Kognitive Dissonanz [Steins;Gate]


  • (Quelle: Steins;Gate Opening)


    Kognitive Dissonanz


    Ein Jahr, nachdem Okabe WW3 erfolgreich abgewendet hat, hat die Gruppe wieder zur Normalität zurückgefunden. Genau der passende Zeitpunkt, findet Kurisu, um Japan mal wieder einen Besuch abzustatten.

    Eigentlich ist dies genau das, was Okabe die ganze Zeit wollte. Allerdings lässt ihre Anwesenheit ihn erkennen, dass er seine Erlebnisse noch lange nicht hinter sich gelassen hat - vor allem, als eine weitere Person auftaucht, die schmerzlich verdrängte Erinnerungen aufwühlt.

    Dabei drehen sich Mahos Gedanken nur um ihr Forschungsprojekt und ihre Kollegin, während das Konstrukt von Weltlinien und Zeitreisen ihr völlig fremd ist. Da hilft es auch nicht, dass Okabe ihr das um jeden Preis verheimlichen will.


    Vorwort

    Ungefähr ein Jahr ist es auch her, seit der Anime&Manga-Bereich hier im BB die tolle Idee hatte, eine Bisawatch zu starten. 24 Folgen in 24 Tagen in lockerer, ungezwungener Runde. Wie viel mehr daraus entstehen könnte, hatte sich wohl keiner der Beteiligten gedacht - Na gut, ich gebe zu, es war abzusehen, als ich mir damals schon die Finger wundgetippt habe XD Nicht einmal die Fortsetzung, der manche zweifelhafte Qualität bescheinigt hatten, hat mich davon abhalten können, noch viel mehr Worte über diesen verrückten Haufen und ihre Abenteuer zu verschwenden. Und wenn man eine FF-Autorin für etwas begeistert, gibt es nur eine logische Konsequenz: Alles an sich reißen und es dem eigenen Willen unterwerfen! Also hab ich mir den Tag des Tanabata-Festes zum Anlass genommen, die FF nun auch hier hochzuladen (und wo ich gerade diesen Feiertag erwähne: Ihr kennt den Drill: Lie down, try not to cry, ... ;) ).

    In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen.

    Danken möchte ich an dieser Stelle auch noch meinem Freund / Betaleser / Kummerkasten für all die Geduld, mir wieder und wieder das Prinzip von Zeitlinien zu erklären (nicht dass ich es inzwischen verstanden hätte^^°) und sich meine kryptischen Andeutungen anzuhören, was ich mit den armen Charakteren hier vorhabe. Fühl dich so doll geknuddelt wie Mayushiis Upa-Kissen ;)


    Hinweise

    | Romanze, Sci-Fi, Slice of Life, Hurt&Comfort | Empfohlen ab 16 | LGBTQ-Themen |

    Steins;Gate gehört natürlich seinen rechtmäßigen Besitzern. Wie sein Bezugsmaterial ist dieses Werk vollkommen fiktiv und erhebt keinen Anspruch, canon zu sein oder mir einen finanziellen Erlös einzubringen.



    Kapitel 1


    „Wie wir an diesem Scanergebnis sehen, ist das menschliche Gehirn im Kleinkindalter noch sehr gut darin, erlittenen Schaden zu kompensieren. Im Alter allerdings…“

    „Wow!“, rief Mayuri begeistert. „Das ist ja doppelt so groß. Ist Mayushiis Gehirn auch so viel gewachsen?“, fragte sie und strich sich über die Haare, als befürchtete sie, dass ihr Kopf zu groß für ihren restlichen Körper geworden war.

    „Wende deine Augen ab, Mayuri, das ist nichts für eine so zart besaitete Seele wie deine.“ Als seine Kindheitsfreundin fragend den Kopf zur Seite neigte, seufzte er, als würde sie ihn zu einer widerwilligen Erklärung zwingen. Also brachte er sich in Position, streckte seinen Zeigefinger in Richtung der Scans und rief anklagend: „Da ist die Schandtat!“ Er fuhr an der rechten Außenseite des Kleinkindgehirns entlang, auf dessen Rand beim anderen die Mittellinie der Hälften verlief. „Sie zeigen uns die abartigen Machenschaften ihrer verwerflichen Experimente an lebenden Menschen. Ohne Zweifel haben sie diesem armen Wesen einen Teil seines Gehirns entfernt, um zu sehen, wie weit sie gehen können.“

    „Das nennt sich ‚Hemisphärektomie‘ und ist eine medizinisch anerkannte Praxis“, steuerte Daru bei, während seine Augen von Makises Vortrag und dem Wittypedia-Artikel hin und her sprangen wie zwei Tischtennisbälle. „Und überhaupt, setz dich wieder hin, das ist ja peinlich a f.“

    „Gut, dass Kurisu-chan sich davon nicht stören lässt. Sie ist wirklich eine total coole Wissenschaftlerin.”

    Okabe machte einen Schritt zurück und umklammerte mit der Hand seine Schulter, als hätte er einen schweren Stoß erlitten. „Überdenke die Prioritäten deiner Loyalität, Labormitglied 002! Vor dir steht der verrückte Wissenschaftler Hououin Kyouma, der als Koryphäe mit seinem Wissen alle anderen in seinen Schatten stellt!“

    Mayuri lachte nur, während sie ihre Beine vom absichtlich zu hoch gestellten Stuhl baumeln ließ. „Und deswegen ist Okabe-kun der coolste verrückte Wissenschaftler und Kurisu-chan die coolste Wissenschaftlerin.“

    Okabe nickte selbstzufrieden, während sich hinter dem Grinsen eine Überzeugung manifestierte. „Wohl gesprochen, Labormitglied 002. Du hast die Situation erfasst. Sie ist mein Gegenstück, meine Antagonistin, der Kain zu meinem Abel.“

    Daru zog eine Augenbraue hoch. „Ihr seid weder verwandt, noch will sie dich umbringen“, murmelte er, doch Okabe war schon zu tief abgetaucht.

    „Sie vollbringt den vergeblichen Versuch, Ordnung in mein Chaos bringen zu wollen. Ein törichtes Unterfangen. Versteht sie denn nicht, wie viel Geistesreichtum hinter meinem Wirken steckt? Hach, der Tag des jüngsten Gerichtes ist nicht mehr fern, an dem die Menschen erkennen werden, was sich im Verborgenen zusammenbraut. Ich spüre es.“

    Wäre Mayuri wie die Anime-Charaktere, die sie cosplayte, würde sie statt Augen wohl funkelnde Sterne haben. Voller Bewunderung starrte sie Okabe an, der die Arme auf die Hüften gesetzt hatte und sein Kinn nach oben reckte, als würde er auf die ganze Welt heruntersehen können.

    „Ja ja“, sagte Daru und bewegte seine flache Hand auf und ab. „Und jetzt stfu, ich kann Kurisu kaum verstehen.“

    „Daru, hör gefälligst lieber dem Kopf dieser Organisation zu!“

    Mayuri kicherte. „Macht euch nichts draus, wenn ihr was verpasst. Ihr könnt sie ja fragen, wenn sie bald zu uns kommt.“

    Einen Herzschlag später war der Bildschirm nur noch Nebensache und die beiden jungen Männer hatten Mayuri mit ihren neugierigen Blicken anvisiert.

    „Was meinst du damit, Mayuri?“

    „Na in ein paar Wochen kommt sie doch nach Japan, um hier ein Semester zu studieren, schon verg- Oh!“, rief sie und setzte ihr albernes Grinsen auf. „Hat sie euch noch gar nichts davon erzählt?“

    Daru zuckte mit den Schultern. „Bei mir überrascht mich das nicht, wir haben nicht sonderlich viel miteinander zu tun.“ Es folgte ein bedeutungsschwerer Blick zu dem Laborkittelträger neben ihm. „Aber Okabe wird sie es sicherlich gesagt haben.“

    Okabe war plötzlich schwer damit beschäftigt, den Kragen seines T-Shirts zurecht zu ziehen. „Celeb-17 scheint sich wohl für zu besonders zu halten, um anständig Bescheid zu sagen.“

    „Hätten wir uns denken können, dass ihr nicht miteinander redet. Ansonsten hätten wir uns wohl auch nicht in den unieigenen Livestream hacken müssen, bis Mayuri sie gefragt hat, ob wir mit in den Link-Verteiler aufgenommen werden.“

    „Ihr habt dem Feind unsere Email-Adresse bereitwillig in die Hände gespielt? Daru, das sind qualifizierte Informationen!“

    „Was raget du hier so rum? Von ‚Chuunibyou4869‘ wird man wohl kaum auf unsere Existenzen kommen - nun, allenfalls auf deine, aber es würde mich nicht wundern, wenn du auf der ganzen Uni schon questionable fame hättest. Allerdings haben wir da nie etwas anderes als die Mails ihrer Assistentin bekommen. Die größte Enttäuschung seit EAs Lootboxen.“

    Mayuri legte den Kopf schief, ihren Zeigefinger an ihr Kinn gelegt. “Und dabei schien sie so aufgeregt gewesen zu sein.“ Sie zückte ihr Handy und scrollte durch den Rine-Verlauf. „Hier, schaut mal.“


    Yay, Kurisu-chan kommt uns besuchen. Tuturu :3


    Ja, das letzte Mal ist ja schon echt lange her.

    Steht das Labor überhaupt noch? ;)

    Klar. Ich sag Okabe, dass er endlich mal aufräumen soll. Sowas kann man einem Mädchen nicht zumuten! Obwohl, wo sollen dann die armen Staubmäuschen leben…?


    Okabe knurrte und setzte zu einem Kommentar an, doch Daru scrollte nur mit seinem dicken Zeigefinger ein paar Nachrichten weiter.


    Also dann, bis zum 15. =)

    Ich kann es kaum noch erwarten *freu* ^-^


    In einer vagen Ahnung scrollte Daru ein Stückchen hoch und prompt erschien das Datum der Textnachricht oben auf dem Bildschirm.

    „05.06.“, las Okabe vor. Ruckartig drehte er sich um und hastete zum Kalender, an dem Mayuri mit ihrem Upa-Stempel die vergangenen Tage markiert hatte. Sein Mund blieb offen stehen, als er pink auf türkis sah, wie seine Tage gezählt waren.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


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    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

    8 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 2

    Kurisu starrte über ihren Monitor hinweg, als würde sie die Person am anderen Ende des Tisches nie wieder für voll nehmen können. Als sie merkte, dass sie ihre Kollegin bei dem Winkel gar nicht sehen konnte, stand sie sogar auf. “Was hast du da mit Amadeus angestellt?!”

    Maho tat gar nicht erst so, als würde sie nicht zum offensichtlichsten Kreis der Verdächtigen gehören. “Ich habe sie nur etwas aufgehübscht. Gefällt es dir etwa nicht?”, fragte sie mit einem Unschuldsgrinsen.

    Kurisu ließ sich entnervt auf den Stuhl fallen, das Gesicht hinter ihrer Hand verborgen. “Ich sehe aus wie die Fantasie eines Otakus.”

    Maho runzelte die Stirn, aber es gab Wichtigeres, als diesen Begriff zu klären. “Wolltest du nicht immer schon mal wissen, wie du in einer japanischen Schuluniform aussiehst?”

    “Das ist noch lange kein Grund, die KI dafür zu missbrauchen. Wir haben Regeln, Maho. Sie ist kein Spielzeug.”

    “Also ihr gefällt es", hielt Maho dagegen, während Amadeus nicht aufhören konnte, an der Schleife vor ihrer Brust und dem viel zu kurzen Rock zu ziehen. Ersteres aus Faszination, Letzteres, um wenigstens einen angemessenen Bereich ihrer Beine zu bedecken.

    Kurisu schüttelte den Kopf und durchforstete den Code, um herauszufinden, wo Maho diesen Skin versteckt hatte. “Wo hast du den überhaupt her?", fragte sie abwesend, während ihre Augen die Zeilen des Codes überflogen.

    “Den hab ich übers Internet gefunden. Irgendsoein Typ namens ‘Dash’ hat was Passendes entwickelt.”

    Kurisu schreckte aus ihrer Konzentration hoch, doch nach einer kurzen Überlegung schüttelte sie den Kopf. Die Welt war ja wohl größer als ein Stadtteil. “Du kannst doch nicht einfach so Sachen aus dem Netz ziehen. Was, wenn das ein verborgener Angriff eines feindlichen Landes war, das uns ein Gratisgeschenk einschleust und damit unser System von Innen heraus infiltrieren will?”

    Maho klopfte mit ihren dünnen Fingern auf ihre Maus, während sie das Ende der Ansprache ihrer Kollegin abwartete. Aus unerklärlichen Gründen hatte diese, trotz ihrer alles überschattenden Intelligenz, seit etwa einem Jahr eine Schwäche für pathetische Apokalypse-Szenarien entwickelt, die mal amüsant, mal komplett abstrus waren. “Kannst du nicht einfach mit dem Wort ‘Trojaner’ herumschmeißen wie jeder andere Technik-Noob auch? Aber keine Sorge, ich habe das durch alle Virenscanner laufen lassen, die mir einfielen, inklusive dem Null-Toleranz-Ding unserer Uni. Dann hab ich seinen Code noch mal in ‘ner abgesicherten Umgebung durchforstet.” Ein kurzer Blick über den Bildschirmrand ließ sie sehen, wie Kurisus Kopf sich vor Ratlosigkeit immer weiter zur Seite neigte, weshalb sie schnell abkürzte: “Und dieser ganze Aufwand, obwohl die japanischen Unis ihre Schuluniformen schon längst abgeschafft haben - und jetzt freust du dich nicht mal!”
    Maho schaute genüsslich dabei zu, wie sich Kurisus Gesichtsausdruck vor ihren Augen veränderte. Verständnislosigkeit wechselte zu Überraschung, zu Ungläubigkeit und zu vorsichtiger Vorfreude. “Meinst du gerade das, was ich denke?”, fragte sie zaghaft, so als könne sie ihren eigenen Schlussfolgerungen nicht glauben.

    Einen Moment lang genoss Maho dieses sonst nie auftretende Phänomen. “Hattest du da etwa Zweifel? Keine Universität, die noch halbwegs richtig tickt, würde dir ein Auslandssemester verwehren.” Einen Mausklick später präsentierte Amadeus ihrem Ebenbild das entsprechende Schreiben mit ihrem besten Gewinnspiel-Lächeln.

    “Oh mein Gott!”, rief Kurisu und sprang so eilig auf, dass der Stuhl hinter ihr zu Boden fiel. “Das ist ja der Wahnsinn!”

    Maho legte sich demonstrativ eine Hand auf ihr überstrapaziertes Ohr. “Ich wusste ja gar nicht, dass du dich so darauf freust, wieder von hier wegzukommen.”

    Maho kam es noch wie gestern vor, dass Kurisu von ihrer ersten Auslandsreise zurückgekommen war. Die ersten zwei Wochen hatte sie sich eine Auszeit bei ihrer Mutter gegönnt. Nach den erschütternden und verwirrenden Nachrichten, die sich nach dem Vorfall im Radiogebäude verbreitet hatten, konnte Maho das gut verstehen.
    Als Kurisu dann später überraschend im Labor aufgetaucht war, hatte das Gehirn ihrer kleinen Freundin erst wieder angefangen zu funktionieren, als sie das Genie in einer festen Umklammerung gefangen gehalten hatte. Maho hatte nicht gedacht, dass ein Wiedersehen so emotional sein würde, aber die Vorstellung, Kurisu nie mehr wiederzusehen, hatte ihr noch immer in den Knochen gesteckt.

    “Das ist es doch gar nicht", verteidigte Kurisu sich nun zögernd.

    Maho winkte ab. “Ich weiß schon, woran es liegt", sagte sie mit einem listigen Grinsen. Immerhin hatte Kurisu sich nur ein paar Wochen, nachdem sie wieder gearbeitet hatte, gleich wieder freigenommen. Da ergab ihr Grund “ein paar Bekannten das Land zeigen” von damals doch gleich viel mehr Sinn. “Zu schade, dass du uns deine neuen Freunde nicht vorgestellt hast. Das scheinen ja ein paar ganz besondere Leute zu sein.”

    Kurisus sanftes Lächeln wegen der Erinnerung wurde schnell durch ein professionelles “Ich sollte mit Professor Leskinen reden" ersetzt.

    “Der ist in seinem Büro. Vermutlich weint er sich gerade die Augen aus, dass er dich wieder gehen lassen muss. Wie gewonnen, so zerronnen.” Maho zuckte mit den Schultern.

    Kurisu seufzte. “Ich werde versuchen, besonders einfühlsam zu sein - Und wenn ich wieder zurück bin, hast du Amadeus gefälligst dieses Ding da ausgezogen!”

    Maho betrachtete den Bildschirm und runzelte die Stirn. “Schwierig. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich das eingebaut habe…”

    “Oder ich ziehe meine Einwilligung zur Zusammenarbeit zurück.”

    Maho schaute ihr nur mit einem müden Lächeln hinterher. Bei der Begeisterung, die Kurisu bei jeder kleinen Errungenschaft hatte, würde das wohl nur in einem Zustand vollkommener Unzurechnungsfähigkeit eintreten. Und selbst dann war ihrer nicht der einzige Datensatz im System.

    “Tja, Amadeus, du hast sie gehört. Das war es dann wohl mit deinem Ausflug in die Welt der ausländischen Mode.”

    Die KI machte große Augen und verschränkte die Arme, als könnte sie Maho so daran hindern, ihr die Kleider gewaltsam vom Leib zu reißen. “Aber du hast dir doch all die Mühe gemacht…”, versuchte sie das anzubehalten, was man als Außenstehender wohl als ‘Nicht geeignet für den Arbeitsplatz’ bezeichnen würde.

    Maho konnte das Grinsen nur schwer zurückhalten. “Was Kurisu nicht weiß...” Sie ließ den Satz wie ein verschwörerisches Angebot im Raum hängen, während sie implementierte, was sie das ‘Kleiderschrank’-Add-on getauft hatte.
    Die Augen der KI wurden groß, als sie mit dem Äquivalent von Gedanken ihre neuen Optionen durchsuchte. Nicht mal eine Minute später wusste Maho, wie Kurisu im verspielten Rüschenbikini, als Magical Girl, in Rüstung mit hochgesteckter Flechtfrisur oder als Soldatin aussah. Jetzt bedauerte sie zutiefst, dass Amadeus merkte, wenn man Screenshots anfertigte.

    Maho spürte eine seltene Art von Erleichterung, als sie dabei zusah, wie entzückt Amadeus sich von allen Seiten betrachtete. “Gut zu wissen, dass du genauso verrückt sein kannst wie wir anderen auch. Manchmal vergesse ich das.”

    Amadeus, noch ganz fasziniert von ihrem neuen Erscheinungsbild, hob fragend den Kopf, als sie den Stimmeninput bemerkte. Sie öffnete den Mund, dessen Winkel sich gleich nach unten bewegte, als die Maus zum rechten oberen Rand des Programmes fuhr. “Wir sehen uns dann morgen”, verabschiedete Maho sich wie an jedem anderen Tag und wie jedes Mal hob Kurisus Ebenbild eine Hand zu einem kurzen Abschiedswinken, bevor der Bildschirm schwarz wurde.

    Erfahrungsgemäß durfte man der KI dabei nicht zu viel Zeit geben, denn sie verhandelte besser als ein Kind, das noch nicht ins Bett wollte. Manchmal kam es Maho so vor, als müsste sie noch einmal extra die Überzeugung einprogrammieren, dass es wirklich nur ein paar Stunden sein würden, bis das Programm wieder aktiviert werden würde. Ob nun für die Arbeit oder aus Faszination über ihr Schaffen, konnte Maho sich nicht erinnern, das Programm einen Tag lang mal nicht gestartet zu haben.
    Einmal hatte sie es sogar an einem regnerischen Sonntag auf der Couch in ihrer löchrigen Jogginghose und mit fettigem Haaransatz geöffnet, nur um einen Rat zu bekommen, was sie an diesem langweiligen Tag anstellen sollte. Als statt einer Antwort nur schallendes Gelächter aus dem Lautsprecher gekommen war, war das Programm länger hochgefahren, als es gelaufen war.

    Sie hörte die vertraute Lüftung des PCs sterben und betrachtete einen Moment ihr Spiegelbild in der Schwärze des Monitors. “Dummkopf. Es ist doch kein Abschied für immer”, murmelte sie vor sich hin, schnappte sich ihre Tasche und stand auf. Sie warf einen Blick zum Büro des Professors, durch dessen Tür Kurisu vorher verschwunden war. Ihr Gespräch war durch die Tür zu hören, aber zu gedämpft, als dass Maho mehr als ein paar Wörter verstehen konnte. Sie schob den Gedanken, sie zu stören, beiseite, bevor er sich richtig manifestiert hatte. Es kam ihr so falsch vor, ihnen einfach wie immer “Bis morgen” zu sagen, wenn da drinnen gerade die Vorbereitungen getroffen wurden, die das bald ändern würden. Also schnappte sie sich nur ihre Tasche, legte den Lichtschalter um und verschwand aus dem Gebäude.


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    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 3

    Okabe saß auf dem Sofa, den Körper nach vorne gebeugt, während er auf die Tischplatte starrt, als würde er im nächsten Moment mit einem Laserblick ein Loch hineinbrennen. Daru hatte ihn selten so konzentriert gesehen. Für gewöhnlich lief er beim Brianstorming wie ein aufgeschrecktes Huhn durch die Gegend (laut eigener Aussage würde es ihm beim Denken helfen, aber Daru war überzeugt, dass seinem besten Freund stattdessen jede Ablenkung in den Kram passte, die ihn darüber hinwegtäuschen konnte, dass er in diesem Moment keinerlei wissenschaftlichen Fortschritt bei seinen Experimenten hatte). Das Bild, was sich ihm jetzt bot, war deswegen um einiges beängstigender. Okabe wirkte, als wäre er tatsächlich auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Durchbruch - oder als ob er zumindest mit allen Kräften daran arbeitete.
    „Kann man dir helfen?“, fragte Daru - nicht dass er das vorgehabt hätte. Es erschien ihm nur wie der beste Weg, um Informationen aus ihm rauszubekommen. Auch wenn er sich dahingehend eigentlich keine Sorgen machen musste. Obwohl Okabe sich aufführte, als wäre er auf dem besten Weg, die Welt mit Hilfe seiner verrückten Experimente zu unterjochen, war er erstaunlich freizügig, was seine Informationen über laufende Projekte anbelangte. Als Okabe jedoch nur langsam aus seiner Starre erwachte und wie in Trance hochschaute, war Daru deshalb drauf und dran, einen Polizei- oder Krankenwagen zu rufen, weil er ein ernsthaftes Problem vermutete. Obwohl, wenn er bedachte, wie staatliche Autoritäten reagierten, wenn sie auf ihn trafen, war das vermutlich doch keine so gute Idee. Ansonsten könnten sie ihn wohl nur noch zu festgelegten Zeiten zwischen seinen Therapien besuchen.
    Also durchsuchte Daru schon einmal sein Adressbuch, um die Nummer von Okabes Mutter zu wählen, als dieser mit unheilverkündender Stimme sprach: „Daru, bereite dich darauf vor, dass die Welt, wie wir sie kannten, in ihren Grundfesten erschüttert werden wird.“
    An sich war diese Verheißung nichts Neues, wo er sie mindestens einmal in der Woche aussprach, aber für gewöhnlich folgte das Lachen eines Mad Scientists und nicht das Seufzen eines Sad Scientists darauf. War dieses Mal etwa wirklich etwas dran? Daru schluckte. Wenn dem so war, war das eine Nummer zu groß für ihn. Und wenn es um das Ende der Welt ging, gab es sowieso nur eine Person, die es mit Okabe auf einem Level aufnehmen konnte. „Das heißt, ich darf Faris anrufen und ihr sagen, dass es ein Notfall ist und sie sofort herkommen muss wegen … ach, das ist doch nebensächlich.“ Breit grinsend drückte er schon die Kurzwahl der Maid, doch Okabe schüttelte seinen hängenden Kopf.
    „Ich fürchte, sie ist Teil des Problems. Die ehrenwerte Nachfahrin von Anubis wurde von der dunklen Seite korrumpiert und hat sich mit unseren Widersachern verschworen.“
    „Hm, wenn Dunkelheit unser Gegner ist… Vielleicht kann Magical Girl Mayuri-"
    „Nein, Lab 002 unterliegt einer schwerwiegenden Sinnestäuschung und wurde von der Herrin der Finsternis manipuliert, damit diese in unser Land einreisen kann und Zugriff zu unseren Forschungsmethoden bekommt, um uns alle zu unterjochen.“
    Daru rollte mit den Augen. So langsam dämmerte es ihm, welches drohende Unheil Okabe in diesen Zustand versetzt hatte, und es wurde ihm mit einem Schlag peinlich, dass er es auch nur eine Sekunde lang ernst genommen hatte. „Jetzt macht doch nicht so einen Aufstand, nur weil wir Besuch kommen. Kurisu ist doch echt nett und ihr habt euch letzten Sommer super verstanden - was echt merkwürdig war, weil sie das einzige weibliche Wesen seit Langem ist, das nicht schreiend vor dir wegläuft.“
    „Ich habe viele ‚weibliche Wesen‘ in meinem Gefolge, Daru.“
    „Nun, technisch gesehen ja, aber das ist nichts, worauf man stolz sein kann. Eine davon musstest du als Geisel nehmen, eine andere sieht dich vermutlich nur als ihr Katzenspielzeug, die andere könnte dich mit einem Blick auf die Bretter schicken und ist vermutlich eher eine Stalkerin, die du nie wieder los wirst“, Daru machte eine kurze Pause und schickte ein Stoßgebet zum Anime-Papst, dass es sich dabei nicht um eine Yandere handelte, „und die letzte ist eine Trap. Okay, eine verdammt heiße Trap, aber das zählt nicht. Und sag Ruka nicht, dass ich das gesagt habe. Obwohl, außer ich kriege zu sehen, wie er wegen des Kompliments rot anläuft. Es ist immerhin nicht gay, wenn man ‚no homo‘ sagt.“
    „Daru, das Problem ist hier nicht mein Gefolge-“
    „Du meinst wohl deinen Harem“, korrigierte Daru und verschränkte die Arme. Was fanden alle nur an einem hageren Möchtegern-Wissenschaftler, wenn sie einen Mann haben konnten, der in der Kunst geschult war, jedem Typ Frau das Gefühl der Wertschätzung zu geben, das sie so sehr überwältigte, dass es früher oder später zu körperlichen Aktivitäten von allen erdenklichen Punkten des Spektrums kam? Andererseits hatten 3D-Mädchen bekanntlich die Eigenschaft, dass sie neidisch auf ihre pixelige Konkurrenz wurden und ihnen die so dringend benötigte Zuwendung nicht gönnten. Und da Daru wusste, wie sehr seine Waifus seine Aufmerksamkeit brauchten, die jede einzelne von ihnen verdient hatte, musste er wohl oder übel akzeptieren, dass Erfüllung im RL wohl wirklich nur ein Mythos war, egal wie viele Isekais man durchstreifen würde.
    „-Sondern dass mir nur noch zwei Tage bleiben, um eine bestmögliche Strategie zu entwickeln, wie ich der Lage Herr werden kann. Wenn der Feind in mein Territorium kommt und ich ihm nichts entgegen zu setzen habe, werde ich gnadenlos von ihm überrannt werden. Scheinbar hat sie schon Labormitglied 002, 006 und 007 auf ihre Seite gezogen.“
    Daru brauchte einen Moment, um den Code zu entziffern, und nach einer Schrecksekunde rief er atemlos: „Nein, alles nur nicht meine Neko-Göttin!“ Dann fiel ihm ein, wen er gerade über die Planke hatte laufen lassen, und er fügte hinzu: „Und unser Genki Girl und die Trap, schätze ich.“
    „Doch, mein treuer Freund. Ich sage dir, uns stehen wahrlich schwere Zeiten bevor. Vielleicht können wir unsere Freunde noch retten, aber uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn sie erst einmal völlig von dem Charisma umgepolt worden sind, haben wir kaum noch eine Chance, zu ihnen durchzudringen. Dann bleibt uns nichts mehr übrig, als sie zu unserer eigenen Rettung für immer aus diesem Refugium zu verbannen.“
    Daru schluckte. „So etwas dürfen wir auf keinen Fall zulassen.“
    „Du hast es erkannt. Deswegen schlage ich vor, wir entwerfen gemeinsam einen Schlachtplan. Also, was schlägst du vor?“
    Daru runzelte die Stirn. „Wieso denn ich?“
    Okabe blinzelte und mit einem Mal hatte sich sein Feuereifer in Rauch verwandelt. „Na weil… Du kennst dich doch mit dem anderen Geschlecht aus! Also nutze dein unendlich sinnloses Wissen der verschwendeten Stunden zum Schutz unseres Labors!“
    Daru verschränkte die Arme. „Was soll das denn jetzt heißen? Außerdem hab ich kp, wenn sie versuchen, mich umbringen zu wollen - wenn überhaupt würden sie eher alle anderen außer mich umbringen.“
    Okabe schloss die Augen. „Lass uns hoffe, dass Mord nur im äußersten Notfall ein Mittel zum Zweck sein muss.“
    Einen Moment schwiegen die beiden, verschreckt von der Tragweite dieser Worte. Dann fragte Daru langsam: „Okay, noch mal auf Anfang. Was genau befürchten wir, was passieren wird?“
    Okabes Blick wurde finster. „Dass Kurisu Makise mich als rechtmäßigen Herrscher unseres Labors stürzen wird.“
    Daru machte große Augen. „Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wann genau ist es so weit?“
    „Morgen Abend wird sie am Flughafen ankommen und von ihrer persönlichen Eskorte in Empfang genommen werden.“
    Daru reckte die Arme gegen Himmel. „Hentai-Genius-Boss ftw“, rief er. „Meinst du, sie bleibt dann für immer, wenn sie ihr eigenes Labor bekommen hat?“
    Okabe vergrub den Kopf in seinen Händen. Dann löste er eine, kramte sein Handy hervor und hielt es sich ans Ohr. „Ich bin es. Scheinbar ist nun auch mein engster Verbündeter zum Feind übergelaufen … Nein, ich kann jetzt nicht aufgeben. Ich muss mich dieser Infektion entgegen stellen, die 'The Zombie' auf uns wirkt. Ein wahrlich grauenhaftes Schicksal, zu einer ihrer willenlosen Marionette zu werden, die ihr bei ihrem Verlangen nach menschlichen Gehirnen helfen … Ja, das Schicksal der Welt liegt nun in meinen Händen. Es wird Zeit, dass Hououin Kyouma sich erneut aus der Asche erhebt und die Welt vor ihrem Untergang bewahrt. El. Psy. Kongroo.”



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  • Kapitel 4

    Maho hatte schon immer gewusst, dass es sich lohnte, ihrem Instinkt zu folgen, und dieser Abend war nur eine weitere Bestätigung. Immerhin hatte sie schon im Voraus genau gewusst, wie es ablaufen würde, und das hatte sich jetzt bewahrheitet. Sie stand mit dem Rücken zur Wand, doch statt dass es ihr Sicherheit gab, weil sich niemand von hinten anschleichen konnte, machte es sie nur noch fahriger. Das Glas in ihrer Hand half dabei nicht. Sie hatte schon so viel Alibi-Nippen vollführt, um nicht nur doof in der Gegend rumzustehen, dass nur noch ein kleiner Schluck darin war. Zwischendurch hatte sie sich zu ein paar anderen Wissenschaftlern gestellt und versucht, sich in ihre Gespräche einzubringen, doch entweder hatten sie völlig andere Fachgebiete, bei denen Maho nicht mitreden konnte, oder Themen, bei denen sie nicht mitreden wollte. Irgendwie war es schwer, die grotesken Verhaltensweisen von Kleinkindern drollig zu finden, wenn sie mit Essen um sich warfen oder die Wände bekritzelten. Eine weitere Bestätigung, sich erst in weiter Ferne damit zu befassen.

    Sie schaute sehnsüchtig auf die Uhr. Es war halb Acht, die Party hatte vor noch nicht einmal zwei Stunden begonnen. Mit dem Essen waren sie bereits durch, und abgesehen von den Gästen gab es nichts, was fürs Bleiben sprach - in ihrem Fall war es sogar so, dass sie möglichst schnell nach Hause wollte. Sie hatte ein Bett, dessen Ruf immer stärker wurde, und mindestens drei elektrische Geräte, die sie besser unterhalten würden, als die ‘Intellektuellen’ hier es taten.

    Maho zuckte mit den Schultern, leerte ihr Glas in einem Zug und stellte es auf das Tablett eines Kellners, nachdem dieser schon drei Mal an ihr vorbei gelaufen war, ohne Notiz zu nehmen. Die Hände in den Taschen lief sie durch den Raum, vorbei an Menschen, die sie nicht wirklich beachteten. Ein paar erkannte sie aus ihrem Fachbereich wieder, doch zu mehr als einem Nicken hatten beide Parteien keine Lust. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen und machte extra noch einen Umweg, damit es nicht so aussah, als würde sie auf dem schnellsten Weg auf die Tür zusteuern.

    Aus Neugier durchsuchte sie die Menge nach einem bekannten Gesicht, als sie jemanden anrempelte. Innerlich machte sie sich bereits auf einen verärgerten Kommentar gefasst, doch als sie das Lachen hörte, hätte sie es liebend gern dagegen eingetauscht. “Na, was schaust du denn so verträumt?”, fragte Professor Reyes. Wie immer, wenn sie mit Maho sprach, neigte sie sich etwas zu Boden, was der Angesprochenen einen genervten Blick abrang. Ihr Versuch, den Größenunterschied zu kompensieren, machte ihn für sie nur noch offensichtlicher.

    “Das tue ich doch gar nicht. Ich wollte nur mit Kurisu reden.” Es schien ihr wenig angemessen, sich nicht wenigstens von der Person zu verabschieden, zu deren Ehren diese Party veranstaltet wurde. Allerdings gab es hier so viele Leute, dass eine weitere Verabschiedung ihr sicher nicht fehlen würde.Genau genommen hatten sie sich die letzten Tage so oft darüber unterhalten, dass Kurisu sie bald verlassen würde, dass eine ‘richtige’ Verabschiedung nur noch eine Formsache sein würde.

    Reyes nickte, doch das Lächeln verschwand nicht von ihrem Gesicht. “Ich würde es mal bei Professor Leskinen versuchen.”

    Maho rollte mit den Augen. War ja klar, dass er in ihrer Nähe sein würde. Es war typisch, ihn neben den vielversprechenden Frauen seiner Abteilung zu sehen (auch wenn Maho vermutete, dass er in seinem Kopf eine klare Rangliste hatte). “Danke. Schönen Abend noch.” Und bevor Reyes noch irgendwas hinzufügen konnte, lief Maho zielstrebig durch den Raum.

    Es war einfach, seine Stimme unter den Anwesenden auszumachen. Sie war es gewöhnt, ihn jeden Tag zu hören, aber auch so dominierte er die meisten Gespräche um ihn herum. Maho machte sich gar nicht die Mühe, einen Fuß in das Gespräch zu bekommen, und tippte nur Kurisu am Ellenbogen an. Ihrem höflichen Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren ihre Gedanken sowieso gerade ganz woanders als bei Leskinens letztem Wanderausflug durch die Berge (vermutlich weil er ihnen bereits davon erzählt hatte, nur erinnerte Maho sich an viel mehr Gaststätten auf seinem Weg).

    “Ich mach mich dann mal so langsam auf den Weg.”

    Zu Mahos Verwunderung sprach nicht zuerst Kurisu, sondern der Professor: “Was, du willst uns schon verlassen, Maho?”, fragte er ehrlich verwirrt.

