Der Zorn des Himmels

Die Insel der Rüstung erwartet euch!


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  • Kapitel 27: Von Freunden und Göttern


    Die Nacht war frisch, trotz des Sommers hier in Hoenn und Melody fröstelte es. Nach der Dämmerung hatten kurze Schauer die Temperaturen fallen lassen, weshalb sie nun eine dünne Jacke übergestreift hatte und im Beisein von Andrew in den Hinterhof des Pokémoncenters schlenderte. Am Rande der Kamplätze erwartete Ryan die beiden bereits. Auf einer Bank hatte er sich augenscheinlich ermattet und antriebslos niedergelassen, die Arme auf den Lehnen ausgebreitet und den Kopf in den Nacken gelegt. Sterne sah er keine, da sich nach dem Schauer die Wolken nicht gänzlich hatten verziehen wollen, doch der Mond schien durch den Wolkenteppich hindurch. Das erleichterte Ryan und stimmte ihn gleichzeitig trübselig. Er wünschte noch immer, sich vor dem, was jetzt kam, drücken zu können.

    Nachdem sie der Geschichte von Mila und Sheila gelauscht hatten, war es sehr lange still im Zimmer gewesen. Es war sehr viel gewesen, das es zu verarbeiten galt und so richtig konnte Ryan auch noch nicht fassen, dass er an die erwählte Kriegerin des Drachengottes und einer schonungslos gedrillten Killerin aus mittelalterlicher Zeit geraten war. Selbst für ihn, der bereits die ein oder andere unglaubliche Geschichte selbst durchlebt hatte, klang es etwas zu fantastisch. Und doch würde er einmal mehr eben dieser glauben, anstatt Mila der Lüge zu beschuldigen.

    Nachdem diese sich für heute verabschiedet hatte und ihre Partnerin eigens ein weiteres Mal auf Kundschaft gegangen war, hatte Ryan die Bitte an Melody gerichtet, Andrew bei Einbruch der Nacht nach draußen zu bringen. Er selbst hatte bis dahin noch etwas allein sein wollen, um sich mental ein wenig vorzubereiten, wenn er Andrew von den älteren Ereignissen erzählen würde, von denen er besser erfahren sollte. Nein, in Anbetracht der neuen Lage musste er es unbedingt wissen.

    „Hey“, grüßte Andrew den Wartenden schließlich teilnahmslos. Er war natürlich noch immer sauer, da Ryan diesen Drachensplitter gestohlen und ihm die Sache mit Mila verschwiegen hatte. Aber er konnte es kaum noch zeigen, da ihn die Informationen zuvor derart vor den Kopf gestoßen hatten, dass er es beinahe verdrängte. Er musste sich sogar in Erinnerung rufen, dass er Ryan gerade eigentlich gern verprügeln würde.

    Der antwortete nur mit einem Murren. Melody sagte überhaupt nichts. Sie wusste, was Ryan seinem Kumpel hier zu zeigen gedachte und spürte die Anspannung zwischen ihnen. Andrew hatte sie flüchtig informiert, wie gut die beiden befreundet waren, auch wenn es gerade schwer zu beobachten war. Verständlicherweise.

    „Du hast mich ja schon früher in echt krasse Dinge mit reingezogen, aber das hier? Hut ab, Alter“, seufzte Andrew schließlich und vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeansjacke.

    „Darüber will ich mit dir reden.“

    Ryan ließ den Kopf langsam nach vorne sinken, um seinem besten Freund in die Augen zu blicken.

    „Das ist bislang nur Platz zwei.“

    Seine Iris schimmerte in der Farbe des Mondes. Silbern, ein kaltes Licht, doch unendlich schön. Als hätte man zwei Vollmonde auf seine Augen gepresst und sie mit den Pupillen einmal durchlöchert. Melody hatte diese Augen bereits bei ihrem letzten Treffen gesehen, doch wie mochte Andrew nun reagieren?

    Gar nicht. Er starrte einfach nur. Gar nicht fassungslos oder erstaunt. Er sah Ryan an, als warte er noch immer auf die Enthüllung.

    „Ich nehme nicht an, dass du die hast, um im Dunkeln zu lesen?“

    Ryan würdigte diesen schlechten Witz mit keinem einzigen Wort. Ein bloßer Blick genügte, um ihm klarzumachen, dass dies nicht der Augenblick dafür war.

    „Die Lüge mit den Kontaktlinsen kann ich mir ja jetzt wohl sparen. Aber wahrscheinlich hast du mir die eh nie abgekauft.“

    „Überzeugt war ich nicht“, antwortete Andrew wahrheitsgemäß. Hin und wieder gab es solche Situationen zwischen den beiden, in denen einer eine Lüge erzählte, die vom anderen durchschaut, aber nicht weiter hinterfragt wurde. Es war ihre Art, einander mitzuteilen, dass man darüber nicht reden konnte oder wollte. Hieß es zwar von vielen, dass beste Freunde keine Geheimnisse voreinander hatten, waren Ryan und Andrew der Ansicht, dass sich gerade solche zumindest ein paar gönnen durften, ohne sich gleich verletzt zu fühlen. Niemand sollte sich aufgrund einer Freundschaft dazu gezwungen fühlen, über Sachen zu reden, die man lieber für sich behielt. Wenigstens für eine Weile. Menschen – gerade Jugendliche – hatten nun mal Geheimnisse. Selbst vor ihrer Familie.

    „Du hast sicher gemerkt, dass Sheila das Mädchen von der Fähre nach Wurzelheim ist. Sie hat schon dort bemerkt, dass ich sie von einem Legendären habe und dann…, naja war ich auf ihrem Radar.“

    Andrew kam einen Schritt näher, nahm nun die Hände aus den Taschen und sah eindringlicher auf Ryan herab.

    „Dann sag mir warum und wie lange du die schon hast. Einfach gerade raus, keine lange Geschichtsstunde.“

    Der Blondschopf stockte einen Moment. Damit wurde ihm verdeutlicht, dass die Kurzfassung genügte, da Andrew seine Unannehmlichkeiten wohl aufgefallen waren und er ihm die Sache nicht unnötig erschweren wollte, wofür er dankend lächelte. Zumindest ganz kurz.

    „Es war vor acht Wochen, ungefähr.“

    „Ich sagte keine Geschichtsstunde bitte.“

    „Keine Angst, das ist schon die Kurzfassung. Ich hab ja unterwegs durch Johto den Silberflügel gefunden und dann… nach Lugia gesucht.“

    Während ihrer Reise hatte es zwei oder drei Momente gegeben, in denen Ryan das Thema um den Silberflügel angeschnitten hatte. Andrew wusste mittlerweile bestens, wann, wo und wie er ihn gefunden hatte, doch dass der Fund an sich nur der Prolog zu etwas Größerem war, hatte er ihm verschwiegen.

    „Naja, ich hab ihn gefunden. Es gab einen wahnsinnigen Kampf. Ich habe mit Lugia zusammen versucht eine Katastrophe zu verhindern und…“

    Die Erinnerung an diesem Moment war nichts, das Ryan jeden Tag verfolgte. Schließlich war dieser Tag trotz all der irrsinnigen Gefahren und Strapazen vielleicht der größte seines Lebens gewesen. Doch wer rief sich schon gerne den Moment ins Gedächtnis, in dem man dachte, dass nun endgültig alles aus sei?

    „Und was?“

    Andrew konnte die Ungeduld noch weitestgehend aus seiner Stimme verbergen. Doch fast kam es ihm so vor, als ließe Ryan ihn auflaufen.

    „Ich war… praktisch… schon tot.“

    Die Sache mit den Augen hatte Andrew nicht viel Eindruck entlockt, doch diese Info tat es allemal. Man hätte wohl gar nicht vermutet, dass seine Brauen so weit nach oben wandern konnten. Melody setzte sich neben Ryan und legte ihm beistehend eine Hand auf die Schulter. Auch sie hatte an diesem Tag gelitten. Als zum Zusehen Verdammte, die nicht in der Lage gewesen war, Ryan irgendwie zu helfen. Die ihn alles allein hatte schultern lassen.

    „Ich mach keine Witze und bin auch nicht theatralisch. Frag Melody, wenn du Bestätigung brauchst. Ohne Lugia wäre ich dort drauf gegangen.“

    Ein kurzer Blick in ihre trüben Augen genügte. Andrew würde nicht wagen, einem von beiden eine Lüge zu unterstellen, wenn sie ihn derart ansahen. Es gab keinen Spielraum für Zweifel.

    „Ein Teil seiner Lebensenergie wird jetzt in mir fließen, solange ich atme. Naja und genau das... ist die Ursache hierfür“, vollendete Ryan die Erklärung und hielt sich eine Hand kurz unter das Auge. Der glanzvolle Schein darin trog in diesem Moment. Ihm war eher danach, sie zu schließen und zumindest für eine Zeit nicht wieder zu öffnen. Er wollte sie niemandem zeigen, wollten nicht, dass die Leute erkannten, dass er anders war. Auch Andrew nicht. Wie könnten die Dinge zwischen ihnen schließlich bleiben wie immer, wenn er plötzlich anfing, mit Götter zu kämpfen – gleich ob an ihrer Seite, wie damals oder gegen sie, wie vielleicht in naher Zukunft. Durch so etwas konnte er Andrew unmöglich mitschleifen.

    „Ist das alles?“

    Es war nicht so, dass Ryan erwartet hatte, sein bester Freund würde jetzt aus allen Wolken fallen. Obwohl es nicht einmal unverständlich wäre. Aber er stellte diese Frage, als hätte er erzählt, nicht zusammen mit dem legendären Wächter der Ozeane, sondern einem zerzausten Tauboga einen obendrein unwichtigen Kampf ausgetragen zu haben. Als sei es die banalste Sache der Welt gewesen.

    „Wenn du jetzt wieder Faksen machst, hau ich dir auf die Schnauze“, meinte Ryan nur. Hätte er vorher mal einen Moment nachgedacht.

    „Dazu hab ich mehr Gründe, als du. Aber doch nicht, weil du dicke mit einem legendären Pokémon bist.“

    Andrew hob die Arme an und zuckte mit den Schultern. Nahm er das gerade wirklich so leicht?

    „Du hast also beinahe ins Gras gebissen? Ist natürlich verdammt übel, aber du atmest ja noch. Oder wieder. Ist auch egal, Hauptsache du bist noch da. Und dazu musste ein Wesen wie Lugia herhalten?“

    Nun ging er vor dem Blondschopf in die Hocke und starrte direkt in seine leuchtenden Augen.

    „Findest du wirklich nicht, dass du´s etwas dramatischer als nötig machst?“

    Bei ihm zogen sich die Brauen zusammen. Er verstand nicht, wie Andrew das jetzt in Wahrheit alles aufnahm. War das Sarkasmus oder meinte er es ernst? Oder verarschte er ihn sogar?

    „Ich meine, bei mir sind vor kurzem auch fast für immer die Lichter ausgegangen und da war kein Gott nötig. Die Umstände sind mir total schnuppe. Für mich ist das nichts, das man geheim halten muss. Menschen werden jeden Tag auf der Straße oder dem Bau fast umgebracht und lachen hinterher drüber.“

    Jetzt gab er ihm einen nicht gerade sachten, aber dennoch irgendwie aufmunternden Schlag gegen den Oberarm. Als wolle er einen müden Fußballspieler wachrütteln, der seine Leistung nicht brachte.

    „Du hast doch früher auch allem ins Gesicht gelacht. Scheiß drauf, wie und wo der ganze Mist passiert ist. Das ist alles Vergangenheit. Und jetzt sieh zu, dass du deinen Trübsal los wirst, bevor ich sentimental werden muss. Dann wird’s nämlich erst richtig lächerlich.“

    Es gab Momente, in denen man sein Glück kaum fassen konnte. Als solches würde Ryan das Gefühl, welches in ihm aufstieg, zwar nicht betiteln, denn dafür hatte er gerade zu viele Sorgen. Aber das große Maß an Erleichterung sowie der Erkenntnis, was für ein lässiger Freund Andrew war, genügten ihm allemal. Er nahm einfach alles auf die leichte Schulter. Wie ein draufgängerischer Volltrottel. Aber er wusste, wann Schluss mit Lustig war, wie man bei der Erklärung über den Drachensplitter gemerkt hatte. Er verzieh nichts leichtfertig, was nicht leichtfertig zu verzeihen war. Doch er tat gerade genau das. Er verzieh Ryan. Er tat lediglich so, als wäre es ihm komplett egal, was von keinem Standpunkt aus logisch sein konnte. Doch das spielte hier keine Rolle. Es war alles im Reinen zwischen ihnen. Und das war mehr, als Ryan erwartet oder verdient hatte.

    „Hätte ich mir doch Sheila als beste Freundin ausgesucht. Die wäre bestimmt so hilfsbereit, mich zurück in die Besinnung zu prügeln, anstatt so eine Rede vom Zaun zu brechen.“

    „Ich werd drauf zurückkommen.“

    Andrew grinste bei der Bemerkung über beide Ohren.


    Für Andrew war das Thema für diese Nacht durch. Es wurde spät und wenn er noch was vom Abend Buffet in der Kantine des Centers sehen wollte, musste er sich beeilen. Er hatte ganz unverfroren angemerkt, dass ihm der Magen in den Kniekehlen hing und er sich jetzt eben dorthin aufmachte. Ryan hatte abgelehnt, ihn zu begleiten. Auch er hatte den Abend nichts gegessen und jetzt, da er sich nicht mehr so verknotet anfühlte, kehrte auch sein Appetit zurück. Allerdings gab es in diesem Augenblick nichts, das er der Zweisamkeit mit Melody vorziehen würde. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er sich auch dazu bereit erklärt, eine Woche dafür zu hungern.

    Anderw war bereits seit ein paar Minuten weg, aber so recht ergriff keiner das Wort. Wilde Pokémon hörte man hier natürlich nicht, dafür gedämpfte, ferne Laute des Graphitporter Nachtlebens. Eines, das Ryan in den kommenden Tagen vielleicht noch erkunden würde. Aber seine Gedanken waren noch fern von jeder Form des Amüsierens und Vergnügens. Es gab etliche Dinge, über die er sich mit Melody auszusprechen hatte. Sie wirkte dabei noch deutlich nervöser und versteifter, als Ryan. Während der die Ellenbögen auf die Knie stützte und die Hände vor der Naser faltete, saß sie stocksteif da, die Hände im Schoß vergraben, die Schultern angezogen und den Blick gen Boden gerichtet. Insgeheim könnte sie sich selbst ohrfeigen. Da hatte sie so lange und verbissen nach ihm gesucht, und jetzt, wo sie einander endlich wieder hatten, fiel ihr kein Wort ein, mit dem sie beginnen sollte.

    Vielleicht war es einfach zu merkwürdig, zu plötzlich, sich unter solch unerfreulichen Umständen wiederzusehen, obwohl ihr Abschied noch mit einem innigen Kuss erfolgt war.

    Ein langer Seufzer Ryans kündigte auch kein Ende des Schweigens an. Er lehnte sich weit auf der Bank zurück und betrachtete die Sterne. Sie schienen mit seinen silbernen Augen um die Wette zu glänzen. Komisch, auf einmal kamen die Worte fast wie von selbst über Melodys Lippen.

    „Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll.“

    Vermutlich ging es Ryan genauso. Aber irgendwie mussten sie ja beginnen.

    „Ich glaube, ich…“

    Weiter kam sie nicht. Vor Überraschung blieben ihr die Worte im Hals stecken. Ryan hatte sich wie vom Blitz getroffen zu ihr gebeugt und beide Arme fest um sie geschlossen. Einen um ihre Schulter, den anderen am Hinterkopf. Sie konnte sich kaum rühren und beinahe tat es sogar ein bisschen weh. Als wolle er sie niemals wieder aus seiner Umarmung entlassen.

    „Du bist verrückt, weißt du das?“

    Seine Stimme passte nicht so recht zu seiner Körpersprache. Sie war monoton, fast teilnahmslos. Seine Muskeln dagegen schienen in seinen Armen zu zittern.

    „Man sagt es mir so nach“, meinte sie darauf nur und erwiderte schließlich die Geste.

    „Was in aller Welt machst du hier?“, war die nächste Frage und Ryan drückte sie gar noch etwas fester. Das war die Frage, deren Antwort weniger angenehm aussah und Melodys Züge trübten sich. Ganz sachte ergriff sie seine Oberarme mit den Händen und drückte sich von ihm. Er ließ sie gewähren, sah aber fest und tief in ihre Augen. Sie waren glanzlos und voller Kummer.

    Ihr lag ein schwerer Kloß im Hals. Nichts von dem, was jetzt folgte, würde für einen der beiden angenehm sein. Vielleicht sogar noch weniger als Milas Erklärung vorhin. Sie konnte nicht in Ryan hineinsehen, obwohl sie sich doch so sehr einredete, ihn gut zu kennen. Doch das war schon allein daher unmöglich, da sie einander nur wenige Tage gesehen hatten – den heutigen noch mit eingeschlossen.

    „Lugia war bei mir“, eröffnete sie. Das allein versetzte Ryan noch nicht ins Staunen geraten. Seit ihrem gemeinsamen Erlebnis mit dem Wächter der Ozeane hatte dieser auch Ryan einmal besucht.

    „Hätte ich mir denken können. Er war auch bei mir, nachdem ich wegen der Silberkonferenz ein bisschen down war.“

    Noch während seines Satzes hatte Melody begonnen, den Kopf zu schütteln. Ryan redete wie aus dem Nähkästchen, als würden sie Small Talk halten. Doch davon war sie weit entfernt.

    „Er hat mich vage über das alles hier aufgeklärt. Er hat gewusst, dass du in Schwierigkeiten steckst.“

    So langsam dämmerte ihm, woher der Wind wehte. Es sollte ihn eigentlich nicht verwundern, dass einem legendären Pokémon, dessen Blut er gewissermaßen teilte, Angelegenheiten bezüglich ihm und anderer Legendärer nicht verborgen blieben. Ryan besaß derzeit einen Teil von Ryaquazas Herz in Form des Drachensplitters. Und das, obwohl er bereits seit Monaten schon die Feder Lugias um den Hals trug. Ihm wurde eben bewusst, dass er sie in letzter Zeit praktisch nie betrachtet hatte. Es wäre leicht sich einzureden, dass man des Anblicks nach einer gewissen Zeit müde würde oder der Reiz zumindest abnahm. Doch er wusste, dass er sich damit selbst belügen würde. Jedes Mal, wenn er während oder auch nach seiner Reise durch Johto den Silberflügel angesehen hatte, war er umso mehr von ihm fasziniert gewesen. Doch nicht mehr, seit er den Drachensplitter trug. Seitdem hatte er nur diesen so innig bewundert. Und das bereitete dem Trainer Sorge. Mila hatte auf Faustauhafen bereits eine Warnung ausgesprochen und wenn er so darüber nachdachte, dann war Ryan der vermeintlichen Anziehungskraft dieses Kristalls vielleicht bereits erlegen.

    „Willst du damit sagen, er hat dich zu mir geschickt?“

    „Nein, nein. Ich habe ihn gebeten, mir alles zu erzählen. Er hat mich sogar noch gewarnt, aber ich konnte diese Ungewissheit nicht ertragen. Ich musste es einfach erfahren.“

    Ihr Kopf sank ebenso wie ihre Schultern ab, ihre Hände verkrampften sich und begannen leicht zu zittern.

    „Ich hatte solche Angst um dich, als ich in den Nachrichten von dem Garados Angriff gehört habe. Als du und Andrew vermisst wurden. Aber das, was Lugia mir dann erzählte....“

    Melodys Worte wurden lauter und lauter, schienen kaum überlegt. Ein Produkt ihrer Emotionen.

    „Ich verstehe nicht, was du meinst. Was hat er dir gesagt?“

    Melodys schreckte wieder auf, ihre Augen waren wässrig und ihre Stimme bebend.

    „Er hat mir gesagt, dass du in Gefahr bist. Und dass dir die Drachen bald nach dem Leben trachten würden!“

    Da erschütterte es auch Ryan. Nicht bloß wegen der Botschaft selbst. Ihm wurde mit einem Mal bewusst, was es mit dem Ärger der jüngsten Vergangenheit auf sich hatte. Terrys Maxax! Es hatte ihn angegriffen, genau in dem Moment, in dem er den Splitter berührt hatte. Und die Garados! Auch sie waren gekommen, direkt nachdem Ryan das Herz Rayquazas ergriffen und bestaunt hatte. Garados waren zwar keine wirklichen Drachen Typen, doch sie wurden als solche angesehen, ähnlich wie Glurak oder Aerodactyl. Hatten sie es gespürt? Waren sie auf Ryan losgegangen, weil sie den Drachensplitter in seinem Besitz wussten? Wenn das stimmte, würde er ihn künftig wohl kaum noch berühren können, ohne sich und die Menschen um sich herum damit in Gefahr zu bringen. Nachdem ihm nun klar war, welche Verführung von ihm ausging, musste er ohnehin mehr Acht geben.

    „Melody“, setzte er dennoch beruhigend an. Völlig egal, was zuletzt war oder demnächst sein würde. Er konnte Melody nicht so ansehen. Er ertrug das nicht. Eine behandschuhte Hand legt sich sacht auf ihre Wange.

    „Es geht mir blendend“ log er, denn wirklich gut war es ihm jüngst einfach nicht ergangen. Wegen diversen Dingen.

    „Ich weiß, das ganze hier ist beängstigend. Mir geht es ja nicht anders. Aber du kennst mich doch, ich kriege meine Probleme irgendwie geregelt. Und Andrew ist ja auch noch da. Wir wissen schon aufeinander aufzupassen, frag ihn ruhig selbst.“

    „Das ist nicht der Punkt“, unterbrach sie. Ihr Blick eröffnete, dass keines seiner Worte auch nur im Entferntesten wirkte.

    „Lugia warnte mich vor noch jemandem. Jemand, der unberechenbar ist. Und sehr gefährlich.“

    Ryan blinzelte ein paar Mal. Sollte das nun heißen, wild werdende Drachen in seinem Umfeld wären nicht seine größte Sorge? Der Gedanke bereitete auch ihm mehr und mehr Unbehagen. Und je mehr sich Melody sorgte, desto mehr tat er es selbst.

    „Wem?“

    Leere Augen vergossen je eine Träne.

    „Vor dir.“


    Ryan hatte seinen Weg zurück auf´s Zimmer kaum realisiert. Er fühlte sich noch immer wie nach einem Schlag auf den Hinterkopf. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nur immer wieder die Frage nach dem Wieso.

    Unter all den Problemen und potenziellen Angreifern, denen er von hier an gegenüberstehen würde, sollte er selbst die größte Gefahr von allen sein? Größer als der Krieg selbst? Oder sollte er mehr Auslöser für selbigen sein? Vielleicht war er das ja bereits geworden.

    Melody hatte ihm so sehr versichert, dass sie trotz Lugias Warnung, an der sie nicht ein bisschen zweifelte, keinen Groll und keine Furcht gegenüber Ryan verspürte. Und auch wenn er Melody nicht als ein Mädchen einschätzte, das in solchen Angelegenheiten log, tat es ihm weh, dass sie so rasch nach ihrem Gespräch hatte gehen wollen. Natürlich galt es eine Menge zu verarbeiten, doch dass sie dies so vehement allein tun wollte, bekümmerte Ryan und bereitete ihm Sorge. Sie war ein taffes Mädchen, aber innerlich sehr verletzbar. Und doch war an ihrer Entscheidung, sich in der Umgebung ein Hotel zu suchen, nicht zu rütteln gewesen. Dabei hätte Ryan so gerne einen versöhnlichen Abschied – generell ein angenehmeres Wiedersehen mit ihr gehabt.

    So schlurfte er nun allein die Treppen hinauf zu dem Zimmer, das er sich mit Andrew teilte. Da Melody keine Trainerin war und folglich auch nicht am Clash teilnehmen würde, hätte sie hier so oder so kein Zimmer erhalten. Doch warum musste es denn jetzt sofort sein? Nicht einmal all seine Fragen hatte sie ihm beantwortet. Beim erneuten Überlegen stellte Ryan erst fest, wie anmaßend es gewesen wäre, dies von ihr zu verlangen und war froh, ihr das nicht vorgeworfen zu haben.

    Noch im Flur fischte er den Zimmerschlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür seiner Unterkunft. Es überraschte ihn gar nicht, dass Mila ihn bereits erwartete.

    „Bist du durch das Fenster reingekommen oder hast du dir wirklich die Mühe gemacht, das Schloss zu knacken und dann wieder zu verschließen?“

    Ryans Stimme klang entmutigt und müde. Vielleicht etwas angesäuert. Mila schürzte scheinbar etwas überrascht die Lippen. Er hätte nicht gedacht, dies durch solch eine banale Frage zu erreichen.

    „Euer Ruf ist nicht unbegründet, wie mir scheint.“

    „Wie darf ich das verstehen?“, fragte er bloß, während er teilnahmslos and ihr vorbei ging, seine Jacke abstreifte und über einen Stuhl schmiss, der den Fernsehtisch an der Wand gegenüber der Betten benachbarte. Ebenfalls darauf fand sich eine simple Tischlampe, welche für den Augenblick die einzige Lichtquelle darstellte und den Raum nur diffus beleuchtete.

    „Da es Team Rocket nie gelungen ist, unsere Aktionen zu erahnen, kann ich nicht so berechenbar sein, dass Ihr mich bereits hier erwartet habt. Es sei denn, ihr hättet eine beeindruckende Auffassungsgabe.“

    Ja, die sagte man Ryan in der Tat nach. Allerdings auf dem Kampffeld. Er hielt sich nicht wirklich für einen Menschenkenner.

    „Erwartet trifft es nicht wirklich. Ich bin nicht überrascht. Drücken wir es so aus.“

    Warum wollte er dieses Lob nicht annehmen? Normalerweise ergriff er solche Chancen. Es gefiel ihm für gewöhnlich, wenn andere seine Talente anerkannten.

    „Das genügt wohl.“

    Mila ließ sich lasch auf die Kante von Andrews Bett fallen, überschlug keck die Beine, stützte sich dabei auf einen Arm, während sie den anderen in ihren Schoß legte und lächelte Ryan mal wieder so vertraut an. Dabei legte sie den Kopf leicht schief, als würde er sie belustigen. Warum in aller Welt tat sie das immer bei ihm? Gerade jetzt sollte es eigentlich andersherum sein.

    „Ist deine Partnerin wieder unterwegs?“

    Nach einem knappen Nicken ließ sie unverhofft den Kopf weit in den Nacken fallen, brach den Kontakt mit ihren himmelblauen Augen jedoch nicht einen Moment ab und hielt auch das Lächeln aufrecht.

    „Es ist in Ordnung, sie von jetzt an Sheila zu nennen.“

    Ryan ließ in einer stillen Minute noch einmal alles Revue passieren, was sie ihnen zuvor erzählt hatte. Wie sie ausgebildet worden war, wie sie ihren eigenen Vater und schließlich Mirjana ermordet hatte und dennoch von Mila aufgenommen worden war. Es klang absurd, unlogisch und unverzeihlich. Aber es passte irgendwie zu den beiden.

    „Sie hatte bis vorhin also wirklich keinen Namen. Über Jahrhunderte hinweg“, fasste er noch einmal auf.

    „Als sie mir dies damals erzählte und ich sie fragte, wie ich sie denn ansprechen solle, antwortete sie: Gut, gib mir einen Namen.“

    „Und das hast du nicht getan?“

    „Es war mir unangenehm“, war die simple Antwort. Dann beugte sie sich wieder vor und stützte das Kinn mit der behandschuhten Hand. Sie sah fast verträumt in Ryans Augen, war aber sehr offensichtlich mit ihren Gedanken nicht bei ihm. Er kreuzte nur zufällig ihren Blick, während sie an ihre Vergangenheit mit ihrer Partnerin dachte.

    „Ich glaube ihr voll und ganz, dass sie ihren Namen vergessen hat. Nicht weil sie sich nicht erinnert, sondern weil sie ihn vergessen wollte. Ich war zufrieden mit der Hoffnung, dass sie sich eines Tages doch erinnern würde, sollte sie den Willen dazu finden. Doch nun hat sie einen neuen Namen.“

    Und da blickte sie doch wieder in seine Augen. Diesmal wirkte das Glänzen darin nicht so verdächtig und unangenehm ehrlich. Sondern offen und… nun ja, auf eine angenehme Weise ehrlich.

    „Dafür danke ich Euch. Ich bin sicher, es wird ihr gut tun. Erwartet diese Dankbarkeit aber nicht von ihr.“

    „Der Gedanke liegt mir fern.“

    Alles andere wäre jenseits von gesundem Menschenverstand und der Gipfel der Naivität gewesen.

    „Hast du noch mehr solcher Kameraden“, fragte Ryan schließlich, klang dabei abfälliger, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

    „Irgendwelche Meuchelmörder oder Bluthunde?“

    Mila antwortete nicht sofort. Sie schien erst einige Sekunden nach dem Ursprung zu suchen, dem diese Frage entstammte. Und sie meinte, fündig geworden zu sein.

    „Ihr sprecht von unseren Verbündeten, die ich bei unserem letzten Treffen erwähnte, nicht?“

    „Du sagtest, ihr würdet die Hilfe von gewissen Leuten brauchen. Sind das auch solche, wie Sheila?“

    Ryan fragte nun alles geradeheraus, ohne nachzudenken und ohne irgendeine Form von Rücksicht. Er sah es als sein Recht an, nachdem sie ihn so lange mit Halbwissen und schleierhaften Andeutungen abgespeist hatte.

    „Es gibt niemanden, der so ist wie sie. Wir haben mit Mühe und Sturheit das Aussterben der Drachengarde verhindern können, doch ihre Mitglieder zu versammeln, würde Zeit beanspruchen, die wir voraussichtlich nicht haben. Allerdings haben wir andere Verbündete, die uns nicht offiziell angehören. Einer von ihnen ist glücklicherweise in dieser Stadt zu Hause und ein weiterer wird in den nächsten Tagen eintreffen“, erörterte sie ruhig. Ryan ließ kaum eine Pause entstehen.

    „Ach und wer soll das sein?“

    Ihn auf die Folter zu spannen, schien Mila wahrlich zu belustigen.

    „Geduld, Ryan Carparso“, meinte sie bloß geradezu beschwichtigend und lehnte sich erneut zurück.

    Die war nicht unbedingt seine größte Stärke und das ließ er sie sogleich wissen, indem er rasch an sie herantrat und sich vor ihr aufbaute. Jedoch zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. Schließlich war auch ihre eigene Auffassungsgabe recht passabel und sie sich daher sicher gewesen, dass er so reagieren würde. Doch Ryan sagte kein Wort. Er schaute nur auf sie herab, mit einem vorwurfsvollen, fordernden Blick und doch ohne Wut oder Zorn.

    „Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du deine Geheimnisse einfach offenlegen würdest.“

    Eigentlich hatte er seine Stimme erheben wollen. Ihm erschiene es sogar angebrachter zu schreien, anstatt sich so zu zügeln. Doch dazu sah er sich wiederum nicht im Recht.

    „Ich vertrete die Ansicht, dass es einen richtigen Zeitpunkt gibt, um über gewisse Dinge zu sprechen“, entgegnete Mila und erhob sich gelassen. Ihr schwarzer Mantel breitete sich durch den weiten Schnitt unterhalb ihrer Hüfte großzügig aus.

    „Ihr habt heute bereits genug verarbeiten müssen. Und erneut möchte ich demütigst um Entschuldigung bitten, für die unerfreulichen Umstände, unter denen wir Euch mit Melody zusammengeführt haben.“

    Gar deutete Mila eine leichte Verbeugung an, die Ryan plötzlich stark verunsicherte. Er versteinerte fast, während Mila an ihm vorbei ging und sich zur Tür wandte.

    „Ich werde Euch in den nächsten Tagen wieder aufsuchen. Dann erfahrt ihr, wann und wo wir unsere Verbündeten treffen werden. Verhaltet Euch bis dahin normal und bewegt euch stets im Schutz von Menschenmassen. Team Rockets Agentin könnte bereits wissen, dass Ihr hier seid und würde eine sich bietende Chance sicher nutzen.“

    Und fort war die Ruhe. Schon wieder so dreiste Anweisungen, ohne eine Erklärung zu liefern. Genau wie in Faustauhafen. Ryan knirschte wütend mit den Zähnen, die Augen einen Moment unter der Frisur verhüllt und wirbelte dann erzürnt herum.

    „Was erwartest du eigentlich von mir?“

    Sie hielt inne, hatte den Türknauf schon beinahe erfasst. Doch sie ergriff ihn nicht, rührte sich nicht, antwortete nicht. Für einige Momente war es völlig still.

    „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Brav deinen Befehlen folgen und keinen Mucks machen? Alles tun, was du verlangst, ohne Fragen zu stellen? Oder soll ich nicht doch einfach losgehen und Team Rocket im Alleingang zerlegen?“

    Auch als Ryan nicht weiter fragte, drehte sich Mila nicht um. Es gab keinen konkreten Weg, auf diese Fragen zu antworten. Mit einem Ja oder Nein würde sich dieser Konflikt nicht beilegen lassen. Mila war sich noch nicht sicher, ob sie den Konflikt zwischen ihnen beiden oder den, der in Ryans Innerem tobte, damit meinte. Sie dachte lange darüber nach, was sie sagen würde, denn sie spürte, wie der junge Trainer über all das hier empfand. Und sie fürchtete, dass seine Kooperation zu einem beträchtlichen Teil von ihrer Antwort abhängen würde.

    „Ich sagte doch, dass Team Rocket nicht der Feind ist, um den wir uns sorgen müssen. Und ich erteile Euch keine Befehle, Ryan Carparso.“

    Sie wandte sich so schnell um, dass ihr Mantel einen weiten Schwung machte, ebenso wie ihr goldenes Haar.

    „Und ich verlange auch nichts von Euch.“

    Sie trat wieder an ihn heran. Ihr Blick eisern und unerschütterlich mit seinem verbunden.

    „Doch wenn ich es täte, dann nur diese eine Sache.“

    Und plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter und zog ihn in eine tiefe Umarmung. Ryan war völlig erschüttert von dieser so unverhofften, innigen Geste und wollte protestieren, sich befreien, fragen welcher Teufel sie denn geritten hatte. Doch all dies verpuffte irgendwo zwischen ihren nächsten vier Worten.

    „Bitte bleibt am Leben.“

    Der junge Trainer war wie versteinert. Was in aller Welt war in Mila gefahren? Woher kam das auf einmal? Er hatte bislang wenig Gründe gefunden, auch nur einen Funken Sympathie für sie zu empfinden und plötzlich das? Sie wirkte fast mütterlich, was die Umarmung noch gruseliger machte. Doch seltsamerweise rührte er sich nicht. Sein Körper war erstarrt, doch er fühlte den festen Griff zweier starker Hände, die man einer Frau nicht zumuten würde. Eine um seine Schulter, die andere an seinem Rücken. Und sie drückte ihn so fest an sich, dass er einfach nicht anders konnte als rot anzulaufen.

    „Mila, ich… wa…“

    „Ihr dürft auf keinen Fall sterben, hört Ihr? Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Euch etwas passieren sollte.“

    Genauso plötzlich löste sie die Umarmung wieder und ergriff Ryan stattdessen fest an den Schultern, um so tief in seine Augen zu blicken, dass es ihn beinahe verängstigte.

    „Ich flehe Euch an, bleibt unversehrt. Was auch passiert, begebt Euch unter keinen Umständen in Gefahr. Auch nicht für den Drachensplitter.“

    Für mehrere Sekunden hatte Ryan nicht die geringste Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Was gerade geschah, entsprach kein bisschen dem Bild, das er bislang von Mila gehabt hatte. Doch eine Frage kam ihm daraufhin über die Lippen, ohne dass er auch nur einen Moment wirklich über sie nachgedacht hatte.

    „Warum willst du dann, dass ich ihn behalte?“

    Da kehrte wieder Stille in den Raum. Mila löste sich und schien einen fernen Punkt irgendwo in Ryans Iris zu fixieren, ohne ihn wirklich anzusehen und ließ dann schließlich sehr langsam von ihm ab. Beinahe entschuldigend zog sie die Hände zurück und richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf, scheinbar um eine angemessene Haltung bemüht.

    „Verzeiht.“

    Die Situation hatte es unmöglich für Ryan gemacht, nicht zu erröten. Und diese Stille, die auf einmal entstanden war, war kaum weniger unangenehm.

    „Warum vertraust du ihn gerade mir an?“, wiederholte er daher seine Frage, schafft es sogar mit fester, aber auch sanfter Stimme zu fragen. Mila sah einen Moment auf ihre Hände hinab. Fixierte dabei besonders die in dem braunen Lederhandschuh, unter dem sie den Ring mit dem Drachenkopf verbarg. Erst nach ein paar Sekunden hatte die Frage sie wirklich erreicht und sah wieder zu Ryan auf.

    „Weil Ihr stärker seid, als ich es bin.“

    Sie erklärte nicht sofort weiter. Zunächst machte sie wieder einen Schritt an Ryan vorbei, ihr Blick wanderte unruhig über den Teppichboden des Zimmers, als würde sie etwas darauf suchen, was sie natürlich nicht tat.

    „Ich warnte Euch bereits vor der gefährlichen Verführungskraft des Drachensplitters. Sie hat bereits Mirjanas Geist verdorben und ich bin nicht überzeugt, ihr standhalten zu können.“

    Ihre Stimme wurde noch etwas leiser und fast melancholisch.

    „Ganz und gar nicht überzeugt.“

    Ihre Hand, an welcher der Ring steckte, ballte sich zur Faust. Ein Ventil für ihren Frust und ihren Tadel – beides gegen sich selbst gerichtet.

    „Daher bin ich nicht in der Position, Euch Befehle zu erteilen“, fuhr sie fort, sprach ganz plötzlich wieder mit der entschlossenen und wissenden Stimme, die Ryan von ihr gewohnt war.

    „Indem ich den Splitter an Team Rocket verloren und nicht alles Menschenmögliche unternommen habe, um zu verhindern, dass Ihr in diese Sache involviert werdet, habe ich jegliches Recht darauf verwirkt. Ich habe Euch eine Bürde auferlegt, die mein hätte sein sollen. Daher könnte ich es mir nie verzeihen, wenn Ihr durch meine feige Entscheidung zu Schaden kämt.“

    Zum ersten Mal sah Ryan die Festung namens Mila wanken. Ihr Mauern bröckelten, fielen. Ihre Tore barsten, brachen. Und sie stand auf dem höchsten ihrer Wachtürme, voller Reue für jeden Entschluss, der ihre Verbündeten das Leben kosten konnte. Im Gegenzug war sie bereit, dafür auf ihrem Turm zu verharren, zu brennen und unter seinen Trümmern begraben zu werden.

    „Wie soll jemand wie ich stärker sein, als jemand wie du? Warum sollte ich einen Teil eines Legendären tragen dürfen?“

    „Weil Ihr es schon lange tut, Ryan Carparso.“

    So lange trug er den Drachensplitter doch nicht, dass es in irgendeiner Form…

    Erst mitten in der Überlegung, erkannte Ryan, was sie wirklich meinte.

    Der Silberflügel!

    Seine Hand legte sich unbewusst auf sein Brustbein. Oft hatte er in letzter Zeit die silberne Feder Lugias, die er seit jeher um den Hals trug, fast vergessen. Er hatte öfter nach dem Drachensplitter gegriffen, wenn er Halt gebraucht hatte, den Wunsch nach Trost und Standhaftigkeit verspürt hatte. Früher war es immer der Silberflügel und der Gedanke daran, wie und von wem er ihn erhalten hatte, gewesen, der ihn in Momenten der Schwäche, Ziellosigkeit und Verletzbarkeit Mut gemacht hatte. Die Frage, woher Mila wusste, dass Ryan ihn um seinen Hals trug, ersparte er sich. Wenn sie und Sheila allein an seinen Augen erkannt hatten, dass er mit dem silbernen Vogel in Verbindung stand, war es naheliegend, ihn bei ihm zu vermuten.

    „Wie willst du Lugias Feder mit einem Teil von Rayquazas Herz vergleichen? Hinter dem Silberflügel steckt keine höhere Bedeutung. Zumindest nicht eine solch tiefgründige und weitreichende.“

    Tatsächlich hatte Lugia ihm seine Feder nur hinterlassen, um Ryan auf seine Spur und schließlich zu dem Ereignis zu führen, das die beiden so miteinander verband. Ja, auch damals war mehr auf dem Spiel gestanden, als bloß sein eigenes Leben. Doch nichts davon kam nur annähernd einem möglichen Krieg zwischen Menschen und Drachen gleich.

    „Der Gegenstand selbst ist nicht von essenzieller Bedeutung“, antwortete Mila und lehnte sich an die Kommode vor dem Fenster.

    „Wisst Ihr, Ryan, es hat etwas zu bedeuten, wenn die Götter uns Menschen einen Teil von sich hinterlassen. So etwas geschieht nur sehr selten und keineswegs leichtfertig. Es ist eine Art Symbol oder ein Versprechen.“

    Sie legte eine Hand auf ihre Brust, während sie weiter erklärte. Ryan war ihr Punkt noch nicht ganz klar. Sicher hatte es einen Sinn gehabt, dass er diese silberne Feder gefunden hatte, doch er entschied sich, einfach zuzuhören.

    „Nehmt Rayquaza und meine Familie als Beispiel. Der Drachensplitter entstand als Symbol für Rayquazas Gnade und erst durch ihn ist unsere Garde geboren. Wäre er von heute auf morgen fort, wäre sie nicht imstande, weiter zu existieren. Die Garde braucht ihn, damit sie etwas Handfestes hat, wofür sie kämpfen kann und nicht nur für das Versprechen, das meine Mutter im Namen der gesamten Menschheit gegeben hat. Und euch eine seiner Federn zu überlassen bedeutet Lugia mit Sicherheit nicht weniger, als Rayquaza sein Herz und sein Volk bedeuten.“

    „Soll das heißen, ich darf mich als Lugias Diener betrachten?“, unterbrach er zynisch. Er wollte nicht so richtig, dass er und Lugia mit Mila und Rayquaza gleichgesetzt wurden. Lugia war ein absolut friedliebendes Wesen und würde sich eher selbst das Leben nehmen, als auch nur den Gedanken an solchen Völkermord, wie der Drachengott ihn im Sinne hatte und nach wie vor hat, anzudenken. Er hegte deshalb zwar keine zornigen Gedanken gegenüber dem Himmelsdrachen, doch waren die beiden einfach zu grundverschieden, um miteinander verglichen zu werden. Ryan dachte, dass dies einer jener Momente wäre, in denen Mila ihn eigentlich so verhasst anlächeln müsste, doch das hatte sie nach ihrem emotionalen Ausbruch irgendwie verloren. Und dafür fühlte er sich schuldig.

    „Von den Drachen abgesehen reicht mein Wissen über die Götter nicht allzu weit. Ich kenne Lugias Wesen nicht, doch ich schätze ihn aufgrund meiner Kenntnisse – so begrenzt sie auch sein mögen – als weniger hierarchisch ein. Er gehört zu jenen, die jedes Leben als gleichermaßen wertvoll erachten. Doch das wisst ihr sicher besser als ich.“

    Ja, das klang in der Tat deutlich mehr nach Lugia. So hatte Ryan ihn zumindest kennengelernt. Und die Aufrichtigkeit seines Wesens würde niemand, der ihn je getroffen hatte, in Frage stellen.

    „Daher glaube ich nicht, dass er Euch als Diener sieht. Eher als Vertrauten. Als einen Freund.“

    Da Ryan nun vermehrt an die Ereignisse von damals zurückdachte, war es schlussfolgernd nur richtig, ihn und Lugia als Freunde zu bezeichnen. Und dennoch zuckte er bei diesem Wort zusammen. Ihn überkam mit einem Mal ein Gefühl, das er gerade kürzlich verarbeitet hatte und das – obwohl froh, es gefunden zu haben – geschmerzt hatte. Es war die neulich erlangte Erkenntnis, wie er über seine Pokémon Partner gedacht hatte und nun fortan dachte. Wie er sie erst unbewusst ausgeblendet und anschließend doch vermisst hatte. Ein Gefühl, das ihn zu seinem früheren Ich führte und den verdunkelten Weg vor seinen Füßen mit silbrigen Licht erhellte.

    Ryan hatte Lugia nie die Schuld für irgendetwas gegeben, wie er es von einem gewissen Standpunkt aus bei seinen eigenen Pokémon getan hatte. Dennoch fühlte er sich, als habe er ihn verraten, indem er zunehmend dem Drachensplitter verfallen war und den Silberflügel fast vergessen hatte. Fühlte sich seiner Ehrung und Freundschaft unwürdig.

    „Außerdem…“, setzte Mila schließlich an und riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Teil von ihm war froh, dass sie das tat.

    „…tragt ihr nicht nur etwas von Lugia bei euch. Hab ich nicht recht?“

    Ryans Augen weiteten sich, als der Groschen stetig fiel. Seine Hand wanderte von seinem Brustbein, wo der Silberflügel von seinem Hals hing, hinab zu seinem Herzen. Das Herz, welches nur dank Lugia noch schlug. Oder eher wieder.

    „Lugias Lebensessenz strömt durch euren Körper. Eure Augen sind ein stetiger Beweis dafür.“

    Mila überkreuzte die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust. Fast sah sie ein bisschen neidisch, jedoch keinesfalls mit Missgunst zu ihm hinüber.

    „Gewissermaßen tragt ihr ebenfalls Lugias Herz.“

    Nun war es Ryan, der einen fernen Punkt im Nichts anzustarren schien, sich aber nach wenigen Sekunden abrupt erhob und an den Spiegel trat, der über dem Nachttisch hing, welcher die Betten teilte. Selbst im diffusen Licht gab es kein Anzeichen des silbrigen Leuchtens in seinen Augen, welches der Mond enthüllte. Doch das Marineblau war für ihn ebenso aussagekräftig und er selbst sich mit diesen Augen noch immer irgendwie fremd. War es merkwürdig, dass er sich noch immer nicht an sie gewöhnt hatte, obwohl sie ihm alles bedeuteten?

    „Es sind nicht bloß die Augen“, meinte er schließlich abwesend. Er sprach gerade laut genug, dass Mila ihn verstehen konnte. Und tatsächlich erlaubte er sich einen Seitenblick zu ihr herüber und ließ ihn von einem schwachen Lächeln begleiten.

    „Jeder Atemzug, den ich mache, ist ein Beweis.“

    Sie erwiderte das Lächeln. Und es war nicht das verhasste. Zum ersten Mal war es eines, das Ryan gefiel.

  • Kapitel 28: Vertrauen, Hingabe, Alkohol


    Das Black Cat´s Roulette war wohl mit Abstand der letzte Club, in dessen Nähe sich gewissenhafte Menschen, die noch bei klarem Verstand waren, herumtreiben sollten. Es sei denn, man gehörte zu genau der Sorte, die regelmäßig dort ein und aus ging. Die Türen wurden hier erst nach Mitternacht geöffnet und herein kam ohnehin niemand, der keine Kontakte im Untergrund oder im Handel für illegale Waren hatte. Rauschmittel, Waffen und auch Pokémon. Man traf sich hier, um über genau solche Dinge zu sprechen und sich dabei in Drinks zu ersaufen, für die man in jeder normalen Bar schief und ungläubig angestarrt werden würde. Denn das meiste wurde hier selbst gebrannt – ebenfalls eine Straftat, über die nur die wenigsten wussten und die man noch immer von der Öffentlichkeit geheim halten konnte. Nicht vor jedermann, versteht sich, doch der Teil der Gesetzeshüter, der nicht strohdumm war, war zum Glück ausnahmslos korrupt und bestechlich. Die Betreiber waren an so ziemlich jedem Handel, der auf dem Schwarzmarkt im Süden und Westen Hoenns von statten ging, beteiligt oder wussten zumindest darum. Es war nur logisch, dass ihre Kundschaft ausschließlich aus Menschen bestand, die ebenfalls in dieser Welt lebten. Wer das nicht tat, würde von dem sicher zwei Meter großen und mit Steroiden vollgepumpten Türsteher auf nicht allzu freundliche Weise zum Gehen aufgefordert, noch bevor man überhaupt ans Eintreten denken konnte.

    Für einen kleinen Laufburschen und Informanten – einer von diversen in einem ganzen Netz, das in vier verschiedenen Regionen tätig war – wie ihn, der seinem zwielichtigen Beruf gerade mal einen Monat lang nachging, war der Schuppen definitiv kein Wunschziel. Doch Informanten suchten eben den zu informierenden auf und nicht umgekehrt. Und die zu informierende Person verkehrte eben des Nachts gerne hier. Der bullige Türsteher blickte auf ihn herab, wie ein Berg auf einen Kieselstein, sah sich aber dennoch in aller Ruhe seinen Ausweis an. Solche persönlichen Dokumente konnte man natürlich fälschen und das wurde hier auch oft versucht. Doch dafür war hier clever vorgesorgt worden. Für jemanden, der von der anderen Straßenseite aus die Situation beobachtete, sah es so aus, als würde der Riese eine kleine Taschenlampe zur Hand ziehen, um das Bild auf dem Ausweis besser erkennen zu können. Nur wer tatsächlich daneben stand, konnte sehen, dass es sich um eine Lampe mit Schwarzlicht handelte, mit der er die Plastikkarte anleuchtete. Bekanntermaßen gab es spezielle Stifte, deren Spuren nur unter solchem Licht sichtbar wurden und mit genau so einem war ein Dolch groß auf den Ausweis gezeichnet worden. Mit einem Nicken bedeutete er dem Besucher, schleunigst nach drinnen zu verschwinden, was dieser eilig tat, um ja weg von dem Typen zu kommen. Gerade zu dieser späten – oder frühen, je nachdem wie man es betrachten wollte – Stunde würde man sofort die Straßenseite wechseln, sollte einem der Kerl entgegenkommen.

    Der leicht nervös wirkende, junge Mann, öffnete seine schwarze Jacke mit Stehkragen, streifte sie aber nicht ab und übergab sie auch nicht der hässlichen Schreckschraube an der Garderobe. Bereits von hier drang dumpfe Musik an seine Ohren und eigentlich genügte ihm die Lautstärke so schon. Eine weitere schwere Tür führte ihn schließlich in die heiligen Hallen Trommelfell folternder Techno Musik. Vollgedröhnte Besucher tummelten sich auf der Tanzfläche, der Geruch von gestreckten Alkohol stieß von der Bar entlang der linken Wand aus herüber. Generell war die Luft muffig vom Zigarettenrauch. Sofern es denn nur Zigaretten waren. Wenn es eine Hölle geben sollte, dann war dieser Club ihr Mülleimer, so befand der Eintretende. Er hatte zwar selbst alles andere als eine weiße Weste, wusste aber genau, dass er mit den meisten hier am liebsten nichts zu tun haben wollte. In jeder Richtung, in die er blickte, sah er zwielichtige Gestalten, die entweder getarnt auf der Tanzfläche, betrunken an der Bar oder möglichst unauffällig tuschelnd in den Sitzecken, hinten rechts im Raum. Von dort aus beobachtete man auch ihn, der einmal tief, jedoch nach Möglichkeit nicht so auffällig, durchatmete. Er hätte das besser draußen gemacht, denn hier drinnen war es, als hätte man an den Steinen in einer Sauna seine Zigaretten zerdrückt.

    Er marschierte schnurstracks an der Tanzfläche vorbei, hielt sich weiter links. Der Bartresen endete kurz vor einer Treppe mit lediglich einer Handvoll Stufen, an deren oberem Ende ein ähnlicher Berg von einem Mann stand, wie vor der Eingangstür, nur diesmal mit schulterlangem, schwarzen Haar und drei-Tage-Bart. Zudem waren hier zwei silberne Aluminiumpfosten, die durch ein rotes Absperrseil verbunden waren, positioniert. Offenkundig der VIP Bereich. Den hatte er gesucht. Den Kontakt mit noch so einem Rausschmeißer dagegen nicht unbedingt.

    „Was willst du Wurst hier?“, murmelte er den Ankömmling gelangweilt an und starrte auf ihn herab, als hätte er alles, bloß kein menschliches Wesen vor sich. Wie konnte der mit nur einem Satz und einem Blick so viel Geringschätzung vermitteln?

    „Bloß einen toten Flachmann trinken“, war die Antwort. Oder eher die Parole, die sein Boss ihm genannt hatte. Wäre der mal lieber selbst hier angetanzt, dann müsste sich nicht ein kleiner Fisch wie er dieser Situation aussetzen. Doch wenn er so drüber nachdachte, hätte er an dessen Stelle wohl ebenfalls den Laufburschen geschickt, anstatt selber zu kommen. Wer würde das schon freiwillig?

    Der Weg wurde ihm immerhin anstandslos frei gemacht, doch spürte er den Blick des Rausschmeißers noch unangenehm in seinem Rücken.

    Er folgte einem weiteren, langen Gang, die Wände schwarz und bröckelig, der Boden mit knallrotem PVC ausgelegt und die Neonröhren an der Decke flimmerten alle paar Sekunden. Der Bote hatte natürlich schon früher Clubs besucht. Sowohl im Rahmen der Arbeit als auch privat zum Vergnügen. Doch ganz waren sie nie seine Welt gewesen, obwohl er mit seinen zwanzig Jahren durchaus in die Zielgruppe passte. Hier allerdings fühlte er sich eher wie in der Höhle eines Löwen.

    Eine schwere Tür, die ebenso in den Hinterhof des Gebäudes hätte führen können, war alles, was sich ihm noch in den Weg stellte. Er atmete ein letztes Mal tief durch. Persönlich hatte er seine Kontaktperson noch nie getroffen, aber er war so weit informiert worden, dass Team Rocket derzeit ihre Dienste in Anspruch nahm. Nicht, dass er das verwerflich fände, denn hierfür war er nun wirklich nicht in der Position.

    Die Tür wurde aufgestoßen. Wieder schlug ihm Musik und Qualm entgegen, allerdings nicht so bitter und dröhnend, wie zuvor. Dafür war der Gestank des Alkohols hier wahrlich überwältigend. Als stecke man seinen Kopf in einen Braukessel, in dem ein tödlicher Cocktail aus allen bekannten Sorten des Alkohols gemixt und anschließend für 100 Jahre verschlossen worden war. So empfand der junge Mann es zumindest. Er musste sich alle Mühe geben, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen oder direkt den Rückzug anzutreten. Er zwang sich dazu, die Schwelle zu überschreiten. Vielleicht zwanzig Menschen befanden sich in diesem Raum. Er war sehr groß, ovalförmig angelegt, mit einigen flachen Glastischen samt Sesseln und einer roten Couchecke zu beiden Seiten. An zwei verchromten Stangen tanzten zwei wahre Prachtexemplare von Frauen – wie selbst einer wie er, dem dieser Ort eigentlich zuwider war – anerkennen musste. Dennoch war er froh, diese nicht weniger bekleidet zu sehen, als die Besucher draußen auf der Tanzfläche. Generell wirkten die nicht, als würden sie bezahlt werden. Sie gehörten zum Partyvolk und genossen die Aufmerksamkeit, wie er schätzte. Es wurde getrunken, gegrölt, gelacht, aber vor allem getrunken. Die Anzahl der Flaschen in diesem Raum übertraf die der Menschen um ein Vielfaches. Der Qualm, der für nebelartige Verhältnisse sorgte, kam zum Glück größtenteils aus Wasserpfeifen, die offensichtlich nicht mit illegalen Substanzen gefüllt waren. Nur vereinzelt rauchte hier und da einer seine Zigarette.

    Am hinteren Ende des Raumes stand eine ebenfalls rote und recht ausgefranzte Couch auf einer Art Podest. Mal davon abgesehen, dass er das Gesicht nicht erkennen konnte, wusste er auch gar nicht, wie seine Kontaktperson überhaupt aussah. Das kam in diesem Business häufiger vor. Doch er ging mal stark davon aus, dass sie dort oben sitzen würde. Und falls nicht, wüsste diese wohl am ehesten, wen er ansprechen musste. Kaum einer der Feiernden nahm wirklich Notiz von ihm, als er dich durch den Raum schob. Lediglich zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, beide mit violetten Haaren und einer weißen Strähne, sahen ihm misstrauisch hinterher. Beinahe als könnte er jeden Moment eine Waffe ziehen und warteten bloß auf einen Grund, das gleiche zu tun. Vor der Couch angekommen sah er sich seiner möglichen Kontaktperson gegenüber, die gerade einen tiefen Schluck aus einer Flasche Rum hinunterkippte, während sich eine aufgeplusterte Blondine auf dessen Schoß drängte.

    „Bist du der Agent des Schwarzen Lotus?“

    Die Person setzte die Flasche in aller Seelenruhe ab, stellte sie neben sich auf einem überfüllten Tisch aus Aluminium und funkelte den Neuankömmling mit zwei Bernsteinfarbenen Augen verschmitzt an. Eine Frau?

    „Fragt wer?“

    Tatsächlich. Und dann noch eine überaus junge und bildhübsche. Schwarzes Haar, lang und wellig, verspielte Gesichtszüge und ein durchstechender Blick. Gekleidet in einer eleganten Lederhose sowie stylischer Weste, beides ebenfalls schwarz.

    „Ich komme von A.J., ich habe Infos für den Agenten. Die Zielobjekte, nach denen...“

    „Ach, komm mir jetzt nicht damit.“

    Schon mitten im Satz hatte sie gelangweilt mit den Augen gerollt und mit einem Fingerschnipp einem ziemlich beschwipsten Typen bedeutet, ihr eine noch unangetastete Bierflasche rüber zu werfen. Die Agentin fing sie lässig aus der Luft und missbrauchte die Tischkante kurzerhand als Öffner, ehe sie ihm die Flasche anbot.

    „Jetzt heben wir erst mal einen.“

    Die junge Frau ließ sich plump wieder in die Lehne fallen und angelte erneut nach ihrer eigenen Flasche.

    „Mach dich locker, wir feiern hier. Schnapp dir ein Mädel und mach´s dir gemütlich.“

    Während der Bote nicht wirklich wusste, wie er darauf reagieren sollte, das Bier aber zögerlich entgegen nahm, leerte sie den restlichen Rum und drückte die Flasche der Blondine auf ihrem Schoß in die Hand.

    „Schätzchen, wir haben hier ein Problem. Ich kann den Boden sehen“, scherzte sie, gab ihrer offenkundigen Verehrerin noch einen Klaps mit, als diese von dannen zog.

    War er bei dieser Schnapsdrossel wirklich richtig? Er sah der Blondine nicht wirklich aus körperlichem Interesse hinterher – obwohl ihn dafür wohl kaum einer verurteilt hätte –, doch dem Grinsen der angeblichen Agentin nach zu urteilen schien sie genau das in seinem Blick hinein zu interpretieren. Sie verzichtete jedoch darauf, ihn anzustacheln.

    „Wie ist dein Name, Kleiner?“

    Sie war vermutlich jünger als er. Wie kam sie dazu, ihn so anzusprechen? War sie so betrunken, dass sie schon gar nicht mehr drüber nachdachte? Sie machte eigentlich nicht den Eindruck, irgendetwas getrunken zu haben, obwohl sie zwischen einem engen Freundeskreis aus Rum-, Schnaps- und Wodkaflaschen thronte. Klar, sie war extrem… locker, aber weder gluckste noch nuschelte oder lallte sie und was den Geruch anging, konnte er keine einzelne Person ausmachen, die besonders stark roch. Jeder roch hier drinnen gleich.

    „Äh, nenn mich Eaves.“

    „Ist das dein Deckname? Klingt bescheuert“, lachte sie trocken und legte ihr rechtes Bein über das linke.

    Sie hatte sofort durchschaut, dass er nicht wirklich so hieß. Doch in dieser Branche gab man grundsätzlich nicht viel auf Ehrlichkeit und besonders Namen waren ein heißes Eisen. Aber sofern ihm nicht gedroht würde, hatte er auch nicht vor, seinen echten Namen preiszugeben.

    „Ist deiner denn besser?“

    „Hab keinen“, meinte das Mädchen knapp und durchpflügte den Dschungel aus Flaschen auf dem Tisch nach brauchbaren Resten, bis die Blondine wieder da war. Wenn sie nicht einmal mit dem Nachschub auf Zack war, dann bliebe ja gar kein Grund mehr, sie bei sich zu behalten. Die Kleine dachte wohl noch immer, dass sie echtes Interesse an ihr gehabt hatte. Doch das gehörte bloß einer einzigen Person mit rubinroten Augen.

    „Ich heiße Bella und hieß immer Bella.“

    Da war tatsächlich noch eine halbvolle Flasche mit Gin. Damit konnte sie arbeiten.

    „Übrigens hat es da, wo ich herkomme, was zu bedeuten, wenn man jemandem was zu trinken anbietet, aber der Kerl nicht trinkt“, erläuterte sie noch, während sie den Rand der Flasche kurz mit ihrer Handfläche sauber wischte. Sie feierte gerne mit den Leuten hier, aber deren Speichel brauchte sie nicht zu kosten.

    „Äh, sorry. Du hast Recht.“

    Rasch nahm Eaves einen großzügigen Schluck und Bella tat es ihm nach. Allerdings trank sie deutlich länger, obwohl sie es war, die Hochprozentiges konsumierte.

    „Ich hatte nicht erwartet, eingeladen zu werden. Ich bin eigentlich rein geschäftlich gekommen.“

    Bella machte ein Gesicht, als habe jemand eine schlechte Entscheidung getroffen und sie hatte gerade das Vergnügen, ihm das zu sagen.

    „Tja, scheiß Timing, Eaves. Das Geschäft kann warten, bis die Flaschen leer und die Leute wieder ausgenüchtert sind.“

    Sie rutschte ein Stück zur Seite und bedeute dem Boten, sich zu setzen. Das tat sie normalerweise nicht, aber sie hatte irgendwie eine Schwäche für Grünschnäbel. Und das er einer war, konnte jemand wie sie lesen, wie in einem Buch.

    „Du machst deinen Job noch nicht lange.“

    „Ist das so offensichtlich?“

    Hierauf nahm er direkt noch einem großen Schluck, der sich mit seinem Frust mischte. Ständig sahen ihm die Leute seine Unerfahrenheit an und jeder musste deswegen auf ihn herabsehen. Zum Kotzen. Wobei er fairerweise eingestehen musste, dass Bella ihn fast kumpelhaft behandelte. Was aber auch am Alkohol liegen könnte. Wenn die Menschen erst einmal betrunken genug waren und vorher nicht unter den Tisch fielen, könnten sie sich sogar mit einem Krawumms anfreunden.

    „Selbst wenn man es dir nicht ansehen würde, wär´s für mich klar. Veteranen wissen nämlich, dass ich um diese Zeit kein offenes Ohr für die Arbeit habe, wenn es nicht wichtig ist.“

    „Und woher weißt du, dass ich nichts Wichtiges für dich habe?“

    Bella grinste süffisant und stupste Eaves mit ihrer Flasche an.

    „Weil du von A.J. kommst.“

    Sie erlaubte sich ein kurzes Lachen sowie einen weiteren Schluck, worauf sich Eaves sogar ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Gut, dass sie seinen Boss auch nicht gerade schätzte. Dann brauchte er ihr nicht vorspielen.

    Die beiden lästerten einige Minuten lang über seinen Vorgesetzten und schienen bald schon beste Freunde zu sein. Wobei Eaves nur Stück für Stück seine steife Haltung ablegte und sich dem Rest der Feiernden anschloss.

    „Ich versteh sowieso nicht, warum ausgerechnet du etwas über jemanden in Johto erfahren müsstest. Eine einzelne Person kann unmöglich so wichtig sein.“

    Bella zog ihre Brauen zusammen. Was faselte der da gerade?

    „Aber naja, A.J. macht seinen Mund auf und dann muss Eaves halt ran. Für jeden Menschen würd ich die Drecksarbeit lieber machen, als für diesen Sack. Der kommt sich viel wichtiger vor, als er ist und reibt jedem seinen Posten unter die Nase.“

    Eaves begann langsam etwas zu locker zu werden. Lag vermutlich weniger am Alkohol – er hatte sein erstes Bier noch nicht ganz ausgetrunken – als an der Atmosphäre und nicht zuletzt Bellas Art. Doch was er da gerade sagte, ließ jene von einem Moment auf den anderen fast gänzlich nüchtern werden.

    „Warte, warte. Wen meinst du aus Johto?“

    Noch hatte sie sich auf ihre Couch gemütlich zurückgelehnt, aber die Stimmung schwankte gerade um 180 Grad um.

    „Ich denke, du hast um die Zeit keinen Nerv für die Arbeit?“, meinte der Bote bloß, der scheinbar nicht registrierte, dass die Agentin zunehmend alarmiert wirkte.

    „Hättest du zugehört, hättest du ein wenn es nicht wichtig ist vernommen. Jetzt spuck´s schon aus, bevor ich dir die Flasche in den Hals schiebe“, nörgelte Bella, klang dabei eher genervt als sonst irgendwas. Konnte ja noch immer sein, dass sie sich zu Unrecht aufregen würde. Doch wenn sich ihre Vermutung bestätigen sollte...

    „Eine Trainerin aus Ebenholz City sitzt gerade in einem Flieger hierher. Ich kenn die zwar nicht wirklich, aber ihr Name war Sa...“

    Bella hörte gar nicht weiter zu. Sie fasste sich mit einer Hand an die Stirn. In ihrem Kopf rangen gerade mehrere Gedanken und Möglichkeiten, diesen Eaves zurechtzustutzen, miteinander. Noch bevor einer von ihnen den Sieg erringen konnte, lachte sie leise, fast aufgesetzt auf, als habe jemand einen miesen Witz erzählt. Das war jetzt zum Glück nicht der Worst Case, aber dennoch ein Problem. Und es geschah nicht sehr oft, dass sie einzelne Personen als Problem ansah. Doch diese tat dies ohne Zweifel. Ebenfalls frei von Zweifeln war sie bezüglich der Anweisungen, die sie A.J. und der folglich seinem Untergebenen weitergereicht hatte. Eaves war also der Typ, den er auf die stärkste Trainerin in Ebenholz angesetzt hatte und der somit auch die Verantwortung trug, sie nicht nach Hoenn einreisen zu lassen. Und er war noch so dumm, ihr mit seinem Versagen im Gepäck so unbehelligt ins Gesicht zu lächeln. Schlimmer, er schien sich dessen nicht einmal bewusst.

    „Is was?“

    Eaves beugte sich leicht vor, da entriss Bella ihm seine Bierflasche und stürzte den Inhalt binnen einer Sekunde ihren Rachen runter. Sie schluckte gar nicht. Sie ließ es einfach hinablaufen. Kaum war sie leer, flippte sie die Flasche in der Luft und griff sie nun wie einen Hammer am Hals und schlug sie Eaves direkt auf´s Nasenbein. Das Glas splitterte, ein paar Tropfen Blut schlugen ihr entgegen und er landete durch die Wucht des Schlages tief in der Sofalehne. Doch schon im nächsten Augenblick packte Bella ihn am Nacken und warf ihn nach vorne direkt zwischen die tanzenden und saufenden Gäste. Erst einmal dort gelandet teilte sich die Masse um den Boten, der jammerte und zappelte wie ein Aalabyss auf dem Trockenen. Bella trank rasch ihren Gin ebenfalls aus und erhob sich schließlich.

    „Respekt.“

    Sie schlenderte langsam hinunter zu ihm, sämtliche Augen nun auf sie gerichtet und alle Feierlichkeiten unterbrochen, obwohl die Musik noch weiterlief.

    „Du hast gerade nicht nur bewiesen, was für ein riesiger und dämlicher Grünschnabel du wirklich bist, sondern auch, dass du immer bleiben wirst.“

    Man hatte zunächst nicht den Eindruck, dass Eaves sie überhaupt hören würde. Er war noch damit beschäftigt, sich am Boden zu winden und zähneknirschend den Schmerz niederzuringen.

    „Scheiße. Was soll das? Wieso...?“

    „A.J. muss echt auf dem letzten Loch pfeifen, wenn er einen wie dich schickt.“

    Aber wirklich, was hatte er sich gedacht, diesem Blindgänger so einen wichtigen Auftrag anzuvertrauen? Sie sollte mal dringend mit A.J. reden. Vielleicht war es Zeit, die Verbindungen zu ihm und seiner Gruppe zu lösen, wenn man dort nicht mehr gründlich arbeitete.

    Klar konnte man wohl kaum einfach zu besagter Trainerin gehen und sie überzeugen, daheim die Füße hochzulegen, wenn diese Mila tatsächlich nach ihr verlangt hatte. Doch ob man nun zu handfester Gewalt griff oder die Behörden an den Häfen und Flugplätzen schmierte, spiele keine Rolle. Es sollten nur alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit sie, sowie einige weitere potentielle Probleme, in Johto beziehungsweise Kanto blieben – so hatte sie verlauten lassen. Und das wäre in diesem Fall Eaves´ Pflicht gewesen.

    „Carlos, Lydia. Schmeißt den Typen raus. Sagt denen draußen, wenn der sich hier noch einmal blicken lässt, soll man ihm die Beine brechen.“

    Die zwei Violetthaarigen traten vor und fassten je einen Oberarm des verletzten Boten. Der wehrte sich gar nicht, jammerte bloß weiter und verstand Bellas Angriff scheinbar noch immer nicht im Geringsten.

    „Und werft ihn zur Hintertür raus, zu den Rattikarl. Die anderen Gäste sollen das Stück Elend nicht sehen müssen.“

    Sekunden später schloss sich die Tür hinter ihnen und ließ die nun nicht mehr feiernde Menge im vertrauten Kreis zurück. Die meisten Augen ruhten nach wie vor auf Bella. Die erspähte gerade mit einem Seitenblick die Blondine von vorhin mit zwei Pullen Wodka, die offenbar auf den Rückweg gehalten hatte. Dumme Pute. Keine Bestrafung eines unfähigen Versagers war es wehrt, ihren Flüssigkeitsmangel auszudehnen. Rasch winkte sie die Kleine heran und griff nach einer Flasche, die sie gleich hob, als wolle sie einen Toast ausbringen.

    „Ist schließlich ´ne Party hier“, grölte sie nun wieder erheitert, worauf auch die Gäste ihre Gläser erhoben und das Gejaule und die Freudenschüsse wieder erklangen. Binnen weniger Sekunden war alles wieder beim Alten. Nur die paar Scherben auf dem Boden erinnerten noch an den jüngsten Zwischenfall.

    Bella schickte die schlampige Tussi nun endgültig fort. Nach so einer hatte ihr nie der Sinn gestanden und von hier an würde sie selbst ihre Anwesenheit ankotzen. In solchen Momenten, wenn diese leicht zu habenden Gören, die sich für erwachsen hielten, sich ihr näherten, dachte sie inzwischen immer sofort an Milas Partnerin und wie gerne Bella sie stattdessen hier hätte. Sie würde auf der Stelle mit ihr kämpfen. Scheiß auf die Feier und die Gäste. Selbst der Alkohol würde sie in diesem Moment nicht beeinflussen. In dem Moment, in dem sich eine Gelegenheit bieten würde, sich mit ihr zu duellieren, würde sie nicht zögern. Ungeachtet der Umstände. Und sie brannte darauf. Ihre Geduld würde bald aufgebraucht sein.

    Vielleicht würde sich Bella heute zu Abwechslung mal wirklich betrinken.


    Ryan hasste Liegestütze. Genau deshalb machte er sie. Er hatte zwar nicht immer so gedacht, aber mittlerweile fühlte es sich dennoch so an, als habe er schon immer an dem Grundsatz festgehalten, dass mit dem Hass auf eine Übung auch ihr Nutzen im gleichen Maße stieg. Moorabbel imitierte die Bewegungen seines Trainers akribisch, während Kirlia über die beiden höchstens den Kopf schütteln konnte. Nicht, dass Ryan von ihr je verlangt hatte, ihn ebenfalls nachzuahmen, doch sie hätte es ohnehin im Leben nicht getan. Sowas war etwas für Muskelhirne. Sie hatte sich so weit wie möglich von der Gruppe entfernt und schien ein paar grazile Tanzschritte zu üben, während sie zwei Spukbälle auf den Handflächen balancierte. Dieses Training für Konzentration und Kontrolle über Körper und Geist hatte sie schon praktiziert, bevor sie dumm genug gewesen war, sich von Ryan fangen zu lassen. Allerdings war dieses unerträglich rüpelhafte Despotar nicht gerade rücksichtsvoll bei seinem eigenen Training. Gerade ließ es wieder zwei Weiß glühende, sich überkreuzende Ringe um seinen Oberkörper rotieren. Aus dem Licht materialisierten sich binnen Sekunden Fußballgroße Steinbrocken, die auf eine Zielscheibe geschossen wurden. Ryan hatte sich zuvor von Joy den Schlüssel für den Geräteschuppen in der Ecke des Bereiches aushändigen lassen und dort diese aufstellbare Scheibe gefunden. Sie besaß einen Rahmen sowie schwere Füße aus Metall zur Stütze und das Material auf der Frontseite ähnelte dabei einer dieser schweren Turnmatten, die er noch aus dem Sportunterricht in der Schule kannte. Es war robust genug, um alle erdenklichen, physischen Krafteinwirkungen zu absorbieren und so musste Despotar nicht die Grundstücksmauer zertrümmern – was nur eine Frage der Zeit gewesen wäre. Einige Flammenwürfe oder ein Hyperstrahl hätten hier den Bogen wohl überspannt, doch solche Angriffe waren inmitten einer Stadt wie hier meist eh verboten. Zu groß war die Gefahr, dass zu starke Schäden angerichtet oder sogar Nachbarn verletzt würden. So hatte Ryan das Teil kurzerhand aufgestellt und Despotar die Zielübung mit seiner Steinkante angeordnet. Das war ohnehin eine Baustelle der wuchtigen Felsechse, die er bis zum Turnier beheben wollte. Manchmal wusste der seine Energie einfach nicht zu kontrollieren und ein, zwei Fehlschüsse waren ihm auch diesmal unterlaufen. Für die Schrammen in der Mauer würde er sich später vermutlich was anhören müssen, obgleich es beim genaueren Umsehen nicht den Anschein hatte, als wäre er der erste Trainer, dem dies passiert war.

    Die Mittagshitze brannte Ryan in den Nacken und auf seinen verschwitzten Rücken. Die Jacke hatte er gleich zu Beginn abgelegt, doch das Shirt und die Handschuhe klebten nicht weniger lästig vom Schweiß auf seiner Haut. Leider Gottes war es einfach unrühmlich, hier, in einem öffentlichen Center, mit freiem Oberkörper zu trainieren. Eigentlich dürfte das auch für das angestrengte Schnaufen gelten, das er bei jeder weiteren Stütze ausstieß, doch zum Glück war er völlig alleine. Andrew hatte seine erste Trainingseinheit des Tages bereits beendet und war nun mit Dragonir im städtischen Park, um ihr etwas Bewegung zu verschaffen. Dort war Ryan heute Morgen gleich als erstes gewesen, um gemeinsam mit Hundemon joggen zu gehen. Anschließend hatte der Schattenhund ebenfalls an der Präzision seiner Attacken gefeilt und ruhte sich bereits seit ein paar Minuten in seinem Pokéball aus. Als er durch Johto gereist war, hatte er dies jeden Morgen gemacht, schon als er damals noch ein überdrehtes Hunduster gewesen war. Dies war auch eine gute Methode gewesen, um in der ersten Tageshälfte viel Strecke zurücklegen zu können und selbst nachdem er heimgekehrt war, hatte er sich jeden Morgen dazu aufgerafft und war durch das Areal hinter seinem Haus gelaufen. Hierzu hatten sich gleich mehrere seiner Pokémon angeschlossen. Es war ein Ritual, das ihm seit der Silberkonferenz gefehlt hatte, aber ohne Hundemon hatte er sich irgendwie nicht dazu durchringen wollen. Ohne ihn wäre es einfach nicht dasselbe gewesen, sondern ganz einfacher Morgensport. Es war eine besondere Sache nur zwischen ihnen beiden. Mit fast jedem seiner Schützlinge hatte oder unternahm er ein bestimmtes Ritual, dem sich niemand sonst anschloss. So hatten alle ihren eigenen Grund, für Ryan besonders und unersetzlich zu sein. Natürlich nicht bloß deswegen, aber es schaffte ein brüderliches Gefühl. Despotar war eine der wenigen Ausnahmen, doch abgesehen vom Kämpfen und vom Essen gab es nicht viel, wofür man dieses Pokémon begeistern konnte. Er war halt simpel gestrickt.

    Die Liegestütze mit Moorabbel vermittelten ein ähnlich bindendes Gefühl, obwohl Impergator und Nidoking diese Übung auch schon mit ihm gemeinsam durchgezogen hatten. Der unterschiedliche Körperbau und nicht zuletzt der enorme Kräfteunterschied erlaubte ihnen allen nebenbei, gleich dreimal so viele Liegestütze zu absolvieren, wie ihr Trainer. Ganz so weit war Moorabbel jetzt zwar noch nicht, aber dennoch hatte er Ryan weit übertroffen. Doch seine Gattung war ohnehin für den Stand auf zwei Hinterläufen als auch auf allen Vieren gebaut, was die Übung erleichterte. In den kommenden Tagen müsste Ryan sich eine Alternative überlegen, die effektiver war.

    Für den Moment genügte es aber. In zweierlei Hinsicht, da der junge Trainer sein Limit erreicht hatte und sich nun in den Sand des Kampffeldes kniete. Den Kopf legte er in den Nacken und die Luft sog er gierig ein. Seine Oberarme brannten und pochten vor Schmerz. Das war gut so. Bevor man keinen Schmerz spürte, hatte man keine spürbaren Resultate zu erwarten. So zumindest seine Mentalität. Auf jeden Fall machte er dann irgendwas richtig. Auch das Wasserpokémon war sichtlich ausgelaugt, hielt jedoch aufmerksam die Ohren offen, für den Fall eines neuen Befehls. Doch Ryan war der Ansicht, dass es vorerst genug war.

    „Okay, das reicht!“, ließ er verkünden und stemmte sich auf die Beine. Er ruderte ein wenig mit den Armen in der Luft, um wieder ein Gefühl in den Fingerspitzen zu bekommen und dehnte fix seine Gelenke.

    „Wir warten die Mittagshitze ab und stärken uns ein bisschen.“

    Kirlia und Despotar stellten ihr Training ebenfalls ein und eilten an den Rand der Kampfplätze. Ryan hatte bereits zuvor ein paar Plastikschüsseln und das entsprechende Futter für jeden gestapelt und stellte nun alles auf. Er fütterte sie eigentlich nicht gerne mit dem Zeug. Ihm war bei der Tatsache, keine andere Wahl zu haben, als den Herstellern des Futters zu vertrauten, nicht ganz wohl. Wer wusste schon, ob neben einigen Variationen wie Stückchen von Fleisch, wahlweise Fisch für Räuber wie Hundemon oder Impergator oder Seetang wie im Wasser Lebende Pflanzenfresser wie Moorabbel nicht noch irgendein chemischer Mist da rein gemixt wurde. Solche Gedanken waren vielleicht etwas arg misstrauisch, möglicherweise gar paranoid, aber eben diesen hatte er zu verdanken, dass ihm seine Zeit nie zu kostbar gewesen war, um immer das bestmögliche zu beschaffen. Kampierte Ryan in der Wildnis, gestattete er seinen Pokémon öfter, sich an Pflanzen und Früchten zu bedienen oder gegebenenfalls auf die Jagd zu gehen, sofern es Wild gab und sie die Zeit entbehren konnten. So war es noch immer am besten, denn so hatte es die Natur vorgesehen. Aber dieses künstlich produzierte Zeug schienen sie auch zu mögen. Mit Ausnahme von Kirlia natürlich. Die hatte bereits nach dem ersten Anblick des Futters das Weite gesucht – lustigerweise hinter Hundemon, was Ryan insgeheim erfreut und den Schattenhund sichtlich verwundert hatte.

