Kognitive Dissonanz [Steins;Gate]


  • (Quelle: Steins;Gate Opening)


    Kognitive Dissonanz


    Ein Jahr, nachdem Okabe WW3 erfolgreich abgewendet hat, hat die Gruppe wieder zur Normalität zurückgefunden. Genau der passende Zeitpunkt, findet Kurisu, um Japan mal wieder einen Besuch abzustatten.

    Eigentlich ist dies genau das, was Okabe die ganze Zeit wollte. Allerdings lässt ihre Anwesenheit ihn erkennen, dass er seine Erlebnisse noch lange nicht hinter sich gelassen hat - vor allem, als eine weitere Person auftaucht, die schmerzlich verdrängte Erinnerungen aufwühlt.

    Dabei drehen sich Mahos Gedanken nur um ihr Forschungsprojekt und ihre Kollegin, während das Konstrukt von Weltlinien und Zeitreisen ihr völlig fremd ist. Da hilft es auch nicht, dass Okabe ihr das um jeden Preis verheimlichen will.


    Vorwort

    Ungefähr ein Jahr ist es auch her, seit der Anime&Manga-Bereich hier im BB die tolle Idee hatte, eine Bisawatch zu starten. 24 Folgen in 24 Tagen in lockerer, ungezwungener Runde. Wie viel mehr daraus entstehen könnte, hatte sich wohl keiner der Beteiligten gedacht - Na gut, ich gebe zu, es war abzusehen, als ich mir damals schon die Finger wundgetippt habe XD Nicht einmal die Fortsetzung, der manche zweifelhafte Qualität bescheinigt hatten, hat mich davon abhalten können, noch viel mehr Worte über diesen verrückten Haufen und ihre Abenteuer zu verschwenden. Und wenn man eine FF-Autorin für etwas begeistert, gibt es nur eine logische Konsequenz: Alles an sich reißen und es dem eigenen Willen unterwerfen! Also hab ich mir den Tag des Tanabata-Festes zum Anlass genommen, die FF nun auch hier hochzuladen (und wo ich gerade diesen Feiertag erwähne: Ihr kennt den Drill: Try not to cry, lie down, ... ;) ).

    In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen.

    Danken möchte ich an dieser Stelle auch noch meinem Freund / Betaleser / Kummerkasten für all die Geduld, mir wieder und wieder das Prinzip von Zeitlinien zu erklären (nicht dass ich es inzwischen verstanden hätte^^°) und sich meine kryptischen Andeutungen anzuhören, was ich mit den armen Charakteren hier vorhabe. Fühl dich so doll geknuddelt wie Mayushiis Upa-Kissen ;)


    Hinweise

    | Romanze, Sci-Fi, Slice of Life, Hurt&Comfort | Empfohlen ab 16 | Dub-Con | LGBTQ-Themen |

    Steins;Gate gehört natürlich seinen rechtmäßigen Besitzern. Wie sein Bezugsmaterial ist dieses Werk vollkommen fiktiv und erhebt keinen Anspruch, canon zu sein oder mir einen finanziellen Erlös einzubringen.




    Kapitel 1


    „Wie wir an diesem Scanergebnis sehen, ist das menschliche Gehirn im Kleinkindalter noch sehr gut darin, erlittenen Schaden zu kompensieren. Im Alter allerdings…“

    „Wow!“, rief Mayuri begeistert. „Das ist ja doppelt so groß. Ist Mayushiis Gehirn auch so viel gewachsen?“, fragte sie und strich sich über die Haare, als befürchtete sie, dass ihr Kopf zu groß für ihren restlichen Körper geworden war.

    „Wende deine Augen ab, Mayuri, das ist nichts für eine so zart besaitete Seele wie deine.“ Als seine Kindheitsfreundin fragend den Kopf zur Seite neigte, seufzte er, als würde sie ihn zu einer widerwilligen Erklärung zwingen. Also brachte er sich in Position, streckte seinen Zeigefinger in Richtung der Scans und rief anklagend: „Da ist die Schandtat!“ Er fuhr an der rechten Außenseite des Kleinkindgehirns entlang, auf dessen Rand beim anderen die Mittellinie der Hälften verlief. „Sie zeigen uns die abartigen Machenschaften ihrer verwerflichen Experimente an lebenden Menschen. Ohne Zweifel haben sie diesem armen Wesen einen Teil seines Gehirns entfernt, um zu sehen, wie weit sie gehen können.“

    „Das nennt sich ‚Hemisphärektomie‘ und ist eine medizinisch anerkannte Praxis“, steuerte Daru bei, während seine Augen von Makises Vortrag und dem Wittypedia-Artikel hin und her sprangen wie zwei Tischtennisbälle. „Und überhaupt, setz dich wieder hin, das ist ja peinlich a f.“

    „Gut, dass Kurisu-chan sich davon nicht stören lässt. Sie ist wirklich eine total coole Wissenschaftlerin.”

    Okabe machte einen Schritt zurück und umklammerte mit der Hand seine Schulter, als hätte er einen schweren Stoß erlitten. „Überdenke die Prioritäten deiner Loyalität, Labormitglied 002! Vor dir steht der verrückte Wissenschaftler Hououin Kyouma, der als Koryphäe mit seinem Wissen alle anderen in seinen Schatten stellt!“

    Mayuri lachte nur, während sie ihre Beine vom absichtlich zu hoch gestellten Stuhl baumeln ließ. „Und deswegen ist Okabe-kun der coolste verrückte Wissenschaftler und Kurisu-chan die coolste Wissenschaftlerin.“

    Okabe nickte selbstzufrieden, während sich hinter dem Grinsen eine Überzeugung manifestierte. „Wohl gesprochen, Labormitglied 002. Du hast die Situation erfasst. Sie ist mein Gegenstück, meine Antagonistin, der Kain zu meinem Abel.“

    Daru zog eine Augenbraue hoch. „Ihr seid weder verwandt, noch will sie dich umbringen“, murmelte er, doch Okabe war schon zu tief abgetaucht.

    „Sie vollbringt den vergeblichen Versuch, Ordnung in mein Chaos bringen zu wollen. Ein törichtes Unterfangen. Versteht sie denn nicht, wie viel Geistesreichtum hinter meinem Wirken steckt? Hach, der Tag des jüngsten Gerichtes ist nicht mehr fern, an dem die Menschen erkennen werden, was sich im Verborgenen zusammenbraut. Ich spüre es.“

    Wäre Mayuri wie die Anime-Charaktere, die sie cosplayte, würde sie statt Augen wohl funkelnde Sterne haben. Voller Bewunderung starrte sie Okabe an, der die Arme auf die Hüften gesetzt hatte und sein Kinn nach oben reckte, als würde er auf die ganze Welt heruntersehen können.

    „Ja ja“, sagte Daru und bewegte seine flache Hand auf und ab. „Und jetzt stfu, ich kann Kurisu kaum verstehen.“

    „Daru, hör gefälligst lieber dem Kopf dieser Organisation zu!“

    Mayuri kicherte. „Macht euch nichts draus, wenn ihr was verpasst. Ihr könnt sie ja fragen, wenn sie bald zu uns kommt.“

    Einen Herzschlag später war der Bildschirm nur noch Nebensache und die beiden jungen Männer hatten Mayuri mit ihren neugierigen Blicken anvisiert.

    „Was meinst du damit, Mayuri?“

    „Na in ein paar Wochen kommt sie doch nach Japan, um hier ein Semester zu studieren, schon verg- Oh!“, rief sie und setzte ihr albernes Grinsen auf. „Hat sie euch noch gar nichts davon erzählt?“

    Daru zuckte mit den Schultern. „Bei mir überrascht mich das nicht, wir haben nicht sonderlich viel miteinander zu tun.“ Es folgte ein bedeutungsschwerer Blick zu dem Laborkittelträger neben ihm. „Aber Okabe wird sie es sicherlich gesagt haben.“

    Okabe war plötzlich schwer damit beschäftigt, den Kragen seines T-Shirts zurecht zu ziehen. „Celeb-17 scheint sich wohl für zu besonders zu halten, um anständig Bescheid zu sagen.“

    „Hätten wir uns denken können, dass ihr nicht miteinander redet. Ansonsten hätten wir uns wohl auch nicht in den unieigenen Livestream hacken müssen, bis Mayuri sie gefragt hat, ob wir mit in den Link-Verteiler aufgenommen werden.“

    „Ihr habt dem Feind unsere Email-Adresse bereitwillig in die Hände gespielt? Daru, das sind qualifizierte Informationen!“

    „Was raget du hier so rum? Von ‚Chuunibyou4869‘ wird man wohl kaum auf unsere Existenzen kommen - nun, allenfalls auf deine, aber es würde mich nicht wundern, wenn du auf der ganzen Uni schon questionable fame hättest. Allerdings haben wir da nie etwas anderes als die Mails ihrer Assistentin bekommen. Die größte Enttäuschung seit EAs Lootboxen.“

    Mayuri legte den Kopf schief, ihren Zeigefinger an ihr Kinn gelegt. “Und dabei schien sie so aufgeregt gewesen zu sein.“ Sie zückte ihr Handy und scrollte durch den Rine-Verlauf. „Hier, schaut mal.“


    Yay, Kurisu-chan kommt uns besuchen. Tuturu :3


    Ja, das letzte Mal ist ja schon echt lange her.

