Post Scriptum

  • [tabmenu][tab=Wi-Wa-Weiter!]Die zweite Etappe bei meinem Hinterherpost-Marathon!


    Erster Tab enthält das Gedicht „Leserglück, Autorenfreud‘“, das ich für einen Wettbewerb schrieb, in welchem es darum ging, ein Gedicht zu verfassen, das mit dem Schreiben zu tun hat. Also in meinem Fall das Schreiben von Romanen ^^


    Zweiter Tab ist die Geschichte „Der Weihnachtszwerg“, das dritte Werk für die Heimatgenossenschaftszeitung meiner Muddi (zumindest das dritte, das ich speziell dafür schrieb; es wurden auch „Itokuni-Go!“ und „Der Wildkater von Yamazato“ darin veröffentlicht). Ich war schon Wochen vorher mit einer Weihnachtsgeschichte beauftragt und plante lange Zeit eine Fortsetzung von „Nikki und das Zaubereinhorn“, kam aber nie zum Schreiben. Erst wirklich zwei Stunden vor der Abgabedeadline kam mir bei der Lektüre einer Geschichte über einen Zwerg und seine sieben Tannen (die wir zuerst anstelle meines fehlenden Werkes abgeben wollten, und ja, mit Angabe des Originalautors, ich stehle nix) die zündende Idee, die ich dann auch schnell zu Papier brachte. Ich mag sie <3
    Ich weiß, es ist reichlich spät / früh, eine Weihnachtsgeschichte zu posten. Da sieht man wieder, wie lange ich nicht gepostet hab <<


    Der dritte Tab enthält dann wieder einen Wettbewerbstext. Man sollte eine Szene in der Zukunft schreiben. Nachdem ich eine echt tolle Idee hatte mit einer Zukunft, in der wegen eines Virus‘ alle männlichen höheren Säugetiere und damit auch alle Männer ausgestorben sind, aufgrund meiner Nemesis Wortbegrenzung verwerfen musste, habe ich mich schließlich für die hier entschieden. Die ich auch noch an vielen Stellen amputieren musste…


    Im vierten Tab schließlich ist mein armes, kleines Sorgenkind. Im entsprechenden Wettbewerb, in dem es um Pokémon-Bösewichte ging, hat es nicht sonderlich gut abgeschnitten. Ich habe mich zu sehr darauf verlassen, dass viele Leute Pokémon Ranger 3 spielen und kennen, und bin dabei ein zu großes Risiko eingegangen. Aber wie das bei Müttern so ist, liebe ich mein Kind dennoch sehr, und ganz besonders die Idee. Durch diese habe ich nämlich gleich zwei Bösewichte zusammengeschrieben, die so im Spiel eigentlich gar keine Verbindung haben. Man weiß nicht, wohin Tenebros nach der Handlung in der Vergangenheit verschwindet, und man weiß nicht, wo Purpurauge herkommt und wie er auf die Teegesellschaft gestoßen ist… Taralla, das ist meine Interpretation der Erklärung! Der Titel soll dann nochmal unterstreichen, wie die Rivalitäten zwischen dem Protagonisten und den beiden Hauptbösewichten in Gegenwart und Vergangenheit zusammenhängen und die eine zur anderen führt.
    Als ich sie verfasste, hat Edward Taluga geduzt, Taluga Edward gesiezt (ich dachte, das ist nur logisch, da Edward älter ist). Kurz vor der Abgabedeadline habe ich mal wieder meine Flashcard PR3-Spiel rausgekramt, bei dem ich an genau der passenden Stelle hängengeblieben bin: Beim Showdown gegen Edward mit der Goldenen Rüstung und dem anschließenden Finalkampf gegen Purpurauge. Da habe ich dann auch gesehen, dass der Quark mit duzen und siezen gerade andersherum war, wie ich spontan geschrieben habe. Da mir das aber sehr blöd vorkam, habe ichs in meinem Text nachträglich so geändert, dass beide sich gegenseitig siezen. Kann ja sein, dass sich das einfach im Laufe der Zeit geändert hat. Und fertig o3o[tab=Tab 1] Leserglück, Autorenfreud‘



    Leserglück, das ist ein Segen,
    der einen überkommt ganz sacht.
    Drüber sich die Geister regen,
    was ein Buch besonders macht.
    Man fragt sich: Was kommt davor?
    Wer ist’s, der dies erfindet?
    Ich erkenne als Autor,
    dass es aus der Schreibfreud‘ gründet.


    Wörter sind des Schreibens Blut.
    Sein Herzschlag die Motivation,
    des Autors heiße, gold’ne Glut.
    Der Atem, die Inspiration,
    auch bekannt als Musenkuss,
    fließt aus manchen bunten Quellen.
    All dies im Zusammenschluss
    wird meine Schreibkunst stellen.


    Vor mir liegt das Papier,
    ich nehm‘ den Stift zur Hand.
    Entfliehe so dem Jetzt und Hier,
    tauche in mein eigen‘ Land,
    reise quer durch Zeit und Raum.
    Erschaffe eine ganze Welt
    aus Wirklichkeit und Traum.
    Das ist, was mich erhält.


    Verewige auf Pergament
    oder auch in Form von Daten,
    jeden tragenden Moment
    meiner Helden, ihre Taten.
    Leben retten, Alltag leben,
    Sorgen, Kummer, ihre Not,
    Liebe, Freude, ihr Bestreben,
    von Geburt bishin zum Tod.


    Eine Geschichte, wohlgeplant,
    darf nicht fehlen in dem Stück.
    Denn sonst bleibt das ungenannt,
    was wichtig ist für Leserglück.
    Der Anfang mag verwirrend sein.
    Doch schon bald kommt eine Wende,
    flechte ich Spannung mit ein
    und schließ‘ mit reichem Ende.


    Schreiben lieb‘ ich, so wie Lesen,
    stets neu entdeckte Weiten,
    mochte dies und jenes Wesen.
    Bin, ich will es nicht bestreiten,
    auch oft davor zurückgescheut.
    Und ich behaupte ganz gelind,
    dass Leserglück, Autorenfreud‘
    tief im Grund das Gleiche sind.[tab=Tab 2]Der Weihnachtszwerg


    Vor vielen Jahren gab es ein Dorf zwischen zwei kleinen Bergen. Der eine Berg lief zu seinem Gipfel hin spitz zu; der andere war eher flach, als habe jemand seinen oberen Teil abgeschliffen. Es war noch ein recht neues Dorf, und so lange es dort errichtet war, hatte der flache Berg bereits diese Gestalt gehabt.
    Im spitzen Berg, in einer gut versteckten Höhle, lebte der Zwerg Sulik mit seiner Zwergenfrau und seinen drei Zwergenkindern. Sulik mag ein für Menschenohren seltsamer Name sein, aber bei Zwergen ist er ein ganz normaler Name. Dieser Zwerg Sulik ging jeden Morgen, noch vor Sonnenuntergang, heimlich durch das Dorf vom spitzen Berg zum flachen, wie er es auch getan hatte, als das Dorf noch nicht dort gewesen war. Denn in dessen Innern lagerten wunderschöne Edelsteine, die aber schwer zu finden waren, deswegen wussten die Menschen des Dorfes nichts von diesen Schätzen. Sulik aber, der wie alle Zwerge ein natürliches Gespür für schöne Steine hatte, schürfte täglich nach den blinkenden Juwelen.
    Dabei hob er viele Gänge und Hohlräume im Gestein aus, die den Berg alsbald so sehr durchlöcherten, dass er einzustürzen drohte. Um das zu verhindern, trug Sulik seinen Gipfel ab und füllte alle Gänge, wenn er in ihnen keine Edelsteine mehr fand, damit auf. Deswegen wurde dieser Berg mit der Zeit flach.
    Wenn Sulik seine Arbeit getan hatte, packte er die gefundenen Schätze in einen Tornister – das ist ein Korb, den man wie einen Rucksack auf dem Rücken tragen kann. So beladen machte er sich abends, wenn die Sonne untergegangen war, wieder auf den Heimweg durch das Dorf. Stets ging er in der Dunkelheit, damit die neugierigen Menschen ihn nicht zu Gesicht bekamen oder ihm vielleicht sogar die Edelsteine klauten. Er brauchte sie schließlich, um mit den Zwergen, die auf der anderen Seite des spitzen Berges wohnten, Handel zu treiben.
    Sulik machte sich nicht sehr viel aus den Menschen, die einfach seinen Weg zur Arbeit mit ihren Holzhäusern vollgestellt hatten. Sollten sie das doch nur tun, ihm machte das nicht viel aus. Er fand es sogar recht witzig, aus der Ferne zu beobachten, wie sich die Menschen im Winter manchmal wunderten, wenn sie seine Fußabdrücke im Schnee entdeckten. Zwerge brauchen nämlich auch bei Kälte keine Schuhe – das allein war schon verwunderlich, denn kein Mensch würde je barfüßig durch Schnee gehen. Aber die sieben Zwergenzehen, die sieben kleine Mulden über der des Fußes hinterließen, erschreckten die Menschen sogar. Wegen dieser Scherze, die Sulik ihnen spielen konnte, mochte er den Winter ganz besonders.
    Was er am Winter jedoch ganz und gar nicht leiden konnte, war das Weihnachtsfest. Dann nämlich stapften die Menschen durch den Wald des spitzen Berges auf der Suche nach Tannenbäumen, um diese nach ihrer Tradition in ihren Häusern aufzustellen. Dabei kamen sie immer sehr nahe an die Höhle heran, in der Suliks Familie hauste. Wenn er tagsüber beim flachen Berg seinem Werk nachging, konnte er nicht bei ihnen sein und sie vor den Menschen beschützen. Das machte ihm sehr zu schaffen, aber es gab keine Möglichkeit, seine Arbeit zu unterlassen. Gerade im Winter musste die kleine Zwergenfamilie mit dem Essen, das sie mit den Edelsteinen ertauschte, versorgt werden.
    „Passt heute wieder ganz besonders gut auf euch auf!“, mahnte Sulik daher seine Frau, als diese ihm seinen Wintermantel brachte – diesen brauchte der Zwerg nämlich, denn nur seine Füße froren nicht.
    „Mach dir um uns keine Sorgen“, beruhigte seine Frau ihn. „Die Menschen feiern doch heute Weihnachten. Dann kommt niemand mehr in den Wald, um einen Tannenbaum zu schlagen. Sie alle haben doch schon einen.“ Sie reichte ihm den Mantel und die Mütze.
    Verwundert nahm Sulik die Kleidungsstücke entgegen und betrachtete sie. Zwerge tragen eigentlich nur braun, so waren auch Suliks Mantel und Mütze braun gewesen. Doch jetzt leuchteten sie in einem komischen Rot, das ihm überhaupt nicht gefiel. „Was ist denn damit passiert?“, fragte er daher seine Frau.
    Diese zuckte nur mit den Schultern. „Ist wohl beim letzten Waschen passiert. Das kommt davon, wenn man die Hagebutten, die man im Herbst nascht, in der Manteltasche vergisst!“ Sie hob tadelnd den Zeigefinger gegen ihren Zwergenmann und lachte.
    Sulik zog eine Schnute, griff sich den Tornister und warf ihn auf den Rücken. Seine Frau hatte ja recht – manchmal war er schon sehr vergesslich. Zwar mochte er die neue knallrote Farbe seiner Kleidung nicht, aber jetzt würde er damit leben müssen. Beim nächsten Waschgang würde sie sich bestimmt wieder lösen. Der Zwerg verabschiedete sich von seiner Frau und den drei Kindern, schob die Steintür auf, die den Höhleneingang verschloss, und trat in den kalten Morgen.
    Sein Weg durch das Dorf wurde wie immer nicht behindert, denn zu dieser frühen Stunde schliefen die meisten Menschen noch. Aus so manchem Haus leuchtete schon warmer Flammenschein von Kerzen oder Kaminen heraus, wo noch Vorbereitungen für das Weihnachtsfest getroffen wurden. Doch niemand bemerkte Sulik bei seiner allmorgendlichen Wanderung.
    Unerkannt wie immer erreichte der Zwerg so den flachen Berg und den Höhlengang, in dem er zurzeit arbeitete. Hier lagerten seine Werkzeuge, die er jetzt nahm und fleißig begann, nach Edelsteinen zu schürfen. Das war immer eine harte Arbeit, die er aber gerne tat, weil Zwergen das Graben und Hämmern immer Spaß macht.
    Die Gesteinsader, die Sulik gerade bearbeitete, bestand aus weißem Kalkstein. Dieser ist sehr spröde, und wenn er bricht, staubt er ungeheuerlich wie Puderzucker. Der Zwerg atmete diesen Staub ein und musste davon husten, also band er sich einen Schal um Mund und Nase, um sie zu schützen. Dabei wurde ihm sehr warm, und er schwitzte so heftig, dass sein Bart davon feucht wurde.
    Viele Stunden vergingen, in denen Sulik unermüdlich seine verschiedenen Werkzeuge schwang. Wie auch an vielen anderen Tagen fand er nur ein paar wenige schöne, bunte Steine, die noch nicht besonders wertvoll aussahen. Erst zuhause würde er sie reinigen und polieren. Dann könnte er sie für viele Dinge tauschen. Vorsichtig legte er sie in den Tornister und wollte sich diesen wieder auf den Rücken schnallen, als die Steine plötzlich polsternd und klackend zu Boden fielen. Sulik fragte sich, was wohl los sei, und drehte den Korb herum. Als er das Loch an der Unterseite des Tornisters sah, fiel es ihm wieder ein. Gestern schon war dort ein Riss gewesen, und eigentlich hatte Sulik vorgehabt, seine Frau darum zu bitten, die Beschädigung zu flicken. Doch daran hatte der vergessliche Zwerg nicht mehr gedacht.
    Seufzend legte er den Tornister beiseite und überlegte, worin er seine Fundstücke stattdessen transportieren sollte. Prüfend sah er sich in dem Raum um, in dem er seine vielen verschiedenen Werkzeuge aufbewahrte. Er trat an eine große Steinkiste und durchsuchte sie eifrig. Für solche Notfälle hatte er nämlich einmal einen Jutesack hierhergebracht, ihn bislang aber nicht gebraucht. Schließlich entdeckte Sulik mithilfe des besonderen Sinnes der Zwerge, der sie alles finden lässt, was sie suchen, den Sack und holte ihn hervor. Bevor er ihn hier verstaut hatte, war der Sack schon für andere Dinge benutzt worden und hatte entsprechend oft Löcher gehabt. Die Zwergenfrau hatte diese immer mit Flicken repariert, sodass der Sack jetzt von ihnen übersät war. Für den Transport der Edelsteine vom flachen zum spitzen Berg würde er bestimmt reichen.
    So machte Sulik sich nun mit einem Sack Juwelen auf den Rückweg. Er kam aus dem Eingang hervor, der tief in den Berg hinein führte. Die frische, kalte Abendluft tat dem Zwerg gut, der so lange unter der Erde verbracht hatte. Er legte den Sack beiseite und streckte die müden Glieder.
    Da vernahm er ein helles Klingen, als würde ein Glöckchen geschlagen. Verwundert sah er auf, den Berg hoch, von wo das Geräusch zu hören war. Etwas kullerte den Abhang hinab und verursachte diesen lieblichen Laut, wenn es auf einen Stein oder gegen einen Felsen schlug. Schließlich landete es vor des Zwerges Füßen und blieb dort im Schnee liegen. Sulik bückte sich und hob das eigenartige Ding auf. Es war ein Edelstein, wie er sofort feststellte, jedoch von einer Art, wie sie ihm noch nie begegnet war. Er war weiß wie Schnee, aber wenn Sulik ihn drehte und gegen das schwindende Sonnenlicht hielt, glänzte er wie ein Regenbogen. Außerdem war seine Form ähnlich eines sechseckigen Sterns oder einer einzelnen Schneeflocke. Wo war dieser schöne Schatz nur hergekommen? Ob er sich oberhalb des Höhleneingangs irgendwo abgelöst hatte?
    Jedenfalls wollte Sulik ihn mitnehmen und einen seiner Kumpel bei den Zwergen hinter dem spitzen Berg fragen. Bestimmt wussten andere genauer, was es damit auf sich hatte. Ein solcher Edelstein war dazu gewiss auch noch ein sehr wertvolles Tauschgut. Vorsichtig ließ Sulik ihn in den Sack zu seinen anderen Fundstücken fallen und verschloss diesen wieder.
    Dabei fiel ihm auf, dass sein Bart, nachdem er ihn so durchgeschwitzt hatte, wieder getrocknet war. Das war in Ordnung und sogar wünschenswert, weil sich der Zwerg an der kalten Luft sonst wohl erkältet hätte. Doch bevor das passiert war, hatte sich an dem feuchten Barthaar der weiße Kalkstaub niedergelassen und klebte jetzt daran fest. Sulik versuchte, ihn mit der Hand wegzuwischen, doch die Ablagerung war zu hartnäckig. Wenn er wieder zuhause war, würde er ein warmes Bad nehmen und sie wieder wegwaschen müssen.
    Sulik schulterte den Edelsteinsack wieder und begann den Abstieg vom flachen Berg hinab ins Dorf. Doch anders als an anderen Tagen war dort auf den Straßen auch nach Sonnenaufgang noch immer Leben. Der Zwerg hatte ganz vergessen, dass heute Weihnachten war und die Menschen, ja sogar ihre Kinder daher nicht so früh zu Bett gingen wie gewöhnlich. Genervt knirschte er mit den Zähnen und überlegte, was er jetzt tun sollte.
    Ihm fiel ein, dass er nicht nur das Fest vergessen hatte, sondern auch noch den Tornister. Diesen sollte er wohl lieber mitnehmen, damit er geflickt sein würde, wenn Sulik morgen wieder zum flachen Berg kam. Also drehte er um. Das war eine gute Beschäftigung für die Zeit, in der die Menschen noch feierten. Wenn er zurückkehrte, um das Dorf nach Hause zu durchqueren, waren sie bestimmt schon weg.
    Es wurde zunehmend dunkel, und schon bald vermochte Sulik den Weg unter seinen bloßen Füßen nicht mehr zu sehen. Spitze Steine staken durch den Schnee. Normalerweise war es kein großes Problem für den Zwerg, zwischen sie zu treten, um sich an ihnen nicht zu verletzen, denn wenn er in der Nähe seiner Grabhöhle war, hatte er immer ein bisschen Licht. Morgens stand die Sonne dann schon hoch genug, damit er etwas sah, und abends war sie noch nicht ganz untergegangen. Doch jetzt war es schon später als üblich.
    Oft passierte es, dass Sulik bei seinen Grabungen auf Stellen stieß, an denen der Boden so gefährlich war wie hier. Für diese Fälle hatte ihm seine Frau ein Paar Stiefel gemacht, obwohl Zwerge normalerweise keine Schuhe tragen. Damit er sie nicht wie andere Dinge vergaß, hatte sie sie ihm an die Innenseite seines Mantels genäht. Sie waren nicht mitgewaschen worden, deswegen hatten sie noch immer ihre ursprüngliche dunkelbraune Farbe. Sulik schlüpfte hinein. Auch wenn er das Gefühl von Schuhen an seinen Füßen nicht mochte, stellte er doch fest, dass sein Weg mit ihnen gleich viel einfacher zu meistern war.
    Daher erreichte er seine Höhle recht schnell, holte seinen Tornister und kehrte wieder um.
    Irgendwann, noch bevor er wieder im Dorf anlangte, setzte er sich auf einen großen Stein, um eine Pause zu machen. Er war von dem doppelt gegangen Weg, nach einem so anstrengenden Tag, müde geworden. Auch taten ihm die Füße weh, und er bereute, sie nicht schon vorher angezogen zu haben. Dann würden sie jetzt nicht so sehr schmerzen.
    „Brauchst du Hilfe, alter Freund?“, fragte da jemand hinter ihm, und Sulik wandte sich überrascht um. Da stand ein wunderbarer Hirsch mit stolz in die Höhe gerecktem Geweih und sah auf ihn herab. Sulik kannte das Tier, denn es lebte in diesem Wald schon so lange, wie der Zwerg den flachen Berg bereiste, um Steine zu sammeln.
    Wie alle Zwerge und magischen Wesen konnte auch Sulik die Sprache der Tiere verstehen und sprechen, also erwiderte er erschöpft auf die Frage des Hirsches: „Oh ja, bitte. Ich hatte heute einen harten Tag, und meine Füße tun weh. Lässt du mich auf deinen Rücken und bringst mich zum spitzen Berg?“
    Der Hirsch schnaubte, sodass eine weiße Wolke vor seiner Schnauze aufschwebte, und gab zurück: „Natürlich, mache ich gern.“ Er ging in die Knie und ließ den Zwerg auf seinen Rücken steigen. Mit seinen kräftigen Beinen stieß er sich vom Boden ab und sprang los.
    Sie waren schon einige Meter weit gekommen, als Sulik auffiel, dass er den Tornister erneut bei dem Stein hatte liegen lassen. Ärgerlich schlug er die Hand an die Stirn. Unmöglich konnte er den Hirsch, wo er ihm schon diesen Freundschaftsdienst leistete, auch noch darum bitten, noch einmal umzukehren und den Korb zu holen. Dann würde er ihn eben morgen mitnehmen und noch einmal den Sack benutzen.
    Der Hirsch war schnell. So schnell, dass Sulik gar nicht auffiel, dass die Menschen im Dorf noch immer Weihnachten feierten. Es war noch nicht genügend Zeit vergangen. Sie tanzten, sangen und lachten auf dem großen Dorfplatz, der mit einem großen Weihnachtsbaum dekoriert war. Hier hatte der Hirsch vorgehabt, hindurchzugaloppieren – doch auch er hatte angenommen, dass der Platz leer war. Jetzt kam er überrascht zum Stehen, bremste so scharf, dass Sulik fast von seinem Rücken gefallen wäre.
    Auch die Menschen, die verstreut um den Weihnachtsbaum standen, verstummten plötzlich. Die Tänzer unterbrachen ihre Darbietungen, die Musiker ihr Spiel. Mit großen Augen starrten sie den Zwerg auf dem Hirsch an, der so plötzlich unter ihnen aufgetaucht war. Den Zwerg mit dem dicken roten Mantel, der roten Mütze, den braunen Stiefeln, dem weißen Bart und dem geflickten Sack auf dem Rücken.
    Da sprang ein kleines Mädchen auf, das bislang mit seinen Freunden gespielt hatte, und rief in die atemlose Stille hinein: „Der Weihnachtsmann!“
    Sofort stürmten alle Kinder des Dorfes auf das vermeintliche Rentier zu und umkreisten es jubelnd. Der Hirsch tänzelte nervös, doch er war viel zu stolz, um verängstigt von ihrem Kreischen das Weite zu suchen. Sulik versuchte, sich an dem breiten Hals festzuhalten und zugleich den Sack nicht fallen zu lassen. Er kannte die Geschichten über den Weihnachtsmann, die sich die Menschen erzählten. Dass er zu Weihnachten den Kindern Geschenke brachte. Doch er war nicht der Weihnachtsmann, und er hatte auch keine Geschenke!
    „Herr Weihnachtsmann!“, riefen ihm die Kinder vergnügt zu, die alle so groß waren wie ein ausgewachsener Zwerg. Hätte Sulik nicht auf dem Hirschrücken gesessen, er hätte sie nicht überragt. „Gib uns Geschenke!“, verlangte eines der Kinder mit strahlenden Augen. Daraufhin fingen sie alle durcheinander an, ihm ihre Wünsche zu nennen.
    Sulik war die Situation unangenehm. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er konnte ja schlecht von seinem Freund, dem Hirsch, erwarten, die Kinder einfach zur Seite zu stoßen und das Dorf zu verlassen. Doch wenn er ihnen keine Geschenke gab, würden sie ihn auch nicht gehen lassen – und obendrein sehr enttäuscht sein. Das Leuchten ihrer Augen erinnerte ihn an seine eigenen drei Kinder, die sehnsuchtsvoll auf seine Ankunft warteten und erfahren wollten, welche interessanten Steine er wieder gefunden hatte.
    Da erkannte Sulik, dass Weihnachten nicht einfach nur ein Fest war, das die Menschen jedes Jahr feierten, um Tannenbäume in ihren Häusern und auf dem Dorfplatz aufzustellen, zu tanzen und zu lachen. Die Freude der Kinder stand an erster Stelle, und wenn er jetzt einfach ging, ohne den Kindern ihre Geschenke zu überreichen, wie konnte er dann vor seinen eigenen Kindern behaupten, nur das Beste für sie zu wollen?
    Er hob gebieterisch die Hand und lächelte hinter seinem weiß gefärbten Bart hervor. Sofort verstummten die aufgeregten Kinder und sahen ehrfurchtsvoll, aber auch voller Vorfreude zu ihm auf. „Hohoho, liebe Kinder!“, sagte er mit tiefer Stimme und hoffte, dass er das richtig machte. Tatsächlich war er sehr nervös. Würden sie sich denn überhaupt über ein paar bunte, aber klobige Steine freuen? „Immer der Reihe nach. Jeder wird ein Geschenk bekommen!“ Zumindest hoffte Sulik das. Das kleine Dorf beheimatete nicht viele Kinder, doch er hatte auch nicht viele Steine gefunden. Ob sie reichten?
    Artig stellten sich die Kinder in einer Reihe vor dem Hirsch auf. Ganz vorne wartete das Mädchen, das ihn als erstes für den Weihnachtsmann gehalten hatte. Warum fiel ihnen eigentlich nicht auf, dass er fiel zu klein für einen Weihnachtsmann war? Leise seufzend griff Sulik in den Jutesack und suchte nach einem der Steine.
    Zu seiner Überraschung war das erste, was er in die Hand bekam, kein kalter, trockener Brocken, sondern etwas, das sich wie aus Stoff gefertigt anfühlte. Verwundert holte er den Gegenstand hervor. Eine Puppe! Irgendwie hatte sich in den Sack eine kleine Stoffpuppe verirrt. Sulik dachte über diese Merkwürdigkeit nicht lange nach und reichte dem Mädchen das Spielzeug hinunter.
    Ihre Augen wurden groß, als sie die Puppe entgegennahm. „Genau das habe ich mir gewünscht!“, rief sie glücklich und drückte das Stoffmädchen an sich. „Vielen lieben Dank, Herr Weihnachtsmann!“ Damit wirbelte sie herum und lief zu ihren Eltern, um ihnen ihr Geschenk zu zeigen.
    Sulik sah ihr hinterher, noch immer überrascht, was er in dem Sack gefunden hatte. Ob eines seiner Kinder das Spielzeug darin vergessen hatte, bevor der Vater den Jutesack zur Grabhöhle gebracht hatte? Aber er konnte sich nicht erinnern, seinen Kindern je eine so schöne Puppe geschenkt zu haben.
    Daran konnte es jedoch auch nicht liegen, denn bei dem nächsten Kind holte Sulik wieder ein Spielzeug hervor. Es konnte doch nicht sein, dass ihm nie aufgefallen war, dass der Jutesack gar nicht leer gewesen war! Bei jedem Kind, das sich in der Schlange anstellte, war es sogar genau dieses Spielzeug, das es sich gewünscht hatte. Bald bemerkte der Zwerg, dass im Sack immer weniger Steine lagen, ganz so, als verwandelten sie sich in Spielzeuge und verschwanden in dieser Gestalt.
    Schließlich kam das letzte Kind dran, und Suliks Sack war leer. Er überblickte den Dorfplatz und sah die Beschenkten mit ihren Puppen und Holzpferden, Stoffbällen und Kniffelwürfeln spielen. Alle waren sie so glücklich, und auch die Erwachsenen sahen ihnen erfreut dabei zu. Der Zwerg reckte stolz den Rücken durch. Weihnachten war ja gar nicht so schlecht, wie er immer gedacht hatte. Weihnachtsmann sein war gar nicht schlecht!
    „Ich muss nun gehen“, rief er über den Dorfplatz, und der Hirsch begann die Weiterreise. Die Kinder und Eltern wandten sich nach ihm um und winkten ihm dankend, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Glücklich erreichte er den Eingang seiner Wohnhöhle und rutschte vom Rücken des Hirsches. „Vielen Dank, lieber Freund“, sagte er zu dem großen Tier.
    Dieses warf den Kopf hoch und schüttelte das Nackenfell. „Wie gesagt, liebend gern. Es war sehr schön bei den Menschen!“ Damit wandte er sich um und verschwand in der Nacht.
    Sulik hingegen öffnete die Steintür. Schon mit einer Entschuldigung auf den Lippen, warum er heute so spät gekommen war, trat er ein. Seine Frau und seine Kinder saßen vor dem wärmenden Kamin beisammen und spielten mit kleinen Steinfiguren. Es waren wunderschön geschnitzte Handarbeiten, bestimmt sehr wertvoll. Wie schon zuvor bei der Stoffpuppe konnte Sulik sich nicht entsinnen, diese irgendwo bei einem anderen Zwerg ertauscht zu haben.
    „Der Weihnachtsmann!“, wurde er auch hier von seinen Kindern begrüßt, und Sulik stutzte. Da verbesserte sich seine kleine Tochter: „Nein, das ist Papa!“ Die drei Kinder liefen zu ihm und umarmten ihn. „Stell dir vor, Papa, der Weihnachtsmann war hier!“, verkündete Suliks Tochter lauthals.
    „Wirklich?“, fragte der Vater lachend. Dachten sie jetzt auch, dass er der Weihnachtsmann war?
    „Ja, ja!“, bestätigte Suliks mittlerer Sohn. „Genau wie bei den Menschenkindern. Und er sah genauso aus wie du!“
    „Nur viel größer!“, ergänzte der Kleinste und breitete die Arme weit aus.
    Jetzt kam auch die Zwergenfrau dazu. Sie trug einen bunten Schal aus gefärbter Ziegenwolle, der ihr sehr gut stand. „Er hat uns allen Geschenke gebracht, auch dir“, meinte sie und zeigte in eine Zimmerecke. Dort lehnte ein nagelneuer Tornister an der Wand, geflochten aus robusten Weidenzweigen. „Und er hat mir diesen Brief für dich gegeben.“ Sie überreichte ihm einen gefalteten Zettel.
    Der Zwerg öffnete ihn und las die Zeilen: „Lieber Sulik. Vielen Dank, dass du mich in dem Dorf in der Nähe deines Heimes vertreten hast. Es ist so, jedes Dorf und jede Stadt, die ich besuche, hat einen eigenen magischen Edelstein – doch unglücklicherweise habe ich den für dieses Dorf hier verloren, so konnte ich hier keine Geschenke ausliefern. Damit kann man nämlich alles in genau den Gegenstand verwandeln, den sich jemand wünscht – doch nicht jeder beherrscht diesen Zauber. Du hast gezeigt, dass du die Magie der Weihnacht in dir trägst. Behalte den Stein und vertrete mich in diesem Dorf. Vielleicht sehen wir uns dann im nächsten Jahr. Liebe, weihnachtliche Grüße. Der Weihnachtsmann.“
    Sulik legte den Zettel beiseite und kramte in dem Jutesack. Der Weihnachtsmann schrieb etwas von einem magischen Edelstein. Was denn für ein Stein? Er hatte doch alle von ihnen den Kindern geschenkt. Doch tatsächlich lag in dem Sack der sonderbare, sternförmige Kristall, den Sulik vor seiner Grabhöhle gefunden hatte. Das war also der Grund, warum sich seine Fundstücke in Spielzeuge verwandelt hatten!
    Glücklich betrachtete Sulik seine Familie, die sich so sehr über ihre Geschenke freute, wie es auch die Kinder getan hatten. Zwar hatte er für heute keine Steine, die er bei anderen Zwergen gegen Essbares tauschen konnte, doch das war nicht so schlimm. Seine Frau hatte immer einen kleinen Vorrat, der für einen Tag reichen würde. Viel wichtiger war, dass Sulik erkannt hatte, wie schön das Weihnachtsfest war, und wie gut es sich anfühlte, Kindern, ob nun Zwerge oder Menschen, eine Freude zu machen. Mithilfe des Zaubersteins würde er den Weihnachtsmann vertreten!
    „Papa, komm spiel mit uns!“, forderten seine Kinder ihn auf und machten ihm Platz in ihrem Sitzkreis. Sulik lächelte, zog den Mantel aus und setzte sich zu ihnen.[tab=Tab 3]Wenn die letzten Bäume fallen