    Gerade kramte er sein Taschenmesser und eine Tupperdose mit Obst aus seinem Gepäck und begann wahllos ein paar davon in Stücke zu schneiden. Er hatte im Supermarkt die Straße runter echt alles bekommen. Gerade bot er der kleinen Göre, die eher abgeneigt dem Rest beim Verzehr zusah, ein Stück Mango an. Sie nahm es rasch entgegen, doch ihr Gesichtsausdruck ließ ihn vermuten, dass sie sehr bewusst keine Dankbarkeit zeigen wollte. Der leichte Rotschimmer auf ihren Wangen verriet sie jedoch wieder. Ryan hatte allerdings aufgehört, darüber zu lächeln, da er gemerkt hatte, dass ihr das unangenehm war. Er ignorierte abweisende Gesten oder Blicke einfach und behandelte sie unbeirrt genauso gut, wie den Rest. Seine Fürsorge war nun mal noch immer neu und ungewohnt für sie und ihr dickköpfiger Stolz würde sich so leicht nicht in Luft auflösen. Doch damit konnte Ryan leben. Der schob sich gerade einige Weintrauben in den Mund und schnibbelte unbeirrt weiter. Ein kleiner Imbiss vor dem Mittagessen konnte nicht schaden. Er überlegte noch, wohin er denn gehen sollte. Im Center gab es nur zu früher und zu später Stunde Buffet. Ein Anständiges Mittagessen bekam man hier nicht. Doch bereits am Vortag – dass Mila samt ihrer Partnerin mit Andrew und ihm Klartext geredet hatten, war nun drei Tage her – hatten die beiden Trainer auf einen Tipp von Joy hin die berühmte Restaurantstraße von Graphitport gefunden, in der sich ein Laden an den nächsten reihte. Dort war wahrscheinlich keine Art von Küche dieser Welt nicht vertreten und Ryan wünschte sich, demnächst mit Melody einmal dort essen zu gehen. Die war jedoch seit jeher nicht mehr aufgetaucht, hatte ihn nur einmal per SMS wissen lassen, dass es ihr gut ging und sie auch nicht sauer sei. Was jedoch bloß einen Schluss für ihre Abwesenheit zuließ, nämlich Angst. Ryan fragte sich, wo sie sich den ganzen Tag rumtrieb. Vermutlich meist in der Nähe von Mila und dafür sollte er eigentlich dankbar sein. Denn bei ihr war sie bestimmt noch am sichersten. Jedenfalls sicherer als bei einem Idioten, der sich zur Zielscheibe des organisierten Verbrechens und nicht zuletzt eines gigantischen Drachengottes gemacht hatte. Und dennoch wollte er sie sehen, einfach Zeit mit ihr verbringen. So wie damals bei dem traditionellen Fest auf ihrer Heimatinsel.

    „Sie wird sich an Euch gewöhnen.“

    Ryan zuckte heftig zusammen. Er hatte sich nach wie vor in absoluter Einsamkeit geglaubt, sodass selbst die sanfte und ruhige Stimme von Mila ihn zu Tode erschreckte.

    „Ich hasse es, wenn du das tust“, fuhr er sie noch unter höchster Selbstbeherrschung an. Seinen Unmut könnte er in diesem Moment niemals unterdrücken, aber er wollte nach wie vor vermeiden, Mila gegenüber zu abweisend oder gar unsozial aufzutreten.

    Kaum hatte er den Satz beendet, hielt er jedoch inne, da er sich im Nachhinein über die Aussage wundern musste.

    „Verzeiht“, meinte sie, noch bevor Ryan das Wort wieder ergreifen konnte und mal wieder hatte er keine Zweifel an ihrer Reue.

    „Wer wird sich an mich gewöhnen?“

    Der junge Trainer traute der Drachenpriesterin eine ganze Menge zu, aber das Lesen seiner Gedanken zählte er nicht dazu. Unmöglich, dass sie Melody gemeint hatte.

    „Euer Kirlia.“

    Beide Augenpaare legten sich auf das Psychopokémon, das sich rasch beobachtet fühlte. Da Hundemon gerade nicht anwesend war, zeigte sie den beiden Menschen einfach die kalte Schulter und gab sich scheinbar unbeirrt ihrem Mahl hin. Eine schlechte Scharrade, wie man betonen musste.

    „Sie hält nicht allzu viel von Menschen, wie mir scheint.“

    Ryan nickte bloß langsam, nahm die Gelegenheit für einen kleinen Witz wahr, nachdem er zuvor mal wieder aggressiver reagiert hatte, als nötig gewesen wäre.

    „Ein Glück, ich dachte sie hält bloß nicht allzu viel von mir.“

    Tatsächlich reagierte Mila sogar. Leise und zurückhaltend, aber sie kicherte definitiv. Fühlte sich irgendwie gut an, sie mal lachen zu hören.

    „Wie lange hast du dort gestanden?“

    „Nicht lange. Aber lange genug, um mir den Tag von Euch versüßen zu lassen.“

    Konnte diese Frau nicht normal antworten? Was hatte er denn jetzt getan, was so toll sein sollte? Mila erkannte seine Verwirrung mit einem Seitenblick, begleitet von ihrem typischen Schmunzeln.

    „Euch mag es selbstverständlich erscheinen, zusammen mit euren Pokémon zu trainieren oder ihnen eigenhändig das Essen zu reichen. Gewiss geht es bestimmt vielen so.“

    „Natürlich, sollte auch selbstverständlich sein.“

    Ryan wusste, dass es Idioten gab, die ihre Pokémon wie Maschinen behandelten und Dinge wie die Fütterung als bestenfalls lästige Notwendigkeit und sonst nichts betrachteten. Doch seine Fürsorge jetzt so zu preisen, erschien ihm definitiv übertrieben. Kein Arschloch zu sein, bedeutete für ihn nicht gleich, besonders zu sein. Sicher gab es da draußen genügend Trainer, die sich viel besser um ihre Partner kümmerten.

    „An sich mag es zwar löblich, wenn auch nicht außergewöhnlich sein. Doch wisst ihr…“

    Es geschah selten, dass Mila stotterte. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. Oder eher abzuwägen, ob ihre Worte die richtigen waren. Ob Ryan sie verstehen könne.

    „Es kann Liebe und Herzblut in allem stecken, was wir tun. So alltäglich es auch sein mag, alle Taten können Hingabe ausdrücken.“

    Ryan ließ diesen Satz einige Sekunden auf sich wirken. Er hatte nie einen Grund gesehen, bei der Pflege seiner Pokémon in eine sentimentale Schiene abzudriften. Doch es stimmte. Man konnte die Dinge auf diese und auf jene Art tun. Alle Dinge! Und wenn er so drüber nachdachte, dann hatten einige seiner Pokémon ihn in der Vergangenheit durch ihre Treue, ihren Mut und Opferbereitschaft geradezu zu Tränen gerührt. Und das wollte er ihnen jeden Tag zurückgeben. Nicht bloß jenen gegenüber, denen er so viel zu verdanken hatte, sondern allen. Denn jeden gleich zu behandeln war schon immer ein fester Grundsatz bei der Aufzucht gewesen. Klar verbanden gewisse Erinnerungen ihn mit dem ein oder anderen seiner Pokémon ein bisschen mehr, aber deshalb war der Rest für ihn kein Gefolge zweiter Klasse. Sie waren ihm alle gleichermaßen wichtig. Und er freute sich auf die Momente, in denen er auch mit seinen jüngsten Teammitgliedern besondere Erinnerungen schaffen würde.

    Ryan war trotz alldem kein Mensch, der sich gern für Dinge, die er für banal hielt, loben ließ. Doch hier tat er es mit großer Dankbarkeit. Vielleicht war es einfach ganz gut, solche Worte von jemandem zu hören, der so viel Lebenserfahrung besaß. Besonders nachdem man Einige Zeit zuvor das Pech gehabt hatte, jemandem wie Terry Fuller zu begegnen.

    So entgegnete Ryan ihr ebenfalls mit einem Lächeln.

    „Danke, glaube ich.“

    „Oh, es war durchaus ein Kompliment.“

    Dies quittierte er wiederrum mit einem sachten Nicken. Doch so langsam wurde ihm die Situation etwas unangenehm. Er wollte nicht jedes Mal, wenn er mit Mila sprach, emotional oder melancholisch werden und sich Weisheiten über dieses und jenes anhören. Obwohl das sicher noch keinem geschadet hatte.

    „Du hast doch bestimmt nicht so wenig zu tun, dass du uns aus Langeweile zusiehst, oder?“

    Er hatte es irgendwie geschafft, diese Frage nicht so zynisch klingen zu lassen. Er wollte ganz einfach sofort wissen, wenn es wichtige Neuigkeiten gab. Und er hatte hiermit auch sicher nichts Unwahres gesagt.

    „Bedauerlicherweise“, seufzte sie und wandte sich zum ersten Mal ganz zu ihm. Das blonde Haar tanzte ein wenig in einer leichten Brise.

    „Morgen Mittag muss ich euch unsere Verbündeten vorstellen. Ich habe gerade mit ihnen gesprochen und wir waren einstimmig dafür, dass alle so schnell wie möglich zusammenkommen.“

    Dann war es also an der Zeit, diese ominösen Verbündeten kennenzulernen. Ryan fragte sich seit der ersten Erwähnung, wen denn jemand wie Mila zu ihren Freunden, wenn man sie wirklich so nennen konnte, machte. Bestimmt niemand Gewöhnliches. Doch er stellte die Frage hinten an und zog die Brauen zusammen. Etwas anderes war ihn aufgefallen.

    Alle?“

    „Melody, Andrew, Ihr. Alle. Meine Wenigkeit und Sheila selbstverständlich auch.“

    Ryan glaubte erst, er habe sich verhört.

    „Du willst Melody wirklich noch tiefer da mit reinziehen?“

    Es entstand eine kurze Pause, die nur vom flüsternden Wind unterbrochen wurde. Selbst Ryans Pokémon unterbrachen die Nahrungsaufnahme und sahen skeptisch zu den beiden auf. Sie konnten die ganze Situation selbst noch nicht vollends begreifen, da Ryan ihnen bislang nur von den wichtigsten Sachen erzählt hatte. Ihre Reaktion gründete ausschließlich auf dem Entsetzen, das ihr Trainer mit mäßigem Erfolg zu unterdrücken versucht hatte.

    „Nichts läge mir ferner“, versicherte Mila mit leiser, aber absolut ernster Stimme.

    „Doch sie bestand vehement darauf.“

    Hier könnte er glatt die Frage stellen, welche der beiden Frauen denn die Dümmere war. Es hatte zwar noch keinen Präzedenzfall gegeben, der Ryans Annahme, Mila würde sich niemals von anderen in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen, untermauerte. Aber er hätte dennoch einen kleinen Finger darauf verwettet. So viel also zu seiner Menschenkenntnis. Mila wirkte stets so felsenfest entschlossen und dann ließ sie sich von Melody einfach so in die Parade fahren? Das klang für ihn wie ein Scherz.

    Mila erahnte, was gerade in Ryan vorging. Wäre sie an seiner Stelle, würde sie wohl dasselbe denken.

    „Ich weiß, es ist unverantwortlich, aber wir können sie ohnehin kaum noch unbewacht lassen. Allein da sie nach euch gesucht hat, war sie schon auf dünnem Eis gelaufen. Und wenn sie uns, also Sheila und mir, schon bloß dadurch aufgefallen war, ist es möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass Team Rocket ebenfalls auf sie aufmerksam wird. Falls sie es nicht schon sind. In Sicherheit wäre sie höchstens, wenn wir sie runter von Hoenn schaffen und selbst dann haben wir keine Garantie. Aber sie hat sich vehement geweigert. Ich habe sie angefleht.“

    Ryan fuhr sich mit den Händen durchs Haar und machte einige Schritte hinaus auf den Kampfplatz. Er hörte Mila nur mit halbem Ohr zu und eigentlich wollte er unerschütterlich daran festhalten, dass es eine absolut dumme Idee wäre, sie noch weiter in diesen ganzen Mist hineinzuziehen. Doch das musste er eingestehen – sie hatte die Grenze wirklich überschritten. Auf eigenen Entschluss hin und doch ohne, dass man ihr einen Vorwurf machen dürfte.

    „Es ist ihr unerschütterlicher Entschluss, hier zu bleiben. Und wenn sie es tut, dann besser in der Nähe der Menschen, die für ihre Sicherheit sorgen können“, fuhr sie fort, wurde immer eindringlicher und ging Ryan nach.

    „Können das die beiden, ja? Können deine Verbündeten sie beschützen.?“

    Am liebsten würde er das selbst tun. Nichts täte er lieber, als Melody vor allem und jedem zu beschützen, was sie in nächster Zeit gefährden könnte. Doch ob er dazu in der Lage war, musste er einfach bezweifeln und wenn er ehrlich zu sich war, sah er sich dazu auch nicht im Recht. Die Kontroverse war, dass er es gleichzeitig auch als seine Pflicht sah. Schließlich hatte er die ganze Situation zu verschulden.

    „Sie erhöhen unsere Chancen.“

    Mila sagte es, als sei es mit Abstand die vernünftigste aller Optionen. Vermutlich behielt sie auch wieder einmal Recht. Gefährlich war es von nun an immer und überall für sie. Für jeden von ihnen! Doch wenn Melody in ihrer Reichweite blieb, würden sie nicht machtlos sein, falls sie in Gefahr geraten sollte.

    Ryan stemmte die Hände in die Seiten und sah resignierend zum Himmel. Jeden Tag bekam er mehr das Gefühl, dass er nur noch knapp der größte Idiot in ihrer Gruppe war. Und dass der Vorsprung kontinuierlich am Schrumpfen war.

    „Na schön.“

    Er ließ den Kopf fallen und massierte seine Stirn. Der Schweiß rann ihm noch immer davon hinab.

    „Dann lass uns jetzt gleich gehen und nicht erst morgen.“

    Der junge Trainer marschierte bereits an Mila vorbei und versuchte nun seinerseits, sie zu beeinflussen und ihre Pläne nach seinem Willen zu ändern. Doch das vermochte wohl bloß Melody. Auf jeden Fall vermochte sie, sein Vorhaben zu vereiteln – wenn auch nur indirekt.

    „Das werden wir nicht“, antwortete sie und neigte lediglich den Kopf in seine Richtung. Ryan stoppte und presste Augenlieder und Lippen verbissen aufeinander. Konnte sie nicht ein einziges Mal einlenken?

    „Melody will nämlich heute Abend kommen, um Euch zu sehen.“

    Sehr langsam und mit einem höchst ungläubigen Blick drehte er sich zu Mila um.

    „Sie will was?“

  • Kapitel 29: Rendezvous


    Ryan hatte es bereits an den Abenden zuvor bestaunen dürfen, das rege Nachtleben in Hoenns Hauptstadt. Doch seit er und Andrew hier angekommen waren, war es das erste Mal, dass er sich in selbiges stürzte. Die letzten Tage war er zu dieser Zeit immer nur im Center gewesen, hatte auf seinem Zimmer rumgelungert oder war in Supermärkten Einkäufe für seine Pokémon erledigen. Sei es nun Futter, Medizin oder was auch immer.

    Doch nicht heute. Heute hatte er seine Pokémon nicht einmal dabei, was ihm ein merkwürdig unvollkommenes Gefühl bescherte und beim erneuten Abwägen war er wirklich froh, dieses Gefühl zu verspüren. Es untermauerte die Veränderung, die er in den letzten Tagen durchgemacht hatte und nach wie vor durchwanderte.

    Ryan hätte es wirklich begrüßt, hätte Melody ihn persönlich um diese Verabredung gebeten, doch das über Mila als Vermittlerin zu tun, war nicht nur ungebräuchlich, sondern auch unpraktisch. Er hatte keine Ahnung, ob der Anlass wirklich ein fröhlicher war, ob sie tatsächlich einfach bloß Zeit mit ihm verbringen wollte oder sich doch mehr dahinter verbarg. Die Frage nach einem Dresscode war ebenfalls offen geblieben. Doch da sich Ryan lieber zu fein für ein ernstes Gespräch als zu schludrig für ein Date kleidete, hatte er ein ordentliches Shirt in sauberem Weiß mit stylischen Tribals, die unter dem Kragen begonnen und sich über die Seiten rankten, aus seinem Gepäck gekramt und eine minzgrüne Weste ohne Ärmel übergeworfen. Letztere hatte er sich erst ein paar Stunden zuvor besorgt. Seine Kette mit dem Silberflügel trug er heute offen anstatt unter dem Shirt und seine Frisur war mit Gel in wilde Spitzen geformt worden. Das hatte sich schwieriger als erwartet gestaltet, da Ryan ungewohnt lange keinen Friseur mehr gesehen hatte. Die Lederhandschuhe, die er so gewohnt war, bewertete er erst jetzt nach einer skeptischen Betrachtung als unpassend. Er sollte sie ohnehin in absehbarer Zeit austauschen, da sie langsam aber sicher stark abnutzten. Dennoch ließ er sie an. Bloß aus Gewohnheit.

    Sein Herz klopfte ungewohnt stark. Als versuche es, Melody über Vibrationen oder Klopfgeräusche Ryans exakte Position zu verraten. Ryan sah sich beileibe nicht als Aufreißer, aber hatte sich schon oft – meist mit anderen Trainerinnen – verabredet. Zugegeben, mit den wenigsten von ihnen mehrmals, aber das Leben als umherstreifender Trainer ließ so etwas auch nur schwer zu. Zwei oder drei Mädels hatte es während seiner Reise durch Kanto und teilweise durch Johto gegeben, die er wiederholt auf seinem Wege getroffen hatte. In der Regel in den Städten, die eine Arena besaßen oder aber bei kleineren Turnieren. Eben bei typischen Knotenpunkten für Trainer. Und hatte man die Kampfeslust erst einmal gestillt, war man eben des Abends noch zusammen fort gegangen, hatte gefeiert oder sich anderweitig amüsiert. Doch das war das schnelllebige Dasein von Trainern, die versuchten, den Moment zu genießen. Jetzt hatte Ryan eine Verabredung mit einem Mädchen, das er am liebsten jeden Tag um sich wüsste und mit der er etwas ganz Besonderes teilte. Vielleicht war ihm deshalb so mulmig.


    Zum bestimmt fünften Mal in den letzten Minuten – er war viel zu früh dran gewesen – starrte Ryan auf seine Uhr. Sie schlug gerade eine Minute nach sieben, als er aus dem Augenwinkel eine Person erspähte, die den Zebrastreifen gekonnt ignorierte und diagonal über die Straße lief. Genau auf ihn zu. Melody sah fantastisch aus, obgleich sie das in ihrer Alltagskleidung letztes Mal auch schon getan hatte. Von dieser war aber kaum etwas geblieben. Der Rock war einer dunklen Jeans gewichen, bei der nur durch eine einzelne Schlaufe an der linken Hüfte ein Gürtel mit breiten, golden eingefassten Löchern durchgezogen war und daher an ihrem rechten Schenkel herunterbaumelte. Ihr Trägertop war im selben Himbeerrot wie ihre kleine Umhängetasche, die neben der Spange an ihrer Haarsträhne, die wieder verspielt ins Gesicht hing, das einzige war, das sich nicht verändert hatte. Der Pferdezopf war ebenfalls fort, das Haar bloß mit einem schwarzen Band nach hinten gerichtet, sodass es ihr nicht ins Gesicht fiel. Über ihrem Top trug Melody noch ein schwarzes Jäckchen, das bis unter die Rippen reichte und dessen Reißverschluss von oben nach unten zu schließen war. Da sie ihn allerdings nur zur Hälfte zugezogen hatte, offenbarte sie über dem Brustbein etwas nackte Haut.

    Ryan musste aufpassen, dass er nicht zu sehr starrte. Aber sie machte es ihm nicht einfach.

    „Hey“, grüßte sie ihn ganz simpel, aber durchaus mit Freude in ihrer Stimme. Das gab natürlich Grund zur Annahme, dass sie den heutigen Abend tatsächlich amüsant gestalten wollte. Was für ein Glück.

    „Schön dich zu sehen“. erwiderte er lächelnd und zog sie in eine grüßende Umarmung, die das Mädchen auch offen annahm. Innerhalb weniger Sekunden war Ryans Nervosität gänzlich der Freude gewichen. Es fühlte sich fast an, als habe es die Spannungen von ihrem Gespräch nie gegeben. Genau das hatte er sich gewünscht. Und ihr musste es ähnlich gehen, sonst würde sie jetzt nicht hier stehen.

    „Meine Güte, warst du noch shoppen?“, flachste sie, als sie an dem Trainer herunter sah. Er hatte nichts Weltbewegendes mit sich angestellt, aber es hatte einen Effekt. Und es war ohne Zweifel ein positiver, wie sie befand.

    „Nö, die Sachen hab ich gefunden“, beteuerte er nur sarkastisch und tat nun dasselbe bei ihr, wie sie bei ihm.

    „Außerdem sollte ich die Frage wohl eher stellen.“

    „Kann sein. Aber ich sag einfach ja, anstatt zu lügen“, meinte sie mit einem breiten Grinsen.

    „Touchée.“

    Fast bekamen beide das Gefühl, Ryan und Melody sahen einander gerade jetzt zum ersten Mal seit ihrem damaligen Abschied aus ihrer Heimat, wo sie zusammen das erste Mal Lugia begegnet waren, wieder. So wie jetzt hätten sie es sich schon vor ein paar Tagen vorgestellt – oder eher gewünscht. Diese kurze Überdenkzeit hatte wohl kaum alle Widrigkeiten und Schikanen zwischen ihnen einstürzen lassen, doch darüber würden sie schon reden, wenn sie beide Zeit und Ort als angemessen einstuften. Heute jedoch war es das Ziel, einen Abend zu schaffen, an den sich beide gerne zurückerinnerten. Das beschlossen gerade beide in Gedanken ohne ein Wort der Absprache.

    „Jetzt bin ich fast enttäuscht. Als ich Andrew das erste Mal getroffen hab, hat´s viel länger gedauert, bis ihm seine platten Witze ausgegangen sind“, meinte sie und legte eine Hand auf die Hüfte.

    „Du kennst ihn noch nicht so gut, aber es gibt Dinge, in denen ist er unschlagbar. Die dummen Witze gehören definitiv dazu.“

    „Danke für die Warnung“, kicherte sie und hakte sich an Ryans rechten Arm ein, während die beiden die Straße entlang zu schlendern begannen. Mila hatte ihn wissen lassen, dass Melody kein bestimmtes Ziel für den Abend ausgesucht hatte, sondern sich mit ihm einfach ins Blaue aufmachen wollte. Da anhalten, wo ihre Aufmerksamkeit erregt wurde. Das unternehmen, was ihnen gerade spaßig anmutete. Dort essen, wo es am leckersten roch. Einfach spontan sein.

    „Du musst mir noch von eurem Kennenlernen erzählen. Es hat mich total kalt erwischt, als ich gemerkt hab, dass du und Andrew ecuh schon begegnet seid.“

    Sie lachte keck auf und schlug kumpelhaft mit ihrer flachen Hand auf seinen Oberarm.

    „Wir waren alle drei verwirrt!“, stellte sie klar. Recht hatte sie damit, doch sah sich Ryan noch in der makabersten Position unter ihnen, wenn er an den Moment zurückdachte.

    Während die beiden das Zentrum Graphitports und somit die Hauptstraßen mit ihren Läden, Clubs, Diskotheken, Bars und Restaurants ansteuerten, schilderte Melody ihm präzise ihr erstes Treffen mit Ryans langjährigem Kumpanen. Der kannte ihn natürlich gut genug, um anhand dieser Infos zu wissen, dass er direkt ein Auge auf sie geworfen und sich Hoffnungen gemacht hatte. Nicht unbedingt auf etwas Großes, aber wenn man ständig durch die Welt reiste und kaum Gelegenheit fand, dauerhafte Kontakte zu knüpfen, nahm man meist jede Gelegenheit an, um in den Genuss weiblicher Gesellschaft zu kommen. Egal wie kurzweilig es auch sein mochte. Doch mittlerweile sollte glasklar sein, dass Andrew bei Melody kein Land sehen würde.


    Während ihres Marschs waren Ryan und Melody fast kontinuierlich am Reden. Die Mehrzahl der Fragen stellte dabei der aufgedrehte Rotschopf. Sie fragte ihn allerhand Löcher in den Bauch über die Silberkonferenz – die sie nach eigener Aussage im Fernsehen gesehen hatte –, die Entscheidung nach Hoenn zu gehen und natürlich seine Pokémon. Sie war etwas traurig, das Ryan mit Hundemon lediglich ein ihr bekanntes Pokémon an seiner Seite hatte. Doch schließlich hatte sie abgesehen von Impergator mit keinem von ihnen wirklich Kontakt gehabt, sodass man eh nicht von einem herzlichen Wiedersehen hätte reden können.

    Alle paar Minuten machte einer von beiden, wobei auch hier Melody deutlich Oberwasser hatte, Halt und zerrte den jeweils anderen durch irgendeine Tür. Melody ließ Ryan in einem Modegeschäft irgendwelche Hipster Sachen anprobieren und ergötzte sich an dem Anblick. Er machte dafür selbiges mit ihr in – für ihren Geschmack – peinlich schnieken Kleidern. Im Anschluss besorgten sie sich an einem kleinen Laden in einer Seitenstraße ein paar ausgefallene Eis Parfaits und suchten jeweils für den anderen aus. Der Laden bot die kuriosesten Sorten und Beilagen an und erlaubte seinen Kunden sogar freie Auswahl bei allem. Süßspeise Marke Eigenbau also. Während Ryan einfach die zuckersüßeste Kalorienbombe, von der man sicher auf der Stelle Diabetes bekommen könnte, für sie zusammenbestellte, schien sie sich Mühe zu geben, die abstrakteste und sonderbarste Mischung zusammenzustellen, die mit solch guten Zutaten zu kreieren war. Tiramisu samt Kiwi und Pfirsich Scheiben und rotem Pfeffer, dann ein paar Fruchtgummis und drüber geworfen, noch ein fettes Stück Lakritz drauf und zur Abrundung ein paar Wasabi Nüsse. Womit er das wohl verdient hatte? Vermutlich war Melody tief im Inneren doch ein wenig sadistisch. Doch bei allem, was die zwei unternahmen, lag stets mindestens ein Lächeln, wenn nicht ein herzerfülltes Lachen auf ihrer beider Lippen. Zumindest, wenn man den Moment, in dem Ryan die sonderbare Süßspeise probierte, ausklammerte. Da lachte ausschließlich Melody.

    Bei Sheila musste der Anblick wahrlich Brechreize auslösen. Gar befeuerte es ihr Mordlust. Solch eine Unbekümmertheit in solch einer Lage war absolut närrisch.

    „Wie töricht“, hauchte sie in ihren Schal. Mila schien nicht ganz bei Verstand zu sein, wenn sie dieses Rendezvous zwischen den beiden erlaubte, gar befürwortete. Es würde den beiden gut tun, hatte es geheißen und dass sie die Gelegenheit wahrnehmen sollen, bevor es demnächst wirklich ernst würde. Was ein blauäugiger Schwachsinn.

    Als Leidtragende würde sie sich in dieser Situation dennoch nicht betrachten. Sie versuchte Ryan und Melody als Köder anzusehen, um Team Rocket hervorzulocken. Auch wenn sie nicht zu hoffen wagte, dass sich Bella heute Nacht zeigen würde, war ihr jedes Opfer recht. Sie wusste natürlich, dass Mila viel zu gutherzig war, um die beiden wirklich als Lockmittel zu missbrauchen. Doch Sheila stellte sich gerne vor, dass es doch so war und ihre Herrin es nur in ihrem Unterbewusstsein vergrub. Rücksicht war etwas, dass man sich während eines Krieges nicht erlauben konnte. Und auch wenn der Krieg mit den Drachen noch nicht wirklich begonnen hatte, so hatte es der Mit Team Rocket allemal. Sheila war sich ziemlich sicher, dass irgendjemand aus der Organisation die beiden bereits gesehen hatte. Unter den Menschenmassen verbargen sich dutzende, als Zivilisten getarnte Kundschafter und Agenten. Für die meisten unsichtbar, doch sie war eben nicht wie die meisten. Konkreter gesagt, war niemand sonst so wie sie.

    Von den Dächern der Hochhäuser hatte sie einen perfekten Überblick und konnte viel leichter sonderbare oder Verdächtige Personen ausfindig machen. Sheila behielt vor allem die Menschen im Auge, die am unscheinbarsten wirkten. Still in einer Gasse standen und auf die Straße lugten. Oder teilnahmslos durch den Fluss an Fußgängern hindurch schlurften. Und natürlich solche, die der Route der Turteltauben konsequent folgten. So dumm war bislang aber niemand gewesen. Das wäre auch viel zu auffällig. Schließlich folgten Ryan und Melody keinem Plan oder bestimmten Ziel. Höchstens ein Verirrter könnte solche Wege einschlagen. Oder eben jemand, der den beiden folgte. Doch nicht nur dies. Die Art, wie jemand ging, wie sich jemand bewegte, sein Blick oder seine Ausstrahlung. All das waren klare Signale für Sheila, ebenso wie für Bella oder andere ihres Fachs. Und genau zwei Personen dort unten schienen mit diesen sowie jeder weiteren Faser ihres Körpers die Aufmerksamkeit des Assassinen auf sich lenken zu wollen.

    Ein Mann und eine Frau, wohl in den Dreißgern und beide mit sportlichem Körperbau. Und mit überaus auffälliger Haarfarbe. Markanter wären die violetten Schöpfe nur gewesen, wenn die in Flammen stünden. Sheila stand direkt am Rande des Dachgeschosses. Offen, ohne Deckung und ohne Scheu. Strahlte mit ihrer strammen Haltung und den geballten Fäusten Selbstsicherheit aus, während ihre Augen tödlich wie eh und je funkelten. Zu gerne würde sie die beiden dort unten etwas genauer „befragen“. Aber damit würde sie genau das tun, was die Rockets wollten. Es waren dieselben, die sie schon auf der Fähre gesehen, später im Wald von Wurzelheim beschattet und widerwillig am Leben gelassen hatte. Welch Ironie, dass sie erneut in eine Situation geraten war, in der sie die beiden nicht töten konnte. Oder eher durfte.


    „So leicht lässt sie sich wohl nicht ködern“, seufzte die violethaarige Frau und schnippte sich die weiße Strähne aus dem Gesicht.

    „Das sollte uns nicht verwundern“, meinte ihr Partner und wandte sich bereits zum Gehen.

    „Bella hat uns schließlich gewarnt, dass sie gut ist.“

    Nicht nur das hatte sie ihnen erzählt. Sondern auch, dass es Carlos und Lydia das Leben kosten würde, wenn sie diesem Mädchen gegenüberstehen sollten. Insofern war es geradezu eine Erleichterung, dass sie den Köder nicht schluckte und sich darauf besann, diesen Ryan und seine Tussi im Auge zu behalten. Ob die überhaupt wussten, dass sie von ihr beschützt wurden? Vermutlich nicht.

    Lydia war dennoch ernüchtert. Sie gab nicht allzu viel auf Bellas Wort und auch wenn sie es nie aussprechen oder zugeben würde, ging es ihr gewaltig gegen den Strich, dass ein so junges und hübsches Ding das Vertrauen des Schwarzen Lotus besaß, um das sie selbst schon Jahre kämpfte. Dieses Gör da oben fortlocken oder sogar ausschalten zu können, würde sie dem einen großen Schritt näher bringen. Gar würde es ihr einen Platz als ihre Vertreterin einbringen. Schließlich gehörte die Kleine unlängst zu den Zielpersonen der höchsten Gefahrenstufe.

    Doch ihr blieb die Chance verwehrt. Vielleicht hatte sie ja Angst, sich ihnen beiden allein zu stellen. Kleines Miststück. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Carlos zu folgen und die übrigen Agenten zu informieren. Kaum abgewandt, drückte sie einen Finger ins Ohr und führte die Armbanduhr mit dem eingebauten Mikro an den Mund.

    „T2 hat nicht angebissen, sie hält ihre Position auf den Dächern. Operation gefährdet. Alle Schläfer auf Bereitschaft bleiben. Zugriff auf eigene Faust gestattet.“


    Ryan hatte schon einige diese sogenannten Arcade Stores gesehen, allerdings nie von innen. Auf ihn wirkte es eher wie ein Spielparadies für eine jüngere Generation, zu der er sich nicht unbedingt mehr zählen wollte. Doch ein derart bunter, lauter und leuchtender Laden schien eine Bewohnerin eines friedlichen Inselparadieses zu neugierig zu machen, als dass sie ihn ignorieren konnte. So schleifte Melody Ryan kurzerhand mit sich, der sich nur dezent dagegen wehrte. Es war laut. Ziemlich laut. Und bunt. Meine Güte, war das hier bunt. Ryan meinte sich in einer Spielzeugkiste zu befinden. Naja, gewissermaßen stimmte das auch. Im Erdgeschoss befanden sich hauptsächlich Automaten, die eher noch in die Kategorie Glückspiel schlugen. Hier musste man beispielsweise eine Münze einwerfen, die durch einen Schiebemechanismus einen großen Haufen derselben Sorte bewegen und möglichst viele über den Rand in den Auswurf drücken sollte. Das allseits bekannte Kranspiel war hier außerdem sicher hundertfach vertreten und unterschied sich alle paar Meter lediglich in den ausgestellten Preisen und Gewinnen. Meist handelte es sich aber um verschiedene Plüschtiere, Sammelobjekte, billigen Schmuck aus Plastik und ähnlichen Krimskrams. Nichts, was ein Mensch wirklich brauchte. Zudem wusste eigentlich jeder, dass man an den Dingern kaum gewinnen konnte. Jeder außer Melody.

    „Ryan hast du Kleingeld?“, fragte sie, während sie schon auf einen der Automaten zu rannte. In ihr kam wohl gerade das Kind zum Vorschein.

    „Echt jetzt?“

    „Sei mal nicht so geizig“, stichelte sie ihn.

    „Ich hab für dein Parfait deutlich mehr bezahlt, als du für meins.“

    Stöhnend trat Ryan neben sie und riskierte ebenfalls einen flüchtigen Blick in die Preisauslage. Anhänger und Kettchen, die kein Mensch haben wollen dürfte. Doch ein solcher Mensch hielt gerade neben ihm die Hand auf. Und er Depp zuckte auch noch seine Börse.

    „Ich mein doch nicht wegen dem Geld. Und für die Magenbombe bist du ja wohl genug entschädigt worden.“

    Noch jetzt zauberte der Bloße Gedanke and diesen Moment ein breites Grinsen auf das schadenfrohe Gesicht dieses Mädchens. Einen weiteren Kommentar gab sie nicht dazu, nahm stattdessen von Ryan ein paar Münzen an und versuchte ihr Glück. Die Preise besaßen einen aufgerichteten Ring aus Plastik, den man mit der Greifbewegung des Krans treffen und somit hinaufziehen sollte. Doch wie sich herausstellte, rutschte dieser Ring verflucht schnell wieder heraus, selbst wenn man meinte, ihn sauber erwischt zu haben. Melody versuchte es noch ein paar Mal und fluchte jedes Mal ein bisschen lauter, bis sie gar leicht gegen die Maschine trat. Seltsamerweise behielt sie aber dennoch ihren Spaß bei, da sie noch immer lächelten.

    „Kannst du´s mal versuchen? Ich will das da.“

    Sie zeigte auf einen Gummianhänger, der ein kleines und völlig verniedlichtes Hundemon darstellte, das gerade einen Sprung machte, als wolle es einen geworfenen Ball fangen.

    „Arceus gib mir Kraft“, seufzte er kapitulierend. Nicht, weil er es zu schaffen erhoffte. Eher bat er um Geduld und Selbstbeherrschung, mit Melodys Spieltrieb mithalten zu können. Alternativ müsste er ihren flehenden Augen widerstehen und da sah er sich bereits jetzt auf verlorenem Posten.

    Doch damit sie ihm nicht vorwerfen konnte, es bloß halbherzig probiert zu haben, nahm er sich tatsächlich einen Moment, um die Position des Rings genau zu erfassen und wie er den Kran genau zu steuern hatte. Er hatte ja jetzt schon einige Anläufe beobachten und aus ihnen lernen können.

    Dass ihm seine Beobachtungsgabe mal auf diese Weise nützen würde – verrückt.

    Er hatte ihn! Der Greifer saß perfekt im Ring und zog den Anhänger rauf. Beim allerersten Versuch. Waren die Dinger etwa doch nicht so schwer oder war das bloß Glück?

    Die letzte Option verwarf Ryan sofort wieder, denn gerade als der Kran den automatisch gesteuerten Rückweg zum Auswurf antrat, rutschte der Ring durch das natürlich Wackeln erneut runter und war plötzlich wieder genauso fern wie am Anfang.

    „Das ist doch´n Witz!“, maulte Melody daneben und schlug die Hände frustriert vor´s Gesicht. Ryan dagegen packte mit einem Mal der Ehrgeiz.

    „So nicht, Freundchen. Das Teil krieg ich“, meinte er und warf erneut Geld ein. Womit das Rätsel um die Anziehungskraft dieser Automaten gelöst wäre.

    Er hatte noch zwei weitere Versuche gebraucht, bis er Melody endlich und tatsächlich mit einem angenehmen Gefühl von Stolz den Anhänger überreichen konnte. Schwitzte er etwa? Ach du Scheiße.

    Doch sie sah ihn bloß verblüfft und mit gerunzelter Stirn an, als würde er ihr eine Zigarre anbieten.

    „Was soll ich damit? Der war von Anfang an für dich gedacht.“

    Sein schiefer Blick würde ihr vermutlich genau so viel wert sein, wie der beim Verzehr des Parfaits.

    „Jetzt machst du aber Witze.“

    Mitnichten, wie sich herausstellte. Breit grinsend nahm sie ihm das Stück Gummi aus der Hand und befestigte es an der Reißverschlusstasche seiner Weste. So verspielt hatte er sie wirklich nicht gekannt. Ganz schön anstrengend war das. Aber auch irgendwie süß.

    „Wenn das kein Anblick ist.“

    Ryan dachte daran, wie Hundemon, also sein Hundemon diesen Anblick fände.

    „Der wird mir in den Hintern beißen, wenn er das sieht.“

    Mit Glück, fügte er gedanklich hinzu. Wenn er Pech hatte, würde er ihm im wahrsten Sinne Feuer unterm Arsch machen.

    Melody schien das Risiko in Kauf zu nehmen und führte ihn weiter zu einer Treppe hinauf ins Obergeschoss. Eine Beschilderung verriet, dass dort diverse Zockerautomaten warteten. Na hurra.


    Keiner von beiden registrierte den Mann, der nur ein paar Automaten weiter ebenfalls sein Glück versuchte. Er war vielleicht Ende zwanzig, kahl geschohren, trug dafür einen Vollbart und außerdem einen Trenchcoat. Jedoch achtete er gar nicht wirklich auf den Kran. Sein Blick war ständig über die Schulter geworfen und haftete an dem jungen Pärchen. Er wartete einige Sekunden und folgte ihnen schließlich nach oben. Das Klimpern, Piepen und Dröhnen hier war noch mal viel intensiver als im Erdgeschoss. Dutzende Automaten mit Baller-, Prügel-, Sport- oder Geschicklichkeitsspielen bildeten hier regelrechte Korridore und die bunten Lichter sowie flimmernden Bildschirme waren fast die einzige Lichtquelle. Die schäbigen Neonröhren an der Decke machten da kaum einen Unterschied.

    Ohne Umschweife steuerte er einen solchen Automaten an, an und ward eine Münze ein. Doch auch hier schenkte er dem Spiel selbst keinerlei Beachtung. Das Pärchen hatte sich gerade einem größeren Bildschirm eingefunden und jeweils einen Plastikcontroller in Form einer Pistole in die Hand genommen. Sie nahmen von ihm keine Notiz. Ein flüchtiger Blick in die Korridore verriet ihm, dass nur ein oder zwei weitere Personen überhaupt hier waren, doch die waren selbst am Zocken und mehrere Meter entfernt. Das was absolut machbar. Die Chance musste er nutzen!

    An einer Hand trug der Mann einen unscheinbaren Ring. Den kleinen Knopf an der Oberseite würde man auch nach eingehender Betrachtung noch als Verzierung abstempeln. Tatsächlich trat nach dessen Betätigung an der Unterseite eine winzige Nadel heraus, nur wenige Millimeter lang und dünner als die einer handelsüblichen Spritze. Den Stich würde man so gut wie gar nicht spüren, doch sehr wohl die Toxine diverser Giftpokémon, die über diese Nadel in den Körper gelangten. Vipitis, Ariados, Tentoxa und Glibunkel waren nur einige der Namen, die ihren Teil zu diesem tödlichen Cocktail beitrugen. Mindestens genauso viele hatte er vergessen.

    Bei Team Rocket arbeiteten viele unnütze Vollidioten. Insbesondere die jungen Grünschnäbel, die sich was drauf einbildeten, alten Leuten ihre mickrigen Börsen abluchsen zu können. Aber auch eingebildete und arrogante Einsatzleiter, die tatsächlich keine Ahnung hatten, was sie eigentlich taten und mehr durch Glück als durch Verstand an ihre Position gekommen waren. Doch die Entwicklungsabteilung – besonders die für Waffen – schuf in regelmäßigen Abständen kleine Wunderwerke.

    Er sah sich ein weiteres Mal um. Dieser Ryan und seine Tussi schossen wie blöd auf ihre virtuellen Ziele ein, feixten und spaßten dabei herum und versuchten jeweils sich gegenseitig beim Schießen zu behindern. Dieser Rotschopf blies sogar entrüstet die Backen auf und deutete an, nun auf diesen Ryan zu schießen. Ihre Sorglosigkeit würde ihm nur in die Karten spielen und einem von ihnen das Leben kosten.

    Unbehelligt und unauffällig schlenderte er auf das Paar zu, ward hier und da einen Blick nach rechts und links, als würde er sich nach einem anderen Spiel umsehen. Ein kurzes antippen mit der flachen Hand auf seinen unbedeckten Oberarm würde genügen und sein Tod wäre besiegelt. Er würde zur Ausrede nach einem Geldwechselautomaten fragen und nur ein paar Sekunden später von dannen ziehen. Bis das arme Schwein die ersten Wirkungen des Giftes zu spüren bekam, wäre er längst wieder draußen auf der Straße und in der Masse untergetaucht. Und Team Rocket hätte ein Problem weniger. Nur eine Armlänge trennte ihn noch davon. Und diese überwand er in diesem Augenblick.

    Er hatte den Angreifer nicht kommen sehen. Nur die Hand, die sich um sein Gelenk schloss und mit sich zerrte. Er wurde kalt erwischt und konnte sich überhaupt nicht wehren. Wurde blitzschnell in einen Korridor aus Rennspielautomaten gezogen.


    Ryan würde später nicht sagen können, warum er plötzlich den Kopf herumdrehte und sich umsah. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich was gehört oder sich das nur eingebildet hatte. Im Lärm dieses Ladens konnte schnell was untergehen. Und ob dieses Kitzeln im Nacken ihn tatsächlich dazu verleitet hatte, konnte ebenso Zufall sein. Doch jetzt, in diesem Augenblick, war er sich fast sicher, dass da etwas gewesen war. Oder jemand.

    Während Melody lachend den Punktestand vorlas, warf Ryan einen Blick in jede Ecke, jeden Winkel, den er von seiner Position aus sehen konnte. Es war kaum jemand hier. Und jeder in Sicht war mit Zocken beschäftigt. Hatte ihn seine Wahrnehmung wirklich nur auf die Schippe genommen? Vielleicht ein kurzer Anflug von Paranoia? Oder eine irrtümliche Intuition?

    Er würde nicht vor dem nächsten Tag erfahren, dass es tatsächlich letztere gewesen war, jedoch keineswegs irrtümlich. Für den Moment jedoch blieb er in dem Glauben. Er wandte sich wieder Melody zu, die scheinbar den Spaß ihres Lebens hatte und das versüßte auch ihm den Abend. Doch obwohl er sich bis zum Schluss an den Vorsatz hielt, sich diesen nicht vermiesen zu lassen, würde er von jetzt an immer mindestens ein Auge auf seiner Rückseite haben.


    Ein Mädchen? Sah er da richtig oder hatte der Stoß seines Kopfes an die Konsole ihn härter erwischt als gedacht? Nein, es war wirklich ein Mädchen. Wahrscheinlich nicht mal erwachsen. Passte gut in die Altersgruppe der von ihm so verhassten Handtaschendiebe im Team Rocket. Aber die hier war nicht so eine. Sie war stark. Viel stärker, als man es ihr zutrauen würde. Sie drückte ihn noch immer gegen den Automaten und funkelte ihn aus rubinroten Augen an. In ihnen las er mörderische Intentionen, suchte absolut vergebens nach Skrupel oder Gnade. Er schauderte. Solche Augen dürfte ein normaler Mensch gar nicht haben. Zweifellos spielte sie ebenfalls in der Riege der Auftragskiller mit.

    Nicht denken. Bloß reagieren. Nein, agieren!

    Wenn er an dem Weib nicht vorbeikam, verpasste er noch seine Chance, diesen Ryan auszuschalten. Ein einfacher Schlag mit der beringten Hand würde ausreichen, um sie für immer zum Schweigen zu bringen. Dummerweise hielt sie ihm an genau diesem Handgelenk noch immer eisern fest. Hatte sie seine getarnte Waffe wirklich entdeckt? Oder was das Zufall? Glück?

    Nichts desto trotz konnte er langsam aber sicher die Kraft in seinen Armen wiederfinden. Er war mehr als einen ganzen Kopf größer als sie und das würde sie nicht durch den Überraschungseffekt allein ausgleichen können. Allmählich schaffte er es, sich von der Konsole zu drücken und über sie zu beugen. Er steckte die Finger gerade, zeigte seine Flache Hand und die tödliche Nadel. Nur ein paar Zentimeter und er würde sie in ihrer Wange versenken.

    Sie blinzelte nicht einmal. Machte stattdessen plötzlich einen Ausfallschritt und trat gegen sein Standbein. Es knickte nach innen weg, sodass er die Balance verlor und erneut von ihr mitgezerrt wurde. Diesmal jedoch wirbelte sie ihn gekonnt herum, als wäre er von beiden das Leichtgewicht und schleuderte ihn mit dem Rücken gegen die bunt bemalte Betonwand. Dann ging sie fließend in eine Drehung über und versetzte ihm einen weiteren Tritt, diesmal direkt in den Magen. Er sackte nach vorn, röchelte, stöhnte auf, spuckte Speichel. Diese Schlampe! Was bildete sie sich ein, ihn so vorzuführen?

    Doch nun waren seine Arme wieder frei. Er müsste ihr Bein nur greifen, einmal die Hand darum schließen. Und sie wäre fällig. Der Gedanke erfreute ihn gar so sehr, dass er – zusätzlich befeuert von seinem Zorn – zu einem Schlag ausholte.

    Sie erkannte sein Vorhaben sofort. Ohne das Standbein zu wechseln, schnell ihr Fuß vor und presste das Handgelenk gegen die Mauer. Es war wie festgenagelt und der Rocket stöhnte erneut. Er musste einen Schrei jedoch unterdrücken. Wenn die beiden hier entdeckt würden, wäre das sein Ende. Er hatte keinen Fluchtweg zur Auswahl und wenn die Polizei hier antanzte und ihn in Gewahrsam nahm, würde man ihm seinem Schicksal überlassen.

    Hätte er diese Option doch vorgezogen. Für eine Sekunde war sein Arm plötzlich frei. Doch nur, da sich das Mädchen gebeugt hatte und nun auch einer tieferen Position genau auf sein Kinn trat. Beinahe hätte er sich die Zunge abgebissen und sein Hinterkopf schlug hart gegen das Gemäuer. Er sackte zusammen, ging auf die Knie. Noch in diesem Vorgang ergriff sie schon wieder seinen Arm mit dem Ring und verdrehte ihn völlig, während der andere sich um sein Genick schlang und seinen Kopf an ihrer Seite festhielt. Er verlor binnen Sekunden das Gefühl in seiner Hand. Sie gehörte ihm jetzt nicht mehr. Sie machte damit, was sie wollte. Und was sie wollte, war ihn mit seiner eigenen Waffe töten.

    Zu spät erkannte er das. Die tödliche Nadel wurde direkt in seine Seite gestoßen. Sein Herz setzte vor Schreck aus und er holte Luft für einen panischen Schrei. Ohne von der bewaffneten Hand abzulassen, beugte sie plötzlich ihren Oberkörper nach hinten, ging in einen geübten Würgegriff über. Mehr als ein kurzes, leises Röcheln verließ seinen Mund nicht. Nur ein paar Sekunden dauerte es, bis er sein Bewusstsein verlor und der Körper erschlaffte.

    Sheila sah sich rasch um, spähte über die Konsolen hinweg. Niemand sah in ihre Richtung. Keine hastigen Schritte, keine panischen Schreie. Sie war unentdeckt.

    Als hätte sie alle Zeit der Welt, schleifte sie den regungslosen Körper in einen der Rennsitze und klemmte seine Hände in die Speichen des Lenkrades. Von weitem sah es so aus, als würde der Mann das Spiel spielen. In Wahrheit tickte seine Uhr bereits herunter. Für ihn würde es kein Erwachen mehr geben. Vorher hätte sich das Gift zu seinem Herzen gefressen und es zum Stillstand gebracht. Ein ruhiger, einfacher Tod in der Wiege der Ohnmacht. Das war mehr, als der Amateur verdient hatte, wie sie befand.

    Sheila würde den Leichnam am liebsten vor Ryans Füße werfen, damit er den Mann sah, der ihn um ein Haar getötet hätte. Leibwache zu spielen gehörte weder zu ihren Stärken, noch ihren Vorlieben. Doch Milas Wort war nun einmal Gesetz. Das hatte sich trotz des vielen Unmutes, der sich zuletzt bei ihr Angestaut hatte, nicht geändert. Und letztlich wurde sich auch sehr angemessen entschädigt. So in der Öffentlichkeit hatte sie lange nicht getötet. Es war ein schönes Gefühl, eine willkommene Abwechslung und Herausforderung. Generell durfte sie seit einiger Zeit wieder deutlich mehr töten als in den Monaten, vielleicht gar Jahren davor. Und dafür war die Ryan vermutlich sogar zu Dank verpflichtet.

  • Kapitel 30: Verbündete


    Ryan hatte jetzt nicht erwartet, in ein Nobelrestaurant geführt zu werden, doch die Kneipe vor der er nun stand, wirkte dann doch ein wenig zu schäbig. Sie lag an einer Straßenecke und ein paar lädierte Stufen aus grauem Stein führten ihn zur Pforte. Diese erklomm Mila als erste und hielt ihm, sowie Andrew und Melody gar vornehm die Tür auf. Sie lächelte so, wie sie es immer tat, wenn sie jemanden – vorzugsweise Ryan – ins Ungewisse führte. Dieser zögerte kurz. Nicht weil er Angst hatte, sondern weil es ihm nicht gefiel, von Mila durch die Stadt geführt zu werden. Warum wusste er selbst nicht zu begründen. Er redete sich etwas Simples ein und meinte, dass diese Frau einfach zu auffällig war, als dass man sich an ihrer Seite wohl fühlen konnte, wenn man eine Zielscheibe auf dem Rücken trug. Dass Sheila mal wieder sozusagen oben auf war, um eventuelle Angreifer vorzeitig zu entdecken war da auf der einen Seite sinnvoll und hilfreich, aber nicht gerade beruhigend.

    Es war schließlich Melody, die als erste der Einladung folgte. Die beiden Trainer tauschten einen kurzen Blick aus und der jüngere der beiden bedeutete schließlich mit einem Nicken, dass er seinem Kumpel den Vortritt überließ.

    Zugegeben, von innen war das Lokal eigentlich ganz nett. Eine Theke aus glänzendem, dunklen Holz baute sich rechts der Wand entlang auf. Dahinter Regale mit vermutlich genug Alkohol und Spirituosen, um ein Relaxo zu vergiften. Die linke Hälfte war gespickt mit tiefen, runden Tischen und gemütlichen Sesseln darum. Die Wand war fast vollständig verglast und verhalf zu einer deutlich helleren und freundlicheren Atmosphäre, als man erwartet hätte. Ganz hinten war ein langer Tisch mit Sitzbänken platziert, der wohl für eine größere Gruppe gedacht war. Allerdings fand sich da gerade keine. Um es genau zu nehmen, befanden sich überhaupt nur zwei Personen nebst Mila, Ryan, Andrew und Melody hier. Und der Barkeeper Uniform des Mannes zu urteilen, der gerade lässig an einem der Rundtische stand, war er kein Gast. Er hatte sich leicht vorgebeugt und quatschte mit dem wohl einzigen – der Stimme nach zu urteilen – weiblichen Gast. Die Sicht auf die Frau verdeckte er jedoch vollständig.

    Mila wartete gar nicht lange, sondern marschierte schnurstracks auf den offensichtlichen Charmeur zu. Sollten sie ihr jetzt folgen? Diesmal tauschten alle drei unsichere Blicke aus.

    „Versuchst du deinen weiblichen Gästen wieder den Hof zu machen?“

    Kurz mussten die drei sich vergewissern, ob es tatsächlich Mila gewesen war, die da gesprochen hatte. An diesem Satz war einfach so vieles falsch, verglichen mit dem Bild, dass sie alle von ihr hatten. Der plumpe Wortlaut, der Spitzname, dass sie ihn duzte...

    Offensichtlich war er kein Fremder. Wäre beim genaueren Nachdenken auch dumm, heikle Themen in der Bar eines solchen zu besprechen.

    „Sorry Mila, aber für solche humorlosen Vorwürfe gibst du zu wenig Trinkgeld“, entgegnete der Typ und lehnte sich an den Tisch. Der war so niedrig, dass er dem Gewicht kaum stand hielt, obwohl er ein bisschen schlaksig wirkte. Haselnussbraunes Haar war mit Gel stürmisch zur Seite gestylt und seine gleichfarbigen Augen wirkten gar ein bisschen müde, was wohl charmant aussehen sollte. Er war vielleicht um die dreißig.

    „Ich zahle für gewöhnlich keins“, meinte Mila schulterzuckend.

    „Dann gibst du sogar viel zu wenig Trinkgeld, um dir sowas zu leisten.“

    Diesmal war es Ryan, der als erster Mila folgte und sich in das Gespräch einmischte.

    „Ich weiß ja schon, dass dir manche Gepflogenheiten nicht so geläufig sind, aber kannst du wenigstens…“

    Er hatte glatt vergessen, was er gerade noch sagen wollte, als er die Frau sah, die dort im Sessel saß und gemütlich, geradezu unbeteiligt an einer Teetasse nippte.

    „Sandra?“

    Andrew war binnen von Sekundenbruchteilen neben ihm.

    „Wiebittewas?“, schnellte es wie ein Wort aus seinem Mund.

    Sie war es. Eine hoch gewachsene und ungewöhnlich muskulöse, junge Frau mit himmelblauem Haar, dass sie als Zopf trug. Die Kleidung war überaus befremdlich, bestand aus einer Art Hautengem Anzug in verschiedenen, hauptsächlich hellen Blautönen, der bis zu den Schenkeln reichte. Ihre überschlagenen Beine sowie ihre Arme waren frei und die Füße steckten in schweren Stiefeln, die wiederum einen dunkleren Blauton besaßen. Sie hatte ihr schwarzes Cape zur Seite geschoben, um es nicht zu zerknittern, indem sie darauf saß.

    „Lange nicht gesehen, Ryan, Andrew.“

    Sie grüßte, indem sie ihre Tasse in Richtung der beiden Trainer erhob, bevor sie einen weiteren Schluck nahm.

    So lange war es in Ryans Fall gar nicht wirklich her. Keine sechs Monate waren vergangen, seit er in der Arena von Ebenholz City, der prestigevollsten ganz Johtos angetreten war. Natürlich ein Weilchen, aber als reisender Trainer war es durchaus nicht unüblich, gewisse Menschen über einen gar längeren Zeitraum nicht zu sehen. Und es war ja nicht so, dass einer von ihnen mit ihr Kontakt hielt.

    „Offenbar nicht lange genug, um unsere Namen zu vergessen.“, bemerkte Andrew mit einem Wink, während Ryan die leicht unsicher wirkende und sich nur langsam dazugesellende Melody an die Hand nahm.

    „Ich vergesse keinen Trainer, der mir einen ausgezeichneten Kampf geliefert hat. Und schon gar nicht solche, die es zwei Mal taten.“

    Tatsächlich hatten sie beide in der Arena von Ebenholz eine Extrarunde gedreht. Bis heute die einzige, in Ryans Fall. Andrew hatte zudem ein zweites Mal mit den Stahlpokémon von Jasmin in Oliviana um den Orden ringen müssen. Doch die Gewissheit brachte keinem von ihnen Schade. Gegen solch formidable Gegner mal den Kürzeren zu ziehen, war nichts, wofür man sich grämen müsste. Beschämend war bloß die Tatsache, dass Ryan dies erst vor kurzem erkannt hatte. Damals hatte sich Vorwürfe gemacht, war nachts wach gelegen, hatte krampfhaft und selbstkritisch versucht die Fehler zu finden, durch die er gescheitert war. Und seltsamerweise hatte er im zweiten Anlauf kaum etwas anders gemacht, als beim ersten. Dieser Kampf war noch einmal eine Stufe härter und dramatischer gewesen, doch letztlich hatte er den Sieg wohl nur errungen, weil er ihn einfach noch ein bisschen mehr gewollt hatte. Da war ihm bewusst geworden, dass sich eine böse Form der Routine bei ihm eingeschlichen hatte. Nämlich die, dass er zu lange nicht mehr verloren hatte. Und wenn man sich daran gewöhnte, hörte man auf, so hart wie möglich an sich zu arbeiten.

    „Es ist toll dich mal wieder zu sehen“, beteuerte der Blondschopf nun und reichte der Arenaleiterin respektvoll die Hand. Sogar ein Lächeln rang sich bei ihm durch. Sandra erwiderte es und ergriff nacheinander die Hände beider Trainer.

    „Gleichfalls.“

    Ihr Händedruck war wirklich viel stärker als bei Frauen üblich. Aber sie war ja auch keine gewöhnliche Frau.

    „Ähm, das hier ist Melody. Melody, Arenaleiterin Sandra aus Ebenholz City.“

    „Ich lebe auf Shamouti. Nicht auf dem Mond“, entrüstete sie sich gespielt und mit einem sanften Stoß ihres Ellenbogens. Ja, auch auf ihrem abgelegenen Inselparadies kannte wirklich jeder solche Persönlichkeiten, wie Sandra es war. Nicht nur leitete sie die sie die größte und am schwierigsten zu schlagende Arena in ganz Johto, sondern war auch überall in den Medien Werbe- und Imageträgerin.

    „Ich habe von dir gehört“, meinte Sandra nun, als sie auch Melodys Hand schüttelte.

    „Du bist also auf diesen Kontinent gereist, um jemanden zu treffen, von dem du nicht wusstest, wo er überhaupt steckt und der keine Ahnung hatte, dass du im Anmarsch bist?“

    Kurz wanderten ihre Augen zur Seite, während sie die Worte im Kopf wiederholte.

    „Wenn man es ausspricht klingt´s echt verrückt, oder?“

    Ryan nickte bejahend, gab sich aber zumindest ein bisschen Mühe, dass sie es nicht bemerkte.

    „Wieso setzen wir uns nicht zunächst einmal?“

    Mila war zu diesem Zeitpunkt fast in Vergessenheit geraten und zog mit diesem simplen Vorschlag alle Blicke auf sich. Erst jetzt wurde den drei Jugendlichen bewusst, wie peinlich aufdringlich sie sich um den Tisch geschart hatten und bemühten sich um etwas Haltung. Die Drachenpriesterin zog Melody gar einen Sessel zurück und bot ihn ihr an. Die beiden Trainer setzten sich eigenständig.

    Der Barkeeper, der offenbar ebenfalls gut bekannt mit Mila war, hatte sich – wie alle erst jetzt bemerkten – für einen Moment verzogen und kam, nun mit einer schwarzen Schürze um die Hüfte gebunden, wieder an den Tisch.

    „Noch einen Kamillentee. Was trinkt ihr?“, erkundigte sich Sandra, als sei dies das wichtige Thema.

    „Einen Eistee, bitte“, orderte Melody als erste. Die anderen beiden hielten sich an Limonade, während Mila etwas mit einem französischen Namen bestellte, was keiner von ihnen wiederholen und genauso gut ein ganzer Satz sein konnte. Vielleicht ein Wein? Es war zwar erst kurz nach Mittag, aber zu mittelalterlichen Zeiten hatte man schließlich auch da schon getrunken. Teils sogar früher. Kurz wunderte Ryan sich, warum sich der Typ nichts notierte, ehe er Richtung Bar abzog.

    „Ich lehn mich mal weit aus dem Fenster und sage, du bist nicht zufällig hier“, erkundigte sich Andrew schließlich und lehnte sich auf einen Ellbogen gestützt nach vorne.

    „Korrekt“, antwortete allerdings Mila.

    „Sie ist eine der beiden, die uns im bevorstehenden Kampf ihre Unterstützung zugesichert haben.“

    „Du bist also auch Mitglied der Drachengarde?“

    Die Leiterin lachte auf, keinesfalls spöttisch, aber dennoch in einer Tonlage, die verriet, dass dies für sie ausgeschlossen wäre. Allein durch ihr Amt war das eigentlich klar.

    „Nein, bin ich nicht. Aber als Drachenpriesterin pflegt Mila Beziehungen zu so ziemlich allen großen Drachentrainern.“

    „Ihr müsst wissen, dass wir viele Verbündete haben, die uns nicht direkt angehören. Sie haben weder Eide geschworen, noch unterstehen sie meinem Befehl. Dass Sandra hier ist, verpflichtet mich zu großen Dank“, erklärte Mila. Ryan lehnte sich in seinem Sessel zurück und fuhr sich durch Haar. Die Frau überraschte ihn echt immer wieder.

    „Hätte nicht gedacht, dass du so prominente Verbündete hast.“

    Das Lächeln war diesmal durchaus verräterisch. Es ließ Ryan erahnen, dass sie noch etwas in Petto hatte.

    „Eigentlich hatte ich unter anderem auch auf die Anwesenheit von Lysander und Siegfried gehofft.“

    Sie staunten gar nicht mehr. Sie kapitulierten. Zuckten mit den Schultern oder warfen die Arme hoch, als fiele ihnen nichts mehr ein. Was sollte einem dazu auch einfallen?

    „Einfach nur wow“, meinte Andrew noch. Das war aber auch schon alles, was ihm einfiel.

    Schludrige Schritte kündigten derweil den Barkeeper an, der mit einem Tablett voller Getränke den Tisch ansteuerte. Offenbar hatte er sich doch alles merken können. Genau genommen hatte er gar etwas zu viel, wie Melody anmerkte.

    „Hier hat niemand Schnaps bestellt“, meinte sie mit einem Blick auf den Kurzen. Sie war mit Alkohol noch nie in Berührung gekommen und allein der Geruch stach ihr in der Nase.

    „Mein Gedächtnis ist zuverlässig und ich höre auch gut“, beteuerte er mit einem Murmeln und stürzte die klare Flüssigkeit seine Kehle runter. Wieder wanderten unsichere Blicke in dem jungen Trio umher, diesmal auch zu Mila und Sandra. Was war das denn für einer? Beim erneuten Nachdenken wollte das eigentlich keiner wissen. Doch etwas anderes dafür schon und es war schließlich Ryan, der die Frage stellte.

    „Also, wenn Sandra eine der beiden ist, von denen du gesprochen hast, wer fehlt dann noch?“

    „Wir sind vollzählig“, stellte Mila klar und nahm nach kurzer Inspizierung ihres Weines einen winzigen Schluck. Bevor jemand fragen konnte, ob sie denn einen Unsichtbaren eingeladen hatte, ließ sich der Barkeeper geräuschvoll in einen Sessel des Nachbartisches fallen und schmiss sowohl das Tablett als auch seine Füße auf die runde Platte. Als würde er die Neuankömmlinge gerade das erste Mal sehen, gab er einen nicht allzu höflichen Gruß mit der Hand und legte den Kopf gelangweilt in den Nacken, um die Decke anzustarren.

    „Das ist jetzt ´n Scherz“, hoffte Andrew innig. Die Bedenken hatte Mila erwartet.

    „Was ist das denn für´n Nachtwächter?“

    „Gestatten, Pete Arrens. Seit einigen Jahren ein zuverlässiger Ansprechpartner, der für uns immer ein offenes Ohr hatte. Er wird uns weniger in der Angelegenheit um Rayquaza, dafür aber umso mehr gegen Team Rocket unterstützen.“

    Andrew lehnte sich zur Seite, um Ryan, dessen Begeisterung sich ebenso in Grenzen hielt, ins Ohr zu flüstern.

    „Indem er Drinks mixt, oder was?“

    „Wie ich schon sagte, ich höre sehr gut“, stellte dieser Pete mit einem hochgezogenen Mundwinkel klar und fixierte den jungen Trainer mit wissendem Blick. Der formte mit seinen Lippen die Worte „siehst du auch gut?“, ohne sie tatsächlich auszusprechen und hob bereits die Hand für eine obszöne Geste. Dankbarerweise unterband Sandra diese, wohl aber eher zufällig.

    „Glaubt mir, er wirkt zwar wie ein leichtlebiger Taugenichts, aber er hat seinen Nutzen.“

    Ryan massierte eine Augenlider mit zwei Fingern. Er war gerne bereit, sich überzeugen zu lassen, aber optimistisch war er nicht.

    „Wie?“, verlangte er sodann zu wissen.

    „Ich bin wohl der beste Kontaktmann der verdammten Region und hab Zugang zu Informationen, die du dir nicht vorstellen kannst“, seufzte Pete, als habe er keinen Bock auf die Erklärung. Doch irgendwo sah er ein, dass sie vonnöten war.

    „Ich kenne jeden wichtigen Mann in Hoenn und krieg ´ne ganze Menge mit, was so unter den Ladentischen gehandelt oder hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Illegaler Handel mit Pokémon, Waffen, Betäubungsmitteln, welche Politiker und Behörden korrupt sind, welche Team Rocket schon infiltriert hat, wer ihre hohen Tiere sind, wo ihre Verstecke sind und so weiter. Motivier mich gut genug und ich finde für dich raus, mit wem Giovanni bumst.“

    „Pete!“

    Es war das erste Mal, dass einer von ihnen Mila mit scharfer, warnender Stimme sprach. Und war es auch nur dieser kurze Name, der nicht einmal einer der ihren war, saßen plötzlich alle Jugendlichen stramm.

    „Ich hoffe wir haben uns zuvor nicht umsonst unterhalten?“

    „Reg dich ab Mila. Sind doch keine Kinder anwesend“, spielte er seine Aussage runter und hob beschwichtigend, wenn auch nicht wirklich außer Ruhe, die Hände.

    Damit hatte er nur gewissermaßen Recht. In den meisten Regionen galt man mit 16 Jahren laut Gesetz nicht mehr als Kind, sondern als sogenannter junger Erwachsener. Solchen war der gemäßigte Konsum von Tabak oder Alkohol nicht hochprozentiger Art sowie das Auto- und Motorradfahren erlaubt. Letzteres allerdings nur in Kanto, Johto und Sinnoh.

    Um korrekte Definitionen laut Gesetzbuch war es Mila nicht gegangen. Sie wollte bloß vermeiden, dass die ein schlechter Eindruck von ihm entstehen und womöglich die Zusammenarbeit darunter leiden könnte. Sie verzichtete aber dennoch auf weiteres Argumentieren. Sie konnte sich vor Ryan und Andrew schließlich nicht blamieren und räusperte sich daher hörbar.

    „Wie dem auch sei. Ich kann ebenso wie Sandra versichern, dass Pete uns weiterhelfen wird. Wir haben nur durch ihn mehrere Verstecke von Team Rocket hier in Hoenn aufgedeckt und zerschlagen und kürzlich sogar rausgefunden, wer die leitende Person hinter ihren Operationen ist.“

    Nun lauschten alle auf. Das war durchaus eine wertvolle Information, doch Melody brannte zuvor noch eine Frage auf der Zunge.

    „Aber sagtest du nicht, dass Team Rocket nicht das wahre Problem ist? Was ist mit Rayquaza und den Drachen?“

    Mila hatte ihre heutigen Gäste selbstverständlich in alle Details ihrer Situation eingeweiht. Dies nicht zu tun und ihre Hilfe dennoch anzunehmen, wäre unverantwortlich gewesen und käme einer List gleich.

    „Dem ist auch so“, erklärte die Drachenpriesterin.

    „Dennoch könnten sie als endgültiger Auslöser für unseren Untergang fungieren.“

    Pete erhob sich wortlos, während Mila ihre Erklärung fortsetzte, ihn gar nicht einmal beachtete. So scherten die beiden Trainer und auch Melody sich ebenfalls nicht drum.

    „Indem sie Drachen angreifen, um Rayquaza zu provozieren?“, schoss Andrew ins Blaue.

    „Nicht irgendwelche Drachen. Ihr erinnert Euch sicher noch an den Raubzug in Wurzelheim. Dort haben sie einige wertvolle Stücke, von denen einige die Drachen betreffen, entwendet. Das meiste davon war von geringem Wert, doch das Buch der Drachen, dass sich ebenfalls darunter befand, war unersetzlich.“

    „In diesem, Werk steht die ganze Geschichte dieser Pokémongattung niedergeschrieben. Von alten Sagen und Legenden zu den Drachengöttern über die Geburt des Drachensplitters bis hin zum heutigen Tag“, ergänzte Sandra. Als Drachenmeisterin und Freundin Milas war sie mit dem Stoff natürlich bestens vertraut. Dann setzte für einen Moment eine merkwürdige Stille ein. Milas Augen glänzten beinahe melancholisch, als sei sie in betrübenden Erinnerungen gefangen.

    „Einen Teil davon hat meine Mutter verfasst.“

    Die beklemmende Stille weitete sich aus. So richtig wusste noch keiner von ihnen zu beurteilen, wie genau Mila bei Gedanken an die verstorbene Mirjana fühlte. Einerseits hatte sie es kommen sehen und es war nicht abzustreiten, dass sich die Wege der Drachengarde seit ihrer Ermordung durch Milas jetzige Partnerin gar zum Besseren gewandt haben mochten. Dennoch wäre es in unverzeihlichem Maße dreist, anzunehmen, dass sie über diesen Verlust glücklich sein sollte.

    „In diesem Buch…“, fuhr sie wenig später fort.

    „…werden die beiden Zwillingsdrachen erwähnt, die allgemein als Latios und Latias bekannt sind. Sie sind Rayquazas meist geliebte Kinder und die einzigen, zu denen er regelmäßig spricht.“

    Diese beiden Legendären waren Ryan und Andrew natürlich bekannt, auch wenn sie weniger durch ihre Macht als legendär galten, als durch die Tatsache, dass es sich um einzigartige Spezies handelte.

    „Also will Team Rocket über die beiden an Rayquaza rankommen?“

    Sie bejahte mit einem Nicken, ehe Sandra wieder das Wort ergriff.

    „Nur wissen wir leider nicht, was genau eigentlich ihr Ziel ist. Ich halte Team Rocket eigentlich nicht für so wahnsinnig, einen Drachengott in ihre Gewalt bringen zu wollen. Er ist eines der mächtigsten Wesen aller Zeiten und wird sich nicht von einer Mafia Bande übertölpeln lassen. Dass wir ihre konkreten Absichten nicht kennen, ist definitiv ein Problem.“

    Die Arenaleiterin fühlte sich allein durch den Gedanken, Team Rocket könne genau das im Schilde führen, gekränkt und verhöhnt. Sie hegte den innigen Wunsch, die Ehre der Drachen zu verteidigen und den allergrößten unter ihnen unterwerfen zu wollen, wäre eine Beleidigung gegen ihr Ehrgefühl als Drachenmeisterin. Niemals würde sie solche Tiere ungestraft ziehen lassen.

    „Zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf.“

    Pete hatte gerade wieder die Tür aufgestoßen und schleppte einen großen Karton mit sich, der schon auf dem Weg etwas Staub verlor. Machte der jetzt einen Frühjahrsputz?

    Ryan holte tief Luft, bevor besagter Karton auf den Nachbartisch gewuchtet wurde, an dem Pete vorhin noch gesessen hatte. Er glaubte, die Lage verstanden zu haben.

    „Also steht in diesem Buch, wie man Latios und Latias finden kann. Und damit Team Rocket das nicht tut, müssen wir sie zuerst finden?“

    „Korrekt. Leider kann ich – so oft ich das Buch auch gelesen habe – bei weitem nicht alle Informationen in meinem Gedächtnis abrufen.“

    Seufzend ließ sich der Blondschopf nach hinten Fallen und griff nach seinem Glas.

    „Das heißt dann wohl, wir müssen uns für den Wälzer jetzt mit denen anlegen, schätze ich.“

    „Oder wir lesen einfach die Kopie, die ich gemacht hab“, schlug Pete ganz nüchtern vor und zog ein gigantisches Bündel an zusammengehefteten, vergilbten Blättern aus seiner Fundkiste. Ryan hätte fast vergessen seine Limo runter zu schlucken.

    „Pete Arrens, paranoider Mistkerl. Freut mich, euch kennenzulernen.“

    Er schmiss das Papier auf den Tisch und klopfte sich die Hände sauber. Mila erwiderte die ungläubigen Blicke der beiden Trainer bloß, als meine sie „Ich habe es ja gesagt“ und zog den Stapel zu sich. Die ersten zehn bis zwölf Seiten überflog sie rasch und warf sie unachtsam beiseite. Das meiste davon bestand aus fein geschriebenen Textblöcken, teilweise merkwürdige Schriftzeichen, die ihn irgendwie an die Icognito-Hieroglyphen der Alph Ruinen erinnerten sowie eine angefügte Übersetzung in der modernen Sprache. Ein paar wenige Skizzen oder Abbildungen von irgendwelchen Gebäuden oder Orten schienen ebenfalls dabei zu sein, doch Mila war zu schnell, schien zielstrebig nach einem bestimmten Abschnitt zu suchen, ehe eine Zeichnung, die fast ein ganzes Blatt einnahm, sie innehalten ließ.

    „Hier“, verkündete sie, sodass alle näher an sie rückten und sich über das Papier beugten.

    „Dies ist der Ort, an dem die Garde einst den Drachensplitter hütete.“

    Mit Petes Zeichenfertigkeiten war es offenbar nicht sehr weit her. Dennoch ließ sich mühelos ein Landschaftsbild erkennen. Ein Wald, der vor einer Burg endete, welche direkt an einer Klippe erbaut war. Ein schmaler, fast selbstmörderischer Pfad schlängelte sich das Gestein hinab und mündete schließlich in einen Felskamm im Meer. Etwa dreißig Meter vor der Klippe ragte ein gewaltiger Felsen aus der Brandung, höher als sich ein Stahlos aufrichten konnte.

    „Die Amnestiespitze. Im inneren dieses Felses liegt das Heiligtum der Drachengarde. Als Sheila und ich selbst in Sinnoh unterwegs gewesen sind, drang Team Rocket in eben jenes ein, ermordete ein Dutzend Wachen und entwendete den Drachensplitter“, erklärte Mila und zog eine weitere Seite heran, las den abgedruckten Text allerdings nicht sofort. Eher schien sich ihr Blick gerade im Nichts zu verirren, teils in der Vergangenheit und teils in ihrem Inneren der Raserei zu verfallen. Jedoch versiegelte sie diese Emotionen gar völlig.

    Ryan entging es dennoch nicht, aber er verzichtete darauf, das Thema anzusprechen. Er meinte Mila inzwischen gut genug zu kennen, um die Schmach und die Schande, die sie bei dem Gedanken heimsuchte, zu erahnen. Vermutlich würde sich ihre Mutter in ihrem Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass eine Verbrecherbande Rayquazas Herz an sich genommen hatte. Obgleich sich der Splitter nicht länger in deren Besitz befand, änderte das nichts an ihrem Versagen. Ein Mensch wie sie, würde diese Schande wohl bis ans Lebensende mit sich tragen.

    „Dort wart der Drachensplitter geboren und dorthin muss er auch wieder gebracht werden“, fuhr Mila schließlich fort, bemüht, sich ihre Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Ryan gelang es dennoch.

    Derweil verengte Sandra angestrengt überlegend die Augen, als sie ebenfalls einige der Textpassagen durchlas.

    „Allerdings müssen wir erst Team Rocket ausschalten. Hier steht, dass Latios und Latias das Herz ihres Vaters spüren können. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und tippe, dass sie kommen werden, wenn sich der Splitter dem Heiligtum nähert. Falls dem so ist, würden wir die Typen direkt zu ihnen führen, wenn wir uns nicht vorher um sie kümmern.“

    Nun lehnte auch sie sich zurück und warf einen ernsten Blick in die Runde.

    „Und wenn sie den Zwillingsdrachen nur ein Haar krümmen, wird unser nächster Besucher kein Geringerer als Rayquaza selbst sein.“

    Was unter diesen hypothetischen Umständen, mit Team Rocket mitten im Heiligtum der Garde sowie Latios und Latias in ihrer Gewalt, das denkbar schlimmste Szenario wäre.

    „Dem stimme ich zu. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass sie auch nur in seine Nähe gelangen“, nickte die Drachenpriesterin ab.

    Während Pete dem Ganzen zumindest nach außen nur mit mäßigem Interesse lauschte, waren Ryan, Andrew und Melody ganz Ohr. Doch wirklich zufrieden war mit diesem Zwischenstandpunkt keiner.

    „Ihr sagtet doch, dass ihr hättet bloß zu zweit schon mehrere Verstecke ausgeräuchert und Informationen über sie habt ihr offenbar auch genug“, zählte er mit einem, noch nicht allzu vertrauensseligem oder gar freundlichem Blick in Petes Richtung auf.

    „Warum nicht mal ein Frontalangriff? Wir treten die Tür ein und tun das, was wir am besten können!“

    So gefährlich, leichtfertig und ungestüm, fast arrogant seine Worte auch klangen, kam Ryan nicht umher, sich seiner Frage anzuschließen. Er und Andrew hatten fähige Kämpfer an ihrer Seite, ebenso Sandra. Zudem hatten sie bereits eine Kostprobe von Sheilas Können und vor allem ihrer Persönlichkeit bekommen. Schwer vorstellbar, dass Team Rocket ihr ernsthaft etwas entgegenzusetzen hatte – und selbst wenn, musste Mila ja auch über mehr als nur Wortgewandtheit und strategisches Geschick verfügen. Mit Sicherheit wusste diese Frau ihre Gefechte auszutragen. Warum also blieb sie so passiv? Natürlich war ihre Lage gefährlich und jeder Schritt sollten wohl überlegt werden, doch ohne entschlossenes Handeln würden sie auch nicht vorwärts kommen. Außerdem könnte gerade so eine unerwartete Offensive sie tatsächlich auf dem falschen Fuß erwischen.

    „Ja, sollten wir nicht eher Team Rocket zum Handeln zwingen, als umgekehrt? Wenn wir abwarten, spielen wir ihnen vielleicht sogar in die Karten.“

    Mila stieß resignieren Luft aus. Ja, gerne hätte sie diese Option.

    „Zwingen ist das falsche Wort, fürchte ich. Wir sollten sie eher nicht zum Handeln provozieren.“

    Da wurde Ryan und Andrew zum ersten Mal klar, dass – obwohl die größte Gefahr definitiv von Rayquaza ausging – Mila Angst hatte. Nicht vor Team Rocket selbst, wie er vermutete, sondern eher vor dem, was sie anrichten könnten. Oder… eventuell vor einer Person?

    „Du hast vorhin ihre Anführerin erwähnt“, griff Ryan auf. Normalerweise wäre der folgende Moment einer dieser, in denen Mila in so anlächelte, wie es typisch für sie war. Doch das ließ sie vermissen. Ernst und Sorge legten sich über ihr Gesicht.

    „Wer ist es? Jemand vom alten Vorstand?“

    Sie nahm erst einen Schluck von ihrem Wein, bevor sie weitersprach. Diesmal war er erheblich größer, als der erste.

    „Ich wünschte, dem wäre so.“

    Wieder betrachtete sie die dunkelrote Flüssigkeit einem Moment, bevor sie das Glas abstellte.

    „Was ist schlimmer, als ein Vorstand? Abgesehen von Giovanni selbst?“, erkundigte sich Andrew.

    „Die Vorstandmitglieder funktionierten nur als Einheit und wurden von Giovanni direkt befehligt und zusammengehalten. Einzeln waren sie spürbar unfähiger. Unser Gegner aber operiert ausschließlich alleine, ist rücksichtsloser und radikaler, als jeder aus dem Vorstand.“

    „Entschuldigung, die Vorstände…“, meldete sich Melody plötzlich etwas kleinlaut. Sie wollte beileibe niemandem ins Wort fallen, doch so gut kannte sie sich mit dem organisierten Versprechen der einzelnen Regionen nun auch wieder nicht aus. Sandra schien das direkt zu erahnen und erklärte genauer.

    „Vor einigen Monaten hatten eine Gruppe von Giovannis engsten Vertrauten ein großes Ding bei uns in Johto gedreht. Sie operierten landesweit, fast zum gleichen Zeitpunkt, aber genau das hat ihnen schließlich das Rückgrat gebrochen. Die Vorstandmitglieder wurden einer nach dem anderen von der Polizei sowie engagierten Trainern und Sondereinheiten besiegt und die meisten gefasst. Seitdem ist die Rangordnung in ihren Reihen zerschlagen und weitestgehend führungslos.“

    Ryan erinnerte sich sehr gut daran. Er hatte zu dieser Zeit Johto bereist und ebenfalls häufig mit schwarz gekleideten Gestalten gefochten. Auch wenn er an die hohen Tiere nie selbst rangekommen war, hatte er sicher einen Teil zu ihrem Fall beigetragen. Doch er hielt es für überflüssig, das jetzt aufzuwärmen.

