Katzen hassen Wasser? >Kap36<

  • [tabmenu][tab=Schnitzel!]Länger als eigentlich gewollt habe ich jetzt für das neue Kapitel gebraucht (uuh, tolles Deutsch <<)
    Bevor gelesen wird möchte ich noch zwei Andeutungen machen: Läuterfeuer und Guillotine. Nur so am Rande. Vielleicht erkennt jemand den Zusammenhang ^^
    Und noch was: Elfen Lied lässt grüßen! xD
    HF beim Lesen :pika:

    [tab=Gelese]PapinellaKapitel 19: Der Kuss (:0)


    Kleine, unendlich weiche Händchen glitten über ihr Gesicht hinweg und versuchten, sie aus dem Schlaf zu reißen. Unwillig drehte Neko sich um und schlug die Decke über den Kopf, im Bestreben, wenigstens noch ein bisschen zu dösen. Doch den Plagegeist, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, ihrem Unterfangen entgegenzuwirken, hielt das auch nicht weiter auf. Seine Versuche setzten sich ungehindert fort, als sei zwischen ihm und seiner Menschenpartnerin gar kein Stoff.
    „Neee!“
    Erst als der Ruf schrill und hoch an ihr Ohr drang, fand sich Neko ganz plötzlich wieder im Bewusstsein wieder. Aus dem Schlaf geschreckt fuhr sie hoch, ließ sich aber gleich wieder sinken, als ihr die erste Bewegung bunte Lichtflecke vor die Augen zauberte. Als der Schwindel verflogen war, richtete sie sich wieder auf, vorsichtiger diesmal, um ihr anscheinend noch nicht ganz erwachtes Kreislaufsystem nicht wieder überzustrapazieren. Ihr unbarmherziger Wecker hockte neben ihr und blickte sie aus unschuldig blitzenden Geisteraugen an. Allein das leichte Grinsen um Traunfugils Mund verriet ihn, aber auch ohne hätte Neko natürlich sofort gewusst, wer sie so unsanft aus dem Land der Träume geholt hatte. Irgendetwas hatte sie geträumt, das wusste sie. Eigentlich träumte sie selten, und wenn, dann konnte sie sich meist nicht mehr an den Inhalt der nächtlichen Bilder erinnern. Doch gerade weil es nur Bilder waren, die ihr Unterbewusstsein im Schlaf kreierte, maß sie diesen auch nicht wirkliche Bedeutung zu.
    „Neko, bist du wach?“, drang es gedämpft hinter dem Zelteingang hinein. Eine Hand schob sich in den Schlitz und schlug die Plane beiseite. Morgenlicht flutete herein, und Neko kniff geblendet die Augen zusammen. Mehr als einen dunklen Umriss auf gelbweißem Hintergrund konnte sie nicht erkennen, aber Stimme und Form der Silhouette verrieten ihr, dass es sich um Akari handelte. „Oh, entschuldige…“ Die Gotela machte sich daran, einen halben Schritt ins Zelt zu treten und den Eingang wieder zu verschließen. „Wir gehen bald weiter“, informierte sie ihre Teamkollegin und warf einen raschen, verstohlenen Blick auf Raikas Schlafstatt. Was die Tira wohl wieder angestellt hatte? Als Neko Anstalten machte, die Decke umzuschlagen und aufzustehen, hielt Akari sie aber sanft zurück: „Nur keine Eile, es ist noch recht früh. Aber es wäre gut, wenn ihr eure Sachen schon mal zusammenpacken würdet.“ Damit verließ sie auch schon das Zelt und überließ Neko das weitere Geschehen.
    Die Chimäre sah sich im Zelt um und fragte sich, wen ihre Freundin mit „ihr“ gemeint hatte – wohl kaum sie und Traunfugil. Aber die Antwort kam von selbst, als der Eingang wieder geöffnet wurde und noch grelleres Licht Neko zuerst die Sicht raubte. „Wir sollen aufräumen?“, fragte Raika und gab sich nicht die Mühe, wie Akari zuvor das Zelt wieder zu verschließen und der Eloa zu ersparen, geblendet zu werden. Zumindest machte sie sich gleich daran, ihre Decke zusammenzufalten, was Neko ihr auch gleich nachtat, nachdem sie sich an das Morgenlicht gewöhnt hatte. Traunfugil beobachtete sie interessiert, hütete sich aber davor, irgendein Geräusch zu verursachen. Raika war für gewöhnlich nicht gerade freundlich zu ihren Mitmenschen, aber Neko spürte, dass sie jetzt besonders missgelaunt war. Das ständige Blinzeln, mit dem die Gelbhaarige ihre Augen wohl zu befeuchten versuchte, brachte die Chimäre zu der Annahme, dass sie wohl nicht gut geschlafen hatte. Was sie auch nachvollziehen konnte, denn der Boden war nicht besonders bequem gewesen. Ihr machte das zwar nicht sonderlich viel aus – immerhin hatte sie vier Jahre im Bau auf hartem Holzboden geschlafen, mit nichts weiter unter ihr als einer dünnen Matte –, aber sie wusste ja nicht, wie Raika auf solchen Untergrund reagierte. Jedenfalls gab auch sie sich Mühe, die Tira nicht weiter zu reizen.
    Nachdem die beiden das Innere ihres Zeltes ausgeräumt hatten, machten sie sich an den Abbau des Zeltes selbst. Als Neko, noch an die Wärme der Decke gewöhnt, heraustrat, konnte sie ein plötzlich aufkommendes Zittern nicht unterdrücken. Sie hatte erwartet, dass es hier im Wald mit seinem dichten Blätterdach nicht besonders warm war, vor allem morgens. Aber damit hätte sie nie gerechnet. Auf ihren bloßen, nicht ausreichend von den kurzen Ärmeln ihrer Bluse bedeckten Armen zeigte sich sofort eine unangenehme Gänsehaut, und in ihre Füße, die nur in leichten Sandalen steckten, fraß sich sofort die frische Kühle des taubesetzten Grases. Sie rieb sich kurz aufwärmend über die Oberarme, bevor sie sich gleich Raika anschloss, die Zeltplane vom Gerüst zu nehmen und dieses abzubauen. Während sie die Stangen auseinanderschraubte, warf sie einen Blick in die Runde und stellte fest, dass die anderen Mitglieder ihrer Gruppe bereits alle erwacht waren und nur Kasai noch damit beschäftigt war, seine Decke halbwegs ordentlich zu falten. Die anderen hatten sich um ein Feuer gesammelt, auf dem ein Topf mit Wasser köchelte. Behutsam ließ Akari eine Hand voll getrockneter Kräuter in den Sud fallen, und die Luft war erfüllt von der morgendlichen Frische und dem würzigen Duft des Tees. Unweit des Feuers lag ein geöffnetes Bündel Proviant, und Nekos Magen meldete sich protestierend. Doch sie unterdrückte den Hunger wenigstens so lange, bis sie das Zelt vollständig zusammengeräumt hatten.
    Eine Bewegung im Augenwinkel ließ sie herumfahren. Ein kleines Mädchen war um die Eiche, die ihren Lagerplatz und das Dorf voneinander schied, herumgegangen und hielt ertappt inne, als Neko zu ihr herübersah. Die Eloa glaubte natürlich sofort, dass das Kind deswegen stehen geblieben war, weil sie sich einer Chimäre gegenüberfand. Doch in Wirklichkeit lag es daran, was in der letzten Nacht geschehen war. Doch woher sollte sie das schon wissen?
    „Kann ich dir helfen?“, fragte Neko und trat einen Schritt auf das Mädchen zu. Dieses wich zuerst dieselbe Strecke rückwärts gehend zurück, bevor es sich mit einem Ruck umdrehte und davonrannte. Beleidigt schüttelte Neko den Kopf und wandte sich ihrerseits um. Sie konnte es ja ein Stück weit verstehen, dass die Kleine misstrauisch einer Chimäre gegenüber war, eben weil sie noch ein Kind war, aber diese Reaktion konnte sie nicht nachvollziehen. Sie mochte Katzenohren haben, ja, und dadurch natürlich auch unverkennbar das alte Blut ihrer Vorfahren, aber sie würde niemals jemandem etwas tun. Wenn das Mädchen Angst vor ihr hatte, hatte sie eigentlich allen Grund, sich noch viel mehr vor Pokémon zu fürchten. Immerhin konnten diese etwas Übermenschliches, während sie, die bis auf ihre Ohren nichts Chimärisches geerbt hatte, nichts weiter vermochte als das, was auch normale Menschen zuwege brachten. Mal davon abgesehen, dass sie ganz nach Mauziart ihre Ohren in jede beliebige Richtung drehen konnte – aber was war an dieser Fähigkeit schon besonders?
    Neko ließ ihre Bedenken sein und steuerte das Lagerfeuer an. Der Tee brodelte mittlerweile im Kessel, und mit dem feuchten Dampf, der daraus aufstieg, verbreitete sich der durchdringende Kräutergeruch. Sie kannte sich zwar nicht wirklich damit aus, aber sie meinte Minze und Brennnessel zu riechen. Von der Wärme des Feuers angehaucht forderte ihr unterkühlter Körper noch mehr nach der Nähe der Flammen. Mit einem Frösteln ließ sie sich neben dem warmen Schein nieder und hielt die Hände dagegen, allerdings kehrte die wohltuende Wärme über die feuchtkalte Luft nur langsam und widerwillig ein. (als ich das schrieb, sang in der Glotze SpongeBob das Lagerfeuerlied-Lied xD)
    „Du warst noch nie im Großen Wald, nicht?“ Neko sah auf, als sie von hinten angesprochen wurde und ihr jemand eine kleine Decke um die Schultern legte. Als sich Shinzu neben sie ins Gras setzte, verkrampfte sich ihr Magen leicht; war wohl Zeit, dass sie etwas aß.
    „Nein, noch nie“, gab sie ehrlich zu und zupfte am Stoff. „Danke.“ Sie wandte ihm den Blick zu und gewahrte, dass er selbst nicht viel mehr trug als seine Hose und ein kurzärmliges Hemd. „Dir ist nicht kalt?“, fragte sie skeptisch. Leicht verwundert stellte sie fest, dass ihr schon wärmer geworden war – wobei das unmöglich allein von dem dünnen Stoff der Decke kommen konnte.
    Shinzu schüttelte nur den Kopf und beobachtete, wie Akari in dem Sud über dem Feuer rührte, um nachzuprüfen, ob der Tee bereits fertig war. Wie als könnte sie jemand belauschen, der es nicht hören sollte, beugte er sich etwas zu ihr rüber, sagte dann aber nicht besonders unhörbar: „Wenn dir nicht zu kalt ist, hast du dann einen Moment Zeit? Ich möchte dir was zeigen, bevor wir weitergehen.“
    Was willst du ihr zeigen?“, ließ sich Mizu vernehmen und tauchte plötzlich hinter den beiden auf. Neko zuckte zusammen, als habe er sie bei einer Missetat erwischt, sah aber dann zu ihm hoch. Auch Shinzu hob den Kopf und funkelte den Lynoer dunkel an. Anders als die Chimäre wusste er nicht um Mizus Gründe, wegen denen er misstrauisch war. Wahrscheinlich glaubte er nach wie vor, für ihr Heil verantwortlich zu sein, war er doch der einzige, der überhaupt im Ansatz von einer unbekannten Gefahr, die hier auf sie lauern mochte, wusste. Ob er Shinzu selbst als Gefahr ansah, konnte sich Neko zwar kaum vorstellen, aber sie überhaupt aus den Augen zu verlieren, war wahrscheinlich schon genug. Auch wenn sie sein Misstrauen durchaus verstand, konnte sie es nicht mit ihrem vernünftigen Denken in Einklang bringen: Was war hier schon hinter ihr her, das Mizu von ihr abzuwehren gedachte, aber vor dem Shinzu sie nicht zu beschützen vermochte?
    „Wenn es dich etwas anginge, hätte ich es dir gesagt“, erwiderte Shinzu rüde, als hätte Mizu ihn persönlich angegriffen. Der Lynoer schien zu einer ebensolchen Antwort ansetzen zu wollen, aber Akari kam ihm zuvor:
    „Der Tee braucht ohnehin noch einige Minuten“, sagte sie auffällig beiläufig und klopfte den Löffel ab, mit dem sie gerade noch einmal im Topf gerührt hatte.
    Ohne Mizu noch einmal anzusehen stand Shinzu auf. „Länger wird es auch nicht dauern.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und trat zum nahen Waldrand, wo er sich umdrehte, um auf Neko zu warten. Diese zögerte noch einen Moment, sah Mizu an, in Erwartung darauf, dass er noch etwas sagen würde. Doch stattdessen ließ er sie mit ausdruckslosem Gesicht stehen und ging zu Tanhel, das einige Schritte entfernt von der Rebellengruppe damit beschäftigt war, Voltenso einer genauen Musterung zu unterziehen. Der Donnerhund zeigte ein einigermaßen merkwürdiges Verhalten, denn er drehte sich mehrfach im Kreis und schnüffelte immer wieder an derselben Stelle, hob die Nase und prüfte die Luft, nur um die Prozedur von neuem zu beginnen.
    Neko seufzte innerlich, folgte Shinzu aber schließlich in den dichteren Wald hinein – nichts ahnend, dass sie schon bald verfolgt werden würden.
    Augenblicklich sank die Lufttemperatur um sie herum um weitere Grade, und sie wickelte die Decke fester um ihre Schultern. Feuchter Tau sog sich in ihre Hose, wo sie an Büschen und niedrigen Pflanzen vorbeikam, und machte ihre Beinhaut klamm. Wie zum Trotz arbeitete sich warm scheinendes Morgenlicht durch die Kronen der verschiedensten Baumarten, nur um zu beweisen, wie kalt es eigentlich in Wirklichkeit war und den Kontrast zwischen Sichtbarem und Spürbarem zu verstärken. Aber irgendwie war das weniger schlimm, als Neko es erwartet hatte. Sie folgte Shinzu einfach immer tiefer in den Wald, immer weiter von ihrem Lagerplatz weg, und stellte fest, dass sie zum ersten Mal alleine waren. Weder ihre Teamkollegen noch ihre Partner waren hier. Hatte der Naminer das mit Absicht so gewählt? Wo führte er sie überhaupt hin? Ihre Fantasie erhob sich in den Himmel und malte die aufregendsten Vorstellungen, was nun gleich passieren würde, und ein paar davon waren weniger angenehmer Natur. Mizu hatte eine Gefahr gesehen – was, wenn sie von Shinzu ausging?
    Wie um ihre Gedanken von diesen Pfaden abzuwerfen, die sie unversehens genommen hatten, schüttelte Neko den Kopf. Leider wirkte diese Maßnahme nicht wirklich so, wie sie es erhofft hatte, sondern bewirkte allenfalls, dass ihre Fantasien nur etwas langsamer liefen. Wenn Shinzu derart gefährlich für sie war, dann ebenso die anderen Mitglieder ihrer Gruppe. Auch wenn sie sich noch kürzer kannten als sie und Mizu vertraute sie dem Naminer doch ebenso wie dem anderen. Wobei… Tat sie das wirklich? Hatte sie überhaupt einen Grund dazu? Plötzlich kamen ihr Zweifel. Sie kannte weder den einen noch den anderen wirklich gut genug, um das mit Gewissheit sagen zu können. Was wusste sie schon um die Beweggründe der beiden, wegen denen sie der Schwarzen Rose beigetreten waren? Ihre eigenen waren ja schon nicht besonders nobel oder gar selbstlos. Wer konnte schon sagen, ob es nicht Ehrgeiz gewesen war, der sie dazu beflügelt hatte, sich den harten Vorraussetzungen des Hauptquartiers zu stellen, und nicht, für die Rebellion zu kämpfen? Was würden sie tun, um zu gewährleisten, dass sie nach der Probezeit einen festen Platz in der Hauptgruppe erhielten? Zum Beispiel Shinzu: Gerade jetzt, wo sie allein unter sich waren, wäre es für ihn ein Leichtes, sie aus dem Weg zu räumen…
    Das ist unmöglich!, schalt sie sich selbst in Gedanken. Sie waren immerhin keine Konkurrenten – auch wenn er ihr irgendetwas antat, hieße das noch lange nicht, dass er dem Hauptquartier weiterhin unterstellt sein konnte. Wenn es irgendwann ans Licht kam, würde das für ihn sogar bedeuten, der Schwarzen Rose komplett gebannt zu werden. Von der Strafe, die man für jedes begangene Verbrechen nach Gesetz der Länder erhielt, ganz zu schweigen. Nein, wenn er sie aus dem Weg hätte haben wollen, hätte er sie einfach nur ertrinken lassen können. Es wäre gar nicht nötig gewesen, sich die Mühe zu machen, sie zu retten, und sie dann doch loszuwerden.
    „Wohin gehen wir?“, fragte Neko schließlich, um sich abzulenken. Außerdem meldete sich die Neugier, die ihrer Chimärenart zu Eigen war, und eine leichte Ungeduld machte sich in ihr breit.
    Shinzu blieb nur kurz stehen, drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein Lächeln, das sie einen Moment innehalten ließ. Erst im Weitergehen beantwortete er ihre Frage, und sie hatte Mühe, ihn zu verstehen: „Wir sind gleich da, dann wirst du es ja sehen.“ Die nächsten Meter sagte er nichts mehr, und die Stille zwischen ihnen peinige Neko. Sie hielt die negativen Grübeleien nicht so effektiv ab, wie es ein Gespräch vermocht hätte. Wieder griff ihr Vorstellungsvermögen in himmelhohe Weiten aus, und sie hatte Mühe, es wieder von dort zurückzuholen.
    Aber auch nur so lange, bis sie ihren Zielort erreichten.
    Mit einem Mal lichtete sich der Wald. Aus grünem Licht wurde ein Meer aus wie in Silber gegossenen Sonnenstrahlen, die einen bezaubernden Tanz vollführten, als Wind durch die Blätter strich. Eigentlich war es keine Lichtung, auf der sie jetzt standen: Dem dichten, kreisrunden Grasteppich zu ihren Füßen entwuchs etwa mittig eine von dünneren, jüngeren Trieben umwundene Ranke. Auf nichts als sich selbst gestützt schlängelte sie sich über zwei Meter empor, bevor ihre Stämme in einer Explosion aus Ästen aufgingen, die mit silbernen Blättern beschmückt waren. Nein, eigentlich waren die Blätter von einem schmierigen Graugrün, aber der silbern glänzende Flaum, der die ganze Pflanze wie ein samtener Pelz bedeckte, ließ sie im satten Sonnenlicht wie feines Gold glänzen. Die Luft war erfüllt von einem schwachen, trockenen aber lieblichen Duft, und pulvriger Silberstaub hing wie ein sanfter Nebel unter den Zweigen. Fasziniert trat Neko weiter auf die Lichtung und ließ sich von den zu lichtenem Bernstein veredelten Sonnenstrahlen streicheln. Augenblicklich waren die Kälte und Nässe dieses Morgens vergessen, und sie ließ die Decke von ihren Schultern sinken, um das Licht zu spüren. Sie griff nach einem Blatt, das an einem tiefer hängenden Ast wuchs, und strich sanft mit den Fingern darüber. Noch nie in ihrem Leben hatte sie Seide gefühlt, aber dennoch war sie sich sicher, dass der edle Stoff diesem Blatt an Schönheit und Weichheit nicht gewachsen sein konnte, so zart war der metallfarbene Flaum. Sie fühlte sich der Welt auf so schwer in Worte zu kleidende Weise fern, als sei das hier, diese wunderbare Pflanze, nur ein Traum.
    Plötzlich, aber nicht unangenehm, wurde sie aus ihrer Trance gerissen, als Shinzu ruhig und wie selbst von dem Zauber dieses Ortes berauscht sagte: „Schön, nicht wahr?“ Neko schaffte es nicht, irgendetwas zu erwidern, sondern nickte nur stumm – auch wenn sie stark bezweifelte, dass das einzelne Wort „schön“ das ausreichend beschreiben konnte, was sie gerade empfand. „Das ist eine Silberranke“, fuhr Shinzu erklärend fort. „Vor über achthundert Jahren soll es im ganzen Wald von ihnen gewimmelt haben, heute sind sie leider nur noch selten.“ Er trat auf den gewundenen Stamm zu und strich mit der Hand über die glatte Rinde. Silbrig glitzernder Staub löste sich davon und trieb in der lauen Brise verträumt davon. Shinzus Blick wanderte von der Stelle, die er gerade berührt hatte, den Stamm hinauf und blieb an der ersten Astgabelung hängen. „Siehst du das?“, wollte er wissen und deutete dorthin. In der Gabelung, durch ein feines aber umso reißfesteres Gespinst aus weißem Faden gesichert, lagen vier honigmelonengroße Kugeln, die das Sonnenlicht leuchtend neongrün erwiderten. „In ein paar Tagen werden dort Raupy schlüpfen.“ Es raschelte in den Ästen der Silberranke, und aus dem Blätterdach, das die Lichtung wie ein schützendes Zelt überspannte, fielen ein Pudox und ein Papinella. Tobend und spaßend fingen sie den Fall kurz über dem Boden ab, umkreisten einmal den Stamm, um dann wieder nach oben durch die Blätter zu entschwinden. Neko, die Shinzu den Rücken gekehrt hatte und zu der Stelle sah, wo die beiden Falter verschwunden waren, hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte: „Bald wird es hier wohl auch kleine Waumpel geben.“
    Sie spürte, wie er wieder neben sie trat. „Die Silberranke ist eine ganz besondere Pflanze. Sie bekommt weder Blüten noch Samen und auch keine Schösslinge. Sie pflanzt sich allein über die Pokémon fort.“ Sein Blick suchte zuerst den ihren, dann aber sah er zu den Raupyeiern hinauf. „Nur Käferpokémon, deren Eier auf eine Silberranke gelegt werden, die hier schlüpfen und deren erste Mahlzeit diese Blätter sind, sind in der Lage, die Attacke Silberhauch zu erlernen“, erklärte er, und selbst dieser Vortrag wie aus einem Schulbuch auswendig gelernt klang in Nekos Ohren im Moment wie eine Ode an diese Pflanze. „Trifft ein solches Staubkorn von einem Käferpokémon auf eines von einem andersgeschlechtlichen, befruchten sie sich gegenseitig und fangen dort, wo sie landen, zu keimen an. Und daraus wird wieder eine Silberranke.“ Jetzt glaubte sie, so etwas wie Bedauern in Shinzus nächsten Worten zu hören. „Aber sie ist seltener geworden, weil die Menschen Partnerschaften mit Käferpokémon eingehen und den Wert von Silberhauch nicht zu schätzen wissen. Außerdem ziehen sie durch andere Länder, und die Silberranke kann nur hier gedeihen.“ Er seufzte, bevor er melancholisch fortfuhr: „Ich wünsche den Raupy hier und den beiden Turteltauben viel Glück, dass sie groß werden und gesunde Kinder bekommen – damit diese Pflanze niemals ausstirbt.“
    Neko spürte mehr, als sie es sah, wie sich Shinzu zu ihr umdrehte und sie lange ansah. Stille legte sich über die Ruhe der silbern glänzenden Lichtung. Weil nichts weiter geschah, erwidert Neko schließlich seinen Blick, und in diesem Moment schien er ihr plötzlich näher zu stehen als noch davor. Oder vielleicht irrte sie sich und der verwirrende Lichttanz der Blätter spielte ihr einen Streich; lediglich eine Sinnestäuschung. Irgendwie fühlte sie sich benommen, nicht schwindlig, aber erst recht nicht zu einem klaren Gedanken fähig. Shinzu kam noch näher. Es wurde so absolut geräuschlos, dass sogar die Stille eines Grabes noch laut dagegen gewesen wäre. Sein Gesicht näherte sich dem ihren. Ihre Augenlider wurden schwer. Plötzlich – oder auch nur nach und nach, denn Zeit spielte hier im Nichts keine Bedeutung – kam in ihr ein unsägliches Verlangen nach etwas hoch, das sie sich selbst nicht beschreiben konnte. Etwas, das schon lange in ihr schlummerte, und nun allmählich erwachte. Sie einzunehmen drohte, ohne dass sie ihm etwas entgegenzusetzen hatte.
    Sie spürte die Wärme, die von ihm ausging, und mit der ihren zu einem leidenschaftlichen Feuer verschmolz. Wie ein Buschbrand, der durch trockenen Steppenweizen fährt, verzehrte es auch noch die letzten Reste ihres Verstandes in kürzester Zeit, bis ihr ganzes Sein nur noch aus Gefühlen bestand. Sie wusste nicht mehr, was geschah, was sie tat, nahm nur noch seinen Atem in ihrem Gesicht wahr, seine Lippen, kurz vor ihrer Berührung…
    Ein Blitz schoss durch Nekos lahm gelegte Gedanken, ein Bild nur, durch die Schnelligkeit seines Aufkommens unverkennbar verzerrt. Mit einem Mal wieder bei klarem Bewusstsein riss sie die Augen auf und stieß Shinzu wütend von sich – oder eher sich selbst von ihm, denn obwohl er, sichtlich geschockt über ihre plötzliche Reaktion, wankte, blieb er fest an seinem Standpunkt stehen, als könne ihn nichts umhauen. Neko wich noch zwei Schritte zurück, unfähig, ihn anzusehen. In blankem Entsetzen – mehr gegenüber sich selbst als ihm – presste sie einen Handrücken so fest auf ihren Mund, dass ihre Zähne in ihre Lippen schnitten.
    „Neko…“ Shinzus Stimme hatte einen entschuldigenden Unterton, dem sie nicht so recht glauben konnte, obwohl sie selbst nicht wusste, warum. „Neko, es tut mir leid, ich…“ Er verstummte, als sie ihn direkt fixierte. Sie hoffte, dass er genau das in ihrem Blick las, was sie empfand: Entsetzen, Empörung, Zorn – und doch ahnte sie, dass sie einfach nur verzweifelt wirkte. Shinzu kam einen Schritt auf sie zu, die Hände um Verzeihung bittend gegen sie erhoben, doch sie wandte sich um, als heiße Tränen in ihren Augen aufstiegen. Als sie seine Schritte hinter sich im Gras hörte, rannte sie los, einfach weg von der Lichtung, weg von der Stille, fort von ihm. Die Hand hielt sie immer noch auf den Mund gepresst, und jetzt schmeckte sie auch Blut. Bittere, heiße Tränen liefen ihre Wangen hinab, wie flüssiges Metall, so gebrandmarkt fühlte sie sich. Während sie einfach nur rannte, irgendwohin, ohne Ziel und ohne Plan, schoss ihr immer wieder nur ein Satz durch den Kopf: Ich hätte ihn fast… ich hätte ihn fast… geküsst!
    Irgendwo raschelte es.


    Papinella machte einen Salto und flog wieder auf Pudox zu. Wie glücklich sie doch war! So glücklich war sie nicht mehr gewesen seit… seit… seit fast zwei Tagen. Das Langzeitgedächtnis von Papinella und überhaupt ihrer ganzen Art war nicht besonders gut, sodass sie alles, was jenseits von achtundvierzig Stunden lag und das sie nicht immer wieder erlebte, einfach vergaß. Was natürlich nicht weiter schlimm war. Es reichte, um aufzuwachsen und die große Liebe zu finden, wie sie selbst herausgefunden hatte.
    Auch Pudox schien glücklich, und die beiden umtanzten sich in einem Wirbel aus Silberhauch. Mit vor Glück und Freude geröteten Wangen ließen sie sich auf einem Ast nieder, so nah beieinander wie möglich, um den anderen zu spüren.
    Da kam jemand in Papinellas Gesichtsfeld gerannt – ein Mensch, wie sie wusste, dessen langer Kopfpelz für ihre Augen gelblich schien. Vielleicht war es auch kein richtiger Mensch, überlegte sie, weil es für Menschen sehr untypische Dinger auf dem Kopf hatte, von denen sie wusste, dass man sie Ohren nannte. Wozu die auch immer gut sein sollten. „He, war das nicht eben bei der Mutterpflanze?“, fragte Pudox, während sie dem Menschen nachsahen.
    „Kann sein“, gab sie wenig beeindruckt zu. Es kümmerte sie in Wahrheit nicht. „Komm, wir fliegen noch ein bisschen.“ Damit erhoben sie sich flügelschlagend in den Himmel. Mit dem Gedanken an ihre gemeinsamen Jungen, die sie bestimmt bald haben würden und die wie sie in einer Mutterpflanze schlüpfen würden, durchstieß sie zusammen mit ihrem geliebten Pudox das grüngelbe Blätterdach. Von hier oben aus konnten sie den silbernen Fleck – ihre Mutterpflanze – gut sehen. Glücklich sahen sie sich an und kamen aufeinander zu.
    Doch vom einen Augenblick auf den nächsten schied Papinellas ganzer Traum dahin.
    Pudox ging in sogar für ihre farbunempfindlichen Augen blauen und roten Flammen auf und stürzte vor Schmerzen schreiend wieder ab, einen unangenehm riechenden, schwarzen Schleier dicken Qualmes hinter sich herziehend. Auch Papinella schrie, in einer Tonhöhe, die ein Zubat in der Nacht blind gemacht hätte. Sie nahm Reißaus, wollte wegfliegen, das alles nicht glauben, als ihr eine unsichtbare Macht den Kopf vom Körper trennte und dieser mit einem dumpfen Rascheln irgendwo in einem Busch landete. Ihr graurotes Blut besprenkelte die Blätter der umliegenden Bäume, und nachdem ihr letzter, unhörbarer Schrei zwischen den Stämmen verklungen war, kehrte wieder ruhige Stille in den Wald ein.
    Über das Gesicht des Prinzen legte sich ein dunkler Schatten.[/tabmenu]PN- und GB-Benachrichtigung aktuell nicht verfügbar. Bitte haben Sie Geduld...

  • Hallo Süße!


    Da bin ich wieder, hatte ja gestern wie gesagt über den Tag verteilt alles gelesen, was mir gefehlt hat und dazu Notizen gemacht. Zum Kommentar schreiben kam ich nicht mehr, weil ich dann weg musste (Mum hatte einen Gig :D), also hoffe ich, dass ich noch verstehe, was ich da gestern geschrieben habe... Meine Notizen sehen halt immer etwas seltsam aus, so à la "tolle Szene unter Wasser, omg!" oder so. Nichts ausformuliertes, dazu bin ich zu faul. So bin ich auch im Lesen viel schneller, als wenn ich wie früher simultan einen ganzen Kommentar tippe... So, auf geht es, genug gelabert.


    Eiskalt


    Die Unterwasserszene war gut gestaltet, sehr spannend und mit Suspenseelementen, ich saß wirklich davor und dachte, Neko ertrinkt vielleicht. Das passiert Hauptcharakteren eigentlich nie, aber bei dir weiß man es nicht...! Schließlich hältst du dich auch sonst so gut wie nie an Klischees. Während des Lesens habe ich mich gefragt, ob Mizu oder Shinzu sie retten wird. Hätte mir auch gut vorstellen können, dass es beide versuchen und sich dann einen Bitchfight über sie liefern, während sie fast ertrinkt *hust*, aber gut, dass es dann doch nicht so kam. Dass Kanivanha und generell alle Pokémon Angst vor Menschen haben, ist gut gemacht, bei Tieren ist es ja auch eigentlich so. Aber wieso die kleinen Fressmonster sich daran nicht halten und sogar versuchen, Neko anzugreifen, ist mysteriös. Vielleicht weil sie eine Chimäre ist? Oder ist da irgendetwas im Gange?
    Dass sie dann doch von Shinzu gerettet wurde, hat mich nicht so sehr überrascht, mittlerweile bin ich ja ein großer Fan von ihm, schmacht. Achso, zu einem anderen Thema, die Rechtschreibung und Grammatik war wie immer gut, aber ein Fehler war gigatoll, den muss ich dir einfach zitieren! Einfach, weil er so witzig (und dezent zweideutig xD) ist. Um sich mit der freien Hand an der Haltestange zu vergreifen. Vergreifen!!! xD Also Sonnenblume, ehrlich, WO warst du da mit deinen Gedanken? :* Böse böse. So, zurück zum Text, ich fand es gut, dass an Bord der Kampf weiter tobt. In Filmen ist es ja oft so, dass jemand gerettet wird und in der Zwischenzeit ist alles wieder gut oder der Kampf wird vergessen, etc. Aber hier geht es gleich weiter, ohne kitschige Zwischenszenen und so! Wirklich gut gemacht, wie gesagt, ich werde alle deine Bücher kaufen. Magneton ist ja niedlich, wie es da durch den Magnet so Flugprobleme hat und alles, ich mag das Kleine. <3 Duflors großer Auftritt war auch toll. :D  


    Rai mit der Sense gefällt mir immer wieder gut, fühle mich so stark an Higurashi no naku koro ni erinnert, und die Serie habe ich sehr geliebt... Sehe sie mir vielleicht irgendwann wieder an. Das Schwert an Bord ist auch so eine Sache, wo kommt es wohl her und was macht es? Excalibur! lol. Das Dorf wenig später hat mich wegen der Wohnungen auf Bäumen stark an Herr der Ringe erinnert, was gut war. Aber im Gegensatz zu diesem Buch war das Dorf irgendwie gruseliger... Schon als sie dort waren, hatte ich so eine unheilvolle Vorahnung. Celebi und ihr Zuhälter, da musste ich so lachen. x) Das habe ich in einer Pokémon FS wirklich noch nie gehört und es gefällt mir. Armes Voltenso übrigens, hatte Angst, dass es gekillt wird...
    Diese Zwischengeschichte mit den Somnivora und Somniam hast du gut erzählt, das mit den Drogen und so weiter, kam sehr realistisch herüber und so hast du es geschafft, problemlos eine Brücke zur 5. Generation zu schlagen. Der Traumdunst erinnert mich stark an LSD, hab da allerdings keine Erfahrungen mit '_' wird wohl auch so bleiben, auch wenn es inspirierend sein soll. Den Kristall von ihm mag ich, Kristalle sind sowieso immer gut und der ist ja richtig nützlich. Achso nochmal zurück, den Begriff mit dem traurigen Teufelskreis in Richtung Ausrottung Somnivora mochte ich, das macht einen so nachdenklich, was du mit deiner Geschichte immer wieder schaffst. Nicht umsonst ist sie meine Lieblings FS hier. Der Mensch mit den Pokémonattacken (ich hoffe du kommst mit, ich springe hier vor und zurück) kam mir anfangs sehr seltsam vor, mittlerweile finde ich es cool. Hat was von einem Mutant, X-Men oder so! Und wieso sollte es nicht gehen, in unserer Welt geht doch auch fast alles. Die Eisblumen haben mich an Subway to Sally erinnert, toll. Das Ende war phänomenal! Die armen Leute, aber naja, ein paar Nebencharaktere gekillt, is fun. Und Eis ist sowieso toll, rrr. Ob es wohl jemand gesehen hat?


    Der Kuss


    Ach, unfair! Der Titel hat mich so hoffen lassen und nach dem Lesen wusste ich, dass ich eigentlich gleich davon hätte ausgehen müssen, dass es nicht dazu kommen wird. Aber ich bin dir nicht böse, gerade weil du solche Szenen nicht ausweidest, sondern sparsam und subtil einstreust, liebe ich dich ja so. Also, als Autorin. Na gut, und auch so :D Neko finde ich auch immer wieder süß, sie ist so eine Anti Mary Sue mit ihren süßen Ohren (die sie in alle Richtungen drehen kann xD), aber ohne wirkliche Fähigkeiten, so ein Hauptcharakter, den man einfach mag. Als Shinzu zu ihr kommt hat sie also Magenprobleme, ja? Als ob die vom Hunger kommen, muha. Shinzu ist eben toll... Mizu ist auch direkt eifersüchtig, war klar! Sollte er auch sein, bei dem wunderbaren Konkurrenten. Die Geschichte mit der Silberranke war ja schön gemacht, wie findest du immer diese Nebengeschichten, die dann auch noch wirken, als wären sie echt. Wah. Schade wie gesagt, dass es zu keinem Kuss kam... Aber egal, später dann. Als sie sich dann trennen, habe ich irgendwie gedacht, Shinzu wird etwas passieren, ich weiß nicht genau, wieso. Wäre in meiner FS wohl so gewesen, gott sei dank bei dir nicht. Aber dass etwas passiert... Wie furchtbar, Papinella und Pudox, ogott! Erst sind sie so glücklich, dann unterhalten sie sich und dann... v_v Die Szene hat mich fast zum Verzweifeln gebracht, Tränen hatte ich jedenfalls genügende in den Augen. Schnief. Meine Notizen zu dem Abschnitt sind auch interessant: omg... omg!! Papinella und Pudox =( omg... wie grausam! ogott! Naja, das waren eben meine Empfindungen in diesem Moment, wie böse du sein kannst. </3


    Alles in allem wieder richtig gut, wie von dir gewohnt und du lässt mich hungrig nach mehr. Wenn es eine Steigerung zum Profibereich gäbe, ich würde dich absolut vorschlagen. Bis bald!

  • [tabmenu][tab=fortgesetzt? nicht ganz...]Ich habe noch nicht ganz weitergeschrieben... zuerst habe ich mit dem nächsten Kapitel begonnen und es auch beinahe fertig gebracht. Dann ist mir jedoch eingefallen, dass vorher noch ein Spezialkapi kommt, wenn man ein bestimmtes Ereignis im 20. verstehen will. Da das jetzt doch schneller fertig geworden ist, stelle ich es online und demnächst auch das nächste Handlungskapitel. Vielleicht heute schon, bin mir aber noch nicht sicher...
    Viel Spaß beim Momokos Vergangenheit durchforsten ~


    Kitty : Ich hab auf dein Kommi noch nich geantwortet, wie ich gerade feststelle. Das kommt dann noch ^^[tab=Spezialkapitel Nummer 5]SchlaporSpezialkapitel 5: Blütenreigen


    „Niwasaki, warte auf mich!“
    Es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Wie vom größten Künstler in den Himmel gemalt stand die aufgehende Sonne am Horizont und überflutete das ihr untergebene Land mit feurigem Götterlicht. Die nachtaktiven Pokémon hatten sich schon vor Stunden in ihre Höhlen und Bauten zurückgezogen, um den Tag über auf die wiederkehrende Abenddämmerung zu warten. Stattdessen erwachte anderes Leben in den Wipfeln der Bäume; verschiedene Käferpokémon erklommen unbeholfen die höchsten Zweige, um das Licht und die Wärme der Sonne in sich aufzunehmen und Kraft zu tanken für den neuen Tag.
    Doch nicht nur Pokémon wollten diesen Morgen begrüßen und ihn in den Baumkronen beginnen; auch zwei Menschen waren früher als gewöhnlich aufgestanden, um das ihnen liebste Ereignis zu sehen. Momoko und Niwasaki kannten sich schon seit der Wiege und waren gemeinsam aufgewachsen. Obwohl Niwasaki zwei Jahre älter war als seine Freundin, hatte er sich noch nie abfällig ihr gegenüber verhalten, wie es die anderen älteren Kinder zu tun pflegten. Mittlerweile wäre es ohnehin lächerlich gewesen – er war sechzehn, und damit reif genug, über allen Herablassungen zu stehen, die man ihm selbst auch gegenübergebracht hatte, weil er nicht nur mit einem viel jüngeren Mädchen die meiste Zeit verbrachte, sondern weil es auch noch ein Mädchen war. Nach seiner erfolgreichen Schwalboss-Jagd galt er in der Dorfgemeinschaft nun eigentlich als erwachsen, und dennoch trieb er weiter mit Momoko herum, wie sie es schon als kleine Kinder getan hatten, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Die Dyrierin war darüber mehr als erleichtert. Sie hatte befürchtet, dass er nach seiner Zeremonie nun mehr mit den anderen jungen Erwachsenen zusammen sein würde. Dass dies nicht der Fall war, machte sie unendlich glücklich.
    „Bis du hier oben ankommst, können wir die Pfirsiche gleich mit nach Hause nehmen!“, stichelte er sie spaßend von oben an und erklomm behände den nächsthöheren Ast. Die letzten Tage war er häufiger hier gewesen, um die Pfirsichknospen zu beobachten. Da sie diese Aktion jedes Jahr durchnahmen, hatten sie beide genug Erfahrung, wenn es darum ging, zu bestimmen, wann die Knospen sich öffneten. Jedes Jahr kletterten sie dann kurz vor dem großen Ereignis in die Baumkronen der Pfirsichbäume und sahen den Blüten stundenlang schweigend zu, wie sie wie das immer heller und stärker werdende Sonnenlicht aufblühten. Es war eine Tradition, die sie noch kein einziges Mal hatten sausen lassen, seit Niwasaki klettern konnte – Momoko hatte in diesem Alter am Fuße des Baumes gestanden und von unten zugesehen. Seit sie selbst in die Wipfel gelangen konnte, saßen sie immer nebeneinander, jedes Jahr auf demselben Ast. Und wenn die Pfirsiche dann im Spätsommer reif waren, setzten sie sich wieder auf dorthin und verspeisten sie gemeinsam. Der Baum und seine Blüten hatten für sie schon einen solchen Charakter angenommen, als seien es sprechende und mit ihnen interagierende Lebewesen.
    Grummelnd schob sich Momoko weiter hoch. Seit sie denken konnte, taten sie dies hier jedes Jahr, und ebenso lange war sie im Klettern immer langsamer gewesen als Niwasaki. Deswegen hatte er sie zwar noch nie so runtergemacht, wie es die anderen taten, aber er stichelte jedes Mal auf ihr herum, wenn sie sich beschwerte, dass er zu schnell war. Einmal hatte er ihr gestanden, dass er das nur tat, um sie zu unterstützen, denn dadurch würde sie sich mehr Mühe geben. Ob das nun stimmte oder nicht, war sie ihm trotzdem irgendwie dankbar dafür.
    Endlich hatte sie ihren Stammast erreicht und setzte sich neben Niwasaki, der eingehend einen Zweig mit Knospen begutachtete. Ihre beiden Partner – beides Duflor – waren zwar nicht in der Lage, ebenfalls zu ihnen raufzukommen, dafür begnügten sie sich aber auch damit, unten am Stamm miteinander zu spielen. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren und beide von ihnen ein Myrapla zum Erstpartner bekommen hatten, hatten sie sich geschworen, für immer zusammenzubleiben. Zumindest was Momoko betraf wollte sie, dass dieser Schwur für immer Bestand hatte, auch wenn sie wusste, wie naiv dieser Wunsch war. Damals waren sie noch Kinder gewesen und hatten nicht gewusst, was die Zukunft bringen mochte.
    „Und, sind wir zu spät?“, fragte sie belustigt, weil Niwasaki besorgt die Stirn runzelte. Das tat er immer, wenn er mit etwas nicht zufrieden war, und sah dabei ziemlich albern aus. Sie hatten es zwar schon häufiger gehabt, dass sie hier angekommen waren und ein paar Knospen hatten sich bereits früher geöffnet als gedacht. Doch die Hauptsache war es ohnehin, wenn sie dem Großteil der Blüten beim Aufgehen zusehen konnten.
    „Ich fürchte, dass wir nie mehr zu spät kommen können. Schau.“ Momoko wunderte sich über diesen seltsamen Spruch, befolgte aber seine Aufforderung, als er ihr etwas unter die Nase hielt, das wie ein verkohltes Stück Holz aussah. Nur, dass es viel zu rund und filigran war, um aus Holz zu sein. Es war eine Pfirsichknospe. „Ich glaube, sie ist tot“, sagte Niwasaki mit einem solchen Bedauern in der Stimme, dass Momoko fast glaubte, er wolle das Stück toter Pflanze wieder zum Leben erwecken. Er strich mit dem Finger darüber, und ein schwarzes Blütenblatt löste sich knisternd davon.
    „Aber warum sollte sie tot sein? So kalt war es letzte Nacht gar nicht.“ Zwar hatte es die Nacht über noch einmal stark abgekühlt, wie man es für diese Jahreszeit gar nicht mehr gewohnt war, doch ein Pfirsichbaum musste dem als Frühjahrsblüher ohne Probleme standhalten.
    Niwasaki schüttelte den Kopf und ließ die tote Knospe fallen. „Sie ist nicht die einzige.“ Er streckte seinen Arm weit aus und pflückte eine weitere, die zwar noch nicht so schwarz war wie ihre Vorgängerin, jedoch gewiss nicht mehr erblühen würde. Es fanden sich noch ein paar andere, aber es war ohnehin nur eine handvoll. Momoko verstand seine Besorgnis nicht. Als sie ihn danach fragte, erklärte er ruhig, aber traurig: „Unser Pfirsichbaum ist schon sehr alt, Momoko. Nur wenige von seiner Art werden hier so alt wie er. Vielleicht hätte er noch einmal Blüten tragen können, aber der Nachtfrost hat ihn krank gemacht. Die Knospen werden nach und nach alle sterben, und keine von ihnen wird mehr erblühen.“
    Momoko wagte es nicht, ihm zu widersprechen. Sein eigener Vater, der aus nördlicheren Gebieten des Großen Waldes stammte, hatte Pfirsichkerne vor einigen Jahren in ihr Dorf mitgebracht. Eigentlich war es ein Wunder, dass ein paar wenige von ihnen überhaupt gewurzelt hatten, und nur noch wenigere von den ältesten standen jetzt noch. Ihr eigener Pfirsichbaum gehörte dazu. Er war nur ein Jahr älter als Niwasaki, und eigentlich hatte Momoko angenommen, dass er auch noch sie überleben würde. So waren Bäume nunmal: Sie standen meistens schon, wenn man geboren wurde, ließen ein Menschenleben an sich vorbeiziehen und lebten dann ungehindert weiter, als sei nichts gewesen. Verglichen mit den großen Eichen oder auch den schlanken Birken war ihr Pfirsichbaum zwar fast noch ein Schößling, doch dass er jetzt schon zu alt war, wollte sie einfach nicht wahrhaben.
    „Nein, das darf nicht passieren!“, rief Momoko leidenschaftlich aus und streichelte die Rinde ihres Baumes, als könne ihn das wieder gesund machen. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber sie glaubte fast zu spüren, wie die Kraft im Holz nachgelassen hatte. Letztes Jahr hatte er sich noch viel kräftiger angefühlt. Nein, davon durfte sie sich nicht mitreißen lassen! Ihr Unterbewusstsein spielte ihr einen Streich, jetzt, da sie von der Krankheit wusste. „Er wird nicht sterben.“
    „Ich wünschte, es würde nie geschehen“, sagte Niwasaki traurig und umklammerte den Ast, von dem er die erste Knospe genommen hatte, wie um sich festzuhalten. „Aber wir haben es auch bei den anderen Pfirsichbäumen gesehen. Wie sie eingegangen sind. Unserer wird auch sterben, das hätten wir schon vorher ahnen müssen.“ Die Wörter eingehen und sterben fuhren in Momoko wie ein Blitz. Alle anderen Bäume waren eingegangen, wie Pflanzen es nunmal tun, wenn sie krank werden oder nicht genug Wasser bekommen. Aber ihrer würde sterben, so wie es bei Menschen oder Pokémon der Fall war. Fast wie beiläufig und doch tröstend legte er seine Hand auf die ihre. Innerlich zuckte sie ob dieser Berührung zusammen, versuchte aber, nach außen hin zu wirken, als trauere sie nur um ihren Baum – gleichzeitig hatte sie dabei aber auch ein schlechtes Gewissen, dieses Gefühl so schamlos auszunutzen. Niwasaki sprach jetzt sehr leise und melancholisch: „Wir sollten dankbar sein, dass wir ihn so lange hatten. Seine Brüder, Schwestern und Kinder sind ja auch noch da. Ihre Pfirsiche schmecken bestimmt genauso gut.“
    Momoko hätte gerne etwas erwidert, aber sie wollte die idyllische Atmosphäre nicht stören. Die pfirsichsüße Trauer um ihren sterbenden Baum mischte sich mit einem weiteren Gefühl, das so erst seit nur wenigen Monaten existierte. Es hatte zwar schon seit Jahren in ihr gekeimt, war in letzter Zeit aber zu einer stolzen Eibe herangewachsen, genauso widerstandsfähig und unumstoßbar wie eine Esche. Sie wusste genau, wie man dieses Gefühl bezeichnete, und wie sich diejenigen, die es zum ersten Mal empfanden, dabei benahmen. In ihrem Lieblingsmanga würde es heißen, sie hätte sich total in Niwasaki verknallt. Und irgendwie wusste sie, dass es bei ihm auch so war – so sein musste, nach all der Zeit, in der sie Freunde waren!
    Seit den Monaten, in der die Esche stand, hatten sie häufiger diese Momente, in denen sie sich einfach nur gegenübersaßen und in die Augen sahen, als sei der jeweils andere das einzige im ganzen Wald. Ein-, vielleicht auch zweimal war es dabei sogar fast zum Kuss gekommen, aber bedauerlicherweise waren sie beide zu schüchtern, um ihn zu Ende zu bringen – oder überhaupt anzufangen. Niwasaki war hier doch der Junge – genauer gesagt gehörte er ja bereits zu den Männern –, da war es seine Aufgabe, ihr entgegenzukommen, wie es die Jungen in Mangas taten. Vielleicht lese ich zu viel, überlegte Momoko und versank in dem grasgrünen Blick ihres Gegenübers. Vielleicht sollte einfach ich es tun…
    „Hey, ihr rosaroten Liebiskus, was treibt ihr da oben?“
    Diesmal zuckte Momoko tatsächlich zusammen und wäre infolgedessen beinahe vom Ast gefallen, hätte Niwasaki nicht sofort in seine Geistesgegenwart zurückgefunden und blitzschnell ihre Taille umschlungen. Erst, als sie wieder fest und sicher saß – mit guter Wahrscheinlichkeit mit apfelrotem Gesicht – konnte sie einen Blick runter werfen. Ein Junge aus ihrem Dorf stand unter dem Baum und grinste anzüglich zu ihnen herauf. „Wieder mal beim Pfirsiche Klauen, Niwa?“
    „Ach, halt die Klappe, Bodai!“ Niwasaki pflückte einen verschrumpelten Pfirsich vom Vorjahr und bewarf seinen Altersgenossen damit. Die beiden hatten zusammen ihre Zeremonie abgehalten, obwohl Bodai schon ein halbes Jahr eher hätte zu den Erwachsenen zählen können. „Was willst du hier?“
    Der andere hob gespielt abwehrend die Hände und erwiderte mit geheucheltem Bedauern: „Tut mir leid, ich hatte vergessen, dass du ein Anrecht auf diesen Teil des Waldes hast.“ Fast schlagartig wurde er jedoch ernst. „Die Rebellen sind angekommen.“ Dabei verriet sein Tonfall sehr deutlich, was er von der Schwarzen Rose hielt. Zwar war er selbst kein Mitglied und stand auch nicht aufseiten der Krone, jedoch war er der Rebellion ganz und gar nicht zugeneigt. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kehrte er zum Dorf zurück.
    Momoko und Niwasaki waren kraft ihres Blutes Mitglieder der Schwarzen Rose. Schon ihre Eltern und zum Teil auch ihre Großeltern hatten ihr angehört. Zwar gab es für kein Rosenkind, wie man sie in manchen Gebieten nannte, den Zwang, denselben Weg wie die Eltern einzuschlagen. Da man jedoch mit den rebellischen Meinungen regelrecht erzogen wurde, war es fast selbstverständlich, sich den Rebellen zuzuwenden. In ihrem Dorf waren die meisten Bewohner Rebellen, jedoch respektierte man sich hier gegenseitig über alle Meinungsverschiedenheiten hinaus. Ein Besucher, der vor zwei Jahren hier vorbeigepilgert war, hatte ihre Gemeinschaft bewundert und gesagt, dass es die beste Form miteinander zu leben sei und sich alle anderen Rebellen und Königsanhänger ruhig eine dicke Scheibe von ihnen abschneiden könnten.
    Da sie jedoch in ihrer Abgeschiedenheit zu anderen Dörfern – aus der natürlich auch ihre Toleranz gründete – aber allmählich die Übung verloren, hatte ihr Anführer eine kleine Gruppe außen stehender Rebellen beantragt, zu ihnen zu kommen und sie beim Training zu unterstützen. Und wenn Bodai ihnen nicht gerade Mumpitz erzählt hatte, dann war diese Gruppe endlich eingetroffen.
    „Wir sollten auch gehen, sie kennen lernen“, schlug Niwasaki vor und begann den Abstieg. Er kletterte jedoch nur zwei Äste, bis er auf einem ankam, von dem aus er sicher zu Boden springen konnte, und ließ sich fallen. Momoko folgte ihm etwas langsamer und vorsichtiger und ließ sich das letzte Stück beim Runterspringen von ihm helfen. Einen kurzen Augenblick sahen sie sich noch einmal stumm und doch so vielsagend an, dann machten sie sich mit den beiden Duflor auf den Rückweg.


    Es waren vier Rebellen; zwei Männer und zwei Frauen, wobei die eine nicht älter als Niwasaki sein konnte. Die Begrüßung hatte anscheinend schon stattgefunden, und von ihren Mitbewohnern erfuhren die beiden Pfirsichbeschauer, dass zuerst eine Auswahl und Gruppierung nach Stärke des Partners stattfinden sollte. Dabei traten die Pokémon der Dörfler gegen die Partner der Gäste an, und die Rebellen stellten dann fest, in welche Stärkeklassen sie eingeordnet werden sollten.
    Zuerst erfolgte eine grobe Aufteilung in drei Gruppen, die sich mehr nach dem Alter der Rebellen richteten. Da Niwasaki zwar im Wald als erwachsen, in den anderen Ländern unter achtzehn aber noch nicht als volljährig galt, wurde er vorläufig den Kindern und Jugendlichen zugeteilt. Auch Momoko fand Einzug dorthin. Die jüngste der Angekommenen, Kikaku, sollte sich um ihre Gruppe kümmern.
    Bei ihrem Anblick konnte Momoko nicht umhin, einen gewissen Neid zu empfinden. Die Dyrierin war hoch gewachsen, jedoch nicht größer als Niwasaki, und schlank wie eine junge Linde.. Ebenso schön wie die Kirschblüten im Frühling war ihr Gesicht fein und zart geschnitten. Der größte Grund aber, warum sie besonders auffiel, waren ihre Augen und ihr hüftlanges Haar: Wie als flösse in ihren Adern zur Hälfte das dunkle Blut der Naminer, hatten sie die tiefgrüne Färbung von Kiefernnadeln. Momoko hatte mehr als nur einen Grund, neidisch auf diese Waldschönheit zu sein, der wohl jeder junge Mann sofort hinterhersah. Aber um Niwasaki machte sie sich keine Gedanken: Er hatte ihr einmal gesagt, dass sie zwar nicht unbedingt das schönste Mädchen war, jedoch genauso aussah wie seine geliebten Pfirsichblüten: klein, süß und rund. Das war es, was er an ihr mochte, und die vielen Jahre, die sie zusammen aufgewachsen waren, wogen mehr als eine gute Figur und kieferngrünes Haar.
    Der Kampf gegen Kikaku und ihr Shlapor erwies sich letztlich aber nicht als so einfach, wie sich Momoko das gewünscht hatte. Duflor war eines der stärksten Pokémon im Dorf und konnte es mit einem ganzen Schwarm Habitak aufnehmen, wo sie in freier Natur hoffnungslos unterlegen gewesen wäre. Aber Shlapor bewegte sich so schnell und elegant und teilte so heftige Doppelschläge aus, dass das Rafflesienpokémon nicht mithalten konnte. Schon nach nur wenigen Minuten lag Momokos Partnerin besiegt im Gras, ohne ihrer Kontrahentin wirklichen Schaden zugefügt zu haben.
    „Was genau treibt ihr hier eigentlich den ganzen Tag?“, fragte Kikaku abfällig nach dem kurzen und einseitigen Kampf. „Habt ihr noch nie etwas von Training gehört?“ Momoko erwiderte nichts darauf. Wenn Kikaku hier war, musste sie auch um den Inhalt des Briefes wissen, in dem das Anliegen ihres Anführers geschrieben stand. Natürlich wussten sie, was Training ist, und praktizierten es auch häufig genug. Aber im Dorf passierte so selten etwas Unvorhergesehenes, dass man nicht mehr übte als unbedingt nötig. Schließlich hatten sie auch noch andere Sorgen, für die sie keine überdimensionierte Stärke ihrer Pokémon benötigte. Eben um ihren Elan, für die Schwarze Rose zu kämpfen, wieder anzufachen, und um sie zur alten Stärke zurückzufinden zu lassen, waren Kikaku und ihre Begleiter doch hierher beordert worden.
    Nach Momoko nahm sich die Dunkelgrünhaarige Niwasaki vor. Auch in diesem Kampf geschah nichts wirklich Spektakuläres; er begann, verlief und endete genauso wie die Kämpfe davor. Mit dem Unterschied, dass die Rebellin diesmal keinen herablassenden Kommentar zum Besten gab. Wie auch bei den anderen notierte sie sich einige Dinge auf einem Zettel, den sie jedoch sofort wieder in ihrer Hosentasche verschwinden ließ, ohne jemanden darauf spicken zu lassen.
    Danach hieß es warten. Die hinzugekommenen Rebellen setzten sich am Abend zusammen und beredeten ihre Beobachtungen vom Tage, werteten sie aus und stellten die Gruppen zusammen. Was besprochen wurde, lag noch unter strengster Geheimhaltungspflicht, und die Pokémon der vier patrouillierten um das Gästehaus, in dem sie die Zeit im Dorf übernachten sollten. Momoko und auch Niwasaki, obwohl er es nicht zugab, hätten zu gerne jetzt schon gewusst, wie die Rebellen entscheiden würden, hielten sich aber von der Holzbaute fern.
    Schlussendlich verkündete der Wortführer der kleinen Gruppe am nächsten Morgen das Ergebnis. Die Dorfrebellen waren in drei Teams eingeteilt worden, eines für die mittelmäßig starken Pokémon, die etwas begabteren, aus denen man das Talent nur herauszukitzeln brauchte, und die mehr als ungeübten, die zunächst ein eingehendes Grundtraining absolvieren sollten. Niwasaki und Duflor waren in die mittlere Gruppe eingeteilt worden – wohingegen Momoko und ihre Partnerin der schwächsten angehörten. Was sie beide zuerst nicht verstehen konnten, schließlich waren beide ihre Duflor etwa gleich stark. Es war nicht zu erklären.
    Das Training schließlich war natürlich alles andere als ein Spaziergang. Kikaku und Shlapor zeigten den nur wenig ausgebildeten Dorfpokémon die einfachsten Grundarten des Kampfes, und es war eine Demütigung, die sie erleben mussten, so wenig, wie sie über das Kämpfen an sich bisher gelernt hatten. Vor allem Momoko fasste Kikaku nicht gerade mit Samthandschuhen an – mit der Begründung, dass sie schließlich die älteste ihrer Schützlinge war und daher ruhig mehr aushalten konnte als die Kinder. Momoko wusste nicht, ob sie das ein ganzes Jahr lang durchstehen konnte – denn genau diese Zeitspanne sah der Vertrag vor, den ihre Untergruppe mit dem Hauptquartier abgeschlossen hatte. In diesen zwölf Monaten sollten alle Pokémon und in gewissem Maß auch ihre Menschenpartner alles erlernen, was es zu wissen galt, und das dann auch verfestigen. Ziel war es dabei vor allem, dass sie sich in Zukunft in ihrer Abgeschiedenheit selbst ausbilden konnten und keine Hilfe mehr benötigen würden.
    Zu Anfang des Trainings trafen sich Momoko und Niwasaki fast jeden Abend bei dem sterbenden Pfirsichbaum, um die Erfahrungen des Tages mit dem anderen zu teilen. Eigentlich hatte die Dyrierin vorgehabt, mit ihrem Freund Übungskämpfe auszutragen, wie Kikaku es ihnen aufgetragen hatte, doch Duflor war nach dem anstrengenden Tag immer so erschöpft, dass das nicht möglich war. Das andere Duflor wurde anscheinend etwas zuvorkommender behandelt, denn er saß immer neben seinem Menschenpartner an den Stamm gelehnt, als könne er hier und jetzt noch eine weitere Trainingseinheit durchstehen.
    „Ihr packt das schon!“, munterte Niwasaki seine Freundin auf. „Wir werden alle fleißig trainieren, und irgendwann machen wir dem König Feuer unterm Hintern, oder?“
    „Klar doch“, erwiderte Momoko darauf und genoss es, einfach nur neben ihm zu sitzen und der Sonne durch die Pfirsichzweige hindurch beim Sinken zuzusehen.


    Zuerst erfolgte die Veränderung nur schleichend, und Momoko bekam sie fast gar nicht mit. Niwasaki hatte immer seltener Zeit, sich abends unter dem Pfirsichbaum mit ihr zu treffen, und von Kikaku bekam sie immer häufiger Übungsaufgaben, dass sie in der wenigen freien Zeit, die sie hatte, ihren Freund gar nicht mehr zu Gesicht bekam. Sich da noch mit ihm zu unterhalten, war daher unmöglich. Manchmal kam sie von einem Trainingskampf unten am Fluss ins Dorf zurück, und erfuhr dann, dass er gerade eben erst mit seiner Gruppe zu einer nahen Felsenformation gegangen war. Erst, nachdem Kikaku sie genau in dem Moment, in dem Niwasaki endlich Zeit dazu hatte, mit ihr zu reden, mit den Kindern wegschickte, gewahrte Momoko endlich die Wahrheit: Kikaku versuchte, sie und Niwasaki voneinander fernzuhalten!
    Auch wenn Momoko es zuerst nicht so recht glauben wollte und sich immer wieder selbst ermahnte, dass das unmöglich stimmen konnte, so wurde es doch nach und nach immer offensichtlicher. Und dass Kikaku ihrer Erstpartnerin die Verantwortung über das Training zufällig dann überließ, wenn Niwasakis Gruppe gerade Pause hatte, verstärkte ihren Verdacht mehr und mehr. Aber Momoko wollte es nicht zulassen, dass die Rebellin ihr ihren Freund ausspannte. Wann immer es möglich war, trainierten sie und Duflor zusätzlich, in der Hoffnung, irgendwann zu gut für das Team aus Kindern zu sein, um ins nächst höhere zu Niwasaki aufzusteigen. Die kleine runde Dyrierin bewies dabei all ihre Ausdauer, die sich durch das immer stärker werdende Band zu ihrer Partnerin auf das Pflanzenpokémon übertrug und diese alles aushalten ließ. Duflor wusste, was ihre Menschenpartnerin empfand, und wie weh es ihr tat, nicht mit Niwasaki zusammen sein zu können. Sie würde Momoko unterstützen, mit mehr nur als all ihrer Kraft. In nur zwei Monaten legten sie eine Strecke zurück, für die andere drei Jahre brauchten, und erlangten alsbald die nötige Stärke und Entschlossenheit.
    Während einer ihrer heimlichen Trainingsstunden auf einer abgelegenen Lichtung hörte Momoko plötzlich Schritte sich nähern. Aus Angst, es könnte jemand sein, der sie hier nicht üben sehen sollte – Bodai oder Kikaku oder auch Niwasaki – stellte sie sich sofort ins Sichtfeld des Kommenden, damit er Duflor nicht beim Kämpfen gegen ein Staravia sehen konnte. Doch sie erkannte sogleich Kyobo an seinem hohen Wuchs und dem strengen, unbeugsamen Gesichtsausdruck. Er war der Verwalter und Wortführer der vier Rebellen, die dem Dorf zu Hilfe gekommen waren.
    „Duflor ist wirklich gut“, bemerkte er anerkennend und trat an Momoko vorbei auf die Lichtung. Dabei ignorierte er völlig, dass sie sich die größte Mühe gab, ihn daran zu hindern. „Ich bin beeindruckt.“ Ohne den Blick von dem Rafflesienpokémon und ihrem Gegner abzuwenden, die sich einen erbitterten Kampf lieferten, fuhr er fort: „Ich verstehe nur nicht, warum du dann noch in der Kindergruppe bist. Das bremst euch doch nur aus!“
    Kindergruppe nannte man ihren Haufen also. Momoko knirschte mit den Zähnen, als sie daran dachte, zu was sie die Mitgliedschaft in diesem Team abstempelte. „Deswegen sind wir hier“, meinte sie und bückte sich nach einer Feder, die das Staravia wohl verloren hatte. Der Kampf war fast entschieden.
    „Ich werde in drei Wochen abreisen“, eröffnete Kyobo, als sei das eine wichtige Information, und aus seiner Stimme hörte Momoko heraus, dass sie das nur nicht weitererzählen durfte.
    Verwundert sah sie zu ihm auf. „Abreisen? Aber es sind doch erst zwei Monate vergangen.“
    „Zwei einhalb, um genau zu sein“, berichtigte der Dyrier und betrachtete skeptisch die Technik, mit der Duflor auf Staravia eindrosch. Was er wohl davon hielt? „Ich bin nicht für das ganze Jahr in diesen Vertrag eingebunden“, erklärte er weiter. „Man hat mir eine Stelle als Gruppenanführer im Hauptquartier angeboten, und da kann ich schließlich schlecht nein sagen.“ Er wandte sich ihr zu. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, als mache er ihr hiermit das Angebot ihres Lebens: „Ich beobachte dich jetzt schon seit einigen Tagen, Momoko. Deine Energie und dein Enthusiasmus suchen unter den Dorfbewohnern ihresgleichen. Und auch Duflor scheint mir ein Potential zu haben, das ich noch nur selten gesehen habe, und ich kann dir versichern, ich habe so einiges in meinem Leben zu Gesicht bekommen. Ich habe dich bereits unserem Anführer vorgeschlagen, ebenfalls Einzug ins Hauptquartier zu erhalten.“ Als Momoko das hörte, wurde sie unversehens hellhörig. Sie, die kleine, unscheinbare Pfirsichblüte aus einem Dorf irgendwo im Großen Wald, im Hauptquartier der Schwarzen Rose, Zentrum der Rebellion, beim Herzen des Herzlandes? Sollte das tatsächlich möglich sein? „Es kam noch keine Antwort von ihm“, bremste Kyobo ihre Vorfreude, die ihr wohl deutlich ins Gesicht geschrieben stand, „aber ich bin mir sicher, dass er nicht ablehnen wird. Mit der richtigen Förderung, die du zweifelsfrei im Hauptquartier genießen wirst, könntest du schon bald zu einer erfolgreichen Rebellin aufsteigen, wie die Schwarze Rose nur selten die Ehre hatte, sie ihr Mitglied zu nennen. Also, was sagst du?“
    Momoko hätte am liebsten sofort „Ja!“ gerufen, doch etwas hielt sie im letzten Moment zurück. Kyobos Angebot anzunehmen bedeutete zwar, an Ruhm und einen großen Namen in der Rebellion zu gelangen und einen noch wichtigeren Posten einzunehmen, als Kikaku bisher erreicht hatte. Aber es hieß zudem auch, Niwasaki höchstwahrscheinlich nie wieder zusehen. Das Herzland war weit weg, nicht wirklich gerade um die Ecke, und es war kein Leichtes, seine Verwandten und Bekannten mal eben zu besuchen. Und wenn sie jetzt einwilligte, würde sie nicht einmal mehr die Pfirsichfrüchte der Blüte dieses Jahres zu schmecken kriegen…
    „Du hast noch Zeit, darüber nachzudenken“, beruhigte Kyobo sie, als er das Zögern in ihren Augen erkannte. „Teile mir deine Entscheidung einfach zwei Tage vor meiner Abreise mit, dann kannst du gerne mitkommen.“
    „Vielen Dank“, sagte Momoko nur und nickte. Ihr Gegenüber verstand dies offenbar als Zeichen, dass sie nach seiner Eröffnung zuerst mit Duflor alleine sein wollte, um diese Sache mit ihrer Partnerin zu besprechen. Also verabschiedete er sich von ihr, lobte die Kampffertigkeiten des Rafflesienpokémon und entfernte sich dann.