    Steht das Labor überhaupt noch? ;)

    Klar. Ich sag Okabe, dass er endlich mal aufräumen soll. Sowas kann man einem Mädchen nicht zumuten! Obwohl, wo sollen dann die armen Staubmäuschen leben…?


    Okabe knurrte und setzte zu einem Kommentar an, doch Daru scrollte nur mit seinem dicken Zeigefinger ein paar Nachrichten weiter.


    Also dann, bis zum 15. =)

    Ich kann es kaum noch erwarten *freu* ^-^


    In einer vagen Ahnung scrollte Daru ein Stückchen hoch und prompt erschien das Datum der Textnachricht oben auf dem Bildschirm.

    „05.06.“, las Okabe vor. Ruckartig drehte er sich um und hastete zum Kalender, an dem Mayuri mit ihrem Upa-Stempel die vergangenen Tage markiert hatte. Sein Mund blieb offen stehen, als er pink auf türkis sah, wie seine Tage gezählt waren.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)

  • Kurisu starrte über ihren Monitor hinweg, als würde sie die Person am anderen Ende des Tisches nie wieder für voll nehmen können. Als sie merkte, dass sie ihre Kollegin bei dem Winkel gar nicht sehen konnte, stand sie sogar auf. “Was hast du da mit Amadeus angestellt?!”

    Maho tat gar nicht erst so, als würde sie nicht zum offensichtlichsten Kreis der Verdächtigen gehören. “Ich habe sie nur etwas aufgehübscht. Gefällt es dir etwa nicht?”, fragte sie mit einem Unschuldsgrinsen.

    Kurisu ließ sich entnervt auf den Stuhl fallen, das Gesicht hinter ihrer Hand verborgen. “Ich sehe aus wie die Fantasie eines Otakus.”

    Maho runzelte die Stirn, aber es gab Wichtigeres, als diesen Begriff zu klären. “Wolltest du nicht immer schon mal wissen, wie du in einer japanischen Schuluniform aussiehst?”

    “Das ist noch lange kein Grund, die KI dafür zu missbrauchen. Wir haben Regeln, Maho. Sie ist kein Spielzeug.”

    “Also ihr gefällt es", hielt Maho dagegen, während Amadeus nicht aufhören konnte, an der Schleife vor ihrer Brust und dem viel zu kurzen Rock zu ziehen. Ersteres aus Faszination, Letzteres, um wenigstens einen angemessenen Bereich ihrer Beine zu bedecken.

    Kurisu schüttelte den Kopf und durchforstete den Code, um herauszufinden, wo Maho diesen Skin versteckt hatte. “Wo hast du den überhaupt her?", fragte sie abwesend, während ihre Augen die Zeilen des Codes überflogen.

    “Den hab ich übers Internet gefunden. Irgendsoein Typ namens ‘Dash’ hat was Passendes entwickelt.”

    Kurisu schreckte aus ihrer Konzentration hoch, doch nach einer kurzen Überlegung schüttelte sie den Kopf. Die Welt war ja wohl größer als ein Stadtteil. “Du kannst doch nicht einfach so Sachen aus dem Netz ziehen. Was, wenn das ein verborgener Angriff eines feindlichen Landes war, das uns ein Gratisgeschenk einschleust und damit unser System von Innen heraus infiltrieren will?”

    Maho klopfte mit ihren dünnen Fingern auf ihre Maus, während sie das Ende der Ansprache ihrer Kollegin abwartete. Aus unerklärlichen Gründen hatte diese, trotz ihrer alles überschattenden Intelligenz, seit etwa einem Jahr eine Schwäche für pathetische Apokalypse-Szenarien entwickelt, die mal amüsant, mal komplett abstrus waren. “Kannst du nicht einfach mit dem Wort ‘Trojaner’ herumschmeißen wie jeder andere Technik-Noob auch? Aber keine Sorge, ich habe das durch alle Virenscanner laufen lassen, die mir einfielen, inklusive dem Null-Toleranz-Ding unserer Uni. Dann hab ich seinen Code noch mal in ‘ner abgesicherten Umgebung durchforstet.” Ein kurzer Blick über den Bildschirmrand ließ sie sehen, wie Kurisus Kopf sich vor Ratlosigkeit immer weiter zur Seite neigte, weshalb sie schnell abkürzte: “Und dieser ganze Aufwand, obwohl die japanischen Unis ihre Schuluniformen schon längst abgeschafft haben - und jetzt freust du dich nicht mal!”
    Maho schaute genüsslich dabei zu, wie sich Kurisus Gesichtsausdruck vor ihren Augen veränderte. Verständnislosigkeit wechselte zu Überraschung, zu Ungläubigkeit und zu vorsichtiger Vorfreude. “Meinst du gerade das, was ich denke?”, fragte sie zaghaft, so als könne sie ihren eigenen Schlussfolgerungen nicht glauben.

    Einen Moment lang genoss Maho dieses sonst nie auftretende Phänomen. “Hattest du da etwa Zweifel? Keine Universität, die noch halbwegs richtig tickt, würde dir ein Auslandssemester verwehren.” Einen Mausklick später präsentierte Amadeus ihrem Ebenbild das entsprechende Schreiben mit ihrem besten Gewinnspiel-Lächeln.

    “Oh mein Gott!”, rief Kurisu und sprang so eilig auf, dass der Stuhl hinter ihr zu Boden fiel. “Das ist ja der Wahnsinn!”

    Maho legte sich demonstrativ eine Hand auf ihr überstrapaziertes Ohr. “Ich wusste ja gar nicht, dass du dich so darauf freust, wieder von hier wegzukommen.”

    Maho kam es noch wie gestern vor, dass Kurisu von ihrer ersten Auslandsreise zurückgekommen war. Die ersten zwei Wochen hatte sie sich eine Auszeit bei ihrer Mutter gegönnt. Nach den erschütternden und verwirrenden Nachrichten, die sich nach dem Vorfall im Radiogebäude verbreitet hatten, konnte Maho das gut verstehen.
    Als Kurisu dann später überraschend im Labor aufgetaucht war, hatte das Gehirn ihrer kleinen Freundin erst wieder angefangen zu funktionieren, als sie das Genie in einer festen Umklammerung gefangen gehalten hatte. Maho hatte nicht gedacht, dass ein Wiedersehen so emotional sein würde, aber die Vorstellung, Kurisu nie mehr wiederzusehen, hatte ihr noch immer in den Knochen gesteckt.

    “Das ist es doch gar nicht", verteidigte Kurisu sich nun zögernd.

    Maho winkte ab. “Ich weiß schon, woran es liegt", sagte sie mit einem listigen Grinsen. Immerhin hatte Kurisu sich nur ein paar Wochen, nachdem sie wieder gearbeitet hatte, gleich wieder freigenommen. Da ergab ihr Grund “ein paar Bekannten das Land zeigen” von damals doch gleich viel mehr Sinn. “Zu schade, dass du uns deine neuen Freunde nicht vorgestellt hast. Das scheinen ja ein paar ganz besondere Leute zu sein.”

    Kurisus sanftes Lächeln wegen der Erinnerung wurde schnell durch ein professionelles “Ich sollte mit Professor Leskinen reden" ersetzt.

    “Der ist in seinem Büro. Vermutlich weint er sich gerade die Augen aus, dass er dich wieder gehen lassen muss. Wie gewonnen, so zerronnen.” Maho zuckte mit den Schultern.

    Kurisu seufzte. “Ich werde versuchen, besonders einfühlsam zu sein - Und wenn ich wieder zurück bin, hast du Amadeus gefälligst dieses Ding da ausgezogen!”

    Maho betrachtete den Bildschirm und runzelte die Stirn. “Schwierig. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich das eingebaut habe…”

    “Oder ich ziehe meine Einwilligung zur Zusammenarbeit zurück.”

    Maho schaute ihr nur mit einem müden Lächeln hinterher. Bei der Begeisterung, die Kurisu bei jeder kleinen Errungenschaft hatte, würde das wohl nur in einem Zustand vollkommener Unzurechnungsfähigkeit eintreten. Und selbst dann war ihrer nicht der einzige Datensatz im System.

    “Tja, Amadeus, du hast sie gehört. Das war es dann wohl mit deinem Ausflug in die Welt der ausländischen Mode.”