    „Die Person, mit der wir es hier zu tun haben, ist weitaus zwielichtiger“, fuhr die Drachenpriesterin fort.

    „Wir kennen nicht einmal ihren Namen. Innerhalb von Team Rocket nennt man sie jedoch den Schwarzen Lotus. Ihrer Zähigkeit allein ist es wohl zu verdanken, das Team Rocket es überhaupt geschafft hat, hier in Hoenn Fuß zu fassen.“

    Andrew schüttelte frustriert den Kopf, als er an die Überfahrt auf diesen Kontinent zurückdachte. Hätten sie damals bloß ahnen können, welche Tragweite die Angriffe der Rocket eigentlich hatten.

    „Macht Sinn. Ihr Johto-Zweig war am Arsch und die Teams Aqua und Magma haben Hoenn auch nicht mehr in der Hand. Hier hatten sie Freiraum.“

    „Aber wenn ihre Hierarchie so brüchig ist, sind sie dann wirklich so gefährlich?“, fragte Melody weiter. Wirkliche Zweifel plagten sie nicht. Von allen Anwesenden konnte sie die Macht der Organisation vermutlich am allerschlechtesten einschätzen. Es war eher ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass ihre Lage nicht ganz so beschissen war, wie es sich anhörte. Pete machte sich daran, diese Hoffnung im Keim zu ersticken.

    „Was glaubst du, warum Lysander und Siegfried nicht hier sind?“

    Ihr Blick suchte fast erschrocken den seinen.

    „Naja, sie haben wichtige Ämter. Lysander ist Arenaleiter und Siegfried sogar Champ von…“

    „Sandra lässt ihre Pflichten auch pausieren. Es liegt daran, dass die Typen schon diverse Leute in alle möglichen Behörden eingeschleust haben. Die kontrollieren Schiffsrouten, Flughäfen, Beamte, die dort oder in anderen bedeutenden Positionen tätig sind. Wenn die nicht wollen, dass du den Kontinent verlässt, hast du kaum eine Chance.“

    Sandra biss sich angewidert auf die Lippe, als sie an ihre Anreise dachte.

    „Du musst wissen, auch wenn sie kaum Führungspersonen haben, ist Team Rocket praktisch überall. Auch mir haben sie es schwer gemacht, nach Hoenn zu kommen. Mit Siegfried habe ich noch gesprochen, als Milas Anfrage uns erreicht hat. Er wollte um jeden Preis kommen, aber scheinbar ist er irgendwie abgefangen worden. Mir wollten sie am Flughafen erst weißmachen, dass mein Pass nicht gültig sei, dann dass Generalamt für die Arenen in Johto sich gemeldet und meine Abreise nicht genehmigt hätte und diverse andere Schweinereien. Die wollten mich schnurstracks wieder nach Ebenholz zurückschicken. Dass ich jetzt doch hier bin, ist vermutlich einfach Glück. Siegfrieds Amt ist leider weitaus höher und daher ist es für sie leichter, einer spontanen Abreise einen Riegel vorzuschieben.“

    Melody hatte an diesen Infos ordentlich zu schlucken. Ganz eindeutig hatte sie unterschätzt, wie lang der Arm dieser Organisation reichte.

    „Können wir dann überhaupt noch sicher auf die Straße?“

    Eine Frage, die sich Ryan seit dem gestrigen Abend ebenfalls stellte. Auf dem Weg hierher hatte er Mila ausgefragt und erfahren, dass Sheila tatsächlich einen Attentäter getötet und ihm somit das Leben gerettet hatte. Er griff nach Melodys Hand, die zu zittern begonnen hatte, in der Hoffnung, sie beruhigen zu können.

    „Sicher – vielleicht. Unbeobachtet – vermutlich nicht“, antwortete schließlich Pete. Wenn Ryan an den gestrigen Abend zurückdachte, zweifelte er auch enorm an der Sicherheit. Doch er war da als Träger des Drachensplitters vielleicht auch ein Sonderfall.

    Für eine knappe Minute herrschte Stille im Raum. Pete hatte ganz einfach nichts zu sagen während Mila und Sandra in stillem Einverständnis Gelegenheit geben wollten, die Informationen zu verdauen. Jeder der drei war in seine eigenen Gedanken versunken. Melody war zunächst geschockt und spürte gar den Wunsch, einfach nach Hause zu verschwinden. Doch das hielt bloß eine Sekunde. Lugia hatte sie ausdrücklich gewarnt, was auf sie zukommen würde. Und sie hatte sich entschlossen, dem entgegenzutreten, um wieder bei Ryan sein zu können. Die Götter wussten, sie wollte das. Und so einfach würde sie sich niemals von ihm abwenden.

    Andrew dagegen war lediglich fassungslos, dass er überhaupt in so eine große Sache geraten war. Er hatte sich sein Leben als Trainer nie als besonders vorgestellt oder empfunden. Klar war sein Name einer der bekannteren in der Szene, aber hätte ihm einer erzählt, dass er sich mal mit Legendären Pokémon und Unsterblichen Menschen rumschlagen würde, hätte er ihn als Lügner und Vollidioten abgestempelt. Doch Angst, Zweifel? Keine Spur. Er hatte genug von dem Leid und den Schäden ins seiner Heimatregion mitbekommen, als Team Rocket dort aktiv wurde und er würde den Teufel tun, ihnen hier, direkt vor seiner Nase, freie Hand zu lassen.

    Und Ryan? Für ihn stellte sich die Frage nach dem Ob, dem Warum oder sonst irgendwas schon gar nicht mehr. Er war schon beim nächsten Schritt. Nämlich einem Plan. Sollte der Drachensplitter zum Heiligtum der Garde gebracht werden, würden die Zwillingsdrachen erscheinen, hieß es. Aber…

    „Wie sicher ist es, dass Latios und Latias auftauchen werden, wenn wir nicht zur Amnestiespitze gehen?“

    Sowohl Mila als auch Sandra zogen verdutzt die Brauen zusammen. Pete zog lediglich eine hoch und schenkte Ryan nur einen Seitenblick.

    „Solange wir uns in der Nähe von Menschen befinden, kann ich Euch fast versichern, dass sie uns fern bleiben“, beteuerte Mila. Ihr war noch nicht ganz geläufig, was in Ryans Kopf gerade dabei war, Gestalt anzunehmen.

    „Und wenn wir irgendwo hingehen, wo es Menschenleer ist?“

    Diese Frage zog auch die Blicke von Melody und Andrew auf ihn.

    „Willst du vor der Stadt campen gehen oder was?

    „So ähnlich.“

    Andrew schien aus allen Wolken zu fallen, hätte fast seine Limo ausgespuckt.

    „Bitt erklärt Euch“, bat Mila nun, jedoch nicht so skeptisch oder gar verständnislos. Man mochte sogar meinen, sie war ganz Ohr.

    „Team Rocket hat dieselben Infos, wie wir“, begann er mit einem Tippen des Zeigefingers auf die breit verteilten Blätter.

    „Demnach wissen sie, dass sie im Moment, also während wir in Graphitport sind, nicht an die beiden rankommen werden. Aber wenn wir außerhalb der Stadt, sprich weit weg von anderen Menschen sind, könnten Latios und Latias kommen. Richtig?“

    Sowohl die Drachenpriesterin als auch die Arenaleiterin wägen ab, schätzen die Chancen ein. Beide mit einer Hand nachdenklich das Kinn stützend und der Blick zwischen den kopierten Seiten des Buchs der Drachen hin und her wandernd, während sie die Informationen darauf nochmals gedanklich abriefen.

    „Was meinst du, Mila?“

    „Ich glaube dennoch nicht, dass die beiden erscheinen würden, wenn wir uns noch so weit weg vom Heiligtum befinden.“

    Ihr Blick hob sich wieder ein klein wenig und, die leicht verengten Augen fixierten die marineblauen, die eigentlich Lugia gehörten und in den Höhlen eines jungen Trainers saßen.

    „Doch es sind auch nicht die Zwillingsdrachen, die Ihr herauslocken wollt, habe ich Recht?“

    Während der Rest der Gruppe auf die Enthüllung wartete, die sie selbst nicht erkennen konnten, stahl sich ein sehr schwaches Grinsen auf Ryans Gesicht.

    „Erraten.“

    In diesem Moment erwiderte Sandra eben dasselbe Grinsen. Eine Finte! Eine, die sogar funktionieren könnte.

    „Du setzt darauf, dass Team Rocket mit der Ankunft der Zwillingsdrachen rechnet, wenn wir uns von der Stadt entfernen. Du willst sie ködern, ohne die beiden in Gefahr zu bringen.“

    Er antwortete bloß mit einem bestimmenden Nicken. Als er zu seiner Linken jedoch die skeptischen Blicke seiner Freunde wahrnahm, veranlasst ihn das zu einer detaillierteren Erklärung.

    „Hier in der Stadt haben die Penner überall ihre Augen und Ohren. In den Wäldern können die uns höchstens mit einer Handvoll Leute verfolgen, sonst würden wir, also Sheila, sie sofort bemerken und das wissen sie. Plus, wir brauchen nicht so große Angst zu haben, dass uns ein als Passant getarnter Agent im Vorbeigehend ein Messer in die Seite sticht.“

    Mit Sheila könnte sie wohl selbst eine kleine Gruppe oder gar eine einzelne Person noch im Auge behalten. Doch es war ja eben der Plan, Unwissenheit und Ahnungslosigkeit vorzugaukeln.

    Sandra sah Ryan auf genau dieselbe Weise an, wie Andrew. Sie war ebenfalls noch nicht überzeugt.

    „Dir ist aber klar, dass der Schwarze Lotus dann seine besten Leute schicken wird? Mila hat mir von dem Rocket berichtet, den ihr beide bei Wurzelheim bekämpft habt. Im Vergleich zu den Agenten, mit denen wir rechnen können, war der ein blutiger Anfänger.“

    „Ich hab nie gesagt, dass der Plan einen leichten Sieg ohne Gefahr beinhaltet.“

    Den Kampf mit diesem Typen hatte Ryan und natürlich auch Andrew beileibe nicht vergessen. Alleine hatte er gleich mehrere ihrer Pokémon beschäftigt und ihnen übel zugesetzt. Letztlich hatten sie richtig Schwein gehabt, dass niemand gegrillt worden war. Und dennoch war Ryan zuversichtlich.

    „Aber wir brauchen gerade die ranghohen Tiere. Irgendwelche Laufburschen können uns ja bestimmt nichts über den Schwarzen Lotus sagen.“

    Andrew stimmte zwar zu, dass es so etwas wie einen leichten Sieg gegen diese Organisation wohl nicht geben konnte, doch ihnen jetzt gar eine Falle stellen zu wollen, erschien ihm sehr riskant. Obwohl die Idee, so mehr über ihren Gegner zu erfahren, gar nicht mal schlecht war. Und offenbar dachte er nicht als einziger so, denn Sandra und Pete runzelten ebenfalls die Stirn.

    „Angenommen es klappt und wir können uns ein, zwei Singvögel unter ihnen rauspicken. Planst du, die zu foltern oder wie stellst du dir das vor? Glaubst du echt, der redet einfach?“

    „Despotar kann sehr überzeugend sein“, meinte er darauf nur schulterzuckend. Sein Blick wanderte zu Mila, die zu seiner Idee noch kein Wort verloren oder nur mit einer Wimper gezuckt hatte. Sie war schließlich diejenige, die das letzte Wort sprach. Zumindest fasste Ryan es so auf.

    „Versteht mich jetzt nicht falsch. Ich mach das sicher nicht gerne und schon gar nicht lasse ich meine Pokémon so etwas gerne machen. Aber ich glaube, es steht zu viel auf dem Spiel, um rücksichtsvoll zu sein.“

    „Oder um leichtfertig zu sein“, fügte Pete plötzlich an. Seien Stimme war mit einem Mal sehr viel fester und bestimmender. Scheinbar nahm er endlich in Gänze an diesem Gespräch Teil.

    „Gerade eben warnt dich Sandra noch vor denen und dann kommst du mit so ´ner Schnapsidee um die Ecke?“

    „Es war ein Vorschlag. Wenn du einen besseren hast –meine Aufmerksamkeit gehört dir.“

    Der schnippische Unterton war durchaus bewusst gewählt, denn Pete klang ein wenig, als wolle er seinen Sohn belehren. Etwas, das Ryan überhaupt nicht ab konnte.

    „Geht einfach mal Wald und Wiesen Freunde spielen – wird schon nicht verdächtig wirken, denkst du nicht?“

    Der Hohn und der Sarkasmus darin stanken zehn Meilen gegen den Wind.

    „Die riechen doch sofort Lunte, wenn du ganz plötzlich campieren gehst.“

    „Wir sind Trainer“, warf Andrew ihm nun entgegen. Auch wenn ihm bei dem Plan noch ein wenig mulmig war, schien sich doch alles in die Richtung zu bewegen und er suchte ja auch nicht direkt Gründe, ihn zu verwerfen. Pete anscheinend schon.

    „Wir stellen es einfach so hin, dass wir unsere Trainingseinheiten in die Wildnis verlegen, um ungestört zu sein und damit wir mehr Platz haben. Oder, dass wir auf Pokémonjagd gehen würden.“

    „Das machen wir ständig“, ergänzte Ryan, um direkt zu vermeiden, dass Pete das als zu simpel auslegen würde. Reichte aber leider nicht.

    „Ihr macht´s euch ja ganz schön einfach. Habt ihr…“

    „Ich denke, wir sollten es versuchen.“

    Alle Augen wanderten zur Drachenpriesterin. Die hatte sich zurückgelehnt, die Arme verschränkt und die Beine überschlagen. Ihr Kopf war nachdenklich gesenkt, ebenso wie ihre Stimme.

    „Tatsache ist nun mal, dass der Schwarze Lotus unbedingt ausgeschaltet werden muss, bevor wir zu den Zwillingsdrachen und Rayquaza übergehen können, am besten gestern. Und das werden wir nicht schaffen, wenn wir nicht bereit sind, gewisse Risiken einzugehen.“

    Sandra wirkte skeptisch, aber nicht mehr als zuvor. Doch diese würde sie, ungeachtet für welchen Plan sie sich entscheiden würden, auch nicht ablegen. Wie sie zuvor erwähnt hatte, war es nicht das erste Mal, dass sie Mila zu Seite stand und sie hatte gelernt, dass Skepsis die Vorsicht bewahrte. Und die wiederum konnte ihr Leben retten. Tatsächlich hatte sie das schon einmal.

    „Dann wirst du Sheila bändigen müssen.“

    In der Tat würde es schwer werden, sie zum Stillstehen zu bewegen, wenn sie genau wusste, dass Feinde ihnen auf den Fersen waren. Doch es wäre – gerade in jüngster Vergangenheit – auch nicht das erste Mal.

    „Sie wird es erdulden“, versicherte Mila ohne Zweifel. Dass Sheila praktisch jeden Befehl von ihr ausführen würde, war ein Umstand, den sie extrem ungern aussprach, jedoch unbestreitbar zutraf. Und es gab mehr als genug Momente, in denen das ein Segen für sie war.

    Ryan nickte zufrieden und griff nach seinem Glas.

    „Fein. Dann gehen Andrew und ich ab morgen regelmäßig vor die Stadt. Besitzt du ein Handy?“

    Milas Blick zeigte Verwunderung und Ryan war sich nicht sicher, ob sie die Frage als dümmlich einstufte oder einfach keinen Grund erkannte, warum er sie stellen sollte.

    „Ich habe mich in all den Jahren stets bemüht, mit der Zeit zu gehen. Die heutige Technik ist für mich keine Hexerei.“

    Ryan wollte sich eigentlich entschuldigen, doch er war zu stark gefesselt von seinen Gedanken und griff sich eine Servierte sowie einen Stift von Pete.

    „Gut, hier ist meine Nummer. Falls du oder Sheila uns nicht persönlich treffen können, rufst du einfach an, wenn es was Wichtiges gibt. Egal ob Tag oder Nacht, alles klar?“

    Sie runzelte die Stirn, war vielleicht etwas überrascht von Ryans Tatendrang und Enthusiasmus. Aber sie nahm die Notiz an. Sandra setzte derweil ihre Tasse ab, die sie gerade geleert hatte und außerdem das überschlagene Bein wieder auf den Boden.

    „Ich werd mit euch kommen“, kündigte sie an. Ihre Augen sprachen nun plötzlich eine andere Sprache. War es Zuversicht? Nein, das wäre zu viel des Sinneswandels. Entschlossenheit? Möglich, doch die strahlte diese Frau zumeist aus. Ihre Präsenz allein war befeuernd.

    „Ich komm eh im gleichen Pokémoncenter unter, wie ihr. Außerdem muss ich ja in eurer Nähe bleiben, falls Team Rocket wirklich aus seinem Loch kommt. Und falls nicht, können wir immerhin gemeinsam trainieren.“

    Später würde Ryan sich enthusiastisch vorstellen, wie wahnsinnig effizient und aufregend es sein würde, die Trainingseinheiten mit Sandra gemeinsam zu gestalten. Allein der prekären Situation wegen tat er es nicht sofort, doch es war ihm auch noch etwas Anderes aufgefallen. Und zwar nicht als einziger.

    „Aber das Center, in dem die beiden sind, ist für die Teilnehmer vom Summer Clash reserviert“, warf Melody ein.

    „Ist mir bewusst.“

    Weiter sagte die Leiterin nichts, grinste aber verschmitzt und vielsagend.

    „Du nimmst auch Teil?“

    Eher hatte Ryan angenommen, er würde seine Teilnahme absagen, da es unangebracht und darüber hinaus sicher gefährlich wäre, sich so ins Zentrum der Öffentlichkeit zu stellen.

    „Genau wie ihr. Wenn ihr es nicht tut, wird Team Rocket das als Zeichen der Vorsicht oder gar Angst werten und schlussfolgern, dass Ihr über sie bescheid wisst“, erklärte Mila.

    „Sollten die davon nicht eh schon ausgehen? Die wissen doch sicher, dass wir mit euch in Kontakt sind“, warf Andrew nun ein. Sheilas Wache und Mühe in allen Ehren, aber niemals konnte sie bis hierhin verhindert haben, dass die so sehr im Dunkeln tappten.

    „Sie können höchstens schätzen, wie viel wir über ihre Organisation in Erfahrung gebracht haben. Solange sie keine Gewissheit haben, geben wir so wenig Informationen wie möglich Preis.“

    Diese Vorgehensweise erschien nur logisch und dementsprechend hatte keiner irgendwelche Einwände vorzubringen. Wenn Mila die Umstände so einschätzte, dann würden sie ihrem Urteil vertrauen und den Plan so stehen lassen.


    Sowie dies entschieden war, machten sich der Großteil der Gruppe zum Aufbruch bereit. Pete würde logischerweise in seiner Bar bleiben und Mila hatte ebenfalls geäußert, dass sie noch bleiben und sich später mit Sheila treffen würde. Der Rest machte sich auf den Weg zum Center. Sandra, um dort einzuchecken. Ryan und Andrew würden Melody begleiten, während sie ihre Habseligkeiten aus dem Hotel holte. Nach aktuellem Stand der Dinge war es viel zu gefährlich für sie, allein irgendwo unterzukommen. Sicher wäre es keine Hürde für Team Rocket, jemanden in das Hotel einzuschleusen, der sie als Geisel nehmen oder Schlimmeres tun würde. Sie war schließlich schon mit Ryan gesehen worden und der Attentäter, den Sheila während ihre Dates getötet hatte, war sicher nicht der einzige gewesen.

    Es blieb zu hoffen, dass Joy es akzeptierte, wenn sie sich mit Sandra ein Zimmer teilte, obwohl sie keine Turnierteilnehmerin war. Notfalls müssten sie versuchen, sie unbemerkt hineinzuschmuggeln.

    Mila und Pete blieben noch eine ganze Weile an ihrem Tisch sitzen, ohne einander anzusehen. Während der Barkeeper die Tür anstarrte, als erwarte er jeden Moment, die vier würden zurückkommen, schwankte die Drachenpriesterin nachdenklich den Rest ihres Weines im Glas hin und her.

    „Warum hast du ihnen nicht von Bella erzählt?“

    In ihm tummelten sich nach wie vor genügend Bedenken, um den Plan in Frage zu stellen, doch da Mila ihn abgesegnet hatte, würde Pete sich ihm anschließen. Diese Frage musste er allerdings beantwortet haben. Jedoch tat Mila das nicht. Sie schwieg, starrte weiter in ihr Weinglas, als sei sie völlig abwesend und höre ihn nicht. Ihren Blick versuchte er vergebens einzuordnen. Er war absolut ausdruckslos, vermittelte keinen einzigen Gedankengang, obwohl sich sicher dutzende auf einmal in ihren grauen Zellen tummelten.

    „Meinst du nicht auch, wenn eine Gruppe sie verfolgen sollte, dass sie Teil von ihr sein… nein, dass sie sie anführen würde?“

    Es dauerte einige Sekunden, in denen man nach wie vor nicht den Eindruck hatte, Mila würde Pete zuhören. Doch dann hob sie unvermittelt den Kopf und sah abschätzend durch den Raum.

    „Möglich, aber ich schätze sie nicht als eine Person ein, die in Gruppen gut zurechtkommt.“

    Pete seufzte wenig überzeugt. Er hätte es nicht bei dem einen Kurzen belassen sollen. Doch Mila – so viel wusste er – würde sich seinem Gesaufe nicht anschließen und alleine machte man so etwas einfach nicht.

    „Wen sollte der Schwarze Lotus sonst schicken?“

    „Wenn sie Ryan Carparsos Plan nicht durchschaut, könnte sie gar selbst kommen. Ich glaube wirklich, dass seine Idee funktionieren kann“, murmelte sie in ihre Hand, die das Kinn stützte. Ja, es könnte wirklich klappen. Und eben das war so gefährlich.

    „Wir gehen dabei ein hohes Risiko ein, ich hoffe, du hast recht.“

    „Ich hoffe, ich irre mich, Pete.“

    Sie mit einem tiefen Schluck leerte sie das Glas und wandte sich ohne weitere Umschweife zum Gehen.

  • Kapitel 31: Kräftemessen


    „Hast du´s bald?“

    Die aufgetorkelte Frau richtete selbst noch ihre Frisur, motzte aber mit ihrem Kameramann, als warte sie schon seit einer Stunde. Das brünette Haar war mit so viel Spray in Form gebracht, dass es wohl nicht einmal erzittern würde, selbst wenn er ihr eben diese Kamera, an deren Einstellungen er gerade noch feilte, auf den Kopf schlagen würde. Lust dazu hätte er jedenfalls. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie ihn so drängte, obwohl dazu keinerlei Grund bestand. Doch er war ja selbst schuld. Kollegen hatte ihn von dem „parfümierten Drachen“, Melissa Winston gewarnt und er Trottel hatte es ignoriert.

    „Ja, ja. Bin soweit“, grunzte der junge Mann mit Truckermütze, Weste und Fahrradhandschuhen, als er das Gerät auf seine Schulter hievte.

    „Ein Ja ist genug“, schob sie noch hinterher. Es war allgemein bekannt, was zwei zu bedeuten hatten.

    Er fügte diesmal nur gedanklich hinzu, dass es auch genau das hatte bedeuten sollen und konzentrierte sich lieber auf seine Arbeit. Sonst würden sie heute nicht mehr fertig. Oder eher, sonst verschwanden die „Promis“ noch.

    „Drauf in 3, 2, 1…“

    „Nur selten mag man so viele hochklassige Trainer auf einem Fleck finden. Der Summer Clash ist in greifbarer Nähe und lockt namenhafte Trainer in Hoenns Hauptstadt. Und wie sich herausstellt auch aus Übersee.“

    So zickig die Reporterin auch war, musste man ihr eine gewisse Professionalität zugestehen. Nur der Kameramann konnte wissen, dass ihr Lächeln falsch und sie selbst eigentlich mieser Laune war. Und doch rasselte sie professionell ihre Anmoderation runter. Für die Menschen von dem Bildschirm musste sie wirken, wie eine gute Fee.

    „Dass sich die stärkste Arenaleiterin der Johto Region in Graphitport aufhält, ist bereits seit Tagen bekannt“, fuhr sie sogleich fort.

    „Doch obendrein sitzen nebst Sandra niemand geringeres als Ryan Carparso und Andrew Warrener zusammen im Restaurant des Pokémoncenters und halten Small Talk. Ganz ohne Zweifel eine starke Runde.“

    Durch die verglaste Wand des Centers war zwar der Weg frei für angenehm viel Tageslicht, aber auch eben Journalisten und Paparazzi. Die ganze Zeit schon gaben sich eifrige Fotografen quasi die Klinke in die Hand, um die Trainer beim Frühstück zu stören. Genau genommen war das Buffet inzwischen geschlossen, doch viele, so auch die drei genannten, tranken noch ihren Kaffee oder Orangensaft und plauderten über dies und das.

    „Wir wissen noch nicht mit Sicherheit, warum die Leiterin von Ebenholz hier in Graphitport ist, aber sollten tatsächlich alle drei am Summer Clash teilnehmen wollen, wäre das wirklich ein Wahnsinns Aufgebot und gleich drei mögliche Kandidaten für den Turniersieg. Doch damit nicht genug. Unbestätigten Gerüchten zufolge ist auch Terry Fuller, amtierender Champ der Silberkonferenz in der Stadt angekommen. Ich habe das Gefühl, wir können uns auf den hochkarätigsten Summer Clash aller Zeiten einstellen.“

    „Ich wünschte, hier gäbe es Vorhänge zum Zuziehen.“

    Andrew mochte die Aufmerksamkeit – der Fans, der Zuschauer und der anderen Trainer. Aber ganz sicher nicht die der Medien.

    „Warum das?“, fragte Sandra und drehte, ihre Kaffeetasse noch immer in der Hand, den Kopf in die Richtung, die der junge Trainer mit Frust anpeilte. Sie schien ehrlich überrascht, vor der Scheibe eine Fernsehkamera sowie eine schick gekleidete Frau mit Mikro vorzufinden.

    „Stehen die schon lange da?“

    Ryan zog skeptisch eine Braue hoch. Er selbst hatte ebenfalls kein spürbares Problem, so lange diese Journalisten nicht zu aufdringlich wurden oder ihm zu dämliche Fragen stellten. Aber dass Sandra sie derart ausblenden konnte, wollte er auch nicht sofort glauben.

    „Sag bloß, du siehst die erst jetzt?“

    Sie lächelte nur… schuldbewusst? Nein, eher als bemitleide sie die Leute, die sich von denen stören ließen.

    „Ich hab schon zu lange mit solchen Gestalten zu tun. Ich blende sie mittlerweile schon unbewusst aus.“

    Beneidenswert, wie sicher viele andere bekannte Trainer unterschreiben würden. Andrew auf jeden Fall.

    „Lassen wir das. Ihr wolltet gerade von eurem Schiffbruch erzählen“, griff die Leiterin wieder auf. Es hatte sich herausgestellt, dass sie den Vorfall in den Medien verfolgt und sich schon damals an die beiden erinnert hatte. Es war für sie wenig verwunderlich gewesen, dass die beiden in eine größere Sache geraten waren, als sie direkt am Tag darauf von Mila kontaktiert worden war. Ganz altmodisch, per handschriftlich verfasster Nachricht, überbracht von dem Kramshef, das sie einen Freund rief. Es wäre dem Zufall etwas zu viel gewesen, dass sie quasi direkt auf diesen Garados Angriff nach ihrer Hilfe fragte.

    Ryan und Andrew erzählten nicht allzu gern davon, was in erster Linie mit Dragonirs Verletzung erklärt war. Bei diesem Punkt schlug selbst Sandra eine Hand vor den Mund. Ob sie das wohl genauso getan hätte, wenn es kein Drachenpokémon erwischt hätte? Vermutlich schon.

    Ryan bemerkte, dass sie nicht aus reiner Höflichkeit oder Langeweile fragte. Sie war wirklich interessiert daran. Und das Gefühl, mit so einer Persönlichkeit reden zu können, als kenne man sich schon seit Jahren, war ein unsagbar tolles, wie er befand. Sie war kein Mensch, bei dem Etikette oder Formalitäten die Umgangsformen bestimmten. Sie war sie selbst und verlangte von ihren Gesprächspartnern nicht mehr, als es ebenfalls zu sein. Die Frau war schlichtweg cool.

    Man konnte mit ihr ähnlich befreit und ungezwungen reden, wie mit Melody. Die war bereits zurück auf das Zimmer gegangen, das sie sich glücklicherweise mit Sandra teilen durfte. Eine Ausnahme, die sie wohl nur ihrem hohen Namen zu verdanken hatten.

    „Wenn ich so drüber nachdenke, grenzt es fast an ein Wunder, dass ich den Drachensplitter da nicht verloren hab“, grübelte Ryan dann plötzlich, als er in Gedanken an den Moment zurückspulte, in dem er und Andrew von Bord gegangen waren.

    „Wäre vielleicht sogar besser gewesen“, meinte der darauf schulterzuckend, dachte sich bei diesem Satz weniger, als er eigentlich sollte. Rücksichtsvoll ging jedenfalls anders. Sandra jedoch schürzte skeptisch die Lippen.

    „Dem würde ich mich jetzt nicht anschließen. Wenn Rayquaza jemals dahinterkommen würde, dass sein Herz irgendwo im Ozean verloren gegangen sei, würde er Mila wahrscheinlich in Einzelteilen hinterherwerfen.“

    Das meinte sie keineswegs sarkastisch und schon gar nicht als Spaß. Sie ging stark davon aus, dass etwas in der Richtung das besiegelte Schicksal der Drachenpriesterin wäre, sollte der Splitter für immer verloren gehen.

    „Ich frage mich…“ setzte Ryan an, wägte kurz ab, ob die Frage dämlich sei. Doch etwas Unwahrscheinliches musste ja nicht gleich dämlich sein.

    „Hat sie seitdem, also seit dem ersten Mal, jemals wieder mit Rayquaza gesprochen?“

    Er selbst hatte mit Lugia ebenfalls eine einzigartige Bindung, die allerdings keinen Pflichten oder Schwüren unterlag. Sie war weitaus… freier. Und dennoch hatte er ihn seit damals bloß ein einziges Mal wieder getroffen. Naja, er war ihm gerade mal vor wenigen Monaten begegnet. Das mit der über 600 Jahre alten Mila zu vergleichen, würde nach einem neuen Maßstab des Wortes unangebracht verlangen.

    „Sie betet zu ihm. Ob er ihre Gebete wirklich hört und auch antwortet, habe ich nie gefragt.“

    Das wäre wohl auch nicht angemessen. Einen unsterblichen Menschen über seine Beziehung zu dem mächtigen Drachengott auszufragen schickte sich nun wirklich nicht.

    „Tust du das eigentlich auch?“

    Ryan hatte nicht erwartet, auf derartige Verwunderung zu stoßen, aber sowohl Sandra als auch Andrew sahen ihn plötzlich fast verständnislos an.

    „Was tun?“

    Er blickte zwischen beiden hin und her und räusperte sich dezent.

    „Zu Rayquaza beten.“

    Ryan kapierte nicht ganz, warum diese Frage jetzt so sonderbar zu sein schien. Sandra war eine Drachenmeisterin und sogar mit der Anführerin einer Garde gut bekannt, die sich dem Gott dieser Spezies verschrieben hatte. Beim erneuten Nachdenken fiel ihm ein, dass Religionen, in denen alte Götter wie Rayquaza verehrt wurden, meist aus früheren Epochen stammten und heute so gut wie nicht mehr praktiziert wurden. Die meisten Leute auf der Welt erkannten lediglich Arceus als den Schöpfer des Lebens und des Universums an, wobei es auch einige Leute gab, die Mew diesen Titel zusprechen würden. Bei ihnen in Johto wurde allgemein, aber besonders in Teak, zu Ho-oh und einst auch zu Lugia gebetet. Doch solche Religionen waren in ihrer Heimat ebenso im Schrumpfen oder gar im Sterben begriffen, wie es auch bei den Göttern anderer Länder der Fall war. Nicht viele Menschen waren dieser Tage überhaupt religiös.

    Doch Sandra, die über Mila quasi einen indirekten Bezug zum Vater aller Drachen hatte, traute er durchaus zu, ihm wenigstens ab und an ein Gebet zu sprechen.

    „Ich bete nicht“, stellte Sandra schließlich klar. Wenn es nach Andrew ging, war das absolut verständlich. Er jedenfalls würde niemanden anbeten, … nun ja, Punkt. Aber erst recht niemanden, der Gedanken hegte, eine ganze Rasse auszurotten.

    „Aber ich sag dir was“, fuhr die Leiterin fort und lehnte sich etwas verschmitzt lächelnd nach vorn.

    „Wenn wir das alles irgendwie lebend überstehen sollten, dann fang ich an, regelmäßig zu Rayquaza zu beten“, versprach sie und deutete fest mit dem Finger auf Ryan.

    Der hätte lieber keine Antwort bekommen als diese. Als eine, die ihn einmal mehr daran erinnerte, in was für eine Gefahr er sie alle gebracht hatte.

    „Tut mir leid.“

    „Was denn?“

    Begriff die Frau überhaupt etwas, von dem, was in ihm vorging? Andrew tat es, dem Blick nach zu urteilen, doch der kannte ihn auch besser, als sonst jemand auf der Welt.

    „Sandra, du hast dich quasi in die Schlange für eine Fahrt mit der Guillotine gestellt. Und das nur, weil mich wer weiß schon was geritten hat, als ich…“

    „Mich hat keiner gezwungen“, unterbrach sie fest und bestimmend. Lehnte sich anschließend zurück und schlug die Beine übereinander.

    „Lass mich mal was klarstellen. Ich gebe dir an alldem hier nicht die Schuld. Und Mila tut das auch nicht, das hat sie schon während unseres ersten Gesprächs bei jeder Gelegenheit betont.“

    Dass die Drachenpriesterin so tickte, war zu erwarten gewesen, doch tatsächlich würde Ryan sich wohl sogar ein bisschen besser fühlen, wenn sie ihm wenigstens einmal einen Vorwurf machen würde. Dieses Übermaß an Güte, Verständnis und Nachsicht war wirklich erdrückend und quälend.

    „Ich will den Diebstahl an sich weder kleinreden noch gutheißen. Natürlich war das falsch, aber ich bin nicht wegen so einem Kinderkram hergekommen. Die Tatsache, dass du quasi ein Dieb bist, interessiert mich nicht ein bisschen. Und die Tatsache, dass du den Drachensplitter bei dir trägst, ist in meinen Augen ein himmelsgleicher Glücksfall.“

    Diese Behauptung sorgte glatt dafür, dass die Rollen nun vertauscht wurden. Während die beiden Trainer sehr offensichtlich keinen blassen hatten, womit Sandra das begründete, sah die sie nur an, als wäre der Grund doch so naheliegend.

    „Das musst du jetzt erklären.“

    „Na denkt doch mal nach, ihr zwei“, forderte sie im wahrsten Sinne. Sie griff nach ihrem Kaffee und gönnte den beiden einige Sekunden Bedenkzeit. Doch es hätte ebenso eine Stunde sein können, was sie recht schnell begriff, als sie die Jungs musterte.

    „Meint ihr denn, der Drachensplitter wäre bei Team Rocket besser aufgehoben?“

    Ryan verschlug es für einen Moment wirklich die Sprache. Die Frage war absolut rhetorisch, aber dass sie ausgesprochen worden war, gar längst überfällig.

    „Ich bin ziemlich sicher, wenn die ihn noch hätten, lägen bereits Städte in Trümmern.“

    Daran wollte er lieber gar nicht denken. Es war für ihn noch immer – selbst nach allem, was er bis hierhin gesehen und gehört hatte –, unwirklich und nahezu unvorstellbar, dass dies wirklich passieren könnte. Doch es war Fakt, dass dies im Bereich des Möglichen lag. Wenn nicht sogar des Wahrscheinlichen.

    „Genug davon“, meinte Sandra abschließend und setzte ihre gerade geleerte Tasse ab.

    „Es wird Zeit, den Köder auszuwerfen. Wollen wir?“

    Sie wartete nicht auf eine Antwort der beiden jüngeren Trainer, sondern erhob sich gleich und marschierte von dannen. Ryan und Andrew eilten sich, ihr zu folgen. Es fühlte sich irgendwie merkwürdig an, hinter Sandra herzugehen, nur den schwingenden Zopf ihrer blauen Haarpracht und das flatternde Cape zu sehen und an ihr zu hängen, wie Mitläufer oder gar Gefolgsmänner. Naja, es gab durchaus Schlimmeres. Die Blicke der anderen Trainer und Teilnehmer des Summer Clash waren ihnen schon beim Eintreten ins Lokal sicher gewesen und nun war es nicht anders. Es war schwer zu schätzen, wer der drei am meisten beäugt wurde.


    Ryan staunte nicht schlecht. So ein Wesen hatte er zuvor noch nie gesehen. Logisch, wenn Sandra ihm versicherte, dass es für gewöhnlich in der Einall-Region beheimatet war. Über die dort lebenden Pokémon reichte sein Wissen nicht gerade weit.

    Vor ihm baute sich ein aufrecht gehendes Wesen von annähernd zwei Meter Höhe und mit schuppiger Haut auf. Rau und scharfkantig war dieses Kleid vom blutrot gefärbten Kopf über einen klobigen, kobaltblauen Körper bis hin zur Schwanzspitze. Lediglich die Lehmfarbenen Bauchschuppen waren glatt und weich. Die langen Arme waren, ebenso wie der Schwanz mit roten Stacheln versehen und mündeten in massige Klauen, die absolut tödlich wirkten, wie auch das monströse Gebiss. Die Zähne waren keine Präzisionswerkzeuge, sondern eher grobe Waffen, die alles, was unglücklicherweise zwischen sie geriet, mit Gewalt zermalmten, anstatt zu zerschneiden. Die Flügel wirkten unverhältnismäßig klein und untauglich zum Fliegen, waren das Einzige, das die respekteinflößende Gestalt des Shardrago ein klein wenig schmälerten.

    „Siehst du zum ersten Mal eins?“

    Sandra war keine Trainerin, die gerne prahlte, protzte oder sich an den großen Augen anderer ergötzte. Doch einen Trainer wie Ryan, der sie besiegt hatte und auf den die große Stücke hielt, in Staunen zu versetzen, erfüllte sie durchaus mit Stolz.

    „Ja und jetzt will ich auch eins haben“, gab er ohne Scham zu. Dieses Pokémon war eine der imposantesten Spezies, die er je hautnah gesehen hatte. Groß, kräftig, mit bedrohlichem Erscheinungsbild, setzte aber, wie Ryan schätze, nicht bloß auf primitive und grobe Gewalt. Die halbrunden Augen verrieten einen gehobenen Grad an Intelligenz und Scharfsinn. Die fand man bei den meisten Drachen. Diese Gattung war einfach etwas Besonderes.

    „Seit wir zusammen kämpfen, musste er sich noch nicht ein Mal geschlagen geben“, erläuterte die Leiterin aus Ebenholz und ging in eine leicht breitbeinige Position über. Sie schärfte ihren Verstand für den Kampf.

    „Hast du das gehört, Despotar? Wir können heute was Großes vollbringen!“

    Die Felsechse ließ sich von dem Shardrago nicht im Geringsten beeindrucken. Despotar war eines der größten und mächtigsten Landpokémon, die es überhaupt gab. Dieser Drache sollte sich als Herrscher seine Höhle und nicht mehr betrachten und wäre besser beraten, wenn er sich in selbige zurückziehen würde. Und das auch nur so lange, wie das gepanzerte Steinpokémon entschied, diese Höhle nicht zu seiner eigenen zu machen. Doch vielleicht war dies endlich ein Gegner nach seinem Geschmack.

    Sandra grinste in vorfreudiger Erwartung. Auch wenn dies hier nur ein Trainingskampf war, gegen Ryan Carparso und obendrein eines seiner stärksten Pokémon anzutreten, dem sie noch nie gegenübergestanden war, versprach mit Sicherheit Spaß.

     

    Andrew hielt sich etwas abseits der Lichtung auf, die Ryan und Sandra für ihr Übungsmatch nutzen und widmete sich intensiv seinem Dragonir. Seine übrigen Pokémon waren derweil eigenständig mit einigen Aufwärmübungen gemäß seinen Anweisungen beschäftigt. Abwechselnd sollten sie frei nach Wahl ihre Attacken gegeneinander wenden und entweder mit eigenen Angriffen oder defensiven Techniken blocken. Das machten sie immer in den ersten Minuten einer Trainingseinheit und steigerten dabei stetig die Intensität, bis sie die volle Stärke erreicht hatten.

    Andrew war kein Fan davon, von 0 auf 100 zu schalten. Wenn Sportler trainierten, mussten sie ja auch erst einmal auf Betriebstemperatur kommen. Doch die Mannschaft würde noch genug Gelegenheit bekommen, sich zu verausgaben. Zunächst jedoch galt es zu testen, wie weit er Dragonir in das Programm mit einbeziehen konnte. Die Flugbewegungen waren makellos und konnten ohne jede Mühe vollzogen werden. Die Drachendame vollführte die Manöver ganz wie früher und war auch nicht so unvernünftig, ihren Trainer in falsche Gewissheiten wiegen zu wollen. Sie zeigte ehrlich, wie es um sie bestellt war und gab sich nicht übermütig tapfer.

    Der Reihe nach gingen sie gemeinsam die Attacken durch. Während Drachenwut und Eisstrahl hervorragend aussahen, fehlte es körperlichen Angriffen wie Eisenschweif und Drachenrute definitiv an Kraft. Doch das würde sich in den nächsten Tagen von allein bessern. Trotzdem machte Andrew sich eine Notiz im Kopf, gerade diese Techniken weiter auszuarbeiten. Der Hyperstrahl war ebenfalls noch nicht wieder das, was er einmal gewesen war, doch diese Attacke kostete den Anwender auch Unmengen an Kraft. Selbst in topfittem Zustand musste man im Anschluss einen Moment verschnaufen und war nahezu bewegungsunfähig. Unterm Strich war die allgemeine Angriffskraft das größte Manko des Moments doch auch Dragonirs Schnelligkeit würde er gerne noch steigern, bevor das Turnier begann.

     

    Während Andrew nun zu den anspruchsvolleren Übungen über ging – die Drachenschlange würde er daran teilnehmen lassen, ihr allerdings in kurzen Abständen Pausen gönnen und ohne sie ernsthaft anderen Angriffen auszusetzen -, krachte und donnerte es unweit seiner Position fast im Sekundentakt. Despotar und Shardrago brachten im wahrsten Sinne die Bäume zum Zittern, sodass sie Teile ihres Laubs verloren. Ein besonders unglücklicher wurde von einem Felsgeschoss förmlich zerschmettert und verstreute in einem Weites Radius Holzsplitter, während der breite Stamm knacken und belgeitet vom Rascheln des Laubes zu Boden fiel.

    Ryan verengte die Augen, während sein Verstand auf Hochtouren arbeitete. Shardrago war deutlich schneller, als der Anschein hatte vermuten lassen. Ein Vorteil der behäbigen Felsechse gegenüber.

    „Brems es aus mit Sandsturm!“

    Mit einem wuchtigen Schwung des massigen Oberkörpers beschwor Despotar eine Böe, die das feine Kies auf dem Boden sowie den Öffnungen seines Panzers zu einem Staubtornado emporhob und dem blauen Drachen entgegenschleuderte. Dieser riss mit festem Stand die arme nach oben und widerstand ihm energisch. Er wirkte geduldig, ausharrend.

    „Geh direkt rein!“, ordnete Sandra aus heiterem Himmel an. Was in aller Welt versprach sie sich denn davon? Ryan wusste es nicht zu beantworten, doch Shardrago zögerte keine Sekunde. Seine Körperhaltung entspannte sich und es machte tatsächlich den Schritt ins Auge des Sturm. Als die Drachenmeisterin dann einen Sprung anwies, dämmerte es dem jungen Trainer, doch dieses Pokémon könnte doch niemals…

    Shardrago tat genau das, wovon Ryan noch dachte, es sei ihm unmöglich. Nicht aus den Beinen kam die Kraft für den Sprung, sondern ging von den Flügeln aus. Allein waren sie wohl kaum fähig, den massigen Körper in die Luft zu befördern, doch mit solch tatkräftiger Unterstützung sah die Sache anders aus. Shardrago befand sich noch ein gutes Stück über Despotar.

    „Jetzt Drachenrute!“

    So viel Geschick und Körperbeherrschung hatte Ryan dieser Spezies nicht zugetraut. In der Luft korrigierte es seine Körperhaltung, vollführte eine ausholende Bewegung und schmetterte seinen Schweif, der von blauem Licht eingehüllt wurde, direkt auf den Köpf seines Gegners. Die Kraft dahinter ließ sich der gut erahnen. Ryan spürte sogar noch eine leichte Erschütterung im Boden. Der breite, muskulöse Hals und die widerstandfähige Wirbelsäule verhinderten hier wohl ernstere Schäden. Von diesem unerwarteten Angriff überrumpelt hatten weder Pokémon noch Trainer darauf reagieren können. Doch der Drache befand sich gerade in einer verletzbaren Position, die Ryan sofort zu bestrafen gedachte.

    „Stürm vorwärts und gib´s ihm mit Eisenschädel!“

    Noch bevor das geschuppte Wesen wieder Boden unter den Füßen hatte, preschte der gewaltige Körper Despotars urplötzlich nach vorn, als habe er den Angriff nie einstecken müssen. Der gezackte Schädel glänzte metallisch auf und rammte den ungeschützten Torso des Höhlendrachens – vermutlich seine verwundbarste Stelle, in Anbetracht des Schuppenpanzers. Shardrago sah sich gezwungen, sich an der Felsechse festzukrallen und den Schmerz in Kauf zu nehmen. Er wog sicher weniger als der, den er unter den massigen Füßen zu erwarten hatte, unter denen die Erde erzitterte. Despotar rannte so lange weiter, bis er Shardrago in einen Baum rammen konnte, der krachend in mehrere Einzelteile zersprang. Seine Splitter wirbelten durch die Luft wie Konfetti, würden sicher meterweit um die Wurzeln herum zu finden sein. Viel mehr als diese steckten nämlich nicht mehr im Erdboden. Für einen Moment waren die Kämpfer unter Laub und Ästen verborgen, ließen aber mit ihrem Kampfgebrüll, sowie weiterer zerstörter Flora ein verbissenes Kräftemessen erahnen. Dies hielt so lange, bis ein eigenmächtig entfesselter Energiestrahl, den Ryan als Drachenpuls erkannte, eben sein Gesteinpokémon bis zur Mitte der Lichtung zurückdrängte. Dieses wehrte sich jedoch vehement, um das Gleichgewicht zu halten und nicht der Schmach zu erliegen, vor seinem Gegner zu Boden zu gehen.

    Sandra grinste breit. Dieses Despotar hatte wirklich eine beeindruckende Willenskraft.

    „Geh über in Drachenstoß!“, befahl sie in das Dickicht hinein, wo Shardrago nur auf einen solchen Befehl gewartet hatte. Da schoss er plötzlich, eingehüllt von bläulichem Licht, das entfernt an Flammen erinnerte und abstrakt die Gestalt eines Drachen imitierte, hervor und preschte brüllend auf Despotar zu.

    „Benutz Steinkante defensiv!“, wies Ryan mit einer ausholenden Handbewegung an. Diese Idee war ihm kürzlich gekommen, als er überlegt hatte, wie er Despotar direkte Gegenschläge besser absorbieren lassen könnte. Angriffen auszuweichen war mit seiner eingeschränkten Beweglichkeit nahezu unmöglich. Allerdings hatte er diese Technik noch nie in einem Kampf ausprobiert. Gegen eines von Sandras Pokémon war das mehr als ein Härtetest. Und riskant, für den Fall, dass die Technik nichts taugte.

    Wie zuvor schon formten sich zwei rotierende Lichtringe um den gewaltigen Körper aus zinngrünem Gestein, aus denen sich Medizinballgroße Felsbrocken kristallisierten. Anstatt sie jedoch auf Shardrago zu schleudern, rotierten sie weiter, bildeten eine Art Schutzring um den Anwender.

    Der Aufprall erinnerte unwillkürlich an zwei kollidierende Schwertransporter. Seine Wucht konnte damit, wenig überraschend, beileibe nicht absorbiert werden, doch den Gegendruck, der sich somit auf den Drachen ausübte, würde selbiger ebenfalls spüren. Sein Angriff hatte nun einen ähnlichen Effekt wie Flammenblitz oder Risikotackle, bei denen der Anwender prinzipiell ebenfalls einzustecken hatte. Gar wurde seine Schädeldecke von den Brocken malträtiert und zwangen ihn in die Knie, doch auch Shardrago wollte sich um keinen Preis Despotar unterwerfen.

    Nur mit zu großem Vergnügen folgte er dem nächsten Befehl seiner Trainerin und schlug seine aufblitzenden Klauen in die Seite Despotars. Dort besaß der natürliche Panzer einige Schwachstellen, die er jedoch instinktiv schützte und den Höhlendrachen mit einem Schlag seines muskulösen Schweifes auf Abstand brachte.

    „Hyperstrahl!“, rief Ryan sofort, da er erkannte, dass Shardrago noch keinen festen Stand besaß, eventuell auch den Schmerz noch nicht richtig weggesteckt hatte. Die gleißende Lichtkugel in dem spitz bezahnten Maul schoss nach nur einem Moment als goldener Energiestrahl auf Shardrago zu. Sandra fiel in diesem Moment nichts Besseres ein, als ein Ausweichmanöver, wobei der Drache erneut seine Flügel zu Hilfe nahm. Um Haaresbreite entging er dem Strahl, bekam jedoch die Druckwelle zu spüren, als er direkt hinter ihm detonierte und einen tiefen Krater in den Waldboden riss. Ein donnernder Knall vertrieb alle kleineren Pokémon in der Umgebung. Massen an Staub wurden aufgewirbelt und schlugen den Trainern unerbittlich entgegen, zwangen sie, die Arme schützend vors Gesicht zu heben und sich dagegen zu stemmen.

    Ryan biss sich angespannt auf die Unterlippe. Ob diese Gattung allgemein so beweglich war? Oder hatte Sandra ihr Shardrago bloß gezielt darauf trainiert, diese Schwachstelle möglichst gut zu eliminieren? Wäre bei einer Trainerin ihres Formates durchaus denkbar. Doch er war sich sicher gewesen, jetzt einen vorentscheidenden Schlag landen zu können. Der nächste würde sitzen! Er musste Shardrago noch einmal näher heranlassen, dann würde er Despotar…

    „Okay, das genügt.“

    Er blinzelte verblüfft, als die Arenaleiterin mit einem kurzen Klatschen ihrer Hände sowohl das Ende des Übungsmatches verkündete als auch den Teilnehmern Respekt zollte. Warf sie das Handtuch oder befürchtete sie eine Verletzung, wenn der Kampf hier fortgeführt würde?

    „Fantastisch. Wirklich ausgezeichnet“, lobte sie und Ryan war nicht sicher, wen sie jetzt konkret meinte. Ihn selbst und Despotar? Oder ihr Shardrago? Vielleicht alle?

    „Ich dachte, wir wollten einen Sieger ermitteln“, warf er ein wenig ernüchtert ein. Er hatte seine Position noch nicht verlassen, obwohl er sich mit dem Ende, so viel war ihm bewusst, unumstößlich abzufinden hatte. Da taten sich die beiden Pokémon scheinbar noch schwerer, denn die fixierten einander noch mit konzentrierten Blicken. Sandra war allerdings bereits and die Seite ihres Drachen getreten und prüfte sporadisch einige Schrammen und leichte Wunden.

    „Es steht dir frei, dich als diesen zu betrachten. Ich würde diese Entscheidung allerdings lieber beim Clash fallen sehen.“

    Sie gab ihm diese „Erlaubnis“ ohne eine Form von Bissigkeit oder Sarkasmus, meinte es ehrlich und aufrichtig. Rechnete sie so fest damit, dass sie einander beim Turnier gegenüberstehen würden? Sicher würden sie zu den Favoriten gehören, doch es war immer möglich, dass jemand auftauchte, der einen besseren Tag erwischte oder schlicht stärker war und Andrew war schließlich auch keine Laufkundschaft. Gerade da Ryan momentan mit eher unerfahrenen Pokémon arbeitete, wäre ein ungefährdeter Durchmarsch, bis er schließlich auf Sandra treffen würde, eine arrogante Einbildung. Von der nationalen Liga abgesehen handelte es sich beim Summer Clash schließlich um das wichtigste Turnier Hoenns. Es wäre ebenfalls möglich, dass jemand im Teilnehmerfeld die Leiterin von Ebenholz ausschaltet.

    Doch das nun auszudiskutieren, war nicht in Ryans Interesse und sie hatte mental eh schon heruntergefahren. Den Kampfmodus sozusagen abgeschaltet.

    „Der Kampf war nicht entschieden, also bewerten wir ihn auch so“, ergab er sich seufzend ihrem Willen und klopfte nun ebenfalls Despotar lobend die Seite. Bedachte man, dass sie beide mit diesem Gegner keine Erfahrung hatten, konnten sie doch stolz auf ihren Kampf sein. Auch wenn er selbst das Unentschieden verkündet hatte, war er überzeugt gewesen, die Oberhand gewinnen zu können. Doch als Sieger wollte und konnte Ryan sich definitiv nicht sehen. Vor allem, da gerade in diesem Moment, das Despotar aufgrund des Hyperstrahls anfällig gewesen war, das Match auch gut zu Sandras Gunsten hätte kippen können.

    „Du hast mich ganz schön überrascht. Shardrago war viel agiler, als ich erwartet hatte.“

    „Du bist nicht der Erste, von dem wir das hören“, nahm sie lächelnd zur Kenntnis und holte bereits einen Pokéball hervor, um ihrem Partner Ruhe zu gönnen. Sicherheitshalber würde sie ihn am Abend zu Schwester Joy bringen, um sicherzugehen, dass keine Art von Verletzung vorlag, die das Auge nicht erfassen konnte. Eine Standardprozedur.

    Doch Sandra hielt inne, runzelte die Stirn, als sie in das Gesicht des blau geschuppten Drachen sah. Es war finster, voller Abscheu und das leise Grollen war definitiv feindseliger Natur. Man konnte meinen, es beobachte einen verhassten Revierrivalen. So fühlte sich jedenfalls Ryan, der dies nur wenige Sekunden später bemerkte, was ihn an Ort und Stelle erstarren ließ. Er warf der Leiterin einen fragenden Blick zu, wagte währenddessen keine Bewegung. Von Shardrago so angesehen zu werden, jagte dem jungen Trainer tatsächlich Angst ein. Selbst mit seinem schützenden Despotar an seiner Seite und mit dem Wissen, dass dieses Pokémon zu einer freundlich gesinnten Bekannten gehörte, der er bedingungslos vertraute. Die Vorstellung, was geschehen würde, geriet nur ein Körperteil zwischen die brachialen Kiefer, war erschaudernd, geradezu ekelerregend. Etwas Ähnliches hatte Ryan gefühlt, als Terrys Maxax ihn angegriffen hatte.

    „Sie wissen bescheid“, warf die Leiterin klärend ein. Merkte aber schnell, dass sie sich konkreter ausdrücken sollte.

    „Über den Drachensplitter. Warum wir hier sind, was wir zu erreichen versuchen und wer womöglich unser Gegner ist.“

    Sie war keine Trainerin, die blinden Gehorsam von ihren Pokémon verlangte. Gerade als Drachentrainerin lag es in ihrer Verantwortung, sie alle von den Umständen zu unterrichten. Sie hatte es ihnen sogar freigestellt, ob sie ihr folgen und für sie kämpfen oder Rayquazas Willen, als ihrer aller Vater, geschehen lassen würden.

    Wenn dies jedoch der Fall war, erstaunte es Ryan bereits, dass er bis hierhin nicht mehr als diese verachtenden und drohenden Blicke erntete.

    „Warum greifen deine Pokémon mich dann nicht an? Mehrere fremde oder wilde Drachen wollten mir schon ans Leder, als sie spürten, dass sich Rayquazas Herz bei mir befindet.“

    Das dies passieren könnte, davor hatte Mila sie im Voraus gewarnt. Schon beim Angriff der Garados kürzlich war sie sicher gewesen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein würde, dass wilde Drachen Ryan angriffen.

    „Du kannst mir glauben, sie hätten sich notgedrungen sogar dazu entschieden, mich aus dem Weg zu räumen, um an dich ranzukommen. Ohne die Anwesenheit der Drachenpriesterin, die ihnen Hoffnung auf Frieden gab, hätten sie es vermutlich auch getan.“

    Sie wollte es nicht aussprechen, doch dieser Fall hätte für sie beide wohl den Tod bedeutet. Shardrago bestätigte dies mit einem Fauchen, das Despotar dazu veranlasste, sich bedrohlich neben seinem Trainer aufzubauen. So weit kam es noch, dass dieses hässliche Getier sich an seinem Trainer zu schaffen machte, während er danebenstand. Doch Ryan hielt ihn gleich zurück. Hier sollte keine noch so kleine Provokation oder Drohgebärde fallen, die einen Streit entfachen könnte. Es wäre lebensmüde, sich dem Willen dieses Drachen zu stellen, um für seine Tat zu sühnen. Doch er vertraute darauf, dass der seine Entscheidung, für den Frieden anstatt gegen Ryan zu kämpfen, nicht über Bord warf, nur weil der vor ihm stand.

    „Danke, dass du uns deine Kraft leihst, Shardrago. Ich bin dafür in deiner Schuld und umso zuversichtlicher, dass wir Erfolg haben werden“, meinte er respektvoll und blickte ihm direkt in die scharfen Augen. Versuchte seinen absoluten Willen, die Dinge wieder zu bereinigen, zu vermitteln und keine Furcht zu zeigen. Letzteres gelang ihm vermutlich bestenfalls zum Teil, doch zumindest ging kein Angriff von Shardrago aus. Allerdings auch keine Zustimmung.

    Sandra achtete den Mut Ryans, sich so offen zu stellen, befand es aber dennoch für das Beste, ihren Partner in den Pokéball zu verfrachten. Es herrschte für eine Minute eisige Stille. Ryan hatte den Blick leicht gesenkt, schien jedoch weniger zu verzweifeln und eher nachzudenken, zu planen. Der Wind spielte dabei mit den Spitzen seiner blonden Haare.

    „Nehmt es euch nicht zu Herzen. Sie alle werden früh genug bemerken, dass du aufrichtig und vertrauenswürdig bist.“

    Er wandte sich ab. Derlei Worte hatte er nun wirklich genug von Mila gehört.

    „Ich wünschte, alle würden aufhören, sich zu benehmen, als ginge es hier nur um mich.“

    Er wünschte sich wirklich, es wäre so. Wünschte, er hätte als einziger die grausamen Konsequenzen zu fürchten, die über ganz Hoenn und eventuell über dessen Grenzen und Küsten hinaus schwebten. In Form eines gigantischen, grünen Drachen.

  • Kapitel 32: Scars


    Jeden einzelnen der folgenden Tage waren Ryan, Andrew und Sandra vor der Stadt und setzten ihr Trainingsprogramm fort. Mal gemeinsam, öfter aber jeder für sich. Auch wenn sie mit der Wahl dieses Platzes einen Plan verfolgten, taten sie dies ebenso mit Hinblick auf das Turnier. Keiner wollte, dass die beiden potenziellen Konkurrenten sämtliche Tricks, Kniffe, Techniken und Ideen im Voraus lernen und sich darauf einstellen konnten.

    Doch es verging in diesen Tagen keine Minute, in der sie vergaßen, warum sie überhaupt hier waren. Team Rocket hatte sich nicht gezeigt. Überhaupt nicht. Weder in ihrem Umfeld, was Sheila ihnen zuverlässig bestätigt hatte, noch in der Stadt, wo die des Abends und Mila zudem die meiste Zeit des Tages patrouillierte. Ryan wartete darauf, hoffte darauf, erinnerte sich selbst dabei immer wieder an Sheilas Fähigkeiten und besann sich darauf, ihr zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass sie die Gefahr, wenn sie sich denn näherte, frühzeitig erkannte und verhinderte, dass einer von ihnen verletzt oder gar getötet wurde. Und dieses Vertrauens musste sich Ryan bei dem Gedanken, dass ihnen – und vor allem ihm selbst – dies durchaus wiederfahren könnte, nur allzu oft entsinnen.

    Andrew erging es da wenig besser. Auch er hatte immer mindestens ein Auge auf seine Umgebung, die Bäume, das Unterholz, sogar dem Himmel und Arceus noch eins auch auf seinen Rücken. Das Obskure in seinem Fall war, dass er um jede Minute dankte, in der Team Rocket nicht erschien. Nicht, dass er sich mit dem Plan noch immer nicht abgefunden hätte. Er war in den letzten Tagen sogar zu der Erkenntnis gelangt, dass es unter gegebenen Umständen wohl wirklich keinen besseren gab. Doch er konnte dieser Jahrhunderte Alten und doch so jung erscheinenden Killerin kein Vertrauen schenken.

    Auch heute schien die Taktik nicht aufzugehen. Die Dämmerung setzte langsam ein und die Bäume wurden in feuriges Licht getaucht, während ihre Blätter zur Melody des Windes einstimmten. Das Training war für alle drei bereits beendet. Für gewöhnlich war dies der Moment, in dem man sich zurück in die Stadt aufgemacht hätte, doch es konnte sich keiner so richtig für den Rückweg aufraffen. Der Grund wäre selbst für Melody, die Ryan in dieser Zeit leider kaum zu Gesicht bekommen hatte, offensichtlich gewesen. Die ständige Hoffnung, dass Team Rocket den Köder schlucken würde, ward ein ums andere Mal geplatzt und trotzdem oder gerade weil der Moment so lange auf sich warten ließ, stieg der Nervenpegel mit jedem neuen Tag weiter. Sandra war da keine Ausnahme. Unter ihren Augen prangten dunkle Ringe, ebenso wie bei den beiden jüngeren Trainern. Der mentale Druck raubte ihnen zeitweise den Schlaf. Die Anspannung wuchs stetig, häufte sich zu einem verfluchten Pulverfass. Und verdammt nochmal bald würde einer von ihnen das berühmte Streichholz, welches es zum Explodieren brachte, selbst entzünden. Jede Minute kribbelte es ihnen in den Fingern. Jeder laut, verursacht durch Wind oder wilde Pokémon, alarmierte sofort all ihre Warninstinkte und ließ ihnen niemals Ruhe. Es war zum Haare raufen. Doch selbst wenn sie das taten, würden sie wohl kaum weniger gestresst wirken, als bislang.

    Ryan warf gerade einen etwas genaueren Blick auf die Visage Andrews, welcher erschöpft auf einem breiten Stein hockte und tat dabei gespielt seriös.

    „Siehst scheiße aus.“

    Für gewöhnlich wären die Rollen zwischen den beiden umgekehrt. Und für gewöhnlich wäre Andrew eine schlagfertige sowie humorvolle Antwort regelrecht zugeflogen. Doch dafür war selbst er gerade nicht in der Stimmung.

    „Ach leck mich doch“, seufzte er träge. Dass sie alle während des Trainings das Tempo gewohnt hoch, teilweise gezielt über den Standards hielten, sorgte natürlich nicht gerade für Entlastung. Doch solche Sachen gingen sie eben nicht halbherzig an.

    Sandra war diejenige in der Runde, die noch am wenigsten geschlagen wirkte, doch wer behauptete, an ihr würde die Situation, der sie Tag für Tag ausgesetzt waren, spurlos vorbeigehen, konnte bestenfalls blind sein. Sie sehnte sich nach Ruhe, doch die fanden sie schon seit Tagen nicht mehr in Gänze.

    „Ich denke nicht, dass wir schon so weit sind, dass wir den Plan aufgeben sollten“, setzte die Drachentrainerin an und schlenderte zu den beiden heran.

    „Aber vielleicht ist es an der Zeit, uns eine Alternative zu überlegen.“

    „Wie töricht.“

    Allein diese zwei Worte konnten nur von einer Person stammen und die gespenstische, sowie unübertreffliche geringschätzige weibliche Stimme ließen keine Zweifel bezüglich des Ursprungs zu. Dennoch zuckten sie alle drei – wenn auch nur ein klein wenig – zusammen, als sie erklang und nur Sekunden später ein athletisch gebautes Mädchen aus der Krone eines Baumes direkt vor sie sprang.

    Sheila müsste es doch eigentlich am ehesten missfallen, dass sich die schwarz gekleideten Banditen nicht zeigen wollten. So in Lauerstellung zu verharren, war ihr eine sehr unliebsame Beschäftigung, wie alle mittlerweile gelernt hatten. Und dass sie es nicht erwarten konnte, endlich mehr Rocket Blut an ihren Klingen zu sehen, hatte sie oft genug betont.

    „Hey Sheila“, grüßte Sandra, trotz der kalten Art, so freundlich, wie sie es in ihrem Zustand noch konnte.

    Ein kurzer Blick der rubinfarbenen Augen schweifte über das Trio. Der Mund der Attentäterin war von ihrem Schal verdeckt, doch fast konnte man spüren, dass sie verächtlich die Lippen schürzte.

    „Ihr seht jämmerlich aus.“

    „Wir hatten uns auf scheiße geeinigt.“

    Es war untypisch für diese Gruppe, dass es die Arenaleiterin war, die sich zu solch einer Erwiderung hinreißen ließ. Sheila überging dies jedoch völlig, gab keinen Spielraum für Albernheiten frei.

    „Dachtet ihr denn, nach ein oder zwei Tagen kommt der Feind euch ohne Plan und Verdacht hinterher spaziert, wie ein Fukano, das seinem Herrn folgt?“

    Es wäre doch sehr einfach für sie gewesen, darauf zu beharren, dass sie nicht wirklich so naiv gewesen waren. Doch jetzt, da es jemand aussprach, merkten sie alle erst, dass sie wirklich so gedacht, es fast schon in Stein gemeißelt hatten. Keiner war auf die Möglichkeit gekommen, dass eine ganze Woche lang rein gar nichts passieren könnte. Wenn man besonders blauäugig beurteilte, könnte man ihnen Eifer und Tatendrang zusprechen, doch da eine solche Haltung hier viel zu gefährlich wäre, läge man damit wohl falsch.

    „Wahnsinn!“

    Andrew zog plötzlich die Blicke auf sich. Er hatte erstaunt gewirkt. Geradezu fasziniert.

    „Endlich spricht sie mal vernünftig! Tagelang gab´s von dir nichts außer einsilbigen Berichten, abfälligem Schnaufen und bösen Blicken.“

    Damit hatte er – so beschissen sein Witz und vor allem sein Timing auch war – nicht unrecht. Jeden Abend hatte Sheila einen solchen Bericht erstattet, der meist nur aus dem Wort „nichts“ oder manchmal auch nur einem Kopfschütteln bestanden hatte.

    Die Assassine war überhaupt nicht für solche Scherze aufgelegt. Generell war dieser Andrew ein derart lästiger Mensch, dass sie bei ihm gar eine größere Lust verspürte, ihn zu meucheln, als bei einigen Rockets. Die Rubine funkelten ihn aus verengten Augen an, um ihm genau das mitzuteilen.

    „Ja, genau so“, meinte er bloß und wunderte sich noch im selben Moment, wie er die Dummheit für dieses Wagnis aufbringen konnte. Er traute ihr ja grundsätzlich nicht, aber zutrauen tat er ihr einiges. Auch, dass sie ihre mörderischen Fähigkeiten an ihnen anwenden würde, sobald man ihr nur einen Grund gab, der gut genug war. Konnte Andrew etwa so fertig sein, dass er schon blöd wurde? Oder war ihm mittlerweile einfach alles egal?

    „Ihr alle habt nicht die geringste Ahnung was hier eigentlich passiert“, fuhr Sheila schließlich fort. Diese Behauptung machte Ryan nun doch stutzig und im ersten Moment meinte er, dass sie ihnen Unrecht tat. Doch er hatte mittlerweile verstanden, dass sie und natürlich auch Mila nie etwas Unüberlegtes sagten oder ihre Ansichten von persönlichen Gefühlen blenden ließen. Sie waren so zielorientiert und ungetrübt, wie kein Mensch heutzutage, da man zu ihrer Zeit einfach andere Sichten auf die Dinge gehabt hatte. Doch sicher lag es nicht nur daran. Die beiden waren einfach besonders.

    „Dann erklär es uns“, verlangte Ryan schließlich schulterzuckend. Sie hatte weder angeboten noch würde sie sich befehlen lassen, die Lehrmeisterin für diese Narren zu spielen. Doch wenn er schon das bisschen Verstand besaß, sie zu fragen, so würde sie sich wohl mal dazu herablassen. Allzu oft würde sie das jedoch nicht von sich erwarten.

    „Wir ködern hier nicht, wie ihr es sagtet. Das ist eine Jagd.“

    Ihre Augen hatten seine marineblauen fest fixiert. Vermutlich waren es die beiden markantesten Seelenspiegel unter der menschlichen Rasse. Ryans, die vom Wächter der Meere stammten und Sheilas, die genauso gut dem Totengott selbst gehören konnten. Langsamen Schrittes kam sie näher an ihn heran und plötzlich fühlte sich der junge Trainer, als sei er der gejagte und würde in die Enge getrieben.

    „Ein guter Jäger rennt nicht in den Wald und schießt, sobald er sein Opfer sieht. Er pirscht heran, beobachtet, schätzt ab, ob es sich in Sicherheit wiegt. Er begibt sich in die bestmögliche Position und lässt es niemals erahnen, dass er überhaupt da ist.“

    Es war nicht wirklich schlüssig, ob sie jetzt von einer normalen Jagd nach Wild sprach oder gar einem Attentat auf einen Menschen. Wahrscheinlich zeichneten sich hier in ihren Köpfen unterschiedliche Bilder ab, doch alle mit exakt demselben Ablauf.

    „Und er schießt erst, wenn er weiß, dass er sein Opfer mit diesem einen Versuch töten wird. Weil er weiß, dass ihm kein zweiter vergönnt sein könnte.“

    Einige Sekunden lang herrschte bloß Schweigen. Andrew und Sandra schienen die Worte Sheilas zu verinnerlichen, darüber nachzudenken und das Gesagte auf ihre Situation zu übertragen. Natürlich würde Team Rocket nicht so stümperhaft gegen sie marschieren. Sie wussten, dass sie drei hier draußen waren und zwar regelmäßig. Nun wägten sie ab, wie wahrscheinlich es war, dass man ihnen eine Falle stellte, ob das Risiko sie auszulösen, größer war als die Chance, mehrere gefährliche Ziele auszuschalten sowie den bestmöglichen und am ehesten erfolgsversprechenden Weg, genau das zu tun. Vielleicht würde es morgen passieren, vielleicht erst in einer Woche. Doch sie planten, beobachten, pirschten. Das Visier war längst auf die Trainer gerichtet. Sie warteten nur noch auf den perfekten Moment. Auf den Schuss, der sicher tödlich enden würde.

    Ryan stand unerwartet auf, trat sogar einen Schritt an sie heran und erwiderte ihren Blick. Natürlich jagte er ihm Angst ein. Er hatte es einst schon bei Mila und Mirjana. Da würde jemand wie er ihm im Leben nicht widerstehen können. Doch er zwang sich, ihr tief in die Augen zu sehen. Denn würde er an ihr vorbei sehen, würde sie sein zwar knappes, aber unendlich entschlossenes Nicken als falsch und halbherzig deuten.

    „Ich verlasse mich auf dich“, sprach er schließlich, sogar mit fester Stimme und ohne Raum für Zweifel am Wahrheitsgehalt. Das tat er nun bewusster denn je, da sie ihm gerade zum ersten Mal klar gemacht hatte, dass dieser Plan ihre Leben gefährden könnte und Team Rocket womöglich erst zum Angriff überging, wenn sie sicher waren, sie zu beenden. Ohne Sheilas Fertigkeiten wäre es vermutlich schon geschehen und wenn es soweit sein würde, dass Mila in die Offensive zu gehen gedachte, wäre Ryan deutlich wohler, Sheila an seiner Seite zu wissen.

    Es war merkwürdig, dass er dies bei zunehmend vielen Individuen tat. Ryan war immer ein Mensch gewesen, der sich vorwiegend auf sich selbst verlassen hatte. So wurde er nie von anderen enttäuscht und konnte nur sich selbst die Schuld an Missglücken und Rückschlägen geben. Und so lange er die Quelle des Problems war, wusste er, dass er es bereinigen konnte, indem er selbst wuchs und sich entwickelte. Doch Team Rocket würde er nicht allein damit bezwingen können, geschweige denn Rayquaza. Und so verließ er sich mittlerweile nicht nur auf seinen besten Freund und eine Arenaleiterin, sondern auch auf deren Pokémon, zudem eine Priesterin, einen Barbesitzer und eine Meuchelmörderin.

    Selbige musterte die marineblauen Augen prüfend und aus irgendeinem Grund meinte Ryan, einen Funken Zufriedenheit in ihr erkennen zu können. Doch der war schnell wie ein solcher wieder verflogen und wurde von einem abfälligen Schnauben verdrängt.

    „Wenn dem so ist, so ist es das Klügste, das du seit der ersten Berührung mit dem Drachensplitter getan hast.“

    Normalerweise würde man diese Worte eher als Kompliment, denn als Beleidigung auffassen, doch sie schaffte es irgendwie, die damalige Dummheit mehr hervorzuheben, als die momentane Weisheit. Schließlich brauchte es nicht viel für sie.

    Doch Ryan hatte nie mit einer kameradschaftlichen oder gar freundlichen Geste gerechnet. Es war anzuzweifeln, ob dieses Mädchen so etwas überhaupt beherrschte. Er nickte bloß ein weiteres Mal, diesmal deutlich knapper und verließ dann die Runde.

    Sein Blick und sein Gang ließen es nicht unbedingt erahnen, doch dank Sheila fühlte er sich besser. Es war ein kleiner Wachrüttler, den sie ihnen allen verpasst hatte. Kein angenehmer, aber nötig war er definitiv gewesen und außerdem nur ihrem Selbstschutz dienlich.

    Andrew und Sandra sahen ihm kurz hinterher, schienen ihre eigenen Gedankengänge zu verfolgen und die Warnung auf sich wirken zu lassen.

    „Ich seh irgendwie schwarz für diese Zusammenarbeit“, betonte Andrew die Aussage seines Kumpels. Sandra wollte von Zweifeln und bösen Omen im Moment wenig wissen. Sie hatten sich in den vergangenen Tagen mehr als genug selbst damit gepeinigt. Schnellen Fußes ging sie Ryan nach und ließ Andrew mit der Attentäterin alleine, die sogleich nur abfällig auf ihn herabsah.

    „Zusammenarbeit?“

    Sie sprach es aus, wie die dümmliche Idee eines Trottels, der keine Ahnung hatte, dass er einer war. Sie hatte nie mit jemandem zusammengearbeitet. Auch mit Mila nicht – sie befolgte ihre Anweisungen. Und andere Menschen, die ihr zu helfen versuchten, würden lediglich Hindernisse darstellen. Sie hatte immer allein operiert.

    „Dachte mir schon, dass es nicht so deins ist“, winkte Andrew ab und wich ihrem Blick aus. Der konnte schon von selbst töten. Dazu brauchte es nicht noch ihre Hände oder gar eine Waffe.

    „Aber vielleicht würde das besser werden, wenn wir uns mal ordentlich kennenlernen würden“, warf er plötzlich ein, schien im ersten Moment auch recht begeistert von seiner Idee. Sheila zog zwar eine Braue hoch, was er als Neugier interpretierte, doch schnaubte sie gleich darauf wieder, als denke sie genau das Gegenteil und füllte ihre Worte mit Spott.

    „Du willst mich kennenlernen?“

    Er zuckte bloß mit den Schultern, als wolle er fragen, was denn dagegen spräche.

    „Wie?“

    Ihre Geschichte kannten sie alle. Was jedoch selbst in ihrem Fall nicht bedeutete, dass sie auch den Menschen, der nun Sheila genannt wurde, kannten. Doch so einfach und rasch ließ sich das auch nicht bewerkstelligen.

    „Naja, zum Beispiel indem man etwas Peinliches aus seiner Vergangenheit erzählt. Um das Eis zu brechen, du verstehst?“

    Tat sie, doch fiel ihr spontan nichts ein. Für Peinlichkeiten bedurfte es Scham und diese hatte sie vermutlich seit ihrer Kindheit nicht mehr verspürt. Und mit Sicherheit meinte der Narr nicht die Version in Form von Schmach oder Erniedrigung. Beides hatte sie während ihrer Ausbildung diverse Male über sich ergehen lassen müssen – oft nur als Resultat ihrer selbstkritischen Haltung. Doch etwas gab es da, das ihr damals wirklich peinlich, also in dem Sinne, wie die Menschen von heute es auslegten, gewesen war. Warum in aller Welt mühte sie überhaupt ihre Gedanken so sehr für diesen Tölpel?


    Ryan kniete am Ufer eines seichten Baches, der unweit der Lichtung floss und nur ein paar Meter weiter in einen klaren See mündete. Seine Lederhandschuhe hatte er ausgezogen und sein Gesicht und Haar mit kühlem Wasser getränkt. Es war mehr eine Geste die das von ihm verspürte Wachrütteln durch Sheila untermauern sollte und den Kopf etwas frei zu machen.

    Er neigte den Kopf leicht zur Seite, als die Drachenmeisterin an ihn trat, sah aber nicht zu ihr hoch. Er wartete einfach darauf, dass sie sprach, während er seine Ärmel wieder herunter krempelte.

    „Wir sollten uns morgen etwas Erholung gönnen.“

    Der junge Trainer zog verdutzt die Brauen zusammen. Meinte schon, das Plätschern des Wassers hätte ihre Worte verdreht und sie falsch an seine Ohren geschickt. Doch ein Blick in ihre Augen verhieß, dass sei es so gemeint hatte.

    „Jetzt schau nicht so.“

    „Wie könnte ich nicht? Meinst du ernsthaft, wir können uns das leisten?“

    „Wir müssen es uns leisten“, beharrte Sandra fest. Eben noch erschien ihr Ryan als besonnen und zielstrebig, doch schon jetzt machte er wieder den Eindruck eines Besessenen. Einer, der sich nicht die kleinste Pause erlaubte und krankhaft seinem Ziel nach hechelt.

    „Hör zu“, setzt sie sie wieder mit ruhigerer Stimme an und kniete sich an seine Seite.

    „Wir sind alle angespannt und ich finde, das ist auch richtig so. Aber wir dürfen darin nicht verkrampfen. Mal davon abgesehen, dass es uns nur schadet, könnten wir so niemals gegen Team Rocket kämpfen.“

    Ryan hörte ihr zu, blickte mit müden Augen in ihre und versuchte einen Sinn hinter ihren Worten zu finden. Nicht dass sie etwas Unlogisches gesagt hätte, doch viel der Denkprozess an sich Ryan mittlerweile zunehmend schwer.

    Sandra richtete sich auf und stemmte eine Hand in die Hüfte. Sie schien nicht gewillt, großartig Überzeugungsarbeit an Ryan zu leisten, sondern entschied einfach über ihn hinweg. Natürlich war das dreist und vielleicht gar ein bisschen respektlos. Doch sie würde ihm notfalls sein Glück – in diesem Fall in Form von Erholung – aufzwingen.

    „Ich spreche heute Abend noch mit Mila. Werde sie bitten, uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu decken und neugierige Augen um uns herum zu blenden.“

    Eine gelungen kunstvolle Umschreibung dafür, dass Sheila alle Agenten, die ihnen folgen würden, ausschalten sollte.

    „Oder zumindest dafür zu sorgen, dass wir nicht um unser Leben bangen müssen“, korrigierte sich die Leiterin seufzend. Alles andere wäre wohl etwas viel verlangt. Vielleicht war bereits dieses bisschen zu viel.

    Ryan zog teils skeptisch und teils doch alarmiert eine Braue hoch.

    „Du glaubst, nachdem sie in den letzten Tagen nicht ihre Nasen gezeigt haben, wo wir doch auf dem Präsentierteller saßen, würden sie das ausgerechnet morgen tun, wenn wir wieder unter Leuten sind?“

    „Ich sage, dass ich es an ihrer Stelle so machen würde.“

    Sie kratzte sich müde an der Stirn. Dass sie inzwischen stets so taktisch überlegte und versuchte, die Schritte des Feindes vorauszuahnen, gab ihr etwas Selbstsicherheit. Für die Zukunft wäre diese Angewohnheit eher besorgniserregend. So paranoid war sie gewöhnlich nicht.

    „Gerade wenn jemand aus seiner Routine bricht, würde er doch einen Angriff für unwahrscheinlich halten. Sie könnten versuchen, das auszunutzen“, erklärte sie.

