhin haben 10 Leutz für mich gevotet. Viel Spaß beim Lesen & Interpretieren. Ja, es gibt ´ne ganze Menge zu interpretieren.



    ~Akina~
    Das war ihr Name. Akina, die Frühlingsblume, eine Blühte, die niemals ihre volle Schönheit entfalten konnte. Die Dunkelheit ihres kleinen Gefängnisses drang in Akinas gelähmte Gedanken ein und fesselte sie an den rauen Boden.
    Ihr weißes Fell hatte all seine Pracht verloren, ihre Augen blickten trüb in die konturlose Schwärze.
    Ihre gebogenen Krallen fuhren rastlos über Beton und hatten schon Furchen hineingegraben. Seit ihrer Geburt hatte ihr Besitzer über sie verfügt. Wenn Akina nicht tat was er verlangte, sperrte er sie ein.
    Sie legte den Kopf auf ihre Pfoten, stumme Tränen rannen ihre Wange herab.
    Sie war zu schwach.

  • Das ist nur entstanden, weil ich mir an dem Fluff-Wettbewerb die Zähne ausgebissen habe und wir mit der Schule heute ein KZ besichtigt haben. Nicht wundern.



    Angst


    Tropf, Tropf.
    Es ist nicht dunkel in dieser Nacht. Es ist nicht still. Nicht friedlich. Vielleicht ist es das draußen, im Park und am Fluss, in den Häusern der Reichen.
    Doch hier erhellen Neonlampen die Flure, abgeschattet zwar durch dunkle Vorhänge, aber ihr Licht raubt mir den Schlaf.
    Tropf, Tropf.
    Ich weiß, was geschehen wird. Aber warum kann es nicht sofort passieren? Warum muss ich hier liegen und warten? Was ist das für ein Schicksal?
    Tropf, Tropf.
    Ich kann meine Arme nicht heben. Wahrscheinlich nie wieder. Sogar meine Augenlider sind zu schwer geworden. Ich werde sie nie wieder öffnen.
    Diese Nacht.
    Die letzte meines Lebens. Welches Ende es nehmen wird! Früher habe ich mir manchmal vorgestellt, wie ich vielleicht sterben könnte. Ich dachte, ich sterbe für ein Ziel. Um etwas Sinnvolles zu tun, etwas zu beweisen. Doch jetzt beweise ich nur, dass das Schicksal willkürlich mit den Menschen verfährt und es keinen Gott gibt.
    Tropf, Tropf.
    Als hätten das nicht schon alle gewusst, denke ich. Was kommt nach dem Tod?, frage ich mich. Wohin gehe ich jetzt? Ich will nirgendwo mehr hingehen. Ich will kein zweites Leben. Das erste hat mich genug gelehrt.
    Tropf, Tropf.
    Wenn ich doch nur gehen dürfte! Die Sekunden zerrinnen und graben ihre Krallen in meinen Geist. Hätte ich eine Wahl gehabt… Was dann? Würde ich nicht mehr hier liegen?
    Es ist niemand da. Warum auch? Die Lebenden weilen an anderen Orten.

  • Hey, warum schreibt niemand ein Kommi? Schon seit fünf oder sechs Geschichten! Also ehrlich, haltet euch mal ran. Ich will ja nicht irgendwann im Inaktiv-Bereich landen! Hier wieder meine Siegerstory (herzlichen Glückwunsch auch an Scissorhand), mal was ganz Melodramatisches. Das Nächste wird wahrscheinlich nicht ganz sooo schlimm.



