Kognitive Dissonanz [Steins;Gate]

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  • (Quelle: Steins;Gate Opening)


    Kognitive Dissonanz


    Ein Jahr, nachdem Okabe WW3 erfolgreich abgewendet hat, hat die Gruppe wieder zur Normalität zurückgefunden. Genau der passende Zeitpunkt, findet Kurisu, um Japan mal wieder einen Besuch abzustatten.

    Eigentlich ist dies genau das, was Okabe die ganze Zeit wollte. Allerdings lässt ihre Anwesenheit ihn erkennen, dass er seine Erlebnisse noch lange nicht hinter sich gelassen hat - vor allem, als eine weitere Person auftaucht, die schmerzlich verdrängte Erinnerungen aufwühlt.

    Dabei drehen sich Mahos Gedanken nur um ihr Forschungsprojekt und ihre Kollegin, während das Konstrukt von Weltlinien und Zeitreisen ihr völlig fremd ist. Da hilft es auch nicht, dass Okabe ihr das um jeden Preis verheimlichen will.


    Vorwort

    Ungefähr ein Jahr ist es auch her, seit der Anime&Manga-Bereich hier im BB die tolle Idee hatte, eine Bisawatch zu starten. 24 Folgen in 24 Tagen in lockerer, ungezwungener Runde. Wie viel mehr daraus entstehen könnte, hatte sich wohl keiner der Beteiligten gedacht - Na gut, ich gebe zu, es war abzusehen, als ich mir damals schon die Finger wundgetippt habe XD Nicht einmal die Fortsetzung, der manche zweifelhafte Qualität bescheinigt hatten, hat mich davon abhalten können, noch viel mehr Worte über diesen verrückten Haufen und ihre Abenteuer zu verschwenden. Und wenn man eine FF-Autorin für etwas begeistert, gibt es nur eine logische Konsequenz: Alles an sich reißen und es dem eigenen Willen unterwerfen! Also hab ich mir den Tag des Tanabata-Festes zum Anlass genommen, die FF nun auch hier hochzuladen (und wo ich gerade diesen Feiertag erwähne: Ihr kennt den Drill: Lie down, try not to cry, ... ;) ).

    In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen.

    Danken möchte ich an dieser Stelle auch noch meinem Freund / Betaleser / Kummerkasten für all die Geduld, mir wieder und wieder das Prinzip von Zeitlinien zu erklären (nicht dass ich es inzwischen verstanden hätte^^°) und sich meine kryptischen Andeutungen anzuhören, was ich mit den armen Charakteren hier vorhabe. Fühl dich so doll geknuddelt wie Mayushiis Upa-Kissen ;)


    Hinweise

    | Romanze, Sci-Fi, Slice of Life, Hurt&Comfort | Empfohlen ab 16 | Dub-Con | LGBTQ-Themen |

    Steins;Gate gehört natürlich seinen rechtmäßigen Besitzern. Wie sein Bezugsmaterial ist dieses Werk vollkommen fiktiv und erhebt keinen Anspruch, canon zu sein oder mir einen finanziellen Erlös einzubringen.



    Kapitel 1


    „Wie wir an diesem Scanergebnis sehen, ist das menschliche Gehirn im Kleinkindalter noch sehr gut darin, erlittenen Schaden zu kompensieren. Im Alter allerdings…“

    „Wow!“, rief Mayuri begeistert. „Das ist ja doppelt so groß. Ist Mayushiis Gehirn auch so viel gewachsen?“, fragte sie und strich sich über die Haare, als befürchtete sie, dass ihr Kopf zu groß für ihren restlichen Körper geworden war.

    „Wende deine Augen ab, Mayuri, das ist nichts für eine so zart besaitete Seele wie deine.“ Als seine Kindheitsfreundin fragend den Kopf zur Seite neigte, seufzte er, als würde sie ihn zu einer widerwilligen Erklärung zwingen. Also brachte er sich in Position, streckte seinen Zeigefinger in Richtung der Scans und rief anklagend: „Da ist die Schandtat!“ Er fuhr an der rechten Außenseite des Kleinkindgehirns entlang, auf dessen Rand beim anderen die Mittellinie der Hälften verlief. „Sie zeigen uns die abartigen Machenschaften ihrer verwerflichen Experimente an lebenden Menschen. Ohne Zweifel haben sie diesem armen Wesen einen Teil seines Gehirns entfernt, um zu sehen, wie weit sie gehen können.“

    „Das nennt sich ‚Hemisphärektomie‘ und ist eine medizinisch anerkannte Praxis“, steuerte Daru bei, während seine Augen von Makises Vortrag und dem Wittypedia-Artikel hin und her sprangen wie zwei Tischtennisbälle. „Und überhaupt, setz dich wieder hin, das ist ja peinlich a f.“

    „Gut, dass Kurisu-chan sich davon nicht stören lässt. Sie ist wirklich eine total coole Wissenschaftlerin.”

    Okabe machte einen Schritt zurück und umklammerte mit der Hand seine Schulter, als hätte er einen schweren Stoß erlitten. „Überdenke die Prioritäten deiner Loyalität, Labormitglied 002! Vor dir steht der verrückte Wissenschaftler Hououin Kyouma, der als Koryphäe mit seinem Wissen alle anderen in seinen Schatten stellt!“

    Mayuri lachte nur, während sie ihre Beine vom absichtlich zu hoch gestellten Stuhl baumeln ließ. „Und deswegen ist Okabe-kun der coolste verrückte Wissenschaftler und Kurisu-chan die coolste Wissenschaftlerin.“

    Okabe nickte selbstzufrieden, während sich hinter dem Grinsen eine Überzeugung manifestierte. „Wohl gesprochen, Labormitglied 002. Du hast die Situation erfasst. Sie ist mein Gegenstück, meine Antagonistin, der Kain zu meinem Abel.“

    Daru zog eine Augenbraue hoch. „Ihr seid weder verwandt, noch will sie dich umbringen“, murmelte er, doch Okabe war schon zu tief abgetaucht.

    „Sie vollbringt den vergeblichen Versuch, Ordnung in mein Chaos bringen zu wollen. Ein törichtes Unterfangen. Versteht sie denn nicht, wie viel Geistesreichtum hinter meinem Wirken steckt? Hach, der Tag des jüngsten Gerichtes ist nicht mehr fern, an dem die Menschen erkennen werden, was sich im Verborgenen zusammenbraut. Ich spüre es.“

    Wäre Mayuri wie die Anime-Charaktere, die sie cosplayte, würde sie statt Augen wohl funkelnde Sterne haben. Voller Bewunderung starrte sie Okabe an, der die Arme auf die Hüften gesetzt hatte und sein Kinn nach oben reckte, als würde er auf die ganze Welt heruntersehen können.

    „Ja ja“, sagte Daru und bewegte seine flache Hand auf und ab. „Und jetzt stfu, ich kann Kurisu kaum verstehen.“

    „Daru, hör gefälligst lieber dem Kopf dieser Organisation zu!“

    Mayuri kicherte. „Macht euch nichts draus, wenn ihr was verpasst. Ihr könnt sie ja fragen, wenn sie bald zu uns kommt.“

    Einen Herzschlag später war der Bildschirm nur noch Nebensache und die beiden jungen Männer hatten Mayuri mit ihren neugierigen Blicken anvisiert.

    „Was meinst du damit, Mayuri?“

    „Na in ein paar Wochen kommt sie doch nach Japan, um hier ein Semester zu studieren, schon verg- Oh!“, rief sie und setzte ihr albernes Grinsen auf. „Hat sie euch noch gar nichts davon erzählt?“

    Daru zuckte mit den Schultern. „Bei mir überrascht mich das nicht, wir haben nicht sonderlich viel miteinander zu tun.“ Es folgte ein bedeutungsschwerer Blick zu dem Laborkittelträger neben ihm. „Aber Okabe wird sie es sicherlich gesagt haben.“

    Okabe war plötzlich schwer damit beschäftigt, den Kragen seines T-Shirts zurecht zu ziehen. „Celeb-17 scheint sich wohl für zu besonders zu halten, um anständig Bescheid zu sagen.“

    „Hätten wir uns denken können, dass ihr nicht miteinander redet. Ansonsten hätten wir uns wohl auch nicht in den unieigenen Livestream hacken müssen, bis Mayuri sie gefragt hat, ob wir mit in den Link-Verteiler aufgenommen werden.“

    „Ihr habt dem Feind unsere Email-Adresse bereitwillig in die Hände gespielt? Daru, das sind qualifizierte Informationen!“

    „Was raget du hier so rum? Von ‚Chuunibyou4869‘ wird man wohl kaum auf unsere Existenzen kommen - nun, allenfalls auf deine, aber es würde mich nicht wundern, wenn du auf der ganzen Uni schon questionable fame hättest. Allerdings haben wir da nie etwas anderes als die Mails ihrer Assistentin bekommen. Die größte Enttäuschung seit EAs Lootboxen.“

    Mayuri legte den Kopf schief, ihren Zeigefinger an ihr Kinn gelegt. “Und dabei schien sie so aufgeregt gewesen zu sein.“ Sie zückte ihr Handy und scrollte durch den Rine-Verlauf. „Hier, schaut mal.“


    Yay, Kurisu-chan kommt uns besuchen. Tuturu :3


    Ja, das letzte Mal ist ja schon echt lange her.

    Steht das Labor überhaupt noch? ;)

    Klar. Ich sag Okabe, dass er endlich mal aufräumen soll. Sowas kann man einem Mädchen nicht zumuten! Obwohl, wo sollen dann die armen Staubmäuschen leben…?


    Okabe knurrte und setzte zu einem Kommentar an, doch Daru scrollte nur mit seinem dicken Zeigefinger ein paar Nachrichten weiter.


    Also dann, bis zum 15. =)

    Ich kann es kaum noch erwarten *freu* ^-^


    In einer vagen Ahnung scrollte Daru ein Stückchen hoch und prompt erschien das Datum der Textnachricht oben auf dem Bildschirm.

    „05.06.“, las Okabe vor. Ruckartig drehte er sich um und hastete zum Kalender, an dem Mayuri mit ihrem Upa-Stempel die vergangenen Tage markiert hatte. Sein Mund blieb offen stehen, als er pink auf türkis sah, wie seine Tage gezählt waren.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)

    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 2

    Kurisu starrte über ihren Monitor hinweg, als würde sie die Person am anderen Ende des Tisches nie wieder für voll nehmen können. Als sie merkte, dass sie ihre Kollegin bei dem Winkel gar nicht sehen konnte, stand sie sogar auf. “Was hast du da mit Amadeus angestellt?!”

    Maho tat gar nicht erst so, als würde sie nicht zum offensichtlichsten Kreis der Verdächtigen gehören. “Ich habe sie nur etwas aufgehübscht. Gefällt es dir etwa nicht?”, fragte sie mit einem Unschuldsgrinsen.

    Kurisu ließ sich entnervt auf den Stuhl fallen, das Gesicht hinter ihrer Hand verborgen. “Ich sehe aus wie die Fantasie eines Otakus.”

    Maho runzelte die Stirn, aber es gab Wichtigeres, als diesen Begriff zu klären. “Wolltest du nicht immer schon mal wissen, wie du in einer japanischen Schuluniform aussiehst?”

    “Das ist noch lange kein Grund, die KI dafür zu missbrauchen. Wir haben Regeln, Maho. Sie ist kein Spielzeug.”

    “Also ihr gefällt es", hielt Maho dagegen, während Amadeus nicht aufhören konnte, an der Schleife vor ihrer Brust und dem viel zu kurzen Rock zu ziehen. Ersteres aus Faszination, Letzteres, um wenigstens einen angemessenen Bereich ihrer Beine zu bedecken.

    Kurisu schüttelte den Kopf und durchforstete den Code, um herauszufinden, wo Maho diesen Skin versteckt hatte. “Wo hast du den überhaupt her?", fragte sie abwesend, während ihre Augen die Zeilen des Codes überflogen.

    “Den hab ich übers Internet gefunden. Irgendsoein Typ namens ‘Dash’ hat was Passendes entwickelt.”

    Kurisu schreckte aus ihrer Konzentration hoch, doch nach einer kurzen Überlegung schüttelte sie den Kopf. Die Welt war ja wohl größer als ein Stadtteil. “Du kannst doch nicht einfach so Sachen aus dem Netz ziehen. Was, wenn das ein verborgener Angriff eines feindlichen Landes war, das uns ein Gratisgeschenk einschleust und damit unser System von Innen heraus infiltrieren will?”

    Maho klopfte mit ihren dünnen Fingern auf ihre Maus, während sie das Ende der Ansprache ihrer Kollegin abwartete. Aus unerklärlichen Gründen hatte diese, trotz ihrer alles überschattenden Intelligenz, seit etwa einem Jahr eine Schwäche für pathetische Apokalypse-Szenarien entwickelt, die mal amüsant, mal komplett abstrus waren. “Kannst du nicht einfach mit dem Wort ‘Trojaner’ herumschmeißen wie jeder andere Technik-Noob auch? Aber keine Sorge, ich habe das durch alle Virenscanner laufen lassen, die mir einfielen, inklusive dem Null-Toleranz-Ding unserer Uni. Dann hab ich seinen Code noch mal in ‘ner abgesicherten Umgebung durchforstet.” Ein kurzer Blick über den Bildschirmrand ließ sie sehen, wie Kurisus Kopf sich vor Ratlosigkeit immer weiter zur Seite neigte, weshalb sie schnell abkürzte: “Und dieser ganze Aufwand, obwohl die japanischen Unis ihre Schuluniformen schon längst abgeschafft haben - und jetzt freust du dich nicht mal!”
    Maho schaute genüsslich dabei zu, wie sich Kurisus Gesichtsausdruck vor ihren Augen veränderte. Verständnislosigkeit wechselte zu Überraschung, zu Ungläubigkeit und zu vorsichtiger Vorfreude. “Meinst du gerade das, was ich denke?”, fragte sie zaghaft, so als könne sie ihren eigenen Schlussfolgerungen nicht glauben.

    Einen Moment lang genoss Maho dieses sonst nie auftretende Phänomen. “Hattest du da etwa Zweifel? Keine Universität, die noch halbwegs richtig tickt, würde dir ein Auslandssemester verwehren.” Einen Mausklick später präsentierte Amadeus ihrem Ebenbild das entsprechende Schreiben mit ihrem besten Gewinnspiel-Lächeln.

    “Oh mein Gott!”, rief Kurisu und sprang so eilig auf, dass der Stuhl hinter ihr zu Boden fiel. “Das ist ja der Wahnsinn!”

    Maho legte sich demonstrativ eine Hand auf ihr überstrapaziertes Ohr. “Ich wusste ja gar nicht, dass du dich so darauf freust, wieder von hier wegzukommen.”

    Maho kam es noch wie gestern vor, dass Kurisu von ihrer ersten Auslandsreise zurückgekommen war. Die ersten zwei Wochen hatte sie sich eine Auszeit bei ihrer Mutter gegönnt. Nach den erschütternden und verwirrenden Nachrichten, die sich nach dem Vorfall im Radiogebäude verbreitet hatten, konnte Maho das gut verstehen.
    Als Kurisu dann später überraschend im Labor aufgetaucht war, hatte das Gehirn ihrer kleinen Freundin erst wieder angefangen zu funktionieren, als sie das Genie in einer festen Umklammerung gefangen gehalten hatte. Maho hatte nicht gedacht, dass ein Wiedersehen so emotional sein würde, aber die Vorstellung, Kurisu nie mehr wiederzusehen, hatte ihr noch immer in den Knochen gesteckt.

    “Das ist es doch gar nicht", verteidigte Kurisu sich nun zögernd.

    Maho winkte ab. “Ich weiß schon, woran es liegt", sagte sie mit einem listigen Grinsen. Immerhin hatte Kurisu sich nur ein paar Wochen, nachdem sie wieder gearbeitet hatte, gleich wieder freigenommen. Da ergab ihr Grund “ein paar Bekannten das Land zeigen” von damals doch gleich viel mehr Sinn. “Zu schade, dass du uns deine neuen Freunde nicht vorgestellt hast. Das scheinen ja ein paar ganz besondere Leute zu sein.”

    Kurisus sanftes Lächeln wegen der Erinnerung wurde schnell durch ein professionelles “Ich sollte mit Professor Leskinen reden" ersetzt.

    “Der ist in seinem Büro. Vermutlich weint er sich gerade die Augen aus, dass er dich wieder gehen lassen muss. Wie gewonnen, so zerronnen.” Maho zuckte mit den Schultern.

    Kurisu seufzte. “Ich werde versuchen, besonders einfühlsam zu sein - Und wenn ich wieder zurück bin, hast du Amadeus gefälligst dieses Ding da ausgezogen!”

    Maho betrachtete den Bildschirm und runzelte die Stirn. “Schwierig. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich das eingebaut habe…”

    “Oder ich ziehe meine Einwilligung zur Zusammenarbeit zurück.”

    Maho schaute ihr nur mit einem müden Lächeln hinterher. Bei der Begeisterung, die Kurisu bei jeder kleinen Errungenschaft hatte, würde das wohl nur in einem Zustand vollkommener Unzurechnungsfähigkeit eintreten. Und selbst dann war ihrer nicht der einzige Datensatz im System.

    “Tja, Amadeus, du hast sie gehört. Das war es dann wohl mit deinem Ausflug in die Welt der ausländischen Mode.”

    Die KI machte große Augen und verschränkte die Arme, als könnte sie Maho so daran hindern, ihr die Kleider gewaltsam vom Leib zu reißen. “Aber du hast dir doch all die Mühe gemacht…”, versuchte sie das anzubehalten, was man als Außenstehender wohl als ‘Nicht geeignet für den Arbeitsplatz’ bezeichnen würde.

    Maho konnte das Grinsen nur schwer zurückhalten. “Was Kurisu nicht weiß...” Sie ließ den Satz wie ein verschwörerisches Angebot im Raum hängen, während sie implementierte, was sie das ‘Kleiderschrank’-Add-on getauft hatte.
    Die Augen der KI wurden groß, als sie mit dem Äquivalent von Gedanken ihre neuen Optionen durchsuchte. Nicht mal eine Minute später wusste Maho, wie Kurisu im verspielten Rüschenbikini, als Magical Girl, in Rüstung mit hochgesteckter Flechtfrisur oder als Soldatin aussah. Jetzt bedauerte sie zutiefst, dass Amadeus merkte, wenn man Screenshots anfertigte.