    Eine ganze Woche nach ihrem Gespräch hatten Momoko und Kyobo nicht mehr miteinander über das Angebot geredet. In erster Linie ging sie ihm auch deswegen aus dem Weg, weil sie immer noch zu keinem Ergebnis gekommen war. Das Für und Wider wogen sich ständig miteinander ab, und sie kam einfach zu einem guten Schluss. Der ultimativ letzte Tag des Nachdenkens rückte immer näher. Es war eine schwierige Entscheidung, die sie nicht leichtfertig fällen wollte, obwohl sie die Vernunft nicht gerade mit dem Löffel gegessen hatte.
    Dann kam der Wiedervereinigungstag, jener Feiertag, an dem die Dorfbewohner den Toten des Naminerkrieges gedachten und das Bündnis der Sieben Länder feierten. Momoko hatte eine ihrer Phasen, in der sie arge Zweifel hegte, ob sie Kyobo folgen sollte, und glaubte die Wiedervereinigung mit Niwasaki unter einem guten Stern. Wenn sogar ihr Gruppenleiter glaubte, Momoko und Duflor hätten es verdient, ins Hauptquartier aufgenommen zu werden, so musste Kikaku sie doch die nächste Stufe aufsteigen lassen. Aber vorher wollte die kleine Pfirsichblüte mit ihrem langjährigen Freund reden – so wie sie es früher immer getan hatten. Als sie ihn danach fragte, ob sie zum Pfirsichbaum gehen sollten, willigte er ein, auch wenn er ihr dann etwas unwirsch folgte. Wie es schien, hatte er sich gerade mit den anderen jungen Männern unterhalten, was ihm wohl gefallen hatte. Aber jetzt war sie mal wieder an der Reihe. Nach zwei Monaten wollte sie endlich wieder ein richtiges Gespräch mit ihm führen, das war doch noch erlaubt!
    Eine Weile saßen sie unter den mittlerweile völlig toten Ästen ihres Baumes und lauschten den Festgeräuschen, die vom Dorf zu ihnen rüberwehten: Musik, Gesang und Lachen vermischten sich mit den üblichen Geräuschen des Waldes. Diese Atmosphäre war Momoko seit ihrer frühesten Kindheit vertraut. Aber irgendetwas zwischen ihr und Niwasaki war anders. Es war nicht das übliche, vielsagende Schweigen, das zwischen ihnen hing, sondern vielmehr eine unwillige Anspannung. Als wollte ihr Freund gar nicht hier sein.
    „Wie läuft das Training?“, wollte Momoko wissen, um die unangenehme Stille zu lösen.
    „Gut.“
    Eigentlich überraschte es sie, wie ernst Niwasaki war und wie wortkarg er sich gab. Vielleicht war er auch einfach nur erschöpft. In den letzten Tagen hatte das Training nicht nur von den Pokémon, sondern auch von ihren Menschenpartnern Einiges abverlangt. Sie waren oft stundenlang auf Jagd gewesen, häufig aber ohne Beute zurückgekehrt. „Wo ist eigentlich Duflor?“ Der Platz neben ihrem Freund wirkte eigentümlich leer, und auch ihre Partnerin hatte schon fragend zu dem Dyrier aufgeblickt.
    „Giflor ist mit Shlapor auf Patrouille.“
    „Was, er hat sich weiterentwickelt?“, entfuhr es Momoko, bevor sie es überhaupt bemerkte. Als die Myrapla sich entwickelt hatten, waren sie und Niwasaki beide dabei gewesen. Eigentlich hatte sie angenommen, bei der letzten Entwicklung würden sie sich gegenseitig wieder zur Seite stehen. Diesen großen Schritt zusammen gehen. Doch jetzt hatte Niwasaki ihr noch nicht einmal gesagt, dass sein Partner jetzt ein Giflor war. Es war schrecklich!
    „Ja, das hat er“, erwiderte Niwasaki spitz, als ob sie seine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt hätte. „Kikaku meinte, dass er schon lange dazu in der Lage gewesen wäre, und hat mit uns ein Spezialtraining durchgenommen, wenn sie Zeit hatte.“ Er sah sie nicht an, während er sprach – überhaupt hatte er den ganzen Abend über nicht richtigen Augenkontakt zu ihr gehabt. „Sie hat mir erzählt, dass du ihre Anweisungen nicht befolgst und nicht wirklich gastfreundlich mit ihr umgehst. Sie ist sehr nett, das hat sie nicht verdient. Warum tust du das?“
    „Warum tust du das?“, platzte Momoko plötzlich heraus. Sie konnte einfach nicht glauben, was Niwasaki – oder genauer Kikaku – ihr da vorwarf. Wenn überhaupt jemand „nicht sehr gastfreundlich“ war, dann war das doch Kikaku!
    „Ich will nur, dass du aufhörst, unfreundlich zu ihr zu sein“, konterte Niwasaki und sah sie endlich – endlich! – direkt an. Doch in seinen Augen stand bittere Enttäuschung.
    Momoko ließ sich, nachdem sie halb aufgesprungen war, wieder gegen den Stamm sinken. Ruhig flüsterte sie: „Was hat sie nur mit dir gemacht, Niwa?“ Ohne es zu merken, verwendete sie den Singular, obwohl sie eigentlich die Mehrzahl hatte benutzen wollen. Sie wollte nicht, dass ihr Freund dachte, dass sie glaubte, Kikaku hätte ihn verändert und nicht die Rebellen mit ihrem harten Training.
    „Mein Name ist Niwasaki“, entgegnete er kühl und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war eine so ungewohnte Geste bei ihm, dass Momoko der Atem stockte. Sonst war es ihm immer egal gewesen, wie unordentlich sich der Salat auf seinem Kopf benahm, und jetzt sah dieser so aus wie eine glatt getretene Wiese. Doch mehr noch als das erschreckte Momoko das, was und vor allem wie er es gesagt hatte. Warum nur wollte er auf einmal, dass sie ihn Niwasaki nannte? „Niwa ist der Spitzname, den man mir als Kind gegeben hat“, erläuterte er auf ihre unausgesprochene Frage. „Aber ich gehöre schon lange nicht mehr den Kindern an. Es wird Zeit, erwachsen zu werden, das hat mir Kikaku klargemacht.“
    „Was meinst du damit?“, fragte Momoko mit belegter Stimme.
    „Dass ich der Vergangenheit endgültig den Rücken kehren will. Ich habe eingesehen, dass ich in die Zukunft schauen muss, nach vorne, und nicht zurück. Nur dadurch lässt sich die Schleife des Stillstandes durchbrechen und das Schicksal verändern. So will es doch die Schwarze Rose machen, warum sollte ich es dann nicht auch tun, wo ich auch ein Rebell bin? Kikaku hat mir gezeigt, dass sich die Ziele, die man gelegt hat, nur dann erreichen lassen, wenn man mit dem Vergangenen abschließt. Und im meinem Fall ist das meine gesamte Kindheit.“ Nun wirkte sein Blick plötzlich verträumt, als weile sein Geist an einem ganz anderen Ort und zu ganz anderen Momenten. „Außerdem hat sie Seiten in mir hochgekrempelt, die ich selbst noch nicht kannte. Und die niemand sonst aus mir hätte hervorholen können.“
    Mit anderen Worten, ich hätte das nie geschafft, dachte Momoko bitter und presste die Lippen aufeinander. Was Niwasaki da sagte, schmerzte sie mehr, als wenn er einen Pfeil mitten durch ihr Herz geschossen hätte. Wie konnte er ihr das nur antun? „Wir kennen uns schon so lange“, sagte sie verzweifelt und legte unwillkürlich eine Hand auf den Stamm des toten Pfirsichbaumes. Stand er symbolisch für ihre Freundschaft? „Ich dachte, wir würden für immer zusammen bleiben.“
    „Werd vernünftig, Momoko!“, fuhr Niwasaki sie so plötzlich an, dass sie zurückwich. So, wie er sie jetzt ansah, hatte sie ihn noch nie erlebt. Vielleicht wütend, vielleicht auch trauernd, als ob er einen Freund zu Grabe getragen hätte. Aber auch erleichtert, weil der Tote sein langes Leiden endlich beendet hatte. „Wir sind keine Kinder mehr. Wir müssen einsehen, dass es niemals ewig so hätte weitergehen können. Das hat der Baum noch vor uns gewusst.“ Wohlgemerkt sagte er „der Baum“ und nicht „unser Baum“. Mit diesen letzten Worten stand er hastig auf und kehrte zum Dorf zurück.
    Aufgewühlt blieb Momoko am Stamm sitzen und starrte ihm ungläubig hinterher. Was Niwasaki ihr da gesagt hatte, wollte sie einfach nicht wahrhaben. Es waren nicht einmal drei Monate vergangen, seit die Rebellen hier waren, und in dieser Zeit hatte sie ihren besten – und einzigen – Freund verloren. Doch war er das je gewesen? War er nicht vielleicht nur deswegen mit ihr so viel zusammen gewesen, weil sie das einzige Mädchen im Dorf in seinem Alter war? Alle anderen waren eine ganze Ecke älter oder noch kleine Kinder. Und jetzt war Kikaku da, die sie ohne weiteres ersetzte, ja ihren Wert sogar noch um ein Vielfaches überstieg. Ihre Freundschaft war krank geworden und langsam gestorben wie ihr Pfirsichbaum, während eine tückische Würgefeige ihn immer weiter überwuchert hatte. Und jetzt stand nur noch sie.
    Genau, der tote Baum war schuld an dem ganzen Desaster. Wären die Knospen nicht gestorben, wären sie noch Stunden dort oben geblieben, um ihnen beim Öffnen zuzusehen. Sie hätten sich auch von Bodai und der Ankunft der Rebellen nicht davon abhalten lassen. Vielleicht wären sie zu spät gekommen, und die Auswahlkämpfe wären schon vorbei gewesen. Wenn dann ein anderer der vier Gäste sich ihrer angenommen hätte, der sie gerechter bewertet hätte, so wären sie in die gleiche Gruppe gekommen, hätten gemeinsam trainieren können. Kikaku hätte gar keine Chance gehabt, sich Niwasaki ohne Momokos Beisein zu nähern. Es wäre nie so weit gekommen.
    Auch wenn Momoko das zu gerne glauben würde, hatte sie das ungute Gefühl, dass ihr Freund sich trotzdem Kikaku zugewandt hätte. Wenn auch nicht so früh. Aber selbst wenn: Fortuna hatte ihre Zeilen bereits geschrieben, unauslöschbar eingebrannt in das Buch des Lebens. Eine harte Meisterin, die ihren Schülern keine Gnade gönnte.
    Andererseits, wenn sie mit Niwasaki in eine Gruppe gekommen wäre, hätte sie sich niemals so sehr ins Zeug gelegt, wie sie es die letzten Wochen getan hatte. Dann wäre Kyobo auch nicht auf die aufmerksam geworden, und wäre ohne ihr das Angebot gemacht zu haben nach Namine weitergereist.
    Und plötzlich wusste Momoko, wie sie sich entscheiden würde.


    Jetzt saß sie hier, rührte in einem Tee, der schon fast fertig war, und musste damit leben, dass wieder eine Rebellin mit dem Mann, in den sie sich verknallt hatte, verschwunden war. Was trieben Neko und Shinzu auch so lange im Wald? Sie hatte Niwasaki vor gar nicht langer Zeit verloren, aber sie würde es auf keinen Fall zulassen, dass die Chimäre ihr eine weitere Liebe zerstörte!
    Momoko litt unter Seekrankheit. Schon der Anblick eines Schiffes oder Bootes machte sie schwindlig, und auf Fahrt, selbst wenn es nur ein ruhiger Fluss war, wurde ihr speiübel. Deswegen hatte ihr die Heilerin des Hauptquartiers einige Päckchen mit einem Kräuterpulver mitgegeben, das, in Wasser eingerührt und so eingenommen, gegen Übelkeit wirkte. Wobei sie sehr sparsam mit ihnen umgehen musste, wenn sie auch noch für die Rückfahrt reichen sollten, hatte die Heilerin ihr eingeschärft. Doch jetzt, nachdem sie ihr Ziel fast erreicht hatten, war noch mehr als die Hälfte übrig, da wären die restlichen für die Rückreise schon noch genug. Eine Dosis wirkte ziemlich schnell und ließ Unwohlsein und Magenkrämpfe fast augenblicklich verschwinden. Zwei Päckchen wirkten ebenso schnell, doch mit dem Zusatzeffekt, schreckliche Kopfschmerzen auszulösen, und das für Stunden.
    Wenn Neko wegen zu großer Kopfschmerzen unfähig sein würde, sie zu der Nidoqueen zu begleiten, dann wirkte sich das negativ auf ihre Gesamtbewertung aus. Schließlich war das hier eine sehr wichtige Mission. Wenn sich herausstellen sollte, dass Neko dem Druck und den Aufgaben des Hauptquartiers nicht gewachsen war, konnten sich Seijin und Tetsu nie sicher sein, ob sie ihr weitere Aufträge zumuten durften. Dann musste Momoko es nur noch schaffen, dass sie selbst nicht zu schlecht bewertet wurde – an Shinzu und Porygon2 zweifelte sie kein bisschen. Dann wäre sie Neko nach der Probezeit los und hätte den Naminer ganz für sich. Nicht so, wie es bei Niwasaki der Fall gewesen war.
    Die Tütchen unterschieden sich äußerlich kaum von den Beuteln, in denen sie die Teekräuter mitgenommen hatten. Während jeder damit beschäftigt war, Mizu und Shinzu zu begaffen, wie sie sich gegenseitig in den Boden starren wollten, würde keiner bemerken, was die Dyrierin tat.
    Mit einer unauffälligen Handbewegung riss sie zwei Medizinpäckchen auf.[tab=Namensbedeutungen andstuff]Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass fünf bestimmte Bäume hier Nennung finden. zB Eiche, Linde, ... schaut selbst nach x3
    Edit: Und was ich noch hinzufügen wollte: Die Sätze "Fortuna hatte ihre Zeilen bereits geschrieben, unauslöschbar eingebrannt in das Buch des Lebens. Eine harte Meisterin, die ihren Schülern keine Gnade gönnte." spielen auf ein Kapitel im Manga "Hayate no Gotoku" an, das im Englischen "Fortune is a harsh Mistress" heißt und wiederrum auf "Mistress Fortune" anspielt. Und warum Fortuna an dieser Stelle schreibt, wird sich später noch genauer erklären ^^


    Niwasaki = Garten
    Bodai = Linde (als ich das Wort Linde noch nicht eingebaut hatte)
    Kikaku = Eleganz
    Kyobo bedeutet Baum, aber vielleicht kennt der eine oder andere ihn noch aus Kapitel 13 "Zwischen Himmel und Erde", Teil 2 "Ein alter Bekannter und neue Freunde"[/tabmenu]*fisch* :pika:

  • [tabmenu][tab=Und schwupps!]Ich habs nicht mehr ganz gestern, aber immerhin heute geschafft. Also hier das neue Kapitel ^^
    Ursprünglich sollte dieses den Titel Blumenreigen erhalten (den ich dann dem SpezKapi gab und zu Blütenreigen umänderte), weil eigentlich etwas mit Blüten passieren sollte, das ich aber aus stilistischen Gründen ins nächste Kapitel verschoben habe - und auch weil dieses Kapi schon 10 Seiten lang ist. Ich weiß nicht, ob das nächste Kapi dann schon der Kampf gegen Nidoqueen sein wird, wie es vorher geplant war. Falls nicht, wird das 21. Kapitel wohl ein sehr kurzes Übergangskapi, mal sehen.
    Genug geblaht, viel Spaß beim Lesen :pika: (um die Benachrichtigungen kümmere ich mich morgen, jetzt ist erst mal Schlafenszeit :sleeping: )[tab=Kapitellese]RioluKapitel 20: Friedliches Dorfleben


    Neko hatte keine Ahnung, wohin sie rannte. Entfernte sie sich vom Lagerplatz ihrer Gruppe oder näherte sie sich ihm in blinder Hast? Und was war mit der Silberranke? Aus irgendeinem Grund war es ihr wichtig, so viel Abstand wie nur möglich zu diesem Ort zu bekommen, obwohl sie auch nicht so genau wusste, warum. Eigentlich war es ihr auch egal, ob sie sich im Wald verirrte oder nicht. Ihr Verstand war von ihren sich widerstrebenden Gefühlen wie ausgelöscht, sodass sie auch keine Muße hatte, über ihren Verbleib nachzudenken.
    Einerseits war sie zutiefst schockiert darüber, dass Shinzu sie… hatte verführen wollen? Konnte man das wirklich so bezeichnen? Genau genommen hatte er das doch gar nicht mehr nötig gehabt. Vielleicht war sie ihm schon von Anfang an verfallen, und es hatte nur eines Augenblickes bedurft, in dem sie beide ungestört und allein waren. Mehr noch als sein Versuch, sie zum Kuss zu bewegen, erfüllte sie die Tatsache, dass sie sich auf ihn eingelassen hatte, mit Entsetzen. Bisher hatte sie immer angenommen, dass sie einigermaßen Herrin ihrer Gefühlswelt war, ihre Emotionen nicht unbedingt kontrollieren, aber zumindest überwachen konnte. Wenigstens bemerkte, wenn sie ein bestimmtes Gefühl empfand. Doch das war unter den silbernen Blättern nicht der Fall gewesen. Genauso gut hätte eine andere ihr erzählen können, was sie in diesem Moment empfunden hatte, und Neko wäre dem ebenso verbunden gewesen wie jetzt. Nämlich gar nicht.
    Aber warum lief sie dann davon? Sollte es sie nicht mit dem größten Glück, der höchsten Freude erfüllen, die Gewissheit zu haben, dass es jemanden gab, der sie nicht einfach nur mochte, wie man einen guten Freund gern hatte? Sie war nicht mutig oder selbstsicher genug gewesen, den ersten Schritt in Shinzus Richtung zu tun – jetzt hatte er es getan, und sie war einfach davongelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses Bild, das für den Splitter eines Bruchteils einer Sekunde durch ihren Geist geblitzt war, hatte in ihr ein so bedrückendes Gefühl erweckt, aber sie wusste nicht recht, was das für eines war, erst recht nicht deswegen, weil sie das Bild nicht erkannt hatte. Vielleicht ein schlechtes Gewissen, wobei die Frage blieb, woraus es gründen sollte. Schließlich hatte sie sich noch an niemanden gebunden, wie es bei Eheleuten der Fall war, und dementsprechend niemanden, den sie irgendwie betrügen konnte. Es war zum verzweifeln.
    So wie ihr Verstand irgendwo zwischen Silberranke und Kuss zurück geblieben war, so hatte sie nun auch keine Kontrolle über ihren Körper. Eigentlich war es ein Wunder, dass sie noch über keinen Stein oder eine hervorstehende Wurzel gestolpert, noch in keinen Geradaks-Bau oder Nincada-Loch getreten war. Stattdessen hechtete sie leichtfüßiger, als sie es sich bisher zugetraut hatte, über den unebenen Waldboden dahin, immer auf der Suche nach Nichts. Und wo kein Ziel ist, da verliert sich der Weg in der Unendlichkeit…
    Plötzlich stieß sie doch mit etwas zusammen, und zwar derart heftig, dass es sie nach hinten warf und auf den Boden fallen ließ. Den kurzen Augenblick Benommenheit hatte sie schnell abgeschüttelt, und als sich ihr Sichtfeld einigermaßen auf das bisherige Niveau des Tränenschleiers geklärt hatte, sah sie vor sich jemanden stehen. Obwohl sie niemanden erwartet hätte, den sie kannte, so hätte sie am wahrscheinlichsten gefunden, Akari oder Momoko vor sich zu haben. Selbst Tetsu und Mizu wären noch am Rande der Möglichkeit gewesen, oder Shinzu selbst, der sie irgendwie überholt und sich ihr in den Weg gestellt hatte. Doch es war nicht einmal Libelldra, die vielleicht ihr Gefühlschaos wahrgenommen hatte, oder Traunfugil – sondern Raika. Ausgerechnet die Person, die, seitdem Neko dem Hauptquartier direkt unterstellt war, am unfreundlichsten zu ihr gewesen war, musste sie nun so sehen. Und sie konnte sich vorstellen, welchen armseligen Anblick sie bot: Die Kleidung eingerissen, voll mit Blättern und abgebrochenen Zweigen, Dreck an den Schuhen von Stellen, an denen der Erdboden vom Morgentau noch feucht gewesen war, ein völlig zerheultes Gesicht, rot angelaufene Augen – und das nur, weil der Mann, dem sie verfallen war, sie hatte küssen wollen! Es war lächerlich, und Neko war sich sicher, würde Raika alle Einzelheiten kennen, sie würde sie auslachen.
    Auch ohne dieses Wissen hätte die Chimäre der Tira das durchaus zugetraut, doch diese ließ sich davon nichts anmerken und ruckartig in die Hocke sinken. „Neko, was ist passiert?“, rief sie aufgebracht, als hätte die Angesprochene einen Arm verloren. Zugegeben, ihr schmerzten die Füße von ihrer überstürzten Flucht, und einige Kratzwunden an ihren Beinen brannten leicht. Doch es war klar, dass Raika nicht auf ihre körperliche Verfassung einging. Sie packte sie so plötzlich bei den Schultern, dass Neko erschrocken zusammenfuhr und wahrscheinlich einen noch psychotischeren Eindruck auf ihre Teamkollegin machte. „Was hat er dir angetan?“, fuhr es aus Raika, und sie schüttelte die Chimäre vorsichtig, aber mit einer zackigen Bewegung. „Was hat er getan?!“
    Neko hätte ihr am liebsten eine schnippische Bemerkung zurückgeworfen, etwas in der Richtung, dass sie gut alleine ohne Raikas Hilfe auskam, dass ihre privaten Angelegenheiten sie absolut nichts angingen, dass sie gefälligst nicht auf diese Weise über Shinzu sprechen sollte. Doch in diesem Moment brach in ihr die Sintflut los, und sie fing noch heftiger zu weinen an. Ohne nachzudenken, warf sie sich Raika in die Arme, wollte nur noch getröstet und gestreichelt werden. Noch nie hatte sie sich dermaßen wie ein kleines, hilfloses Kätzchen gefühlt, das einfach Wärme und Verständnis brauchte.
    Und Raika umarmte sie wie eine langjährige Freundin und gab ihr, wonach ihr zerwühltes Herz sich sehnte.


    Kaum, dass die Sonne über den Wipfeln der Bäume die Lichtung beschien, auf der das Lager aufgebaut war, hatte der Tee auch schon seine goldgelbe Farbe angenommen, als hätte es der Kraft des Lichtes bedurft, dass er fertig wurde. Nachdem Neko mit Shinzu, kurz darauf auch Mizu und später Raika den Platz verlassen hatten, war es recht ruhig auf der Wiese geworden. Momoko rührte gemächlich im Tee, Akari besah sich ein paar Kräuter, die am Waldrand wuchsen, ihr Vater prüfte ihre Habe, und Kasai und Rai unterhielten sich leise neben dem Feuer.
    Lautlos, wie um die herrschende Stille nicht zu stören, tauchten eben Mizu und Bojelin durch ein Gebüsch auf, dicht gefolgt von Traunfugil. Der Nebelgeist schien ein wenig enttäuscht zu sein; wahrscheinlich hatte er vorgehabt, Neko und Shinzu zu finden und zu erfahren, was die beiden taten. Gewiss nicht ohne seine üblichen Hintergedanken, möglichst viel Schabernack dabei anzustellen. Der Lynoer trat ans Feuer und ließ sich in den Schneidersitz sinken. Seine Miene war ausdruckslos, jedoch brannte in seinen Augen eine Flamme, als fochten in seinem Innern Wut und Machtlosigkeit einen erbitterten Kampf aus. Oder aber das Lagerfeuer spiegelte sich darin.
    „Könnte ich bitte einen Tee haben?“, fragte er Momoko, obwohl er nicht wissen konnte, ob das Gebräu aus Kräutern und getrockneten Blüten bereits fertig war. Vielleicht war es ihm auch egal.
    „Klar.“ Die Dyrierin wirbelte das Heißgetränk noch einmal auf, nahm einen der tönernen Becher, die in Reih und Glied neben ihr aufgestellt waren, und füllte ihn bis zum Rand. Ohne aufzublicken, nahm Mizu den Becher entgegen und trank einen großen Schluck – von einem frischen Tee, der heiß genug war, um ein gerupftes Porenta in nur wenigen Minuten gar zu kochen. „Stimmt was nicht?“, wollte Momoko beiläufig wissen und schenkte auch den anderen beiden Rebellen ein, die am Feuer saßen.
    Zuerst reagierte Mizu nicht darauf, als müsse er sich zunächst eine Antwort zurechtlegen. Gerade als es schien, dass er dazu ansetzen wollte, raschelte es laut hörbar am Rande der Lichtung, und der Lynoer warf den Kopf herum. Aus dem Unterholz trat Shinzu ans Tageslicht.
    „Wo ist Neko?“, rief Mizu ihm fast sofort entgegen und stand mit einer fließenden Bewegung auf.
    „Keine Ahnung, wohin sie gerannt ist.“ Shinzu klang, als könne kein Wässerchen ihn trüben, doch irgendetwas war an seiner Stimme. Als ob er eine große Ernüchterung erlebt hätte. Er ahnte nichts von der brodelnden Wut, die in Mizu kochte, der so beiläufig auf ihn zuging, als wolle er nur ein Gespräch Auge in Auge mit dem Naminer führen. Stattdessen wurde eines der Augen durch eine Fast ersetzt…
    Mizus Kinnhaken traf Shinzu so plötzlich und unvermittelt, dass er ihm nichts entgegensetzte und einfach davon umgeworfen wurde. Sofort blickten alle Versammelten auf, perplex ob dieser unerwarteten Handlung. Auch der Getroffene selbst rappelte sich ungläubig auf, wischte sich mit den Fingern über die aufgeplatzte Lippe und starrte das Blut darauf an. Doch das Entsetzen in seinem Gesicht machte fast augenblicklich einem Ausdruck von Zorn Platz, das allein schon genügt hätte, einen Widersacher in die Flucht zu schlagen. Auch er ballte nun seinerseits die Hand. „Wenn ich mit dir fertig bin…“, sagte er leise, dunkel und so bedrohlich, dass er den Satz nicht zu Ende sprechen musste, um sich den Rest zu denken. Mit einem Ruck war Shinzu auf den Beinen und hätte sich im ersten Moment wohl auf Mizu gestürzt – was angesichts dessen, dass dieser das Kurzschwert am Gürtel trug, vielleicht nicht die beste Idee war –, wäre nicht in der letzten Sekunde Tetsu zwischen die beiden getreten und hätte sie voneinander ferngehalten.
    „Was im Namen aller Götter ist in euch gefahren?“, grollte er sie wie eine Felslawine an. Die beiden Rivalen antworteten nichts, standen sich nur gegenüber, jeder eine gewaltige Chimärenhand vor der Brust. Unfähig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, blieb ihnen nichts anderen übrig, als sich mit einem Hass anzustarren, der ganze Landstriche verwüsten zu können schien. Es bedurfte keiner Worte, um zu erkennen, was zwischen den beiden explodiert war.
    „Was ist hier passiert?“ Als Neko die Lichtung erreichte, konnte sie nicht glauben, welche Szene sich ihr bot. Mizus Fausthieb selbst hatte sie nicht mehr gesehen, aber Shinzus aufgeplatzte und blauviolett gewordene Lippe sprach mehr, als wenn der Naminer es ihr wörtlich gesagt hätte. Raika, die dicht nach ihr aus dem Unterholz trat, schnürte sich unauffällig hinter ihr vorbei und gesellte sich zu ihrem Zwillingsbruder und Kasai. Neko hingegen vermochte es nicht, sich zu bewegen, so entsetzt war sie, als sie die Wahrheit erkennen musste. Sie hätte es Mizu nicht zugetraut, derart brutal aus der Haut zu fahren. Dass sogar Tetsu hatte dazwischen gehen müssen, zeugte noch mehr davon, wie ernst die Situation war.
    Shinzu blickte sie mit einem schwer zu deutenden Ausdruck im Gesicht an. Seine Armmuskeln waren angespannt wie ein wütendes Arbok, das sich zum tödlichen Biss bereitmachte. Doch als er gewahrte, dass ihr das durchaus ebenfalls aufgefallen und wie geschockt sie davon war, lockerte er die Fäuste und entspannte seine Haltung. Auch Tetsu schien von keiner Gefahr mehr auszugehen und ließ die Arme sinken. Jedoch stellte er sich, einem massiven Felsen gleich, leicht schräg und mit einem Fuß auf die Bahn zwischen den beiden Kontrahenten; eine alles andere als unauffällige Mahnung an Mizu, ja keinen falschen Schritt zu tun. Der Dunkelblauhaarige schien gar nicht daran zu denken, zurückzuweichen. Er sah nach wie vor so aus, Shinzu jeden Moment an die Gurgel zu gehen.
    Die ganze Atmosphäre war angespannt, als ob in der Luft unterschiedliche elektrische Ladungen um die Vorherrschaft kämpften. Doch letztlich löste Traunfugil die Situation, indem er ein langes, pfeifendes Heulen ausstieß. Was genau sein Grund war, ob er die Sache richtig erfasste und absichtlich die Anspannung lockerte, oder ob es ein ganz normales Kreischen war, wie er es häufiger von sich gab – es tat seine Wirkung. Mizu wandte endlich den Blick von Shinzu ab und drehte sich weg. Das veranlasste Tetsu dazu, von beiden abzulassen und zwischen ihnen hindurch zu seiner vorigen Arbeit zurückzukehren, ihre Decken und Zelte zusammenzuräumen. Momoko fuhr damit fort, den Tee einzuschenken, als sei nichts gewesen, und Akari setzte sich neben sie, um ihren Becher entgegenzunehmen. Neko atmete tief und leise durch, bevor sie an Shinzu und Mizu, ohne beide eines Blickes zu würdigen, vorbei ebenfalls zum Feuer ging.
    Außer den beiden selbst bekam keiner mit, wie der Lynoer neben den Schwarzhaarigen trat und ihn zischend fragte: „Hat es wehgetan?“
    Shinzu rieb sich noch einmal unwillkürlich über die geschwollene Unterlippe, die immerhin zu bluten aufgehört hatte. „Ja, verdammt.“
    „Gut“, war Mizus einziger, spöttischer Kommentar, bevor er zu seinem Teebecher zurückkehrte.


    Neko hockte neben dem Feuer und kratzte gedankenverloren eine Kruste ab, die sich über einer Schramme gebildet hatte. Sie dachte über das nach, was unter der Silberranke und vor nicht einmal zwei Minuten auf der Lichtung geschehen war. Selbst das blindeste Zubat musste erkennen, dass diese beiden Begegnungen – was wohl die beste Bezeichnung war – unmittelbar zusammenhingen. Hatte Mizu sie und Shinzu vielleicht beobachtet? Hatte er gesehen, dass sie fast …? Nein, selbst wenn dem so war, hätte er doch ebenfalls sehen müssen, dass sie sich schlussendlich nicht zum Kuss getraut hatte. Aber anders war seine Überreaktion nicht zu erklären… oder? Hatte es etwas damit zu tun, dass er sich zu ihrem Beschützer ernannt hatte? Sollte die Antwort wirklich so einfach sein?
    „Neko, möchtest du vielleicht einen Tee?“, wollte Momoko von der gegenüberliegenden Seite des Feuers wissen. Gut möglich, dass sie die schwere emotionale Lage, in der sich ihre Freundin gerade befand, bemerkt hatte. Die angesprochene Chimäre nickte nur müde. Die Dyrierin griff nach dem letzten Becher, der neben ihr im Gras stand, und starrte einen kurzen Augenblick nachdenklich seinen goldenen Inhalt an. Vorsichtig, um nichts zu verschütten, stand sie auf und machte sich daran, die Feuerstelle zu umrunden. Verwundert fragte sich Neko, warum Momoko es sich so kompliziert machte – der Kessel, in dem das Wasser gebrodelt hatte, hing schon eine Weile nicht mehr über dem Feuer, und die Flammen selbst waren bis auf ein paar Funzeln und dunkel leuchtende Glut runtergebrannt. So heiß war die Luft darüber nicht, als dass die Grünhaarige ihr den Becher nicht einfach über das Feuer hinweg reichen konnte.
    Wie auch immer Momoko es zuwege brachte, stolperte sie auf halbem Wege über ebenen Boden oder vertrat sich den Fuß. Jedenfalls geriet sie ins Straucheln, versuchte unbeholfen, das Gleichgewicht zu wahren, und verschüttete den Tee über Nekos rechte Schulter und den Oberarm. Das Getränk war zwar längst nicht mehr so glühend wie frisch vom Feuer, doch nach wie vor heiß genug, um sich daran zu verbrennen. Schmerzerfüllt aufschreiend sprang Neko auf und wischte sich in einer sinnlosen Geste die Flüssigkeit von der Haut. Was ihr natürlich keine wirkliche Linderung verschaffte. Besagte Haut war von der Hitze des Tees bereits angefressen, und schwache, aber brennend schmerzende Wunden bildeten sich auf Nekos Arm.
    „Oh, Neko, verzeih mir bitte!“, rief Momoko aus und fuchtelte mit den Händen herum, unsicher, was sie tun sollte. „Das war keine Absicht, ich bin gestolpert und…“
    „Lass gut sein“, unterbrach die Eloa sie und presste die Handfläche auf einen besonders schmerzvollen Brandfleck. Erinnerungen aus ihrer Kindheit, als sie das heiße Bügeleisen ihrer Mutter aus versehen berührt hatte, schossen ihr in den Kopf. Genau so hatte das damals wehgetan. Zu allem Überfluss hatte ihr jede darauf folgende Berührung, auch wenn der Schmerz der Verbrennung selbst abgeklungen war, neue Qualen bereitet, und das noch Tage danach. Als Kind der Steppe wusste sie mit Sonnenbrand umzugehen – doch das hier war noch einmal eine Stufe höher. Dennoch würde sie von so etwas noch lange nicht sofort sterben, was die Sache halb so schlimm machte. Die Hysterie ihrer Freundin war unbegründet.
    Was ihr mehr Kopfzerbrechen bereitete, war die Art, wie Momoko den Tee verschüttet hatte. Sie hatte sich so umständlich angestellt, war so tollpatschig gestolpert, wie es nicht einmal ihr gelingen dürfte, dass die Chimäre sich fast sicher war, ihre Freundin hatte es mit Absicht getan. Aber warum sollte sie so etwas schon machen? Neko hatte ihr nichts getan, weswegen sie das verdient hätte – aber andererseits wäre es auf der Welt auch sehr friedlich, wenn jeder dem anderen nur dann etwas täte, wenn dieser etwas gegen ihn verbrochen hat.
    Beschämt wandte Momoko sich ab und schöpfte Neko aus dem neben dem Feuer stehenden Kessel frischen Tee nach. Dieses Mal passierte nichts Unvorhergesehenes, und die Chimäre nippte vorsichtig daran, von dem Unfall zuvor gemahnt, sachte mit der dem Becher innewohnenden Hitze umzugehen. Akari war fast augenblicklich heran und reagierte richtig, indem sie Neko einen mit kühlem Wasser getränkten Lappen erst einige Sekunden nach der Verbrennung auf die Haut legte. „Das wird schon wieder“, meinte sie tröstend, jedoch anscheinend mehr zu der schuldbewussten Momoko als zu ihrer neuen Patientin, „ist nur eine leichte Verbrühung.“ Ihre Partnerin Kussilla beobachtete sie bei ihrem Tun genau, als sei das alles sehr interessant. Traunfugil und Tanhel taten es ihr gleich, das eine aus einer ähnlichen Neugier, der andere, um sich mit dem Nachäffen zu amüsieren. „Was ist eigentlich gewesen?“, fragte Akari, nachdem sie sich versichert hatte, dass der Umschlag richtig saß. Sie spielte wohl auf Shinzus Bemerkung an, Neko sei weggerannt.
    Die Befragte konnte Shinzus Blick fast körperlich in ihrem Nacken spüren. Was er wohl von ihrer eigenen Reaktion hielt? „Ich hab mich erschreckt“, erklärte Neko schlicht und versuchte dabei besonders beiläufig zu klingen. „War vielleicht nur ein Bibor im Gebüsch oder auch Traunfugil.“ Als der Nebelgeist seinen Namen hörte, wandte er sich zwar fragend an seine Menschenpartnerin – Ich habe dich gar nicht gesehen, wie hätte ich dich da erschrecken sollen? – doch zu ihrer Erleichterung ließ er sich nicht anmerken, ob er das verkannte Bibor im Gebüsch gewesen war oder nicht. Und auch Raika, die wissen musste, dass man sich vor einem Rascheln im Unterholz nicht derart erschrecken konnte, dass man so panisch und heulend davonlief, wie die Chimäre es getan hatte, schwieg. Neko war ihnen beiden dafür sehr dankbar.
    Und nicht nur dass. Nachdem Neko auf Raika gestoßen war, hatte die Tira sie tröstend in die Arme genommen. Viel hatte sie nicht gesagt, sondern einfach nur dagesessen und sie weinen lassen. Dass sie nicht weiter nachgefragt hatte, warum Neko so aufgewühlt war, empfand das Steppenmädchen zwar als Pluspunkt – sympathisch machte es ihre Teamkollegin aber noch lange nicht für sie. Oder zumindest versuchte sie es sich einzureden. Die Demütigungen, die sie nicht nur ihr sondern auch den anderen beiden Mädchen ihrer Gruppe zugefügt hatte, wollte sie nicht einfach so wegen einer unerwarteten Geste der Freundlichkeit vergeben.
    „Entschuldigung?“
    Aller Köpfe flogen mit einem Ruck in die Richtung, aus der die kleine Stimme gekommen war. Neko erkannte das kleine Mädchen, das am Vortag bei ihrem Anblick die Flucht ergriffen hatte. In Begleitung eines wachsamen Riolu, das wahrscheinlich ihr Partner war, trat sie schüchtern um die Eiche herum, die ihren Lagerplatz vom Walddorf trennte.
    „Was können wir für dich tun, Kleine?“, fragte Akari und stand auf, um ihre Besucherin in Empfang zu nehmen.
    Das Mädchen sah sich mit hektischem Blick auf der Lichtung um, als suche sie unter den Versammelten etwas – oder besser jemanden. Wobei sie nicht zu wissen schien, nach wem genau sie Ausschau halten sollte. „Ihr seid… Rebellen, oder?“ Keiner antwortete – es abzustreiten, wäre sinnlos gewesen. Die ängstlichen, grün wie Blätter, durch die Sonnenlicht fällt, leuchtenden Augen des Mädchens schauten umher und blieben dabei eine ganze Weile länger an Tetsu haften. Der Gotela hatte sich wohlweislich etwas zurückgezogen, als sie sich genähert hatte, um ihr keine Angst zu machen. Die Kleine schluckte hörbar, aber als das Riolu sanft und unterstützend ihre Hand anstupste, fasste sie sich ein Herz und sagte: „Ihr müsst ganz unbedingt hier weg! Da ist was… passiert.“ Das Zögern in ihrer Stimme ließ erkennen, dass sie es nicht genau zu beschreiben vermochte, was das Passierte gewesen war.
    „Was denn?“, fragte Akari freundlich und lächelte aufmunternd.
    „Das darf ich nicht sagen.“ Auf die Antwort der Kleinen ließ Kasai ein verächtliches Schnauben hören, als hätte er von einer kleinen dummen Göre nichts anderes erwartet. Akari warf ihm einen strengen Blick zu. Das Mädchen schien zu erkennen, dass die Gotela auf ihrer Seite war, und fuhr langsam fort: „Der Sohn vom Wirt hat etwas gesehen, etwas ganz Schlimmes. Und… und sein Onkel hat ein Schwalbini mit einem Brief weggeschickt, zur Grenze. Da, wo die Soldaten sind.“
    Einige der Versammelten warfen sich vielsagende Blicke zu. Dass Briefe verschickt wurden, war natürlich nicht wirklich was Besonderes; diese Tatsache allein war es nicht, die sie verunsicherte. Vielmehr, dass der Brief an die Soldaten an der Grenze adressiert war – jenen Posten, den sie auf ihrem Eintreten in den Großen Wald passiert und mit dessen Angestellten sie sich vor gar nicht langer Zeit angelegt hatten –, war der Grund zu ihrer Besorgnis. Und das Pokémon, mit dem er verschickt worden war: Innerhalb von Städten wurde mit Dusselgurr die Post verschickt, weil die grauen Taubenpokémon sich Pläne viel besser merken konnten als Routenverläufe und zudem um Einiges genügsamer waren. Anders als die ausdauernden Taubsi, die dann eingesetzt wurden, wenn es eine lange Wegstrecke zurückzulegen galt. Und musste die Nachricht besonders schnell und bald ankommen, so schickte man Schwalbini mit ihnen auf die Reise. Was auch immer in dem Brief an die Soldaten stand – und es war sonnenklar, dass es etwas mit ihnen zu tun hatte –, es musste von solcher Wichtigkeit sein, dass dafür die Geschwindigkeit und das Fluggeschick der dunkelblauen Flugpokémon erforderlich waren.
    „Danke für die Warnung“, sagte Akari zu dem Mädchen und nickte dankbar. Die kleine Dorfbewohnerin sah sich noch einmal hektisch um, drehte sich plötzlich wieder der Eiche zu und rannte mit Riolu davon, ohne noch etwas zu sagen. Sie musste furchtbare Angst gehabt haben, ihnen den Umstand, dass die Soldaten schon bald hier erscheinen würden, zu verraten.
    Dementsprechend wartete Tetsu auch nicht weiter und schulterte ohne Umschweife den Großteil ihres Gepäcks. „Wenn das so ist, sollten wir am besten jetzt schon weiter“, meinte er brummend und warf einen Blick in Richtung Dorf. „Nehmt alles, was ihr tragen könnt, und lasst uns sofort aufbrechen!“ Das alles, was ihr tragen könnt belief sich lediglich auf den Kessel, die dazugehörigen Becher, die Schöpfkelle und zwei Taschen. Das meiste ihrer Habseligkeiten – die Zelte und die Decken – hatte Tetsu schon alleine aufgenommen, als wögen sie nichts, und als sei sein Arm auch nicht schwer verletzt. Bojelin kam herbei und löschte mit einem Schwall Wasser den kümmerlichen Rest ihres Lagerfeuers. Neko bedauerte zwar, vom wärmenden Tee nichts weiter getrunken zu haben, doch jetzt war es natürlich viel wichtiger, einen möglichst großen Vorsprung vor die sich nähernden Soldaten zu schaffen. Wer wusste schon, wann das Schwalbini losgeschickt worden war, und wie lange die Krieger brauchten, um das Dorf zu erreichen. Zwar war der Wald größtenteils sehr dicht, doch es gab gewiss Schleich- und Trampelpfade, die die Untergebenen der Krone in- und auswendig kannten. Sie mussten sich beeilen.
    Während sie den Rückweg zu der Welsarherold bestritten, legte sich mehr und mehr ein schweres Tuch des Schweigens über die Gruppe. Eine angespannte Stille herrschte zwischen ihnen, schlimmer noch als der Moment, als Mizu und Shinzu sich gegenübergestanden hatten und niemand sicher kein konnte, was als nächstes geschehen würde. Ganz im Gegenteil war jedem bewusst, dass ihre Verfolger keine Gnade walten lassen würden. Und hier, im Wald, gewissermaßen ihrem Territorium, wussten sie gewiss auch besser zu kämpfen als die Rebellengruppe.
    Neko hatte in ihren Gedanken für solche Überlegungen allerdings keinen Platz. Zwar versuchte sie, einen kühlen Kopf zu bewahren und ihre Situation so gefasst wie nur möglich zu nehmen. Aber ihr Geist driftete immer wieder davon und wandte sich anderen, persönlicheren Themen zu.
    Sie war, gelinde gesagt, sehr enttäuscht von Mizu. Ein gesundes Maß an Selbstbeherrschung hatte sie dem Lynoer durchaus zugetraut, hatte er sich bisher doch immer mäßig an Gefühlsausbrüchen und eher gelassen in allen Lebenslagen gezeigt. Solch eine Reaktion hätte sie nie von ihm erwartet. Auch wenn sie ihn vielleicht ein Stück weit verstehen konnte. Natürlich hatte er sich selbst dazu auserkoren, sie hier im Wald vor irgendwelchen Gefahren zu beschützen, die er vage in einer Vision gesehen haben mochte, doch schließlich war sie nicht allein gewesen. Sie vertraute Shinzu ebenso wie Mizu – nicht zuletzt auch deshalb, weil der Naminer ihr im Fluss das Leben gerettet hatte, anstatt zu warten und zu hoffen, Libelldra würde es tun –, und sie war sich sicher, dass er sie in anderen Extremfällen auch nicht würde im Stich lassen. Was ist, wenn es mehr ist als das?, schoss es ihr durch den Kopf, und sie wurde grüblerisch. Was, wenn Mizu nun auch etwas anderes empfindet als nur Freundschaft und Verpflichtung? Kann das seine Tat überhaupt rechtfertigen? Sie schüttelte den Kopf, um ihn von diesen Gedanken freizumachen. Selbst wenn Mizu irgendetwas argwöhnte, war das noch lange kein Grund, sich wie ein rivalisierendes Tauros aufzuführen, in dessen Revier sich ein Bisofank verirrt hatte. Was zwischen ihr und Shinzu vorging, betraf allein sie beide und niemanden sonst.
    Sie hörte Schritte neben sich und wusste irgendwie, dass es sich dabei um Shinzu handelte. Bei dem Gedanken an die Szene unter der Silberweide schlug ihr Herz unversehens schneller, und ihr Gesicht fühlte sich mit einem Mal so an, als habe Momoko den Tee über ihren Kopf verschüttet. Sie hatte sich geirrt: Zwar war ihr dieses Ereignis und die damit verknüpften Gefühle wie ein ferner Traum vorgekommen, der einem nach dem Aufwachen entgleitet, bevor man ihn zu fassen kriegt. Aber das stimmte nicht. Ihre Gefühle waren real, und sie waren die ganze Zeit da – nur mussten sie nicht immer an der Oberfläche sein.
    „Das vorhin…“, begann Shinzu zögernd, offenbar um eine Entschuldigung bemüht. „Es… es tut mir leid. Ich hatte nicht erwartet…“
    „Lass gut sein“, redete Neko ihm in den Satz, wie sie es bei Momoko getan hatte. Dabei versuchte sie aber, nicht direkt zu ihm aufzusehen, aus Angst, ihm mit der unmittelbaren Erinnerung an diesen einen Moment erneut zu verfallen. Versöhnlicher fuhr sie fort: „Lass uns nicht mehr darüber reden; wir haben gerade wichtigeres zu bedenken.“ Sie waren schließlich hier, um den Waldbewohnern zu helfen und diese Nidoqueen zu stellen – da war für solcherlei Gefühlsduseleien kein Raum.
    „Du hast Recht“, meinte Shinzu nach einigem Schweigen. Neko hörte das verschmitzte Grinsen aus seinen Worten heraus, als er fortfuhr: „Aber wenn wir zurück sind, könnten wir es ja wieder angehen, und zwar richtig.“ Jetzt sah sie doch überrascht auf, doch er hatte seine Schritte beschleunigt und sie überholt, sodass sie nur seinem Rücken nachblicken konnte.
    Plötzlich hatte sie das unbestimmte Gefühl, bereuen zu müssen, dass sie den Kuss verhindert hatte. Und vielleicht war es dann gut, eine weitere Chance zu haben, ihren Fehler wieder gutzumachen – hauptsächlich für sich selbst. Und sie konnte nicht umhin, sich in gewissem Maß darauf zu freuen.


    Gepäck und Reisende waren schnell in das große Boot geräumt, und kaum war der letzte Passagier an Bord, ging die Fahrt auch schon wieder weiter. Zwar bestand Tetsu darauf, die Kurbel wieder alleine zu bedienen, aber der erste Versuch schlug mit einem stechenden Schmerz, den man ihm mehr als nur ansehen konnte, fehl. So übernahm Libelldra wieder seinen Platz, und nicht nur diese eine Aufgabe: Neko glaubte zu sehen, wie sie die großen, unter der roten Membran verborgenen Augen immer wieder auf Mizu richtete, der neben ihr das Boot lenkte. Als ob sie besonders wachsam sein wollte, dass die Sache zwischen ihm und Shinzu nicht mehr eskalierte. Der Naminer hatte sich scheinbar zufällig besonders weit von Mizu entfernt im vorderen Teil der Welsarherold auf eine Bank gesetzt und den Blick in Fahrtrichtung gerichtet.
    Nach einiger Zeit hatten das sanfte Schaukeln des Bootes und die zwar stetig gleich bleibende, aber auf schwer zu beschreibende Weise immer wieder neue Aussicht Neko von ihren Gedanken über die beiden abgelenkt. Sie beobachtete das vorbeiziehende Ufer. Im Unterholz raschelte es beständig, und ein ums andere Mal flogen Käfer- oder Flugpokémon daraus hervor, wenn sie die Stelle passierten. Magnayen löschten ihren Durst am Fluss, ohne Notiz von ihnen zu nehmen, Panflam hockten in den Wipfeln und verfolgten sie mit ihren neugierigen Blicken, bis sie außer Sichtweite waren, und ein Tropius streckte wie aus dem Nichts seinen langen Hals aus dem Wald, um die unbekannten Gerüche aufzunehmen. Am teils flachen, schlammigen Ufer sonnten Morlord ihre aalglatte Haut, und unweit winkte eine kleine Schar Flunschlik mit ihren im Licht des neuen Tages grellgelb leuchtenden Sonnensegeln. Im kristallklaren Wasser tummelte sich jedes Mal, wenn Neko herabsah, ein anderer Schwarm Fischpokémon, und drei verspielte Gehweiher begleiteten das Boot eine ganze Weile über die Oberfläche flitzend. Der Wald war voller Leben, und sie waren mitten drin. Es war einfach zu wunderschön, um sich weiterhin düsteren Grübeleien hinzugeben.


    In seinem früheren Leben hätte der Soldat den wilden Ritt auf dem Kronjuwild genossen. Die starken Beine des Hirschpokémon stießen die mächtigen Hufen mit aller Kraft in das Erdreich und ließen den Bock dadurch immer wieder aufs Neue in die Höhe schnellen. Er war so schnell, dass der Wald um sie herum nur so dahin schoss, und doch vertrat sich das Jahreszeitenwesen nie. In manchen Volkslegenden hieß es, dass Kronjuwild mit dem Aufstampfen eines Hufes den Wald um sich herum spüren und damit Bäume schon orten konnten, bevor sie in Sichtweite kamen. Daher war es ihnen möglich, den Weg um die Stämme herum bereits zu planen, lange bevor sie an ihnen vorbeipreschen mussten. Es war wie ein Flug über hügeliges Grasland, zwar sehr holprig wie durch einen stürmischen Orkan, aber niemals ausgebremst.
    Das wäre alles sehr interessant gewesen, wäre der Soldat noch Herr seiner selbst. Doch das war er nicht. Zeit existierte nicht mehr für ihn, zumindest anders, als es Menschen gewohnt waren, daher konnte er die Spanne, in der er bereits das war, was er war, nicht ermessen. Seit jenem schicksalhaften Tag, der das erste war, was das andere Bewusstsein als Erinnerung in ihm zuließ, war er wie eine Schattengestalt. Das umrissgleiche Abbild eines formvollen Körpers, aber auch nicht mehr als das.
    Das Schwalbini hatte die Station der hier postierten Krieger vor wenigen Stunden erreicht. Dass die Rebellen, die über den Fluss die Grenze passiert hatten, sich solch einer Gefahr aussetzen würden, indem sie in einem Dorf übernachteten, das der Schwarzen Rose ganz und gar nicht gewogen war, hätte ihn wohl verwundert. Jetzt war er auf dem Weg in jenes Dorf, das nach ihm geschickt hatte. Aber keinesfalls, um die Rebellen einzuholen oder gar aufzuhalten. Dass sie die Gruppe an der Grenzstelle angegriffen hatten, war schon genug gewesen. Ihre Herrin und Gebieterin hatte ihnen die Information zukommen lassen, dass eine Rebellengruppe auf dem Weg sei, sich aber sehr unverständlich dahingegen ausgedrückt, dass sie unbehelligt hätte passieren dürfen. In dem Brief, der einige Stunden nach der missglückten Ausführung ihres Befehls mit einem Kramurx gekommen war, war sie sehr zornig gewesen und hatte ihnen gedroht, sie alle zu vernichten. Nicht, dass das noch besonders von Bedeutung war, immerhin waren sie schon weniger als nichts. Aber tief in ihnen hatten sie denselben alten Selbsterhaltungstrieb, der sich durch keine Hypnose der Welt versiegeln ließ. Und dieser hatte sich bei ihrer Drohung lautstark zu Wort gemeldet.
    So waren also die Beamten der Grenze schuld an dem Schlamassel: Hätten sie die Rebellen nicht aufgehalten, hätten diese noch genug Zeit gehabt, in das nächste Dorf zu schiffen, in dem man gastfreundlicher mit ihnen umgegangen wäre. Nicht ihr Zielort zwar, aber doch näher an diesem. Dann wäre kein Schwalbini mit der Botschaft gekommen, der Sohn des Wirtes habe „etwas Schreckliches gesehen, das er niemandem außer einem Soldaten erzählen wolle“. Und auch in der dorfeigenen Schenke seien Leichen gefunden worden, die meisten ohne erkennbare Verletzungen oder andere Todesursachen. Dass sich dieses Ereignis mit dem Auftauchen der Rebellen deckte, weckte in den Dorfbewohnern natürlich Misstrauen.
    Der Soldat auf dem Kronjuwild hatte einen Verdacht bezüglich dessen, was dieser Junge gesehen haben mochte. Und wenn seine Vermutung zutraf, dann musste er schleunigst handeln, bevor das Kind auf die Idee kam, seine Beobachtungen doch noch jemand anderem zu schildern. Denn dann wäre nicht nur sein Leben verwirkt, sondern auch das der anderen Soldaten an der Grenze.
    Endlich erreichte er das Dorf und befahl dem Kronjuwild mit sanftem Schenkeldruck, etwas an Geschwindigkeit zu verlieren. Auf dem Dorfplatz, einer großen Lichtung, die von mit Gebäuden verzierten Bäumen eingerahmt wurde, erwartete ihn bereits ein Mann mittleren Alters. Er stellte sich als Bruder des Wirtes vor. Seinen Namen hatte der Soldat bereits verworfen, bevor er ihn überhaupt ausgesprochen hatte.
    „In der Schenke war es ungewöhnlich kalt diesen Morgen“, erzählte der Wirtsbruder, während sie auf das besagte Gebäude zugingen. „Aber nicht kalt genug, als dass die Gäste hätten erfrieren können. Aber trotzdem deutet nichts auf eine andere Todesursache hin.“ Ohne wirkliches Interesse begutachtete der beorderte Soldat die gefundenen Leichen. Einige hatte man schon von den Tischen genommen und auf weißen Leinentüchern aufgebahrt, damit die Angehörigen sie betrauern konnten. Andere saßen noch auf den Stühlen über ihren Metkrügen, als seien sie lediglich beim Saufgelage eingeschlafen. Aber ihre starren Blicke erzählten eine andere Sprache. Es war die gleiche Art starrer Blick, wie sie von den Augen des Soldaten ausging.
    Er befragte seinen Dorfführer zu einem Haufen Hautfetzen und anderer Teile, die wie zerrissener Speck aussahen. Wirklich wichtig war ihm die Sache nicht – er wollte nur so schnell wie möglich zu diesem Jungen. „Was das ist, wissen wir auch nicht so genau“, erklärte der Mann und betrachtete den Haufen mit Ekel. Dann senkte er die Stimme, als ob ihm die Toten lauschen könnten: „Da sind nicht nur Haut- und Fleischfetzen dabei, sondern auch Knochen. Und ein zerrissenes Auge – ja, richtig, zerrissen, wenn ich es dir sage! Die Leiche meines Bruders hat keiner gefunden. Wir wissen nicht, wie es passiert ist, aber wahrscheinlich… ist er es gewesen.“ Er sagte das alles mit so unbeteiligter Stimme, als sei der Haufen Körperstücke nicht sein Bruder gewesen. Aber mit Gefühlen kannte der Soldat sich ohnehin nicht aus.
    Sie verließen die Schenke und gingen nun auf den Baum zu, in dessen Wipfeln sich das Haus des Jungen befand. Unterwegs zeigte der Mann seinem Begleiter eine Eiche, hinter der eine Wiese lag. Dort, so berichtete er ihm hasserfüllt, hätten die Rebellen übernachtet, seien aber überraschend abgereist, kurz nachdem das Schwalbini losgeflogen war. Erleichterung konnte der Soldat nicht empfinden. Aber immerhin war die Gruppe schon fort und mit ihnen der Prinz.
    Der Königliche Krieger erklomm die Leiter nach oben und fand sich in einem kleinen Vorzimmer wieder. Ein Mädchen und ein Riolu nahmen ihn in Empfang und führten ihn weiter in einen noch engeren Raum, in dem gerade genug Platz zum Stehen und für eine schmale Schlafnische war. Auf der Pritsche lag ein Junge, der aber zu schlafen schien. „Er ist sehr müde“, flüsterte das Mädchen und quetschte sich mit in das Schlafzimmer. „Nachdem… das in der Schenke passiert ist, hat er gar nicht mehr geschlafen. Der Wirt ist nämlich sein Vater.“ Auf die Frage des Soldaten, was der Junge gesehen habe, schüttelte sie nur den Kopf. „Das wollte er uns nicht erzählen. Nur einem Soldaten. Er bewundert euch echt“, fügte sie hinzu, als sei das eine besonders wichtige Information.
    Ungerührt schickte der Untergebene des Königshauses die Kleine hinaus und trug ihr obendrein noch auf, das Gebäude zu verlassen. Wenn der Junge wollte, dass nur ein Soldat mitbekam, was er zu berichten hatte, dann wollte er das respektieren. Zumindest hielt er das dem Mädchen vor. In Wirklichkeit wollte er etwas ganz anderes damit erreichen.
    Als er endlich alleine war und die Tür des Schlafraumes verschlossen hatte, beugte er sich über den schlafenden Jungen und rüttelte ihn sanft wach. Lange dauerte es auch nicht, bis das Kind die rot unterlaufenen Augen aufschlug und zu ihm aufsah. Langsam richtete er sich auf und rieb sich die Schläfen, als habe er Kopfschmerzen. Taktgefühl oder gar Mitleid kannte der Soldat nicht, daher fragte er ihn ohne Zögern nach dem, was er in der Nacht beobachtet hatte.
    Der Junge stotterte immer wieder, während er mit panischem Blick berichtete: „Ich habe in der Schenke geholfen, wie ich es ziemlich oft mache. Zwar sagt“ – hier stockte er einen erschrockenen Augenblick – „sagte mein Vater, dass ich aufhören solle, so lange wach zu bleiben und mitzuhelfen, weil auch manchmal Leute seine Gäste sind, die nicht nur auf Mädchen scharf sind, wenn sie zu viel getrunken haben. Aber ich bin doch sein Erbe! Irgendwann muss ich ja die Schenke übernehmen… Aber viel lieber würde ich ein Krieger sein.“ Er blickte sein Gegenüber kurz und auffordernd an, zu diesem Wunsch etwas zu erwidern. Doch er sagte kein Wort.
    Der Junge seufzte kurz. „Dann kam jemand. Zuerst habe ich ihn nicht beachtet, weil ich dachte, er sei einer der üblichen Gäste – unser Dorf ist halt sehr groß, da kennt man auch nicht jeden. Dann haben mein Vater und einige unserer Stammkunden zu lachen angefangen. Ich habe gar nicht bemerkt, was los war, bis plötzlich Wind durch die Schenke fuhr.“ Der Soldat wurde hellhörig und forderte ihn sofort auf, das noch genauer auszuführen. „Alle Fenstern und Türen waren geschlossen“, fuhr der Junge also fort, „daher kann es nicht der Durchzug gewesen sein. Dafür war es auch viel zu stark. Es war wie ein Sturm, ein Wirbelwind. Aber der neue Gast war irgendwie nicht davon betroffen. Wie das Auge eines Tornados. Der Sturm wurde so schlimm, dass mir Staub in die Augen geflogen ist, und Gegenstände sind durch die Luft geschleudert. Ich wollte raus, Hilfe holen, hab aber die Tür nicht richtig aufschieben können. Ich bin nicht ganz rechtzeitig raus gekommen.“ Jetzt holte er seine Hand hervor, die sich bisher unter dem Bettlaken, mit dem er zugedeckt war, verborgen hatte. Oder zumindest das, was von seiner Hand übrig war: der Kleine und der Ringfinger fehlten völlig, und bis hinauf zum Handgelenk war die Haut schwarz. Sie war erfroren.
    „Bisher weiß nur meine Mutter davon“, erläuterte der Junge und strich über die tote Hand. „Sie sagt, dass man sie abschneiden muss.“ Was wohl das Ende seiner Laufbahn als Soldat war, bevor diese überhaupt angefangen hatte. Sein Gesprächspartner fragte ihn, ob er das Gesicht des Fremden, der im Auge des Sturmes stand, gesehen habe und es noch erkennen könne. Der Junge nickte. „Ich habe schon nachgesehen, ob er unter den Toten in der Schenke ist. Er hatte ganz dunkles Haar, vielleicht Naminer, das war im Kerzenlicht nicht so gut zu sehen. Aber sein Gesicht würde ich überall wieder erkennen können. Da bin ich mir sicher!“
    Der Soldat bedankte sich bei dem Jungen und richtete sich auf. Seine Vermutung hatte sich bestätigt. Es war ohne Zweifel der Prinz, der diese Nacht den Wirt und seine Gäste wortwörtlich kaltblütig gemordet hatte. Doch über seine Taten zu richten stand nicht in seiner Macht – dahingegen etwas völlig anderes. Der Junge stellte eine Gefahr für den Prinzen und die Gebieterin dar. Das konnte er nicht einfach ungeklärt lassen.
    Noch ehe der Junge reagieren konnte, hatte der Soldat sein Schwert gezückt und ihm mit einer fließenden Bewegung die Stimme aus der Kehle geschnitten.
    Als er die Leiter wieder hinabkletterte, erwarteten ihn die Freundin und der Onkel des Gemeuchelten. Der Junge habe ihm alles erzählt, wolle aber nach wie vor nicht, dass es jemand anderes erfuhr. Und zudem Ruhe und Ungestörtheit, mindestens für die nächsten Stunden. Das dürfte für den Soldaten reichen, mit dem Kronjuwild zum Grenzposten zurückzukehren und seiner Herrin von dem Vorfall zu berichten.[/tabmenu]

  • Katzen hassen Wasser?


    Hey Sonnenblume.


    Wie geht es dir? Als ich deinen Gästebucheintrag gesehen habe, habe ich mich wirklich gefreut! Endlich geht es weiter bei KhW. Und ich hatte direkt zwei Kapitel zum Lesen, das war auch schön. Auch wenn die unglaublich lang waren, wow! Das Spezialkapitel hat einen mit seiner Länge bald erschlagen, aber bei deiner Geschichte ist das etwas Positives.


    Spezialkapitel V
    Blütenreigen


    Die Länge ist, wie gesagt, gigantisch. Ich scrolle ja immer erst nach unten, um zu sehen, wie viel es ist und scrolle und es kommt immer mehr Text... Aber das macht ja nichts, du Verrückte. Jedenfalls konnte ich mich gut in Momoko hineinversetzen. Niwasaki war mir zu Beginn des Kapitels überaus sympathisch. Dass er sie seinen Pfirsich nennt und all das. Auch fing es wie eine tolle Romanze an, die sich über sehr viele Jahre entwickelt hat... Aber bei dir war mir schon irgendwie klar, dass es nicht positiv endet. Das hast du so an dir mit Romanzen, jedenfalls in deiner Geschichte (im realen Leben nicht, hoffe ich). ;D Deine Beschreibungen waren wieder sehr malerisch, wie man es gewohnt ist von dir. Momoko kam auch gut herüber, ich mag sie jetzt (noch) um einiges mehr. Das mit dem Pfirsichbaum war so furchtbar traurig, seufz.
    Wie gesagt, war die Romanze wirklich wunderschön und sehr offensichtlich, bis dann Kikaku kam. Ich frage mich, ob es wirklich stimmt, dass Niwa nur auf eine andere Frau gewartet hat und nur mit Momoko abhing, weil sie die Einzige war. Das kann doch nicht sein, oder? Haben sich die beiden wirklich nie wieder gesehen? Ich hoffe ja, dass er irgendwann erkennt, wie toll Momo ist. Und dass sie ihn dann ablehnt. Er hat sich wirklich wie ein Vollidiot verhalten und das ist noch zu nett gesagt. Grr. Wie konnte er nur so blind sein und so einfach auf Miss Eleganz hineinfallen? Es war doch klar, dass sie ihn nur ausspannen will, weil sie ein Miststück ist.
    Momoko verstehe ich jedenfalls sehr gut, würde in so einer Situation aber anders reagieren vermutlich. Weiß es glücklicherweise nicht... Dass sie Neko etwas in den Tee tut, weil sie Angst hat, auch Shinzu zu verlieren, ist auch verständlich. Wenn auch keine nette Geste, aber verletzte Frauen sind die gefährlichsten aller Geschöpfe.


    Kapitel XXI
    Friedliches Dorfleben


    Nach Lesen des Kapitels kann ich nur sagen: Ironischer Titel! Raikas Aktion war sehr niedlich, aber ich traue ihr absolut nicht und denke ja, sie hat irgendetwas schlimmes im Sinn. Wenn sogar Momoko intrigiert, dann sie wohl doch erst recht, oder...? Aber wer weiß, vielleicht täusche ich mich auch. Wenigstens hat sie Neko ausheulen lassen und es später nicht den anderen verraten. Noch nicht. Sie ist in meiner Meinung um ein paar Punkte gestiegen, aber noch weit davon entfernt, dass ich sie mag.
    Neko tut mir so leid... Ich kann mich in sie hineinversetzen und mir vorstellen, wie es ihr geht. Aufgewühlt und irgendwie doch glücklich, aber das wird wohl nicht von Dauer sein. Tut mir auch leid um Shinzu, auch wenn ich ihm immer mehr misstraue. Der Bitchfight zwischen Mizu und Shinzu war aber sehr unterhaltsam, war klar, dass es dazu kommen würde. Wird nicht das letzte Mal sein! Bin gespannt, für wen von beiden sich Neko am Ende entscheiden wird, noch ist ja praktisch alles offen... Und hoffe, sie entscheidet sich nicht falsch.
    Die Pokémon aus Black und White bringst du gut ein, sie wirken nicht aufgesetzt, sondern als seien sie immer so geplant gewesen. Was sie vermutlich auch waren. Kompliment, aber du kannst es eben einfach. *schmeichelschmeichel xD*
    Der Soldat war mir gleich unsympathisch und wenn ich so überlege, dann wohl auch aus gutem Grund. Finde es aber spannend mit dem Prinzen, der Herrin und all dem, da wird sich wohl noch so einiges ereignen und darauf freue ich mich. Der arme Junge am Ende, jetzt wird er erst recht niemals Soldat werden... Dabei war er so niedlich. qq


    Ich freue mich wirklich auf mehr von dir, wie immer!