    Wir alle sind Tänzer, die sich mehr oder weniger anmutig über das Parkett des Lebens bewegen. Der Takt wird vorgegeben. Manchen von uns gelingt das Unmögliche, und sie entkommen mit heiler Haut aus dem Chaos der Zeiten. Die anderen jedoch gehen verloren. Ich gehöre auch zu den Unglücklichen, die sich schon zu Anfang die falschen Steppschuhe gekauft haben und schließlich gefallen sind.
    Jetzt stehe ich am Abgrund und schaue hinunter, sehe das brodelnde Wasser und die spitzen Felsen, die sich mir freudig entgegenrecken. Ich atme die klare, salzige Luft des Meeres und frage mich, warum ich diese Entscheidung erst so spät getroffen habe. Es hätte mich jenen furchtbaren Schmerz erspart, den ich immer in meiner Brust spüre und der mir den Atem abschnürt.
    Es ist doch nur ein winziger Schritt. Ich höre mein Herz pochen, als wollte es mit aller verbliebenen Kraft gegen meinen Entschluss ankämpfen. Bald wirst du aufhören zu schlagen, denke ich und schaudere. Das Gestein unter mir bröckelt. Auch es will, dass ich mich dem Nichts entgegen werfe. Kleine Kiesel klatschen dreißig Meter tiefer ins Wasser; man hört den Aufprall kaum, die Wellen überdecken die Geräusche. Soll ich es also tun? Noch einmal tief durchatmen. Meine Augen brennen von dem Wind, der mit kalten Fingern an meinen Kleidern zerrt. Er umklammert meinen Geist mit seinem eisigen, festen Griff.
    Ich zittere.
    Wut und Trauer graben ihre Krallen in meine Seele. Wieder sehe ich die Felsen unter mir, meine Hände verkrampfen sich. Weiße Gischt spritzt fast drei Meter in die Höhe. Dunkle Wolken dräuen am Horizont, der Wind wird stärker. Es riecht nach Seetang, Muscheln und Fisch. Es ist eigentlich so ein schöner Ort, geht es mir durch den Kopf.
    Lerne ich heute fliegen?
    Vielleicht. Selbstmord ist so ein hässliches Wort. Abstrus und bizarr. Man soll das Leben nicht wegwerfen, wenn Gott es einem gegeben hat. Beinahe schmunzele ich. Wenn es denn einen Gott gibt. Wahrscheinlich ist er unglaublich grausam.
    Tränen steigen in meine Augen. Alles habe ich verloren. Wie der Tänzer, der sich den Knöchel bricht, weil er die falschen Steppschuhe gekauft hat.
    Ich kann das alles nicht vergessen. Mein Leben dreht sich im Kreis. Es ist eine unaufhaltsame Abwärtsspirale, in der wir uns alle befinden. Die Wenigsten jedoch erkennen dies.
    Jetzt muss ich die Notbremse ziehen.
    Es ist niemand da, um mich aufzufangen.
    Krampfhaft atme ich ein und höre den leisen Schrei eines Vogels über mir. Der friedliche Laut ist wie ein Stich in meinem Herzen.
    Ich denke zurück an den Abgrund, schaue hinunter. Der Wind wird immer stärker. Die dunkelgrünen Bäume hinter mir wiegen sich in ihm. Ich spüre, dass meine rechte Hand zusammengeballt ist und meine Fingernägel sich in die dünne Haut graben. Sicher haben sie schon Abdrücke hinterlassen, doch ich sehe nicht nach. Mein Blick wendet sich wieder dem wolkenverhangenen Himmel zu. Blaugraue, zerfaserte Gewitterwolken schieben sich vor die Sonne, und sofort verdunkelt sich die Umgebung. Die Farben verblassen in der Düsternis und hinterlassen nichts als eintöniges Grau. Auf einmal sehen die Wellen nicht mehr aus wie Wasser, sondern wie flüssiger Stahl, der mit ungeheurer Wucht gegen die Klippe donnert.
    Es ist Zeit.


    ***
    Eine Möwe streckt ihre Flügel aus und genießt die Kühle des Windes, der durch ihre Federn fährt. Sie stößt ihren Jagdruf aus, der weithin über die Gipfel der Bäume hallt, und sucht nach einer günstigen Luftströmung. Ihre schwarzen Augen suchen das Meer nach Beute ab, denn sie hat nicht mehr viel Zeit. Bevor der Sturm losbricht, muss sie wieder zurück sein, in ihrem sicheren Nest, und ihren Küken Nahrung bringen.
    Schließlich sieht sie den dünnen, schwarz gekleideten Mann, dessen Gesichtszüge im Dunkeln liegen. Er steht einsam auf der Klippe und scheint zu zögern. Neugierig fliegt sie eine elegante Schleife über den Abhang und lässt sich von einem Aufwind tragen.
    Der Mann reißt die Augen auf und starrt sie an. Er sieht aus wie besessen, stellt sie erschrocken fest. Oder nein… Das ist es nicht. Es sind nur die Schatten in seinem Gesicht, die diesen Eindruck vermitteln.
    Das Gewitter trägt sie von der Klippe fort. Sie spürt die Augen des Mannes auf sich ruhen. Aber was ist das dort im Wasser? Silberne Schuppen - sie stößt hinab. Mit angewinkelten Flügeln lässt sie sich furchtlos fallen, hält auf das dunkle Wasser zu, auf die Wellenberge, die sich vor ihr auftürmen, streckt im letzten Augenblick die kleinen, orangenen Krallen ins Meer und schraubt sich wieder in die Höhe. Eine Böe reißt sie gewaltsam empor, doch sie verliert ihre Beute nicht. Hoffnungslos windet sich der Fisch in ihrem festen Griff.
    Triumphierend und in Gedanken schon bei den hungrigen Mäulern, die sie füttern muss, fliegt die zurück zum Land.
    Doch was ist das? Dort oben auf der Klippe steht niemand mehr.


