Más que un juego - Kurzgeschichtensammlung

  • Pokemon ist mehr als nur ein Spiel. Más que un juego. Nein, das war nicht französisch. Mon Dieu! DAS war Französisch, mes amis! Nein, keine Amis, mann! >: Das ist ein großer Teil unseres Lebens geworden und aus Tagträumereien nicht mehr wegzudenken. Die Regionen sind auch irgendwo ein Stück Heimat geworden. So geht es doch sicher vielen hier. Es gibt so viele faszinierende Blickrichtungen, aus denen man alles betrachten kann, alleine schon die Wahl: Mensch oder Pokemon?
    Wisst ihr, was mich richzig aus der Haut fahren lässt? Die ganzen Mainstreamleute, die die anderen Seiten der Medaille nie anschauen, und die unkonventionellen Seiten der Pokemonwelt mit dem Popo nicht anschauen, aber dann unzählige Geschichten des gleichen Typus lesen und produzieren. Also wenn ich erleben möchte, wie ein zehnjähriger Junge, immer aus Alabastia, weil die Menschen aus anderen Dörfern es nicht verdient haben ...
    (Einschub: Das hat Pokemonx richtig gut gelöst, denn Platan suchte einen Repräsetanten aus jeder Region, so wie Trovato die Île de France, also Illumina repräsentiert, Serena Escissia bzw die Auvergne oder Bourgogne ... was machen denn die Leute aus Fuchsania oder Ebenholz, dürfen die nie Trainer werden?)
    ... wie er das dicke fette Relaxo mit dem Pokeball nicht trifft, zu blöd ist, um vor einem Zubat zu fliehen oder beim Beerenernten den ganzen STRAUCH rausreißt, die Geschichte immer nach vier Kapiteln in Marmoria City endet ... ja da greife ich doch lieber zum Gameboy und spiele es selbst, anstatt etwas zu lesen, was ich SELBST mit meinem eigenen Team erleben kann!


    Deswegen erlebt ihr hier die Sachen, die man nicht sieht. Geschichten über die Paria in der Pokemon-Fanfiction. Jeder ist immer nur Ash oder ein anderer zehnjähriger Junge. Mit viel Glück ist der mal 17, aber er erlebt immer das Gleiche, immer und immer wieder. Und später vielleicht Nebengeschichten zu meinen Hauptgeschichten, aber das rentiert sich momentan einfach noch nicht. Es geht da um Vor- und Nachfahren jener Personen. Dann vielleicht noch ein paar Wettbewerbsgeschichten von Filb. Mal sehen.




    Zwei Geschichten stehen erstmal in den Startlöchern.
    Die erste ist eine Geschichte aus dem ORAS-Haipu. Oh, die zweite auch. Taucht ein in den ORAS-Haipu! Die zweite kommt ... irgendwann.
    Erstmal zur ersten, denn dort geht es um unsere liebe Zinnia. Die heißt so, nicht dass ihr euch nicht wundert, wieso sie nicht Amalia heißt. Ich finde, es passt besser zu ihr.
    Diese Geschichte war, zumindest die ersten 40 %, Teil eines Atmosphere-Wettbewerbs, wo man Hitzewellen atmosphärisch beschreiben sollte. Den Rest habe ich dann insgeheim vervollständigt, denn ich wollte noch mehr dazu schreiben. Deswegen sieht es so aus, als ob das erste Stück eine Geschichte für sich wäre. Erst Atmosphäre, dann Handlung und Humor! xD




    Gleißendes Sonnenlicht




    Gleißendes Sonnenlicht.
    Von den drei kleinen Teichen, die die Route 114 säumten, hatte diesen Sommer nicht ein einziger überlebt. Die Erde war überall in einem geofissurartigen Muster aufgerissen und blätterte ab. Die Äcker im Westen des kleinen Dörfchens Laubwechselfeld verwandelten sich im Zuge der Hitzewelle in einen Friedhof für Feldfrüchte und Obstbäume. In dem letzten verbliebenen Wasser, das durch die große Kaskade im Nordwesten gespeist wurde, versammelten sich einige Pokémon zur Kühlung. Der ansonsten so einzeln in dem See stehende Baum hatte sein Territorium mit Sicherheit verzehnfacht - wie ein gewaltiges Chelterrar thronte er in dem eins mächtigen und sternenklaren Gewässer, dass als kleines Bächlein durch die häufige Benutzung und die intensivierte Abwaschung von Dreck und Mineralien schon ganz bräunlich wurde.
    Dieser Sommer hatte alles Leben aus der Route ausgesaugt. Wenn selbst die Vipitis, die ihre Wärme dringend benötigten, freiwillig lieber in de schattigen Graslichtungen krochen , musste sich der rotbraune Fels in einen gewaltigen Herd verwandelt haben. Sengo und Vipitis dösten zusammen Seite an Seite in dem verkümmerten Gewässer. Gerade die großen, weißen Katzen mit ihrem dicken Pelz litten unter den sengenden Winden, die ansonsten in dieser Jahreszeit eine so willkommene Abwechslung boten. Viele Pokémon hatten einen Exodus durch das Dorf gestartet, um zur von den Aschewolken zumindest etwas geschützten Route 113 zu fliehen, doch die dort ansässigen Pokémon wie Zurrokex oder Panzaeron begegneten den vorübergehenden Gästen mit Skepsis, zumal es sich um einen längeren Zeitraum handelte. Die das maritime Klima gewohnten Beerenbäumen verdorrten. Doch das war noch gar nichts. HIER gab es wenigstens noch Wasser. Die Meteorfälle hingegen profitierten kaum von dem helleren Gestein. Die stickige, warme Luft, die sich in der Senke angestaut hatte, marschierte über den breiten Höhleneingang in die Drachenhöhle hinein und legte ihren schwülen Dunst über das noch viel klarere und erfrischendere Wasser, welches wirklich Gold wert war. Ohne dieses kristallklare Nass hätte Großmütterchen wesentlich mehr Probleme wegen der Temperaturen bekommen als ohnehin schon. Doch weiterhin war keine einzige Verkünderin der frohen Botschaft am Himmel zu sehen. Der einzige weiße Flausch, der sporadisch auftauchte, waren die Wablu die sich ebenfalls nur noch im Notfall in die Lüfte begaben. Melancholisch blickte ich auf meine gebräunten Arme, die zum ersten Mal nach Langem Opfer eines pochenden, pulsierenden, lodernden Sonnenbrandes wurde. So konnte es nicht weiter gehen.
    "Komm, meine kleine Avelina. Versuchen wir es doch nochmal. Altaria, los, flieg' und nach Xeneroville ... ja ... schon wieder ... tut mir leid ..."
    Gleißendes Sonnenlicht.



    Einzig allein die untrennbare Verbindung zum Meer verhinderte es, dass sich der Krater leerte und die Stadt mit einem deformierten Burggraben um die Arena ausstattete. Als ich erneut das Gefühl bekam, unmittelbar aufgrund der Reflexion zu erblinden, wurde mir klar, dass ich meine Sonnenbrille noch gar nicht aufgesetzt hatte. Ärgerlich ... Hier, in der Stadt der weißen, kubischen Marmorhäusern, kreiert von Hoenns exzentrischsten Architektengenie Angelos Varoufakis, schlug die Apokalypse nichtsdestotrotz am härtesten zu, hatte sich das bestialische Groudon hier in der Ursprungshöhle schließlich verschanzt. Das hatte wohl nicht so geklappt, wie Team Magma sich das vorgestellt hatte. Diese Verrückten. Den zwei Gestalten, die das Tor bewachten, klebten die Strähnen genauso chaotisch im Gesicht lagen wie mir. Ich hob mein geliebtes Flurmel auf den Arm und würde mich nun erneut einem Versuch stellen, auch ohne blauen Edelstein, der im Besitz des Zehnjährigen war, mir Einlass zu verschaffen. Wassili, Troy und ich besaßen schließlich die stärksten Teams Hoenns, wieso sollten wir denn auf diesen Jungen warten, was war an dem so besonders?
    "Flu- ... lurmel ... flurmel."
    "Ist schon gut, meine kleine Avelina, ich hoffe, dass das bald ein Ende nimmt."
    Gleißendes Sonnenlicht.


    "HEIL-"
    Bitte was?
    "HEILE!"
    Ungläubig blickte ich auf das Plaudagei, das zusammen mit einem Mann mit minzgrünen Haaren, einem weißen Barret und femininen Touch und einem weiteren Schönling mit makelloser Haut, stahlblauen Augen und silberglänzenden Haaren das Tor zur Urzeithöhle bewachte.
    "Ich heile deine Pokémon ... und ich will nichts, dafür haben~! Krah!", tönte der Vogel, der sich somit einen sanften Rüffel des Mützenträgers verdiente.
    Wassili sprach dennoch in einem sanften, liebevollen Ton zu dem Pokémon: "Aber nein, mein Spatzel, das ist der falsche Spruch!"
    "Krah! Du kummsch hier net rein! Du kummsch hier net rein! Kra-ah-rah!", tönte das quirlige Federvieh erneut und strahlte vor Stolz. Von allen Lebewesen, die von der grassierenden Hitzewelle nahezu niedergemäht wurden, war dieser Vogel am glücklichsten. Ganz im Gegensatz dazu lastete der ernste Blick des jungen Silberrückens auf mir.
    "Sie sind jetzt schon das dritte Mal in dieser Woche hier erschienen. Der einzige Grund, weshalb wir beide mit unseren zwölf Pokémon hier ausharren, ist, dass Sie sich hier nicht unbemerkt Zutritt verschaffen. Verschwinden Sie, das Betreten der Urzeithöhle ist strengstens untersagt!", wies mich der pöse, pöse Pursche streng zurecht.
    Ich spielte gelangweilt mit meinen runden Ohrringen: "Dann geht doch selbst rein, Mann!"
    "Ach Schätzchen, wenn es doch nur so einfach wäre! Uns Bewohnern Xenerovilles ist es leider nicht gestattet, die Urzeithöhle zu betreten. Außerdem befindet sich die blaue Kugel nicht in unseren Händen, denn sie wird zur Zeit von jemand anderem behütet, nämlich ..."
    " ... dem Zehnjährigen." Seufzend vollendete ich Wassilis Satz, bevor sich die glimmende Lufttemperatur nun auch auf mein sonst so lockeres Gemüt übertrug.
    "Alter! Meine Großmutter wohnt in den Meteorfällen und erträgt selbst dort an diesem Ort, der so weit entfernt ist, die Temperaturen nicht! Von den Pokémon ganz zu schweigen! Die Wasserfälle auf Route 114 schrumpfen bald in ein klägliches, kleines Rinnsal zusammen! Wie lange wollen wir noch auf DEN ZEHNJÄHRIGEN, den Helden von Hoenn warten? W-w-wo steckt der Kerl eigentlich?" Wassili wischte sich die verschwitzten Strähnen resigniert aus dem Gesicht.
    Der ranghöchste Xeneraner ließ aus seiner Stimme fast schon Resignation verlauten: "Tja, wer weiß das schon, meine Liebe. Vielleicht ... vielleicht nimmt er gerade an den Pokémon-Wettbewerben aller fünf Klassen und aller fünf Ränge teil. Oder aber er befindet sich auf einer gemütlichen Shopping-Tour in Baumhausen City, um sich seine Geheimbasis einzurichten. Was ist, wenn er gerade Pokémon am züchten ist?"
    "Welcher Zehnjährige hat denn Ahnung vom Pokémonzüchten? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Alterskontrolle im Malvenfroh-Casino wieder versagt hat?", schnaubte ich verärgert, setzte mich auf einen der weißen Steine und drückte mein Gesicht zwischen meinen beiden Händen ein; rieb mir in den Augen. Diese Hitze war einfach unglaublich kräftezehrend.
    Troy, so lautete der Name des Silberhaarigen, brachte mir von Anfang an eine immense Portion Antipathie entgegen, auch jetzt: "Seien Sie nicht albern und verschwinden Sie endlich. Das Casino ist schon seit einigen Monaten geschlossen! Was mir indes viel mehr Sorgen bereitet ... ist eine mögliche Störfunktion des Devon Atemgeräts. Nicht, dass ihm in der Tiefe etwas zugestoßen ist ... das würde der absoluten Katastrophe gleichen, mal davon abgesehen, dass wir diese mit Team Magmas Erweckung Groudons längst schon erleben."
    "Jemand, der vermutlich nicht mal alleine ohne Pokémon schwimmen kann, soll, lediglich an die Finnen eines Tohaido geklammert, problemlos durch die Tiefseegräben tauchen. Exzellent ...", hauchte ich sarkastisch: "Aber das mit Groudon haben wir uns natürlich alle ... irgendwie ... äh ... anders, genau, anders war das Wort ... vorgestellt."
    Troys Augenbrauen rüsteten zum Angriff und gerieten in die Schieflage: "Haben Sie etwa etwas damit zu tun? Mit Team Magma?"
    "Ich? Papperlapapp! Nein, nein, nein, nicht wahr, meine kleine Avelina?" Sanft tätschelte ich den Kopf meines Flurmelchen und reichte ihm meine Wasserflasche. Der Kessel von Xeneroville glich nun mehr einer überdimensionalen Sauna.
    Ich würde an den zwölf Pokémon sicher nicht vorbeikommen und dass die Herren ohne blaue Kugel nicht den Mumm hätten, der Urzeitbestie die Stirn zu bieten, wurde mir heute einmal mehr klar, aber da gab es noch etwas Anderes, was ich ansprechen wollte: "So, die Sache mit dem Meteor ... ist desweiteren äußerst bedenklich, meine Freunde."
    Troy winkte entnervt ab: "Ich habe keine Lust mehr, mit Ihnen zu diskutieren. Das Forscherteam aus dem Raumzentrum hat keine Anomalien bezüglich extraterrestrischer Gesteine festgestellt. Ich spreche übrigens von gestern."
    "Ja, noch nicht, NOCH NICHT! Stell' dir mal vor, ... hmmm ... sagen wir mal, in einer Parallelwelt gelangt jemand namens Hidla an die Macht und kaum jemand vorher ahnte, dass er Tod und Zerstörung über das Land bringen würde ... so verhält es sich auch mit dem Meteoriten ... es ist nur eine Frage der Zeit, bis die uralte Prophezeiung der Meteoreaner eintreffen wird", begründete ich meine Besorgnis. Eine Besorgnis, die sich Jahre lang durch mein Hirn bohrte und die ich zugerne wie der feine Herr Trumm als Hirngespinst abgetan hätte.
    "Das ist ... Humbug. Parallelwelten, sonst noch was? Momentan bleibt uns nichts, als auf Brix zu warten."
    Pah! Dieser Zehnjährige! Was hatte der an sich, dass alle Welt so begeistert von ihm war?
    Aber Humbug ... nein, die Gemälde an den Wänden des Himmelturms ... man konnte alles mögliche daraus deuten, allerdings keinen Humbug.
    "Komm, meine kleine Avelina ... wir müssen uns dann etwas anderes überlegen, meine Süße. Ach, du bist einfach so knuffig! Dann gehen wir eben. Heute ist nicht alle Tage, ich komm' wieder, keine Frage! Brutalanda, flieg' uns nach Hause! Tüdelü~!", verabschiedete ich mich von den beiden und glitt auf dem Rücken meines stärksten Drachen in die Lüfte ... Luft, versengt von gleißendem Sonnenlicht ...

  • Hier ist die Geschichte mit Team Magma in der Hauptrolle. Die Protaognistin heißt Kagari, und sie heißt Kagari und nicht Jördis, weil sie aussieht wie eine Diclonius;v;. Eine meiner Lieblingscharaktere, die mich total überrascht hat mit ihrem süßen Redisign. x3


    Es ist ein Wettbewerbsbeitrag, der von 5 Teilnehmern den 2. Platz gemacht hat. Es ging um eine Weihnachtsgeschichte, in der 24 ausgewählte Wörter untergebracht werden mussten. Bei den fünf Männern habe ich mich übrigens von der niederländischen Serie New Kids inspirieren lassen. Man könnte diese Menschen dem Proletariat zuordnen - muss aber nicht. Viel Spaß! :P  



    Gnade vor Recht


    Tatsächlich. Nach drei Jahren schneite es wieder einmal in Hoenn. Wenn hier Schnee fiel, dann überhaupt nur im gebirgigen Nordosten. Weihnachten wurde hier nicht so prächtig gefeiert wie in Kalos oder Einall, aber immerhin nahm sich die ganze Belegschaft drei Tage frei und zog in ein Hotel, besser gesagt, einige Hotels in der Nähe der Meteorfälle, um immerhin etwas weihnachtliche Stimmung genießen zu dürfen. So viel Sentimentalität nannte Marc eigentlich nur selten sein Eigen, wenngleich ich es eher auf Kompromissbereitschaft zurückführen würde. Allein deswegen, da ein Verbleib in unserem Hauptquartier sowieso keine Produktivität mit sich bringen würde. Marc musste der fein und genauestens analysierten Tatsache ins Auge sehen, dass sich selbst die Devon Corporation nicht zu wirtschaftlicher oder organisatorischer Tatkraft aufraffen konnte, geschweige denn eine OzWaL - Organisation zum Wohle aller Lebewesen!
    Die zugeschneiten Meteorfälle eigneten sich wunderbar, um wie ein kleines Kind mit dem Schlitten hinunterzusausen und sich prächtig zu amüsieren. Lediglich bei den Kratern musste man aufpassen, denn sonst wurde man schneller in den Schnee geschleudert, als einem lieb wahr. Selbst erwachsene Leute wurden da nochmal zu Kindern, deren Augen in Anbetracht des seltenen Naturphänomens, das uns das Land zu bieten hatte, begeistert funkelten. Die im westlichen Stil eingerichteten modernen Hotels lagen in unmittelbarer Nähe zur Route 114 - Camino del Barro - südwestlich von Laubwechselfeld. Im Gegensatz zu der östlichen Route 113 lagen die Äcker des "Lehmpfades" abseits des Einzugsgebietes der schlotberg'schen Rauchschawaden, die das mit weißer Asche bedeckte Gebiet im Sommer erfrischend kühl und im Winter stets über dem Gefrierpunkt hielten. In dieser Wärme würde niemals echter Schnee niederrieseln. Zwar hatte ich es mir als Wissenschaftlerin unter Marcs Führung mittlerweile ebenfalls noch stärker als zuvor angewöhnt, sämtliche Prozesse und Phänomene ganz genau unter die Lupe zu nehmen, doch die kindliche Begeisterung und Verspieltheit sind mir noch nicht abhanden gekommen!




    Wenn Team Magma Hotels reservierte, dann reservierte es sie ganz, komplett, ausnahmslos, selbst die Besenkammern. Keine anderen Gäste waren mehr zugelassen. Der Nachteil an diesen Weihnachtsausflügen war natürlich die Tatsache, dass selbst die größten Einfaltspinsel von Team Magma den Späßen beiwohnen durften. Wir konnten es uns nicht leisten, Leute verlieren, da wir gegenüber Team Aquas charismatischen Anführer Adrian, der die Leute emotionaler mitreißen und von seiner Sache, der Vergrößerung der Meere, überzeugen konnte generell im Rückstand waren. Früher, in ihrer Zeit in Team Terra, hatten sowohl Marc als auch Adrian ihre hervorragende Kompetenz als Kollegen unter Beweis gestellt, weshalb ich auch nun felsenfest davon überzeugt war, dass der Boss seinem jetzigen Erzrivalen, dem lässigen Piraten, in nichts nachstand. Wir mussten uns also mit dem Personal begnügen, dass uns zur Verfügung stand, wie diese fünf Arbeitslosen, die wir aus einem Flachland nordöstlich von Kalos anheuern konnten. Sollte Kyogre je erwachen, wäre ihr Land das Erste, für das keine Hoffnung mehr bestehen würde, quasi ein Klimawandel im Zeitraffer. So verrückt die Leute in meiner Heimat Hoenn doch teils waren - noch nie habe ich jemanden diese merkwürdige Frisuren tragen gesehen, wie es diese fünf Rüpel taten: Ricardo van der Vaart, Terry van Buyten, Harry, Tobbie und Rijkaard, von dem nur der Nachname bekannt war. Einer der Vokuhilas schaffte es sogar, sich nicht nur den Fuß zu brechen, sondern auch eine schwere Verbrennung am rechten Arm zuzuziehen. Wer in aller Welt kam denn auch auf die komplett bescheuerte Idee, Qurtel-Fußball zu spielen?! Mutig waren sie ja immerhin, das musste man ihnen lassen, selbst wenn sie die einfachsten Aufträge vergeigten und sich wahrscheinlich noch von einem zehnjährigen Kind an der Nase herumführen lassen würden, ahahaha ♪ .


    "Heyaaaaa ... ich möcht' ne Mineschdroune", bestellte der Längste der fünf Chaoten bei der mit Weihnachtsgirlanden aus Lametta und mit Stechpalmenblättern üppig geschmückten Mensa beim verdutzt dreinschauenden Koch: "Und ... 'nen Grillapfel auch noch, aber ohne! Lecker!"
    "Was macht der Idiot da vorne schon wieder?", knurrte Kalle, der seine schlitzartigen Augen bei Ärgernissen noch stärker zusammenziehen konnte, sodass er mit seiner stämmigen Figur einem Makuhita nicht unähnlich war. Kalle war im Grunde genommen eine sehr hilfsbereite und freundliche Person, auf die man sich stets verlassen konnte und die ich sehr gerne mochte. Was mich allerdings etwas an ihm störte, war sein übertriebenes Buckeln gegenüber Marc, der seine feuerfeste Mega-Brille immer zurechtrücken musste, um einen Menschen statt eines schleimigen Schneckmags zu identifizieren.
    "Hey ... hey Junge, das hab ich nicht bestellt! Nee, überhaupt nicht! Du kannst mir doch nicht einfach hier so eine Buchstabensuppe und eine olle Kartoffel auf den Tisch knallen! Das macht man doch nicht!", echauffierte sich Terry, der plötzlich den Tisch mit uns, den Leuten mit Einfluss ausmachen konnte: "Junge, sonst ruf' ich Kalle und Kagayaku! ... Alter!"
    Kagari. Nicht Kagayaku. Und auch nicht Kagami und schon gar nicht Kagome. Team Magma Vorstand Kagari.
    "Klar macht man das so! Genau so! Schau, das sind eine Minestrone und ein Bratapfel! Na wer ist hier das Restaurant, du oder ich?", blökte der Koch seinen wenig pflegeleichten Gast an, dessen Ärger unmittelbar dahinschmolz wie eine Schneeblume im Krater meines Camerupt.
    Dieser stimmte nämlich in das vermeintliche Triumphgeheul seiner Kumpanen ein, als sie die Buchstabensuppe genauer untersuchten, allen voran van der Vaart, der selbsternannte Fiffyen-Experte, der seinem Pokémon immerhin schon Sandwirbel antrainieren konnte: "Ey, Junge! Alter! Das ist Mega-Icognito, eeeeeey!" Sie waren zwar schnell mit einer Dose Gira* zufriedenzustellen, doch den Geräuschpegel konnten wir damit leider nicht eindämmen.


    "Marc, Sir! Wir ... wir müssen etwas gegen diese Hinterwäldler aus dem Westen unternehmen. Ich kann Ihnen nicht gewährleisten, dass der Frieden und die Harmonie innerhalb unseres Teams mit solchen wandelnden Blamagen erhalten bleibt. Ich bitte Sie, Sie müssen handeln!", beschwerte sich ein aufgebrachter, knurrender Kalle, der ihnen wohl am liebsten in den Nacken gebissen hätte.
    Die ernsten, vom vielen Grübeln, Planen und Berechnen teils faltig gewordigen Augen des Anführers blickten resigniert über unsere beiden Gesichter. Im Gegensatz zu seinen sorgfältig gekämmten und perfekt anliegenden, stracken, roten Haaren verleitete mich der zur rechten Seite gerichtete Pony meiner fliederfarbenen, nicht mal schulterlangen Frisur oft zum Herumspielen. Meine mit zwei großen, goldenen Hörnern versehene Kapuze nahm ich allerdings nie ab, wenn andere Leute in meiner Umgebung waren.
    "Naja, Marc, wenn jemand diesen Hallodris Einhalt gebieten kannst, dann bist DU es! Das sind nur Magma Rüpel, kein Groudon. Das Quintett des Horrors droht nur leider, unseren kompletten Ruf zu ramponieren ... ahahaha ♪ ", ermunterte ich ihn, doch er konnte noch Minuten in seiner nachdenklichen Miene verharren. Doch plötzlich krümmte sich sein linker Mundwinkel und dieses berüchtigte, verschmitzte Lächeln trat wieder zu Tage.
    "Normalerweise ist es irregulär, in Rudeln zu kämpfen, doch da diese Rüpel wahrscheinlich nicht mal mit den Ehrenvorstellungen ihres eigenen Landes vertraut sind, geschweige denn unseres, würde sicher niemand etwas dagegen sagen, wenn wir ihnen beibringen, dass fünf gegen einen eine vollkommen faire Konstellation darstellt. Zwar sind es nur fünf Fiffyen, aber selbst im Falle des Scheiterns könnten wir später viel Zeit gewinnen", äußerte der Chef seine wohl überdachten Überlegungen, aus einem Haufen Verrückter doch noch den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. So erfand Marc den Fünferkampf.




    Als bereits um 16 Uhr ein nachtschwarzer Schleier der Finsternis den dicht bewölkten Winterhimmel einhüllte, stapfte ich mit meinen halbhohen, scharlachroten Stiefeln durch den Schnee, allerdings alleine und einsam. Der große Nachteil, den wir durch unsere Pokémon mit uns trugen, war, dass alles schmelzen würde, sobald ein Camaub oder Camerupt den Weg entlangtrampeln würde. Zu gerne hätte ich meine trotz den schwarzen Fleece-Handschuhen zu Eiszapfen erstarrten Fingern an seinem Fell gewärmt. Team Aquas Kanivanha hingegen waren im Landesinneren ohne Gewässer in der Nähe das ganze Jahr über nicht zu gebrauchen. Und dann wollten die noch eine Welt, die zu 71% aus Wasser bestand, noch weiter überfluten?
    Wehleidig blickte ich währenddessen an meine Jugend zurück. Einst war ich Koordinatorin, zumindest glaubte ich dies, doch der Erfolg blieb mir verwehrt. Eine gescheiterte Künstlerin, aber nicht irgendeine von diesen vielen. Gewissermaßen war doch jeder irgendwo ein Künstler, ein Lebens- und Überlebenskünstler, oder? Unter all den Künstlern ein gescheitertes Genie, das nie in den Genuss der Anerkennung kam, den es verdient hätte. Ich bin mir des arroganten Tonfalls bewusst, doch die von Vetternwirtschaft, Korruption und Geldgaukelei durchzogenen Strukturen ließen lediglich Frust und Groll in mir aufquellen, die sich später in tiefe Depression und Ziellosigkeit umschlugen. Ein verletztes Mädchen, dass in einer eiskalten Nacht ohne Sterne umherwandelte, schloss schon bald Freundschaft mit gewieften Idealisten, die planten, diese durchtriebene Welt zu einer besseren zu machen - zumindest so nebenher, denn die oberste Maxime Team Magmas, das mir Halt und Sicherheit gab, galt immer noch der Vergrößerung der Landmassen.
    Ich formte ein paar Schneebälle, schmetterte sie gegen bestimmte Felsvorsprünge, die teils sogar wie Nasen aussahen und machte danach kehrt. Der Pfad zu den Meteorfällen war zwar aus gesetzlichen Gründen als Reiseroute mit Laternen ausgestattet, doch wirklich gemütlich war das nicht.


    Die Hotelangestellten hatten sich reichlich Mühe gegeben, ihre Lobby mit allerlei Dekorativartikeln wie Lichterketten oder weihnachtlichen Blechtellern, auf denen Spekulatius, Dominosteine, Plätzchen und Zimtsterne zum freien Verzehr abgelegt waren, zu schmücken. Der Backsteinkamin lud förmlich dazu ein, sich seine schockgefrorenen Hände aufzuwärmen, doch diese Amateure kamen auf die glorreiche Idee, ein Siberiofell unmittelbar davor zu legen, welch törichte Trottel, ahahaha ♪ ! Gerade wir von Team Magma wussten bestens darüber Bescheid, dass man solche waghalsigen Manöver sein zu lassen hatte. Ein unzähmbarer Glutfunken würde ausreichen, um das Fell und in Sekundenschnelle das ganze Hotel lichterloh in Flammen aufgehen zu lassen. Ergo beförderte ich das Fell an einen ungefährlichen Ort und nahm kniend auf den kargen, rotbraunen Kacheln Platz.


    "Seh' das doch alles ein bisschen lockerer, Kalle, ahahaha ♪ . Du bist doch nicht mehr in der Devon, wo du irgendwie nach zehn Jahren zum Abteilungsleiter in Illumina St. Germain befördert wirst. Schau dir Wolf und Adrian, an, das sind nach eigenen Aussagen 'beste Bros'! Für mich ist Team Magma eine Familie, kein Geschäft. An Weihnachten sogar noch mehr als sonst", erklärte ich Marcs rechter Hand, die ebenfalls in der Lobby eingetroffen war. Ich hegte größten Respekt für Kalle und alles, was er für Team Magma bisher geleistet und welche Opfer er gebracht hatte. Die steife Atmosphäre, die allerdings oftmals in den Gesprächen zwischen Kalle und Marc vorherrschte, missfiel mir allerdings gewaltig; ich fühlte mich unwohl dabei. Wozu diese übertriebene Förmlichkeit?
    Kalles Worte ließen wohl eine gewisse Ambition auf geschäftlicher Ebene durchsickern, die Marc offenbar bislang verborgen geblieben war: "Du kannst dir mich also nicht eines Tages als Magma Anführer vorstellen? Ohne Verbissenheit und Ehrgeiz bleibt man stehen, anstatt sich mit dem Fortschritt treiben zu lassen! Ein besonnenerer und distanzierter Gegenpol zu dir hat doch bisher immer funktioniert. Das ich im Umgang außerhalb Team Magmas zu kleinen Ausrastern neige, sei mir verziehen, oder? Hohoho!"
    "Ich kann mir niemand anderes außer Marc als Anführer vorstellen, versteh' mich nicht falsch, das ist jetzt nicht speziell gegen dich gerichtet. Wobei deine 'kleinen Ausraster' aber doch Kultstatus genießen, ahahaha ♪ ", antwortete ich mit einem verlegenen Lachen. Während Kalle im Boss tatsächlich in erster Linie einen Chef sah, interpretierte ich Marc schon seit meines Beitritts als eine Art Vaterfigur. Er selbst schien sich gegen die Sichtweise des Teams als Familie auch nicht zu sträuben. Ich war mir sicher, dass selbst er, der pure Wissenschaftler, die Zusammenkünfte an Weihnachten inmitten der Unmengen an Wachs- und elektrischen Kerzen irgendwo ... irgendwie genoss.