    Maho verzog das Gesicht. Hätte er das nicht noch lauter sagen können? Dann hätte sie nicht nur die Aufmerksamkeit der umstehenden Personen, sondern auch des ganzen Raumes auf sich gehabt.

    Kurisu schien das auszublenden. “Es ist wirklich relativ früh”, sagte sie mit einem Blick zur Uhr. “Geht es dir nicht gut?”

    “Wenn du wüsstest”, hätte Maho am liebsten gesagt, aber sie verbiss sich die kryptische Anspielung. Ihre persönlichen Probleme wirkten in dem Moment mehr als fehl am Platz. Allerdings hatte sie auch keine Ausrede, was sie stattdessen sagen sollte. “Ich ... ähm … hab noch etwas vor.”

    Kurisu drehte den Kopf und schaute sie schelmisch an. “Ach ja? Etwas Wichtigeres als meine Feier?”

    “Das habe ich so nicht gesagt”, antwortete Maho und vergrub ihre Hände tiefer in ihren Taschen.

    Kurisu kicherte. “Ist doch kein Problem. Komm, ich bring dich noch zur Tür. Entschuldigt mich bitte kurz.”

    Leskinen schien ernsthaft zu bedauern, dass er nun einen Zuhörer weniger hatte, und beklagte sich entsprechend, doch die anderen Menschen waren so höflich, ihre eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Trotzdem war es ihnen anzusehen, dass sie auf jeden Fall noch ein paar Worte mit der jüngsten Wissenschaftlerin ihrer Universität wechseln wollten.

    Mit Kurisu im Schlepptau machte sich Maho auf zur Garderobe und war überrascht, als auch ihre Kollegin nach ihrer Jacke griff. Sie runzelte die Stirn. “Was wird denn das?”

    Kurisu lächelte verwegen. “Nur eine kleine Auszeit. Die werden auch einen Moment lang ohne mich klarkommen.” Sie streifte sich die Jacke über wie einen Laborkittel. “Kommst du jetzt?”

    “Klar”, sagte Maho schnell, die über den Rollenwechsel noch immer verwirrt war. Sie zog sich im Gehen an, was gar nicht so einfach war, weil sie drei Mal den Ärmel verfehlte. Zum Glück hatte Kurisu ihre Augen nach vorn gerichtet und keine Ahnung, mit was sich ihr Senpai da gerade abmühte. “Willst du irgendwo hin?”

    “Keine Panik, ich werde doch nicht von meiner eigenen Party fliehen.” Kurisu schaute über ihre Schulter, doch der Blick in Mahos Richtung war kein anklagender.

    Maho folgte ihr durch die Gänge der Universität, heraus aus dem Trakt, den sonst keiner von ihnen benutzte. Die meisten Tage führten sie nur ins Labor, die Bibliothek und gegebenenfalls in die Mensa, wenn ihr Körper sie daran erinnerte, dass sie auch mal etwas essen sollten.

    Sie schritten zusammen durch eine der großen Eingangstüren der Universität und sofort spürte Maho die kalte Nachtluft auf ihrer Haut. Es war zwar Sommer, aber sobald die Sonne weg war, war es nicht mehr warm genug, um nur ein Kleid zu tragen. Sie fühlte die Kälte an ihren Beinen hochkriechen. Warum konnte man auf Partys nicht in normaler Kleidung kommen?

    Schweigend gingen sie die Stufen vor dem Gebäude herunter und passierten die imposant angelegten Grünanlagen. Maho hatte nie wirklich einen Blick für sie gehabt. Sie war meistens damit beschäftigt, pünktlich ins Labor zu hasten, oder, auf den Feierabend fixiert, schnell heimzugehen. Diesmal war es besonders angenehm, denn nach den Vorlesungen lag der Campus nur noch verlassen da. Obwohl das Semester erst vor Kurzem wieder begonnen hatte, streiften nur ein paar Studenten einzeln umher. Maho machte ihnen keinen Vorwurf. Ohne die Veranstaltung wäre auch sie hier nicht mehr anzutreffen.

    “Maho?”, hörte sie Kurisu fragen und war verwundert, ihren Kohai auf der Grenzmauer sitzen zu sehen.

    Sie ging Maho gerade mal bis zur Brust, was für eine Mauer lächerlich niedrig war, doch trotzdem beäugte sie sie skeptisch. Kurisus Anblick rang ihr ein Lächeln ab. Sie stellte ihre Stimme eine Oktave tiefer und mimte den südländischen Akzent des Hausmeisters: “Junge Dame, du weißt schon, dass es sich hier um Universitätseigentum handelt?”

    Kurisu hielt sich eine Hand vor den Mund, um ihr Lächeln zu verstecken, doch dann konnte sie nicht anders, als zu kichern. “Was habe ich mir nur dabei gedacht? An meinem letzten Tag hier das Inventar zu zerstören, das schon Jahrzehnte vor meiner Geburt Studenten als Sitzplatz gedient hat - und jetzt sei kein Frosch und komm hier hoch, Maho.”

    Nach dieser Aufforderung schien die Mauer ein ganzes Stück gewachsen zu sein und Maho nahm sich einen Moment, um sich die bestmögliche Strategie zu überlegen. Dann fiel ihr auf, dass zu klettern etwas war, was sie zuletzt in der Grundschule getan hatte und was in dem Outfit besonders peinlich enden konnte. Allerdings war auch keiner hier, um ihr dabei zuzusehen.

    Maho wischte den Gedanken an Strategie beiseite. Sie legte ihre Arme auf den von der Sonne erwärmten Stein und versuchte, sich so weit hochzuziehen, dass sie ihr Knie darauf bekommen würde.

    Es brauchte nicht erst Kurisus haltloses Lachen, um zu wissen, dass sie kläglich versagte.

    Maho ließ von ihrem Vorhaben ab und funkelte Kurisu an. “Immerhin hab ich es versucht, also wertschätze das gefälligst”, verlangte sie mit verschränkten Armen.

    “Nimm’s mir bitte nicht übel, aber das sah einfach zu komisch aus.” Elegant ließ sie sich von der Mauer gleiten und landete neben Maho. “Komm, lass mich dir helfen.” Sie verschränkte die Hände zu einer Leiterstufe und schaute ihren Senpai auffordernd an.

    “Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas helfen wird”, sagte sie misstrauisch. Sie wog zwar nicht viel, aber sie konnte schon Kurisus Finger brechen hören, noch bevor sie ihren Fuß darauf setzte.

    “Ach komm, das macht Spaß”, sagte Kurisu und schien einen Augenblick von ihrem Schmollen entfernt zu sein, auf das normalerweise ein Hundeblick als letzter Ausweg folgte. Da Maho noch kein Mittel dagegen gefunden hatte und ihre Kapitulation somit unausweichlich sein würde, entschied sie, direkt nachzugeben.

    Maho seufzte. “Nun gut, aber nur ein Versuch.” Sie gab ihr Bestes, das selbstgefällige Grinsen auf Kurisus Gesicht zu ignorieren, als sie ihren Fuß auf deren Hände stellte. Sie verlagerte das Gewicht mit einem Schwung, und als der wackelige Untergrund unter ihr nachgab, sah sie sich schon auf dem Boden liegen. Instinktiv griff sie nach Kurisus Schulter, doch einen Moment später wurde sie schon nach oben gehievt. Sie fühlte sich so ungeschickt wie ein Kleinkind, wie sie sich an Kurisus festklammerte, doch das vergaß sie ganz schnell wieder, als sie endlich saß.

    “Siehst du, ist doch gar nicht so schwer”, sagte Kurisu und ließ sich zufrieden neben ihr nieder.

    Maho entschloss sich, dazu mal lieber nichts zu erwidern. Sie war sowieso viel zu sehr damit beschäftigt, geradeaus zu schauen. “Scheinbar bin ich gerade zur richtigen Zeit gegangen”, witzelte sie und zeigte mit dem Kopf nach vorn.

    Auch Kurisu schaute sich um und war ähnlich zufrieden mit dem Ausblick, der sich ihr bot. “Stimmt, der Sonnenuntergang ist wirklich wunderschön.”

    Maho lachte. “Du mit deinem geozentrischen Weltbild.”

    Kurisu stupste sie mit ihrem Ellenbogen an. “In Ermangelung eines besseren Wortes, ja. Oder hast du einen passenderen Namen dafür?”

    “Nein, aber ich denke auch nicht, dass er sich durchsetzen würde.” Maho zuckte mit den Schultern. “Die meisten Leute sind zu faul, einen neuen Begriff zu benutzen. Vermutlich wüssten sie nicht einmal, was ‘geozentrisch’ eigentlich bedeutet.”

    Kurisu schüttelte erschütterte den Kopf und legte ihre Hand auf ihre Brust. “In was für einer unverstandenen Welt wir doch leben.” Einen Moment später trat ein wissendes Lächeln auf ihr Gesicht. “Aber ich schätze, das ist nicht das Einzige, was der breiten Menschheit noch nicht bekannt ist.”

    Maho wusste nicht, ob sie erheitert oder verstimmt sein sollte, und entschied, dass sie es von Kurisus Antwort auf ihre Frage abhängig machen würde. “Ach ja? Ist das so? Dann erkläre mir doch mal, was es damit auf sich hat.”

    “Tut mir leid, das ist ein Geheimnis”, erwiderte Kurisu in einem Ton, wegen dem Maho sofort wusste, dass der erste Teil gelogen und der zweite in Stein gemeißelt war.

    “Aber erst anfüttern”, beschwerte sie sich und setzte den Schmollmund auf, den sie vorher bei Kurisu erwartet hätte.

    Leider hatte sie keine solche Superkraft. Vielleicht hätte es irgendwann mit Betteln geklappt, aber dafür hatte Maho zu viel Selbstachtung. Außerdem wollte sie es nicht aufs Spiel setzen, dass Kurisu sich noch öfter fragte, wer von ihnen beiden eigentlich der Senpai war. Schon gar nicht an ihrem letzten Abend hier.

    “Wer weiß, vielleicht wirst du es ja irgendwann erfahren”, sinnierte Kurisu vor sich hin.

    “Als ob”, erwiderte Maho. Für sie stand fest, dass Kurisu nur mit ihr spielen wollte. Aber vielleicht gab es doch einen Anhaltspunkt… Also gut, sie würde wohl oder übel mitgehen. Außer einem bisschen Stolz hatte sie auch nichts zu verlieren. “Ist das der Grund, warum du nach Japan gehen möchtest?”

    Kurisus Grinsen war Antwort genug.

    Maho legte den Kopf schief. “Was gibt es da denn so Interessantes, dass man hier nicht hat?”

    Das Grinsen wurde breiter und ihr Blick unfokussierter, als würde sie sich an all die Gründe erinnern, die sie im letzten Jahr alles in die Wege hatten leiten lassen, um wieder zurück zu dürfen. “Och, es gibt da so Einiges.”

    Maho rollte mit den Augen. “Wenn du mir als Nächstes sagst, dass es nur ein Kerl ist, dann schmeiße ich dich von der Mauer!”

    “Er ist nicht nur ein Kerl!”, entgegnete Kurisu und als sie Mahos Hand auf ihrem Rücken spürte, fügte sie hinzu: “Und er ist auch nicht der Grund, warum ich dorthin gehe. Eigentlich ist er der kleinste Grund - und das auch nur, weil es unausweichlich ist, dass es etwas mit ihm zu tun haben wird. Glaub mir, wenn es nach mir ginge, würde ich ihn am liebsten gar nicht brauchen.”

    “Schon klar”, sagte Maho, die sich fühlte, als würde das Gespräch mit jedem Wort mehr an Reiz verlieren. Entweder Kurisu war eine grottenschlechte Lügnerin, weshalb sie so viele Andeutungen über diesen unwichtigen Typen machte, oder sie erzählte die Wahrheit, wodurch sie immer noch zu viele unnötige Andeutungen über einen unwichtigen Typen machte. Einerlei war dies eine Richtung, die Maho nicht einschlagen wollte. “Also wenn er nicht der Grund ist…”

    Kurisu schüttelte den Kopf. “Es ist besser, wenn du das nicht so genau weißt.”

    Maho schnaubte. “Also bitte, was soll denn schon passieren? Es ist ja nicht so, als würdest du an einer Massenvernichtungswaffe arbeiten.”

    “Nein, das ist es wirklich nicht.” Sie runzelte die Stirn. “Gut, vielleicht in einem sehr, sehr unglücklichen Fall, aber solange wir uns ausdrücklich auf die theoretische Ebene beschränken, sollte das nicht eintreten.”

    Maho klappte die Kinnlade runter. “Kurisu!”, rief sie so laut, dass sich die Leute auf der anderen Straßenseite umdrehten, “sag mir jetzt sofort, dass sie dich nicht für eine Anti-Materien-Bombe oder so etwas angeworben haben.”

    So schnell hatte Kurisu noch nie ihre Hände erhoben - nicht mal, als es um den Besitzanspruch auf das letzte Stück Kuchen gegangen war. “Ich verspreche dir hoch und heilig, dass dies nicht der Fall ist. Weißt du… Es ist kompliziert. Es gibt vieles über seine Forschungen, was ich noch nicht weiß.”

    Maho rollte mit den Augen. “Und schon wieder geht es um den Typen.”

    Kurisu wollte es gerade mit einem leichten Erröten abstreiten, als Maho nachsetzte: “Aber du wirst trotzdem noch mit uns an Amadeus arbeiten, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief und bedachte Maho mit einem versöhnlichen Seitenblick. “Selbstverständlich. Schließlich bin ich persönlich beteiligt. Nicht dass Amadeus am Ende zu einer Ankleidepuppe verkommt.”

    Maho grinste. “Ach, ich fand eigentlich, dass sie ganz süß damit aussah. Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr. Es stand sogar ein Maidkostüm im Raum.”

    Kurisu erschauderte bei dem Gedanken, darin gesehen zu werden. “Immer diese verdammten Perverslinge. Außerdem stand mir das überhaupt nicht!”

    Maho riss die Augenbrauen hoch. “Ich verlange Bilder! Sofort!”

    “Es gibt keine Bilder!”, rief Kurisu mit einer Vehemenz, die Maho verriet, dass sie eigenhändig dafür gesorgt hatte. Bei so einer Sache war die Androhung von Gewalt für sie vermutlich nicht nur eine Option, sondern gehörte zum guten Ton. Bei der Vorstellung, wie reihenweise Männer vor ihr die Flucht ergriffen, wäre Maho vor Lachen fast von der Mauer gefallen.

    Kurisu ließ den Blick über den Campus hinter sich schweifen. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Wehmut, dass Maho sich fragte, ob sie nicht daran dachte, diesen Ort das letzte Mal zu sehen. “Hier haben wir uns kennengelernt.”

    Maho nickte, während sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals nicht zu groß werden zu lassen. “Ist gar nicht mal so lange her.” Sie überlegte einen Moment. “Das war erst zu Beginn letzten Jahres, oder? Zumindest hat da noch Schnee gelegen.”

    Kurisu nickte. “Ja, ich erinnere mich. Du hattest welchen auf deinem Kopf, als du reinkamst.”

    Maho grummelte etwas Unverständliches, was Kurisu nur noch mehr in Gedanken schwelgen ließ. Sie erzählte weiter: “Dann ist er geschmolzen und ich bin darauf ausgerutscht.”

    “Und hast mich zu Boden gezogen. Ich würde sagen, das war ausgleichende Gerechtigkeit.”

    “Stimmt.” Dann grinste Kurisu über einen Witz, den nur sie kannte.

    Maho konnte sich schon denken, woher sie den hatte. Deshalb war Mahos Stimme entsprechend genervt, als sie nachfragen musste: “Okay, was ist daran so lustig?”

    “Weil ich mir lebhaft vorstellen kann, wie jemand einen Witz a la “Maho hat Kurisu flachgelegt” bringt - und bevor du fragst: Ja, ich debattiere noch, ob ich denjenigen nicht lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde.”

    Maho verzog leicht angewidert das Gesicht. “Ich hoffe, den Teil haben wir noch aus Amadeus rausgelassen.”

    “Keine Panik, ihr Verstand ist rein und unschuldig.”

    “Mhm”, machte Maho nur, was Kurisu zu überhören entschied.

    “Allerdings ist es interessant, dass wir uns selbst an meinem vorerst letzten Tag hier auch über die Arbeit unterhalten.”

    Maho zuckte hilflos mit den Schultern. “Naja, das kommt halt einfach so. Immerhin haben wir uns erst durch die Arbeit kennengelernt. Viel Zeit haben wir ja privat nicht miteinander verbracht.”

    “Stimmt schon”, gestand Kurisu langsam, “aber irgendwie ist das schade, findest du nicht auch? Ich hab das Gefühl, dass wir uns kaum kennen.”

    Maho verzog das Gesicht. Wieso kamen Menschen immer mit diesem sentimentalen Zeug, wenn es längst zu spät war, etwas daran zu ändern? Vielleicht hätte sie dann dieses bedrückende Ziehen in ihrer Brust erst gespürt, wenn sie in ihren eigenen vier Wänden angelangt war. An dem Ort, wo sie in Ruhe erkennen konnte, was es heißen würde, Kurisu nicht mehr wie gewohnt jeden Morgen im Labor zu sehen. Die gemeinsamen Momente, in denen ihre Aufmerksamkeit nicht ihrem gemeinsamen Projekt gegolten hatte, kamen ihr wie nichts vor. Und so, wie Kurisu von ihrer Auszeit sprach, würde sie es am liebsten nicht bei nur einem Semester belassen.

    “Na bitte, du lässt es ja so klingen, als würden wir uns nie mehr wiedersehen”, sagte Maho und hoffte inständig, dass Kurisu nicht sagen würde, dass genau dies der Fall sein könnte.

    Kurisu fuhr sich durch ihre langen, roten Haare und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. “Vermutlich hast du recht. Tut mir leid, dass ich so schrecklich sentimental geworden bin.”

    Maho winkte ab. “Schon vergessen. Ich glaube, du solltest langsam wieder reingehen, sonst denken sie wirklich noch, dass du sie jetzt schon verlassen wolltest.”

    Kurisu kicherte. “Da könntest du recht haben. Dann dir noch einen guten Heimweg, Maho.” Sie ließ sich von der Mauer gleiten.

    Maho landete neben ihr. “Und dir einen guten Flug. Schick mir eine Nachricht, wenn du angekommen bist.”

    “Mach ich.”

    Einen Moment lang standen sie in unangenehmer Stille da. Maho konnte förmlich dabei zusehen, wie Kurisu einen Gedanken debattierte, doch sie kam nicht darauf, welcher es war - immerhin hatte Maho eigene, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

    Ehe Maho sich versah, hatte Kurisu ihre Arme um sie gelegt. Einen langen Moment stand ihr Senpai einfach nur da, überrascht und verwirrt von der plötzlichen Geste. Zögerlich tat sie es ihr gleich und ließ ihre Hände über Kurisus Rücken gleiten, bis sie sich in der Mitte trafen. Dann erwiderte sie den angenehmen Druck.

    Sie hörte Kurisus Kichern ganz nah an ihrem Ohr. “Du wirst wohl nicht oft umarmt.”

    Als sie Maho losließ und einen Schritt zurück trat, schaute Maho sie angesäuert an. Ihre Arme hatte sie verschränkt und die Hände unter ihre Oberarme geklemmt. Sie zuckte mit den Schultern, als könnte sie das peinliche Gefühl abschütteln. “Lass mich doch", murmelte diese nur, um irgendwas zu erwidern.

    Kurisu lächelte immer noch, als sie antwortete: “Tue ich ja. Na ja, es gibt ja immer noch ein nächstes Mal.”

    “Aber wehe du jagst mir schon wieder so einen Schrecken ein. Du kannst auch aus Japan zurück reisen, ohne landesweit in den Nachrichten gewesen zu sein.” Maho war froh, dass seitdem ein ganzes Jahr vergangen war. Damals hätte der bloße Gedanke an das Ereignis ihr einen Schlag in die Magengrube verpasst.

    Kurisu lachte. “Mach dir keine Sorgen, so etwas passiert mir sicher kein zweites Mal. Meine 15 Minuten Ruhm haben mir gereicht.”

    Maho schnaubte wegen der Untertreibung, als Kurisu ihr zum Abschied hinterher winkte.


    Noch tagelang hatten diverse Medien über den Fall berichtet, von dem sich noch heute niemand so recht zusammenreimen konnte, was da passiert war. Doch nichts toppte das erste Mal, dass Maho davon gehört hatte.

    Sie war während ihrer Arbeit nur kurz am Pausenraum vorbeigelaufen. Den Fernseher hatte sie wie gewohnt überhört, bis plötzlich jemand gerufen hatte: “Hey, ist das nicht die junge Wissenschaftlerin von hier?” Sie hätte schwören können, dass ihr Herz einen Schlag ausgesetzt hatte, als sie das Bild von Kurisu reglos in der Lache voller Blut gesehen hatte. Maho hatte die Kaffeetasse aus ihren Händen gleiten gefühlt, doch hatte es nicht verhindern können. Ihre Beine gaben mitten im Schritt nach und die Scherben bohrten sich in ihre Hände, als sie sich auf dem Boden abstützen wollte.

    Erst als sie sich auf der Damentoilette mit einem Verbandskasten und der Iodlösung eines Chemiestudenten notdürftig zusammengeflickt hatte, hatte sie wieder klar denken können. “Sie lebt", hatte sie immer wieder gesagt, während das Wasser über ihre Finger gerannt war und sie gehofft hatte, dass man ihr Schluchzen nicht hörte. Die Gewissheit half wenig, wenn ihre Gedanken immer noch von der Vorstellung beherrscht wurden, die sie bis in ihre Träume verfolgte.

    Eine halbe Stunde später waren ihre Hände mit Pflastern übersät, unter denen die desinfizierten Stellen noch immer leicht brannten und pochten. Sie trommelte auf der Tastatur herum, während sie wartete, doch als der Schmerz durch ihre Hand zuckte, ließ sie davon ab. Es war schon schwer genug gewesen, das Programm zu starten. Ganz zu schweigen davon, sich den nach Kaffee riechenden Laborkittel auszuziehen. Mittlerweile war es der dritte verpasste Anruf, aber sie zwang ihre Sorgen mit Rationalität zurück. Sie war wohl weiß Gott nicht die Einzige, die Kurisu Telefonterror machte.

    “Hey, Amadeus", sagte sie. Die Sprachaktivierung hatte sie den letzten Nerv gekostet, als alle ihre Kollegen das unbedingt auch ausprobieren wollten. Mittlerweile hatte sie das System so umprogrammiert, dass sie sich heiser schreien konnten, solange sie die Strg-Taste nicht drückten.

    “Was gibt's, Senpai?”, kam es einen Moment später.

    “Irgendwas Neues?”

    "Nicht in den letzten 5 Minuten." Amadeus verdrehte die Augen, doch netterweise verkniff sie sich das genervte Lächeln. “Ich sag dir Bescheid, wenn ich etwas finde. Scheint, als wüssten die da drüben selbst nicht, was genau passiert ist.”

    Maho war noch nie so froh darüber gewesen, dass Amadeus’ Bilingualität es ihr ermöglichte, auch die Ebenen eines Textes zu verstehen, die einem reinen Übersetzer meistens verwehrt blieben. Die Wissenschaftlerin lehnte sich im Stuhl zurück und legte ihren Kopf gegen die Kopfstütze.

    “Fertig für heute?”, fragte Amadeus kichernd, auch wenn Maho ihre Nervosität hören konnte. Kein Wunder, wenn die KI spürte, dass die Nerven ihrer Programmiererin noch instabiler waren als ihr Code.

    “Du hast ja keine Ahnung. Du kennst so etwas wie Erschöpfung doch gar nicht.” Noch etwas, das sie mit ihrem Alter Ego gemeinsam hatte. Maho konnte mit Kaffee die Nacht überstehen, doch Kurisu schaffte es sogar noch, sie am nächsten Morgen mit einem Lächeln zu begrüßen, wohingegen Maho gierig nach der Droge griff, weil bei unter drei Tassen gar nichts mehr ging.

    “Das sehe ich anders.”

    Maho verschränkte die Arme. “Red’ doch nicht von Dingen, die du nicht verstehst.”

    Amadeus schnaubte. “Dann mach du doch mal die Augen auf”, forderte sie.

    Probeweise öffnete Maho das rechte, bevor sie nach vorne schnellte und sich mit den Händen am Tisch abfangen musste, um nicht gegen den Bildschirm zu knallen. Das Brennen ihrer Hände war nur eine Randnotiz. Sie wusste nicht, ob sie es dem Schmerz zuordnen konnte, aber sie war noch nie so froh gewesen, doppelt zu sehen.

    Nur um sicher zu gehen, fragte sie trotzdem: “Du bist keine aus Schlafmangel induzierte Halluzination, oder?”

    Kurisu legte den Kopf schief, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. “Nun, ich weiß ja nicht, was du da siehst, und du hast Augenringe wie ein Panda, also ganz abstreiten -"

    “Schon gut", sagte Maho und rieb sich über die Augen, als könnte sie die dunklen Stellen wegwischen. Außerdem hatte es den netten Nebeneffekt, dass sie etwaige Tränen der Erleichterung abfing, bevor Kurisu sie trotz der schlechten Verbindung sehen konnte. “Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich den Spitznamen langsam hinter mir habe.” Allerdings hatte sie auch erwartet, dass ihre Kollegen so schlau wären, zu wissen, dass Japan nicht das Land war, “wo die Pandas herkommen”.

    Amadeus legte einen Finger an ihr Kinn und Maho musste sich zwingen, daran zu denken, dass es sich bei ihr um die digitale Kopie von Kurisus früherem Ich handelte, als diese sagte: “Wobei das eine Information ist, die ich auch habe. Zur eindeutigen Identifikation reicht das noch nicht.”

    “Ist ja schon gut. Keine Chance, dass ich euch so charaktergetreu träumen könnte.”

    Diesmal war es die echte Kurisu, die kicherte und neckend sagte: “Sag bloß, wir suchen dich in deinen Träumen heim.”

    Dabei war es Maho gerade herzlich egal, ob das alles wirklich nur ein Traum sein sollte, solange sie nicht in nächster Zeit aufwachte. Besser die Realität mit einem guten Traum zu verdrängen, als in dieser Version von ihr zu leben. Besser, als wenn Kurisu in einer der beiden Welten nicht mehr existieren würde.

    “Aber in drei Wochen kannst du dich ja selbst davon überzeugen.”

    Maho runzelte die Stirn. “Drei Wochen?”

    “Dann geht doch mein Rückflug, oder hast du das etwa schon wieder vergessen? Schön zu sehen, wie du dich darauf freust.”

    Maho entschied, nicht auf die Fangfrage einzugehen. “Du willst also wirklich so lange bleiben, wie es ursprünglich geplant war?”, fragte ihr Senpai ungläubig.

    Kurisu zuckte mit den Schultern. “Ich sehe da kein Problem drin. Oder soll ich Amadeus erst die Wahrscheinlichkeit berechnen lassen, dass mir so etwas Verrücktes noch ein zweites Mal passiert?”

    Amadeus öffnete den Mund, als wüsste sie bereits, welche Variablen sie zu Rate ziehen musste, doch Maho brachte ihre Kreation mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. “Was ist überhaupt passiert? Selbst die von den Nachrichten scheinen keine Ahnung zu haben.”

    Kurisu verzog das Gesicht. “Ich kann mich an nichts mehr erinnern, außer dass ich in einer Lache voll Blut aufgewacht bin.”

    Maho riss die Augen auf, doch Kurisu rief: “Nicht meins. Ich war vollkommen unverletzt, aber wie es dazu kam… selbst nachdem ich drei Stunden lang von der Polizei verhört wurde, sind wir alle genauso schlau wie vorher.”

    “Und die haben dich wirklich so einfach gehen lassen?”

    “Naja, ohne Wunde war das Blut ganz klar nicht meines, also hab ich wohl auch nichts mit dem Vorfall zu tun gehabt.”

    Maho lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und beschaute ihre Kollegin abschätzig. Jetzt wo sie wusste, dass es ihr gut ging und sie in Sicherheit war, konnte Maho klar genug denken, dass ihr Instinkt hervorkam. “Und hast du rausgefunden, was die Ermittlungen ergeben haben?”

    “Ich hab keine Ahnung. Nach meinen Verhören wurde mir nichts mehr gesagt und auch über die Medien habe ich nichts als haltlose Theorien herausgefunden. Scheinbar weiß niemand so recht, was da passiert ist. Vielleicht war es auch alles nur ein sehr geschmackloser Streich.”

    Maho schüttelte den Kopf. “Wie kannst du da so ruhig bleiben? Wer weiß, was er mit dir vorhatte? Also ich für meinen Teil hätte sofort das Weite gesucht.”

    Kurisu zog eine Augenbraue hoch. “Ach ja? Fühlst du dich in New York etwa sicherer, Miss ‘Lass mich im Dunkeln nicht allein nach Hause gehen’?”

    Maho knallte ihre Hände auf den Tisch und schrie laut auf, als sie an ihre Verletzungen erinnert wurde. Der Schock des Schmerzes ließ ihre Stimme noch eine Spur schriller werden. “Das ist etwas völlig anderes! Nachts allein durch die Stadt zu laufen, ist, als hätte ich darum gebettelt, überfallen zu werden.”

    “Das waren drei Straßen”, erinnerte Kurisu sie grinsend.

    “Und zu allem Überfluss hast du mich vorher auch noch zu einem Horrorfilm überredet. Wie konntest du danach noch erwarten, dass ich nicht hinter jeder Ecke einen Axtmörder vermute?”

    “Ach so. Deswegen hast du ausgesehen, als wärst du gleich in Tränen ausgebrochen, während du gebettelt hast, dass ich dich nicht rausschmeiße.”

    Mahos Haare standen so wirr ab wie das Fell einer fauchenden Katze. “Ich hab gar nicht gebettelt, und geweint hab ich schon gar nicht!”

    Kurisu grinste. “Ich sagte ‘kurz davor’.”

    “Zum Teufel mit der verdammten Semantik!”, sagte Maho, ließ sich zurück in den ächzenden Stuhl fallen und verschränkte die Arme. Das einzig Gute war wohl, dass sie jetzt sicher war, dass Kurisu echt war. In ihren Träumen sagte sie nie so gemeine Dinge.

    “Gewonnen", stellte Kurisu kichernd fest.

    ‘Nichts Neues’, dachte Maho.

    “Ach komm, jetzt schmoll doch nicht.”

    Maho, die ihr Kinn unbewusst noch weiter nach vorn geschoben hatte, korrigierte sich sofort. “Tue ich gar nicht. Das muss dir wegen der schlechten Videoübertragung so vorkommen.”

    “Wie dem auch sei, mach lieber schon mal eine Liste, was ich dir mitbringen soll. Ich hab in meinem Koffer noch genug Platz für ein paar Souvenirs.”

    Mahos Gesichtszüge waren weich, als sie lachte. “An den Satz erinnere ich dich nochmal, wenn du die Kosten für Übergewicht von Gepäckstücken googlest. Aber ich brauch eigentlich nichts Bestimmtes.”

    Kurisu grinste schelmisch und hob einen Taiyaki in die Kamera. “Ist sogar noch warm.”

    “Ich wette, du bist nur noch hier, weil du zu Böse für die Hölle warst”, sagte Maho, die fühlen konnte, wie ihr Magen ihr zu verstehen gab, wie sehr er dieses Gebäck haben wollte.

    Kurisu konnte sich vor Lachen kaum noch auf ihrem Stuhl halten. “Passt perfekt. Wenn ich doch Platzprobleme habe, kann ich es einfach aufessen.”

    Maho seufzte. “Du hättest mir lieber nichts erzählen sollen. Was nützt es, wenn du es erst anbietest und ich dann enttäuscht werde, weil nur noch Krümel in deinem Koffer sind?”

    “Ich stehe zu meinem Wort, wirst schon sehen.” Abrupt schaute Kurisu sich um und als sie zurück in die Kamera schaute, bemerkte Maho die Hast in ihrem Blick, als hätte sie eine Deadline zu erfüllen. “Also dann, ich muss los. Wir sprechen uns später noch mal.”

    Maho schnaubte. “Leichter gesagt als getan bei der Zeitverschiebung. Ich kenne das zur Genüge von meinen Eltern.” Irgendwann hatte Maho sogar um halb sechs aufstehen müssen, weil sie andauernd rumgenörgelt hatten, dass sie ihre Tochter selbst dank der fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten so selten sahen.

    “Ach, wir sind zwei Wissenschaftler, das bekommen wir doch wohl geregelt.”

    Es war einer der wenigen Momente, in denen Maho es besser gewusst hatte als Kurisu, und noch seltener war es der Fall, dass sie lieber darauf verzichtet hätte. Trotz ihrer Abmachung hatten sich die beiden erst am Flughafen wieder gesehen, als Maho neben Kurisus Mutter gestanden und mit anstrengendem Smalltalk versucht hatte, die Zeit hinter sich zu bringen. Sie hatte gedacht, dass sich durch das schreckliche Ereignis und die folgenden Wochen etwas verändert hatte, doch die Welt hatte sich kurz darauf wieder so gedreht, als wäre nichts gewesen.

    Maho hatte das unwohle Gefühl, dass es diesmal nicht der Fall sein würde.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 5


    Ruka wusste, wie wichtig die Präsentation war, und genau aus diesem Grund sah er diesem letzten, alles entscheidenden Moment mit der gebürtigen Menge an Respekt entgegen. Er konnte noch so viel üben und jeden Schritt im Kopf durchgehen - wenn er die Vorführung verpatzte, war alles umsonst.

    Er spürte den kleinen Schlenker, den die Teekanne machte, als seine Hand zu zittern begann. Sein Griff verfestigte sich um den Henkel und er wimmerte kurz auf, bemüht, das drohende Unheil abzuwenden. Es ging nicht darum, dass er Angst vor ihren Reaktionen hatte. Trotzdem wurde sein Atem viel zu flach, je näher sich das Porzellan in seiner Hand zur Tasse neigte. Vorsichtig goss er die Flüssigkeit hinein, sehr bedacht darauf, dass auch der letzte Tropfen hineinfiel, bevor er zur nächsten überging. Er wusste, dass man den kleinen Fleck auf der Tischplatte ganz leicht mit einem Wisch beseitigen könnte. Doch dafür würde jemand aufstehen und bis in die Küche laufen müssen und der friedliche Moment wäre jäh unterbrochen. Das wollte Ruka auf keinen Fall zu verschulden haben.

    Erst als die Teekanne wieder sicher auf dem Untersetzer stand, traute er sich wieder aufzublicken. Mayuri blickte ihn an, als hätte sie noch nie so etwas Faszinierendes gesehen, und Faris' Reaktion nach erfüllte er genau ihre Erwartungen an ihn.

    Faris nickte eifrig. “Alles klar. Das Round-Table-Miauting ist hiermit offiziell eröffnet”, verkündete sie freudestrahlend und blickte in die Gesichter derer, die sie heute hier versammelt hatte.

    Mayuri kicherte. “Er ist tatsächlich rund”, sagte sie, während sie mit ihren Händen an der glatten Kante des Couchtisches herumstrich, um den sie sich versammelt hatten.

    “Also dann, Tagesordnungspunkt 1.” Faris hob theatralisch ihren Finger und machte eine bedeutungsvolle Pause. “Was machen wir, wenn Kurisu uns besuchen kommt, nya~?”

    "Lass uns eine ganz große Willkommensfeier machen. Mit viel Essen und allem, was dazu

    gehört. Hey, wie wäre es mit Luftballons? Ob es auch welche in Upa-Form gibt?", fragte sie das runde Knudddelkissen, das sie eine Armlänge über ihrem Kopf hielt. Dann drückte sie es an sich und rollte sich voller Vorfreude über den Boden.