    ***


    Wir alle sind Seiltänzer. Über uns ist nur der Himmel.

  • Zeile um Zeile


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    Die Veränderungen kommen schleichend. Man findet keinen Ausweg mehr aus schwierigen Situationen, alles dreht sich. Ich kann kein klares Ziel mehr erkennen. Mein Leben… Habe ich kostbare Zeit verschenkt? Am liebsten würde ich alles hier zerschlagen. Ich sehe in den Spiegel und erkenne mich kaum wieder. Woher kommt diese plötzliche Traurigkeit?
    Die schönsten Momente sind an mir vorbeigegangen und für immer verloren. Ja, verloren. Dieses Wort klingt furchtbar endgültig. Die Kontrolle ist mir entglitten, seitdem ich nur noch zuhause sitze. Die Zeit war früher ein beliebig dehnbares Element. Was habe ich mit ihr angefangen? Mein Leben scheint in geraden Bahnen zu verlaufen. Bin ich zu sehr auf Sicherheit bedacht? Ist es das? Vielleicht laufe ich im Kreis, ohne es zu merken. In der Wüste soll so etwas möglich sein. Tag und Nacht gehen nahtlos ineinander über - genau wie hier. Ohne Kontraste. Schönste Abstufungen von Grau, alle Facetten der Langeweile abgedeckt. Seit dreißig Jahren bemühe ich mich, dass sich nichts verändert. Viel zu lange. Es wird Zeit für einen Tapetenwechsel. Was ist aus meinen Träumen geworden? Habe ich zu lange gezögert?


    Ich weiß es nicht. Verdammt. Nicht einmal so leichte Fragen kann ich noch beantworten. Warum habe ich es nicht längst bemerkt? Ein Leben voller Kompromisse. Ich habe keine Ziele mehr, nichts, das mich antreibt. Vielleicht der Gedanke an meine Tochter, aber das reicht nicht. Auch Peter kann die Lücke plötzlich nicht mehr ausfüllen. Warum habe ich ihn eigentlich geheiratet? Wann habe ich aufgehört, ihn zu lieben? Vielleicht könnte ich es immer noch.
    Ein Blick auf ihn, und schon bin ich vom Gegenteil überzeugt. Er macht sich nicht einmal mehr die Mühe, mich anzuschauen, wenn ich mit ihm rede. Stattdessen grummelt er ungeduldig, seine Augen kleben wie tote Fliegen an der Mattscheibe des Fernsehers. Wie kann das sein? Ich weiß noch, wie verliebt ich in der ersten Zeit war… Jetzt ist sein Bauch dicker als ein Nashornhintern, aber ich darf mich nicht aufregen, das ist schlecht für den Blutdruck.


    Ich brauche wieder etwas, für das sich mein Leben lohnt. Irgendeine Idee, die mich wieder voranbringt. Ich atme die abgestandene Luft in diesem Zimmer und kann es kaum noch erwarten.
    Kann ich das alles einfach so hinter mir lassen? Wir haben ein hübsches kleines Häuschen, wie aus einem Bilderbuch. Für Spießer gemacht. Wahrscheinlich ist das nur ein symbolischer Aufbruch. Meine Tochter braucht mich, und ich kann sie nicht bei diesem Langweiler zurücklassen. Peter… Sogar der Name klingt durchschnittlich. Bei mir ist das anders. Lia zeugt doch von Energie und Tatendrang, oder?
    Aber was hat mich eigentlich zu diesen Einsichten geführt? Warum bin ich plötzlich aus meiner Lethargie erwacht? Ja, Lethargie. Das ist das perfekte Wort.
    Vielleicht ist es der Tod meiner Mutter vor einem Monat, doch daran will ich gar nicht denken. Vielleicht ist es schlicht der Frühlingsbeginn. In unserem Garten sprießen überall hellgrüne, zarte Triebe aus dem Boden - wie zerbrechlich sie aussehen! - , die schlanken Birken gegenüber tragen ihr frisches Laub. Wie poetisch. Der Anfang einer neuen Ära.


