Deliverance: Ironclad Vengeance

  • Vorwort
    Hallo, und herzlich willkommen zu der FF von Gin Black und mir.


    Warnung
    In dieser Fanfiction wird Blut fließen und Charaktere werden sterben.


    Genre
    Krieg|Drama

    Inhalt
    Die beiden Brüder Jay Veljeta, dem Regeln und Gesetze egal sind und Kahiko Veljeta, der kein Selbstbewusstsein besitzt, aus Kaleon in Techoras verlieren nach einem hinterhältigen Angriff der verfeindeten Lizagon ihre Heimat und müssen flüchten. Sie fassen den Entschluss, sich an den Feinden zu rächen. Und so beginnt die Geschichte zweier Brüder in Kriegszeiten...


    Wichtige Informationen
    Kontinent: Camäyn
    Länder:
    Techoras
    Lizagon


    Danksagung & Widmung
    Rexilius : Ich bedanke mich zuerst einmal bei Gin, da er mit mir diese FF schreibt und für seine tollen Ideen bedanke ich mich auch sehr.
    Gin Black: Ich bedanke mich auf jeden Fall auch bei dir, Rexilius, da mir das Schreiben dieser Fanfiction mit dir viel Spaß macht.
    Inspiration & Idee
    Rexilius :Gin unterstützte mich mit seinen vielen Ideen und war mir immer eine Inspiration.
    Gin Black: Ja, Rexilius inspirierte mich auch sehr und bringt mich immer wieder auf neue Ideen.


    Charaktere
    [tabmenu]
    [subtab=Charaktere]
    [tab=Jay]
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    Name : Jay Veljeta
    Alter : 15
    Geburtsdatum : 16.10.1998
    Geburtsort : Kaleon
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Braun
    Augenfarbe : Braun
    Lieblingsessen : Steak
    Lieblingsgetränk : Candiar
    Waffen : Drako (Schattenschwert) und Deseart Eagle, Kampfmesser
    Eigenschaften : Ziemlich vulgär, brutal, stur, ungehorsam
    Merkmale : Schwarzes Drachentattoo am linken Arm, Kette um den Hals
    Hobbies : Mit Freunden abhängen, Fußball spielen
    Was er nicht mag : Wenn seine Eltern ihn anschnauzen, Langeweile, wenn Andere sich für was Besseres halten, schreiende Kinder, Süßigkeiten
    Was er mag : Alk, Ausflüge, Dunkelheit, Rap
    Stärken : Hohe Ausdauer, gute Kampftechniken, kann gut Klavier spielen
    Schwächen : Angeborener Vitamin A-Mangel, Nachtblindheit, handelt sich durch seine Sturheit häufig Probleme ein, süchtig nach Novolines
    Beste Freunde : - Joshua "Yoshi" Käylem
    - Montana Kawer
    - Está Gilligan
    Element : Dunkelheit
    [tab=Kahiko]
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    Name : Kahiko Veljeta
    Alter : 14
    Geburtsdatum : 28.7.1999
    Geburtsort : Kaleon
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Grün
    Augenfarbe : Grün
    Lieblingsessen : Sashimi
    Lieblingsgetränk : Spezi
    Waffen : Angelus (Bogen) und zwei Dolche
    Eigenschaften : hilfsbereit, freundlich
    Merkmale : rosa Strähne, Haifischzahnkette
    Hobbies : Surfen, malen und zeichnen
    Was er nicht mag : Angeber, wenn sein Bruder spät nach Hause kommt, Hausübungen
    Was er mag : Natur, Tiere, Pflanzen
    Stärken : spricht viele Sprachen, spielt gut Volleyball, kann gut surfen
    Schwächen : leichtgläubig, hat kein Selbstbewusstsein, schlecht in der Schule
    Beste Freunde : - Roumald Houssand
    - Fabés Shiqo
    - Carlos de la Merta
    Element : Licht
    [tab=Joshua]
    Name : Joshua "Yoshi" Käylem
    Alter : 15
    Geburtsdatum : 20.11.1998
    Geburtsort : Kaleon
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Blond
    Augenfarbe : Blau
    Lieblingsessen : Sandwiches
    Lieblingsgetränk : Tariiza
    Waffen : SKS mit Bayonett
    Eigenschaften : Provokant, stur, respektlos
    Merkmale : Adlertattoo am rechten Arm
    Hobbies : Fußball, trinken
    Was er nicht mag : Nörgler, Heuchler
    Was er mag : Seine Geschwister, Rap
    Stärken : Kann sich gut durchsetzen, ist sportlich
    Schwächen : Kann schlecht lügen, kriegt schnell Kopfschmerzen, süchtig nach Novolines
    Geschwister: Butters Käylem (jüngerer Bruder) und Kira Käylem (ältere Schwester)
    Beste Freunde : - Jay Veljeta
    - Montana Kawer
    - Está Gilligan
    Element : Feuer
    [tab=Montana]
    Name : Montana Kawer
    Alter : 15
    Geburtsdatum : 21.12.1998
    Geburtsort : Lyäz
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Schwarz
    Augenfarbe : Grün
    Lieblingsessen : Nudeln
    Lieblingsgetränk : Kir
    Waffen : Gat-28 (Halbautomatische Pistole aus Techoras), Army-Kampfmesser
    Eigenschaften : Muskolös, provokant
    Merkmale : Sternentattoo am linken Oberarm
    Hobbies : Schwimmen, Boxen
    Was er nicht mag : Möchtegern-Rambos, Schule
    Was er mag : Sport, Musik hören
    Stärken : Gut in Form, kräftig
    Schwächen : Etwas schlecht in der Schule, kann sich manchmal nicht beherrschen
    Geschwister: Timon Kawer und Finn Kawer (beides jüngere Brüder)
    Beste Freunde : - Jay Veljeta
    - Joshua Käylem
    - Está Gilligan
    Element : Psycho
    [tab=Está]
    Name : Está Gilligan
    Alter : 15
    Geburtsdatum : 12.2.1999
    Geburtsort : Räyl
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Braun
    Augenfarbe : Blau
    Lieblingsessen : Pizza
    Lieblingsgetränk : Energydrink mit Beerengeschmack
    Waffen : Glock 17, Zwei Dolche
    Eigenschaften : Wankelmütig, stur
    Merkmale : Schlangentattoo am ganzen rechten Arm, linkes Auge wird durch seine Haare verdeckt
    Hobbies : Basketball, spazieren gehen
    Was er nicht mag : Lügner, Heuchler
    Was er mag : Schule, Metall-Musik
    Stärken : Ist ziemlich intelligent, hält viel Alkohol aus
    Schwächen : Wird schnell müde, kommt morgens schwer aus dem Bett raus
    Geschwister: Geschwister : Mirjam Gilligan und Zoey Gilligan (beides jüngere Schwester)
    Beste Freunde : - Jay Veljeta
    - Joshua Käylem
    - Montana Kawer
    Element : Psycho
    [tab=Skye]
    Name : Skye Veljeta
    Alter : 8
    Geburtsdatum : 4.1.2006
    Geburtsort : Kaleon
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Hellblau
    Augenfarbe : Smaragdgrün
    Lieblingsessen : Pizza
    Lieblingsgetränk : Kakao
    Waffen : -
    Eigenschaften : scheu, schüchtern
    Merkmale: Haare sind bodenlang
    Hobbies: musizieren, singen, tanzen
    Was sie nicht mag: Frösche, schleimige Dinge
    Was sie mag: Einhörner, die Farbe rosa
    Stärken: geduldig, sehr ausdauernd
    Schwächen: scheu, ängstlich
    Geschwister : Jay Veljeta
    Kahiko Veljeta
    Beste Freunde : - Páis Houssand
    - Oiléan Shiqo
    - Veidhlín de la Merta
    Element : -


    [tab=Roumald]
    Name : Roumald Houssand
    Alter : 14
    Geburtsdatum : 2.12.1999
    Geburtsort : Kaleon
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Braun
    Augenfarbe : Grün
    Lieblingsessen : Austern
    Lieblingsgetränk : Cola
    Waffen : Zwei Tomahawks
    Eigenschaften : Leichtblütig, fröhlich
    Merkmale: besitzt Dreadlocks, die er zu einem Zopf zusammengebunden hat, besitzt die gleiche Kette wie Kahiko
    Hobbies: surfen, skaten
    Was er nicht mag : Angeber, Spinnen
    Was er mag: Pinguine, R&B
    Stärken: ist sehr geschickt und wendig
    Schwächen: ist sehr leichtgläubig und schlecht in der Schule
    Geschwister : Aigua Houssand (älterer Bruder)
    Sorra Houssand (ältere Schwester)
    Páis Houssand (jüngere Schwester)
    Beste Freunde : - Kahiko Veljeta
    - Fabés Shiqo
    - Carlos de la Merta
    Element : Wasser


    [tab=Fabés]
    Name : Fabés Shiqo
    Alter : 14
    Geburtsdatum : 20.11.1999
    Geburtsort : Tyroe
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : Blau-Grün
    Augenfarbe : Braun
    Lieblingsessen : Miso Suppe
    Lieblingsgetränk : Kaffee
    Waffen : Zwei Schwerter und zwei versteckte Klingen
    Eigenschaften : schlau, hitzköpfig, weltoffen
    Merkmale: natürliche Haarfarbe: blond
    Hobbies: surfen, Radfahren
    Was er nicht mag: Schlangen, lange Warten
    Was er mag: Hardrock, laute Musik
    Stärken: hervorragende Kombinationsgabe, gut in der Schule
    Schwächen: tollpatschig, ungeduldig
    Geschwister : Dorchadas Shiqo (ältere Schwester)
    Oiléan Shiqo (jüngere Schwester)
    Beste Freunde : - Kahiko Veljeta
    - Roumald Houssand
    - Carlos de la Merta
    Element : Elektro


    [tab=Carlos]
    Name : Carlos de la Merta
    Alter : 14
    Geburtsdatum : 6.8.1999
    Geburtsort : Lilios
    Nationalität : Techorianisch
    Haarfarbe : hellbraun mit rosa Schimmer
    Augenfarbe : grün
    Lieblingsessen : Takoyaki (Oktopusbällchen)
    Lieblingsgetränk : Apfel-Tee
    Waffen : Schwert und Schild
    Eigenschaften : übereifrig, arrogant, egoistisch
    Merkmale: bleiche Haut
    Hobbies: surfen, Tischtennis spielen, zocken
    Was er nicht mag: Clowns, Zirkusse, Rassismus
    Was er mag: Videospiele in jeglicher Form, sein Surfbrett
    Stärken: sehr Selbstbewusst, sehr talentiert-bei allem, was er macht
    Schwächen: er ist ein Angeber und Besserwisser
    Geschwister : Veidhlín de la Merta (jüngere Schwester)
    Beste Freunde : - Kahiko Veljeta
    - Roumald Houssand
    - Fabés Shiqo
    Element : Gestein
    [/tabmenu]


    Kapitelübersicht
    Prolog
    Kapitel 1
    Kapitel 2
    Benachrichtigungsliste
    GB
    -
    PN
    -


  • Prolog


    "22 Uhr...dafür würde ich auf die Fresse kriegen.", dachte ich, als ich in der Dunkelheit nach Hause ging. Meine Eltern können wegen mir auch die ganze Bude zusammenschreien, wäre mir völlig latte. Ich atmete tief ein und aus. Ist mir scheiß egal...trotzdem hoffe ich, dass sie nicht völlig ausrasten. Vor lauter Kopfschmerzen schüttelte ich meinen Kopf. Vorsichtig schaute ich auf den Weg vor mir. Ich bin froh, dass die Laternen an sind, sonst könnte ich hier gar nichts sehen...



    Wann kommt er denn endlich?, nervös starrte ich schon die ganze Zeit auf die Uhr, die neben einem Familienportrait auf einer hölzernen Kommode stand. 22Uhr war es schon, wann kommt er denn endlich? Mein Blick schweifte weiter zum Familienfoto, auf dem unsere Eltern, unsere Schwester Skye, mein Bruder und ich abgebildet waren. Während ich noch an unsere Kindheit dachte, wurde ich abrupt von unserem schreienden Vater unterbrochen: „Jay! Wo warst du schon wieder?“
    Ich sprang von unserem grauen Ecksofa auf und lugte bei der Wohnzimmertür um die Ecke. Ich sah meinen Bruder Jay, der wie immer schwarz gekleidet war. Er hatte kurze braune Haare und diverse Tattoos am ganzen Körper. Als Vater gerade nochmals losbrüllen wollte, kam Skye herunter und fragte, warum er so laut sei. Skye hatte lange, hellblaue Haare und smaragdgrüne Augen. Sie war gerade einmal acht Jahre, weshalb sie eigentlich schon längst schlafen sollte, doch anscheinend ging es ihr wie mir, sie machte sich Sorgen um Jay.



    "WAS GEHT DICH DAS AN!?", rief ich mit der restlichen Stärke in meiner Stimme. "Junger Mann, du weißt, dass du um halb zehn Zuhause sein musst. Wenn die Polizei dich draußen um so eine Zeit findet..." - " IST MIR DOCH LATTE, WAS DIESE ARSCHGEIGEN FÜR PROBLEME HABEN!", antwortete ich mit einer noch nie da gewesenen Ignoranz in meiner Stimme. Es ist mir wirklich egal, dass ich mich um so eine Zeit nicht draußen aufhalten darf. Seit vor einigen Monaten die Gefahrenstufe im Land gestiegen ist, gilt das Gesetz, dass sich die Bewohner von Techoras um halb zehn in ihren Häusern befinden müssen. Und selbst wenn Terroristen mit Sprengsätzen draußen rumlaufen, das ist mir alles egal. "Jay! Ich möchte nicht, dass du festgenommen wirst. Das wäre auch für mich ziemlich peinlich.", sagte mein Vater, der von mir aber nur einen verächtlichen Blick riskierte. Plötzlich hörte ich die besorgte Stimme meiner kleinen Schwester :"Jay. Ich will auch nicht, dass du festgenommen wirst..." Ich atmete tief ein und aus. Am Abend hab ich nicht so viel Kraft dafür, besonders, wenn ich mir ein oder zwei Flaschen Candiar gegeben habe. Ohne weitere Worte ging ich an Skye vorbei, tätschelte ihr sanft den Kopf und ging die Treppe hoch. "Junger Mann, das wird ein Nachspiel haben!", rief mein Vater mir hinterher. "LECK MICH!!!", brüllte ich zurück. Damit war die Sache für mich erledigt, weshalb ich genervt in mein Zimmer ging.



    Warum verhält er sich nur so?, dachte ich während ich Skye in ihr Zimmer brachte, sie zudeckte und ihr Schneewittchen vorlas. Als ich meine Vorlesung beendet hatte und sie eingeschlafen ist, verließ ich leise den Raum und ging den Gang hinunter zu Jays Zimmer. Auf seiner Tür stand groß in roter Schrift : NICHT STÖREN!!! Doch ich legte meine Hand trotzdem zögernd auf die Klinke und wollte diese öffnen, aber die Tür war verschlossen. Von drinnen hörte ich nur Jay brüllen: „Verschwinde doch endlich und lass mich in Ruhe!“
    „Das wird nicht klappen, das ist nämlich auch mein Zimmer.“ antwortete ich als ich Schritte vernahm, kurz darauf hörte ich, wie er die Tür aufschloss.
    „Halt einfach deine Klappe und geh schlafen, verstanden?“ schnaubte Jay entnervt, doch ich meinte nur: „Warum kommst du immer so spät nach Hause? Du weißt doch, dass in Techoras die höchste Gefahrenstufe ausgerufen wurde. Wenn du nur etwas Vernunft hättest, dann würdest du zu Hause bleiben!“
    Ich stand in der Tür als Jay die Tür vor mir zuknallen wollte, doch ich stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür und trat schnell durch einen kleinen Spalt ins Zimmer.
    „LASS MICH EINFACH IN RUHE, VERSTANDEN?“ rief Jay in der Dunkelheit des Zimmers.
    Es war wirklich dunkel, da ich nicht einmal meine eigene Hand sehen konnte, geschweige denn ihn. Doch da ich in diesem Raum alle Ecken kannte, war es ein leichtes zu meinem hölzernen Bett zu kommen und meine grüne Stehlampe anzuschalten.



    "MACH DAS VERDAMMTE LICHT AUS!", brüllte ich Kahiko an, der aber keine Anstalten machte, zu gehorchen. "Sag mir erst, warum du dich immer wie der letzte Mensch benimmst!", antwortete mein Bruder in der Gewissheit, dass er sich jeden Moment eine von mir fangen könnte. Ich ging zu einem kleinen Tisch, neben meinem Bett und nahm eine Packung Vitamin A-Tabletten in die Hand. Seit meiner Geburt leide ich nämlich an Vitamin A-Mangel, deshalb muss ich regelmäßig diese Tabletten nehmen. Der Arzt sagte, wenn ich es zu oft vergessen würde, könnte ich komplett blind werden...und dabei leide ich jetzt schon an Nachtblindheit. Das Problem ist, dass ich es ziemlich oft vergesse. Da muss ich Kahiko, Skye und meinen Eltern eigentlich schon ab und zu dafür danken, dass sie mich daran erinnern. Ich holte eine Tablette raus und schluckte sie mit etwas Wasser herunter. "So Kahiko", setzt ich an, versuchend, mich zu beherrschen, "ich sage dir jetzt das Gleiche, was ich Montana immer sage, wenn er im Club zu viel trinkt :'Pass auf, dass du keine auf die Fresse kriegst!'. Und jetzt mach das verdammte Licht aus." Ich holte mein Handy aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Kahiko verschränkte die Arme wütend und ließ das Licht immer noch an. Ich legte mich auf mein Bett, schloss meine Augen und sprach in einem energischen Ton :"Kahiko...fordere mich nicht heraus. Ich bin nicht in Stimmung..."



    „Meinst du, ich habe Angst vor dir? Ich will nur wissen, warum du dich so verhältst! Warum säufst du und warum bist du immer so unfreundlich zu Anderen?“ entgegnete ich zornig, doch ich versuchte, innerlich ruhig zu bleiben. Ich wusste genau, man durfte sich nicht mit Jay anlegen, sonst würde das schlimm enden, doch ich wollte endlich wissen, weshalb er immer gegen alles einen Groll hegt und zu allen immer so verdammt unhöflich war. Ich verstand einfach nicht, was in seinem Kopf vorging.
    „Was interessiert dich was ich tue oder nicht tue? Das ist noch immer meine Sache, misch dich da nicht ein, verstanden? Und jetzt schalt endlich dieses SCHEIß Licht aus!“ schrie Jay wutentbrannt.
    Kurz darauf klopfte es an der Tür und ich hörte Skye sagen: „Kahiko! Jay! Lasst mich bei euch schlafen…“
    Ich ging zur Tür und machte diese auf, worauf Skye zu Jay lief, ihn umarmte und anfing, zu weinen.
    „Warum streitet ihr euch in letzter Zeit immer nur? Warum verträgt ihr euch nicht einfach?“ fragte sie, worauf ich mir dieselben Fragen stellte. Als ich mich neben Jay und Skye setzte, meinte ich: „Wir werden heute nicht mehr streiten, versprochen. Und wenn du jetzt brav schlafen gehst, lese ich dir noch ein Märchen vor.“
    „Gut! Ich warte in meinem Zimmer! Aber bitte streitet euch nicht mehr!“
    So schnell kann man also ein Kind aufheitern…, dachte ich als Skye aus dem Zimmer lief.
    „Na dann geh doch endlich und lass mich in Ruhe…“ brummte Jay, doch ich beachtete ihn gar nicht und ging zur Zimmertür. Bevor ich das Zimmer verließ, sagte ich noch enttäuscht zu Jay: „Und du warst einmal mein Vorbild, sieh nur, was jetzt aus dir geworden ist…“



    Endlich war Kahiko weg. Ich stand auf und schaltete das Licht aus. Ich genoss die anschließende Dunkelheit. Besonders, weil ich in ihr nicht das Geringste sehen konnte. Ich sah meine Nachtblindheit nicht immer als Hindernis. Klar, wenn ich in Gefahr bin und es ist gerade dunkel draußen, bin ich natürlich am Arsch. Aber in der sicheren Dunkelheit nichts mehr zu sehen, gab mir das Gefühl, als wäre alles um mich herum verschwunden...als müsste ich mir um nichts mehr Gedanken machen. Die Dunkelheit war wie ein Schutz für mich. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und schloss die Augen. Nach einigen Minuten hörte ich, wie sich die Tür langsam öffnete und jemand reinkam. Ich wusste nicht, wer es war, aber ich vermutete, dass es Kahiko war. Dies bestätigte sich auch, als er leise sagte :"Oh, man. Dem Mädchen muss man ja viel vorlesen." Er ging zu seinem Bett. Ich hatte das Gefühl, dass er wieder das Licht anmachen wollte, um mich zu ärgern. "Kahiko. Ich kann dich in der Dunkelheit nicht sehen, also ist die Dunkelheit momentan das einzige, was dich vor mir schützt! Also lass das Licht aus!" - "Schon gut, ich lass es aus", antwortete Kahiko energisch, "aber trotzdem würdest du es nicht wagen, mir etwas anzutun...und das weißt du!" Da hatte mein Bruder leider recht. Die techorianische Kultur sagt nämlich vor, dass die Erstgeborenen ihre Geschwister beschützen müssen. Und natürlich dürfen die Brüder selbst ihnen auch nichts antun. Stößt einem der jüngeren Geschwister etwas zu, wird es für den Erstgeborenen als Schande angesehen. Und das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Trotzdem schrecke ich nicht davor zurück, meinem Bruder zu drohen...auch wenn ich es sowieso nie durchziehen würde. Ich habe jetzt keinen Nerv mehr dafür, mir Gedanken über Kahiko oder so zu machen. Meine Kopfschmerzen bringen mich fast um...



    Ich lag noch lange wach, da ich nach diesem Streit einfach nicht schlafen konnte. Ob Jay auch noch wach war? Wahrscheinlich nicht. Hellwach nahm ich mein IPhone mit der neongrünen Hülle vom Nachttisch und starrte auf die Uhrzeit. Es war Punkt Eins. Ich klickte auf das WhatsApp Icon und tippte auf den Namen Roumald Houssand. Er war meistens um diese Uhrzeit noch online, so auch jetzt. Anscheinend hat er bemerkt, dass ich auch online war, weshalb nun mein Handy klingelte. Während ich schnell mein Handy auf stumm schaltete, ging ich zum Fenster, öffnete dies schnell und schloss es wieder hinter mir. Nun setzte ich mich auf die roten Ziegel und hob ab: „Hallo, Roumald.“ sagte ich mit normaler Stimme, da alle Gläser des Hauses Schallschutzgläser waren.
    „Was machst du denn so spät noch wach?“ meinte er verwirrt.
    „Ach, ich hatte wieder Streit mit Jay. Er kam wieder so spät nach Hause und dann fragte ich ihn noch, warum er immer so viel trinkt und immer so spät nach Hause kommt und so weiter… Du weißt, was ich meine.“
    „Wie kann man nur mit so einem Bruder bestraft werden…Du tust mir wirklich leid! Willst du heut bei mir schlafen? Bei dir herrscht sowieso dicke Luft.“
    „Nö, ich bleib hier. Aber danke für das Angebot.“
    Bevor er auflegte sagte er noch etwas, doch ich hörte nicht mehr ganz hin, da ich eine Stimme vernahm. Es waren meine Eltern.
    „Was sollen wir nur mit Jay machen?“ fragte meine Mutter verzweifelt.
    „Ich schlage dir schon lange vor, ihn auf die Militärakademie zu schicken. Weshalb willst du das nicht?“ meinte Vater etwas wütend.
    „Ich dachte, das wäre nur eine Phase, aber du hast Recht. Es gibt sonst keinen Weg.“
    Militärakademie? Das dürfen die nicht!
    „Es wäre auch besser für Skye und Kahiko, wenn er weg ist. Er ist schlecht für sie.“ Sagte Vater worauf ich fast nein geschrien hätte, doch ich ballte nur meine Fäuste und schloss die Augen. Das stimmt nicht! Er ist doch mein Bruder, das können sie nicht machen!


    MFG
    Rexilius UHaFnir

  • Kapitel 1 : Der nächste Morgen


    Um 5:30 klingelte mein Handy-Wecker. Langsam öffnete ich die Augen und setzte mich auf. Ich gähnte erst mal ausgelassen und stand anschließend auf. Ich sah Kahiko an, der einen ziemlich festen Schlaf zu haben schien. Mir fiel ein, dass ich gestern Abend vergessen hatte, mich umzuziehen und einfach in meinen normalen Klamotten gepennt hatte. Erneut gähnend, zog ich mein schwarzes T-Shirt aus, warf es auf mein Bett, holte aus meinem hölzernen Kleiderschrank ein frisches T-Shirt in gleich Farbe heraus und zog es an. Ich ging zu meinem Nachttisch, auf dem mein Handy lag und noch eine halbvolle Dose Energydrink. Das Handy steckte ich ein und die Getränkedose nahm ich mit. Ich trank einen Schluck, um richtig wach zu werden. Ich nahm sie mit, verließ das Zimmer, ging die Treppe runter, öffnete die Haustür und ging nach draußen. Nach all der Aufregung gestern, wollte ich einen klaren Kopf kriegen...und bei frischer Luft geht das am Besten. Während ich durch die Straßen ging und meinen Energydrink trank, atmete ich tief durch. Meine Kopfschmerzen waren zum Glück weg. Nach einigen Minuten kam ich an einem großen weißen Haus an. Ich ging zur Tür und klopfte gegen sie. "Ey, Yoshi! Bist du schon wach?!", rief ich. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür und ein blondhaariger Junge mit ähnlicher Frisur wie ich, kam zum Vorschein. Er trug eine blaue Hose und ein schwarzes T-Shirt. Am Arm hatte er ein schwarzes Tattoo, welches einen Adler darstellte. Das mit den Tattoos war bei mir und meinen Kumpels so was wie ein Markenzeichen. Ich hatte ja auf meinem linken Arm ein schwarzes Drachentattoo. Der Junge sah mich noch etwas müde an. Er gähnte und sprach :"Morgen, Jay." - "Sag mal, Yoshi. Hast du Bock, was durch die Stadt zu laufen?", fragte ich den Jungen. Daraufhin antwortete er :"Klar, wenn ich nen Schluck von deinem Energy krieg..." Ich reichte ihm den Rest in meiner Dose. "Mama!", rief er laut, "Ich bin mit Jay unterwegs!" Anschließend ertönte eine weibliche Stimme :"Okay, Joshua. Aber denk bitte daran, dass du zum Mittagessen wieder Zuhause bist!" - "Alles klar!", antwortete Joshua, ging nach draußen und schloss die Tür hinter sich. Er trank einen Schluck von meinem Energydrink. Anschließend gingen sie durch die Straßen von Kaleon.



    „Kahiko, wach auf!“
    Ich öffnete sofort meine Augen und sah Roumald in seine grünen Augen. Er hatte lange braune Dreadlocks, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte und eine gebräunte Haut. Während ich mich aufsetzte, fragte ich: „Wie spät ist es?“
    „Als ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut habe, war es sieben.“ sagte er während er sich am Kopf kratzte.
    „Und wann hast du das letzte Mal auf die Uhr geschaut?“ fragte ich verschlafen als ich auf meinen Wecker schaute, es war halb acht.
    „Weiß nicht. Aber eigentlich wollte ich dir was erzählen.“
    Oh nein, wenn Roumald etwas zu erzählen hatte, dann war es entweder etwas über ein Mädchen oder…eigentlich redete er immer nur von Mädchen.
    „Ich hab deinen Bruder heute in der Früh mit seinem blondhaarigen Freund gesehen. Sie gingen Richtung District. Ich kann nur wiederholen: Mit so einem Bruder ist man bestraft.“
    „Ach, rede doch nicht so einen Unsinn. Ich mag Jay sehr gerne, nicht nur, weil er mein Bruder ist. Manchmal bin ich sogar neidisch auf ihn…oder sagen wir einmal auf sein Selbstbewusstsein.“
    Roumald schüttelte den Kopf und meinte, wir sollten Jay einmal nachspionieren, doch ich hielt das für keine gute Idee, da man dies nicht tut. Aber er meinte, ich solle nicht so ein Weichei sein und mich einmal etwas trauen, da ich ja gerade auf das Selbstbewusstsein von Jay neidisch bin. Nach langer Diskussion aber stimmte ich widerwillig ein, nur, damit er endlich Ruhe gibt. Als wir gerade die Treppe runter liefen, hörte ich Skye sagen: „Wohin geht ihr denn so Früh denn schon hin?“
    Roumald und ich drehten uns um und ich sagte: „Geh noch etwas schlafen. Es ist schließlich Wochenende, da musst du dich ausruhen. Wir müssen nur noch etwas für Mama und Papa besorgen.“
    Nach einem leisen „Okay“ von ihr liefen wir aus dem Haus und steuerten geradewegs auf das District zu. Was dann passierte, hätten wir uns nie erträumen können.



    Als ich mit Joshua im District ankam, entdeckte ich plötzlich eine mir bekannte Person. "Leck mich doch am Arsch, ist das nicht dein Bruder?!", fragte Joshua, der gerade auch bemerkte, dass Kahiko von einigen Schlägern bedroht wurde. "Na, Kleiner?", wurde mein Bruder von einem zwielichtigen Typen angesprochen, der etwa einen Kopf größer war, als er, "weißt du denn nicht, dass es ziemlich dumm ist, sich hier aufzuhalten?" Seine Schlägerfreunde lachten. Sie packten meinen Bruder am Kragen. Kahiko und sein Freund schienen ziemlich ängstlich zu sein, besonders, als zwei von ihnen ihre Springmesser zogen. "Yoshi!", sprach ich meinen Kumpel an, der mit düsterem Blick die Schläger anstarrte, "hol Montana und Està. Jetzt wird mit diesen Bastarden abgerechnet!" - "Gut, ich versuch mich zu beeilen. Zum Glück wohnen die beiden nicht weit von hier!", antwortete Joshua und sprintete los. Sofort ging ich auf die bewaffnete Schlägertruppe zu. "KERRO! JAS VÄLIZ ZE, KABREZ!", rief ich zu ihnen, worauf sie sich sofort in meine Richtung drehten. "Ach, wen haben wir denn da. Jay Veljeta...den Beschützer. Möchtest du dich wirklich mit uns anlegen?", rief einer der Bewaffneten Schläger. Ich nickte und rief zurück :"Klar. Wenn ihr meinen Bruder gehen lasst!" Der Junge, der meinen Bruder festhielt, schaute ihn kurz an und ließ ihn dann los. Kahiko und sein Kumpel liefen sofort weg. Nun hatte ich diese Missgeburten an der Backe, weil Kahiko immer noch nicht gelernt hat, sich aus dem District fernzuhalten. Die Schläger liefen auf mich zu. Ich schnappte mir blitzschnell eine Metallstange, die auf dem Boden lag und schlug einem von Ihnen damit gegen den Hals, woraufhin er sofort umkippte. Die anderen vier nutzten ihre Überzahl, um auf mich einzudreschen. Ich hatte Mühe mich gegen meine Peiniger zu wehren. Ich schaffte es, den Kopf von einem von ihnen zu packen, ihn runterzudrücken und mein Knie in seine Fresse zu rammen. Doch das war es danach auch. Es war keine Schande, wenn ich schwer verletzt hier raus ging...ich war alleine und hatte wenigstens meinen Bruder gerettet. Während mir diese ganzen Gedanken durch den Kopf schossen, spürte ich plötzlich etwas spitzes, was sich in meinen Bauch bohrte. Langsam senkte ich meinen Kopf und sah, dass einer von ihnen sein Messer in meinen Bauch rammte. Ächzend ging ich zu Boden und war den Schlägern nun schutzlos ausgeliefert. Plötzlich hörte ich aus der Ferne Schreie :"KENOK TALÄD!!!" Es war eindeutig Yoshis Stimme. Als ich meinen Kopf drehte, sah ich Yoshi und zwei andere Jungs. Einer hatte aufgestellte schwarze Haare, gut trainierte Arme, eine blaue Hose und ein graues T-Shirt an. Das war Montana, der praktisch auch zum Schläger geboren war. Der andere Junge hatte etwas längere braune Haare, die sein linkes Auge verdeckten. Er trug eine blaue Jacke und eine blaue Hose. Das war Está. Der Vernünftigste von uns. Ich sah, dass alle drei Metallstangen in der Hand hielten. Mit denen gingen sie auf die Schläger los und streckten sie nieder. Anschließend ließen sie die Stangen fallen, liefen zu mir und knieten sich hin. "Jay, alles okay?", fragte Está etwas besorgt. "J-Ja, halb so wild...", antwortete ich, was nicht wirklich mal gelogen war. Obwohl es eine richtige Stichwunde war, tat es nie wirklich schrecklich weh, sodass ich losbrüllen könnte, oder so...als wäre ich etwas geschützt davor. Aber trotzdem hatte ich starke Schmerzen.



    „Ich hab doch von Anfang an gewusst, dass das keine gute Idee ist!“ sagte ich wütend zu Roumald als wir auf einer Bank im einzigen Park in Kaleon saßen. Der Park war besonders schön durch seine vielen Kirschbäume, die in voller Blüte standen und durch den Fluss, der quer durch den Park floss, über ihn gingen unzählige Holzbrücken.
    „Ja, ja, ich geb es ja zu, es war dumm, zum District zu gehen. Aber ich muss sagen, dein Bruder verteidigt dich ja sogar, er ist also nicht sooo ein schlimmer Mensch, wie ich immer dachte.“
    „Ja, stimmt, aber ich fühle mich jetzt schlecht, da ich sein Vertrauen missbraucht habe. Ich hab ihm versprochen, ich würde mich vom District fernhalten, und dieses Versprechen habe ich gebrochen…“
    „Dann mach’s wieder gut.“
    Ich sah ihn verwirrt an. Als ich in fragte, wie ich das sollte, so antwortete er mir: „Beschützt doch mal ihn. Oder zeig ihm, dass du auf dich selbst aufpassen kannst.“
    „Ich kann eben nicht selbst auf mich aufpassen, wie soll ich ihm dann das Gegenteil beweisen?“
    Es herrschte tiefes Schweigen. Während ich meine Augen schloss, spürte ich den Wind der mir durch meine Haare blies. Als nach geschätzten fünf Minuten der Stille die Kirchenglocken läuteten, holte ich mein Handy aus der Hosentasche und starrte auf das Display. Es war gerade erst neun. Seufzend ließ ich den Kopf hängen als Roumald meinte: „Ich hab die Idee! Wenn du deinen Bruder dazu bringen willst, dich zu mögen, dann sei wie er!“
    „Ich soll also saufen anfangen und mir soll alles scheißegal sein? Super Idee…“
    „Du musst das ja nicht alles wirklich machen…du kannst es auch spielen.“
    „Ich weiß nicht…“ meinte ich unsicher als jemand sagte: „Hey, bist du Jays Bruder?“
    Ich sah auf und blickte einem braunhaarigen Jungen in seine blauen Augen.
    „Wer will das wissen?“fragte ich misstrauisch.
    Er packte mich am Kragen und sagte wütend: „Hast du denn keine Schuldgefühle dafür, dass du Jay solcher Gefahr ausgesetzt hast? Halt dich einfach vom District fern, verstanden? Es ist besser für dich und auch für Jay.“
    Er ließ mich los und ging einfach. Jay ist wegen mir in Gefahr gewesen?, dachte ich als mir überhaupt bewusst wurde, was ich getan hatte.



    "SOFORT RUNTER MIT DEN METALLSTANGEN!", hörte ich eine laute Stimme. Ich sah, dass einige Meter weiter zwei Polizisten in schwarzen Uniformen und schwarzen Hosen standen, die mit ihren Pistolen auf meine Freunde zielten. Montana und Joshua ließen die Stangen fallen. Está hatte sich auf den Weg gemacht, Hilfe zu holen. Die Polizisten kamen mit ihren gezogenen Waffen immer näher. Einer von ihnen schaute mich an und bemerkte, dass ich verletzt war. Beide steckten ihre Waffen wieder ein und liefen zu mir. Einer der Polizisten schaute meine Wunde an, der andere hob seinen Kopf und fragte :"Ihr zwei. Was ist hier passiert? Wer ist dafür verantwortlich?" Prompt antwortete Joshua :"Die Schläger hier!" Er zeigte auf die zu Boden geschlagenen Jungs. Der Polizist erkannte von Weitem sogar das blutige Messer. "Messer mitnehmen!", sprach der Cop zu seinem Kollegen. Anschließend holte er sein Handy raus und rief einen Notarzt. Das Messer wurde mitgenommen und meine Wunde bandagiert. Schwer atmend lag ich noch etwa zehn Minuten da, bis plötzlich zwei Sanitäter auftauchten und zu mir liefen. "Keine Sorge. Wir kriegen das locker wieder hin!", ermutigte einer von ihnen mich, während der Andere meine Stichwunde musterte und daraufhin sagte :"Sollen wir dich nach Hause bringen und dich dort behandeln? Ich glaube, ein Eingriff ist nicht nötig." - "Qiez...", antwortete ich schwach. Im nächsten Moment wurde ich auf eine Trage gewieft. "Ihr Jungs müsst mir zeigen, wo er wohnt!", sprach einer der Sanitäter. Ich weiß nicht warum, aber ich verlor für eine gewisse Zeit meine Wahrnehmung. Obwohl ich noch wach war, wusste ich nicht, wo ich war, was los ist und wer die anderen Menschen um mich herum sind. Ich nahm keinerlei Reize mehr wahr, die meine Umgebung erzeugte. Es war so, als würde ich schlafen. Den Schlaf an sich bemerkt man ja normalerweise nicht und so ging es mir gerade in der Wachphase. Als ich meine Umgebung langsam wieder wahr nahm, fand ich mich Zuhause auf meinem Bett wieder. Mein Oberkörper war frei, während ich Gummi an meinem Bauch spürte. Ein Sanitäter schien sich wohl gerade mit meiner Wunde zu beschäftigen. Ich sah, dass um mich herum Montana, Está, Yoshi, meine Eltern und Kahiko befanden, die mich und meine Wunde mit nervösem Blick anstarrten. "Wir haben jetzt die Länge der Tatwaffe in Betracht gezogen", sprach der Sanitäter, der sich an meinem Bauch zu schaffen machte, "es scheinen keine weiteren Organe verletzt zu sein, eine Infektionsgefahr scheint auch nicht zu bestehen, da das Messer nicht besonders beschmutzt war und du geimpft bist. Wir müssen die Wunde jetzt lediglich nähen. Da hast du noch mal Glück gehabt, Jay. Hätte schlimmer sein können." Während meine Wunde genäht wurde, schauten mich meine Freunde und Verwandten noch an. "Achja, Bro. Schickes Tattoo am Bauch.", sprach Montana grinsend, um mich etwas aufzumuntern. In der Tat, ich hatte noch ein größeres schwarzes Drachentattoo auf der linken Seite meines Bauches. Als nach einiger Zeit die Sanitäter fertig waren, sagten sie zu den Anderen, dass ich jetzt etwas Ruhe bräuchte. Meine Freunde und meine Eltern verließen das Zimmer...nur Kahiko stand noch vor mir. Ich hatte das Gefühl, dass er mir etwas sagen wollte...



    „Geht’s dir wieder gut?“ fragte ich Jay nervös.
    Nur wegen mir geht es ihm so schlecht, ich fühl mich so mies!
    „J-Ja, es geht schon. Aber eine Frage, willst du mir irgendwas sagen?“
    Ich sah ihn überrascht an. Mir wurde heiß und kalt zugleich, und ich sagte zitternd zu ihm: „Ähm…Ja, will ich. Es tut mir leid, dass du wegen mir in solch eine Gefahr geraten bist. Es ist alles meine Schuld. Ich hätte nicht zum District gehen sollen.“
    „Und da kommst du jetzt erst drauf? Warum warst du überhaupt dort?“
    „I-Ich…I-Ich…“mehr brachte ich einfach nicht heraus, ich schämte mich so.
    Mein Bruder, verletzt durch meine Unvernünftigkeit, mir wurde übel. Ich unterbrach den Augenkontakt zu Jay und ließ den Kopf hängen.
    „Roumald meinte, wenn wir dir nachspionieren, dann würde ich verstehen, warum du so bist, wie du eben bist.“
    Ich sah zwar nicht hin, aber ich konnte den unangenehmen Blick von Jay direkt spüren.
    „Was hast du nur für Ideen? Im District ist es gefährlich, umsonst warne ich dich ja nicht immer wieder!“
    „Ich mach das alles wieder gut! Glaub mir!“
    Ich versuchte selbstbewusst zu wirken, was mir aber anscheinend nicht so gelang, da Jay wütend sagte: „Du hast schon zu viel getan! Mach einfach nichts, das ist besser.“
    Wir sahen uns in die Augen und ich wusste, jetzt sollte ich Jay lieber allein lassen. Ich ging aus dem Zimmer und verließ das Haus und steuerte automatisch Richtung Park. Als ich über eine hölzerne Brücke ging hörte ich hinter mir jemanden meinen Namen rufen. Sofort drehte ich mich um und sah wie Roumald, Fabés und Carlos auf mich zuliefen. Fabés hatte lange blau-grüne Haare und braune Augen, Carlos hatte kurze, wellige hellbraune Haare mit einem Hauch von Rosa und grüne Augen.
    „Wir haben das von Jay gehört. Geht es ihm gut?“fragte Roumald besorgt.
    „Ja es geht ihm gut. Aber eigentlich müsste ich sauer auf dich sein.“
    Die Drei sahen mich verwirrt an und Roumald meinte: „Warum solltest du sauer auf mich sein?“
    Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu und sagte wütend: „Wegen dir sind wir überhaupt ins District gegangen! Wegen deiner Idee Jay nachzuspionieren wurde er verletzt, also eigentlich ist das deine Schuld!“
    Roumald sah mich überrascht an. Ich war selbst von mir überrascht, da ich sonst nie das sage, was ich fühle oder denke.
    „Hey, etwas Gutes ist ja doch heute passiert. Du hast dein Selbstbewusstsein etwas aufgebaut!“
    Er grinste, doch ich fand das überhaupt nicht komisch.
    „Roumald, findest du dein Verhalten nicht unangebracht?“entgegnete Fabés etwas aufgebracht. Er war ein wahrer Hitzkopf.
    „Warum sollte es unangebracht sein? Endlich lernt er mal etwas! Schön langsam begreift er, dass-“
    Roumald wurde abrupt von einer Explosion unterbrochen. Die Leute im Park schrien wie wild und ich drehte mich in die Richtung, aus der die Detonation kam. Das Wohnviertel! Unser Haus! Jay!, dachte ich als ich einfach loslief, ohne über jedwede Gefahren nachzudenken. Roumald und die Anderen riefen mir noch etwas hinterher, doch ich hörte nicht hin und rannte einfach.


    MfG
    Gin Serpiroyal

  • Kapitel 2: Aphaio-Die uneinnehmbare Festung


    Während ich versuchte, mich etwas auszuruhen, ertönte plötzlich eine ziemlich laute Explosion. Anschließend hörte ich, wie die Haustür eingetreten wurde und etliche Schüsse fielen. Ohne groß nachzudenken, sprang ich auf, verließ mein Zimmer und lief schnell zu Skye, nach nebenan. Ich schloss die Tür, als ich drin war und sah Skye, wie sie verängstigt auf dem Bett saß. "J-Jay?! Was ist hier los?", fragte meine kleine Schwester weinend. "Keine Sorge, Skye. Bei mir bist du sicher, dir wird nichts passieren!", versuchte ich sie zu trösten, obwohl ich selbst erst mal überlegen musste, was ich jetzt mache. Da hatte ich die Idee. "Skye, steh auf!", sprach ich, woraufhin meine Schwester vom Bett aufsprang. Ich hob die Matratze hoch und entfernte mit Gewalt eines der Bretter, auf denen die Matratze normalerweise liegt. Plötzlich hörte ich weitere Schüsse. Ich ging zur Tür und positionierte mich neben ihr. Als sie sich plötzlich öffnete, schlug ich brutal auf die Gestalt ein, die versuchte, reinzukommen. Es war ein komplett in schwarz gehüllter vermummter Soldat mit einem Sturmgewehr. Plötzlich vernahm ich ein lautes Trampeln, als würde jemand die Treppe hochgehen. Wie konnte ich mich nur aus dieser Lage retten? Und vor allem : Wie konnte ich Skye aus dieser Lage retten? Wenn ihr etwas zustoßen würde, könnte ich mir das nie verzeihen. Plötzlich hörte ich ein lautes Klirren. Ich schaute zum Fenster, das zerbrochen war. Jemand hatte einen Stein durchgeworfen. Blitzschnell lief ich zum Fenster und schaute nach unten. Kahiko stand dort, der einen beunruhigten Gesichtsausdruck hatte. "Schnell, Jay! Wir müssen verschwinden!", rief mein Bruder und symbolisierte mir mit einer Geste, dass ich rausspringen sollte. Ich schüttelte den Kopf. Plötzlich hörte ich lautere Schritte und weiter Schüsse. "Skye! Spring aus dem Fenster! Kahiko fängt dich auf!", brüllte ich zu meiner weinenden Schwester. "A-aber..." - "NIX ABER! SPRING!" Skye gehorchte und sprang auf ihr Bett und von dort aus auf die Fensterbank. Sie schaute runter und sah Kahiko. Skye sprang aus dem Fenster, in die Arme von Kahiko. Wenigstens das kann der Trottel gut. "KAHIKO! Lauf mit Skye zu unseren Großeltern!", rief ich nach unten. Ohne groß zu fragen, was mit mir sein würde, nickte Kahiko und lief mit Skye weg. Anschließend lag ich mich auf den Boden und rollte mich unter Skyes Bett. Wenige Sekunden danach hörte ich einen lauten Knall...jemand trat die Tür ein. Ich sah, wie einige Soldaten in das Zimmer kamen und alles durchsuchten. Jeden Winkel des Zimmers suchten sie ab, doch kamen wohl nicht auf die Idee, unter dem Bett zu gucken. Plötzlich sah ich, wie ein weiterer Soldat in das Zimmer kam und sprach :"Und? Habt ihr ein paar Techoras gefunden?" - "Nur zwei. Die habe ich aber auch schnell umgelegt!", antwortete ein anderer Soldat mir einem dreckigen und selbstgefälligen Blick. Ich schaute den Mann, der das sagte an...ich hoffte, mir sein Gesicht merken zu können. Plötzlich kam in mir der Gedanke auf, diesen elenden H*rensohn grausam zu erstechen. "Scheint niemand mehr hier zu sein!", sprach einer der schwer Bewaffneten. "Okay! Zündet das scheiß Haus an, wir verpissen uns!", antwortete ein anderer Soldat. Plötzlich sah ich, wie ein Soldat mit einem Benzinkanister auftauchte und die entflammbare Flüssigkeit im ganzen Raum verschüttete. Die anderen Soldaten liefen aus dem Raum raus. Dann nahm der Mann mit dem Kanister ein Streichholz, zündete es an, lies es auf den Boden fallen und flüchtete. Als das brennende Streichholz auf den Boden fiel, entstand eine riesige Flamme, die sich rasend schnell und monströs in alle Richtungen ausbreitete. Auf einmal spürte ich eine drastische Hitze. Ich rollte mich zur Seite und stand auf. Ich sprang über das Feuer aus dem Raum raus. "MEINE ELTERN!" Ich wollte die Treppe runterlaufen, doch scheinbar haben die Lizagon nicht nur in dem einen Zimmer ein Feuer gelegt. Das ganze Wohnzimmer brannte, Holzbretter fielen runter, die Treppe war nicht mehr zu betreten. "Fuck!", fluchte ich und drehte mich um. Laut hustend lief ich durch das Feuer zurück in Skyes Zimmer, obgleich ich Verbrennungen erlitt. Das war mir egal. Ich lief zum Fenster und sprang raus. Eine Sekunde später befand ich mich im freien Fall von etwa sechs Metern. Ich schloss die Augen, damit ich es nicht kommen sehe. Doch plötzlich spürte ich etwas weiches unter mir...es war ein Busch. Ich bin tatsächlich in einem Busch gelandet, der meinen Aufprall gedämpft hatte. Ohne mich groß über mein Überleben zu freuen, lief aus Kaleon raus, in Richtung Izquia...der Stadt, in der meine Großeltern leben...



    „Skye, ist mit dir alles in Ordnung?“
    Vorsichtig legte ich sie auf einen Stein ab. Wir waren in den Tintoise-Wäldern, welche die Städte Kaleon und Izquia verbanden. Es gab natürlich auch Straßen zwischen ihnen, aber im Moment fand ich es zu gefährlich, sich auf offener Ebene aufzuhalten. Obwohl wir schon weit gekommen waren, roch ich noch immer Rauch, doch wahrscheinlich stank nur Skyes Kleidung danach. Wie es Jay wohl geht?, fragte ich mich gerade als ein Kuckuck schrie.
    „Hör doch, Kahiko! Das ist der Erste Kuckuck den ich in diesem Jahr gehört habe! Das bringt Glück!“
    Wir haben gerade alles andere als Glück…, dachte ich während ich sagte: „Ja, du hast Recht.“ Ich wollte ihr Ihre gute Laune nicht verderben indem ich jetzt sage: Wie kannst du so etwas gerade jetzt sagen! Oder: Eigentlich müsstest du traurig sein, denn wir haben gerade alles verloren, was uns wichtig war! Ich hielt meinen Mund und genoss die Stille nach all dem Aufruhr. Doch Skye fragte mich: „Werden die noch weitere Städte angreifen? Und wenn ja; werden sie noch weitere Menschen töten?“
    Überrascht sah ich Skye an. Ich legte ihr meine Hände auf ihre Schultern und meinte, sie soll sich darüber keine Sorgen machen, es ist bald schon vorbei, doch da war ich mir selbst nicht sicher.
    „Warum können Menschen nicht einfach in Frieden leben? Warum muss es Krieg geben?“
    „Das kann ich dir nicht sagen, Skye. Aber was ich dir sagen kann, ist; du musst jetzt tapfer sein. Wir müssen jetzt weiter nach Izquia, also komm.“
    Während sie aufstand nahm sie meine Hand und meinte, ich solle ihre Hand ja nicht loslassen, worauf ich lächelnd bejahte. Wir gingen schnell einen Waldweg entlang, bis wir zu einer Gabelung des Weges kamen. Vor uns im Boden steckte ein kleiner brauner Pflock, aus dem zwei Äste ragten. An jedem Ast war ein Schild angebracht. Auf dem linken Schild stand geschrieben: Izquia. Auf dem anderen stand: Grottensee. Grottensee…warum kommt mir der Name so bekannt vor?, dachte ich als Skye an meiner Hand zerrte und wir den linken Weg nahmen. Nach geschätzten zwanzig Minuten kamen wir am Waldrand an. Vor uns lag nun Izquia, ein etwas größeres Dorf. Hier lebten die Menschen in Eintracht und Harmonie miteinander. Wir gingen auf das Stadttor zu. Eigentlich war es immer geöffnet, doch die Nachricht, dass Kaleon angegriffen wurde, hatte sich anscheinend wie ein Lauffeuer verbreitet. Nun standen wir vor dem kolossalen Stadttor. Es war aus Eisen, mit sehr vielen Verzierungen aus Gold.
    „Wer seid ihr und was wollt ihr hier?“
    Ich sah nach oben. Ein Soldat lugte durch ein Fenster zu uns hinab. Ich rief: „Wir sind aus Kaleon geflüchtet, bitte, öffnet das Tor!“
    „Das soll ich euch glauben?“
    Das hatte ich mir gedacht, dass er das sagt. Aber wie sollen wir bitte beweisen…
    „Qiez!“ schrie Skye, worauf der Soldat antwortete: „Also gut, wir öffnen die Tore!“
    Das Tor ging entzwei und wir gingen schnell hinein. Nun war es nur mehr ein Katzensprung bis zu dem Haus von unseren Großeltern. Hinter uns hörte ich, wie das Tor knarrend zuging während wir gerade die bunten Häuser von Izquia bewunderten.



    Ich nahm den zwar gefährlichsten aber dafür auch schnellsten Weg aus Kaleon raus...nämlich die offene Straße, die mit Marmorblöcken gepflastert und mit Bänken, Laternen und hohen Pflanzen geschmückt war. Ich machte mir nur wenig Sorgen um meine eigene Sicherheit, sondern viel mehr um die meiner Geschwister. Was, wenn ein Soldat ihnen aufgelauert wäre? Wenn sie verletzt worden wären? Dann hätte ich als Bruder versagt. Plötzlich sah ich in der Ferne die mir vertrauten Mauern von Izquia. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich als Kind gefreut habe, diese besonderen Mauern zu sehen und zu wissen, dass ich gleich bei meinen Großeltern sein würde. Doch heutzutage lässt mich dieser Anblick kalt...das ist aber normal, so hab ich mich entwickelt und so soll es auch sein. Laut atmend kam ich den Toren näher. Als ich vor ihnen stand, rief eine Stimme :"Ey, Junge! Was willst du?!" Ich sah nach oben zum Ursprung der Stimme. Es war ein Mann in Blauer Uniform mit mehreren Orden an seiner Jacke. Er hatte ein Sniper-Gewehr auf dem Rücken. "Ich...ich bin aus Kaleon geflüchtet. Sicher sind meine Geschwister auch schon hier angekommen!", rief ich nach oben. Der Wachmann sah mich für einen Augenblick düster an. "Öffnet das Tor!", antwortete er, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Die metallenen Tore öffneten sich mit einem lauten Quietschen. Ich betrat Izquia und ging sofort in Richtung meiner Großeltern. Dafür musste ich durch die halbe Stadt laufen, aber der Weg war immer noch in meinem Kopf eingeprägt, auch wenn ich seit einigen Monaten schon nicht mehr bei meinen Großeltern war. Ich klopfte an die Tür eines relativ großen weißen Hauses. Die Tür öffnete sich und eine ältere Frau kam zum Vorschein. Sie trug eine Kochschürze, hatte braune Hausschuhe an und schulterlange blonde Haare. "Hallo, Jay. Schön, dich wiederzusehen, mein Enkel!", begrüßte die Frau mich lächelnd. "H-Hallo, Oma", antwortete ich. "Na, komm schon rein, mein Junge!" Das musste sie mir nicht zweimal sagen. Ich trat ein und sah in ein schlicht eingerichtetes Wohnzimmer. Zwei grüne Sessel, die in 3 Meter Entfernung vor einem altmodischen Fernseher standen, ein antiker Holztisch mit ein paar Stühlen, Bilder an der Wand von Familienmitgliedern, Hochzeiten oder Anderem. Plötzlich sah ich, dass Kahiko und Skye das Wohnzimmer betraten. "Jay!!", rief Skye sofort, lief zu mir und umarmte mich. "Na, Kleine?", sprach ich und tätschelte ihr den Kopf. "Du hast es also geschafft, Jay. Sehr gut!", sagte Kahiko zu mir. Bevor ich etwas sagen konnte, sprach meine Oma :"Na, Kinder. Setzt euch doch hin, ich mache einen Tee!" Kahiko, Skye und ich setzten uns an den antiken Holztisch.