    Ruka streckte besorgt eine Hand aus, um sie vor der Kollision mit dem Tisch zu bewahren, doch wie durch Zauberhand schaffte Mayuri es, genau vor der Kante wieder umzudrehen. Vielleicht lag es auch daran, dass Faris' Wohnzimmer übermäßig viel Platz bot.

    Die Hausherrin schien sich daran nicht zu stören, während sie genüsslich ihren Tee schlürfte. "Oh, für eine Party ist Faris immer zu haben." Das Funkeln in ihren Augen ließ sie wissen, dass sie auf ihre vollkommene Unterstützung zählen konnten - und dass Geld keine Rolle spielte.

    "Keine Party ohne Faris", zitierte Mayuri den Grund, warum die Herrscherin Akibas zu jeder Feier eingeladen werden musste, die je vom Labor geplant wurde. Ob sie auch tatsächlich kam, war die andere Frage, aber es gehörte sich, sie zumindest zu fragen. "Auf jeden Fall werden wir sie vom Flughafen abholen. Es würde sich nicht gehören, wenn eine Freundin ganz allein nach Hause fahren müsste, nyain nyain." Faris schüttelte den Kopf, als wäre ihr allein der Gedanke zutiefst zuwider.

    Mayuri nickte. "Kurisu-chan wüsste sicher gar nicht, was sie tun sollte. So einsam und allein in einer fremden Stadt."

    Ruka meinte sich zu erinnern, dass Kurisu das letzte Mal in fast akzentfreiem Japanisch geredet hatte. Allerdings hatte er sie seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen, deswegen sagte er lieber nichts.

    "Was ist mit dir, Ruka?", fragte Mayuri, die gegen seine Füße gerollt war und breit grinsend neben ihm lag. In ihren Armen hielt sie fest das Kissen umschlungen.

    "Was?", fragte Ruka, ein nervöses Lächeln auf seinem Gesicht. Kurz blickte er zu Faris. War er so in Gedanken gewesen, dass er ihre Frage nicht mitbekommen hatte?

    "Was willst du machen, wenn Kurisu hier ist?"

    "Ähm, nun ja… lass mich mal überlegen...", antwortete er mit einem verlegenen Lächeln. Er hatte Mühe, in ihr erwartungsvolles Gesicht zu blicken und dem gerecht zu werden, während ihr Blick jegliche Gedanken in seinem Gehirn verscheuchte. "Ich weiß es gar nicht", gab er schließlich zu und lächelte peinlich berührt. Es kostete ihn tatsächlich einiges an Überwindung, seine Mundwinkel oben zu behalten. Wieso war es für ihn nicht auch so einfach, eine gute Idee beizusteuern? Immerhin wollte auch er das Wiedersehen feiern, wirklich, doch er wusste nur nicht so recht, wie. Er mochte Kurisu, sie war nett. Doch wenn er es sich recht überlegte, hatten die beiden nie viel miteinander zu tun gehabt. Er hatte akzeptiert, dass er lieber am Rand statt mittendrin stand, und Kurisu schien die Leute auf eine Art und Weise für sich zu gewinnen, die keiner Mühe bedurfte. Und neben solch strahlenden Menschen fiel ein kleines Mauerblümchen wie er eben nicht mehr auf.

    Er wischte den Gedanken bei Seite. Bestimmt kam ihm das nur so vor. Kurisu und er kannten sich fast gar nicht. Da war es doch nur natürlich, dass er sich erst an die Dynamik gewöhnen musste, die sie in die Gruppe einbrachte. “Wir könnten ihr einen Kuchen backen”, schlug Ruka zaghaft vor. Es war zwar nichts Besonderes, aber etwas, das er gut konnte. Außerdem kannte er keinen, der sich nicht darüber freute. Deswegen war es an seinem Geburtstag auch immer er, der sich am Tag zuvor in die Küche stellte, um seinen Gästen etwas Gutes zu tun.

    “Au ja, die sind super lecker!”, rief Mayuri und schaute ihn an, als würde sie sich noch viel mehr darüber freuen, als Kurisu es je könnte.

    Ruka konnte nicht anders, als zu lächeln. Solange sich nur eine Person darüber freute, war es ihm die Mühe schon wert.




    “Du schreibst mir. Und ich meine damit nicht, wie viel sonniger das Wetter bei euch ist oder was der Professor für Dummheiten angestellt hat” - sie ignorierte das leichte Räuspern, das vielleicht oder vielleicht auch nicht beabsichtigt gewesen war - “ich meine, was du mit Amadeus erreichst und was ich tun soll, um dir zu helfen.”

    “Das liest du dann doch sowieso in der Zeitung”, entgegnete Maho mit einem Lachen und einem Zwinkern. Wo sie vergessen werden, meinen Namen abzudrucken. “Aber du musst mir auch schreiben. Und nicht nur in Form von Problemberichten, wenn du schon wieder das System gecrasht hast.” Das Auflachen im Hintergrund ließ sie vor Wahrheit grinsen. “Erzähl mir alles. Was du so erlebst. Was so in Tokyo abgeht. Was für coole Leute du triffst. Verstanden?”

    Die letzte Option ließ Kurisu kurz verwundert dreinblicken, doch sie fing sich sofort wieder und setzte nach: “Dafür haben wir doch den Log.”

    Maho rollte mit den Augen. “Ich meinte schon mich als Gesprächspartner, nicht meinen virtuellen Zwilling.”

    Kurisu schmollte ein wenig. “Aber es ist so viel angenehmer, zu reden, eine E-Mail ist zu einseitig. Außerdem werde ich vermutlich so viel tippen, dass meine Finger ganz taub werden.”

    Maho seufzte und hielt sich mit ihren Fingern den Nasenrücken. “Sag mir jetzt nicht, dass dir wirklich noch niemand erklärt hat, wie Skype funktioniert.”

    Kurisu kicherte. “Ich mache doch nur Spaß.” Sie trat einen Schritt auf Maho zu und rubbelte durch deren Haare, wo sich ihre Finger prompt in den kleinen Knoten verfingen.

    “Aua, lass das. Hau ab!”, schrie Maho und griff nach dem Arm, um ihn herauszuziehen.

    Behände tänzelte die junge Wissenschaftlerin außer Reichweite. “Ich schätze, das ist mein Stichwort”, sagte sie lachend und drehte sich zu dem Professor. “Ihnen schreibe ich natürlich auch.”

    Der Amerikaner lachte. “Das will ich doch hoffen, dass du uns über deine Abenteuern auf dem Laufenden hältst.”

    “Treib es nicht zu wild”, murmelte Maho, während sie bei ihrer Frisur zu retten versuchte, was nicht mehr zu retten war.

    Ein belustigtes Lächeln trat auf Kurisus Mund. “Das wären die Details, die ich für mich behalte.” Sie zwinkerte noch einmal, bevor sie auf ihren Senpai zutrat. Diese legte ihre Arme schützend über ihren Kopf, doch Kurisu griff dazwischen und legte ihre Arme um die Schultern der kleinen Wissenschaftlerin.

    Maho hob ihren Kopf, was gar nicht so einfach war, wenn Kurisus Brust sich an ihr Gesicht drückte. Sie seufzte und erwiderte die Umarmung. “Komm einfach heile wieder zurück. Das würde mir schon reichen.”

    Sie meinte, dass Kurisu sie für einen Moment fester drückte, während auch durch ihren Kopf ging, was auch immer sie vor fast einem Jahr erlebt hatte. Trotz des Trubels um sie herum war das verhaltene Lachen zu hören. “Da musst du dir diesmal keine Sorgen machen.”

    Das habe ich mir beim letzten Mal auch nicht und schau dir an, wohin das geführt hat, dachte Maho, während Kurisu ihre Arme von ihr nahm und einen Schritt zurückging, wodurch sie wie von selbst aus Mahos passiver Haltung glitt.

    Kurisu drehte sich zum Professor, dem sie nur eine Hand zum professionellen Abschied entgegen streckte.

    Enttäuscht schüttelte er den Kopf. “Keine Umarmung für den alten Herren?”, fragte er gespielt beleidigt, während er einschlug und ihre Hand schüttelte, ganz so, wie er es damals gemacht hatte, als sie seinem Forschungsteam beigetreten war.

    Zum Glück rettete die Ansage Kurisu vor einer Antwort, als ihr Flug aufgerufen wurde. Die junge Wissenschaftlerin blickte umher und entspannte sich sichtlich, als sie ihre Mutter auf sich zukommen sah, die sie prompt heranwinkte. “Also dann”, begann Kurisu all die ungesagten Worte auf ihren Lippen, die sie nicht mehr herausbringen würde.

    “Also dann”, echote Maho, ihren Blick ebenfalls auf die Frau mittleren Alters gerichtet, die neben ihrer Tochter zum Stehen kam.

    “Das Gepäck ist durch die Kontrolle. Fehlst nur noch du.” Sie nickte mit dem Kopf zu dem Schalter, an dem bereits Kurisus Flug angeschlagen war und die Schlange langsam Person für Person dahinter verschwand, wie Sandkörner durch eine Uhr. Maho schüttelte den Kopf. Es war ja nicht so, dass die Zeit - irgendjemandes Zeit - ablief. Es war nur der näher rückende Beginn einer Zeitspanne, die rational gesehen ebenso schnell vergehen würde wie die, die ihr vorausgegangen war, oder die, die ihr noch folgen würde. Nur fühlte sich Maho in diesem Augenblick nicht besonders rational.

    Kurisu nickte langsam. “Macht's gut und bis in ein paar Monaten”, sagte sie, schulterte ihre Tasche und drehte sich zu ihrer Mutter, mit der sie sogleich in ein angeregtes Gespräch verfiel. Die beiden anderen Wissenschaftler blieben am Ausgang stehen, Revange für die Gelegenheit, sich in Ruhe verabschieden zu dürfen.

    Maho konnte den neckenden Blick des Professors auf sich spüren, noch bevor sie sich ihm entgegen stellte und sagte: “Wir haben bereits darüber geredet.”

    Maho fühlte den Impuls, dem Professor sein Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. “Ich war derjenige, der geredet hat - es sei denn, man zählt deine Laute dazu.”

    “Tse”, machte Maho und sein Grinsen wurde breiter, als sie ihm genau in die Karten spielte. “Und ich bleibe dabei. Nein heißt nein.”

    “Du weißt, dass eine längere Überlegungszeit nicht unbedingt eine Abwertung in Sachen Wertschätzung bedeutet, oder?”

    Maho schnaubte so sehr, dass sich eine ihrer Haarsträhnen bewegte. “Bei ein paar Tagen vielleicht, aber ein Monat Unterschied?” Herausfordernd schaute sie zum Professor hoch, dessen Gesichtszüge weich wurden. Wagen Sie jetzt ja nicht die Mitleidstour, warnte sie ihn stumm. “Außerdem war ich eh nur neugierig, wie weit ich kommen würde.”

    “Du kannst es ihnen nicht verübeln. Sie ist das Gesicht von Amadeus - und du hast dich bewusst dagegen entschieden.”

    Maho vergrub die Hände in ihren Hosentaschen. “Eine Entscheidung, die ich jederzeit wieder treffen würde.” Symbolisch hielt sie ihre Zunge mit ihren Schneidezähnen in Schach und schluckte all die Gründe dafür herunter, die gegen sie und für Kurisu sprachen. Es war unnötig, sie wieder zutage zu fördern. Sie kamen sowieso viel zu oft von allein zu ihr.

    Als Gründer und Leiter des Projektes kannte Leskinen Kurisus Vorzüge am besten, auch wenn er bei jedem so tun würde, als wären beide gleich viel wert. Und wenn Maho eine Sache hasste, dann war es, wenn Menschen Dinge beschönigten und so taten, als handelten sie im Interesse eines anderen. Besonders, wenn sie selbst der hässlichen Wahrheit jeden Tag erneut ins Gesicht sah.

    “Ihr seid beide essentiell an diesem Projekt beteiligt gewesen. So wie jedes Teil wichtig ist für das Funktionieren einer Maschine, selbst wenn man es von außen nicht sieht.”

    So wie eine Schraube. Wie eine, bei der man es nicht bemerken würde, wenn sie fehlt.

    “Hm”, machte seine Schülerin nur, diesen vertrauten Ton eines Versprechens, darüber nachzudenken, und nur einen Schritt entfernt, den Gedanken aus dem Speicher des Gehirns zu löschen, bevor er sich dort festsetzte.

    Maho setzte sich in Bewegung, zurück zu seinem Wagen, mit dem sie von der Uni hierhergefahren waren. Für Kurisu war es der letzte Tag in den Vereinigten Staaten für die nächsten Monate. Für Maho und den Professor würde es lediglich eine kurze Unterbrechung ihres Arbeitstages sein.

    “Ich bin mir sicher, dass in dem Flugzeug noch ein Platz frei gewesen wäre.”

    Maho stoppte abrupt und drehte sich um, die Hände in ihren Taschen vor Ärger verkrampft. “Das reicht. Ich fahre mit der Bahn zurück! Ich hätte wissen müssen, dass Sie mich nur deswegen überredet haben, mitzukommen!” Und ohne einen weiteren Blick zu ihrem Vorgesetzten stapfte sie weiter, die Treppen zur U-Bahn im Visier. Eigentlich hatte sie nach dem ausführlichen Gespräch vom letzten Abend gar nicht vorgehabt, Kurisu zum Flughafen zu begleiten. Doch dann hatte ihr Vorgesetzter in der Tür ihres Büros gestanden, den Schlüssel klimpernd erhoben. Sein schief gelegter Kopf und das breite Grinsen waren genug gewesen, dass sie sich von ihrem Stuhl erhoben hatte. Eine wirkliche Wahl war das nicht gewesen. Entweder das oder sie hätte für den Rest des Monats Unterlagen eingescannt. Ein Teil von ihr war froh, dass es noch einmal die Möglichkeit gegeben hatte, sich zu verabschieden. Aber dann war da noch das Loch in ihrer Brust, das erneut aufgerissen war, als Kurisu durch das Gate verschwunden war. Dass sie bald nicht einmal mehr im gleichen Staat sein würde, und in ein paar Stunden schon in einem ganz anderen Land. Seit Monaten hatte sich die kleine Wissenschaftlerin nicht mehr so fremd gefühlt.

    Maho war überrascht, wie gut sie sich noch an den Weg erinnerte, und ließ sich von ihrem Déjà-vu führen. Den gleichen Weg hatte sie auch damals schon genommen, als sie zum ersten Mal einen Fuß in dieses Land gesetzt hatte. Rückblickend hätte sie damals lieber ein Taxi nehmen sollen, statt sich mit dem Chaos auseinander zu setzen, das sich ‘Nahverkehr’ schimpfte. Jetzt hatte sie immerhin ein gesichertes Einkommen, aber das Loch, das es in ihre Tasche brennen würde, würde sie trotzdem noch spüren.

    Sie wollte auch lieber erst gar nicht daran denken, wie viel länger sie unterwegs sein würde. Vermutlich würde sie das Mittagessen in der Kantine verpassen. Gut möglich, dass es sich nicht einmal mehr lohnen würde, sich überhaupt im Büro an die Arbeit zu setzen. Von dem derzeitigen Chaos in ihrem Kopf ausgehend, konnte sie sich nicht vorstellen, dass überhaupt etwas bei rumkommen würde, das auch nur im Mindesten einem vernünftigen Code ähneln würde.

    Zwei Stunden später saß sie Zuhause auf ihrem Sofa, eingewickelt in ihre Lieblingsdecke, die ihre Mutter damals in ihrem Koffer versteckt hatte (ihr Instinkt musste ihr gesagt haben, dass ihre Tochter sie in genau so einem Moment brauchen würde). Sie hielt eine Tasse Kakao mit ihren Händen umschlungen, während sie das ungute Gefühl nicht loswurde, dass sie etwas Wichtiges verpasste, und beim besten Willen nicht benennen konnte, was es war.



    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

    2 Mal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 6


    Mayuri wippte so sehr auf ihren Zehenspitzen nach vorn und zurück, dass Ruka sie bereits zwei Mal vor dem Fallen hatte bewahren müssen. “Hast du sie schon gesehen?”, fragte das Mädchen, während sie wie eine übereifrige Überwachungskamera von links nach rechts und wieder zurück schwenkte, und dabei in der Menge das eine bekannte Gesicht suchte.

    “Ich bin mir sicher, dass sie jeden Moment auftauchen wird. Das ist der einzige Flug aus New York und es gibt nur diesen einen Ausgang. Also muss sie hier vorbeikommen.” Die Worte klangen logisch, doch die Quirligkeit seiner Freundin war geradezu ansteckend.

    “Aber was ist, wenn wir sie übersehen haben? Wenn sie schon vorbei ist und ein Taxi genommen hat?”

    Ruka runzelte die Stirn. “Ich dachte, sie hat gelesen, dass wir sie abholen wollen.”

    Mayuri nickte, nachdem sie die blauen Doppelhaken kontrolliert hatte. “Aber das war noch vor dem Flug. Vielleicht hat sie das ja schon vergessen…”

    Ein Lachen ließ sie erschrocken aufsehen.

    “Ach Mayuri-chan, wie könnte man jemanden wie dich verg-”

    Weiter kam Kurisu nicht, als die Oberschülerin sie in eine Umarmung zog, die ihr vor Überraschung und Intensität den Atem raubte.

    “Kurisu-chan”, rief Mayuri vergnügt und hüpfte auf ihren Zehenspitzen. “Mayushii hat dich so sehr vermisst.”

    “Ich dich auch, Mayuri-chan. Euch alle”, fügte sie hinzu, als sie Ruka einen Schritt entfernt stehen sah. Sie konnte es ihm nicht verübeln, dass er erst einmal Abstand halten wollte, bis die Phase der stürmischen Begrüßung vorüber war.

    “Kurisu-nya!”, erklang die einzige Warnung, bevor Faris’ mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihren Rücken prallte und die Umarmung von der anderen Seite vollführte. Die junge Wissenschaftlerin wurde sogar in die Knie gezwungen, als jetzt zwei Mädchen an ihr hingen.

    “Ist ja schon gut, ihr Zwei”, versuchte Kurisu, sie zu beruhigen, bevor die beiden sie zu Boden ringen und vermutlich unter sich begraben würden. “Ihr tut ja so, als hätten wir uns ewig nicht mehr gesehen.”

    "Wenn du nicht persönlich hier bist, zählt das nicht, nya!”, stellte Faris sofort fest und klang, als würde nichts ihre durch Erfahrung gefestigte Meinung jemals umstimmen. Fast hätte Kurisu sie in der gewöhnlichen Straßenkleidung nicht erkannt.

    Mayuri nickte ernst, woraufhin ihre Stirn mehrmals Kurisus Schulter streifte, weil sie ihre lang verlorene Freundin immer noch nicht loslassen wollte. “Du warst so lange weg. Du hast Mayushii ganz doll gefehlt! Und das letzte Mal, als du hier warst, haben wir uns kaum gesehen!”

    Kurisu seufzte leicht und tätschelte Mayuris Rücken. “Ich weiß, ich habe euch auch vermisst. Und es tut mir wirklich leid, ich hätte auch gerne mehr Zeit mit euch gehabt.”

    Im Winter hatte der Professor eine kleine Tour zur Vorstellung ihres Projektes organisiert und Kurisus Herz hatte wie wild geschlagen, als sie in der Liste die eine Stadt gesehen hatte, die sie unbedingt hatte besuchen wollen. Als sie dann die Tagesplanung gefunden hatte, waren die Schmetterlinge in ihrer Brust mit einem Stein erschlagen worden. Termine reihten sich aneinander und vor ihrer Präsentation hatte sie sich gerade so etwas zu essen holen können. Kurisu hatte wirklich versucht, so viel Zeit wie möglich für ihre neuen Freunde herauszuschlagen, aber am Ende hatte es nur für ein Abendessen gereicht. Das war der einzige Tag gewesen, an dem sie nicht sofort ins Bett gefallen war, weil sie wusste, dass sie jedes bisschen Energie für den morgigen Tag brauchen würde.

    Faris hatte ihnen extra den besten Tisch in ihrem Café reserviert und sich förmlich überschlagen bei dem Versuch, die perfekte Gastgeberin zu sein, während Mayuri ihr all das erzählt hatte, was in ihren Mails und den wöchentlichen Skype-Gesprächen keinen Platz gefunden hatte. Auf die meisten von Darus Kommentaren hätte sie verzichten können, doch er hatte sie so sehr zum Lachen gebracht, dass sie sich fast an ihrem Essen verschluckt hatte. Ruka hatte die nötige Menge an Ruhe hereingebracht und Mayuri gebremst, wenn Kurisu mal eine dringend benötigte Pause von Themen um ihre Person brauchte (Nach all den Fragen, die andere Forscher über ihre Publikationen oder direkt an ihr virtuelles Ich stellten - von denen nicht alle wissenschaftlicher Natur waren - kam es ihr vor, als wäre jedes Detail ihres Lebens bereits erzählt worden).

    Nur auf Okabe hatte sie vergeblich gewartet, doch sie hatte ihre Neugier im Zaum gehalten und mit mühsam erzwungener Zurückhaltung gewartet, bis sich die Sache von selbst geklärt hatte. “Er hat eine wichtige Vorlesung”, hatte Mayuri mit ernstem Gesicht gesagt, als hätte davon seine gesamte wissenschaftliche Karriere abgehangen. Kurisu wusste, dass das quirlige Mädchen sie niemals anlügen würde, und deshalb zweifelte sie keinen Moment an der Ehrlichkeit ihrer Freundin. Sie fragte sich lediglich, ob ihr Kindheitsfreund nicht doch seine Prioritäten in Frage stellen sollte. Gründlich.

    Sie wischte den Gedanken mit all ihrer mentalen Kraft beiseite und zog ihre Mundwinkel bis zu ihren Augen hoch. Das fiel ihr um einiges leichter, als Mayuri sie endlich freigab und den Blick auf das glückliche Gesicht ihrer energetischen Freundin freigab. “Also dann, wollen wir los?”, fragte sie und tätschelte Kurisus Koffer, der dreimal so breit war wie sie selbst. Zumindest würde es kein Problem sein, ihn durch den Flughafen zu rollen, hatte sich doch die Ausgangshalle bis auf vereinzelte Grüppchen komplett gelehrt.

    “Klar”, antwortete Faris und winkte Kurisu mit sich. “Keine Sorge, du musst dich nicht lange damit abmühen. Wir haben direkt vor der Tür geparkt, nya.”

    Kurisus Augen wurden groß. “Wie?”, lag es ihr auf der Zunge, aber dann erinnerte sie sich, dass sie mit der Quasi-Besitzerin von Akihabara sprach. Vermutlich zahlte sie jedes Knöllchen so bedenkenlos wie eine Tasse Tee.

    “Der Besitzer schuldet mir etwas”, antwortete Faris verschwörerisch mit ihrem Katzenlächeln und Kurisu war sich sicher, dass es da nicht lediglich um Kleckerbeträge handelte. Die Vermutung lag nah, dass es niemanden in diesem Stadtteil gab, der Faris nicht irgendetwas schuldete (auch wenn es sich, wie in Kurisus Fall, nur um den ewigen Dank für das Mekka der japanischen Popkultur handelte).

    “Hey, willst du gleich mit ins Labor kommen? Ich muss dir unbedingt mein neues Cosplay zeigen, das ich für dich gemacht habe.”

    “Ich weiß doch nicht so recht, ob mir sowas steht”, sagte sie lapidar, während ihr Herz vor Aufregung hüpfte und ihre Gedanken voller Charaktere war, in deren Rolle sie schon immer mal schlüpfen wollte.

    “Sie will sich doch sicher erst einmal ausruhen. Der Flug war bestimmt anstrengend”, gab Ruka zu bedenken, der angeboten hatte, Kurisus Koffer zu ziehen. So, wie er sich damit abmühte, schien er nun derjenige zu sein, der eine Pause brauchte.

    Faris kicherte. “Und sich hübsch machen für einen ganz besonderen Jemand, nya?” Zwinkernd stupste sie Kurisu ihren Ellbogen in die Seite.

    “Gar nicht wahr”, protestierte diese und fühlte, wie ihr das Blut verräterisch in den Kopf fuhr. “Aber ich würde schon gerne mein Gepäck loswerden, bevor wir irgendwas machen.”

    “Kein Problem, wir bringen dich direkt zu deinem Hotel. Und wenn wir schon mal dabei sind, kann ich dir auch gleich eine Disco in der Nähe zeigen, nya.”

    “Woher weißt du, wo mein Hotel ist?”, fragte Kurisu misstrauisch, während sie sich dem Ausgang näherten.

    Faris grinste. “Weil ich dir das Zimmer reserviert habe, nya~”, sagte sie leichthin.

    Kurisus Augenbrauen zogen sich noch weiter zusammen. “Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich selbst auf 'Buchen' geklickt habe.”

    Faris bedachte sie nur mit einem mitleidigen Blick, der Kurisu verriet, wie wenig sie davon wusste, wie diese Welt funktionierte - und wie sehr das an den Machenschaften der Besitzerin Akihabaras lag. “Nya schon, aber ich kann dich doch unmöglich in so einer Absteige hausen lassen. Eine Freundin von mir hat etwas Besseres verdient.”

    “Faris, das geht doch nicht! Außerdem will ich dir nicht auf der Tasche liegen. Mein Aufenthalt wird sowieso von meiner Uni bezahlt.” Allerdings erwartete Kurisu nicht, dass sie etwas so Extravagantes, wie Faris es ohne Zweifel ausgesucht hatte, als ‘verhältnismäßige Reisekosten’ absetzen konnte.

    Faris zuckte nur mit den Schultern. “Dann können sie das Geld sonst wo hinstecken.”

    Kurisu wurde das Gefühl nicht los, dass ein Wort weggelassen wurde, sagte aber nichts. “Trotzdem”, nuschelte sie, die Arme vor der Brust verschränkt. Es war das eine, wenn jemand so viel Geld hatte, dass es einem selbst nicht mehr viel bedeutete - aber deswegen fühlte es sich noch lange nicht richtig an, das auch anzunehmen. “Du kannst doch nicht drei Monate lang meinen Aufenthalt bezahlen!”

    Faris runzelte die Stirn. "Nyatürlich kann ich. Es nur eine Verschwendung von Kapazitäten, wenn das Zimmer leer stehen würde. Da kann ich dir auch einen Gefallen tun.”

    Kurisu legte den Kopf in den Nacken. Wieso hatte sie sich das nicht denken können? “Das Hotel gehört dir, oder?”

    Faris’ Lächeln war Bestätigung genug.

    Kurisu rollte mit den Augen. “Lass mich raten, als Nächstes kommt ein ‘Mietzhaus’?”

    Ihre Mundwinkel schoben sich noch weiter nach oben. “Hach, es ist immer schön, wenn Freunde ein Auge für Visionen haben. Sei unbesorgt, Faris sucht nur noch nach einem geeigneten Objekt und dann wird sie das hiesige Stadtbild revolutionieren, indem sie in die raue See des Immobilienmarktes springt, die Immobilien der Miethaie aufkauft und Tokyo aus den Klauen dieser Hunde befreit!” Faris lachte diabolisch auf und bei diesem Anblick konnte Kurisu den Schweißtropfen an ihrem Nacken spüren, als ihr langsam bewusst wurde, was für eine Lawine sie da losgetreten hatte.

    “Aber bis dahin ist das alles noch Zukunfts-Katzenmusik. Jetzt genießen wir erst mal Faris’ neuestes Großprojekt. Da kannst du dich schon mal auf etwas gefasst machen. Das Kuchenbuffet ist hervorragend. Ich glaube nur, dass wir dafür schon zu spät dran sind.” Sie schaute auf ihre Uhr und seufzte. “Gerade richtig für's Abendessen.”

    Kurisu streckte sich und gähnte. “In meinem Fall wohl eher Frühstück. Laut meiner inneren Uhr wäre ich gerade aufgestanden.”

    Faris nickte wissend. “Ja, Jetlags sind furchtbar. Na nya, mit etwas Glück hat sich das bis morgen wieder gelegt. Hach, und ich hatte mich schon so gefreut, mit euch um die Häuser zu ziehen.” Jetzt verstand Kurisu auch, warum Faris nicht wie sonst eines ihrer ausladenden Lolita-Kleider trug und stattdessen ein lockeres Rüschentop und einen Minirock mit Schleife gewählt hatte.

    “Wir können doch trotzdem spazieren gehen, nachdem wir Kurisu ins Hotel gebracht haben.” Niemand brachte es über's Herz, Mayuris Erwartungen zu korrigieren. Bei der Wärme sprach auch nichts dagegen. Zwar traf sie Kurisu wie eine weiche Wand, als sie aus der Schiebetür traten, doch war es viel angenehmer als die stark klimatisierte Luft in Inneren.

    “Erst mal Abendessen. Kommt, ich lade euch ein”, rief Faris vergnügt und hopste auf die schwarze Limousine zu.

    Natürlich war es eine Limousine, dachte Kurisu. ‘Unauffällig’ schien ein Begriff zu sein, der in Faris’ Weltbild nicht vorkam.

    Prompt waren sie in der Nähe des Wagens, da stieg ihr Fahrer aus und nahm Ruka den Koffer ab, wofür er wie ein lang ersehnter Retter betrachtet wurde.

    “Also nyann, worauf wartet ihr noch?” Faris hielt ihnen extra die Tür auf, komplett mit einem mädchenhaften Knicks.

    “Faris, du bist echt eine Nummer für dich”, sagte Kurisu, während sie an Faris vorbei durch die Tür ging und sich auf das bequeme Polster fallen ließ.



    Normalerweise hätte Kurisu sich beschwert, weil das Konzept der Zeit beinhaltete, dass sie, je nach Betrachter, schneller oder langsamer verging. Es konnte befreiend, ja sogar romantisch sein, aber meistens stresste es nur und konfrontierte einen mit der Vergänglichkeit des Augenblicks. Es war der Grund, warum der Moment des ersten Kusses sich minutenlang hinziehen konnte, während die Zeit mit Freunden die Zeiger der Uhr rasen ließ (nicht dass sie die erste Behauptung selbst empirisch belegen konnte. Sie griff lediglich auf Erfahrungsberichte und Beobachtungen anderer zurück. Und auf einen sehr realistischen Traum, den sie mal gehabt hatte, und der ihre Lippen zum Kribbeln brachte, wenn sie einem gewissen Jemand gegenüber stand). Heute kam es ihr aber ganz gelegen. Sie wusste nicht, ob es an den anregenden Gesprächen lag oder der Landschaft, die an den Autofenstern vorbei rauschte, die ihr Herz vor Freude höher schlagen ließ. Trotz des Sommers letzten Jahres konnte sie es nicht erwarten, endlich wieder auf eigene Faust durch die Straßen zu ziehen - nach einer ordentlichen Mütze Schlaf natürlich. Schon jetzt merkte sie, wie ihre Gedanken immer häufiger von den Worten ihrer Freunde abdrifteten und sie Mühe hatte, sich länger auf ein Thema zu konzentrieren.

    “Oh, Okabe fragt, ob ich heute noch ins Labor komme”, sagte Mayuri aus dem Nichts.

    Kurisus drehte ihren Kopf so ruckartig, dass sie Angst hatte, sich den Nacken zu verrenken. Natürlich tat sie das nur, weil sie wissen wollte, ob ihre japanische Bekannte den Abend mit ihr oder doch lieber ihrem Kindheitsfreund verbringen würde.

    Mayuri legte einen Finger an ihr Kinn. “Hm, Zeit hätten wir.”

    “Aber Kurisu ist doch gerade angekommen. Es wäre ziemlich unhöflich, sie jetzt wieder zu versetzen”, gab Ruka zu bedenken.

    Kurisu lachte nervös. “Ich wollte euch jetzt aber auch nicht in eine Zwickmühle bringen”, begann sie ihren Schlichtungsversuch, doch Faris winkte ab.

    “Ach was. Wir könnten jeden Tag bei Okabe vorbeischauen, aber das ist Kurisus erster Tag in Japan. Das muss anständig gefeiert werden! Hey, warum kommt er denn nicht einfach zu uns?”

    “Ach, der ist doch bestimmt beschäftigt mit seinen komischen Experimenten. Und überhaupt, wenn er Zeit hätte, wäre er ja wohl gleich mitgekommen”, sagte Kurisu mit verschränkten Armen.

    “Ja, das war wirklich schade”, antwortete Mayuri, als hätte sie keinen der stillen, wütenden Vorwürfe aus den Worten herausgeholt. “Wir haben ihn und Daru gefragt, aber die beiden haben wohl wichtige Vorlesungen. Aber ich habe ihm gesagt, dass wir uns gut um dich kümmern werden. Er meinte zwar, dass du bestimmt an allem, was wir tun, etwas auszusetzen hast-”

    Kurisus Blick wurde finster wie die Nacht.
    “Aber ich habe ihm versichert, dass wir das ganz prima hinbekommen werden. Ich hoffe, es war alles zu deiner Zufriedenheit?”, schloss Mayuri mit einem breiten Grinsen, das erkennen ließ, dass sie ein Nein gar nicht für möglich hielt.

    “Klar doch”, versicherte Kurisu ihrer Freundin, während sie sich fragte, worum es in dieser ach so wichtigen Vorlesung gegangen war.

    “Wir sind da, nya!”, rief Faris plötzlich. Kaum hatte der Wagen gehalten, sprang sie heraus, vollführte eine halbe Drehung, die ihr Kleid wehen ließ, und trat neben die Tür, um ihre Freundinnen aussteigen zu lassen. Die Sonne hatte sich schon hinter die Wolkenkratzer der Metropole verzogen und warf nur noch vereinzelt ihre Strahlen auf die Fassaden der Gebäude. Trotzdem hätte Kurisu das Hotel wohl auch in der Dunkelheit der Nacht erkannt und das, obwohl dieser Bereich der Stadt ihr absolut fremd war. Sie mussten sich noch in Akihabara befinden, denn es gab wohl keinen anderen Stadtteil in Tokio, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, wo der Bau nicht wie eine Absurdität, sondern eine logische Fortführung der Umgebung wirkte.

    Kurisu drehte sich zu Faris um, die mit einem breiten Grinsen dastand. Augenscheinlich wusste sie genau, was dieses Design über sie aussagte, und war entsprechend stolz auf sich. “Drei Stockwerke, 25 Zimmer, eine durchschnittliche Miauslastung von 80%. Nicht schlecht für den Anfang, würde ich behaupten. Auf dem Dach befindet sich ein Schwimmbad und im Keller gibt es ein Parkhaus. Außerdem ist der Patissier hier ein ehemaliger Lehrling aus dem MayQueen und die Köche sind Absolventen der härtesten Kochschule der Welt, an der nur 1% bestehen. Also, wenn ihr mal eine Zeit Urlaub braucht, zögert nicht, ihr seid hier immer willkommen, nya.”

    “Ich glaube nicht, dass sich jemand von uns das leisten kann”, versuchte Kurisu, ihre abgehobene Freundin auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

    Faris zuckte nur mit den Schultern. “Das müsst ihr auch nicht. Geht einfach zur Rezeption, meine Nyangestellten wissen, wer ihr seid.”

    “Ach”, sagte Kurisu nur. Datenschutz schien für ihre Freundin ja ein Fremdwort zu sein. Aber jetzt, wo sie schon mal hier waren, konnte Kurisu nicht leugnen, dass sie dieses Gebäude… faszinierend fand. Die Wände waren in der Farbe von Vanilleeis gehalten, während das Dach mit eleganten, graue Dachziegeln verkleidet war. Ein blasslila-gepflasterter Weg, gerahmt mit Petunien, führte das kurze Stück über den Vorgarten bis zur Haustür. Vor dem Eingang befanden sich zwei Bänke, deren Rückenlehnen wie die Pfoten einer Katze geformt waren. Was das Haus aber unverkennbar als Faris’ Besitz markierte, waren die beiden schräg abstehenden Katzenohren auf beiden Seiten des Daches und ein Schriftzug über der Tür, der es unverkennbar als “MayEmpress" auswies.

