Spielzeugzwielicht

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    Hitze.
    Flammen.
    Finstere, pechschwarze Flammen.
    Wo bin ich hier?
    Was ist dieser Ort?
    Und wer ... wer bist du?
    Bist du ... Gott?
    Flüsternde Stimmen.
    Das Feuer spricht zu mir.


    Falsche Farben ...
    Was seid ihr für Pokémon? Warum seid ihr, wie ihr seid?
    Blau und schwarz. Weiß und golden.
    Verbunden im ewigen Tanz mit den Flammen.
    Ein ewiger Tanz in den finsteren Flammen.
    Ein ewiger Tanz ...
    Mit dir ...
    Mit Gott.


    Tanz mit mir, du weiße Kreatur.
    Tanz mit mir und folge mir.


    Finsteres Feuer greift nach mir.
    Sollte ich Angst haben? Ich habe keine.
    Lass mich frei. Lass mich gehen.
    Ich bin keine Gefahr.
    Flüsternde Flammen im ewigen Reigen.
    „Dies ist nun unser kleines Geheimnis.
    Niemand soll von diesem Ort erfahren.“
    Ich verspreche es, Gott.
    Ich verspreche es dir.


    Finstere Flammen umfassen mich nun.
    Dreh mich im Tanze mit reinem Weiß.
    Schwarz und Weiß. Du und ich.
    Schwarz, wie ...
    Du, mein Engel.


    Finstere Flammen lassen mich frei.
    Ich danke dir, Gott.








    @Undyne, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Galileo, @Obscuritas
    Ich habe euch mithilfe eines speziell entwickelten Algorithmus als potenziell interessierte Leser eingestuft.
    Solltet ihr nicht mehr auf dieser Liste stehen wollen, wendet euch bitte vertrauensvoll an mich.

  • Hallo Kiriki-chan , ich hätte nicht erwartet, dass die Fortsetzung zu deiner berühmten FF jetzt schon rauskommt! Du bist echt immer für eine Überraschung gut :)  


    Interessant, hier ist einerseits von schwarzen Flammen die Rede, andererseits aber auch von "Gott". Das kann man jetzt so interpretieren, dass diese Flammen als so angenehm betrachtet werden, dass sie den Himmel ausmachen, oder möglicherweise findet das Jüngste Gericht auch einfach bereits in der Hölle statt. Oder der Ich-Erzähler hält fälschlicherweise den Teufel für Gott. :)  

    Blau und schwarz. Weiß und golden.


    Oh nein, bitte nicht schon wieder dieses Kleid! :help: Also wohl doch die Hölle :(  

    Ein ewiger Tanz ...
    Mit dir ...
    Mit Gott.


    Tanz mit mir, du weiße Kreatur.
    Tanz mit mir und folge mir.


    Der Ich-Erzähler bittet also "Gott" darum, mit ihm/ihr zu tanzen und ihm/ihr zu folgen? Steckt "Gott" womöglich selbst in der Hölle fest und er/sie muss ihn befreien, weil er/sie den Weg da raus kennt? ?(


    „Dies ist nun unser kleines Geheimnis.
    Niemand soll von diesem Ort erfahren.“


    Klar wäre es echt peinlich, wenn irgendjemand erfahren würde, dass Gott in der Hölle feststeckte und Hilfe brauchte, um rauszukommen. ;)


    Dreh mich im Tanze mit reinem Weiß.
    Schwarz und Weiß. Du und ich.
    Schwarz, wie ...
    Du, mein Engel.


    Hä, wo kommt denn jetzt auf einmal der schwarze Engel her? ?(


    Finstere Flammen lassen mich frei.
    Ich danke dir, Gott.


    Sollte Gott nicht eher dem Ich-Erzähler danken? Naja, vielleicht hat das ja etwas mit dem Engel zu tun. Könnte ja sein, dass der irgendwas Böses gemacht hat und Gott eingreifen musste, damit sie unbeschadet rauskonnten. :)


    Ich freue mich schon auf das erste Kapitel! :D :D :D

    Gladiantri..107626-81915eb0.png..Reshiram (schillernd)

    „In dir fließt mein Blut, Kind. In dir lodert meine Flamme. Dennoch sei gewarnt, denn du bist nicht Reshiram. Meine Bestimmung ist es, eine Welt der Wirklichkeit zu schaffen. Deine Aufgabe soll eine andere sein, dein Weg von dir selbst gewählt.“


  • Schau der Bestie ins Gesicht,
    benenne sie beim Namen.
    Schöne Worten heilen nicht
    die Wunden, die geschlagen.
    Schau der Bestie ins Gesicht,
    erkenn' in meinen Augen
    den Zorn, der meine Seele nährt
    und Frieden mir verwehrt.
    Saltatio Mortis -- Tief in mir


    Hallo LeserIn.

    Willkommen zu Kiris zweiter FF, der Fortsetzung der unglaublich fantastolligen Geschichte Spielzeugschatten. Diesmal gibt es noch mehr Spannung, noch epischere Kämpfe, noch mehr steht auf dem Spiel -- es erwartet dich ein Abenteuer noch ungeahnten Ausmaßes, nach dessen Abschluss die Spielzeugwelt nie mehr so sein wird, wie sie einmal war.


    Was ist ein Spielzeugschatten und sollte ich es kennen?

    Spielzeugschatten war meine erste FF und sie ist total toll. Sie spielt im Universum von Pokémon Rumble World, nur haben die Charaktere hier sogar einen Charakter. Wenn du, liebe/r LeserIn, Interesse daran hast, Spielzeugzwielicht zu lesen, solltest du dich mit Schatten wenigstens einmal vertraut machen. Der Hauptplot ist zwar eigenständig, aber einige Subplots greifen noch vom ersten Teil her über.


    Widmung

    Natürlich widme ich auch den zweiten Teil dieses epochalen Werkes @Undyne. Sie ist meine Inspiration, meine Motivation und noch so viel mehr. Und dieses Epos ist wohl in gewisser Weise dafür mitverantwortlich, dass dies nach wie vor genauso ist. Ach ja, wenn Charaktere einfach entscheiden, mal eben für ein paar Tage echt zu werden ... Keksi, du bist der tollste Mensch, den ich kenne. Bleib immer so knuffig wie du bist, denn irgendein Kiri hat mal behauptet, du seist genau so perfekt. Oh warte, besagtes Kiri war ja ich selbst. Ich hab dich lieb. :heart:


    Wer spielt hier so mit?


    Bisherige Kapitel

    Prolog
    Kapitel 1: Nachtmahr
    Kapitel 2: Schnüffler
    Kapitel 3: Dimensionswahn
    Kapitel 4: Psybann


    Natürlich wird es Specials zu Zwielicht geben, wie auch einst schon zu Schatten. Der Übersichtlichkeit halber werden diese aber nur im dortigen Startpost verlinkt sein.


    Benachrichtige mich!

    Zwar habe ich einen sehr wirkungsvollen Algorithmus verwendet, um die Tagliste zu erstellen, aber vielleicht hat dieser ja gerade dich falsch eingeschätzt? Falls du (nicht mehr) benachrichtigt werden willst, teile es mir bitte mit!
    Getaggt werden: @Undyne, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Galileo, @Obscuritas


    Wie schon bei Spielzeugschatten sind regelmäßige Updates geplant, für die man also nicht zwingend abonnieren oder Benachrichtigungen anfordern muss, sondern die man sich auch in den Kalender eintragen kann. Jeden zweitendritten Sonntag um 17 Uhr wird ein Kapitel veröffentlicht.


    War's das mit diesem Startpost?

    Fast. Ich wünsche euch ganz viel Spaß mit Spielzeugzwielicht! Kommentiert, liket, teilt, was das Zeug hält!
    Keksi meinte, ich sollte Spielzeugschatten noch einmal verlinken, um ganz sicher zu sein, dass es nicht untergeht.




  • Es war eine ruhige Nacht in der Festung des Finsterkaisers. Kein Geräusch war zu hören, die ganze Welt schien zu schlafen. Nur Kirika lag wach im Bett, zu sehr beschäftigte sie das kürzliche Verschwinden von Keksi. Warum nur war sie plötzlich nicht mehr aufzufinden gewesen? Wo war sie hingegangen? Und wieso hatte sie Kirika nichts davon gesagt? Das passte nicht zu ihr. Zwar war Keksi in letzter Zeit durchaus etwas komisch gewesen, immer irgendwie abwesend, aber einfach so zu verschwinden, das sah ihr trotzdem kein bisschen ähnlich.
    Kirika drehte sich zur Seite. Was brachte es ihr schon, darüber zu grübeln? Vielleicht war ja alles ganz leicht erklärbar.
    Hoffentlich war Keksi nichts ... Kirika zog sich der Magen zusammen. Nein, wenn ihr etwas passiert war ... Sie wollte gar nicht daran denken. Doch der Gedanke zwang sich auf, wie ein widerlicher Parasit, der ihr die Kraft und die Hoffnung entzog. Sie kniff die Augen zusammen, doch Tränen der Verzweiflung rannen bereits über ihr Gesicht.
    Ein leises Schluchzen war das Einzige, was man nun in der Festung hören konnte.
    Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie sah sich um. Corvin schien immer noch zu schlafen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, fühlte sich diese kleine Geste so gut, so beruhigend an. So, als wollte er ihr unbewusst sagen, dass alles gut werden würde, dass es Keksi gut ging, dass sie sich keine Sorgen machen sollte. Kirika atmete durch. Er hatte recht. Alles würde gut werden. Bestimmt war Keksi morgen schon wieder zurück. Sie beruhigte sich und schloss ihre Augen. Erneut kehrte Ruhe ein.
    Die Stille der Nacht wurde erneut durchbrochen, diesmal von Gemurmel. Erst waren noch keine Worte zu verstehen. Dann zuckte der Finsterkaiser zusammen. "Nein!" Immer wieder. "Nein!"
    "Corvin?", flüsterte Kirika und sah über ihre Schulter, doch er schlief immer noch. Sie überlegte, ob sie ihn wecken, ob sie ihn aus seinem offensichtlichen Alptraum befreien sollte, doch sie zögerte. Sie wusste, wie mies gelaunt er war, wenn man ihn weckte. Das wollte sie jetzt nicht riskieren. Dennoch fragte sie sich, was es war, das er gerade träumte. Aufmerksam hörte sie ihm zu.
    "Nein, ich wollte nicht ..." Sie überlegte. Was wollte er nicht? Kirika hatte keine Ahnung, ob das alles nur in seinem Traum geschah oder ob er gerade wirkliche Erlebnisse verarbeitete. Sie wusste doch so vieles aus seiner Vergangenheit nicht. Aber wenn es wirklich etwas Geschehenes war, was beschäftigte ihn dann so?
    Die Worte wurden deutlicher und Kirika glaubte, einen Namen in all dem verstehen zu können. "Sophia". Er erwähnte andauernd eine Sophia. Doch wer war das? Kirika kannte niemanden mit diesem Namen. Ob es wohl eine Freundin von ihm war? Oder ... ging er ihr am Ende sogar fremd? Sie erschauderte. Nein, das war doch unmöglich. Zwar war ihre Beziehung seit dem Brechen des Keksbanns stets schlechter geworden, zusammen mit ihren immer schwächer werdenden Gefühlen für ihn, aber das würde er ihr trotzdem nicht antun.
    Sie versuchte, es zu ignorieren und einfach weiterzuschlafen, doch sie wusste selbst, dass es ihr nicht gelingen würde. Sie war zu neugierig. Es ließ ihr keine Ruhe. Wach lag sie neben ihm und wartete regelrecht auf das nächste verständliche Wort. Wenn sie nur mehr wüsste ... Doch fragen konnte sie ihn am nächsten Tag auch nicht, das würde nur den Eindruck erwecken, dass sie ihm hinterherspionierte.
    "So... Sophia." Sie wurde erneut hellhörig. "Verlass mich nicht."
    Ihn ... verlassen? Kirika verstand es immer noch nicht. Warum sollte er Angst haben, dass sie ihn verlässt? Es gab für sie nur eine Erklärung dafür. Aber das konnte doch nicht sein. Sie wollte doch auch bei ihm bleiben. Sie wollte nicht, dass er eine Andere hatte. Das hatte er ihr doch versprochen. Eine Träne rann über ihre Wange. Es musste doch irgendeine andere Möglichkeit geben.
    "... tut mir leid." Sie sah über ihre Schulter. Anscheinend hatte er diese Sophia verletzt. Doch wie? Hatte sie auch herausgefunden, dass es noch eine Andere in seinem Leben gab? Oder hatte er ihr irgendetwas anderes angetan? Diese Fragen wollten Kirika keine Ruhe lassen, als sie sich schlaflos in ihrem Bett wälzte. Doch von Corvin kam nun kein Ton mehr.
    Sie drehte sich zur Seite und schloss ihre Augen. Vermutlich war es am besten, wenn sie wenigstens versuchte, zu schlafen. Sie war todmüde. Doch so sehr sie auch versuchte, einzuschlafen, sie lag nur wach da und ihre Gedanken kreisten. Wo war Keksi? Wer war Sophia? Wann würde Keksi zurückkommen? Würde Corvin ihr von Sophia erzählen? Was war geschehen? Und es war ihr, als würde ihr die Nacht die Antworten zuflüstern, leise, unhörbar.
    Plötzlich zerriss ein lautes Geräusch den Schleier der Stille. Kirika schreckte hoch, doch Corvin schien es nicht zu hören und schlief seelenruhig weiter. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett und legte sich ihre Kleidung an. Sie konnte ohnehin nicht schlafen, vielleicht würde das nach einem kleinen Spaziergang ja besser gehen. Sie ging zum Fenster und sah kurz hinaus. Der Himmel hatte schon einen leicht grünstichigen Blauton angenommen, der vermuten ließ, dass die Nacht sich schon bald ihrem Ende zu neigen würde. Vom großen Eingangstor her glaubte sie außerdem, Geräusche zu hören. Dem wollte sie nachgehen.
    Leise ging sie durch die Festung nach unten, stets bereit, ein Pokémon herbeizurufen, sollte sie Probleme bekommen. Es war finster und still in den langen, steinernen Gängen, einzig das Geräusch ihrer Schritte hallte an den kahlen Wänden wider und ergab eine schaurige Melodie. Sie fühlte sich nervös, obwohl sie doch eigentlich wusste, dass ihr hier nichts passieren würde.
    Das erste Licht der bald aufgehenden Sonne ließ Kirikas Umgebung heller werden, als sie beim Tor ankam. Vorsichtig warf sie einen Blick hinaus. Dort stand jemand. Dort stand ...
    "Keksi?"
    Das Mädchen drehte sich um und lächelte Kirika müde ins Gesicht. "Lang nicht gesehen", sagte sie. Bei sich hatte sie ein Reshiram, das seinen Flügel beruhigend auf ihre Schulter legte. Sie sah erschöpft aus, als hätte sie mehr erlebt, als sie verkraften konnte.
    "Keksi, was ist denn mit dir passiert?", fragte Kirika aufgeregt. Sie hatte so viele Fragen.
    "Ich ...", stammelte Keksi. "Äh ... vieles. Ich bin froh, dich wiederzusehen."
    Ohne weitere Worte zu verlieren, nahm Kirika ihre beste Freundin in den Arm und drückte sie an sich. "Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht, du Keks", hauchte sie.
    "Können wir schlafen?", fragte Keksi unvermittelt. Sie schien sehr wackelig auf ihren Beinen, als würde sie jeden Moment vor Erschöpfung zusammenbrechen.
    "Natürlich", sagte Kirika und gähnte. Auch sie spürte langsam die Müdigkeit, die sie die ganze Nacht so vermisst hatte. "Aber du musst mir alles erzählen, was passiert ist. Wo du warst, warum du dich nicht verabschiedet hast."
    Die Prinzessin nickte nur.
    Langsam führte Kirika ihre Freundin in die Festung hinein. "Du schläfst jetzt einfach bei mir im Bett", bestimmte sie.
    "Bei dir im Bett klingt toll", sagte diese und grinste. Doch dann dämmerte es ihr. "Warte. Heißt das nicht, dass auch Corvin dort schläft?"
    "Ach, der hat sicher nichts dagegen. Und der stört auch nicht."
    "Aber ..." Keksi konnte nicht verstecken, dass sie ein bisschen enttäuscht war. Mit Kirika allein in einem Bett zu schlafen, das hatte zu schön geklungen. Diese Option hingegen ... Das war ihr fast schon unangenehm. Doch was sollte sie schon sagen? Besser als allein zu schlafen war es allemal. Und wirklich wichtig fühlte es sich auch nicht mehr an, dafür war sie zu müde. So müde ...
    Kirika nahm einen kurzen Umweg, um das Reshiram der Prinzessin in den Hinterhof zu bringen, wo auch einige von Corvins Pokémon lebten. Dort würde es sicher ebenfalls einen guten Schlafplatz finden. Mit Keksi ging sie bis in ihr Schlafzimmer. Corvin schlief noch immer, doch in Kirikas Betthälfte war genug Platz für zwei. Sie legte sich hin und deutete Keksi, sie solle ebenfalls ins Bett kommen. Diese lief ein bisschen rot an, als sie sich erst auf das Bett setzte, dann hinlegte und sich eng an Kirika schmiegte.
    "Schön, dass du wieder da bist", sagte diese und strich ihr sanft durchs Haar.
    "Ich hab dich total vermisst", antwortete die Prinzessin.
    Erneut kehrte Stille ein. Und die ganze Festung schlief.