    Dem sah Ryan sich gezwungen beizupflichten. Er wusste nicht, wie oft und lange genau Sandra bereits zusammen mit Mila gekämpft oder auch nur geplant hatte. Nicht einmal, wie lange sie sich überhaupt kannten. Doch sicher war die ein oder andere Eigenart der Drachenpriesterin auf sie abgefärbt. Er selbst fühlte sich ja ebenfalls von ihrer bloßen Präsenz beeinflusst und er kannte sie noch nicht einmal so gut er gerne würde. So gab er letztlich nickend sein Einverständnis.


    Das prustende Gelächter von Andrew unterbrach ihre Unterhaltung rüde und forcierte ihre Blicke auf den Trainer, der sich fassungslos an die Stirn griff und aus dem Lachen nicht rauszukommen schien.

    „Oh Mann, ich hätte nie gedacht, dass dir so etwas passieren könnte.“

    Sheila war selbstverständlich viel zu selbstbeherrscht, sich über dieses dümmliche Glucksen aufzuregen. Es war die Länge von selbigen, die stark an ihrem Geduldsfaden sägte und ihre Lust, den Jungen ausbluten zu lassen, in ihr befeuerte. Mit harscher Stimme, der allerdings noch immer dieselbe Ruhe und Kälte mitschwang, gab sie irgendwann dem Drang, ihn zu unterbrechen, nach.

    „Genug. Nun du“, forderte sie mit einem Kopfnicken. Das Grinsen in seinem Gesicht wurde gar noch breiter, während Andrew ein rasches Stoßgebet sprach, gleich welchem finsteren Gott des Todes und der Zerstörung sie auch immer dienen mochte, dass es nicht seine letzten Worte sein würden.

    „Ach komm schon. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dir meine Geheimnisse anvertraue. Ich kenn dich doch kaum.“

    Nun war er es, der sich benahm, als hätte man ihm einen unsagbar dummen Vorschlag unterbreitet.

    In hunderten von Jahren, in denen Sheila aus diversen Gründen Menschen getötet hatte, war – von denen innerhalb der alten Drachengarde abgesehen – nicht einer davon persönlicher Natur gewesen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie angenommen, dass sich das in genau diesem Moment ändern würde. Dieser unverschämte, kindsköpfige, lebensmüde, schizophrene Sohn eines räudigen Köters wäre es beinahe Wert. Auf eine Weise zumindest. Doch das wäre nicht die Weise, nach der sie immer gelebt hatte. Nach deren Gesetz nämlich würde sie sich mit so einem lästigen Insekt von einem Menschen gar nicht erst abgeben. Ihn nicht ansehen, nicht neben ihm stehen und, bei Rayquazas zornerfülltem Herz, schon gar nicht mit ihm sprechen.

    Doch ihre rubinroten Augen funkelten noch ein letztes Mal auf ihn herab. Wenn Blicke nur töten könnten.

    Andrew fürchtete einen Moment bereits, den Bogen überspannt zu haben und hoffte nur, dass es schnell gehen würde. Doch entgegen seiner Befürchtung wandte Sheila sich wortlos von ihm ab, sodass ihr nachtblaues Haar einen weiten Schwung machte. Der Zurückgelassene hatte es nicht gemerkt, doch er hatte einige Sekunden lang die Luft angehalten und atmete nun erleichtert auf. Die Schweißperlen auf seiner Stirn fielen ihm ebenfalls erst jetzt auf. Er sollte besser einen Gang zurückschalten. Das eben war viel zu gewagt.


    Sheila beachtete Ryan nicht wirklich, als sie den Bach entlang marschierte und direkt den See ansteuerte, der dessen Ende markierte. Sandra für ihren Teil schien dem Assassinen nichts zu sagen zu haben, verabschiedete sich mit einen knappen „Also dann“ und machte sich allein auf den Rückweg. Ohne die Versicherung Sheilas, dass die Gegend sicher sei, würde sie niemals ein so dummes Wagnis eingehen. Sie hatte keine Angst vor einem oder auch mehreren Rockets, sie ihr auflauern könnten. Schließlich war sie alles andere als wehrlos und der festen Überzeugung, auch die hochrangingen Mitglieder der Organisation besiegen zu können. Mit ihren Pokémon verstand sich. Doch Team Rocket hatte eben auch Leute, die ohne die Hilfe solcher ihre menschlichen Ziele überfielen.

    Das kaltblütige Mädchen stand am Ufer des Sees, hielt die Augen geschlossen, während sie sich von den Stoffschonern um ihre Unterarme befreite. Ryan hatte nicht wirklich den Eindruck, dass sie verärgert war, doch ein paar Wogen sollte er wohl besser versuchen zu glätten. Sie sollte nicht glauben, hier zwei kindische Trottel beschützen zu müssen. Jedenfalls keine allzu großen. Er trat an sie heran, stoppte aber in gebührendem Abstand. Er war sich nicht sicher, ob Furcht ein Grund dafür war.

    „Ich muss mich für ihn entschuldigen. Er ist manchm… oft schwer zu ertragen.“

    Ryan mühte sich um einen respektvollen Tonfall, wollte aber auch nicht unterwürfig klingen. Er versuchte generell, auch wenn er mit Mila sprach, sich ihrem Vokabular nach Möglichkeit anzupassen.

    „Du neigst zur Untertreibung“, merkte sie an, war dabei aber ruhig und beherrscht. Der scharfe Blick, mit dem sie sich in seine Richtung wandte, sprach jedoch eine andere Sprache.

    „Nur damit du es einmal gehört hast. Ginge es nach mir, würden Mila und ich gar nicht erst diesen Aufwand betreiben. Ich hätte…“

    „Mich am liebsten selbst getötet?“, unterbrach Ryan sie und konnte sich im nächsten Moment selbst ohrfeigen. Er hatte weder empört noch entsetzt geklungen. Eher als konfrontiere er eine üble Tatsache. Er wandte den Blick ab und vermied es fortan auch, ihren Augenkontakt zu suchen.

    „Das ist mir klar.“

    Sie wirkte nicht wütend ob der Unterbrechung. Doch wie genau er ihre verengten Augen zu deuten hatte, wusste er auch nicht.

    „Du bist ein Narr, so viel steht fest“, setzte Sheila an und begann an ihrer weißen Bluse zu zupfen. Wie gerne würde sie diese endlich wieder gegen Leder eintauschen.

    „Aber nach dem, was ich bislang von dir gesehen habe, bist du nicht gänzlich hoffnungslos. Du bist durchaus fähig im Umgang mit Pokémon und besitzt etwas Verstand.“

    Auch wenn es sich wie ein Lob anhörte, wollte Ryan es nicht als ein solches anerkennen. Er wusste selbst, was er konnte und auch, was er nicht konnte. Was für Wissen und welche Fähigkeiten er besaß und welche ihm fehlten. Im Grunde hatte Sheila ihm nur gebeichtet, dass sie in ihm keinen Idioten sah, doch sich über diese Worte zu freuen, wäre definitiv ein Schritt in die Unterwürfigkeit, die er zu meiden versuchte. Er war nicht auf ihr Lob angewiesen und hatte durchaus Vertrauen in sich selbst und seine Partner.

    Dann schluckte Ryan plötzlich und seine Augen, kaum hatte er sie endlich wieder auf sie gerichtet, wurden etwas weiter. Die Attentäterin hatte ihr Oberteil gänzlich geöffnet und streifte es gerade von den Schultern. Schockierend war das an sich nicht, jedoch in einem solchen Maße unerwartet, dass Ryan eine neue Maßeinheit erfinden müsste. Was hatte sie vor?

    „Ich wünschte bloß, du würdest öfter Gebrauch von ihm machen“, fuhr sie unbeirrt fort, sah ihn nicht einmal an. Etwas überrascht offenbarten sich unter der Bluse mehrere Ledergurte, die Ryan an die Waffenhalfter von Polizisten erinnerte. Sie verliefen über die Schultern, kreuzten sich an deren Blättern und hielten, mit starken Riemen befestigt, an der Taille ihre zwei Dolche, sowie diverse Wurfmesser. Dass sie unter diesem einen Kleidungsstück derart bewaffnet unters Volk gehen konnte, ohne aufzufallen, war in gewisser Weise beängstigend.

    Dann zog sie ihren Schal behutsam von ihrem Gesicht. Erst jetzt viel Ryan auf, dass es tatsächlich das erste Mal war, dass er ihr unverhülltes Gesicht sah. Es passte irgendwie kein bisschen zu ihrem restlichen Gesamtbild. Es war sehr rund, die Züge weich. Schmale Lippen und makellose Wangen. So sah doch kein Gesicht aus, das hunderte Jahre in Dreck und Blut gebadet hatte.

    Sheila schien sich nur bis zu einem gewissen Punkt der modernen Kleidung anpassen zu wollen und hatte sich mit einigen weißen Bandagen verhüllt. Anstandshalber verbot er sich, ihren halbnackten Oberkörper zu mustern. Sie bemerkte dies durchaus, doch machte sich nicht die Mühe, ihm zu versichern, dass es ihr egal sei. Dies gehörte zu den Sorten von Scham, die sie gänzlich unberührt ließ.

    Ryan konnte mit ein wenig Mühe ausblenden, was gerade vor ihm passierte und wahrte den Ernst ihres Gespräches. Er war ja bereits froh, dass sie es überhaupt mit ihm führte. Wie von Andrew angemerkt, hatte sie dazu bislang keine Gelegenheit geboten.

    „Und ich wünschte, ich hätte ihn in diesem Moment benutzt.“

    „Wie wahr.“

    Es war offensichtlich, von welchem Moment die Rede war. Sheila hatte sich auf einem Baumstumpf niedergelassen und öffnete nun die Schnallen ihrer Stiefel, zog sie sodann behutsam von ihren Füßen. Hatte sie etwa vor, ein Bad im See zu nehmen?

    „Andererseits…“, setzte sie an und ließ eine Hand in den dichten Busch zu ihrer Seite verschwinden. Ryan fragte sich noch, wonach sie griff. Hatte sie dort etwas versteckt?

    „Es ist lange her, dass ich so viele Menschen zu töten hatte.“

    Es ward kein Gegenstand, den sie aus dem Unterholz zutage führte, sondern ein dunkler, schuppiger Körper, länglich und breit wie Oberschenkel. Das Pokémon quittierte die Berührung mit einem Fauchen, das jedoch nicht allzu scharf und drohend klang. Beinahe hätte Ryan einen erschrockenen Schritt zurück gemacht, als sich der Reptilienkopf emporhob und auf Augenhöhe in das Gesicht der Attentäterin blickte. Das fast durchgängig schwarze Schuppenmuster wurde von einigen violetten Streifen sowie Goldelementen am Rücken unterbrochen, welche die Form von geschliffenen Edelsteinen besaßen. Aus dem Maul blitzten zwei absolut mörderische Giftzähne von über 30 Zentimeter Länge blutrot auf, wie auch die scharfe Klinge am Schweifende – das Markenzeichen von Vipitis. Ein furchteinflößendes Giftpokémon, wie wohl die allermeisten Menschen sagen würden, doch Sheila schien gar mit ihm vertraut. Mila hatte ihm bereits einmal eröffnet, dass sie beide viele wilde Pokémon um sich hatten, die ihnen folgten, ihnen ihre Fähigkeiten zur Hilfe anboten, obwohl Mila keines von ihnen eingefangen hatte. Es waren wilde Freunde. Das Kramshef sowie das Zwirrlicht von ihrem ersten Treffen waren ebenfalls solche.

    Sheila ignorierte Ryans Reaktion und fuhr nach längerer Pause mit ihrer Erzählung fort, während die Giftschlange ihren Körper erklomm, um sich an ihm festzuhalten.

    „Du und dein Freund, ihr habt es natürlich nicht bemerkt, aber wir haben in den letzten Tagen und Wochen viele dieser Ratten in Schwarz aus dem Weg geräumt. Um ehrlich zu sein wundert es mich, dass ihre Leute noch nicht vor Angst geflohen sind.“

    Sie streckte den Arm ein wenig aus, um dem Vipitis anzubieten, daran hochzuklettern, was es gleich annahm. Dieses Pokémon passte wirklich hervorragend zu einer Mörderin ihres Formats. Ein Lauerjäger, der blitzschnell aus dem Hinterhalt angriff und mit einer kalten, giftigen Klinge das Leben seines Opfers langsam aushauchen ließ.

    Ryan hatte unbewusst vermieden, darüber zu spekulieren, was die beiden unsterblichen Frauen so trieben, während er mit Andrew und Sandra trainieren ging. Doch vermutlich bezog sich ihre Aussage auch auf die Zeit vor ihrem Kennenlernen.

    „Das tut mir leid.“

    „Was tut dir leid?“, erkundigte sie gleich, während der Schlangenkörper über ihren Schoß kroch und sich um ihre Taille schmiegte. Angst hatte Ryan vor diesem Pokémon nicht unbedingt, doch so nahe würde er einen Vertreter dieser Spezies eher ungern an sich heranlassen. Zumindest, wenn es sich um einen ihm fremden Vertreter handelte, von dem er nicht wusste, ob er ihm vertrauen konnte.

    „Sheila. Ich weiß, dass ich selbst nicht stark bin“, setzte er an, klang ehrlich und offen.

    „Meine Kraft beziehe ich fast ausschließlich aus meinen Partnern. Ohne sie bin ich gar nichts.“

    Sie sah ihn nicht an, bewunderte einfach weiter die tödliche Schönheit des Vipitis.

    „Aber ich weiß, was wir gemeinsam erreicht haben. Was wir gemeinsam erreichen können. Und ich weiß, wie entschlossen wir alle sind, das hier zu beenden. Team Rocket zu vernichten und Rayquaza das zurückzugeben, was ihm gehört.“

    Nun stahl sich ein neugieriger Seitenblick in seine Richtung, den er jedoch gar nicht bemerkte. Wenn es nach Sheila ging, würde er seinen Satz hier beenden, doch sie spürte die verhängnisvolle Torheit, die seinen nächsten Worten innewohnen sollte, bereits im Voraus.

    „Und wenn alles vorbei ist, wirst du niemanden mehr töten müssen.“

    Die Empörung spiegelte sich augenblicklich in den geweiteten Augen und den winzig gewordenen Pupillen der Killerin. Das Rot schien sich zu einer Klinge gleich der von Vipitis verformen und in seine Brust bohren zu wollen.

    „Hüte deine dreckige Zunge! Sonst schneide ich sie dir heraus!“

    Diesmal erschrak er wirklich, machte gar einen Schritt zurück. Er wollte etwas sagen, fürchtete aber sofort, erneut etwas von sich geben zu können, das Sheila weiter erzürnte. So blieb Ryan lediglich mit einem fragenden Blick. Langsam erhob sie sich, die Giftschlange von ihrem Körper gleiten lassend und nur noch in ihrem Rock in den Bandagen um ihre Brust. Doch ihr wutentbranntes Gesicht drängte die Peinlichkeit, die Ryan eben noch verspürt hatte, völlig in den Hintergrund.

    „Was bildest du dir ein? Du weißt um meine Vergangenheit und maßt dich allein dadurch bereits an, mich zu kennen?“

    Ryan wollte etwas sagen. Unbedingt wollte er das. Er hatte sich doch vorgenommen, selbst wenn er einmal Sheilas Zorn auf sich ziehen sollte, nicht vor ihr zu erstarren. Doch ihm fielen auf die Schnelle keine Worte ein, durch die er glaubte sie besänftigen zu können. Doch sie wartete auch nicht darauf.

    „Wer sagt denn, dass ich das Töten leid bin? Ich habe all die Jahre meines Lebens geopfert, um die beste Assassine zu werden, die je gelebt hat. Ich verrate dir etwas. Menschen zu töten, ist das Einzige, wofür ich lebe und atme.“

    Diese Worte stießen ein anderes Gefühl in dem Jungen an. Eines, dass den Schreck ablöste und sich nur langsam, sicher über eine Minute hinweg – in der er sich wunderte, warum Sheila denn nichts weiter tat oder sagte – doch eroberte nach und nach jeden Winkel seines Körpers, in dem er Gefühle unterbringen konnte. Und das Gefühl, das sich dort ausbreitete, war Mitleid.

    Fast hätte er ihr dieses auch bekundet, doch er erinnerte sich gerade früh genug daran, dass es sie eher kränken oder weiter erzürnen als trösten würde. Aber eine Frage konnte er nicht zurückhalten.

    „Und warum wolltest du das werden?“

    Sie antwortete ohne zu Zögern und plötzlich auch wieder ohne jegliche Emotionen in ihrer Stimme. Frei von Wut, von Zorn, von allem.

    „Um Mirjana zu töten.“

    Ryan befürchtete, mit diesem Mädchen niemals auf einer Ebene kommunizieren zu können. Er hatte bei ihrer Geschichte nicht geschlafen und auch nichts vergessen. Im Gegenteil. Er war sich ziemlich sicher, selbst in Jahren diese Geschichte Wort für Wort, so rezitieren zu können, wie sie ihm erzählt worden war.

    „Natürlich. Aber wolltest du das auch. Oder wollte das bloß dein Vater?“

    Aus der Erzählung war hervorgegangen, dass Sheila den Mord an der ersten Drachenpriesterin, Milas Mutter, nicht nur wegen eines Befehls wegen begangen hatte. Sie hatte sich selbst ein Bild von ihr gemacht und unvoreingenommen beurteilt, ob ihr Tot notwendig war oder nicht. Dennoch hat sie, ohne das Wissen um sie, die Strapazen, die Qualen und Entbehrungen auf sich genommen, um stark genug für den Ernstfall zu sein. Das tat man doch nicht einfach so.

    Hier geschah etwas Unerwartetes. Etwas Erstaunliches. Sheila wandte den Blick ab und ließ ihn durch den plätschernden Bach streifen. Ihre rubinroten Augen huschten in unregelmäßigen Abständen hin und her. Eine Braue zuckte kurz nach oben.

    Sie überlegte. Sie dachte nach, wägte ab. Ryan konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich ihr diese Frage nicht schon einmal früher gestellt hatte. Doch vielleicht hatte sie inzwischen anderen Ansichten dazu oder konnte besser beurteilen, wie die Wahrheit denn aussah. Oder ob sie Ryan diese Wahrheit überhaupt verraten wollte. In jedem Fall tat sie es, wie alles, das sie tat. Frei von äußerlichen Einflüssen und ehrlich zu sich selbst.

    „Sowohl als auch“, antwortete sie schließlich, nicht ganz so nüchtern und finster, wie er es von ihr gewohnt war.

    Ryan nickte dankend, zur Kenntnis nehmend, verzichtete aber darauf, weitere Fragen zu stellen. Wie man denn in so jungem Alter von selbst den Plan fassen konnte, jemanden umzubringen, entzog sich seinem Verständnis. Doch ihm war auch bewusst, dass die Menschen zu dieser Zeit eine ganz andere Denkweise hatten. Ihre allerdings war selbst unter dieser Berücksichtigung… besonders. Sowohl im positiven als auch negativen Sinne.

    Sheila hätte das Thema an dieser Stelle wohl auch selbst beendet. Sie wandte sich ab, strich dem Vipitis, dass sich hinter ihr aufgerichtet hatte, noch einmal im Vorbeigehen über den Kopf und führte ihre Hände dann zu Saum ihren Rocks. Ryans Augen weiteten sich alarmiert und er zwang sich sofort zum Umdrehen. Sie nahm es mit einem scharfen Blick aus dem Augenwinkel wahr, äußerte sich aber nach wie vor nicht und öffnete stattdessen den Knoten ihrer Bandagen.

    Er hätte längst gehen können. Ach was, sollen! Doch der erstarrte Trainer rührte sich nicht vom Fleck, ließ den Blick mal hierhin, mal dahin schweifen. Durch die Bäume, über die Wiese, in den Himmel. Die Hände mal in die Seiten gestemmt, mal verlegend den Kopf kratzend oder einfach nervös die Finger dehnend. Als er dann das Plätschern des Wassers vernahm, atmete er tief ein, als wolle er es doch wagen, sich umzudrehen. Das war natürlich nicht seine Absicht. Dennoch tat er es. Arceus im Himmel, er sah wirklich zu Sheila rüber und wusste nicht einmal, was ihn dazu brachte. Sie stand da, bis zur Hüfte im Wasser, führ sich gerade mit beiden Händen durch das nachtblaue Haar, und zeigte ihren nackten Rücken.

    Er wollte sich augenblicklich wieder abwenden und regelrecht fliehen. Einfach nur fort. Es gab eh keinen Grund mehr, zu bleiben. Doch der winzige Moment, in dem seine Augen sie getroffen hatten, fesselte seinen Blick sogleich. Doch das lag nicht etwa an ihrer Schönheit oder dergleichen. Er hatte ohnehin nur Augen für Melody.

    Sheila blickte über die Schulter. Von Wut, Scham oder anderen Gefühlen, die in diesem Moment wohl jedes Mädchen verspürt hätte, keine Spur. Wenn überhaupt, dann ging ihr bloß sein peinliches Getue auf die Nerven. Doch nur fast.

    „Du wirkst schockiert.“

    Das lag nicht an ihrem unbekleideten Körper, der vor ihm im Wasser stand. Nun ja, gewissermaßen doch, aber nicht auf die Weise. Gar ging er noch ein paar Schritte auf sie zu und sah genauer hin, inspizierte jeden Zentimeter.

    „Das waren also deine Strapazen?“

    Er würde die Narben nicht zählen können. Doch ein paar Dutzend waren es bestimmt. Die meisten davon lang und schmal, wohl von Klingen hinterlassen, oder vielleicht von Krallen. Es war unschwer auszumachen, welche damals von Mirjanas Schwert geschlagen worden war und Sheila beinahe das Leben gekostet hatte. Die kleinen in runder Form waren wohl Stichverletzungen und eine besonders Flächengroße, üble Narbe zeichnete sich an ihrer Flanke unterhalb der Rippen. Sein Gedächtnis meldete sich und verriet, dass es sich dabei um die Spuren ihrer Jagd nach einem Ursaring handeln musste. Angesichts der Narbe grenzte es ans Absurde, dass Sheila damals nicht an der Wunde verendet war.

    „Wage es nicht, mich zu bemitleiden“, warnte sie seltsamerweise längst nicht so scharf und gespenstisch, wie Ryan es von ihr kannte und ließ ihr Haar fallen – die Spitzen waren gerade so ins Wasser getaucht. Gelangweilt oder teilnahmslos war es jedoch auch nicht. Eher irgendetwas dazwischen, das er nicht sofort bestimmen konnte.

    „Wie könnte ich nicht? Und sag jetzt nicht, dass es schlimmer aussieht, als es ist.“

    Aus irgendeinem Grund war er beinahe erleichtert, nun bereits wieder das bekannte, abfällige Schnauben zu vernehmen.

    „Wie töricht. Natürlich ist es umgekehrt. Diese Spuren erzählen nur Nebengeschichten eines Lebens, dass sich dem Kampf und dem Töten verschrieben hat. Doch ich trage jede Narbe mit Stolz.“

    Ryan konnte sich denken, warum sie das so empfand, versicherte sich dessen aber nicht. Doch das war auch nicht nötig. Sheila schien so langsam unheimlich gesprächig zu werden. Und bereit, mehr und mehr von sich preiszugeben. Vermutlich realisierte sie das gar nicht.

    „Ich könnte dir jede einzelne Person, jedes Pokémon, all jene aufzählen, die sich auf meiner Haut verewigt haben.“

    Ihre Rubine wanderten hinauf zu Ryans Augen und durchdrangen sie mit dem Anflug von etwas, dass höchstens mit einem wahnsinnigen, blutrünstigen Lächeln gepaart werden könnte. Doch eigentlich wollte er es in gar keiner Form als Lächeln anerkennen. Selbst wenn er meinte, einen Hauch verträumter Nostalgie darin zu erkennen.

    „Dadurch definieren sich ehrenvolle Krieger. Sie behalten einander in Erinnerung und würdigen des Gegenübers Stärke. Und diese Narben sind der Beweis für die Stärke derer, die sie hinterlassen haben. Ich würdige lieber diese, als einen bröckelnden, moosbedeckten Grabstein.“

    Es war eine völlig neue Sheila, die sich Ryan hier präsentierte. Eine, die offen von den Werten sprach, die sie in Ehren hielt, die sie schätzte und sie ebenso geprägt hatten, wie das brutale Training und das kaltblütige Morden. Doch diese Sheila wollte ihm nicht gefallen. Sie verherrlichte etwas, das er für abscheulich hielt.

    Er ließ sich im Schneidersitz auf den Boden sinken und hielt den Kopf fortan gesenkt. Über seine Peinlichkeit war er hinaus, aber er wollte es dennoch vermeiden, eine unbedeckte Sheila während solch eines Gesprächs anzusehen.

    „Du stellst dich als Attentäterin auf dieselbe Stufe wie Ritter?“

    Er erkannte die Beleidigung in seinen Worten und erklärte sich für Suizidgefährdet, da er sie dennoch bewusst aussprach. Doch zu seiner Überraschung – und zu seinem Glück – ging die Assassine nicht im Geringsten darauf ein. Ignorierte es entweder oder überhörte es.

    „Ritter machten selbst damals nur einen geringen Anteil meiner Opfer aus. Aber… ja, ich stelle mich grundsätzlich auf eine Stufe mit ihnen und noch höher als alle, die ich getötet habe oder von denen ich weiß, dass ich sie töten könnte.“

    Diese Ansicht erklärte, warum Sheila auf die meisten Menschen herabblickte, sie als töricht, dumm und schwach ansah. Weil einfach keine Menschen mehr existierten, die so wie sie waren. Mila hatte definitiv Recht behalten, als sie dies gesagt hatte.

    Doch ihre Ansicht selbst entfernte sich weit von dem, was Ryan von Ehre und Anerkennung verstand. Er war kein Krieger, hatte nie um sein Leben gekämpft oder mit dem Ziel, ein anderes zu nehmen. Doch einen Meuchelmörder könnte er niemals so achten, wie einen Krieger, der sich offen und ohne Furcht, ohne Vermummung, Tricks und Hinterhalte dem Kampf stellte.

    Sein Gesicht musste verachtende Züge angenommen haben, denn ein durchschauender Blick aus verengten, rubinroten Augen schien genau diese Gedanken zu vermuten.

    „Ich will dich etwas fragen.“

    Sie wartete nicht darauf, dass er zustimmte, sie zu beantworten. Er würde diese Zustimmung nicht geben, doch abweisen würde er sie auch nicht.

    „Verdient ein Sniebel weniger Respekt, als ein Gegner, der von Angesicht zu Angesicht kämpft? Oder ist dieses Vipitis ehrlos im Vergleich zu deinem Despotar? “

    Er merkte schnell, worauf sie hinaus wollte, doch er antwortete nicht, sondern presste bloß die Lippen aufeinander. Er wusste in diesem Moment nicht genau, mit welchem Gefühl er das tat.

    „Es ist doch egal, welche Art zu kämpfen man sich antrainiert. Diese Kunst muss gleichermaßen erlernt und perfektioniert werden. Und man muss gegen die Taktiken anders kämpfender Gegner gefeilt sein. Ob Knechte, Knappen, Leibgarden, Ritter oder gar Könige – sie alle haben sich einst nur auf einen Kampf zu ihren eingebildeten Konditionen vorbereitet. Ich hingegen kämpfte unzählige Male ebenso oft den Zweikampf, auch wenn ich bevorzugt aus dem Hinterhalt gemeuchelt habe.“

    Sheila begann sich in ihrer Erzählung zu verlieren, blendete beinahe alles um sich herum aus. Jedoch nur soweit es ihre in Fleisch und Blut übergegangenen Instinkte erlaubten, um nicht unachtsam und somit ein attraktives Angriffsziel zu werden. Sie legte ihre Hände ineinander und schöpfte etwas Wasser darin, betrachtete ihr kaltes Gesicht in der Spiegelung.

    „Menschen, die Ehre daraus definieren, sich offen zu stellen, sind Narren“, fuhr sie fort.

    „Es gab und gibt niemals eine Vorgabe, wie man zu kämpfen hat. Oder bittest du etwa während eines Pokémonkampfes, dein Gegner möge doch keine Tricks oder Täuschungen anwenden?“

    Daraufhin schnaubte Ryan nur. Weniger, weil er die Vorstellung lächerlich fand, sondern mehr, weil ihre Argumentation erschreckend plausibel klang.

    „Es ist ganz gleich, welches Gesicht unsere Stärke hat“, zitierte sie die Worte Milas, als sie einst beschlossen hatte, die Mörderin ihrer Mutter in ihre Obhut zu nehmen.

    „Ich habe für meine Fähigkeiten nicht weniger trainiert, als einst jeder Ritter und lasse mir den Ruhm ihrer Leben nicht ausreden, weil ich mich nicht ihren Bedingungen gestellt habe. Ich habe all meine Fähigkeiten genutzt, so wie sie es im Duell getan hätten.“

    Mit einem letzten Blick aus dem Augenwinkel forcierte sie doch ein letztes Mal den seinen auf sich, wandte sich gar ein kleines Stück in seine Richtung, sodass er um ein Haar mehr gesehen hätte, als ihm lieb war.

    „Es steht dir frei, wie du darüber denkst. Doch dies wollte ich dich über mich wissen lassen.“

    Allein für diese Tatsache sollte Ryan dankbar sein. In der Tat fühlte er auch, dass etwas zwischen ihnen beiden passiert war. Dass er ein Stück naher dran war, als Kamerad anerkannt zu werden. Dass sie sich nicht verschloss oder versuchte ihre Vergangenheit zu verschleiern. Dass sie miteinander reden konnten. Und das wiederum bedeutete, dass sie zusammenarbeiten konnten.

    Einer seiner Mundwinkel zuckte nach oben. Er nickte. Sehr langsam und kaum merklich. Doch sie erkannte es an. Und er erkannte sie an. War sich zudem absolut sicher, dass sie die Art seines Lächelns richtig deutete. Er war keineswegs ihrer Meinung oder hatte sich von ihren Ansichten überzeugen lassen. Obwohl er zugeben musste, dass er einige Dinge jetzt anders beurteilte, würden sie trotzdem nicht auf einen Nenner kommen. Doch das mussten sie auch nicht, weil sie einander verstanden. Sie hatte sich erklärt. Und er seinerseits begriffen, wie Sheila tickte, was sie schätzte und wie ihre Sicht zu den Dingen, die ihr Leben prägten, war.

    Er lernte sie kennen. Das war ihm deutlich mehr wert.

    Die Attentäterin senkte selbst den Kopf ein Stück. Hatte sie ebenfalls nicken wollen und auf halbem Wege gestoppt? Oder war sie noch misstrauisch, ob dieser Trottel ihr hatte folgen können? Ryan wusste es nicht genau, war aber sicher, eine gewisse Form der Anerkennung zu vernehmen. Selbst wenn er sich irren sollte, so wäre das auch okay. Hauptsache, es war ein Schritt in eine bessere Richtung.

    Sheila drehte sich wieder um und streckte ihre Arme, während sie sich bis zu den Schultern ins Wasser sinken ließ. Gewissermaßen eine Erleichterung für Ryan, doch eine letzte Narbe sah er noch. Sie lag auf ihrem rechten Schulterballen und war… anders. Das war nicht nur ein Schlitz oder Kratzer, sondern eine präzise Form. Er meinte einen Sichelmond zu erkennen, der von beiden Seiten je von einem Schwert durchbohrt wurde.

    „Was ist das?“, konnte er die Frage einfach nicht unterdrücken. Sheila drehte sich diesmal ganz um und schien ein wenig verärgert, dass das Gespräch nicht beendet war. Auch Ryan erachtete es im Nachhinein als unangebracht, jetzt noch weitere Fragen zu stellen, doch nun war es nun mal raus. Sie fing seinen Blick auf und folgte ihm zu ihrer Schulter. Jeder andere Mann hätte wohl etwas tiefer gezielt, doch zu Ryans Glück war das Wasser ohnehin sehr trüb.

    „Das Zeichen meines Klans. Des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin. Alle Krieger und Assassinen, die in unserem Dorf ausgebildet wurden, trugen es auf ihrem Körper. Sie erhielten es als Zeichen der Anerkennung und ihrer Stärke. Doch ich habe es selbst in meine Haut gebrannt.“

    Sie erklärte bei weitem nicht so einnehmend, wie eben noch. Deutlich plumper, die blanken Informationen einfach runter rasselnd. Es war wieder die Sheila, die er von Anfang an gesehen hatte.

    „Wieso das?“, wagte er weiter wissen zu wollen. Und mit einem Mal wechselte ihre Stimme wieder. Nicht nostalgisch oder melancholisch, aber dafür unsagbar ernst.

    „Da ein früher Tod mein Schicksal sein sollte, hatte ich es zunächst abgelehnt. Es sollte niemals ein Träger dieses Zeichens auf Knien darauf warten, enthauptet zu werden. Doch nachdem Mila mein Leben verschonte, wollte ich es auf meiner Haut tragen.“

    Nicht, dass diese Denkweise nicht nachvollziehbar war, aber irgendwie passte das nicht zu seinem Bild von ihr. Doch vielleicht mutete er sich auch zu viel zu, nachdem er doch erst vor einer Minute angefangen hatte, sie kennenzulernen.

    „Es ist irgendwie untypisch, dass du dich an etwas klammerst.“

    Da wurde ihr Blick wieder scharf und tödlich wie ihre Dolche.

    „Meine Herkunft und mein Klan sind das wertvollste Gut für mich. Nichts auf der Welt ehre und respektiere ich mehr. Sollte sie jemals meinen Klan beleidigen, würde ich nicht zögern selbst Mila zu töten.“

    Diese Information versetzte Ryan einen richtigen Schlag in der Magengegend. Es wäre allerhöchstens eine geringfügige Übertreibung gewesen, hätte man behauptet Mila sei ihre Königin. Dass selbst sie unter der Bedeutung dieses Brandzeichens stand...

    Jedenfalls ermahnte Ryan sich selbst dazu, niemals über ihren Klan zu sprechen und nahm sich vor, Andrew später dasselbe zu raten. Doch eine Frage hierzu wollte er noch beantwortet haben, von der er auch glaubte, dass er sich diese erlauben konnte.

    „Wenn dein Klan dir heilig ist, wieso bist du nie zurückgekehrt?“

    Sie lehnte sich im Wasser zurück und blickte gen Himmel. Jeder hätte das gerne getan. Hätte gerne wieder die Menschen getroffen, mit denen man in der Kindheit Seite an Seite gelebt hatte. Doch für sie war nie mehr als ein einziger Mensch wertvoll gewesen. Und diesen Menschen hatte sie eigenhändig getötet, um ihre Ausbildung zu beenden.

    „Es wäre eine geringere Schande gewesen, hätte Mirjana mich getötet.“

    Sie wandte den Blick ab. Nicht ausweichend. Nicht fliehend. Sie schien gar nichts dabei zu empfinden. Vielleicht war sie des Gesprächs inzwischen einfach müde.

    „Ich zog einst los, mit dem Ziel und der Pflicht sie zu umzubringen und ihr anschließend zu folgen. Mit dem Verlassen meines Dorfes, war mein Leben dort vorbei.“

    Sheila war vermutlich die einzige Person, bei der diese Erläuterung als ausreichend eingestuft werden konnte. Zumindest für jemanden wie Ryan, der sich so viel Mühe gab, sie zu verstehen. Das hatten sicher die Allerwenigsten versucht.


    Ryan hatte sich hierauf mit einem ehrlichen Dank verabschiedet und samt seines Kumpels auf den Weg ins Pokémoncenter gemacht. Sheila war noch eine Weile geblieben und trieb regungslos im Wasser, wirkte fast nachdenklich. Doch sie wartete einfach bloß. Wartete still und geduldig. Allzu sehr wurde diese Geduld nicht beansprucht.

    „Das war ja fast rührend.“

    Wie es typisch für sie war, verbarg sich in den Worten ihrer Gebieterin niemals ein Hauch von Hohn, Süffisanz oder Humor, der in diesem Fall auf Shailas Kosten gehen würde.

    „Du hättest dich nicht versteckt halten müssen“, entgegnete der Assassine nur nüchtern.

    „Ich denke, es hat euch beiden ganz gut getan.“

    Das nahm Sheila ohne eine eigene Meinung zu äußern zur Kenntnis. In der Regal tat sie das nur dann, wenn sie zustimmte.

    „Team Rocket hält sich nach wie vor zurück. Die drei sind müde und überspannt und werden dich um Hilfe ersuchen, damit sie sich in Sicherheit erholen können“, berichtete sie mustergültig. Das wurde ebenso mit einem einfachen Nicken entgegengenommen. An dieser Stelle würde Mila bereits wieder gehen, doch sie hatte nicht den Eindruck, dass ihre Partnerin ausgeredet hatte.

    „Du willst noch etwas loswerden.“

    Das war keine Frage gewesen. Sie wusste es.

    Sheila stand abrupt auf, hatte der Drachenpriesterin, wie zuvor auch Ryan, den Rücken gewandt. Es war keine erfreuliche Information und so hatte sie, als würde sogleich ein Feind aus dem Hinterhalt hervorkommen, mit verengten Augen den Kopf gesenkt.

    „Ich sah heute ein Brutalanda über den Wald fliegen. Eines mit einer Narbe unterm Hals.“

    Es dauerte einige Sekunden, bis Mila irgendeine Reaktion darauf zeigte. Und die erste war auch nur ein tiefer Stoßseufzer.

    „Das ging schneller, als erwartet.“

  • Kapitel 33: Curtain Call


    Die ersten Sonnenstrahlen begannen bereits, durch die tiefblauen Vorhänge vor den Fenstern zu scheinen. Dabei war es Melody so vorgekommen, als wäre sie erst vor wenigen Minuten wach geworden. Da es zu diesem Zeitpunkt aber noch stockduster gewesen war, hatte sie wohl einfach ihr Zeitgefühl im Stich gelassen.

    Melody war eine chronische Frühaufsteherin, doch damit hatte nichts Besonderes auf sich. Vermutlich war ihr das von ihren Großeltern vererbt worden.

    Sie zog gar nicht in Erwägung, dass ihr Zeitgefühl nur deshalb so getrübt war, da sie während dieser ganzen Zeit nur in das friedliche Gesicht des noch immer schlafenden Ryan geblickt hatte – obgleich es genau daran lag.

    Nachdem einstimmig befunden worden war, dass es zu gefährlich für sie war, alleine in einem Hotelzimmer unterzukommen, hatte die Gruppe kurzerhand umdisponiert und sie in Ryans Zimmer verfrachtet. Andrew teilte sich nun das Gegenüberliegende mit Sandra. Ihr war es zu verdanken, dass Melody bleiben durfte, obwohl sie keine Trainerin war. Wie sie das genau angestellt hatte, wusste Ryan allerdings nicht und vermutlich würde man so einen Gefallen üblicherweise nicht erwarten können.

    Die Gefühle, die sie bei seinem Anblick empfand, waren allerdings furchtbar gemischter Natur. Einerseits war da noch er abklingende Rest von Freude über sein Wohlbefinden und ihn überhaupt wiedersehen zu können. Während sie auf der Suche nach ihm gewesen war, hatte sich jeder Tag doppelt und jede Nacht nur halb so lang angefühlt. Dann war da auf der anderen Seite die Angst vor Team Rocket, vor Rayquaza und – so sehr sie sich gegen dieses Gefühl sträubte – die Angst vor Ryan. Oder konkreter, was Ryan tun würde. Es hallten nach wie vor die melodischen Worte Lugias in ihren Ohren. Währen es nicht die seinen gewesen, hätte sie ihnen nicht eine Sekunde Glauben geschenkt.

    Aber Ryan war doch ein überaus guter Mensch, oder nicht? Wieso zweifelte sie überhaupt daran? Er war einer der tollsten Menschen, die sie je hatte kennenlernen dürfen. Doch was wusste sie schon über ihn? Leider viel weniger, als ihr lieb war. Das bisschen, was sie wusste, stimmte sie aber zuversichtlich und hielt ihr Vertrauen am Leben. Das Vertrauen, dass er die richtigen Entscheidungen treffen würde, sobald es darauf ankam.

    Melodys Augen waren betrübt. In ihnen spiegelte sich ihr Kummer und ihre Sorge. Dennoch lächelte sie. Und mit diesem Lächeln beugte sie sich über Ryans Stirn, um einen sanften Kuss darauf zu geben.

    Sie hatten die Lippen kaum von ihm gelassen, da öffneten sich plötzlich seine Augen und er regte seine Glieder. Hatte sie ihn jetzt geweckt? Verflucht, war das plötzlich peinlich! Wie sollte sie denn erklären, warum sie ihn im Schlaf beobachtete? Hatte er überhaupt geschlafen? Vor Schreck verlor Melody das Gleichgewicht, fiel nach hinten über und musste dabei für einen Moment aussehen, wie ein Schiggy, das auf dem Rücken fiel. Natürlich wurde Ryan von dem Poltern sofort wach. Zunächst noch etwas verwirrt durch seine Schlaftrunkenheit stützte er sich auf die Ellenbögen und sah sich um.

    „Melody? Is was?“

    Er klang noch ziemlich müde. Das entsprach auch der Wahrheit, denn Tatsache war, dass er keine Minute lang geschlafen hatte. Das war ihm in den letzten Tagen bereits öfter so gegangen, dass er zwar mit geschlossenen Lidern im Bett, aber dennoch hellwach lag. Er fluchte für einen Moment innerlich, da sich dies selbst heute, wo er sich doch mental erholen wollte, nicht geändert hatte.

    Die auf dem Boden kraxelnde Melody, von der er von seiner Position aus nur die Knie sehen konnte, welche über die Bettkante lugten, schien das Problem nicht zu kennen. Die war tatsächlich durch ihr peinliches Glotzen, gepaart mit dem plötzlichen „Erwachen“ Ryans geradezu unangenehm munter. Sie reckte bloß den Arm samt erhobenen Daumen empor, um zu signalisieren, dass alles klar war.

    „Nein. Alles gut.“

    Es brauchte ihr ganzes Pokérface, um bloß einen Moment später, in dem sie sich an die Bettkannte gerappelt hatte und sich nun auf beide Ellenbogen stützte, wieder unbekümmert und heiter zu wirken. Als läge der tollste Tag seit langem vor ihr.

    „Morgen.“

    Das machte Ryan unfassbar neidisch. Er fühlte sich gerade eher wie ein Fußhocker.

    Er schätzte das Fassungsvermögen der Halle grob auf vier- bis fünftausend. Die Tribünen waren im Halbkreis und eine noch leere Bühne angelegt, die ehrlich gesagt nach kaum mehr aussah, als der Kampfbereich in einer Pokémon Arena. Solche, die ihres bevorzugten Typs entsprechend Pools, künstlich angelegte Wälder oder Felsplateaus errichtet hatten, selbstverständlich ausgenommen.

    Direkt am Rande der Bühne war ein langer Tisch mit drei unbesetzten Stühlen, die vermutlich später von der Jury gefüllt wurden und ihnen genau gegenüber verbarg ein weinroter Vorhang den Tunnel, durch den die Teilnehmer erscheinen sollten. Die Lichtanlagen über ihren Köpfen erinnerte eher an eine Konzertbühne, als an einen Wettbewerb mit Pokémon.

    Mila hatte ihm eine sehr simple Wegbeschreibung zu Graphitports Eventhalle, deren Namen er vergessen hatte, gegeben. Sie lag unweit des Centers und des Prime Stadiums, in dem bald der Summer Clash stattfinden würde. Als kleiner „Heißmacher“ fand in dieser Halle jedes Jahr noch ein anderer Wettkampf statt.

    „Ich war noch nie auf einem Wettbewerb für Koordinatoren. Du?“
    Ryan schüttelte den Kopf. Er hatte nie einen Bezug zu diesen Wettbewerben gehabt. Er wusste im Groben, wie sie abliefen, hatte aber nie einen Grund gesehen, einmal einen zu besuchen.

    „Jetzt wo wir drin sind, bin ich doch etwas aufgeregt“, gestand Melody und lächelte fast, als sei ihr das wirklich peinlich. Sie erklomm gerade noch einige Treppen und wagte einen Rundblick. Ryan war mit Trainern bekannt, die das vermutlich unterstützen würden. Die Wettbewerbe im Allgemeinen für peinlich hielten.

    „Du hast solche Dinge sonst nur im Fernsehen verfolgt. Ist verständlich“, befand Ryan. Er selbst war noch nicht wirklich von Spannung oder etwas, das dem nahe kam, gepackt. Seine Erwartungshaltung war nicht allzu hoch, doch er beschloss, diesen Nachmittag einfach auf sich zukommen zu lassen. Vielleicht würde er ja positiv überrascht. Und wenn nicht, wusste er zumindest, dass er nichts verpasste, wenn es sein letzter Besuch gewesen sein sollte.

    „Ich frag mich ja schon, warum uns Mila gerade das hier vorgeschlagen hat“, fuhr Melody fort und bog in die Sitzreihe ein, die laut Ticket ihre sein sollte. Beim Summer Clash würde, wie bei allen größeren Turnieren, die sich über Tage zogen, freie Platzwahl herrschen. Man konnte ja schlecht für jeden Tag einen festen Sitz reservieren. Außer man zahlte die Wucherpreise in der VIP Loge. Keine Option für normal Sterbliche.

    „So wie ich sie einschätze…“ Das Wort „kennen“ wollte er noch immer nicht mit ihr verbinden. Er wusste mittlerweile einiges über sie und Sheila. Aber gerade das gestrige Gespräch mit letzterer hatte ihn abermals ermahnt, dieses Wort nicht leichtfertig zu verwenden.

    „… kann sie allen Formen des Wettkampfes etwas abgewinnen. Und mich würd´s nicht sonderlich überraschen, wenn sie Wettbewerbe sogar besser findet, weil sich Pokémon hier seltener verletzen.“

    Das wäre in seinen Augen zumindest eine plausible Erklärung. Die erste Runde, in der die Teilnehmerzahl noch unbeschränkt war, da sich wirklich jeder hierfür eintragen konnte, war eine Art Talentshow, um es etwas plump auszudrücken. Die Pokémon sollten sich mithilfe ihrer Attacken möglichst grazil, elegant oder spektakulär und in jeden Fall beeindruckend in Szene setzen. Es galt hierbei die Jury zu überzeugen und ihnen etwas für´s Auge zu bieten. Die besten acht unter ihnen trugen dann im K.O. System kämpfe gegeneinander aus, die laut Ryans beschränktem Wissen allerdings etwas anders abliefen, als er sie kannte. Soweit er wusste, gab es Punktabzüge, wenn man sich vom Gegner an der Nase rumführen ließ oder auf seine Finten hereinfiel. Ob man dabei tatsächlich einen Treffer einzustecken hatte, war zwar hilfreich, aber nicht ausschlaggebend. Passierte einem dies einige Male, war man raus. Ein kampfunfähiges Pokémon schien selbstredend sofort aus.

    Melody hatte ihren Sitz gefunden und beugte sich, kaum dass sie auf ihm Platz genommen hatte, neugierig vor, als würde es schon in einer Minute losgehen.

    „Hältst du sie echt für so pazifistisch? Ich hatte da einen anderen Eindruck.“

    Wahrscheinlich kannten sie beide, Melody aber im Besonderen, nicht einmal einen Bruchteil dessen, was Milas Vergangenheit ausmachte, was sie zu tun und auf sich zu nehmen bereit gewesen war, um ihre Garde zu führen und den brüchigen Frieden mit den Drachen zu wahren. Mit Sicherheit hatte sie einige Gräueltaten zu verantworten, doch Ryan zweifelte keine Sekunde daran, dass sie sich für jede einzelne davon selbst verfluchte. Sie hatte die Fehler ihrer Mutter einst erkannt und ließ nicht die kleinste Vermutung zu, dass sie diese wiederholen würde. Bislang zumindest.

    „Pazifistisch sicher nicht“, beteuerte Ryan und setzte sich neben den Rotschopf, legte ein Bein auf dem Knie quer und lehnte sich weit zurück.

    „Aber ich bin mir sicher, dass sie Gewalt hasst. Leider kann man die bösen Jungs nur selten mit Worten aufhalten.“

    Klang nicht unwahrscheinlich. Doch beim Gedanken an ihre Partnerin presste Melody mit einem Hauch von Unwohlsein die Lippen aufeinander.

    „Würde das doch bloß für Sheila gelten.“

    Sie hatte noch immer etwas Angst vor ihr. Zwar überzeugt, dass sich eine Drohung, wie die bei ihrer ersten Begegnung – oder das, was danach folgen könnte – nicht wiederholen würde, aber in ihrer Gegenwart konnte Melody einfach nicht entspannen. Obgleich sie das auch in ihrer Abwesenheit nicht konnte, da sie ja nie genau wusste, ob Sheila nicht doch irgendwo hinter oder über ihr mindestens ein Auge auf sie gerichtet hatte. Wenn sie mit Ryan unterwegs war, tat sie das ganz bestimmt.

    „Glaubst du wirklich, das wäre besser so?“

    Melodys Stirn legte sich in Falten und eine Braue wurde skeptisch hochgezogen. Meinte Ryan die Frage ernst? Er begann zu erklären, ohne dass sie diese Worte aussprechen musste.

    „Auch die, die Gutes tun, brauchen ein schwarzes Schaf in den eigenen Reihen. Mindestens eine Person, die bereit ist, Grenzen zu überschreiten und die Regeln zu brechen. Wer sich immer nur an die feine Art hält, kann niemals etwas bewegen.“

    Melody wunderte sich, wie akribisch präzise und fast gedankenverloren Ryan seine Meinung äußerte. Als hätte er sie sich zurechtgelegt und nur darauf gewartet, sie kund zu tun. Tatsächlich hatte er sich gerade in der letzten Woche viele Gedanken um Sheila gemacht, sich gefragt, wie das Zusammenspiel zwischen ihr und Mila überhaupt funktionieren konnte. Aber vielleicht klappte es gerade daher, weil sie so verschieden waren, sich ergänzten und somit immer den richtigen Mittelweg bei ihren Operationen fanden. Aber möglicherweise maß er sich auch zu viel an. Er hatte von beiden zu wenig Ahnung für so viel Meinung.

    Der junge Trainer registrierte ihren Seitenblick und schmunzelte sie leicht an, versuchte die Situation etwas zu lockern. Sie waren schließlich hergekommen, um wenigstens kurzweilig mal abzuschalten. Er sollte das Thema besser bald wechseln.

    „Manchmal muss man sich eben die Hände schmutzig machen, verstehst du?“

    Nun lehnte sich auch Melody zurück, schien nachdenklich zu werden, doch ihre Mundwinkel wanderten nach oben, als hätte sie etwas durchschaut.

    „Siehst du dich selbst denn in dieser Rolle?“

    Ein sehr kurzes, trockenes Auflachen, gefolgt von Kopfschütteln. Das Lächeln wirkte ein bisschen gezwungen und er selbst nicht annähernd so locker und befreit, wie er sich geben wollte.

    „Ich wollte nie so sein.“

    Da war Melody wohl auf eine Landmine getreten. Auf eine recht offensichtliche, wie sie schon in diesem Moment realisierte. Ryan hatte viel bereut, seit Mila sie direkt zu ihm geführt hatte und würde sich vermutlich einen Finger abschneiden, um so manches ungeschehen zu machen. Einen solch uneigennützigen Tatendrang zu unterstellen, wäre einfach nur dumm.

    Das unangenehme Gespräch wurde – auch durch die zunehmende Anzahl an Menschen in ihrem Umfeld – rasch beendet und Ryan hatte sich für einen Moment entschuldigt, um ritterlich mit Erfrischungen für sie beide zurückzukehren. Er gab sein Bestes, um sich unberührt zu geben und Melody erwiderte das dankend. Natürlich konnte man dieses Thema nicht so leicht begraben, aber beide gaben ihr Bestes, um den Schein zu wahren, dass sie es geschafft hätten.

    Allgemein fühlte es sich aber gut an, wieder Zeit mit ihr zu verbringen und gab ihm zudem die Gewissheit, dass ihre Verabredung von neulich kein Einzelfall gewesen war. Sie konnten wirklich zusammen sein.

    Melody nahm mit einem dankenden Nicken den Plastikbecher entgegen und widmete ihre Aufmerksamkeit der Videoleinwand über dem Tunnel, welche im Moment noch einige Werbespots zeigte. Einer davon bewarb den bald beginnenden Summer Clash und ihr Lächeln wurde mit einem Seitenblick auf Ryan wieder sehr breit. Seine Augen hafteten am Bildschirm, wie Magnetilo aneinander, doch der Ausdruck in seinem Gesicht war nicht etwa der eines begeisterten Kindes. Voller Vorfreude, definitiv, doch primär las sie in seinen marineblauen Augen die pure Entschlossenheit. Es flackerte ein kaum sichtbares Feuer darin und genau diese Tatsache – dass Ryan trotz ihrer großen Misere seine Leidenschaft nicht verloren hatte -, erfreute sie unermesslich. Wenn sie so darüber nachdachte, gab es wohl kein Wort, mit dem man diesen jungen Trainer besser beschreibend könnte, als Leidenschaft.

    Während die beiden in doch eher unbedeutenden Small Talk über gingen, füllten sich die Plätze weiter und weiter. Die Fremden Gesichter, die sich auch bald neben dem Pärchen niederließen, wurden ohne Weiteres ignoriert, doch ohne Zweifel hatte der ein oder andere Ryan als Prominenten aus der Trainerszene erkannt. Er registrierte mehrere Menschen, die eifrig in seine Richtung sahen, versuchten einen Blick zu erhaschen, der alle Zweifel beseitigte, ob er es denn wirklich Ryan Carparso war. Manch einer hielt sogar die eigene Begleitung am Arm und deutete in seine Richtung.

    Und diese Aufmerksamkeit entging auch Melody nicht.

    „Du bist ja richtig berühmt hier“, stellte sie mit einem verschmitzten Lächeln fest, sah sich sporadisch um, auf der Suche nach weiteren Schaulustigen. Jene, die sie erspähte, eilten sich weiterzukommen. Fand sie diese Tatsache jetzt belustigend? Oder anderweitig erheiternd? Ryan hätte nicht unbedingt darauf gewettet, dass sie so empfand, aber er sollte sich wohl eher glücklich schätzen, dass es ihr nicht auf die Nerven ging.

    „Das ist jetzt nichts Neues für mich“, meinte er schulterzuckend.

    „Die Bescheidenheit in Person. Hut ab.“

    Ryan verdrehte die Augen, lachte dabei aber herzlich. Oh, diese Sticheleien von Melody waren wie immer scharf und wunderschön gemein.

    „Du weißt, was ich meine.“

    Das tat sie sehr wohl. So gut kannte sie Ryan, dass er zeitweise diese Aufmerksamkeit genoss, sie aber in Situationen, in denen er nicht im Mittelpunkt stehen wollte, ausblendete. So gut es ging zumindest. Was sie nicht wusste, war wie gut er seinen Ärger verschleiern konnte, wenn er diese Blicke einmal überhaupt nicht gebrauchen konnte, so wie jetzt. In dieser Menschenmasse von Zweisamkeit zu träumen, wäre idiotisch, aber im Zentrum selbiger zu gesehen zu werden, war ihm doch zu viel.

    Melody suchte wieder seinen Augenkontakt, lehnte sich leicht vor und flüsterte gerade nur so laut, dass bloß Ryan sie verstehen konnte.

    „Die munkeln wahrscheinlich, seit wann du so eine hübsche Freundin hast.“

    Sie grinste dabei über beide Ohren und hatte die Augen stechend verengt. Ryan dagegen zog eine Braue hoch.

    „Hab ich die?“

    Es war, als würde für einige Sekunden, die sich mindestens wie eine Stunde anfühlten, der gesamte Saal im Schweigen gehüllt und alles um sie herum und dunkles Grau getaucht.

    Keine von ihnen hatte es jemals ausgesprochen, doch wussten beide, dass sie ein Paar werden wollten. Allerdings gab es da neben dem Kampf gegen Team Rocket und dem bevorstehenden Krieg der Drachen, den es zu verhindern galt, noch ein kleines und doch unfassbar schwerwiegendes Argument, das sie davon abhielt. Sie kannten einander viel zu wenig. Es fühlte sich oft an, als sei ihre erste Begegnung schon Jahre her und sie unheimlich vertraut miteinander. Doch das war lediglich Einbildung, ein Trugschluss, entstanden aus den jüngsten Gefühlen. Sie waren sich nahe, aber im Grunde weit entfernt von dem, wo sie gemeinsam stehen wollten.

    Es wurde Ryan und Melody keine Zeit gelassen, das Thema zu vertiefen. Denn genau wie in ihrer phantasierten Wahrnehmung verdunkelte sich plötzlich der Saal und ein paar grelle Suchscheinwerfer schwankten scheinbar ziellos über die Bühne. Das Publikum wurde laut, euphorisch, dezente Jubelrufe erklangen.

    Ryan blickte kurz durch die Halle und lächelte Melody dann entschuldigend an. Das war bei weitem kein Thema für diesen Ort und diesen Moment.

    „Tschuldige. Ein andern mal“, meinte er knapp, doch seine Augen, die trotz der spärlichen Beleuchtung marineblau zu schimmern schienen, wirkten bedrückt und unschlüssig.

    Im Stillen einigten sich beide darauf, sich so gut es ging von der Show ablenken zu lassen, um diesen kurzen Moment zu vergessen. Eine weibliche Stimme erklang durch die Lautsprecher, strahlte Souveränität und Routine aus, als sie die Zuschauer willkommen hieß.

    „Werte Damen, werte Herren, Fans des Koordinatoren Sports. Wir begrüßen Sie recht herzlich zu unserem heutigen Wettbewerb in Graphitport City.“

    Sie betonte jedes einzelne Wort ein bisschen lauter uns länger als das vorherige, kündigte scheinbar das größte Event des Jahres an und war selbst vor lauter Vorfreude gar nicht zu bremsen. Naja, nicht weniger stand wohl in ihrer Jobbeschreibung. Dem Löwenanteil der Zuschauer war das aber bereits genug, um der Dame mit schallendem Applaus sowie weiteren Freudenrufen zu antworten.

    Während die Suchscheinwerfer nun endlich zum Stillstand kamen und die Ansagerin beleuchteten, sah sich Ryan etwas in der Menge um. Er blendete fast völlig aus, wie sie sich dem Publikum als Miriam vorstellte, nebenbei ein paar Worte über die ach so schöne Hauptstadt verlor und schließlich die einzelnen Jurymitglieder aufrief. Ryan interessierte sich nicht wirklich für sie, umso mehr aber war er positiv überrascht von dem Lärmpegel der Zuschauer. Er hatte eher ein ruhigeres, entspanntes Publikum erwartet. Warum? Vermutlich, weil er Koordinatoren nicht ganz so emotional und energetisch einschätzte wie Trainer und es wäre in diesem Fall naheliegend gewesen, wenn die Fans genauso drauf sind. Doch hier brodelte es ordentlich auf den Rängen. Ein Umstand, den Ryan durchaus willkommen hieß.

    Während sein Blick so über die Tribünen schweifte, war ihm, als hätte er etwas aufblitzen sehen. Er stoppte, hatte den Kopf so weit von der Bühne weg, wie nur möglich geneigt. Ihm wurde keinerlei Beachtung mehr geschenkt. Die Aufmerksamkeit von ausnahmslos jeder Person galt nur der Moderatorin, die jeden von ihnen weiter befeuerte.

    Ryan schüttelte das Gefühl rasch ab. Was sollte da schon gewesen sein? Ein Blitzlicht von einer Foto- oder Handykamera wahrscheinlich. Oder ein paar große Ohrringe von einem der weiblichen Besucher, die das Licht der Strahler reflektiert hatten. Konnte ja nichts Besonderes gewesen sein.

    Scheinbar wurden gerade noch einmal grob die Regeln und Abläufe eines Wettbewerbes erklärt. Dass man so etwas tat, bedeutete wohl, dass es oft, wenn nicht immer Zuschauer gab, die mit den Abläufen nicht vertraut waren. Noch ein Anlass für Ryan, die Wettbewerbe als unpopulärer einzustufen, als die von ihm ausgetragenen Arenakämpfe und Turniere.

    „In der ersten Runde dürfen uns die Teilnehmer die Schönheit und Anmut ihrer Pokémon präsentieren und müssen die Jury von ihrem Talent und Geschick überzeugen.“
    Das deckte sich ziemlich genau mit dem, was Ryan und Melody vermutet hatten. Letztere hing offenbar ähnlich gefesselt an Miriams Worten, wie der Rest.

    „In den anschließenden Kämpfen, die nach dem K.O. System ablaufen, gilt es dann wahres Können und Stärke zu beweisen…“

    Sie lehnte sich nach vorne und blickte verschmitzt in eine der Kameras, was ihr doch arg geschminktes Gesicht übergroß auf der Leinwand präsentierte.

    „…, aber dabei niemals an Eleganz einzubüßen“, meinte sie mit einem Zwinkern. Die Erklärung half Erstbesuchern herzlich wenig. Bekam man nach dem Kampf etwa eine Note für die Performance, wie in Runde eins? Naja, einfach mal abwarten und alles auf sich zukommen lassen, dachte der junge Trainer.

    Nach einer weiteren Minute, in der Miriam die Fans anheizte, ließ sie dann endlich den Start verlauten.

    „Nun, genug der Worte. Es wird Zeit, die Bühne zu räumen. Wir begrüßen unseren ersten Teilnehmer.“

    Flackernde, bunte Lichteffekte muteten leicht an eine Diskothek an, während mehrere Scheinwerfer auf den Tunnel unter dem Bildschirm gerichtet wurden. Der Vorhang wurde von einer Frau, vermutlich Ende zwanzig durchtreten, die sich in ein violettes Ballkleid geworfen hatte. Hierauf meinte Ryan sich zu erinnern, dass mal der Trend aus Sinnoh, sich bei diesen Wettbewerben vornehm in Schale zu schmeißen, weitestgehend von der Szene übernommen worden war. Pflicht war das seines Wissens aber nicht. Wäre auch Schwachsinn, da schließlich die Pokémon bewertet wurden und nicht die Koordinatoren.

    Seine Gedankengänge hatten Ryan die kurzweilige Vorstellung der Person, sprich Name, Herkunft und Werdegang, vollkommen an sich vorbeiziehen lassen. Seine Aufmerksamkeit galt ihr erst wieder, als sie das erhellte Winken in alle Richtungen samt zuckersüßem Lächeln sein ließ und mit einer tänzerisch anmutenden Geste einen Pokéball in die Luft schleuderte. Mit ähnlichen Akzenten trat auch das Wesen daraus hervor, was dem Trainer ein Rümpfen seiner Nase entlockte. Er sah durchaus ein, dass das zur Show gehörte, aber musste man es so auf die Spitze treiben? Wie das Pokémon aus seiner Kapsel trat, konnte wohl kaum großartig in die Endbewertung einfließen, oder? Die Zuschauer um ihn herum hätten jedoch kaum gegensätzlicher reagieren können, denn noch bevor irgendetwas passiert war, ging ein bewunderndes Raunen durch die Masse. Der typische Lichtschein, aus dem sich das Wesen materialisierte, wurde nämlich begleitet von funkelnden Effekten, wie Neuschnee, der im Mondschein glitzerte. Ryan kam nicht umher, sich zu fragen, wie man so etwas denn anstellte.

    Schließlich baute sich eine Gestalt von etwa eineinhalb Meter Größe in einer Art rotem Kleid auf. Es war sehr humanoid, besaß sehr viele menschliche Züge, die eigentlich nur von der etwas zu plumpen Körperform sowie der violetten Haut gestört wurden.

    Ein Rossana sah man nun auch nicht alle Tage, so viel musste man in jedem Fall eingestehen.

    Die Koordinatorin strich sich mit einer auffälligen Bewegung ein paar Strähnen ihres Schulterlangen, glatten Haares hinters Ohr und befahl Weißnebel. Es war ein leicht faszinierender Anblick, die Entstehung eines Nebels einmal zu sehen und beobachten zu können. Unter natürlichen Voraussetzungen dauerte der Vorgang einfach zu lange, als dass man ihn wirklich erkennen konnte. Das Publikum wartete indessen gespannt, was denn damit den Nebelschwaden bewirkt werden sollte.

    „Eissturm“, lautete die nächste Anordnung, wobei wieder ein Tanzschritt erfolgte, den Rossana eins zu eins imitierte und schließlich in eine 360 Grad Drehung über ging. Es knisterte leise in der Luft. Rossana senkte die Temperaturen ihres direkten Umfeldes – aber dankenswerter Weise nicht die Tribüne – auf weit unter null Grad, sodass sich kleine Eiskristalle in der Luft bildeten. Zunächst wurden sie im Wind wild umher gewirbelt, doch als das Wort Psychokinese fiel, gehorchten sie sogleich dem Willen Rossanas. Die kleinen Splitter wuchsen weiter und nahmen die Form von übergroßen Schneeflocken an, die bald in kunstvollen Kreisen ihre Bahnen um das Duo auf der Bühne zogen. Mehrere Ringformationen von verschiedener Größe türmten sich über dem Pokémon auf wie Schichten einer Hochzeitstorte und funkelten im Schein der Bühnenlichter. Je höher das Gebilde wuchs, desto lauter jubelten die Zuschauer und auch Melody applaudierte begeistert.

    Die Vorstellung wurde schließlich zum Abschluss gebracht, indem das Konstrukt mit den Psychokräften auseinander gestoßen wurde und in Sekunden verschwunden war. Einzig ein Hauch des vorangegangenen Glitzers regnete sanft auf Koordiatorin und Pokémon herab, Es brach Jubel aus, als hätte sie gerade einen Kampf gewonnen. Ryan ertappte sich dabei, wie er anerkennend nickte, doch noch bevor er sich eine fertige Meinung zu dem Auftritt gebildet hatte, fiel ihn Melody von der Seite an.

    „Wie cool war das denn? Ich hab noch nie gesehen, dass man Attacken so einsetzen kann.“

    Zugegeben, es gehörte schon mehr dazu, die Techniken so zu koordinieren, anstatt sie einfach auf einen Gegner zu schleudern. Doch er hatte jetzt nichts gesehen, dass er nicht vorher schon für machbar gehalten hätte.

    Er rang ein bisschen nach den richtigen Worten, um seine Meinung zu äußern. Langweilig war das sicher nicht gewesen, aber für ihn persönlich auch nicht super spannend. Und diese sich in Grenzen haltende Begeisterung war ihm offenbar anzusehen.

    „Jetzt sag nicht, du fandest das öde“, warnte sie bereits.

    „Das sicher nicht“, beteuerte Ryan sofort, suchte gleichzeitig noch nach den richtigen Worten.

    „Wie soll ich sagen? War auf jeden Fall schön anzusehen…“

    Er hatte gesprochen, als wolle er noch etwas Negatives äußern und Melody wartete nur darauf, dass er es tat.

    „Aber?“

    Er schürzte nachdenklich die Lippen und entschied dann, dass er einfach das erste aussprechen sollte, das ihm in den Sinn kam. Obgleich es eigentlich etwas zu plump und außerdem so klang, als wolle er sich gar nicht begeistern lassen.

    „Vom Hocker hat´s mich nicht gerissen.“

    Sie lachte trocken auf und ließ sich wieder in ihren Sitz fallen.

    „Mann, bist du anspruchsvoll.“

    „Ich fand das immer wertvoll an mir“, konnte er das seinerseits mit einem Lachen abtun. Währenddessen sprach Miriam einige begeisterte Worte über die Darbietung und rief das Publikum zu einem letzten Applaus auf, unter dem die Teilnehmerin schließlich kehrt machte und im Tunnel verschwand.

    Während der folgenden Vorführungen steigerte sich Ryans Begeisterung für Wettbewerbe nicht unbedingt. Er sah durchaus interessante und kreative Kunststücke, doch dann sah er auch wiederum welche, die ihm das Gefühl gaben, im Zirkus zu sitzen. Die Pokémon, die hier auftraten, wurden zwar wohl kaum zum Mitmachen gezwungen und einige schienen selbst Spaß beim Auftreten zu haben, doch Ryan schlug es dennoch bitter auf, dass diese großartigen Geschöpfe ins Showbusiness gedrängt wurden. Das Kämpfen lag in der Natur eines Jeden unter ihnen, ganz gleich, welcher Rasse sie angehörten. Aber das hier? Mit gutem Willen konnte er das hier als Talentwettbewerb anerkennen.

    Ryan behielt durchaus im Hinterkopf, die Leistung der Teilnehmer und Pokémon nicht zu schmälern oder kleinzudenken – aber er hatte sich einfach etwas Anderes von diesen Veranstaltungen versprochen. Naja, dann kam es eben so, wie von vornherein befürchtet. Er hatte dem einmal beigewohnt und wusste jetzt, dass er nie etwas Besonderes verpasst hatte. So dachte er und nahm einen tiefen Schluck, der seinen Becher leerte.

    Währenddessen betrat ein schlanker Mann in Frack und mit Zylinder die Bühne, der als Jordon Hendricks vorgestellt wurde und mit seinem Partner – einem Pantimos – gemeinsam erschien, anstatt es mit viel Licht und Glitzer aus seinem Ball zu entlassen, wie alle seine Vorgänger.

    „Ein eigenwilliger und definitiv seltener Auftakt. Ob Jordon damit bei der Jury punkten kann?“

    Ryan hatte noch immer keinen blassen, aus wem besagte Jury überhaupt bestand. Es wurde nie ein weiteres Mal ihre Namen genannt und zu hören bekam man von ihnen ebenfalls nichts, um nicht möglicherweise die Entscheidung, wer die nächste Runde erreichte, vorwegzunehmen. Auch erkennen konnte Ryan keinen von ihnen, da ihr Pult ebenso verdunkelt war, wie die Ränge.

    Hendricks und Pantimos gingen noch etwas weiter, als andere Teilnehmer mit ihren Tänzen und synchronisierten Bewegungsabläufen. Diese beiden hier machten gar ein Schauspiel daraus. Sie blickten sich um, als wüssten sie nicht, wo sie sind und was hier passierte. Das Psychopokémon machte unsichere, aber doch neugierige Schritte nach vorne ins Zentrum des Scheinwerferlichts. Dann streckte sein Trainer den Arm nach vorne, als würde er irgendetwas von jemandem erbetteln und befahl mit unglaublich weicher Stimme, Barriere einzusetzen. Die Hände von Pantimos legten sich vor seinem Gesicht übereinander, ehe es die Ränder von unsichtbaren Wänden nachzufahren schien. Was würde das denn werden? Die Zuschauer und vor allem die Jury mussten schon etwas sehen, das sie beurteilen konnten.

    Wie für diese Gattung so üblich und bekannt, tastete Pantimos sein Umfeld ab und machte bald Anstalten, die Wände verschieben zu wollen, was jedoch zum Scheitern verurteilt schien.

    „Sondersensor“, lautete der nächste Befehl.

    Das Pokémon, das sich zunächst resignierend und ratlos umgeschaut hatte, legte die Hände ein weiteres Mal zusammen. In ihnen leuchtete ein kleiner Lichtpunkt auf. Er war schwach, erhellte sein Umfeld keineswegs. Doch selbst um diffusen Licht erkannte man die purpurfarbenen Energiewellen, die er in einem gleichmäßigen Rhythmus ausstieß. Für gewöhnlich richteten sich diese Wellen im Kampf gegen ein anderes Pokémon und versetzten ihm einen Energiestoß, der die meisten durch die Gegend zu schleudern vermochte. Hier jedoch wirkten sie deutlich subtiler und außerdem nicht auf einen Punkt, sondern die gesamte Umgebung konzentriert.

    Ryan lehnte sich neugierig vor. Er hatte gar nicht gewusst, dass ein Pokémon Sondersensor derart beeinflussen und lenken konnte. Was jedoch wichtiger war – die bislang unsichtbaren Barrieren fingen die kaum sichtbaren Wellen auf, woraufhin ihre Ränder im mythischen Blau erstrahlten. Auch das war interessant. Barriere war eine trickreiche Technik, da nur der Anwender wissen konnte, wo sie sich genau befand. Er hätte nicht gedacht, dass man sie mit einer einfachen Psycho Attacke sichtbar machen kann.

    Und nun begann wohl das eigentliche Schauspiel. Pantimos blickte sich ein weiteres Mal in gespielter Verwirrung um, als die leuchtenden Wände langsam auseinanderstoben. Beinahe wirkte es, als seien sie nicht nur schwerelos, sondern frei von jeglichem Einfluss der Pantomime und schwebten langsam, wie Mantax im Wasser, davon.

    Doch plötzlich richtete sich eine davon neu aus. Ein Ende zielte präzise nach Pantimos und schoss dann pfeilschnell auf es zu. Mit einem gewagten Hechten zur Seite sowie einer geschickten Rolle konnte es dem entgehen, doch da schnellte schon die nächste auf es zu. Diesmal entkam es mit einem Rückwärtssalto.

    Jedes Mal, wenn eine schimmernde Energiewand auf das Pokémon zu schoss, raunte es in der Menge und Ryan stellte fest, dass er sich dem zum ersten Mal anschloss. Pantimos wollte hier nicht etwa seine geschickten Manöver oder Körperbeherrschung demonstrieren. Schließlich lenkte es die Barriere selber und konnte genau steuern, wohin sie fliegen würden. Doch es erschuf die Illusion, dass es nach außen hin so wirkte, als sein es wirklich in die Enge getrieben und kämpfte hier gegen einen unsichtbaren Feind.

    Da schien es auf einmal genug vom Ausweichen und Wegrennen zu haben. Eine Hand ballte sich zur Faust und prallte mit der Energiewand zusammen. Pantimos schlug bloß nach Luft. Es gab keinen Einschlag und folglich kein Geräusch, kein Splittern, gar nichts. Doch der Zuschauer beobachtete deutlich, wie die Barriere in dutzende, kleine Scherben zersprang und dann wieder langsam, träge und schwerelos durch den Raum zu schweben begann. Einige davon erreichten die vorderen Reihen der Tribüne, doch als die Menschen danach zu greifen versuchten, lösten sie sich mit einem schwachen, bläulichen Funkeln auf.

    Pantimos fühlte die nächste Wand auf seinen Rücken zielen. Natürlich, es lenkte sie ja selbst. Mit einer Drehung auf dem Fußabsatz wich es aus uns ging flüssig in einen Schlag mit der Handkante über, der die Wand in der Mitte spaltete und weitere, leuchtende Scherben in der Luft zerstreute. Der nächsten ging das Psychopokémon sogar einen Schritt entgegen und ließ sie an seinem Handballen zerschellen. Das Spiel ging noch einige Sekunden so weiter, in der Pantimons jedoch mehr und mehr überfordert schien, da es kein Ende nehmen wollte. Und als es dann für einen Moment doch so schien, als seien alle Energiewände zerschlagen worden, blickte es sich skeptisch um. Nur einen Atemzug später schien die Zeit zurückgespult zu werden und die aber dutzenden Splitter in der Luft nahmen nicht nur wie durch Zauberhand wieder ihre ursprüngliche Form ein, sondern bildeten ein geschlossenes Gefängnis um Pantimons herum. Es mimte das Opfer in der Falle, sah sich nervös um und hämmerte schließlich gegen die Wand, die plötzlich hell aufzuleuchten begann, sodass bald nur noch die Silhouette des Pokémons zu sehen war. Aufgeregtes Raunen durchzog vereinzelt die Massen und alle Augen, selbst die marineblauen von Ryan, hatten scheinbar alles um sie herum ausgeblendet.

    „Teleport“, erschallte es urplötzlich mit der weichen Stimme von Hendricks im Hintergrund. Nur eine Sekunde später zersprang das leuchtende Gefängnis, diesmal mit einem lauten Knall, wieder in Scherben. Doch von Pantimos fehlte jede Spur. Allerdings nur, bis ein einzelner Suchscheinwerfer den bis dato im verdunkelten Hintergrund gebliebenen Koordinator erfasste, der eine ausholende Bewegung vollführte. Pantimos stand genau neben ihm und imitierte diese. Gemeinsam gingen sie in eine Verbeugung über.

    Jubel entbrannte und ohne es im ersten Moment zu realisieren, klatschte auch Ryan durchaus etwas euphorisch in die Hände. Er lehnte sich lächelnd in seinen Sitz zurück und suchte den Blick Melodys, die gar zwei Finger in den Mund nahm, um laut zu pfeifen. Man konnte es dem Publikum ohne weiteres entnehmen, dass Jordon Hendricks bislang eindeutig die beste Show abgeliefert hatte und die Jury bestätigte das rasch. 27 von 30 möglichen Punkten las man an deren Pult.

    Miriam stimmte geradezu frohlockend ein.

    „Wow, wow und noch einmal wow. Eine derart kreative Darbietung mit schauspielerischer Untermalung habe ich lange nicht gesehen. Meine Damen und Herren, Jordon Hendricks und Pantimos – ich darf um Applaus bitten!“

    Dieser hatte noch nicht einmal nachgelassen, doch die Menge legte noch eine Schippe drauf. Das waren schon eher Reaktionen und vor allem Auftritte, die Ryan sich erhofft hatte. Pantimos hatte ihnen allen einen stummen, dramatischen Thriller vorgespielt und dabei wahnsinnige Beherrschung von Körper und Geist gleichzeitig demonstriert. Er war sehr neugierig, wie lange es gedauert hatte, diese Techniken zu erlernen und derart zu perfektionieren. Und auch die von Miriam angepriesene Kreativität verdiente durchaus Achtung.

    Plötzlich spürte Ryan einen geradezu krampfhaft festen Griff an seiner Schulter. Melody stand mit weit offenem Mund und ebenso weit aufgerissenen Augen da und krallte sich in seine Jacke.

    „Mir schlägt das Herz bis zum Hals“, ließ sie ihn wissen. Diesmal pflichtete er jedem ihrer Worte bei.

    Die beiden darauffolgenden Darbietungen vermochten weder das Publikum im Allgemeinen, noch Melody und vor allem Ryan im Besonderen wirklich beeindrucken. Nach dem Auftritt von Hendricks und Pantimos konnte man aber auch fast nur noch abstinken. Sei´s drum, es galt ja bloß noch einen letzten Kandidaten zu ertragen, bevor man sich den Kämpfen widmen konnte. Da die ja etwas anders abliefen, konnte sich Ryan einer gewissen Skepsis nicht entziehen, doch nachdem er hier bis auf wenige Ausnahmen im Großen und Ganzen betrachtet eher schlecht unterhalten worden war, würde nur ein bisschen Action bereits genug sein, um seine Laune zu heben. Das war ein bisschen, als bekäme man ein zähes Steak vorgesetzt, nachdem man sich tagelang nur von Trockenbrot ernährt hatte.

    Miriam, die ihrer Verzückung scheinbar kaum entkommen konnte, kündigte besagten letzten Teilnehmer bereits an. Der junge Trainer fragte sich, ob sie das jedes Mal bloß spielte oder wirklich so begeistert war.

    „…also halten sie sich für ein letztes Mal in unserer ersten Runde gut fest und begrüßen sie mit einem mächtigen Applaus Mila Montéra!“

    Ryan und Melody blinzelten für einen Moment, als hätte man ihnen gerade etwas Unglaubliches, geradezu Wahnwitziges erzählt und sie sich selbst dabei erwischt, wie sie es beinahe doch für voll genommen hätten. Das sollte auch nicht allzu überraschend sein, wenn sie hier, bei einem öffentlichen Wettbewerb unverhofft den Namen Mila hörten. Dennoch war es etwas peinlich und Ryan fuhr sich gleich mit der Hand über die Stirn. Aber es wäre schließlich undenkbar, dass die Drachenpriesterin hier als Teilnehmerin auftauchte. Der Name war zwar nicht allzu sehr verbreitet, doch sicher ließen sich in ganz Hoenn mindestens ein paar Dutzend Frauen mit diesem…

    „Ich glaub ich träume“, murmelte Melody konsterniert. Als Ryan aufsah, war er ziemlich sicher, seinen eigenen Augen selten mehr misstraut zu haben, als in diesem Moment. Sie war es!

    Ein Mensch hätte – aus welchem Grund auch immer – die eleganten Stiefel, den schwarzen Mantel mit dem weinroten Innenfutter und selbst den langen Handschuh am rechten Arm zwar kopieren können. Aber nicht die golden glänzende Haarpracht, die wie ein sanfter Schleier hinter ihr her schwang und den Hüftschwung ihres erhabenen Ganges nachahmte. Kaum war sie in der Mitte der Bühne angekommen, suchten ihre himmelblauen Augen nach ihren beiden. Wobei von einer wirklichen Suche nicht die Rede sein konnte. Es war eher so, dass sie die beiden sofort gefunden hatte und ihnen dieses Lächeln schenkte, das Ryan in der Frühphase ihrer Bekanntschaft so gehasst hatte. Und ja, jetzt gerade wollte es ihm auch nicht gefallen. Er fühlte sich nämlich ein bisschen verhöhnt, da er meinte, sie genieße ihre fassungslosen Blicke. Dabei wusste er genau, dass so etwas unter ihrem Niveau und generell nicht ihre Art war.