    “Dein Gepäck wird schon auf dein Zimmer gebracht. Was ist mit deiner Tasche?”, fragte Faris und beäugte die Umhängetasche, die von Kurisus Schulter baumelte. Mittlerweile merkte Kurisu, dass fünf Bücher für den Flug vielleicht drei zu viel gewesen waren, aber sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Dabei war die Auswahl an Filmen und Serien für den Langstreckenflug hervorragend gewesen - und auch viel leichter zu verarbeiten für ihr müdes Gehirn als Fachlektüre.

    “Ja, das wäre ganz gut. Gebt mir einen Moment”, sagte sie, stellte die Tasche auf den Boden und verstaute noch ihre Jacke und ihre Sonnenbrille darin. Dann reichte sie sie Faris, die sie gleich ihrem Butler übergab, der mit dem Koffer schon einmal auf die Tür zulief, um sie der kleinen Gruppe aufzuhalten.


    Kurisu wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, aber wenn, wäre es wohl genau das gewesen - oder eher gesagt die.

    "Willkommen Zuhause", sagten eine Katzendame, die geradewegs Faris' Café hätte entspringen können, und ein Mann im Anzug, dem Katzenohren unter seinen wuscheligen Haaren hervor stachen. Beide sahen mit ihrer viktorianischen Bedienstetenkleidung so aus, als wären sie einem romantisierten Film entsprungen. Kaum war die kleine Gruppe durch die Tür getreten, verbeugten sie sich kurz. Der junge Mann verblieb noch länger in dieser Haltung. Verwirrt hob Kurisu unschlüssig ihre Hand und ehe sie sich versah, hatte er sie sanft mit seiner umfasst und ihren Handrücken geküsst. Mit so viel Etikette vollkommen überfordert, drehte sie sich zu der Besitzerin dieses Ensembles um. "Was soll denn das werden?", fragte sie mit einem Blick.

    Faris grinste nur, wobei sie ihren Mund zu einer nach oben offenen 3 verzog. "Nyan muss den Gast gleich beeindrucken. Immerhin gibt es keine zweite Chance für den ersten Eindruck", antwortete Faris mit einem Zwinkern und nickte an Kurisu vorbei. Diese hatte noch nicht einmal hingesehen, als schon Mayuris quietschiges Lachen erklang. Ihr war wohl die gleiche Ehre zuteil geworden und fasziniert blickte sie auf ihren Handrücken, als hätte man ihr gerade ein wunderschönes Abzieh-Tattoo verpasst. Kurisu schaute an ihr vorbei, gerade noch rechtzeitig, um Ruka feuerrot anlaufen zu sehen. Er senkte den Kopf und seine Lippen bewegten sich, aber Kurisu konnte nicht verstehen, was er sagte. Falls der Mann vor ihm das mädchenhafte Auftreten durchschaut hatte, zeigte er es mit keiner Bewegung, als er ihm in die Augen schaute und ihm ein Lächeln schenkte, bevor er sie alle fragte: "Würden die Damen mir bitte in den Speisesaal folgen? Wir haben Sie schon erwartet."

    Faris grinste, offensichtlich mehr als zufrieden mit ihrem Personal. Mit federnden Schritten lief sie neben der Katzendame her, mit der sie ein angenehmes Gespräch führte. Mayuri fiel es schwer, geradeaus zu laufen, und Ruka schien mit der Gesamtsituation so überfordert, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.

    Kurisu konnte das durchaus nachvollziehen. Es kostete sie einiges an Überwindung, nicht zu den Sofas zu laufen und über deren samtig weich wirkenden Bezug zu streichen, oder sich gar auf das Polster fallen zu lassen. Sie passten perfekt zu dem hellen, freundlichen Holzfußboden, der auf dem Weg zum Saal mit einem pinken Teppich ausgelegt war. Die Farbe hätte kitschig wirken können, doch Faris schaffte es, so geschickt mit Rosa und Schwarz auf der weißen Wand Akzente zu setzen, dass der Raum nicht aussah wie der Eingang zu dem Zimmer einer durchgeknallten ewig jungen Barbie in den Wechseljahren. Stattdessen wirkte es wie in einem edlen Hotel, das einen konstant daran erinnerte, wer seinen Bau in Auftrag gegeben hatte.

    Doch das alles war kein Vergleich zu dem, was sich offenbarte, als die beiden Angestellten die Doppeltür aufhielten. Augenblicklich stiegen Kurisu so viele Düfte von Essen in die Nase, dass sie diese gar nicht auseinander halten konnte - und ihr sofort klar war, dass sie jedes Gericht davon probieren musste.

    “Ihr Tisch ist gleich da vorne”, sagte der Butler mit einer erneuten Verbeugung, als sie in ihm vorbeigingen, und der Maid in die angegebene Richtung folgten. Als Mayuri an ihm vorbeiging, verbeugte sie sich auch, kicherte beschwingt und tänzelte zu ihrem Platz. Ruka schaute ihr mit großen Augen hinterher, folgte ihr aber mit etwas Abstand. Vermutlich war er es gewohnt, ihr mit einem gleichzeitig faszinierten und verlegenen Lächeln hinterher zu gehen, dankbar dafür, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich zog, die er nicht wollte.

    "Oh wow, das ist alles so unglaublich cool, Faris!", rief Mayuri und drehte sich kichernd um sich selbst, als könne sie mit einem Mal alles in sich aufnehmen, was dieser Raum zu bieten hatte.

    "Vielen Dank, Mayu-nyan", sagte Faris mit einem Knicks und einem Lächeln, das mehr zu einem "Ich weiß, aber ich liebe es, das zu hören" gepasst hätte.

    Tatsächlich konnte Kurisu ihr den Grund für ihr Selbstbewusstsein nicht kleinreden. Die Tische waren in kleinen Sitzecken arrangiert und auf den ersten Blick wirkte es, als hätte Faris sich ein Teetassenkarussel als Vorbild genommen und die Außenwände erhöht, bis sie blickdicht waren. Doch als sie näher traten, sah Kurisu, dass jeder der Sitzbereiche recht geräumig war und statt Bänken Stühle hatte. Statt sich hinzusetzen, blieb Kurisu allerdings wie gebannt stehen und schaute auf die Außenwände. Das Herzstück bildete die große Treppe, die in die Mitte gemalt worden war und von Kirschbäumen in voller Blüte flankiert wurde. Auf der linken Seite befand sich ein Feld bei Nacht, aus dem unzählige Lichter wie Glühwürmchen empor stiegen, und rechts erstreckte sich eine Sonnenblumenwiese, die ihr die Kehle zuschnürte und sie sich fragen ließ, warum Faris wollte, dass ihre Kunden beim Essen in Tränen ausbrachen.

    Mayuri lief sofort zu einem Tisch vor den Sonnenblumen und zog Ruka zu sich, der unbeholfen zum Stuhl stolperte und auf dessen Polster fiel. Kurisu nahm unter dem Lichterhimmel platz und fühlte sich plötzlich mehrere Jahre jünger, während sie in das alte Gedankenmuster darüber verfiel, was das Medium über Zerbrechlichkeit des Lebens und das Glück des flüchtigen Augenblickes sagen wollte.

    Neugierig blickte sie sich um und sah nicht weit entfernt am Nachbartisch das Meer mit einem Schiff, dessen Galionsfigur von einem Lammkopf geziert wurde, oder zwei jungen Männern, die sich vor einem Wasserfall bekämpften, zu dessen beiden Seiten imposante Steinstatuen thronten.

    Kurisu senkte den Kopf und konnte nicht anders, als vor sich hin zu grinsen. Sie würde heute wohl nicht mehr das Gefühl los werden, in einem Insiderwitz von Faris zu stecken, der voll und ganz auf ihre Kosten ging. Sie wusste nicht, was Okabe ihr über ihre Liebe zu japanischer Zeichentrickkultur erzählt hatte - was natürlich alles vollkommen erfunden und erlogen war! - aber Faris schien sich fast schon etwas zu sicher zu sein, dass Kurisu wissen würde, was diese Szenen abbildeten.

    "Was gibt es zu Essen?", fragte Mayuri und dem Strahlen in ihren Augen nach konnte sie es kaum noch abwarten, es vor sich zu sehen.

    Auch Kurisu knurrte der Magen, was sie allerdings nicht zugeben wollte. Natürlich hatte es im Flugzeug etwas gegeben, aber sie konnte nicht sagen, dass sie sich darauf gefreut hatte. Wie sie richtig in Erinnerung hatte, konnte man es gerade einmal als passabel einstufen und mit dem, was ihr gleich geboten werden würde, würde es sicher in den Schatten gestellt werden.

    "Bestellt euch doch erst einmal etwas zu trinken", sagte Faris und platzierte die Karte vor ihnen, genau auf der richtigen Seite aufgeschlagen und so, dass alle sie problemlos lesen konnten. Allerdings war Kurisu nicht entgangen, dass auch die Besitzerin des Lokals ungeduldig zu der großen Tür schielte, hinter der die Bedienung immer wieder verschwand.

    Nachdem die Gruppe der freundlichen Kellnerin zum dritten Mal ein entschuldigendes Lächeln geschenkt hatte, hatten sie es dann endlich geschafft, sich jeder ein Getränk zu bestellen. Faris hatte ein pinkes Himbeergetränk mit, das schmeckte, als hätte man ausprobiert, wie viel Zucker man darin auflösen konnte. Trotzdem war es nach einer Runde Probieren schon zu Hälfte leer getrunken. Mayuri hatte sich schlussendlich auf Erdbeer-Vanille festgelegt, während Kurisu sich für Limette-Minze entschieden hatte und Rukas Wahl auf einen grünen Tee gefallen war.

    Kaum hatte sich die Kellnerin wieder vom Tisch entfernt, wurden auch schon die ersten Teller vor die Gäste gestellt. Mayuri blickte verwundert auf, nachdem sie ihrer Portion einen Blick zugeworfen hatte, als würde es all ihre mentale Kraft brauchen, um nicht sofort zum Besteck zu greifen. “Aber wir haben doch nur etwas zu trinken bestellt”, griff sie die Verwunderung der anderen an diesem Tisch auf, die sich nicht gemütlich in ihrem Stuhl zurückgelehnt hatten.

    “Lass Faris das nur machen, das ist alles Teil des Plans. Ihr sollt euch doch wohlfühlen, nya. Also guten Nyappetit, haut rein.”

    Eine weitere Ansage brauchte es nicht und einen Gabelstich später probierten sie sich durch ein Gängemenü, bei dem Kurisu schon bald nicht mehr zählen konnte. Die Teller waren eine wahre Augenweide und es kostete richtig Überwindung, das Besteck zu heben und das Kunstwerk zu zerstören. Anblick und Geruch allein reichten schon aus, um vom Handwerk des Kochs zu zeugen, aber schon beim ersten Kauen breitete sich ein Geschmack im Mund aus, der die vier keuchend und voller Glücksgefühle zurückließ. Sie konnten die Zeit bis zum folgenden Gang kaum noch abwarten, obwohl sie sich nicht sicher waren, ob ihre Körper das durchstehen würden.

    "War das gut", schwärmte sie, nachdem sie mit jedem Bissen bedauert hatte, ihren Teller leer zu essen, weil es das Ende ihrer köstlichen Mahlzeit bedeutete. "Ich wünschte, ich könnte das jeden Tag essen." Dann merkte sie die Bedeutung dessen, was sie nur so daher gesagt hatte, als Faris' ihren Blick auffing und mit einem triumphierenden Lächeln quittierte. Die junge Dame machte wirklich keinen Hehl daraus, wie gerne sie ihre Pläne in aller Fülle aufgehen sah. "Dann wünsche ich dir viel Spaß dabei. Selbst am Tag des jüngsten Gericht wird diese kulinarische Oase wie die letzte Festung des guten Geschmacks stand halten und Menschen, die nach Wasser und Wissen dursten, eine Möglichkeit geben, ihre Gelüste zu befriedigen."

    Kurisu merkte, dass der Schlafmangel langsam einsetzte. An normalen Tagen hätte sie keine Probleme gehabt, Faris’ Gedankengang zu folgen (dass sie es ebenso abgedreht fand wie die an den Haaren herbei gezogenen Ausführungen eines gewissen Jemandes mal ganz beiseite gestellt).

    “Was machen wir als Nächstes, Faris?”, fragte Mayuri, die noch an ihrem Nachtisch saß. Obwohl sie die Auswahl an Pralinen bereits mit einem Foto für die Ewigkeit festgehalten hatte, konnte sie es nur schwer übers Herz bringen, die niedlichen Chibi-Tiere in ihrem Mund verschwinden zu lassen.

    “Was auch immer ihr wollt. Wir haben hier eine Sauna, ein Kino, Billard, Karaoke…” Faris stoppte ihre Ausführungen, als sie einen Blick auffing, den Kurisu lieber verheimlicht hätte. Prompt verzog sie das Gesicht. “Es ist nicht so, als würde ich Karaoke besonders mögen. Es ist nur schon sehr lange her, seit ich das letzte Mal da war. Wir können natürlich auch etwas anderes machen, das ist mir vollkommen egal!” Tatsächlich war sie bisher nur einmal im Freundeskreis dort gewesen, doch hatte sie damals lieber die sicheren Charts-Lieder gesungen, versteckt hinter den anderen Stimmen. Sie war keine schlechte Sängerin - zumindest hatte niemand protestiert, dass sie für den Rest des Abends auf der Bank sitzen sollte - aber sie hatte es dann doch lieber gehabt, nicht zu sehr aus der Menge herauszustechen. Mit Mayuri, der nichts peinlich zu sein schien, und Faris, die vermutlich auch beim Singen wie eine Katze klingen würde, sah das aber ganz anders aus. Die beiden schienen die perfekte Besetzung, um nicht negativ aufzufallen.

    “Okay, wie es aussieht, haben wir einen Favoriten gefunden. Mir nyach!”

    Faris nahm Ruka am Arm, der so ausgesehen hatte, als bräuchte er ganz dringend eine Ausrede, um den Abend an dieser Stelle sofort zu beenden. Allerdings schien ihm schnell klargeworden zu sein, dass es zwecklos war, sich gegen die Herrscherin der Stadt aufzulehnen, und so folgte er ihr gehorsam. Mayuri summte vergnügt, während sie den Teller mit den restlichen Süßspeisen einfach entführt hatte. Es war wohl noch tragischer, wenn sie im Müll landen würden, und so konnte Mayuri ihnen immerhin noch würdevoll das Ende bereiten, zu dem sie erschaffen worden waren.


    Den Zeitverlauf mit “es war bereits dunkel geworden” zu beschreiben, wäre eine Untertreibung schlechthin gewesen. Natürlich machte das höfliche japanische Personal nicht den Fehler, seine Chefin heraus zu werfen, oder sich in dem Karaoke-Raum sehen zu lassen, wenn es nicht gerufen wurde. Deswegen kam eines zum anderen und erst als die jungen Erwachsenen sich so sehr räusperten, dass sie fast husten mussten, um ihre Stimme wiederzubekommen, setzten sie sich zurück auf die Bank. Davor waren sie nur kurz dorthin gelaufen, um etwas zu trinken, doch jetzt, wo gemeinsam entschieden worden war, den Abend langsam ausklingen zu lassen, erinnerten sie sich auch wieder, wo sie ihre Handys gelassen hatten. “Ach du Schreck. Ich hätte schon längst Zuhause sein müssen!”, rief Ruka und auch Mayuri machte nicht den Eindruck, dass sie zu dieser Uhrzeit noch draußen sein sollte.

    “Keine Sorge, ich fahre euch nach Hause”, sagte Faris und streifte sich ohne jegliche Hast ihre Jacke über. Zu spät zu Hause zu sein, hatte für sie scheinbar schon lange seinen Schrecken verloren. “Was ist schon ein bisschen Ärger, wenn nyan Spaß hatte?”

    “Mayushii mag es nicht, wenn man sich Sorgen um sie macht”, murmelte sie und war schon eifrig am Tippen. Ruka tat es ihr gleich, während Kurisu ihm dabei zusehen konnte, wie viel Mut es kostete, die Nachricht abzuschicken und womöglich ein Donnerwetter auszulösen.

    “Findest du allein den Weg nyach Hause?”, fragte Faris mit einem Zwinkern und Kurisu zuckte nur mit den Schultern.

    “Solange die Rezeption besetzt ist und ich meinen Schlüssel kriege, komme ich klar.”

    “Das sollte kein Problem sein. Es ist immer jemand vor Ort, falls es einen Notfall gibt”, antwortete Faris, während sie die Tür zum Flur aufhielt, der zum Eingang führt.

    Kurisu nickte. “Alles klar.”

    “Okay, dann schlaf schön.”

    Ihr Katzenlächeln war so breit, dass in Kurisu eine sehr ungute Vorahnung aufstieg. “Faris?”, rief sie schnell durch den Gang.

    “Nya?”, fragte diese, drehte sich um und hielt ihre Hände wie Pfoten vor ihre Brust.

    Kurisu verengte bei all der gespielten Unschuld die Augen. “Ich werde aber keine unguten Überraschungen erleben, oder?”

    “Nyain, wo denkst du hin. Faris’ Freunde bekommen nur die guten Überraschungen”, antwortete diese und schloss nach einem Winken zur Verabschiedung zu ihren beiden Freunden auf.

    ‘Wenn ich Katzenminze in den Kissen finde, gibt es eine Schlacht’, dachte Kurisu, während sie den Schlüssel in Empfang nahm. Sein Schlüsselanhänger bestand aus zwei Katzenmaids mit je schokoladen- und vanillefarbenen Haaren, die in ihren Pfoten ein Schild mit der Zimmernummer hielten. Der Wegbeschreibung lauschte Kurisu dann nur noch mit einem Ohr. Wie immer stand die erste Zahl für die Etage und da das Hotel von außen recht schmal gewirkt hatte, erwartete sie auch nicht ernsthaft, sich zu verlaufen. Tatsächlich stand sie schon ein paar Minuten später vor der Tür und war dankbar, dass es einen Fahrstuhl gab. Jetzt, wo die Musik sie nicht mehr wach hielt und sie alleine im Hotelflur stand, merkte sie doch die Müdigkeit in ihren Knochen.

    Als sie eintrat, war sie überrascht, wie wenig sie überrascht war. Von all den Absurditäten, die sie sich vorgestellt hatte, traf absolut keine das, was sie vorfand. Sie stand in einem kleinen Raum mit einem Sofa und zwei Sesseln, die zu einem Fernseher gerichtet waren. Geradeaus und zu ihrer rechten befanden sich jeweils zwei Türen. Hinter der einen fand sie das Badezimmer und als sie sich im Spiegel sah, zog sie diese zu, so schnell sie konnte. Nicht zu glauben, dass sie sich in diesem Zustand ihren Freundinnen gezeigt hatte. Sie sah wirklich so aus, wie sie sich fühlte, nämlich dass sie jeden Moment ins Bett fallen könnte. Kein Wunder, dass sie genau das tat, als sie im Nebenraum das Doppelbett sah. Es war fast so etwas wie ein Ritual, dass sie diese Sache als erstes überprüfte. Die Matratze war angenehm weich und schon nach ein paar Sekunden spürte Kurisu, wie sich alles an ihr entspannte.

    Es war ein Kraftakt, sich wieder hochzustemmen und zum Türrahmen zu laufen, um den Lichtschalter zu finden. Bisher hatte sie das Licht aus dem Nebenraum genutzt und das Schlafzimmer in der einladenden Dunkelheit gehalten, derer sie sich nur schwer entziehen konnte. Dann bemerkte sie, dass es zwei Stück gab, und probierte den Unteren aus. Verwundert stellte sie fest, dass der Raum nur schummrig beleuchtet wurde, ähnlich eines Nachtlichtes. Es war angenehm für ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen, doch spendete genug Helligkeit, um alles zu erkennen.Und bei dem, was sie sah, konnte Kurisu kaum die Augen abwenden.

    An den dunklen Wänden zogen sich krakelige Linien in allen möglichen Farben entlang, so als hätte man Kindern ein Stück Kreide in die Hand gedrückt und malen lassen. Es zeigte einen Wasserfall mit einer Brücke, einen Kirschbaum und sogar eine Pagode so detailliert, dass Kurisu das nie im Leben geschafft hätte. Dann blickte sie nach oben und sah ein Sternenmeer in allen Formen und Farben.

    Kurisu schmunzelte. Faris hatte wirklich ein Händchen dafür, für ihre Freunde die passenden Sachen auszuwählen. Dabei hatte Kurisu extra darauf geachtet, die Anime-Endings wie zufällig darunter zu mischen, in der Hoffnung, dass beim Karaoke niemand darauf kommen würde, woher sie stammen. Die Openings gefielen ihr zwar oft besser, aber da wäre man ihr sofort auf die Schliche gekommen, während die Lieder bei den Enden viel öfter übersprungen wurden.

    Nur schwer konnte sie sich von den Bildern abwenden und freute sich schon auf den Moment, bei dem sie nach dem Zähneputzen und der Katzenwäsche auf dem Bett liegen und sie noch einmal betrachten konnte. Sie musste nicht einmal ihr Handy anmachen, um die friedliche, leicht melancholische Musik im Kopf zu haben:

    Hello, shooting-star / I'm waiting for you / Please don't stop dreaming / Even if you're crying / Even if you're smiling / Shine again

    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

  • Kapitel 7


    Kurisu dachte nicht einmal über den Weg nach, als ihre Beine sie automatisch von der Station durch die Straßen des Bezirkes brachten. Das war auch ganz gut so, denn sie hatte keine mentalen Kapazitäten mehr, an viel anderes als ihre bevorstehende Begegnung zu denken. Vielleicht hätte sie Mayuris Angebot, sie im Hotel abzuholen, doch annehmen sollen. Das Mädchen würde es mit ihrer fröhlichen Art sofort schaffen, ihre Gedanken zu zerstreuen. Allerdings hatte Kurisu sich nicht wohl dabei gefühlt, dass sie den ganzen Weg auf sich hätte nehmen müssen, vom Labor zum Hotel und wieder zurück zu laufen. Da konnte Kurisu das auch alleine schultern.

    Das wahre Ausmaß des Problems zeigte sich allerdings erst, als sie vor der Tür zum Labor stand. Wenn jemand da war, ließ sie sich von außen jederzeit öffnen, weil die Chance, dass sich jemand an dem zwei Meter großen Mann im Untergeschoss vorbei traute, verschwindend gering war.

    Kurisu könnte die Tür also einfach aufziehen und eintreten. Allerdings schien es ihr auch nicht ganz richtig, nach einem Jahr genauso weiterzumachen, als wäre sie nur ein paar Tage weggewesen.

    Wie es drinnen wohl aussah? Bekanntlich war der Mensch ein Gewohnheitstier, aber bei den Experimenten, die dort veranstaltet wurden, würde es sie auch nicht wundern, wenn es in der Zwischenzeit abgebrannt und komplett renoviert worden wäre. Dass sie keinen Ruß an der Tür erkennen konnte, wertete sie aber schon mal als gutes Zeichen.

    Kurisu holte tief Luft und besann sich auf das Einzige, was sie bei Lampenfieber auf die Bühne trieb: Der Gedanke an Murphys Gesetz und dass alles, was schiefgehen konnte, sowieso schief laufen würde. Also schob sie die Verantwortung für das Gelingen auf die Gesetze des Universums ab und befahl ihrem Körper entgegen jeglicher Überzeugung, sich in Bewegung zu setzen.

    Die Tür quietschte so lautstark, dass Kurisu überzeugt war, beim Eintreten von allen anwesenden Augenpaaren sofort observiert zu werden. Als allerdings die Geräusche von drinnen an ihr Ohr getragen wurden, rollte sie mit den Augen. Sie hatte sich vollkommen umsonst Gedanken gemacht.

    "Ich sage dir doch, das ist komplett unmöglich. Denk doch mal nach! Wenn wir unser Kapital nicht dazu benutzen, unsere Gesundheit zu fördern, dann fehlen uns die nötigen Voraussetzungen, um wissenschaftliche Durchbrüche zu erreichen."

    "Das ist totaler BS. Wie soll uns das bitte weiterhelfen? Niemand hier trinkt das eklige Zeug!"

    "Manchmal muss man Opfer bringen, mein treuer Freund, und sich an neue Dinge gewöhnen. Wer weiß, vielleicht kommst du ja auch auf den Geschmack dieses erlesenen Getränks."

    Kurisu schritt um die beiden Streithähne herum und war fasziniert davon, dass sie so von sich eingenommen waren, dass sie keine Notiz von dem Neuankömmling nahmen. Also setzte sie sich kurzerhand zu Mayuri auf die Couch. "Worum geht es?", fragte sie nach einer Umarmung zur Begrüßung und nahm sich ein paar Chips aus der Schüssel, die ihr entgegen gehalten wurde.

    "Die Anschaffung einer Vorrichtung zur Herstellung eines lebensnotwendigen Elixiers", wiederholte diese, was ganz offensichtlich Okabes Worte gewesen waren. Niemand hier würde sich sonst so geschwollen ausdrücken, um so etwas Mondänes zu beschreiben. "Aber was genau, weiß ich nicht."

    "Das weiß doch niemand, was er will. Vermutlich nicht einmal er selbst", murmelte Kurisu zwischen zwei Bissen, während sie versuchte, die Debatte vor ihr zu verstehen. Allmählich ergab das Ganze einen Sinn, auch wenn Okabe sein Bestes gab, es mit seinen Worten drei Ebenen zu hoch klingen zu lassen. Er nahm den Spruch "Wenn du sie nicht umstimmen kannst, verwirr sie" wirklich viel zu ernst. Dabei sollte er doch wissen, dass er nicht funktionierte, seit er bei ihrem Vortrag damals so erbarmungslos gescheitert war.

    "Deshalb beantrage ich hiermit die Anschaffung dieses Geräts zur Wahrung unserer Produktivität trotz arbeitsintensiver Nächte."

    "Dafür!", rief Kurisu, bevor Daru dagegen argumentieren konnte. Zufrieden schaute sie dabei zu, wie Okabe zu ihr herumwirbelte und sie ansah, als wäre sie eben aus dem Nichts erschienen.

    "Dafür!", echote Mayuri neben ihr, die Augen wegen ihres breiten Lächelns zu Schlitzen verengt. Sie war sogar aufgestanden, um ihre Begeisterung zu zeigen, und ein Lächeln trat auf Kurisus Gesicht, weil diese wusste, dass ihre Freundin so enthusiastisch auf ihrer Seite war.

    Okabe stand noch immer wie versteinert da, bevor er sich räusperte. "Aber natürlich tut ihr beide das als Gründungsmitglied des Labors und meine treue Assistentin, Kurisutina."

    "Geht das schon wieder los!", rief sie und einen Moment später stand sie neben Mayuri, welche nur verdutzt zu ihr aufschaute. "Hast du nach einem Jahr immer noch nicht begriffen, dass ich nicht deine Assistentin bin?"

    Als Antwort setzte Okabe sein selbstgefälliges Grinsen auf und breitete theatralisch seine Arme aus. "Egal, wie viel Zeit verstreicht, sie ändert nichts an den zugrunde liegenden Kausalitäten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz des Universums, dass es dir vorherbestimmt ist, meine Untergebene zu sein."

    Obwohl Kurisu das leise Gefühl beschlich, dass an dieser Tatsache etwas dran war - abgesehen von dem letzten Teil natürlich - aber sie würde lieber sterben, als dies zuzugeben. "Wenn man unseren Intellekt als Messwert zu Grunde legt, kehrt sich dieses Verhältnis sofort um." Seufzend blickte sie zu Daru, der sich sogar von seinem Stuhl erhoben hatte, und auf sie zukam. "Kannst du mich daran erinnern, warum ich hier bin?", fragte sie mit einem scherzhaften Lächeln.

    "Weil Mayuri zur Feier des Anlasses Kuchen gebacken hat?"

    Kurisu schenkte Mayuri ein breites Lächeln - und schaute dann überrascht nach vorn, als sie von Daru in eine verhaltene Umarmung gezogen wurde. Na gut, dachte sie und legte ihre Arme um seinen Rücken.

    Nach ein paar Sekunden runzelte sie die Stirn. "Willst du mich nicht langsam mal wieder loslassen?"

    "Eigentlich nicht", nuschelte Daru, woraufhin ihn Kurisu sofort von sich stieß.

    "Du hast dich ja rein gar nicht verändert!", rief sie anklagend und konnte sich nicht so recht entscheiden, ob sie wegen ihrer eigenen Unachtsamkeit sauer war oder wegen seines spitzbübischen Grinsens.

    Mayuri grinste. "Ist doch toll. Fast so, als würde man wieder nach Hause kommen, oder?", fragte sie und umarmte Kurisu von der Seite. "Hach, Mayushii freut sich so, dass du wieder da bist."

    "Ich mich ja auch." Kurz wuschelte sie Mayuri durch die Haare. Dann sah sie Okabes Lächeln, fast so breit wie Mayuris, aber mit viel mehr Schadenfreude. Kurisu räusperte sich. "Mit einigen offensichtlichen Abstrichen natürlich."

    Okabe hob nur müde eine Augenbraue, doch Mayuri trat vor sie und schaute sie von unten so verwirrt an, als wäre gerade ihre kleine Welt untergegangen. "Was ist denn? Stört dich etwas? Haben wir etwas falsch gemacht?"

    Kurisu konnte förmlich den Schweiß ihren Nacken heruntertropfen fühlen. "Nicht doch", sagte sie eilig. "Das hat nichts mit dir zu tun."

    Einen Moment zog Mayuri die Stirn kraus, doch dann hüpfte sie aufgeregt auf und ab. "Alles klar, Mayushii weiß etwas. Wir machen einfach etwas ganz Tolles, damit Kurisu glücklich ist. Also, worauf hättest du Lust?" Mit erwartungsvollem Blick schaute sie die junge Forscherin an, die abermals Überforderung verspürte.

    "Wie wär's mit 'Webflix und chill' oder was bei euch da so in ist?", fragte Daru, der sogar so sozial war, sich für diesen Satz zu seinen Freunden vom Bildschirm wegzudrehen.

    "Daru, Kurisutina ist doch nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um einer so banalen Tätigkeit wie Fernsehen nachzugehen!"

    Kurisu hätte ihm sogar fast zugestimmt - natürlich nach einer Korrektur ihres Namens - doch dann fügte er hinzu: "Schau dir lieber die Experimente an, an denen wir während deiner Abwesenheit geforscht haben."

    "Mrgh", machte Kurisu, "ich will nicht wissen, wie ihr eine Mikrowelle verschandeln könnt."

    "Ach, das Projekt ist doch Schnee von gestern."

    Kurisu meinte fast, sich verhört zu haben, doch als Okabe den Vorhang zurückzog, war dort wirklich kein solches technisches Gerät zu sehen. "Wieso das denn?", fragte sie und schaute neugierig in die Ecken des abgetrennten Raumes, ob sie nicht doch irgendwo das vertraute Schimmern des elektronischen Objektes finden konnte.

    "Weil wir uns entschieden haben, unsere Prioritäten auf die Projekte zu verteilen, die die Menschheit voranbringen und auf eine nie dagewesene Art revolutionieren können."

    Kurisu runzelte die Stirn. "Also habt ihr euch von all euren merkwürdigen Future Gadgets verabschiedet?"

    "Wo denkst du hin? Keineswegs!" Okabe schüttelte so heftig den Kopf, als wäre die bloße Andeutung schon ein Skandal sondergleichen.

    Er schien so entsetzt, dass Daru sich gezwungen fühlte, für ihn einzuspringen. "Genaugenommen ist die Telewelle das-"

    "Die Telewelle (vorläufig)", korrigierte Kurisu aus Gewohnheit, wurde aber zum Glück von Okabes inbrünstiger Deklaration übrtrumpft.

    Daru warf seinem Freund nur einen genervten Seitenblick zu und ignorierte Kurisu zu ihrer Erleichterung vollkommen, als hätte sie nie etwas gesagt. "Also dieses Mikrowellen-Gerät mit dem peinlichen Namen ist genaugenommen das einzige Projekt, das wir aufgegeben haben."

    "Aber dafür kann ich jetzt meine Chicken Karage #1 wieder problemlos aufwärmen", sagte Mayuri und sah aus, als würde ihr das Wasser dabei im Mund zusammenlaufen.

    So glücklich Mayuri auch klang, Kurisu schaute trotzdem zu Okabe in der stummen Frage, was das alles zu bedeuten hatte. Als sie damals das erste Mal das Labor betreten hatte, hatten sie die Telewelle (vorläufig) wie die größte Errungenschaft ihres Labors betrachtet. Sie selbst war damals maßgeblich daran beteiligt gewesen, das Gerät zu entwickeln und Funktionen zu ermöglichen, von denen die Menschheit nur hatte träumen können. Und all das hatten sie einfach so weggeworfen?

    Okabe zuckte mit den Schultern. "Es hat nicht sollen sein."

    Sie wartete auf weitere Erklärungen, doch Okabe schien keine Intentionen zu haben, ihr welche zu geben. "Seit wann denn?"

    "Eigentlich kurz nach ihrem Beginn", sagte Daru. "Es überrascht mich, dass du überhaupt noch von ihr weißt. Eine sich in die falsche Richtung drehende Mikrowelle war jetzt nichts Spektakuläres."

    Kurisu klappte der Mund auf. Eigentlich, weil sie etwas hatte sagen wollen, doch die Worte verließen sie. Wie konnte er das größte Projekt, das dieses pseudo-wissenschaftliche Unterfangen hervorgebracht hatte - gut, genau genommen das einzig minimal herausragende - nur so schlecht reden? Damit hatten sie sogar die Grenzen des physikalisch Möglichen gesprengt.

    … Aber womit?

    Sie erinnerte sich nicht. Obwohl sie scharf nachdachte, sah sie nur Standbilder vor ihrem inneren Auge aufblitzen, zu schnell, um sich einen Reim darauf zu machen, was die Momentaufnahmen ihr sagen wollten. Je mehr sie versuchte, sich an das davor und danach zu erinnern, desto mehr blockierten ihre Gedanken.
    Natürlich musste ihr außergewöhnliches Gehirn ihr ausgerechnet jetzt den Dienst versagen.

    Kurisu räusperte sich. "Aber die konnte doch noch viel mehr, oder?"

    Daru zuckte mit den Schultern. "Gut, die Anruf-Steuerung war nett, aber für 3 Minuten hat sich das nicht wirklich gelohnt. Mir ist das immer erst wieder eingefallen, als ich schon längst hier war."

    Mayuri kicherte. "Und dann hast du es vergessen, weil du zu beschäftigt mit deinen Freundinnen warst, und es ist wieder kalt geworden."

    Daru hatte nicht einmal genug Schamgefühl, es zu verneinen. "Natürlich. Egal ob sie virtuell sind, sie brauchen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Eine Freundin zu haben, ist ja schon anstrengend, aber 15 sind ein Fulltime-Job."

    "Daru, deine Errungenschaften, einen Kult um deine Person aufzubauen, in allen Ehren, aber ein Fulltime-Job, der das Labor finanziell unterstützt, wäre sehr willkommen."

    "Ich arbeite ja schon dran", sagte er augenrollend.

    Kurisu musste so sehr kichern, dass es ihre trüben Gedanken verdrängte. "Ich seh's." Sie deutete zum Desktop, wo eine Oberschülerin neugierig durch den Bildschirm zu schauen schien, als könne sie ihren Spieler dahinter erkennen.