    „Kommissarin Chrysina Rutelini, ich bin Offizierin Nancisca Cemur und soll Sie zu unserem Einsatzort geleiten.“ Die Polizistin salutierte vor ihrer Vorgesetzten und wies den Weg zu der schaulustigen Meute.
    „Wie ist die Lage?“, wollte Chrysina ohne Umschweife wissen, während sie von ihrer Untergebenen durch die Menschenmasse eskortiert wurde. Im Gehen überprüfte sie, ob ihre Silikonatemmaske über Mund und Nase sowie der Schlauch richtig saßen und das kleine, leistungsstarke Luftfiltriergerät auf ihrem Rücken während der Fahrt nicht verrutscht war.
    „Wir haben bereits alle Demonstranten mit Zippies außer Gefecht gesetzt“, teilte Nancisca mit, worauf Chrysina innerlich die Augen verdrehte. Zippy war der Spitzname für die Abkürzung der Zerebrale-Paralyse-Waffe, die die Demokommission offiziell gegen Aufständische verwenden durfte. Ein Begriff, den nur Auszubildende auf der Polizeiakademie gebrauchten und der zeigte, dass Nancisca noch nicht lange im Dienst war.
    Gerade kamen die beiden Polizistinnen an einem Krankenwagen vorbei, der inmitten der Schaulustigen stand. Sanitäter trugen ohnmächtige Demonstranten auf Bahren herbei, um die Wirkung der Paralysewaffen einzudämmen.
    „Allerdings“, fuhr Nancisca fort, „ist ein Mann übrig. Egal, wie genau wir auf ihn zielen, er wird nicht bewusstlos.“
    Bevor Chrysina etwas erwidern konnte, schallte eine Stimme über die Menge. Sie und Nancisca hatten den Kern des Aufruhrs erreicht: Ein bepflasterter Platz mit einem einzelnen, mächtigen Baum in der Mitte, dessen Wurzeln den Boden im Verlauf vieler Jahre aufgebrochen hatten. Der Bereich war zwar abgesperrt, dennoch hatten die Offiziere Mühe, die schaulustigen Versammelten von ihm fernzuhalten. Die Stimme, heiser, rauchig und deswegen von einem archaischen Megafon verstärkt, rezitierte ihren Chrysina sehr vertrauten Lieblingsspruch: „Wenn die letzten Bäume fallen, wird der Untergang der Menschheit besiegelt sein!“
    Chrysina schüttelte missmutig den Kopf, als der Demonstrant weitere Hetzreden gegen die Abholzung alter Baumriesen von sich gab. „Sie sind wohl erst seit Kurzem in unserer Branche tätig“, wandte sie sich an Nancisca. „Dieser Mann ist nicht einfach irgendein Demonstrant, sondern der Anführer der Bande. Er hat sich die ganze Schädeldecke entfernen und durch Metallplatten ersetzen lassen. Sie schützen sein Hirn vor den Elektromagnetwellen der ZPs.“
    Nancisca sah ihre Vorgesetzte überrascht an. „Woher wissen Sie das?“
    Weil ich ihm selbst dazu geraten habe, als ich auf der Akademie davon erfuhr, dass das möglich ist, dachte Chrysina. Aber das konnte sie schlecht zugeben. Die Weitergabe solcher Informationen war schwerster Eidbruch. Ihren Job zu verlieren stellte dabei die mildeste Strafe dar, die sie dafür erwarten konnte.
    Sie zeigte ihren Dienstausweis hoch, um von einem Offizier hindurchgelassen zu werden, der nur einen knappen Blick draufwarf. In der Demokommission war sie eines der bekanntesten Gesichter. Rasch schlüpfte sie unter dem Absperrband hindurch und ließ Nancisca dahinter stehen.
    Ohne Furcht näherte sie sich dem Demonstranten, der soeben durch das Megafon verlautbarte: „Die großen Konzerne werden jeden Quadratmeter Urwald vernichten, um ihre umweltsündigen Fabriken darauf zu erbauen, bis das ganze Land lückenlos unter Beton und Polyzement erstickt!“
    Chrysina seufzte. „Leondreas, es ist jetzt acht Jahre her. Hast du dir noch immer keine neuen Sprüche einfallen lassen?“
    Der Tobende schien ihrer erst jetzt gewahr zu werden und wandte sich ihr mit irrem Blick zu. Leondreas bot eine erschreckende Gesamterscheinung: Er war dürr und ausgezehrt, wankte mehr als dass er stand. Schon vor Jahren hatte er als Teil seines Protests jedweder medizinischen Hilfe entsagt, die in Zeiten stark verpesteter Luft unabdingbar war. Deswegen schlängelten sich durch seine entzündeten Augen rote Adern, Ekzeme und aufgekratzte Ausschläge überzogen seine Haut. Sein Atem ging rasselnd, weil er schon so lange ohne Atemmaske und dazugehöriges Filtriergerät lebte. Er war offensichtlich schwer krank, mehr Leiche als Lebender, doch das würde ihn nie zum Aufgeben zwingen.
    „Dieser Baum darf nicht gefällt werden!“, wetterte Leondreas, ohne seine einstige Verlobte zu grüßen.
    Natürlich brauchte Chrysina diese Information nicht mehr, war doch jedem Anwesenden klar, wogegen hier demonstriert wurde. Ruhig und sachlich erwiderte sie: „Du weißt genau, dass dieser Baum tot ist und von innen heraus verrottet. Man muss ihn entfernen, bevor er kippt und zur Gefahr wird.“
    „Gefahr!“, spottete Leondreas und verkündete durch sein Megafon, sodass alle es hörten: „Die einzige Gefahr hier ist der Mensch selbst! Dieser Baum und unzählige andere starben wegen Luftverschmutzung und Bodenvergiftung! Er sollte als Mahnmal dafür stehen bleiben, was mit den wenigen Bäumen passieren wird, die noch leben, wenn sich nichts ändert.“ Dabei deutete er fuchtelnd in die kahlen, vertrockneten Äste hoch. Man konnte nicht mehr erkennen, um welche Baumart es sich gehandelt hatte.
    Das Problem ist nur, dass Menschen ungern an ihre Fehler erinnert werden, dachte Chrysina bitter. Genauso ergeht es mir, wenn ich dich hier sehe.
    Jetzt wandte Leondreas sich wieder nur an sie: „Ich werde nicht aufgeben, bis unser Kampf gewonnen ist.“
    „Sie dich doch um!“, verlangte Chrysina daraufhin und machte eine ausladende Armbewegung. „Deine Mitstreiter sind schon alle fortgeschafft worden. Du bist allein mit diesem Kampf.“
    Plötzlich wurde Leondreas‘ Blick sanft, sodass er sie schon fast an den jungen Mann erinnerte, den sie einst geliebt hatte. „Ich meinte auch nicht die anderen. Ich meinte uns. Dich und mich. Früher haben wir auf derselben Seite gekämpft.“
    Chrysina stöhnte innerlich auf. Warum musste er jetzt mit diesen alten Geschichten kommen? Das war Jahre her! Sie war jung, dumm und unendlich verliebt gewesen und hatte tatsächlich geglaubt, zusammen mit Leondreas die Welt verändern zu können. Die Einstellung der Menschen gegenüber der Umwelt zu verbessern. Dann jedoch war sie auch im Kopf erwachsen geworden, hatte festgestellt, dass es zu viele Kontroversen innerhalb der Menschheit gab, die zuerst beseitigt werden mussten. Deswegen war sie Polizistin geworden und hatte sich später von ihm getrennt.
    Leondreas trat an sie heran und berührte ihren Arm. „Auf der ganzen Welt gibt es nur noch eine Handvoll alter Bäume wie diesen hier. Chrys, erinnere dich an deine alten Werte. Willst du, dass sie gefällt werden und sterben?“
    Die Antwort fiel Chrysina unglaublich schwer. Die Umweltaktivistin von damals und die jetzige Polizistin in ihr rissen sie hin und her, bevor sie erwiderte: „Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war, Leo. Ich habe jetzt einen Beruf und eine hohe Stellung bei der Kommission. Ich kann nicht…“
    „Genau!“, unterbrach er sie. „Du hast was zu sagen. Bring sie dazu, mit diesem Biest abzurücken.“ Er zeigte auf eine Fällmaschine, die soeben an den sechs Meter breiten Stamm heranfuhr und die Sägevorrichtungen wie die Kiefer eines gigantischen Käfers darumlegte. Offenbar schien der Fahrer nicht zu bemerken, dass der Platz noch nicht ganz geräumt war, und warf die Kettensägen an. Augenblicklich flogen Holzsplitter umher, zwangen die Menge dazu, mehr Abstand zu dem Gewächs zu nehmen. Auch Chrysina und Leondreas konnten von den Geschossen getroffen werden.
    „Wir müssen hier weg“, schrie Chrysina gegen das ohrenbetäubende Getöse der Ketten. „Du kannst das nicht mehr aufhalten!“
    „Doch, das kann ich“, behauptete Leondreas so leise, dass die Polizistin ihn kaum verstand. Irgendwoher zückte er ein Taschenmesser und legte sich die Schneide auf die Pulsadern der linken Hand. Chrysina erstarrte. „Sag ihnen, sie sollen abbrechen, oder ich bringe mich um!“
    „Leo, hör auf mit dem Blödsinn“, rief sie verzweifelt. Ganz offensichtlich wollte er die Gefühle ausnutzen, die sie einst für ihn empfunden hatte – und vielleicht immer noch hegte.
    Doch sie blieben beide standhaft. Minuten vergingen, während derer sich die Polizistin und der Demonstrant, die sich einst so nahe gestanden hatten, fest in die Augen sahen; sich die Sägen weiter unaufhaltsam durch den Stamm fraßen wie durch Butter.
    „Du lässt mir keine andere Wahl“, erklärte Leondreas schließlich ihre Schuld dafür, was folgte: Die Schneide des Taschenmessers glitt über sein Handgelenk, schnitt durch Haut und Adern. Blut sprudelte hervor und sprenkelte den Boden.
    „Nein!“, kreischte Chrysina panisch. Instinktiv sprang sie zu ihm vor, als Leondreas schwankte, das Megafon fallen ließ und zusammenbrach.
    Endlich schien jemand dem Fahrer der Fällmaschine mitgeteilt zu haben, dass sich noch Personen auf dem Platz befanden, und die Sägen verstummten. Nur durch die so entstehende relative Stille konnte Chrysina verstehen, was Leondreas ihr kraftlos zuflüsterte: „Wenn die letzten Bäume fallen, wirst du sehen, dass du dich falsch entschieden hast.“ Damit kippte sein Kopf herum, die Augen schlossen sich.
    Geistesabwesend bekam Chrysina kaum mit, wie zwei Sanitäter herbeieilten, den Verblutenden auf eine Trage legten und fortbrachten. Sie zitterte und wehrte sich nicht, als man auch sie vom Baum wegführte. Das Einzige, was sie vor sich sah, waren Leondreas‘ rotgeäderte Augen, die sie bis zum Schluss voller Anklage, Bedauern und Liebe bedacht hatten.


    Am nächsten Morgen kehrte Chrysina an den Ort des Geschehens zurück. Der Baum war mittlerweile gefällt und weggeschafft worden. Wegen der von den Demonstranten verursachten zeitlichen Verzögerung würde der Stumpf erst diesen Nachmittag ausgegraben und entfernt werden.
    Chrysina hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Ständig gingen ihr die Worte ihres einstigen Geliebten durch den Kopf. Auch wenn er sein Leben für seine Sache geopfert hatte, war es Leondreas letzten Endes doch nicht gelungen, irgendetwas zu verändern. Sie befand, dass das so richtig und gut war.
    Oder?
    Jetzt stand Chrysina hier und wusste nicht, wie sie mit dem, was sie zu ihren Füßen sah, umgehen sollte. Dort, wo Leondreas‘ Blut auf die toten Baumwurzeln getropft war, sprossen winzige, zarte, lebendig grüne Schösslinge.[tab=Tab 4]Kontinuum


    Der Wald schwieg in nasser Stille, erfüllt von Regen, der in langen Fäden aus den weit geöffneten Himmelspforten herabfiel. Es war Nacht, Dunkelheit hing zwischen den Baumstämmen; ein Zustand, der Tenebros, dem Herrn der Finsternis, üblicherweise sehr zusprach. Doch nun hatte die Schwärze für ihn etwas Bedrückendes an sich, das ihn bei seiner Flucht zu behindern suchte. Schon seit Tagen floh er dem unweigerlichen Zorn Solaros‘, der mittlerweile gewiss wieder bei klarem Verstand war und den Verrat seines treuesten Untergebenen zweifelsfrei bitter bestrafen würde.
    Tenebros blieb keuchend stehen. Sein Atem und Herz rasten, seine durchnässten Roben ließen ihn frieren.
    Obwohl der verdammte Ranger seine Pläne zunichte gemacht hatte, war Tenebros nicht ohne eine Trumpfkarte aus dem Tempel entkommen. Bei sich trug er die blaue Kugel, die die Energie vieler Pokémon in sich einte. Mit ihrer Hilfe würde er einen Weg finden, Vergeltung für die Schmach seiner Niederlage zu üben.
    Mit Bedacht hielt er sie weit von sich und nahm über seine Rüstung geistigen Kontakt mit ihr auf, wie er es als Tempelherr auch bei Pokémon getan hatte. Celebi hatte dem Ranger geholfen, durch die Zeit zu reisen, deswegen rief Tenebros nun den Schatten Celebis herbei, der in der Kugel hauste. Über dieser flackerte eine Erscheinung auf, die wage Ähnlichkeit mit dem Legendären Pokémon hatte, jedoch kaum Stofflichkeit besaß.
    Mit vom Laufen und der Kälte heiserer Stimme befahl Tenebros: „Bringe mich in die Zeit dieses vermaledeiten Julians! Oder, nein… besser ein Jahrzehnt zuvor“, korrigierte er sich. So würde er genügend Zeit haben, seine Rache vorzubereiten.
    Das geisterhafte Celebi hob den Kopf, schloss die Augen und öffnete den Mund weit. Ein gelbliches Leuchten erschien zwischen ihm und Tenebros, erlosch jedoch schnell wieder. Das hatte er bereits befürchtet: Die Erscheinung hatte nicht genügend Kraft, ihn so weit in die Zukunft zu befördern.
    Tenebros nahm all seine Willenskraft zusammen, um mehr Energie aus der Kugel auf Celebi zu übertragen. Wie ein sterbender Stern strahlte die Kugel blaue Nebelschwaden aus. Diesmal war das Leuchten der Zeitreise heller und wurde beständig größer, bis es Tenebros‘ gesamtes Blickfeld ausfüllte.
    Plötzlich stach ein Schmerz durch seine Brust, als habe man ihm einen Pfeil ins Herz geschossen. Tenebros presste die Hand darauf, ging in die Knie. Seine tagelange Flucht verlangte Tribut an seinem alten, verbrauchten Körper. Was er nicht alles dafür gegeben hätte, dies zu ändern!
    Nicht nur sein Herz, auch der Harnisch gab nun der Belastung durch so viel Energie nach und zersplitterte. Beinahe im selben Augenblick entglitt Tenebros die Kontrolle über die Kugel, die daraufhin explodierte. Der Herr der Finsternis wurde zurückgeschleudert, schlug mit dem Hinterkopf gegen etwas Hartes. Schwärze kroch herbei und hüllte seine hilflosen Gedanken gnadenlos ein.


    „Danke, dass Sie so schnell kommen konnten.“
    „Nun, immerhin ist das meine Aufgabe. Wo ist denn der Patient?“
    Schritte, die sich ihm näherten.
    „Er hatte sehr hohes Fieber, als ich ihn fand, außerdem eine kleine Kopfwunde. Delia hat sie bereits verarztet“, informierte die erste, unverkennbar männliche Stimme.
    Tenebros spürte, wie sein Kopf angehoben wurde. Der zweite Sprecher erwiderte: „Nicht schlecht. Ihre werte Frau ist nicht nur auf ihrem eigenen Fachgebiet erfahren.“ Jemand öffnete Tenebros gewaltsam das eine, dann das andere Auge, und ein grelles Licht stach ihm in den Schädel. „Pupillenreflexe sind normal.“
    Endlich schaffte Tenebros es, zu blinzeln, und erkannte ein metallenes Blitzen. Etwa ein Dolch?! Alarmiert setzte er sich ruckartig auf und packte den Mann am Handgelenk. „Wage es nicht, Meuchelmörder!“, drohte er finster.
    Sein Gegenüber schien zwar verblüfft, sagte aber gefasst: „Hab keine Angst. Mein Name ist Doktor Edward, ich bin Arzt. Ich möchte dir nur helfen, mein Junge.“
    Jetzt erst bemerkte Tenebros, dass das, was der Fremde in der Hand hielt, gar kein Dolch war. Stattdessen war es über einen schwarzen Wurmfortsatz mit einem Metallbügel verbunden, dessen Enden sich dieser Edward lächerlicherweise in die Ohren gesteckt hatte.
    Scharen von Neidern und Konkurrenten hatten Tenebros zwar gelehrt, niemandem leichtfertig zu trauen; doch Schwindel und Kopfschmerz zwangen ihn jetzt dazu, den eisernen Griff um Edwards Handgelenk zu lockern und sich wieder niederzulegen. Der Arzt drückte ihm das kalte Metallding auf die bare Brust und nahm einen konzentrierten Gesichtsausdruck an.
    Was hatte Edward überhaupt mit „mein Junge“ gemeint? So wie Tenebros das sah, waren sie beide ungefähr gleich alt.
    Welchen Zweck das merkwürdige Prozedere auch immer erfüllte, es dauerte nicht lange. Edward bedeutete Tenebros, er könne sich nun langsam wieder aufsetzen. Der Patient nutzte diese Gelegenheit, sich im Raum, in dem er sich befand, eingehend umzusehen. Wände, Boden und Decke waren lückenlos holzverkleidet, das Mobiliar von hervorragender Schreinerkunst. Ein wahrhaft gewaltiges Fenster ließ Licht herein; so große Glasscheiben hatte Tenebros noch nie erblickt. Über einem Stuhl hingen seine dunkelblauen Tempelherrenroben.
    Überrascht blickte Tenebros an sich hinab. Der massige Wohlstandsbauch, den er als Tempelherr angesetzt hatte, war einem schlanken, drahtigen Körper gewichen, der bis auf seltsam kurze Beinkleider nichts an sich trug.
    „Ich habe dir die Kleider ausgezogen, sie waren triefend nass. Du hättest dich sonst erkältet.“
    Tenebros erinnerte sich erst jetzt des anderen Mannes, dem die erste Stimme gehörte. Die Verärgerung über dessen Dreistigkeit, einen Tempelherren einfach zu entkleiden, wich erschrockenem Staunen, als er zu ihm hinübersah: Die rot-blaue Kleidung mit dem eigentlich fremdartigen Schnitt kam ihm sehr vertraut vor. In einer Vorrichtung am rechten Unterarm trug der Mann ebenso wie Julian einen Teufelskreisel. „Du bist ein Ranger!“, spuckte Tenebros zornentflammt.
    Der Ranger zog eine Augenbraue hoch und erwiderte voll Sarkasmus: „Nur seit sechs Jahren Oblivias Bezirksranger. Nicht, dass das wichtig wäre!“
    „Seien Sie nicht so streng mit ihm, Taluga“, forderte Edward von ihm und reichte Tenebros einen Wasserbecher; sogar dieser war aus Glas gefertigt. Tenebros hatte nicht gemerkt, wie durstig er war, und trank das Wasser in einem Zug.
    Er befand sich also noch immer in Oblivia. Der Schatten Celebis hatte ihn durch die Zeit, nicht jedoch durch den Raum transportiert. Außerdem handelte es sich bei diesem Ranger zu Tenebros‘ Erleichterung nicht um Julian. Dieser war schließlich fast noch ein Kind gewesen, unwesentlich älter als Solaros‘ Balg Helios, und musste, wenn Tenebros wirklich eine Dekade vor Julians erster Zeitreise hier angekommen war, noch ein Kleinkind sein. Taluga hingegen zählte gewiss bereits dreißig Jahre.
    „Taluga hat dich bei seiner Morgenpatrouille im Wald gefunden. Weißt du vielleicht, wie du dort hingekommen bist?“, wollte Edward wissen. Als Tenebros nur die Schultern hob, strich sich der Arzt nachdenklich über den ergrauenden Bart.
    „Wie ist Ihre Diagnose?“, fragte Taluga.
    „Atem und Blutdruck sind stabil, das Fieber ist abgeklungen. Es scheint keine Gehirnerschütterung zu sein… Wahrscheinlich hat er die Nacht mit Freunden gefeiert. Ein gewöhnlicher Filmriss, nichts weiter.“
    „Jung müsste man wieder sein“, seufzte Taluga gedankenverloren.
    Während sich die beiden unterhielten, stand Tenebros vorsichtig auf. Ihm war ein Spiegel auf einem niedrigen Schrank aufgefallen, auf den er jetzt zuschritt.
    Mit gewisser Empörung und Berechtigung hob der Arzt hervor: „Wem sagen Sie das, Jungspund?“
    Der Ranger lachte verhalten. „Wenn ich meine kleine Nema sehe, fühle ich mich sehr alt. Sie ist erst fünf und schraubt schon Dinge zusammen wie Professor Hastings. Sie wird so schnell groß.“
    Tenebros hatte den Schrank erreicht und blickte in den Spiegel. Was er sah, war nicht die ihm verhasste, aufgedunsene Visage, die er die letzten Jahre gezwungen war zur Schau zu tragen; sondern das Antlitz eines Jünglings von nicht ganz zwanzig Jahren, ein Gesicht aus einer Zeit, lange bevor er zum Tempelherrn aufgestiegen war. Die Kugel war wohl, als sie seinen Befehl zur Zeitreise umgesetzt hatte, auch auf seinen Wunsch eingegangen, wieder jung zu sein.
    Taluga wandte sich wieder an Tenebros. „Jedenfalls, du bist unser Gast. Bleib so lange wie nötig.“ Damit verließ er den Raum.
    Der Arzt packte seine Instrumente zusammen und sagte: „Ich werde nun auch gehen. Du kommst wohl aus Kokonuba; deine Freunde machen sich bestimmt schon Sorgen. Ich kann ihnen etwas ausrichten. Wie heißt du überhaupt?“
    Tenebros überlegte. Für seine Vergeltung würde er das mächtigste Artefakt in ganz Oblivia an sich bringen müssen: Die Goldene Rüstung des Herrn des Lichts. Um an sie zu gelangen, musste er zu alter Stärke zurückfinden und die Gepflogenheiten dieser neuen Zeit erlernen, um seine Fertigkeit, Menschen mit Worten zu manipulieren, wieder ausüben zu können. Er musste herausfinden, wie die Teufelskreisel den Rangern dieselbe Macht, über Pokémon zu gebieten, verliehen, die die Tempelherren von ihren Rüstungen erhielten. Auch seine langjährige Lebenserfahrung und womöglich auch seine Kenntnisse um die Vergangenheit, vereint in seinem verjüngten Körper, würden ihm zum Vorteil gereichen. Sein Harnisch und die blaue Kugel waren zerstört, aber er wäre nie Herr der Finsternis, oberster Vertrauter des Trägers der Goldenen Rüstung geworden, wenn er sich von solchen Rückschlägen hätte abschrecken lassen. Aber zum Gelingen seines Unterfangens musste er von Anfang an unter anderer Identität auftreten, damit Julian, dieser zeitreisende Tunichtgut, ihn nicht erkannte, wenn sie eines Tages wieder aufeinandertrafen.
    Nachdenklich fuhr sich Tenebros mit der Hand durchs Haar, das sein blasses Fliederviolett in der Vergangenheit zurückgelassen und seine einstige kräftige Färbung wiedererlangt hatte. Er sah sich in die eigenen, vor jugendlichem Eifer in derselben Farbe strahlenden Augen.
    Tenebros wandte sich zu Edward um und antwortete:
    „Nenne mich Purpurauge.“

  • [tabmenu][tab=Chemiedepression]Eigentlich sollte ich Anorganische Chemie lernen, hab übernächsten Montag eine Klausur… ich hasse AC!!!
    Nach diesem Post sind nur noch zwei Kurzgeschichten übrig. Ich habe ja doch schneller aufgeholt als gedacht ^^


    Der erste Tab enthält ein Gedicht zu einem WB, in dem man zwei Gesprächspartner sich miteinander unterhalten lassen sollte. Was passt da besser, als zwei völlig gegenteilige Redner mit verschiedenen Weltanschauungen? Ich bin nicht die einzige, die ihre Abgabe so hielt, hab aber trotzdem gewonnen <3 Yay!


    Im zweiten ist meine und Raichu-chans Abgabe für den Collab-WB, in dem man eine Szene aus zwei verschiedenen Blickwinkeln schreiben sollte. Der erste Part entstammt meiner Feder, der zweite, also alles ab der Leerzeile, der ihren. Auch wenn wir nicht gut abgeschnitten haben, bin ich sehr zufrieden mit unserem gemeinsamen Werk ^^


    Drittens ist meine Abgabe für den WB mit dem vielsagenden Namen „Spoileralarm – Nur der Tod ist sicher“. Ein interessantes Thema, bei dem der PoV am Ende sterben sollte. Ich wollte meinen Protagonisten dabei nicht einen stinknormalen Tod sterben lassen und hab mal was Neues probiert. Leider waren nicht viele Voter davon sohoo begeistert, sie wollten eine Erklärung sowohl für Victors als auch für Kendras Fähigkeiten. Ich frage mich echt, warum das so wichtig war xP Man beachte jedoch, dass die Namen der beiden Hauptpersonen nur im letzten Satz gemeinsam genannt werden.
    Wichtig beim Lesen ist, trotz der Erwähnung Draculeas nicht an Vampire zu denken. Vlad der Dritte war ein Feudalherrscher in Rumänien, eine historische Figur, der nur durch die Unterhaltungsliteratur mit Vampiren in Verbindung gebracht wurde. Sowieso glaube ich kaum, dass sich irgendein Literaturblutsauger mit der grausamen Wirklichkeit messen kann. Außerdem ist der Name hier im Text (relativ) falsch übersetzt. Eigentlich bedeutet Draculea „Sohn des Drachen“, da Vlads Vater dem sogenannten Drachenorden angehört hat. „Sohn des Teufels“ ist eine Fehlübersetzung, die jedoch weit genug verbreitet ist, dass ich mir dachte, das geht schon in Ordnung x3[tab=Eins]Memento Diem



    Einst wandelte ich durch’s weite Meer,
    mit Freunden, Familie, all meinen Lieben.
    Sie alle sind nun nimmermehr
    - und ich bin ganz allein geblieben.
    So dichte ich ein einsames Lied
    und besinge darin jene alten Tage.


    Fragte mich, was geschieht,
    woher tönt tiefe Klage.
    Großer, mächt’ger Blauwal,
    ich erhörte Gesang.
    Meine Frage, banal:
    Warum dein Herz so bang?


    Ist’s ein Delfin, der zwitschernd mich unterbricht?
    Der wissen will, was tief mein Herz bewegt.
    Der wie in gejagter Eile hastig spricht,
    nie still hält und sich stetig regt.
    Euch kleinen Tümmlern ist große Neugier,
    die euch bringen wird um Kopf und Finne!


    So erlaube mir,
    dich zu begleiten, Minne.
    Auf dass ich diese
    füttere mit Kenntnis
    um deiner, Riese,
    traurige Bewandtnis.


    Schwimme mit, wenn dies dein Wille,
    ich werde dich nicht fortschicken.
    Jedoch, mein Ziel sind Tiefen ewiger Stille,
    wo Wassermassen Körper fast zerdrücken.
    Versteh mich recht, ich wollte nicht klagen
    um mein erfülltes, langes Leben,
    doch ich kann auch nicht sagen,
    es hätte mir alles gegeben.
    Was mir bleibt? Trauer und Gedenken,
    an jene, die ich einst geliebt,
    und mich dorthin zu versenken,
    wo es nur noch ihre Knochen gibt.


    Du willst dich töten?
    Schwarze Unterwasserflut
    Mit deinem Blut erröten?
    Ein Ziel ist gut,
    eine Reise starten,
    doch denkst wirklich,
    dass sie deiner warten?
    Lieber sage ich:
    Im Sterben vergingen
    die Toten, sind fort.


    Kleiner Freund, lass mich dir singen,
    von diesem wunderschönen Ort,
    lass mich lehren deinen Verstand,
    der rastlos ist, und du nicht weißt:
    Der Tod ist, in der Tat, ein Zustand.
    Eines Freundes jeder Geist
    wartet geduldig auf mein Kommen.


    Schere nicht um Tod,
    ist mir zu verschwommen.
    Des Lebens Lot
    ist mir Frohsinn.
    Delfine, stets lebensfroh,
    wir sind mittendrin,
    reißen Fische roh
    aus silbernen Schwärmen.
    Spielen mit Wellen,
    tanzen, lärmen,
    reiten Stromschnellen,
    töten zum Spaß.
    Anno dazumal
    lehrte Dionysos, dass
    leben ohne Moral
    sei Sinn und Zweck
    unserer Naturtriebe.
    Keine Strenge, keck,
    keine Treue der Liebe,
    die uns hält.
    Wir flipperwinken
    der Oberwasserwelt.
    Wale aber sinken
    in sich selbst hinein.
    Leben Ewigkeiten
    ohne ein Lebendigsein.
    Pflügen durch Krill,
    halten streng Diät:
    So der Ozean will,
    genug hineingerät.
    Kopulieren selten,
    nur zum Arterhalt,
    weswegen gelten
    als jung schon alt.


    Oh nein, nicht von Anfang sind wir bieder,
    das sind Gerüchte, nichts weiter.
    Wir singen sogar öfter Lieder
    übers Spielen, froh und heiter.
    Als Junges habe ich beim Luftholen
    Fanfarenstöße gen Himmel geblasen,
    mich heimlich davongestohlen,
    um gegen Barrakuda wettzurasen.
    Habe mit Flukenflossenschlag
    den fernen Horizont gegrüßt.
    Und mir jeden sonnigen Tag
    mit neugesetzten Zielen versüßt.
    Wenn jemand starb, da habe ich
    aus meinem Denken den Tod verbannt.
    Doch das Meer ist unendlich
    - das habe ich früh erkannt -
    und meine heile Welt zerrann.
    Ich weiß durch die, die starben,
    dass der Tod mit jeder Welle kommen kann.


    Ich lote Narben
    an Rücken, Mund.
    Mein Sonar zeigt mir:
    Deine Haut wie Meeresgrund.


    Das war kein gefährlich‘ Tier.
    Tausend Harpunen, Dornen von Stahl,
    die dort meine Haut aufrissen,
    und bei beinahe jedem Mal
    kam ich einen Freund vermissen.


    Klingt schaurig,
    Eiseskälte rollt.
    Doch dass du traurig,
    Freunde nie gewollt.


    Ein Delfinding ist, das ist wohl wahr,
    viel zu schnelle Reden schwingen,
    Wörter schlucken ganz und gar.
    Nicht wie Wale behäbig singen.
    So muss ich jetzt doch einsehen:
    Delfinchen, du und ich, der Wal,
    uns niemals werden verstehen
    - du schon gar nicht meine Qual.
    Dass wir uns heute trafen,
    war allein der beste Wille
    einer günstigen Strömung, ein Hafen
    von endloser Weisheit und Stille.


    Von langem Walton
    - du hast Recht -
    mir schwindelt schon.


    Das ist beunruhigend schlecht.
    Sicher, dass das ist nicht Atemnot?
    Tauche auf, so wird es wieder gut,
    sonst bist du bald schon tot.
    Selbst das Meer atmet mit der Flut
    und mit der Ebbe aus und ein.
    Nicht genug Luft können fassen
    diese Delfinlungen so klein.
    Du musst mich nun alleine lassen.
    So ziehe, werde wieder munter,
    ich habe nichts mehr zu sagen.
    Und tauchst du wieder unter,
    ist meine Seele weit davongetragen.


    Wal, deine Weisheit,
    trage ich dann,
    so lang und weit,
    wie ich kann.
    Was ich nicht versteh‘,
    werd‘ ich nicht neinen.
    Aber die See
    kann uns einen,
    uns ewig binden.
    Suche nur und
    du wirst finden,
    auf Meeresgrund,
    die Deinen dort.
    Ich danke dir
    für jedes Wort,
    du sagtest mir.