    Ich sollte einfach mal hinaustreten und die kühle Luft atmen. Es ist schon spät, doch seltsamerweise bemerke ich das kaum. Der Tag ist ja noch jung, nicht wahr? Die Gardinen in der Küche versperren mir den Blick. Furchtbares Machwerk, so nichtssagend. Der Flur zur Terrassentür kommt mir plötzlich vor wie ein langer Tunnel. Was beschwere ich mich eigentlich? Viele andere haben es nie annähernd so komfortabel gehabt. Ein komfortables Leben, das ist es tatsächlich. Da war immer etwas anderes. Ein Teil meines Daseins, der schon lange vergessen ist.
    Ich stehe vor der Tür, der Knauf quietscht erbärmlich. Den sollten wir austauschen.
    Die Jacke hängt drinnen im Schrank. Egal. Gleichgültig wie ich bin ignoriere ich den feinen Nieselregen, der sich auf meine Haut legt. Ein schönes Gefühl, und ich fröstele. Vor mir breitet sich unser schmales Hanggrundstück aus, dunkle Wolken dräuen am Horizont. Eine kräftige Böe wirbelt mir die Blätter der Birken auf der anderen Straßenseite entgegen. Tatsächlich hängen dort vom letzten Herbst noch einige, doch das Grün macht sich zusehends breit.
    Auch mir geht es so. Egal, was mich letztendlich aufgerüttelt hatte, ich bin dankbar dafür. Ein Leben in Trance hätte mich nie glücklich gemacht. Ich denke wieder an meine Träume zurück. Lang ist´s her… Mir kommt der Geruch von Papier in den Sinn, von Druckertinte und Kerzenwachs. Das Klappern einer Tastatur taucht in meinem Gedächtnis wieder auf. Mein alter Computer sollte noch auf dem Dachboden stehen…
    Ein tiefer Atemzug, und ich weiß, was zu tun ist. Jahrzehntelang habe ich keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Die schönste Nebensache der Welt ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Dabei hätte ich doch soviel Zeit gehabt! Ärger kommt in mir auf, doch der legt sich rasch wieder. Meine Freude über die Entdeckung überwiegt. Ein seltsames Gefühl kommt in mir auf. Ist es Triumph? Entschlossenheit? Optimismus? Vielleicht. In dem Bewusstsein, dass ich so zufrieden bin wie seit knapp dreißig Jahren nicht mehr, schlendere ich zurück ins Haus. Die Wärme heißt mich einladend willkommen. Schön, wieder zuhause zu sein.


    Kaum in der Küche, schnappe ich mir einen alten, angeknabberten Kugelschreiber. Meine Tochter hat früher auf allem herumgebissen.
    Mit einem gekonnten Dreh lasse ich den Stift zwischen meinen Fingern hin und her hüpfen. Ein Schmunzeln über den Trick erscheint auf meinem Gesicht. Das zumindest habe ich nicht verlernt, doch ich sollte es langsam angehen lassen.
    Das nötige Papier nehme ich einfach aus dem alten Drucker, der ebenfalls auf dem Dachboden steht. Ich bleibe gleich dort oben. Es ist ein guter Ausgangspunkt. Zwischen zwei mit Spinnweben verhangenen Hockern steht der alte, hölzerne Schreibtisch. Gutes Mahagoni, das riecht man sogar. Ein Kerzenstummel steht verloren auf dem oberen Eck, und mir treten urplötzlich Tränen in die Augen. Überwältigt von den verdrängten Erinnerungen stehe ich einige Herzschläge unentschlossen vor dem Pult.
    Die Glühbirne an der Decke flackert. Kein gutes Licht hier oben. Zeit, den ersten Schritt zu machen. Aufgeregt lasse ich mich auf dem rechten Stuhl nieder und zücke den Kugelschreiber.


