Das Erbe der Drachen – Licht und Schatten


  • Auroral Reflections © Travis Favretto

    Es gibt keine Zufälle …

    Begonnen hatte ich mit dieser Fanfiction im Sommer 2005; damals einfach etwas, das ich aus Schaffensdrang gepaart mit Ideenlosigkeit für mich selbst erschaffen wollte, es gab keine Planung, nichts Besonderes. Nur ein langweiliges 0815-Geplänkel, das knapp 20 Kapitel umfassen durfte – geschrieben in ungefähr zwei Jahren. Dann brach ich die Geschichte einfach ab, da ich keine Lust und Ideen mehr hatte, weiterzuschreiben. Im Sommer 2008 entdeckte ich sie dann bei einer „Säuberungsaktion“ meiner Festplatte wieder – und begann, weiterzuschreiben, ohne dass sich an meinem Stil etwas änderte. Erst im Sommer 2009 begann ich dann, sie komplett umzukrempeln, wollte zwar den Grundstock beibehalten, allerdings auch etwas Neues, Erfrischendes einzubringen – so entstand die Idee dieser Fassung der Story. Die ersten fünf Kapitel entsprechen jedoch noch denen der ehemaligen Version (abgesehen vom Stil), erst ab Kapitel sechs schrieb ich alles vollkommen neu.
    Mit der Zeit geriet aber auch die Urfassung – die Reise – in den Hintergrund, weshalb die weiteren, noch folgenden Teile keine Reise mehr beinhalten werden.

    Die Region Johto und all ihre Orte sowie die Marke Pokémon im Allgemeinen sind geistiges Eigentum der Firma Nintendo. Auch der Großteil der handelnden Charaktere in der Story basieren auf Charakteren Nintendos, auch wenn ich ihnen eigene Charakterzüge angeschrieben habe.
    Die Titelähnlichkeit zum Buch „Die Schattenkämpferin – Das Erbe der Drachen“ von Licia Troisi ist keineswegs beabsichtigt. Zu dem Zeitpunkt, an dem diese FF ihren Titel erhielt, wusste ich nicht einmal, dass es dieses Buch gibt.
    Die Handlung selbst aber ist allein mein Eigentum, weshalb ich nicht wünsche, dass der Text – oder auch nur Auszüge davon – zitiert wird, ohne eine Quelle anzugeben.

    Im späteren Verlauf der Story kann es unter Umständen auch zu etwas blutigeren Szenen kommen, eventuell auch zu Todesfällen. Zwar werde ich diese nicht genau beschreiben, doch seien alle gewarnt, denen Solches nicht behagt.

    Maja Kassandra Sandra Drachenmeister lebt, bis auf die Tatsache, eine ungewöhnliche Familie zu haben, ihr ganz normales Leben in Ebenholz City und arbeitet in Neuborkia als Assistentin von Prof. Lind. Eines Tages begibt sie sich auf eine Johto-Reise, um Daten für den Pokédex zu sammeln.
    Doch wer denkt, dass diese Story eine 0815-Reisestory ist, irrt. Denn ein paar Tage später findet sie aufgrund von ungewöhnlichen Umständen ein Artefakt, durch das sich ihr Leben vollkommen umkrempelt: Auf ihren Schultern lastet eine gewaltige Verantwortung, die sie zu tragen hat – ob sie sie gerne annimmt oder nicht.
    Was folgt, ist eine Reise durch die Region Johto, auf der die Protagonistin oft an ihre Grenzen getrieben wird – sei es durch eine ihrer Reisegefährten oder die Erwartungen, denen sie gerecht werden muss – seien es die von anderen oder ihre eigenen.

    Hier gibt es zwei Personen, die ich besonders erwähnen möchte.
    Zuerst Mondpfote (ehemals Moonrise), meine erste Kommentatorin und ohne die „Das Erbe der Drachen“ wohl noch immer keinen passenden Titel hätte. Auch, wenn du inzwischen inaktiv geworden bist, so möchte ich doch sagen, wie wichtig du eigentlich für diese FF bist.
    Zum anderen auch Cyndaquil, die diese FF für den Profibereich vorgeschlagen hat. Hinzu kommen auch deine wirklich fantastischen Kommentare, von einer unglaublichen Länge.
    Auch meinen anderen Lesern möchte ich danken, sei es nun, ob ihr kommentiert oder nicht. Es bedeutet mir wirklich viel, Leute mit dieser Geschichte in den Bann ziehen zu können.
    Euch allen: Von ganzem Herzen Danke!

    Die Rahmenhandlung ist eine Reise, der Hauptteil gehört allerdings dem Genre Fantasy an.

    Steckbriefe wird es nicht geben, da ich nicht zu den Befürwortern dieser zähle. Entdeckt die Eigen- und Besonderheiten meiner Charaktere beim Lesen!