    "Work-Life-Balance", erklärte er nur knapp, während er sich bereits auf dem Weg zum PC machte. "Und no Waifu…"

    "No Laifu", vollendete Kurisu, komplett mit dem japanischen Akzent für das englische Wort.

    Neben ihr brach Okabe in schallendes Gelächter aus. "Immer noch eine wahre @-Channelerin, wie ich sehe."

    "Ach stfu, du aufgeblasener Möchtegern-Wissenschaftler."

    Okabe stemmte die Hände auf die Hüften. "Also hör mal, das lasse ich mir von meiner Assistentin nicht bieten, Kurisuti-"

    "Ich bin nicht deine Assistentin!", schrie sie ihm entgegen.

    "Hach", machte Mayuri, während sie die Streithähne beobachtete. "Wie schön, wenn sich alle so lieb haben."

    "Mhm", murmelte Daru, vollkommen damit zufrieden, dem grünhaarigen Wesen über den Kopf zu streicheln.


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    Einmal editiert, zuletzt von Raichu-chan ()

  • Kapitel 8


    “Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig zu diesem Vortrag bereit erklärt haben, Fräulein Makise”, sagte der Veranstalter zum dritten Mal an diesem Nachmittag. Er wrang sich die Hände, als wäre er irgendein schmieriger Vertreter, doch Kurisu erinnerte sich noch genau, wie er das seit ihrem ersten Zusammentreffen getan hatte. Er war es damals gewesen, der die Organisation der Vorträge übernommen hatte, als ihr Vater auf dem Podest gestanden hatte. Kaum hatte sie alle Augen des Saals auf sich gehabt, hatte auch er gemerkt, dass es sich bei der Rothaarigen nicht um eine normale Oberstufenschülerin gehandelt hatte. Es war ihm anzusehen, dass er es für eine vertane Chance gehalten hatte, sie damals nicht auch zu einem Vortrag eingeladen zu haben.
    “Gern geschehen.” Sie lächelte ihn freundlich, aber höflich an. “Immerhin bekommt man ja nicht alle Tage die Chance, vor so einem Publikum zu sprechen. Ich möchte sie nur zu gerne nutzen”
    Sie meinte, im Hintergrund ein “Haufen Amateure” gehört zu haben, doch sie nahm sich vor, erst an angemessener Stelle darauf zu reagieren. Durch die ganze Halle zu schreien, würde ihrer Reputation schaden, und in diesem professionellen Umfeld konnte sie sich das nicht leisten. Trotzdem raunte sie ihm ein “Niemand hat dich dazu gezwungen, mit mir zu kommen” zu, als sie kurz darauf an ihm vorbei ging.
    Wie erwartet - wenn auch nicht gewünscht - folgte er ihr auf ihrem Weg hinter die Bühne. Trotz der Woche, die bisher vergangen war, hatte sie immer noch Probleme, ihn richtig einzuordnen. Jedes Mal, wenn er sie sah, dauerte es einen Moment, bis ihr bewusst wurde, warum ihr sein Gesicht unter den vielen Fremden so vertraut vorkam. Auch jetzt bedurfte es einiges an Überzeugungsarbeit, ihrem Gehirn zu sagen, dass sie ihn dabei haben wollte - auch wenn er es ihr sehr schwer machte.
    Er zuckte nur mit den Schultern. “Einer muss doch das Niveau dieser Veranstaltung heben und die Fragen stellen, die dein Wissen gebührend fordern.”
    Sie warf ihm einen zweifelnden Blick zu. “Zu schade, dass ich mich auf dem Gebiet der Pseudowissenschaften nicht auskenne.”
    “P-Pseudowissenschaften?”, stammelte er und nahm sogar die Hände aus den Taschen seines Laborkittels. Jedes Mal, wenn sie das Kleidungsstück sah, wünschte sie sich, dass er ihn Zuhause gelassen hätte. Vielleicht war es ihm nicht peinlich, damit herumzulaufen, aber sie schämte sich gleich doppelt.
    Eine Hand stemmte er auf seine Hüfte, während er mit der anderen anklagend in ihre Richtung zeigte. “Christina, wie kannst du es wagen, die Existenz unserer bahnbrechenden wissenschaftlichen Experimente in Frage zu stellen? Immerhin warst du maßgeblich an ihrer Erschaffung beteiligt!”
    Sie seufzte nur, die Hand auf der Klinke zum Backstagebereich. Eigentlich war es nur ein weiterer Flur, aber sie mochte, wie wichtig sie sich bei dieser Bezeichnung fühlte. Wichtig genug, um sich die Autorität zuzuschreiben, ihm den Zugang zu verbieten. "Es zählt nicht, wenn ich mich nicht einmal mehr daran erinnere. Und es ist auch nicht hilfreich, wenn du dich weigerst, mir von ihnen zu erzählen!"
    Okabe verschränkte die Arme. "Die Wände haben Ohren, Assistentin. Ich kann nicht einfach über das reden, was hinter den Türen des Labors vor sich geht. Die falschen Leute könnten davon Wind bekommen und das könnte zu einem Chaos ungeahnten Ausmaßes führen."
    "Und da hast du behauptet, das Chaos zu mögen." Sie schnaubte. “Du widersprichst dir selbst. Deshalb mag es ja sein, dass das alles in deinem Kopf einen Sinn ergibt, aber solange ich es nicht miterlebe, steht es mir frei, daran berechtigte Zweifel zu haben.”
    Zufrieden schaute sie zu, wie er nach einer passenden Erwiderung suchte, aber das war nicht allein der Grund für ihren Kommentar gewesen. Jedes Mal, wenn das Thema aufkam, verspürte sie das Kribbeln in ihren Fingern. Ihre Gedanken sprudelten über vor Thesen, die nur darauf warteten, verwirklicht zu werden. Sie wäre sogar bereits, alles, was sie bisher erreicht hatte, gegen das Recht einzutauschen, einmal einen wissenschaftlichen Durchbruch mit seinen Experimenten zu erreichen.
    Genauso, wie sie es wohl bereits getan hatten. Angeblich.
    Ihr Griff verfestigte sich um den Türgriff, als sie an ihr Gespräch vor ein paar Tagen dachte. "Alles Gescheite ist schon gedacht worden. Man muß nur versuchen,
    es noch einmal zu denken", hatte er lapidar gesagt, als sie ihn angeschrien hatte, ihr alles zu verraten, doch sie hätte ebenso gut eine verschlüsselte Festplatte anbrüllen können. Okabe hatte nur süffisant gelächelt und mit seiner pseudo-bedeutungsschwangeren Stimme gesagt: "Es ist sicherer, wenn du das nicht weißt." Als würde Kurisu es tatsächlich schaffen, ein schwarzes Loch entstehen zu lassen, das sie alle verschlingen würde, sobald man ihr sagte, dass es möglich war.
    Sie wurde einfach nicht schlau aus dem Typen. Er war die Verkörperung eines Paradoxon, wie er darauf bestand, dass Kurisu mit ihm auf einer anderen Weltlinie vor einem Jahr einen der bedeutungsvollsten Durchbrüche der Menschheit gehabt hatte, und im gleichen Atemzug sagte, dass sich das auf keinen Fall wiederholen durfte.
    “Du wirst deinen limitierten geistigen Horizont schon noch einsehen.” Selbst jetzt fuhr er weiter auf dieser Schiene und machte keine Anstalten, ihr entgegen zu kommen.
    Als er doch einen Schritt auf sie zutrat, sagte Kurisu nur “Aber sicher doch”, schlüpfte durch die Tür und schloss sie direkt vor seiner Nase.


    Okabe bleib nichts Anderes übrig, als die weiße Pressholzplatte zu betrachten, die um ein Haar seine Nase erwischt hatte. Er zog die Augenbrauen zusammen. Was bildete sich seine Assistentin ein, dem großen Hououin Kyouma einfach so den Zutritt zu verwehren? Als wäre sie so viel besser als der Rest der Menschheit, dass sie besondere Rechte hatte. Das konnte er doch nicht auf sich sitzen lassen.
    Verwegen schielte er durch den Raum und horchte auf das Getrappel von Stimmen. Sobald er sich sicher war, dass keine Menschenseele seinem Unterfangen nach Gleichberechtigung in die Quere kommen würde, drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür so weit, dass er den Gang sehen konnte. Dahinter erstreckte sich ein Flur, baugleich wie der, in dem er momentan stand. Rechts und links gab es zwei weitere Räume in einiger Entfernung. Okabe fragte sich gerade, in welchen davon Kurisu verschwunden war, als sein Blick zu dem Mann fiel, der sich gegen den Türrahmen lehnte. Der sich beim Blickkontakt von der Wand abstieß und näher schritt. Dessen braungebrannter Oberkörper sogar noch dünner war als Okabe, aber ihm mit einem Blick sagte, er würde ihn trotzdem ins Grab bringen. Plötzlich schien die Luft auf 4°C heruntergekühlt zu sein.
    Okabe schloss die Tür, machte auf dem Absatz kehrt und ging im rasanten Laufschritt dorthin, wo er den Schutz der Menge vermutete. Also musste er doch wie das übrige Fußvolk den Haupteingang benutzen und reihte sich in ihren Strom ein, bis das Gefühl der Verfolgung nachließ.
    Gemeinsam mit der gesichtslosen Masse betrat er den kleinen Vorlesungsraum. Seit letztem Jahr hatte er sich kaum verändert. Es standen noch die gleichen Tische in ordentlichen Reihen vor der kleinen Bühne und ein Blick allein verriet ihm, dass es auch noch die gleichen unbequemen Plastikstühle waren. Überrascht stellte Okabe fest, dass sich auf ihnen schon mehr Menschen versammelt hatten, als er erwartet hätte. Er schmunzelte über die deutliche Verteilung. Vorne saßen die älteren Wissenschaftler, die wohl einen besonders guten Blick erhaschen wollten - vielleicht ließ bei ihnen aber auch einfach nur die Sehkraft nach. In den hinteren Reihen betrug der Altersdurchschnitt gerade mal ein Drittel davon. Wie zu erwarten von Studenten, die eine ehrfürchtige Distanz wahrten (oder ungestört im Multitasking ihre sozialen Medien checken wollten).
    Er suchte die Reihen nach einem freien Stuhl ab, doch ihm blieb nur einer mittig am Rand. Eine Schande, dass der genialste Kopf von ihnen sich mit einem Platz zufrieden geben musste, von dem aus er durch einen Pfeiler nicht einmal vernünftig sehen konnte. So konnte er doch gar nicht angemessen die Vorlesung bereichern! Wie er in einer anderen Weltlinie bereits festgestellt hatte, hatte ihm niemand das Wasser reichen können, als er begonnen hatte, mit Kurisu über ihre zahlreichen Theorien zu diskutieren. Okabe ließ den Blick über die Reihen schweifen, auf der Suche nach einer gleichwertigen Quelle des Wissensdurstes, doch wie erwartet gab es niemanden, der herausstach. An den herausragenden Hououin Kyouma reichte eben niemand heran.
    Er hatte jede von Kurisus Theorien gelesen und den Aufzeichnungen ihrer Vorträge so oft gelauscht, dass sie ihm so bekannt waren wie seine eigenen Gedanken. Gut möglich, dass er beim vertrauten Klang ihrer Worte einschlafen würde. Trotzdem gab es diesen magischen Moment, als sie an das Rednerpult trat, sich räusperte und mit den ersten Worten ihres Vortrages begann. Es war allgemeines Geplänkel, ein paar höfliche Floskeln und nichts, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte, über die sie heute referieren würde. Und genau deswegen trieb es ihn so weit, dass seine Hände mit dem kleinen Plastikupa spielten, den er in seiner Kitteltasche gefunden hatte, während er darauf wartete, dass dieser quälend banale Teil endlich vorbei sein würde.
    Als sie endlich zu den ersten Zeilen mit wissenschaftlichem Charakter kam, klang es für ihn wie eine Erlösung. Die grundlegenden Erklärungen hatte er damals schon zusammen mit dem Projekt Amadeus kennengelernt, als er in der anderen Zeitlinie zu seinem Betatester auserkoren worden war. Da sie das aber nicht wissen konnte, gab er sich größte Mühe, sein Grinsen zu verbergen, weil er wieder einmal der schlauste Mann im Raum war. Ziemlich schnell kam sie jedoch zu all den Einblicken, die nur sie als Expertin auf ihrem Forschungsgebiet beisteuern konnte, und mit einem Mal riss es ihn so mit, dass er sich konzentrieren musste, um Schritt zu halten. An ein paar Stellen verspürte er den Drang, sie bei einem besonders umstrittenen Punkt zu unterbrechen, doch nach jedem Gedankengang ließ sie ihren Blick durch den Raum gleiten. Auf Okabe verweilte er besonders lange, so als wolle sie sicher gehen, dass er keine Bewegung unternahm, die sie lieber verhindern wollte.
    Es kostete ihn einiges an Überwindung und mehrere Nerven, doch er ließ ihr ihren Willen, selbst wenn ihm dafür mit einem überheblichen Grinsen gedankt wurde.
    "Und auf diese Weise können wir das menschliche Gehirn kartographieren, seine Struktur in Daten umwandeln und mittels Amadeus nicht nur auswerten, sondern auch durch eine KI verkörpert darstellen."
    Eine Hand ging hoch, doch statt Nervosität, weil sie plötzlich von ihrem einstudierten Plan abweichen musste, lächelte sie angesichts der Herausforderung und erteilte dem Mann ein paar Reihen vor Okabe das Wort.
    "Was passiert mit den Daten, die Sie einspielen? Wie nutzen Ihnen diese für Ihre Forschungszwecke?"
    "Zuerst einmal lassen wir eine Art Scan über die Daten laufen, um zu sehen, ob sie vollständig vorliegen. Wie bei jedem Datenupload kann es zu Fehlern kommen, und wenn man solch eine beträchtliche Menge davon wie in einem menschlichen Gehirn verarbeitet, selbst in seinen jungen Jahren, ist die Masse an Daten unvorstellbar groß und komplex. Durch einen ähnlichen Prozess können wir auch feststellen, wie sich das Gehirn im Laufe der Zeit verändert hat. Selbst nach einem Abstand der Messungen von nur wenigen Tagen ergeben sich beachtliche Diskrepanzen."
    Weitere Hände schossen in die Höhe und Kurisu schaute sich einen Moment unter ihnen um, bevor sie an einen Mann zu ihrer Linken abgab. "Sind Sie auf diese Weise auch in der Lage, defekte Stellen zu identifizieren, wie etwa Beschädigungen durch Traumata oder Tumore?"
    "Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht", antwortete sie und man merkte, wie es sie wurmte, dies zugeben zu müssen. Okabe konnte sein Lächeln nicht zurückhalten. Ihr wissenschaftlicher Ehrgeiz konnte es wahrlich mit seinem aufnehmen. Kein Wunder, dass sie zusammen solch großartige Dinge vollbracht hatten. Doch all das lag nun hinter ihnen, weit entfernt auf einer anderen Weltlinie. Bedauerlich, was der Menschheit alles an wissenschaftlichen Errungenschaften entging, aber wenn der Preis für Steins Gate darin bestand, dass sie nicht mehr zusammen forschen konnten, würde er diesen Tribut zollen.
    Nur bruchstückhaft waren ihre folgenden Worte an sein Ohr gedrungen und erst als er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie lenkte, konnte er sie fortfahren hören: "Das Erkennen von neurologischen Schäden ist natürlich nur eines unserer Ziele. Langfristig möchten wir darüber hinaus darauf hinarbeiten, den Datentransfer auch in beide Richtungen laufen zu lassen."
    Kurisus Routine nach hatte sie diesen Punkt in ihren Vorlesungen schon oft angesprochen, doch ihr Blick ging schnell umher, als ein Raunen den Saal erfüllte, bei dem man seine eigenen Gedanken nicht verstehen konnte. Angeregt tuschelten die Zuschauer und die wenigen, die nicht in ein Gespräch mit ihrem Nachbarn vertieft waren, blickten sie erwartungsvoll an.
    “Dies tun wir vor dem Hintergrund, dass wir Amadeus gerne zu medizinischen Zwecken zur Verfügung stellen würden, weil wir dort den größten Nutzen unserer Erfindung sehen. Bis zur Verwirklichung dieses Plans ist es natürlich noch ein weiter Weg, aber wir arbeiten eng mit mehreren Medizinern zusammen und hoffen, bald große Fortschritte in diesem Bereich zu machen.
    "Wenn Sie von medizinischen Zwecken sprechen, was genau stellen Sie sich darunter vor?"
    "Da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, in deren Richtung wir forschen. Nehmen wir mal die Menschen als Beispiel, die ihre Erinnerungen auf Grund einer Amnesie verloren haben. Natürlich gibt es viele verschiedene Ursachen für diese Krankheit und deswegen muss unsere Herangehensweise auch genau auf das jeweilige Bild abgestimmt sein. Wenn wir in diesem Bereich jedoch Fortschritte gemacht haben, würden wir den Menschen gerne ihre Erinnerungen zurückgeben."
    "Bedeutet das, dass man mit Amadeus einfach zuvor definierte Erinnerungen durch dieses Programm in das Gehirn eines Menschens transferieren kann?"
    Kurisu kicherte einen Moment. "Nun, von 'einfach' kann zu diesem Zeitpunkt keine Rede sein. Bisher ist das alles noch reine Theorie. Es gibt noch zu viele Ungewissheiten, die uns davon abhalten, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber ja, dies ist eines der Dinge, auf die wir hinarbeiten."
    "Wäre es damit nicht theoretisch möglich, Erinnerungen zu verändern, bevor man sie dem Betroffenen zurückführt?"
    Einen Moment blinzelte Kurisu, doch dann lachte sie auf. "Oh, wir haben wohl einen Science-Fiction-Fan unter uns." Die Menge reagierte wie erwartet und trotz der düsteren Frage hellte sich die Stimmung sofort auf.
    Bei allen außer Okabe. Dieser hatte den Blick auf Kurisu gerichtet und wartete auf ihre nächsten Worte, als würden sie ein vernichtendes Urteil sprechen. Er musste es aus ihrem Mund hören. Es war ihm egal, mit welchen wissenschaftlichen Begriffen und Theorien sie es untermauern würde. Ihr konnte er vertrauen. Wenn sie es sagte, konnte er die Gedanken an Kagari in Schach halten. An einen Menschen, dem man mit genau diesem Programm den Willen eingepflanzt hatte, die Personen umzubringen, die sie liebte. An all die anderen Kinder, denen dies angetan wurde und die unwissend in dieser zerstörten Welt groß geworden waren wie Bomben, bei denen es nur den richtigen Auslöser brauchte.
    Er wollte sich nicht vorstellen, aus wie vielen anderen Gründen Leskinen ihnen das Gleiche angetan hatte. Wie viele Kinder diesen Experimenten als Kollateralschaden zum Opfer gefallen waren, weil er diese 'Ungewissheiten' aus dem Weg räumen musste, bis es geklappt hatte. Und doch suchten sie ihn in seinen Albträumen heim und führten ihm all die Schicksale vor, die eine Konsequenz dieses Projektes waren.
    "Nun, theoretisch ist vieles möglich", antwortete sie, das Lächeln immer noch auf ihrem Gesicht, "aber praktisch wüsste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, wie es gehen würde. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, einige Ungereimtheiten zu kompensieren - denken sie nur einmal an das Gefühl eines Dèjà-vus, das der Inbegriff eines mentalen Paradoxons ist. Man weiß, dass man diesen Moment nicht durchlebt hat, und trotzdem kommt er einem vertraut vor-" Sie stockte für einen Moment und ihr Blick wurde leer, als befinde sie sich mit ihren Gedanken nicht mehr in dieser Halle. Ihr Blick glitt über das Publikum, während der Moment zu lang für eine effektvolle Pause wurde. Als ihre Augen die von Okabes trafen, hebte sie ihre Augenbrauen, doch er war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft, um zu erraten, was ihre waren.
    "Also, diese ganze Praxis, über die wir uns unterhalten haben", fuhr sie schließlich fort und er konnte ihr ansehen, wie sie sich mit jedem Wort zur Präsentation zurück zog, "wäre unmöglich. Die Diskrepanz zwischen den Erinnerungen, die vorhanden sind, und dem, was man einspielt, wäre viel zu groß. Das Ergebnis wären psychische Schäden in einem unheilbaren Ausmaß." Ihre Worte hallten durch die Stille des Saales, die sie verursacht hatten. "Deswegen ist dies ein sehr dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen, und dessen Weg wir nur nach gründlichen Forschungen überhaupt in Erwägung ziehen würden."
    Der Mann, der die Frage gestellt hatte, nickte und setzte sich zurück auf seinen Platz. Doch er hatte nicht einmal das Polster des Stuhls berührt, da war Okabe bereits aufgesprungen. Kurisu drehte verwirrt ihren Kopf zu ihm. Ihr Blick wurde finster und er wusste, dass sie ihn am liebsten sofort aus dem Saal befördern wollte. Doch ihre Gefühle waren nebensächlich für ihn. Er musste es so eindeutig formulieren, wie es möglich war. Es war die einzige Gewissheit, die er für den Verlauf dieser Weltlinie bekommen konnte.
    "Kannst du dir ganz sicher sein, dass es nicht dazu kommen wird?"
    Kurisus Brust hob sich, als sie merklich tief einatmete. Ihre Finger verkrampften sich um den Rand des Rednerpultes, doch ihr Blick blieb fest auf ihn gerichtet, als sie antwortete: "Wenn Sie mich gerade gebeten haben, eine sichere Prognose über etwas so Unvorhersehbares wie die Zukunft zu geben, dann verzeihen Sie mir bitte, wenn ich das als absolut unmöglich abtun muss." Das Raunen im Saal wurde wieder stärker und Okabe öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Kurisu kam ihm zuvor. "Allerdings sind wir uns der ethischen Problematik, was diesen Teil der Forschung angeht, bei jedem Schritt bewusst. Ich kann Ihnen versichern, dass wir unser Projekt von einer unabhängigen Ethikkommission überwachen lassen, um die Integrität unserer Forschung nicht zu gefährden. Alle an diesem Projekt Beteiligten arbeiten hart an seinem Fortschritt, aber keiner von uns würde die Menschlichkeit vergessen, die das Fundament von Amadeus ist. Wir werden niemals aus den Augen lassen, dass der Grundstein von Amadeus nicht das Programm ist, sondern die Menschen, die es mit ihrem Leben füllen."
    Okabe ließ sich zurück auf seinen Stuhl fallen. Kurisus Worte waren wie ein Sturm über die Menge hinweggefegt und hatten die Anwesenden in einem Stadium voller Ehrfurcht zurückgelassen. So leidenschaftlich, wie sie über ihr Projekt sprach, gab es keinen Zweifel daran, dass sie ihm ihr Leben verschrieben hatte. Aber ist das auch genug, Kurisu?
    "Ich denke, dies ist ein guter Punkt, um die Diskussion zu beenden", sprach der Organisator. Okabes Blick streunerte zur Uhr. Er hatte gar nicht einmal gemerkt, dass sie schon seit 2 Stunden dort saßen.
    Kurisu nickte und trat einen Schritt von ihrem Podium zurück. "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und den anregenden Dialog. Wenn Sie darüber hinaus noch Fragen zu unserem Projekt haben, können Sie sich gerne über die Kontaktmöglichkeiten auf unserer Homepage mit uns in Verbindung setzen." Sie verbeugte sich anständig, vielleicht einen Moment zu kurz, und schritt dann unter Beifall auf die Tür zum Backstagebereich zu.
    Okabe sah ihr nach und wartete, doch außer dass sich die umsitzenden Interessenten mit angeregten Unterhaltungen auf den Ausgang zubewegten, passierte nichts mehr. Er jedoch blieb noch sitzen, den Blick auf die Bühne gerichtet, das flaue Gefühl einer unguten Vorahnung in seinem Bauch.


    Mühsam erhob sich Okabe auf seine Beine und ging schweren Schrittes aus dem Saal. Er hatte das Gefühl, noch ewig dort sitzen bleiben zu können, aber er wollte sich nicht die Peinlichkeit geben, von der Putzfrau heraus gescheucht zu werden. Also trottete er auf den Ausgang zu und lehnte sich gegen die Tür nach draußen. Seine Augen schmerzten vom Tageslicht und erst jetzt fiel ihm auf, dass der Raum wegen des Lichtes der Präsentation verdunkelt gewesen war. Er taumelte ein paar Schritte nach vorn, um aus dem Schwenkbereich der Tür herauszukommen, die hinter ihm zufiel. Eine perfekte Vorlage, um den Umstehenden klar zu machen, dass er gerade so die Schergen der Dunkelheit zerschlagen hatte und als letzter überlebender Krieger zurück ins Licht gefunden hatte.
    Allerdings war ihm gerade nicht danach zumute, die Energie für seine Persona aufzubringen, also begnügte er sich damit, sich mit dem Rücken an die Wand zu lehnen. Es waren sowieso kaum noch Leute da, die das Schauspiel hätten bewundern können. Automatisch suchte er nach Kurisu, konnte sie aber nirgends entdecken. Nichts Ungewöhnliches, beschloss er. Natürlich hatte man sie nach ihrer Präsentation aufgehalten. Lächelnd schüttelte er den Kopf, als er sich vorstellte, wie er sie vor ihren eigenen Star-Allüren retten müsste. Hoffentlich würde ihr der Ruhm nicht zu Kopf steigen. Obwohl, er könnte ihren stetig wachsenden Einfluss dafür nutzen, um aus ihrem Schatten heraus seine eigenen Ziele zu erreichen...
    Also machte er sich bereit, um sie bei ihrer Ankunft gebührend lässig zu begrüßen, während er seine Nachrichten checkte. Daru hatte 8 Bilder der gleichen Figur aus verschiedenen Blickwinkeln geschickt, die er alle sofort wieder löschte. Mayuri hatte als Abendessen Reste aus dem May Queen in Aussicht gestellt, die er - und vor allem sein Geldbeutel - dankend annahmen. Ruka hatte ihm von seinen erfolgreichen Trainingsschlägen berichtet und schien wie beflügelt davon, ganze 6 geschafft zu haben.
    Das Ganze hatte ihn nicht einmal 3 Minuten beschäftigt und somit sah er sich mit der Herkulesaufgabe konfrontiert, die restliche Zeit zu überbrücken, die er auf sie wartete. Missmutig knurrte er. Wie konnte sie es sich erlauben, ausgerechnet jemanden wie ihn warten zu lassen? Hatte seine Assistentin etwa keinen Respekt vor ihm? ‘Wie lange brauchst du noch?’, tippte er, doch kurz vor dem Versenden hielt er inne. Klang das zu barsch? Oder zu sehr so, als würde er nur blöd rumstehen und darauf warten, dass sie ihn abholte? Nun, genaugenommen tat er das, aber das musste sie doch nicht wissen. Er konnte immer noch sagen, dass er gerade ein angeregtes Gespräch geführt hatte, das erst wenige Sekunden geendet hatte, bevor sie durch die Tür gekommen war.
    Nur dass seine Optionen dafür sich immer mehr verflüchtigten, je länger er dort wartete. Als er irgendwann den Blick vom Handy hob, wurde ihm bewusst, dass er nun ganz allein hier stand. Er wollte sich gerade einen Plan B überlegen, als ein beruhigender Ton durch den Lautsprecher kam. “Liebe Besucher, dieses Gebäude schließt in 10 Minuten. Wir danken Ihnen für Ihr Erscheinen und wünschen Ihnen einen sicheren Heimweg.”
    Okabes Herz begann viel zu schnell zu klopfen, als er auf das Display seines Handys schaute. Er versuchte, sich mit den Neuigkeiten des Tages abzulenken.
    17:54.
    Er scrollte durch den Chatverlauf mit Daru und versuchte, zu erkennen, was zur Hölle dieser an seinen versendeten Memes so komisch gefunden hatte.
    17:57.
    Mulmig schaute er zur Tür, hinter der Kurisu so langsam mal hervorkommen sollte. Hatte sie ihm eine Nachricht geschickt? Nein, nichts.
    17:58.
    War Kurisu wirklich so lange aufgehalten worden? Oder war sie schon weg? War nur noch er hier? Man würde ihn doch nicht hier einsperren und in der Dunkelheit versauern lassen, oder?
    17:59.
    Seine Beine setzten sich in Bewegung und er hastete die 7 Stockwerke schneller herunter, als er es für menschlich möglich gehalten hatte. Er nutzte den Schwung, den ihm die Schwerkraft verlieh, und rannte wie ein Sprinter vorbei an dem verdutzten Personal in der Halle. Tatsächlich war gerade jemand dabei, die Eingangstür abzuschließen, doch er riss die Hände hoch, als er Okabe wie einen Verrückten anstürmen sah. Mit Vollgas hielt er auf die Tür zu, drückte die Klinke herunter und nutzte seinen Schwung, um die Tür aufzudrücken - oder hätte das getan, wenn er nicht im nächsten Moment voll mit der Glastür kollidiert wäre, sodass sein Gesicht dagegen drückte und einen Fettfleck hinterließ. Er rieb sich die schmerzende Stelle seines rot werdenden Gesichtes und schaute verwirrt auf seine Hand, die den Türgriff so weit herunterdrückte, dass er fast schon senkrecht war. Hatte man ihn etwa doch schon eingeschlossen?
    Dann bemerkte er den auffälligen roten Aufkleber, der ihn dazu hätte anhalten sollen, an der Tür zu ziehen. Mit nunmehr zwei roten Wangen tat er genau das und selbst die stehende, brütend heiße Luft des japanischen Sommers fühlte sich kühl auf seinem Gesicht an. Als hätte er es furchtbar eilig, lief er um die nächste Straßenecke und schaffte es erst dort, verborgen hinter der Mauer, einen klaren Gedanken zu fassen.
    Dann fiel ihm auch wieder ein, dass er seiner rothaarigen Assistentin immer noch nicht begegnet war. Er löschte die Nachricht von zuvor und hoffte, dass sein ‘Kommst du heute noch ins Labor vorbei?’ so beiläufig wie möglich klang. Immerhin hatte er das in der anderen Zeitlinie so oft geschrieben, dass es seine sicherste Karte war.
    Die Antwort kam prompt und ihn beschlich die Ahnung, dass sie ihr Handy die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.

    ‘Nein.’
    Das Wort war wie ein Faustschlag in seine Magengegend.


    “Bin wieder da”, rief er in den Raum hinein und streifte sich die Schuhe von den Füßen. Er hatte nicht einmal den Kopf gehoben, als er Mayuris Beine auf sich zukommen sah.
    “Tutu… ru?” Ihre fröhliche Begrüßung endete in einer Frage, während sie sich suchend umschaute und einmal um Okabe herumtänzelte, als hätte sie ernsthaft vermutet, dass er mit seinem hageren Körper jemanden verstecken könnte. “Wo ist denn Kurisu-chan?”, fragte sie mit schiefgelegtem Kopf.
    “Die kommt heute nicht mehr.” Okabe beschritt seinen Weg zum Sofa und nach einer kurzen Pause hörte er das leichte Getrappel ihrer Füße hinter sich.
    “Aber warum denn nicht?” Mayuri klang, als hätte er ihr gerade gesagt, dass sie nie wieder einen Upa aus den Gachapons ziehen durfte.
    “Weil sie zu erschöpft war oder so, was weiß ich.”
    Mayuri ließ sich neben ihm aufs Sofa fallen. “Das ist aber schade. Dabei wollten wir heute noch so viele lustige Dinge machen. Und Mayushii hat ihr sogar extra was vom Abendessen aufgehoben.”
    “Morgen ist auch noch ein Tag. Und jetzt sei nicht so enttäuscht. Sie bleibt doch noch eine ganze Weile in Japan, da werdet ihr noch genug Zeit haben, diese ganzen Dinge zu machen.”
    “Na gut”, sagte Mayuri seufzend, griff nach ihrem Nähzeug und machte dort weiter, wo sie bei seiner Ankunft aufgehört haben musste. Die Enttäuschung war ihr sichtlich ins Gesicht geschrieben. Normalerweise summte sie dabei, doch ohne den vertrauten, heiteren Klang ihrer Stimme wirkte das Labor merkwürdig trostlos.
    Er suchte nach Worten, nach Gesten, nach irgendwas, um die Enttäuschung aufzufangen. Als er nichts fand, trat er den Rückzug zu der kleinen Kochnische an, die sie als Küche bezeichneten. Er ließ seinen Blick über die Küchenzeile wandern und als er kein Essen erkannte, öffnete er den Kühlschrank, um sein Innenleben zu inspizieren. Gedankenverloren nahm er sich eine Dr. Pepper aus dem Türfach, bei der er nicht einmal hinsehen musste. Vielleicht sollte er seinen Vorrat bald aufstocken, aber ihm fehlte die Energie, bis zum nächsten Supermarkt zu laufen. Also vertagte er das Problem noch ein bisschen. Vielleicht würde es sich auch von ganz allein lösen.
    Sein Blick fiel auf das mittlere Fach und er entdeckte zwei Schalen gefüllt mit einer Flüssigkeit, die sich bei genauerer Betrachtung als Misosuppe herausstellte. Er musste lächeln und hatte bereits sein Handy gezückt, als er merkte, dass Kurisu mit dem aufzuziehen, was ihr gerade entging, vielleicht nicht der klügste Schachzug war. Mit ihrem Blick und ihrer SMS hatte sie unmissverständlich klargemacht, dass sie erst einmal nichts mit ihm zu tun haben wollte.
    Okabe seufzte, während er sich auf den Boden setzte, den Rücken gegen die Tür gelehnt. So hatte er sich das Wiedersehen nun wirklich nicht vorgestellt. Auch wenn er es ihr gegenüber nie zugeben würde, hatte er sich auf ihren Vortrag gefreut. Dieses Mal war es keine Widerlegung eines unliebsamen Themas gewesen, über das sie nur hatte sprechen sollen, weil man es ihr aufgetragen hatte. Amadeus war ihr Herzensprojekt und sie hatte sichtlich Spaß daran gehabt, es dem Publikum zu präsentieren - bis er sie mit seiner Frage konfrontiert hatte, gegen die sie wie ein in die Enge gedrängtes Tier hatte kämpfen müssen. Dabei verstand sie nicht, was für eine Bedeutung diese Antwort für ihn gehabt hatte. Und er konnte es ihr nicht erklären, wie dankbar er war, sie bekommen zu haben, ungeachtet der Umstände.
    Er nahm die Schüssel aus dem Kühlschrank und versuchte, einen Platz zu finden, an dem die Metallgriffe der Schränke sich nicht in seinen Rücken bohrten. Dann entfernte er die Frischhaltefolie und machte sich nicht einmal die Mühe, die Suppe aufzuwärmen, sondern schluckte sie selbst dann runter, als ihr intensiver Geschmack ihm die Kehle zuschnürte.
    “Ist das nicht unbequem?”, fragte Mayuri und lehnte sich vor, als könne sie so besser sehen, was ihn bedrückte.
    Okabe senkte die Schale und betrachtete sie über den Rand des Keramikgefäßes. “Das passt so”, antwortete er, und es war nicht einmal gelogen. Irgendwie fühlte es sich richtig an, hier auf dem harten Boden zu sitzen, als wäre das eine Wiedergutmachung für all das, was er verbockt hatte.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