    Die Stimmung sank beim Abendessen leider wieder fluchtartig in den Keller. Eigentlich sollten wir uns drei Tage lang erholen, doch eine Hiobsbotschaft folgte der nächsten.
    "Marc, Sir, die fünf Chaoten haben in den Wäldern oberhalb von Route 114 randaliert und unter anderem sich daran ergötzt, wilde Kronjuwild mit Paintball-Pistolen abzuschießen. Das Problem hierbei ist, dass die Polizei auf sie aufmerksam wurde und die Hemmungslosen klar mit unserer Organisation in Verbindung bringen konnte!", beschwerte sich Kalle, der immer auf dem Laufenden war. Man sah Marc an, wie der ansonsten so köstliche Damhirplexbraten an Preiselbeeren urplötzlich nicht mehr schmeckte und sich der Appetit mit Turbotempo verflüchtigte. So ein Mist! Mist, Mist, Mist! Diese Leute ruinierten einfach alles, sodass ich ein gehässiges Knurren bei Vernehmen der Nachricht nicht unterdrücken konnte.
    "Wir werfen sie raus", fasste Marc seinen Entschluss kurz und prägnant zusammen. Er nannte die Gründe nicht, denn diese waren offensichtlich. Der Ärger überwog dem Nutzen, den man aus dem Rudelkampf hätte ziehen können.
    Der Kellner, der von Team Magmas Angelegenheiten wohl kaum etwas verstand, mischte sich nun ungehörigerweise auch ein: "Sie ... sie wollen diese Männer an Weihnachten entlassen? An Weihnachten? Wie sollen sie das nur ihren Familien erklären? Diesen sozialen Absturz?"
    Welchen sozialen Absturz? Diese Leute bildeten den Benthos der Gesellschaft, sie konnten nicht weiter fallen. Ich würde diese unangenehmen Menschen nicht vermissen.
    "Was ... was geht Sie das denn an? Wer glauben Sie, wer Sie sind?", grummelte Marc, der den offenbar zu neugierigen Kellner entnervt anfunkelte. Dieser Kerl hatte Nerven, dass er unserem Anführer mit leuchtend entflammten Augen tatsächlich eine Lehrrede vorhielt! Zu viel Negatives über uns wurde bereits in letzter Zeit an die große Glocke gehangen ...
    "Erst wenn man unten angelangt ist, merkt man, dass die Gesellschaft ein bodenloses Fass ist. Vorher beschäftigt man sich nicht das nicht. Ihr fürchtet die Armut. Die Armen fürchten die Obdachlosigkeit. Die Obdachlosen fürchten den Hunger. Die Hungrigen fürchten den Durst. Doch eins haben sie alle gemeinsam, die Furcht vor der Einsamkeit. Übrigens, mein Name ist Gabriel", sprach der Hotelpinguin und blickte Marc fest entschlossen in die Augen. Ich wusste genau, was jetzt in Marc und Kalle vorging, denn ich fühlte mich genauso. Die sorgfältige Analyse seiner Aussagen und die Verfolgung der logischen Argumente mithilfe unserer Vernunft führten uns zu dem nüchternen Ergebnis, dass dieser Kerl recht hatte. Mist! Wie ich es hasste, nicht im Recht zu sein! Mit der Situation hadernd griff ich zähneknirschend an die Hörner meiner Kapuze.
    "Ahahaha ♪ ! Was willst du uns damit sagen? Dass wir diese Taugenichtse nicht aussortieren sollen? Womöglich noch, weil Weihnachten ist? Das ... das ... das ist doch vollkommener Mis- ... äh ... argh", verbarg ich meine Abneigung, Fehler einzugestehen in verächtlichem Hohn, bevor mir bewusst wurde, dass es keinen Ausweg gab, zumindest nicht hier und jetzt: "Weihnachten ... Einsamkeit ... können wir ... das verantworten? Diesen Leuten an Weihnachten das gemeinsame Fest verwehren? Was denkst du, Marc?"
    "Nun, wie würdest du dich an ihrer Stelle fühlen? Das ist eher noch deine Stärke als meine", konterte der Boss mit einer Frage.
    Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass den Chaoten das komplett egal wäre und besann mich auf den Fall, der realistischer wäre. Irgendwann zwischen Null und Ein Uhr nachts, wenn das Gira alle wäre, würden sie schluchzend auf irgendeinem gefrorenen Acker in Laubwechselfeld sitzen und sich die Augen ausheulen, während alle anderen gemütlich mit ihren Lieben die Weihnacht feiern. Nein, da wollte ich nicht tauschen!
    "Ich würde das nicht wollen ... ", gab ich immer noch in Gedanken versunken zu.
    Marc grübelte. Es rumpelte und brodelte in seinem Mastermind, er rechnete und kalkulierte, bis er ein eindeutiges Resultat vorliegen hatte: "Nach weiteren Überlegungen ... bin ich zum gleichen Ergebnis gekommen wie du. Kalle, deine Meinung?" Kalle nickte treu.
    "Dann werden sie eben mit uns allen Weihnachten feiern. Zumindest dieses Jahr ... sehe ich von weiteren Sanktionen ab", verkündete Marc, der Polarstern am Himmel der Menschheit. Mein großes Idol. So feierte Team Magma ein besinnliches Weihnachtsfest, geeint durch die Aussicht auf eine bessere Welt für Menschen und Pokémon.


    Aber sollte es tatsächlich irgendwann mal der Fall sein, dass ein zehnjähriges Gör unsere Pläne zerschlagen würde, dann dürften wir uns später nicht beschweren! Doch wie wahrscheinlich war es bitte, dass solch ein Fall je eintreffen würde? Ahahaha ♪ !




    *Gira = eine Sorte Hopfengebräu, basiert auf "Kirin" (jap. Giraffe)

  • Na du Katzendämon,


    wenn du schon eine Geschichte über Kagari - irgendwoher kenne ich den Namen noch - schreibst, muss ich mir die ja ansehen, da sie mir von den neu ausgearbeiteten Charakteren in den Editionen so ziemlich am besten gefallen hat. Wobei auch der ernste Ausdruck von Marc recht speziell war, aber lassen wir das mal beiseite.


    Ich glaube, ich hab schon mal irgendwo erwähnt, dass die Einbindung von Musik gut ist, wenn sie die Atmosphäre unterstützt. Ehrlich gesagt war ich beim ersten Lied sogar stutzig, wie das zu einem Weihnachtsfest der Magmas passen kann, aber wenn ich mir dann die Warnung mit den New-Kids-Verschnitten in Erinnerung rufe, erübrigt sich das eigentlich. Die haben sich ja vergleichsweise recht gut benommen, wenn man von dem Kronjuwild-Angriff absieht, aber solche "Cameos" machen Geschichten auch gleich witziger, wenn man zumindest Teile vom Original kennt.
    Anyway. Gerade die gedämpfte Stimmung und dass auch Team Magma zu einem Weihnachtsfest aufgelegt ist, ist nicht nur sehr entspannend und beruhigend, sondern auch erfrischend, weil es auch zeigt, dass selbst die gegnerischen Teams aus den Spielen so etwas wie ein Sozialverhalten haben und sich auch mal frei nehmen. Da sowieso nicht abzusehen ist, ob sie auch andere Ziele als die Vergrößerung der Landmassen haben, macht sich das wunderbar und lässt auch den Schluss zu, dass sie alle generell mehr verbindet als nur das Ziel - was du auch in der Familie angesprochen hast, die Marc wohl in allen sieht. Ihm sieht man das weniger an als Kagari, die an die Situation auch recht entspannt herangeht, wie man sie eben kennt und das macht aber eigentlich auch alle Charaktere enorm sympathisch. Selbst Kalle, der sonst manchmal recht aufbrausend sein kann, zeigt seine herzliche Seite.
    Die Pointe am Ende gefiel mir sogar am besten, als die fünf Chaoten doch in der Gruppe bleiben durften - es ist ja Weihnachten und wer macht da nicht mal eine Ausnahme? - und schließlich der Zehnjährige - der AUSERWÄHLTE - erwähnt wurde. Scheint so, als hättest du noch einiges in petto, wenn ich mich an die Geschichte weiter oben erinnere und das inspiriert mich gerade wirklich zu etwas Ähnlichem.


    In dem Sinne, man wir lesen uns hoffentlich bald wieder!

  • Huhu Naaaa? Besten Dank, dass du dir wieder einmal Zeit genommen hast für diese Geschichten. Sie ist im ORAS-Haipu entstanden.
    Ich wollte eben Team Magma-Musik nehmen, wovon es allerdings nicht viel Auswahl gibt. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dann gegen das Bosskampf-Theme oder Florian Silbereisen entschieden.


    Die New Kids-Klone waren ja auch nur für den Hintergrund bestimmt, damit sie nicht den Hauptcharakteren die Screentime abluchsen. Denn das können sie gut! B-)
    Ich frage mich jedoch, ob du die Andeutung des ORAS-Fünfkampfes mit einem gleichgeschlechtlichen, etwas simpler ausgelegten (wobei Richard ja schon schlau ist) Fünfergespann mit fünf identischen Pokemon auch sofort als solche erkannt hast. ^^ Und dass die bleiben durften, ist eben eine hübsche Weihnachtsmessage gewesen. (:

  • Diese Kurzgeschichte spielt zwischen 18 und 4 Jahren vor Mischblut und ist Hintergrundgeschichte eines Nebencharakters, der nur in einem Kapitel vorkam. Im Gegensatz zu den normalen Kapiteln spielt dieses Werk ausschließlich in den Sphären der Pokemon, außerhalb der der Menschen. Es ist gleich doppelt zeitgemäß und topaktuell, sowohl vom Setting als auch vom Kernkonflikt. ^^ Sie ist heute, also ganz neu entstanden. Also, aufgestanden und Quapp dafür! (._.


    Viele Grüße an @Kuzunoha ,du hast dir solch eine Geschichte ja gewünscht! (:



    Aus der Hadesgrotte


    Sie sagten, sie hätten mich in der Dunkelheit gefunden. In einem mysteriösen Dungeon, wie sie es nannten. Wie genau ich in diese "Hadesgrotte" gelangt war, wusste ich nicht, aber von meiner Mutter hatte ich erfahren, dass unsere Rasse flüchten musste und gen Westen reiste. Entweder war es zu kalt oder zu trocken, nirgends konnten wir bleiben. In dieser Hadesgrotte, in die wir uns zum Schutz vor einem schweren Sturm zurückgezogen hatten, lebten viele Pokémon, die sich bedroht fühlten. Als wir uns im Inneren immer weiter verliefen, attackierten uns ganze Scharen, vor denen mich meine Mama aufopferungsvoll verteidigte. Da sie in einer Welt aufgewachsen war, in der wir die Pokémon bis auf die Jagd unter keinen Umständen verletzten, tat sie sich lange schwer, sich gegen die feindlichen Angriffe zur Wehr zu setzen. Geschwächt von den Reisen, übersät mit tiefen Wunden, die von Eisspeer, Eissplitter und anderen Attacken verursacht wurden, bezahlte sie ihre Gutmütigkeit mit ihrem Leben. Die gutherzigen Pokémon, ein sogenanntes "Retter- und Erkunderteam", nahm mich verängstigtes Wesen mit, sodass ich diesen unheimlichen Ort verlassen konnte. Wie die anderen Pokémon hatten sie noch nie zuvor ein Wesen wie mich gesehen, doch trotzdem brachten sie mich mit behutsam in der kleinen Pokémon Siedlung Agios Latios unter.


    Was in ihren Köpfen wohl vorging, als sie ein vierjähriges, menschenähnliches Wesen mit Katzengebiss, schwarzen Krallen und Ballen an den Füßen, zwei beigen Stummelflügeln auf dem Rücken und einem langen, dem eines Hundemon ähnelnden Schweif sahen? Dazu die gebräunte Haut, die immens langen, schwarzen Haare und die leuchtenden, violetten Augen, so Lila wie Vipitisgift. Aber mit vier Jährchen hatte ich keine Gefahr dargestellt. Die Pokémon hatten dank fleißigen Handwerkern wie Sichlor, Muntier oder Maschock sogar verschiedenste Häuser aus Holz errichtet, um die Nächte, selbst wenn es hier kaum regnete, unter einem Dach verbringen zu können. Normalerweise war ich es gewohnt, dass die Pokémon immer nur innerhalb ihrer Art in Clans oder Herden zusammenlebten, doch dass so viele Arten friedlich eine Art Zivilisation aufbauten, erstaunte mich. Es waren kleine Stadtstaaten ohne Herrscher und Monarchen, anders als bei uns. Wir hatten wohl einen König und dann ganz kurz eine Königin, bevor wir alle fliehen mussten. Das Retterteam, das aus einem Zebritz, einem Floette und aus einem Kokowei bestand, nahm mich jedoch nicht bei sich auf, sondern bei Alexandros, einem der letzten wilden Pyroleo im sogenannten "Mäanderland". Sie glaubten, dass ich, obwohl es auch menschenähnliche Pokémon wie Guardevoir oder Karadonis gab, am besten zu ihm passen würde. Alexandros war früher selbst Erkunder gewesen, doch obwohl er noch nicht zu alt dafür war, empfahl man ihm, nicht mehr Pokémon in diesen aufgerissenen Gräben und verworrenen Höhlensystemen zu retten. Ein Kampf mit einem Brutalanda hatte ihn einst schwer verletzt, sodass er weder richtig laufen noch eigenen Nachwuchs bekommen konnte. Er leckte mich mit seiner Reibeisenzunge genauso liebevoll ab wie mein eigener, der die Flucht aus unserer Heimat Mu nicht überlebt hatte, da er ohne Flügel wohl ertrank. Auch meine Zunge war rau, wie die von Athena, dem kleinen Eneco und Kato, dem bettelarmen Mauzi! Die Pokémongemeinschaft von Agios Latios kümmerte sich ebenso rührend um Alexandros wie er um mich, denn da er durch seine Behinderung am Bein nicht mehr rennen konnte, war er auf die Versorgung von anderen angewiesen. Auch dies war eine Aufgabe der Rettungsteams: Nahrung aus den Dungeons besorgen.
    Während mein Alltag bei Alexandros aus unseren Lieblingsbeschäftigungen Fressen, Dösen, Rangeln und Schmusen bestand, wurde ich bald dazu aufgefordert, mit den anderen Kindern die Schule zu besuchen. Während die Pokémon "nackt" waren, hatte mir Daphne, das Matrifol, immer wieder Kleidchen und Gewänder geschneidert, da wir Sphinxen aus Mu nun mal in der Regel bekleidet waren. Zusammen mit Larissa dem Girafarig, Vasilios dem Elezeba, anderen Pokémon und meinen späteren Rettungsteamkollegen des Team Gata, Athena und Kato, sollte ich die Schulbank drücken. Angelehnt an meine schönen, aber leicht angsteinflößenden Augen und meinen Fundort in der Hadesgrotte benannten sie mich, da ich mich an meinen ursprünglichen Namen nicht mehr erinnern konnte, nach der Gattin dieses Todesgotts Hades, Persephone. Dieser Hades war in ihrer mythologischen Vorstellung ein mächtiges Hundemon, dessen kräftiger, schwarzer Schweif, genauso energisch umherpeitschen konnte wie meiner. Zusammengefasst, hatte der Großteil dieser zivilisiert lebenden Pokémon mich akzeptiert, wie ich war und ermöglichte mir somit eine sehr schöne Kindheit.


    "Mit dem Erreichen des 15. Lebensjahres von mindestens zwei Mitgliedern wird euer Rettungsteam als vollwertiger Bestandteil unserer Einsatzkräfte akzeptiert. Hiermit ernenne ich Team Gata zum vollwertigen Erkunderteam", gratulierte uns Traianos, das uralte Kingler, das gewissermaßen die Stelle des Ortsvorstehers ausfüllte, auch wenn man nicht wirklich von einem Herrscher, nicht mal einem Bürgermeister sprechen konnte. Man versuchte, die Pokémon in möglichst flachen Hierarchien heranreifen zu lassen, während uns von einer anderen Siedlung erzählt wurde, wo Disziplin und Kampfkraft im Vordergrund der Erziehung standen. Ich war faul und frei, sodass ich mich dort wohl kaum wohlgefühlt hätte. Ich reagierte nie besonders wohlgesonnen auf Anweisungen, selbst wenn sie gut gemeint waren, was vielleicht an meinem etwas sturen Wesen lag. Immerhin durften wir nun auch in Bedrängnis geratenen Pokemon aus abgelegeneren Gebieten helfen, doch selbst weit hinter diesen abgelegeneren Gebieten und einsamen Inseln gab es weit und breit keine Menschen zu sehen. Der arme Kato, der mit seinen Eltern von einer Müllkippe der Menschen zahlreiche Fußmärsche zurückgelegt hatte, zählte zu den wenigen, die jemals einen Menschen, wenn auch weit außerhalb von Agios Latios, jemals neben mir zu Gesicht bekommen hatten. Die große Armut der ausgehungerten Snobilikat-Familie führte zu einer ausgesprochenen Obsession mit Geld, die nicht nur den extrem geizigen Kato, sondern auch seine Eltern betraf, die dem Dörfchen als Bankdepotsbetreiber zu dienen begannen. Zugegeben, in unserem reinen Katzenteam gab es oft Gefauche und Krallenhiebe, wenn wir uns nicht auf eine Richtung einigen konnten, doch genauso oft leckten wir uns sanft über die Ohren. Aus Sicht der Menschen käme es sicher merkwürdig vor, wenn ein humanoides Wesen wie eine Sphinx auf allen Vieren niederkniete und die Ohren ihrer besten Freunde leckte oder ihren eigenen Arm befeuchtete, um sich mit primitiven Reibbewegungen das in der prallen Mittagssonne verschwitzte Gesicht etwas zu reinigen.
    "DREI Katzen?! Huiuiui! Meiner einer ist hart im Nehmen, auch wenn er angesichts dieser Krallen um sein Leben bangen muss, statt gerettet zu werden!", reagierte Somnas, ein Kukmarda, auf seine unverhoffte Rettung. Aufrecht stehend überragte ich ihn um zwei Köpfe und meine aufblitzenden, scharfen Reißzähne trugen sicher genauso wenig zu seiner Beruhigung bei wie meine die Faszination aller auf sich ziehenden Augen. Die Augen, sagte man sich, wären wie die Gesamtheit des überdurchschnittlich eleganten und attraktiven Erscheinungsbild einer Sphinx auf die Sage der sogenannten Medusa zurückzuführen, denn später lernte ich, dass ich, dem Zorn verfallen, Lebewesen mit meinen Augen genau wie sie versteinern konnte, weswegen sie die Blicke besonders effektiv anziehen mussten. Ich beherrschte über ein großflächiges Arsenal verschiedenster Attacken, weswegen die Rettungsaktionen selten problematisch wurden, und wenn doch, konnte ich mich stets auf meine beiden Partner verlassen. Schnell sprach sich die Geschichte von dem Mädchen dieser unbekannten, geflügelten Pokémonart, angeblich halb Pyroleo, halb Flunkifer, herum.


    Drei Jahre später hatten sich aus den halbfertigen Flügelchen auf meinem Rücken richtige Schwingen entwickelt, gebogen wie der sichelförmige Körper eines Lunastein. Auch dem losen Verbund der Retterteams stand eine Veränderung bevor. Es sollte eine größere Organisation gebildet werden, die man Gilde nannte. Gildenmitglieder sollten besondere Privilegien genießen und größere Auftragsgebiete sollten erschlossen werden, da sich ein anderes Pokémondorf durch den Wegzug der jungen Tiere nicht mehr selbst verteidigen konnte.
    Stolz reckte ich meinen Kopf nach oben, um die Medaille eines Gildenmitglieds um den Hals gelegt zu bekommen. Athena hatte sich mittlerweile zu einem Enekoro entwickelt, weswegen wir beiden felinen Schönheiten sicher einen etwas arroganten Eindruck von außen her gemacht hatten, doch dies rechtfertigte in keinster Weise diese unglaubliche Undankbarkeit, die uns widerfuhr - Traianos war, als Stimme der Gerechtigkeit und der Gemeinschaft, zwei Monate zuvor verstorben, doch der Wandel des Rettersystems zu einer effizienteren Vereinigung war schließlich sein allerletztes Lebenswerk. Ein junges Lucario beerbte ihn stattdessen und nahm die Fäden in die Hand.
    "Phoebe ... du bist entlassen. Schwächlich. Christos ... absolut unbrauchbar, du musst ja selbst fast ständig gerettet werden ... Evangelos ... deine Außendarstellung ist eine Katastrophe. Das Team Astro war im Zuge der Reform hin zu einer Elite-Organisation wegra- ... -ratio- ... dieses Wort konnte ich mir einfach nicht merken. Ich hatte diesem selbstgefälligen Kerl ungern zugehört, doch das Team um ein Parfinesse, ein Minun und ein Zirpeise tat mir besonders leid. Solche Pokémon waren genauso wenig prädestiniert für eine Zukunft als strahlender Held wie ein Eneco oder ein Mauzi, doch in Agios Latios durften sie ihren Traum Wirklichkeit werden lassen.
    Nun wandte sich das Lucario unserem Team zu: "Athena, willkommen in der Gilde. Kato, in unserer Gilde ist für Unterschichtler kein Platz." Unser Team war also auseinander gerissen worden. Auch für Vasilios, den Sohn des Zebritz-Hengsts, der mich einst rettete, war kein Platz mehr im neuen System. Wie konnten Pokémon nur so grausam und herzlos sein? War das nicht die Eigenschaft der Barbaren-Pokémon und der Menschen?
    "Persephone ... du bist wirklich sehr stark und deine Kräfte sind sicher sehr nützlich ... aber ... du bist auch entlassen."
    "WAS?! Wieso ich?"
    "Weil ..."
    Wütend peitschte ich mit dem Schweif umher und merkte, wie Zorn und Verachtung durch meine Blutbahnen pulsierten, bis sie in meine Augen sickerten.
    "Weil wir voll sind. Wir haben ein Maximum an Gildenmitgliedern festgelegt und auf dich konnten wir am ehesten verzichten. Es gibt eben Leute, die deine Qualitäten nicht über den Himmel loben, sondern objektiv beurteilen, und da ..."
    "WAS DA?!", platzte es ungehalten aus mir heraus. Ich konnte fliegen, erdbändigen und beherrschte Attacken verschiedener Typen. Zudem hatte ich konstant gute Arbeit geleistet und noch niemanden mit meinem Flunkifermaul, das unter dem langen Pferdeschwanz versteckt war, aufgefressen - lediglich mal gebissen, aber das gehörte zu meiner Kampftechnik eben dazu wie bei das Verkratzen verblüffter Antlitze zu Sengos Repertoire.
    Lucario hatte nun genug Zeit gehabt, um nach der Antwort zu kramen, nach der er gesucht hat: "Im letzten Monat habt ihr allerdings einen Auftrag in den Sand gesetzt."
    "Ja aber das war ...", wollte ich bereits mit gebleckten Zähnen protestieren, doch Athena wischte mir mit ihrem Schweif über die Beine.
    "Lass gut sein, Persephone", unterbrach mich das Enekoro, als sie ihr an einem Band befestigtes Medaillon über ihren Kopf stülpte und abstreifte: "In so einer Gilde möchte ich nicht arbeiten. Ich lehne ab. Ohne deine beiden Teampartner lohnt es sich für dich auch nicht mehr, zu diskutieren." Ein letztes Mal schnaubte ich verächtlich in Richtung des Lucarios, bevor ich wortlos mit meinen Mitversagern aus dem prächtigen Pfahlbau schritt. Alle rausgeworfenen Pokémon durften zweifellos in Agios Latios verbleiben, doch die Kränkung seitens der neuen "Elite" steckte wie ein Giftdorn in meinem Herzen. Die negativen Gefühle verdunkelten meine Federn. Eine Sphinx in ihren Freiheiten eingeschränkt? Ha, unmöglich! Ich wusste mir zu helfen. Mein Team und ich erledigten einfach illegal Rettungsaufträge! Welch unglaublich geniale Idee ... die später ins neu geschaffene Verlies führte. Desillusioniert musste ich mit ansehen, wie sich eine Zweiklassengesellschaft bildete, deren oberer Teil den Benachteiligten immer mehr Rechte entzog, um sich selbst daran zu bereichern.


    "Ich hätte ja auch alle töten können. Das Gesetz des Stärkeren. Rein theoretisch wäre das möglich gewesen und die neuen, schändlichen Umwälzungen wären zu Staub zerfallen. Aber das sind weder die Werte, die mir Mama, noch Alexander, noch die anderen Pokémon vermittelt hatten. Ich würde mir selbst das Herz brechen. Ich möchte einfach nur weg, denn ich bin hier wohl nicht mehr erwünscht." Die sonst so kräftigen, violetten Augen, die sich im Meer spiegelten, waren resigniert, kraftlos, matt geworden. Ohne jeglichen Glanz. Ein Reisender aus einem fernen Land, ein sogenannter Gijinka, also ganz ähnlich wie eine Sphinx aber doch ganz anders, teils Mensch, teils Pokémon, hatte mit seinem Team den Weg zu uns gefunden. Schwarze Haare, rote Augen, ein dunkler Hut und ein schicker, dunkler Mantel zeichneten den Mann aus, der doppelt so alt war wie ich. Der Nachtara-Gijinka, der sich als Joao Bonaventura zuvor vorgestellt hatte, wurde von Abdulrahman dem Vibrava, Wulfric dem Magnayen und Gunter dem Shardrago flankiert, Pokémon aus allen Teilen der Welt, die sich zu einem internationalen Erkunderteam zusammengeschlossen hatten.
    Bonaventura rieb sich nachdenklich sein Kinn, bevor er sich wohlwollend zu meiner Situation äußerte: "Weißt du ... ich habe eine Organisation, dessen Werte ich nicht teile, aber deren Interessen ich grundsätzlich vertrete, binnen drei Jahren unterwandert und zu meinem Gusto umgewälzt. Im Grunde genommen ist es also möglich, dass du dieses Handwerk bei mir erlernen könntest, Persephone. Lass den Irren schalten und walten, solange, bis der geeignete Augenblick gekommen ist, um dann zuzuschlagen. Eine starke Kämpferin und einen klugen Kopf wie dich würde ich sehr gerne in meinen Reihen wissen. Ich habe bereits mit Sphinxen zusammengearbeitet und weiß, wie stur sie sich Gehorsam verweigern, deswegen mache ich dir den Vorschlag, dass du meine Rechte Hand wirst, jedoch unbedingt unüberlegte Sachen vermeidest. Ich werde dich nie zu etwas zwingen, doch ich würde dich zwingen, manche Sachen nicht zu tun, wenn sie mein Vorhaben hochgradig gefährden. Gib mir fünf Jahre, und du wirst genug gelernt haben, um aus deiner Heimat wieder den Ort zu machen, den du liebst."
    "Andere Sphinxen? ANDERE SPHINXEN? Und ich dachte, ich wäre die letzte meiner Art!", verlor ich vor Aufregung die Fassung, so sehr, dass mein Schweif und meine Flügel einige kleine Sandverwehungen erzeugten: "Was ist mit meinen Freunden, darf ich sie mitnehmen?" Die matten Augen strahlten wieder, so, wie nach meinem ersten Auftrag oder nach der Ernennung zum vollwertigen Rettungsteammitglied. Sobald ich 23 wäre, würde ich reif und erwachsen genug sein, um mein Dorf wieder in den ursprünglichen Zustand der Gleichheit zurückzuführen, sodass selbst ein Natu und ein Wattzapf ihren Traum verwirklichen könnten.
    Ein glückliches Lächeln breitete sich über das stoppelige Gesicht des Nachtara-Gijinkas aus: "Sim, claro! Je mehr, desto besser. Da unser Lavados-Orden sowieso ausgedünnt ist, benötigen wir neue Mitglieder. Tag für Tag werden es immer weniger Menschen und immer mehr Pokémon. Diese Entwicklung ist mein Werk. Als Gijinka ist es unsere große Gabe, beide Welten formen zu können. Ich wäre ein Tor, würde ich es nicht nutzen. Unter dem Deckmantel der menschlichen Religionen ist Manipulation ein Leichtes. Komm mit mir, Persephone, und ich werde dir die anderen Sphinxen zeigen. Allerdings gibt es eine Sache ..."
    Meine Augen verengten sich ... was könnte diese eine Sache sein? Ich war Feuer und Flamme, an der Sache teilzunehmen! Eine wahrhaft gigantische Erkundung wartete auf uns!
    "Wenn die Situation es erfordert, dass du zu den anderen Sphinxen keinen Kontakt hast, aus bestimmten politischen Gründen, dann musst du dich daran halten. Falls sie gegensätzliche Interessen zu mir pflegen, kann ich es nicht erlauben, dass sie dich von ihrer Sache überzeugen. Hast du das begriffen, Menina?"
    Ich nickte stumm.
    "Gut, dann begrüße ich dich an Bord als die neue Nummer Zwei des neuen Lavados-Ordens ... auf dass wir unsere Ziele binnen fünf Jahren verwirklichen werden ...", gratulierte mir Bonaventura zu meiner Entscheidung und zog angesichts des einbrechenden Sonnenuntergangs in Richtung seiner Unterkunft in Agios Latios. Ich jedoch blieb und betrachtete, auf einem Stück Treibholz sitzend und verspielt mit dem Schweif umherschlagend, die Wellen und den glühenden Horizont. Morgen würde ich den anderen von seinen, nein ... meinen ... unseren Visionen berichten!

  • Der Nachtara-Gijinka, der sich als Joao Bonaventura zuvor vorgestellt hatte, wurde von Abdulrahman dem Vibrava, Wulfric dem Magnayen und Gunter dem Shardrago flankiert

    Kudos an diese Namen; die könnten wirklich unterschiedlicher nicht sein und ich mag Bonaventuras portugiesischen Einschlag. Ob die anderen dann auch von ihrer Herkunft profitieren? Gunter erinnert mich trotzdem an Kyou Kara Maou, aber mal sehen.


    Na du Katzendämon! Wurde ja Zeit, dass du mal wieder über deine Lieblings-Sphinxchen schreibst und die hattest du letztens sogar mal angedeutet, ganz versteckt. Zugegeben fehlen mir jetzt noch die Zusammenhänge, aber das stört so weiters nicht, weil du ja alles recht genau erklärt hast. Umso witziger eigentlich, dass der Dungeon ausgerechnet die Hadesgrotte war und Persephone genau mit diesem Hintergrund benannt wurde. Scheint so, als hätten die Pokémon noch weit mehr mit menschlichen Bräuchen in dieser Welt zu tun als angenommen. Aber wenn schon Hades, warum ausgerechnet Eis-Pokémon? Es sei denn, dein Hades ist kalt und nicht heiß, wie man sonst annehmen würde. Der Disney-Hades ist ja auch mit blauen Flammen zu sehen, aber ob das das Eis rechtfertigt? Nun ja.


    Auf jeden Fall ist es doch schön zu sehen, dass sie trotz ihrer Andersartigkeit integriert wurde. Das ist nämlich wirklich nicht selbstverständlich und die Gesellschaft schien bis dahin auch gut entwickelt zu sein. Die Schule erinnert mich tatsächlich etwas an Super Mystery Dungeon; vielleicht eine Anlehnung darauf? So oder so ist es fast schon niedlich zu beobachten, wie sie sich entwickelt und wie auch die anderen darauf achten, dass es ihr gut geht. Und ausgerechnet mit dem Ableben des alten Dorfvorstehers/Aufpassers sollte es sich wohl ändern? Ich find's eher interessant, dass dieses Lucario einfach so mal da war und seinen Willen durchsetzt, um eine starke Gilde zu gründen. Na, da dürfte dann auch wieder alles, was vorher aufgebaut wurde, auseinandergebrochen sein. Oder zumindest einige der Mitglieder verletzt, weil sie nicht zur Elite gehören. In so einem Fall bräuchte es ein Knuddeluff, das wieder alle auf den richtigen Weg führt! Und hie und da mal einschläft. (Kusch!)
    Was soll ich sagen; durch den neuen Orden könnte sich einiges ändern und ich bin mal gespannt, was daraus wird. Falls du das nicht sogar schon mal geschrieben hast, dann werde ich das wohl bald auch lesen können.


    In diesem Sinne: Bis dahin!

  • Hi Rusalka! =D


    ich weiß gar nicht mal so genau, was ich mir bei den Namen gedacht hab. Das war Kapitel #48 von Mischblut, ich habe die Namen wohl anhand der Lebensräume der Tiere ausgewählt. Araber-Libelldra ist klar, Magnayen naja vom Namen her und Gunter wegen Siegfried und den Drachen, wo ein König Gunter hieß.
    Die Eis-Pokemon waren nur ein Mittel zum Zweck, da es sonst unlogisch wäre, dass Mama-Sphinx stirbt. Bei Vierfachschwäche sieht das ganze schon gefährlicher aus.


    Die Schule ist sowas von eine Anlehnung an Super PMD! =) Als ich das gesehen hatte, kam sofort die zündende Idee. Lucario habe ich als Rivalen gewählt, weil er immer so sehr in den Mittelpunkt gehypt und als der krasseste Dude in Manhattan angesehen wird - der Platz gehört ja wohl eindeutig Flunkifer! >_> Wir wollen Knuddeluff! F*ck die Capitol!