    Die KI machte große Augen und verschränkte die Arme, als könnte sie Maho so daran hindern, ihr die Kleider gewaltsam vom Leib zu reißen. “Aber du hast dir doch all die Mühe gemacht…”, versuchte sie das anzubehalten, was man als Außenstehender wohl als ‘Nicht geeignet für den Arbeitsplatz’ bezeichnen würde.

    Maho konnte das Grinsen nur schwer zurückhalten. “Was Kurisu nicht weiß...” Sie ließ den Satz wie ein verschwörerisches Angebot im Raum hängen, während sie implementierte, was sie das ‘Kleiderschrank’-Add-on getauft hatte.
    Die Augen der KI wurden groß, als sie mit dem Äquivalent von Gedanken ihre neuen Optionen durchsuchte. Nicht mal eine Minute später wusste Maho, wie Kurisu im verspielten Rüschenbikini, als Magical Girl, in Rüstung mit hochgesteckter Flechtfrisur oder als Soldatin aussah. Jetzt bedauerte sie zutiefst, dass Amadeus merkte, wenn man Screenshots anfertigte.

    Maho spürte eine seltene Art von Erleichterung, als sie dabei zusah, wie entzückt Amadeus sich von allen Seiten betrachtete. “Gut zu wissen, dass du genauso verrückt sein kannst wie wir anderen auch. Manchmal vergesse ich das.”

    Amadeus, noch ganz fasziniert von ihrem neuen Erscheinungsbild, hob fragend den Kopf, als sie den Stimmeninput bemerkte. Sie öffnete den Mund, dessen Winkel sich gleich nach unten bewegte, als die Maus zum rechten oberen Rand des Programmes fuhr. “Wir sehen uns dann morgen”, verabschiedete Maho sich wie an jedem anderen Tag und wie jedes Mal hob Kurisus Ebenbild eine Hand zu einem kurzen Abschiedswinken, bevor der Bildschirm schwarz wurde.

    Erfahrungsgemäß durfte man der KI dabei nicht zu viel Zeit geben, denn sie verhandelte besser als ein Kind, das noch nicht ins Bett wollte. Manchmal kam es Maho so vor, als müsste sie noch einmal extra die Überzeugung einprogrammieren, dass es wirklich nur ein paar Stunden sein würden, bis das Programm wieder aktiviert werden würde. Ob nun für die Arbeit oder aus Faszination über ihr Schaffen, konnte Maho sich nicht erinnern, das Programm einen Tag lang mal nicht gestartet zu haben.
    Einmal hatte sie es sogar an einem regnerischen Sonntag auf der Couch in ihrer löchrigen Jogginghose und mit fettigem Haaransatz geöffnet, nur um einen Rat zu bekommen, was sie an diesem langweiligen Tag anstellen sollte. Als statt einer Antwort nur schallendes Gelächter aus dem Lautsprecher gekommen war, war das Programm länger hochgefahren, als es gelaufen war.

    Sie hörte die vertraute Lüftung des PCs sterben und betrachtete einen Moment ihr Spiegelbild in der Schwärze des Monitors. “Dummkopf. Es ist doch kein Abschied für immer”, murmelte sie vor sich hin, schnappte sich ihre Tasche und stand auf. Sie warf einen Blick zum Büro des Professors, durch dessen Tür Kurisu vorher verschwunden war. Ihr Gespräch war durch die Tür zu hören, aber zu gedämpft, als dass Maho mehr als ein paar Wörter verstehen konnte. Sie schob den Gedanken, sie zu stören, beiseite, bevor er sich richtig manifestiert hatte. Es kam ihr so falsch vor, ihnen einfach wie immer “Bis morgen” zu sagen, wenn da drinnen gerade die Vorbereitungen getroffen wurden, die das bald ändern würden. Also schnappte sie sich nur ihre Tasche, legte den Lichtschalter um und verschwand aus dem Gebäude.


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    Einmal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 3