    Und es ist so einfach. Die passenden Worte fallen mir ein, als hätte ich sie nie vergessen. Wer weiß, vielleicht haben sie die ganze Zeit hier oben auf mich gewartet. Die alte Magie beginnt wieder, ihr Traumgespinst um mich zu weben. Ich weiß nicht genau, worüber ich eigentlich schreiben will, aber nachdem der Anfang getan ist, springen mir die Ideen zu. Fieberhaft saust der Stift über das Papier und eröffnet mir noch unbekannte Welten. Was liegt hinter dem Schleier, der unser Bewusstsein umgibt? Welche Faszination ruht in den einfachsten Augenblicken?
    Obwohl ich müde bin, finde ich kein Ende. Zeile um Zeile füllen sich die Blätter mit meinen Gedanken. Jeden von ihnen bringe ich zu Ende und warte geduldig ab, wohin er mich führt. Die einzigen hörbaren Geräusche sind das Knistern des Papiers und mein ruhiger Herzschlag. Vielleicht geht unten die Welt ihren gewohnten Lauf, doch das kümmert mich nicht. Diese Zeit habe ich mir verdient, nach all den Jahren.


    Erst als mein Handgelenk unangenehm zu pochen beginnt, richte ich mich wieder auf. Unwillig kehre ich in die reale Welt zurück und erkenne, dass die Farben plötzlich wieder gedämpfter erscheinen. Ein leichter Kopfschmerz macht sich hinter meinen Schläfen breit, doch ich genieße es und puste den Staub von den Ecken des Schreibtisches. Absolute Stille macht sich breit, und nur die geschriebenen Worte sprechen in mir. Sie flüstern mir zu, ihren fremden Wegen weiter zu folgen, doch für den Moment verabschiede ich mich. Unten wartet meine Tochter auf mich - und mein neues Leben.

  • Hassgeflüster


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    Irgendetwas musste ich sagen, also griff ich zu der ersten Drohung, die mir einfiel: “Ich hätte wirklich große Freude dabei, deine Eingeweide an eine Eiche zu nageln.” Adrenalin kochte in meinen Adern. Das kleine Fiffyen mir gegenüber musterte mich hungrig und zog jetzt die Lefzen nach oben. Kaum waren meine hochtrabenden Worte in dem dunklen Lagerraum verhallt, traten auch schon zwei seiner Komplizen neben mich und knurrten drohend.
    Sie drängten mich in eine finstere Ecke, die von zwei Seiten durch hohe Türme aus Kisten mit zweifelhaftem Inhalt abgegrenzt war.
    Wachsam versuchte ich, Anzeichen von Furcht oder Unsicherheit bei ihnen zu erkennen, doch diesmal hatte ich kein Glück. Beim ersten Zögern musste ich meine Chance ergreifen.


    Das räudige Fellknäuel rechts von mir fletschte die Zähne und trat einen Schritt vor. Auf einen Kampf war ich wirklich nicht aus.
    “Reptain”, knurrte es, “wir billigen es nicht, wenn jemand auf dem Gebiet unserer Herren herumschnüffelt.”
    “Euch ist es vielleicht entgangen”, erwiderte ich ärgerlich, “aber ich bin nicht ohne Grund hier. Schaut euch doch nur einmal um! Diese Halle ist seit Jahren im Besitz der Organisation.” Ich warf einen ausgiebigen Blick in die Runde. Meine drei Bewacher ließen keinerlei Unaufmerksamkeit erkennen. Allesamt waren sie stämmiger und sehniger als ihre gewöhnlichen Kollegen und hatten ein boshaftes Aussehen. Der Rechte, welcher mir besonders aggressiv zu sein schien, hatte eine dunkelrote Narbe über der Schnauze und ein Loch im Ohr.
    Der Ausgang befand sich in der entgegen gesetzten Richtung und war von außen fest verschlossen. Das Dachfenster weiter vorn, über welches ich in das Gebäude eingedrungen war, lag außerhalb meiner Reichweite. Würde es mir noch einmal gelingen, an den glatten Betonwänden emporzuklettern?


    Als hätte es meine Überlegungen erraten, sagte ein Fiffyen: “Vergiss es, Freundchen. Wir warten hier solange, bis dein Partner auch noch zu uns stößt. Sehr unvorsichtig von ihm, dich die Untersuchung allein durchführen zu lassen.”
    Ich schwieg und blieb dem Hündchen eine entsprechende Antwort schuldig.