    Einst wandelte ich durch’s weite Meer,
    mit Freunden, Familie, all meinen Lieben.
    Sie alle sind nun nimmermehr
    - und ich bin ganz allein geblieben.
    Doch in des Meeres ewigen Weiten,
    in Seegeschöpfen groß und klein,
    werd‘ ich, Delfinfreund, für alle Zeiten
    in deinem Herz unsterblich sein.[tab=Zwei]Veränderung



    Orion spähte über die Brustwehr und versuchte, das gegnerische Heer zu erfassen. Die weite, grasbedeckte Ebene, deren Horizont sonst weit entfernt schien, war nun beinahe lückenlos bedeckt von feindlichen Soldaten. Es waren so furchtbar viele… Sollten sie sich entscheiden, die Hauptstadt des Reiches anzugreifen, dessen war sich Orion sicher, hätten die Verteidiger keine Chance auf einen Sieg. Doch so leicht würden sie nicht weichen, eingeschüchtert von der bloßen Gewaltigkeit der Armee!
    Von dieser löste sich nun eine erste Kolonne, bereit, die Festungsmauern zu erstürmen und jeden zu töten, der sich dahinter verbarg. Orion warf einen Blick zu seinem Hauptmann, der die Hand hob. Wie alle anderen Bogenschützen zückte Orion einen Pfeil, legte ihn auf die Bogensehne und spannte diese. Auf ein weiteres Zeichen zischten hunderte der tödlichen Geschosse auf die herannahende Kompanie zu, einige fanden ihr Ziel. Mit grimmiger Schadenfreude erkannte Orion, dass auch er getroffen hatte.
    Im nächsten Moment verflog sein Grinsen, als unter der Mauer Armbrüste angelegt wurden. Eiserne Bolzen flitzten herbei. Um nicht von ihnen verletzt zu werden, verbarg sich Orion hinter einer Mauerzinne.
    Sobald er meinte, wieder sicher zu sein, trat er aus seiner Deckung hervor. Die kleine Gruppe Feinde, die nach Überlebenden suchten, war weitergezogen und hinter Bäumen verschwunden.
    Orion stutzte. Bäume? Ein Wald? Hatte er nicht eben noch auf einer Mauer gestanden, nur in Schussnähe zum Gegner? Verwundert stellte er fest, dass sich nicht nur seine Umgebung massiv verändert hatte: Auch sein Langbogen war einem mächtigen Beidhänder gewichen. Statt eines stählernen Harnisches trug er ein Kettenhemd, das ihn in seiner Bewegungsfreiheit nicht beeinträchtigte.
    Plötzlich vernahm er ein hölzernes Knacken hinter sich. Orion wirbelte herum – ein Soldat war aus dem Unterholz getreten, holte nun mit seinem Schwert aus, um den Krieger anzugreifen. Im ersten Moment überkam Orion Panik – er war Bogenschütze, kein Nahkämpfer. Mit einem Schwert umzugehen hatte er nie gelernt.
    Zu seiner Überraschung jedoch reagierte sein Körper selbstständig: Mit einer fließenden Bewegung hob er die Waffe mit der fast mannslangen Klinge und parierte. Unter dem nächsten Schlag tauchte er geschickt hindurch, rammte die Spitze des Beidhänders dem Soldaten in die Bauchgegend. Mit einem befriedigenden Ächzen brach Orions Gegner zusammen, sein Blick glitt in die Ferne und verlor sich im Nichts.
    Orion trat zurück, die Schwertklinge voll Blut. Das war die richtige Art des Kämpfens! Seinem Gegner in die Augen zu blicken, während in ihnen das Lebenslicht erlosch.
    Verwirrt schüttelte Orion den Kopf. Was waren das für Gedanken? Woher hatte er diese unglaubliche Fertigkeit, das Schwert zu führen? Ihm schien, als habe er nie etwas anderes getan, als Mann gegen Mann zu kämpfen. Doch bis eben noch hatte er Pfeile von einer Festungsmauer abgeschossen, ohne je eine Stichwaffe in der Hand gehabt zu haben, die größer als ein Brotmesser war.
    Das war jetzt ohnehin unwichtig, entschied Orion. Diesen seltsamen Vorgängen konnte er sich auch später widmen, wenn er den Heerführer der gegnerischen Armee gefunden hatte. Nagard war schuld am Tod seiner Familie, hatten seine Soldaten doch auf seinen Befehl in allen Dörfern auf ihrem Weg gebrandschatzt und gemordet. Auch Orions Eltern, seine Schwester und drei Brüder hatten sich unter den Toten befunden. Das würde er Nagard nie verzeihen! Orion stapfte wütend durch den Wald, achtete nicht auf seine Deckung, schlug mit dem Schwert seines Vaters nach Ästen.
    Allerdings, musste er erkennen und blieb nachdenklich stehen, war seine Familie doch am Leben. Dachte er zumindest. Plötzlich waren da völlig neue Erinnerungen in seinem Kopf, die mit denen zuvor zum Teil in Widerspruch standen. Anscheinend fing er an, den Verstand zu verlieren!
    Ein ohrenbetäubendes Brüllen schreckte Orion aus seinen Gedanken auf, und er hielt Ausschau nach der Quelle des Lärms. Wie aus dem Nichts, so kam es Orion vor, war am Himmel ein monströses Ungetüm aufgetaucht, das mit seinen gewaltigen Schwingen die Kronen der Bäume zum Tanzen brachte. Rubinrote Schuppen auf dem Rücken, aquamarinblaue an der Unterseite überzogen den mächtigen Leib. Wieder stieß das Ungeheuer ein markerschütterndes Brüllen aus, begleitet von einem lodernden Flammenstrahl. Ein Drache!
    Die riesige Flugechse zog vorbei und trieb in einem anderen Waldgebiet ihr Unwesen. Auch wenn Orion sich sicher war, noch nie einem Drachen begegnet zu sein, gesellte sich seinem Sammelsurium an neuen Erinnerungen ein weiteres Fundstück hinzu. Er entsann sich eines Tages, an dem er einen Drachen getötet hatte. Einen kleineren zwar als das jetzige Exemplar, doch seine Kenntnisse über die Schwachstellen dieser Monster ließen sich auch darauf übertragen.
    Vorausgesetzt natürlich, er war überhaupt noch bei Verstand. Denn wie ließ sich sonst seine zweite Vergangenheit erklären, die seine vorige verdrängte?
    Das Geräusch schwerer Schritte erklang, und er suchte hinter einem Strauch Deckung. Einer Überzahl nicht im Kampf gegenüberzutreten, stellte sich als klug heraus: Drei Gestalten trampelten an ihm vorbei, nur entfernt menschlich. Auch sie gingen auf zwei Beinen, die allerdings zwei statt einem Knie aufwiesen. Ihre krummen Körper waren in dicke Felle gekleidet, die wohl eine Rüstung ersetzen sollten; statt Schwertern schleppten sie schwere Keulen. Ihre Gesichter waren von solch exorbitanter Hässlichkeit, als seien die Wesen einem Alptraum entstiegen.
    Was Orion an ihnen am meisten wunderte, war, dass er sich überhaupt nicht darüber wunderte, dass sie vorher noch Menschen gewesen waren. Das Heer seiner Gegner hatte schon immer aus Skros bestanden. Ihren Heerführer N’grrd zu finden und zu töten, hatte er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Orion lief in die Richtung, aus der der Trupp gekommen war. Vielleicht würde er den Mörder seiner Familie dort irgendwo finden.
    Und vielleicht auch eine Antwort darauf, was hier eigentlich vor sich ging.
    Auf seinem Weg begegneten ihm keine weiteren Skros mehr. Der Drache brüllte immer mal wieder und setzte Bäume in Brand, jedoch in ungefährlicher Entfernung. Irgendwann erreichte der Krieger eine Lichtung. Gewöhnt an den Halbschatten des Waldes, jetzt geblendet von hellem Sonnenlicht, wagte Orion sich nur langsam auf den baumfreien Bereich hinaus. Ihm gegenüber verließ eine Gruppe Skros gerade die Lichtung, die einen ihrer Kameraden von allen Seiten flankierte, der mindestens zwei Köpfe größer war als sie.
    Das konnte nur N’grrd sein! Endlich hatte Orion ihn gefunden, die Zeit der Rache war gekommen!
    Entschlossen trat er auf die Lichtung und holte Luft, um den Namen des Heerführers zu rufen und ihn herauszufordern. Doch ihm blieb der Schrei im Halse stecken, als er eines Skros gewahr wurde, der mit trampelndem Schritt auf ihn zulief. Wie war das möglich? Dort, von wo die Kreatur herkam, hatte Orion vorhin nichts und niemanden gesehen!
    Zum Kampf bereit erhob er den Beidhänder. Doch Orions vorige bemerkenswerte Wendigkeit schien nachgelassen zu haben, denn er wich den Keulenschlägen des Skros viel ungeschickter aus, als er sich nach dem Kampf gegen den menschlichen Soldaten zugetraut hätte. Aber diesen Kampf hatte es ja sowieso nicht gegeben, waren seine Gegner doch allesamt Skros.
    Seine Verwirrung über seine Situation und seine Erinnerungen steigerte sich immer mehr, sodass Orion sich davon ablenken ließ. Dies nutzte sein Kontrahent und schlug ihm mit einem machtvollen Hieb seiner Keule die Waffe aus der Hand. Orion ging in die Knie und hielt sich den schmerzenden Schwertarm. Noch einmal holte der Skro aus. Seinem hilflosen Opfer blieb nichts anderes übrig, als dem sicheren Untergang entgegenzusehen. Nun würde er seine Rache doch nicht bekommen…
    Die Keule traf ihn an der Schläfe. Binnen einer Sekunde hüllte sich Orions Welt in Schwärze.


    Ich blickte von meinem Bildschirm auf, zum ersten Mal nach dem gefühlt ewig dauernden Schreibfluss. Meine Finger waren nur so über die Tastatur geflogen, und die Gedanken hatten sich schneller in meinem Kopf festgesetzt, als die Buchstaben auf dem weißen Dokument erscheinen konnten. Doch nach dem letzten Punkt, als hätte ich damit die falsche Entscheidung getroffen, war plötzlich alles so leer in meinem Gehirn. Der Anfang war vielversprechend gewesen, beginnend an der wohl spannendsten Szene, als der Protagonist endlich die lang ersehnte Schlacht bestreiten durfte. Warum wollte es also partout nicht weitergehen?
    Ich scrollte zum Anfang, überflog die eben verfassten Passagen auf der Suche nach einer Schwachstelle, einer Ungereimtheit, die alles zunichtemachte. Ich hatte schon die grobe Richtung im Kopf: Orion, mein strahlender junger Stern am Heldenhimmel, würde in wenigen Absätzen einen Pfeil auf den Heerführer seiner Feinde schießen und…
    Natürlich, genau daran haperte es. Jeder Idiot konnte einen Schuss abgeben und den Gegner aus der sicheren Distanz damit erledigen, aber wo blieb da der Reiz? Das Adrenalin eines echten Kampfes, oder noch besser, ein Kräftemessen Mann gegen Mann, das fehlte hier. Das war bei Weitem interessanter. Doch wie sollte der Endgegner überhaupt den ganzen Weg bis zu Orion schaffen, damit sie sich in einem epischen Duell gegenüberstehen konnten? Viel zu weit hergeholt, dass er ihn erreichen würde, während alle in Alarmbereitschaft waren.
    Sicher wäre ein anderer Ort dafür angebrachter, etwa der Marktplatz oder ein Wald. Ja, das war es. Überall Bäume und Verstecke, knackendes Unterholz und Feinde hinter jeder Pflanze. Und da Bögen beim Nahkampf so gut wie nutzlos waren, brauchte mein Charakter eine andere Waffe. Das Schwert seines verstorbenen Vaters etwa, mit dem er jahrelang trainiert hatte, um Gerechtigkeit zu verüben, am besten noch imposant in einer Kampfszene zur Schau gestellt. Was konnte einen Menschen zu einem besseren Krieger machen als der Durst nach Vergeltung? Wie hätte ich Orion auch glaubhaft als einen talentierten und willensstarken Kämpfer beschreiben können, ohne ein Ziel, eine Lebensaufgabe, die seine Handlungen rechtfertigte? Eine Familie, der er während ihrer letzten Atemzüge den Tod ihres Mörders geschworen hatte, konnte man kaum toppen. Der Teil gehörte ganz dringend geändert.
    Aber sollte er jetzt schon auf seinen erwählten Erzfeind treffen? Die Story war doch noch so jung, es gab noch so viele mögliche Gefahren und Steine, die man ihm in den Weg legen konnte. Nein, da musste noch etwas her, etwas Gefährliches, etwas… das mir beim besten Willen nicht einfallen wollte. Alle Gedankenblitze waren für die Katz, ich konnte mir einfach keinen würdigen Gegner vorstellen.
    Abwesend kramte ich in der Süßigkeitentüte herum, in der Hoffnung, dass der Zucker meine Kreativität ankurbeln würde. Neugierig besah ich mir, auf welches Gummitier meine Wahl gefallen war. Zugegeben, die Farben waren sonderbar, aber die riesigen Flugechsen faszinierten die Menschen schon seit Jahrhunderten. Außerdem konnte die Geschichte ruhig einen Touch Fantasy vertragen. Warum normale Menschen als Gegner, wenn andere Wesen einem beim bloßen Ansehen das Fürchten lehrten?
    Ich durchforstete mein Gedächtnis nach allerlei Möglichkeiten, ließ sie vor meinem inneren Auge Form annehmen, bevor ich sie auf das virtuelle Papier bannte. Die Skros würden Orion alles abverlangen, was sein Training über die Jahre an Fähigkeiten hervorgebracht hatte, würden ihn in den schwersten Kampf verwickeln, den es je gegeben hatte - und ihn höchstwahrscheinlich töten. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, ihm gleichzeitig einen Drachen und die blutrünstigen Kreaturen auf den Hals zu jagen? Und selbst wenn er siegreich daraus hervorging, würden die Verletzungen Wochen zum Heilen brauchen, und so weit hinauszögern wollte ich das Ende nicht. Eine Konfrontation mit N’grrd war langsam mehr als angebracht. Außerdem war das Kapitel bereits beachtlich lang und die Nacht brach schon herein. Wäre es nicht besser, an dieser Stelle einen Cliffhanger einzubauen und die Leser noch etwas zappeln zu lassen, was das Schicksal ihres Helden anbelangte?
    Ich würde Orion erst ganz nah an seinen Erzfeind herantreten lassen und dann – bäm!- würde aus dem Nichts einer der Handlanger ihn niederstrecken und als Kriegsgefangenen nehmen. Wer mochte schon einen Helden, der immer gewann und sofort bekam, was er wollte? Ein letzter Kampf um Ehre und Macht in der Finsteren Festung, darauf würde es hinauslaufen. Oder war das zu vorhersehbar? Alle Geschichten, die ich bisher gelesen hatte, endeten mit dem erwarteten Friede-Freude-Eierkuchen. Und waren es nicht die alle Regeln brechenden Werke, die dem Leser noch lange im Gedächtnis blieben? Besonders die Norm, dass der Held immer überleben musste, wurde doch langsam langweilig.
    Ein letztes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, kurz bevor ich den Computer herunterfuhr. Der Bildschirm wurde schwarz. Wie diese Geschichte enden würde, wusste nur ich allein.[tab=Drei]Sohn des Teufels


    Der Sternenhimmel, so klar, wie er sich nur selten zur Schau stellte, funkelte munter in der abkühlenden Sommerluft. Fröhlich flog die Partymusik über die nächtliche Festtagswiese, auf der die Teilnehmer der Feier ihr bestandenes Abitur zelebriert hatten. Jetzt verhallte sie unbeachtet zwischen den schwarzen, mehrere Meter in die Höhe ragenden Glasnadeln, die unter jedem der Anwesenden plötzlich aus dem Boden geschossen waren. Eine nach der anderen, auch dann noch, als viele ihrer Opfer in blinder Panik hatten flüchten wollen – und ihrem unausweichlichen Schicksal doch nicht entkommen waren.
    Zufrieden betrachtete Victor sein Werk und wandte sich an die einzige Überlebende des Massakers, das er veranstaltet hatte. „Erinnerst du dich an unsere letzte gemeinsame Unterrichtsstunde in Geschichte, Kendra? In der siebten Klasse. Es ging um Vlad den Dritten, den man Draculea nennt, Teufelssohn. Mir persönlich gefällt ja sein anderer Beiname mehr. Pfähler. Meinst du, er wäre von dem hier beeindruckt?“ Mit weiter Geste, die die ganze Wiese umfasste, zeigte er um sich. Nein, eigentlich war er sogar davon überzeugt, dass das, was er getan hatte, alles in den Schatten stellte, was der historische Fürst je erwirkt hatte.
    Kendra – seine beste Freundin in dem einen Jahr, in dem sie eine Klasse besucht hatten, bis er diese hatte verlassen müssen – kauerte vor ihm im Gras. Ihr Blick war voll Grauen, sie zitterte vor Furcht. „Wie hast du …?“, brachte sie nur hervor, bevor ihr die Stimme versagte.
    „Dass du das auch noch fragst… Ich bin enttäuscht von dir“, meinte Victor kopfschüttelnd. „Du warst es doch, die damals mit ihrer Fantasie den Alltag für sich verschönert hat. Die in ihrem Kopf Welten erschaffen hat, wie sie ihr gefielen. Das habe ich mir zum Vorbild genommen. Und bin noch weiter gegangen …“ Eines der Lieder, die aus der protzigen Soundanlage tönten, lief soeben aus, und ein neues, tatsächlich noch geschmackloseres schloss sich nahtlos daran an. Wie konnte man sich nur so einen kulturlosen Mist anhören? „Ich habe meine Fantasie in die Realität getragen und kann damit die Wirklichkeit nach meinem Willen formen“, erläuterte Victor weiter. „Ich bin wie ein Komponist, und die Welt ist mein ergebenes Klavier. Solange es in den Grenzen meiner Vorstellungskraft liegt, kann ich jede Melodie spielen, die ich will!“ Zur Demonstration befahl er den Leichen, die Schreie der letzten Sekunden ihres Lebens noch einmal gleichzeitig auszustoßen. Eine Kakofonie der Angst, des Entsetzens und Schmerzes übertönte kurzzeitig die schlecht gewählte Musik.
    „Wieso hast du ihnen das angetan?“, fragte Kendra mit etwas festerem Ton als zuvor, als der Chorgesang des Schreckens verstummte. „Du hasst sie, weil sie dich gemobbt haben. Ich kann das verstehen, aber –“
    Gar nichts verstehst du!“, unterbrach er sie lautstark, woraufhin sie erschrocken zusammenfuhr. In Victors Innerem begann es zu brodeln. „Jahrelang haben sie mich gedemütigt und verprügelt, und wer sich daran nicht beteiligte, hat abartige Gerüchte über mich verbreitet. Niemand hat je etwas dagegen unternommen… bis du in meine Klasse kamst. Mit dir gab es zum ersten Mal in meinem Leben jemanden, der nicht voreingenommen war, auf das Gerede über mich nichts gab. Mit dem ich mich anfreunden konnte. Wir waren zwei Außenseiter, die in ihrer Einsamkeit zueinander gefunden haben. Der kleine Freak und die ewige Träumerin. Der Umzug weg von dir ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.“ Mit Bestürzung erinnerte Victor sich an den Moment, als er erfahren hatte, die Schule wechseln zu müssen. Wie schockiert er darüber gewesen war.
    Als er weitersprach, wurde er zunehmend wütender. „Jetzt komme ich zurück und muss erkennen, dass die ewige Träumerin zu träumen aufgehört hat, um damit eine von denen zu werden, die sie immer nur verstoßen haben. Du redest wie sie, benimmst dich wie sie, feierst mit ihnen – und bist auch noch ausgerechnet mit dem Mistkerl zusammen, der mich damals am meisten gequält hat!
    Diese verdammte Musik!“, brüllte er letztlich. Mit nur einem Gedanken zerstörte er die Anlage und das sie versorgende Notstromaggregat in einer vernichtenden Explosion. Die Flammen setzten den Baum, unter denen die Elektrogeräte gestanden hatten, in Brand. Das unerträgliche Gedudel wurde schließlich vom Brausen des Feuers abgelöst. Endlich Ruhe!
    Beleuchtet von bernsteinfarbenem Schimmer war Kendra anzusehen, dass sie kurz vor dem psychischen Zusammenbruch stand. Dennoch hielt sie ihm entgegen: „Unter ihnen sind so viele, die überhaupt nichts dafür können, dass du gemobbt wurdest. Manche von ihnen sind erst später in die Klasse gekommen oder nur Freunde, die hier mitfeiern wollten, und kennen dich noch nicht einmal!“
    „Das ist völlig egal“, wischte Victor ihren Einwand beiseite, beherrschter jetzt, da im Hintergrund keine Folterknechte mehr sangen und ihre Folterinstrumente spielten. „Sie sind sowieso alle gleich und haben deswegen auch die gleiche Strafe verdient.“ Was ihn aber ärgerte, war die Tatsache, dass manche seiner damaligen Peiniger noch vor der Kursstufe von der Schule abgegangen und heute auf der Abschlussparty nicht anwesend gewesen waren. Aber Victor würde schon noch jeden Einzelnen von ihnen aufspüren und sich gebührend rächen!
    Schwankend und auf unsicheren Beinen stand Kendra nun auf. Ihre Miene war zu einer Grimasse reinen Abscheus verzerrt. Mit verzweifelter Wut in der grauenschwachen, hochtönenden Stimme schrie sie ihn an: „Du nennst Simon einen Mistkerl und verurteilst mich dafür, dass ich mich in meiner Klasse eingelebt habe. Dabei hast du dich von uns beiden am meisten verändert, du krankes Monster!“ Noch während ihrer Hasstirade ging sie dazu über, mit aller Kraft auf seine Brust einzudreschen, und krönte sie mit wahrscheinlich allen ihr bekannten Schimpfwörtern. Immer öfter waren diese von dissonanten Schluchzern durchsetzt. Ungerührt von ihrem grenzenlosen Zorn gegen ihn beobachtete Victor sie dabei.
    Als ihm das langweilig wurde, legte er eine geistige Hand um Kendras Hals und ließ sie einige Meter weit von sich entfernt in der Luft schweben. Hilflos schlug sie um sich, rang nach Atem, versuchte vergeblich, den materiell nicht vorhandenen Klammergriff um ihre Kehle zu lösen, kratzte sich dabei aber nur die eigene Haut auf.
    Mit ehrlichem Bedauern sagte Victor: „Das hättest du früher nicht mit mir gemacht …“
    Am Rande der Wiese fuhren jetzt Polizeiwagen vor, die mit scharfer Vollbremsung zum Stehen kamen. Ein vielköpfiges Spezialkommando wurde von den Einsatzfahrzeugen ausgespuckt, das eilig Stellung bezog und seine Sturmgewehre in Anschlag brachte. „Ihr denkt, ihr könnt mich aufhalten?“, murmelte Victor, aufgrund der Entfernung für sie unhörbar, als die Offiziere auch schon das Sperrfeuer auf ihn eröffneten. Dutzende Projektile schossen zwischen den gläsernen Spießen hindurch, trafen diese aber auch unter Auslösen heller Glockenklänge und blitzender Funken. Kraft seines Geistes zerriss Victor die Kugeln, die auf ihn zuhielten, in unschädliche Einzelatome, und verfuhr ohne Gnade ebenso mit den Polizisten. Alsbald kehrte wieder Grabesstille auf dem Friedhof der Glasnadeln ein.
    Erst jetzt fiel ihm ein, dass er Kendra über die Beamten völlig vergessen hatte. Sie lag auf dem Rücken in verkrampfter Position, zuckte unkontrolliert wie unter großen Schmerzen. Ihre Lungen kämpften verzweifelt rasselnd um jedes bisschen Luft. Victor trat neben sie und erkannte, dass ein paar der Geschosse, die für ihn bestimmt gewesen waren, stattdessen sie getroffen hatten. Dunkle Flecke breiteten sich kreisförmig aus auf ihrer Kleidung eines Stils, der nicht zu Kendra passte. Im Feuerschein wirkte ihre blasse Haut wie blank poliertes Gold; ihr Haar schien dieselbe Farbe zu haben wie das dünne Blutrinnsal, das ihr aus dem Mundwinkel die Wange hinablief. Sie war so wunderschön!
    Voller Qual blickte Kendra zu ihm auf und flehte erstickend: „Bitte… hilf mir …“ Der dunkle Blutfaden verbreiterte sich dabei.
    „Wirklich?“, fragte Victor spöttisch. „Du wagst es, mich anzubetteln? Nachdem du mich geschlagen und beleidigt hast, so wie sie es immer getan haben?“ Er deutete zu den grotesken, abiturientenförmigen Stecknadelköpfen hoch, die über ihnen den Nachthimmel zierten. Nicht, dass er Kendra nicht retten konnte; es wäre ein Leichtes für ihn, die Kugeln aus ihren Schusswunden zu entfernen und diese zu schließen. Langsam ging er neben ihr in die Hocke. „Es gab mal eine Zeit, in der ich dich geliebt habe und dir geholfen hätte. Aber die ist lange vorbei!“ Vorsichtig strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Er wollte sehen, wie in ihren Augen, die einst vor farbenfroher Fantasie gestrahlt hatten, das Licht brach.
    Bei ihrem Anblick berührte ein seltsames Gefühl sein Herz, ein Gefühl von vergessener Liebe und selbstloser Großmütigkeit. Er brauchte einen Moment, bevor er feststellte, dass es sich dabei um Kendras Seele handelte. Sie hatte keine Befehlsgewalt über die Wirklichkeit wie Victor, doch besaß sie eine ungeheure mentale Macht über ihn, mit der sie sich wie in einer sanften Umarmung um seine Seele legte. Er wollte zumindest physisch von ihr zurückweichen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.
    Im Sterben begann Kendras Seele zu verblassen. Durch ihre gemeinsame geistige Verbindung ging die unendliche Stille auch auf Victor über. Entsetzt versuchte er, sich loszureißen, aber wenngleich sie ihn nicht besonders fest hielt, vermochte er sich doch nicht gegen sie zur Wehr zu setzen.
    Machtlos musste Victor miterleben, wie Kendra ihn mit sich in den Tod nahm.

  • [tabmenu][tab=Le Rest?]Wie gesagt, kommen hier zwei Geschichten, die noch übrig sind in meiner Anhäufung. Zusätzlich dazu noch was anderes, was ich seit einiger Zeit vergessen habe… oo


    Zum Ersten! Die Kindergeschichte „Sieben Schwarze Federn“ ist mal wieder für die Heimatgenossenschaftszeitschrift meiner Mutti entstanden, die dieses Jahr zum Muttertag erschien. Dementsprechend gibt es hier eine kleine Lehre zum Thema Mütter. Ganz besonders, was sogenannte „Rabenmütter“ betrifft, die in unserem Kulturkreis so schrecklich verschrien sind. Tatsächlich gehören Rabeneltern aber zu den besten Eltern im ganzen Tierreich! Sieben Kinder sind es aufgrund des wunderschönen japanischen Kinderliedes Nanatsu No Ko


    Zum Zweiten!! Meine Abgabe für den Original Character Wetti, für die ich sogar Platz 2 ergatterte oo Ich hab mich echt lange abgeplagt mit einer guten Idee, hab das Schreiben immer wieder aufgeschoben bis zum Samstag, an dem ich auch noch mit meiner Mutti im Kino war. Konnte grad noch so abtippen und abschicken, hab buchstäblich in den letzten Minuten abgegeben. Das ließ wenig Zeit für literarische Finessen, aber auch Jirachis Charakter sollte ja so gepolt sein. Natürlich ist Jirachi an sich jetzt kein Original Character, aber ich legte mehr Wert auf den Charakter, also seine Wesenszüge, denn auf eine Beschreibung. Und, weswegen ich weniger Hoffnung hatte, dass ich gut abschneiden würde, auf eine Handlung << Daneben ist diese KG eine Hommage an die WiFi-Funktionen der Spiele, die sie seit diesem Tag verloren haben. Ich habe euch viel zu wenig gewürdigt und zu selten benutzt!


    Zum Dritten!!! Diese KG musste ich erst herauskramen aus einem älteren Wettbewerb, weil die Originaldatei mit dem letzten Datenabsturz meines Computers verloren gegangen ist. Aufgabe war es, ein individuelles Märchen zu schreiben. Das Thema hat mir sehr gefallen, aber mir kamen lange keine guten Ideen. Auch die habe ich schnell noch am letzten Tag abgetippt, weswegen sie ein paar Logikfehler enthält.[tab=Zum Ersten!]Sieben Schwarze Feder