    „Die Frau hat sie doch nicht mehr alle“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, sodass ihn selbst Melody nur geradeso hören konnte. Er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte, dieses törichte – er lieh sich eines von Sheilas Lieblingswörtern hier sehr bewusst aus – Handeln zu kritisieren. Sicher konnte man jetzt argumentieren, dass es nirgends so sicher war, wie auf einer Bühne mit tausenden Augenpaaren auf sich ruhend, sodass niemand unbemerkt an sie herankommen könnte. Doch so viel verstand selbst Ryan von Attentaten, dass er solche Leute als leichtsinnige Idioten abstempeln konnte. Eben weil alle Augen gerade Mila fixierten wäre es ein Leichtes, von irgendeinem Punkt fern der Aufmerksamkeit aus, auf sie zu zielen. Ryan hatte selbst schon bezeugen müssen, dass manche Mitglieder von Team Rocket Schusswaffen trugen. Unter dem Hallendach war es sehr dunkel und warum sollte irgendein Zuschauer nach oben sehen?

    Doch so dumm und fahrlässig Ryan ihr Auftreten beurteilte, konnte er sich eines bestimmten Gefühls nicht erwehren. Es war da, obwohl er sich vehement dagegen auszusprechen versuchte, sich überzeugen wollte, dass seine erste Meinung dazu die einzig korrekte war. Doch tatsächlich musste er gestehen, dass Mila bislang nie etwas Unüberlegtes getan hatte oder unnötige Risiken eingegangen war. Zumindest nicht soweit er wusste. Er schätzte kurz ein, wie hoch die Chance war, dass Team Rocket ausgerechnet hier einen Angriff auf sie wagen würde, sowie die Chance, dass Sheila hier ungesehen untertauchen und doch rechtzeitig eingreifen konnte. Sein Kopf drehte sich und er inspizierte aus dem Augenwinkel die oberen Ränge. Hatte da war gefunkelt? Etwas Helles, fast Leuchtendes? Moment. Hatte er das nicht vorhin schon einmal gedacht?

    Das Licht erlosch. Mit einem Mal war es finster im Saal. Ryan erschrak ein wenig und befürchtete schon, jetzt würde ein Angriff folgen. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass nichts dergleichen geschah. Mila begann bloß mit ihrer Vorführung. Ein wenig verärgert über das beschissene Timing biss sich Ryan auf die Unterlippe und ließ sich in seinen Stuhl fallen. Unter diffusen Lichtverhältnissen würde er nichts und niemanden ausmachen können. Doch er war nun fast sicher, dass jemand hier nicht wegen des Wettbewerbes gekommen war.

    Dunkelblaue und violette Lichtstrahlen zogen über der Bühne ihre Kreise und bestrahlten künstlich erschaffenen Nebel. Abwechselnd ließen die mythisch, fast gespenstisch anmutenden Lichter eine menschliche Silhouette in ihm erscheinen. Die Stimmung war plötzlich eine ganz andere. Es war, als stünde ein grausiges Ereignis bevor und keiner wagte, als erster einen Mucks zu machen. Alle hielten den Atem an. Mit zwei festen Schritten trat Mila schließlich aus dem Nebel hervor, ließ den Kopf etwas hängen, sodass ihr Haar das Gesicht verbarg und ließ ihren Mantel ungewohnt lasch über ihren Schultern hängen. Noch hatte sich kein Pokémon zu ihr auf die Bühne gesellt. Ryan konnte seine Neugier, womit sie denn hier antreten würde, kaum in Worte fassen. Besaß sie denn überhaupt ein Pokémon? Im Sinne von: mit einem Pokéball gefangen? Ryan wusste bislang nur von ein paar Exemplaren, die sie Freunde nannte, allerdings in freier Wildbahn lebten und gehen konnten, wohin sie wollten.

    Nun passierte etwas. Mila ließ ihr Haupt einmal kreisen, bis ihr Kopf im Nacken lag und dehnte zusätzlich den Rücken weit zurück. Gleichzeitig wanderte ein Arm nach oben, bis er kerzengerade in die Luft zeigte und ihre Hand nach etwas Unsichtbaren zu greifen schien. Ein verräterisches Zappeln ihres Ärmels ließ bereits erahnen, was sie sich für diesen Auftritt ausgedacht hatte. Ein kleines, schwarzes Etwas entschlüpfte Mila´s Mantel und flog flink ihren Arm wie an einer Spiraltreppe herunter, ehe es für einen kurzen Augenblick hinter ihr verschwand und sich über ihrem Kopf endlich dem Publikum zeigte. Es war das Zwirrlicht, das Ryan bei ihrer ersten Begegnung gesehen hatte. Ein Handballgroßer Geist mit schwarzem Zipfel und einer Totenkopfmaske, in deren Höhlen blutrote Augen glühten.

    Vermutlich war dies nicht ganz, was sich viele der Zuschauer bei dieser aufgebauten Atmosphäre erwartet hatten, doch nach wie vor machte niemand einen Ton. Selbst Miriam hielt kompromisslos den Schnabel und ihre Augen hafteten nicht weniger eisern an dem Geschehen auf der Bühne.

    Der Nebel hatte sich mittlerweile bis über die vorderen Sitzreihen ausgebreitet, war jedoch nicht so dicht, dass er den Blick der dort platzierten Fans behinderte. Mila sagte kein Wort. Ihr einziger Befehl äußerte sich in einer simplen Geste. Mit einer weit ausholenden Handbewegung bedeutete sie ihrem Partner eine Richtung, nämlich geradewegs ins Zentrum der Menschenmassen vor ihnen. Ein alarmiertes Raunen ging durch ihre Reihen, als Zwirrlicht plötzlich im Nebel untertauchte, wodurch nur noch ein dunkler Schatten seine Position mutmaßen ließ. Der schien sich auf einmal zu duplizieren. Erst drei, dann fünf… und dann wurden sie auch noch größer!

    Wahrscheinlich reagierten in den folgenden Sekunden alle Zuschauer gleich – ein skeptisches Runzeln der Stirn, auf welches bis auf´s Äußerste geweitete Augen folgten, da die Schatten wie Tohaido aus dem Wasser die Oberfläche durchbrachen. Jeder von ihnen imitierte schemenhaft die Gestalt von Zwirrlicht und öffnete das Maul unrealistisch weit, als wollten sie dutzende Menschen auf einmal verschlingen. Tatsächlich fielen die allermeisten unter ihnen auf die geisterhafte Illusion herein, da – besonders unter der weiblichen Besucherschaft – teils lautes Gekreische ertönte. Doch die Schatten-Zwirrlichts verpufften wie der Nebel, dem sie entstiegen waren und von dem kleinen Geisterpokémon war nichts zu sehen. Für einen Moment jedenfalls. Die meisten hatten es wohl erst spät bemerkt, dass sich in besagtem Nebel die markante Totenkopfmaskeauf dem Boden abbildete. Jedoch erkannte sie wirklich erst dann jeder einzelne, als der Nebel an zwei Punkten auseinander stob, quasi die Augenhöhlen bildete und in jenen zwei helle, bläuliche und nicht etwa rote, Flämmchen aufflackerten. War das Irrlicht?

    Im Hintergrund erkannte Ryan wirklich nur geradeso und nebenbei, wie Mila erneut mit den Händen gestikulierte, während ihre Augen nach wie vor verdeckt waren. Ihre Hände deuteten etwas an, als greife sie vorsichtig mit je zwei Fingern nach etwas Kleinem und werfe es in die Luft. Daraufhin lösten sich die Irrlichter plötzlich aus den Höhlen und stiegen, flott umeinander kreisend in die Höhe. Waren da Stimmen? Tatsächlich!

    Von dem visuellen Schauspiel ganz und gar eingenommen hatte Ryan sie wahrscheinlich nicht gleich bemerkt und auch wenn er das nicht mit Sicherheit wissen konnte, war er da bestimmt nicht der Einzige. Es klang wie ein kindisches, aber doch irgendwie boshaftes Kichern und so, wie es laut genug geworden war, dass man es nicht mehr überhören konnte, zeichneten sich gespenstische Mimiken in den Flammen ab. Zunächst schienen sie nur einander zu beachten, ehe sie sich dann doch, mit einer blitzschnellen Drehung und einem Grinsen, das böse Absichten erahnen ließ, dem Publikum zuwandten. Bevor sie tatsächlich etwas unternahmen, bedeutete Mila allerdings mit einer Hand, die Finger weit gespreizt, dem vernebelten Schädel auf dem Boden, sich zu erheben. Was aus den Schleiern emporstieg war jedoch kein Gebilde aus Nebel, sondern nicht weniger als ein Zwirrlicht, dessen Größe überraschenderweise selbst Ryans Despotar in den Schatten stellte. Es riss, wie die zuvor seine Illusionen, das Maul weit auf und verschluckte die Irrlichter.

    Mila hatte die Hände ineinander gefaltet und riss sie nun gewaltsam auseinander, während ihr Kopf weit nach unten fiel. Gleich darauf schien es, als wollten die blauen Flämmchen aus dem Geisterkörper ausbrechen. Doch warum waren es plötzlich so viele? Auf die Schnelle konnte Ryan die blauen Flammengeister nicht zählen, die sich schemenhaft in dem halbdurchsichtigen Geisterleib tummelten, doch es waren sicher sieben oder acht Stück. Sie durchstießen Zwirrlichts Seiten und waren doch unfähig, sich von ihm zu lösen. Schrien, kreischten, jaulten, wie Gefangene, die in einem Wahn zu fliehen versuchten, doch wurden sie immer wieder in den schwarzen Körper hineingezogen. Im Hintergrund war Mila dazu übergegangen, sich immer und immer wieder auf dem Absatz um die eigene Achse zu drehen, die Arme noch immer ausgebreitet. Zwirrlicht machte es ihr nach. Sein Körper begann zu rotieren und finstere Nebelschwaden abzusondern, die bald einen stürmischen Wirbel um es herum bildeten. Es wehte kein Wind im Saal und es zerrte keine Böe an Kleidern und Haaren. Doch vor ihnen wurden die blauen Flammengeister nun letztlich doch durch diese Macht aus Zwirrlichts Körper gerissen und waren in diesem Strudel aus Schwarz, Blau und Violett gefangen. Unter den Zuschauern war es längst laut geworden. Manche ließen sich noch immer durch das unheimliche Schauspiel und die Illusionen verängstigen. Andere wurden unruhig oder aufgeregt und wieder andere auf eine doch etwas makabre Art fasziniert.

    Mila drehte sich weiter, begann nun jedoch die Arme nach oben wandern zu lassen, während ihr Haar und ihr Mantel durch die Bewegung weite Schwünge machte. Der riesige Geisterkörper zog den Strudel enger, bis er am unteren Ende gar völlig Spitz war und für einen Moment stark an einen Tornado anmutete.

    Und da kam Mila plötzlich zum Stillstand, woraufhin besagter Tornado in Windeseile schrumpfte, schmaler wurde und die Laute der Flammengeister verebbten. Alles zog sich zusammen und versank im noch immer am Boden wabernden Nebel, bis urplötzlich Zwirrlicht – nun wieder in gewohnter Größe – aus ihm entschlüpfte und den Strudel aus seiner eigenen Illusion, der mittlerweile nur noch Armlänge besaß, abermals verschluckte.

    Auf einen Schlag war der Spuk vorbei. Stille. Ruhe. Offenstehende Münder unter den Zuschauern.

    Und Zwirrlicht? Der kleine Geist schien plötzlich so unschuldig, als könne er kein Wässerchen trüben und schraubte sich noch einmal spiralförmig in die Höhe, um dann langsam und sachte auf Mila´s Schulter herabzuschweben, die in eine Tiefe Verbeugung übergegangen war. Beide Beine gestreckt und überkreuzt, den Oberkörper weit und tief nach vorne gebeugt und die Arme vom Körper gespreizt. Das Licht erlosch.

    Für wenige Sekunden war es stockfinster im Saal. Doch noch bevor das Licht ihn wieder erhellte, brach ausnahmslos jeder in tosenden Applaus aus. Jeder, aber auch jeder einzelne auf den Rängen klatschte und jubelte, als habe sich Arceus persönlich ihnen gezeigt. Nur einer stimmte dem etwas später ein – Ryan. Hinterher würde er den Blick, mit dem er auf Mila herabgesehen hatte, wohl als extrem peinlich einstufen. Doch für diesen einen Moment war er ihr allergrößter Fan. Das war… spektakulär gewesen. Brilliant, umwerfend, faszinierend. Ein Kunstwerk!

    Als er aus seiner Starre erwachte, war er der erste, der sich von seinem Sitz erhob und stehend seine Begeisterung bekundete. Der Reihe nach gesellten sich ausnahmslos alle Zuschauer mit dazu. Keiner saß mehr. Alle gaben sie stehende Ovationen für Mila und Zwirrlicht. Selbst die Jury, pflichtete dem bei. Und Miriam kam aus ihrer Begeisterung überhaupt nicht mehr heraus, überhäufte die beiden mit Lobeshymnen, von denen jedoch kaum ein Wort zu Ryan durchdrang. Dafür war der Lärm zu überwältigend.

    Es wäre keine Übertreibung, wenn Ryan diesen Auftritt als eines der famosesten Schauspiele bezeichnete, dem er beigewohnt hatte, seit er mit Pokémon arbeitete. Ähnlich wie vorhin Hendricks mit seinem Pantimos, wurde hier nicht bloß ein Kunststückchen vollzogen. Zwirrlicht hatte sie alle gefesselt, gepackt, ihnen bewiesen, dass in diesen kleinen Geist deutlich mehr steckte, als das eher unscheinbare Äußere vermuten ließ. Es hatte ihnen seine Seite des Schreckens gezeigt, wenn man so wollte und ihnen ein Schauermärchen in Kurzformat gespielt. Und das alles ohne ein Wort oder eine Anweisung von Mila.

    Weit in den hinteren Reihen gab es eine einzelne Person, die sich der allgemeinen Begeisterung jedoch nicht anschließen wollte. Sie lehnte tief in ihrem Sitz und hatte die Beine überschlagen. Eine Hand wanderte unter ihre Weste, um einen verchromten Flachmann zutage zu fördern. Nun, da alle mit ihrem Jubel beschäftigt waren, konnte sie endlich wieder für einen Moment ihren Brand stillen. Das heiße Gefühl in ihrer Kehle war wohltuend, lenkte ab von dem in ihrer Brust sowie dem Kribbeln in ihren Händen. Zwei bernsteinfarbene Augen stachen durch die Meute hindurch direkt auf Mila. Sie fing ihren Blick auf und lächelte hämisch. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Nun, Bella hatte ohnehin nicht vorgehabt, hier zuzuschlagen. Hätte sich eine jedoch Gelegenheit geboten, so hätte sie diese ergriffen. Doch das wäre in dieser Position unklug, wie sie zu gut wusste. Dieser Ryan hatte zwar einen Verdacht, so wie es den Anschein hatte, kannte aber ihr Gesicht nicht. Hatte vermutlich bloß ihre leuchtenden Augen beiläufig bemerkt. Ein anderes Paar spürte Bella stetig auf sich selbst ruhen. Versteckt über ihnen, in der Dunkelheit unter dem Hallendach. Ein paar Augen von rubinroter Farbe.

    Nach diesem furiosen Finale der Qualifikationsrunde war eine dreißigminütige Pause angesagt worden, in der die allermeisten Besucher ihren Platz verließen, um im Rundlauf Hunger und Durst zu stillen oder sich erleichtern zu gehen. Unnötig zu erwähnen, dass Mila, wie zuvor noch verkündet, den ersten Rang belegt und außerdem die maximale Punktausbeute vorzuweisen hatte. Umso mehr würde es alle verwundern, dass sie Mila kein zweites Mal würden sehen können. Während die glücklos ausgeschiedenen Koordinatoren ihre Sachen packten und die übrigen Halbfinalisten sich auf die nächste Runde vorbereiteten, war sie unbemerkt durch einige leere Flure und schließlich durch eine Seitentür ins Freie gelangt. Fern der Menschenmassen und der Hauptstraße.

    Doch, so unverhofft es auch war, wurde sie dennoch erwartet.

    „Mila Montéra?“, erkundigte sich eine junge, männliche Stimme bezüglich ihres Namens.

    Ryan hatte die Arme verschränkt und schien erwartungsvoll, während Melody lächelnd und die Hände auf dem Rücken gefaltet, hinter ihm hervorlugte.

    Mila war für einen winzigen Moment überrascht, hatte den Mund leicht offen und war in der Bewegung erstarrt. Fast hätte Ryan es nicht bemerkt, so rasch ging sie in ihre übliche Haltung über und lächelte ihrerseits.

    „Es ist nicht mein echter Zweitname, falls Ihr euch das fragt. Nennt mich weiter so, wie ihr mich kennt.“

    Sie überwand die paar Meter, die zwischen ihnen lagen mit entspannten Schritten und ohne sich eine Blöße zu geben, in Bezug auf die Attentäterin, die ohne Zweifel im Publikum gesessen hatte.

    „Eure Gabe beweist sich mir erneut, wenn Ihr ahnen konntet, dass ich hier vorbeikommen würde.“

    Ryan ging gar nicht darauf ein. Sein Lächeln war eher schwach, vertuschte zumindest ein bisschen die Enttäuschung.

    „Du gehst vorzeitig?“
    Es war doch sehr ironisch, dass er plötzlich sehr gespannt auf den weiteren Verlauf dieses Wettbewerbes war, hatte dieser ihn doch bis vorhin nur mäßig begeistert.

    „Das war von Beginn an meine Absicht gewesen.“

    „Wieso das?“, erkundigte sich nun Melody, die es ebenfalls sehr bedauerlich fand, dass Mila in der zweiten Runde nicht antrat.

    Ganz so einfach würde die Drachenpriesterin diese Frage leider nicht beantworten können. Kurz vor der Eröffnung hatte sie sich eben diese noch selbst gestellt. Vermutlich waren es mehrere Gründe, warum sie überhaupt teilgenommen und das Paar dann auch noch zum Kommen bewegt hatte. Die simpelste Begründung wäre wohl, ihnen einen erholsamen Tag miteinander zu schenken, an dem sie miteinander Zeit verbringen und sich von dem mentalen Druck der jüngsten Vergangenheit erholen konnten. Doch da gab es noch etwas Wichtigeres. Etwas, dass sie Ryan hatte zeigen wollen.

    Ryan arbeitete unglaublich zielstrebig mit seinen Pokémon. Das hatte sie zuletzt mehrfach bezeugen können. Doch seine Einstellung war dabei manchmal etwas zu verbissen, wie Mila fand. Er redete sich dauerhaft selbst ins Gewissen, er müsse Erfolge erzielen. Damit waren nicht zwingend Siege in Arenen oder bei Turnieren wie dem anstehenden Summer Clash gemeint. Selbst wenn er nur trainierte, war er nicht eher zufrieden – und auch nie mehr als bloß zufrieden –, bis er nicht das Gefühl hatte, irgendetwas an sich oder seinen Pokémon verbessert zu haben. Er war ein Arbeitstier und ein wenig schämte sich Mila dafür, dass sie nie so offen darüber mit ihm gesprochen zu haben, wenn sie ihm zugesehen hatte. Man konnte so viel freier und unbeschwerter mit ihnen arbeiten. Ohne Leistungsdruck einfach die Zeit genießen. Doch immer nur hatte sie die positiven, lobenden Worte ausgesprochen. Sheila würde das vermutlich verurteilen und als Verhätschelung betiteln. Natürlich würde sie das. Mila tat es ja quasi selbst.

    Ryan und Melody vermuteten bereits, vergeblich auf eine Antwort warten zu müssen, da lenkten ein paar feste, stramme Schritte hinter ihnen die Aufmerksamkeit auf sich. Milas Brauen zuckten Böses ahnend nach oben. Sie rechnete bereits fest damit, dass Bella nun hinter ihnen auftauchen würde, doch rasch erkannte sie, dass das unmöglich war. Sie würde niemals so offen angreifen und sich unbehelligt zeigen, bevor nicht ein paar Messer im Körper ihres Ziels steckten.

    Im bald dämmernden Tageslicht trat ein Mädchen mit nachtblauem Haar, das ihre untere Gesichtshälfte mit einem Schal verhüllte und sie aus funkelnden Augen mit rubinroter Farbe ansah. Sie stemmte einen Arm in die Hüfte und streckte selbige heraus.

    „Es wird höchste Zeit, aufzubrechen.“

    Während Ryan und Melody die Stirn runzelten, seufzte Mila bloß niedergeschlagen. Sie erntete fragende Blicke und erwiderte mit einem, der bereits jetzt um Vergebung bat.

    „Holt bitte Eure Habseligkeiten aus eurer Unterkunft. Wir verlassen die Stadt.“

    „Jetzt?“

    Nicht, dass es grundlegend zu spät am Tage war, um das zu tun, aber es erschloss sich keinem von beiden der Grund. Wie auch? Es war ja keiner genannt worden.

    Ryan spürte plötzlich den kalten und schmerzlich festen Griff Sheilas am Oberarm und fand ihr Gesicht deutlich näher an seinem, als ihm lieb war. Sie wirkte so nahe einfach noch bedrohlicher und er wurde ohnehin durch alle Dinge verunsichert, die sie normalerweise nie tat. Hierzu zählte Nähe definitiv.

    „Tu es einfach, wenn du hier kein Gemetzel erleben willst.“

  • Kapitel 34: Zwei Fronten


    Ein bisschen kamen sich Ryan und Melody vor, als würden sie entführt. Noch nie hatten sie erlebt, dass Mila sie hinter sich her schleifte, als seien sie unartige Kinder, die soeben etwas Unverantwortliches getan hatten. Und dann führte sie die beiden vom Pokémoncenter aus auch noch durch zwielichtige Seitengassen, als versuche sie, sämtlichen Menschenmassen zu entkommen und auszuweichen. Sie war jedoch erheblich nachsichtiger als Sheila, deren schraubstockartige Hand Ryans Schulter umklammert hielt und ihn zügigen Tempos unablässig vor sich her schob. Er unterdrückte die Proteste gegen ihren Griff und versuchte sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Im Gegensatz zu Melody.

    „Erklärt uns bitte jemand, was eigentlich los ist? Ist etwas passiert? Hat Team Rocket angegriffen?“

    Mila, die vorausging, bog um eine Ecke, sodass am Ende der Gasse eine schmale Seitenstraße auftauchte. Dort parkte ein schäbiger schwarzer Van, an dessen geöffneter Fahrertür ein sehr unruhiger Pete auszumachen war.

    „Nein, ja und nein“, antwortete Mila jeweils auf die Fragen Melodys. Die konnte sich nicht verkneifen, mit erhobener Braue auf ihren Rücken zu starren, wissend, dass sie sich doch nicht umdrehen würde. Das war nun wirklich nicht die Art, die man von ihr gewohnt war. Weder bat sie um Vergebung für die zumindest verhältnismäßig grobe Behandlung, noch versuchte sie, das Paar zu beruhigen und umging sämtliche Erklärungen. Ihre Augen waren verengt und schienen jeden Moment mit dem Ausbruche einer Katastrophe zu rechnen. Ryan drehte einmal den Kopf, um in die von Sheila zu sehen, doch die wirkten nur finster und kalt, wie eh und je. Allerdings hatte der junge Trainer jüngst begonnen, hinter die blutrünstige Fassade zu blicken, die den Großteil ihrer Persönlichkeit ummantelte und war sich sicher, auch in ihr eine gewisse Unruhe zu erkennen. Doch sie ließ keine ausgiebige Einschätzung zu, drehte seinen Kopf wieder nach vorne und schob noch etwas harscher.

    Als sie aus der Gasse traten, blicke Mila rasch nach links und rechts, prüfte die Straße und umklammerte für einen sehr kurzen Moment Petes Oberarm. Ein Zeichen, dass sie ihm für sein Hiersein und den Göttern für seine Gesundheit dankte. Doch sie wollte Ryan und Melody keinen Anlasse geben, das zu vermuten. Es würde die Situation nicht verbessern.

    „Na los, na los! Versteht ihr, was Tempo bedeutet?“, hetzte er sie, obgleich beide unaufgefordert das Fahrzeug bestiegen und versuchte scheinbar, so nüchtern zu klingen, wie nur irgend möglich, doch war dieser Mann nicht so schwer zu lesen, wie die Drachenpriesterin. Ryan schielte ihn im Vorbeigehen zwar nur kurz aus dem Augenwinkel an und ahnte sofort, dass er deutlich nervöser war, als er sich gab. Erneut unterband die Attentäterin in seinem Rücken das Anstellen weiterer Vermutungen, indem sie sich hinter ihm in den Van drängte.

    Pete tauschte einen letzten, kurzen Blick mit Mila, die ihm dankend zunickte, doch ihr Gesicht blieb ernst und kalt. Untypisch für sie, doch so sah wohl jemand aus, der um Menschenleben fürchtete. Der Barbesitzer schwang sich auf den Fahrersitz und startete den Motor. Noch ehe er die Tür gänzlich geschlossen hatte, rollte der Wagen bereits. Ryan drehte sich verdutzt nach Mila, die am Straßenrand verblieb und ihnen einen Moment lang hinterherblickte, ehe sie kehrt machte.

    „Wo will sie hin? Und wo wollen wir hin?“, fragte er und lehnte sich vor, stützte sich dabei auf den freien Beifahrersitz.

    „Sie stößt wieder zu uns“, antwortete ihm allerdings Sheila, deren Stimme plötzlich sehr angewidert klang. Melody bemerkte, wie sie mit verengten Augen jeden Winkel der Rückbank erkundete und sich eine Hand nahezu krampfhaft in die Ledersitze krallte. Jetzt sollte ihr bloß niemand erzählen, Sheila hasste das Autofahren.

    Pete drückte das Gaspedal fast bis zum Boden durch, woraufhin Ryan Mühe hatte, sich festzuhalten. Doch so einfach würde er sich nicht abwimmeln lassen. Er vertraute Mila und wenn sie Pete vertraute, war er fein damit. Aber er verlangte jetzt Antworten.

    „Wir haben unangenehmen Besuch“, erbarmte er sich schließlich dürftig zu erklären. Doch da Team Rocket bereits ausgeschlossen worden war, blieb die Frage nach der Identität des Besuchers offen. Pete ließ allerdings keine weiteren Fragen zu.

    „Zwing mich bitte nicht, mehrmals dieselbe Erklärung zu liefern. Ihr erfahrt alles, sobald wir Sandra und Andrew treffen.“

    Auf bohrende Fragen wurde im stillen Einverständnis verzichtet. Zumindest vorerst.


    Ryan hatte sich selten während einer Autofahrt so fest in den Vordersitz gekrallt. Sie waren auf der Rückbank hin und her geschleudert worden, wie die Lottokugeln, wobei Sheila noch die größte Ausnahme darstellte. Die anderen beiden hatte bereits befürchtet, geschlagen zu werden, wenn nicht Schlimmeres, wenn sie die Attentäterin ungewollt angestoßen hatten.

    Als der Wagen endlich zu Stillstand kam, lag die Stadt bereits lange hinter ihnen. Selbst die Vororte wären bloß in der Verne auszumachen und auch nir aus erhöhter Position. Ein staubiger Pfad und hügelige Graslandschaft, hinter die sich die Sonne in wenigen Stunden schieben würde, lag hinter ihnen. Voraus lag dagegen ein weitläufiger Pinienwald. Noch abgelegener als ihr üblicher Trainingsplatz, an dem sie vergeblich Team Rocket heranzulocken versucht hatten.

    Der Weg machte hier einen Knick und verlief am Waldesrand entlang. Genau an dieser Stelle warteten bereits zwei Personen auf das Fahrzeug. Andrew stapfte hektisch und offenbar nicht gerade bester Laune auf selbiges zu, kaum dass es gehalten hatte. Pete presste bereits jetzt genervt die Lippen aufeinander und stieg eher widerwillig aus.

    „Ich hab den Kanal voll mit der ständigen Heimlichtuerei“, fuhr Andrew ihn möglichst beherrscht an. Gelang ihm nicht allzu gut. Pete versuchte sich nicht zu sehr auf ihn einzulassen und wandte sich an Sandra.

    „Euch ist keiner gefolgt?“

    „Weder am Boden noch in der Luft.“

    Die Antwort ließ Ryan die Stirn runzeln. Warum sollte man das so formulieren? Mit einem Seitenblick auf Sheila bemerkte er dann, dass sie ebenfalls den Himmel inspizierte, als erwarte sie einen Angriff von oben. Die Frage war nur von wem?

    Er stellte sie nicht, sodass sie nur wenige Sekunden später die Grenze zum Wald passierte und hastig zwischen den Bäumen hin und her huschte. Obwohl sie in sehr großem Abstand zueinander standen, war sie binnen weniger Augenblicke verschwunden.

    „Sie wirft einen Blick voraus. Eure sollten ab jetzt immer nach oben gehen“, empfahl Pete und zündete sich eine Zigarette an.

    „Was hat das zu bedeuten?“

    Sandra wirkte deutlich beherrschter als die jüngeren Trainer, doch auch ihr konnte man die Unruhe anmerken sowie das Drängen auf eine Antwort erahnen.

    „Eine alte Freundin von Mila ist gestern aufgetaucht und hat sich heute sogar in die Nähe der Stadt gewagt.“

    Diesmal legten alle die Stirn in Falten und Melody war es, die die offensichtliche Frage stellte.

    „Und das ist warum schlecht?“

    „Weil diese Freundin euch sehen will. Und zwar blutig.“

    Die Blicke wurden ernster und der Wind umspielte die schweigende Gruppe, zupfte an Haaren, Jacken und Umhängen. Man sah sich einander an, ohne zu wissen, was man zu erwarten hatte. Pete ließ ihnen einen Moment, bevor er fortfuhr. Er wusste, dass diese Botschaft schwer aufzunehmen war, nachdem sie alle für diesen einen Tag versucht hatten, etwas abzuschalten.

    „Konkreter gesagt will sie Ryan. Und sie wird niemanden, der sich ihr in den Weg stellt, mit Samthandschuhen anfassen, wenn ihr versteht.“

    Natürlich verstanden sie das. Zumindest so weit die Erklärung bislang reichte. Nur war das noch nicht weit genug.

    „Wer soll das sein?“, verlangte nun Sandra zu wissen. Pete nahm einen tiefen Zug und hielt den Zigarettenrauch lange inne, ehe er ihn langsam ausstieß.

    „Hat euch Mila je von Ruby erzählt?“, fragte er etwas zögerlich. Er wirkte auf einmal anders, als man ihn bislang beobachten konnte. Stiller, inniger. Allem voran aber besorgt.

    Alle schüttelten den Kopf. Über Mirjana, beziehungsweise ihre Bekannten, so hatten Ryan und Andrew das Gefühl, war ihnen wahrlich nicht mehr, als das Nötigste erzählt worden. Doch wenn selbst Sandra ahnungslos war, dann mochte das etwas bedeuten. Vielleicht, dass es sich um etwas, oder eher jemanden handelte, worüber Mila bislang nicht hatte sprechen wollen.

    „So taufte sie vor was weiß ich wie vielen Jahren ein Brutalanda. Ich weiß auch nicht viel von ihr, außer wie sehr Mila von ihr geschwärmt hat. Wie stark sie sei, wie lange ihre Freundschaft bereits hält und wie sehr sie selbige schätzt.“

    Alle ahnten bereits, woher der Wind wehte. Pete ließ ihnen ein weiteres Mal einige Sekunden, bevor er die Bombe platzen ließ.

    „Und genau die wünscht sich dich als ein Schaschlik“, verkündete er mit einem Blick auf den jungen Trainer.


    Er reagierte nach außen hin überhaupt nicht auf diese Information. Erwiderte einfach den Blick von Pete, der ihn scheinbar zurechtzuweisen versuchte, als wolle er sagen, dass Ryan sich das selbst zuzuschreiben hatte. Das war auch nicht die Unwahrheit und er fasste das, was Pete ihnen hier sagte – und vor allem, wie er es ihm sagte – nicht böse auf. Melody dafür schon, denn die klammerte sich gleich fest an seinen Arm und versuchte ihrerseits Pete mit ihren Augen zu kontern. Als sei sie entrüstet über die Art und Weise, wie er ihn ansah, wie er mit ihn redete. Ryan hatte mehr als genug Reue gezeigt, seit sie ihn wiedergefunden hatte. Dass man ihn schon wieder anprangerte, würde sie unterbinden. Das stand keinem zu und Pete schon gar nicht.

    Doch Ryan zeigte auch auf Melody keine Reaktion. Ihm war selbst noch nicht ganz klar, wie er das hier aufnehmen sollte. Schockiert war er sicher nicht. Ihn hatten bereits Drachen angegriffen, bevor er überhaupt etwas begriffen hatte. Ihm war lange klar, dass weitere solcher Angriffe folgen würden. Lediglich die Umstände waren für ihn neu.

    Sandra verengte leicht die Augen, während sie den Blondschopf ansah. Sie hatten mittlerweile zu Genüge über solche Themen gesprochen und ihr war ebenso klar gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit und des Angreifers sein würde.

    „Ein Brutalanda sagst du?“

    Ryan sprach sehr nüchtern und trocken. Pete tat es ihn fortan gleich.

    „Wenn man Milas Worten glauben mag, ist sie wahrscheinlich eines der stärksten lebenden Drachenpokémon. Und sie würde nicht zögern, dich selbst in der Stadt anzugreifen. Deswegen mussten wir dich dort rausholen.“

    In Sicherheit wäre Ryan hier in der Wildnis sicher auch nicht, aber dafür die Bewohner von Graphitport. So weit durfte es auf keinen Fall kommen, dass sich die Straßen der Hauptstadt rot färbten, bloß weil Ryan sich dort aufhielt.

    „Und für wie lange?“, warf Andrew ein und trat neben Pete. Er hielt seine Umhängetasche fest, geradezu krampfhaft umklammert und versuchte die Nervosität zu unterdrücken.

    „So lange es sein muss. Bis sie uns hier draußen findet kann es Nacht sein oder vielleicht schon wieder Morgen. Aber so lange sie dir nachstellt, dürfen wir auf keinen Fall in der Nähe von anderen Menschen sein.“

    Sie nickten alle langsam und zögerlich, stimmten jedoch absolut zu.

    „Und wie sollen wir dafür sorgen, dass sie mir nicht mehr nachstellt?“

    Andrew, Sandra und Melody blickten erst zu Ryan, der die Frage ausgesprochen hatte, als wüsste er die Antwort bereits, und dann wieder zu Pete. Der blickte jedoch ratlos in die Runde und zog ein weiteres Mal an seiner Zigarette, ehe er den Kopf schüttelte.

    „Bei fast jedem andere Pokémon würde ich wohl sagen, besiegt es im Kampf. Zeigt, dass ihr stärker seid. Aber, so sehr Mila euch beide auch für eure Fähigkeiten als Trainer gelobt hat…“

    Beinahe war er es, der hilfesuchend von einem Augenpaar zum nächsten wanderte, während er darin eine Antwort zu finden hoffte.

    „Ich kann´s mir echt nicht vorstellen.“

    Es herrschte bestimmt eine ganz Minute lang Stille. Sie wurde nur vom Klang des Windes gestört, der auf dem saftig grünen Laub der Bäume eine sanfte Melody spielte. Keiner wollte so wirklich etwas sagen, aber selbst wenn, würde niemandem in diesem Moment etwas Hilfreiches oder Aufbauendes einfallen. Es war geradezu erlösend, als ein dumpfer Schlag auf der fast nackten Erde, nur ein paar Meter von ihnen entfernt, Sheila in hockender Position auftauchte. Sie richtete sich langsam auf und musterte jedes einzelne Gesicht. Ihr mochte etwas Ähnliches auf den Lippen liegen, wie neulich, als sie die beiden Trainer sowie die Arenaleiterin wachgerüttelt hatte.

    „Nicht weit von hier ist eine Lichtung, die sich gut als Nachtlager eignet. Wir warten dort auf Mila.“

    Erneut wurden untereinander Blicke ausgetauscht. Von Enthusiasmus oder Tatendrang war nicht die geringste Spur. Die Nachricht von diesem Brutalanda namens Ruby war zwar keine Hiobsbotschaft, aber gut war sie ganz bestimmt nicht. Sie hatten schließlich bereits genug Sorgen und ehe man sich um ein Problem hatte kümmern können, war bereits das nächste aufgetaucht.

    Keiner wusste mit Gewissheit, wohin ihr Weg, ihrer aller Entscheidungen sie hinführen würden. Doch so wie jetzt konnte es auf keinen Fall weitergehen.


    „Die Stadt verlassen?“, wiederholte sie. Eine der schmalen Brauen war verblüfft nach oben gewandert, doch ihre Stimme hatte lediglich Neugier verheißen lassen. Sie ging nicht wirklich davon aus, dass Mila vor ihr floh. Noch weniger davon, dass es ein offensiver Zug war, den sie damit getan hatte.

    „Sie sind in nördlicher Richtung in den Wäldern untergetaucht. Vermutlich verstecken sie sich.“

    Die Bernsteinfarbenen Augen der Agentin wirkten etwas müde. Kein Wunder. Tag und Nacht war sie Mila und ihrer Gefolgschaft auf den Versen – oft während sie sich an unterschiedlichen Orten aufhielten. Das ging selbst an ihr nicht ewig spurlos vorbei.

    Die Frau ihr gegenüber lehnte sich nach vorne, stützte einen Ellenbogen auf den polierten Tisch und legte die Hand ans Kinn. Die langen, schmalen Halsketten schabten leicht über das glänzende Holz.

    Obwohl diese Bar völlig verlassen war – natürlich, da Team Rocket sie aufgekauft hatte – saßen die beiden in der hintersten Ecke des Raumes, an einem kleinen Tisch für nicht mehr als zwei Personen. Dämmriges Licht sowie eine einzelne Kerze zwischen ihnen stellten die einzigen Lichtquellen dar.

    „Monatelang haben sie uns ausspioniert und Schlüsselpersonen sowie ganze Basen eliminiert, während sie sich uns offen zeigten. Warum sollten sie sich gerade jetzt vor uns verstecken?“

    Weder klang die Frage des Schwarzen Lotus frustriert, noch verärgert, verhasst oder sonst irgendwie belastet. Bella spürte, dass sie sich auf ihre Antworten freute. Dass die Informationen, die sie übermittelte, diese Frau amüsierten.

    „Wer spricht denn von uns?“

    Erneut zog sie eine Braue hoch und das Lächeln wurde noch ein wenig weiter, während die Agentin an ihren Whiskey nippte. Er war überragend, schmeckte tausendmal besser als das meiste, was sie je probiert hatte. Doch sie brachte all ihre Willenskraft auf und hielt sich im Zaum. Es wäre unklug, sich vor den Augen ihrer Klientin zu betrinken.

    „Ich sah neulich ein Bilderbuchexemplar von einem Brutalanda über eben diese Wälder fliegen“, berichtete sie weiter, als sie ihr Glas absetzte und mit einem Finger den Rand entlangfuhr.

    „Und du meinst, das ist der Grund?“

    „Sie konnten es kaum eilig genug aus der Stadt schaffen, nachdem sie Ryan Carparso darüber informiert hatten. Es wäre des Zufalls etwas zu viel, wenn es einen anderen Grund gäbe.“

    Die Frau lehnte sich wieder zurück, starrte verzückt in die Kerzenflamme und griff ihrerseits nach ihrem Glas, das jedoch mit einem edlen Wein befüllt war. Sie zögerte kurz, sah dann über Bella hinweg und begann weit zu grinsen.

    „Ich bin gespannt, ob dieses Brutalanda hält, was du mir von ihm versprichst.“

    Sie hob ihr Glas, genoss einen Moment lang das fruchtige Bouquet, ehe sie trank. Merkwürdig. Mit einem Mal schmeckte er gar noch besser.

    „Und dieser Carparso ebenfalls.“


    Dieses verdammte Feuerzeug war wie jedes seiner Artgenossen. Kaum wurde es einmal zu etwas Wichtigerem gebraucht, als sich eine Kippe anzuzünden, gab es den Geist auf. Pete fluchte leise und gab sich Mühe, das bisschen Wind, das durch die Bäume und über die Lichtung pfiff, mit der freien Hand abzuschirmen.

    Nach einer Minute, die ergebnislos und ohne einen Funken verstrichen war, blitzte unerwartet etwas Silbernes in seinem Augenwinkel. Ryan war an ihn herangetreten und bot ihm seinen Brennstab sowie sein Taschenmesser an. Es hatte bereits Momente gegeben, in denen er diese Gelegenheit nicht ausgelassen hätte, hämisch oder schadenfroh auf Pete hinabzublicken. Doch er tat es hier nicht, sah ihn ganz nüchtern an und bot seine Hilfe aufrichtig.

    Ebenso danke es ihm Pete mit einem knappen Nicken.

    „Ist ein Feuer wirklich so klug? Ruby wird uns doch spielend finden“, warf Sandra ein, die nachdenklich ihre Runden über das hohe Gras der Lichtung drehte skeptisch auf das Brennholz starrte.

    „Wir verstecken uns nicht.“

    Die Drachenmeisterin wandte sich in Richtung Sheila, die aufmerksam durch die Bäume spähte und mit Sandra sprach, ohne sie anzusehen. Lange würde sie das nicht mehr können. So oft und gerne sie durch Schatten und Finsternis geschlichen war, erlaubten selbst ihre scharfen Augen es nicht, in vollkommener Dunkelheit sehen zu können. Die Sonne war schon am Horizont, was bedeutete, dass nur noch ein paar schwache, rötliche Lichter über die Baumkronen strahlten, die sie von allen Seiten umgaben.

    „Ruby findet uns über kurz oder lang sowieso. Sie könnte bereits wissen, wo wir sind und hat bloß noch nicht beschlossen, uns anzugreifen.“

    Nun drehte sie doch den Kopf leicht, gerade so, dass sie Sandra aus dem Augenwinkel anfunkeln konnte.

    „Wir vermeiden lediglich zivile Opfer.“

    Sandra atmete schwer aus. Sie hatte Mühe, die Haltung zu bewahren und sich möglichst gelassen zu geben. Doch nicht Ruby war es, um das sie sich sorgte. Das wäre für eine Drachenmeisterin auch nicht weniger als eine Schande gewesen. Aber wie schon Tage zuvor hatte sie gegenüber Ryan ihre Gedankengänge und Spekulationen geäußert. Hatte gesagt, was sie an Stelle von Team Rocket tun würde. Und sie würde eine solche Gelegenheit, wenn Ryan gezwungen war, sich einem unmittelbareren Gegner – in diesem Fall einem mächtigen Brutalanda – zuzuwenden, bestimmt ergreifen. Einen besseren Moment zu Angriff würde es für Team Rocket vermutlich nicht geben. Welch Ironie, dass ihr Plan genau dann aufgehen könnte, wenn es für sie am Schlimmsten wäre.

    Pete hatte endlich den Zunder entflammen können und gab vorsichtig kleine Zweige hinzu.

    Während er damit beschäftigt war, dass Feuer zum Wachsen zu bringen, verzehrte Andrew, recht grimmig dreinblickend, einen Apfel. Er hatte sich nach ihrer Ankunft auf einem Baumstumpf niedergelassen und schien die meiste Zeit über ins Leere zu starren. Gesagt hatte er nicht ein Wort. Ryan hatte dagegen kaum aufgehört zu reden. Und zwar mit Melody. Das Paar hatte am anderen Ende der Lichtung an einem der Bäume Platz genommen und lehnte eng umschlungen dagegen. Sie flüsterten fast miteinander, sodass man sie gar nicht klar verstehen konnte. Das taten sie nicht aus Heimlichtuerei, sondern eher, weil es an sich unangenehm war, die Stille so zu durchbrechen. Doch sie mussten einfach miteinander reden. Sonst würden sie vermutlich ausflippen.


    Das tiefe Krächzen eines Vogelpokémon ließ alle im Kollektiv aufblicken. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft, dass sie das nicht aus der bösen Vorahnung, ein wütender Drache würde sich gleich auf sie herabstürzen, heraus getan hatten. Doch die eher kleine Gestalt, mit dem fedrigen Doppelschweif erkannte man leicht als Schwalboss. Andrews Schwalboss.

    Der regte sich selbst jetzt nicht, sondern wartete einfach, dass sich die Vogeldame äußerte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, was sie zu berichten versuchte. Sie landete direkt vor ihm und flatterte wild, deutete schließlich mit einem Flügel in die Richtung, aus der sie gekommen war.

    „Jemand kommt auf uns zu“, verkündete er. Oder etwas. Beinahe wünschte er sich inzwischen, es wäre Team Rocket. Er hatte die Faxen sowas von dicke. Er könnte jetzt gut ein paar schwarze Sandsäcke gebrauchen.

    Alle machten sie sich bereit. Pete und Melody blieben im Hintergrund. Erstgenannter konnte ebensowenig auf Pokémon zurückgreifen, wie der Rotschopf. Er wusste sich zwar gegen Männer zu wehren, würde hier aber nichts ausrichten können. Sheila machte ein paar Schritte in den Wald hinein und begab sich in eine hockende Lauerstellung. Eine gute Minute verstrich, ohne dass auch nur ein Mucks oder ein Schritt getan wurde. Keiner wagte es gar als erster ein Muskelzucken. Nicht, ehe Sheila schließlich entwarnend eine aufrechte Haltung einnahm und ihre Muskeln entspannte.

    Die Person war tatsächlich schwarz gekleidet. Doch handelte es sich nicht um die Uniformen der erwarteten Verbrecherorganisation, sondern um einen langen Mantel mit weinrotem Innenfutter.

    Niemand sagte etwas, als Mila auf die Lichtung trat, doch aus irgendeinem Grund verspürten alle ein geringes Maß an Erleichterung. Nicht etwa, weil keine Gefahr eintraf, – diese sehnte ja besonders Andrew gar herbei. Mehr war man froh, dass sie unverletzt zu ihnen gestoßen war. In den vergangenen Stunden hatte sich jeder bereits das schlimmstmögliche Szenario ausgemalt und bei jedem, das ihnen einfallen konnte, hatte es die Drachenpriesterin getroffen. Genau dann, wenn sie nicht bei ihr waren. Gerade Sheila hätte sich das wohl kaum verzeihen können. Doch es war ja nicht so, dass sie diese Bedenken ihr gegenüber zuvor nicht geäußert hatte. Aber letztendlich hatte ihre unerschütterliche Treue, mehr noch als das Vertrauen, ihr ihren Willen gelassen.

    „Wo warst du so lange?“, fragte schließlich Sandra, noch sichtlich am meisten erfreut, Mila unversehrt wiederzusehen.

    „Verzeiht. Ich habe euch Sorgen bereitet.“

    Ihr Lächeln danke offenkundig für diese, war aber getrübt und bekümmert.

    „Ich versuchte unsere Feinde zu täuschen und in die Irre zu führen. Zu meinem Bedauern, habe ich versagt.“

    Die Mienen wurden sofort wieder ernster und alle traten im Halbkreis an Mila heran. Sie sah präzise in jedes einzelne Gesicht, als könne sie sehen, was alle empfanden, dachten, befürchteten und fühlten.

    „Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sie zumindest eine ungefähre Ahnung, wo wir uns befinden. Mein Ziel war es, sie auf eine andere Fährte zu locken, damit wir uns für den Moment auf Ruby konzentrieren können.“

    „Moment, Moment“, unterbrach Ryan und trat noch einen Schritt näher an sie. Er wirkte entrüstet.

    „Du willst uns jetzt nicht sagen, du hast dich selbst zu einer Zielscheibe gemacht, damit wir ungesehen aus der Stadt kommen, oder?“

    Mila hielt den Blick weiter geradeaus, sah aber nicht wirklich jemanden oder etwas an. So sie sich auch mühte, ihr falsches Lächeln zu behalten, was sie auch schaffte, befeuchtete sie doch unbehaglich die Lippen und presste sie aufeinander. Daran war erkennbar, wie sehr sie mit einer detaillierteren Erklärung rang. Dann sah sie schließlich doch in Ryans Augen. In der aufkommenden Dunkelheit war bereits ein sehr schwaches, silbriges Schimmern zu erkennen.

    „Ihr verurteilt, dass ich es nicht verraten habe. Ihr hättet mich davon abhalten wol…“

    „Allerdings, das hätte ich!“

    Es geschah nur sehr selten, dass Ryan sie so unterbrach. Wenn er so drüber nachdachte, war es vielleicht gar das erste Mal. Doch er sah sich dazu absolut im Recht, ebenso wie jeden anderen der Anwesenden.

    „Das hätten wir alle“, meinte er mit einem kurzen Blick in die Runde. Er unterstellte es recht eigenmächtig, fragte gar nicht erst bei ihnen nach. Doch Andrew sowie Melody pflichteten stumm mit einem Nicken bei und auch Sandra trat bestätigend an ihre Seite. Lediglich Pete äußerte sich nicht, doch insgeheim stand er hier hinter Ryan.

    Mila registrierte das durchaus, doch versuchte eine Rechtfertigung ihrerseits zu umgehen.

    „Bitte, lasst uns das ein andern Mal diskutieren.“

    Andrew quittierte die Bitte mit einem Schnaufen und zog damit alle Blicke auf sich. Sicher waren seine ohnehin miese Laune und sein zuhauf angestauter Frust die Hauptgründe für das, was er gleich sagte. Doch ganz gleich in welcher Lage war er genau dieser Meinung und tat sie bloß schärfer kund.

    „Du meinst, wenn wir dich tot in einer Gasse gefunden haben?“

    Die Drachenpriesterin wollte bereits etwas erwidern, doch blieb ihr der Mund offen stehen und das Wort im Halse stecken. Während Melody ob der Ausdrucksweise Andrew in die Seite stieß und an seinen Respekt ihr gegenüber appellierte, machte sich Mila – in dieser Sekunde wirklich zum ersten Mal – Gedanken, was hätte passieren können. Sie war allein gewesen. Ohne Schutz, ohne Rückendeckung, ohne Plan und Absicherung. Unbewaffnet war sie zwar nicht, doch zweifelte sie stark daran, dass einen zahlenmäßig übermächtigen Feind hätte bezwingen können. Erst recht, wenn dieser Pokémon oder Schusswaffen eingesetzt hätte. Und nochmals erst recht, wenn Bella diese Gruppe geführt hätte.

    Sie wurde durch den festen Griff einer Hand an ihrem Oberarm aus ihren Gedanken gerissen und blickte erneut in Ryans Augen. Eindringlich war ein unzureichendes Wort für den Ausdruck in ihnen.

    „Du bist zu wichtig, um dich für so etwas zu opfern.“

    Wichtig? Sie? Das würde sie so gerne verneinen können. Sie hatte ihr eigenes Leben nie wertvoller geschätzt, als das eines anderen Menschen. Egal wessen. Und Angst hatte sie vor dem Tod sicherlich keine. Aber sie konnte, durfte noch nicht sterben. Nicht, bevor der Drachensplitter nicht endgültig sicher, Team Rocket besiegt und Rayquazas besänftigt war. Niemals, auf keinen Fall.

    Ryan sah, dass etwas in Mila vorging, doch er vermutete noch immer, sie wachrütteln zu müssen. Morgen würde er sich fassungslos über diese Anmaßung seinerseits schämen, doch im Hier und Jetzt erachtete er es als notwendig.

    „Ich habe mich dazu bereit erklärt, alles zu tun was ich muss. Aber das tue ich nur mit dir und allen anderen zusammen. Hier kämpft nicht einfach jeder seinen eigenen Kampf. Wir ziehen an einem Strang.“

    Er merkte gar nicht, wie fest er mit seiner Hand an ihrem Arm drückte. Sie zeigte keine Reaktion darauf und vermutlich besaß Ryan auch kaum genug Kraft, um ihr unbeabsichtigt weh zu tun. Dennoch war es nun er, der eine Hand spürte, die seine eigene zu bändigen suchte. Es war Sheila, die an ihn herangetreten war. Doch so wie Ryan sie ansah, legte sich seine Stirn in Falten. Das da war nicht die Attentäterin, die er kennengelernt hatte. Die würde ihn jetzt nämlich zurechtweisem, was er sich denn erlaube und dass er nicht in der Position sei, Mila Anweisungen zu geben. Und damit würde sie Recht behalten. Doch Sheila sagte nicht einmal was. Sie blickte einfach nur in seine Augen. Selbst die sonst so tödlich funkelnden Rubine strahlten etwas völlig Anderes aus, als sonst. Es war die simple und überraschenderweise keineswegs drohende Botschaft, dass es genügte. Dass Mila verstanden hatte. Dass er seinen durchaus berechtigten Standpunkt ausreichend dargelegt hatte.

    Ryan sah auf ihre Hand hinab. Selbst die lag sachte und ruhig auf ihm, verdeutlichte lediglich subtil, was sie ihm mitteilen wollte.

    Mila erkannte die Geste und war nicht weniger überrascht von ihr. Jedoch definitiv positiv. Anscheinend hatte das jüngste und sehr lange Gespräch der beiden etwas zwischen ihnen verändert. Doch sie wagte nicht zu schätzen, wie weit diese Veränderung reichte und es war kaum der richtige Moment, darüber zu spekulieren.

    „Ihr habt Recht, Ryan Carparso“, gestand sie schließlich ein und lächelte wieder so, wie man es von ihr gewohnt war. Zumindest fast, denn wenn es niemand von ihnen besser wüsste, würde man meinen, sie dankte dem jungen Trainer für die Lektion. Tatsächlich besser wissen taten es nur Sheila und Pete, doch die behielten es für sich.

    „Also, wie geht´s nun weiter?“, erkundigte sich Sandra und trat in die Mitte der Runde.

    „Haben wir eine Möglichkeit, Ruby zu finden, bevor Team Rocket uns aufspürt?“

    Wohl wissend, dass hier niemand wirklich darauf brannte, sich diesem Brutalanda zu stellen, wäre es doch besser, man brachte es möglichst schnell hinter sich, bevor man sich zeitgleich auch noch um die kümmern musste.

    „Wir haben keine Ahnung, wo wir mit der Suche beginnen sollen. Die Wälder sind groß und wir haben keinen Anhaltspunkt, wo sie sich aufhält“, unterbreitete Pete recht niederschmetternd. Ein weitaus persönlicheres und nicht minder tragendes Argument warf Mila zudem ein.

    „Selbst wenn wir sie finden, würde sie eher den Abstand wahren, als uns entgegenzutreten. Sie wird nicht eher auf uns treffen, bevor sie sich nicht dazu entscheidet.“

    Die Priesterin seufzte niedergeschlagen. Sie wünschte fast jeden Gegner lieber an dieser Stelle, als Ruby.

    „Glaubt mir, ich kenne sie nur zu gut.“

    Andrew seufzte genauso und kratzte sich resignierend am Hinterkopf.

    „Also abwarten und Tee trinken.“

    Das schien es gut zusammenzufassen.


    Die Nächte in Hoenn waren zu dieser Jahreszeit unglaublich mild. Gab es in Johto noch verschiedene Klimazonen, von den verschneiten Gebirgsketten um Ebenholz und Mahagonia City, bis zu den sonnigen Stränden Olivianas, las man auf diesem Inselkontinent auf jedem Thermometer mehr oder weniger dasselbe. Ryan hatte seine Jacke ausgezogen und als Unterlage für seinen Kopf, den er zusätzlich auf seine Unterarme gebettet hatte, zweckentfremdet. Er fand heute wieder keinen Schlaf. So er und auch Andrew und Sandra es sich jüngst noch vorgenommen hatten, wollte der Schlaf einfach nicht kommen. Er sah einfach immer weiter den Funken des noch brennenden Lagerfeuers dabei zu, wie sie zum Sternenzelt aufstiegen. Länger als eine Stunde machte er das nun schon.

    Ryan lag mit dem Kopf direkt an dem Baumstumpf, auf welchem Andrew zuvor noch gesessen hatte und konnte aus seiner leicht erhobenen Position die Lichtung gut überblicken. Melody lag sehr nahe bei ihm und schummerte fest. Etwas daneben hatte sich Andrew breit gemacht, der ebenfalls seine Jacke als Kissen missbrauchte und scheinbar gleichermaßen Mühe hatte und sich sozusagen im Halbschlaf befand. Er versuchte vehement den Schlaf siegen zu lassen, doch wollte der scheinbar gar nicht gewinnen. Pete hatte sich unweit mit verschränkten Armen an einen Baum gelehnt und pennte tatsächlich im Sitzen. Sandra lag auf der anderen Seite des Feuers und selbst Mila war längst nicht mehr wach. Nur er selbst… und Sheila.

    Die Attentäterin saß dicht beim Feuer im Schneidersitz und hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Sie schien mit irgendetwas herumzuhantieren, was Ryan allerdings nicht sehen konnte, da sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Er sah kurz zu Melody. Sie wirkte schlafend so unbekümmert. Doch vor allem lag sie nicht so dicht an ihm, dass er sie zwangläufig wecken würde, wenn er sich erhob. Genau das tat er nun sehr vorsichtig. Sie murmelte im Schlaf etwas dahin und drehte sich dann um. Andrew dagegen schielte kurz zu ihm, scherte sich aber nicht weiter um den Grund, der Ryan ans Lagerfeuer lockte. Vermutlich, weil ihn dieselben Probleme plagten. Er versuchte gleich wieder, endlich einzuschlafen.

    Ryan schlurfte sehr langsam an die Feuerstelle, machte sich keine Mühe, Sheilas Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie wusste längst, dass er noch wach war.

    „Soll ich dich vielleicht mal ablösen?“

    Er verzichtete darauf, direkt neben ihr Platz zu nehmen. Das wäre der Nähe etwas zu viel gewesen, ganz gleich wie viel sie einander mittlerweile von sich wissen ließen.

    „Ich bin nicht müde, wenn du das andeuten wolltest.“

    Sie klang bestimmend, fast zurechtweisend, aber immerhin nicht bissig. Und Ryan würde sicher nicht so blöd sein, sie überreden zu wollen.

    „Du bist es schon. Kannst aber dennoch keine Ruhe finden“, stellte sie zudem auf der anderen Seite fest. Das konnte der Trainer nicht verneinen und nickte frustriert.

    „Ich habe sonst nie Probleme damit.“

    „Es ist ja auch nicht alles wie sonst.“

    Auch hier musste Ryan zustimmen. Im Grunde war derzeit gar nichts so, wie in seinem üblichen Alltag. Das bisschen Training, das er und Andrew vorhin, mehr zum Zeitvertreib und zur Ablenkung, absolviert hatten, konnte am ehesten noch dazu gezählt werden. Doch allein die Umstände hatten es unmöglich gemacht, den Kopf frei zu kriegen und wirklich effektiv zu arbeiten.

    Ryans Blick verirrte sich zum ersten Mal auf Sheilas Hände. In einer davon hielt sie ein Messer – keiner ihrer „geliebten Dolche“, wie sie immer sagte, sondern eine banale Klinge, wie Wanderer sie mitführten. Damit schnitzte sie an einem Stück Holz herum, das vermutlich einmal ein Pokémon oder einen Teil von einem darstellen würde. Er schenkte dem Stück jedoch nicht besonders viel Beachtung. Der Anflug eines sanften Lächelns zeichnete sich nebst der Schlaflosigkeit in seinem Gesicht.

    Sheila entging das natürlich keineswegs und sie unterbrach ihr Handwerk auch für einen Moment, um Ryan in die Augen zu sehen. Sie funkelten ob der ruhigen Nacht in silbrigem Mondlicht. Es lag jedoch weder Hohn noch Spott oder Belustigung darin. Was freute ihn so sehr daran, dass sie aus Langeweile etwas schnitzte?

    Vielleicht, so spekulierte der junge Trainer jedenfalls, da er sich dieselbe Frage stellte, wirkte diese skrupellose Attentäterin mit jeder kleinen Marotte, die den Charakter einer Person ausmachte, wenigstens ein bisschen normaler, menschlicher.

    „Ich hätte nicht erwartet, dass du dich so sehr um Mila sorgst.“

    Diese plötzliche Aussage überraschte Ryan in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal, da Sheila eigenständig ein Gespräch zu beginnen gedachte. Gleichwohl sie miteinander ganz gut auskamen, war das mehr als er von ihr erwartet hatte. Zweitens war es der Inhalt dieses Satzes selbst, der ihn verdutzte.

    „Warum sollte ich das nicht?“

    Sheila werkelte unbeirrt weiter, unterbrach höchstens alle paar Sekunden einmal, um das Holz prüfend im Licht des Feuers zu begutachten.

    „Sie hat dir keinen Grund dazu geliefert“, meinte sie sehr überzeugt. Doch ihr Gegenüber zog daraufhin eine Braue hoch, als begreife er nicht, wie sie zu diesem Schluss kommen konnte. Und tatsächlich war dem so.

    „Sie hat mir jede Menge Gründe geliefert.“

    Die Hände kamen zum Stillstand und nachdem sie Sekunden später überzeugt war, sich nicht verhört zu haben, drehte sich Sheilas Kopf wieder in seine Richtung. Ihr Blick war – glücklicherweise! – unverändert. Dennoch eilte sich Ryan, seine Ansicht zu erklären, bevor sie selbige als dreist oder gar beleidigend einstufen konnte. Er war längst nicht so dumm, Mila verbal anzugreifen. Genauso könnte er Sheila eine Ohrfeige geben und damit sein Schicksal besiegeln.

    „Sie ist eine unglaubliche Frau. Das ist wahr. Vermutlich die unglaublichste, die mir je begegnen wird.“

    Sheila lauschte überraschend aufmerksam. Zeigte sie hier offenes Interesse für seine Meinung? So weit wollte Ryan mal noch nicht gehen, aber den Anschein hatte es schon etwas. Ihre Unterarme legten sich je auf eines ihrer Knie, Holz und Messer noch immer in den Händen, aber scheinbar fast vergessen.

    „Allerdings würde ich es ihr nie verzeihen, wenn sie sich wegen uns…, nein wegen mir unnötig in Gefahr begibt und sie…“

    Er hatte durchaus vorgehabt, diesen Satz zu Ende zu sprechen. Doch es wollte nicht über seinen Lippen kommen, dass Mila getötet werden könnte. Nicht einmal vorstellen wollte er sich das.

    So brach er ab, seufzte schwer und ließ den Blick einmal über die Lichtung schweifen.

    „Wie töricht.“

    Fast schon musste Ryan auflachen. Diese Worte mussten zu ihren liebsten gehören. Aber er hatte sich an sie gewöhnt und nahm sie längst nicht mehr persönlich.

    „Sie ist weit stärker als du.“

    „Was Anderes hab ich nie geglaubt. Nur ist sie nicht unverwundbar. Und ihr wisst vermutlich noch besser als ich, über welche Mittel Team Rocket verfügt. Hätten sie Milas Köder geschluckt und hätten sie erwischt, was glaubst du, wäre passiert?“

    Es war sehr offensichtlich, was in so einem Fall mit ihr geschehen wäre. Doch Sheila schien, so sehr und so oft sie ihre Gebieterin bereits verteidigt und ihr eigenes Leben für sie riskiert hatte, selbst diesem Gedanken noch etwas abgewinnen zu können.

    „Dann wäre ich meine Zügel los. Und hätte obendrein den besten Grund überhaupt, um einen blutigen Rachefeldzug zu führen.“

    Nachdem Ryan nun mehrmals so vertraulich mit ihr hatte reden können, hätte er beinahe vergessen, wozu Sheila fähig war. Oder eher, was sich in ihr verbarg. Selbst bei ihren ersten Begegnungen hatte sie nicht so finster, unheilvoll, mordlüstern und gleichzeitig so erfreut geklungen. Wie ein Teufel, der gerade eine Möglichkeit gefunden hatte, auf die Welt losgelassen zu werden, um sie zu seinem Reich des Chaos zu machen. Die Flammen schienen dabei in Sheilas Augen auf den Rubinen zu tanzen, die selbige weiter näherten, sodass ein blutroter Schein in der Iris lag. Es stand dem Leuchten von Ryans silbernen Augen in nichts nach. Doch es war als vergleiche man Himmel und Hölle.

    Es waren einige Sekunden sowie fast all ihre Selbstbeherrschung vonnöten, um dem verlockenden Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Sich solchen Gelüsten hinzugeben war ihr von Kindestagen an abtrainiert worden. Über die Jahrhunderte war sie einigen Lehren ihrer Kindheit weitestgehend entwachsen, doch ihre Disziplin verbot es, sie gänzlich zu vergessen. Es würden zwangsläufig weitere, wichtigere Lektionen folgen und sie selbst schon bald nicht mehr die tödlichste Waffe der Welt sein.

    Für ein paar Sekunden schlossen sich Sheilas Augen und wirkten beim erneuten öffnen bereits wieder normal. Zumindest nach ihrem Maßstab. Für jeden anderen Menschen wären sie noch viel zu kalt und bedrohlich. Sie suchten nach der silbernen Iris Ryans und fanden einen skeptischen Blick vor. Sie erahnte seine Gedanken und gestattete sich nur unter dem verhüllenden Schal ein kleines, spöttisches Lächeln.

    „Du denkst, ich überschätze mich. Du denkst, ich würde Mila auf diesem Wege nur folgen.“

    Selbst wenn, so wäre das für sie in Ordnung. So lange sie nicht allein der Überzahl, sondern der Klinge eines würdigen Gegners unterlag.

    „Du liebst das Kämpfen genauso wie die Herausforderung, ist schon klar. Aber bei so einem Gewaltmarsch kommt im besten Fall ein…“

    „Im besten Fall?“, unterbrach sie ihn, erneut mit etwas Spott, da er ihr offenbar Wunschdenken unterstellte.

    „Ich gehe immer vom schlimmsten Fall aus.“

    Diese Lektion sollte doch selbst den Menschen der heutigen Generation geläufig sein. Ein Unglück kam nicht allein. Das Unglück bringt seine Freunde immer mit.

    „Rechne immer mit dem verheerendsten Ereignis, das du dir vorstellen kannst, dann wird dich nichts überraschen oder schockieren. Du wirst für alles gewappnet sein und kannst dem Schicksal, gleich wie es letzten Endes aussehen mag, reuelos ins Gesicht sehen.“

    Ryan hatte die Lippen geschürzt. Er konnte der Assassine durchaus folgen. Vermutlich hatte diese Denkweise ihr in der Vergangenheit – vor allem in der fernen – oft das Leben gerettet, da nie ein Szenario eingetreten war, für das sie keinen Plan gehabt hatte. Doch was, wenn etwas noch Schlimmeres geschah, als das Schlimmste, das sie sich vorstellen konnte? Allein da sich ihm sofort diese Frage stellte, könnte er diese Einstellung nicht unterstützen. Aber das war bekanntermaßen bei weitem nicht die einzige, welche die beiden nicht teilten. Und auch hier würde Ryan nicht versuchen, sie Sheila auszureden.

    Es gab ab hier nichts mehr, dass er ihr zu sagen hätte und umgekehrt galt vermutlich dasselbe. Zudem hatte dieses Gespräch ihm vermutlich genügend Stoff zum Nachdenken gegeben, sodass er sich daran müde grübeln oder zumindest die Nacht über seine Gedanken damit beschäftigen konnte, falls seine Schlaflosigkeit anhielt. Daher stemmte er sich träge auf die Beine und wandte sich bereits zum Gehen. Nur etwas wollte er noch loswerden, versuchte dabei vorsichtig zu klingen und nicht weiter zu gehen, als Sheila zustimmen würde.

    „Dann hoffe ich umso mehr, dass Mila weiterlebt und du dich nicht Hals über Kopf in deinen glorreichen Tod stürzt. Ich fang nämlich an, deine Gesellschaft mehr und mehr zu schätzen.“

    Diesmal verbarg Sheila ihr Lächeln nicht einmal. Zwar hatte der Schal noch immer ihren Mund verhüllt, doch hörte man es deutlich aus ihrer Stimme. Es lag natürlich keinerlei Wärme oder Güte darin.

    „Wie töricht.“

    Ryan hörte es, stoppte aber nicht mehr. Er schluderte wieder an seinen Schlafplatz und hoffte, doch noch ein wenig Ruhe zu finden. Als habe jemand dort draußen seine Gedanken gehört und wollte sie sofort zerschlagen, erklang von weit her ein geradezu entsetzliches, brutales Brüllen. Andrew, der ebenfalls noch immer wach lag, schreckte hoch und sah alarmiert auf. Ryan stand vor ihm und sah mit leicht offenem Mund in den Nachthimmel. Der Rest schlief nach wie vor, sodass sich die beiden Trainer bloß stumm ansahen. Dem Echo nach musste die Quellen des Gebrülls Kilometerweit entfernt sein. Es gab nur sehr wenige Pokémongattungen, die einen so mächtigen Schrei ausstoßen konnten.

    Sheila sah nur kurz aus dem Augenwinkel zu ihnen rüber. Anschließend betrachtete sie das Stück Birke, an dem sie geschnitzt hatte. Es war unfertig, doch allein von der Form her unverkennbar der Kopf eines Brutalanda.

    „Gute Nacht Ruby.“

  • Kapitel 35: The weight of a blade


    Andrew schluckte, während er eine Hand ausstreckte. Mila sah keineswegs fordernd auf ihn herab, doch wusste er mit Sicherheit, dass sie es verurteilen würde, wenn er jetzt kniff. Zu weit hatte er seine Klappe vorhin aufgerissen. Seine Hände schlossen sich um das feine, schwarze Leder, welches das leichte Metall einhüllte. Seine andere Hand reichte nach dem Knauf und legte sich vorsichtig um den Griff, der scheinbar mit demselben Leder gebunden worden war.

    „Ist es das erste Mal, dass ihr eine Klinge haltet?“ fragte die Drachenpriesterin, wohl ahnend wie die Antwort lautete.

    „Zumindest so eine.“

    Es handelte sich nicht um ein Schwert. Eher um einen Langdolch – vom Knauf bis zur Spitze hatte es nicht ganz die Länge seines Unterarmes.

    Andrew hatte nicht wirklich damit gerechnet, auf seine willkürlich ausgesprochenen Gedankengänge, dass er gerne etwas über Selbstverteidigung gelernt hätte, eine Waffe von Mila zu bekommen. Sogar noch weniger als das tatsächliche Angebot, ihm diesen Wunsch hier und jetzt zu erfüllen. Nicht einmal auf eine ausdrückliche Bitte seinerseits hin hätte er dies erwartet.

    Ryans Blick haftete ebenso fest auf den Waffen – die für ihn bestimmt war, lag noch in Milas linker Hand –, doch presste er im Gegensatz zu seinem besten Freund skeptisch die Lippen aufeinander. Er griff auch nicht sofort danach, als ihm der Dolch angeboten wurde.

    Eigentlich war ja nicht viel dabei. Es handelte sich ja hier nicht um Sprengstoff oder etwas ähnlich Brachiales. Doch je länger Ryan die Waffe anstarrte, desto mehr Ehrfurcht hatte er davor. Mehr noch von der Bedeutung hinter dieser Klinge.

    „Ihr zögert“, stellte Mila fest. Tadel, Frust, Enttäuschung oder Ähnliches erkannte er nicht in ihrer Stimme. Wie so oft war es eine bloße Feststellung, die von den meisten Menschen nur gedacht und nicht ausgesprochen würden.

    „Das ist gut.“

    Nun blickte Ryan mit gerunzelter Stirn auf. Also er konnte seinem Zögern nun wirklich nichts Gutes abgewinnen.

    „Waffen sind für viele Menschen ein Fluch. Sie verändern uns und helfen uns, anderen Menschen zu schaden.“

    Er antwortete nicht darauf. Sah Mila bloß an. Seine Züge zeigten nicht einmal Unsicherheit, Zweifel oder Angst. Lediglich Unentschlossenheit. Doch auch das schien Mila nur allzu gut verstehen zu können. Sie bot Ryan den Dolch weiterhin an, während sie zu einer Erzählung ausholte.

    „Ich will Euch sagen, was mir meine Mutter einst beibrachte.“

    Er entschloss sich weiterhin nicht zu antworten, aber aufmerksam zuzuhören. Obwohl er nicht wusste, ob er an einer Lektion von der Frau, die ihrerseits leichtfertig Menschenleben ausgelöscht hatte, um ihren Schwur gegenüber Rayquaza zu erfüllen, wirklich interessiert war. Er hatte Mirjanas Taten nie als falsch erachtet. Doch so groß der Zweck auch war, dem sie gedient hatten, heiligten sie eben nicht die Mittel. Mord blieb Mord.

    „Um ein Krieger zu werden, gilt es nur eine Sache zu erfüllen. Eine einzige Sache, die man verstehen und verinnerlichen muss. Nämlich, dass oft getötet werden muss, um Frieden zu bringen. Darum gibt es uns Krieger. Weil wir bereit und fähig sind, diese Bürde zu tragen. Nur wer den festen Entschluss in sich trägt, diese Last zu tragen, hat das Recht, eine Waffe zu führen. Ihr wisst, dass sich Team Rocket nicht ergeben wird. Doch ihr Untergang ist ein Schritt auf dem Pfad zum Sieg. Dem Pfad des Friedens.“

    Da hörte er tatsächlich eher die erste Drachenpriesterin sprechen. Auf der anderen Seite hielt er Mila nicht für so blind, dass sie einer falschen, unehrenhaften und radikalen Lehre folgen würde, wenn nicht etwas Wahres und Aufrichtiges in ihr steckte. Langsam streckte sich seine Hand nach dem Griff. Er holte tief Luft, bevor er die Klinge ruckartig aus der Scheide zog und seine marineblauen Augen betrachtete, die sich im Metall spiegelten. Es war eine schmale Klinge, wirkte aber edel poliert und ohnehin wohl eher zum Stechen als zum Schneiden. Obwohl man sicher beides sehr gut damit konnte.

    „Es ist richtig, dass Ihr Respekt davor habt, Ryan“, sprach sie wie ein Lob.

    Den verspürte er wirklich. Immensen sogar, doch konnte er immerhin sicher sein, dass er keine Angst hatte, einen Verbrecher damit zu attackieren. Im Gegenteil. Allein die Klinge aus der Scheide zu befreien, entzündete ein heißes Gefühl in seinem Blut und weckte zügellosen Tatendrang. Dabei war es bei weitem keine sehr beeindruckende Waffe.

    „Das Geräusch beim Ziehen erinnert mich an mein Panzaeron, wenn es seine Flügel spreizt.“

    Seine Augen wanderten zu den himmelblauen von Mila und er gab ihr, seines Unbehagens zum Trotz, ein kampfbereites Nicken.

    „Ich liebe dieses Geräusch. Es weckt meine Kampfgeister.“


    Melody beobachtete sie Szene in einigen Metern Abstand. Sie hielt eine Hand mit der anderen umklammert und an ihre Brust gepresst. Eigentlich sollte es sie beruhigen, dass die beiden Trainer eine Möglichkeit hatten, sich selbst zu verteidigen. Die Agenten von Team Rocket trugen oft Schlag- und Stichwaffen bei sich – manchmal gar Gefährlicheres. Und es konnte immer ein Fall eintreten, in dem man nicht auf den Schutz durch seine Pokémon bauen konnte. Dennoch war ihr bei dem Anblick nicht wohl.

    Sandra merkte das. Es war ihr auch sehr offensichtlich anzusehen. Und auch, wenn sie vermutlich nicht imstande war, Melody Mut zuzusprechen, legte sie dennoch eine Hand fest auf ihre Schulter. Sie sah an der Drachenmeisterin hoch und kam in diesem Moment nicht umher, sich zu wundern, warum sie selbst keine Waffe von Mila erhielt. Sie war älter als Ryan und Andrew, darüber hinaus sehr pflichtbewusst und keinesfalls ungeschickt.

    „Was ist mit dir?“

    Sandra langte nur unter ihren Umhang und fuhr ihren Gürtel entlang zu ihrem Kreuz. Schon im nächsten Moment kam ein schwarz lackierter Holzgriff mit einer leicht geschwungenen Klinge daran zum Vorschein. Eigentlich hätte es Melody nicht sonderlich überraschen sollen, dass Sandra so etwas bei sich trug. Zumindest dieser Tage.

    „Willst du den beiden wirklich das Kämpfen beibringen?“, richtete sie an Mila. Sie versuchte nicht zu besorgt zu erscheinen, doch gerade sie würde Melody vermutlich durchschauen.

    „Wohl kaum. Dazu bräuchten wir Wochen, wenn nicht länger. Doch die Grundlagen werden in unserem Falle ausreichen müssen. Zumindest um sich gegen die Agenten von Team Rocket zu verteidigen.“

    „Habt ihr keine Schusswaffen?“

    Alle Augen fixierten Andrew. Besonders die von Ryan wirkten extrem ungläubig. War dem Kerl das Messer nicht bereits genug? Der musste doch spinnen, nach einer Knarre zu fragen.

    Darauf zu antworten, erlaubte sich ausnahmsweise Pete in Milas Namen.

    „Kannst du denn damit umgehen?“

    „Mit der Öffnung auf den Gegner zielen und abdrücken“, meinte er schulterzuckend. Ganz toll.

    „Genau deshalb bekommst du keine. Außerdem ist es nicht so leicht, wie es sich anhört.“

    „Dann wenigstens ein größeres Schwert. Ich bin nicht schwach oder ungeschickt.“

    Er wollte nicht nachgeben. Ryan wusste nicht ganz, ob dieser scheinbar unerschütterliche Wunsch nach einer beeindruckenderen Waffe tatsächlich von seinem Tatendrang rührte. Ebenso war ihm schleierhaft, wie Andrew denn so wenig – praktisch gar keine – Hemmungen zeigte, so etwas in die Hand zu nehmen und sicherlich auch zu gebrauchen.

    „Das nahm ich nie an“, schaltete Mila sich nun wieder ein. Sie trat sogar einen Schritt vor, wirkte zudem etwas beschwichtigend.

    „Doch damit werdet Ihr schneller zurechtkommen und es wird dem Zweck dienlich sein. Vertraut mir, ich habe viele, viele Lehrstunden gehabt und erteilt.“

    Was vor kurzer Zeit noch irrwitzig klang, war für jeden in dieser Gruppe inzwischen absolut selbstverständlich. Sie vertrauten Mila mehr, als den meisten Menschen, die sie kannten.

    Nun gesellte sich erstmals Sheila in die Diskussion, die bislang geduldig, aber offenkundig nicht gerade begeistert hinter ihrer Gebieterin gestanden hatte.

    „Ein Welpe sollte nicht nach den Zähnen eines Alphatieres geizen. Außerdem könntest du eine größere Waffe kaum am Körper verstecken.“

    Da behielt sie sogar Recht. Ryan hatte selbst gesehen, wie viele Messer sich unter ihrer Bluse verbargen. Er versuchte jedoch eiligst die Erinnerung an den Moment, in dem er das und noch wesentlich mehr gesehen hatte, in einer abgelegeneren Ecke seines Gedächtnisses zu vergraben.

    „Und wir sollen ernsthaft mit Sheila trainieren?“, fragte er stattdessen. Wissend, dass sie die beiden keineswegs schonen würde, versuchte er sich so gut wie möglich, auf einige Schmerzen einzustellen. Doch wenn Andrew und er das hier schon machten, dann sollten sie es auch richtig tun.

    „Vergebt mir, aber ich fürchte ihr Weg ist der effizientere, um euch entsprechend vorzubereiten.“

    Sollten sie einmal einen Rocket mit Schusswaffe treffen, so würde dieses Training zwar von geringem Nutzen sein, doch gegen diese Art von Gegner waren sie in jedem Fall schutzlos. Das hier würde zumindest gegen alle leicht bewaffneten Feinde ihre Chancen steigern. Jedenfalls so lange keiner von ihnen auf Bella traf. Die beiden zu töten wäre für sie wohl so einfach wie Brot schneiden.


    „Ihr wollt damit also Feinde töten?“, versicherte sich Sheila mit einem Deut auf die Langdolche der Jungen. Sie hatte ihre eigenen noch nicht gezückt und schien nicht gänzlich sicher, ob sie wussten, wozu sie sich da entschieden.

    „Ich will tun was nötig ist, um sie aufzuhalten.“

    Ryans Antwort war ehrlich. Er wollte sicher niemanden töten und würde es auch nicht, wenn nicht sein Leben oder das von jemand anderem aus dieser Gruppe davon abhing. Für den Fall, dass er gezwungen war, musste er aber vorbereitet sein. Er betete jedoch innerlich zu Lugia, dass er das nie würde tun müssen.

    Andrew dagegen zuckte nur ein weiteres Mal mit den Schultern und schob ein Nicken nach, als sei es selbstverständlich. Wie kriegte der das bloß hin?

    „Eine schwache Antwort. Hast du so große Furcht davor, jemanden umzubringen?“

    „Ich glaube schon.“

    Sheila seufzte frustriert. Das konnte man nur selten bei ihr beobachten. Doch wenn es um ihr Handwerk ging, so würde sie vermutlich noch das ein oder andere Mal aus der Rolle, in der jeder sie sah, herausbrechen.