    Okabe saß auf dem Sofa, den Körper nach vorne gebeugt, während er auf die Tischplatte starrt, als würde er im nächsten Moment mit einem Laserblick ein Loch hineinbrennen. Daru hatte ihn selten so konzentriert gesehen. Für gewöhnlich lief er beim Brianstorming wie ein aufgeschrecktes Huhn durch die Gegend (laut eigener Aussage würde es ihm beim Denken helfen, aber Daru war überzeugt, dass seinem besten Freund stattdessen jede Ablenkung in den Kram passte, die ihn darüber hinwegtäuschen konnte, dass er in diesem Moment keinerlei wissenschaftlichen Fortschritt bei seinen Experimenten hatte). Das Bild, was sich ihm jetzt bot, war deswegen um einiges beängstigender. Okabe wirkte, als wäre er tatsächlich auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Durchbruch - oder als ob er zumindest mit allen Kräften daran arbeitete.
    „Kann man dir helfen?“, fragte Daru - nicht dass er das vorgehabt hätte. Es erschien ihm nur wie der beste Weg, um Informationen aus ihm rauszubekommen. Auch wenn er sich dahingehend eigentlich keine Sorgen machen musste. Obwohl Okabe sich aufführte, als wäre er auf dem besten Weg, die Welt mit Hilfe seiner verrückten Experimente zu unterjochen, war er erstaunlich freizügig, was seine Informationen über laufende Projekte anbelangte. Als Okabe jedoch nur langsam aus seiner Starre erwachte und wie in Trance hochschaute, war Daru deshalb drauf und dran, einen Polizei- oder Krankenwagen zu rufen, weil er ein ernsthaftes Problem vermutete. Obwohl, wenn er bedachte, wie staatliche Autoritäten reagierten, wenn sie auf ihn trafen, war das vermutlich doch keine so gute Idee. Ansonsten könnten sie ihn wohl nur noch zu festgelegten Zeiten zwischen seinen Therapien besuchen.
    Also durchsuchte Daru schon einmal sein Adressbuch, um die Nummer von Okabes Mutter zu wählen, als dieser mit unheilverkündender Stimme sprach: „Daru, bereite dich darauf vor, dass die Welt, wie wir sie kannten, in ihren Grundfesten erschüttert werden wird.“
    An sich war diese Verheißung nichts Neues, wo er sie mindestens einmal in der Woche aussprach, aber für gewöhnlich folgte das Lachen eines Mad Scientists und nicht das Seufzen eines Sad Scientists darauf. War dieses Mal etwa wirklich etwas dran? Daru schluckte. Wenn dem so war, war das eine Nummer zu groß für ihn. Und wenn es um das Ende der Welt ging, gab es sowieso nur eine Person, die es mit Okabe auf einem Level aufnehmen konnte. „Das heißt, ich darf Faris anrufen und ihr sagen, dass es ein Notfall ist und sie sofort herkommen muss wegen … ach, das ist doch nebensächlich.“ Breit grinsend drückte er schon die Kurzwahl der Maid, doch Okabe schüttelte seinen hängenden Kopf.
    „Ich fürchte, sie ist Teil des Problems. Die ehrenwerte Nachfahrin von Anubis wurde von der dunklen Seite korrumpiert und hat sich mit unseren Widersachern verschworen.“
    „Hm, wenn Dunkelheit unser Gegner ist… Vielleicht kann Magical Girl Mayuri-"
    „Nein, Lab 002 unterliegt einer schwerwiegenden Sinnestäuschung und wurde von der Herrin der Finsternis manipuliert, damit diese in unser Land einreisen kann und Zugriff zu unseren Forschungsmethoden bekommt, um uns alle zu unterjochen.“
    Daru rollte mit den Augen. So langsam dämmerte es ihm, welches drohende Unheil Okabe in diesen Zustand versetzt hatte, und es wurde ihm mit einem Schlag peinlich, dass er es auch nur eine Sekunde lang ernst genommen hatte. „Jetzt macht doch nicht so einen Aufstand, nur weil wir Besuch kommen. Kurisu ist doch echt nett und ihr habt euch letzten Sommer super verstanden - was echt merkwürdig war, weil sie das einzige weibliche Wesen seit Langem ist, das nicht schreiend vor dir wegläuft.“
    „Ich habe viele ‚weibliche Wesen‘ in meinem Gefolge, Daru.“
    „Nun, technisch gesehen ja, aber das ist nichts, worauf man stolz sein kann. Eine davon musstest du als Geisel nehmen, eine andere sieht dich vermutlich nur als ihr Katzenspielzeug, die andere könnte dich mit einem Blick auf die Bretter schicken und ist vermutlich eher eine Stalkerin, die du nie wieder los wirst“, Daru machte eine kurze Pause und schickte ein Stoßgebet zum Anime-Papst, dass es sich dabei nicht um eine Yandere handelte, „und die letzte ist eine Trap. Okay, eine verdammt heiße Trap, aber das zählt nicht. Und sag Ruka nicht, dass ich das gesagt habe. Obwohl, außer ich kriege zu sehen, wie er wegen des Kompliments rot anläuft. Es ist immerhin nicht gay, wenn man ‚no homo‘ sagt.“
    „Daru, das Problem ist hier nicht mein Gefolge-“
    „Du meinst wohl deinen Harem“, korrigierte Daru und verschränkte die Arme. Was fanden alle nur an einem hageren Möchtegern-Wissenschaftler, wenn sie einen Mann haben konnten, der in der Kunst geschult war, jedem Typ Frau das Gefühl der Wertschätzung zu geben, das sie so sehr überwältigte, dass es früher oder später zu körperlichen Aktivitäten von allen erdenklichen Punkten des Spektrums kam? Andererseits hatten 3D-Mädchen bekanntlich die Eigenschaft, dass sie neidisch auf ihre pixelige Konkurrenz wurden und ihnen die so dringend benötigte Zuwendung nicht gönnten. Und da Daru wusste, wie sehr seine Waifus seine Aufmerksamkeit brauchten, die jede einzelne von ihnen verdient hatte, musste er wohl oder übel akzeptieren, dass Erfüllung im RL wohl wirklich nur ein Mythos war, egal wie viele Isekais man durchstreifen würde.
    „-Sondern dass mir nur noch zwei Tage bleiben, um eine bestmögliche Strategie zu entwickeln, wie ich der Lage Herr werden kann. Wenn der Feind in mein Territorium kommt und ich ihm nichts entgegen zu setzen habe, werde ich gnadenlos von ihm überrannt werden. Scheinbar hat sie schon Labormitglied 002, 006 und 007 auf ihre Seite gezogen.“
    Daru brauchte einen Moment, um den Code zu entziffern, und nach einer Schrecksekunde rief er atemlos: „Nein, alles nur nicht meine Neko-Göttin!“ Dann fiel ihm ein, wen er gerade über die Planke hatte laufen lassen, und er fügte hinzu: „Und unser Genki Girl und die Trap, schätze ich.“
    „Doch, mein treuer Freund. Ich sage dir, uns stehen wahrlich schwere Zeiten bevor. Vielleicht können wir unsere Freunde noch retten, aber uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn sie erst einmal völlig von dem Charisma umgepolt worden sind, haben wir kaum noch eine Chance, zu ihnen durchzudringen. Dann bleibt uns nichts mehr übrig, als sie zu unserer eigenen Rettung für immer aus diesem Refugium zu verbannen.“
    Daru schluckte. „So etwas dürfen wir auf keinen Fall zulassen.“
    „Du hast es erkannt. Deswegen schlage ich vor, wir entwerfen gemeinsam einen Schlachtplan. Also, was schlägst du vor?“
    Daru runzelte die Stirn. „Wieso denn ich?“
    Okabe blinzelte und mit einem Mal hatte sich sein Feuereifer in Rauch verwandelt. „Na weil… Du kennst dich doch mit dem anderen Geschlecht aus! Also nutze dein unendlich sinnloses Wissen der verschwendeten Stunden zum Schutz unseres Labors!“
    Daru verschränkte die Arme. „Was soll das denn jetzt heißen? Außerdem hab ich kp, wenn sie versuchen, mich umbringen zu wollen - wenn überhaupt würden sie eher alle anderen außer mich umbringen.“
    Okabe schloss die Augen. „Lass uns hoffe, dass Mord nur im äußersten Notfall ein Mittel zum Zweck sein muss.“
    Einen Moment schwiegen die beiden, verschreckt von der Tragweite dieser Worte. Dann fragte Daru langsam: „Okay, noch mal auf Anfang. Was genau befürchten wir, was passieren wird?“
    Okabes Blick wurde finster. „Dass Kurisu Makise mich als rechtmäßigen Herrscher unseres Labors stürzen wird.“
    Daru machte große Augen. „Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wann genau ist es so weit?“
    „Morgen Abend wird sie am Flughafen ankommen und von ihrer persönlichen Eskorte in Empfang genommen werden.“
    Daru reckte die Arme gegen Himmel. „Hentai-Genius-Boss ftw“, rief er. „Meinst du, sie bleibt dann für immer, wenn sie ihr eigenes Labor bekommen hat?“
    Okabe vergrub den Kopf in seinen Händen. Dann löste er eine, kramte sein Handy hervor und hielt es sich ans Ohr. „Ich bin es. Scheinbar ist nun auch mein engster Verbündeter zum Feind übergelaufen … Nein, ich kann jetzt nicht aufgeben. Ich muss mich dieser Infektion entgegen stellen, die 'The Zombie' auf uns wirkt. Ein wahrlich grauenhaftes Schicksal, zu einer ihrer willenlosen Marionette zu werden, die ihr bei ihrem Verlangen nach menschlichen Gehirnen helfen … Ja, das Schicksal der Welt liegt nun in meinen Händen. Es wird Zeit, dass Hououin Kyouma sich erneut aus der Asche erhebt und die Welt vor ihrem Untergang bewahrt. El. Psy. Kongroo.”



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  • Maho hatte schon immer gewusst, dass es sich lohnte, ihrem Instinkt zu folgen, und dieser Abend war nur eine weitere Bestätigung. Immerhin hatte sie schon im Voraus genau gewusst, wie es ablaufen würde, und das hatte sich jetzt bewahrheitet. Sie stand mit dem Rücken zur Wand, doch statt dass es ihr Sicherheit gab, weil sich niemand von hinten anschleichen konnte, machte es sie nur noch fahriger. Das Glas in ihrer Hand half dabei nicht. Sie hatte schon so viel Alibi-Nippen vollführt, um nicht nur doof in der Gegend rumzustehen, dass nur noch ein kleiner Schluck darin war. Zwischendurch hatte sie sich zu ein paar anderen Wissenschaftlern gestellt und versucht, sich in ihre Gespräche einzubringen, doch entweder hatten sie völlig andere Fachgebiete, bei denen Maho nicht mitreden konnte, oder Themen, bei denen sie nicht mitreden wollte. Irgendwie war es schwer, die grotesken Verhaltensweisen von Kleinkindern drollig zu finden, wenn sie mit Essen um sich warfen oder die Wände bekritzelten. Eine weitere Bestätigung, sich erst in weiter Ferne damit zu befassen.

    Sie schaute sehnsüchtig auf die Uhr. Es war halb Acht, die Party hatte vor noch nicht einmal zwei Stunden begonnen. Mit dem Essen waren sie bereits durch, und abgesehen von den Gästen gab es nichts, was fürs Bleiben sprach - in ihrem Fall war es sogar so, dass sie möglichst schnell nach Hause wollte. Sie hatte ein Bett, dessen Ruf immer stärker wurde, und mindestens drei elektrische Geräte, die sie besser unterhalten würden, als die ‘Intellektuellen’ hier es taten.

    Maho zuckte mit den Schultern, leerte ihr Glas in einem Zug und stellte es auf das Tablett eines Kellners, nachdem dieser schon drei Mal an ihr vorbei gelaufen war, ohne Notiz zu nehmen. Die Hände in den Taschen lief sie durch den Raum, vorbei an Menschen, die sie nicht wirklich beachteten. Ein paar erkannte sie aus ihrem Fachbereich wieder, doch zu mehr als einem Nicken hatten beide Parteien keine Lust. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen und machte extra noch einen Umweg, damit es nicht so aussah, als würde sie auf dem schnellsten Weg auf die Tür zusteuern.

    Aus Neugier durchsuchte sie die Menge nach einem bekannten Gesicht, als sie jemanden anrempelte. Innerlich machte sie sich bereits auf einen verärgerten Kommentar gefasst, doch als sie das Lachen hörte, hätte sie es liebend gern dagegen eingetauscht. “Na, was schaust du denn so verträumt?”, fragte Professor Reyes. Wie immer, wenn sie mit Maho sprach, neigte sie sich etwas zu Boden, was der Angesprochenen einen genervten Blick abrang. Ihr Versuch, den Größenunterschied zu kompensieren, machte ihn für sie nur noch offensichtlicher.

    “Das tue ich doch gar nicht. Ich wollte nur mit Kurisu reden.” Es schien ihr wenig angemessen, sich nicht wenigstens von der Person zu verabschieden, zu deren Ehren diese Party veranstaltet wurde. Allerdings gab es hier so viele Leute, dass eine weitere Verabschiedung ihr sicher nicht fehlen würde.Genau genommen hatten sie sich die letzten Tage so oft darüber unterhalten, dass Kurisu sie bald verlassen würde, dass eine ‘richtige’ Verabschiedung nur noch eine Formsache sein würde.

    Reyes nickte, doch das Lächeln verschwand nicht von ihrem Gesicht. “Ich würde es mal bei Professor Leskinen versuchen.”