    „Also Kinder, was ist denn geschehen?“fragte unser Opa besorgt.
    Während Jay und ich ihm die Ereignisse schilderten, kam Oma mit einem gut duftenden Tee aus der Küche.
    „Es ist also Zeit…“sagte Oma worauf Jay und ich synchron fragten: „Wofür ist es Zeit?“
    „Kahiko, komm mit.“sprach Oma als sie Richtung Kellertür ging.
    „Jay, du kommst mit mir mit.“sagte Opa während er zu der Treppe in den ersten Stock ging.
    Jay ging Opa nach, ich Oma, Skye blieb schlafend im Wohnzimmer zurück. Oma öffnete die knarrende Kellertür und schaltete das Licht an. Zuerst flackerte die Glühlampe sehr, doch dann leuchtete sie durchgehend. Wir gingen die Wendeltreppe hinab, durch unsere Schritte wirbelten wir Staub auf, wodurch ich husten musste, doch Oma schien dies nichts zu machen. Unten angekommen, gingen wir zu einer verschlossenen Holzkiste. Oma holte aus ihrer rechten Schürzentasche einen goldenen Schlüssel, den sie in das Schloss schob und es aufschloss. Als sie die Kiste öffnete, wirbelte sie noch mehr Staub auf und ich hatte einen Hustenanfall und schloss meine Augen.
    „Nimm dies an dich, Kahiko.“
    Ich öffnete meine Augen, vor mir stand Oma. In ihrer rechten Hand hatte sie einen Bogen aus Elfenbein mit reichlichen Verzierungen aus Gold, in ihrer linken einen Köcher aus Ziegenleder.
    „Das ist Angelus, er wird seit Generationen in unserer Familie vererbt. Er soll dir im Kampf gegen Lizagon helfen. Außerdem muss ich dir noch etwas erklären. Weißt du über die Elemente bescheid?“
    „Was? Nein, weiß ich nicht. Aber was soll das ganze überhaupt? Warum soll ich in den Krieg ziehen? Das ist doch vollkommen absurd!“
    „Gut, dann erkläre ich dir die Elemente. Manche Menschen besitzen Elemente, andere nicht. Du besitzt das Element Licht, dein Bruder Jay besitzt das Element Dunkelheit. Elemente kann man nur mit Waffen einsetzten, weshalb du Angelus brauchst. Angelus wurde vor Urzeiten von der Herrin des Sees, Nimue, erschaffen, um das Böse zu vertreiben. Und genau das sollen Jay und du tun, ihr sollt Techoras vor dem Untergang bewahren.“
    Nimue…Deshalb kam mir der Grottensee so bekannt vor, sie ist die Herrin vom Grottensee.
    „Aber ich habe noch nie in meinem Leben mit einem Bogen geschossen! Wie könnte ich es jetzt?“
    „Angelus hat ein Eigenleben. Er erkennt nur jemanden an, der ihm würdig ist. Du brauchst gar nicht groß Bogenschießen können, Angelus erledigt das für dich…Aber nur, wenn du einen unzähmbaren Willen dafür hast, das Böse zu vernichten. Und nun nimm ihn an dich!“
    Ich griff den Bogen mit meiner rechten Hand, mit meiner linken nahm ich den Köcher, den ich sogleich über meine Schulte hing. Als Oma den Bogen losließ und ich ihn allein in der Hand hielt, fing er an zu leuchten und plötzlich hatte ich auf meiner rechten Hand einen Handschuh an.
    „Er akzeptiert dich. Kahiko, bitte rette Techoras. Tu es für deine Eltern…bitte.“
    „Ja, ich verspreche es, ich werde Rache ausüben, gegen diejenigen, die meinen Liebsten etwas antun!“



    Mein Opa und ich gingen in den ersten Stock. "Opa, was willst du mir denn so unbedingt zeigen?", fragte ich skeptisch. "Resolta, Jay!", antwortete er, obwohl mir nicht gerade danach war, geduldig zu sein. Er führte mich zu der Besenkammer. Er öffnete die Tür. "Okay...da sind Besen, Putzmittel und Lappen...", sprach ich verwirrt. Mein Opa schüttelte den Kopf, hockte sich hin und schaffte in der Mitte des kleinen Raumes etwas Platz. Dann fing er an, Holzlatten vom Boden zu entfernen. Ich hob eine Augenbraue, denn ich hatte keine Ahnung, was mein Opa da machte. Als er ein paar Holzlatten entfernt hatte, kam eine hölzerne Treppe zum Vorschein. "Alter...", staunte ich. Das war mir ziemlich neu. "Garzo, Jay!", sprach mein Opa und ging die Treppe runter. "Zilia Caweza! Wehe, du spielst mir jetzt irgendeinen Streich!", antwortete ich und folgte ihm. "Jetzt halt den Mund und komm einfach mit, Jay!", entgegnete mein Opa leicht genervt. "Das ist nicht leicht. Ich kann hier nichts sehen!", sagte ich. Tja, es war dort unten ziemlich dunkel, ich konnte nicht das Geringste sehen. Ich tastete mich langsam mit meinen Füßen voran, was zum Glück einigermaßen gut klappte. Nach kurzer Zeit spürte ich, dass die Treppe aufhörte. Anschließend hörte ich ein Klick-Geräusch und ich konnte wieder sehen. Ich befand mich in einem Raum, das etwa die Größe meines Zimmers hatte und von einer freien Glühbirne beleuchtet wurde, die von meinem Opa angeschaltet wurde. Noch immer wusste ich nicht, was hier los ist. Im hintersten Winkel des Zimmers entdeckte ich eine Stahltruhe, auf die mein Opa zuging. Ich folgte ihm und begutachtete die Truhe. Auf ihr war das Wort "Drako" eingeritzt. Opa öffnete die Truhe und nahm ein schwarzes Schwert heraus. Auf ihm war ebenfalls "Drako" eingeritzt, nur in alt-techorianischen Schriftzeichen. "Was hat das zu bedeuten, Opa?", fragte ich, ohne meinen Blick von der prachtsamen Aura des Schwertes abzuwenden. Mein Opa ging am anderen Ende des Raumes zu einem alten Holztisch und zwei Stühlen. Auf einen setzte er sich hin und sprach :"Pläk!" Ich gehorchte und setzt mich auf den anderen Stuhl. "Jay...dieses Schwert hier, gemacht aus Meteoritengestein und Platin, gehörte deinem Ur-ur-ur-Großvater Richard Veljeta. Er war zu damaligen Zeiten der Imperator von Techoras!", erklärte mein Großvater, woraufhin ich antwortete :"Was? Einer unserer Vorfahren hat mal Techoras regiert?" Ich konnte nicht fassen, was mein Opa mir erzählte. Er entgegnete :"In der Tat. Meiner Meinung nach, war er einer der besten Machthaber unseres Landes! Einer, der seinen Pflichten und Versprechen wirklich nachging...und Techoras auf eine würdige Art regierte. Ganz anders als so manch anderer Imperator vor ihm. Dein Ur-ur-ur-Großvater herrschte über dieses Land mit eiserner Faust, bezwang die Lizagon mit diesem Schwert und wurde zu einer Legende. Nach dem Attentat auf ihn wurde sein Schwert mit dem Namen "Drako" gesichert und innerhalb der Familie geschützt. Es sollte dem nächsten Nachfahren gehören, der das Zeug dazu hat, die Lizagon zu besiegen und zum Imperator aufzusteigen!" - "Und du glaubst, ich habe das Zeug dazu?", fragte ich skeptisch. "Ich WEIß, dass du das Zeug dazu hast, Jay. Ich kenne seit deiner Geburt...seit über 15 Jahren. Und bei dir spüre ich diese Aura...du hast auf jeden Fall das Zeug dazu!" - "A-Aber Opa...ich als Imperator von Techoras...niema-", mein Opa schaute auf das Schwert in seinen Händen. "Nimm es, Jay. Ergreife den Griff von Drako!", sprach er zu mir. Ich bewegte meine zitternde Hand langsam zu dem Schwert, schloss die Augen und ergriff letztendlich seinen Griff. Im nächsten Moment wurde mir ganz schwindelig, ich hörte gequälte Stimmen aus der Unterwelt. Ich spürte, wie eine gewisse Kraft in meinen Körper eindringen und sich mit meiner Aura messen wollte. Nach etwa einer halben Minute wurde für mich wieder alles normal. "Nimm Drako an dich, Jay! Benutzt es, um die Lizagon zu vernichten und Imperator dieses Landes zu werden!", sagte mein Opa, stand auf, ging zur Stahltruhe und holte eine schwarze Hülle mit einem Band heraus. Dann kam er zurück zu mir und hielt die Hülle in meine Richtung. Ich steckte Drako in die Hülle. Mein Opa ergriff sie und legte sie mir mit dem Band um meinen Kopf an. Das Schwert in der schwarzen Hülle befand sich nun an meinem Rücken. "Komm!", sagte mein Großvater und ging wieder die Treppe hoch. Obwohl ich ziemlich abwesend aufgrund dieses Ereignisses wirkte, folgte ich ihm.



    Mit meinem Köcher am Rücken und meinem Bogen in der Hand saß ich im Wohnzimmer. Ich beäugte den Bogen ganz genau, als Jay den Raum betrat. Er hatte ein Schwert auf seinem Rücken. Jay sagte, als er den Bogen sah: „Du auch? Kannst du überhaupt mit einem Bogen umgehen?“
    Während ich den Kopf schüttelte meinte er: „War doch klar.“
    „In euren Händen liegt das Schicksal von Techoras. Wir verlassen uns auf euch, enttäuscht uns nicht!“ sagte Opa als er Jay auf den Rücken schlug.
    „Aber alleine könnt ihr so etwas nie schaffen, ihr braucht Hilfe. Izquia wird wahrscheinlich als nächstes dran sein, flüchtet also nach Aphaio. Dort werdet ihr hinter den gut bewachten Mauern erst einmal Schutz finden, außerdem ist es die Hauptstadt von Techoras, sie wird also nicht so leicht einzunehmen sein. In Aphaio gibt es sicher viele, die sich euch anschließen werden, um gegen Lizagon zu kämpfen, ich bin mir sicher.“sprach Oma.
    „Aphaio? Aber das ist ganz schön weit weg von hier. Wenn wir zu Fuß gehen, brauchen wir sicher 3 Tage.“erwiderte ich perplex.
    „Hast du etwa Angst, dass du draufgehst?“fragte mich Jay worauf ich sarkastisch entgegnete: „Ja, ich hab ja solche Angst!“
    Wir sahen uns finster in die Augen und Oma versuchte, uns zu besänftigen, indem sie Tee holte. Das Dämmerlicht schien durch den hellen Raum und Opa meinte: „Ihr geht Morgen los. Wir geben euch Proviant. Aber Skye darf nichts davon mitbekommen.“
    „Was soll ich nicht mitbekommen?“
    Skye stand in der Wohnzimmertüre, in den Händen hielt sie ein Buch.
    „Du sollst nicht mitbekommen…ähm…dass wir Morgen früh aufstehen.“sagte ich schnell worauf Skye mit einem knappen Ok antwortete und mich fragte, ob ich mit auf ihr Zimmer kommen könnte. Ich bejahte und wir gingen die Treppen hoch in ihr Zimmer. Dort angekommen, setzte sie sich auf ihr Bett und begann zu lesen: „Die Stadt brennte Lichterloh. Alles, was ich vernahm, waren verzweifelte Schreie der Bewohner von Aphaio. Der dichte Rauch stoch in der Nase und trieb mir Tränen in die Augen. Von überall her kamen Soldaten von Lizagon einmarschiert. Am Hauptplatz lag das blutige Haupt des Machthabers. Aphaio, die unüberwindbare Stadt, war geschlagen…Wird das wieder geschehen?“
    Während ich sie überrascht ansah, las ich den Titel des Buches: Der Kontinentalkrieg.
    „Woher hast du dieses Buch?“fragte ich nach langem Schweigen.
    „Auf dem Dachboden gefunden.“antwortete sie schnell.
    „Das wird nicht passieren, das verspreche ich dir. Ich werde diese Stadt beschützen, komme, was wolle.“
    „Wirst du dann Imperator?“
    „Was? Ich? Imperator? Dafür wäre ich nicht geeignet, Skye.“
    „Doch, versprich es mir! Du musst Imperator werden! Versprich es!“
    Als ich nach langen Überlegungen bejahte, umarmte mich Skye und fing an zu weinen, als sie sagte: „Du wirst der größte Imperator den Techoras je gesehen hat, das weiß ich. Versprich es mir…Kahiko…vertreib die Soldaten von Lizagon und rette Techoras!“
    Das sollte sie nicht mir sagen, sondern eher Jay, dachte ich als ich die Umarmung erwiderte.



    Ich saß auf dem weißen Sofa im Wohnzimmer, mein Blick hing an meinem Schwert. Ich hörte, wie Kahiko die Treppe runterkam. Er setze sich an den Tisch und trank seinen Tee. "Scheiße! Ich hab ja jetzt gar keine Tabletten mehr!", fiel mir plötzlich ein. Ich sprang auf, ging zu meiner Oma und fragte :"Sag mal...hast du noch Tabletten für mich?" - "Ja, natürlich. Sie sind in der Küche!", antwortete sie. "Puuh...danke", entgegnete ich und ging in die Küche. Ich holte aus dem Schrank neben dem Kühlschrank ein volles Röhrchen Vitamin A-Tabletten heraus. Ich öffnete es, holte eine Tablette raus und schluckte sie mit etwas Leitungswasser runter. Die restlichen Tabletten steckte ich in meine Tasche und ging dann wieder ins Wohnzimmer. Dort angekommen, stellte ich erschrocken fest, dass ich nichts mehr sehen konnte. Plötzlich drückte mich irgendwas in die Mitte des Raumes und die Küchentür schloss sich. Ich konnte nicht das Geringste sehen. "N-Nein. Nicht schon wieder...also bitte, das kann doch nicht euer Ernst sein!", sprach ich leicht angespannt. Anschließend hörte ich das Kichern von Kahiko und meinen Großeltern. Wie ich das hasse! Sie nutzten meine Nachtblindheit immer aus, um sich einen Spaß zu erlauben. Genau, das war nicht das erste Mal. Das haben sie sogar schon gemacht, als ich noch 6 Jahre alt war. Damals hatte ich so richtig Panik. Doch jetzt nervt mich das nur...naja und es spannt mich auch etwas an. "I-Ihr könnt jetzt aufhören, es ist nicht mehr witzig!", rief ich. Das Gelächter verstummte und wenige Sekunden später wurde das Licht wieder eingeschaltet. Ich lief sofort zu dem noch grinsenden Kahiko, packte ihm am Kragen und sprach energisch :"Das findest du wohl witzig, ne?! Garc Palezo!!" - "Hähä, ist ja gut, Jay", antwortete Kahiko nervös, während mein Opa uns beide trennte. "Ach, komm schon, Jay. Du bist immer so mies drauf, da dürfen wir uns doch auch einen Spaß erlauben!", sprach mein Bruder. "Qiez, qiez! Hechor Paleca Zelega! (Du dreckiger Bastard!) ", drücke ich mein Verständnis dafür aus. "Jay, gibt's dich auch ohne Schimpfworte?", fragte Kahiko mich. "Kommt darauf an", entgegnete ich, "gibt's doch auch querschnittsgelähmt?" Daraufhin warf meine Oma ein :"Jay, sei bitte etwas netter!" - "Ves Tayna! (Wenn's sein muss!)", knurrte ich leise und schmiss mich wieder auf das Sofa. "Also...", setzte mein Großvater an, während er auf einem Holzstuhl Platz nahm, "ihr macht euch auf den Weg nach Aphaio. Guckt erst mal, dass ihr euch dort von den Geschehnissen erholt. In "Valeko" gibt es einen Lehrmeister, der sich sehr gut mit Schwertkampftechniken auskennt, Jay. Den solltest du dort mal besuchen!" Sowieso schon schlecht gelaunt, antwortete ich :"Fariaz! Ich mach ja nichts lieber, als mir von irgendwelchen Kanalratten sagen zu lassen, was ich tun soll!" Meine Familie schien meine asozialen Antworten zwar langsam zu ignorieren, trotzdem gab es da immer gewisse Dinge, die ich loswerden musste. "Ihr passt auf Skye auf?", fragte Kahiko unsere Großeltern. "Qiez", antwortete mein Opa, "und macht euch keine Sorgen. Izquia ist eine ziemlich sichere Stadt. Gut ausgebildete Soldaten bewachen sie und die meisten Bewohner sind auch fähig, mit Waffen umzugehen und ihre Stadt zu verteidigen. Hier würde ich mir keine Sorgen machen!" - "Okay, dann...danke für alles. Wir gehen dann mal. Kommst du, Jay?", entgegnete Kahiko. "Qiez", antwortete ich, stand auf, nahm mein Schwert und ging zu Kahiko. Unser Opa konnte sich eine Umarmung zum Abschied nicht verkneifen. "Passt auf euch auf...Und Jay, denk daran, was ich dir gesagt habe!", sprach mein Opa zum Schluss. "MOMENT MAL!", ertönte eine laute Mädchenstimme. Wir schauten die Treppe hoch...Skye stand dort und sah ziemlich aufgebracht aus. Sie rannte runter zu uns und fragte mit lauter Stimme :"Ihr lasst mich hier?! A-Aber warum!?" Kahiko und mir fehlten in dem Moment die Worte. Mit einem flüchtigen Blick zu unseren Großeltern, hofften wir, dass sie eine gute Antwort hätten...



    „Skye, du musst verstehen dass-“fing Oma an.
    „Was soll ich verstehen? Dass meine Brüder im Krieg sterben?“
    Sie fing an, bitterlich zu weinen, aber auch in mir kam tiefe Trauer auf.
    „Skye, wir kommen wieder, versprochen.“sagte ich während ich mich vor sie hinhockte.
    „Haltest du dein Versprechen?“fragte sie mich worauf ich fast in Tränen ausbrach.
    „Qiez, natürlich, ich hab’s dir versprochen. Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.“
    Ich versuchte zu lächeln, doch es war ein beklagenswerter Versuch, da mich innerlich der Abschiedsschmerz auffraß.
    „Sei Tapfer, wir kommen schon wieder zurück.“sagte Jay wie immer selbstsicher.
    „Leech, wenn ihr das sagt.“
    Wir verließen das Haus und ich fragte Jay: „Also gehen wir zuerst nach Aphaio und dann nach Valeko, oder?“
    „Rodäz, ich werde mir sicher nichts von irgendeinem Razota sagen lassen!“
    „Willst du jetzt Techoras verteidigen, oder nicht?“meinte ich wütend während wir uns der Stadtmauer näherten.“
    „Du hast mir nicht zu sagen, was ich zu tun habe, und was nicht! Gehen wir nach Aphaio, suchen wir uns Mitstreiter und dann haben die Soldaten keine Chance mehr. Außerdem, kannst du mit einem Bogen umgehen? Ich glaube nicht.“
    „Der Handschuh verleiht mir die Gabe, mit einem Bogen umzugehen. Aber du brauchst einen Lehrmeister!“
    „Geh mir nicht jetzt schon auf die Nerven, Kahiko!“meinte Jay genervt, während wir Izquia verließen.
    „Wenn wir in Aphaio sind, müssen wir erste einmal eine Bleibe finden, dann können wir Weiteres klären, leech?“
    Er bejahte verächtlich als wir den Wald betraten. Ein paar Sonnenstrahlen durchbrachen das Dickicht aus Laub- und Nadelbäumen, und spendeten kühlen Schatten an diesem heißen Tag.
    „Was hast du Skye eigentlich versprochen?“fragte mich Jay überraschend.
    Zuerst wollte ich gar nicht antworten, doch dann meinte ich schnell: „Ich soll so wenig Menschen wie möglich umbringen.“
    „Wirklich? Oder belügst du mich? Das will ich nicht hoffen.“
    „Ich lüge nicht, ehrlich.“
    Ich versuchte, selbstbewusst zu wirken, doch Jay kaufte mir das nicht ab und wurde wütend.
    „Du lügst, sag die Wahrheit!“
    Ich sah ihn erschrocken an und wurde nervös, meine Schritte beschleunigten sich.
    „Vergiss es einfach…“entgegnete ich, als Jay mich am Arm packte und zurückzog.
    „Ich wiederhole mich nur noch ein Mal: SAG ES MIR ENDLICH!“



    Ich starrte meinem nervösen Bruder in die Augen. Ich hasste es, wenn er etwas zu verheimlichen hatte. Gut, ich war natürlich auch nie ohne Geheimnisse, aber jetzt, da unsere Eltern tot sind, bin ich für Kahikos Leben verantwortlich. Und wenn er irgendeine Scheiße vorhat, muss ich dafür gerade stehen. "Rede, Zäl!" - "L-leech, aber bitte lass mich los!", antwortete mein Bruder. Ich ließ seinen Arm los und war gespannt auf seine Antwort. "I-Ich hab Skye versprochen, dass ich mich an den Lizagon räche und irgendwann Imperator von Techoras werde!" Für einen kurzen Moment starrte ich ihm noch in seine mit Angst erfüllten Augen. Er sah aus, als würde ich ihn jeden Moment dafür verprügeln. Ich brach den Blickkontakt ab, drehte mich um und fing laut an, zu lachen. Ich konnte mich einfach nicht mehr zurückhalten. Als ich aufhörte zu lachen, drehte ich mich wieder um und sah meinen ziemlich verwirrt aussehenden Bruder an. "D-Du und Imperator, das ist ja einfach herrlich!", sprach ich, woraufhin Kahiko energisch antwortete :"Was ist daran bitte so lustig?" Ich entgegnete :"Mein lieber Bruder. Um Imperator zu werden, braucht man Stärke und vor allem Selbstbewusstsein...zwei Attribute, die nicht in deinen Genen stecken." Mit so was traf man Kahiko normalerweise an einem wunden Punkt, doch was mein Bruder sagte, überraschte mich dennoch :"D-Dann werde ich mir das eben antrainieren! Wenn ich will, kann ich es schaffen! Und überhaupt, denkst du, dass ein Säufer wie du, der nachts sturzbetrunken auf dem Weg nach Hause ist und dann noch auf die Straße kotzt, bessere Chancen hätte?" - "Ya wessa, Kahiko! Du weißt, dass das nur einmal passiert ist...und du weißt genauso gut, dass ich 'nen Reizmagen habe. Aplaja, trotzdem hättest du nicht das Zeug dazu. Ich weiß wenigstens, wie man seinen Bruder vor den Schlägern in der Schule beschützt und sich nicht einfach so irgendwo versteckt. Sieh es einfach ein, Kahiko...ich hätte die deutlich besseren Qualifikationen dafür." - "Leech, Zäl. Das werden wir ja noch sehen, wer hier das Zeug dazu hat!", antwortete mein Bruder ernst und sagte mir, was das angeht, den Kampf an. Doch wie sollte ich meinen Bruder bei so was nur ernst nehmen? Naja, auf jeden Fall nahm ich ihn nicht als Bedrohung war. "Izara, Kahiko. Wir sollten uns auf den Weg machen!", sprach ich. Mein Bruder folgte mir. Er sah irgendwie etwas geknickt aus. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Thema bei uns erst mal besser nicht erneut angesprochen werden sollte...



    „Da! Siehst du die Mauern? Das sind die Mauern von Aphaio!“ rief ich aufgeregt.
    Wir gingen gerade aus dem Wald heraus und befanden uns nun in einer sandigen Ebene, vor uns thronte eine gigantische Stadt, die Schutz durch eine kolossale Steinmauer fand. Als wir näherkamen, hörte ich von weitem eine Stimme: „Halt! Wer da?“
    „Wir sind zwei Flüchtlinge aus Kaleon. Pryavet, öffnet das Tor!“schrie Jay als wir geschätzte zwanzig Meter vom Tor entfernt waren.
    „Beweist es!“
    „Faro Ce Jay Veljeta, welko ces Kahiko Veljeta.“
    „Nun gut, ihr dürft eintreten. Öffnet das Tor!“
    Vor uns öffnete sich das Tor mit lautem Quietschen und aufgewirbeltem Sand. Wir betraten schnell die Stadt, hinter uns schloss sich das Tor mit einem lauten Knall. Vor uns herrschte ein buntes Treiben. Viele Menschen huschten durch die Straßen von Aphaio, manche zu Fuß, einige auf dem Fahrrad und ein paar Jugendliche mit Skateboards und Rollerskates. Alle sahen sehr ängstlich aus.
    „Wir müssen erst einmal eine Bleibe finden.“sprach Jay, als wir die Straße hochgingen, links und rechts von uns ragten Hochhäuser empor. Wenn man nach oben schaute, brach man sich fast das Genick, da man, egal, wie weit man den Kopf zurück tat, niemals das ganze Gebäude erblicken konnte.
    „Warst du noch nie in einer Großstadt? Du führst dich auf wie ein kleines Kind!“ sagte Jay genervt.
    „Rodäz, ich war noch nie in so einer Großstadt.“ erwiderte ich, während ich die Neonschriften auf den Gebäuden las.
    „Na toll, das kann auch nur mir passieren…Komm endlich!“rief Jay genervt.
    Nach einer Weile kamen wir zum Hauptplatz von Aphaio. Dort gingen wir zu dem riesigen Springbrunnen in der Mitte, die Engelsskulptur darauf symbolisierte die Freiheit der Menschen. Jay und ich setzten uns auf die Brunnenkante und berieten uns, wie es weitergehen soll.


    MFG
    Rexi UHaFnir

  • Kapitel 3 : Alte Bekannte


    "Tja...und nun?", fragte ich meinen Bruder und tastete alle fünf Sekunden meinen Rücken ab, um sicherzugehen, dass mein Schwert auch noch da ist, wo es sein soll. "Keine Ahnung, gibt es nicht irgendein Amt oder so, bei dem sich Flüchtlinge melden können, oder so?", antwortete er und schaute in die Menschenmenge. "Ser-werla!", entgegnete ich und sprang vom Brunnenrand, "selbstverständlich gibt es so was. Aber ich dachte, ich lass dich mal entscheiden, was wir machen, da muss ich nicht so viel nachdenken." Mein Bruder schüttelte den Kopf und ging los. Ich folgte ihm. Wir schritten durch die endlosen Menschenmassen, durch die breiten Straßen, die mit Geschäften, Restaurants und Cafés übersät waren. Nachdem wir einige Passanten gefragt hatten und uns durch etliche Menschenmassen gekämpft hatten, kamen wir an einem großen Gebäude mit der Aufschrift "Flüchtlingsamt" an. Wir öffneten die Tür, traten ein und erblickten eine sehr stilvoll eingerichtete Eingangshalle. Schwarz-weiße Möbel, eine Rezeption, einen Aufzug, Edelteppiche auf dem Boden...naja, eigentlich so, wie man es sich vorstellt, aber etwas sonderbarer. Kahiko und ich gingen zur Rezeption und sprachen die junge Dame an, die gerade ein Telefonat beendete. "Swäl. Faro ce Jay Veljeta para väyn cer frio zäl Kahiko. Triez kapana Argonaz dey Kaleon.", fing ich an, zu reden. "Oh", antwortete die junge Dame, "ich hab von den schlimmen Ereignisse gehört. Wie geht es euch denn?" Bevor ich etwas sagen konnte, entgegnete Kahiko :"Led! Sagen sie, wäre es möglich, hier irgendwo eine Bleibe zu finden?" Ha, Kahiko kennt mich einfach zu gut. Er weiß, dass ich jetzt asozial geworden wäre, darum hat er die Initiative ergriffen. Ich meine, wer würde denn nicht antworten "Ist doch jetzt völlig Latte, geben sie uns einfach ein Haus, in dem wir wohnen können!". Naja, Kahiko macht sich lieber weniger Feinde. "Ja, natürlich. Könnte ich vorher eure Personalausweise sehen? Ich brauch eine Bestätigung, dass ihr wirklich aus Kaleon seid und dass ihr euch nicht für jemand anderen ausgebt", entgegnete die Frau, woraufhin mein Bruder und ich unsere Persos rausholten und sie der Frau zeigten. Sie musterte sie für einen kurzen Moment und antwortete anschließend :"Alles klar!", antwortete sie, gab uns unsere Persos wieder, zusammen mit zwei Fahrkarten für den Zug, einen Schlüssel, in dem die Zahl "69" eingraviert war und einen Zettel auf dem "Esco Vallye - Plynxerio 69" geschrieben war, "Fahrt mit dem Zug zu dieser Adresse. Das Haus mit der Nummer 69 gehört euch. In ein oder zwei Stunden kommt einer unserer Mitarbeiter mal vorbei, um nach euch zu sehen."Gryvezo!", antwortete Kahiko, nahm den Schlüssel und alles andere an sich und ging mit mir nach draußen. "Ay! Das...ging ja leicht!", antwortete ich. Naja, ich muss sagen, ich bin ab und zu etwas pessimistisch. Gut, dass ich vor wenigen Minuten noch gedacht hatte, dass die Leute das hier so ernst nehmen, dass wir hier richtig mit Polizei und T.S.I verhört werden, ob wir denn auch die sind, für die wir uns ausgeben, war vielleicht etwas seltsam...aber hoffentlich verständlich. "Wenn dort, wo wir dann wohnen, auch so ein riesen Menschenchaos herrscht, brauch ich ja ein ganzes Fass Candiar!", sprach ich und freundete mich jetzt aber schon mit dem Gedanken an. "Ach, Jay. Hör doch einfach auf zu trinken...das ist besser für dich...und auch für die Straßen der Stadt!", entgegnete Kahiko kichernd. "Ya wessa!", sprach ich darauf und ging Richtung Bahnhof...gefolgt von meinem Bruder. "Im Ernst, Jay. Ich bin und bleibe ein anständiger Kerl, der sich von Alkohol und so weiter fernhält. Aber du, du scheinst auf die Idee ja nicht zu kommen...besonders, wenn sich die Menschen, denen du was bedeutest schon deshalb Sorgen um dich machen!", sprach er, wohl in der Hoffnung einen wunden Punkt zu finden. "Akiiz!", antwortete ich gereizt und ging weiter Richtung Bahnhof, ohne meinen Bruder auch nur noch eines Blickes zu würdigen.


    Es herrschte Totenstille zwischen uns, als wir uns im Zug gegenüber hinsetzten. Jay hörte mit dem Handy durch seine Ohrstöpsel Musik und zwar so laut, dass ich sie hörte. Ich sah aus dem Fenster. Aphaio ist wirklich eine beeindruckende Stadt mit den ganzen Wolkenkratzern und gläsernen Hochhäusern, welche in der Sonne glänzen. Nach einer geschätzten Viertelstunde kamen wir an unserem Ziel an- dem Stadtteil Esco Vallye. Wir befanden uns in einem kleinen Wohngebiet mit reihenweisen Wohnhäusern, die alle in einer Reihe gebauten wurden. Alle Häuser sahen gleich aus-weiße Fassade, blaues Dach, ein Obergeschoss und wahrscheinlich hatten sie auch einen Dachboden, doch das konnte ich von außen nicht erkennen. Wir gingen zu einer Straße und sahen uns die Nummer auf dem linken Haus an-50. Als wir weitergingen sahen wir auf dem zweiten Haus in der Reihe die Nummer 51. Wir gingen weiter, bis wir am Ende der Straße angekommen waren. Auf der rechten Seite war das Haus Nummer 69.
    „Da ist es ja!“sagte ich als Jay einfach an mir vorbeiging.
    Ich folgte ihm langsam, da ich den Schlüssel hatte, und er ohne ihn nicht ins Haus reinkommen würde. Als er die Tür erreichte, fluchte er laut, worauf ich kichern musste.
    „Kahiko! Izara!“rief er wütend, worauf ich schnell zur Tür ging, und sie aufschloss.
    Jay schubste mich weg und betrat das Haus, ich ging ihm schnell nach und schloss die Tür hinter mir.
    „Nicht schlecht.“sagte ich als Jay die Holztreppe rauf ging.
    Das Haus hatte einen Parkettboden, hellblaue Wände und Holzmöbel. Es sah zwar alles etwas heruntergekommen aus, aber besser, als nichts. Ich ging ebenfalls die Treppe hoch. Als ich oben ankam, meinte Jay: „Väyn cer frio Cämeus.“
    Er betrat das Zimmer und schloss es ab. Ich ging nach rechts in den zweiten und letzten Raum auf dieser Ebene. Drinnen stand ein Bett, auf das ich mich sofort legte. Still starrte ich die Decke an, als mein Handy klingelte. Roumald Houssand stand auf dem Display. Ich hob sofort ab.
    „Swäl, Roumald!“
    „Swäl, Kahiko! Ich bin froh, deine Stimme zu hören. Hast du es auch heil aus Kaleon geschafft?“
    Ich war so froh, dass es Roumald gut ging.
    „Qiez, offensichtlich du auch.“
    „Qiez, ich bin mit Fabés und Carlos gerade so noch aus Kaleon raus gekommen. Aquiz kap hechor?“
    „Faro ce ino Aphaio.“
    „Wirklich? Ich auch! Wo genau in Aphaio?“
    Er ist also auch in Aphaio? Was für ein Glück!
    „Ino Esco Vallye.“
    „Aquiz ce gir? Wir sind gerade vor dem Rathaus. Meinst du, du könntest kommen?“
    „Jay spinnt sowieso wieder rum, ich komm zu euch.“
    „Jay hat es auch überlebt? Tja, ist das jetzt Glück oder Pech für dich?“
    „Lecio Roumald, sag so etwas nicht. Er ist schließlich mein Bruder.“
    „Qiez, Qiez, ich weiß. War doch nur ein Scherz.“
    „Ich bin in einer geschätzten Stunde bei euch, denke ich. Bis dann.“
    „Qiez, bis gleich.“


    "Kialz, Jay! Faro väko arí Roumald!", hörte ich meinen Bruder sagen. "Leech. Aber bring dich nicht in Schwierigkeiten!", antwortete ich völlig desinteressiert. Ich muss ja eigentlich schon verrückt sein, meinen kleinen Bruder alleine in der Hauptstadt rumlaufen zu lassen. Naja, aber alles, was mich nicht umbringt, ist mit nem scharfen Messer schon geregelt. "Ja, ich versuch es!", antwortete Kahiko und verschwand. Ich lag auf meinem Bett und schaute auf mein Handy. Ich hörte zwar schon die ganze Zeit Musik, aber mir war langweilig und ich hatte keinen Bock rauszugehen. Ich wählte die Playlist von Vynako und ließ mir daraufhin die Texte, von dem wohl asozialsten Rapper in ganz Techoras in meine Ohren ballern. Einfach toll, wenn man die Welt abgrundtief hassen kann. Nach wenigen Minuten hatte ich aber irgendwie doch Lust, rauszugehen. Mit meinem Schwert am Rücken ging ich nach draußen und schaute mir etwas die Umgebung an. Auf den lebhaften Straßen, entdeckte ich in der Menschenmenge ein Mädchen, welches mir sehr bekannt vorkam. Nach genauerem Hinsehen rief ich :"AY CRIVET! AY CRIVET!" Anschließend suchte ich das Weite. Ich verpisste mich in irgendeine Gasse, in der Hoffnung, dass sie mich nicht gesehen hatte. Aber dem war anscheinend nicht so. Plötzlich spürte ich, wie mich jemand antippte, woraufhin ich mich sofort umdrehte. "Yoshi?" Und tatsächlich stand mein Bro Yoshi vor mir. "Ach, Jay. Saufkumpane und Kumpel, was führt dich denn hierher?", begrüßte er mich auf seine Übliche Art. "Tja...der Krieg, ne?", antwortete ich, "sag mal...wie hast du mich gefunden?" - Daraufhin antwortete Yoshi :"Naja, ich ging seelenruhig durch die vollgestopften Straßen und hörte plötzlich ein "AY CRIVET!", welches nur von dir sein kann. Und da du der einzige bist, den ich kenne, der sich traut, so was in der Öffentlichkeit zu brüllen, musste ich nur noch nach einer schwarzen Gestalt suchen...und da hab ich dich! Sag mal, was sollte eigentlich das 'Ay crivet' ? Sicher irgendwas ernstes, stimmt's?" - "Alter, ich hab eben Anita gesehen!", antwortete ich, als würde gleich deswegen die Welt untergehen. "Okay, wir gehen mal zu mir. Aber wir müssen ihr auf jeden Fall aus dem Weg gehen!", entgegnete Yoshi. Mir machten uns beide auf den Weg zu ihm nach Hause. Und hofften, nicht von Anita erwischt zu werden. Anita war übrigens Yoshis Ex, doch auch nachdem er die Beziehung beendete, war sie noch hinter ihm her und wollte immer wieder mit ihm zusammen sein. Der arme Yoshi konnte nächtelang nicht schlafen deswegen. Was? Keine Übertreibung? Gut, eine Nacht konnte er wegen ihr nicht schlafen, weil sie vor seinem Haus campierte. Naja, jedenfalls kamen wir beide sicher bei Yoshi an. Sein Zuhause war genauso eingerichtet, wie unsers...also scheinbar echt nichts besonderes. Auf dem Sofa sah ich Yoshis 17-jährige Schwester Sophia. Ein Mädchen, mit langen braun-blonden Haaren, blauen Augen, einer blauen Jeanshose, einem pinken Top und wenig Schminke im Gesicht...trotzdem sah sie gut aus. Neben ihr saß sein acht Jahre alter Bruder Butters, ein kleiner Junge mit kurzen schwarzen Haaren, braunen Augen, einem blauen T-Shirt, zur Sommerzeit passenden Shorts in Grün und lauter Tränen im Gesicht. Er weinte laut. "So geht das schon die ganze Zeit mit ihm...naja, ist ja auch verständlich, dass er in seinem Alter so reagiert...", sagte Yoshi leise zu mir, "Naja, verpissen wir uns nach oben!" Ich nickte und folgte Yoshi in sein Zimmer oben. So, wie wir uns kannten, würden wir eh in 5 Minuten wieder weg sein, um uns zu betrinken...und was soll ich sagen, ich wette mein ganzes Leben darauf, dass es nachher auch wieder so sein wird...und Kahiko mich aus irgendeinem Grund findet und mich deswegen anschnauzt...ach, wayne...


    „Kahiko! Da bist du ja!“rief Roumald mir fröhlich entgegen.
    „Roumald, Gott sei Dank bist du wohlauf, und ihr auch Fabés und Carlos.“sagte ich als ich zu den dreien stieß.
    „Ich bin auch froh, dass du wohlbehalten aus Kaleon flüchten konntest. Haben es Skye und Jay auch geschafft?“
    „Qiez, das haben sie. Wir sind nach Izquia geflüchtet, zu unseren Großeltern.“
    „Und von denen hast du bestimmt den Bogen, oder? Willst du etwa gegen die Soldaten kämpfen?“meinte Roumald überrascht.
    „Qiez, das haben Jay und ich vor. Wir brauchen aber noch ein paar Verbündete.“
    „Ein paar Verbündete? Da draußen sind sicher hunderttausende feindliche Soldaten, und ihr braucht nur EIN PAAR Verbündete? Ich helf dir mal auf jeden Fall, aber wo willst du die anderen herbekommen?“sprach Roumald, während er seine beiden Tomahawks zog, welche an seinem Gürtel befestigt waren.
    „Ääähm, wir sind auch noch da, und wir helfen dir auch, Kahiko.“meinte Carlos als er einen gehässigen Blick auf Roumald warf.
    Fabés hatte am Rücken zwei Schwerter und an seinen Vorderarmen zwei Versteckte Klingen. Carlos hatte am Rücken einen Rundschild und ein Schwert.
    „Von wo habt ihr die Waffen her?“fragte ich sie.
    „Wir haben sie von unseren Eltern bekommen, bevor sie…du kannst dir denken, was mit ihnen passiert ist…“antwortete Roumald während er betreten zu Boden starrte.
    Ich schlug vor, etwas durch die Stadt zu gehen, um sie zu erkunden und uns etwas abzulenken, worauf sie alle drei mit Freuden bejahten. Wir gingen vom Rathaus aus immer weiter in den Norden von Aphaio, bald wurde uns bewusst, dass dies die Shoppingmeile von Aphaio war. Viele Jugendliche gingen mit riesigen Tüten von verschiedenen Geschäften von Laden zu Laden, während sie ständig auf ihr Handy blickten. Wir gingen mitten im Menschengetümmel, da lief plötzlich jemand gegen mich, wir beide kippten um.
    „Hey! Hast du keine Augen im…“, als ich sah, dass es ein Mädchen war, mit dem ich zusammengestoßen bin, änderte ich meine Wortwahl, „Ay, t-tut mir l-leid.“
    Ich half ihr auf und sah ihr in ihre wunderschönen rubinroten Augen. Sie hatte mittellange, blonde Haare mit roten Strähnen im Haar. Sie trug eine Cargohose und ein Trägertop mit einem Drachen darauf, sie sah fast wie ein Junge aus. Wir sahen uns wie hypnotisiert an und ich hielt noch immer ihre Hand, als sie sagte: „E-Entschuldigung, d-das war allein meine Schuld. Faro ce Hokulani Atizay.“
    „Faro ce Kahiko Veljeta.“
    „Hoku! Da bist du ja!“hörte ich eine Stimme hinter Hokulani sagen.
    Hokulani drehte sich um und meinte: „Ay, tut mir leid, Ri.“
    „Das will ich auch hoffen, komm, wir müssen weiter! Und, wer ist das? Naja, egal, wir haben es eilig, komm jetzt endlich!“meinte Ri wütend, als sie Hokulani wegzerrte.
    Als ich mich wieder zu meinen Freunden umdrehte, sagte Roumald: „Da hat es aber einmal gefunkt!“
    „Quer? Was meinst du?“


    In Yoshis Zimmer angekommen, stellte ich fest, dass es sich nicht groß von meinem unterschied. Weiße Wand, ein Bett, welches neben dem Fenster positioniert war, ein Schrank, ein Nachttisch neben dem Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen und sonst nichts Besonderes mehr. "Bin echt froh, dass du überlebt hast. Wäre krank, wenn ich zuerst meine Eltern und dann auch noch meinen Bro verloren hätte!", sprach Yoshi, ging zu seinem Bett, kniete sich hin und schien irgendetwas zu suchen. "Ach, Kollege", antwortete ich entspannt, "kennst mich doch. Ich meine, der Mörder, der mir das Leben nimmt, ist noch nicht geboren worden!" Kurz darauf stand Yoshi wieder auf und hatte eine ziemliche lange Box in den Händen. Er setzte sie auf den Tisch ab und öffnete sie. Gespannt schaute ich rein und entdeckte eine schwarz gefärbte SKS...mit Scope, Bajonett und in der Box noch ein paar Magazine. "Wow. Eine nette Waffe. Von wem?", fragte ich, während ich das halbautomatische Selbstladegewehr anschaute. "Von meinem Dad...es gehörte zu den wenigen Dingen, die er nach Hause brauchte, als er die Army verließ. Und es gehört auch zu den wenigen Dingen, die ich retten konnte...", antwortete Yoshi, ohne mich anzugucken. Ich fragte :"Was hast du denn noch so gerettet, Kollege?" Mein Kumpel ging zu seinem Nachttisch, auf dem auch eine ziemlich große Box stand. Ich ging ebenfalls zu dem Nachttisch und blickte in die gerade von Yoshi geöffnete Box. Dort befanden sich eine ganze Staffel Zippo-Feuerzeuge, eine glänzende Deseart Eagle, ein schwarzes KA-BAR und einige Packungen Zigaretten. "Die Pistole und das Kampfmesser gehörten ebenfalls meinem Vater. Zusammen mit der SKS hat er die Dinge mit nach Hause gebracht", sprach Yoshi, "die Feuerzeuge und die Kippen...naja, du weißt. Mein Vater war Raucher..." Ich nahm ein Feuerzeug und eine Zigarette. Ich zündete sie an und zog einmal an ihr. "Weißt du, was geil ist?", fragte ich Yoshi, woraufhin er mit den Schultern zuckte. "Wir Techoras haben einfach so starke Lungen, dass uns Zigaretten einfach nichts anhaben können!", sagte ich. Eine nicht besonders weit verbreitete Information. Aber es ist so...die Evolution schien uns Techoras wohl auf die besten Dinge vorbereitet zu haben. "Ja, mag sein...trotzdem hab ich keinen Bock, süchtig zu werden...oder so!", antwortete der Junge. Daraufhin sprach ich entspannt :"Ja...ich auch nicht. Wollte nur noch gucken, ob die noch gut sind" Ich ging zum Fenster, öffnete es, drückte die Kippe an der Außenwand aus und warf sie raus. Daraufhin sprach Yoshi :"Jay, komm mal her!" Ich ging zu ihm. "Was mir komischerweise erst jetzt auffällt, ist dein Schwert. Woher hast du es?", fragte er mich. "Kollege, was ist denn los mit dir? Bist du auf Schore, oder wie? Naja, egal. Ich hab es von meinem Großvater bekommen. Das Schwert gehörte mal meinem Ur-ur-ur-Großvater. Und stell dir vor, er war damals Imperator!" Joshua staunte und antwortete daraufhin :"Krass! Jay, einer deiner Vorfahren war Imperator...das ist wirklich eine nette Sache. Jetzt kann ich dich auch wieder leiden!" - "Ya wessa!", antwortete ich lachend. Yoshi drehte sich wieder zu der Box um, nahm die Deseart Eagle, das schwarze Kampfmesser und ein Feuerzeug raus und reichte sie mir. "Hier, die kannst du von mir aus haben!", sprach er. Ich schaute erst die Waffen überrascht und dann Yoshi. "Ernsthaft?!", fragte ich, um mich zu vergewissern, dass er mich nicht verarschte. Er antwortete :"Klar. Ich hab ja meine SKS zum Schießen, ein Bajonett zum Stechen...und was will ich mit so einer ganzen Staffel Feuerzeuge?" - "Danke, Bro!", sprach ich nahm das Messer,die Pistole und das Zippo an mich. Das KA-BAR fixierte zwischen meiner linken Bauchseite und meiner Hose, die Deseart Eagle zwischen meinem Rücken und meiner Hose und das Feuerzeug steckte ich mir in meine linke Vordertasche. "So tragen die echten Gangster Waffen!", sprach ich und ahmte dabei stimmlich Vynäko nach. Joshua grinste...bin froh, dass er den Insider verstand. Naja, wir hören ja eigentlich beide fast das Gleiche, darum war das auch kein Wunder. Die nächsten Sekunden verliefen ohne Worte...irgendwie hatten wir nichts mehr, das wir loswerden wollten. "Stado?", fragte ich Yoshi. "Stado!", bestätigte er nach kurzem Überlegen. Wir gingen die Treppe runter, ins Wohnzimmer. Dort saßen immer noch der weinende Butters und Sophia auf dem Sofa. "Triez mangayin!", sprach Joshua zu seinen Geschwistern. "Qiez, manga!", antwortete Sophia, "lass mich hier nur mit Butters alleine. Ich glaube, er hat schon genug gelitten, findest du nicht auch?!" - "Terzet! Er wird es überleben!", antwortete Yoshi kalt und verließ mit mir das Haus...


    „Los, wir müssen ihr nach!“meinte Roumald, als er mich bei der Hand zog und Hokulani nachlief.
    „Q-Quer? Quario?“fragte ich als Roumald stehen blieb.
    „Da fragst du noch? Zwischen euch sind die Funken doch nur so gesprungen! Ich will meinen besten Freund verkuppeln!“
    Ich sah ihn etwas erschrocken an, worauf Carlos hinter mir zu lachen begann.
    „Hechor? Du willst ihn wirklich verkuppeln? Der, der von jedem Mädchen ´ne Abfuhr bekommt? Dass ich nicht lache!“ meinte Carlos und Roumald sah ihn wütend an.
    „Du bist auch nicht gerade besser, du Vollpfosten!“sagte Roumald außer sich.
    Fabés hielt Carlos zurück, ich Roumald.
    „Beruhigt euch.“sprach ich schnell.
    „Ist ja auch egal, die sind ja eh schon über alle Berge.“entgegnete Fabés während die beiden sich beruhigten. Ich schlug vor, dass wir mal etwas durch die Straße bummeln sollten. Fabés bejahte fröhlich, aber bei Roumald und Carlos herrschte eisige Stille. Wir gingen die belebte Straße weiter rauf, bis wir zu einem riesigen Kaufhaus kamen, darauf stand in Neonschrift: Avanar Caleum. (Caleum=Arcaden)
    „Da müssen wir rein!“rief Roumald aufgeregt, endlich war er wieder gut gelaunt.
    „Na auf jeden Fall!“sagte ich lachend.
    Wir betraten das weiße Gebäude und standen in einem riesigen verglasten, hohen Raum. Das Gebäude hatte um die zwanzig Stockwerke, natürlich wollten wir nach ganz oben. Wir suchten einen Lift, stiegen in die kleine, silberne Kabine und drückten auf die rote zwanzig. Im Aufzug war ein großer Spiegel, den wir dazu benutzten, um Grimassen zu schneiden und uns dabei auch zu sehen. Als wir oben angekommen waren, gingen wir zum Geländer und schauten nach unten.
    „Wer getraut sich, runter zu spucken?“fragte Roumald herausfordernd.
    „Roumald! Wir sind hier in einer fremden Stadt, das gehört sich nicht!“meinte ich ernst.
    „Genau DAS ist ja das gute! Man kennt uns hier nicht, wir können das also machen.“
    „Seid ihr wirklich so eklig?“hörte ich eine Mädchenstimme sagen.
    Wir drehten uns um und sahen Hokulani und Ri mit einigen Einkaufstüten.
    „Ay, Hokulani! Schön, dich wieder zu treffen.“meinte ich lächelnd.
    „Es ist a-auch schön, dich wieder zu sehen, Kahiko.“
    Sie wurde im Gesicht rot, ich glaube, ich war auch errötet. Roumald stupste mich an, verschränkte die Arme und grinste.
    Roumald sagte: „Hechor kap Hokulani, oder? Faro ce Roumald Houssand. Kahiko will gerne einmal mit dir alleine reden.“
    Hokulani wurde noch mehr rot im Gesicht, wenn das überhaupt noch möglich war, doch Ri schien das nicht zu gefallen, da sie sagte: „Mit so Möchtegern Jungs lassen wir uns nicht ein, oder Hokulani? Äh, Hokulani?“
    „Qiez, ich rede mit dir alleine Kahiko.“sprach Hokulani schüchtern.
    „Na, das klappt ja wie am Schnürchen!“flüsterte mir Roumald ins Ohr.
    Irgendwie war ich ihm dankbar, doch irgendwie auch nicht, denn, würde ich überhaupt den Mut haben, mit ihr zu sprechen?