  • [tabmenu][tab=Auslaufend!]Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in den Ferien jede Woche ein Kapitel online zu stellen. Aber iwie sind ständig andere Dinge dazwischengekommen, und ich bin jetzt froh, immerhin eins zusammengekriegt zu haben! xD
    Kapitel 21: Die Macht des Königsblutes teilt sich in die Parts Teetrinken und Finderlohn, und hier ist also der erste Teil. Und der zählt immerhin alleine schon 13 Seiten, das ist länger als so manches einzelne Kapitel! o0
    Also, viel Spaß ^^


    Edit: Mah, mir fällt auf, KhW? ist ja schon zwei Jahre alt! o0 So eine kacke, abgesehen von Spezialkapiteln habe ich im ersten Jahr im Durchschnitt jeden Monat ein Kapitel online gestellt. Um das gleiche in diesem Jahr zu schaffen, hätten es also mittlerweile 24 zwei müssen! <.< Nyan, whuteva :<[tab=Kapitel]CerapendraKapitel 21: Die Macht des Königsblutes - Teetrinken


    Sie machten die Welsarherold an einem Steg fest, der plötzlich wie aus dem Nichts um eine Flussbiegung aufgetaucht war. Neben dem großen Wassergefährt schwappten noch zwei weitere, viel kleinere Boote im Wasser. Sie waren wohl dazu da, zu den Fischkörben zu gelangen, die an hölzernen Bojen inmitten des Flusses trieben, wo sie dem Bootsverkehr nicht im Wege waren. Ein paar Stunden, nachdem sie mit ihrem kleinen Schiff aufgebrochen waren, hatten sie eine sehr ungünstige Strömung erwischt, die die stolze Welsarherold nur so umhergeworfen hatte. Tetsu beäugte missmutig die Schrammen im Holz, die der Bug davongetragen hatte. Der ursprüngliche Besitzer würde zwar nicht gerade erfreut über diesen Makel sein, doch ihnen war keine andere Wahl geblieben. Sie hätten die Strömung auch langsamer passieren können, jedoch das Tempo derart drosseln müssen, dass die Soldaten, die ihnen ohne Zweifel auf den Fersen waren, schnell eingeholt hätten.
    Mit dem nötigsten an Gepäck, das sie mit sich trugen, machen sie sich auf einem mit Rindenmulch ausgelegten Trampelpfad auf den Weg zu ihrem Zielort. Die Mittagssonne fiel durch die dichtbelaubten Baumkronen und warf tanzende Reflexe auf den Waldboden, wenn der Wind durch die Äste strich. Von Ferne waren die Rufe einiger Vogelpokémon zu hören, zu leise, um ihre Art genau zu bestimmen. In den Büschen des Unterholzes raschelte es ununterbrochen, wenn sie daran vorbeigingen, und manchmal kreuzte ein aufgescheuchtes Wiesor oder ein Zigzachs ihren Weg. Unter den Baumwipfeln warf sich eine Horde Menki von Ast zu Ast und beobachtete die Besucher aus neugierigen Augen. Das sie anführende Rasaff hielt sich dabei wachsam im Hintergrund.
    Nach einer Weile fragte sich Neko zum wiederholten Male, warum die Dyrier ihre Dörfer zwar in Flussnähe zu errichten pflegten, jedoch in einer Entfernung eines Fußmarsches von mindestens einer halben Stunde. Nicht nur im Land des Lynor wurden Städte direkt oder in unmittelbarer Nähe am Wasser erbaut; auch um den Keran, im Hügel- und im Herzland verfuhr man so. In der Steppe war das nicht oder nur begrenzt möglich: zwar gab es einige wenige Flüsse, die jedoch die meiste Zeit des Jahres trocken lagen. Um einen ständigen Vorrat an Wasser zu gewährleisten, wurde eher um Brunnen gebaut. Im Gebirge gab es bis auf den Winterhort ohnehin keine Städte, und der befand sich oberhalb eines Wasserfalls. Nur im Großen Wald wurde es anders gemacht. Vor langer Zeit hatte Neko sich einmal erklären lassen, dass im dyrischen Land noch bis vor dreihundert Jahren der Aberglaube existiert habe, ein Fluss könne sich des Nachts in eine riesige Schlange verwandeln und die Dorfbewohner verschlingen. Daher hatte man von jeher die Siedlungen weit abseits fließender Gewässer errichtet, in der Gewissheit, die Flussschlange könne sich unmöglich so weit von ihrem angestammten Bett entfernen. Irgendwann hatte dieser Irrglaube ein Ende gefunden, aber die Angewohnheit, die damit einhergegangen war, hatte sich auch über drei Jahrhunderte weiterhin erhalten.
    Die Menki begleiteten sie immer noch, als Absol plötzlich stehen blieb und warnend mit dem Schweif zuckte, um auch den anderen zu erkennen zu geben, innezuhalten. Auch Voltenso, der bis eben noch um seine Menschenpartnerin herumgedackelt war, zeigte kurz darauf dieses Verhalten. Die beiden Hundepokémon spähten angestrengt in die nächsten Sträucher und schienen nach etwas Ausschau zu halten. Es dauerte nicht lang, bis Neko ebenfalls hören konnte, was ihre scharfen Ohren bereits vernommen hatten: Eine leise Flötenmelodie schwebte zwischen den Blättern hindurch und hüllte die Gruppe wie ein zartes Seidentuch ein. Zuerst konnte die Chimäre die Abfolge der Noten nicht identifizieren, doch als sie erneut ein klein wenig lauter wurde, erkannte sie die Melodie.
    Als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte ihre Mutter ihr häufig ein Wiegenlied vorgesungen, das auch sie schon in ihre Traumwelt begleitet hatte. An den genauen Text konnte Neko sich nicht erinnern, aber die Melodie, so hatte es ihr Sanako gesagt, sei angelehnt an die Attacke Gesang, die so manches Pokémon anwenden konnte, um seinen Gegner einschlafen zu lassen. Genau diese Musik erklang jetzt durch den Wald, und doch konnte es niemals Gesang sein – schließlich hörte sich diese Attacke nicht wie eine Flöte an.
    „Verdammt, das ist Grasflöte!“, fluchte Kasai auf einmal, als er feststellen musste, dass Magcargo im Begriff war, einzuschlafen. Auch Absol und Voltenso konnten sich nicht länger auf den Beinen halten, und den anderen Pokémon wurden die Augenlider sichtbar schwer. Nur Traunfugil, Tanhel und Duflor waren von der Pflanzenattacke nicht betroffen – noch nicht. Wenn der Angreifer erst einmal näher kam und die Musik lauter wurde, würde ihnen diese vorübergehende Resistenz auch nichts mehr nützen.
    „Stellt euch näher zusammen“, befahl Tetsu und zog einen Kriegshammer aus dem Gürtel, den er sich vor ihrem Fußmarsch umgelegt hatte. Auch Rai verstärkte den Griff um seine Sense, die er bisher nur als grotesken Wanderstab benutzt hatte, und nahm Kampfhaltung ein. Mizu hingegen legte nur die Hand auf den Schwertgriff, ohne seine Waffe zu zücken. Neko versuchte, die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Zwar hatten sie das Dorf fast erreicht, doch sie mussten trotz gutem Vorsprung vor ihren Verfolgern nach wie vor mit einem Angriff der Königlichen Krieger rechnen. Gut möglich, dass sie ein Pokémon vorausgeschickt hatten, um ihre Partner einzuschläfern und sie damit angreifbarer zu machen.
    Die Anspannung wuchs mit jedem Atemzug, die die drei Bewaffneten in stummer Erwartung des Unerwarteten bereitstanden. Die Flötenmusik wurde stetig lauter und klarer. Während die drei noch nicht eingeschlummerten Pokémon tapfer standhielten, fielen nun auch den letzten schläfrigen Widerständlern die Augen endgültig zu. Sie daran hindern zu wollen, wäre zwecklos gewesen, da sie gegen Angreifer letzten Endes verschlafen genauso viel auszurichten vermochten wie schlafend.
    Unter die Flötenmusik mischten sich plötzlich Blätter in der Farbe von Kirschblüten. Der Blättertanz begann um die Verteidiger zu wirbeln, ohne ihnen dabei mit den scharfen Blütenblättern zu nahe zu kommen. An die Stelle der angespannten Kampfstimmung trat nun Misstrauen, und Mizu und Rai entspannten ihre Haltung, als Tetsu es tat. Aus irgendeinem Grund schien der gotelische Hüne nicht länger mit einem Angriff zu rechnen.
    Neko zuckte zusammen, als etwas aus der Krone eines nahen Baumes zu Boden sprang. Zuerst vermutete sie, es sei ein Menki, die aufgrund ihrer natürlichen Hyperaktivität von der Grasflöte nicht eingeschläfert werden konnten. Was der wirbelnde Tanz der Blüten zunächst jeden Blickes verbarg, entpuppte sich nicht als einer der Schweinsaffen. Der Blättertanz änderte schlagartig seine Richtung, als das kleine Wesen vor ihnen auf dem Weg aufkam, und umwehte es nun. Mit dem letzten Ton der Schlafmelodie stoben sie auseinander und verteilten sich harmlos geworden um die Rebellen, sprenkelten dabei den Boden mit hellrosa Flecken. Tetsu ließ nun völlig von seiner Waffe ab, als er das Kinoso erkannte, das sich vor ihnen wie ein Bühnendarsteller nach gelungener Aufführung verbeugte.
    „Willkommen, liebe Freunde!“, rief es plötzlich zum Erstaunen aller aus. Wenn die gelbe Kirschblüte reden konnte, konnte sie nur der Erstpartner eines Menschen sein. Wie um sie zu necken, spielte das Pokémon noch eine kurze Leier auf der grünen, wie aus Schilf gefertigt wirkenden Querflöte, bevor es diese zu Grashalmen zerfallen ließ. Es drehte eine Pirouette, worauf die niedergegangenen Blütenblätter sich wieder in die Luft erhoben und dabei ihre Farbe wechselten: Ein großer Teil von ihnen wurde weinrot, der Rest wie die Blätter der meisten Bäume smaragdgrün. Ein zarter Duft ging von ihnen aus, als Kinoso sie wieder um die Rebellengruppe kreisen ließ und den Schlafzustand der Pokémon mit Aromakur heilte. Blinzelnd erwachten die Träumenden und sahen sich verwundert um, offenbar erstaunt darüber, doch keinem Angriff erlegen zu sein. Nur Voltenso sprang plötzlich wie elektrisiert (als Elektropokémon ._.) auf, als ihm der Geruch in die Nase stieg. Keiner schenkte seinem Verhalten weiter Beachtung, sondern konzentrierte sich auf das eben erschienene Pflanzenpokémon.
    „Ihr seid die Gruppe, die wir beim Hauptquartier angefordert haben“, stellte Kinoso melodisch fest, als müsse es sie daran erinnern. „Ich soll euch entgegenkommen. Folgt mir!“ Mit einer spielerischen Umdrehung sprang es auf Kussilla zu, die noch damit beschäftigt war, den Schlaf aus den Augen zu reiben, und zog sie tanzend mit sich. Auch Duflor lud die Kirschblüte ein, hopsend und tänzelnd den Rest des Weges zum Dorf zu beschreiten, und Traunfugil schloss sich ihnen unaufgefordert an. Die Rebellen warfen sich teils verwunderte, teils skeptische Blicke zu, doch sie fassten sich schließlich ein Herz und folgten dem Pflanzenpokémon.
    Weit war der Weg nun auch nicht mehr, und der Wald öffnete sich vor ihnen zu einer für ein dyrisches Dorf charakteristischen Lichtung. Wie auch in dem Dorf, das sie zuvor besucht hatten, reihten sich die Wohnhäuser in schwindelerregender Höhe wie die Perlen auf einer Kette an Hängebrücken auf, nur ein Gebäude befand sich auf dem Boden; vermutlich ebenfalls ein Gästehaus. Völlig anders als in dem anderen schien dieses hier von Leben nur so erfüllt zu sein – was wohl hauptsächlich daran lag, dass schlicht und einfach Tag war. Das goldene Sonnenlicht entblößte alles, was die Dunkelheit der Nacht zu verbergen wusste:
    So erblickte Neko am Rande der Lichtung einen von schmalen Holzplanken eingezäunten Bereich, in dem sich ein gutes Dutzend Dodu einen Wettbewerb im Picken von Futterkörnern lieferten, die ihnen eben jemand reingeworfen haben musste. An einen schmaleren Baum, in dessen Krone sich kein Gebäude befand, waren zwei Gallopa und ein Ponita angebunden.
    Das mit Abstand Interessanteste, was das Dorf an Nutzpokémon zu bieten hatte, war ein großer Schwarm Waumboll. Wie von einem Ariados gesponnen umspannte ein aus dünnen Hanfseilen geknüpftes Netz einen hoch gewachsenen Baum mit langem Stamm. Innerhalb dieses Bereichs tummelten sich die kleinen flauschigen Pflanzenpokémon, und einige von ihnen beäugten die Angekommenen neugierig aus ihren gelbbraunen Knopfaugen. Unter den vielen Waumboll befand sich allerdings noch ein einzelnes Hoppspross, das zum Schutz der anderen da war. Da es weniger wog und vom Wind schneller mitgenommen wurde, hatte es von Natur aus ein feineres Gespür für plötzlich aufkommende Böen und konnte sich so rechtzeitig in die Baumkrone retten. Das warnte seine Mitbewohner vor, sodass sie sich selbst schnell in Sicherheit bringen konnten, bevor der Wind sie durcheinanderwirbelte. Sollte es dennoch einmal dazu kommen, war der Hanf mit nur sehr leichten Knoten verknüpft, sodass das Netz schnell riss, wenn Druck auf es ausgeübt wurde. Mit einem Schwarm ausgebüxter Waumboll, die man auch wieder einsammeln konnte, ließ sich letztlich mehr anfangen, als mit einem Haufen strangulierter kleiner, weißer Leichname.
    Im ganzen Dorf herrschte geschäftiges Treiben, überall waren Menschen und ihre verschiedenen Partnerpokémon unterwegs. Unter den Bäumen und in den Baumkronen spielten Kinder. Es herrschte eine so ausgelassene und heitere Stimmung, dass Neko sich davon mitreißen ließ. Sie konnte ein glückliches Lächeln nicht vermeiden.
    Nur wenige Schritte vom Dorfeingang entfernt unterhielten sich zwei Dyrier, eine junge Frau und ein Mann in mittleren Jahren. Als erstere die Neuankömmlinge erblickte, sagte sie nur noch wenige Worte zu ihrem Gegenüber, um das Gespräch zu beenden und auf sie zuzukommen. Kinoso trat vor, drehte sich zu den Rebellen um, machte eine theatralische Geste zu der Dyrierin und verkündete überschwänglich: „Darf ich vorstellen, Zakura, die leitende Rebellin unseres bescheidenen Dorfes!“
    Die Vorgestellte schmunzelte und schüttelte ungläubig den Kopf. „Mach nicht immer so ein Drama um das Ganze“, schalt sie das Pflanzenpokémon und wandte sich ihren Kollegen zu. „Wie meine Partnerin bereits gesagt hat, bin ich Zakura und die Anführerin und Sprecherin der hier ansässigen Rebellen. Allerdings noch nicht sehr lange, daher bin ich noch nicht sehr erfahren in dieser Sache.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und strich sich in derselben Geste eine grüne Haarsträhne aus dem Gesicht. „So, wie ihr ausseht, habt ihr Kinosos Spezialbegrüßung erlebt.“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete die Dorfrebellin die angekommene Gruppe. Magcargo gähnte noch verschlafen, und in Bojelins und Absols Fell hatten sich Fetzen des Blättertanzes verfangen. Zakura warf einen tadelnden Blick auf ihre Erstpartnerin, doch die grinste nur und tanzte lachend ein paar Kreise. Irgendwie erinnerte ihr Verhalten Neko verdächtig an Traunfugil.
    „War nicht weiter schlimm“, behauptete Tetsu und übernahm seine Anführerpflicht, indem er sie der Reihe nach vorstellte. „Bevor wir Quartier beziehen“, setzte er schließlich an, „würde ich gerne ein Wort mit eurem Dorfvorsteher wechseln.“
    „Sicher“, bestätigte die Rebellensprecherin und nickte. „Hito hat euch darüber hinaus zum Abendessen eingeladen. Er will unsere Helfer etwas näher kennenlernen.“ Schon halb in einer Umdrehung winkte sie den Neuankömmlingen, ihr zu folgen. Während sie die Dorflichtung überquerten und dabei, wie Neko bereits vorher vermutet hatte, auf das am Boden stehende Gebäude zuhielten, erklärte Zakura die Situation: „Nidoqueen hat erst vor zwei Tagen ein weiteres Mal angegriffen. Seit etwa drei Wochen tut sie das häufiger. Anfangs hat sie sich damit begnügt, Zäune einzureißen und unsere Dodu zu verscheuchen, dann ist sie auf die Häuser übergegangen. Eingeschlagene Fenster, eingedellte Wände… und irgendwann ein zerstörter Geräteschuppen und ein in Grund und Boden getrampeltes Vorratslager. Glücklicherweise hatten wir dort nicht besonders viel drin, das kommt erst, wenn wir in unseren Obsthainen ernten. Aber es ist viel Aufwand, es wieder aufzubauen.“
    „Habt ihr es bisher nicht geschafft, sie zu stellen?“, erkundigte sich Tetsu.
    Zakura schüttelte bedauernd den Kopf. „Zumindest nicht direkt“, verbesserte sie sich noch. „Sie kommt meistens abends oder nachts, und sie ist unberechenbar. Wenn sie etwas zerstört hat, verschwindet sie sofort wieder. Wir haben schon versucht, ihrer Spur zu folgen, doch sie ist schnell und sehr gerissen. Eine Fußmarschstunde vom Dorf weg spaltet sich ihr Trampelpfad in mehrere Wege auf, und keiner kann sagen, auf welchem sie sich dann aufhält.“ Sie unterbrach sich kurz, um sich über den Mund zu streichen, als habe sie etwas Falsches gesagt oder etwas Wichtiges vergessen. „Einmal konnten wir sie stellen, aber der Kampf war schnell vorüber. Sie ist sehr stark, und zu allem Überfluss hat sie noch keiner wirklich gesehen. Nur mein Bruder. Shibafus Partner hat es einmal alleine versucht, ist aber kläglich gescheitert. Cerapendra ist das mit Abstand stärkste Pokémon hier im Dorf, aber nicht einmal er kann Nidoqueen besiegen, wo er doch auch nur Giftattacken beherrscht.“
    „Ein Cerapendra?“, entfuhr es Momoko, und sie japste nach Luft. Neko konnte ihre Reaktion nur zu gut nachvollziehen: Eigentlich gehörten die riesigen Wurmdrachen zu den gefährlichsten Pokémon überhaupt, und noch dazu zu den grausamsten. Ohne Grund griffen sie zwar niemanden an, doch es reichte schon aus, sie nur ein bisschen zu reizen, um ihre ganze Wut zu entfesseln. Der einfachste Weg, Selbstmord zu begehen, ist, ein schlafendes Cerapendra zu wecken, lautete ein weit verbreitetes Sprichwort. Neko hatte noch nie gehört, dass diese skrupellosen Geschöpfe jemals eine Partnerschaft mit einem Menschen eingegangen wären, nicht einmal als kleine Toxiped. Shibafu musste ein Mann des Glücks sein, wenn er ein solches Monster zum besten aller Freunde hatte.
    „Übrigens wollte Shibafu euch unbedingt kennenlernen, deswegen wartet er hier schon auf euch“, eröffnete ihnen Zakura, als sie um die Ecke des Gasthauses traten, um an den seitlich gelegenen Eingang zu kommen. Der Anblick, der sich ihnen von hier aus bot, verschlug Neko augenblicklich die Sprache: vor ihnen ruhte das massigste Pokémon, das sie je gesehen hatte. Selbst die Stahlos, die in den Klippen über ihre Reisegruppe hergefallen waren, muteten mit ihren stämmigen Metallkörpern noch zierlich gegen dieses Wesen an, auch wenn sie weitaus größer waren. Unter der rauen Haut spannten sich geschmeidige Insektenmuskeln, die in der Lage waren, schneller zuzuschlagen, als das Auge die Bewegung erfassen konnte. Die großen, alles erblickenden Augen waren zwar geschlossen, doch Neko fühlte sich seltsam beobachtet von dem gewaltigen Käferdrachen. Die Fühler auf seinem Kopf zuckten und deuteten daraufhin, dass es keinesfalls schlief, sondern die Neuankömmlinge durchaus wahrgenommen hatte, sich dies jedoch nicht weiter anmerken lassen wollte.
    „Shibafu?“, sagte Zakura, und erst jetzt hob Cerapendra den massigen Kopf. Es beäugte die Rebellen misstrauisch, insbesondere deren Pokémon, während die Dorfbewohnerin erklärte: „Mein Bruder ist von Geburt an taub. Als er klein war, hat das zwar manche Probleme bereitet, aber seitdem er Cera hat, ist das nicht mehr so. Die beiden verstehen sich ganz ohne Worte. Wenn wir was von ihm wollen, rufen wir wie gewohnt seinen Namen, und Cerapendra erledigt den Rest.“
    Das riesige Käferpokémon beendete seine Inspektion – glücklicherweise hatte es sie als nicht verdächtig befunden – und drehte den Kopf nun nach hinten um. Überrascht erkannte Neko, dass auf seinem Rücken ein kleiner Junge lag und dösend die raue Haut seines Partners kraulte. Das also war Shibafu! Und Neko hatte gedacht, Cerapendra sei Partner eines Erwachsenen. Es war sehr ungewöhnlich, dass das Pokémon älter war als der Mensch, wenn sie eine Partnerschaft eingingen. Beim Erstpartner waren beide etwa gleich alt oder im Verhältnis noch im Jugendalter, und bei den folgenden Partnern handelte es sich meist um jüngere. Dass Cerapendra als ausgewachsenes und voll entwickeltes Pokémon noch einen so jungen Menschenpartner gefunden hatte, war sehr erstaunlich. Eigentlich hatte Neko angenommen, Shibafu habe es bereits als Kind, als es noch ein Toxiped gewesen war, als Erstpartner erhalten. Aber damit hätte sie niemals gerechnet.
    Mit seinen fleischigen, aber weichen Fühlern strich Cerapendra dem Jungen übers Gesicht, worauf der Kleine die Augen aufschlug und überrascht aufsah. Mit Schwung sprang er von dem breiten Rücken des Giftkäfers und strahlte die Rebellen aus großen Augen an. Auch Cera erhob sich jetzt zu seiner ganzen Größe, und Neko fühlte sich mit einem Mal sehr winzig. Der Insektendrache überragte im Stehen selbst den Zweimeterriesen Tetsu, und neben ihm wirkte auch Libelldra klein und zerbrechlich. Zwar stemmte Cerapendra sein zweifelsfrei immenses Gewicht mit scheinbarer Mühe auf die Füße, doch sie wusste, wie schnell und flink er sein konnte. Die augenscheinliche Plumpheit täuschte.
    Shibafu fing an, heftig in Richtung seiner Schwester zu gestikulieren, und Zakura übersetzte seine Gebärdensprache simultan: „Shibafu sagt, er freut sich, euch kennenzulernen. Er heißt euch bei uns willkommen und hofft, dass ihr eine gute Zeit in unserem Dorf habt.“
    „Sag ihm danke von uns“, erwiderte Tetsu nach einigem Zögern, doch das Lächeln des Jungen wurde noch breiter. Er hatte schon verstanden.
    Zakura lachte und fuhr ihrem kleinen Bruder durch das zerzauste Haar, das wirkte, als habe man ihm einen Büschel Gras auf den Kopf geklebt. Wieder sprachen seine Hände, und Zakura übersetzte treuherzig: „‚Wenn ihr nichts dagegen habt, kann ich euch später im Dorf herumführen, bevor ihr zu Hito geht. Cera und ich warten hier solange auf euch.’“ Tetsu neigte den Kopf als Zeichen seines Dankes und der Zustimmung, und Shibafu wandte sich wieder seinem Erstpartner zu. Dieser hatte die ganze Zeit über schweigend dabeigestanden und dabei abwechselnd den Jungen wachsam und die Neuankömmlinge misstrauisch begutachtet. Neko war sich sicher, sollte auch nur einer von ihnen Hand an Shibafu anlegen, würde Cerapendra denjenigen in der Luft zerfetzen. Natürlich vertraute sie darauf, dass das so ohne weiteres nicht geschah, wenn ein friedliches Dorfleben mit dem giftigen Leviathan möglich war – doch ihr Respekt vor dem Monster war überirdisch hoch.
    „Na dann kommt, damit ich euch eure Zimmer zeige“, lud Zakura sie ein und öffnete die Tür zum Gasthaus. Es war tatsächlich nicht viel mehr als das: Ein Gebäude, das in zwei große Räume unterteilt war, um Gäste brav nach Geschlecht getrennt darin unterzubringen. Die Einganstür führte in einen schmalen Flur, von dem zur linken Seite vorn und am Ende des Ganges jeweils eine Schiebetür in die Zimmer abzweigte. Rechts erhellten große Papierblenden den Korridor, ohne das Innere nach außen preiszugeben. Die Bauart erinnerte Neko stark an das Wohnhaus im Hauptquartier, in dem ihre Gruppe wohnte. „Es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass Nidoqueen dieses Gebäude verschont hat, wo es doch genauso wie der Schuppen und das Vorratslager auf dem Boden steht“, meinte Zakura und schob die große Tür in eines der Zimmer auf. Während sie den Frauen jenes zuwies, gab sie den Männern zu verstehen, ins nächste zu gehen. Zwar empfand Neko es ebenso wie Zakura, dass es ein Wunder sei, dass dieses Haus noch stand, doch ein viel größeres noch war es, dass Tetsu mit seinen breiten Schultern, die ihm das Aussehen eines vermenschlichten Schrankes verliehen, überhaupt durch den Eingang und in den Flur passte, ohne das halbe Gebäude mit einzureißen.
    Das Zimmer, in das sie nun traten, war von ganz anderer Baukunst, als Neko es gewohnt war. Die Innenwände bestanden aus mehr oder weniger massiven Holzbrettern, die keine Luft und kaum Geräusche durchließen. Genau wie jene Wand, die am Eingangsflur entlangführte, zierten auch im Schlafraum bleiche Papierblenden ein grobmaschiges Gitter aus schlichtem Holz. Weder Glas noch Stein waren hier angewandt worden. Sogar der Boden war nicht mit Fliesen oder Parkett ausgelegt, sondern mit geflochtenen Reismatten, die sich in Größe und Form perfekt in den Raum einfügten. Betten gab es keine – es wurde auf dem Boden geschlafen. Als Gästezimmer diente diese Einrichtung gewiss gut, da man wenig ein- oder ausräumen musste. So konnte schnell auf überraschende Besucher reagiert oder in ihrem Fall sich auch noch anderem gewidmet werden, wenn man damit fertig war, die Gästeräume vorzubereiten.
    „Falls es euch in der Nacht kalt werden sollte, nehmt euch ein paar hiervon“, sagte Zakura und deutete auf einen sorgsam gefalteten Stapel Decken aus unscheinbarem, grauem Stoff.
    Während die vier damit beschäftigt waren, den Raum für sich einzuleben, fragte Akari zusammenhangslos: „Warum kämpft Cerapendra eigentlich nicht mit Nidoqueen? Auf mich macht er nicht gerade den Eindruck, als sei er besonders schwach…“
    Die Gastgeberin nickte und lehnte sich an die Holzwand, die ihr Gästezimmer von dem der anderen trennte. „Das stimmt“, bestätigte sie, und ihr Blick veränderte sich. Es war eine schwer zu deutende Mischung aus Trauer und Bitterkeit. „Cera war schon als wildes Pokémon sehr stark, und seitdem er Shibafus Partner ist, hat sich das sogar noch gesteigert. Auch wenn er selbst nur Giftattacken beherrscht, glaube ich auch, dass er mit Nidoqueen fertig werden könnte. Das Problem ist nur, dass er nichts unternimmt, solange Shibafu nicht in Gefahr ist.“ Sie lachte freudlos. „Einige böse Zungen haben sogar vorgeschlagen, meinen Bruder als Köder zu benutzen – nicht für Nidoqueen, sondern für Cerapendra. Aber das kann ich ja unmöglich zulassen!“
    Dem pflichteten die Anwesenden natürlich bei. Das Risiko, Shibafu beim nächsten Angriff der Waldkönigin ernsthaft in Gefahr zu bringen, war einfach zu groß. Selbst wenn sie dann die Giftratte loswären, wäre es kein Preis, den zu zahlen besonders nobel wäre. Immerhin hatte Nidoqueen noch niemanden verletzt, und es selbst zu verbrechen, bevor sie es tat, war einfach nur verwerflich.
    „Kann Cerapendra überhaupt reden?“, wollte Neko wissen. Die Bande, die Mensch und Pokémon zu einer untrennbaren Einheit verknüpften, konnten die merkwürdigsten Arten annehmen; vielleicht hatte Cerapendra, obwohl er ein Erstpartner war, nie zu reden gelernt, weil Shibafu ebenfalls nicht sprechen konnte. Bei Rai und Magneton war das etwas anderes, schließlich besaß das Metallpokémon keinen Mund, mit dem es Laute wie Sprache formen konnte. Andererseits hatte Neko Absol auch noch kein Wort reden hören, und dabei war er Tetsus Erstpartner. Ganz anders als Traunfugil, der immerhin die erste Silbe von ihrem und auch Libelldras Namen aussprechen konnte, obwohl er nur ihr zweiter Partner war.
    „Ich habe keine Ahnung“, gestand Zakura und hob die Schultern. „Manche behaupten, sie hätten ihn schon einmal flüstern hören, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Er ist nie mit jemand anderem zusammen als mit Shibafu, und mit dem braucht er nicht zu reden. Schwer zu sagen.“ Etwas verlegen darüber, Nekos Frage nicht hinreichend beantwortet zu haben, kratzte sich die Dyrierin am Hinterkopf.
    Die Rebellinnen einigten sich schließlich auf eine Liegeordnung und legten ihr Reisegepäck ab. Die andere Hälfte ihrer Gruppe erwartete sie bereits draußen, ebenso wie das riesenhafte Cerapendra und sein Menschenpartner. Shibafu gestikulierte einmal wieder besonders wild, was Neko mittlerweile derart interpretierte, wie andere Kinder schnell und aufgeregt redeten. Er war ohne Zweifel ungeheuer begeistert, Rebellen vom Hauptquartier persönlich kennenzulernen. Zu Nekos Überraschen stand Kinoso neben ihm und übersetzte getreulich alles, was er zu sagen nicht imstande war, wie es vorhin auch Zakura gemacht hatte.
    „Er würde euch jetzt gerne im Dorf herumführen“, sagte das Kirschpokémon gerade, als Shibafu die Hinzugekommenen bemerkte.
    „Das ist eine gute Idee“, meinte Zakura und unterhielt sich kurz mit ihrem Bruder. Der nickte lediglich und trat auf Cerapendra zu. Das gigantische Insekt ließ sich wieder in die Hocke bis zum Boden hinab, sodass der Junge auf seinen Rücken aufsteigen konnte. Seine Schwester wandte sich ihren Kollegen zu: „Während ihr euch das Dorf anseht, werde ich euch bei Hito melden. So wie ich ihn kenne, hat er sich wieder in irgendein Buch vertieft. Insofern werdet ihr ihn bis heute Abend wohl nicht zu Gesicht bekommen.“ Amüsiert verzog sie ihr freundliches Lächeln zu einem Grinsen, als Kasai ein genervtes Schnauben hören ließ. „Ja, wir haben alle ein Problem damit, aber Hito ist nun mal ein bisschen eigen. Shibafu wird euch das Dorf zeigen, und Kinoso kann euch übersetzen, was er euch zu sagen hat. Falls ihr irgendwelche Fragen haben solltet, könnt ihr sie ihr stellen – aber Shibafu selbst wird sie wohl nicht verstehen können.“ Neko wusste zunächst nichts mit dieser Bemerkung anzufangen, erkannte dann aber, was Zakura meinte: Kinoso mochte die Gebärdensprache des Dyriers verstehen, doch nicht selbst sprechen, da ihr die menschlichen Hände fehlten.
    Zakura verabschiedete sich und überließ sie der Obhut Shibafus und ihrer beiden Erstpartner. Ohne, dass Neko etwas sehen konnte, das man als Zeichen, das der Junge Cerapendra gab, deuten mochte, ein Schenkeldruck oder ein Streichen über den mächtigen Nacken des Insektendrachen, setzte sich das riesige Ungetüm in gemächliche Bewegung. Gehorsam folgte ihm die Rebellengruppe und ließ sich im Dorf herumführen. Wie Neko feststellte, hatte sich die Nachricht über ihre Ankunft bereits herumgesprochen, denn einige Schaulustige hatten sich auf der großen Lichtung eingefunden oder warfen Blicke aus ihren hoch oben liegenden Wohnungen herab. Ein paar Kinder kamen auf sie zu, hielten sich dann jedoch mit Abstand in ihrer Nähe auf. Die Chimäre fragte sich, woran das hauptsächlich lag: Daran, dass so hohes Personal der Schwarzen Rose ihnen die Ehre erwies, ihnen hinsichtlich Nidoqueen zu helfen – oder an Cerapendra, dessen bloße Ausstrahlung einem das Herz stehen bleiben ließ. Insgeheim hoffte sie, dass es nicht letzteres war: Wenn sogar diejenigen, die im selben Dorf mit dem Monster lebten, Angst vor ihm hatten, was sollten dann sie als Neuankömmlinge erst denken?
    Sie schüttelte diese Gedanken fort und ließ den Blick schweifen. Die Menki, die sie nun schon eine Weile kannten, waren ebenfalls im Dorf, aber nur wenige von ihnen hielten sich fern der Menschen in den Bäumen auf. Wie selbstverständlich gingen sie neben ihnen her, halfen ihnen sogar bei der einen oder anderen Tätigkeit, oder spielten mit Kindern und Partnerpokémon. Zuerst wollte Neko Shibafu auf die Schulter tippen, um ihn darauf aufmerksam zu machen und hoffentlich zu verstehen zu geben, dass sie ihn bezüglich der Schweinsaffen etwas fragen wollte, besann sich dann jedoch eines besseren. Von hinten an den Jungen heranzugehen kam einem Hinterhalt nahe, und Cerapendra würde den restlichen Unterschied einfach niedertrampeln – genau wie sie. Also wandte sie sich Kinoso zu und stellte die entsprechende Frage.
    Die gelbe Kirschblüte schien zu verstehen und erklärte sogleich: „Diese Menki gehören zu unserem Dorf dazu, als wären sie Mitbewohner. Vor einigen Generationen soll der damalige Vorsteher das Rasaff, das sie damals anführte, als Partner bekommen haben. Seitdem kommen sie fast jeden Tag und stellen immer wieder etwas anderes an. Es ist eigentlich ungewöhnlich, dass sie noch kein Essen stibitzt haben, das tun sie sonst immer. Vielleicht habt ihr sie beeindruckt.“ Das Pflanzenpokémon drehte sich geschwind und verstreute ein paar Blüten. „Oder sie verstehen einfach, dass ihr wichtig für uns seid.“
    Shibafu und sein Erstpartner führten sie unter Mithilfe von Kinoso im Dorf herum und zeigten ihnen die wichtigsten Gebäude – das Haus des Dorfvorstehers, in das sie heute Abend zum Essen einkehren sollten, und das eigene – und ein paar Stellen, an denen die Wut einer tobenden Waldkönigin Angriffsfläche gefunden hatte. Der Geräteschuppen und das Vorratslager, von denen Zakura gesprochen hatte, waren die am schlimmsten demolierten Bauten, gleichwohl ihre gröbsten Überreste weggeräumt worden waren. Dahingegen war ein umgestürzter Apfelbaum im Obsthain des Dorfes noch liegengeblieben. Neko kamen erste Zweifel, ob man sich dieser Nidoqueen überhaupt entledigen konnte. Der Zustand, in dem sich der in tausende Teile gesplitterter Stamm befand, zeugte von der urgewaltigen Kraft, mit der er aus den Angeln der Natur gerissen worden war. Ganz offensichtlich erzielte die Giftratte keineswegs, Menschen oder Pokémon zu verletzen, sondern nur, Sachschaden zu verursachen. Sonst hätte sie schon lange einen der Bäume umstoßen können, auf denen die Dorfbewohner ihre Häuser errichteten.


    Der Rest des Tages verging wie im Fluge, und als der Abend dämmerte, fand sich Tetsus Gruppe auf dem Dorfplatz zusammen, wo sie Zakura bereits erwartete. „Und, ist euer Dorfvorsteher endlich mit dem Buch fertig?“, fragte Kasai und spielte auf die Bemerkung der Dyrierin früher am Nachmittag an.
    Diese hob nur die Schultern und schenkte ihren Kollegen ein entschuldigendes Lächeln. „Hito liest sehr viel, das stimmt, aber nehmt ihm das bitte nicht übel. Er macht seine Sache gut, und das ist das wichtigste.“
    „Wie gut er die tatsächlich macht“, verkündete Raika wichtigtuerisch, „zeigt sich eigentlich dadurch, wie er mit seinen Gästen umgeht. Und wir sind schließlich nicht irgendwelche Gäste!“ Neko war sich zwar sicher, dass man diesen Umstand auch anders verlautbaren konnte – vor allem nicht so überheblich –, musste der Tira aber zustimmen. Kein Wort des Grußes, ja nicht einmal die Ehre seiner Anwesenheit hatten die Rebellen bisher von Hito erhalten. Zumindest würden sie ihn jetzt kennenlernen.
    Zakura verzog bedauernd die Miene, ließ sich aber weiter nichts anmerken. Stattdessen machte sie eine einladende Handgeste auf die Strickleiter, die bis hinauf in die Baumwipfel führte, wo sich das verhältnismäßig große Wohnhaus des Vorstehers befand. Normalerweise wurde im Großen Wald nicht besonders flächig gebaut, keine geräumigen Zimmer, sondern eher kleinere und mehrere übereinander oder versetzt nebeneinander. Je nachdem, wie der Baum sich gabelte, entstand auf diese Weise eine ganze Reihe individueller Häuser. Hitos hingegen, das auf einem dafür günstig gewachsenen Baum erbaut worden war, hatte zwar standardmäßig ein paar wenige kleinere Räume, jedoch zusätzlich ein recht großes Zimmer, in dem er wohl seine Gäste zu empfangen pflegte. Bei einer Gruppe ihrer Anzahl war das auch bitter nötig; aber zur Not ließe sich auch ein provisorisches Esszimmer mit lichtem Blätterdach auf der Lichtung einrichten.
    Nacheinander erklommen die Rebellen die Leiter und gelangten durch eine Bodenluke, die die vorausgehende Zakura ihnen öffnete, in ein kleines Vorzimmer. Eine schmale Tür führte in das Esszimmer, das schon von außen markant weiträumig gewesen war und sich jetzt als regelrechter Saal erwies. Die Decke war ungewohnt hoch, und in einer Ecke verlief ein breiter Ast direkt unter den zusammen gezimmerten Holzbrettern. Breite Fenster zu fast allen Seiten ließen das spärliche Abendlicht herein und gewährten Blicke auf das Laub, das vor der Haustür mit dem Wind tanzte. Da diese Belichtung nicht ausreichte, waren auf gusseisernen Ständern Kerzen, die wenig Ruß erzeugten, aufbereitet worden; einige von ihnen brannten bereits, andere warteten noch darauf, dass man ihr Feuer entzündete. In der Mitte des Raumes fanden sich ein kreisrunder Tisch aus hellem, glatt poliertem Holz und darum aufgestellt ein Dutzend Stühle. Die der Tür gegenüberliegende Wand hatte kein Fenster, sondern ebenfalls eine Tür – beziehungsweise eine knapp unter der Decke hängende Klappe, da das Nebenzimmer höher lag als dieses – und ein breites, hohes Regal, dessen Böden vollgestopft waren mit einer ganzen Menge Büchern jedes Alters, jeder Größe und jeder Farbe. An den wenigen fensterfreien Stellen an der Wand hingen altertümliche Waffen und Rüstungen – oder zumindest glaubte Neko, dass die zu groß geratenen Messer und Gabeln und die merkwürdigen Karnevalskostüme dies tatsächlich waren.
    Ihre Konzentration wurde jäh getrübt, als ihr verlockender Bratenduft in die Nase stieg. Auf dem hellen Holztisch war ein Festmahl aufgedeckt, das mindestens für eine Hundertschaft Soldaten gereicht hätte. Verschiedene Braten teilten sich die Fläche mit noch bunter gemischten Beilagen und farbenfrohen Salaten. Sogar an eine Suppe hatte man gedacht. Neben den spärlich, dafür umso schöner verzierten Keramiktellern lag für jedes Essen das passende Besteck bereit, und kleine, unter die Tellerränder geschobene Löffel ließen ein noch nicht aufgetischtes Dessert vermuten.
    „Setzt euch schon mal wohin ihr wollt“, lud Zakura sie ein, Platz zu nehmen, deutete aber dann auf den Stuhl, der dem Bücherregal am nächsten stand. „Aber lasst den frei. Den reserviert sich Hito immer selbst.“
    Wie sich herausstellte, war auch die Rebellensprecherin zu dem Abendessen eingeladen, und so ließ sie sich zwischen Neko und Akari nieder, nachdem sie diese höflich um ihre Erlaubnis gefragt hatte. Die Chimäre bekam nur am Rande mit, wie Shinzu Anstalten machte, sich den Stuhl rechts von ihr zu ergattern, Raika sich aber wie selbstverständlich darauf niederließ, bevor er dem Platz auch nur nahe kam. Neko machte sich nichts draus und dachte auch nicht weiter über die Bedeutung dieses Vorkommnisses nach.
    Glücklicherweise mussten die Rebellen nicht sehr lange auf ihren Gastgeber warten. Schon nach wenigen Minuten wurde die Klappe gegenüber der Eingangstür geöffnet, und Hito ließ sich in den Raum fallen. Was Neko als erstes an dem Dyrier auffiel, war die Farbe seines Haars, die so intensiv giftgrün war, dass sie in dem spärlichen Kerzenschein regelrecht zu leuchten schien. Auch mit seinen Augen verhielt es sich ähnlich. Ihr kaltes, grünliches Licht schien die Anwesenden ohne Weiteres zu durchschauen, während es sie der Reihe nach musterte. Vom ersten Eindruck abgesehen wirkte der Dorfvorsteher aber sympathisch, denn obwohl er nicht älter als dreißig sein konnte und im Moment einen ernsten Gesichtsausdruck an den Tag legte, zeugten winzige Fältchen an Augen- und Mundwinkel von einem oft gezeigten Humor. Sollte er tatsächlich so oft zurückgezogen von der Welt über seinen Büchern hängen, kam er doch häufig genug unter Gesellschaft, um herzhaft über verschiedenste Themen zu lachen.
    „Ah, willkommen!“, begrüßte er die Anwesenden und nickte dabei, was wohl zumindest die Andeutung einer Verbeugung war. Plötzlich runzelte Hito missbilligend die Stirn, während er den Blick über den Tisch schweifen ließ. „Zakura, warum hast du unseren Gästen noch nicht eingeschenkt? Wenigstens zu trinken hätten sie doch schon etwas bekommen können!“
    „Ganz einfach, weil es deine Gäste sind“, gab die Angeklagte zurück und machte eine hinter ihn deutende Kopfbewegung. „Zeig ein bisschen Gastfreundlichkeit und gib du ihnen etwas.“
    Hito verdrehte die grellgrün leuchtenden Augen, wandte sich dem Bücherregal zu und bückte sich zum untersten Boden. „Was darf ich euch anbieten?“, murmelte er in seine Büchersammlung, und das volltönende Klingeln von Glas war zu hören. Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er mit Schwung wieder auf und stellte drei Flaschen auf den Tisch, alle mit unterschiedlich gefärbten Flüssigkeiten gefüllt. „Ich nehme nicht an, dass ihr alle bereits volljährig seid“, sagte er geschäftig und musterte die jüngsten von ihnen mit kritischem Blick, „daher werde ich euch keinen Wein anbieten. Ansonsten dürft ihr frei wählen!“
    Während er Zakura, Tetsu und sich nacheinander einen tiefdunklen Rotwein eingoss, entschieden sich die anderen für etwas, das nach trübem Apfelsaft aussah, jedoch ungeheuer sauer schmeckte. Wie Hito erklärte, war die Apfelsorte, aus der dieser Saft gewonnen wurde, speziell zu dieser mörderischen Säure gezüchtet. Der daraus entstehende Sirup sei sehr wertvoll, und der Saft galt als Delikatesse im Wald. Neko empfand das nicht unbedingt so und liebäugelte mit dem Inhalt der dritten Flasche, etwas Klares, Blassgrünes, wollte aber nicht unhöflich sein und beschloss, den Apfelsaft erst zu leeren. Warum sich Mizu, Shinzu und die Zwillinge ebenfalls dieses Gebräu antaten, verstand sie nicht, denn die vier waren immerhin schon volljährig. Auch sie wurde in ein paar Wochen achtzehn, erinnerte sie sich auf einmal, doch rechtlich gesehen galt das natürlich noch nicht.
    Nachdem alle mit Getränken versorgt waren, ließ sich Hito auf seinem Platz nieder und gebot seinen Gästen, sich an den Speisen zu bedienen. Ganz besonders lobte er dabei den Dodubraten, dessen goldbraune Kruste glänzend vor sich hin dampfte, und forderte sie auf, davon zu probieren. Einige von ihnen kamen diesem Angebot nach, aber Neko schreckte davor zurück. Dieses Dodu, das von einer begnadeten Köchin oder einem talentierten Koch von Füßen und Köpfen entledigt worden war, hatte erst am Mittag noch fröhlich neben seinen Artgenossen Futterkörner gepickt. Sie war zwar keine Vegetarierin – eine zu sein war in der Steppe so gut wie unmöglich, da neben Brot das einzige Hauptnahrungsmittel Fleisch war –, doch irgendwie widerstrebte es ihr, ein Pokémon zu essen, das sie nur wenige Stunden zuvor noch lebendig gesehen hatte. Warum sie diese Hemmungen nie in ihrem Heimatdorf verspürt hatte, wo sie die Miltank und Tauros doch auch noch persönlich gekannt hatte, wusste sie nicht. Vielleicht hatte die lange Trennung von der Steppe, die immerhin bald fünf Jahre maß, sie einfach verändert.
    So begnügte sie sich mit paradoxerweise an Lauch angemachtem Porentafleisch, da sie dieses Pokémon nicht zu Lebzeiten gesehen hatte.
    Zunächst wurden nur vereinzelt Gespräche zwischen zwei oder drei Personen geführt, wobei vor allem Hito Tetsu dazu aufforderte, ihm vom Hauptquartier der Schwarzen Rose zu erzählen. Das konnte der hünenhafte Gotela jedoch nicht tun, da der Dorfvorsteher nicht zu den Rebellen zählte. Außenstehende durften vom internen Leben der Rebellion normalerweise nichts erfahren, und an diese Regelung hielt sich die Chimäre verbissen.
    Neko lauschte gerade einer Unterhaltung zwischen Zakura und Akari über verschiedene Themengebiete, als Rai seinem Gruppenanführer zu Hilfe kam und Hito auf eine der antiken Gegenstände aufmerksam machte, die an den Wänden hingen. Der Dorfvorsteher wandte sich nicht in die angegebene Richtung, antwortete jedoch sofort: „Das ist eine Waffe aus alter Zeit, kurz nachdem die Menschen vor tausend Jahren in den Ländern angekommen sind.“
    „Sie ist nicht aus Metall, oder?“, hakte der Tiro nach, und jetzt blickte auch Neko in die Richtung. Was dort an der Wand hing, hatte entfernte Ähnlichkeit mit einer Hellebarde, deren doppelte Klinge wie ein eingefalteter Sichelmond aussah. Das Material war noch bleicher als das Holz des Tisches und glänzte matt im Kerzenlicht.
    „Scharf beobachtet“, lobte Hito. „Sie ist aus Knochen gefertigt. Vor tausend Jahren, als die Länder noch weitgehend unerforscht waren, hat man die ersten Waffen aus anderen Materialien hergestellt. Diese Waffe zum Beispiel hat man aus dem Knochen eines Stolloss geschnitzt. Sie ist das einzige Original, das ich besitze. Alle anderen sind Nachbildungen, weil die echten Waffen entweder zerstört worden sind oder einfach unbrauchbar wurden.“ Hito deutete auf eine andere Waffe, ein hölzernes Schwert, das Neko zuerst für eines der Spielzeuge gehalten hatte, mit denen kleine Jungen in ihrer Fantasie Abenteuer als Krieger erlebten. „Das zum Beispiel ist eine solche Nachbildung, da das Original zwar aus weitaus widerstandsfähigerem Meterial gefertigt worden, jedoch im Laufe der Jahrhunderte vermodert ist.“
    „Woher hatte man dieses Holz?“ Kasai ließ den Blick über die dunkelbraune Klinge wandern. „Nicht jedes Material eignet sich zum Schwert, und einfaches Holz schon gar nicht“, meinte er fachmännisch.
    Hito stimmte ihm stumm kauend zu und antwortete, nachdem er geschluckt hatte: „Das ist auch kein Holz – gewesen. Es ist eher etwas Vergleichbares wie Leder. Damals benutzte man die Haut von Tropius und presste sie unter großer Hitze und hohem Druck zu steinharten Klingen zusammen, die wie Holz aussahen. Irgendwann hat man damit aufgehört, weil die Tropius immer weniger wurden und fast ausgestorben wären.“ Er verzog das Gesicht. „War auch bestimmt nicht besonders schön, das Ganze.“
    „Lass mich raten“, verlautbarte Raika und zerteilte ein übergroßes Salatblatt auf ihrem Teller, „man musste den Tropius die Haut am lebendigem Leib abziehen?“
    Daraufhin verschluckte sich Momoko am Apfelsaft, an dem sie soeben genippt hatte, und auch Akari betrachtete die knusprig gebratene Geflügelhaut auf ihrer Gabel skeptisch. Hito räusperte sich verlegen und schob eine Kartoffel auf seinem Teller hin und her. „Nun, ja, so war es. Aber ich wollte es euch zu Tisch nicht unter die Nase reiben.“
    „Dann hättest du gar nicht erst davon anfangen sollen“, schalt Raika ihn unbeeindruckt und schob sich die eine Hälfte des Salatblattes in den Mund.

  • [tabmenu][tab=Schnitzel!]Damit die Seite nich so lang ist xD[tab=Resturlaub]Der Dorfvosteher hob die Augenbrauen hoch, was sowohl missbilligend als auch anerkennend gemeint sein konnte, und kam auf das Thema zurück. Offenbar sagte ihm dieses sehr zu, und er wollte sich auch von diesem Rückschlag und der respektlosen Zurechtweisung nicht davon abbringen lassen: „Genauso ist es gewesen. Ganz anders konnte man bei den Dolchen verfahren, die aus abgeworfenen Korallenästen von Corasonn geschliffen wurden. Leider habe ich davon keines in meiner Sammlung, weil es sehr schwer ist, an solche Äste in unbearbeitetem Zustand zu kommen. Sie werden heutzutage lieber als Schmuck verwendet.“
    „Und was ist das?“, fragte Rai und meinte damit die eigentümliche Rüstung, die Neko schon bei ihrem Eintreten besonders aufgefallen war. Sie bestand nicht aus Metall, sondern einem dunkelbraunen, rauen Material, und jeder einzelne Harnisch war mit nur wenig Sorgfalt zurechtgeformt worden. Vielleicht hatte der Erschaffer sich nicht recht darauf verstanden, den Stoff korrekt zu verarbeiten, was darauf hindeutete, dass es sich auch hierbei um eine Nachbildung einer vor Jahrhunderten in Vergessenheit geratenen Rüstungsart handelte.
    „Das ist mein ganzer Stolz“, verkündete Hito mit überheblichem Tonfall. „Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich dieses Ding haben durfte! Diese Rüstung ist früher aus dem Panzer eines Turtok gemacht worden, weil durch den, wenn er in Feuer gehärtet wird, keine Waffe der Welt dringt. Es war nur sehr unpraktisch, dass er bei zu heftigen Stößen eindellte, und man ihn danach nicht mehr in die ursprüngliche Form bringen konnte. Dieses Exemplar ist von einem Turtok, das schon einige Zeit tot war, bevor man den Panzer bearbeitete, daher hat die Härte nicht die volle Qualität. Im Kampf wäre die Rüstung nur hinderlich und kein wirklicher Schutz.“
    „Du scheinst dich sehr gut mit Waffen auszukennen“, bemerkte Tetsu. Bisher hatte er den Erklärungen seines vorigen Gesprächspartners schweigend gelauscht.
    Hito nickte stolz. „Ich habe nicht nur einige alte Waffen, sondern auch viele Bücher darüber. Ihr wärt erstaunt, wie grausam die Menschen vor tausend Jahren doch waren, und welch schreckliche Waffen sie entwickelt haben – schrecklich nicht nur in ihrer Handhabung, sondern auch in ihrer Herstellung.“
    „Wenn du dich so gut auskennst“, meldete sich wieder Rai zu Wort, „hast du dann vielleicht eine Ahnung davon, was das für Schwerter sind, die die Königlichen Soldaten führen?“
    „Genau, das frage ich mich auch“, warf Kasai dazwischen. „Sie können nicht vom Keran kommen – dort schmiedet man nur zweischneidige Schwerter. Alle anderen wären nur halb fertig, und das würde kein keranischer Schmied zulassen.“
    „Man nennt sie Katana“, antwortete Tetsu an Hitos statt. Sein grimmiger Tonfall verriet, dass er nicht gerade ein Freund dieser Waffen war.
    Der Dorfvorsteher bestätigte dies und weitete die Informationen aus: „Die Armee des Königs rekrutiert ihre Soldaten aus allen Ländern, und jeder von ihnen lernt in seiner Heimat eine andere Waffe zu führen. Einige sind gute Nahkämpfer, andere haben es eher mit Waffen mit großer Reichweite. Als der König vor etwa achtzig Jahren eine einheitliche einführen wollte, hat sich diese daraus ergeben. So müssen neue Rekruten nur noch in einer Form ausgebildet werden, und das spart Lehrer und sehr viel Zeit. Und außerdem“, Hitos sonst sehr freundliches Gesicht verfinsterte sich unvermittelt, „und das dürfte euch Rebellen dabei am wenigsten gefallen, hat der damalige König nicht nur seine Ehefrau Katana im Namen dieser Schwerter verewigt, sondern nach einer ultimativen Waffe gestrebt. Es musste eine sein mit der Reichweite eines Speers und der Schärfe einer Sense, sollte dabei aber so leicht zu führen sein wie ein Schwert. Die energiesparende Form eines Buschmessers bringt die Durchschlagskraft eines Armbrustbolzens. Damit vereint ein Katana die wichtigsten Vorzüge anderer, vieler verschiedener Waffen in sich. Zusammen mit der besten Metalllegierung überhaupt sind diejenigen, die mit ihnen Kämpfen, so gut wie unbesiegbar.
    Und dann gibt es da noch die Katana mit den goldenen Klingen…“ Hitos Miene wurde grüblerisch. Seine Worte erinnerten Neko an das Schwert, das der Königliche Soldat gegen Tetsu erhoben hatte. Wenn Katana an sich schon so mächtige Waffen waren, wie verhielt es sich erst mit diesen unzerstörbaren Klingen? „Aus welchem Metall sie bestehen, weiß ich nicht, und es steht auch in keinem Buch, das ich jemals in der Hand hielt“, fuhr Hito verbittert fort. Er hatte bestimmt schon eine solche Menge an Büchern gelesen, dass man damit eine ganze Bibliothek füllen konnte, und hatte zu dieser letzten Frage dennoch keine Antwort gefunden. „Es kann unmöglich gewöhnlicher Stahl mit Goldlegierung sein, das wäre viel zu weich und ließe sich auch nicht zu dieser Schärfe schleifen.“ Er straffte seine Haltung und fuchtelte mit einem Messer herum, als sei dieses eines der berüchtigten Katana. „Insofern ist das Ziel mit diesen goldenen Schwertern erreicht: Sie sind die ultimativen Waffen!“
    „Unbesiegbare Waffen sind unmöglich.“ Neko zuckte wie geschlagen zusammen, als Mizu sich vernehmen ließ. Bisher hatte er an diesem Abend mit niemandem ein Wort gewechselt und sich in einen undurchdringlichen Mantel des Schweigens gehüllt. Ihn jetzt so plötzlich mit einer solchen Schärfe in der Stimme reden zu hören, als sei diese sein Kurzschwert, das er gegen einen Widersacher führen musste, erschreckte sie ein bisschen. Hito blickte ihn überrascht an – wahrscheinlich hatte er seine Anwesenheit bisher noch gar nicht richtig wahrgenommen –, woraufhin der Dunkelblauhaarige fortfuhr: „Irgendwo gibt es immer eine Schwachstelle. Das ist das Erste, was man am Lynor lernt, wenn man Schwertkämpfer werden will.“
    „Das sieht Tetsus Hammer aber anders“, erwiderte Raika. Sie hatten schließlich alle den zurückhaltenden Tobsuchtanfall des Hünen miterlebt, als sich dieser zähneknirschend über die tiefe Kerbe in seinem Hammer aufgeregt hatte.
    Tetsu nahm diesen Faden auf: „Das mag sein, aber genau diese Sache ist die Schwachstelle des goldenen Katanas gewesen, wie Mizu gesagt hat. Der Soldat hat es nicht halten können, als ich es ihm aus der Hand schlug. Danach hätte ich ihm den Schädel zertrümmern können. Das ist nicht wirklich unbesiegbar, oder?“
    „Aber“, verkündete Hito mit unheilvollem Unterton und versenkte seine Gabel tief in ein Stück Fleisch, „es soll einmal tatsächlich eine Waffe gegeben haben, die ihren Träger unbesiegbar gemacht hat. Selbst aus einem Kampf gegen ein dutzend Gegner und mehr konnte er unverletzt hervorgehen. Viel Schriftliches darüber gibt es nicht – was ich bisher darüber herausfinden konnte, ist wohl alles, was es darüber zu wissen gibt. So soll diese Waffe aus Bergkristall hergestellt worden sein!“
    Eine Person am Tisch wurde soeben besonders aufmerksam und horchte auf.
    „Das ist unmöglich“, warf Tetsu dazwischen. „Den Gotela ist der Eisstein von jeher heilig. Er symbolisiert den ewig gefrorenen Körper Regiices. Sie hätten es niemals zugelassen, dass er für solche Zwecke missbraucht wird!“
    „Das ist heute und war auch schon viele Jahrhunderte vorher so“, räumte der Dorfvorsteher ein, „aber zu Beginn der Besiedelung war das nicht der Fall. Und trotzdem lässt sich nicht erklären, wie aus schlichtem Bergkristall eine unbesiegbare Waffe gefertigt worden ist.“ Er legte sein Besteck zur Seite und nutzte die Finger der einen Hand, um mit der anderen daran seine Argumente abzuzählen: „Erstens gibt es keinen einzelnen Bergkristall, der groß genug ist, um eine halbwegs brauchbare Klinge daraus zu schnitzen, und aus vielen kleinen zusammengezimmert hätte sich so eine niemals gehalten. Zweitens ist er nicht hart genug und würde im Kampf ohnehin beim ersten Schlag zersplittern, und es gibt keine Legierung, die das verhindern kann. Und drittens: Warum haben sich über diese Waffe, wenn sie so unbesiegbar war, keine Überlieferungen erhalten? Das Wissen um eine solche Macht müsste doch weitergegeben werden, damit es nie vergeht. Diese Bergkristallwaffe ist wirklich ein einziges Rätsel.“
    Allmählich wandte sich das allgemeine Tischgespräch wieder anderen Themen zu. Langsam leerten sich die Teller und Becher, und schließlich machte man sich an den Abschied. „Vielen Dank, dass ihr unsere Gäste wart“, sagte Hito, bevor er sie entließ.
    Deine Gäste“, berichtigte Zakura betont und begann als Erste durch die Bodenluke den Abstieg.
    „Wie es mit der Nidoqueen weitergeht, besprechen wir dann morgen“, meinte der Dorfvorsteher, ohne auf ihren Einwand einzugehen. „Für heute wünsche ich euch eine gute Nacht.“


    Zakura begleitete sie bis zum Gästehaus und verabschiedete sich ebenfalls von ihnen mit einem Gutenachtgruß. Die vier Mädchen legten sich in der Aufteilung schlafen, wie sie es am Nachmittag besprochen hatten. Nach dem zum Großteil anstrengenden und zu seinem Ende hin langen Tag schlummerten sie schnell und friedlich ein.
    Die einzige Attacke, die er in dieser Nacht mit seiner unbesiegbaren Bergkristallwaffe ausführte, war Heilwoge.[tab=Namensbedeutungen]Shibafu: Gras
    Zakura: Kirsche (ebenso wie Sakura, aber obwohl ich Naruto nie gesehen habe, habe ich mir sie dann immer rosahaarig vorgestellt, was sie ja nich ist)
    Hito: Dorf

  • Hey du,
    nice - das Kapi war genial. Ich hatte Kap20 net gelesen, also schönes Doppellesen, 23S sind so meine Länge, wie ich sie für einen Kapipart haben möchte.
    Ich soll Vermutungen anstellen? Erst mal - Shinzu ist der Prinz, Shinzu ist der Killer ;) Shinzu hat die unbesiegbare Waffe, Shinzu kann mit dem Anhänger und der Waffe Killer sein - Shinzu kann von einer Knarre problemlos erschossen werden xD
    So, das wars über ihn, die schwester von Ray ist mir sümpatisch xD
    Öhm beim nächsten Kap Pn wider?
    Lg, Almarik
    Ps: @Mods: 48h pls, bin im Stress, vergess aber immer dann zu kommentieren

    Warum wollen Männer keine Osterhasen sein?


    Rechtschreibfehler sind rein zur Belustigung da. Ihr müsst mich auch nicht darauf hinweisen, wie toll ihr sie fandet.

  • [tabmenu][tab=Stuff]Huhu, zweiter Teil x3 Eeeigentlich sollte in diesem Kapitel noch etwas anderes kommen, was mit dem Namen Finderlohn gut zusammengepasst hätte, aber ich dachte mit, wenn auch der zweite Teil 13 Seiten umfasst (nur zum Nicht-Missverständnis: Ich schreibe in Word mit Times New Roman und Größe 12, also nicht, dass einer denkt, es sei noch mehr, weil ich kleiner schreibe), dann reicht es, wie es bisher ist xX Das nächste Kapitel wird voraussichtlich ein Spezkap, aber das nächste in der Handlung schließt sich gleich auf das hier an. Man wird sehen, was ich Verrückte noch so zustande bringe lol
    Der Kampf gegen Nidoqueen ist glaub ich fast so alt wie KhW? selbst. Wenn ich mich nicht irre, hab ich den schon zu Zeiten des zweiten oder dritten Kapitels handschriftlich verfasst. Dementsprechend sind die Sätze dort auch sehr lang, weil ich mir erst im Laufe der ersten Kapiteln angewöhnt habe, in kürzeren Sätzen zu schreiben xD Hier habe ich zumindest versucht, meine Bandwurmsätze zu entschärfen. Urteilt selbst über das Ergebnis x3
    Film ab! :pika:


    [tab=Finderlohn]NidoqueenKapitel 21: Die Macht des Königsblutes - Finderlohn


    Als Neko am nächsten Morgen aufwachte, hätte sie sich ausgeruhter nicht fühlen können. Als sei über Nacht durch die Nähe zu den lebendigen Bäumen neue Energie in ihren Körper geströmt, spürte sie nun nicht das geringste Anzeichen von Mattigkeit. Sogar die vielen Kratzer, die sie sich bei ihrer überstürzten Flucht von der Silberranke zugezogen hatte, sowie ein paar blaue Flecke waren verschwunden. Sogar die leichte Verbrühung, die sie von Momoko erhalten hatte, brannte nicht mehr, wenn sie mit dem Finger darüberfuhr. Sie hatte keine Ausbildung in dieser Richtung genossen, doch sie brauchte kein Fachwissen um mit Bestimmtheit zu sagen, dass auch so kleine Wunden nicht nach so kurzer Zeit komplett verheilten. Die Sache kam ihr zwar merkwürdig vor, aber sie dachte nicht weiter darüber nach.
    Den Tag verbrachten die Mitglieder der Gastgruppe größtenteils getrennt voneinander. Tetsu war meistens damit beschäftigt, mit Hito und Zakura eine Taktik zu diskutieren, und seine Schützlinge vertrieben sich die Zeit mit den Dorfbewohnern. Vor allem die Kinder übereiferten sich dazu, den Besuchern das Dorf und den umliegenden Wald zu zeigen, ihre Lieblingsplätze, was ihre Aufgaben waren und was sie in Zeiten des Müßiggangs taten.
    Dabei hatte es Neko ganz besonders der Obsthain angetan, über den das Dorf seit ein paar Monaten verfügte. Hauptsächlich Äpfel wurden hier angebaut, aber auf dem leicht abschüssigen Gelände wuchsen auch andere Obstbäume. Akari, die sie zusammen mit Kussilla begleitete, war hingegen von anderen Pflanzen angetan, die Neko zuerst nicht erkannte. Es waren keine üblichen Strauchpflanzen, wie man sie in einem Obstgarten anzufinden erwartete, und es gab auch nicht so viele Exemplare wie von den anderen. Einer davon kam ihr ganz besonders merkwürdig vor, da seine Blätter nicht grün, sondern blau waren.
    „Wie lange baut ihr schon Pokébeeren an?“, fragte die Gotela Kinoso, die sich ihnen angeboten hatte, sie im Obstgarten herumzuführen. Neko hob erstaunt die Augenbrauen, als sie endlich verstand, warum ihr die Pflanzen nicht gleich bekannt vorgekommen waren. Als Kind hatte sie häufiger in einem Bilderbuch geblättert, in dem im Hintergrund immer wieder Pokébeerenpflanzen zu sehen gewesen waren, ohne zu wissen, was genau das war. Wie sie wusste, waren diese Sträucher selten und schwer zu züchten, dafür lieferten sie das ganze Jahr, ausgenommen im Winter, regelmäßig ihre Früchte, da sie nebenher auch blühten. Der eine Strauch, der ihr aufgrund seiner Blattfarbe aufgefallen war, musste dementsprechend ein Pirsif-Baum sein, während die drei anderen Pflanzen wohl Fragia und Amrena tragen würden. Momentan schien nur der erste die Muße zu haben, sich mit zwei, drei kümmerliche Beeren zu schmücken.
    „Erst seit zwei Monaten“, berichtete Kinoso und schnupperte an der einzelnen Pirsif-Blüte. „Und die ersten Früchte kamen vor zwei Wochen. Es waren nur sehr wenige, aber irgendwie… sind sie über Nacht verschwunden.“ Sie hob die kaum vorhandenen Schultern. „Vermutlich Sleima, obwohl ihnen die Pirsif wohl nicht besonders gut bekommen werden.“ Schließlich halfen diese Beeren, wie alle Pokébeeren eine besondere Wirkung hatten, gegen Vergiftung. Wenn ein Pokémon, in dessen Blut immer eine gewisse Menge an Gift sein musste, eine solche aß, konnte es sogar daran sterben. Doch bei einem Sleima, dessen Körperschleim zu den am meisten mit Gift durchsetzten natürlichen Substanzen gehörte, war das Gegengift nicht weiter schlimm. Plötzlich fragte sich Neko, ob eine Pirsif nicht dafür ausreichte, Nidoqueen loszuwerden. Die Giftratte war immerhin zur Hälfte ein Bodentyp, was bedeutete, dass auch nur die geringste Dosis Prisif-Gegengift dafür ausreichen mochte, ihr den Garaus zu machen. Aber genau das wollte ja verhindert werden.
    Wie auch immer man die Pokébeeren anwenden mochte, praktisch waren sie immer. Wer das Glück hatte, an das seltene und überaus teure Saatgut zu kommen, und die Pflanzen gesund großziehen konnte, der mochte noch lange einen Nutzen aus ihnen ziehen. Bestimmt hatte die Schwarze Rose dem Dorf geholfen, an die begehrten Samen heranzukommen. Es konnte zwar passieren, dass aus normalen Samen von den Pflanzen, die der jeweiligen Pokébeere am nächsten verwandt war, eine der besonderen entwuchs – so konnte aus einem Himbeerkern ein Strauch keimen, der Himmih trug. Aber die Wahrscheinlichkeit, einen solchen zu finden, ging gegen Null. Daher bediente man sich normalerweise am direkten Samen der Pflanzen, aber da die Früchte nur im Ganzen ihre Wirkung taten, musste sich der Gärtner entweder für die Nutzung oder die Fortpflanzung entscheiden.
    Neko und Akari hatten genug gesehen und verließen eben den Obsthain, als Shinzu auf die beiden zukam. Mit dem Gedanken an das, was gestern passiert war oder hätte passieren können, versteifte sich die Chimäre und wünschte sich fast, der Naminer möge im letzten Moment die Richtung wechseln. Doch das tat er nicht, sondern kam nur wenige Schritte vor den beiden Mädchen zum stehen. Traunfugil folgte ihm in geringem Abstand, ließ seinen schwarzen Haarschopf aber überraschenderweise unbehelligt.
    „Neko, kann ich dich bitte kurz sprechen?“, fragte er und warf Akari einen entschuldigenden Blick zu.
    Die Angesprochene war zu verkrampft um zu antworten und hatte wenig Hoffnung, dass ihre Freundin den Naminer abwimmeln würde. Wie nicht anders zu erwarten, nickte Tetsus Tochter verständnisvoll und ließ die beiden allein. Zwar brauchte Kussilla einen Moment, Traunfugil dazu zu überreden, ebenfalls mitzukommen, aber als Kinoso ihn mit wirbelnden Blüten zum Blättertanz einlud, konnten sie ihn von seiner Menschenpartnerin fortlocken.
    Neko wagte es nicht, Shinzu in die Augen zu sehen, und fragte sich, was er wohl von ihr wollte. Sie hatte ihn darum gebeten, die Sache von gestern wenigstens so lange ruhen zu lassen, bis sie wieder im Hauptquartier waren, und konnte einfach nicht verstehen, warum er jetzt doch mit ihr darüber reden musste. Oder er hatte etwas anderes im Sinn.
    „Komm mit“, forderte der Naminer sie auf und führte sie von den Bäumen weg, in denen sich ein paar Menki um einige Äpfel stritten. Hatte er etwa Angst, die schweinsnasigen Affen könnten sie belauschen? Wahrscheinlich konnten sie die menschliche Sprache nicht einmal verstehen, und zudem auch nicht selbst sprechen. Er hatte also keinesfalls zu befürchten, dass sie die Unterhaltung irgendwie weitergeben würden.
    Dennoch blieb er erst nach ein paar Schritten stehen und wandte sich dann zu ihr um. Zu Nekos Überraschung mied auch er ihren Blick, als sei er sich nicht sicher, das Folgende aussprechen zu dürfen. Ging es ihm also tatsächlich um das unter der Silberranke? „Ich möchte dich etwas fragen“, eröffnete Shinzu überflüssigerweise und hielt inne. Warum nur war er so vorsichtig? „Ich habe dir erzählt, warum ich der Schwarzen Rose beigetreten bin.“
    Jetzt sah Neko doch zu ihm auf, doch er blickte nur an ihr vorbei, als suche er nach den richtigen Worten. War es also das, worüber er mit ihr reden wollte? War das etwa so geheim, dass er sogar nicht wollte, dass sprachunfähige Menki ihnen dabei zuhörten? Und außerdem dachte sie, er hätte alles gesagt. Was war also noch?
    „Ja. Was ist damit?“
    Shinzu räusperte sich unbehaglich und fuhr fort: „Ich bin damals zu den Rebellen gegangen, weil ich keine andere Wahl hatte. Wahrscheinlich wäre ich gestorben, hätte ich es nicht getan. Und jetzt… möchte ich einfach wissen, warum du Rebellin geworden bist.“
    Damit hätte Neko nicht gerechnet. Überrascht machte sie einen halben Schritt zurück, fing sich aber schnell wieder. Eigentlich hatte Shinzu recht; er hatte sich ihr anvertraut, und nun sollte sie ihm entgegenkommen und ihre eigenen Beweggründe darlegen. Das war nur gerecht. Also fasste sie sich ein Herz, holte tief Luft und erzählte ihm, was sonst nur sehr wenig andere Rebellen von ihr wussten. Sie erzählte ihm von ihrer Mutter Sanako, ihrer Tante Ichijuku, und dass diese niemals Kinder kriegen würde – keine potentiellen Erben. Schonungslos verfluchte sie die Soldaten, die das Gesetz des Königs ausübten, dass keine Chimäre und Halbwaise das Besitzrecht eines Grundstückes innehaben durfte, das ihrer Familie schon seit Generationen gehörte. Sie sah einfach nicht ein, warum sie Steuern für das Land bezahlen mussten, das sie eigenhändig bebaut und gepflegt und für ihre Nachkommen immer in Ehren gehalten hatten.
    Als sie am Ende ankam, seufzte Neko tief und war irgendwie froh, alles losgeworden zu sein. So lange hatte sie um ihre wahren Gründe geschwiegen, weil sie sich nicht sicher war, wie die Menschen darauf reagierten. Es war nichts Ehrenvolles daran, nur aus dem Wunsch heraus zu handeln, ihr Zuhause behalten zu dürfen, da sie danach die rechtmäßige Besitzerin sein würde. Es war egoistisch, so zu denken, und in der Schwarzen Rose war sie damit weitgehend allein. Zwar stellten sich alle Rebellen gegen die meist ungerechten Gesetze des Königs und die noch ungerechtere Behandlung, die das Volk durch die Armee erfuhr, aber sie war noch keinem begegnet, der aus so niederen Gründen handelte wie sie.
    Bis jetzt, wie Neko soeben aufging. Shinzu hatte es selbst gesagt, dass er nur um seines Lebens willen der Schwarzen Rose beigetreten war. War es nicht genauso selbstsüchtig, deswegen zu kämpfen, weil man der Rebellion sein Leben verdankte? Natürlich war es richtig so, dass Shinzu seine „Schulden“ bei der Rose derart abarbeitete, aber niemand hätte ihn dazu gezwungen, sich ihr überhaupt anzuschließen. Das hatte er wirklich nur aus Eigennutz getan.
    „Danke, dass du mir das erzählt hast“, meinte Shinzu leise. „Es ist mir sehr wichtig, deine wahren Beweggründe zu kennen.“
    „Ich habe sie aber ganz anders mitbekommen.“
    Neko erstarrte, als sie die Stimme, die plötzlich neben ihr ertönte, erkannte. Das konnte nicht wahr sein, es durfte einfach nicht wahr sein! Nicht deswegen, weil sie ihre eigene Lüge soeben widerlegt hatte, sondern weil sie es ungeheuerlich fand, dass sich Mizu auf dieses Niveau herabließ. Er hatte ihnen gelauscht wie ein Spion, hatte sich hinter einem nahen Baum versteckt und war nun dahinter hervorgetreten. Ohne auf Shinzus Reaktion zu achten, starrte Neko dem Lynoer entsetzt entgegen.
    „Mir hast du etwas anderes erzählt“, erläuterte Mizu seine eben ausgesprochene Aussage. Mit ausdruckslosem Gesicht kam er näher und stellte sich an einen Punkt, an dem er, Shinzu und die Chimäre ein gleichseitiges Dreieck bildeten. „Was ist nun richtig?“
    „Ich…“ Neko brachte nicht mehr als dieses Wort heraus, weil sich ihre Kehle plötzlich zuschnürte. Wie nur sollte sie sich aus dieser Situation retten? Mizu hatte sie erwischt, wie sie zwei verschiedene Versionen ihrer Vergangenheit erzählt hatte, und es wäre fast ein Leichtes, der neuesten zu widersprechen. Aber das konnte sie ebenfalls nicht tun, weil es dann so aussah, als ob sie Shinzu angelogen hätte. Genauso wenig wollte sie, dass der Lynoer sich belogen fühlte. Das Problem war, dass sie in dieser Beziehung nie ehrlich zu ihm gewesen war. Wenn sie sich nun weiterhin in Lügen und Halbwahrheiten flüchtete, würde das nur eine Katastrophe mit sich ziehen, also entschied sie sich für den einzig richtigen Weg.
    „Bitte entschuldige, Mizu“, sagte sie halblaut und senkte den Kopf. „Was ich dir, Shana und den anderen damals erzählt habe, stimmt nicht. Das von eben ist die Wahrheit.“ Sie war zu beschäftigt mit ihren Selbstvorwürfen, dass sie die hasserfüllten Blicke, die sich Mizu und Shinzu zuwarfen, nicht bemerkte. Der eine war enttäuscht, dass Neko ihm so wenig vertraut und ihm die falsche Geschichte erzählt hatte; der andere kleidete sich in einen Schleier aus Überheblichkeit und dem Stolz, dass er dieses Vertrauen an seiner Statt erhalten hatte.
    „Ich lasse euch allein“, informierte der Naminer monoton und ging.
    „Warum?“, fragte Mizu einsilbig, als der andere weg war, erklärte aber nicht weiter, was er damit meinte.
    Doch Neko verstand. „Ich wollte nicht, dass du schlecht von mir denkst“, gestand sie und rang mit den Händen. Jetzt hatte sie eigentlich nur das genaue Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich gewollt hatte. Lügen zahlten sich nun mal nie aus… „Aber ich weiß es von dir doch auch nicht“, rief sie verzweifelt in dem Bestreben, die Sache von sich abzuwenden – kein besonders ehrliches Verhalten, aber sie konnte einfach nicht anders. „Du hast mir doch auch nichts von dir erzählt. Ich weiß so gut wie gar nichts über dich!“
    „Du willst also wissen, was in meiner Vergangenheit passiert ist?“, fragte Mizu, und seine Worte quälten sie. Natürlich wollte sie, dass er ihr mehr von sich erzählte, weil man das unter Freunden tat. „Meine Eltern sind tot.“ Der Tonfall, mit dem der Lynoer das sagte, war so erfüllt von Gefühlen, wie ein feuchter, fensterloser Keller von Licht durchflutet.
    „Das hast du mir schon gesagt“, erinnerte Neko traurig und presste die Lippen zusammen. Sollte das etwa das einzige sein, was sie je von ihm erfahren durfte?
    „Nach ihrem Tod bin ich lange Zeit durchs Land gereist“, fuhr Mizu fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, „und das als Neunjähriger, auch wenn ich immer mit anderen gemeinsam gewandert bin und Bamelin bei mir hatte. Ich bin nie lange an einem Ort geblieben. Nur, als mich mein Schwertlehrer bei sich aufnahm, habe ich eine Weile bei ihm gewohnt. Aber auch nicht lange. Verstehst du, warum ich mit niemandem darüber reden will? Das ist ein Teil meiner Vergangenheit, der der schlimmste meines Lebens ist. Soll ich ihn etwa in die Welt hinausposaunen?“
    Neko schaffte es nicht, eine passende Erwiderung für seine zynische Bemerkung zu liefern. Schuldgefühle und Unsicherheit raubten ihr die Stimme.
    „Was hat Shinzu dir gestern gezeigt?“, wollte Mizu wissen.
    „Nichts“, kam die knappe Antwort, und Neko wünschte sich, er möge die Sache endlich auf sich beruhen lassen.
    Aber diesen Gefallen tat er ihr nicht. „Kasai hat mir etwas über ihn erzählt“, meinte er und trat etwas näher, um leiser reden zu können, ohne dass sie ihn dabei schlechter verstand. „In ihrer vorigen Gruppe soll Shinzu in nur zwei Jahren mehrere feste Freundinnen gehabt haben, wusstest du das?“ Endlich hatte er ihre volle Aufmerksamkeit, denn sie hob den Blick. Sie konnte keinen Anflug von Lüge in seinen tiefblauen Augen erkennen; aber sowieso war es schwer, in seiner stets unbewegten Miene zu lesen. „Und jedes Mal hat er sie wegen einer anderen verlassen. Bitte, Neko, versteh mich nicht falsch.“ Seine Stimme wurde weicher und entschuldigend. „Ich will nur nicht, dass du dich… dass du enttäuscht wirst. Sei vorsichtig.“
    Nicht zum ersten Mal fragte sich Neko, ob Mizu sie und Shinzu auf ihrem Weg zur Silberranke verfolgt hatte. Vielleicht sogar beobachtet, wie sie kurz davor gewesen waren, sich zu küssen. So sehr sie auch versuchte, es abzustreiten, so konnte nur das die Erklärung für das sein, was er gesagt hatte, wo sie gerade noch über ein anderes Thema gesprochen hatten.
    Einen kurzen, schmerzhaften Augenblick sahen sie sich nur an, unfähig, das nächste richtige Wort zu sagen. Doch es war auch nicht mehr nötig, als laute Rufe von der anderen Seite des Dorfes zu hören waren. Wild durcheinander hetzend und kreischend brachte sich die Horde Menki auf die Bäume in Sicherheit und floh aus der Richtung, aus der die Schreie kamen.
    „Verdammt, was ist da los?“, fluchte Mizu, aber keiner von beiden rührte sich vom Fleck. Der Lynoer hätte Neko sowieso nur zurückgehalten, im Bestreben, sie vor der offensichtlichen Gefahr zu schützen.
    „Neee, Nee!“ Traunfugil kam auf die beiden zugeschossen und konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Vom eigenen Schwung geschleudert schwebte er mitten durch seine Menschenpartnerin hindurch und musste sich fangen, bevor er auf dem Boden aufkam. „Nee!“, rief er noch einmal und fuchtelte mit den kleinen Ärmchen rum. Als er merkte, dass die Eloa nicht verstand, blies er die Backen auf und stieß ein winziges Irrlicht aus. Zuerst wusste Neko nichts mit diesem Zeichen anzufangen, dann ging es ihr plötzlich auf…
    „Feuer“, japste sie erschrocken auf und wirbelte in die Richtung, aus der Traunfugil gekommen war. Zwischen den dicht belaubten Zweigen der Dorfbäume erkannte sie jetzt den charakteristischen Schimmer, den lodernde Flammen abzugeben pflegten. „Feuer! Es brennt!“ In panischem Übermut lief sie Hals über Kopf auf die Lichtquelle zu, dicht gefolgt von Mizu, der sich endlich aus seiner Starre gelöst hatte.
    Tatsächlich hatte eines der hoch in den Wipfeln hängenden Häuser Feuer gefangen und brannte bereits lichterloh. Doch der Brand allein konnte nicht verantwortlich sein für das klaffende Loch, wo dem Holzhaus fast die Hälfte fehlte. Als Neko und ihre Begleiter am Ort des Geschehens eintrafen, befanden sich dort bereits ihre Teamkollegen, nur Tetsu fehlte und befand sich wahrscheinlich noch in der Wohnung des Dorfvorstehers. Die Nachricht der Katastrophe hatte ihn bestimmt noch nicht einmal erreicht.
    „Was ist passiert?“, fragte Neko keuchend, als sie Akari und Momoko erreichte.
    „Nidoqueen hat angegriffen“, berichtete die Gotela und beobachtete skeptisch ein Stück brennenden Holzes, das aus der Höhe nach unten fiel. „Zum Glück ist niemand dort oben, sonst hätten wir ein Problem.“ Was sie eigentlich auch so hatten, überlegte Neko.
    „Lasst sie uns verfolgen!“, drängte Kasai aufgeregt und mit hochrotem Gesicht. „Sie kann nicht weit weg sein! Wir müssen sie uns schnappen!“
    „Ganz ruhig, Hitzkopf.“ Rai machte einen schnellen Schritt und versperrte dem Keraner mit dem Schaft seiner Sense den Weg. Auch wenn die Klinge nicht angebracht war und die Waffe damit entschärft, bot er einen Anblick wie der Meister des Todes. „Willst du sie jetzt wirklich verfolgen? In dem ganzen Durcheinander und im undurchdringlichen Wald, den sie wie ihre Westentasche kennt und in dem du das erste Mal bist? Viel Spaß!“ Damit ließ er den Stab kreisen und nahm ihn in derselben Bewegung zurück, um ihn neben sich in den Boden zu stoßen. Die Ansprache schien bei Kasai angekommen zu sein, denn er knirschte nur mit den Zähnen und ließ von seinem hirnlosen Unterfangen ab.
    „Wir sollten das Feuer löschen“, schlug Mizu vor, denn die Flammen schlossen noch nur das Haus ein, würden aber alsbald auf andere Bäume und Wohnungen übergehen und das ganze Dorf entzünden. „Bojelin.“ Er nickte seinem Erstpartner zu, der irgendwann in den Wirren der letzten paar Minuten aufgetaucht war. Das Wasserwiesel zögerte nicht lange und schoss augenblicklich eine Hydropumpe zu dem brennenden Bretterhaufen hinauf. Leider reichte der Druck nicht aus, um den Wasserstrahl bis nach oben zu katapultieren, und so faserte er auf halber Strecke in eine abwärts gerichtete Parabelfontäne aus.
    „Mist, was jetzt?“, fragte Momoko und sah sich hektisch nach allen Seiten um. Einige Dorfbewohner hatten sich versammelt, manche schafften sogar Eimer heran. Doch nirgendwo war ein anderes Pokémon zu sehen, das eine Wasserattacke beherrschte. Neko fragte sich unwillkürlich, wie die fast ausschließlich mit Holz bauenden Dyrier Hausbrände handhabten, denn wenn eines brannte und man es nicht rechtzeitig löschen konnte, war das ganze Dorf verloren. Und bis man in die schwindelerregenden Höhen genug Wasser geschafft hatte, konnte so einiges passieren. Auch sie ließ nun den Blick schweifen, auf der Suche nach Libelldra. Die Wüstendrachin könnte Bojelin auf den Rücken nehmen, um ihn fliegend näher an das Feuer heranzubringen. Doch der Geist der Wüste war nirgends zu sehen.
    „Könnte Bojelin nicht über die Leiter nach oben gelangen?“, fragte sie daher und zeigte dabei auf die aus Hanfseilen geknüpfte Leiter.
    Wie aufs Stichwort verzehrten die Flammen in diesem Moment die Knoten, mit denen die Leiter oben am Baum befestigt war. Ungehalten rauschte das schwere Knüpfwerk hinab und schlug krachend am Boden auf. Um nicht von den wie Taurosruten umherschlagenden Tauen erschlagen zu werden, warfen sich die Rebellen schnell zur Seite.
    „Nein, kann er nicht“, knurrte Raika wenig freundlich und rieb sich den Knöchel, den sie sich beim Ausweichmanöver vertreten hatte. Als ob Neko etwas dafür konnte, was gerade passiert war.
    „Vielleicht eine Psychokinese von Porygon?“, schlug Bojelin vor und sah zu der rosafarbenen Kolibriente auf, die über der Gruppe schwebte.
    „Ich weiß nicht, ob ich dem Rückstoß entgegenwirken kann“, bemerkte das Datenpokémon kühl. Doch der Einfall des Wasserwiesels schien es auf eine andere Idee gebracht zu haben. „Shinzu“, rief es seinen Menschenpartner an und vollführte einen Salto, den es etwas höher den Flammen entgegenbrachte. Wieder krachte dort eine brennende Planke herab, die Funken sprühend aufkam, von den Dorfbewohnern jedoch mit Decken erstickt wurde. „Psychokinese und Hydropumpe“, sagte Porygon2 und machte eine auffordernde Kopfbewegung nach oben.
    Shinzu schien zu verstehen. „Mizu!“, wandte er sich plötzlich an den Lynoer. Der Angesprochene blickte unbeeindruckt zu ihm rüber und machte keine Anstalten, zu verstehen, was der andere wollte, oder ihn genauer danach zu fragen. „Bojelin soll Hydropumpe auf Porygon einsetzen“, schärfte der Schwarzhaarige ihm ein und deutete hoch zu seinem Erstpartner.
    Mizu folgte seinem Fingerzeig, gab aber Bojelin nicht den erwarteten Befehl, sondern schwieg einfach.
    Neko war entsetzt. Was bei Groudon hatte er denn nur? Hier ging es um das Heil des Dorfes, vielleicht sogar um Menschenleben, wenn das Feuer um sich griff – und er zögerte. Woran lag es? Dass seine Eltern bei einem Hausbrand wie diesem ums Leben gekommen waren? Ließen ihn die Zweifel, ob er andere vor dem Feuer beschützen konnte, den Mut verlieren? Oder aber… Nein, das konnte nicht sein. Aber in letzter Zeit hatte es sich häufiger herausgestellt, dass sie den Lynoer bisher falsch eingeschätzt hatte. Neko überlegte ernsthaft, ob Mizu vielleicht nicht mit Shinzu zusammenarbeiten wollte. Bei dem, was er gesagt und getan hatte, musste man schon im Koma liegen, um nicht zu erkennen, dass er mit dem Naminer nicht wirklich sympathisierte. Vielleicht hatte er selbst und allein mit seinem Erstpartner der Held sein wollen und wollte sich nicht dazu herablassen, nach dem Plan eines anderen zu handeln…
    „Das ist nichts, worüber man so lange nachdenkt!“, schrie Shinzu ihn plötzlich an, sodass Neko zusammenzuckte. Seine Augen funkelten vor Zorn und Ohnmacht, und sein Gegenüber hatte nichts Besseres zu tun, als ihm seine Mithilfe zu verweigern. So heißblütig hatte sie ihn noch nicht erlebt. „Bojelin, bitte!“, appellierte er daher an den Verstand des Wasserwiesels und ließ dessen Menschenpartner links liegen.
    Bojelin starrte verwirrt zwischen den beiden Dunkelhaarigen hin und her. Es war nicht seine Pflicht, Befehlen, die er von Mizu bekam, zu gehorchen, wenn er selbst nicht mit ihnen übereinkam. Aber auf den Gedanken, den eines anderen auszuführen, wäre er nie im Leben gekommen. Doch schließlich siegte seine Vernunft.
    Ohne weitere Zeit zu verschwenden und auf Mizus Entscheidung zu warten, schoss er eine weitere Hydropumpe zu Porygon2 hoch. Die Kolibriente glühte hellblau auf, und bevor die Wasserattacke es treffen konnte, teilte sich der Strahl auf. Die Psychokinese verstärkte die Oberflächenspannung des Wassers und bildete mehrere Kugeln, löste aus der Hydropumpe mit dem steten Strahl immer weitere ab. Das Datenpokémon flog, gefolgt von Strahl und Kugeln, um das brennende Haus herum und lenkte das Wasser genau dorthin, wo es die größte Wirkung hatte. Innerhalb weniger Minuten löschten Bojelin und Porygon2 in Teamarbeit sämtliche Flammen, und bald war von dem brennenden Haus nur noch ein dampfendes und rauchendes Gerippe schwarz verkohlter Bretter übrig. Vom Flug und den ununterbrochenen Attacken erschöpft ließen sich die beiden Pokémon ins Gras sinken.