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  • Kapitel 9


    Kurisus Daumen fuhr an der Seite ihres Bildschirms auf und ab, woraufhin sich das Sichtfeld von unten und oben und wieder zurück bewegte. Einige Augenblicke war diese monotone Bewegung das einzige, was sie in ihrem Bann hielt. Es hatte mal einen Sinn gehabt, doch je länger sie es tat, desto mehr versuchte sie nur, noch mehr Zeit zu vertreiben. Mittlerweile war es mitten in der Nacht in den vereinigten Staaten und obwohl Kurisu dies wusste, wartete sie darauf, dass jeden Moment eine Nachricht erscheinen würde. Sie ließ ihre Lippen übereinander gleiten, während sie ihre letzten Chatverläufe öffnete und wieder schloss. Wie erwartet brachte das keine neuen Erkenntnisse und die App merkte auch nicht plötzlich, dass sie eine der Nachrichten unterschlagen hatte. Auch ein Beenden und erneutes Öffnen hatte nicht den gewünschten Effekt. Noch immer waren ihre letzten Kontakte aus der Heimat mehrere Stunden her.
    Also wechselte Kurisu von ihrer Nachrichtenapp zu dem vertrauten Amadeusprogramm - und stutzte.
    ~Wegen vorübergehender Wartungsarbeiten momentan nicht zu benutzen. Bitte haben Sie einen Moment Geduld :3 ~

    Kurisu rollte sich auf den Bauch, während ihr Blick über die Wörter wanderte. Sie runzelte die Stirn, lächelte und schüttelte den Kopf. Das war nicht sonderlich überraschend.
    Einen Moment später kam der Wählton aus dem Lautsprecher ihres Handys und es dauerte nicht lange, bis er durch ein Klicken ersetzt wurde. "Hast du eine Ahnung, wie spät es hier gerade ist?", fragte Maho zur Begrüßung und Kurisu konnte das Lächeln bis zu ihrem Ende hören.
    "Das Gleiche wollte ich dich gerade fragen. Und ja, tatsächlich weiß ich, dass es bei euch in Kürze schon wieder hell wird. Eine Tatsache, die dir entgangen zu sein scheint."
    "Keineswegs. Es ist mir nur wohler dabei, solche Sachen in einem Rutsch durchzuziehen." Maho gähnte und stieß danach einen frustrierten Laut aus. "Wobei die Zeit nachts doch doppelt so schnell verfliegt."
    "Ist sicher eine Halluzination wegen der Energy-Drinks", entgegnete Kurisu, die sich zurück auf die Seite rollte und ihr Handy vor sich hinlegte, zu müde, um es zu halten. Dem Hintergrundgeräusch von Mahos Tastatur nach zu urteilen, lag deren Gerät gerade auf dem Plastikgehäuse, um die Finger frei zum Arbeiten zu haben. "Was machst du gerade?"
    "In Layman’s Terms? Ich richte, was einst schiefgelaufen ist."
    "Schadensbegrenzung oder Verschlimmbesserung?"
    "Keine Ahnung. Vielleicht ne Kombination aus beidem. Ich sollte es mir abgewöhnen, müde zu programmieren."
    "Im Gegensatz zu jetzt?"
    "Jetzt bin ich nicht müde", korrigierte Maho und dem dumpfen Geräusch nach hatte sie eine weitere leere Dose auf den Tisch gestellt.
    "Das macht das Koffein. Es sendet Botenstoffe aus, die das zentrale Nervensystem anregen. Durch seine ähnliche Struktur blockiert es die Andockstellen des Adenosins, was normalerweise der Schutzmechanismus vor Übermüdung deines Körpers ist."
    "Dir ist schon klar, dass ich kein Wort verstanden habe, oder?", fragte Maho gedehnt und Kurisu wusste, dass ihr Gehirn gerade versuchte, gleichzeitig den Input ihrer Augen und ihrer Ohren zu verarbeiten.
    "Nur ein Beweis mehr, dass du ins Bett gehörst."
    Maho schnaubte. "Ja, Mama. Nur noch 5 Minuten, ich bin gleich fertig", murmelte sie und tippte geräuschvoll auf die Tasten ihrer Maus. "Wieso rufst du mich überhaupt an? Ich hätte erwartet, dass du bei all der Aufregung ganz vergessen hast, dass es uns gibt." Sie kicherte. "Hast du mich überhaupt mal erwähnt?", fragte sie scherzhaft.
    "Natürlich hab ich das!", protestierte Kurisu sofort. Obwohl, hatte sie das? Nun, ihre Arbeit war doch bestimmt schon bei ihrem Sommerurlaub im letzten Jahr zur Sprache gekommen. Außerdem schien Okabe sowieso viel mehr zu wissen, als sie ihm erzählt haben konnte. Vielleicht sollte sie ihn mal eine Liste schreiben lassen, was er alles an Informationen über sie zusammengetragen hatte. Sicher würde sie bedeutend länger ausfallen als das, was Kurisu über den selbsternannten Mad Scientist wusste.
    "War nur ein Scherz. Du hast doch bestimmt wichtigere Themen, als über die Arbeit zu reden. Aber ich schätze, ich will lieber nicht wissen, was genau du über uns erzählt hast. Naja, von Amadeus dürftest du ihnen ja eh nicht viel berichten, wären ja alles vertrauliche Informationen. Da kannst du auch gleich seine Existenz totschweigen."
    Kurisu setzte zu einer Antwort an, doch dann hörte sie ein: "Ach, darum hast du angerufen." Kurisu blickte auf ihr Handy und am oberen Bildschirm erschien die Nachricht, dass das Programm wieder voll einsatzbereit war. “Wo wir gerade dabei sind, ich habe deinen Vortrag gesehen.”
    Kurisu verzog das Gesicht. Das hätte sie ahnen können. “Ja, mein Soloflug ist nicht so gut gelaufen, wie ich es gehofft habe.”
    Maho kicherte. “Vielleicht hättest du wirklich Leskinens Angebot annehmen sollen, dass er dich begleitet.”
    Kurisu gab einen gequälten Laut von sich. “Gut, dass ich mir das erspart habe. Ich meine, er ist ja ganz nett und so, aber ich erinnere mich noch zu gut an das letzte Mal, das wir zusammen in Japan waren. Da hat Fremdschämen eine ganz neue Dimension erreicht. Und er hat mich sogar zu einem Schrein geschleppt, nur um die Tempelmädchen zu sehen.”
    “Oh, war es das eine Mal, als keine da waren und er selbst in den USA noch Trübsal geblasen hat?”
    Kurisu verbarg ihr Gesicht im Kissen bei der bloßen Erinnerung an diese traumatische Zeit. “Ich weiß nicht genau, was er ausgerechnet mit seinen ‘Shaman Girls’ hat, aber glaub mir, das war nicht angenehm. Aber nun, dafür hat er mich dann zu Sushi eingeladen, um sich wieder aufzuheitern, also kann ich mich auch nicht beschweren, schätze ich.”
    “Dafür kann er jetzt die ganzen Mails beantworten, die in seinem Postfach landen - also die, die er nicht an mich weitergeleitet hat. Du weißt nicht zufällig, was ich auf die Frage, ob wir einen Waifu-Bot kreieren werden, antworten soll?”
    “Lösch das.”
    “Aber wäre das nicht total unhöfl-”
    “Lösch das!”, schrie Kurisu so schrill, dass Maho einen erschrockenen Laut von sich gab, der vermutlich einen Hörsturz begleitete.
    “Ist ja gut. Ich hätte mir auch denken können, dass sich da einer einen Scherz erlaubt. Naja, zumindest weiß ich jetzt, was ein Chuunibyou ist - auch wenn ich mir immer noch nichts unter einem wahnwitzigen Achtklässler vorstellen kann.”
    “Tatsächlich hat das nichts mit dem Alter zu tun”, murmelte Kurisu vor sich hin. Immerhin hatte sie das lebende Beispiel vor sich, und da war es mit dem Alter wohl nur noch schlimmer geworden.
    “Meinst du, das kommt von dem einen Typen da? Das hätte man sich denken können, wenn er schon in einem Laborkittel zu einer Vorlesung erscheint. Solche Leute nehmen sich echt viel zu wichtig.”
    Kurisu starrte mit leerem Blick auf ihr Handy. Wenn sie an seine Frage dachte, konnte sie immer noch das Kribbeln in ihrer Brust fühlen, das ihre Wut auf ihn begleitete. Da hatte sie ihn extra zur Vorlesung mitgenommen und dann dankte er es ihr, indem er ihr so in den Rücken fiel! Statt etwas Konstruktives beizutragen oder wenigstens zu zeigen, dass er auf ihrer Seite stand, hatte er es so klingen lassen, als würde ihr das Projekt im nächsten Moment entgleiten und jeglichen ethischen Anstand verlieren.
    “Kurisu? Noch dran?”
    “Ich will nicht darüber reden!”, sagte sie vehement und drückte ihre Bettdecke fester an ihren Oberkörper.
    “Ist gut”, antwortete Maho zögerlich. “Tut mir leid, ich dachte, das würde helfen.” Sie lachte selbstironisch. “Vermutlich sollte ich wirklich aufhören, so spät in der Nacht noch zu denken.”
    Kurisu atmete tief ein und spürte den Kloß so heftig in ihrem Hals, dass er ihr Tränen in die Augen stiegen ließ. Warum hatte dieser Tag nur so verdammt schief gehen müssen? “Nein, du musst dich nicht entschuldigen. Ich bin einfach nur erschöpft. Ich hatte nicht erwartet, dass es so schwierig sein würde.” Tatsächlich war das die Wahrheit. Auch wenn Kurisu verschwieg, dass es nicht nur dieser Ausschnitt ihres Japanbesuches war. Aber wie sollte sie Maho den wahren Grund ihres Kommens erklären, wenn sie ihre Kollegin ganz bewusst von diesem Teil ihres Lebens fernhalten wollte?
    “Ja, ich schätze, wir können Ausländern gegenüber manchmal etwas voreingenommen sein.”
    Kurisu schmollte. “Dabei beherrsche ich eure Sprache perfekt.”
    “Oh ja. Als ich nach Amerika kam, hatte ich nicht gedacht, dass ich dort je Japanisch reden könnte. Außerdem kennst du auch noch das ganze wissenschaftliche Vokabular. Kein Wunder, dass wir dich statt mir den Haien zum Fraß vorwerfen.”
    “An dir ist ja auch nicht viel dran”, erwiderte Kurisu und obwohl ihr eigentlich gar nicht danach zumute war, grinste sie. Es hatte etwas ungemein Vertrautes, ja fast schon Zeitloses, wenn sie so miteinander redeten. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich fast schon vorstellen, nicht in einem bequemen Hotelbett zu liegen, sondern neben Maho am Schreibtisch zu sitzen.
    "Gibt es sonst noch etwas?" Sie hörte das vertraute Geräusch von Rollen auf dem Fußboden, als Maho sich vom Schreibtisch abstieß. Ein Quietschen folgte, als sie sich auf das Bett fallen ließ.
    Verwundert nahm Kurisu zur Kenntnis, dass Maho wohl doch so etwas wie eine Schlafenszeit kannte. Es hätte sie nicht überrascht, wenn sie einfach auf ihrem Schreibtischstuhl eingeschlafen wäre mit ihrem Laptop als Kissenersatz (wofür sie nicht einmal ihre Fantasie spielen lassen musste. Maho war plötzlich wieder hellwach gewesen, als Kurisu ihr das Foto gezeigt hatte, mit dem ihre kleine Kollegin für alle Zeiten bei der Arbeit auf frischer Tat ertappt worden war). "Putzt du dir nicht noch die Zähne?"
    "Mensch, als ich dich Mama genannt habe, war das keine Aufforderung, damit weiterzumachen", grummelte Maho und erneut machte ihr Bett Geräusche.
    "Das sind deine Zähne, nicht meine. Mir soll es egal sein."
    “Hm”, summte Maho, "komisch. Auf dem Display steht eindeutig Kurisu. Also spuck es schon aus, wann habt ihr eure Körper getauscht und wer hat den von meiner Mutter besetzt?"
    "Wir sind hier nicht in einem schlechten Sci-Fi-An- ähm, Film. Da passiert so was wie Körpertausch nicht. Außerdem hab ich keinen Edding im Gesicht!"
    "Was?"
    "Was?", fragte Kurisu und hatte für einen Moment vergessen, dass ihre Anspielungen bei Maho stets auf verlorenem Posten waren. "Nichts, nichts, du musst dich verhört haben."
    “Das hättest du wohl gerne. Ich bin nicht so müde, dass ich anfange zu halluzinieren und Stimmen höre.”
    Kurisu kicherte. “Bist du dir vollkommen sicher, dass dieses Gespräch hier gerade wirklich stattfindet und du es dir nicht bloß einbildest?”
    “Du wirst es mir verzeihen müssen, aber meine Bereitschaft, mit dir um halb 4 über Existenzialismus zu reden, tendiert gegen Null.”
    Kurisu pfiff anerkennend. “Aber solche Sätze schaffst du noch fehlerfrei, interessant.”
    “Und bitte verschone auch Amadeus damit. Das arme Ding ist schon fehleranfällig genug. Da kann ich es nicht gebrauchen, wenn es beginnt, seine eigene Existenz zu hinterfragen, und daraufhin spontanen Selbstmord begeht.”
    Kurisu zuckte mit den Schultern. “Wofür gibt es Backups?”
    “Brr”, machte Maho und Kurisu konnte förmlich sehen, wie sie sich schüttelte. “Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, wie du gerade ganz klar in die Richtung einer verrückten Wissenschaftlerin abdriftest. Klar, es wäre interessant, wozu dein Verstand fähig wäre, aber ich sitze bei der Arbeit direkt neben dir und das Einzige, womit ich mich spontan verteidigen könnte, wäre ein Kugelschreiber.”
    “Oh, wenn du hier wärst, würdest du mich gar nicht mehr für so verrückt halten. Verglichen mit manch anderem bin ich ein Musterbeispiel an gesundem Menschenverstand.”
    Maho schnaubte. “Du planst, deine eigene KI in den Wahnsinn zu treiben, nur um zu sehen, ob sie dem Druck standhält. Das ist, als würdest du dich selbst dazu verleiten, Selbstmord zu begehen, und das Ganze nur für ein soziales Experiment.”
    Kurisu lachte. “Dafür würde ich doch nicht meine KI nehmen.”
    Maho hustete kurz auf und mit einem Mund voller Zahnpasta brachte sie heraus: “Ich bin mir gerade nicht sicher, ob du wirklich in Japan bist oder vor meinem Fenster stehst und durch diesen Anruf nur sicher gehen willst, dass ich endlich schlafe, um mich umbringen zu können.”
    “Das würde ich dir doch niemals antun, Se-n-pa-i”, antwortete sie und betonte das letzte Wort extra süß. Zu schade, dass es kein Videoanruf war. Bei dem Gedanken an die passenden Animeszenen trat tatsächlich ein schelmisches Lächeln auf ihr Gesicht, während sie sich fragte, wo diese Charaktere eine Axt herbekommen hatten. Allerdings wäre das wohl das Beste, was Maho passieren konnte. Bekanntermaßen hackten Yandere ja provisorisch alles nieder, was in einem 50-Meter-Radius gefährlich werden konnte. Vorsicht war eben besser als Nachsicht.
    “Irgendwie glaube ich dir das nicht so richtig”, antwortete Maho, obwohl sie Kurisus Gedankengang sicher nicht einmal ansatzweise hatte nachvollziehen können. Sie gähnte noch einmal herzhaft. “Ich würde dich ja fragen, ob ich jetzt auflegen und schlafen gehen kann, aber ich glaube nicht, dass ich nach dem Thema noch ein Auge zubekomme.”
    “Sicher, dass das nicht am vielen Koffein liegt?”, fragte Kurisu und fuhr mit ihren Fingern immer wieder durch eine Strähne neben ihrer Wange. Je klarer das Ende des Gespräches wurde, desto mehr wurde ihr bewusst, dass sie das Ziel des Anrufes nicht erreicht hatte.
    “Nah, mein Körper kann das ab. Würde mich nicht wundern, wenn er schon eine gewisse Resistenz aufgebaut hat.”
    “Vielleicht solltest du einen Entzug machen. Ich hab noch keinen getrunken, seit ich hier bin.”
    “Wusste ich's doch, dass du unmenschlich bist.”
    “Sehr witzig.”
    “Ich meine das ernst. Es hat mehrere Flüge gedauert, bis ich endlich raus hatte, wie ich mein Jetlag in den Griff bekomme. Der Clou dahinter war, mich so lange mit Kaffee über Wasser zu halten, bis es langsam dunkel wurde. Dann einmal durchschlafen und das meiste ist wieder in Ordnung.”
    “Klingt nicht schlecht. Ich war erst gegen Eins im Bett und hab meinen ersten Tag hier fast komplett verschlafen."
    "Dann konntest du immerhin das Nachtleben genießen. Das ist doch genau wie hier. Egal, wann du rausgehst, du triffst immer noch einen Haufen Menschen."
    "Ich weiß nicht, ob ich das bei den Leuten, die nachts durch Akiba laufen, wirklich will."
    "Ach stimmt ja, du warst ja so schlau, nicht gleich nach Shinjuku zu gehen wie alle übermütigen Touristen. Da bist du vermutlich nur allein, wenn die Stadt wegen einer Bombendrohung geräumt wird."
    "Nein, dafür ist es hier nachts wirklich wie ausgestorben, besonders in den Gassen. Kein Vergleich zu dem Gedränge in den Geschäften am Tag."
    "Und ich dachte, du wärst zu schlau, um nachts durch spärlich beleuchtete Straßen zu ziehen."
    "Natürlich bin ich das! Ein paar Freunde wohnen in der Nähe von der Bahnstation und zur Not bringen die mich mal eben hin. Außerdem ist das ein Wohngebiet, da passiert nicht viel."
    "Klingt, als wärst du da oft gewesen."
    "Mhm. Sind wirklich nette Leute da." Zumindest die meisten.
    Kurisu schüttelte den Kopf. So konnte das doch nicht weitergehen. Das hier war ihre Chance, das Problem mit Okabe zu lösen, bevor es sie in den Schlaf verfolgen würde. Maho musste ja nicht wissen, um wen es sich handelte, um ihr zu helfen. "Senpai, ich brauch mal kurz deinen Rat."
    Maho lachte. "Hat ja nur eine halbe Stunde gedauert, um zu dem Grund zu kommen, weshalb du angerufen hast."
    Kurisu hatte schon Luft geholt und war kurz davor, etwas zu erwidern, als sie einen Blick auf das Display warf. Tatsächlich waren sie schon drüber. "Gut Ding will eben Weile haben. Und es gehört sich ja auch nicht, einen anderen einfach so zu überfallen."
    "Mhm, stattdessen hält man seine Kollegin lieber vom Schlafen ab."
    "Ist ja gut, ich fasse mich kurz", maulte Kurisu richtung Zimmerdecke, die Arme vor ihrer Brust verschränkt. "Es ist auch nichts Großes und ich könnte es vermutlich allein lösen, wenn du lieber schlafen möchtest. Weißt du was? Eigentlich ist es auch komplett blödsinnig, wenn ich mir hier den Kopf über andere zerbreche, nur weil die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Ich bin doch nicht den ganzen Weg hierher geflogen, nur damit er so tun kann, als würden wir uns nicht kennen. Das ist nicht auszuhalten!" Erst jetzt merkte Kurisu, dass sie sich so sehr in Rage geredet hatte, dass sie schwer atmete. Sie stoppte einen Moment, während sie die Finger in ihre Bettdecke krallte.
    "Nghh", knurrte Maho, "mach mal langsam und schraub deine Stimme eine Oktave runter. Ich hab nämlich keine Ahnung, wovon du da redest. Geht es um jemanden von der Uni, den du treffen wolltest, und der dich in der Zwischenzeit vergessen hat?"
    "Nein, das ist es nicht. Nun, streng genommen geht er auch zur Uni, aber das tun tausende andere auch und die behandeln mich nicht wie ein rohes Ei!"
    Maho seufzte, absichtlich so laut, dass man es durch das Telefon hören konnte. "In Layman's Terms, wenn es dir nichts ausmacht." Kurisu hatte das Gefühl, dass da ein Zwinkern dazugehörte.
    "Sehr witzig."
    "Ich meine das ernst. Schieb es auf die Uhrzeit, aber ich kann nicht einmal irgendwo ansetzen, um deine Gedankengänge zu verstehen. Über was für einen Typen regst du dich jetzt so auf? Der von der Vorlesung?"
    "Pah. Er wäre es gar nicht wert, dass ich mich über ihn aufrege! Und nein, das ist ein komplett anderer, nur damit das klar ist. Der behandelt mich nämlich wie Luft und hat kein Interesse an mir. Und das, obwohl er vor einem Jahr noch so getan hat, als würde ihm unendlich viel an mir liegen. Echt mal, du hättest ihn sehen sollen. Er hat mich angesehen, als ob er sein ganzes Leben darauf gewartet hat, mich wiederzusehen. Dabei kannte ich ihn damals gar nicht wirklich."
    "Klingt nach einem Stalker, der deine Vorlesungen anschaut wie andere Musikvideos von Bands", murmelte Maho. "Du bist dir sicher, dass du dir keine Sorgen um ihn machen solltest?"
    "Es ist kompliziert", murmelte Kurisu nur, weil es der einzige Weg war, all diese Verwirrungen angemessen zu beschreiben. "Aber eigentlich ist er recht harmlos. Große Klappe, nichts dahinter, so jemand halt."
    "Also, um das zusammenzufassen: Du bist wegen dieses Typens zurück nach Japan geflogen…"
    "Nicht wegen dieses Typens!", stellte Kurisu sofort energisch klar. "Trotz ihm. Nein, weißt du was? Das hatte rein gar nichts miteinander zu tun. Diese Dinge verlaufen komplett parallel und tangieren sich kein Bisschen."
    Maho kicherte. "Und doch bringt er dich dazu, in Tautologien zu reden."
    Kurisu verzog noch mehr das Gesicht. "Reiner Zufall."
    "Nun, wenn es so schlimm ist, dass du sogar anrufst, kannst du immer noch den Rückzug antreten."
    "Und was soll ich Leskinen erzählen, dass ich nach nicht mal zwei Tagen schon wieder zurück will? Kommt nicht in Frage. Ich kneife doch nicht wegen eines so kleinen Problems - für den ich als flüchtige Bekanntschaft keine tieferen Gefühle hege, um das klarzustellen!"
    "Mhm", murmelte Maho nur, komplett vom Gegenteil überzeugt.
    "Hach. Ich hatte mir meine Reise nach Japan wirklich ganz anders vorgestellt."
    Mahos Grinsen war hörbar. "Ich hab ja versucht, dir deine Illusionen zu nehmen, aber du wolltest mir ja nicht zuhören."
    Kurisu schob ihre Unterlippe vor. "Ich weiß sehr wohl, dass das Land nicht unbedingt so ist, wie man das in Man- ... in manchen Fernsehserien gezeigt bekommt. Trotzdem. Das hier ist schon eine echte Enttäuschung." Kurisu seufzte erneut. "Aber nun, ich lasse mir davon doch nicht die Laune verderben. Demnächst bin ich ja eh die meiste Zeit in der Uni, da muss ich ihn nicht mehr sehen und kann mich mit meinen Freunden treffen."
    "Wow. Da hast du ja schnell neue Leute kennengelernt."
    "Ach, die kenne ich noch vom Sommer. Das sind auch diejenigen, welche ich damals in die USA eingeladen habe. Ich muss sie dir unbedingt mal vorstellen, die sind total nett." Allein der Gedanke daran ließ Kurisu lächeln. Als sie merkte, dass vom anderen Ende nichts mehr kam, sagte sie: "Okay, falls du nicht sowieso schon schläfst, gute Nacht, Senpai."
    "Alles gut", antwortete diese. "Ich bin noch wach."
    Kurisu kicherte. "Aber nicht mehr lange, das höre ich doch."
    Maho murrte als Protest, aber Kurisu machte sich da nichts draus. Sie wusste genau, wie es ihrer Kollegin ging, wenn sie übermüdet war. Meistens saß sie dann an ihrem Platz, den Kopf auf ihre Arme gelegt, und verdammte jede negative Kleinigkeit in ihrer Welt - wenn sie nicht friedlich vor sich hin schlummerte. "Also dann. Schlaf gut. Und danke fürs Zuhören." Damit legte sie einfach so auf.
    Kurisu hatte erwartet, dass sie sich einsam fühlen würde, sobald der Kontakt abbrach. Stattdessen lächelte sie nur ein wenig vor sich hin, bevor sie sich aus dem Bett rollte. Immerhin gab es genug Arbeit zu tun, und während ihre Kollegin schlief, war es ihre Pflicht als guter Kohai, in ihre Fußstapfen zu treten. Außerdem, nur weil Okabe so ein Miesepeter war, würde sie sich davon doch nicht ihre Japanreise verderben lassen. Notfalls würde sie ihm einfach aus dem Weg gehen - auch wenn sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte.
    Sie schüttelte den Kopf. Okabe aus dem Weg zu gehen, würde mehr Probleme aufwerfen, als es lösen würde. Sie bräuchte eine andere Herangehensweise. Eine direkte Konfrontation, der er sich nicht entziehen konnte.
    Und sie hatte auch schon eine Ahnung, wie sie dies anstellen würde.


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

  • Kapitel 10


    Okabe ging gerne zu seinen Vorlesungen (auch wenn er entweder der Auffassung war, dass man ein Genie wie ihn nicht richtig fördern konnte, oder dass seine Dozenten eine außerirdische Sprache benutzten, wenn sie Begriffe verwendeten, die er nicht einmal aussprechen konnte). Heute bekam er aber nicht mehr mit als der junge Mann vor ihm, der seinen Laptop als Schutzschild nutzte, um dahinter zu schlafen, ohne mit Kreide abgeworfen zu werfen. Wenn man es genau betrachtete, erholte sich dieser wenigstens und konnte danach mit frischer Kraft in die nächste Stunde starten, während Okabes Gedanken so verbissen um ein Problem kreisten, dass er vermutlich eine ganze Woche schlafen müsste, um sich von dieser Anstrengung zu erholen. Allerdings ging das bekanntlich nicht. Das Böse schlief nicht, weil man es allzeit zu fürchten hatte. Und deswegen durfte er es auch nicht tun, um die Welt vor der Organisation zu beschützen, die sich im Schatten der Nacht verbarg.
    Er musste es ja wissen. Viel Schlaf hatte er in der letzten Nacht nicht bekommen. Als sein Wecker geklingelt hatte, war es ein Akt von bewundernswerter Willenskraft gewesen, die Decke zurückzuschlagen und gegen die Müdigkeit in seinen Knochen zu kämpfen. Die ganze Zeit hatte er daran gezweifelt, ob es das wert war, aber er wollte auf gar keinen Fall ihr hämisches Grinsen sehen, wenn rauskam, dass er die Vorlesung verschlafen hatte. Obwohl, wenn er es sich recht überlegte, war dieser Seitenhieb vielleicht gar nicht so schlecht. Alles war besser als die launische Reaktion, die er als Letztes von ihr gesehen hatte. Sie hatte nicht einmal auf seine Nachrichten von gestern geantwortet.
    Okabe ließ den Kopf hängen. Man konnte wirklich nicht verstehen, was in den Köpfen von Frauen vor sich ging. Selbst sein bester Freund hatte ihm da beigepflichtet (auch wenn sich das ausschließlich auf 3D-Mädchen bezogen hatte). Allerdings waren dem Hacker gleich ein paar Dinge eingefallen, die Okabe tun konnte, um es wiedergutzumachen. Zum Beispiel ein weißes Pferd stehlen und sie einholen, während sie in einer Kutsche davonfuhr, um einen anderen Prinzen zu heiraten. Oder einen Monat lang in den verschneiten Bergen trainieren, dem Militär dort die Vorräte stehlen und zum Schluss ein erlegtes Bären-Souvenir als Liebesbeweis vor die Füße werfen. Oder einen Pakt mit einem Außerirdischen schließen, um ihr ihren innigsten Wunsch zu erfüllen, nur um dann mit ansehen zu müssen, wie sie mit jemand anderem glücklich wurde und er selbst so weit in Verzweiflung versank, bis er seine Seele einbüßte. Okabe bezweifelte allerdings, dass diese Ansätze besonders praktikabel waren - oder ihm nicht sogar einen Schlag in die Magengrube einbringen würden. So, wie Kurisu geschaut hatte, würde sie das Letzte aber vermutlich als passende Wiedergutmachung gelten lassen.
    Okabe verschränkte die Arme. Er verstand das einfach nicht. Warum führte sie sich so auf? Er hatte doch nur ein paar Fragen gestellt. Gut, sie waren vielleicht wenig schmeichelhaft gewesen, aber dank der Vehemenz, mit der sie geantwortet hatte, hatte sie doch alle Zweifel beseitigt. Eigentlich sollte sie ihm dankbar dafür sein, dass er ihr die Möglichkeit gegeben hatte, ihr Projekt mit so wenig Aufwand ins rechte Licht zu rücken. Stattdessen war sie so stur, dass sie ihn nicht einmal mit ihrem Ärger konfrontierte. Mit Argumenten könnte er ja wenigstens arbeiten, aber diese kalte Schulter brachte ihn dazu, sich selbst ausmalen zu müssen, was los war. Manche würden sagen, dass er in dem Bereich einiges nachzuholen hatte, aber er fühlte sich da chronisch missverstanden. Es war eher so, dass sein Verstand zu genial war und er sich zu viele Möglichkeiten ausmalte. Oft wurde er sogar schwer enttäuscht, weil er kilometerweit vorausgedacht hatte und die Antwort das Naheliegendste war, auf das jeder Idiot hätte kommen können.
    Oh, wann würde die Welt endlich verstehen, dass sie mit solchen Gedankenspielen nur seine Zeit verschwendete? Es gab so viel Wichtigeres zu tun. So viel Sinnvolleres, mit dem er diese Welt revolutionieren konnte. Er könnte jetzt im Labor sein und an seinen Erfindungen arbeiten, um irgendwann mit ihnen die Weltherrschaft zu übernehmen. Oder zumindest das Prinzip elektrischer Leitungen ergründen, um zu verstehen, was der Dozent dort gerade auf den Overhead-Projektor malte. Und was seine Kommilitonen eifrig abschrieben.
    Okabe schluckte, als er seine Notizen mit ihren verglich. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, als er sich daran machte, das Wissen auf sein Papier zu übertragen, bevor der Dozent die Folie hochrollen und es für immer verschwinden würde.
    Dafür würde er Christina büßen lassen!



    Kurisu griff gerade nach einem Pudding, um sicherzugehen, dass Okabe nicht mehr als seine verdiente Portion bekommen würde - nämlich gar nichts - als sie etwas sah, das sich noch besser für ihren Kampf nach Gerechtigkeit und dem Wiedereinführen des Status Quo eignen würde. Grinsend zog sie die letzte Flasche Dr. Pepper aus der Seitentür und setzte sich auf das Sofa, die Beine lässig über Kreuz geschlagen. In dieser Haltung behielt sie die Tür im Blick und wartete mit einem bösartigen Grinsen auf ihren großen Moment. Laut Mayuris Textnachricht würde er jeden Moment ins Labor kommen und sobald er eintrat, sollte er keinen Zweifel an der Natur ihrer Handlungen haben.
    Immerhin hatte er sich das selbst zuzuschreiben. Sie wusste immer noch nicht, was er mit seiner Fragerei hatte bezwecken wollen, aber hilfreich war es nicht gewesen. Zum Glück hielt sie diese Vorlesungen schon seit Monaten und es kam ihr immer mehr vor, als würde die Leute immer das Gleiche interessieren - was gut war, weil sie so meistens eine Antwort parat hatte. Bei ihm war es ja auch nicht anders gewesen.
    Es störte sie ja auch gar nicht, dass er gefragt hatte. Ihretwegen hätte er ihr Löcher in den Bauch fragen können und sie hätte sich mit Freude auf die wissenschaftliche Diskussion eingelassen, die ihr viel mehr Spaß machte, als wieder und wieder die gleichen Fakten herunter zu rattern. Aber nicht auf diese Art. Nicht, wenn er die Integrität ihrer Forschung anzweifelte und ihr Projekt bloßstellte, als wäre es ein Versuch, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wie abwegig. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, wie das gehen sollte. Scheinbar war er von seinen eigenen Ambitionen eingenommen gewesen. Aber nun, was hatte sie von jemandem erwartet, der sich selbst als verrückten Wissenschaftler bezeichnete?
    Und schon wieder enttäuschte er sie. Es war schon nach halb 5, so langsam konnte er doch wirklich mal auftauchen. Sie hatte weitaus Besseres zu tun, als hier auf der Couch zu sitzen und darauf zu warten, dass er sich bequemte, endlich das Labor zu betreten. Tatsächlich hatte sie überlegt, ihren Laptop mitzunehmen und nebenbei ein bisschen zu arbeiten, aber dann hätte sie erst wieder aus ihrer Konzentration auftauchen und sich erinnern müssen, wer da gerade hereinkam und warum sie so unendlich wütend auf ihn war. So konnte man doch keine Dramatik aufbauen und dann hätte dieses ganze Unterfangen überhaupt keinen Sinn. Entweder ganz oder gar nicht!
    Es verging eine weitere halbe Stunde, bis die Tür sich geräuschvoll öffnete, und wenn Kurisu noch wütender hätte sein können, so war sie es jetzt. Niemand verschwendete ungestraft ihre Zeit! Für den passenden Gesichtsausdruck musste sie sich nicht einmal anstrengen und sie war darauf vorbereitet, ihn möglichst lange zu halten, um auch ja sicherzugehen, dass das Gespräch richtig begann.
    Sie hörte einen Aufschrei und erblickte Daru, der am liebsten rückwärts wieder aus der Tür gelaufen und einen sicheren Ort (vermutlich im MayQueens) gesucht hätte.
    "Ihr wollt mich doch verarschen!?", rief Kurisu, winkte ihn rein und verschränkte die Arme vor der Brust. "Wo ist Okabe?", verlangte sie vom Hacker, als er wie versteinert stehen geblieben war.
    Erleichtert atmete er auf. "Puh. Ich bin nicht der Schleim, den du suchst, um deine Wut auszulassen."
    "Ein Schleim wird da nicht reichen", murmelte sie. Immerhin war sie niemand, der gerade erst gelernt hatte, wie man kämpfte. Die wabbeligen Dinger in allen Formen und Farben lösten sich doch schon auf, wenn man sie nur schief anschaute.
    "Ich weiß nicht, ob ich Okabe einer mordlustigen Tsundere ausliefern soll…"
    Kurisu hob eine Augenbraue und verengte ihre Augen ein Stück weiter, als würde sie alles, an was er gerade dachte, stattdessen ihm antun.
    Augenblicklich bildeten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. "Er wollte nur noch schnell etwas zu Essen kaufen und sollte gleich da sein. Ich werde mich so lange einfach hier in diesem Zimmer sein, keinen Mucks machen und so tun, als ob ich nicht da wäre."
    Kurisu lächelte. "Du hast eine sehr gute Auffassungsgabe, Daru."
    "Natürlich. Ansonsten hätte ich wohl kaum alle Raiton-Spiele auf Gold bringen können. Manche der Rätsel sind anstrengender als meine Vorlesungen."
    Betont beiläufig zog Kurisu ihr Handy aus der Tasche und machte sich daran, Informationen darüber zu beschaffen. Sie könnte auch Daru befragen und ihn um eine Kostprobe bitten, aber das würde eine Reihe von Konsequenzen haben, auf die sie lieber verzichten würde. Sie fand recht schnell ein Let's Play und war sofort von der niedlichen Comic-Grafik und den Charakteren überzeugt. Vor allem der groß gewachsene Gentleman hatte es ihr angetan. Der würde bestimmt niemanden eine Stunde auf sich warten lassen! Nun, um ganz fair zu sein, musste sie wohl zugeben, dass er nichts von ihrer Anwesenheit wissen konnte - aber er war am Vortag auch nicht fair gewesen, also erübrigte sich das ja wohl!
    Ehe sie sich versah, spulte sie durch das Rätsel und machte sich einen Spaß daraus, allerhand Rätsel zu lösen.