    "Psst, Kirika!" Keksi stupste ihre Freundin, die ihr den Rücken zugedreht hatte, leicht an. "Kirika! Bist du schon wach?" Doch es folgte keine Reaktion. Sie legte ihre Hände an ihre Freundin und drückte sich ganz fest an sie. "Kirika, aufwachen!" Doch diese wachte nicht auf. Sie stützte sich ab und sah ihrer Freundin ins Gesicht, sah ihr einen Moment zu, wie sie da lag und in aller Ruhe schlief. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sie überhaupt wecken wollte. Sie sah doch so hübsch aus, wie sie da lag und friedlich schlief. Eigentlich könnte sie doch auch einfach so verbleiben und sie dabei beobachten ... Aber es half nichts, sie wollte doch mit ihr reden.
    "Kirika!" Sie piekste sie in die Seite und beobachtete dabei ihr Gesicht. Kirika zuckte zusammen, dann öffnete sie langsam die Augen.
    "Hm?", brummte sie verschlafen.
    "Kirika! Ich bin so froh, wieder bei dir zu sein!", rief Keksi. "Ich dachte schon, ich seh dich nie wieder."
    "Mhm, ich hab mir auch Sorgen gemacht", brummte Kirika und rieb sich die Augen. Keksi drückte sich instinktiv näher an sie. "Wo warst du denn überhaupt die ganze Zeit?"
    Keksi erstarrte für einen Moment. Konnte sie ...? Sie hatte doch eigentlich ...
    "Äh, also, im Hofgarten", stammelte sie verlegen.
    Kirika grinste. "Versteh schon, hehe. Und gleich so lang."
    "N-nein, nicht das, was du denkst!", stammelte die Prinzessin weiter. "Ich war ... äh, also ... also gewissermaßen ... in Schwierigkeiten?"
    "Schon in Ordnung", sagte Kirika. "Mit wem warst du denn dort?"
    "Ich sagte doch bereits, nicht deswegen!"
    "Jaja, das sagen sie alle."
    "Kirika! Das ist peinlich!" Keksis Kopf lief rot an. "Du weißt doch, dass ich nicht gern über solche Dinge rede."
    "Aber ich", sagte Kirika und grinste. "Nun erzähl schon."
    "Aber es gibt nichts zu erzählen!"
    "Nun tu nicht so", sagte Kirika und piekste Keksi.
    "Können wir nicht bitte das Thema wechseln?"
    "Nö", sagte Kirika. Keksi boxte sie in die Seite. Dann fingen sie an zu lachen.
    Ohne Worte setzten sich die beiden auf das Bett und hielten sich im Arm. Sie waren so unsagbar froh, einander wieder zu haben und sie genossen das Gefühl, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen. Zwei Wochen lang war Keksi nicht auffindbar gewesen. In diesen zwei Wochen hatten sich Kirikas Gedanken permanent um ihren Verbleib gedreht, um ihr Wohlergehen, um ihre Beweggründe, einfach unterzutauchen. Und wirklich verstehen konnte sie es immer noch nicht. Warum würde sie für ein bisschen Spaß im Hofgarten so plötzlich und spurlos verschwinden müssen? Warum hatte sie ihr nichts davon erzählt? Warum hatte sie ihr überhaupt nichts von alledem erzählt? War das der Grund, aus dem sich Keksi in letzter Zeit so seltsam verhalten hatte, so abwesend und gedankenverloren? Am liebsten hätte sie all diese Fragen auf einmal gestellt, doch gleichzeitig fühlte sie sich unwohl dabei, weil sie sich nicht sicher war, ob es ihrer Freundin nicht unangenehm wäre. Also schwieg sie.
    "Sag mal, wo ist Corvin eigentlich?", fragte Keksi auf einmal unvermittelt.
    Kirika sah sie einen Moment lang an und ordnete ihre Gedanken, aus denen sie gerade gerissen worden war. "Keine Ahnung", antwortete sie dann. "Wenn ich aufwache, ist er oft nicht da. Macht vermutlich Finsterkaiser-Kram. Er redet nicht darüber."
    "Oh", machte Keksi nur. Es machte sie traurig, dass dieser Corvin ihre Kirika so behandelte. Sie würde es ihr immer sagen, wenn sie irgendwo hinginge. Sie würde sie aufwecken und ihr einen Abschiedskuss geben oder sie am besten gleich mitnehmen. Sie würde sie mit allem Respekt behandeln, den sie verdiente. Und nicht einfach so verschwinden.
    "Du, Keksi", fing Kirika an. Dann hielt sie einen Moment lang inne. Sollte sie wirklich darüber reden? Was, wenn sie sich da nur in etwas hineinsteigerte? Irgendwie war es ihr peinlich. Aber andererseits ... Wenn sie nicht darüber redete, machte sie sich damit am Ende nur fertig.
    "Ja, was ist denn?", fragte Keksi über die ungewöhnlich lange Pause verwundert, und kuschelte sich enger an ihre Freundin.
    Kirika atmete tief durch. "Also heute Nacht", fing sie dann an, "da konnte ich nicht schlafen, meine Gedanken sind herumgerast wie ein wildes Quajutsu, weil mich so viel auf einmal beschäftigt hat, und dann ..." Sie machte erneut eine Pause. War es wirklich so wichtig? Konnte sie wirklich darüber reden?
    "Ja, nun sag doch", sagte Keksi sanft und legte ihre Hand an Kirikas Schulter. "Ich merk doch, dass es dich bedrückt und raus muss."
    "Corvin hat im Schlaf geredet", sagte Kirika leise. "Er erwähnte dauernd einen Namen. 'Sophia'. Und er hat sie angefleht, ihn nicht zu verlassen, und er sagte mehrmals, dass ihm irgendetwas leidtut, und ich ... ich bekomme den Gedanken nicht mehr aus dem Kopf, dass er ..." Sie verstummte und sah zu Boden. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
    "Ach Kirika", flüsterte Keksi und hielt ihre Freundin fest. "Du musst nicht weiterreden. Ich weiß, was du denkst." Diese nickte wortlos. "Aber was willst du jetzt tun?", fragte die Prinzessin.
    "Das weiß ich halt auch nicht", sagte Kirika. "Ich kann ihn nicht danach fragen, sonst glaubt er noch, ich schnüffle ihm hinterher."
    "Und wenn du ihm erklärst, wie du von Sophia erfahren hast?", fragte Keksi.
    "Das funktioniert eh nicht", sagte Kirika resigniert. Sie hatte Erfahrung mit ziellosen, sich im Kreis drehenden Diskussionen mit dem Finsterkaiser. Er war wirklich schlecht darin, über emotionale Themen zu reden, das hatte sie schon zu oft zu spüren bekommen. Und in diesem Fall hatte sie wirklich überhaupt keine Lust darauf.
    Keksi überlegte. "Gibt es nicht noch jemand anderen, den du fragen könntest, ob er etwas weiß? Irgendjemand, der Corvin gut genug kennt und es ihm nicht sofort ausplaudert."
    "Simsala", sagte Kirika sofort.
    "Ein Pokémon?" Keksi schaute sie verwirrt an. Ihre Freundin konnte doch eigentlich nur mit Caesurios reden.
    "Ja, ein Pokémon. Sie kann über Telepathie kommunizieren. Und sie ist an Corvins Seite, seit er klein war."
    "Weißt du auch, wo wir dieses Simsala finden?"
    Kirika nickte. "Oben auf einem der Türme. Das Problem ist nur, sie meditiert die meiste Zeit und währenddessen ist sie nicht sehr gesprächig."
    "Wir können doch wenigstens nachschauen gehen", sagte Keksi und stand auf.
    "Hast ja recht", sagte Kirika und stand ebenfalls auf. Sie erstarrte kurz, als ihr auffiel, wie wenig sie eigentlich über Simsala wusste. Abgesehen von den ganz groben Daten hatte sie keine Ahnung, wie genau die Beziehung zwischen ihr und Corvin war, wie nah sie sich heute standen und wie viel sie von dem wusste, was er tat. Er hatte ihr schlichtweg nie davon erzählt. Trotzdem war ihr klar, dass Simsala im Moment die Einzige war, die ihr in irgendeiner Form weiterhelfen konnte, und deswegen musste sie diesen Weg einfach versuchen.
    "Worauf wartest du denn schon wieder?", stichelte Keksi, als sie Kirikas gedankenverlorenen Blick bemerkte.
    "Äh ... nichts", stotterte diese. "Komm mit."