    PS: Ich weiß jetzt endlich, woher dein Name kommt, du Wassergeist! ^^
    Vielen Lieben Dank für das Kommi!

  • 3000 Wörter. 3000 Wörter, die einen kleinen Ausschnitt zur Vorgeschichte/Kindheit einer Heldin liefern, die niemals aufgibt. Es geht um meine 36-teilige dritte Hauptfanfiction "Miiiiiiiin", die angemerkt in den Jahren 2013 und 2014 spielt. Nachdem einige Abschnitte wie Mins Familienleben in der Vergangenheit dann doch relativ kurz ausgeführt wurden, habe ich mir diese Kurzgeschichte einfallen lassen. Es geht um eine sehr unkoventionelle Protagonistin, was sich ungefähr so zusammenfassen lässt:


    Genre: Satire/Humor, Gesellschaftskritik, Desaster


    Klappentext: Min-yeon Seol kommt mit allem zurecht. Vor allem mit sich selbst, am wenigsten aber mit ihren Mitmenschen. Die 23-jährige Tochter koreanischer Eltern studiert in Osaka Medizin, jedoch ist dies die einzige gesellschaftliche Konvention, die sie einhält. Ihre Eltern und wenigen, aber treuen Freunde bringt sie mit ihren hohen Ansprüchen regelmäßig zur Weißglut, doch das ist der streitlustigen Studentin völlig egal. Doch nicht alles an ihr ist schlecht. Ihr Repertoire an Schimpfwörtern in mehreren Sprachen ist beeindruckend. Ohne Rücksicht torpediert sie die fragwürdigen Gepflogenheiten der Arbeits- und Arschkriechergesellschaft der modernen Staaten und lebt für viele den Traum vor, selbst einmal ausbrechen zu können. Min teilt gerne aus und trifft damit auch mal die Unschuldigen, doch alles kommt doppelt und dreifach wieder zurück. Gefangen in einem Kreislauf der Verachtung und des Ausgestoßen-Seins, wird der einzelgängerische, notorische Pechvogel mit seinem Schicksal während einer Reise nach Tibet konfrontiert. Die größte Egoistin Osakas soll nun auf einmal das Überleben der Menschheit vor einer höllischen Bedrohung sichern - ob DAS gut gehen kann?


    Die Geschwister kommen in den Kapiteln #21 und #22 in der Gegenwart genauer vor.




    Die Heldin, die NIEMALS aufgibt



    März 2002




    "Meine Kinder! Ich habe euch frische Tteoks zubereitet! Passt aber bitte auf, einige sind scharf!", warnte Na-ri mit ihrem warmen Lächeln, als sie das Silbertablett auf den großen Holztisch stellte. Das Zwielicht der Abenddämmerung schimmerte durch das Fenster des kleinen Häuschens in der Peripherie Osakas und auch obwohl die Beleuchtung der orange schimmernden Lampen und Lampions nicht besonders hell war, strahlten sie in Kombination mit dem Gesichtsausdruck der Mutter eine einmalige Wärme aus. Die 39-jährige Na-ri und ihr um ein Jahr älterer Mann Tae-ho hatten nach ihrer Ankunft in ihrer neuen Heimat Japan viele schwierige Situationen mit der Bürokratie oder dem Alltag an sich überstanden. Viele Beziehungen wären durch die große Belastung vielleicht zu Bruch gegangen, doch die Hoffnung, ihren Kindern ein besseres Leben, eines mit mehr Toleranz und einem Aufwachsen als akzeptierte Teile ihres Umfelds zu bieten, schweißte die beiden zusammen, selbst wenn sie sich phasenweise andauernd in der Wolle hatten und anschrien. Stress, so weit das Auge reichte, doch es waren die kleinen Momente im Leben, die das Pärchen aus Gwangju glücklich machten, wie das sanfte Schnurren von Stubentiger Sung-nam, dem fresswütigen Charmiankater.
    Die gebratenen, röhrenförmigen Reisküchlein in allen möglichen Farben, waren, auch wenn sie den japanischen Mochi sehr ähnlich waren, eine koreanische Spezialität. So schwer es war, ihre drei Kinder durch die schwierigen Jahre der Pubertät zu geleiten, wenn es ums Essen ging, waren alle Differenzen beseitigt - zumindest vorerst. Selbst spät abends, um zwanzig vor zehn, machte sich die fürsorgliche Mühe, ihren verzogenen Kindern nach dem anstrengenden Schulalltag ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Papas Liebling Hyun-woo, gerade im Flegelalter angekommen, rannte am schnellsten. Wenn seine Eltern nur wüssten, dass er sich nicht nur für extensives Haarefärben, sondern auch für Dinge wie Alkohol und Tabak zu begeistern begann, die dem Fünfzehnjährigen mit den momentan in Spitzen abstehenden, mittelbraun gefärbten Haaren eigentlich erst in fünf Jahren offen stehen sollten. Seine zwei Jahre ältere Schwester Eun-ju musste sich mit den Nesthäkchen darum konkurrieren, als Zweite anzukommen, doch ein wuchtiger Ellenbogencheck der hochgewachsenen Jugendlichen mit den dunkelbraunen, künstlich gewellten Haaren sollte außerhalb des Sichtfelds ihrer Mutter dieses Rennen für sich entscheiden. Wie ihre kleine Schwester Min-yeon, auch mit zwölf Jahren ein eher zierliches und kränkliches Kind, auf den Boden aufschlug, hatte sie seit geraumer Zeit nicht mehr interessiert. Die eifersüchtige Teenagerin wurmte es, dass dem niedlichen Nesthäkchen mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde als ihr. Doch in Anbetracht der persönlichen Entwicklung der Kinder, stand es nicht allzu gut um die Kleinste, dass sie in diesem Umfeld ihre Niedlichkeit bewahren konnte, wurde ihr doch bereits in der Schule ihr schüchternes und braves Wesen zum Verhängnis. Mit Tränen in den Augen trottete auch das letzte Kind zu der Mutter, den schmerzenden Ellenbogen haltend. Erst wollte Min-yeon ihre große Schwester verpetzen, doch deren eiskalter Blick ließ ihre Augen beschämt zu Boden sinken. Sie wollte einfach nur in Ruhe essen und durch das aschgraue Fell ihres Haustier streichen, das ihre Beine schnurrend umschlang.
    "Min, Schätzchen! Schau mal, wenn du ständig auf dem Saum deiner ellenlangen Pyjamahose ausrutschst, kann aus dir im Gegensatz zu mir NIE ein Medienstar werden! Mich lieben und bewundern die Leute, aber über dich würden sie lachen. Achte doch besser ...", teilte Eun-ju, mit den Armen bedrohlich in die Hüfte gestemmt, dem kleinen Schwesterchen mit, wie sie die blauen Flecken und roten Prellungen durch Stürze vermeiden konnte, wurde jedoch jäh unterbrochen.
    Auch wenn sich die lange Eun-ju vor Min aufgebaut hatte, wollte das Mädchen mit den schulterlangen, schwarzen Haaren endlich über ihren Schatten springen und sich gegen die fiesen Aussagen ihrer Schwester wehren: "Ich will ja auch kein Medienstar werden! Ich hasse Menschen! Ich hasse sie, weil sie so sind wie du! Krank sind die! Einer muss sie heilen und aufklären, wie dumm sie doch sind und mit dir fang' ich jetzt an, du blöde Schlange!" Ein Jahr später und der Ausdruck "Schlange" würde durch einen niederträchtigeren ersetzt werden. Doch auch dieses Theater reichte der Mutter, die die Haarnadeln aus ihrem Dutt entfernte und zwischen die beiden streitenden Töchter hielt, sodass sich diese nicht an die Kehle springen würden.
    "Ihr beiden reißt euch jetzt sofort zusammen! Ich will hier keinen Streit zwischen euch haben! Ich habe auf der Arbeit genug Ärger, dann manchmal mit Papa, dann mit Sung-Nam, weil er sich nicht bürsten lässt und jetzt auch noch mit euch?" Das Schluchzen ihrer Jüngsten berührte Na-ri jedoch zutiefst, sodass die Zwölfjährige in den Arm nahm. Die intelligenten, schönen Katzenäuglein waren überfüllter mit Salzwasser als der Pazifik. Min hasste es, wenn ihre Eltern laut wurden, vor allem, wenn es sich an sie selbst richtete. Das war doch alles ungerecht! Aber zum Glück hatte ihre Mutter ein Gefühl für das zerrüttete Verhältnis der Geschwister und tröstete die Kleine später. Doch die Kehrseite der Medaille waren die absolut negativen Ergebnisse zahlreicher Vieraugengespräche mit der Älteren. Doch für diesen Abend hatte Min Ruhe und durfte zwischen Mama und Papa noch eine Weile Fernsehen schauen, das Kätzchen auf ihrem Schoß.



    Mai 2003


    "Papa, Min ist komisch! Sie interessiert sich nicht für ... äh ... Mädchendinge. Und sie hat nur ein rosanes Kleidungsstück im Kleiderschrank! Und weißt du, was ich gehört habe? Sie spielt ständig viel lieber mit Jungs als mit Mädchen, solche komischen Ball- und Videospiele! Wie ein Nerd! Sie ... sie steht auf dasselbe Mädchen wie Hyun! Vielleicht ist sie ja sogar ein Mann!", krakeelte eine sehr aufgetakelte Eun-ju, bereit, nach dem Abendessen in die wilden Nächte Osakas aufzubrechen, im modern eingerichteten Esszimmer herum. Sie erhoffte sich dadurch, besser dazustehen, doch ihre Hoffnungen wurden jäh zerschlagen. Nicht nur, dass der zu cholerischen Anfällen neigende Vater Tae-ho ohnehin nie viel von seiner Ältesten gehalten hatte, auch bei ihrem jüngeren Bruder hatte sie sich unbeliebt gemacht. Dass dieser auf Satsuki Matsubara, die Tochter eines Bekannten von Papas Buddha-Connections, stand, sollte eigentlich niemand erfahren. Auch wenn Tae-ho gläubiger Buddhist und Na-ri gläubige Protestantin waren, hatten die Kinder mit Religion nichts an Hut. Min glaubte zwar, dass es irgendwo einen Buddha gab, aber sie beschäftigte sich nie näher mit Lehre oder Gemeinde.
    Falten des Ärgers zogen über die Stirn des erbosten Vaters hinweg, der sich sein Mädchen, das bislang seelenruhig Kaugummiblasen formte, zur Brust nahm: "Interessiert mich das? Nein! Nerv' nicht, du freches Balg, geh lieber lernen! Die Noten deiner Geschwister sind um Welten besser!" Eun-ju sah sich selbst als oberster Teil der Nahrungskette und ließ andere nicht an ihren Gefühlen teilhaben, doch die Abneigung ihres Vaters verletzte sie immer wieder aufs neue gleich effektiv.
    Wenn er sie nicht schätzte, musste er andere noch weniger schätzen, fasste sie sich ins Auge: "Ich dachte, dass Lesben in deinem Religionskram uncool sind!" Dass Min in Wahrheit bisexuell war, spielte da keine Rolle. Das Wort war ihr ohnehin zu kompliziert.
    "Hör mal, wie habe ich dich erzogen? Wir stehen für Toleranz! Wie man Religion lebt und umsetzt ist entscheidend, aber darüber machst du dir ja keine Gedanken, solange du dir schicke Gürtelchen und Ohrringe kaufen kannst!", schrie der leicht reizbare Vater durch das ganze Haus. Die drei Kinder wuchsen wirklich in einer sehr tolerant und liberal denkenden Familie auf, doch die einzige Intoleranz herrschte zwischen Familienmitgliedern untereinander. Dass Eun-ju, so im Stich gelassen und im Kampf um Aufmerksamkeit und Akzeptanz versuchte, ihren Bruder ins Boot zu holen, überraschte so kein bisschen. Er durfte mit der Big Sis auf heimliche Partys, während er ihre Abneigung gegen das kleine Schwesterchen teilen sollte. Dumm war niemand der beiden, doch trotzdem klappte diese Strategie in den folgenden Jahren ausgezeichnet.
    Plötzlich erstarrte die große Schwester wie versteinert und ihr ohnehin schon blasser Teint wurde kreidebleich: Min kam die Treppe aus den Schlafräumen heruntergelaufen - in IHRER Kleidung! Nervös spielte Eun-ju an ihren beiden gewellten, seitlichen Pferdeschwänzen herum, die weiße Kaugummiblase vor ihrem Mund wie eingefroren, um so viel von dem geschockten Gesicht zu verdecken wir möglich. Min hatte sich eine blaue, viel zu lange Federjacke von der fast anderthalb Köpfe größeren Eun-ju "geliehen", zudem einen aus deren sicht besonders engen, hellblauen Jeansminirock mit Strass und Glitzergürtel sowie zumindest für Min selbst kniehohe, schwarze Lederstiefel.
    "Wa-wa-was wird das denn? Was erlaubst du dir, in meinen Sachen herumzuwühlen? Willst du in meinen hochhackigen Schuhen auch noch aufs Maul fallen?", echauffierte sich die Große in bekannt boshafter Manier nun auch noch vor den Augen der aus dem Wohnzimmer ankommenden Mutter, die durch das laute Gebrülle alarmiert wurde.
    "Naja ...", zwinkerte Min ihrer von Grund auf verschiedenen Schwester zu: "... ich bin zwar von meinen Hobbies her ein Tomboy, aber du weißt doch, wie gerne ich Röcke und Kleider trage, hihi. Da ich in letzter Zeit gewachsen bin, brauche ich neue. Steht mir gut, oder? Was gleichbedeutend damit wäre, dass dein Rock auf dich und deine längeren Beine übertragen viel zu kurz und billig ist, hihihi. Welp. Aber ich weiß ja, dass du mich darum beneidest, mit den Jungs zu spielen." Die kleine Min-yeon legte ihr süßestes Zwinkern und ihr breitestes Grinsen auf, nur um danach ihrer mittlerweile nicht mehr weißen, sondern glutroten Schwester die Zunge rauszustrecken. Umzingelt von Vater und Mutter konnte sich Eun-ju es nicht erlauben, der Schwarzhaarigen mit dem etwas gebräunteren Gesicht an die Kehle zu springen. Beschämt blickte sie zu ihrem Vater und versuchte verzweifelt ihren weißen, mit Goldstickereien verzierten Jeansrock ein Stück weiter herunterzuziehen. Sie schwor sich, dem zierlichen, immer selbstbewusster werdenden Mädchen ihre Teenagerzeit zur Hölle zu machen. Noch mehr zur Hölle als in der Szene, wo sie von ihren Schulkameraden gequält wurde, weil sie eine Koreanerin war. Und noch mehr in der Szene, als sie von Eun-ju abermals provoziert wurde, sie plötzlich anfiel, ihr das Gesicht zerkratzte und die nächste Woche mit einem blauen Auge unter einer schwarzen Augenklappe verbringen musste.



    August 2003


    Stürmische Regenfronten zogen über die Wiesen und Felder der Kansai-Region. Jedes Vulpix hatte sich in seinem Bau verkrochen, jeder Regentropfen sich in seiner Kuhle zusammen. Große Pfützen und matschige Gräben zerfurchten die Kulturlandschaft, in der sich in der Dämmerung sogar Damhirplex aufhielten! Wenn die normalen Wiesen schon so durchnässt waren, glichen die Reisfelder einem einzigen Sumpf. Die drei Kinder waren gemeinsam zur Pokémonsuche aufgebrochen und die achtzehnjährige Eun-ju durfte als einzige Besitzerin eines Pokémon als Teamführerin ihre Geschwister anleiten. Normalerweise hatte die Familie Seol kein Platz für ein großes Milotic, doch da die große Schwester an die Universität gehen würde und nur noch am Wochenende heimkommen würde, war dies kein Problem mehr. Bei Sonnenschein aufgebrochen, hatte sie fernab der Zivilisation heimlich ihr Pokémon dazu angewiesen, Regentanz einzusetzen, immer und immer wieder. Sie und Hyun waren selbstverständlich vorbereitet und hatten sich trotz Sommer mit Regenjacken eingedeckt, doch Min war, auch weil sie in Hinsicht auf die Niedertracht ihrer Schwester weitsichtig die Wetterberichte sorgfältig überprüft hatte, in einem dünnen, schwarzen Fleecejäckchen, den von Eun-ju geklauten und nicht wiederverlangten Rock und einer schwarzen Strumpfhose auf die Reise gegangen. Sie war eher davon ausgegangen, dass das schon viel zu warm war, wie immer im japanischen Sommer.
    "Wir haben nur ein paar Kramurx gesehen, aber die waren viel zu weit weg, um gute Fotos davon zu schießen!", klagte Min und klammerte ihre Arme zitternd an die Brust: "Lasst uns gehen! Das macht keinen Spaß!" Die Luft war warm, doch der von Milotic erzeugte Regen war eisig kalt.
    Hyun-woo war sehr schlecht darin, Sachen zu verheimlichen, weshalb er mit einem breiten Grinsen antwortete: "Das stimmt, das war bis jetzt total unlustig! Doch wir werden jetzt gleich Spaß haben!" Der Sechzehnjährige krallte sich rabiat seine kleine Schwester, nahm sie auf den Arm, bis sie hilflos mit den Beinen umher schlug und ihre spitzen Eckzähne in seine Gliedmaßen bohrte. Erschrocken über die Wehrhaftigkeit seiner aus seiner Sicht nicht ernst zu nehmenden Schwester, schmiss er sie noch unsanfter als geplant ins angrenzende Reisfeld, sodass die völlig durchnässte Min mit den Rücken und ihren Haaren im Schlamm landete. Sie war durch ihre Körpergröße den beiden älteren Geschwistern einfach nicht gewachsen.
    "DAS IST FÜR SATSUKI! Weil du mich bei ihr schlecht redest! Hörst du, meine Freundin soll sie sein! Nicht deine! Was will sie bitte mir dir! Sie ist nicht mal so komisch wie du! Sie steht auf Männer, also hau einfach von ihr ab!", entlud der verärgerte Bruder all seine Wut und trat Matsch und zukünftige Reispflanzen auf sein resigniert und traurig dreinschauendes Schwesterchen.
    Wann würde das endlich aufhören?
    Wann würden sie mich endlich in Ruhe lassen?
    Ich bin klein ... und schwach. Aber ich kann das nicht hinnehmen.
    Ich gebe doch nicht auf! Ich bin Undying!
    All diese Gedanken durchfluteten die Gedankenwelt der Dreizehnjährigen, deren Tränen sich mit dem Regen vermischten. Dabei hatte Satsuki von sich aus gemerkt, wie sehr sich Hyun-woo auch nur binnen eines Jahres immer mehr zu einem arroganten Fiesling entwickelt hatte. Eun-jus hämisches Lachen hallte über die Felder, uneben, dreckig und voller Tränen wie nach einer Schlacht des vor nicht allzu langer Zeit geendeten 20. Jahrhunderts, während das gekränkte Wimmern der Kleinen vollends unterging. Min hätte die Menschen damals noch um so viel mehr gehasst, wenn sie wüsste, dass aus Hyun-woo neun Jahre später ein gefragter Anwalt und aus Eun-ju ein regional vergöttertes Social Media-Idol werden würde, und das, ganz im Gegensatz zu ihr, sich niemals auf der Polizeiwache das tobsüchtige Geschrei des in sich ruhenden Buddhas Tae-ho Seol anhören zu müssen.
    Doch Min stand auf, entschlossen, es ihren "Geschwistern" heimzuzahlen.
    Nun setzte Eun-ju ihren durchtriebenen Plan die Krone auf: "Na na, zeig uns jetzt doch nicht die eiskalte Schulter! Chill! Milotic, Eisstrahl. Wir haben nämlich noch eine Rechnung offen!" Da sie mit den Schuhen aus dem Schlamm nur schwer ausweichen konnte, traf der eisig blaue Energiestrahl, die völlig überraschte Min mitten an der Brust. Erst gefror die bereits auf ihr befindliche Wasserschicht, bevor Eun-ju Milotic die Eisschicht um Min noch weiter anwachsen ließ. Selbstgefällig rieb sie sich nach getaner Arbeit die Hände und machte, begleitet von dem schadenfrohen Lachen ihres Bruders, kehrt. Bei 30°C Grad würde ihre kleine Schwester ja schnell aufgetaut sein. Alles nur ein Spaß, bis auf die schlammverkrusteten Unterschenkel, die sie zuhause abwaschen musste.



    September 2003


    "Ihre Lungen waren ohnehin schon so schwach. Und dann sowas. Was für ein selten blöder Kinderstreich! Von einer angehenden Studentin erwartet man eigentlich mehr Reife!", klagte Na-ri, über den reglosen Körper ihrer Jüngsten gebeugt.
    Hyun-woo nutzte die Anwesenheit der gesamten Familie, um ausdrücklich darzustellen, dass seine Schwester Hauptschuldige dieser üblen Tat gewesen war: "Ich war nur im Affekt so! Es ist ja ihr Milotic gewesen! Sie musste ihr eine Lektion erteilen! Sie ist die Haupttäterin! Ehrlich!" Min hatte, nur kurze Zeit nach Eun-jus hinterhältigem Plan, durch den Dauerregen und die Erfrierungen eine schwere Lungenentzündung erlitten, von der sie in der Kindheit bereits eine gerade so überstanden hatte. Eine ganze Nacht hatte die Mutter an dem Bett ihrer Min geweint. Das einzige ihrer ehemals allesamt so zuckersüßen Kinder, das noch nicht von Bosheit besessen war. Was für ein grauenvoller 40. Geburtstag. Als der Arzt soeben eintreten wollte, verlor Eun-ju komplett die Beherrschung und verpasste dem Bruder eine gehörige Schelle, was wiederum den Hüter der Harmonie auf den Plan rief!
    "Hidetada! Nozomi! Wie könnt ihr es nur wagen, euch so aufzuführen! Ihr habt unserer kleinen Ayumi diesen Mist eingebrockt! Jetzt reißt euch aber mal zusammen!", fuhr der Familienvater seine beiden älteren Kinder an, nannte sie sogar bei ihren japanischen Vornamen, die die Japankoreaner zusätzlich wählen mussten. Nicht, damit es am Ende wieder den Vorurteilen entsprechend "die gewalttätigen Koreaner" hieß. Dafür hatte er nicht all die Jahre gearbeitet.
    "Es sah letzte Nacht wirklich nicht gut für Ihre Tochter aus, aber sie müsste aus dem Gröbsten wohl heraus sein. Ich bitte Sie aber, in diesem Raum keine Unruhe zu versprühen. Das Mädchen braucht dringend Ruhe. Ruhe vor ihren Geschwistern vor allem. Bitte sorgen Sie dafür, dass sie nicht später etwas anders wird", riet der Weißkittel dem immer noch vor Ärger schnaufenden Tae-ho, bevor er den Raum wieder verließ. Mins Augen waren nun geöffnet, doch keiner beachtete sie. Sie fühlte sich immer noch ziemlich schlecht und versuchte, erst einmal ihre Umgebung zu erfassen. Ein Krankenhaus. Hier würden Eun-ju und Hyun-woo sie gezwungenermaßen in Frieden lassen. Wenn jetzt doch nur noch Sung-nam dazu kommen könnte ... Mama ... Papa ... ganz viele Pokémon ... und leckeres Essen. Der Gedanke erwärmte Mins kleines, niedergetrampeltes Herzchen etwas, doch aus Vorsicht zog die 13-jährige die dünne Decke über ihren Mund und erkundete mit den intelligenten, aber traurigen Katzenaugen weiter den Raum. Rechts auf dem Nachttisch lag ein Basketball, den Hyun-woo vom Sport mitgebracht haben musste. Doch die eher vor Trauer als Wut überkochende Stimme ihrer Löwenmutter zog nun ihre Aufmerksamkeit auf sich.
    Eun-ju hatte beinahe ihren Kaugummi verschluckt, so sehr erschrak sie, völlig an die Wand gepresst, vor den Worten ihrer Mutter: "Ich will nie wieder, dass du in unserem Haus für die nächsten zehn Jahre eine Nacht verbringst. Du kannst uns immer besuchen kommen, aber du wirst stets vor Mitternacht deine Heimreise antreten. Das ist dir bei den ganzen Partys auch nicht schwer gefallen. Ich bin so enttäuscht von dir. Entschuldige dich bei deiner Schwester, wenn sie wach ist."
    Da die große Schwester die dunkelbraunen Äuglein unter dem schwarzen Pony erkannte, ergriff sie die Chance, diesen Akt vor den Augen ihrer Eltern schnell hinter sich zu bringen: "Hey Min! Ich bin froh, dass du über den Berg bist. Sorry. Wollte ich wirklich nicht. Have mercy, please. Na? Nimmst du meine Entschuldigung an?" Der Wahnsinn begann Mins Augen zu füllen, die manische Besessenheit, ihren Blitzgedanken bis zur Vollendung auszuführen. Schon wieder eine Entschuldigung. Und immer wurden die Torturen und Streiche schlimmer. Flink packte Min den Basketball, und bevor Eun-ju die Situation richtig erfasste, schlug die schwere, orangene Kugel in ihrer Magengrube ein, sodass sie an die Wand zurückgestoßen wurde und ihre Blase zerplatzte.
    "GEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEET DUUUUUUUUUUUUUUUUUNKED OOOOOOOOOOOON!", stieß Min ein triumphierendes Geheul aus, bevor sie sich dem Buch widmete und es ihrem völlig schockiert dreinschauenden Bruder Hyun-Woo an den Kopf schmetterte: "Ich bin Min-yeon Seol, die Heldin, die NIEMALS aufgibt!" Die erschrockenen Blicke der Eltern richteten sich jedoch nicht nur an die beiden älteren Geschwister, von denen die gekrümmt am Boden liegenden und wimmernde Eun-ju einen besonders kläglichen Eindruck machte, sondern auch auf Min, die von einem üblen Hustenanfall gepackt wurde. Ihr Kopf brummte und am liebsten würde sie jetzt wieder schlafen. Sie würde warten müssen, bis sie eine echte Heldin werden konnte.
    Ein paar Tage zumindest ...
    ... oder Wochen ...
    ... oder Monate ...
    ... doch letztlich dauerte es zehn Jahre. Zehn Jahre, bis aus dem süßen Mädchen eine hübsche, junge Frau geworden war. Eine sehr gefährliche Frau, je nach Sichtweise ...

  • Meine Geschichte Determination aus der Rocket-Aktion vom April. Allen Nuzlocke-, Rocket- und Undertale-Fans besonders ans Herz gelegt!



    Determination




    "*Welp. Hast du dich jemals gefragt, wieso alles so geschehen ist, wie es passierte? Ich meine ... kam dir das nie komisch vor? Hand aufs Herz, Kiddo. Sämtliche Rocket Bosse schafften es, weder dir noch deinem ... Vorgänger ... die Stirn zu bieten. Woran lag das? Giovanni, ein Mann wie ein Baum, der sich jahrelang intensiv hätte vorbereiten können, zieht mit einem nicht mal vollständigen Team ins Gefecht, das an Stärke von jedem dahergelaufenen Trainer in Orre überboten werden könnte? Listen, pal."


    Der Wind hier am Fuße des Silberbergs ist so eisig kalt, dass es selbst dort schneit. Während du zitterst, dir beinahe schon die Knie schlottern, bleibt die junge Frau lässig mit verschränkten Beinen an den Höhleneingang gelehnt. Eine Hand ist völlig in der Tasche des dünnen Trainingsjäckchens befunden, das sie sich über die übliche Rocketuniform, bestehend aus einem schwarzen Longshirt mit dem markanten R, einem gleichfarbigen Minirock und hohen, dunkelgrauen Stiefeln, gezogen hat. Ganz klar handelt es sicher hierbei um ein Mitglied der Bösen, eines Verbrecherteams - Team Rocket.
    Du, der schweigende Hauptcharakter, äußerst dich nicht dazu, was dir Yaemaru sagte. Eigentlich bist du auf dem Weg, dich mit Red, der Legende Kantos zu duellieren und hast keine anderen Trainer hier erwartet. Nur das orange strahlende Zwielicht des Pokémon Centers erleuchtet die üppigen Wiesen, auf denen sich tagsüber Dodri und Gallopa Wettrennen liefern. Während nachts die Sniebel aktiv werden, stehst du einer Frau, seit nicht all zu vielen Jahren erwachsen, gegenüber. Klein, zierlich, zerbrechlich wirkend doch die roten, katzenartigen Mandelaugen lassen keine Angst erkennen. Angst kennst du nicht, stattdessen ist es die Entschlossenheit, die Determination, die dich deinen Weg entlang geführt hat. Ein Weg, der am Silberberg enden sollte, so hast du es dir vorgenommen. Yaemarus schwarzen, langen Haare peitschen rhythmisch im Wind umher. Sie spricht ganz unaufgeregt, entspannt, so wie immer.


    "*Buddy, er hätte jedes dieser Pokemon aus dem Silberberg fangen können, sie zwei Wochen in die Pokemonpension gegeben und dann ... dann hätte er seine perfekten Killermaschinen geschaffen. Tja, wie wir alle wissen, hat er auf diesen Weg verzichtet, so auch seine Vorstände. Es gibt nicht viele Trainer, die so stark sind wie du, von daher hätte es wohl auch absolut gereicht, aber man macht immer die Rechnung ohne die Zehnjährigen."


    Mit jedem der ruhigen Atemzüge, mit jedem Heben und Senken ihres Brustkorbs, pustete Yaemaru eine weiße Dampfwolke aus Atemluft aus ihrem Mund. Als du sie kennengelernt hast, hat sie oft gegrinst und war zu Scherzen aufgelegt. Doch nun hebt und senkt sich dein Brustkorb schneller. Du möchtest doch einfach nur in die Höhle rein.


    "*Weißt du, viele Leute wie Professor Eich halten große Stücke von dir. So sehr, dass sie dich ihrem eigenen nächsten Umfeld bevorzugen würden. Ich hätte dich aus dem Weg räumen sollen, als ich die Möglichkeit dazu hatte. Aber ich habe gezögert, immer wieder gedacht, dass du genug hättest. Welp. Schließlich bist du ein zehnjähriges Kind, das doch nur Spaß will, oder?"


    Yaemaru zuckt gleichgültig mit den Schultern. Du ballst fest entschlossen deine Fäuste und fragst dich, wieso sie dich aufhält, so wie alle anderen Trainer es zuvor auch taten.


    "*Nochmal zurück zu Giovanni. Er besitzt ein Snobilikat, das er nie im Kampf einsetzt. Vor drei Jahren verlor er sein Onix im Kampf gegen einen gewissen Red, der später in der Arena seine anderen Pokémon ebenfalls niederschlug. Einer fiel nach dem anderen. Er hat sich versucht, dieses Team nachzubauen. Aber nicht nur, dass diese Pokémon schwächer sind als die, die er vor drei Jahren besaß ... er weiß genau, dass er sie nie ersetzen könne. Er gab Team Rocket auf, plante jedoch, durch den Ruf seiner Vorstände, zurückzukehren. Doch als er erfuhr, dass du genauso so handelst wie einst dieser Red, verwarf er den Plan, seine neuen Pokémon DIR zum Fraß vorzuwerfen."


    Du hast dir keine großen Gedanken über Giovanni gemacht. Du hast dir aber Gedanken über die 16 Arenakämpfe gemacht. Flammenwurf, Hyperstrahl, Steinhagel, Donner, Kreuzhieb. Du hast deine Gegner nicht in die Knie gezwungen. Du hast so viel mehr. Yaemaru seufzt resigniert und schaut beschämt zur Seite. Du verharrst ebenso an Ort und Stelle. Du bist zu entschlossen, um umzudrehen und fortzugehen.


    "*Man mag natürlich damit argumentieren, dass wir keinen Deut besser sind. Heutzutage heißt Geld Einfluss, und zwar in allen Bereichen. Solches Geld kann investiert werden, zum Beispiel in den Fußballverein der Zinnoberinsel, den jedes aufstiegslose Jahr in der Regionalliga weiter in den Tod führt und das kulturelle Leben dieses Ortes weiter nahe der Erlöschung bringt. Welp. Das mag nur ein Beispiel von vielen sein, aber Team Rocket hat entgegen aller Erwartungen mehr als ein Ziel. Weltherrschaft und Dominanz ist NIE ein einziges Ziel. Ich erwarte nicht, dass du in deinem Alter in diesen Dimensionen denkst, aber ..."