    Die Sonne warf pfirsichfarbene Lichtbahnen durch die zum Teil belaubten, zum anderen Teil noch relativ kahlen Baumkronen. In der Nähe zwitscherte ein Vogel als letzter am heutigen Tag sein Liedchen. Delia lauschte darauf, wie es sich veränderte, wenn sie dicht an Baumstämmen vorbeiflog, oder es sich in tiefem Unterholz brach. Die Waldfee war zwar erschöpft, aber insgesamt zufrieden mit dem, was sie heute geschafft hatte.
    Wie jede Waldfee hatte sie die ehrenvolle Aufgabe, den Wald durch die vier verschiedenen Jahreszeiten hindurchzuführen. Das konnte so aussehen, dass sie den Früchten im Sommer zum Reifen verhalf; im Herbst die Blätter bunt werden ließ oder überwinternden Tieren bei der Nahrungssuche beistand; und im Winter Tümpel und Teiche auf der Oberfläche einfror, damit die Fische und Frösche darin die kalte Zeit gut überstanden. Pflanzensamen verteilen und ihre Wurzeln hervorlocken, Schmetterlingen den Kokon öffnen, Gräser und Blätter mit frischem Raureif einhüllen, und vieles mehr. Es gab immer etwas zu tun! Dabei nutzten die Feen den magischen Sternenstaub, der alles tun konnte, wenn sie nur fest genug daran dachten. Für eine Waldfee gab es nichts Wertvolleres als die Kristallflasche, in der sie ihren Sternenstaub aufbewahrten.
    Am liebsten von allen Jahreszeiten hatte Delia den Frühling, wenn alles im Wald aus dem tiefen Schlaf des Winters erwachte. Eine der Aufgaben zu dieser Zeit war es, die Blattknospen der Bäume zum Öffnen zu bringen. Zwar hatten sie sich schon unter Eis und Schnee von selbst gebildet, aber alleine konnten sie nicht aufbrechen, um sich als grüne Blätter in der Sonne auszubreiten. Delia hatte heute an einer Hainbuche zu tun gehabt; es war ihr tatsächlich gelungen, alle Knospen des Baumes zu öffnen. Oft war es nämlich so, dass der Sternenstaub in der Kristallflasche für einen ganzen Baum nicht ausreichte. Doch diese Buche war noch recht jung und deswegen eher klein. Dennoch hatte es Delias ganzen Vorrats an Sternenstaub bedurft, ihre Arbeit zu erfüllen.
    Und sie war sogar früher fertig geworden als üblich. Sie freute sich auf einen entspannten Abend in ihrer Höhle im Heimbaum, eine uralte Weide am Ufer eines großen Sees, in dem die Waldfeen schon seit ewigen Zeiten wohnten. Sie würde sich eine Tasse Baumsaft machen, die müden Flügel an dem magischen Bernstein ausruhen, der angenehme Wärme spendete, und dabei den See überblicken, in dem sich Mond und Sterne spiegelten.
    Delia hielt kurz an, um einen Blick auf ihren Dienstplan zu werfen, auf dem stand, was sie als nächstes zu erledigen hatte. Nach der Buche von heute sollte sie die Blütenknospen eines Pfirsichbaums zum Erblühen bringen. Auf der Karte des Waldes, die zum Dienstplan gehörte, waren ihre Einsatzorte als kleine Kreuze markiert. Überrascht stellte sie fest, dass jener Pfirsichbaum nicht weit von hier war. Sie würde nur einen kleinen Umweg fliegen müssen, um sich für morgen schon mal umzuschauen, und könnte danach gleich weiter nach Hause.
    So dauerte es auch gar nicht lange, bis Delia den Pfirsichbaum erreichte. Er hatte eine größere Baumkrone als die Buche, wie sie mit Unmut feststellte. Hieran würde sie bestimmt mehr als einen Tag arbeiten müssen. Die Knospen saßen rund, rosa und reif auf den Zweigen und warteten nur darauf, dass man sie mit Sternenstaub bestreute. Allerdings entdeckte Delia zwischen ihnen auch viele Pfirsiche vom Vorjahr, die einmal die Farbe von Sonnenuntergangsstrahlen gehabt hatten, jetzt aber runzelig und schwarz waren. Die würde Delia erst entfernen müssen, bevor sie sich um die Knospen kümmern konnte. Aber dafür war ja morgen genug Zeit.
    Um die vom vielen Fliegen taub gewordenen Flügel etwas zu schonen, setzte Delia sich zu einer kleinen Pause auf einen Ast. Während sie da saß und ihren Tagesablauf für morgen plante, hörte sie über sich ein trockenes Knacken. Verwundert blicke sie auf – eine der alten Pfirsiche fiel aus der Krone genau auf sie zu! Panisch wollte sie wegfliegen, aber sie war zu müde, um schnell reagieren zu können. Schon hatte das Trockenobst sie erreicht, schlug gegen sie und warf sie den Ast hinunter.
    Dielia schrie vor Angst, wollte mit den Flügeln flattern, doch sie wurde im Fallen herumgeschleudert und wusste nicht, wo oben und unten waren. Glücklicherweise landete sie schon bald in einem Strauch, der unter dem Pfirsichbaum wuchs und ihren Sturz dämpfte. Noch etwas benommen rappelte die Waldfee sich auf, schüttelte Staub aus ihrer Kleidung. Sie warf einen bitterbösen Blick zu dem vertrockneten Pfirsich, der nicht weit von ihr zu Boden gegangen war. Blödes Ding!
    Plötzlich kam ihr etwas in den Sinn, und Delia öffnete schnell die Umhängetasche, in der sie die Kristallflasche für den Sternenstaub transportierte. Glücklicherweise war der wertvolle Gegenstand bei ihrem Unfall nicht zerbrochen!
    Erleichtert wollte sie sich in die Lüfte erheben, um ihren Heimweg fortzusetzen, doch ihr einer Flügel ließ sich nicht bewegen. Erschrocken musste sie feststellen, dass er eingeknickt war, vermutlich, als der Schrumpfpfirsich sie getroffen hatte. Das war das zweitschlimmste, was einer Fee passieren konnte! Allzu tragisch war es nicht; mit einer Prise Sternenstaub ließ sich der Knick ganz leicht wieder reparieren. Dumm nur eben, dass sie nichts mehr von dem magischen Pulver bei sich hatte, nur die leere Kristallflasche. Um diese wieder auffüllen zu können, musste sie bis zur Nacht warten, und bis dahin dauerte es noch. Die Zeit konnte sie eigentlich genauso gut nutzen, um zu Fuß nach Hause zu laufen.
    Ein Wind kam auf, der ihr Haar durcheinanderwirbelte, und plötzlich landete etwas mit schwerem Donnern neben ihr. Es ragte viele Male größer als Delia über ihr auf und schien nur aus Dunkelheit zu bestehen. Der mächtige Körper wurde von Füßen gestützt, die in furchterregenden Klauen endeten. Eine Krähe!
    Kreischend wandte Delia sich um, wollte um ihr Leben rennen – doch der unheimliche Rabenvogel beugte sich zu ihr herab und packte sie mit dem Schnabel am Kragen ihrer schönen Holunderwollbluse! Gegen ihren Willen wurde sie vom Boden angehoben. Im nächsten Moment breitete das Ungetüm die pechschwarzen Schwingen aus und flog los.
    Delia wimmerte vor sich her. Das war das Ende! Jede Waldfee lernte von Kindesflügeln an, dass Krähen alles fraßen, was der Wald ihnen hergab – auch seine Wächter, die das ganze Jahr über für ihn sorgten. Vor allem in der Frühlingszeit fingen sie viele Insekten, um sie an ihre Jungen zu verfüttern. Als Waldfee hatte Delia zarte Flügel, die an die von Libellen und Schmetterlingen erinnerten. Und an ihr war auch wesentlich mehr dran als an einer kümmerlichen Eintagsfliege. Sie gab eine perfekte Mahlzeit für heranwachsende Krähenkinder ab!
    Wie sie befürchtet hatte, verfrachtete die Krähe Delia zu ihrem Nest. In dem Bauwerk aus Ästen und Zweigen kauerten ganze sieben Jungtiere, alle mit drahtigem Gefieder, breiten Schnäbeln, gierigen Augen – und nicht zuletzt leeren Mägen! Der Altvogel setzte am Nestrand auf und beugte sich mit seiner hilflos zappelnden Beute hinab. Voller Angst flehte Delia: „Bitte, bitte! Fresst mich nicht!“
    Sanfter als erwartet wurde sie auf dem Nestboden abgelegt. Noch immer vor Furcht zitternd, hörte Delia eine freundliche Stimme belustigt fragen: „Aber warum sollten wir dich denn fressen?“
    Erst brauchte sie einen Moment, bis sie erkannte, dass diese Stimme der großen Krähe gehörte. Überrascht blickte sie um sich. Die Vogelkinder beschnupperten sie von allen Seiten, anstatt mit Schnäbeln nach ihr zu picken, und ihre Augen waren gar nicht gierig, allenfalls neugierig. Plötzlich kamen sie Delia gar nicht mehr wie Monster vor, jetzt, da sie genauer hingeschaut hatte. Sie sah zu der Mutter auf. „Weil Krähen doch alles fressen. Auch Feen!“, beteuerte sie.
    „Willst du das denn haben? Kein Problem“, meinte der schwarze Vogel und lachte über Delias geschockte Miene. „Nein, keine Sorge. Das war ein Witz. Krähen, die Feen fressen… wer erzählt denn so was! Ich habe gesehen, wie du aus dem Baum gestürzt bist, und wollte dir helfen.“
    Delia war zu baff, um darauf etwas zu erwidern. Eines der Krähenkinder stupste sie vorsichtig mit der Schnabelspitze an und fragte: „Warum bist du denn gefallen, wenn du Flügel hast? Kannst du nicht fliegen wie wir?“
    „Du Spatzenhirn!“, schimpfte ein anderes und drängte sich durch die anderen Küken vor. „Man kann doch sehen, dass ihr einer Flügel kaputt ist. Du hast echt von nichts eine Ahnung!“
    Das andere plusterte gereizt das flaumige Gefieder auf. „Achja? Zumindest zapple ich bei den Flugübungen nicht so rum wie du, Hupfdohle!“
    Auch das andere Junge wurde daraufhin stinkig und fiel über sein Geschwisterchen her. Die beiden rangen heftig miteinander und verursachten in dem engen Nest schnell Chaos. Auch Delia wurde von den Bewegungen der beiden Krähenkinder herumgeschubst, die beide so groß waren wie sie.
    „Schluss jetzt!“ Die vorher so freundliche Stimme der Rabenmutter donnerte jetzt barsch über das Nest hinweg. Sie schlug den Schnabel zwischen den sich raufenden Jungen hindurch, um sie so voneinander zu trennen. „Wir haben einen Gast hier, also benehmt euch gefälligst. Und entschuldigt euch beieinander, sonst gibt es nach dem Abendessen keine süßen Blattläuse zum Nachtisch!“
    Sie verharrte, bis ihre beiden Kinder ein stures „‘tschuldigung“ murmelten, und richtete sich dann wieder auf. Kaum, dass sie kurz wegsah, streckten sie sich gegenseitig die Zungen raus.
    Dem Schauspiel hatte Delia verwundert zugesehen, als sich die Mutterkrähe wieder an sie wandte und fragte: „Warum schaust du denn so perplex?“
    Die Waldfee musste ein paar Mal schlucken, bevor sie antwortete: „Ich habe gedacht, du würdest sie jetzt beide aus dem Nest werfen, wie es alle Krähen mit unartigen Kindern tun …“
    Wieder lachte die Rabenfrau. „Hast du denn je eine Krähe dabei gesehen, wie sie das tut?“
    Etwas kleinlaut antwortete Delia: „Naja… nein, aber… das weiß man doch …“
    „Man sollte nicht alles glauben, was Märchen einem erzählen. Krähenkinder sind oft übermütig und unvorsichtig, wie du siehst, und manchmal mag es passieren, dass sie dabei aus dem Nest fallen. Das ist dann immer sehr traurig für die Eltern und Geschwister. Aber nie würden wir sie mit Absicht aus dem Nest werfen“, erklärte der große schwarze Vogel gutmütig. „Mein Name ist übrigens Cora. Und dies sind meine sieben Kinder.“ Während sie die Namen aufzählte, deutete sie mit dem Schnabel der Reihe nach auf jedes von ihnen. „Melina, Flori, Sina, Marc und meine jüngste Maria.“ Diese war noch deutlich kleiner als ihre Geschwister und die niedlichste von allen. „Und die beiden Streithähne sind Moni und Ben, die ältesten. Seit sie gleichzeitig geschlüpft sind, machen sie aus allem einen Wettbewerb.“
    „Das war gar nicht gleichzeitig“, behauptete Ben fest. „Ich war schneller als sie, das weiß ich ganz genau!“
    „Wie willst du das wissen?“, fragte Moni sauer. „Wir waren da beide noch blind!“
    Bevor erneut ein Streit unter den beiden ausbrechen konnte, schob sich ihre kleinste Schwester Maria zwischen ihnen hindurch. Sie blickte Delia aus großen Augen an. „Mama erzählt uns immer ganz viel von den Waldfeen, die zaubern können. Stimmt es, dass ihr Blumen zum Blühen bringt. Ich habe noch nie Blumen gesehen! Sind sie schön?“
    „Ähm… ja, sehr schön sind sie“, versicherte Delia, der die Aufmerksamkeit der Krähenküken unangenehm war. Bis vor wenigen Minuten hatte sie noch schreckliche Angst vor ihnen gehabt, das konnte sie nicht einfach vergessen!
    „Wie kannst du eigentlich wieder fliegen?“, wollte Maria jetzt wissen.
    Die Fee schluckte die Furcht vor Rabenvögeln, die ihr ihr ganzes Leben lang beigebracht worden war, hinunter, und erklärte: „Ich muss auf die Nacht warten. Dann kann ich nämlich Sternenstaub aus dem Licht der Sterne ernten, und mit dem meinen Flügel heilen. Vorher kann ich nicht nach Hause.“ Sie schaute in den Himmel. Es dauerte noch etwas, bis die Sonne ganz untergegangen sein würde.
    Cora beugte sich wieder zu ihrer Besucherin herab. „Wenn du möchtest, kann ich dich zu dir nach Hause bringen. Wenn du mir sagst, wohin ich dich tragen muss, mache ich es gerne.“
    Delia wollte das Angebot dankend annehmen, als unter den sieben Rabenkindern Protest laut wurde: „Nein, geh noch nicht!“, bettelten sie die Waldfee an. „Bleib noch ein bisschen und spiel mit uns!“ Vierzehn schwarze Augen schauten sie erwartungsvoll an in der Hoffnung, dass sie sie noch nicht verließ.
    Eigentlich hatte Delia sich doch einen schönen Abend in ihrer Baumhöhle machen wollen. Mit Baumsaft, magischem Bernstein und Ausblick auf den See. Aber irgendwie konnte sie den niedlichen Küken ihren innigen Wunsch nicht ausschlagen … „Na gut“, entschied Delia schließlich. „Ich bleibe noch etwas.“ Die Krähenkinder jubelten, und Cora freute sich, dass sie glücklich waren.
    Zusammen mit den Sieben spielte Delia ein Spiel, das sie noch nicht kannte. Es hieß Stöckchenziehen und war ganz ähnlich wie das bekannte Mikado. Als Waldfee mit Händen hatte sie dabei einen klaren Vorteil gegenüber den Jungvogeln, konnte sie schließlich besser zugreifen. Nach ein paar Runden machten die Kinder einige Flugübungen, die zurzeit nur daraus bestanden, mit den Flügeln zu flattern und so die Flugmuskulatur zu trainieren. Dabei erzeugten sie so einigen Wind, ganz wie die Mutter. Erst später würden sie die richtige Schlagtechnik erlernen, um auch abheben zu können.
    Als es immer dunkler wurde, flog Cora aus, um Käfer und Insekten zu sammeln. Als sie zurückkam, hatte sie auch süße Blattläuse als Nachtisch dabei, und auch Moni und Ben bekamen von diesen etwas ab. Sogar für Delia hatte die Krähe etwas gefunden: Waldfeen aßen zwar keine Insekten, aber alle Arten von Früchten. So hatte Cora ein paar Beeren gefunden, die den Winter fast frisch überstanden hatten und nicht im Mindesten so verdorrt waren wie der Pfirsich.
    Während Delia zwischen den wärmenden, federflauschigen Körpern der Küken saß, mit einer leckeren Beere in der Hand, dabei Geschichten lauschte, die Cora zu erzählen wusste, erkannte sie, dass sie auch ohne Baumsaft und Bernstein einen schönen Abend hatte. Ja, er war sogar der beste, den sie je gehabt hatte!
    Doch wie alle Abende musste auch dieser irgendwann zu Ende gehen. Gerne wäre Delia noch geblieben, aber sie musste zurück zum Heimbaum, bevor man sich dort Sorgen um sie machte. Die Sonne war untergegangen, Sterne funkelten am Himmel. Nach ihrer Einschätzung mussten es genug sein, um Sternenstaub herzustellen. Mit beiden Händen hob Delia ihre Kristallflasche hoch über sich und konzentrierte sich auf deren Inneres. Zuerst geschah nichts, und die Krähen, sogar die Mutter, beobachteten die Waldfee gespannt.
    Endlich zeigte sich etwas: In der Luft um die Kristallflasche herum bildeten sich winzige, silberne Pünktchen. Wie von einem Magneten angezogen bewegten sie sich alle auf die Öffnung der Flasche zu. Immer mehr von ihnen entstanden wie aus dem Nichts und sammelten sich in dem durchsichtigen Gefäß. Alsbald war es vollgefüllt mit dem leuchtenden Pulver. Delia schüttete eine kleine Menge davon auf ihre Hand, bevor sie den Hals mit einem Stopfen verschloss. Was sie aus der Flasche entnommen hatte, streute sie über den Knick in ihrem Flügel und stellte sich dabei vor, wie er vor dem Unfall ausgesehen hatte. Der Sternenstaub haftete sich an die beschädigte Stelle, leuchtete hell auf – und als das Licht verlosch, war Delias Flügel wieder wie neu!
    „Wow!“, entfuhr es den sieben Kindern, und auch Cora machte große, faszinierte Augen. Sie alle sahen für Delia nun gar nicht mehr furchteinflößend aus. Sie waren ganz im Gegenteil sogar richtig freundlich!
    „Vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt“, sagte Delia aufrichtig, als sie die Kristallflasche in der Umhängetasche verstaute.
    Cora lächelte freundlich und erwiderte: „Ich glaube, ich sollte eher dir danken! So brav wie heute Abend war meine Kükenschar noch nie. Du solltest öfter zu Besuch kommen.“ Sie zwinkerte, um zu zeigen, dass sie nicht nur häufiger solche Zeiten wollte, in denen ihre Kinder keinen Radau machten. Vor allem war es eine Einladung für Delia, sie wieder zu besuchen und mit ihnen zu plaudern und zu spielen.
    Delia nickte dankbar. „Ihr habt eine sehr nette Mutter und solltet ihr nicht so viele Schwierigkeiten machen!“, tadelte sie die sieben Rabenküken. Dann lächelte sie. „Aber es hat mir wirklich viel Spaß gemacht mit euch.“
    Die Kinder stimmten ihr freudig zu. Als sie verstummten, verkündete Maria, die Kleinste: „Ich habe eine tolle Idee! Schenken wir Delia doch jeder eine unserer Federn, damit sie immer an uns denkt!“ Die Geschwister befanden dies als guten Einfall, und so zupften sie sich je eine flauschige Feder aus dem weichen Brustgefieder, um sie Delia zu überreichen. Diese nahm sie entgegen und dankte jedem einzelnen Kind persönlich. Sie befestigte die Geschenke am Gurt ihrer Umhängetasche, sodass sie bald wirkte, als trüge sie eine schwarze Federboa.
    Beim Anblick der so beschmückten Waldfee stutzte Cora und lachte: „Du siehst fast so aus wie eine Krähe!“
    Delia sah überrascht an sich hinab. Entfernt und mit viel Fantasie konnte man das tatsächlich sagen. Wie würden ihre Arbeitskollegen beim Heimbaum darauf reagieren, dass sie mit Krähen Freundschaft geschlossen hatte?
    Vorsichtig prüfte Delia den reparierten Flügel, der sich wieder genauso wie früher bewegen ließ. Sie erhob sich vom Nest und winkte den Krähen, die die Geste mit den Schwingen erwiderten. Die Waldfee entfernte sich von ihnen und wandte erst den Blick ab, als sich Bäume in ihr Sichtfeld schoben und das Nest hinter sich verbargen.
    Geleitet vom Licht der Sterne kehrte Delia zurück zum Heimbaum.[tab=Zum Zweiten!!]The Day before Tomorrow


    „Hallo. Ich bin Jirachi, Level 31. Mein Original Trainer hat mich von seiner Smaragd-Edition auf Diamant herübergeladen. Ich bin vom Wesen naiv, meine Statuswerte sind …“ Ich breche ab und suche in meinem Kopf nach den Statuswerten, die mir Elfi antrainiert hat. Ich muss sie unbedingt auswendig lernen!
    „Mit wem redest du denn ständig?“ Ich schaue auf und sehe Alakazam auf mich zukommen. Ich finde seinen Namen ziemlich ulkig, den er jedoch hat, weil er aus einer englischen SoulSilver-Edition stammt. Wäre er in einem deutschen Spiel gefangen worden wie ich, würde er auch hier Simsala heißen.
    „Ich übe“, antworte ich meinem guten Freund und umschwebe ihn. Ich bin immer wieder froh, ihn zu sehen. So viele Tauschangebote werden schnell angenommen, und meine Freunde, kaum, dass ich sie kennenlerne, verschwinden einfach. Alakazam ist bereits länger hier. „Du weißt schon! Für den Trainer, der mich einmal eintauscht. Aber diese ganzen Zahlen sind echt schwer zu merken.
    Wann tauscht mich endlich jemand?“, seufze ich tief und blicke träumend in die Ferne. „Es ist mein absoluter Herzenswunsch! Ich bin doch bescheiden, will nur für ein Mew eingetauscht werden, das nicht einmal annähernd meinen Level hat …“
    Alakazam schnaubt genervt. „Was du Bescheidenheit nennst, sind nur die Angaben, die deine Trainerin gemacht hat, als sie dich in die Globale Tauschstation hochlud. Es ist nicht deine eigene Entscheidung, für was du eingetauscht werden willst.“
    Ich kichere. „Du sagst immer so schlaue Sachen! Das bewundere ich so an dir!“ Nach einer weiteren Drehung um meinen großartigen Freund, setze ich mich auf seinen Kopf zwischen die gelben Hörner und summe ein Liedchen aus Smaragd. Wie es wohl meinen ehemaligen Teamkameraden dort ergeht?
    Die GTS ist eine gigantische Sphäre, eine kugelförmige Dimension, die sich beinahe unendlich in alle Raumrichtungen erstreckt. In weiter Ferne schimmert stets ein dunkelblaues Glühen; Alakazam und ich sind einmal auf mein Drängen hin an diesen entfernten Rand unserer Welt gereist. Ein seltsamer Ort ist das: Haarfeine Matrizen winziger Nullen und Einsen in wilder Kombination ziehen dort entweder von oben nach unten oder von unten nach oben. Es ist richtig interessant dort, aber Alakazam meint, es sei gefährlich. Vielleicht befürchtet er, unsere Daten könnten in dem Nichts hinter den Zahlen verloren gehen. Total übertrieben!
    Auf dem blauen Hintergrund dieser Zahlenkolonnen schweben weiß leuchtende Punkte wie Sterne in der Sphäre. Es sind die Pokémon, die von ihren Trainern in die Tauschstation hochgeladen wurden – so wie ich und Alakazam. Das Simsala ist aber schon viel stärker als ich, auf Level 100. Obwohl ich ja ein Legendäres Pokémon bin, ist er damit viel wertvoller als ich. Aber trotzdem wurde er noch nicht eingetauscht. Vielleicht ist sein Original Trainer aber auch nur nicht so bescheiden wie Elfi. Vielleicht hat er viel zu hohe Ansprüche an das Pokémon, das er für Alakazam bekommen will, weswegen niemand das Angebot annimmt.
    „Jirachi, fällt dir etwas auf an der GTS?“, will mein Freund wissen, indem er sich in der blauen Sphäre umsieht.
    Auch ich blicke mich um. Ich kann keine Veränderung erkennen; die Tauschstation sieht doch aus wie immer! „Nein, gar nix“, meine ich nur und fange an, mit Alakazams Bart zu spielen. Ich weiß, dass er das ganz und gar nicht mag, aber so ernst, wie er gerade schaut, gefällt er mir auch nicht sonderlich. Da soll er lieber sauer auf mich sein!
    Doch das Simsala reagiert gar nicht darauf. „Es sind so wenig Pokémon hier“, erklärt er schließlich.
    „Menno“, murmele mich nur, und tu ihm den Gefallen, mich in der GTS nach etwas umzusehen, das seinen Verdacht bestätigt. Jetzt, da er mich darauf hinweist, fällt es mir tatsächlich auch auf. „Ja, du hast Recht“, pflichte ich ihm bei und schwebe von seinem Kopf auf etwas höher.
    „Was denkst du, woran das liegt?“, fragt er weiter.
    Ein wenig sieht die Globale Tauschstation für mich aus, als seien von der sternenerfüllten Milchstraße nur noch wenige Sternchen übrig geblieben. „Lichtsmog vielleicht?“, kichere ich albern und tanze wieder um das Simsala. „Du bist doch der Schlaue hier. Lass uns lieber was spielen!“, verlange ich ungeduldig und ziehe meinen Freund am Bart.
    Doch wieder beachtet er mich nicht weiter und spricht versonnen weiter: „In den letzten Tagen sind so viele Pokémon von hier verschwunden wie noch nie in so kurzer Zeit.“
    Schließlich gebe ich seufzend auf und setze mich wieder auf seinen Kopf. „Vielleicht wurden sie ja alle eingetauscht. Haben die ein Glück! Ich hätte auch gerne ein neues Zuhause. Und es würde mich freuen, wenn Elfi ihr verdientes Mew bekommt.“
    „Meinst du wirklich, sie denkt noch an dich?“, fragt Alakazam jetzt, schaut mich über seine Schulter hinweg aus müden Augen an.
    „Natürlich! Ein Mew ist doch ein genauso besonderes Pokémon wie ich, und Elfi hat mich sehr lieb!“
    Alakazam lacht bitter. „Denk genauer nach, Jirachi. Was meinst du, wann war sie das letzte Mal online, um nachzusehen, ob jemand ihr Tauschangebot angenommen hat?“
    Ich denke kurz nach. „Hm … ein paar Tage vielleicht?“ Hier in der GTS gibt es nirgendwo eine Uhr. Die einzige Möglichkeit, zu erfahren, welches Datum gerade herrscht, besteht nur dann, wenn sich ein Trainer einloggt. Abgesehen davon leben wir hier völlig ohne Zeit.
    „Unmöglich“, behauptet Alakazam. „Allein zwischen den beiden letzten Malen, da mein Trainer nach mir gesehen hat, lagen über zwei Monate. Und schon davor war deine Trainerin nicht online.“
    Ich zucke nur unberührt die Schultern. „Das heißt nicht, dass sie mich vergessen hat.“
    „Es ist sogar gut möglich“, strickt das Simsala weiter, „dass sie ihr Spiel neu begonnen hat. In so einem Fall könnte sie sich gar nicht mehr in diesen Account einloggen.“
    „Wie kannst du so etwas nur sagen!“, rufe ich gereizt, indem ich mich von seinem Schädel abstoße. „Das würde Elfi niemals tun! Dann wären ja auch alle meine Freunde auf Diamant weg!“
    Es sieht so aus, als wolle Alakazam zu einer Erwiderung ansetzen, als über ihm plötzlich ein blaues Licht aufleuchtet. Wir schauen beide überrascht auf. Das Leuchten weitet sich auf zu einem indigofarben irisierenden Ring, in dessen Innern sich ein Wurmloch ins Unendliche erstreckt. An seinem ungreifbar fernen Ende changiert ein silberner Funke. Alakazams Trainer hat sich soeben eingeloggt!
    Von der gelben Simsala-Haut steigen jetzt weißliche Blasen auf, die allmählich von dem Dimensionstunnel aufgesaugt und hinfortgetragen werden. Alakazam scheint zuerst sehr nachdenklich auf den inneren Rand des blauen Rings. Auch ich werfe einen Blick auf die Laufzeile, die sich dort im Ringelreigen im Kreise dreht: der neunzehnte Mai, nur ein paar Minuten vor Mitternacht. Irgendwie eine interessante Zeit, finde ich, so kurz vor dem Datumswechsel.
    Plötzlich reißt mein Freund die Augen auf, als sei ihm gerade etwas klar geworden. Er sieht zu mir, mit einem so ernsten Gesichtsausdruck, dass es mir Angst macht. „Jirachi!“, sagt er eindringlich und legt seine großen Hände auf meine Schultern. Ich zucke zusammen, bin aber auch erstaunt von seiner Geste. Das hat er noch nie gemacht! Ob er mich jetzt umarmt? „Es war manchmal ganz schön anstrengend mit dir“, fährt Alakazam fort. „Aber eigentlich hat es auch Spaß gemacht. Ich wünsche dir, dass Elfi dich nicht vergessen hat und dich hier wieder rausholt.“
    „Lädt dein Trainer dich runter?“, frage ich; Alakazam nickt. „Dann lädt er dich bestimmt bald wieder hoch“, versichere ich ihm. „Wir werden uns ganz bestimmt wiedersehen! Und falls nicht, bin ich gegen ein Mew eingetauscht worden.“ Ich lächle. Ich weiß ganz genau, dass es so kommen wird. Es besteht also nicht der geringste Grund, so eklig ernst zu sein wie Alakazam!
    Das Simsala lächelt ebenfalls, aber in seinen Augen glänzen Bitterkeit und Mitleid. Was soll das denn? „Du hast wahrlich ein naives Wesen!“ Der Hintergrund der Tauschstation lugt allmählich immer kräftiger durch seinen durchscheinender werdenden Körper. Immer mehr seiner Daten werden in Form weißer Bläschen auf SoulSilver zurückgeholt. Auch das Gewicht seiner Pranken auf meinen Schultern wird geringer.
    Und verschwindet schließlich ganz. Die letzten Kugeln, in die sich mein bester Freund aufgelöst hat, werden vom Tunnel eingesaugt. Sowie das geschehen ist, schrumpft der Ring bis zur Nichtexistenz zurück.
    Ich schwebe noch eine Weile an derselben Stelle. Ein wenig bin ich schon traurig, dass Alakazam jetzt fort ist. Vielleicht werde ich ihn niemals mehr wiedersehen. Aber zugleich bin ich auch froh für meinen Freund. Er wurde zwar nicht eingetauscht, was ja das höchste Ziel ist, das ein Pokémon in der GTS erreichen kann. Aber sein Trainer hat ihn zurückgenommen, wodurch er Alakazam vielleicht wieder in Kämpfen einsetzen wird. Zum Kämpfen werden wir Pokémon schließlich geboren.
    Langsam setze ich mich in Bewegung. Ich muss nach vorn schauen! So viele Freunde habe ich kommen und gehen sehen; ich bin sicher, ich werde wieder neue kennenlernen. Auch wenn ich mich mit keinem mehr so gut werde verstehen können wie mit Alakazam!
    In der Ferne erkenne ich am blauen Sphärenrand etwas sehr ungewöhnliches: Ein schwarzes Loch, erst nur sehr klein, das sich rasch vergrößert und über die ganze GTS ausbreitet. Ich spüre, wie es auch mich erfasst und sehr schnell einschwärzt.
    Aufgeregt schaue ich mich um. Fühlt es sich so an, eingetauscht zu werden?[tab=Zum Dritten!!!]König Michael