    Maho spürte eine seltene Art von Erleichterung, als sie dabei zusah, wie entzückt Amadeus sich von allen Seiten betrachtete. “Gut zu wissen, dass du genauso verrückt sein kannst wie wir anderen auch. Manchmal vergesse ich das.”

    Amadeus, noch ganz fasziniert von ihrem neuen Erscheinungsbild, hob fragend den Kopf, als sie den Stimmeninput bemerkte. Sie öffnete den Mund, dessen Winkel sich gleich nach unten bewegte, als die Maus zum rechten oberen Rand des Programmes fuhr. “Wir sehen uns dann morgen”, verabschiedete Maho sich wie an jedem anderen Tag und wie jedes Mal hob Kurisus Ebenbild eine Hand zu einem kurzen Abschiedswinken, bevor der Bildschirm schwarz wurde.

    Erfahrungsgemäß durfte man der KI dabei nicht zu viel Zeit geben, denn sie verhandelte besser als ein Kind, das noch nicht ins Bett wollte. Manchmal kam es Maho so vor, als müsste sie noch einmal extra die Überzeugung einprogrammieren, dass es wirklich nur ein paar Stunden sein würden, bis das Programm wieder aktiviert werden würde. Ob nun für die Arbeit oder aus Faszination über ihr Schaffen, konnte Maho sich nicht erinnern, das Programm einen Tag lang mal nicht gestartet zu haben.
    Einmal hatte sie es sogar an einem regnerischen Sonntag auf der Couch in ihrer löchrigen Jogginghose und mit fettigem Haaransatz geöffnet, nur um einen Rat zu bekommen, was sie an diesem langweiligen Tag anstellen sollte. Als statt einer Antwort nur schallendes Gelächter aus dem Lautsprecher gekommen war, war das Programm länger hochgefahren, als es gelaufen war.

    Sie hörte die vertraute Lüftung des PCs sterben und betrachtete einen Moment ihr Spiegelbild in der Schwärze des Monitors. “Dummkopf. Es ist doch kein Abschied für immer”, murmelte sie vor sich hin, schnappte sich ihre Tasche und stand auf. Sie warf einen Blick zum Büro des Professors, durch dessen Tür Kurisu vorher verschwunden war. Ihr Gespräch war durch die Tür zu hören, aber zu gedämpft, als dass Maho mehr als ein paar Wörter verstehen konnte. Sie schob den Gedanken, sie zu stören, beiseite, bevor er sich richtig manifestiert hatte. Es kam ihr so falsch vor, ihnen einfach wie immer “Bis morgen” zu sagen, wenn da drinnen gerade die Vorbereitungen getroffen wurden, die das bald ändern würden. Also schnappte sie sich nur ihre Tasche, legte den Lichtschalter um und verschwand aus dem Gebäude.


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    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 3

    Okabe saß auf dem Sofa, den Körper nach vorne gebeugt, während er auf die Tischplatte starrt, als würde er im nächsten Moment mit einem Laserblick ein Loch hineinbrennen. Daru hatte ihn selten so konzentriert gesehen. Für gewöhnlich lief er beim Brianstorming wie ein aufgeschrecktes Huhn durch die Gegend (laut eigener Aussage würde es ihm beim Denken helfen, aber Daru war überzeugt, dass seinem besten Freund stattdessen jede Ablenkung in den Kram passte, die ihn darüber hinwegtäuschen konnte, dass er in diesem Moment keinerlei wissenschaftlichen Fortschritt bei seinen Experimenten hatte). Das Bild, was sich ihm jetzt bot, war deswegen um einiges beängstigender. Okabe wirkte, als wäre er tatsächlich auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Durchbruch - oder als ob er zumindest mit allen Kräften daran arbeitete.
    „Kann man dir helfen?“, fragte Daru - nicht dass er das vorgehabt hätte. Es erschien ihm nur wie der beste Weg, um Informationen aus ihm rauszubekommen. Auch wenn er sich dahingehend eigentlich keine Sorgen machen musste. Obwohl Okabe sich aufführte, als wäre er auf dem besten Weg, die Welt mit Hilfe seiner verrückten Experimente zu unterjochen, war er erstaunlich freizügig, was seine Informationen über laufende Projekte anbelangte. Als Okabe jedoch nur langsam aus seiner Starre erwachte und wie in Trance hochschaute, war Daru deshalb drauf und dran, einen Polizei- oder Krankenwagen zu rufen, weil er ein ernsthaftes Problem vermutete. Obwohl, wenn er bedachte, wie staatliche Autoritäten reagierten, wenn sie auf ihn trafen, war das vermutlich doch keine so gute Idee. Ansonsten könnten sie ihn wohl nur noch zu festgelegten Zeiten zwischen seinen Therapien besuchen.
    Also durchsuchte Daru schon einmal sein Adressbuch, um die Nummer von Okabes Mutter zu wählen, als dieser mit unheilverkündender Stimme sprach: „Daru, bereite dich darauf vor, dass die Welt, wie wir sie kannten, in ihren Grundfesten erschüttert werden wird.“
    An sich war diese Verheißung nichts Neues, wo er sie mindestens einmal in der Woche aussprach, aber für gewöhnlich folgte das Lachen eines Mad Scientists und nicht das Seufzen eines Sad Scientists darauf. War dieses Mal etwa wirklich etwas dran? Daru schluckte. Wenn dem so war, war das eine Nummer zu groß für ihn. Und wenn es um das Ende der Welt ging, gab es sowieso nur eine Person, die es mit Okabe auf einem Level aufnehmen konnte. „Das heißt, ich darf Faris anrufen und ihr sagen, dass es ein Notfall ist und sie sofort herkommen muss wegen … ach, das ist doch nebensächlich.“ Breit grinsend drückte er schon die Kurzwahl der Maid, doch Okabe schüttelte seinen hängenden Kopf.
    „Ich fürchte, sie ist Teil des Problems. Die ehrenwerte Nachfahrin von Anubis wurde von der dunklen Seite korrumpiert und hat sich mit unseren Widersachern verschworen.“
    „Hm, wenn Dunkelheit unser Gegner ist… Vielleicht kann Magical Girl Mayuri-"
    „Nein, Lab 002 unterliegt einer schwerwiegenden Sinnestäuschung und wurde von der Herrin der Finsternis manipuliert, damit diese in unser Land einreisen kann und Zugriff zu unseren Forschungsmethoden bekommt, um uns alle zu unterjochen.“
    Daru rollte mit den Augen. So langsam dämmerte es ihm, welches drohende Unheil Okabe in diesen Zustand versetzt hatte, und es wurde ihm mit einem Schlag peinlich, dass er es auch nur eine Sekunde lang ernst genommen hatte. „Jetzt macht doch nicht so einen Aufstand, nur weil wir Besuch kommen. Kurisu ist doch echt nett und ihr habt euch letzten Sommer super verstanden - was echt merkwürdig war, weil sie das einzige weibliche Wesen seit Langem ist, das nicht schreiend vor dir wegläuft.“
    „Ich habe viele ‚weibliche Wesen‘ in meinem Gefolge, Daru.“
    „Nun, technisch gesehen ja, aber das ist nichts, worauf man stolz sein kann. Eine davon musstest du als Geisel nehmen, eine andere sieht dich vermutlich nur als ihr Katzenspielzeug, die andere könnte dich mit einem Blick auf die Bretter schicken und ist vermutlich eher eine Stalkerin, die du nie wieder los wirst“, Daru machte eine kurze Pause und schickte ein Stoßgebet zum Anime-Papst, dass es sich dabei nicht um eine Yandere handelte, „und die letzte ist eine Trap. Okay, eine verdammt heiße Trap, aber das zählt nicht. Und sag Ruka nicht, dass ich das gesagt habe. Obwohl, außer ich kriege zu sehen, wie er wegen des Kompliments rot anläuft. Es ist immerhin nicht gay, wenn man ‚no homo‘ sagt.“
    „Daru, das Problem ist hier nicht mein Gefolge-“
    „Du meinst wohl deinen Harem“, korrigierte Daru und verschränkte die Arme. Was fanden alle nur an einem hageren Möchtegern-Wissenschaftler, wenn sie einen Mann haben konnten, der in der Kunst geschult war, jedem Typ Frau das Gefühl der Wertschätzung zu geben, das sie so sehr überwältigte, dass es früher oder später zu körperlichen Aktivitäten von allen erdenklichen Punkten des Spektrums kam? Andererseits hatten 3D-Mädchen bekanntlich die Eigenschaft, dass sie neidisch auf ihre pixelige Konkurrenz wurden und ihnen die so dringend benötigte Zuwendung nicht gönnten. Und da Daru wusste, wie sehr seine Waifus seine Aufmerksamkeit brauchten, die jede einzelne von ihnen verdient hatte, musste er wohl oder übel akzeptieren, dass Erfüllung im RL wohl wirklich nur ein Mythos war, egal wie viele Isekais man durchstreifen würde.
    „-Sondern dass mir nur noch zwei Tage bleiben, um eine bestmögliche Strategie zu entwickeln, wie ich der Lage Herr werden kann. Wenn der Feind in mein Territorium kommt und ich ihm nichts entgegen zu setzen habe, werde ich gnadenlos von ihm überrannt werden. Scheinbar hat sie schon Labormitglied 002, 006 und 007 auf ihre Seite gezogen.“
    Daru brauchte einen Moment, um den Code zu entziffern, und nach einer Schrecksekunde rief er atemlos: „Nein, alles nur nicht meine Neko-Göttin!“ Dann fiel ihm ein, wen er gerade über die Planke hatte laufen lassen, und er fügte hinzu: „Und unser Genki Girl und die Trap, schätze ich.“
    „Doch, mein treuer Freund. Ich sage dir, uns stehen wahrlich schwere Zeiten bevor. Vielleicht können wir unsere Freunde noch retten, aber uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn sie erst einmal völlig von dem Charisma umgepolt worden sind, haben wir kaum noch eine Chance, zu ihnen durchzudringen. Dann bleibt uns nichts mehr übrig, als sie zu unserer eigenen Rettung für immer aus diesem Refugium zu verbannen.“
    Daru schluckte. „So etwas dürfen wir auf keinen Fall zulassen.“
    „Du hast es erkannt. Deswegen schlage ich vor, wir entwerfen gemeinsam einen Schlachtplan. Also, was schlägst du vor?“
    Daru runzelte die Stirn. „Wieso denn ich?“
    Okabe blinzelte und mit einem Mal hatte sich sein Feuereifer in Rauch verwandelt. „Na weil… Du kennst dich doch mit dem anderen Geschlecht aus! Also nutze dein unendlich sinnloses Wissen der verschwendeten Stunden zum Schutz unseres Labors!“
    Daru verschränkte die Arme. „Was soll das denn jetzt heißen? Außerdem hab ich kp, wenn sie versuchen, mich umbringen zu wollen - wenn überhaupt würden sie eher alle anderen außer mich umbringen.“
    Okabe schloss die Augen. „Lass uns hoffe, dass Mord nur im äußersten Notfall ein Mittel zum Zweck sein muss.“
    Einen Moment schwiegen die beiden, verschreckt von der Tragweite dieser Worte. Dann fragte Daru langsam: „Okay, noch mal auf Anfang. Was genau befürchten wir, was passieren wird?“
    Okabes Blick wurde finster. „Dass Kurisu Makise mich als rechtmäßigen Herrscher unseres Labors stürzen wird.“
    Daru machte große Augen. „Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wann genau ist es so weit?“
    „Morgen Abend wird sie am Flughafen ankommen und von ihrer persönlichen Eskorte in Empfang genommen werden.“
    Daru reckte die Arme gegen Himmel. „Hentai-Genius-Boss ftw“, rief er. „Meinst du, sie bleibt dann für immer, wenn sie ihr eigenes Labor bekommen hat?“
    Okabe vergrub den Kopf in seinen Händen. Dann löste er eine, kramte sein Handy hervor und hielt es sich ans Ohr. „Ich bin es. Scheinbar ist nun auch mein engster Verbündeter zum Feind übergelaufen … Nein, ich kann jetzt nicht aufgeben. Ich muss mich dieser Infektion entgegen stellen, die 'The Zombie' auf uns wirkt. Ein wahrlich grauenhaftes Schicksal, zu einer ihrer willenlosen Marionette zu werden, die ihr bei ihrem Verlangen nach menschlichen Gehirnen helfen … Ja, das Schicksal der Welt liegt nun in meinen Händen. Es wird Zeit, dass Hououin Kyouma sich erneut aus der Asche erhebt und die Welt vor ihrem Untergang bewahrt. El. Psy. Kongroo.”



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  • Kapitel 4

    Maho hatte schon immer gewusst, dass es sich lohnte, ihrem Instinkt zu folgen, und dieser Abend war nur eine weitere Bestätigung. Immerhin hatte sie schon im Voraus genau gewusst, wie es ablaufen würde, und das hatte sich jetzt bewahrheitet. Sie stand mit dem Rücken zur Wand, doch statt dass es ihr Sicherheit gab, weil sich niemand von hinten anschleichen konnte, machte es sie nur noch fahriger. Das Glas in ihrer Hand half dabei nicht. Sie hatte schon so viel Alibi-Nippen vollführt, um nicht nur doof in der Gegend rumzustehen, dass nur noch ein kleiner Schluck darin war. Zwischendurch hatte sie sich zu ein paar anderen Wissenschaftlern gestellt und versucht, sich in ihre Gespräche einzubringen, doch entweder hatten sie völlig andere Fachgebiete, bei denen Maho nicht mitreden konnte, oder Themen, bei denen sie nicht mitreden wollte. Irgendwie war es schwer, die grotesken Verhaltensweisen von Kleinkindern drollig zu finden, wenn sie mit Essen um sich warfen oder die Wände bekritzelten. Eine weitere Bestätigung, sich erst in weiter Ferne damit zu befassen.

    Sie schaute sehnsüchtig auf die Uhr. Es war halb Acht, die Party hatte vor noch nicht einmal zwei Stunden begonnen. Mit dem Essen waren sie bereits durch, und abgesehen von den Gästen gab es nichts, was fürs Bleiben sprach - in ihrem Fall war es sogar so, dass sie möglichst schnell nach Hause wollte. Sie hatte ein Bett, dessen Ruf immer stärker wurde, und mindestens drei elektrische Geräte, die sie besser unterhalten würden, als die ‘Intellektuellen’ hier es taten.

    Maho zuckte mit den Schultern, leerte ihr Glas in einem Zug und stellte es auf das Tablett eines Kellners, nachdem dieser schon drei Mal an ihr vorbei gelaufen war, ohne Notiz zu nehmen. Die Hände in den Taschen lief sie durch den Raum, vorbei an Menschen, die sie nicht wirklich beachteten. Ein paar erkannte sie aus ihrem Fachbereich wieder, doch zu mehr als einem Nicken hatten beide Parteien keine Lust. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen und machte extra noch einen Umweg, damit es nicht so aussah, als würde sie auf dem schnellsten Weg auf die Tür zusteuern.

    Aus Neugier durchsuchte sie die Menge nach einem bekannten Gesicht, als sie jemanden anrempelte. Innerlich machte sie sich bereits auf einen verärgerten Kommentar gefasst, doch als sie das Lachen hörte, hätte sie es liebend gern dagegen eingetauscht. “Na, was schaust du denn so verträumt?”, fragte Professor Reyes. Wie immer, wenn sie mit Maho sprach, neigte sie sich etwas zu Boden, was der Angesprochenen einen genervten Blick abrang. Ihr Versuch, den Größenunterschied zu kompensieren, machte ihn für sie nur noch offensichtlicher.

    “Das tue ich doch gar nicht. Ich wollte nur mit Kurisu reden.” Es schien ihr wenig angemessen, sich nicht wenigstens von der Person zu verabschieden, zu deren Ehren diese Party veranstaltet wurde. Allerdings gab es hier so viele Leute, dass eine weitere Verabschiedung ihr sicher nicht fehlen würde.Genau genommen hatten sie sich die letzten Tage so oft darüber unterhalten, dass Kurisu sie bald verlassen würde, dass eine ‘richtige’ Verabschiedung nur noch eine Formsache sein würde.

    Reyes nickte, doch das Lächeln verschwand nicht von ihrem Gesicht. “Ich würde es mal bei Professor Leskinen versuchen.”

    Maho rollte mit den Augen. War ja klar, dass er in ihrer Nähe sein würde. Es war typisch, ihn neben den vielversprechenden Frauen seiner Abteilung zu sehen (auch wenn Maho vermutete, dass er in seinem Kopf eine klare Rangliste hatte). “Danke. Schönen Abend noch.” Und bevor Reyes noch irgendwas hinzufügen konnte, lief Maho zielstrebig durch den Raum.

    Es war einfach, seine Stimme unter den Anwesenden auszumachen. Sie war es gewöhnt, ihn jeden Tag zu hören, aber auch so dominierte er die meisten Gespräche um ihn herum. Maho machte sich gar nicht die Mühe, einen Fuß in das Gespräch zu bekommen, und tippte nur Kurisu am Ellenbogen an. Ihrem höflichen Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren ihre Gedanken sowieso gerade ganz woanders als bei Leskinens letztem Wanderausflug durch die Berge (vermutlich weil er ihnen bereits davon erzählt hatte, nur erinnerte Maho sich an viel mehr Gaststätten auf seinem Weg).

    “Ich mach mich dann mal so langsam auf den Weg.”

    Zu Mahos Verwunderung sprach nicht zuerst Kurisu, sondern der Professor: “Was, du willst uns schon verlassen, Maho?”, fragte er ehrlich verwirrt.

    Maho verzog das Gesicht. Hätte er das nicht noch lauter sagen können? Dann hätte sie nicht nur die Aufmerksamkeit der umstehenden Personen, sondern auch des ganzen Raumes auf sich gehabt.