    Als Yoshi und ich uns nun im Freien befanden, fragte ich :"Weißt du, wo man hier was trinken kann?" Daraufhin antwortete Yoshi lässig :"Bruder...kennst mich doch. Das ist das Erste, was man tut, wenn man in eine neue Stadt kommt!" Yoshi ging einfach geradeaus die Straße entlang, zwischen den Häusern, die sowieso alle gleich aussahen und den hektischen Menschen. "Sag mal...", setzte ich an, um Joshua etwas zu fragen, was ich ganz verdrängt hatte, "was ist mit Está und Montana?" Der Junge schaute weiterhin nach geradeaus und antwortete :"Die Strolche sind auch hier. Die haben es zum Glück geschafft. Hab vorhin mit ihnen telefoniert..." - "Das ist ja super. Ruf sie doch einfach nochmal an und sag ihnen, dass sie auch kommen sollen!", antwortete ich. "Naja, abgesehen davon, dass du selbst ein Handy hast und dies auch selbst tun kannst, spiele ich heute mal deinen Sklaven, Jay", antwortete Joshua und holte sein Handy raus. Daraufhin antwortete ich lässig :"Schön, wenn man kooperiert!" Joshua wählte eine Nummer und hielt sich danach sein Handy an's Ohr. Nach wenigen Sekunden begann er, zu reden :"Swäl, Montana. Ich bin gerade mit Jay unterwegs zur Bar hier...die kennst du doch sicher, ne?" - "Ja, natürlich hat Jay es auch geschafft. Also die Bar kennst du, ne?" - "Perfekt. Dann hol Está, der Strolch wohnt ja direkt neben dir. Wir treffen uns da!" - "Leech, bis dann!" Joshua legte auf, steckte sein Handy wieder ein und nickte mir gelassen zu. Schon bald kamen wir an der Bar an. Mich wunderte es wirklich, dass Joshua so einfach da hin fand...für mich sieht dieses Viertel einfach überall gleich aus. Als wir die Bar betraten, erblickte ich schwarze Wände, einen braunen Holzboden, etliche Holztische, mit Holzstühlen, einigen Bildern an der Wand von irgendwelchen Menschen, die ich sowieso nicht kenne und am Ende eine Theke, hinter der sich eine Vitrine voller Alkoholflaschen befand. Vor der Vitrine standen große Barhocker, ebenfalls aus Holz. Zwei von ihnen waren besetzt...und zwar von Está und Montana. Joshua und ich gingen in ihre Richtung. Ich schlag mit meiner Handfläche einmal feste auf Montanas Rücken, woraufhin sich der Junge sofort etwas erschrocken umdrehte und mich erblickte. "Ach, wen haben wir denn da? Den Jay...", sprach er mit einem entspannten Lächeln und hielt mir seine Faust hin. Ich schlug ein und wiederholte den gleichen Prozess mit Está, der mich ebenfalls überrascht begrüßte. "Schön, dass wir es ja alle geschafft haben!", sagte Está, woraufhin ich antwortete :"Alle...mhm...sind eure Eltern auch getötet worden?" Daraufhin bekam ich als Antwort :"Qiez" - "Qiez" - "Qiez". Ich wollte gerade etwas sagen, doch da öffnete sich plötzlich mit einem lauten Knarren die Tür. Wir drehten uns um und erblickten einen jungen Mann mit kurzen braunen Haaren, braunen Augen, einer blauen Jeanshose, eine schwarzes T-Shirt, ein schwarzes Hemd und teuren blau-weißen Markenschuhen. Und wir alle kannten ihn. Er kam auf uns zu und sprach überrascht :"Ach. Seid ihr Strolche auch hier? Schön, dass ihr dieses Unglück überlebt habt!" - "Schön, dass DU es überlebt hast, Danny!", antwortete ich gelassen, "wäre doch ein Jammer, wenn der Barkeeper unserer Vertrauens umkommen würde!" Und ja, Danny war der Barkeeper unserer Stammkneipe und auch ein chilliger Typ. 22 Jahre alt, verheiratet, ein Kind, macht sich über wenig Dinge Sorgen und verdient sein Geld mit dem Mixen von Drinks...und das ist wirklich ein großes Talent von ihm. In der Kneipe war zwar wenig los, doch Danny machte die Bude auf einen Schlag lebhafter. Er sprang über die Theke und ging in den Mitarbeiterraum. Kurze Zeit später kam er mit einem Mann raus, der ein paar Jahre älter aussah, schwarze, etwas zerzauste Haare hatte und die gleiche Kleidung wie Danny trug. Ist halt auch eine typische Barkeeper-Kleidung. "Kollegen. Das ist mein älterer Cousin Billy. Alles, was ich über's Mixen von Getränken weiß, hab ich von ihm gelernt!", sprach er zu uns und schaute dann seinen Cousin an :"Ich lös dich mal ab, okay?" Billy nickte und ging zurück in den Mitarbeiterraum. "So, meine Kumpanen!", setzte Danny an, "das Übliche?" - "Das Übliche", bestätigte Está. Daraufhin antwortete Danny :"Das heißt...einen Kandiar für Jay, mit Brombeeren, Heidelbeeren und Cranberrys. Einen Tariiza für Joshua mit Zitronensäure und Orangensäure. Einen Kir für Montana und einen Energydrink mit einem Schuss Wodka für Está!" Nach dieser wie aus der Pistole geschossen Auflistung, entgegnete Montana :"Du bist der Beste. Auf dich ist halt Verlass!" Danny nickte gelassen und fing an, die Drinks zu mixen. Da die Getränke ein Bisschen brauchten, fingen wir an, uns zu unterhalten. "Und, wie ist es mit euren Geschwistern? Kahiko und ich haben Skye bei unseren Großeltern abgegeben", sprach ich zu Está und Montana. Letzterer entgegnete :"Genauso. Ich wäre dafür zu überfordert, zum Glück aber gibt es Großeltern!" - "Ay, qiez! Meine Geschwister sind auch bei ihren Großeltern. Da sind sie auch besser aufgehoben...aber apropos Geschwister, warum hast du Kahiko nicht auch direkt bei deinen Großeltern gelassen?", sagte Está, woraufhin wir alle anfingen, zu lachen. Ich antwortete :"Ganz ehrlich, ich dachte, mein kleiner Bruder würde sich die Seele aus dem Leib heulen, weil unsere Eltern jetzt tot sind. Aber was soll ich sagen, ich irrte mich...!" - "So, hier sind die Getränke!", sagte Danny, der uns unsere Gläser zuschob. Mir gab er direkt noch eine spitze Nadel, die ich anschließend in meine Vene stach und ein paar Tropfen Blut in meinen Candiar mischte. Was soll ich sagen, so trinkt man das halt...mit einpaar Tropfen Blut. Hat zwar dann einen leichten Eisen-Geschmack, aber es ist einfach klasse. "Wisst ihr...", sprach ich, trank einen Schluck und fuhr dann fort :"Mich lässt der Tod meiner Eltern völlig kalt..."


    „Also, über was willst du mit mir reden?“fragte mich Hokulani schüchtern.
    Wir gingen gerade zu zweit durch die Arcaden. Roumald, Carlos und Fabés waren in der Zwischenzeit mit Ri woanders in dem Kaufhaus unterwegs.
    „I-Ich wollte dich fragen, was du so für Hobbys hast und so…“meinte ich etwas ängstlich.
    „Warum verhältst du dich so komisch? Hast du etwa Angst?“
    „Naja“, begann ich, „ich war noch nie mit so einem wunderschönen Mädchen allein unterwegs…und…“
    „W-Wunderschönes Mädchen? F-Faro? I-Ist das dein Ernst?“
    „Q-Qiez, das ist mein Ernst.“
    Hokulani und ich sahen uns tief in die Augen, ihre Wangen liefen rot an, meine wahrscheinlich auch. Ich nahm ihre beiden Hände, mein ganzer Körper kribbelte.
    „Hoku, lass uns gehen!“rief jemand.
    Wir drehten uns nach rechts und sahen Ri, dicht gefolgt von Roumald. Ri hatte auch rote Wangen, sah aber verdammt wütend aus, Roumald hinter ihr grinste zufrieden. Als sie sah, dass wir Händchen hielten, schrie sie fast: „Was zur Hölle machst du da, Hoku? Hast du sie nicht mehr alle?“
    „W-Was m-meinst du?“fragte Hokulani verwirrt.
    Ri schubste mich weg und wollte gerade Hokulanis Hand nehmen, da zog sie Roumald zurück, nahm ihre Beiden Hände und sagte: „Warum bist du dagegen? Zwischen den beiden funkt es doch deutlich, da kannst du nichts dagegen tun. Was für eine Freundin wärst du dann, wenn du deiner Freundin das Glück vereitelst?“
    Ri starrte betreten zu Boden und Hokulani fragte Roumald: „W-Was meinst du mit ,Es funkt zwischen den beiden´?“
    „Na, das ist doch eindeutig. Liebe auf den Ersten Blick? Noch nie davon gehört?“
    Hokulani und ich sahen uns wieder in die Augen, im Chor sagten wir: „L-Liebe auf den Ersten Blick?“
    „Ich will jetzt nicht nerven, drängen oder so aber…Du darfst die Braut jetzt küssen, hehe.“
    Ich sah Roumald wütend an, er lachte nur. Hokulani schaute schüchtern zu Boden und Ri ging vor Zorn gleich in die Luft, da kamen Fabés und Carlos und schauten uns vier fragend an.
    „Ääähmm, wir fragen lieber nicht, oder?“meinte Carlos.
    Ri, Hokulani und ich bejahten sogleich, doch Roumald sagte: „Quario darz?“
    „Weil wir jetzt zum Rathaus müssen.“warf ich schnell ein.
    Roumald, Fabés und Carlos sahen mich fragend an, als ich mich schnell bei den Mädels verabschiedete, nahm Roumalds Hand und lief Richtung Ausgang, ich wollte einfach nur schnell weg, obwohl ich eigentlich noch gerne bei Hokulani geblieben wäre. War es wirklich Liebe auf den ersten Blick? Ich war mir nicht sicher. Als wir vor den Arcaden standen, fragte mich Roumald etwas wütend: „Was sollte das denn gerade?“
    „Dasselbe könnte ich DICH fragen. Was redest du da von Liebe auf den Ersten Blick und du darfst die Braut jetzt küssen? Hast du ´nen Blechschaden?“
    „Entschuldigung wenn ich dir helfen wollte, eine Freundin zu finden!“
    Wir wurden immer lauter.
    „Achja? Vielleicht will ich ja gar keine Freundin! Hör einfach auf, mich ständig verkuppeln zu wollen, leech?“
    „Soll ich vielleicht auch aufhören dein Freund zu sein, wenn du jetzt so mit mir herumschreist?“
    Ich sah ihn schockiert an, was hat er gerade gesagt?
    „Roumald…E-Es tut mir leid…Ich wollte dich nicht anschreien.“
    Ich sah ihn entschuldigend in die Augen, doch er sah mich noch immer wütend an.
    „Eigentlich ist es ja deine Schuld, Roumald. Du wolltest sie ja verkuppeln.“meinte Carlos etwas zornig.
    „Misch dich nicht ein, Carlos!“fuhr ihn Roumald an.
    Ich nahm Roumald an den Schultern und sagte: „Roumald! Jetzt beruhig dich erst einmal!“
    „Q-Qiez, E-Entschuldigung. Gehen wir jetzt zum Rathaus, oder nicht?“
    „Qiez, gehen wir. Dort können wir uns erkundigen, wo wir lernen können, mit unseren Waffen umzugehen.“
    Wir nickten alle und machten uns auf den Weg zum Rathaus.


    "Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass mich das groß beschäftigt. Als großer Bruder fühlt es sich nicht richtig an...", sprach Joshua und trank mit einem emotionslosen Blick einen Schluck Tariiza. "Geht mir auch so", antwortete ich, "ich habe das Gefühl, als großer Bruder darf man sich so was nicht ansehen lassen. Die jüngeren Geschwister brauchen einen in solchen Momenten...und wie sähe das aus, wenn gerade diese sich deswegen aus dem Konzept bringen lassen?" Está nickte, trank seinen Energydrink aus, zeigte Danny mit einer Geste, dass er noch einen haben möchte und antwortete dann :"Besonders der Gedanke, dass wir nun voll für unsere Geschwister verantwortlich sind...läuft mir eiskalt den Rücken runter." Danny, der mit 13 Jahren ebenfalls seine Eltern verlor, reichte Está den Drink und antwortete :"Ach...so schlimm ist das nicht. Gut, mir fallen selbst noch Situationen ein, in denen ich für die Dummheiten meines Bruder geradestehen musste, aber das hab ich hingenommen und mich mit meiner Verantwortung abgefunden!" - "Ja, aber es ist dann so, als müsste man sich praktisch sein ganzes Leben mit seinen jüngeren Geschwister befassen. Ich hoffe, dass Kahiko irgendwann auf sich selbst aufpassen kann...aber besonders im Krieg, von dem man ja nicht gerade erwarten kann, dass er in fünf Jahren vorbei ist, kann das zu einem Problem werden. Kazyero nervt!", antwortete ich und schlug meinen Kopf auf den Tresen. "Ihr seid alle so richtige Schweine!", sagte Joshua und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Getränk, "Ihr habt eure Geschwister alleine an der Backe. Ich hab wenigstens noch meine große Schwester Sophia, die sich auch mit Freuden um Butters kümmert!" Langsam hob ich meinen Kopf wieder, sah Joshua unglaubwürdig an und antwortete :"Silla! Das glaubst ja auch nur du! Ich meine, was willst du von einer 17-Jährigen erwarten, dass sie sich ewig mit dir um deinen Bruder kümmern kann?!" - "Aplaja...Lecio, Butters ist aber auch einer, der viel einstecken kann...", antwortete Joshua etwas nervös, woraufhin ich entgegnete :"Qiez, Silla! Weißt du noch, als er auf dem Spielplatz Sand in die Augen bekam? Und stell dir vor, der Junge hat nur ganze 20 Minuten lang geheult!" Daraufhin fingen Está, Montana und Danny an, laut zu lachen. "Ya wessa, Jay! Und über deinen...Zäl, wollen wir ja gar nicht erst reden!", sprach Joshua etwas gereizt. Montana, der schon länger nichts mehr gesagt hatte, sondern sich mehr auf seinen Kir konzentrierte, sprach :"Ach komm, Yoshi! Butters ist acht und Kahiko ist 14...das kann man nicht vergleichen!" Mit einem teuflischen Blick antwortete Yoshi :"Wer sagt denn, dass ich von der Gegenwart rede?" - "Ay, crivet!", sprach ich etwas geschockt, "Halt bloß die Fresse, was das angeht!" Und um zu verhindern, dass mir Yoshi für die nächsten 20 Minuten wieder Selbstmordgedanken hervorruft, trank ich den Rest Candiar aus meiner Fleische auf Ex aus. Anschließend spürte ich eine leichte Benommenheit. Trotzdem orderte ich noch eine Flasche. "Käran Szej Led!", sagte Joshua, "Kein Grund, dich deswegen jetzt ins Koma zu trinken!" - "Bitte...", knurrte ich, "sagt mal. Montana und Está...habt ihr auch Waffen?" Daraufhin griff Montana in seine Tasche, holte eine Pistole und ein Kampfmesser heraus und zeigte sie mir :"Klar. Einfach vom Militär bekommen. Einmal ne Gat-28, nette Pistole aus Techoras und ein Army-Kampfmesser. "Caviza! Und du Está?", antwortete ich, woraufhin Está zwei Dolche, mit Drachensymbolen zückte und einige Shurikens. "Nèz caviza! Wo hast du denn die Shurikens her?", fragte ich neugierig. "Von meinem Onkel. Der war mal ein Jahr in Japan und hat die mitgebracht. Ich finde die Dinger ziemlich nice!" - "Ach, Está mit seinem Englisch-Tick!", sprach Montana lachend und spielte damit auf das "nice" an. Ich sprach daraufhin :"Aplaja, zum Glück hat jeder etwas, womit er sich verteidigen kann. Väyn cer led!" - "Ey, Jay. Zeig mal dein Schwert am Rücken!", sagte Montana. Ich nahm das Schattenschwert von meinem Rücken und zog es aus deiner Hülle. Está, Montana, Danny schauten es fasziniert an. Para faro...ich konnte es mir nicht verkneifen, die faszinierende Geschichte zu Drako zu erzählen.


    MfG
    Gin Serpiroyal

  • Kapitel 4: Elemente


    "Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass mich das groß beschäftigt. Als großer Bruder fühlt es sich nicht richtig an...", sprach Joshua und trank mit einem emotionslosen Blick einen Schluck Tariiza. "Geht mir auch so", antwortete ich, "ich habe das Gefühl, als großer Bruder darf man sich so was nicht ansehen lassen. Die jüngeren Geschwister brauchen einen in solchen Momenten...und wie sähe das aus, wenn gerade diese sich deswegen aus dem Konzept bringen lassen?" Está nickte, trank seinen Energydrink aus, zeigte Danny mit einer Geste, dass er noch einen haben möchte und antwortete dann :"Besonders der Gedanke, dass wir nun voll für unsere Geschwister verantwortlich sind...läuft mir eiskalt den Rücken runter." Danny, der mit 13 Jahren ebenfalls seine Eltern verlor, reichte Está den Drink und antwortete :"Ach...so schlimm ist das nicht. Gut, mir fallen selbst noch Situationen ein, in denen ich für die Dummheiten meines Bruder geradestehen musste, aber das hab ich hingenommen und mich mit meiner Verantwortung abgefunden!" - "Ja, aber es ist dann so, als müsste man sich praktisch sein ganzes Leben mit seinen jüngeren Geschwister befassen. Ich hoffe, dass Kahiko irgendwann auf sich selbst aufpassen kann...aber besonders im Krieg, von dem man ja nicht gerade erwarten kann, dass er in fünf Jahren vorbei ist, kann das zu einem Problem werden. Kazyero nervt!", antwortete ich und schlug meinen Kopf auf den Tresen. "Ihr seid alle so richtige Schweine!", sate Joshua und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Getränk, "Ihr habt eure Geschwister alleine an der Backe. Ich hab wenigstens noch meine große Schwester Sophia, die sich auch mit Freuden um Butters kümmert!" Langsam hob ich meinen Kopf wieder, sah Joshua unglaubwürdig an und antwortete :"Silla! Das glaubst ja auch nur du! Ich meine, was willst du von einer 17-Jährigen erwarten, dass sie sich ewig mit dir um deinen Bruder kümmern kann?!" - "Aplaja...Lecio, Butters ist aber auch einer, der viel einstecken kann...", antwortete Joshua etwas nervös, woraufhin ich entgegnete :"Qiez, Silla! Weißt du noch, als er auf dem Spielplatz Sand in die Augen bekam? Und stell dir vor, der Junge hat nur ganze 20 Minuten lang geheult!" Daraufhin fingen Está, Montana und Danny an, laut zu lachen. "Ya wessa, Jay! Und über deinen...Zäl, wollen wir ja gar nicht erst reden!", sprach Joshua etwas gereizt. Montana, der schon länger nichts mehr gesagt hatte, sondern sich mehr auf seinen Kir konzentrierte, sprach :"Ach komm, Yoshi! Butters ist acht und Kahiko ist 14...das kann man nicht vergleichen!" Mit einem teuflischen Blick antwortete Yoshi :"Wer sagt denn, dass ich von der Gegenwart rede?" - "Ay, crivet!", sprach ich etwas geschockt, "Halt bloß die Fresse, was das angeht!" Und um zu verhindern, dass mir Yoshi für die nächsten 20 Minuten wieder Selbstmordgedanken hervorruft, trank ich den Rest Candiar aus meiner Fleische auf Ex aus. Anschließend spürte ich eine leichte Benommenheit. Trotzdem orderte ich noch eine Flasche. "Käran Szej Led!", sagte Joshua, "Kein Grund, dich deswegen jetzt ins Koma zu trinken!" - "Bitte...", knurrte ich, "sagt mal. Montana und Está...habt ihr auch Waffen?" Daraufhin griff Montana in seine Tasche, holte eine Pistole und ein Kampfmesser heraus und zeigte sie mir :"Klar. Einfach vom Militär bekommen. Einmal ne Gat-28, nette Pistole aus Techoras und ein Army-Kampfmesser. "Caviza! Und du Está?", antwortete ich, woraufhin Está zwei Dolche, mit Drachensymbolen zückte und einige Shurikens. "Nèz caviza! Wo hast du denn die Shurikens her?", fragte ich neugierig. "Von meinem Onkel. Der war mal ein Jahr in Japan und hat die mitgebracht. Ich finde die Dinger ziemlich nice!" - "Ach, Está mit seinem Englisch-Tick!", sprach Montana lachend und spielte damit auf das "nice" an. Ich sprach daraufhin :"Aplaja, zum Glück hat jeder etwas, womit er sich verteidigen kann. Väyn cer led!" - "Ey, Jay. Zeig mal dein Schwert am Rücken!", sagte Montana. Ich nahm das Schattenschwert von meinem Rücken und zog es aus deiner Hülle. Está, Montana, Danny schauten es fasziniert an. Para faro...ich konnte es mir nicht verkneifen, die faszinierende Geschichte zu Drako zu erzählen.
    „Swäl.“begrüßte ich die Empfangsdame.
    „Swäl, wie kann ich euch helfen?“erwiderte sie freundlich.
    Roumald fragte: „Können sie uns sagen, wo wir Schwert- und Bogenmeister finden können?“
    „Ich werde einmal im Computer nachsehen…Es gibt einen Großmeister in Aphaio, der Schwert, Bogen und noch vieles mehr beherrscht, ist das was für euch?“
    „Qiez, können sie uns bitte sagen, wo wir ihn finden?“meinte Fabés aufgeregt.
    „Ihr findet ihn in den Aphaiokatakomben.“
    Wir sahen die Dame verwirrt an.
    „IN den Katakomben?“fragten wir vier im Chor.
    „Qiez, er wohnt tatsächlich dort unten, und das schon seit zwanzig Jahren. Er ist fünfzig Jahre alt und heißt Sorao Piaré. Aber man munkelt, dass er nicht mehr so helle ist, aber dies sind nur Gerüchte. Ihr findet die Katakomben wenn ihr vom Rathausplatz nach rechts zum Schwerterplatz geht.“
    „Vielen Dank für die Informationen, kialz!“sagte ich und wir verließen das Rathaus.
    Wir gingen zum besagten Schwertplatz und sahen einen menschenleeren Platz, in der Mitte stand eine Wache vor einer Absperrung, ich konnte nicht erkennen, was hinter ihr war. Wir gingen auf den Soldaten zu und Carlos fragte ihn: „Entschuldigung, wissen sie, wo wir die Katakomben finden?“
    Die Wache sah uns musternd an ging einen Schritt zur Seite und zeigte auf eine Treppe, die in den Erdboden ging.
    „Dort rein, hier ist eine Taschenlampe.“
    Der Soldat gab uns eine Taschenlampe und wir betraten die Katakomben mit flauem Gefühl im Magen. Als wir unten angekommen waren, war es stockdunkel, ich sah nicht einmal meine Hand, geschweige denn irgendetwas in dieser Schwärze. Ich schaltete die Lampe an, vor uns war ein modriger Holzweg, an den Wänden hingen Skelette, Totenköpfe waren auf Speere aufgespießt worden, überall waren Spinnennetze. Wir alle hatten große Angst, verdammt große Angst. Sei wie Jay, hab keine Angst!, dachte ich mir immer wieder, aber trotzdem zitterte ich am ganzen Körper. Als wir nach einer Weile endlich den Gang verließen und in einen großen, runden Raum kamen, entfachten sich plötzlich alle Fackeln an den Wänden und die einzigen zwei Ausgänge wurden durch Fallgitter versperrt, wir saßen in der Falle.
    Rücken an Rücken standen wir in der Mitte des Raumes, als wir eine krächzende Stimme hörten: „Wer seid ihr und was macht ihr an so einem unheimlichen Ort?“
    „W-Wir suchen Sorao Piaré.“sagte ich ängstlich.
    „Warum sucht ihr ihn?“fragte die immer Stimme, die immer näher zu kommen schien.
    „W-Wir wollen ihn darum bitten, dass er uns unterrichtet.“sprach Roumald, er hatte gleich viel schiss wie ich.
    „Hahahaha! Euch schmächtige Gestalten soll ich trainieren, ihr habt sie doch nicht mehr alle.“
    Wir drehten uns alle zu dem Eingang, aus dem wir gerade gegangen waren und sahen einen Mann mit langen, braunen Haaren, einem Stoppelbart und alten, zerrissenen Klamotten. Er hatte grüne Augen und ein rotes Kopfband um den Kopf.
    „Bist du Sorao Piaré?“fragte ich etwas verwirrt, da ich ihn mir anders vorgestellt habe.
    „Qiez, der einzig wahre. Ich soll euch trainieren? Dann beweist, dass ihr das Zeug habt, meine Schüler zu werden. Wie heißt ihr?“
    „Faro ce Roumald Houssand.“
    „Faro ce Carlos de la Merta.“
    „Faro ce Fabés Shiqo.“
    „Faro ce Kahiko Veljeta.“
    Wir sahen ihn ernst an, dann gab er uns die Erste von drei Prüfungen.
    "Also ich muss sagen, dass das ziemlich geil ist!", sprach Montana, der genauso wie ich, sein Blick nicht mehr von meinem Schwert abwenden konnte. "Serwerla! (Sicher doch!)", antwortete ich. Daraufhin sagte Está :"Angesichts der Tatsache, dass einer deiner Vorfahren Imperator war und du dieses abnormal geile Schwert hast, MUSST du einfach Imperator werden! Väyn hechor dravez! (Das musst du!)" - "Ja, mag schon sein!", entgegnete ich selbstsicher grinsend, steckte das Schwert wieder in seine Hülle und legte es wieder an meinem Rücken an. "Echt, Leute. Stellt euch mal vor, der beste Freund des Imperators zu sein. Da gäbe es Sonderrechte, ne Jay?, meldete sich Yoshi zu Wort. "Bruder, keine Ahnung", entgegnete ich nachdenklich, "ich weiß noch nicht einmal, wie der Job eines Imperators aussieht. Auf was man achten muss und so weiter. Techoras regieren ja schön und gut, aber ich weiß nicht, was man sich in der Position leisten kann...und besonders, ohne sich unbeliebt zu machen!" - "Stimmt auch wieder...", antwortete Montana und trank einen Schluck, "naja...kriegst du sicher schon irgendwie hin! Aber weißt du auch, wie du mit dem Schwert umgehst, geschweige denn Elemente damit beherrschst?" - "Weder noch", antwortete ich, überrascht, dass Montana und sicher auch Está und Joshua von den Elementen wussten, "aber mein Opa sagte, es gäbe in irgendeiner Stadt, dessen Name ist gerade vergessen habe, einen Lehrmeister, der mir das ganze zeigen kann." Está sah mich unsicher an und fragte :"Und gehst du da hin?" Daraufhin antwortete ich ebenfalls unsicher :"Ich weiß nicht...einerseits wisst ihr, wie ich hasse, mir von anderen was sagen oder erklären zu lassen..." Sofort ertönte von allen dreien im Chor "Ay qiez!" (Oh ja!) begleitet von einem bestätigenden Nicken. "Andererseits finde ich dieses Schwert echt geil und will auf jeden Fall wissen, wie man damit umgeht!", vollendete ich meinen Satz, ohne natürlich zu vergessen, mir meine Unentschlossenheit auch in der Stimme anhören zu lassen. "Tja, Jay. Du musst dich entscheiden...also ich würde so ein Schwert nicht einfach ignorieren, es könnte ziemlich mächtig sein!", antwortete Joshua, der mir schon ziemlich oft bei Entscheidung geholfen hat. Naja, normalerweise betrinke ich mich, wenn ich nicht weiter weiß...aber hier schien es wohl nicht von Nöten zu sein. "Alles klar!", stand ich auf und war mir meiner Entscheidung bewusst, "Dann werde ich eben lernen, wie man mit dem Schwert umgeht!" - "So will ich das hören! So und nicht anders!", entgegnete Montana mit einer Kommandantenstimme. Ich nickte und ließ mich sofort wieder auf den Stuhl fallen, weil mir von dem Alkohol etwas schwindelig war. Nach einer Minute Stille fiel mir plötzlich ein, dass sich Kahiko noch gar nicht bei mir gemeldet hatte. Ich fragte mich, wo mein Bruder sich rumtrieb. Gut, er war mit seinen Freunden unterwegs, aber ich hätte irgendwie erwartet, er würde mal anrufen...hat er sonst auch immer gemacht...naja, damals lebten unsere Eltern auch noch und wenn ich nicht rund um die Uhr auf ihn aufgepasst hätte, hätten meine Eltern mir dir Hölle heiß gemacht. Ich hab Kahiko zwar damals auch schon ab und zu alleine gelassen, aber meinen Eltern nie was gesagt...und rausgefunden hatten sie es auch noch nie. Aplaja, ihm wird schon nichts passieren, er hat ja seinen komischen Bogen da...


    „Also“, fing Sorao an, „eure erste Prüfung besteht darin, dass ihr mir dieses Buch dort holt.“
    Er zeigte auf ein Buch auf einem Sockel am Ende einer mit Fackellicht beschienene Gang. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine normale Gasse, aber irgendwas machte mich misstrauisch.
    „Ihr müsst im Team arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Ich bin gespannt, wie ihr das schafft.“
    „Das ist doch nur ein normaler Gang, was soll daran schwer sein?“meinte Roumald irritiert.
    Roumald wollte gerade den Gang betreten, als plötzlich der Boden unter seinen Füßen nachgab und er schnell wieder zurückging. Nun war ein Loch in diesem sonst scheinbar normalen Gang.
    „Es gibt nur einen Weg über diesen Gang, der Rest führt in die Tiefe. Ihr müsst als Team arbeiten und eure Elemente einsetzten um da heil rüberzukommen.“
    „Unsere Elemente? Wie sollen wir das anstellen?“fragte Fabés verwirrt.
    „Das ist euch überlassen.“sagte Sorao grinsend.
    Na toll, dachte ich als ich meinen Bogen zückte und mir einmal den Gang ganz genau ansah. Wir müssen unsere Elemente verwenden? Nur, wie?
    „Schieß die Fackeln aus.“meinte Fabés zu mir.
    „Die Fackeln ausschießen? Wie soll das denn gehen? Die Pfeile fangen ja dann Feuer.“sagte ich skeptisch.
    „Du hast doch Lichtpfeile, die werden das schon machen.“
    Ich zuckte mit den Schultern und zielte auf die Fackelreihe. Ich spannte den Bogen und ließ los. Der Pfeil sauste durch die Fackeln und Fabés hatte Recht, die Fackeln erloschen. Dann schoss ich auch auf der anderen Seite die Fackeln aus. Es war komplett dunkel.
    „Schieß noch einen Pfeil, Kahiko.“sprach Fabés in der Dunkelheit.
    Ich tat wie mir Befahl. Sobald ich den Pfeil geschossen hatte, sah man am Boden gewisse Platten aufleuchten, doch nach einigen Augenblicken erloschen sie wieder.
    „Die Platten, die aufleuchten, sind die festen Platten. Roumald, du bist der wendigste und der beste Springer von uns. Da die Platten eher weit voneinander entfernt sind, wirst du deshalb hinüber hüpfen. Kahiko wird immer wieder Pfeile schießen, damit du den Pfad siehst. Carlos hilft dir, auf die ersten Platten zu kommen, da diese weit weg von uns sind.“ erklärte Fabés, worauf wir bejahten. Ich schoss wieder einen Pfeil, worauf Carlos seine Hände wie bei einer Räuberleiter zusammentat und Roumald auf ihn zulief und mit dem Drall durch den Schwung , dem Carlos ihm mit seinen Händen gab, sprang Roumald auf die erste Plattform, dann wurde es wieder dunkel.
    „Pass auf, dass du mich nicht triffst, Kahiko!“meinte Roumald worauf ich grinsen musste.
    „Keine Sorge, wird schon schiefgehen.“erwiderte ich und schoss den nächsten Pfeil.


    "Ich frage mich wirklich, wie ich eigentlich mit meinem Element umgehen kann...", sagte ich mit einem nachdenklichen Blick. Daraufhin antwortete Está :"Ich hab schon einiges darüber gelesen...vielleicht könnte ich dir helfen!" Ich trank den letzten Schluck aus meiner Flasche und fühlte mich auf einen Schlag noch etwas schwindeliger. "Ach ja? Glaubst du wirklich, du kannst mir zeigen, wie ich Schatten beherrsche?", fragte ich Está etwas misstrauisch. Es wäre natürlich richtig klasse, wenn er das könnte...und zutrauen könnte ich es ihm auch, schließlich ist Está der Schlauste hier von uns. "Ich kann's versuchen, sollen wir es gleich mal ausprobieren?" Ich nickte nur stumm. "Okay, suchen wir uns dafür dann besser einen abgelegenen Ort aus!", sagte Yoshi und trank den letzten Schluck Tariiza aus. Das Gleiche machten auch Está und Montana. Wir reichten Danny die Flaschen und Yoshi gab ihm noch einen Geldschein. "Gryvezo! Wir sehen uns dann!", verabschiedete sich Danny lässig. "Auf jeden Fall!", antwortete Yoshi und verließ mit uns die Bar. "So, ich schlage vor, wir gehen in den Park, da gibt es einige gute...ich sage mal 'Verstecke', wo wir das ungestört machen könnten!", schlug Está vor und richtete seinen Blick gen Osten. "Okay, wieso nicht.", entgegnete ich und ging zusammen mit Está, Yoshi und Montana in Richtung Park. Der war von hier auch nicht gerade weit. Als wir uns ihm näherten, gingen wir über eine hölzerne Brücke, die schon ziemlich alt, aber noch recht stabil aussah. Unter der Brücke ein Fluss, in dem etliche Fische schwammen. Natürlich konnten es sich Montana und Está nicht verkneifen, in den Fluss zu spucken und zu wetten, wer die meisten Fische trifft. Das erinnerte mich gleich an den Park in Kaleon. Auch von einem Fluss umgeben, über dem sich ebenfalls eine Holzbrücke befand, veranstalteten die Beiden immer ein Wettspucken. Ansonsten legten wir uns ab und zu auf dicke Äste und chillten dort etwas, spielten Fußball oder vertrieben uns anders die Zeit."Kommt ihr mal?!", rief ich, als Yoshi und meine Wenigkeit schon ein kleines Stück weitergegangen waren, aber Montana und Está noch mit Spucken beschäftigt waren. Daraufhin rannten die Beiden sofort zu uns. Wir gingen zusammen weiter durch den Park. Es war wirklich ein sehr schöner Park, Wiesen, die in einem prächtigen Grün in's Auge stachen, ein großer Spielplatz, auf dem sich glücklich aussehende Kinder vergnügten, während die Eltern auf den hölzernen Bänken saßen und sich unterhielten und etliche Apfelbäume, von denen ich mir einen Apfel nahm und ihn aß. Weiterhin gab es steinige Wege, teilweise ziemlich schattig, von den hohen Bäumen, aber wirklich perfekt, um einmal die Seele baumeln zu lassen. Das erinnert mich alles so sehr an Kaleon...meine Heimatstadt...wie sehr ich sie vermisse. 15 Jahre lang lebte ich in dieser Stadt, lernte, sie zu lieben, sie zu achten und meine Zeit in ihr voll auszukosten. Der Gedanke daran, dass das alles nicht mehr da ist, ist wirklich ärgerlich. Trotzdem weinte ich dieser Stadt keine Träne nach. Sie hatte auch ihre schlechten Seiten, dafür genoss ich die Guten aber in vollen Zügen. "Okay, hier könnte ein guter Platz sein!", sprach Está und schob einige Büsche und Äste beiseite, woraufhin wir an einem kleinen schattigen Plätzchen ankamen, über dem hier und da einige Eichhörnchen und Kaninchen huschten. "So, bereit für den Unterricht, Jay?", fragte Está mich, woraufhin er von mir die Antwort bekam :"Treib es nicht zu weit, Está!" - "Käran Szej led. So, dann stell dich einmal in die Mitte und ich versuche, dir zu erklären, wie man Schatten beschwört. Ich biss noch einmal in meinen Apfel, warf ihn anschließend weg und stellte mich in die Mitte des kleinen Platzes. "Dann lass mal hören, Sherlock!", sprach ich zu Está, gespannt darauf, was gleich passieren würde.


    „Led, gleich bist du dort Roumald!“rief Carlos etwas erleichtert.
    Ich holte gerade den letzen Pfeil aus meinem Köcher und sagte laut zu Roumald: „Jetzt musst du schnell sein, ich hab nur mehr einen Pfeil!“
    „Quer? Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“fragte Roumald etwas aus der Fassung.
    Ich bejahte während er laut fluchte. Ich spannte den Bogen und ließ los. Die Platten leuchteten, Roumald sprang so schnell er konnte, doch als er die vorletzte Platte erreichte, erlosch das Licht und es war wieder stockdunkel. Ich hörte etwas hinunter brechen und rief sofort. „Roumald! Alles in Ordnung?“
    „Q-Qiez…Ich bin beim Buch…“keuchte Roumald.
    Plötzlich wurde der Gang wieder durch den Fackelschein erhellt und Roumald hielt das Buch in der Hand.
    „Nur eine Frage…Wie komm ich wieder zurück? Muss ich wieder springen?“fragte Roumald, worauf Sorao meinte: „Keine Sorge, du musst nicht wieder springen.“
    Sorao zog seinen Bogen vom Rücken, welchen ich erst jetzt bemerkte, da man ihn von vorne nicht sah, und sagte, wir sollen hinter ihm gehen. Der Bogen hatte eine glänzende Oberfläche und viele braune und ockerfarbene Verzierungen. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, den er am Rücken trug, spanne ihn ein und schoss in die Tiefe als auf einmal vor ihm Säulen empor schossen, die aber wieder runterfuhren und auf gleicher Höhe wie der alte Pfad stehenblieben.
    „Lassen sie mich raten, ihr Element ist Gestein, oder?“fragte Fabés erstaunt.
    „Qiez, das ist es. Jetzt kannst du rüberkommen.“meinte Sorao grinsend.
    Roumald musterte zuerst etwas skeptisch den Säulenweg, ging dann aber schnell drüber.
    „Was sollen wir jetzt mit diesem Buch?“meinte Carlos irritiert.
    „Das wird euch noch nützlich sein. Folgt mir nun zur zweiten Prüfung.“meinte Sorao.
    Wir nickten und folgten ihm aus dem Gang in einen runden Raum, der aber um einiges größer war als der runde Raum zuvor. In der Mitte des Raumes blieben wir stehen.
    „Die Katakomben waren einmal die geheime Trainingsstätte der Imperatoren von Techoras, der Imperator vor West, Lyko Träynce, trainierte auch hier, aber West trainiert hier nicht mehr, da er es für zu altmodisch, unsicher, gefährlich und schmutzig hält. Aber es gibt hier noch einige Trainingsapparaturen, die noch ganz gut in Schuss sind, und mit denen werdet ihr nun in der zweiten Prüfung konfrontiert. Jeder Einzeln, da ja jeder eine andere Waffe besitzt. Du mit den Tomahawks, Roumald, richtig? Du fängst an.“
    Roumald bejahte selbstbewusst-zumindest versuchte er, selbstbewusst zu sein-und Sorao ging zu einer Wand des Raumes an dem ein Holzkasten war.
    „Ihr anderen drei kommt zu mir, Roumald bleibt in der Mitte.“sprach Sorao.
    Wir liefen schnell zu ihm und Roumald zog seine beiden Tomahawks.
    „Bereit?“fragte Sorao herausfordernd.
    „Qiez, das bin ich.“erwiderte Roumald während Sorao einen Hebel im Holzkasten umlegte.


    "Okay, Jay. Ich erkläre dir mal, worauf es bei der Elementbeherrschung ankommt", fing Está an, zu erklären, während ich versuchte, aufmerksam zu sein, "in dir und auch jedem Anderen, der Elemente beherrscht, steckt die so genannte 'Elementare Kraft', die auch 'Qajô' genannt wird und dafür sorgt, dass dein Element mit der Umwelt interagieren kann und du somit auch die Kontrolle darüber hast. In deinem Fall geht es um die Tageszeiten, Schatten und teuflische Gestalten, wie Dämonen. Das Qajô macht es also möglich, mit genau diesen Dingen zu interagieren, die halt aus deiner Umwelt erzeugt werden. Tageszeiten erkennst du im Himmel und Schatten siehst du überall."
    Ich hörte Está interessiert zu, obwohl ich eigentlich nicht der Typ bin, in dessen Genen eine lange Aufmerksamkeitsspanne hockt und darauf wartet, sich die längsten Geschichten anzuhören...meine Geschwister und besonders meine Lehrer könnten ein Lied darüber singen. Naja, obwohl ich ziemlich gut in der Schule bin, habe ich gelernt, dass Minimum an Aufmerksamkeit, das ich besitze, auszuschöpfen. Und ich kann mich nicht beklagen, ich habe einen Notendurchschnitt von 1,9 und bin trotzdem jemand, der nach fünf Sekunden nicht mehr zuhört. "So. Fangen wir mit was Leichtem an!", sprach Está, während ich mir seine vorherige Predigt durch den Kopf gehen ließ. "Als Erstes solltest du natürlich in der Lage sein, einen Schatten zu beschwören. Bei Beschwörungen spielt die Gestik eine Rolle, du musst die Schatten praktisch wie Marionetten steuern. Aber das erkläre ich dir gleich alles noch in Ruhe. Versuch erst einmal einen Schatten aus den Boden zu beschwören. Streck mal deine Hand aus, mit dem Handrücken nach oben." Ich tat einfach mal was er sagte und streckte meine linke Hand aus.
    "Und jetzt?", fragte ich.
    Daraufhin antwortete Está prompt :"Jetzt musst du deine elementare Kraft, also dein Qajô in deine Fingerspitzen verlagern. Sie stellen gleich die Kontaktpunkte zwischen dir und dem zu beschwörenden Schatten dar."
    "Und wie soll ich das bitte machen? Soll ich mich kopfüber von einem Baum hängen lassen, damit das Qajô mitsamt meinem Blut komplett in meine Hand fließt, oder wie?", fragte ich etwas ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich das, was mir Está sagte, jetzt anstellen sollte.
    "Konzentrier dich einfach, Jay!", antwortete Está knurrend, "Zur Not stell dir einfach ganz fest vor, wie das Qajô in deine Hände fließt! Wenn du glaubst, dass du soweit bist, heb deine Hand und wir werden sehen, ob du einen Schatten beschwören kannst!" Ich schloss daraufhin meine Augen und stellte mir das Qajô in meinem Körper als fließende Energie vor, die von meinem ganzen Körper in die Fingerspitzen meiner linken Hand flossen. Währenddessen atmete ich stetig tief ein und aus und versuchte, meine Umgebung komplett auszublenden. Das Zwitschern der Vögel, das von den Eichhörnchen in den Bäumen verursachte Rascheln der Blätter, leises Menschengerede...einfach alles. Nachts würde mir so etwas viel leichter fallen, aber was bringt mir ein Schatten nachts, wenn ich nichts sehen kann, geschweige denn, wenn MAN den Schatten nachts nicht sehen würde. Nach einer halben Minute fühlte ich ein seltsames Gefühl in meinen Fingerspitzen, ein Gefühl, als würde jemand ganz leicht an meinen Fingern ziehen. Intuitiv hob ich meine Hand, öffnete meine Augen und schaute, ob ich einen Schatten beschworen hatte. Doch leider war dem nicht so. Auch das Gefühl in meinen Fingern war wieder weg.
    "I-Ich habe gerade etwas gespürt...ich habe wirklich das Qajô in meinen Fingern gespürt!", sprach ich und sah dabei in Estás Richtung.
    Er entgegnete daraufhin :"Ja, sei aber nicht sparsam damit. Heb zuerst die Hand, wenn du dir ganz sicher bist, dass es genug ist. Und konzentrier dich!" Ich wiederholte den Vorgang von eben und verharrte noch etwas länger in dieser starren und ruhigen Position. Als ich wieder dieses Ziehen in meinen Fingern spürte, versuchte ich, mich dennoch zu konzentrieren, bis es stärker wurde. Und das wurde es nach einiger Zeit auch. Als ich das Gefühl hatte, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen sei, hob ich blitzschnell meine Hand und öffnete meine Augen. Doch leider wieder nichts...
    "Ja, gut. Manchmal kann es ein paar Anläufe dauern!", sprach Está, der mich dabei die ganze Zeit beobachtete.
    "Vielleicht stört dabei der Handschuh!", antwortete ich und sah auf meinen schwarzen Handschuh, der ziemlich geil an meiner linken Hand aussah.
    Nein, keine Sorge! Handschuhe oder andere Gegenstände beeinflussen das nicht. Du musst es einfach öfters versuchen, irgendwann wird es schon funktionieren...mehr oder weniger!", antwortete er.
    Ich wiederholte den Vorgang immer wieder, doch ich hatte einfach keinen Erfolg. Ich wiederholte ihn viermal, fünfmal, sechsmal, siebenmal...und plötzlich! Beim achten Mal stieg aus dem Boden ein Schatten empor, der etwa meine Größe hatte. Ich sah ihn mit großen Augen an. Ein großes, schwarzes, menschen- und formloses Geschöpf, welches ruhig in der Luft schwebte und wohl auf einen Befehl wartete. "Alter, ist das geil!", sprach Yoshi, als er staunend den Schatten anstarrte. Auch Montana und Está war die Überraschung deutlich anzusehen. "Gut, gut, Jay. Versuche jetzt, nicht dein Qajô wieder aus deinen Fingern fließen zu lassen. Konzentrier dich und versuche, es weiter drinnen zu halten! Wenn deine Energie wieder entfließt, hat der Schatten auch keine Quelle mehr, aus die er Energie beziehen kann und verschwindet!", rief Está mir zu.
    "Okay! Und wie kontrolliere ich den Schatten jetzt?!", fragte ich Está.
    "Das erkläre ich dir jetzt!", entgegnete Está und weckte in mir den Verdacht auf eine weitere lange Erklärung...


    „Jetzt bist du dran, Kahiko. Wenn du es schaffst, gibt es die letzte Prüfung, wenn du es nicht schaffst, dann verschwindet ihr aus den Katakomben.“meinte Sorao.
    Ich ging in die Mitte des Raumes und sah zu den Anderen. Roumald und Fabés hatten die Prüfung gerade so bestanden, Carlos hatte sie vergeigt. Jetzt hing alles an mir, dachte ich als ich meinen Bogen in die Hand nahm.
    „Bist du bereit, Kahiko?“fragte Sorao.
    Ich nickte und er legte einen Hebel um. Plötzlich schossen überall runde Zielscheiben aus Schlitzen in der Kuppel, ich versuchte, sie zu treffen. Die ersten gingen noch, aber die Ziele kamen immer schneller und verschwanden immer schneller, was es mir als Anfänger sehr schwer machte, aber bis jetzt habe ich nur ein paar nicht getroffen. Ich konzentrierte mich sehr, doch auf einmal hörte ich etwas hinter mir, es hörte sich an als würde jemand seine Waffe ziehen. Ich drehte mich schnell um, spannte den Bogen. Geschätzte fünf Meter vor mir war eine Puppe mit einer Waffe in der rechten Hand, mit der sie wild herumfuchtelte, sie kam immer näher. Die Puppe bewegte sich durch eine Schiene am Boden vorwärts. Ich zielte kurz und traf die Puppe am Kopf, worauf diese einen geschätzten Meter vor mir stehen blieb.
    „Led, du hast bestanden. Kommen wir jetzt zur letzen Prüfung.“meinte Sorao als er zu mir ging.
    „Und die wäre?“fragte Roumald etwas skeptisch.
    „Ihr drei werdet gemeinsam gegen mich antreten. Wenn ihr mich besiegt, habt ihr bestanden.“
    Wir sahen ihn ungläubig an. Normalerweise wären wir im Vorteil, da wir ja Vier gegen Einen waren, aber er war ja auch ein Großmeister, was die Sache sicher um so einiges erschwerte.
    „Wir alle sollen gegen sie antreten? Ist das ihr Ernst?“meinte Fabés skeptisch.
    „Qiez, das ist mein Ernst. Ihr müsst aber eure Elemente einsetzen, sonst kommt ihr gegen mich glaub ich nicht weit.“sagte er herausfordern, worauf wir uns um ihn aufstellten. Jeder von uns war in etwa zehn Meter von ihm entfernt.
    „Seid ihr bereit für die letzte Prüfung?“fragte er uns während er seinen Bogen in die Hand nahm.
    Wir bejahten laut und er rief: „Dann geht´s jetzt los!“
    Er schoss blitzschnell vier Pfeile in den Boden, einen vor Roumald, einen vor Carlos, einen vor Fabés und einen vor mir, plötzlich fing die Erde an zu beben und aus dem Boden schoss eine Gesteinswand, im Zentrum dieser Mauer war Sorao. Drüber konnte man nicht, da die Mauer bis zu Kuppel reichte, drunter konnte man sowieso nicht, also blieb nur der direkte Weg durch.
    Carlos, Fabés und Roumald liefen zu mir und Fabés meinte: „Wie sollen wir nur diese Mauer knacken? Das ist unmöglich!“
    „Er meinte, wir sollen unsere Elemente einsetzen, versuchen wir es einfach einmal. Welche Elemente habt ihr?“fragte ich.
    „Frio Qajô ces Vileno.“sagte Roumald.
    „Frio Qajô ces Giugeno.“sprach Carlos.
    „Frio Qajô ces Eliuez.“antwortete Fabés.
    „Was mein Element ist, wisst ihr ja. Also, wie können wir die Mauer durchbrechen? Blind darauf rumschlagen wird wohl nichts bringen.“meinte ich während wir vier die brachiale Mauer ansahen.


    Montana und Joshua begutachteten den Schatten genau so interessiert, wie Está und ich. "So. Du hast jetzt einen Schatten beschwört, heißt aber natürlich nicht, dass du das perfekt drauf hast. Das übst du am Besten öfters, damit du das auch sicher hast!", sprach Está, woraufhin ich antwortete :"Alles klar, Está. Ich steche dich dann später ab!" Ein lautes Lachen konnten sich Montana und Joshua nicht verkneifen, nur Está blieb ernst. "Witzig, Jay. Aplaja, ich erkläre dir jetzt einfach mal, wie du Schatten kontrollierst. Dafür brauchst du jetzt beide Hände und deine Gedankenkraft. Dafür musst du versuchen, einen kleinen Teil deines Qajôs in deinen Kopf zu verlagern und den Rest gleichmäßig in beiden Händen. Wenn du das geschafft hast, versuch einfach mal, mit deinen Händen die Bewegungen des Schattens zu steuern. Wenn du zum Beispiel deine linke Hand hebst und sie rapide nach links fallen lässt, fliegt der Schatten nach links. Je nach dem, wie hoch du deine Hand hälst, kannst du auch die Flughöhe bestimmen. Mit der rechten Hand kannst du ihn nach rechts lenken. Soll er ganz auf den Boden oder wieder in den Boden zurückkehren, lass einfach deine Arme hängen. So bekommt er keinen Kontakt mehr zu deinem Qajô. Die Kunst dabei ist es, erst langsam zu versuchen, mit deinen Gliedmaßen den Schatten zu kontrollieren und anschließend nur mit deinen Gedanken und deinem Schwert. Aplaja, versuch erst mal das, was ich dir gerade erklärt habe!"
    "L-Leech. Väyn faro akya! "
    Ich schloss erneut meine Augen und konzentrierte mich darauf, mein Qajô in die benötigten Bereiche zu verlagern. Nach etwa einer Minute völliger Konzentration und Ruhe, spürte ich einen Teil des Qajôs in meiner rechten Hand, dafür aber etwas weniger in meiner Linken. Tief ein- und ausatmend versuchte ich nun, einen weiteren Teil meiner elementaren Kraft in meinen Kopf zu verlagern. Und obwohl ich schon fast aufgab, spürte ich nach drei weiteren Minuten einen leichten Schmerz in meinem Kopf, von dem ich ausging, dass es das Qajô war. Ich öffnete meine Augen und warf meine linke Hand nach links und beobachtete, wieder Schatten auch tatsächlich in diese Richtung schwebte.
    "Perfekt! Jetzt steuere den Schatten mit beiden Händen durch die Luft!", rief Está, wora ufhin ich nickte, meine rechte Hand hob und den Schatten durch die Luft manövrierte. Und tatsächlich gelang es mir auch, den Schatten gut zu kontrollieren. In meinen Gedanken suchte ich mir konkrete Punkte aus, zu denen der Schatten fliegen sollte. Und ich hatte es auch ganz gut drauf, ihn dort hin schweben zu lassen. Nur langsam spürte ich, wie meine Arme sich immer schwerer anfühlten und die Kontrolle über den Schatten langsam abbrach. Er flog mit vollen Karacho über die Köpfe von Montana, Está und Joshua, welche sich daraufhin instinktiv duckten. "Contrâ!", rief ich etwas hilflos.
    "Jay, copa gir zevaro mangar!", rief Está laut.
    Ich senkte meine Hände und der Schatten fiel in den Boden und verschwand. Ich lief zu meinen Freunden und fragte :"Contrâ! Alles okay?" Sie nickten alle drei gleichzeitig.
    "Was war nur gerade los?", fragte ich und schaute dabei Está an. "Das Qajô einzusetzen, um einen Schatten zu bewegen, verbraucht einiges an Energie. Darum ist so etwas auch eine Sache von Ausdauer und viel Übung, um mit der Zeit immer weiter zu verhindern, dass so etwas passiert. Gut, dass du mit diesem Schatten noch keine Kampfübungen gemacht hast...sonst wären Montana, Yoshi und ich wohl jetzt Kleinholz. Aplaja, wie dem auch sei, am Besten, du lässt es für heute gut sein, das war schon wirklich klasse, was du da hingekriegt hast!"
    "Gryvezo!", antwortete ich und schaute in den Himmel, der sich so langsam verdunkelte. "Wir sollten uns besser auf den Weg machen! Hab keinen Bock ohne mein Augenlicht in einer wildfremden Stadt herumzulaufen!", schlug ich vor. Meine Freunde nickten und wir liefen zusammen aus dem Park raus.