    Einst, vor vielen, langen Jahren, herrschte König Michael über ein recht kleines Reich. Von seinen Untertanen wurde er jedoch meist Goldener Michel genannt. Mit diesem Beinamen hatte es eine besondere Bewandnis:
    Schon immer hatte der König, der einen goldenen Hirsch im Wappen führte, eine Vorliebe für das wertvollste aller Metalle gehabt. So glaubte er, den Reichtum seines kleinen Landes vor anderer Könige Augen beweisen zu müssen, indem er es in der eigenen Schatzkammer hortete. Seine Liebe für das Gold ging gar so weit, dass er seinen Erstgeborenen Aureus danach benannte. Doch die Königin verstarb im Kindbett, und mit ihrem Tod wurde aus Michaels bloßer Zuneigung Besessenheit.
    Er erhöhte die Steuern, Abgaben und Wegzölle so drastisch, dass die Schatzkammer alsbald überlief. Was an Gold überschüssig war, nutzte der geizige König, um so manchen Gebrauchsgegenstand vergolden zu lassen, sodass der Palast in allen Ecken und Fugen wie die Abendsonne glänzte. Gerüchte kamen auf unter den einfacheren Leuten, der König bräuchte Gold zu essen, dass es in seinen Adern flösse und ihn am Leben erhielt. Dass er selbst nur noch eine lebendige Goldstatue war. Mit dieser These verbreitete sich auch der Name Goldener Michel.
    Eines Morgens bestellte des Königs Schatzmeister Michael in die Schatzkammer, wo die Goldmünzen aus den Steuern aufgehäuft lagen. Nicht gering erschrak der König, als er erkannte, weswegen er hierher gerufen worden war: Ein guter Teil des Goldes war braun und rau wie Rost. Doch wer hatte schon je gesehen, dass Gold rostete?
    „Vielleicht waren diese Münzen gefälscht“, entschied Michael und veranlasste, einige andere auf ihre Echtheit zu prüfen und die verdorbenen zu entsorgen. Schon am nächsten Tag wurde dem König gemeldet, dass weitere Münzen, selbst solche, die man für aus Reingold geprägt befunden hatte, ebenfalls rosteten. Sogleich glaubte Michael an Betrug, dass jemand die echten Münzen heimlich austauschte, und versperrte die Schatzkammer, in seinem Besitz der einzige Schlüssel.
    Doch auch das führte zu nichts. Das Gold rostete beinahe so schnell, dass man ihm dabei zuzusehen vermochte. Und niemand wusste Rat, was mit dem Edelmetall geschah, auch nicht die Gelehrten, die Michael zur Begutachtung des Rätsels herbeirufen ließ.
    Da bat ihn eines Tages jemand um eine Audienz, das schwindende Gold betreffend. Eifrig befahl der König, den Bittsteller einzulassen, denn er wollte unbedingt eine Lösung für sein heikles Problem. Die Wache führte eine Frau herein, blutjung und von einer Schönheit, die jeden Mann in den Bann zu schlagen vermochte. Um den Hals trug sie das Fell eines Marders wie einen Schal. Der Wachmann stieß sie vor und verkündete: „Dies, mein König, ist die Hexe Orophylla, und sie …“ Was immer er weiter zu sagen gedachte, blieb ihm sogleich im Halse stecken.
    Das vermeintliche Marderfell entpuppte sich als lebendiges Tier, das nach ihm schnappte und seine Herrin zu beschützen suchte. „Ich bevorzuge den Begriff Alchimistin“, sagte diese. Orophylla wandte sich dem König zu und verneigte sich mit spöttischer Miene.
    Michael winkte ungeduldig ab und bellte: „Sprich, Satansbrut, warum verrostet mein Gold?“
    „Alchimistin“, berichtigte die Hexe ein weiteres Mal und fuhr fort: „Es ist nicht Euer Gold, das in Euren Kammern liegt. Ihr stehlt es Euren Untertanen, Eure Königswürde als Rechtfertigung anführend, und lagert es, wo es niemandem, auch Euch nicht, nutzt. All das Gold, das Ihr als Eures anseht und dem Volk gehört, soll vor sich hinrosten. Dies ist der Fluch, den ich verhängte.“
    „Also bist du die Missetäterin!“, brüllte der König, so wie er das vernahm.
    Orophylla aber entgegnete: „Nein. Ihr allein seid es, Goldener Michel.“
    Bei Erwähnung seines verhassten Beinamens platzte dem König der Kragen. „Werft sie in den Kerker!“, befahl er wütend, indem er auf die Hexe deutete. „Foltert sie, bis sie bereit ist, den Fluch aufzuheben.“
    Sie wehrte sich nicht, als sie von den Wachen abgeführt wurde; auch der Marder verhielt sich still. Doch sie sagte noch zum König: „All Eure Foltergeräte werden Euch nichts nützen. Ihr allein könnt den Fluch von Euch nehmen!“ Sie lachte, dass es noch in den Palastmauern widerhallte, als sie schon in den Kerkern saß.
    König Michael sann in den nächsten Tagen darüber nach, was zu tun sei. Wenn sein Gold sich verringerte, musste er dafür Sorge tragen, die Schatzkammer wieder aufzufüllen. Erneut erhöhte er den Zoll an seinen Grenzen und die Abgaben, die die Bürger zu zahlen hatten. Im ganzen Reich ritten seine Steuereintreiber umher und sammelten jede Goldmünze, de sie abnehmen konnten. Doch sowie die Einnahmen in die königliche Schatzkammer gebracht wurden, erschien der Marder, und unter seinem wachen Blick zerfielen sie augenblicklich zu Staub. Auch, wenn die Münzen nicht in die angestammte Kammer geschafft wurden, tauchte der kleine Räuber wie aus dem Nichts auf und vollführte Orophyllas Zauber.
    Auf Michaels Erlass hin wurden daher die verschiedensten Kniffe angewandt: Schnelle Pferde sollten das Gold eilig hinforttragen, doch wenn diese ihr Ziel erreichten, ließ sich der Marder einfach an diesem Ort blicken. Jäger begleiteten die Steuereintreiber, um den Marder zu erlegen, sollte er erscheinen. Doch das Tier, obwohl beim vorigen Mal getötet, erschien immer wieder, so oft man es auch erschlug. Man versuchte, sich als normaler Bauer zu verkleiden, oder das Gold über Mittelsmänner einzutreiben, aber wie sehr man sich auf des Königs Befehl hin bemühte, der Fluch ließ sich nicht narren.
    Das Volk begann, unruhig zu werden. Die Kunde davon, was mit ihrem Gold geschah, wenn es in der Staatskasse landete, die keine war, verbreitete sich rasch. Viele erlegten eigenhändig jeden Marder, der ihnen über den Weg lief, aus Angst, ihren wenigen Ersparnisse könne dasselbe geschehen. Andere verlangten, man möge die Urheberin des Fluches, die keiner Folter nachzugeben schien, töten – was letzten Endes niemand zu tun wagte, aus Angst, der Zauber verflöge dadurch nie. Nachbarn und Freunde raubten sich aus, Bruder und Bruder gerieten in Streit, Wirte erdolchten ihre Gäste im Schlaf. Die Handelsstraßen wurden nicht länger befahren, weil der Zoll zu teuer wurde, die Wirtschaft brach zusammen. Im Reich herrschten Angst, Misstrauen, Hunger und Tod.
    Selbst Prinz Aureus, der in den Unruhen viele gute Freunde verlor, hielt seinen Vater an, Orophylla zu befreien und um Rat zu bitten, wie er den Fluch brechen solle. Immerhin sei sie die Einzige, die wisse, wie ihm das gelänge. Doch König Michael war nicht bereit, nachzugeben. Blind vor Wahn beutete er seine Untertanen immer weiter aus, bis alles Gold seines Landes zu Rost zerfallen war.
    Da erreichte ihn die Nachricht, dass sein eigener Sohn und Thronfolger auf einer nächtlichen Wanderung durch die Straßen überfallen und gelyncht worden war. Einen Augenblick starr vor Schreck beschloss er, die Verantwortlichen vor den Richter zu bringen. Die meisten seiner Wachen waren aufgrund der dauerhaft ausbleibenden Bezahlung dessertiert, und nur die Treuesten waren geblieben. Doch auch sie waren sich einig, dass der Goldene Michel selbst die Schuld für sein Leid und den Tod des Kronprinzen trug.
    Also holten sie die Hexe aus dem Kerker – sie brachten den Richter zum Verantwortlichen.
    Auch nach Wochen der Folter war Orophylla noch so schön wie zu dem Tag, da sie das erste Mal im Thronsaal erschienen war. Die unglaubliche Pein, unter der jeder hartgesottene Krieger eingebrochen wäre, hatte ihr nichts angetan. Der Marder strich um ihre Beine wie eine grotesk parodierte Katze.
    Den König hatten die anhaltenden Beschwerden und die Aufstände seiner Untertanen ausgezeht, nicht zuletzt aber war er an dem Kummer um seinen geliebten Sohn zerbrochen. Alt und müde hing er in seinem Thron, der einst vergoldet gewesen war, auf dem Haupt fehlte die güldene Krone. „Alchimistin“, sprach er die Hexe an, „du hast mir alles genommen, was mir teuer war. Erst mein Gold, dann meinen Sohn – und nun auch meinen Seelenfrieden!“ Er erhob sich mühsam, trat auf sie zu und ging vor ihr tief in die Knie. „Bring meine Seele dem Teufel, wenn es das ist, was du willst. Aber gib meinem Volk wieder, was ihm von mir genommen wurde, aber nicht wiederbeschafft werden kann“, flehte er inbrünstig.
    Orophylla sah auf ihn herab wie eine Gebieterin. „Dies sind die Worte, die Ihr schon viel früher hättet sprechen sollen. Um den Fluch wirklich zu brechen, müsst Ihr beweisen, dass Ihr sie auch im Herzen tragt.“ Sie gebot ihm, aufzustehen, und reichte ihm einen Schlüssel – eben jener, mit dem er zu Beginn seines Dilemmas um das rostende Gold die Schatzkammer versiegelt hatte. „Geht und öffnet die Tür, zu der dieser Schlüssel gehört. Entscheidet selbst, was zu tun ist.“
    Sogleich zog der König los zur Kammer, die er entleert und sinnentleert zurückgelassen hatte. Wie er die Türen aufriss, leuchtete ihm ein Berg aus Goldmünzen entgegen, mehr, als er je in seiner Kammer gehabt hatte. Ihm wurden die Augen weit vor Staunen, und die alte Gier regte sich in ihm. Doch er entsann sich der Worte Orophyllas und befahl, Säcke herbeizuschaffen und sie mit Gold zu befüllen.
    Mit seinen verbliebenen Wachen, alle mit einem Sack Münzen beladen, trat er vor des Palasts Tore, wo sich eine große Anzahl Unzufriedener zum Protest versammelt hatte. Michael griff in den ersten Sack und zog eine Handvoll Münzen hervor. Damit trat er an den ersten Mann, der in seinen Augen der Ärmste unter den Versammelten war. Ihm reichte er eine Goldmünze, bevor er sich dem Nächsten zuwandte, der das Gold am nötigsten hatte. Als die Menschen erkannten, was vor sich ging, wollten sie sich auf den König stürzen, um ihm die Münzen allesamt zu entreißen und das Meiste davon abzubekommen. Schützend stellten sich den Vandalen die Wachen und einige Freiwillige aus der Masse entgegen.
    Die Unordnung wurde geordneter, und aus der Schatzkammer des Königs erhielt jeder Bürger gerade so viel, wie er an den Fluch verloren hatte – keine Goldmünze mehr oder weniger.
    Das schlug sich entsprechend auf das Vermögen Michaels nieder. Als er wieder in die Kammer einkehrte, lag nur noch ein sehr geringer Teil seines einstigen Reichtums darin. Noch nie vor dem Fluch hatte er so wenig Gold im Besitz gehabt. Damals wäre er darüber unglücklich gewesen. Doch nun wusste er, dass der Reichtum seiner Untertanen auch der seine war und in ihren Händen einen wesentlich größeren Wert hatte als in der kalten, staubigen Kammer.
    Liebend gerne hätte er der Hexe – der Alchimistin – seinen tiefsten Dank dafür ausgesprochen, dass sie ihm die Augen geöffnet hatte. Doch Orophylla und ihr Marder waren verschwunden und wurden in Michaels Reich nie mehr gesehen.
    Die folgenden Jahre waren gezeichnet von der Güte und Großzügigkeit König Michaels. Nie mehr sollte er die Steuern erhöhen, nie mehr den Bauern das wegnehmen, was sie am nötigsten zum Überleben brauchten. Seinen Beinamen Goldener Michel behielt er bei, doch nun wurde er nicht mehr in Wut ausgesprochen, sondern in Dankbarkeit und Respekt. Um den Wohlstand auch nach außen zu sichern, stellte der König, der keine Erfahrung mit dem richtigen Umgang mit Gold hatte, einen Kaufmann als Berater ein und nahm dessen Tochter zu seiner neuen Königin.
    Der Fluch und seine Auswirkungen auf das kleine Reich sollten nie vergessen werden. So änderte Michael das Wappentier vom goldenen Hirsch zu einem braunen Marder, dem Gefährten Orophyllas. Seine Königin gebar ihm bald einen Sohn, den er in Andenken an das kleine Raubtier Martin taufte – von martes, dem Lateinischen für Marder.
    Ihm hinterließ er nach vielen Jahren weiterer Regentschaft ein Reich, das seinen gewandelten König letzten Endes sehr geliebt hatte. Und auch unter den folgenden Königen sollte das Erbe des Goldenen Michels nie verblassen.


    [tab=Und Verkauft!]Ich habe mal wieder so lange gezögert, jetzt haben sich wieder ein paar Texte angehäuft und anderes zu Erledeigendes… Ich bin faul wie ein Relaxo, deswegen habe ich mir ein neues Ava zugelegt xP

  • [tabmenu][tab=Gnarrf!]Meeensch, wieso krieg ich das nicht schneller hin?!


    Erstes Tab enthält „Ein Neuer Mond bricht an“ für den Innerer-Monolog-Wetti (den ich grade so gewann, höhö). Mein Ziel war es, Darkrai nicht als so bösartig darzustellen, wie es in den Spielen rüberkommt, aber auch nicht so wie im Anime-Film, dass man es nur missversteht. Hier ist es erst gut und wird zwar weitestgehend missverstanden, aber man soll sehen, dass es zu seiner bösen Form aufgrund dieser Vorurteile wurde, aber es nicht mehr gut ist. Oder so… Der Titel spielt sowohl auf die Mondphase an, die Darkrai zu eigen ist, als auch auf den Begriff Mond im Sinne von Monat, da hier für Darkrai eine neue Zeit anbricht. Darkrai


    Der zweite Tab war (mal wieder, grrk) für einen Wettbewerb, in dem man ein historisches Ereignis erzählen sollte. Hat mir an sich nicht so gefallen, das Thema (auch wenn ich mich natürlich nicht über den zweiten Platz beschweren will), aber die Idee war nunmal da und verlangte Umsetzung…


    Im dritten Tab findet sich „Bienenprinz“, auch Wetti; eine Person sollte hier eine Wahl treffen und der Entscheidungsweg nachvollziehbar dargestellt werden. Mag den Text sehr, auch wenn es scheint, dass einige Voter damals nicht ganz durchschaut haben, wie die Welt, in der die Handlung stattfindet, aufgebaut ist x3 Das Risiko besteht wahrscheinlich immer bei Fantasy… Die Namen der Charaktere sind an vielerlei inspiriert… Filla zum Beispiel heißt auf französisch „Zofe“ (wenn ichs recht im Gedächtnis hab… hab den Zettel bei meinem Umzug weggeworfen ._.), Nastir ist nach meinem verstorbenen Kater Tristan benannt, Vance nach einem Autor, der eine Kurzgeschichte namens „Die Mondmotte“ verfasst hat, Dynastes nach einer Atlaskäferart (oder ein anderer großer Käfer, fragt WikiSpecies). Prinzessin Lilymia hatte lange Zeit keinen passenden Namen, bis ich in der Commentsection von 9gag einen User mit diesem Nick gesehen habe. Hat mir auf Anhieb gefallen <3  Wadribie


    Zum Schluss ein (Wettbewerb)-Gedicht, in das man mit Pokémon-Bezug die Worte Orden, Schein und Legende einbauen mussten. Wie auch zB „Vom Gleichgewicht der Welt“ und „Glückskinder“ (wobei dieses ja eher ein Märchen und ohne Pokémon ist) erzählt dieses eine Legende, weil ich es irgendwie nicht mehr hinbekomme, Gedichte zu schreiben, die keinen geschichtlichen Aufbau haben. Ich nenne sie liebevoll „Gedschichten“; ich bin halt Geschichtenweberin und keine Poetin x3 Zumindest hats den Votern gefallen, und ich hab haushoch gewonnen :3
    Trotzdem will ich versuchen, meine nächsten Gedichte mehr lyrisch zu gestalten. Das kann ja wohl schlecht so bleiben << Arceus


    Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren ^^


    I mean it Ò.Ó[tab=Ein Neuer Mond bricht an]Ein Neuer Mond bricht an


    Angst – verstörende, verzehrende, vernichtende Angst.
    Tief in mir, an mir reißt die Angst vor dem Sterben, tausendfach stärker, als sie irgendjemand, selbst im Angesicht des Todes, empfinden kann. Doch es ist nicht meine. Ich bin unsterblich. Wie leicht es ist, das bei diesem Grauen, das mein Herz umfasst, zu vergessen.
    Meine Insel. Warum habe ich sie so leichtfertig verlassen? Verbrannt, von ihrer eigenen Asche bedeckt ist sie nun.
    Meine Schützlinge. Wie konnte ich ihnen den einzigen Schild nehmen, der sie vor ihrem schrecklichen Schicksal hätte bewahren können?
    Die gnadenlose Furcht, die sie mit ihren letzten Atemzügen verspürt haben, tränkt den farblosen Pulverstaub. Ich kann sie fühlen, als sei das Feuer, das meine geliebte Neumondinsel verwüstet hat, noch nicht verloschen. Liebe, sorglose Seelen, innerhalb nur weniger Augenblicke traumatisiert, scheinen überall zu sein.
    Ich bin unsterblich. Angst vor dem Tod muss ich nicht haben. Ich darf das nicht vergessen!
    Warum grabe ich so verzweifelt? Stoße meine schwarzen Krallenfinger immer und immer wieder ins tote Nichts? Ist der Glaube, hier noch auf Überlebende zu stoßen, nicht vollkommen irrational? Als könne ich noch Hoffnung an diesem Ort des Todes finden! Ich weiß nicht einmal, was Hoffnung eigentlich ist. Kenne nur das Gefühl der Verzweiflung, die soeben durch meinen Geist fließt – oder, in besseren Momenten, ihre Abwesenheit. Hoffnung muss das Gegenteil der Verzweiflung sein.
    Auch wenn es nur ein Samenkorn eines Baumes ist, den ich zum Gedenken meiner Schützlinge pflanzen und heranziehen kann – ich will irgendetwas finden!
    Ho-Ohs blindgläubige, normalsterbliche Anhänger verbreiten in der ganzen Welt, ich bringe Kummer und Not über alle Pokémon, in deren Nähe ich mich befinde. Deswegen herrsche, wo ich mich aufhalte, tiefste Schwermut. Sie können ja nicht wissen, dass es weder das ist, noch, dass ich mich von seelischer Qual angezogen fühle, mich daran labe. Ich kann keine Freude oder Glückseligkeit empfinden, keine positiven Emotionen. Und anderer Wesen Sorge überträgt sich stets auf mich.
    Ich verursache kein Leid, ich teile es. Nehme es in mir auf. Nehme es auf mich. Das ist meine ureigene, in dieser Welt einzigartige Fähigkeit.
    Da! Unter Asche und Staub, ein Körper. Schnell, vielleicht lebt es ja noch! Vielleicht bin ich doch noch rechtzeitig gekommen, wenigstens ein paar Leben zu retten! Wozu sollten Unsterblichkeit und das Dasein als Legende auch sonst gut sein?
    Es ist ein Pichu. Ein winzig kleines, erst wenige Tage altes Elektromäuschen. Ich erkenne es wieder, wie ich jedes Pokémon, das meine Insel bewohnt, persönlich kenne. Ihre Geschichte, ihre Wesenszüge, und vor allem die Schatten in ihrem Leben. Sein Fell ist tristgrau gefärbt, das schöne Sonnengelb vollständig verblasst.
    Es ist tot.
    Jetzt kommt zu der allgegenwärtigen, immateriell umherziehenden Angst und der lodernden Verzweiflung auch noch Trauer hinzu. Meine eigene, tief persönliche Trauer um dieses junge Leben, dem so früh – viel zu früh! – ein Ende gesetzt wurde. Meine Tränen benetzen das Fell, aber sie können es nicht wieder reinwaschen. Ich presse den kleinen Leichnam an mich, will das erstorbene Herz ganz nahe an meinem unsterblichen spüren. Warum, warum nur war ich nicht hier, um dieses Pichu, um sie alle zu beschützen?!
    „Verflucht seist du, Ho-Oh!“
    Das will ich rufen, mit aller Gewalt in die Nacht hinausbrüllen. Aber ich kann nicht. In mir war nie ein Funken Wut, genau wie Freude kann ich sie nicht empfinden. Wie soll ich da die Macht des Neumonds, die mir die Dunkelheit verleiht, zu etwas anderem einsetzen, als dafür, die Wesen zu verteidigen, die mir am Herzen liegen? Es ist meine Natur, und gegen die vermag ich nicht anzukämpfen. Nicht einmal rächen kann ich mich für das, was der Regenbogenvogel mit seinem himmlischen Feuer angerichtet hat! Jetzt verehren ihn seine Anhänger nur umso mehr, weil sie glauben, er tilge das Böse vom Antlitz der Erde.
    Unverständiger Irrglaube!
    Cresselia, meine Schwester. Wäre ich ihrem Hilferuf nur nicht gefolgt! Es war eine Falle, das begreife ich jetzt, und ich bin nichtsahnend und arglos mitten hineingetappt. Sie sollte mich ablenken, damit Ho-Oh, von mir ungestört, meine Insel in sein Inferno stürzt. Nach seiner verdrehten Logik meine schutzlosen Schützlinge von dem Elend erlöst, das ich in ihrem Leben angeblich heraufbeschwöre. Warum bist du nur auf seiner Seite, Vollmond?
    Ho-Oh, Cresselia, der ganze Verbund der Legenden, den der Regenbogenvogel zur Vetreibung des Teuflischen zusammensammelt, sie alle wissen, dass sie mich nicht töten können. Doch sie können mich zerbrechen.
    Und ich lasse es auch noch zu. Weil ich es nicht anders kenne, nicht anders kann, als mich von purer Trübsal durchfluten zu lassen. Diese mir eigene Fähigkeit und meine Unsterblichkeit als Legende – mein Fluch, den ich doch nur einsetze, um den Schmerz anderer Pokémon zu lindern.
    Die Seelen meiner lieben, treuen Freunde sind um mich. Ich kann sie alle spüren. Sie haben diesen Ort noch nicht verlassen, haben auf mich gewartet. Um Abschied zu nehmen? Ohne ein Wort zu vergehen? Mir Vorwürfe zu machen? Das Eine wäre mir am liebsten, mit dem Zweiten wäre ich einverstanden, und das Letzte habe ich verdient.
    Überraschend – keine dieser drei Möglichkeiten ergreifen sie. Reinweiß glühend, wie irrlichternde Feuer sind sie, so wunderschön. Sie kommen zu mir, Pichu allen voran, umtanzen mich, bekrönen mein Haupt. Kommen in meine Gedanken mit ihrem, meinem Schmerz; ihrer, meiner Not.


    Meinem Zorn.
    Welch ein Gefühl – so befreiend, beflügelnd, bemächtigend.
    Diese Schandtat darf ich nicht ungesühnt belassen. Pichu und seine Leidensgenossen haben das Recht auf Vergeltung – ich bin der Einzige, der sie ihnen verschaffen kann. Auf Kosten tausender Unschuldiger wurde mir alles genommen, was ich auf der Welt hatte, weil man mich für das Böse hält. Nun werde ich das sein, wovor sich die Anhänger des Regenbogenvogels so lange und bisher grundlos gefürchtet haben. Ich werde ihnen genügend Rechtfertigung verschaffen, in Panik zu fliehen, wenn sie nur meinen Namen vernehmen!
    Ho-Oh soll für sein Werk büßen. Auch er ist unsterblich, doch auch er hat eine Psyche, die zerschmettert werden kann. Seinen Jüngern werde ich dieselben grauenhaften Alpträume bereiten, wie sie meine Schützlinge haben durchleben müssen. Bis in alle Ewigkeit.
    Der Neumond hängt über meiner Insel. Saugt jedes Licht an sich, verschlingt es gleichsam wie jede Hoffnung auf Vergebung.
    Ich bin nicht mehr länger der Leidteiler. Ich bin der Nachtmahr.
    Ich bin Darkrai![tab=Das letzte Bild]Das letzte Bild


    Wie grausilberne Monolithe, errichtet von einer hochintelligenten, außerirdischen Spezies, ragten die Wolkenkratzer in den Himmel. Eine Wolke zog über dem Atlantik vor der Sonne vorbei und tauchte einige der Gebäude in ihren Schlagschatten; augenblicklich zückte Helen ihre Kamera und knipste ein Foto. Zwar käme dieses Motiv nie mehr rechtzeitig zum heutigen Redaktionsschluss, doch war das auch gar nicht nötig. Die nächsten Monat kommende Oktoberausgabe befand sich bereits in Vorbereitung, und man konnte nie wissen, wann und wie man interessante Motive gebrauchen konnte.
    Eigentlich hätte Helen jetzt in Los Angeles sein müssen, um mit ihren Arbeitskollegen den letzten Schliff vorzunehmen, doch war sie bei der baldigen Ausgabe kaum beteiligt. Deswegen befand sie sich noch immer auf der anderen Seite des Kontinents und besichtigte mit ihrer Schwester New York. Immerhin hatten sie nur zu dieser Zeit des Jahres Gelegenheit, etwas gemeinsam zu unternehmen.
    „Die Alte ist viel größer, als man sie sich vorstellt“, meinte Cassandra rundheraus, den Blick tief in den Nacken gelegt. Über ihnen ragte die spangrüne Majestät der Freiheitsstatue auf, wirkte aufgrund der Perspektive jedoch weniger ehrfurchtgebietend, denn als habe man sie in einen stumpfwinkligen Kegel gezwängt.
    Sogleich hob Helen wieder ihre Kamera und hielt den Augenblick für das Familienalbum fest.
    „Knuffig“, kommentierte die ältere Schwester und präsentierte Cassandra das Ergebnis. Ihre neuwertige Kodak DCS Spiegelreflexkamera war zwar ein schrecklich klobiges Etwas, das Ähnlichkeit mit dem Glöckner von Notre Dame hatte und sich eigentlich kein Normalsterblicher leisten konnte. Doch machte sie bemerkenswert scharfe Bilder, die man nicht zuletzt auf dem kleinen Display jederzeit betrachten konnte.
    Aber als Cassandra das Werk kritisch begutachtete, zog sie eine Schnute. Ihr Abbild aus Flüssigkristall machte mit seiner ungewöhnlichen Kopfhaltung einen reichlich stupiden Eindruck. „Du hast mich im wirklich blödesten Winkel getroffen. Ich dachte, du bist Profi!“
    „Klar bin ich das. Das macht die Kamera. Digicams sind doch schließlich die Vorboten des menschlichen Untergangs gegen die Maschinen!“ Während Helen die Worte ihres Vaters zitierte, als er ihr die Kodak zum Geburtstagsgeschenk gemacht hatte, äffte sie auch seine Handgesten und Tonlage nach.
    Jetzt musste Cassandra doch lachen, meinte aber mit unterschwelligem Ernst: „Das glaube ich weniger. Die werden noch ganz groß auf dem Weltmarkt werden, da bin ich mir sicher!“
    Gespielt salbungsvoll stimmte Helen ihr bei. Doch insgeheim wusste sie, dass ihre kleine Schwester damit Recht haben mochte. Ihre Mutter hatte bei der Namensgebung ihrer Töchter praktisch festgelegt, was aus den beiden mittlerweile geworden war: Während ihre Erstgeborene so schön wie ihre Namensvetterin Helena von Troja war, hatte die Zweite erstaunliche Fähigkeiten in der Wahrsagerei wie die Seherin Kassandra. Allerdings beinhaltete das nur flapsige Sprüche, und nicht einmal die trafen immer zu. Versuchte Cassandra, diese Begabung bewusst einzusetzen, scheiterte sie sogar völlig. Daher nahm Helen an, dass sie einfach nur besonderes Glück hatte mit dem, was sie so dahersagte.
    Ein weiteres Mal lichtete Helen die Skyline ab, weil diese in der Morgensonne wie aus Juwelen gefertigt funkelte. Gut, dass sie so früh auf ihre Rundfahrt gegangen waren, wenn auf den Inseln im New Yorker Hafen nicht viel Touristenandrang herrschte. Dummerweise war, wie sie genervt feststellte, eben geschossenes Foto das vorletzte verfügbare auf der Speicherkarte ihrer Digitalkamera. Noch eines, dann war das Medium voll. Vielleicht ließ sich ein Bild finden, das sie schon auf ihren Computer kopiert hatte …
    Ein Klingeln unterbrach ihre Überlegungen, welche Dateien sich am besten zum Löschen eigneten. Helen kramte in ihrer Handtasche, bis sie ihr Mobiltelefon fand.
    „Ist das Mom?“, wollte Cassandra wissen, als sie den Klingelton erkannte, den ihre ältere Schwester eigens für ihre Mutter eingestellt hatte.
    Missmutig nickte Helen. „War ja klar, dass ihr unsere Flucht nicht schmecken würde.“ Erzwungenermaßen nahm sie den Anruf an und flötete unschuldig ins Telefon: „Ja, Ellie hier?“
    „Helen!“, tönte es lautstark aus dem Hörer, und die Angefahrene erkannte in Ruths Tonfall Sorge, Verzweiflung und Erleichterung, im Gesamten Machtlosigkeit. Eine ungewohnte Mischung für ihre strenge, stets beherrschte Mutter. „Gott sei Dank, dass ich dich erreiche!“, sprudelte es am anderen Ende, gefolgt von einem Sammelsurium an unverständlichen Sätzen.
    Währenddessen erblickte Cassandra etwas am Himmel und machte ihre Schwester mit ihren Blicken darauf aufmerksam. „Ist ja komisch“, meinte sie. „Dieses Flugzeug fliegt ganz schön tief.“ Auch Helen und einige Umstehende wandten den Kopf. Tatsächlich glitt da ein Flieger abnormal tief über die Großstadt hinweg; aufgrund der Entfernung ließen sich weder seine genaue Höhe noch seine Geschwindigkeit abschätzen. War der Flughafen vielleicht überlastet, und es musste eine Ehrenrunde gedreht werden?
    „Schatz, wo bist du?“, fragte Ruth endlich etwas gefasster. „Bist du schon in L.A.?“ Es klang, als sei sie selbst von diesem Umstand nicht ganz überzeugt.
    Auch wenn Helen das Gespräch bislang unbehaglich merkwürdig vorkam und das Flugzeug sie kurzzeitig abgelenkt hatte, spaßte sie: „Sandy und ich sind auf meiner Insel!“ Das stimmte zwar nicht, da sie sich auf Liberty Island aufhielten, doch lag Ellis Island nur einen Steinwurf entfernt und gehörte zu den Zielorten der beiden Schwestern. Außerdem hatte Helen immer schon einmal diesen Scherz bringen wollen, der in ihrer Familie schon lange herumgeisterte, Ellis Island sei ihre Insel, da ihr Spitzname Ellie war.
    Während der Flieger Meile um Meile fraß, konnte Helen regelrecht hören, wie auf der anderen Seite der Leitung die Zahnräder knatterten, als Ruth den Sinn ihrer Aussage analysierte. „Du bist in New York?“, schlussfolgerte ihre Mutter endlich. „Du bist heute Morgen nicht nach Los Angeles geflogen? Dachtest du nicht, es sei vielleicht wichtig, mir das zu sagen?!“ Ruth klang mit jedem Wort, das sie sagte, zorniger. Aber auch erleichterter, was Helen nun gar nicht nachvollziehen konnte.
    Ruths älteste Tochter seufzte tief. Ihre Mutter war so ein unverbesserlicher Kontrollfreak, dass es schien, als habe man den Beruf der Fluglotsin im Boston Tower allein für sie eingerichtet. Alljährlich im September mussten Helen und Cassandra sie in ihrer Geburtsstadt besuchen – mindestens das eine Mal im Jahr. Mit fester Stimme stellte sie klar: „Mom, ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und noch dazu kein Flugzeug auf einem deiner Bildschirme. Ich muss dir nicht ständig meine Position durchgeben. Was ist denn überhaupt los?“
    Der Tiefflieger glitt immer näher heran wie ein gigantischer Albatros, der auf sein Nest zuhielt.
    Ruth antwortete: „Der Flug, mit dem du heute Morgen nach L.A. hättest fliegen sollen, wurde entführt!“
    Nur Helen hörte, was ihre Mutter sagte.
    „Oh, Shit“, stieß Cassandra aus. Eine Frau neben ihnen japste geschockt auf.
    Das Flugzeug legte sich leicht quer …
    „Schatz?“
    … und fuhr mit der Nase voran in einen Wolkenkratzer.
    Für einen Moment war es unnatürlich still auf Liberty Island. Dann erreichte sie der Schall eines furchtbaren Berstens und Donnerns, und die Besucher der Insel fingen entsetzt zu schreien an.
    „Helen, was ist da los?“, verlangte Ruth zu erfahren.
    „Ich … ich muss Schluss machen.“ Ohne auf den Protest ihrer Mutter zu achten, legte Helen auf.
    „Ellie, schieß sofort ein Foto!“, hielt Cassandra sie sogleich an. Sie schien nicht halb so erschrocken wie die anderen, nahm aber deren hastig diskutierte Theorien, was passiert sein mochte, auf: „Da ist bestimmt irgendwie der Pilot eingeschlafen. Über so einen Unfall wird man sich noch wochenlang das Maul zerreißen! Und du als Profifotografin kannst mit so einem Schnappschuss ein Vermögen machen!“
    Mechanisch, instinktiv den hellseherischen Fähigkeiten ihrer Schwester gehorchend, hob Helen ihre Kamera, legte in tausendfach geübter Geste den Finger auf den Auslöser – und zögerte im letzten Augenblick.
    Das Hochhaus funkelte wie eine kristalline Fackel, zuvor nur eine unter vielen, jetzt immer auffälliger zwischen den anderen Wolkenkratzern hervorstechend. Flammen züngelten an der Stelle, wo das Flugzeug ein grauenerregendes Loch gerissen hatte, aber keines sein sollte. Schwarzer Rauch stieg allmählich davon auf wie eine Feuerzunge – jedoch war diese nicht dazu angetan, die Dunkelheit mit ihrem warmen Schein zu erhellen, sondern im Gegenteil dem Tag das Licht zu stehlen. Es war ein kräftiges Motiv, das sich hier vor Helen wie auf dem Präsentierteller ausbreitete, das spürten ihre Instinkte als Fotografin. Und doch …
    „Ich kann nicht“, stammelte sie vor sich her.
    Cassandra, die von der Gefühlslage ihrer Schwester nichts ahnte, schnaubte ungeduldig: „Das ist doch ganz einfach! Du musst nur den Finger krümmen.“
    Wahrscheinlich sprach sie noch weiter, aber Helen hörte sie schon nicht mehr. Was ihre Ohren erfüllte, waren Schreie. Nicht die Rufe der Besucher der Freiheitsstatue und ihrer Insel, sondern die Schreie der Menschen, die in dem Gebäude in Feuer und unter Trümmern starben. Schreie des Schmerzes, des Entsetzens, der Angst – so als sei Helen mitten unter ihnen. Ihre Vernunft sagte ihr, dass das nur Einbildung sein konnte, und versuchte, diese mit Logik zu vertreiben. Doch die Illusion wurde nur stärker.
    Acht- und kraftlos ließ Helen ihre hochwertige Spiegelreflexkamera zu Boden fallen. Das letzte Bild, das je von der Skyline der Metropole aufgenommen wurde, auf dem sie so zu sehen gewesen war wie vor dem Einschlag des Flugzeugs, erlosch auf dem Display.
    In die Schreie der Sterbenden mischten sich allmählich die Worte, die Ruth gesprochen hatte. Hinterließen in Helens Geist, den Anblick New Yorks betreffend, eine fürchterliche Erkenntnis:
    Das war ihr Flieger. Sie wäre eine der ersten Toten gewesen.[tab=Bienenprinz]Bienenprinz