    Kurisu schien das auszublenden. “Es ist wirklich relativ früh”, sagte sie mit einem Blick zur Uhr. “Geht es dir nicht gut?”

    “Wenn du wüsstest”, hätte Maho am liebsten gesagt, aber sie verbiss sich die kryptische Anspielung. Ihre persönlichen Probleme wirkten in dem Moment mehr als fehl am Platz. Allerdings hatte sie auch keine Ausrede, was sie stattdessen sagen sollte. “Ich ... ähm … hab noch etwas vor.”

    Kurisu drehte den Kopf und schaute sie schelmisch an. “Ach ja? Etwas Wichtigeres als meine Feier?”

    “Das habe ich so nicht gesagt”, antwortete Maho und vergrub ihre Hände tiefer in ihren Taschen.

    Kurisu kicherte. “Ist doch kein Problem. Komm, ich bring dich noch zur Tür. Entschuldigt mich bitte kurz.”

    Leskinen schien ernsthaft zu bedauern, dass er nun einen Zuhörer weniger hatte, und beklagte sich entsprechend, doch die anderen Menschen waren so höflich, ihre eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Trotzdem war es ihnen anzusehen, dass sie auf jeden Fall noch ein paar Worte mit der jüngsten Wissenschaftlerin ihrer Universität wechseln wollten.

    Mit Kurisu im Schlepptau machte sich Maho auf zur Garderobe und war überrascht, als auch ihre Kollegin nach ihrer Jacke griff. Sie runzelte die Stirn. “Was wird denn das?”

    Kurisu lächelte verwegen. “Nur eine kleine Auszeit. Die werden auch einen Moment lang ohne mich klarkommen.” Sie streifte sich die Jacke über wie einen Laborkittel. “Kommst du jetzt?”

    “Klar”, sagte Maho schnell, die über den Rollenwechsel noch immer verwirrt war. Sie zog sich im Gehen an, was gar nicht so einfach war, weil sie drei Mal den Ärmel verfehlte. Zum Glück hatte Kurisu ihre Augen nach vorn gerichtet und keine Ahnung, mit was sich ihr Senpai da gerade abmühte. “Willst du irgendwo hin?”

    “Keine Panik, ich werde doch nicht von meiner eigenen Party fliehen.” Kurisu schaute über ihre Schulter, doch der Blick in Mahos Richtung war kein anklagender.

    Maho folgte ihr durch die Gänge der Universität, heraus aus dem Trakt, den sonst keiner von ihnen benutzte. Die meisten Tage führten sie nur ins Labor, die Bibliothek und gegebenenfalls in die Mensa, wenn ihr Körper sie daran erinnerte, dass sie auch mal etwas essen sollten.

    Sie schritten zusammen durch eine der großen Eingangstüren der Universität und sofort spürte Maho die kalte Nachtluft auf ihrer Haut. Es war zwar Sommer, aber sobald die Sonne weg war, war es nicht mehr warm genug, um nur ein Kleid zu tragen. Sie fühlte die Kälte an ihren Beinen hochkriechen. Warum konnte man auf Partys nicht in normaler Kleidung kommen?

    Schweigend gingen sie die Stufen vor dem Gebäude herunter und passierten die imposant angelegten Grünanlagen. Maho hatte nie wirklich einen Blick für sie gehabt. Sie war meistens damit beschäftigt, pünktlich ins Labor zu hasten, oder, auf den Feierabend fixiert, schnell heimzugehen. Diesmal war es besonders angenehm, denn nach den Vorlesungen lag der Campus nur noch verlassen da. Obwohl das Semester erst vor Kurzem wieder begonnen hatte, streiften nur ein paar Studenten einzeln umher. Maho machte ihnen keinen Vorwurf. Ohne die Veranstaltung wäre auch sie hier nicht mehr anzutreffen.

    “Maho?”, hörte sie Kurisu fragen und war verwundert, ihren Kohai auf der Grenzmauer sitzen zu sehen.

    Sie ging Maho gerade mal bis zur Brust, was für eine Mauer lächerlich niedrig war, doch trotzdem beäugte sie sie skeptisch. Kurisus Anblick rang ihr ein Lächeln ab. Sie stellte ihre Stimme eine Oktave tiefer und mimte den südländischen Akzent des Hausmeisters: “Junge Dame, du weißt schon, dass es sich hier um Universitätseigentum handelt?”

    Kurisu hielt sich eine Hand vor den Mund, um ihr Lächeln zu verstecken, doch dann konnte sie nicht anders, als zu kichern. “Was habe ich mir nur dabei gedacht? An meinem letzten Tag hier das Inventar zu zerstören, das schon Jahrzehnte vor meiner Geburt Studenten als Sitzplatz gedient hat - und jetzt sei kein Frosch und komm hier hoch, Maho.”

    Nach dieser Aufforderung schien die Mauer ein ganzes Stück gewachsen zu sein und Maho nahm sich einen Moment, um sich die bestmögliche Strategie zu überlegen. Dann fiel ihr auf, dass zu klettern etwas war, was sie zuletzt in der Grundschule getan hatte und was in dem Outfit besonders peinlich enden konnte. Allerdings war auch keiner hier, um ihr dabei zuzusehen.

    Maho wischte den Gedanken an Strategie beiseite. Sie legte ihre Arme auf den von der Sonne erwärmten Stein und versuchte, sich so weit hochzuziehen, dass sie ihr Knie darauf bekommen würde.

    Es brauchte nicht erst Kurisus haltloses Lachen, um zu wissen, dass sie kläglich versagte.

    Maho ließ von ihrem Vorhaben ab und funkelte Kurisu an. “Immerhin hab ich es versucht, also wertschätze das gefälligst”, verlangte sie mit verschränkten Armen.

    “Nimm’s mir bitte nicht übel, aber das sah einfach zu komisch aus.” Elegant ließ sie sich von der Mauer gleiten und landete neben Maho. “Komm, lass mich dir helfen.” Sie verschränkte die Hände zu einer Leiterstufe und schaute ihren Senpai auffordernd an.

    “Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas helfen wird”, sagte sie misstrauisch. Sie wog zwar nicht viel, aber sie konnte schon Kurisus Finger brechen hören, noch bevor sie ihren Fuß darauf setzte.

    “Ach komm, das macht Spaß”, sagte Kurisu und schien einen Augenblick von ihrem Schmollen entfernt zu sein, auf das normalerweise ein Hundeblick als letzter Ausweg folgte. Da Maho noch kein Mittel dagegen gefunden hatte und ihre Kapitulation somit unausweichlich sein würde, entschied sie, direkt nachzugeben.

    Maho seufzte. “Nun gut, aber nur ein Versuch.” Sie gab ihr Bestes, das selbstgefällige Grinsen auf Kurisus Gesicht zu ignorieren, als sie ihren Fuß auf deren Hände stellte. Sie verlagerte das Gewicht mit einem Schwung, und als der wackelige Untergrund unter ihr nachgab, sah sie sich schon auf dem Boden liegen. Instinktiv griff sie nach Kurisus Schulter, doch einen Moment später wurde sie schon nach oben gehievt. Sie fühlte sich so ungeschickt wie ein Kleinkind, wie sie sich an Kurisus festklammerte, doch das vergaß sie ganz schnell wieder, als sie endlich saß.

    “Siehst du, ist doch gar nicht so schwer”, sagte Kurisu und ließ sich zufrieden neben ihr nieder.

    Maho entschloss sich, dazu mal lieber nichts zu erwidern. Sie war sowieso viel zu sehr damit beschäftigt, geradeaus zu schauen. “Scheinbar bin ich gerade zur richtigen Zeit gegangen”, witzelte sie und zeigte mit dem Kopf nach vorn.

    Auch Kurisu schaute sich um und war ähnlich zufrieden mit dem Ausblick, der sich ihr bot. “Stimmt, der Sonnenuntergang ist wirklich wunderschön.”

    Maho lachte. “Du mit deinem geozentrischen Weltbild.”

    Kurisu stupste sie mit ihrem Ellenbogen an. “In Ermangelung eines besseren Wortes, ja. Oder hast du einen passenderen Namen dafür?”

    “Nein, aber ich denke auch nicht, dass er sich durchsetzen würde.” Maho zuckte mit den Schultern. “Die meisten Leute sind zu faul, einen neuen Begriff zu benutzen. Vermutlich wüssten sie nicht einmal, was ‘geozentrisch’ eigentlich bedeutet.”

    Kurisu schüttelte erschütterte den Kopf und legte ihre Hand auf ihre Brust. “In was für einer unverstandenen Welt wir doch leben.” Einen Moment später trat ein wissendes Lächeln auf ihr Gesicht. “Aber ich schätze, das ist nicht das Einzige, was der breiten Menschheit noch nicht bekannt ist.”

    Maho wusste nicht, ob sie erheitert oder verstimmt sein sollte, und entschied, dass sie es von Kurisus Antwort auf ihre Frage abhängig machen würde. “Ach ja? Ist das so? Dann erkläre mir doch mal, was es damit auf sich hat.”

    “Tut mir leid, das ist ein Geheimnis”, erwiderte Kurisu in einem Ton, wegen dem Maho sofort wusste, dass der erste Teil gelogen und der zweite in Stein gemeißelt war.

    “Aber erst anfüttern”, beschwerte sie sich und setzte den Schmollmund auf, den sie vorher bei Kurisu erwartet hätte.

    Leider hatte sie keine solche Superkraft. Vielleicht hätte es irgendwann mit Betteln geklappt, aber dafür hatte Maho zu viel Selbstachtung. Außerdem wollte sie es nicht aufs Spiel setzen, dass Kurisu sich noch öfter fragte, wer von ihnen beiden eigentlich der Senpai war. Schon gar nicht an ihrem letzten Abend hier.

    “Wer weiß, vielleicht wirst du es ja irgendwann erfahren”, sinnierte Kurisu vor sich hin.

    “Als ob”, erwiderte Maho. Für sie stand fest, dass Kurisu nur mit ihr spielen wollte. Aber vielleicht gab es doch einen Anhaltspunkt… Also gut, sie würde wohl oder übel mitgehen. Außer einem bisschen Stolz hatte sie auch nichts zu verlieren. “Ist das der Grund, warum du nach Japan gehen möchtest?”

    Kurisus Grinsen war Antwort genug.

    Maho legte den Kopf schief. “Was gibt es da denn so Interessantes, dass man hier nicht hat?”

    Das Grinsen wurde breiter und ihr Blick unfokussierter, als würde sie sich an all die Gründe erinnern, die sie im letzten Jahr alles in die Wege hatten leiten lassen, um wieder zurück zu dürfen. “Och, es gibt da so Einiges.”

    Maho rollte mit den Augen. “Wenn du mir als Nächstes sagst, dass es nur ein Kerl ist, dann schmeiße ich dich von der Mauer!”

    “Er ist nicht nur ein Kerl!”, entgegnete Kurisu und als sie Mahos Hand auf ihrem Rücken spürte, fügte sie hinzu: “Und er ist auch nicht der Grund, warum ich dorthin gehe. Eigentlich ist er der kleinste Grund - und das auch nur, weil es unausweichlich ist, dass es etwas mit ihm zu tun haben wird. Glaub mir, wenn es nach mir ginge, würde ich ihn am liebsten gar nicht brauchen.”

    “Schon klar”, sagte Maho, die sich fühlte, als würde das Gespräch mit jedem Wort mehr an Reiz verlieren. Entweder Kurisu war eine grottenschlechte Lügnerin, weshalb sie so viele Andeutungen über diesen unwichtigen Typen machte, oder sie erzählte die Wahrheit, wodurch sie immer noch zu viele unnötige Andeutungen über einen unwichtigen Typen machte. Einerlei war dies eine Richtung, die Maho nicht einschlagen wollte. “Also wenn er nicht der Grund ist…”

    Kurisu schüttelte den Kopf. “Es ist besser, wenn du das nicht so genau weißt.”

    Maho schnaubte. “Also bitte, was soll denn schon passieren? Es ist ja nicht so, als würdest du an einer Massenvernichtungswaffe arbeiten.”

    “Nein, das ist es wirklich nicht.” Sie runzelte die Stirn. “Gut, vielleicht in einem sehr, sehr unglücklichen Fall, aber solange wir uns ausdrücklich auf die theoretische Ebene beschränken, sollte das nicht eintreten.”

    Maho klappte die Kinnlade runter. “Kurisu!”, rief sie so laut, dass sich die Leute auf der anderen Straßenseite umdrehten, “sag mir jetzt sofort, dass sie dich nicht für eine Anti-Materien-Bombe oder so etwas angeworben haben.”

    So schnell hatte Kurisu noch nie ihre Hände erhoben - nicht mal, als es um den Besitzanspruch auf das letzte Stück Kuchen gegangen war. “Ich verspreche dir hoch und heilig, dass dies nicht der Fall ist. Weißt du… Es ist kompliziert. Es gibt vieles über seine Forschungen, was ich noch nicht weiß.”

    Maho rollte mit den Augen. “Und schon wieder geht es um den Typen.”

    Kurisu wollte es gerade mit einem leichten Erröten abstreiten, als Maho nachsetzte: “Aber du wirst trotzdem noch mit uns an Amadeus arbeiten, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief und bedachte Maho mit einem versöhnlichen Seitenblick. “Selbstverständlich. Schließlich bin ich persönlich beteiligt. Nicht dass Amadeus am Ende zu einer Ankleidepuppe verkommt.”

    Maho grinste. “Ach, ich fand eigentlich, dass sie ganz süß damit aussah. Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr. Es stand sogar ein Maidkostüm im Raum.”

    Kurisu erschauderte bei dem Gedanken, darin gesehen zu werden. “Immer diese verdammten Perverslinge. Außerdem stand mir das überhaupt nicht!”

    Maho riss die Augenbrauen hoch. “Ich verlange Bilder! Sofort!”

    “Es gibt keine Bilder!”, rief Kurisu mit einer Vehemenz, die Maho verriet, dass sie eigenhändig dafür gesorgt hatte. Bei so einer Sache war die Androhung von Gewalt für sie vermutlich nicht nur eine Option, sondern gehörte zum guten Ton. Bei der Vorstellung, wie reihenweise Männer vor ihr die Flucht ergriffen, wäre Maho vor Lachen fast von der Mauer gefallen.

    Kurisu ließ den Blick über den Campus hinter sich schweifen. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Wehmut, dass Maho sich fragte, ob sie nicht daran dachte, diesen Ort das letzte Mal zu sehen. “Hier haben wir uns kennengelernt.”

    Maho nickte, während sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals nicht zu groß werden zu lassen. “Ist gar nicht mal so lange her.” Sie überlegte einen Moment. “Das war erst zu Beginn letzten Jahres, oder? Zumindest hat da noch Schnee gelegen.”

    Kurisu nickte. “Ja, ich erinnere mich. Du hattest welchen auf deinem Kopf, als du reinkamst.”

    Maho grummelte etwas Unverständliches, was Kurisu nur noch mehr in Gedanken schwelgen ließ. Sie erzählte weiter: “Dann ist er geschmolzen und ich bin darauf ausgerutscht.”

    “Und hast mich zu Boden gezogen. Ich würde sagen, das war ausgleichende Gerechtigkeit.”

    “Stimmt.” Dann grinste Kurisu über einen Witz, den nur sie kannte.

    Maho konnte sich schon denken, woher sie den hatte. Deshalb war Mahos Stimme entsprechend genervt, als sie nachfragen musste: “Okay, was ist daran so lustig?”

    “Weil ich mir lebhaft vorstellen kann, wie jemand einen Witz a la “Maho hat Kurisu flachgelegt” bringt - und bevor du fragst: Ja, ich debattiere noch, ob ich denjenigen nicht lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde.”

    Maho verzog leicht angewidert das Gesicht. “Ich hoffe, den Teil haben wir noch aus Amadeus rausgelassen.”

    “Keine Panik, ihr Verstand ist rein und unschuldig.”

    “Mhm”, machte Maho nur, was Kurisu zu überhören entschied.

    “Allerdings ist es interessant, dass wir uns selbst an meinem vorerst letzten Tag hier auch über die Arbeit unterhalten.”

    Maho zuckte hilflos mit den Schultern. “Naja, das kommt halt einfach so. Immerhin haben wir uns erst durch die Arbeit kennengelernt. Viel Zeit haben wir ja privat nicht miteinander verbracht.”

    “Stimmt schon”, gestand Kurisu langsam, “aber irgendwie ist das schade, findest du nicht auch? Ich hab das Gefühl, dass wir uns kaum kennen.”

    Maho verzog das Gesicht. Wieso kamen Menschen immer mit diesem sentimentalen Zeug, wenn es längst zu spät war, etwas daran zu ändern? Vielleicht hätte sie dann dieses bedrückende Ziehen in ihrer Brust erst gespürt, wenn sie in ihren eigenen vier Wänden angelangt war. An dem Ort, wo sie in Ruhe erkennen konnte, was es heißen würde, Kurisu nicht mehr wie gewohnt jeden Morgen im Labor zu sehen. Die gemeinsamen Momente, in denen ihre Aufmerksamkeit nicht ihrem gemeinsamen Projekt gegolten hatte, kamen ihr wie nichts vor. Und so, wie Kurisu von ihrer Auszeit sprach, würde sie es am liebsten nicht bei nur einem Semester belassen.

    “Na bitte, du lässt es ja so klingen, als würden wir uns nie mehr wiedersehen”, sagte Maho und hoffte inständig, dass Kurisu nicht sagen würde, dass genau dies der Fall sein könnte.

    Kurisu fuhr sich durch ihre langen, roten Haare und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. “Vermutlich hast du recht. Tut mir leid, dass ich so schrecklich sentimental geworden bin.”

    Maho winkte ab. “Schon vergessen. Ich glaube, du solltest langsam wieder reingehen, sonst denken sie wirklich noch, dass du sie jetzt schon verlassen wolltest.”

    Kurisu kicherte. “Da könntest du recht haben. Dann dir noch einen guten Heimweg, Maho.” Sie ließ sich von der Mauer gleiten.

    Maho landete neben ihr. “Und dir einen guten Flug. Schick mir eine Nachricht, wenn du angekommen bist.”