    „Leech, jede Mauer hat einen wunden Punkt, aber die Schwierigkeit ist, ihn zu finden. Wenn ich mir das hier so ansehe würde ich sagen, dass die Wand ganz oben am schmälsten ist, dort müssen wir sie durchbrechen.“meinte Fabés während er die Wand musterte.
    „Wand am schmalsten Teil durchbrechen, leech. Aber wie kommen wir da hoch? Das sind doch sicher zehn Meter, wenn ich noch mehr!“seufzte Carlos skeptisch.
    „Carlos, versuch einen Gesteinsdamm unter Roumald, Kahiko und mir zu erbauen.“sagte Fabés worauf Carlos verwirrt fragte: „Und wie um Himmelswillen soll ich das machen? Ich hab so etwas noch nie vorher gemacht!“
    „Zieh dein Schwert, konzentriere dich nur auf es und auf den Damm, der UNTER uns erscheinen soll. Wenn du merkst, dass dein Schwertarm kribbelt, und zwar stark, dann schlag gen Boden.“
    Als Carlos nickte, mussten Roumald und ich kurz lächeln, da sich bei uns beiden sicher das gleiche Bild im Kopf abspielt. Carlos schloss die Augen und ließ den Kopf hängen. Nach geschätzten fünf Minuten schlug er mit aller Wucht gegen den Boden. Plötzlich tauchte unter uns ein Gesteinsdamm herausschoss.
    „Néz led Carlos!“riefen Roumald und ich, aber Fabés meinte etwas ängstlich: „Wenn er den Damm nicht zum stehen bringt, dann kleben wir gleich an der Decke, ich würde also eure Stimmen für etwas anderes verwenden!“
    Roumald und ich sahen Fabés irritiert an, dann sahen wir beide zur Decke hinauf, schnell riefen wir: „Halt die verdammte Mauer auf!“
    Carlos schlug erneut gegen den Boden und geschätzte zwei Meter von der Decke entfernt blieb der Damm stehen.
    „Led, Kahiko, Roumald, ihr müsst zusammen die Mauer durchboren. Da der Gesteinsdamm direkt an der Mauer anschließt, wird Roumald ganz zu ihr gehen, Kahiko bleibt ein paar Schritte von ihr entfernt.“
    Wir taten wir uns befiehl und warteten auf die nächsten Anweisungen.
    „Ihr müsst jetzt gleichzeitig agieren. Wenn ich ´Los´ schreie, dann schießt Kahiko einen Pfeil gegen die Mauer und du schlägst gegen sie mit beiden Tomahawks. Wichtig ist, dass ihr beide den gleichen Punkt trefft.“
    Wir sahen etwas ungläubig an.
    „Erstens, wie sollen wir beide genau denselben Punkt treffen, und zweitens, mit was soll ich schießen? Die Pfeile, die mir Sorao zuvor gab, hab ich komplett bei der einen Prüfung aufgebraucht.“meinte ich worauf Fabés mir einen fragenden Blick zuwarf.
    „Das in deinem Köcher sind doch Pfeile, oder? Also hast du ja doch welche.“
    Ich sah über meine Schulter und sah, dass ich wirklich noch Pfeile drin hatte, eigentlich war der Köcher sogar voll.
    „Leech, dann geht´s jetzt los.“meinte ich während ich zur Wand sah.


    Es ging schon langsam auf den Abend zu, der Himmel nahm eine für mich angenehme dunklere Farbe an, die Menschen gingen so langsam auch nach Hause und ich ging mit Está, Montana und Yoshi ebenfalls nach Hause. Naja, "nach Hause" klingt irgendwie komisch...schließlich ist mein Zuhause in Kaleon gewesen...und jetzt scheint es wohl in Aphaio zu sein. Daran werde ich mich gewöhnen müssen.
    "Jay, soll ich dir morgen noch ein paar Dinge zeigen?", fragte Está mich, woraufhin ich antwortete :"Serwerla, wieso nicht."
    "Okay, machen wir dann irgendwann morgen!", antwortete er. Den restlichen Weg verbrachten wir vier stumm. Ab und zu sahen wir in den düsteren Himmel oder auf die leeren Straßen. Die Stadt hatte nur wenig Laternen, vielleicht weil die Polizisten draußen mit Taschenlampen rumliefen und sich zu spät auch niemand mehr draußen aufhalten sollte. Obwohl es mitten im Hochsommer war, ging die Sonne meistens schon um 20.45 Uhr unter. Um 21 Uhr müssen wir in unseren Häusern sein.
    "Leute, langsam schlägt meine Nachtblindheit an...", sprach ich, woraufhin Yoshi antwortete :"Kein Problem, wir helfen dir, den Weg zu finden!"
    "Danke, wäre echt nett!"
    In Kaleon wäre dies kein Problem...diese Stadt kannte ich so gut, wie mein Zimmer, weshalb ich es auch schon ziemlich oft riskierte, nachtblind nach Hause zu gehen. Das funktionierte eigentlich in den meisten Fällen gut. "Wir sind gleich da", sprach Montana. Kurze Zeit später hielt jemand seinen Arm vor mich und symbolisierte mir damit, dass ich stehen bleiben sollte. "Tür", sagte Yoshi, woraufhin ich meinen Schlüssel aus meiner Tasche rausholte und ihn ihm gab. Joshua schloss die Tür auf, ging kurz rein und machte das Licht an, sodass ich wieder was sehen konnte. Anschließend gab er mir den Schlüssel wieder und ich ging rein.
    "Vielen Dank", sprach ich zu Joshua.
    "Kein Problem. So, Leute, wir sehen und morgen wieder, ne?"
    "Klar, wir können ja irgendwie per WhatsApp oder so ausmachen, wann und wo.", entgegnete Montana.
    "Alles klar", entgegnete ich, "bis morgen dann!"
    Die Anderen verabschiedeten sich ebenfalls und gingen. Ich schloss die Tür und ging die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Anschließend schaltete ich das Licht an und schaute mir kurz mein Zimmer an, um mir zu merken, was wo steht. So etwas kann ich mir ziemlich gut schnell einprägen. Danach schaltete ich das Licht aus und legte mich auf mein Bett. Da fiel mir plötzlich ein, dass mein kleiner Bruder noch gar nicht da war. Was macht er denn so spät? Ja, die Betonung liegt auf "so spät", normalerweise nimmt er das Schutzgesetz so ernst, dass er vor 19:30 Uhr nicht mehr rausgeht. Aber jetzt um diese späte Uhrzeit noch weg zu sein, ist merkwürdig. Ich beschloss, auf Kahiko zu warten, holte meine Kopfhörer raus und steckte sie in mein Handy. Anschließend steckte ich mir die Stöpsel in die Ohren und entsperrte mein Handy. Ich wählte einen Track von Vynäko aus, der natürlich die Thematik der schweren Gewalt, Waffengewalt und des Drogenmissbrauchs beinhaltete. Ich bin mal wirklich gespannt, wann mein Bruder wiederkommt...


    „Diesen Punkt müsst ihr treffen.“sagte Fabés und kreiste um einen Bereich auf der Mauer.
    „Und wie sollen wir uns diesen Punkt merken?“fragte Roumald skeptisch.
    „Ich werde hier stehen und darauf zeigen. Wenn ihr dann beide gleichzeitig anfängt, werde ich mich ducken und hoffen, dass mir nichts passiert.“meinte Fabés während wir ihn perplex ansahen.
    „Macht euch einfach keine Gedanken um mich und schießt, leech?“
    Roumald und ich nickten und machten uns bereit. Ich spannte einen Pfeil in die Sehne und Roumald holte aus. Als Fabés ,Jetzt´ schrie, schlug Roumald zu und ich ließ los, plötzlich durchflutete gleißendes Licht den Raum und Wasser schoss gegen die Mauer. Das Licht ließ nach und tatsächlich, die Mauer war durchbrochen.
    „Ist ja alles schön und gut dass wir jetzt die Mauer durchbrochen haben, aber schon einmal nachgedacht, wie wir im Inneren wieder runterkommen?“fragte ich als Fabés gerade aufstand.
    „Roumald, du musst eine Wasserrutsche erschaffen, damit wir runterkommen.“entgegnete Fabés, als hätte er meine Bemerkung gar nicht gehört.
    Roumald nickte, zog seinen zweiten Tomahawk und schloss die Augen. Nach geschätzten drei Minuten schlug Roumald mit seinen Schwertern überkreuzt durch die Luft. Zuerst sah es ganz gut aus, es bildete sich etwas rutschenförmiges, doch dann plätscherte das Wasser im Inneren zu Boden.
    „Komm schon, Roumald. Du schaffst das!“sagten Fabés und ich laut zusammen, worauf Roumald wieder seine Tomahawks überkreuzte.
    Nach nur ein paar Augenblicken schlug er wieder mit den Schwertern überkreuzt durch die Luft, da bildete sich eine riesige Rutsche aus Wasser vor uns.
    „Izara! Ich weiß nicht, wie lang ich das so lassen kann.“meinte Roumald als er, Fabés und ich zur Rutsche gingen.
    Da die Rutsche so breit war, rutschten wir alle zusammen. Nach kurzer Zeit erreichten wir den Boden und hinter uns verschwand die Rutsche. Platschnass standen wir vor Sorao, der grinsend am Boden saß.
    „Da ihr ja alle sowieso schon so außer Puste seid und das für totale Anfänger wirklich eine Meisterleistung war, lass ich das mal als Prüfung bestanden gelten. Glückwunsch!“meinte Sorao, während er aufstand und die Mauer wieder im Boden verschwand.
    „Para? Haben wir bestanden?“fragte Carlos, worauf wir lächelnd nickten.
    „Ihr solltet jetzt lieber nach Hause gehen, es ist schon nach einundzwanzig Uhr. Ich komme deshalb mit euch. Aber was hier heute passiert ist, dürft ihr niemanden sagen.“meinte Sorao während wir die Katakomben verließen.
    Draußen angekommen, schien der Mond und warf sein silbernes Licht über die Stadt, die darauf zu glänzen begann. Sorao begleitete uns bis zu der Siedlung und meinte, wir sollten morgen um Ein Uhr wieder in den Katakomben sein. Wir bejahten und gingen zu unseren jeweiligen Häusern. Als ich vor dem Haus von Jay und mir stand, sah ich, dass im oberen Stock noch Licht brannte. Ich sperrte die Tür auf und betrat das Haus, da hörte ich hinter mit jemanden die Treppe runterkommen.
    „Wo warst du?“hörte ich Jay fragen und ich überlegte mir eine gute Ausrede.


    MFG
    Kiro UHaFnir

  • Kapitel 5 : Rabenbruder


    "I-Ich war die ganze Zeit mit meinen Freunden in der Stadt unterwegs...w-wir haben komplett die Zeit vergessen, tut mir Leid!", antwortete mein Bruder etwas nervös. Mit einem misstrauischen Blick kam ich die Treppe herunter und schaute Kahiko an. "Tut mir Leid. Ich schein mich wohl nicht klar ausgedrückt zu haben. Wo warst du IN WIRKLICHKEIT?!", sprach ich in einem energischen Ton, weil ich Kahikos Geheimnistuerei nicht leiden konnte. "Wie gerade gesagt, ich war mit meinen Freunden in der Stadt unterwegs! Was gibt es daran nicht zu verstehen?", entgegnete er mit einer etwas lauteren Stimme. Daraufhin antwortete ich :"Was es daran nicht zu verstehen gibt? Hm...vielleicht, warum du mich ANLÜGST!" Daraufhin erschrak Kahiko sichtlich und ich wusste, dass er mich wirklich angelogen hatte. Vorher hatte ich nur einen Verdacht. Aber ich weiß nicht, ich hatte so ein extrem überzeugtes Gefühl. Nicht das, was ich bei meinem kleinen Bruder immer hatte, sondern eine richtige Überzeugung, die sich in meinem Kopf Platz schaffte. "Kahiko...", setzte ich an, versuchend meine Geduld zu bewahren, "ich weiß ja, dass du deinem großen Bruder nicht alles erzählen willst. Aber vergiss bitte nicht das Kazyero, mein Bruder. Was immer du anstellt, ich muss dafür geradestehen. Und ich glaube, dass ich das heute schon genüge zu Beweiß gestellt habe, oder? " Man konnte deutlich sehen, dass Kahiko leicht zitterte, und langsam hatte ich das Spiel auch satt! "Yarla, Zäl! (Rede, Bruder!)", sprach ich mit energischem Tonfall. "F-Faro dezè á girez Caneresh dey Aphaio...(Ich war in den Katakomben von Aphaio) I-Ich habe mich da von einem Lehrmeister trainieren lassen, w-weil ich gerne lernen wollte, wie ich mit meinem Bogen und meinem Element umgehe! I-Ich hätte dir Bescheid sagen sollen, t-tut mir Leid!" "Dir ist auch nichts passiert dabei?, fragte ich und blieb aufgrund dieses Geständnisses ziemlich gelassen. "R-Rodäz. Es ist alles okay.", antwortete er, scheinbar überrascht, dass ich ihm jetzt nicht den Kopf abgerissen habe. "Okay. Und der Typ ist auch kein mieser Kerl?", erkundigte ich mich eigentlich uninteressiert. "Nein, er ist nett. Und keine Sorge, Jay. Ich passe schon auf mich auf!", antwortete er. "Gut, Kahiko", antwortete ich und atmete tief ein und aus, "ich will dir dieses eine Mal vertrauen. In Aphaio wird man ja nicht so schnell angegriffen, es ist ja mehr als nur sicher hier. Aber trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass wenn dir doch etwas passiert, ich jeden gottverdammten Hurensohn im Umkreis von einem Kilometer den Kopf abreiße, verstanden?!" Kahiko nickte etwas eingeschüchtert. "Led!", antwortete ich. Doch ich sah, dass Kahiko wegen irgendetwas noch nervös war. Ich schaute ihn an und fragte :"Bruder, alles okay?" Er antwortete :"Jay...kann ich mit dir mal über etwas reden...?"


    „Qiez, schieß los.“sagte Jay.
    „Ich habe da heute so ein Mädchen kennengelernt, ihr Name ist Hokulani Atizay. Und…Ich glaube ich hab mich in sie verliebt und sie in mich, deshalb wollte ich dich fragen, ob ich mich mit ihr treffen kann. Eigentlich muss man dazu ja seine Eltern fragen, da die aber ja nicht mehr leben, frage ich nun dich.“meinte ich, worauf Jay zu lachen begann.
    Ich sah ihn wütend an, worauf er sagte: „Hechor para uyno Mina? Dass ich nicht lache.“
    „Wenigstens habe ich jemanden, den ich liebe. Para hechor?“meinte ich aufgebracht, worauf Jay mich zornig ansah.
    Jay ging wütend auf sein Zimmer und ich schaute ihm nach. Ein paar Augenblicke später ging auch ich auf mein Zimmer. Ich legte mich auf das Bett und starrte die Zimmerdecke an. Ich zog mein Handy aus meiner Hosentasche und schaute auf die Uhrzeit. Es war schon Elf. Ich stand auf, machte das Licht aus und legte mich wieder in mein Bett. Müde schaute ich aus dem Fenster, das Licht des Mondes fiel ins Zimmer, bald darauf schlief ich ein.
    Am nächsten Morgen weckte mich der Benachrichtigungston von meinem Handy. Ich sah auf das Display und las den Namen darauf.
    „Hokulani?“sagte ich während ich vom Bett fiel.
    Ach so, doch nicht, Roumald erwähnt sie nur in der Nachricht. Während ich die Nachricht durchlas, kam Jay ins Zimmer.
    „Was ist das für ein Lärm?“sprach er wütend.
    „Ich bin vom Bett gefallen, siehst du doch.“erwiderte ich während ich aufstand.
    „Warum bist du vom Bett gefallen?“fragte er mich verschlafen.
    „Bevor ich dir antworte, darf ich mich jetzt mit Hokulani treffen?“meinte ich als Jay mein Handy nahm und die Nachricht durchlas.
    „Wenn du meinst, triff dich halt mit ihr, aber geh mir mit dem Scheiß nicht weiter auf die Nerven.“
    Er gab mir mein Handy wieder und verließ den Raum. Ich steckte es ein, verließ das Haus und machte mich auf dem Weg zum Rathaus.


    Kahiko war nun weg und ich alleine. Ich holte mein Handy raus, öffnete WhatsApp und wählte die Gruppe, in der sich Montana, Yoshi, Está und ich befanden. Zuerst schrieb ich "Swäl (Hallo)", woraufhin Está schrieb :"Morgen, Freunde." Ich tippe daraufhin ein :"Wann treffen wir uns heute im Park?" Anschließend antwortete Yoshi :"Auf mich könnt ihr heute nicht zählen, ich hab heute kein Auge zugemacht, weil Butters einfach nicht aufhört, zu weinen. Darum hoffe ich, jetzt was pennen zu können und meinem Bruder dann später etwas Respekt zu lehren." Montana schrieb :"Auf mich könnt ihr auch nicht zählen. Shelly und Leonard wollen unbedingt auf den Spielplatz und ich hab gelernt, Quengeleien von kleinen Kindern einen großen Abstand zu widmen. Sry, Leute!" Etwas enttäuscht, schrieb ich zurück :"Okay, kann ich verstehen. Está, sollen wir gleich schon anfangen?" "Klar, treffen wir uns in 20 Minuten im Park? Dann zeig ich dir noch was." "Leech, leèn pez (Okay, bis gleich)", antwortete ich, woraufhin Está nur noch "Leech" schrieb. Ich steckte mein Handy ein und wollte gerade in mein Zimmer gehen, um mein Schwert zu holen, als es plötzlich an der Tür klopfte. Verwundert, wer wohl schon so früh klopfen würde, öffnete ich die Tür und sah einen jungen Mann in schwarzer Uniform, mit schwarzen Haaren, braunen Augen und einem Schild an seine Uniform, auf dem "Stuart Mitch - Flüchtlingsamt" draufstand. "Led lanza (Guten Tag). Stuart Mitch mein Name. Ich bin vom Flüchtlingsamt. Pereza hechor kap Jay Veljeta? (Du bist Jay Veljeta?)", stellte er sich in einem höflichen Ton vor. "Qiez, hechor kap welko. (Ja, der bin ich)", antwortete ich. "Nett, dich kennenzulernen. Du bist gestern mit deinem Bruder aus Kaleon nach hier geflüchtet?", erkundigte er sich bei mir. "Parâ! (Genau!)", entgegnete ich. Daraufhin zückte der Mann aus seiner Tasche einen Briefumschlag hervor, reichte ihn mir und sprach :"Leech. Hier ist Geld für euch. Für Lebensmittel, Kleidung und so weiter!" Ich nahm den Briefumschlag an mich und sagte :"Gryvezo!" "Gerne!", antwortete er, "ihr bekommt jeden Monat Geld. Wenn noch etwas sein sollte, kannst du oder könnt ihr euch immer beim Flüchtlingsamt melden!" "Gryvezo!", bedankte ich mich erneut, woraufhin der Mann sich umdrehte und wegging. Ich schloss die Tür, öffnete den Briefumschlag und nahm das Geld raus. Nach sorgfältigem Zählen sprach ich :"50.000 Cavera! Wenn das mal nicht geil ist!" Ich steckte mir davon 200 Cavera in die Tasche, tat das restliche Geld in den Briefumschlag und legte ihn auf den Tisch. Anschließend ging ich die Treppe nach oben in mein Zimmer und steuerte auf den Nachttisch neben meinem Bett zu. An dem war Drako angelehnt. Ich ergriff mit meiner linken Hand das Schwert und legte mir das Band um meinen Körper an, sodass sich Drako in seiner Hülle nun wieder an meinem Rücken befand. Es war ein erstklassiges Gefühl, so ein Schwert am Rücken zu haben. Aplaja, ich ging die Treppe runter und geradewegs auf die Tür zu. Anschließend öffnete ich sie und ging los Richtung Park.


    „Swäl, Roumald!“begrüßte ich ihn am Rathausplatz.
    „Swäl, Kahiko!“erwiderte er meine Begrüßung.
    „Wo sind Fabés und Carlos?“fragte ich ihn während ich nach ihnen Ausschau hielt.
    „Carlos ist bei Véidhlín, da sie komplettes Heimweh hat und Fabés kommt gleich. Er musste noch etwas für Oiléan erledigen. Hast du heut Nacht gut geschlafen?“sprach Roumald.
    „Gut geschlafen schon, aber nachdem ich deine Nachricht gelesen hatte bin ich vom Bett gefallen.“meinte ich, worauf Roumald zu lachen begann.
    „Du bist vom Bett gefallen? Wegen meiner Nachricht? Was hab ich denn so Besonderes geschrieben?“fragte mich Roumald während er noch immer hämisch grinste.
    Als ich gerade etwas erwidern wollte, kam Fabés zu uns und sagte: „Swäl, Leute. Contrâ, dass ich zu spät gekommen bin.“
    „Kein Problem, wie spät ist es eigentlich?“fragte ich während Roumald auf sein Handy schaute.
    „Viertel Zwölf.“antwortete Roumald.
    „Eine geschätzte Stunde brauch ich hier her… Cavez! Ich hab heute lang geschlafen.“sagte ich während ich gähnen musste.
    „Wir müssen erst um Eins wieder zu Sorao…Was machen wir in der Zwischenzeit?“fragte Fabés, worauf Roumald mich schelmisch lächelte.
    „Kahiko will sich mit Hokulani treffen, oder?“sagte Roumald.
    „Hokulani? Ist das das Mädchen von gestern?“fragte Fabés nachdenklich.
    Roumald bejahte und ich nickte ebenfalls.
    „Wie bist du eigentlich an Hokulanis Nummer gekommen?“fragte ich Roumald skeptisch.
    „Eigentlich hab ich nur Ris Nummer, aber wir können so ja auch an Hokulanis Nummer rankommen.“meinte Roumald worauf Fabés den Kopf schüttelte.
    „Und du meinst wirklich, sie wird dir die Nummer einfach so geben?“erwiderte Fabés auf Roumalds Aussage.
    Roumald zuckte mit den Schultern und sagte: „Einen Versuch ist es wert.“
    „Leech, wenn du meinst…“entgegnete ich widerwillig, worauf Roumald WhatsApp öffnete und mit Ri zu schreiben begann.
    „Kann wahrscheinlich eine Weile dauern…Gehen wir inzwischen noch etwas Aphaio erkunden. Was meint ihr?“schlug Fabés vor, worauf wir beide bejahten und wir uns gen Westen aufmachten.
    Als wir den Rathausplatz verlassen hatten, betraten wir zuerst eine schmale Seitengasse, die in einer von Menschen überfüllten Straße endete. Überall waren fröhliche Menschen, viele Porträtmaler hatten an den Straßenrändern ihre Stände. Straßenkünstler aller Art gaben ihre Talente zum Besten, von überallher klang liebliche Musik. Ganz klar, das war das Künstlerviertel von Aphaio.
    Wir gingen die Straße hinauf und sahen gerade einem Karikaturmaler zu, als Roumald sagte: „Ich hab Hokulanis Nummer. Was sagt ihr jetzt?“
    Wir sahen Roumald überrascht an, aber skeptisch fragte Fabés: „Ist das auch die richtige Nummer?“
    „Qiez, ich schreibe gerade mit ihr. Ich schick dir gleich die Nummer weiter.“meinte Roumald, worauf mein Handy kurz piepste, dann aber wieder verstummte.
    „Leech, gryvezo Roumald.“sagte ich worauf Roumald erwiderte: „Ruf sie doch an! Dann kannst du sie auf ein Rendezvous einladen.“
    „Gut ich ruf sie an.“antwortete ich und tat, was ich gerade gesagt hatte.


    Ich hatte kein großen Schwierigkeiten, den Park zu finden, ich konnte mich an bestimmten Gebäuden und Gassen in dieser verdammt großen Stadt orientieren. Ich lief über die hölzerne Brücke und kam im Park an, in dem ich mich wieder an den Ort von gestern begab. Dort stand auch schon Está, der sprach :"Swäl, Jay. Aplaja, wollen wir direkt anfangen?" Ich nickte und stellte mich wieder in die Mitte des kleinen Ortes. "Ach ja, ich kann dir jetzt nur noch zeigen, wie du mit Schatten angreifst, wie du mit ihnen feste Materie greifen kannst und wie du dich selbst in einen verwandelst.", sagte der Junge. "Mehr nicht?", erkundigte ich mich daraufhin verwundert. "Contrâ, Jay. In dem Buch, welches ich gelesen habe, waren lediglich elementare Techniken für Einsteiger. Du wirst nicht drumrum kommen, dir dafür einen Lehrmeister zu suchen!", antwortete er auch etwas enttäuscht. "Aplaja, leech. Wird denke ich schon reichen, dann werde ich mir dafür auch noch einen Lehrer suchen...dafür könnte ich mir eigentlich jetzt schon ein Messer in die Vene rammen, dass ich das wirklich tun muss!", entgegnete ich etwas angefressen, aber wusste, dass ich da nichts machen konnte und es so war, wie es war. "Okay, Jay. Dann beschwör mal einen Schatten. Wir üben erst mal noch etwas, wie man ihn richtig bewegt und dann, wie du mit ihm angreifst!", sprach Está, woraufhin ich mein Cajô in meiner linken Hand sammelte, mich gut konzentrierte, meine Hand hob und auch tatsächlich ein Schatten auftauchte. Nachdem ich gestern mehrere Anläufe gebraucht hatte, hatte ich den Dreh jetzt wohl einigermaßen raus. Ging irgendwie verdächtig schnell, aber ich will mich ja nicht über gute Dinge beschweren. "Sehr gut", sagte Está, den Schatten begutachtend, "du weißt, wie du ihn kontrollierst. Versuch es nochmal!" Ich nickte und leitete mein Qajô wieder in die dafür benötigten Bereiche. Anschließend hob ich meine rechte Hand und steuerte den Schatten erneut durch die Luft. Das gelang mir anfangs recht gut, doch dann verlor ich langsam wieder die Kontrolle. Ich versuchte, mich zusammenzureißen und die Kontrolle zu behalten. Doch es war klar, dass ich das nicht lange durchhalten würde. Aber immerhin schaffte ich es doch tatsächlich ganze fünf Minuten, den Schatten kontrolliert in der Luft zu halten, als dann plötzlich ein stechender Schmerz in meinen Händen die Runde machte, ich zudem leichte Kopfschmerzen bekam und letztendlich gezwungen war, den Schatten wieder in die Unterwelt zurückkehren zu lassen. "Okay, war schon mal besser, als gestern. Warte, bis sich dein Qajô wieder reguliert hat und versuch es noch einmal. Wenn du wieder fünf Minuten schaffst, erkläre ich dir, wie man mit einem Schatten angreift!", rief Está mir zu. Ich nickte und wartete wenige Minuten, bis meine Schmerzen verflogen und ich spürte, wie das Qajô wieder gut durch meinen Körper floss. Anschließend wiederholte ich die Prozedur von eben, ich beschwörte einen Schatten und lenkte ihn durch die Luft. Ich schaffte erneut die fünf Minuten, sodass Está zu mir rief :"Okay. Jetzt wird es noch was schwieriger. Du musst dein Qajô jetzt in deine kompletten beiden Arme verlagern. So kannst du den Schatten angreifen lassen, während er schwebt oder fliegt. Da die letzte Option aber wesentlich schwerer ist, belass es bei der Ersten. Also, lass den Schatten ruhig schweben und verlagere dein Qajô nun in deine Arme. Aber vergiss nicht, dass ein Teil noch in deinen Händen bleiben muss!" "A-Alles klar!", rief ich, etwas belastet von dem Druck des Schatten, doch ich versuchte, Estás Anweisungen so gut zu befolgen, wie es einem Jay möglich war. Ich konzentrierte mich, zog das Qajô aus meiner Stirn ab, dann ein Teil davon aus meinen Händen und verlagerte es in meine beiden Arme. "Wenn du glaubst, dass du so weit bist, dann benutz deine Arme, um Die des Schattens zu bewegen. Versuch mal irgendeinen Schlag, Hieb oder Schnitt!", sprach Está nun. Ich nickte und bewegte meinen linken Arm diagonal, so als würde ich gerade den Oberkörper eines wehrlosen Opfers zerschneiden. Und tatsächlich : Der Schatten folgte meiner Bewegung und machte ebenfalls so einen Schnitt. Da ich langsam die Verlagerung des Qajôs drauf hatte, wechselte ich wieder in die Bereiche für das Fliegen und bewegte den Schatten zu einem Baum. Obwohl das für mich ein ordentlicher Druck war, verlagerte ich das Qajô wieder in die Arme und machte erneut die Schnittbewegung mit dem Arm. Dies machte der Schatten mir nach und was dann passierte, konnte ich selber nicht fassen. Der Schatten säbelte einen glatten Schnitt durch den Baum, welcher daraufhin umkippte. "Haha, perfekt, Jay. Wirklich nicht übel!", rief Está. "DU BIST DER NÄCHSTE!", erwiderte ich grinsend. Langsam wurde mir der Druck zu viel und ich musste den Schatten verschwinden lassen. "Okay, lass es für heute gut sein. Wenn man sein Qajô zu lange zu stark belastet, kann das gefährlich werden. Am Besten, du übst heute nur noch Beschwörung und Bewegung, damit du das inne hast!", schlug Está vor. "L-Leech, danke...Está", antwortete ich, etwas aus der Puste, "dann übe ich das mit den Angriffen morgen weiter!" "Nèz led!", entgegnete er. "Ach ja, Está, hab da ne Frage an dich...", setzte ich an und schmiedete in meinem Kopf gerade einen Plan. "Para quer?", erkundigte der Junge sich neugierig. "Du, Está, du weißt doch sicher, wo sich die Katakomben von Aphaio befinden, oder...?"


    „Also, wann trefft ihr euch?“fragte mich Roumald neugierig.
    „Morgen um zehn in den Arcaden.“sprach ich lächelnd.
    „Led, dann gehen wir mal zu den Katakomben. Es ist schon halb Eins.“meinte Fabés während wir nickten.
    Wir gingen wieder zurück zum Rathausplatzt, wo wir auf Carlos trafen.
    „Swäl, Carlos.“begrüßten wir drei ihn schon vom Weiten.
    „Swäl ihr drei! Contrâ, dass ich erst jetzt hier bin, aber Véidhlín hat nicht mehr aufgehört zu weinen.“entschuldigte sich Carlos.
    „Schon gut, aber wir müssen uns jetzt beeilen, in einer Viertelstunde sollten wir in den Katakomben sein.“meinte Fabés.
    Wir bejahten und gingen schnell weiter zum Schwertplatz und von dort in die Katakomben herunter. Unten angekommen war es dieses Mal nicht so düster wie gestern. Als wir wieder in den runden Saal kamen, erwartete Sorao uns bereits.
    „Swäl, da seid ihr ja.“sagte er während wir zu ihm gingen.
    „Swäl, Sorao.“begrüßten wir vier ihn.
    „Das, was ihr gestern bei den Prüfungen geleistet habt, war für Anfänger gar nicht schlecht, für Anfänger. Aber wenn ihr wirklich gegen Menschen kämpfen wollt, dann war das nichts. Behaltet euch das für das ganze Training im Hinterkopf, verstanden?“erläuterte uns Sorao, worauf wir nickten.
    „Led, heute werdet ihr einmal lernen, mit eurem Qajô umzugehen. Wie ich gestern gesehen habe, verfügt ihr über die Elemente Licht, Wasser, Gestein und Elektro, richtig?“sagte er, worauf wir bejahten.
    „Leech, dann werden heute Carlos und Fabés miteinander trainieren, und Roumald und Kahiko. Teilt euch im Raum auf, dann zeige ich euch, wie ihr mit Elementen kämpft.“
    Carlos und Fabés gingen auf die linke Seite des Raumes, Roumald und ich auf die Rechte. Dort stellten wir uns dann mit gezogenen Waffen gegenüber auf. Zuerst erklärte Sorao, wie Carlos und Fabés trainieren sollten, dann wandte er sich uns zu.
    „Da Roumald ein Nahkämpfer ist und du Weitkämpfer, nimm die hier.“
    Sorao kam zu mir, zog zwei Dolche mit silbernen Griffen aus seinem Gürtel und gab sie mir.
    „Um eure Elemente überhaupt einsetzen zu können, müsst ihr euch sehr auf die Aktion, die ihr ausführen mögt, konzentrieren. So wie gestern bei der Wasserrutsche, erinnerst du dich Roumald? Wenn ihr glaubt, dass ihr euch genug konzentriert habt, dann greift an, der andere versucht dann, sich zu verteidigen. Bevor wirklich etwas Schlimmes passiert, schreite ich ein, also keine Sorge.“sprach Sorao.
    Wir nickten und ich zog einen Pfeil und spannte ihn in den Bogen ein. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich nur auf meinen Bogen. Als ich ein starkes kribbeln in meinen beiden Händen spürte, machte ich meine Augen auf und ließ den Pfeil los. Er sauste mit einem riesigen Lichtschweif in Roumalds Richtung. Roumald schlug mit seinen Tomahawks überkreuzt durch die Luft und vor ihm schwebte ein Wasserschild, in dem mein Pfeil steckenblieb.
    „Das war knapp, der ist fast bis zu Hälfte durch.“meinte Roumald, als Sorao das Wasserschild musterte.
    „Jetzt greifst du Kahiko an, Roumald. Wechselt euch immer ab.“
    Wir nickten und trainierten weiter, dabei völlig die Zeit vergessend.


    Está und ich gingen durch Aphaio. Er wusste wirklich, wo sich die Katakomben befanden und ging mit mir zum Schwertplatz. Währenddessen hatte ich die Gelegenheit auch mal mehr von der Innenstadt Aphaios zu sehen. Die vielen Menschen, die sich in etlichen verschiedenen Geschäften aufhielten, auf Bänken saßen, eilig durch die Straßen liefen oder als Touristen ebenfalls die Stadt bestaunten. Was mir schnell auffiel, war, dass Aphaio eine ziemlich grüne Stadt war. Überall standen vor Läden und Häusern Blumentöpfe oder Beete mit verschiedenen Planzen. So was ist zwar mehr Kahikos Geschmack, als meiner, aber nett sah es schon aus. "Sag mal, Está. Ist es eigentlich leicht, mit Schatten Menschen und Gegenstände zu packen?", fragte ich meinen Kumpel, der genau so wie ich, sich in Aphaio umsah. "Ach, nein. Das geht ganz leicht. Dreht sich eigentlich auch wieder darum, dass du dein Qajô in bestimmte Bereich verlagerst und dann deine Hände normal bewegst. Das ist auch ausnahmsweise nicht so anstrengend, das könnte man locker schaffen, während man den Schatten durch die Luft manövriert!" "Dann kannst du es mir ja eigentlich auch locker jetzt mal erklären und ich übe das dann irgendwann mal!" "Leech. Also, um mit dem Schatten Menschen oder Dinge zu greifen, musst du dein Qajô auf Hände, Finger und Arme verlagern. Das Gute als Übung daran ist, dass du die Positionen deines Qajôs nicht groß ändern musst. Zur Beschwörung des Schatten brauchst du ja Hände und Finger, genau so wie beim Greifen, also geht das auch rasch. Also, du beschwörst den Schatten, verlagerst dein Qajô zusätzlich noch in deine Arme und führst dann Greifbewegungen mit deiner Hand oder deinen Händen aus. Das als normale Übung. Zum Fliegen musst du dann dein Qajô insgesamt in deinen Armen, in beiden Händen, in den Fingern und in der Stirn verlagert haben. Dann kannst du, wenn du dich gut konzentrierst, mit deinem Qajô aus deiner Stirn, also mit Gedankenkraft deinen Schatten manövrieren und mit den Händen greifen!" "Chillig, Gedankenkraft...leech, das werde ich dann bald auch mal ausprobieren!", antwortete ich, zuversichtig, dass ich das auch schnell raus haben werde. "So, wie sind gleich da!" , sagte Está. Wir kamen an einem großen Platz an, der ziemlich leer war. Auf einem Schild stand das Wort "Schwertplatz". Etwa 10 Meter vor uns stand ein Soldat neben einer Treppe. Auf diesen gingen wir zu. "Contrâ! Pereza triez icurâvarz á girez canéresh? (Entschuldigung! Dürfen wir in die Katakomben?)", fragte ich ausnahmsweise mal höflich, weil ich wusste, dass man zu Soldaten immer nett sein musste. "Serwerla! Kenyn vork kaleez uyna rodazio! (Natürlich! Hier habt ihr eine Taschenlampe!)", antwortete der Mann in Uniform und reichte uns eine Taschenlampe. "Gryvezo!", bedankte sich Está und ging mit mir die Treppe runter. Da ich in der Dunkelheit rein gar nichts sehen konnte, schaltete Está die Taschenlampe an, sodass ich nicht blind in den Katakomben rumlaufen musste. Als wir schon ziemlich weit unten waren, entdeckten wir an den Wänden seltsame eingereitzte Zeichen und Schädel, die auf durch Speere gebohrt wurden. "Geil!", sprach ich fasziniert, als Está und ich sie erblickten. "Für meinen Geschmack etwas schlecht verteilt, aber mir soll es egal sein!", entgegnete der Junge. Kurze Zeit später hörten wir einen älteren Mann, der rief :"Das machst du sehr gut!" "Komm mit, Está. Lass uns da mal gucken!", schlug ich vor, woraufhin Está nickte und mir in einen Raum nebenan folgte. Wir versteckten uns dort sofort hinter Steinen und schauten kurz hinter ihnen hervor. Ich sah einmal so einen alten Sack, dann tatsächlich meinen Bruder und seine Freunde. "Kahiko trainiert hier. Ich hab ihm zwar gesagt, dass ich ihm vertraue und er das ruhig machen darf, trotzdem wollte ich mal auf Nummer sicher gehen, um mich vergewissern, dass er hier nicht ungewollt irgendeiner Sekte beitritt!", flüsterte ich Está zu. "Jay, du bist einfach ein toller Bruder", flüsterte Está mit einem sarkastischen Unterton zurück. "Also bitte, ja? Wenn hier jemand einer Sekte beitritt, dann ja wohl ich. Ich meine, ich glaube ja schon daran, dass es neben Gott auch Satan gibt, also warum nicht." Plötzlich kam mir eine Idee. Ich verlagerte mein Qajô wieder in die benötigten Bereich und beschwor einen Schatten. "Jay, was hast du vor?", fragte Está mich im Flüsterton. "Ich werde meinen Bruder mal etwas aufmischen und gleichzeitig die neue Technik üben!" Ich versuchte, den Schatten mit meinen Gedanken zu steuern. Da ich in meiner Stirn etwas mehr Qajô drinnen hatte, ging das auch gut. Ich manövrierte den Schatten direkt auf Kahiko zu. Als er bei ihm war, machte ich mit meinen Händen eine Greifbewegung und der Schatten packte sich tatsächlich meinen kleinen Bruder. "WOAH! WAS IST DENN JETZT LOS?!", rief er etwas panisch. Der alte Mann und seine Freunde schauten ihn verwirrt an. Anschließend flog ich den Schatten in die Luft und ließ ihn dort still verweilen. "K-Kann mir einer helfen?", fragte mein Bruder nervös.


    Ich versuchte mich wieder einzukriegen, zog einen Pfeil und schoss ihn auf den Schatten. Der Pfeil raste mit einem Lichtschweif in den Schatten, der darauf in Licht verpuffte. Sorao nahm seinen Bogen vom Rücken, zog ebenfalls einen Pfeil und schoss ihn zum einen Eingang der Halle, direkt zwischen den Köpfen von Jay und seinem Freund.
    „Jay, was machst du hier?“fragte ich irritiert.
    „Ich wollte nur mal sehen, ob du mir auch wirklich die Wahrheit gesagt hast.“meinte Jay während er und sein Freund auf uns zugingen.
    „Wer bist du?“fragte Jay Sorao misstrauisch.
    „Faro ce Sorao Piaré, ich unterrichte diese Jungs. Wer seid ihr beide?“sagte Sorao.
    „Sie sollen ein Lehrmeister sein? Können sie in ihrem Alter überhaupt noch kämpfen?“fragte Jay dreist, worauf Sorao noch einen Pfeil zog, auf Jay zielte und kalt meinte: „Soll ich es dir beweisen?“
    Jay wollte gerade etwas sagen, doch sein Freund hielt ihn zurück.
    „Ihr habt noch immer nicht meine Frage beantwortet, wer seid ihr?“fragte Sorao erneut, sie noch immer mit dem Pfeil bedrohend.
    „Faro ce Está Gilligan.“sagte Jays Freund.
    Jay sah Sorao zuerst nur wütend an, doch dann sprach ich: „Welko ce frio Zäl, Jay Veljeta.“
    Nun sah Jay mich fuchsteufelswild an.
    „Was wollt ihr hier in den Katakomben?“fragte Sorao die beiden, während er seinen Bogen wieder auf seinen Rücken tat.
    „Ich wollte nur sehen, wo mein Bruder gestern so lange war und wollte sehen, ob seine Aussage stimmte dass er hier trainiert hat, das ist alles.“sagte Jay genervt.
    „Warum bist du dann noch hier? Ihm geht es gut, das siehst du doch. Du hast hier also nichts mehr verloren. Para hechor, Está? Bist du nur der Begleitschutz für ihn oder warum bist du hier?“meinte Sorao während Jay wütend sagte: „Erstens, ich brauche keinen Begleitschutz, und Zweitens, ich gehe wenn ich will.“
    „Dann sage ich dir auch einmal etwas, Bursche. Du verlässt die Katakomben, wenn ich es für richtig halte, da ich hier auch wohne. Wenn du sie nicht freiwillig verlässt, dann helfe ich nach, verstanden?“sprach Sorao, der noch immer die Ruhe selbst war.
    Vor Jay erschien ein Schatten, der geradewegs auf Sorao zustürmte, doch ich holte schnell einen Pfeil aus meinem Köcher und der Schatten verpuffte abermals in Licht.
    „Kahiko!“sagte mein Bruder laut und sah mich wütend an, doch dieses Mal schüchterte mich das nicht ein.
    „Lass Sorao in Ruhe, Jay!“sprach ich überraschend Selbstbewusst, worauf Jay noch zorniger wurde.


    "Junger Mann, ich würde wirklich aufpassen, wen du hier vor dir hast!", sprach der alte Mann. "Pfff ... ich sage dir mal eins, Opa. Deine nicht vorhandene Autorität ist mir völlig latte! Fakt ist, dass ich nur mal nach meinem Bruder sehen wollte!", entgegnete ich angefressen, "Aber wenn du irgendein Problem haben solltest, besorg ich ein Bisschen Heroin, dann kannst du dir darauf einen drücken!" "Es reicht! Ich dulde nicht, dass ... ", antwortete der Mann, wurde aber prompt von Está unterbrochen: "Caz, caz, caz (Bla, bla, bla) ... hör auf, zu reden. Du solltest dir deine Luft sparen, so wie es hier unten mieft! Komm, Jay. Wir gehen, scheint ja alles okay zu sein!" Ich nickte und drehte mich genau so wie Está um und wollte gerade zum Augang gehen, als ich plötzlich hörte, wie ein Pfeil gespannt und losgelassen wurde. "NEIN!", rief Kahiko laut. Ich wusste, was los war. Ich hob mein rechtes Bein und stampfte mit der Ferse sanft auf den Boden und drehte mich um, so wie man das oft im techorianischen Militär machte. Da bemerkte ich, dass plötzlich drei Schatten vor mir auftauchten, die den auf mich zufliegenden Pfeil abfingen und auflösten. Ich war ziemlich überrascht, schließlich hatte ich meine Hände nicht bewegt. Dass einzige, was das erklären könnte, war, dass ich mit meinem Fuß Schatten beschworen habe, als er auf den Boden schlug. Auf jeden Fall schauten der alte Mann, mein kleiner Bruder und seine Freunde die Schatten und mich überrascht an. Naja, ich war genau so überrascht, setzte jedoch mein erstaunliches Talent ein, mir meine Gefühle nie ansehen zu lassen. Es war klar, wer der Schütze war. Nämlich der alte Mann, der noch seinen Bogen in der Hand hielt. Está und ich schauten den Mann angefressen an. Ich packte zuerst mit meiner linken Hand den Griff meines Schwertes, woraufhin Kahiko und seine Freunde einen unsicheren Blick auflegten. Am Liebsten hätte ich diesen Bastard jetzt in tausend Teile zerlegt und seine verfickten Überreste in ein Atomkraftwerk geschmissen. Doch ich überlegte es mir in letzter Sekunde noch anders. "Komm, Está! Der Penner ist es nicht wert! Lass uns gehen!", sagte ich zu meinem Kumpel. " Ja, okay ...", setzte Está an, doch schaute dann plötzlich meinen Bruder und seine Freunde an und sprach: "Wie steht ihr denn da? Wie die letzten Menschen!" Anschließend hob er seine Hand und machte einige Gesten. Plötzlich standen mein Bruder und seine Freunde, die sich eben noch von ihrer Haltung etwas lustlos zeigten, gerade, wie im Militär. Als wären es Soldaten, die sich die Rede von ihrem Vorgesetzten anhören müssten. Está schien sie mit seinen elementaren Kräften bewegt zu haben. "So sieht das schon besser aus, Kinder!", sagte Está und drehte sich um. Während ich noch dabei war, mir innerlich einen abzulachen, ging ich zusammen mit Está Richtung Ausgang. Obwohl ich diesen alten Bastard jetzt am Liebsten zu Kleinholz verarbeitet hätte. Da wäre es mir dann auch egal, dass er alt ist. Schließlich hat er versucht, mich mit einem Pfeil zu treffen. Obwohl ich einen heftigen Groll gegen ihn hegte, musste ich mich selbst schon fragen, warum ich Kahiko dann noch da unten ließ. Naja, egal ... wird schon nichts passieren.


    „Am ersten Trainingstag gleich so viel zu trainieren, ist wirklich lobenswert. Gut gemacht. Morgen kommt ihr wieder um die gleiche Uhrzeit in die Karakomben.“sagte Sorao während wir vier nickten.
    „Wie spät ist es eigentlich?“fragte ich während Roumald sein Handy aus seiner Hosentasche holte.
    „Cavez! Es ist schon Neun! Wie die Zeit vergeht.“meinte Roumald überrascht.
    „Qiez, das stimmt. Achja, ich will euch ja noch etwas zeigen. Izara!“sprach Sorao während er uns ansah.
    Wir standen etwas widerwillig auf und folgten Sorao. Zuerst gingen wir durch breite Steingänge, doch nach einer langen Geraden bogen wir links ab und gingen eine modrig riechende, hölzerne Treppe hinauf. Dort waren fast keine Fackeln, höchstens eine alle geschätzten fünfzig Treppen. Spinnweben klebten an der Decke und Rattenlöcher waren überall in den Wänden. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir endlich oben an, wir waren nun in einen kleinen Raum mit einer steinernen Wendeltreppe. Schon wieder Treppen, dachte ich während wir die Stufen raufgingen. Als wir oben ankamen, schloss Sorao ober sich eine Luke auf, durch die wir dann alle hinaus an die Oberfläche kamen. Wir waren auf einem riesigen Hügel in einem Park, von wo man aus die ganze Stadt sehen konnte. Gebannt starrten wir auf die Lichterpracht von Aphaio, es war ein überwältigender Anblick.
    „Warum haben sie uns hierher gebracht?“fragte Fabés Sorao, der in die Sterne schaute.
    „Ihr sollt Aphaio noch genießen, bevor es ausgelöscht wird.“sagte er ernst, worauf wir ihn fragend ansahen.
    „Quario? Was meinen sie?“fragte ihn Roumald.
    „Der Krieg wird früher kommen, als euch lieb ist. Seht dort.“
    Sorao zeigte in den Süden, jenseits von Aphaio. Geschätzte hundert Kilometer vor der Stadt sah man riesige Feuersäulen und Rauch in den Nachthimmel aufsteigen.
    „Quer cer gir?“fragte ich während ich meinen Blick nicht vom Feuer abschweifen lies.
    „Gir, cer Vinerat. (Vinerat = Krieg)“antwortete Sorao.
    Fabés, Carlos, Roumald und ich sahen uns voller Entsetzen den Anfang des Kriegs an.


    Está und ich gingen nach Hause, weil es langsam dunkel wurde. Als wir auf dem Rathausplatz waren, überraschte uns plötzlich eine Truppe von Soldaten, die an uns vorbeiliefen. Sie hatten schwarze Uniformen, schusssichere Westen, schwarze Stiefel, hatten Nase und Mund durch ein Tuch verdeckt und wurden von einem Mann in einem schwarzen Trench-Coat und etlichen Orden. Die untere Hälfte seines Gesichts war ebenfalls vermummt. "Schnell, Männer! An die Mauern!", rief der Mann im Trench-Coat, der auf dem Rücken eine Zastava M76 trug. Das Scharfschützengewehr, die Orden und der Trench-Coat ließen darauf schließen, dass dieser Mann ein Cassador war und seine Soldaten zur Mauer bringt. Cassadoren sind Elite-Einheiten, die in verschiedene Positionen gesetzt werden. Es gibt einmal die normalen Cassadoren, die sich in einer Stadt aufhalten, dann gibt es Zentral-Cassadoren, die auch die Städte in der direkten Nähe, seines eigentlichen Einsatzortes beschützen. Dann gibt es noch Imperial-Cassadoren, welche zur Leibwache des Imperators gehören. Weiterhin gibt es Bezirks-Cassadoren, welche quasi noch Cassadoren auf Bewährung sind und nur gewisse Bezirke von Städte übernehmen. Cassadoren haben die Aufgabe, ihren Soldaten Aufträge zu geben. Zum Beispiel, zur Mauer zu gehen, weil Feinde gesehen wurden. Ich konnte aber irgendwie nicht verstehen, warum sie sich so hetzten. Aphaio ist geschützter als ein Banksafe in einem Militärgebiet. Techoras Hauptstadt ist mit drei extrem dicken, hohen und robusten Mauern geschützt. Da haben selbst Kanonen keine Chance. Weiterhin gibt es in den Mauern Mörderlöcher, durch die techorianische Soldaten schießen können. Auf den Mauern stehen natürlich auch noch Scharfschützen, die mit gut ausgerüsteten Waffen aufpassen. Ich habe mir mal sagen lassen, dass die sogar ein Reiskorn treffen, welches einen Kilometer weit entfernt ist. Gut trainierte Soldaten, die zwischen den Mauern stehen, schalten Feinde aus, falls welche durch kommen. Da aber jeder weiß, dass das unmöglich ist, wird es auch eher so eine "wir-gehen-aus-Langweile-einfach-mal-auf-Nummer-sicher"-Sache. Und ich denke, da hat auch niemand was gegen. Also ich finde es ziemlich gut, dass Aphaio so gut geschützt ist. Wir sahen noch den gehetzten Soldaten hinterher, bis sie hinter einigen Gebäuden verschwanden. Anschließend gingen Está und ich weiter. Wir gingen noch etwa zehn Minuten durch die etlichen Gassen und Wege, als wir dann bei mir ankamen. "Leech, triez avenizia talez vén! (Okay, wir sehen uns dann!)", sprach Está. "Qiez, leèn lanza! (Ja, bis morgen!), entgegnete ich und öffnete die Tür. Das Erste, das ich sah, war Kahiko der auf dem Sofa saß. "Swäl ...", sagte ich zu ihm. "Swäl, Jay ...", antwortet Kahiko, "nette Nummer heute in den Katakomben!" "Ach, sei still. Wie gesagt, wollte ich nur nachsehen, ob alles okay ist!" "Ja, aber ... !", setzte mein Bruder an, doch brach den Satz an, weil ihm wohl eingefallen ist, dass ich so bin und man, was meine asoziale Art angeht, nicht mit mir diskutieren kann. Ich wollte gerade die Treppe hochgehen, um mein Zimmer zu betreten, doch Kahiko fragte :"Mengar, Jay ... pereza quin hechor välizka calen á Valeko? (Sag mal, Jay ... wann gehst du eigentlich nach Valeko?) "Faro jarlyaz, agén faro välko lanza á Valeko. Quario hechor adkyez? (Ich denke, dass ich morgen nach Valeko gehe. Warum fragst du?) ", entgegnete ich. "Pereza faro icurânyo garzar? (Darf ich mitkommen?)", fragte mein kleiner Bruder. "Varyca ... (Von mir aus ... )", antwortete ich und ging die Treppe hoch.


    Ich saß noch lange im Wohnzimmer und starrte die Decke an. Ich machte mir Gedanken über alles Mögliche: Über den Krieg, über Jay, über meine Freunde…aber besonders über den morgigen Tag.
    Als ich mir gerade darüber den Kopf zerbrach, wie weit es wohl nach Valeko sein wird, hörte ich, wie jemand an das Fenster klopfte. Zuerst erschreckte ich mich und fuhr auf, doch dann sah ich zum Fenster und sah Roumald. Was macht er denn so spät noch hier?, fragte ich während ich das Fenster öffnete und Roumald durch das Fenster ins Haus einstieg.
    „Noch umständlicher geht es nicht, vek? (vek= oder)“meinte ich müde während ich das Fenster schloss.
    „Ich hätte auch durch ein oberes Fenster reinkommen können, aber ich wusste nicht, was dein Zimmer ist.“sagte Roumald als wir uns auf das Sofa saßen.
    „Was machst du eigentlich hier? Qorad jizo ces redit?(Wie spät ist es?)“sprach ich gähnend.
    „Es ist Mitternacht, und ich bin nur hier, weil ich nicht schlafen kann.“sagte Roumald mit einem Blick auf sein Handy.
    „Du bist ja die komplette Nachteule, also das komplette Gegenteil von mir.“meinte ich etwas geistesabwesend.
    „Ces quer? Du siehst so bedrückt aus.“fragte mich Roumald besorgt.
    „Ach, morgen gehen Jay und ich nach Valeko, zu einem Schwertmeister. Und wenn ich jetzt noch immer wach bin, dann wird der Marsch Morgen eine Qual, das sag ich dir!“
    „Vork balesco á Valeko? Kann ich mitkommen? Bei mir herrscht gerade dicke Luft und ich wäre froh, wenn ich mal wegkann.“
    „Serwerla, Roumald. Mich würde es sogar freuen, wenn du mitkommst.“sagte ich lächelnd.
    „Led. Mal ein ganz anderes Thema…Vermisst du deine Eltern und deine Schwester?“fragte er worauf ich ihn irritiert ansah.
    „Qiez, ich vermisse meine Eltern schon, vor allem geht mir aber Skye ab. Ich hoffe, ihr geht es in Izquia gut, ich muss ein Versprechen halten.“
    „Ein Versprechen? Erzähl mal!“stichelte Roumald.
    „Qiez, ich habe ich versprechen müssen, dass ich Imperator werde. Ich meine…Fero? Imperator? Niemals!“
    „Das stimmt…zumindest JETZT stimmt es. Aber du kannst noch Imperator werden, du brauchst nur mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, dann wirst du der beste Imperator, den es je gegeben hat!“meinte Roumald aufgeregt, doch ich holte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, indem ich sagte: „Da wird vorher noch Jay Imperator, bevor ich es werde.“
    „Sei nicht immer so pessimistisch! Morgen arbeiten wir an deinem Selbstbewusstsein, ob du es willst oder nicht! Und…kann ich heute vielleicht bei dir pennen, ich bin zu müde um nach Hause zu gehen.“
    Ich nickte. Wir redeten noch etwas, dann schliefen wir beide auf der Couch ein.