    „Ach weh, warum ist die Welt nur so ungerecht?“
    Lilymia, Kronprinzessin und Thronerbin des Königshauses der Bernstein-Fayee, kniete züchtig zwischen den Kissen ihres Schlafgemachs. Hinter ihr saß ihre Kammerzofe Filla, damit beschäftigt, das ringelblumengelbe Haar ihrer Herrin zu kämmen. Um ihr die Arbeit zu erleichtern, hatte Lilymia die sonnengoldenen Schmetterlingsflügel eingeklappt. Auf dem Schoß der Prinzessin ruhte ihre Hausbiene Nastir und summte wohlig unter den Streicheleinheiten, mit denen sie ihn voller Zuneigung bedachte.
    „Ich nehme nicht an, Ihr habt bereits eine Tendenz zu einem der Prinzen?“, erkundigte sich die Zofe.
    Die Bernsteinprinzessin sollte mit einem gleichaltrigen Prinz eines anderen Fay-Volkes vermählt werden, um die Königswürde an die nächste Generation weiterzugeben. Zu dieser Ehre hatten sich Vance von den mottenflügeligen Mond-Fayee und Dynastes der nomadischen Berg-Fayee angeworben. Die letzten Tage hatte Lilymia viel Zeit mal mit dem einen, mal mit dem anderen verbracht, um sie beide näher kennenzulernen. Da sie sich nicht für einen entscheiden konnte, auch wenn die beiden Prinzen unterschiedlicher nicht sein konnten, erhoffte sie sich nun hilfreichen Rat von ihrer besten Freundin.
    Versonnen meinte Lilymia: „Nun, ich bin von beiden äußerst angetan.“
    „Aber liebt Ihr einen von ihnen? Ihr wolltet immer einen Gemahl, den Ihr liebt und der Euch liebt.“
    Daraufhin lächelte die Prinzessin nostalgisch. „Seit ich ein Kind war. Ich liebe sie beide nicht, aber ich glaube, mit der Zeit kommt auch die Liebe, wenn wir erst einmal vermählt sind …“
    Nastir hob den Insektenkopf und leckte mit seinem Labium zärtlich ihre Hand, wie er es häufig tat. „Aber wie jede Prinzessin“, fuhr Lilymia fort, „wünsche ich mir auch einen starken Beschützer. Dynastes ist wie ein Krieger aus alten Sagen mit der Kraft eines Herkuleskäfers!“ Und welche Frau sehnte sich denn nicht nach einem Mann, der einen mehrere Faylängen messenden Hundertfüßer mit bloßen Händen bekämpfen konnte?
    Die Zofe ging dazu über, der Königstochter einen Zopf für die Nacht zu flechten. „Erlaubt Ihr mir, frei zu sprechen?“, begann Filla vorsichtig.
    „Ich bitte um deine ehrliche Meinung“, forderte Lilymia bestimmt.
    „Wenn das Euer Begehr ist“, fuhr die Kammerzofe fort, „so sehe ich in ihm wie in jedem Berg-Fay einen grobschlächtigen Hünen. Ich müsste mir bei ihm Sorgen um das körperliche Wohl Eurer Zartblumigkeit machen, wenn Ihr zum Vollzug Eurer ehelichen Pflichten mit ihm kämet. Außerdem ist sein Antlitz mit dieser Narbe, mag sie in den Bergen auch als Symbol seines Mutes und Ansehens gelten, hier im Goldenen Feld eher unästhetisch.“
    Als Lilymia den Kopf nachdenklich schräg legte, wurde Filla bei ihrem Werk gestört, beschwerte sich jedoch nicht. „Du hast Recht“, räumte ihre Herrin ein. So hatte sie das noch nicht betrachtet: Der König an ihrer Seite sollte in gewisser Weise auch zu ihr passen. „Was mannhafte Schönheit betrifft, so ist Vance eindeutig die bessere Wahl. Außerdem ist er sehr höflich und setzt seine Worte mit Bedacht.“ Der Mondprinz gab ihr wie kein anderer das Gefühl, eine echte Prinzessin des edelsten aller Fay-Völker zu sein.
    „Bedacht durchaus“, stimmte Filla zu. „Bedacht auf seinen eigenen Vorteil. Er will nichts anderes als die Bernsteinkrone, weil er als sechstgeborener Prinz bei den Mond-Fayee keine Chance hat, jemals König zu werden. Er ist nicht ganz ehrlich – Prinz Dynastes jedoch trägt im Gegenteil dazu sein Herz etwas zu sehr auf der Zunge.“
    Lilymia kicherte: „Kann man es dir denn überhaupt recht machen?“
    „Ich sorge mich nur um Euer Wohlergehen, Herrin“, stellte Filla klar. „Euer zukünftiger Gemahl darf keinen schlechten Einfluss auf Eure Redlichkeit haben. Der eine würde Euch, um seine Ziele zu erreichen, rücksichtslos in seine Machenschaften einspannen; der andere hielte Euch dazu an, wie er in aller Öffentlichkeit zu sagen, was Ihr denkt, so unpassend es auch sei.“
    „Aber sind Dynastes‘ stete Heiterkeit und herzliches Lachen nicht ansteckend?“, tirilierte die Prinzessin, strich über Nastirs papierdünne Bienenflügel und ignorierte desweiteren Fillas Bedenken. „Vance hingegen mag als Mond-Fay kein solcher Scherzbold sein, doch ist er sehr belesen. Zu allem scheint er etwas zu wissen, als stünde er in telepathischem Kontakt mit allen Spinnen, ganz wie das Orakel Aranida. Bei ihm könnte ich noch so vieles lernen!“
    Mit einem Haarband versiegelte Filla den Flechtzopf. Sie hielt der Prinzessin entgegen: „Die Witze des werten Bergprinzen sind bisweilen zu derbe für die Sitten der Bernstein-Fayee. Und was Prinz Vance betrifft, so glaube ich, wird er Euch mit seinem Wissen und seiner Beredtheit bei Streitgesprächen regelrecht hinfortargumentieren. Wollt Ihr Euch wirklich das Befehlswort nehmen lassen?“, fragte sie rhetorisch.
    Die Prinzessin seufzte und ließ sich nach hinten aufs Bett fallen, breitete noch in der Bewegung die schillernden Flügel aus, um sie nicht zu zerknittern. „Musst du sie mir denn beide madig machen?“, klagte sie und drückte Nastir an sich.
    Filla erhob sich vom Bett und räumte die Frisierutensilien fort. „Ich habe den Eindruck, dass ich das tatsächlich gar nicht mehr muss. Ihr hegt bereits Eure eigenen Zweifel gegen sie, nicht wahr?“
    Lilymia antwortete nicht. Sie streckte die Arme durch, hob Nastir hoch über sich. Sah dem Drohn in die dunkelbraunen Facettenaugen, die viel größer waren als bei Bieninnen. Wer wusste, wie oft sie noch Gelegenheit dazu bekommen würde?
    Berg-Fayee kämpften von frühester Jugend an gegen Hornissen, die ihre wandernden Clane regelmäßig angriffen. Mond-Fayee bewohnten tagsüber lichtisolierte Baumhöhlen, weil ihre nebelblasse, empfindliche Haut den Sonnenschein nicht ertrug. Daraus ergab sich, dass Dynastes alle Hautflügelinsekten auf den Tod nicht ausstehen konnte, und Vance eine Allergie gegen Bienenhaar entwickelt hatte. Beide hatten sie unabhängig voneinander klargestellt, dass sie Lilymia nur heiraten würden, wenn diese Nastir weggab.
    Doch das konnte sie nie und nimmer tun. Seit Kindesflügeln an vertraute sie dem Drohn selbst die persönlichsten Dinge an, die sie nicht einmal Filla verriet. Ohne ihn würde etwas in ihrem Leben fehlen.
    Sie führte Nastir an ihr Gesicht, vergrub die Nase in seinem goldschwarzen, flauschigen Thoraxfell. Tief atmete sie den geliebten Duft nach Waldblütenhonig ein. Alle Bienen rochen auf ihre eigene Weise nach Honig, doch diese spezielle Note gehörte ganz allein zu Nastir.
    Warum war die Welt nur so ungerecht?


    Es war mitten in der Nacht, als Lilymia von etwas geweckt wurde. Erschrocken setzte sie sich auf, doch es war kein Laut zu vernehmen. Zuerst lauschte sie in die Dunkelheit ihrer Gemächer hinein, bis sie feststellte, dass sie wirklich nicht alleine war.
    „Filla?“, fragte sie leise. „Bist du das?“
    „Nein. Filla ist nicht hier“, kam prompt die verständnisvolle Antwort.
    Die Bernsteinprinzessin umklammerte ihr seidenes Bettlaken. Eine fremde Männerstimme!
    „Wer zum Höllenskorpion bist du? Wie kommst du in meine Gemächer?“, verlangte sie, weit weniger gebieterisch als beabsichtigt, zu wissen. Am Rande gemahnte sie, dass Nastir nicht an seinem Platz lag. Seine abwesende, friedlich zu ihren Füßen eingerollt schlafende Präsenz beunruhigte sie zusätzlich.
    Im Tonfall des Eindringlings klang keine Angriffslust. „Ich will dir bei deiner Entscheidungsfindung helfen.“
    Misstrauisch kniff Lilymia die Augen zusammen. Welch unerhörte Dreistigkeit, eine Prinzessin ohne Titel anzureden und wie eine Bäuerin zu duzen! „Woher weißt du überhaupt von meinem Dilemma? Bis auf meiner Zofe habe ich niemandem davon berichtet.“ Geschockt riss sie die Augen auf. „Sie wird es dir doch nicht etwa preisgegeben haben?“ Aber eigentlich glaubte sie das selbst nicht. Filla war ihr gegenüber viel zu loyal für einen solchen Verrat.
    „Glaube mir, ich kenne dich viel besser, als es Filla tut.“ Endlich trat der Fremde aus der Finsternis in den einfallenden Sternenschein. Was Lilymia zuerst auffiel, war sein schwarzes Haar, das das Licht gold-metallisch glänzend einfing. Auf den zweiten Blick erkannte sie den schlanken, athletischen Körper – völlig unbekleidet!
    Vor empörtem Schrecken hob die Prinzessin gegen ihn die Hand. „Wehe, du kommst näher, lüsterner Spanner!“ Da entsann sie sich ihrer königlichen Befehlsgewalt, holte Luft, um ihre Wachen zu rufen.
    Bevor sie ihr Vorhaben umsetzen konnte, sprang der fremde Fay vor, beugte neben ihrem Bett das Knie, ergriff ihre Hand und sagte eindringlich: „Lilymia, bitte hör mich an!“ Er küsste galant ihren Handrücken; die Vertrautheit dieser Geste ließ ihren Atem stocken. Seine Augen, von der Farbe lebendigen, fruchtbaren Waldbodens, sahen sie an, als wolle er jeden ihrer Wünsche erfüllen. Als er ihr ein hinreißendes Lächeln schenkte, schmolz sie dahin wie Wachs in der Sonne. Beim Weltenschöpfer Skarabäus, der die Erdkugel geformt hatte – sah er gut aus!
    „Nimm keinen von ihnen“, riet der Fremde, doch Lilymias umnebelter Geist verstand nicht, was er meinte. Hinter ihm konnte sie seine Flügel sehen: Schmal, an den Enden abgerundet und durchsichtig wie Kristallglas. Als Königstochter musste sie alle Fay-Völker und ihre Eigenheiten kennen, doch diese Flügelform war ihr gänzlich unbekannt.
    Er sprach weiter: „Mit beiden wirst du nur unglücklich werden. Diesen Gedanken könnte ich nicht ertragen, so weit ich auch von dir entfernt wäre.“
    Plötzlich zog er sie an sich und schloss sie in eine sanfte Umarmung. Lilymias Flügel zuckten nervös, aber sie mochte sich nicht gegen ihn zur Wehr zu setzen. In seinen Armen fühlte sich die Prinzessin so sicher und geborgen, dass sie ganz schläfrig wurde. Um ihre Nase wehte ein Duft, der diesen Effekt verstärkte – süß wie Karamell und würzig wie Kiefernnadeln.
    Bevor sie wieder einschlief, hörte Lilymia den Fay sagen: „Niemand darf uns jemals trennen. Wir werden für immer zusammenbleiben.“[tab=Eine Flöte von Azur]Eine Flöte von Azur


    Vor unendlich vielen Jahren,
    als jung Erd‘ und Himmel waren;
    zu jener mythenschwang’ren Zeit
    lebten einst mit der Menschheit
    und den sterblichen Pokémon
    leibhaftig Götter in der Welt
    unterm Schein der heil’gen Sonn‘,
    die jedes Leben sanft erhält.


    Doch ihre Mächte plötzlich schwanden,
    als in allen Erdkreislanden
    Menschen Taten für sich entdeckten,
    die Sündhaftigkeit in ihnen weckten.
    An die Götter die Hoheit
    Arceus erließ darum das Gebot:
    „Verbergt euch, schützt eure Reinheit
    - oder wählt den Schwächetod.“


    In Wälder, Höhlen, auf Inseln zogen sie
    und man sah sie nimmer nie.
    Auch versetzte sich in Traum
    Arceus selbst in verschloss’nem Raum.
    Und als einz’gen Weg zurück
    hinterließ gnädig den Menschen nur,
    aus einem Himmelsbruchstück,
    eine Flöte von Azur.


    „Nicht die den Lastern verfielen
    - nur ein Mensch kann sie spielen:
    Ein reines Herz guten Sinns
    öffnet die Halle des Beginns.“
    So wurde es verkündet.
    Und zu finden, so denn geschieht’s,
    der, die Auserwählte, gegründet
    der Orden des Himmellieds.


    Sodann verflog eine Ewigkeit,
    und in der Menschen Vergesslichkeit
    ging das Instrument verloren.
    Doch ist, wer dazu auserkoren,
    zum Azurflötenspiel bereit,
    ist’s der Götter Warten Ende,
    und Arceus wird endlich befreit.
    So erzählt es die Legende.[/tabmenu]

  • Ja huhu! „Eine Flöte von Azur“ hat es mir wirklich sehr angetan, weshalb ich da mal einiges zu sagen mag.


    Während des Lesens ist mir aufgefallen, wie sehr ich doch in höchsten Tönen deine Wortwahl loben muss. Ich bin vollends begeistert! Selbst versuche ich meinen Wortschatz dahingehend zu erweitern, da ich eine große Auswahl an Worten, gerade in der Lyrik, für unglaublich wirksam halte. In deinem Fall ist es eben so, dass du dadurch Sachen wie Metrum besser regulieren oder einfach den gesamten Stil des Gedichtes beeinflussen kannst. Da ziehe ich erst einmal meinen Hut vor.
    Auch sonst muss ich sagen, dass du wirklich toll mit der Sprache selbst umgehen kannst. Ein Beispiel:


    Und als einz’gen Weg zurück


    Wenn ich in die Versuchung komme, zu dichten, habe ich oftmals mit der Silbenanzahl zu kämpfen. Du hingegen scheinst da ad hoc sprachliche Möglichkeiten zu haben, eine Silbe zu streichen und dabei völlig gut zu klingen. Der Neid-Pegel hält sich also weit oben auf bei mir.
    Ebenso gefällt mir deine inhaltliche Arbeit im Gedicht unglaublich gut. Es fängt schon damit an, direkte Rede in das Gedicht einzubauen, wodurch es auf mich um einiges lebendiger wirkt. Es kommt mehr Bewegung in's Gedicht und man kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, schnell am Ende des Gedichtes ankommen zu wollen, weil man davon genug hat.
    Insgesamt ein, meiner Meinung nach, sehr gelungenes Gedicht, an dem es absolut gar nichts auszusetzen gibt :) Ich denke, dieser Platz im Profi-Bereich ist mehr als berechtigt, um das einmal am Rande zu erwähnen!

  • [tabmenu][tab=Resignation…]*just stops complaining about how she is not able to post earlier*


    Zu diesen Abgaben gibt es eigentlich fast nix zu sagen =/ Sind alles Wettitexte, hab zurzeit nix anderes auf meinem Computer (aaaber ich arbeite da an etwas ^^)


    Zum zweiten Tab: Was ist Liebe? Gawd, hab ich da rumjongliert… ich wollte aus jeder Generation genau ein Pokémon (bzw bei Volbeat und Illumise zwei zusammengehörende) nehmen und jedes sollte nur eine Strophe haben (mit Ausnahme von Mew und Mewtu). Dabei sollte auch jede Form der Liebe genannt werden, die mir so in den Sinn kam. Vor allem der Vers jeweils in der Mitte einer jeden Strophe bitte ich mit wachem Auge zu interpretieren ^^ Ich weiß, Eigenlob stinkt, aber ich mag dieses Gedicht einfach <33 Mew


    Zum vierten Tab: Eichenfest. Ein Animal-Crossing-Wild-World-Fangedicht. Die ersten und letzten zwei Verse (die identisch sind, cough) sind original aus dem Spiel übernommen von Tört… hoppla, ich meine natürlich dem Eichenmann. Es beschreibt, oh Wunder, das Eichenfest. Wollte möglichst alle Aspekte davon einbringen. Seit Neujahr bin ich ACNL-abhängig und hab ACWW nicht mehr gespielt (habs aber schon noch vor… denk ich), aber ACWW wird immer einen besonderen Platz in meinem Gamer-Herzen haben <D


    Stolpert nicht über Großbuchstaben ^^ Die ragen manchmal echt gefährlich heraus D:
    :pika:[tab=1. Sing.]Entsprechend Wettiaufgabe inspiriert vom Liedtext von


    Sing.


    „Sing, mein Vögelchen. Sing.“
    Er ist wieder da. Wie jeden Morgen, jeden Abend. Stets genau zur Dämmerung: Morgens, wenn der Kreis der Sonne über dem fernen Horizont sichtbar wird, und bleibt, bis das feurige Gestirn der Umklammerung des Meeres entkommt. Abends, wenn ihre untere Krümmung in den Fluten zu versinken beginnt.
    Wie immer kündigt er sich an, indem das Wasser weit unter mir einen Reigen aufführt, einen Mahlstrom heraufbeschwört, der die Welt zu verschlingen scheint. Dann steigt es, richtet sich auf, bildet einen Berg aus flüssigem Kristall. Nimmt Form an. Und steigt immer weiter, immer höher bis in den grauen Himmel hinein. Schon bald materialisiert sich seine Gestalt, ein Gigant, ein Titan ganz aus Wasser, der seine Augen öffnet und zu mir herabblickt.
    Er hebt die Arme, die ausgebreitet weiter reichen als das Meer. Hält die riesigen Hände beiderseits meines Käfigs, die Finger zu Klauen gekrümmt. Er besitzt mich und zeigt mir das jedes Mal, wenn er erscheint – ihm reicht es nicht, dass ich hinter metallenen Stäben mein Dasein friste. Ich bin seine Gefangene, sein Eigentum, das soll ich so oft wie möglich spüren.
    Wie immer verlangt er nur eins von mir. Es ist der einzige Grund, weswegen er mich gefangen hält. Seine Stimme dröhnt durch die Welt und bringt ihr Gefüge zum Beben:
    „Sing, mein Vögelchen. Sing.“
    Und ich singe. Ein einfaches Lied ohne jede Worte, eine Melodie, so lieblich und sanft, wie ich mir die Freiheit vorstelle. In jeden Ton, in den ganzen Klang meiner Stimme lege ich meine eigene Fantasie von einem Leben außerhalb der Gitterstäbe; fern vom Ozean mit seiner Endlosigkeit, die mich einsperrt; eine Freiheit weit drüben in den Bergen hinter dem Horizont, die ich sehe, wenn die Luft wie so selten klar ist. So unerreichbar sind sie – eine Unendlichkeit entfernt.
    Ich singe, er lauscht, bis die Sonne unter dem Horizont versinkt, ihre Feuer im Meer verlöschen. Rauschend sinkt er in sich zusammen. Wird Eins mit dem Wasser, das sich durch die ganze Welt erstreckt, in der ich gefangen bin. Mein Käfig thront auf einem Eisenstab, der so tief im Meeresboden steckt, wie der Ozean an Tiefe misst, und ebenso hoch über die Wasseroberfläche ragt. Dies ist mein Kerker. Von hier kann ich aus eigener Kraft nicht entkommen; und so warte ich auf jemanden, der mich rettet. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig.
    Das Wasser wird ruhig, die Wellen flach. Er ist gegangen.


    Das Licht des Tages ist gänzlich verloschen. Finsternis breitet sich aus. Sie verhüllt den endlosen Ozean, macht mich glauben, dass er mich nicht länger umgibt. Ich sehe hinauf in den Himmel, wo ungezählte Sterne funkeln. Einer erstrahlt ganz besonders hell, und wie jede Nacht habe ich das Gefühl, er leuchte nur auf mich herab. Mal glaube ich, dass er mich verspottet; mal, dass er Mitleid mit mir empfindet.
    Aber oft denke ich mir, dass er mir zeigen will, was ich sein kann. Wenn ich frei wäre wie ein Stern.
    Ich ziehe die Beine an, umfange die Knie mit den Armen. Wie lange ich hier schon bin, weiß allein die Zeit. So weit meine Erinnerungen zurückreichen, sitze ich in diesem Gefängnis aus Wasser und Unendlichkeit, singe jeden Morgen, jeden Abend meinem Kerkermeister.
    „Warum fliegst du nicht?“
    Ich sehe auf. Es ist eine Stimme, so lieblich und süß wie die meine – doch nicht ich war es, die gesprochen hat. Noch nie habe ich jemanden außerhalb der Eisenstäbe gesehen außer den Meerestitanen. Doch tatsächlich schwebt dort jemand und sieht gütigen Blickes zu mir herein. Auch das ist so unvertraut – sie will mich nicht besitzen, wie es die Klauenhände tun.
    „Ich kann nicht“, erwidere ich.
    Sie lacht und schlägt mit den wunderschönen, weißen Schwingen, um sich in der Luft zu halten. Federn lösen sich und entschwinden mit dem Sternenlicht in die Nacht. „Natürlich kannst du das! Du hast doch Flügel!”
    Ich wende den Hals und besehe mir, was sich aus meinen Schultern erhebt. Ja, ich habe Flügel, bedeckt von reinweißen Federn, die den Wind nur spüren, wenn er durch meinen Käfig tanzt – ihn aber nie im Flug eingefangen haben. „Ich habe sie noch nie benutzt …“
    Wieder schenkt sie mir ein erfreutes Lachen, das nach Sternenglanz und Freiheit klingt. Es durchdringt mich bis in mein Innerstes und berührt mein Herz. „Aber wenn du nicht zum Fliegen gemacht wärest, hättest du doch gar keine Flügel!“ Sie streckt die Arme zwischen den Metallstäben hindurch zu mir, öffnet die Hände, einladend die Flächen nach oben gedreht, die Finger zart wie Federn.
    „Ich kann hier nicht raus.“
    „Du kannst alles tun.“ Ihre Stimme tönt sanft.
    Ich lege meine Hände in ihre. Sie schlägt wieder die Schwingen, zieht mich zu sich heran. Wie Wind durchdringe ich die Eisenstäbe, Sternenlicht erhellt meine Dunkelheit. Frei …
    „Ich bin frei! Ich habe es geschafft!“, rufe ich.
    „Natürlich”, sagt sie und drück mich eng an sich. „Was auch immer es ist: Wenn du all deine Sinne darauf einsetzt, kannst du alles tun.“
    Ich hebe den Blick zu ihr; der Glanz ihrer Augen ist der der Sterne. Wenn ich ihn sehe, kann ich es tief in mir spüren: Mein Herz, das lebensfreudig schlägt, erfüllt ist von einem Willen, der sich jede Freiheit erkämpft, die er sich wünscht. Keine Eisenstangen, keine Wasserklauen, keine Unendlichkeit, die diese Kraft aufhalten kann. Sie war immer in mir, doch sie konnte sich mir nicht offenbaren. Es hat diese wunderbare Stimme gebraucht, um sie zu erwecken.
    „Komm“, sagt meine Befreierin. „Flieg mit mir!“ Sie entlässt mich aus ihren schützenden Armen, doch halt mich noch immer führend an einer Hand.
    Die Herzenskraft bahnt sich ihren Weg in meine Flügel, um sie mit sich zu erfüllen. Auch ich schwinge sie nun auf und ab, wie meine Retterin es tut. Spüre die Luft, wie sie um die Federn streicht und sie sanft zum Vibrieren anregt, als sollten sie singen. Der Wind wird mich tragen. Ich will nie wieder singen!
    Wir fliegen los, Hand in Hand. Sie zieht mich hinter sich her, führt mich durch diese Welt, in der die Nacht das Meer hat unsichtbar werden lassen. Höher hinauf, als mein Käfig reicht, in den Himmel hinein – und darüber hinaus. Bis auch das verdunkelte Wasser ganz in meiner Erinnerung verschwindet und auch dort seine Existenz verblasst. Sterne stehen über uns; ich muss nur die Hand ausstrecken, um meinen hellsten Stern zu berühren. Jetzt erstrahlt er in unbändiger Freude für mich, dass ich den Himmel erreicht habe, um frei wie er zu sein.
    Nun sinken wir wieder hinab, lassen die Windböen unsere Körper und Flügel umschmeicheln, vertrauen uns ihnen ganz und gar an. Aus der Dunkelheit erheben sich Formen, schartig und fester als Wasser, undurchsichtig. Es sind die Berge, die ich bislang nur als Schatten am Tage zu sehen bekommen habe. In so großer Ferne, dass ich dachte, sie nie erreichen zu können, selbst wenn ich je an den Eisenstangen vorbeikäme. Doch jetzt erkenne ich, dass sie nie so fern gewesen sind. Dass ich mir immer nur vorgemacht habe, nicht ausbrechen zu können.
    Wir gleiten zwischen den Gipfeln hindurch, um die die Böen tanzen. Tauchen in tiefe Täler ein, die erfüllt sind von freien Winden, in denen sich der Sternenglanz bricht. Es funkelt und glitzert in den Schatten, netzartige Reflexe besprenkeln die Berge.
    Wasser. Überall Wasser. Es strömt in die Täler, steigt über die Berge. Bedeckt bald die Welt bis in jede Unendlichkeit. Findet sich zum Reigen zusammen und beschwört einen mächtigen Mahlstrom herauf.
    Verschlingt den Traum.


    Er erhebt sich hoch über meinen Käfig. Seine Augen sehen zu mir herab. Er hält die Klauenhände beidseitig meines Käfigs, besitzergreifend wie jeden Abend, jeden Morgen. Durch den gigantischen, kristallklaren Körper schimmert das erste Sonnenlicht eines neuen Tages.
    „Sing, mein Vögelchen. Sing.“


    [tab=2. Was ist Liebe?]Was ist Liebe?


    Mew erwacht aus tiefem Schlummer
    mit seines Traumes bösem Kummer,
    dass es nicht weiß, was Liebe ist,
    was es stimmt so furchtbar trist.
    So denkt es sich in seinem Geist:
    „Am besten sollt‘ ich and’re fragen,
    was sie zu dieser Sache sagen!“
    Und befindet, es sei weise,
    anzutreten eine Reise.


    Begegnet zuerst im Wiesengebiet
    dem Liebespaar Illumise-Volbeat.
    „Liebe ist, sein Licht zu finden,
    sich mit des and’ren Herz verbinden,
    den du Verwandten deiner Seele heißt.
    Zusammenleben, mit Vergangenheiten
    gemeinsam zur Zukunft voranzuschreiten
    und stets füreinander dazusein.“
    Sprachen’s; Mew lässt sie allein.


    Als nächstes, in Felsenlandschaft,
    findet Mew ein Wesen großer Kraft:
    Kangama, Mutter eines Kleinen.
    „Liebe ist, will ich doch meinen,
    sein Kind, ob brav, ob dreist,
    jede Nacht, auch bis zum Morgen,
    ja tagtäglich zu umsorgen.
    In allem, was es will, unterstützen,
    es wachsen seh’n und es beschützen.“


    Denkt nun, dass es die Antwort hätte,
    gelangt Mew an eine Ruhestätte.
    Fragt dort an eines Grabes Steine
    Morbitesse, warum es weine?
    „Mein Trainer, den geliebt, mit dem gereist,
    liegt friedlich hier begraben.
    Auch wenn die Sterne haben
    mir’s vorausgesagt – hab’s lang gewusst –,
    schmerzt mich doch sehr dieser Verlust.“


    Auf einer bunten Blumenwiese
    haucht der sanftmüt’ge Riese
    Meganie welken Blüten Leben ein.
    Auf jene Frage: „Sie wird immer sein,
    sofern dein Herz nicht ganz vereist,
    Glück auch für die zu erstreben,
    die dir selbst nichts können geben.
    Dankbarkeit macht mich heiter!“
    Mew nickt darauf und fliegt weiter.


    Glaubt zwar nicht, dass Liebe kennt,
    doch wie Mew die Frage nennt,
    erwidert der Troll Brigaron:
    „Das weiß ich durchaus schon!
    Wenn man sich vor seine Liebsten schmeißt,
    ohne Rücksicht auf eig’nes Heil,
    sich hineinschiebt wie ein Keil
    zwischen sie und die Gefahr.“
    Und Mew findet: Das ist wahr!


    Zuletzt folgt Mew dem telepathisch‘ Ruf
    des Pokémon, das Gefühle einst erschuf.
    Vesprit spricht: „Lass mich antworten,
    denn Liebe ist, dass allerorten
    – horche gut, damit du’s weißt –
    ein Jeder Grund zu leben habe.
    Denn ohne der Liebe Gabe
    wäre das Leben nur langes Leiden,
    würd‘ sich vom Sterben nicht unterscheiden.“


    Mew kehrt heim zu Mewtu,
    das verwundert fragt: „Wo warst du?“
    „Ich ging, die Liebe zu erkunden,
    hab‘ viele Antworten gefunden.
    Doch was mir nun im Kopfe kreist:
    Partner, Familie, and’re Wesen – einerlei,
    Leben schaffen, bewahren, sogar wenn’s vorbei,
    eint in sich Verstand und Triebe.
    Doch was ist sie nun, die Liebe?“


    Mewtu grübelt, verstummt sogar,
    legt dann seine Gedanken dar:
    „Du verlangst genaue Definition?
    Dabei scheint’s, diese Emotion,
    die jeder so hoch preist,
    – es ist ebenso leicht wie schwer –
    besteht aus alledem und mehr;
    man gibt davon und man erhält.
    Die Liebe ist die ganze Welt!“


    [tab=3. Super Smash]Super Smash


    Der Kampf begann. Nicht überraschend, aber ziemlich plötzlich, war Link doch nicht darauf vorbereitet, dass sein Kontrahent sofort auf ihn zuhielt. Bevor er sich recht koordiniert hatte, traf ihn bereits ein Blitz, der ihn von seiner Plattform hinab auf die darunterliegende schleuderte. Er fing sich, stieß einen Kampfschrei aus und lief mit schwingendem Schwert auf Pikachu zu. Dieses bewegte sich ebenso agil, wie es seinen ersten Angriff gegen den Hylianer geführt hatte, und wich einfach aus.
    Du flinke kleine Ratte …
    Ehe Link sich’s versah, rammte das Pokémon ihn aus nächster Nähe, einen Schweif zuckender Blitze hinter sich herziehend. Die Attacke fegte ihn beinahe von der Stage; nur mit Mühe gelang es ihm zu verhindern, in die Tiefe zu stürzen. Rasch suchte der Schwertkämpfer eine erhöhte Position, um daraus einen möglichen Vorteil zu erzielen. Als er ansetzte, einen erneuten Streich gegen Pikachu auszuführen, fiel ihm ein tanzendes Item auf der untersten Plattform ins Auge.
    Jetzt mache ich dich fertig!
    Sofort sprang Link auf den Gegenstand zu, um mit seiner Hilfe die Macht des Triforce anzurufen …



    Mein Smartphone vibrierte ratternd.
    Wie immer, wenn ich von einem Spiel mitgerissen wurde, war ich mit meinem Spielcharakter zu einer Einheit verschmolzen. Jetzt von dem fremden Geräusch aus diesem Zustand intellektueller Entrückung gerissen zu werden, fühlte sich an wie ein Sturz aus großer Höhe. Ich verlor die Konzentration, was Steff sofort ausnutzte: Eine Aura gelben Lichts erblühte von Pikachu ausgehend auf dem Bildschirm und traf Link mit vernichtender Elektrizität.
    „So gewinnst du nie“, meinte Steff neckisch, als meine Spielfigur zum wiederholten Mal an diesem Abend auf der obersten Plattform gespawnt wurde. Die Zeit war noch längst nicht abgelaufen, doch es war mehr als unwahrscheinlich, dass ich noch was rausreißen konnte.
    „Du hast immerhin schon Übung“, rechtfertigte ich mein Versagen. „So lang ist das neue Smash Bros noch gar nicht draußen. Ich spiel das zum ersten Mal.“ Ohne eigenen Nintendo 3DS hatte ich wohl kaum Zeit gehabt, mir irgendwelche Kniffe und Tastenbelegungen zu merken und effektiv anzueignen, um schnell genug zu reagieren.
    Steff stieß ein langgezogenes pffft aus. Sie ließ mich etwas herumhüpfen, hatte sie in dieser Runde wie in denen zuvor doch kaum etwas zu verlieren. „Billige Ausrede. Bislang hast du mich in jedem neuen Spiel sofort geschlagen. Du bist ein Naturtalent. So was lernst du doch mit Link!“ Sie feixte über ihren meiner Meinung nach nicht sehr gelungenen Wortwitz. Mal davon abgesehen, dass ich, wie auch der Held von Hyrule, tatsächlich Linkshänder war und es, wenn ich etwas wie im eigentlichen Spruch mit Links erlernte, keine besondere Errungenschaft darstellte.
    „Machst du bitte kurz Pause?“, verlangte ich ungerührt, als sich das Smartphone erneut summend meldete. Als Zeit und Bewegungen auf dem Dualscreen einfroren, legte ich den 3DS beiseite und tauschte ihn gegen das andere Elektrogerät aus. Während ich es entsperrte, seufzte Steff, griff sich ein paar Erdnussflips aus der Schüssel auf dem Tisch und begann daran zu knabbern.
    Wie ich es mir gedacht hatte, waren auf WhatsApp zwei Nachrichten für mich eingegangen. Ich wählte das grüne Icon aus und war nicht sehr erstaunt, dass Melanie mir geschrieben hatte:


    Vermiss dich ganz schrecklich!!!


    Wann kommst du zurück nach frankfurt??


    Gespickt war der Text von stimmig passenden Smileys, die nicht gerade dazu beitrugen, dass ich meine feste Freundin ernstnehmen konnte. Auch ich hatte Sehnsucht nach ihr, irgendwie war das ja auch logisch, aber wenn ich mich in meinem Heimatörtchen aufhielt, widmete ich mich lieber meiner Familie und Freunden. Wie Steff. Mein Studium erlaubte es mir nicht, alte Bekanntschaften so häufig zu besuchen, wie ich das gern hätte.
    Ich schaltete die Vibration ab und antwortete knapp:


    Am Montag


    Melanie tippte ein Weilchen, während dessen ich regelrecht sehen konnte, wie Steff immer ungeduldiger wurde. Doch es gehörte nicht zu ihrer Art, anderen offen ihre negativen Gefühle zu zeigen, schon gar nicht mir. Also nahm sie sich ihr eigenes Smartphone, das sie kauend und mit mildem Interesse anstarrte. In ihren Brillengläsern spiegelte sich grünlich der Bildschirm: 9gag, wenn ich mich nicht irrte.
    Ich bemerkte recht spät, dass Melanie geantwortet hatte.