    Maho rollte mit den Augen. War ja klar, dass er in ihrer Nähe sein würde. Es war typisch, ihn neben den vielversprechenden Frauen seiner Abteilung zu sehen (auch wenn Maho vermutete, dass er in seinem Kopf eine klare Rangliste hatte). “Danke. Schönen Abend noch.” Und bevor Reyes noch irgendwas hinzufügen konnte, lief Maho zielstrebig durch den Raum.

    Es war einfach, seine Stimme unter den Anwesenden auszumachen. Sie war es gewöhnt, ihn jeden Tag zu hören, aber auch so dominierte er die meisten Gespräche um ihn herum. Maho machte sich gar nicht die Mühe, einen Fuß in das Gespräch zu bekommen, und tippte nur Kurisu am Ellenbogen an. Ihrem höflichen Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren ihre Gedanken sowieso gerade ganz woanders als bei Leskinens letztem Wanderausflug durch die Berge (vermutlich weil er ihnen bereits davon erzählt hatte, nur erinnerte Maho sich an viel mehr Gaststätten auf seinem Weg).

    “Ich mach mich dann mal so langsam auf den Weg.”

    Zu Mahos Verwunderung sprach nicht zuerst Kurisu, sondern der Professor: “Was, du willst uns schon verlassen, Maho?”, fragte er ehrlich verwirrt.

    Maho verzog das Gesicht. Hätte er das nicht noch lauter sagen können? Dann hätte sie nicht nur die Aufmerksamkeit der umstehenden Personen, sondern auch des ganzen Raumes auf sich gehabt.

    Kurisu schien das auszublenden. “Es ist wirklich relativ früh”, sagte sie mit einem Blick zur Uhr. “Geht es dir nicht gut?”

    “Wenn du wüsstest”, hätte Maho am liebsten gesagt, aber sie verbiss sich die kryptische Anspielung. Ihre persönlichen Probleme wirkten in dem Moment mehr als fehl am Platz. Allerdings hatte sie auch keine Ausrede, was sie stattdessen sagen sollte. “Ich ... ähm … hab noch etwas vor.”

    Kurisu drehte den Kopf und schaute sie schelmisch an. “Ach ja? Etwas Wichtigeres als meine Feier?”

    “Das habe ich so nicht gesagt”, antwortete Maho und vergrub ihre Hände tiefer in ihren Taschen.

    Kurisu kicherte. “Ist doch kein Problem. Komm, ich bring dich noch zur Tür. Entschuldigt mich bitte kurz.”

    Leskinen schien ernsthaft zu bedauern, dass er nun einen Zuhörer weniger hatte, und beklagte sich entsprechend, doch die anderen Menschen waren so höflich, ihre eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Trotzdem war es ihnen anzusehen, dass sie auf jeden Fall noch ein paar Worte mit der jüngsten Wissenschaftlerin ihrer Universität wechseln wollten.

    Mit Kurisu im Schlepptau machte sich Maho auf zur Garderobe und war überrascht, als auch ihre Kollegin nach ihrer Jacke griff. Sie runzelte die Stirn. “Was wird denn das?”

    Kurisu lächelte verwegen. “Nur eine kleine Auszeit. Die werden auch einen Moment lang ohne mich klarkommen.” Sie streifte sich die Jacke über wie einen Laborkittel. “Kommst du jetzt?”

    “Klar”, sagte Maho schnell, die über den Rollenwechsel noch immer verwirrt war. Sie zog sich im Gehen an, was gar nicht so einfach war, weil sie drei Mal den Ärmel verfehlte. Zum Glück hatte Kurisu ihre Augen nach vorn gerichtet und keine Ahnung, mit was sich ihr Senpai da gerade abmühte. “Willst du irgendwo hin?”

    “Keine Panik, ich werde doch nicht von meiner eigenen Party fliehen.” Kurisu schaute über ihre Schulter, doch der Blick in Mahos Richtung war kein anklagender.

    Maho folgte ihr durch die Gänge der Universität, heraus aus dem Trakt, den sonst keiner von ihnen benutzte. Die meisten Tage führten sie nur ins Labor, die Bibliothek und gegebenenfalls in die Mensa, wenn ihr Körper sie daran erinnerte, dass sie auch mal etwas essen sollten.

    Sie schritten zusammen durch eine der großen Eingangstüren der Universität und sofort spürte Maho die kalte Nachtluft auf ihrer Haut. Es war zwar Sommer, aber sobald die Sonne weg war, war es nicht mehr warm genug, um nur ein Kleid zu tragen. Sie fühlte die Kälte an ihren Beinen hochkriechen. Warum konnte man auf Partys nicht in normaler Kleidung kommen?

    Schweigend gingen sie die Stufen vor dem Gebäude herunter und passierten die imposant angelegten Grünanlagen. Maho hatte nie wirklich einen Blick für sie gehabt. Sie war meistens damit beschäftigt, pünktlich ins Labor zu hasten, oder, auf den Feierabend fixiert, schnell heimzugehen. Diesmal war es besonders angenehm, denn nach den Vorlesungen lag der Campus nur noch verlassen da. Obwohl das Semester erst vor Kurzem wieder begonnen hatte, streiften nur ein paar Studenten einzeln umher. Maho machte ihnen keinen Vorwurf. Ohne die Veranstaltung wäre auch sie hier nicht mehr anzutreffen.

    “Maho?”, hörte sie Kurisu fragen und war verwundert, ihren Kohai auf der Grenzmauer sitzen zu sehen.

    Sie ging Maho gerade mal bis zur Brust, was für eine Mauer lächerlich niedrig war, doch trotzdem beäugte sie sie skeptisch. Kurisus Anblick rang ihr ein Lächeln ab. Sie stellte ihre Stimme eine Oktave tiefer und mimte den südländischen Akzent des Hausmeisters: “Junge Dame, du weißt schon, dass es sich hier um Universitätseigentum handelt?”

    Kurisu hielt sich eine Hand vor den Mund, um ihr Lächeln zu verstecken, doch dann konnte sie nicht anders, als zu kichern. “Was habe ich mir nur dabei gedacht? An meinem letzten Tag hier das Inventar zu zerstören, das schon Jahrzehnte vor meiner Geburt Studenten als Sitzplatz gedient hat - und jetzt sei kein Frosch und komm hier hoch, Maho.”

    Nach dieser Aufforderung schien die Mauer ein ganzes Stück gewachsen zu sein und Maho nahm sich einen Moment, um sich die bestmögliche Strategie zu überlegen. Dann fiel ihr auf, dass zu klettern etwas war, was sie zuletzt in der Grundschule getan hatte und was in dem Outfit besonders peinlich enden konnte. Allerdings war auch keiner hier, um ihr dabei zuzusehen.

    Maho wischte den Gedanken an Strategie beiseite. Sie legte ihre Arme auf den von der Sonne erwärmten Stein und versuchte, sich so weit hochzuziehen, dass sie ihr Knie darauf bekommen würde.

    Es brauchte nicht erst Kurisus haltloses Lachen, um zu wissen, dass sie kläglich versagte.

    Maho ließ von ihrem Vorhaben ab und funkelte Kurisu an. “Immerhin hab ich es versucht, also wertschätze das gefälligst”, verlangte sie mit verschränkten Armen.

    “Nimm’s mir bitte nicht übel, aber das sah einfach zu komisch aus.” Elegant ließ sie sich von der Mauer gleiten und landete neben Maho. “Komm, lass mich dir helfen.” Sie verschränkte die Hände zu einer Leiterstufe und schaute ihren Senpai auffordernd an.

    “Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas helfen wird”, sagte sie misstrauisch. Sie wog zwar nicht viel, aber sie konnte schon Kurisus Finger brechen hören, noch bevor sie ihren Fuß darauf setzte.

    “Ach komm, das macht Spaß”, sagte Kurisu und schien einen Augenblick von ihrem Schmollen entfernt zu sein, auf das normalerweise ein Hundeblick als letzter Ausweg folgte. Da Maho noch kein Mittel dagegen gefunden hatte und ihre Kapitulation somit unausweichlich sein würde, entschied sie, direkt nachzugeben.

    Maho seufzte. “Nun gut, aber nur ein Versuch.” Sie gab ihr Bestes, das selbstgefällige Grinsen auf Kurisus Gesicht zu ignorieren, als sie ihren Fuß auf deren Hände stellte. Sie verlagerte das Gewicht mit einem Schwung, und als der wackelige Untergrund unter ihr nachgab, sah sie sich schon auf dem Boden liegen. Instinktiv griff sie nach Kurisus Schulter, doch einen Moment später wurde sie schon nach oben gehievt. Sie fühlte sich so ungeschickt wie ein Kleinkind, wie sie sich an Kurisus festklammerte, doch das vergaß sie ganz schnell wieder, als sie endlich saß.