    “Mach ich.”

    Einen Moment lang standen sie in unangenehmer Stille da. Maho konnte förmlich dabei zusehen, wie Kurisu einen Gedanken debattierte, doch sie kam nicht darauf, welcher es war - immerhin hatte Maho eigene, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

    Ehe Maho sich versah, hatte Kurisu ihre Arme um sie gelegt. Einen langen Moment stand ihr Senpai einfach nur da, überrascht und verwirrt von der plötzlichen Geste. Zögerlich tat sie es ihr gleich und ließ ihre Hände über Kurisus Rücken gleiten, bis sie sich in der Mitte trafen. Dann erwiderte sie den angenehmen Druck.

    Sie hörte Kurisus Kichern ganz nah an ihrem Ohr. “Du wirst wohl nicht oft umarmt.”

    Als sie Maho losließ und einen Schritt zurück trat, schaute Maho sie angesäuert an. Ihre Arme hatte sie verschränkt und die Hände unter ihre Oberarme geklemmt. Sie zuckte mit den Schultern, als könnte sie das peinliche Gefühl abschütteln. “Lass mich doch", murmelte diese nur, um irgendwas zu erwidern.

    Kurisu lächelte immer noch, als sie antwortete: “Tue ich ja. Na ja, es gibt ja immer noch ein nächstes Mal.”

    “Aber wehe du jagst mir schon wieder so einen Schrecken ein. Du kannst auch aus Japan zurück reisen, ohne landesweit in den Nachrichten gewesen zu sein.” Maho war froh, dass seitdem ein ganzes Jahr vergangen war. Damals hätte der bloße Gedanke an das Ereignis ihr einen Schlag in die Magengrube verpasst.

    Kurisu lachte. “Mach dir keine Sorgen, so etwas passiert mir sicher kein zweites Mal. Meine 15 Minuten Ruhm haben mir gereicht.”

    Maho schnaubte wegen der Untertreibung, als Kurisu ihr zum Abschied hinterher winkte.


    Noch tagelang hatten diverse Medien über den Fall berichtet, von dem sich noch heute niemand so recht zusammenreimen konnte, was da passiert war. Doch nichts toppte das erste Mal, dass Maho davon gehört hatte.

    Sie war während ihrer Arbeit nur kurz am Pausenraum vorbeigelaufen. Den Fernseher hatte sie wie gewohnt überhört, bis plötzlich jemand gerufen hatte: “Hey, ist das nicht die junge Wissenschaftlerin von hier?” Sie hätte schwören können, dass ihr Herz einen Schlag ausgesetzt hatte, als sie das Bild von Kurisu reglos in der Lache voller Blut gesehen hatte. Maho hatte die Kaffeetasse aus ihren Händen gleiten gefühlt, doch hatte es nicht verhindern können. Ihre Beine gaben mitten im Schritt nach und die Scherben bohrten sich in ihre Hände, als sie sich auf dem Boden abstützen wollte.

    Erst als sie sich auf der Damentoilette mit einem Verbandskasten und der Iodlösung eines Chemiestudenten notdürftig zusammengeflickt hatte, hatte sie wieder klar denken können. “Sie lebt", hatte sie immer wieder gesagt, während das Wasser über ihre Finger gerannt war und sie gehofft hatte, dass man ihr Schluchzen nicht hörte. Die Gewissheit half wenig, wenn ihre Gedanken immer noch von der Vorstellung beherrscht wurden, die sie bis in ihre Träume verfolgte.

    Eine halbe Stunde später waren ihre Hände mit Pflastern übersät, unter denen die desinfizierten Stellen noch immer leicht brannten und pochten. Sie trommelte auf der Tastatur herum, während sie wartete, doch als der Schmerz durch ihre Hand zuckte, ließ sie davon ab. Es war schon schwer genug gewesen, das Programm zu starten. Ganz zu schweigen davon, sich den nach Kaffee riechenden Laborkittel auszuziehen. Mittlerweile war es der dritte verpasste Anruf, aber sie zwang ihre Sorgen mit Rationalität zurück. Sie war wohl weiß Gott nicht die Einzige, die Kurisu Telefonterror machte.

    “Hey, Amadeus", sagte sie. Die Sprachaktivierung hatte sie den letzten Nerv gekostet, als alle ihre Kollegen das unbedingt auch ausprobieren wollten. Mittlerweile hatte sie das System so umprogrammiert, dass sie sich heiser schreien konnten, solange sie die Strg-Taste nicht drückten.

    “Was gibt's, Senpai?”, kam es einen Moment später.

    “Irgendwas Neues?”

    "Nicht in den letzten 5 Minuten." Amadeus verdrehte die Augen, doch netterweise verkniff sie sich das genervte Lächeln. “Ich sag dir Bescheid, wenn ich etwas finde. Scheint, als wüssten die da drüben selbst nicht, was genau passiert ist.”

    Maho war noch nie so froh darüber gewesen, dass Amadeus’ Bilingualität es ihr ermöglichte, auch die Ebenen eines Textes zu verstehen, die einem reinen Übersetzer meistens verwehrt blieben. Die Wissenschaftlerin lehnte sich im Stuhl zurück und legte ihren Kopf gegen die Kopfstütze.

    “Fertig für heute?”, fragte Amadeus kichernd, auch wenn Maho ihre Nervosität hören konnte. Kein Wunder, wenn die KI spürte, dass die Nerven ihrer Programmiererin noch instabiler waren als ihr Code.

    “Du hast ja keine Ahnung. Du kennst so etwas wie Erschöpfung doch gar nicht.” Noch etwas, das sie mit ihrem Alter Ego gemeinsam hatte. Maho konnte mit Kaffee die Nacht überstehen, doch Kurisu schaffte es sogar noch, sie am nächsten Morgen mit einem Lächeln zu begrüßen, wohingegen Maho gierig nach der Droge griff, weil bei unter drei Tassen gar nichts mehr ging.

    “Das sehe ich anders.”

    Maho verschränkte die Arme. “Red’ doch nicht von Dingen, die du nicht verstehst.”

    Amadeus schnaubte. “Dann mach du doch mal die Augen auf”, forderte sie.

    Probeweise öffnete Maho das rechte, bevor sie nach vorne schnellte und sich mit den Händen am Tisch abfangen musste, um nicht gegen den Bildschirm zu knallen. Das Brennen ihrer Hände war nur eine Randnotiz. Sie wusste nicht, ob sie es dem Schmerz zuordnen konnte, aber sie war noch nie so froh gewesen, doppelt zu sehen.

    Nur um sicher zu gehen, fragte sie trotzdem: “Du bist keine aus Schlafmangel induzierte Halluzination, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. “Nun, ich weiß ja nicht, was du da siehst, und du hast Augenringe wie ein Panda, also ganz abstreiten -"

    “Schon gut", sagte Maho und rieb sich über die Augen, als könnte sie die dunklen Stellen wegwischen. Außerdem hatte es den netten Nebeneffekt, dass sie etwaige Tränen der Erleichterung abfing, bevor Kurisu sie trotz der schlechten Verbindung sehen konnte. “Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich den Spitznamen langsam hinter mir habe.” Allerdings hatte sie auch erwartet, dass ihre Kollegen so schlau wären, zu wissen, dass Japan nicht das Land war, “wo die Pandas herkommen”.

    Amadeus legte einen Finger an ihr Kinn und Maho musste sich zwingen, daran zu denken, dass es sich bei ihr um die digitale Kopie von Kurisus früherem Ich handelte, als diese sagte: “Wobei das eine Information ist, die ich auch habe. Zur eindeutigen Identifikation reicht das noch nicht.”

    “Ist ja schon gut. Keine Chance, dass ich euch so charaktergetreu träumen könnte.”

    Diesmal war es die echte Kurisu, die kicherte und neckend sagte: “Sag bloß, wir suchen dich in deinen Träumen heim.”

    Dabei war es Maho gerade herzlich egal, ob das alles wirklich nur ein Traum sein sollte, solange sie nicht in nächster Zeit aufwachte. Besser die Realität mit einem guten Traum zu verdrängen, als in dieser Version von ihr zu leben. Besser, als wenn Kurisu in einer der beiden Welten nicht mehr existieren würde.

    “Aber in drei Wochen kannst du dich ja selbst davon überzeugen.”

    Maho runzelte die Stirn. “Drei Wochen?”

    “Dann geht doch mein Rückflug, oder hast du das etwa schon wieder vergessen? Schön zu sehen, wie du dich darauf freust.”

    Maho entschied, nicht auf die Fangfrage einzugehen. “Du willst also wirklich so lange bleiben, wie es ursprünglich geplant war?”, fragte ihr Senpai ungläubig.

    Kurisu zuckte mit den Schultern. “Ich sehe da kein Problem drin. Oder soll ich Amadeus erst die Wahrscheinlichkeit berechnen lassen, dass mir so etwas Verrücktes noch ein zweites Mal passiert?”

    Amadeus öffnete den Mund, als wüsste sie bereits, welche Variablen sie zu Rate ziehen musste, doch Maho brachte ihre Kreation mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. “Was ist überhaupt passiert? Selbst die von den Nachrichten scheinen keine Ahnung zu haben.”

    Kurisu verzog das Gesicht. “Ich kann mich an nichts mehr erinnern, außer dass ich in einer Lache voll Blut aufgewacht bin.”

    Maho riss die Augen auf, doch Kurisu rief: “Nicht meins. Ich war vollkommen unverletzt, aber wie es dazu kam… selbst nachdem ich drei Stunden lang von der Polizei verhört wurde, sind wir alle genauso schlau wie vorher.”

    “Und die haben dich wirklich so einfach gehen lassen?”

    “Naja, ohne Wunde war das Blut ganz klar nicht meines, also hab ich wohl auch nichts mit dem Vorfall zu tun gehabt.”

    Maho lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und beschaute ihre Kollegin abschätzig. Jetzt wo sie wusste, dass es ihr gut ging und sie in Sicherheit war, konnte Maho klar genug denken, dass ihr Instinkt hervorkam. “Und hast du rausgefunden, was die Ermittlungen ergeben haben?”

    “Ich hab keine Ahnung. Nach meinen Verhören wurde mir nichts mehr gesagt und auch über die Medien habe ich nichts als haltlose Theorien herausgefunden. Scheinbar weiß niemand so recht, was da passiert ist. Vielleicht war es auch alles nur ein sehr geschmackloser Streich.”

    Maho schüttelte den Kopf. “Wie kannst du da so ruhig bleiben? Wer weiß, was er mit dir vorhatte? Also ich für meinen Teil hätte sofort das Weite gesucht.”

    Kurisu zog eine Augenbraue hoch. “Ach ja? Fühlst du dich in New York etwa sicherer, Miss ‘Lass mich im Dunkeln nicht allein nach Hause gehen’?”

    Maho knallte ihre Hände auf den Tisch und schrie laut auf, als sie an ihre Verletzungen erinnert wurde. Der Schock des Schmerzes ließ ihre Stimme noch eine Spur schriller werden. “Das ist etwas völlig anderes! Nachts allein durch die Stadt zu laufen, ist, als hätte ich darum gebettelt, überfallen zu werden.”

    “Das waren drei Straßen”, erinnerte Kurisu sie grinsend.

    “Und zu allem Überfluss hast du mich vorher auch noch zu einem Horrorfilm überredet. Wie konntest du danach noch erwarten, dass ich nicht hinter jeder Ecke einen Axtmörder vermute?”

    “Ach so. Deswegen hast du ausgesehen, als wärst du gleich in Tränen ausgebrochen, während du gebettelt hast, dass ich dich nicht rausschmeiße.”

    Mahos Haare standen so wirr ab wie das Fell einer fauchenden Katze. “Ich hab gar nicht gebettelt, und geweint hab ich schon gar nicht!”

    Kurisu grinste. “Ich sagte ‘kurz davor’.”

    “Zum Teufel mit der verdammten Semantik!”, sagte Maho, ließ sich zurück in den ächzenden Stuhl fallen und verschränkte die Arme. Das einzig Gute war wohl, dass sie jetzt sicher war, dass Kurisu echt war. In ihren Träumen sagte sie nie so gemeine Dinge.

    “Gewonnen", stellte Kurisu kichernd fest.

    ‘Nichts Neues’, dachte Maho.

    “Ach komm, jetzt schmoll doch nicht.”

    Maho, die ihr Kinn unbewusst noch weiter nach vorn geschoben hatte, korrigierte sich sofort. “Tue ich gar nicht. Das muss dir wegen der schlechten Videoübertragung so vorkommen.”

    “Wie dem auch sei, mach lieber schon mal eine Liste, was ich dir mitbringen soll. Ich hab in meinem Koffer noch genug Platz für ein paar Souvenirs.”

    Mahos Gesichtszüge waren weich, als sie lachte. “An den Satz erinnere ich dich nochmal, wenn du die Kosten für Übergewicht von Gepäckstücken googlest. Aber ich brauch eigentlich nichts Bestimmtes.”

    Kurisu grinste schelmisch und hob einen Taiyaki in die Kamera. “Ist sogar noch warm.”

    “Ich wette, du bist nur noch hier, weil du zu Böse für die Hölle warst”, sagte Maho, die fühlen konnte, wie ihr Magen ihr zu verstehen gab, wie sehr er dieses Gebäck haben wollte.

    Kurisu konnte sich vor Lachen kaum noch auf ihrem Stuhl halten. “Passt perfekt. Wenn ich doch Platzprobleme habe, kann ich es einfach aufessen.”

    Maho seufzte. “Du hättest mir lieber nichts erzählen sollen. Was nützt es, wenn du es erst anbietest und ich dann enttäuscht werde, weil nur noch Krümel in deinem Koffer sind?”

    “Ich stehe zu meinem Wort, wirst schon sehen.” Abrupt schaute Kurisu sich um und als sie zurück in die Kamera schaute, bemerkte Maho die Hast in ihrem Blick, als hätte sie eine Deadline zu erfüllen. “Also dann, ich muss los. Wir sprechen uns später noch mal.”

    Maho schnaubte. “Leichter gesagt als getan bei der Zeitverschiebung. Ich kenne das zur Genüge von meinen Eltern.” Irgendwann hatte Maho sogar um halb sechs aufstehen müssen, weil sie andauernd rumgenörgelt hatten, dass sie ihre Tochter selbst dank der fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten so selten sahen.

    “Ach, wir sind zwei Wissenschaftler, das bekommen wir doch wohl geregelt.”

    Es war einer der wenigen Momente, in denen Maho es besser gewusst hatte als Kurisu, und noch seltener war es der Fall, dass sie lieber darauf verzichtet hätte. Trotz ihrer Abmachung hatten sich die beiden erst am Flughafen wieder gesehen, als Maho neben Kurisus Mutter gestanden und mit anstrengendem Smalltalk versucht hatte, die Zeit hinter sich zu bringen. Sie hatte gedacht, dass sich durch das schreckliche Ereignis und die folgenden Wochen etwas verändert hatte, doch die Welt hatte sich kurz darauf wieder so gedreht, als wäre nichts gewesen.

    Maho hatte das unwohle Gefühl, dass es diesmal nicht der Fall sein würde.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)

    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 5


    Ruka wusste, wie wichtig die Präsentation war, und genau aus diesem Grund sah er diesem letzten, alles entscheidenden Moment mit der gebürtigen Menge an Respekt entgegen. Er konnte noch so viel üben und jeden Schritt im Kopf durchgehen - wenn er die Vorführung verpatzte, war alles umsonst.

    Er spürte den kleinen Schlenker, den die Teekanne machte, als seine Hand zu zittern begann. Sein Griff verfestigte sich um den Henkel und er wimmerte kurz auf, bemüht, das drohende Unheil abzuwenden. Es ging nicht darum, dass er Angst vor ihren Reaktionen hatte. Trotzdem wurde sein Atem viel zu flach, je näher sich das Porzellan in seiner Hand zur Tasse neigte. Vorsichtig goss er die Flüssigkeit hinein, sehr bedacht darauf, dass auch der letzte Tropfen hineinfiel, bevor er zur nächsten überging. Er wusste, dass man den kleinen Fleck auf der Tischplatte ganz leicht mit einem Wisch beseitigen könnte. Doch dafür würde jemand aufstehen und bis in die Küche laufen müssen und der friedliche Moment wäre jäh unterbrochen. Das wollte Ruka auf keinen Fall zu verschulden haben.

    Erst als die Teekanne wieder sicher auf dem Untersetzer stand, traute er sich wieder aufzublicken. Mayuri blickte ihn an, als hätte sie noch nie so etwas Faszinierendes gesehen, und Faris' Reaktion nach erfüllte er genau ihre Erwartungen an ihn.

    Faris nickte eifrig. “Alles klar. Das Round-Table-Miauting ist hiermit offiziell eröffnet”, verkündete sie freudestrahlend und blickte in die Gesichter derer, die sie heute hier versammelt hatte.

    Mayuri kicherte. “Er ist tatsächlich rund”, sagte sie, während sie mit ihren Händen an der glatten Kante des Couchtisches herumstrich, um den sie sich versammelt hatten.

    “Also dann, Tagesordnungspunkt 1.” Faris hob theatralisch ihren Finger und machte eine bedeutungsvolle Pause. “Was machen wir, wenn Kurisu uns besuchen kommt, nya~?”

    "Lass uns eine ganz große Willkommensfeier machen. Mit viel Essen und allem, was dazu

    gehört. Hey, wie wäre es mit Luftballons? Ob es auch welche in Upa-Form gibt?", fragte sie das runde Knudddelkissen, das sie eine Armlänge über ihrem Kopf hielt. Dann drückte sie es an sich und rollte sich voller Vorfreude über den Boden.

    Ruka streckte besorgt eine Hand aus, um sie vor der Kollision mit dem Tisch zu bewahren, doch wie durch Zauberhand schaffte Mayuri es, genau vor der Kante wieder umzudrehen. Vielleicht lag es auch daran, dass Faris' Wohnzimmer übermäßig viel Platz bot.