    Die beiden standen vor der Tür, die auf das Dach des hinteren Turms führte.
    "Dort ist sie", sagte Kirika. Sie schob die schwere stählerne Tür nach vorne, sodass sie sich quietschend öffnete. Dann traten sie hindurch.
    Sie befanden sich auf dem großen, runden Dach, einer Ebene aus dunklen Mauersteinen, die von einer miihohen Mauer umgeben war, die aus fast schwarzen Steinen bestand. Eine geradezu entspannende Stille lag in der Luft. Etwa in der Mitte saß das gelbe Pokémon in seiner mega-entwickelten Form und meditierte.
    Kirika und Keksi gingen einige Schritte auf sie zu. Sie schien die Anwesenheit der beiden zu spüren, denn sie verwandelte sich sofort in ihre normale Form zurück und öffnete ihre Augen.
    "Was gibt es?", fragte sie mit ruhiger Stimme.
    "Ich will dich etwas fragen", antwortete Kirika.
    "Frag", sagte das Pokémon knapp.
    "Corvin hat letzte Nacht im Schlaf geredet", fing Kirika an und stockte. Dann riss sie sich wieder zusammen und redete weiter. "Weißt du etwas von einer gewissen Sophia?"
    Simsala riss erschrocken die Augen auf. Dachte er immer noch an sie? War an der ganzen Geschichte doch noch mehr dran als das, was sie wusste? Sie atmete kurz durch.
    "Diesen Namen habe ich schon ewig nicht mehr gehört", sagte sie. "Aber ich habe Corvin versprochen, nicht über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Bitte verzeiht mir, dass ich euch keine Informationen geben kann."
    "Die damaligen Ereignisse?", überlegte Kirika laut. War diese Sophia etwa eine Frau aus seiner Vergangenheit? Möglicherweise eine gute Freundin, zu der er keinen Kontakt mehr hatte? Oder gar eine Exfreundin, die er nicht vergessen konnte? Wer auch immer sie war, sie musste es herausfinden. Nur wie?
    "Was tun wir jetzt, Kirika?", fragte Keksi nachdenklich.
    "Gute Frage", sagte diese.
    "Geht in die Bibliothek. Dort werdet ihr vielleicht Hinweise finden", sagte Simsala. "Aber erzählt ihm nicht, dass ich mit euch darüber gesprochen habe."
    Kirika nickte. "Versprechen wir."
    Die beiden kehrten um und gingen zurück in die düsteren Gänge der Festung. Kirika führte ihre Freundin in den Raum, den sie so gut kannte. Zum Glück war er nicht verschlossen.
    "Du kennst dich hier aus, oder?", fragte die Prinzessin.
    "Mhm. Hier hab ich damals gewohnt", erzählte sie. "Ich hab mir oft die Bücher angesehen. Ich konnte natürlich nichts mit ihnen anfangen, aber sie waren die einzige Beschäftigung, die ich hatte."
    "Hm", machte Keksi. "Was meinst du, was meinte Simsala genau? Finden wir einen Hinweis in einem Buch? Hat er ein begehbares Bücherregal?"
    "Ach, red keinen Unsinn", sagte Kirika. "Verstehst du nicht? Dieser Raum ist das begehbare Bücherregal." Die beiden lachten laut los.
    Keksi lief vor den Regalen auf und ab. "Wo sollen wir nur anfangen? Das sind bestimmt mindestens tausend Bücher!"
    "Wie wär's mit vor deiner Nase?", fragte Kirika und stupste Keksis Nase an.
    "Lass das!", rief diese und griff nach dem Buch direkt vor ihr. "Einfache Magie für Anfänger? Im Ernst? Wer gibt seinen Büchern solche Titel?" Sie schaute kurz nach links und nach rechts, dann steckte sie es in ihre Tasche. Kirika starrte sie an. Dann drehte sie sich weg und ging ebenfalls vor den Regalen auf und ab.
    "Du sagtest, du hast dir die Bücher oft angesehen, nicht wahr?", fragte Keksi.
    Kirika nickte.
    "Ist dir da keines irgendwie aufgefallen?", fragte sie weiter. Kirika überlegte.
    "Naja, ein paar sahen ziemlich wertvoll aus. Ein paar waren ziemlich eingestaubt." Dann fiel ihr etwas ein. "Eins ist mir aufgefallen, das war schon total abgenutzt. Die Seiten waren fast locker und teilweise eingerissen und total abgegriffen. Das hat er bestimmt oft gelesen." Zielstrebig ging sie auf ein Regal zu und schaute die Buchrücken durch. "Das hier", sagte sie und zog ein dickes Buch heraus.
    "Rote Nächte", las Keksi den Titel vor. "Das kenn ich. Daraus musste ich für die Schule mal ein Gedicht auswendig lernen. Drachenleuchten, weißt du noch?"
    Kirika kratzte sich am Kopf. "War das nicht dieses total schreckliche Ding da, mit dem du dich ewig rumquälen musstest?"
    "Genau das", lachte Keksi und blätterte die Seiten durch. "Aber so schrecklich fand ich es eigentlich gar nicht."
    "Und, findest du etwas Verdächtiges?"
    "Mal schauen", sagte sie und schlug die erste Seite auf. "Hab ichs mir doch gedacht, eine Widmung."
    Kirika schaute nun ebenfalls in das Buch. Auf dieser Seite war ein kleiner, handgeschriebener Text. Genau genommen waren es sogar zwei kleine, handgeschriebene Texte, doch der erste davon war mit roter Farbe durchgestrichen.
    "Lies mal vor", sagte sie.
    "Jaja, ganz langsam", sagte Keksi. "Ich versuch gerade, diesen überkritzelten Text zu entziffern, aber das ist echt schwierig. Ich erkenne nur Für Corvin, irgendwas mit Liebe und Deine Sophia."
    "So-sophia ... Da haben wir's!"
    "Aber das darunter, das ist ..." Keksis Gesicht wurde ganz blass.
    "Was ist los? Geht's dir nicht gut?", fragte Kirika besorgt.
    "Dieser ... dieser Text ... diese Widmung", stammelte Keksi nur. Sie fing sogar an, zu zittern.
    "Na lies doch mal vor", drängte Kirika.
    Keksis Stimme zitterte, als sie die Zeilen vorlas, die offenbar von Corvin selbst stammten.
    "Sophia, vergib mir.
    Ich wollte dich nicht töten.
    Doch von allem, was ich hatte,
    bleibt nur noch Asche.
    Asche und Schuld."
    "Töten?", hauchte Kirika fassungslos. Das konnte nicht sein. Corvin war vieles, aber ... aber er war doch kein ...
    Ein lautes, knackendes und krachendes Geräusch drang aus dem Bücherregal, vor dem die beiden standen. Sie sahen sich irritiert an und wichen einige Schritte zurück. Dieser eine Teil des Regals, in dem sich das Buch befunden hatte, bewegte sich wie durch Magie von der Wand weg und auf die beiden zu, bevor er sich nach rechts vor das nächste Stück des Regals schob. Dort, wo eben noch Corvins Bücher die Wand zierten, war ein wie in die Mauer geschlagener Durchgang erschienen, hinter dem steinerne Treppen in einen tiefer gelegenen Raum führten.
    Zögerlich schritten Kirika und Keksi auf das erschienene Tor zu. Der Gang war dunkel und nur sehr wenig Licht schien von draußen hinein.
    "Was ist das?", fragte Keksi ungläubig.
    "Hat er doch ein begehbares Bücherregal?", fragte Kirika. Sie schnappte die Hand ihrer Freundin und ging hinunter. Einen Moment lang versuchte Keksi, sich zu wehren, doch schließlich war auch sie zu neugierig.
    Kirika kannte die Bauart der Treppen in der Festung, von der jeder neue Besucher wohl einen Hitzekoller kriegen musste, und tastete sich entsprechend langsam voran. Keksi folgte ihr ebenso vorsichtig.
    "Sieh dir das an", sagte Kirika, als sie den kleinen Raum am Ende der Treppe erreichten. Kerzen an den Wänden erhellten den Raum mit einem blassvioletten Schimmer. An der Wand über einem kleinen Tisch hing das Foto einer Frau. "Ob sie das ist?", fragte Kirika und deutete darauf. Die Frau hatte lange, rotbraune Haare, strahlende grüne Augen und trug einen leuchtend roten Lippenstift.
    "Sie ist echt hübsch", staunte Keksi. Kirika nickte. Dann sahen sie sich den Tisch genauer an. Dort lagen ein paar Bücher, ein ganzer Stapel Briefe sowie ein großes Gefäß.
    "Ist das ...", stammelte Keksi.
    "... eine Urne?", beendete Kirika ihre Frage.
    "Also ist sie tatsächlich ... tot?" Keksi starrte auf das mit violettfarbenen Ornamenten verzierte Gefäß. "Ob ihre Familie weiß, was mit ihr geschehen ist?" Kirika legte ihre Hand auf ihre Schulter, dann drückte sie sich an sie. Keksi fühlte sich auf einmal wieder warm und geborgen. Niemand konnte das so gut wie Kirika.
    "Du, sag mal", unterbrach Kirika auf einmal die Stille, "bist du nicht auch neugierig, was in diesen Briefen steht?"
    "Naja, also wenn ich ganz ehrlich bin ...", sagte Keksi und griff sich drei Briefe. Kirika stellte sich neben sie, als sie einen öffnete. Darin war ein in sehr schöner Handschrift geschriebener Text.
    "Liebster Corvin,
    Leider kann ich für einige Tage nicht bei dir sein. Aber sei dir gewiss, in dieser Zeit gelten all meine Gedanken allein dir. Ich kann es kaum erwarten, wieder das Feuer unserer Liebe zu spüren.
    Deine Sophia"
    Keksi blickte auf. Das war so romantisch! Wie sehr wünschte sie sich, selbst einmal einen solchen Liebesbrief zu erhalten ... Sie blickte zu Kirika, die immer noch auf den Brief starrte. Oder vielleicht ... vielleicht war es ihr doch nicht so wichtig, einen Liebesbrief zu erhalten. Es gab auch andere Gesten der Zuneigung, die genauso viel galten. Ein schöner Ausflug. Ein überraschendes Geschenk. Man musste ja nicht schreiben können, um romantisch sein zu können.
    Als sie realisierte, was sie da eigentlich gerade dachte, hatte Keksi das Gefühl, rot zu werden.
    "Mehr", sagte Kirika und sah sie an.
    "N-natürlich", stotterte Keksi verlegen, als sie den nächsten Brief öffnete.
    "Mein Liebster,
    Lass uns einmal zusammen die Bibliothek besuchen, in der wir uns kennengelernt haben, und über vergangene Zeiten philosophieren. Viele Tage sind seitdem vergangen, doch das Feuer in unseren Herzen brennt stärker denn je. Ich hoffe, noch viele schöne Stunden mit dir verbringen zu können, denn du erfüllst mein Leben in jedem Moment mit Freude.
    Deine Sophia"
    "Also eins muss man ihr lassen, schreiben kann sie", sagte Kirika und schaute Keksi an, die nur nickte. Wie gern würde sie selbst einmal einen solchen Brief verfassen und an ihre Liebste schicken. Doch andererseits ... andererseits ... Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken wieder loszuwerden.
    "Was ist denn?", fragte Kirika.
    "Ach, nichts", sagte Keksi und lächelte verlegen, während sie den nächsten Brief auffaltete. Sie erschrak fast, der er war den beiden, die sie zuvor gelesen hatte, nicht im Geringsten ähnlich. Die Tinte war blutrot und verschmiert, als hätte etwas auf sie getropft, während sie noch nicht ganz getrocket war. Es befanden sich einzelne Tintenflecke auf dem Papier. Außerdem war die Schrift zittrig und kaum zu entziffern.
    "Kannst du das lesen?", fragte Kirika.
    "Mhm", machte Keksi nur, "aber nicht alles."
    "Sophia,
    Deine Flammen der Liebe ... eine Lüge ... Alles war gelogen ... tiefschwarze Flammen der Rache ... Schuld ..."
    "Das ... war kryptisch", sagte Kirika nur.
    "Ich konnte nicht mehr entziffern, tut mir leid", sagte Keksi. Tiefschwarze Flammen, das ... das klang so ... vertraut. Aber er konnte doch unmöglich ... das meinen. Aber was sollte es sonst sein? Sie wurde nervös. Sie durfte sich nicht anmerken lassen, dass sie möglicherweise etwas wusste. Ihr Versprechen war wichtiger.
    "Ist irgendetwas, Keksi?", fragte Kirika auf einmal.
    "N-nein, gar nichts", stotterte Keksi. Sie durfte einfach nicht darüber reden.
    Auf einmal hörten sie das laute Geräusch einer zufallenden Tür.
    "Oh Mist", flüsterte Kirika, als sie die Schritte in der Bibliothek hörte. Das konnte nicht mehr gut ausgehen.
    Da hörten sie seine Stimme.
    "Was treibt ihr da unten?"
    Keksis Herz fing an zu rasen. Hastig legte sie die Briefe zurück auf den Tisch. Sie drückte sich eng an Kirika, als der Umriss des Finsterkaisers in der Tür zu diesem Geheimraum erschien.
    "Was habt ihr hier verloren? Ihr habt vielleicht Nerven!"
    Doch die beiden standen wie angewurzelt da und vermochten es nicht, sich zu bewegen.






    Ist denn das zu fassen? Spielzeugzwielicht ist endlich raus! Und was genau war nochmal dieses total schreckliche Ding Drachenleuchten? War das nicht sowas wie mein Lieblingsgedicht oder etwas in der Art? Wer weiß das schon. Ich habe übrigens insgesamt zirka anderthalb Jahre an diesem ersten Kapitel gearbeitet. Denn eigentlich sollte es schon vor einem Jahr veröffentlicht werden. Ist das ein schlechtes Zeichen für den Rest der STORY? Hoffentlich nicht.


    Spielzeugzwielicht wird Ihnen präsentiert von Kiris Keksfabrik. Denn Kiris Kekse wirken Wunder.
    @Undyne kann's bezeugen.



    Oh, muss ich wirklich? xD


    @Undyne, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Galileo, @Obscuritas


  • "Ihr habt also zufällig den Schlüssel zu diesem Raum gefunden, als ihr durch meine Bücher gestöbert habt, und hattet eure Neugierde nicht unter Kontrolle?" Kirika und Keksi nickten. Corvin seufzte. "Vergesst einfach, was ihr hier gesehen habt."
    Die beiden Mädchen atmeten erleichtert auf. Sie hatten einen schlimmeren Wutanfall erwartet. Immerhin war das, was sie dort entdeckt hatten, nicht gerade unerheblich. Corvin sollte ein Mii getötet haben ... Kirika erschauderte. Es gab so vieles, was sie nicht über ihn wusste, obwohl sie schon so lange mit ihm zusammen lebte. Redete er deswegen nie über seine Vergangenheit, weil er sich seine Taten selbst nie verzeihen konnte?
    Sie legte ihre Hand an Keksis Schulter und drückte sie behutsam an sich. Diese zitterte immer noch, zum Teil aus Schock, zum Teil aus Angst. Würde er heute wirklich vor derartigen Taten zurückschrecken? Wer versicherte ihr, dass er sich verändert hatte? Wer versicherte ihr, dass er seine Taten wirklich bereute?
    Corvin ging zu dem zur Seite geschobenen Regal. "Asche und Schuld", sagte er, woraufhin sich der Raum wieder verschloss. "Bitte geht jetzt."
    Die beiden nickten. Keksi folgte Kirika aus dem Raum hinaus.
    "Du, Kirika", sagte sie dann, "können wir nach dem Reshiram schauen, das ich mitgebracht habe? Ich sollte zum Schloss zurückgehen und will es mitnehmen."
    Kirika nickte. "Ich komm mit." Sie führte ihre Freundin in den Hinterhof, wo auch einige ihrer Pokémon lebten. Das weiße Pokémon kam sofort auf sie zu, als es Keksi erblickte. Sie streichelte ihm über den Kopf.
    Kirika betrachtete es nun bei Tageslicht. Irgendetwas an ihm war seltsam. Die Ringe an seinem Hals und seinem Schwanz waren golden, außerdem hatte es leuchtend rote Augen. Kirika hatte in ihrer Zeit als Hofabenteurerin schon viele Pokémon gesehen, auch viele Reshiram, aber keines davon sah so aus wie dieses, das nun vor ihr stand.
    "Wo hast du dieses Reshiram eigentlich her?", fragte sie.
    "Aus ... dem Hofgarten", antwortete Keksi. Sie konnte Kirika nicht belügen, sie hatte keine Mittel, weiter fort zu fliegen. Aber im Hofgarten gab es eigentlich keine Reshiram. Wie sollte Kirika ihr also glauben? Und wenn sie weiter nachfragte, wie konnte sie sich glaubhaft erklären, ohne ihr Geheimnis zu verraten?
    "Was macht ein Reshiram im Hofgarten?"
    Mist! Jetzt musste sie sich schnell etwas einfallen lassen.
    "Es ... äh ... es lag halt dort. Vielleicht hat es irgendwer dort gelassen, weil es ... weil es verloren hat oder so?" Sie war sich selbst nicht sicher, ob das, was sie da redete, überhaupt einen Sinn ergab.
    "Wer ist bitte so schwach, dass er mit einem Reshiram im Hofgarten verliert?", fragte Kirika, mehr in einem Selbstgespräch als an Keksi gerichtet. "Und warum besitzt jemand, der so schwach ist, überhaupt ein Reshiram?"
    "Tja", machte Keksi nur. Sie konnte kaum glauben, dass Kirika ihr diese Geschichte wirklich abgekauft hatte. Oder hatte sie es überhaupt? Aber machte es denn einen Unterschied? So lange sie nicht weiter mit Fragen gelöchert wurde, sollte es ihr recht sein, wie es auch war.
    "Lass uns gehen", sagte sie und ließ sich von Kirika zum Haupttor führen.
    Die Mittagssonne stand hoch am Firmament, als die beiden aus der Festung hinaus traten. Die Luft war angenehm warm und ein frischer Frühlingswind wehte den Duft von blühenden Blumen in ihre Richtung.
    Sie waren erst wenige Meter gelaufen, da sahen sie jemanden auf sie zu rennen. Er war schnell unterwegs und sein Ziel musste die Festung sein.
    "Kirika, wer ist das? Kennst du den?", fragte Keksi. Kirika schaute das Mii an. Es war ein Mann, seine Haut war dunkel, seine Haare hell und er trug unauffällige Hofstädterkleidung.
    "Ich glaube, das ist einer von Corvins Boten", sagte sie. "Der hat lauter komische Hoothoots, die für ihn arbeiten." Was auch immer dieses Mii zu erzählen hatte, es musste wichtig sein. Und sie war neugierig. Sie deutete in Richtung Festung und schaute Keksi groß an. Diese seufzte, doch dann nickte sie.
    Sie gingen zurück und beobachteten, wie das Mii vor dem Haupttor herumsprang und wartete, bis Corvin erschien und ihn hereinwinkte. Die beiden folgten ihnen.
    "Okay, was gibt es so Wichtiges?", fragte Corvin, als sich die vier in einem kleinen, wenig einladenden Besprechungszimmerchen an einen Tisch gesetzt hatten.
    "Der Prinz und der Meisterdieb wurden in der Hofstadt gesehen", sagte der Bote. "Sie sollen 'unauffällig' ums Schloss herumgeschlichen sein. Ich vermute, dass sie etwas planen."
    "Klingt plausibel", sagte Corvin. "Der König schien seine Niederlage nicht sehr gut zu verkraften."
    "Hm, woran könnte das nur liegen?", sagte Keksi betont sarkastisch und kratzte sich am nicht vorhandenen Bart.
    "Also ich glaub das nicht", warf Kirika ein. "Die Prinzenrolle soll etwas planen? Das kann der doch im Leben nicht!"
    Corvin legte eine Hand an sein Kinn. "Da ist was dran."
    "Der bezaubernde Meisterdieb kann bestimmt planen", sagte Keksi erneut sarkastisch. "Nur bei der Durchführung läuft er gern mal einfach so davon."
    "Jedenfalls sollen die beiden in Richtung Heckenwald verschwunden sein", fügte der Bote hinzu.
    "Seht ihr, da haben wir's ja mit dem Weglaufen", sagte Keksi.
    Der Bote sah sich nervös um, die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Immerhin kannte er keine der betreffenden Personen so genau.
    "Du kannst wieder gehen", sagte Corvin zu ihm, als er dies bemerkte. "Vielen Dank für die schnelle Meldung, wir kümmern uns darum."
    Der Bote nickte und lief davon.
    "Warum seid ihr eigentlich immer noch hier?", fragte Corvin nun die beiden Mädchen.
    Keksi zuckte zusammen.
    "Neugierde", antwortete Kirika. Keksi nickte.
    "Na wie auch immer, dann könnt ihr mir gerade helfen", sagte Corvin. "Irgendwer muss ja herausfinden, was diese Hirntüten vorhaben."
    Kirika überlegte kurz und ließ ihren Blick dabei durch den Raum schweifen. "Wir könnten ganz unauffällig im Heckenwald Pokémon sammeln gehen und sie dabei belauschen", sagte sie dann.
    "Ja, das wird auch bestimmt total unauffällig gehen, toller Plan", kommentierte Keksi. Kirika nickte selbstbewusst. "Wird es nicht, du Kekskopf. Ganz so doof sind die dann auch nicht."
    Kirika drehte den Kopf zur Seite. "Hmpf! Hast du einen besseren Plan? Na, den will ich mal hören!"
    Corvin vergrub sein Gesicht in seinen Händen. "Warum habe ich euch nochmal hier reingelassen?", seufzte er.
    "Weil wir dir helfen sollten", sagte Kirika und hob eine Hand.
    Corvin schüttelte den Kopf. "Ihr seid schrecklich." Er seufzte erneut. "Keksi, du kennst deine Leute am besten. Welches Vorgehen hältst du für klug?"
    "Hm, lass mich überlegen", sagte sie und kratzte sich am Kopf. Kirika blickte sie erwartungsvoll an. "Ich glaube, ich habe tatsächlich eine Idee, die funktionieren könnte", sagte sie dann. "Ich gehe in den Heckenwald -- allein -- und tu so, als wollte ich mich ihnen anschließen. Und dann erzähle ich euch von ihren Plänen."
    Kirikas Blick wandelte sich zu Erstaunen, so hatte sie ihre Freundin nicht eingeschätzt. Als könnte diese zutiefst loyale Seele ihre Familie aushorchen ... Andererseits hatte sie damals aber auch nicht damit gerechnet, dass Keksi als Einzige im Schloss bleiben würde. Sie war wirklich immer wieder für eine Überraschung gut.
    "Du willst also für uns spionieren?", fragte Corvin. "Das klingt interessant. Das könnte sogar funktionieren, dir werden sie bestimmt vertrauen. Und ich weiß auch, wie wir unauffällig in Kontakt bleiben können."