    Für einen Moment hielt Yaemaru die Luft an. Die freundliche Team Rocket-Rüpelin, die dich die ganze Zeit in Ruhe gelassen hat. In deinen Gedanken ist jedoch ein Satz wie in Stein gemeißelt: "Team Rocket ist das Team der Bösen. Ich bin heldenhaft." Dass es eigentlich zwei Sätze sind, wirkt sich keinerlei auf deine Entschlossenheit aus.


    "Ich persönlich heiße die Vorkommnisse mit den Tragosso und Knogga im Pokémonturm auf keinste Weise gut. Aber der Rest? Kidnapping, Schmuggel, Putsche und sogar die abgeschnittenen Flegmonruten. Sowas gehört für uns als Verbrecher dazu, weswegen ich mir auch gar nicht anmaße, mich als Moralapostel hier aufzuspielen, aber wenn wir ehrlich sind, ist nach dem Fehlschlag in Lavandia kein Pokémon mehr zu Tode gekommen, nicht nur, weil sich lebende Pokémon auch einfach mehr rentieren, wie man an den Spielhallen gut sehen kann. Es ist egoistisch, es ist unmoralisch, es ist sordid, aber es ist der einfachste Weg, ohne allzu großen Aufwand zu großem Aufwand zu gelangen. Für mich als Faulpelz ist das nur allzu verlocken. Sheesh, ich bin sogar so faul, dass ich sogar das Angebot ausgeschlagen habe, eine höhere Position einzunehmen. Zu viel ... Arbeit. Lieber sonne ich mich am Fuchsania Strand und gönne mir einen schönen Cocktail. Wozu Geld verdienen, wenn man nicht die Muße hat, es auszugeben, kiddo?


    Yaemarus Gesichtszüge scheinen sich zu verfinstern. Sie ist bei einem Punkt angelangt, an dem sie ihre wahre Intention enthüllen wird. Aber wieso sollte Team Rocket jemanden wie SIE befördern? An ihr war nichts, das furchteinflößend aussah. Du bist hingegen einfach nur froh, von den Nordwinden nicht in ein Eis am Stiel verwandelt worden zu sein. Die warme Flamme deines Tornupto an deiner Seite zu wissen, erfüllt dich in dieser Situation mit Entschlossenheit.


    "Aber du. Du konntest von etwas Anderem nicht genug bekommen. Statt deine Pokémon mit Sonderbonbons oder Besuchen in der Pension großzuziehen, geierst du nach Erfahrungspunkten, Level Ups, neuen zerstörerischen Attacken! Weg mit Schlafpuder, weg mit Silberblick, weg mit Tackle und weg mit Aquawelle. Knirscher, Schlitzer, Feuersturm. Das ist schon eher dein Geschmack. Nichts, was ein Pokémon für gewöhnlich überleben kann, wenn es nicht unmittelbar ärztlich versorgt wird, doch wo hat man den Luxus, schon direkt neben einem Pokemon Center zu kämpfen? Du verstehst es immer noch nicht, oder? 16 Orden für den Preis von vielleicht 1600 Seelen, sind die es wert? Glaubst du, Team Rocket stattet seine Rüpel zum Spaß mit schwächlichen Pokémon wie Rattfratz oder Traumato aus? Nein, sie sind schwach genug, um Gegner ohnmächtig zu bringen, aber nicht, um zu töten. Diese knappe Überlegenheit war es auch, die Giovanni als 8. Arenaleiter in diese gute Ausgangslage brachte."


    Du, dem Professor Eich einst sagte, dass Pokémon deine besten Freunde sein werden, hast Pokémon getötet, was dir die mit immer mehr Galle und Verachtung angereicherte Stimme der Verbrecherin mitteilte. Die Finsternis hatte den Himmel über dem altehrwürdigen Silberberg komplett eingehüllt, als sich Yaemaru leicht nach vorne beugte, um nicht noch am Felsen mit ihren umherpeitschenden Haaren feszufrieren.


    *The North Wind is howling.


    "Sogar vor Suicune kanntest du keine Skrupel. Lieber hast du die Erfahrungspunkte eingesackt, statt es zu verschonen. Deine Pokémon sind genauso wie du. 4 Attacken, von denen jede ihren Gegner umbringen kann. Was meinst du, wie ich hier ohne auch nur einen Orden hinkam, mit Hypnose! Und selbst, als Team Rocket zum zweiten Mal zerschlagen war, hattest du nicht genug. Erinnerst du dich an den Rüpel mit dem seltsamen Akzent in Azuria City? Tja, das war mein Bro, der mit meiner Familie von Einall nach Kanto gezogen war. Nachdem Tod seines geliebten Golbat, harmloser als ein Taubsi, beging er kurz darauf Selbstmord. So naiv und unschuldig war er. Er, der nie wirklich wusste, was Team Rocket beabsichtigt, aber stets sein Bestes gegeben hat. Ironisch, dass sein Leben dort endete, wo das unserer Vorfahren vor 100 Jahren begonnen hatte."


    Eine Träne rollt Yaemarus Wange herunter, doch sie erstarrt zu Eis. Du zitterst wie Espenlaub und kannst nur mit großer Mühe deinen PokéCom schnappen, auf dem die Daten deines Pokémonteams eingespeichert sind:


    Tornupto Lv 63 (m) - Flammenwurf, Donnerschlag, Erdbeben, Feuersturm
    Ampharos Lv 60 (w) - Donner, Blitzkanone, Donnerschlag, Juwelenkraft
    Dragoran Lv 59 (m) - Wutanfall, Surfer, Drachentanz, Orkan
    Machomei Lv 61 (m) - Steinhagel, Kreuzhieb, Erdbeben, Gifthieb
    Gengar Lv 60 (m) - Spukball, Finsteraura, Toxin, Giftschock
    Tauboss Lv 57 (w) - Fliegen, Orkan, Hyperstrahl, Fassade


    Das ist ein starkes Team. Die beeindruckenden Daten deines Teams erfüllen dich mit Entschlossenheit. Zufrieden steckst du den Pokécom wieder in deinen Rucksack.


    Yaemaru hebt ihre Arme seitlich an, als ob sie das Ganze nicht gewollt hätte. Sie scheint nicht sauer zu sein, doch sie hat auch nicht gelächelt, seit sie hier steht. In ihrer linken Hand befindet sich ein Pokéball, den sie eben von ihrem Gürtel gelöst haben muss.


    "Ich könnte einfach warten, bis du von deinem Vorbild, dem großen Helden ... Red ... niedergeschlagen wirst und deine Pokémon sich in Asche verwandelt haben. Doch da es um meinen Bruder geht, nehme ich die Sache selbst in die Hand. Wie fühlt es sich an, so kurz vor dem Ziel zu scheitern? Alles, was man auf sich genommen hat, ist nun umsonst. Ich denke, viele Leute, denen du begegnet bist, werden diese Situation logisch nachvollziehen können. Welp. Es gibt nicht mehr viel zu sagen, buddy. Go, Kingdra!"




    Team Rocket Yaemaru möchte kämpfen! Team Rocket Yaemaru schickt Seedraking in den Kampf!
    Du klappst deinen Pokécom auf und scannst deinen Gegner.
    Seedraking Lv 91 (w).


    *You feel like you're going to have a bad time.


    Los, Dragoran!
    Das gegnerische Seedraking setzt Drachentanz ein!
    Seedrakings Angriff steigt. Seedrakings Initiative steigt.
    Dragoran schreckt zurück!
    Du schlussfolgerst daraus, dass Seedraking einen King-Stein tragen muss.


    Das gegnerische Seedraking setzt Drachentanz ein!
    Seedrakings Angriff steigt. Seedrakings Initiative steigt.
    Dragoran benutzt Wutanfall! Die Attacke ist sehr effektiv!


    Mit Drachentanz hast du auch immer sehr gerne gekämpft, um deine Gegner nicht nur zu schlagen, sondern zu brüskieren, zu zerschmettern, zu demütigen, zu vernichten.


    *You felt your sins crawling on your back.


    Das gegnerische Seedraking setzt Wutanfall ein! Die Attacke ist sehr effektiv.
    Dragoran wurde besiegt.


    Nicht nur besiegt, sondern tot. Ein Szenario, das schon in dem alten Klassiker Locke's Challenge hinlänglich beschrieben wurde. Der Tod deines Pokémon. Fünf hast du noch zur Auswahl, doch du siehst kein Licht am Ende des Tunnels. Nur das gähnende Höhlenmaul des Silberbergs. Selbst das Pokémon Center hat seine Lichter erlöschen lassen. Hier würde sowieso nie ein Trainer vorbeikommen.


    *This is the end.

  • Ich gebe doch nicht auf! Ich bin Undying!

    Englisch mitten im deutschen Fließtext, nur um Undyne einzubringen, darüber kann man ja streiten. Alternativ hättest du ja das Kunstwort "Unsterblych" nehmen können, hätte aber auch nicht besser gepasst, finde ich.


    Hallo Katzendämon! Nachdem ich Miiiiiiin ja bis auf ein paar Dialoge auch noch nicht kenne, war die Vorgeschichte für mich natürlich etwas ganz Neues. Ich finde aber, dass man durch diese paar Ereignisse schon ein gutes Bild vom Charakter und dem, was aus ihr später wird, bekommt, wobei vor allem der Charakterwechsel für einen enormen Umschwung gesorgt hat. Dafür ist allerdings auch einiges passiert, was überhaupt dazu geführt hat, allen voran die Geschwister. Ich frage mich ja, woher dieses Gen kommt, dass jeder auf seine eigene Art wahnsinnig wird (obwohl Malcolm Mittendrin auch schon so etwas Ähnliches hatte). Scheint wohl einfach an der Generation zu liegen.
    Auf jeden Fall legt Min es ja auch darauf an, mit den anderen in Konflikt zu treten und sie zu provozieren, was dann über die Jahre auch dazu geführt, dass der Hass untereinander wächst. Das ist ja nie so ganz aufgegangen, warum es überhaupt dazu kam. Geschwister neigen von sich auch zwar schon dazu, sich zu necken, aber dass es so ins Extreme bis hin zur vermehrten Körperverletzung geht, da dürfte schon ein bisschen mehr reinspielen.
    Wie erwähnt, es lässt schon mal darauf schließen, dass das in Eis gehüllte Ereignis einen Schalter umgelegt hat. Ob nun zum Positiven oder Negativen, darüber lässt sich streiten (aber ich schätze mal, du würdest es anhand der Folgegeschichte eher als Erfolg ansehen. Oder auch nicht).


    Wir lesen uns!

  • Englisch mitten im deutschen Fließtext, nur um Undyne einzubringen, darüber kann man ja streiten. Alternativ hättest du ja das Kunstwort "Unsterblych" nehmen können, hätte aber auch nicht besser gepasst, finde ich.
    Hallo Katzendämon! Nachdem ich Miiiiiiin ja bis auf ein paar Dialoge auch noch nicht kenne, war die Vorgeschichte für mich natürlich etwas ganz Neues. Ich finde aber, dass man durch diese paar Ereignisse schon ein gutes Bild vom Charakter und dem, was aus ihr später wird, bekommt, wobei vor allem der Charakterwechsel für einen enormen Umschwung gesorgt hat. Dafür ist allerdings auch einiges passiert, was überhaupt dazu geführt hat, allen voran die Geschwister. Ich frage mich ja, woher dieses Gen kommt, dass jeder auf seine eigene Art wahnsinnig wird (obwohl Malcolm Mittendrin auch schon so etwas Ähnliches hatte). Scheint wohl einfach an der Generation zu liegen.
    Auf jeden Fall legt Min es ja auch darauf an, mit den anderen in Konflikt zu treten und sie zu provozieren, was dann über die Jahre auch dazu geführt, dass der Hass untereinander wächst. Das ist ja nie so ganz aufgegangen, warum es überhaupt dazu kam. Geschwister neigen von sich auch zwar schon dazu, sich zu necken, aber dass es so ins Extreme bis hin zur vermehrten Körperverletzung geht, da dürfte schon ein bisschen mehr reinspielen.
    Wie erwähnt, es lässt schon mal darauf schließen, dass das in Eis gehüllte Ereignis einen Schalter umgelegt hat. Ob nun zum Positiven oder Negativen, darüber lässt sich streiten (aber ich schätze mal, du würdest es anhand der Folgegeschichte eher als Erfolg ansehen. Oder auch nicht).


    Wir lesen uns!

    Ooooh du kennst also auch Malcolm mittendrin? Ich habe mich zwar an keiner Stelle von dieser doch genialen Serie beeinflussen lassen, aber wo dus sagst ... vielleicht liebe ich einfach nur das Wahnsinnige und ganz knusper ist diese Familie ja wirklich nicht.
    Ja, ich wollte aufzeigen, dass Mina damals eher noch etwas schüchtern und ängstlich gewesen ist. Das Finale der "echten" Geschichte ist nichts für schwache Nerven, das hätte Min sich nie getraut, gegen die zu kämpfen, bei dieser allgegenwärtigen Lebensgefahr.


    Also die große Schwester wird vom Vater weitestgehend ignoriert, weil der den Sohn in den Himmel hebt. Min ist aber das kleinere, schwächere Opfer, das immer den Nesthäkchenbonus genießt. Da geht sie den einfachen Weg, ihren Frust abzulassen. Der Bruder sieht seine große Schwester aber auch als Vorbild und lässt sich von ihr leicht einspannen.


    Naja Min hat die Welt gerett- ... manchmal lässt sich wirklich drüber streiten, ob das ein so großer Erfolg ist in Anbetracht mancher Kreaturen.


    Danke für dein Kommentar!

  • Dazu gibts eigentlich nicht so viel zu sagen.


    Ob man die ganzen Sachen auch als Einzelne Kurzgeschichte abseits von Min versteht, kann ich nicht sagen:


    aber @Kuzunoha versteht sie bestimmt: alles Gute!



    Am Strand von Ios




    Hades, du blöde Sau. Ich beneidete diesen Typen, ganz ehrlich. Während ich mich auf meinem Liegestuhl am wunderschönen Strand von Ios räkelte, die Sonne meinen Körper einfärben ließ und genüsslich an meinem blauen Cocktail nippte, war mir klar geworden, dass dieser Kerl in einem Land beheimatet war, in dem zu über 90% die Sonne schien. Der olle Amida hatte mir erzählt, dass Menschen nicht nur als Gott, sondern auch als eifersüchtiger Gott wiedergeboren werden konnten. So eine eifersüchtige Göttin war ich gerade - mehr oder weniger ... und eben in Urlaub. Selbst Götter brauchten mal Urlaub! Immerhin ging ich langsam auf die 3.000 zu und wer wusste, wann ich nochmal die Möglichkeit hatte, in meiner jetzigen Form etwas durch die Gegend zu tingeln? Sich mit den ganzen Totenköpfen auseinanderzusetzen war schließlich ein anstrengender Knochenjob ... im wahrsten Sinne des Wortes. Und mal ganz davon abgesehen, dass sich der allmächtige Christengott meiner Theorie nach seit der Justinianischen Pest auf Kur wegen "Erschöpfungssyndrom" befand ... da hatte ich mir die Auszeit hier auf der Insel Ios in der südlichen Ägais, ganz in der Nähe von Santorini, redlich verdient. Der Urlaub in der Bretagne war schließlich eine Geschäftstreise gewesen!


    Ios war eine tolle Insel. Hier gab es Legenden, so wie die Legende der Sphinx Calypso, die hier Schabernack in einem See trieb und von zwei mutigen Abenteurerinnen aufgehalten wurde. Hier gab es traumhafte Strände und die gleiche kykladische Architektur wie auf Santorini mit den kleinen, kubischen Häusern in Schneeweiß und ihren blauen Kuppeln. Und, das unterschied diese flachere Version ihrer Schwesterninsel auch von ihr: hier gab es sogar ein relativ ausgeprägtes Nachtleben. Aber wie die Unterwelt hier in Griechenland aussah, wusste ich leider noch nicht! Sorglos baumelte mein langer, schwarzer Pferdeschwanz im Wind, während sein Ende ein kleines Stück im heißen Sand versunken war. Feuer und Hitze konnten mir nicht viel anhaben, denn nachdem ich meinen allersten Tod durch Feuer gestorben war, konnte mich nichts mehr erschrecken. Ich nahm meine schwarze Sonnenbrille ab, stellte das Cocktailglas auf ein kleines Tischchen und erhob mich. Die Frau, die dem griechischen Rezeptionisten als die etwas ausgefallenere Touristin aus Japan namens Rin bekannt war, war eigentlich ein flauschiges Etwas mit dem wunderschönen Namen Ran, das man in dieser Welt auch Vulnona nannte. Aber auch dies war nur meine aktuelle Wiedergeburtsform, die so lange währte, bis dieser Körper so zerfallen war wie der Staub auf Aladdins Teppich. Auf Izanami, die Todesgöttin, würde niemand kommen.


    Ich zog meinen kurzen, schwarzen Stufenrock für den Strand über und schlenderte Richtung Taverne. Die lange Zeit als Füchsin prägte meine Hungergefühl auch in der Menschenform, sodass ich wohl öfter Nahrung zu mir nahm als gemeinhin üblich. Taktvoll bewegte sich mein bauschiger Fuchsschweif zu meinen Schritten über die Steinplatten, denn er war das Einzige, was ich bei meiner Verwandlung zu einem Menschen nicht entfernen konnte. Nun, so war ich vom Beruf offiziell "Cosplayerin" mit einem niedlichen Markenzeichen - andere Kasper waren ja auch vom Beruf "Youtuber", "Guru" oder "Lügenlord". Auf letztere Gruppe, die Politiker, waren gerade die Griechen ja nicht besonders gut zu sprechen, wie Hera auf Zeus nach einer x-beliebigen Ehekrise, dabei waren es doch diese Griechen, die so etwas wie Politiker erfunden hatten, selbst das Wort stammte von dort! Als ich meinen Ellenbogen auf eine Theke des mit Bast bedeckten Tavernchens legte, mich nach vorne beugte und versuchte, so viele Düfte wie nur möglich zu erschnuppern, fiel mir in meinem Augenwinkel ein Periptero auf, das in Strandnähe direkt hinter der Grenze der Hotelanlage platziert war. Diese Kioske besaßen ein Monopol auf Zigaretten und trieben etwa die Hälfte ihres Umsatzes darüber rein, da auch fast die Hälfte aller griechischen Männer rauchte. Ich tapste nun auf diesen Periptero mit seiner sehr engen, rechteckigen Verkaufsfläche aus Holz und den gewaltigen, roten Markisen zu und warf einen Blick in die ebenso rote Eistruhe mit der Aufschrift "Algida", in der sich die unterschiedlichsten Stieleissorten befanden.


    "Ya sou! Ego ... I want to take ... ena pakéto tsigára ... and this ice cream here", sagte ich dem Verkäufer in einem Mischmasch aus Griechisch und Englisch, bevor er mir die Sachen aushändigte, ich sie freundlich entgegennahm und mich hinter einem Olivenbaum versteckte, um eine Zigarette an meinem Schweif zu entzünden: "Evcharisto ..." Nur einer vieler großartiger Kitsune-Zauber. Dabei starrte ich einem Ninjask direkt in die roten Facettenaugen, das mich verschmitzt anzischte, wie es Zikaden eben taten. Auf dem Weg zurück zur Taverne verschaffte ich mir meinen Überblick für mein potentielles Essen, bis ich schließlich selbst einen Teller nahm und diesen mit gebratenem Lammfleisch, Calamari und Fisch so wie einiger vegetarischen Köstlichkeiten wie mit Reis gefüllten Weinblättern, Oliven und Fetakäse füllte, auf die ich als Füchsin nie Lust gehabt hätte. Es war so traumhaft, auf den blauen Holzstühlen mit Meerblick sich die Haare durch den Wind durcheinanderwirbeln zu lassen, ohne Planungen anstellen zu müssen, welcher Schwerverbrecher welche Hölle zugewiesen bekam. Ich brauchte einfach mal Ruhe vor meinen Kunden, denn gerade die letzten Monate waren mit all diesen Pokémonkämpfen als Toukas Vulnona anstrengend genug gewesen, gerade der Kampf gegen Min hatte mich sehr mitgenommen. Aber was Hades mit den Mitgliedern der Chrysi Avgi machte, interessierte mich schon sehr.
    Ungeachtet der Uhrzeit ließ ich mir vom Kellner einen Ouzo bringen, der meine Kehle zu verbrennen schien, als ob meine eigene Fuchsform mir einen Flammenwurf durch den Mund jagen würde. Ob ich Chinesin sei, fragte er.



    "Nee ... Nordkorea. Der Dicke hat mich aus dem Land geworfen ... damit er der Schönste im Land sein kann!", saugte ich mir mal wieder eine völlig falsche Anekdote aus den Fingern. Aus den Lautsprechern der aus rustikalem, dunklen Holz gebauten Taverne entflohen die verspielten Klänge der Bouzoukis, der griechischen Lauten oder wie ich sie gerne nannte: Griechen-Shamisen. Der Strand, der sich natürlich außerhalb der Anlage fortsetzte, war außerhalb dieses touristischen Interessenbereiches wie ausgewechselt. Ich erkannte Plastik, Glas, Papier und Netzstücke, die von den Dünen halb begraben wurde, sodass der Nächstbeste reintreten konnte und sich die Haxen verstauchte, während die Wingull sich den "Letztes Abendmahl-Simulator" gönnen konnten. Umweltverschmutzung stand hier offenbar noch höher im Kurs als in Japan, trotz all der Vorzüge, die Griechenland bieten konnte.


    Plötzlich klingelte mein Handy, denn jemand rief über ein Videotelefonat an, obwohl ich so gut wie nie Leuten meine Nummer gab. In meiner Menschenform waren all meine Kontakte Mittel zum Zweck, zur Manipulation, selbst meine kleine Touka hatte ich für mein eigenes Vorhaben ausgenutzt, bis mir klar wurde, dass mein Dämonenmädchen ihr unahängiges Leben mehr verdient hat als alles Andere. Familie und Freunde beschränkten sich sonst nur auf mein Fuchsrudel, in dem ich als "Ran" wiedergeboren wurde. Nun aber ging ich doch endlich dran und schaute, wer mich denn da anrief: eine junge Frau mit schulterlangen, schwarzen Haaren und drei verschiedenen Strähnen, völlig zerzaust, kniete offenbar in einem völlig unordentlichen Doppelbett und grinste mich frech an. Ihr blaues T-Shirt war bis unter die Brust hochgezogen und dort, wo es eigentlich ihren Bauch bedecken sollte, war ihr Jeansröckchen hochgeschoben und etwas seitlich verdreht, sodass ich sogar eine der Potasche sehen konnte. Unterhalb ihres Bauchs endete das Bild.
    "Min ... hast du gesoffen?", legte ich den Finger direkt in die Wunde und nahm meine Zigarette aus dem Mund.
    Doch die junge Medizinstudentin, die mich damals bezwungen hatte, kniff vor Lachen nur ihre braunen Katzenaugen zusammen und bekam sich vor Grinsen fast nicht mehr ein: "Riiiiiiiiiiiinaaaaa-sama-sempai-san-chan! Mann, ich wusste gar nicht mehr, dass ich deine Nummer hatte! Wie geht's dir, mein kleiner Pelzknäuel? Es ist ... ja hell bei dir ... und BOUZOUKI! OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOH!"
    Meine Frage hatte sich von selbst geklärt, aber eine hatte ich noch im Köcher: "Weißt du, ich mache gerade Urlaub in Griechenland und chille in einer Strandtaverne. Aber erklär mir bitte ... das da ..."
    "Nyaaa ... alsoooo ... erinnerst du dich noch an Yoshi, den du damals töten wolltest? DAS ... ist das da", zwinkerte sie mir zu und streckte leicht die Zunge heraus: "Oh, und ich hatte etwas Rotwein und Umeshu". Etwas? Etwas zu viel für sie, so weit ich wusste, trank sie so eher selten. Aber ja, Yoshi, da war ja was, das war der junge Mann, sie aus meinem Schussfeuer gestoßen hatte, denn auf Min, das arme Schätzchen, hatte ich ja auch Anschläge ausgeübt, damit sie meine Pläne nicht durchkreuzen würde. Soweit ich weiß, verstand sie sich mit meiner Touka mittlerweile bestens ... auch wenn es oft zu Meinungsverschiedenheiten kam. Ich könnte mir diese kleine Egomanin nie als Mutter vorstellen, aber wer weiß, niemand hätte auch einen Yen darauf gesetzt, dass sie auf einmal Japan oder gar die Welt vor meinen Vernichtungsplänen mit den Diclonii retten würde. Nachdenklich blickte die hübsche Min zur Seite und verzog ihre zierlichen Lippen zu einem Schmollmund, als ob irgendetwas sie gekränkt hätte: "Wir müssen uns mal wieder treffen. Fei und du mit mir im Ozeanmuseum, das war übelst cool! Mich hat die Kleine zwar auch genervt, aber dein Gesicht war ja Gold wert!" Entnervt stöhnte ich, als ich mich an dieses hyperaktive chinesische Schulmädchen entsann, das nicht mal zwei Minuten die Schnauze halten konnte und wie Klein-Eneco mit seinem ersten Wöllbällchen in einer unglaublich schrillen Stimme "MIIIIIIIIIIIIIYUUUUUUU" schrie, wo selbst die dauerzirpenden Ninjask wie reife Oliven vom Baum fallen würden.
    "Aha, und dann gemeinsam mit der Irren und Touka-chan eine Shopping Haul? Klingt ja nach Spaß ...", hauchte ich zynisch in mein Telefon.
    Schließlich wusste ich ja, dass Min solche Aktivitäten nicht gefielen und ein bisschen Revanche für diese Ozeanmuseumsepisode und den Kampf war immer gut, sodass auch ihre Reaktion entsprechend energisch ausfiel: "Ha! Ich will etwas Cooles machen, das auch Spaß macht! Keine Ahnung, Billiard spielen, Pokern oder sowas! Jedenfalls ... war schön, dich gesprochen zu haben, sag bescheid, wenn du zurück bist! Fühl dich geflaaaaaaaaaaauscht!"
    "Bye, Min-chan", verabschiedete ich mich knapp und betrachtete misstrauisch das Datum auf dem Display meines Telefons. Wir hatten schon SONNTAG? Im Urlaub verlor man sein komplettes Wochentags-Zeitgefühl, war ja nicht so, dass ich das als Todesgöttin sowieso gebraucht hätte, da die Schandflecken der Gesellschaft selbst an den höchsten Feiertagen dahinrafften, aber ich wollte es nur mal erwähnt haben. Schnell durchforstete ich mein rudimentär gefülltes Telefonbuch und tippte den letzten Namen in der Liste an.
    Raikachu - sozusagen mein kleines Stiefbrüderchen und engster Vertrauter aus meinem alten Vulpix-Rudel. Niemand ging dran, offenbar unterwegs, sodass ich ihm eine SMS schreiben musste, die er in seiner Menschenform lesen konnte:



    "Metal Leute, servus und willkommen beim Drechenlard.
    Genieß den Tag, aber pass' auf, dass du heute nicht so viel frisst, sonst bekommst du einen Bauch wie er.
    Lel.
    #Liebe und alles Gute zum Geburtstag, mein lieber Raikachu - deine Regenbogenfüchsin.
    Ran"


    Nun würde ich mich noch ein gutes Stündchen an den Strand legen und dann in die Wellen das unendlichen griechischen Meeres eintauchen. Vielleicht würde ich ja Poseidon treffen, wer weiß?

  • Endlich wird meiner geliebten Kagayaku die Ehre zuteil, die sie schon immer begehrte. Auch wenn sie in Mischblut oft genug Protagonistin das Leben schwer machen wollte und sich ständig in den Vordergrund drängte, bekam sie im Gegensatz zu vielen anderen Nebencharakteren nie ihre eigene Geschichte, bis auf einen Teil der Mu-Serie. Unsere gierige Naschkatze soll jetzt endlich ihren Nachtisch bekommen, viel Spaß! :)



    (Die genannten Städte basieren auf Albi und Toulouse, Lumyaon ist Paris, die "Ketzer" waren die Kartharer inb4 Google-Interessierte)




    Die Naschkatze



    Langsam schritt ich den roten Teppich entlang. Ein kalter Wind wehte durch das alte Gemäuer, entlang der zahlreichen Holzbänke, auf denen die Menschen hier angeblich sogar knien sollten. Dort, wo einst der Altar dieser katholischen Kirche stand, war nun ein provisorischer Thron positioniert worden. Ich bin die große Kagayaku, Kagayaku Konagata, die Zweite in der Thronfolge im Jadepalast zu Mu. Nur leider gab es nach Kyogres Wutausbruch vor über zwanzig Jahren kein Königreich mehr, das meine Dynastie beherrschen konnte.
    "Kagayaku, mein zuckersüßes Schätzchen", sprach Sezzuna, stolz auf ihren Thron sitzend, mit lieblicher Stimme zu mir: "Ich habe einen neuen Auftrag für dich." Oder ich war das kleine Kagy-Schätzchen ... ich hasste es, wenn meine große Schwester in mir immer noch ein kleines Mädchen sah. Ihre Augen leuchteten golden und smaragdgrün wie Juwelen, während die Flammen des Kronleuchters den ansonsten so dunklen Raum um den Farbton orange bereicherten.
    "Verstanden. Worum geht es genau, Sezzuna?", fragte ich die rechtmäßige Königin, die sich auch genauso gebärdete, nach Details. Seit wir beide im westlichen Königreich Hexalos angekommen waren, hatte sich das Ganze weiter verstärkt. Schließlich hatten wir uns in dem Land einen Namen gemacht und die Anerkennung ergoss sich wie Balsam über unsere unruhigen Seelen nach all den Jahren des Nomadentums.
    Die braungebrannte Sphinx, mit ihren langen, schwarzen Haaren nahezu ein Ebenbild meiner selbst, erhob sich von ihrem hölzernen Thron und schritt mit hinter ihrem Rücken versteckten Händen in ihrem goldenen Kymunos auf mich zu: "Ich möchte, dass du nach Toluzza reist. Dort in der Nähe gibt es die Stadt Alba, wo nach der Zerschlagung der 'Ketzer' eine große Kathedrale gebaut wurde. Diese Typen sollen Informationen zu Groudon besitzen, also klaue alles, was dir auffällig erscheint. Außerdem wirst du Bara mitnehmen, natürlich nicht zum Auftrag selbst, aber Ich habe demnächst nicht so viel Zeit, um etwas mit ihr zu unternehmen, weshalb sie mit dir reist und etwas von ihrer neuen Heimat sehen wird. Alles klar, mein schöner Engel? Gut." Sanft tätschelte sie meinen Kopf und lächelte mich vertrauensvoll an. Ich war eine Hand voll ausgewählter Lebewesen, denen ihr bezauberndes Lächeln zuteil wurde.