    „Der Schaden ist nicht weiter schlimm“, berichtete Hito beiläufig und drehte ein verbranntes Stück Holz in den Händen. „Das Haus war noch eins von der alten Sorte; die brennen schnell und machen viel Qualm, aber letztlich ist nicht viel dahinter.“
    „Ist jemand verletzt?“, fragte Akari besorgt. Sie dachte wohl an die vielen brennenden Teile, die von oben runtergefallen waren. Wenn jemand davon getroffen worden wäre, hätte er nicht nur Verbrennungen davongetragen.
    „Nein.“ Hito schüttelte den Kopf und zeigte mit seinem Holz auf eine alte Frau, die in der Nähe auf einem umgekippten Baumstamm saß, wie sie viele als Bänke im Dorf herumlagen. „Koruka hat in dem Haus gewohnt, seit sie geboren wurde. Sie hat mir erzählt, dass sie gerade unten am Ende der Leiter angekommen war, als ein Hyperstrahl aus dem Wald ihr Haus getroffen hat. Nidoqueen hat es ganz gezielt zerstören wollen. Das war ihr erster derartiger Übergriff – und vor allem ihr erster um die Mittagszeit.“
    „Aber es kommt mir so vor, als hätte sie nur darauf gewartet, dass Koruka ihr Haus verlässt“, warf Zakura ein und kratzte sich nachdenklich an der Nase. „Als ob sie sie nicht verletzen wollte. Koruka wohnt als einzige hier alleine. Vielleicht hat Nidoqueen das gewusst und darauf gewartet, dass das Haus leer ist.“
    „Eine Warnung“, brummte Tetsu unheilvoll. „Sie will niemanden verletzen, uns aber zu verstehen geben, dass sie nicht lockerlässt. Vielleicht weiß sie sogar, wofür wir hier sind.“ Mit entschlossenem Gesichtsausdruck wandte er sich an seinen bunt zusammengewürfelten Haufen junger Rebellen aller Nationalitäten. „Wir gehen diese Nacht und suchen nach ihr“, eröffnete er ihnen haltlos. „Länger dürfen wir nicht warten, sonst kommt noch jemand ernsthafter zu Schaden als heute. Wenn sie auch nur einen Tropfen Ehre im Leib hat, wie man es von ihrer Art behauptet, dann wird sie sich uns stellen, anstatt das ungeschützte Dorf anzugreifen.“
    „Damit hat sich unsere Taktik also erledigt“, seufzte Zakura, die seit dem Morgen mit dem Gotela und dem Dorfvorsteher in dessen Wohnung verbracht hatte, um eine Strategie auszuarbeiten. Gerade, als sie gedacht hatte, einen grünen Zweig erreicht zu haben, geschah so etwas.
    Neko schmunzelte und drehte sich dem geschundenen Baum zu. Ein paar Männer hatten sich bereits an die Arbeit gemacht, die Überreste des Hauses zu entfernen. Tetsu hatte recht, sie durften nicht noch mehr Zeit vergeuden. Sie waren hier, um die Plage, die über das Dorf hereingebrochen war, zu bannen, und sie schwor sich, dass sie das tun würden. Irgendwie.


    Während des Verlaufs des folgenden Abends bereiteten sich die Rebellen darauf vor, ihren Auftrag auszuführen. Auch im weit entfernten Namine spielten sich tragende Ereignisse ab…
    Die Königin rauschte durch die unendlichen Gänge mit einer solchen Zielstrebigkeit, wie sie außer ihr hier unten niemandem zueigen war. Zwei Soldaten folgten ihr wie Schatten, wie es immer zwei von ihnen gab, die sie begleiteten. Vor einer unbewachten Holztür hielten sie schließlich an, und einer der beiden entriegelte das Tor.
    Kaum, dass das knarrende Geräusch alter schmiedeeiserner Scharniere verklungen war, hatte die Königin die Tür bereits durchschritten und eilte ein paar Stufen in düstere Finsternis hinab. Ein kleiner Gang tat sich auf, wo ein weiterer Soldat – der Kerkermeister – sie mit einer brennenden Fackel in der Hand in Empfang nahm.
    „Wo ist sie?“, fragte sie scharf und stürmte gleich in die Richtung weiter, in die der Mann mit ausdrucksloser Miene deutete. Eine der wenigen benutzbaren Zellen, und damit die zweite, in der sich jemand befand, barg eine Gefangene, die an die Wand gekettet worden war. Die Königin trat in die Zelle und sah zu der jungen Frau zu ihren Füßen herab. „Ausgezeichnet“, lobte sie den Soldaten, der die Rebellin entführt hatte, jedoch gerade nicht anwesend war. Ihr Lob hätte ihn ohnehin nicht weiter interessiert. Ohne Mitleid mit der verängstigten Rebellin zu haben, packte die Königin diese am Schopf und riss ihn hoch, um in ihr Gesicht schauen zu können. Die Frau schrie schmerzerfüllt auf, aber verglichen mit dem, wofür sie hier war, war diese Pein nichtig. „Eine Eloa, wie passend.“ Ihre Aussage hätte spöttisch klingen können, aber die Herrin der Königlichen Krieger bannte jeden Tonfall aus ihrer Stimme.
    Jetzt musste er nur noch aus dem Großen Wald zurückkommen, und sie konnte ihn für alle Zeit von sich abhängig machen.[tab=Namensbedeutung]Koruka: von koru=Kohle


    P.S.: Ich hab ne klitzekleine Änderung vorgenommen, nachdem ichs online gestellt hab. Neko hatte ja auch noch ne Verbrennung, die hatte ich davor ganz vergessen x3

  • [tabmenu][tab=Schon wieder aufgespalten]Bliblubb :knot:[tab=Nidoqueenkampf mui!]Tetsus Gruppe hatte sich um ein Lagerfeuer versammelt und unterhielt sich über dies und jenes. Nachdem sie ihre Vorbereitungen getroffen hatten, waren sie sofort abgereist und einer Spur, die Nidoqueen ins Unterholz geschlagen hatte, so weit gefolgt, bis sie auf eine kleine Lichtung gestoßen waren. Da die Waldkönigin diese augenscheinlich auf ihren Wegen zum Dorf ebenfalls passierte, standen ihre Chancen gut, hier auf sie zu stoßen. Während sie das Feuer nahe des Waldrandes, aber noch weit genug, um keinen Baum zu entzünden, entfacht hatten, sollte die andere Hälfte der Lichtung als Kampfplatz dienen. Alle waren davon überzeugt, dass Nidoqueen sich nicht kampflos ergeben würde, daher war es ausgeschlossen, dass diese Sache friedlich vonstatten ging.
    Das einzige Geräusch, das in der dunklen Nacht zu hören war, war das Knistern der Flammen – und ein anderes, was die meisten Anwesenden am liebsten ausgeblendet hätten: Rai war seit Stunden damit beschäftigt, das Blatt seiner Sense zu schärfen, und das ständige, unaufhörliche Zischen des Schleifsteins zehrte an den ohnehin schon angespannten Nerven. Eigentlich hatte Tetsu ihnen verboten, Waffen mitzunehmen – was außer ihn nur den Tiro und Mizu betraf – aber der Gelbhaarige hatte darauf bestanden, seine mitzunehmen. Sie sei schon eine Weile nicht mehr geschliffen worden und musste dringend bearbeitet werden. Schließlich hatte ihr Gruppenanführer zähneknirschend nachgegeben.
    Neko starrte in die Flammen und musste an den Hausbrand vor ein paar Stunden denken. Immer wieder kam ihr dabei die Szene in den Sinn, als sich Mizu nicht dazu hatte überwinden können, mit Shinzu zusammenzuarbeiten. Was nur hatte er sich dabei gedacht? Sie waren ein Team, da war es einfach ihre Pflicht, sich gegenseitig zu unterstützen und aufeinander zu hören, wenn es brenzlig wurde. Außerdem wirkte sich seine nicht vorhandene Handlung schlecht auf seine Probezeit aus. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Lynoer nicht teamfähig war, würde man ihn des Hauptquartiers verweisen. Sowieso war sich Neko sicher, dass diese ganze Mission zu ihrer Bewertung diente; sonst hätte man auch eine der anderen Gruppen schicken können, die mit diesem Problem einfacher und schneller fertig werden würden.
    Sie zuckte zusammen, als vom nahen Waldrand her lautes Rascheln vernehmbar wurde. Die Anwesenden fuhren alle auf, und einige Pokémon starrten aufmerksam in die Richtung. Sogar Rai unterbrach seine Arbeit an der Sense. Die Anspannung wuchs, während das Geräusch immer lauter wurde, und jeder machte sich dazu bereit, dass Nidoqueen bald in den Feuerschein treten würde.
    Doch es war nichts Großes, was das Rascheln verursachte, sondern eher eine ganze Menge kleiner Wesen: Eine Bande Wiesor schlich sich wenig lautlos aus einem Busch, kam aber nicht näher. Einige der braunen Wiesel taten sogar nur einen Schritt heraus, um daraufhin sofort wieder im schützenden Buschwerk zu verschwinden. Leise quiekend stritten sie um die besten Plätze, ihre seltsamen Besucher zu begutachten. Schließlich löste sich ein etwas Mutigeres aus der Gruppe und kam mit langsamen Trippelschritten näher, blieb immer wieder stehen, um die Menschen und ganz besonders deren Partner aus ängstlichen Knopfaugen anzulinsen. Als es sich nahe genug wähnte, machte es einen schnellen Satz, griff sich etwas aus ihrem Proviantbeutel, und war mit seiner ganzen Familie so blitzschnell verschwunden, dass das flackernde Feuer sie wie Schatten aus einem Traum verblassen ließ.
    Nach diesem kleinen Spektakel legte sich die Anspannung über den Rebellen wieder. Wilde Pokémon, die wie Poltergeister über Reisende kamen und ihnen das Essen stahlen, waren nichts Besonderes und kein Grund, sich zu fürchten.
    Doch genau diese Wiesor, die sie soeben auf milde Weise erschreckt hatten, brachen gleich wieder aus dem Unterholz hervor. Der kleine Dieb hatte seine Beute immer noch im Maul, verlor sie aber bei der kopflosen Panik, die die Wieselpokémon ergriffen hatte, und drehte sich auch nicht danach um. Nur wenige Sekunden später war die Horde über die Lichtung auf die andere Seite in den Wald zurückgeflüchtet.
    Vor einem Wesen, das sich erst jetzt ganz langsam offenbarte.
    Das erste, was Neko von der Nidoqueen sah, waren die rubinrot glühenden Augen, die in unerwarteter Höhe aus der Dunkelheit des Waldes hervorstachen. So leise, wie man es einem bei Geschöpf ihrer Größe eigentlich nie erwartete, kam sie näher auf den Waldrand zu, sodass ihre Silhouette als grauer Schemen auf dem tiefschwarzen Hintergrund erkennbar wurde. Ein bedrohliches Grollen wie aus den Schlünden der Hölle erklang aus ihrer Richtung und trieb den unwillkommenen Besuchern Respekt ein.
    „Bleibt ganz ruhig“, besänftigte Tetsu seine Schützlinge, der sich zusammen mit Absol noch keinen Millimeter bewegt hatte. Ganz anders als sein Erstpartner verhielten sich die anderen: So hatte sich Voltensos Nackenhaar aufgestellt, und er knurrte die Waldkönigin an, wie man einem Sturm entgegenpusten würde. Kussilla und Duflor verkrochen sich nebeneinander hinter einem Stamm, und Traunfugil gesellte sich leise heulend zu ihnen. Bojelin nahm eine abwehrbereite Kauerstellung ein, während Tanhel, Porygon2 und Magneton neben ihren Menschenpartnern Stellung bezogen, um sie im Ernstfall beschützen zu können. Auch Camaub wiegte den Kopf hin und her, als sei sie sich nicht sicher, in Panik ausbrechen oder die Nerven behalten zu müssen, wobei Magcargo diese Entscheidung bereits gefällt und sich in sein Steinhaus zurückgezogen hatte. Neko hörte nur ein leises Rascheln, als Libelldra sich aufrichtete und den Drachenschweif beschützend um sie legte.
    „Sie wird euch nicht angreifen“, versicherte Tetsu den Mitgliedern seiner Gruppe, „das hat sie bei den Dorfbewohnern auch nicht getan. Aber sie spürt eure Angst, und das macht sie zuversichtlicher, unsere Partner zu besiegen. Noch traut sie sich nicht, eine Übermacht anzugreifen, also gebt ihr keinen Mut dazu.“ Gleichmütig deutete er nacheinander auf immer zwei seiner Rasselbande und sagte dabei: „Momoko und Akari, ihr seid eine Gruppe, ihr werdet mit euren Partnern zuerst gegen Nidoqueen kämpfen. Kasai und Shinzu, ihr seid die zweite. Mizu und Neko, ihr bildet die dritte, und Rai und Raika die vierte. Ich will keine Waffen sehen“ – dabei fixierte er Rai ganz besonders, der sich auf seine Sense stützte – „nur eure Partner kämpfen. Wenn alle Pokémon aus einer Gruppe kampfunfähig sind, kommt die nächste. Also, fangt an.“
    Neko musterte die scheinbar willkürlich zusammengesetzten Teams und fragte sich, ob Tetsu mit dieser Aufstellung einen bestimmten Zweck erfüllen wollte. Um vor allem Mizu auf seine Teamfähigkeit zu prüfen, hätte er diesen eigentlich mit Shinzu zusammentun sollen, das wäre eine ganz einfache logische Lösung für die Sache am Mittag gewesen. Aber andererseits hatte er gewiss von Seijin seine Anweisungen, sie so zusammenzustellen. Vielleicht wusste sogar nur der Anführer der Schwarzen Rose, wozu gerade diese Zusammensetzung wichtig war.
    Momoko, Akari und ihre Partnerinnen traten vor, zwar mit zweifelnden Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, aber bereit, ihre Pflicht zu erfüllen und gegen die Waldkönigin zu kämpfen. Neko hätte es vor den beiden und überhaupt vor den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe zwar nie zugegeben, aber die glaubte nicht daran, dass Duflor und Kussilla ernsthaft etwas gegen Nidoqueen ausrichten konnten. Immerhin plagten sich die Rebellen des Dorfes schon eine Weile erfolglos gegen die Giftratte, und zudem waren die beiden Pokémon nur zu zweit. Kussilla war nicht besonders stark, wie Neko festgestellt hatte, und die Chimäre sah ihre Freundin schon fast im Heilerhaus des Hauptquartiers tätig sein. Dort wurden ihre Qualitäten nämlich viel eher gebraucht.
    Nidoqueen begutachtete erst ihre Herausforderer, die ihr nicht einmal über die Knie reichten, und trat in den Schein des Feuers. Das flackernde Licht riss ihr den Mantel aus Nachtschatten vom Leib und entblößte tannengrüne Haut und rosafarbene Brust- und Bauchpanzer – eine Bunte. Plötzlich zögerten die beiden Freundinnen angesichts der herrlichen Rüstung ihres Gegenübers, und alle Pokémon wichen ehrfürchtig zurück. Bunte wurden äußerst selten geboren und waren daher etwas ganz Besonderes. Sie unterschieden sich von ihren Artgenossen lediglich durch eine andere Farbe, die aber dann alle Bunten einer Art gemein hatten. Nicht nur bei den Menschen hieß es, dass Bunte von den Göttern ganz besonders bevorzugt wurden und daher über übernatürliche Kräfte verfügten, die nur schwer zu bezwingen waren. Daher überkamen vor allem die versammelten Pokémon Zweifel, ob sie es mit der Waldkönigin – die angesichts ihrer besonderen Farbe diesem Namen voll und ganz gerecht wurde – aufnehmen konnten.
    Aber Nidoqueen, so stark sie auch sein mochte, war alleine und sie hingegen eindeutig in der Überzahl. Dieser Gedanke schien der Dyrierin und Tetsus Tochter Mut zu machen, denn sie nickten sich zu, halb entschlossen, halb verängstigt. Auch ihre Partnerinnen fassten sich ihnen zuliebe ein Herz und bäumten sich so weit auf, wie es ihre geringe Größe erlaubte, auch wenn sie dadurch auch nicht viel eher an die ihrer Gegnerin herankamen.
    Akari machte den Anfang: „Kussilla, Bitterkuss!“
    „Geht klar“, rief das kleine Pokémon mit einem Kopfnicken. Ihre Lippen glühten blau auf. Schneller, als man es ihr zugetraut hätte, war sie an Nidoqueen heran, sprang hoch in die Luft und zielte auf das Körperteil, bei dem die Attacke und somit auch die hoffentlich folgende Verwirrung am wirkungsvollsten waren: Den Kopf. Aber auch die Waldkönigin reagierte schnell, duckte sich unter dem Eiskind weg und schlug es mit einem vernichtenden Eisenschweif in hohem Bogen genau in Akaris Arme, wo deren Erstpartnerin geschlagen liegen blieb.
    Auf der Lichtung wurde allgemein aufgeatmet: So schnell hatte die Giftratte nur eines ihrer Pokémon besiegt. Viele zweifelten an ihren weiteren Chancen, so auch Neko. Auch in der Wüste und der Steppe lebten Nidoqueen, galten dort neben dem Geist der Wüste – Libelldra – als die stärksten Wesen unter Groudons Schützlingen. Und dann war diese Vertreterin auch noch eine Bunte!
    Neko sah zu ihren Teampartnern rüber. Über die weißen Augen von Porygon2 bewegten sich Lichtpunkte – es rechnete. Wahrscheinlich speiste es so viele Informationen und Eindrücke zu diesem so ungleichen Kampf ein wie nur möglich, um sich ein genaues Bild darüber zu verschaffen und die eigenen Gewinnchancen dadurch zu erhöhen. Es war praktisch, einen Partner zu haben, der das von sich aus ohne Aufforderung übernahm, und da sie keinen solchen hatte, versuchte sie es selbst:
    Sie wussten von Nidoqueen, dass sie von den Typen Gift und Boden war. Psycho- und Wasserattacken halfen da sehr gut. Außerdem beherrschte sie vermutlich Hyperstrahl und sicher Eisenschweif, daher mussten sie besonders auf den Schwanz achten. Außerdem musste sie verletzt sein, weil Pokémon nicht aus heiterem Himmel über Dörfer herfielen. War es eine körperliche Verletzung, so hatte sie noch einen weiteren Schwachpunkt außer der schlechter als der Rücken gepanzerten Bauchseite. Das Problem war, sie zu finden.
    Die Chimäre wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Momoko nach längerer Denkpause ihrer Partnerin Rasierblatt befahl. Duflors orangefarbene Blätter spannten sich, und mit einer eleganten Tanzbewegung wie als Vorahnung ihrer Weiterentwicklung schossen dutzende der rasiermesserscharfen Blätter auf die Bunte zu. Diese hob die gepanzerten Arme vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen, und wartete geduldig das Ende der Attacke ab. Und ebenso geduldig wurde ihr Angriff, als sie rot aufglühte und die nachfolgenden Zauberblätter über sich ergehen ließ. Momoko schien nicht zu merken, dass die Waldkönigin Energie speicherte, denn als das Glühen stärker wurde, befahl die enthusiastische Dyrierin Stachelspore. Nidoqueen schleuderte die Energie, die sie mit Geduld gesammelt hatte, von sich, und die Druckwelle wehte das gelbe Pulver davon und besiegte Duflor sofort.
    „Nur nicht so aufreizend, sonst kriege ich noch Nasenbluten!“, war Rais sarkastischer Kommentar. Dadurch fing er sich von Akari einen Blick ein, der mindestens ebenso giftig war wie das Blut, das durch Nidoqueens Adern floss.
    Tetsu ignorierte die Sache unbeeindruckt und sagte: „Kasai und Shinzu, ihr seid dran. Bedenkt die Fehler, die Momoko und Akari gemacht haben, und lernt daraus; darum geht es hier.“ Die beiden nickten, und umschwirrt von seinem Partner ging Shinzu entschlossenen Schrittes voran – Kasai musste sich erst darum bemühen, den seinen aus dem massiven Steinhaus zu locken, in das sich Magcargo immer noch ängstlich verkroch. Schließlich schaffte er es mit Camaubs Hilfe, und die fünf waren – mehr oder weniger – kampfbereit.
    Kasai zögerte nicht lange und rief übereifrig: „Flammenwurf!“ Es war offensichtlich, dass er dies beiden seinen Partnern befohlen hatte, aber als nur ein Flammenstrahl auf Nidoqueen traf, die ihr Gesicht wieder mit ihren Armen schützte, ohne Geduld zu laden, musste der junge Keraner erkennen, dass sich sein Erstpartner, eine Spur verglühenden Grases mit sich ziehend, gepflegt aus dem Staub machte. Die aus seinem Haus austretende Flamme war deutlich größer und heller als sonst – er erhitzte die Lava, aus der sein Körper bestand, um noch schneller wegzukommen. „Ohne mich!“, sagte er und verschwand wieder in dem in sich gedrehten Stein.
    Wut kochte in seinem Menschenpartner auf, und mit hochrotem Gesicht befahl er seiner anderen Partnerin Erdkräfte. Das Feuerkamel unterbrach den Flammenwurf, der dadurch, dass nur sie allein ihn eingesetzt hatte, wenig Wirkung bei der Waldkönigin gezeigt hatte. Gerade bäumte sich Camaub auf den kurzen Hinterbeinen auf, als ihr Porygon2 in die Quere kam, und Shinzu seinem überhitzten Freund die Hand auf die Schulter legte. „Findest du nicht auch, dass dieser Platz der falsche für Erdkräfte ist? Du reißt noch die ganze Lichtung ein!“
    Kasai verstand und nickte. „Tut mir leid. Mach du –“
    „Pass auf!“, rief Porygon2 plötzlich und wich einem Megahieb von Nidoqueen aus, der hingegen Camaub voll traf. Das kleine Feuerkamel versuchte, sich noch auf den stummeligen Beinen zu halten, dann sackte es zusammen.
    „Ich übernehme jetzt“, meinte Shinzu, als die Pokémon seines Freundes weitgehend kampfunfähig waren. „Porygon, Sturzflug und Triplette!“ Die Kolibriente wich erneut blitzschnell einem Eisenschweif aus und flog weit hinauf, höher als die Baumwipfel. Am höchsten Punkt angekommen, ließ es sich wie ein Kreisel drehend vom Himmel herabfallen. Sein Schnabel leuchtete weiß, und es wurde von klirrenden Eiskristallen, zuckenden Blitzen und lodernden Flammen umgeben, die einen tosenden Sturm um es bildeten. Mit heftigem Donnern traf es auf Nidoqueen, und die drei Elemente entluden ihre Kraft in einer mittelschweren Explosion, wobei sie sich gegenseitig vernichteten.
    Als sich der Staub legte, stand Nidoqueen trotz des schweren Schlags nach wie vor an derselben Stelle, nur hatte sie die Hände erhoben und Porygon2 damit abgewehrt. Durch die Wucht des Aufpralls war sie leicht in die Erde gedrückt worden, aber sonst waren ihre Stärke und Statur noch ungebrochen. Die Kolibriente drehte sich in ihrer Handfläche zu Ende, und als es erkannte, dass seine Attacke bis auf ein paar aufgespritzte Erdkrümel nichts Großartiges bewirkt hatte, entfernte es sich rasch von der Waldkönigin. Lichtflecke in seinen Augen zeigten, dass es eine neue Strategie errechnete, und dann ohne einen Befehl seines Menschenpartners blau aufglühte und auf Nidoqueen aus der Entfernung eine Psychokinese einsetzte. Zum ersten Mal taumelte die Giftratte, hielt sich jedoch erstaunlich verbissen. Nach dem ersten Schlag drückte das Datenpokémon nur noch, und schließlich versuchte es unter Anstrengung, den grünen Koloss vom Boden abzuheben.
    Getrennt von ihrem schützenden Grund fing Nidoqueen an, hilflos in der Luft zu zappeln. Weil sein eigener Angriff Porygon2 sehr geschwächt und es für seine übrig gebliebenen Energiereserven die heftigen Bewegungen nicht mitberechnet hatte, konnte es die Waldkönigin nicht in der Luft halten. Erschöpft brach es auf dem Boden zusammen, war aber noch nicht besiegt. Nidoqueen sah ihre Chance, rannte schneller auf die Kolibriente zu, als man es ihrem massigen Körper zugetraut hätte, drehte sich mit dem letzten Schritt und ließ einen glühenden Eisenschweif auf ihren Gegner herabsausen. Dieser schoss mit letzter Kraft eine Psychokinese ab, die die metallene Schutzschicht aber nicht durchbrechen konnte, und wurde wie Kussilla zuvor von der Stahlattacke weggeschleudert.
    Auch für Kasai und Shinzu, der zu seinem Partnerpokémon rannte, das über die gesamte Lichtung geflogen war, war der Kampf jetzt zu Ende.
    Nun waren Neko und Mizu an der Reihe. Ihre Partner bezogen neben ihm Stellung, alle in Ehrfurcht vor der mächtigen Waldkönigin zitternd. Schließlich hatte diese ihre Teamkollegen mit nur wenigen Schlägen besiegt. Nur Traunfugil konnte wie immer nicht stillhalten und umschwirrte Neko aufgeregt mit der sichtlichen Erwartung, ja schon fast Hoffnung, den ersten Angriff zu starten.
    Aber Neko ignorierte ihn bestmöglich und erwog Libelldras Chancen. Ein Feuerodem aus nächster Nähe wäre ein guter Anfang. Also befahl sie mit klammer Stimme ihrer Erstpartnerin: „Libelldra, flieg zu…“ Aber der übereifrige Nebelgeist, der es vor Aufregung nicht erwarten konnte, anzugreifen, überging den von Neko genannten Namen und schoss auf Nidoqueen zu. Als er sich nahe genug glaubte, blähte er sich wie ein Ballon auf und spuckte mit aller Kraft einen vor Geisterenergie flirrenden Spukball auf die Giftratte. (wie Patamon mit Luftschuss <3) Dessen völlig unbeeindruckt schlug diese die Kugel wie einen lästigen Käfer beiseite, der mit voller Wucht seinen eigenen Schöpfer traf. Geist stieß auf Geist und machte das Irrgespenst auf der Stelle kampfunfähig.
    Neko knirschte mit den Zähnen. Traunfugil war ein starkes Pokémon, so viel stand fest, aber er ging nicht richtig damit um. Indem er einen Großteil seiner Kraft in den Spukball gelegt hatte, war nicht mehr sehr viel übrig geblieben, um der zurückfliegenden Attacke entgegenzuwirken. Diese Unvorsicht hatte ihm den Garaus gemacht.
    Libelldra sah zu Neko runter, in der Erwartung, sie führe ihren Befehl zu Ende. Da hatte Mizu bereits seine eigene Strategie gesponnen und sagte zu Tanhel: „Risikotackle.“ Das Metallpokémon reagierte sofort, flog wie Traunfugil zuvor auf Nidoqueen zu und stieß mit voller Wucht gegen ihren ihm entgegengehaltenen Megahieb. Während die Waldkönigin wieder mal keinen Schaden davontrug, geriet Tanhel ins Taumeln und fasste sich erst nach mehrmaligem Ausrichten seiner Linse.
    Noch war es nicht besiegt – sowohl Risikotackle als auch Megahieb waren dank seiner Stahlnatur nicht sehr wirkungsvoll –, jedoch war durch den Schlag sein Glasauge gesprungen. Herausgefallen war nichts – die Bruchstücke wurden durch das Magnetfeld, mit dem es sich in Schwebe hielt, beisammen gehalten. Etwas unbeholfen, schließlich sah es nun alles wie durch einen zerbrochenen Spiegel, schwebte es zum Feuer herüber und schmolz in dessen Glut das Glas seines Auges ein. Natürlich würden die Risse auch von selbst mit der Zeit heilen, aber jetzt brauchte es ein gesundes Auge und musste den Bruch so schnell wie möglich schließen; auch wenn es seinen Partnern nicht mehr rechtzeitig zu Hilfe kommen würde.
    Jetzt war es Neko genug. Irgendwie mussten sie zusammenarbeiten, sonst würden sie den Kampf gegen die Bunte nie gewinnen! Also wandte sie sich an Mizu und Bojelin: „Ihr müsst Nidoqueen mit Hydropumpe ausschalten!“ Und an Libelldra: „Beschäftige sie. Sie darf nicht zum Gegenangriff ausholen können.“
    „Verstanden“, bestätigte die Wüstendrachin, während der Lynoer und sein Erstpartner zögerten. Zum einen war es Bojelin, der nicht ein zweites Mal an diesem Tag auf den Befehl eines anderen Menschen eingreifen wollte, und zum anderen würde die Hydropumpe auch Libelldra treffen, wenn sie der Gegnerin so nahe war. Der Geist der Wüste schwang sich in die Luft, flog einen Salto und hielt dann direkt auf Nidoqueen zu. Die Waldkönigin hielt sie mit beiden Händen auf, aber die grüne Drachin konterte schnell, rammte die Füße in den Boden und stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Giftratte.
    Die beiden Titaninnen der Steppe lieferten sich ein Hand-in-Hand-Ringen, das Libelldra zu gewinnen schien: Durch ihre bloße Körperkraft schaffte sie es, die Bunte von der Stelle zu schieben. Diese schien ihre missliche Lage zu erkennen, geriet jedoch nicht in Panik. Im Gegenteil: Der Schimmer eines schadenfreundigen Lächelns huschte über ihr dunkelgrünes Gesicht, und sie öffnete das Maul, worin sich eine orange glühende Energiekugel bildete. Noch bevor Libelldra sich wundern, geschweige denn zur Gegenwehr ansetzen konnte, schoss ihre Kontrahentin einen mächtigen Hyperstrahl ab, der sie über die ganze Lichtung schleuderte. Mit lautem Krachen donnerte sie gegen einen Baum, der daraufhin zum Teil entwurzelte und mehr als die Hälfte seines Laubes verlor. Ein sintflutartiger Regen aus Blättern rieselte flatternd und wirbelnd auf die geschlagene Drachendame herab.
    Rai wurde aufmerksam.
    Schon oft hatte Neko sich gefragt, wie manche Menschen so gelassen bleiben konnten, wenn ihre Partner und insbesondere die Erstpartner von einem anderen Pokémon angegriffen oder gar besiegt wurden, und sich darüber gewundert, wie sie selbst keine Regung zeigte oder sich Sorgen um Libelldras Befinden machte. Meistens – so wie jetzt – kam die Antwort von allein: Es war Vertrauen. Das Band, das Menschen und Pokémon überhaupt zu Partnern machte, stützte sich zum größten Teil auf Vertrauen, so auch darin, dass es Libelldra gut ging – verhältnismäßig, verstand sich. Wenn ein Pokémon in der freien Wildbahn verletzt im Kampf wurde, kam auch nicht immer zufällig eine Chaneira vorbei, um es gesund zu pflegen. Die Wüstendrachin würde das schon überstehen. Außerdem musste die Chimäre Mizu und Bojelin wenigstens moralisch mit ihrer Anwesenheit unterstützen.
    „Magneton, bring mal etwas mehr Licht in die Sache“, mischte Rai sich eben ein, und sein dreikugeliger Partner schwebte über die Kämpfenden und tauchte die Lichtung in ein mondscheinähnliches Licht.
    Was der matte Feuerschein der jungen Nacht nicht hatte entlocken können, waren die zahlreichen Kratzer und Schrammen, die den grünen Panzer der Waldkönigin wie Ornamente zierten. Jedoch waren das keineswegs jene, die sie aus diesem Kampf fortgetragen hatte, erkannte Neko. Diese Schrammen waren die Narben unzähliger Kämpfe zuvor und hoben die Kampflust Nidoqueens hervor, genauso aber auch ihre tadellose Verteidigungstechnik, denn der empfindliche, kaum gepanzerte Bauch war so gut wie unversehrt. Zuvor waren es noch gewöhnliche Bedenken gewesen, aber nun zweifelten fast alle auf der Lichtung, ob sie die richtige Gruppe für diesen Auftrag waren. Aber für einen Rückzug war es nun zu spät.
    Mizu wusste, dass sie Nidoqueens Unbeweglichkeit nach dem Hyperstrahl ausnutzen mussten, bevor sie sich wieder wehren und schlimmstenfalls auch angreifen konnte. Er gab seinem Erstpartner mit einem stummen Nicken das Signal, Hydropumpe einzusetzen. Noch im selben Augenblick rief Rai zusammenhangslos den Namen seiner Schwester, ebenso wie Voltenso, der auf Bojelin zusprang. Gerade holte das Wasserwiesel tief Luft, um sie in seinem Innern zu Wasser umzuwandeln, und wollte die Hydropumpe auf Nidoqueen abschießen, als der Donnerhund ihn mit einer Donnerwelle paralysierte.
    „Blende sie, Magneton!“, befahl Rai seinem Partner eine Lichtkanone, die es auch sofort lud: Die blauen und roten Enden seiner Magnete glühten weiß und violette Funken sprühend auf, bevor es die Pole auf die Bunte richtete und ihr eine Kugel reinen Lichtes direkt ins Gesicht warf. Blind und wütende Schreie ausstoßend wich Nidoqueen zurück und schlug wild um sich, als verteidige sie sich schon im Voraus gegen einen Feind, den sie nicht sehen konnte. Noch im Rückwärtsgehen stolperte sie unvermittelt über etwas Schweres: Magcargo hatte sich stur in sein Steinhaus zurückgezogen und lag der Waldkönigin nun im Weg. Fast wäre er von ihrem Gewicht erdrückt worden, hätte das sich nun wieder einigermaßen ausgeruhte Porygon2 sich seiner nicht erbarmt und es vor dem fallenden Koloss mit einer Konfusion gerettet. Als der grüne Körper aufschlug, wagte die Lavaschnecke einen Blick aus der Steinspirale und flüchtete dann, aus Angst, die Giftratte könnte ihn aus nächster Nähe angreifen.
    Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
    „Ein schöner Rücken kann entzücken“, sagte Rai gelassen. Er sprang auf, rannte mit lautem, sehr grotesk gewähltem Schlachtruf: „Ein schöner Bauch tut es auch!“, der in den Bäumen widerhallte, und erhobener Sense auf Nioqueen zu, stieß die zu absoluter Schärfe geschliffene Klinge in die ungeschützte Brust und schlitzte die Vorderseite entlang des Bauches mit einem sauberen Schnitt auf.

  • [tabmenu][tab=Demotivation]Ich hab in letzter Zeit wenig Motivation gefunden, weiterzuschreiben, weil niemand mehr so wirkliches Interesse an KhW zeigt T-T Deshalb bin ich froh, dass Jingsel trotz schon fortgeschrittener Geschichte eingestiegen ist, vielen Dank, Jings ^^ Trotzdem wäre mein Glück perfekt, wenn sich wenigstens ein Dauerleser finden würde .__. Es ist mir unbegreiflich, warum KhW so wenig Leser hat... Ich mein, es ist ja nicht umsonst im Profibereich, ich plustere mich also nicht auf :< Dahingehend möchte ich noch einmal betonen, dass Leser nicht unbedingt kommiten müssen. Es reicht mir voll und ganz, wenn ihr mir per PN oder Gästebuch mitteilt, dass ihr lest, es muss kein weitschweifiger Kommenttext sein. Ich will einfach nur ganz sicher wissen, dass sich Leute für KhW interessieren, das ist alles ^^
    Das hier ist zwar nur ein eingeschobenes Spezialkapitel, aber danach geht es auch gleich mit der Haupthandlung weiter ~
    Damit, viel Spaß![tab=Kapitel]NidokingSpezialkapitel 6: Mutterliebe


    Dass wir uns in den unendlichen Wäldern überhaupt gefunden haben, grenzt allein schon an ein kleines Wunder. Unsere Art lebt weit versprengt, und auch wenn unsere Reviere groß sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich irgendwo überlappen, sehr gering. Und über die Reviergrenzen hinaus treten wir nicht. Zu einem noch größeren Wunder wird unsere Zusammenkunft eigentlich nur deswegen, weil wir beide besonders sind – während er statt des dunklen Violetts, das Nidoking normalerweise zur Schau tragen, das Blau hat, das Nidoqeen meistens besitzen, bin ich statt dessen dunkelgrün geschuppt. So selten diese farbliche Besonderheit auch sein mag und so wenig wahrscheinlich wir uns haben finden können – wir taten es dennoch.
    Natürlich wussten wir, dass die Beziehung nicht von Dauer sein würde. Anders als manch andere Spezies lebt unsere nur für die Aufzucht der Jungen zusammen – dann geht jeder wieder seiner Wege. Dass wir uns überhaupt einen Partner suchen, dient schließlich nur dem Zweck der Fortpflanzung. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir schon bald nach unserer Zusammenkunft an den Grenzen unserer beider Reviere ein kleines Nest mit drei Eiern unser Eigen nennen durften. Das war im Frühjahr, kurz nach der Schneeschmelze; obwohl es nicht mehr kalt war, hatte sich das Wetter auch noch nicht sehr aufgewärmt. So bemerkten wir die Gefahr, die über unseren Eiern schwebte, erst, als es schon zu spät war.
    Zusätzlich zu unserem unliebsamen Nachbarn musste ich feststellen, dass sich über den Winter ein Teil meines Reviers verändert hatte. Natürlich wusste ich schon seit langem um die Mitbewohner in meinem Gebiet, aber ich hatte mich nie großartig an ihnen gestört. Die Menschen hatten ihre Siedlung, von wo aus sie hin und wieder in den umliegenden Wald auszogen. Nie jedoch kamen wir uns in die Quere, und falls wir einander sahen, herrschte faszinierter Respekt zwischen uns.
    Nun hatten sie sich einen Teil meines Reviers zu Eigen gemacht, Bäume gefällt und den Boden völlig umgegraben. Wann und wie sie das gemacht haben, weiß ich nicht – wenn sie es taten, als ich es aufgrund des Winterschlafes nicht hatte mitbekommen können, wäre der Boden eigentlich zu hart und gefroren gewesen, um das damit zu machen. Statt meiner altbekannten Baumriesen, die dort schon gestanden hatten, als ich vor Jahren eingezogen war, schmückten den sanft abfallenden Hain nun kleinere, jüngere Bäume. Weiße und rosa angehauchte Blüten zierten die zarten Zweige und zeugten von dem, was ihnen nachfolgen würde. Früchte standen durchaus auch auf meiner Speisekarte, aber ich dachte mir, solange der abgeholzte Bereich nicht dafür verantwortlich wurde, dass ich am Rest verhungerte, würde ich sie nicht anrühren. Gewiss hätten es die Menschen nicht anders verdient, hatten sie mir doch einen wichtigen Teil zum Leben genommen, aber ich respektierte auch ihre Bedürfnisse.
    Ich allein hätte mich ernähren können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Aber ich lebte nicht mehr allein, und die Menschen hatten das zweifelhafte Geschick besessen, den Obsthain in der Nähe der Reviergrenzen anzulegen, also unweit unseres Nests. Mochte ich mich an meine menschlichen Mitbewohner gewöhnt haben und in Frieden neben ihnen leben können, war Nidoking darauf nicht ausgerichtet. Er sah in dem Obsthain lediglich eine nahe Nahrungsquelle, bei der einfach die Äpfel vom Baum geholt werden mussten. Noch führten daraus keine Probleme, war es doch noch Frühling und die Früchte dementsprechend noch nicht herangereift. Dafür war es für uns beide nicht einfach, zu zweit genug Nahrung für uns beide zu beschaffen.
    So kam es, dass wir hin und wieder beide unterwegs waren und die Eier dementsprechend allein. Unser wechselwarmer Nachbar offenbarte sich an diesem Tag das erste Mal – wobei sich seine Anwesenheit nur indirekt dadurch zeigte, dass eines unserer Schützlinge fehlte, als ich auf unsere Lichtung zurückkehrte. Ich war so wütend, dass ich den Mörder meines Kindes am liebsten in der Mitte zerrissen hätte. Aber er zeigte sich nicht wieder. Seine Art hat die unliebsame Eigenschaft, nach einer herzhaften Mahlzeit monatelang ohne Nahrung auszukommen. Obwohl ich und auch Nidoking das nicht konnten, wollten wir unsere verbliebenen Eier nie wieder ungeschützt lassen. Daher blieb stets einer von uns beiden beim Nest, um zu verhindern, dass uns auch die anderen beiden genommen werden würden.
    Und um sich nie zu weit von mir zu entfernen, kehrte Nidoking zwecks Nahrungssuche nie in sein Revier zurück. Zu dieser Zeit begannen die Früchte im Obsthain der Menschen zu reifen, und da dieser in erreichbarer Nähe lag, aßen wir häufiger Äpfel und Birnen. Ich warnte ihn davor, den Menschen ihren Besitz zu nehmen, schließlich brauchen sie ihn noch dringender als wir, dessen war ich mir sicher. Aber Nidoking bestand darauf, da es für uns einfacher war, auf diese Weise an Essen ranzukommen. Wenn die Kleinen erst einmal geschlüpft seien, das versicherte er mir, könnten wir uns weiter vom Nest entfernen, notfalls in Begleitung der Kinder, und dann wäre der Obsthain nebensächlich. Doch bis dahin waren es noch ein paar Wochen…
    Bis heute weiß ich nicht, was genau Nidoking dazu gebracht hat, von den besonderen Beeren zu essen, die die Menschen ebenfalls anbauen. Eigentlich liegt es in unserer Natur, schädliche Pflanzen zu erkennen und einen großen Bogen um sie zu schlagen. Eines Tages kam er von seiner Beutejagd zurück, doch unter Äpfeln und Birnen befanden sich winzige, rosafarbene Früchte. Ich erkannte sie sofort und wollte Nidoking dazu bringen, sie fortzuschmeißen, doch er lobte ihren süßen Geschmack und das weiche Fruchtfleisch. Da wusste ich, dass es zu spät war.
    Pirsifbeeren sind Früchte, die vergiftete Pokémon von ihrem Leiden befreien, indem sie das Gift neutralisieren. Giftpokémon hingegen, zu denen unsere Spezies auch gehört, haben in ihrem Blut bereits einen gewissen Anteil an Gift, der nötig ist, damit wir leben können. Trotz der geringen Größe einer Pirsif reicht bereits eine davon, ein Nidoking in gewisser Weise zu vergiften, indem sie ihn entgiftet. Und mein geliebter Nidoking hatte mehr als eine gegessen, wie er mir selbst sagte. Sie waren noch nicht von seinem Körper absorbiert, entfalteten noch nicht ihre tödliche Wirkung. Dennoch war es zu spät, so einfach war das.
    Noch während Nidoking vor meinen Augen zusammenbrach und elend dahinstarb, schwor ich mir Rache an den Menschen, die mir das Liebste genommen hatten. Ich wäre sofort in ihre Siedlung gestürzt, hätte alle Bäume umgerissen und ihre Behausungen in Brand gesteckt. Aber ich tat es nicht, zögerte.
    Nicht nur, dass es Tag war und unser gefräßiger Nachbar jederzeit wieder zuschlagen konnte, hielten mich die Eier auch noch in anderer Hinsicht davon ab, meine mörderischen Pläne in die Tat umzusetzen. Ich war Mutter, oder sollte es zumindest bald werden, und hatte den Schmerz und die Hilflosigkeit empfunden, ein Kind zu verlieren. In der Siedlung gab es auch Kinder, Menschenkinder zwar, aber auch die lieben Kleinen zahlreicher liebender Mütter. Wie kam ich nur auf den Gedanken, meine Wut dahingehend an ihnen auszulassen, indem ich ihnen noch größeres Leid bescherte, als mir widerfahren war? Ganz zu schweigen davon, dass es so viele wären, und nicht nur eine einzige Familie, deren Leben ich dann zerstörte. Ich wollte und würde mich an ihnen rächen, dabei aber niemanden zu körperlichem Schaden kommen lassen. Ich wusste, wenn ich das tat, würde ich mir das nie verzeihen können, auch nicht über den Tod hinaus.
    Ich ging es langsam an, schlug den einen oder anderen Baum im Obsthain nieder, der für die Versuchung meines geliebten Nidoking verantwortlich war. Dabei ließ ich gerade die Pflanzen, die ihn getötet hatten – die Pirsifbäume – aber stehen. Bis zum Schluss meiner Rache aufgespart würde ich sie ganz besonders vernichten, nicht einfach nur aus dem Boden reißen. Aber auch die Menschen sollten nicht ganz verschont bleiben, und als einige Bäume gefällt waren und ich Blut geleckt hatte, widmete ich mich ihren seltsamen Bauten, vertrieb ihr Vieh und legte alles in Schutt und Asche, in dem sich niemand befand und niemand wohnte, damit auch niemand zu ernsthaftem Schaden kam. Dabei griff ich immer nur in der Dämmerung an, dann, wenn mein wechselwarmer Nachbar sich nicht bewegen konnte, um über meine Schützlinge herzufallen.
    Menki sind sehr geschwätzige kleine Fellknäuel, wenn sie durch die Bäume hüpfen und sich in ihrer seltsam schrillen Lautäußerung miteinander unterhalten. Außenstehenden fällt es daher meist schwer, aus den oft willkürlich zu Sätzen zusammengeworfenen Worten zu folgen und einen Sinn darin zu erkennen. Aber wenn man es schon einige Jahre gewöhnt ist, ihren unverständlichen Gesprächen etwas Verständliches abzuringen, wird es mit der Zeit einfacher.
    So erfuhr ich durch die ewig schwatzenden und zwitschernden Menki von den Beauftragten des Dorfes, die von weit her gekommen sein mussten, denn dort, wo sie eigentlich lebten, gab es Gegenden, in denen keine Wälder wuchsen. Den Schweinsaffen war es unbegreiflich, wie jemand von außerhalb des unendlichen Waldes stammen konnte, denn es gab nichts außerhalb der Unendlichkeit. Auch mir war das reichlich suspekt, aber das war mein geringstes Problem. Viel wichtiger war, dass sie gekommen waren, um mich aus meinem Revier zu vertreiben. Zumindest verstand ich das so. Sie wollten mich daran hindern, das Dorf weiter anzugreifen – und wie sollte das schon anders gehen, als mich gleich ganz abzuschieben?
    Aber ich nahm die Herausforderung an, ja provozierte die neuen Menschen und deren Partner nur noch, indem ich das Haus der alten Dame abbrannte. Sie sollten wissen, mit wem sie es zu tun hatten, und ebenso, dass ich nicht weichen würde. Dies war der Ort, an dem ich großgeworden war, und genau hier sollten auch meine Kinder erwachsen werden. Unabhängig davon, ob ihr Vater noch lebte oder nicht – oder besser eben deswegen, weil die Menschen des Dorfes daran schuld waren, dass Nidoking gestorben war. Gewiss, es würde nicht leicht werden; Partnerpokémon sind meistens viel stärker als solche, die noch keine Verbindung mit einem Menschen eingegangen sind. Aber ich bin ja auch kein normales wildes Pokémon und von Natur aus stärker als meine Artgenossen. Ich würde mit diesen angeblichen Rettern des Dorfes den Kampf aufnehmen, um meinetwillen, dem meiner Kinder und meines geliebten Nidoking…


    Nun liege ich hier, den Bauch und Brust aufgeschlitzt, ohne die Hoffnung, dass mein Leben noch gerettet werden könnte. Ich ertrage viele Verletzungen, habe schon so manche schreckliche Krankheit überstanden, die andere Nidoqueen ohne viel Federlesen getötet hätte. Aber dieser grauenvolle Wunde waren meine ungewöhnlichen Fähigkeiten als Bunte nicht gewachsen. So wie ich diesen Menschen und ihren Partnern nicht gewachsen war. Die Pokémon hätte ich vielleicht noch ausschalten können, auch wenn manche von ihnen selbst mich beeindruckt haben. Doch mit dieser hinterlistigen Attacke mit der tödlich scharfen Waffe des einen Menschen haben anscheinend nicht einmal seine Gefährten gerechnet.
    Blut sprudelt aus der Wunde und nimmt immer mehr Leben mit sich. Bald schlägt mein Herz nur noch sehr schwach, weil nicht mehr so viel Flüssigkeit in mir ist, als dass es sich lohnt, fest zu pumpen. Meine Gedanken kreisen noch um meine ungeschlüpften Kinder, von denen ich nie erfahren werde, ob sie genauso besonders sind wie ihre Eltern, geschweige denn, welches Geschlecht sie bekommen werden. Und da, so nahe am Tod, dass ich schon den Geschmack der ewigen Schwärze auf der Zunge habe, spüre ich alles um mich herum so überdeutlich, wie es nur in diesem besonderen Moment der Fall sein kann.
    So auch Dinge, die dem Auge im Normalfall verborgen sind…
    Einer der Menschen hat Macht – und zwar eine Art von Macht, wie sie nur die wenigsten haben, wie sie nur noch weniger von ihnen je entdecken. Die Verbindung zu seinem Partner ist ebenfalls keine gewöhnliche; darin zieht sich noch ein Faden, der diese Fähigkeit noch unterstreicht. Ich fixiere das Pokémon, versuche, ihm meine Gedanken zuzusenden:
    Das Bild der Lichtung, wie sie für mich das letzte Mal ausgesehen hat, als ich sie zu Beginn dieser Nacht verlassen habe.
    Der eindringliche Wunsch, die beiden kostbaren Juwelen, die auf ihr verborgen sind, zu beschützen.
    Die intensiven Gefühle, die ich für sie empfinde, und die an diesem Ort immer wieder in mein Herz Einzug finden.
    Ich weiß nicht, ob es so funktioniert hat, wie ich es mir vorstelle, wie ich es ingrimmig hoffe. Mit dem nicht sehr beruhigenden Gedanken, alles getan zu haben, was in meiner Macht steht, um den geliebten Rest meiner Familie zu retten, gleite ich nun in die Schwärze hinein, die mich mit all ihren Sinnesempfindungen heimsucht und schließlich verschlingt.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Vorwort] Endlich geht’s weiter. Dieses Kapitel ist verdammt wichtig, da das Ende einen direkten Bezug zum wichtigsten Geheimnis KhW?s hat, das später noch aufkommen wird.
    In diesem Kapitel kommen zwei Bezeichnungen für das Steppenvolk vor, einmal Eloer und einmal Eloi. Das liegt daran, dass das ganze Volk als Eloi bezeichnet wird, eine Gruppe einzelner Mitglieder dieses Volkes aber Eloer. Nicht, dass jemand denkt ich komme mit meinen eigenen Bezeichnungen nicht zurecht o0[tab=Lies]ArbokKapitel 22: Kindersegen