    Ein frischer Wind blies durch den Heckenwald. Von überall her drang ein Rascheln, von den Blättern am Boden, aus den Büschen, aus den Baumkronen. Obwohl es schon Nachmittag war, war es aufgrund des Schattens und der Feuchtigkeit der Bäume noch sehr kühl. Nero kauerte sich in seinem kleinen aus Zweigen und Blättern gebauten Zelt zusammen. Wo blieben die beiden nur? Sie hatten ihm doch gesagt, dass sie bald zurückkommen würden, und dann würden sie bald wieder alle zusammen an einem wärmeren Ort leben.
    Nero zitterte. Er hasste diese Kälte. Warum nur musste es hier draußen so kalt sein? Er wollte zurück in sein Schloss, dorthin, wo er sein ganzes Leben verbracht hatte. Dort wäre es jetzt bestimmt schön warm, dort würden ihm seine Diener jeden noch so kleinen Wunsch erfüllen. Dort hätte er seine Liebsten um sich, Blackfox und Keksi, seine wundervollen Kinder. Er war so stolz auf die beiden.
    Laute Schritte im Laub vor seiner kleinen Unterkunft ließen Nero aus seinen Gedanken hochschrecken. Er schob ein paar Blätter beiseite und spähte hinaus. Da waren sie ja endlich! Er hüpfte aus seinem Zelt hinaus und winkte den beiden Miis, die nun schnell zu ihm gerannt kamen.
    "Yo Vater, wir haben uns voll krass beeilt!", rief Blackfox schon von weitem und setzte sich vor dem Zelt an ein kleines, sonniges Plätzchen. Kenneth und Nero taten es ihm gleich.
    "Was konntet ihr in Erfahrung bringen? Wir wollen alles wissen!", sagte der gestürzte König aufgeregt.
    "Unbemerkt in die Stadt zu gelangen ist sehr einfach", berichtete Kenneth. "Die Tore sind fast ungeschützt und es wäre uns auch niemand aufgefallen, der uns irgendwie beobachtet hätte."
    Blackfox nickte. "Yo, echt krass einfach. Und am Schloss steht auch nur ein so ein Wachentyp, da kann man bestimmt auch krass einfach vorbei, ey."
    "Dies zu hören erfüllt Uns mit Freude", antwortete Nero lächelnd. "Habt ihr schon einen Plan, wie ihr Uns Zutritt verschaffen könnt?"
    "Nein, einen genauen Plan haben wir noch nicht", sagte Kenneth. "Wir müssen noch herausfinden, ob es einen Zeitpunkt gibt, zu dem das Schloss regelmäßig besonders schlecht bewacht ist. Diesen könnten wir ausnutzen."
    "Krass, dann können wir ja voll bald wieder heim", stellte Blackfox fest. Er unterdrückte eine Träne, die sich zu bilden begann. Zu Hause ... Er war schon so lange nicht mehr dort gewesen. Er vermisste die alten Zeiten, als er noch mit seiner Schwester und seinem Vater im Schloss lebte und Kampfturniere veranstaltete. Die waren immer unglaublich spannend. Aber dieser Finsterkaiser musste ihm ja alles kaputt machen.
    "Ich denke", unterbrach Kenneth seine Gedanken, "am besten wird es sein, wenn wir uns zuerst darum kümmern, dass wir ins Schloss kommen. Wenn wir einmal dort sind, können wir von diesem zentraleren Ort aus sehr viel einfacher ein weiteres Vorgehen planen." Er schnappte sich einen herumliegenden Stock und machte eine Zeichnung in den weichen Boden. Ein Rechteck, davor ein Kreis, etwas weiter entfernt drei weitere Kreise. "Das hier ist das Schloss und das ist die Wache", sagte er und deutete auf das Rechteck und den einzelnen Kreis. "Wir haben beobachtet, dass die Wache hin und wieder ihren Posten verlässt, um auch an den Seiten des Schlosses nachzusehen, dass sich dort niemand herumtreibt." Er zog einen Pfeil von dem Kreis aus zur Seite. "Einen solchen Moment können wir drei ausnutzen, um uns von der anderen Seite aus Zugang zu verschaffen." Er zog nun einen weiteren Pfeil von den drei Kreisen aus zur anderen Seite des Rechtecks. "Wir wissen allerdings wie gesagt noch nicht, ob die Wache in regelmäßigen Abständen ihren Posten verlässt oder ob wir uns auf unser Glück verlassen müssen. Letzteres könnte riskant werden."
    Nero nickte. "Wir haben die richtige Entscheidung getroffen, dich bei Uns aufzunehmen. Du bist talentiert."
    "Oh, Ihr schmeichelt mir", sagte Kenneth verlegen.
    Auf einmal klatschte etwas auf Kenneths Zeichnung auf. Es war ein undefinierbarer, wabbeliger Gegenstand, aus dem eine rote Flüssigkeit spritzte, die eine kleine Pfütze bildete. Panisch sprangen die drei auf und liefen wild durcheinander, da flogen noch mehr dieser wabbeligen Objekte in ihre Richtung. Eines verfehlte Blackfox um Haaresbreite, eines streifte noch Kenneths Frisur, doch eines traf Nero mitten ins Gesicht, sodass dieser umfiel. Er sprang wieder auf und riss seine Augen auf, doch im selben Moment bereute er dies und fing an, laut zu schreien.
    "Aaah, Wir sind blind! Helft Uns! Unsere Augen stehen in Flammen!"
    Nichtsdestotrotz rannte er weiter ziellos umher, sodass er gegen Blackfox prallte und beide umfielen.
    "Vater, was geht mit dir ab?", fragte Blackfox irritiert.
    "Unsere Augen! Unsere Augen! Unsere Augen!", war alles, was dieser hervorbrachte.
    Blackfox sah seinen Vater mitleidig an, dann hatte er eine Idee. Er holte sein Porenta hervor.
    "Yo, sei ein krasses Putzentchen", sagte er zu ihm, "und mach dieses krass eklige Zeug von Vater weg."
    Das Porenta schwang seine Lauchstange wie einen Staubwedel und innerhalb weniger Sekunden war Nero wieder sauber.
    "Yo, du siehst wieder krass aus wie neu", sagte Blackfox.
    "Wir können wieder sehen! Wir danken dir, Filius!", rief Nero freudig. "Was mag das nur gewesen sein?"
    "Ich glaube, ich weiß, was das ist", sagte Kenneth, der interessiert das Häufchen ansah, das Porenta zur Seite gewedelt hatte. "Der Farbe und der Struktur nach zu urteilen dürfte das eine Himmihbeere sein. Jemand hat mit Beeren nach uns geworfen."
    "Warum sollte Uns jemand etwas derart Grausames antun?", fragte Nero völlig aufgelöst.
    "Das weiß wohl nur er", sagte Kenneth und zeigte auf die Büsche, hinter denen sich eine kleine Figur hin und her bewegte.
    "Habt ihr mich doch gefunden", sagte eine ungewöhnlich hohe Männerstimme. "Na wie auch immer, verschwindet jetzt!"
    Die Gestalt bewegte sich nun aus den Schatten der Büsche hinaus ins Licht. Es war ein seltsam aussehendes Mii. Es schien einen gigantischen Mund zu haben, wobei nicht ganz zu erkennen war, ob ein Teil davon nicht ein Bart war, und hatte winzige Augen. Außerdem trug es Räuberkleidung und hielt eine Axt und einen Schild in den Händen.
    "Ey, den kenn ich doch woher", flüsterte Blackfox. Nero nickte.
    "Das hier ist mein Terri...tori... mein Gebiet!", rief der Räuber.
    "Der kann ja nichtmal richtig reden", spottete Kenneth.
    "Jaman, krass", stimmte Blackfox ihm zu.
    "Und warum sollte das hier dein Territorium sein?", fragte Kenneth nun lauter.
    Das fremde Mii deutete auf einen Baum, in dessen Rinde Buchstaben eingeritzt waren. "Weil ichs markiert hab!"
    "Xy... Xys...Xys'chut?", versuchte Blackfox, die Schrift zu entziffern.
    "Das heißt Sisknut, du Nase!", rief der Räuber.
    "Nein, da steht wirklich Xys'chut", sagte der Meisterdieb.
    "Hihi, Schwester Knut", kicherte Blackfox.
    "Hört auf mich zu ärgern!", rief Sisknut und zog eine weitere Himmihbeere hervor.
    "Waah!", machte der ehemalige König erschrocken. "Wir wollen hier doch nur für kurze Zeit verweilen, bis Wir in Unser Schloss zurückkehren können, so lasse Uns doch!"
    "Ihr wollt ins Schloss?", fragte Sisknut nun. "Ich komm mit."
    "Was? Nein!", rief Nero erschrocken.
    "Na gut, dann ..." Der Räuber hielt wieder seine Beere in die Höhe.
    "Warte! Wenn es denn unbedingt sein muss, Unseretwegen! Aber weswegen willst du mit Uns kommen?"
    "Ich will nur ein einziges Mal in meinem Leben speisen wie ein König", sagte Sisknut und man mochte fast meinen, dass seine kleinen Augen leuchteten.
    "Na, der hat ja Sorgen", murmelte Kenneth.
    "Yo, lass ihn doch", sagte Blackfox. "Ist doch krass, dass jeder andere Träume hat."