    Was gibt es noch über mich zu sagen, außer, dass ich sehr fluffig bin? Nun, ihr lernt mich sicher noch genauer kennen, doch die Tatsache, dass meine Flügel unglaublich flauschig sind, würde nur allzu leicht unter den Tisch fallen, und das, obwohl es mir schon immer sehr am Herzen lag, dies zu betonen, stellte dies doch gerade eine ganz besonders außergewöhnliche Eigenschaft dar, eine Feder, mit der sich nicht jeder schmücken konnte - im wahrsten Sinne des Wortes. Normalerweise wäre ich binnen weniger Stunden in dieses Toluzza geflogen, doch da wir Sphinxen unsere volle Flugfähigkeit erst mit etwa 18 Jahren erhielten, musste ich mit Bara den Landweg wählen. Sezzuna sich darum bemüht, dass Yomi, unsere kleine Forscherin, die wir einst aus den Fängen eines grausamen Ordens gerettet hatten, sich um ausreichend Backwaren wie Éclairs, Croissants und Macarons für die Kutschenfahrt kümmerte, damit wir immer etwas zu Essen hatten, denn wir aßen immer mehr als Andere. Yomi meinte, dass Fliegen oder Schwimmen viel mehr Energie verbrauche als Laufen, sodass wir zum Ausgleich öfter und größeren Hunger hätten. Bara, 13 Jahre, sah nahezu genauso aus wie ich vor zehn Jahren, so besaß sie ebenso zwei goldene Augen, die die Linie unseres Vaters symbolisierten, während Mama smaragdgrüne besaß.
    "Kagyyyyyyyyyyy! Schau mal, die Floette, wie sie im Herbstwind tanzen! Ist das nicht schön? Zu schade, dass bald wieder Winter ist. In Mu gab es den ja nie, hattest du gesagt", erfreute sich mein kleines Schwesterchen, während ich aus meinem wohlverdienten Dösen in der Sonne gerissen wurde und mit Wehmut an diese furchtbare Jahreszeit dachte. Es war mittlerweile September und gerade im südlichen Teil dieses Landes noch ausreichend warm, aber an die Kältewellen konnten wir uns nie gewöhnen. Verspielt ließ Bara ihren kleinen, mit einer pik-ähnlichen Spitze versehenen Schweif umherpeitschen. Das war so niedlich! Sie wurde nach unserer Flucht aus Mu im Süden des Landes Zappango geboren und das traditionelle Coupieren der königlichen Schweife entfiel für sie glücklicherweise. Ich beneidete meinen kleinen Schatz darum - wie gern hätte ich doch nur selbst einen Schweif!


    Die Reise endete vorerst in Alba. Wir erreichten die Stadt nachts und erkannten somit nur die Umrisse des Zielpunkts, der Cathédrale Sainte-Cécile. Der Name, den es in zahlreichen Variationen wie Caecilia oder Sheila gab, entstammte einer antiken Sprache namens Latein und bedeutete so viel wie "die Blinde". "Sheila" oder "Cécile" waren ja auch solche Knuddelnamen, vor denen nam nicht wirklich Angst bekam, aber wie sollte ich denn jemandem Schrecken einjagen, wenn meine große Schwester noch oft genug entgegen meinen Willen den Fehler machte, mich vor anderen Leuten "Kagy-Schätzchen" zu nennen? Manchmal war es vorteilhaft, süß zu sein, aber sicher nicht, um Kontrolle oder Macht zu erlangen. Ich seufzte. Die Kathedrale war nach der Beschreibung Yomis rot, doch diese Farbe erkannte man in der Dunkelheit kaum. Nun galt es, eine Unterkunft zu finden, bevor ich einen Plan für meinen Auftrag ausarbeiten sollte. Wäre ich nicht so unglaublich faul gewesen, hätte ich mich unterwegs an die Arbeit gemacht, aber ... ich war nicht nur eine Sphinx, sondern auch ich, was eine unglaubliche Doppelbelastung an Faulheit mit sich zog.
    Für den Weg zur Kathédrale mussten wir über eine Brücke fahren, die den Fluss Tange überspannte, doch im fahlen Licht der noch mittelalterlichen Stadt trat das rote Gemäuer des großen Gotteshauses endlich zu Tage. Unsere Yomi sollte die Architektur und Infrastruktur des Landes von Grund auf modernisieren, doch da die Hauptstadt Lumyaon, die Stadt des Lichts, so weit im Norden lag, hatten sich die Maßnahmen im Süden noch nicht verbreiten können.
    Ramponierte Häuser, stinkende, dreckige Häuser ... lediglich in der Nähe der Kathedrale selbst schien alles etwas gepflegter zu sein, sodass meine Wahl auch auf ein dort ansässige Herberge fiel: "Hier, die 'L'Auberge de Bélenne' scheint doch eine gute Wahl zu sein. Zentral gelegen ... zwar nicht Blaublütern wie uns würdig, aber dafür wohl auch günstig." Die Lehmbaracke roch zumindest nicht nach Coiffwaffpisse, was für uns mit unseren feinen Sinnesorganen wohl das wichtigste Kriterium darstellte. Dafür, dass wir mit unseren Katzenaugen, den Rabenhaaren und der dunklen Haut sehr viele abwertende Kommentare ertragen mussten, behandelten diese alten Leute uns endlich mal so ähnlich wie gleichberechtigte Wesen. In Anbetracht von Bauerntölpel von Gleichberechtigung zu sprechen, war vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber dies hatten sie sich durch ihr zuvorkommendes Verhalten verdient, denn sie boten uns sogar würzigen, aromatischen Käse, Baguette und Rotwein an. Sezzuna war im Laufe ihres Lebens zur Überzeugung gelangt, dass nur die wenigsten Menschen ein gutes Herz besaßen und es somit wie in den hunderten Jahren munesischer Herrschaft zuvor als erwiesen galt, dass diese verlorenen Voltilamm ihr Schicksal in die Pfoten einer wachen Sphinx legen sollten. Nun, wo wir unser Zimmer hatten und uns eigentlich niederlegen konnten, gab es ein Problem. Unsere Faulheit hat uns den letzten Reisetag komplett verschlafen lassen, weswegen wir, sowieso eher in den Abendstunden aktiver und motivierter, voller Unternehmungslust waren. Da alle Geschäfte in der Stadt längst geschlossen hatten und an die Kathedrale ein Friedhof grenzte, schlug ich meiner kleinen Schwester vor, eben jenen zu besuchen. Das mochte jetzt merkwürdig klingen, aber ich verband dies mit einer Kindheitserinnerung mit Sezzuna, die mich als "Mutprobe" auf den Hauptstadtsfriedhof von Mu geführt hatte. Dort hatte es zum Beispiel Zobiris gegeben, die sich an den Gräbern zu schaffen versuchten. Immerhin war Bara nun acht Jahre älter als ich damals.




    "Kagayaku ... O-neesan ... meinst du, dass irgendwo in diesem Land auch eine echte Sphinx begraben liegt?", fragte mich mein Schwesterherz mit großen Bernsteinaugen, die aufgeregt mit ihren nicht komplett ausgewachsenen Flügeln schwang.
    Ich schnaubte angesäuert: "Neeshan. Wir sind aus Mu, die Zappanganesen wollten uns doch auch nicht haben, nicht mal Mama durften wir dort beerdigen. Und zu deiner Frage ... wir sind wohl eher die ersten Sphinxen überhaupt her. Deswegen haben viele wohl auch solche Angst, denn wir sind das Unbekannte. Wir sehen nicht nur gefährlich auch, sondern wir sind es auch." Am Ende entblößte ich meine schneeweißen Reißzähne in einem warmherzigen Lächeln, um den Rüffel von wenigen Sekunden zuvor wieder gutzumachen. Ich konnte es keine Sekunde ertragen, wenn Baras kleines Gesichtchen von Traurigkeit erfasst wurde. Die eleganten Laternen bestrahlten die langen Wacholderbäume, die riesige Schatten auf die teils verwitterten und mit Moos bedeckten Grabsteine warfen. Bara, in ihrem türkisen Kymonos gekleidet, rannte durch die Reihen verschiedener urige Gräber mit rostigen, aber höchst elegant verzierten Kreuzen und kleinen Laternchen, aus denen ein kleines Licht als ewiges Gedenken an die Verstorbenen flackerte.
    "Ici repose ... hier ruht ...", hieß es auf den rechteckigen Steinplatten und Sarkophagen, die mir noch etwas befremdlich vorkamen, da die Grabsteine in Mu aufrecht standen. In meiner silber-schwarzen Leder-Eisenrüstung, aus einem hervorragend gepanzerten Brustpanzer mit spitzen Schulterteilen, einem eleganten, femininen Rockteil, das mir bei weitem nicht bis zu den Knien reichte und hohen, schwarzen Stiefeln, stolzierte ich über den Friedhof und betrachtete die angrenzende Kathedrale. Sie war wirklich ein ganz besonderes Schmuckstück und so komplett anders als die weißen Tempel mit ihren zwei Türmen im Norden, in Raimis, Amyaan und Lumyaon. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie die Königin dieser letzten Ruhestätte und es sollte nicht lange dauern, bis ich auch Bekanntschaft mit meinem Volk machen durfte. Mein bis zum Po reichender tiefschwarzer Pferdeschwanz schwankte nach jedem meiner Schritte im Winde, wie das Pendel einer alten Uhr. Er musste eine hypnotisierende Wirkung auf Außenstehende ausgeübt haben, selbst, wenn sie eher von meinem eleganten Hinterteil gefesselt waren. Zugegeben, ich war schon ziemlich eitel, aber ohne meine ganzen Schwächen, also nahezu alle Todsünden, wäre ich wohl so perfekt, dass ich wieder unsympathisch scheinen würde.
    Als Zuneigungsbeweis leckte ich Bara mit meiner rauen Zunge über ihre Wange, worauf sie sich mit einem glücklichen Kichern bedankte: "Heeey, das kitzelt, Kagy!" Doch dies sollte nicht unbeobachtet bleiben, denn unmittelbar vor uns manifestierten sich violette Lichter. Sofort aktivierte sich in mir der Drohmodus: meine Muskeln spannten sich an, die goldenen Augen färbten sich zunehmend orange und aus meinem mit messerscharfen Zähnen ausgestatteten Mund entsprang ein martialisches Fauchen. Niemand würde Bara etwas antun, NIEMAND! Schnell suchte meine Schwester Schutz hinter meinen großen Flügeln, so wie ich damals bei Sezzuna, als ich zum ersten Mal die Zobiris sah. Zwei Nebulak und ein Alpollo blickten uns mit ihren unheimlichen, verzerrten Fratzen an.
    "Bara, bleib hinter mir. Du musst keine Angst haben", flüsterte ich dem verunsicherten Mädchen ins Ohr: "An mir kommen die nicht vorbei!" In meinem Pferdeschwanz verbarg sich eine Art kieferförmiges Horn, wie bei einem Flunkifer, das als einer unserer Ahnen galt.
    So erwiderte ich den Horrorblick der Geister mit doppeltem Fauchen und insgesamt über 60 Zähnen aus zwei Mäulern - das große Säbelrasseln schien kein Ende zu nehmen, bis ausgerechnet das junge Sphinxen das Wort ergriff: "Wer seid ihr und was wollt ihr? Wir möchten uns nur den schönen Friedhof anschauen, denn wir können nicht schlafen!"
    "Diese Nebulak waren einst Kreuzzügler, die die Ketzer ausrotteten. Ich war einst ein Glurak, das ihnen half, alle niederzubrennen. Der Geistliche sagte, dass die Unschuldigen die Flammen der Läuterung überleben würden. Es stimmte nicht und nun, blind im falschen Gotteswahn, müssen wir seit fast 500 Jahren als Geister unsere Existenz fristen", erklärte das Alpollo, das das eiskalte, blaue Leuchten aus seinen Augen beendete: "Unsere Sünde ist so groß, dass wir nun in dieser Form büßen und sühnen müssen."
    Ich hatte wie auch meine Schwestern in Abkehr an die Götter von Mu, die unsere Heimat nicht zu retten vermochten, mich der Lehre des Buddhas zugewandt und wusste, dass sie von Reinkarnation sprachen: "Ihr wurdet also als diese hungrigen Geistwesen wiedergeboren, weil ihr hungrig nach dem Gold der Kirche wart."
    "Die Ketzer, die vor allem in dieser Stadt hier lebten, besaßen auch viel Gold, das wir haben wollten. Unsere Gräber sind lange zerfallen, der Name Geoffroy de Tonberre, eines einfachen Kreuzritters, ausgelöscht aus der Geschichte und unser Gold wohl verschüttet unter feuchter Erde, doch eins hat der Kreuzzug geschafft: er hat den Süden dieses Landes dem Norden unterworfen", versuchte sich eines der Nebulak für seine Freveltaten zu rechtfertigen.
    Ich schnaubte voller Verachtung: "Da seid ihr doch selber schuld. ich tue mich schwer, mit Wesen Mitleid zu empfinden, die dumm UND bösartig sind. Vor mir, der großen, funkelnden Kagayaku, liegt eine strahlende Zukunft unter der Sonne Buddhas. Die Schwingen meiner großen Schwester werden bald das ganze Land bedecken und vor der eisigen Schneedecke des erbarmungslosen Winters schützen und wärmen!"
    "Das hast du aber schön gesagt, du scheinst aus gutem Hause zu kommen", staunte das andere Nebulak, überraschenderweise eine ehemalige Frau, mit offenem Mund: "Aber wer ist denn Buddha?" Die armen Irren hatten also noch nie von Buddha gehört.
    Gerne hätte ich mich bei einer köstlichen Mahlzeit auf einen der Grabsteine gesetzt und ihnen eine Geschichte vorgelesen, doch ich hatte einen anderen Auftrag, den ich ihnen vorstellte: "Diese Tölpel in der Kathedrale sollen etwas über legendäre Pokémon wissen. Ich möchte mir dieses Wissen sehr gerne aneignen. Könnt ihr mir helfen? Das bringt euch übrigens gutes Karma und vielleicht werdet ihr beim nächsten Mal als Kindwurm oder Knacklion wiedergeboren."
    "Aber wir verraten doch nicht unsere Kirche! Wir sind gute Gläubige!", fuhr das Alpollo entrüstet auf und hielt sich vor Schreck die Hände vor den gezackten Mund, als ob ich es zutiefst beleidigt hätte.
    Ebenso eingeschnappt kreuzte ich meine Arme vor der Brust und forderte Bara mit einer energischen Kopfbewegung zur Umkehr auf: "Dann nicht! Wenn ihr mir nicht helft, werdet ihr sicher als Sonnkern wiedergeboren, damit ihr später als Sonnflora von vermilbten Taubsi und Habitak die Kerne aus der Blüte gepickt bekommt!" Während die drei Geister verdutzt über das Phänomen der Wiedergeburt zurückblieben, stolzierte ich mit meiner Schwester in die Herberge, um erholsamen Schlaf zu finden.


    Am nächsten Morgen, oder besser gesagt am anbrechenden Nachmittag, da die Kirchuhr bereits 1 Uhr zeigte, war ich bereit, die Festung Kathedrale zu stürmen. Nicht dass ich es vorgehabt hätte, aber rein theoretisch hätte ich das gesamte Gebäude verwüsten können, was potentielle Gegner doch abschrecken müsste. Das zweite Gästezimmer war von einem Mädchen mit zwei langen, blonden Pferdeschwänzen bezogen worden, das sich angeregt mit Bara zu unterhalten schien. Ich, als Letzte wach geworden, stellte mit Unbehagen fest, wie das Eisauge an einer goldenen Kette mit Christenkreuz herumspielte.
    "Glaubst du an den Gott?", fragte ich, aus Sicht der Meisten völlig aus heiterem Himmel, und kämmte mir mit einem Schildpattkamm mein langes Haar.
    Die Jugendliche, mit einem Dedenne auf der Schulter und noch knapperer Kleidung als ich ausgestattet, schlürfte ein Glas Milch und antwortete mir selbstbewusst: "Gott ist mein Notnagel, falls wirklich alle Stricke reißen, aber bis jetzt war auf ihn NIE Verlass."
    "Vorzüglich, darf ich dich bekehren?", schlug ich mit funkelnden Augen vor und rieb mir die Hände, ein neues Mitglied in unserer buddhistischen Glaubensgemeinschaft begrüßen zu dürfen.
    Doch ausgerechnet meine süße Bara machte mir einen Strich durch die Rechnung: "Hey, wenn wir Toluzza heute noch sehen wollen, solltest du erstmal deinen Auftrag erfüllen. Ich bleibe bei Marie und dem alten Pärchen, wir passen schon alle aufeinander auf!" Richtig, da war ja was. In Sekundenschnelle verließ ich die Herberge, flatterte kräftig mit meinen Schwingen, sodass ein kleiner Laubwirbelsturm durch die Straßen Albas fegte, und begab mich in die Luft. Stolz wie eine antike Basilika ragte die rote Kathedrale Saint-Cécile in die Luft, eine unfassbar charmante Schönheit, und doch mir in allen Punkten unterlegen. 13 große Säulen am Längsschiff und ein riesiger Turmkomplex an der Vorderseite veredelten ihre Erscheinung. Über das Dach einzudringen käme vielleicht sowieso etwas zwielichtig rüber, weswegen ich mich für den Vordereingang entschied. Irgendjemand würde einer "schwarzen, geflügelten Katzendämonin", wie mich viele Menschen nannten, sicher helfen, nicht so wie diese unredliche Geisterbande, die ich mir nun als bewegungslose Burmy in einem lärmenden Armenviertel Lumyaons im kommenden Leben ausmalte.




    "Was zum ...", begrüßte mich ein bärtiger, alter Geistlicher mit Kapuze und offenem Mund.
    Ich tat das, was eine Kagayaku besonders gut konnte, nämlich ihn mit einem bezaubernden Zwinkern und einem umwerfenden Raubkatzenzwinkern zu betören: "Bonjour, ich bin die große Kagayaku~"
    "Das ist ja ein Succubus Satans!", musste ich mir von dem Kerl gefallen lassen, sodass sich meine fröhliche Miene in einen beleidigten Schmollmund verwandelte.
    Doch anstatt dass meine goldenen Katzenaugen in das zornige Orange wechselten, weiteten sich vor Bewunderung dieses altehrwürdigen, wunderschönen Ortes: "Nanana, so begrüßt man aber keine Gäste, die dieser großartigen Kathedrale ihren Respekt zollen wollen, nicht wahr, mon ami~?" Zahllose Holzschnitzereien, Goldverzierungen und ein blau-golden bemalter Sternenhorizont schmückten das katholische Gotteshaus und zog mich, wie Sezzuna eine begeisterte Freundin eleganter Architektur, sofort in seinen Bann.
    "Ach übrigens, bevor ich es vergesse", erinnerte ich mich wieder an meinen eigentlichen Besuchsgrund: "Ich möchte gerne die Geschichte vom Legendären Pokémon vorgelesen bekommen." Ich würde niemals diesen für Sezzuna und genauso für mich so wichtigen Auftrag in den Sand setzen!
    Leider reichte dieser Satz schon aus, um bei dem alten Greis alle Alarmglocken schrillen zu lassen: "Nein! Niemals, Succubus Teufelsbiest!"
    "Och biiiitteeeee!", flehte ich ihn mit gefalteten Händen und Miezenmitleidsmiene an, doch vergeblich. Plötzlich tauchten viele hungrige, rosafarbene Augen auf, die vom oberen Stockwerk aus nach gierig nach unten starrten. Die überwiegend gelblich-braunen Pokémon federten ihren Sprung nach unten problemlos ab und geiferten. Auch wenn ich manchmal süß aussehen konnte, begehrten diese Flauschling und Sabbaione doch wahrscheinlich richtige Desserts, die sie wohl von dem alten Sack versprochen bekamen.
    "Kagy! Ikatós! Ikatós! Yaaaay! Mach' sie fertig!"
    Für einen Moment blieb mein Herz stehen, als ich mich nach hinten drehte.
    "Bara?! Ich habe dir gesagt, dass du weg bleiben sollst! Das ist zu gefährlich!", klagte ich, doch mein Schwesterchen, die sich ein blau-weißes Oberteil und einen dazu passenden, kurzen Faltenrock angezogen hatte, tänzelte auf einem Bein, schwang munter flauschige, weiße Bälle in die Luft, und feuerte mich weiter an: "Marie hat gesagt, dass sort viele Pokémon etwas bewachen müssen. Deswegen wollte ich dir helfen, so wie du damals Sezzuna geholfen hast, als sie gegen Brutalanda gekämpft hatte!" Sie sah aus, wie ein niedliches, kleines Papungha.
    Angst und Wut bezüglich ihres törichten Verhaltens quillten in mir auf wie kochend heiße Fischsuppe: "Da war ich ja auch erst elf, da sind solche Dummheiten noch tolerierbar! Du hingegen bist schon eine junge Lady!"
    "Eine zwei Jahre ältere junge Lady als du damals, die sich auch viel besser verteidigen kann! Außerdem hast du früher auch nie auf Sezzu gehört, weil sie dich zu sehr bemuttern wollte", zwinkerte mir Bara-chan zu, während ich deprimiert meinen Blick wieder nach vorn richtete. Dagegen konnte ich nichts sagen. Neben Eis war unsere größte Schwäche einfach Übermut, denn als mächtige Sphinx wäre die junge Kagayaku eben auch mit elf Jahren nie auf den Gedanken gekommen, dass der große, mächtige Drache ihr auch einfach das Genick hätte durchbeißen können.
    Doch bevor ich mich versah, hatte der Kerl seinen Untergebenen befohlen, meine Beine mit ihren klebrigen Zuckerstrahlen zu umschließen! Yomi hatte mir gesagt, dass sich diese Tiere nur von Süßem ernährten und ihre Zuckerkonzentration so hoch ist, dass sie damit zur Genüge angreifen konnten. Was konnte ich, ein Todesengel der Zerstörung also tun, um diesen Kampf in einer wohlgemerkt am Ende intakten Kathedrale zu meinen Gunsten zu entscheiden? Ich ging meine Attacken durch, während sich die zuckersüßen Fäden mit mir nun in die Luft erhoben: Steinkante, Luftstoß, Erdbeben, Flammenwurf, Orkan, Sandgrab ... aus der Ferne war ich leider zum Vernichten geboren, sodass eigentlich nur der Knirscher übrig bleiben würde. Zwar war ich eine große Naschkatze und deren Fell soll angeblich angenehm süß schmecken, doch ich zweifelte insgeheim daran, dass ihr Körper unflexibel genug wäre, um sie zu verschrecken, denn ich wollte diese Pokémon nicht töten. Also gleitete ich zu meinen Gegner hin, während ich in meinen Augenwinkeln missmutig wahrnehmen konnte, wie mir Bara nachrannte, um ihre große Schwester noch näher im Kampf zu sehen ... Ich ging vor einem der Flauschling in die Hocke, zwinkerte ihm zu und küsste ihm auf die Wange. Es schmeckte nach zuckersüßer Schokoladenzuckerwatte, die ich mit meiner Zunge in meinen Mund beförderte. Alleine schon durch meinen Anblick wie gelähmt, ergab sich das erste Flauschling meinem Charme und kippte nach dem ersten Diebeskuss um.
    "Das ist schon ziemlich scheiße, einen Succubus Satans als Gegner zu haben, nicht wahr?", verhöhnte ich den Geistlichen mit Unschuldsmiene und seitlich nach oben erhobenen Händen, bereits wieder in der Luft flatternd: "Also sei kein Frosch und gib mir, was ich suche. Ich hatte nun richtig Hunger auf Süßes!
    Ein anderes Flauschling fand diese Ansprache ziemlich lustig und kicherte: "Ahaha! Ahaha! A Frosch!", wurde jedoch durch einen gezielten Windstoß ans andere Ende der Kathedrale befördert, womit der zweite Gegner ausgeschaltet war - von etwa einem Dutzend. Meine kleine Bara war völlig begeistert und brach in Jubelstürme aus. Leichte Attacken reichten also wohl gerade so, um den Gegner nicht gleich mehrere Organe zu verletzen. Als sich die Feinde immer mehr zurückzogen, befahl der alte Mann, ihnen Surfer einzusetzen. Er wollte seine eigene Kirche unter Wasser setzen? Ich flatterte etwas höher, als sich die Welle anbahnte, war dann aber ohne Bedenken, auch wenn ich bisher nicht wusste, dass die Flauschling sowas lernen konnten. Doch das Wasser war bei genauerem Hinsehen Gelb! Bara, die, noch nicht durch Flug ausweichen konnte, wurde von der Welle erfasst und zu Boden geworfen. Zwar versuchte sie, auf einer Kirchbank Schutz zu suchen, doch das Zeug schien unheimlich zähflüssig zu sein, sodass sie sich aus eigener Kraft nicht mehr aufrichten konnte. Während die gelbe Brühe eigentlich ungehindert nach draußen floss, staute sie sich an Bara und begann, mein Schwesterchen zu ummanteln. Mehrmals fiel sie um und stürzte zu Boden, doch ich konnte ihr nicht zur Hilfe eilen! Als die Zuckerwattefäden mich an Flügeln, Armen und Beinen packten und versuchten, in die glibbrige, immer gallertähnlichere Brühe zu werfen und ich mich nur mit Not in der Luft halten konnten, blutete mein Herz, die hilflose Bara immer weitere Angriffswellen einstecken sehen zu müssen. Auch wenn ich mir sicher war, dass es ihr nicht weh tat, wäre sie fernab meines Kampfes eben doch besser aufgehoben gewesen. Als mich die Wut dann packte, wurde zwei der Flauschling durch eine Glut kohlenschwarz gebrannt. Statt mich von ihnen wegzubewegen und die klebrigen Fäden anzuspannen, bewegte ich mich auf die Pokémon zu, sodass sie ihnen nicht mehr viel brachten. Ich ließ meine Federn erstarren und wischte durch Stahlflügel mit den acht Verbliebenen den klebrigen Boden auf!
    "Hehe, Bara-chan, geschafft!", verkündete ich stolz und flog zu der Kleinen, doch ich erhielt keine Antwort. Ihre großen, goldenen Augen blickten mich ängstlich wie sonst nur unsere Beutetiere an, ihr Mund mit den spitzen Zähnchen offen, also wollte sie mir eine letzte Anfeuerung mit auf den Weg geben, ihre Pompoms fest umklammert. Ich berührte das Material mit den Fingern, doch es war bereits zu fester Gelatine geworden und Bara war darin eingeschlossen, mitten in in einem letzten Versuch, sich zu befreien, erstarrt!


    "Eigentlich habe ich dich ja satt", giftete ich das Sabbaione an, das letzte verbliebene Pokémon der Shiny-Bande: "Aber glaub' nicht, dass du das Ruder rumreißen kannst und damit ungeschoren davonkommst!" Ich fauchte meinen Gegner eindrucksvoll an und stürmte auf ihn mit gebleckten Zähnen zu, um das Spielchen mit Knirscher zu beenden, doch etwas anderes erreichte meinen Mund vorher. Das Sabbaione schoss große Mengen eines süßen, dunklen Sekrets aus, das ich gierig herunterschlang - es fütterte mich mit Schokolade! Der Gegner würde einen Kampf gegen mich niemals gewinnen, sodass ich ihn doch auch ruhig noch etwas ausnutzen konnte, oder nicht? Schokolade hatte ich überhaupt erst seit meiner Ankunft im Westen kennengelernt und war von Anfang an begeistert. Das Sabbaione übertrieb es jedoch völlig und spuckte die süße Flüssigkeit über meinen ganzen Körper, ja sogar meine Flügel! Erst zu spät merkte ich, dass es eine Falle war. Nachdem es mich verwöhnt hatte, setzte das Pokémon einen seiner Zuckerwasser-Surfer nach, doch ich konnte mich nicht mehr in die Luft erheben und wurde von der glitschigen Masse umgerissen. Im Gegensatz zu der warmen Schokolade war das Wasser , das mich umspülte, sehr kühl, unangenehm und aus meiner Sicht auch gar nicht so lecker. Vielleicht war es auch Rache, dass ich den kleinen Flauschlingrüden mit meinem Charme verführte hatte, sodass er mich nun mit dem besten Teil einer jeden Mahlzeit betörte. Der langwierige Kampf hatte allerdings auch den Vorteil, dass ich den Standort der Reliquie, rubinrot glänzend, ausgemacht hatte. Hoch oben, am Kirchenfenster, war ein käfigartiges Gebilde befestigt. Wer immer es dort hingebracht hatte, hatte wohl auch nicht vor, es wieder irgendwann zu benutzen. Uns zu lähmen, war die einzige Chance, die diese Pokémon, die uns nie ernsthaft verletzen konnten, doch hatten, um den Schatz zu verteidigen!
    Um immer größere Teile meines Körpers bildeten sich größere Klumpen aus der klebrigen Brühe und die Schokoladenmasse erkaltete. Nicht nur, dass ich bald zu einer Schokoladenstatue erstarren würde, nein, wie Bara konnte auch ich mich nie wieder vom Boden aufrichten und würde auf allen Vieren von dem Gelatineblock eingefroren werden. Selbst das Feuer um meinen Mund wurde immer wieder erstickt, sodass mir nur eine Wahl blieb - einen großen Feuerball so nach oben zu richten, dass er mit dem Kronleuchter kollidierte und das brennende Gerät mich befreien würde. Es musste klappen, denn schließlich war ich nun dreifach zuckersüß.


    Benommen lag ich in geschmolzener Schokolade und Gelatine, den Kronleuchter hatte ich wie geplant aus den Angeln gerissen, damit er mich aus meinem süßen Gefängnis befreien konnte. Mein Plan ... war erfolgreich gewesen! Erschrocken von seiner gescheiterten Strategie, stand das Sabbaione vor mir und starrte in mein hungriges Maul voller spitzer, weißer Zähne. Wie eine Raubkatze preschte ich nach vorne und schaltete es mit einem Knirscher aus, den Schokoladengeschmack auf meinem Mund abschleckend. In der Kathedrale gab es glücklicherweise auch Wasser, dass dafür herhalten musste, mein Gesicht zu waschen!
    Nun hatte ich auch endlich die Gelegenheit, den Gelatineblock um mein Schwesterchen mit Flammenwurf zu schmelzen und ihr wieder auf die Beine zu helfen. Fest ich umarmte sie , leckte ihr mit meiner dünnen Raspelzunge mitten über das Stupsnäschen und flüsterte ins Ohr: "Wir haben es geschafft! Bist du okay, Bara-chan?" Sie antwortete mir mit einem breiten Lächeln und eifrigen Nicken; glücklicherweise schien sie keine Schäden davongetragen zu haben. Mit meinen wieder intakten Schwingen flog nach oben, zerstörte die schützende Eisenvorrichtung und entfernte ein glänzend rotes, griechisches Buch daraus. Die Worte "Thrylos", "Elliniki" und "Groudon" konnte ich bereits entziffern, sodass ich mir sicher sein konnte, dass uns unsere Spur nach Griechenland führte. Nun mussten Setsuna und Yomi den genauen Inhalt nur noch feiner untersuchen.
    "Woooow! Kannst du das echt lesen, Kagy-neeshan?", fragte mich mein Schwesterherz mit großen Augen. Ich schwieg und wollte meine Bewunderung nach diesem im wahrsten Sinne des Wortes zähen Kampf einfach nur genießen.



    Mit dem Schatz in der einen und der quirligen Bara an der anderen Hand, konnte ich nun guten Gewissens meinen wohlverdienten Urlaub in der "Ville Rose" genießen, bevor ich Sezzuna unseren wohl bahnbrechenden Erfolg zur Wiedererrichtung Mus aushändigen würde. Nie würde ich es mir verzeihen, wenn Bara, Yomi oder irgendeinem anderen potentiellen kleinen Geschwisterchen etwas zustoßen würde! Als ich dann einen Granabeerenbaum sah, konnte ich nicht anders, als zwei Früchte abzureißen, eine mit meinen Reißzähnen zu durchbohren, den leckeren Saft zu schlürfen und meiner kleinen Naschkatze den anderen zu geben. Ich würde das Naschen wohl nie sein lassen ...




    Diese Geschichte erfüllt Elaine und all die Anderen mit DETERMINATION.

  • So erwiderte ich den Horrorblick der Geister mit doppeltem Fauchen und insgesamt über 60 Zähnen aus zwei Mäulern

    Allein die Vorstellung dieser Szene fand ich ja echt amüsant, wie sich die beiden Parteien gegenseitig anfauchen und niedermachen wollen. Ich denke zwar nicht, dass Kagayaku mit ihrem versteckten Maul tatsächlich fauchen kann, aber wer weiß.