    Die Hausherrin schien sich daran nicht zu stören, während sie genüsslich ihren Tee schlürfte. "Oh, für eine Party ist Faris immer zu haben." Das Funkeln in ihren Augen ließ sie wissen, dass sie auf ihre vollkommene Unterstützung zählen konnten - und dass Geld keine Rolle spielte.

    "Keine Party ohne Faris", zitierte Mayuri den Grund, warum die Herrscherin Akibas zu jeder Feier eingeladen werden musste, die je vom Labor geplant wurde. Ob sie auch tatsächlich kam, war die andere Frage, aber es gehörte sich, sie zumindest zu fragen. "Auf jeden Fall werden wir sie vom Flughafen abholen. Es würde sich nicht gehören, wenn eine Freundin ganz allein nach Hause fahren müsste, nyain nyain." Faris schüttelte den Kopf, als wäre ihr allein der Gedanke zutiefst zuwider.

    Mayuri nickte. "Kurisu-chan wüsste sicher gar nicht, was sie tun sollte. So einsam und allein in einer fremden Stadt."

    Ruka meinte sich zu erinnern, dass Kurisu das letzte Mal in fast akzentfreiem Japanisch geredet hatte. Allerdings hatte er sie seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen, deswegen sagte er lieber nichts.

    "Was ist mit dir, Ruka?", fragte Mayuri, die gegen seine Füße gerollt war und breit grinsend neben ihm lag. In ihren Armen hielt sie fest das Kissen umschlungen.

    "Was?", fragte Ruka, ein nervöses Lächeln auf seinem Gesicht. Kurz blickte er zu Faris. War er so in Gedanken gewesen, dass er ihre Frage nicht mitbekommen hatte?

    "Was willst du machen, wenn Kurisu hier ist?"

    "Ähm, nun ja… lass mich mal überlegen...", antwortete er mit einem verlegenen Lächeln. Er hatte Mühe, in ihr erwartungsvolles Gesicht zu blicken und dem gerecht zu werden, während ihr Blick jegliche Gedanken in seinem Gehirn verscheuchte. "Ich weiß es gar nicht", gab er schließlich zu und lächelte peinlich berührt. Es kostete ihn tatsächlich einiges an Überwindung, seine Mundwinkel oben zu behalten. Wieso war es für ihn nicht auch so einfach, eine gute Idee beizusteuern? Immerhin wollte auch er das Wiedersehen feiern, wirklich, doch er wusste nur nicht so recht, wie. Er mochte Kurisu, sie war nett. Doch wenn er es sich recht überlegte, hatten die beiden nie viel miteinander zu tun gehabt. Er hatte akzeptiert, dass er lieber am Rand statt mittendrin stand, und Kurisu schien die Leute auf eine Art und Weise für sich zu gewinnen, die keiner Mühe bedurfte. Und neben solch strahlenden Menschen fiel ein kleines Mauerblümchen wie er eben nicht mehr auf.

    Er wischte den Gedanken bei Seite. Bestimmt kam ihm das nur so vor. Kurisu und er kannten sich fast gar nicht. Da war es doch nur natürlich, dass er sich erst an die Dynamik gewöhnen musste, die sie in die Gruppe einbrachte. “Wir könnten ihr einen Kuchen backen”, schlug Ruka zaghaft vor. Es war zwar nichts Besonderes, aber etwas, das er gut konnte. Außerdem kannte er keinen, der sich nicht darüber freute. Deswegen war es an seinem Geburtstag auch immer er, der sich am Tag zuvor in die Küche stellte, um seinen Gästen etwas Gutes zu tun.

    “Au ja, die sind super lecker!”, rief Mayuri und schaute ihn an, als würde sie sich noch viel mehr darüber freuen, als Kurisu es je könnte.

    Ruka konnte nicht anders, als zu lächeln. Solange sich nur eine Person darüber freute, war es ihm die Mühe schon wert.




    “Du schreibst mir. Und ich meine damit nicht, wie viel sonniger das Wetter bei euch ist oder was der Professor für Dummheiten angestellt hat” - sie ignorierte das leichte Räuspern, das vielleicht oder vielleicht auch nicht beabsichtigt gewesen war - “ich meine, was du mit Amadeus erreichst und was ich tun soll, um dir zu helfen.”

    “Das liest du dann doch sowieso in der Zeitung”, entgegnete Maho mit einem Lachen und einem Zwinkern. Wo sie vergessen werden, meinen Namen abzudrucken. “Aber du musst mir auch schreiben. Und nicht nur in Form von Problemberichten, wenn du schon wieder das System gecrasht hast.” Das Auflachen im Hintergrund ließ sie vor Wahrheit grinsen. “Erzähl mir alles. Was du so erlebst. Was so in Tokyo abgeht. Was für coole Leute du triffst. Verstanden?”

    Die letzte Option ließ Kurisu kurz verwundert dreinblicken, doch sie fing sich sofort wieder und setzte nach: “Dafür haben wir doch den Log.”

    Maho rollte mit den Augen. “Ich meinte schon mich als Gesprächspartner, nicht meinen virtuellen Zwilling.”

    Kurisu schmollte ein wenig. “Aber es ist so viel angenehmer, zu reden, eine E-Mail ist zu einseitig. Außerdem werde ich vermutlich so viel tippen, dass meine Finger ganz taub werden.”

    Maho seufzte und hielt sich mit ihren Fingern den Nasenrücken. “Sag mir jetzt nicht, dass dir wirklich noch niemand erklärt hat, wie Skype funktioniert.”

    Kurisu kicherte. “Ich mache doch nur Spaß.” Sie trat einen Schritt auf Maho zu und rubbelte durch deren Haare, wo sich ihre Finger prompt in den kleinen Knoten verfingen.

    “Aua, lass das. Hau ab!”, schrie Maho und griff nach dem Arm, um ihn herauszuziehen.

    Behände tänzelte die junge Wissenschaftlerin außer Reichweite. “Ich schätze, das ist mein Stichwort”, sagte sie lachend und drehte sich zu dem Professor. “Ihnen schreibe ich natürlich auch.”

    Der Amerikaner lachte. “Das will ich doch hoffen, dass du uns über deine Abenteuern auf dem Laufenden hältst.”

    “Treib es nicht zu wild”, murmelte Maho, während sie bei ihrer Frisur zu retten versuchte, was nicht mehr zu retten war.

    Ein belustigtes Lächeln trat auf Kurisus Mund. “Das wären die Details, die ich für mich behalte.” Sie zwinkerte noch einmal, bevor sie auf ihren Senpai zutrat. Diese legte ihre Arme schützend über ihren Kopf, doch Kurisu griff dazwischen und legte ihre Arme um die Schultern der kleinen Wissenschaftlerin.

    Maho hob ihren Kopf, was gar nicht so einfach war, wenn Kurisus Brust sich an ihr Gesicht drückte. Sie seufzte und erwiderte die Umarmung. “Komm einfach heile wieder zurück. Das würde mir schon reichen.”

    Sie meinte, dass Kurisu sie für einen Moment fester drückte, während auch durch ihren Kopf ging, was auch immer sie vor fast einem Jahr erlebt hatte. Trotz des Trubels um sie herum war das verhaltene Lachen zu hören. “Da musst du dir diesmal keine Sorgen machen.”

    Das habe ich mir beim letzten Mal auch nicht und schau dir an, wohin das geführt hat, dachte Maho, während Kurisu ihre Arme von ihr nahm und einen Schritt zurückging, wodurch sie wie von selbst aus Mahos passiver Haltung glitt.

    Kurisu drehte sich zum Professor, dem sie nur eine Hand zum professionellen Abschied entgegen streckte.

    Enttäuscht schüttelte er den Kopf. “Keine Umarmung für den alten Herren?”, fragte er gespielt beleidigt, während er einschlug und ihre Hand schüttelte, ganz so, wie er es damals gemacht hatte, als sie seinem Forschungsteam beigetreten war.

    Zum Glück rettete die Ansage Kurisu vor einer Antwort, als ihr Flug aufgerufen wurde. Die junge Wissenschaftlerin blickte umher und entspannte sich sichtlich, als sie ihre Mutter auf sich zukommen sah, die sie prompt heranwinkte. “Also dann”, begann Kurisu all die ungesagten Worte auf ihren Lippen, die sie nicht mehr herausbringen würde.

    “Also dann”, echote Maho, ihren Blick ebenfalls auf die Frau mittleren Alters gerichtet, die neben ihrer Tochter zum Stehen kam.

    “Das Gepäck ist durch die Kontrolle. Fehlst nur noch du.” Sie nickte mit dem Kopf zu dem Schalter, an dem bereits Kurisus Flug angeschlagen war und die Schlange langsam Person für Person dahinter verschwand, wie Sandkörner durch eine Uhr. Maho schüttelte den Kopf. Es war ja nicht so, dass die Zeit - irgendjemandes Zeit - ablief. Es war nur der näher rückende Beginn einer Zeitspanne, die rational gesehen ebenso schnell vergehen würde wie die, die ihr vorausgegangen war, oder die, die ihr noch folgen würde. Nur fühlte sich Maho in diesem Augenblick nicht besonders rational.

    Kurisu nickte langsam. “Macht's gut und bis in ein paar Monaten”, sagte sie, schulterte ihre Tasche und drehte sich zu ihrer Mutter, mit der sie sogleich in ein angeregtes Gespräch verfiel. Die beiden anderen Wissenschaftler blieben am Ausgang stehen, Revange für die Gelegenheit, sich in Ruhe verabschieden zu dürfen.

    Maho konnte den neckenden Blick des Professors auf sich spüren, noch bevor sie sich ihm entgegen stellte und sagte: “Wir haben bereits darüber geredet.”

    Maho fühlte den Impuls, dem Professor sein Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. “Ich war derjenige, der geredet hat - es sei denn, man zählt deine Laute dazu.”

    “Tse”, machte Maho und sein Grinsen wurde breiter, als sie ihm genau in die Karten spielte. “Und ich bleibe dabei. Nein heißt nein.”

    “Du weißt, dass eine längere Überlegungszeit nicht unbedingt eine Abwertung in Sachen Wertschätzung bedeutet, oder?”

    Maho schnaubte so sehr, dass sich eine ihrer Haarsträhnen bewegte. “Bei ein paar Tagen vielleicht, aber ein Monat Unterschied?” Herausfordernd schaute sie zum Professor hoch, dessen Gesichtszüge weich wurden. Wagen Sie jetzt ja nicht die Mitleidstour, warnte sie ihn stumm. “Außerdem war ich eh nur neugierig, wie weit ich kommen würde.”

    “Du kannst es ihnen nicht verübeln. Sie ist das Gesicht von Amadeus - und du hast dich bewusst dagegen entschieden.”

    Maho vergrub die Hände in ihren Hosentaschen. “Eine Entscheidung, die ich jederzeit wieder treffen würde.” Symbolisch hielt sie ihre Zunge mit ihren Schneidezähnen in Schach und schluckte all die Gründe dafür herunter, die gegen sie und für Kurisu sprachen. Es war unnötig, sie wieder zutage zu fördern. Sie kamen sowieso viel zu oft von allein zu ihr.

    Als Gründer und Leiter des Projektes kannte Leskinen Kurisus Vorzüge am besten, auch wenn er bei jedem so tun würde, als wären beide gleich viel wert. Und wenn Maho eine Sache hasste, dann war es, wenn Menschen Dinge beschönigten und so taten, als handelten sie im Interesse eines anderen. Besonders, wenn sie selbst der hässlichen Wahrheit jeden Tag erneut ins Gesicht sah.

    “Ihr seid beide essentiell an diesem Projekt beteiligt gewesen. So wie jedes Teil wichtig ist für das Funktionieren einer Maschine, selbst wenn man es von außen nicht sieht.”

    So wie eine Schraube. Wie eine, bei der man es nicht bemerken würde, wenn sie fehlt.

    “Hm”, machte seine Schülerin nur, diesen vertrauten Ton eines Versprechens, darüber nachzudenken, und nur einen Schritt entfernt, den Gedanken aus dem Speicher des Gehirns zu löschen, bevor er sich dort festsetzte.

    Maho setzte sich in Bewegung, zurück zu seinem Wagen, mit dem sie von der Uni hierhergefahren waren. Für Kurisu war es der letzte Tag in den Vereinigten Staaten für die nächsten Monate. Für Maho und den Professor würde es lediglich eine kurze Unterbrechung ihres Arbeitstages sein.

    “Ich bin mir sicher, dass in dem Flugzeug noch ein Platz frei gewesen wäre.”

    Maho stoppte abrupt und drehte sich um, die Hände in ihren Taschen vor Ärger verkrampft. “Das reicht. Ich fahre mit der Bahn zurück! Ich hätte wissen müssen, dass Sie mich nur deswegen überredet haben, mitzukommen!” Und ohne einen weiteren Blick zu ihrem Vorgesetzten stapfte sie weiter, die Treppen zur U-Bahn im Visier. Eigentlich hatte sie nach dem ausführlichen Gespräch vom letzten Abend gar nicht vorgehabt, Kurisu zum Flughafen zu begleiten. Doch dann hatte ihr Vorgesetzter in der Tür ihres Büros gestanden, den Schlüssel klimpernd erhoben. Sein schief gelegter Kopf und das breite Grinsen waren genug gewesen, dass sie sich von ihrem Stuhl erhoben hatte. Eine wirkliche Wahl war das nicht gewesen. Entweder das oder sie hätte für den Rest des Monats Unterlagen eingescannt. Ein Teil von ihr war froh, dass es noch einmal die Möglichkeit gegeben hatte, sich zu verabschieden. Aber dann war da noch das Loch in ihrer Brust, das erneut aufgerissen war, als Kurisu durch das Gate verschwunden war. Dass sie bald nicht einmal mehr im gleichen Staat sein würde, und in ein paar Stunden schon in einem ganz anderen Land. Seit Monaten hatte sich die kleine Wissenschaftlerin nicht mehr so fremd gefühlt.

    Maho war überrascht, wie gut sie sich noch an den Weg erinnerte, und ließ sich von ihrem Déjà-vu führen. Den gleichen Weg hatte sie auch damals schon genommen, als sie zum ersten Mal einen Fuß in dieses Land gesetzt hatte. Rückblickend hätte sie damals lieber ein Taxi nehmen sollen, statt sich mit dem Chaos auseinander zu setzen, das sich ‘Nahverkehr’ schimpfte. Jetzt hatte sie immerhin ein gesichertes Einkommen, aber das Loch, das es in ihre Tasche brennen würde, würde sie trotzdem noch spüren.

    Sie wollte auch lieber erst gar nicht daran denken, wie viel länger sie unterwegs sein würde. Vermutlich würde sie das Mittagessen in der Kantine verpassen. Gut möglich, dass es sich nicht einmal mehr lohnen würde, sich überhaupt im Büro an die Arbeit zu setzen. Von dem derzeitigen Chaos in ihrem Kopf ausgehend, konnte sie sich nicht vorstellen, dass überhaupt etwas bei rumkommen würde, das auch nur im Mindesten einem vernünftigen Code ähneln würde.

    Zwei Stunden später saß sie Zuhause auf ihrem Sofa, eingewickelt in ihre Lieblingsdecke, die ihre Mutter damals in ihrem Koffer versteckt hatte (ihr Instinkt musste ihr gesagt haben, dass ihre Tochter sie in genau so einem Moment brauchen würde). Sie hielt eine Tasse Kakao mit ihren Händen umschlungen, während sie das ungute Gefühl nicht loswurde, dass sie etwas Wichtiges verpasste, und beim besten Willen nicht benennen konnte, was es war.



    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)

    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 6


    Mayuri wippte so sehr auf ihren Zehenspitzen nach vorn und zurück, dass Ruka sie bereits zwei Mal vor dem Fallen hatte bewahren müssen. “Hast du sie schon gesehen?”, fragte das Mädchen, während sie wie eine übereifrige Überwachungskamera von links nach rechts und wieder zurück schwenkte, und dabei in der Menge das eine bekannte Gesicht suchte.

    “Ich bin mir sicher, dass sie jeden Moment auftauchen wird. Das ist der einzige Flug aus New York und es gibt nur diesen einen Ausgang. Also muss sie hier vorbeikommen.” Die Worte klangen logisch, doch die Quirligkeit seiner Freundin war geradezu ansteckend.

    “Aber was ist, wenn wir sie übersehen haben? Wenn sie schon vorbei ist und ein Taxi genommen hat?”

    Ruka runzelte die Stirn. “Ich dachte, sie hat gelesen, dass wir sie abholen wollen.”

    Mayuri nickte, nachdem sie die blauen Doppelhaken kontrolliert hatte. “Aber das war noch vor dem Flug. Vielleicht hat sie das ja schon vergessen…”

    Ein Lachen ließ sie erschrocken aufsehen.

    “Ach Mayuri-chan, wie könnte man jemanden wie dich verg-”

    Weiter kam Kurisu nicht, als die Oberschülerin sie in eine Umarmung zog, die ihr vor Überraschung und Intensität den Atem raubte.

    “Kurisu-chan”, rief Mayuri vergnügt und hüpfte auf ihren Zehenspitzen. “Mayushii hat dich so sehr vermisst.”

    “Ich dich auch, Mayuri-chan. Euch alle”, fügte sie hinzu, als sie Ruka einen Schritt entfernt stehen sah. Sie konnte es ihm nicht verübeln, dass er erst einmal Abstand halten wollte, bis die Phase der stürmischen Begrüßung vorüber war.

    “Kurisu-nya!”, erklang die einzige Warnung, bevor Faris’ mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihren Rücken prallte und die Umarmung von der anderen Seite vollführte. Die junge Wissenschaftlerin wurde sogar in die Knie gezwungen, als jetzt zwei Mädchen an ihr hingen.

    “Ist ja schon gut, ihr Zwei”, versuchte Kurisu, sie zu beruhigen, bevor die beiden sie zu Boden ringen und vermutlich unter sich begraben würden. “Ihr tut ja so, als hätten wir uns ewig nicht mehr gesehen.”

    "Wenn du nicht persönlich hier bist, zählt das nicht, nya!”, stellte Faris sofort fest und klang, als würde nichts ihre durch Erfahrung gefestigte Meinung jemals umstimmen. Fast hätte Kurisu sie in der gewöhnlichen Straßenkleidung nicht erkannt.