    "Okay, hast du alles?", fragte Kirika und sah Keksi an, die sich gerade bereit machte, zu gehen.
    Diese nickte. "Ich hab hier ein bisschen was zu essen, etwas Lichttau und das Hoopa", sagte sie, als sie noch einmal in ihrer Tasche nachschaute. Das Zauberbuch, das sie in der Bibliothek eingesteckt hatte, ignorierte sie bei ihrer Aufzählung natürlich, obwohl der Gedanke, dass einer der anderen auch noch schnell in ihre Tasche schauen könnte, sie sehr nervös machte. Wenn Corvin herausfinden würde, dass sie dieses Buch hatte, würde er die ganze Aktion vermutlich abblasen und sie hätte keine Möglichkeit mehr, ihre Familie zu treffen, ohne seinen Verdacht zu erwecken. Sie vermisste sie sehr und es tat ihr so leid, sie hintergehen zu müssen. Aber sie tat es für ihre Heimat. Die Menschen der Hofstadt waren unter der Herrschaft des Finsterkaisers einfach glücklicher.
    Corvin hielt einen einzelnen Ring von Hoopa in der Hand. "Damit können wir dich finden, wenns sein muss, und du kannst mit uns Kontakt aufnehmen." Keksi nickte.
    "Deine Geschichte hast du auch noch drauf?", fragte Kirika. Keksi nickte erneut.
    "Spielen wirs nochmal durch?", fragte Kirika und grinste. Corvin fasste sich an die Stirn. "Oh, Unser geliebtes Töchterlein! Wo kommst du denn her? Wir dachten schon, Wir sehen dich nie wieder!", rief Kirika mit übertrieben theatralischer Betonung.
    "Vater! Bruder! Ich habe euch so vermisst!", sagte Keksi und fiel Kirika in den Arm. Sie fühlte sich ganz warm dabei. "Als mir Kirika erzählte, dass ihr in der Hofstadt gesehen wurdet und in Richtung Heckenwald verschwandet, brach ich sofort auf, um euch zu suchen. Ich bin ja so froh, euch zu sehen!"
    "Unser Töchterlein, Unser tapferes Töchterlein!", rief Kirika. "Wie ist es dir ergangen? Erzähle Uns alles!"
    "Okay, okay, es reicht", unterbrach Corvin das Schauspiel. "Bring deine Zeilen ein bisschen authentischer rüber, das wirkte noch zu auswendig gelernt", sagte er an Keksi gewandt. "Aber wahrscheinlich werden sie eh keinen Verdacht hegen, so wie ich sie einschätze. Die werden sich zu sehr darüber freuen, dass du zurück bist."
    Keksi schaute noch einmal ihre Tasche durch und machte sich dann bereit, zu gehen.
    "Mach's gut", sagte Kirika und nahm sie in den Arm.
    Keksi nickte. "Ich hab dich lieb, Kirika." Ihre Wangen liefen rot an.
    "Jetzt tut nicht so, als würdet ihr euch zwei Jahre nicht mehr sehen", sagte Corvin. "Heute Nacht gibst du uns bitte Bescheid, wie es gelaufen ist, dann können wir überlegen, wie wir weiter vorgehen."
    "Mach ich. Bis dann", sagte Keksi und verließ die Festung in Richtung Hofstadt. Sie war aufgeregt. Sie hatte ihre Familie schon so lange nicht mehr gesehen. Wie sie wohl reagieren würden? Wie es ihnen wohl in der Zwischenzeit ging? Konnte sie sie wirklich ausspionieren?
    Kurz, bevor sie die Randgebiete der Stadt erreicht hatte, bog sie ab in den Heckenwald. Ihre Leute mussten leicht zu finden sein, sonst würden sie sich doch selbst andauernd verlaufen.
    Keksi sah sich aufmerksam um. Vielleicht fand sie ja einen Hinweis, wo die anderen waren. Auf einmal hörte sie ein Rascheln im Laub hinter sich. Sie drehte sich um. Dort war ein nicht identifizierbares Mii, denn es trug einen Stapel Holz in den Händen und wankte im Versuch, dieses nicht fallen zu lassen, wie betrunken hin und her. Wer konnte das sein? War das einer von ihnen? Sie hatte einmal davon gehört, dass irgendein Räuber hier im Wald leben sollte, was, wenn er es war? Keksi versuchte, dem wankenden Holzstapel auszuweichen, doch er bewegte sich direkt auf sie zu. Sie trat zur Seite, doch das Mii schwankte wiederum in ihre Richtung.
    "Vorsicht!", rief sie. Das Mii erschrak, verlor das Gleichgewicht und fiel mitsamt dem ganzen Holz um.
    "Au!", rief das Mii. Es richtete sich langsam wieder auf und musterte Keksi, die ihm sofort zur Hilfe eilte. "Krass", murmelte er. "Hab ich mir den Schädel angehauen? Ich seh ja mein Schwesterherz."
    "Blackfox! Ich freu mich ja so", sagte Keksi und half ihm auf. Kaum war er auf den Füßen, fiel sie ihm auch schon um den Hals.
    "Krass, ich bring dich gleich zu Vater und den anderen", sagte Blackfox. "Die werden sich bestimmt voll krass freuen."
    Keksi half ihm, das auf dem Boden verteilte Feuerholz wieder aufzusammeln, dann führte er sie tiefer in den Wald. "Wir haben uns ein Zelt aus Blättern gebaut", fing er an zu erzählen, "dann kam Ken vorbei und fand, dass das voll krass gemütlich aussieht, also hat Vater ihm erlaubt, auch zu bleiben, und dann haben wir zusammen Pläne gemacht, und dann kam da dieser Räuber und wollte uns mit Beeren abknallen, aber dann wollte er doch zu unserer krassen Gruppe gehören, weil er auch mal ins Schloss wollte, und jetzt schlafen wir zu viert in unserem Blätterzelt, wo wir eigentlich mal nur zu zweit rein wollten, und das ist voll krass eng, aber ich finds auch cool, und jetzt kannst du da ja auch noch dazu, wir können da bestimmt noch ein Plätzchen für dich freimachen, haha, verstehst du, 'Plätzchen' --"
    "Blackfox, ganz ruhig!", unterbrach Keksi. "Du musst doch auch mal Luft holen. Und nachher hast du noch genug Zeit, mir das alles zu erzählen."
    Blackfox nickte und sog theatralisch Luft ein. Keksi rollte mit den Augen. "Kuck, wir sind schon da", sagte er.
    Kenneth und Sisknut saßen vor ihrem Zelt aus Blättern auf dem Boden und diskutierten angeregt. Nero stand vor ihnen und nickte alle zwei Sekunden.
    "Vater, schau mal", rief Blackfox. Nero drehte sich um. Seine Augen wurden größer und größer, während er nur wie versteinert dastand und die beiden neu Angekommenen anstarrte. Plötzlich sprang er auf und rannte auf die beiden zu, aus seinen Augen flossen Freudentränen.
    "Oh, Unser geliebtes Töchterlein! Wo kommst du denn her? Wir dachten schon, Wir sehen dich nie wieder!", rief Nero mit übertriebener Betonung.
    "Vater! Ich habe euch so vermisst", rief Keksi und fiel ihm um den Hals. "Kirika hat mir erzählt, dass euch irgendwer beobachtet hat, wie ihr in den Wald gerannt seid. Ich hab alles stehen und liegen gelassen und bin gleich losgerannt. Ich bin so froh, euch wiederzusehen."
    "Unser Töchterlein, Unser tapferes Töchterlein!", rief Nero. "Wie ist es dir ergangen? Erzähle Uns alles!"
    "Kann ich das nicht später?", fragte Keksi. "Ich bin gerade noch etwas überwältigt. Es geht alles so schnell."
    "Das können Wir natürlich verstehen", sagte Nero und wischte sich die Tränen ab. "Setz dich doch zu Uns."
    Keksi folgte den beiden und sie setzten sich zu Kenneth und Sisknut.
    "Oh, die Prinzessin ist wieder da", sagte Kenneth und grinste sie an.
    "Äh ... ja, hi", sagte Keksi. Seine Gegenwart war ihr unangenehm. Seit dem Kampf gegen Kirika und Corvin, bei dem er abgehauen war und sie im Stich gelassen hatte, hatte sie ihn nicht mehr gesehen.
    "Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich werde dich beschützen", sagte er und hielt ihr seine Hand hin.
    "Ich würde mich von einem rosaroten Karpador besser beschützt fühlen", entgegnete Keksi. "Selbst, wenn das Einzige, was es kann, rumhüpfen ist."
    Kenneth starrte sie mit offenem Mund an. Einige Momente suchte er nach Worten. "Also ... also", stammelte er dann, "warum tauchst du hier überhaupt so plötzlich auf, nachdem wir ... nachdem wir ... also ... vergiss das. Also, woher wissen wir denn, dass du uns nicht ausspionieren willst?"
    Keksi erstarrte. Sollte es wirklich ausgerechnet er sein, der sie verriet?
    "Wie kannst du es wagen?", rief Nero entgeistert. "Unser Töchterlein grundlos zu beschuldigen, du hast wohl den Verstand verloren!"
    Kenneth verstummte augenblicklich.
    Sisknut gähnte. "Bringt doch mal Holz her, bevor wir hier noch gleich einpennen", sagte er dann.
    "Krasse Idee", sagte Blackfox und machte ein kleines Lagerfeuer. "Jetzt erzähl doch mal, was in der Stadt Krasses passiert ist."






    Wie habe ich diese Kapitel früher in einer Woche geschafft? Ach ja, keine Arbeit, duh. Den dritten Abschnitt hier finde ich am besten, vor allem, weil da einfach alle meine Spielzeugschatzis auf einmal vorkommen. :owo: Und es ist der witzigste Abschnitt. Ich mag meinen Humor. :ugly:
    Räuber Sisknut hätte übrigens auch schon in Spielzeugschatten vorkommen können, allerdings hatte ich einfach keine sinnvolle Verwendung für ihn und die Idee wurde verworfen. Sein Name hat auch einen sehr tollen Ursprung. Ich habe ein sehr seltsam aussehendes Mii erschaffen und eine mehr oder weniger random Buchstabenfolge als Name eingegeben. Dadurch hieß er Xys'chut. Aus Spaß haben Keksi und ich das in Google Übersetzer eingegeben, der uns sagte, das sei Russisch und bedeute Sisknut. Und deswegen heißt er jetzt Sisknut. :ok_hand:


    Spielzeugzwielicht wird Ihnen präsentiert von Kiris Keksfabrik. Denn Kiris Kekse wirken Wunder.
    @Undyne kann's bezeugen.



    @Undyne, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Galileo, @Obscuritas


  • Keksi versuchte, sich im Blätterzelt zu bewegen. Blackfox klebte förmlich an ihr, sodass sie bei jeder Bewegung Angst hatte, ihn zu wecken. Sie drehte sich um und richtete sich vorsichtig auf, da stieß sie ihn aus Versehen in die Seite. Erschrocken sah sie ihn an. Das musste ihn doch geweckt haben. Doch er murmelte nur etwas Unverständliches, drehte sich auf die andere Seite und schnarchte laut weiter.
    Keksi seufzte leise. Eigentlich war er doch schon immer so gewesen. Ein Schlaf wie ein Relaxo mit der Geräuschkulisse eines Rotom. Sie schlich sich nun hinaus und versteckte sich einige Schritte weit entfernt, um von den anderen nicht doch belauscht zu werden. Dann holte sie das Hoopa heraus.
    "Kannst du bitte eine Verbindung zu Kirika herstellen?", fragte sie.
    Das Pokémon nickte und ließ einen seiner Ringe vor Keksi schweben. Darin materialisierte sich langsam ein Bild von irgendeinem Raum in Corvins Festung. Sie sah, wie Kirika durch das Bild lief, dann kurz stehen blieb und sich in ihre Richtung drehte. "Hey, Corvin!", hörte sie ihre Stimme, woraufhin beide zu ihrem Ring hergelaufen kamen.
    "Na, Prinzesschen, bist du gut angekommen?", fragte der Finsterkaiser.
    "Mhm", machte Keksi. "Der Meisterdepp hätte mich zwar um ein Haar verraten, aber wenigstens mein Vater glaubt noch an mich." Kirika lachte.
    "Und, irgendwelche Pläne erfahren?"
    "Nun, Details noch nicht", sagte Keksi. "Aber ich weiß, dass sie definitiv vorhaben, ins Schloss zu gelangen. Und Kenneth ist wie erwartet für die Pläne zuständig. Und sie haben jetzt auch noch diesen seltsamen Räuber an Bord."
    "General Muckimax?", fragte Kirika und grinste Corvin schief an.
    "Also haben wir diese Hirntüte auch noch am Hals", murmelte dieser. "Na wunderbar."
    "Ist der eigentlich gefährlich?", fragte Keksi. Kirika kicherte.
    "Der ist in erster Linie eine Gefahr für sich selbst", sagte Corvin. "Hätte ich das damals mal gewusst." Kirika klopfte ihm auf die Schulter. "Halte uns jedenfalls auf dem Laufenden."
    Keksi nickte. "Ich geb morgen wieder Bescheid, ob ich irgendetwas herausgefunden habe."
    "Vergiss nicht, Hoopa einen kleinen Snack zu geben. Es ist anstrengend, so lange ein Dimensionsportal offenzuhalten", sagte Corvin.
    "Und vergiss nicht, Ken einen kleinen Tritt zu geben. Es ist dumm, so lange eine Hirntüte zu sein", fügte Kirika hinzu.
    "Mach ich", sagte Keksi und grinste. Sie winkte den beiden noch kurz zu, bevor Hoopa das Dimensionsportal wieder schloss. Dann kramte sie in ihrer Tasche und holte ein gestreiftes Bonbon heraus. "Das ist für dich", sagte sie zu Hoopa und hielt ihm die Süßigkeit hin. Es gab freudige Laute von sich und hüpfte ihr aufgeregt entgegen, als es davon probierte.
    "Beruhig dich, du hast es dir verdient", sagte Keksi und streichelte ihm über den Kopf. Dann setzte sie sich auf den Boden und zog das Zauberbuch heraus. "Sag mal, kannst du mit deinen Ringen auch ein bisschen Licht erscheinen lassen? Du bekommst auch ein riesiges Bonbon dafür." Hoopa kicherte und nickte aufgeregt. Es ließ wieder seinen Ring vor Keksi schweben, doch diesmal war darin kein Bild zu erkennen, sondern nur Licht.
    Sie sah sich das Buch noch einmal an. "Einfache Magie für Anfänger, geschrieben von Obscuritas", las sie laut vor. "Na, der Autor klingt ja vertrauenswürdig." Sie blätterte durch die Seiten, bis sie einen Text fand, der den Autor beschrieb.


    Über den Autor:
    Obscuritas ist einer der bekanntesten Zauberbuchautoren für Einsteiger im Dr. H. Meister-Zauberbuchverlag. Ansässig im Miitopia-Archipel verfasste er den Großteil seines Lebenswerks im Nebenan-Königreich. Heute verbringt er seinen Lebensabend in dem idyllischen Dörfchen Anfangs.


    "Miitopia, den Namen fand ich schon immer komisch", murmelte Keksi. "Das ist ja, als würden Pokémon sich eine Stadt bauen und sie Pokémopolis nennen." Sie blätterte weiter durch das Buch und stellte erstaunt fest, dass die meisten Zauber so hießen wie Pokémon-Attacken. War das ein seltsamer Scherz von diesem seltsamen Autoren? Sie beschloss, am besten am Anfang des Buches anzufangen. Vielleicht wurde das dort ja erläutert. Tatsächlich fand sie ein Vorwort.


    Dem aufmerksamen Leser mag schon nach wenigen Seiten auffallen, dass die Zauber in diesem Buch allesamt Namen tragen, die Abenteurer einst den Angriffen ihrer Pokémon zuordneten. Dies rührt daher, dass diese Wesen selbst nichts anderes tun, als Magie einzusetzen. Im Grunde ist jede Pokémon-Attacke ein Zauber und jeder Zauber eine Pokémon-Attacke, wenngleich viele sehr komplexe Zauber von keinem Pokémon mehr auf natürliche Weise erlernt werden können. Magie durchläuft genauso wie die Pokémon einen ständigen Wandel, was durchaus dazu führen kann, dass diese sich auseinanderentwickeln.


    Keksis Augen leuchteten fast so hell wie Hoopas Ring. Sie hatte Magie früher immer für böse gehalten, doch wenn sie nur das war, was die Pokémon einsetzten, konnte doch nichts Falsches daran sein. Aufgeregt blätterte sie die ersten Seiten durch, bis ihre Augen an einer Überschrift hängen blieben.
    "Glut klingt gut", grinste sie. Hoopa kicherte.
    Aufmerksam las sie die Anleitung durch. Es klang ja eigentlich gar nicht so kompliziert. Entschlossen legte sie das Buch zur Seite und richtete sich auf.
    Keksi konzentrierte sich auf den Energiefluss in ihrem Inneren. Zuerst war sie sich unsicher, was genau damit gemeint war, immerhin fühlte sie sich so wie immer. Sie begann, ruhig und kontrolliert zu atmen. Mit jedem Atemzug bewegte sich etwas tief in ihr. Jeder Atemzug ... war Energie. Und auf einmal spürte sie es. Kleine Funken, die sich aufbauten und sogleich wieder verglühten.
    Sie versuchte, diese Energie zu lenken. Sie floss aus ihrem Bauch in ihre Brust und wieder zurück. Immer wieder und wieder spürte sie diesen Kreislauf, Energie, die sich anhob und wieder absenkte. Dann leitete sie diese Funken in ihre Hände. Sie spürte eine Hitze, die sie nicht verletzte, im Gegenteil. Es fühlte sich angenehm an. Und sie fühlte sich bereit für den letzten Schritt.
    Sie lenkte die Energie durch ihre Hand in die Umgebung.
    Eine tiefschwarze Flamme mit violettfarbenem Kern entlud sich. Sie verlor die Kontrolle. Das Feuer wuchs und wuchs und sie vermochte nicht, es zurückzuhalten.
    "Oh, Mist", flüsterte sie. Das Feuer entlud sich in einer riesigen Explosion, die Hoopa komplett in schwarzen Flammen umfasste. Keksi schrie, als sie vom Rückstoß auf den harten Boden geschleudert wurde. Sie bekam noch mit, wie Hoopa seine Form zu verändern schien, doch sie konnte sich nicht mehr lange bei Bewusstsein halten. Dieser Zauber hatte ihr all ihre Energie geraubt.