    ***


    Chris spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Während sein Tischnachbar unaufhörlich weiter redete, waren seine Gedanken weit entfernt. Verschwendete er hier seine Zeit?
    Wenn er sich an die endlosen Stunden erinnerte, die er in staubigen Archiven und mit dem Befragen einiger Zeugen verbracht hatte, drehte sich ihm fast sein Magen um. Er erinnerte sich, wie er zusammen mit Reptain vergeblich durch die Nacht gehetzt war, um die Basis der Organisation zu finden, und trotzdem immer wieder nur auf diese Lagerhalle gestoßen war. Reptain war beinahe noch weniger eine Kämpfernatur als er selbst, und hatte ihn dennoch stets tapfer verteidigt.


    “Chris! Bist du noch da?”, fragte eine Stimme in seinem linken Ohr und schreckte ihn auf. Er ließ den Blick umherwandern und schaute geradewegs in die verärgert funkelnden Augen seines Gesprächspartners. Schlagartig wurde ihm wieder bewusst, wo er sich befand; ein kleines Café mit orangenen Wänden und niedlichen Tischchen. Hatte er nicht nach Informationen zum Schmugglergeschäft fragen wollen?
    Sven lehnte sich wieder zurück und musterte ihn argwöhnisch. “Es ist wieder diese Sache, nicht wahr? Warum solltest du mich sonst um Hilfe bitten?”
    “Ich kann es nicht vergessen”, versuchte Chris zu erklären, “es wäre besser für uns alle, die Sache endgültig zu Ende zu bringen. Viel zu lange haben wir die Organisation geduldet!” Zorn stieg in ihm auf und verbannte die lange gefühlte Hoffnungslosigkeit aus seinen Gedanken. Vielleicht gab es ja einen Weg.


    ***


    Mein Herz machte einen schmerzhaften Schlag, als das rechte Fiffyen aufjaulte und sich sein Fell sträubte. Kläffend wirbelte es herum und ließ mich erstaunt in der Ecke stehen. Das Tor zur Halle knarrte unheilvoll und öffnete sich langsam nach innen. Scheinwerferlicht streckte seine tastenden Finger in die Halle hinein, das Brummen eines Motors drang an meine Ohren.


    Schlagartig fiel die Aufmerksamkeit der Hunde von mir ab, sodass ich meine Gelegenheit für gekommen hielt. Ich fasste mir ein Herz und ging zaghaft zum Angriff über. Wo ich doch so ungern kämpfte! Ein Meister der verbalen Auseinandersetzung war ich, aber dieser Mut erstreckte sich eher weniger auf handfeste Argumente.
    Flink trat ich dem nächsten Fellknäuel in die Rippen, sodass es zu Boden geschleudert wurde und zornfunkelnd herumwirbelte. Mit Schaum an der Schnauze und einem wilden Knurren stürzte es sich auf mich, doch ich reagierte ungewohnt schnell und machte einen gewaltigen Satz nach hinten.
    Während ich mich in der Luft drehte, knallte ich gegen den niedrigsten Kistenturm und schaffte es gerade noch so, meine langen Krallen in dem Holz zu vergraben. Glücklicherweise splitterte es nicht, sondern hielt stand, sodass ich mich mühsam weiter hinaufhangeln konnte. Ich zog mich an den Kisten empor, doch ich hatte nicht mit der Geistesgegenwart meiner Widersacher gerechnet.
    Kaum war ich anderthalb Meter über dem Boden, spürte ich, wie sich scharfe Zähne in mein Fleisch bohrten. Mit einem Aufschrei verlor ich den Halt und stürzte zu Boden.