    Hallo Katzendämon! Nachdem ich erst vor kurzem Mischblut vollständig gelesen habe, konnte ich nun mit den Charakternamen und dem Setting natürlich etwas mehr anfangen, weil vieles schon bekannt war. Tatsächlich ist die Geschichte aber sehr unabhängig vom ursprünglichen Geschehen und man kann sie auch ohne Vorwissen gut lesen. Es war aber auch mal Zeit, dass Kagayaku ihren ganz persönlichen Plot in einer Kurzgeschichte bekommt und noch dazu mit einer jüngeren Schwester in Begleitung erscheint. Wenigstens haben die Sphinxen für ausreichend Nachwuchs gesorgt!
    Den Plot mit Groudon und Kyogre zu verbinden fand ich ganz okay als Nachwirkung der Hauptgeschichte. Immerhin fand ja fast die komplette Zerstörung der Region bevor, als die Proto-Formen erweckt wurden und damit in Zusammenhang einen kleinen Kult aufzubauen ist dir ganz nett gelungen. Wobei Kult halt auch nicht so richtig stimmt, aber immerhin hatten sie schon ihren Stützpunkt gebaut. An der ganzen Szene in der Kathedrale gefällt mir, dass du die bisher eher unscheinbaren Pokémon Flauschling und Sabbaione verwendet hast und ihnen dank ihrer süßen Natur auch einige tolle Attribute für Angriffe und Ablenkungen gegeben hast. Dadurch erklärt sich dann auch die Naschkatze, die Kagy in ihrem Inneren ja doch ist und so am Ende auch den Feind in die Flucht schlagen kann. Es ist eigentlich genau die Geschichte, die sie verdient hat und die auch perfekt präsentiert, wie sie ist und das finde ich toll.


    Wir lesen uns!

  • Allein die Vorstellung dieser Szene fand ich ja echt amüsant, wie sich die beiden Parteien gegenseitig anfauchen und niedermachen wollen. Ich denke zwar nicht, dass Kagayaku mit ihrem versteckten Maul tatsächlich fauchen kann, aber wer weiß.
    Hallo Katzendämon! Nachdem ich erst vor kurzem Mischblut vollständig gelesen habe, konnte ich nun mit den Charakternamen und dem Setting natürlich etwas mehr anfangen, weil vieles schon bekannt war. Tatsächlich ist die Geschichte aber sehr unabhängig vom ursprünglichen Geschehen und man kann sie auch ohne Vorwissen gut lesen. Es war aber auch mal Zeit, dass Kagayaku ihren ganz persönlichen Plot in einer Kurzgeschichte bekommt und noch dazu mit einer jüngeren Schwester in Begleitung erscheint. Wenigstens haben die Sphinxen für ausreichend Nachwuchs gesorgt!
    Den Plot mit Groudon und Kyogre zu verbinden fand ich ganz okay als Nachwirkung der Hauptgeschichte. Immerhin fand ja fast die komplette Zerstörung der Region bevor, als die Proto-Formen erweckt wurden und damit in Zusammenhang einen kleinen Kult aufzubauen ist dir ganz nett gelungen. Wobei Kult halt auch nicht so richtig stimmt, aber immerhin hatten sie schon ihren Stützpunkt gebaut. An der ganzen Szene in der Kathedrale gefällt mir, dass du die bisher eher unscheinbaren Pokémon Flauschling und Sabbaione verwendet hast und ihnen dank ihrer süßen Natur auch einige tolle Attribute für Angriffe und Ablenkungen gegeben hast. Dadurch erklärt sich dann auch die Naschkatze, die Kagy in ihrem Inneren ja doch ist und so am Ende auch den Feind in die Flucht schlagen kann. Es ist eigentlich genau die Geschichte, die sie verdient hat und die auch perfekt präsentiert, wie sie ist und das finde ich toll.


    Wir lesen uns!

    Kagayaku: Das Fauchen hallt vielleicht, aber es ist ja kein richtiger Mund. Aber es kann einem so vorkommen, dass ich doppelt fauchen kann! ò.ó ... raaawr! Jedenfalls, danke für das Kommentar erstmal und auch dafür, dass du meine Sheilas Geschichte (Sheila: <_< >_> ) gelesen hast. Bei den Kurzgeschichten muss es ja so sein, dass sie größtenteils autonom sind, weil man sonst nicht so viel versteht, was einfach schade wäre. Und Bara-chan war schon lange überfällig, schließlich war ihr nur ein kleines Kapitelchen im Mu-Arc aus der Sicht Yomis gewidmet gewesen. Mit dem >Nachwuchs ... es mag zwar nicht mehr so viele Sphinxen wie Menschen oder manche Tiere geben, aber zusammen mit den Kakerlaken werden wir die Letzten sein, die von diesem Erdball verschwinden! 8D Außer es gibt eine Eiszeit ... ^^"
    Der Plot mit Groudon war keine Nachwirkung der Hauptgeschichte, sondern das spielte davor. Es war der Grund, wieso wir dort hingegangen sind, alles Andere hätte Setsuna auch irgendeinen Trottel erledigen lassen können, statt unsere kostbare Zeit dafür in Beschlag zu nehmen. :3
    Die Pokémon passten ja gut zu Kalos~ ... und um etwas vor einer Sphinx zu beschützen, muss man sich eben etwas Außergewöhnliches einfallen lassen, dass wir nicht einfach ummähen könnten. Und Kalos-Eis-Pokémon ... unser Freund Arktilas hätte nicht eine psychische Attacke überstanden, wage ich mal zu behaupten. o.o" So war es jedenfalls lecker für Bara-chan und mich ;P ... und es tat nicht weh. ^^

  • (Wer auf die japanische Sagenwelt steht - lesen!
    Wer sich für buddhistische Mythen interessiert - lesen!
    Wer sich für shintoistische Mythen interessiert - lesen!
    Wer Gurenn Lagann mag - lesen!
    Wer flauschige Füchse mag - lesen!
    Sind nur Empfehlungen, aber das sind so die Kernpunkte dieser Geschichte :3)



    Jizo


    Es war auf jeden Fall irgendwann im Jahr 2014. Neben dieser ganzen Mayu-Sache ... dem kleinen Evoli, das eins eine junge Frau war, gab es noch etwas, das unbedingt eine Geschichte zu erzählen wert ist. Die Abenddämmerung war angebrochen und ich raste die Steintreppen des Fushimi Inari Taisha-Großschreins herunter, durch unzählige zinnoberrote Tore verborgen in einem Bergwald. Beige Katzen, die Münzen an ihrer Stirn haften hatten, blickten mich leicht verschrocken an, als wüssten sie bereits, wen sie da sahen. Gerade hatte ich es mir auf dem Altar des San-no-miya, einem der am höchsten gelegenen Schreine auf dem Berg Fushimi gemütlich gemacht und meine Pfötchen in meine neun flauschigen Schweife gekuschelt, als ich gerufen wurde. Da selbst abends immer wieder Touristen vorbei kamen und versucht wären, mich zu streicheln, lohnte sich der Ort ohnehin nur zum Dösen, aber selbst das blieb mir verwehrt. Wie eine stets hektische Geschäftsfrau aus Tokyo musste ich von Kyoto aus sofort den Shinkansen-Schnellzug nach Osten nehmen, um mir meinen Auftrag auch mit meinem weltlichen Körper anzuschauen - dem eines Vulnonas. Immerhin war mein dummschwätzender Gegenspieler Nummer 1, Inari, das weiße Vulnona, offenbar auf der anderen Seite des Bergs, sodass ich ungehindert an den erstaunten Touristenmassen, vor allem Amerikanern, vorbeihuschen konnte. Ein Kind hielt sogar eine Vulnona-Poképuppe im Arm, wie süß war das denn bitte?
    "Ran! Raaanaaaaa! Bitte komm' gesund wieder zurück!", sagte Gongoro, ein kleines Vulpix, das vor allem für seine Schnelligkeit unter der ganzen vulpinen Bevölkerung hier bekannt war. Dabei war er noch ein Kind! Gongoro tunkte um Abschied seine Nase in mein pelziges Chaos aus Schweifspitzen und leckte mir kurz an den Lefzen, bevor er mich von dannen ziehen ließ. Er wusste nicht das Geringste über meine wahre Natur, die ich in nicht einmal einem Tag in Aomori, im Norden Japans, enthüllen würde.


    Die Füchsin hatte ihr Ziel erreicht. Der mächtige, erloschene Vulkan Osore-zan auf der Halbinsel von Shimokita ragte vor mir in die Höhe, doch wo es Berge gab, da gab es auch genügend Steine. Ich sah mich genauer an und wühlte mit meiner Fuchsschnauze den Erdboden auf, fand jedoch überwiegend Steine. Steine, Steine, Steine ... und einen Rettungshubschrauber, der von mehreren anderen Fahrzeugen wie Polizeiautos oder Krankenwagen umringt war. Viele große, zerbrochene Steinblöcke befanden sich neben einem kleinen Bach voller Kiesel, die zu kleinen Haufen zusammengetragen waren.
    "Es ist zu tragisch ... sie sind hier hingegangen, um sich das Spielzeug anzuschauen, doch sie wurden von einer Steinlawine übertragen. Wir wissen nicht, ob die Georok oder Geowaz etwas damit zu tun haben, aber gerade für die Eltern ist es furchtbar. Sie haben nicht nur ihre zwei Kinder verloren, sondern auch ihr Haustier. Aber wie kommen sie auch auf diese Schnapsidee, ohne Begleitung ... gut ... mit einem Enekoro ... einfach so in dieses gottverlassene, gefährliche Gebiet zu rennen?", äußerte sich der Polizeichef, bewegt vom Schicksal dreier ehemaliger Leben, deren schmächtige Körper aussahen, als ob sie schliefen. Große Wunden und Prellungen hatten sie erlitten und es hatte wohl keine Möglichkeit für sie gegeben, dies zu überleben. Die leblosen Körper waren nicht nur unter den Felsen, sondern auch neben einem Feld roter Higanbana, Spinnenlilien, gefunden worden - den Blumen des Todes.
    Der Polizeichef holte tief Luft, räusperte sich, fuhr sich durch den silbernen Schnauzer und wandte sich an eine junge Polizistin, wohl noch in den frühen Zwanzigern und gerade erst in den Polizeidienst aufgenommen worden: "Nanami ... es ist eine extrem anspruchsvolle Aufgabe, aber ich möchte, dass du die Eltern bereits über den Tod ihrer Kinder informierst. Ich werde später hinzustoßen, sobald meine Arbeit vor Ort getan ist. Tsuneo und Mariko Kasahara, 34 und 33 Jahre alt, wohnhaft in Mutsu, Aomori ... die nächste Stadt von hier.
    Zerknirschte Kinderfahrräder lagen unter den Felsen. Sayaka, 8 ... das Mädchen ... Tetsuya, 7 ... der Junge. Und Kagome, das Enekoro." Die junge Polizeibeamtin namens Nanami hatte Tränen in den Augen, als sie sich die Daten notierte. Auch ich wusste nun, mit wem ich es zu tun hatte. Ich sollte dieses Trio zu einem Treffpunkt in der Wunterwelt geleiten, bis mich jemand ablösen würde. Gut, ich konnte jetzt nicht erwarten, dass diese kleinen Kinder wie Mayu die drei heiligen Worte "Namu Amida Butsu" sprachen, um sofort zu Amida zu gelangen, aber so mussten wir natürlich einen kleinen Umweg einplanen. Einen Umweg durch die Unterwelt.


    Ich hatte bis zum späten Abend gewartet, als plötzlich drei scheue Leuchtkugeln an diesem Bach auftauchten. Entweder waren sie vorher da und ich hatte sie im Tageslicht nicht gesehen, oder ... nein, sie konnten keine Angst vor mir haben. Ich war schließlich Ran, das wunderschöne Vulnona mit Flauschgarantie und noch nicht die Herrscherin der Unterwelt. Diese Kinder wollte ich nicht mitnehmen - im Gegenteil, ich wollte meine Toten selbst auswählen, die dann auch mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende der echten Hölle, der Naraka, zugeteilt wurden. Diese armen Seelen hatten keine Chance, wirklich Karma zu sammeln, für sie galten andere Gesetze. Bis auf Kagome, das ausgewachsene Tier, das die beiden von diesem gefährlichen Ort nicht fortgehalten hatte. Die hellblauen Irrlichter manifestierten sich nach etwa einer Minute in die leuchtenden Geister ihrer früheren Gestalten. Ein kleiner Strubbelkopf und ein Doppelzöpfchen, daneben eine edle Katze. Die beiden Grundschulkinder trugen ihre typische dunkelblaue Schuluniform und die kleinen, gelben Hütchen und blickten mich mit ihren niedlichen Mandeläuglein gebannt an.
    "Fuchsi!", rief der kleine Bruder, dem mein Anblick ein breites Lächeln aufs Gesicht zauberte. Was gab's da zu Lächeln, du warst verdammt noch mal tot, Junge! Du hattest dein ganzes Leben noch vor dir! Auch das Mädchen freute sich und schlug dem kleinen Tetsuya vor, näher zu kommen und mich zu streicheln, während die erwachsene Miezekatze Kagome auf Sicherheitsabstand blieb.
    Völlig überrumpelt von der Situation hob sie von abwechselnd ihre Pfötchen hoch und sprach mich an: „Wir … wir sind doch nicht mehr am Leben, oder? Sonst … sonst wären wir doch sicher … schwer verletzt?“
    „Das stimmt. Folgt mir. Folgt mir dorthin, wo alle Seelen hinmüssen“, antwortete ich knapp, ohne den Kindern direkt ins Gesicht zu sagen, dass sie verstorben waren.
    Kagome nickte mir kurz zu und setzte sich danach langsam in Bewegung, schnurrend ihre Seele an den Geistern der beiden Geschwister reibend: „Saya-chan … Tetsu-kun, kommt. Diese pelzige Dame wird uns führen.“
    „Wohin denn, Kagome?“, fragte Sayaka neugierig und streichelte die seelische Manifestierung der toten Katze.
    Würde sie ihnen nun die Wahrheit sagen oder lügen? Gespannt legte ich meine Ohren nach hinten.
    Nach kurzem Zögern antwortete das Enekoro: „Nach Hause.“
    „YAY!“
    Yay … gelogen hatte sie ja nicht, da sie ein neues Zuhause erwartete. Trotzdem presste dieses beklemmende Gefühl meinen Magen zusammen. Den ganzen Berg Osore-zan würden wir nicht aufsteigen, aber wir mussten einige Gebirgspässe überqueren, um zu unserem iam Fuße gelegenen Ziel zu gelangen. Es würde ziemlich lange dauern, lange genug, dass ich wahrscheinlich alles über die Toten erfahren würde. Was sie gerne aßen, was sie am liebsten spielten, wer ihr bester Freund war und welche Träume sie hatten. Gerade Letzteres war nicht gerade leicht zu verdauen. Auch nicht für eine Ran.


    „Es ist so k-k-kalt ...“, zitterte die kleine Sayaka, ihre dünnen Ärmchen eng um die kleine Brust geschnürt. Nun, wir durften nicht vergessen, dass nur der Mond und meine Irrlichter an den Schweifen, die Kitsune-bi, die dunkle Nacht erleuchteten, die mittlerweile eingebrochen war.
    Auch Tetsuya fühlte sich grausig, als er vor den Geräuschen der Nacht zusammenzuckte: „So … dunkel … als ob überall Dämonen wären! Wie in den Märchen!“
    „Das sind Palimpalim … hörst du das Schellen? Die scheinen hier oft zu leben, seit lieber froh, dass wir keinem Ursaring begegnen, das Hunger auf mich haben würde“, erklärte ich ihm schmunzelnd: „Weil ich extrem lecker und heiß bin, wie ein gutes Abendessen! Ne … hm, findest du wohl nicht so lustig jetzt. Aber wer soll es dir schon verdenken? Die Pokémon leben, sie sehen euch nur, wenn ich euch für sie beleuchte.“ Wortlos schnaubend tapselte Kagome hinter mir her und machte den Eindruck, dass sie gar nicht mal so sprachlos durch ihre Umgebung war, sondern einfach immens viel grübelte.
    „Ich will zu meiner Mama! Und zu meinem Papa!“
    „Ich will nach Hause!“
    „Wo führst du uns hin?“
    „Ist der weg richtig?“
    Diese Fragen waren nun Punkte, die das Enekoro ihre Schweigsamkeit beiseite legen ließen: „Ich … ich weiß es nicht. Ich wünschte, es wäre so. Ran, bist du denn sicher, dass du dich nicht verlaufen hast? Ich möchte dir nicht zu nahe treten, ich mache mir nur große Sorgen um die Kinder.“
    „Ach soooo! Wir machen uns Sorgen um die Kinder! Jetzt mal unter uns zwei Fellbällen: welches Ibitak hat dir ins Hirn gekackt, dass du meinst, die alleine zu einem gefährlichen, bärenverseuchten Berg mit Steinsturzgefahr wäre eine tolle Idee gewesen? Wieso hast du sie nicht davon abgehalten?“, gab ich ihr nicht giftig, aber klar zu verstehen.
    Betrübt blickte Kagome auf den Boden und stockte einige Sekunden, bevor sie mir eine Antwort geben konnte: „Das … das ging nicht. Ich bin ein Enekoro, mehr nicht. Ich kann sie nicht festhalten oder ihnen ein Verbot aussprechen, da bin ich ihnen hinterhergerannt, um wenigstens ein Auge auf sie zu haben.“
    „Verstehe … ja stimmt, du bist nur ein Enekoro. Dann musst du dir ja keine Vorwürfe machen, Miezekätzchen.“
    „Doch ...“
    „Hm?“
    „Nicht mit den Kindern, aber zu einem anderen Pokémon, dem zweiten Familienhaustier. Ich wollte die Einzige sein, die im Mittelpunkt steht, aber die andere Katze, ein kleines Mauzi … ich weiß nicht, wie oft ich sie aus Gemeinheit zum Weinen gebracht habe. Wir haben uns später mehr als nur gestritten, richtig gekämpft, und ich hatte mein Ziel erreicht. Meine Familie gab die junge Mauzi-Kätzin ab, weil wir uns nicht vertrugen. Ich liebte meine Familie, doch wollte sie nicht teilen. Ach, wenn ich doch nur irgendwo Buße tun könnte!“
    Ich runzelte die Stirn. Das hörte sich nun nach nicht besonders viel positivem Karma an, aber später würden wir schon mehr erfahren - falls ich mich wirklich nicht verlaufen hatte!


    Zahlreiche Steinlaternen mit spitzen, gewölbten Dach, die Toro, säumten den nassen, von vielen Pfützen gesäumten Pfad in der frühen Morgendämmerung. Die gute Nachricht war, dass wir erstens bald da und zweitens auf dem richtigen Weg waren. Um den Zustand meiner drei Geister war es aber ebenso schlecht bestellt wie um die morgendliche Ruhe, denn irgendjemand schien an diesem abgelegenen Ort tatsächlich die Erde aufzubohren!
    „Wir kommen nie mehr nach Hause ...“
    „Mamas Essen ...“
    „Sie vermissen es doch schon!“
    „Bestimmt haben sie die Polizei gerufen!“
    „Wir sind so schlimme Kinder! Und ich bin eine furchtbare große Schwester! Tetsu-kun, es tut mir so leid, dass ich dich da reingezogen habe!“
    „Bestimmt bekommen wir jetzt Hausarrest, buhu …!“



    Auf Knien saßen Tetsuya und Sayaka auf dem pechschwarzen Untergrund, die Augen voller Tränen, die das Enekoro versuchte, ihnen abzulecken. Etwas ratlos blickte ich mich um und entdeckte, dass die Verursacher des Lärms, ein Rabigator und ein Rotomurf, aufgehört haben, im dunklen, kalten, nassen Erdreich herumzuwühlen. Ich setzte mich hin und bewegte taktvoll meine neun Schweife, während ich die beiden Pokémon musterte. Das Rotomurf kam mir etwas schüchtern rüber, aber ich musste nicht lange warten, bis das Krokodil das Wort ergriff: „Hey, Schöne! Haben wir dich geweckt? Tja, mein kleiner Partner Simon hier und ich, wir strotzen heute vor Energie heute, nicht wahr, Simon?“
    „A-aber ...“, gab der kleine Maulwurf, der heute wohl lediglich vor Nervosität strotzte, von sich. Irgendwie knuffig.
    Verspielt peitschte ich mit meinen bezaubernden Schweifen über den Boden und hauchte dem Reptil ein paar sanfte Schmeicheleien ins Ohr: „Na du bist ja richtig selbstbewusst. Du bist genau der Richtige, um mir gerade aus der Patsche zu helfen. Du kannst sie nicht sehen, aber ich geleite gerade drei Geister in die Unterwelt und sie sind völlig am Boden! Warte, ich mache sie für dich sichtbar!“ Rot wie Blutorangensaft leuchteten meine Schweifspitzen nun, als ein heller Schein die hellblauen Silhouetten der Verstorbenen enthüllte. Nur einen Fehler hatte ich gemacht: das Wort „Geist“ erwähnt.
    „GEIST? WI-WIR SIND WIRKLICH …?“, schrien die beiden Kinder verzweifelt in einer Lautstärke, die nicht mein Ohr, sondern mein Herz verwundete …
    Betrübt und mit Wackelpudding in den dürren Beinen stammelte Kagome die Wahrheit heraus: „D-das … s-stimmt. Wir sind … t-tot. Es t-tut mir l-l-leid.“
    „Wir sehen unsere Eltern nie wieder!“, brach Sayaka in Tränen aus und umarmte ihr kleines Brüderchen, aus dessen Augen auch Wasserfälle sprudelten.
    Das Rabigator war auch erst geschockt von dieser sehr geistreichen Erfahrung, sammelte sich dann aber, um den beiden etwas mit auf den Weg zu geben, genau wie ich es mir gewünscht hatte: „Hört zu! Ihr glaubt, dass ihr es nicht schafft, eure Eltern jemals wiederzusehen? Ihr habt Recht!“
    Geschockt starrten die beiden ihn an, wie von Blitz getroffen.
    „Glaubt nicht an euch! Glaubt an den Kamina, der an euch glaubt!“
    Nichts geschah.
    „Hey, nehmt euch meine Worte gefälligst zu Herzen! Was zur Hölle glaubt ihr eigentlich, wer ich bin? Wenn ihr das nicht wisst, dann setzt euch hier hin und hört euch ein paar krasse Storys an! Also, und weil die hübsche Fuchsdame hier sicher Hunger hat, hole ich uns kurz etwas bei Grillby!“
    Die Wasserfälle versiegten. Zumindest größtenteils. Andererseits waren die Kinder unglaublich neidisch auf das gebratene Fleisch, das offenbar ein Magby zubereitet hatte und auch auch Kago-Kätzchen sah ich ihre süße Raspelzunge ihre Lippen entlangfahren. Immerhin gelang es dem Rabigator, die Kinder wieder zumindest zeitweise mit seinen skurrilen Abenteuern zum Lachen zu bringen, was ich mit meinem dicken Kloß im Bauch nicht mehr vermochte, da mich das Schicksal der Kinder zu sehr bedrückte. Das waren die Seiten einer Todesfüchsin, die keinen Spaß machten.




    Sai no Kawara. Ein schwarzer Strom aus Wasser führte geradewegs in die Dunkelheit. Wir hatten ein paar hölzerne Torii am Höhleneingang hinter uns gelassen und erhielten vom ersten der je nach Urlaubslage zehn oder dreizehn Unterweltskönige, Shinko-O, die Erlaubnis, passieren zu dürfen. Die Chinesen hatten zehn gesehen, die Japaner dreizehn, aber anstatt sich zu streiten, war die Lösung doch so viel simpler und menschlicher! Wir hatten Yomi betreten. Wer hier frische Baguettes und Croissants – oder gar leckere Macarons – erwartete, wurde bitter enttäuscht, denn die Unterwelt war ein karger Art im Schatten der Felsformationen der Erdoberfläche, eingehüllt in Schatten und teilweise beißenden Geruch, der von gelben Schwefelquellen stammte. Zahlreiche Male war ich hier gewesen, doch in meiner Fuchsform ärgerte ich mich immer wieder aufs Neue. Glühende Pilze, glitschige Moose und langweilige Flechten säumten diesen Ort, an dem kein normales Leben sprießen konnte, denn nur dumpfes schwaches gelb-weißes Licht ausstrahlende Steinlaternen erhellten diesen Ort neben den Pilzen. Doch trotzdem fühlte ich mich wohl und geborgen, denn schließlich war dies mein Zuhause.
    „Raaaanaaaa? Ist das nicht der Ort, wo wir gestorben sind? Es sieht so viel größer aus! Und … und wo ist das Licht?“, fragte mich Tetsuya neugierig, die Augen mittlerweile völlig getrocknet und weit offen, um sein letztes Abenteuer durch die schaurige Dunkelheit voll und ganz wahrzunehmen. Wieso nannten mich so viele Leute eigentlich Rana? Ran war doch viel leichter auszusprechen … aber wer wusste das schon. Der Fluss Sanzu, zwischen einem dunklen Kiesbett voller Steinhaufen gelegen, führte in Richtung der Höllenpforte, die noch nicht erreicht war.
    „Keine anderen Kinder hier?“, grummelte ich verärgert: „Dann muss er vor kurzem hier gewesen sein. Was letztlich heißt, dass wir jetzt ganz lange auf den Typen warten können. Verdammter Fuchsdung!“ Wütend schmetterten meine Schweife einige Kiesel in die dunklen Fluten, wo sie wie leblose Kadaver in den Untiefen versanken. Ich blickte auf den hölzernen Wegweiser, verwittert und mit schwarzen Schimmelflecken übersät:


    黄泉、三途の川。左、魔界、地獄。真直ぐ、浄土。右、人間界。


    Yomi - Sanzu no kawa. Hidari: Makai, Jigoku – Massugu: Jodo – Migi: Ningenkai
    Links und stromabwärts ging es nach Makai und Jigoku, in die Dämonenwelt und die Hölle, wo Shoko-O, der zweite Unterweltskönig wartete. Wer hier Schokolade erwartete … aber das hatten wir schon ein mal. Geradeaus über den Fluss ging es in das Reine Land, wo Amida Buddha seine Schäfchen ins Paradies führte. Rechts, das war die Menschenwelt, von der wir kamen.
    „Brüderchen, schau mal hier! Ein kleiner Bagger! Eine Puppe! Eine Wasserpistole! Ein Pferd! Bauklötze! Jede Menge Spielzeug liegt hier!“, fiel Sayaka aus allen Wolken, als sie zwischen den Kieseln Spielwaren fand und schon bald begann sie, die Wasserpistole mit dem Wasser aufzupumpen und … MICH mit der schwarzen Brühe abzuduschen. Na klasse, undankbare Göre.
    Vergnügt schaute Kagome zu, sogar ein leichtes Schnurren war klar zu vernehmen, als sie ihren Kopf mit den lilanen Pelzohren in meine Richtung drehte: „Ran … was ist das für ein Holzkasten dort? Da steht das Münzen-Kanji.“
    „Das IST für Münzen, Dumpfbacke“, schnaubte ich, immer noch verärgert von dem Wasser in meinem Gesicht, das leicht säuerlich schmeckte, widerlich: „Den Toten werden von den lebenden sechs Münzen begeben, um die Fahrt über den Sanzu zu bezahlen. Für die Kinder oder Tiere gelten aber andere Regeln. Immerhin müssen die Wesen der Unterwelt auch irgendwie … 'leben' wäre jetzt das falsche Wort, aber … naja, so wie ich eben.“
    Eine alte Frau, wie eine tote Nonne im Ganzkörpergewand und weit hervorstehenden Rippen, kam in Begleitung eines alten, einem Flambirex ähnelnden Mann vorbei, um sich die neuen Gäste anzusehen. Ich konnte Datsue-ba, die lästige Alte nicht ausstehen, aber entlassen konnte ich sie auch nicht, denn ich brauchte sie für die bösen Menschen, die wahren Sünder. Während der alte Mann namens Keneo an einem verdorrten Weidenbaum wartete, um die Sünden der Toten an dem Gewicht ihrer Kleidung zu messen, wagte sich die alte Furie doch, Hand an diese Kinder anzulegen! Wer seine Klamotten im reißenden Gewässer verlor, bekam stattdessen die Haut abgezogen.
    „Bist du bekloppt, hässliche Hexe?“, knurrte ich furchterregend: „Du bekommst noch genug Leute zum Nacktmachen! Lass die Finger von ihnen!“ Begleitet von einigen anderen geistförmigen Höllendämonen, gab sich Datsue-ba unbeeindruckt, als wüsste sie nicht, wer da vor ihr stand.
    Sie rieb ihre knochigen Hände, als sie die vor Schreck gelähmten Kinder mit schwefelgelben Augen und einem boshaften Grinsen anstarrte und verängstigte: „Ihr seid verloren, ihr kleinen Rotzgören! Doch ihr könnt entkommen, wenn ihr einen Turm aus Kieseln baut, um ins himmlische Paradies zu kommen!“ Als ob sie diesen Gehorsam gegenüber alten Damen im Blut hätten, bauten Sayaka und Tetsuya fleißig einen Kieselturm, doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten, als Datsue-ba einen der Geistdämonen dazu aufforderte, den Turm sofort zu zerstören.
    Kagome wollte es nicht mehr auf sich sitzen lassen, als ihre beiden Schützlinge desillusioniert auf die Ruinen ihres Schaffens und Lebens starrten: „Böse Alte, lass uns in Frieden! Ich war keine vorzügliche Katze, aber diese beiden waren tolle Kinder! Sie haben das nicht verdient!“
    „Der Punkt ist: du bist nur eine Katze, und zwar eine Tote! Als ob du mir etwas befehlen könntest!“, polterte die Hexe und versetzte dem Enekoro, das gefährlich nahe gekommen war, einen Schlag mit ihrem knochigen Arm, der die Mieze ins feuchte Kiesbett fallen ließ.


    Die dunkle, graugrüne Grotte mit dem markanten, schwarzen Fluss und den gelben Schwefelquellen wurde plötzlich um eine Farbe erleichtert. Das Hellblau des Himmels würde hier nie zu sehen sein, doch das kräftige Rotorange meiner Flammen, das sich seinen Weg durch die stickige Luft der Totenwelt bahnte, war es ebenso wert, bestaunt zu werden. Als der Rauch verzogen war, sah die verdadderte Alte nicht mehr Ran, die elegante Kitsune vor sich, sondern eine etwa 30-jährige Frau in einem weißen Gewand, mit einem fast schon geisterhaft-weißen Gesicht und langen, schwarzen Haaren, die wie der Sanzu fast unendlich den Rücken hinabflossen.
    „B-boss! IHR?“
    Da stockte ihr der Atem, doch die Kinder und ihre Katze reagierten nicht anders, als vor ihnen niemand geringeres als Izanami no Mikoto stand, die Todesgöttin Japans, mittlerweile wiedergeboren als Ran.
    Bevor irgendetwas weiter eskalieren konnte, kam ein junger, kahlgeschorener Mönch mit einer Laterne das andere Ufer des Sanzu entlanggeschlendert – endlich!
    Sorgfältig roch an den Kinderklamotten, die er sich um seinen Arm gebunden hatte, bevor er sein Urteil fällte: „Ja, das sind Sayaka und Tetsuya Kobayashi. Ihre Eltern haben diese Kleidung über die Rokujizo-Gruppe gehängt.“ Rokujizo, das war sechsmal Jizo, der in jeder Wiedergeburt, auch in der Göttlichen, nach den zu Errettenden suchte. Jizo, das war dieser junge Mönch, selbst gerade mal aus dem Kindesalter heraus.
    „JIZO-SAMA! JIZO-SAMA!“
    Jedes Kind in Japan kannte Jizo. Aber nicht jedes Kind traf ihn. Es war sicher kein Ersatz für ein zu früh vergangenes Leben, aber wie Jizo mit seinem magischen Laternenschein die rote, unsichtbare Brücke über den Sanzu-Fluss erscheinen ließ, war schon sehenswert.
    Traurig blickten mich Sayaka und Tetsuya an, ihr Haustier zum Kraulen fest umklammert: „Ran … es stimmt also wirklich, das wir unsere Eltern nicht wir sehen? Wir müssen also mit Jizo gehen … so, wie es uns das immer erzählt wurde … danke für alles … aber eine Frage: Bist du wirklich Izanami? Wieso hast du uns sterben lassen? Wir wollten doch nicht sterben!“ Diese Frage tat mir so sehr weh …
    Ich seufzte ernüchternd: „Jeden Tag sterben in Japan etwa 3.000 Leute, knapp 100 durch Selbstmord. Wie ihr durch die alten japanischen Sagen wisst, darf ich nur 1.000 pro Tag mit mir nehmen, selbst aussuchen. Nun, ihr gehört nicht dazu, doch trotzdem stimmt es: ich bin Izanami. Die vielleicht flauschigste Izanami aller Zeiten.“
    „Izanami, Kagome wird mit dir gehen. Die Wege der Kinder und ihrem Haustier trennen sich hier. Sie war erwachsen und muss die Verantwortung für ihr Karma übernehmen“, sprach Jizo und nach diesen Worten verwandelte ich mich wieder in ein Vulnona zurück. Die Kinder weinten bittere Tränen und kraulten und flufften, kuschelten und flauschten, knufften und küssten das Enekoro und mich. Ihr Weg endete bald im Lotusparadies von Amida … doch Kagome würde 49 Tage lang auf ihre Wiedergeburt warten müssen.