    "Was war das?" Kenneth schreckte hoch und mit ihm auch Nero und Sisknut. Nur Blackfox schnarchte weiter.
    "Habt ihr das also auch gehört? Wir sind also nicht verrückt?", versicherte sich Nero.
    "Ich schau nach", sagte Sisknut und krabbelte aus dem Zelt hinaus. Er sah eine gigantische Figur in graublau und pink, die sich geradewegs auf die Hofstadt zubewegte. "Was ... ist das?", stammelte er.
    "Du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen", sagte Kenneth und krabbelte ebenfalls aus dem Zelt. Als er das riesige Wesen erblickte, erstarrte er.
    "Und du siehst aus, als hätte dir jemand Kreide ins Gesicht geschmiert", entgegnete Sisknut.
    "Wir verstehen nicht, worüber ihr redet", sagte Nero. Da erblickte auch er das Ding. "Oh gütiges Resharp! Wir müssen fliehen! Wir müssen sofort fort!" Er wedelte wild mit den Händen, als er die Tür des Zelts noch weiter aufriss. "Blackfox! Keksi! Steht auf, Wir müssen von hier verschwinden!"
    Blackfox rieb sich die Augen. "Ey, was ist denn? Was macht ihr so 'nen krassen Lärm?"
    "Etwas Gigantisches bewegt sich auf Unser Schloss zu! Wir müssen fliehen!", rief Nero.
    "Ey, warum sollen wir von hier weg, wenn sich das Ding weg bewegt?", fragte Blackfox.
    "Verstehst du nicht?", fragte Kenneth, sehr darauf bedacht, ruhig zu wirken, während er tatsächlich lieber geflohen wäre. "Wenn wir jetzt in die Stadt gehen, ist das unsere perfekte Chance!"
    "Bist du denn des Wahnsinns?", rief Nero.
    "Wollt Ihr Euer Schloss zurück oder nicht?", entgegnete Kenneth.
    "Ey, wo ist Keksi?", fragte Blackfox. "Sie hat doch neben mir geschlafen."
    "Vielleicht ist sie schon vorgegangen", sagte Sisknut.
    Blackfox nickte. "Krass, das kann sein. Also gehen wir ihr nach?"
    Die Gruppe folgte der Schneise aus Zerstörung, die das riesige Pokémon hinterließ, quer durch den Wald.
    "Jetzt ist unsere Chance!", rief Kenneth, als sie den Wald verließen und kurz vor der Stadt standen. Sie rannten los.
    In der Stadt herrschte bereits das Chaos. Miis und Pokémon rannten wild durcheinander. Panik beherrschte die Umgebung. Und tatsächlich war das Schloss unbewacht.
    "Los, rein da!", rief Kenneth.


    Jäh verstummten die panischen Schreie in der Ferne und Stille umgab den Wald. Eine Frau mit hochgesteckten Haaren, die ein zerschlissenes Kleid trug, suchte nach dem Ursprung des Angriffs auf die Hofstadt und folgte dem an den umgestoßenen Bäumen gut erkennbaren Pfad des riesigen Pokémon. Sie landete auf einer kleinen Lichtung. Lag dort etwa jemand?
    Schnell rannte sie zu der am Boden liegenden Prinzessin. Sie stützte ihren Kopf.
    "Keksi, bist du das?", fragte die Frau.
    Langsam öffnete Keksi ihre Augen. Sie sah noch alles verschwommen, doch diese Gesichtszüge ... Sie war sich sicher. Doch wie war das möglich?
    Keksi brachte nicht mehr hervor als ein Hauchen. "Mutter?"



    "Corvin, schau dir das an! Was passiert hier?", rief Kirika und deutete auf den Ring, der vor ihr lag.
    "Was ist denn?", fragte dieser, als er herbeigeeilt kam. Da bemerkte er, was sie meinte. Der Ring war deutlich größer als zuvor und vibrierte. "Oh nein, das kann nichts Gutes bedeuten. Wir müssen sofort los und Keksi finden."
    "Jetzt sofort? Aber warum?"
    "Das erklär ich dir unterwegs. Wir dürfen keine Zeit verlieren! Nimm den Ring mit, damit kommen wir zu ihr."
    Kirika verstand nicht ganz, was los war, aber sie schnappte sich das goldfarbene Objekt und lief Corvin hinterher aus der Festung hinaus.
    Abrupt blieb der Finsterkaiser stehen. "Das darf nicht wahr sein!", rief er.
    "Was ist denn los mit dir?", fragte Kirika.
    "Na, siehst du es nicht?", maulte er.
    "Ich seh gar nichts", sagte Kirika.
    "Genau da liegt doch das Problem! Von hier aus sollten wir die Türme des Schlosses sehen, aber ... schau. Sie sind weg." Seine Stimme klang panisch, doch tatsächlich fiel nun auch Kirika auf, dass er recht hatte.
    "Was meinst du mit 'weg'?"
    "Hoopa muss irgendwie entfesselt worden sein. Er hat das Schloss in seine eigene Dimension entführt."
    "Dieses kleine Ding soll ein ganzes Schloss entführt haben?", fragte Kirika ungläubig.
    "Entfesselt ist es eben kein 'kleines Ding' mehr. Entfesselt ist Hoopa ... gigantisch."
    Kirika schluckte. "Und wie finden wir jetzt zu Keksi?"
    "Sie hat noch den anderen Ring", erklärte Corvin. "Hoopas Ringe streben immer danach, bei Hoopa zu sein. Wenn Hoopa selbst in einer anderen Dimension ist, streben sie danach, beieinander zu sein."
    "Was redest du schon wieder Seltsames?", fragte Kirika.
    "Hier, halt einfach kurz", sagte Corvin und drückte ihr den Ring in die Hand. Nun spürte sie es: Eine leichte Kraft zog an ihm, die aus der Richtung des Heckenwaldes zu kommen schien. Es war fast, als wäre er magnetisch. Sie glaubte, jetzt zu verstehen, wie sie Keksi finden konnten.
    Sie folgten dem Weg, den Hoopas Ring ihnen vorschrieb. Er führte quer durch Gebüsch und Wald, doch das war ihnen egal. Das Einzige, was zählte, war, so schnell wie möglich ans Ziel zu gelangen.
    Endlich erblickten sie die Lichtung.
    "Keksi!", rief Kirika und stolperte auf ihre Freundin zu. Diese sprang auf, rannte ihr entgegen und drückte sich ganz fest an sie.
    Die Frau, die am Boden saß, lächelte die beiden an.
    Corvin betrat nun ebenfalls die Lichtung. "Was ist hier geschehen?", fragte er.
    Die Frau richtete sich langsam auf. "Was tut er hier?", fragte sie mit zitternder Stimme.
    "Hm?", machte Kirika. "Keksi, wer ist das?"
    "Oh", sagte Keksi, als sie realisierte, dass die anderen die Frau gar nicht kennen konnten. "Das ist meine Mutter. Bianca."
    "Deine Mutter?", fragte Corvin ungläubig. "Wird die nicht seit Jahren vermisst? Wie kommt sie hierher?"
    "Das solltest du doch wissen, Dunkler Fürst", sagte Bianca und ging einige Schritte rückwärts.
    "Kennt ihr euch etwa?", fragte Keksi irritiert. "Aber das kann doch gar nicht sein."
    "Er hat mich in dieser anderen Welt festgehalten", sagte Bianca mit finsterer Miene. "Er befahl seinem Hoopa, mich und die anderen Gefangenen zu bewachen, als wären wir sein Eigentum."
    "Was für eine andere Welt?", fragte Kirika verwirrt.
    "Ich glaube, sie verwechselt mich", sagte Corvin. "Wo auch immer sie war, muss es ein anderes Mii gegeben haben, das mir sehr ähnlich sah."
    "Dabei bist du noch nicht einmal ein Dunkler Fürst, sondern nur ein Finsterkaiser", sagte Kirika.
    "Ich glaube ihm kein einziges Wort", sagte Bianca. "Als könnte ich sein Gesicht und seine Stimme jemals vergessen."
    "Aber Mutter, was sie sagen, stimmt", sagte Keksi. "Corvin ist vielleicht nicht immer der 'Gute', aber er ist auch nicht böse. Ich bin mir sicher, dass du ihn mit irgendwem verwechselst."
    "Und er war noch nie in einer anderen Welt", fügte Kirika hinzu.
    Bianca seufzte. "Gut, wenn meine Kleine sagt, dass er nicht dasselbe Mii wie dieser Dunkle Fürst ist, dann versuche ich eben, das zu glauben. Aber ich werde dem Kerl nicht vertrauen, bis nicht bewiesen ist, dass er die Wahrheit sagt."
    "Mehr kann ich wohl nicht verlangen", sagte Corvin.
    "Keksi, mein Schatz", sagte Bianca, "weißt du, wo Blackfox steckt? Ich frage mich, wie groß er geworden ist."
    Keksi sah zum Blätterzelt. Es schien gewaltsam aufgerissen worden zu sein, darin konnte jedenfalls niemand mehr schlafen. "Vermutlich ist er im Schloss", sagte sie dann. "Er und Vater und die anderen wollten dorthin, vielleicht haben sie den Aufruhr vorhin ausgenutzt."
    "Das Schloss existiert nicht mehr", sagte Corvin.
    Keksis Augen weiteten sich. "Wie?"
    "Hoopa hat es vermutlich entführt. Was mich zu dem Punkt bringt, auf den ich schon die ganze Zeit hinaus wollte: Was ist hier passiert?"
    "Ich weiß es nicht genau", antwortete Keksi. "Da war eine Explosion und dann wurde ich bewusstlos."
    "Eine Explosion?", fragte Kirika. "Zum Glück ist dir nichts passiert." Sie drückte ihre Freundin, die dabei ganz rot wurde, fest an sich. Konnte Kirika sie nicht für immer an sich drücken? Es war so schön bei ihr.
    Corvin lief auf der Lichtung umher. Hoopa konnte sich nicht von selbst entfesselt haben, es musste hier irgendetwas zu finden sein, das ihm einen Hinweis darauf gab, was vorgefallen war. Am Boden waren die Spuren der Explosion noch gut zu sehen. Ein kleiner Krater, um den schwarze Asche den Boden zierte, markierte wohl die Stelle, an der was auch immer vorgefallen war. In einem kleinen Umkreis lagen verbrannte Blätter und angekokelte Äste auf dem Boden herum. Dass kein Feuer ausgebrochen war, war wohl pures Glück gewesen. Er suchte weiter, als er etwas fand. Unter Erde und Blättern verborgen lag etwas. Ein Buch. Er hob es auf und sah es sich an.
    Das konnte doch nicht wahr sein!
    "Was hat das hier zu bedeuten?", fragte er mit strengem Ton.
    "Was hat was ...", stammelte Keksi.
    "Das hier!", rief er und hielt ihr das Buch vor die Nase.
    "Das ... also ich hab doch nur ..." Sie bekam keinen vollständigen Satz zustande.
    "Bist du denn völlig bescheuert?", rief Corvin. "Wie kommst du dazu, mir ein Zauberbuch zu stehlen und ohne jegliche Anleitung mit etwas derart Gefährlichem herumzuspielen?"
    "Aber ich hab doch nur versucht, Glut einzusetzen", sagte Keksi. Das war ihr gerade alles zu viel. Tränen flossen über ihr Gesicht und sie krallte sich an Kirika fest, die ihr sanft über den Rücken streichelte. Sie wollte doch nichts Böses tun, sie wollte nur ein paar kleine Tricks können, mit denen sie sich verteidigen konnte. Vielleicht wollte sie auch ein bisschen damit angeben. Aber sie hatte doch keine Ahnung, dass eine so harmlose Attacke wie Glut gefährlich werden könnte.
    "Willst du mich für dumm verkaufen?", brüllte Corvin. "Als wäre so ein bisschen Glut mächtig genug, ein Hoopa zu entfesseln!"
    "Nein, es ist die Wahrheit, ich schwöre!", rief Keksi. "Ich hab mich echt nur an die Anleitung von Glut gehalten, aber dann wurden die Flammen auf einmal ganz schwarz und riesig und ... ich konnte nichts mehr tun, ich hab total die Kontrolle verloren."
    Corvin erstarrte. Schwarze Flammen? Kontrollverlust? Es konnte unmöglich Glut sein, über die sie da redete. Aber andererseits ... Wie sollte eine Anfängerin jenen Zauber ausführen können?
    "Ich glaube dir kein Wort", sagte er beherrscht. "Aber sei's drum, wir haben gerade wichtigere Probleme."
    "Was tun wir jetzt?", fragte Kirika besorgt.
    "Wir müssen Hoopa wieder bannen", sagte er. "Kommt alle mit in mein Schloss. Wir besprechen die Sache gemeinsam mit Simsala. Sie weiß sehr viel über Magie und sie weiß bestimmt auch etwas über Hoopa."



    Ein heftiges Beben erschütterte das Schloss. Blackfox fiel vornüber, Kenneth knallte gegen eine Wand und Sisknut stolperte gegen Nero, sodass beide am Boden landeten.
    "Ey, was war das?", fragte Blackfox und pustete seine schmerzenden Hände an.
    "Lass uns nachsehen", schlug Kenneth vor. Der Prinz nickte.
    Die beiden gingen zum Haupttor und schoben die riesige Tür auf. Die Stadt war komplett leer, keine einzige Miiseele schien dort zu verweilen. Es herrschte ein Schweigen, wie sie es noch nie gehört hatten. Kein spielendes Kind, kein kämpfendes Pokémon, keine Spur von Handel oder Tourismus. Der Himmel war tiefschwarz, kein Mond, kein einziger Stern war zu sehen. Was war mit der Hofstadt passiert? War das überhaupt die Hofstadt? Es sah doch im Grunde genauso aus, doch sicher waren sie sich nicht mehr.
    "Vater, schau dir das an", sagte Blackfox leise, fast so, als wolle er es nicht riskieren, die Stille zu stören.
    Nero und Sisknut halfen sich gegenseitig auf und kamen ebenfalls zum Tor. Die Stimmung war beklemmend, geradezu beängstigend.
    "Wo sind Wir hier?", fragte Nero. "Das ist nicht Unsere Stadt. Unsere Stadt ist lebendiger."
    Sisknut überlegte kurz. "Vielleicht hat dieses Monster alle gefressen."
    "Krass", murmelte Blackfox.
    "Schaltet mal einen Gang zurück", sagte Kenneth. "Wenn dem so wäre, wie du sagst, wären dann nicht alle Gebäude zerstört? Und müsste dieses Monster dann nicht noch irgendwo sein?"
    "In gruseligen Filmen ist das Monster immer hinter dir", sagte Blackfox und drehte sich theatralisch um. Erschrocken riss er die Augen auf und ging einen Schritt rückwärts.
    Zitternd und zögerlich drehten sich nun auch die anderen um -- und erblickten die gähnende Leere des verlassenen Schlosses.
    Blackfox lachte. "Ich hab euch voll krass reingelegt!"
    "Das war nicht witzig", sagte Sisknut von ihm enttäuscht.
    "Ey, Schwester Knut, jetzt tu doch nicht so. Wir kriegen bestimmt nicht raus, was hier Krasses passiert ist, wenn wir uns nur vor Angst in die Höschen machen."
    "Nenn mich nicht so!", zeterte der Räuber und stemmte die Hände in die Hüften.
    "Ey, warum so empfindlich?", fragte Blackfox und boxte dem Räuber gegen die Schulter.
    "Keine Streitereien jetzt", sagte Kenneth streng und schob sich zwischen die beiden. "Wir müssen herausfinden, was hier passiert ist. Wer kommt mit mir?"
    Nero schluckte. "N-nein, das ist Uns zu gefährlich", stotterte er.
    "In gruseligen Filmen passiert das Krasseste immer, wenn sich die Gruppe aufteilt", überlegte Blackfox. "Wir gehen also alle oder gar nicht."
    Nero zitterte. "A-aber Filius ... Wir haben solche Angst."
    "Yo, Vater, darum bleiben wir ja alle bei dir. Wenn wir gemeinsam gehen, ist es gar nicht mehr so gruselig", sagte Blackfox in einem Versuch, seinen Vater aufzuheitern.
    "A-aber Filius ..."
    "Vater, wenn wir zusammen sind, schaffen wir alles", sagte Blackfox. "Wir haben es zusammen sogar zurück ins Schloss geschafft."
    Kenneth legte sich die Hand an die Stirn.
    "Da hast du recht, Filius", sagte Nero auf einmal entschlossen. "Wir werden das gemeinsam durchstehen."
    Kenneth schaute ihn irritiert an.
    "Gut gesprochen, Prinzessin", sagte Sisknut.
    "Ey!", machte Blackfox. "Aber ... jetzt wo du es sagst ... wo ist eigentlich Keksi? Sie war nicht da drin, oder?"
    Nero schüttelte den Kopf. Er kämpfte hart, um die Tränen zurückzuhalten.
    "Macht euch keine Sorgen", sagte Kenneth ruhig. "Sie ist stark. Sie kann auf sich aufpassen. Wo auch immer sie ist, ich bin mir sicher, es geht ihr gut."
    "Ja", sagte Blackfox leise und legte seine Hand an die Schulter seines Vaters, der sich ebenfalls wieder beruhigte.
    Der Meisterdieb wagte als erster einen Schritt hinaus aus dem Schloss. Einige Schritte vom Eingangstor entfernt bieb er stehen und sah sich zögerlich um. Die anderen folgten ihm langsam.
    Nero blickte sich nun ebenfalls um. Die Läden sahen aus wie immer, nur abgeschlossen und dunkel. Doch auf einmal bemerkte er es. Er rieb sich die Augen und riss sie dann noch weiter auf, um sicher zu gehen, dass er sich nicht irrte. Die Bäume auf der Anhöhe neben dem Schloss, die Bäume, die zu pflanzen zu zu pflegen Kirika beauftragt hatte, waren fort. Nein, sie waren nicht nur entfernt worden, es gab kein Anzeichen, dass sie überhaupt jemals existiert hatten.
    "Dies ist nicht Unsere Stadt", wisperte er angsterfüllt. Er zitterte am ganzen Körper und ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. "Wo auch immer wir hier sind, wir sind nicht in Unserem Reich."
    "Wo sollen wir denn sonst sein?", fragte Kenneth.
    "Vielleicht hat das Monster nicht alle anderen gefressen, sondern uns", überlegte Sisknut.
    "Red keinen Unsinn, du Idiot!", rief Kenneth. "Wir sind hier in einer seltsamen, leblosen, düsteren Kopie unserer Heimatstadt und müssen zusammenarbeiten, um herauszufinden, was das für ein Ort ist und wie wir wieder zurückkommen. Wir haben keine Zeit für schlechte Witze. Das gilt für euch alle!"
    "Tut mir leid, hast ja recht", murmelte der Räuber.
    Die vier bewegten sich langsam durch die miileere Stadt. Alles war komplett finster, kein einziges Fenster, keine einzige Leuchtreklame strahlte Licht aus. Sie gingen langsam und vorsichtig, darauf bedacht, auch selbst keine lauten Geräusche zu machen, als sie plötzlich einen Luftzug spürten. Instinktiv schauten sie in den Himmel.
    Dort war es. Das Monster aus dem Wald. Der gigantische Dämon. Eine Kreatur mit sechs frei schwebenden Armen und zwei riesigen Hörnern. Die Kreatur senkte ihren Kopf. Ihre Augen funkelten, als sie die vier Miis erblickte.
    Der Boden bebte, als das Monster vor ihnen auf dem Boden aufsetzte. Es stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus, das den Miis durch Mark und Bein fuhr.
    Jemand kam nun hinter dem riesigen Pokémon hervor. Es war ein komplett dunkel gekleidetes Mii, dessen Gesicht aufgrund der spärlichen Beleuchtung nicht zu erkennen war.
    "Was hast du denn da, Hoopa?", fragte das Mii, als es die kleine Gruppe erblickte. "Na, so eine Überraschung aber auch. Du hast mit dem Schloss gleich noch eine Beilage mitgebracht?" Auf Hoopas Gesicht zeichnete sich ein Grinsen ab, wodurch seine scharfen Zähne zum Vorschein kamen. "Das war zwar nicht so geplant, aber was spricht schon gegen ein paar neue Versuchsscoppel? Die werden sich für meine neuesten Experimente bestimmt gut machen."