    ***


    “Die Organisation ist nur ein Phantom”, sagte Sven entschieden und warf ihm einen beobachtenden Blick zu. “Ein Cop wie du sollte das wissen.”
    “Ein Phantom, ja?”, zischte Chris und schlug unbeherrscht mit der flachen Hand auf den Tisch, “ein Phantom? Wie kann es dann sein, dass Lizzie…” Er brach ab und schüttelte den Kopf. Nicht hier, nicht jetzt. Er wollte nicht darüber nachdenken.
    “Das ist es”, sagte Sven leise und bohrend, “das hat dir die Objektivität genommen. Es hätte jeder Kleinganove in dieser verfluchten Stadt sein können.”
    Ruckhaft einatmend machte Chris Anstalten, auszustehen. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so durcheinander. Lizzie…
    “Je tiefer du in diesen Fall eintauchst, desto verbissener wirst du!”, rief Sven und funkelte mich an, “wie oft warst du schon in dieser Halle, ohne etwas gefunden zu haben? Welche Erfolge kannst du vorweisen?”
    Chris seufzte, stand aber langsam auf. Die Hände auf die Tischplatte gestützt, sagte er leise und gefährlich: “Ich sehe, du willst mir nicht helfen. Ist es etwa für deine Karriere zu gefährlich, dich mit mir abzugeben?” Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern nahm seinen Mantel von der Garderobe und stieß unwillig die Tür auf.


    Tief einatmend trat er in die winterlich kalte Luft hinaus und spürte den knirschenden Schnee unter seinen Schuhen.
    Wütend kickte er gegen einen vereisten Laternenpfahl und angelte seinen Autoschlüssel aus der Manteltasche. Er musste zurück zu Reptain, das spürte er. Ein Ziehen in seiner Magengrube und eine düstere Vorahnung beunruhigten ihn. Hoffentlich war nichts schief gelaufen, denn er könnte es sich niemals verzeihen, wenn auch Reptain etwas zugestoßen wäre.


    ***


    Als ich eine gefühlte Ewigkeit später wieder erwachte, spürte ich sofort, dass sich etwas verändert hatte. Mein Rücken fühlte sich taub an, und ich konnte meinen Nacken kaum bewegen. Ich wollte die Augen aufschlagen, doch ich fühlte mich ausgelaugt und schwindlig. Außerdem war ein raues Tuch so eng um meinen Kopf geschlungen, dass ich nicht einmal Schemen wahrnehmen konnte. Meine Schultern pochten schmerzhaft, weil meine Arme mit kalten Eisenfesseln ausgebreitet an die Wand gekettet waren. Mit einem Schlag kehrte meine Erinnerung zurück, und ich fluchte lebhaft. Ich war in eine Falle getappt. All diese Fährten und Hinweise hierher - nur vorgetäuscht. Chris und ich waren auf das heimtückische Netz der Organisation hereingefallen.


    Bei dem Gedanken, was das letztlich für mich bedeutete, schien sich der Boden unter meinen Füßen aufzulösen. Hoffentlich war Chris noch nicht auf dem Weg…


    ***


    Es war zum Durchdrehen. Wie lange suchte er jetzt schon nach der Organisation? Chris wusste es auf die Sekunde genau. Kaum hatte er in Dienstkleidung vor der Tür seiner Schwester gestanden, hatte er gewusst, was geschehen war.
    Chris hatte die unwidersprüchlichen Zeichen gesehen, die der Täter schon an anderen Orten hinterlassen hatte. Nachdem herausgekommen war, dass Lizzie im Auftrag ihrer Zeitung versucht hatte, Details über die Organisation herauszufinden, war für ihn alles klar gewesen.
    Doch warum zweifelten Menschen wie Sven ständig an ihrer Existenz?


    Es war früher Abend, als Chris sein Auto auf einen Parkplatz in der Nähe der Lagerhalle parkte und auf die verlassenen Straßen hinaustrat. Die letzte halbe Stunde hatte er sich zunehmend schreckhafter gefühlt, sodass seine Nerven jetzt, wo er seine Dienstwaffe einsteckte, zum Zerreißen gespannt waren. Dennoch schlich er gewohnt wachsam um seinen Wagen herum und duckte sich auf seinem Weg zur weit hinten liegenden Halle immer wieder hinter rostigen Ölfässern und überquellenden Mülltonnen.


    Der Anblick eines geparkten, schwarzen Geländewagens direkt vor dem Tor ließ ihn triumphierend lächeln. Er hatte doch recht behalten.
    Doch mit einem Schrecken wurde ihm klar, dass Reptain jetzt wohl in größter Gefahr war. Mit zusammengebissenen Zähnen machte er sich auf den weiteren Weg.