    “Siehst du, ist doch gar nicht so schwer”, sagte Kurisu und ließ sich zufrieden neben ihr nieder.

    Maho entschloss sich, dazu mal lieber nichts zu erwidern. Sie war sowieso viel zu sehr damit beschäftigt, geradeaus zu schauen. “Scheinbar bin ich gerade zur richtigen Zeit gegangen”, witzelte sie und zeigte mit dem Kopf nach vorn.

    Auch Kurisu schaute sich um und war ähnlich zufrieden mit dem Ausblick, der sich ihr bot. “Stimmt, der Sonnenuntergang ist wirklich wunderschön.”

    Maho lachte. “Du mit deinem geozentrischen Weltbild.”

    Kurisu stupste sie mit ihrem Ellenbogen an. “In Ermangelung eines besseren Wortes, ja. Oder hast du einen passenderen Namen dafür?”

    “Nein, aber ich denke auch nicht, dass er sich durchsetzen würde.” Maho zuckte mit den Schultern. “Die meisten Leute sind zu faul, einen neuen Begriff zu benutzen. Vermutlich wüssten sie nicht einmal, was ‘geozentrisch’ eigentlich bedeutet.”

    Kurisu schüttelte erschütterte den Kopf und legte ihre Hand auf ihre Brust. “In was für einer unverstandenen Welt wir doch leben.” Einen Moment später trat ein wissendes Lächeln auf ihr Gesicht. “Aber ich schätze, das ist nicht das Einzige, was der breiten Menschheit noch nicht bekannt ist.”

    Maho wusste nicht, ob sie erheitert oder verstimmt sein sollte, und entschied, dass sie es von Kurisus Antwort auf ihre Frage abhängig machen würde. “Ach ja? Ist das so? Dann erkläre mir doch mal, was es damit auf sich hat.”

    “Tut mir leid, das ist ein Geheimnis”, erwiderte Kurisu in einem Ton, wegen dem Maho sofort wusste, dass der erste Teil gelogen und der zweite in Stein gemeißelt war.

    “Aber erst anfüttern”, beschwerte sie sich und setzte den Schmollmund auf, den sie vorher bei Kurisu erwartet hätte.

    Leider hatte sie keine solche Superkraft. Vielleicht hätte es irgendwann mit Betteln geklappt, aber dafür hatte Maho zu viel Selbstachtung. Außerdem wollte sie es nicht aufs Spiel setzen, dass Kurisu sich noch öfter fragte, wer von ihnen beiden eigentlich der Senpai war. Schon gar nicht an ihrem letzten Abend hier.

    “Wer weiß, vielleicht wirst du es ja irgendwann erfahren”, sinnierte Kurisu vor sich hin.

    “Als ob”, erwiderte Maho. Für sie stand fest, dass Kurisu nur mit ihr spielen wollte. Aber vielleicht gab es doch einen Anhaltspunkt… Also gut, sie würde wohl oder übel mitgehen. Außer einem bisschen Stolz hatte sie auch nichts zu verlieren. “Ist das der Grund, warum du nach Japan gehen möchtest?”

    Kurisus Grinsen war Antwort genug.

    Maho legte den Kopf schief. “Was gibt es da denn so Interessantes, dass man hier nicht hat?”

    Das Grinsen wurde breiter und ihr Blick unfokussierter, als würde sie sich an all die Gründe erinnern, die sie im letzten Jahr alles in die Wege hatten leiten lassen, um wieder zurück zu dürfen. “Och, es gibt da so Einiges.”

    Maho rollte mit den Augen. “Wenn du mir als Nächstes sagst, dass es nur ein Kerl ist, dann schmeiße ich dich von der Mauer!”

    “Er ist nicht nur ein Kerl!”, entgegnete Kurisu und als sie Mahos Hand auf ihrem Rücken spürte, fügte sie hinzu: “Und er ist auch nicht der Grund, warum ich dorthin gehe. Eigentlich ist er der kleinste Grund - und das auch nur, weil es unausweichlich ist, dass es etwas mit ihm zu tun haben wird. Glaub mir, wenn es nach mir ginge, würde ich ihn am liebsten gar nicht brauchen.”

    “Schon klar”, sagte Maho, die sich fühlte, als würde das Gespräch mit jedem Wort mehr an Reiz verlieren. Entweder Kurisu war eine grottenschlechte Lügnerin, weshalb sie so viele Andeutungen über diesen unwichtigen Typen machte, oder sie erzählte die Wahrheit, wodurch sie immer noch zu viele unnötige Andeutungen über einen unwichtigen Typen machte. Einerlei war dies eine Richtung, die Maho nicht einschlagen wollte. “Also wenn er nicht der Grund ist…”

    Kurisu schüttelte den Kopf. “Es ist besser, wenn du das nicht so genau weißt.”

    Maho schnaubte. “Also bitte, was soll denn schon passieren? Es ist ja nicht so, als würdest du an einer Massenvernichtungswaffe arbeiten.”

    “Nein, das ist es wirklich nicht.” Sie runzelte die Stirn. “Gut, vielleicht in einem sehr, sehr unglücklichen Fall, aber solange wir uns ausdrücklich auf die theoretische Ebene beschränken, sollte das nicht eintreten.”

    Maho klappte die Kinnlade runter. “Kurisu!”, rief sie so laut, dass sich die Leute auf der anderen Straßenseite umdrehten, “sag mir jetzt sofort, dass sie dich nicht für eine Anti-Materien-Bombe oder so etwas angeworben haben.”

    So schnell hatte Kurisu noch nie ihre Hände erhoben - nicht mal, als es um den Besitzanspruch auf das letzte Stück Kuchen gegangen war. “Ich verspreche dir hoch und heilig, dass dies nicht der Fall ist. Weißt du… Es ist kompliziert. Es gibt vieles über seine Forschungen, was ich noch nicht weiß.”

    Maho rollte mit den Augen. “Und schon wieder geht es um den Typen.”

    Kurisu wollte es gerade mit einem leichten Erröten abstreiten, als Maho nachsetzte: “Aber du wirst trotzdem noch mit uns an Amadeus arbeiten, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief und bedachte Maho mit einem versöhnlichen Seitenblick. “Selbstverständlich. Schließlich bin ich persönlich beteiligt. Nicht dass Amadeus am Ende zu einer Ankleidepuppe verkommt.”

    Maho grinste. “Ach, ich fand eigentlich, dass sie ganz süß damit aussah. Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr. Es stand sogar ein Maidkostüm im Raum.”

    Kurisu erschauderte bei dem Gedanken, darin gesehen zu werden. “Immer diese verdammten Perverslinge. Außerdem stand mir das überhaupt nicht!”

    Maho riss die Augenbrauen hoch. “Ich verlange Bilder! Sofort!”

    “Es gibt keine Bilder!”, rief Kurisu mit einer Vehemenz, die Maho verriet, dass sie eigenhändig dafür gesorgt hatte. Bei so einer Sache war die Androhung von Gewalt für sie vermutlich nicht nur eine Option, sondern gehörte zum guten Ton. Bei der Vorstellung, wie reihenweise Männer vor ihr die Flucht ergriffen, wäre Maho vor Lachen fast von der Mauer gefallen.

    Kurisu ließ den Blick über den Campus hinter sich schweifen. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Wehmut, dass Maho sich fragte, ob sie nicht daran dachte, diesen Ort das letzte Mal zu sehen. “Hier haben wir uns kennengelernt.”

    Maho nickte, während sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals nicht zu groß werden zu lassen. “Ist gar nicht mal so lange her.” Sie überlegte einen Moment. “Das war erst zu Beginn letzten Jahres, oder? Zumindest hat da noch Schnee gelegen.”

    Kurisu nickte. “Ja, ich erinnere mich. Du hattest welchen auf deinem Kopf, als du reinkamst.”

    Maho grummelte etwas Unverständliches, was Kurisu nur noch mehr in Gedanken schwelgen ließ. Sie erzählte weiter: “Dann ist er geschmolzen und ich bin darauf ausgerutscht.”

    “Und hast mich zu Boden gezogen. Ich würde sagen, das war ausgleichende Gerechtigkeit.”

    “Stimmt.” Dann grinste Kurisu über einen Witz, den nur sie kannte.

    Maho konnte sich schon denken, woher sie den hatte. Deshalb war Mahos Stimme entsprechend genervt, als sie nachfragen musste: “Okay, was ist daran so lustig?”

    “Weil ich mir lebhaft vorstellen kann, wie jemand einen Witz a la “Maho hat Kurisu flachgelegt” bringt - und bevor du fragst: Ja, ich debattiere noch, ob ich denjenigen nicht lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde.”

    Maho verzog leicht angewidert das Gesicht. “Ich hoffe, den Teil haben wir noch aus Amadeus rausgelassen.”

    “Keine Panik, ihr Verstand ist rein und unschuldig.”