    Dieser Moment, wenn du vier Comic Relief-Charaktere zusammen in eine Gefahrensituation steckst und sie auf einmal einen Charakter entwickeln. Hach ja. Unglaublich, dass ich das so sage, aber ... ich mag diese Hirntüten. Auch, wenn sich deren Kapitelteil mit Abstand am zähesten schrieb und bisher das kürzeste Teilkapitel der Spielzeuggeschichte sein dürfte.
    Das Hoopa aus der Kapitelüberschrift sollte übrigens ursprünglich der Header für Spielzeugzwielicht werden. So vor zweieinhalb Jahren. Und wo wir schon bei alten Artworks sind: Die provisorischen Charakterartworks aus dem Startpost wurden nun durch hübsche, neue ersetzt. Yay! Endlich!


    Spielzeugzwielicht wird Ihnen präsentiert von Kiris Keksfabrik. Denn Kiris Kekse wirken Wunder.
    @Keksilein kann's bezeugen.



    @Keksilein, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Galileo, @Obscuritas


  • Langsam öffnete sich die Tür zu Simsalas Rückzugsort. Das mahlende Geräusch der schweren Tür über den steinernen Boden ließ sie aus ihrer Hypnose aufwachen. Sie fokussierte ihre Energie nun auf die Besucher statt auf ihre Mega-Entwicklung, sodass sie sich in einem hellen Licht zurückverwandelte.
    "Was bringt euch zu mir?", fragte sie ruhig.
    "Wir haben ein Problem und benötigen deinen Rat", sagte Corvin.
    "Wie genau kann ich dir helfen, Junge?", fragte Simsala. Ihre Stimme klang sanft und liebevoll.
    Kirika kicherte. Keksi boxte sie in die Seite.
    Bianca starrte das Pokémon mit großen Augen an. "Kann dieses Simsala etwa reden?", flüsterte sie.
    "Mhm, Telepathie", flüsterte Keksi.
    "Unglaublich", flüsterte Bianca.
    "Hoopa wurde entfesselt", erklärte Corvin und ignorierte das Geflüster hinter seinem Rücken gekonnt. "Er hat das Schloss entführt und ist dann in eine andere Dimension geflohen."
    "Verstehe", antwortete Simsala. "Ihr sucht also nach einem Weg, es wieder anzulocken und zu bannen, bevor es in dieser Welt noch mehr Chaos anrichtet."
    Corvin nickte. "Weißt du etwas darüber?"
    "Nun, ich weiß, dass man Hoopa nur mit einem bestimmten Gegenstand bannen kann", überlegte Simsala. "Er nennt sich Banngefäß. Nur weiß ich nicht, wie man ein solches herstellen kann, das musst du in deinen Büchern nachschlagen."
    "Na super, lesen", seufzte Kirika. Keksi boxte sie leicht.
    "Wir helfen dir natürlich bei der Suche", sagte sie dann.
    "Okay", sagte Corvin. "Ich glaube, das ist eine Grundlage, auf die wir aufbauen können. Kommt mit."
    Sie folgten ihm in seine Bibliothek. Bianca bestaunte bei jedem Schritt die merkwürdige Architektur dieser Festung. Es wirkte fast so, als hätte ein Kind diesen Ort als überdimensioniertes Labyrinth aufgebaut. Aber das war natürlich Unsinn.
    "Hier entlang", sagte der Finsterkaiser und öffnete eine Tür.
    Sie betraten die Bibliothek. Biancas Augen wurden groß. "Wow, so viele Bücher!", rief sie. "Das ist ja unglaublich! So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Und die gehören alle dir?"
    "Ich habe sie mein Leben lang gesammelt, also ja", antwortete Corvin. "Jedenfalls, die Bücher über Magie sind die an dieser Wand", er deutete auf die gegenüberliegende Wand des Raumes, "und ich würde vorschlagen, wir teilen uns auf. Ich übernehme das Regal links, Keksi das in der Mitte und Bianca das rechts. Nehmt vor allem die Bücher unter die Lupe, die mit magischen Gegenständen, Formwandel oder Dimensionssprüngen zu tun haben."
    Die drei machten sich sofort an die Arbeit und gingen Buch für Buch durch. Manche waren schnell abgehakt, andere blätterten sie zuerst durch, bevor sie sie wieder zurückstellten.
    Kirika ging zu einem anderen Regal und blätterte ziellos in einigen Büchern herum.
    "Kirika, das bringt doch nichts, das dort drüben sind keine Zauberbücher", sagte Corvin.
    Schulterzuckend ging sie zu dem Regal neben Bianca und blätterte dort wiederum ziellos in einigen Büchern herum. Einige waren sogar ziemlich hübsch illustriert. Auf einer Seite sah sie eine schwarze, weiße und graue Kugel mit je drei Einkerbungen. Auf einer anderen Seite waren eine dreifarbige und eine silberne Feder zu sehen. Auf einer wieder anderen Seite war ein grün-grauer Würfel mit mehr als sechs Seiten zu sehen, neben dem ein Zygarde, ein hundemonähnliches Pokémon, zwei, die sie entfernt an Mitodos erinnerten, sowie ein schlankes, schwarzes Regigigas abgebildet waren. Sie verstand den Zusammenhang nicht ganz, außer den Farben hatten diese Pokémon nichts gemeinsam, aber sie sahen faszinierend aus. Ob sie wohl irgendwo im Spielfigurenland zu finden waren?
    Sie blätterte erneut um. Auf dieser Seite war eine Art Flasche zu sehen. Sie war pink und blaugrau und war mit einigen goldenen Ringen geschmückt. Dieses Ding ... Es erinnerte sie an Hoopa. War das etwa ...?
    "Hey, schaut euch das hier mal an", sagte sie und winkte die anderen zu sich.
    "Banngefäß", las Keksi die Überschrift. "Wow, Kirika! Du hast es gefunden!"
    "Ein blindes Flemmli findet auch mal ein Korn", sagte Corvin. "Gib schon her." Er überflog den Text zur Herstellung des Gegenstandes schnell. "Okay, wir brauchen eine gewöhnliche Flasche und einen Ring von Hoopa", fasste er dann zusammen. "Und der Zauber sollte von mindestens drei Magiern ausgeführt werden."
    "Ich will dir helfen", sagte Keksi aufgeregt. "Ich bin immerhin für alles verantwortlich." Er nickte.
    "Ich bin raus. Ich tauge höchstens als Flasche", sagte Kirika.
    "Simsala wird uns helfen", sagte Corvin. "Hol du den Ring, ich hol eine Flasche."
    Kirika nickte und die beiden verließen den Raum.
    Keksi und Bianca blieben noch einen Moment lang in der Bibliothek und schauten sich schweigend an. Sie hatten sich so lange nicht mehr gesehen. Die Prinzessin versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie ihre Mutter zuletzt gesehen hatte, doch es gelang ihr nicht. Sie erinnerte sich nur an den Schmerz und an die Trauer, die sie erlebt hatte, als ihre Mutter tagelang nicht nach Hause gekommen war.
    "Mutter", hauchte sie und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. "Warum hast du ... Warum bist du damals einfach verschwunden?" Nun schlich sich doch eine einsame Träne über ihre Wange hinunter.
    Bianca kam auf sie zu und umarmte sie. "Es ... es tut mir so leid", flüsterte sie. "Ich wollte nie gehen. Ich wurde entführt."
    "Du ... was?", fragte Keksi entsetzt. Auf einmal fühlte sie sich so schrecklich für all die Vorwürfe, die sie ihrer Mutter in all der Zeit gemacht hatte.
    "Ich war im Heckenwald", erklärte Bianca. "Ich wollte ein paar neue Pokémon einfangen, du weißt ja, ich war so etwas wie eine Hobbyabenteurerin. Da stand auf einmal dieses Ding vor mir, Hoopa. Es geschah alles so schnell, ich konnte mich nicht wehren. Einer seiner Ringe flog auf mich zu und im nächsten Moment war ich in einer anderen Welt."
    Keksi drückte sich enger an ihre Mutter. "Ich bin so froh, dass du wieder da bist. Ich hab dich so sehr vermisst."
    "Ich hab dich auch vermisst, mein kleines Flabébé", flüsterte Bianca. "Ich dachte schon, ich sehe dich nie wieder."
    Keksi nickte. Endlich hatte sie ihre Mutter wieder, nach all diesen Jahren. Wenn doch nur auch ihr Vater hier wäre. Auch für ihn war kein Tag vergangen, an dem er nicht an seine Frau dachte.