    Ich war die ganze Nacht lang wach, weil ich weder die Lust, noch das Bedürfnis hatte, zu schlafen. Um etwa drei Uhr zückte ich mein Handy, öffente WhatsApp und schrieb Joshua an. "Ey, Yoshi. Hast'e Bock heute nach Valeko mitzukommen? Ich geh zu irgendeinem Schwertmeiser dort"
    "Tag, Jay. Ja, kann ich einrichten. Hol mich dann ab, wenn es so weit ist"
    "Kay, bis später"
    Anschließend beendete ich WhatsApp, holte meine Kopfhörer raus und hörte Musik. Da bei mir das Licht angeschaltet war, konnte ich währenddessen nach draußen in die Dunkelheit schauen. Am Liebsten wäre ich jetzt rausgegangen, aber ich kann ja in der Dunkelheit nichts sehen und in Aphaio kenne ich mich nicht gut genug aus. Irgendwie konnte ich es nicht glauben. Gestern morgen wachte ich noch in Kaleon auf, dann geschah der Vorfall im District ... und dann ging alles auch schon so rasend schnell. Der Angriff, die Flucht ... die Ankunft in Aphaio. Was ich mir aber wirklich geschworen habe, ist, dass ich den verfickten Hurensohn, der meine Eltern getötet hatte und unter anderem meinen Geschwistern und mir unsere Heimat gestohlen hat, qualvoll zu töten. Zum Glück konnte ich mir sein Gesicht merken, besonders die Augen. Ich kann mir Gesichter gut merken, auch wenn es nur Teile davon sind. Doch ich versuchte in dem Moment nicht weiter darüber nachzudenken. Nach einer Stunde hörte ich auf, Musik zu hören, steckte meine Kopfhörer wieder ein und ging die Treppe runter. Ich benutzte das Blitzlicht meines Handys und mich auf der Treppe zurechtzufinden. Im Wohnzimmer angekommen, schaltete ich das Licht an und ging zum Sofa. Dort sah ich einmal Kahiko schlafend an der linken Lehne und seinen Kumpel Roumald ebenfalls schlafend an der rechten Lehne. "Was zum Fick ... ?", fragte ich mich und schaute verwirrt. Ich trat hinter das Sofa, drückte mich dagegen und hob es an, sodass die Beiden auf den Boden vielen. Mit einem lauten "WAAH!" wachten sie auf und schauten mich angefressen an.
    "JAY!? Was soll das?!", fragte Kahiko.
    "Das ist jetzt egal, Kahiko!", antwortete ich und zeigte auf den am Boden sitzenden Roumald, " Qorad para quario? (Wie und warum?)"
    "Er hat heute hier gepennt ... ", antwortete mein Bruder.
    "Zäl. Willst du mir irgendwas sagen?", erkundigte ich mich und legte ein fieses Grinsen auf.
    "Ya wessa, Jay! (Fick dich, Jay!) Er wollte nur nicht mehr nach Hause und hat mich gefragt, ob er hier pennen darf ... und ob er nachher mit nach Valeko kommen darf. Ist das okay?"
    "Ist mir doch Latte! Von mir aus kannst du auch einen Terroristen mit Bombengürtel mitnehmen ... obwohl mir das sogar noch lieber wäre!", antwortete ich mit einer deutlichen Gleichgültigkeit in meiner Stimme.
    "Jay. Warum so schlecht drauf?", fragte mein kleiner Bruder.
    "Kahiko. Warum die dumme Frage?", entgegnete ich.
    "Keift ihr euch immer so an?", fragte Roumald, obwohl ich davon ausging, dass er die Antwort schon wusste.
    "Ja ... auch wenn mein Bruder bei jedem Streit und jeder Diskussion gewinnt ...", entgegnete Kahiko und schaute danach mich an, "und warum hast du uns eben vom Sofa geschmissen?"
    "Ich sah euch da so und dachte mir, es wäre derbe lustig. Und was soll ich sagen? Ich bin auf meine Kosten gekommen!", lachte ich, woraufhin mein Bruder auch leicht lachen musste.
    "Ey, Jay. Wann machen wir uns denn auf den Weg?", erkundigte Kahiko sich bei mir.
    "Keine Ahnung. Ich denke, direkt wenn es hell wird. Also so um 6 Uhr oder so ...", entgegnete ich.
    "Teleda, qiez ... (Ach so, okay ... )", sagte Kahiko daraufhin.


    Jay ging die Treppe rauf und Roumald und ich setzten uns wieder auf das Sofa.
    „Wie gesagt, du bist bestraft mit so einem Bruder. Ich bin auf den Marsch heute gespannt.“meinte Roumald während er mich müde ansah.
    „Wie du meinst… Qorad jizo ces redit?“fragte ich Roumald als ich das Licht ausschaltete und er auf sein Handy schaute.
    „Halb fünf. Versuchen wir, noch etwas zu schlafen.“sagte Roumald, worauf ich bejahte.
    Wir legten uns wieder hin und schliefen sofort wieder ein.
    Um Halb Sechs weckte mich Roumald durch schütteln auf.
    „Kahiko, wach auf!“sprach er.
    „Qiez, qiez! Bin ja schon wach. Hör auf mich zu schütteln!“meinte ich etwas genervt.
    Ich lag jetzt ganz auf der Couch und Roumald saß auf mir mit seinen Händen auf meinen Schultern.
    „Ich hab ´ne Idee, wie wir uns bei Jay für die Aufweckaktion revanchieren.“
    „Achja? Quer?“fragte ich neugierig.
    Als er es gerade erklären wollte, kam Jay die Treppe runter sah uns irritiert an.
    „Schon wieder?“fragte er böse grinsend.
    Roumald ging sofort von mir runter und ich stand auf und sah Jay wütend an. Als ich gerade etwas sagen wollte, klingelte es an der Tür.
    „Das muss Yoshi sein, kommt jetzt, wir brechen auf.“sprach Jay noch immer grinsend.
    Wir nickten und folgten Jay nach draußen.
    „Kommen die etwa auch mit?“fragte Yoshi.
    „Qiez, hast du ein Problem damit?“erwiderte Roumald.
    Bevor Yoshi etwas sagen konnte, ging Jay an ihm vorbei und zog ihn mit sich, Roumald und ich gingen ihnen nach.
    „Das kann ja noch heiter werden…“flüsterte ich Roumald zu, worauf er leise antwortete: „Wir werden es Jay einmal heimzahlen, dass er dich immer so behandelt, und zwar auf diesem Marsch.“
    „Wie willst du das anstellen?“
    „Überlass das ruhig mir…“sagte Roumald, worauf ich ermutigend nickte.
    Wir gingen zum Zug um schneller bei der Stadtmauer zu sein. Als wir am Bahnhof ankamen, hätten wir fast den Zug verpasst. Drinnen angekommen, setzten wir uns schnell gegenüber hin, Roumald saß neben Yoshi und mir gegenüber, Jay saß am Fenster und neben mir.
    „Das war knapp.“sagte Roumald noch außer Atem.
    Ich nickte und lehnte mich zurück.
    „Wie lang wird die Fahrt wohl dauern?“fragte ich während ich Jay ansah, worauf der mit den Schultern zuckte.
    „Hoffen wir nicht allzu lang…“meinte Yoshi und sah Roumald und mich finster an.


    Yoshi und ich hörten während der Fahrt laut Musik, während mein kleiner Bruder und Roumald nur dumm in der Gegend rumguckten. Ich sah, wie Roumald auf eine verdächtige Art Kahiko etwas ins Ohr flüsterte.
    "Ey, Roumald!", sprach Yoshi.
    Als der Junge Yoshi ansah, ließ dieser seine Fingerspitzen brennen und sprach mit finsterem Blick: "Mach keinen Scheiß, Junge!"
    Roumald erschrak daraufhin etwas und wurde ein Bisschen nervös.
    "Nicht schlecht, kann ich aber noch besser!", entgegnete ich zu Yoshi und beschwor heimlich einen Schatten über dem Platz neben Kahikos Kumpel, "Roumald! Schau mal da!", sprach ich anschließend und zeigte auf diesen Platz neben ihn.
    Er schaute in die Richtung, sah den Schatten und erschrak daraufhin extrem mit einem lauten "WAAAH!". Kurz bevor die anderen Mitfahrer den Jungen verwirrt anschauten, ließ ich den Schatten verschwinden, um die Quelle des Schreckens zu beseitigen.
    "E-Entschuldigung ...", sprach Roumald etwas lauter, damit es auch alle Anderen hörten.
    "Ne, Roumald ... ich muss mich entschuldigen", entgegnete ich, "mit mir ist man bestraft!"
    Während Yoshi sich einen ablachte, versuchte Roumald, mich mit einem zornigen Blick anzugucken, was ihm aufgrund seiner Nervosität nicht gelang. Ich grinste nur schadenfroh und konzentrierte mich weiter auf meine Musik. Die scheiß Fahrt dauert ziemlich lange, doch nach etwa 45 Minuten kamen wir an. Der Zug hielt und eine Durchsage ertönte: "Wir sind nun in Valeko angekommen! Ausstieg in Fahrtrichtung links!" Roumald, Kahiko, Yoshi und ich stiegen aus dem Zug aus und warfen zuerst einen Blick auf die Stadt. Große Gebäude, ein gigantischer Platz, der zum Rathaus gehört, viele gehetzte Menschen, Soldatenpatrouillen, die von Cassadoren angeführt wurden und viele Fahrradfahrer fielen uns zuerst in den Blick. Trotz des Angriffes auf Kaleon vor Kurzem schienen sich die Menschen nicht groß zu sorgen und ihr normales Leben zu leben. Naja, Soldaten schützten die Stadt und der Krieg war noch in einem frühen Stadium, wie der Imperator und die Imperial-Cassadoren bei einer Pressekonferenz mitteilten. Woher ich das wusste? Naja, neben mir saß ein Mann, der eine Zeitung las und ich schaute ab und an zufällig drauf.
    "So. Gehen wir mal den Schwertmeister suchen!", sprach Kahiko und ging schon mal mit Roumald los. Yoshi und ich zogen sofort nach.


    MFG
    Gin

  • Kapitel 6: Die Meister


    „Gehen wir am besten zuerst zum Rathaus und erkunden uns dort, wo wir diesen Schwertmeister finden.“schlug Roumald vor, worauf Jay, Yoshi und ich nickten.
    Wir gingen eine lange, belebte Straße zum Rathaus hinauf. In Valeko merkte man überhaupt nicht, dass der Krieg allmählich ausbrach. Viele Menschen gingen mit einem Lächeln durch die Stadt, aber andere hetzten nur so durch die Stadt, als würden sie auf Kohlen laufen. Was mir sofort auffiel, waren die vielen Blumenläden, an jeder Abzweigung der Straße war mindestens ein Blumenladen. Den Duft der Blumen konnte man auf der ganzen Straße riechen, worauf Roumald und ich lächeln mussten.
    Als wir beim Rathausplatz ankamen, standen wir vor einem brachialen Springbrunnen. Die goldene Staue in der Mitte des Brunnens war der ehemalige Imperator Lyko Träynce, er war das Oberhaupt von Techoras vor Isaac West. Um ihn ranken sich viele Sagen von ehrenhaften Taten. Wir betraten das Rathaus und gingen zum Empfangsschalter. Das Rathaus war recht altbacken zum Rest der Stadt. Es hatte einen hölzernen Boden, der an manchen Stellen schon brüchig war, hölzerne Stützbalken und Holztreppen, einfach alles war aus Holz.
    „Swäl, können sie uns bitte sagen, wo wir den Schwertmeister hier in Valeko finden können?“fragte ich die Empfangsdame höflich.
    „Swäl. Qiez, das kann ich euch sagen. Ihr findet ihn wenn ihr den Rathausplatz zur Hauptstraße verlässt. Bei der Hauptstraße nehmt ihr dann die erste Rechts und geht die lange Gasse entlang. Am Ende seid ihr dann im sogenannten ,Kampfviertel´. Krieger, Söldner, Kriegsveteranen…Dort trefft ich jeden, der gut und gerne kämpft. Ihr steht dann am Platz der Legenden, und dort ist auch ein Dojo. Dort könnt ihr dann Drake Syad, den berühmt berüchtigten Schwertmeister, finden.“erklärte sie uns.
    „Gryvezo, sie haben uns sehr weitergeholfen. Kialz.“sagte ich und wir verließen das Rathaus.
    Wir gingen den beschriebenen Weg bis zum Platz der Legenden. Dort waren, wie die Empfangsdame schon erwähnt hatte, viele Kämpfer, jeder hatte eine Waffe bei sich. In der Mitte des Platzes war ein runder, sandiger Platz, den eine kleine Steinmauer umgab. Außerhalb des Kreises jubelten und grölten viele Männer, im Kreis war ein großer, muskulöser Mann mit einem Bärenfell Umhang und einer riesigen Axt. Sein Gegenüber war geschätzt gleich alt wie ich und sehr schmächtig, in der rechten Hand hielt er einen hellbraunen Bogen, in der linken einen Pfeil mit Federn hinten und einer Metallspitze vorne, er sah sehr nervös aus. Er hatte kurze, blaue Haare und eine violette Mütze auf. Er hatte violette Augen und ein komisches Mal auf der rechten Gesichtshälfte.
    „ARVES! ARVES!“riefen die Männer, worauf er starke Mann seine Muskeln spielen ließ.
    Was für ein Angeber, dachte ich als der Junge im Kreis den Bogen spannte und so den Kampf anfing.

    "Menga, pereza triez kapana á gir Jalyk-Canen? (Sagt mal, sind wir hier im Zirkus-Viertel?)", fragte ich, genervt von diesem Trauerspiel und ging mit Yoshi weiter.
    "Warte! Ich will da zugucken!", rief Kahiko mir hinterher.
    "Vén teviaz redit! (Dann tue es!)", rief ich zurück, ohne mich umzudrehen, oder stehenzubleiben.
    Plötzlich kamen Kahiko und Roumald zu uns gerannt.
    "Du bist ja nett. Lässt deinen kleinen Bruder alleine!", knurrte er.
    "Mir doch Latte!", antwortete ich angefressen.
    Wir gingen an einigen Häusern vorbei, als wir plötzlich auf einem hohen Hügel ein Haus sahen, zu welchem eine endlos scheinende Treppe führte.
    "Ich muss da jetzt nicht groß drüber nachdenken! Ich BEHAUPTE jetzt einfach mal, dass es das ist, wonach wir suchen!", sprach Joshua, während er das Haus musterte.
    "Ich auch. Ich würde einfach mal meinen Bruder darauf verwetten!", entgegnete ich, ebenfalls das Haus musternd. Eigentlich musste ich nur daran denken, diese lange Treppe hochzugehen ...
    "HEY!", rief Kahiko hinter mir, "Rabenbruder!"
    "Izara! (Kommt!) Wir gehen da jetzt mal hoch!", entgegnete ich, ohne auf das "Rabenbruder" einzugehen.
    Wir vier stiegen die große Treppe hinauf. Dabei hielten Yoshi und ich unsere Köpfe nach unten, um nicht zu sehen, wie viele Stufen es noch sind. Ich hatte das Gefühl, dass es 500 Stufen waren ... nein ... vergesst es, es waren SICHERLICH 500 Stufen, oder mehr. Als wir jedenfalls oben ankamen, schauten wir das Haus an, welches in japanischem Design gehalten war. Kannte ich aus Serien und Filmen, wie die meisten Häuser und die der Schwertmeister so aussahen. Hätte aber auch nicht bei einem techorianischen Meister erwartet, dass der hier in einer Prachtvilla lebt. Gibt irgendwie ein besseres Gefühl. Ich klopfte kurz an die Tür und hoffte, dass jemand da war.

    Ein paar Augenblicke lang dachte ich nicht, dass da überhaupt wer kommen wird, dem war auch so. Jay klopft noch einmal an, dann hörten wir hinter uns eine Stimme.
    „Er trainiert sicher wieder, deshalb öffnet er nicht.“
    Wir drehten uns um, vor uns stand der Junge, der vorhin gegen den großen Mann gekämpft hatte.
    „Und wer bist du, dass du das weißt?“fragte ihn Jay
    „Ich lebe mit ihm in diesem Haus. Er ist der Schwertmeister, ich bin der Bogenmeister. Mein Name ist Ales Thrope.“
    „Du Witzfigur sollst ein Bogenmeister sein? Beweis es!“meinte Jay misstrauisch.
    „Er sagt die Wahrheit.“sagte eine Stimme hinter uns.
    Wir drehten uns wieder um und sahen einen muskulösen Mann mit einem Schwert in der Hand. Er hatte kurze, schwarze Haare und so einen Kung-Fu Anzug, so wie in Filmen, an.
    „Sie sind wohl Drake Syad, oder?“fragte ich ihn.
    „Du bist ja ein ganz kluger Junge. Qiez, faro ce Drake Syad. Was wollt ihr hier?“sprach der Mann.
    „Ich will, dass sie mich im Schwertkampf trainieren.“erwiderte Jay, worauf Drake ihn musterte.
    „Qyo kap hechor?“fragte Drake Jay.
    „Faro ce Jay Veljeta.“
    „Led, dann komm einmal mit.“
    Jay und Yoshi gingen mit ihm mit, wir blieben bei Ales.
    „Dein Bogen…Ces gir Angelus?“fragte er mich interessiert.
    „Qiez, woher weißt du das?“erwiderte ich überrascht.
    „Ich besitze auch einen Legendenbogen, nämlich den Luftbogen Goliah. Wenn du willst, zeig ich dir ein paar Tricks.“bot er mir an, worauf ich bejahte.
    Wir betraten das Haus und gingen eine scheinbar endlos lange Wendeltreppe hinauf, bis wir schließlich auf dem Dach waren. Über uns prangte der knallblaue Himmel, um uns war nichts außer ein großer Abgrund. Es gab kein Geländer, keine Mauer einfach nichts, wenn man einen Schritt zu viel machte, stürzte man ab. Es war aber eine ziemlich großes Dach, weshalb man sich austoben konnte.
    „So, und nun zeig mir, was du kannst.“
    Roumald und ich drehten uns zu Ales um der gerade seinen Bogen spannte und auf mich zielte. Ich zog ebenfalls meinen Bogen und spannte ihn auch. Der Kampf konnte beginnen.

    Drake führte uns in nach Draußen in einen Hinterhof. Hier wuchsen viele Pflanzen und auch Gemüse, wie Kürbisse, Salat oder Karotten. Aber der Hof war schön groß, eigentlich ideal zum Trainieren.
    "So, Jay. Als Erstes möchte ich dir eine Standardtechnik beibringen. Diese nennt sich 'Curl' und nutzt das 'Neun-Punkte-System'. Ich gehe davon aus, dass du es kennst, oder?", fing er an, zu reden.
    "Hm ... rodäz ... ", antwortete ich.
    "Gut, dann werde ich es dir erklären. Für das 'Neun-Punkte-System' musst du dir an dem Körper des Gegner, neun Punkte denken. Einmal gibt es die drei Zentralpunkte und die sechs Nebenpunkte. Die Zentralpunkte befinden sich einmal am Kopf, am Oberkörper und an den Beinen, so Kniehöhe. Links und rechts von diesem Punkten befindet sich auch noch ein Punkt. Also, du hast einen Zentralpunkt am Kopf und links und rechts von dem auch nochmal einen Punkt. Das macht drei. Das Gleiche gilt auch für Beine und Oberkörper. Du stellst dir nun diese neun Punkte vor!"
    "Okay, hab ich. Weiter?"
    "Nun, musst du dir eine Nummerierung dazudenken. Das ist leicht. Du fängst oben links an und hörst unten rechts auf. Du nummerierst von eins bis neun. Ein gewöhnlicher Ablauf"
    "Okay. Ich gehe nach rechts, dann nächste Ebene von links nach rechts und die Ebene darauf genau so."
    "Sehr richtig. So, jetzt ziehe dein Schwert!"
    Ich griff nach meinem Schwert in seiner Hülle und zog es raus.
    "Während du noch die Punkte im Kopf hast, setze dein Schwert bei Punkt sechs an!"
    Das tat ich auch. Ich setzte mein Schwert rechts neben dem Zentralpunkt des Oberkörpers an.
    "Gut. Jetzt ziehst du dein Schwert zu den Knien auf Punkt acht! Anschließend auf Punkt vier neben dem Oberkörper."
    Ich zog erst auf Punkt acht mit vollem Tempo und dann auf Punkt vier.
    "So, das ist dafür da, um deine Kraft für den jetzt startenden Angriff zu verlagern. Jetzt ziehst du mit dem Schwert auf Punkt drei mit voller Geschwindigkeit. Im Falle eines Kampfes würdest du so den Teil über dem Bauch deines Gegner zerschneiden, bzw. die Brust."
    Ich tat, was der Meister sagte, und zog mit aller Kraft und Geschwindigkeit mein Schwert diagonal nach oben rechts.
    "Das sieht schon mal ganz gut aus. Probieren wir es mal an einer Vogelscheuche aus!", sprach Drake.
    Wir gingen ein paar Meter weiter zu einer Vogelscheuche, von denen Drake anscheinend ausreichend hatte.
    "Jetzt probier es hier aus. Denk immer daran, bei sechs ansetzen, auf acht ziehen, bei vier mit Schwung die Kraft bündeln und bei drei zerschneiden!"
    Ich setzte mein Schwert rechts neben dem Oberkörper der Vogelscheuche an, zog blitzschnell auf die Knie, dann rechts neben dem Oberkörper und zerschnitt ruckartig den Körper der Vogelscheuche, die danach in zwei Teile zerfiel.
    "Das sieht schon mal nicht schlecht aus. Ich würde es weiter an ein paar Bäumen üben. Die Kunst beim Curl ist nämlich, es möglichst schnell und mit viel Kraft zu machen. Sehr schnell bist du noch nicht, war ja auch dein erster richtiger Versuch und an deiner Kraftverlagerung müssen wir auch noch arbeiten. Schwertkämpferlegenden wie zum Beispiel unser Imperator schaffen es, einen Curl so schnell zu vollführen, dass man es kaum sieht. Die Opfer sehen nur für ganz kurze Zeit ein Stück Metall ... und dann den Tod. Also übe am Besten noch. Für heute möchte ich dir gerne noch eine Technik zeigen, die du dann Zuhause üben kannst. Zu viel wäre momentan nicht so gut!"
    "Leech. Immer nur her damit!", sprach ich.

    „Okay, du kannst ja noch nicht viel.“sagte Ales.
    „Qiez, ich hab auch noch nicht so lange bei Sorao trainiert.“antwortete ich außer Atem.
    „Sorao? Sorao Piaré? Kommt ihr aus Aphaio?“fragte er, worauf ich bejahte.
    „Kahiko, komm mal her!“sprach Roumald, worauf Ales und ich zu ihm rübersahen.
    Er stand beim Abhang und sah nach unten. Ales und ich gingen zu ihm und sahen ebenfalls runter. Im Garten trainierte gerade Jay.
    „Rodäz, Roumald. Nicht jetzt!“sagte ich als könnte ich seine Gedanken lesen.
    „Was meinst du?“fragte uns Ales, worauf Roumald es ihm erklärte: „Jay ist immer so fies zu ihm und kümmert sich gar nicht um seinen Bruder, was er eigentlich müsste, da ihre Eltern ja tot sind. Außerdem säuft er, prügelt sich unnötig und vieles mehr. Deshalb will Kahiko es ihm einmal heimzahlen.
    „Verstehe. Kann ich euch helfen? Ich hatte auch so einen nervigen Bruder, aber er war jünger als ich. Roumald war dein Name, oder? Was hast du vor?“kam die überraschende Antwort von Ales.
    „Du willst uns echt helfen?“meinte ich etwas irritiert.
    „Qiez, warum nicht? Ihr müsst mir nur sagen, was ich tun muss.“
    „Bekommst du dann nicht Ärger mit Drake?“sagte Roumald.
    „Ach der! Den würde das Erheitern. Bei ihm heißt es; Schadenfreude ist die schönste Freude.“meinte Ales, worauf er seinen Bogen in die Hand nahm.
    „Was hast du vor?“fragten Roumald und ich im Chor.
    „Das werdet ihr schon sehen.“
    Er holte aus dem Köcher bei seiner Hüfte einen Pfeil und spannte den Bogen, er zielte auf eine Vogelscheuche, an der Jay gerade trainierte.
    „Jetzt könnt ihr was lernen!“sagte er während er den Pfeil los ließ.
    Der Pfeil war so schnell und leise, dass keiner unten etwas von ihm mitbekommen hatte. Plötzlich bewegte sich die Vogelscheuche auf Jay zu und hüpfte um ihn herum. Verwirrt schlug er nach der Vogelscheuche, doch er traf sie nicht. Ales, Roumald und ich lachten uns auf dem Dach fast tot. Drake grinste Schadenfroh, Yoshi half Jay, aber selbst zusammen konnten sie die Vogelscheuche nicht erwischen. Als Drake dann die Vogelscheuche beim ersten Mal traf, sahen die drei zu uns hinauf.
    „KAHIKO!!“rief Jay unten wütend, doch ich musste noch immer lachen.

    "Wenn die glauben, dass das gut war, dann zweifele ich an ihrer Zurechnungsfähigkeit! Früher machte man das noch mit Fallgruben, die mit Blättern getarnt waren ... naja, kriegen sie auf jeden Fall zurück!", sprach ich gelangweilt.
    "Ja. Und Kahiko sollte sich mal nicht so aus dem Fenster lehnen!", antwortete Joshua.
    "EY, KAHIKO!", rief ich zu meinem noch lachenden Bruder, der mich anschaute, "Wenn du das nächste Mal in Gefahr bist, lass ich dich verrecken!"
    Daraufhin wechselte Kahikos Blick zu einem erschrockenen Blick. Natürlich würde ich meinen Bruder nicht verrecken lassen, aber wie soll ich sonst meine Wut gegen ihn ausdrücken? Ich hob mein Schwert und curlte die eben noch herumhüpfende Vogelscheuche in zwei Teile. Das gelang mir ganz gut, außer, dass ich mehr auf Bauchhöhe geschnitten hatte, weil ich etwas schneller sein wollte. Yoshi ließ seine linke Hand brennen, fasste die Vogelscheuche an und ließ sie zu Asche werden.
    "Naja, also den Curl solltest du noch üben, Jay!", sprach der Schwertmeister und holte aus einem Schuppen eine neue Vogelscheuche, "So, jetzt möchte ich dir den 'Überkopf-Schwerthieb' oder auch 'Stack' genannt, beibringen. Bei dem 'Stack' setzt du dein Schwert mit der Klinge nach hinten an deine Schulter. Die Stelle, die die Schultern berührt, sollte der Anfang der Klinge sein. Dafür gibt es die Regel, höchstens einen Zentimeter. Jede Stelle, die danach auf der Schulter liegt, ist für den Stack falsch. Also ... leg dein Schwert an!"
    Ich schaute mein Schwert kurz an und markierte mit meinen Fingern einen Zentimeter. Dann versuchte ich, so weit am Anfang wie möglich meine Klinge an meine Schulter anzusetzen. Also ich das getan habe, schaute mein Lehrmeister, mein Schwert genau an. Die Klinge zeigte diagonal nach unten.
    "Hm ... nein. Nochmal. Du bist etwas zu weit drüber."
    Ich wiederholte dies und durfte mir einige Male von meinem Schwertmeister anhören, dass ich das falsch gemacht hatte. Immer ... und immer wieder. Nach gefühlten 1000 Versuchen, war er dann zufrieden. War für den Moment vielleicht gut, doch beim nächsten Mal brauche ich vielleicht ja 999 Versuche ... was für eine Bereicherung ...
    "Jetzt musst du deinen Arm schnell nach oben strecken. Wenn die Spitze deines Schwertes deine Schulter streift, musst du in deiner Hand das Schwert drehen, damit die Klinge nach vorne zeigt. Beim Stack wird das Schwert in das Schlüsselbein gerammt, weshalb du es immer diagonal halten musst. Naja, versuche es mal!", sprach Drake und stellte vor mir eine Vogelscheuche hin.
    Ich streckte meinen Arm, das Schwert entfernte sich von meiner Schulter. Als ich spürte, wie die Spitze meines Schwertes meine Schulter berührte, drehte ich das Schwert in meiner Hand, sodass es nach vorne zeigte und stach es in die Vogelscheuche. Nur leider verfehlte ich das Schlüsselbein und traf etwas weiter dadrunter.
    "Die Durchführung war ganz gut. Nicht perfekt, aber ganz gut. Die Drehung hätte was flüssiger sein können. Du hast dabei deine Hand angespannt, obwohl sie locker sein sollte. Du hattest für die Drehung ein gutes Timing. An deiner Treffsicherheit musst du auch noch arbeiten. Ich zeig dir das mal", sprach der Meister und stellte sich vor die Vogelscheuche.
    Er setzte das Schwert perfekt an seiner Schulter an. Dann streckte er blitzschnell seinen Arm. Als genau die Spitze seine Schulter streifte, drehte er ebenfalls mit hohem Tempo und mit einer flüssgien Bewegung aus der Hand sein Schwert und stach es auf Schlüsselbeinhöhe in die Vogelscheuche. Als ich mir das Schwert genauer anschaute, bemerkte ich etwas, was mir eigentlich schon vorher hätte auffallen müssen. Die Klinge seines Schwertes war schwarz mit hell-lilanen Schriftzeichen.
    "Das sah wirklich geil aus ... ", staunte ich erst mal über den Stack, "Meister Syad, dürfte ich eine Frage stellen?"
    "Bitte."
    "Was ist das für ein Schwert? Es ähnelt meinem ..."
    "Das ist das Legendenschwert Rio. Es ist das Psychoschwert."
    "Legendenschwert?"
    "Ja, genau so eins, wie du es hast. Du besitzt Drako, das Schattenschwert ..."
    "Also über diese Legendenschwerter müssten sie mich vielleicht mal aufklären", sprach ich und rammte mir dabei im Geiste ein Messer in den Hals.

    „Du weißt, dass er das eh nicht ernst meinte.“sprach Roumald zu mir.
    „Ich weiß, aber du weißt, wie ich bin.“erwiderte ich seufzend.
    „Dann müssen wir etwas daran ändern, indem ich dir einen speziellen Trick zeige.“meinte Ales während wir in die Mitte des Platzes gingen.
    „Diese Technik nennt sich ,Twister´. Ich zeig sie dir einmal vor.“sagte Ales und drehte sich um.
    Er holte seinen Bogen von seinem Rücken und holte einen Pfeil aus seinem Köcher, dann zielte er auf eine Zielscheibe, die mit einem Seil von einem hölzernen Querbalken hing. Er zielte ganz genau auf die Scheibe, dann ging er in die Knie, drehte sich und sprang dabei. Als er die Drehung in der Luft vollendet hatte, schoss er den Pfeil ab, der sich schnell um seine eigene Achse drehte. Der Pfeil sauste durch die schwarze Mitte der Scheibe und flog noch sehr weit. Roumald und ich sahen ihn erstaunt an.
    „Ich erkläre dir jetzt, wie die Technik funktioniert, dann bist du dran, leech?“sagte er, worauf ich schnell nickte.
    „Also gut. Du musst dich zuerst ganz genau auf das Ziel konzentrieren, sodass du es auch blind treffen würdest. Dann gehst du in die Knie um so Kraft für den nachfolgenden Sprung zu sammeln. Wenn du dann sicher bist, dass du das Ziel in jedem Fall triffst, dann drehst du dich. Wenn du dich zur Hälfte gedreht hast, dann springst du, und wenn du dann wieder nach vorne blickst, dann lässt du los.“erklärte er mir, worauf ich etwas nervös wurde.
    „L-Led, ich werde es versuchen.“erwiderte ich.
    Er zeigte auf eine Zielscheibe hinter mir, worauf ich meinen Bogen in die Hand nahm und einen Pfeil zog. Ich konzentrierte mich auf das schwebende Ziel solange, bis ich mir sicher war, dass ich es treffe, dann ging ich in die Knie. Sogleich drehte ich mich, dann sprang ich in die Luft und schoss den Pfeil, aber leider nicht ins Ziel. Der Pfeil drehte sich zwar und hatte einen Lichtschweif, aber er landete in der Erde, genau neben Jay.
    „Das gibt jetzt Ärger.“meinte Roumald ängstlich.
    „Wenn er dir etwas tun will, dann nimm ich es mit ihm auf.“sagte Ales.
    Ich versuchte ruhig zu bleiben, doch das konnte ich nicht da ich von unten Jay schreien hörte: „KAHIKO!“

    Ich schaute meinen Bruder angefressen an.
    "Lass ihn. Es war sicher nur ein Versehen ...", versuchte mein Meister, mich zu beruhigen, "und überhaupt ist es schlecht für's Karma, wenn man einen Groll gegen seinen Bruder hegt!"
    "Krr ... also gut!", antwortete ich und drehte mich um.
    "So, dann erzähle ich mal etwas zu den Legendenschwerter. Es gibt insgesamt sieben von ihnen. Drako, Legios, Kalyo, Cyn, Ryo, Narco und Zyan. Der Imperator Isaac West besitzt das Schwert Legios. Kalyo, Cyn, Ryo und Narco sind bei der Regierung offiziell als Besitz von techorianischen Landsleuten angemeldet. Doch von Zyan weiß man gar nichts. Der Ursprung der Legendenschwerter ist nicht bekannt, doch von den vielen Theorien her, sehr umstritten, besonders was das Meteoritengestein angeht, welches in jedem Schwert verarbeitet ist. Es gibt einmal die Theorie, dass sie im Meer in einer Höhle unter Wasser gefunden worden seien. Dann gehen manche davon aus, dass sie mehrere Kilometer unter der Erde gefunden worden sind. Andere behaupten, dass die Schwerter schon vor Tausenden von Jahren geschmiedet worden sind und uns somit der Ursprung von ihnen nie bekannt sein wird. Eine weitere verbreitete Theorie ist, dass einst ein Komet im Zentrum von Techoras einschlug. Als man ihn untersuchen wollte, schlug man in klein. Ein paar der Splitter waren die Klingen, die praktisch perfekt geformt herausbrachen. Diese Theorie ist bei vielen Anderen jedoch sehr umstritten, weil die Klingen noch weitere Materialen enthalten. Doch wenn ich jetzt noch weiter von Ursprungstheorien reden würde, ständen wir noch bis morgen Früh hier. Alle Schwerter bestehen aus Meteoritengestein und noch einem Material. Auf jeden Fall wurden sie streng gehütet, weil man in ihnen eine besondere Kraft gespürt hatte. Leider kann ich dir nicht mehr über diese Schwerter sagen. Aber in einer Bibliothek wirst du sicher fündig."
    "Hm ... Schwerter aus dem Meer, aus der Erde oder aus dem Weltraum ... klingt komisch", sprach Joshua.
    "Hm, ja. Aber mein Bauch sagt mir, dass da irgendetwas dran ist ...", entgegnete ich nachdenklich.
    "Das ist sicher nur deine Wunde, die dir wieder Schmerzen bereitet!", antwortete Joshua.
    "Jo, das wär´s", sagte ich lachend, "naja, aber auf jeden Fall sehr interessant, die Geschichte! Ich denke, ich werde mich wirklich noch was schlau machen, was das angeht!"
    "Leech, teviaz redit (Okay, tu das)", antwortete Syad, "naja, ich denke, das war es heute erst mal mit dem Training. Das war jetzt ein kleiner Einstieg, ab dem nächsten Mal wird es etwas anspruchsvoller. Morgen und übermorgen kann ich leider nicht, weil ich da was zu tun habe. Aber komm am Besten in drei Tagen wieder vorbei, dann kann das Training weitergehen!"
    "Okay, dann weiß ich Bescheid. Eine Frage hätte ich noch ... gibt es hier irgendwo einen Lehrmeister, der mich in dem Element der Dunkelheit unterrichten könnte?", erkundigte ich mich.
    "Ja, den gibt es. Mein Cousin Leonardo unterrichtet dies. Er lebt in 'Esqar'. Das ist eine kleine Stadt, nicht weit von hier. Er ist auf jeden Fall sehr bekannt, frag einfach mal nach ihm."
    "Mach ich, danke!", antwortete ich und drehte mich zu meinem Bruder, der noch oben stand :"KAHIKO! Wir gehen!", rief ich und ging durch ein Zauntor im Garten raus. Kahiko und Roumald machten sich ebenfalls auf den Weg zu mir.

    „Ihr geht schon? Wirklich? Schade.“meinte Ales, während wir die Treppen runtergingen.
    „Naja, wenn mein Bruder etwas sagt, dann findet man sich am besten mit seiner Meinung ab, sonst gibt es Ärger.“sagte ich, worauf Roumald wütend erwiderte: „Schön langsam kann ich es nicht mehr hören. Du klingst wie ein Feigling. Wehr dich doch mal gegen deinen Bruder! Oder willst du immer ein Schoßhündchen bleiben?“
    „Ich bin kein Schoßhündchen!“rechtfertigte ich mich, aber wenn ich jetzt so drüber nachdenke…verdammt, er hat Recht.
    „Geht ihr jetzt wieder nach Aphaio?“fragte Ales, um uns von unserem Streit abzulenken.
    „Qiez.“antwortete ich knapp.
    „Was macht ihr eigentlich in Aphaio? Wohnt ihr dort?“
    „Rodäz. Wir sind aus unserem Heimatdorf geflohen und wollen uns nun gegen die Lizagon wehren.“
    Ales blieb stehen uns sah uns erstaunt an.
    „Ihr wollt die Lizagon bekämpfen? In eurer Form? Das überlebt ihr nicht lange.“sprach er lachend.
    „Deshalb trainieren wir auch bei Sorao, um besser zu werden und den Lizagon kräftig in den Arsch zu treten!“meinte Roumald ehrgeizig.
    „Dann möchte ich euch helfen. Ich komme mit euch nach Aphaio.“kam die überraschende Antwort.
    „Quer? Du willst dich uns anschließen? Musst du nicht hierbleiben?“fragte ich ihn etwas überrumpelt.
    „Rodäz, muss ich nicht. Hier gibt es nur einen starken Gegner, und das ist Drake. Sonst gibt es hier nur Nieten. Aber in Aphaio gibt es viele großartige Kämpfer. Mich lockt die Herausforderung. Außerdem möchte ich euch im Kampf gegen die Lizagon helfen.“sprach er herausfordernd.
    „Von mir aus gern, aber ich muss zuerst-“fing ich an, aber Roumald unterbrach mich: „RODÄZ, KAHIKO! Du fragst Jay nicht zuvor.“
    Ich sah ihn irritiert an, worauf er mich noch ernster ansah, als er es eh schon tat.
    „Qiez, Qiez. Du kannst gerne mitkommen.“sagte ich lächelnd.
    „Na, geht doch. Wenn er ein Problem damit hat, dann hat er eben eins und fertig.“meinte Roumald.
    „Und wenn er ein großes Problem damit hat, bekommt er es mit mir zu tun.“sagte Ales ehrgeizig.
    Ich nickte und wir gingen weiter die Treppen runter. Als wir unten waren, standen Jay, Yoshi und Drake schon bei der Tür.
    „Da seid ihr ja endlich.“meinte Jay etwas wütend.
    „Jay ich muss dir was sagen.“sprach ich selbstbewusst.
    „Und was?“
    „Ales kommt mit nach Aphaio.“
    Drake sah Ales überrascht an, worauf Ales grinsend sagte: „Ich will ihnen helfen, die Lizagon zu bekämpfen. Vielleicht sind die stärker, als die Kämpfer hier. Wenn nicht…dann haben sie Pech gehabt.“
    „Haha, du bist wohl immer auf der Suche nach einer Herausforderung. Ich könnte dich sowieso nicht aufhalten, also zeig es den Lizagon.“meinte Drake ebenso grinsend wie Ales.
    Jay sah Drake überrascht an und ich musste lächeln.

    "Ach ja, Jay. Ich möchte dir, bevor du gehst, noch einen Tipp geben. Am Besten setzt du dein Schwert an der Hüfte an. So ist es leichter zu ziehen, als wenn du es auf dem Rücken hast!", sprach mein Meister zum Schluss noch zu mir.
    "Stimmt eigentlich auch wieder. Gryvezo.", entgegnete ich, nahm die Hülle meines Schwertes und legte das Band wieder an meinem Körper an, nur diesmal so, dass mein Schwert mit dem Griff voran an meiner Hüfte liegt. Dann schnürte ich das Band noch fester zu, damit es nicht lockert und schon war es fertig.
    "Naja, war wirklich nett, euch kennenzulernen", sprach Syad zu Kahiko, Joshua und Roumald und wandte sich dann zu mir, "dich kennenzulernen freute mich natürlich auch, aber wir sehen uns ja noch wieder. Ich hoffe, du übst Zuhause noch fleißig!"
    "Hat mich auch gefreut. Und ja, ich trainiere noch!"
    "Sehr, schön. Na dann, auf Wiedersehen!"
    Wir verabschiedeten uns von Meister Syad und gingen wieder zum Bahnhof. Was ich davon halten sollte, dass dieser komische Ales jetzt mitkommt, konnte ich nicht wirklich sagen. Er sollte mir nur nicht auf die Nerven gehen. Am Bahnhof angekommen, kauften wir uns ein paar Tickets und stiegen in den Zug ein. Während der Fahrt saßen Joshua und ich gegenüber von Kahiko, Ales und Roumald. Yoshi und ich hörten wieder überdimensional laut Musik.
    "Wenn wir Zuhause sind, knall ich mir erst mal ordentlich die Birne voll!", sprach ich zu Yoshi, der daraufhin grinste, "Aber davor werde ich, denke ich trainieren ..."
    "Tu das."
    Die ganze Fahrt über passierte nichts wirklich Besonderes. Hoffte nur, dass ich so schnell wie möglich Zuhause ankam. Ich hatte wirklich große Lust zu Trainieren. Mich beeindruckten diese Kampftechniken, die mein Meister mir beigebracht hatte. Und ich konnte es nicht erwarten, sie zu perfektionieren. Als wir in Aphaio ankamen, stiegen wir aus. Ich schaute auf mein Handy.
    "10:48 Uhr. Kahiko, triffst du dich nicht gleich mit diesem Mädchen?", fragte ich Kahiko.
    "Er weiß von ihr Bescheid?", fragte Roumald meinen Bruder überrascht.
    "Natürlich weiß er davon. Er ist mein Bruder. Wegen dem Kazyero musste ich ihn sogar fragen, ob das in Ordnung ist!", entgegnete mein Bruder.
    "Und anscheinend hat er das erlaubt, oder?", fragte Roumald, woraufhin mein Bruder stumm nickte.
    "Alles klar ...", entgegnete Roumald und schaute mich kurz an.
    "Naja, viel Spaß, Kahiko. Ich kann mir zwar bei dir nur vorstellen, dass du es vermasselst, aber darüber mach ich mich dann später lustig", antwortete ich und ging mit Yoshi wieder in unser Viertel, während Kahiko und Roumald sich woanders hinbegaben.

    „Kahiko, hättest du dich nicht schon um zehn mit Hokulani treffen sollen?“fragte mich Roumald etwas erschrocken, aber ich beruhigte ihn indem ich sagte: „Ich treffe mich mit ihr doch erst morgen, da ich nicht wusste, wie lange wir in Valeko sind.“
    „Led, wann trefft ihr euch dann morgen?“
    „Um die gleiche Uhrzeit, um die wir uns heute hätten treffen sollen.“
    Roumald nickte und Ales fragte mich: „Hokulani? Ces gir hio Minao(Freundin)?“
    „R-Rodäz, tiar plyo ces frio minao.“erwiderte als ich spürte, wie ich rot anlief.
    „Ich verstehe schon.“meinte Ales lachend als wir den Rathausplatz erreichten.
    Wir saßen uns dort auf den Brunnenrand und riefen Carlos und Fabés an und sagten ihnen, dass sie auch kommen sollten.
    „Carlos para Fabés? Sind das eure Freunde?“erkundigte er sich, worauf wir bejahten.
    Nach einer geschätzten Dreiviertelstunde kamen die beiden zu uns.
    „Swäl, ihr beiden!“begrüßten Roumald und ich sie.
    „Swäl, Roumald para Kahiko. Wer ist der Junge?“fragte Fabés sofort.
    „Faro ce Ales Thrope. Ich komme aus Valeko.“stellte sich Ales vor.
    „Ales Thrope? Den Namen habe ich schon einmal gehört…Du sagtest du kommst aus Valeko…hm…“überlegte Fabés während er Ales musterte.
    „Bevor dein Kopf noch zum Rauchen anfängt, sag ich es dir lieber. Ich bin der Bogenmeister in Valeko. Ich denke, du hast den Namen meines Bogens schon gehört. Er heißt Goliah.“
    „Goliah…Er ist einer der Legendenbögen. Aber ich kenne dich nicht als Bogenmeister, da bin ich mir sicher. Ich habe deinen Namen schon woanders gehört…nur wo?“sprach Fabés, worauf Roumald erwiderte: „Ay, das bildest du dir doch nur ein. Qorad jizo ces redit?“
    „Kurz nach Viertel Eins.“antwortete Carlos mit einem Blick auf seine Armbanduhr.
    „Dann machen wir uns einmal auf den Weg zu Sorao.“meinte ich, worauf wir alle gingen, nur Fabés stand noch wie angewurzelt dort.
    „Geht ihr vor, ich komme gleich nach.“meinte ich und ging zu Fabés.
    „Kahiko…Vertraust du Ales?“fragte er mich, worauf ich ihn verwirrt ansah.
    „Qiez, quario?“antwortete ich.
    „Ich weiß jetzt, wo ich seinen Namen…Oder eher gesagt seinen Nachnamen schon einmal gelesen habe. Ich zeig es dir.“erwiderte er und holte sein Handy raus.
    Er tippte schnell etwas ein, dann las vor: „Zuerst Lilios, dann Kaleon. Die Lizagon machen vor nichts halt. Ihr letztes Ziel war das Dorf Zinyra, etwa zweihundert Kilometer von Aphaio entfernt. Überlebende Zeugen berichteten, dass die Männer immer wieder ihren Anführer, einen gewissen Lucius Thrope, anfeuerten, damit dieser alles und jeden töten solle, er machte selbst bei Kindern nicht halt. Augenzeugen konnten nur erkennen, dass er eine schwarze Uniform trug und mit einem metallenem Bogen kämpfte, dessen Schüsse so schnell wie der Wind waren.Wie die Lizagon ins Land kamen, ist unklar. Das techorianische Militär ermittelt in dieser Sache Tag und Nacht…Cavez, Kahiko! Denk doch einmal nach.“
    Ich sah ihn erschrocken an.
    „Und der Bericht entspricht wirklich der Wahrheit?“fragte ich unter Schock.
    „Das stand in jeder Tageszeitung!“erwiderte er.
    „Dann müssen wir etwas unternehmen.“sprach ich während wir schnell zu den Katakomben liefen.

    Joshua ging noch Hause, um sich zu vergewissern, dass Sophia wegen Butters nicht schon Selbstmord begang. Ich hingegen ging mit Drako, das sich in der Hülle an meiner Hüfte befand, in den Park, um dort noch etwas zu üben. Ich begab mich zu dem kleinen Platz, an dem Está mir zeigte, wie ich Schatten beschwöre. Ich hatte diesen kleinen Platz schon in mein nicht vorhandenes Herz geschlossen. Es war ruhig, stets schattig und man konnte dort wirklich gut trainieren. Langsam zog ich Drako aus der Hülle, schaute das Legendenschwert kurz an, mit dem Gedanken, dass ich es irgendwie echt nicht glauben konnte, Besitzer eines so besonderen Schwertes zu sein. Es war ja praktisch schon ein Relikt. Anschließend rief ich mir wieder das Neun-Punkte-System in den Sinn, um den Curl zu üben. Ich setzte mein Schwert bei Punkt sechs an. Danach zog ich es blitzschnell zu Punkt acht, dann zu Punkt vier und zum Schluss mit voller Kraft und Geschwindigkeit zu Punkt drei. Um meinen Krafteinfluss noch etwas weiter beurteilen zu können, setzte ich den Curl an einem Baum ein. Meine Angriffe hinterließen immer sichtliche Spuren in den Bäumen, aber ich war nicht ganz zufrieden. Den ein oder Anderen Curl verpatzte ist, was ich selbst nicht wirklich schlimm fand, da ich ihn ja erst heute gelernt hatte. Aber trotzdem brannte ich darauf, den Curl in kürzester Zeit zu perfektionieren, in dem Wissen, dass ich das nicht schaffen würde. Nach gefühlten 100 Versuchen, tat mir mein linker Arm etwas weh, weshalb ich mich kurz auf die knallgrüne Wiese setzte. Ich begutachtete meine Handschuhe, die sich an meinen Händen befand ... diese Handschuhe, die an meinen Händen erschienen, als ich Drakos Griff zum ersten Mal ergriff. Ich fragte mich, was sie wohl brachten. Waren sie nur Deko oder hatten sie irgendeine Aufgabe? Darüber sollte ich mich vielleicht auch noch in der Bücherei informieren. Ich hätte es selber nie geglaubt, dass ich mir vornehme, in eine Bücherei zu gehen. Obwohl der Meister mir einiges zu den Legendenschwertern erzählte, wollte ich gern mehr erfahren. Und das werde ich auch. Da fällt mir ein, dass ich so viel zu tun habe. Schwerttraining beim Meister ... seinem Cousin wollte ich ja auch noch einen Besuch abstatten, damit er mir eventuell die nähere Beherrschung der Schattenkräfte beibringt. Dann muss ich noch in die Bücherei, um mich über die Legendenschwerter zu informieren ... und um meinen kleinen Bruder muss ich mich auch noch kümmern. "Kazyero ...", seufzte ich. Obwohl ich das Kazyero sehr ernst nahm, war es doch des Öfteren schon zermürbend, für Kahikos Unsinn geradezustehen und die Prügel einzustecken. Ich zog kurz mein T-Shirt hoch und schaute auf meine genähte Wunde am Bauch. Die Fäden würde ich mir wohl ziehen müssen ... aber nicht jetzt. Das T-Shirt wieder runtergezogen, dachte ich noch weiter nach. Der Überfall ... die Flucht ... Drako. Alles so plötzlich. Und alles zusammen warf mich quasi in ein neues Leben, außer dass ich immer noch Jay war. Nur als Waise jetzt mit mehr Verantwortung, einem Schwert, zuvor für mich verborgene Kräfte, dessen Beherrschung es zu lernen galt und natürlich dem ohnehin schon vorhanden Charme. Als ich so über Kaleon und den Angriff nachdachte, fiel mir das Gesicht des Mörders meiner Eltern ein. Auch wenn er vermummt war und ich nur wirklich seine Augen erkannte, stachen sie mir noch so stark ins Gedächtnis und ich hätte sie jederzeit jemandem zuordnen können. Fakt ist, ich werde den verfickten Mörder meiner Eltern finden und ihn aufs Grausamste richten. Ich drückte mir zwangsweise wirklich viel auf. Ich bin froh, dass Kahiko auch eine Waffe hat und wohl halbwegs gutes Training bekommt, sodass er sich auch bei Gefahr wehren kann. Wird aber trotzdem nichts daran ändern, dass ich meinen kleinen Bruder beschützen muss. Naja ... niemand hat es im Leben leicht und das muss auch ich hinnehmen ... egal, wie belastend es ist. Zusammenklappen werde ich wegen GAR NICHTS! Während ich weiter so nachdachte, spürte ich keinen Schmerz mehr in meinen Armen und stand auf. Den Curl wollte ich für heute mal gut sein lassen, weshalb ich mich an den Stack machte.