    “Mhm”, machte Maho nur, was Kurisu zu überhören entschied.

    “Allerdings ist es interessant, dass wir uns selbst an meinem vorerst letzten Tag hier auch über die Arbeit unterhalten.”

    Maho zuckte hilflos mit den Schultern. “Naja, das kommt halt einfach so. Immerhin haben wir uns erst durch die Arbeit kennengelernt. Viel Zeit haben wir ja privat nicht miteinander verbracht.”

    “Stimmt schon”, gestand Kurisu langsam, “aber irgendwie ist das schade, findest du nicht auch? Ich hab das Gefühl, dass wir uns kaum kennen.”

    Maho verzog das Gesicht. Wieso kamen Menschen immer mit diesem sentimentalen Zeug, wenn es längst zu spät war, etwas daran zu ändern? Vielleicht hätte sie dann dieses bedrückende Ziehen in ihrer Brust erst gespürt, wenn sie in ihren eigenen vier Wänden angelangt war. An dem Ort, wo sie in Ruhe erkennen konnte, was es heißen würde, Kurisu nicht mehr wie gewohnt jeden Morgen im Labor zu sehen. Die gemeinsamen Momente, in denen ihre Aufmerksamkeit nicht ihrem gemeinsamen Projekt gegolten hatte, kamen ihr wie nichts vor. Und so, wie Kurisu von ihrer Auszeit sprach, würde sie es am liebsten nicht bei nur einem Semester belassen.

    “Na bitte, du lässt es ja so klingen, als würden wir uns nie mehr wiedersehen”, sagte Maho und hoffte inständig, dass Kurisu nicht sagen würde, dass genau dies der Fall sein könnte.

    Kurisu fuhr sich durch ihre langen, roten Haare und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. “Vermutlich hast du recht. Tut mir leid, dass ich so schrecklich sentimental geworden bin.”

    Maho winkte ab. “Schon vergessen. Ich glaube, du solltest langsam wieder reingehen, sonst denken sie wirklich noch, dass du sie jetzt schon verlassen wolltest.”

    Kurisu kicherte. “Da könntest du recht haben. Dann dir noch einen guten Heimweg, Maho.” Sie ließ sich von der Mauer gleiten.

    Maho landete neben ihr. “Und dir einen guten Flug. Schick mir eine Nachricht, wenn du angekommen bist.”

    “Mach ich.”

    Einen Moment lang standen sie in unangenehmer Stille da. Maho konnte förmlich dabei zusehen, wie Kurisu einen Gedanken debattierte, doch sie kam nicht darauf, welcher es war - immerhin hatte Maho eigene, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

    Ehe Maho sich versah, hatte Kurisu ihre Arme um sie gelegt. Einen langen Moment stand ihr Senpai einfach nur da, überrascht und verwirrt von der plötzlichen Geste. Zögerlich tat sie es ihr gleich und ließ ihre Hände über Kurisus Rücken gleiten, bis sie sich in der Mitte trafen. Dann erwiderte sie den angenehmen Druck.

    Sie hörte Kurisus Kichern ganz nah an ihrem Ohr. “Du wirst wohl nicht oft umarmt.”

    Als sie Maho losließ und einen Schritt zurück trat, schaute Maho sie angesäuert an. Ihre Arme hatte sie verschränkt und die Hände unter ihre Oberarme geklemmt. Sie zuckte mit den Schultern, als könnte sie das peinliche Gefühl abschütteln. “Lass mich doch", murmelte diese nur, um irgendwas zu erwidern.

    Kurisu lächelte immer noch, als sie antwortete: “Tue ich ja. Na ja, es gibt ja immer noch ein nächstes Mal.”

    “Aber wehe du jagst mir schon wieder so einen Schrecken ein. Du kannst auch aus Japan zurück reisen, ohne landesweit in den Nachrichten gewesen zu sein.” Maho war froh, dass seitdem ein ganzes Jahr vergangen war. Damals hätte der bloße Gedanke an das Ereignis ihr einen Schlag in die Magengrube verpasst.

    Kurisu lachte. “Mach dir keine Sorgen, so etwas passiert mir sicher kein zweites Mal. Meine 15 Minuten Ruhm haben mir gereicht.”

    Maho schnaubte wegen der Untertreibung, als Kurisu ihr zum Abschied hinterher winkte.


    Noch tagelang hatten diverse Medien über den Fall berichtet, von dem sich noch heute niemand so recht zusammenreimen konnte, was da passiert war. Doch nichts toppte das erste Mal, dass Maho davon gehört hatte.

    Sie war während ihrer Arbeit nur kurz am Pausenraum vorbeigelaufen. Den Fernseher hatte sie wie gewohnt überhört, bis plötzlich jemand gerufen hatte: “Hey, ist das nicht die junge Wissenschaftlerin von hier?” Sie hätte schwören können, dass ihr Herz einen Schlag ausgesetzt hatte, als sie das Bild von Kurisu reglos in der Lache voller Blut gesehen hatte. Maho hatte die Kaffeetasse aus ihren Händen gleiten gefühlt, doch hatte es nicht verhindern können. Ihre Beine gaben mitten im Schritt nach und die Scherben bohrten sich in ihre Hände, als sie sich auf dem Boden abstützen wollte.

    Erst als sie sich auf der Damentoilette mit einem Verbandskasten und der Iodlösung eines Chemiestudenten notdürftig zusammengeflickt hatte, hatte sie wieder klar denken können. “Sie lebt", hatte sie immer wieder gesagt, während das Wasser über ihre Finger gerannt war und sie gehofft hatte, dass man ihr Schluchzen nicht hörte. Die Gewissheit half wenig, wenn ihre Gedanken immer noch von der Vorstellung beherrscht wurden, die sie bis in ihre Träume verfolgte.

    Eine halbe Stunde später waren ihre Hände mit Pflastern übersät, unter denen die desinfizierten Stellen noch immer leicht brannten und pochten. Sie trommelte auf der Tastatur herum, während sie wartete, doch als der Schmerz durch ihre Hand zuckte, ließ sie davon ab. Es war schon schwer genug gewesen, das Programm zu starten. Ganz zu schweigen davon, sich den nach Kaffee riechenden Laborkittel auszuziehen. Mittlerweile war es der dritte verpasste Anruf, aber sie zwang ihre Sorgen mit Rationalität zurück. Sie war wohl weiß Gott nicht die Einzige, die Kurisu Telefonterror machte.

    “Hey, Amadeus", sagte sie. Die Sprachaktivierung hatte sie den letzten Nerv gekostet, als alle ihre Kollegen das unbedingt auch ausprobieren wollten. Mittlerweile hatte sie das System so umprogrammiert, dass sie sich heiser schreien konnten, solange sie die Strg-Taste nicht drückten.

    “Was gibt's, Senpai?”, kam es einen Moment später.

    “Irgendwas Neues?”

    "Nicht in den letzten 5 Minuten." Amadeus verdrehte die Augen, doch netterweise verkniff sie sich das genervte Lächeln. “Ich sag dir Bescheid, wenn ich etwas finde. Scheint, als wüssten die da drüben selbst nicht, was genau passiert ist.”

    Maho war noch nie so froh darüber gewesen, dass Amadeus’ Bilingualität es ihr ermöglichte, auch die Ebenen eines Textes zu verstehen, die einem reinen Übersetzer meistens verwehrt blieben. Die Wissenschaftlerin lehnte sich im Stuhl zurück und legte ihren Kopf gegen die Kopfstütze.

    “Fertig für heute?”, fragte Amadeus kichernd, auch wenn Maho ihre Nervosität hören konnte. Kein Wunder, wenn die KI spürte, dass die Nerven ihrer Programmiererin noch instabiler waren als ihr Code.

    “Du hast ja keine Ahnung. Du kennst so etwas wie Erschöpfung doch gar nicht.” Noch etwas, das sie mit ihrem Alter Ego gemeinsam hatte. Maho konnte mit Kaffee die Nacht überstehen, doch Kurisu schaffte es sogar noch, sie am nächsten Morgen mit einem Lächeln zu begrüßen, wohingegen Maho gierig nach der Droge griff, weil bei unter drei Tassen gar nichts mehr ging.

    “Das sehe ich anders.”

    Maho verschränkte die Arme. “Red’ doch nicht von Dingen, die du nicht verstehst.”

    Amadeus schnaubte. “Dann mach du doch mal die Augen auf”, forderte sie.

    Probeweise öffnete Maho das rechte, bevor sie nach vorne schnellte und sich mit den Händen am Tisch abfangen musste, um nicht gegen den Bildschirm zu knallen. Das Brennen ihrer Hände war nur eine Randnotiz. Sie wusste nicht, ob sie es dem Schmerz zuordnen konnte, aber sie war noch nie so froh gewesen, doppelt zu sehen.