    Mayuri nickte ernst, woraufhin ihre Stirn mehrmals Kurisus Schulter streifte, weil sie ihre lang verlorene Freundin immer noch nicht loslassen wollte. “Du warst so lange weg. Du hast Mayushii ganz doll gefehlt! Und das letzte Mal, als du hier warst, haben wir uns kaum gesehen!”

    Kurisu seufzte leicht und tätschelte Mayuris Rücken. “Ich weiß, ich habe euch auch vermisst. Und es tut mir wirklich leid, ich hätte auch gerne mehr Zeit mit euch gehabt.”

    Im Winter hatte der Professor eine kleine Tour zur Vorstellung ihres Projektes organisiert und Kurisus Herz hatte wie wild geschlagen, als sie in der Liste die eine Stadt gesehen hatte, die sie unbedingt hatte besuchen wollen. Als sie dann die Tagesplanung gefunden hatte, waren die Schmetterlinge in ihrer Brust mit einem Stein erschlagen worden. Termine reihten sich aneinander und vor ihrer Präsentation hatte sie sich gerade so etwas zu essen holen können. Kurisu hatte wirklich versucht, so viel Zeit wie möglich für ihre neuen Freunde herauszuschlagen, aber am Ende hatte es nur für ein Abendessen gereicht. Das war der einzige Tag gewesen, an dem sie nicht sofort ins Bett gefallen war, weil sie wusste, dass sie jedes bisschen Energie für den morgigen Tag brauchen würde.

    Faris hatte ihnen extra den besten Tisch in ihrem Café reserviert und sich förmlich überschlagen bei dem Versuch, die perfekte Gastgeberin zu sein, während Mayuri ihr all das erzählt hatte, was in ihren Mails und den wöchentlichen Skype-Gesprächen keinen Platz gefunden hatte. Auf die meisten von Darus Kommentaren hätte sie verzichten können, doch er hatte sie so sehr zum Lachen gebracht, dass sie sich fast an ihrem Essen verschluckt hatte. Ruka hatte die nötige Menge an Ruhe hereingebracht und Mayuri gebremst, wenn Kurisu mal eine dringend benötigte Pause von Themen um ihre Person brauchte (Nach all den Fragen, die andere Forscher über ihre Publikationen oder direkt an ihr virtuelles Ich stellten - von denen nicht alle wissenschaftlicher Natur waren - kam es ihr vor, als wäre jedes Detail ihres Lebens bereits erzählt worden).

    Nur auf Okabe hatte sie vergeblich gewartet, doch sie hatte ihre Neugier im Zaum gehalten und mit mühsam erzwungener Zurückhaltung gewartet, bis sich die Sache von selbst geklärt hatte. “Er hat eine wichtige Vorlesung”, hatte Mayuri mit ernstem Gesicht gesagt, als hätte davon seine gesamte wissenschaftliche Karriere abgehangen. Kurisu wusste, dass das quirlige Mädchen sie niemals anlügen würde, und deshalb zweifelte sie keinen Moment an der Ehrlichkeit ihrer Freundin. Sie fragte sich lediglich, ob ihr Kindheitsfreund nicht doch seine Prioritäten in Frage stellen sollte. Gründlich.

    Sie wischte den Gedanken mit all ihrer mentalen Kraft beiseite und zog ihre Mundwinkel bis zu ihren Augen hoch. Das fiel ihr um einiges leichter, als Mayuri sie endlich freigab und den Blick auf das glückliche Gesicht ihrer energetischen Freundin freigab. “Also dann, wollen wir los?”, fragte sie und tätschelte Kurisus Koffer, der dreimal so breit war wie sie selbst. Zumindest würde es kein Problem sein, ihn durch den Flughafen zu rollen, hatte sich doch die Ausgangshalle bis auf vereinzelte Grüppchen komplett gelehrt.

    “Klar”, antwortete Faris und winkte Kurisu mit sich. “Keine Sorge, du musst dich nicht lange damit abmühen. Wir haben direkt vor der Tür geparkt, nya.”

    Kurisus Augen wurden groß. “Wie?”, lag es ihr auf der Zunge, aber dann erinnerte sie sich, dass sie mit der Quasi-Besitzerin von Akihabara sprach. Vermutlich zahlte sie jedes Knöllchen so bedenkenlos wie eine Tasse Tee.

    “Der Besitzer schuldet mir etwas”, antwortete Faris verschwörerisch mit ihrem Katzenlächeln und Kurisu war sich sicher, dass es da nicht lediglich um Kleckerbeträge handelte. Die Vermutung lag nah, dass es niemanden in diesem Stadtteil gab, der Faris nicht irgendetwas schuldete (auch wenn es sich, wie in Kurisus Fall, nur um den ewigen Dank für das Mekka der japanischen Popkultur handelte).

    “Hey, willst du gleich mit ins Labor kommen? Ich muss dir unbedingt mein neues Cosplay zeigen, das ich für dich gemacht habe.”

    “Ich weiß doch nicht so recht, ob mir sowas steht”, sagte sie lapidar, während ihr Herz vor Aufregung hüpfte und ihre Gedanken voller Charaktere war, in deren Rolle sie schon immer mal schlüpfen wollte.

    “Sie will sich doch sicher erst einmal ausruhen. Der Flug war bestimmt anstrengend”, gab Ruka zu bedenken, der angeboten hatte, Kurisus Koffer zu ziehen. So, wie er sich damit abmühte, schien er nun derjenige zu sein, der eine Pause brauchte.

    Faris kicherte. “Und sich hübsch machen für einen ganz besonderen Jemand, nya?” Zwinkernd stupste sie Kurisu ihren Ellbogen in die Seite.

    “Gar nicht wahr”, protestierte diese und fühlte, wie ihr das Blut verräterisch in den Kopf fuhr. “Aber ich würde schon gerne mein Gepäck loswerden, bevor wir irgendwas machen.”

    “Kein Problem, wir bringen dich direkt zu deinem Hotel. Und wenn wir schon mal dabei sind, kann ich dir auch gleich eine Disco in der Nähe zeigen, nya.”

    “Woher weißt du, wo mein Hotel ist?”, fragte Kurisu misstrauisch, während sie sich dem Ausgang näherten.

    Faris grinste. “Weil ich dir das Zimmer reserviert habe, nya~”, sagte sie leichthin.

    Kurisus Augenbrauen zogen sich noch weiter zusammen. “Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich selbst auf 'Buchen' geklickt habe.”

    Faris bedachte sie nur mit einem mitleidigen Blick, der Kurisu verriet, wie wenig sie davon wusste, wie diese Welt funktionierte - und wie sehr das an den Machenschaften der Besitzerin Akihabaras lag. “Nya schon, aber ich kann dich doch unmöglich in so einer Absteige hausen lassen. Eine Freundin von mir hat etwas Besseres verdient.”

    “Faris, das geht doch nicht! Außerdem will ich dir nicht auf der Tasche liegen. Mein Aufenthalt wird sowieso von meiner Uni bezahlt.” Allerdings erwartete Kurisu nicht, dass sie etwas so Extravagantes, wie Faris es ohne Zweifel ausgesucht hatte, als ‘verhältnismäßige Reisekosten’ absetzen konnte.

    Faris zuckte nur mit den Schultern. “Dann können sie das Geld sonst wo hinstecken.”

    Kurisu wurde das Gefühl nicht los, dass ein Wort weggelassen wurde, sagte aber nichts. “Trotzdem”, nuschelte sie, die Arme vor der Brust verschränkt. Es war das eine, wenn jemand so viel Geld hatte, dass es einem selbst nicht mehr viel bedeutete - aber deswegen fühlte es sich noch lange nicht richtig an, das auch anzunehmen. “Du kannst doch nicht drei Monate lang meinen Aufenthalt bezahlen!”

    Faris runzelte die Stirn. "Nyatürlich kann ich. Es nur eine Verschwendung von Kapazitäten, wenn das Zimmer leer stehen würde. Da kann ich dir auch einen Gefallen tun.”

    Kurisu legte den Kopf in den Nacken. Wieso hatte sie sich das nicht denken können? “Das Hotel gehört dir, oder?”

    Faris’ Lächeln war Bestätigung genug.

    Kurisu rollte mit den Augen. “Lass mich raten, als Nächstes kommt ein ‘Mietzhaus’?”

    Ihre Mundwinkel schoben sich noch weiter nach oben. “Hach, es ist immer schön, wenn Freunde ein Auge für Visionen haben. Sei unbesorgt, Faris sucht nur noch nach einem geeigneten Objekt und dann wird sie das hiesige Stadtbild revolutionieren, indem sie in die raue See des Immobilienmarktes springt, die Immobilien der Miethaie aufkauft und Tokyo aus den Klauen dieser Hunde befreit!” Faris lachte diabolisch auf und bei diesem Anblick konnte Kurisu den Schweißtropfen an ihrem Nacken spüren, als ihr langsam bewusst wurde, was für eine Lawine sie da losgetreten hatte.

    “Aber bis dahin ist das alles noch Zukunfts-Katzenmusik. Jetzt genießen wir erst mal Faris’ neuestes Großprojekt. Da kannst du dich schon mal auf etwas gefasst machen. Das Kuchenbuffet ist hervorragend. Ich glaube nur, dass wir dafür schon zu spät dran sind.” Sie schaute auf ihre Uhr und seufzte. “Gerade richtig für's Abendessen.”

    Kurisu streckte sich und gähnte. “In meinem Fall wohl eher Frühstück. Laut meiner inneren Uhr wäre ich gerade aufgestanden.”

    Faris nickte wissend. “Ja, Jetlags sind furchtbar. Na nya, mit etwas Glück hat sich das bis morgen wieder gelegt. Hach, und ich hatte mich schon so gefreut, mit euch um die Häuser zu ziehen.” Jetzt verstand Kurisu auch, warum Faris nicht wie sonst eines ihrer ausladenden Lolita-Kleider trug und stattdessen ein lockeres Rüschentop und einen Minirock mit Schleife gewählt hatte.

    “Wir können doch trotzdem spazieren gehen, nachdem wir Kurisu ins Hotel gebracht haben.” Niemand brachte es über's Herz, Mayuris Erwartungen zu korrigieren. Bei der Wärme sprach auch nichts dagegen. Zwar traf sie Kurisu wie eine weiche Wand, als sie aus der Schiebetür traten, doch war es viel angenehmer als die stark klimatisierte Luft in Inneren.

    “Erst mal Abendessen. Kommt, ich lade euch ein”, rief Faris vergnügt und hopste auf die schwarze Limousine zu.

    Natürlich war es eine Limousine, dachte Kurisu. ‘Unauffällig’ schien ein Begriff zu sein, der in Faris’ Weltbild nicht vorkam.

    Prompt waren sie in der Nähe des Wagens, da stieg ihr Fahrer aus und nahm Ruka den Koffer ab, wofür er wie ein lang ersehnter Retter betrachtet wurde.

    “Also nyann, worauf wartet ihr noch?” Faris hielt ihnen extra die Tür auf, komplett mit einem mädchenhaften Knicks.

    “Faris, du bist echt eine Nummer für dich”, sagte Kurisu, während sie an Faris vorbei durch die Tür ging und sich auf das bequeme Polster fallen ließ.



    Normalerweise hätte Kurisu sich beschwert, weil das Konzept der Zeit beinhaltete, dass sie, je nach Betrachter, schneller oder langsamer verging. Es konnte befreiend, ja sogar romantisch sein, aber meistens stresste es nur und konfrontierte einen mit der Vergänglichkeit des Augenblicks. Es war der Grund, warum der Moment des ersten Kusses sich minutenlang hinziehen konnte, während die Zeit mit Freunden die Zeiger der Uhr rasen ließ (nicht dass sie die erste Behauptung selbst empirisch belegen konnte. Sie griff lediglich auf Erfahrungsberichte und Beobachtungen anderer zurück. Und auf einen sehr realistischen Traum, den sie mal gehabt hatte, und der ihre Lippen zum Kribbeln brachte, wenn sie einem gewissen Jemand gegenüber stand). Heute kam es ihr aber ganz gelegen. Sie wusste nicht, ob es an den anregenden Gesprächen lag oder der Landschaft, die an den Autofenstern vorbei rauschte, die ihr Herz vor Freude höher schlagen ließ. Trotz des Sommers letzten Jahres konnte sie es nicht erwarten, endlich wieder auf eigene Faust durch die Straßen zu ziehen - nach einer ordentlichen Mütze Schlaf natürlich. Schon jetzt merkte sie, wie ihre Gedanken immer häufiger von den Worten ihrer Freunde abdrifteten und sie Mühe hatte, sich länger auf ein Thema zu konzentrieren.

    “Oh, Okabe fragt, ob ich heute noch ins Labor komme”, sagte Mayuri aus dem Nichts.

    Kurisus drehte ihren Kopf so ruckartig, dass sie Angst hatte, sich den Nacken zu verrenken. Natürlich tat sie das nur, weil sie wissen wollte, ob ihre japanische Bekannte den Abend mit ihr oder doch lieber ihrem Kindheitsfreund verbringen würde.

    Mayuri legte einen Finger an ihr Kinn. “Hm, Zeit hätten wir.”

    “Aber Kurisu ist doch gerade angekommen. Es wäre ziemlich unhöflich, sie jetzt wieder zu versetzen”, gab Ruka zu bedenken.

    Kurisu lachte nervös. “Ich wollte euch jetzt aber auch nicht in eine Zwickmühle bringen”, begann sie ihren Schlichtungsversuch, doch Faris winkte ab.

    “Ach was. Wir könnten jeden Tag bei Okabe vorbeischauen, aber das ist Kurisus erster Tag in Japan. Das muss anständig gefeiert werden! Hey, warum kommt er denn nicht einfach zu uns?”

    “Ach, der ist doch bestimmt beschäftigt mit seinen komischen Experimenten. Und überhaupt, wenn er Zeit hätte, wäre er ja wohl gleich mitgekommen”, sagte Kurisu mit verschränkten Armen.

    “Ja, das war wirklich schade”, antwortete Mayuri, als hätte sie keinen der stillen, wütenden Vorwürfe aus den Worten herausgeholt. “Wir haben ihn und Daru gefragt, aber die beiden haben wohl wichtige Vorlesungen. Aber ich habe ihm gesagt, dass wir uns gut um dich kümmern werden. Er meinte zwar, dass du bestimmt an allem, was wir tun, etwas auszusetzen hast-”

    Kurisus Blick wurde finster wie die Nacht.
    “Aber ich habe ihm versichert, dass wir das ganz prima hinbekommen werden. Ich hoffe, es war alles zu deiner Zufriedenheit?”, schloss Mayuri mit einem breiten Grinsen, das erkennen ließ, dass sie ein Nein gar nicht für möglich hielt.

    “Klar doch”, versicherte Kurisu ihrer Freundin, während sie sich fragte, worum es in dieser ach so wichtigen Vorlesung gegangen war.

    “Wir sind da, nya!”, rief Faris plötzlich. Kaum hatte der Wagen gehalten, sprang sie heraus, vollführte eine halbe Drehung, die ihr Kleid wehen ließ, und trat neben die Tür, um ihre Freundinnen aussteigen zu lassen. Die Sonne hatte sich schon hinter die Wolkenkratzer der Metropole verzogen und warf nur noch vereinzelt ihre Strahlen auf die Fassaden der Gebäude. Trotzdem hätte Kurisu das Hotel wohl auch in der Dunkelheit der Nacht erkannt und das, obwohl dieser Bereich der Stadt ihr absolut fremd war. Sie mussten sich noch in Akihabara befinden, denn es gab wohl keinen anderen Stadtteil in Tokio, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, wo der Bau nicht wie eine Absurdität, sondern eine logische Fortführung der Umgebung wirkte.

    Kurisu drehte sich zu Faris um, die mit einem breiten Grinsen dastand. Augenscheinlich wusste sie genau, was dieses Design über sie aussagte, und war entsprechend stolz auf sich. “Drei Stockwerke, 25 Zimmer, eine durchschnittliche Miauslastung von 80%. Nicht schlecht für den Anfang, würde ich behaupten. Auf dem Dach befindet sich ein Schwimmbad und im Keller gibt es ein Parkhaus. Außerdem ist der Patissier hier ein ehemaliger Lehrling aus dem MayQueen und die Köche sind Absolventen der härtesten Kochschule der Welt, an der nur 1% bestehen. Also, wenn ihr mal eine Zeit Urlaub braucht, zögert nicht, ihr seid hier immer willkommen, nya.”

    “Ich glaube nicht, dass sich jemand von uns das leisten kann”, versuchte Kurisu, ihre abgehobene Freundin auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

    Faris zuckte nur mit den Schultern. “Das müsst ihr auch nicht. Geht einfach zur Rezeption, meine Nyangestellten wissen, wer ihr seid.”

    “Ach”, sagte Kurisu nur. Datenschutz schien für ihre Freundin ja ein Fremdwort zu sein. Aber jetzt, wo sie schon mal hier waren, konnte Kurisu nicht leugnen, dass sie dieses Gebäude… faszinierend fand. Die Wände waren in der Farbe von Vanilleeis gehalten, während das Dach mit eleganten, graue Dachziegeln verkleidet war. Ein blasslila-gepflasterter Weg, gerahmt mit Petunien, führte das kurze Stück über den Vorgarten bis zur Haustür. Vor dem Eingang befanden sich zwei Bänke, deren Rückenlehnen wie die Pfoten einer Katze geformt waren. Was das Haus aber unverkennbar als Faris’ Besitz markierte, waren die beiden schräg abstehenden Katzenohren auf beiden Seiten des Daches und ein Schriftzug über der Tür, der es unverkennbar als “MayEmpress" auswies.

    “Dein Gepäck wird schon auf dein Zimmer gebracht. Was ist mit deiner Tasche?”, fragte Faris und beäugte die Umhängetasche, die von Kurisus Schulter baumelte. Mittlerweile merkte Kurisu, dass fünf Bücher für den Flug vielleicht drei zu viel gewesen waren, aber sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Dabei war die Auswahl an Filmen und Serien für den Langstreckenflug hervorragend gewesen - und auch viel leichter zu verarbeiten für ihr müdes Gehirn als Fachlektüre.