    Als wir in den Katakomben ankamen, trainierten Roumald und Carlos gerade, Ales und Sorao saßen am Boden und beobachteten das Geschehen. Ales sah, dass wir ihn nicht gerade freundlich ansahen und kam zu uns.
    „Para quer?“fragte er verwirrt.
    „Könntest du uns das erklären?“erwiderte Fabés wütend und zeigte Ales den Bericht.
    Als er diesen gelesen hatte, meinte er: „Kann ich einmal mit euch allein sprechen und es euch erklären?“
    „Qiez…Auf diese Ausrede bin ich gespannt.“den letzten Teil flüsterte Fabés, damit Ales ihn nicht hören konnte.
    Wir sagten Sorao, dass wir gleich wieder kommen würden und verließen kurz die Katakomben. Wir standen nun zu dritt auf dem Schwertplatz, nicht einmal eine Wache war hier.
    „Ich wusste, dein Name sagt mir etwas. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“sprach Fabés, worauf Ales zu lachen begann.
    „Zu meiner Verteidigung? Sind wir hier bei einem Gericht? Faro jarlyaz darz…“
    Er fing noch mehr an zu lachen, schön langsam bekam ich Angst.
    „Du warst es doch, der die ganzen Leute in Kaleon und Lilios getötet hat, streite es nicht ab. Augenzeugen haben berichtet-“
    „Augenzeugen? Es war mitten in der Nacht. Meinst du, die ,Zeugen´ hätten irgendetwas sehen können.“unterbrach Ales Fabés, der ihn darauf überrascht ansah.
    „Du hast recht, dann konnten sie ihn gar nicht sehen. Contrâ! Geh du schon mal vor in die Katakomben, ich muss mit Fabés noch etwas besprechen.“sprach ich mit gespielter reumütiger Stimme, worauf Ales wieder in die Katakomben ging.
    „Was sollte das gerade werden, Kahiko?“fragte er mich fassungslos.
    „In dem Bericht wird mit keinem einzigen Wort erwähnt, dass es zur Zeit des Überfalls Nacht war, vek?“sagte ich, worauf er sein Handy herausholte und dann zustimmend nickte.
    „Dann können wir davon ausgehen, dass Ales in Wirklichkeit Lucius Thrope ist. Denn wie könnte er sonst wissen, dass es Nacht war?“
    „Ich verstehe, worauf du hinaus willst…Also ist er wirklich ein Lizagon. Bestimmt war er es, der die Soldaten in Techoras eingeschleust hat. Wer auch sonst?“schlussfolgerte Fabés, worauf ich nickte.
    „Aber ihn zu besiegen wird schwer…Er besitzt schließlich auch einen Legendenbogen und ist, im Gegensatz zu mir, ein BogenMEISTER.“meinte ich etwas hoffnungslos.
    „Jede Waffe hat eine Schwachstelle, auch sein Bogen Goliah. Legende hin oder her…Wir sollten uns nur über die Legendbögen erkundigen, vielleicht können wir noch wertvolle Verbündete für den Kampf gegen die Lizagon auf diese Art gewinnen.“
    Ich nickte zustimmend.
    „Led, dann auf in die Bibliothek.“meinte er, worauf ich ihn verdutzt ansah.
    „Bibliothek? Ist das dein Ernst?“fragte ich ihn nicht sonderlich begeistert.
    „Wie willst du sonst etwas darüber erfahren? Sollen wir etwa Ales danach fragen?“meinte er.
    „Rodäz, aber Sorao.“erwiderte ich.
    „Er wird uns das glaub ich auch nicht sagen können, vor allem wird er uns die Informationen, die wir dringend brauchen, nicht sagen können.“
    „Wie du meinst…“sagte ich worauf wir wieder in die Katakomben gingen und Sorao sagten, dass wir heute nicht trainieren konnten, da wir noch etwas zu erledigen hatte.
    Er nickte nur und wir verließen schnell die Katakomben und gingen zum Rathaus, wo wir uns nach der Bibliothek erkundigten. Aber das konnten wir uns sparen, da die Bibliothek unter dem Rathaus war. Wir gingen die modrigen Holztreppen hinab und waren nun in einem gigantischen Raum, der von Kerzenschein erleuchtet wurde und in dem unzählige deckenhohe Regale voll mit Büchern standen. Mit zuerst großer Motivation durchkämmten wir die Bibliothek, bis wir nach einer geschätzten Stunde fündig wurden. Das Buch war das größte Buch, das ich je gesehen hatte. Fabés und ich mussten es zu zweit zu einem Schreibtisch hieven, dann las ich den Titel darauf; Legendäre Waffen.
    „Wenn wir da drinnen nicht finden, was wir suchen, dann ist es hoffnungslos.“sprach ich in einem sarkastischen Ton während ich das Buch aufschlug.

    Der Baum, an dem ich trainierte tat mir langsam schon Leid, weil ich in mit meinem Training schon quasi verbal vergewaltigte. Würde sich ein Unwissender den Baum ansehen, würde er vielleicht denken, dass hier das Sägenwurf-Turnier stattgefunden hätte. Doch langsam hatte ich genug vom Training. Egal, wie oft ich es versuchte, ich konnte weder Stack noch Curl perfektionieren. Ich rief mir immer wieder ins Gedächtnis, dass ich diese Techniken seit Kurzem erst kannte und ich dadurch jetzt kein Meister sein konnte. Doch irgendwie wollte ich es selbst nicht akzeptieren. Aber naja, ich kann ja nichts erzwingen, was nicht sein soll. Ich steckte mein Schwert wieder in die Hülle und setzte mich im Schneidersitz wieder auf die Wiese vor den Baum. Ich wollte es für heute gut sein lassen. Ich glaube nicht, dass es besonders gesund ist, wenn man es bei so was übertreibt. Ich beschloss, jeden Tag oder alle paar Tage zu üben, dann würden meine Angriffe früher oder später schon an Präzision gewinnen. Obwohl es gar nicht mein Ding war, Geduld zu haben, hatte ich hier keine Wahl. Ich fing an, mich in Selbstdisziplin zu üben. Und vielleicht war das ja genau so wichtig, wie diese Techniken zu üben. Ich meine, was bringt es, Ziele zu haben, ohne über Selbstdisziplin zu verfügen? Ich wurde mir immer mehr bewusst, dass ich in der jetzigen Lage sowohl mehr Macht hatte, als auch mehr Pflichten. Eine Waffe zu besitzen, bedeutete, die eigenen Landsleute, die in Gefahr sind und sich selbst nicht helfen können, zu unterstützen. Die Kunst des Schwertkampfes zu lernen, bedeutete, sich in Selbstdisziplin zu üben. Und genau das hatte ich vor. Ich könnte es mit Gewalt tun, oder auf die richtige Weise. Mit letzterer Option freundete ich mich immer mehr an, aber ich musste auch daran denken, dass die erste Option immer meine Bevorzugte war. Noch nie habe ich, wenn ich etwas lernen musste, es mit Geduld gemacht und Dauer. Es war früher nichts für mich, etwas über mehrere Tage oder Wochen zu üben. Man kann eigentlich beide Optionen gutheißen. Entweder exzessiv zu üben und es in kürzester Zeit drauf zu haben oder in Ruhe sich Zeit zu lassen. Der Gedanke, letztere Option zu versuchen, tat mir gar nicht gut. Aber Schwertkampf zu üben ist nochmal eine ganz andere Sache, als perfektes Techorianisch zu üben. Ich versuchte es beim Schwertkampf einfach mal in Ruhe und auf Dauer, bedenkend, dass ich das Meiste, was ich in der Zukunft machen werde, sicherlich noch auf meine gewohnte und bevorzugte Art machte. Ich merkte gerade, dass ich mir über so etwas noch nie wirklich Gedanken gemacht habe, es aber auch ganz gut tat, selbst mal in sich zu gehen und wirklich über sich selbst nachzudenken. Aber meine Art war das sonst auch nicht ... ich schüttelte den Kopf den Kopf und stand auf. Ich war aufgrund der ganzen Denkerei etwas durch den Wind und beschloss, wieder in die Stadt zu gehen und dort mich abzulenken ... vielleicht knall ich mir ja exzessiv die Birne voll, mal sehen. Ich verließ meinen Trainingsplatz und ging in Richtung Stadt.

    „Ich glaube ich habe gefunden, was wir gesucht haben!“meinte Fabés aufgeregt, während ich vom Boden aufstand und zu ihm ging.
    Wir waren nun schon geschätzte zwei Stunden hier unten und schön langsam wurde ich müde, außerdem roch es hier wirklich abartig, ich bin froh, wenn ich wieder hier raus bin.
    „Schieß los.“sprach ich während ich mich neben ihm hinstellte und in das Buch sah.
    Auf den gelblichen Seiten waren verschiedene Elemente in einem Kreis dargestellt, die jeweils mit einem Pfeil auf ein anderes zeigten.
    „Die Pfeile zeigen den Vorteil gegenüber einem Element an. Feuer ist effektiv gegen Pflanzen, Luft ist effektiv gegen Gestein und so weiter. Aber etwas ist komisch daran.“erklärte mir Fabés, während er auf einen schwarzen Punkt zeigte.
    Er fuhr dann mit seinem Finger den Pfeil nach bis zu einem weißen Punkt.
    „Sind das Schatten und Licht?“ fragte ich ihn, worauf er nachdenklich nickte.
    „Jedes Element hat einen Vorteil und einen Nachteil. Wasser ist effektiv gegen Feuer, aber nicht effektiv gegen Pflanze, aber bei Licht und Schatten ist das anders. Schatten ist effektiv gegen Licht, Licht ist effektiv gegen Schatten, diese beiden haben also de facto keine Verbindungen zu den anderen Elementen. Das heißt sie sind neutral. Kommst du mit?“erläuterte er, während ich abwesend auf das Buch starrte.
    „Also kann Jay mir großen Schaden zufügen und ich ihm?“sagte ich nach einer Weile.
    „Qiez, so kann man es auch ausdrücken. Komm jetzt aber nicht auf idiotische Gedanken!“sagte er streng.
    „Qiez Qiez, keine Sorge. Was ist effektiv gegen Luft?“fragte ich Fabés, der nur mit einer Handbewegung auf das Buch deutete.
    Er ging einen Schritt zur Seite und ich stellte widerwillig vor die Mitte des Buches. Ich fuhr mit meinem Finger auf dem faserigen Papier den Kreis entlang, bis ich schließlich ein Zeichen fand, welches wie ein Wirbelwind aussah. Luft war effektiv gegen…Gestein. Und Luft ist anfällig gegenüber…Elektro.
    „Moment…Hio Qajô ces quenin Eliuez, vek Fabés?“fragte ich ihn, worauf er langsam nickte.
    „Willst du etwa darauf hinaus, dass ich gegen ihn Kämpfen soll?“meinte er ungläubig.
    „Rodäz, du musst mir nur helfen.“erwiderte ich, während ich im Buch weiterblätterte.
    „Led.“antwortete er knapp.
    Ich blätterte im Buch weiter und stieß dann auf etwas sehr interessantes. ,Legendenbögen und ihre Schwachstellen´.

    Als ich wieder in der Innenstadt war, holte ich mein Handy raus, öffnete WhatsApp und schrieb in die Gruppe mit Está, Montana und Joshua :"Kommt ihr gleich in die Bar?". Daraufhin antworteten alle drei recht prompt mit 'Ja'. Ich ging also in die Bar. Als ich sie betrat, war noch keine Spur von meinen Freunden, war aber davon überzeugt, dass sie jeden Moment kommen würden. An der Theke stand Danny, der zwei jungen Männern gerade eisgekühlte Drinks brachte und in mir sofort den Gedanken weckte, dass ich das jetzt auch bitter nötig hatte. Ich setzte mich an die Theke. Danny bemerkte mich sofort und hielt mir seine Hand hin. Ich checkte ihn rasch ab. Er sprach mit einem Grinsen :"Kja, manjerô Veljeta. Veryn led janta! (Ah, herr Veljeta. Schönen guten Tag!)"
    "Swäl, Danny. Qorad plejen redâ? (Wie geht's?)"
    "Led, gryvezo. Hyro? (Gut, danke. Dir?)"
    "Istên! (Auch!)"
    "Väyn cer veryn! Gir bevarano? (Das ist schön! Das Übliche?)"
    "Serwerla. Lecio yinoza fyro epero acé ansipá pryavet! (Natürlich. Aber tu mir bitte noch etwas Mango rein!"
    "Fray quén!", antwortete Danny und holte aus dem Kühlschrank unter der Theke einige Flaschen raus und ein großes Glas aus einer Ablage hinter ihm raus. Die Ablagen waren direkt an der Wand, welche mit Hawaii-Postern verziert war. Darum hatte ich auch irgendwie das Gefühl, in einer Tiki-Bar zu sein ... ach ja ... Hawaii. Da könnte ich auch nochmal hin. Ich sah Danny zu, wie er mit meisterlicher Eleganz den Candiar einschenkte, ihn mit Brombeerensaft, Heidelbeersaft und Cranberrysaft mischte und ihm mit dem Mangosaft eine herrlich orange Farbe gab. Anschließend steckte er in das Getränk noch ein Schirmchen und ein Strohhalm rein, sodass es einen richtigen Tiki-Style gab, der einfach ein herrlicher Anblick war. Danach reichte er mir zusammen mit einer Nadel das Glas.
    "Äriazeno! (Bitteschön)", sprach er.
    "Azé gryvezo (Vielen Dank)", antwortete ich und stach mir die Nadel in den Finger. Anschließend ließ ich ein wenig Blut in meinen Candiar tropfen und fing an, zu trinken.
    "Aquiz kapir girez pronjâs? (Wo sind die Anderen?)"
    "Lejar istên izarivolc pez!" (Sie / Die kommen auch gleich!)", entgegnete ich und trank genüsslich meinen Candiar.
    "Leech", sprach Danny und spülte ein paar Gläser ab.
    Eine Minute später öffnete sich die Tür. Ich drehte mich um und sah, dass Joshua, Está und Montana gerade eintraten.
    "Quer gallett? (Was geht?)", fragte Yoshi, als ich ihn, Está und Montana gerade abcheckte.
    "Plyen. Pereza iat hyro? (Nix. Bei dir?)"
    "Istén plyen! (Auch nichts!)"
    Yoshi, Está und Montana setzten sich und gaben bei Danny ihre Bestellungen auf. Daraufhin holte der Barkeeper ein paar Flaschen raus und fing an, zu mixen.
    "Und, warst du trainieren?", fragte Yoshi mich, der geduldig auf seinen Tariiza wartete.
    "Qiez. Ich hab ordentlich geübt. Und ich glaube, ich muss noch einiges mehr üben. Die Schwertkampftechniken zu perfektionieren ist nicht leicht!", antwortete ich grinsend.
    "Wie wahr ...", warf Montana ein.
    Als Danny die Getränke rüberreichte, stießen wir an und begannen, zu trinken. Wir unterhielten uns anschließend über verschiedene Dinge. Ich hatte irgendwie so richtig Lust, mich ins Koma zu saufen...

    „Jeder Legendenbogen hat eine Schwachstelle“, begann ich vorzulesen, „nur der Legendenbogen Demogorgon besitzt keine. Schwachstellen der anderen Bögen sind wie folgt; Fatal ist effektiv gegen Chiona, Kyu ist effektiv gegen Goliah, Gargantua ist effektiv gegen Kyu und Fatal. Angelus ist ein neutraler Bogen, der die Kraft der anderen wie Demogorgon bei Weitem übersteigt. Nach alten Sagen vermutet man, dass Demogorgon gar kein Bogen sei sondern nur eine Verstärkung für einen anderen Bogen, dies ist aber wie die Existenz von ihm bezweifelt. Legenden nach soll man den angeblichen Bogen in Aphaio finden. Der einzige Hinweis ist; Weite Ebnen umzingeln die Stadt, die Berge am Horizont begrenzen Techoras, die Flüsse sind blaue Bänder und hinter der Mauer kann man noch die Fabriken sehn.“
    „Erinnerst du dich noch an den Platz, den Sorao uns gezeigt hat? Von dem man fast ganz Techoras erblicken konnte? Dort finden wir bestimmt, was wir suchen!“meinte Fabés zielstrebig.
    „Aber es wird öfters erwähnt, dass das nur ein Mythos ist. Wir werden bestimmt gar nichts finden… Qorad jizo ces redit?“sagte ich gähnend.
    „Punkt Vier.“erwiderte er knapp.
    „Led, lassen wir es für heute gut sein. Wir wissen jetzt, was wir wissen wollten.“
    Wir hievten das Buch wieder zurück ins Regal und verließen endlich die miefende Bibliothek. Als wir vor dem Rathaus standen, atmete ich erst mal tief ein, worauf Fabés lachen musste.
    „Faro välko á Yzqa, leèn lanza vén!“(Ich geh nach Haus, bis morgen dann)verabschiedete ich mich mit einem Winken.
    Als ich auf den Weg nach Hause durch Aphaio schlenderte, fiel mir erst auf, dass es eine sehr neue Stadt war, es gab überhaupt keine Altstadt oder dergleichen, nur die Katakomben. Ich machte mir darüber noch einige Gedanken bis ich schließlich Daheim ankam…Wobei Daheim übertrieben ist. Ich fühle mich hier nicht wirklich wohl, aber das musste ich jetzt wohl oder übel hinnehmen, wie es war. Ich schloss die Tür hinter mir und schloss sie ab, ließ aber den Schlüssel stecken. Ich saß mich aufs Sofa und sah auf mein Handy, es war Dreiviertel Fünf. So schnell war ich noch nie hier, dachte ich gerade, als es an der Tür läutete. Überrascht ging ich zu dieser, schloss sie auf und sah überrascht meinen Großeltern in die Augen.
    „Kahiko! Dir geht es also gut! Da bin ich aber froh.“sprach Oma während sie mich umarmte.
    „O-Oma, Opa, es ist schön, euch wiederzusehen.“sagte ich als ich sah, dass auch noch eine ältere Dame und ein Mädchen hier waren.
    Das Mädchen war in etwa gleich alt wie Jay, hatte braune Haare, blaue Augen und spielte mit einer Strähne ihres Haares. Sie hatte ein pinkes, ärmelloses Top und eine Skinny Jeans an, außerdem trug sie Neonpinke Sneakers.
    „Ay, ich muss dir noch jemanden vorstellen. Das sind Simona und Lily Hiawar.“stellte Oma die beiden vor.
    „Schön, dich kennenzulernen, Kahiko. Faro ce Simona Hiawar, das ist meine Enkelin, Lilly.“sagte die ältere Dame mit gebrechlicher Stimme.
    „Swäl, Kahiko.“sagte Lily freundlich.
    Sie ist das komplette Gegenteil von Jay, dachte ich, während wir ins Wohnzimmer gingen.
    „Aquiz ces Jay?“fragte mich Opa, worauf ich nur mit einem Schulterzucken antwortete: „Keine Ahnung, ich ruf ihn einmal an.“
    Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und rief Jay an, aber er hob nicht ab. Dieser Vollidiot…bestimmt hat er sich wieder vollgesoffen. Dann weiß ich wenigstens, wo ich ihn finden kann, dachte ich während ich per WhatsApp Fabés schrieb, dass er herkommen solle und meine Großeltern beschäftigen sollte, während ich Jay suchen gehe. Er schrieb nur ein kurzes ,Ok´ zurück.
    „Oma, Opa, ich hol Jay, ein Freund kommt gleich und erklärt euch die Lage.“sagte ich, und bevor sie etwas erwidern konnte, war ich schon außer Haus. Als ich die Häuserallee schon etwas hinaufgegangen war, traf ich Fabés und gab ihm schnell den Schlüssel.
    „Willst du ihn wirklich allein suchen gehen?“fragte er etwas skeptisch.
    „Qiez, ich bin mir ziemlich sicher, wo er ist. Wünsch mir Glück, dass ich ihn tatsächlich dort finde…“sagte ich, als ich meinen Weg fortsetzte.



    MFG
    Kiro UHaFnir

  • Kapitel 7 : Lilly


    Alter ... war mir schwindelig. Ich lag mit dem Kopf auf dem Tresen. Genau so wie Joshua und Montana. Vor mir standen fünf große leere Gläser, die ich weggesoffen hatte. Die Welt um mich rum drehte sich. Ich hatte es wohl ziemlich übertrieben. Ein Glas Candiar mach nicht viel, weil es einen niedrigen Alkoholgehalt hat. Aber in einer bestimmten Menge kann es schon heftig werden. Und diese Menge hatte ich definitiv erreicht. Ich war so betrunken wie noch nie in meinem Leben. Plötzlich hörte ich, wie jemand hastig die Bar betrat. Die eigentlich leisen Schritte, welche die Person erzeugte, dröhnten in meinen Ohren. Kurz darauf rüttelte mich jemand leicht. Danach sah ich ganz verschwommen das Gesicht von meinem Bruder.
    "Jay?", hörte ich ihn sagen, doch ich nahm es nicht wirklich wahr und antwortete demnach nicht.
    Anschließend hörte ich Dannys Stimme :"Qyo hechor kap, cryu faro icurânyo adkay? (Wer bist du, wenn ich fragen darf?)"
    "Faro ce welo zäl! (Ich bin sein Bruder!), antwortete Kahiko und rüttelte mich noch einmal sanft.
    "Das kannst du vergessen. Dein Bruder ist richtig betrunken!", antwortete Dany.
    "Toll ...", sprach mein Bruder darauf.
    "Der hat einfach zu viel getrunken!", warf Está ein.
    "Kannst du mir helfen, ihn nach Hause zu hieven? Unsere Großeltern sind da und wollen Jay sehen!"
    "Serwerla. Ich glaube aber nicht, dass sie ihn in dem Zustand sehen wollen!"
    "Da hast du Recht. Ein Freund von mir lenkt unsere Großeltern gerade ab. Wenn wir Glück haben, können wir uns heimlich ins Haus schleichen und Jay ins Bett bringen, damit er wieder nüchtern werden kann!"
    "So können wir es machen!"
    Daraufhin packte mich jemand an meinen beiden Armen und stellte mich auf. Ich nahm das zwar nicht wirklich war, aber die Umgebung um mich herum veränderte mich. Aber was soll ich sagen, ich würde es nicht einmal merken, wenn ein Atomkrieg direkt hier ausbrechen würde. Plötzlich blieb ich stehen.
    "Hol mal Jays Schlüssel aus seiner Tasche raus", hörte ich die Stimme meines Bruders.
    Etwa eine Minute danach öffnete sich leise eine Tür und ich wurde hineingebracht. Immer noch völlig blau wurde ich eine Treppe hochgetragen. Kurz darauf landete ich sanft auf etwas Weichem.
    "Okay. Wir machen es so ... ", hörte ich wieder Kahikos Stimme, "ich gehe runter und sage, dass wir Jay hier hochgeschleppt haben, aber er starke Mikräne hat und seine Ruhe braucht. Du sorgst dafür, dass Jay einschläft und nüchtern wird, okay?"
    "Ja, kein Problem", entgegnete Está.
    "I-Ich ... brrr ... glaub, ich muss gleich kotzen ...", sprach ich langsam und mit wirrer Stimme.
    Kahiko nahm den Mülleimer, der in der Ecke meines Zimmer stands und stellte ihn neben mein Bett. Anschließend sagte er :"Okay, ich bin dann unten. Und sorg' bitte dafür, dass Jay einschläft!" Kahiko verließ den Raum.
    Nach einigen Minuten wurde mir verdammt übel. Ich nahm den Mülleimer, steckte fast bis zur Hälfte meinen Kopf rein und kotzte mich erst mal so richtig aus wie noch nie. Währenddessen klopfte mir Está auf den Rücken und sprach :"So ist's gut. Lass es dir nochmal durch den Kopf gehen!"


    Als ich wieder unten bei unseren Großeltern war, stellte ich mich neben Fabés hin, der auf einem Holzsessel aus der Küche saß, da Oma, Opa, Frau Hiawar und Lilly auf dem Sofa saßen.
    „Jay hat Migräne, weshalb er sich auf seinem Zimmer ausruht.“erklärte ich kurz.
    „Er war sturzbesoffen, nicht wahr?“flüsterte Fabés mir ins Ohr, worauf ich nickte.
    „Qiez, hoffentlich geht es ihm bald besser. Da fällt mir ein, dass ich Tabletten gegen Kopfschmerzen dabeihabe, ich werde sie ihm bringen.“
    Da hat man wieder den Stress mit den Großeltern, immer müssen sie alles in ihren unscheinbaren, kleinen Taschen haben.
    „R-Rodäz, Palia. Ich habe ihm schon Tabletten gegeben.“(N-Nein, Großmutter.)sprach ich schnell, worauf sie mich etwas verwundert ansah, dann aber aufhörte in ihrer Tasche herumzukramen.
    „Wir haben euer Zeug mitgebracht. Strandkleidung und so weiter, ihr beide geht doch so gerne surfen.“meinte Opa und deutete auf zwei große Taschen.
    Er hat Recht. Das einzige, was mich mit Jay verbindet-bis auf das natürlich, dass wir Geschwister sind-ist das Surfen. Wir wollen immer besser als der andere sein, aber schlussendlich sind wir uns doch ebenbürtig, was das Surfen an sich anbelangt, Kunststücke kann ich aber bessere als er.
    „Gryvezo, Palio para Palia.“(Danke, Opa und Oma.)bedankte ich mich.
    „Was habt ihr in der Zwischenzeit so in Aphaio getrieben?“fragte mich Oma neugierig.
    „Ach, nicht so viel. Meine Freunde und ich trainieren mit einem Bogenmeister und Jay trainiert auch bei einem Schwertmeister in Valeko.“erklärte ich, worauf Opa fragte: „Meinst du Drake Syad und Sorao Piaré?“
    Überrascht sah ich ihn an.
    „Qiez, genau die meine ich. Woher weißt du das?“erwiderte ich etwas verwirrt, worauf er mir erläuterte: „Als ich Achtzehn war, waren das gefeierte Soldaten, schreckten vor nichts zurück. Sie waren damals meine Vorbilder.“
    Achja, Sorao war ja auch schon um die Sechzig, dachte ich als wir uns weiter in ein Gespräch über die Vergangenheit von Opa vertieften.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit der Erzählerei von Opas Einsätzen als Soldat und wie er Oma kennengelernt hat, kam Jay die Treppe runter. Zwar schwankte er noch etwas, aber er war wenigstens nüchtern.
    „Swäl, Palia para Palio.“begrüßte sie Jay, der noch immer etwas bleich war.
    „Swäl, Jay!“sagte Oma aufgeregt und umarmte ihn stürmisch.


    "Schön, zu sehen, dass es dir gut geht!", sprach meine Oma. Wenn die mal wüsste ... ,"Ach, Jay. Ich möchte dir eine Freundin von mir vorstellen. Oma ging rasch ins Wohnzimmer und kam kurz darauf mit einer etwa gleichaltrigen Frau wieder. "Jay, das ist meine Freundin Simona!", stellte Oma sie vor.
    "Swäl", begrüßte ihre Freundin mich lächelnd und streckte ihre linke Hand aus.
    Eigentlich wäre mir das ja so richtig egal und ich wäre jetzt ohne überhaupt Blickkontakt herzustellen, gegangen. Doch da meine Oma direkt daneben stand, dachte ich mir, dass ich mal höflich bin. Hätte ich normal gehandelt, hätte Oma mir eh wieder eine Standpauke zum Thema "Höflichkeit" gehalten, die ich natürlich schon auswendig konnte. Man konnte sie mir praktisch schon im Schlaf rausprügeln. Ich streckte ebenfalls meine Hand aus und schüttelte die der Frau und würgte dabei ein mit meiner freundlichsten Stimme geformtes "Swäl" raus. Brrr ... war das schwer.
    "Dann komm mal ins Wohnzimmer, Jay. Da ist nämlich noch jemand, der dich sehen will!", sprach Oma und ging mit Simona und mir ins Wohnzimmer. Dort angekommen, sah ich Opa, Kahiko, irgendein Mädchen, welches mit dem Rücken zu mir gekehrt auf dem Sofa saß und ein kleines Mädchen welches auf mich zustürmte. "JAAAAY!", rief es und sprang mich kurz darauf an. Es war meine kleine Schwester Skye, die noch agiler zu sein schien, als sonst. Sie umarmte mich, während ich sagte :"Hallo, Kleine. Alles okay bei dir?"
    "Ja, bei mir ist alles okay. Hab dich nur vermisst ... aber jetzt bin ich ja wieder bei dir!", sprach sie glücklich.
    Ich war vielleicht ein kalter Typ, aber meine kleine Schwester völlig aufgeregt und glücklich zu sehen, hob meine Stimmung eigentlich immer. Als Skye mich dann endlich wieder los ließ, zog sie mich Richtung Sofa, auf dem dieses andere Mädchen saß. Sie stand auf und schaute mich an. Ich musterte sie ganz kurz und verfiel dann in eine beeindruckte Starre. Die Unbekannte, welche vor mir stand, war das hübscheste Mädchen, das ich je sah. Ihre wunderschönen braunen Augen, ihre langen kastanienbraunen Haare und ihre süßes Lächeln. Das war ja beinahe schon göttlich, dieses Aussehen.
    "Ach ja, Jay", setzte Omas Freundin an, die sich neben mich stellte, "das ist meine Enkelin Lilly. Sie ist spontan mitgekommen!"
    "S-Swäl!", sprach das Mädchen mit einer bezaubernden Stimme zu mir.
    Ich? Ich brachte kein Wort raus, geschweige denn auch nur eine Silbe. Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, dieses Mädchen anzugucken. Langsam legte sie einen unsicheren Blick auf. Vielleicht, weil ich ihr nach etwa einer Minute noch nicht "Hallo" gesagt habe.
    "Jay, alles okay?", fragte Kahiko mich, der mir meine Nervosität irgendwie ansah. Anschließend sprach er zu Lilly :"Contrâ!" und zog mich kurz mit in die Küche.


    „Quer ces á hyro?“fragte ich Jay als wir in der Küche ankamen.
    Während ich auf eine Antwort wartete, starrte Jay unentwegt auf die Küchentür, die zum Wohnzimmer führte. Nach ein paar Augenblicken begriff ich, warum Jay so ruhig war.
    „Du bist in sie verschossen, oder?“meinte ich mit einem kecken Grinsen.
    „Q-Quer? Hast du was gesagt?“sagte er während er langsam zu mir sah.
    „Ich sagte: Du bist in sie verknallt.“mein Grinsen steigerte sich noch beim letzten Wort.
    „Ya wessa, Kahiko. Das stimmt überhaupt nicht.“streitete er es ab und sah aus dem Küchenfenster.
    „Du brauchst es gar nicht zu bestreiten, das ist eindeutig. Du bist in Lilly verliebt. Der sonst so toughe Jay ist verliebt, vollkommen verknallt.“sprach ich während Jay immer röter im Gesicht wurde.
    „Pac, Kahiko.“mehr sagte er aber nicht, worin ich mich noch mehr in meiner Aussage bestätigt fühlte.
    „Aber zwischen euch wird es eh nicht funktionieren.“meinte ich ernst, worauf Jay mich etwas fragend ansah.
    Jetzt wusste ich, dass er wirklich in sie verschossen war. Ich musste wieder Lächeln und Jay beschimpfte mich und sah wieder aus dem Fenster.
    „Wann sagst du es ihr?“fragte ich neugierig, worauf ich aber keine Antwort bekam.
    Als ich wie ein kleines Kind immer weiter zu quengeln begann, verließ Jay den Raum und wollte gerade die Tür zuknallen, aber machte dies nicht, da ja unsere Großeltern im nächsten Raum saßen und ihn ansahen. Er machte die Tür ganz normal zu, nun stand ich allein in der Küche. Ich lehnte mich gegen die Küchenzeile und musste abermals lächeln. Nach ein paar Augenblicken betrat Fabés die Küche und sah mich fragend an, als er mich sah.
    „Über was habt ihr gesprochen?“sagte er, worauf ich erwiderte: „Was hältst du von Lilly und Jay?“
    Er sah mich etwas skeptisch an, doch dann meinte er: „Mag er sie?“
    Während ich nickte, kam er zu mir und lehnte sich ebenfalls an die Küchenzeile an und verschränkte die Arme.
    „Dein Bruder, verliebt? Das kann ich nicht glauben.“sprach er während er mich von der Seite ansah.
    „Ich auch nicht. Bin nur gespannt, was sich daraus entwickelt.“erwiderte ich während wir wieder ins Wohnzimmer gingen.


    Im Flur stehend, holte ich meine Tabletten aus meiner Tasche. Eine von ihnen würgte ich mir regelrecht in den Hals, weil ich gerade so sauer auf Kahiko war. Was erlaubt sich mein kleiner Bruder, mich einfach als 'verliebt' abzustempeln? Der kleine Traumtänzer glaubt ja auch noch Liebe auf den ersten Blick. Was für ein Müll! Anschließend steckte ich die Tabletten wieder in meine Tasche und ging zurück ins Wohnzimmer. Diesmal nahm ich mir vor, wenigstens einen ganzen Satz sagen zu können, während ich Lilly ansah. Obwohl ich wusste, dass sie mich jetzt sicher schon als verrückt abgestempelt hatte. Egal!
    "Ah, Jay. Da bist du ja wieder!", sagte meine Oma, "Was ich dir noch sagen wollte, wir waren Kleidung kaufen für euch. Auch Sachen für den Strand, damit Kahiko und du endlich nochmal surfen könnt!"
    Das war ja mal schön zu hören. Surfen war so eine Sache bei der ich nicht den Drang hatte, meinem Bruder den Hals umzudrehen. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen. Unsere Eltern, Kahiko und ich machten jedes Jahr Urlaub in Hawaii. Schon als wir Kinder waren, wollte unser Vater, der Hawaiianer war, uns das Surfen beibringen. Und auch in Kaleon am Strand haben wir viel geübt. Kahiko legte vielleicht mehr Wert darauf, besondere Kunststücke zu machen, die ich eh scheiße fand, dafür spezialisierte ich mich auf höhere Wellen. Und so war das auch. Ich sage es mal so : Mein Kunsstück war es, auf besonders hohen Wellen zu surfen, weshalb ich meinem Bruder auch was das angeht, überlegen bin. Es war immer so lustig, mit anzusehen, wie er versuchte, mich zu übertreffen und bei etwas größeren Wellen dann immer ins Wasser fiel. Natürlich musste ich dann zu meinem Bruder eilen, um zu gucken, dass er auch nicht ertrinkt. Amüsant war es trotzdem. Schade, dass ich Hawaii jetzt sicherlich ne ganze Zeit nicht mehr sehen werde ...
    "Caviza, gryvezo! (Nett, danke!)", antwortete ich.
    Während wir uns noch über alles Mögliche unterhielten, konnte ich nicht anders, als ab und zu meinen Blick zu Lilly zu wenden. Sie anzusehen war einfach das Beste, was ich im Moment tun konnte. Und glaubt mir, ich hätte vieles machen können. Lilly war ein wirklicher Blickfang. Ab und zu schaute sie auch zu mir, weshalb ich dann meinen Blick immer abwandte. Gott, lenkt die mich ab.


    Fabés und ich betraten das Wohnzimmer, als Oma gerade sagte: „Wie die Zeit vergeht, jetzt ist es schon Abend! Ich denke, wir werden uns verabschieden. Wir werden euch bald wieder besuchen.“
    „Led, gryvezo für die Kleidung.“sprach ich während ich meine Großeltern ansah.
    „Wenn ihr euch mit Lilly treffen wollt, könnt ihr das gerne tun. Wir leben nämlich in Aphaio.“sagte Simona während Oma, Opa, Skye, Lilly und sie aufstanden.
    „Qiez, wär bestimmt lustig.“sprach Lilly lächelnd.
    Als sie gehen wollten, schrieb Lilly auf einen Zettel ihre Telefonnummer und legte sie auf den Wohnzimmertisch. Dann verabschiedeten sich unsere Großeltern, Simona und Lilly und verließen das Haus. Fabés ging dann auch, nun war ich wieder mit meinem Bruder allein im Haus. Ich ging ins Wohnzimmer und sah Jay, der auf die Telefonnummer auf dem Tisch starrte.
    „Soll ich es nochmal sagen?“fragte ich ihn grinsend.
    Er nahm schweigend die Nummer und ging an mir vorbei die Treppen hoch. Kurz darauf hörte ich eine Tür knallen. Ich setzte mich auf das Sofa und holte mein Handy aus der Hosentasche. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich es stumm geschaltet hatte. Auf dem Display erschienen ganze zehn Nachrichten, alle von Roumald. Damit ich ihm nicht zurückschreiben brauchte, rief ich ihn kurzerhand an.
    „Swäl, Kahiko!“schallte es aus dem Telefon.
    „Swäl, Roumald. Was gibt´s?“
    „Hast du meine Nachrichten nicht durchgelesen?“
    „Rodäz, deshalb habe ich dich ja angerufen.“
    „Achso…Warum hast du eigentlich nicht auf die Nachrichten geantwortet?“
    „Meine Großeltern, Skye und eine Freundin von Oma waren hier…und noch ein Mädchen, in das sich Jay verguckt hat.“
    „JAY IST VERLIEBT?“rief er ins Telefon, worauf ich es von meinem Ohr weghielt.
    „Qiez, es sieht so aus.“
    „CAVEZ, ist ja verrückt! Aber eigentlich wollte ich dich fragen, ob du morgen nicht zum Strand mitkommen willst. Du kannst das Treffen mit Hokulani ja dorthin verlegen. Das ist die Ideale romantische Kulisse für ein Treffen!“
    „Das mit dem Treffen am Strand klingt gut…aber das mit dem romantischen ist übertrieben. Ich rede mit ihr.“
    „Led, dann bis morgen am Strand!“
    „Led, bis morgen.“


    In meinem Zimmer angekommen, zog ich mein T-Shirt aus und knallte mich auf mein Bett. Dort musste ich noch weiterhin an Lilly denken. Den Zettel mit ihrer Nummer hatte ich in meiner linken Hand. Ich hielt ihn hoch, etwa auf Augenhöhe und starrte ihn an. Daraufhin holte ich mein Handy raus und drückte auf die Option "Wähltasten". Sollte ich sie wirklich anrufen? Was sollte ich ihr denn sagen? "Hallo, ich finde dich sau hübsch und du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf"? Wohl eher nicht. Ich faltete den Zettel mit meinen Fingern und legte mein Handy auf meinen Nachttisch neben mir. Etwa eine Stunde lag ich noch mit dem verdammten Zettel in der Hand. Plötzlich hörte ich, wie meine Tür aufging und Kahiko rein kam. Er hatte ebenfalls nur noch seine Hose an, wollte wohl sicher auch gleich schlafen gehen.
    "Swäl, Jay. Wollte dir nur 'Gute Nacht' sagen und ... hey. Ist das nicht der Zettel auf dem Lillys Nummer draufsteht?", sprach er und lächelte nach seinem letzten Satz.
    So wieso schon genervt von Kahikos Verdacht, dass ich verliebt in Lilly sei, antwortete ich gehässig :"Nein, Kahiko. Wenn ich dir dieses verfickte Stück Papier in deinen Hals gequält habe, dann wird es der Fremdkörper sein, der an deinem grausamen Ersticken Schuld ist!"
    Kahiko trat etwas näher und antwortete grinsend :"Bleib mal ruhig, Bruderherz. Nimm das doch nicht so ernst!"
    "Wenn du mich damit in Ruhe lassen könntest!"
    "Wie du meinst. Aber ich habe vorhin beobachtet, wie du sie die ganze Zeit eben angestarrt hast. Also langsam glaube ich ernsthaft, dass du dich in die verguckt hast, Jay. Und man kann mich bei so was nur schwer umstimmen!"
    "Kahiko. Lassen wir mal besser nicht die Tatsache aus den Augen, dass du selbst da so ein Mädchen kennengelernt hast, mit dem du dich verabredet hast. Die Frage, die sich mir stellt, ist 'warum sie sich freiwillig mit dir verabredet'. Ich glaube schwer, dass sie eine Wette verloren hat, wonach sie sich mit einem völlig inkompeteten Spast verabreden muss, der sich nicht nur in das Leben anderer einmischt, sondern aufgrund seiner Beschränktheit eine völlig falsche Anschauung der Welt hat und seinem Bruder irgendwelcher Gefühle beschuldigt. Also was ist, Brüderchen? Noch etwas zu sagen?"
    "Auch wenn diese Ansprache gerade jetzt richtig wehgetan hat, muss ich sagen, dass ich bei meiner Meinung bleibe!"
    Ich schaute meinen Bruder mit einem angesäuerten Gesichtsausdruck an. "Ich glaube es ja nicht, du willst mich wirklich herausfordern? Bist du dir deiner Sache so sicher oder hast du es einfach nur nötig?"
    "Die erste Option auf jeden Fall. Ich kenne dich normal als jemanden, der auf alles einen Fick gibt und sich auch wenig für Andere interessiert ..."
    "Und in wie fern wurde dieses absolut korrekte Weltbild von dir jetzt zerstört?"
    "Gib es einfach zu, Jay. Dieses Mädchen will dir nicht mehr aus dem Kopf und das ist gerade das Wundersame, bei jemandem wie dir! W ie auch immer, will jetzt nicht weiterdiskutieren. Ach ja, ich gehe morgen mit Hokulani und meinen Freunden an den Strand, kommst du mit?"
    "Nur, wenn ich deinen Kopf unter Wasser halten darf, bis du ertrinkst!", entgegnete ich energisch.
    "Das sehe ich einfach mal, als 'ja'. Vielleicht bringst du Lilly ja auch mit!"
    Ich schaute meinen Bruder, der offenbar Spaß daran hatte, mich zu provozieren ziemlich sauer an.
    "Aplaja, led caliaz, Zäletchor! (Naja, gute Nacht, Bruderherz!)", sprach Kahiko und verließ mein Zimmer.
    Ich schaute erneut auf Lillys Nummer, die auf dem Zettel stand. Warum hatte sie die überhaupt da gelassen? Will die was von mir? Ich nahm mein Handy raus und wählte ihre Nummer ein. Dann drückte ich den grünen Hörer und hielt das Handy an mein Ohr. Nach kurzer Zeit hörte es auf zu Piepen und ein "Kyaro? (Hallo?)" war zu hören. Es war ganz klar Lillys liebliche Stimme.
    "S-Swäl, Lilly. Faro ce red, Jay ... (H-Hallo, Lilly. Ich bin es, Jay!) "
    "Ah, der Junge von heute Abend. Qorad plejen redâ? (Wie geht's?) "
    "L-Led, gryvezo ... hyro? (G-Gut, danke. Dir?) "
    "Mir auch, hihi. Was gibt's so?"
    "Ööhm, qiez ...", zögerte ich anfangs, "f-faro välko lanza cyá frio zäl para scyonja cyá uyno paregôs seneros esq gir galiza. Pereza hechor jienkyez garzar scyonja?" (I-Ich gehe morgen mit meinem Bruder und vielleicht mir ein paar Freunden an den Strand. Möchtest du mitkommen?)", fragte ich aber letzendlich etwas nervös.
    "Hm ... sehr gerne. Warum nicht.", antwortete sie, "ruf mich einfach morgen an, bevor du zum Strand gehst. Dann kannst du mir sagen, wann ich da sein soll. Es ist doch hoffentlich okay, wenn ich ein paar Freundinnen mitnehme, oder? Ich wollte so wieso nochmal gerne an den Strand."
    "R-Rodäz, vayn plyo cer rineca! (N-Nein, das ist kein Problem!)"
    "Freut mich. Also ruf morgen einfach an, dann komm ich!"
    "Leech ..."
    "Ach ja. Du sprichst wunderschön techorianisch.", sagte sie.
    "Ay, gryvezo!", entgegnete ich lachend.
    "Aplaja, leèn lanza! (Naja, bis morgen!)"
    "Leèn lanza!", verabschiedete ich mich und legte dann auf.
    Hatte sie mir wirklich gerade ein Kompliment für meine Aussprache gemacht? Donnerwetter. Am Liebsten hätte ich ihr noch ein Kompliment für ihre Stimme gemacht, aber egal. Ich steckte mein Handy ein, klemmte meine Hände zwischen Kopf und Kissen und dachte weiter an Lilly. Auch nachdem ich mit ihr geredet hatte, ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Was war nur los mit mir? Ich bin auf jeden Fall froh, dass sie morgen mitkommt. Eine Sekunde lang eben dachte ich, dass ich zu aufdringlich wäre. Ich meine, wir kennen uns erst seit einigen Stunden. Aber sie scheint ja nichts dagegen zu haben. Ich wollte jetzt nicht mehr weiter daran denken. Ich überlegte, morgen früh zu dem Cousin des Meisters zu gehen, der mich in der Kraft der Dunkelheit unterrichten könnte. Und ich beschloss, das auch zu machen. Danach gönne ich mir etwas Strand. Um nicht weiter mehr von dem zwanghaften Gedanken an Lilly abgelenkt zu werden, holte ich mein Handy und meine Kopfhörer raus und hörte Musik.


    Ich starrte die Decke an als ich mir Gedanken über den morgigen Tag machte. Endlich konnte ich wieder einmal surfen. Aber eigentlich freute ich mich mehr auf das Treffen mit Hokulani, als auf das Surfen. Ich wollte noch weiter darüber nachdenken, aber dann überkam mich die Müdigkeit und ich schlief ein.
    Am nächsten Morgen wachte ich durch ein lautes Klopfen an meiner Tür auf. Verschlafen bat ich den, der so klopfte, herein. Es war Roumald.
    „Swäl, Kahiko!“begrüßte er mich.
    „Qiez, swäl…“antwortete ich im Halbschlaf.
    „Wir müssen zu Sorao, komm, mach dich fertig.“meinte er und setzte sich zu mir ans Bett.
    Gähnend nickte ich und machte mich schnell fertig.
    „Qorad jizo ces redit?“fragte ich während ich mir ein grünes, ärmelloses Shirt anzog.
    „Uhm...Halb neun.“erwiderte Roumald als wir mein Zimmer verließen.
    Ich nickte und wir machten uns auf den Weg in die Katakomben.
    „Sag mal Roumald, wie verhielt sich Ales gestern? Hat er mit euch mit trainiert?“fragte ich neugierig.
    „Rodäz, er stand Abseits und hat uns einfach nur zugeschaut, sonst nichts. Quario?“meinte er etwas verwirrt.
    „Ach, nur so.“
    „Warum sind Fabés und du gestern eigentlich abgehauen?“sagte er und stupste mich grinsend mit dem Ellbogen an.
    „Wir mussten etwas in der Bibliothek nachschaun.“
    „IHR WART IN DER BIBLIOTHEK?“sprach er ungläubig.
    Ich nickte nur. Wir waren mittlerweile schon am Rathausplatz.
    „Was habt ihr nachgeschaut?“
    „Ach, nichts besonderes…“
    „Wenn du meinst.“
    Wir betraten gerade die Katakomben, als Fabés und Carlos zu uns kamen.
    Als wir uns begrüßt hatten, fragte Roumald: „Wollt ihr heute mit zum Strand kommen?“
    „In Aphaio gibt es einen Strand?“erwiderte Carlos verwirrt und Fabés schüttelte darauf nur den Kopf.
    „Ich komm gerne.“sprach dann Fabés, worauf Carlos dies ebenfalls sagte.
    „Led, aber jetzt sollten wir uns auf unser Training konzentrieren.“meinte Fabés.
    Wir nickten, betraten die Katakomben und trainierten mit Sorao.


    Am nächsten Morgen machte ich mich um etwa sieben Uhr auf den Weg nach Esqar, dort wo der Cousin von Syad lebt. Ich hoffe, er kann mich im Schattenelement unterrichten. Die Fahrt dauerte nicht lange, Syad sagte ja auch, dass Esqar nur ein Katzensprung von Valeko war. Als ich ankam und aus dem Zug ausstieg, sprangen mir sofort prächtige Baumalleen und viele Kleingärten in's Auge. Viele Menschen waren mit dem Fahrrad unterwegs und schienen hier auch nicht wirklich viel vom Krieg mitzukriegen. Esqar war ja auch nahe Aphaio, welches komplett im Süden lag. Fußsoldaten würden lange brauchen, über die Grenze nach Aphaio zu kommen. Und selbst, wenn sie mit dem Schiff rüberschippern würden, gehe ich davon aus, dass die techorianische Marine dies schnell unterbinden würde. Ich ging durch die lebhafte und grüne Stadt, in der für diese Uhrzeit wirklich schon einiges los war. Teils waren schon Läden geöffnet. Auf einem großen Holzschild war eine Wegbeschreibung. Ganz oben stand "Schattenmeister Leonardo Chanâ" und daneben ein Pfeil, der nach rechts zeigte. Ich ging in besagte Richtung und sah nach kurzer Zeit auch schon ein Haus, welches etwas größer war, als der Großteil der restlichen Häuser in Esqar. Vor dem Haus standen große Kerzenständer, auf denen auch brennende Kerzen standen, abgerundet von einem Glas, welches oben geöffnet war. Weiterhin stand einige Meter vor dem Haus ein weiteres Schild, welches mir bestätigte, dass dieses Haus dem Schattenmeister gehöre. Ich näherte mich und klopfte ein paar Mal an die Tür. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür und ein großer junger Mann kam zum Vorschein. Er hatte eine schwarze knappe Militärfrisur. Eine schwarze Robe und eine schwarze Hose an. Auf seinem linken Unterarm prangte ein seltsames Zeichen, welches mir bekannt vorkam.
    Mit seinen braunen Augen sah er mich an und fragte: "Kann ich was für dich tun?"
    "Qiez. Pereza hechor kap Leonardo Chanâ?" (Ja. Sind sie Leonardo Chanâ?)
    "Qiez, faro ce welko! Para hechor?" (Ja, der bin ich! Und du?)
    "Ich bin Jay Veljeta. Ich besitze das Schattenschwert Drako und würde gerne wissen, ob sie mich in den Künsten der Dunkelheit unterrichten könnten!"
    Der Mann vor mir musterte mich kurz und entgegnete dann: "Hast du denn schon irgendwelche Vorerfahrungen?"
    "Qiez. Ich kann schon recht gut das Qajô verlagern. Schatten beschwören kann ich gut, an dem Bewegen von ihnen und besonders an dem Angreifen muss ich aber noch arbeiten!"
    "Leech. Ich werde dich unterrichten. Aber erst mal möchte ich sehen, wie gut du das Qajô wirklich verlagern kannst. Bitte trete ein!"
    "Danke!", sagte ich und betrat das Haus des Meisters.


    Als wir vier gerade mitten im Training waren, stieß Ales zu uns. Er begrüßte uns freundlich, worauf ihn Sorao, Roumald und Carlos ebenfalls freundlich begrüßten, nur Fabés und ich begrüßten ihn mit etwas genervter Stimme. Ales sah uns fragend an, aber Fabés und ich ignorierten ihn einfach und trainierten weiter.
    „Ihr habt doch beide Legendenbögen, vek?“fragte Roumald Ales und Sorao, worauf diese vorsichtig nickten.
    Ich wusste schon, was als nächstes kam.
    „Dann könnt ihr uns doch mal zeigen, wer stärker ist.“meinte Roumald, worauf Fabés ihn ungläubig ansah, dann schaute er hilfesuchend zu mir.
    Ich zuckte nur mit den Schultern.
    „Das würd‘ mich auch interessieren.“sagte Carlos, worauf Fabés mich noch eindringlicher ansah.
    „Also, Sorao, erweist du mir die Ehre eines Kampfes mit dir?“fragte Ales, worauf Sorao nickte.
    Wir stellten uns zur Wand, während Sorao und Ales in die Mitte des runden Raumes gingen. Dort angekommen stellten sie sich gegenüber auf, Sorao war fast einen ganzen Kopf größer als Ales. Dann drehten sie sich um und gingen ein paar Schritte auseinander. Sie zogen ihre Waffen und warteten, bis der jeweils andere bereit war, dann fingen sie an. Sorao zog einen Pfeil und schoss ihn vor sich in den Boden, worauf vor ihm eine große Gesteinsmauer erschien. Ales schoss drei Pfeile hoch, worauf sie hinter der Mauer niedergingen, doch Sorao wich den Pfeilen ohne großer Mühe aus. Sorao schoss einen Pfeil an die Decke über Ales, worauf aus dieser einige Stalaktiten herausschossen. Ales wich nur knapp aus, lief zur Gesteinswand, zielte auf diese, aber stoppte ab als er Sorao sah, wie er ihn mit dem Pfeil bedrohte. Ales hatte deshalb seinen Pfeil fallengelassen, doch zog blitzschnell einen neuen aus seinem Köcher und spannte ihn ein. Nun bedrohten sie sich beide Gegenseitig. Bevor sie schossen, holte ich meinen Bogen vom Rücken und schoss einen Pfeil zwischen sie, worauf der ganze Raum in Licht gehüllt wurde.