    Das is ja noch fast ne woche!! Sag mir nich
    das du wieder mit diesem heiner abhängst!
    Der typ hats mit deiner Schwester getan.
    Wie kann man da noch befreundet sein?!?


    Gelassen verzichtete ich darauf, sie darauf hinzuweisen, dass es nichts weiter als Gerüchte waren; und selbst wenn diese der Wahrheit entsprachen, ich keinen guten Grund hatte, den Kontakt zu meinem besten Kumpel abzubrechen. Melanie neigte sehr dazu, die Dinge künstlich aufzubauschen.
    Ich beschloss, ihr die Wahrheit zu schreiben. Man sagt ja, Ehrlichkeit wird belohnt.


    Nein, nicht Heiner. Bin bei Steff


    Ehrlichkeit wird nicht belohnt. Zumindest nicht meine.


    Schon wieder diese Stephanie! Jedes Mal,
    wenn du heimfährst, macht ihr irgendwas
    zusammen! Manchmal vergisst du mich über
    eure kindischen Spielchen sogar. Du wirst
    doch nicht irgendwelche Gefühle für sie
    empfinden?


    Oha. Rechtschreibung und korrekte Zeichensetzung, keine Smileys. Melanie war wirklich wütend.
    Ich dachte über diesen Text nach und stierte an meinem Smartphone vorbei zu Steff. Ob ich Gefühle für sie empfand? Sie war gerade dabei, mit dem Fingernagel Erdnussflip-Reste aus ihren Backenzähnen zu kratzen. Ihre weite, bequeme Kleidung ließ keinerlei Rückschluss auf gewisse weibliche Rundungen zu. Das strohblonde Haar fettete am Ansatz. Ich grinste verstohlen. Steff war meine beste Freundin seit immer; für so jemanden empfand man keine Gefühle. Man mochte ihn einfach.
    Melanie hegte unbegründete Bedenken. Sie war ein wunderbares Mädchen, das ich wirklich liebte, doch furchtbar schnell eifersüchtig wurde. Offensichtlich hatte sie Angst, mich an eine Andere zu verlieren. Dieser Idiot Heiner hatte ihr auch noch geflunkert, dass ich in der Oberstufe eine Menge Beziehungen gehabt hätte, deren Ende in den meisten Fällen auf meine Kappe gegangen war. Dabei hatte er es ihr auch noch so verkauft, dass sie es ihm trotz meiner Beteuerungen, das Gegenteil betreffend, glaubte.
    Heiner war kein übler Kerl. Er hatte mir nur Eins auswischen wollen. Was ein bester Kumpel einfach tun muss.
    Ich bemerkte, dass Steff mich anblinzelte; sie wollte mit dem Spiel fortfahren.


    Mach dir keine Gedanken. Ich bin nur einmal
    im Monat hier, da müssen Steff und ich uns
    halt einfach treffen. Bald macht sie auch
    ihr Abi und studiert vielleicht am anderen
    Ende von Deutschland. Wer weiß, ob wir uns
    dann noch sehen können


    Lange Zeit tat sich nichts, und nur das Wörtchen online unter Melanies Namen verriet mir, dass sie ihr WhatsApp nicht geschlossen hatte. Aber sie machte auch keine Anstalten, etwas einzutippen.
    „Wer ist denn dran?“, wollte Steff wissen, als sie ihr eigenes Mobiltelefon weglegte. Sie streckte sich gegen die Sofalehne und schob sich in eine komfortablere Sitzposition.
    Ich hob die Schultern. „Meine Mutter.“ Irgendwie wollte ich ihr nicht verraten, mit welchen Geistern ich wirklich zu hadern hatte. Sonst würde sie, wie ich sie kannte, noch dazu übergehen, mir Beziehungstipps zu geben. Darauf konnte ich getrost verzichten. Auch wenn ich mir vorstellen konnte, dass Steff durchaus wusste, worum es ging.
    Ich gedachte, noch was hinzuzufügen, doch da schrieb Melanie endlich, und der Text erfolgte überraschend prompt:


    Wenn du morgen früh nicht hier bist, ists
    aus mit uns!


    Bevor ich etwas zur Erwiderung eintippen konnte, war sie bereits offline.
    Indes glaubte ich nicht so recht, dass Melanie einfach schlussmachen würde, wenn ich ihrem Ultimatum nicht nachgab. Laut ihrer Aussage war ich der Einzige, der in all ihren Sozialen Netzwerken sehen konnte, ob und wann sie online war. Ich schien ihr wichtig zu sein. Sie selbst hatte Angst, ich könne sie eines Tages absägen. Trotzdem fühlte es sich so absolut an; ich kann es nicht recht beschreiben, doch mich beschlich, je mehr ich darüber nachdachte, die Vorahnung, dass sie es ernst meinte.
    Auf der Tischplatte vor mir standen etliche Snacks und Softdrinks, die einzig richtige Verpflegung für einen zünftigen Zockerabend. Den 3DS, den Steffs Nachbarn uns zum gemeinsamen Spielen des neuen Smash Bros geliehen hatten, hatte ich zufällig genau neben meinen Schlüsselbund gelegt. An diesem befestigt war unter anderem mein Autoschlüssel. Es wären drei, vier Stunden Autobahnfahrt, doch der Abend war noch nicht sehr fortgeschritten. Das Blinklicht der Konsole zeigte an, dass sie noch immer in Betrieb war und die Runde Link versus Pikachu fügsam pausierte. Außer Smash Bros hatten wir noch nicht viel gespielt.
    Es drängten sich mir Fragen auf, die alle denselben Kern umschlossen: Schlüsselbund oder 3DS? Zurückfahren oder weiterspielen? Beziehung oder Freundschaft?
    Melanie oder Steff?
    Ich streckte die Hand aus, ließ sie über den beiden Gegenständen verharren, die zum Zentrum meines Denkens geworden waren. Es fiel mir furchtbar schwer, eine Entscheidung zu fällen. Zum einen wollte ich es wirklich nicht riskieren, dass es mit Melanie einfach so zu Ende ging, und ich konnte mir sicher sein, dass Steff als meine beste Freundin Verständnis aufbringen würde. Andererseits mochte es nicht unbedingt sein, dass Melanie ihre Drohung wahrmachte, lag ihr doch einiges an mir, und selbst wenn Steff sich emotional nie offenbarte, wollte ich ihre Gefühle nicht verletzen, indem ich einfach verschwand.
    Schließlich befand ich, dass ein Mann sich seiner Prioritäten klar sein muss. Ich fasste mir ein Herz und ließ die Hand hinabsinken.


    [tab=4. Eichenfest]Eichenfest


    Ich bin der geheimnisvolle Eichenmann.
    Die Eicheln werden mir nie reichen, Mann!


    Kommt der Herbst mit seinem Wetter,
    färbt so langsam der Bäume Blätter,
    in der zweiten der Oktoberwochen
    komm‘ ich aus dem Versteck gekrochen.


    Wo’s liegt – mein großes Geheimnis
    verrat‘ ich nicht für Tausend Sternis!
    Vom Rathaus? Nein, doch nicht von dort,
    es ist kein dir bekannter Ort.


    Ob ich Törtel sei, der Bürgermeister?
    Kind, was reiten dich für Geister!
    An diese Schildkröte reicht niemand ran
    - und ich bin nunmal der Eichenmann!


    Jetzt schweig‘ und horche gut,
    was man beim Eichenfeste tut:
    Für sieben Tage - man glaubt es kaum! -
    erscheinen Eicheln unter jedem Baum.


    Sammle also von den Wiesen:
    Normale, Runde, Zwerge, Riesen
    - doch sind’s die Schimmel, die Schlechten,
    verfalle ich in Zorn, in gerechten!


    All die and’ren - kannst sie streicheln -
    behandle gut die lieben Eicheln.
    Und bringe sie schnurstracksgerade
    dem Mann mit der Eichelmaskerade.


    So sollst du erhalten zum Dank
    Pilzmöbel: Vom Tisch über Schrank,
    Stuhl, Tapete bis hin zum Teppich
    - passen saisonal ganz gut, find‘ ich.


    Die Eicheln betreffend, sorge nicht:
    Jede ein Strahlen auf meinem Gesicht.
    Ich kehre wieder nächstes Jahr,
    denn wie du weißt, ist eines klar:


    Ich bin der geheimnisvolle Eichenmann.
    Die Eicheln werden mir nie reichen, Mann!


    [tab=5. Perle]Perle


    „Heute Nacht wird es stürmen“, meinte Gerald mit prüfendem Blick auf das offene Meer. Vom Horizont zogen Gewitterwolken auf, die sich ohne Zweifel in den nächsten Stunden an der Küste entladen würden. „Findest du nicht auch, Hammel?“ Der Fischer sah zu seinem Hund, der zu Füßen seines Herrn prüfend den Sand beschnupperte. „Dass du mir nicht wieder von einem Krebs in die Schnauze gezwickt wirst!“ Gerald schnalzte, zupfte an Schimmels Zügeln, und das gutmütige Maultier folgte gehorsam, den Karren mit Treibholz mit sich ziehend. Noch hatte Gerald an diesem Tag eine eher beklagenswerte Ausbeute gehabt, doch er würde diese Nacht jedes bisschen Brennmaterial brauchen, wenn der Ozean seinen Zorn gegen das kleine Fischerdorf warf, an dessen Rand er lebte.
    Hammel war vorausgelaufen, um den von kaltem Herbstabendlicht bedachten Strand nach Tang und verendeten Fischen abzusuchen, die die Ebbe auf dem Sand zurückließ. Jetzt bellte der große, schwarze Wasserhund seinem Herrn zu, sprang dabei immer wieder übermütig zu ihm und zurück zu seinem Fundstück. „Was ist denn, mein alter Freund?“, fragte Gerald. Der Hund ließ keine Ruhe. Der Fischer seufzte und hielt Schimmel an, noch etwas schneller zu laufen. Auch für Gerald selbst war das kein einfacher Weg. Auch wenn er nur wenig mehr als dreißig Lenze zählte, fühlte er sich gut ein Dutzend Jahre älter. Wie viel gäbe er um die Lebenslust seines Hundes!
    Seine Knochen und müden Gelenke schmerzten, als er und das Maultier bei Hammel ankamen. Dieser hatte etwas entdeckt, das Gerald erst für einen grauen hässlichen Findling abtun wollte. Als seine alten Augen jedoch genau hinschauten, offenbarte sich ihm die wahre Natur des Gegenstandes, der zur Hälfte in der Brandung lag: Eine riesige Muschel, im Umfang bestimmt so groß wie ein Wagenrad! Gerald ließ Schimmel stehen und hinkte näher ans Wasser, besah sich das Schalentier genauer. „Schaut wie eine Auster aus“, sagte er zu Hammel, der begonnen hatte, das Ding zu beschnuppern. „Und in Austern findet man Perlen!“ Bei dem Gedanken an die Gemme, die dieser Gigant in sich bergen musste, leckte sich Gerald die Lippen. Welch ein Vermögen das sein musste!
    Mit größter Kraftanstrengung hievte der Fischer die Muschel aus dem Wasser und zog sie auf den Strand. Mit bloßer Hand ließen sich die beiden gefurchten Schalen nicht auseinanderschieben. Also holte er aus dem Karren seine Axt, die er stets mit sich führte, um Treibholz, das zu schwer zum Anheben war, in handlichere Teile zu hacken. Mit jahrelang geübter Genauigkeit hieb er das Beil in die haarfeine Spalte zwischen den Schalen und hebelte die obere aus ihrer Angel. Hammel beobachtete ihn interessiert dabei.
    Endlich schaffte es Gerald, die Auster zu öffnen. Herr und Hund blickten zusammen hinein, doch nur der Fischer wurde beim Anblick des Inhalts von grausamen Erinnerungen heimgesucht: Das Bild seiner kleinen Tochter, dahingerafft vom Fieber in einer einzigen Nacht, und seine geliebte Frau, die ihr Leben daraufhin dem Meer überantwortet hatte. Jahre waren die beiden schon fort, doch ihre toten, bleichen Körper wollten nicht aus Geralds Erinnerung verblassen.
    In der Muschel lag ein junges Mädchen, kaum vier Jahre alt, zusammengerollt wie ein schlafendes Entenküken. Ihre Haut war so weiß wie das glanzlose Perlmutt an der Innenseite der Austernschalen. Glücklicherweise hatte die Axt sie nicht verletzt, dennoch regte sie sich nicht. Zitternd beugte Gerald sich zu ihr hinab und legte eine Hand auf die eiskalte Schulter, prüfte ihren Atem.
    „Sie lebt noch!“, rief er so unvermittelt, dass Hammel zusammenfuhr. Eilig zog Gerald den verschlissenen Mantel aus, der ihn bislang vor dem scharfen Seewind geschützt hatte, und wickelte das Mädchen in den wärmenden Stoff. Er durfte nicht zulassen, dass auch sie noch starb! Die Muschel, das Treibholz und seine eigenen körperlichen Gebrechen vergaß Gerald, als er die Kleine höchstselbst zu seiner Hütte am Dorfrand trug, dicht gefolgt von Hammel und Schimmel.


    „Bin froh, dass es dir besser geht“, sagte Gerald zu dem Mädchen, das ihn mit wachen Augen musterte. Nichts hatte sie gesagt, seit sie erwacht war, saß nur da und streichelte Hammel und Lümmel, den faulen Kater. Am Kaminfeuer und durch Hund und Katz war sie schnell aufgetaut, bis sie schließlich diese wunderschönen Augen geöffnet hatte, die grau waren wie die sturmumtoste See. „Dabei könnte ich schwören, dass sie vorher fast blau waren.“
    Draußen tobte das Unwetter, heulten Sturmgeister und tanzte der Regen einen wilden Reigen gegen Dach und Wände. Normalerweise drückte ein solcher Wind immer den Rauch durch Schornstein und Kamin in Geralds Stube, doch heute schien er dem Fischer wohler gesonnen zu sein. In seiner Hütte roch es nach Salz, Algen und frischem Fisch, ganz so wie das Meer an einem sonnigen Tag, wenn die Netze jedes Mal gut gefüllt in die Fischerboote eingeholt wurden. Gerald nickte zufrieden. „Ein schöner Duft.“
    Plötzlich hob der Hund den Kopf und hechtete zur Tür, um zu infernalischem Bellen anzuheben. Lümmel schrak auf und verschwand in Windeseile unter dem nächstbesten Möbelstück. Auch das Mädchen rollte sich in Geralds Mantel zusammen, bis es wieder so wenig Raum einnahm wie zuvor in der Auster. Sie zitterte am ganzen Körper, und aus ihrem Gesicht sprach blanke Angst.
    „Was ist denn nur los?“, wollte Gerald wissen und sich erst um das Mädchen kümmern, es trösten; doch hielt er Hammel für die Quelle ihrer Angst. So ging er zu dem Hund rüber und zog ihn am Halsband von der Tür weg. „Ruhig, du dummer Köter!“ Der barsche Befehl seines Herrn ließ Hammel endlich verstummen, der zum Kamin zurücktrottete, um sich vor die kleine Besucherin zu legen und knurrend zum Eingang zu blicken. Es klopfte, und Gerald, der niemandem wünschte, bei diesem Sturmgewitter draußen herumzulaufen, öffnete, um den armen Tropf und tausende Tropfen hereinzulassen.
    Vor dem Fischer stand ein baumgroßer Mann in lederner Reiterkluft, der sich zum Schutz gegen das himmlische Wasser in ein Öltuch gehüllt hatte. Trotz des Unwetters machte er keine Anstalten einzutreten. „Man hat mir gesagt, du hast in deinem Haus ein kleines Mädchen aufgenommen“, sagte der Fremde ohne jede Begrüßung. Er schielte an Gerald vorbei und entdeckte das Kind. „Ich habe Anweisung, es mitzunehmen.“
    Gerald drehte sich zu seinem Gast um; das Mädchen sah den Reiter mit schreckgeweiteten Augen an und schüttelte widerwillig den Kopf. „Tut mir leid, aber ich glaube, sie will nicht mit Euch gehen“, erwiderte Gerald.
    „Was du glaubst, steht nicht zur Diskussion, Fischer“, spuckte der Fremde und drängte den Älteren beiseite, ging auf das Mädchen zu.
    Gerald stolperte rückwärts und fing sich knapp, bevor er hinfiel. Der Mann hatte die Kleine, der der Mantel runtergefallen war, am Arm gepackt, zerrte sie gnadenlos zurück zur Tür. Dabei schrie seine Gefangene aus Leibeskräften gegen seine überlegene Kraft, den rauschenden Regen und den pfeifenden Wind an. „Lasst sie los!“, verlangte Gerald und versuchte, das Mädchen zu befreien, doch der Reiter schubste ihn nur von sich, sodass der Fischer nun doch schmerzhaft zu Boden stürzte. Hammel tobte wie ein Höllenhund, doch getraute sich nicht, den brutalen Fremden anzugreifen. „Lasst sie los, sie will nicht mit Euch gehen!“
    „Mach dir keine Sorgen, alter Mann“, meinte der Fremde fast versöhnlichen Tonfalls. Dabei versuchte er, das verzweifelt um sich schlagende Mädchen vor sich her aus der Hütte zu schieben. „Sie wird schon eine Weile vermisst, und ihre Eltern haben mich damit beauftragt, sie zu finden.“ Jetzt packte er das Kind so grob an beiden Oberarmen, dass es vor Schmerz kreischte. „Deine Maman und dein Papa warten auf dich“, sagte er hart und trug die Kleine in die nächtliche Finsternis und den strömenden Regen.
    Dagegen konnte Gerald, der ächzend aufstand, nichts einwenden. Er wusste selbst, wie furchtbar es war, seine Tochter zu verlieren. Wie schrecklich, wenn einem das Liebste im Leben genommen wurde.
    Gerald erhaschte über die breiten Schultern des Reiters einen Blick auf das blasse Gesicht des Mädchens, das flehentlich zu ihm herübersah.
    Für einen Moment war dieses Gesicht das Einzige, das Gerald wahrnahm. Das Nächste war seine Treibholzaxt, die normalerweise bei der Schaufel neben der Eingangstür an der Wand lehnte, doch jetzt plötzlich in seinen Händen ruhte. Entschlossenen Schrittes folgte er dem Fremden, packte den Stiel des Beils fester und schwang es mit aller Kraft.


    Triefend nass und müde kehrte Gerald zurück. Der Sintflutregen hatte das Blut vor seiner Tür und von seiner Kleidung abgewaschen, auch Schaufel und Axt waren wieder rein. Ins Warme eintretend, stellte Gerald das mörderische Werkzeug und die Pechlaterne neben der Tür ab und schleppte sich zum Kamin. Er schlotterte vor Kälte und der Gräueltat, die er vollbracht hatte, barg das Gesicht in den Händen und weinte. Das Treibholzfeuer schaffte es nicht, seine steifen Glieder aufzulockern.
    Das Mädchen, das wieder bei Hammel und Lümmel gesessen hatte, kam zu ihm und schlang die dünnen Arme um seinen Hals. Ein leises Lächeln auf den Lippen, streichelte Gerald ihr das zottige, braunalgengelbe Haar. „Niemand darf dich mir wegnehmen“, sagte er mit grimmigem Zorn. Sie küsste ihn auf die stoppelige Wange, und Gerald erfüllte die sanfte Wärme eines perlweißen Sandstrandes, vergoldet vom Schein der Sommersonne neben einem azurblauen Meer.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Wake me up when April ends]Hab mich eine Zeitlang echt geweigert, hier online zu kommen =/ Blödes Studium manchmal… möchte wieder ein bisschen aus meinem Elektromausloch herauskommen ^^
    Und sollte gleich mal damit anfangen, meine Texte für das letzte Saisonfinale zu posten… war ja auch lang genug haha…


    Bis auf den ersten war keiner wirklich erfolgreich. Schade, konnte den Titel Fanfictionistin nicht wieder ergattern (nichmal annähernd lol), aber ich denke sowieso, meine Konkurrenz war einfach zu stark ^^ Oder ich zu schwach. Kommt halt auf die Perspektive an. Einstein approves!


    Grüßele =)[tab=Zombie und Diamant]Der Zombie und der Diamant


    Tief in dunk’len Erdenstollen,
    wo jedes Licht schon längst verschollen,
    sucht nach Juwel und Edelstein
    der Zombie Zobiris ganz allein.
    Alle Größen, Formen, Farben,
    hinterlässt im Felsen Narben,
    schlägt mit Kraft und bloßen Händen
    seine Schätze aus den Wänden.


    Setzt diese Suche immer fort.
    Stößt eines Tages auf den Ort:
    Eine Höhl‘, von Licht erfüllt,
    und darin, in Glanz gehüllt,
    von Rosenfarbe, hell und prächtig,
    und der Schönheit übermächtig:
    Diamant Diancie setzt in Brand
    des Zombies Herz wie nie gekannt.


    Ihr Blick lässt ihn sogleich verharren.
    Er spricht: „Entschuldige mein Starren!
    In Worte vermag ich nicht fassen,
    was du hast aufleben lassen.“
    Er tritt herein, an sie heran.
    „Nimm von mir diese Gift hier an.“
    Hält hoch mit Händen, ganz zerschunden,
    den Edelstein, den heut‘ gefunden.


    Sie sieht’s – und lacht ihn einfach aus:
    „Du gräbst im Dreck, Tag ein, Tag aus,
    bis du hast endlich entdeckt,
    was Mutter Erde lang versteckt.“
    Ballt die Faust und öffnet sie;
    laut verkündet Diancie:
    „Ich erschaffe Diamant, so klar,
    so rein wie Luft, die er einst war.


    Vor mir Rocara verneigen sich,
    auch die Menschen vergöttern mich.
    Meine Herrlichkeit ist allbekannt!
    Bin der Rosendiamant.
    Dein Bröckchen hier erreicht mich nicht.
    Darum verschwinde, kleiner Wicht!“
    Weist mit barschem Wink Zobiris
    den Weg zurück zur Finsternis.


    In Stollen zieht er sich zurück,
    trauert ums verlor’ne Glück.
    Ist von diesem Wahn befallen,
    unter Steinen und Kristallen
    zu finden jenen Gemmenstein,
    der schön soll wie Diancie sein.
    Denn wenn er einen solchen bringt,
    der Funke auf sie überspringt?


    Schürft sehr viel und gräbt sehr weit,
    doch erkennt nach langer Zeit:
    „Grüne, rote, blaue, gelbe,
    ist doch stets genau dasselbe:
    Smaragd, Rubin oder Saphir,
    reichlich schön ist keiner hier.
    Es scheint, um ihn zu finden,
    muss zugrunde ich mich schinden!“


    Daher alles, was er findet,
    vor Frust im Schlund verschwindet.
    Die Queste ist fast eingestellt,
    ein Quarz ihm in die Hände fällt:
    „Dieser Stein, an Schönheit reich,
    kommt Diancie schon fast gleich!
    Diese Farbe, dieser Schimmer;
    solch einen find‘ ich niemals nimmer!“


    Eilt mit rosenfarb’nem Stück
    so schnell’s nur geht dorthin zurück,
    wo er traf auf seinen Traum.
    Doch was er sieht, das glaubt er kaum:
    Ihr Glanz ist stark gedämpft,
    hat gegen Pokémon gekämpft.
    Mit Seilen und Ketten, sehr langen,
    Menschen versuchen sie zu fangen!


    Beim Anblick von Diancies Schmerz,
    erfüllt die Wut Zobiris‘ Herz.
    In seinem Zorn mit hellem Scheine
    erstrahlen die verschlung’nen Steine.
    Ungekannt, die Energien,
    von Karfunkeln selbst verliehen.
    Hebt den Schild ganz aus Rubin
    zum Schutze vor Diancie hin.


    Wie sie ihn sieht ruft sie heraus:
    „Was tust du hier in diesem Graus?
    Verschwind‘ sofort, ja lauf‘ davon!
    Zu stark sind diese Pokémon!“
    „Prinzessin, zu retten dein Leben,
    würd‘ jederzeit das meine geben!“
    Spricht’s und springt vor in die Schlacht,
    verteidigt sie mit aller Macht.


    Und bald, tatsächlich, ist’s geschafft,
    vertreibt die Jäger mit der Kraft.
    Doch dann der rote Schild zerbricht!
    „Verlöschen wird mein Lebenslicht“,
    sagt Zobiris, die Stimme schwer;
    Diancie beugt sich zu ihm her.
    „Nimm’s Juwel, das schön wie du,
    so meine Seele findet Ruh‘.“


    Stirbt so in ihren zitternd‘ Armen.
    In Reue konnt‘ sie sich erbarmen,
    weint um ihn allein im Stillen
    und erfüllt den letzten Willen:
    Quarzgefühl webt seidig‘ Flor,
    der schöner ist denn je zuvor.
    Magie, voll Elfeneleganz
    und regenbogenfarb’nem Glanz.


    „Hätt‘ ich nur früher rausgefunden,
    was Zobiris hat empfunden!
    Erkenntnis trifft mich mit Verheerung:
    War nicht – altbekannt – Verehrung!
    Nanntest mich Prinzessin,
    sahst mich schöner, als ich bin.
    Verzeihe mir, was uns gescheh’n …
    Ich hoffe auf ein Wiederseh’n.“[tab=Eis und Feuer]Kori to Koki no Kyoku
    Das Lied von Eis und Feuer