    Nur um sicher zu gehen, fragte sie trotzdem: “Du bist keine aus Schlafmangel induzierte Halluzination, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. “Nun, ich weiß ja nicht, was du da siehst, und du hast Augenringe wie ein Panda, also ganz abstreiten -"

    “Schon gut", sagte Maho und rieb sich über die Augen, als könnte sie die dunklen Stellen wegwischen. Außerdem hatte es den netten Nebeneffekt, dass sie etwaige Tränen der Erleichterung abfing, bevor Kurisu sie trotz der schlechten Verbindung sehen konnte. “Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich den Spitznamen langsam hinter mir habe.” Allerdings hatte sie auch erwartet, dass ihre Kollegen so schlau wären, zu wissen, dass Japan nicht das Land war, “wo die Pandas herkommen”.

    Amadeus legte einen Finger an ihr Kinn und Maho musste sich zwingen, daran zu denken, dass es sich bei ihr um die digitale Kopie von Kurisus früherem Ich handelte, als diese sagte: “Wobei das eine Information ist, die ich auch habe. Zur eindeutigen Identifikation reicht das noch nicht.”

    “Ist ja schon gut. Keine Chance, dass ich euch so charaktergetreu träumen könnte.”

    Diesmal war es die echte Kurisu, die kicherte und neckend sagte: “Sag bloß, wir suchen dich in deinen Träumen heim.”

    Dabei war es Maho gerade herzlich egal, ob das alles wirklich nur ein Traum sein sollte, solange sie nicht in nächster Zeit aufwachte. Besser die Realität mit einem guten Traum zu verdrängen, als in dieser Version von ihr zu leben. Besser, als wenn Kurisu in einer der beiden Welten nicht mehr existieren würde.

    “Aber in drei Wochen kannst du dich ja selbst davon überzeugen.”

    Maho runzelte die Stirn. “Drei Wochen?”

    “Dann geht doch mein Rückflug, oder hast du das etwa schon wieder vergessen? Schön zu sehen, wie du dich darauf freust.”

    Maho entschied, nicht auf die Fangfrage einzugehen. “Du willst also wirklich so lange bleiben, wie es ursprünglich geplant war?”, fragte ihr Senpai ungläubig.

    Kurisu zuckte mit den Schultern. “Ich sehe da kein Problem drin. Oder soll ich Amadeus erst die Wahrscheinlichkeit berechnen lassen, dass mir so etwas Verrücktes noch ein zweites Mal passiert?”

    Amadeus öffnete den Mund, als wüsste sie bereits, welche Variablen sie zu Rate ziehen musste, doch Maho brachte ihre Kreation mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. “Was ist überhaupt passiert? Selbst die von den Nachrichten scheinen keine Ahnung zu haben.”

    Kurisu verzog das Gesicht. “Ich kann mich an nichts mehr erinnern, außer dass ich in einer Lache voll Blut aufgewacht bin.”

    Maho riss die Augen auf, doch Kurisu rief: “Nicht meins. Ich war vollkommen unverletzt, aber wie es dazu kam… selbst nachdem ich drei Stunden lang von der Polizei verhört wurde, sind wir alle genauso schlau wie vorher.”

    “Und die haben dich wirklich so einfach gehen lassen?”

    “Naja, ohne Wunde war das Blut ganz klar nicht meines, also hab ich wohl auch nichts mit dem Vorfall zu tun gehabt.”

    Maho lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und beschaute ihre Kollegin abschätzig. Jetzt wo sie wusste, dass es ihr gut ging und sie in Sicherheit war, konnte Maho klar genug denken, dass ihr Instinkt hervorkam. “Und hast du rausgefunden, was die Ermittlungen ergeben haben?”

    “Ich hab keine Ahnung. Nach meinen Verhören wurde mir nichts mehr gesagt und auch über die Medien habe ich nichts als haltlose Theorien herausgefunden. Scheinbar weiß niemand so recht, was da passiert ist. Vielleicht war es auch alles nur ein sehr geschmackloser Streich.”

    Maho schüttelte den Kopf. “Wie kannst du da so ruhig bleiben? Wer weiß, was er mit dir vorhatte? Also ich für meinen Teil hätte sofort das Weite gesucht.”

    Kurisu zog eine Augenbraue hoch. “Ach ja? Fühlst du dich in New York etwa sicherer, Miss ‘Lass mich im Dunkeln nicht allein nach Hause gehen’?”

    Maho knallte ihre Hände auf den Tisch und schrie laut auf, als sie an ihre Verletzungen erinnert wurde. Der Schock des Schmerzes ließ ihre Stimme noch eine Spur schriller werden. “Das ist etwas völlig anderes! Nachts allein durch die Stadt zu laufen, ist, als hätte ich darum gebettelt, überfallen zu werden.”

    “Das waren drei Straßen”, erinnerte Kurisu sie grinsend.

    “Und zu allem Überfluss hast du mich vorher auch noch zu einem Horrorfilm überredet. Wie konntest du danach noch erwarten, dass ich nicht hinter jeder Ecke einen Axtmörder vermute?”

    “Ach so. Deswegen hast du ausgesehen, als wärst du gleich in Tränen ausgebrochen, während du gebettelt hast, dass ich dich nicht rausschmeiße.”

    Mahos Haare standen so wirr ab wie das Fell einer fauchenden Katze. “Ich hab gar nicht gebettelt, und geweint hab ich schon gar nicht!”

    Kurisu grinste. “Ich sagte ‘kurz davor’.”

    “Zum Teufel mit der verdammten Semantik!”, sagte Maho, ließ sich zurück in den ächzenden Stuhl fallen und verschränkte die Arme. Das einzig Gute war wohl, dass sie jetzt sicher war, dass Kurisu echt war. In ihren Träumen sagte sie nie so gemeine Dinge.

    “Gewonnen", stellte Kurisu kichernd fest.

    ‘Nichts Neues’, dachte Maho.

    “Ach komm, jetzt schmoll doch nicht.”

    Maho, die ihr Kinn unbewusst noch weiter nach vorn geschoben hatte, korrigierte sich sofort. “Tue ich gar nicht. Das muss dir wegen der schlechten Videoübertragung so vorkommen.”

    “Wie dem auch sei, mach lieber schon mal eine Liste, was ich dir mitbringen soll. Ich hab in meinem Koffer noch genug Platz für ein paar Souvenirs.”

    Mahos Gesichtszüge waren weich, als sie lachte. “An den Satz erinnere ich dich nochmal, wenn du die Kosten für Übergewicht von Gepäckstücken googlest. Aber ich brauch eigentlich nichts Bestimmtes.”

    Kurisu grinste schelmisch und hob einen Taiyaki in die Kamera. “Ist sogar noch warm.”

    “Ich wette, du bist nur noch hier, weil du zu Böse für die Hölle warst”, sagte Maho, die fühlen konnte, wie ihr Magen ihr zu verstehen gab, wie sehr er dieses Gebäck haben wollte.

    Kurisu konnte sich vor Lachen kaum noch auf ihrem Stuhl halten. “Passt perfekt. Wenn ich doch Platzprobleme habe, kann ich es einfach aufessen.”

    Maho seufzte. “Du hättest mir lieber nichts erzählen sollen. Was nützt es, wenn du es erst anbietest und ich dann enttäuscht werde, weil nur noch Krümel in deinem Koffer sind?”

    “Ich stehe zu meinem Wort, wirst schon sehen.” Abrupt schaute Kurisu sich um und als sie zurück in die Kamera schaute, bemerkte Maho die Hast in ihrem Blick, als hätte sie eine Deadline zu erfüllen. “Also dann, ich muss los. Wir sprechen uns später noch mal.”

    Maho schnaubte. “Leichter gesagt als getan bei der Zeitverschiebung. Ich kenne das zur Genüge von meinen Eltern.” Irgendwann hatte Maho sogar um halb sechs aufstehen müssen, weil sie andauernd rumgenörgelt hatten, dass sie ihre Tochter selbst dank der fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten so selten sahen.

    “Ach, wir sind zwei Wissenschaftler, das bekommen wir doch wohl geregelt.”

    Es war einer der wenigen Momente, in denen Maho es besser gewusst hatte als Kurisu, und noch seltener war es der Fall, dass sie lieber darauf verzichtet hätte. Trotz ihrer Abmachung hatten sich die beiden erst am Flughafen wieder gesehen, als Maho neben Kurisus Mutter gestanden und mit anstrengendem Smalltalk versucht hatte, die Zeit hinter sich zu bringen. Sie hatte gedacht, dass sich durch das schreckliche Ereignis und die folgenden Wochen etwas verändert hatte, doch die Welt hatte sich kurz darauf wieder so gedreht, als wäre nichts gewesen.

    Maho hatte das unwohle Gefühl, dass es diesmal nicht der Fall sein würde.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)