    „Wie töricht. Als ich in eurem Alter war, konnte ich es nicht erwarten, auf meine Feinde losgelassen zu werden. Wie sich die Zeiten doch ändern.“

    Man hörte wahrhaftig einen Hauch Trauer, aber auch Verachtung aus diesen Worten.

    „Nun gut. Besonders deine Einstellung, Ryan, ist zwar mangelhaft, aber zu deinem Glück ist eure vorübergehende Lehrmeisterin niemand geringeres als ich. Doch bevor ihr auch nur daran denken könnt, Feinde zu bekämpfen, müsst ihr es mit euch selbst aufnehmen.“

    Beide tauschten verständnislose Blicke aus. Welche Stirn sich wohl gerade stärker in Falten legte?

    „Wie darf man das verstehen?“, verlangte Andrew zu wissen. Er war eindeutig eifriger darauf, mit dem Training zu beginnen.

    „Der erste Gegner, den es zu bezwingen gilt, ist das eigene, schwache Selbst.“

    Sheilas Stimme wurde leiser, gespenstischer, als erzähle sie Kindern von etwas, das sie fürchten sollten, damit sie nicht leichtfertig in ihr Verderben rannten. Dabei begann sie, langsam im Kreis um die beiden zu gehen.

    „Menschen sind grundsätzlich schwach. Von Geburt an beginnt der Kampf gegen diese Schwäche, um stark genug zu werden, in dieser Welt zu überleben. Solange nicht sämtliche davon in euch vernichtet ist, habt ihr nichts als den Tod zu erwarten. Doch da uns die Zeit fehlt, um euch vernünftig auszubilden, werde ich mich darauf konzentrieren, diese kindlichen Hemmungen zu überwinden.“


    Es musste sich um Stunden handeln, in denen Ryan und Andrew nach Strich und Faden verprügelt wurden. Nicht dass etwas Anderes zu erwarten gewesen war. Beide hatten längst ihre Jacken abgestreift und waren in durchgeschwitzten T-Shirts. Doch seine Lederhandschuhe hatte Ryan angelassen.

    Begonnen hatte Sheila mit der simplen Aufforderung, bei Jungen sollen sie angreifen. Und zwar mit der Absicht, sie zu töten. Es verstand sich von selbst, dass keiner von ihnen im Entferntesten die Fähigkeiten dazu besaß. Dennoch hatte sie aus natürlicher Reaktion heraus zunächst gezögert. Das war zwar mittlerweile komplett verschwunden, doch das Ergebnis blieb dasselbe. Ob sie es einzeln, oder gemeinsam versuchten oder von beiden Seiten angriffen. Sheila hatte immer einen Weg parat, ihre Attacken zu blocken, ihnen auszuweichen und schließlich einen Gegenschlag zu setzen. Und jedes Mal hatte sie einen neuen Fehler zu bemängeln.

    „Wenn ihr schon bloß einen Langdolch führt, seid nicht so dumm, es mit beiden Händen zu tun. Haltet die Waffe mit einer Hand, Klinge immer im Anschlag und stets eine ausbalancierte Position einnehmen. Dabei nicht verkrampfen“, war einer der ersten Korrekturen gewesen. Ryan und Andrew versuchten stets diesen Anweisungen zu genügen, so gut sie konnten. Sheila selbst trug keine Waffe, obwohl sie mit Sicherheit über das Können verfügte, Ryan und Andrew zu keiner Zeit damit zu verletzen. Doch um sie nicht zu verunsichern, hatte sie sich überreden lassen, durch einen Schlag mit der Handkante zu demonstrieren, an welcher Stelle sie ihre Klinge versenkt hätte.

    Es war unwahrscheinlich, dass Ryan und Andrew heute irgendetwas zu Sheilas Zufriedenheit tun würden, doch solange es sie weiterbrachte und später am Leben halten könnte, war das wohl ausreichend.

    Ob die Attentäterin in Lehrerposition die Haltung der beiden als genügend einstufte, konnte keiner von ihnen bestimmen. Sie ließ sich keineswegs durchschauen. Wenn, dann zeigte sie ihre Unzufriedenheit offen, geradezu überdeutlich.

    Gerade neigte Sheila den Oberkörper in die Horizontale, um sowohl einem hoch angesetzten Angriff

    von Ryan, als auch dem Tiefschlag von Andrew zu entgehen und sich gleichzeitig mit einem einzigen

    Schritt zwischen den beiden hindurch zu schlüpfen. Instinktiv holten beide sofort zu einem Drehschlag

    aus, um ihr keine Gelegenheit zu geben, den ungeschützten Rücken anzugreifen. Dadurch

    offenbarten sie jedoch einen wunden Punkt, den Sheila sofort offenlegte.

    Es brauchte keinen harten Tritt, lediglich einen Stoß gegen den Knöchel aus der Drehung heraus, um ihre kurzweiligen Schüler aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie landeten synchron im Gras.

    „Ein Angriff braucht einen festen Stand“, setzte Sheila zur nächsten Lektion an.

    „Schwingt und stecht also nicht wild und unbeholfen durch die Luft, sonst offenbart ihr so viele Lücken und Schwachstellen, dass sich der Gegner aussuchen kann, wie er euch tötet. Ihr müsst nahe an den Feind heran, um ihn mit diesen kurzen Waffen zu erreichen.“

    Sie lief langsam, geradezu provokant an ihnen vorbei, während sie predigte.

    „Dafür sind es die schnellsten und präzisesten Waffen überhaupt. Merkt euch, dass auf so einer geringen Distanz oft nur eine einzige Chance bleibt, jemanden zu töten, bevor er es mit euch tut. Seid geduldig, handelt überlegt und wartet auf eine Lücke in seiner Verteidigung. Findet seinen wunden Punkt und schlagt zu, wo und sobald er am verletzbarsten ist.“

    Das war ein Rat, den sie gerne früher hätte geben können, wobei er beim erneuten Nachdenken schon irgendwo logisch klang. Man hätte durchaus selbst darauf kommen können. Aber vielleicht hielt sie es für lehrreicher, wenn man erst einmal ein paar Schläge einsteckte, bevor man erfuhr, wie es richtig gemacht wurde.

    Zum ersten Mal seit Beginn des Trainings stahl sich glatt ein Lächeln auf das Gesicht von einem der jungen Trainer. Und entgegen aller Erwartungen war es das von Ryan, der gerade eine Hand auf das aufgestemmte Knie stützte und sich erhob. Was für eine Ironie, dass genau dies seine Strategie im Pokémonkampf war.

    „Die Taktik spielt mir genau in die Karten.“


    Diverse Menschen hatten bereits Witze darüber gemacht, dass man plötzlich Muskeln spüren würde, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie habe. Buchstäblich so gefühlt hatten sich allerdings die Allerwenigsten jemals. Heute jedoch waren es zumindest zwei Jungen mehr.

    Ryan und Andrew lagen völlig erschöpft, verschwitzt und heftig keuchend im Gras, die Arme ausgebreitet und würden am liebsten gleich in Ohnmacht fallen. Einfach alles tat weh. Nicht nur vor Erschöpfung und Überanstrengung, sondern auch durch die Schläge und Tritte, die Sheila ihnen beigebracht hatte. Die war noch nicht einmal ins Schwitzen gekommen und hätte den Unterricht von selbst auch noch nicht beendet, obwohl sich der Tag dem Ende neigte. Doch sie sah ein, dass es keinen Sinn machte, zwei halbtote Jungen weiter zu schinden. Mitleid hatte man von ihr nicht zu erwarten. Lediglich der Mangel an Nutzen, den weitere Übungen hätten, veranlasste sie, einen Schlussstrich zu ziehen.

    „Du hättest sie etwas schonen können“, meinte Mila trocken, als ihre Partnerin an ihr vorbeiging. Das veranlasste sie, sich umzudrehen und den Blick ihrer Gebieterin auf das schnaubende Duo zu lenken.

    „Dann hätten sie nichts gelernt.“

    Tragischerweise hatte sie da nicht ganz Unrecht. Morgen früh würden sie die Übungen vermutlich verfluchen und sich kaum rühren können. Doch sobald sie einem Agenten von Team Rocket gegenüberstünden, würden die heutigen Lektionen sicher ihre Siegeschancen erhöhen. Vorausgesetzt, sie erinnerten sich daran.

    Sandra und Melody eilten schleunigst zu den beiden und halfen ihnen, sich zumindest aufzusetzen. Ihnen wurde Wasser gereicht und aufbauendes Lob zugesprochen.

    „Ihr seid zwei zähe Brocken, das muss man euch lassen“, beteuerte die Arenaleiterin und klopfte beiden nacheinander auf die Schulter. Andrew schien das allerdings genau so wenig akzeptieren zu wollen, wie Ryan.

    „Bestenfalls wie Kaugummi“, maulte er selbstkritisch.

    „Neunzig Prozent der Zeit wurden wir einfach bloß verprügelt.“

    Keiner hatte erwartet, dass sie Sheila einen echten Kampf bieten konnten. Die Menschen auf der Welt, die das vermochten, konnte man wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Und wahrlich besiegen konnte sie vermutlich niemand. Wie auch? Schließlich hatte niemand sonst so viel Zeit gehabt und so zielstrebig daran gearbeitet, seine Techniken und Fertigkeiten zu verbessern.

    „Was glaubt ihr, wie ihre ersten Lehrstunden ausgesehen haben?“

    Alle drehten sich plötzlich nach Pete, der noch etwas abseits stand und die Arme vor der Brust verschränkt hatte.

    „Man hat euch doch von Sheilas Kindheit erzählt, oder?“

    Das hatte man tatsächlich und niemals würde einer von ihnen diese Geschichte vergessen können.

    „Auch sie wurde damals eine Zeit lang einfach nur verprügelt. Und zwar von jemandem, der weit größer war.“

    War das nun eine Aufmunterung oder meinte er, sie sollten sich nicht so anstellen? Beides möglich, vielleicht auch beides der Fall. Aber Sandra schien primär von ersterem auszugehen und schlug beiden nochmals sachte auf die Schulter.

    „Seht es doch so. Wenn euch jetzt das nächste Mal jemand angreift, seid ihr schlauer und geschickter als vorher.“

    Auch das setzte voraus, dass sie sich an die Übungen erinnern würden, wenn es soweit war.

    Pete wäre glücklicher, wenn die Mädels aufhören würden, Ryan und Andrew so zu verhätscheln. Sie konnten es sich nicht leisten, nachsichtig zu sein. Eine weitere Gelegenheit für solch ein Training würde es womöglich nicht geben. Das, was sie heute hatten lernen können, musste ausreichen. Zumindest hätten sie mit dieser Einstellung an die Sache rangehen sollen.

    Sandra reichte Ryan die Hand, die er dankbar annahm, um sich auf die wackeligen Beine zu erheben. Andrew stand allein auf, doch seine Schritte waren nicht weniger unsicher. Gemeinsam begann man, sich um das von Mila zuvor frisch angefachte Lagerfeuer zu versammeln. Über den Tag hinweg hatten sie und Pete außerdem zwei breite Baumstämme, die sie in der Umgebung nebst Feuerholz gefunden hatten, hergeschleppt, um sie als Sitzgelegenheit zu verwenden. Allerdings verwendeten sie bloß die Frauen, mit Ausnahme von Sheila. Die hatte sich von der Gruppe mal wieder etwas entfernt und übte ihre Zielgenauigkeit mit den Wurfmessern, die sie an ihrem Körper versteckt hatte. Jeder vernahm stetig das scharfe Eintauchen des Metalls ins Holz.

    Ryan aß kaum etwas an diesem Abend. Er wusste selbst nicht, wieso er keinen Appetit verspürte. Nach den vorherigen Anstrengungen müsste er eigentlich umkommen vor Hunger. Immerhin hatte er seit Stunden nichts gegessen. Stattdessen schielte er immer wieder zur Attentäterin hinüber.

    Andrew dagegen musste von allen ermahnt werden, nicht alles Essbare, das sich noch in seiner Tasche befand, zu vertilgen. Er hatte heute massig Energie verbraucht und brauchte unbedingt Stärkung, sonst befürchtete er morgen früh völlig am Ende zu sein.

    Geredet wurde auch nicht viel. Sandra philosophierte ein wenig über ihre Arbeit in der Arena und verschiedene Herausforderer, die dort angetreten waren. Mehrmals hob sie die beiden anwesenden Trainer lobend, geradezu herausragend hervor. Mila und Melody waren auch sehr offensichtlich daran interessiert, während Pete eher abwesend seinen eigenen Gedanken nachging und nur hin und wieder an einem Flachmann nippte. Er wiederum ermahnte sich selbst, dies nicht so oft zu tun, sonst würde Mila ihn dafür tadeln. Und er brauchte es ja nicht darauf anzulegen.

    „Du übertreibst es total, Sandra“, stellte Anderw felsenfest klar und wirkte nicht wirklich bescheiden oder so, als würde er Späße machen. Doch die Drachenmeisterin glaubte das besser beurteilen zu können.

    „Meinst du ich hab einen Grund, mich bei euch einzuschmeicheln oder so?“, flachste sie und boxte ihm fast kumpelhaft in die Seite. Sie bemerkte in diesem Augenblick selbst erst, wie vertraut sie mit den beiden inzwischen war. Doch sie sah darin keinen Fehler.

    „Du kannst mir nicht erzählen, ihr zwei wüsstet nicht, wie bekannt ihr seid.“

    Dem konnte man nicht widersprechen. Ryan Carparso und Andrew Warrener waren mit großer Sicherheit jedem in der aktuellen Trainerszene ein Begriff. Selbst letzterer, der noch auf einen Sieg bei einem großen Turnier wartete, war längst über die Grenzen seiner Heimat hinaus kein Unbekannter mehr.

    Aber genau der winkte einfach müde ab.

    „Sag ich ja nicht. Ich sag nur, halt den Ball flach.“

    Er wirkte nicht wirklich so, als sein ihn großartig danach, mit Sandra zu diskutieren.

    Ryan hatte zumeist bloß zugehört und ab und zu mal genickt. Den Mund hatte er allerdings kaum aufgemacht. Das tat er selbst jetzt nicht, als er sich unerwartet erhob und ohne ein Wort der Entschuldigung oder auch nur einen Blick in die Runde eben diese verließ. Er steuerte geradewegs auf Sheila zu, die stetig ihre Messer in den mittlerweile arg lädierten Pinien Baum schickte. Sie reagierte auch kaum auf Ryan, als dieser schon bei ihr angekommen war und er auf der anderen Seite mühte sich auch nicht, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Wenn sie bereit war, ihm diese zu geben, würde sie es von selbst tun. Ein paar Meter weiter am warmen Feuer sah man gespannt und mucksmäuschenstill zu ihnen hinüber. Pete hielt sogar seinen Flachmann wie eingefroren fest, bemerkte nicht einmal, dass Mila nun doch erst den Alkohol und dann ihn mahnend anfunkelte.

    Die letzte der exakt sechs Klingen, die Sheila gerade verwendete, landete zum x-ten Mal an fast genau derselben Stelle. Sie blieb für einen Moment in ihrer Haltung, mit noch ausgestrecktem Arm und gespreizten Fingern, ehe sie sich Ryan zuwandte. Das tat sie sogar mit dem ganzen Körper. Kein gelangweilter Seitenblick oder bloßes, desinteressiertes Neigen des Kopfes. Sie empfing ihn offen, ehe ihr Blick hinab wanderte, zu Ryans linker Hand. In dieser hielt er seinen zuvor erhaltenen Langdolch.

    Der junge Trainer besah sich kurz der Wurfmesser. Alle zusammen steckten sie in einem Radius von nur wenigen Zentimetern. Dann sah er ihr fest in die rubinroten Augen – seine eigenen schimmerten silbrig im Licht des aufziehenden Mondes.

    „Kannst du mir das auch beibringen?“

    In ihrem Gesicht erkannte man überhaupt nichts, woran man ihre Gedanken erahnen könnte. Ihren Mund hatte sie zudem mit ihrem Schal verhüllt, wie sie es meist tat.

    Einige Meter weiter dagegen, wollten die meisten sich die Ohren putzen, weil sie glaubten, schlecht zu hören. Lediglich Mila hob bloß eine Braue, reagierte äußerlich ansonsten gelassen, aber durchaus überrascht und neugierig.

    „Mit einer Klinge dieser Größe wird es nicht leicht“, stellte die Assassine nüchtern klar. So viel hätte er sich denken können. Doch das sollte ihn ja nicht aufhalten.

    „Deswegen wende ich mich an dich.“

    Vor ein paar Tagen erst hatte Sheila ihm gesagt, dass es seine weiseste unter den jüngeren Entscheidungen gewesen war, auf sie zu vertrauen. Nun wollte er das wieder tun, was bedeutete, er hatte ihre Worte nicht vergessen. In diesem Moment war sie froh, sich ein zucken der Mundwinkel erlauben zu können, ohne sich die Blöße zu geben. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie ihm, heranzutreten.

    Mehrere Münder standen bei diesem Anblick offen. Andrew blickte gar drein, als umarme Ryan ein Tannza. Jedem hier war schleierhaft warum und seit wann Ryan und Sheila so gut miteinander auskamen – mit Ausnahme von Mila mal wieder. Ihr war schließlich geläufig, was zwischen den beiden passiert war, sprich welche Gespräche stattgefunden hatten.

    Andrew stützte schließlich seine Schläfe mit der linken Hand. Der Arm lag wiederum auf seinem Knie. Gepaart mit diesem Gesichtsausdruck musste er aussehen, wie ein Idiot, der nicht einsah, dass er Schlaf brauchte. So primitiv würde das eine Frau wie Mila zwar nicht ausdrücken, aber es war dennoch sie, die sich hingezogen fühlte, ihn darauf anzusprechen.

    „Ihr seht müde aus.“

    Die Aussage und vor allem der Themenwechsel kamen sehr unerwartet, sodass er die Drachenpriesterin verwundert anblinzelte, bevor er antworten konnte. Sie tat es jedoch bewusst, wollte sich um einen Hauch Banalität bemühen, um nicht die Nacht hindurch alle verkrampfen zu sehen.

    „Würde mich wundern, wenn nicht.“

    Er drehte das Handgelenk, um auf seine Armbanduhr zu schauen – die Jeansjacke hatte er nach den Übungen mit Sheila nicht wieder angezogen.

    „Vor ziemlich genau dreiunddreißig Stunden hab das letzte Mal ein bisschen geschlafen.“

    „Und Ryan?“, fragte Pete aus heiterem Himmel und zog dadurch seinerseits die Blicke auf sich.

    Das war tatsächlich schwieriger zu beantworten. Als könnte er die Information darin finden, sah er abwechselnd zu Sandra, die nicht weniger daran interessiert schien, sowie Melody, die sich die Antwort ebenfalls ausmalen konnte.

    „Zwei Tage oder so. Vielleicht länger“, antwortete er mit einem tiefen Seufzer. Er hätte ihn vermutlich längst darauf ansprechen sollen. Doch welche Worte hätten schon die Kraft, Schlaflosigkeit zu vertreiben? Vermutlich war der Grund ein psychologischer und auf dem Gebiet kannte Andrew sich nicht wirklich aus.

    Pete sah vielsagend zu Mila herüber. Sie fing den Blick auf und wandte ihn schließlich besorgt in Richtung jenes Pokémontrainers, der sich von der tödlichsten Killerin der Welt die korrekte Technik für das Werfen des Dolches zeigen ließ.

    „Ist euch irgendwas Ungewöhnliches an ihm aufgefallen?“

    Der andere Junge schürzte nachdenklich die Lippen.

    „Abgesehen davon, dass er jetzt anscheinend Sheilas bester Kumpel ist, nicht wirklich.“

    „Verstehe“, entgegnete die Drachenpriesterin und sah zu Melody, die bis eben noch grübelnd in den Sternenhimmel geblickt hatte. Sie schüttelte bloß den Kopf.

    Milas Blick wurde ernster und sie fixierte die beiden Übenden erneut. Vielleicht überschätzten sie seine Situation etwas – obgleich solch eine Schlaflosigkeit nach diesen Mengen an Stress und körperlicher Anstrengung unbestreitbar besorgniserregend war. Jedenfalls würde sie das im Auge behalten müssen. Sie fühlte sich nicht gut bei dem Plan, doch sie sollte wohl öfter Ryans Freunde zu seiner Verfassung befragen. So verbissen, wie er in diesem Augenblick aussah, während er erfolgreich seinen Dolch im Stamm des Baumes versenkte, hatte sie ihn wahrlich noch nie gesehen. Ein direktes Gespräch würde wohl wenig nützen. Sie hatte ihn nicht gerade als einen Menschen kennengelernt, der übermäßig Rücksicht auf sich selbst nahm.

    „Davon sollten wir uns nicht anstecken lassen“, meinte sie schließlich wenig überzeugend. Selten hatte man so offen ihre Unsicherheit durchschauen können, was Andrew und Melody synchron die Stirn runzeln ließ.

    „Versucht etwas Schlaf zu finden. Ich werde Sheila anweisen, es für heute Nacht kurz zu machen.“

    Mit eben diesem Vorhaben verließ sie die Gruppe, deren Mitglieder fragende Blicke austauschten. Selbst Pete, der sie deutlich länger kannte und sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ, war sehr offenkundig nicht geheuer, was in ihren grauen Zellen geschehen mochte. Noch weniger, was in Ryan vorging.

    „Auf jedes Übel, kommt direkt das nächste, huh?“

    Pete klang ganz schön zynisch und lachte mit mehr als nur einem Hauch Galgenhumor, während er die Gelegenheit von Milas Abwesenheit ausnutzte und nach seinem Schnaps kramte.

    „Und wir haben noch nicht einmal Zeit, um uns um das jüngste zu kümmern“, fuhr er resignierend fort und hob den Flachmann, als wolle er mit den beiden anstoßen. Andrew verdrehte nur die Augen und hoffte, dass sich der Typ daran verschlucken würde. Meldoy hatte dafür – zum ersten Mal in ihrem Leben – den seltsamen Wunsch, ebenfalls zu trinken.

  • Kapitel 36: Ruby


    Das in regelmäßigen Abständen erklingende Geräusch von scharfkantigem Stahl, der die Rinde eines stolzen Baumes durchbohrte, hatten mittlerweile jeder ausgeblendet. Mit Ausnahme der Person, die das Geräusch verursachte. Für Ryan war es bereits Musik in den Ohren und verkündete den Erfolg, die Technik verstanden zu haben. Lediglich an der Präzision haperte es verständlicherweise noch.

    Was Sheila von seinen Fortschritten hielt, konnte man höchstens mit viel Kühnheit mutmaßen, da sie weder auf die Fehlwürfe noch auf jene, die saßen, eine Reaktion preisgab. Genauso gut konnte man gleich raten, was generell in ihr vorging.

    Andrew und Melody hatten, obwohl die Laute sie kein bisschen störten, bislang keinen Schlaf gefunden. Sie hatten es nicht einmal versucht. Zu viele Gedanken schwirrten in ihren Köpfen umher. Sie für den Schlaf beiseite zu schieben, war etwa so aussichtsreich, wie mit einem Gartenschlauch einen Ölbrand zu löschen. Pete hatte da mehr Erfolg gehabt. Der lehnte wieder an einem Baum, der weit in die Lichtung rein lugte und hatte den Kopf auf der Brust liegen. Konnte sein, dass es am Schnaps lag, oder aber er ließ die Situation nicht so sehr an sich heran. Wie könnte er auch, waren Ryan und sie beide ihm doch vermutlich beinahe egal. Jedenfalls hatte er in ihrer kurzen Bekanntschaft nicht gerade ein enges Verhältnis angestrebt. Er war kein Freund, lediglich ein Verbündeter, der Mila helfen wollte und nicht ihnen.

    Selbige saß im Schneidersitz am Feuer und starrte wie hypnotisiert in die Flammen. Melody wüsste gerade zu gerne, welchen Gedanken sie nachging, doch traute sich nicht zu fragen. Keiner wagte zu sprechen.

    Sandra sah die meiste Zeit stumm zum Nachthimmel hinauf. Sie hoffte, sich am Anblick der Sterne ein wenig zu beruhigen. Doch es waren absolut keine zu sehen. Der Wolkenteppich über ihnen war absolut undurchlässig und würde sie vielleicht gar noch mit einem Schauer übergießen.

    Auch zwischen Ryan und Sheila fand seit Minuten keine Konversation statt, da er gerade einfach nur wiederholte, was ihm bislang geraten und erklärt worden war und dabei versuchte, näher an den Punkt zu zielen, der durch ihre vorangegangenen Würfe deutlich in der Rinde auszumachen war. Es wäre ein Traum, könnte er dieses Niveau erreichen. Er selbst verfehlte bei circa jedem fünften Wurf noch immer gerne mal den Baum. Nur noch eine handvoll Versuche, schwor er sich zum x-ten Mal, dann würde er es gut sein lassen. Und da landete er völlig unverhofft einen Treffer genau an den Punkt, den er so akribisch zu fixieren versucht hatte!

    Mit dem Eintauchen des Dolches zitterte auf einmal die Erde. Ein dumpfer Donner erschütterte die Lichtung, als ob ein hundert Jahre alter Baum gefällt worden war. Die meisten in der Runde fragten sich, ob sie sich das Zittern der Erde unter ihren Füßen bloß einbildeten. Die Jugendlichen schreckten allesamt hoch, als habe sie etwas gestochen. Pete erwachte ebenfalls und war ruckartig auf den Beinen, um sich umzublicken. Doch Mila und Sheila sahen bloß langsam auf und anschließend einander in die Augen. Ganz ohne Zweifel hatten sie beide denselben Gedanken.

    „Was in aller...?“, fragte Andrew und sprach damit quasi für jeden mit. Ryan eilte sich, wieder in die Gruppe zu gelangen und ließ glatt seinen Dolch stecken.

    „Bildet einen Kreis“, wies Mila geistesgegenwärtig an. Ihre Stimme klang ernst und alarmiert, doch strahlte sie noch eine immense Ruhe und Konzentration aus. Ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden, die akribisch in das finstere Unterholz spähten. Nichts als Pechschwarz lag hinter der ersten Baumreihe und das in alle Richtungen. Doch hören konnte man etwas. Raschelnde Blätter und stampfende Schritte. Doch leider ließ das Echo, das über die Lichtung hallte, die Richtung nur schwer erahnen.

    „Keiner entfernt sich aus der Gruppe“, wies Mila an und stellte sich – soweit sie das richtig einschätzte – zwischen Ryan und was auch immer da lauerte. Der könnte sich in den Arsch beißen, dass er seinen Dolch nicht genommen hatte, bevor er zurückgeeilt war. So öffnete er den Verschluss seiner Pokéball Tasche und griff nach der Kapsel von Despotar. Er überlegte noch fieberhaft, wer denn der Angreifer sein könnte. Er wusste in etwa, wie groß Brutalanda waren und schätzte die Gattung nicht gerade als übermäßig geschickt und leichtfüßig ein. Jedenfalls nicht am Boden. Folglich kamen ihm Zweifel, ob das bisschen Rascheln tatsächlich das eines fast drei Meter hohen Drachens sein konnte. Das vorangegangene Krachen erschien dagegen sehr plausibel.

    Ganz egal, wer oder was es war, Ryan blieb so aufmerksam und gefasst, wie es sein Zustand zuließ. Doch gemessen daran, dass er sich bis gerade eben noch zum Üben in der Lage gesehen hatte, erging es ihm deutlich besser, als Andrew oder Melody. Letztere hielt sich fest an seiner freien Hand, riss sich aber noch so weit zusammen, dass sie sich nicht ängstlich an ihn drängte. Andrew und auch Sandra fassten ebenfalls einen Pokéball und hielten bereits einen Finger auf den Knopf für dessen Vergrößerung.

    Doch niemand schien beim Befreien eines Kämpfers der erste sein zu wollen. Man wartete ab, wollte auf den Angreifer reagieren, anstatt irgendetwas Aggressives zu provozieren. Doch die Laute waren verstummt. Es herrschte nur noch Stille. Und zwar absolute. Nicht einmal das Zirpen und Krabbeln irgendwelcher Käferpokémon war zu hören und auch sämtliche anderen Nachtaktiven Wesen schienen ausgeflogen. Als spürte jedes unter ihnen die Gefahr.

    Sie alle taten dasselbe. Es lag etwas in der Luft, das die Alarmbereitschaft kollektiv oben hielt, obwohl niemand den Feind sehen konnte. Zumindest mit einer Ausnahme, wie es schien. Sheilas Augen verengten sich ähnlich wie die von Mila, als habe sie etwas erspäht. Ohne den Blick auch nur eine Sekunde in eine andere Richtung zu lenken, machte sie zwei Schritt zurück und ging in die Knie. Sie las einen breiten Ast aus dem Lagerfeuer auf, der gerade erst an einem Ende Feuer gefangen hatte und als provisorische Fackel dienen würde. Mila beobachtete genau, was ihre Partnerin tat. Was immer sie vor hatte, sie wusste, sie selbst würde vermutlich nicht wagen, es zu tun. Doch sie ließ Sheila gewähren, ließ sie schließlich sogar, mit ihrer Fackel in der Hand, den Kreis verlassen. Ihre Schritte waren bedacht, lautlos und vorsichtig. Sie trugen sie deutlich näher an die Bäume heran, als klug sein konnte. Pete malmte mit den Zähnen und beschrie sie in Gedanken, schnellstens umzudrehen.

    Dies tat sich zwar nicht, doch sie stoppte. War diese Annäherung eine Provokation, ein kalkuliertes Risiko oder konnte sie durch den Schleier der Nacht wirklich etwas sehen? Sicher nicht viel mehr, als vom Standpunkt aller anderen aus. Niemand konnte es von ihrer Position aus wahrnehmen, doch Sheila verengte die Augen gar noch ein bisschen weiter, ehe sie eine ausholende Bewegung machte und die Fackel scheinbar willkürlich zwischen die Bäume warf. Die wurden von der mageren Flamme spärlich erleuchtet und warfen mit ihren Ästen und Zweigen unheimliche Schatten ins Unterholz.

    Der entflammte Ast rollte nach seinem Aufprall auf dem Waldboden noch etwas weiter und brachte nun endlich den lauernden Jäger zum Vorschein. Ein langer Hals, sowie ein breiter Kopf mit sechssternigem Zackenmuster ragte aus dem Schwarz hervor. Die wilden Augen schienen auf diese Nähe das Feuer in ebenbürtigem Flackern zu reflektieren. Sie ließen die Gruppe auf ihrer Lichtung alarmiert einen Schritt zurückweichen. Selbst Sheila befand, dass sie sich etwas zu nahe herangewagt hatte und machte, jedoch in aller Ruhe, ein paar Schritte rückwärts. Mila war die Einzige, die sich dem Drachen gar näherte.

    „Hallo, Ruby“, hauchte sie ernst. Das Brutalanda Weibchen entblößte seine scharfen Fangzähne, die nach Fleisch und Blut gierten und senkte den Kopf. Dieser und der lange Hals allein, der sich fast in horizontaler Position befand, wurden durch die Flamme erhellt und sichtbar. Der massige Körper verschwand bereits wieder in der Nacht. Offenbar frustriert über die Tatsache, dass sie entdeckt worden war, stampfte die Drächin mit einer Vorderklaue auf den Boden, um die Fackel zu erlöschen. Es blieb für eine Sekunde erneut absolut still. Dann wurde die Hölle entfesselt.

    Wie ein Orkan brach der massige Körper aus dem Unterholz hervor, rammte dabei zwei im Weg stehende Bäume, die wie Strohalme brachen und entzwei geknickt wurden. Mit nur einem Schlag der rubinroten Schwingen hatte sich dieses gewaltige Geschöpf nach vorn katapultiert – mit geöffnetem Maul direkt auf Ryan zu. Hätte Sandra ihn nicht geistesgegenwärtig zu Boden gestoßen, wäre er wohl nun buchstäblich einen Kopf kürzer. Das Brutalanda zog eine immens starke Windböe hinter sich her, die Andrew, Melody und Pete von den Füßen riss, sodass sie sich ebenfalls auf der staubigen Erde wiederfanden. Mila hatte sich rechtzeitig in die Hocke begeben und Sheila war rechtzeitig zur Seite gesprungen. Ruby hatte alle Klauen in den Boden gegraben, um sich auszubremsen und verharrte nun offen vor ihnen. Sie zeigte der Gruppe die Flanke und hob den Schädel weit in die Höhe, ehe sie ihn nach vorne warf und ein bis ins Mark durchdringendes Gebrüll ausstieß. Man spürte es regelrecht im Brustkorb, als krallte sich etwas in die Organe. Mila und Sheila waren die einzigen, die sich von den aggressiven Drohgebärden – die garantiert nicht bloß Bluff waren – augenscheinlich kein bisschen beeindrucken ließen. Sie kannten dieses Brutalanda so gut, wie man einen Drachen nur kennen konnte. Kein noch so grausamen Brüllen oder Toben würde sie einschüchtern können. Tragischerweise genügte das Wissen um Rubys Zerstörungskraft allemal, um selbst in diesen beiden Frauen… nun, vielleicht keine Angst hervorzurufen, doch durchaus etwas, das dem ähnlich war. Und auch nur, weil sie beide gelernt hatten, den Tod niemals zu fürchten.

    Mila ging erneut einige Schritte auf Ruby zu. Langsam und bedacht, strahlte dabei völlige Gelassenheit aus und zeigte offen ihre leeren Hände. Ihre Körpersprache zeigte eindeutig, dass sie nicht kämpfen wollte.

    „Das hier ist nicht nötig, Ruby.“

    Alle sahen sie der Drachenpriesterin hinterher. Keiner wagte auch nur, sich zu erheben und Pete knirschte verbissen mit den Zähnen, weil er es nicht tat. Eigentlich müsste er Mila sofort festhalten. Sie davon abbringen, sich diesem Monster weiter zu nähern. Obgleich es bekannt war, dass sie mit diesem Brutalanda eng vertraut war, so erschien es wie die dümmste Idee in der langen, traurigen Geschichte dummer Ideen, ihr so nahe zu kommen. Aber niemand hielt sie auf. Denn ein jeder wusste, Mila war ihre einzige Hoffnung auf einen friedlichen Ablauf dieser Begegnung. Und sie würde nach jedem noch so kurzen Strohhalm greifen müssen.

    „Ich weiß, warum du hier bist“, fuhr Mila fort, stoppte ihre Schritte zu keiner Zeit. Doch je näher sie kam, desto langsamer und vorsichtiger wurden sie.

    „Natürlich spürst auch du Rayquazas Herz. Genau wie jeder deines Volkes.“

    Rubys Augen verengte sich gar mehr und der gezackte Kopf wurde wieder in eine tiefe Lauerstellung gebracht, während ein dunkles Grollen aus der Kehle drang. Eine Pranke machte einen Satz nach vorn, quasi ein eindeutiges Zeichen, dass sie bereit war, die Priesterin anzugreifen. Selbst Ryan, Andrew und Melody erkannten die feindselige Körpersprache sofort, doch Sandra versteinerte fast von Anspannung. Nicht im Traum würde sie daran denken, auch nur einen Schritt auf ein Brutalanda zuzugehen, das diese Signale aussandte.

    „Aber ich bitte dich, zügle deinen Hass. Wir werden alles wieder ins Reine bringen. Und den Drachensplitter zurück an seinen Platz.“

    Sie straffte ihre Haltung, präsentierte sich Ruby stark und stolz mit gerecktem Kinn und festem Stand. Eine nächtliche Brise fing ihren schwarzen Mantel auf und ließ ihn hinter ihr flattern, während aufgewirbeltes Laub Mila und Ruby umtanzte.

    „Auf das wir unserem alten Schwur gerecht werden und der Friede zwischen Menschen und Drachen gewahrt werden kann. Dafür werde ich kämpfen und wenn nötig sterben. Doch in jedem Fall werde ich mein Wort halten. Das Schwöre ich bei Rayquazas Namen.“

    Ryan überkam in diesem Moment eine Gänsehaut. Die Situation ließ nicht zu, dass er sich jetzt mit einem solch unbedeutenden Gedanken befasste, doch später würde er sich fragen, woher sie gekommen war. Hatte er Angst vor dem Brutalanda? Gewiss hatte er das, aber war sie auch der Grund? Oder war es viel mehr diese unerschütterliche Opferbereitschaft und das furchtlose Auftreten Milas?

    Wichtiger war jedoch – konnte man diese rasende Drächin denn noch mit Worten besänftigen? Sie schien sich diese Frage gerade selbst zu stellen. So erklärten sich alle zumindest ihr Zögern. Und wenn sie zögerte, so war ihr Entschluss vielleicht noch nicht endgültig.

    Das veranlasste Mila schließlich dazu, ein noch größeres Wagnis einzugehen, indem sie Ruby noch mehr entgegenkam, ihr damit aber gleichzeitig etwas Ungeheuerliches abverlangte. Und zwar, dass sie an der Seite von Fremden kämpfte. Unter Umständen gegen Vertreter ihres eigenen Volkes.

    Die Drachenpriesterin streckte eine Hand aus und blickte mit felsenfester Entschlossenheit, aber auch einem wärmenden, einladenden Lächeln in Rubys Augen.

    „Und wir wären geehrt, dich dabei auf unserer Seite zu wissen. Als Kamerad und Freund im Kampf, so wie vor langer Zeit. Lass uns unser Bündnis erneuern.“


    Jeder Mensch erlebte ab und an Momente, in denen er das Gefühl hatte, die Zeit stünde still. Für Ryan, Andrew, Melody, Sandra, Pete und selbst Sheila fühlte es sich in diesem Moment jedoch so an, als vergingen ganze Tage in diesen wenigen Sekunden. Der Atem von ihnen allen war eins, hatte völlig gestoppt, und egal wie viele Tage sie noch auf die Antwort der Drächin warten müssten, würde doch keiner auch nur im Traum an das Wagnis denken, als erster Luft zu holen.

    Pete war, obwohl er sich dem absolut anschloss, der Einzige, dessen Augen nicht auf Ruby, sondern auf Mila hafteten. Es gab keinen lebenden Menschen, den er länger kannte, als sie. Doch fühlte er sich gerade, als wüsste er nichts von ihr. Denn es war ihm doch unbegreiflich, wie sie den Mut für das hier aufbringen konnte.

    Sich dem Brutalanda allein und offen zu stellen, sich so nahe heranzuwagen, gar Hilfe zu erbitten – und dennoch nicht eine Sekunde lang auch nur einen Hauch Furcht erahnen zu lassen. Schon immer hatte er tiefen Respekt für sie empfunden – das tat er nicht gerade vielen Menschen gegenüber –, doch in diesem Augenblick glaubte er zum ersten Mal, sie wahrhaftig beurteilen und ihre unverschleierte Person erkennen zu können. Und er fühlte, er würde alles tun was sie von ihm verlangen würde, um dieses Ziel, das sie Ruby gerade offengelegt hatte, zu erreichen.

    Nur… würde die Drächin genauso fühlen? Würde sie sich Milas eiserner Tapferkeit anschließen und für den Sieg ihrer Garde, sowie der Drachen kämpfen? Und noch wichtiger – würde sie sich ihren Mitstreitern anschließen?

    Die wilden Augen ließen zum ersten Mal von Mila ab und schweiften über die jungen Menschen, die am Boden kauerten. Milas Partnerin stand weiterhin abseits, doch sie galt es nicht zu einzuschätzen. Jene unter ihnen, die auf die Namen Sandra und Pete hörten, hatte sie ein oder zwei Mal getroffen. Es waren aufrichtige Seelen, die für ehrenvolle Ziele gekämpft und ihrem Volk einen bedeutenden Dienst erwiesen haben. Vielleicht könnte sie sich tatsächlich dazu erbarmen, sie Kameraden zu nennen.

    Doch die Übrigen…

    Angst. Verunsicherung. Misstrauen. Zweifel. Zwiespalt. Schwäche.

    Das waren die Gefährten der Drachenpriesterin? Nein, nicht Gefährten. Nicht nur. Der eine, der mit den schimmernden Augen. Als schienen Vollmonde in seinen Höhlen.

    So viele Makel. So viel Falschheit. So viel Schande.

    Er, der Dieb, der Schänder, der Feind. Er verkroch sich, ließ sich von der Priesterin beschützen. Nicht sie trug das Herz des Drachenvaters, sondern er, war er dessen doch nicht im Entferntesten würdig. Zu ihm sollte sie Seite an Seite stehen? Eher würde sie ihn zu Asche verbrennen!

    Ruby hatte sich noch nicht einmal gerührt, ehe Mila bereits gewahr wurde, dass ihr Schlichtungsversuch gescheitert war. Ihre Augen wurden größer, das sanfte Lächeln schwand und ihre Züge zeichneten deutlich ab, wie sie das nahende Unheil erahnte.

    Sehr langsam hob das Brutalanda erneut den Kopf. Diesmal jedoch presste es die Kiefer fest zusammen – und dennoch entkamen ihrem Maul bereits züngelnde Flammen. Jedes menschliche Herz auf dieser Lichtung setzte für einen Schlag aus. Und in dieser Zeit waren sie wie versteinert. Bis auf eine Person.

    Mila machte eine Ruckartige Bewegung mit ihrem linken Arm, womit sie eine kleine Kugel aus dem Ärmel in ihre Hand beförderte. Nur sehr kurz war ein greller, weißer Lichtblitz zu erkennen gewesen, doch der wurde nun bereits von einem alles vernichtenden Flammenwurf verschlungen. Ryan, Andrew, Sandra… sie alle hielten mindestens einen Arm vor das Gesicht und wandten sich ab. Ein reiner Reflex, denn vor dieser Feuerbrunst würde sie nichts beschützen können. Dazu hätten sie die Cleverness besitzen müssen, ihre Pokémon rechtzeitig zu befreien.

    Jeder spürte deutlich, wie die ganze Lichtung von der Hitze eingenommen wurde. Wie die Flammen sie umspielten und ihr Rot sie einschloss.

    Doch es war aus irgendeinem Grund nicht so qualvoll, wie zunächst angenommen. Nicht einmal ansatzweise! Sandra war die erste, die es wagte, wieder aufzusehen. Die gewaltige Drächin spie weiter ihren Flammenstrahl, doch irgendetwas hatte sich schützend vor der Gruppe aufgebaut. Vom Feuer vollständig umschlossen, konnte man es allerdings nicht erkennen. Zweifellos aber, dass es Rubys Angriff zu beiden Seiten ablenkte,

    Nach wie vor das die Zerstörungskraft dieses Angriffs jedoch enorm und setzte einige Bäume in Brand. Es war ein Glücksfall, dass sie in großen Abständen zueinander aus dem Erdboden ragten. Stünden sie dichter beieinander, wäre in null Komma nichts der ganze Wald in Flammen gestanden. Und selbst in einigen Metern Abstand war die Hitze auf der Haut fast unerträglich. Als drücke man sein Gesicht auf eine glühende Herdplatte. Aber das würden sie überleben. Was man von dem, was Ruby mit ihnen angestellt hätte, wäre Mila nicht zur Rettung gekommen, sicher nicht erwarten konnte.

    Auch Ryan hob nun den Blick und versuchte fieberhaft zwischen seine noch immer erhobenen Arme hindurch zu spähen und auszumachen, wer oder was sich da zu ihrem Schild machte. Doch im Flammenmeer erkannte er lediglich eine schillernde Lichtkugel in Naturgrün. Sie konnten es alle nicht sehen, doch Mila zuckte trotz dieses zerstörerischen Angriffs nicht einmal mit der Wimper. Als wüsste sie mit absoluter Sicherheit, dass der offensichtliche Schutzschild halten würde.

    Es dauerte lange, bis auch Ruby zu dem Schluss kam, dass ihre Flammen den Wall nicht überwinden konnten und den Angriff schließlich stoppte. Es folgte ein Augenblickliches Brüllen, begleitet von einem wütenden Aufstampfen ihrer Vorderbeine. Die Gruppe wollte sich gerade wieder auf die Beine erheben, da erzitterte die Erde unter ihren Füßen, dass sie beinahe wieder zu Boden gegangen wären. Ein Schlag mit den rubinroten Schwingen entsandte einen Windstoß, der um ein Haar dasselbe bewirkt hätte.

    „Ich bedaure zutiefst, dass du uns so her hasst, Ruby.“

    Bestimmt richtete sich dieser nicht auf alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft. Doch reichte er aus, damit sie einen jeden von ihnen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt hätte, ohne auf jemandes Leben Rücksicht zu nehmen.

    „Bitte steh mir bei, Noah!“

    Zum ersten Mal sahen alle das Pokémon, das Mila in allerletzter Sekunde hatte befreien können. Ein schlangenartiger Körper kräuselte sich auf dem Waldboden. Der größte Teil davon war cremefarben, doch zierten große, ozeanblaue Schuppen den Schweif und bildeten eine Art Fächer. Unterbrochen wurden sie hier und da von schwarzen Linien und korallroten Flächen. In eben diese Farbe waren auch die Strähnen über den Augen, die sicher einen Meter maßen, sowie die geschwungenen Fühler auf dem Kopf.

    Selbst umringt von Brutalandas Flammen strahlte dieses grazile Wesen eine unglaubliche Anmut und erhabene Schönheit aus. Als könnte die Verwüstung um sie herum seiner Vollkommenheit nichts anhaben. Genauso wenig, wie die Drohgebärden der Drächin ihn einzuschüchtern vermochten.

    Andrew kam trotz der Lage nicht umher, seinen Pokédex zutage zu fördern, um mehr über dieses Pokémon zu erfahren. Milotic hieß es und gehörte der Gattung der Wasserpokémon an. Mila hatte es, oder eher ihn, Noah gerufen. Und er sollte nicht allein bleiben.

    Sie vollführte mit der linken Hand dieselbe ruckartige Bewegung wie vorhin noch einmal, offenbarte einen zweiten Pokéball und ließ erneut das bekannte, weiße Licht aufblitzen.

    „Neyla, kämpfe mit mir.“

    Diesmal materialisierte sich daraus ein Vogelartiges Wesen mit langem Hals und kleinem Kopf. Der Schnabel war breit, aber kurz und stumpf. Am Markantesten waren wohl mit Abstand die Schwingen, welche das Wesen stolz spreizte und wodurch es plötzlich viel größer erschien. Man könnte wirklich meinen, es trug Wolken an seinen Flanken. Entgegen des Erscheinungsbildes gehörte dieses Pokémon ebenfalls den Drachen an und hieß Altaria.

    Noah und Neyla also. Niemand hier hatte ernsthaft erwartet, dass Mila auch Pokémon in Pokébällen mit sich führte. Doch genau dieser Moment bewies, dass es weise war, sich in gewissen Situationen ihrer Hilfe sicher zu wissen.

    Ruby wirkte mit dem Erscheinen der neuen Widersacher allgemein, aber Altaria im Besonderen, sehr erbost und taxierte das optisch eher schmächtige Wesen mit verengten Augen. Eine Blutschwester stellte sich gegen sie, obwohl sie doch auf ihrer Seite kämpfen müsste. Das glich einem Verrat!


    Für weitere Spekulationen blieb keine Zeit mehr. Das Brutalanda hatte genug. Der schiere Anblick der edlen Drachendame brachte sie zur Weißglut. Mit einem mächtigen Stoß aus den Beinen, sowie einem ebenso kraftvollen Flügelschlag, raste sie auf Neyla zu, die Klauen plötzlich in bläuliches Licht gehüllt. Es dauerte nur einen Herzschlag, ehe die Distanz überwunden war, doch kreuzte ein gleißender Strahl plötzlich die Flugbahn und zwang Ruby, erneut aufzustampfen, um sich hoch in die Luft zu katapultieren. Sie hatte die immense Kälte sofort gespürt. Freilich, denn sie hasste sie von Natur aus. Noah hatte mit einem Eisstrahl nach ihr gezielt und nur knapp verfehlt. Eine zuvor entflammte Baumkrone trug nun urplötzlich schimmerndes Eis an seinen Ästen. Selbst das Feuer war ihm gewichen. Zapfen hingen, nun ja, nicht herab, sondern zeigten dank der starken Eisböe fast horizontal vom Kampfgeschehen weg.

    „Jetzt Drachenpuls, Neyla“, wies Mila unerwartet ruhig an. Den anwesenden Trainern, die sich so in den Hintergrund geraten fühlten – worüber sie nicht allzu traurig waren, da man zu diesem wutentbrannten Brutalanda kaum genug Distanz wahren konnte – stockte der Atem ob Milas Präsenz und Ausstrahlung. Sie glaubten fast, es fühlen zu können, wie sie die ganze Welt um sich herum ausgeblendet hatte. Als habe sie um sich und die kämpfenden Pokémon einen Mantel gelegt, eine Barriere errichtet, die alle äußeren Einflüsse blockierte und ihren Fokus allein auf das Geschehen vor ihr lenkte.

    Die Drachendame öffnete den kleinen Schnabel, aus dem ein unverhältnismäßig gewaltiger, wirbelnder Energiestrahl in Richtung Ruby entsandt wurde und die Lichtung in eine mystische Mischung aus blau-violettem Licht tauchte. Doch die zornige Drächin wich erneut aus, indem sie einen Flügel einklappte und so auf die Seite rollte und bis knapp über die Baumkronen tauchte. Dann breitete sie beide aus und umkreiste die Ziele, während das Zischen in ihren geweiteten Nüstern einen erneuten Flammenwurf ankündigte.

    „Hydropumpe“, lautete die Anweisung der Drachenpriesterin. Man würde sehr bewusst das Wort „Befehl“ vermeiden. Es war befremdlich genug und zugleich atemberaubend, sie plötzlich in der Rolle einer Trainerin zu sehen, die obendrein eine solche Routine an den Tag legte, sich von der buchstäblichen Hitze des Gefechts kein bisschen beeinflussen ließ und überlegt und souverän agierte.

    Noah öffnete mit einem sängerischen Ausruf seines Namens das Maul und stieß eine Hochdruck Wasserfontäne aus, die mit Rubys Angriff kollidierte. Obgleich man meinen müsste, die Hydropumpe sollte die Flammen zum Erlöschen bringen, hielten sich beide Attacken überraschenderweise die Waage. Mit einem lauten Zischen verdampfte Noahs Angriff in der Luft und vermochte nicht, das Brutalanda zu erreichen.

    „Und nun Himmelsfeger!“

    Die wenigsten in der Gruppe hatten überhaupt bemerkt, dass Neyla aus ihrer aller Blickfeld verschwunden war und auch Ruby war dies entgangen. Außerhalb ihres eigenen Sichtfeldes, nämlich direkt über ihr, begann eine vogelartige Gestalt, in gleißendem Licht zu erstrahlen. Es war von hier unten aus lediglich ein ferner Punkt. Wie in aller Welt war sie so schnell und unbemerkt so weit in die Höhe gestiegen?

    Die Drächin bemerkte es zu spät. Sie sah Neyla nur noch aus dem Augenwinkel heraus, doch da spürte sie schon, wie sie sich, verstärkt durch die Energie der mächtigsten Attacke der Flug-Typen, in ihren Rücken bohrte.

    Noah setzte hier auf die Anordnung seiner Trainerin – sollte man sie denn wirklich so nennen? – zu einem erneuten Eisstrahl an. Die Luft knisterte bereits vor seinem Maul und die Kälte fing seinen Atem auf, sodass kleine Wölkchen davor erschienen.

    Doch so einfach würde sich Ruby nicht überwältigen lassen. Der Treffer hatte sie nur überrascht. Doch von Altarias Kraft war sie kein bisschen beeindruckt. Sie rollte sich auf den Rücken und ließ ihre Klaue erneut aufblitzen. In einer fließenden Bewegung schlug sie die zarte Drachendame von sich und brachte sich wieder in eine stabile Flugposition. Mehr noch, sie ging in eine Schraube über und ließ den Angriff Milotics ins Leere gehen. Dafür wuchs nun ein goldene Energieball in ihrem eigenen Maul.

    „Mit Eisstrahl kontern!“, wies Mila an und Noah kam gehorsam nach. Ruby war enorm stark. Vielleicht war sie eines der stärksten unter den normal sterblichen Pokémon. Aber sie war auch impulsiv. Und in diesem rasenden Zustand würde sie überstürzt und unvorsichtig werden. Dann brauchte es nur einen Volltreffer mit einer der stärksten Eis-Attacken – der größten Schwachstelle eines Brutalanda. Und der Sieg wäre greifbar.

    So kollidierten die Angriffe von Ruby und Noah erneut auf halber Distanz. Nein, das war nicht richtig. Es war als würde ein komprimierter Strahl aus sengender Hitze einen Eiszapfen durchbohren und dahinschmelzen. Mila stockte der Atem und nur einen Zug später traf die geballte Kraft des Hyperstrahls auf Milotic. Im goldenen Licht erkannte man nur schwach seine Silhouette und selbst der Schmerzensschrei drang kaum zu ihnen durch. Denn es fühlte sich an, als wäre ein Komet vor ihnen eingeschlagen, der die Erde erzittern ließ und mit seiner Druckwelle alles in der näheren Umgebung hinwegfegte. Tatsächlich neigten sich glatt die nahestehenden Bäume entgegen des Einschlagpunktes und es wurde plötzlich hell, als blicke man geradewegs in die grelle Mittagssonne. Ryan, Andrew, Melody, Pete, Sandra, sie alle kauerten schon wieder auf dem Boden und versuchten die Druckwelle über sich hinweg fegen zu lassen, sie nicht aufzufangen und von ihr fortgerissen zu werden. Dafür war es in Milas Fall allerdings zu spät. Sie wurde wie ein Blatt im Wind von den Füßen gerissen und mehrere Meter fortgeschleudert, gar am Rest der Gruppe vorbei.

    „Mila“, schrie Sandra ihr entsetzt hinterher, senkte aber gleich wieder den Kopf, um ihr nicht unfreiwillig zu folgen. Ganz im Gegensatz zu Pete. Der richtete sich lediglich bis auf die Knie, ehe er mitgerissen wurde, doch das war ihm gleich. Er musste nach ihr sehen. Wohin zum Teufel war eigentlich Sheila verschwunden? Die war seit dem allerersten Angriff Rubys wie in Luft aufgelöst.

    Brutalanda hielt den Hyperstrahl unnatürlich lang aufrecht. Das konnten nur die allerwenigsten Pokémon. Und nicht nur das, sie konnte selbst währenddessen offenbar alle Sinne nutzen. Denn niemals hätte sie sehen können, wie sich Neyla ihr ein weiteres Mal aus totem Winkel näherte und ihren Kopf nach hinten ziehend zur Attacke ausholte. Ruby musste sie aber gehört oder gar gespürt haben. Sie riss das Maul herum und lenkte den Energiestrahl hoch entlang der Bäume, sprengte diese regelrecht in tausend Kleinteile und zielte über ihre Wipfel hinweg. Mitten in der Luft detonierte er dann an dem Altaria. Begleitet von einem krachenden Knall, wie schon bei Noah, verschwand sie zunächst im goldenen Schein und sodann in einer dunklen Rauchwolke. Aus selbiger fiel nur Sekunden später der regungslose Körper gen Boden.

    Mila bekam dies zunächst gar nicht mit. Sie hatte mit sich selbst zu kämpfen. Nachdem sie von der Druckwelle hinweggefegt worden war, musste sie böse mit dem Kopf aufgeschlagen sein, denn dieser hatte eine üble Platzwunde davongetragen. Pete versuchte gar nicht erst, sie liegend zu halten. Sie würde dem höchstens dann nachkommen, wenn sämtliche ihrer Knochen gebrochen oder gar ihr Leben ausgehaucht wäre. Doch die Drachenpriesterin wankte bereits bedenklich, obwohl sie sich nur in der Hocke befand. Sie tastete nach der Stelle, an der sie das Blut hinab laufen spürte, ihr goldenes Haar rot tränkte und sich über ihre rechte Schulter ergoss. Erst der dumpfe Aufschlag eines zierlichen Körpers, der sich nicht rührte, zog ihren Blick auf sich.

    Milas Pupillen wurden winzig klein. Ein Schreckensschatten legte sich über ihr Gesicht.

    „Neyla!“

    Es war das erste Mal, dass jemand von ihnen sie so heißer aufschreien hörte. Sie wollte sofort los sprinten, nach ihrer Freundin sehen. Doch schon beim ersten Schritt versagte ihr Gleichgewichtssinn und ihr Sichtfeld verfinsterte sich fast vollständig. Hatte man ihr mit einem Hammer auf den Hinterkopf geschlagen? Es fühlte sich jedenfalls präzise so an. Sie konnte sich gerade noch mit einem Arm sowie der Hilfe von Pete, stützen. Fast in Zeitlupe kroch sie sodann zu Neyla. Der ganze Körper des Altaria war mit Brandwunden übersät und die Flügel augenscheinlich gebrochen. Doch schnell erkannte sie ein Zittern und Zucken, das Aufbäumen der Nerven. Sie war am Leben. Das war es dann aber auch mit den positiven Punkten.

    Ein massiger Körper, getragen von vier stämmigen Beinen landete wie ein Felsbrocken direkt vor der Drachenpriesterin. Stellte sich zwischen sie und Altaria. Mila versuchte aufzublicken, kippte jedoch kraftlos zur Seite. Pete eilte erneut zu ihr, ungeachtet des mächtigen Brutalanda, das sie jeden Augenblick zerquetschen könnte. Aus trüben Augen und mit einem vernichtenden Schwindelgefühl konnte Mila schließlich, in Petes Armen liegend, hinauf zu Ruby sehen. Nebenbei erhaschte sie noch einen Blick auf Noah, der sich in exakt demselben Zustand befand, wie Neyla. Etwas fand sie in Rubys Augen, das Mila nie zuvor darin gesehen hatten. Tiefe Verachtung.

    Diese Frau war wirklich die Vertraute Rayquazas – ihres Volkes Vater? Kein Wunder, dass sein Herz verloren ging und nun in den Händen eines Fremden ruhte. Selbst mit zahlenmäßiger Überlegenheit war sie nicht einmal imstande, ihr eine Schuppe zu krümmen. Und das, obwohl sie so viele Verbündete um sich geschart hat. Dieser Frau konnte Ruby unmöglich das Schicksal aller Drachen anvertrauen. Diese Tatsache schmerzte sie, war Mila doch die längste Zeit so etwas Ähnliches, wie eine Freundin gewesen. Doch für solche zartbesaiteten Nebensächlichkeiten war hier wirklich kein Platz. Es zählte nur noch ihr Volk und das Herz ihres Vaters.

    Was Ruby jedoch nicht bedachte, war die Kampfkraft eben jener Verbündeter. Aus dem Augenwinkel nahm die Drächin ein helles Aufblitzen war, dem sie sich nur minder interessiert zuwandte. Schon sah sie schwere Felsbrocken und spitzes Gestein aus sich zufliegen. Ihr rechter Flügel wurde eng an den Körper gelegt und fungierte als Schild gegen die Geschosse, doch für so etwas waren ihre Schwingen nicht gedacht. Sie knickten böse unter der Wucht ein und Ruby knurrte und fauchte erbost, brüllte gar von Zorn sowie von Schmerz, als sie auch noch am Hals getroffen wurde. Sie röchelte und keuchte, als sei ihr für einen Moment die Luft zugeschnürt worden.

    Das drohende Gebrüll, mit dem sie sich dem hinterhältigen Angreifer zuwandte, musste noch in Graphitport zu hören sein. Auch Mila und Pete suchten nach dem Ursprung der Attacke, während sie weiter wie erschlagen von Ruby kauerten.

    Eine gigantische Felsechse flankierte den Menschen, der Rubys Wissen nach den Drachensplitter trug. Das Geschöpf prustete zornig aus seinen Nüstern und starrte aus verengten, scharf aufblitzenden Augen fest auf das Brutalanda. Dieses erwiderte die Geste aufmüpfig, stieß aus ihren Nüstern jedoch glatt kleine Flammen. Doch dieser wandelnde Berg von einem Pokémon war nicht das einzige, das sich Ruby entgegenstellte. Ein weiterer Drache baute sich vor der Frau mit dem blauen Haar auf. Waren ihre Brüder und Schwestern denn alle von Sinnen?

    „Du wirst Mila nicht anrühren“, stellte Ryan klar, was sein Despotar augenblicklich mit einem Fußstampfer bestätigte. Bis hierhin und nicht weiter, so lautete die Botschaft. Sandra gab Pete mit einem möglichst unauffälligen Kopfnicken das Zeichen, er solle mit ihr verschwinden, Abstand nehmen, so lange Ruby abgelenkt war. Es war fraglich, wie lange sie das bewerkstelligen konnten.

    Andew hielt derweil Melody schützend hinter sich. Er könnte sich in diesem Augenblick für seine Machtlosigkeit selbst besinnungslos prügeln. Doch dieses Brutalanda war definitiv eine andere Kragenweite, als seine eigenen Pokémon. Psiana wäre vielleicht die einzige, die eine theoretische Chance gegen die Drächin haben könnte, doch diese hatte zwei überaus imposante Gegner in null Komma nichts geschlagen. Schlimmer noch, sie hätte beide dabei umbringen können. Etwas, das im Falle der fragilen Psychokatze fast ein besiegeltes Schicksal wäre, sollte Brutalanda sie nur ein einziges Mal treffen. Dieses Risiko konnte er einfach nicht eingehen, so sehr er auch wollte. Selbst Ryan und Sandra mit ihren deutlich robusteren Kämpfern konnten eigentlich nicht ganz gescheit sein, sich diesem Vieh zu stellen.

    Noch dümmer war es aus Sicht des jungen Trainers gewesen, Ruby gegenüber derart aufmüpfig zu begegnen. Sie hatte ohnehin eine immense Wut auf ihn, wie quasi jeder andere Drache, dem er begegnete. Und sie würde vielleicht das vollbringen, woran die Garados oder Terrys Maxax gescheitert waren.

    Die Lefzen des Brutalanda kräuselten sich wie bei einem Bluthund und ihre Augen selbst schienen wütende Flammen zu beherbergen, die alles zu Asche zu verbrennen versuchten. Ruby kümmerte sich nicht weiter um Mila. Oder deren Pokémon. Oder sonst irgendjemanden. Sie stand hier inmitten von Feinden. Verbündete von brauchbarer Stärke suchte sie hier vergebens.

    Feurige Zungen und Funken drangen bereits aus den Schmalen Spalten zwischen Rubys Zähnen, noch während sie den Kopf in den Nacken legte. Sowie sie ihn nach vorne warf, rollte eine wütende Feuerbrunst über die gesamte Lichtung.

    „Felsgrab, schnell!“

    Despotar stampfte ein weiteres Mal auf. Diesmal brachen daraufhin mannshohe Felsspitzen aus dem Boden und fungierten als provisorischer Schild gegen den Flammenwurf. Ryan und Sandra mussten dennoch schützend die Arme erheben, da die Hitze des Feuers, das zu beiden Seiten am Felsgrab vorbei und obendrein über es hinweg schoss, noch böse auf der Haut brannte. Es war plötzlich so hell, dass man bei geschlossenen Augen glauben würde, es sein helllichter Tag – und die Sonne stürzte gerade näher gen Erde herab vom Himmel. Ein Schrei, offenkundig weiblicher Natur und von Todesangst erfüllt ließ dann sein Herz in furchtbar unnatürliche Regionen sacken. Melody hatte sich gemeinsam mit Andew unweit hinter ihnen befunden. Etwas abseits, doch unter Garantie nicht weit genug, um Rubys Angriff zu entgehen. Einerseits traute Ryan sich kaum, nach ihnen zu sehen, doch paradoxerweise wandte er den Kopf so schnell herum, dass er einen schwindelerregenden Schlag zu spüren glaubte. Der könnte allerdings auch auf der Furcht vor dem, was er gleich sehen könnte, basieren.

    Der Wald hinter ihnen war unerwarteterweise nicht in Brand geraten. Tatsächlich waren bis auf ein paar unscheinbare Flämmchen kaum etwas zu sehen. Das schloss die Bäume selbst mit ein. Bestimmt über zwanzig Meter weit war kaum noch etwas übrig, das Feuer fangen konnte. Die trockenen Pinien waren kaum noch mehr als verkohlte, schwarze Stämme – wenn denn überhaupt noch etwas von ihnen aufrecht stand. Tiefe Furchen waren in den Waldboden gewütet und dicker Rauch waberte noch in der Schneise der Zerstörung aus der schwarz gebrannten Erde.

    Doch inmitten dieser baute sich widersinnig eine helle Wand aus zartem Licht in wunderschönem Gold auf. Schimmernd und der Todeswalze gänzlich trotzend. Andrews Psiana stand wie die Dirigentin eines Lichtspiels dahinter, ebenso wie sein bester Freund zusammen mit Melody. Beide waren unversehrt.

    Andrew könnte sich ein weiteres Mal selbst schlagen. Wie hatte er nur zögern können, in den Kampf einzugreifen? Seit wann war er denn so feige? Selbst wenn er Brutalanda nicht bekämpfen konnte, so war er mit seinem stärksten Pokémon noch mindestens in der Lage, sich und seine Freunde zu schützen und zu unterstützen. Gleichwohl es Psiana enorm viel Kraft gekostet hatte, diesem Angriff stand zu halten. Ihre Hinterläufe knickten für einen Moment ein und der Lichtschild zersprang in goldenes Funkeln. Vermutlich hatte nie ein einfaches Nicken so viel Erleichterung und gleichzeitig Dankbarkeit ausgedrückt, wie das von Ryan in Andrews Richtung. Melody machte sich darüber hinaus so nützlich, wie sie nur konnte. Pete hatte die Pokébälle von Neyla und Noah aus Milas Mantel gefischt und ihr zugeworfen. Nun sah Ryan noch, wie sie zu den beiden herüber eilte und sie sicher in die Kapseln zurückbeförderte.

    So sehr er auch wollte, konnte, durfte er seine Aufmerksamkeit jedoch auf niemanden außer Ruby konzentrieren. Pete hatte es gerade geschafft Mila in verhältnismäßig sichere Entfernung zu schleifen. Melody konnte gar nicht schnell genug wieder zu ihnen zurück und übergab gleich die beiden Bälle.

    Sandra war es, die Initiative zu ergreifen gedachte. Sie würden Rubys Attacken nicht lange über sich ergehen lassen können. Nicht einmal auf einen einzigen weiteren Versuch würde sie es ankommen lassen wollen. Kein Kampf ließ sich ausschließlich in der Defensive gewinnen und dieser hier schon gar nicht.

    „Wir können sie nur mit vereinten Kräften niederringen. Allein hat keiner von uns eine Chance“, wies sie Ryan an. Fragte sich, ob dieses Vereinen ihrer Kräfte denn ausreichen würde.

    Um nicht zu lange ohne Sichtkontakt zu der Drächin zu bleiben und womöglich einen neuen Angriff gar nicht kommen zu sehen, befahl die Arenaleiterin ihren Shardrago einen Drachenstoß. Mit einem beherzten Satz auf die Felsen stieß sich der Höhlendrache in die Luft, unterstützte sich noch mit seinen Schwingen, wie er es schon in seinem Übungskampf gegen Despotar getan hatte und hüllte sich in blaues Licht. Während dieses eine bizarre Drachengestalt annahm, stürzte sich Shardrago wir ein herabfallender Komet auf Ruby. Die tat es dem Angreifer gleich und stieß sich himmelwärts, doch im Gegensatz zu ihm konnte sie dort oben verweilen, so lange es ihr beliebte. Shardrago schlug einen tiefen Krater in die Erde. Es war, als durchpflüge eine Schiffsschraube einen Acker und die Druckwelle ließ das ummantelnde Blau flackern wie Flammen.

    „Wir müssen sie am Boden halten. In der Luft schlagen wir sie niemals!“

    Das hatte Ryan gut erkannt, wie auch die Drachenmeisterin nur unterstreichen konnte. Mit ihrer Mobilität und Geschwindigkeit am Himmel konnten sie nicht mithalten und sie säßen hier unten wie auf den Präsentierteller.

    „Krall dich fest, los!“

    Die gebündelte Kraft in seinen Beinen und Schwingen katapultierte den rau geschuppten Höhlendrachen die mehreren Meter zu Ruby hinauf, sodass er seine Krallen in ihr Bein schlagen konnte. Sie zürnte lauthals darüber und versuchte das Anhängsel abzuschütteln – erfolglos. Shardrago hatte sich fest in ihr Fleisch verhakt, sodass ihm gar einige Tropfen Blut entgegenschlugen, während das Brutalanda in der Luft zappelte.

    „Nochmal Steinkante, Despotar!“

    Ryan schalte sich im Nachhinein dafür, dass er seine monströse Felsechse nicht zur Vorsicht mahnte. Schließlich bestand bei der kleinsten Unachtsamkeit die Gefahr, den falschen Drachen zu treffen. Er hatte sich schon zuvor nicht sonderlich gut mit diesem Shardrago verstanden und wäre beinahe mit ihm aneinandergeraten.

    Doch zu Ryans Freude – und Erleichterung! – schienen sich die jüngsten Zielübungen bezahlt zu machen. Despotar hatte sogar sehr bewusst auf die Flügel gezielt und neben diesen noch einen Treffer an Rubys ungeschütztem Unterbauch gelandet. Die fauchte und zappelte, schlug um sich, als wolle sie einen Biborschwarm verjagen. Doch das zusätzliche Gewicht und die malträtierenden Felsbrocken zwangen sie schließlich zur Landung. Die fiel deutlich gröber und härter aus, als beabsichtigt. Um nicht zu sagen, Ruby stürzte geradewegs ab, Shardrago noch immer im Schlepptau, da der sich so rasch selbst nicht hatte lossagen können.

    Die beiden Schwergewichte, besonders aber das Brutalanda, krachten im Steilflug gen Erde. Ihre gewaltigen Körper die Bäume zerschmettern und Furchen in den Boden reißen zu sehen, sowie durch die enorme Erderschütterung gar zu spüren, erinnerte unweigerlich an einen entgleisenden Zug. Sandra musste einen hastigen Sprung zur Seite machen, da sie drohte, unter ihnen zerquetscht zu werden.

    Ruby lag einen Augenblick lang reglos da. Hinter ihr eine tiefe Schneise in der Erde und ihr Körper voller Schrammen, sowie einer blutenden Wunde am linken Hinterlauf.

    Shardrago lag einiger Meter entfernt in genau dieser Schneise und mühte sich, sichtlich mitgenommen durch den Sturz, auf die Beine. Zwei weitere, deutlich massigere, traten an die Seite des kobaltblauen Drachen und selbiger sah schließlich hinauf in die gnadenlosen Augen einer zinkgrünen Felsechse.

    Ryan stockte einen Moment der Atem und er suchte Sandras Blick. Der war fast identisch mit seinem und ebenso waren es ihre Gedanken. Oder konkreter, ihre Befürchtungen. Wenn sich einer der beiden in diesem Moment dafür entscheiden würde, den Streit vergangenen Tages neu aufleben zu lassen und tatsächlich anzugreifen, wäre dies wohl das schlimmste Szenario, das man sich ausmalen konnte. Despotar und Shardrago waren wohl die einzigen in ihren Teams, die eine reelle Chance besaßen, Ruby die Stirn zu bieten. Aber nur vereint.

    Der Blickkontakt hielt eine gefühlte Ewigkeit. Doch es folgte kein Angriff, auch keine Drohung oder Provokation. Despotar neigte den Kopf ein wenig und richtete ihn nach vorn. Ryan glaubte die Frage dahinter zu erkennen, ob Shardrago aufstehen könne. Und gleichermaßen meinte Sandra ihren Partner spöttisch grinsen zu sehen, als frage er seinen Gegenüber, ob der das tatsächlich ernst meinte. Wie selbstverständlich erhob dich der Drache ruckartig und legte seinen Fokus wieder auf das Brutalanda. So weit würde es noch kommen, dass er sich hier von so einem kleinen Sturz ausruhte und jemand anderen den Spaß überließ. Despotar gesellte sich zustimmend an seine Seite. Dieser Kampf bot die Aussicht auf genug Ruhm für sie beide.

    Der junge Trainer tauschte erneut einen Blick mit der Arenaleiterin. Ihr Glück war angesichts ihrer Befürchtungen kaum zu fassen. Streit hin oder her, die zwei Pokémon akzeptierten, respektierten einander und waren bereit, zusammen zu kämpfen. Und diese Entschlossenheit, dieser Wille, war absolut ansteckend. Ryan spreizte die ausgestreckten Beine ein wenig und neigte den Oberkörper vor und stützte sich auf den Knien ab, als erwarte er einen Tackle gegen ihn selbst. Sandras Füße schoben sich ebenfalls etwas auseinander, doch straffte sie ihren Oberkörper, um sich zu voller Größe aufzurichten.

    „Wie viele solcher Vorlagen können du und Shardrago uns noch geben, Sandra?“

    Einer ihrer Mundwinkel zuckte nach oben und sie entfernte mit einem Ruck aus ihrem Nacken eine Strähne aus dem Gesicht.

    „So viele ihr braucht, Ryan.“

    Der sah nur aus dem Augenwinkel und über seinen Stehkragen zu der Drachenmeisterin.

    „Wir werden trotzdem so angreifen, als sei die nächste Chance unsere letzte.“

    Das tiefe Grollen aus einer bestialischen Kehle kündigten Rubys Aufbäumen an. Ihre Bewegungen waren sehr langsam, jedoch keineswegs unsicher oder verkrampft. Sie wirkte absolut ruhig und gar unversehrt. Sie hatte allen für den Moment den Rücken gekehrt und man mochte meinen, der linke Flügel verdeckte bewusst einen Seitenblick von ihr. Ein stoßartiges Schnauben, wie bereits zuvor von Flammenzungen aus ihren Nüstern begleitet. Dann riss sie ihren Körper herum und stemmte sich auf die Hinterbeine. Die Wunde am linken beeinträchtigte sie keineswegs. Sowie sie dann mit den Vorderläufen auf den Waldboden stampfte, brüllte sie sich die Seele aus dem Leib, geradewegs Despotar und Shardrago entgegen. Ryans Kleidung sowie Sandras Haare und Umhang flatterten gar und ihre Augen verengten sich. Allem Anschein nach hatten sie selbst und auch ihre Pokémon diese unbändige Entschlossenheit keine Minute zu früh gefunden. Denn nun machte Ruby wohl ernst.

  • Kapitel 37: Der Hass der Drächin


    Andew fühlte sich, als würde er zusammen mit Melody von einem Schlachtfeld fliehen. Doch man musste es so sagen – dieses Brutalanda machte genau das aus dieser Waldlichtung. Zugegeben, Despotar und Shardrago hatten ebenso viel Anteil daran, doch sie waren es schließlich nicht, die diesen Kampf begonnen hatten. Aber beenden würden sie ihn hoffentlich können.

    „Mila, bist du okay?“

    Melody ließ Andrew, in dessen Jeansjacke sie sich vehement gekrallt hatte, urplötzlich los. Die Drachenpriesterin hatte gerade einen weiteren Aufstehversuch unternommen und war nun endgültig zusammengebrochen. Von daher war die Frage absolut überflüssig, was Pete direkt klarstellte.

    „Sieht das für dich etwa so aus?“

    Während die Rothaarige sich an Milas Seite auf die Knie fallen ließ, hielten Andrew und Psiana die Stellung. Bereit, sie alle von Querschlägern und Fehlschüssen der Kämpfenden zu schützen. Doch insgeheim wollte er viel mehr tun. Nur durfte er hier nicht übermütig werden. Wenn er das täte und einer der drei hier zu Schaden käme, weil er unbedingt in den Kampf eingreifen wollte, würde weder Ryan noch Sandra ihm das je verzeihen. Und er sich selbst auch nicht.

    „Wo zum Henker ist Sheila?“

    Es war ihr nicht ganz klar, welchen Nutzen sie hier haben sollte. Aber vielleicht frage Pete auch aus bloßer Verwunderung, da von ihr seit Rubys erstem Angriff jede Spur fehlte. Es war ohnehin nicht so, dass sie viel für Mila tun konnten. Priorität war nun, sie vor Schlimmerem zu beschützen. Die Verletzung war nicht lebensbedrohlich. Sie würde wieder werden. Vorausgesetzt, es gab eine Chance, Ruby zu besiegen.


    In einem fairen, offenen Match im eins gegen eins gäbe es wohl keine. Ryan registrierte das schnell. Dieses Brutalanda war ein Monster und obendrein rasend vor Wut. Er hatte nur äußerst selten und niemals aus nächster Nähe ein Pokémon getroffen, das kontinuierlich Hyperstrahl nach Belieben einsetzen konnte, ohne danach sichtlich gelähmt zu sein. Despotar antwortete immer wieder mit seinem eigenen, konnte allein jedoch mit Rubys ungeheuerliche Kraft nicht konkurrieren. Selbst wenn Shardrago mit Drachenpuls ebenfalls dagegenhielt, konnten sie ihre Angriffe nicht überwältigen. Lediglich neutralisieren, was stets für donnernde Explosionen und enorme Rauchentwicklung sorgte.

    Ruby gönnte ihnen keine Pause. Sie feuerte weiter und weiter, wechselte nur ab und zu mal zu ihrem Flammenwurf. Für gewöhnlich keine wirksame Attacke gegen andere Drachen oder Gesteinpokémon, doch steckte so viel Energie in ihren Angriffen, dass Ryan und Sandra einen Gegentreffer auf keinen Fall riskieren konnten.

    Sie mussten diese Angriffswellen unbedingt unterbrechen.

    „Despotar, Sandsturm!“

    Damit würde Ryan der Drächin sicher keinen ernst zu nehmenden Schlag beibringen, ihnen aber zumindest eine Verschnaufpause verschaffen. Mit vorgehaltenem Flügel hielt Ruby den Angriff von ihrem Gesicht fern und mehr brauchte sie auch nicht zu schützen. Doch hier erkannte Sandra eine Lücke.

    „Spring direkt rein und dann Drachenstoß!“, wies sie Shardrago an. Der verstand sofort, was seine Trainerin vorhatte und grollte euphorisch. Das würde ihm gefallen. Mit einem Satz begab sich der Drache direkt in das Zentrum der Böe und nutze den Rückenwind, um seine eigene Attacke zu verstärken. Selbst der aufgewirbelte Sand schien bläulich zu schimmern, als die abstrakte, leuchtende Drachengestalt mit Shardrago in seinem Inneren die Flügel spreizte und Ruby direkt auf das Brustbein traf. Das Licht ging auf sie über und entlockte ihr wütendes Gebrüll, vermischt mit einem durch Mark und Bein gehenden Schmerzensschrei. Doch sie wehrte sich energisch gegen den Angreifer, gab sich ihm auf keinen Fall geschlagen. Shardrago grub seine Füße in den Boden und drückte weiter gegen die eben aufgeschlagene Wunde, versuchte das Brutalanda zu Fall zu bringen. Doch er konnte sie lediglich einige Schritte von der Stelle schieben. Sie krallte sich in die Erde unter ihr und legte ihr gesamtes Gewicht nach vorn.

    Und gerade als klar wurde, dass dieser Versuch gescheitert war, blitzen bereits wieder Rubys Krallen auf. Hierauf weiteten sich Sandras Augen vor Schreck.

    „Zurück Shardrago, weg von ihr!“

    Der Höhlendrache sah alarmiert auf, direkt in die Augen seines Gegners und zum ersten Mal konnte man meinen, etwas wie Angst darin zu erblicken. Dafür würde er sich später selbstverständlich grämen, sich jedoch damit trösten, dass wohl jedes sterbliche Geschöpf beim Anblick dieser tödlichen Seelenspiegel erstarrt wäre. Und damit lag man wohl richtig.

    Wenn Blicke töten könnten – ihrer würde einem wohl die Seele aus dem Leib reißen. Sie hatte endgültig genug von diesem lächerlichen Widerstand. Sie alle sollten verbrennen und in Fetzen gerissen werden.

    Dass sich Shardrago gerade noch von dem Brutalanda abstoßen konnte, hatte ihm eventuell das Leben gerettet. Die Klaue sauste im wahrsten Sinne um Haaresbreite an seinem Kiefer vorbei, sodass der vorbeirauschende Luftzug ihn bereits zurückwarf. Knapper war es wirklich nicht mehr gegangen. Doch die Erkenntnis, dass er diesem Gegner einfach nicht gewachsen war, sowie der daraus resultierende Rückzug, war zu spät gekommen. Das versehrte Hinterbein schränkte Ruby nach wie vor kein Stück ein. So stemmte sie sich auf beide und preschte mit einem ansatzlosen Schlag ihrer Schwingen nach vorn und hob diesmal die rechte Klaue. Sie traf ihn mitten auf die Schädeldecke und schmetterte ihn mit dem Kinn voraus direkt in den Dreck. Rubys Krallen schnitten sich durch die raue Haut und hätten mit etwas mehr Pech gar Knochen zertrümmert. Das Geräusch ließ es beinahe vermuten.