    Eine Weile herrschte Grabesstille auf der nächtlichen Lichtung. Der Todeskampf der gefallenen Waldkönigin hielt nur wenige Minuten an, die sich zur Unendlichkeit zu dehnen schienen. Von Qualen und Hilflosigkeit gepeinigt wand sich Nidoqueen in ihrem eigenen Blut, das sich als dunkle Lache unter ihr zwischen den Grashalmen ausbreitete. Unfähig, aufgrund der zweigeteilten Brust auch nur einen Schmerzensschrei auszustoßen, entwich ihr dieser als übelkeiterregendes Gurgeln. Ihr umherpeitschender Schweif schlug Mulden in den Boden, doch man konnte regelrecht beobachten, wie er immer schwächer und schlaffer wurde, bis er schließlich gänzlich liegenblieb. Nidoqueens ganzer Körper sackte nun zusammen, verlor mit einem Mal die würdevolle Stärke, die ihr als Waldkönigin innegewesen war. Ihr verzweifelter Blick richtete sich ins Nichts und verlor schließlich den Glanz, der sie als Lebewesen ausgezeichnet hatte.
    Neko starrte entsetzt und wie vom Anblick der gemordeten Giftratte gefesselt auf Rais letztendlich hilfloses Opfer. Fast fühlte sie sich, als habe seine Sense sie und nicht Nidoqueen aufgeschlitzt, und auch ihr Herz setzte vor Schreck mehrere Schläge aus. Endlich bemerkte die Chimäre, dass sie sogar vergessen hatte zu atmen, und nahm auch diesen Dienst an ihren Körper wieder auf. Ihre Hände fühlten sich klamm an, und ihre Beine schienen hohl zu sein. Wäre sie von dem Baumstamm aufgestanden, hätte sie sich nicht lange auf ihnen halten können.
    „Warum hast du das getan?“ Nach unendlicher Stille schien Tetsus Bassstimme regelrecht durch die Nacht zu donnern. Er war ein erfahrener Krieger, der schon so manches erlebt hatte, das anderen schlicht den Verstand geraubt hätte. Aber Neko hörte aus seinem Tonfall heraus, dass dieser Akt blutiger Gewalt sogar ihm den Atem verschlug. Sie alle waren entsetzt über Rais Tat – bis auf ihn selbst und Raika.
    „Gib mir Fünf, Schwesterherz“, sagte er lässig, als Raika neben ihn trat, und die beiden schlugen einträchtig ein. Erst danach wandte der Sensenmann sich seinem Gruppenanführer zu und ging auf dessen Frage ein: „Die Sache war ganz einfach“, behauptete er und kramte unbeteiligt ein Tuch aus seiner Hosentasche, um damit das Blatt seiner Waffe von dem dunklen Giftblut zu reinigen. „Wenn ich sie nicht getötet hätte, hätten wir ihrem Wüten niemals Einhalt gebieten können. Oder welchen anderen Ausweg habt ihr euch ausgedacht, du und Hito?“, stellte er eine sehr berechtigte Frage an Tetsu.
    Der Gotela rang sichtbar nach Worten, bemühte sich aber, das nicht durch seine Haltung zu verraten. „Wir hätten sie in einen anderen Teil des Waldes deportieren können, das war der Plan“, konterte die Maschock-Chimäre schließlich grimmig.
    Doch das schien Rai nicht zu beeindrucken: „Vermutlich in das Revier einer anderen Nidoqueen, wo sie ohnehin nicht erwünscht gewesen wäre. Oder in die Nähe eines anderen Dorfes, wo es nur weitergegangen wäre mit den Problemen. Sie zu töten, war die einzige Möglichkeit, dem allen hier ein Ende zu bereiten.“ Der Tiro hatte die Sensenklinge nun ausreichend gesäubert und betrachtete skeptisch das rot durchtränkte Putztuch. Mit einem Achselzucken knüllte er es zusammen und warf es in den nächsten Busch. So gelassen, als hätte er soeben kein Lebenslicht auf ewig ausgelöscht, kam er zum Feuer zurück und setzte sich an seinen vorigen Platz auf einem der Baumstämme. Neko lief es eiskalt den Rücken runter, als der Flammenschein bedrohlich auf der blanken Klinge aufblitzte und Rais zitronengelbes Haar zu unheimlichem Leben erweckte. Seine Zwillingsschwester folgte ihm und setzte sich ebenfalls.
    „Davon abgesehen“, fuhr Tetsu fort und klang nun sehr geschäftlich, „war die Aufgabe, dass ihr als Gruppe nur dann zum Kampf antretet, wenn die vorherige besiegt ist.“ Als ihr Gruppenanführer war es ihm natürlich daran gelegen, dass sie seinen Befehlen Folge leisteten.
    „Nein, das waren nicht deine Worte“, widersprach Raika bestimmt. „Genau genommen hast du gesagt, dass wenn die Pokémon einer Gruppe kampfunfähig sind, die nächste dran ist. Nun, Traunfugil hat sich ja bereits selbst meisterlich ausgeschaltet.“ Hierbei warf sie einen abschätzigen Blick auf den Nebelgeist, der sich niedergeschlagen neben dem Feuer ins Gras gelegt hatte. Seiner Menschenpartnerin gefiel diese Bemerkung gar nicht, aber Neko blieb stumm. „Tanhel konnte nichts mehr sehen. Und Libelldra wurde besiegt.“
    „Ich war noch kampffähig“, warf Bojelin ein, der sich mittlerweile von der Paralyse erholt hatte.
    „Genau, bis Voltenso dich gelähmt hat.“ Raika wischte den Einwand des Wasserwiesels mit einer beiläufigen Geste beiseite. „Es war nie die Rede davon, wie oder wodurch die Pokémon kampfunfähig werden. Magcargo zum Beispiel hat sich aus Besiegtwerden nichts gemacht, sondern gleich kapituliert.“
    Dieser Einwand, das musste sich Neko schmerzlich gestehen, hatte durchaus seine Richtigkeit. Rai und Raika hatten mit ihren Handlungen und denen ihrer Pokémon nicht gegen die Regeln verstoßen, die Tetsu ihnen für den Kampf gegen Nidoqueen gegeben hatte. Doch selbst wenn, ein solch banaler Verstoß wäre ohnehin nichtig angesichts dessen, was Rai getan hatte. Obwohl ihr Gruppenanführer vorerst zu diesem Thema zu schweigen zu gedenken schien, war Neko davon überzeugt, dass diese Tat für den Tiro gewiss noch Konsequenzen haben würde. Wenn nicht später im Dorf, dann doch bestimmt, wenn sie wieder im Hauptquartier waren.
    Nekos Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als sie das charakteristische sirrende Brummen vernahm, das Tanhels Linse von sich gab, wenn es sie ausrichtete. Das Metallpokémon schwebte vor seinem Menschenpartner und stieß dabei immer wieder wie auffordernd dieses Geräusch aus.
    „Es will, dass du seine Linse berührst“, erklärte Bojelin, doch Mizu schien das bereits selbst erkannt zu haben. „Keine Sorge“, sagte das Wasserwiesel, als habe es die Bedenken des Lynoers verstanden, „ich hab es schon mit Wasser abgekühlt.“
    Mizu sah nun wieder Tanhel an, das leise brummend vor ihm im Schwebflug innehielt, damit er die Vision empfangen konnte, für die es als Mittler diente. Sein Menschenpartner hob nur zögernd die Hand, als erwarte er etwas, das ihm Unbehagen bereiten würde, überwand sich dann aber doch, das Glasauge zu berühren. Fast augenblicklich zuckte seine Hand wieder zurück und an seinen Kopf, und Mizu krümmte sich vor Schmerzen. Neko war fast sofort bei ihm, mehr reflexartig, als dass sie darüber nachdachte. Doch als sie bei ihm stand, fragte sie sich, was sie schon tun konnte. Sie wusste ja noch nicht einmal, was genau ihm fehlte. Eine solch heftige Reaktion hatte sich bei ihm noch auf keine seiner Visionen gezeigt, und die Chimäre war immerhin bei ein paar davon dabei gewesen.
    Endlich schienen die Schmerzen nachzulassen, denn Mizu hörte zu ächzen auf und saß still. Unsicher, was sie tun konnte, um ihm zu helfen, legte Neko eine Hand auf seinen gebeugten Rücken und hoffte, ihm dadurch irgendwie beistehen zu können. Die anderen Mitglieder aus Tetsus Gruppe, die noch nichts von Mizus Seherfähigkeit wissen konnten, warfen einander fragende Blicke zu, und Tetsu sprach schließlich aus, was die anderen dachten: „Ist alles in Ordnung mit dir, Mizu? Was war los?“
    Unter Nekos Hand bewegte sich der Lynoer nun und richtete sich wieder auf. Die Eloa trat einen zögernden Schritt zurück, beschloss aber, nicht wegzugehen, sondern sich neben Mizu zu setzen. Sein Blick war ungerichtet, auch wenn er ins Feuer starrte, und der gelbliche Schimmer kontrastierte unheilvoll mit seinen tiefblauen Augen.
    „Was… was hast du gesehen?“, fragte Neko vorsichtig und ignorierte die stumme Ratlosigkeit, die ihre Gruppenmitglieder wie ein Netz umspannte. Die Angelegenheit zu erklären wäre auch noch später Zeit.
    „Den Wald“, antwortete Mizu wie mechanisch; Neko hatte das ungute Gefühl, dass er im Moment nicht wirklich mit ihnen am Lagerfeuer saß. Das, was er nun sagte, drang vielleicht aus ganz anderen Dimensionen zu ihnen und war keine bewusste Antwort auf ihre Frage. „Eine kleine Lichtung. Felsen, Wasser… Liebe und Gefahr.“ Der Dunkelblauhaarige kniff die Augen zusammen und presste die Handballen darauf. Als er die Augen wieder öffnete, schien seine Konzentration aus der Vision zurückgekehrt zu sein. Er blickte die Menschen und Pokémon im Feuerschein an, als habe er vergessen, dass sie da waren.
    „Was genau war das gerade?“, ließ Kasai lauthals vernehmen, und Camaub gab ein zustimmendes „Puuh“ von sich.
    „Ich glaube, Seijin hat etwas Ähnliches mir gegenüber erwähnt.“ Tetsus Tonfall klang nachdenklich. „Ich habe dem noch keine große Bedeutung beigemessen. Er sagte etwas davon, dass Mizu in die Zukunft sehen kann, wenn er Tanhels Auge berührt.“
    „Nein“, widersprach der fragliche Lynoer und rieb sich die Schläfe. „Nicht unbedingt die Zukunft. Das war etwas anderes. Mehr aus der Vergangenheit.“
    „Könntest du vielleicht die Erinnerungen von jemandem gesehen haben?“, vermutete Neko und sah zu Tanhel hoch. Das Metallpokémon und die wundersame Fähigkeit, die Mizu durch es erhielt, überraschten sie immer wieder aufs Neue. Mizus Partnerpokémon summte und schwebte zu Nidoqueen rüber. Der flackernde Feuerschein enthüllte glücklicherweise keine Details ihrer tödlichen Wunde, aber Tanhels Zeichen war eindeutig.
    Mizus Blick war ihm gefolgt, und er riss plötzlich die Augen auf, als habe er verstanden. „Da muss etwas auf dieser Lichtung sein, das Nidoqueen geliebt hat“, schlussfolgerte er. „Ich glaube, ich habe zwei Eier gesehen…“
    „Klasse Sache“, warf Rai dazwischen und ließ sich rückwärts vom Stamm fallen, um sich ins Gras zu legen. „Im Hügelland gibt es die besten Omelettrezepte aller Sieben Länder. Das wäre doch mal ein Frühstück!“, tönte es aus den Schatten hinter der hölzernen Sitzgelegenheit.
    „Ich glaube nicht, dass die Eier eines Giftpokémon besonders gesund sind“, bemerkte Akari.
    „Genau das gibt doch den Kick: Du weißt nicht, ob du den nächsten Bissen überlebst“, scherzte Rai, aber Neko hatte irgendwie das Gefühl, dass er es schmerzhaft ernst meinte.
    Neko zuckte zusammen, als Momoko plötzlich mit ungewohnter Leidenschaft ausrief: „Du Dreckskerl! Zuerst bringst du ihre Mutter um, und dann denkst du auch noch daran, unschuldige, ungeborene, hilflose Wesen für ein lebensmüdes Spielchen zu essen!“ Die Dyrierin sprang auf, weswegen Traunfugil so sehr erschreckte, dass er wortwörtlich im Boden versank.
    Rai stützte sich auf die Ellenbogen und sah überrascht zu ihr herüber. „Ohne Mutter können die doch sowieso nicht überleben“, konterte er, aber er schien zu wissen, dass dieser Einwand nichts nutzte.
    Gerade wollte Momoko zu einer Gegenantwort ansetzen, als Tetsu sie mit strengen Worten zurückhielt: „Wir sind jetzt alle ein bisschen angespannt wegen der Nacht heute. Lassen wir es gut sein, verstanden?“
    „Verstanden“, murmelte die Grünhaarige ergeben und ließ sich wieder auf den Stamm nieder.
    „Nidoqueen will nicht, dass sie sterben“, dokumentierte Mizu seine Vision weiter. „Sie will, dass sich jemand um sie kümmert.“
    „Kann jeder sagen“, murrte Rai, ignorierte den tadelnden Blick, den ihm sein Vorgesetzter zuwarf, und ließ sich wieder ins Gras nieder.
    Auch wenn Neko das genauso sah und sie nicht nachweisen konnten, ob Mizu hinsichtlich Nidoqueens Wunschs die Wahrheit sagte, glaubte sie doch, dass er sich das nicht einfach ausdenken würde. So ehrlich war er dann doch. „Wahrscheinlich muss jemand mitkommen, um dir beim Tragen zu helfen“, wandte die Mauzi-Chimäre ein. Die Eier aus der Nidofamilie waren recht groß und durch ihre Form sowieso schwer zu handhaben. Eins allein konnte man da noch tragen, aber bei zweien gleichzeitig kamen schon Schwierigkeiten auf.
    „Auf jeden Fall sollte nicht Rai mit“, sagte Momoko leise und warf dem Tiro – oder eher seinen Beinen, die noch auf dem Stamm zu sehen waren – einen giftigen Blick zu.
    Mizu sprach unbeirrt weiter, obwohl Neko ein gewisses Zögern in seinen Worten herauszuhören glaubte: „In der Vision hieß es, Neko soll mich begleiten.“ Die Chimäre hatte unwillkürlich das Gefühl, dass diese Aussage nun doch eine Lüge war. Wenn es wirklich eine Erinnerung, ein letzter Wunsch Nidoqueens gewesen war, dann konnte es dieser eigentlich egal sein, von wem oder wie ihre Eier aus der Einsamkeit und Hilflosigkeit gerettet wurden. Nach den jüngsten Ereignissen war sich Neko sicher, dass Mizu bewusst darauf anzielte, diese Aufgabe mit ihr zu bewältigen. Sie waren Freunde seit der ersten Minute, aber seitdem sie im Hauptquartier tätig waren, war diese Freundschaft etwas in den Hintergrund gerückt. Neko blickte verstohlen zu Shinzu hinüber, der, die Arme auf die Knie gestützt, unbeteiligt ins Feuer starrte. Sie konnte fast körperlich spüren, dass ihm die Ankündigung des Lynoers alles andere als gefiel.
    „Dann sollten wir lieber gehen“, meinte Neko und stand auf. Je schneller sie die Lichtung erreichten und bei den Eiern waren, umso besser war es für die ungeborenen Wesen in ihnen. Die Nacht war kalt, und jemand musste dafür sorgen, dass sie nicht unterkühlten. Die Eloa trat zu ihrem geisterhaften Partner, der mittlerweile wieder aus der Erde aufgetaucht war. „Möchtest du uns vielleicht begleiten? Wir brauchen Licht.“ Traunfugil blickte sie aus großen Augen an, die er aber fast sofort auf Raika richtete. Anscheinend hatte deren vorige Bemerkung Zweifel in ihm geweckt, ob er kompetent genug für ihre Gruppe war, aber eben deswegen wollte Neko, dass er sie begleitete. Er sollte sehen, dass er ihnen im dunklen Wald mit seinen Irrflammen durchaus eine Hilfe sein konnte.
    „Wartet mal“, warf Libelldra ein und hielt Neko mit der dreigeschuppten Schwanzspitze auf. „Wie wollt ihr hier irgendeine Lichtung denn finden? Der Wald ist riesig, und Nidoqueen kann von überall her gekommen sein.“
    „Ich weiß, in welche Richtung wir müssen.“ Mizu, wenn noch etwas wacklig auf den Beinen, war nun ebenfalls aufgestanden. „Wenn Tanhel dabei ist, dürfte ich sie eigentlich finden.“
    „Wenn ihr euch verlauft, bist du also dafür verantwortlich“, wandte Shinzu unvermittelt ein, und sein harter Ton ließ eine gewisse Drohung nicht überhören. Er hatte nicht vom Feuer aufgesehen, als kümmere ihn die ganze Sache nicht, aber Neko wusste, dass dem nicht so war. Sie hatten sich beinahe geküsst, da war ihm ihr Verbleib gewiss nicht gleichgültig. Aber andererseits wollte sie nicht herausfinden, was er zu tun bereit war, falls sie und der Lynoer doch die Orientierung verlieren sollten.
    Fast erwartete Neko, dass Mizu eine Gegenbemerkung liefern würde bezüglich Shinzus Einwand – immerhin wäre der Naminer selbst beinahe dafür verantwortlich gewesen, dass sie sich im Wald verlaufen hätte. Eigentlich war er der letzte, der das Recht hatte, in dieser Hinsicht Einspruch zu erheben, aber Mizu ging nicht darauf ein. Zum einen schien er immer noch zu konfus aufgrund der heftigen Reaktion seines Körpers auf die Vision. Zum anderen war es nicht seine Art, hitzige Wortgefechte zu führen. Nein, er schlägt lieber zu, dachte Neko leicht enttäuscht und erinnerte sich Shinzus aufgeplatzter Lippe. Sie wollte lieber nicht wissen, wie gefährlich Mizu sein konnte, wenn er sich des Schwertes statt der Faust bediente.
    „Nenene!“ Traunfugils Rufen erinnerte sie daran, dass sie aufbrechen sollten. Die Chimäre folgte Mizu eilig zum Rand der Lichtung, wo sich der Dunkelblauhaarige bereits auf den Weg gemacht hatte. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er die Schwertscheide am Gürtel trug, obwohl Tetsu ihnen eigentlich verboten hatte, Waffen mitzunehmen, als sie aufgebrochen waren, die Waldkönigin zum Kampf zu stellen. Anders als Rai hatte er die seine heimlich mitgeschmuggelt, vermutlich immer noch darauf aus, Neko vor der Gefahr zu beschützen, die er in einer Vision vor ihrer Abreise im Hauptquartier gesehen hatte. Doch sie fragte sich, warum er sie dann zu den Eiern mitkommen ließ, immerhin hatte er in der Erinnerung von Nidoqueen auch Gefahr gesehen. Wie wollte er sie vor etwas bewahren, dem er sie nun doch entgegenführte?
    Neko kam die jetzige Situation schmerzlich bekannt vor, denn das letzte Mal, da sie jemandem allein durch den Großen Wald gefolgt war, hatte in einem Beinahekuss geendet. Sie gestattete es sich nicht, sich schon wieder solchen Gedanken zuzuwenden, und beobachtete stattdessen Traunfugil. Ihr geisterhafter Partner hatte sich von seiner Depression schon weitgehend erholt und fand allmählich zu seiner gewohnt heiteren Art zurück. Im größten der roten Juwelen um seinen Hals glimmte ein winziger, violetter Funken, mit dem der Nebelgeist die Irrlichter kontrollierte, die um sie herum schwebten. Die violettgrauen Flammen würden, als normale Attacke eingesetzt, ohne Ziel im Wald umherirren, wie es ihr Name schon signalisierte. So aber hielten sie sich zwar in wenigen Metern Abstand, aber nie zu fern, um ihnen nicht als Lichtquelle zu dienen.
    Irgendwie wünschte sich Neko, Mizu möge sich umdrehen und einfach mit ihr reden. Über das, was geschehen war, und was das für sie bedeutete, für die Beziehung zwischen ihnen. Aber sie ahnte, dass die Vision, die der Lynoer von den letzten Gedanken Nidoqueens erhalten hatte, nur flüchtig war; deswegen hatte er auch Tanhel mitgenommen. Es war die letzte Verbindung zu dem, was er, was die Waldkönigin gesehen und gefühlt hatte, und ohne es würde diese einfach reißen. Vielleicht kannte er den Weg nicht wirklich, sondern wusste nur aus der Erinnerung, wo er hingehen musste, und sobald er sich ein einziges Mal von dem Weg abwandte, würde diese Erinnerung, da sie nicht die seine war, für immer verfliegen. Dann wären die Erben der Königin verloren.
    Kurz bevor Neko so weit war, dass sie es vor Ungeduld nicht mehr aushielt, lichtete sich der Wald, und sie traten auf die Lichtung, die Mizu in seiner Vision gesehen hatte. Der baumfreie Flecken Wald bestand wie gewohnt aus einer größeren Fläche Gras. Der Platz wurde durchteilt von einem schmalen Bächlein, das sich nach wenigen Metern im Wald im Boden verlief. Es entsprang einem Felsen, der wie ein steinerner Koloss aus der Dunkelheit aufragte und sich schwarz auf dem sternengesprenkelten Himmel abhob und wahrscheinlich größer wirkte, als er tatsächlich war. Lumineszierendes Moos glühte mit den Gestirnen um die Wette und markierte die Konturen des Felsens mit seinem unscharfen Schimmer. Der violette Schein der Irrlichter tanzte darüber und nahm dem pflanzlichen Licht etwas von seiner Intensität.
    „Hier irgendwo sind die Eier“, informierte Mizu und begann augenblicklich, den Felsen zu umrunden und nach dem Nest der Giftratte zu suchen. Auch Neko nahm sich dieser Aufgabe an und ging in die andere Richtung. Traunfugil folgte ihr treuherzig, auch wenn der Lynoer das Licht genauso nötig hatte, fühlte sich seiner Menschenpartnerin aber natürlicherweise mehr verpflichtet als ihm.
    Nach ein paar Minuten der Suche entdeckte sie im Licht des Irrlichts hinter einem Büschel Gras ein Menge Stroh, das sich zu einem symmetrischen Haufen auftürmte. Nur ein fühlendes Wesen konnte eine solche Perfektion in eine Form legen, weswegen Neko sich sicher war, dass dieses Gebilde unmöglich dem Zufall der Natur entsprungen sein konnte. Sie beugte sich rüber und fing an, die goldenen Grashalme vorsichtig zu entfernen und darin nach den Nidoeiern zu suchen. Ihre Hand streifte etwas Hartes, Warmes, das ihre Augen vor lauter Stroh noch nicht erblickt hatten. Erleichtert, die Eier noch vor ihrem Kaltwerden gefunden zu haben, legte sie sie nun etwas euphorischer frei und hatte bald die obere Hälfte des einen ans Sternenlicht gebracht.
    „Mizu, ich habe sie gefunden!“, rief sie über die Lichtung und grub nun nach dem zweiten Ei.
    Plötzlich ertönte neben ihr ein Zischen, als würde Wasser auf heißes Eisen geträufelt. Mit einem Mal sicher, mit Traunfugil nicht mehr allein auf dieser Seite des Felsens zu sein, erstarrte die Chimäre instinktiv. Da war etwas, wie ein Loch in dem Gefüge der friedlichen Ruhe, das die Lichtung erfüllte. Neko fühlte sich beobachtet von einer dunklen Präsenz, einem kalten, grausamen Bewusstsein, das nur darauf aus war, zu töten, um nicht selbst zu sterben. Wie in Zeitlupe drehte Neko den Kopf in die Richtung, aus der das bedrohliche Zischen gekommen war.
    Nur den Bruchteil einer Sekunde, nachdem sie die blitzenden Augen zwischen dem hohen Gras erkannt hatte, schossen diese auch schon daraus hervor. Aus den Augen wurde ein Gesicht, dem ein flacher Kopf und ein breiter Kragen folgten, den eine monsterhafte Fratze zierte. Das albtraumhafte Wesen riss das Maul auf und entblößte spitze Zähne, allen voran die markanten, fingerlangen Fänge, die zu pulsieren schienen vor Gift. Wäre es nicht Nacht und daher zu kalt für das wechselwarme Raubtier, um seine volle Gewandtheit zu entfalten, wäre Neko schon nach dem ersten Zischen tot gewesen. So bewegte sich das Monster nur mit einem kleinen Teil seiner eigentlichen Schnelligkeit, war aber trotzdem zu flink für die geschockte Chimäre. Es stürzte sich auf sie und holte aus, um ihr seine grausigen Giftzähne in den Hals zu stoßen. Sie fiel rücklings auf den Boden und blickte ihrem Tod entgegen.
    Im gleichen Augenblick, in dem Neko gewahr wurde, dass es zu Ende mit ihr war, blitzte etwas Metallenes in der Dunkelheit auf, reflektierte Sternenlicht, Moosschimmer und Irrfeuerschein und fraß sich unter den Kopfansatz des Giftwesens.
    Der Kopf des Arbok flog in hohem Bogen davon, und sein giftiges Blut spritzte in alle Richtungen. Endlich fand Neko ihre Beweglichkeit wieder, drehte sich um und robbte davon, bevor sie ein Tropfen der ätzenden Flüssigkeit berühren konnte. Dort, wo es stattdessen aufkam, fing das Gras zu schäumen und zu sterben an, und um den entköpften Rumpf der violetten Schlange, der sich noch wand und zuckte, stieg Dampf auf. Der abgetrennte Kopf lag im Schatten und so gedreht, dass Neko die Schnittstelle nicht sehen konnte. Dafür erkannte sie nur zu gut, wie sich die elastischen Unterkiefer im Tod vom restlichen Schädel gelöst hatten, und das sich im Maul befindliche Ende der Luftröhre gähnte ihr starrend entgegen.
    „Neko, bist du verletzt?“, hörte sie eine Stimme neben sich sagen. Als sie mit schwerem Kopf hinaufsah, erkannte sie Mizu, das noch immer blutige Kurzschwert in der Rechten, wie ein Krieger der Nacht, geboren aus Sternenlicht und dem Wunsch nach Schutz. Irgendwie musste er mitbekommen haben, wie sich Arbok auf sie gestürzt hatte, und war blitzschnell dagewesen, um die violette Kobra daran zu hindern. Hätte er nicht gegen Tetsus Verbot verstoßen, Waffen mitzunehmen, dann wäre Neko jetzt tot.
    Von der Attacke der Giftschlange so geschockt, dass sie nicht reden konnte, schüttelte die Chimäre stattdessen langsam den Kopf. Ihr Atem ging stoßweise, und ihr Herz schlug so schnell und wild gegen ihre Brust, dass sie fürchtete, einen Herzinfarkt erleiden zu können. Traunfugil kam vorsichtig näher und heulte sie leise an, als wolle er sich entschuldigen, ihr nicht geholfen zu haben. Anscheinend war er selbst vom Schreck viel zu paralysiert gewesen, außerdem hatte er sich vom Kampf gegen Nidoqueen – beziehungsweise von seiner eigenen Attacke – noch nicht ganz erholt. Neko brachte Verständnis dafür auf.
    Mizu gönnte ihr die Zeit, wieder zur Ruhe zu kommen, und wischte die Klinge seiner Waffe am Gras ab, bevor er die letzten Reste der gefährlichen Flüssigkeit im Bach vom Wasser abspülen ließ. Danach schob er es in die Schwertscheide zurück und kam wieder zu ihr. „Kannst du aufstehen?“, fragte er und ohne auf eine Antwort zu warten, hielt er ihr die Hand hin. Neko nahm die Hilfe dankbar an und ließ sich aufhelfen. Auch wenn sie halbwegs sicher auf ihren noch wackligen Beinen stehen konnte, glaubte sie kaum, aus eigener Kraft aufstehen zu können.
    Der Lynoer hatte schon begonnen, das restliche Stroh zu entfernen, und bald lagen zwei säuglingsgroße Ellipsoiden vor ihnen zwischen knisterndem Gold. Hätte Neko es nicht besser gewusst, hätte sie die Eier für gefleckte Steine gehalten, die ein sehr fähiger Künstler so rund geschliffen hatte. Wären die feinen Poren nicht gewesen, die die Wesen unter der Schale schon jetzt mit der Außenwelt verbanden und im diffusen Licht kaum zu sehen waren, hätte man die Oberfläche für glattpolierten Stein halten können. Außerdem sprach die lebendige Wärme, die man spüren konnte, wenn man die Hand auflegte, für sich.
    „Wenn jeder eins davon trägt, können wir beide mitnehmen“, schlug Neko vor und machte sich daran, eines der Eier aus seinem Nest zu nehmen. Durch sein massives steinernes Aussehen wirkte es schwerer, als es tatsächlich war, war aber immer noch gewichtig genug, dass die Chimäre sich unter Anstrengung dagegen stemmen musste. Als sie es fest an sich presste, war es schon leichter zu tragen, wie ein Baby, das man an die Brust nimmt. Auch wenn ihr der Vergleich nicht gefiel – immerhin handelte es sich hier zwar um ein lebendes Wesen, aber doch nicht um einen Menschen – kam er dem Gefühl der Wärme, das ihren Bauch durchströmte, doch am nächsten.
    „Lass uns zurückgehen.“ Auch Mizu hatte nun das andere Ei aus dem Nest genommen und machte sich bereits langsam auf den Weg zurück. Neko folgte ihm nur zu bereitwillig, nicht gerade erpicht darauf, noch länger an diesem Ort zu verweilen, an dem Leben und Tod so eng miteinander einhergingen.
    Der Weg dauerte aufgrund ihrer Last alles in allem länger als zuvor, kam der Chimäre aber viel kürzer vor, weil sie nun keine Ungeduld mehr empfand. Sie hatten die Eier schließlich schon geholt, und es gab nichts, weswegen sie Vorfreude empfinden könnte. Außer vielleicht dem Gästehaus und den Tatamimatten, die auf sie im Dorf warteten. Nach dieser anstrengenden Nacht, bestehend aus dem Kampf gegen Nidoqueen, dem Entsetzen über ihren plötzlichen Tod, alles gekrönt von der Todesangst, die sie im Angesicht mit Arbok empfunden hatte – da sehnte sie sich nur noch nach erholsamem Schlaf. Obwohl sie mit den Nerven am Ende war, erfüllte sie die Lebenswärme des Eis mit Ruhe, und sie war zuversichtlich, es noch bis zum Gästehaus auszuhalten, ohne durchzudrehen.
    Als sie und Mizu auf die Lichtung, auf der ihre Gruppe kampierte, zurückkamen, waren diese schon dabei, aufzubrechen. Auch der Morgen zeigte sich schon mit silbernem Schimmer über den östlichen Baumwipfeln. Als sie im Dorf ankamen, dämmerte es bereits, aber sie waren alle, insbesondere die Pokémon, so ermüdet, dass sie ohne viel Federlesen das Gästehaus aufsuchten, um sich zur Ruhe zu legen. Auch wenn sie nicht wusste, wie Mizu das Nidoei handhabte, das er mitgenommen hatte, wickelte Neko das ihre in eine der Decken und legte es zum Warmhalten neben sich.


    Der Spion in den Reihen der kleinen Rebellengruppe ließ die Ruhe und Dunkelheit des anbrechenden Morgens in sich einströmen. Was er jetzt zu tun gedachte, hatte er eigentlich schon für die Nacht geplant, aber die überstürzte Jagd nach Nidoqueen hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. So kam er erst jetzt dazu, die Traumwelt, jene geheimnisvolle Unterdimension der Realität, zu betreten. Während er sich auf eine gleichmäßige Atmung konzentrierte und seinen Herzschlag verlangsamte, glitt er ganz sacht in den nötigen Zustand.
    Um geistig in die Traumwelt zu gelangen, musste ein Punkt zwischen Schlafen, Wachen und Träumen gefunden werden. Diesen zu erreichen, war für jene Menschen, die sich eines Kristalls bedienten, wie auch er einen hatte, durch Meditation kein Problem. Angeblich sollte es auch für Normalsterbliche möglich sein, doch wenn es geschah, dann nur aus Zufall, und außerdem hielt es nicht länger als nur wenige Sekunden an, da der Bewusstseinszustand, der die Tore zur Traumwelt öffnete, schnell überschritten war.
    Die gewöhnliche Dunkelheit des Zimmers wich nach und nach einer Finsternis, die mit dem herkömmlichen Fehlen von Licht nichts gemein hatte. Alle Sinne schalteten sich ab, als sein Geist seinen Körper verließ, und so fand er sich in einer Welt wieder, in der es keine herkömmlichen Eindrücke gab. Wie eine sich ausbreitende Sphäre wurde sein Wahrnehmungsbereich größer, und in zunehmender Entfernung wurden immer mehr bleiche Lichter sichtbar – oder wie auch immer man die Wahrnehmung in der Traumwelt bezeichnen mochte. Vor allem die Lichtkugeln in seiner Nähe zeigten ihm dabei, dass er zum Einschlafen wohl länger gebraucht haben musste, als er gedacht hatte – denn vorher hatte bestimmt noch keiner seiner Zimmernachbarn geschlafen. Die Traumkugeln waren in dieser Dimension nur sichtbar, wenn ihr Besitzer selbst schlief. In der Zwischenzeit waren hier wohl alle eingeschlafen. Der Prinz musste sich also beeilen, bevor die Bürgerschaft aller Sieben Länder aus dem Traumschlaf erwachte.
    Ein Blick in die Richtung des Frauenschlafzimmers zeigte ihm, dass auch dort eingeschlummert worden war. Wie er feststellte, schwebten dort aber nur drei Kugeln im Nichts – offenbar war eines der Mädchen noch auf. Das wäre weiter kein Problem, solange es sich nicht um Neko handelte, denn sie musste ihm noch zur Hand gehen; aber andererseits würde er es dann einfach in der nächsten Nacht noch einmal angehen.
    Um festzustellen, ob die Chimäre tatsächlich schlief, drehte er sich zu seiner eigenen Traumkugel um. Da eine solche immer das zeigte, was der Träumende im Schlaf gerade sah, wurde darin ihr eigenes Abbild dargestellt, in diesem wiederum eine kleinere und so weiter; ein unendliches Bild an durchsichten Glaskugeln in träumerischer Schwärze. Mit einer Berührung seines Geistes machte der Traumwandler Fäden sichtbar, die von der Oberfläche der Sphäre ausgingen. Viele von ihnen waren grau, was eine neutrale Beziehung zu demjenigen bedeutete, zu dessen Traumkugel der Lichtstrahl führte. Herzlich wenige glühten in knalligem Grün, der Farbe der Freundschaft. Unzählige Streifen in der grellgelben Farbe der Angst ließen durch ihre Durchsichtigkeit erkennen, wie viele Menschen sich vor ihm fürchteten, ohne dabei zu wissen, vor welcher Person genau sie sich dabei ängstigen sollten. Ein einziger blauer, heller und kräftiger als die anderen, stach zwischen dem ganzen Geäst heraus. Er war immer da, egal, ob seine Mutter schlief oder nicht, und zeigte ihm nur allzu deutlich, dass sie ihn immer im Blick hatte.
    Der Prinz ließ all diese Fäden außer Acht und suchte nach dem einzigen roten, den es bisher in seinem Leben gegeben hatte. Es überraschte ihn, neben jenem einen rosafarbenen zu finden, der geradewegs nach Namine deutete. Schon merkwürdig, dass seine kleine Bettgeschichte bei ihrer Branche um diese Zeit schlief. Aber hier ging es um den roten Faden, der seine Traumkugel mit der Nekos verband. Also war es nicht sie, die wach war. Eigentlich konnte er durch das Berühren der beiden anderen Kugeln in Nekos Nähe erfahren, wer sie waren und durch die fehlende, wer von ihnen nicht schlief. Doch das waren Nebensächlichkeiten, denen sich zu widmen er weder Zeit noch Muße hatte.
    Nekos Traumkugel zeigte fast nur dunkelgrauen Dunst und verschwommene Gestalten. Offenbar gehörte sie jener Menschengruppe an, die nicht besonders bildreich träumte. Die Kugel zu berühren barg ein gewisses Risiko, dass die Chimäre durch die plötzliche direkte Nähe eines anderen Geistes aufwachte. Also musste er vorsichtig sein, wenn er nach ihren Beziehungsfäden tastete. Die farbigen Strahlen, die von der Kugel wie von einer kleinen Sonne ausgingen, waren zwar nicht viele, dafür war der Großteil von ihnen anders als bei ihm grün. Auch viele graue waren vertreten, ebenso wie das matte Graubraun des Abscheus – bei einer Chimäre keine Besonderheit.
    Der Traumwandler wurde kurz unaufmerksam, als er nach einem roten Strahl Ausschau hielt. Wenn er ihn fand und ihm bis zum anderen Ende folgen würde, könnte er damit erfahren, wen Neko liebte. Doch der rote Faden war nur ein unstetes Flackern, als könne sie nicht einmal im Schlaf ihre Gefühle akzeptieren. Als er dem Verlauf des Strahls folgen wollte, scheiterte er an der immer schlechter werdenden Qualität an Sichtbarkeit, die einige Fäden mit zunehmender Länge befiel. Dieses Rätsel musste also vorerst ungelöst bleiben.
    Stattdessen suchte er nun nach den blauen Banden zu Nekos Verwandtschaft, und kam dabei an einem orangefarbenen Strahl vorbei – jene Verbindung zwischen Neko und Libelldra. Das etwas schwächer leuchtende Band zu Traunfugil – immerhin war dieser nur ihr zweiter Partner – existierte nicht. Anscheinend war der Nebelgeist wach. Hoffentlich würde er nicht schreiend ins Gästezimmer platzen und wie ein Plagegeist die Rebellen wecken. Eine Traumreise war schon schwer genug zu initiieren, aber noch schwieriger aufrechtzuerhalten.
    Wie nicht anders zu erwarten, deuteten die blauen Fäden nach Nordwesten, der Steppe entgegen. Es waren insgesamt drei an der Zahl: Einer für Nekos Mutter; ein leicht türkisfarbener, der zu ihrem Onkel führte; und der dritte, normal blaue zu ihrer Tante – und genau zu deren Traumkugel wollte der Traumwandler nun aufbrechen. Doch es würde schwierig sein, dieser Schnur direkt zu folgen, da sie wieder unsichtbar wurde, sobald er Nekos Kugel losließ. Also merkte er sich ihren ungefähren Verlauf und lenkte seinen Geist in diese Richtung.
    Nicht an weltliche Naturgesetze gebunden, weder an Schwerkraft, Luftwiderstand noch körperliche Erschöpfung, zischte er nur so dahin. Unzählige Traumkugeln von Menschen, Chimären und Pokémon rauschten an ihm vorbei, und je nach ihrer Größe ließ sich das Maß an Verstand ablesen, mit dem sie gesegnet waren. Auch wenn sie sonst alle gleich aussahen, konnte er mit nur einem Blick sagen, von welchem Volk der jeweilige Besitzer hauptsächlich kam, ob er ein Mischblut oder sogar zu geringem Teil Chimäre war, ebenso, wie er auf diesem Weg die Pokémonart bestimmen konnte.
    Doch als er erkannte, dass auch nach vielen Kilometern Entfernung in der realen Welt weder Traumkugeln von Steppenpokémon noch von Eloern auftauchten, bremste er seinen – theoretischen – Waagerechtflug und stieg stattdessen nach oben – wieder nur theoretisch, da es in der Traumdimension weder oben noch unten gab. Orte und Bezugspunkte, die Oberfläche der Erde, das Mittelgebirge, … alles ohne eigene Traumkugel wurde hier nur durch die vielen Sphären definiert und war ansonsten unsichtbar. Die Entfernungen waren im Verhältnis gesehen aber noch die gleichen, und so bot sich dem Prinzen von weit oben ein immer helleres Bild aus Milliarden von Sternen wie der Nachthimmel. Allzu weit hoch durfte er aber nicht fliegen, weil er sich dann zu weit von seinem Körper entfernte.
    Die auch ohne Traumkugelberührung einzig sichtbare Verbindung zu seiner sterblichen Hülle glühte wie ein kalter Sonnenstrahl in der Finsternis. Sie hatte etwa die Reichweite vom Keran zum oberen Eck des Lynor-Deltas, also beinahe durch das ganze vereinte Reich. Wenn er auch nur einen Schritt zu weit ging und der Silberfaden riss, war er verloren. Selbst wenn er unter all den vielen Traumkugeln seine eigene wiederfinden sollte, wäre ihm die Rückkehr in seinen Körper für immer verwehrt. Halb tot und in ständiger Bewusstlosigkeit würden seine Überreste auf diese Weise verkommen, während sein Geist auf ewig dazu verdammt war, hier in der Traumwelt auszuharren, wahrscheinlich noch über das Ende der Welt hinaus. Doch solange er vorsichtig blieb und seine Grenzen nie überschritt, würde ihm das auch nicht geschehen.
    An diesem Punkt, kurz bevor er jene Grenze erreichte, kam er an und verharrte auf der Stelle. In der Nähe trieben ein paar kleine Traumkugeln vorbei; höchstwahrscheinlich ein Schwarm Driftlon, die auch fürs Schlafen nicht landeten. Von hier oben aus konnte er die Sieben Länder in ihrer Traumversion begutachten und nach den Himmelsrichtungen suchen. Damit ihm dies gelang, blendete er alle Kugeln, die Pokémon gehörten, aus, womit nur noch die menschlichen übrig blieben. So zeichnete sich ein klares Bild von schlafenden Städten, die den Eindruck riesiger Galaxien machten. Eine solche Ansammlung von Kugeln erkannte er sofort an ihrer Form als Namine, die große Hauptstadt des Herzlandes und des ganzen Reiches. Die Richtung, in die sein Lebensfaden führte, bewies ihm seine Vermutung: Er hatte die nordwestliche Richtung zur Steppe nicht eingehalten und war zu weit südlich abgedriftet.
    Gerade wollte er weiterflitzen, diesmal in die richtige Richtung, als eine ruckartige Bewegung weit unter ihm seine Aufmerksamkeit erregte. Es war ein geisterhaftes Licht, zu schnell, um ein Pokémon zu sein, das sich im Schlaf bewegte wie die Driftlon. Außerdem wurde es nicht von einer Kugel begrenzt, sondern wirkte eher wie ein konturloser Stern. Erinnerungen an seine erste Traumreise kamen dem Prinzen in den Sinn, als die Königin ihn noch begleitet hatte. Ihre Traumgestalt außerhalb ihrer Kugel hatte ganz genau so ausgesehen, ohne Form und Merkmale, die sie in der Welt des Bewusstseins hatte. Ob sie heute auch hier unterwegs war? Wenn er ihren Lebensfaden sehen könnte und dadurch auch, ob er aus Richtung des Schlosses kam, hätte er die Frage beantwortet; aber leider war für ihn nur sein eigener sichtbar.
    Sie hatte ihm bei ihren manchmal stundenlangen Aufenthalten in der Traumwelt gesagt, dass es einem hier nicht nur möglich war, Attacken auszuführen, sondern auch wahrzunehmen, wenn man sich auf den Geist konzentrierte, der sie anwandte. Also richtete ihr treuer Schüler all seine Sinne, über die er hier verfügte, auf das weit entfernte Geisterlicht. Tatsächlich: Das vertraute Vibrieren der inneren Kraft summte ihm fast augenblicklich entgegen und verriet ihm, dass das Licht – beziehungsweise sein Besitzer – Traumfresser benutzte. Eine passive Attacke, wie er feststellte, auch wenn er nicht wusste, warum das wichtig war. Bedeutungsvoller war, warum Traumfresser eingesetzt wurde. So weit er wusste, diente diese Attacke von einem Menschen mit Kristallanhänger ausgeführt dazu, Erinnerungen im Geist des schlafenden Opfers, die mit denen des Anwenders übereinstimmten, zu löschen.
    Außerdem huschte das fremde Licht in einem Gebiet östlich Namines herum, das der Prinz nur zu gut kannte: Das Hauptquartier der Schwarzen Rose. Was hatte seine Mutter und Lehrmeisterin denn für gemeinsame Erinnerungen mit den Rebellen, die es wert waren, getilgt zu werden? Sie kannte sie ja nicht einmal persönlich! Und dann hielt sie auch noch auffallend lange mit sehr vielen direkten Kontakt, um in deren Gedächtnis zu pfuschen. Zudem zeugten die Gewandtheit und das Geschickt, mit denen das Licht hantierte, von jahrelanger Übung und Erfahrung in seiner Arbeit.
    Neugier überkam den Prinzen, und es drängte ihn herauszufinden, was dort unten vor sich ging. Aber er gemahnte sich zu Besonnenheit. Wenn er zu nahe kam und in die Sphäre ihrer Wahrnehmung eintauchte – wo er eigentlich schon sein müsste, weil die ihre viel größer war als seine – würde sie ihn sofort bemerken. Dass sie erraten würde, was er hier vorhatte, bezweifelte er zwar, doch er wollte keinesfalls das Risiko eingehen, sich ihren Zorn einzuhandeln. Manchmal war sie sogar für seine Verhältnisse unberechenbar.
    Außerdem hatte er keine Zeit, hier noch länger zu verweilen. Die Nacht währte nicht mehr lange, er musste weiter. Also ließ er von der Erscheinung ab und flog gen Norden, wobei er leicht nach Westen schwenkte.
    Ihm kam eine Idee, wie er die Traumkugel von Nekos Tante finden könnte: Seine Wahrnehmungssphäre hatte einen Radius, der so lang war wie die maximale Länge seines Lebensfadens, also konnte er bis zur doppelten Entfernung von seinem Körper aus gesehen Traumkugeln erspähen. Alles, was sich innerhalb dieser Zone befand, die sich kugelrund in alle Richtungen erstreckte, stand auch unter seinem direkten Einfluss. Mit Aufruhr zum Beispiel konnte er alle aufwachen lassen, mit zunehmender Entfernung wurde das natürlich immer schwieriger. Wenn er Ichijukus Namen mit Kanon verstärkt durch seine Sphäre hallen ließ, würde das in jeder Kugel, deren Besitzerin auf diesen Namen hörte, eine Schwingung auslösen, die er wahrnehmen würde.
    Während er also zwischen hunderten Kugeln vieler Eloer durcheilte, rief er immer wieder „Ichijuku!“ ins Nichts hinaus, lauschte auf das Echo, das der Name warf. Zweiter Teil seines Plans war, zu diesen Kugeln zu fliegen und in ihrer unmittelbaren Nähe nach einer zu suchen, die einer Mauzi-Chimäre gehörte – Nekos Mutter – und diese auf den Namen Sanoko zu untersuchen.
    Obwohl er in der Traumwelt so schnell sein konnte wie ein Gedanke, mochte die Suche nach Nekos Tante Stunden dauern, die er in dieser Nacht nicht mehr hatte. Die Steppe war groß, und auch wenn hier nicht jede zweite Frau Ichijuku und die andere Hälfte der weiblichen Bevölkerung Sanoko hieß, würde es eine Weile dauern, sie alle abzusuchen.
    Doch seine Bedenken verflüchtigten sich alsbald. Wo genau in der Steppe er sich befand, war schwer zu sagen. Aber in einem etwas größeren Dorf, fast schon einer kleinen Stadt, fand er eine Traumkugel namens Ichijuku, in der das chimärische Blut eines Mauzi floss. Ebenso auch ihre Schwester Sanoko, die aber weitaus mehr des alten Erbes in sich trug. Aber um ganz sicher zu gehen, berührte er Sanokos Kugel – wenn sie erwachte, wäre das schließlich nicht weiter schlimm – und suchte nach einer bestimmten blauen Schnur. Der Lichtstrahl deutete in südöstliche Richtung, außerdem ging von ihm der Klang von Nekos Namen aus. Er hatte ihre Familie also gefunden.
    Der dritte Schritt seines Unterfangens bezog sich auf die Traumkugl, die unmittelbar neben Ichijukus schwebte; das musste die ihres Ehemannes sein, der mit ihr das Bett teilte. Sein Traum war ganz anders als der Nekos, lebhaft und farbenfroh, dabei so wirr, dass wohl nur der Träumende beim Träumen selbst einen Sinn dahinter verstehen mochte.
    Zu seinem weit entfernten Körper, über den Kristall zu seiner inneren Macht, rief der Prinz nach einem Funken Energie, um sie zu Attacken umzuformen. Es dauerte eine ganze Weile, bis die leichte Verdickung seines silbernen Lebensfadens die herannahende Energie ankündigte. Sie war nicht so schnell wie ein Gedanke, so wie er, sondern eher wie Schall; was in der Realität auch eine hohe Geschwindigkeit war, aber relativiert in die Traumdimension sehr langsam. Als die Kraft ihn erreichte, fing er sie sofort auf, bevor sie nach dem Austreten aus seinem Lebensfaden von der energielosen Umgebung vernichtet werden konnte. Wie ein Metzgermeister zerschnitt der Traumwandler das Licht aus seinem weit entfernten Innern in drei Teile unterschiedlicher Größe, abhängig davon, wofür er sie brauchte.
    Den ersten nahm er und ließ ihn zur Attacke Wandler werden. Die Energie wurde zu einer Art Hand, die von der Traumkugel, die Nekos Onkel gehörte, einen winzigen Splitter abkratzte. Der Mann musste einen tiefen Schlaf haben, wenn er sich von dieser Verletzung seines Traumes nicht wecken ließ. Es folgte lediglich ein kurzes Stocken in den Bildern der Kugel, und ein neuer Traum mit neuen Verwirrungen begann. Um nicht zu lange die entstandene Minikugel und die beiden verbliebenen Energieteile gleichzeitig festhalten zu müssen und dabei vielleicht eines davon zu verlieren, wandte er den zweiten Funken gleich an, um Wunschtraum einzusetzen. Daraufhin bildete sich ein gelber Stern, der einen Schweif aus zwischen orange und blau schimmernden kleineren Sternen hinter sich herzog. Lange würde ihm diese bunten, wie ein Trabant um Ichijukus Traumkugel gleitenden Sternchen nicht ermöglichen, deren Träume so zu gestalten, wie es ihm passte – aber für sein Vorhaben musste es reichen.
    Für einen Augenblick zweifelte er daran, ob er seinen Plan wirklich in die Tat umsetzen sollte. Sonst war er immer der Meister des Todes, der Menschen ohne echte Skrupel tötete. Leben zu erschaffen war für ihn bisher nicht infrage gekommen, auch wenn er natürlich wusste, wie er es tun musste. Er tat Neko damit etwas Gutes, das war eigentlich alles, was zählte, also ließ er seine Zweifel sein.
    Während sich der Traum nach seinen Vorstellungen umwandelte, überlegte er einen verrückten Moment, die Wandlerkugel ins Nichts fliegen zu lassen. Wie würden die Eloi, die jedes unter den sieben Völkern gemischte Blut allgemein missbilligten, darauf reagieren, wenn Ichijuku ein Kind bekam, das ganz offensichtlich nicht reiner steppischer Abstammung war? Gegen Chimären hatten sie nur das, was generell an diesen verabscheut wurde, und hier konnte der Prinz auch nicht kontrollieren, ob das Kind chimärisch wurde. Aber die andere Möglichkeit wäre interessant und sehr reizvoll, der Versuchung nachzugeben…
    Aber der Traumwandler ließ davon ab. Neko war nicht geholfen, wenn ihr Vetter oder ihre Kusine durch ihr „unreines“ Blut ebenfalls die Erbschaft verloren. Zwar war nicht gewährleistet, dass er oder sie nicht doch wieder eine Chimäre wurde, aber immerhin bestand die Chance, etwas zu erreichen. So glitt der Prinz durch die Membrand von Ichijukus Traumkugel, wobei die der winzigen Wandlerkugel damit verschmolz und die Attacke nach innen entließ. (für alle Biologen: Endosphärose, so was wie Endozytose xD)
    Der Geist des Prinzen, der im Traum kurz sein eigentliches Aussehen angenommen hatte, wurde bald von der Gestalt des Ehemannes überlagert, der neben Ichijuku schlief. Ebenso sah er auch sie, wie sie vor ihm in ihrem eigenen veränderten Traum trieb.
    Fehlte nur noch der letzte Lichtfunke, den er in der geschlossenen Faust hielt. Er brauchte nur noch eine Offerte und ein kleines Bisschen Glück…


    Als Ichijuku erwachte, schimmerte bereits rötlichgoldenes Morgenlicht durch die hölzernen Fensterblenden und zeichnete nahezu parallele Streifen auf die gegenüberliegende Wand. Die Eloa drehte sich um und stellte fest, dass Ryusha bereits wach war. Als sie an das dachte, was sie letzte Nacht im Traum erlebt hatte, musste sie unwillkürlich lächeln.
    Ihr Liebster schien ihre Aufmerksamkeit zu spüren und drehte den Kopf zu ihr. „Morgen, Chi“, grüßte er liebevoll und streichelte ihr zärtlich über den Arm.
    Ichijuku konnte ein wohliges Schaudern nicht unterdrücken. „Morgen, Ryu“, sagte auch sie, drehte sich um und kuschelte sich in Löffelchenformation an ihren Mann.
    „Warum so gut drauf?“, fragte dieser, da er sie eigentlich als Morgenmuffel kannte.
    Sie räkelte sich unter seinen tastenden Händen. „Ich hab geträumt.“
    „So. Ich will doch hoffen, von mir?“ Ichijuku nickte nur und lächelte noch breiter, was er natürlich nicht sah. „War es ein schöner Traum?“, erkundigte sich Ryusha interessiert.
    Nekos Tante nahm seine Hand und küsste sie, bevor sie antwortete: „Es war der schönste, den ich je hatte.“[tab=Namensbedeutung]Ryusha = Wüste

  • Heyho,
    ich hab grad das neue Kap gesehn und dachte mir, direkt kommentieren zu müssen - ein Gedanke, der bei mir etwa einmal in 1000 Jahren kommt ;)
    okay, Rech+Gram=richtig
    Stil=gut, die Traumwelt bzw eher das Traumreisen hat mich an die Laura-Reihe von Peter Freund erinnert aber nur entfernt ;) - aja zum Stil war dein persönlicher Stil, sowas bizarres zu beshcreiben - Lob! und respekt! ;)
    Inhalt: Traumwelt, Somnian ;) - sehr interessant, du hast Neko ihrer Tante ein Kind gezeugt? Dreißt aber echt ;) - new neko ;) Neko II - kA irgendwas eben, er hätte auch direkt Nekos Mum bzw Neko selbst das Kind geben können^^
    okay, hab hunger, bin jetz wech - beim nächsten Kap GB/Pn-Benachrichtigung? Was davon is dir überlassen ;)
    Lg, Almarik

    Warum wollen Männer keine Osterhasen sein?


    Rechtschreibfehler sind rein zur Belustigung da. Ihr müsst mich auch nicht darauf hinweisen, wie toll ihr sie fandet.

  • [tabmenu]
    [tab='Vorwort']
    Hallo, liebe Pika!


    Nun erhälst du deinen Kommi von mir ;)
    Ich weiß, das Tabmenu hat etwas viele Tabs, was das Ganze etwas "zerhackt" aussehen lässt - ich hoffe, das ist nciht so schlimm^^"


    Vorab möchte ich noch sagen, dass ich nur im SP und in den Prologen nach Fehlerchen gesucht habe, da das bei 21 Kapiteln sonst etwas zu lange gedauert hätte. Die Kapitel werden also nur noch nach ihrem konkreten Inhalt beurteilt werden. Alles andere ist, denke ich, selbsterklärend. Also dann: legen wir los!
    [tab='Startpost']
    [subtab='Positives']
    Der Text unter dem Titel
    Der Klappentext, sozusagen - ich finde ihn toll, gerade der letzte Satz animiert sehr zum Lesen. Hast du wirklich gut hinbekommen!


    Der Titelsong
    Ich habe ihn ehrlich gesagt nicht angehört, und wirklich nötig ist er auch nicht...aber es ist ein nettes Gimmick für deine Leser, schlecht ist es also definitiv nicht. Was auch anzumerken ist: Bei vielen FFs, die so etwas verwenden, steht die Youtubevideodarstellung einfach mitten im SP und stört durch die Größe extrem die Optik. Du beweist, wie elegant man das durch einen einfachen Spoiler lösen kann!


    Die kleinen Bereichsbildchen...
    Keine Ahnung, wie ich sie nennen soll, gemeint sind diese hier:
    http://www.bilder-hochladen.net/files/74ha-pu.png
    Ich liebe sie irgendwie...sie erinnern mich so an "King of Bandit Jing" (was leider viel zu wenige Leute kennen...) und passen jedenfalls schön in den Gesamtkontext des SPs (die Schrift für die Überschriften ist btw ok, könnte aber noch einen Tuck weniger "verspielt" sein, da wären wir wieder beim Ernst der Sache).


    Charakterbeschreibungen
    Sind ok - die Bildgröße ist absolut in Ordnung, weder zu viele noch zu wenige Informationen.


    Nebencharaktere
    Dass du sie im SP nochmal erwähnst und ihre Namensbedeutungen nochmal auflistet, ist sehr schön. Das verschafft einem eine gute Übersicht und falls man mal wegen chara Xy nachschlagen muss, wer das eigentlich ist, hat man gleich einen guten Überblick zur Hand.


    Die drei "Rassen"
    Die Erklärungen sind informativ und nachvollziehbar, soweit also sehr in Ordnung. Aber...[weiter im nächsten Subtab]
    Sehr interessant sind btw Chimären, aber wie entstehen die denn? Ich meine, herkömmliche Fortpflanzung ist ja zwischen Menschen und Pokémon nicht wirklich möglich, oder klärt sich das noch im Verlauf der Geschichte? [zur Erklärung: Ich kommentiere beim Lesen, weil mir das leichter fällt, und streiche bestimmte Verständnisfragen idR hinterher. Falls ich das mal vergessen sollte, kannst du aber vielleicht trotzdem einen Hinweis geben.]


    Die Karte
    Das ist absolut notwendig, sehr schön!
    Gerade bei selbst erdachten Landschaften und Gebieten muss meiner Ansicht nach eine Karte zur Orientierung vorhanden sein, sonst verliert man schnell den Überblick.


    Inhaltsverzeichnis
    Schön übersichtlich, mal sehen, wie das bei 40 Kapis noch aussieht ;)
    Aber auch die Pokébilder hier sind hilfreich, dadurch erinnert sich der Leser evtl. an das ein oder andere Ereignis des Kapitels. Außerdem schön, dass du die Spezialkapitel anders gekennzeichnet hast, wenn du sie auch ganz herausnehmen und für sich auflisten könntest - aber gut^^


    Gesamteindruck
    Der Gesamteindruck deines SPs ist sehr positiv, allerdings stört der Anfang eher, meiner Ansicht nach (s.u.). Er erweckt doch eher den Eindruck einer lustigen, weniger ernst gemeinten Spaßgeschichte, was ja definitiv nicht zutrifft, soweit ich das beurteilen kann.
    Aber ich finde, dass du einen insgesamt schönen SP hingelegt hast, der auch sehr übersichtlich ist und alles enthält, was der Leser wissen sollte.
    [subtab='Verbesserungsvorschläge']
    Banner
    Nja, die Schrift ist ganz gut, aber um ehrlich zu sein, bin ich nicht sicher, wen diese Figur darstellen soll, die man darauf sieht...ist das eine Angehörige des einen Volkes? Klär mich bitte nochmal auf^^'
    Unter den Hauptfiguren ist sie ja nicht, oder? Die Mauzi-Chimäre und der andere, ausführlicher vorgestellte Charakter sind das jedenfalls nicht...


    Verschiedene Farben
    Verschiedene Farben sind zur Würzung der Startpostsuppe sicherlich legitim und verschönern das Gesamtbild. Du hast in deinem SP aber gleich zu Anfang zu viele unterschiedliche Farben verwendet, das stört doch sehr. Auch, wenn du unterschiedliche Aspekte damit klar machen wolltest, reicht es doch, wenn du dich für eine Farbe entscheidest und/oder eine andere Formatierung verwendest.


    Das Titelkätzchen
    Es ist zwar sehr süß, aber in einen Titel gehört das nicht rein. Eher in einen banner oder dergleichen, aber irgendwie nimmt es dem Ganzen auch den Ernst, der in den Prologen ausgestrahlt wird...ich weiß nicht, über diese Verwendung musst du dir ja letztlich selbst klar sein^^


    Smilies^^
    Hmmm, dazu kann man stehen, wie man will - ich verwende sie in meinem Sp ja auch gelegentlich (lol). Aber gerade im Vorwort sind imo zu viele drin, da könntest du sicher ein paar rauskürzen.


    Die drei "Rassen", Part II
    Ja, einerseits habe ich etwas gegen den Begriff "Rasse" an sich, es sei denn, er wird in einem eindeutig biologischen Kontext gebraucht - wobei das hier auch die falsche Bezeichnung wäre, ich glaube, es müsste "Arten" sein..."Rasse" jedenfalls bezeichnet unterschiedliche Formen ein und derselben Tierart...ich spiel das mal kurz durch, wenn du nichts dagegen hast^^"
    Dalmatiner Rex Kaninchen --> Rasse
    Hasenartige --> Art
    Säugetiere --> Klasse
    Tiere --> Ordnung

    Irgendwie so ähnlich, glaube ich^^"
    Jedenfalls schreibst du, du setzt das als bekannt voraus. Deswegen solltest du das aber trotzdem innerhalb des Textes nicht unerwähnt lassen, da gerade die vielen, fremden Namen sonst zumindest am Anfang sehr verwirren und man ständig nachschlagen müsste. Zumindest zur Einführung von Stämmen, Charas oder wasauchimmer sind zumindest kleine Randnotizen nicht unangebracht.


    Copyright
    Für die Bilder musst du unbedingt einen Verweis angeben, wo du sie her hast (das gilt für jegliches andere Material, das du nicht selbst produziert hast, natürlich auch). Aber auch bei Bildern, die du selbst gemacht hast, würde ich das angeben, um eventuellen issverständnissen bezüglich des Copyrights vorzubeugen.
    [subtab='Fehlerchen']

    Zitat

    Ach, mittlerweile gibbet so viele Leutz, [...]


    Hmmm...ne, auch in der persönlichen Ansprache eines SPs würde ich keine Umgangssprache verwenden, das vermittelt nicht den richtigen Eindruck.


    [tab='Die Prologe']
    [subtab='Positives']Der erste Prolog
    Ein kleiner Geschichtsabriss, eine Legende, wenn man so will - find ich nicht schlecht als Einstieg. Nur die Sache mit dem Engel passt nicht so ganz ins Bild, irgendwie fügt es sich nicht in das Bild deiner Welt ein, aber möglicherweise klärt sich ja noch, um wen/was genau es sich dabei handelt.


    Der zweite Prolog
    Allgemein: Diese Pokébildchen neben den Kapiteltiteln finde ich sehr schön, sie fungieren fast schon als Titelbilder und geben gewissermaßen Protagonisten wieder.
    An sich reizt dieser zweite Prolog sehr zum Weiterlesen, da er einiges Interessantes anspricht, aber auch vieles offen lässt, ohne dabei zu erscheinen, als hättest du schlicht etwas vergessen ;)


    Lynor
    Hmmm, der Name ist schön...woher kommt er? x3


    Der "freie" Erstpartner
    Ich finde es gut, dass du einen für deine Story so wichtigen Aspekt schon im Prolog klar herausstellst. Das ist wichtig, denn sonst kann die verhältnismäßig andere Beziehung zwischen Mensch und Pokémon im weiteren Verlauf doch eher irritierend sein. Außerdem erklärst du nicht zu lang, sondern wie beiläufig, was schwierig, aber eine definitv große Kunst des Erzählens ist.
    [subtab='Verbesserungsvorschläge']
    Kapitelbildchen
    Wie gesagt, sehr schöne Idee, du müsstest sie aber stringent durchziehen. Mir ist aufgefallen, dass du das bei manchen Kapiteln auslässt, was nicht nur schade ist, sondern auch das Gesamtbild deiner Story stört. Daher wäre es schön, wenn du bei den betreffenden Kapiteln (11-20, Sp. 2-5) das noch "im Text" hinzufügst, wenn es dir keine Mühe macht.


    "[...] vielleicht nicht, wie das erste Mal, zwischen allen Sieben Völkern, sondern nur zwischen den Naminern und den übrigen sechs [...]"
    Hier werden die Gegenseiten meiner Meinung nach nicht zu hundert Prozent klar. Mir ist zwar klar, dass du mit Letzterem sagen willst, dass die Naminer allein gegen die anderen sechs Stämme gekämpft haben, aber das könnte meiner Ansicht nach noch etwas deutlicher werden.


    [...] natürlich konnten sie die Kleinsten nicht unbeaufsichtigt lassen, so wechselten sie sich immer ab [...]"
    Ein Einschub, der dir scheinbar notwendig erschien, aber meiner Ansicht nach ist er nicht unbedingt notwendig - eine genaue Erklärung direkt an dieser Stelle irritiert sogar ein wenig, denke ich. Vielleicht kannst du diese Erklärung etwas später einfließen lassen, um das etwas zu entzerren.
    [subtab='Fehlerchen']

    Zitat

    Wimpernaufschlag


    "Wimpernschlag" ist der meiner Ansicht nach gängigere Begriff ;)


    Zitat

    Der junge Lynoer schluckte schwer; das klang sehr kampfert.


    [tab='Kapitel 1-4: Der Anfang']
    [subtab='Positives']
    Umschreibungen der Pokémon
    Ein Punkt, der mir sehr gefällt, ist, wie du die Pokémon umschreibst. Du klatschst nicht einfach bloß die Spezienbezeichnungen in den Text, sondern verwendest Begriffe wie "Drachentermite" oder "Dschungelechse". Das macht das Ganze direkt etwas plastischer, und auch die sonstige Beschreibung der Pokémon ist gut geglückt.
    Eine Anmerkung allerdings zu Bojelin: Wieso hat es kastanienfarbenes Fell, müsste es nicht eher orange sein?


    Kampfgeschehen
    Auch das Kampfgeschehen scheint mir gut überlegt und sinnvoll beschrieben und umgesetzt zu sein. Weiter so!


    Traunfugil
    Traunfugil hat einen ziemlich interessanten Charakter, ich mag es sehr! Überhaupt scheinst du viele Überlegungen hinsichtlich deiner Charaktere anzustellen. Das ist prima, mach weiter so!


    Details
    Auch über bestimmte Pokémondetails, die einem nun nicht unbedingt sofort in den Sinn kommen würden, machst du dir Gedanken. Etwa die tatsache, dass Vibrava aufgrund des Körperbaus den Kopf nicht besonders lange anheben kann. Das zeigt erneut, wie viele Gedanken du dir um deine Geschichte machst!


    Der "Glanz"
    Diese Stelle in Kap. 2 mochte ich wirklich sehr, eine sehr interessante und schöne Theorie, die mir sehr gut gefällt!


    Namenserklärungen
    Ab K. 3 werden dann auch Namenserklärungen angehängt. Das ist unheimlich praktisch, da kann man sich auch in die Hintergedanken einfühlen, die du zu deiner Story hast!


    Die Zusammensetzung der Rebellenschaft
    Das mag nur als ein kleines, fast schon nebensächliches Detail erscheinen, aber du lässt immer mal wieder durchblicken, dass z.T. auch Familienverbände zusammen in der Organisation sind. Dieser Kontrast ist in sofern nicht unwichtig, als dass Neko ja eine Einzelgängerrolle einnimmt und idR viele andere Protagonisten einer solchen Szenerie eher als einzelne Figuren auftreten und man von ihren Familienbanden eher wenig erfährt.


    Nekos Sauberkeitsempfinden
    In K. 4 wird relativ zu Anfang thematisiert, dass Neko sich aus diversen Gründen nicht besonders wohl bei der berührung von metall fühlt. Auch das ist meiner Ansicht nach ein Detail, das so wunderbar überlegt daherkommt, dass es ein wahrer genuss ist, deine Geschichte zu lesen! (und das Sauberkeitsempfinden passt auch ein wenig zum Mauziblut ;3)


    Rido
    Oh lol, du hast Sinn für Überraschungsmomente, das muss man dir lassen. Bei dem Anführer einer Rebellion denkt man wie automatisch an einen muskulösen, erfahrenen, gut aussehenden Krieger - und dann kommt Rido! Ehrlich, ich finde diesen Überraschungsmoment gar nicht mal so schlecht. Das ist auf jeden Fall mal was anderes!


    Das Ende von Kapitel 4
    Ohhh, das ist ja tragisch... aber wundervoll geschrieben, du hast ja auch noch Sinn für Dramatik und verzwickte Entwicklungen - traurig, aber schön... auch die Beschreibungen an dieser Stelle reißen einen wirklich mit...


    [subtab='Verbesserungsvorschläge']
    Beschreibung der Völker
    Du erwähnst zwar im Startpost, dass du die Informationen zu den Völkern als bekannt voraussetzt, aber das ist in meinen Augen nicht allzu geschickt. Du solltest die Begriffe trotz der schönen, ausführlichen Beschreibung im SP nicht voraussetzen, sondern zumindest ein bisschen auf sie eingehen. Viele sehen sich den Startpost auch später erst an, abgesehen davon fällt es bei mehr als drei "Rassen" doch ein wenig schwer, im Kopf zu behalten, wer jetzt welche Charakteristika hat.


    Die Einführung Nekos als Chimäre
    "Sie hatte keine großartigen Besonderheiten wie manch andere ihres Schlages, lediglich ihre…
    " Nach diesem Satz dachte ich eigentlich, dass Nekos Körperteile etwas besonderer Art auf eine überraschendere Weise eingeführt werden, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als wäre etwas übersprungen worden. Denn zunächst wird außer diesem Satz nichts besonderes an ihr geschildert außer, dass sie gemieden wird. Und plötzlich wird sie selbstverständlich als Chimäre bezeichnet - das hättest du noch etwas, ja... "ausgestalteter" einführen können, finde ich


    Kommentierende Einschübe
    "Auch ihre Freundinnen drehten jetzt ihre Köpfe in alle Richtungen (tolle Formulierung xD) und zuckten dann die Schultern. "
    Es tut mir Leid, wenn ich das jetzt ein wenig hart ausdrücke, aber: Sowas geht gar nicht, nicht mitten im Kapiteltext. Kommentare zu deinen Kapiteln kannst du im Vor- oder Nachwort anfügen, aber mitten im Fließtext sollte das nicht stehen.


    Musik
    In Kapitel 2 hast du mittendrin so einen Musikspoiler. Das mag den text zwar ganz nett unterfüttern, gehört aber auch nicht in den Text. Innerhalb deines Kapitels sollte nur reiner Text vorkommen, alles andere kannst du aber davor oder danach einfügen. Wenn z.B. ein Lied zu einer bestimmten Stelle gehört werden sollte, kannst du das ja auch ganz einfach dazuschreiben.


    Rido
    Als Mizu in Kap. 2 Rido erwähnt, wird dieser irgendwie als bekannt vorausgesetzt, und erst einige Sätze später entpuppt er sich wie selbstverständlich als Anführer der "Schwarzen Rose". Ich finde diese Art der Charaktereinführung ein wenig unglücklich. Du musst natürlich nicht immer gleich klarstellen, wer eine bestimmte Person ist, wenn sie auftaucht oder ihr Name fällt (das immer zu tun wäre sogar eher schlecht). Aber Zwischen der ersten Erwähnung und der selbstverständlichen Weiterverwendung (hier als Anführer) muss irgendetwas erklärendes kommen, und wenn es ein Überraschungsmoment ist. Sonst wirkt das ganze sehr verwirrend.


    [tab='5-7: Neko und Mizu']
    [subtab='Positives']
    Kapitel 5, Teil 1
    "Wann sind wir einem anderen Menschen näher als dann, wenn wir genauso empfinden wie er?"
    Wun-der-schön! *_*


    Tanhel
    Uhhh, Tanhel im 5. Kapitel ist mehr als interessant... ich stell mir vor, dass sein Auge immer trüber wird, wenn es Visionen auslöst (was imo so zu sein scheint) - hmmm, ich bin gespannt...
    Du verstehst es jedenfalls, Aspekte einzustreuen, die nicht nur interessant sind, sodnern auch zum Nach- und Mitdenken anregen!


    Der Tanz der Volbeat und Illumise
    In Kapitel 6 beschreibst du sehr ausführlich das Paarungsverhalten der beiden erwähnten Käferpokémonarten. Das ist dir nicht nur sprachlich sehr gut geglückt, du vermagst es außerdem, eine gewisse Zweideutigkeit anklingen zu lassen, ohne diese direkt zu erwähnen. Eine sehr schöne Stelle, die zudem noch gut durchdacht erscheint!


    Beförderung
    Im Prinzip zwar vorhersehbar, dass beide genommen werden, aber du bist in dieser Szene sehr gut auf die Gefühle Nekos eingegangen. Außerdem erscheint mir die Versetzung ins Hauptquartier tatsächlich als sehr sinnvoll, um Action und Spannung auf ein anderes Level zu hieven.
    [subtab='Verbesserungsvorschläge/Anmerkungen']
    Mizus Meinungsänderung zu Katzenwesen
    Ich finde es zwar prinzipiell gut, dass er seine Meinung ändert (Beginn von K. 5), aber: Eine fast sein ganzes leben lang gehegte Abneigung verpufft in einem Moment, so ganz ohne "Gegenwehr"? Das ist dann doch zu abrupt, das hättest du mehr entwickeln können. Z.B. dadurch, dass er erst wütend davonstapft, was auch immer - das ging jedenfalls etwas zu schnell, so ganz ohne Überlegen.


    Beschreibungen "unwichtigerer" Pokémon
    Du beschreibst zwar an sich sehr gut, aber bei Pokémon, die nur nebenbei erähnt werden, fällt z.T. kein einziges Wort, und das ist etwas schade. In Kapitel 6 z.B. ziehst du zwischen den tanzenden Volbeat sowie den umschwärmten Illumise einen Vergleich zu Maskeregen und Yanma, die du aber nur als Namen in den Raum wirfst. Es muss nciht viel sein, vielleicht ein "die mit bläulichen, mit bunten, fast schmetterlingshaften Flügeln bewehrten Maskeregen" oder "die eleganten, lagezogenen roten Körper der Yanma" - nun ja, etwas mehr eben, das man eine kleine, kleine Vorstellung davon hat, wie die Pokémon aussehen, auch, wenn sie keine besondere Rolle spielen sollten.


    Das Schwimmen im See
    Eigentlich eine sehr schöne Stelle, allerdings mit einer leichten Logikangelegenheit: Wenn Mizu nie auch nur versucht hat, zu schwimmen, wie kann sie dann plötzlich die ganze Nacht hindurch planschen und mit Mizu durch den See streifen? Dass sie nicht mehr ganz so anfängerhaft ist wie zuvor, ok, aber das war dann doch etwas schnell.
    [tab='Kapitel 8-12: Die Reise']
    [subtab='Positives']
    Kontaktlinsen
    Ich musste innerlich sehr schmunzeln, als die Stelle mit den Kontaktlinsen kam (K. 8, glaube ich). Die sich anschließenden Gedanken zum Verändern der Gestalt scheinen mir sehr interessant und vorausdeuterisch zu sein - ob Neko wohl eines Tages vor der Wahl stehen wird, ihre Ohren loszuwerden...?


    Der Kampf am Ende von Kapitel 8: Der geheimnisvolle Fremde gegen die 12 Männer
    Hu, du scheinst auch komplexere Kämpfe gut beschreiben zu können. Du deutest mehrfach so etwas an, dass er vielleicht gar kein Mensch ist. Das hast du meines Empfindens nach etwas zu deutlich gemacht, eine Erwähnung von "nicht wie ein Mensch" hätte vollkommen ausgereicht - so drängt sich, gerade mit dieser Fußkick-Bemerkung, geradezu der Gedanke auf, dass es sich vielleicht um ein Pokémon handeln könnte. Nun ja, aber an sich war die Szene sehr gut geschrieben. Ich freue mich auf das Auftauchen dieses geheimnisvollen Charakters!


    Wenig Klischee
    In Kapitel 10 wird mal wieder deutlich, dass du dich zwar bekannter Szenarien bedienst (Figur X verliebt sich in Figur Y, Vater von Y ist damit aber nicht einverstanden, X ist kein regulärer Teil von Ys Umfeld, ...), doch die Klischees nicht wirklich ausreizt (indem du z.B. den Großvater Nekos seine Enkelin trotzdem lieben lässt, dem Klischee nach würde er sie verstoßen). Dass du so mit Bekanntem und eigenen Ideen spielst, zeigt, wie gut du schreiben kannst - mach weiter so!


    Der Angriff der Onix (K. 11)
    Im Prinzip kein schlechter Kampf und kein schlechter Schauplatzwechsel. Die Gruppe vom Fluss in eine Art Gebirge zu verlagern, schafft Abwechslung und bringt - wie hier - neue Abenteuer und Gefahren mit sich.


    Und erneut muss ich es sagen: Man vergisst mitunter total, dass man eine Pokémongeschichte liest, so perfekt fügen sich Pokémon und "Buchhandlung" ineinander!


    Vibrava
    Der Perspektivenwechsel zum Ende von K. 11 hat mir sehr gut gefallen. Insbesondere, die Bandschließung zwischen Mensch und Erstpartner, die man bislang ja nur von menschlicher Seite kennengelernt hat, auch mal aus anderer Perspektive zu betrachten - gut! Nur das "Rennen" gegen Ende stört ein wenig, da Vibrava das so vermutlich körperlich nicht möglich ist, aber gut^^
    Auch die Entwicklung zu Libelldra ist schön beschrieben und gut gelungen - gerade, dass es sich mit seinem neuen, veränderten Körper erst zurechtfinden muss, ist eine Überlegung, die nur zu natürlich, aber leider selten bedacht ist.


    Dragonir
    Das mit den übergroßen Flügelohren, das Fliegen an sich, die schwarzen Trauerfedern - ich bin begeistert, wie tiefsinnig und wundervoll du eines meiner Lieblingspokémon in die Geschichte eingebracht hast! Ich bin gespannt, ob noch andere meiner Favoriten so toll in Szene gesetzt werden werden...


    Gebet zu Groudon
    Dass Neko in K. 12 zu Groudon betet, ist eine ziemlich gute Sache. Man würde ja (gut, ich nicht *hust*) normalerweise Arceus als "Übergott" nehmen, aber das macht so mehr Sinn und - Achtung, Historikerdrache schlägt zu! :D - hat sogar geschichtlich-theologisch mehr Sinn. In polytheistischen Religionen werden von den einzelnen Personen bzw. -gruppen selten die jeweils höchsten Gottheiten verehrt. Es wird sich idR immer auf die Gottheit konzwntriert, die in der jeweiligen Situation/Umgebung am meisten verehrt wird. Wobei die guten, "alten" Gottheiten auch noch verschiedene Aspekte haben- aber das führt an dieser Stelle zu weit. Mich als angehende Historikerin überzeugte diese Stelle jedenfalls noch zusätzlich ;3


    Libelldras Farbsicht
    Auch, dass sich die Art und Weise, wie die Drachin die Welt sieht, mit der Zeit ändert, erscheint mir sehr interessant. Ein Aspekt, auf den ich nie gekommen wäre, der aber sehr gut klingt und keinerlei Anstoß bietet, finde ich.


    Kombinationsattacken
    Ein Aspekt, der gar nicht so schlecht durchdacht ist - Attacken zu einer neuen kombinieren, wirklich gut. Aber auch hier erinnert mich das stellenweise etwas zu sehr ans Spiel...
    Auch die Gedanken Nekos, welche "Basisattacken" wohl mal aus anderen entstanden sein könnten, sind sehr gut. Sie wirken auf mich auch sehr tiefgängig.


    Die Badequelle (K. 12)
    Ein schöner Gedanke, und ebenso schön beschrieben! Du scheinst dir diesen Ort in Gedanken auch sehr genau vorgestellt zu haben, was sehr lobenswert ist.


    Misstrauen: neko und Libelldra
    Ein weiterer, guter Aspekt ist, dass du die Beziehung der Menschen zu ihren Pokémon nicht immer durch die rosa-rote Brille dargestellt sein lässt. Dass es durchaus auch Misstrauen oder Neid (wie bei Shana und Vulnona) gibt, verleiht dem Ganzen ehr Glaubwürdigkeit, es wirkt einfach nachvollziehbarer, "echter", wenn du so willst.
    [subtab='Verbesserungsvorschläge/Anmerkungen']
    Kleine Frage
    Ich überblicke in diesem Kommi nicht mehr so sehr, ob ich das schonmal gefragt habe, aber: Wie sieht es mit der Sprache der Erstpartner aus? Bisher hatte ich angenommen, dass nur die menschlichen Partner ihre Sprache verstehen und sie nur mit diesen reden können. Ist es aber eher so, dass die Pokémon-Erstpartner durch das Band mit dem Menschen der menschlichen Sprache allgemein fähig werden?


    Das Chimärenblut (K. 10)
    Ich hatte bei dieser Erzählung Nekos über ihre Vergangenheit ein wenig den Eindruck, es habe schon klar sein sollen, von welcher Seite sie das Chimärenblut hat, erwähnt hast du es aber nicht - das hättest du, sofern beabsichtigt, noch deutlich erwähnen können.