    ***


    Ich dämmerte lange vor mich hin, während sich eine allumfassende Stille ausbreitete. Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen, und eine dumpfe Angst beherrschte meine Herzschläge.
    Plötzlich hörte ich leise, gedämpfte Schritte rechts von mir, und zuckte zusammen. Sofort bereute ich die Bewegung, denn alle meine Muskeln hatten sich durch die unbequeme Lage verkrampft. Ächzend bewegte ich mich in meine ursprüngliche Position zurück und verharrte mit pochendem Herzen.
    “Ach ja”, ertönte plötzlich eine Stimme nur wenige Meter entfernt, “Reptain, schön, dass du uns einen Besuch abstattest. Wir haben euch Schnüffler schon vermisst.”
    Ich zischte zur Antwort und versuchte demonstrativ, die Ketten aus der Wand zu reißen. Das erzielte den erwünschten Erfolg, denn der Mann fuhr lachend fort: “Ich sehe, du bist ein widerspenstiges Kerlchen. Nichtsdestotrotz werden wir euch beide aus dem Weg räumen müssen.”
    Nachdem ich mühsam seine Worte aufgenommen hatte, überfiel mich ein erschreckender Gedanke.


    ***


    Das Hallentor stand offen. Chris musterte es zwei Herzschläge lang beunruhigt, dann lud er grimmig seine Waffe und begab sich in die Höhle des Löwen.
    Unbehelligt drang er bis ans andere Ende der Halle vor und sah sich bedächtig um. Das Licht der Abendsonne schickte seine letzten Strahlen durch die Dachfenster hinein, kein Laut war zu hören.


    Doch kurz darauf ertönte ein verräterisches Rumpeln, sodass Chris erschrocken aufsah. Das elektronische Tor fast fünfzig Meter entfernt begann sich schnell zu schließen.
    Instinktiv rannte er zurück, doch es war viel zu weit entfernt, und er musste sich erst seinen Weg durch das Chaos bahnen. Fluchend stieß er mit dem Knie gegen etwas Hartes, stolperte und schlug der Länge nach hin.
    Mit einem unheilvollen Rasseln schloss sich das Tor.


    ***


    “Du bist zu Recht besorgt”, sagte die Stimme boshaft, “denn in diesen Augenblicken sollte dein Trainer gerade in unsere Falle gegangen sein. Wir gehen ihn bald besuchen.”
    Furcht kämpfte in meinem Herzen gegen einen unbändigen Hass an, der alles zu ersticken drohte. Mehr als alles andere schmerzte mich die Gewissheit, dass jetzt alles verloren war. Obwohl die meisten Hinweise wahrscheinlich absichtlich gelegt worden waren, hatten wir mehr über die Organisation herausgefunden als alle anderen - bis auf Lizzie. Ja, ich hatte sie kaum gekannt, und dennoch bereute ich es, dass ihr größtes Werk nun wohl unvollendet blieb.


    Jemand machte sich an meinen Fesseln zu schaffen und zerrte mich grob auf die Beine. Ich konnte immer noch nichts sehen, sodass ich augenblicklich das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.
    “Verdammt”, knurrte jemand hinter mir, doch ich machte mir nicht die Mühe, wieder aufzustehen. Ungeduldig zerrte jemand das Tuch von meinen Augen und packte mich am Nacken.
    “Siehst du das hier?”, fragte er zornig und ließ ein Streichholz vor meinen Augen hin und herwandern. Mit einem gekonnten Schlenker entzündete er es an der Wand und hielt es dicht vor meine Nase. Ich spürte die tödliche Hitze der Flamme auf meiner Haut und wand mich verzweifelt im Griff des Mannes. Hoffnungslos.
    “So. Komm jetzt mit.” Hatte ich eine Wahl?


    Durch eine verborgene Tür betraten wir die Halle. Daraufhin erklang ein Keuchen direkt vor uns, und ich sah Chris, der von zwei schwarz gekleideten Männern in Schach gehalten wurde und dem die blanke Todesangst ins Gesicht geschrieben stand. Doch noch deutlicher als das las ich in seiner Miene einen unversöhnlichen Hass. Seine Augen glichen tiefen, dunklen Seen, sein zerstrubbeltes Haar hing ihm wirr in die Stirn.
    Ein Klicken einer Waffe, die geladen wurde, ertönte hinter mir.
    Das war das Ende. Schreckensstarr sah ich in Chris´ weit geöffnete Augen, und erkannte in ihnen die gleiche Angst, die auch in meinen Knochen steckte.


    Doch der Schuss, der schließlich abgefeuert wurde, galt nicht mir.