    Mit Hoopas Ring in der Hand betrat Kirika den Turm. Corvin und Keksi waren bereits dort und besprachen mit Simsala ihren Plan. Bianca stand daneben und schaute zu. Sie schien so wenig von dieser Magie zu verstehen wie Kirika.
    Sie überreichte Corvin den Ring, den dieser sogleich auf den Boden legte. Dann stellte er die Flasche in seine Mitte.
    "Ihr bleibt zurück", befahl er Kirika und Bianca. "Und ihr haltet euch an den Plan. Fühlst du dich bereit dazu, Prinzesschen?"
    Keksi nickte unsicher.
    "Soll ich es noch einmal erklären?", fragte er.
    "N-nein, ich bin nur etwas nervös", sagte sie. "Legen wir los."
    Die drei positionierten sich um die Flasche herum und streckten eine Hand aus. Die Flasche und der Ring erhoben sich in die Luft und drehten sich schnell um ihre eigene Achse. Der Ring wurde immer enger, bis er die Flasche an einer Stelle einschnürte. Das Gebilde strahlte ein blendendes Licht aus, sodass Kirika einen Moment lang wegsehen musste. Als das Licht wieder nachließ, war der Ring komplett mit der Flasche verschmolzen, die nun genau so aussah wie die Illustration in Corvins Buch. Nun schwebte sie langsam zu Boden und blieb dort stehen.
    "Nicht schlecht, Prinzesschen", sagte Corvin und hob das Banngefäß auf. "Jetzt der Köder."
    Keksi nickte und holte ihr Diancie heraus. "Es tut mir leid, Kleines", sagte sie. "Wir werden aufpassen, dass dir nichts passiert. Versprochen." Sie aktivierte ihren Schlüssel-Stein, sodass Diancie sich mega-entwickelte. Gleichzeitig wuchs es auf das Vielfache seiner ursprünglichen Größe an.
    "Wow, wo hast du diesen Trick denn gelernt?", fragte Kirika.
    "Ich wusste auch nicht, dass ich das kann", sagte Keksi und starrte das Pokémon mit großen Augen an. "Aber je größer, umso besser, schätze ich?"
    "Hoffentlich springt Hoopa drauf an", sagte Corvin.
    Nun standen sie da und warteten. Bianca konnte kaum fassen, was ihre Tochter da gerade vollbracht hatte. Sie war doch so ein kleines Mädchen gewesen, als sie sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte so vieles verpasst. Ihren ersten Schultag, ihren ersten Pokémon-Kampf, womöglich sogar ihre erste Liebe. Wie sollte sie all das nur nachholen?
    "Diancie, pass auf!", rief Keksi und riss sie damit aus ihren Gedanken. Das riesige Pokémon schwebte schnell zur Seite, als unter ihm ein Ring erschien. Eine Hand tauchte daraus auf und hielt sich am Rand fest. Dann tauchte eine weitere Hand auf und tat dasselbe. Langsam zog sich der Körper von Hoopa nach oben, bis es über dem Ring schwebte und diesen wieder an einen seiner vier übrigen Arme anlegte. Es grinste, als es mit langsamen Schritten auf Diancie zu ging.
    "Haben wir dich", sagte Corvin und richtete das Banngefäß auf das dämonische Pokémon. Dieses drehte seinen Kopf in seine Richtung und riss erschrocken die Augen auf. Corvin aktivierte das Artefakt. Im selben Moment verwandelte sich das Pokémon in eine Art von leuchtender Energie, die langsam in die Flasche hineingesaugt wurde, bis nur noch ein kleiner Teil von ihr übrig war. Als der Sog von Hoopa abließ, verwandelte sich die restliche Energie in seine kleine, gebannte Form.
    "Das ging ja einfach", sagte Kirika.
    "Du musstest auch nicht hochkonzentriert einen Zauber wirken", entgegnete Corvin.
    Simsala schwebte zu Keksi hinüber. "Darf ich dir eine Frage stellen?", fragte sie. Die Prinzessin schaute sie erstaunt an. "Ich habe es schon bei der Ausführung der Magie gespürt und die Größe deines Pokémon könnte auch damit zusammenhängen: Du besitzt eine sehr starke Aura. Kannst du mir erzählen, woher diese stammt?"
    "Ich habe ... was?", fragte Keksi verwirrt. Sie verstand nicht ganz, was Simsala von ihr wissen wollte.
    "Eine starke Aura", erklärte Corvin. "Unter Umständen verändert sich die Aura eines Miis oder Pokémon, wenn es beispielsweise an besonderen Orten war oder mit besonderen Pokémon in Berührung gekommen ist. Solche Schwankungen sind in der Regel nur temporär, aber je nach Stärke können sie länger oder kürzer ausfallen."
    "Naja, also ich könnte mir schon vorstellen, woher das bei mir kommt", sagte Keksi in Gedanken versunken. Dann stockte sie. "Aber ich hab versprochen, mit niemandem darüber zu reden. Ich kann es nicht erzählen, tut mir leid."
    "Nun, offenbar war deine Aura stark genug, um Hoopa beim Einsatz von Glut zu entfesseln", sagte Corvin. "Ich verstehe ja, dass dir so ein Versprechen wichtig ist, aber deine Kraft könnte gefährlich sein. Oder uns helfen."
    Keksi wich einen Schritt zurück. Hatte sie doch schon zu viel verraten? Er hatte ja recht, aber sie konnte doch nicht einfach ihr Versprechen brechen. Nicht ein Versprechen mit ... ihm.
    Kirika legte eine Hand auf die Schulter ihrer Freundin. "Setz sie nicht so unter Druck", sagte sie. Keksi schmiegte sich an ihre Seite. Sie war immer so verständnisvoll.
    "Dein Feingefühl hilft uns hier aber auch nicht weiter", entgegnete Corvin patzig. "Wir müssen etwas unternehmen und das Prinzesschen könnte der Schlüssel sein. Verstehst du das oder soll ich es für dich aufschreiben? Nein, warte, das könntest du ja nichtmal lesen."
    "Halt die Klappe", sagte Kirika nur. Sie hatte gerade wirklich keinen Nerv für seine Sticheleien.
    Keksi löste sich von ihrer Seite. "Ich war im Hofgarten", sagte sie leise. "Im Heiligtum. Bei Resharp."
    "Du machst Witze", sagte Kirika. "Noch keiner ist da lebend wieder rausgekommen."
    "Jetzt schon", sagte Keksi. "Ich hab ihm versprochen, dass ich niemandem davon erzähle, dass es dort lebt."
    "Meinst du das ernst?", fragte Corvin. "Du sagst, du hast Resharp getroffen? Ich dachte, es sei nur eine Legende. Der einzige 'Gott', der nicht in Wirklichkeit nur ein Spielzeugpokémon ist."
    "Ich weiß nicht, ob es ein Pokémon ist", sagte Keksi, "aber es war ganz sicher Resharp, das ich gesehen habe. Von ihm habe ich auch mein Reshiram bekommen."
    "Das erklärt so einiges", sagte Kirika.
    "Hm?", machte Corvin verwirrt.
    "Die Farben", erklärte die Abenteurerin. "Mir ist aufgefallen, dass seine Ringe golden und seine Augen rot sind. Ist wohl irgendein spezieller Hokuspokus."
    "Ein schillerndes Pokémon", sagte Bianca. "So etwas habe ich in Hoopas Welt öfter gesehen. Sie sind sehr selten, bei uns fast gar nicht zu finden."
    "Können wir diese Ausführungen bitte auf später verschieben?", unterbrach Corvin. "Das tut gerade alles nichts zur Sache. Wir sollten uns lieber überlegen, wie wir Hoopa dazu bringen können, das Schloss zurückzubringen. Und alles, was es sonst noch aus dieser Welt entführt hat."
    "Ich fürchte, dafür werden wir es wieder entfesseln müssen", sagte Simsala. "Ich spüre, dass seine Aura in dieser Form sehr schwach ist, niemals stark genug, um ein Schloss zu teleportieren."
    Hoopa setzte in diesem Moment einen beleidigten Blick auf und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
    "Wir müssen also einen Weg finden, es zu kontrollieren, wenn es entfesselt ist", überlegte Corvin.
    "Fragen wir doch einfach Keksis Kumpel aus dem Hofgarten", schlug Kirika vor.
    "Spinnst du?", fragte Corvin und fasste sich an die Stirn. "Hast du vergessen, von welchem Ort wir hier reden, willst du uns alle umbringen oder bist du einfach nur blöd?"
    "Gerade eben hast du noch gesagt, sie wär der Schlüssel oder was auch immer", sagte Kirika.
    "Da wusste ich noch nicht, wovon sie redet", sagte Corvin genervt. "Wir brauchen einen besseren Plan."
    Keksi überlegte. "Am Eingang waren Caesurios. Kirika könnte mit ihnen reden und ihnen sagen, was wir vorhaben."
    "Ich soll was bitte?", fragte Kirika entsetzt.
    "Bist du jetzt auch übergeschnappt?", fragte Corvin. "Oder ist Resharp schon dein bester Freund?"
    "Ich könnte ja versuchen, es zu überzeugen", sagte Keksi. "Oder hast du einen besseren Plan?"
    Corvin seufzte und hielt sich den Kopf.
    Kirika zuckte mit den Schultern. "Wenigstens gehen wir jetzt alle gemeinsam drauf."



    "Warum hab ich mich darauf eingelassen?", seufzte Corvin, als die Gruppe den hinteren Teil des Hofgartens durchquerte.
    "Mhm", machte Kirika. "Hier kann man doch so viel schönere Dinge tun als sich ins Verderben stürzen."
    "Seid mal nicht alle so negativ", sagte Keksi. "Ich bin ja auch nervös, aber wir haben nunmal keine andere Chance."
    Simsala folgte ihnen schweigend.
    Sie kamen an einem Schild vorbei, auf dem in großen Buchstaben "Kein Durchgang! Lebensgefahr!" stand. Sie waren sich unsicher, was sie nun erwarten würde; Keksi hatte zwar alles erzählt, woran sie sich erinnern konnte, doch diese Erinnerungen waren allesamt verschwommen.
    Anfangs schien sich an dem Gebiet nichts zu verändern, es gab die üblichen Wiesen und Büsche und Bäume. Sie erreichten zwei Caesurio, die vor einem Durchgang Wache hielten. Die beiden sahen nicht aus wie gewöhnliche Caesurio, ihre Rüstungen waren blau statt rot. Kirika erinnerte sich an Keksis Reshiram, vermutlich waren die beiden auch schillernde Pokémon. Ob das etwas mit Resharps Anwesenheit zu tun hatte?
    Als sie näher kamen, konnten sie den Durchgang besser erkennen. Es war ein Steinbogen, hinter dem nichts zu sein schien. Aber man sah nicht einfach so hindurch -- nein, dahinter war alles schwarz.
    Kirika trat den Wachen gegenüber. "Hey, können wir hier durch?", fragte sie.
    Die beiden Caesurio sahen sich an. "Zzzzzt", machte das eine. "Zzzzzt", machte das andere.
    "Wir sind nicht bescheuert!", rief Kirika empört. "Naja, nicht komplett. Aber wir haben unsere Gründe!"
    "Zzzzt?", machten die Wachen gleichzeitig.
    "Ja, ich kann euch verstehen", sagte Kirika. "Man redet nicht einfach schlecht über Leute, die einen hören können."
    Die beiden Caesurio sahen sich noch länger an als zuvor. "Zzzzt", machte dann das eine.
    "Vielen Dank", sagte Kirika. Sie deutete den anderen, ihr zu folgen. "Die sagen, wenn wir uns unbedingt umbringen wollen, halten sie uns nicht auf." Etwas zögerlich ging sie auf das Portal zu. Sehr vertrauenswürdig sah es ja nicht aus, so komplett schwarz und undurchsichtig. Aber es half alles nichts, sie mussten hindurch.


    Sie waren umgeben von Flammen. Keine leuchtenden Flammen, nein, sie waren finster, gar schwarz. Nur der Kern schimmerte in einem sanften Lila.
    "Ist das hier wirklich noch der Hofgarten?", fragte Kirika.
    "Das Heiligtum des Hofgartens", sagte Simsala ehrfürchtig. "Ich hätte nie geträumt, einmal in meinem Leben hier zu sein."
    "Sich davon fernzuhalten war auch eine weise Entscheidung", sagte Corvin und sah sich nervös um. Er drehte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren und erstarrte in seiner Bewegung. "Zurück können wir dann wohl auch nicht mehr."
    "Hast du etwa Angst?", stichelte Kirika. Er nickte stumm. "Gut, ich ja auch", gab sie zu. "Aber wir müssen weiter. Gehen wir."
    Der Weg war schwarz und es war nicht zu erkennen, woraus er bestand, doch er schien das Geräusch jedes Schrittes aufzufangen. Nichts an der Umgebung schien sich zu verändern, während sie immer tiefer ins Heiligtum vordrangen. Mit einem Mal blieb Keksi stehen und hielt inne.
    "Habt ihr das auch gehört?", flüsterte sie. Nun blieben auch die anderen stehen und lauschten. Tatsächlich, dort war etwas. Es klang wie ein leises, entferntes Flüstern, doch es war nicht zu verstehen.
    Langsam gingen sie weiter. Mit jedem Schritt wurde das Flüstern lauter, es kamen mehr und mehr Stimmen hinzu, jede sprach eine andere Sprache, doch keine konnten sie verstehen. Corvin sah fast panisch um sich.
    "Was?", hauchte er auf einmal und starrte in die Flammen. Die anderen drehten sich irritiert zu ihm um.
    "Was ist denn?", fragte Kirika. Da hörten auch die anderen diese eine Stimme.
    "Corvin." Immer wieder. "Corvin."
    "Das ist unmöglich", sagte Simsala. "Ich erkenne diese Stimme."
    "S-sicher, dass sie n-nicht nur so ähnlich klingt?", stotterte Kirika. "Und dass sie nicht nur ein W-wort sagt, das so ähnlich wie sein Name klingt?"
    "Ich werde ihre Stimme nie vergessen", sagte Simsala.
    "Und ich höre sie jede Nacht in meinen Träumen", sagte Corvin zitternd. "Sophia."
    "Corvin, warum hast du mir das angetan?", flüsterte die Stimme.
    "Ich ... wollte das nicht", sagte Corvin zu den Flammen. Tränen sammelten sich in seinen Augen. "Ich war zu schwach. Vergib mir."
    Keksi drückte sich an Kirika. Das war alles so unheimlich und unwirklich. Was passierte hier gerade überhaupt? War das noch real?
    "Warum hast du mir das angetan?", wiederholte die flüsternde Stimme.
    "Ich wollte dich nicht töten, Sophia", sagte Corvin. Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schluchzend brach er zusammen. "Ich wollte dich nicht töten. Ich wollte dich verletzen, ich wollte dich fürs Leben zeichnen, aber ich wollte dich nicht töten. Vergib mir, Sophia! Vergib mir!"
    Die Flammen vor ihm manifestierten sich langsam in der Form einer Person. Erst war es nur der Umriss einer Person, doch nach und nach zeichneten sich ihre Gesichtszüge ab, bis sie schließlich eindeutig erkennbar war.
    "Sophia", hauchte Corvin.
    "Corvin", flüsterte sie, "kannst du dir die Schmerzen vorstellen, die ich erlitten habe? Die Schmerzen, als ich bei lebendigem Leibe verbrannt bin, als du mich verbrannt hast? Momente, die für eine Ewigkeit brannten. Eine Ewigkeit, nach der ich hier landete. Kannst du dir die Wut vorstellen, die von diesem Augenblick an in meiner Seele loderte? Ich wusste, ich könnte dir niemals verzeihen."
    "Ich habe dir alles genommen", hauchte Corvin. "Und mir selbst ebenfalls."
    "Aber Zeit, viel Zeit hast du mir gegeben", flüsterte Sophia. "Ich habe so viel nachgedacht. Auch ich habe einen Fehler gemacht. Wenn auch keinen, der deine Tat jemals verzeihen würde. Doch nun kniest du hier vor mir, unter Tränen, und ich sehe, dass auch du gelitten hast. Und all meine Wut ... beginnt, zu verschwinden."
    Corvin blickte auf, er glaubte nicht, was er da gerade hörte. Wenn selbst sie ihm vergeben konnte ...
    "Ich bin nun bereit, dir zu vergeben, Corvin", flüsterte Sophia. Im selben Moment wurden die Flammen, die ihren Körper gebildet hatten, immer kleiner, bis sie ganz verschwunden waren.
    "Corvin!", rief Kirika und kniete sich zu ihm. "Bist du in Ordnung?"
    "Sehe ich so aus?", entgegnete er und wischte sich die Tränen ab.
    "Hilft es dir, wenn du uns davon erzählst?", fragte Keksi und setzte sich ebenfalls zu ihm.
    "Sophia", sagte er, "sie war eine wunderschöne Frau. Ich habe sie damals in der Bibliothek kennengelernt und ich war sofort verliebt. Sie war vier Jahre älter als ich, aber wir wurden ein Paar. Irgendwann hat sie mir dann erzählt, dass sie einen anderen hätte. Meine Welt brach zusammen. Ich bin total ausgerastet, ich wollte, dass niemand sie jemals wieder schön finden kann, also ... habe ich den stärksten Zauber angewendet, den ich kannte. Die finsteren Flammen, die nur Resharp selbst kontrollieren darf. Ich verlor die Kontrolle und sie verbrannte in dem Feuer, das ich entfacht hatte."
    "Und dann hast du alles, was mit ihr zu tun hatte, in diesem Geheimraum versteckt?", fragte Kirika.
    Er nickte. "Aber jede Nacht ... jede Nacht musste ich diese Bilder sehen."
    "Ich war mir nicht bewusst, dass du derart gelitten hast, mein Junge", sagte Simsala und legte eine Hand auf seine Schulter. "Du darfst dir nicht dein ganzes Leben lang Vorwürfe dafür machen. Das bringt sie auch nicht zurück. Es reicht, wenn du daraus gelernt hast."
    "Und außerdem hat sie dir vergeben", sagte Keksi.
    "Ihr habt ja recht", sagte Corvin und richtete sich langsam wieder auf. "Ich werde darüber hinweg kommen."
    "Tja, was dich nicht umbringt, macht dich stärker", sagte Kirika. Keksi boxte ihr in die Seite.






    Das verspätete Kapitel kommt jetzt natürlich gleich mit noch mehr Verspätung, weil ich beim Community Day zu blöd zum Laufen war und mich verletzt habe und deswegen keinen Nerv zum Weiterschreiben hatte, vergebt mir. :ok_hand: Zwielicht geht aber auch so zäh vorwärts. Naja, immerhin geht es vorwärts. Und es ist schon ganz durchgeplant, also wird es auch durchgezogen.


    Spielzeugzwielicht wird Ihnen präsentiert von Kiris Keksfabrik. Denn Kiris Kekse wirken Wunder.
    @Keksilein kann's bezeugen.


    @Keksilein, @Tooru, @*Miro*, @Thrawn, @Bonnie, @Wenlok Holmes, @Indigo, @Obscuritas