    “Ja, das wäre ganz gut. Gebt mir einen Moment”, sagte sie, stellte die Tasche auf den Boden und verstaute noch ihre Jacke und ihre Sonnenbrille darin. Dann reichte sie sie Faris, die sie gleich ihrem Butler übergab, der mit dem Koffer schon einmal auf die Tür zulief, um sie der kleinen Gruppe aufzuhalten.


    Kurisu wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, aber wenn, wäre es wohl genau das gewesen - oder eher gesagt die.

    "Willkommen Zuhause", sagten eine Katzendame, die geradewegs Faris' Café hätte entspringen können, und ein Mann im Anzug, dem Katzenohren unter seinen wuscheligen Haaren hervor stachen. Beide sahen mit ihrer viktorianischen Bedienstetenkleidung so aus, als wären sie einem romantisierten Film entsprungen. Kaum war die kleine Gruppe durch die Tür getreten, verbeugten sie sich kurz. Der junge Mann verblieb noch länger in dieser Haltung. Verwirrt hob Kurisu unschlüssig ihre Hand und ehe sie sich versah, hatte er sie sanft mit seiner umfasst und ihren Handrücken geküsst. Mit so viel Etikette vollkommen überfordert, drehte sie sich zu der Besitzerin dieses Ensembles um. "Was soll denn das werden?", fragte sie mit einem Blick.

    Faris grinste nur, wobei sie ihren Mund zu einer nach oben offenen 3 verzog. "Nyan muss den Gast gleich beeindrucken. Immerhin gibt es keine zweite Chance für den ersten Eindruck", antwortete Faris mit einem Zwinkern und nickte an Kurisu vorbei. Diese hatte noch nicht einmal hingesehen, als schon Mayuris quietschiges Lachen erklang. Ihr war wohl die gleiche Ehre zuteil geworden und fasziniert blickte sie auf ihren Handrücken, als hätte man ihr gerade ein wunderschönes Abzieh-Tattoo verpasst. Kurisu schaute an ihr vorbei, gerade noch rechtzeitig, um Ruka feuerrot anlaufen zu sehen. Er senkte den Kopf und seine Lippen bewegten sich, aber Kurisu konnte nicht verstehen, was er sagte. Falls der Mann vor ihm das mädchenhafte Auftreten durchschaut hatte, zeigte er es mit keiner Bewegung, als er ihm in die Augen schaute und ihm ein Lächeln schenkte, bevor er sie alle fragte: "Würden die Damen mir bitte in den Speisesaal folgen? Wir haben Sie schon erwartet."

    Faris grinste, offensichtlich mehr als zufrieden mit ihrem Personal. Mit federnden Schritten lief sie neben der Katzendame her, mit der sie ein angenehmes Gespräch führte. Mayuri fiel es schwer, geradeaus zu laufen, und Ruka schien mit der Gesamtsituation so überfordert, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.

    Kurisu konnte das durchaus nachvollziehen. Es kostete sie einiges an Überwindung, nicht zu den Sofas zu laufen und über deren samtig weich wirkenden Bezug zu streichen, oder sich gar auf das Polster fallen zu lassen. Sie passten perfekt zu dem hellen, freundlichen Holzfußboden, der auf dem Weg zum Saal mit einem pinken Teppich ausgelegt war. Die Farbe hätte kitschig wirken können, doch Faris schaffte es, so geschickt mit Rosa und Schwarz auf der weißen Wand Akzente zu setzen, dass der Raum nicht aussah wie der Eingang zu dem Zimmer einer durchgeknallten ewig jungen Barbie in den Wechseljahren. Stattdessen wirkte es wie in einem edlen Hotel, das einen konstant daran erinnerte, wer seinen Bau in Auftrag gegeben hatte.

    Doch das alles war kein Vergleich zu dem, was sich offenbarte, als die beiden Angestellten die Doppeltür aufhielten. Augenblicklich stiegen Kurisu so viele Düfte von Essen in die Nase, dass sie diese gar nicht auseinander halten konnte - und ihr sofort klar war, dass sie jedes Gericht davon probieren musste.

    “Ihr Tisch ist gleich da vorne”, sagte der Butler mit einer erneuten Verbeugung, als sie in ihm vorbeigingen, und der Maid in die angegebene Richtung folgten. Als Mayuri an ihm vorbeiging, verbeugte sie sich auch, kicherte beschwingt und tänzelte zu ihrem Platz. Ruka schaute ihr mit großen Augen hinterher, folgte ihr aber mit etwas Abstand. Vermutlich war er es gewohnt, ihr mit einem gleichzeitig faszinierten und verlegenen Lächeln hinterher zu gehen, dankbar dafür, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich zog, die er nicht wollte.

    "Oh wow, das ist alles so unglaublich cool, Faris!", rief Mayuri und drehte sich kichernd um sich selbst, als könne sie mit einem Mal alles in sich aufnehmen, was dieser Raum zu bieten hatte.

    "Vielen Dank, Mayu-nyan", sagte Faris mit einem Knicks und einem Lächeln, das mehr zu einem "Ich weiß, aber ich liebe es, das zu hören" gepasst hätte.

    Tatsächlich konnte Kurisu ihr den Grund für ihr Selbstbewusstsein nicht kleinreden. Die Tische waren in kleinen Sitzecken arrangiert und auf den ersten Blick wirkte es, als hätte Faris sich ein Teetassenkarussel als Vorbild genommen und die Außenwände erhöht, bis sie blickdicht waren. Doch als sie näher traten, sah Kurisu, dass jeder der Sitzbereiche recht geräumig war und statt Bänken Stühle hatte. Statt sich hinzusetzen, blieb Kurisu allerdings wie gebannt stehen und schaute auf die Außenwände. Das Herzstück bildete die große Treppe, die in die Mitte gemalt worden war und von Kirschbäumen in voller Blüte flankiert wurde. Auf der linken Seite befand sich ein Feld bei Nacht, aus dem unzählige Lichter wie Glühwürmchen empor stiegen, und rechts erstreckte sich eine Sonnenblumenwiese, die ihr die Kehle zuschnürte und sie sich fragen ließ, warum Faris wollte, dass ihre Kunden beim Essen in Tränen ausbrachen.

    Mayuri lief sofort zu einem Tisch vor den Sonnenblumen und zog Ruka zu sich, der unbeholfen zum Stuhl stolperte und auf dessen Polster fiel. Kurisu nahm unter dem Lichterhimmel platz und fühlte sich plötzlich mehrere Jahre jünger, während sie in das alte Gedankenmuster darüber verfiel, was das Medium über Zerbrechlichkeit des Lebens und das Glück des flüchtigen Augenblickes sagen wollte.

    Neugierig blickte sie sich um und sah nicht weit entfernt am Nachbartisch das Meer mit einem Schiff, dessen Galionsfigur von einem Lammkopf geziert wurde, oder zwei jungen Männern, die sich vor einem Wasserfall bekämpften, zu dessen beiden Seiten imposante Steinstatuen thronten.

    Kurisu senkte den Kopf und konnte nicht anders, als vor sich hin zu grinsen. Sie würde heute wohl nicht mehr das Gefühl los werden, in einem Insiderwitz von Faris zu stecken, der voll und ganz auf ihre Kosten ging. Sie wusste nicht, was Okabe ihr über ihre Liebe zu japanischer Zeichentrickkultur erzählt hatte - was natürlich alles vollkommen erfunden und erlogen war! - aber Faris schien sich fast schon etwas zu sicher zu sein, dass Kurisu wissen würde, was diese Szenen abbildeten.

    "Was gibt es zu Essen?", fragte Mayuri und dem Strahlen in ihren Augen nach konnte sie es kaum noch abwarten, es vor sich zu sehen.

    Auch Kurisu knurrte der Magen, was sie allerdings nicht zugeben wollte. Natürlich hatte es im Flugzeug etwas gegeben, aber sie konnte nicht sagen, dass sie sich darauf gefreut hatte. Wie sie richtig in Erinnerung hatte, konnte man es gerade einmal als passabel einstufen und mit dem, was ihr gleich geboten werden würde, würde es sicher in den Schatten gestellt werden.

    "Bestellt euch doch erst einmal etwas zu trinken", sagte Faris und platzierte die Karte vor ihnen, genau auf der richtigen Seite aufgeschlagen und so, dass alle sie problemlos lesen konnten. Allerdings war Kurisu nicht entgangen, dass auch die Besitzerin des Lokals ungeduldig zu der großen Tür schielte, hinter der die Bedienung immer wieder verschwand.

    Nachdem die Gruppe der freundlichen Kellnerin zum dritten Mal ein entschuldigendes Lächeln geschenkt hatte, hatten sie es dann endlich geschafft, sich jeder ein Getränk zu bestellen. Faris hatte ein pinkes Himbeergetränk mit, das schmeckte, als hätte man ausprobiert, wie viel Zucker man darin auflösen konnte. Trotzdem war es nach einer Runde Probieren schon zu Hälfte leer getrunken. Mayuri hatte sich schlussendlich auf Erdbeer-Vanille festgelegt, während Kurisu sich für Limette-Minze entschieden hatte und Rukas Wahl auf einen grünen Tee gefallen war.

    Kaum hatte sich die Kellnerin wieder vom Tisch entfernt, wurden auch schon die ersten Teller vor die Gäste gestellt. Mayuri blickte verwundert auf, nachdem sie ihrer Portion einen Blick zugeworfen hatte, als würde es all ihre mentale Kraft brauchen, um nicht sofort zum Besteck zu greifen. “Aber wir haben doch nur etwas zu trinken bestellt”, griff sie die Verwunderung der anderen an diesem Tisch auf, die sich nicht gemütlich in ihrem Stuhl zurückgelehnt hatten.

    “Lass Faris das nur machen, das ist alles Teil des Plans. Ihr sollt euch doch wohlfühlen, nya. Also guten Nyappetit, haut rein.”

    Eine weitere Ansage brauchte es nicht und einen Gabelstich später probierten sie sich durch ein Gängemenü, bei dem Kurisu schon bald nicht mehr zählen konnte. Die Teller waren eine wahre Augenweide und es kostete richtig Überwindung, das Besteck zu heben und das Kunstwerk zu zerstören. Anblick und Geruch allein reichten schon aus, um vom Handwerk des Kochs zu zeugen, aber schon beim ersten Kauen breitete sich ein Geschmack im Mund aus, der die vier keuchend und voller Glücksgefühle zurückließ. Sie konnten die Zeit bis zum folgenden Gang kaum noch abwarten, obwohl sie sich nicht sicher waren, ob ihre Körper das durchstehen würden.

    "War das gut", schwärmte sie, nachdem sie mit jedem Bissen bedauert hatte, ihren Teller leer zu essen, weil es das Ende ihrer köstlichen Mahlzeit bedeutete. "Ich wünschte, ich könnte das jeden Tag essen." Dann merkte sie die Bedeutung dessen, was sie nur so daher gesagt hatte, als Faris' ihren Blick auffing und mit einem triumphierenden Lächeln quittierte. Die junge Dame machte wirklich keinen Hehl daraus, wie gerne sie ihre Pläne in aller Fülle aufgehen sah. "Dann wünsche ich dir viel Spaß dabei. Selbst am Tag des jüngsten Gericht wird diese kulinarische Oase wie die letzte Festung des guten Geschmacks stand halten und Menschen, die nach Wasser und Wissen dursten, eine Möglichkeit geben, ihre Gelüste zu befriedigen."

    Kurisu merkte, dass der Schlafmangel langsam einsetzte. An normalen Tagen hätte sie keine Probleme gehabt, Faris’ Gedankengang zu folgen (dass sie es ebenso abgedreht fand wie die an den Haaren herbei gezogenen Ausführungen eines gewissen Jemandes mal ganz beiseite gestellt).

    “Was machen wir als Nächstes, Faris?”, fragte Mayuri, die noch an ihrem Nachtisch saß. Obwohl sie die Auswahl an Pralinen bereits mit einem Foto für die Ewigkeit festgehalten hatte, konnte sie es nur schwer übers Herz bringen, die niedlichen Chibi-Tiere in ihrem Mund verschwinden zu lassen.

    “Was auch immer ihr wollt. Wir haben hier eine Sauna, ein Kino, Billard, Karaoke…” Faris stoppte ihre Ausführungen, als sie einen Blick auffing, den Kurisu lieber verheimlicht hätte. Prompt verzog sie das Gesicht. “Es ist nicht so, als würde ich Karaoke besonders mögen. Es ist nur schon sehr lange her, seit ich das letzte Mal da war. Wir können natürlich auch etwas anderes machen, das ist mir vollkommen egal!” Tatsächlich war sie bisher nur einmal im Freundeskreis dort gewesen, doch hatte sie damals lieber die sicheren Charts-Lieder gesungen, versteckt hinter den anderen Stimmen. Sie war keine schlechte Sängerin - zumindest hatte niemand protestiert, dass sie für den Rest des Abends auf der Bank sitzen sollte - aber sie hatte es dann doch lieber gehabt, nicht zu sehr aus der Menge herauszustechen. Mit Mayuri, der nichts peinlich zu sein schien, und Faris, die vermutlich auch beim Singen wie eine Katze klingen würde, sah das aber ganz anders aus. Die beiden schienen die perfekte Besetzung, um nicht negativ aufzufallen.

    “Okay, wie es aussieht, haben wir einen Favoriten gefunden. Mir nyach!”

    Faris nahm Ruka am Arm, der so ausgesehen hatte, als bräuchte er ganz dringend eine Ausrede, um den Abend an dieser Stelle sofort zu beenden. Allerdings schien ihm schnell klargeworden zu sein, dass es zwecklos war, sich gegen die Herrscherin der Stadt aufzulehnen, und so folgte er ihr gehorsam. Mayuri summte vergnügt, während sie den Teller mit den restlichen Süßspeisen einfach entführt hatte. Es war wohl noch tragischer, wenn sie im Müll landen würden, und so konnte Mayuri ihnen immerhin noch würdevoll das Ende bereiten, zu dem sie erschaffen worden waren.


    Den Zeitverlauf mit “es war bereits dunkel geworden” zu beschreiben, wäre eine Untertreibung schlechthin gewesen. Natürlich machte das höfliche japanische Personal nicht den Fehler, seine Chefin heraus zu werfen, oder sich in dem Karaoke-Raum sehen zu lassen, wenn es nicht gerufen wurde. Deswegen kam eines zum anderen und erst als die jungen Erwachsenen sich so sehr räusperten, dass sie fast husten mussten, um ihre Stimme wiederzubekommen, setzten sie sich zurück auf die Bank. Davor waren sie nur kurz dorthin gelaufen, um etwas zu trinken, doch jetzt, wo gemeinsam entschieden worden war, den Abend langsam ausklingen zu lassen, erinnerten sie sich auch wieder, wo sie ihre Handys gelassen hatten. “Ach du Schreck. Ich hätte schon längst Zuhause sein müssen!”, rief Ruka und auch Mayuri machte nicht den Eindruck, dass sie zu dieser Uhrzeit noch draußen sein sollte.

    “Keine Sorge, ich fahre euch nach Hause”, sagte Faris und streifte sich ohne jegliche Hast ihre Jacke über. Zu spät zu Hause zu sein, hatte für sie scheinbar schon lange seinen Schrecken verloren. “Was ist schon ein bisschen Ärger, wenn nyan Spaß hatte?”

    “Mayushii mag es nicht, wenn man sich Sorgen um sie macht”, murmelte sie und war schon eifrig am Tippen. Ruka tat es ihr gleich, während Kurisu ihm dabei zusehen konnte, wie viel Mut es kostete, die Nachricht abzuschicken und womöglich ein Donnerwetter auszulösen.

    “Findest du allein den Weg nyach Hause?”, fragte Faris mit einem Zwinkern und Kurisu zuckte nur mit den Schultern.

    “Solange die Rezeption besetzt ist und ich meinen Schlüssel kriege, komme ich klar.”

    “Das sollte kein Problem sein. Es ist immer jemand vor Ort, falls es einen Notfall gibt”, antwortete Faris, während sie die Tür zum Flur aufhielt, der zum Eingang führt.

    Kurisu nickte. “Alles klar.”

    “Okay, dann schlaf schön.”

    Ihr Katzenlächeln war so breit, dass in Kurisu eine sehr ungute Vorahnung aufstieg. “Faris?”, rief sie schnell durch den Gang.

    “Nya?”, fragte diese, drehte sich um und hielt ihre Hände wie Pfoten vor ihre Brust.

    Kurisu verengte bei all der gespielten Unschuld die Augen. “Ich werde aber keine unguten Überraschungen erleben, oder?”

    “Nyain, wo denkst du hin. Faris’ Freunde bekommen nur die guten Überraschungen”, antwortete diese und schloss nach einem Winken zur Verabschiedung zu ihren beiden Freunden auf.

    ‘Wenn ich Katzenminze in den Kissen finde, gibt es eine Schlacht’, dachte Kurisu, während sie den Schlüssel in Empfang nahm. Sein Schlüsselanhänger bestand aus zwei Katzenmaids mit je schokoladen- und vanillefarbenen Haaren, die in ihren Pfoten ein Schild mit der Zimmernummer hielten. Der Wegbeschreibung lauschte Kurisu dann nur noch mit einem Ohr. Wie immer stand die erste Zahl für die Etage und da das Hotel von außen recht schmal gewirkt hatte, erwartete sie auch nicht ernsthaft, sich zu verlaufen. Tatsächlich stand sie schon ein paar Minuten später vor der Tür und war dankbar, dass es einen Fahrstuhl gab. Jetzt, wo die Musik sie nicht mehr wach hielt und sie alleine im Hotelflur stand, merkte sie doch die Müdigkeit in ihren Knochen.