    Der Meister führte mich in seinen Keller, der schwach beleuchtet war, ich aber wenigstens noch was sehen konnte. Wir kamen in einem recht großen Raum an. An der linken Wand hing ein Poster mit verschiedenen Schattenfähigeiten und Bewegungen. Gegenüber von uns stand ein Tisch, auf denen so Dinge wie ein Glas, eine Kerze und ein Amboss standen. Direkt daneben stand ein großer Schrank. Die Wände des Raumes waren in schwarz gehalten. In diesem Raum war die Beleuchtung etwas besser, mit dem Sehen hatte ich keine Probleme.
    "Nun gut. Bevor wir mit etwas Theorie anfangen, möchte ich nun sehen, wie gut du schon für den Anfang mit dem Qajô umgehen kannst. Ich glaube, dass du noch nicht wirklich viele Fähigkeiten drauf hast, stimmt's?"
    "Qiez", antwortete ich.
    "Dann wirst du sehen, dass du mit deinem Qajô noch viel mehr und intensiver arbeiten musst, das alles aber später. Beschwöre mal einen Schatten"
    Ich gehorchte und verlagerte das Qajô in meinen Fingerspitzen. Dann drehte ich meine linke Hand mit dem Rücken nach unten und hob sie hoch. Mit ihr steigte auch ein Schatten aus dem Boden in die Lüfte. Das mit dem Beschwören hatte ich eigentlich wirklich schon gut drauf.
    "Okay, das sieht schon ganz gut aus. Dann bewege ihn mal etwas hier durch den Raum!"
    Ich hob nun auch meine rechte Hand und verlagerte meine elementare Kraft auch in ihr. Dann steuerte ich mit beiden Händen den Schatten wie eine Marionette durch die Luft. Anfangs drohte der Schatten häufig, sich meiner Kontrolle zu entreißen, aber mit Mühe schaffte ich es immer wieder, die Kontrolle beizubehalten.
    "Okay, auch nicht schlecht. Jetzt greife mit ihm das Poster an dieser Wand dort an!", sprach mein Meister und zeigte auf die Wand rechts von mir.
    Wieder die Kraft in die nötigen Bereiche verlagert, bewegte ich den Schatten so, dass es das Poster an der Wand mit zwei Schnitten zerriss. Allerdings brauchte ich insgesamt fünf Angriffe, damit es auch wirklich zerschnitten wurde. Drei von ihnen gingen daneben.
    "Hm, leech. Das hast du schon mal drauf, wird also nur noch eine Frage der Übung sein. Die Bewegungen und Angriffe müssten noch flüssiger sein und der Schatten noch etwas schneller aus dem Boden geschossen kommen. Das wirst du sehen, dass wenn du im Kampf bist, Sekunden des Beschwörens entscheidend sein können. Aber naja, das muss ich dann wohl nicht mehr mit dir üben, das wirst du schon gut selber hinkriegen. Nun möchte ich dir noch etwas Theorie nahebringen. Du kannst dich gerne hinsetzen, wenn du willst!", sprach der Meister und zeigte auf einen Stuhl links von ihm.
    Ich ging zu dem Stuhl hin, setzte mich und hörte dem Meister zu.
    "Als aller Erstes solltest du wissen, dass das Element der Dunkelheit auch ziemlich selbstzerstörerisch sein kann, wenn man es nicht richtig beherrscht. Zum Beispiel ein Schatten. Verlierst du die Kontrolle über ihn und er rast auf dich zu, kann es zu einem ziemlich miesen Aufprall kommen. Ich kannte mal einen, der hat sich mit drei Schatten, die er selbst beschworen hatte, ausversehen alle Knochen im Körper zersäbelt ... er ist daraufhin gestorben. Heißt, es reicht dir nicht, wenn du zum Beispiel dir bei der Beherrschung der Schattenkontrolle zu 100% sicher bist. Nein, du musst dir zu 200% sicher sein. Du musst die volle Perfektion aus dieser Bewegung ausschöpfen. Das sollte jetzt schon mal ein kleiner Vorgeschmack auf die abschreckenden Dinge des Elementes sein. Weiteres erfährst du von mir, wenn wir an dem Punkt angelangt sind. So, was du auch noch wissen solltest, ist dass Dunkelheit und Psycho die einzigen Elemente sind, mit denen man Menschen und Gegenstände kontrollieren und bewegen kann. Mit allen Anderen geht das nicht, außer man kommt natürlich auf die Idee, als Pflanzenbändiger sich seine Sachen von einer Ranke holen zu lassen. Dies ist aber nicht Sinn der Sache. Ich meine, dass man nur mit Dunkelheit und Psycho Dinge bewegen kann, ohne dass direkter Kontakt aufgebaut wird. Und da dies eine nützliche Fähigkeit ist, die man immer mal brauchen kann und die dir auch im Kampf hilfreich sein kann, werde ich dir dies nun beibringen. Komm mit!"
    Ich stand auf und ging mit dem Meister zu dem vorhin erwähnten Tisch, auf dem das Glas, die Kerze und der Amboss stand.


    Als das Licht nachließ, sah ich wie Ales und Sorao etwas verwirrt in meine Richtung sahen. Ich hielt meinen Bogen noch immer schussbereit.
    „Sieht ganz so aus, als würdest du gerne gegen mich antreten, vek?“fragte mich Ales herausfordernd, aber in seinem Ton hörte ich etwas Wut heraus.
    „Q-Quer? R-R-Rodäz, ich w-will nicht gegen dich kämpfen.“stammelte ich, worauf Fabés sich die Hand auf die Stirn schlug.
    „Vorwa, Kahiko …“meinte Fabés, Ales sprach vermeintlich freundlich: „Ich verspreche, ich werde mich zurückhalten.“
    Misstrauisch sah ich ihn an, doch da ich dieses Mal nicht als Feigling dastehen wollte, willigte ich schlussendlich ein.
    „Kahiko! Du hast sie doch nicht mehr alle! Du weißt, was das für ein Typ ist!“flüsterte Fabés mir wütend zu, doch ich hörte nicht auf ihn.
    Während Ales und ich in die Mitte des Raumes gingen, kam Sorao zu mir, griff mir mit seiner linken Hand an meine linke Schulter und flüsterte mir ins Ohr: „Pass auf, dieser Bursche ist mir nicht geheuer.“
    Na toll, dachte ich als ich vor Ales in der Mitte stand. Wenn ich mich nicht irrte, grinste er mich finster an. Wir gingen ein paar Schritte auseinander, machten uns bereit, dann ging es los. Ich zog schnell einen Pfeil, doch in der Zwischenzeit hatte Ales schon einen auf mich geschossen. Um Millimeter konnte ich ausweichen, konzentrierte dann mein Qajô, so gut es in der kurzen Zeit ging, und schoss den Pfeil vor Ales Füße. Abermals durchflutete undurchdringbares Licht den Raum, doch ich konnte alles ganz genau erkennen. Ich sah den Raum ganz genau so, wie er ohne Licht wäre, nur etwas heller. Ich nutzte den Moment und holte aus meinem Köcher einen weiteren Pfeil. Ich werde ihn mit seiner eigenen Technik schlagen, dachte ich als ich in die Hocke ging, Ales ganz genau anvisierte, mich dann im Kreis drehte, aus der halben Drehung heraus sprang und dann den Pfeil in Richtung Ales losließ. Der Pfeil sauste mit einem riesigen Lichtschweif auf Ales zu, der die Augen geschlossen hatte. Bevor ich mich fragen konnte, warum, wich er ohne Mühe dem Pfeil aus als das Licht verschwand.
    „Hm, netter Versuch. Jetzt bin ich dran!“rief Ales als um ihn am Boden ein Kreis mit mir unbekannten Runen erschien.
    Im Raum herrschte nun ein regelrechter Sturm.
    „Izo Lizyo!“ (Sturmmeer)sprach er laut, worauf sich um ihn ein Tornado bildete.
    Jetzt hatte ich wirklich Schiss, so sehr dass ich dachte, ich würde mir auf der Stelle in die Hose machen. Aber dann kam mir wieder in den Sinn, dass ich selbstbewusster werden wollte und das gab mir in einer gewissen Weise Mut. Mein ganzer Körper kribbelte, irgendwie fühlte ich mich, als könnte ich nun alles schaffen, meine Angst war gänzlich verschwunden. Ich zog einen Pfeil und konzentrierte mich, als plötzlich um mich ebenfalls ein Kreis erschien, nur meiner war golden und hatte techorianische Schriftzeichen. Um mich bildete sich immer mehr Licht, der Wind hingegen wurde immer schwächer.
    „D-Das … D-Das kann doch nicht sein!“hörte ich Ales rufen, doch ich beachtete ihn nicht weiter.
    Der Raum war nun abermals mit grellem Licht gefüllt, ich schloss die Augen. Ich spannte den Pfeil in meinen Bogen und zielte vor mich. Obwohl ich meine Augen geschlossen hatte, konnte ich alles ganz genau sehen.
    Ich visierte Ales an als mir urplötzlich zwei Wörter einfielen, die ich sogleich rief: „Stel Zorâ!“(Sternstunde)
    Ich ließ den Pfeil los, worauf dieser sich vielfach duplizierte. Ales war nun inmitten einer Kugel aus Pfeilen, die nur auf mein Kommando warteten. Doch in diesem Moment überkamen mich Zweifel. Kann ich einfach so einen Menschen töten? Nein, das konnte ich nicht. Genau in dem Moment, als ich zweifelte, erlosch das Licht und die Pfeile lösten sich in Luft auf. Ich atmete heftig und fühlte mich, als könnte ich jeden Moment umkippen.
    Ales, Roumald, Carlos und Fabés sahen mich verwirrt an, doch Sorao klatschte und sagte lächelnd: „Néz led, Kahiko!“


    "So. Ich möchte dir zuerst gerne beibringen, wie man Dinge bewegt. Dazu habe ich hier Gegenstände von unterschiedlichem Gewicht. Einmal das kleine leichte Glas, dann die große Kerze, dann den Amboss ... und neben dem Tisch steht ein Schrank ...", sprach er, "hast du eventuell eine Idee, wie du diese Dinge bewegen kannst?"
    "Hm ... also spontan würde ich sagen, das Qajô in die Hände, Finger und in die Stirn zu verlagern, das Ziel anvisieren, Hände heben, gut konzentrieren und dann bewegen", antwortete ich, während ich die Gegenstände auf dem Tisch ansah.
    "Fast richtig. Das Qajô muss in die kompletten Arme fließen. Da du beim Bewegen von Dingen ja nicht nur die Hände benutzt, sondern auch die Arme um zum Beispiel auszuholen und Dinge zu werfen. Du musst immer bedenken, wenn dir die Frage aufkommt, wo dein Qajô hin muss, dass es in alle benötigten Bereiche kommt. Man kann sich das ja immer schnell denken, welche Bereich man braucht. Also, möchtest du es mal versuchen?"
    "Keine Ahnung, möchte ich das?"
    "Probier es einfach mal aus. Es bedarf zwar viel Übung, aber das ist ja bei Allem so. Besonders wenn du immer schwerere Dinge bewegen willst!"
    "Okay, ich versuch es mal!"
    Ich schloss meine Augen, konzentrierte mich und versuchte, das Qajô in Arme, Hände, Finger und Stirn fließen zu lassen. Als ich das Gefühl hatte, ich wäre bereit, schloss ich meine Augen, visierte schnell das Glas an und hob schnell meine Hand. Es bewegte sich keinen Zentimeter.
    "Hm. Versuch es einfach nochmal. Und versuch beim nächsten Mal nicht so schnell zu sein. Für den Anfang solltest du es langsam versuchen. Später wirst du es aber auch beherrschen können, das schnell zu machen, aber im Moment solltest du es noch langsam angehen. Naja, mach noch einmal", sprach der Meister zu mir.
    Ich wiederholte den Vorgang und hob diesmal langsamer meine Hand. Nur passierte wieder nichts. Ich schaute kurz den Meister an, der aber nichts dazu sagte. Deshalb wiederholte ich es noch einige Male. Jeder Fehlversuch war entmutigender, aber ich versuchte ja momentan, mich in Selbstdisziplin zu üben, weil es ja nun mal so war, dass ich manche Dinge nicht auf Anhieb beherschen konnte.
    "Versuch es einfach weiter. Als ich das gelernt hatte, hätte ich mir auch die Haare ausreißen können, wie viele Anläufe ich gebraucht hatte. Irgendwann sitzt es schon."
    Als ich beim nächsten Versuch wieder die Hand hob, ließ ich das Qajô aus meinem Oberarm schnell in die Hand fließen und ihr somit zusätzlich Kraft gebeben lassen. Und tatsächlich schwebte das Glas ein paar Zentimeter über dem Tisch. Das Qajô ließ ich wieder ausbalancieren und versuchte, so lange wie möglich das Glas hochzuhalten. Doch genau so wie bei dem Beschwören von Schatten, drückte das auch langsam auf die elementare Kraft, sodass das Glas von mir nur begrenzt in der Luft zu halten war.
    "Das ist doch schon mal nicht schlecht. Sehr schön", lobte der Meister mich, "das Glas war schon mal in der Luft. Nun wirst du es noch bewegen müssen. Du kannst das Glas ruhig überall hinbewegen, wenn du willst. Sollte es fallen, fang ich es auf!"
    Erneut hob ich das Glas, mithilfe meines Tricks von eben. Und er leistete mir wirklich gute Dienste. Das Glas schwebte. Unter voller Konzentration bewegte ich langsam meinen linken Arm und bewegte es. Nach etwa einer Sekunde war meine elementare Kraft zu belastet, um es weiter oben zu halten, darum bewegte ich es noch schnell zum Tisch zurück und setzte es langsam ab.
    "Sehr schön. Mach eine kurze Pause und danach möchte ich es noch ein paar Mal von dir sehen!"
    Ich wartete eine Minute und wiederholte die ganzen Vorgänge von Neuem. In etwa 80% der Fälle saß es und ich konnte das Glas kontrollieren. Doch in etwa 100% der Fälle, war nach einer Minute schon wieder Schluss damit, was mich sichtlich ärgerte.
    "Wirklich gut, muss ich sagen. Natürlich muss es dir noch gelingen, das Glas länger in der Luft zu halten. Dafür solltest du allgemein diese Technik trainieren, genau so wie dein Qajô!"
    "Wie soll man denn sein Qajô trainieren?", erkundigte ich mich.
    "Das Trainieren des Qajôs sieht bei jedem anders aus. Es kommt einmal bei jedem auf Meditation und auf die Umgebung an, welche an das Element angepasst ist. Bei Menschen, die das Feuer beherrschen, zum Beispiel, macht es am meisten Sinn, wenn sie in warmen Gebieten und Räumen meditieren. Welche die Pflanze beherrschen, meditieren am Besten in der Nähe von Grünanlagen oder in Wäldern. Beherrscher der Dunkelheit meditieren am Besten schlicht und ergreifend, wenn es komplett dunkel um sie herum ist. Das müsste ja eigentlich kein Problem sein."
    "Nein, nicht wirklich!"
    "Deshalb trainierst du Zuhause am Besten noch das Bewegen von Gegenständen und dein Qajô solltest du auch trainieren!"
    "Leech"
    "Ich denke, für heute sollte das reichen. Wie gesagt, solltest du noch das simple Umgehen mit Schatten trainieren, das Bewegen von Gegenständen und die Stärkung des Qajôs. Ich denke, damit hast du für heute schon mal genug zu tun!"
    "Okay, vielen Dank. Ich werde das Zuhause alles üben!"
    "Schön zu hören. Gut, morgen werde ich dir was Neues beibringen. Komm doch so gegen Nachmittag zu mir."
    "Okay, mach ich. Danke.", antwortete ich.
    Der Meister begleitete mich noch zur Tür. Ich verließ das Haus und ging zum Bahnhof. Dort löste ich ein Ticket nach Aphaio. Ich freute mich schon auf den Strand. Danach würde ich noch trainieren. Gerade an den Strand gedacht, fiel mir ein, dass ich ja mit Lilly verabredet war. Aber zu viele Gedanken, wollte ich mir jetzt nicht machen. Ich hoffte einfach mal auf einen ansatzweise guten Tag ... unter Anderem mit einem schönen Mädchen ...


    „W-Wie kannst du als Anfänger schon so eine Technik einsetzen? Das ist doch unmöglich!“rief Ales, worauf Sorao meinte: „Er hat einfach das nötige Talent.“
    Ales sah mich wütend an, als Roumald rief: „Kahiko, wir müssen doch noch zum Strand! Sonst verpasst du noch dein Verabredung mit Hokulani.“
    Ich sah Sorao abwartend an, doch er sagte nur: „Geht nur. Morgen ist wieder um die gleiche Zeit Training, seid also pünktlich. Und Ales, kann ich einmal mit dir reden?“
    Ales nickte, seinen Blick noch immer auf mich fixiert. Carlos, Roumald, Fabés und ich verließen die Katakomben und machten uns auf Richtung Strand.
    „Kahiko, was war das gerade für eine abgefahrene Nummer? Seit wann kannst du das denn?“fragte mich Roumald aufgeregt.
    „K-Keine Ahnung, e-es fiel mir einfach so ein.“erwiderte ich, noch immer etwas konfus von dem vorherigen Angriff.
    Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Ales nicht alles gezeigt hatte, sondern nur einen kleinen Teil seiner Macht. Aber … Er hätte mich leicht töten können … Wieso tat er es also nicht?
    „Es fiel dir einfach nur ein? Ist das dein Ernst?“meinte Carlos etwas enttäuscht.
    „Qiez, ich weiß wirklich nicht, wie ich das gemacht habe.“
    „Naja, ist ja jetzt auch egal. Ich freu mich auf jeden Fall wieder aufs Surfen!“sprach Roumald lächelnd.
    „Und ich erst! Ich freue mich schon, wer von euch beiden die besseren Tricks draufhat!“sagte Fabés und sah Roumald und mich grinsend an.
    Nach einer geschätzten halben Stunde kamen wir am Strand an. Er sah wie alle anderen aus; Sand, Meer, Felsen, Muscheln, Salzgeruch, starker Wind und ein paar Algen.
    Als ich auf mein Handydisplay sah, meinte ich: „Das Treffen mit Hokulani ist erst in einer Stunde.“
    „Dann surfen wir ein bisschen!“rief Roumald, worauf wir fröhlich nickten.
    „Achja, Jay und seine neue ‚Freundin‘ kommen auch.“sagte ich, worauf Carlos verwirrt meinte: „Jay hat eine Freundin?“
    Ich nickte, und er sah mich noch verwirrter an, worauf ich lachen musste. Wir gingen zu einer der unzähligen Holzhütten und liehen uns Surfbretter aus, dann gingen wir nach langer Zeit endlich wieder surfen.


    Als ich in Aphaio und in unserem Haus ankam, wühlte ich in den Taschen, die wir von unseren Großeltern bekommen hatte. Ich war noch nicht dazu gekommen, meine Sachen in meinen Schrank zu tun. Ich holte aus der Tasche eine Badehose raus und zog sie an. Meine normale Hose warf ich auf das Bett. Ich holte aus ihr mein KA-BAR heraus, zog mein T-Shirt aus und zog mir mit dem Messer die Fäden meiner Wunde. Es war schon ganz gut geheilt. Danach steckte ich mein Messer wieder in meine Hosentasche und verließ das Haus. Der Strand war nicht wirklich weit von hier entfernt. Ich holte mein Handy raus, rief Lilly an und sagte, dass sie kommen könnte. Sie sagte, dass sie an der Holzhütte warten würde, die am Strand stand. Dort ging ich auch hin. Dort angekommen, sah ich mich kurz um und entdeckte auch schon Lilly, die sich nicht wirklich in Strandklamotten geworfen hatte. Sie trug nur eine Hose und ein T-Shirt. Scheinbar hatte sie nicht wirklich vor, schwimmen zu gehen. Als sie mich auch entdeckt hatte, winkte sie mir dezent zu und wir gingen aufeinander zu.
    "Hallo", begrüßte sie mich gut gelaunt.
    "Hallo, Lilly. Alles klar?", fragte ich.
    "Ja, bei mir immer. Hast du deine Freunde doch nicht dabei?"
    "Nein. Hatte jetzt doch nicht wirklich Lust auf sie"
    Die Wahrheit war, dass ich mich voll und ganz auf Lilly fokussieren wollte.
    "Meine Freundinnen hatten leider auch keine Zeit heute. Aber naja, wollen wir uns irgendwo in den Sand setzen?"
    "Klar"
    Wir gingen über den heißen Sand und suchten uns ein schattiges Plätzchen. Dort saßen wir uns hin und schauten auf's Wasser. Anfangs redeten wir gar nicht, doch nach kurzer Zeit schaute Lilly mich an und fragte: "Wie lange lebst du schon in Aphaio?"
    "Seit ein paar Tagen ...", entgegnete ich.
    "Oh, das heißt, ihr seid gerade erst hergezogen?"
    "Kann man so sagen"
    "Und warum? Keine Lust mehr auf die alte Umgebung?"
    "Nicht wirklich ...", antwortete ich und hielt einen Moment inne und schaute Lilly ebenfalls an, "sagt dir der Name 'Kaleon' etwas?"
    Schlagartig verwandelte sich Lillys gut gelauntes Lächeln in ein etwas trauriges.
    "Oh ... das tut mir Leid. Du und dein Bruder seid also Flüchtlinge"
    "Und Waisen ..."
    "Was? Haben sie euch etwa auch eure ..."
    "Qiez", antwortete ich, ohne sie ausreden zu lassen.
    "Das ist ja schrecklich!", sagte sie und schaute etwas bedrückt auf den Boden.
    "Naja, ich weiß, wie ich damit umgehe. Und das Leben geht weiter, egal was halt ist. Ich werde damit klarkommen müssen und einfach mein Leben leben"
    "Ich glaube, ich wäre dafür zu deprimiert"
    "Tja ... ich bin halt nicht wirklich der Emotionalste", sprach ich.
    "Das mag ja sein, aber ohne seine Eltern klarzukommen, das ist doch furchtbar. Die Menschen, denen man so viel zu verdanken hat ..."
    Ja, das stimmte wohl ... aber irgendwie hatte ich keine Lust mehr, weiter darüber zu reden. Plötzlich sah ich in der Ferne Kahiko und seine Freunde mit Surfbrettern antanzen. Sie sahen Lilly und mich und liefen auf uns zu. Ach ja, surfen. Ich denke, das würde ich gleich nochmal machen.


    „Swäl, Lilly para Jay!“sprach ich als ich mit meinen Freunden vor ihnen stand.
    „Swäl, Kahiko.“begrüßte mich Lilly freundlich.
    „Swäl.“sagte mein Bruder knapp.
    Als ich sie da so sitzen sah, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Jay fiel das prompt auf und er sah mich wütend an.
    „Para? Hat sich schon etwas getan?“fragte ich Jay, worauf dieser gerade etwas erwidern wollte, doch abstoppte.
    „Ich dachte, du triffst dich mit diesem Mädchen.“erwiderte er etwas wütend, er hielt sich anscheinend wegen Lilly zurück.
    „Qiez, das mache ich jetzt auch. Viel Spaß noch, Jay!“sprach ich als wir vier wieder Richtung Holzhütte gingen.
    „Para, Kahiko? Freust du dich schon auf Hokulani?“fragte mich Roumald, worauf ich rot wurde und schnell nickte.
    „Dich hat’s ja voll erwischt.“meinte Carlos während er mir eine Hand auf die Schulter legte.
    „Da hinten ist sie ja, wir gehen dann einmal. Viel Spaß, Kahiko!“sagte Roumald als er mit Fabés und Carlos weiter surfen gingen.
    Ich ging zu Hokulani und begrüßte sie.
    „Ay, s-swäl, Kahiko!“erwiderte sie meine Begrüßung und wurde rot im Gesicht.
    Hokulani hatte eine rote Badehose, die sonst eigentlich nur Jungs tragen, und ein schwarzes Bikini-Oberteil an.
    „Ich freue mich, dich zu sehen. C-Contrâ, dass ich das Treffen ständig verschoben habe.“entschuldigte ich mich, aber sie antwortete nur: „A-Ach, ist doch gar nicht schlimm. Hauptsache ist, dass wir uns jetzt endlich einmal getroffen haben. Vor allem wollte ich noch fragen, ob dein Freund immer so komisch drauf ist, wie er es letztes Mal war.“
    „Das letzte Mal war eine Ausnahme, versprochen.“meinte ich als ich ihre Hände nahm und sie wieder rot anlief.
    Mein Herz pochte schneller und auch ich errötete.
    „W-Wo waren w-wir letztes M-Mal stehen geb-b-blieben?“fragte mich Hokulani, als sie und ich noch röter wurden.
    „Ich glaube dabei, dass Roumald irgendeinen blöden Spruch über küssen losgelassen hat und wir dann …“weiter redete ich nicht, da ich mich in ihren Augen verloren hatte.
    Einmal muss ich mich überwinden, nur einmal!, dachte ich, als ich sie näher zu mir zog. Unsere Köpfe waren nur wenige Zentimeter weit entfernt. Kurz zögerte ich, doch dann überwand ich die letzten Zentimeter und küsste sie sanft. Ihre Lippen fühlten sich warm an. Zuerst zuckte sie kurz zurück, doch dann erwiderte sie den Kuss. Es fühlte sich einfach gut an und jetzt war ich mir auch klar: Ich liebte Hokulani.
    „HOKU! Was machst du denn da?“hörte ich jemanden rufen, doch ich löste den Kuss nicht.
    Erst als Hokulani nach rechts sah, tat ich das auch, neben uns stand eine wütende Ri, die mich von Hokulani wegschubste. Sie nahm Hokulanis Hand und zerrte sie weg, ich blieb im Sand sitzen und konnte ihnen nur nachsehen, da sie fast weg rannten. Besonders glücklich war ich nicht, dass Hokulani jetzt weg war, aber umso glücklicher wurde ich darüber, dass sie den Kuss erwidert hat. Das heißt also: Sie liebt mich auch.


    Ich unterhielt mich noch weiter mit Lilly. Wir fingen langsam an, uns kennenzulernen. Wir waren uns zwar in verschiedenen Dingen unterschiedlich, aber ich hatte das Gefühl, dass das nichts wirklich Schlechtes war. Zumindest in dem Fall. Zum Beispiel spiele ich gerne Fußball, sie Volleyball. Sie kann sich schlecht durchsetzen, ich dafür schon. Ich bin verschlossen und zeig wenig Gefühle, sie dafür ist immer offen. Auf jeden Fall war die Zeit mit ihr sehr angenehm. Nach einiger Zeit sah ich, wie mein Bruder wieder auf uns zukam.
    "Hallo ... ", sprach er etwas geknickt.
    "Brüderchen. Was führt dich wieder zu uns?", entgegnete ich.
    Daraufhin erzählte er mir, dass er dieses Mädchen, mit dem er verabredet war, geküsst hatte, sie aber von ihrer Freundin mitgenommen wurde, als sie das sah. Kahiko sah etwas geknickt aus. Ich bemühte mich, ein paar einfühlsame Worte auszusprechen.
    "Kahiko, du bist ein Waschlappen!", sprach ich, "Irgendwann fangen die Leute an, dich als Teppich zu benutzen, wenn du dich nicht mal durchsetzen kannst!"
    "Jay, du weißt doch, dass ich das nicht gut kann!"
    "Was ist daran so schwer, zu der Freundin deiner Geliebten zu gehen und zu sagen 'Gib mir sofort meine Olle wieder!' ?"
    "Ja, das schaff ich ganz sicher nicht ... "
    "Pff ... wenn du es nicht schaffst, Rückgrat zu zeigen und dich durchzusetzen, dann musst du taktisch vorgehen. Wenn du wirklich an Hokulani rankommen willst, dann musst du das Vertrauen ihrer Freundin gewinnen. Überleg mal : Ist sie auf deiner Seite, wird sie euch auch nicht dazwischenfunken!"
    "Hm ... stimmt, da hast du eigentlich recht ... "
    "Ja, exakt ... ", antwortete ich etwas genervt.
    "Tja, heute wird das aber sicher nichts mehr, sie sind nämlich schon weg. Aber naja. Jay, ich will jetzt noch etwas surfen gehen, hast du Bock, mitzukommen?"
    "So sehr ich dies auch gerne machen würde, bin ich hier ja mit Lilly verabredet. Da kann ich sie doch nicht einfach so hier sitzenlassen."
    "Nein, nein. Das kannst du ruhig machen!", sprach Lilly, "Hab ich nichts gegen. Ehrlich gesagt, würde ich das gerne mal sehen. Hab nämlich noch nie wirklich jemanden surfen gesehen. Mach doch ruhig!"
    "Du hast es gehört, Bruder. Kommst du?"
    "Ja, ich komm.", antwortete ich, stand auf und ging mit meinem Bruder zu einer Holzhütte. Dort leihten wir uns Surfbretter aus und traten ans Wasser. So, nach all der Zeit in der ich nicht surfen war, fühle ich mich so, als würde ich jetzt richtig abgehen. Kahiko und ich bewegten uns ins Wasser.


    „Das war heute lustig! Das sollten wir öfters machen, Jay!“sagte ich zu meinem Bruder, der darauf lächelte und nickte.
    Wir gingen gerade zu unserem Haus und ich stocherte ihn etwas, damit er rausrückte, was er und Lilly getan hatten. Genervt wehrte er jede Frage ab und als wir beim Haus ankamen, ging er sofort auf sein Zimmer, ich ins Wohnzimmer. Während ich mich auf die Couch saß, klingelte mein Handy. ‚Hokulani‘ stand auf dem Display. Sofort hob ich ab.
    „Swäl, Hokulani!“begrüßte ich sie mit Herzklopfen.
    „S-Swäl, K-Kahiko.“spach sie stotternd.
    „Das heute war schön … Das sollten wir wiederholen.“sagte ich, worauf Hokulani glücklich bejahte, worüber ich ausgesprochen froh war.
    „E-Es tut mir leid, dass Ri so reingeplatzt ist.“entschuldigte sie sich.
    „Ich wollte mit dir sowieso noch mit dir über sie reden. Kannst du sie bei unserem nächsten Treffen mitbringen?“fragte ich, worauf erst mal Stille herrschte.
    Nach einer Weile meinte Hokulani: „Q-Quario?“
    „Ich möchte mir ihr darüber reden, warum sie immer so wütend wird, wenn du rot wirst.“
    „W-Werde ich oft rot?“fragte sie, worauf ich antwortete: „Q-Qiez, aber ich werde auch rot, wenn ich dich sehe.“
    Es herrschte wieder kurz Stille.
    „L-Led, ich bring sie beim nächsten Treffen mit.“
    „Gryvezo, ich hoffe, wir treffen uns bald wieder.“
    „D-Das hoffe ich auch.“
    Wir verabschiedeten uns und legten auf. Mich mit Ri anfreunden … Ob das gut geht? Ich muss wirklich mehr Rückgrat beweisen, wie Jay meint, glaube ich. Ich sah auf die Uhr, es war erst Neunzehn Uhr. Ich machte mir Gedanken über das morgige Training. Werde ich jemals wirklich gut kämpfen können? Dies bezweifle ich zwar stark, aber wenn ich es nicht kann, dann überlebe ich diesen Krieg ganz bestimmt nicht. Jay würde mich zwar beschützen, aber das wollte ich auch nicht, dass ein anderer mich beschützt, und zwar nur, weil ich zu schwächlich bin. Jay kann schon ein paar Techniken mit dem Schwert, und selbst ohne kann er mit Schatten kämpfen. Ich kann gerade einmal eine Technik, und die nicht besonders gut. Eigentlich kann ich ja zwei, wenn ich die eine Technik von heute Morgen mitzähle. Ich würde gerne neue Techniken lernen, deshalb beschloss ich, wieder in die Bibliothek zu gehen. Da ich aber nicht allein gehen wollte, rief ich Roumald an, ob er mitkommen will. Zuerst fragte er mich, ob ich das ernst meine. Als ich bejahte, stimmte er ebenfalls zu. Wir trafen uns vor dem Rathaus und gingen hinunter in die Bibliothek.
    „Was suchen wir jetzt genau?“fragte Roumald, als er sich die ganzen Bücher ansah.
    „Ich will neue Techniken lernen.“antwortete ich, worauf Roumald nickte und wir uns auf die Suche machten.


    Als ich Zuhause in meinem Zimmer war, erinnerte ich mich daran, dass ich ja noch trainieren musste. Genau so wie bei den Schwerttechniken brannte ich darauf, dass Bewegen von Gegenständen durch Schattenkraft zu beherrschen. Ich legte meine Pistole und mein Kampfmesser auf den Tisch. Das Schwert direkt daneben. Als Testobjekte wählte ich zu Anfang einige Patronen aus meiner Deseart Eagle, dann mein Handy und mein Messer. Als Erstes versuchte ich es mit den Patronen. Ich konzentrierte mich wieder, verlagerte mein Qajô, schloss meine Augen und versuchte, die Patronen mit einigen Gesten zu bewegen. Dies klappte nicht von Anfang an; es brauchte schon ein paar Anläufe, bis sich schon zumindest minimale Anzeichen einer Bewegung zu erkennen gaben. Ich versuchte, 100% meiner Konzentration auf mein Ziel zu richten und alles um mich herum auszublenden. Nach weiteren Anläufen entdeckte ich beim Öffnen meiner Augen, dass die Patronen etwa 20 Zentimeter in der Luft schwebten. Das hatte mich schon mal gefreut. Zu dem normalen Hochheben, wie es ja als Start für mich in der Anfangsphase diente, versuchte ich jetzt, die Patronen in der Luft zu bewegen. Das ging für knapp eine Minute gut, dann prasselten sie auf den Boden. Ich hob sie wieder auf und bekam dabei eine Idee. Ich lag zwei der drei Patronen auf den Tisch; die Andere warf ich in die Luft. Dann machte ich mit der gespreizten Hand eine Bewegung von links nach rechts. Und tatsächlich; die Patrone schwebte in der Luft, als ich meine Hand danach noch oben hielt. Etwa eine Stunde probierte ich herum und übte. Dann schien das Qajô wieder zu sehr belastet zu sein. Mit einem leisen Klicken lud ich die Patronen wieder in meine Waffe. Als ich mich auf mein Bett setzte, fiel mir ein, dass ich ja auch noch das Beschwören und Kontrollieren der Schatten üben musste. Dazu hatte ich jetzt aber wenig Lust, weshalb ich beschloss, das morgen zu machen, bevor ich wieder zum Schattenmeister gehe. Das schlichte Anheben von leichten Gegenständen hatte ganz gut drauf; nicht perfekt, aber ganz gut. Das Bewegen brauchte auch noch eine längere Zeit Training. Aber ich war zuversichtig, dass ich den Dreh schon bald raus haben werde. Nach diesem Training entschied ich mich dazu, mein belastetes Qajô etwas zu trainieren, wie der Meister es mir sagte. Ich zog die Gardinen am Fenster zu, sodass der Raum komplett dunkel war. Anschließend setzte ich mich auf mein Bett.


    „Schon langsam hab ich echt keinen Bock mehr … Qorad jizo ces redit?“fragte mich Roumald.
    Während ich auf mein Handydisplay sah, beantwortete ich seine Frage: „Es ist Halb Neun.“
    „Wir sind schon eineinhalb Stunden hier? Wenn ich das den anderen erzähle, die würden das sicher nicht glauben … Hey, Kahiko! Hier ist glaub ich ein Buch für dich!“meinte Roumald, als er auf ein Buch einige Regale über ihn zeigte.
    Das Buch war weiß und hatte ähnliche Verzierungen wie mein Bogen.
    „Led, nur … wie sollen wir da rauf kommen? Ich sehe nirgends Hocker oder anderes.“sprach ich, als ich mich umsah.
    „Räuberleiter! Du kannst dann mit deinen Füßen in den leeren Regalen Halt finden.“sagte Roumald, und faltete schon die Hände.
    „Du bist leichter, spring du.“erwiderte ich, worauf er nickte und ein paar Schritte zurück ging.
    Ich faltete meine Hände mit den Handflächen nach oben und ging etwas in die Knie. Roumald lief auf mich zu, trat mit seinem rechten Fuß in meine Hände und ich gab ihm Schwung nach oben. Er hielt sich mit seinen Händen gerade noch an einer Regalkante fest und suchte mit seinen Füßen Halt, den er nach kurzer Zeit in einer spärlich gefüllten Regalspalte fand.
    „Pass auf, dass du nicht runterfliegst.“meinte ich, worauf Roumald lachen musste.
    Das Buch war noch ein Regal über ihm.
    „Ich schmeiße dir das Buch runter und du fängst es auf, leech?“
    Ich bejahte und machte mich auffangbereit. Roumald stieg noch eine Regalspalte nach oben, damit er das Buch gerade einmal so halbwegs erreichen konnte. Er nahm das Buch und sah über seine linke Schulter zu mir, worauf ich nickte und er mir das Buch hinunterwarf. Kurz vor dem Boden fing ich es auf.
    „Fängst du mich auch auf?“fragte mich Roumald.
    „Machst du Witze?“erwiderte ich verwirrt.
    „Wie soll ich denn sonst runterkommen?“
    „Ay … Led, ich-“bevor ich den Satz fertig gesprochen hatte, fiel Roumald auf mich und mit einem Knall lagen wir beide auf dem Boden, Roumald hatte seine Füße über Meinen.
    „Alles in Ordnung, Kahiko?“fragte er mich, worauf ich stotternd bejahte.
    „Hast du das Buch?“meinte Roumald während er sich umsah.
    Ich saß mich auf und bemerkte, dass ich auf das Buch gefallen war, doch glücklicherweise blieb es unversehrt. Roumald und ich standen auf und gingen zu dem Tisch, wo Fabés und ich das letzte Mal waren. Das Buch war etwas größer als ein normales Buch. Wir gingen zum besagten Tisch, legten das Buch darauf und ich schlug es auf irgendeiner Seite auf. ‚Wesen des Lichts‘ stand groß am Anfang der linken Seite, auf der drei Skizzen von Wesen waren, die ich nur von Märchen kannte.
    „Genauso wie Beherrscher des Elements Schatten, können auch Beherrscher des Lichts Wesen beschwören, nämlich; Elfen, Engel und Diener Gottes.“, las Roumald vor, „Du kannst also wie dein Bruder Kreaturen erschaffen. Ist doch Klasse!“
    Ich nickte abwesend und beschloss, Jay später danach zu fragen. Nun blätterte ich im Buch weiter und hoffte, neue Techniken zu finden.

  • Kapitel 8 : Training


    Völlige Dunkelheit ... absolute Stille ... volle Konzentration und keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte. Ich soll durch Meditation an einem dunkelen Ort mein Qajô trainieren? Soll es das schon gewesen sein? Ich ging dem erst mal nach und verbannte alle meine Gedanken aus dem Kopf. Anschließend ließ ich mein Qajô durch meinen ganzen Körper fließen. Ich dachte, ich könnte es so etwas lockern. Auf jeden Fall fokussierte ich mich darauf, meinem Qajô und besonders mir die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Dies machte ich seelenruhig und die Dunkelheit genießend eine Stunde. Was mir komisch erschien, war dass ich mit zunehmender Zeit und Entspannung meinen Körper immer schwächer fühlte. Ich spürte, wie mein Qajô sich lebhaft die Wege durch meinen Körper suchte. Mit der Zeit fühlte es sich auch angenehm an, was mich glauben ließ, dass diese Meditation auch das belastete Qajô nach dem Training wieder entlastet. Auf jeden Fall meditierte ich circa eine Stunde. Gerne hätte ich damit noch weitergemacht, doch ich hörte plötzlich, wie die Tür aufging.
    "Jay?", hörte ich die Stimme meines Bruder. Ich ließ die Augen zu und wollte ihn ignorieren, was aber nicht möglich war, da er das Licht anschaltete. Ich öffnete die Augen und sah Kahiko und Roumald. Mein Bruder hatte irgendein komisches Buch in der Hand.
    "Verfluchte scheiße!", knurrte ich angefressen, "Was wollt ihr?!"
    "Naja, also ich war in der Bibliothek und hab mir ein Buch ausgeliehen, welches sich mit dem Lichtelement beschäftigt."
    "Und in wie fern hat das Relevanz für mich?"
    "Da stand, dass Lichtbändiger Kreaturen beschwören können. Nämlich Engel, Feen und Diener Gottes ..."
    "Derbe schwul, sag ich dazu. War's das?", unterbrach ich ihn.
    "Jay, jetzt sei bitte mal nicht so herablassend!"
    "Hm", antwortete ich desinteressiert, "dann rede weiter, aber erwarte nicht, dass ich zuhöre!"
    "Naja, okay. Hier steht, dass Beherrscher der Dunkelheit auch Kreaturen beschwören können. Weißt du, welche ..."
    "Schatten, Dämonen und Geister", unterbrach ich ihn erneut, "war's das?"
    "Qiez. Weißt du vielleicht, wie ich diese Kreaturen beschwören könnte?"

    Mein Bruder sah mich überrascht an, fing dann aber an zu lachen.
    „Du meinst das doch nicht ernst, vek?“, fragte er mich, worauf ich etwas wütend wurde.
    „Qiez, es ist mein Ernst. Pryavet, Jay, erkläre es mir.“sprach ich und versuchte dabei, mit einer möglichst neutralen Stimme zu reden.
    „Led, Kahiko. Aber nur, wenn du nicht gleich flennst, wenn es bei dir nicht klappt.“, meinte er, worauf ich seine Aussage ignorierte und bejahte.
    „Ich erkläre dir jetzt, was du machen sollst. Hör gut zu, zweimal erkläre ich das sicher nicht.“
    Ich nickte und er erklärte mir, wie ich mein Qajô zu verlagern habe, damit ich Wesen erscheinen lassen konnte. Nach einer - überraschend - ausführlichen Erklärung von ihm, demonstrierte er mir noch, wie er einen Schatten beschwor.
    „An den erinnere ich mich noch.“meinte Roumald als er zu Jay sah, der ihn aber nicht beachtete.
    „Und jetzt du, Zäl. Streck deine Hand aus, und zwar so, dass deine Fingerspitzen nach oben zeigen und stell dir vor, wie dein Qajô in deine Fingerspitzen fließt. Wenn du meinst, es ist genug, dann heb deine Hand.“, sagte Jay, worauf ich tat, wie mir befiehl.
    Als ich meine Hand ausgestreckt hatte, schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf mein Qajô, wie ich es damals mit meinem Bogen tat. Nach einer geschätzten Minute spürte ich, wie meine Fingerspitzen kribbelten, doch noch hob ich noch nicht die Hand, ich wartete noch ein paar Augenblicke damit. Kurz darauf kribbelte meine Hand noch mehr. Jetzt beschloss ich, sie zu heben, was ich auch tat während ich meine Augen öffnete. Am Boden war ein kleiner Lichtkreis, der aber schnell wieder verblasste.
    „Noch mal!“, sprach Jay, worauf ich wieder meine Augen schloss und meine Hand ausstreckte.
    Nach ein paar Minuten, wurde das Kribbeln noch stärker. Ich öffnete meine Augen und hob abermals meine Hand, worauf wieder ein Lichtkreis erschien, aber auch gleich schnell wieder verschwand, wie er aufgetaucht war. Ich wiederholte diesen Ablauf immer wieder, und beim zehnten Versuch blieb der Lichtkreis erhalten und ein goldener Engel mit großen weißen Flügeln erschien vor uns. Ich konzentrierte mich aber weiter auf das Qajô in meinen Fingerspitzen.
    „Kahiko, das ist genial!“, sprach Roumald aufgeregt.
    „Nicht schlecht, hätte nicht gedacht, dass du das hinbekommst“, meinte Jay etwas überrascht, „Jetzt erkläre ich dir, wie du den Engel lenkst.“
    Ich nickte und konzentrierte mich auf mein Qajô.

    Ich erklärte meinem Bruder, in welche Bereich das Qajô muss und wie er den Engel bewegt.
    "Okay, ich versuch's mal!", sprach er und hob seine Hände hoch. Nach kurzer Zeit bewegte er sie, doch es passierte nicht. Ich merkte, dass er ziemlich verkrampft war.
    "Also so schaffst du es ganz sicher nicht!", sprach ich, "So kommt sich dein Qajô ja wie ein Terrorist am Zoll vor!"
    "Was meinst du?"
    "Du musst dich nicht so verkrampfen. Das Qajô kann nur richtig fließen, wenn du locker bleibst. Schau mal!"
    Ich beschwor einen Schatten herauf, was mir komischerweise blitzschnell gelang. Dann bewegte ich mit lockerer Körperhaltung den Schatten etwas in der Luft herum. Kahiko und Roumald verfolgten ihn mit ihren Blicken. Als ich den Schatten wieder absetzte, drehte er sich plötzlich automatisch zu dem Engel um, flog blitzschnell auf ihn zu und zerfetzte ihn. Kahiko und Roumald erschraken und schauten dann mich fraglich an.
    "Das war kurios ...", sagte ich ebenfalls etwas überrascht, während ich meinen Schatten anschaute.
    "Ich gehe mal davon aus, dass Schattenwesen nicht so gut auf Lichtwesen zu sprechen sind ...", sprach Roumald perplex.
    "Auf jeden Fall hat dein Schatten ihn richtig zerrissen!", sagte mein kleiner Bruder.
    "Interessant", antwortete ich darauf, "naja, nun gut. Dann versuch es einfach nochmal"
    Ich ließ meinen Schatten verschwinden. Kahiko beschwor wieder einen Engel, versuchte ihn zu kontrollieren, aber scheiterte immer wieder dabei.
    "Naja, mach ruhig weiter. Ich verpiss mich!", sprach ich nach etwa 20 Minuten voller Ungeduld und nahm mein Schwert. Warum mich mit diesem Trauerspiel beschäftigen, wenn ich produktiv sein kann?
    "Wo gehst du hin?", fragte Roumald.
    "Ich geh in den Park, noch etwas zu trainieren. Wenn was sein sollte, lasst mich trotzdem in Ruhe!"
    Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ ich mein Zimmer, ging die Treppe runter und verließ das Haus. Ich bewegte mich auf den Park zu. Ich wollte einmal noch meine Schwerttechniken üben und noch ein bisschen das Bewegen von Gegenständen trainieren ... falls ich mich da nicht überarbeite ...

    „So langsam glaube ich, dass ich das nie hinbekommen werde …“sprach ich, worauf Roumald mir auf die Schulter griff.
    „Beim nächsten Mal klappt’s bestimmt. Versuchs nochmal!“, versuchte er mich zu motivieren, was ihm nicht so gelang, aber ich versuchte es trotzdem erneut.
    Ich beschwor wieder einen Engel und konzentrierte mich wieder auf mein Qajô und dieses Mal gelang es mir, den Engel zu bewegen. Zuerst steuerte ich ihn etwas nach links, doch dann verlor ich die Kontrolle über ihn und er verschwand wieder. Ich schnaufte heftig und Roumald fragte mich, ob alles in Ordnung ist, worauf ich stotternd bejahte.
    „Ich glaube, es reicht für heute.“meinte Roumald fürsorglich, worauf ich nickte.
    „Wie spät ist es?“fragte ich ihn, worauf er auf seine Armbanduhr sah.
    „Es wird Acht.“
    Als wir in mein Zimmer gingen, sagte ich zu ihm: „Ich will noch ein paar Techniken üben, die im Buch stehen. Hilfst du mir?“
    Er nickte, wir saßen uns auf mein Bett und ich schlug das Buch auf. Als erste Technik war ‚Tjoraverez‘ angeführt, was so viel wie 'Kometenschweif' hieß.
    „Versuch einmal diese Technik, Kahiko!“, sprach Roumald, worauf ich sie mir durchlas.
    Der Anwender schießt drei Pfeile schnell hintereinander in einem steilen Winkel in die Luft, worauf die Pfeile sich vielfach duplizieren und auf den Gegner herunterprasseln. Diese Technik eignet sich am besten für Anfänger und Amateure.
    „Das musst du mal versuchen!“, sagte Roumald aufgeregt.
    „Led, ich werd’s morgen versuchen.“
    „Achja … Wie war eigentlich das Treffen mit Hokulani?“, fragte er mich.
    Ich erklärte ihm alles, was passiert ist und auch, dass ich vorhabe, mich mit Ri anzufreunden, worauf er laut loslachte.
    „Du willst dich mit DER anfreunden?“, meinte er, als er endlich aufhörte, zu lachen.
    „Qiez, wenn ich mit Hokulani ungestört zusammen sein will, muss ich mich mit ihr anfreunden. Hast du ein paar Ideen?“
    Roumald zuckte nur mit den Schultern und blätterte weiter im Buch herum.
    „Sieh dir das an! Da hat jemand ins Buch geschrieben. Aber … das ist kein Techorianisch." ,sprach Roumald etwas verwirrt.
    „Kein Techorianisch? Aber … was ist es dann?“

    Im Park angekommen, der aufgrund der etwas späten Uhrzeit jetzt weniger belebt war, ging ich zu meinem Trainingsplatz. Die Sonne warf ein goldbraunes Licht auf mich und meine Umgebung. Die Luft war wie immer angenehm einzuatmen. Drako aus meiner Hülle gezogen und ihn fest in der linken Faust haltend, übte ich wieder meine beiden Schwerttechniken. Morgen werde ich wieder zu meinem Schwertmeister gehen, da will ich zeigen, dass ich etwas getan habe und vielleicht auch schon, wenn auch nur minimal, Fortschritte gemacht hatte. Auf jeden Fall war ich motiviert. Während des Trainings dachte ich an heute Vormittag, als ich mit Lilly am Strand war. Ich bin wirklich froh, dass wir uns so gut verstanden haben und wir uns gegenseitig auch viel abgewinnen konnten. Nachdem ich vom Surfen wiederkam und mich wieder zu Lilly setzte, zeigte sie mir ihr Erstauenen über meine Surfkünste. Klar, jahrelange Übung, die macht sich immer bezahlt, dachte ich grinsend. Wir wechselten danach noch viele Worte. Lilly erzählte, wie es in Aphaio so ist, was ich mir auf jeden Fall ansehen müsste und was man hier alles machen kann. Doch sie sagte mir, dass sie sich nicht gut dabei fühlte, nur über ihre tolle Heimat zu reden, während Kaleon in Schutt und Asche lag und mein Bruder und ich lediglich als Flüchtlinge hier sind. Auch wenn ich mit so etwas echt gut klar komme, war es echt süß zu sehen, wie sie Rücksicht auf mich nahm. Ohne, dass ich sie darum gebeten habe. Lilly ist schon ein besonderes Mädchen. Ich bin echt froh, sie kennengelernt zu haben. In meinem ganzen Leben ist mir noch kein so süßes, hübsches und sympatisches Mädchen untergekommen. Klar, in Kaleon gab es auch schon ein paar nette Exemplare; mit der ein oder Anderen hatte ich auch was, aber Lilly scheint irgendwie ganz anders zu sein ... und das mehr als nur positiv gesehen. Auf jeden Fall war die Zeit am Strand mit ihr wirklich klasse. Und eins ist klar, ich werde mich wieder mit ihr treffen. Keine Ahnung was, aber irgendetwas hat die Kleine mit mir angestellt. Echt verrückt. Aber an ihrer Mimik und an ihrer Stimme hab ich erkannt, dass es ihr sicherlich auch gefallen hatte. Es war nun 20:30 Uhr. Dunkel wird es in Techoras meist erst zwischen 21:30 Uhr und 22:00 Uhr. Da tut die Natur meistens, was sie will. Nach einer Trainingseinheit setzte ich mich an einen Baum, aß einen Apfel, den ich mir von einem anderen Baum genommen hatte und ließ die Seele baumeln. Nach kurzer Zeit hörte ich, wie etwas im Gebüsch raschelte, doch ich ignorierte es. Nach ganz kurzer Zeit packte mich etwas an meinen Schultern und jemand sprach: "Tyén, Jay. Menjâ Yzka! (Na, Jay. Altes Haus!)" Ich wusste sofort, wer das war. Ich stand auf und drehte mich um.
    "Montana, qor' plejâ? (Montana, was geht?)", antwortete ich und sah meinen guten Kumpel Montana mit dem großen Bizeps.
    "Plyo azéga! (Nicht viel!)", antwortete er. Er schaute auf den Baum, den ich zum Training benutzte. "Zäl, pereza hechor kalarp redit? (Bruder, warst du das?)"
    "Cryu hechor plyo kap uyno ilygio dey Greenpeace, qiez! (Wenn du kein Aktivist von Greenpeace bist, ja!)"
    "Caviza. Arp jer vred kenyn ascoy tshôga ikyano á jó izyn! (Nett. Auf jeden Fall war hier brutale Gewalt im Spiel!)"
    "Qiez!", antwortete ich grinsend.
    Da ich für heute genug Training hatte, beschloss ich, mit Montana zurück in die Stadt zu gehen. Dabei unterhielten wir uns noch etwas.

    „Irgendwie kommt mir diese Sprache bekannt vor …“, meinte ich zu Roumald, worauf dieser einen Geistesblitz hatte: „Das ist Lizagisch!“
    Ich sah ihn verwirrt an.
    „Woher willst du das wissen?“
    „Fabés hat mir neulich ein Bild von Soldaten aus Lizagon gezeigt, auf deren Uniformen ähnliche Wörter waren. Einige Wörter erkenne ich sogar wieder ... glaube ich, zumindest. Nur die Frage ist jetzt … wer hat das in das Buch geschrieben?“
    Während ich darüber nachdachte, gähnte ich.
    „Es ist schon recht spät … ich gehe jetzt am besten schlafen. Sehen wir uns dann morgen?“
    „Kann ich bei dir pennen? Ich hab keinen Bock, jetzt noch nach Hause zu gehen.“
    „Qiez, natürlich.“antwortete ich worauf wir uns zum schlafen fertig machten.
    Ich gab Roumald ein paar Sachen von mir. Ich legte mich in mein Bett und Roumald lag auf einer Decke auf dem Boden.
    Mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf, ich hatte einen fürchterlichen Alptraum, konnte mich aber nicht an ihn erinnern. Ich saß mich auf und sah mich um. Roumald schlief tief und fest und hatte sich zusammengekugelt. Ich nahm mein Handy und las die Zeit darauf ab. Es war knapp vor Mitternacht. Plötzlich hörte ich ein Geräusch und wandte mich um. Es war Roumald, der im Schlaf redete. Ich legte mich wieder hin und hörte ihm zu. Ich verstand zwar nicht, was er sagte, aber irgendwie fand ich es witzig. Das erinnerte mich an die Kindheit von uns, wir haben einigen Blödsinn gemacht, sowie auch Jay und ich. Nach ein paar Augenblicken schlief ich aber schnell ein.
    „Kahiko, wach auf! Wir kommen zu spät zum Training!“weckte mich Roumald auf.
    Er war über mich gebeugt und schüttelte mich heftig.
    „Q-Qiez, ich bin ja schon wach!“
    „Komm, wir müssen uns noch umziehen und dann laufen!“
    Ich nickte, wir zogen uns an und liefen Richtung Schwertplatz.