    Am 35. Tag ihres Todes begegnete Kagome, das Enekoro, erneut Jizo. Statt eines barmherzigen Mönchs, der in steinerner Variante tausendfach auf Friedhöfen und an Wegesrändern zu finden war, handelte es sich bei Enma um einen kräftigen, roten Teufelsdämon mit mächtiger, schwarzer Behaarung. So furchteinflößend der fünfte König der Unterwelt auch aussah, so verbarg sich hinter seiner Fassade immer noch der barmherzige Jizo, der die bösen Taten gerne sehr kulant beurteilte. Einige Tage später hatte Amida Buddha das Ergebnis des Karmatests endgültig ausgewertet.
    „Izanami. Kagome hat sich gegenüber ihrer vermeintlichen Rivalin grausam verhalten.“
    Ich schluckte. Dem konnte ich nicht widersprechen, das war nicht nett. Aber ich hatte während meiner Reise durch die Unterwelt auch eine andere Kagome kennengelernt.
    Amida, der golden scheinende, schlanke Buddha, sprach weiter: „Sie hat auch viele gute Taten gesammelt, sich aufopferungsvoll gekümmert, aber es reicht nicht.“
    „Es reicht nicht?“
    „Nein, es reicht nicht. Weder für die Devas … noch die Asuras … sie wird ein Mensch, keine der Götter.“
    „Mensch ...“, wurde der Solid Snake in mir plötzlich wach.
    Amida zeigte mir eine riesige Schriftrolle, auf der eine magische Karte eingraviert war: „Hier sind Schwangere in Japan, ist da eine Person dabei, die du Kagome empfehlen würdest?“ Mit meiner Fuchsschnauze beschnüffelte ich die ständig aufleuchtenden Punkte, die mit einer Namenliste verbunden waren. Ein Name fiel mir dabei besonders ins Auge, einen Namen, den meine zuckersüße Schülerin Touka, meine kleine Knuddelgeisha für meinen Geheimauftrag, immer wieder aufgesagt hatte.
    Mit dem in beiges Fell umhüllten Pfötchen deutete ich auf einen der leuchtenden Punkte:
    西園寺 栄子 ・ 花園 元弘
    „Das ist Eiko Saionji. Eine junge Wissenschaftlerin und Arenaleiterin aus Kansai. Ihr Partner ist Motohiro Hanazono. Sie machen einen guten Eindruck auf mich, findest du auch?“, fragte mich Amida abschließend.
    Ich nickte. So einfach konnten Deals in der Totenwelt gemacht werden, so einfach! Und dann behaupteten Leute, ich wäre kompliziert … ich erzählte Kagomes rastloser Katzenseele von ihren neuen Eltern, und zwar alles. Dass sie gerne Motorrad fuhren, im Casino zockten, Arenakämpfe durchführten, die alten Legenden erforschten … und meiner süßen Touka so oft halfen. Das habe ich nie vergessen. Das hat Izanami nie vergessen. Doch Kagome wird es vergessen müssen.

  • Na du Katzendämon!


    Ich hab mich beim Scrollen schon gewundert, was die Schriftzeichen da machen. Dachte erst, die wären zufällig reingerutscht, aber die Zeichen in Form von Wegmarkierungen einzufügen finde ich richtig kreativ. Einige der Bezeichnungen darauf kannte ich sogar schon, was die Orientierung erleichterte. Aber eigentlich geht es ja um etwas anderes.


    Persönlich liebe ich ja diese Geschichten rund um fernöstliche Mythologie und bei Izanamis Wiedergeburt als Vulnona musste ich auch unweigerlich an Okami denken, wo ja Amaterasu in der Gestalt eines Wolfs auftritt. Auch wenn ihr Weg ein deutlich anderer ist. Ich hab mich schon gewundert, warum die Geschichte mit einem Todesfall anfängt; dabei sind die Personen und Pokémon dahinter das zentrale Element und fand ich zur Abwechslung sehr ansprechend, dass eben nicht aus der Sicht der Toten geschrieben wurde. Ran benötigte dazu sowieso den Überblick.
    Wo ich schon bei ihr bin, die Persönlichkeit ist mal wieder sehr sprunghaft. Ob das vielleicht mit dem eigentlichen Job, Seelen zu geleiten, zusammenhängt? Ich mag sie auf jeden Fall wegen ihrer freundlichen, wenngleich direkten Art und das Zusammenspiel mit den anderen mythischen Gestalten und auch mit Kagome, die eher naiv wirkt, funktioniert wunderbar.
    Grundsätzlich kann ich gar nicht so viel sagen. Der Verlauf wirkt sehr detailliert dargestellt mit den ängstlichen Kindern, den Auseinandersetzungen und schließlich auch dem Thema Wiedergeburt; man merkt, dass du viel Ahnung von der Materie hast und dementsprechend passte auch die Wortwahl perfekt. Ich habe aber das Gefühl, dass Kagome in Zukunft wieder irgendwo auftauchen könnte. Die Zeichen dafür sind ja gesetzt.


    Wir lesen uns!

  • Alola Leute! Heute fahren Min und Satsuki aus der Geschichte "Miiiiiiiin" nach Hawai'i! In die Alola-Region - quasi. Heute? Nein, nicht ganz. Die Geschichte spielt in der Zukunft, genauer gesagt, in etwa zehn Tagen! Mitte Dezember 2016!




    Sandkastenfreundschaft


    Nach über 7,5 Stunden Flug und einem extremen Jetlag drückte die Müdigkeit immer noch wie zwei Zentner Zement auf meine Augenlider. Folglich neigte ich meinen Kopf zur Seite, legte ihn auf einer kleinen Schulter ab und schmiegte mich an den Körper neben mir. Ich wusste ganz genau, wie sehr Min meine Nähe genoss. Als ich ein weiteres Mal blinzelte, erkannte ich, wie sich ihr Mund in ein zufriedenes Lächeln geformt hatte. Zart strich sie mir über den Kopf und nahm mir die Brille ab, während ich mich völlig entspannte und der Welt der Träume immer näher entgegenschritt. Ich genoss es, wie sehr Min sich so eine kleine Geste freute. Auch wenn ich ohne Geschwister aufgewachsen war, war sie für mich nach all der Zeit wie ein Schwesterchen für mich geworden. Selbst nach 20 Jahren Freundschaft hatte ich sie nur relativ selten lächeln gesehen, doch wenn sie glücklich war, war ich es auch.


    Ausreichend streckte ich mich, als die warme Tropensonne mich erwachen ließ. Aloha, Hawai’i! Ein Blick zur Seite verriet mir, dass Min schon auf den Beinen sein musste, wie ungewöhlich eigentlich für sie. Jedenfalls schob ich die Bettdecke beiseite, zupfte mein Nachtkleid zurecht und marschierte geradewegs in das mit edlem Holz ausgekleidete Badezimmer, um mir eine erfrischende Katzenwäsche zu gönnen. Als ich fertig war, schlurfte ich in meinen Gufa-Pantoffeln zum strahlend hellen Esszimmer, wo bereits mein Vater, reicher Gönner dieser kleinen Reise, auf mich wartete. Er hatte duftende Pfannkuchen mit Ahornsirup vorbereitet sowie eine Schüssel mit Bananen, Ananas, Melonen, Litchi und Orangen auf den Tisch gestellt, an dem er ebenso, mit der New York Times in der Hand, Platz genommen hatte.
    „Guten Morgen, Satsuki-chan. Wie gefällt meinem großen Mädchen das Frühstück?”, fragte er mich so entspannt lächelnd wie selten zuvor. Ich schob einen der Baststühle vor, um mich dazuzusetzen und mit vom Ellenbogen gestützten Kopf ein nach oben immer breiter werdendes Glas zu betrachten.
    Selbstverständlich wollte ich wissen, welche orangene Flüssigkeit in diesem mit Lamettapälmchen und Regenbogenstrohhalm geschmückten Glas befand: „Großartig … danke, Papa! Wirklich! Ookini, homma! Und das? Das ist Grapefruit, oder?”
    „Korrekt. Ohne Alkohol! Vergiss’ nicht, hier haben wir mehr Urlaub als Arbeit. Vor über drei Jahren in Tibet habe ich mir ja den Kopf wund gedacht, wie wir Min für die Prophezeiung austricksen könnten”, entgegnete er. Nun neigte sich das Jahr 2016 bereits dem Ende zu und ich durfte wie schon damals eine Begleitung auswählen, die mit uns in den Flieger nach Honolulu stieg. Während mein alter Herr mit den hawai’ianischen Buddhisten, die immerhin ein Zwölftel der Gesamtbevölkerung stellten, regen Austausch haben würde, spielte für mich Religion diesmal keine Rolle. Sicher würde ich mir mal einen Tempel anschauen, aber wer in Hawai’i nicht so viel Zeit wie möglich mit Strandvergnügen und Entspannung pur verbrachte, der würde es auf ewig bereuen! Min sah das selbstredend ganz genauso und hatte schon direkt die Gelegenheit genutzt, im ersten Tageslicht nach unserer nächtlichen Ankunft am auf der Hauptinsel den Strand unsicher zu machen. Strahlend wie die Mähne eines Solgaleo kehrte sie in unser exquisites Ferienhäuschen zurück. Mit ihrem sonnengebräunten Teint, dem schwarz-weiß quergestreiften Tanktop und einem weißen Stufenminirock passte sie bereits prima an die weißen Kokoweistrände Hawai’is, nur eine bunte Blumenkette hatte sie noch nicht auftreiben können. Währenddessen hielt ich das wunderschöne Mahl mit meiner Kamera für die Ewigkeit fest und beförderte auch Misuzu, mein Partner-Pokémon, aus seinem Pokéball. Aufgeregt schwebte das Palimpalim, das sich mir am Pyroberg angeschlossen hatte, um uns und herum und gab ein glöckchenartiges Läuten von sich, als ob jemand an der Tür klingeln würde.



    Aber in einer Welt der Pokémon war alles möglich, beispielsweise das Ignorieren von Klingeln und das unaufgeforderte Betreten fremder Häuser. Etwa eine Minute nach Mins Ankunft hatte sich ein athletisch gebauter junger Mann um die Dreißig mit Kappe, Kinnbart, Haarknoten, Forscherkittel, grauer Schlabberhose und fehlendem Oberteil Zutritt in unser Feriendomizil verschafft, ungefragt. Dieser Typ konnte so viel eher Mins Bruder sein als Hyun-woo, aber was kam als nächstes? Würde er unsere Mülleimer nach Überresten durchsuchen oder die Hände hinhalten, damit wir ihm einen Hypertrank als Belohnung schenkten? Bei Zehnjährigen kam das ja mal vor, aber bei einem erwachsenen Mann war mir dies neu.
    „Aloha! Du musst Satsuki sein! Endlich lerne ich dich kennen, freut mich sehr! Ich bin Professor Kukui, der Pokémon-Experte von Hawai’i. Ich war so frei, der Einladung von Min sofort zu folgen. Wie geht es dir? Immer noch etwas erschöpft vom Flug? Das hatte ich auch, als ich damals in Kanto angekommen war!”, stellte sich der Forscher mit einem breiten Grinsen vor.
    Überglücklich ließ Min ihren Blick zwischen mir und Kukui wandern, quiekend wie ein neugeborenes Vulpix: „Er ist mega-cool, oder? Wir würden sicher ein gutes Team abgeben, als Wissenschaftler und Ärztin bzw. Drachenbändigerin! Ich habe ihn am Strand getroffen und mehr oder weniger war es wie Liebe auf den ersten Blick! Willst du eine Kostprobe seiner Attacken-Wortspiele hören?”
    „Ich weiß zumindest, dass Yoshi nicht gerne etwas mit ‚Liebe auf den ersten Blick’ hören wollen würde”, mahnte ich sie, ohne versehentlich dem eine so große, tropische Wärme und Offenheit ausstrahlenden Wissenschafts-Adonis zu nahe treten zu wollen, denn bis auf das ungefragte Eindringen in unser Haus empfand ich ihn als sehr sympathisch.
    Min amüsierte sich jedenfalls köstlich über meine Antwort und stemmte ihre Linke Hand in ihre Hüfte: „Sazzy-Schätzchen, Kukui ist verheiratet, schau auf den Ring an seiner Hand! Du als Single bist der weitaus größere Risikofaktor!”
    „Na wenn das so ist, habe ich dir und dem Professor wohl Unrecht getan. Sorry!”, gab ich leicht verlegen zu.
    Dieser schien sich daraus glücklicherweise nichts das Geringste zu machen: „Professor? Na wieso denn gleich so förmlich? Du bist doch sicher auch froh, wenigstens im Urlaub Ruhe vor deinen Profs zu haben. Jedenfalls, alles halb so wild, Satsuki. Ich würde euch gerne etwas von der Stadt und den Stränden zeigen, wenn ihr Zeit habt, zum Beispiel nach dem Frühstück.” Ruhe vor den Professoren hatte ich nach Abschluss meines Studiums zum Glück schon etwas länger.
    „Yo, Mr. M, nicht erschrocken, dass ein Wildfremder sich selbst einlädt?”, richtete Min eine Frage an meinen Vater, während ich mich zusehends in diesen leckeren tropischen Saft verliebte.
    „Ach, weißt du, Min … ein guter Buddhist sollte anderen Menschen immer eine offene Tür anbieten. Wäre ja geheuchelt, wenn ich anderen nicht das gestatte, was ich mir selbst auf meinen Reisen erlaubt hätte. Gastfreundlichkeit kennt keine Grenzen!” Seelenruhig hatte er unserem Gespräch gelauscht, ohne sich über die kühne Aktion Kukuis zu ärgern. So tiefenentspannt hatte ich meinen alten Herrn aber auch selten erleben dürfen. Jetzt war aber erstmal Zeit, Essen zu fassen!




    „Früher gab es auf Hawai’is vier größten Inseln je einen Inselkönig, bis Kamehameha das Reich 1795 vereinigte und 15 Jahre später auch die anderen Inseln kontrollierte. Diese Tradition der Inselkönige vor Ankunft der Europäer lebt in den Inselprüfungen weiter, an deren Ende ein von den Schutzpatronen, den Kapus, ausgewählter Inselkönig den Herausforderer um einen Kampf bittet. Klingt super, oder?”, brachte Kukui uns während des Schlenderns entlang der Stadtpromenade einige urtypische Sitten des Landes näher. Moderne Wolkenkratzer im Tropenparadies zeigten uns an, dass das Königreich Hawai’i längst von Amerika eingenommen wurde, dem Land, wo mit Donald Trump demnächst ein menschliches Manguspektor auf dem Washakwil fliegen durfte. Auch in Japan gab es vier Hauptinseln – allerdings waren diese für solch ein Inselabenteuer etwas zu groß, auch wenn der Gedanke daran sicher reizvoll war. Zahlreiche Souvenirshops, Restaurants für Fisch und Süßigkeiten, Klamottenläden oder andere für das äußere Erscheinungsbild zuständige Etablissements wie Nagelstudios und Friseure säumten zahlreich die breiten Straßen, um so viele Touristen wie nur möglich zu ködern. Insbesondere den gezuckerten und gefüllten Teigbällchen Malasada würden wir nur schwer widerstehen können. Mitte Dezember war es nun, doch keinen einigen Tag wich Hawai’i von seinen sagenhaft konstanten 27 Grad ab, genau richtig für mich in einem orangefarbenen Kleid, das wie ein Sonnenuntergang strahlte. Die harmonischen, friedlichen Klänge einer Ukulele führten uns zu einer kleinen Palmenlichtung, die Touristen wie Motten angezogen hatte. Sofort begaben auch wir uns zu diesem Ort und betrachteten junge Frauen mit eleganten, langen, dunklen Haaren, und einer Blumenkette um den Hals, wie sie rhythmisch zusammen Hula tanzten. Auf einem weißen Stein saß der Ukelele-Spieler, ein Elektek, doch die so vorzüglich zu der Szenerie passenden Choreogel konnte ich leider nicht entdecken. Dafür aber fiel uns etwas anderes deutlich ins Auge. Mit einer wunderschönen, exotischen roten Blume im glatten, rabenschwarzen Haar schwang eines der Mädchen ihre in ein knielanges, grünes Baströckchen gekleidete Hüfte zwar elegant, aber nicht ganz so stimmig zu den anderen Tänzerinnen. Auch ihr blasser Teint ließ sie deutlich aus der Truppe der Einheimischen herausstechen.
    Mit Min im Schlepptau hätte ich aber auch als Blinde nicht lange auf neues Wissen warten müssen: „TOOOOOOOOOUKYYYYYYYY! Was machst du denn hier, meine flauschige Lieblingszuckergeisha?” In Anbetracht einer Geisha eine berechtigte Frage, die meine nicht immer ganz einfache Kindheitsfreundin da stellte, auch wenn die kleine Tanzvorstellung nun unterbrochen war.
    Glücklicherweise nahm man dies aber ziemlich gelassen, wie mir auch Touka demonstrierte: „Min? Du hier? Und Satsuki auch! Schön euch zu sehen, so ein Zufall! Ich nehme an einem speziellen Projekt teil und lerne Hula, während ein Mädchen von hier für zwei Wochen die Okiya besucht und dort den Buyo, traditionellen japanischen Tanz, ausprobieren darf.” Auch wenn Touka und ich aufgrund einiger Vorfälle, die Min beinahe ihres Lebens beraubt hatten, sehr lange große Anlaufschwierigkeiten in unserem Verhältnis zueinander hatten, hatte ich die Kleine mittlerweile richtig ins Herz geschlossen. Das Kimono-Girl war genauso liebenswürdig und freundlich, wie sie aussah, sobald sie nicht mehr unter der Fuchtel der Todesgöttin Izanami gewesen war, nur mittlerweile mit viel mehr Selbstbewusstsein ausgestattet. Statt den knappen Kokusnuss-BHs hatte sie sich allerdings für ein „normaleres” Oberteil entschieden.
    „Du bist also Touka! Wahnsinn, einen kleinen Star wie dich mit eigenen Augen sehen zu können”, entgegnete wohl der wirkliche Star der Insel, der die Blicke der Zuschauer nun wie ein Publikumsmagnet angezogen hatte: „Sag mal, hast du deine Vulnona bei dir? Ich würde gerne mehr über ihre Attacken erfahren!”
    „Wo- … woher ...”
    Min nahm der zierlichen Tänzerin die Worte aus dem Mund: „Na von mir! Kukui ist mein Hawaiian Bro! Außerdem solltest du mir dankbar sein, denn ich habe dich in besonders gutem Licht dastehen lassen!” Einmal kurz schnaufend nahm die junge Geisha diese Antwort genügsam lächelnd hin, drehte sich zu ihrer Gruppe um und verabschiedete sich, um den Tag mit uns zu verbringen. Sie wusste genau, dass es von Vorteil war, dass Min nicht wahrheitsgemäß über alles berichtete.
    Und damit will ich nicht auf das heraus, was sie dem Forscher in jenem Moment näher brachte: „Ja, also, Kukui, wie du siehst, hat Touka ganz sicher keine Körbchengröße B. Wahrscheinlich hatten die keine Kokosnuss-BHs in ihrer Größe.”
    „Miiiin ...” grollte unsere Hula-Geisha wie ein Mauzi, das gleich seine Krallen ausfahren würde. Mit 21 Jahren nun mehr eine vollständig ausgebildete Geisha, die hier in Hawai’i sogar legal Alkohol trinken dürfte, entsprach es jedoch nicht ihrer Stellung und den an sie gestellten Erwartungen, der frechen Min eine zu wischen.
    „Wie soll denn sowas für Größe A aussehen? Solche Kokosnüsse kann es gar nicht geben.”
    „MIIIIN …!”
    Arme Touka … das war zumindest der dümmste Spruch für diesen Tag, doch danach ging die Krone an jemand anderen, und zwar nicht einmal an Kukui, der abends „mit einer flotten Kehrtwende die Rückkehr im Turbotempo nach Hause” vorgesehen hatte.


    Während Touka sich am nächsten Tag ein leckeres Meloneneis am Stiel gönnte und auf der Treppe zum Strand mit baumelnden Beinen die Mittagssonne auf ihrer so empfindlich wirkenden Haut brutzeln genoss, hatte Kukui uns einen Malasada-Laden empfohlen, in dem Min und ich uns reichlich eindecken konnten. Wie mittlerweile offensichtlich kannte ihn auch dort die ganze Welt, allen voran ein ganz besonders verfressener Junge mit einem unglaublich sonnigen Gemüt. Dieser kleine Zappelphilipp konnte keine einzige Minute ruhig stehen, weshalb er wohl so viel essen konnte, ohne zuzunehmen, doch seine positiven Attribute wie seine Herzlichkeit und Heiterkeit überwogen eindeutig. Als wir aus dem Laden zurückkehrten, hatten Touka und mein Palim-Palim Misuzu allerdings ebenfalls neue Bekanntschaften machen dürfen. Ich war heilfroh, dass es zu warm für Min war, einen ihrer kuscheligen Hoodies mit aufgesetzter Kapuze zu tragen, die Hände tief in den Taschen ihres Jeansminirocks versenkt und lustlos durch die Gegend schlurfen, wie ich sie nur allzu gut kannte, denn sonst hätte sie zu den zwei vor der jungen Geisha positionierten Typen gut gepasst. Skelettschädelmütze, Halstuch vor dem Mund, schwarzes Muskelshirt, silberne Kette mit schwerem S-Anhänger, schwarze Hopperhose und weiße Sneakers. So stellten sich offenbar echte Möchtegernrapper dar.
    Eminems Jünger wussten ganz genau, wie sie diesen Eindruck auch verbal untermalen konnten: „Ey yo, haste nich’ gecheckt, was mein Bro gesagt hat, Süße? Wenn das Palimpalim nich’ dir is’, dann brauchste dir ja gar nich’ zu escho- ...eschiff- … äh … ärgern, wenn wir das voll krass wegsnatchen!”
    „Wer seid ihr denn eigentlich und was wollt ihr?!”, fuhr Touka die beiden Checker kalt wie ein Eishauch eines Alola-Vulpix an.
    „Hä, du kennst uns doch! Vorgestern, mann!”
    „Äh … nein? Ich kann mich nicht erinnern.”
    „ECHT JETZT?”, gaben die Rüpel geschockt zurück, bevor sie sich wieder sammelten. „Uncool, Sissy! Fresh ist was anderes! Oh, du hast sogar Freunde mitgebracht! Yo, yo, yo! Team Skulls Art zu grüßen, ist nicht zu grüßen! So vom Arturoklation her, checkstes?”
    Ich war bei solchen Hiphop-Kaspern immer etwas vorsichtig, da ich ihre Aggressionsbereitschaft nicht gut einschätzen konnte, doch Kukui nahm uns schnell die Angst: „Oh, vor denen müsst ihr euch nicht fürchten. Das ist Team Skull, eine Bande, die … naja, eine Bande halt. Sie sind eben da, aber ein Bedroher sind ihre Grimassen sicher nicht.”
    „Oi! Ich bin der Robin und ich bin sehr gut mit Klauen und so. Außerdem habe ich dich gesagt, stell’ mich nicht so als voll den Otto dar, du Otto! Also gar nicht! Sonst gibt’s Schellen von mich und mein Homie!”, ärgerte sich einer der beiden breitbeinig stehenden Gangster. Mein Palimpalim war mittlerweile auf meinen Arm zurückgekehrt.
    Min amüsierte sich köstlich über die beiden Trottel und versuchte alles, um nicht gleich laut drauf loslachen zu müssen, was dann auch dem anderen Skull-Rüpel übel aufstieß: „Yo ey! Ey! Bitte Respekt, Fräulein, haben wir uns verstanden? Du denkst, du hast Swag, doch mir, Morgan, kannst du nicht das Water reachen, yo! Alter! Wenn wir den Kampf gewinnen, dann kriegen wir den Palimpalim und ein Kürri-Reis bezahlt, tust du das verstehen?” Moment, was denn für ein Kampf?



    Ohne mich darauf vorbereiten zu können, schickten Morgan und Robin zwei ihrer Pokémon in den Kampf, ein Rokkaiman und ein Manguspektor.
    „Ich könnte euch mit Wuffels aushelfen, wenn ihr wollt”, bot Kukui seine Hilfe an, doch während Touka gerne auf einen Kampf verzichtete und weiter an ihrem Eis schleckte, schickte Min ohne zu zögern ihr neues Pokémon ins Rennen: ein Velursi. Ein süßes, kleines Bärchen, das kein Wässerchen trüben konnte, doch in dem eine ungeheure Kraft schlummerte. Passend zu der pinken Farbe des Miniteddys trug sie einen ebenso niedlichen rosa Schul-Faltenminirock mit schwarzem Karogittermuster, ihr einziges Kleidungsstück in dieser Farbe überhaupt und wohl auch das, was sie am wenigsten gefährlich wirken ließ.
    „Sazzy~”, hauchte sie mir zwinkernd zu: „Lass’ uns gewinnen, Cutie! Keine Gnade!”
    Dagegen hatte ich selbstverständlich nichts einzuwenden: „Du hast es gehört, Misuzu! Energieball auf Rokkaiman, los!” Die rappenden Hampelmänner versuchten uns, mit krassen Moves zu beeindrucken, doch uns erstaunten eher die erstaunlich harmlosen Angriffe ihrer Angriffe. Weder das Wüstenkrokodil noch die Manguste hatten gegenüber Energieball und Durchbruch auch nur irgendetwas auszusetzen; dementsprechend fielen auch die Reaktionen aus.
    Mit geweiteten Augen stellte Morgan entsetzt seine Niederlage fest: „Alter, chillt ma’ euer Leben, yo!”
    „Echt, schon vorbei? Sheeesh!”, pflichtete ihm Kollege Robin bei: „Wir zischen jetzt ab, okay? Nix Bullen oder so – aber beim nächsten Mal tust du dir bitte meinen handsome Style erinnern, raffste das?” Schneller als eine Sandwolke waren die beiden verpufft.
    Diese Typen waren gleichzeitig cringy als auch äußerst unterhaltsam, wie ich kichernd zugab: „Die waren schräg … aber auch lustig! Die Polizei können wir uns da sparen, oder?”
    „In der Tat! Nicht mal mit Psiana sieht man so ein schönes Morgan-Grauen”, stimmte Kukui mir voll und ganz zu und erntete von mir für dieses Wortspiel einen bösen Blick: „Lass uns weiter, es gibt noch viel zu entdecken!”
    Das war die Steilvorlage, auf die Min nur gelauert hatte: „Ja, aber lasst uns nichts überstürzen, keine Eile! Denn wir haben … morgen free, man!” Jetzt war es passiert. Kukui und Min brachen in schallendes Gelächter aus, während ich hilflos den Blickkontakt zu meinem stets lächelnden Glöckchen-Pokémon suchte. Ich war immer eine liebe Sazzy, das hatte ich doch jetzt wirklich nicht verdient! Doch mein Palimpalim lächelte einfach nur. Auch Touka, die mittlerweile neben mir herlief, schenkte mir ein warmes Lächeln, das ich einfach nur erwidern konnte.



    „Aber mann, jetzt mal ernsthaft, bin ich froh so einen Bro wie Kukui getroffen zu haben!”, freute Min sich, breit grinsend mit hinter ihrem Kopf verschränkten Armen wie ein Naruto, der zufrieden seine riesige Schüssel Ramen während eines Strandspaziergangs verdrückt hatte. Andererseits konnte man auch behaupten, so eine Sis wie „Dämonin Mina;v;” getroffen zu haben. Wie aus dem Nichts und von allen guten Geistern verlassen drehte sie sich plötzlich zu Touka um und kitzelte sie am ganzen Oberkörper. Das kitzelige Geishalein versuchte laut kichernd, sich irgendwie vor den Angriffen zu schützen, doch Min ließ sich wie allzu oft davon nicht beirren. Kukui stand breitbeinig mit beiden Händen an den Hüften wie der „Man” höchstpersönlich daneben und lachte laut, während ich von Min als nächstes Opfer auserkoren wurde. Min benötigte nicht viel, um mich meine Kontrolle verlieren zu lassen, sodass sie mich in den Sand werfen und sich auf mich stürzen konnte. Wehrlos musste ich mir die Kitzelei über mich ergehen lassen, bis sie nach einer Weile aufhörte und mich auf allen Vieren, über mir kniend, anstarrte.
    „Sazzyyyyy~ ...”, klagte sie wie ein schmusebedürftiges Eneco und ließ ihren Körper komplett einknicken, um mich in einer innigen Umarmung am orange erleuchteten hawaiianischen Palmenstrand zu umschlingen: „20 Jahre Sazzy in meinem Leben … ich möchte dir für alles danken, du kleine, knuffige Brillenmieze~ … äh … roar!” Eine bessere Definition von Sandkastenfreundschaft konnte ich mir wohl kaum vorstellen.