    Von Onix und Attacken
    Die Situation mit den Onix' in K. 11 war zwar gut, aber natürlich hat Jingsel auch was zu meckern ;3
    Erstmal ist das Pokébildchen zu Anfang diesmal leider etwas hinderlich, denn im Prinzip verrät es schon, welche Probleme in diesem Kapitel auftauchen werden.
    Außerdem Fällt mir bei manchen Attacken auf, dass sie doch etwas zu "spielartig" daherkommen: Pachirisu zog durch Spotlight die Aufmerksamkeit auf sich - besser wäre es gewesen, zu sagen, dass es mit heftigem Funkensprühen von Traunfugil ablenkte o. Ä. Die "verbrauchte Wasserkraft" ist ja im Prinzip ein netter gedanke, AP ins Spiel zu bringen, aber das kannst du auch ganz einfach mit Erschöpfung regeln. Versuche lieber, Elemente aus dem Spiel in "wirklichkeitsgetreuere" Sachen umzusetzen, und wenn es nicht geht, lass sie lieber fallen (Entwicklungen durch Tausch z.B. können finde ich ruhig vernachlässigt werden). Mit solchen sehr an die Spiele erinnernden Elementen zerstörst du leider ein wenig vom zauber, den ich schon mehrfach ansprach: Das man sich oft eher in einem richtigen Fantasy-Roman befindet als in einer Pokémon-FF.


    Metallotter (K. 11)
    -natter? ;)


    K. 12: Noctuhs Psychokinese
    Eine vernünftige Lösung zwar, um die "übrigen" Pokémon zu transportieren, aber: Ein Noctuh, dass ja nun kein "reines" Psychopokémon ist, hat derartige geistige Fähigkeiten, um mehrere nicht gerade einfach zu befördernde Pokémon in der Luft zu halten? Das halte ich ehrlich gesagt für nicht ganz so logisch, sorry.


    Der Flug mit Libelldra
    Im Prinzip nicht schlecht, aber da fehlt noch einiges an Eindrücken. Wenn man so hoch fliegt, stellen sich ja einige "klimatische" Veränderungen ein: Die Luft wird kälter und dünner, und durch den einem schnell entgegenfliegenden Wind bekommt man ja auch nicht viel Luft - das sind Aspekte, die du noch hättest bedenken können/sollen.


    [tab=K. 13-16: Im Hauptquartier]
    [subtab=Positives]
    Neko und Mizu
    Dass Neko und Mizu in einer Gruppe bleiben, fand ich ehrlich gesagt etwas zu... "vorhersehbar", somehow. Aber es ist auch nicht so sehr störend, da ja durchaus Dynamik in der Gruppe gegeben ist (vorallem durch Shinzu ^-^) und zudem Shana z.B. woanders ist. Also durchaus doch sinnvoll aufgeteilt xD"


    Tetsu
    Mah, das find ich genial... dass es im hauptquartier auch keine Chimären geben soll, fänd ich etwas seltsam. Schön, dass Neko Unterstürtzung erhält!
    Du mischst in K. 13 auch den Aspekt unter, dass Chimärenblut nicht unbedingt zu Tage tritt und man nicht unbedingt äußerlich als solche zu erkennen ist. Ist man dann eigentlich "ganz" Mensch? Oder zeigt sich das Chimärenblut in besonderen Fähigkeiten?


    Chimärentreffen
    An der Stelle habe ich innerlich gekichert. Es ist einfach eine so tolle Vorstellung, andererseits so natürlich und nachvollziehbar, dass die Ausgestoßenen einer Gesellschaft sich zumindest ab und an zusammenschließen, um nicht ganz so einsam zu sein...


    Federball und Schwertkampf
    federball als Schwertkampfübung? Nicht schlecht, Baseball wär auch ne Idee (zumal du da auch mit größerem Gewicht zurechtkommen musst)^^ Die Idee ist aber nicht wirklich von mir xD"


    Traunfugil im Badehaus
    Srsly, ich liebe dieses Vieh...
    Du schaffst es immer wieder, mit Traunfugil angespannte Situationen aufzulockern, und dass auch noch, ohne dass es oft unpassend wird - bitte mehr!


    Mizu und Shinzu
    (*fällt grad gewisse Klangverwandtschaft der beiden Namen auf*)
    Uhhh, Eifersüchteleien bahnen sich an... das bringt nochmal ein bisschen Pfeffer in die Beziehungssuppe. Ich hoffe nur, dass der Ausgang dieser Romanzenkiste nicht so vorhersehbar ist wie bei den meisten Geschichten...
    (btw, Zwischenfazit zu Shinzu: hrrrrr...)


    Violinenspiel (K. 15)
    Dass nicht für alle das Kämpfen das Maß aller Dinge ist, ist wirklich schön. Das heimliche Musizieren... bin gespannt, was da noch draus wird!


    K. 15: Ein kurzes Wort zu den Teamkämpfen
    Ein Aspekt, der mir hier sehr gut gefallen hat, ist, dass die Pokémon nicht nur stumpf auf ihre Partner reagieren, sondern auch ohne Befehl selbst aktiv werden (etwa Libelldra mit Sandgrab statt Sandsturm oder Traunfugil mit Leidteiler). Das ist so weit nachvollziehbarer, gut eingebaut!


    Erneuter Rateversuch^^ (K. 15)
    Ein in einen Menschen verwandeltes Pokémon?


    Versuch nach K. 16
    Hm, er scheint doch ein Mensch zu sein (schade)... ich tippe ja immernoch auf Shinzu, das passt einfach iwie.


    Karten und Manga (--> Momoko)
    Maaahhh, genial! xD
    Mehr kann ich da nicht zu sagen.


    Pachirisu...
    Wie herzzerreißend du seine Trauer um seinen Partner geschildert hast... schön, wirklich tragisch schön...
    [subtab=Verbesserungsvorschläge/Anmerkungen]
    Anmerkung: Er (K. 13)
    Ab jetzt kommen immer mal wieder Rateversuche zu ihm ;)
    Also, er ist also im Rebellenlager, hm? Ich favorisiere ja immernoch die Pokémonvariante, halte mittlerweile aber auch den verschwundenen Iwao oder Shinzu für denkbar (letzteres wäre so dermaßen "Idhún" xD"). Naja, mal sehen^^


    Mizus Reaktion auf Raikas Bemerkungen gegenüber Neko
    Sorry, aber ich fand es nicht nachvollziehbar, dass Mizu gar nicht reagiert. ich meine, als man ihr im Bau die Mütze vom Kopf nehmen wollte, ist er für seine sonst so kühle Art fast ausgetickt, und bei solch offensichtlichen Beleidigungen unternimmt er gar nichts? Das ist doch extrem eigenartig und hätte nicht sein müssen...


    Anmerkung/Frage, K.14: Die "anderen"
    Kleine Frage: Viel mehr Gebäude außer denen der 6 Neulingsgruppen, der Nutzhäuser und Seijins Haus werden afaik nicht beschrieben - wo leben denn die "erfahreneren" Rebellen, die hier zweifelsohne auch vorhanden sein müssten?


    K. 15: Mizu im Teamkampf
    Als Raika ihn in sein Team bestimmt - das war absolut un-Mizu, entschuldige. Er widerspricht nicht ein bisschen, das ist doch sehr seltsam und passt nicht so ganz zum bisherigen Mizu-Charakter.
    Außerdem werden wieder viel zu viele Elemente aus den Spielen fast direkt verwendet... das ist etwas schade, aber dazu habe ich glaube ich schon an anderer Stelle etwas gesagt.
    Der Ausgang von nekos zweitem Kampf ging mir etwas zu abrupt... wobei es vielleicht einfach an der plötzlich entladenen, wuterfüllten Stärke Libelldras lag, also lasse ichs hier mal gut sein^^


    Voltenso...
    Du nennst es hier "grün", eigentlich ist es aber eher blau-gelb:
    Voltenso


    Großer Wald, Herzland etc.
    Solche und/oder ähnliche Begriffe verwendest du in K. 15. Diese setzen allerdings die bereits bekannte Lage der "Ortschaften" voraus, und sie werden hier afaik das erste Mal genannt. Du magst jetzt sagen, dass du ja eine Karte gegeben hast, solltest aber trotzdem nicht vergessen, solches trotzdem in deiner Geschichte zu erwähnen.


    Er (K. 16)
    In Kapitel 16, beim Mord, hast du ein wenig zu viel verraten, finde ich. Dass er mit Hilfe des Kristalls Pokémonattacken anwenden kann - das hättest du noch etwas langsamer mit einfließen lassen sollen, das wäre etwas spannender gewesen.


    Abstand passt zum menschlichen Gebiss
    Dass Neko sofort erkennt, dass die Abstände zwischen den Zähnen zu einem menschlichen gebiss passen, naja... das ging mir auch etwas zu schnell. Man sieht imo erstmal nur diese Bisswunden, aber wie kommt man da konkret auf ein Menschengebiss? So ganz nachvollziehen kann ich das nicht... leider.


    Garados
    Mal im Ernst, ein fliegendes Garados? Gut, es hat den entsprechenden Typ, aber das habe ich noch nie so ganz nachvollziehen können. Tut mir Leid, aber ein fliegendes Garados halte ich nicht unbedingt für realistisch.


    [tab=K. 17-22: Die erste Mission]
    [subtab=Positives]
    Lageplan
    Das ist sehr hilfreich, vielen Dank für die Stütze!


    OMFG, Magcargo
    Du machst dir wirklich sehr genaue Gedanken über die Charaktere! Die Szene mit Magcargo und seiner Bugsierung auf das Schiff lockert die traurige Stimmung auch gekonnt auf, gut gemacht. Nur kann einem der Arme wirklich Leid tun...


    Der Verrat
    Uh, interessant! Auch, wenn jetzt sicher sein dürfte, dass Mizu es nicht ist, imo.


    Nekos Rettung (K. 18)
    Oho, beide "Rivalen" retten sie? Interessant, interessant, das scheint zumindest zu diesem Zeitpunkt noch keine so eindeutige Romantiksache zu werden, sehr schön!^^


    Das goldene Schwert
    Mysteriös... aber dazu lässt sich mehr sagen, wenn es uns erneut begegnet - denn davon bin ich überzeugt, sonst hättest du es nicht auf diese Weise eingeführt.


    "Oder doch?"
    Oho, hat da jemand etwa die grausige Eiszeitszene in der Schenke (btw eine meiner Lieblingsstellen bisher - makaber, ich weiß, aber gut geschrieben eben) beobachtet? Bestimmt "sie", die ihn schon in Verdacht hatte, hmm...
    Oh, ein kleines Mädchen? Uhh, das ist ungünstig...


    "Über das Gesicht des Prinzen legte sich ein dunkler Schatten."
    Ohohohoooooo! Obwohl zu erahnen war, dass Shinzu er ist - der Prinz? Interessante Wendung, daran hätte ich jetzt gedacht. (btw, dafür, dass du Idhún nicht gelesen hast, beeindruckt es mich sehr, wie mich Shinzu immer stärker an Kirtash erinnert - ok, mussu jetz nich verstehn *hrrrrr*)
    Bzw, ich habe eine Lieblingsszene dazubekommen - die Silberranke, die (beinahe) Kussszene (wobei mir Nekos Reaktion ein klein wenig ZU heftig erscheint), das tragische Ende - wah, ich will mehr!
    Ach ja, Läuterfeuer und Guillotine (s. Vorwort zu K. 19): Die Attacken, die die beiden Flugmotten am Ende getötet haben, oder?


    Trost bei Raika
    ch, ust ja süß... ob Raika nun wirklich so nett ist oder nicht: Auf so eine Szene habe ich ehrlich gesagt gewartet. Denn die nur herumpöbelnde Raika wäre viel zu flach als Charakter gewesen. Ich bin schon gespannt, wo dieses "Schutzverhalten" (indem sie andere mit ihrer Unfreundlichkeit auf Distanz hält) seine Wurzeln hat...
    Wobei ich jetzt mehr denn je überzeugt bin, dass Raika diejenige ist, die Shinzu (ich geh jetzt einfach mal davon aus) beobachtet hat, als er davonschlich - das erklärt jedenfalls, warum diese für sie ungewohnten Gefühlsausbrüche so plötzlich und unvermittelt kamen.


    Hypnose?
    Die Soldaten sind nicht mehr ganz Herren ihrer Sinne? Hmmm, interessant...aber dass der Junge, der die Szene in der Kneipe miterlebt hatte, getötet wird, ist irgendwie logisch - er ist immerhin ein Zeuge.
    Hmmm, das wird ja immer interessanter und spannender...


    Cerapendra und Shibafu
    Ein wirklich ungleiches Paar... aber irgendwie schaffst du es, diese doch sehr überraschende Tatsache glaubhaft genug in Worte zu kleiden, dass man es nicht als merkwürdig empfindet. Ein kleiner, tauber Junge und ein gigantischer Insektendrache - auf die Vorgeschichte bin ich gespannt...


    Dodubraten und Porentafleisch
    Hm, diese Differenzierung zwischen ich-hab-dich-noch-gesehen-als-du-lebtest und ich-kenn-dich-nicht, gewissermaßen, ist ein guter Gedanke. Auch, dass Nekos Verhalten zu Fleisch sich ändert, finde ich gut überlegt. Btw, kann es sein, dass diese ganze Sache und die Bindungen/das Sprechenlernen der Partner ein wenig aus den Überlegungen zum Fleischkonsum resultiert sind...?


    Heilwoge
    Och, wie niedlich... aber wen hat er denn geheilt..? Hmmm, Neko...? (Edit: Jap, Neko^^ [--> K. 21, T. 2])


    Das Ende Nidoqueens
    WT...?! Was zur Hölle ist Rai denn für ein ****? oO"""""
    Wäre ich mir nicht so sicher, dass Shinzu der Prinz ist, hätte ich glatt ihn im Verdacht.
    Diese Stelle kam jedenfalls sehr überraschend und nimmt einen wirklich mit, was bedeutet, dass du diese Szene durchaus gut geschrieben hast.


    Traumwandler
    Deine Gedanken zur "Traumwelt" gefallen mir sehr gut... schön "verträumt", aber auch stark durchdacht, wie mir scheint... und: Er schwänger quasi Ichijuku? Krasse Sache...
    [subtab=Verbesserungsvorschläge/Anmerkungen]


    Anmerkung (K. 18): Shinzus Rettungsaktion
    Dass er so kräftig schwimmen kann, dass er "aus dem Wasser" springt - für mich ist jetzt sonnenklar, dass er er ist, sonst wär das nämlich so nicht möglich^^


    K. 18, Teil 2: Traumdunstdrogen
    Dieser Abschnitt ist sehr schön und informativ, allerdings viel zu lang. Es zerstört ein wenig die Handlung, wenn etwas, das (zumindest für diesen Moment= eher weniger Wichtiges so ausführlich erläutert wird. Eine dezidierte Erläuterung im NAchwort wäre z.B. eine Lösung gewesen.


    Anmerkung: Elfenlied?
    ...ist das nicht dieser total blutige Manga/Anime mit hinreißenden Mädchen, oder so?


    Pokémonbeschreibungen (exemplarisch: K. 21, T. 1)
    Wieder etwas, von dem ich nicht weiß, ob ich es schon erwähnt habe - aber im Zweifelsfall: Doppelt gemoppelt hält besser!
    Was gelegentlich auffällt, ist, dass du das Aussehen nebenbei erwähnter Pokémon wie selbstverständlich voraussetzt. Die Menki und Rasaff in K. 21/1 beispielsweise werden nur mit Namen genannt. Kleine, notizenartige Bemerkungen zum Aussehen wären noch wünschenswert gewesen.


    K. 21, T. 2: Nekos "Geständnis"
    (gemeint ist, als Neko Shinzu von ihren Beweggründen erzählt, die sie zur Schwarzen Rose führten)
    Ja, das ist schon gut eingefädelt, aber ich finde, es hätte noch etwas... "voraussetzungsfreier" erzählt werden können. Ich weiß, dass das schwer ist, weil man davon ausgehen kann, dass die Spezialkapitel gelesen wurden, aber du darfst sie gerade, weil sie als solche nicht zur Haupthandlung gehören, nicht voraussetzen. (das gleiche Problem habe ich aber auch, was dKenntnisse der Pokémon-Filme angeht :/)


    Geistesblitz!
    Na gut, sooo spektakulär ist der jetzt nicht, aber: Wie wärs, wenn du im "Vorwort" der Spezialkapitel ein kurzes "Stichwort" gibst, worum es geht? Damit kann dann auch jeder entscheiden, ob er das jetzt schon wissen oder irgendwann nebenbei durch die Hauptstory erfahren möchte bzw. kann man es dann später nachlesen, wenn man genauere Details wissen möchte ^-^ ("Wie Neko zur Rebellin wurde", z..B.)
    Du musst meine Meinung nicht teilen, aber was hälst du davon?


    Anmerkung: K. 21, T. 2 (Ende)
    "„Eine Eloa, wie passend.“ "
    Ohoh... Nekos Mutter?
    [tab='Spezialkapitel']
    [subtab='~']Die werden nicht in "Positives" etc. unterteilt ;)
    [subtab='#1']Ein schöner Rückblick, der mir gut gefallen hat. Ein paar Kleinigkeiten waren drin (z.B., dass der Vulkan als erloschen bezeichnet wird, obwohl er Rauch ausspuckt und man nicht wissen kann, ob er wieder ausbricht), ansonsten wars sprachlich recht sauber.
    Mir gefällt, wie tief das Ganze im Grunde geht. Wie sich diese Szenerie wohl noch auf die weiteren Ereignisse auswirken wird? Ich bin gespannt.
    Abgesehen davon erfüllt dieses SK die Kriterien, die ich mir für ein solches vorstelle: Es bietet interessante Hintergrundinfos, ist aber nicht zwingend lesenotwendig, um der Hauptstory folgen zu können.
    [subtab='#2']
    Nekos Gründe für den Beitritt bei den Rebellen... ein schönes Sp.-Kapi. Hier wird auch geklärt, wer das Chimärenblut "mit in die Familie" gebracht hat, was vorher meiner Ansicht nach noch etwas unklar war.


    Kleiner Tipp, der mir hierzu gerade noch einfällt: Du solltest trotz der Spezialkapitel darauf achten, die dort erzählten Dinge nicht als bekannt vorauszusetzen. Natürlich solltest du sie nicht quasi in die Hauptstory hineinkopieren - dann würden sie ja auch keinen Sinn mehr ergeben - sondern eher "zusammenfassend" einfließen lassen.
    [subtab='#3']
    Ahh, die Geschichte Tetsus und seines Steines. Ich fand sie sehr schön. Auch die tragische Liebe zwischen einem "Milotic" und einem "Maschock" (einseitigerweise) zerrt doch sehr am Herzen...


    "Eisstein" klingt sehr schön, doch was genau ist das? Richtiges Eis kanns ja nicht sein...


    Und Milotic-Chimären - das ist wirklich gut, Milotic sind ja von ihrer Gestalt her schon prädestiniert dafür, weil sie relativ menschenähnliche Erscheinungen besitzen...
    [subtab='#4']
    Zunächst einmal: Poste so etwas am Besten wie gehabt in einem Extrapost, aber nicht zusammen mit einem laufenden Kapi in einem Tabmenu - das irritiert, mich zumindest (hätts beinahe übersehen, lol).


    Mich irritiert es auch etwas, dass Pokémonattacken (idR) nicht in der Lage sein sollen, Menschen zu töten. Sie richten doch genauso Verletzungen an, und wenn ein Pokémon mit Krallen und Zähnen zuschlägt, dann kann das genau so tödlich sein. Vielleicht ahbe ich da auch was falsch verstanden, aber dann erklär es mir doch bitte ^^"


    Insgesamt finde ich aber, dass das das beste Spezialkapitel bislang ist. Sprachlich, thematisch tief, gut durchdacht, dramatisch und traurig - es gibt von meiner Seite kaum etwas auszusetzen. Ich hoffe allerdings - wie schon gesagt - dass du das alles nicht als bekannt voraussetzt, sondern auch ein wenig in die hauptstory einflechtest.
    [subtab='#5']
    Ohohohohoh, Momoko, Momoko... deine Geschichte wird ja immer tiefschichtiger, und zahlreiche Facetten kommen neu hinzu, sodass ich glaube ich von jedem neuen Kapitel werde sagen, dass mir am Besten gefällt...


    Dieses Spezialkapitel war sehr schön geschrieben und warf einige neue, authentisch wirkende Aspekte auf, von denen ich gespannt bin, wie sie wohl vertieft werden werden...
    [subtab=#6]
    Moooohhhh ;_; Arme Nidoqueen...
    Sowas in der Art dachte ich mir schon... wieder ein sehr schönes Spezi, danke, Pika!
    [tab='Fazit']
    Zunächst muss man sagen, dass deine Rechtschreibung und dein Schreibstil an sich beinahe tadellos sind, genaueres wirst du aber erst bei der genaueren Beurteilung eines neuen Kapitels von mir hören.


    Auch die Kapitellänge ist für mich persönlich manchmal zwar etwas lang, aber das kann auch daran liegen, dass ich die gesamte Geschichte bis jetzt ja als Ganzes an einem Stück gelesen habe ;)


    Ein allgemeinerer Tipp zur Formatierung: Es kommt unheimlich gut, wenn du deine Texte als Blocksatz formatierst. dadurch sind die zeilen nur bei Absätzen unterschiedlich lang und das Ganze bekommt eine recht schöne Optik, finde ich. Falls du am Code interessiert bist: Markiere den Text, bevor du ihn abschickst, und klicke auf den Block aus gleich langen Zeilen direkt neben dem Symbol für "rechtsbündig" oben rechts über dem Eingabefenster.


    Was auffällt, ist, dass manche Aspekte sehr schnell daherkommen und doch ein wenig Feintuning gebraucht hätten (z.B. Mizus nicht mehr vorhandene Abneigung gegenüber Nekos Ohren). Auf derlei Dinge könntest du vielleicht verstärkt achten, ansonsten gilt das bereits Gesagte.


    Was mir auffällt, ist, dass man gelegentlich komplett vergisst, dass das hier ja eine Pokémongeschichte ist - man fühlt sich eher an einen Roman erinenert, den man gerade liest. Das spricht für keine geringe Erzählkunst, würde ich meinen!
    Das Problem ist nur - habe ich glaube ich auch mehrfach angesprochen - dass du manchmal zu sehr versuchst, Aspekte aus den Spielen zu übernehmen. Aber dazu verweise ich mal auf das bislang von mir Gesagte.


    Kleiner Schönheitsfehler noch zum Schluss: Im FF-Titel verkündest du das "24." Kapitel, bislang sind aber erst 22 erschienen.


    Ach ja, PN-Benachrichtigung wär sehr nett - deine Geschichte ist so dermaßen zum Träumen, dass ich sie weiterlesen MUSS - auch, wenn Kommentare ab und an auf sich warten lassen könnten! ;)


    lg


    Mewtu Jingsel Mewtu


    P.S.: Wenn du zu Einzelaspekten genauere EInschätzungen wünschst, lass es mich wissen - beim nächsten Kapi wird der Kommi an sich auch ausführlicher^^



    [/tabmenu]



    (Was mich btw begeistert, ist, dass du mit deiner Story so verdammt nah an meine Lieblings-Fantasyreihe kommst, was ihn - ohne sie gelesen zu haben *_*)

  • [tabmenu][tab= :knot:]Vollkommen erschöpft und mit schmerzenden Augen meldet sich Tai-chii-Lumi, die es gerade geschafft hat, die Katzen-hassen-Wasser?-Story von ihrer Kistengeistinmeisterin - aka Pika-sama - durchzulesen. Mit der Überzeugung, dass diese ihre Sucht nach ellenlangen Kapiteln ablegen sollte, und der Erkenntnis, dass Tai-chii liebend gern ein Traunfugil wie das Nekos haben möchte, kommentiert die echt spät dranne (tolles Wort, nicht? xD) nun.[tab= :geschwätz:]Hat ziemlich gedauert, das Kommi *hust*. Hab auch erst vor ein paar Tagen angefangen zu lesen, um ehrlich zu sein n__n Du schreibst zu lange Kapitel, echt mal, aber ich hab mir vorgenommen, das Kommi noch dieses Jahr zu schreiben - und ich habe es geschafft! :'D
    Zu einzelnen Kapiteln äußere ich mich erstmal nicht. Auch wenn ich zu Anfang noch gehofft habe, dass Shinzu der geheimnisvolle Prinz mit dem Kristall ist - ich ahnte, dass es auf Mizu hinausläuft <.< Und wenn du jetzt noch mal richtig mies bist, lässt du es doch nicht Mizu sein. Pfft. Aber er ist es - schließlich sieht er eher aus wie ein Naminer als ein Lyoe-ehhh, du weißt was ich meine, ich muss nur gerade irgendwie an Französisch-Lyon denken >___< Lyyy-Lynoer, genau! Eher ein Naminer als ein Lynoer.
    Raika hab ich eigentlich gemocht, um das mal klar zu stellen - aber als sie und ihr Bruder in Partnerarbeit die arme Königin des Waldes (ich liebe diese Bezeichnung! <3) ermordet haben, war ich irgendwie ziemlich baff oô Ich dachte schon, Neko und sie freunden sich vielleicht (Neko hegt übrigens dem Wort Freundschaft in ziemlich seltsamen Formulierungen nach, ist dir das mal aufgefallen? o: Zum Glück hat sie das seit ein paar Kapiteln nicht mehr gemacht.) mal an, nachdem sie sich in ihren Armen ausgeheult hat - die Sache mit den Käferpokémon und dieser Pflanze fand ich übrigens so schön! x3 - aber nein, jetzt so was oô Rai hat sich bei mir jetzt auch unbeliebt gemacht. Kasai - Kasai hieß er doch, oder? Ich will ihn ständig als Kukai bezeichnen, was wohl daran liegt, dass Mizu aussieht wie Ikuto a_ê Da passte die Angst vor den Katzenohren aber nicht, zum Glück hab ich nicht ständig an Yoru denken müssen - JEDENFALLS: Kasai mag ich, der spielt Violine. Und Maccargo (MacDonalds D:') ist süß. -> Am süßesten ist trotzdem Traunfugil! Er ist so lieb <3 So aufgekratzt, so hyperaktiv. :3 Einfach zur zum liebhaben ♥ // Was noch... Ah, Tetsu mag ich auch gerne, den muss man mögen. Momoko hat mich aber sehr enttäuscht, als sie Neko praktisch vergiften wollte 0__o Okay, nachvollziehbar, was mit ihrem Freund Niwa-irgendwas was Garten bedeutete ich aber leider vergessen hab passiert ist, aber... Shinzu will doch gar nichts von ihr! Ah, wie die rosarote Brille wertvolle Freundschaften zu tosendem Hass hinter ihrem furchtbarem Glas aussehen lässt. Würde erklären, wieso sie Momoko heißt. Abgesehen von der Haarfarbe.
    Der kleine Junge, dessen Partner Cerapendra ist, den habe ich ins Herz geschlossen. Ich hoffe, er kommt noch mal vor.
    JEDENFALLS: Ja, was, Lumi-Taichii macht gar keine Vorschläge, wie's weitergehen könnte und zählt bloß ihre Lieblingscharaktere auf? Wenn Mizu wirklich der schnöselige Prinzensohn ist, dann hoffe ich für dich, dass er den Tod von Papinella, Pudox, den beso... angeschwipsten Kneipenkerlen und dem mit dem Eichhörnchen Pachirisu wieder gut macht. Die Sache am Ende, mit der Traumreise (ich hege übrigens Vorurteile gegen alles fantasy-artige mit dem Wort 'Traum' in sich, seitdem ich Die Chroniken der Nebelkriege von Thomas Finn gelesen habe u__á) hat mich etwas verwirrt - wenn Nekos Tante keine Kinder kriegen konnte, wie konnte der geheimnisvolle Prinz (den ich inzwischen als Arschloch abstempeln möchte. Mizu, ich flehe dich an, hab doch bitte zwei Persönlichkeiten, wenn du es bist. Wenn es doch Shinzu ist - naja o: Unwahrscheinlich, finde ich nun.) dann... Ach, egal, ich seh's ja schon noch. Interessant ist auch, dass diese ominöse Königin aus Namine ein paar Leuten im Hauptquartier ein paar Erinnerungen löscht - Seijin (so hieß er doch, nicht wahr? Ach so viele Namen >____<) schien ja irgendetwas von Mizu zu wissen oder wasauchimmer, wenn dieser wirklich der Prinz ist, dann ergäbe das in gewissem Maße Sinn... / Apropos, ich vermisse Shana - einerseits, weil ich Shakugan no Shana-Fan bin und andererseits, weil ich ihren Charakter mochte :3
    Außerdem - ich bin ein Fan deiner Spezialkapitel! Du erklärst und beschreibst die Charaktere in ihnen, das finde ich toll. Aber eine Sache gibt es, die mich deutlich stört - du nimmst keinen Blocksatz, um die Kapitel on zu stellen! q___q Aber die Beschreibungen gefallen mir, imo kann ich jetzt nicht auf alles eingehen, sonst wird das Kommi viel zu lang und es ist Silvester und ich hab heute auch noch was anderes zu tun. :'P


    Liebe Grüße, Tai-chii <3[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Da Einleitung]Danke nochmal an Jings und Limu, dass sie mir auf die Sprünge geholfen haben <33 Hat mich wirklich inspiriert, und ohne diese Inspiration wären diesen beiden Kapitel richtig bleede geworden ^^
    Film ab~[tab=Trennung?]Magneton Kapitel 23: Getrennte Ladungen


    Es war ein ungewöhnlich kalter Morgen, und das frostige Licht der Sonne kämpfte sich mit Mühe durch die feuchte Luft. Der Himmel schimmerte grau und erweckte den Anschein einer alles umhüllenden und seiner Freiheit beraubenden Kuppel aus mattem Glas. Nebel hing über dem Boden wie die Vorboten eines Unheils, das noch im Heranrollen begriffen war. Eines Unheils, das zwei Menschen, die bislang alles ab ihrer Zeugung durchgemacht hatten, trennen konnte.
    Neko stromerte in der Nähe des Anführerbüros des Hauptquartiers der Schwarzen Rose herum und dachte über die Geschehnisse der letzten Tage nach.
    Der Tag nach Nidoqueens Tod hatte mit einer unangenehmen Überraschung begonnen. Zakura war, nachdem Tetsu ihr von dem tragischen Zwischenfall berichtet hatte, dezent ausgerastet und hatte inetwa ähnlich reagiert wie der Gotela. Eine stundenlange Debatte zwischen ihnen beiden und dem Dorfleiter war die Folge gewesen, die sie gleich öffentlich auf der Hauptlichtung im Beisein des Angeklagten getagt hatten. Rai hatte dabeigestanden wie eine unumstößliche Statue, absolut mit sich und seiner Gewissheit im Reinen, richtig gehandelt zu haben. Tetsu hatte gefordert, Seijin die Meinungen von Zakura und Hito zukommen zu lassen und bei diesen danach verlangt. Seine Straftat solle nicht ungesühnt bleiben, hieß es.
    Schließlich war Rai dazwischengetreten und hatte die Diskussion abgebrochen, indem er sagte: „Wir wissen doch alle, dass das hier zu nichts führt. Ob Hito und Zakura nun was gegen mich haben oder nicht, wird für Seijin in zwei Jahren auch keinen Unterschied machen. Wenn er mich nicht gleich rauswirft.“
    Hito sah ihn daraufhin lange an, hinter seiner Stirn arbeitete es. Einerseits hatte der junge Tiro ihm und seinem Dorf den Frieden wiedergebracht, den sie durch Nidoqueens Wüten verloren hatten, andererseits auf unerwünscht brutale Weise. Aber unabhängig davon war er Rai eigentlich zu Dank verpflichtet und musste sein Bestes tun, um dessen Strafe zu mildern. Wahrscheinlich überraschte es jeden der Schaulustigen, was er schließlich sagte: „Rai hat auf meinen Befehl Nidoqueen getötet.“
    Die verwundert-entsetzten Blicke, die Tetsu, Zakura und Rai ihm daraufhin im Kollektiv zuwarfen, würde Neko vermutlich nie vergessen. „Das stimmt nicht“, konterte Rai, aber sein Tonfall verriet, wie beeindruckt er von der Selbstlosigkeit des Dorfvorstehers war.
    „Das kannst du nicht nachweisen“, gab Hito bestimmt zurück und sah zu Tetsu auf. „Wenn ich die Hauptschuld auf mich nehme, fällt die Strafe für Rai nicht so hoch aus. Mir in meiner Position hingegen kann Seijin diplomatisch allerdings nichts anhaben.“ Damit drehte er sich um und stakste hocherhobenen Hauptes zu dem Baum, der sein Haus in den Ästen trug, und verschwand in seiner Wohnung. Die Angelegenheit war für ihn damit erledigt.
    Jetzt waren sie zurück im Hauptquartier, und trotz des Aufladens der Schuld, das Hito vollzogen hatte, kam Rai an einem Verfahren vor ihrem Anführer dennoch nicht herum. Wie das ablief, konnte Neko sich nicht vorstellen – vermutlich aber legten Tetsu und Rai einzeln ihre Version und Meinung der Geschichte dar, und Seijin wertete diese dann unter Diskussion der beiden Anwesenden aus. Wenn Rai Glück hatte, würden seine Chancen für eine bestandene Probezeit schwer sinken. Wenn er Pech hätte, würde er sofort zu einer niederen Rebellengruppe versetzt werden. Und wenn Raika ihm dabei nicht folgte, würde diese Sache die Zwillinge trennen.
    Die Gelbhaarige saß auf einer Bank gleich neben der Tür zu Seijins Büro, die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in den Händen gestützt. Voltenso lag zu ihren Füßen; seine Ohren drehten sich hin und wieder leicht in die Richtung der Tür, aber mehr als undeutliches Gemurmel dürfte er ohnehin nicht hören. Magneton schwebte wartend in der Nähe und summte gelegentlich vorbei.
    Den Anblick, den Raika bot, fürchtete Neko fast noch mehr als ihre kalte, gehässige Art. Momoko hatte etwas Herablassendes in diese Richtung erwähnt, dass es Raika recht so geschah, sich auch mal schlecht zu fühlen. Aber Neko empfand das anders. Sie hatte Mitleid mit der Tira, nicht nur aus zwischenmenschlichen Gründen. Raika war eine so starke Persönlichkeit, und sie so zerbrechlich und zerbrochen zu sehen, ließ Neko daran zweifeln, ob sie selbst oder andere Menschen ihre Ziele erreichen konnten in einer solchen Welt. Sie entschied sich dazu, der blutenden Giftzunge Gesellschaft zu leisten, zumindest so lange, bis diese wusste, wie es ihrem Bruder erging. Nagende Ungewissheit war häufig schlimmer zu ertragen als die schlechteste Nachricht.
    Raika sah nicht einmal auf, als sich die Chimäre neben sie setzte, und sagte auch nichts. Zuerst hatte Neko vorgehabt, sie danach zu fragen, ob sie über die Sache reden wolle, brachte nun aber kein Wort über die Lippen. Die angewöhnte Ablehnung verknotete ihr den Hals. Also entschied sie, einfach so lange hier sitzen zu bleiben, bis die Tira von sich aus das Wort ergriff, ob sie nun reden wollte oder von der Eloa verlangte, sie allein zu lassen, war ihr dabei gleichgültig.
    Doch Raika sagte die ganze Zeit über nichts, während die beiden beobachteten, wie der Nebel immer weiter vor dem wärmer werdenden Sonnenlicht wich. Mit der Zeit drifteten Nekos Gedanken ab und dachten über das eine oder andere Ereignis nach, das während ihrer Rückfahrt ins Herzland geschehen war:
    Da war zum Beispiel die Überraschung, die sie erlebt hatte, als sie erfuhr, dass Momoko einen zweiten Partner im Wald gefunden hatte. Es war ein winziges Webarak, kaum geschlüpft, auf das sie irgendwie geartet gestoßen war, während Neko und Mizu die Nidoeier geholt hatten. Das kleine Käferpokémon hatte sich subtil im Hintergrund gehalten und sich an den Rücken seiner Menschenpartnerin festgeklammert, wo es nicht aufgefallen war. Dass die Dyrierin ihnen nichts erzählt hatte, zeugte erneut davon, wie selbstverständlich diese Besondere, das Leben verändernde Begegnung war. Der neue Partner fügte sich in das alte Leben ein, als sei er schon immer ein Teil davon gewesen. Es kam schließlich auch keiner daher und bemerkte mal schnell eben, dass er eine Hand hatte.
    Eine andere bemerkenswerte Sache war, was Mizu im hellen Sonnenlicht entdeckte, das er vorher in des Mondes Scheine nicht erkannt hatte. Nur Neko wusste davon, war sie doch die einzige, die dabei gewesen war, als es zum ersten Mal geschehen war: Tanhels Linse war noch trüber als zuvor. Wo vorher nur eine leichte milchige Verfärbung der Glaskugel, die sein Auge war, zu erkennen gewesen war, musste man nun schon gar nicht mehr genau hinsehen, um sich zu vergewissern, dass mit der Linse etwas nicht in Ordnung war. Das betroffene Pokémon selbst verhielt sich auch anders: Es schwebte entweder Mizu oder Bojelin ständig hinterher, eigentlich nur auf der Suche nach etwas, das ihm sicheren Halt bot in seiner Umgebung, die es nicht mehr scharf wahrnahm. Trotz dieser Bemühungen kam es hin und wieder vor, dass das blaue Metallwesen Hindernisse nicht rechtzeitig erkannte und nur der harte Stahlpanzer es davor bewahrte, von dem Zusammenstoß mit diesem schlimmere Verletzungen davonzutragen. Mizu hatte es Neko zwar nicht gesagt, aber sie war sich sicher, dass auch er darüber nachgrübelte, wo das hinführen sollte. Mit jeder Vision, die der Lynoer von seinem Partner erhielt, wurde dessen Sicht schlechter, vermutlich so lange, bis es komplett erblindete.
    „Was willst du, Neko?“, störte Raika schließlich die angespannte Stille, die zwischen den beiden geherrscht hatte. Der immer aufmerksame Voltenso drehte die Ohren zu ihr und öffnete träge die Augen, um sie gleich darauf wieder zu schließen.
    Die Chimäre antwortete zunächst nicht, sondern rutschte unbehaglich hin und her. Aber sie kam zu dem Schluss, dass es zum Umdrehen nun zu spät war. Außerdem war sie Raika, trotz deren anfänglichen Gemeinheiten ihr gegenüber, etwas schuldig. Die Tira hatte ihr immerhin beigestanden, als auch sie gefühlsmäßig so aufgewühlt gewesen war, dass sie keinen klaren Gedanken hatte fassen können. „Ich dachte mir, du wolltest vielleicht… reden“, stammelte sie schließlich zusammen.
    Die Gelbhaarige sah zu ihr, die eine Augenbraue skeptisch hochgezogen. „Reden?“, betonte sie noch mal, und ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie lächerlich sie das fand. Aber die Skepsis in ihrem Gesicht wich fast sofort der vorigen Besorgnis, als sie das Brummen vernahm, das Magneton beim Schweben von sich gab. Sie seufzte und lehnte sich zurück. „Reden“, wiederholte sie, diesmal in etwas zuvorkommendem Ton. „Über was denn?“
    „Ich… weiß nicht“, gestand Neko und strich eine Falte ihrer Hose glatt. So genaue Vorstellungen hatte sie sich auch nicht gemacht. „Über was würdest…“
    „Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen“, fiel Raika ihr dazwischen, ohne auf Nekos Einwand einzugehen. Die Chimäre brach abrupt ab und beschloss, nichts weiter zu sagen, da die Tira nun die Zunge lockerte. „Ich meine, uns gibt es nur im Doppelpack“, fuhr sie fort und machte eine Handgeste, als wäre dieser Umstand selbstverständlich. „Zur Not würde ich mich auch dorthin versetzen lassen, wo er hinkommt. Aber ich bin mir sicher, dass er mich dann umbringen würde.“ Sie lachte bitter über diesen nicht wirklich gelungenen Scherz.
    „Warum seid ihr der Schwarzen Rose beigetreten?“, fragte Neko, nachdem ihre Nebensitzerin eine Weile nichts mehr gesagt hatte.
    Raika beugte sich zu ihrem Erstpartner runter und kraulte ihn hinter den Ohren. „Die Rebellion hat uns geholfen“, meinte sie schlicht, und die Eloa befürchtete schon, dass das alles war. Aber dem war nicht so: „Unsere Familie hatte eine große Voltilammherde. War nicht gerade einfach, die kleinen Wollknäuel jeden Morgen auf die Weide zu treiben und jeden Abend wieder zurück.“ Sie grinste, wahrscheinlich ob einer amüsanten Erinnerung aus ihrer Kindheit, die sie aber nicht weiter darlegte. „Sie brachten ja auch genügend Geld ein mit ihrer Wolle. Unser Vater hatte irgendwann aber einen Spinner, und dachte, noch mehr Kapital aus ihnen schlagen zu können, wenn er in weiße Wolle investierte. Es war jenes Jahr, in dem die Seuche durch das Hügelland zog.“
    Neko nickte, auch wenn Raika sie nicht sehen konnte. Sie hatte von der verheerenden Krankheit gehört, die vor bald zehn Jahren das südlichste Land heimgesucht hatte. Viel wusste sie nicht davon, aber anscheinend hatte sie nur die Voltilamm befallen, denen daraufhin das immer strohiger werdende Fell ausgefallen war, weil sie nicht mehr genug gefressen hatten. Ein Großteil der Herden war an Unterernährung gestorben, und erst der Winter hatte der Seuche Einhalt gebieten können. Die letzten Kranken waren erfroren und damit auch die Träger der Erreger. Die wenigen Elektroschafe, deren Immunsystem gegen die Krankheit aufbegehren konnte, hatten für den Wiederaufbau der Herden im nächsten Jahr sorgen müssen. Die Wirtschaftskraft des Hügellandes war in diesem Jahr besonders schwach gewesen, da sein Hauptexportgut ausgefallen war. So weit Neko wusste, hatte das vor allem die kleinen Bauern getroffen, da diese außer den Voltilamm meist keine anderen Einnahmequellen hatten.
    „Wir hatten fast nichts mehr“, erzählte Raika weiter, und in ihrer Stimme klang Bitterkeit mit. „Es haben nur zwei Volitlamm und unser Zucht-Ampharos überlebt. Damit unsere alte Herdengröße wiederherzustellen, war absolut unmöglich. Immerhin hat sich die über Generationen hinweg aufgebaut. Da kam die Schwarze Rose ins Spiel.“ Nachdenklich betrachtete die Tira ihre Fingernägel, als habe sie die weiteren Ereignisse ihrer Geschichte vergessen und fände sie da. „Finanziell und auch, was das Vieh betrifft, haben die Rebellen uns unterstützt. Es wird zwar noch viele Jahre dauern, bis wir unserem alten Besitz auch nur nahe kommen, aber ohne die Hilfe der Rose hätten wir den ohnehin nie erreicht.“
    Als sie endete, fragte sich Neko noch immer, warum Raika und ihr Zwillingsbruder der Schwarzen Rose beigetreten waren, weil das noch immer nicht beantwortet worden war. Aber Raika hatte nur eine Pause gemacht, während derer sie starr geradeaus geblickt hatte, ohne etwas zu sehen. Anscheinend wollte sie sich vom Eingang zu Seijins Büro, der unmittelbar neben ihr lag, ablenken.
    „Sie wollten nichts dafür zurück.“ Als Raika weitersprach, klang ihre Stimme heiser, fast tonlos. „Aber Rai und ich waren uns einig, dass wir ihnen was schuldig waren. Wir waren keine Rebellen, auch unsere Eltern und Großeltern nicht. Unsere Familie war der Rose gegenüber seit jeher neutral eingestellt. Aber das hatte sich geändert; jetzt hatte sie uns geholfen. Und wir wollten etwas zurückgeben.“
    „Indem ihr ihr beitratet“, schlussfolgerte Neko überflüssigerweise.
    Raika nickte. „Es ist unser Leben, deswegen haben wir uns ins Zeug gelegt. Wir haben nichts anderes.“
    Neko brauchte eine Weile, um den Sinn dieses letzten Satzes zu verstehen. Im ersten Moment konnte sie nicht glauben, dass dem wirklich so war, weil es ihr einfach unvorstellbar vorkam. Zudem konnte es auch einfach sein, dass sie sich das alles zusammenfantasierte und Raikas Erzählung überinterpretierte. Doch die Neugier hatte sie gepackt, und sie musste jetzt einfach wissen, ob sie im Unrecht war – weil sie hoffte, dass es sich so verhielt. „Eure Eltern wissen nichts davon“, sprach sie ihre Vermutung aus, „oder?“, fügte sie noch hinzu, weil ihr ihr voriger Satz zu sehr danach klang, als sei sie davon überzeugt; was sie ja nicht war.
    Nicht gerade zu ihrer Überraschung, aber Enttäuschung nickte Raika erneut, wenn auch zögerlich. „Wenn wir es ihnen gesagt hätten, hätten sie uns aufgehalten, hätten uns darum gebeten, zu bleiben und ihnen zu helfen. Und wir wären geblieben, aus Verantwortungsbewusstsein“, erklärte die Tira, klang aber nicht sehr davon überzeugt. „Indem wir uns weggeschlichen haben, wurde die Sache für uns alle einfacher. Natürlich plagt uns das schlechte Gewissen, seit sechs Jahren.“ Sie wedelte mit einem Arm, als habe Neko sie angeklagt und als wolle sie sich dagegen verteidigen, obwohl die Chimäre nichts gesagt hatte. „Aber wir können nicht zurück.“ Und fügte sehr leise, aber noch hörbar hinzu: „Noch nicht.“
    „Denkt ihr nicht, dass sie sich Sorgen um euch machen?“, wollte Neko wissen und beobachtete Traunfugil, der in der Ferne mit Porygon2 und einem Krebutak, dem Partner eines Rebellen aus einer anderen Gruppe, einen nicht wirklich ernst gemeinten Trainingskampf ausführte. Oder eher spielte.
    „Nein“, antwortete Raika, zerstreute aber die Befürchtungen der Eloa, dass das schon alles war, sogleich: „Wir glauben es nicht – wir wissen es. So sind Eltern doch, nicht wahr? Kümmern sich immer um ihre geliebten Kinder.“ Sie klang verbittert und sarkastisch, und Neko fragte sich, was in ihrer Vergangenheit vorgefallen war, dass sie so etwas und vor allem auf diese Weise sagte. Ihr wurde mit einem Mal bewusst, wie wenig sie von Raika wusste – und im Übrigen auch von all ihren anderen Teamkameraden. Es machte wieder einmal deutlich, dass sie nicht mehr als das waren. Nur Kollegen, keine Freunde.
    Auch wenn Neko das Gefühl hatte, dass in dieser Angelegenheit noch nicht alles ausgesprochen worden war, wurde ihr Gespräch mit der Gelbhaarigen unterbrochen:
    Voltenso wusste noch vor ihnen, dass es geschehen würde, und hob aufmerksam den Kopf. Ein leises Klicken erklang, und die Tür zu Seijins Büro öffnete sich. Raika stand noch fast im selben Moment auf, in dem ihr Erstpartner aufhorchte, und sah sich ihrem Bruder gegenüber. Rai blickte sie überrascht, aber unbeteiligt an und sah noch einmal in das Gebäude zurück, das er soeben verlassen hatte. Dort stand, zu Nekos Überraschen, Xatu im Türrahmen und musterte den Angeklagten.
    „Vergiss nicht, was ich dir erklärt habe“, sagte er zu dem Tiro ungeachtet seiner Zwillingsschwester, deren Erstpartner und der Chimäre, die alles mithören konnten. „Es wird dir eines Tages noch hilfreich sein.“
    „Danke“, erwiderte Rai und nickte dem Psychoadler respektvoll zu, bevor sich die Tür wie von Geisterhand durch Xatus telekinetische Kräfte schloss. Jetzt wandte Rai sich wieder seiner Schwester zu. Auch wenn Neko deren Gesicht nicht sehen konnte, stellte sie sich vor, wie sie ihren Bruder verzweifelt und doch erleichtert ansah. Oder vielleicht genauso unbeteiligt und emotionslos wirkte wie dieser.
    Die Chimäre spürte, dass ihre Anwesenheit nicht länger erwünscht war, und stand leise und möglichst unauffällig auf, schlich sich weg. Erst nach einigen Schritten drehte sie sich leicht um und erhaschte einen Blick auf eine Raika, die ihren Gefühlen Luft machte und sich ihrem Zwilling an den Hals geworfen hatte. Sie konnte nicht hören, was die beiden miteinander redeten. Bald ließen sie sich, Arm in Arm, auf die Bank zurücksinken, sprachen weiter. Neko fühlte sich, als habe sie etwas beobachtet, das nicht für ihre Augen bestimmt gewesen war, und drehte sich schuldbewusst um, um die beiden Geschwister mit sich allein zu lassen.
    Die drei Pokémon hatten ihren Spielkampf beendet, und Traunfugil kam auf seine Menschenpartnerin zu. Als er aber Shinzu sah, der ebenfalls auf dem Weg zu ihr war, drehte er ab und steuerte auf den Naminer zu. Bis dieser bei Neko ankam, war sein schwarzer Haarschopf so unordentlich wie von einem nächtlichen Sturm aufgepeitscht. Und dabei hatte der Nebelgeist noch kaum angefangen.
    „Weißt du, wie es gelaufen ist?“, fragte Shinzu sogleich und deutete mit dem Kinn in die Richtung, aus der Neko gekommen war.
    Diese zuckte die Schultern und wusste nicht, wohin sie blicken sollte. Zurück auf keinen Fall, da hatte sie schon genug einsam gemeinsame Momente gestohlen, und zu Shinzu rauf ebenfalls nicht, sonst wäre sie sich ihrer selbst nicht mehr sicher gewesen. „Wird sich noch zeigen“, meinte sie und betrachtete ihre Fingernägel wie zuvor Raika. Diese waren wohl ein gutes Mittel, um davon abzulenken, dass man sonst keinen guten Punkt hatte, zu dem man starren konnte.
    „Was denkst du?“ Ein leises Quieken erklang, als Shinzu den Poltergeist auf seinem Kopf leicht aufscheuchte, was aber auch nicht viel brachte. „Was mit Rai geschehen wird.“
    „Ich weiß nicht“, gab Neko zu und gab nun doch den Versuch auf, sich hinter ihren Fingernägeln zu verstecken. „Er hat nichts gesagt, aber ich vermute, dass es Auswirkungen auf seine Gesamtwertung hat. Wenn er jetzt nicht rausfliegt, dann ganz bestimmt nach den zwei Jahren. Immerhin hat er… Nidoqueen getötet.“ Sie schauderte noch immer bei der Erinnerung der aufgeschlitzten Waldkönigin. Es war ein grauenvoller Anblick gewesen, den sie, zu ihrem Leidwesen, wohl nie vergessen würde.
    Plötzlich kam ihr ein Gedanke, und sie traute sich nun doch, Shinzu direkt in die tiefschwarzen Augen zu blicken. „Versprich mir bitte, dass du das nie tun wirst!“, fuhr sie ihn heftiger als beabsichtigt an.
    Der Naminer schrak zurück, sodass Traunfugil kurz aufschwebte, um ihm nicht vom Kopf zu rutschen. „Was meinst du?“
    „Was Rai getan hat“, erklärte die Chimäre nun etwas ruhiger, und ihr Herz schlug schneller. „Versprich mir, dass du niemals jemanden umbringst, weder Mensch noch Pokémon.“ Auf keinen Fall wollte sie, dass seine Wertung so schlecht ausfiel, dass er das Hauptquartier wieder verlassen musste. Genauso wie bei Mizu…
    „Warum sollte ich?“, fragte er und zeigte seine Handflächen offen dar, um seine folgenden Worte zu unterstreichen: „Ich kann nicht einmal mit Waffen umgehen.“
    „Ich weiß.“ Auch wenn ihr klar war, dass man nicht unbedingt mit Waffen umgehen können musste, um jemanden zu ermorden… Jetzt war Neko doch unbehaglich zumute und sie trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Trotzdem.“ Shinzu nickte, sagte aber nichts, als er ging und sie auf der Wiese stehen ließ.
    Während sich Nekos Herzschlag wieder beruhigte, überlegte sie ernsthaft, ob sie, wenn ihr Mizu anstelle von Shinzu entgegengekommen wäre, ihn genauso leidenschaftlich darum gebeten hätte, niemals einen Mord zu begehen.[tab=Spezialkapitel mit Raika]Voltilamm Spezialkapitel 7: Am Anfang war ein Funke


    Wolken, klein und fluffig wie fein säuberlich portionierte Wattebäusche, trieben am Himmel entlang, einem Pfad folgend, der ihnen vom Wind gewiesen wurde und wahrscheinlich nie endete. Auch die Herde Voltilamm erweckte einen ähnlichen Anschein, sodass es wirkte, als reflektiere sich der Himmel in einem Spiegel, der sein zartes Blau in Grasgrün und die Wattewolken in kleine, gelbliche Elektroschafe verwandelte. Raika führte diesen Gedanken weiter und stellte sich vor, sie und Rai seien der Wind, der verhinderte, dass die Voltilamm vom rechten Weg abkamen. So hatte jedes Kind des Himmels sein Gegenstück auf der Erde, und Oben und Unten konnten sich im Gleichgewicht halten.
    Das vielstimmige und unaufhörliche Blöken der Voltilamm umgab sie wie Chorgesang, während sie am Rande der Herde an den Wollwesen vorbeiging und sie mit sanftem Schnalzen der Zunge dazu animierte, sich fortzubewegen. Zwei Voltenso, jeweils eins zu beiden Seiten der Gruppe, hielten in ausreichendem Abstand Wache; eines von ihnen wurde von einem tapsigen Frizelbliz begleitet, das noch zum Schäferhund ausgebildet werden sollte und bei den erwachsenen Donnerhunden lernte. Immer in Raikas Nähe hielt sich das Zucht-Ampharos auf, über dessen geschwollenen Bauch sich das sonnengelbe Fell spannte und statisch geladene Zacken bildete wie bei einem Blitza. Nicht mehr lange, und die Herde würde neuen Zuwachs bekommen.
    Raika ließ den Blick weit über die Herde schweifen, sodass ihr unteres Gesichtsfeld von blassgelben Wollhäufchen eingenommen wurde. Ihr Zwillingsbruder folgte den Voltilamm dichtauf und trieb sie mit einem Hirtenstab zur Eile an. Noch hatten sie die Weide, die ihrer Familie gehörte, nicht erreicht, und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Zwar hatte sie ihren Zenit noch längst nicht erreicht, aber die Voltilamm hätten schon seit langem auf der Weide sein müssen.
    Beim Anblick ihres Bruders wurde Raika von einer leichten Melancholie ergriffen. Die Zwillinge zählten fast sieben Jahre, das übliche Alter, in dem man im Hügelland den Jungen beibrachte, mit der Nationalwaffe umzugehen. Zwar war Rai noch gute Lichtjahre davon entfernt, eine waffentaugliche Sense auch nur in der Hand zu halten, doch eben deswegen begann die Ausbildung schon sehr früh. Seine ersten Übungen bestanden darin, einen Holzstab mit den Bewegungen zu führen, die später im Kampf mit der Sense unerlässlich waren. Mit der Zeit, so hatte Raika das von ihm erfahren, würde an einem Ende mittels Tuch und Kieseln das Gewicht dieser Seite verändert werden, um das spätere Sensenblatt nachzuahmen. Erst wenn Rai mit diesem Zusatzgewicht die Balance des Stabes halten konnte, wäre er auch nur annähernd in der Lage, eine echte Sense zu benutzen. Aber bis dahin wären es sicher noch Jahre.
    Oder zumindest hoffte Raika das. Wenn sie Rai mit dem Hirtenstock umgehen sah wie mit seinem Übungsstab, wurde ihr mit erschreckender Sicherheit klar, wie er sich zu verändern begann. Sie glichen sich bis auf ihr Geschlecht so sehr, dass sie jede noch so kleine Wandlung spürte wie einen frischen Kratzer. In diesem Fall heilte der Kratzer aber nicht, im Gegenteil, er wurde länger, tiefer, und fraß sich mit der Zeit zu einer ausgewachsenen Schnittwunde aus. Was natürlich daran lag, dass es ihr als Mädchen nicht erlaubt war, die Kunst des Waffenkampfes, egal welcher Art, zu erlernen. So würde sie nie mit ihm mithalten…
    Vielleicht sollte ich Bakuchikus Angebot doch annehmen, überlegte Raika und dachte dabei an das Dojo, in dem Rai vom örtlichen Meister ausgebildet wurde. Dessen Tochter, Bakuchiku, die jüngste unter vier Brüdern, hatte eine neue Nahkampftechnik entwickelt, bei der man keine Waffen benötigte. Es war eine Mode im Hügelland, dem Land des Keran und zum Teil auch im Herzland und wurde als Kampfsport bezeichnet. Ursprünglich für Jungen und Männer erfunden, die sich die Ausbildung zum Waffenkämpfer nicht leisten konnten, war es alsbald auch zu einer Möglichkeit für Frauen geworden, sich körperlich zu verteidigen. Bakuchiku hatte davon gehört und hatte sich selbst an eine Art gesetzt und selbst entworfen.
    Wenn Raika ihrem Angebot, aufgrund vollbesetzten Kurses etwas teurere Einzelstunden zu nehmen, zustimmte, hätte sie eine Chance, Rai in Sachen Kampftechniken wenigstens hinterherzuhinken. Sie wollte nicht, dass sie so weit voneinander abdrifteten, dass der eine etwas konnte, was die andere nicht einmal im Ansatz beherrschte.
    Während Raika das Frizelbliz zurückrief, das übermütig einem verloren gegangenen Wollbüschel hinterher rannte, der vom Wind getrieben über die Wiesen hüpfte, dachte sie an die Gemeinsamkeiten, die sie mit Rai verbanden.
    Da war natürlich am augenscheinlichsten ihr Äußeres: Sie ähnelten sich wie zweieiige Zwillinge, was bei verschiedengeschlechtlichen eigentlich nicht möglich war, und das so sehr, dass man sie schon verwechselt hatte. Oft hatte Raika mit dem Gedanken gespielt, ihr Haar länger wachsen zu lassen, um diese Verwechslungen aus der Welt zu schaffen; aber dann war es wieder so amüsant geworden, die Erwachsenen reinzulegen, dass sie es doch nicht übers Herz gebracht hatte. Außerdem wäre es ein Reiz gewesen, alle zwei Unterrichtsstunden im Dojo mit Rai die Rolle zu wechseln. Sicher wäre ihr Bruder bei diesem Streich dabei gewesen, und es wäre Raikas Schlüssel dazu gewesen, trotz des Verbots für Mädchen mit der Sense umzugehen zu lernen. Aber das Risiko war zu groß und die möglichen Konsequenzen einer Entdeckung ihres Betrugs zu gefährlich, als dass er sich lohnen würde.
    Auch vom Alter her konnte keiner von beiden oder einer der Dorfbewohner, nicht einmal ihre Mutter oder die Hebamme sagen, wer von ihnen älter war. Während ihrer Geburt hatte ein schrecklicher Sturm gewütet, hieß es, und Blitz und Donner hatten gewirkt, als wollten sie die Welt aus den Angeln reißen. Eine Zwillingsgeburt war auch so schon schwierig genug, sodass niemand der Geburtshelfer darauf geachtet hatte, welchen Geschlechts das erste oder das zweite Kind gewesen waren. So würde es wohl immer ein Rätsel bleiben, wer von ihnen beiden, wenn auch nur wenige Minuten, älter war.
    Da sie sich so sehr glichen, und doch der Unterschied ihres Geschlechts bestand, waren sie wie zwei verschiedene Ladungen, jedoch von der gleichen Stärke. Sie zogen sich an und gehörten einfach zusammen, und wenn sie getrennt wurden, entlud sich ein Blitz, sobald sie wieder zusammenkamen. Daher nahm eigentlich so ziemlich jeder in ihrem Heimatdorf, der sie kannte, an, dass sie Plussle und Minun als Partner haben würden. Ob das so werden würde, wussten sie noch nicht, denn sie waren den Pokémon ihrer Seelen noch nicht begegnet. Raika war gespannt, was sich da entwickeln würde, ob sich die Vermutungen der Spekulanten bewahrheiten würden oder sie und Rai am Ende mit gänzlich anderen Erstpartnern im Dorf erscheinen würden. Wie auch immer es ausfiel, sie würde es akzeptieren.
    Rai holte rasch auf, als sie die Hügelwölbung erreichten, die hinauf zu ihrem Ziel führte, und hatte sie bald eingeholt. „Raika“, rief er noch während er rannte, und als er ankam, war er etwas außer Atem. „Sieh mal, da“, keuchte er und zeigte nach rechts, gen Süden. Wie erwartet stand die Sonne schon beinahe senkrecht in Richtung des Ozeans, der in vielen Kilometern Entfernung gegen Küsten donnerte, die man von hier aus nicht sehen konnte. Doch das unendliche Meer zeugte anderweitig von seiner Existenz und schickte sein Wasser auf andere Weise zu ihnen ins Inland: Weit im Süden, kaum als graue Linie am Horizont zu erkennen, türmten sich Wolken auf, die dennoch wie die monströsen Geschwister der friedlichen Schäfchenwolken über der Weide wirkten.
    „Noch ein paar Stunden, dann hat uns das Gewitter eingeholt“, schlussfolgerte Raika und prüfte den Wind. Vorausgesetzt, der Himmelsatem blies auch weiterhin Richtung Norden und behielt seine jetzige Kraft. Eigentlich hoffte sie sogar, dass die Wolkenfront erst gegen Abend eintraf, wenn die Sonne schon im Untergehen begriffen war. Wenn es dunkel wurde, waren die Blitze viel eindrucksvoller als am Tag, auch wenn die Wolken einen Großteil des Sonnenlichts abzuschirmen im Stande waren.
    „Das wird den Voltilamm gut tun – sie haben schon eine Weile keine richtigen Blitze mehr abgekriegt“, meinte Rai betrübt und streichelte ein vorbeitrottendes Elektroschaf.
    „Nicht, wenn es nach Vater geht“, kommentierte Raika und überblickte die Herde. Man musste gar nicht so genau hinsehen, um zu erkennen, dass die kleinen Wattedinger keineswegs alle dieselbe Fellfarbe hatten; einige waren leicht heller, andere zierte gelblichere Wolle. Die Farbe war abhängig davon, wie viel Elektrizität die Voltilamm abbekamen, aber auch die Geschwindigkeit, mit der die Wolle wuchs, sowie ihre Konsistenz. Wolle von Voltilamm, die viel Zeit unter Unwettern verbrachten, war dunkelgelb, fast ockerfarben, und wuchs sehr schnell, war im Gegenzug dazu aber sehr kratzig. Nun plante der Vater der Zwillinge, die Herde oder wenigstens einen Teil davon zwar ebenso regelmäßig Blitzen auszusetzen – ansonsten würde die Wolle überhaupt nicht mehr wachsen –, aber nicht so lange und intensiv, um dadurch weiße Wolle zu erzeugen. Diese war nicht nur in ihrer Weichheit qualitativ hochwertiger, sondern praktischer für die Industrie, da sie sich unkomplizierter einfärben ließ. Der Nachteil allerdings war, dass sie unglaublich langsam wuchs und pro Jahr zehn Voltilamm zusammen nicht so viel produzierten, wie ein einzelnes an gelber Wolle im selben Zeitraum.
    Es war ein finanzielles Risiko, in das ihr Vater sie da führen wollte, und Raika war insgeheim froh, dass er noch bis nächstes Frühjahr würde warten müssen – bis jetzt hatten die Voltilamm schon zu viel gelbe Wolle produziert, als dass es sich lohnen würde, noch mit weißer zu beginnen. Vielleicht würde die Bedenkzeit ihn von seinem Vorhaben abbringen.
    Die Wölbung erreichte ihren Höhepunkt, und vor ihnen erstreckte sich nun die Weide, die zum Grundstück ihrer Familie gehörte. Insgesamt war sie fast halb so groß wie die Fläche, die ihr ganzes Dorf ausmachte, und ringsum von einem Holzzaun umgeben. Dieser war allerdings nur zum Schein da; er war weder hoch noch stabil genug, um die Voltilamm, wenn diese sich ernsthaft überlegen würden, auszubüchsen, effektiv zu halten. Er diente lediglich dazu, den Wollpokémon das Gefühl zu vermitteln, vor den Raubtieren, die hin und wieder um die Herde streunerten, sicher zu sein, und damit sie nicht gleich auf die Idee kamen, Reißaus zu nehmen. Der Zaun unterband dieses Vorhaben im Normalfall schon im Keim.
    Jetzt lief Rai voraus und öffnete das breite Tor. Raika schnalzte wieder mit der Zunge, während die Schäferhundpokémon kläffend um die gelbe Wolkenherde herumliefen, um diese in das Gatter zu treiben. Es war eine Prozedur von mehreren Minuten, aber letztlich waren alle Schafe verstaut, und Rai konnte das Tor wieder schließen.
    Es gab eine Bank, die an der Innenseite des Zauns befestigt war, aber Rai und Raika zogen es vor, sich gleich auf den Zaun zu setzen. Das hatte sie, als sie noch kleine Kinder gewesen waren, bei den Jugendlichen immer sehr beeindruckt, und daher hatten sie es nachgeahmt. Mittlerweile war aus Spaß reine Gewohnheit geworden, und sie fanden es auch nicht mehr so besonders. Es war einfach nur langweilig, auf der Bank zu sitzen.
    Jetzt kam die behaglichste Zeit des Tages. Raika liebte es, mit ihrem Bruder Schäferdienst zu verrichten und auf die Voltilamm Acht zu geben. Es war einfach entspannend, den Schafen mit der gelben Wolle bei ihrem gemächlichen Spaziergang über die Weide und dem Abäsen des Grases zuzusehen, während im Wolkenmeer hin und wieder ein kugeliger Schwanz auftauchte. Die beiden Voltenso hielten verantwortungsbewusst Wache und wurden es nicht müde, den eingezäunten Bereich wieder und wieder zu umrunden. Ganz anders als das kleine Frizelbliz, das zwar für die erste Zeit begeistert hinter den größeren Hunden herlief, sich dann aber in Nähe der Zwillinge ins Gras sinken ließ und einschlief. Es passierte nicht viel, während die Sonne über den Himmel wanderte, die Wolkenfront immer näher rückte und statische Funken zwischen den Wollknäueln aufzuckten.