    Die Sonne schien von einem leicht bewölkten Himmel auf die Region Kyoku herab. Ihre Strahlen vergoldeten die Qualmwolke, die aus dem aktiven Vulkan Futschi aufstieg, ebenso wie die Rauchfahnen aus den Schornsteinen der Stadt zu seinen Füßen. Die Landschaft ringsum prägte rotbraunes Geröll, das der Feuerberg vor Jahren ausgespien hatte, dazwischen gediehen verschiedene Sträucher und Kräuter.
    Weit abseits der Randgebiete der Vulkanstadt stand eine einzelne Holzhütte, mehr schmal als breit und mit einer großen Fensteröffnung an der Front. Ein paar Pokémon aus der Umgebung standen davor Schlange, um eine Kugel von Deribis Eiscreme zu erstehen; der allseits berühmte Name prangte über der Theke neben der stilisierten Abbildung eines Gelatini.
    Es herrschte Aufruhr, einige der Eiscremehungrigen begannen, sich unverrichteter Dinge zurückzuziehen. Keiner wollte den Zorn des Machomeis auf sich ziehen, das die Öffnung mit seinen vier muskulösen Armen komplett ausfüllte. „Du geben Kadur-Pastinake!“, grollte es und hämmerte mit der Faust gegen ein Holzbrett.
    „Wie ich bereits sagte, hou, ist Kastadur-Pistazie leider ausverkauft“, versuchte Deribi, ein Botogel und der Ladenführer, das Kampfpokémon zu beschwichtigen. „Bitte, Kaito-san, komm morgen wieder –“
    „Neee, heute!“, donnerte Kaito zur Antwort und wackelte mit seiner gewaltigen Kraft an der Hütte.
    Deribi wurde in seiner eigenen Eisdiele herumgeworfen, rief verzweifelt: „Yuki-chan, tu doch was, hou!“
    Das seit einigen Monaten angestellte Frosdedje überlegte bereits aus eigenem Antrieb, doch fiel ihr keine Lösung ein. Yukiko hielt sich fest am leeren Kastadur-Pistazieneisbottich im Hinterteil der Hütte, wo die Süßspeisen durch die Körperkälte der Eispokémon gekühlt wurden. Ihr Lieferant für die Pistazien war im Verzug; das Lieblingseis ihres labilsten Kunden hatten sie so nicht herstellen können. Das Mogelbaum-Hartholz, aus dem die Hütte gezimmert war, knirschte bedrohlich. Das isolierende, robuste Material widerstand selbst Feuer; doch wie es schien, würde es unter der Kraft des vierarmigen Trolls zerbrechen!
    „Wir, hou, haben auch andere leckere Sorten zur, hou, Auswahl“, bot das Botogel atemlos an, als das induzierte Erdbeben endete. „Kikugi-Kirsch, Tropius-Banane, Flau– hoouuu!“ Als Kaito ihn am Kragen packte, unterbrach er seine Rezitation mit einem überraschten, langgezogenen Laut. Deribi schwebte auf Augenhöhe mit dem manischen Machomei.
    „Du geben Kasstur-Pizzeria, oder ich kaputten kleines Hütti!“ Das Kampfpokémon unterstrich seine Drohworte, indem es die Eisdiele erneut erschütterte, diesmal mit größerer Heftigkeit.
    Dadurch drohten die Eisbottiche, aus ihrem Regal zu rutschen. Yukiko schaffte es, sie vor dem Sturz, der sie unweigerlich zerstören würde, zu bewahren. Gerade im letzten Moment rettete sie eines der Gefäße. Darauf abgebildet war ein Blattsymbol, das anzeigte, welche Eissorte sich in dem Fass befand. Das war die Idee!
    Schnell setzte Yukiko ihren Einfall in die Tat um und hielt Kaito eine Eiswaffel samt Kugel unter die Nase. „Hou…“ Deribi sog scharf die Luft ein, als er an der gelbgrünen Farbe erkannte, dass es sich keineswegs um Pistazie handeln konnte. Doch es war grün, das mochte vielleicht helfen.
    Der Troll ließ Deribi noch nicht los. Mit einer seiner oberen Hände nahm er das Waffelhorn an sich, beäugte das Eis. „Was das?“, fragte er dümmlich.
    „Kastadur-Pistazie“, versicherte Yukiko schnell.
    Das Machomei probierte, für seine Grobheit erstaunlich vorsichtig. „Schmecken komisch.“ Er zog Deribi grollend an sich heran. „Warum schmecken komisch?“
    „Das, hou, naja…“, stammelte das Botogel, fieberhaft nach einer Ausrede suchend.
    „Eine neue Rezeptur!“, polterte Yukiko, um ihm zu Hilfe zu kommen. „Geht aufs Haus.“
    Deribi nickte bekräftigend, brachte aber nur ein „Houhouu!“ zustande.
    Wieder fuhr Kaito mit der Zunge über die Eiskugel. Er stieß dem Geschäftsführer den Finger in die Brust: „Morgen machen altes Katurtas-Pissoir, oder neue Sorte Bogel-Eis. Und ich machen Hütti futsch in Futschi!“ Damit gab er Deribi endlich frei, entfernte sich und ließ sich auf einem Vulkanstein nieder.
    Als die Eispokémon erkannten, dass die Situation fürs Erste gerettet war, atmeten sie erleichtert auf; beim Botogel von einem gehauchten „Houuu …“, beim Frosdedje von einer Wolke winzigster Eiskristalle begleitet.
    „Endivie-Minze, hou?“, fragte Deribi anerkennend. „Guter Einfall!“
    Seine Angestellte lächelte matt, sah sich vor der Eisdiele um. Kaito hatte ihnen alle anderen Kunden vergrault. Ihr Blick fiel auf den Übeltäter, der mit mürrischer Miene sein Fake-Pistazieneis verspeiste. „Wieso mag er ausgerechnet das Eis mit dem schwierigsten Namen? Ein Wunder, dass er genug Hirnmasse hat, vier Arme unabhängig voneinander zu bewegen.“
    „Bei nur zweien, hou, wärs schon ein Wunder“, kommentierte das Botogel.
    „So sprechen Sie also von Ihrer Kundschaft hinter deren Rücken? Sehr unhöflich.“ Die Stimme war vor der Theke erklungen. Dort stand ein Rutena, das eine halb berahmte Hornbrille auf der Nase und ein Klemmbrett in den Armen trug.
    „Und Sie sind?“, wollte Yukiko säuerlich wissen.
    „Mein Name ist Reina, Restaurantinspektorin.“ Um ihre Vorstellung zu unterstreichen, streckte sie ihre Visitenkarte vor.
    „Wir sind kein Restaurant, hou“, korrigierte Deribi.
    Das Rutena schob die Brille zurück, blätterte in den aufgeklemmten Papieren. „Nun, Ihre Eisdiele ist eindeutig als Schnellrestaurant gemeldet und fällt daher unter meinen Zuständigkeitsbereich.“ Sie wartete gar nicht auf eine weitere Erwiderung, sondern begann sogleich ihre Inspektion, indem sie die Eisdiele umrundete.
    Als sie vorerst nicht zu sehen war, steckten die Eispokémon die Köpfe zusammen. Misstrauisch raunte Yukiko: „Könnte sie eine Spionin der Vulkanstadt sein? Vielleicht haben die Roster sie geschickt.“ Die Röster, wie die einflussreichste Zunft der Gegend hieß, machte seit Generationen Millionengeschäfte mit dem Verkauf gerösteter Samurzel-Nüsse und Sonnkern-Sonnenblumenkerne in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Dass Deribi mit seinem neuartigen Produkt zu unerwarteter Konkurrenz geworden war, war ihnen ein Dorn im Auge. Roster nannten Yukiko und Deribi sie, weil ihre Tradition längst überholt, daher eingerostet war.
    Ein bläulicher Schimmer legte sich über die Botogel-Augen. „Glaube ich nicht. Die Roster sind listenreiche Intriganten und nicht dumm. Ein Feuerpokémon ist zu offensichtlich.“ Der Glanz verblasste. „Hou, gerade ein Rutena mit einem so, hou, einfallslosen Namen!“
    Reina beendete ihre Runde um die Mogelbaum-Hartholzhütte, setzte eine Notiz auf ihr Klemmbrett. Sie schob die Eingangstür auf und machte Anstalten, einzutreten. Sogleich stellte sich Yukiko ihr in den Weg, deutete auf das Schild neben dem Eingang. Darauf stand Zutritt, darunter zwei nebeneinander liegende Kolonnen: für Unbefugte nicht gestattet und für Feuerpokémon strengstens verboten. Das Rutena warf einen Blick darauf. „Soso“, meinte sie nur, kam dennoch herein. Yukiko musste vor der Gluthitze, die ihr Fell ausstrahlte, zurückweichen. „Ist das derselbe Rassismus, dem auch diese Becher entstammen?“ Sie nahm vom Stapel, der neben den Waffelhörnern stand, einen Pappbecher, drehte ihn prüfend. „Soweit ich informiert bin, servieren Sie Feuerpokémon nur in diesen Bechern.“
    „Weil ihr Eis schneller schmil-“
    „Ist hier auch ein Gelatini angestellt?“, unterbrach Reina Yukiko.
    Der Geschäftsführer antwortete: „Nein, hou. Nur Yuki-chan und ich.“
    Das Rutena schien nicht überrascht. „Aber das Maskottchen Ihrer Eisdiele ist ein Gelatini. Da erwartet ein Kunde doch, von einem Gelatini bedient zu werden.“
    „Hohou“, kicherte Deribi. „Aber wir haben Gelatini-Joghurteis.“
    „Das ist eine Eissorte“, präzisierte das Rutena, „und darf deswegen so heißen. Aber ein Gelatini als Maskottchen ist schwerer Identitätsdiebstahl.“ Die sprachlosen Blicke der Eispokémon ignorierend, deutete Reina sogleich auf eine kleine Pfütze, die sich auf der Theke gebildet hatte. „Feuchtigkeit ist eine ideale Voraussetzung für Keime. Die Hygiene hier ist sehr bedenklich.“ Wieder krickelte sie auf ihr Klemmbrett.
    Yukiko konnte kaum glauben, was sie da hörte. Wenn die warme Außenluft durch die Fensteröffnung eintrat, schlug sie auf dem kalten Hartholz nieder. Das Kondenswasser gefror mit der Zeit und bildete Eisblumen. Diese entfernte Yukiko nicht, weil sie für passendes frostiges Ambiente sorgten. Mit der Körperwärme des Rutena taute der Eisdekor nun. Yukiko schnaubte: „Das ist‘s doch gerade, warum Feuerpo-“, als Reina sie unvermittelt in die Brust piekte, verstummte sie überrascht. Schützend verschränkte sie die Arme. „Was soll denn das?!“, fragte sie ungehalten.
    „Eine beneidenswerte Oberweite, meinen Glückwunsch“, meinte die Inspektorin.
    Worauf wollte sie hinaus? „D-danke. Schätze ich.“
    „Sehr ungewöhnlich für Frosdedje“, knüpfte Reina weiter, schielte an Yukiko vorbei zu Deribi, der hinter ihr stand. „Doch nicht etwa der Grund, aus dem Sie eingestellt wurden?“
    „Was?“ Herablassend prustete Yukiko. „Was für ein Blödsinn. Nicht wahr, Deribi-sensei?“ Sie wandte sich um.
    Ihr Arbeitgeber blickte verträumt grinsend an die Hüttendecke; ein Blutstropfen hing an seiner Schnabelspitze. „Hehehou…“, murmelte er verlegen.
    „Stimmt es etwa?!“, polterte Yukiko, als sie sein Verhalten begriff. Wieder wurde das Botogel am Kragen gepackt.
    Deribi zuckte erschrocken zusammen. „Hou! Yuki-chan, ich hab damals nur ge-houfft, dass dann mehr Kunden kommen, hou!“
    „Das macht es nicht besser!“
    Unbeobachtet drückte sich Reina an den Streithähnen vorbei zu den Eisbottichen. „Eine sehr… bescheidene Auswahl“, kommentierte sie die sechs Eissorten. Als sie das Fass mit dem Wolkensymbol öffnete und hineinblickte, ließ Yukiko von Deribi ab. Die Inspektorin wollte wissen: „Welche Geschmacksrichtung ist das?“
    Deribi trat vor, stemmte die Flügel in die breiten Hüften und erläuterte geschäftsmäßig, als wäre er eben nicht gewürgt worden: „Flauschling-Marshmallow, die Spezialität des Hauses, hou!“
    „Wird diese Spezialität flüssig serviert?“ Reina tauchte einen Finger in das rettungslos geschmolzene Eis.
    Was für eine Ignoranz! „Das ist‘s doch gerade, warum Feuerpokémon hier nicht reindürfen. Sie strahlen-“, vor Hitze wollte Yukiko sagen, doch erneut fuhr ihr das Rutena über den Mund:
    „Mit Einschmeichelungen erreichen Sie keine bessere Bewertung.“
    Deribi versuchte, Yukikos Aussage zu erklären: „Nein, hou, sie meinte, Sie sind heiß.“ Das Frosdedje schlug die Handfläche gegen die Stirn.
    „Mit sexueller Belästigung erreichen Sie noch weniger!“ Wieder schrieb Reina etwas nieder; sie reagierte genauso, wie Yukiko es befürchtet hatte. „Nächster Punkt“, setzte das Rutena seine Inspektion ungerührt fort. „Die Zutaten. Was ist die Grundlage Ihrer Eiscreme?“
    „Für Deribis Eiscreme gebrauchen wir, hou, beste Kuhmuh-Milch und kalt geschleuderten Wadribie-Honig.“ Der Geschäftsführer klang, als mache er Werbung für sein Produkt. Wie unglaublich naiv!
    Kuhmuh-Milch?“, wollte Reina genauer wissen. Als der Ladenbesitzer stolz nickte, informierte sie: „Kuhmuh-Milch ist ein geschützter Name. So darf sich nur die Milch einer bestimmten Farm in Johto nennen. Jede andere muss als Miltank-Milch ausgeschrieben werden. Wenn Sie sagen, hierbei handele es sich um Kuhmuh-Milch, muss sie also aus Johto eingeliefert werden. Das können Sie sich wohl kaum leisten!“
    „Houu?“, machte Deribi niedergeschlagen. „Nein…“ Er sah so elend aus, dass Yukiko ihren Zorn auf später verschob. Ihr Arbeitgeber stammte, wie sie aus Sinnoh, aus Johto, wo es nur eine Marke Miltank-Milch gab. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass nur diese Milch den Beinamen Kuhmuh tragen durfte. Was Reina mit ihm tat, war einfach nicht gerecht!
    „Jetzt passen Sie mal auf, Inspektorin!“ Sie schob sich an Deribi vorbei und baute sich vor Reina auf. „Ich weiß nicht, was das hier soll, und es ist mir auch egal. Aber wenn Sie meinen Sensei beleidigen, bekommen Sie es mit mir zu tun!“
    Unbeeindruckt sagte Reina: „Wollen Sie damit andeuten, dass Sie mich herausfordern? Ein Eispokémon gegen ein Feuerpokémon?“ Sie lachte höhnisch.
    „Was ich damit andeuten will“, griff Yukiko das Stichwort auf, „ist, dass ich unter acht Brüdern aufgewachsen bin, die sich alle zu Firnontoren weiterentwickelt haben. Ich weiß genau, wie es ist, für die Schwächere gehalten zu werden. Ich lasse mich nicht einschüchtern von einem zweibeinigen…“
    „Hou?“, machte Deribi hinter ihr verwundert.
    „…aufgeblasenen…“
    „Hou?!“ Deribi versuchte, das Frosdedje am Weitersprechen zu hindern.
    „…bestutzten Vulnona!“
    Deribi legte die Flügel auf den Schnabel, als habe er die beleidigenden Worte selbst gesprochen. „Hou…“, resignierte er.
    Das Gesicht des Feuerpokémon zeigte keine Regung, außer einer verächtlich hochgezogenen Augenbraue.
    Im nächsten Moment schleuderte eine violettrote Flammenwalze die Eispokémon aus der Hütte. Benommen versuchte Yukiko, sich vom Vulkanboden aufzurappeln. „Sensei“, keuchte sie. „Deribi-sensei, ich bekomme keine Luft…“ Sie schob das halb bewusstlose Botogel von sich runter und atmete einmal tief durch. Was war passiert?
    Reina trat aus der Eisdiele, steckte den von der Feuerattacke noch immer rauchenden Ast in den Schweif zurück. Sie schwang einen klobigen Holzstempel und presste ihn neben das Verbotsschild. Ein rotes, eingekreistes Kanji blieb zurück, das abreißen befahl. Dann ging die Inspektorin zu den geschlagenen Eispokémon herüber, drückte auch ihnen den Stempel auf den Kopf.
    Yukiko rieb sich die schmerzende Stelle und blickte zu Deribi rüber. „Abschieben“, las sie vor. Noch immer etwas schwindlig fragte sie: „Wieso denn abschieben?“
    Mit ruhiger, sachlicher Stimme erwiderte Reina: „Sie stammen beide nicht aus Kyoku, und Ihr Arbeitsvisum ist nur so lange gültig, wie Sie arbeiten. Ohne die Eisdiele haben Sie nachweislich keine berufliche Tätigkeit. Bis zum Monatsende müssen Sie in Ihre Heimatregionen zurückkehren.“ Gnadenlos ließ sie die beiden in ihrem Entsetzen allein.
    Kaito saß noch immer auf seinem Stein, saugte von unten den Rest Minzeeis aus der Waffel. „Verzeihen Sie, wollen Sie sich ein paar Moneten verdienen?“, bot sie dem Machomei eine Handvoll Geldmünzen an.
    Kaito beäugte den dargebotenen Betrag. „Momente immer gut. Was ich machen?“ Er verschlang das Waffelhörnchen komplett und folgte Reina. Das Rutena trug ihm auf, sich die Hütte aufzuladen und fortzuschaffen. Hilflos mussten Yukiko und Deribi mitansehen, wie das Machomei ihre kleine Eisdiele mühelos anhob, sich mit Reina auf den Weg zur Vulkanstadt machte. Als sie den Hügelkamm erreichten, hinter dem die Häuseransammlung lag, wandte die Inspektorin sich um. Sie zog mit dem Finger ein Augenlid runter und streckte ihnen die Zunge raus. Schadenfreudig grinsend hopste sie die andere Seite des Hügels hinab.
    „Sie ist doch eine Rosterin!“, rief Yukiko wütend aus und wollte hinterher. „Dieses doppelte Spielchen wird sie mir büßen!“
    Deribi hielt sie zurück. „Lass sie ziehen“, sagte er ernst. Überrascht sah seine Angestellte zu ihm runter. In seinen Augen lag ein bläulicher Schimmer. „Sie mögen diese Schlacht gewonnen haben, doch der Krieg ist noch lange nicht entschieden!“ Der seiner Arbeitsgrundlage beraubte Ladenführer mochte zumeist tollpatschig und unbedarft wirken; doch wenn er diesen Schimmer in den Augen hatte, klang er wie ein Samurai aus dem alten Kanto. Yukiko fand diese Anwandlungen bisweilen beunruhigend.
    Doch ebenso plötzlich, wie sie über Deribi gekommen war, verschwand sie auch wieder. „Außerdem, Yuki-chan, hou“, begann er, griff nach ihren Händen, „werde ich niemals zulassen, hou, dass man uns trennt! Du bist doch mein Nordstern, hou!“
    Gerührt lächelte das Frosdedje. „Sensei, du alter Schmeichler! Ich will auch nicht von dir getrennt werden.“
    „Hou, Yuki-chan!“, schwärmte das Botogel.
    „Deribi-sensei“, antwortete Yukiko mit demselben Tonfall. Ihrer beider Augen leuchteten, Schneekristalle glänzten darin wie Sterne.
    Doch plötzlich bemerkte Yukiko, wohin Deribi seine Augen gerichtet hatte: Etwas abwärts ihres Gesichts auf die Körperregion, die sie von den meisten anderen Frosdedje unterschied. Ihre Schneekristalle schmolzen dahin, eine Zornesader bildete sich auf ihrer Stirn. „Sensei“, sagte sie dunkel. „Doch nicht etwa wegen denen?!“ Mit einem Ruck entzog sie dem geschockten Deribi ihre Hände. Das Botogel erkannte ihre Wut, zuckte zurück und suchte das Weite. „So leicht kommst du mir nicht davon!“, rief Yukiko, flog ihm hinterher, schleuderte Spukbälle auf ihn.
    Deribi lief panisch davon, Beteuerungen stammelnd, dass er nur das Beste für sein Geschäft gewollt habe, immer wieder unterbrochen durch ein „Hou!“, wenn ein Ball ihn traf.
    Als sie außer Sichtweite der Stelle waren, an der die Hartholzhütte gestanden hatte, entbrannte an einem unpassend grauen Gesteinsbrocken eine kleine Flamme. Lava floss aus einer Höhlung, nahm unförmige Gestalt an. Ein ovaler Kopf erschien, über dem zwei gelbe Stielaugen schwebten. Das Magcargo steckte sich eine Zigarre in den Mund, entzündet an der eigenen Gehäuseflamme, grinste verschlagen. Erwartungsvoll rieb es die Lavatropfen links und rechts des Mundes wie Hände aneinander. „Dann läuft ja alles nach Plan“, jubilierte es. Mit bösartigem Lachen schlug es, wenngleich viel langsamer, dieselbe Richtung ein, die auch Reina gegangen war.[tab=Schwert und Stein]Jahreskreis


    Frühlingsmorgen.
    Feiner Nebel kroch über den Waldboden, der begann, allmählich aus seinem alljährlichen Kälteschlaf zu erwachen. Grüne Lebendigkeit räkelte sich in winterharten Knospen, bereit, ihren Schutzmantel mit den ersten Strahlen der Sonne abzustreifen. Noch hing das feurige Gestirn unter dem Horizont, kündigte sich nur mit einem silbernen Schimmer am Himmel an. Schon bald käme sie hervor, um dem Land ihre wärmenden Gaben zu spenden.
    Ein alter, weißbärtiger Mann schritt zwischen den hölzernen Säulen zielstrebig voran. Eine Drossel, damit beschäftigt, die ersten draufgängerischen Insekten für ihren Übermut zu bestrafen, flatterte auf, als er vorbeistapfte, und keckerte ihm gereizt hinterher.
    Endlich erreichte er eine Lichtung, die die Bäume in der Nähe einer Felswand freigelassen hatten. Dem Wall zu Füßen ruhte ein einsamer, von der Verwitterung annähernd rund geschliffener Stein. Der im Wald Fremde trat auf ihn zu, zog ein Schwert, das er unter dem Mantel verborgen hatte. Die blanke Klinge der Waffe spiegelte den matten Sonnenschein, als sei es helllichter Tag. Der Mann murmelte einige Worte, doch niemand war in der Nähe, sie zu verstehen. Er erhob das Schwert und trieb es in einem Funkenregen mit der Spitze voran in den Stein.
    Nach ein paar weiteren Sätzen wandte er sich ab und kehrte auf demselben Weg, den er gekommen war, zurück.
    Das Schwert indes, dessen Klinge zur Hälfte im Gestein stak, weitete seine Sinne, um zu erkennen, wo es sich befand. „Merkwürdig“, sprach es zu sich selbst, „hier wird überhaupt nicht gekämpft.“
    Es erschrak, als ein anderer Geist erwachte; nicht wie der Wald, der die Lichtung umgab, aus erneuernder Überwinterung, sondern aus einem einfachen Erholungsschlaf. „Wie bitte?“, nuschelte er, während er mehr und mehr aus der Traumwelt glitt. „Bei der Herrin des Sees!“, rief er mit einem Mal aus. „Hab ich schon wieder wie ein Stein geschlafen!“ Er lachte schallend, dass das Schwert die tiefen Vibrationen im Stahl spürte. „Aber ich bin ja auch einer.“
    „Ein Stein?“ Gehörte die Stimme demnach dem Stein, in dem es stak? Das Schwert merkte, wie sich der Geist aus Basalt ihm zuwandte.
    „Was soll denn dieser Unfug?“, wollte der Stein, nicht ohne eine gewisse Belustigung, wissen. „Hat da ein Mensch tatsächlich versucht, etwas Totes mit einem Schwert zu töten?“ Wieder lachte er, lauter diesmal.
    Als endlich Ruhe eingekehrt war, sprach es: „Da muss ich dir zustimmen; ich bin ein Schwert. Ich bin geschaffen, in der Schlacht geschwungen zu werden, in Fleisch zu schneiden und Blut zu schmecken!“
    Der Stein schien vor Widerstreben zu zittern. „Was für fürchterliche Worte du verwendest! Woraus gründet denn diese Gier?“
    Es wiederholte schlicht: „Ich bin ein Schwert.“ Unzufrieden sondierte es die Lichtung, den angrenzenden Wald, die Felswand. „Dieser Ort hat den Anschein, dass es hier für mich nicht viel zu töten gibt. Wo sind die Ritter, die Kämpfer? Die anderen Waffen, gegen die ich antreten soll? Ich bin ein Schwert, geschmiedet für einen mächtigen Krieger! Hier ist es mir zu langweilig.“
    „Wie furchtbar!“, klagte der Stein leidvoll. „Da kenne ich dich, Schwert, nur wenige Momente, und verurteile dich schon für das, was du sagst. So ein frevelhaftes Geschwätz!“
    „Du bist ein Stein“, stellte das Schwert berechtigt fest. „Ein totes Ding, wie ich. Was kümmern dich die Lebenden?“
    Der Befragte seufzte tief. „Man merkt, du kannst noch nicht lange aus dem Schoß der Erde geschürft sein.“
    „Worauf willst du hinaus?“
    „Weshalb das Misstrauen?“, gab das Gestein brummig zurück. „Bin ich nicht ein totes Ding wie du?“ Eine Pause folgte, ehe der Stein fortfuhr: „Du hast nicht die vielen Tage und Jahreszeiten an der Oberfläche verbracht, die ich habe kommen und gehen sehen. Du stammst aus den Tiefen der Erde, wo nichts Lebendes existiert. Das Leben hast du erst gesehen, als ein Minenarbeiter dich aus dem Boden brach. So kann man auch nicht verlangen, dass du es verstehst.“
    Das Schwert schnaubte. Was sollte dieses Gerede? „Was muss ich denn verstehen? Ich bin ein Schwert! Ich soll das Leben auslöschen, nicht verstehen, was es sagt!“
    „So meinte ich das auch nicht“, stellte der Fels klar. Durch den Nebel brachen die ersten zaghaften Lichtpfeile, die die Sonne von ihrem Horizontbogen abschoss. „Wie gut, dass du im Frühling zu mir gefunden hast“, meinte er, durch den schwachen Schein schon besserer Laune. „So kann ich es dir leichter erklären. Was du bislang gesehen und begriffen hast, ist, dass sich die Welt in tote und in lebende Dinge aufteilt. Aber tatsächlich gliedert sie sich in zwei Kohorten, die ich das Unsterbliche Tote und das Sterbliche Leben nenne.“
    Nachdenklich versuchte das Schwert, diese Erläuterung zu durchschauen. „Das ist für mich kein Unterschied. Du benutzt nur zwei zusätzliche Wörter, sonst nichts.“
    „Nur Geduld“, mahnte der Stein. „Was ich meine ist, dass wir Unsterblichen Toten und die Sterblichen Lebenden zwar getrennte Gruppen sind, doch verbunden miteinander. Wir enthalten eine unerschöpfliche Kraft, die wir jedoch nicht nutzen können; die Lebenden nehmen sich davon, was sie benötigen, und nutzen es, wo sie es brauchen.“ Der Nebel zog sich langsam vor der Sonne zurück, während an einem nahen Baum ein paar Blütenknospen aufsprangen.
    „Sie stehlen es“, behauptete das Schwert, „und verdienen so die Todesstrafe!“
    Der Stein ließ Milde walten: „Es ist erst Frühling. Du wirst noch erkennen, was ich meine.“


    Sommertag.
    Saphirblau spannte sich die Himmelskuppel über die Welt, als habe ein Titan sie aus dem edlen Mineral geschnitten und über die Erde gestülpt. Im Zenit ihres täglichen Laufs hing die Sonne, eine Perle reinen Lichts. Wärme durchspannte die Luft, die erfüllt war von Vogelgesängen und dem Summen zahlreicher Insekten. Eine Drossel hüpfte geschäftig über die Lichtung, hielt plötzlich inne, als ihre runden Augen etwas im Gras entdeckten. Sie sprang zurück, fixierte das Objekt ihrer Begierde und stieß mit dem Schnabel zu. Eine Grille zappelte hilflos mit den sechs Beinen, doch Beute und Jäger wussten, dass ihr Leben verwirkt war. Der kleine schwarze Vogel flatterte auf und verschwand im dichten Laubwerk.
    Das Schwert achtete nicht auf das, was um es herum geschah. Konzentriert war es auf die Sonnenstrahlen, die vom Himmel herabschwebten. Sie umfingen es mit ihrer sanften Wärme und ließen seine silberne Klinge glänzen.
    Es saß noch immer in diesem Stein fest, was ihm Grund zur Ärgernis war. Seit jenem ersten Morgen im Frühling hatte es stets gehofft, der alte Mann, der es in diese Lage gebracht hatte, käme wieder und befreite es. Doch das war bislang noch nicht eingetreten. Aber zumindest konnte es sich an der Sommersonne erfreuen, die sein kaltes Metall erwärmte.
    Unter den Bäumen trat ein Wesen hervor, das das Schwert noch nicht kannte. Es maß die halbe Höhe eines Menschen, besaß struppiges, graues Fell. Über den Augen mit seitlich liegenden Pupillen erhoben sich gedrehte Hörner; es ging auf gespaltenen Hufen. Das Tier hielt die schmale Schnauze prüfend in die Luft, bevor es zu dem Stein herübertrottete.
    „Ach, welche Freude“, ließ dieser vernehmen, „mein alter Freund ist auch dieses Jahr wieder da.“
    „Was ist das für ein Wesen?“, wollte das Schwert wissen. In den letzten Monaten hatte es diese Frage immer wieder gestellt, wenn in seiner Wahrnehmungsweite etwas Neues aufgetaucht war.
    „Ein Ziegenbock.“
    Das Tier trat nah heran, schnupperte an dem Stein und begann, mit der Zunge rasch darüberzufahren. Der Stein kicherte vergnügt.
    „Was tut es da?“, wollte das Schwert angewidert wissen. Wie konnte der Felsen an dieser abnormalen Tätigkeit auch noch Gefallen finden!
    „Er nimmt von meiner Kraft. Erinnerst du dich, was ich dir darüber im Frühling erzählte?“
    „Wie könnte ich einen solchen Irrsinn schon vergessen?“, erwiderte das Schwert.
    Der Stein ignorierte die Spitze. „Diese Kraft hat vielerlei Formen. In meinem Fall hat sie die Gestalt von Stoffen, die die Ziege in sich aufnimmt und fürs Überleben benötigt.“
    „Wie abstoßend! Von mir dürfte dieses Wesen niemals Kraft aufnehmen.“
    „Das kann er auch nicht“, meinte der Stein. Der Ziegenbock beendete die Speisung und kehrte um. Seine Schritte klangen dumpf auf dem Gras und dem Waldboden, bis sie von der Entfernung verschluckt wurden. „Wobei er durchaus auch Eisen in sich hat. In seinem Blut.“
    Ungläubig höhnte das Schwert: „Natürlich! Und genau deswegen dürste ich ja auch sosehr danach! Weil ich mit Meinesgleichen vereint sein will!“
    „Durchaus möglich“, erwiderte der Stein in völligem Ernst, sehr zur Verwunderung des Schwerts. „Wobei ich eher denke, dass es mit der menschlichen Schmiedekunst zusammenhängt. Solche Gelüste kann dir die Erde unmöglich eingegeben haben.“


    Herbstabend.
    Dichte Wolkenberge hingen tief in der Höhe, schufen eine eigene graufeuchte Landschaft im Himmel, aus der Regenschlieren herabstürzten. Es hätte ein schöner Abend sein können, mit den reichen Farben eines herbstlichen Sonnenuntergangs; doch dafür war es zu dunkel und nass. Eine Drossel hockte unter einem kargen Strauch, schüttelte das Gefieder, um die Feuchtigkeit zu vertreiben.
    „Was ist mit den Blättern geschehen?“, fragte das Schwert, betrachtete das Laub, das den Waldboden mit einer bronzefarbenen Schicht überzog. „Als sie noch grün waren, trotzten sie jedem Sturm. Jetzt reicht allein schon ein Regenschauer, sie von den Bäumen zu reißen.“
    Der Stein schien nicht beeindruckt von diesem Ereignis. „Die Bäume werfen sie ab, um die Kraft der Erde zurückzugeben, von der sie sie im Frühling geliehen haben. Dafür färben sich die Blätter braun, so wie Schwerter, wenn sie zu rosten beginnen.“
    Bei den letzten Worten stutzte das Schwert. „Du vergleichst mich mit diesen schwächlichen Gebilden? Monate stecke ich nun schon hier, ohne die geringste Veränderung an meiner Klinge. Und das Blattwerk vergeht, nachdem es dem Wetter für ein, zwei Jahreszeiten standhielt, in nur wenigen Wochen. Was auch immer zu rosten bedeutet, mich betrifft es nicht!“
    „Du weißt nicht, was Rost ist?“, stellte der Stein verwundert fest.
    „Sollte ich?“
    „Nun, durchaus“, meinte der Stein, als sei es selbstverständlich. „Schwerter werden rostig, wenn kein Mensch sie pflegt, und bislang war keiner hier, dich zu fetten. Stahl wird an der Luft mit der Zeit zu Rost, der wie Eisenerz ist.“
    „Du willst mir sagen“, schlussfolgerte das Schwert, „ich müsste wieder zu dem Klumpen Muttergestein werden, aus dem ich geschmiedet wurde? Das ist doch lächerlich!“
    „Nicht genau wieder zu dem“, präzisierte der Stein. „Aber ganz ähnlich. Wie die Blätter nunmal, die der Baum aus den Sedimenten erschafft, die seine Wurzeln tief aus dem Boden holen, dann aber im Herbst an der Oberfläche Humus bilden. Wie ich im Sommer sagte: Die Kraft, die zwischen Unsterblichen Toten und Sterblichen Lebenden umherfließt, kann viele Gestalten annehmen. Wenn sie von der einen Form in die nächste wechselt und dann zu ihrem Ursprung zurückkehrt, ist sie nicht immer wieder dasselbe wie zu Anfang.“
    Eine Weile dachte das Schwert nach. „Bedeutet das also, dass die Stoffe, die der Ziegenbock von dir nahm, nie zu dir zurückfinden?“
    Der Stein lachte bitter. „Nicht in diesem Jahr oder im nächsten. Wahrscheinlich nicht einmal in tausend Jahren. Doch ich bin unsterblich tot, so alt wie die Erde selbst. Wer weiß schon, ob die nächsten Äonen sie nicht doch wieder zu mir zurückbringen?“
    „Also hat er sie dir doch gestohlen! Sie sind für dich verloren!“, verkündete das Schwert mit stählerner Bestimmtheit.
    „Oh nein“, widersprach der Stein mit derselben Standhaftigkeit. „Eines Tages kehren die Stoffe auf jeden Fall zur Erde zurück; und da ich ein Teil von ebendieser bin, ist für mich nie etwas von ihnen verloren.“ Er lauschte in den Regen hinein. „Auch dir wird es irgendwann so ergehen. Wenn du rostest, bricht die Gestalt, in die dich dein Schmied gezwungen hat. Sowieso ist es verwunderlich, dass dies bei dir noch nicht eingesetzt hat.“
    Da das Schwert darüber kein weiteres Wissen besaß, vermutete es nur: „Vielleicht hatte dieser Schmied dafür eine besondere Begabung.“
    „Ja. Vielleicht.“


    Winternacht.
    Weißer Schnee lag als undurchdringliche Decke auf dem Wald. Fast glühte er im milden Licht von Mond und Sternen, die aus einem klaren Firmament herabschienen. Der Winter durchzog den Boden mit seinem eisigen, reinigenden Frost. Eine Drossel döste auf einem kahlen Ast, das aufgeplusterte Gefieder von einer feinen Puderschicht bedeckt.
    Auch über das Schwert und den Stein hatten sich die himmlischen Flocken gelegt. Auf ihrer Lichtung war kein Laut zu hören; alle Geräusche wurden vom Schnee in friedlichen Schlummer gewiegt.
    In die nächtliche Ruhe flüsterte das Schwert: „Stein? Darf ich dir eine Sache anvertrauen?“
    Der Felsen reagierte träge in der Kälte: „Was bewegt deinen Geist?“
    „Es geht um das, was ich in den letzten Jahreszeiten gesehen und gelernt habe.“ Langsam, sodass es selbst kaum gespürt hatte, wie ihm geschah, hatten die Tage und Gespräche mit dem Stein es gewandelt. Diese veränderte Mentalität gedachte es nun, seinem Lehrmeister zu offenbaren.
    „So sprich“, forderte der Stein auf.
    Das Schwert sammelte sich und legte dar: „Die Erde, ja alles, was du Unsterbliches Totes nennst, gibt seine unerschöpfliche Kraft an das Sterbliche Leben weiter. Dieses nutzt sie dann Zeit seiner Lebendigkeit, und wenn es allmählich stirbt und sich zum ewigen Schlaf bettet, gibt es sie an die Erde zurück. Auch untereinander schenken und stehlen die Lebenden diese Kraft, doch am Ende kommt alles zu uns zurück. Die Erde behütet sie durch den Winter, bis der Zyklus von neuem beginnt. Es gibt eine Zeit der Geburt, des Lebens, des Sterbens, des Todes.“ Das Schwert seufzte, Melancholie befiel es. „Doch das Leben vor dieser Zeit des Sterbens zu nehmen, ist ein schweres Verbrechen. Ich wurde für ein Verbrechen geschmiedet; von Menschen, für Menschen, um Menschen zum Tode zu befördern. Du hast mir geholfen, zu erkennen, wie die Welt wirklich aufgebaut ist aus Aspekten, die ich voneinander getrennt erachtet habe. Doch tatsächlich gehen sie ineinander über.
    Im Frühling wünschte ich mir, Blut zu schmecken, zu töten. Jetzt will ich nichts anderes, als für immer hierzubleiben. Dass mich der Rost doch noch ereilt und ich so für immer Eins mit dir werden kann. Mit dir und dem Zyklus, aus dem mich der Minenarbeiter, der mich aus dem Erdboden schürfte, der Schmied, der meine Klinge formte, und der alte Mann, dem ich als Einzigen für seine Tat dankbar sein kann, entrissen haben.“
    Nachdem er einen Moment gewartet hatte, um sicher zu sein, dass das Schwert alles gesagt hatte, sprach der Stein: „Deine Worte berühren mich sehr und bedeuten mir viel. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Freund werde mit einem Schwert.“
    Überrascht fragte dieses: „Du siehst mich als deinen Freund?“
    „Als was denn sonst?“
    Es folgte angenehme Stille, in der das Pulsieren zu spüren war, mit dem die Erde die aufgenommene Lebenskraft am Atmen erhielt. Wie jedes Jahr würde ihre ewige Aufgabe ihr auch diesmal gelingen. Daran bestand kein Zweifel.
    „Oh, verflucht sei manchmal das träge Denken der Felsen!“, unterbrach der Stein die Ruhe. „Woran wir nicht gewohnt sind, darüber verlieren wir nicht viele Gedanken.“
    „Wovon sprichst du?“, wollte das Schwert verwundert wissen.
    „Du bist von Menschenhand gestaltet“, wies der Stein auf das Offensichtliche hin: Kein Prozess der Natur vermochte eine solche Waffe hervorzubringen. „Und die Menschen neigen dazu, dem, was sie selbst schaffen oder was ihnen gehört, einen Namen zu geben. Also … wie lautet der deine?“
    „Mein Name?“ Das Schwert suchte in seiner Erinnerung nach der Antwort. So lange war der Tag her, an dem es in den Stein gestoßen worden war. Noch länger der Zeitpunkt, als man es aus der Esse gezogen und benannt hatte. Da fiel es ihm nicht leicht, sich zu entsinnen. „Mein Name“, wiederholte es, „ist Excalibur.“