    Shardrago wurde schwarz vor Augen. Es war als wäre er so weit in den Himmel hinaufgestiegen, wie er sehen konnte und dann einfach zu Boden gestürzt. Mit dem Schädel direkt auf eine Bergspitze.

    Sandra schlug eine Hand vor den Mund. So etwas hatte nichts mehr mit einem Pokémonkampf zu tun. Dieser Schlag hatte tödliche Absichten gehabt. Und für einen winzigen Moment hatte sie auch befürchtet, gerade einen ihrer treuesten Freunde verloren zu haben. Doch der schlug sofort die Krallen in die Erde. Ob er versuchte, davon zu kriechen oder tatsächlich versuche, sich noch einmal aufzukämpfen, konnte keiner bestimmen. Dazu wirkte der Drache zu desorientiert. Ähnlich wie Mila zuvor, bloß schlimmer. Während er sich mit einem Arm stemmte, schien der andere blind vor sich nach einem Feind oder aber Verbündeten zu suchen und grub sich ziellos durch die oberen Schichten der verbrannten Erde. Irgendetwas, irgendjemand. Ein jämmerliches Keuchen drang dabei aus seinem Maul.

    Der hatte genug, doch Ruby hatte nicht vor, ihn am Leben zu lassen. Er unterstützte den Feind und somit hatte er sich zu einem solchen erklärt. Ihr Maul begann sich langsam zu öffnen und nach Shardrago zu senken.

    Doch plötzlich bebte die Erde unter ihr. Ein Berg schien sich aus selbiger losgerissen zu haben und nun auf sie zu stürmen. Despotar hatte selten so laut gebrüllt und gewütet. Was hier zu geschehen im Begriff war, würde er niemals tolerieren. Dieses Brutalanda hatte einen Gegner geschlagen. Sie hatte über ihn gesiegt, bewiesen, dass sie stärker als dieser war. Und dennoch ließ sie nicht von ihm ab. Zu töten, nur weil man die Fähigkeit dazu besaß, gehörte zu den verabscheuungswürdigsten Dingen, die ein Pokémon tun konnte. Und Darkrai sollte ihn holen, wenn er zuließ, dass so etwas mit seinem Kampfgefährten geschah.

    Ryan hatte das nicht wirklich befohlen, doch war er unendlich dankbar für Despotars Eigeninitiative. Er selbst hatte sich vor Schreck wie gelähmt vorgefunden. Die Felsechse rammte ihr steinernes Haupt gegen Rubys Kinn und begann wild zu fuchteln. Arme, Beine, Schweif und Schädel. Alles schlug und trat nach ihr, verwickelte sie in ein tosendes Nahkampfgefecht. Definitiv keine Stärke dieser Drachengattung, doch so ungestüm durfte er gegen sie nicht vorgehen. Denn da leuchtete bereits erneut die linke Klaue in exakt demselben Blau auf, wie es bei Drachenstoß gewesen war.

    „Drachenklaue!“, warnte Sandra geistesgegenwärtig. Die Kraft in diesem Angriff war vor wenigen Sekunden erst eindrucksvoll bewiesen worden. Diesem Schlag musste Ryan unbedingt entgehen. Nein, ihn parieren!

    „Verbeiß dich mit Knirscher!“

    Gerade als Ruby die Klaue erhob, machte Despotar einen Satz nach vorn und vergrub seine spitzen Eckzähne in den Knöchel. Das Brutalanda kreischte erneut, riss den Kopf einmal hin und her und versuchte vehement, sich loszureißen. Doch es gab kein Entrinnen. Die Kiefer schlossen sich gar noch enger. Dabei waren dies sicher keine Primärwaffen dieses Gesteinpokémons. Das Blut, das bald schon aus seinem Maul rann, war nicht bloß Rubys. Er biss stärker zu, als die Natur es für dieses Gebiss vorgesehen und daher nicht ausreichend hierzu ausgestattet hatte. Doch das war egal. Er ließ um Arceus Willen nicht los. Gar suchte er festen Stand auf seinen kräftigen Beinen und zerrte an ihr, als wolle er das Glied aus dem Gelenk reißen. Wieder protestierte Ruby fauchend und brüllend. Doch gerade, als sie ihr Maul für den Gegenschlag öffnete, vernahm sie ein weiteres Mal eine weibliche Stimme, die das Wort Drachenklaue schrie.

    Nur einen Herzschlag später spürte die Drächin einen stechenden, kalten Schmerz in der linken Flanke, die wegen Despotars Sturheit ungeschützt geblieben war. Shardrago keuchte mühselig und atmete laut, schwer, war zweifellos es völlig am Ende. Doch er hatte noch nicht aufgegeben. So startete er einen zweiten Versuch, Ruby niederzuringen. Diesmal mit Despotars Hilfe. Nur ein kurzer Augenkontakt zwischen den beiden und sie rissen ihren gemeinsamen Gegner von den Füßen, zwangen ihn in die Knie. Sie lag auf der rechten Seite, der Flügel unter ihrem eigenen Körper begraben und unbrauchbar. Ihre Vorderklaue war nach wie vor zwischen den unbeugsamen Kiefern der Felsechse gefangen, während sich der Höhlendrache über ihren Rumpf beugte, um sie am Boden zu halten. Seine Klauen stachen noch immer in ihr Fleisch.

    Das Brutalanda schrie weniger vor Schmerz, sondern vor Anstrengung und energischer Sturheit, sich den beiden nicht zu ergeben. Diese zwei hier waren stark. Deutlich stärker als die meisten, gegen die sie gekämpft hatte. Und sie liebten eben das Kämpfen genauso sehr, wie sie selbst. Zwischen all den Knurren, Fauchen, Brüllen und Grollen, verengten sich für einen sehr kurzen Moment prüfend ihre Augen. Diese Pokémon gehörten also zu Milas Verbündeten? Jenen warf sie ebenfalls einen knappen Seitenblick zu, den sie wahrscheinlich gar nicht bemerkten, ehe sie wieder ihre unmittelbaren Gegner musterte. Sie war eine besitzergreifende, geradezu Macht- und Herrschsüchtige Drächin. Niemals hatte sie es akzeptiert, sich jemand anderem als ihrem Vater zu beugen. Was sie als ihren Besitz erachtete, das verteidigte sie stets und wenn sie etwas besitzen wollte, so nahm sie es sich. Das war ihre Natur. Doch die verbot ihr nicht, aufrichtigen Respekt für diese zwei Pokémon zu empfinden.

    Und dennoch würde sie sich nicht beugen. Heute nicht und auch in allen Tagen, die noch folgen würden. Ihre rechtes Vorder- sowie Hinterbein war alles, womit sie sich jetzt noch zur Wehr setzen konnte. Sie ließ alle drohenden und aggressiven Laute ihrerseits verstummen und senkte den Kopf. Mit Zorn kam sie ab hier nicht weiter. Jetzt musste sie sich konzentrieren, ihre Kraft fokussieren. Sie war nicht irgendjemand. Selbst unter den Drachen nicht. Und sie würde auf keinen Fall einen Kampf verlieren. Niemals hatte sie sich ergeben oder war geflohen. Es gab nur eine Richtung für sie. Vorwärts!

    Unter Zittern und Ächzen begann sich der himmelblaue Drachenkörper von der Erde abzuheben. Despotar und Shardrago verengten sofort alarmiert die Augen und legten gar noch mehr Kraft in ihre Bemühungen. Ryan und Sandra mussten aus allen Poren schwitzen und das sicher nicht durch die Hitze von Rubys Flammenwurf.

    „Reiß sie nieder, Despotar! Komm schon! Komm schon!“

    „Gib alles, Shardrago, zeig wie stark du bist!“

    Das taten sie beide. Sie legten absolut alles in diesen Kampf, was ihnen zur Verfügung stand und mehr noch. Beide begannen wild entschlossen zu schreien. Ein verzweifelter Versuch, noch das letzte bisschen Kraft, das ihre Muskeln opfern konnten, freizusetzen und dieses sture Brutalanda endlich zur Aufgabe zu zwingen. Und – Arceus bewahre – sollte sich das nicht bewerkstelligen lassen, ihr schwerwiegendere Verletzungen oder Schlimmeres anzutun.

    Doch egal was sie taten, Ruby ging nicht zu Boden. Dieser unbeugsame Wille ließ Ryans und Sandras Mund fassungslos offenstehen. Sie würde sich nicht unterwerfen lassen. Nicht noch einmal. Zentimeter für Zentimeter drückte sie sich hoch, ignorierte die schmerzende Flanke und die gefangene Klaue, die wie eiserne Speere ihre Schuppen durchbohrten. Doch Menschen hatten über viele Jahrhunderte hinweg tagtäglich Grausameres mit ihresgleichen angestellt.

    Nur einen Moment, in dem Sie ihren rechten Flügel wieder bewegen konnte. Mehr brauchte sie nicht. Indem sie ihn erhob und mit aller Kraft aufschlug, brachte sie sich in eine kurzweilige Schwebe und über Despotar. Die rechte Kralle leuchtete auf, wie zuvor die, welche noch in seinem Maul steckte. Der Schlag war nicht in Worte zu fassen. Er traf ihn an der Schläfe. Das zinkgrüne Gestein splitterte dort und am Hinterkopf brachen gar einige der stumpfen Zacken ab. Das würde selbst der stärkste Mann nicht einmal mit einem Vorschlaghammer schaffen. Die Bruchfestigkeit dieses natürlichen Panzers wurde nur von wenigen Spezies überhaupt in den Schatten gestellt – und die meisten dieser Pokémon waren Stahl-Typen.

    Despotar gab einen erstickten Laut von sich und seine Augen schienen an einem fernen nichts zu gefrieren. Für eine Sekunde waren sie komplett weiß. Das Maul weit geöffnet und hing noch einige Sekunden offen, als wäre der Kiefer ausgerenkt worden, während er benommen zurücktaumelte.

    Ohne die Klaue zu senken, holte Ruby erneut aus und schlug Shardrago mitten auf die Schädeldecke. Der Höhlendrache klappte augenblicklich völlig zusammen. Die Ohnmacht kam erst sehr langsam, wurde aber durch den nächsten Schlag unweigerlich beschleunigt. Das Brutalanda verbiss sich in seinem Genick und riss ihn einmal um die eigene Achse, als wiege er nichts. Er wurde in eine Reihe alter Bäume geschleudert, die allesamt unter donnerndem Krach zerbrachen. Das splitternde Holz verteile sich tief in den Wald hinein und begrub Shardrago teilweise unter sich. Er war endgültig besiegt. Kein Aufkämpfen, kein Aufbäumen mehr.

    Ruby schenkte nun Despotar ein letztes Mal ihre ganze Aufmerksamkeit. In einer fließenden Bewegung richtete sie sich wieder zu ihm aus und erschuf einen goldenen Energieball in ihrem Maul. Auf dieser kurzen Distanz durchschlug der heiße Strahl den Steinpanzer auf der Brust wie Pappe und hinterließ auch hier tiefe Sprünge. Despotar wurde ganz einfach hinweggefegt und kam erst zum Erliegen, als auch er ein halbes Dutzend Pinien in tausend Teile zersprengt hatte. Es war als würde eine ganze Horde Geowaz rücksichtslos und vandalierend den Wald niederwalzen. Der Körper, der dort im Unterholz lag und nur schemenhaft in der Dunkelheit zu erkennen war, rührte sich nicht mehr.


    Die Gruppe war kollektiv konsterniert. Andrew starrte mit Stielaugen der wüste Spur, die Despotars Körper hinterlassen hatte, hinterher. Es würde legitim erscheinen, wenn er erzähle ein Meteorit hätte dort im flachen Winkel eingeschlagen. Wie ein solcher war auch Shardragos Schädel gen Boden geschmettert worden. Von diesem Anblick hatte Melody noch immer entsetzt die Hände vor den Mund geschlagen. Selbst Petes Aufmerksamkeit war für einen Moment von Mila losgelöst, die noch immer nur mit seiner Hilfe ansatzweise aufrecht sitzen konnte. Doch der Anblick dieser wahnsinnigen Zerstörung rüttelte sie beinahe wieder gänzlich in die Besinnung. Dies war es, worin sie diese jungen Menschen verwickelt hatte. Der Kampf, der eigentlich ihrer hätte sein sollen und dessen Folgen nun die Partner von unschuldigen Freiwilligen tragen mussten. Selbst in ihrem gegenwärtigen Zustand würde sie sich ohne zu zögern eine Hand abschlagen, wenn sich dadurch ein Sieg erringen und das Leid ihrer Anhänger ungeschehen machen ließe.

    Sandras Oberkörper war so kraftlos und paralysiert, als wäre sie zusammengebrochen und tatsächlich waren auch ihre Beine kurz vor dem Nachgeben. Fast hätte auch die geballte Kraft von Rubys triumphalen Gebrüll dies bewerkstelligt. Sie schrie, als solle alle Welt von ihrem Sieg erfahren, doch genau in diesem Moment holte sie die Tatsache ein, dass sie während dieses Kampfes ebenfalls viel gelitten hatte. Ihre Stimme versagte fast völlig, ging in ein raues Keuchen über und ihre Vorderbeine knickten ein, sodass sie fast zu Boden ging. Dieses verdammte Despotar. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann und durch wen ihr zuletzt so tiefe Wunden beigebracht worden waren. Sie hustete und taumelte – und hasste sich dafür, sich vor diesen Menschen die Blöße zu geben. Doch sie hielt stand, erlaubte sich nicht, vor ihnen zusammenzubrechen.

    Das hätte wohl keiner verübelt. Tatsächlich hätte Sandra niemals gedacht, dass Ruby es nach Milas Altaria und Milotic noch mit Ryan und ihr selbst aufnehmen könnte. Und nun lagen ihre Partner dort. Brutal geschlagen und am Ende jeglicher Kräfte. Solch eine immense Gewalt hatte sie nie zuvor zwischen Pokémon sehen müssen, wenn nicht der Tod involviert war. Von dem war Shardrago glücklicherweise verschont geblieben, wie sie von hier aus beurteilen konnte. Doch würde sie das auch? Oder Mila? Oder Ryan?

    Der vermutlich am allerwenigsten. Es war Sandra nicht entgangen, dass Rubys letzter Blick vor ihrem Angriff ihm gegolten hatte. Das Ausmaß an Zorn und Abscheu, der in jenem gelegen hatte, war erschütternd gewesen. Und nun hatte das Brutalanda noch bewiesen, dass er… nein, sie alle nicht stark genug waren, um den drohenden Krieg zu verhindern.

    Der Krieg, Team Rocket, Ruby, der Drachensplitter – so vieles, um das sich Ryan in letzter Zeit jede Minute den Kopf zerbrochen hatte. Doch in diesem Moment war für nichts davon Platz. Sein Denken wurde nur von einem beherrscht. Despotars Wohlergehen.

    Selten war er so eilig losgerannt. Ein besorgter Ruf nach seinem Partner hallte durch die Nacht, der unbeantwortet blieb. Er achtete gar nicht auf sein Umfeld, auf seine Freunde und Verbündeten und auch nicht auf die Drächin, die ihm nach dem Leben trachtete. Die war nicht gerade erfreut darüber, links liegen gelassen zu werden, als hätte dieser kümmerliche Mensch die Situation in seiner Hand und nicht sie. Abgesehen davon hatte sie mit dem Rest wenig zu schaffen. Er war es, den sie zu verbrennen gedachte. Egal wie geschunden sie auch war, so lange sie stehen konnte, konnte sie auch eine tödliche Flamme speien. Sofern ihr kein Widersacher entgegengesetzt wurde, der stärker war, als Despotar oder Shardrago, würde sie selbst über all ihre anderen Pokémon noch siegreich sein.

    Das Brutalanda musste jedoch große Mühe aufbringen, sich mit einem Aufschlag beider Flügel direkt vor den Jungen zu schwingen. Die Erde zitterte unter ihr, als sie aufsetzte und ihre Muskeln protestierten entrüstet. Ryan stoppte abrupt. Einerseits sah er in der ersten Sekunde gar wütend und empört zu Ruby auf. Als fasse er nicht, dass sie es wirklich wagte, sich zwischen ihn und Despotar zu stellen. Dies registrierte sie unübersehbar und tatsächlich schien sie sehr überrascht, geradezu kalt erwischt von dieser Aufmüpfigkeit. Doch schnell verengten sich ihre Augen und sie entblößte ihre Fangzähne. Der Kopf senkte sich ihm ein Stück entgegen, als lauere sie nur darauf, diese natürlichen Waffen in seinen Körper zu schlagen.

    Das war der Moment, in dem Ryan wieder einfiel, dass die Felsechse nie Rubys erklärter Feind gewesen war. Sondern er selbst. Sie hatte nie jemand anderem gegrollt, als ihm.

    Er würde niemandem weiß machen können, dass ihm in diesem Augenblick nicht angst und bange um sein Leben war. Wie könnte es auch nicht? Ruby hatte zuvor bereits Krallen und Flammen auf ihn gerichtet und ohne die Hilfe der Menschen hinter ihm, sowie der Pokémon, deren reglose Körper sich um das Schlachtfeld herum verteilten, wäre er bereits tot. Doch von dieser Furcht fehlte in seinen Augen gerade jede Spur. Der Grund dafür war einfach. Es gab etwas, das für den jungen Pokémontrainer im Augenblick viel wichtiger war. Etwas, das die Angst verdrängte und ihm geradezu törichten Wagemut verlieh, der ihn zu diesem Ausdruck befähigte.

    Ryan musste zu Despotar. Wollte zu Despotar. Wollte vorbei an der hasserfüllten Drächin, um zu ihm zu gelangen. Nichts anderes zählte gerade. Er stand vor Ruby, als wollte noch immer kämpfen. Wenn nötig mit eigenen Händen. Würde er doch nie Anstalten machen, dieses Monster eigens zu attackieren, strahlte er doch die absolute Bereitschaft dazu aus. Es war kein simpler Bluff. Denn Ryan tat es absolut unbewusst.

    „Ryan!“, rief Andrew aus der Ferne und wollte bereits losstürmen, um ihn fortzuzerren. Was immer dieses wahnsinnige Brutalanda zum Zögern veranlasste, es konnte jeden Moment enden und dann würden sich die Überreste seines besten Freundes in alle Winde zerstreuen. Doch eine kräftige Hand klammerte sich an seine Schulter und das Gewicht von Pete zwang ihn auf die Knie.

    „Du bleibst hier! Bist etwa genauso lebensmüde?“

    Während Andrew wie ein wildes Muntier protestierte, sich jedoch einfach nicht losreißen konnte, versuchte auch Sandra zu ihm vorzudringen. Allerdings ausschließlich verbal, da sie es nicht wagen würde, Ruby auch nur einen Schritt näher zu kommen. Und dafür würde sie sich später in Grund und Boden schämen.

    „Ryan, verschwinde da. Lauf!“

    „Ryan!“

    Der letzte Schrei kam von Melody. Ihre Stimme war unter alles besonders verbittert. Sie fühlte sich wie damals. Macht- und hilflos. Zum teilnahmslosen Zusehen verdammt. Und mit Ryan Carparsos scheinbar unausweichlichen Tod am Ende ihrer Reise.

    Einzig Mila sagte keinen Ton. Doch nicht ihres Zustandes wegen. Tatsächlich sahen ihre Augen zum ersten Mal wieder völlig klar. In ihrer Aufregung und ihrer Angst um das Leben eines Freundes bemerkte es gar niemand. Sie stützte sich mit den Armen und saß weiter auf, um besser sehen zu können, was dort geschah. Und was dort geschah, könnte sich als winziger Hoffnungsschimmer herausstellen. Wie Ryan zu Ruby auf- und sie zu ihm herabsah. Sie wägten einander ab. Und in Rubys Fall konnte es den Hintergrund haben, ob sie ihn anerkannte. Ob sie die Stärke seines Despotar und somit ihn respektieren konnte. Und wenn das möglich war, so wäre eine Allianz mit ihr es ebenfalls.

    Ryan war so fokussiert auf die scharfen Augen des Brutalanda, dass er den Schatten, der hinter ihr aus der Baumkrone hervor preschte, gar nicht kommen sah. Erst, als der auf Rubys Rücken gelandet war, erkannte er die Gestalt der Attentäterin. Wie aus dem Nichts war sie plötzlich erschienen. Doch noch bevor er etwas sagen oder die Drächin sich des Angreifers vergewissern konnte, hatte sie ihre beiden Dolche erhoben. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. Was in aller Welt tat sie da?

    Mit dem Eintauchen des Stahls wurde ein wütender Schmerzensschrei entfesselt. Ruby begann zu toben und zu wüten, wandte und schüttelte sich, schlug ihre Flügel auf und ab, ohne sich erheben zu wollen. Sie drehte den Kopf nach dem Angreifer, schnappte nach ihm, versuchte ihn abzuwerfen. Die Gefährtin der Drachenpriesterin! Von selbiger einmal abgesehen, was sie die Letzte unter den anwesenden Personen, von der sie so etwas erwartet hätte.

    „Sheila?“, wollte Ryan sich ungläubig vergewissern. Sie hatte sich auf Rubys Rücken zusammengekauert und hielt sich nur an ihren Dolchen fest, die noch in ihrem Fleisch steckten. Zweifellos bereitete sie dem Brutalanda damit Qualen, doch überwog in ihrem Gebrüll der Zorn gegenüber den Schmerzen. Aber sie war ausgelaugt, abgekämpft und entkräftet. Da erzürnte sie diese Attacke gar noch mehr. Sie verurteilte nicht den feigen Angriff aus dem Hinterhalt. Sie verurteilte den Angriff und nicht zuletzt den Angreifer selbst. Und zwar zum Tode, wenn nicht noch ein Wunder geschehen sollte.

    Jedoch bekam Ruby sie auf diese Weise einfach nicht los. So unterdrückte sie für einen Moment das Stechen in ihrem Rücken und kam zur Ruhe. Was raste und wütete sie hier, wie ein Menki? Mit einem Flammenstrahl über ihren eigenen Körper hinweg würde sie unweigerlich abspringen müssen. Oder verbrennen, was sie gar bevorzugte.

    Doch mehr als diese eine Sekunde brauchte Sheila gar nicht. Sofort zog sie ihre geliebten Dolche heraus und machte einen Satz nach vorn, wobei eine der Waffen in den Schaft ihres Stiefels wanderte, Sie brauchte die freie Hand, um sich an dem langen Hals Rubys festzuhalten. Kaum geschehen, blitzte die Klinge in ihrer rechten bereits auf und wurde an der Kehle der Drächin angesetzt.

    „Lass das!“

    Es würde vermutlich das erste und auch das letzte Mal sein, dass Ryan Sheila anschrie. Aber genau dies tat er. Aus voller Kehle und nicht nur voll Wut, sondern unverkennbar mit einem immensen Maß an Enttäuschung. Und er war sich in diesem Moment nicht sicher warum sie es tat, doch entgegen seiner Erwartung stoppte Sheila tatsächlich, um seinen Blick zu suchen. Das kurze Zögern genügte nun wiederum Ruby, um den Kopf herumzureißen, sodass das Mädchen von ihrer Schulter geworfen wurde. Indem sie ihn nochmals in die andere Richtung wuchtete, schleuderte sie Milas Partnerin satt über den Boden. Der Aufprall war schon beim Zusehen böse und sie kam erst einige Meter weite zum Stillstand, fing sich aber gekonnt ab und brachte sich in eine tiefe Kampfposition. Sofort legten sich die Rubine in ihren Augenhöhlen wieder auf das Brutalanda – ihr Ziel. Doch einen zurechtweisenden Blick in seine Richtung erlaubte sie sich.

    „Was glaubst du, was du hier tust?“, giftete sie, als erinnere sie ihren Schüler an seine Stellung. Gewissermaßen tat sie das auch.

    Was er tat? In erster Linie verhindern, dass ein unschuldiges Pokémon – das streng genommen auf ihrer Seite stehen könnte, sollte, müsste –, sein Leben verlor. Einen konkreten Plan, was er nun tun oder wie es weitergehen sollte, hatte er nicht gefasst. Genau in diesem Augenblick… nun ja, änderte sich das zwar auch nicht, doch kam ihm eine Idee. Ein möglicher Ausweg aus diesem bereits verlorenen Kampf. Er schätzte die Chancen nicht gerade hoch, doch sofern sie über 0 Prozent lagen, würde er mittlerweile alles versuchen.

    Ruby langte mit einer Klaue an ihren Hals und tastete nach einem möglichen Schnitt. Sie musste den Kopf dafür weit senken und verlor für einen Moment den Sichtkontakt zu den Menschen. Sie spürte nur ihr gleichmäßiges, glattes Schuppenmuster. Sie war unverletzt. Doch warum war sie das? Warum hatte dieser fremde Mensch, den sie vorhin noch zu ihrem geschworenen Feind erklärt hatte, die mörderischen Intentionen der mordlüsternen Sheila gestoppt? Das war vermutlich ihre letzte Chance gewesen, sie zu besiegen. Und er warf sie weg?

    Sie spürte kaum die ersten kalten Tropfen, die auf sie nieder gingen. Das Prasseln und die Nässe. Ein sanfter, nächtlicher Regen setzte ein, löschte die letzten, verbliebenen Flammen an Gras, Laub und Ast. Kühlte die Asche und die gebrannte Erde. Doch vermochte er nicht, ihren Verstand zu klären.

    Alles war so schnell gegangen, dass sie nicht sicher sein konnte, ehrliche Sorge um sie in seiner Stimme gehört zu haben. Er hatte ja auch keinen Grund, welche für sie zu empfinden. Bis gerade eben hatte er sie auch noch bis auf´s Blut bekämpft.

    Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Es addierte sich ihrer Erschöpfung hinzu, die ihr mittlerweile Schwindel bereitete. Oder waren ihre Gedanken der Ursprung? Sie verstand nicht. Sie konnte nicht verstehen. Nichts, was hier geschah, ergab plötzlich mehr Sinn. Erst bekämpfen, dann behüten. Das war irrational und unlogisch.

    Fast taumelte die Drächin. Mit einem Kopfschütteln versuchte sie eine nahende Ohnmacht abzuwehren. Nie hätte sie sich das eingestanden, aber der Kampf hatte sie sehr nahe ans Ende ihrer Kräfte gezwungen. Näher, als jemals in vielen Jahrzehnten. Schwach und kraftlos mühte Ruby ihren Blick schließlich zurück auf ihre Feinde. Waren sie ihre Feinde? War er einer?

    Sie sah die Kapsel nicht heranfliegen. Sie spürte auch nicht, wie diese sie an ihrer Brust traf. Das Brutalanda erkannte lediglich und auch nur im allerletzten Moment, wie sich selbige öffnete und dann ein unwiderstehlicher Sog nach ihr griff. Nicht mit Gewalt oder Zwang. Eher, als führe ein unfehlbarer Wegweiser sie in die richtige Richtung. Raus aus der Konfusion und zurück auf ihren Pfad. Der, den sie blind verlassen hatte, war sie doch schon so lange auf ihm gewandert. Gewiss hatte sie auch auf ihm gekämpft und gelitten. Doch auf diesem verspürte sie zum ersten Mal seit langem keine Angst.


    Noch nie hatte Ryan so sehr gebangt, wenn er auf einen Pokéball gestarrt und sein Stillstehen herbeigesehnt hatte. Er würde so manches dafür geben, dass er es tun würde. Aber bestand überhaupt eine Chance darauf? Bei jedem anderen Pokémon wäre er fast sicher, dass der Fang praktisch schon gelungen war, aber nicht bei Ruby. Sie hatte es alleine mit gleich 4 Gegnern nacheinander aufgenommen und von jedem einzelnen konnte man behaupten, dass sie wussten, wie man kämpft.

    Ryan spürte sein eigenes Herz nicht nur in seiner Brust pochen, er hörte es sogar. Wie ein dumpfes Hämmern, das tief in seinen Ohren lag und alle anderen Laute blockiert. Würde ihn jetzt jemand ansprechen – er würde nichts hören. Doch Sandra, Andrew, Mila, sie alle schwiegen. So lange, bis es auch die Kapsel auf dem Boden tun würde. Oder bis sie aufsprang und einen erneuten Sturm freisetzte.

    Ein leises Klicken. Urplötzlich war das Hämmern in Ryans Ohren verschwunden. Nur das sanfte Prasseln und Rauschen des sommerlichen Sprühregens, der langsam seine Haare, sowie seine Kleidung an Armen und Schultern durchnässte. Er stolperte einen Schritt nach vorn, als würde er sonst zu Boden gehen. Tatsächlich versagten ihm seine Beine den Dienst und der ging in die Knie. Nicht nur die, sondern sein ganzer Körper fühlte sich schwach an und er schluckte ungläubig über den Sieg, den er gerade errungen haben sollte. Zumindest fühlte es sich an, als erkläre die ruhende Kapsel auf dem Boden einen Sieg. Was es wirklich geschafft?

    Schwere Schritte passierten den jungen Trainer. Keine große oder kräftige Gestalt war es, die an ihm vorbei ging. Eher wirkte der Gang so schwer, da die Person gleichermaßen ausgelaugt, erschöpft und vor Erleichterung beinahe fassungslos war. Sandras Stiefel schlurften durch das nasse Gras und stapften achtlos durch die ersten Pfützen. Sie zögerte keine Sekunde, den Pokéball aufzunehmen und machte sofort wieder kehrt. Ryan blickte erst auf, als sie vor ihm stand und ihn stumm aufforderte, den Ball, der Ruby in sich trug, anzunehmen. Mit einem ehrlichen und gratulierendem Lächeln.

  • Kapitel 38: Hinterhalt


    Er starrte ihn zunächst nur an. Als wüsste er nicht, was er tun sollte. Ganz so sehr stand er zwar noch nicht neben sich, doch genau jetzt zweifelte er doch, ob er das Richtige getan hatte. Hinsichtlich ihres Überlebens war es das hundertprozentig, wie er jedoch erst im Laufe des nächsten Tages schlussfolgern würde. Die Frage war, wie es mit der Drächin weiter ging. Konnte er sie nun Partnerin nennen? Dürfte er das überhaupt? Und würde sie ihn denn akzeptieren und ihm vertrauen?

    Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Und erwartete Ryan, als er den Kopf drehte, bereits Melody oder Andrew zu sehen, blickte er unerwartet in zwei funkelnde Rubine. Sheila zog gerade behutsam ihren Schal ein Stück herunter und offenbarte sich ihm völlig. Noch nie hatte er etwas bei ihr gesehen, dass einem Lächeln zumindest so nahe kam. Es fühlte sich an wie Lob und Aufmunterung zugleich.

    Ein paar Meter weiter traute Andrew kaum seinen Augen, allein ob der Geste. Und ihren Gesichtsausdruck sah er noch nicht einmal. Er blieb für einige Momente fassungslos stehen, selbst als Melody bereits an ihm vorbei rannte und auch Pete sich mit Mila, die er noch dezent stützte, zum Rest der Gruppe schleppte.

    Noch ehe es einer von ihnen zu Ryan und Sandra geschafft hatte, verengte Sheila, die gerade den ihren geliebten Dolch wegsteckte, plötzlich alarmiert die Augen und ihr Blick hutschte in das finstere Unterholz. Der Rest bemerkte das gar nicht. Genauso wenig, wie sie die, die sich da herangeschlichen hatten, bemerkten. Selbst die Attentäterin hatte viel zu spät Notiz genommen. Eine Schande, ungeachtet der tosenden Drächin, der ihre Aufmerksamkeit zwangsläufig gegolten hatte.

    Ryan hatte gerade den Griff fest um den Pokéball gelegt, als er urplötzlich von den Knien gestoßen wurde. Noch im Fallen blieben seine Augen an Sheila hängen, die gerade auch Sandra zur Seite stieß, ehe ein kurzes, aber sehr lautes Geräusch sie alle aufschrecken ließ. Jeder wusste, was es gewesen war. Von Melody abgesehen hatte jeder hier dieses Geräusch schon mal vernommen. Ryan und Andrew hatten das erst kürzlich, noch vor ihrer Ankunft in Hoenn. Es war ein Schuss. Das wusste gerade erstgenannter sofort, auch wenn er es nicht glauben wollte. Auch seine Augen mussten ihn belügen. Zumindest wollte er, dass es so war. Doch das Blut, das ihm hier entgegen schlug, war real. Das spürte er, als es sein Gesicht benetzte. Er fühlte die Wärme, fühlte es seine Wangen hinunterlaufen und schließlich vom Kinn tropfen. Für ihn spielte sich alles wie in Zeitlupe ab, während Sheila vor ihm zusammenbrach. Mehr Blut trat aus ihrer linken Schulter und durchtränkte die weiße Bluse.

    „Sheila!“

    Es war wenig überraschend die Drachenpriesterin, die nach ihr rief. Und der Schrei war gleichermaßen von Entsetzen erfüllt, wie zuvor bei ihren beiden Pokémon. Sie wollte bereits losstürmen, noch hielt Pete sie instinktiv fest und verhinderte so erneut, dass Mila ihrerseits entkräftet zu Boden ging.

    Sandra war die erste, die an Sheilas Seite kam und vorsichtig versuchte, sie auf den Rücken zu drehen. Doch die Assassine stemmte energisch einen Arm in die schlammige Erde und richtete sich auf in eine kniende Position.

    „Nicht so schlimm“, beteuerte die ächzend und wenig überzeugend. Rasch riss sie mit der freien Hand ein Stück ihrer Bluse ab und drückte es auf die Wunde. Ryan war für mehrere Sekunden wie versteinert gewesen, völlig konsterniert von dem, was gerade passiert war. Nun kam er wieder zu sich und tat eben dasselbe. Es war ein glatter Durchschuss. So wurde ein Fetzen seines Shirts zweckentfremdet, um direkt neben ihrem Schulterblatt die Blutung zu dämmen. Wäre dieses getroffen worden, würde es vermutlich weit schlimmer um Sheila stehen.

    Andrew – so sehr auch er sich gerne Sheilas Zustand vergewissert hätte – preschte mit seinem Psiana an der Seite an allen vorbei und spähte in die Richtung, aus der er den Schuss vermutete. Mila und Pete gingen neben der Getroffenen in die Hocke, während Melody beinahe zurückgelassen wurde. Die hatte nämlich vor Schreck die Hände vor den Mund geschlagen und starrte auf das Blut, als habe sie bereits eine Leiche vor sich.

    „Halt dich bereit“, wies Andrew unterdessen Psiana an. Wer auch immer da geschossen hatte, könnte es erneut versuchen. Doch eine simple Kugel wäre für die Psychokatze gar einfacher abzufangen, als so manche Pokémonattacken. Es erklang jedoch kein weiterer Schuss. Lediglich trockenes Gelächter. Es waren zwei Stimmen, ein Mann und eine Frau, sehr offensichtlich.

    „Na sag schon, bin ich gut?“, raunte es sehr zufrieden und geradezu abartig glücklich über die Pein, die er über das Mädchen brachte, die so viele von ihnen Kollegen auf dem Gewissen hatte.

    „Spiel dich nicht so falsch auf, Carlos“, lautete die Antwort, obgleich auch ihre Stimme auf eine perverse Weise amüsiert klang.

    „Auf die hattest du doch gar nicht gezielt. Außerdem lebt sie noch.“

    Und sie war fest entschlossen, Blut mit Blut zu vergelten. Sheila konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Zorn verspürt hatte. Es war möglich, dass es länger zurück lag, als das Ende ihrer Ausbildung. Doch das brennend heiße Gefühl, das sie regelrecht niederkämpfen musste, um nicht sofort nach ihren geliebten Dolchen zu greifen und die beiden ausbluten zu lassen, konnte nichts anderes als Zorn sein. Sie hasste diese Schusswaffen und noch mehr hasste sie es, wenn ihr ein Hinterhalt gestellt wurde, wo sie es doch meist war, die genau das tat. Doch ganz bestimmt nicht so. Ort und Zeit waren für sie nie relevant gewesen, doch dieses As hatte feige abgewartet, so lange sie mit Ruby beschäftigt waren und bediente sich auch noch eine solch unehrenhaften Waffe. Dafür würden sie leiden, so viel stand für die Attentäterin fest.

    Es brauchte all ihre Beherrschung, um es nicht sofort geschehen zu lassen, doch selbst wenn sie mit dieser Wunde einem wilden, hastigen Schuss würde ausweichen können, so wäre es zu riskant, sich auf das Psiana dort zu verlassen. Ihr Trainer war ihr einfach nicht vertrauenswürdig genug, um das Leben ihrer Gebieterin aufs Spiel zu setzten.


    Die beiden Figuren traten endlich auf die Lichtung, wo das Mondlicht sie enthüllte. Als sie den Namen Carlos gehört hatten, wollte es weder Ryan, noch Andrew glauben und stattdessen an einem Zufall festhalten. Doch es war wirklich ihr alter und nicht gerade wohlgesonnener Bekannter, der Ryan bereits einmal mit einer Kanone bedroht hatte. Nebst ihm war auch Lydia diesmal bewaffnet und beide Läufe zielten nach der Gruppe. Flankiert wurden sie von ihren Pokémon Omot und Rasaff.

    „Ausgerechnet jetzt“, fluchte Sandra verbissen und ballte die Hände so krampfhaft zur Faust, dass sie ohne die Handschuhe aus festem Stoff wohl zu bluten angefangen hätten. Keine Ahnung, wie sie das bewerkstelligen konnten, doch Team Rocket hatte wohl zu jeder Zeit gewusst, was sie anstellten und wo sie sich befanden. Zumindest im Groben, doch wenn sie sich auch nur in der Nähe dieses Waldes aufgehalten hatten, wäre es ob der donnernden Schlacht, die hier bis vor wenigen Minuten noch getobt hatte, unmöglich gewesen, sie zu übersehen.

    Die leuchtenden Augen Lydias gingen einmal quer durch die erstarrte Meute vor ihr und blieben schließlich an dem Psychopokémon hängen, dass sich noch vor Andrew kampfbereit hielt, ihr gar wütend entgegen fauchte. Die Prinzessin zeigte ihre Zähne.

    Sofort machte die Agentin einige stramme Schritte auf den Trainer zu und richtete ihre Waffe auf ihn.

    „Sofort weg mit dem Vieh“, befahl sie giftig, doch Andrew dachte gar nicht daran, dem nachzukommen. Er senkte den Kopf ein wenig, als wolle er das Miststück herausfordern, doch insgeheim war er nicht wirklich scharf drauf, dass hier geballert wurde. Doch wenn Lydia es wirklich drauf anlegen sollte, könnte Psiana den Spieß umdrehen, so lange sie noch vor ihm stand. Ihre Augen fixierten konzentriert den Finger, der auf dem Abzug lag. Die kleinste Regung von selbigem war für sie das Signal, ihren Trainer vor der tödlichen Kugel zu bewahren. Wäre nicht noch der andere da, könnte sie ganz einfach per Psychokinese jede Bewegung der Frau unterbinden, doch das war viel zu riskant, solange eine zweite Waffe im Spiel war, die jederzeit auf jemand anderen, außerhalb ihres schützenden Radius feuern konnte. Hinzu kamen noch Rasaff und Omot, die ebenfalls sie oder jemand anderen aus der Gruppe angreifen könnten.

    All das wussten die Rockets anscheinend auch. Dennoch oder vielleicht gerade daher beharrten sie so sehr darauf, Psiana möge in ihren Ball verschwinden. Und Lydia schien sich nur sehr ungern wiederholen zu müssen. Ohne den Blick von Andrew abzulenken, richtete sie ihre Waffe willkürlich auf Sheila. Die reagierte kein bisschen darauf, doch wenn sie jetzt schießen würde, das wäre es das für sie gewesen. Endgültig.

    „Los“, drängte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und zog den Hammer ihrer Pistole.

    Sandra, Pete, Mila, sie alle knirschten mit den Zähnen und Andrew spürte deutlich, wie die meisten Augenpaare sich auf ihn legten. Irgendwie schaffte er es sogar, konzentriert und besonnen zu erscheinen, einen kühlen Kopf zu bewahren und vor der Waffe nicht zu erstarren. Doch Tatsache war, dass Psiana nur ihn und nicht alle anderen würde schützen können. Da noch kein weiterer Schuss gefallen war, konnte es nicht das erklärte Ziel von Carlos und Lydia sein, sie einfach umzubringen. Das hätten sie längst tun können. Insofern war es wohl das Beste, vorerst zu gehorchen und auf eine bessere Gelegenheit zu hoffen, den Spieß umzudrehen.

    Anderw zeigte zunächst seine leere Hand, die langsam an seinen Gürtel wanderte und die Kapsel der Psychokatze hervorholte. Die hatte die Situation von selbst begriffen und sah ihre Machtlosigkeit ebenfalls ein. Sie würde sie vermutlich ihr Leben lang nicht vergessen. Frustriert ließ sie den Kopf sinken und sich schließlich von einem roten Energiestrahl widerstandslos in den Pokéball ziehen.

    Für ein paar Sekunden herrschte totale Stille. Keiner in der Gruppe wollte was sagen. Was denn auch? Sie hatten den Rockets nichts zu erzählen – von der Angst, jedes noch so kleine Kommentar könne deren Finger am Abzug zu lose machen, mal abgesehen. Carlos ging schließlich ein paar Schritte auf sie alle zu, bedeutete Sandra mit seiner Waffe schließlich, ein paar Schritte zurück zu gehen. Sie tat es ohne mit der Wimper zu zucken, was ihm eigentlich missfiel. Ihm wäre lieber, alle starr vor Angst zu sehen. Doch das war allein das rothaarige Mädchen ganz hinten, die allerdings von allen die unwichtigste Person darstellte. Die mörderische Tussi mit dem Schal brachte er ebenfalls auf Abstand und davon konnte er eigentlich kaum genug haben, bedachte er die Massaker, für die sie verantwortlich war. Doch nun sah die Sache anders aus.

    Dann blickte Carlos mit verengten Augen zu Ryan, der direkt zu seinen Füßen noch immer auf dem Erdreich kniete.

    „Das weckt Erinnerungen, nicht wahr“, fragte er unglaublich provokant und grinste dabei wie ein geisteskranker Gestörter. Keine Erinnerungen, wie der junge Trainer befand. Der blickte gerade tatsächlich lieber in den Lauf der Kanone, anstatt in das widerwärtige Gesicht dieses Arschs.

    „Tu jetzt nichts Unüberlegtes, Carlos.“

    Es war nicht Lydia, die ihn da bremste. Eine andere, ebenfalls feminine Stimme, aber weicher und viel Autoritärer. Sheila verengte sofort die Augen noch weiter. Sie war also doch nicht nur zum Zuschauen da. Aber eingreifen schien sie auch noch nicht zu wollen.

    Vom Assassinen abgesehen hatte es keiner bemerkt, aber im Schatten der Bäume saß eine junge Frau auf einem hohen Ast. Ein Bein war verspielt herangezogen, während das andere lose herunterbaumelte. Die Kleidung war größtenteils dunkel, ebenso wie die Haarspitzen. Doch mehr konnte man in der Finsternis beim besten Willen nicht erkennen. Sheila brauchte das auch nicht ebenso wenig wie ihre Gebieterin. Sie wussten ganz genau, wer dort saß.

    „Ich weiß, ich weiß,“ beschwichtigte Carlos sofort, kam Ryan aber sehr nahe und beugte sich zu ihm herab. Wenigstens blieb es ihm erspart, in den Lauf der Pistole zu sehen.

    „Dass das klar ist. Ich hätte dich schon beim letzten Mal wegpusten können.“

    Wer´s glaubt. Gerne würde Ryan ihn jetzt an die Schnittwunde erinnern, die ihm Panzaeron in besagtem Moment beigebracht und von der er sicherlich eine hübsche Narbe davongetragen hatte. Aber wie schon damals, war er nicht so lebensmüde, es auszusprechen. Unterdessen wurde das Grinsen des Rockets noch breiter und er freute sich innerlich bereits sehr darauf, die Worte zu sagen, die er sich zurechtgelegt hatte, seit er den Namen dieses Trainers in der Datenbank ausführlicher überprüft hatte.

    „Du wärst auch nicht der erste Carparso, dem ich das Licht ausknipse.“

    In Ryans Kopf wurde mit einem Schlag alles leer. Für eine Sekunde war sein Verstand gänzlich ausgeschaltet. Nur Schwärze, Leere und ein dumpfes Echo. Das Echo des Schusses, der seinen Vater getötet hatte, sowie dessen Körper, der leblos auf dem Asphalt aufschlug. Wieso hörte er das? Er war nicht dabei gewesen, als Adam Carparsos Leben geendet hatte. Doch in diesem Moment fühlte er sich wirklich als wäre er es.

    Aber das konnte unmöglich sein. Der? Dieser Typ in schwarzer Uniform? Das war doch ausgeschlossen! War es das? Es musste!

    „Ich bin sicher, du hast meine Visage schonmal irgendwo gesehen. Polizei, Medien oder so. Nur hab ich mich seit meinem Ausbruch ein bisschen verändern müssen.“

    So wie er erzählte, fing Ryan an, das abartige Gesicht vor ihm in Gedanken umzustrukturieren. Die Haare nicht lila mit weißer Strähne, sondern schwarz und auf Kinnlänge, dazu ein ungepflegter drei-Tage-Bart und tiefe Augenringe. Das war nämlich das Bild, das tatsächlich einige Tage durch die Medien kursiert war, als der Mord dort Erwähnung gefunden hatte.

    „Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich auf diesem Moment gefreut hab, nachdem ich rausgefunden hatte, dass du das Balg von diesem Kerl von damals bist“, fügte Carlos an, der fast selbst in Nostalgie an damals schwelgte, als er noch ein einfacher Straßenräuber gewesen war. Der Typ, den er damals abgeknallte hatte, war ihm völlig schnuppe gewesen und würde es sich nicht um jenem Mord handeln, der für ihn den Knast bedeutet hatte, hätte er ihn längst vergessen. Eingelocht für so einen kleinen Raubüberfall. Mann, war das frustrierend gewesen. Eher zufällig hatte er nach einigen Wochen drei der Wärter belauschen können, die sich von Team Rocket bestechen ließen und hatte über sie Kontakt zu der Bande bekommen. Mit dem Versprechen, sich in die Dienste der Bande zu stellen, hatte man ihn und einige andere Häftlinge aus dem Knast geholt, wohl wissend, dass man sich einem Versprechen dieser Organisation gegenüber nicht würde entziehen können. Doch mieser als das Leben hinter Gittern hätte es auf keinen Fall sein können.

    Und nun stand er hier. Mit einer Waffe auf den Schädel des Abkömmlings von eben jenem Typen, den Carlos damals erschossen hatte.

    „Wie das Leben doch manchmal spielt, oder?“

    Der Blick in die Augen von Ryan war nur leider ganz und gar nicht das, was er zu sehen gehofft hatte. Er hatte fest mit Verzweiflung gerechnet und wie man ihm ansehen konnte, dass er die Erkenntnis abzustreiten versuchte. Doch es sah eher so aus, als wollte er mit der bloßen Kraft seines Geistes die Kehlte von Carlos zerdrücken. Es war ein Blick, der Menschen zu durchbohren vermochte, stand weder dem der rachsüchtigen Sheila noch dem wutentbrannten Brutalanda von vorhin in irgendwas nach.

    Der Rocket verzog angesäuert das Gesicht. Da hatte er sich so hierauf gefreut und jetzt war ihm nicht mal der Spaß vergönnt, den Hosenscheißer mental ein bisschen zu quälen.

    Ryan zuckte nicht einmal. Nicht einen Muskel rührte er. Der Hass, den er gerade verspürte machte seine Glieder taub und würde es ohnehin nicht zulassen, dass er jetzt etwas Dummes tat. Doch er schwor sich hier und jetzt, wenn er diese Nacht überleben sollte, Carlos das Leben zu nehmen.


    Andrew war der einzige aus dem Rest der Gruppe, der das Ausmaß dieser Nachricht und dieser Situation in Gänze erfassen konnte. Klar erging aus dem Kontext heraus, wovon der Bastard mit der Knarre sprach, doch nur er hatte damals miterlebt, wie Ryan der Verlust seines Vaters mitgenommen hatte. Was es in ihm ausgelöst hatte. Nur er war anwesend gewesen, wie er – als Kind! – dem Mann, der die Schuld daran trug, dass sein Vater nie wieder nach Hause kommen würde, ebenfalls den Tod gewünscht hatte. Er war beileibe und vor allem traurigerweise nicht der einzige auf der Welt, der ohne Vater hatte aufwachsen müssen. Doch dieser Schmerz konnte niemals von jemandem verstanden werden, der dieses Leid nicht kannte. Noch würde man sich den Schmerz vorstellen können, den Ryan diesem Carlos nun gerne beibringen wollte.

    Für Mila, Sandra und Melody war die Botschaft ebenfalls ein Schock. Keine von ihnen hatte wissen können, was Ryans Vater widerfahren war, doch nie hätte jemand mit irgendetwas in der Art gerechnet. Team Rockets Operationen forderten nur sehr selten Menschenleben. Dann noch einen zu treffen, der einen Teil von Ryans Familie ausgelöscht hatte…

    Mila hatte viele Menschen selbst sterben sehen, gar eigenhändig getötet. Doch die Botschaft, dass Ryan Carparso ebenfalls zu den Menschen gehörte, die jemand sehr wichtigen in ihrem Leben verloren hatte, schnürte ihr das Herz zu. Kaum ein Mensch war so verdorben, dass er solch einen Schmerz verdiente. Er noch mitunter am wenigsten.

    Über diesen Verlust selbst dachte Ryan allerdings im Moment nicht eine Sekunde nach. Nur an die mit ihm verbundene Vergeltung. Zur Hölle, er würde es hier und jetzt tun, wenn er nur die Gelegenheit hätte. Doch der Dolch, den er von Mila bekommen hatte, lag zwischen den zertrümmerten Bäumen und war unerreichbar, obwohl er gar sicher war, ihn zwischen all der zersprengten Flora aufblitzen zu sehen. Kurz hatte er überlegt, ob er einen von Sheila würde stibitzen können, doch traue er sich nicht zu, dies zu bewerkstelligen, ohne dass die beiden Rockets es mitbekamen. Letztendlich würde er nur provozieren, dass noch ein Abzug betätigt wurde.

    Um die Karten auf den Tisch zu legen, Ryan wusste nicht weiter. Was allerdings nicht hieß, dass er den verachtenden Blick, mit dem er Carlos stumm seine Rache schwor, sein ließ. Und genau das schien jenem mehr und mehr zu stinken.

    „Glotz nicht so, du kleiner Scheißer“, murrte er frustriert und schlug ihm schließlich mit dem Ende des Griffs gegen die Schläfe. Melody sog scharf Luft ein und unterdrückte nur mit Mühe einen Aufschrei. Was hier passierte, entsprach keineswegs dem, worauf sie sich mental vorzubereiten versucht hatte, bevor sie nach Hoenn gekommen war. Da war es in ihrer Welt noch um Pokémon gegangen und den legendären Drachengott. Nicht aber um bewaffnete Gangster.

    Andrew ballte die Faust, sodass diese zitterte. Auch er konnte sich kaum beherrschen. Wie musste es Ryan dabei gehen?

    Der hatte nicht einen Ton von sich gegeben. Er drehte sich nur langsam wieder nach vorn, um genau denselben Blick in Carlos hässliche Augen zu richten. Seine eigenen, in denen sich im nur schwächlichen Mondlicht dieser Nacht bloß ein dezentes, silbernes Schillern über das Marineblau gelegt hatte, wollten nicht kapitulieren. Carlos sollte hier und jetzt seine Abscheu, seinen Hass und seine Entschlossenheit nach Vergeltung in ihnen ablesen.

    Ob er das tat, blieb ungewiss. Was Ryans Augen in ihm definitiv auslösten, war Zorn. Der Griff um seine Waffe verstärkte sich, verkrampfte beinahe. Und er wollte unbedingt erneut und fester zuschlagen. Die Intention schien die junge Frau weiter hinten in den Schatten jedoch zu erahnen, erkannte sie vielleicht schon im Zucken seines Armes.

    „Genug damit.“, wies sie unerwartet und äußerst strikt an. Sie hatte nie vorgehabt, auch nur einen aus dieser Gruppe solch demütigenden Spielchen zu unterziehen. Das lag unter ihren Prinzipien. Sadismus war nie eine ihrer Eigenschaften gewesen. Allgemein galt ihr persönliches Interesse nur einer einzigen Person. Und glücklicherweise hatte der Schwarze Lotus ihr für diesen Auftrag gar gestattet, nach diesem Interesse zu handeln.

    „Bringt die Kleine her.“

    Die Kleine. Dabei dachte nicht nur Ryan als allererstes an Melody. Genaugenommen tat das jeder – mit Ausnahme der tatsächlich gemeinten. Sheila erhob sich sehr langsam. Das Carlos sie aufforderte oder ihr mit der Waffe im Rücken folgte, wäre gar nicht nötig. Bloß weil er einen Meter Sicherheitsabstand hielt, wäre sie dennoch in der Lage ihn jederzeit zu überwältigen. Ein Risiko, dass sie nach wie vor nicht eingehen konnte. Ryan verblieb in seiner Position und ganz offensichtlich war Rasaff bereits im Voraus die Verantwortung dafür übertragen worden, dass das so bleibt. Das Kampfpokémon baute sich direkt neben ihm auf und schnaubte durch seine Nase, sodass seine Haarspitzen zappelten. Wohl sollte das einschüchternd wirken, doch da musste es eindeutig noch üben. Da klang Despotar ja bedrohlicher, wenn er schnarchte. Omot bewachte den Rest von oben, würde sicher auf jede verräterische Bewegung reagieren. Und diesmal vermutlich nicht mit so etwas Harmlosen wie Stachelspore.

    Sheila drückte mit einer Hand noch immer den Stoff gegen ihre versehrte Schulter, obwohl dieser schon völlig durchtränkt war und ihre weiße Bluse mehr und mehr rot färbte. Die rubinfarbenen Augen blickten nicht hinauf zu ihr, sondern nimmer nur geradeaus. Warum sollte sie auch eine Frau, die eine echte Assassine zu imitieren versuchte, sich aber feige im Hintergrund versteckte und andere die Arbeit auf zudem ehrlose Weise erledigen ließ, auch ansehen? Das käme einem winzigen Hauch von Anerkennung gleich, die sie der Agentin nicht schenken wollte. Waren diese Augen doch so zum Fürchten, besaß die Kleine tatsächlich ein gar süßes Gesicht. Was für ein Antlitz. So ein Gesicht gepaart mich diesen Seelenspiegeln könnte sich kein Mensch jemals ausdenken.

    Es wäre Sheila gar recht gewesen, würde sie einfach da oben sitzen bleiben, doch den Gefallen tat sie ihr natürlich nicht. Die viel zu seltene Gelegenheit, ihr Objekt der Begierde aus nächster Nähe zu sehen, musste unbedingt genutzt werden. Vor allem, da ihr zum ersten Mal ein Blick in ihr unverhülltes Gesicht vergönnt war. So schwang sie sich leichtfüßig von ihrem Ast und drückte der Attentäterin beinahe ihre Nase ins Gesicht. Einen plötzlichen Angriff brauchte sie nicht zu fürchten. Sicher würde Sheila gerne ein, zwei Dolche in ihren Körper stoßen, doch würde sie dafür nicht in Kauf nehmen, ihre Kameraden zu gefährden. Wobei… die vielleicht schon. Nicht aber Mila.

    Der Drachenpriesterin wurde ganz anders in ihrer Magengegend, während ihre Partnerin schutzlos ausgeliefert war. Sie wagte nicht zu mutmaßen, was mit ihr geschehen könnte. Auf sie war bereits geschossen worden.

    Der Rest der Gruppe tappte noch immer im Dunkeln, wer denn die ominöse, junge Frau war. Selbst nun, da sie auf demselben Boden stand wie sie, verhinderte die Dunkelheit sowie Sheila selbst einen genaueren Blick. Auch was sie nun tat, blieb unerkennbar für Ryan, Andrew und sie alle. Vermutlich war es auch besser so.

    Eine Klinge blitzte auf. Binnen eines Wimpernschlages hatte sie nach Sheilas Hals gezielt, sodass die Spitze nun genau an ihrer Kehle lag.

    „Es wäre so einfach“, seufzte die Agentin, was gar mit einem abfälligen Schnauben quittiert wurde. Sie hatte nicht einmal zu hoffen gewagt, dieser Mörderin so eine Reaktion entlocken zu können.

    ‚Meine Rede‘, antwortete Sheila allerdings bloß in Gedanken. Ihr Blick war dafür durchaus herausfordernd. Sollte sie doch ernst machen. Sollte sie es doch wahrhaftig versuchen. Diese Wunde sollte das Ergebnis nicht beeinflussen. Doch sie würde es nicht tun. Keineswegs wegen eines Befehls, der sie zurückhielt. Nein, sondern aus eigenem Entschluss führte sie ihren Dolch keinen Zentimeter weiter. Dies wäre nicht das, was sie sich erhofft hatte. Die Chance, sich wahrlich mit diesem mörderischen Mädchen zu duellieren, würde sie nicht so einfach wegwerfen. Nebenbei würde sie im Hinterkopf behalten müssen, Carlos für seine Dummheit zu bestrafen, die Kleine anzuschießen. Hätte er sie versehentlich umgebracht… die Agentin hätte den Idioten direkt hinterher ins Totenreich geschickt.

    Carlos und Lydia schienen sich da jedoch deutlich weniger im Zaum halten zu können. Letztere trat gerade and Andrew heran, der es bewusst vermied, ihr ähnlich aufmüpfig in die Augen zu sehen, wie Ryan es bei Carlos getan hatte. Selbst als sie direkt neben ihm stand und sich leicht herabbeugte, ließ er den Kopf etwas unten. Dafür blickte Sandra auf und beobachtete genau, was diese Frau tat. Bei ihrem Gesichtsausdruck schwante ihr jedoch Böses.

    „Beim letztes Mal hast du mich echt sauer gemacht, Bürschchen.“

    Wenn die wüsste, wie sehr er sich im Nachhinein ins Fäustchen gelacht hatte, würde sie vermutlich zur Furie werden. Etwas, das Andrew gerade tunlichst vermeiden wollte.

    „Mich so bloß zu stellen und mein Ansehen im Team Rocket zu gefährden, schreit nach einer Wiedergutmachung, denkst du nicht?“

    Scheiße. Verdammte Scheiße. Ryan schürte sehr offensichtlich nicht als einziger Rachegelüste. Die hatte doch nicht vor, ihn jetzt abzuknallen, oder? Bloß weil er sich gewehrt und nicht getan hatte, wozu er und alle anderen damals aufgefordert worden waren. Wie naiv war Andrew eigentlich? Natürlich war das dieser Tussi genug. Jeder Idiot erkannte sofort, dass sie selbstverliebt und herrschsüchtig war. So eine Person ließ sich rein gar nichts einfach so gefallen. Alles, aber auch alles musste doppelt und dreifach zurückgezahlt werden. Denn ihr gegenüber zu rebellieren war ein unverzeihliches Verbrechen.

    „Beruhig dich, Lydia. Noch ist nicht die Zeit. Vergiss den Plan nicht.“, ermahnte Carlos von weiter weg, drehte dabei den Kopf nur ein kleines Stück, ohne dieses verfluchte Mädchen aus dem Auge zu lassen. Er wusste, nur eine Sekunde würde ihr genügen.

    „Der hier ist unwichtig genug. Ich denke, der Schwarze Lotus wird nichts dagegen haben.“

    Sprach sie den Namen schon wieder unbedacht vor dem Feind aus. Lydia war manchmal unverbesserlich. Und auch wenn Carlos ihr in dieser Sache nicht unbedingt widersprach, überstieg sie hier ihre Befugnisse.

    „Scheiß auf die Befehle!“, spie sie nun lauthals aus und drehte sich gar zu Carlos, drehte Andrew somit für einen Moment den Rücken zu. Der hatte nicht mehr wirklich darüber nachgedacht, was er jetzt tat. Doch so wie sich das hier entwickelte, war ihm keine Wahl gelassen. Jetzt nicht zu handeln, bedeutete wohl seinen Tod. Sein Körper bewegte sich ganz von selbst, griff mit einer Hand nach dem Lauf der Waffe und drückte ihn nach oben. Die andere packte ihr schmales Handgelenk. Um Omot und Rasaff konnte er sich jetzt keine Gedanken machen. Lydia war fahrlässig geworden und obwohl sicher nicht völlig wehrlos, würde er eine Frau bestimmt überwältigen können. Mit der Kraft, die das Adrenalin in Andrews Körper freisetzte, ganz sicher.

    Alles geschah so schnell. Der junge Trainer lenkte die Waffe über sich hinweg, nur einen Moment bevor sich der Schuss daraus löste. Beinahe hätte die Kugel Omot erwischt, weshalb das Käferpokémon verschreckt zur Seite flatterte.

    Alle Blicke wurden zu Andrew gelenkt, der es schaffte, Lydia zu überwältigen, sodass sie rückwärts stolperte und fiel. Seine Hände klammerten mit aller Kraft am Gelenk der Hand, welcher die Pistole hielt und drückten sie am Boden fest. Mehr als diesen winzigen Moment brauchte Sheila nicht, um nach ihrem geliebten Dolch zu langen, der noch in ihrem Stiefel versteckt gewesen war. Bellas wurde kalt erwischt. Auf den Waffengurt hatte sie immer ein Auge gehabt, aber nicht auf dieses Versteck. Ihre Reflexe allein waren es, die sie davor bewahrten, eine Hand zu verlieren, indem sie selbige rasch aus der Gefahrenzone zog. Zumindest fast. Einen tiefen Schnitt an der Handkante musste sie hinnehmen. Der Schmerz war heiß und stark genug, dass sie ihre Klinge fallen ließ, doch ihre linke Hand fischte schon nach einer anderen. Entgegen ihrer Erwartung setzte Sheila jedoch nicht zu einem Angriff an. Die hatte sich abgewendet und sprintete zurück zur Gruppe. In diesem Moment erfasste sie, wie fast alle anderen die Situation fast wie in Zeitlupe. Sie würde es nicht schaffen. Carlos hob bereits seine Waffe mit hasserfülltem Gesicht. Sandra und Ryan machten Anstalten, aufzuspringen und ihn zu stoppen – und dabei unter Umständen selbst zur Zielscheibe würden. Jedoch ballte Rasaff bereits die Faust, um sie Ryan in die Seite zu schlagen, während Omots Augen, die sich auf die Drachenmeisterin gelegt hatten, bläulich aufleuchteten. Mila erkannte das zu spät und wollte gerade schreien, mit der Macht ihrer Stimme wohl einen verzweifelten Versuch unternehmen, alles und jeden zum Aufhören zu bewegen. Und die Assassine selbst ward ebenfalls in Gefahr. Lange hatte sie nicht so einen dummen Fehler begangen. Dem unmittelbarsten aller Feinde einfach den Rücken zu kehren, anstatt sie einfach zu töten, als sie die Gelegenheit gehabt hatte. War sie denn von Sinnen? Das würden morgen ihre Gedankengänge sein, jedoch nicht jetzt. Denn jetzt musste sie zu Mila, zu den anderen. Vergebens und zu spät war ihr Bestreben.


    Die Nacht wurde zum Tag. Die Sonne ging über ihnen allen auf. Nein, es war kein Sonnenlicht, das die verwüstete Lichtung…, ach was, den halben Wald erhellte. Das Licht war kälter und zu ihm gesellte sich ein mystischer Stich aus Blau, sowie ein fantastisches Surren, das die Luft erfüllte. Es war das einzige Geräusch. Sämtliche Stimmen, Schreie, Getrampel schienen verschluckt zu werden. Nur ein sachtes Piepsen lag einem jeden im Ohr. Als hätte der Krach temporär das Gehör geschädigt.

    Die Agentin, die gerade noch mit einem Wurfmesser auf die Waden Sheilas hatte zielen wollen, musste beide Arme vor das Gesicht halten. Es nützte nichts. Sie fühlte sich noch immer, als stehe sie im Flutlicht. Aus einem Impuls heraus versuchte sie über ihre Arme hinweg zu spähen. Sie sah keinen Meter weit, bevor alles in Weiß versank. Nur zwei bläuliche Schleier waren da, die es durchstachen. Von ihnen ergriffen wie von einer Geisterhand wurden plötzlich Omot und Rasaff an ihr vorbeigeschleudert, hätten sie fast mitgerissen. Der Aufschlag der beiden Körper auf dem Boden, wie sie herumliegende Überreste von Bäumen und Sträuchern durchpflügten, klang auf einmal so furchtbar laut, nachdem so unverhofft alle Geräusche für sie verklungen waren. Wie aus der Ferne kamen dann noch die Stimmen von Carlos und Lydia dazu. Auch sie tauchten urplötzlich aus dem Meer aus Weiß auf, umhüllt von blauen Schlieren, die sie durch die Kluft warfen, als seien sie ohne Gewicht. Beide landeten zu ihren Füßen. Sie krümmte sich und hielt sich die Schulter, die mit einem hörbaren Knacken geantwortet hatte. Er bog seltsam den Rücken durch und röchelte, da der Aufprall ihm böse die Luft aus der Lunge gedrückt hatte.

    Die bernsteinfarbenen Augen verengten sich. Waren sie also doch noch gekommen.

    Sheila war die erste, die wieder aufzusehen wagte, nachdem ausnahmslos jeder von ihnen gleichermaßen geblendet worden war. Dieses Licht, diese Aura… es blieb eigentlich nur wenig Spielraum für Vermutungen. Dennoch wollte sie fast nicht glauben, dass sie tatsächlich hier waren. Nach und nach verebbte das Licht und Mila senkte ebenfalls die Arme. Auf ihr Gesicht hatte sich bereits ein weites Lächeln gestohlen.

    Zwei Pokémon, fast identisch in ihrer Struktur. Rundliche Körperform mit dünnen, kurzen Armen und ein langer Hals, der in einem kleinen Kopf mündete. Auf dem Rücken zwei lange Auswüchse, die stark wie Flügel anmuteten, doch tatsächlich schwebten die beiden Geschöpfe über dem Boden. Eines war größtenteils Azurblau, war nur am Hals und den Oberarmen hellgrau. Das andere besaß einen Feuerroten Körper, während der Rest Perlweiß war.

    „Es ist genug des Kämpfens“, sang plötzlich eine helle Mädchenstimme. Ein Echo begleitete sie, als sei man in einer Höhle. Sie klang lieblich und sanft, doch erflehte sie beinahe schon ihr Anliegen.

    „Das war mehr Hass und Gewalt, als ich in einer Nacht ertragen kann.“

    Ryan hatte die Augen noch zusammengekniffen und riss sie nun erst auf, da diese Worte an sein Ohr drangen. Sein Ohr? Nein, eher meinte er die Stimme in seinem Kopf zu vernehmen. Dergleichen hatte er bislang nur bei Lugia erlebt. Er musste gar nicht hinsehen. Es war absolut gewiss, wer sie gerade gerettet hatte.

    „Jetzt fall ich gleich vom Glauben ab“, wisperte Andrew fast geistesabwesend neben ihm. Er hätte über kurz oder lang damit rechnen müssen, dass seine Augen einen oder gar mehrere Legendäre erblicken würden. Er war sich auch sicher gewesen, bereit dafür zu sein. Doch nun, da der Moment gekommen war, wart dieser Glauben zersplittert wie Glas. Wie hatte er nur annehmen können, für den Anblick zweier solcher Wesen gewappnet zu sein?

    Latios und Latias waren gewiss nicht die beeindruckendsten oder imposantesten unter jenen Pokémon, die als Legenden galten. Und dennoch faszinierte ihre Präsenz ihn, als sei er ein Kind. Wie ein solches hatte auch die Stimme geklungen, die nach dem Ende der Gewalt verlangt hatte. Es war wohl die von Latias gewesen, da ihr Bruder – die beiden waren nicht grundlos als Zwillingsdrachen bekannt – sich gerade noch ein Stück vor sie, direkt auf die am Boden keuchenden Rockets zu bewegte und seinerseits die Stimme erhob.

    „Wessen Kampfeslust noch immer nicht gestillt ist, möge vortreten. Ich stehe gerne zur Verfügung.“

    Auch seine Stimme erklang telepathisch in den Köpfen der Anwesenden, war aber weitaus weniger zart. Eher streng und autoritär, aber dennoch sehr jugendlich anmutend. Ryan befand, dass ihre Stimmen sehr zu dem passten, was er sich unter ihnen vorgestellt hatte. Zweifellos waren sie älter als die meisten Geschöpfe auf diesem Planeten. Doch im Vergleich zu ihrem Vater oder Lugia oder anderen legendären Pokémon waren sie tatsächlich noch Kinder.

    Carlos und Lydia starrten mit Stielaugen auf die Zwillingsdrachen. Beide knirschten sie mit den Zähnen, wie tollwütige Magnayen und bei der Furie glaubte Pete sogar eine Ader am Hals hervortreten zu sehen. Sie war fast wieder auf 180. Da war sie so kurz vor ihrer ersehnten Rache gestanden und dann mussten sich diese Plagen einmischen. Mit einem scharfen Aufblitzen in ihren Augen stieß sie sich vom Boden ab direkt auf die Beine. Gerade als sie Omot einen Befehl hatte geben wollen, ließ sie jedoch eine junge Frauenstimme hinter sich verstummen.

    „Denk nicht mal dran.“

    Lydia wandte sich um. Die Agentin des Schwarzen Lotus hatte sich nicht einen Zentimeter von der Stelle bewegt, wirkte zudem noch absolut beherrscht und völlig ruhig. Natürlich tat sie das. Immerhin hatte sie bereits das Handtuch geworfen.

    „Wir ziehen uns zurück.“

    Es hatte bereits den ein oder anderen Moment gegeben, in dem Lydia ihr die Pest an den Hals gewünscht hatte. Sie nahm nicht gern Befehle von jüngeren entgegen. Schon gar nicht von anderen Frauen. Und schon gar nicht, wenn sie hübscher waren als sie. Letzteres würde sie sich jedoch nicht einmal sich selbst, geschweige denn anderen gegenüber eingestehen.

    Carlos erkannte sofort, dass seine Partnerin wenig Einsicht für diesen Befehl übrig hatte und umklammerte mit einer Hand fest ihren Oberarm.

    „Vergiss nicht, warum wir hergekommen sind.“

    Er kannte sie lange und gut genug, um zu wissen, was gerade in ihr vorging. Er selbst hätte persönlich ebenfalls gerne diesem Carparso die Leviten gelesen. Oder seine Grabrede gehalten. Doch das war nicht ihr Ziel gewesen. Und nun, da Latios und Latias aufgetaucht waren, gab es hier für sie nichts mehr zu gewinnen.

    So viel sah auch Lydia gerade so ein. Sie hatten beide ihre Waffen verloren und würden nicht einmal einen Schritt auf sie oder die beiden jungen Trainer, die sie so gern eigenhändig beseitigt hätten, zumachen können. Das würden diese verfluchten Drachen zu verhindern wissen, ohne einen Finger zu krümmen. Und ihre Pokémon wären für sie keine Herausforderung.

    Lydia wollten noch eine Drohung loswerden, einen bissigen Kommentar oder einfach nur einen mahnenden Blick in ihre Richtung. Doch sie verkniff es sich mit all ihrer Beherrschung. Sie würde sich vor den beiden nur lächerlich machen. Mit einem giftigen Schnauben wandte sie sich ab. Carlos folgte ihr nach einem sehr kurzen Schulterblick zu den Zwillingsdrachen. Ihr Boss war bereits einige Meter voraus gelaufen. Sie hätte sich vermutlich auch nicht noch einmal umgedreht, wenn das Agentenpaar sich für den Kampf entschieden hätte. Die beiden waren ohnehin nicht mehr als Bauern für sie, die sie jederzeit opfern würde, um an die Dame des Gegners zu kommen. Die war ihr heute entglitten und auch davon abgesehen lief heute nicht alles nach Plan. Doch es genügte vorerst. Wenigstens, um die nächste Phase einleiten zu können. Sie besah sich der Wunde an ihrer Hand. Hätte sie bloß eine Sekunde später reagiert, besäße sie jetzt nur noch eine. Es schmerzte, brannte. Doch lächelte sie fast verträumt und ballte sie Hand zur Faust. Das Blut rann durch ihre Finger und hinterließ eine tropfende Spur auf dem Waldboden. Manchmal fragte sie sich, ob Milas Attentäterin denn auch normales Blut besaß oder ob es eher das Rot ihrer Augen hatte.


    Erst als die Rockets und die Agentin außer Sicht und ihre Schritte verklungen waren, wagte man auf der Lichtung aufzuatmen. Wobei das eher für die zwei Drachen galt, denn die Mehrzahl der Menschen hielt noch immer vor Staunen den Atem. Ryans Herz pochte gar nochmals heftig auf, als sie sich endlich umwandten. Er meinte, sie beide suchten sofort seinen Blickkontakt und mit einem Mal fühlte er sich noch schuldiger als je zuvor. Da sah er Rayquazas meist geliebten Kindern in die Augen, während er sein Herz in seiner Tasche führte. Hätte er damals nur den Hauch einer Ahnung haben können, dass er für seinen Diebstahl dieses Gefühl ernten würde, hätte er vermutlich nie daran gedacht, diesen ominösen Kristall auch nur anzufassen. Doch das sagte sich jetzt, hinterher, so einfach. Das unnatürliche Verlangen danach, ihn zu berühren, aufzunehmen und schließlich nie mehr missen zu wollen, war damals einfach zu stark gewesen und hatte sein rationales Denkvermögen blockiert. Er hätte es vermutlich so oder so getan. Und für diese Tatsache fühlte er sich nicht bloß schuldig, sondern schwach.

    Es fühlte sich fast an wie eine Rettung, da Mila plötzlich vortrat und die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Schritte waren noch immer langsam und erschöpft, doch weit weniger wackelig als zuvor. Als hätte er majestätische Lichtschein der Zwillingsdrachen ihre Pein gelindert.

    „Ihr Kinder Rayquazas“, begann sie leise, aber unerwartet vertraut. Fast als spreche sie mit zwei Familienmitgliedern. Ryan hatte nicht darüber nachgedacht, wie oft sie die beiden denn schon gesehen und mit ihnen gesprochen haben mochte. Aber selbst sie würde wohl kaum häufigen Kontakt zu zwei legendären Pokémon pflegen.

    „Für die Rettung meiner Freunde und Kameraden habt ihr meinen tiefsten Dank“, sprach sie schließlich weiter und verbeugte sich sogar sehr knapp. Die Zwillingsdrachen waren nicht die einzigen, die über die Wortwahl am liebsten getadelt hätten. Die Rettung ihrer Freunde und Kameraden. Ihr eigenes Leben jedoch war ihr nicht wertvoll genug gewesen, sich dafür zu bedanken. Pete und Sandra unterdrückten ein hoffnungsloses Kopfschütteln. Dabei hatte Ryan ihr doch erst neulich das Versprechen abgerungen, mehr auf ihr eigenes Wohl zu achten.

    Latios schickte sich daran, Milas Geste kaum merklich zu erwidern und antworte mit seelenruhiger, wohlwollender Stimme.

    „Dein Dank erfreut uns, ist aber nicht vonnöten. Verzeiht, dass wir euch nicht eher zur Seite standen.“

    Er klang wie ein strikter Jugendlicher an der Schwelle des Erwachsenwerdens, der psychisch jedoch schon viel reifer war. Aufrichtig, umsichtig, aber mit einer gewissen Wärme sprach er jedes Wort. Dagegen war Latias, die man bereits mittels der wenigen, die sie von sich gab, als lebhafte Frohnatur einordnen konnte, wohl das ungleichste Gegenstück, das man sich hätte ausmahlen können.

    „Distanziert wie immer, liebe Mila. Du hast einen zu starken Einfluss auf sie, Bruder.“

    Andrew war sich fast sicher, ein Kichern zu hören, das sie nur beinahe zu unterdrücken geschafft hatte. Die Drächin sah mit großen Augen zu Latios auf und schien auf eine Reaktion zu hoffen. Doch er wehrte die Spitze nüchtern ab.

    „Dank den Göttern, dass es nicht umgekehrt ist.“

    Latias tat dies bloß mit einem amüsierten Lächeln ab und sah an Mila vorbei, als merke sie jetzt erst, dass sie nicht der einzige anwesende Mensch war. Sofort näherte sie sich Ryan, kam ihm dabei deutlich näher, als dem lieb war. Sie drückte fast ihre Schnauze in sein Gesicht, doch er verbot sich, den Abstand wieder zu vergrößern. Schon der eine, defensive Schritt nach hinten war eigentlich einer zu viel.

    „Du riechst wie Vater.“, stellte sie fest. Ihre Stimme klang weder erzürnt noch anklagend. Fast schien es, als sei sie bloß erfreut, diesen Geruch – wenn auch überraschenderweise bei einem Menschen – wahrzunehmen.

    „Bist du es, der sein Herz trägt?“

    Ryan schluckte. Es zu verneinen war weder in seiner Absicht, noch hätte es einen Sinn. Aber bejahen wollte er es aus irgendeinem Grund auch nicht. Dankbarerweise erledigte dies Mila.

    „Ja, ist er“, bestätigte sie und legte Latias eine Hand auf die Flanke. Eine vertraute Geste, die Melody nicht unbedingt erwartet hatte. Natürlich hatten die Zwillingsdrachen einen anderen Status als andere legendäre, wie Rayquaza. Dennoch hatten gerade die ersten Worte, welche die Drachenpriesterin an sie gerichtet hatte, ein distanzierteres Verhältnis vermuten lassen.

    „In diesem Fall…“, schaltete sich nun Latios ein, klang ebenfalls nicht zornig, aber deutlich weniger heiter, als seine Schwester.

    „…möchte ich dir einige Fragen stellen, Mensch.“

  • Kapitel 39: Drachenseele


    Selten hatte es sich so gut angefühlt, in einem weichen Bett zu erwachen. Dabei kam dieses eigentlich viel zu früh. Ryan wusste nicht wirklich, wann er, Andrew, Sandra und Melody das Pokémoncenter erreicht hatten, hatte sich aber prophezeit, dass er vermutlich den halben Tag verpennen würde. Während dieser vergangenen Nacht war ihm jegliches Zeitgefühl verloren gegangen, noch bevor Ruby sie angegriffen hatte. Das Brutalanda Weibchen ruhte nach wie vor in dem Pokéball und gönnte sich – so hoffte der junge Trainer – einen erholsamen Schlaf. Er hatte gar abgewogen, ob er das Chaneira, das nebst zwei Assistenzärzten die Nacht hindurch über die Schwerverletzten, der sich in Behandlung befindenden Pokémon gewacht hatte, darum bitten sollte, Schwester Joy für einen Notfall herzubestellen. Zwar hätten ihn einige neugierige Fragen in arge Erklärungsnot bringen können, doch das war für ihn irrelevant gewesen. Was zählte, war Rubys Gesundheitszustand und natürlich auch der von Despotar, Shardrago, sowie auch Milas Altaria und Milotic. Die Drachenpriesterin hatte aber, ebenso wie Sheila und Pete, widersprochen. Hatten ihm hoch und heilig versichert, dass keine Notwendigkeit bestand, Uneingeweihte an die Drächin heranzuführen. So schwer ihre Wunden auch sein mochten, hatte das Brutalanda weit Schlimmeres überstanden und würde in Kürze von selbst wieder auf die Beine kommen. Das Risiko, Ruby könne im Center gar Amok laufen, war einfach viel zu hoch dafür. So waren nur die übrigen Pokémon an Chaneira übergeben worden. Hoffentlich waren sie hier auch ohne eine anwesende Joy in guten Händen.

    So hatten die vier, die hier einquartiert waren, abwechselnd geduscht und sich danach ins Bett fallen lassen – bloß, um in Ryans Fall mit dem ersten Sonnenstrahl wieder wach zu werden. Er fluchte müde und ungläubig. Vermutlich war es keine fünf Stunden her, dass er die Zimmertür durchschritten hatte. Eigentlich fühlte er sich so platt, dass er gerne den ganzen Tag mit dem Kopf auf dem Kissen gebettet verbracht hätte. Na immerhin hatte er überhaupt mal wieder etwas geschlafen.

    Genug war es aber bei weitem nicht gewesen, weswegen er sich in seinen Laken wälzte und die Decke über den Kopf zog. Das war zumindest der Plan gewesen, doch es blieb bei dem Versuch. Sein rechter Arm wog unnatürlich schwer und er konnte seine gesamte rechte Körperhälfte nicht so recht bewegen. Sein schlaftrunkener Verstand verarbeitete nur langsam, was der Grund dafür sein mochte und als er die Antwort endlich gefunden hatte, war Ryan plötzlich… vielleicht nicht hellwach, aber durchaus munterer. Mit der freien Hand schlug er die Decke etwa bis zu seiner Taille zurück und brachte einen schlafenden Rotschopf zum Vorschein, der seinen Arm fest umklammert hatte und nach wie vor durchs Land der Träume spazierte. Melody hatte das Bad in der Nacht erst nach ihm betreten und jetzt, da der stetig wacher werdende Pokémontrainer darüber nachdachte, wurde ihm endlich bewusst, dass er bei ihrer Rückkehr aus dem Badezimmer bereits eingeschlafen war. Wie sie sich zu ihm ins Bett gedrängt und mit seinem rechten Arm im Klammergriff neben ihm eigenschlafen war, hatte er daher ebenfalls nicht mitbekommen.