    Gegeben ist ein 5*6 großes Schachbrett. Bewege den Springer darauf so, dass er jedes Feld genau einmal berührt.
    Das war die Anweisung gewesen, die seit einer Viertelstunde höhnisch auf dem Handybildschirm stand. Seitdem versuchte Kurisu, mit ihren Augen und später sogar mit ihre Zeigefinger, einen Weg für die kleine Pferdfigur zu finden. Allmählich spürte sie die Verzweiflung in sich aufsteigen. Das konnte doch nicht sein. Dieses Spiel war für Kinder gedacht! Wieso kam sie nicht darauf, wie man den Springer bewegen sollte? Da musste es doch irgendeine einfache Lösung geben!
    "Was machst du gerade?", trällerte Mayuri mit einem breiten Lächeln und lehnte sich über die Lehne des Sofas, um Kurisu über die Schulter zu schauen.
    "Ach, das Rätsel habe ich gerade eben gefunden." Also vor 15 Minuten. "Im Internet." In einem Video über ein Videospiel. "Eigentlich habe ich es schon so gut wie gelöst." Immerhin gab es nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten und dass ihr langsam die Optionen ausgingen, zeigte, wie nah sie dran war.
    "Das sieht wirklich kompliziert aus. Aber Mayushii ist sicher, dass du das schaffst", sagte sie und klopfte Kurisu aufmunternd auf die Schulter.
    "Ja, das wird schon. Eigentlich mache ich das auch nur, um mir die Zeit zu vertreiben, während ich…" Kurisu blinzelte. Wann war Mayuri hier reingekommen? Sie schaute sich in der Wohnung um und bemerkte, dass ihre schlimmste Befürchtung wahr geworden war. Das Glück war wirklich mit den Dummen!
    Sie beeilte sich, ihren bösen Blick wiederzufinden, der eindeutig darunter litt, dass die Hälfte ihres Verstandes immer über das Schachbrett hopste. Das war vermutlich bei Weitem produktiver, weil es ihre grauen Zellen trainierte, aber nicht das, was sie im Moment wollte. Das logische Denken musste für einen Moment abgeschaltet werden.
    Kurisu bemerkte, wie Mayuri wegen ihrer plötzlichen Stimmungsschwankung den Kopf schief legte, doch auch darum konnte sie sich nicht kümmern. Das Mädchen würde ja gleich sehen, was der Grund dafür war.
    Kurisus Blick folgte Okabe, wie er aus der Küche zurückkam. "Was ist", fragte er und die ehrliche Ratlosigkeit machte es noch schlimmer. "Kommst du bei deinem Rätsel nicht weiter?"
    "Doch!" Also gut, das eigentlich auch, aber das verstimmte sie viel weniger als sein dümmliches Gesicht. "Willst du wirklich wissen, was das Problem ist?"
    "Dass wir kein Dr. Pepper mehr haben?"
    "Nein!", sagte Kurisu und verschränkte ihre Arme so fest, dass sie die Knochen spüren konnte.
    "Was könnte tragischer sein, als sich bei der Hitze nicht mit dem besten Getränk seit Menschengedenken zu erfrischen?"
    "Na du!", rief sie.
    Okabe legte den Kopf schief und schaute zum Couchtisch, wo das Diebesgut stand. "Da muss ich dir widersprechen. Ich bin nicht derjenige, der die letzte Flasche so frevelhaft entwendet hat."
    "Das spielt doch überhaupt keine Rolle!", entgegnete sie. Nun gut, eigentlich hatte sie ihn ursprünglich genau mit dieser Tatsache aufziehen wollen, damit er die Ungerechtigkeit des Universums am eigenen Leib erfahren musste, aber das war ja jetzt alles für die Katz. "Wie konntest du mir das antun?"
    "Wie konntest du mir das antun?", fragte er zurück und deutete auf die halb ausgetrunkene Flasche auf dem Tisch.
    "Jetzt hör doch mal auf, so kindisch zu sein. Es geht hier nicht nur um irgendein blödes Getränk!"
    "Ich darf doch wohl sehr bitten." Er drehte sich zur Seite und deutete zu seinem Freund. "Daru, was besagt Regel 34?"
    "Sobald etwas existiert, lohnt es sich, einschlägige Seiten danach zu durchsuchen."
    Okabe sah aus, als hätte er einen Schlaganfall. "Nicht die, Daru. Regel 34 des Labors!"
    "Sobald ein weibliches Wesen dem Labor beitritt, darf man es-"
    "Daru! Wage es nicht, das Fundament unserer professionellen Symbiose so zu beschmutzen!", rief Okabe so laut, dass er im nächsten Moment zu Boden schaute, als würde er die nächste Mieterhöhung erwarten. Kurisu wollte sich gar nicht ausmalen, wie hoch die Schadensersatzklage ausfallen ausfallen würde, wenn Nae es aufschnappte und Google benutzte.
    "Regel 34 des Gründungsvertrages des Future Gadget Laboratorys", zitierte Mayuri, ein Buch aus handgeschriebenen in der Mitte zusammengetackerten DIN A4 Seiten in der Hand haltend. "Es muss immer für genügend Dr. Pepper gesorgt sein. Sollte einmal der Fall auftreten, dass der Vorrat zur Neige geht, muss derjenige, der ihn aufgebraucht hat, umgehend für Ersatz sorgen.” Damit schlug sie das selbstgemachte Buch wieder zu und stellte es auf den Halter auf dem Schrank. Bei genauerer Betrachtung glitzerten dort ein paar Spinnweben im Sonnenlicht.
    Kurisu schlug eine Hand vor ihre Stirn. “Ich kann nicht glauben, dass ihr das wirklich aufgeschrieben habt.” Dass es noch mindestens 33 andere solcher nutzlosen Regeln gab, schlug dem Fass den Boden aus.
    “Keine Sorge, meine Assistentin. Beim Beitritt erhält jedes Mitglied ein Exemplar. Es mag zuerst wie eine unmögliche Aufgabe erscheinen, alles auswendig zu lernen, aber die 225 Regeln-”
    “Was?!”, stieß Kurisu hervor. “Du kannst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass da so viele Regeln drinstehen!”
    “Doch, tun sie. Mayushii hat echt lange gebraucht, um sie alle zu lernen, aber jetzt beherrscht sie sie perfekt. Du musst wissen, Okabe hat schon immer davon geträumt, dieses Labor zu haben, und mit der Zeit sind immer mehr dazu gekommen. Ich hab auch ein paar geschrieben. Hier, schau mal!” Sie lief zurück, blätterte ein bisschen und schlug dann Regel 62 auf. Immer nett zu Upas sein, stand darauf geschrieben.
    “Das lässt sich immerhin leichter merken”, murmelte Kurisu. Sie drehte sich zu Okabe um, der theatralisch die Arme ausgebreitet hatte.
    “Du siehst also, Assistentin, dass diese Regeln nicht nur aus einer Laune heraus entstanden sind. Sie verkörpern den wahren Charakter dieser wissenschaftlichen Hochkultur und sorgen dafür, dass an diesem Ort ein zivilisiertes Leben möglich ist.”
    “Was von einer Versorgung mit Süßgetränken abhängt, die schlecht für den Blutzuckerspiegel sind und die Knochen angreifen”, gab sie zu bedenken.
    Okabe schüttelte den Kopf. “Jede Medizin ist Gift für den Körper, wenn man zu viel davon nimmt. Dieses selbstlose Getränk versorgt uns durch seinen Zucker und Koffein mit Energie, die wir benötigen, um unsere Erfindungen voran zu treiben, indem es sein Leben für unseren Erfolg gibt.”
    “Sag mal, glaubst du eigentlich wirklich irgendwas von dem Quatsch, den du da erzählst?” Kurisu spürte, wie ihr Gehirn immer dümmer wurde, als es all diese sinnlosen Informationen verarbeiten musste. Bestimmt hatte sie dafür irgendeine Erinnerung für immer verloren, wie als sie das erste Mal selbst mit einem Löffel gegessen hatte.
    “Wage es ja nicht, so über das heilige Buch des Future Gadget Laboratory zu reden!”, rief Okabe. “Es ist der Grundstein für unsere friedliche Koexistenz, die unsere Wissensgemeinschaft zusammenhält und uns erlaubt, frei von Konflikten nach einem gemeinsamen Ziel zu streben.”
    “Hmpf”, machte Kurisu nur. “Vielleicht will sich auch nur keiner auf dein Niveau herabbegeben, weil er weiß, dass ein Idiot wie du ihn dort mit seiner Erfahrung schlägt.”
    “Was soll das denn heißen?”
    Kurisu grinste. “Quod erat demonstrandum. Vielen Dank, dass du mir die Arbeit abgenommen hast, das selbst beweisen zu müssen.”
    “Christina! Als meine Assistentin hast du gefälligst-”
    “Ich bin nicht eine Assistentin, verdammt noch mal!”
    “Zahltag”, sagte Mayuri plötzlich von der Seite.
    Kurisu blickte verwirrt zu ihr und sah, wie das Mädchen ihr bestes Katzenlächeln aufgesetzt hatte, das bestimmt nur Besuchern des Café vorbehalten war. Mit der einen Hand machte sie die vertraute Wink-Bewegung der Maneki-Neko, der Winkekatzen, deren Bewegung Glück bringen sollte. In der anderen hielt sie eine Upa-Spardose. “Ist das auch eine eurer bescheuerten Regeln?”, fragte Kurisu, während sie in ihrer Hosentasche nach Kleingeld fischte.
    “Das dient der Finanzierung des Labors”, erklärte Mayuri.
    “Ja, weil wir nicht viele andere Möglichkeiten haben, als uns Freigeistern das Geld aus der Tasche zu locken. Ich bin immer noch der Meinung, dass man ohne zu fluchen in diesen Zeiten gar nicht seine Mental Sanity behalten kann. Zwölfjährige Möchtegern-Trolle, die meine Mutter kennen wollen, kiss my ass.”
    Darauf reagierte Mayuri allerdings kein bisschen, was Kurisu noch mehr an dieser Maßnahme zweifeln ließ. Trotzdem warf sie eine 5-Yen-Münze in den Spar-Upa. Aus dem leisen Klimpern im Inneren schloss sie, dass sie nicht die erste Täterin war.
    “Wisst ihr denn schon, was ihr mit dem ganzen Geld anstellen wollt? Vielleicht euch ein Eis zur Belohnung kaufen? Oder willst du dir einen Schrein bauen?”
    Mayuris Augen leuchteten auf. “Oh ja, ein Eis, bitte.”
    Okabe seufzte. “Mayuri, wir können dieses lange angesparte Geld doch nicht einfach für etwas ausgeben, das nach 5 Minuten weg ist. Hierbei sollte es sich um eine längerfristige Kapitalanlage handeln.”
    Daru machte sich sogar die Mühe, über seine Schulter zu schauen, als er mit flacher Stimme erwiderte: “So wie diese Spielzeugpistole, die du gekauft hast?”
    Okabe warf dem Objekt einen mitleidigen Blick zu. “Daru, wie kannst du so schlecht über sie reden? Dieses Future Gadget hat mit Abstand den höchsten Nutzen im Alltag und war sogesehen eine der besten Investitionen, die wir je getätigt haben.”
    Kurisu seufzte. “Ihr benutzt sie, um die Sender eures Fernsehers zu wechseln, und man kann nur die Sender weiter, aber nicht zurück schalten. Sagt das nicht alles?”
    “Da hast du eine grundlegende Funktion übersehen, Kurisutina”, antwortete er und deutete mit einer ausgestreckten Hand auf das besagte Objekt, als würde er ihr eine Offenbarung präsentieren. “Dieses simple Gerät lehrt uns, dass Entscheidungen gut überlegt sein müssen. Es gibt keine Möglichkeit, zurückzukehren, wenn man sich einmal entschieden hat, zu einer anderen Geschichte zu wechseln. Man springt umher, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, und muss doch erkennen, dass man sich in einer Endlosschleife befindet, gefangen zwischen seichten Reality-Shows und Kriminalfällen, bei denen man schon lange abgeschaltet hat. Verstehst du jetzt, warum diese simple, modifizierte Spielzeugpistole das Universum selbst repräsentiert?”, schloss er seinen passionierten Vortrag mit einer großen, alles umfassenden Armbewegung.
    “Ich verstehe”, antwortete Kurisu. Überrascht sah sie dabei zu, wie Okabe seine Gesichtszüge entglitten. Vermutlich hatte er gerade zum ersten Mal wahrgenommen, was er da die ganze Zeit erzählt hatte, und wunderte sich jetzt, dass Kurisu ihn tatsächlich anerkannt hatte. Das konnte sie natürlich nicht so stehen lassen und sie fügte hinzu: “Überhaupt nicht, warum ihr ihn dann nicht einfach ausmacht und etwas Sinnvolles tut. Vielleicht solltest du die Bücher auch mal lesen, die du unter das Tischbein geklemmt hast, damit er nicht wackelt.”
    Sie deutete zum Möbelstück, das in seinem selbstbenannten Laborbereich stand. Prompt war ein lauter Aufschrei zu hören. “Ist das etwa mein Doujinshi!?”, schrie Daru, rannte quer durch den Raum und zog das Heft hervor. Mit Tränen in den Augen strich er das Cover glatt, während er beruhigende Sätze wie “Jetzt ist alles wieder gut” und “Der böse Mann kann dir nicht mehr weh tun” und “Er wird dich nicht finden, niemand wird dich finden, du bist bei mir” flüsterte. “Wie konntest du ihr das antun?”, fragte er anklagend, während er das Gesicht der Anime-Figur schützend an seine Brust drückte.
    Okabe schluckte, wohl wissend, dass Daru ihn in einem Faustkampf wohl mit einer einzigen Ohrfeige zu Boden schlagen und ihn niemand der anderen Anwesenden aufhalten konnte - oder wollte. Er war sich nicht sicher, ob Kurisu eher geschockt oder belustigt reagieren würde, wenn ihm Gewalt angetan wurde. “Ich, also ähm… muss einkaufen!”, rief er, schnappte sich den Beutel neben der Tür und machte sich daran, seine Schuhe anzuziehen.
    Kurisu war einen Moment lang überrumpelt, bis sie wieder zu Sinnen kam. “Hey, stehen geblieben. So leicht entkommst du mir nicht!” Das war ja wohl die Höhe! Erst hatte sie so lange Zeit auf ihn gewartet und jetzt drückte er sich einfach vor seiner gerechten Strafe - und der von Daru, aber sie war zuerst dagewesen.
    “Hey, das ist mein Text!”, rief der Superhacker, erkannte aber im gleichen Moment, dass eine Verfolgungsjagd ihm mehr zusetzen würde als seinem Freund. Kein Problem. Er konnte warten. Der Täter kam immer an den Ort des Verbrechens zurück. Und dann würde er hier sein. Mit der gerechten Strafe…
    “Bei Odin, warum hetzt du mir diese Furien auf den Hals?”, rief Okabe, als würde er von allen Anwesenden am meisten leiden.
    “Furien sind römisch, das hat mit nordischen Mythologie absolut Null zu tun!”, keifte Kurisu, während sie in ihre Sandalen schlüpfte. “Also wirklich. Wenn du dich schon beschweren willst, dann-” Okabe hatte es kaum aus der Tür geschafft, als Kurisu ihm schon nachsetzte. Ihre Worte hallten im Treppenhaus, während sie lautstark die Stufen herunter lief. “Bleib gefälligst stehen, wenn ich dir eine Lektion erteilen will!”
    “Selbst ein Mad Scientist wäre nicht verrückt genug, so etwas zu tun!”, war das Letzte, was die beiden Zurückgebliebenen von ihm hörte.
    Mayuri schaute besorgt aus dem Fenster, wo die beiden die Straße herunter liefen. “Meinst du, wir hätten mitgehen sollen?”
    Darus Gesicht war halb von seiner Cappy verdeckt und ein Schatten lag auf seinen Augen. “Ich hoffe, Kurisu lässt noch etwas von ihm über.”
    Mayuri lachte, komplett unempfänglich gegenüber der Aura der Mordlust im Raum. “Ich auch. Sonst wäre es doch todlangweilig.”


    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

  • Kapitel 11


    Kurisu wusste, dass Abgründe die Angewohnheit hatten, ihre Betrachter zu verschlingen, sollten diese zu lange in sie hineinschauen. Trotzdem war dies das Einzige, was sie tun konnte. Es erinnerte sie an eine der mentalen Übungen, bei der man so lange an einen Punkt starrte, bis der Geist vollkommen leer war, um Kapazitäten für neue Denkanstöße zu schaffen. Sie hatte keinen Ansatz, um diesen Effekt neurologisch zu beweisen, aber vielleicht war an der Sache ja doch etwas dran. Viele Optionen blieben ihr sowieso nicht. Okabe würde ihr nichts erzählen, obwohl er alles wusste. Mayuri würde ihr alles erzählen, obwohl sie gar nichts wusste. Und Daru würde ihr all die Dinge erzählen, von denen sie gar nichts wissen wollte. Die einzige Spur, die sie hatte, waren ihre verschwommenen Erinnerungen daran, wie sie sich alle um dieses Objekt geschart hatten, als wäre dies die größte Erfindung seit geschnitten Brot. Dabei war das doch nur ein viel effizienterer Backofen. Hatte sich das Labor spontan in ein Kochstudio verwandelt? Bei der Obsession über Bananen damals wäre das Ergebnis zwar sehr monoton, aber immer noch im Bereich des Möglichen.

    Kurisu erhob sich von ihrem Stuhl und beugte sich über das Subjekt. Soweit sie das beurteilen konnte, sah es aus wie jede andere handelsübliche Mikrowelle auch. Ob sie wirklich etwas so besonderes war? Oder wäre sie in der Lage, die gleichen Ergebnisse mit einer Substitution zu erzielen? Das würde natürlich die Basis ihre Hypothese fundamental verändern. Wenn das Resultat mit geringfügigen Abweichungen reproduzierbar war, wer sagte dann, dass es nicht ebenso irgendwo anders bereits passiert war? Hatte es in den letzten Jahren irgendwelche Durchbrüche gegeben, was Mikrowellen betraf?

    Sie startete eine kurze Google-Suche, doch es kamen nur die üblichen Resultate darüber, wie man sein Essen noch schneller aufwärmen konnte, oder das Äquivalent von 100 Yen pro Jahr an Strom einsparen konnte. Sie schüttelte den Kopf. Man sollte den Menschen in der Schule wirklich dringend ein Grundverständnis von Technik beibringen, damit sie nicht auf so billige Werbetricks reinfielen.

    Missmutig steckte sie ihr Handy zurück in die Tasche. Das hatte ihr rein gar nichts gebracht, nur verschwendete Zeit. Aber immerhin konnte sie jetzt eine der Sachen ausschließen, auch wenn dies ihre einzige Anlaufstelle gewesen war.

    Hatten sie die Mikrowelle vielleicht irgendwie modifiziert? Daru hatte doch gesagt, dass sie sich in die falsche Richtung drehte. Wurde also irgendein Teil gedreht, das diesen Effekt hervorrief? Einen Versuch wäre es allemal wert. Da würde schon keiner was dagegen haben. Sie würde ja nur die Halterung abschrauben und nichts an ihren Komponenten verändern. Und selbst wenn, es schien nicht, als würde sie ein kostbares Gut zerstören. Für alle in diesem Labor schien die einzige Funktion, zu der sie das Gerät brauchen, die zu sein, zu der es geschaffen wurde - bis auf Kurisu. Wenn sie diese Mikrowelle zerstören würde, würde sie keine zweite Chance bekommen, ihr ihre Geheimnisse zu entlocken. Es gab nur diesen einen Versuch und sie musste ihr Unterfangen mit der nötigen Sorgfalt planen.

    Sie durchstöberte die Schubladen der vollgepackten Schränke und fand tatsächlich ein Arsenal von Werkzeugen. Den Handstücken nach waren sie alle von verschiedenen Serien und Herstellern, wahrscheinlich auf Flohmärkten aus dem zusammengesucht, was verfügbar und benutzbar gewesen war. Sie nahm die Schraubenzieher mit, die in etwa auf die Größe der Schrauben passten, und kehrte zurück. Sie setzte ihn an - und zog ihn sofort wieder zurück. Tief durchatmend legte sie das Werkzeug zurück auf die Platte und kroch unter den Tisch. Trotz aller Aufregung musste sie sich besser konzentrieren, ging es ihr durch den Kopf. An elektrischen Geräten herumzuschrauben, die noch an den Stromkreis angeschlossen waren, war eine mindestens sehr schmerzhafte Idee. Es würde allerdings erklären, wie Okabe einen Großteil seines Verstandes verloren hatte. Elektroschocks sollten ja faszinierende Auswirkungen auf die Psyche eines Menschens haben. Sie selbst hatte nicht wenige Versuche damit durchgeführt und verschiedenen Arealen im Gehirn leichte Stromstöße verpasst, um die Auswirkungen zu messen - beziehungsweise hatte sie dies erfahrene Neurologen machen lassen, die es als medizinische Diagnose benutzt hatten, um dysfunktionale Areale zu identifizieren. Selbst nachdem sie live dabei gewesen war, war sie immer noch fasziniert davon, dass die Basis für jede Bewegung, jeden Reiz nur ein simpler, gut platzierter Stromstoß war.

    Sie tauchte wieder auf - und stutzte. Von dieser Seite aus war ihr Gesicht genau neben einer der Wände der Mikrowelle. Durch den veränderten Blickwinkel konnte sie eine Art Film auf dem Metall ausmachen, der die sonst so glänzende Oberfläche trübte. Neugierig fuhr sie mit dem Finger darüber. Es war rau, leicht klebrig, und die Haut ihrer Fingerkuppe blieb einen Moment daran haften. Sie runzelte die Stirn, streckte ihren Zeigefinger aus und kratzte mit ihrem Nagel daran herum. Es ließ sich leicht abschieben, wie eine klebrige Schicht.

    Tesafilm?, ging es ihr durch den Kopf. Langsam bewegte sie ihren Kopf hin und her, auf der Suche nach weiteren Spuren. Und tatsächlich, auf der anderen Seite fand sich die gleiche Markierung wie eine Fortsetzung der ersten mit einer Lücke in der Mitte. Die Lücke war etwa so breit wie ihre Hand. Aufgrund der fehlenden Begrenzung konnte sie allerdings nicht abschätzen, wie lang es war.

    Ihr war, als hätte sie den Gegenstand, den man dort befestigt hatte, schon einmal gesehen hatte. War es eine Art Steuerung gewesen? Aber warum sollte man eine zusätzliche Option anbringen, wenn die Mikrowelle bereits über ein Tastenfeld verfügte, das alle seine Funktionen abdeckte? Ob es kaputt war? Probeweise drückte Kurisu darauf herum. Nichts passierte. Bedeutete das…

    Sie schlug sich mit der Hand gegen den Kopf, in der Hoffnung, dass dies wie das Äquivalent eines Stromstoßes wirken würde. Was war denn bloß los mit ihr? Was hatte sie erwartet, nur Minuten nachdem sie das Gerät vom Stromkreis abgekabelt hatte. Wenn sich etwas getan hätte, das hätte sie in Erstaunen versetzt, aber so war nur das eingetreten, was - für jeglichen logisch denkenden Menschen - zu erwarten gewesen war. War das vielleicht das Problem? Interpretierte sie zu viel herein? Hatte Mayuri vielleicht einfach aus Spaß etwas angeklebt, weil sie es lustig gefunden hatte, und dann wieder entfernt, weil es langweilig geworden war?

    Wieder kamen ihr Darus Worte in den Sinn. Vielleicht sollte sie den Super-Hacka doch einer eingehenden Befragung unterziehen - auch wenn sie der Gedanke schauderte, was er vielleicht als Gegenleistung verlangen könnte. Die Mikrowelle hatte eine Zeitsteuerung besessen. Keine sehr praktische, wie sich herausgestellt hatte, sonst wäre sie wohl in regem Gebrauch, aber es war trotzdem eine Besonderheit, die sie noch nie gesehen hatte. Schnell tippte sie es in Google ein, doch sie fand nur Anpreisungen für fancy benannte Weckerfunktionen. Nun, es war nichts Weltbewegendes, aber ihre beste Spur, also lohnte es, sie zu verfolgen - wenn auch mit Alternativlosigkeit als größtem Antrieb. Also, wie konnte man es hinbekommen, die Mikrowelle wie eine Fernbedienung zu steuern?

    Sie drehte sich zum Couchtisch um, wo die alberne Spielzeugpistole lag. Irgendwie kam ihr die Vermutung auf, dass es sich wie ein roter Faden durch die Future Gadgets zog, dass man einen Alltagsgegenstand nahm und ihn all seiner Fähigkeiten beraubte, um eine von ihnen zu verstärken. Da das Tastenfeld der Mikrowelle aber keine Beschädigung aufwies, hoffte Kurisu, dass sie wenigstens dies verschont hatten. Allerdings kam ihr ein anderer Gedanke. Wenn sie mit der Pistole die Kanäle des Fernsehers steuerten… Wo war dann die ursprüngliche Fernbedienung? Von der Form her würde sie passen…

    Aber nein, etwas passte nicht. Daru hatte ausgesagt, dass er das Gerät von Unterwegs aus hatte bedienen können. Eine Fernbedienung reichte höchstens ein paar Meter und selbst wenn man ihren Radius ad absurdum verstärken würde, gab es immer noch keine Garantie darauf, dass es reichte - ganz zu schweigen davon, dass man auch alle baugleichen Geräte im Umkreis mitbediente. Ein Vorfall von Fernsehern, die ohne jede Vorwarnung den Kanal wechselten, hätte es aber sicher als Geistergeschichte in den lokalen Bereich des @-channel-Forums geschafft, aber davon hatte sie nichts gelesen. Nein, das war nicht die Lösung.

    ‘Von unterwegs, hm?’, dachte sie und versuchte, logisch an die Sache heranzugehen. Es musste eine Möglichkeit sein, die allen Labmems zur Verfügung stand, und die ohne großes Aufheben bedient werden konnte. Am besten etwas, das sie sowieso jeden Tag dabei hatten. Kurisu wollte erneut das Internet befragen und griff nach ihrem Handy - und sobald ihre Hand das Plastikgehäuse berührt hatte, zögerte sie. Es hätte auf jeden Fall die richtige Größe und wäre vermutlich auch leicht genug, um von einem dicken Plastikstreifen fixiert zu werden. Sie runzelte die Stirn. Hatte einer der Labmems sein Gerät zur Verfügung gestellt, damit andere es ausprobieren konnten? Unwahrscheinlich. Keiner der jungen Erwachsenen in dieser Zeit würde sich freiwillig davon trennen. Außerdem wären die Kleberückstände nur schwer wieder zu lösen gewesen. Es musste also ein viertes Gerät geben, das extra für diese Zwecke benutzt worden war.

    Kurisu wühlte in den Schubladen herum, bis sie das schwarz-rote Gerät fand. Es war Okabes altes Gerät, bevor er es gegen ein Smartphone eingetauscht hatte. Sie erkannte es sofort wieder - auch wenn sie nicht genau wusste, woher. Sie hatte ihn letzten Sommer nur flüchtig getroffen. Würde sie sich wirklich daran erinnern, welche Marke das Gerät gehabt hatte, geschweige denn, wie es aussah? Wenn ihre Freundinnen ihre neuen Handys präsentierten, hatte sie ja schon Schwierigkeiten, sich an die alten Modelle zu erinnern.

    Obwohl, es würde einen ganz einfachen Weg geben, dies herauszufinden. Ihr Daumen wanderte zur grünen Taste, bereit, es so lange herunter zu drücken, bis es eine Reaktion von sich gab. Aber so ganz traute sie sich diesen Schritt nicht. Mit dieser Aktion wäre sie auf dem besten Weg, ihr bisheriges Weltbild unwiderruflich zu verändern. Wer wusste schon, was sie auf diesem Handy finden würde? Nun, es wäre vermutlich nicht so borderline pädophil wie Darus Dateien, aber bekanntlich zeigte man nur einen begrenzten Teil seines wahren Ichs in der Öffentlichkeit. Was, wenn die Abgründe seiner beschädigten Psyche noch viel schlimmere Ausmaße hatten, als sie ahnen konnte? Was, wenn sie sich dem nicht entziehen konnte und ihre eigene geistige Gesundheit irreparable Schäden nehmen würde?

    Aber Kurisu hatte keine Wahl. Manchmal war der Weg zur Wahrheit auch der gefährlichste.



    Kurisu konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so enttäuscht gewesen war. Die meisten Nachrichten bestanden aus alltäglichem Geschreibsel, das sie genauso erwartet hatte. Wenn doch mal etwas ihre Aufmerksamkeit erregte, stellte es sich schnell heraus, dass er mit Faris geschrieben hatte und sie seinen Hang zur Wahnwitzigkeit teilte (ob sie ihn nur belustigen wollte oder tatsächlich so dachte, war schwer zu sagen. Zuzutrauen wäre es ihr allerdings. Sie kam Kurisu wie eine sehr … unkonventionelle Geschäftsfrau vor).

    Ernüchtert fiel ihr Blick wieder auf die Mikrowelle und dann zurück auf die Uhr auf dem Handy. Mittlerweile waren über zwei Stunden vergangen und sie hatte immer noch keine Erfolge vorzuweisen. In ihrer Arbeit wäre das nichts Neues gewesen und nach den Jahren als Forscherin war sie darauf vorbereitet, mehrere Tage und Nächte vor dem gleichen Problem zu sitzen, bis sie einen Ansatz gefunden hatte. Aber das hier? Wenn sogar Okabe, der keine nennenswerten Titel vorzuweisen hatte, außer denen, die er sich selbst verpasst hatte, und dessen Experimente sich gegenseitig an Sinnlosigkeit überboten… Wieso war es dann so schwer? Sie musste doch nur gedanklich in seine Fußstapfen treten. Dabei hatte sie in ihrer Karriere bisher schon die größten Sprünge gemacht und Dinge erreicht, von denen sie vor Jahren nur hatte träumen können.

    Auch dieser Versuch war aus Träumen geboren. Nicht am Tag, wenn man aus dem Fenster eines vorbeifahrenden Zuges schaute und sich in der Bewegung verlor. Sie kamen in der Nacht, wenn sie ihre Gedanken nicht kontrollieren konnte und ihr Unterbewusstsein seine eigenen Wege ging und sie am nächsten Morgen versuchte, zusammen zu puzzlen, wohin es sie geführt hatte. Mehrmals hatte sie rekonstruiert, was noch Sekunden vorher so greifbar schien, doch sie hatte nicht einmal ihren Kaffee getrunken, als sie sich nicht mal mehr an das Thema hatte erinnern können. Seitdem hatte sie immer ein Notizbuch neben ihrem Bett liegen und sobald ihr Wecker klingelte, machte sie das Licht an, blinzelte ihre Augen auf und kritzelte alle Assoziationen auf, die noch in ihrem Kurzzeitgedächtnis waren.

    Der schwierige Teil war danach gekommen. Realität und Traum auseinander zu halten, war gar nicht so einfach, wenn die beiden sich nur gemeinsam begegneten. Oft hatte sie sich gefragt, was sie dort eigentlich tat. Erwartete sie wirklich, dass ihr Unterbewusstsein ihr die Wahrheit präsentierte, an die sie selbst mit den größten Anstrengungen des Nachdenkens nicht herankam? Wach und nüchtern betrachtet, schienen diese Fetzen an Erinnerungen und Eindrücken, die sie als die Realität identifiziert hatte, noch fantastischer als alles, was ihre Träume ihr vormachen konnten.

    Sie musste wohl einfach außerhalb ihrer gedanklichen Box denken. Für was für abwegige Dinge konnte man eine Mikrowelle missbrauchen? Das konnte doch nicht so schwer sein!


    Diesmal schaffte sie es, bei seiner Ankunft auf dem Sofa zu sitzen und ihn anzuschauen, als wäre er der Teufel höchstpersönlich. Sie hatte kein Problem, den Blick zu halten, auch wenn sie sich beherrschen musste, nicht zu grinsen, als er mit der Schulter gegen den Türrahmen stieß.

    “Ist was passiert?”, fragte er, als er sich mit der rechten Hand die schmerzende Stelle rieb und mit der linken versuchte, sich umständlich die Schuhe auszuziehen.

    “Das weißt du genau!”, erwiderte sie patzig und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

    “Geht das schon wieder los”, sagte er und hielt sich eine Hand vor das Gesicht. “Daru hat mich ja gewarnt, dass ihr einmal im Monat verwundbar und launisch seid, aber ich hatte gedacht, dass ein so vernunftgetriebenes Wesen wie du-”

    “Daran liegt es nicht, also hör auf, über etwas zu reden, von dem du nichts verstehst!”, rief sie und sprang auf.

    Missmutig legte Okabe seine Schuhe neben die Tür und trat in die Wohnung. “Also willst du jetzt darüber reden oder-” Nicht nur seine Stimme stoppte, als er den Blick wieder hob und an ihr vorbei in das Herzstück des Labors, seinen Versuchsraum, schaute.

    Sie brauchte seinem Blick nicht zu folgen. Immerhin war das Einzige, das sie verändert hatte, die Position der Mikrowelle. Sie hatte sie ja nicht einmal aufgeschraubt.

    Für einen Moment herrschte Stille und es war unmöglich zu erraten, was in seinem Kopf vorging. Als er schließlich sprach, war seine Stimme unsicher. “Gibt es irgendeinen Grund, dass unsere Mikrowelle da steht?”

    Sie wusste nicht, was für eine hochtrabende, apokalyptische Antwort er erwartet hatte, aber sie hatte keine Lust mehr auf diese Kinderspiele. “Weil ich herausfinden will, was du mir verheimlichst. Also los, spuck es aus. Was hat es mit diesem Gerät auf sich?”

    Okabe legte den Kopf schief. “Du meinst diese Mikrowelle da, die elektromagnetische Feldenergie in Wärmeenergie umwandelt, indem sie-”

    “Ich weiß, wie eine Mikrowelle funktioniert!”, schrie Kurisu. “Ich will wissen, was ihr mit der hier gemacht habt!”

    Okabe seufzte. “Sag das doch gleich. Wenn es weiter nichts ist. Also, wir haben sie bei einem lokalen Händler, der geprüfte Elektrogeräte aus zweiter Hand in seinem Sortiment hat, gegen eine finanzielle Gegenleistung eingetauscht und-”

    “Sag mal, ich glaub’ es hackt. Hör gefälligst auf, mir so einen Unsinn zu erzählen. Ich weiß genau, dass ihr etwas mit ihr angestellt habt.”

    Okabe warf ihr einen unbeeindruckten Blick zu. “Ach ja? Und das wäre?”

    Kurisu war so in ihrer Rage gefangen, dass sie nur langsam den Weg zur Rationalität wiederfand. Fieberhaft suchte sie nach etwas, das sie Okabe entgegen schleudern konnte, doch ihr Kopf war leer. Sie kannte das Gefühl. Sie war aus ihrer Traumwelt erwacht und wusste, dass sie sobald keinen Zugang mehr zu den Gedanken hatte, die hinter der Tür lagen, die sich eben geschlossen hatte. “Ich weiß es nicht”, sagte sie schließlich, als sie ahnte, dass nichts mehr kommen würde. Sie sprach diesen Satz nur mit größtem Widerwillen aus. Es fühlte sich an wie damals in der Schule, wenn sie sich vor der ganzen Klasse die Scham eingestehen musste, dass sie nicht so schlau war, wie sie gedacht hatte. Trotz ihrer herausragenden Intelligenz konnte sie keine Antworten aus der Luft greifen und schon gar nicht, wenn er sie so ansah.