    Plötzlich wurde die gemütliche Stille unterbrochen, als eines der Voltenso ein aufgeregtes Bellen ausstieß. Sofort fiel das andere mit ein, raste um die Weide und kam seinem Gefährten zu Hilfe. Als sei das nicht schon genug, schrak auch das Frizelbliz auf und kläffte verwirrt mit, zu konfus, um seinen Protest in irgendeine bestimmte Richtung zu lenken.
    „Mist, was ist da los?“, fluchte Rai und schwang die Beine über den Zaun, um auf der Außenseite runterzuspringen. Raika folgte ihm augenblicklich und rannte ihm hinterher. Sie überlegte fieberhaft, was vorgefallen sein könnte, das die Schäferhundpokémon so in Aufruhr versetzt hatte. Vielleicht war es ein Rudel Luxtra, das sich an einem oder besser mehreren Elektroschafen gütlich tun wollte. Für diesen Fall nahm man die Voltenso mit zur Weide, nicht nur, weil sie eine unerlässliche Hilfe dafür waren, die Voltilamm in Schach zu halten. Zwar konnte es ein Rudel ausgewachsener Blitzlöwen ohne Weiteres mit beiden von ihnen aufnehmen; aber das infernalische Gekläff reichte häufig schon aus, die Raubkatzen mit dem überempfindlichen Gehör so zu verunsichern, dass sie Fersengeld zahlten.
    Doch als die Zwillinge am Ort des Geschehens ankamen, stellten sie fest, dass es sich keineswegs um Luxtra handelte, die von den Voltenso so lautstark angeklagt wurden. Zuerst glaubte sie, irgendetwas doppelt zu sehen, da vor ihnen neben den beiden Schäferhunden noch ein drittes Voltenso im Gras kauerte. Es musste ein Weibchen sein, das erkannte sie schon auf den ersten Blick an den schmalen Schultern und den verhältnismäßig kleinen Pfoten, die bei den beiden Rüden stärker ausgeprägt waren. Allerdings war diese Vermutung ungenau, da das neu hinzugekommene Voltenso abgemagert war bis auf die Knochen. Die Rippen und die Beckenknochen stachen spitz unter dem struppigen, schütteren Fell hervor. Zahlreiche Blessuren verunzierten den ausgemergelten Körper, einige der Kratzwunden entzündet. Auch das Gesicht des fremden Pokémon war verunstaltet: eine lange, wulstige Narbe zog sich quer vom Ansatz des linken Ohres, über die Schnauze bis zu den Lefzen, wo zwischen einer Scharte die brüchigen Zähne zum Vorschein kamen.
    Die verwahrloste Kreatur machte einen so armseligen Eindruck, dass Raikas Mitleid sofort geweckt wurde. Mit einem harschen Wort wies sie die Voltensorüden zurück, das hilflose Weibchen in Frieden zu lassen, und die treuen Wesen gehorchten sofort. Erst jetzt gewahrte das Weibchen die Anwesenheit der Menschen und sprang erschrocken auf. Ohne Zögern rannte es davon und verschwand über die nächste Hügelkuppe.
    „Das arme Pokémon“, bemerkte Rai und folgte der Donnerhündin, allerdings nur wenige Schritte, bevor er sich wieder umdrehte. „Sie muss sehr hungrig und verzweifelt gewesen sein, wenn sie nicht einmal vor unseren Schäferhunden zurückgeschreckt ist. Da wäre sie doch nie an die Voltilamm herangekommen…“
    Die Zwillinge grübelten über diese Angelegenheit, und mit einem Mal kam ihnen derselbe Gedanke: Ein solch ausgehungertes und geschwächtes Wesen wäre niemals die Gefahr eingegangen, von ihren beiden Wachvoltenso in der Luft zerrissen zu werden, wenn es ihm nur um das eigene Leben gegangen wäre. Entweder, die Hündin war schon so hungrig gewesen, dass sie allen Selbsterhaltungstrieb allein auf die Nahrungsbeschaffung konzentriert hatte, oder aber es war nicht allein ihr Leben gewesen, das sie hatte retten wollen. Das eines Rudels konnte es nicht sein; es gab kaum noch wild lebende Voltenso, außerdem hätte dann doch der Rest des Rudels gejagt, wenn es sie denn nicht schon verstoßen hätte. Und dies ließ eigentlich nur einen Schluss zu:
    Das Voltensoweibchen musste Junge haben!
    Zuerst versicherten sich die Zwillinge, dass die Voltilamm sich von dem Schrecken erholt hatten, den das Kläffen der Schäferhunde ausgelöst hatte, und liefen die sanfte Hügelwölbung hinauf, hinter der das fremde Pokémon verschwunden war.
    Hinter seinem Zenit fiel der Hügel steil ab in eine Senke, die von breit gefächertem Farn durchwuchert war. Raika kannte diese Stelle wie ihre Westentasche, weil sie und Rai hier oft ihre „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Fantasien ausgelebt hatten, indem sie sich darin versteckt und vorgestellt hatten, dass sie nur darin und zusammen vor den Gefahren und den Erwachsenen sicher waren. Wenn hier drin eine wild streunende Voltenso lebte, dann müssten sie davon wissen, es sei denn, die Hündin hielt sich noch nicht lange hier auf.
    Rai suchte den Farnwald unter ihnen mit Blicken ab, und er und seine Schwester entdeckten das Voltensoweibchen fast gleichzeitig. Das verängstigte Wesen sah sie aus müden, traurigen Augen an, knurrte aber wie ihrer abgemagerten Figur zum Trotz so tief wie Donner. Oder Raika verwechselte das Donnern des herannahenden Gewitters mit einem Knurren.
    Das Pokémon drehte sich weg und verschwand zwischen den Wedeln der Farne, die daraufhin leicht auf- und abwippten. Gerade wollten die Zwillinge dem verwahrlosten Wesen folgten, da hielt Rai seine Schwester zurück. „Wir wissen nicht, was da drin noch alles lauert“, erklärte er seine Geste und ging allein den Hügel hinab, tippelte dabei seitlich, um nicht so leicht abzurutschen. Raika zog einen Schmollmund und verschränkte die Arme vor der Brust. Was dachte sich dieser Hochstapler denn? Nur, weil er seit seinen ersten Übungsstunden ein bisschen Kampferfahrung hatte, hieß das noch lange nicht, dass er für ihre Sicherheit zuständig war, weil sie plötzlich wehrlos war.
    Aber trotzdem siegten Vernunft und Angst über Raikas Trotzigkeit, und sie blieb stehen, wo sie war. Es stimmte schon, sollte Rai auf noch mehr Voltenso oder andere Gefahren stoßen, würde er sich allein viel besser verteidigen können als sie beide zusammen. Es würde sogar schon ausreichen, wenn das Weibchen allein war, denn ein Wesen, das dem Tod ins Auge sah, hatte nichts zu verlieren und würde ohne Rücksicht auf Verluste angreifen. In einem solch unberechenbaren Zustand war jedes Lebewesen, egal ob Mensch oder Pokémon, am gefährlichsten.
    Wie die Donnerhündin zuvor trat auch Rai durch die Farnwedel, die er mit dem Hirtenstab auseinanderbog, und sein neongelber Haarschopf war gleich darauf nicht mehr zu sehen.
    Während Raika wartete und immer ungeduldiger wurde, frischte der Wind auf, und die ersten Ausläufer des Gewitters verdeckten die Sonne. Ohne Vorwarnung wurde es kälter, und Raika konnte deutlich die Druckveränderungen in der Luft spüren. Sie sah in die Wolkendecke auf und hoffte, Zapdos möge seinen Zorn erst entfachen, wenn sie und Rai die Angelegenheit mit Voltenso geklärt hatten. Ein erstes Donnern erklang, laut und die Erde erschütternd, ganz in der Nähe. Noch waren keine Blitze zu sehen, aber das kleine Frizelbliz, das die Zwillinge und die Voltilammherde mit den beiden erwachsenen Schäferhunden begleitet hatte, suchte Raikas tröstende Nähe. Das Mädchen ließ sich in die Hocke sinken und kraulte den verängstigten Welpen, um ihn zu beruhigen.
    Es dauerte noch zwei weitere Donnerschläge, bis Rai wieder auftauchte, diesmal den Hirtenstab in der linken statt in der rechten Hand. Den rechten Arm benötigte er für etwas anderes; aus der Entfernung erkannte Raika lediglich ein kleines Bündel, das Rai mit dem Saum seines Hemds eingewickelt hatte.
    Als er bei ihr ankam, rammte er den Hirtenstab in die Erde, sodass dieser einen festen Stand hatte, und zeigte seiner Zwillingsschwester, was er in den Armen hielt. Es war ein Frizelbliz, abgemagert wie das fremde Voltenso, und noch winziger als der Welpe zu Raikas Füßen. Es schlief, und im Traum schien es nach Beute zu jagen, denn seine Vorderpfoten zuckten, und es fiepte ein ums andere Mal.
    „Sie hat sich nicht gewehrt“, berichtete Rai und sprach dabei von Voltenso. „Sie hat nur darauf geachtet, dass ich ihr folge, und als ich zu ihrem Jungen trat, hat sie es geschehen lassen.“ Er sah nun seine Schwester an. „Sie muss sich sehr sicher sein, dass sie demnächst sterben wird, wenn sie ihr Kind einfach so hergibt.“
    Raika überbrückte die kleine Distanz zwischen ihnen mit einem Schritt und legte die Hand auf den Kopf des Frizelbliz. Seit Rai bei ihr angekommen war, hatte sie ein beklemmendes Gefühl, das aber nicht so bedrückend war wie das eines herannahenden Gewitters. Vielmehr wurde dieses von dem neuen Gefühl überlagert, ja die ganze Welt schien sich plötzlich aus ihrer Wahrnehmung ausgeklinkt zu haben. Es war, als sehe sie durch eine Wasseroberfläche, unter der sie nur den Welpen in den Armen ihres Bruders scharf erkennen konnte. Sie nahm das kleine Wesen so intensiv wahr, dass sie jedes einzelne Haar unter ihrer Hand spüren konnte, während der Wind und der Boden unter ihren Füßen unbedeutende Randerscheinungen wurden.
    Das Frizelbliz öffnete träge die Augen – zum ersten Mal in seinem Leben, weil es noch so jung war –, und blickte mit seinen haselnussbraunen Augen zu Raika hoch. Bisher war es blind gewesen, und das Erste, das es von der Welt sah, war das Gesicht seiner Menschenpartnerin.
    Ohne auch nur ein Wort zu sagen, nahm Raika ihrem Bruder den Welpen ab und legte ihn in ihre Arme, noch behutsamer und noch mehr, als trüge sie ein Menschenbaby. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln, auch wenn sie nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, woraus sie gründeten.
    „Das ist mein Partnerpokémon“, sagte sie tonlos und war sich dessen so plötzlich sicher, dass darin kein Zweifel bestehen konnte. Sie hob den verschleierten Blick, und endlich klärten sich ihre Sinne wieder. „Mein Erstpartner!“


    Als das Gewitter sie gänzlich erreichte, kehrten Rai und Raika mit ihrem Erstpartner und dem anderen Frizelbliz ins Dorf zurück. Die beiden Voltenso blieben bei der Voltilammherde, um sicherzustellen, dass keine verrückten Raubtiere trotz des sintflutartigen Regens, der bald einsetzte, sich an den Schäfchen bedienten. Normalerweise geschah das nicht, aber nach dem heutigen Vorfall mit der Voltensohündin war mit allem zu rechnen.
    Mittlerweile war es Abend, aber obwohl die Sonne noch nicht untergegangen sein konnte, war es draußen wegen der Gewitterwolken schwarz wie die Nacht. Nur hin und wieder, aber mit zunehmender Häufigkeit wurden die grasgrünen und heugoldenen Hügel für ein paar Sekunden taghell erleuchtet. In solchen Momenten konnte man sehen, wie sehr der Wind an allem riss, was ihm in den Weg kam. Mit Wucht donnerte er die schweren Regentropfen gegen die Fenster und schuf dadurch ein passendes Echo zu dem Bersten und Krachen, das aus den Wolken auf jeden Blitz hallte.
    An einem dieser Fenster saßen die Zwillinge und beobachteten das Wetter. Sie hatten es immer schon so gemacht, seit Raika denken konnte, auch wenn diese Tradition in letzter Zeit ein paar Male hatte ausfallen müssen, weil Rai seinen Übungsstunden nachging. Es war einfach faszinierend, den Blitzen zuzusehen, wie sie immer wieder leuchtende, gezackte Muster in den pechschwarzen Himmel zeichneten. Der Nervenkitzel, der dabei entstand, weil man nie sicher wusste, was mit den Voltilamm war, hatte auf Raika eine kribbelnde Wirkung. Aber um die Elektroschafe musste sie sich bei diesem Wetter keine Sorgen machen; das Wasser drang nicht durch die dichte Wolle bis zu ihrer Haut vor, und zudem tat die hohe statische Ladung der Luft ihnen gut.
    Raika und ihr Zwillingsbruder hofften wie so oft, dass die Elezeba und Zebritz sich blicken lassen würden. Eigentlich kam die Herde nicht nahe an das Dorf heran, da die scheuen Wesen die Nähe der Menschen mieden. Aber manchmal, wenn es so sehr stürmte wie jetzt, wenn die Blitzzebras keine Angst davor haben mussten, dass sie irgendjemandem begegneten, konnte man sie von diesem Fenster aus sehen. Dann schlugen die Hufen der schwarzen Wildpferde Teile aus der Statik des Bodens, sodass blaue und gelbe Funken um ihre Fesseln aufzuckten. Ein beeindruckender Anblick, der leider viel zu selten zu sehen war.
    Während sie so dem Gewitter beim Wüten zusahen, dachte Raika über ihre Unterhaltung mit Rai nach, die sie auf dem Heimweg von der Weide geführt hatten. Raika hatte ein schlechtes Gewissen, dass ihr Zwillingsbruder ihr ihren Erstpartner gebracht hatte, und bestand darauf, ihm auch einen auszusuchen. Natürlich wussten sie beide, dass diese Sache nicht einfach so getan werden konnte. Entweder Rai begegnete seinem Erstpartner oder nicht, da hatte Raika keinerlei Einfluss darauf.
    Aber sie spürte, dass das nicht stimmte. Wenn sie Frizelbliz ansah, der friedlich in einem Körbchen neben ihnen schlief, wusste sie tief in sich, dass sie dasselbe für Rai tun musste – ihm gewissermaßen den Erstpartner in die Hand drücken. Wenn es nicht so geschah, zumindest redete sie sich das ein, war ihre Zeit als Zwillinge, die immer füreinander da waren, vielleicht dem Untergang geweiht.
    „Rika, schau“, sprach ihr Bruder sie mit ihrem Spitznamen an und deutete aus dem Fenster.
    „Ist die Herde wieder da?“, fragte sie aufgeregt und wandte ihre Aufmerksamkeit von Frizelbliz ab. Rai gab zwar keine Antwort, doch das brauchte er auch nicht, denn Raika sah es sogleich: Das, was draußen zu sehen war, war zwar nicht das Erscheinen der Zebritz, sondern ein nicht so seltenes, nichtsdestotrotz ebenso beeindruckendes Spektakel wie dieses: Über einem fernen Hügel, jedoch noch gut in Sichtweite, war ein Schwarm Magnetilo und Magneton aufgetaucht. Die kugelförmigen Elektropokémon kreisten um einen gemeinsamen Mittelpunkt, allerdings ohne erkennbare Ordnung und gemeinsame Richtung. Es war zwar nicht zu erkennen, was der Anführer der Horde war – in der Regel das stärkste Magneton oder, falls vorhanden, ein Magnezone –, doch jenes Pokémon schwebte weit über dem Schwarm und harrte gemeinsam mit diesem des nächsten Blitzes.
    Der auch nicht lange auf sich warten ließ: Wie ein glühender Speer aus reinem Licht schoss der Zorn des Himmels auf den Schwarm zu und schlug mit ganzer Macht in das Anführerpokémon ein. Wie als habe es die Leuchtkraft des Blitzes in sich konzentriert, strahlte es hell und weiß auf wie eine zweite Sonne. Die elektromagnetische Verbindung, die zwischen den Magneton und Magnetilo durch deren Magnetfeld erzeugt wurde, leitete die Kraft des Blitzes vom Anführer an seine Schützlinge weiter. Ein jedes von ihnen leuchtete versetzt voneinander auf – abhängig davon, wie weit es vom Anführer entfernt war – und echote das Licht unterschiedlich lang – wiederum abhängig davon, wie stark die jeweilige Magnetkugel war. Wie ein Haufen Sterne, die auflebten und in Sekundenbruchteilen wieder verglühten, funkelte die ansonsten schwarze Stelle über dem Hügel und hinterließ auf der Netzhaut der Zwillinge gelbe und rote Lichtflecke. Erst jetzt erreichte deren Ohren der Donner.
    Da war es auch schon vorbei, und der Schwarm zog weiter, geführt von dem natürlichen Instinkt, wo der nächste machtvolle Blitz erscheinen würde.
    „Faszinierend…“, murmelte Rai vor sich hin und sah staunend aus dem Fenster.
    Plötzlich hatte Raika eine Eingebung und stand auf, ohne das wirklich zu wollen. „Ich muss mal“, entschuldigte sie sich bei ihrem Zwilling und ging zur Zimmertür. Bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um und sah abwechselnd zwischen Rai und Frizelbliz hin und her. Das bin ich dir schuldig, Ri, sagte sie zu sich selbst und trat in den Flur.


    Mittlerweile goss es nicht mehr in Strömen, dennoch schlugen noch genug der schweren, harten Tropfen auf Raika ein, als renne die ausgebliebene Zebritzherde über sie hinweg. Sie knirschte mit den Zähnen, während sie versuchte, den stürmischen Wind davon abzuhalten, ihr den Mantel vom Leib zu reißen, der jetzt schon fast durchgeweicht war. Auf dem glitschigen Untergrund fiel es ihr schwer, festen Fuß zu fassen. Einen Moment fragte sie sich ernsthaft, was sie hier eigentlich tat, verwarf diese Überlegung aber rasch wieder. Welcher Dämon auch immer sie ritt, er gab ihr ein, weiterzugehen. Dem Schwarm Megnetilo zu folgen.
    Als Raika die Kuppe jenes Hügels erreichte, über dem die Magnetkugeln im Blitz gebadet hatten, hing ihr der Mantel schwer vor Wasser von den Schultern. Mit einem Seufzen zog sie ihn aus und ließ ihn zu Boden sinken. Mit den Händen beschattete Raika die Augen vor dem Regen, damit dieser ihr nicht die Sicht trübte. Zwar ließ das vom Himmel fallende Wasser keinen weit reichenden Blick zu, doch im dunstigen Nichts des Gewitters konnte Raika die leuchtenden Kugeln ausmachen.
    Als das Strahlen abbrach, war zu erwarten, dass der Schwarm weiterwanderte. Raika konnte ihn in der Dunkelheit nicht sehen, doch ein ferner Blitz erleuchtete die Umgebung eine Sekunde, sodass sie die Magnetilo und Magneton kurz erblicken konnte. Sie bewegten sich wieder auf Raika zu. Und sie war sich ziemlich sicher, dass die Elektropokémon genau diesen Hügel, auf dem sie stand, ansteuerten, weil hier gleich der nächste Blitz einschlagen würde. Das spürte Raika, zwar nicht so intensiv wie die Magnetkugeln, deutete aber das Aufstellen ihrer Haare als die statische Aufladung, die einem Blitz vorausging.
    Mit plötzlicher Gewissheit wurde ihr klar, dass sie sich in Lebensgefahr befand. Wenn sie Recht hatte und der Blitz auf diesem Hügel einschlagen würde, war sie dadurch, dass sie darauf der höchste Punkt war, das genaue Ziel. Wie sprichwörtlich vom Blitz getroffen wirbelte Raika herum und wollte die Senke wieder runter rennen, als eine metallische Lichtreflexion vor ihr auftauchte. Ohne Zögern änderte Raika die Richtung, um das Hindernis, was immer es auch war, zu umgehen, stieß dabei aber mit ganzer Wucht mit einem weiteren zusammen. Vom Aufprall zurückgeschleudert wurde sie umgeworfen und blieb im ersten Moment benommen liegen.
    Als die bunten Sterne vor ihren Augen zu verblassen begannen, wurde sich Raika des Erdgeschmacks in ihrem Mund bewusst. Angewidert würgte sie den Schluck Schlamm, den sie bei ihrem Fall unversehens genommen hatte, hervor und spuckte mehrmals. Erst jetzt gestattete sie es sich, den Blick zu heben, und was sie sah, gefiel ihr gar nicht:
    Im Schimmer eines weiteren Blitzes, der irgendwo niederging, erkannte Raika um sich herum dutzende von Megnetilo und Magneton, die sie regelrecht umzingelten. Ihr magnetisches Brummen dröhnte ihr in den Ohren und ließ sogar ihr Hirn im Schädel vibrieren. Während sie sich die Hände auf die Ohren presste, stand Raika schwankend auf und erwiderte die Blicke der einzelnen oder zu dritt angeordneten, von sich selbst aus schwach leuchtenden Augen. Die Magnetkugeln umkreisten sie wie zuvor den imaginären Punkt. Raika konnte in ihren starren, nichtssagenden Zügen nicht lesen und daher auch nicht erkennen, ob sie aggressiv oder neugierig auf sie reagierten. Letzteres war ihr dabei wesentlich lieber als die andere Variante. Verstohlen blickte sie nach oben, wo das Magnezone, das den Schwarm anführte, über ihr schwebte, jedoch unbeteiligt der Ereignisse unter sich auf den Einschlag wartete.
    Schlimmer, als von einer guten Hundertschaft wütender Elektropokémon angegriffen zu werden, kam Raika im Moment vor, unter ihnen zu sein, wenn der Blitz in sie krachte.
    Also versuchte sie wieder, von der Hügelkuppe und der verhängnisvollen Höhe runterzukommen, doch es gab einfach keine Lücke in der Kuppel um sie herum, die lange genug Bestand hatte, damit sie durchschlüpfen konnte. Obwohl die Magnetkugeln ständig in Bewegung waren und keine massive Wand vor ihr bildeten, war sie dennoch undurchdringlich.
    Aber der Blitz würde sicher nicht mehr lange zögern, die getrennten Ladungen von Himmel und Hügel wieder miteinander zu vereinen.
    Vor Todesangst ganz betäubt fasste Raika den gewagten Schluss, einfach durch die Magnetilo und Magneton durchzurennen und ohne Rücksicht auf Verluste das Risiko ernsthafter Verletzungen einzugehen. Ob Prellungen, Platzwunden oder gar gebrochene Knochen – nichts war schlimmer, als von einem Blitz getroffen zu werden.
    Sie rannte, quer durch die sich um sie drehenden Magnetkugeln hindurch. Dabei stieß sie erneut so heftig mit einem der Metallwesen zusammen, dass es sie fast wieder umgeworfen hätte. Stattdessen riss sie Halt suchend die Hände nach oben und klammerte sich an den Hufeisenmagneten des Magnetilo vor ihr fest. Ihr Griff war aber so unglücklich, dass sie das blaue Ende des einen und das rote des anderen Magneten direkt berührte. Der geschlossene Stromkreis schickte einem elektrischen Schlag durch sie hindurch, nicht stark genug, um ihr das Bewusstsein zu rauben, doch aber, ihr motorisches Nervensystem für einen Moment außer Gefecht zu setzen. Dies hatte zur Folge, dass sich ihre Finger noch fester um die Magnetenden krampften und sich nicht mehr bewegen ließen. Obwohl sie das eigentlich hatte verhindern wollen, fiel sie nun doch wieder hin, als ihre Beine unter ihr nachgaben, und riss dabei das Magnetilo mit sich.
    Und da schlug der Blitz ein.
    Das erste, was Raika wahrnahm, war ein blendend weißes Licht, so grell, dass es ihr eigentlich die Netzhäute verbrennen musste. Das Licht breitete sich rasend schnell von ihrem Anführer ausgehend unter den Magnetkugeln aus und vervielfältigte sich noch. Hinzu zur visuellen Folter kam die Elektrostatik, die die Luft erfüllte genauso wie das grollende Summen der Magnetkugeln und das Krachen des Blitzes. Unter den Stromstößen zuckte und schüttelte sich Raika unkontrolliert, Schmerzen peinigten ihren Körper in allen nur erdenklichen Ausführungen leiblicher Qualen. Obwohl Raika in diesem Moment kaum denken konnte, so wusste sie doch eines sicher: Das war ihr Ende.
    Als die Schmerzen abebbten, aber noch nicht ganz nachließen, glitt Raika kurzzeitig in eine samtene Ohnmacht. Leider hielt diese schwarze Wunderzeit nicht lange an, und bald tanzten wieder metallische Lichtreflexe vor ihren Augen. Sie schloss sie, in der Hoffnung, so wieder hinfort schlafen zu können.
    Da hörte sie ein kleines Bellen, das eine erneute Bewusstlosigkeit verhinderte. Zuerst beleidigt ob dieser Störung wollte Raika die schnüffelnde Schnauze an ihrem Gesicht wegschieben, merkte dann aber, dass sie sich nicht bewegen konnte. Als sie die Augen wieder öffnete, erkannte sie ein Frizelbliz vor ihrem Gesicht, jedoch nur an den Farben, da es viel zu nah war, um es scharf zu erkennen. Obwohl es nicht ihr Erstpartner sein konnte – dieser war noch viel zu winzig, um eine so weite Strecke von ihrem Haus bis hinauf auf diesen Hügel zu gehen –, erinnerte sie sich doch dieses kleinen Welpen und freute sich unwillkürlich.
    „Weg von meiner Schwester!“
    Als Raika die Stimme vernahm, glaubte sie, über kein anderes Geräusch je glücklicher gewesen zu sein. Mit Anstrengung verdrehte sie die Augen in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatte, und erblickte tatsächlich Rai. Ihr Zwillingsbruder schwang seinen Übungsstab gegen die Magnetilo und Magneton, die nicht von Raika weichen wollten und ihn daran hinderten, zu ihr zu gelangen. Er schlug ihnen auf die weißen Augen, wodurch ihr Sichtfeld zunächst gestört wurde und sie zum Teil gegeneinander stießen und ihren geordneten Flug durcheinander brachten.
    Das Frizelbliz schnüffelte noch immer an Raikas Gesicht und strich ein, zweimal mit seiner warmen, rosigen Zunge über ihre Wange. Wo ihr vorher noch die Haare spitz vom Kopf gestanden hatten vor statischer Ladung, fielen sie nun zusammen. Auch ihre unkontrollierten Zuckungen, hervorgerufen durch die letzten Reste elektrischer Energie in ihrem Körper, hörten nun auf.
    Da erschien auch schon Rai kniend neben ihr und bettete ihren Kopf auf seine Beine. „Rika, du dumme Kuh!“, schrie er sie gegen das Grollen des fernen Blitzes an, der ihn vorher beleuchtet hatte. Verzweifelt betrachtete er das Blut, das Raika warm und triefend aus Nase und Ohren rann. Statt des Geschmacks von Erde spürte sie nun Eisen auf der Zunge und musste sich anstrengen, Rais Worten zu folgen. „Bist du verletzt?“, fragte er tadelnd, aber auch besorgt.
    „Natürlich nicht, du Idiot“, gab sie zurück, grinsend wie eine Irre. Sein Gesicht verschwamm und alles wurde schwarz.


    Stunden später lag Raika im örtlichen Heilerhaus in einem Bett, Rai saß neben ihr auf einem Stuhl. Nachdem er ihr geschildert hatte, was passiert war, nachdem sie das Haus verlassen hatte, schwiegen sie beide eine Weile.
    Rai hatte sich gewundert, dass seine Zwillingsschwester so lange auf der Toilette gewesen war. Weil sie dort nicht aufzufinden gewesen war, hatte er geahnt, was sie vorhatte, und seine Eltern um Hilfe gebeten. Die hatten ihm die Sache nicht abgekauft, da die Zwillinge pflegten, häufiger solche Streiche zu spielen. Auch auf seine Beteuerungen, dass er die Wahrheit spräche und nicht wisse, wo Raika steckte, hatten die Eltern nicht wie gewünscht reagiert und sich der Planung für das nächste Jahr betreffend der weißen Wolle gewidmet.
    Wutschnaubend war Rai wieder in das Zimmer zurückgekehrt, das er mit Raika teilte. Bei einem zufälligen Blick nach draußen hatte er eine Gestalt im Licht eines Blitzes erkennen können und hatte sofort gewusst, dass es sich um Raika handelte. Also hatte er sich Übungsstab und Mantel geschnappt und war ebenfalls rausgegangen, um nach seiner Schwester zu suchen. Das auszubildende Schäferfrizelbliz war ihm dabei gefolgt, um seinem Beschützerinstinkt für Rudelmitglieder, für die es seine Menschen hielt, nachzukommen.
    Laut Aussage ihrer Mutter hatte Frizelbliz, Raikas Erstpartner, kurz darauf verzweifelt zu bellen begonnen. Raika vermutete, dass er in diesem Moment angefangen hatte, als der Blitz über ihr in dem Magnezone eingeschlagen war. Es hieß, Partnerpokémon, insbesondere die Erstpartner, waren in der Lage, zu spüren, wenn sich ihre Menschenpartner in Lebensgefahr befanden. Jetzt lag Frizelbliz, zu einer winzigen, grün-gelben Kugel zusammengerollt, zu Füßen seiner Partnerin und schlief friedlich.
    Wie sich herausstellte, war Raika eigentlich nur deswegen nicht vom Blitz getötet worden, weil sie das Magnetilo, an dem sie sich hatte festhalten wollen, so fest an sich gepresst hatte. Das Magnetpokémon hatte die meiste elektrische Energie, die durch ihren Körper gefahren war, in sich aufgenommen, wie es seine Natur war. Das und die Tatsache, dass der Blitz durch die vielfache Spaltung durch die anderen Metallkugeln ohnehin sehr abgeschwächt gewesen war, als er Raika erreicht hatte, hatte ihr das Leben gerettet. Vorerst. Wäre Rai nicht gekommen, hätte der nächste Blitz sie bestimmt gegrillt, oder aber die Magnetilo und Magneton hätten dazu angesetzt, ihren Kameraden zu verteidigen und zu befreien. Zwar konnte keine Pokémonattacke einen Menschen direkt töten, aber dadurch, dass Raika durch den Blitz so geschwächt und die Magnetkugeln gestärkt waren, wäre ihnen das ganz sicher gelungen.
    Raika blickte aus dem Fenster des Krankenzimmers. Mittlerweile hatte das Unwetter nachgelassen und es war tatsächlich Nacht geworden. Nachdem man sie ins Heilerhaus geschafft hatte und die Gewitterfront sich verzogen hatte, waren ihr Vater und ein Freund aus dem Dorf zur Weide gegangen, um die Voltilamm zurückzuholen. Wie zu erwarten erfreuten sich diese, ganz anders als Raika, bester Gesundheit und knisterten geradezu vor Statik und Freude.
    Es fiel Raika immer schwerer, das magnetische Brummen, das sich verhalten im Hintergrund hielt, zu ignorieren. Sie ahnte bereits, was die neueste Neuigkeit war, wagte aber noch nicht, sie als wahr anzunehmen, auch wenn sie es hoffte.
    Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass es ihr nichts nützte, es noch weiter hinauszuzögern, und fasste sich ein Herz, indem sie ansetzte: „Das Magnetilo…“ Sie verstummte und schluckte, weil ihre Kehle so ausgedörrt war. Rai sprang sofort auf und reichte ihr einen Becher Wasser, aus dem sie dankbar einen großzügigen Schluck nahm.
    Auch wenn sie ihre Frage nicht beendet hatte, schien Rai schon zu wissen, worauf sie hinauswollte. Er sah hinter sich, wo das Magnetilo, das Raika so beharrlich festgehalten hatte, während über ihr die elektrische Hölle tobte, in einer Ecke schwebte. Als es merkte, dass von ihm die Rede war, kam es herüber und hielt neben Rais Kopf an. „Es ist mein Erstpartner“, erklärte er überflüssigerweise und blickte Frizelbliz an. „Als ich versuchte, dich vom Hügel runterzuschaffen, damit dich nicht schon wieder ein Blitz traf, ist es aus deinen Armen geflogen.“ Er schwieg einige Sekunden. „Ich wusste nicht, dass sich das so…“ Anscheinend fand er nicht die richtigen Worte.
    „… unbeschreiblich anfühlt?“, half Raika ihrem Zwillingsbruder auf die Sprünge, und er nickte.
    „Jetzt hast du deine Schuld zurückgezahlt, du spinnendes Wattzapf!“, fuhr Rai sie unvermittelt an, und so wie Raika zuckte auch Frizelbliz im Schlaf zusammen. „Dass du auch immer deinen Dickkopf durchsetzen musst!“
    Raika, zuerst erschrocken ob der plötzlichen Reaktion ihres Gegenübers, riss sich zusammen und erwiderte ebenso pampig: „Das sagt gerade der Richtige!“
    Ein paar Augenblicke starrten sie sich gegenseitig in den Boden, und von außen musste es so wirken, als fixierte der jeweils eine sein Spiegelbild. Schließlich hielten es beide nicht mehr aus, und die Zwillinge fingen zu lachen an.
    „Wenn die Kinder im Dorf erfahren, dass wir doch nicht Plussle und Minun als Partner haben…“, begann Rai zwischen zwei Lachkrämpfen und rang nach Luft, doch er brachte den Satz nicht zu Ende.
    „… werden sie Augen machen!“, sprang Raika mal wieder ein, wie es sich für einen Zwilling nunmal gehörte: Den Satz des anderen beenden.
    Während sie sich langsam wieder einkriegten und die Tränen aus den Augenwinkeln wischten, dabei aber immer wieder von vorne begannen, warf Raika Blicke zwischen ihrem Bruder und ihren beiden Erstpartnern hin und her. Es stimmte, dass Plussle und Minun ein unschlagbares Duo abgaben, genauso wie die Zwillinge, und dass diese beiden Pokémon als Partner sie eng miteinander verbunden hätten. Doch Frizelbliz und Magnetilo, zwei Pokémon, wie sie unterschiedlicher fast nicht sein konnten, und die Umstände, unter denen sie ihren Menschenpartnern begegnet waren, hatten ein so enges Band zwischen Rai und Raika geknüpft, wie es überhaupt möglich war.
    Und in diesem Moment waren sie sich beide stillschweigend einig, dass sie sich nie mehr trennen würden. Niemals.[tab=Sonstiges]Bakuchiku = Donnergrollen, Donnerschlag


    Zwecks dieses Kapitels gibt es einen neuen Eintrag im Glossar unter der Kathegorie 6.) Pokémon und Pflanzen: "Weiße Voltilammwolle"[/tabmenu]

  • Achje, Tai-chii gibt ihren Kommentar ab. Zuerst einmal - an einer Stelle hast du geschrieben, dass sie nicht Zweieiige-Zwillinge (schreibt man das so? xD) wären, was mich doch sehr verwundert hat o.ô Aber kommen wir nun zum Inhalt:
    Auffällig ist erst einmal natürlich das Band zwischen Rai und Raika, was mich an etwas erinnert hat - kennst du Ouran Highschool Host Club? Da gibt es auch Zwillinge (Hikaru und ach mist ich hab seinen Namen vergessen <.<), die wie Pech und Schwefel sind - entweder beide oder gar keiner. Zum Ende des Animes (Warnung: SPOILER) werden sie unabhängiger voneinander und setzen mehr auf ihre Einzigartigkeit, und an eben diese Sache habe ich denken müssen, als ich das Kap und das Spezi-Kap gerade (ok, vor über einer Stunde schon xD) gelesen habe.
    Auf der einen Seite fänd ich's traurig für Rai und Raika, wenn sie voneinander getrennt werden würden - auf der anderen würde ich es ihnen aber auch wünschen, wenn ich schon von OHSHC schon so geprägt worden bin, dass Zwillinge in meinen Augen zwar die typische Zwillingsbindung (der eine beginnt den Satz, der andere beendet ihn <3) haben sollten, aber dennoch auf ihren Bestand als Individuen achten sollten. Aber jetzt erstma' zum Kap an sich.
    So viel Geblitze und Gedonner auf der A28! xD Aber imo nein, ich fand die Beschreibungen toll, besonders die Vorstellung der galoppierenden Zebritz <3 Schade, dass das nur so selten vorkommt, aber es muss ja nicht im Kap passieren damit man's sich vorstellen kann :P Aber irgendwie schaffst du es, Pika-sama, mir mit deiner Story Pokémon sympathisch zu machen, die ich vorher gar nicht gern hatte. Magnetilo und Evos nun zum Beispiel ♥ (Obwohl der Knüller immer noch Cerapendra ist, dass mit seinen Vor-Evos nun zu meinen Lieblingen zählt <3) Jedenfalls, um nicht vom Thema abzuweichen - ich find's immer wieder toll, wie du die Pokémon im Alltag deiner geschriebenen Welt beschreibst :D Voltilamm, Voltenso (ohje, so viel Volt x3), ein paar Kapis zuvor die Sache mit den Waumboll... Achja, die Droge namens Traumdunst fand ich ebenfalls genial =D (Ich komm einfach nicht auf den Punkt, aber was soll's, ist halt nicht meine Stärke. ;P)


    Pika-sama, du kennst das doch sicherlich, wenn man sich von einem Kommi eines Lesers erhofft, dass es die Sachen und Themen und Dinge erwähnt, die man vom Leser bemerkt haben wollte bzw. kommentiert haben wollte - und dann labert der über ganz was anderes. So ein Kommi ist das hier und ich wünsch dir viel Spaß damit x3


    Liebe Grüße, Tai-chii!

  • [tabmenu][tab=Geblah]Sou, nachdem das neue Kapitel schon zwei Wochen alt ist, will ich es endlich auch mal online stellen! xD Benachrichtigungen müssen leider noch warten, die schicke ich voraussichtlich erst morgen ab... mal sehn.
    Kapitel 24 beschäftigt sich einzig und allein mit ihm, seiner Identität, seiner Mutter und... anderen Kleinigkeiten ^~^


    Achja, ich bitte um Kommis - like a Sir. x3[tab=Kapitel 24]Gengar Kapitel 24: Eine Prise Unsterblichkeit


    „Du weißt, dass ich nicht immer einverstanden bin mit dem, was du tust“, bemerkte die Königin und begann, um ihn herumzuschleichen wie ein Raubtier um die in die Ecke gedrängte Beute.
    Die beiden hatten keinen zusätzlichen Termin vereinbart, um sich zu treffen, damit der Prinz ihr die neuesten Nachrichten aus dem Hauptquartier berichten konnte – schlicht deshalb, weil es keine wichtigen Nachrichten gab. Im Normalfall waren diese Treffen regelmäßig vorgeplant, und heute hatte kein solcher Termin bestanden. Aber dennoch war er heute mit einem Gefühl aufgewacht, ins Schloss von Namine kommen zu müssen.
    Mittlerweile war es ja keine Besonderheit mehr, wenn er nachts in die Großstadt ging. Die verwinkelten Gassen gehörten ihm ebenso wie die im Schachbrettmuster angelegten Straßen. In jedem Gebäude zitterten die Einwohner mehr oder weniger vor Angst vor einem Wesen, das sie mit ihrem an das gewöhnliche Leben angepassten Verstand nicht begreifen konnten, ohne Gewissheit, wer das nächste Opfer sein würde. Auch heute hätte eine solche Nacht sein können, in der das Phantom erneut grausam zuschlug – doch es war anders gekommen.
    Wie genau ihm die Königin dieses Gefühl, herzukommen, suggeriert hatte, wusste er nicht. Irgendeine Attacke oder eine Attackenkombination musste es schon gewesen sein, die ihr das ermöglichte, so viel stand ohne Zweifel fest. Aber welche das war oder wie sie sie angewandt hatte, verriet sie ihm natürlich nicht.
    Wichtiger als die Frage, wie sie ihn gerufen hatte, war, warum sie ihn herbestellt hatte. Doch bestimmt nicht, nur um um ihn herumzutigern? Er wusste, dass er nicht so leichtfertig von sich auf andere schließen durfte, schon gar nicht auf sie. Es mochte sein, dass ihm das Leid anderer Vergnügen bereitete – ihre Art war das ganz gewiss nicht.
    „Aber ich lasse dich auch häufig genug gewähren“, fuhr sie nun fort, ohne stehenzubleiben. „Allerdings: Wie soll ich sicher sein, dass du mir immer loyal bleibst?“
    Auch wenn ihr Sohn das nie laut ausgesprochen hätte, schon gar nicht in ihrer Gegenwart, hielt er diese Frage für ausgesprochen dumm. Er war von ihr abhängig: Wenn sie ihn auch nur bei dem kleinsten Vergehen gegen ihn ertappte, würde sie ihm den Kristall nehmen – bestenfalls. „Meine Loyalität gehört einzig und allein dir“, sagte er ruhig, als sie hinter ihm angekommen war. Er erriet ihre Position mehr als dass er sie kannte, denn sie vermochte sich so lautlos zu bewegen, dass nicht einmal er sie hören konnte.
    Seine Bemerkung quittierte sie mit einem trockenen, gefühlskalten Lachen, das ihm eisig den Rücken herabfuhr. Auch wenn er nicht schauderte, konnte ihr seine Reaktion gewiss nicht entgangen sein. „Das mag sein, aber um absolute Gewissheit zu haben will ich, dass du mir folgende Frage beantwortest.“ Zunächst sprach sie nicht weiter, sondern setzte ihre Runde um ihn fort, trat dabei weiter betont geräuschlos auf, um seine Nerven zu strapazieren. Zu gerne hätte er seinen Geist jetzt in eine Meditation zurückgezogen, um sich dieser psychischen Belastung nicht weiter auszusetzen. Aber er wusste, dass sie ihn testete, ob es ihm auch ohne die Anwendung seiner Inneren Kraft möglich war, die Ruhe zu bewahren.
    Schließlich, nach einer weiteren unendlichen Runde um ihn, blieb die Königin wieder vor ihm stehen und suchte durchdringenden Augenkontakt. Wäre es nur die Augenpartie gewesen, der Rest des Gesichts abgeschnitten, hätte ihr Gegenüber genauso gut in einen Spiegel schauen können, so sehr ähnelten sich ihre Augen. Bis auf den einen feinen Unterschied, dass die ihren über dreizehnmal mehr Jahre gesehen hatten, als er schon auf dieser Erde weilte.
    „Du hast so viele unterschiedliche Persönlichkeiten, die du verschiedenen Menschen vorspielst, und jede davon ist deine richtige. Beantworte mir daher diese eine Frage“, läutete sie gefährlich leise ein, ohne zu flüstern. „Wenn du die Wahl hättest zwischen all diesen Persönlichkeiten, welche würdest du am liebsten sein: Rebell oder Prinz?“
    Er stutzte und vermochte es auch kaum, seine Überraschung zu verbergen – vor ihr war das sowieso nicht möglich. Mit dieser Frage hätte er niemals gerechnet. Wie denn auch? Sie war es schließlich gewesen, die ihn als Spion bei den Rebellen eingeschleust hatte, und ihre Befehle stellte man nicht infrage. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, dass ihn diese Maulwurfarbeit bei der Schwarzen Rose zu einem anderen Menschen machen könnte oder gar eine neue Persönlichkeit in ihm schuf. Nichtsdestotrotz musste er ihr antworten und eben nun zwischen diesen beiden Optionen abwägen.
    Zuerst dachte er über den Rebell in ihm nach. Seitdem er der Rose angehörte, hatte er von vielen Menschen verschiedenste Gründe gehört, weswegen sie der Rebellion beigetreten waren, und keiner davon konnte in sich als falsch oder nicht gerechtfertigt gewertet werden. Es war gutes menschliches Recht, jedem Einwohner der Sieben Länder angeboren, seine Möglichkeiten auszuschöpfen, um sein Leben so zu gestalten, wie man es sich wünschte. Die Schwarze Rose hatte ihren Spion zu einem Menschen gemacht, der über Gerechtigkeit und Gleichberechtigung nachdachte. Ganz zu schweigen von dem Gemeinschaftssinn, den er während dieser Zeit entwickelt hatte – bis dato hatte er über seine Beziehung zu anderen nie wirklich nachgedacht. Jetzt waren sie ihm fast schon wichtig. Nicht zuletzt natürlich die Beziehung, die er zu Neko hegte, und die ihm die teuerste war. Und die gab es nunmal nur, wenn er sich weiterhin als Rebell ausgab.
    Doch da war auch noch die andere Seite in ihm. Er war der Sohn einer Königin, wenn auch nur einer, die sich immer im Verborgenen hielt und von der das gewöhnliche Volk nicht einmal etwas ahnte. Seitdem er das wusste, hatte es für ihn stets außer Zweifel gestanden, dass ihn dieser Umstand automatisch zum Prinzen machte. Als Prinz gebührte ihm aller Respekt, den unter ihm stehende Menschen aufbringen konnten – was natürlich nur möglich war, wenn es ihm erlaubt wurde, seine Identität preiszugeben. Aber es auch nur zu wissen, die Gewissheit zu haben, gesellschaftlich über allen anderen zu stehen, allein das war schon ein Gefühl, von dem er vor einigen Jahren nur hätte träumen können. Dann war da noch die Befehlsgewalt, die er als hypothetischer Thronerbe innehatte: Seinem Befehl folgten alle Soldaten ohne Zögern – vorausgesetzt, die Königin legte kein Veto ein. Wenn er wollte, konnte er über das Leben anderer Menschen bestimmen, und sie waren seinem Urteil ausgeliefert.
    Doch ihm wurde klar, dass es nicht allein das war, was er wollte. Sondern Macht, Macht über und gegen Menschen. Nicht auf diese Weise, wie er sie durch die Soldaten haben könnte. Er wollte seine eigene Exekutive sein.
    Er wusste, er konnte die Königin nicht belügen, was nur indirekt an ihren übermenschlichen Fähigkeiten lag. Sie hatte die Menschenkenntnis vieler Jahrzehnte und kannte ihn selbst seit Jahren. Er wollte weder Rebell noch Prinz sein, und so gab er der Königin die einzig richtige Antwort: „Gott.“
    Sein Gegenüber lächelte leicht, als habe es damit gerechnet. „Eine kluge und interessante Antwort“, sagte sie anerkennend und klang dabei sogar etwas amüsiert. „Folge mir“, gebot sie ihm zusammenhangslos und drehte sich um. Mit leichtfüßigen Schritten ging sie auf die Tür zu, durch die sie den Raum betreten haben musste. Ihr Sohn war da nicht dabei gewesen – als ob sie es geahnt hatte, dass er kommen, ihrem stummen Ruf Folge leisten würde, hatte sie hier bereits gewartet, als er die Kammer durch den Geheimgang betreten hatte, der nur ihnen beiden bekannt war. Zwei Soldaten standen vor dem Eingang Spalier, und ohne, dass die Königin ihnen einen Befehl dazu erteilen musste, folgten sie ihr auf dem Fuße.
    Der Prinz indes bildete das Schlusslicht. Er fragte sich, wohin ihn seine Mutter wohl führen mochte, und auch, wozu die beiden Krieger sie begleiteten. Sie mochte zwar klein und zierlich, fast zerbrechlich wirken; dennoch hatte sie es nicht nötig, von ihnen oder von einem Dutzend von ihnen beschützt zu werden. Es sei denn… In manchen Fällen hatte sie Soldaten im Schlepptau, wenn auf ihrem Weg verschlossene Türen oder Tore lagen. Natürlich hätte sie auch diese ohne Mühe öffnen können, aber sie machte sich ungern die Hände mit Kleinigkeiten schmutzig. So ließ sie auch jetzt einen der Soldaten eine eisenbeschlagene Holztür öffnen, wie es viele in den unterirdischen Gängen unter dem Schloss gab.
    Wie dem Prinz auffiel, war es jener Eingang, der zu den Kerkern hinabführte. Ursprünglich hatte der Hügel, auf und in dem die Festung Namine erbaut worden war, sehr viele Kerker besessen; mehrere Stockwerke tief, viele Korridore breit, gefüllt mit hunderten von Zellen. Sie waren zu einer kriegerischen Zeit aus dem Fels gegraben worden, als fast täglich neue Gefangene gemacht worden waren. Doch jetzt waren nur noch vier der Zellen in Benutzung. Alle anderen darunter liegenden Etagen waren von Geröll verschüttet. Die Königin hätte das zwar ohne Weiteres davonräumen können, doch solange sie nur diese wenigen Zellen benötigte, würde sie bestimmt keine weiteren freilegen.
    Auf dem Weg die Treppe hinab erschuf sie mithilfe von Blitz ein sanftes, weißliches Licht, das ihnen den Weg erhellte. Sie und ihr Sohn hätten die Dunkelheit für sich auch mit anderen Attacken durchbrechen können, doch den Soldaten, die nun hinter beiden hergingen, war das nicht möglich, weswegen sie ihnen helfen musste. Die Stille, die hier unten immer herrschte, war geradezu erdrückend, und er zwang sich, sie nicht zu durchbrechen. Am liebsten hätte er gefragt, was sie vorhatte, warum sie ihn in die Kerker führte, doch er sah sie schon vor sich, wie sie sich zu ihm umdrehte und mütterlich lächelte.
    Mütterlich… Er dachte über dieses Wort nach, bis sie am Ende der Treppe angekommen waren und den kurzen Korridor betraten, der die vier Zellen beinhaltete. Ohne aufzublicken, schritt seine Mutter an der Zelle vorbei, in der ihre Lebensspender gefangen waren. Und als er die Gruppe armseliger Kreaturen erblickte, wusste er plötzlich, weswegen er hier war…
    Ein Schaudern ließ ihn bei diesem Gedanken erzittern, und aus Angst, die Beine könnten unter ihm wegknicken, blieb er ehrfurchtsvoll stehen. Konnte es sein…? Würde heute wirklich das geschehen, von dem er seit über fünf Jahren träumte?
    „Komm her“, forderte die Königin ihn auf, und er trat näher an sie heran. Seine Vermutung zum Zweck seines Hierseins wurde bestätigt, als er in der sonst leeren Zelle eine Gestalt auf dem Boden kauern sah. Durch ein winziges Fenster an einer felsigen Wand des Festungsberges fiel fahles Mondlicht, aber vor allem die Blitzattacke erhellte die Gefangene. Es war eine Frau, nur ein paar Jahre älter als er, die dort in eisernen Ketten hing, und deren Gesicht von pfirsichfarbenen, verklebten Haaren verschleiert war. Die beiden Übermenschlichen traten ins Innere der Zelle und vor die hilflose Eloa. Eigentlich schien sie zu schlafen, aber als sie die Anwesenden bemerkte, hob sie ruckartig den Kopf. Entsetzen und Todesangst standen ihr ins Gesicht geschrieben, doch die wichen alsbald einem Ausdruck von Verwunderung. Sie erkannte ihn.
    Und er auch sie. Sie war eine Rebellin aus der Hauptgruppe, jene, die während der Abwesenheit von Tetsus Gruppe von Soldaten gefangen genommen worden war. Sie kannten sich nicht persönlich – sowieso kannte der Prinz nur Neko und Nana von den Eloern im Hauptquartier namentlich –, aber in einem kleinen Dorf, wie es das Hauptquartier fast war, sah man zwangsläufig jede Person mindestens ein Mal. Ob sie wohl glaubte, er sei hier, um sie zu befreien?
    Die Königin trat von der Seite näher an ihn heran und sagte leise: „Du weißt, was du zu tun hast. Hier kann ich dir nicht mehr helfen.“
    Das war allerdings wahr: Bei diesem letzten Schritt zum Gott sein – dem Erwerben der Unsterblichkeit – konnte sie ihm keine helfenden Anweisungen geben, weil diese seine Konzentration stören würden. Entweder er schaffte es, genug davon für eine Lebensspenderverbindung aufzubringen, oder er würde es in der nächsten Nacht noch einmal versuchen müssen. Entschlossen, dieses Werk schon heute zu vollbringen, ließ er sich in die Hocke nieder und wartete, bis seine Mutter aus der Zelle gegangen war.
    Die Rebellin zuckte zusammen, als sie seinen gierigen Blick bemerkte, und presste, wohl in einem instinktiven Reflex, die Beine schützend zusammen. Zugegeben, für eine Eloa war sie wirklich ausgesprochen attraktiv, und nicht zuletzt erinnerte sie ihn an Neko. Wäre sie nicht für ihn als Lebensspenderin vorgesehen, hätte er ohne Zögern andere Dinge mit ihr getan, nämlich genau das, wovor sie sich so fürchtete. Doch das interessierte ihn ausnahmsweise nicht.
    Er konnte das Verfahren, das sie an ihn binden würde, auswendig. Es auszuführen, das war schon schwieriger. Zuerst nahm er eine bequemere Position ein, um von eventuellen Druckstellen nicht abgelenkt zu werden. Das stellte sich auf dem harten Steinboden als kniffliger heraus, als er im ersten Moment gedacht hatte. Schließlich beugte er sich zu der Rebellin vor. Wahrscheinlich in Erwartung vor dem, was sie vermutete, das er ihr antun würde, verkrampfte sie sich und versuchte, sich von ihm wegzuschieben. Doch hinter ihr war nur die massive Felswand, und so konnte sie ihm bis auf wenige Zentimeter nicht weiter entkommen.
    Zuerst musste er die Verbindungsstellen schaffen, bevor er mit der Prozedur beginnen konnte. Dazu legte er die Finger zwischen ihre und schloss die Linke um ihre rechte Hand, seine Rechte umklammerte ihre Linke. Auch wenn sie den Kopf unwillig hin und her warf und durch ihren Knebel verzweifeltes Winseln ausstieß, zwang er sie durch Spotlight, das Gesicht ihm zuzuwenden. Seine Stirn gegen die ihre gepresst drückte er ihren Kopf gegen die Mauer, damit sie sich nicht mehr rühren konnte. Er atmete tief ein und aus, um seinen von der falschen Erregung vibrierenden Körper zu beruhigen und ihn auf die einzig wichtige zu konzentrieren. Vorsichtig streckte er seinen Geist zur Quelle seiner inneren Macht aus und erweckte das Licht. Ein kleiner Funke löste sich davon, dem er befahl, sich zur Attacke Megasauger umzuwandeln.
    Die Königin hatte ihm beigebracht, dass das, was er gerade durchführte, nämlich die Verlängerung seiner Lebensspanne, auch mit Absorber und Gigasauger funktionierte, die schwächere und die stärkere Form von Megasauger. Beide Attacken hatten aber ihre Nachteile gegenüber der mittleren Variante: Mit Absorber war es nicht möglich, mehr als einen Lebensspender an sich zu binden, was problematisch wurde, wenn der Lebensspender vor der Zeit überraschend verstarb. Megasauger ermöglichte es, mehrere Spender an sich zu binden, außerdem verhinderte er das Altern, anders als Absorber, gänzlich. Bei Gigasauger war die Wirkung des Absaugens so stark, dass das Opfer sofort um Jahrzehnte alterte und zu Staub zerfiel. Von ihm übernahm der Kristallträger dann aber nur ein Bruchteil der Jahre, oder aber die Lebensenergie entglitt seiner Kontrolle, und er wurde körperlich jünger, in extremsten Fällen zum Säugling. Wenn man unsterblich sein wollte, war Megasauger also das empfehlenswerteste Verfahren.
    Er ließ den Funken die Pflanzenattacke ausführen und öffnete langsam die Augen, weil er mitverfolgen wollte, was geschah. Von den Verbindungsstellen an Händen und Stirn ging ein grünliches Licht aus, kaum stärker als eine Kerzenflamme im Nebel, und überlief den Körper der Rebellin. Der Schimmer, der durch den Prinzen flutete, war hingegen weiß. Im selben Moment, wie das Blut in den Adern ihrer Arme aufleuchtete, taten es genau die gleichen in ihm, und genauso verhielt es sich mit allen Blutgefäßen in den beiden; einschließlich des Herzens, das als letztes vom Licht erreicht wurde. Eine Weile saß er vor seiner ersten Lebensspenderin und fühlte jede Faser ihres Körpers, als wären sie die seinen, lauschte auf ihr Herz, das im selben Rhythmus schlug wie seins.
    Erst, als er sich sicher war, dass die Verbindung auf jeden Fall geglückt war, löste er sich von ihr und stand langsam auf. Ein leichter Schwindel überkam ihn, doch er schaffte es, aufrecht stehen zu bleiben.
    Es war vollbracht!
    Er konnte es kaum glauben, aber es musste einfach wahr sein: Er war jetzt unsterblich! Natürlich leider nicht absolut, das war unmöglich. Wenn er nicht weiterhin vorsichtig blieb, konnte er immer noch an Verletzungen sterben, Krankheiten hingegen behelligten ihn schon dank des Kristalls nicht mehr. Und irgendwann wäre die Lebensenergie der eloischen Rebellin aufgebraucht. Während er ab dem jetzigen Zeitpunkt und solange sie an ihn gebunden war um keine Minute mehr alterte, würde an ihr die Zeit doppelt vorbeiziehen – sie übernahm in gewisser Weise die Jahre, die ihm nie anzusehen sein würden. Er würde sich um keinen Tag verändern, und das noch gute dreißig Jahre lang. Genügend Zeit also, sich auch noch weitere Lebensspender zuzulegen; mit jedem weiteren alterten diese selbst auch langsamer als nur einer allein, was ein häufiges Erneuern unnötig machte.
    Und noch einen Vorteil hatte dieser neue Zustand: Nicht einmal, wenn jemand daherkäme, um seine Lebensspenderin zu töten, würden ihn die gestohlenen Jahre einholen – er würde einfach weiteraltern, als ob nichts gewesen wäre. Nur, wenn der Kristall, mit dem die Verbindung geschaffen worden war, zerstört wurde, würde man ihm dann sein wahres Alter ansehen – was jetzt natürlich noch keine sichtbaren Auswirkungen hätte, in einigen Jahren aber gewiss auffallen würde. Seine Mutter konnte ihm den Kristall also nicht mehr so einfach nehmen, wie sie es früher getan hatte, um sich seinen Gehorsam zu sichern. Im Prinzip war er jetzt also gleichauf mit ihr – mal abgesehen davon, dass ihr Heil nicht von seinen Plänen abhing, so wie es sich andersrum verhielt.
    Sie trat hinter ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Es war keine Geste der Unterstützung oder Anerkennung, das wusste er. Auf ihre gefährlich stumme Art warnte sie ihn davor, seinen neuen Status zu missbrauchen. Sie hatte die Macht einer Göttin, und auch wenn er nun Unsterblichkeit erlangt hatte, waren da draußen noch andere von ihrem Blut. Andere, durch die sie ihn nicht unbedingt ersetzen wollte, es aber tun würde, wenn es nötig war.
    „Es wird für deinen Körper die erste Zeit schwierig sein, mit der neuen Situation umzugehen“, sagte sie ruhig und blickte auf die Eloa hinab, die nach dem Ritual, wie es dafür üblich war, eingeschlafen war. „Sei nach wie vor vorsichtig.“ Damit verließen sie und die beiden Soldaten den Kerker.
    Er blieb noch eine Weile, beobachtete seine Lebensspenderin beim Schlafen und ging schließlich, ohne seiner Mutter in dieser Nacht noch einmal zu begegnen.[tab=Was es mit dem Gengar auf sich hat]Gengar
    Ein Icon für dieses Kapitel zu finden, war recht schwierig, da kein einziges Pokémon darin vorkommt. Ich danke daher Taiyo, dass sie mir den Vorschlag für Gengar gemacht hat. Damit kann man dieses Kapitel nämlich richtig schön interpretieren: Gengar hat das Attribut, Angst und Schrecken zu verbreiten. Normalerweise erlernt es Megasauger nicht, aber durch TM kann man es ihm beibringen. Das sind alles Dinge, die so oder so ähnlich auch auf "Ikusu-kun" zutrffen ^^[/tabmenu]

  • [tabmenu]
    [tab=Vorwort]
    Huhu, Pika!


    Hier kommt mein kleines Geburtstagsgeschenk für dich! ^.^


    Ich hoffe, es bringt dir was und du freust dich - endlich kann ich deine Kapitel mal RICHTIG auseinandernehmen! :D


    [tab='Kapitel 23','http://www.greenchu.de/sprites/icons/082.png']
    [subtab=Positives]
    Titel
    "Geteilte Ladungen", oh, das weist schon vorab auf einen Konlifkt der Geschwister Raika und Rai. Außerdem klingt er unheilschwanger, stimmungsgeladen - kurzum, er macht wirklich Lust, dieses nächste Kapitel zu lesen und regt die Fantasie des Lesers an.


    Zerbrochenheit
    Diese Zerbrochenheit Raikas, die du ansprichst, und die Tatsache, dass Neko deshalb an der Umsetzbarkeit ihrer eigenen Ziele zweifelt - ein guter Gedanke, ehrlich. Der kommt nicht jedem, und mit solch einfühlsamen Deutungen zeigst du, wie sehr du dich in deine Charaktere hineindenkst und ihre Reaktionen und Gefühle abzuwägen und umzusetzen vermagst.


    Erblindendes Sehen
    Das Tanhel langsam, aber sicher erblindet, ist tragisch - aber es steckt auch eine tiefere Bedeutung darin, die mir gut gefällt. Je mehr Tanhel nämlich "sieht", also im metaphysischen Sinne, desto mehr erblindet sein "wirkliches" Augenlicht. Für jede "Sicht" der Zukunft o.Ä. muss es also mit einem Stück seiner "Sicht" der Gegenwart bezahlen. Quid pro quo, tragisch, aber ein interessantes, nachvollziehbares Element in dieser Story.


    Offene Entscheidung
    Ich finde es gut, dass du offen lässt (zunächst), wie die Entscheidung gegenüber Rai ausgefallen ist. Dadurch schaffst du einen Cliffhanger innerhalb des erzählten Textes und baust so Spannung auf. Das regt sehr zum weiterlesen an, zumal man ja die Worte Xatus noch im Auge hat und auch dazu gern wissen will, was sie denn zu bedeuten haben ...


    Shinzu
    Wie niedlich ... einen der Menschen, den sie nicht verlieren will, bittet Neko darum, keinen Mord zu begehen. Aber hier wählst du die Worte mit Bedacht: Du lässt Shinzu weder eine klare Zu- noch Absage erteilen, vielmehr lässt du ihn sich in eine Gegenfrage flüchten. Ihm könnte es eigentlich egal sein, wenn er Neko anlügt und sagt, er begehe auf keinen Fall einen Mord. Da dem nicht so ist, muss er seinerseits etwas für die Chimäre übrig haben, wenn er sie nicht belügen kann. Hrrrr, Stoff für spannende, künftige Verwicklungen - und erneut so verdammt idhúnitisch ...
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Rückkehr zum Hauptquartier
    Der Szenenwechsel erfolgt etwas zu abrupt. Gerade stapft Hito noch davon, dann ist man direkt vor Seijins Büro - du erwähnst den Ortswechsel zwar, aber er kommt leider doch etwas zu unscheinbar. Eine Leerzeile wäre z.B. eine Möglichkeit, den Schnitt noch etwas deutlicher werden zu lassen.


    Beobachten der Nebel ...
    Entschuldige, es kann sein, dass ich mich irre oder das gerade mit dem Anführerquartier der Tochtergruppe verwechsle - aber war der Zugang zu Seijins Büro nicht innerhalb eines Gebäudes? Wenn ja, warum sitzen Raika und neko dann draußen, als sie warten? Wenn ich mich irre, nichts für Ungut, wenn nicht, solltest du da nochmal drüber nachdenken^^


    "[...] zeugte erneut davon, wie selbstverständlich diese Besondere, das Leben verändernde Begegnung war"
    ... warum eigentlich? ich denke, gerade, weil diese Verbindung etwas so Besonderes ist, fällt es den anderen doch auf oder wird vom Menschenpartner sogleich kundgetan - zumal bei einer solchen Frohnatur wie Momoko, die vor Freude sicher gestrahlt haben muss. Das finde ich dann ehrlich gesagt doch etwas seltsam. da hilft mir leider auch die Bemerkung nicht, dass das webarak wirkte, als gehöre es schon ewig dazu - das trifft vielleicht auf die Selbstverständlichkeit der Beziehung zwischen Mensch und Partner zu, aber eher nicht auf die zu anderen Menschen/Pokémon.
    [subtab=Fehlerteufel]

    Zitat

    Nebel hing über dem Boden wie die Vorboten der Vorbote eines Unheils, das noch im Heranrollen begriffen war. Eines Unheils, das zwei Menschen, die bislang alles ab ihrer Zeugung durchgemacht hatten, trennen könnte.


    Zitat

    [...] zeugte erneut davon, wie selbstverständlich diese besondere, das Leben verändernde Begegnung war.


    [tab='Spezial #7','http://www.greenchu.de/sprites/icons/179.png']
    [subtab=Positives]
    Titel
    Hum, Nicht schlecht gewählt ... man fragt sich, welcher Anfang und vor allem von was gemeint ist. Außerdem stehen Funken immer am Anfang von einer größeren Sache, meist eines Brandes oder dem Beginn eines großen Gefühls. Wir werden sehen, aber Spannung machend ist das sicherlich.


    Spiegelwelt
    Die Erde, eine "Gegenwelt" des Himmels - das ist wirklich schöner Gedanke. Vor allem hast du die Parallelen scheinbar sehr genau und bis zum Ende durchdacht, wirklich gut!


    Wie zwei verschiedene Ladungen der gleichen Stärke
    Ein Bezug zum vorigen Kapitel? Schön, schön, muss ich sagen^^
    Damit verbindest du beide Kapitel schön miteinander und baust einen Bezug untereinander auf, der dir gut gelungen zu sein scheint. Das lässt die Frage entstehen, ob das Spezialkapitel nicht vielleicht die Gedankenwelt Raikas in Kapitel 23 widerspiegelt, zumal Neko schon vermutete, sie hätte an etwas aus ihrer Kindheit gedacht ...


    Geschwister
    Du weißt die enge Bindung der beiden Zwillinge wirklich gut darzustellen. Nicht nur in ihren direkten Reaktionen zueinander, sondern auch in den Parabeln, die du hier verwendest und zum Teil direkt im text ansprichst. Dass die intensiven emotionalen und auch lebensbedrohlichen Ereignisse die beiden nicht trennen, sondern nur noch enger zusammenschweißen. Dass sie fast zur gleichen Zeit ihre Erstpartner und noch dazu unter sehr aufgeladenen Bedingungen finden - das schweißt sicher noch viel enger zusammen, als hätten sie äußerlich zusammenpassende Plusle und Minun irgendwo im Grünen an einem warmen Sommertag gefunden. Mir gefällt, wie du kleine Feinheiten dazu benutzt, um tiefgreifende Themen in der Story aufzugreifen!


    Erstpartner
    Dass das Magnetilo, das Raika festhält, zu rais Erstpartner werden würde, war ja irgendwie klar. Von Raika wussten wir allerdings nur, dass es einmal ein Voltenso sein würde - insofern war zu Beginn noch nicht ganz klar, wen sie als Partner bekommen würde. Eines der Hütevoltenso oder den Hütewelpen, dessen Bindung sie vielleicht erst spät erkannt haben würde? Das verletzte Voltensoweibchen? Oder letztlich das Neugeborene? Sicherlich, ab einem gewissen Punkt kann man das durchaus ahnen, doch durch das immer wieder neue Einführen möglicher Kandidaten führst du doch auch etwas Spannung mit ein.
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    "[...] das noch zum Schäferhund ausgebildet werden sollte [...]"
    Der Schäferhund ist hier zwar durchaus ok, aber Hütehund passt hier noch etwas besser, da Schäferhund auch geichzeitig eine ganz konkrete Rasse aus unserer Welt ist. Ich weiß, dass man manchmal um solche Überschneidungen nicht drum rumkommt, wenn man etwas gut beschreiben will, aber hier halte ich einen anderen Begriff doch für passender.


    Zweieiige Zwillinge
    Zugegeben, mit Biologie habe ich in der 10. Klasse aufgehört - aber meinst du an der Stelle, wo Raika von den Ähnlichkeiten zu ihrem Bruder spricht, nicht eher eineiig?
    "Sie ähnelten sich wie zweieiige Zwillinge, was bei verschiedengeschlechtlichen eigentlich nicht möglich war, und das so sehr, dass man sie schon verwechselt hatte."
    Denn wieso ist es für verschiedengeschlechtliche Zwillingspaare nicht möglich, sich wie zweieiige zu ähneln? Müssten sie nicht sogar zweieiig sein? Außerdem lässt sich die enorme Ähnlichkeit mit Einiigkeit ja am Besten vergleichen, ist also hier etwas anderes gemeint?


    Das Alter
    Ich will gar nichts dagegen sagen, dass die beiden Zwillinge schon mit nur sieben Jahren allein auf eine Herde aufpassen. Wenn man quasi in der Ackerfurche aufwuchs, ist das durchaus vorstellbar. Allerdings verhalten sie sich dennoch z.T. etwas seltsam für ihr Alter: Wie Raika den Wind prüft und geradezu fachmännisch den Stand des Unwetters abschätzt, das klingt doch nach deutlich mehr Erfahrung. Mir fehlt ein wenig das noch kindliche in der Gedankenwelt der Geschwister, das ja doch noch vorhanden sein dürfte.


    Voltilammbeschreibungen
    Mir ist aufgefallen, dass du die Wolle der kleinen Schafe zwar ziemlich detailliert beschreibst, dafür aber den Rest des Körpers fast völlig außer Acht lässt. Du erwähnst einmal kugelige Schwänze, aber damit hört es dann auch leider auf. Auf Frizelbliz und die Voltenso bist du dann gar nicht eingegangen, was auch sehr schade ist. Voltenso hast du mit Raikas Erstpartner zwar schon ein wenig dargestellt, aber kleine Einstreuungen wären auch hier schön gewesen - ob es die farbe des Fells oder das Wedeln des Schwanzes ist, wie du es bei den Voltilamm machst.
    [subtab=Fehlerteufel]
    Entfällt wegen is nich ;3


    [tab='Kapitel 24','http://www.greenchu.de/sprites/icons/094.png']
    [subtab=Positives]
    Das Phantom
    Hmmm, es scheint, als streife er öfter mal durch die Gegend und befriedige eine gewisse Mordlust ... spannend, spannend, ob wir darüber mehr erfahren werden? Oder ob es sich doch um die Traumreisen handelt, die wir schon einmal mitbekommen haben? Letzteres ist zwar fragwürdig, aber wer weiß ...


    Alterndes Überleben
    Interessant, interessant ... in sofern hätte auch das Bild eines Parasek als Schmarotzerpilz gut zum Kapitel gepasst. Stutzig machte inen ja scon die Erwähnung, die Königin sei über 13 Mal älter als ihr Sohn, was eine Zeitspanne von über hundert Jahren mindestens abdeckt. Dass dann eine solche Sache dabei herauskommt ... wirklich interessant, wenn auch grausam, diese beiden Gestalten. Dass das Zerbrechen des Kristalls das wahre Alter andeuten wird, deutet fast schon zwangsweise auf einen möglichen Punkt im späteren Teil deiner Geschichte und macht das Ganze noch einmal zusätzlich spannend.
    Das Verfahren zur Lebensverlängerung kommt mir recht bekannt vor, wirkt im Wesentlichen sehr vampirisch (jetzt weiß ich auch, woher: Ein Ähnliches Prinzip findet sich imo auch irgendwo in den Wächterromanen, die du aber glaube ich bedauerlicherweise nicht gelesen hast), aber die Sache mit dem Kristall - sag, du hast nicht rein zufällig "Das Bildnis des Dorian Grey" gelesen oder dich an der Verwendung dieser Romanfigur in "Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman" orientiert, oder?


    Die verborgene Königin
    Eine Königin, von der kaum jemand etwas weiß ... dieses Kapitel steckt voller hochinteressanter Aspekt für den Fortgang der Geschichte, muss ich sagen. Der Begriff, den ich verwendet habe, erinnert mich wiederum an den ersten Titel einer aderen Romanreihe ("Die fließende Königin"), wodurch auch deine Königin für mich noch einen anderen Anstrich bekommt ... zumal es sich bei der Königin im von mir erwähnten Buch um eine im fließenden Gewässer verborgene Gestalt handelt, die sich letztlich tatsächlich als Göttin herausstellt, interessant ...


    Gott
    Ich muss der mir unsympatischen Königin durchaus zustimmen: Ja, das ist eine interessante Antwort. Man hätte auch eher erwartet, dass er sich dafür entscheidet, mit "Prinz" zu antworten, dass er aber so hochtrabend wird ... einerseits zu erwarten, andererseits aber auch durchaus überraschend, somehow. Nicht schlecht, nicht schlecht ...
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Geheime Gänge
    Du schreibst, dass nur die beiden, Sohn und Königin, den geheimen Gang kennen, den er benutzt. Allerdings ist es etwas irritierend, dass dann zwei Soldaten zumindest von irgendwelchen geheimen Gängen wissen. Ein paar erklärende Worte, z.B., ob die Soldaten mit einem Bann belegt waren, gewisse Teile des Geheimgangnetzes doch wenigen Personen bekannt sind oder Ähnliches wäre da sehr hilfreich. Mag sein, dass das nicht so beabsichtigt war, aber es kommt etwas missverständlich rüber.


    [subtab=Fehlerteufel]

    Zitat

    Doch bestimmt nicht, nur, um um ihn herumzutigern?


    Zitat

    Er kannte das Verfahren, das sie an ihn binden würde, auswendig.


    [tab=Nachwort]
    Interessante (wie oft dieses Wort hier gefallen ist, lol) Kapitel, die ich hier lesen durfte. Deine Geschichte wird immer komplexer, und ich bin gespannt, wohin sie uns noch führen wird.


    Ich wünsche dir noch einen schönen Geburtstag und alles, alles Gute! :party:


    Liebe Grüße,


    ~ Clio
    [/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Das Loch]Hingagingadinga dorgin, allseits!
    Ich poste hier jetzt nur die Antwort auf Clios Kommentar, da ich diese am PC verfasst hab. Das neue Kapitel schwadroniert noch auf dem Laptop, an den ich moms nich rankann. Aber sobald ich dort bin, poste ich auch das neue Kap, im Laufe des Tages ^^
    Dann geb ich auch Benachrichtigung...