    Es gab so einiges, was Menschen in seiner Lage und vor allem seinem Alter nun für Gedanken und Gefühle haben mochten. Anfängliche Verwunderung, gefolgt von warmen Glücksgefühlen, eventuell etwas Peinlichkeit. Aber Ryan fühlte nichts dergleichen. Er blickte nur in das friedliche Gesicht Melodys und war schlicht und ergreifend froh, dass sie hier war. Hier in Hoenn, hier an seiner Seite und auch hier direkt neben ihm. Gerade letzte Nacht hatte es, bedingt durch das Chaos und die Bedrohung erst durch Ruby und schließlich durch Team Rocket, Momente gegeben, in denen er es fast vergessen hätte – aber sie war immer da. War immer bei ihm. Und er war glücklich darüber.

    Ryan sah an ihr herunter. Sie war in Hotpants und einem lässigen Shirt, das ihren Bauch nicht ganz verdeckte. Sachte und vorsichtig legte er sich wieder nieder, ohne auch nur eine Sekunde seine marineblauen Augen von ihr zu nehmen. Er ließ sich dazu hinreißen, ihr eine Strähne aus dem Gesicht zu schieben und vorsichtig über ihr Haar zu streichen. Kaum endete die Berührung, da schnellte Melody urplötzlich hinauf zu Ryan und schlang ihre Arme fest um seinen Nacken, drückte ihn zurück in sein Kissen. Der war für eine Sekunde wie erstarrt, hatte er sie doch noch im Tiefschlaf erwartet.

    „Ich werde nicht weglaufen.“

    Ihre Stimme klang gedämpft, da sie in seine Schulter redete, an der ihre Stirn lehnte. Doch Melody befand, dass sie ihm in die Augen sehen sollte, damit er ihre Aufrichtigkeit erkannte und lehnte sich somit etwas über ihn.

    „Egal was und wer noch auf uns zukommt, ich bleibe bei dir.“

    Es klang wie ein Versprechen. Es war eins. Und felsenfest ausgesprochen, ohne jegliche Zweifel oder Ängste. Es war ein Entschluss, dessen Unerschütterlichkeit der von Ryan glich. Der antwortete zunächst nicht, sondern verlor sich in ihrer blauen Iris. Er hatte nie angenommen, dass Melody ihm den Rücken kehren würde und sei es bloß um ihre Sicherheit willen. Dabei wünschte Ryan sich dies fast, da er es sich wohl nie würde verzeihen können, wenn ihr etwas passieren sollte. Gleichzeitig war er heilfroh, dass sie ihm dieses Versprechen gab und zog sie schließlich enger an sich.

    „Ich weiß“, flüsterte er in ihr Ohr.

    Es tat so gut, sie hier und jetzt nicht mit dieser traurigen Sehnsucht in den Augen zu wissen, wie er es die meiste Zeit, seit ihrem Wiedersehen, in ihr beobachten musste. Sie machte sich ständig Sorgen und das konnte man ihr nicht einmal verübeln. Er wünschte sich nur ganz einfach, sie öfter so fröhlich und frech zu erleben, wie neulich bei ihrem nächtlichen Date in der Innenstadt oder beim Wettbewerb, den ihnen Mila so überraschend versüßt hatte. Denn so hatte er sie kennen und mögen gelernt.

    Jedoch verbot Ryan sich, dem jetzt nachzutrauern und entschied sich stattdessen, hieraus Energie für die kommenden Tage zu schöpfen. Nicht, dass er noch mehr Gründe brauchte, um Team Rocket zu schlagen, den Krieg zu verhindern und seine Fehler zu berichtigen. Aber in diesem Moment beschloss der junge Trainer, auch für Melody und sich selbst zu kämpfen. Für sie beide. Damit sie möglichst bald unbeschwert zusammen sein konnten. Für den Augenblick jedenfalls war das was sie gemeinsam aneinander hatten, alles wonach er verlangen konnte. Und mehr, als er verdiente.

    Melody sah ihm ein weiteres Mal tief und entschlossen in die Augen. Sie kam ihm langsam näher. Er rührte sich nicht, ließ geschehen, was immer sie vorhatte. Er wusste es nämlich und konnte sein Glück kaum in Worte fassen. Äußerst sanft und vorsichtig berührten sich ihre Lippen, als könne der Gegenüber sonst zerspringen wie Glas.

    Die Zeit hätte getrost einfrieren können. Für Stunden und Tage. Doch mehr als präzise zwei Sekunden waren Ryan und Melody nicht vergönnt, ehe ein vibrierendes Surren auf dem Nachttisch sie unterbrach.

    So wart der herrliche Moment tragischerweise verkürzt worden. Allein dafür zürnte Ryan dem Absender der Nachricht, wohlwissend, dass es gut und gern Mila sein mochte. Melody selbst spürte gar für den Bruchteil einer Sekunde das heiße und dunkle Verlangen, dem Störenfried den Schädel zu spalten. Nach einem entschuldigenden Blick in Melodys Augen, sowie einem prüfenden auf sein Handy bestätigte sich der Verdacht.


    Es war nicht derselbe Wald, in den Mila die Gruppe führte. Er war kleiner, voller alter Laubbäume und deutlich näher an der Stadt. Sie hatten kaum die Vororte hinter sich gelassen. Weniger waren sie zudem auch, da Pete angeblich mit einigen Kontakten sprechen wollte, um nach Informationen über Team Rocket zu forschen. Sheila war zwar da, zumindest irgendwo in relativer Nähe, aber für alle außer Sichtweite. Sie würde diesmal absolut sicher gehen, dass sich niemand für einen Hinterhalt heranschleichen konnte, wie in der Nacht zuvor.

    Andrew wankte ebenso wie Ryan noch sehr ermattet über Wiese und Wurzeln. Sandra ging als einzige so stolz und stramm wie immer, doch zeichneten sich auch in ihrem Gesicht sehr dunkle Ringe unter den Augen. Sie sahen Mila schon von weitem, wurden dabei zunehmend fassungsloser, je näher sie ihr kamen. Von Müdigkeit und Erschöpfung keine Spur. Sie empfing die Ankömmlinge mit demselben Lächeln, das sie immer im Gesicht trug. Wie man Sheila kannte, erging es ihr vermutlich nicht anders. Wie Ryan sie mittlerweile einzuschätzen wagte, hatte sie womöglich nicht einmal geschlafen, sondern nur ihre Wunde versorgt. Und selbst das wohl nicht mehr als absolut notwendig war.

    Kurz bevor sie Mila erreichten, drängte sich das Gespräch mit Latios noch einmal vor Ryans inneres Auge. Über seine Situation wusste er zumindest im Groben längst Bescheid und die Drachenpriesterin hatte ihn, sowie seine Schwester, rasch in die Details eingeweiht. So hatte es glücklicherweise nicht mehr viel für den Jungdrachen zu erfragen gegeben. Genau genommen waren es nur drei Fragen gewesen. Mit Sicherheit hatte es sich dabei um die wichtigsten gehandelt, die er sich zurechtgelegt hatte.


    „Wie ist dein Name?“

    Der junge Trainer befeuchtete die Lippen und gab sich allergrößte Mühe, seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Es schlug so stark, dass er es fast ausspuckte. Er fühlte sich zurückversetzt zu dem Moment, in dem Mila ihn über den Drachensplitter aufgeklärt und er selbst das Versprechen, den Diebstahl von selbigen wieder gut zu machen, gegeben hatte. Auch da hatte die Anspannung ihn förmlich zerrissen. Jedoch sprach er sich diesmal Mut zu. Setzte sein Vertrauen darin, dass wie damals, nach diesem Gespräch alles klarer und seine Absichten für die Zwillingsdrachen deutlich würde.

    „Ryan Carparso“, antwortete er knapp, aber fest. So es ihm eigentlich nicht zustand, wollte er diesem Pokémon gegenüber so weit wie möglich auf Augenhöhe begegnen. Nicht als jemand auftreten, der in seiner Schuld stand und nur handelte, um sein Gewissen zu beruhigen und auch nicht als Diener, der nicht die Freiheit einer Wahl besaß. Niemand hatte ihn jemals gezwungen oder nur gedrängt. Er war hier, weil er hier sein wollte.

    „Warum hast du den Drachensplitter an dich genommen?“

    Latios legte ihm dankbarerweise seine Absichten recht offen vor. Keineswegs wurde Ryan hier angeprangert oder als der gesuchte Sündenbock hingestellt. Latios wollte ihn testen. Seinen Charakter, seine Aufrichtigkeit, seine Bereitschaft, seinen Schneid. Zwar würde es ihm genügen, wenn Mila ihm all dies bestätigte, doch wollte der er es von ihm selbst hören. Das wusste sie auch, weshalb sie nur stumm beobachtete und lauschte. Dabei kniete sie gar fürsorglich neben Sheila, reichte dabei Pete und Sandra eine helfende Hand, während sie mit ihren notdürftigen Mitteln die Schusswunde in der Schulter verbanden.

    „Weil ich damals schwach war.“

    Ryan beschönigte nichts an diesem schicksalhaften Moment. Ungeachtet, dass selbst Mila sich vor Rayquazas Herz fürchtete, wie sie ihm gestanden hatte, war Ryan der Ansicht, dass er dem Drang hätte widerstehen müssen. Dass dieser herrliche Kristall, den er unter der Erde gefunden, ihn niemals so hätte verändern dürfen und sei es nur für einen Augenblick. Der Splitter hatte schließlich auch keineswegs seine Entscheidung beeinflusst, seine Tat geheim zu halten, anstatt sie irgendjemandem zu gestehen. Es war eigens sein Vergehen gewesen.

    „Und was gedenkst du nun zu tun?“

    Allein die Tatsache, dass die Drachenpriesterin, sowie ihre Gefährtin und mehrere Verbündete diesen jungen Mann Kamerad oder gar Freund nannten, musste den Zwillingsdrachen eigentlich reichen, um zu schlussfolgern, dass er das Herz ihres Vaters zurück zum Heiligtum der Drachengarde bringen würde. Andernfalls hätte Sheila ihn längst aufgeschlitzt.

    Doch Ryan spürte, dass Latios die Frage nicht so meinte. Nein, es ging hier nicht um den Plan. Es ging einzig und allein um ihn. Es war nie um etwas Anderes gegangen. Er nahm sich einen Augenblick, um die richtigen Worte zu finden, suchte dabei nach möglichst knappen. Jetzt eine Rede vom Zaun zu brechen käme ihm falsch und unehrlich vor, als versuche er entweder sich zu rechtfertigen oder nur etwas zu sagen, das den Jungdrachen zufrieden stellen würde. In erster Linie zählte ohnehin nicht, was er sagte, sondern wie er es tun würde. So straffte er seine Haltung und sah Latios fest an. Zwei legendäre Augenpaare trafen sich.

    „Stärker sein.“

    Es ging nicht darum, an Kraft zu gewinnen, sprich stärker zu werden. Sondern über die Person hinaus zu wachsen, die einst den Drachensplitter in seiner Tasche hatte verschwinden lassen. Besser zu sein. Und zwar unverzüglich. Denn die Person, die diesen Diebstahl begangen hatte, das war in Wahrheit nicht er. Nicht wirklich. Ryan versprach hier und jetzt nicht weniger, als augenblicklich besser als sein vergangenes Ich zu sein und jedes Hindernis zu überwinden, um sein Ziel zu erreichen. Gleich ob es rachsüchtige Drachen, Team Rocket oder der Splitter selbst war. Von nichts und niemandem würde er sich mehr abbringen lassen. Das war sein Entschluss. Sein unerschütterlicher Wille.

    Melody lächelte augenblicklich breit. Sie wartete nicht einmal die Reaktion von Latios ab. Sie trat entschlossen an Ryans Seite und legte ihren Arm fest um seine Taille. Ihr Blick war ebenso entschlossen und frei von jeglichen Zweifeln, wie der Seine. Andrew machte von der Seite ebenfalls einige Schritte auf Latios zu und nickte, als würde er für diese Antwort jederzeit seine Hand ins Feuer legen und gleichzeitig zusichern, dass er selbst nichts Geringeres im Sinn hatte.

    Latias gesellte sich an die Seite ihres Bruders und sah zu ihm auf, als wüsste sie bereits, dass er hierauf nur noch eines sagen konnte. Er erlaubte sich vorher aber doch noch einen prüfenden Blick in Richtung der Drachenpriesterin. Die hatte sich erhoben und zuckte bloß mit den Schultern als wüsste sie nicht, was denn noch sei. In ihrer Körpersprache lag eine gewisse Selbstverständlichkeit. Natürlich würde Ryan das tun und natürlich würde er es schaffen. Sie hatte nie irgendwelche Bedenken gehabt. So nickte Latios sehr knapp, aber sehr offenkundig zufrieden und zuversichtlich.

    „In diesem Fall, Ryan Carparso, kann auch ich dich Freund nennen.“


    Latios und Latias kamen aus dem Schatten der Laubbäumer hervor und flankierten die wartende Mila. Sandra hatte die Gruppe bis eben noch angeführt und Ryan war mit Melody an ihrem Ende gegangen. Nun jedoch machte die Arenaleiterin Halt und wandte sich zu ihm um, ließ ihm den Vortritt. Er sah sie gar nicht erst an, marschierte einfach geradewegs weiter. Er war schließlich derjenige, auf den in die Zwillingsdrachen primär warteten. Ironischerweise lag dies aber nicht einmal daran, dass er der Träger des Drachensplitters war. Hier und jetzt ging es ausnahmsweise nicht um den Krieg und Rayquaza. Denn bevor man sich dessen weiter widmen konnte, sollte zunächst das ungeheuerliche Brutalanda namens Ruby zu einer Verbündeten gemacht werden. Ryan hatte auf dem Weg hierher pausenlos darüber nachgedacht und abgewogen, wie er denn zu der Drächin stand. Er besaß streng genommen nicht das Recht, sie in einem Pokéball an seiner Seite mitzuführen. Selbst wenn all die Umstände um den Splitter und den drohenden Krieg nicht existieren würden, besäße er es nicht. Denn er hatte den Kampf gegen sie nicht allein bestritten. Nicht einmal gewonnen hatte er ihn. Nur war ihm das hier und jetzt egal. Er wollte ihre Unterstützung, wollte sie auf seiner Seite wissen. Und bei Arceus, er wollte sie auch als Freundin wissen.

    Ryan war ungewöhnlich emotional, wenn es um das Einfangen eines Pokémon ging. Er gewann nicht einfach nur einen neuen Kämpfer, auf den er zurückgreifen konnte. Er gewann einen Partner, der für ihn unersetzbar wurde und für den er selbst ebenfalls unersetzbar werden wollte. Nicht jeder Neuling war erfreut darüber gewesen, seine Freiheit gegen die Wärme einer Gemeinschaft, eines Teams von Kameraden einzutauschen. Das hatte sich am jüngsten Neuzugang Kirlia nicht zum ersten Mal bestätigt. Nidoking hatte ihn anfangs, damals noch als kleines Nidoran, eines seiner allerersten Pokémon, einige Male attackiert. Von seinem Vorhaben abhalten lassen hatte Ryan sich durch solche Hürden aber keineswegs. Egal wer und egal wie lange bereits – alle Pokémon, die er zu seinen Partnern machte, sollten ein gutes Leben mit ihm führen. Und dies wollte er auch für Ruby tun. Sie war jetzt bei ihm, also würde er alles menschenmögliche unternehmen, damit sie ihren Hass auf ihn vergessen und ihn nicht nur respektieren, sondern auch mögen lernen konnte.

    „Seid gegrüßt.“

    Latios sprach sehr gelassen, beinahe sorglos und seine Schwester machte einen ähnlichen Eindruck. Lächelte sogar heiter, während sie ebenfalls in die Runde grüßte. Der melodische Klang in ihren telepathischen Stimmen raubte Melody und Andrew, die niemals zuvor Vergleichbares erlebt hatten, noch immer den Atem. Es war, als würde ihnen kontinuierlich das Echo einer Tropfsteinhöhle anhängen und ihr Klang drang nicht nur in die Ohren, sondern tief in den gesamten Körper.

    „Ich hoffe, ihr konntet euch alle etwas erholen“, erkundigte sich Mila. Mit euphorischen Bestätigungen hielt man sich aber eher zurück. Zuckende Schultern, missmutige Seufzer und müde Blicke reichten ihr als Antwort absolut aus. Besser nicht weiter darauf eingehen. Sie sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren.

    „Seid Ihr bereit, Ryan?“

    Er wusste dies selbst nicht zu beantworten. Jedoch kam ein Rückzieher für ihn jetzt nicht in Frage, weshalb er schätzte, das bejahen zu können. Vorsichtig nickte er Mila zu und griff in die Pokéballtasche an seinem Gürtel. Die Kapsel ganz außen am Rand, der er selbst durch seine Lederhandschuhe hindurch noch etwas des getrockneten Schlamms der letzten Nacht anhaften spürte. Ihm war danach, sie nachdenklich anzustarren, als könne er so bereits erste, herantastende Blicke mit Ruby austauschen. Natürlich Blödsinn, weswegen er den Pokéball bewusst gar nicht erst ansah. Ryan vermutete aber, dass es in diesem Moment wohl jedem so ergangen wäre. Als letztes, kurzes Hinauszögern. Doch das würde seinen ach so festen Entschluss infrage stellen lassen.

    Melody trat wieder einmal an seine Seite und legte beistehend eine Hand auf seinen Rücken. Er sah aus dem Winkel seiner Augen in die Ihren. Und die marineblaue Iris, die er von Lugia einst geschenkt bekam, leuchtete hoffnungsvoll auf, als sie ein aufrichtiges und zuversichtliches Lächeln erblickten. Hatte sie sich von den Zwillingsdrachen anstecken lassen? Oder von Mila? Sicher nicht. Das war vorher noch nie geschehen. Wer sich allerdings von ihr anstecken ließ, das war der junge Trainer mit dem Pokéball in der Hand, welchen er per Knopfdruck vergrößerte und fest umklammerte. Andrew und Sandra hatten sich entschieden, die Situation ausnahmsweise als stille Beobachter mitzuerleben. Eigentlich hatte gerade der aufgedrehte Trainer nicht übel Lust, sich hier auch einmal zu Wort zu melden, um nicht vergessen oder unbewusst außen vorgelassen zu werden. Doch dieser Moment brauchte ihn ganz einfach nicht. Brauchte keine Worte von ihm.

    Ryan trat ein paar Schritte aus der Gruppe heraus und richtete die rot-weiße Kapsel auf einen verhältnismäßig freien Punkt Wiese. Eine Lichtung wie vor einigen Stunden gab es hier keine, doch der Platz sollte auch für das ausgewachsene Brutalanda Weibchen reichen.

    Es fühlte sich an, als poche jedes der fünf Menschenherzen ein einzelnes Mal deutlich lauter und fester in ihrer Brust, als der Pokéball aufsprang in ein grelles, weißes Licht die Gestalt Rubys preisgab. Sie alle hatten so einiges erwartet, was die Drächin als Allererstes tun würde – und die wenigsten darunter waren erbaulich. Jeder hatte falsch gelegen. Denn sie tat gar nichts.

    Da stand sie nun, verwundet und geschunden, vom Kampf der letzten Nacht gezeichnet. Schrammen, Schnitte und Blutergüsse fast am ganzen Körper. Dennoch die Flügel weit ausgebreitet und den Kopf so weit wie möglich erhoben. So stolz und erhaben man mit diesen Kampfspuren noch stehen konnte, präsentierte sie sich. Jedoch schweigend und stillstehend.

    Ihre Augen schienen noch immer feindselig und zornerfüllt. Ihre Körpersprache war jedoch völlig ruhig. Als stünde sie gerade das erste Mal vor ihnen und überlege noch immer, ob sie denn Milas Angebot, sich mit ihnen zu verbünden, annehmen sollte. Die Drachenpriesterin war es auch, die sich als erstes rührte und vor Latios und Latias aufbaute. Wie beabsichtigt zog sie die Aufmerksamkeit des Brutalanda damit auf sich, welche unweigerlich zu den Zwillingsdrachen wechselte. Wie sie deren Anwesenheit interpretierte, konnte nicht einmal die Priesterin erahnen. Kein Blinzeln oder Zucken der Nüstern. Kein Knurren, kein Grollen und auch sonst kein Laut. Sie sah ihnen einfach in die Augen. Der Blick solch höherer Geschöpfe war etwas Besonderes. War in der Lage, Dinge zu vermitteln, die Menschen mit tausenden ihrer Worte nicht vermochten. Rasch erkannte sie, was das Bestreben von Rayquazas Lieblingen war und was sie nun von ihr erwarteten.

    Doch Ruby war weder eine Untergebene, noch dazu verpflichtet oder angehalten, den beiden Folge zu leisten. Sollte nicht ihrer aller Vater selbst zur Erde hinabsteigen und sie auffordern, sich dem Willen der Zwillinge anzuschließen, so oblag die Entscheidung über ihr Denken und Handeln allein ihr selbst. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass Latios und vor allem Latias einem falschen Menschen ihr Vertrauen schenkten.

    Von ihren so einzigartigen Augen schweifte Rubys Blick zu einem ebenso markanten Paar. Hatten sie vor einigen Stunden noch wie ein silbrig schimmernder Vollmond geglänzt, waren sie nun marineblau, jedoch keineswegs von geringerer Wirkung. Nicht jeder beliebige Drachen hätte sie sofort erkannt, doch Ruby lebte bereits sehr lange auf dieser Welt – hatte dennoch gerade mal ihr halbes Leben gelebt – und wusste um ihren Ursprung. Angesichts der Makel, die sie selbst jetzt in diesem Jungen sehen konnte, musste sie sich fragen, was denn den Wächter der Ozeane geritten hatte, ihn zu seinem Vertrauten gemacht zu haben.

    Die erdrückende Stille hielt sehr lange an. Mila wusste, sie hätte eigentlich als erste das Wort ergreifen müssen. Ihr war aber nichts eingefallen, womit sie eine friedliche Unterhaltung angemessen beginnen sollte. Die letzte Nacht wollte sie lieber mit keinem Wort erwähnen. Sie war vergangen und ihre Geschehnisse sollten am besten tief vergraben werden. Zu tun, als wäre sie nie gewesen, erschien allerdings genauso falsch. Melody und Andrew hatten Ruby ohnehin wenig zu sagen und Sandra traute sich höchstens einige arg distanzierte, eventuell gar unterwürfige Worte zu. Dass solche jetzt weiterhalfen, daran zweifelte sie jedoch stark. Letzterer hatte offen gesagt auch noch zu viel Angst, um sie einfach anzusprechen. Melody war zwar der festen Überzeugung, dass zwischen ihnen und dem Brutalanda alles gut werden würde, sah sich aber auch nicht in der Position, als erste das Wort an sie zu richten.

    Letztendlich war es naheliegend gewesen, dass Ryan den ersten Schritt wagte. Andernfalls hätte Latios bald einschreiten müssen, doch der junge Trainer, welcher auch der von Ruby sein wollte, würde einen Vermittler strikt ablehnen. So etwas brauchte man für Fremde. Vor ihm war niemand Fremdes. Nur eine neue Partnerin. Daran wollte er ganz fest glauben.

    „Tut es noch weh?“

    Mila stockte fast der Atem. Ryan tat genau das, was sie tunlichst umgangen hätten. Nämlich ihren Kampf ansprechen. Sie an den Moment erinnern, in dem sie mit brennendem Hass und mörderischen Intentionen ihre Flammen nach ihnen gespien hatte.

    Die Augen der Drächin zogen sich ein wenig zusammen, wurden zu Schlitzen und ein zurechtweisendes, aber glücklicherweise noch nicht zu aggressives Grollen entkam ihrer Kehle. Er war wirklich der Allerletzte, dessen Mitleid sie benötigte.

    „Natürlich. Du bist sehr stark, dafür braucht keiner mehr einen Beweis“, sprach Ryan unbeirrt weiter. Damit verdutzte der Ruby gar etwas. Er machte nicht den Eindruck, als hätte er ihre Geste gar nicht oder missverstanden. Fast schon, als hätte er mit genau dieser Reaktion gerechnet.

    „Du bist sogar unglaublich stark. Deine Kraft ist mehr als beeindruckend.“

    Wollte er ihr schmeicheln? Weniger als sein Mitleid brauchte sie seine Bestätigung dafür. Natürlich war sie ungeheuer stark. Kein normalsterbliches Wesen reichte an sie heran! Das war keine arrogante Einbildung ihrerseits, sondern schlicht und ergreifend ihre Schlussfolgerung aus den Kämpfen, die sie über die letzten Jahrzehnte ausgetragen hatte.

    „Dessen ungeachtet…“, fuhr er etwas leiser fort.

    „… hoffe ich, du kannst allen Schmerz vergeben, den wir dir bereitet haben.“

    Ryans Augen ließen für einem Moment ab von Ruby, sahen durch die umherstehenden Bäume, die ihm das Flüstern des Windes zuspielten und ihre Kronen sanft über sie alle wogen, während er einen bestimmten Moment dieser Nacht noch einmal vor seinem inneren Augen abspielte. Dann wanderte sein Blick ihren Hals hinab auf ihren Rücken und er entschied, das Wagnis einzugehen.

    Mit strammen Schritten ging er auf Ruby zu, lenkte sie zu ihrer linken Flanke. Ein geradezu ungläubiges Schnauben war ihre erste Reaktion. Als er sie fast berühren konnte, wich sie einen Schritt zurück und konnte sich selbst dafür schon im nächsten Moment dafür in den Schweif beißen. Was war los mit ihr? Was in aller Welt tat der Narr da überhaupt? Hatte er auch nur die geringste Ahnung?

    Sandra und Melody wollten gar etwas sagen, doch blieb es ihnen beiden im Hals stecken. Andrew klappte glatt die Kinnlade runter und er schlug die Hände über den Kopf. Nur Mila weitete lediglich ein bisschen die Augen. Nicht einmal vor Schock oder aus Furcht, Ryans Leben könne in diesem Moment beendet werden. Sollte sich Ruby dazu entscheiden, wären Latios und Latias die Einzigen, die das zu verhindern vermochten. Falls sie schnell genug reagieren konnten.

    Nein, dieser Verblüffung seitens des Brutalanda haftete keine Empörung an. Das durchschaute sie, die sie doch besser als jeder andere Mensch kannte, ganz deutlich. Fast würde sie sogar behaupten, dass ihr dieser dreiste Mut imponierte. Das konnte aber auch Wunschdenken sein.

    Ryan wagte sogar noch mehr, als er spürte, dass Ruby sich nicht vor ihm zurückzuziehen beabsichtigte und ließ sehr sanft seine Fingerspitzen ihre Schuppen streicheln. Am Ansatz ihres Flügels angekommen, drehte er sich noch einmal, suchte den Blick der Drächin, den er unablässig auf sich ruhen fühlte, während er sich angenähert hatte. Seine Stimme klang nüchtern, aber sie vernahm etwas Respektvolles daraus.

    „Lässt du mich danach sehen?“

    Danach? Was wollte er sehen? Eine ihrer Wunden? Von welcher sprach er de…

    Sie sog scharf Luft ein und ihre Augen leuchteten für einen Moment auf. Die Stichwunden, die sie durch Sheila erfahren hatte! Was diese anbelangte, würde es sogar Sinn machen, wenn er für diese um Vergebung bat – obwohl es eigentlich die tun müsste, die ihr diese Wunde zugefügt hatte. Allerdings nur, wenn er ein gewissenhafter und guter Mensch war. Und das wäre so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie vergangene Nacht noch in ihm gesehen hatte.

    Ruby wandte den Kopf leicht von Ryan ab, sah skeptisch aus dem Winkel ihres linken Auges auf ihn herab und schließlich für einen kurzen Moment zu Mila und den Zwillingsrachen. Die übrigen Menschen waren für sie fast ausgeblendet. Sie scherten die Drächin schließlich nicht.

    Ruby war sich in diesem Moment nicht sicher, was Latios und Latias ihr in diesem Moment raten würden. Was sie an ihrer Stelle tun würden. Wollten sie ihr überhaupt eine Entscheidung nahelegen oder beobachteten sie ganz einfach nur? Dagegen war Mila mit ihrem vertrauensvollen Lächeln die Offenheit in Person. Zweifellos stand sie absolut hinter diesem Jungen. Vertraute ihm. Die Frage war nur, wie weit Ruby wiederum dem Urteil der Priesterin trauen konnte.

    Das Brutalanda entschied, dass sie zuallererst diese offensichtliche Unsicherheit verbannen sollte, die man ihr gewiss ansah. So durfte sie sich nicht durchschauen lassen. Ohne einen weiteren Laut und ohne den Menschen, der den Drachensplitter trug, noch eines Blickes zu würdigen, legte sie sich nieder. Gestattete ihm, sie zu berühren und ihre Wunden zu begutachten. Sie würde es niemals zugeben, doch sie plagten Ruby durchaus, obgleich sie in einem Kampf keinen ernsthaften Nachteil darstellen würden.

    Ryan dankte Ruby aus tiefstem Herzen, dass sie ihm diese Chance gewährte und hoffte inständig, dass sein Blick ihr das vermitteln konnte. Der massige Körper reichte selbst in liegender Position noch fast bis an seine Brust und er musste sich etwas nach vorne lehnen, um die Einstiche zu sehen. Das Blut daran war bereits getrocknet und Schorf hatte sich an den Rändern gebildet. Ryan erinnerte sich zurück, was er in Faustauhafen von Schwester Joy über die Selbstheilung von Dragonir erfahren hatte und fragte sich, ob alle Drachentypen ähnliche Fähigkeiten bei der Regeneration besaßen. Falls ja, würden davon wahrscheinlich nicht einmal Narben bleiben. Dennoch wäre ihm wohler, wenn er Ruby ruhigen Gewissens im Pokémoncenter untersuchten lassen könnte.

    Nun hatte Ryan sie erfolgreich dazu gebracht, sich ihm so weit anzuvertrauen, dass er vor fast nichts mehr zurückschreckte. Er zögerte bei keiner Bewegung und seine Hände waren ruhig. Der Verschluss eines Lederhandschuhs wurde geöffnet und seine rechte Hand davon befreit, um Ruby direkt berühren zu können. Er tastete über ihr blaues Schuppenmuster, fühlte die Wärme ihres kräftigen Körpers und das getrocknete Blut. Die Drächin ließ in gewähren, ließ alles geschehen, ohne ihn zurechtzuweisen. Mila beobachtete sie ganz genau, doch viel gab sie nicht von sich preis. Ihre Augen starrten nachdenklich über den Waldboden. Fast so, als beachte sie Ryan gar nicht. Als wäre sie viel zu beschäftigt mit dem Überlegen und Abwägen, ob sie ihn anerkennen konnte.

    Tatsächlich ging es bei ihr nicht ums Wollen. Selbstverständlich wollte sie, dass der Träger von Rayquazas Herz ein starker Mensch war, fähig im Kampf und vor allem fähig, den drohenden Krieg zu verhindern. Aber Ruby war ein extrem stolzes Brutalanda. Einem Charakter wie ihr war es einfach unmöglich, sich auf die Seite der Schwachen zu schlagen und gewissermaßen unterzuordnen. Nur hatte sie doch an seinem Despotar feststellen können, dass er keinesfalls schwach war. Oder nicht? So sie auch siegreich, nicht nur über ihn, sondern auch über die Kämpfer von Mila und Sandra gewesen war, hatte dieses Pokémon ihr enorm viel abverlangt. Das hatten in ihrem gesamten Leben nur eine Handvoll geschafft.

    Ruby wurde aus ihren Gedanken gerissen, da sie eine menschliche Hand nun über ihre gesamte linke Seite streichen spürte. Ryan ließ sich vom Glanz der Schuppen im Sonnenlicht beinahe hypnotisieren und rann seine Finger entlang ihrer Flanke, ihrer Schulter, ihres Halses. Bis er schließlich an ihren Kopf gelangte und… sie anlächelte? Und wie er es erst tat. Getrübt? Nein, entschuldigend.

    „Ich bin froh, dass Sheila gezögert hat.“

    Bei allem, was geschehen war, hatte Ruby diesem Moment beinahe vergessen. In dem dieser junge Mensch die Partnerin Milas, die Meuchelmörderin, davon abgehalten hatte, sie zu töten. So sehr sich das Brutalanda auch davon abwenden und winden mochte, hätte dieses Mädchen letzte Nacht durchaus ihr Leben beenden können. Und ihr war auch bewusst, wo der Ursprung dieses Zögerns lag, das er eben angesprochen hatte. Es war allein seinetwegen gewesen.

    Ryan sah zurück in die Gruppe, suchte dabei den Blick von Johtos stärkster Arenaleiterin.

    „Findest du nicht auch, Sandra?“

    Sie schmunzelte. Sie hatte immer gewusst, dass Ryan Carparso kein gewöhnlicher Trainer war. Das hier übertraf jedoch ihre Erwartungen an ihn. Dieser Verrückte.

    „Absolut“, bestätigte sie nickend und wagte nun ebenfalls einige Schritte auf Ruby zu. Sie sah ihr direkt in die Augen und war froh, dies nun mit einem ehrlichen Lächeln anstatt zittriger Knie tun zu können. Wann hatte ihr wohl zum letzten Mal eine andere Person so viel Sicherheit gegeben? Und dann noch jemand, der jünger war als sie?

    „Ich hätte ihr es sonst nie verzeihen können.“

    Sie kniete sich vor die Drächin, war somit auf Augenhöhe. Aber nur, da sie noch immer auf dem Boden ruhte. Sandras Augen blickten fest in diese wilde Iris, lange und tief darin versunken, ehe sie sporadisch ihre gesamte Erscheinung in Augenschein nahm. Sie war ein überwältigendes Geschöpf.

    „Du bist eine wahre Zierde deiner Art, Ruby. Ich spreche sicher für alle, wenn ich sage, dass dieser Moment eine Ehre ist.“

    Ruby konnte keine Lüge in ihren Worten feststellen. Dabei würde sie es eigentlich gerne. Denn den Feind von gestern wollte sie nicht heute schon Freund nennen. Gab es da nicht ein Sprichwort unter den Menschen, das genau dies nahelegte?

    Natürlich würde niemand Sandra laut widersprechen. Doch für Andrew ging sie damit in Wahrheit ein bisschen zu weit. Er mochte nicht, wie leichtfertig die meisten Menschen mit dieser Floskel umgingen oder scheinheilig missbrauchten. Daher würde er sie nicht unbedacht benutzen – obwohl er natürlich ebenfalls die ungeheure Kraft des Brutalanda respektierte. Sehr sogar. Aber die Drachenmeisterin empfand mit Sicherheit genau so, wie sie es gesagt hatte. Natürlich tat sie das, da sie jeden Tag ihres Lebens von Drachen umgeben war und von morgens bis abends an fast nichts anderes dachte.

    Ryan begab sich wieder in Rubys unmittelbares Sichtfeld, war ihr dabei nahe genug, dass sie ihm den Kopf würde abbeißen könnte, ohne auch nur aufzustehen. Von solch mörderischen Gedanken war jedoch keinerlei Spur mehr in den Seelenspiegeln der erhabenen Drächin. Stattdessen faszinierte es sie, wie ehrlich ihre Gegner der vergangenen Nacht um ihr Wohlergehen, nicht nur besorgt schienen, sondern wahrhaftig waren. Sie hatten doch eigentlich keinen Grund dazu.

    „Ruby“, begann Ryan schließlich, zögerte dabei zum allerersten Mal ein klein wenig. Doch das konnte er angesichts dessen, was er zu sagen beabsichtigte, nicht verhindern. Er hielt ihr den Pokéball vor, der nun ihrer war. Mit dem sie eingefangen worden war.

    „Das hier hat keinerlei Macht über dich. Du bist noch immer deine eigene Herrin und kannst tun, was auch immer du für richtig hältst.“

    Es war absolut korrekt, sie nicht dazu zu drängen, sich mit ihrem „Gefängnis“ abzufinden. Aber, ihr vollkommene Freiheit zu lassen, erachtete sogar Mila mindestens als gewagt. Sie fürchtete stark, dass Ruby dies ohne lange zu überlegen ausnutzen würde. Besonnenheit hatte nie zu ihren größten Stärken gezählt. Ihre Gattung war von Natur aus sehr impulsiv.

    Ryan ging jedoch gar einen Schritt weiter und legte seine Hand fest auf die Wange des Brutalanda, lenkte somit ihren Blick strikt auf sich. Wie schon bei anderen Menschen und Pokémon in den letzten Tagen, sollte sie seinen unerschütterlichen Willen darin erkennen können. Wenn sie das tat, ging er auch das Risiko ein, jene Hand zu verlieren – obgleich er regelrecht betete, dass es gut ausgehen würde.

    „Aber wenn du tatsächlich an langanhaltenden Frieden und vielleicht sogar Freundschaft zwischen Drachen und Menschen glaubst, dann sollten wir nicht gegen-, sondern miteinander kämpfen.“

    Für einen winzigen Moment leuchteten Rubys Augen regelrecht auf, als wäre ihr gerade ein Wunder versprochen worden. Nicht nur Frieden, sondern Freundschaft? Das war sein, ihr Wunsch. Ihr Ziel. Es klang beinahe zu schön, um wahr zu sein. Eine Fantasie, Träumerei. Ungeachtet, was die Drächin mit diesem Menschen vorgehabt oder in der Vergangenheit anderen angetan hatte, zürnte sie dieser Rasse nicht. Nur einzelnen Individuen – und da gab es selbst unter ihrem eigenen Volk genug schwarze Voltilamm.

    Dennoch ging er mit dieser Geste, dieser Berührung, nun doch zu weit. Mit einem Ruck stand sie auf und stieß den jungen Mann von sich. Ihrer ungezügelten Kraft war es geschuldet, dass er sogar vom Boden abhob und auf den Rücken geworfen wurde. Leid tat Ruby dies sicher nicht, doch beabsichtigt hatte sie es offen gesagt ebenso wenig. Nun war es aber geschehen. Sie straffte bereits ihre Haltung und breitete die Flügel aus. Ihre Muskeln spannten sich. Gleich würden sie alle wieder ihre Pokémon herbeirufen und selbige auf sie hetzen. Sie atmete tief ein. Sie würde sie alle mit tosendem Gebrüll und lodernden Flammen empfangen.

    Keiner rührte sich. Keiner von ihnen. Auch nicht Latios oder Latias. Sie alle blickten sie bloß weiter so eindringlich an. Jeder auf genau dieselbe Art. Versuchten die Narren, sie einzuschüchtern, indem sie sich so gegen sie sammelten? Nein, das war es nicht. Was dann? Was ging in ihren Köpfen nur vor? Und warum scherte es sie überhaupt? Sie hätte sie längst alle verbrennen können, so die Zwillignsdrachen sich nicht zum Einschreiten entscheiden sollten. Doch die sahen mit derselben, festen Überzeugung aus ihrer schwebenden Position auf sie herab. Mit der Überzeugung, dass diese angestrebte Freundschaft möglich war. Die Hoffnung darauf hatte Ruby doch eigentlich längst aufgegeben. So schwer es ihr auch gefallen war. Doch warum fiel es ihr dann so schwer, nun wieder daran zu glauben?

    „Wir verlangen nicht nach deiner Hilfe!“, erhob sich plötzlich eine junge, männliche Stimme. Das blonde Haar verdeckte den Großteil seines Gesichts und auch als er sich aufsetzte, den Kopf dabei leicht nach vorn beugte, verschleierte es seine marineblauen Augen. Er atmete einmal tief ein und richtete jene schließlich wieder auf die von Ruby.

    „Wir bieten dir unsere an.“

    Schlagartig war es wieder still. Nur ein erneutes, verblüfftes Schnauben des Brutalanda erklang und sie zog ungläubig den Kopf zurück. Beinahe wäre sie wieder einen Schritt von dem Jungen gewichen, doch davon hatte sie sich geradeso abhalten können.

    Melody kam vorsichtig, um ja keinen Hinterhalt vermuten zu lassen, an Ryans Seite und kniete sich zu ihm. Der wollte seinen Blick noch nicht von Ruby ablassen, ergriff aber fest ihre Hand und zog sie an sich. Dieses Vertrauen. Konnte es wirklich so eisern sein?

    Sandra flankierte den jungen Trainer ebenfalls und lächelte geradezu siegessicher.

    „Wir alle tun das. Damit wir vereint Rayquazas Herz zurückzubringen und ein Beispiel für die angestrebte Freundschaft sein können.“

    Andrew entschied, dass es genug des abseits Stehens war und trat nicht nur neben, sondern vor Ryan und bot ihm eine Hand an. Der ergriff sie dankend und ließ sich hochziehen, suchte nach einem kurzen Augenkontakt samt Nicken wieder Rubys Blick. Andrew fing ihn aus dem Augenwinkel ebenfalls auf. War sogar mutig genug, sie im Stillen zu fragen, was es noch zu zögern gäbe. Das war bestenfalls geringfügig grenzdebiler, als noch vor ein paar Tagen, als er Sheila auf´s Korn genommen hatte. Von ihm war hier eh nichts abhängig. Er war sogar nicht einmal unzufrieden damit, dass er in dieser Sache nicht die tragende Rolle spielte. Obwohl er sich sonst so gerne in den Vordergrund stellte.

    Es erschien irrwitzig, dass sich gerade hier und jetzt Mila und die Zwillingsdrachen noch am weitesten entfernt und nach wie vor schweigend aufhielten. Im Falle der Drachenpriesterin dafür mit einem gerührten Lächeln. Sie hatte bereits erkannt, was in Ruby gerade vorging und sah den Ausgang dieser Konfrontation klar vor sich. Und dieser stimmte sie so glücklich und erleichtert, wie seit hundert Jahren nichts mehr auf dieser Welt.

    Die Drächin grollte nachdenklich, während ihr Blick noch einmal über die Gruppe schweifte. Mit dieser Entschlossenheit und Kameradschaft allein war es noch nicht getan. Ohne die nötige Stärke war all das nämlich nutzlos. Da war es das einzig Richtige, sich an sie, das stärkste lebende Brutalanda zu wenden. Die einzige Frage, die noch blieb, war, ob sie ihnen allen, besonders aber dem Träger des Drachensplitters, diese Stärke leihen wollte.

    Ruby entschied sich, die Antwort auf diese Frage nicht spontan und leichtfertig zu treffen. Begleitet von einem kurzen, weniger aggressiven Knurren deutete sie mit einem Nicken auf den Pokéball in Ryans Hand. Ihr gezackter Schädel senkte sich bereits ein Stück zu ihm herab. Dem Blonden war ihre Intention nicht ganz klar, doch tat er einfach, wozu er glaubte, aufgefordert worden zu sein und hielt ihn dem Brutalanda offen hin. Dieses schenkte ihm nur noch einen letzten, knappen Augenkontakt, der ihn warnen sollte. Davor, sie nicht zu enttäuschen.

    Sie betätigte den Knopf selbst und wurde schließlich von einem roten Lichtstrahl ins Innere gezogen.


    Genau wie bei ihrem Erscheinen, zog auch Rubys Verschwinden eine lange Stille nach sich. Während sie anhielt, starrte Ryan unentwegt die Kapsel in seiner Hand an. Er konnte kaum glauben, was gerade passiert war. Er fühlte sich beinahe wie in dem Moment, als er genau diesen Ball auf Ruby geworfen und er nach einigen endlos langen Momenten geschwiegen hatte.

    „Ich will nicht den Spielverderber geben“, erklang schließlich Andrews nüchterne Stimme.

    „Aber Zustimmung sieht anders aus.“

    In der Tat. Bis zu dem Augenblick, in dem sie verschwunden war, hatte man ihr die Skepsis ansehen können. Ruby war noch nicht überzeugt von ihnen – von Ryan. Doch sie war bereit, sich überzeugen zu lassen.

    „Viel mehr konnten wir nicht erwarten, Andrew“, entgegnete ihm Mila. Die lächelte glücklich und beseelt, als sei der Splitter gerade wohlbehalten wieder in Heiligtum der Drachengarde gelangt.

    „Doch seid versichert, ihr habt gerade etwas nahezu Unmögliches vollbracht. Ihr alle.“

    Aus heiterem Himmel huschte Latias, fast wie ein verspieltes Wablu, an ihre Seite und lächelte sie beipflichtend an. Ihr Bruder behielt seine kühle Ruhe und erbarmte sich zu einer genauen Erläuterung.

    „Im Moment hat sie sich weder für, noch gegen euch entschieden. Sie wird jedoch bis auf Weiteres Rayquazas Herz schützen und ihm daher so nahe wie möglich sein.“

    Mila schien das so aufzugreifen, als sei die Freundschaft, die sie zunächst mit ihr und auf lange Sicht zu allen Drachen aufzubauen versuchten, damit bereits besiegelt. Und sie hielt nicht lange hinterm Berg, warum sie das tat. Denn die Ernüchterung in Ryans Gesicht erachtete sie als völlig unangebracht. Er hatte sich wegen nichts zu grämen. Das Gegenteil war der Fall.

    „Ihr seid in ihren Augen würdig, Ryan. Sonst wäre diese Begegnung nicht friedlich ausgegangen. Und je öfter sie sich dessen vergewissern wird, desto mehr wird sie sich Euch öffnen.“

    Ryan sah zu Mila rüber, als könne er es nicht glauben. Als wolle er es nicht. Es klang zu schön, um wahr zu sein. Dabei hatte er sich doch genau dies zum Ziel gemacht.

    „Und was soll ich tun, damit sie mich weiter als würdig erachtet?“

    Er hatte es lange nicht gesehen. Wie Milas Lächeln von einem fast schon süffisanten Blinzeln begleitet, noch breiter wurde. Das Lächeln, welches er anfangs so gehasst und dann irgendwie zu mögen gelernt hatte. Er spürte schließlich eine Hand auf seiner Schulter. Er fand sich vor Sandra wieder, die Milas Lächeln fast imitierte.

    „Handle entsprechend deiner Worte von gerade eben. Sei so stark, wie du zu sein versprachst.“

    Dieses Versprechen hatte er bereits Latios gegeben und wenn seine Gefühle stark genug waren, selbst einen legendären Drachen zu überzeugen, so gab es gegenüber dem Brutalanda nichts zu befürchten.

    Und schließlich spürte Ryan, wie der Arm, der Rubys Pokéball hielt, fürsorglich umschlossen wurde. Dazu drängt sich ein schlanker, weiblicher Körper, der ihn an sich drückte. Melody lächelte tief und eindringlich, und ihre Miene zeugte von grenzenlosem Vertrauen. Ryan sah ihr zu, wie sie schließlich eine Hand an den Ball führte und dabei über den Rücken von seiner strich. Große Ansprachen oder tiefgründige Worte waren hier gar nicht vonnöten. Es gab doch nur einen Rat, den man ihm mitzugeben brauchte.

    „Sei du selbst.“

    Melody hatte verstanden, wie Mila freudig feststelle. Mehr brauchte Ryan gar nicht tun, damit Ruby sich ihm anvertrauen konnte. Es würde dauern, zweifellos. Aber auf lange Sicht würden sie Freunde werden. Daran glaubte sie nicht nur – sie war fest davon überzeugt.

  • Kapitel 40: Familie


    Rückblickend war die Zeit auf einmal so schnell vergangen. Seit knapp drei Wochen waren Ryan und Andrew nun schon in Graphitport und die ersten Tage hatten sich lang, träge angefühlt. Sie hatten so viel Zeit gehabt, ganz egal, wie viel davon sie in ihr Training investiert hatten. Wie sich die Dinge doch geändert hatten. Die zweite Woche hatte sich wie einige wenige Atemzüge angefühlt. Und das, obwohl Schlaf absolute Mangelware gewesen war. Nicht nur für Ryan – aber doch primär für ihn.

    Es fühlte sich fast wie ein Scherz an, dass der Summer Clash übermorgen beginnen würde. Dass sie nach wie vor daran teilzunehmen planten, gar wie ein noch größerer. Aber was konnten sie jetzt schon großartig tun? Ruby hatte einem Waffenstillstand mit Hoffnung auf ein engeres Bündnis zugestimmt und entgegen des ursprünglichen Plans waren Latios und Latias nun aufgetaucht. Somit war die Hoffnung, jemanden aus Team Rockets höheren Riegen auszufragen und den Schwarzen Lotus aufzuspühren, ohne sie zu gefährden, erstmal dahin. Noch so einen Angriff wie in der Nacht, in der Sheila angeschossen worden war, würden sie ganz sicher nicht wagen. Es musste eine neue Strategie her, um Informationen über den Strippenzieher zu erlangen. Pete hatte Mila darum gebeten, ein paar Tage lang ruhig zu bleiben, damit er mit einigen Kontaktmännern sprechen konnte. Unter Umständen würden sie ihm nützliches Wissen verkaufen können, auch wenn sich sein Optimismus in Grenzen hielt. Daher würde Mila in der Zwischenzeit an einem neuen Plan arbeiten, oder zumindest überlegen, wo sie denn mit einem anfangen sollte. Sandra hatte der Drachenpriesterin noch unter vier Augen eröffnet, dass Team Rocket eventuell während des Turniers einen Anschlag auf Ryans Leben unternehmen könnte, aber mittlerweile war sie nicht einmal mehr sicher, ob der Feind es denn darauf abgesehen hatte. Würden sie Ryan wirklich als so große Bedrohung einstufen, dass er beseitigt werden müsste, hätten die Rockets in jener Nacht nicht lange gezögert. Noch hätte Bella diesen sofortigen, aber keineswegs panischen Rückzug angeordnet. Generell hatten die wenigen Worte, die vor allem von Carlos und Lydia gesprochen worden waren, sie stutzig gemacht. Es war seitens der Rockets ebenfalls von einem konkreten Plan die Rede gewesen. Und die Indizien sprachen dafür, dass ein Blutvergießen gar nicht vorgesehen war. Konnten all diese Drohungen nur vorgegaukelt worden sein? Zwar hatten die beiden Rockets tatsächlich gewalttätige Intentionen gezeigt, doch die waren unübersehbar persönlichen Ursprungs gewesen.

    Es war hart, dieser Realität ins Auge zu sehen, doch so langsam wusste auch Mila nicht mehr weiter. Zu viele Dinge waren ungewiss und zu viel stand auf dem Spiel, um noch eine leichtfertige Entscheidung zu treffen. Von jetzt an mehr denn je, da Latios und Latias nun stets in relativer Nähe zu ihnen sein würden. Das Einzige, was sie selbst tun konnte, war Sheila nun nicht mehr einfach nur schützend um sie und Ryan Carparso herum patrouillieren zu lassen, sondern sie aktiv als Kundschafterin einzusetzen. Die beiden Rockets mit ihrer violetten Haarpracht müssten theoretisch auffallen wie bunte Hunde. So sie sich wohl kaum offen auf der Straße zeigen würden, war es den Versuch noch immer wert. Aber nur, falls Pete irgendeinen Anhaltspunkt für Mila haben würde. Dies bedeutete aber nach wie vor, dass ihr momentan die Hände gebunden waren.

    Mila selbst verbrachte nun viel Zeit in der Nähe von Ryan, aber auch Andrew. Abwechselnd sorgten sie und Sandra dafür, dass auch ja keiner von beiden allein in der Stadt unterwegs war. Gut, Melody folgte Ryan wo auch immer dieser hin ging, aber sie würde ihm in einem Kampf nicht unterstützen können. Traurigerweise war das Gegenteil der Fall.


    Im Augenblick war allerdings einer der seltenen gewordenen Momente, in denen Ryan, Andrew, Mila, Sandra und Melody alle gemeinsam versammelt waren. Nur Sheila war abwesend. Sie alle hatten sich auf den Kampfplätzen hinter dem Pokémoncenter eingefunden, die zur nahenden Abendstunde wie üblich leer waren. Da das Center mittlerweile fast bis unters Dach ausgebucht war und die Trainer sich auf den Summer Clash vorbereiteten, musste man nach dem Frühstück bis zum Nachmittag hin teilweise Nummern ziehen, um sie nutzen zu können. Doch um diese Zeit, in der es langsam aber sicher zu dämmern begann, waren die meisten erschöpft oder hungrig und der ein oder andere wollte heute Nacht sicher noch auf die Piste. Darüber war Ryan heilfroh, denn für das, was er gleich tun würde, war ihm etwas Privatsphäre lieber. Er öffnete den Verschluss der kleinen Gürteltasche und führte den jüngst hinzugefügten Pokéball zutage.

    Ein dezent alarmiertes Grollen ließ ihn aufblicken. Despotar hatte das Personal fast die ganze Nacht hindurch beschäftigt, die Intensivstation im Anschluss aber gleich verlassen dürfen. Er und Shardrago hatten zwar schwere, jedoch ausschließlich äußerliche Verletzungen erlitten, was an ein Wunder grenzte. Aber es sprach auch für die Zähigkeit der beiden. Sandras Drachengefährte hätte mit etwas Pech ein Schädeltrauma erleiden können und die massige Felsechse hatte lediglich Schäden an seinem Panzer davongetragen. Mit etwas Medizin, welche die Heilung unterstützte, würde er im Laufe des Turniers wieder einsatzbereit sein. Despotar hatte sich, wie auch Kirlia, Moorabbel und Hundemon im Halbkreis um Ryan herum aufgestellt. Rachegelüste waren nie eine Eigenschaft dieses Gesteinpokémons gewesen, aber er war zuvor auch noch nie so böse zugerichtet worden, wie von Ruby. Der junge Trainer vertraute jedoch voll und ganz darauf, dass er das Brutalanda ebenso akzeptieren würde, wie es bei Hundemon und Kirlia der Fall gewesen war. Die kleine Göre wirkte ob der Atmosphäre deutlich interessierter und angespannter als üblich. Das traf auf sie alle zu. Menschen eingeschlossen.

    Ein letzter Blick in die Runde und er ließ die Kapsel in seiner Hand aufspringen. Schon im weißen Licht war die Gestalt Ruby´s imposant und Respekt einflößend. Mit der Besieglung ihres, man sollte wohl am besten sagen Bündnisses, hatte Ryan sich vorgenommen, dass er ausschließlich dies, Respekt, vor ihrer zerstörerischen Kraft haben würde. Er verbot sich, ihr noch mit einem noch so kleinen Funken Angst zu begegnen. Obwohl der gesunde Menschenverstand noch immer behauptete, dass man die haben müsste.

    Das Brutalanda war nach ihrem Erscheinen absolut still. Eine sporadische Betrachtung ließ hoffen, dass alle Verletzungen gut von selbst verheilt waren. Ihre Umgebung, wo sie sich befand, kümmerte sie scheinbar überhaupt nicht. Sie ließ den Blick gemächlich über die Pokémon vor ihr Schweifen. Weitestgehend Winzlinge im Vergleich zu ihr und bei der Hälfte mangelte es sichtbar an Kampferfahrung. Das erkannte jemand wie sie sofort. Am Ende der Gruppe fand sie das Despotar aus jener Nacht vor. Stolz, aufrecht und stark. Nicht wimmernd oder gebrochen von seinen Verletzungen, die zweifellos noch ausheilen mussten.

    Sie machte gar keinen Laut. Fauchte, grolle oder brüllte nicht. Ruhigen, neugierigen Schrittes ging sie näher zu den Vieren. Das Moorabbel und das Kirlia – offensichtlich die beiden Jungspunde unter ihnen – schienen Mühe zu haben, nicht zurückzuweichen. Narren. Würde sie ihnen etwas antun wollen, wäre es bereits um sie geschehen. Zumindest versuchten sie, mutig zu sein. So stolz Ruby auch auf ihre Stärke war, gab es einen winzigen Teil in ihrem Gedächtnis, der sie stets an Zeiten erinnerte, in denen sie als kleines Kindwurm nicht andern ausgesehen haben konnte. Daher verbot sie sich denn Spott. Das Hundemon wirkte da weitaus wilder. Von ihm kam zwar keinerlei Drohgebärde, aber sein Blick verriet deutlich, dass sie ihn keineswegs einschüchterte. Tapfer, wenn auch unvernünftig. Besser so als andersherum. Und dann war da noch Despotar.

    Ryan atmete tief ein und versuchte, die Ruhe zu bewahren. Ihm selbst hatte Ruby ihre Unterstürzung zugesichert. Der Felsechse allerdings war sie rein gar nichts schuldig und wer wusste schon, ob sie nicht etwas nachtragender war. Höchstens Mila konnte das wissen, doch da die sich genau so ruhig verhielt, wie der Rest, konnte er sich gar zuversichtlich stimmen.

    Die Drächin machte noch einen gezielten Schritt auf Despotar zu, sodass sie Auge in Auge standen. Sie wirkte prüfend, skeptisch, als warte sie, dass er den ersten Schlag austeilte. Aber die scharfen Augen zeugten gerade von keinerlei Aggression. Nein, Respekt war es, den sie darin las. Und das fiel Despotar tatsächlich nicht leicht. Er hasste es, zu verlieren. Mehr als alles andere. Aber er hatte nun mal verloren. Also würde er sie in ihren Reihen willkommen heißen – und auf seine Revanche warten. Eben dies vermittelte das sehr schwache Grinsen, das er ihr schenkte. Und sie erwiderte es.

    Ryan fiel ein Stein vom Herzen. Er drehte sich kurz zu seinen Freunden und blickte ausnahmslos in lächelnde Gesichter. Er kam nicht umher zu bemerken, dass er Sandra und vor allem Mila gerade zum ersten Mal, wenn auch nur in Gedanken, Freunde genannt hatte. Das wäre längst überfällig gewesen. Melody war mal wieder als allererste bei ihm und klammerte sich freudig an seinen Arm. Er drückte sie kurz an sich, wandte sich aber wieder zu den Pokémon.

    „Herhören. Das ist Ruby, eine alte Freundin von Mila. Sie hat sich entschieden, für eine Weile bei uns zu bleiben. Nehmt sie gut bei euch auf und behandelt sie mit demselben Respekt, den ihr euch von ihr wünscht.“

    Er zweifelte etwas daran, dass sie den ohne Weiteres bekommen würden, aber das war bei einer Drächin ihres Formats auch keineswegs selbstverständlich. Das wussten die Vier sicher selbst. Despotar wusste es auf jeden Fall.

    „Da fällt mir ein...“

    Ryan machte nochmals ein paar Schritte auf Ruby zu und gewann so ihre Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal musste er sie nicht genau beobachten oder vorsichtig versuchen, ihre Blicke zu deuten. Von hier an wollte er sie behandeln wie alle seiner Pokémon. Mit gewissen, respektvollen Einschränkungen.

    „Ich hab mich dir selbst noch gar nicht vorgestellt.“

    Das Brutalanda legte den Kopf schief. Tatsache, das hatte er nicht, aber sie hatte auch nicht wirklich danach verlangt. Bis jetzt. Ja, jetzt schien es durchaus angebracht.

    „Ich bin Ryan. Ryan Carparso. Das hier sind Melody und mein bester Freund Andrew“, eröffnete er ihr mit einem Deut auf das Mädchen in seinem Arm, sowie seinen Trainer-Kumpanen. Beide grüßten höflich und anständig.

    „Willkommen in der Familie.“

    Familie. Hatte sie jemals eine richtige gehabt? Wohl genauso wenig, wie jeder andere Vertreter ihrer Art. Brutalanda Männchen verließen üblicherweise noch vor dem Schlüpfen der Jungen ihre Partnerin, würden gegebenenfalls sogar von ihr vertrieben werden. Und selbst die zog ihre Kinder nur bis zu einem gewissen Alter bedingungslos groß. Wenn sie stark genug waren, wurden sie fortgescheucht, um ihren Platz in der Welt zu finden und ihren eigenen Weg zu gehen. Was also bedeutete Familie für Ruby? Und vor allem, würde sie diese Pokémon und den Jungen namens Ryan ebenfalls so bezeichnen können? Unwahrscheinlich. Selbst damals, als sie in ihrer Jugend so viel Zeit bei Mila und ihrer Garde verbracht hatte, wäre sie nie auf die Idee gekommen, irgendjemanden Teil ihrer Familie zu nennen. Auch die Drachenpriesterin selbst nicht. Aber... vielleicht. Es wäre nicht undenkbar. Die Zeit – viel Zeit – würde es zeigen.

    Hundemon und besonders Moorabbel, der bedingungslos alle Entscheidungen Ryans unterstützte, pflichteten dem lauthals bei und wagten gar, sich der Drächin zu nähern. Der Schattenhund verzichtete allerdings darauf, sie näher zu beschnuppern, wie er es üblicherweise tat. Er hatte eine präzise Ahnung, was für einen Charakter das Brutalanda besaß und würde sich nicht so rasch so sehr aufdrängen. Neugierig war er jedoch überaus.

    Die schüchterne Kirlia hielt lieber noch etwas Abstand. Die Riesin war ihr noch nicht ganz geheuer, aber das hatte anfangs auch für Hundemon gegolten. Jetzt war sie ständig in seiner Nähe. Oder war er ständig in ihrer? Verflucht, hoffentlich hielt er nicht noch nimmer an dieser Beschützer-Kiste fest, die Ryan ihm aufgeschwatzt hatte.

    Für Despotar war so ein Rubel nichts. Ihm war nach Ruhe und allein sein. Nicht aus Verbitterung oder Antipathie. Er hatte seiner neuen Kameradin schlicht und ergreifend nichts zu sagen. Naja, eines schon. Er lenkte seine Schritte Richtung Ryan, machte aber einen Bogen, um nahe an der Drächin vorbeizugehen und es mit abermals mit einem kurzen, einfachen Blick mitzuteilen.

    Nächstes Mal werde ich siegen.

    Rubys Lefzen zuckten und sie grinste angespornt, während das Gesteinpokémon sich bereits abwandte und seinem Trainer zu verstehen gab, dass er für heute genug hatte.

    Andrew schüttelte im Hintergrund fassungslos, aber gleichzeitig erleichtert den Kopf, als er zusah, wie Despotar in seinen Pokéball verfrachtet wurde und Ruby sporadisch ihre neuen Bekanntschaften aufnahm. Diese Offenheit nun bei ihr zu sehen... als wären das hier und die Ruby aus jener Nacht zwei verschiedene Pokémon.

    „Nicht zu fassen, der Mistkerl hat´s echt hingekriegt“, meinte er lächelnd. Er war tatsächlich stolz auf Ryan. Manchmal vergaß selbst er, dass er für sein Alter besonders Reif sein konnte. Bei diesem Umgang mit all seinen, besonders aber seinem neusten Partner, klang es beinahe absurd, dass er noch nicht einmal ganz volljährig war. So viele Menschen, die schon doppelt so lange lebten, könnten noch eine ganze Menge von ihm lernen.

    „Ich gebe zu, ich hab lange nicht dran geglaubt“, gestand Sandra derweil. Das überraschte doch ein wenig, hatte sie doch stets selbstsicher gehandelt und – das war eine Tatsache – die Moral in der Gruppe nicht selten oben gehalten. Sie hatte den jungen Trainern ungemein geholfen, sich stets auf den nächsten Schritt, auf das momentane Ziel zu fokussieren. Oft durch Kleinigkeiten, weshalb es ihnen nicht immer aufgefallen war.

    „Ich wollte nicht dran glauben“, korrigierte sie dann sogar. Jetzt reichte es aber, befand Andrew.

    „Hör auf. Ohne dich hätten Ryan und ich uns vermutlich längst die Köpfe eingeschlagen.“

    Sie blickte ihn nicht an, schüttelte stattdessen skeptisch, geradezu verneinend den Kopf, während sie die Lippen schürzte. Aber dies musste Andrew ihr unbedingt vermitteln. Er war sicher, dass Ryans Gefühlslage in den letzten 48 Stunden präzise wie seine eigene ausgesehen hatte, doch er wollte hier lieber bloß für sich sprechen. Nicht, dass er seinem besten Kumpel noch Worte in den Mund legte. Außerdem fühlte er das Verlangen, ihr etwas Persönliches anzuvertrauen. So löste er seine verschränkten Arme und wandte sich ihr ganz zu.

    „Meinst du denn, ich bin wirklich immer so locker, wie ich tue?“

    Nun sah Sandra ihm endlich in die Augen – verwundert. Sie merkte, dass sich seine Stimme verändert hatte, deutlich ernster war, als üblicherweise. Und zwar nicht erzwungen, sondern eher… befreit. Erlöst. Als sei er froh um diesen Moment, in dem er seine Fassade einmal ruhen lassen konnte und im selben Moment war die Arenaleiterin regelrecht vor den Kopf gestoßen, da sie erkannte, dass es nichts weiter als eben eine Fassade war.

    „Das bin ich nicht mal in der Hälfte aller Fälle. So komm ich einfach nur am besten mit anderen Leuten klar. Aber ich war die letzten Tage über ein Pulverfass. Meine Nerven lagen so blank, dass ich sogar Sheila etwas auf´s Korn genommen hab. Jetzt fass ich es immer noch nicht, dass ich so blöd war.“

    Hieran konnte sie sich gut erinnern. Wenn man das Kind beim Namen nennen wollte, hatte er sie wirklich ein bisschen verarscht und sie wusste, dass sie Menschen schon für weit weniger mindestens ein paar Knochen gebrochen hatte.

    Andrew hatte noch immer nicht ausgeredet. Dabei schien Sandra es so langsam begriffen zu haben.

    „Du hast eine besondere Ausstrahlung, die mich zuversichtlich gemacht hat. Und zwar nicht, weil du Arenaleiterin Sandra bist, sondern einfach, weil du Sandra bist. Und ich gehe jede Wette ein, dass es Ryan genauso ging.“

    Vielleicht war es mit Andrew gerade ein wenig durchgegangen. Sicher war, dass er sich gegenüber einer Person außerhalb seiner Familie, die nicht Ryan hieß, seit Jahren nicht mehr so emotional geäußert hatte. Er würde es im Normalfall nie aussprechen, dass es Menschen gab, die er bewunderte – sei es wegen ihrer Fähigkeiten oder ihres Charakters. Doch es gab sie absolut und Sandra war eine davon. Sogar eine der wenigen, die er sowohl für ihre Fähigkeiten als auch ihren Charakter bewunderte. Eine andere Person wäre zum Beispiel Ryan.

    Offenbar war es nötig gewesen, dass Andrew sich fast schon so peinlich wie ein Fan aufführen musste, damit die Drachenmeisterin aus Ebenholz seine Worte akzeptierte. Sicher belustigte es sie auch ein wenig, dass er sie an einen solchen erinnerte, aber sie würde seine Worte nicht weiter in Frage stellen. Wie könnte sie auch, nachdem er sich so geöffnet hatte?

    „Beharrlich bleibst du aber wirklich immer. Egal, ob locker, witzig oder ernst“, stellte sie lächelnd fest, was zwischen den Zeilen bedeutete, dass sie nicht die Energie besaß, um diese respektvollen Worte abzustreiten. Wie käme es denn außerdem rüber, wenn sie sich selbst so vehement kleinreden würde?

    „Aber um ehrlich zu sein, klingt diese Beschreibung für mich eher nach Mila…“

    Sandra ließ die Augen in Richtung eben dieser schweifen und ihr Lächeln schwand augenblicklich. Sie schaute nun verdutzt, über alle Maßen überrascht. Andrew tat es ihr in der Sekunde, in der er ihrem Blick Richtung Drachenpriesterin gefolgt war, gleich. Ihre Augen schimmerten wässrig.

    Nur sehr schwach und definitiv vor Glück, wie das beseelte Lächeln verriet. Doch was in aller Welt machte sie denn in diesem Moment so glücklich, dass es sie beinahe zu Tränen rührte?

    „Mila?“, frage Sandra vorsichtig. Auf einmal kam ihr das Gespräch mit Andrew wie das zweier Statisten vor. In der Drachenpriesterin ging unübersehbar etwas weit Tiefgründigeres vor.

    „Nun hat er bereits zwei Dinge vollbracht, die mir unmöglich waren.“

    Sie beide sahen rüber zu Ryan, an dem Milas glückseliger Blick festgewachsen schien. Ruby versuchte es noch zu verbergen, aber Mila konnte sie schon lange nicht mehr täuschen. Das Brutalanda war glücklich. Glücklich, keine Einzelgängerin mehr zu sein. Glücklich, jemanden gefunden zu haben, an den sie glauben konnte. Sie würde es nicht so einfach offen zeigen. Vielleicht sich gar zu der ein oder anderen Dummheit hinreißen lassen, um ihre wahren Gefühle zu verstecken. Das war leider schon immer ihre Natur gewesen. Aber so wie jetzt hatte Mila sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und daher war sie sicher, Ruby würde sich gegenüber Ryan und auch ihren neuen Partnern mit der Zeit ganz öffnen. Es wäre nicht weniger als einer von Milas innigsten Herzenswünschen, dass dies wahr würde.

    „Erst hat er Sheila ihren Namen gegeben. Und nun hat er Ruby eine Familie gegeben.“

    Einige Sekunden lang schien die Zeit an diesem kleinen Fleck am Rande der Kampfplätze einzufrieren. Lediglich ein sanfter Vorreiter des Abendwindes blies etwas Laub an ihnen vorbei. Und dann stahl sich ein ähnliches Lächeln auf die Lippen von Andrew und Sandra. Der junge Trainer wagte in diesem Moment zwar nicht, noch etwas zu sagen, aber innerlich stimmte er der Arenaleiterin zu. Auch Mila vermochte, Menschen mit ihrer Aura zu beeinflussen. Besonders auf Ryan hatte sie einen enormen Einfluss und ganz offensichtlich beruhte dies auf Gegenseitigkeit.

    So sehr es Mila auch bewegte, was hier gerade geschah, kam sie nicht umher, ihre Gedanken in die nahe und tragischerweise düstere Zukunft zu werfen. Auch wenn sie dadurch verpasste, diesen Moment vollends zu genießen. Vielleicht war Ryan dann ja auch imstande, diese Dritte Hürde zu meistern, an der sie bislang gescheitert war. Nämlich die lang ersehnte Freundschaft zwischen Menschen und Drachen. Hoffentlich eilte Pete sich mit den Informationen. Es war höchste Zeit, diesem Vorhaben entschlossenere Taten folgen zu lassen, anstatt es immer nur herbeizusehnen.


    „Ich warne dich Freundchen. Wenn du mich verarschst, kannst du dich auf schlimmere Narben einstellen.“

    Pete sprach nur extrem selten Drohungen bei solchen Unterhaltungen aus. Kontaktpersonen, die ihn fürchteten, würden ihn meiden und er wäre um eine Quelle ärmer. Aber das hier war zugegebenermaßen auch niemand, den er kannte. Jene, in der er seine Hoffnungen gesetzt hatte, waren ausnahmslos keine Hilfe gewesen. Und da war ihm dieser junge Bursche entgegengetreten, der ihm zu helfen versprach. Pete hielt ihn noch an seinem verschmutzten Hoodie gepackt und gegen die Backsteine der Hauswand einer Seitengasse gedrückt. Die Kapuze hatte er auf offener Straße noch tief ins Gesicht gezogen, um die hässliche Narbe in seinem Gesicht nicht zur Schau zu stellen, doch nun war sie durch das rüde Anpacken heruntergefallen.

    „Tu ich nicht, Mann. Ich schwör´s dir.“

    Pete würde ihm gerne glauben. Bellas meist genutzten Aufenthaltsort zu kennen, klang fast zu gut und wäre mehr als wertvoll. Man könnte sie dort überraschen, wo sie es niemals erwartete. Aber er war nicht mehr grün hinter den Ohren. Stets hatte er jede Information, die man ihm in so heiklen Themen mitteilte, überprüft. Sofern möglich. Das wäre in diesem Fall nur leider kaum machbar.

    „Warum sollte ich einem ihrer ehemaligen Mitglieder glauben? Du könntest mich genauso gut in eine Falle schicken.“

    Zugegeben, wenn der junge Mann tatsächlich einst selbst in schwarz herumgelaufen war, würde das zumindest erklären, woher er diese Info besaß. Nur konnte das mit dem „ehemalig“ auch ganz einfach gelogen sein. Und dass er einfach so auspackte, ohne eine Bezahlung zu verlangen, machte Pete erst recht skeptisch.

    „Was hätte ich davon? Ich war ein kleiner Fisch, hatte in der Organisation nichts zu sagen und dann haben sie mich quasi wegen nichts rausgeschmissen.“

    Der Typ wirkte etwas verzweifelt. Und Pete suchte vergeblich nach Scheinheiligkeit und Lüge. Er wollte ihm eigentlich nicht glauben, aber irgendwie tat er es. Nur ließ er das den Ex-Rocket nicht ahnen.

    „Rache, weil sie dich vor die Tür gesetzt haben? Das kauf ich dir nicht ab, Kleiner.“

    „Nicht an Team Rocket will ich mich rächen!“

    Seine Stimme war auf einmal so laut und so wütend geworden, dass er sich im nächsten Moment zu beiden Seiten umsah. Nicht, dass doch ein Passant – im schlimmsten Fall ein getarnter Agent – doch aufmerksam geworden war. Doch es schien nach wie vor niemand einen Grund zu sehen, einen genauen Blick in die Gasse zu werfen. Zum Glück waren es eine sehr lange Gasse, in der obendrein kein Echo hallte.

    Dann sank sein Kopf ein wenig und er sah diesen Abend, diesen Moment, diese Frau ein weiteres Mal vor seinem inneren Auge. Er starrte durch Pete hindurch und zitterte leicht. Schwer zu sagen, ob aus Furcht oder Hass. Dann fuhr seine Hand langsam zu seiner Wange, wo die Narbe begann. Die Fäden waren jüngst entfernt worden, doch würde er sie sicher den Rest seines Lebens tragen. Er vermied es seither nach Möglichkeit, in einen Spiegel zu sehen. Schon das Ertasten über die Nase und das untere Ende seiner Augenhöhle entlang, war abscheulich. Sie hatte ihn auf ewig gezeichnet. Mit etwas Pech hätte er sogar ein Auge verlieren können.

    Pete beobachtete ganz genau. Mit so einer Narbe im Gesicht würde er sich auf offener Straße auch nicht gerne zeigen. Und es war unübersehbar, dass sie den Burschen plagte. Sehr sogar.

    „Ich will einfach nur dieser Frau schaden“, sagte er nun wieder leiser.

    „Sie hat mich gedemütigt und deformiert. Nun bin ich für den Rest meines Lebens in Öffentlichkeit bloßgestellt“

    Seine Stimme wurde ein wenig heiser und sein Kinn begann leicht zu zittern. Wurden seine Augen gar wässrig? Er war wirklich noch jung.

    „Wenn ich könnte, würde ich ihr genau denselben Schmerz beibringen. Aber ich bin raus. An sie komm ich nie wieder ran. Doch so kann ich wenigstens dafür sorgen, dass sie verliert. Ich kann dafür sorgen, dass ihr sie bloßstellt. Der Schwarze Lotus soll gnadenlos mit seinen Agenten sein, wenn sie versagen und würde einer Söldnerin von außerhalb bestimmt Schlimmeres antun, als Bella es bei mir getan hat.“

    Pete sah den Jungen nur noch in die Augen. Er versuchte nicht länger, den Barbesitzer zu überzeugen. Er dachte gar nicht mehr darüber nach, was er hier erzählte. Seine Emotionen hatten die Kontrolle über seine Worte gewonnen. Er pokerte nicht, er flehte. Obgleich ihm bewusst sein musste, dass nichts von dem, was hiernach eventuell passieren konnte, für ihn getan werden würde.

    „Ich weiß jetzt, wie dumm es war, dieser Gruppe beizutreten. Eigentlich war es mir schon länger bewusst. Sie haben mir so viel versprochen. Und bekommen habe ich das hier.“

    Nun endlich sah er Pete wieder in die Augen. Musste sich jedoch allergrößte Mühe geben, bei dem Gedanken an seine Dummheit, an die verschwendeten Jahre, vor allem aber sein entstelltes Gesicht, nicht zu zerbrechen.

    So jung.

    „Ich will, dass sie versagt und leidet. Als letzte schlechte Tat meinerseits vor einem Neuanfang.“

    Pete ließ nun endlich, sehr langsam, von den Jungen ab, machte einen Schritt zurück und seufzte tief. Der ehemalige Rocket rührte sich noch nicht. Blieb an der Wand stehen und sah ihn einfach nur an, wartete auf eine Antwort. Pete erkaufte sich etwas Denkzeit, indem er nach einer Zigarette fischte und sie anzündete. Der erste Zug war ein sehr tiefer.

    „Ich werde überprüfen, was du mir gerade erzählt hast.“

    Seine Augen flackerten auf. Hatte er es geschafft? Glaubte der Mann ihm?

    „Meine Klienten werden bestimmt nicht für dich Rache üben. Aber falls du die Wahrheit sagst, werden sie ihr die Hölle heiß machen.“

    Er vermied hier bewusst einige bestimmte Details. Das tat er immer, wenn er nicht mit vertrauenswürdigen Menschen sprach. Und davon existierten in diesen Kreisen nicht viele. Jeder Mensch hatte einen Preis und gerade das organisierte Verbrechen meistens auch die Mittel, ihn zu zahlen. Oder auch, um Dienste oder Infos zu erzwingen.

    „Ist egal, dass sie es nicht für mich tun. Wenn es geschieht, bin ich schon zufrieden.“

    Das war praktisch seine Bezahlung. Wenn seine Klienten scheitern sollten, dann war es eben umsonst gewesen. Aber er würde nicht lange genug in der Stadt bleiben, um es zu erfahren. Er wollte Team Rocket, Hoenn, sein bisheriges Leben möglichst schnell hinter sich lassen. Ihm genügte es, sich dem Glauben und der Vorstellung hinzugeben, dass Bella Scheiße fressen würde, während er ein neues anfing. Leicht würde es nicht werden. Er hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie gehabt und Freunde hatte er auch kaum noch. Aber es war den Versuch wert, sie anzurufen und falls sie ihn abgeschrieben hatten, gab es da noch ein paar Leute, die ihm einen Gefallen schuldig waren. Zumindest eine vorübergehende Bleibe und regelmäßig etwas Essbares würde er bekommen. Immerhin ein Anfang, auf dem er aufbauen konnte.

    Pete bot ihm noch eine Zigarette an, bevor er seines Weges ging. Der Bursche nahm sie, vertraute ihm gleichzeitig an, dass er jedoch noch nie geraucht hatte. Das entlockte Pete dann doch ein lachen. Nicht weil es dumm war – genaugenommen drängte er ihn gerade zu einer Dummheit. Es überraschte ihn ganz einfach kaum, wenn er den Jungen ansah.


    Schon während seiner Gespräche mit diversen anderen Kontaktpersonen sowie auf den Wegen dazwischen hatte Pete mindestens so oft über die Schulter geschaut, wie geradeaus. Nur nach oben hatte er es nicht. Würde er es jetzt tun, würde er weiter oben von einer Feuertreppe aus ein in schwarze Slim Jeans gehülltes Bein mit hohen Boots daran herabbaumeln sehen. Sie gehörten zu einer jungen Frau, die sehr relaxt am Geländer lehnte und sich an einer Flasche Sake berauschte. Es war so ein Glück, dass sie nun länger hier in Graphitport arbeiten konnte. Hier lebte ein bekannter von ihr, der in seinem Keller einen extrem starken brannte. Und schmecken tat er zudem erheblich besser, als das Zeug in den Läden.

    „Sagte ja, dass du immer ein Grünschnabel bleiben wirst, Eaves“, nuschelte sie mit einem verschmitzten Lächeln vor sich hin. Sie hätte durchaus Lust, ihm nach diesem Gespräch aufzulauern und ihm den Tag zu versauen. Weiter verletzten würde sie ihn nicht. Sie verspürte keinen Hass. Hatte lediglich das Bedürfnis, ihn noch etwas aufzuziehen und ihm deutlich darzulegen, dass er schon sehr viel früher aufstehen musste, um ihr ans Bein zu pissen. Schade nur, dass sie dafür keine Zeit hatte. Der Informationskrieg hatte gerade eine kleine, aber nicht uninteressante Wendung genommen.

  • Hallo,


    mir gefällt an dem Kapitel vor allem die Art und Weise, wie Ruby in Ryans Team aufgenommen wird. Besonders nachdem sie sehr erhaben auftritt, sind besonders die jüngeren Pokémon verunsichert und selbst die mutigen unter ihnen reagieren auf Brutalandas stolze Natur entsprechend. Dadurch schaffst du es wieder mal gut, die Pokémon sehr nahbar an die Leser zu bringen und ihr Verhalten zueinander aufzuzeigen und das mag ich besonders gern. Hoffen wir mal, dass die Zusammenarbeit in Zukunft reibungslos verläuft und die Freundschaft zwischen Menschen und Drachen Realität wird. Nach der bisherigen Geschehnissen wirkt es langsam greifbar.


    Wir lesen uns!