    Leider war ihr Eingeständnis nicht leise genug gewesen und er griff ihren Satz sofort auf. “Warum spielst du dich dann hier so auf?”

    Sie hob den Blick und als sie in seine Augen schaute, war da nicht der Hohn, den sie erwartet hatte. Er schien abzuwarten, ganz ruhig und sachlich. Eine Seite an ihm, die sie so selten gesehen hatte, deren Existenz sie sogar angezweifelt hatte, dass es sie aus dem Konzept brachte. “Ach, vergiss es. Ist ja auch nicht so wichtig. Das verstehst du sowieso nicht.”

    Er lächelte, und als wäre dies nicht die Reaktion, die er hatte zeigen wollen, zog er die Mundwinkel so weit es ging hoch. “Oh, ich verstehe. Das war alles nur ein Test, um herauszufinden, ob ich mich verplappern würde. Ein guter Ansatz, Assistentin, aber ich bin jeden Tag mit den größten Gefahren konfrontiert. Was für ein Laborleiter wäre ich, wenn ich bei einem einfachen Versuch meine Deckung fallen lasse und vertrauliche Informationen über unsere Projekte ausplaudern würde? Aber in diesem Fall muss ich dich noch mehr enttäuschen. Dies ist nichts weiter als eine gewöhnliche Mikrowelle, deren Potenzial wir als zu gering eingestuft haben, um unsere Mühen in sie zu investieren. Jegliche Experimente mit ihr wurden beendet. Aber wenn dir mal ein Geistesblitz kommen sollte, zögere nicht, ihn uns mitzuteilen. Vielleicht finden wir Zeit in unseren vollgepackten Terminkalendern, um darüber zu diskutieren.” Er war so in seinen Monolog vertieft gewesen, dass er erst jetzt mitbekam, dass Kurisu bereits an der Tür stand. “Hey, wo gehst du hin?”, fragte er irritiert.

    Kurisu zuckte mit den Schultern. “Wohin wohl? Zurück zu meiner Wohnung. Ich bin für heute hier fertig.”

    “Moment mal!”, rief er und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie. “Du kannst doch nicht einfach gehen. Du musst mir noch assistieren.”

    Kurisus Gesichtsausdruck fiel zu vollkommener Neutralität zusammen. “Warum spielst du dich hier so auf?”, fragte sie zurück mit der gleichen Selbstverständlichkeit, die er an den Tag gelegt hatte. “Es ist ja nicht so, als hätte ich einen Vertrag unterschrieben oder so.”

    “Ja… Also nein… aber…”

    “Wenn du dem nichts Sinnvolles mehr hinzuzufügen hast”, brach sie sein Gestammel ab, während sie ihre Schuhe über die Füße zog, “dann einen schönen Tag noch.” Und mit diesen Worten zog sie die Haustür hinter sich zu.




    Wie merke ich, dass ich langsam verrückt werde?

    Also wissenschaftlich gesehen. Mit messbaren, präzisen Referenzwerten bitte.


    Kaum hatte sie diese Nachrichten losgeschickt, vibrierte ihr Gerät wieder. Dann noch mal. Beim dritten Ton vermutete Kurisu immer weniger, dass Maho die Senden- mit der Enter-Funktion verwechselt hatte und schaute auf den Bildschirm. Mit einem Lächeln wischte sie nach rechts, um den Anruf anzunehmen.

    “Hey-”

    “Hast du ein Messer in deiner Hand?”

    “Was?”, fragte Kurisu und schaute ungläubig auf ihr Handy. Hatte sie die falsche Nummer abgespeichert?

    “Los, beantworte die Frage.” Mhm, eindeutig Mahos Stimme. Als würde sie fragen, wer die letzten Süßigkeiten gegessen hatte.

    “Nein!”, entgegnete Kurisu und fragte sich, wie zur Hölle Maho auf so einen Blödsinn kam.

    “Einen Strick an der Decke?”

    “Nope.”

    “Eine Giftspritze am Arm?”

    “Nein?!”, fragte sie zurück und wollte schon die Frage hinterherschieben, wie sie an soetwas herankommen sollte. Nun, mit ein paar Grundkenntnissen in Chemie könnte sie das vielleicht selbst mixen, aber…

    “Eine Elektrode im Gehirn?”

    “Noch nicht”, sagte Kurisu, ehrlich bestürzt, dass sich die nächste Option dahingehend in der Universität befand. “Aber ich glaube, damit würde ich der Lösung auf jeden Fall einen Schritt näher kommen.”

    In den folgenden Worten war hörbar, dass Maho gerade ihre Augen verdreht hatte. “Irgendeine andere Gefahr für dein Leib und Leben?”

    “Irgendein Grund dafür, dass du diese sinnlosen Fragen stellst?”

    “Reine Neugier”, antwortete diese, als wäre das alles schon wieder vollkommen ohne Belang. “Als Senpai muss ich eben sicher gehen, dass du nicht irgendwelche Dummheiten anstellst.”

    Kurisu schnaubte belustigt. “Nur keine Sorge. Ich bin mir durchaus im Klaren, dass Leskinen mich noch für seine Zwecke braucht.”

    “Mhm”, murmelte Maho. “Und ich darf mir das dann jeden Tag anhören, was für ein Verlust deine Abwesenheit doch ist.”

    Kurisu lachte. “So wie jetzt auch.”

    “Jetzt ist er noch erträglich. Ich glaube, das Einzige, was ihn vorm Durchdrehen bewahrt, ist die Tatsache, dass du irgendwann wiederkommst. Also solltest du dich irgendwann gegen eine Rückkehr entscheiden, dann sag ihm bitte als Letztes Bescheid.”

    Ein Grinsen trat auf ihr Gesicht. “Och, ich weiß nicht. Ich finde den Gedanken, dass ich so sehr vermisst werde, durchaus reizvoll. So im Gegensatz zu gewissen anderen Personen.” Sie legte eine effektvolle Pause ein und würde jetzt nur zu gerne ihrer Senpai gegenüber sitzen, um ihr Gesicht zu sehen.

    "Schöne Grüße von Reyes", antwortete Maho nur.

    'Mhm, du mich auch', dachte Kurisu schmunzelnd. "Grüße zurück." Sie zog das Handtuch von ihren Schultern und legte es über ihren Schreibtischstuhl. Nach dieser Szene hatte sie dringend eine Dusche gebraucht. Normalerweise brachte das heiße Wasser allerhand neue Ideen mit sich, doch heute hatte es nicht einmal gereicht, um die emotionale Irritation wegzuwaschen. Dabei war der eigentliche Grund für ihre Handlung doch gewesen, dass sie darauf gehofft hatte, dadurch an Informationen zu kommen. In ihren Gedanken musste sich doch irgendetwas Greifbares finden, mit dem sie Okabe konfrontieren konnte. Allerdings hatte auch diese Maßnahme nichts zu Tage gefördert.

    Aber vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit... "Du, Maho?"

    "Bin noch dran", antwortete diese und klang, als müsse sie ihre Konzentration gerade von irgendwas zurückholen.

    "Hab ich dir letztes Jahr zufällig von irgendwelchen interessanten Forschungen berichtet, als ich wieder hier war?"

    "Puh, lass mich man nachdenken", antwortete diese. Im Hintergrund raschelte eine Plastiktüte, als sie sich Nervennahrung zuführte. "Also du hast dich ziemlich über eine bestimmte Person ausgelassen, auch wenn du keine Namen nennen wolltest - Hey, war das dein komischer japanischer Freund, von dem du vor deiner Abreise so viel geredet hast?"

    "Kein Kommentar", murmelte diese. "Die Frage war rein wissenschaftlicher Natur."

    "Also so eine kleine Gegenleistung wäre schon nicht verkehrt", sagte Maho, doch die Stichelei traf bei Kurisu auf taube Ohren. Diese wartete nur schweigend, bis ihre Kollegin wieder zur Vernunft kam. "Okay, tut mir leid, aber ich kann mich wirklich an nichts erinnern. Du hast zwar ein paar Experimente erwähnt, interessant war keines von ihnen. Du hast nur davon geredet, wie die Leute da sinnlos ihre Zeit verplempert haben, obwohl sie eigentlich so viel mehr hätten erreichen können."

    Was den letzten Teil anging, war Kurisu sicher, dass es sich um eine fehlerhafte Erinnerung handeln musste. Allerdings graute ihre so langsam, dass auch dieser Versuch ein Fehlschlag war. "Okay, das reicht mir schon. Trotzdem danke."

    "Ich könnte die Datenbank von Amadeus durchsuchen, wenn du willst. Ich bin da grad sowieso am Rumwerkeln. Ein Bekannter hat mich auf eine Idee gebracht, die ich unbedingt ausprobieren muss."

    Kurisu schüttelte nachdenklich den Kopf. Sie konnte sich nicht vorstellen, einem Programm etwas darüber erzählt zu haben. Außerdem wollte sie sich gar nicht daran denken, was Maho nach einem Jahr noch so alles aufdecken würde, von dem Kurisu ganz froh war, dass es nicht mehr präsent war. Lieber keine schlafenden Daten wecken. "Nein, das ist nicht nötig. Es war auch gar nicht so wichtig."

    "Also gab es einen anderen Grund für deine Identitätskrise als diesen Kerl und seine Experimente?"

    Kurisu überhörte den letzten Teil. "So würde ich das jetzt nicht nennen. Ein paar gelegentliche Selbstzweifel sind doch eigentlich ganz heilsam."

    Sie konnte förmlich vor sich sehen, wie Maho die Augen verengte, als sie ihr kein Wort abkaufte. "Wenn du mich fragst, werden das langsam zu viele. Vor allem, wenn man deinen Anruf gestern dazurechnet. Man sollte meinen, du meldest dich nur, wenn dein Leben gerade den Bach runter geht - und da du erst seit zwei Tagen in Japan bist, ist das ziemlich besorgniserregend."

    Kurisu, die die ganze Zeit versagt hatte, sich irgendeine Verteidigung aufzubauen, seufzte nur. Das Ganze würde nur in einer endlosen Diskussion enden, auf die sie keine Lust hatte. "Ja, ich hab mir das alles etwas einfacher vorgestellt. Aber mach dir keine Sorgen, ich komme schon klar. Die Leute sind nur etwas anders, als ich es in Erinnerung habe."

    "Wem sagst du das! Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, klingen meine Eltern so, als wäre ich eine völlig andere Person. Nur weil ich vergesse, meine Schuhe sofort auszuziehen oder mir etwas von den Stäbchen fällt. Scheinbar denken sie, die westliche Welt würde mich immer mehr zu einer Ausländerin machen. Ich wette, wenn ich auch nur in Erwägung ziehen würde, wieder zurück zu ziehen, würden sie mich nie wieder gehen lassen.”

    Kurisu kicherte. “Du solltest sie öfter mal besuchen fahren.”

    Maho seufzte. “Das hat damit nichts zu tun, glaub mir. Die fragen schon bevor ich gehe, wann ich wiederkomme. Und wenn ich dann da bin, heißt es immer ‘du kommst uns ja nie besuchen’.”

    “Kenne ich. Meine Mutter ist da auch nicht anders.”

    “Lebt ihr nicht nur eine halbe Stunde auseinander?”

    “Das ist hier nicht relevant. Wenn du sie fragst, wohnen wir Lichtjahre entfernt.”

    “Na toll. Da benutzt einer mal das Wort Lichtjahre und dann kann ich ihn gar nicht darauf hinweisen, dass dies die Entfernung und nicht die Zeit misst. Schätze, mein Wissen aus Videospielen bringt mir hier keinen Vorsprung.”

    “Wer weiß? Vielleicht haben wir ja die gleichen Spiele gespielt?”, fragte Kurisu. Wenn sie genau darüber nachdachte, wusste sie gar nicht, ob ihre Senpai daran Spaß hatte. Ihrer Affinität für Computer nach zu urteilen, könnte das allerdings der Fall sein. Andererseits war das einzige Vergleichsobjekt, dass ihr dahingehend zur Verfügung stand, Daru, und Kurisu war sehr froh, dass sie nicht nach ihm kam - von ihrer Tendenz, ihren Arbeitsplatz mit dem Mülleimer zu verwechseln, mal ganz abgesehen. Kurisu wollte lieber erst gar nicht wissen, wie es in dem Büro im Moment aussah, und das nach nur 2 Tagen. Ob sie wohl schon tierische Mitbewohner angelockt hatte, die nachts herauskamen und ihr Gesellschaft leisteten, wenn sie wieder bis spät in die Nacht an irgendwelchen Dingen saß oder die Zeit vergessend im Internet surfte?

    “Wäre möglich”, sagte Maho. “Hast du- Nein, wir haben keinen Bedarf an einem Obstkorb. Ich kann Sie aber gerne zu meinem Vorgesetzten durchstellen, wenn Sie mit ihm sprechen möchten.”

    Kurisu war ehrlich an der Richtung des Gesprächs irritiert gewesen, als Maho plötzlich das Thema gewechselt hatte. Der letzte Satz erklärte allerdings alles und ließ sie schmunzeln. “Wirklich? Obstkorb? Etwas Besseres ist dir nicht eingefallen?”

    “Meine Zeit ist zu wichtig, um mich lange mit so etwas zu befassen.”

    Kurisu lachte laut auf und hoffte, dass der Mann, der ohne Zweifel neben Maho stehen musste, es nicht hören konnte. “Alles klar, dann will ich mal nicht länger stören. Grüß schön von mir, ja?”

    “Ich denke, dafür sollten Sie sich wirklich an meinen Vorgesetzten wenden”, entgegnete Maho langgezogen, ganz klar nicht ohne Hintergedanken.

    “Das werde ich. Aber im Moment bin ich echt nicht in der Stimmung, seine tausend Fragen zu ertragen. Vielleicht schicke ich ihm einfach eine Mail.”

    “Alles klar, machen Sie das ruhig schriftlich”, antwortete Maho, als hätte sie wirklich einen nervigen Anrufer dran und war glücklich, dieses Gespräch beenden zu können. Kurisu hatte für einen Moment Zweifel, ob sie es nicht doch ernst meinte, bis sie sagte: “Gibt es noch etwas?”

    Kurisu überlegte einen Moment und lehnte sich so weit im Sitz zurück, dass ihr Kopf die Stuhllehne berührte. Es gab einiges, das sie loswerden wollte, aber das war weder der rechte Ort, noch die rechte Zeit. “Nein, das war’s fürs erste. Aber wenn ich noch etwas habe, rufe ich dich wieder an.”

    “Na dann, auf Wiederhören”, sagte sie, legte aber nicht auf, sodass Kurisu noch das hören konnte, was dem Professor zuraunte. “Schrecklich, diese Werbeanrufe. Halten einen nur von der Arbeit ab. Immerhin muss ich hier ja jetzt für Zwei schuften. Aber ich schätze, es hat auch was Gutes, dass Kurisu nicht da ist, und es keinen stört, wenn Sie in der Pause zu McRonald’s fahren und die Belegschaft verpflegen”, erzählte Maho munter weiter und raschelte bestimmt extra laut mit der Papiertüte, während Kurisus Magen neidisch grummelte. “Also ich finde nicht, dass das ein Grund zum Feiern ist, aber bei Gratisessen will ich mich nicht beschweren. Zum Glück bekommt Kurisu auch nicht mit, dass Sie die goldene Regel brechen und an ihrem Tisch essen. Aber nicht kleck- Oh, zu spät.”

    Kurisu musste schon tief einatmen, um sich zu beherrschen, den Professor nicht doch gleich zurückzurufen und ihn darauf hinzuweisen, wie man sich in einem Labor zu verhalten hatte. Immerhin musste zumindest einer mit gutem Beispiel vorangehen und die Putzfrau vor einem Nervenzusammenbruch wegen Überarbeitung bewahren. “Du bist wirklich furchtbar, Senpai!”, rief sie durch den Lautsprecher, diesmal extra laut, bevor sie auflegte. Allerdings wusste sie, dass die Worte keinesfalls harsch herausgekommen waren, wenn sie das Grinsen nicht mehr aus ihrem Gesicht bekam.



    It is not the critic who counts, not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the one who is actually in the arena - Theodore Roosevelt


    "Life is simply unfair," thought the snail and continued down the path to cause the death of 6 billion people (ZE: ZTD)


    Are we heroes keeping peace? Or are we weapons pointed at the enemy so someone else can claim the victory? (RWBY OP2)


    I'm not afraid of God - I am afraid of man (Savages - Marina and the Diamonds)

  • Kapitel 12


    “Warum ist das Leben so unfair?”, rief Kurisu, legte ihre Unterarme auf den Tisch und bettete ihren Kopf darauf, damit sie ihn nicht auf die harte Tischplatte schlagen musste. Sie wusste nicht einmal, wo sie anfangen sollte, bei dem ganzen Wirrwarr in ihrem Kopf. Stattdessen stieß sie nur einen frustrierten Laut aus und schloss die Augen. Dann drehte sie ihren Kopf zur Seite und wurde sich langsam bewusst, dass sie bereits vor ein paar Minuten von einer Kellnerin angesprochen worden war, der nun Schweißperlen über das Gesicht liefen.

    “Ähm, brauchen Sie noch etwas Zeit, um sich zu entscheiden?”, fragte sie mit dünner Stimme, als wäre dieses Szenario in all ihrer Berufserfahrung noch nie vorgekommen.

    Jetzt fühlte Kurisu sich nur noch schlechter und senkte den Kopf so weit, dass ihre Wimpern fast gegen ihren Ärmel schlugen. “Ja bitte”, murmelte sie in den Stoff hinein, doch genug Schallwellen schafften es daran vorbei, dass die Kellnerin so erleichtert aussah, als hätte man ihr gerade die Todesstrafe erspart.

    “Nicht nötig, Miaulodie, ich übernehme das.”

    Kurisu wusste nicht, ob sie erfreut oder verstimmt darüber sein sollte, als sie die pinkhaarige Katzenfreundin vor sich sah. Tatsächlich war sie zuerst erstaunt gewesen, aber dann kam ihr das vertraute Bild in den Kopf, wie Faris - oder manchmal auch Mayuri - mit Stift und Notizblock in der Hand dagestanden und ihre Bestellung aufgenommen hatten. Sie hatte den beiden Mädchen, die auf ihre eigene Art gerne in eine Fantasiewelt abzudriften schienen, gar nicht zugetraut, dass sie sich so gut in diesem Gewerbe machten. “Hallo, Faris”, begrüßte Kurisu sie und richtete sich sogar wieder auf, um etwas weniger wie das Häufchen Elend auszusehen, obwohl sie sich im Inneren weiterhin so fühlte.

    Diese grinste sie nur mit einem Katzenlächeln an, als würde ihre Freundin nicht gerade wie ein überfahrenes Wiesel vor ihr liegen. “Keine Sorge. Ich weiß genau, was du brauchst. Rühr dich nicht von der Stelle.”

    Kurisu hatte auch ohne diesen Satz nicht die Absicht, das Gebäude zu verlassen - geschweige denn die Energie, sich irgendwie zu bewegen. Also scrollte sie lediglich durch ein paar Social Media-Seiten ihrer Freunde in den USA. Sie hatte wirklich schon einiges verpasst, aber je weiter sie kam, desto klarer wurde ihr, dass es das Gleiche war wie sonst auch immer. Ein paar Fotos von Beziehungen, leckerem Essen, interessanten Orten oder einfach nur ein schnelles Selfie - jedes Mal anders, aber nicht neu genug, als dass es sie länger als ein paar Sekunden fesseln würde. Es war das Leben, das ebenso weiter ging, als wäre sie bei ihnen, während ihres sich so radikal verändert hatte, dass sie es kaum noch wiedererkannte.

    Sie war in einem Land, das sie kaum kannte, und obwohl sie die Sprache gut genug sprach, um wissenschaftliche Abhandlungen verstehen zu können, fühlte sie sich immer wie eine Außenseiterin. Dass man eine doppelte Staatsbürgerschaft hatte, half wohl nicht, wenn man nicht danach aussah. Es war, als würden die Leute nur darauf warten, dass die Ausländerin im Raum aus der Reihe tanzte, um sie für all die Dinge zu verurteilen, die sie in Amerika täglich gemacht hatte.

    Außer im Labor. Da störte es niemanden, wenn sie nach westlichem Besteck fragte oder sich zum Essen auf die Couch setzte, statt am Tisch zu knien.

    Doch auch dort hatte sie sich in letzter Zeit fehl am Platz gefühlt.

    Kurisu hob den Blick, als Faris das Getränk vor ihr abstellte. Die Tasse wurde so geräuschlos auf der Untertasse abgesetzt, dass Kurisu sie fragen wollte, ob sie vielleicht wirklich über übermenschliche Kräfte verfügte. Aber vielleicht war das noch ein Ding von Japanern, dass sie einfach nicht verstand. Immerhin schien Tee hier fast ein Grundnahrungsmittel zu sein, und da war es nur natürlich, wenn sie wussten, wie man damit hantierte.

    “Lass dir ruhig Zeit”, riet Faris ihr mit einem Katzenlächeln.

    Kurisu richtete sich auf, streckte den Rücken durch und rührte in der Tasse herum, sodass sich ein brauner Strich durch die Sahne oben zog. Vielleicht würde es nicht alle Sorgen aus der Welt schaffen, aber es würde Kurisus Zustand auf jeden Fall sehr viel erträglicher machen. “Ist das jetzt der Teil, an dem ihr Maids euch zu euren Gästen setzt und so tut, als würde euch das interessieren, was sie über ihr klägliches Leben zu sagen haben?”

    Faris’ Lächeln wurde noch breiter. “Nur bei Menschen, die wir ganz doll lieb haben”, sagte sie mit einem Augenzwinkern, das Kurisu eine Augenbraue heben ließ. “Aber ich habe etwas, das fast genauso gut ist wie meine Gesellschaft.”

    Sie machte eine Pause und wie auf Kommando klingelte die Glocke an der Tür des Cafés, die einen neuen Besucher ankündigte. Jetzt wurde es Kurisu wirklich langsam unheimlich und sie wagte es kaum, Faris aus den Augen zu lassen, als sie sich umdrehte, um in die Richtung des Katzenmädchens zu schauen.

    “H-Hallo”, begrüßte Ruka sie mit einem Lächeln, das so aussah, als wüsste er nicht mehr, warum er hergekommen war, und auf dem besten Weg war, es sich anders zu überlegen.

    Faris klatschte die Hände neben ihrem Gesicht zusammen und neigte den Kopf schief. “Wie schön, dass du vorbeikommen konntest”, sagte sie und zog den Stuhl gegenüber von Kurisu ein wenig zurück.

    “Ich war gerade in der Stadt, ein paar Besorgungen machen”, sagte er und hielt die Plastiktüte ein wenig weiter hinter seinen Körper. Kurisu reckte den Hals ein wenig und versuchte zu erspähen, was darin war, aber sie konnte noch nicht einmal das Logo erkennen. “Ich hoffe, ich störe nicht.”

    “Ganz im Gegenteil. Kurisu braucht unbedingt etwas Gesellschaft!”, erklärte Faris etwas, das Kurisu nie so ausgedrückt hätte.

    Diese war kurz davor, ihr den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit mit so vielen wissenschaftlichen Fachbegriffen zu erläutern, wie ihr ad hoc einfallen würden, doch da hatte sich die Bedienung schon mit einem Lächeln verabschiedet und war zum nächsten Tisch geeilt. Kurisu war nur einen Gedanken davon entfernt, ihr für ihre Dreistigkeit einen gemeinen Kommentar hinterher zu schreien, doch das würde bedeuten, dass sie sich wieder vor allen rechtfertigen musste. Normalerweise war es kein Ausschlusskriterium, aber sie war mental zu erschöpft, um sich auf diese Herausforderung einzulassen. Also murmelte sie nur ein “Dummer Fellball”, bevor sie ihre Lippen in der Sahne ihres Kakaos versteckte. Ihr Blick fiel auf Ruka, der mit einem friedlichen Lächeln so tat, als hätte er das alles nicht gehört.

    Kurisu ließ sich Zeit mit ihrem Getränk, doch als es so lange dauerte, dass es selbst für einen Blinden offensichtlich war, dass sie nur Zeit schinden wollte, setzte sie die Tasse wieder ab. “Schönes Wetter”, sagte sie dann und kam sich ebenso elegant vor wie auf einer Party, bei der sie zum dritten Mal ihr Fachgebiet erklären wollte und dabei kläglich scheiterte.

    “Ja, wirklich gut zum Einkaufen. Nicht so warm und schwül wie die letzten Tage.”

    Kurisu seufzte. Nicht weil Ruka trotz dieser bedrückenden sozialen Situation immer noch mit einer so grazilen Stimme sprechen konnte, sondern weil sie seit letztem Jahr schon wieder vergessen hatte, wie ätzend es war, wenn es so oft regnete, dass die Feuchtigkeit nie aus der Luft zu weichen schien. In Kalifornien hatte sie schon fast wieder vergessen, wie es war, wenn Wasser vom Himmel fiel. “Das ist wirklich ätzend”, antwortete sie ehrlich.

    “Bist du deswegen so schlecht drauf?”

    Kurisu fühlte, wie sich ihre Augenbrauen zusammenzogen, und sah dann dabei zu, wie Ruka zurückwich und abwehrend die Hände vor seinen Körper hob. “Ich wollte dir damit wirklich nicht zu nahe treten”, sagte er und lächelte nervös, beinahe ängstlich. “Es ist nur so, dass Faris gesagt hat, dass du irgendwie niedergeschlagen wirktest und jemanden zum Reden brauchen könntest. Ich wollte mich auf keinen Fall aufdrängen. Soll ich vielleicht lieber gehen?”

    Kurisu war dankbar, dass er tatsächlich noch auf eine Antwort wartete und nicht gleich seinen Worten Taten folgen ließ. Er hatte so ohne Punkt und Komma geredet, dass Kurisu gar nicht hinterhergekommen war. Dabei war sie viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, zu hinterfragen, wo sie ihm auf die Füße getreten war, dass sie nicht einmal in die Nähe einer Antwort gekommen war.

    “Nicht doch, nicht doch”, sagte sie schnell und deutete Ruka, sich wieder zu setzen. “Ich war nur überrascht, das ist alles. Ist es wirklich so offensichtlich?”, fragte sie verlegen. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, jemand anderem damit zur Last zu fallen (ganz besonders nicht einer Person, die sie kaum kannte), aber Kurisu vermutete, dass man manche Dinge einfach nicht verstecken konnte - und nicht etwa, dass sie so einfach zu lesen war wie ein Bilderbuch!

    “Möchtest du darüber reden?”, fragte Ruka stattdessen.

    Kurisu nahm sich einen Moment Zeit, eine Antwort zu überlegen. Wollte sie? Nun, eigentlich wollte sie einfach nur, dass diese ganzen verwirrenden Gefühle verschwanden und ihr Leben einfacher wurde, aber sie schätzte, dass dies in nächster Zeit nicht der Fall sein würde. Vielleicht würde es helfen, sich bei Ruka auszusprechen. Wenn sie ehrlich war, konnte sie sich sowieso niemanden vorstellen, der besser dazu geeignet wäre. Den meisten würde sie zu viel erklären müssen. Mayuri würde ihr sicher zuhören, aber sie damit herunterzuziehen, war nichts, was Kurisu wollte. Außerdem war Ruka sowieso schon hier und Kurisu wusste nicht, wann sich wieder von selbst so eine Möglichkeit ergeben würde.

    “Also gut”, begann sie, mehr zu sich selbst als zu dem Jungen vor ihr. “Es geht um Okabe - also nicht so, wie du jetzt denken magst”, fügte sie hinzu, obwohl Ruka keinerlei Regung gezeigt hatte, die irgendeinen Hintergedanken vermuten ließ. Dafür schaute er sie jetzt so verwirrt an, dass Kurisu über sich selbst den Kopf schüttelte. Warum musste sie das alles so kompliziert machen? Sie war schon so oft um ihre Intelligenz beneidet worden - warum musste diese sie ausgerechnet heute im Stich lassen? Kurisu atmete tief durch und versuchte erneut, das zu erklären, was sie selbst nicht wirklich verstand.

    “Naja, eigentlich ist er wie immer, schätze ich… Es ist nur… Ach, ich weiß es doch auch nicht.” Sie ballte die Fäuste zusammen. “Warum regt er mich andauernd so auf? Ich habe ihm nur ein paar simple Fragen gestellt, aber er weigert sich, sie mir zu beantworten. Dabei ist das wirklich wichtig. Er kann es mir doch nicht einfach verheimlichen!”

    Ruka knetete seine Hände. “Worum ging es denn, wenn ich fragen darf?”

    Kurisu wollte ihm nicht das “Nein”, entgegenwerfen, das ihr auf der Zunge lag, also antwortete sie ausweichend: “Nun, es ist so etwas wie ein Experiment. Ich habe eine Hypothese aufgestellt, basierend auf ein paar wirklich außergewöhnliche Beobachtungen, aber ich kann sie nicht validieren, bis ich seine Analyse dazu gehört habe.” Kurisu verzog das Gesicht. Das klang, als wäre sie von ihm abhängig - was genauer betrachtet auch der Fall war, aber das wollte sie nicht hören.

    Ruka blinzelte ein paar Mal und sein Mund verzog sich zu einem entschuldigenden Lächeln, das offensichtlich machte, wie Kurisu ihn vor 2 Gedankengängen abgeschüttelt hatte. “Weiß er, wie wichtig es dir ist? Ich meine, es ist mir bewusst, dass Okab- ähm, Kyouma-san das Wohl seiner Freunde sehr am Herzen liegt.” Kurisu hätte bei diesen Worten am liebsten erneut verächtlich geschaut, aber genau hier lag das Problem. Sie konnte nicht abstreiten, dass es genauso war. Er tat das alles nicht, um sie zu verletzen. Er hatte nur die besten Absichten - und das machte es umso schlimmer, wie er nicht sah, was er anrichtete. Es war, als würde er sich für einen Heiligen halten und allein bestimmen, wie die Dinge zu laufen hatten. Nein, es war schlimmer als das: Er führte sich wie ihr Vater auf!

    Kurisu versuchte gerade, alles diese Abneigung in möglichst präzise, herabwertende Worte zu fassen, als Ruka fortfuhr: “Aber ich habe das Gefühl, dass es ihm manchmal schwerfällt, sich richtig auszudrücken. Als würde so viel in ihm vorgehen, dass er es unmöglich in Worte fassen kann. Vielleicht ist es sogar so viel, dass man es gar aussprechen kann…”, überlegte er laut. “Ich will damit nur sagen… Ich glaube, manchmal kennen Menschen ihre eigenen Überzeugungen so gut, dass sie sich gar nicht vorstellen können, wie wenig andere davon wissen. Okabe würde dir nie grundlos etwas verschweigen, wenn er dich damit so traurig macht.” Für einen Moment sah Ruka aus, als würde auch ihm diese Situation so nahe gehen, dass sie auch ihm körperlich wehtat.

    Kurisu brauchte einen Moment, um sich aus dem Gespräch zu lösen. Rukas Worte hatten ihr so zugesetzt, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie wusste, dass es die Mentalität eines trotzigen Kindes war, wenn sie Okabe jetzt unterstellte, dass er sich nur so verhielt, um sie zu ärgern, aber das war der erste Impuls, den sie hatte. “Manchmal denke ich, dass er es sich einfach machen möchte”, gab sie deshalb nur einen Teil davon zu. “Es ist, als würde er den Weg gehen, von dem er sich einfache Erfolge verspricht. Ich denke, dass er funktionieren würde, aber … was ist, wenn es einen gibt, für den man etwas mehr kämpfen muss, aber bei dem es sich am Ende lohnt?”

    Diesmal war es Ruka, der einen Moment in Schweigen verfiel, bevor er mit wohl bedachten Worten antwortete: “Ich glaube, Okabe weiß, dass der Weg zu einem großen Erfolg oft auch mit einem großen Risiko verbunden ist, und dass man im Leben nicht immer zurückgehen und es so lange probieren kann, bis es klappt. Vielleicht hat er Angst, etwas anzurichten, das die Welt so kaputt macht, dass er nicht mehr in ihr leben will.” Ruka schaute von seiner Tasse hoch und für einen Moment schien er überrascht zu sein, Kurisu vor sich sitzen zu haben. “Tut mir leid, ich weiß nicht, wie ich auf so einen dunklen Gedanken gekommen bin. Ich habe da bestimmt zu viel hineininterpretiert. Ich kann mir nicht vorstellen, warum er einen Grund haben sollte, so zu denken. Er ist doch nur ein ganz normaler Student.”

    Zum ersten Mal, seit sie nach Japan gekommen war, fühlte Kurisu, dass jemand verstand, welche dunkle Ahnung sie spürte, wenn sie Okabe sah. Doch während bei ihr die Realität ihr all die Argumente vor die Füße warf, warum das nicht sein konnte, redete Ruka sich ein, dass er selbst falsch liegen musste. Es war doch viel wahrscheinlicher, dass er sich in etwas verrannt hatte. Wie anmaßend von ihm, über all diese deprimierenden Dinge zu spekulieren, während Okabe nicht einmal dort war, um sich zu verteidigen. Geradezu respektlos, sich über jemanden zu unterhalten, wenn derjenige nicht Teil des Gespräches war. “Entschuldigung”, sagte Ruka, auch wenn er nicht mehr wusste, für was er sich eigentlich entschuldigte. Für zu vieles. Oder zu wenig.

    “Schon gut”, antwortete Kurisu. Nicht diese hastige Antwort, als sie ihn schnell davon überzeugen wollte, dass alles in Ordnung war. Ihre Stimme war ruhig und fest, während sie versuchte, ihm mitzuteilen, wie sehr sie ihn verstand. “Ich denke, ich weiß, worauf du hinauswillst.” Sie hob eine Hand, als eine der Maids an ihr vorbeilief, während sie in ihrer Tasche nach ihrem Portemonnaie suchte. “Vielen Dank für das Gespräch.”

    Ruka lächelte und es wurde immer breiter, je mehr er versuchte, es einzudämmen. Schlussendlich hielt er sich sogar eine Hand vor den Mund, was sein gemurmeltes “Ich bin wirklich froh, wenn ich helfen konnte” noch weiter dämpfte. “Was wirst du jetzt tun?” Es war ihm nicht ganz wohl dabei, die Frage tatsächlich auszusprechen, aber es schien noch unmöglicher für ihn, sie zurückzuhalten.

    “Puh”, sagte Kurisu und fuhr sich durch die Haare. “Eine Nacht drüber schlafen, denke ich. Und dann überlege ich mir einen Plan, wie ich es endlich in Okabes Kopf kriege, was ich von ihm will.” Sie musste so entschlossen dreingeschaut haben, dass Ruka bereits Mitleid mit Okabe hatte, obwohl er nicht einmal wusste, worum es ging. “Keine Sorge, ich gebe ihm nur das, was er verdient”, sagte sie mit einem Zwinkern. “Aber ich will dich auch gar nicht länger aufhalten. Du hast deinen Tag sicher schon ganz anders verplant.” Kurisu nickte zu seiner Tüte und Ruka lächelte verlegen.

    “Das ist doch halb so wild. Ich habe mich gern mit dir unterhalten.” Er stand auf und verabschiedete sich mit einer kleinen Verbeugung. “Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder”, sagte Ruka, bevor er an ihr vorbei ging und das May Queen verließ.

    Kaum war er zur Tür heraus, ließ Kurisu sich wieder nach vorn über den Tisch fallen, sodass ihr Kinn fast auf der Mitte der Tischplatte auflag. Das Ganze hatte sich in der Theorie ja wirklich fabelhaft angehört - aber sie hatte nicht mal eine Ahnung, wie sie dieses schier unmögliche Vorhaben in die Tat umsetzen sollte.


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