    Bis später also <3


    Wichtiges Edit: Ich habe eine Idee einzubauen vergessen. Der Zusatzteil findet sich jetzt hier im Tabmenu. Wo er chronologisch eingebaut wird ins Kapitel, ist nicht wichtig. Zumindest auf jeden Fall, nachdem die Gruppe den Marktplatz betreten hat, und logischerweise vor der Hinrichtung xD[tab=ladidu]

    [tab=Das Kapitel]Pantimos Kapitel 25: Großstadtdschungel


    „So leid es mir tut, ihr Süßen, aber um diese Aufgabe kommt ihr nicht herum“, flötete Ryori fröhlich und wuselte durch den Raum, nur um verschiedenste Gegenstände und Utensilien scheinbar wahllos hin- und herzutragen. Sie war eine etwas kleingewachsene, rundliche Naminerin in mittleren Jahren, versprühte aber eine Heiterkeit, wie es wohl nur Kinder vermochten. Auch ihr pechschwarzes Haar, durchzogen von den ersten grauen Strähnen, das sie zu einem strengen Knoten zurückgebunden trug, tat dem keinen Abbruch. Eine weiße Schürze, der man die jahrelange Nutzung nur zu gut ansah, rundete das perfekte Bild einer gutmütigen Köchin ab. Wo Ryori gerade nicht zugegen war, füllte ihr Partner, ein Pantimos, den Leerraum aus und balancierte Gewürze und Kräuter mithilfe seiner telekinetischen Fähigkeiten durch die Luft.
    Raika schnaubte genervt und verschränkte die Arme vor der Brust. Seit sie erfahren hatte, welche wichtige Mission Tetsus Gruppe zugeteilt worden war, gab sie sich stur – sturer zumindest als sonst. Es war zwei Wochen nach ihrer Ankunft aus dem Wald, innerhalb derer ihnen keine tragenden Aufgaben zugekommen waren. Jetzt mussten sie sich einer Aufgabe widmen, mit der die Tira gar nicht einverstanden war, was Neko auch ein Stück weit nachvollziehen konnte. Unter der Arbeit, die sie im Hauptquartier der Schwarzen Rose zu verrichten hatten, hatte auch sie sich etwas anderes vorgestellt.
    „So, hier ist eure Einkaufsliste“, verkündete Ryori schließlich und überreichte Kasai, der ihr von der Gruppe gerade am nächsten Stand, einen Zettel. Er und Shinzu, der hinter ihm stand und über die Schulter des Keraners blickte, überflogen die Waren, die sie zu besorgen hatten.
    „Was soll das am Ende werden?“, fragte Kasai skeptisch und reichte den Wisch an Momoko weiter, die ebenfalls einen Blick darauf werfen wollte.
    Die Köchin des Hauptquartiers zuckte, zur allgemeinen Empörung, nur unbekümmert mit den Schultern. „Weiß ich noch nicht so genau. Meistens kommen mir die wirklich guten Einfälle erst, wenn ich alles da habe. Und so einige Zutaten müssen nunmal regelmäßig frisch angeschafft werden.“
    Der Zettel war mittlerweile bei Neko angekommen, die ihn ebenfalls kurz durchging. Ein, zwei Gewürze waren darauf vermerkt sowie einige Gemüsesorten. Als auch Raika die Liste gelesen hatte, fragte sie: „Und wie sollen wir das alles herschleppen? Sehen wir etwa aus wie Zöglinge unseres Anführers?“ Den giftigen Blick, den sie dafür von Akari erntete, konnte sie nicht bemerken, da diese außerhalb ihres Gesichtsfelds stand.
    „So viel, wie da steht, ist das gar nicht“, behauptete Ryori und war schon wieder dabei, die Küche ordnungsgemäß herzurichten. „Das meiste ist ohnehin nur für heute. Außerdem habt ihr doch starke Jungs dabei, die euch helfen, oder?“ Sie kicherte, ihrem doch eher reifen Alter gar nicht angemessen, und scheuchte sie mit eindringlichen Gesten raus. „Und jetzt macht hopp! Das Essen kocht sich schließlich nicht von selbst, und es gilt so einige Mäuler zu stopfen.“


    Einige Minuten später stand die Gruppe des Rebellenhauptquartiers mit den jüngsten Mitgliedern am inneren Waldrand. Sie waren im Moment nahezu komplett; nur Raika fehlte noch, die sich mit dem Vorwand, ihre Schuhe wechseln zu müssen, noch kurz in ihr Wohnhaus zurückgezogen hatte. Ihre Partner würden sie nicht begleiten, da sie auch so schon viel zu viele waren und ansonsten den Überblick verlieren würden. Nicht auszudenken, wenn sich einer von ihnen in den Straßen Namines verlor.
    Neko hielt die Warterei vor Anspannung kaum aus. Ihre Aufgabe war es, nach Namine zu gehen, um in den örtlichen Märkten die Zutaten zu besorgen, die auf Ryoris Liste standen. Anschließend würden sie sie in Gruppenarbeit zu einem Gericht verkochen, auf das die Köchin noch kommen musste. Diese Aufgabe wurde regelmäßig einer Gruppe für drei Wochen zugeteilt. Für einen Durchgang waren sie übersprungen worden, da sie sich auf Mission im Großen Wald befunden hatten, als sie begonnen hatte, und eine andere hatte ihre Schicht übernommen. Diesem Team waren sie also noch etwas schuldig.
    Aber darum kümmerte sich Neko im Moment wenig. Heute war das erste Mal, dass sie Namine, die sagenumwobene Hauptstadt des Herzlandes und Sitz der Könige, besuchte. Sie war ein Dorfkind, inmitten einer kleinen Ansammlung Behausungen aufgewachsen, und hatte eine Großstadt bislang nur aus der Ferne gesehen. Kein Wunder also, dass sie vor Nervosität die Füße kaum stillhalten konnte, auch wenn das sonst nicht ihre Art war.
    „Aufgeregt?“, fragte Shinzu sie direkt, als er ihrer Anspannung gewahr wurde. Schlüge ihr Puls nicht so schon in abnormaler Geschwindigkeit, er wäre spätestens jetzt in die Höhe geschossen, als der Naminer sie angesprochen hatte. Sie nickte nur und versuchte, sich nichts weiter anmerken zu lassen. „Mach dir keine Sorgen“, beschwichtigte Shinzu sie und klang dabei leicht amüsiert. „Jede Großstadt ist ein gefährliches Pflaster, aber wenn wir immer in der Gruppe bleiben, passiert schon nichts.“ Neko nickte nur wieder, ohne ein Wort herauszubringen, und konzentrierte sich weiterhin auf das Zittern ihrer Hände.
    Endlich stieß auch Raika wieder zu ihnen, und wie Neko feststellte, hatte sie die halbwegs bequemen Halbschuhe mit flacher Sohle gegen ein Paar hochhackiger Stiefeletten eingetauscht. Auch Akari entgingen nicht die doch eher unpassenden Kleidungsstücke, und so sprach sie ihre Teamkollegin auf ihre Wahl an. Während die Gruppe den Waldring durchschritt, erklärte sie selbstgefällig: „Man kann doch nie wissen, was einen in verwinkelten Gassen so alles passiert, oder? Wenn sich irgendjemand denkt, er könnte sich mit mir einen Spaß erlauben, lasse ich ihn meine Schuhe schmecken.“ Raika fuhr so plötzlich herum, dass Neko die Bewegung kaum sehen konnte, und trat mit dem angewinkelten Fuß gegen einen Baum. Es gab ein hölzernes Knirschen und ein paar Blätter rieselten hinab, als sich der Absatz des Stiefels tief durch die Borke in die Rinde bohrte. Mit einem kräftigen Ruck löste Raika ihren Schuh wieder aus dem Baum; zurück blieb ein kreisrundes, klaffendes Loch. „Waffen können wir ja keine mitnehmen“, meinte sie schlicht. „Aber an den Schuhen ist sicher nichts auszusetzen.“
    Neko betrachtete entsetzt die Wunde im Holz des Baumes. Der Kick, den Raika ausgeführt hatte, hätte einem Menschen gewiss mindestens eine Rippe gebrochen oder im Bauchraum innere Blutungen verursacht. Sie musste zugeben, dass Raika recht hatte: Eine solche Waffe war weit unauffälliger als ein Kurzschwert oder eine Sense, und doch ebenso effektiv in der Verteidigung.
    In dem Baum, den Raika malträtiert hatte, regte sich ein leises Rascheln, und Neko sah auf. Ein violetter, an seinem Ende gespaltener Schweif glitt gerade noch so ins Laubwerk, sodass sein Besitzer sich ganz in den Schatten der Blätter verbarg. Neko wusste nur zu genau, um welches Pokémon es sich dabei handelte: Ein Psiana, die Partnerin von Taiyo, einer Rebellin, die während ihrer Waldmission von Soldaten geschnappt worden war. Von Libelldra wusste Neko, dass die Sonnenkatze nicht spüren konnte, ob Taiyo tot war; laut ihrer Beschreibung war es ein Zustand zwischen Leben und Tod. Das kam der Chimäre sehr vertraut vor, auch wenn sie nicht genau sagen konnte, woher.
    Tetsus Gruppe verließ, ganz ohne die Begleitung ihres Anführers, das Hauptquartier nicht in direkter Richtung zu Namine. In diesem Fall hätten sie die Ruinen, die zwischen Start und Ziel ihres Ausflugs lagen, durchqueren müssen, und das hätte sie nur allzu leicht als Rebellen ausgezeichnet. So folgten sie einem schmalen Weg, der sie auf eine Straße führte, die geradewegs auf das Haupttor Namines zulief. Dieser Pfad war der weitaus unauffälligste, in die Stadt zu gelangen. Hier waren ständig Reisende und Händler unterwegs, und acht Menschen mehr oder weniger fielen da nicht ins Gewicht.
    Es war ein Fußmarsch von annähernd einer halben Stunde, bevor sie endlich das große Stadttor erreichten. Theoretisch hätten sie Namine auch aus jeder anderen Richtung betreten können, da es nur zum geringen Teil von einer Stadtmauer umgeben war. Eine solche hatte es umschlossen, als es noch kleiner gewesen war, bis vor gut drei Jahrhunderten, aber mittlerweile hatte es sich so weit ausgebreitet, dass der ehemalige Schutzwall ein Teil der Neubauten geworden war. Nur noch wenige Stellen erfüllten ihren ursprünglichen Zweck. Ein Grund, aus dem Besucher Namines und damit auch die Rebellengruppe durch dieses Tor gingen, war, dass es direkt in die Hauptstraße mündete. So mussten sie nicht erst durch verzweigte Seitenstraßen und Gassen schwadronieren, sondern konnten der Aorta der Stadt sofort folgen. Außerdem war es für Fuhrwerke fiel einfacher, den gut bepflasterten Wegen zu folgen anstelle holpriger Seitengassen.
    Das Tor war nicht annähernd so breit, wie Neko es sich vorgestellt hatte. Von dem wichtigsten Ein- und Ausgang einer so großen Stadt hatte sie mehr erwartet – aber andererseits hatte sie damit ja auch keine Erfahrung. Es war gerade breit genug, dass zwei Kutschen es nebeneinander passieren konnten. Außerdem war zusätzlich noch jede Hälfte der Breite für eine Richtung des Verkehrs vorgesehen; es waren viel mehr Menschen, die in die Stadt gingen, als auf der anderen Seite herauskamen. Gleich zwei Soldaten standen jeweils links und rechts neben dem Tor Spalier, und vermutlich sah es innerhalb der Stadtmauer ähnlich aus. Auch oben auf dem Wehrgang hielten einige Krieger Wache. Die langen Schwertscheiden an ihren Gürteln ließen erahnen, welch tödliche Waffen sie mit sich führten. Mit ihren Katana waren sie gewiss für jeden Fall gewappnet.
    Mit dem Fluss der einströmenden Menschen aller Volksabstammungen, Pokémon sämtlicher Rassen, verschiedensten Fuhrwerken und Zuglasten gelangten Neko und die anderen durch das Tor. Die Mauer, die an dieser Stelle vielfach ausgebaut und nachgebessert worden war, war hier einige Meter stark, sodass sie sich für die Dauer von ein paar Minuten in Finsternis befanden. Erst, als sie am anderen Ende des Durchgangs hindurchtraten, befanden sie sich wahrhaftig in Namine.
    Neko blinzelte gegen das Sonnenlicht an, nachdem sich ihre Augen zuerst an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Das erste, was sie sah, war eigentlich derselbe Anblick wie auch die letzte halbe Stunde: Ein Strom aus Besuchern und Einwohnern der Stadt, die die Straße in ein buntes, lebendes Mosaik verwandelten, nahm ihr unteres Blickfeld aus. Darüber ragten die Gebäude wie mächtige Felsen auf. Sie standen dicht an dicht, die Hauswand der einen Baute war zugleich die Wand der nächsten. Mehrere Stockwerke stapelten sich über dem Erdgeschoss, das meistens ein kleiner Laden oder andere Art von Verkaufsstand war. Zwischen den Häusern führten Durchgänge in benachbarte Straßen oder auch in Hinterhöfe. Es roch intensiv nach verschiedenen Gerichten, die in so manchem Haus zubereitet wurden, und dem Schweiß der Menge. Im Hintergrund, gerade noch so zu erkennen über den Dächern der Häuserreihen, thronte das schwarze Schloss auf seinem Hügel und schien gleichsam das Geschehen unter sich zu beobachten.
    Von den Eindrücken fast erschlagen blieb Neko zuerst stehen, war dabei aber dem Strom hinter sich im Weg. Proteste wurden laut, sie solle sich wieder in Bewegung setzen, und so machte sie sich erschrocken daran, ihre Gruppe wieder aufzuholen. So dicht vor dem Tor schien es nicht gerade ratsam zu sein, den Verkehr zu behindern.
    Die acht Rebellen zogen sich erst vom größten Tumult zurück und tagten am Straßenrand im Schatten eines Gebäudes eine Besprechung. „Ich würde sagen, wir gehen ohne Umwege zum Marktplatz“, bestimmte Raika und wedelte mit dem Einkaufszettel rum. „Da gibt es bestimmt alles, was wir brauchen.“ Zu besagtem Platz zu finden, durfte sich auch nicht als besonders schwer erweisen, selbst für jemanden, der Namine zum ersten Mal besuchte. Neko waren die großen Schilder, die treuherzig entlang der Hauptstraße ins Innere der Stadt zeigten, schon aufgefallen. Gewiss führten sie einen direkt zum Marktplatz.
    „Da stimme ich Raika zu“, pflichtete Rai seiner Zwillingsschwester bei. „Je schneller wir alles zusammen haben, umso besser. Ryori braucht die Zutaten so schnell wie möglich.“
    Da keiner Einwände vorzuweisen hatte, machten sie sich auch gleich auf den Weg, immer flussabwärts mit dem Strom. Sie kamen nur quälend langsam voran, aber Neko war sich sicher, dass Ryori diesen Umstand mit eingeplant hatte. Sonst hätte sie sie wohl kaum kurz nach dem Frühstück zu sich beordert und gleich darauf auf ihren Botengang geschickt.
    Dass sie den Marktplatz erreichten, registrierte Neko erst, als sich die Menschenmenge vor ihr aufzulösen schien. Den Raum, der plötzlich vorhanden war, um sich zu verteilen, nutzten die Stadtwanderer sofort. Neko war das nur recht. In dieser Enge hätte sie es nicht mehr lange ausgehalten. Der Marktplatz war ein weitläufiges Gelände ohne jegliches festes Gebäude, lediglich einige Zelte und Stände teilten ihn in eine kleine Stadt mit ihren eigenen Gassen und Winkeln. Er war wie eine große Lichtung inmitten des Gebäudewaldes, auf dem sich unzählige Händler und Käufer, Taschendiebe und Trickser versammelten. Nekos Gruppe versammelte sich vor einem Lageplan, der an einer Hauswand befestigt war. Sie war erstaunt ob der guten Organisation, mit der der Marktplatz gehandhabt wurde, schien er auf den ersten Blick doch das reinste Chaos zu sein. Die verschiedenen Bereiche an Verkaufsgütern waren in ihre eigenen Sektoren auf dem Platz eingeteilt, sodass jeder Marktbesucher gleich fand, was er brauchte, ohne im Durcheinander erst danach zu suchen.
    „Hier, Gemüse und Gewürze.“ Selbst Shinzu, der größte ihrer Gruppe, musste sich strecken, um auf den beschrifteten Farbfleck auf der Karte zu tippen. „Da müssen wir hin.“
    „Klasse, das ist auf der anderen Seite des Platzes“, kommentierte Kasai mürrisch. Er hatte durchaus recht: Der rote Punkt, der den Standort des Lageplans markierte, befand sich ganz unten auf der Karte, während ihr Ziel im linken oberen Bereich lag.
    „Hilft alles nichts“, seufzte Raika und ließ den Blick schweifen. Wahrscheinlich versuchte sie, Richtung und Entfernung abzuschätzen, doch über den vielen Köpfen der Versammelten war das nicht einfach. „Gehen wir es an!“, meinte sie schließlich und ging voraus.
    Ohne Worte waren sie sich alle einig, dass der direkte Weg quer über den Marktplatz nicht der richtige war. Es waren einfach zu viele Menschen und Pokémon hier, als dass sie weniger als eine Stunde gebraucht hätten, allein um die Gemüsestände zu erreichen. Außerdem hätten sie vielfach abbiegen müssen, da es keinen geraden Durchgang zwischen den Ständen gab. Also umrundeten sie den Platz, auch wenn sie sogar in diesem Fall nicht besonders schnell vorwärts kamen. Die Menge stand zu dicht gedrängt, und immer wieder kamen ihnen Menschen entgegen, sodass sie stehen bleiben oder, wenn überhaupt möglich, ausweichen mussten.
    Immerhin hatten sie schon einen guten Teil des Weges zurückgelegt und waren nun in einem Marktviertel angekommen, das direkt aus einem Zirkuszelt zu stammen schien. Artisten, Gaukler und Magier bildeten Kondensationskerne für die vorbeiziehende Masse und führten ihre Kunststücke vor, ernteten dafür Applaus und die eine oder andere Münze. Ein paar kleine Zelte priesen mit bunt bemalten Schildern, in ihnen würden das Verborgene und die Zukunft des Besuchers vorausgesagt. Als Momoko eines davon erblickte, wandte sie sich mit vor Begeisterung leuchtenden Augen an Akari. „So was wollten wir doch immer schon mal machen!“, sagte sie aufgeregt und zog ihre Freundin am Ärmel. „Lass uns da mal reingehen!“
    „Ich… ähm, weiß nicht, Momoko“, brachte Akari hervor und wimmelte Momokos Hand ab. „Haben wir überhaupt Zeit für so etwas?“
    „Wenn ihr da unbedingt reinmüsst, können wir ja schon mal vorgehen“, meinte Raika genervt und verdrehte die Augen.
    Shinzu schüttelte sogleich den Kopf und widersprach: „Es ist besser, wenn wir zusammenbleiben. Wir sollten hier warten.“ Die Tira schnaubte zwar unwillig, sagte aber nichts weiter dazu.
    „Neko, kommst du auch mit?“, fragte Momoko übereifrig, indem sie sich an die Chimäre wandte.
    Diese war ob dieser plötzlichen Bitte überrumpelt und wusste zunächst keine Antwort. Eigentlich hatte sie genug vom Wahrsagen, hatte sie doch schon das eine oder andere Mal miterlebt, als Mizu eine Vision gehabt hatte. Im Gegensatz zu seiner Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, mussten die Weißsprechungen der Seher hier nicht unbedingt echt sein. Aber Momoko war ihre Freundin, und was sprach schon dagegen, wenn sie sie begleitete? Sie musste sich ja nicht selbst die Zukunft vorhersagen lassen und dabei ihr Geld verprassen. Dennoch wollte sie wissen: „Das sind doch nur Spielereien, die unser Geld nicht wert sind.“
    „Ach, Unsinn“, tat Momoko ihren Einwand kurzerhand ab. „Ich bezahle auch. Lasst uns gehen!“ Damit war jedes weitere Widerwort ausgemerzt, und die drei Rebellinnen traten in das Zelt.
    Von außen gab es sich auffällig und prunkvoll, war verziert mit dunkelblauen Tüchern, mit goldenen Sternen bestickt. Ein Schild wies die Besitzerin als Mirai Yochi, die Frau, die mit dem Schicksal spricht aus, verschwieg aber, welchen Preis Mirai für ihre Dienste verlangte. Innen erwartete die drei stickige Luft, die schwer war vom Rauch und dem Thymianduft unzähliger Räucherstäbchen. Ein paar Kerzen erhellten das Zelt mehr schlecht als recht, um das spärliche Sonnenlicht, das von außen eindrang, zu ergänzen. Mirai Yochi kniete im Kreis ihrer rußenden Räucherstäbchen auf einem Polster mit ausgefranstem Bezug, vor ihr ein flacher, schmaler Tisch mit einer roten Samtdecke. Ihr Alter war in der diffusen Beleuchtung nur schwer abzuschätzen, und ihr vermutlich schwarzes Haar verbarg sich zum Großteil unter einem Turban. Mit ihrer Kleidung und der Atmosphäre gab sie sich ganz wie eine typische Wahrsagerin, allerdings fehlten Tarotkarten und die obligatorische Kristallkugel.
    „Ah, ich habe dich bereits erwartet, Momoko!“, begrüßte Mirai sie mit krächzender Stimme, die nur zu deutlich machte, wie viele Räucherstäbchen hier täglich verbraucht wurden.
    „W… wirklich?“, fragte die Dyrierin überrascht, und auch Neko hob die Augenbrauen. Woher kannte die Seherin ihren Namen?
    Sogleich hob Mirai den Blick und lächelte belustigt. „Natürlich, gleich, nachdem ich dich hier vor meiner Tür gehört habe. Und deinen Namen hat deine Freundin bereits genannt; Krakeelo hat sehr feine Ohren, müsst ihr wissen.“ Erst jetzt, als Nekos Augen sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, fiel ihr das besagte Pokémon auch auf: Hinter Mirai, halb von den Schatten verschluckt, verbarg sich ein Krakeelo in der Dunkelheit. Bestimmt hatte es den Namen, den es aufgeschnappt hatte, an seine Menschenpartnerin weitergegeben.
    Eigentlich war diese Taktik keine besonders gute Propaganda für die Fähigkeiten der Wahrsagerin, indem sie ihre Tricks verriet, aber die machte sie auf der Stelle sympathisch. Momoko ließ sich Mirai gegenüber auf ein weiteres Kissen sinken und streckte ihr die Hand entgegen.
    „Was soll ich damit?“, fragte die alte Frau überrascht und betrachtete skeptisch Momokos Handfläche.
    „Ähm…“ Die Klientin der Seherin wirkte ebenso perplex. „In meinen Handlinien lesen?“, schlug sie vor. „So machen das Wahrsager doch?“
    Mirai lachte. „Ja, die Stümper von Wahrsagern, die hier sonst noch Geld von armen Wissenssuchern abluchsen. Aber nicht ich!“ Ihre Stimme wurde plötzlich ernst. „Ich brauche keine Hilfsmittel, um meine Gäste übers Ohr zu hauen.“ Neko stutzte einen Moment über diese Formulierung, aber es war wohl wieder nur die entwaffnende Ehrlichkeit, die Mirai Yochi an den Tag legte. Plötzlich ergriff die alte Frau dennoch Momokos ausgestreckte Hand, aber ohne diese anzusehen. Es schien, als brauche sie lediglich die Berührung.
    „Ich sehe eine Blume, von der du dachtest, sie aus deinem Garten entfernt zu haben“, murmelte Mirai monoton mit unheimlicher, abwesender Stimme. Auch ihr Blick schien verklärt, als habe der Rauch ihren Verstand vernebelt. Was nicht möglich war, schließlich war sie bis eben noch völlig klar gewesen. Eine unheimliche Energie lag in der Luft, die Neko eine Gänsehaut verursachte. Was geschah hier nur? „Es ist eine Rafflesia“, fuhr die Wahrsagerin fort, „eine riesige, fleischige Blüte, deren Geruch nach verdorbenem Fleisch einen Pfirsichbaum hat eingehen lassen. Er ist für immer verblüht.“
    Als sie endete, entzog Momoko ihr hastig ihre Hand. Die Dyrierin schien mit einem Mal verstört. „Werde… werde ich ihn wieder sehen?“, fragte sie.
    „Das weiß ich nicht“, gab Mirai zu, als sich ihr Blick wieder geklärt hatte. „Die Bilder meiner Visionen sind nur Symbole, die nur du allein deuten kannst, da du dein Leben am besten kennst. Die Bedeutung eines Zeichens ist bei jedem anders.“ Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr, die sich aus dem Umwickeltuch gelöst hatte. „Fortuna schreibt an unserem Leben wie eine Autorin an einem großen Roman. Jeder ist die Hauptperson seines eigenen Handlungsstrangs. Aber es gibt den einen oder anderen Charakter, dem sie zuteil werden lässt, wie ihre Geschichte weitergeht. Sie hat viele verschiedene Methoden, sich mit uns zu verständigen, und mit mir spricht sie über Bilder.“ Neko glaubte zu verstehen. Demnach war Mizus Fähigkeit etwas ganz ähnliches, nur sah er Visionen auf andere Weise: Nur mithilfe von Tanhel und auch genauso, wie sie geschehen würden.
    Als nächstes ließ sich Akari, auf Drängen von Momoko, Mirai gegenüber nieder und reichte der Wahrsagerin ihre Hand. „Ich sehe einen großen Felsen“, begann die Frau, „unverrückbar für alle Zeit, der sogar reißenden Lawinen standhält. Doch es kommt ein Blitz, gold und gleißend hell, und bringt ihn zum Bersten. Aber der Donner wird seine Rache sein.“ Als die Seherin ihre Hand losließ, nickte Akari bloß. Ob sie die Weißsagung wie Momoko zuvor schon verstanden hatte, ließ sie sich nicht anmerken, sondern stand nur auf und zog sich zu ihren Freundinnen zurück. Mirai überreichte beiden noch ein kleines Säckchen, in das sie eine Handvoll Zweipunktnüsse gefüllt hatte, und sagte: „Immer dann, wenn ihr denkt, ein Symbol habe sich erfüllt, esst eine davon. Und wenn keine mehr übrig sind, wisst ihr, dass sich die Vision erfüllt hat.“
    Momoko kramte von irgendwoher zwei Münzen hervor, als Mirai Yochi ihren Preis nannte, und zahlte gleich für Akari mit, als die Wahrsagerin Neko plötzlich so eindringlich fixierte, als sei sie ein Geist. Sie hoffte, es läge nicht daran, dass der Seherin plötzlich aufgefallen war, dass sie eine Chimäre war. Mirai gestikulierte wild und verlangte von Momoko und Akari: „Los, geht raus aus meinem Zelt, das hier darf niemand hören!“ Erst, als die beiden Rebellinnen gehorcht hatten, gab sie Neko zu verstehen, sich zu setzen. Augenblicklich ergriff Mirai die Hand ihres Gegenübers und schloss die Augen.
    „Unglaublich!“, kommentierte sie, was auch immer die Vision ihr offenbarte. „So bunt und bildreich hat Fortuna noch nie zu mir gesprochen!“ Sie ließ Nekos Hand los und sah die Chimäre überrascht an. „Fortuna ist stark in dir“, sagte sie und lächelte. „Ich habe das Gefühl, diese Vision beschreibt dein ganzes Leben. Willst du sie hören?“ Aber ohne auf eine Antwort zu warten, kramte sie unter dem Tisch einen Block und einen Stift hervor. „Nein, ich werde sie dir nicht sagen. So viel über seine Zukunft zu wissen ist ein Frevel! Ich schreibe dir meine Vision auf, und wenn du glaubst, es ist Zeit, sie zu erfahren, öffnest du einfach den Brief. Aber jetzt wäre es zu früh, alles zu wissen.“ Sie kritzelte mit der Linken eilig einige Zeilen auf ein Blatt, was mehrere Minuten in Anspruch nahm. Neko mochte kaum glauben, dass ihre Zukunft sich so ausführlich und langatmig offenbart hatte. Sie hoffte, ihre Begleiter würden die Geduld nicht verlieren, weil es bei ihr so lange dauerte.
    Endlich riss Mirai den Zettel aus dem Block, faltete ihn ordentlich und schob ihn in einen Briefumschlag. Sie nahm eine der Kerzen zur Hand, träufelte eine großzügige Menge Wachs auf den Verschluss und drückte einen Siegelring darauf, der Neko erst jetzt auffiel. So überreichte die Wahrsagerin den Brief an sie. „Ich werde dir dafür keine Nüsse mitgeben“, meinte sie, „weil es so viele Symbole sind. Ich hoffe, du wirst sie auch im Nachhinein erkennen, und wünsche dir alles Gute auf deinem Lebensweg, wie auch immer er sich entwickeln mag!“
    Neko betrachtete das Wachssiegel. In diesem Brief sollte ihre Zukunft geschrieben stehen? Was nur hatte die Seherin in ihrer Vision erblickt? „Wie viel… kostet das?“, fragte sie unbehaglich und hoffte, der Preis hinge nicht von der Länge der Vision ab.
    Die alte Frau winkte nur ab. „Gar nichts, mein Kind. Es war mir eine Freude, einen so farbenreichen Traum zu sehen. Und sag deinem Begleiter draußen liebe Grüße von einer Arbeitskollegin und…“ Ihr Blick wurde wieder verschwommen. „… dass sein letztes Schwert nicht aus Metall bestehen wird.“ Damit verabschiedete Mirai Yochi die Chimäre, und Neko verließ das Zelt.


    Auf dem Rückweg zu ihrer zum Teil ungeduldigen Gruppe dachte sie über diese letzten Worte nach. Der Begleiter, von dem Mirai gesprochen hatte, musste Mizu sein – anders war es gar nicht möglich. Die alte Frau hatte sich selbst als seine Arbeitskollegin bezeichnet, was bedeuten mochte, dass sie von jemandem sprach, der auch seherische Fähigkeiten besaß. Und das war von ihnen allen nunmal nur der Lynoer. Allerdings wusste sie nicht so genau, was es mit dem Schwert auf sich hatte, das nicht aus Metall bestehen sollte. Sie erinnerte sich an das Gespräch, das sie mit Hito geführt hatten, und seine nicht unbeträchtliche Sammlung an ungewöhnlichen Waffen. Aber wie sollte Mizu schon an solch eine herankommen?
    Neko beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, und auch, Mizu nichts davon zu erzählen. Auch wenn er selbst seine Erfahrungen mit Zukunftsvisionen hatte, musste das nicht bedeuten, dass er den Weißsagungen anderer Glauben schenkte. Und von einer solch diffusen brauchte er auch nichts zu wissen.
    Die acht Rebellen setzten sich wieder in Bewegung und kamen dabei an einem Gebäude vorbei, das für Neko zunächst nicht in das Gesamtbild Namines passte. Erst nach gründlicher Überlegung fiel es ihr endlich auf: Es stand alleine da. Waren die anderen normalerweise Wand an Wand errichtet, hatte dieses zu seinem nächsten Nachbarn eine Entfernung von gut drei Metern. In einer Stadt, in der alle Menschen so dicht aufeinander wohnten, war das ein beträchtliches Maß. Sie vermutete, dass darin die Verwaltung des Marktplatzes stattfand. Zumindest wirkte es ziemlich wichtig, da davor ein Soldat Wache schob. Es war recht schmucklos, ein einfacher Betonklotz, mit spärlich verstreuten, winzigen Fenstern mit Milchglasscheiben. Sie wunderte sich, dass die meisten Menschen einen Bogen um das Gebäude machten, obwohl sie dafür in Kauf nehmen mussten, im Gedränge unterzugehen.
    Bis ihre Gruppe selbst dort ankam und Neko sehen konnte, warum niemand näher an das Haus ging: Der Bereich davor war mit einem Holzzaun abgesperrt, wenn auch nur dürftig. Wer wirklich das Bestreben hatte, dahinein zu gelangen, der konnte einfach über den Zaun steigen. Die Absperrung beschrieb einen flachen Halbkreis, schloss aber den Eingang zum Gebäude nicht ein. Warum sollte man eine kahle Wand mit einem Zaun umgeben, die Tür ins Haus aber nicht? Für sie ergab das keinen Sinn. Die Wand hatte in ihrem untersten Stockwerk nicht einmal ein Fenster, durch das ein Einbrecher eventuell eindringen konnte.
    Dafür etwas anderes. In großen, auffälligen Buchstaben war etwas tief in den Beton eingeritzt worden, und das scheinbar schon vor einiger Zeit: Namine gehört MIR. Irgendetwas stimmte mit dieser Phrase nicht, und Neko fröstelte unwillkürlich bei diesem Gedanken. Welcher Spinner kam auf die Idee, in steinharten Beton eine solche Floskel einzumeißeln, und warum kümmerte sich niemand darum, sie ordnungsgemäß zu entfernen? Da fiel Neko auch auf, was so ungewöhnlich an dieser Nachricht war: Sie stand viel zu weit oben. Ohne Hilfsmittel, um in diese Höhe zu gelangen, schaffte es niemand, sie dorthin anzubringen. Es hätte doch irgendjemandem auffallen müssen, wenn eine so große Aktion gestartet worden wäre, selbst in der Nacht.
    „Ich glaube, mein Vater hat mir davon erzählt“, meldete sich Akari plötzlich. Neko bemerkte erst jetzt, dass ihre Gruppe am Holzzaun stehen geblieben war. Die Gotela klang gepresst, als bereite es ihr, von dem Schicksal dieser Wand zu berichten, Unbehagen. „Das soll vor drei, vier Jahren passiert sein“, begann sie. „Habt ihr schon vom Phantom gehört?“, fragte sie in die Runde, erwartete aber anscheinend keine Antwort. Wie auch? Die unheimlichen Berichte von den Serienmorden, die in Namine immer wieder geschahen, drangen auch bis in die hintersten Winkel des Reiches. Auch Neko hatte davon gehört. Angeblich sollten ein oder mehrere Täter ihr Unwesen in der Hauptstadt treiben und dabei Morde begehen, die nicht mit reiner Logik erklärt werden konnten. Wie genau, das wusste sie nicht – mehr hatte sie aber auch nicht gehört. Natürlich war das ein Fall, wie er eigentlich von den Rebellen angepackt werden sollte, doch praktisch unter den Augen des Königs und seiner Soldaten war das ein viel zu riskantes Unterfangen.
    Unerklärliche Todesfälle?, kam es Neko plötzlich in den Sinn, und sie musste an Kisho denken, der auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen war. Zusammen mit Taiyo, die weder tot noch lebendig zu sein schien, kam ihr das doch sehr verdächtig vor. Ob das Phantom sein Revier ausweitete und jetzt auch im Hauptquartier zuschlug?
    „Hier soll das erste Opfer gefunden worden sein“, fuhr Akari fort, „an diese Wand genagelt, mit der Nachricht darüber. Man hat die Schrammen häufiger mit Gips ausgefüllt, aber nach einigen Tagen wurde er über Nacht immer wieder entfernt. Nicht einmal die Nachtwachen, die man hier postiert hat, haben davon etwas mitbekommen. Viele glauben, dass diese Stelle verflucht ist, und wer kann es ihnen schon verdenken?“
    Mit einem Mal empfand auch Neko Schrecken vor diesem Ort und wollte nichts weiter, als so schnell wie möglich von hier weg. Natürlich war das im allgemeinen Gedränge nur spärlich möglich, aber immerhin besser als ganz stehen zu bleiben.
    Endlich erreichten sie den Marktplatzbereich, in dem sich die Gemüsestände befanden. Raika, die sich ohne Worte zur zeitweiligen Anführerin der Gruppe ernannt hatte, schritt voraus und führte ihre Begleiter querbeet an den Auslagen vorbei, in denen sich allerhand Gemüsesorten aus allen Ländern des Reiches sammelten. Es gab Karotten und Kartoffeln, Tomaten und Paprika, Zucchini und Gurken. Neko glaubte sogar, essbare Kakteen gesehen zu haben, als sie an einem Stand vorbeihasteten, und erinnerte sich an ihre Kindheit zurück, in der ihre Lieblingsspeise Kaktusschnitzel gewesen waren. Wie gerne hätte sie wieder davon gegessen! Allerdings war Kaktus nicht wirklich jedermanns Geschmack, und so hatte sie in den vier Jahren, die sie schon im Herzland lebte, keinen mehr kosten können.
    Es dauerte eine gute dreiviertel Stunde, bis sie auch wirklich alles zusammenhatten, wonach Ryori sie gebeten hatte. Es fehlte nur noch ein Gewürz, das sie bisher noch nicht hatten auftreiben können, dann konnten sie wieder ins Hauptquartier zurückkehren. Es war Mizu, Shinzu, Kasai und Rai unschwer anzusehen, dass sie darauf brannten, ihre Last aus verschiedenen Gemüsesorten so schnell wie möglich loszuwerden. Keiner von ihnen war besonders erbaut darüber, dass Raika sie zu ihren persönlichen Lastenträgern auserkoren hatte.
    Gerade fragte die Tira einen Verkäufer, wo man das fehlende Gewürz in ausreichender Menge finden könne, doch dieser war lediglich interessiert daran, sie auf seine eigenen Waren aufmerksam zu machen, anstatt Werbung für einen Konkurrenten zu machen. Ihre Gruppe hatte sich ausgebreitet und an den Rand der Gasse gedrückt, um dem steten Strom nicht im Weg zu sein, und wartete darauf, dass sie eine halbwegs brauchbare Wegbeschreibung erhielten. Ein paar von ihnen schlenderten nicht fern auf und ab, um sich damit die Zeit zu vertreiben, so wie es auch Neko tat. Sie beobachtete die umherziehenden Menschen und lauschte auf die eine oder andere Verhandlung, in der um Preis und Menge irgendeines Gutes gefeilscht wurde.
    Zwischen den Ständen, die solide gebaute Holzhütten darstellten, war häufig ein schmaler Durchgang, durch welchen man auch senkrecht zum üblichen Weg durch den Markt gelangen konnte. An einem solchen kam Neko gerade vorbei, als ein Zischen ihre Aufmerksamkeit in die Schatten zwischen den Hütten lenkte. Sie konnte nicht sehr viel erkennen, aber was sie sah, wusste sie nicht genau zu werten: Ein Naminer drückte sich in dem Winkel und warf ihr mit schräg gelegtem Kopf eindeutig interessierte Blicke zu. Er schenkte ihr ein abschreckendes, lückenstarrendes Lächeln und fragte: „Du bist Chimäre, nicht?“ Sie antwortete nicht darauf, da allein schon die Fragestellung jegliche Verneinung ausschloss. Der Fremde tat einen Schritt auf sie zu und packte sie grob am Arm. „Möchtest du dir nicht ein paar Münzen dazuverdienen, kleine Chimäre?“
    Entsetzt versuchte Neko, sich seinem Griff zu entziehen, doch der Mann hielt ihren Arm umklammert wie ein Schraubstock. Sie vermutete, dass sie für ihn als Chimäre eine besondere Versuchung darstellte, diversen männlichen Trieben nachzugehen. Doch das würde sie nicht zulassen, immerhin war sie keine Hure! „Nein, verzichte“, versuchte sie, so standfest wie nur irgend möglich, ihn abzuwimmeln, doch ihre Angst war unschwer herauszuhören.
    Statt von ihr abzulassen, was Neko naiverweise insgeheim gehofft hatte, verstärkte ihr unliebsames Gegenüber seinen Klammergriff nur noch und zog sie näher zu sich heran. „Ob du willst oder nicht ist mir egal“, knurrte er, nun bei weitem nicht mehr so scheinheilig-freundlich wie zuvor. Und egal, was Neko auch versuchte, sie schaffte es einfach nicht, sich zu befreien, genauso wenig, wie sich irgendeiner der Marktbesucher darum zu scheren schien, was in ihrer Mitte geschah. Sollte ihr erster Tag in der großen Hauptstadt, überlegte sie verzweifelt, wirklich eine Vergewaltigung beinhalten?
    „Hey, du!“, ertönte da eine Stimmte rechts hinter ihr. Die Augen ihres Schraubstocks zuckten ruckartig in diese Richtung. Für einen winzig kleinen Sekundenbruchteil blitzte im Gesicht des Fremden Entsetzen auf, bevor eine Faust angeschossen kam und es wie ein Rammbock traf. Der Kopf des Naminers flog in den Nacken, und er selbst wurde gegen die Holzwand der Verkaufshütte geschmettert, bevor er, sich vor Schmerzen krümmend und winselnd, zusammenbrach. Hätte er Neko nicht sofort losgelassen, wäre sie mit ihm zu Boden gegangen. So stolperte sie nur erschrocken zurück und starrte den Fremden an. Seine Stimme drang nur gedämpft hinter seinen Händen hervor, die er vor das demolierte Gesicht geschlagen hatte. Zwischen den Fingern sickerte Blut die Handrücken hinab. Der Fausthieb hatte ihm wohl die Nase zertrümmert.
    „Autsch“, konnte Neko einen Kommentar hören und identifizierte den Sprecher als Kasai. „Dem hast du aber ordentlich die Fresse poliert!“ Erst jetzt kam sie auf den Gedanken, sich nach ihrem Retter umzusehen, und wandte den Blick von demjenigen ab, vor dem dieser sie gerettet hatte. Ohne große Überraschung stellte sie fest, dass es Shinzu war, der sich konzentriert die Knöchel der rechten Hand rieb.
    „Warum hast du das gemacht?“, fragte Momoko mit belegter Stimme. Außer ihr, Kasai und Shinzu war sonst niemand aus ihrer Gruppe Zeuge des Vorfalls geworden.
    Shinzu drehte sich zu ihr um. Er warf dem Fremden, der sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatte und davonzuwanken begann, einen verächtlichen Seitenblick zu. „Menschen wie er lassen sich nicht einfach mit Worten abspeisen, nicht einmal mit Drohungen.“ Mit ernstem Gesichtsausdruck hob er demonstrativ die Faust. „Das ist die einzige Sprache, die die verstehen!“
    Endlich fand Neko ihre Stimme wieder, musste aber noch einmal den Schock runterschlucken, bevor sie undeutlich aber dennoch verständlich murmelte: „Danke, Shinzu.“
    Der Naminer sah sie an, als habe er nicht mit einem Dank gerechnet – schlicht deswegen, weil er für eine solche Selbstverständlichkeit keine erwartete – und erwiderte: „Keine Ursache. Wenn dich noch so einer belästigen sollte, gib mir bescheid.“
    Neko nickte mechanisch und sah dem verhinderten Täter hinterher, der noch nicht besonders weit gekommen war. Sicher, sie war Shinzu dankbar, dass er ihr aus dieser misslichen Lage geholfen hatte, aber ganz so brachial hätte er von ihr aus nicht vorgehen müssen. Wenn der fremde Mann Pech hatte, konnte er an seinem eigenen Blut, das ihm unter Umständen vom Rachen in den Hals und in die Lungen floss, ersticken. Ein ihrer Meinung nach sehr hoher Preis für einen eigentlich natürlichen Trieb, den Shinzu ihm so plötzlich und wortwörtlich ausgetrieben hatte. Ihr lag zwar nichts ferner, als den Fremden auch noch zu verteidigen, aber ihre Sicherheit und Unversehrtheit hätte auch billiger erkauft werden können.
    Aber vielleicht war es auch einfach besser so, überlegte sie. Shinzu war, wie sie sich erinnerte, auf der Straße aufgewachsen, wonach er sich mit Zeitgenossen wie diesem bestens auskennen musste. Ohne einen weiteren Gedanken an den mitunter tödlich Verletzten zu verschwenden, wandte sie sich vom Schauplatz dieses Geschehens ab und folgte ihren Gruppenkameraden.


    „Bei Zapdos’ Schwanzfedern, endlich ist das erledigt!“, fluchte Raika lauthals und nahm das Bündel frischen Basilikums entgegen, das der Verkäufer ihr reichte, und tauschte es gegen ein paar Münzen aus. Ohne viel rumzufackeln, wirbelte sie auf der Stelle herum und bedeutete ihren Begleitern, es ihr gleichzutun. Mittlerweile hatten sie sich von der Stelle, an der sie in den Gemüsebereich eingetreten waren, weit entfernt; es lohnte sich daher nicht, durch das ganze Gewusel zurückzugehen, um den gleichen Weg zur Hauptstraße zu nehmen wie zuvor. Die Gruppe wandte sich daher einer anderen Richtung zu, die sie auf schnellstem Wege an den Rand des Marktplatzes führen würde, um diesen dann von da aus ganz einfach zu umrunden.
    Natürlich kamen sie dabei auch an anderen Verkaufsständen vorbei, und Momoko ließ es sich mal wieder nicht nehmen, über den einen oder anderen herzufallen – sehr zum Missfallen ihrer zeitweiligen Anführerin. Auch Neko und Akari nötigte die Dyrierin mal wieder, sie zu einem Stand zu begleiten, der Plüschpokémon in seiner Auslage hatte. Besonders gut waren sie nicht verarbeitet, wie Neko fand, und bei vielen waren kleinere Teile mit Stoff der falschen Farbe genäht – vermutlich war von dem richtigen in dem Moment nichts dagewesen, oder aber es hatte vom falschen noch Schnipsel gegeben, die auch verarbeitet werden wollten.
    Selbst Neko fand, dass Momoko allmählich übertrieb – waren sie denn nicht zu alt für so etwas? –, und versuchte ganz dezent, Raika entgegenzukommen und ihre Freundin zum baldigen Weitergehen zu überreden. Doch diese hörte nicht hin oder ignorierte ihre Bemühungen absichtlich und fragte nur: „Wenn ihr euch eins davon kaufen würdet, welches wäre das?“
    Auch Akari sah man an, dass sie jetzt lieber weitergehen würde, doch sie wollte ihre Freundin nicht enttäuschen und deutete auf ein Schneppke. „Das hier. Das ist irgendwie süß.“
    Momoko nickte zufrieden und wandte sich an Neko, damit diese ihre Frage ebenfalls beantworten konnte. Die Chimäre ließ den Blick unbehaglich über die Ausstellungsstücke schweifen und entschied sich schließlich. Mit einem Fingerzeig auf ein Felilou, das apfelgrüne statt beigefarbene Flecken hatte, sagte sie: „Das ist die einzige Katze hier; das mag ich.“ Irgendwie erinnerte sie es an ihre Zeit im Bau, in der sie weit und breit die einzige Chimäre gewesen war. Auch jetzt war sie noch in gewisser Hinsicht einzigartig, da sie im Hauptquartier die einzige Mauzi-Chimäre war.
    Momoko lächelte und zeigte ihren Freundinnen jetzt auch ihren Favoriten: „Dieses Webarak ist niedlich. Da würde sich mein Webarak bestimmt freuen über etwas Gesellschaft!“ Neko bezweifelte das zwar, da für ein so kleines Pokémon, noch dazu ein Partner, der Menschenpartner eigentlich die beste Gesellschaft war, doch sie sagte nichts dazu.
    Während Momoko noch von einigen anderen Plüschpokémon schwärmte, die im Verkaufsstand ausgelegt waren, fühlte Neko ein Ziehen an ihrem Ärmel. Sie sah hinab und erblickte ein kleines Mädchen, das an ihrer Bluse zupfte. Es hatte verfilztes, ungeordnetes schwarzes Haar, das nur so vor Schmutz starrte, und auch sonst machte die Kleine einen erbärmlichen Eindruck. Sie trug keine Schuhe, Füße und Beine waren voller schlecht verheilter Narben, und das Fähnchen, das sie trug, war ihr viel zu groß. „Ich hab Hunger“, klagte das Mädchen herzzerreißend und sah Neko mitleiderregend an. „Kannst du mir was geben?“
    Die Angebettelte sah das Mädchen bedauernd an, kam aber auf den Gedanken, ihr etwas von den Tageseinkäufen abgeben zu können. Sie ging zu Kasai, der eine Kiste Paprika vor sich hertrug, hob den Deckel an und entnahm ihr eine der gelben Früchte. „Hey!“, protestierte der Keraner, bemühte sich aber nicht weiter, Neko von ihrem kleinen Diebstahl abzuhalten. Was machte es schon, wenn eine Paprika fehlte?
    Die Eloa kam zu dem Mädchen zurück, das gespannt auf sie wartete, und hielt ihr das Gemüse entgegen. „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich ehrlich, „dass ich keinen Apfel habe oder etwas Ähnliches.“
    „Das macht nichts“, versicherte die Kleine mit leuchtenden Augen und nahm die Paprika ehrfürchtig entgegen. Sie verbeugte sich höflich, sagte ein schnelles „Danke“ und verschwand blitzschnell in der Menge.
    „Das hättest du nicht tun sollen“, meinte eine Stimme hinter Neko, und Shinzu trat zu ihr.
    „Warum nicht?“, fragte sie etwas beleidigt und sah in die Richtung, in die das Mädchen entflohen war. Sie fand daran nichts Verwerfliches, einem hungernden Kind etwas Essbares abzugeben. Es war doch nur menschlich, das getan zu haben.
    „Weil sie nicht das einzige Straßenkind in Namine ist“, begründete Shinzu. „Sie wird den anderen von einer großzügigen Frau auf dem Marktplatz erzählen, die Essen verteilt. Und dann kommen sie alle und fallen wie Skallyk über dich her. Besonders unauffällig bist du ja nicht, die haben dich schnell unter den ganzen Leuten hier gefunden, glaub mir.“ Seine Stimme klang bitter, ganz so, als spräche er aus eigener Erfahrung – Erfahrung, die er nicht als Spender, sondern als Empfänger gemacht hatte. „Es wäre besser, wenn du dich ab sofort in unserer Gruppe hältst“, sagte er. „Dann sehen sie dich vielleicht nicht.“


    Dahingehend hatte Shinzu zumindest recht: Neko vermied es, am Rande ihres Teams zu laufen, und achtete darauf, dass immer einer ihrer Kameraden sie zu jeder Seite flankierte. Es war kein besonders leichtes Unterfangen, aber zumindest geschah nicht, was Shinzu bezüglich der Straßenkinder prophezeit hatte.
    Obwohl sie den Rand des Marktplatzes schon lange erreicht hatten, schien die Dichte der Menschen um die herum immer mehr zuzunehmen, obwohl sie gerade hier eigentlich geringer sein musste. Irgendwann kamen sie gar nicht mehr voran, auch der Rückweg war ihnen abgeschnitten, und sie waren gezwungen, wie alle anderen auch stehen zu bleiben.
    „Was ist denn hier los, verdammt?!“, fluchte Raika und drängelte sich rücksichtslos durch die Massen. Doch die versammelten Menschen standen so dicht, dass die Tira mit ihrer Ellenbogentaktik nicht besonders weit kam.
    Shinzu, der von ihnen allen die beste Sicht über die Menge der Anwesenden hatte, vermutete überzeugt: „Ich glaube, da soll jemand hingerichtet werden.“
    „Was?!“, rief Momoko entsetzt aus, aber ihr Ausbruch ging im allgemeinen Gemurmel fast ungehört unter.
    Für einen Moment bekam Neko einen kurzen Blick auf das, was die Menschen umscharten, als ein vor ihr stehender Naminer einen Schritt zur Seite trat. Es war eine über den Boden erhobene Holzplattform wie die Bühne eines Theaters, von allen Seiten von Zuschauern umringt, auf der sich ein Soldat in empirischer Uniform postiert hatte. Ein Kollege zog gerade jemanden auf die Bühne, aber um wen es sich handelte, konnte Neko nicht mehr erkennen. Plötzlich neugierig geworden, setzte sie Raikas Versuche, sich durch die Menschen zu quetschen, fort und schaffte es irgendwie, sich durch das allgegenwärtige Drängeln und Schubsen bis nach vorn zu arbeiten. Der Soldat hatte den Gefangenen mittlerweile vor den anderen gezerrt und machte ihn dort mithilfe einer Kette an einem in die Holzbretter eingelassenen Eisenring fest. Der zum Tode Verurteilte war ein Mann jenseits des mittleren Alters, Naminer, und so fest in eine Zwangsjacke und die grobgliedrige Kette eingeschnürt, dass es eigentlich ein Wunder war, wenn er noch atmen konnte. Auf dem Boden kniend, die Beine schmerzhaft von sich gewinkelt und am Eisenring so fest angekettet, dass es ihm den Rücken verbog, konnte er sich keinen Millimeter mehr bewegen.
    „Entschuldigung?“, wandte sich Neko vom Schauspiel auf der Bühne ab und damit an eine Frau, die neben ihr stand. „Wessen wird dieser Mann denn angeklagt?“
    „Spionage“, antwortete sie so prompt, dass Neko der Gedanke kam, sie wolle die Chimäre so schnell wie möglich loswerden.
    „Ist das ein Vergehen, wegen dem man sofort hingerichtet wird?“, hakte sie nach, doch es war nicht die Frau, die ihr diese Frage beantwortete.
    Ihre Begleiter hatten sich durch ihr Kielwasser ebenfalls nach vorn gedrängelt, und so konnte Shinzu auf ihre Begriffsstutzigkeit eingehen: „Normalerweise wird deswegen niemand hingerichtet, aber ich glaube, der König will ein Exempel statuieren.“
    „Wie kommst du darauf?“, wollte Rai wissen, und Neko fragte sich dasselbe. Was war an diesem Spion schon anders als an jedem anderen?
    Der Naminer runzelte die Stirn und deutete mit dem Kinn zur Bühne. „Weil das dort oben kein Mensch ist.“ Neko verstand immer weniger, beschloss aber, dem Geschehen weiter zu folgen.
    Als sie sich umdrehte, glaubte sie aber, ihren Augen nicht mehr trauen zu können: Wo vorher noch ein naminischer Bürger angekettet gewesen war, wand sich ein Kind in den nun viel zu weiten Ketten. Aus der Zwangsjacke befreien konnte sich das Mädchen allerdings nicht. Neko brauchte einen Moment, um zu verstehen, was die Gefangene tatsächlich war. Dass sie ihre Gestalt so plötzlich gewandelt hatte, konnte eigentlich nur bedeuten, dass sie sich einer Chimäre gegenüber sah – einer Ditto-Chimäre.
    Diese Wechselwesen waren in der Lage, die Gestalt eines jeden Menschen anzunehmen, mit dem sie gesprochen hatten, und im Falle von anderen Chimären auch einen Teil ihrer Fähigkeiten. Sie hatten kein Geschlecht und sahen es als persönliche Beleidigung an, sie eben nicht als „Es“ zu bezeichnen, da es sonst ausschloss, dass sie die Gestalten des jeweils anderen Geschlechts annehmen konnten. Die Anzahl der Körper, die Ditto-Chimären in sich speichern konnten, war begrenzt und niedriger, je höher der Grad der Verunreinigung mit menschlichem Blut war. Unabhängig ihres biologischen Alters dieser Chimärenart hatten die Gestalten stets das Alter, das die Gesprochenen zur Zeit der Unterhaltung gehabt hatten. Ditto-Chimären konnten eigentlich nur an der Altersschwäche ihrer Basisgestalt, die sie nie annahmen, sterben, egal, in welcher anderen Form sie sich gerade befanden. Verletzungen, Krankheiten und Vergiftungen behelligten immer nur jeweils die Gestalt, der sie zugestoßen waren – und wenn eine Ditto-Chimäre es vermied, gerade diese anzunehmen, musste sie nicht darum fürchten, daran zu sterben.
    Um das Angeklagte hinzurichten, mussten die Soldaten also besonders brutal vorgehen, um zu verhindern, dass es die Form veränderte. Oder aber sie verletzten es in jeder Gestalt tödlich, sodass es irgendwann keine unversehrten mehr im Repertoire hatte, um sich darin zu retten. Neko überlief ein frostiges Schütteln, als sie an das Grauen dachte, dutzende Tode zu sterben…
    „Wollt ihr wirklich ein kleines, unschuldiges Mädchen töten? Ich habe gar nichts gemacht!“, lenkte eine piepsige Stimme Nekos Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Wie sie erkannte, hatte das gefesselte Kind eine braune, moosgrün angehauchte Haarfarbe genau wie… Akari? Was hatte das nur zu bedeuten?
    „Gestehst du, entgegen dem Gesetz im Königspalast spioniert zu haben?“, fragte der Soldat ungerührt der Unschuldsbeteuerungen seines Gegenübers. Die Mauzi-Chimäre im Publikum ahnte, dass dem Wechselwesen bereits der Prozess gemacht worden war und jetzt eigentlich nur das Urteil vollstreckt werden sollte. Aber wie Shinzu gesagt hatte: Es sollte ein Exempel statuiert werden, um kommende Spione abzuschrecken.
    „Ist deine Frage nicht eher, ob ich diese dreckige Schlampe gesehen habe?“, zischte die Ditto-Chimäre; zeitgleich wurde ihr Haar länger, dunkler. Neko konnte beobachten, wie violette Farbwellen über die Gesichtshaut des Angeklagten waberten und es veränderten. Wessen Gestalt es schließlich annahm, konnte Neko allerdings nicht erkennen, da das wallende Haar das Antlitz verbarg. Als die neue Gestalt den Kopf hob, erhaschte die Eloa einen kurzen Blick auf das Gesicht einer jungen Frau, die kaum älter als sie sein konnte, in deren tiefschwarzen Augen aber die Bitterkeit und Erfahrungen eines langen, sehr langen Lebens blitzten. Neko überkam das Gefühl, dieses Gesicht zu kennen oder zumindest eines, das ähnliche, wenn nicht sogar gleiche Züge aufwies, doch das der Frau war nicht lange genug zu sehen, um diesen Gedanken wirklich fassen zu können: Der Soldat holte aus und verpasste dem Wechselwesen einen so heftigen Schlag mit dem Handrücken, dass der zierliche, nun etwas lockerer als der Naminer zuvor angekettete Körper der Frau herumgeschleudert wurde. Die Chimäre verlor zum Teil die Kontrolle über ihre Gestalten, und verschiedenste Haar- und Hautfarben sowie Staturen wechselten in rascher Folge. Neko glaubte, Knochen brechen zu hören, da die Beine in der unschönen Zwangshaltung durch die ruckartige Bewegung überstrapaziert wurden, doch falls das stimmte, konnten sie nicht in der Frauengestalt gebrochen worden sein.
    Das Wechselwesen nahm nämlich wieder diese an und richtete sich langsam auf. Sein Gesicht wurde wieder von den langen, kohlschwarzen Haaren verdeckt, aber das Blut, das dahinter auf das Bodenholz und die Hose des Gefesselten tropfte, sprach seine eigene Sprache. „Du wagst es, deine Königin zu schlagen, du minderwertiges Etwas?“, warf die Chimäre seinem Peiniger eine Beleidigung an den Kopf, doch der reagierte ganz anders, als Neko erwartet hatte. Sie hatte geglaubt, er werde nun erst recht auf das Angekettete losgehen und in Zorn ausbrechen, doch er stand einfach nur ruhig da und zuckte nicht einmal mit der Wimper. Wenn es stimmte, was die Chimäre auf der Bühne sagte, dann hatte sie selbst seine Königin ausreichend beleidigt, und darauf hatte er brutaler reagiert als auf die eigene Herablassung.
    Andererseits fragte sich Neko, von welcher Königin überhaupt die Rede sein konnte. So viel sie wusste, war diese nach der Geburt ihrer zweiten Tochter vor fünf Jahren gestorben, und seitdem hatte der König keine andere zur Frau genommen. Wenn das geschehen wäre, hätte man es ihr im Bau und auch im Hauptquartier mitgeteilt. Auch keine der Prinzessinnen konnte gemeint sein, da diese fast noch Kinder waren. Ob die Ditto-Chimäre noch vor dem Tod der verstorbenen Königin mit ihr gesprochen hatte? Aber warum war die Gestalt, die sie angenommen hatte, dann noch so jung?
    „Gestehst du, entgegen dem Gesetzt im Königspalast spioniert zu haben?“, wiederholte der Soldat seine Befragung ungerührt wie die Ruhe selbst. Eigentlich, überlegte Neko, war er schon fast zu ruhig. Als ob er nicht in der Lage wäre, eigene Gefühle zu empfinden. Was durchaus auch dafür sprach, warum er seine Königin rächte und seine eigene Ehre nicht.
    Das Angeklagte antwortete nicht, sondern drehte den Kopf leicht zur Seite. Der schwarze Schleier verbarg gnädigerweise, was der Soldat ihrer Schönheit – beziehungsweise der der jungen Frau – angetan hatte, aber ihre Augen blitzten zwischen zwei Haarsträhnen auf und fixierten Neko so genau, dass es sich unmöglich um einen Zufall handeln konnte. Die tiefschwarze Iris nahm einen kurzen Augenblick die rotviolette Originalfarbe der Basisgestalt an, und die Ditto-Chimäre flüsterte kaum hörbar, sodass sich Neko sicher war, es sei an sie gerichtet: „Das alte Blut wird die Königin stürzen.“
    „Gestehst du?“, bedrängte der Soldat es erneut.
    Während sich sein Gegenüber straffte und den Rücken geradebog, verwandelte es sich wieder, diesmal in das genaue Ebenbild des Vollstreckers. Noch in dem Hinüberwechseln zur anderen Gestalt sprach die Chimäre, sodass die Stimme der jungen Frau auf schauerliche Weise in die des Soldaten überging: „Ich gestehe, ich habe im Königspalast spioniert und Yam-“
    Weiter kam es nicht, denn der Königliche Krieger zückte blitzschnell sein Schwert und hieb es der Chimäre in den provokativ dargebotenen Hals. Die Säule ihres Hauptes wurde um mehr als die Hälfte durchtrennt, und nun wusste Neko, wie das Wechselwesen hatte getötet werden sollen: Wenn das Rückenmark in den Halswirbeln von der rasiermesserscharfen Klinge auch nur gestreift wurde, war es zu beschädigt, um dem Körper den Befehl einer weiteren Verwandlung zu erteilen. Noch während der mit entsetztem Blick zur Seite kippende Soldatendoppelgänger umfiel, verlor die Chimäre alle ihre Formen und nahm schließlich, mit Eintritt des Todes, die Basisgestalt an: Ein schlaksiger Körper mit zu langen Armen und Beinen, überspannt von violettfleischfarbener Haut, unter der man jede einzelne Ader erkennen konnte. Aus dem starren Gesicht, das sich am kahlen Schädel anschloss und keine Bestimmung hinsichtlich eines möglichen Geschlechts zuließ, starrten die schreckgeweiteten Augen hervor, die Neko bis vor wenigen Sekunden noch so verschwörerisch angeblitzt hatten. Dunkellila gefärbtes Blut quoll aus der klaffenden Halswunde und schuf eine schreckliche Lache unter der toten Chimäre.
    Neko war das alles zu viel. Sie zitterte am ganzen Körper, und die psychische Belastung machte es ihr unmöglich, ihren Mageninhalt noch weiter bei sich zu behalten.


    Als sie ihre Umwelt wieder halbwegs wahrnahm, waren die dicht gedrängten Menschenmassen verschwunden. Schatten, von hoch aufragenden Gebäuden um sie geworfen, spendeten angenehme Kühle. In ihrem Mund saß noch immer der bittere Gallengeschmack, war aber längst nicht mehr so stark. Dafür drehte sich in ihrem Kopf alles, sodass sie die Augen wieder schloss, um den Schwindel zu unterdrücken.
    „Wie geht es dir, Süße?“, fragte jemand neben ihr, und Neko schaffte es irgendwie, der Sprecherin das Gesicht zuzuwenden. Es war Akari, die links von ihr saß, und erst jetzt gewahrte sie, dass sie auf einer Bank platzgenommen hatte. Wie sie hierher gelangt war, war in der Übelkeit der letzten Minuten untergegangen.
    „Mies“, antwortete sie wahrheitsgemäß, und Akari reichte ihr einen Becher mit Wasser, den sie dankbar entgegennahm. Der eine Schluck, den sie nahm, kam ihr vor wie das köstlichste, was sie je getrunken hatte. Ihre anderen Gruppenmitglieder standen auch in der Seitenstraße, in die sie sich vor der Menge gerettet hatten, jeder mit unterschiedlichem Grad an Besorgnis im Gesicht.
    Momoko kam zu ihren Freundinnen und setzte sich Akari gegenüber rechts von Neko auf die Bank. „War ja auch ganz schön heftig. Wer war das eigentlich?“, fragte sie direkt an die Gotela gewandt. „Dieses Mädchen hat ausgesehen wie du.“
    „Das… war ich“, erwiderte Akari, aber man sah ihr an, wie schwer ihr diese Antwort fiel. „Oder zumindest nicht direkt“, fügte sie hinzu, als Momoko sie konsterniert anstarrte. „Ich kannte diese Chimäre. Von früher, als mein Vater und ich manchmal die Chimärentreffen am Wasserfallsee besucht haben. Da hab ich einmal, als kleines Kind, mit ihm gesprochen; deswegen konnte es auch meine Gestalt annehmen.“
    „Wenn das so ist“, mischte sich Kasai ein, „warum hat es dann nicht gleich die deines Vaters angenommen? Dann hätte es sich ruckzuck befreien können.“
    „Ich glaube nicht, dass das so schlau gewesen wäre“, integrierte sich nun auch Shinzu in die Unterhaltung. „Die Gefahr, dass die Umstehenden verletzt worden wären, war zu groß. Außerdem waren in den nächsten Gebäuden Schützen postiert, da wäre es nicht sehr weit gekommen.“
    „Hm“, machte Kasai nachdenklich. „Die hab ich nicht gesehen.“
    „Kannst du laufen?“, erkundigte sich Akari bei Neko wieder nach deren Befinden. Sie nickte schwach, auch wenn sich ihre Beine noch immer wie Gelee anfühlten.
    Ihr erster Tag in Namine, so schwor sie sich, sollte ihr letzter sein. Nach allem, was sie hier gesehen hatte, war sie nicht sonderlich erpicht darauf, noch einmal herzukommen. Was war das nur für ein Ort, an dem man das Leid anderer schulterzuckend zur Kenntnis nahm, ohne einzugreifen; wo Korruption und Konkurrenzkampf jede Hilfsbereitschaft vermissen ließen; wo Gewalt mit nur noch mehr Gewalt beantwortet wurde? Ganz zu schweigen von dem Serienkiller, der hier seit Jahren auf Beutefang ging. Es war schrecklich hier, und dass sie das schon bei ihrem ersten Besuch feststellte, machte es nur noch schlimmer. Sie musste nicht unbedingt mitkommen, wenn ihre Gruppenmitglieder die Einkaufsliste abarbeiteten. Sie konnte im Hauptquartier bleiben und Ryori bei der Vorbereitung der Küche helfen. Aber noch mal herzukommen, kam auf keinen Fall in Frage.
    „Wir sollten jetzt wieder zurück“, sagte Mizu, und es war das Erste, was er sagte, seitdem sie den Waldring verlassen hatten.[tab=Namensbedeutungen andstuff]Ryori = Küche, Anrichte
    Mirai Yochi = japanischer Name der Attacke Seher


    Es gibt ein paar Anspielungen in diesem Kapitel, die ich gerne aufklären würde:
    Erstens Pantimos von Ryori, das auf diese eine Folge des Animes anspielt, in der ein Pantimos und ein Sniebel in einem Kochwettbewerb gegeneinander antreten.
    Mirai Yochi spielt auf vielfache Weise auf die Seherin im Kohlhaas an. Zum einen, da sie Seherin ist und ihre Vision Neko mit Wachs versiegelt überreicht. Außerdem ist sie Linkshänderin - so wie ich - und die Seherin aus Kohlhaas ist meine Namensvetterin. Aber welches Schwein weiß das schon? xD
    Und noch iwas, was mir grad nich einfallen will. Vielleicht kommts noch :knot:


    Edit: Ha, sach ich doch: Meine dritte Anspielung ist die Ditto-Chimäre. Die ist nämlich stark inspiriert von Mystique aus X-Men.
    Außerdem noch der Name der entführten Rebellin: Taiyo von der Userin Taiyo (mit nem Strich überm o, den ich hier nich darstellen kann), und der so viel wie "Sonne" bedeutet. Limu, ich hoffe, du beißt mir hierfür nicht den Kopf ab, weil ich deinen Namen geklaut habe x3[tab=Zusatzteilchen]„Hey, seht mal da!“, rief Momoko freudig aus und zeigte aufgeregt auf einen Stand in der Nähe, der eine ungewöhnliche, seltsame Apparatur zur Schau stellte. „Ich glaube, da können wir eine Carbografie erstellen lassen!“
    „Muss das wirklich sein?“, fragte Raika genervt und verdrehte die Augen. „Wir müssen nicht noch mehr Zeit verschwenden! Zudem ist unser Budget auf Lebensmittel beschränkt.“
    „Wir haben noch mehr als genug Zeit“, konterte Momoko sofort. „Ich werd’s schon bezahlen. Außerdem wäre ein kleines Erinnerungsstück an heute doch ganz schön.“
    „Das finde ich auch“, pflichtete Akari ihrer Freundin bei. „Wer weiß, wie lange wir noch in einer Gruppe sind. Das sollten wir festhalten, auch wenn mein Vater fehlt.“
    Auch andere waren derselben Meinung, und als Raika sich überstimmt sah, gab sie klein bei. Der Leiter des Standes, ein Naminer, dirigierte sie, nachdem sie ihm ihr Anliegen unterbreitet hatten, auch gleich auf einen kleinen, freien Platz. Neko schien als einzige keine Ahnung zu haben, was es mit Carbografien auf sich hatte. In Namine schienen sie zumindest sehr bekannt zu sein; vielleicht war sie auch einfach nur die Einzige ihrer Gruppe, die die Hauptstadt noch nicht besucht hatte.
    Während der Carbograph seine Gerätschaften justierte, nahmen die Rebellen Aufstellung. Raika kramte aus ihrer Hosentasche zwei Haargummis hervor und reichte einen davon ihrem Zwillingsbruder. Beide banden das zitronengelbe Haar hoch, wobei Rais gerade noch so zu einem Wolfsschwanz gereichten.
    „Wozu ist das denn gut?“, wollte Kasai von den beiden wissen.
    „Damit man und später auf dem Bild schlechter auseinander halten kann“, gab Raika zur Antwort.
    „Warum solltet ihr das wollen?“ Kasai klang nicht sehr überzeugt.
    „Es ist lustig“, erwiderte Rai, als sei das offensichtlich.
    Die Zwillinge stellten sich nebeneinander in Dreiviertelstellung zum Carbographen, der alles vorbereitet hatte. Neko fragte sich, was das für eine seltsame Plattform war, die der Naminer auf einem Gestell befestigt hatte. Ein Tanhel schwebte zu ihm und legte sich gehorsam darauf, als der Carbograph ihm das auftrug. Er schnallte das Metallpokémon mit Lederriemen fest und prüfte den Winkel zur Gruppe. „Also gut, stellt euch auf“, wies der Carbograph sie an und gab Handzeichen. „Am besten sollten die Kleineren vor.“ Die Rebellen gehorchten und ordneten sich der Aufforderung entsprechend.
    „Macht es dir was aus, wenn ich hinter dir stehe?“, fragte SHinzu und tippte Neko auf die Schulter.
    „Nein, warum sollte es?“, erwiderte sie und kämpfte gegen ihr Blut an, das ihr in den Kopf schießen wollte. Würde das auch auf dem späteren Bild erkennbar sein? Zu allem Überfluss legte er jetzt auch noch die Hand auf ihre Schulter, und sie hatte Mühe, nicht in die Knie zu gehen, so weich fühlten sich ihre Beine an.
    „Gut“, kommentierte der Carbograph. „Bitte so wenig wie möglich bewegen!“ Er gab dem Tanhel ein Zeichen, das daraufhin kurz seine Linse ausrichtete, dann blitzte ein weißes Licht aus der Glaskugel hervor. Dem ersten, sehr hellen folgten mehrere schwächere, dann brach das Metallpokémon ab und wurde wieder befreit. Die Gruppe folgte dem Carbographen zurück zu seinem Stand, wo er ein Kohlepapier mit der schwarzen Seite nach unten auf normales weißes legte.
    „Ich habe nie so ganz verstanden, wie Carbografien funktionieren“, sagte Momoko, eährend sie dem Tun des Naminers zusah. „Kannst du es mir erklären?“
    „Sicher doch.“ Der Carbograph fixierte das Kohlepapier in einem Holzrahmen. Tanhel kam wieder zu ihm geschwebt, und er machte es an einer Konstruktion fest, die von der Decke der Hütte herabhing. „Tanhel hat Blitz auf euch angewandt“, erläuterte der Naminer, „und dadurch das Bild von euch gespeichert. Wenn es jetzt wieder Blitz einsetzt, diesmal jedoch den Formen des Bildes angepasst, wird das Kohlepapier an verschiedenen Stellen unterschiedlich stark statisch aufgeladen.“ Während er Auskunft gab, blitzt Tanhels Auge wieder mehrere Male auf. „Tanhel hat viele Jahre gebraucht, diese Technik zu lernen“, fuhr der Carbograph fort. „Es darf während den Vorgängen nicht bewegt werden, sonst wird das Bild unscharf.“ Er löste das Pokémon nun auch aus diesen Fesseln und entfernte den Holzrahmen.
    Das Kohlepapier war nun an vielen Stellen weiß geworden; es zeigte nun das Bild der Gruppe, wie sie zuvor aus Tanhels Sicht gestanden hatten, als schwarz-weißes Negativ. Das Original war auf dem normalen Papier abgebildet. Es wirkte wie eine Kohlezeichnung, sie so perfekt war, dass man die Striche des Stiftes nicht sehen konnte. Es schien so echt wie die Realität selbst, abgesehen davon, dass es grau in grau war. Neko kam nicht umhin, dankbar zu sein, dass keine Farben darauf zu erkennen waren.
    Der Carbograph befeuchtete das Bild leicht mit einem Lappen und erklärte, dass die Kohlepartikel sich so viel länger und besser auf dem Papier halten würden, wenn es getrocknet war. Momoko nahm es entgegen und bezahlte den gewünschten Preis.