    Als sie eintrat, war sie überrascht, wie wenig sie überrascht war. Von all den Absurditäten, die sie sich vorgestellt hatte, traf absolut keine das, was sie vorfand. Sie stand in einem kleinen Raum mit einem Sofa und zwei Sesseln, die zu einem Fernseher gerichtet waren. Geradeaus und zu ihrer rechten befanden sich jeweils zwei Türen. Hinter der einen fand sie das Badezimmer und als sie sich im Spiegel sah, zog sie diese zu, so schnell sie konnte. Nicht zu glauben, dass sie sich in diesem Zustand ihren Freundinnen gezeigt hatte. Sie sah wirklich so aus, wie sie sich fühlte, nämlich dass sie jeden Moment ins Bett fallen könnte. Kein Wunder, dass sie genau das tat, als sie im Nebenraum das Doppelbett sah. Es war fast so etwas wie ein Ritual, dass sie diese Sache als erstes überprüfte. Die Matratze war angenehm weich und schon nach ein paar Sekunden spürte Kurisu, wie sich alles an ihr entspannte.

    Es war ein Kraftakt, sich wieder hochzustemmen und zum Türrahmen zu laufen, um den Lichtschalter zu finden. Bisher hatte sie das Licht aus dem Nebenraum genutzt und das Schlafzimmer in der einladenden Dunkelheit gehalten, derer sie sich nur schwer entziehen konnte. Dann bemerkte sie, dass es zwei Stück gab, und probierte den Unteren aus. Verwundert stellte sie fest, dass der Raum nur schummrig beleuchtet wurde, ähnlich eines Nachtlichtes. Es war angenehm für ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen, doch spendete genug Helligkeit, um alles zu erkennen.Und bei dem, was sie sah, konnte Kurisu kaum die Augen abwenden.

    An den dunklen Wänden zogen sich krakelige Linien in allen möglichen Farben entlang, so als hätte man Kindern ein Stück Kreide in die Hand gedrückt und malen lassen. Es zeigte einen Wasserfall mit einer Brücke, einen Kirschbaum und sogar eine Pagode so detailliert, dass Kurisu das nie im Leben geschafft hätte. Dann blickte sie nach oben und sah ein Sternenmeer in allen Formen und Farben.

    Kurisu schmunzelte. Faris hatte wirklich ein Händchen dafür, für ihre Freunde die passenden Sachen auszuwählen. Dabei hatte Kurisu extra darauf geachtet, die Anime-Endings wie zufällig darunter zu mischen, in der Hoffnung, dass beim Karaoke niemand darauf kommen würde, woher sie stammen. Die Openings gefielen ihr zwar oft besser, aber da wäre man ihr sofort auf die Schliche gekommen, während die Lieder bei den Enden viel öfter übersprungen wurden.

    Nur schwer konnte sie sich von den Bildern abwenden und freute sich schon auf den Moment, bei dem sie nach dem Zähneputzen und der Katzenwäsche auf dem Bett liegen und sie noch einmal betrachten konnte. Sie musste nicht einmal ihr Handy anmachen, um die friedliche, leicht melancholische Musik im Kopf zu haben:

    Hello, shooting-star / I'm waiting for you / Please don't stop dreaming / Even if you're crying / Even if you're smiling / Shine again

    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)

  • Kurisu dachte nicht einmal über den Weg nach, als ihre Beine sie automatisch von der Station durch die Straßen des Bezirkes brachten. Das war auch ganz gut so, denn sie hatte keine mentalen Kapazitäten mehr, an viel anderes als ihre bevorstehende Begegnung zu denken. Vielleicht hätte sie Mayuris Angebot, sie im Hotel abzuholen, doch annehmen sollen. Das Mädchen würde es mit ihrer fröhlichen Art sofort schaffen, ihre Gedanken zu zerstreuen. Allerdings hatte Kurisu sich nicht wohl dabei gefühlt, dass sie den ganzen Weg auf sich hätte nehmen müssen, vom Labor zum Hotel und wieder zurück zu laufen. Da konnte Kurisu das auch alleine schultern.

    Das wahre Ausmaß des Problems zeigte sich allerdings erst, als sie vor der Tür zum Labor stand. Wenn jemand da war, ließ sie sich von außen jederzeit öffnen, weil die Chance, dass sich jemand an dem zwei Meter großen Mann im Untergeschoss vorbei traute, verschwindend gering war.

    Kurisu könnte die Tür also einfach aufziehen und eintreten. Allerdings schien es ihr auch nicht ganz richtig, nach einem Jahr genauso weiterzumachen, als wäre sie nur ein paar Tage weggewesen.

    Wie es drinnen wohl aussah? Bekanntlich war der Mensch ein Gewohnheitstier, aber bei den Experimenten, die dort veranstaltet wurden, würde es sie auch nicht wundern, wenn es in der Zwischenzeit abgebrannt und komplett renoviert worden wäre. Dass sie keinen Ruß an der Tür erkennen konnte, wertete sie aber schon mal als gutes Zeichen.

    Kurisu holte tief Luft und besann sich auf das Einzige, was sie bei Lampenfieber auf die Bühne trieb: Der Gedanke an Murphys Gesetz und dass alles, was schiefgehen konnte, sowieso schief laufen würde. Also schob sie die Verantwortung für das Gelingen auf die Gesetze des Universums ab und befahl ihrem Körper entgegen jeglicher Überzeugung, sich in Bewegung zu setzen.

    Die Tür quietschte so lautstark, dass Kurisu überzeugt war, beim Eintreten von allen anwesenden Augenpaaren sofort observiert zu werden. Als allerdings die Geräusche von drinnen an ihr Ohr getragen wurden, rollte sie mit den Augen. Sie hatte sich vollkommen umsonst Gedanken gemacht.

    "Ich sage dir doch, das ist komplett unmöglich. Denk doch mal nach! Wenn wir unser Kapital nicht dazu benutzen, unsere Gesundheit zu fördern, dann fehlen uns die nötigen Voraussetzungen, um wissenschaftliche Durchbrüche zu erreichen."

    "Das ist totaler BS. Wie soll uns das bitte weiterhelfen? Niemand hier trinkt das eklige Zeug!"

    "Manchmal muss man Opfer bringen, mein treuer Freund, und sich an neue Dinge gewöhnen. Wer weiß, vielleicht kommst du ja auch auf den Geschmack dieses erlesenen Getränks."

    Kurisu schritt um die beiden Streithähne herum und war fasziniert davon, dass sie so von sich eingenommen waren, dass sie keine Notiz von dem Neuankömmling nahmen. Also setzte sie sich kurzerhand zu Mayuri auf die Couch. "Worum geht es?", fragte sie nach einer Umarmung zur Begrüßung und nahm sich ein paar Chips aus der Schüssel, die ihr entgegen gehalten wurde.

    "Die Anschaffung einer Vorrichtung zur Herstellung eines lebensnotwendigen Elixiers", wiederholte diese, was ganz offensichtlich Okabes Worte gewesen waren. Niemand hier würde sich sonst so geschwollen ausdrücken, um so etwas Mondänes zu beschreiben. "Aber was genau, weiß ich nicht."

    "Das weiß doch niemand, was er will. Vermutlich nicht einmal er selbst", murmelte Kurisu zwischen zwei Bissen, während sie versuchte, die Debatte vor ihr zu verstehen. Allmählich ergab das Ganze einen Sinn, auch wenn Okabe sein Bestes gab, es mit seinen Worten drei Ebenen zu hoch klingen zu lassen. Er nahm den Spruch "Wenn du sie nicht umstimmen kannst, verwirr sie" wirklich viel zu ernst. Dabei sollte er doch wissen, dass er nicht funktionierte, seit er bei ihrem Vortrag damals so erbarmungslos gescheitert war.

    "Deshalb beantrage ich hiermit die Anschaffung dieses Geräts zur Wahrung unserer Produktivität trotz arbeitsintensiver Nächte."

    "Dafür!", rief Kurisu, bevor Daru dagegen argumentieren konnte. Zufrieden schaute sie dabei zu, wie Okabe zu ihr herumwirbelte und sie ansah, als wäre sie eben aus dem Nichts erschienen.

    "Dafür!", echote Mayuri neben ihr, die Augen wegen ihres breiten Lächelns zu Schlitzen verengt. Sie war sogar aufgestanden, um ihre Begeisterung zu zeigen, und ein Lächeln trat auf Kurisus Gesicht, weil diese wusste, dass ihre Freundin so enthusiastisch auf ihrer Seite war.

    Okabe stand noch immer wie versteinert da, bevor er sich räusperte. "Aber natürlich tut ihr beide das als Gründungsmitglied des Labors und meine treue Assistentin, Kurisutina."

    "Geht das schon wieder los!", rief sie und einen Moment später stand sie neben Mayuri, welche nur verdutzt zu ihr aufschaute. "Hast du nach einem Jahr immer noch nicht begriffen, dass ich nicht deine Assistentin bin?"

    Als Antwort setzte Okabe sein selbstgefälliges Grinsen auf und breitete theatralisch seine Arme aus. "Egal, wie viel Zeit verstreicht, sie ändert nichts an den zugrunde liegenden Kausalitäten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz des Universums, dass es dir vorherbestimmt ist, meine Untergebene zu sein."

    Obwohl Kurisu das leise Gefühl beschlich, dass an dieser Tatsache etwas dran war - abgesehen von dem letzten Teil natürlich - aber sie würde lieber sterben, als dies zuzugeben. "Wenn man unseren Intellekt als Messwert zu Grunde legt, kehrt sich dieses Verhältnis sofort um." Seufzend blickte sie zu Daru, der sich sogar von seinem Stuhl erhoben hatte, und auf sie zukam. "Kannst du mich daran erinnern, warum ich hier bin?", fragte sie mit einem scherzhaften Lächeln.

    "Weil Mayuri zur Feier des Anlasses Kuchen gebacken hat?"

    Kurisu schenkte Mayuri ein breites Lächeln - und schaute dann überrascht nach vorn, als sie von Daru in eine verhaltene Umarmung gezogen wurde. Na gut, dachte sie und legte ihre Arme um seinen Rücken.

    Nach ein paar Sekunden runzelte sie die Stirn. "Willst du mich nicht langsam mal wieder loslassen?"

    "Eigentlich nicht", nuschelte Daru, woraufhin ihn Kurisu sofort von sich stieß.

    "Du hast dich ja rein gar nicht verändert!", rief sie anklagend und konnte sich nicht so recht entscheiden, ob sie wegen ihrer eigenen Unachtsamkeit sauer war oder wegen seines spitzbübischen Grinsens.

    Mayuri grinste. "Ist doch toll. Fast so, als würde man wieder nach Hause kommen, oder?", fragte sie und umarmte Kurisu von der Seite. "Hach, Mayushii freut sich so, dass du wieder da bist."

    "Ich mich ja auch." Kurz wuschelte sie Mayuri durch die Haare. Dann sah sie Okabes Lächeln, fast so breit wie Mayuris, aber mit viel mehr Schadenfreude. Kurisu räusperte sich. "Mit einigen offensichtlichen Abstrichen natürlich."

    Okabe hob nur müde eine Augenbraue, doch Mayuri trat vor sie und schaute sie von unten so verwirrt an, als wäre gerade ihre kleine Welt untergegangen. "Was ist denn? Stört dich etwas? Haben wir etwas falsch gemacht?"

    Kurisu konnte förmlich den Schweiß ihren Nacken heruntertropfen fühlen. "Nicht doch", sagte sie eilig. "Das hat nichts mit dir zu tun."

    Einen Moment zog Mayuri die Stirn kraus, doch dann hüpfte sie aufgeregt auf und ab. "Alles klar, Mayushii weiß etwas. Wir machen einfach etwas ganz Tolles, damit Kurisu glücklich ist. Also, worauf hättest du Lust?" Mit erwartungsvollem Blick schaute sie die junge Forscherin an, die abermals Überforderung verspürte.

    "Wie wär's mit 'Webflix und chill' oder was bei euch da so in ist?", fragte Daru, der sogar so sozial war, sich für diesen Satz zu seinen Freunden vom Bildschirm wegzudrehen.

    "Daru, Kurisutina ist doch nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um einer so banalen Tätigkeit wie Fernsehen nachzugehen!"

    Kurisu hätte ihm sogar fast zugestimmt - natürlich nach einer Korrektur ihres Namens - doch dann fügte er hinzu: "Schau dir lieber die Experimente an, an denen wir während deiner Abwesenheit geforscht haben."

    "Mrgh", machte Kurisu, "ich will nicht wissen, wie ihr eine Mikrowelle verschandeln könnt."

    "Ach, das Projekt ist doch Schnee von gestern."

    Kurisu meinte fast, sich verhört zu haben, doch als Okabe den Vorhang zurückzog, war dort wirklich kein solches technisches Gerät zu sehen. "Wieso das denn?", fragte sie und schaute neugierig in die Ecken des abgetrennten Raumes, ob sie nicht doch irgendwo das vertraute Schimmern des elektronischen Objektes finden konnte.

    "Weil wir uns entschieden haben, unsere Prioritäten auf die Projekte zu verteilen, die die Menschheit voranbringen und auf eine nie dagewesene Art revolutionieren können."

    Kurisu runzelte die Stirn. "Also habt ihr euch von all euren merkwürdigen Future Gadgets verabschiedet?"

    "Wo denkst du hin? Keineswegs!" Okabe schüttelte so heftig den Kopf, als wäre die bloße Andeutung schon ein Skandal sondergleichen.

    Er schien so entsetzt, dass Daru sich gezwungen fühlte, für ihn einzuspringen. "Genaugenommen ist die Telewelle das-"

    "Die Telewelle (vorläufig)", korrigierte Kurisu aus Gewohnheit, wurde aber zum Glück von Okabes inbrünstiger Deklaration übrtrumpft.

    Daru warf seinem Freund nur einen genervten Seitenblick zu und ignorierte Kurisu zu ihrer Erleichterung vollkommen, als hätte sie nie etwas gesagt. "Also dieses Mikrowellen-Gerät mit dem peinlichen Namen ist genaugenommen das einzige Projekt, das wir aufgegeben haben."

    "Aber dafür kann ich jetzt meine Chicken Karage #1 wieder problemlos aufwärmen", sagte Mayuri und sah aus, als würde ihr das Wasser dabei im Mund zusammenlaufen.

    So glücklich Mayuri auch klang, Kurisu schaute trotzdem zu Okabe in der stummen Frage, was das alles zu bedeuten hatte. Als sie damals das erste Mal das Labor betreten hatte, hatten sie die Telewelle (vorläufig) wie die größte Errungenschaft ihres Labors betrachtet. Sie selbst war damals maßgeblich daran beteiligt gewesen, das Gerät zu entwickeln und Funktionen zu ermöglichen, von denen die Menschheit nur hatte träumen können. Und all das hatten sie einfach so weggeworfen?

    Okabe zuckte mit den Schultern. "Es hat nicht sollen sein."

    Sie wartete auf weitere Erklärungen, doch Okabe schien keine Intentionen zu haben, ihr welche zu geben. "Seit wann denn?"

    "Eigentlich kurz nach ihrem Beginn", sagte Daru. "Es überrascht mich, dass du überhaupt noch von ihr weißt. Eine sich in die falsche Richtung drehende Mikrowelle war jetzt nichts Spektakuläres."

    Kurisu klappte der Mund auf. Eigentlich, weil sie etwas hatte sagen wollen, doch die Worte verließen sie. Wie konnte er das größte Projekt, das dieses pseudo-wissenschaftliche Unterfangen hervorgebracht hatte - gut, genau genommen das einzig minimal herausragende - nur so schlecht reden? Damit hatten sie sogar die Grenzen des physikalisch Möglichen gesprengt.

    … Aber womit?

    Sie erinnerte sich nicht. Obwohl sie scharf nachdachte, sah sie nur Standbilder vor ihrem inneren Auge aufblitzen, zu schnell, um sich einen Reim darauf zu machen, was die Momentaufnahmen ihr sagen wollten. Je mehr sie versuchte, sich an das davor und danach zu erinnern, desto mehr blockierten ihre Gedanken.
    Natürlich musste ihr außergewöhnliches Gehirn ihr ausgerechnet jetzt den Dienst versagen.

    Kurisu räusperte sich. "Aber die konnte doch noch viel mehr, oder?"

    Daru zuckte mit den Schultern. "Gut, die Anruf-Steuerung war nett, aber für 3 Minuten hat sich das nicht wirklich gelohnt. Mir ist das immer erst wieder eingefallen, als ich schon längst hier war."

    Mayuri kicherte. "Und dann hast du es vergessen, weil du zu beschäftigt mit deinen Freundinnen warst, und es ist wieder kalt geworden."

    Daru hatte nicht einmal genug Schamgefühl, es zu verneinen. "Natürlich. Egal ob sie virtuell sind, sie brauchen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Eine Freundin zu haben, ist ja schon anstrengend, aber 15 sind ein Fulltime-Job."

    "Daru, deine Errungenschaften, einen Kult um deine Person aufzubauen, in allen Ehren, aber ein Fulltime-Job, der das Labor finanziell unterstützt, wäre sehr willkommen."

    "Ich arbeite ja schon dran", sagte er augenrollend.

    Kurisu musste so sehr kichern, dass es ihre trüben Gedanken verdrängte. "Ich seh's." Sie deutete zum Desktop, wo eine Oberschülerin neugierig durch den Bildschirm zu schauen schien, als könne sie ihren Spieler dahinter erkennen.

    "Work-Life-Balance", erklärte er nur knapp, während er sich bereits auf dem Weg zum PC machte. "Und no Waifu…"

    "No Laifu", vollendete Kurisu, komplett mit dem japanischen Akzent für das englische Wort.

    Neben ihr brach Okabe in schallendes Gelächter aus. "Immer noch eine wahre @-Channelerin, wie ich sehe."

    "Ach stfu, du aufgeblasener Möchtegern-Wissenschaftler."

    Okabe stemmte die Hände auf die Hüften. "Also hör mal, das lasse ich mir von meiner Assistentin nicht bieten, Kurisuti-"

    "Ich bin nicht deine Assistentin!", schrie sie ihm entgegen.

    "Hach", machte Mayuri, während sie die Streithähne beobachtete. "Wie schön, wenn sich alle so lieb haben."

    "Mhm", murmelte Daru, vollkommen damit zufrieden, dem grünhaarigen Wesen über den Kopf zu streicheln.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


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