  • Unown Diclonius

    Anmerkung für später: *Min
    Konzept und Aussehen der Diclonii (c) Elfen Lied
    Mal sehen, wie viele andere Andeutungen ihr noch finden könnt. Sob sob sob.
    Suzuka, Kuzunoha/Nono (c) Grüße gehen raus an @Kuzunoha



    „Vor zweieinhalb Jahren wurde eine Forschungsanstalt in der Kanto-Region bis auf die Grundfeste niedergebrannt. Bei der Täterin handelte es sich um niemanden anderen als die berüchtigte Tokunara, von der ihr sicher bereits gehört habt. Aus diesem Institut wurden Leichen und Schädel von Wesen geborgen, die der Massenmörderin von Kamakura sehr ähnlich waren – die Diclonii. Da sämtliche Daten durch die Explosion vernichtet wurden, weiß man nicht, wie viel Prozent tatsächlich umkamen, doch in den letzten Tagen kamen Gerüchte auf, dass die gehörnten Frauen mit den pinken Haaren wieder Schrecken verbreiten. Und zwar hier, in der Kansai-Region! Jegliche Beweismittel, also Kameras aller Art, wurden vernichtet. Also seid auf der Hut.”
    Die Worte seines Fotografielehrers Mr. Sheffield hallten immer noch in Mitchs Ohren. Irgendwo mussten sich diese Wesen herumtreiben und wieder einmal würde ein Held von Nöten sein, um die Gehörnten zu stoppen. Wenn es nach seiner Mutter ginge, wäre Mitch ganz sicher nicht dieser Held. In der Hoffnung, dass sich der stinkfaule, unzuverlässige, hedonistische Nichtsnutz in einem Auslandsjahr abseits des US-amerikanischen Colleges beweisen würde, schickte diese ihn nämlich nach Osaka in Japan, dem Land ihrer Eltern. Immerhin hatte sie, zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes Michael, einem ehemaligen weißen US-Luftwaffenpiloten, mit ihrem neuen Lebensgefährten ohnehin schon mehr als genug zu tun. Die Liebe fand manchmal seltsame Wege, denn Kazuki, ein großspuriger, aber armer Hausmeister, war seinem Stiefsohn in vielen Punkten ähnlicher als die Mutter, die nun stolz berichtete, wie ihr Nachwuchs in Japan fleißig büffelte und später einmal genauso erfolgreich werden würde wie sie als Top-Anwältin. Ohne das strenge Auge seiner ehrgeizigen Mutter war Mitch allerdings nur noch nachlässiger und lethargischer geworden, genoss sein Leben als Austauschschüler allerdings in ganzen Zügen. Seine Zwillingsschwester Rachel hingegen konnte kaum eine Minute still halten, so quirlig und aufgedreht war sie, doch im Grunde genommen verpasste auch sie es, ihre überschüssige, in unterschiedlichste Freizeitangebote wie eben Fotografie, Cheerleading, Sportschauen, oder Barbecueing fließende Energie in etwas zu stecken, was ihre Mutter nicht als Quatsch abtun konnte.
    „Oh mann, ich frage mich, wieso ausgerechnet einer wie Kazuki mit unserer Mutter zusammengekommen ist. Immer und immer wieder”, sinnierte der 16-jährige auf Englisch, während er irgendwie versuchte, der haarigen Lage auf seinem Kopf Herr zu werden und zu gleich intensiv die Exponate des Naturkundemuseums Osaka zu betrachten. Skelette von Aerodactyl, Monargoras, Impergator und Bollterus reihten sich an Schalen von Kabutops, Amoroso und Armaldo.
    Seine Schwester, die Arme locker hinter ihrem Kopf verschränkt, wusste breit grinsend die richtige Antwort zu geben: „Naja, der findet sie scharf! Und kann jetzt endlich den American Dream richtig leben!”
    „Auch wieder wahr, Reicheru Karoraina.”
    „Dude! Nur weil die mich alle so nennen, musst du das nicht auch tun!”, beschwerte sich Rachel etwas lautstark, sodass sie sich danach erst einmal ganz leise und unauffällig umsah, wer denn aufgeschreckt sein könnte. Das spöttisch grinsende und Gesicht ihres Bruders, der mit seiner Hand vor ihren Augen herumfuchtelte, war es nicht, aber es besuchten noch mehr Menschen das Museum. Im selben Raum befanden sich in diesem Zeitpunkt allerdings nur zwei, nämlich zum einen ein junges Mädchen in ihrer leicht zu großen Mittelschuluniform, die jedoch auch trotzdem nicht so angelegt war, wie es die meisten taten. Die Strümpfe unregelmäßig hochgezogen, den Rock im zweistelligen Zentimeterbereich höher gezogen und die zu dem Matrosenhemd passende Schleife oder Krawatte irgendwo verschlammt, fast schon irgendwo rebellisch. Ihre Begleiterin war eine für japanische Verhältnisse immer noch durchschnittlich große, erwachsene Frau im roten Kimono, in dem ihre üppige Brust noch ihren Platz fand. Ihre langen, rotbraun gefärbten Haare schmiegten sich sanft an ihre Hüfte. Diese Frau gefiel Mitch, so viel war sicher.
    Nun war Rachel es, die vor dem schockiert-gebannten Gesicht ihres Gegenübers winkte, jedoch erfolglos, trotz verbaler Untermalung: „Erde an Mitch! Was ist los, bekommst du Nasenbluten, weil du eine se- … äh ...”
    „Sie … kann uns hören. Und jetzt halt’ die Klappe”, entgegnete der Bruder und packte den Arm seiner Schwester gekonnt aus dem Weg, um dafür einen verärgert funkelnden Blick mit schmollend aufgeplusterten Backen zu ernten: „Lass uns ins Obergeschoss gehen, da soll es Menschenschädel geben.” Immerhin hatte er nicht an ihren zwei Pferdeschwänzen gezogen, was sicherlich unangenehmer gewesen wäre.


    Acht menschliche Schädel waren nebeneinander aufgereiht. Der eines Babys, der eines Kleinkindes, der eines Schulkindes, der eines Erwachsenen, der eines Rentners und die drei jüngsten Stufen jeweils mit zwei weißen Hörnchen an der Seite, die mehr an Katzenöhrchen erinnerten. Stillschweigend standen die beiden von ihrer eigenen Mutter als „Vollversager” betitelten Jugendlichen vor der Vitrine und beobachteten fast schon wie in Trance die drei Dicloniusschädel. Plötzlich erschütterte ein lautes Geräusch das Museum. Zwar blieben die Panikschreie aus, doch alle Augen richteten sich auf Mitch.
    „Ich hab’ Hunger auf was Süßes, lass uns gehen, bevor mein Magen noch mehr gegen die 240 Minuten Fastenzeit rebelliert”, schlug der junge Mann vor, bevor er seine Hände lässig in die Jacken seiner Jeanstasche steckte und die Treppen herunterschlurfte, während seine Schwester ihm vorauseilte. Im botanischen Garten vor dem Museum gab es auch ein Wiedersehen mit dem Schulmädchen, das ein bildschönes Vulnona mit Augen gleich Goldstücken liebevoll streichelte und mit Leckereien fütterte. Am liebsten hätte Mitch sich dazwischen geworfen und dem Fuchs das Essen vor der Schnauze weggeschnappt, doch seine Gedanken galten der eleganten Dame im roten Kimono, die sich wohl in den Waschräumen erfrischen musste. Wenn er doch nur wüsste, wie sie hieß! Alles, was er wusste, war der Name des Feuer-Pokémons, das den Arm des Mädchens sanft ableckte.
    Denn dieses begann daraufhin zu kichern und der schönen Füchsin noch ein weiteres Mal das Gesicht zu zerflauschen: „Ach Kuzunoha! … Nono! Das kitzelt!” Nun war es aber tatsächlich an der Zeit, zu gehen, denn nicht nur Mitchs Magen knurrte, sondern auch die der Pokémon der Geschwister.


    Klick.
    Mitch konnte seine Freude kaum in Zaum halten, als er den vermeintlichen Schnappschuss seines Lebens geschossen hatte: „Oh mann, wenn ich gewusst hätte, wie einfach das ist! Gleich mal unserer Mutter senden, dann wird sie sowas von stolz sein, wenn wir ein gefährliches, wildes T- …” Doch er stockte, als sich das gehörnte Fotomodell umzudrehen begann. Schnell das Foto an seine Mutter versenden, bevor noch jemand auf die Idee kam, die heimliche Aufnahme löschen zu lassen – man wusste ja nie.
    „Gefährliches, wildes T-...Touka-chan?”, lächelte ihn eine zierliche junge Frau in einem türkisen Kimono an, völlig souverän und ohne die Nervosität, die sie früher auf Schritt und Tritt verfolgt hatte. Irritiert blickte Mitch auf die Nachricht, der er über sein Smartphone versendet hatte:


    Schau mal, Mum, ich bin der erste, der das Ungeheuer von Loch Kansai fotografieren konnte. Ich bin jetzt offiziell cool. Und krass auch.


    Schon bald wurde diese von einer Antwort auf dem Instant-Messenger verdrängt:
    Schau mal, Sohn, das ist eine Prominente namens Touka, die einzige schwarzhaarige Gehörnte, die man auch noch völlig gefahrlos fotografieren kann … habe ich etwa einen Lügner großgezogen? Du bist jetzt offiziell ein Trottel. Und deine Schwester auch.


    Mitch ballte die Fäuste. So derart von seiner eigenen Mutter erniedrigt werden, konnte er gerade noch verkraften, doch die Stichelei gegen seine Schwester wollte er partout nicht auf sich sitzen lassen.
    Doch bevor böses Blut im Datennetz aufkam, versuchte die hübsche Geisha, ein weiteres Mal Kontakt aufzunehmen: „Ich heiße Touka. Ihr könnt ruhig auch von vorne mit mir ein Foto machen, das ist überhaupt kein Problem! Hier ist ja auch sonst niemand, sodass keine Tausendschaften ein Foto von mir wollen ...” Nachdem Mitch eigentlich nur seine Schwester begleitet hatte, um in Nishinomiya-Koshien auf der Allee voller gelb-schwarz gestreifter Fanshops Hanshin Tigers-Baseball-Merchandise zu ergattern, hatten sich die beiden dazu entschlossen, nach einem Strandspaziergang noch einen Abstecher zum mit Palmen und Kiefern bestückten Strandpark zu wagen, in dicken Winterjacken begleitet. Bevor irgendjemand erneut das Wort ergreifen konnte, landete ein weißes Flöckchen auf Toukas kleiner Stupsnase, auf der es sofort dahinschmolz, so wie eventuell auch Mitch, der von Rachel kritisch beäugt und mit einem baseballschlägerförmigen Megaphon, dem Ouen Bat, leicht geschlagen wurde.
    „Äh ja”, kam der junge Mann wieder zu Sinnen: „Klar, das wäre echt cool von dir. Ich habe dich wirklich für diese Frauen gehalten, die letztens in den Nachrichten auf sich aufmerksam machen.” Für einen kurzen Moment hielt er inne, ob es vielleicht nicht die beste Idee gewesen war, die junge Berühmtheit, die immerhin die Johto-Liga für sich entscheiden konnte, für einen ganz normalen Niemand zu halten.
    Touka gab sich glücklicherweise kein bisschen verärgert und neigte lächelnd ihren Kopf zur Seite, sodass auch die hüftlangen, rabenschwarzen Haare sich ruckartig weiter senkten: „Ich bin ja froh, dass es Leute wie dich gibt, denn wenn JEDER mich kennen würde, hätte ich keine Luft zum Atmen mehr!”
    „Heißt das, ich darf dich umarmen?”
    Glücklicherweise durchbrach Rachel die drei Sekunden betretenes Schweigen auf beiden Seiten und penetrierte ihren Bruder weiter mit dem Anfeuerungsutensil: „Ist dein Japanisch wirklich SO schlecht, dass du das verstanden hast?”
    Als Mitch dieses anpackte, versuchte sich seine Schwester mit Leibeskräften zu wehren und ihr Besitztum wieder komplett an sich zu reißen, doch dadurch, dass niemand nachgeben wollte, entstand ein Gerangel, dass die vom weißen Schnee berieselte, bald 22-jährige Junggeisha, erst vor einem Jahr mit der Ausbildung fertig, nur mit gerundetem Mund über die beiden staunen ließ, bis sie selbst einen Vorschlag machte: „Vielleicht … gehen wir mal irgendwohin, wo es warm ist. Der Schnee ist schön, aber ich friere etwas, und zwar hoffentlich nicht ein … ich muss immer warm und fluffig bleiben, dann kann ich euch etwas über die Diclonii erzählen, die ihr so interessant findet.” Bei dem Begriff „frieren” wurde Mitch sofort hellhörig und bot Touka seine dicke Jacke an, während diese jedoch mit einem Kopfschütteln und der Begründung, es würde lächerlich aussehen, höflich ablehnte. Immerhin war der junge Amerikaner mit japanischen Wurzeln über einen Kopf größer als die Bewahrerin der traditionellen japanischen Künste.


    Selbst ihre Tasse Grünen Tee schlürfte die blaublütige Geisha elegant, bevor sie einige Fragmente ihres Wissens in einem kleinen Café preis gab: „Haltet euch ohne professionelle Belgeitung von den Diclonii fern, wenn ihr sie nicht einschätzen könnt, zum Beispiel, weil ihr zu weit weg steht. Da seid ihr in Sicherheit. Nicht mal die Psychokinese eines Mega-Simsala ist so brutal wie die Kraft eines Diclonius im Wutrausch. Je älter sie sind, desto größer ist ihre Reichweite und prinzipiell haben sie mehr Skrupel davor, Pokémon zu attackieren als Menschen. Ihre Schwachstelle birgt zugleich das größte Risiko, nämlich die Hörner. Entweder löst du eine unkontrollierte Zerstörungswut in ihnen aus oder schlägst sie bewusstlos, je nachdem. Mehr kann ich euch auch nicht sagen.”
    „Oh und würdest du uns helfen, eine von denen zu finden? Du musst sie nur fotografieren, damit wir unserer Mutter mal zeigen können, dass wir ein mutiges, starkes Team mit … tief in uns schlummernden Talenten als Fotografen und Trainer sind! Ich feuere dich gerne an, willst du meinen Anfeuerungssong hören?!”, entgegnete Rachel, unruhig auf ihrem Stuhl hin und her ruckelnd.
    Mit missmutigem Blick fiel ihr um wenige Sekunden älterer Bruder, der sich gemütlich in das Rückenkissen der Sitzbank zurückfallen ließ, ins Wort: „Ach und ich bin angeblich der Weirdo, du Nerd?”
    „Ich schätze, das könnte ich, aber nur, wenn ihr alle Sicherheitsbestimmungen einhalten würdet. Schließlich ist auch meine gute Freundin Raazu Taganzoku, die später als Detektivin arbeiten möchte, erpicht auf Neuigkeiten in dem Fall, wenn sie mal nicht gerade einen Nussmix sortiert oder mit einer Wasserwaage bewaffnet durch Wohnungen schleicht. Und dann gibt es ja noch Misato Miyazaki, die andere Polizistin in spe~ ...” Stiefvater Kazukis Nichte hieß ebenfalls Misato – und mit Nachnamen Miyazaki!
    Sofort wollte Mitch seinem Verdacht nachgehen: „Eine Misato mit gefärbten Haaren und einer stark behaarten Wärmeflasche als Haustier?”
    „Sie heißt Mayu, okay? Sie hat einen Namen. Also die … ‚Wärmflasche’.
    „Jaja, whatevs.”
    Mitch gefiel es nicht, wie ernst Touka ihm nun in die Augen blickte. Hatte er etwa der Flamara-Kätzin, über die doch geredet wurde, nicht genügend Respekt gezollt? Eine Schweißperle des Stresses tropfte seine Stirn hinab und desto mehr er sich bemühte, cool zu bleiben, desto schneller rollte sie.
    Rachel kannte ihren Zwillingsbruder ganz genau und hatte ein Auge für seine nach außen getragenen Gedanken, während sie in einer Art kleinen Reiseintopf mit Fisch rührte: „Touka-Cola mag das nicht, wenn du so redest.” Die beiden liebten es, sich gegenseitig zu necken, doch die Kimono-Schönheit musste sich erst noch an Spitznamen aus dem Bereich des Kulinarischen gewöhnen, so wie es schon bei „Schokonara” für ihre dunkle Kehrseite Tokunara der Fall war. Während Mitchs Pfannkuchen und Waffeln schon längst in seinem Bauch verschwunden waren und sich der hedonistische Genuss auch in seinem Gesicht widerspiegelten, hatte Touka kaum angefangen, ihr Reisomelett zu essen, sodass noch genügend Zeit war, sich weiter zu unterhalten und näher kennenzulernen. Nun bekam Mitch letztendlich also doch seine Umarmung von Touka. Sie benötigte schon immer etwas Zeit, mit anderen warm zu werden und ihnen ihr Vertrauen zu schenken, was sich zweifelsohne auf einige schreckliche Ereignisse in ihrer Jugend als Diclonius zurückführen ließ.


    Nur die höfliche Etikette der Geishas verhinderte es, dass Touka ihre Gefühle nicht der Außenwelt offenbarte. Dazu gehörten neben Ärger neben auch Übelkeit und Schwindel, von denen auch Mitch und Rachel nicht verschont geblieben waren. Nur eine Person strahlte wie ein Honigkuchenponita, und zwar die Einzige, die einen Führerschein besaß und somit auf dem Fahrersitz vorne rechts Platz genommen hatte.
    „Fei is happy to have fine talks with Americanos! Yo soy learning Espanol, too! Mucho kawaii! If wants to get help from Fei for speaking with muchacho hombres even if scarce time is having, then come to me and get council of big mistress Fei who is number one but in control of Tao! Second in command after greatest short skirt empress Miyuuuuu*! Muchos Latias!”, entfuhr der naiv und unschuldig lächelnden Chauffeurin ein nicht gerade leicht zu ordnender Schwall an Worten. Sobald das Trio ausgestiegen war, drückte Fei auf das Gaspedal und ließ Touka und ihre beiden neuen Bekanntschaften alleine an dem Ort, an dem das letzte Mal ein Diclonius-Angriff gemeldet wurde.
    Immer noch angeschlagen von der Fahrt, kratzte die zweihörnige Geisha sich an den Schläfen, um ihrem Ärger, jedoch über sich selbst, Ausdruck zu verleihen: „Wieso frage ich übrigens von allen Leuten überhaupt ausgerechnet MIN, wer denn eine gute Wahl als Fahrer wäre? Schade, dass Satsuki zu dieser Zeit in der Tierklinik arbeitet, denn bei ihr hätte ich mich viel sicherer gefühlt. Aber gut … nun müssen wir die Spur von einem Diclonius finden, wenn nicht er uns sogar findet. Immerhin können wir uns unter einer gewissen Entfernungsschwelle gegenseitig aufspüren., doch bisher hatte ich kein Glück. Allerdings verspüre ich gerade ein leichtes Kribbeln ...”
    Schon bald erreichte das Trio eine hügelige Landschaft umringt von Bergwäldern voller immergrüner Bäume und kleiner Bambushaine, während das Gelände dazwischen mit zahlreichen frisch angelegten Reis- und gelegentlich auch ein paar Weizenfeldern einen guten Eindruck der ländlichen Seite des hochtechnologischen Landes Japan erweckte. Hier hatte vor 1300 Jahren eine alte Kultur die Ruinen von Asuka erbaut, auch Alph-Ruinen genannt, voller geheimnisvoller Kammern und Grabstätten, die unter grasbedeckten Hügeln bedeckt waren. An diesem Ort lebten buchstabenartige Pokémon namens Icognito die aber ohnehin eher als scheu galten. Es schien passend, dass die Diclonii von diesem mysteriösen Areal angezogen wurden.
    „Knock knock”, erwartete Mitch eine Antwort von seinen beiden Begleiterinnen.
    Doch nur Rachel spielte mit: „Who is it?”
    „Dishes!”
    „Dishes who?”
    „Dishes a very bad joke!”
    „Hahahaha!”
    Für einen Moment erstarrte Touka. Wenn Min ihr schon Fei empfohlen hatte, war es dann auch möglich, dass sie ihr Leute aufgedrückt hatte, die genau solche Witze erzählte wie sie selbst? Min war so ein kleiner Schelm.
    Sie unterbrach die beiden hinter ihr her trottenden Geschwister nur ungern, doch nun sah sie sich gezwungen, das Wort zu ergreifen: „Ein Diclonius muss hier in der Nähe sein. Es wäre besser, wenn wir sie bemerken und nicht umgekehrt. Ich werde einen der Hügel erklimmen, um einen besseren Überblick über das Gebiet zu haben.” Mitten im kalten Januar war hielt sich niemand hier in Asuka auf, nicht mal die Touristen. Während Touka Ausschau hielt, gönnte sich Mitch eine Pause und setzte sich auf den Rasen, um mit seinem Taschenmesser drei orangene Kakifrüchte aufzuschneiden, den er an einem verlassenen Obstposten für 100 Yen erwerben konnte. Auch seine Schwester befand sich bereits in der Hocke und hielt ihren gierig Kopf nach vorne gestreckt, sodass ihr schnell mal ein Ellenbogen im Gesicht landen konnte. Einen Diclonius fand Touka nicht, doch etwas anderes erregte ihre Aufmerksamkeit. Drei Gladiantri und ein pelziges, herzzerreißend liebenswürdiges Fuchsungeheuer namens Vulnona standen auf einer Wegkreuzung, mit mehreren seltsamen Gegenständen bewaffnet. Doch das war nicht irgendein Vulnona – das war niemand Geringeres als Ran, Toukas flauschige Ex-Mentorin! So gerne sie die Todesgöttin in disguise geschnappt und geknuddelt hätte, verhielt sie sich ganz still, da jemand wie Ran nicht einmal ihr ihre dubiosen Pläne anvertrauen würde.
    „Seid ihr echte Krieger?”, begann die wunderschöne Füchsin, in deren Fell sich frisch fallende Schneeflöckchen zu verfingen schienen, ihre Rede: „Nein? Ihr habt noch nie einen Diclonius gefangen? Dann wäre es ganz gut, nun meinen Anweisungen folge zu leisten, um euch mit Ehre aus der Affäre zu ziehen.”
    Während die beige Kitsune ihre neun Schweife stolz im Wind wehen ließ, zeigten die Soldaten-Pokémon viel gutgemeinten Willen, ihre Anführerin zufriedenzustellen: „Jawohl, eure Majestät!” Toukas Puls schlug immer höher, ihr kleines Herzchen immer schneller. Der Diclonius musste sich von Süden aus annähern, sodass er nicht nur ihr, sondern auch Ran näher kam … und tatsächlich … weiße Hörner auf magentafarbenen Haar … ein Dicloniusmädchen in Mitch und Rachels Alter stapfte tatsächlich auf sie zu, mit dicker, dunkelgrüner Winterjacke, einem weißen Schal und schwarzen, kuscheligen Ohrenwärmern.
    Auch Ran, die die Umgebung kurz zuvor gründlich beschnüffelt und untersucht hatte, eröffnete nun ihren Plan: „Ha ha ha! Now look at this net, that I just found, when I say go, be ready to throw!”
    „HÄ?”
    „Werft das Netz, wenn ich ‚GO!’ sage! Tse, da wollte ich einmal cool sein. Ich bin nicht die erste Füchsin, die zusammen mit kleinen Kindern irgendwelche Zeichentrickserien schaut oder im Internet surft, okay?!”, ärgerte sich die Kitsune, die mit ihren Krallen ein weggeworfenes, blaues Netz bearbeitete über die mangelnden Englischkenntnisse ihrer Gefolgschaft, bis die junge Dicloniusfrau ganz nah kam: „GO!” Das Netz flog kurz in die Luft, ohne dass der Diclonius es bemerkte, sodass es aus Toukas Sicht so aussah, dass der Plan aufging, doch dem war nicht so.
    „Nicht auf mich, auf SIE, ihr kamiverdammten Versager! Mir nach!”, blaffte Ran die nicht allzu intelligenten Gladiantri an, während sie das Netz, in dem sie nun gefangen war, lichterloh aufflammen und restlos zu Asche zerfallen ließ, bevor sie mit leisem Tritt ihrem Ziel nach lief, bis sie und ihr Team sich im Gebüsch heimlich einen Vorsprung verschafft hatten. Sobald sie angekommen war, sickerte dann erst einmal eine ganze Ladung grüner Tee auf den Weg, der binnen Sekunde zu Blitzeistee gefror. Der Diclonius entschied sich jedoch dafür, unmittelbar vor der gefrorenen Stelle eine leicht andere Richtung einzuschlagen und dafür über diese Wiese abzukürzen. Als die mit Elektroschockern bewaffneten Gladiantri nachsetzten, auf der gefrorenen Fläche ausrutschten und mit einem lauten Krachen stürzten, schaltete das pinkhaarige Mädchen schnell und katapultierte ihre Stalker mit ihren telekineseähnlichen Kräften Meter weit durch die Luft, sodass Ran in ihrem grünen Versteck ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter zog.


    Als die Gejagte kurz vor dem Grabhügel sich sorgfältig umzuschauen begann, hatte Toukas Hetzschlag nun seinen Höhepunkt erreicht. Das war ganz sicher nicht der Moment, an dem sie eine persönliche Cheerleaderin brauchte, die sie fürs Wacheschieben anfeuerte. Gerade, als Rachel, die sich ihres Wintermantels entledigt hatte und mit Pompoms und kurzem Cheeroberteil und -Rock in Gelb hinter Touka auftauchte, um mit singen zu beginnen, konnte die junge Geisha dies mit einer schnell geschalteten Psi-Attacke unterbinden. Ihre Augen galten nur den unberechenbaren Diclonius, der nun nach oben blickte … jedoch in die andere Richtung gedreht … gerade noch einmal Glück gehabt.
    Nun zückte Touka Mitchs Kamera aus dem Kimonogürtel, um das entscheidende Foto zu schießen und gleichzeitig einer gefährlichen Konfrontation zu entgehen, wäre ihr da nur nicht der Besitzer des Fotoapparats in die Queere gekommen: „Woa. Touka! Zieh’ dir das seltsame Radio hier rein! Holy Shit! Hella creepy, isn’t it?” Die schrillen, grotesken Geräusche des Radiosenders ließen Touka derart plötzlich zusammenzucken, dass ihr die Kamera aus der Hand glitt und den Grabhügel hinunterpurzelte, bis sie der Diclonius aus der Distanz aufnahm.



    Kurze, stakkatoartige Tonfolgen wechselten sich nun mit den schrillen Zwischensequenzen im unheimlichen Programm ab, das Touka innerlich lähmte. Waren das die tief unter der Erde verborgnenen Icognito, die dafür verantwortlich waren? Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter, doch die verstörenden Frequenzen trugen nur einen Teil dazu bei. Der Diclonius hatte sie nämlich entdeckt und starrte ihr mit zusammengekniffenen, beerenfarbenen Augen tief in ihre Seele hinein. Einen zweiten Versuch hatten sie noch, denn nun kramte Rachel in ihrer Tasche nach einer Kamera. Der eisige Januarswind wehte erbarmungslos über den mit abgestorbenem Gras bedeckten Hügel, während es nun an Touka lag, die beiden Jugendlichen mit all ihren Mitteln zu verteidigen.
    „Na los, Snoop! Auf dem Grashügel bist du in deinem Element!”, beschwor Mitch ein weiß-grünes Long-Drachen-Pokémon namens Sen-Long aus seinem Pokéball, während die Wahl seiner Schwester auf ein Emolga fiel, das sich farblich großartig zu ihrem Kostüm ergänzte. Zähneklappernd hatte Rachel ihre in weißen Pompoms endenden Arme um ihre Brust geschlossen, doch sie gab sich Mühe, sich von der Kälte möglichst wenig anmerken zu lassen.
    Touka hingegen war wenig begeistert davon, die Pokémon dem unbekannten Risiko auszusetzen: „Ich möchte nicht unhöflich sein, Kaiba, aber dein weißer Drache mit bekifftem Blick wird gegen einen Diclonius nicht wirklich helfen, fürchte ich.” Empört schnaubte Snoop auf, doch Toukas Aufmerksamkeit galt alleine dem Diclonius, immer noch an Ort und Stelle verharrend und ihren Blick nicht von der schwarzhaarigen Gehörnten abwendend.
    „Du bist nicht die, die gesucht wird.”
    Endlich hatte Mitch es geschafft, das Icognito-Radio abzuschalten, während er und seine Begleiterinnen, eine davon ein Foto knipsend und danach stolz grinsend, den Worten der jungen Dicloniusdame am Boden lauschten: „Haarefärben ist kein Problem, Verkleiden auch nicht … aber ein Schweif, der nervös hin und her zuckt? Das kann nicht gestellt sein. Sie besitzt keinen Schweif, genau wie ich.” Als die beiden Geschwister realisierten, dass da wirklich eine kleine, schwarze, angespannt um sich schlagende Schweifspitze unter dem Kimono Toukas herausschaute, blieb ihnen der Atem weg.



    „Na los, kommt schon da runter. Ich bin genauso auf der Suche wie ihr. Du siehst vernünftig aus und weißt sicher genauso wie ich, dass wir etwas Besseres sein können als das, zu dem wir von den Forschern getrieben wurden. Wir … wir müssen nur dafür sorgen, dass andere Diclonii diese Lektion auch lernen”, forderte der Diclonius am Boden die drei auf und lehnte sich mit verschränkten Armen an eine leicht mit Schnee bepuderte Kiefer, bis alle unten waren. Ganz traute Touka der Sache noch nicht, doch ihr Puls war wieder heruntergefahren.
    Rachel lag allerdings eine Sache noch auf dem bibbernden Herzen: „Dürfen wir unserer Mutter trotzdem schreiben, dass du blutrünstig und gefährlich bist? Da-dann gelten wir nämlich endlich als badass! W-w-wir … wir haben es satt, von ihr andauernd als faule L-l-loser angesehen zu werden. Wir sind lebensfrohe Lebenskünstler!”
    „Faulheit ist eine Kunst für sich, musst du wissen. Und eine ganze Lebenseinstellung! Ich kann dich auch gerne mit einer viertel Kakifrucht bestechen, ist noch übrig geblieben”, ergänzte Mitch, der seiner schlotternden Schwester ihre Jacke wieder um die Schulter legte, denn Anfeuerungen waren nun nicht mehr nötig.
    Der Diclonius zuckte mit den Schultern und warf den beiden daraufhin ein Lächeln zu: „Ich kenne das Gefühl. Mich nannten sie auch Versager, weil ich in den Tests nicht töten konnte … oder … eher wollte. Ich habe viele Schmerzen dadurch erlitten, innerlich als auch äußerlich, aber wenigstens kann ich mir morgens stolz in die Augen sehen, wenn ich den Spiegel blicke. Mein Name lautet übrigens Kogyoku. Jemand hat mir gesagt, dass es der Name einer Kaiserin war. Ob die anderen Diclonii auch solche Namen bekommen haben?” Während Kogyoku sich weiter in ein Gespräch mit den neugierigen Geschwistern vertiefte und den Weg zurück in die Stadt einschlugen wollte, hatte Touka, obwohl ebenfalls ganz durchgefroren, noch etwas zu erledigen. Ein beherzter Griff in den Busch später und schon hielt sie ein schneebedecktes Vulnona in ihren Armen, das sich sich ordentlich schüttelte.
    „NSA-Füchsin … this is madness ...”, antwortete die junge Geisha lächelnd und mit frech rausgestreckter Zunge ihrer fluffigen Freundin, die mit ihr via Telepathie kommunizieren konnte.
    Ran ließ ihre Augen kurz aufflackern, bevor sie ihr lautstark ins Ohr jaulte: „THIS. IS. RANAAAA!” Direkt im Anschluss schnellte die Zunge der Füchsin so schnell nach vorne, dass Touka ihre eigene nicht mehr rechtzeitig einziehen konnte. So wurde aus einem freundschaftlichen Übers-Gesicht-Lecken fast schon eine Art Kuss, die Touka mit geweiteten Augen erstarren ließ.
    Ran war zutiefst verwundert über die langsamen, menschlichen Reflexe: „So fühlt sich das also an, was Kuzunoha auch erlebt hat. Aber woher soll ich wissen, dass du immer noch deine Zunge draußen hast? Touka-chan, bist du tiefgefroren? … Touka? ...”
    „Ach Ran! Manchmal kannst du so zuckersüß sein … okay … oft! Sehr oft sogar! Lass uns den anderen Folgen und uns aufwärmen, du alberner, wunderschöner Flauschball!”, entgegnete die junge Frau mit dem schwarzen Schweif und drückte ihr Vulnona dicht an sich, um sie auf den Armen umherzutragen und mit an einen warmen Ort zu tragen, wo sie in Ruhe das weiße Schneetreiben bewundern konnten, ohne zu frieren. Doch die seltsamen Frequenzen der Icognito wollten ihr nicht mehr aus dem Kopf - ob sie das alles beobachtet hatten?

  • Türkisches Toptalent in die Bundesliga?



    Mehrere deutsche Vereine buhlen offenbar um den Kapitän der türkischen Nationalmannschaft, Recep Tayyip Erdogan. Das Rechtsaußengenie, das momentan noch bei dem Basaksehir Istanbul, dem bärenstarken Tabellenzweiten der Süper-Lig die Strippen zieht, soll offenbar schon mehrmals mit dem Zuschaustellen seines Talents auch im europäischen Ausland geliebäugelt haben. Zwar ist der kleine Außenseiterverein in der nächsten Saison auch in der Champion League vertreten, doch als Flügelspieler auf der rechten Seite kann sich Erdogan gut vorstellen, beispielsweise bei Bayern den Niederländer Arjen Robben auf dessen Position zu ersetzen. Der ambitionierte Türke verriet der Sport Sphinx: "Ich sehe meine Zukunft als türkischer Nationalmannschaftskapitän mittelfristig gesehen in der EU. Ich träume seit Jahren von einem Wechsel nach Deutschland. Ich schätze das Land sehr, denn auch politisch kann ich mich insbesondere mit dem Prinzip der Meinungsfreiheit identifizieren." Und nun sollen mehrere Clubs an einer Verpflichtung des lebensfrohen Ballgenies ihr Interesse bekundet haben! Wer wird letzlich die Gunst Erdogans erhalten?


    Durchsetzungsstark: Erdogan (hier im Trikot von Basaksehir) steckt voller Führungsqualitäten