    An diesem Morgen war ich schon recht früh unterwegs nach Valeko. Bepackt mit Schwert, Messer und Knarre stand ich im Zug. Es waren nicht wirklich viele Passagiere dabei. Ich gähnte ausgelassen, weil ich diese Nacht nicht geschlafen hatte. Ich hatte bis circa Mitternacht noch mit Lilly auf WhatsApp geschrieben und danach lohnte es sich für mich auch nicht mehr, die vier oder fünf Stunden zu schlafen, darum hab ich Musik gehört. Dies alles konnte ich mir glücklicherweise wieder bis zum Exzess leisten, da ich mir von Está ein Ersatz-Ladekabel für mein Handy geliehen hatte. Eines der wenigen Dinge, die er von Zuhause retten konnte. Pragájuna (Hallelujah!) ! Plötzlich nach wenigen Minuten, deren einzige akustische Füllung aus dem Rattern der Räder des Zuges bestanden, hörte ich plötzlich ein Klicken und ein lautes: "ALLE AN DIE WAND!"
    Ich drehte mich blitzschnell um. Die Passagiere schrien. Etwa fünf Meter gegenüber von mir stand ein schwarz gekleideter Mann. Er hatte schwarze Haare, braune Augen und hielt in seiner linken Hand eine Pistole, mit der er auf die Menschenmasse zielte, welche sich ängstlich in einer Ecke des Zuges versammelten. Soll er sie doch umbringen, ist mir doch egal. Hauptsache der stört mich nicht.
    "EY, DU DA! JUNGE! HAST DU MICH NICHT GEHÖRT?!", rief der Mann agressiv.
    Ich nahm die Kopfhörer aus meinen Ohren und antwortete: "Nein, sollte ich?"
    "LOS! Ab in die Ecke mit dir!"
    "Oder was?"
    "Komm schon, Junge! Mach keinen Quatsch, der bringt dich um!", rief ein Passagier hinter mir.
    "Ja, genau. Tu, was er sagt!", rief ein anderer.
    Jedoch machte ich keine Anstalten, zu gehorchen.
    "Ich gebe dir jetzt noch fünf Sekunden, dann bist du in der Ecke! Fünf ... vier ... drei ..."
    "Juckt mich nicht!", antwortete ich zutiefst gelangweilt.
    "Zwei ... eins!"
    Der Mann drückte ab, ich zog meisterlich getimed mein Schwert und hielt es in einem Abstand von etwa 30 Zentimeter vor mein Gesicht. Während die Kugel auf mich zukam, schrien einige weibliche Passagiere, bis sie dann sahen, dass die Kugel an meinem Schwert abgeprallt war. Sie fiel zu Boden. Das Geräusch von aufprallendem Metall stieg in meine Ohren. Der Schütze war sichtlich erstaunt ... die Passagiere ebenso. Ich steckte mein Schwert wieder ein, ich musste lebensmüde sein. Doch ich hatte da eine andere Idee.
    "Da hattest du nochmal Glück!", brüllte der Mann und jagte noch weitere Patronen aus seiner Waffe.
    Blitzschnell ließ ich mein Qajô in meine linke Hand und deren Finger fließen, hob sie an und ließ direkt vor mir einen Schatten auftauchen. Die Kugeln, die auf mich zuflogen, wurden von meinem düsteren Gefährten einfach aufgesaugt. Wie eine kleine Nussschale von einem Wasserstrudel. Schnell zog ich mein KA-BAR, bewegte den Schatten etwas nach links und warf das Armeemesser auf den Mann zu. Es traf ihm direkt in den Arm, in der er die Pistole hielt. Genauer genommen in die Pulsader. Die Waffe ließ er sofort fallen; er sackte zusammen. Ich ging auf den ächzenden Mann zu, der fast schon auf dem Boden lag, aber sich noch knapp mit seinen Beinen und Unterarmen hochhalten konnte. Ich trat ihm einmal mit voller Wucht gegen seinen Oberkörper, sodass er etwa einen Meter weiter auf die Seite fiel. Das Messer zog ich aus seinem Arm raus; der Verletzte schrie laut auf. Die Pistole des Mannes kickte ich mit dem Fuß in die Ecke. Ich schnipste einmal und plötzlich kam der Schatten zu mir geflogen. Davon erzählte mir der Schattenmeister, dass ich mit einem Schnipsen Schatten direkt zu mir befehligen konnte. Ich drehte mich kurz um und sah die Passagiere an, die mich mit großen Augen anstarrten. Eine Mischung aus Überraschung und Entsetzen stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Ich sah sie mit einem desinteressierten Blick an. Ich drehte mich wieder um und sah, dass sich der Verwundete gerade ein Tuch um sein Handgelenk wickelte. Mein Qajô verlagerte ich, um den Schatten zu bewegen. Ich hob meinen Arm und schwang ihn dann sofort wieder nach unten. Der Schatten flog los und tauchte in den Körper des Mannes ein. Dieser fing daraufhin heftig zu schreien an. Er schien noch stärkere Schmerzen zu haben, wohl ausgelöst von dem Schatten. Er zitterte am ganzen Körper, schien schon regelrecht depressiv zu sein. Der Mann war ganz klar außer Gefecht gesetzt. Ich drehte mich wieder um; die Passagiere, die noch in der Ecke hockten, standen auf und kamen mit langsamen Schritten näher. Sie schauten den Mann an, den ich zu einem kompletten Wrack gemacht hatte. Bei diesem Anblick hätte sich jeder Mediziner die Kugel gegeben.
    "D-Du hast ihn ... a-außer Gefecht gesetzt!", sprach eine Frau.
    Kurz darauf fingen alle Passagiere an, zu jubeln. Manche umarmten mich, um ihr Glück zu zeigen, sie dankten mir etliche Male. Ein älterer Mann holte sein Handy raus und rief die Polizei. Als der Zug in Valeko ankam, stieg ich mit den Passagieren aus meinem Waggon aus. Nach und nach stiegen auch die Passagiere aus den anderen Abteien aus. Die Nachricht von meiner Tat verbreitete sich schnell, war schon ein nettes Gefühl. Die Polizei kam auch rasch und die Passagiere schilderten ihnen den Sachverhalt.
    "Gute Arbeit, Junge!", sprach einer der Polizisten, während er mir auf die Schulter klopfte, "SO, MITNEHMEN!"
    Die Polizisten nahmen den Mann mit, der immer noch zitterte wie Espenlaub und nun nicht mehr ganz so laut schrie. Mit einigen Gesten holte ich den Schatten aus dem Körper des Mannes und ließ ihn im Boden verschwinden. Dies schien aber nichts an dem äußerlich erkennbaren Zustand des Mannes zu ändern. Naja, wen juckt's. Als die meisten Passagiere gerade abgelenkt waren, bewegte ich mich schnell Richtung Nord-Stadt, dort wo der Meister wohnt. Länger hätte ich jetzt nicht gern gewartet, aber sicher hätten die Leute mich noch richtig lange gefesselt.

    „Ihr kommt spät.“, meinte Sorao, worauf er uns musterte.
    Roumald und ich standen ängstlich vor ihm und starrten gen Boden, das Buch aus der Bibliothek hielt ich fest in meiner linken Hand.
    „Was ist das für ein Buch?“, fragte Sorao, worauf ich ihm in die Augen sah.
    „Ich will neue Techniken lernen, deshalb habe ich das Buch auch mitgebracht. Es beinhaltet alles über das Element Licht und -“, bevor ich weiterreden konnte, nahm mir Sorao das Buch aus der Hand und blätterte darin bis zu Seite mit den kuriosen Buchstaben.
    „Weißt du, was das ist?“, meinte Roumald neugierig, worauf Sorao mit geweiteten Augen nickte.
    „Das ist Lizagisch.“, antwortete er knapp, als wir hinter uns eine Stimme hörten und Fabés, Carlos, Roumald und ich uns unverzüglich umdrehten.
    „Led lanza!“, begrüßte uns Ales gut gelaunt, wir erwiderten diese Begrüßung.
    Als er das Buch erblickte meinte ich, einen Moment lang Angst auf Ales Gesicht erkannt zu haben.
    „Ist das ein Buch über dein Element, Kahiko?“, fragte er mich lächelnd.
    Als ich bejahte wollte er wissen, ob er sich das Buch einmal ansehen kann, worauf ich zögerte.
    „Du hast dir doch sicher schon eine Technik ins Auge gefasst, die du lernen möchtest, vek?“, sagte er immer noch lächelnd, „Ich will dir mit dieser Technik helfen.“
    Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Mein ganzer Körper sträubte sich in der Vorstellung, dass er das Ganze nur spielt.
    Sorao musste mein Verhalten bemerkt haben, denn er ging auf Ales zu und sprach: „Das übernehme ich, ich bin schließlich sein Lehrmeister.“
    Ales sah ihn etwas sauer an, erwiderte dann aber überraschend ruhig: „Leech, wie sie meinen. Dann sehe ich eben nur zu.“
    „Kahiko, welche Technik willst du lernen?“, fragte mich Sorao als er Ales den Rücken zuwandte und mich ansah.
    „Tjoraverez.“antwortete ich etwas eingeschüchtert von Soraos Blick.
    Sorao blätterte im Buch und fand schnell die Seite mit der Erklärung zu Tjoraverez.
    „Led … ich verstehe. Kahiko, mach dich bereit. Ales, würde es dir etwas ausmachen, mit den anderen zu trainieren?“, meinte Sorao und sah Ales grinsend an, worauf dessen Lächeln von seinem Gesicht verschwand und sich in eine düstere Mine umverformte.
    Überraschenderweise willigte er ohne Widerworte ein und ging zu den Anderen. Während die vier in die Mitte des Raumes gingen, verließen Sorao und ich den Raum. Die Gänge waren mit Fackeln beleuchtet. Mir kam diese Route bekannt vor, doch ich wusste nicht, woher. Als wir dann bei einer hölzernen Treppe ankamen, erinnerte ich mich wieder daran, wohin dieser Weg führte.
    „Werden dort nicht viele Menschen sein, die uns sehen werden?“, fragte ich Sorao als er vor der Holztreppe stehenblieb.
    „Wer sagt denn, dass wir hinauf gehen?“, erwiderte er, als er die Wand abtastete.
    Er drückte einen Stein in die Mauer. Vor uns tat sich ein Weg auf, worauf ich Sorao erstaunt ansah. Wir betraten den erschienenen Gang und sobald wir das taten, schloss sich hinter uns wieder die Wand. Ich erschrak, worauf Sorao lächelte, aber nichts sagte. Wir gingen den Gang hinab, bis wir zu einem runden Raum mit Statuen kamen. Die Statuen symbolisierten die Elemente als Mythengestalten. Wir gingen in die Mitte, Sorao stand etwa fünf geschätzte Meter vor mir.
    „Nun werde ich dir die Technik erklären. Bist du Bereit?“, fragte er mich.
    „Qiez“, antwortete ich selbstbewusst.

    Als ich am Haus des Meisters ankam, klopfte ich an die Tür. Nach kurzer Zeit öffnete sie sich und der Meister kam zum Vorschein.
    "Swäl, Jay. Schön, dich wieder zu sehen!", sprach er freundlich.
    "Swäl, Trechô (Hallo, Meister)", entgegnete ich.
    "Na dann, trete ein!"
    Ich betrat sein Haus und ließ mich von ihm wieder in seinen Hinterhof führen.
    "Ich hoffe doch, du hast die Techniken auch gut geübt, die ich dir beigebracht habe"
    "Nun ja, jeder hat seine eigene Definition von 'gut' ...", konterte ich darauf.
    "Okay, dann werden wir mal sehen!", lachte der Meister kurz.
    Als wir uns wieder im Hinterhof befanden, bat er mich, mein Schwert zu ziehen und ihm die Techniken zu zeigen.
    "Als Erstes möchte ich bitte den Curl sehen!", sprach er.
    Mein Schwert in die richtige Position gebracht und mir das Neun-Punkte-System ins Gedächtnis gerufen, schwang ich mein Schwert blitzschnell. Er bat mich, das einige Male zu wiederholen.
    "Hm, leech. Auf jeden Fall schon wesentlich besser als letztes Mal. Allerdings bist du in der Kurve zwischen acht und vier noch etwas wackelig, das darf nicht sein. Man sieht aber, dass du trainiert hast, sehr schön. Das solltest du weiterhin auch noch tun. So, jetzt den Stack bitte!"
    Ich legte mein Schwert an meine Schulter an, hoffte, dass es richtig positioniert war, hob das Schwert hoch, drehte es in meiner Hand und stach damit diagonal auf den Boden ein. Auch dies sollte ich mehrmals wiederholen.
    "Auch nicht schlecht. Die richtige Positionierung bei dir ist noch etwas schwammig, zwei von sieben Versuchen waren ganz gut, aber für die richtige Positionierung musst du noch ein Gefühl entwickeln. Der letztendlich Angriff war auch ganz gut von der Ausführung, nur war der Angriff nicht schnell genug. Das ist sehr wichtig, dass der Stack schnell ausgeführt wird. Bei der Vorbereitung bist du nämlich ein leichtes Ziel, deshalb musst du einen Angriff deines Gegners in Sekundenschnelle mit deinem Angriff verhindern. Das ist alles reine Übungssache!"
    Wow, der Meister bewertet ja jedes Detail. Aber gut, er ist halt auch ein Schwertmeister, die streben Perfektion bei ihren Schülern an.
    "Nun, gut. Ich sehe aber, dass du gut trainiert hast und dir auch Mühe gegeben hast. Trotzdem möchte ich noch warten, bevor ich dir eine weitere Technik beibringe. Stattdessen möchte ich sehen, wie gewandt du mit dem Schwert umgehen kannst. Denn bei den Techniken, die nun mal eine gewisse Gewandheit erforden, das ist Fakt, musst du ja auch gewisse Bewegungen fließend ausführen können. Also möchte ich, dass du die Bäume dort hinten mit einigen gewandten Bewegungen angreifst. Du kannst dein Schwert über den Kopf schwingen, du kannst ausholen, du kannst Wellenbewegungen machen, was du willst. Es geht nur darum, dass du etwas lockerer mit dem Schwert wirst. Und bitte!"
    Ich ging zu den Bäumen und dachte mir ein paar schöne Angriffe aus, die viel Bewegung erforderten.

    „Versuch so schnell wie möglich, drei Pfeile steil in die Luft zu schießen.“, sagte Sorao, worauf ich nickte, meinen Bogen vom Rücken nahm und einen Pfeil darin einspannte.
    Ich atmete einmal tief ein und konzentrierte mich kurz noch einmal. Irgendwie war ich nervös, aber wird schon schiefgehen. Ich schoss den ersten Pfeil nach oben, der Zweite folgte sogleich, den Dritten hatte ich auch schnell gezogen, doch ich schoss ihn anscheinend nicht schnell genug hoch, da alle drei Pfeile vor mir auf den Boden fielen.
    „Nochmal“, sprach Sorao, während er die Arme verschränkte und mich mit strengem Blick ansah.
    Diese Prozedur wiederholte sich ein paar Mal, als ich dann beim zigsten Versuch endlich die drei Pfeile schnell genug in die Luft geschossen hatte. Sie duplizierten sich mehrfach und flogen mit einem Lichtschweif auf Sorao zu, vor dem plötzlich eine Steinmauer auftauchte in welche die Pfeile rasten und abprallten.
    Die Mauer versank wieder im Boden und Sorao sagte lächelnd: „Néz led, Kahiko. Gleich nochmal.“
    Ich versuchte es nochmal, doch dieses Mal gelang es mir nicht. Bevor ich darüber nachdachte, warum, konzentrierte ich mich noch einmal und wiederholte die Technik abermals. Dieses Mal gelang sie mir.
    „Du siehst, Kahiko; Es hängt allein von der Konzentration ab. Natürlich darfst du im Kampf nicht innehalten und dich konzentrieren, sonst bist du leichte Beute. Du musst es indes machen. Das heißt, du musst dich konzentrieren, während du kämpfst. Wenn du das nicht hinbekommst, bist du bald tot.“, erklärte mir Sorao, worauf ich nickte.
    „Ich werde jetzt ein paar ‚Zielscheiben‘ erscheinen lassen, die du so schnell wie möglich treffen musst. Bist du nicht schnell genug, verschwinden sie wieder. Triffst du sie, bleiben sie so, wie du sie getroffen hast.“, sagte Sorao als vor mir ein Felsbrocken aus dem Boden erschien.
    Ich zog einen Pfeil und wollte ihn gerade schießen, da verschwand der Fels wieder im Boden.
    „Schneller!“, sprach Sorao streng, worauf er wieder vor mir einen Felsbrocken erschienen ließ.
    Da ich ja jetzt schon einen Pfeil in der Hand hatte, konnte ich ihn schnell einspannen und schießen, was ich auch tat. Ich traf den Felsen gerade noch bevor er im Boden verschwand. Ein Seufzer entfuhr mir, während Sorao noch einen Brocken erscheinen ließ. Schnell zog ich einen Pfeil, schoss ihn auf den Felsen, traf diesen aber nicht. Wieder erschien ein Felsbrocken, dieses Mal aber nicht mehr vor mir sondern links von mir, der Nächste rechts und der Nächste wieder woanders. Wenn ich zweimal hintereinander traf, erhöhte Sorao das Tempo, worauf ich den Felsen darauf nie getroffen habe. Nach einer gefühlten Ewigkeit schmerzten meine Hände schon fürchterlich, dies schien auch Sorao bemerkt zu haben.
    „Deine Haltung lässt nach. Bist du etwa schon erschöpft? Haha, die Jugend von heute … hält einfach nichts aus. Du bist schon viel schneller geworden. Versuche noch einmal Tjoraverez.“, meinte Sorao worauf ich etwas erschöpft nickte.

    Nach dem Besuch des Schwertmeisters war ich bei Meister Chanâ und zeigte ihm meine Fortschritte bezüglich des Bewegens von Gegenständen. Auch er entdeckte einen gewissen Fortschritt, sagte aber, dass ich noch etwas üben soll, bevor er mir etwas Anderes beibringt. Alles in allem also nicht wirklich der Rede wert.
    Als ich um circa 16 Uhr wieder in Aphaio ankam, ging ich direkt nach Hause. Kahiko war auch da, er saß auf dem Sofa.
    "Swäl", sagte er.
    "Mhm", entgegnete ich.
    Ich war gerade auf den Weg, in mein Zimmer zu gehen, doch da sprach Kahiko plötzlich:
    "Para, Qorad redit kynzet calen rî soqâ hyro, cyá Lilly? (Und, wie hat es dir mit Lilly eigentlich so gefallen?)
    Ich atmete tief durch und antwortete dann leicht genervt: "Redit ascoy caviza. Plyen jrêd! (Es war nett. Nichts weiter)"
    "Silla! Tschoa ión caviza ... (Klar doch! Einfach nur nett ...)", sprach er. Ich hörte sofort raus, dass er mir das nicht glaubte, was mir aber ziemlich egal war.
    "Akiiz! (Halt die Fresse!)", antwortete ich angefressen und ging weiter hoch.
    "Quario hechor plyo asyez varar tschoa redit? (Warum kannst du es nicht einfach zugeben?)
    Langsam wurde ich richtig sauer. Ich ging wieder runter zu Kahiko.
    "Faro plyo ceriva, quer hechor oza á jó párn, lecio triez ozanar bajôna para á rayan erás arya levyon pal tâzar voyn pronjâs anôs! (Ich weiß ja nicht, was du im Kopf hast, aber wir haben Krieg und in solchen Zeiten sollte man sich um andere Dinge sorgen!)", knurrte ich.
    Kahiko sah mich wortlos an. Ich drehte mich um und ging in mein Zimmer. Ich war mir sicher, dass er das wusste, sich aber nur selbst etwas aufheitern wollte. Kann ich ja eigentlich verstehen, aber nicht auf meine Kosten. Eigentlich war das, was ich zu ihm sagte, ernst gemeint, auch wenn wir hier in Aphaio wohl wenig vom Krieg mitkriegen würden. Auch egal, mein kleiner Bruder wird's überleben. Als ich in meinem Zimmer war, holte ich mein Handy raus. Ich schrieb ganz kurz Lilly bei WhatsApp an und wechselte dann in die Gruppe von Joshua, Montana und Está. Wir verabredeten uns für 17:30 Uhr in der Bar. Es war immer so; Kahiko oder meine Eltern fucken mich extrem ab, woraufhin ich mich ins Koma saufe. Naja, jedenfalls übte ich noch etwas das Bewegen von Gegenständen in der Zwischenzeit. Ich hatte neuerdings was gegen meine eigene Faulheit.

    Ich saß mit dem Kopf im Nacken auf der Couch und starrte Löcher in die Luft. Wieso? Mir tat alles weh. Sorao ließ mich heute über meine Grenzen gehen, und das mehrmals. Die Technik beherrsche ich zwar, aber Sorao meinte, ich müsste noch schneller werden. Ich seufzte laut und schloss meine Augen. Sollte ich noch etwas das Beschwören von Engel üben? Wenn ich so darüber nachdenke, lieber nicht. Noch etwas mehr Anstrengung und ich kipp um.
    Nach einer Weile hörte ich jemanden die Treppe hinunterkommen, worauf ich die Augen öffnete und mich auf dem Sofa umdrehte. Ich sah Jay, wie er gerade das Haus verließ. Ich wollte wieder eine Bemerkung über ihn und Lilly machen, aber ich erinnerte mich an seine vorherigen Worte. Krieg … Plötzlich dachte ich wieder an Kaleon und wurde traurig. Neben Jay musst du stark sein!, dachte ich mir, als mich Jay fragend ansah.
    „Alles in Ordnung?“, sprach er in einem desinteressierten Ton.
    Ich nickte nur, drehte mich wieder um und legte mich auf die Couch, meine Augen schloss ich abermals. Hinter mir hörte ich, wie sich Jay verabschiedete und sich eine Tür schloss. Wie lange sind wir in Aphaio vor dem Krieg sicher? Was tun wir, wenn es soweit ist und der Krieg in Aphaio ist? Kämpfen wahrscheinlich. Aber … Was ist, wenn ich bis dahin nicht stark genug bin? Je mehr ich darüber nachdachte, desto ängstlicher wurde ich. Ich schüttelte meinen Kopf, ich musste meine Gedanken ordnen. So denken durfte ich nicht, sonst ende ich noch als Feigling … Bin ich das nicht schon längst? Nein, ich habe Mut, ich habe Selbstbewusstsein und, ich habe auch Angst. Aber ich darf meine Angst nicht die Kontrolle über mich überlassen. Ich werde den Krieg überleben und ich werde mein Versprechen gegenüber Skye auch einhalten. Ich werde Imperator von Techoras.

    Als ich in der Bar war, entdeckte ich auch schon Joshua, Montana und Está, die am Tresen saßen. Ich ging zu ihnen.
    "Swäl", sprach ich.
    "Was geht?", fragte Joshua.
    Wir checkten uns ab und ich saß mich an den Tresen. Danny war auch da, er trocknete gerade ein paar Gläser ab.
    "Swäl, Jay. Das Übliche?"
    "Jau, tu mal", antwortete ich.
    Die ganze Zeit redeten wir über die verschiedensten Dinge. Eigentlich nicht der Rede wert, aber nach einiger Zeit kamen wir auf ein besonderes Thema.
    "Wisst ihr schon, in ein paar Monaten sind ja wieder Imperialwahlen ...", sprach Danny an.
    "Wirklich? Wird ja Zeit meinen Perso zu fälschen", sprach ich, woraufhin Está fast seinen Energy-Drink ausspuckte.
    "Also große Sorgen mache ich mir nicht, ich bin mir sicher, dass West wieder gewählt wird", äußerte sich Montana dazu.
    "Kann natürlich gut sein, aber Dejîn hat auch viele Leute auf seiner Seite. Ich denke mal, das wird ein harter Kampf!", sagte Está.
    Leider konnten wir vier nur davon reden, denn in Techoras darf man erst ab 17 wählen. So eine verfluchte Scheiße.
    "Ich freue mich auf jeden Fall auf das Wahlfest. Wenn acht Stunden vor Bekanntgabe des Siegers auf dem Rathausplatz Stände eröffnet werden und die wahlfreudige Masse mit Plakaten und Schildern bewaffnet zeigen, wen sie denn als Imperator haben wollen ...", sprach Joshua.
    " ... und das Ende ist dann die Bekanntgabe des Siegers, gefolgt von einer großen Saufaktion der glücklichen Wähler. Die Wähler des Verlierers nehmen sich alle einen Strick oder machen Häuser kaputt ... dafür gibt's aber Freibier!", vollendete ich.
    "Wisst ihr noch letztes Jahr? In Kaleon haben wir alle die Wahl mitverfolgt. Als zum dritten Mal der Name 'West' fiel, jubelten wir und sauften uns dann zu Tode!", sprach Montana nostalgisch.
    "Pff ... ja, dafür hab ich von meinen Eltern übelst einen drauf bekommen!", antwortete Joshua.
    "Ich bin auf jeden Fall überzeugt, dass wieder Isaac West gewinnen wird", warf Danny ein, der gerade mit fünf Cocktails auf einmal zu kämpfen hatte, "denn der Großteil von Techoras ist nicht blöd; sie wissen, dass West einfach zu den besten Imperatoren von Techoras gehört, extrem patriotisch, engagiert und hat auch was in der Birne. Für mich steht das Ergebnis schon fest!"
    "Ja, für mich auch. Falls es keine Schwierigkeiten gibt, wird West sicherlich sein Amt behalten! Wenn nicht, nehme ich mir den Strick.", sagte Montana.
    "Falls die ganzen neuen Wähler keine Vorurteile haben!", sagte ich.
    Das kann ich mal kurz erklären : Isaac West ist Autist; er leidet an dem Asperger-Syndrom. Er ist hoch begabt, ein wahrer Meister mit dem Schwert. Er soll alle techorianischen Schwerttechniken beherrschen. Und das sind Hunderte. Weiterhin verwechselt er oft links und rechts miteinander, ist bei Arbeit oft sehr hektisch und schläft wenig. Er schaut bei Wahlreden oder Pressekonferenzen die Menschen immer nur ganz kurz an und starrt die meiste restliche Zeit dann einfach in die Luft und redet dann weiter. Für mich war das nie ein Problem, weil er mir aufgrund seines Humors sehr sympatisch ist. Und ich habe allgemein auch nicht viele Vorurteile. Außerdem hab ich ja schon oft genug gesehen, dass West seinen Job gut macht.
    "Also ich mache mir da gar keine Sorgen. Als mit 69, 77,5 und 81% konnte er sich die letzten drei Jahre ja gut durchsetzen. Hoffen wir mal, dass das so bleibt.
    "Ich werde auf dem Wahlfest auf jeden Fall schon um sechs Uhr da sein. Und wenn dann Wests Name erwähnt wird, werde ich so richtig abgehen!", sagte Joshua.
    "Du sprichst mir aus der Seele, Yoshi!", sprach ich und trank genüsslich meinen Candiar.

    Ich lag noch immer auf der Couch und langweilte mich zu Tode. Zwar tat mir noch sehr vieles weh, aber im Großen und Ganzen ging es mir schon viel besser. Als ich ein Klopfen hörte, ging ich zur Tür und öffnete diese, Fabés stand vor der Tür.
    „Swäl, Fabés.“, sprach ich während er eintrat.
    „Swäl, Kahiko. Ich muss mit dir über etwas Wichtiges reden.“, sagte er und wir saßen uns auf das Sofa.
    „Also, was gibt’s?“, fragte ich ihn, er antwortete: „Hast du noch das Buch über dein Element?“
    Als ich nickte, sprach er weiter: „Gib es mir bitte einmal.“
    Ich ging schnell auf mein Zimmer und holte das Buch. Dann lief ich wieder schnell nach unten. Während ich mich wieder neben Fabés saß, gab ich ihm das Buch in die Hand, welches er schnell durchblätterte.
    „Hier … ist es. Lies den Titel!“sagte er und überreichte mir das Buch.
    Stel Zorâ … Moment, das war die Technik, die ich gegen Ales eingesetzt hatte! Ich sah Fabés abwartend an. Er sagte nur, ich solle mir die Technik durchlesen, was ich auch tat. Neugierig sah ich wieder ins Buch und las sie mir durch; Stel Zorâ ist eine Technik, die nicht für Amateure und Anfänger gedacht ist, sondern nur für Meister. Nur die Wenigsten können sie fehlerlos einsetzen oder können sie überhaupt einzusetzen. Für diese Technik muss man seine Angst überwinden und darf nicht an sich selbst Zweifeln.
    Ich sah Fabés mit großen Augen an.
    „W-Woher weißt du eigentlich von dem Eintrag?“. fragte ich ihn etwas verwirrt.
    „Ich hatte mich bei Sorao erkundigt, wie dein Training gelaufen war und er sagte, dass er morgen diese Technik mit dir üben will. Da sie dir bereits einmal gelungen war, dachte ich, sie ist perfekt für Anfänger. Doch Sorao erklärte mir dann, für wen sie wirklich war und was man dafür brauchte. Deshalb hatte es mich umso mehr gewundert, dass du sie hinbekommen hast … Nichts für Ungut, Kahiko.“, erläuterte mir Fabés, worauf ich wieder ins Buch starrte.
    „Er will mir wirklich diese Technik beibringen? Aber … Ich bin doch noch lange kein Meister und außerdem bin ich ein Feigling.“, sagte ich als ich mich wieder an meine vorherigen Gedankengänge erinnerte.
    „Anscheinend hast du in diesem Moment keine Angst gehabt und hattest sehr viel Selbstvertrauen. Kahiko, ich glaube an dich, du schaffst das.“
    Fabés sah mir in die Augen, worauf ich entschlossen nickte.

    Als ich nach einiger Zeit die Bar verließ, mit der Begründung, dass ich noch etwas trainieren wollte, machte ich mich auf den Weg zum Park. Die Sonne leuchtete goldbraun auf die Großstadt. Es dauerte zwar nicht mehr lange, bis es dunkel werden würde, aber ich wollte jede Minute noch nutzen, um zu trainieren. Wenn ich Glück habe, bringen mir meine Meister schon bald etwas Neues bei. Sie sagten mir, dass ich vorher noch viel zu trainieren habe und so gerne ich auch schnell diese ganzen Techniken und Fähigkeiten runterrattern würde, sah ich ein, dass ich mich auch in Geduld üben musste, was mir nie leicht fiel. Aber ich denke, die Meister haben ein Gefühl dafür, wann ich bereit für etwas Neues bin. Auch wenn ich mich einige Zeit mit denselben Techniken und Fähigkeiten vergnügen muss. Als ich im Park war und dort zu meinem Trainingsplatz ging, zog ich mein Schwert und schaute meinen Trainingsbaum an. Dann fing ich wieder an, den Stack und den Curl exzessiv zu üben. Ich hatte einen richtigen Ehrgeiz in mir. Ich weiß nicht, warum, doch irgendwie lag mir daran mehr als an allem anderen. Vielleicht war es auch nur dieses Gefühl von Macht, eine Waffe und ein Element zu beherrschen, mit denen man sich nicht nur wehren kann, sondern auch Schaden anrichten kann. Auf jeden Fall brachte es mir sehr viel Ehrgeiz. Nach einiger Zeit stoppte ich und dachte nach. Sollte das wirklich schon alles sein? Ich lasse mir von den Meistern vieles beibringen, während die Lizagon in unser Land marschieren. Versteht mich nicht falsch, wenn Leute dabei verrecken, dann ist mir das egal. Aber die ganzen Städte werden zerstört, Land wird erobert und irgendwann sind sie in Aphaio. Ich bin zwar überzeugt, dass es hier in Aphaio mehr als sicher ist, aber sollten wir uns von dem Gedanken betüdeln lassen? Klar, innerhalb der Mauern ist das Leben gut, man macht sich keine Sorgen, aber außerhalb der Mauern ist es nicht so sicher und ich weiß, dass ich nicht alles mitkriege, was sich dort abspielt. Vielleicht sollte ich handeln! Vielleicht sollte ich zu den Menschen gehören, welche die ganze Sache auch aus einer anderen Sicht sehen. Ich habe mich in den letzten Tagen sehr sicher und geschützt gefühlt und das war vielleicht auch berechtigt, aber irgendwie auch falsch. Außerhalb der Mauern gibt es auch ein Leben und je nach Region sieht das nicht unbedingt gut aus. Nein, ich werde mich ganz sicher nicht an Sicherheit und Schutz gewöhnen. Das werde ich erst tun, wenn der Krieg vorbei ist ... und wir hoffentlich gewonnen haben. Ich überlegte, selbst das Ruder in die Hand zunehmen und meinem Wunsch nach kompletter Sicherheit selbst ein Stück zu erfüllen. Doch ich musste wieder etwas auf die Realität kommen: Was sollte ich schon tun? Wirklich geübt bin ich nicht, weder mit dem Schwert noch mit meinem Element, ich muss immer für meinen Bruder da sein und ... auf jeden Fall kann ich nichts tun. Ich bin zum warten verdonnert. Aber ist meine Vorstellung überhaupt realistisch? Ich habe keine Ahnung und ich will auch nicht weiter darüber nachdenken, mal sehen, was die nahe und ferne Zukunft mir bringt. Als es langsam dunkel wurde, verließ ich den Park und ging wieder nach Hause.

    Am nächsten Tag war ich schon früh munter, aber ich hoffte, dass ich wieder einschlafe, da mir noch immer alles weh tat. Ich legte meinen Kopf zur Seite und sah meinen Bogen, welcher auf dem Schreibtisch lag. Das erinnerte mich wieder, dass Sorao mit mir heute eine Meistertechnik üben will. Während ich daran dachte, spürte ich wieder meinen Muskelkater. Besonders schlimm war er in meinen Oberarmen. Wie sollte ich heute überhaupt einen Pfeil schießen?, fragte ich mich, als ich mich aufsetzte. Schweigend sah ich aus dem Fenster. Es war ein verregneter Tag, als ob der Himmel wegen etwas weinen würde. Diese Stille wurde durch ein energisches Klopfen durchbrochen, welches mich innerlich zusammenzucken ließ. Ich rührte mich aber nicht von der Stelle, sondern wartete ab. Auf einmal hörte ich wütende Schritte, die die Treppe runtergingen.
    „Weißt du denn nicht, dass wir auch eine Klingel haben?“, hörte ich Jay wütend sagen.
    „C-Contrâ! Ist Kahiko schon wach?“, erwiderte eine Stimme, die ich nur allzu gut kannte.
    „Keine Ahnung, geh einfach rauf und lass mich in Ruhe.“
    Abermals vernahm ich wütende Schritte, anschließend knallte irgendwer eine Tür zu. Danach machte irgendwer hinter mir die Tür auf.
    „Led Lanza! (Guten Morgen!)“, sprach hinter mir Roumald, während er die Tür schloss.
    Ich erwiderte ein kurzes ‚Mmh‘, als Roumald neben mich saß.
    „Warum bist du denn schlecht gelaunt? Etwa wegen dem Wetter? Ich dachte, du magst Regen?“
    „Das ist es nicht …“, meinte ich gedankenversunken.
    Ich dachte schon wieder über den Krieg nach, aber über so etwas konnte ich mich nicht mit Roumald unterhalten, da er bei so etwas nicht ernst bleiben konnte.
    „Wegen Hokulani?“, fragte er weiter.
    „Kalt.“, antwortete ich kurz.
    „Wegen Jay?“
    „Kälter.“
    Bevor Roumald noch etwas fragen konnte, läutete mein Handy. Fabés rief an, ich hob sofort ab. Er fragte, ob wir uns jetzt in der Bibliothek treffen könnten, worauf ich bejahte und er auflegte.
    „Schon wieder in die Bibliothek?“, meinte Roumald genervt.
    Ich zuckte mit den Schultern und sagte, er müsse nicht mitkommen, worauf er mich aber trotzdem begleitete.

    Es war Samstag Morgen und ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Zu den Meistern zu gehen machte nicht viel Sinn; sie sagten mir, dass ich meine derzeitigen Techniken erst vertiefen sollte, bevor sie mir etwas Neues beibringen. Aber jetzt trainieren war für mich auch keine sonderlich interessante Option. Da fiel mir ein, dass ich schon seit etwa einer Woche in Aphaio war, aber vielleicht gerade mal einen Prozent oder weniger der abnormal großen Stadt gesehen hatte, vielleicht sollte ich mich ja mal hier etwas umgucken. Und ich hatte auch schon eine gute Idee, wer mich eventuell rumführen könnte. Ich holte mein Handy raus und rief Lilly an. Ich fragte sie, ob sie Zeit hätte, mir etwas die Stadt zu zeigen. Zu meinem Glück hatte sie und sagte, dass wir uns um 10:00 vor dem Rathaus treffen würden. Ich ging nur noch schnell duschen und zog mir etwas Anderes an. Anschließend verließ ich das Haus und ging zum Rathausplatz. An diesem Samstag Morgen war viel los. Die Geschäfte waren überfüllt, die Straßen genau so, am Rathausplatz war ein großer Obst- und Gemüsemarkt und alles in allem bekam ich hier ironisch gesehen, sehr wenig Luft. Als ich am Rathaus ankam, entdeckte ich auch schon Lilly vor der Tür. Sie hatte ein pinkes T-Shirt an und eine blaue Jeans. Ich ging auf sie zu. Sie bemerkte mich vorerst nicht, erst als ich sie antippte, drehte sie sich um und sah mich.
    "Swäl", sprach ich ausgesprochen gut gelaunt.
    "Swäl", sagte sie lächelnd.
    Wir lächelten uns kurz an, bevor Lilly sprach: "Naja ... wollen wir dann mal?"
    Ich nickte wortlos und folgte Lilly. Wir gingen quer durch die halbe Stadt, sie zeigte mir besondere Bauwerke oder Sehenswürdigkeiten und erzählte auch ein Bisschen. Ich konnte mich jedoch nicht besonders darauf konzentrieren, die Stadt zu bewundern, in dem Moment wollte ich nur ihre Stimme hören. Sie zeigte mir zum Beispiel das Pêreceo, eine große Arena im Stadtteil Ilýgia. War schon ein gigantisches Bauwerk, das aus Marmor gebaut war und in dem laut Lilly 110.000 Menschen passten. Nach einigen anderen Sehenswürdigkeiten, die sowieso schon ganz nett waren, kamen wir nach einigen Stunden an einem großen Palast an. Neben der großen Eingangstür und entlang der vorderen Wand waren Goldstatuen von besonders berühmten Imperatoren. So eine bekommt man nur, wenn man eine besondere Leistung als Imperator vollbracht hat und auch nur, wenn man aus dem Amt raus ist, weshalb sich leider noch keine Statue von West darunter finden ließ. Und leider wurden viele gute Imperatoren durch ihren Tod aus ihrem Amt gerissen. Generell finde ich das Thema sehr interessant und weiß auch viel darüber, hab gut im Unterricht aufgepasst und immer schön recherchiert. Naja, ich glaube, es ist jetzt klar, was das für ein Palast ist. Das ist natürlich der Imperatorenpalast, besser bekannt unter dem Namen 'Reveéla'. Vor dem Palast standen in schwarz gekleidete vermummte Soldaten, die wie angewurzelt da standen und weder sprechen noch sich bewegen durften, solange sie im Dienst waren. Höchstens, wenn sie angegriffen oder ihre Waffen geklaut werden. Passiert aber eh nur selten; das Schlimmste, was mit denen unter dem alltäglichen 'Joch' des Volkes passiert, ist dass Menschen Fotos mit oder von ihnen machen oder irgendwie vor ihnen rumhampeln. Links und rechts am Rand des Reveéla standen etwa zehn Meter hohe Fahnenmasten, an denen die Flagge Techoras prangten. Schwarz, giftgrün, weiß, das waren unsere Nationalfarben. Welche Bedeutungen die Farben hatten, weiß ich jetzt aber gerade nicht, muss ich mal irgendwen fragen; Lilly wusste es auch nicht. Auf jeden Fall war es ein wirklich sehenswertes Gebäude. Da bald die Imperatorenwahl ist, werde ich hier bald wieder zurückkehren und ganz fest hoffen, dass West weiterhin Imperator bleibt. Lilly sagte mir, dass sie ebenfalls ein Fan von West sei ... so müssen Mädchen sein. Nach einigen Stunden gingen wir wieder langsam zurück Richtung Zchéner, dem Stadtteil, in dem ich ja nun wohne. Lilly und ich gingen noch in den Park, setzten uns auf eine Bank und redeten noch eine Weile. Ich erzählte ihr noch viel über mich selbst und meine Zeit in Kaleon, wollte sie halt wissen.
    "Krrr ... rede ja nur von mir, erzähl du doch noch was.", sprach ich.
    "Naja, mein Leben ist nicht so interessant, finde ich. Ich hab eine große Schwester, eine kleine Schwester, eine Weitere ist unterwegs ... mein Vater ist Handwerker, baut und repariert Häuser, meine Mutter ist Köchin und ... ja, viel Interessantes ist da nicht mehr bei!"
    Trotzdem redeten wir noch viel weiter, über Schule zum Beispiel auch und über dies und das halt. So um etwa 16 Uhr sagte sie, dass sie nach Hause müsse, es ihr aber sehr viel Spaß gemacht hat mit mir. Und was soll ich sagen, das beruht auch auf Gegenseitigkeit. Als sie dann nach Hause ging, verließ auch ich den Park und kehrte zu meinem Haus zurück.

    „Wir sind jetzt seit in der Früh hier … und haben noch immer nicht das Buch gefunden, welches wir suchen!“, meinte Roumald seufzend.
    „Qiez, wir haben jetzt sicher schon die ganze Bibliothek abgesucht.“, stimmte ich Roumald zu.
    „Das Buch muss aber hier sein.“, sagte Fabés, der die Bücherregale weiter mit Elan durchkämmte.
    Er sah Roumald und mich mit ernstem Blick an worauf wir uns widerwillig weiter auf die Suche begaben. Wir schlenderten genervt die langen Gänge entlang und durchsuchten ab und zu die Regale an Stellen, an denen wir meinten, etwas finden zu können, doch vergebens. Als wir die andere Seite der Bibliothek erreichten, lehnten wir beide uns gegen die Wand.
    „Das ist doch unmöglich in den Unmengen von Büchern IRGENDETWAS zu finden.“, sprach Roumald etwas wütend.
    Er schlug mit seinen Fäusten gegen die Wand hinter uns die darauf plötzlich verschwand und wir nach hinten kippten. Roumald flog um, ich konnte mich gerade noch fangen und sah erstaunt den langen, steinernen Gang entlang. Während ich Roumald aufhalf, kam Fabés zu uns und musterte den Eingang.
    „Dieser Gang gehört wahrscheinlich zu den Katakomben. Vielleicht finden wir ja dort etwas?“meinte Fabés und ging den Gang entlang.
    Roumald und ich folgten ihm schleunigst. Da es sehr düster war, versuchte ich, einen Engel zu beschwören, der uns den Weg erleuchten sollte. Ich konzentrierte mich auf mein Qajô und beschwor gerade so einen Engel.
    „Gehen wir lieber schnell weiter, da ich nicht weiß, wie lange ich das aushalte.“
    Roumald und Fabés nickten und wir liefen den fast dunklen Gang entlang. Nach kurzer Zeit sahen wir geschätze zehn Meter vor uns eine Tür, doch in diesem Moment wurde es mir zu viel und der Engel verschwand. Nun war es stockdunkel. Roumald schlug vor, dass wir einfach weiterlaufen, da wir die Tür schon gesehen haben, aber Fabés war dagegen und meinte, ich soll uns mit meinen Pfeilen den Weg erhellen. Roumald gab klein bei und ich bejahte.
    „Sobald Kahiko den Pfeil geschossen hat, müssen wir schnell weiter.“erklärte Fabés.
    Roumald und ich bejahten und kurz darauf meinte Fabés, dass ich losschießen könne. Etwas nervös zog ich einen Pfeil und schoss ihn vor mich hin. Der Lichtschweif von ihm erhellte den Gang und wir drei liefen los. Kurz bevor das Licht ausging kamen wir bei der Türe an. Ich hörte, wie jemand die Tür aufmachte, dann drang gleißendes Licht in den Gang und wir betraten den Raum, aus dem dieses kam. Wir standen in einem kleinen, runden Raum mit einem moosgrünem Teppichboden und mit Bücherregalen, die vor den Wänden standen, sodass man sie nicht mehr sehen konnte. Die Decke war eine Kuppel, die den Sternenhimmel mit seinen Sternbildern zeigte. Auf dem Boden waren überall die verschiedensten Bücher und während wir in die Mitte des Raumes gingen, wirbelten wir einigen Staub auf.
    „Hier werden wir bestimmt finden, was wir suchen.“meinte Fabés und Roumald und ich fingen wieder an, zu suchen.
    „Das sind die komischsten Bücher, die ich je gesehen habe … die braucht doch kein Mensch“, sagte Roumald etwas enttäuscht und hielt ein Buch hoch, „das hier zum Beispiel. Das handelt davon, dass Steine Gefühle haben.“
    Ich lachte und Roumald meinte, dass man keines dieser Bücher gebrauchen könne.
    „Hier sind noch mehr von denen … ‚Pflanzen-Tanz‘, ‚Gefühle für materielle Dinge‘ und ‚Legenden von Techoras‘ “zählte Roumald auf, worauf Fabés und ich ihn überrascht ansahen.
    „Du hast es gefunden!“meinte ich, doch Roumald sah mich verwirrt an.
    „Quer?“fragte Roumald, worauf Fabés etwas wütend zu ihm ging und das gesuchte Buch in die Hand nahm.
    „Das!“sprach Fabés und Roumald ging nun endlich ein Licht auf.
    „Ay, ich hab´s gefunden! Ist ja cool.“
    Ich ging zu ihnen und sah das Buchan. Es war beige, nur der Buchrücken war grün. Fabés blätterte schnell durch das Buch und fand auch schnell das, was wir brauchten. Im Buch stand groß die Überschrift ‚Der Kontinentalkrieg‘.
    „Led, ich bin froh, dass wir das Buch gefunden haben. Ich nehme es mit nach Hause und ruf euch an, sobald ich was herausgefunden habe.“, sagte ich, während er das Buch zuschlug und wir wieder in die Bibliothek zurückgingen.

    Als ich nach etwa 20 Minuten wieder zu Hause war, bemerkte ich, dass Kahiko noch nicht da war. Naja, irgendwann kommt der schon. Ich saß mich auf das Sofa und überlegte, was ich machen sollte. Da beschloss ich, noch etwas das Bewegen von Gegenständen zu üben. Morgen werde ich ja wieder zu meinen Meistern gehen und da sollte ich vorbereitet sein. Ich übte erst mal noch mit kleinen Gegenständen wie Patronen aus meiner Deseart Eagle und auch mit kleinen Lebensmitteln, die unsere Großeltern uns zukommen ließen. Ich schaffte es höchstens 90 Sekunden, mehr war nicht drin. Aber wenn ich mal bedenke, wie viel Potenzial diese Fähigkeit hat, ist das ja schon mal nicht schlecht. Und wenn ich weiterübe, kann da ja noch mehr draus werden. So etwa um 17 Uhr hörte ich, wie sich die Tür öffnete. Mein Bruder trat ein, mit einem Buch in der Hand. Ich beendete mein Training und sah zu Kahiko.
    "Abend", sprach er.
    "Mh", summte ich.
    Er kam näher, setzte sich neben mich auf's Sofa und zeigte mir das Buch.
    "Schau mal. Legenden von Techoras, da wird sicher was Interessantes drin sein!", meinte er.
    "Davon bin ich überzeugt ... ", antwortete ich sarkastisch.
    Kahiko schlug das Buch auf und blätterte eine Weile in ihm herum. Nach einigen Minuten, hielt er mir das Buch vor die Nase und sprach: "Schau mal, das könnte doch was für dich sein!"
    Ich warf einen kurzen gelangweilten Blick darauf. Auf der aufgeschlagenen Seite waren Abbildungen von Schwertern. Die Überschrift lautete: "Die Legendenschwerter". Plötzlich wurde mein Interesse geweckt. Mir fiel ein, dass ich mich sowieso danach erkundigen wollte. Ich las mir die Seiten durch.
    "Drako, Legios, Kalyo, Cyn, Rio, Narco und Zyan sind die sieben sogennanten 'Legendenschwerter'. Sie bestehen alle aus Meteoritengestein und einem individuellen Material. Über ihre Herkunft ist nicht viel bekannt, es gibt lediglich einige Theorien über sie."
    Ich las an dieser Stelle nicht weiter, sondern schlug direkt die nächste Seite auf, die vollgestopft mit diesen Theorien war. Die Erste brachte mich sofort ins Grübeln.
    "Die am meist verbreitetste Theorie über die Herkunft der Legendschwerter ist die von den Göttermeteoriten. Vor Tausenden von Jahren sollen die Götter von Techoras Meteoriten auf das Volk haben fallen lassen, welche an verschiedenen Orten in Techoras aufprallten und zersplitterten. Es gab sieben Splitter, die exakt die Form von Schwertklingen hatten, jedoch von der Länge her zwischen normalen Schwertern und Langschwertern lagen. Die anderen Materialien wurden vermutlich von Waffenschmieden mit eingebaut. Auf den Schwertern sind alt-techorianische Wörter eingraviert."
    Könnte vielleicht wirklich so etwas passiert sein? Und soll das wirklich die plausibelste Theorie sein? Bevor ich weiterlesen konnte, riss mein Bruder mir das Buch aus der Hand und sprach: "Lass mich auch mal!"
    Er schlug ein paar Seiten weiter und fand eine Seite mit der Überschrift "Die Legendenbögen". Mein Bruder sagte: "Hör dir mal das an!" Anschließend begann er, etwas vorzulesen: "Eine sehr verbreitete Theorie zu der Entstehung der Legendenbögen hat wieder den Ursprung bei den Göttern. Vor sehr langer Zeit soll der Totengott Zarro den Sohn des Gottes Danyo entführt haben. Der Sohn wurde mit Schnüren gefesselt und in der Unterwelt gefangengehalten. Danyo und einige andere Götter führten daraufhin eine Schlacht mit den Totengöttern. Dabei haben die Götter den Sohn Danyos gerettet. Die Schnüre, mit denen er gefesselt war, sollen die Schnüre sein, die bei den Legendenbögen mitverwendet wurden. Aus Wut über die Rettung des Gefangenen, richteten die Totengötter wilde Verwüstungen in ganz Techoras an. Jeder einzelne Baum im Land wurde komplett vernichtet ... außer einer. Ein etwas kleinerer Baum neben der Kirche der Legendenstadt Varish soll nicht vernichtet worden sein. Er zersplitterte nur in dünne Äste. Man vermutete, dass aus diesen Ästen, weitere Materialien und den Schnüren, diese Legendenbögen entstanden."
    Kahiko schaute mich an und sprach: "Klingt doch gar nicht mal so uninteressant ... "
    Ich wachte aus meinem Tagtraum auf und sprach: "Hä, was? Hab nicht zugehört, war viel zu langweilig."
    "Ach, vergiss es ..."
    "Gut, ich geh mir ein Candiar holen!", antwortete ich, stand auf und ging in die Küche, während Kahiko weiterlas.

    Ich saß noch eine ganze Weile auf der Couch und las mir das Kapitel über den Kontinentalkrieg durch. Viele Jahre über führten Lizagon und Techoras einen grausamen Krieg, der niemanden verschonte. Fabés meinte, dass wir das wieder erleben werden, wenn wir nichts dagegen machen … und davor habe ich Angst. Aber deshalb meinte Fabés, dass wir dieses Buch brauchen, sodass wir etwas über die Verteidigungs- und Angriffsmanöver des damaligen techorianischen Militärs erfahren können. Doch das stellte sich als schwieriger heraus, als ich dachte.
    Nachdem ich schon eine Ewigkeit las und noch immer nichts über den eigentlichen Krieg gelesen hatte, blätterte ich ein paar Seiten weiter und stieß auf einen Holzschnitt, welcher sich über beide gilblichen Seiten erstreckte. Ganz rechts befand sich eine Stadt, die von einer hohen Mauer umgeben war, auf welcher eine Menge Bogenschützen standen. Vor der Stadt waren Soldaten die ihre Speere und Schilde schützend vor sich hielten. Auf der linken Seite waren Soldaten, welche mit ihren Schilden und Schwertern auf die Stadt zurstürmten. Am linken Seitenrand war ein Mann auf einem Pferd, welcher einen sehr großen Schild mit einem Emblem darauf trug. Das Wappen bestand aus zwei sich kreuzenden Rosen, hinter denen ein karierter Rundschild war. Da mir das Emblem bekannt vorkam, blätterte ich ein paar Seiten zurück und suchte nach einer Beschreibung von diesem.
    Ich musste zwar eine Weile lang suchen, aber endlch fand ich das Gesuchte. Das Wappen gehörte dem ehemaligen Lord von Lizagon, Jazyo Wyres, der diesen Krieg erst angezettelt hatte. Der Holzschnitt zeigte also, wie die Soldaten von Lizagon eine Stadt stürmen, bei der es sich wahrscheinlich um Aphaio handelte. Ich blätterte wieder auf die Seite mit dem Bild, sah es mir noch einmal genau an und entdeckte bei der Stadt auf einem Hügel einen Mann, welcher gen Himmel sah und die Hände zur Sonne streckte. Zuerst fand ich das sehr skurril und blätterte schnell weiter, doch sobald ich die nächste Doppelseite erblickte, verstand ich es sofort. Ein weiterer Holzschnitt erstreckte sich über die Seiten und man sah, wie die Soldaten von Lizagon kehrt machten, da vor ihnen Schatten und über ihnen Engel aufgetaucht waren, welche sie angriffen. Die techorianischen Soldaten und Bogenschützen halfen dabei. Doch der Mann auf dem Hügel war nicht mehr da. Etwas verwirrt sah ich nach, ob ich nicht eine Seite überblättert habe, doch dem war nicht so.
    Ich blätterte eine Seite weiter und am Anfang der Seite stand die Überschrift ‚Myhten‘. Interessiert las ich mir die Seite durch.
    ‚Der Mythos der ‚Schlacht um Aphaio‘ ist einer der Geheimnisvollsten von allen. Der Legende nach soll mitten im Kampfgetümmel vor den Soldaten unheimliche Schatten und über ihnen strahlende Engel erschienen sein, welche die Soldaten von Lizagon vertrieben und Aphaio einmal mehr zur uneinbehmbaren Festung machten.‘

    MFG
    AlitoUHaFnir