    Die Spezialkapitel (gegenwärtig zwei Stück, hinzu kommt der Prolog) spielen in der Vergangenheit, beinhalten Zusatzinformationen für gewisse Abschnitte der Story, sind aber nicht zwingend zum Verständnis nötig, jedoch ist es empfehlenswert, auch sie zu lesen, um alle Hintergründe zu verstehen.

    Prolog: Das erste Pokémon 1. Spezialkapitel: Die Hand 2. Spezialkapitel: Der Fluch
    1. Kapitel: Die Johto-Reise beginnt 2. Kapitel: Planänderung 3. Kapitel: Saras erster Wettbewerb
    4. Kapitel: Und der Sieger ist 5. Kapitel: Die Entdeckung 6. Kapitel: Die Ereignisse überstürzen sich
    7. Kapitel: Der Auftrag 8. Kapitel: Unerfreuliche Gespräche 9. Kapitel: Kleine Geschichtsstunde
    10. Kapitel: Meinungsverschiedenheit 11. Kapitel: Akrobaten der Lüfte 12. Kapitel: Читай и понимай
    13. Kapitel: Training und bitterer Ernst 14. Kapitel: Unerfreuliches Wiedersehen 15. Kapitel: Licht im finsteren Loch
    16. Kapitel: Die brüllende Gewalt des Feuers 17. Kapitel: Probleme über Probleme 18. Kapitel: O quae mutatio rerum!
    19. Kapitel: Wind und Wasser 20. Kapitel: Tabula rasa Solnicae 21. Kapitel: Unlichte Dunkelheit
    22. Kapitel: Familienangelegenheiten 23. Kapitel: Alarmglockenschrillen 24. Kapitel: Зaкoннaя пepeдaчa
    25. Kapitel: Zwielichte Aktivitäten 26. Kapitel: Frontenklärung 27. Kapitel: Schattenspiele
    28. Kapitel: Brennendes Inferno 29. Kapitel: Die Macht der Drachentrainer 30. Kapitel: Вода, песок
    31. Kapitel: Showdown im Sand 32. Kapitel: Unfreiwilliges Doppel 33. Kapitel: Montes incognites
    34. Kapitel: Против правил 35. Kapitel: Nichts als Unstimmigkeiten 36. Kapitel: Enthüllte Lügengebilde
    37. Kapitel: Großstadtdschungel 38. Kapitel: Pink und Rosa 39. Kapitel: Stolz
    40. Kapitel: Glänzende Vorstellungen 41. Kapitel: Feuriger Start 42. Kapitel: Prima inter pares
    43. Kapitel: Hund, Katze, Maus 44. Kapitel: Im Exil? 45. Kapitel: Fehlgriff
    46. Kapitel: Periculum in mora 47. Kapitel: Beschattendes Licht 48. Kapitel: Lichtdurchflossene Dunkelheit
    49. Kapitel: Reue 50. Kapitel: Regenwetter 51. Kapitel: Gefühlskälte
    52. Kapitel: Gelebte Tradition 53. Kapitel: Oase der Ruhe? 54. Kapitel: Brainstorming
    55. Kapitel: Hirngespinste 56. Kapitel: Zurschaustellung 57. Kapitel: Wunden lecken


    … denn alles folgt seiner Bestimmung.

  • Prolog: Das erste Pokémon


    [align=justify]Über Ebenholz City in Johto graute der Morgen. Die Stadt der Drachen, die in einem Talkessel mitten im Drachen-Gebirge lag, erwachte langsam. Es war der 16. Mai, doch war es für diese Jahreszeit und die Lage der Stadt warm. Immerhin befand sich diese Stadt so weit im Norden wie keine andere Stadt der Johto-Region. Selbst Mahagonia City, der Ort des Eises, lag ein gutes Stück weiter im Süden. Noch dazu war dieser nicht völlig von Bergen umschlossen. Ebenholz hatte hingegen nur zwei Zugänge: der eine führte aus westlicher Richtung durch den Eispfad, einen Tunnel, der vollkommen vereist war. Der andere führte in den Süden, durch einen schmalen Pfad zwischen zwei Bergen hindurch. Auch wenn sich der Weg nur kurz später um einiges verbreitete, war der Zugang so schmal wie der Eingang zum Eispfad.
    Im Norden der Stadt, gleich vor einem See, lag auf einer Anhöhe die Arena der Stadt. Dabei handelte sich um ein Gebäude, das schon seit über tausend Jahren dort stand. Früher war es eine Villa, doch nun war der gesamte Westflügel unbewohnt und die Eingangshalle zur Kampfhalle umgerüstet: Es war ein Schwimmbecken mit zwei Podesten für die Herausforderer und die Arenaleiterin, übrigens meine Mutter, gebaut worden. Hinter dem See erhob sich der Drachenzahn-Berg, der diesen Namen trug, weil er aussah wie ein überdimensionaler Drachenzahn. Außerdem gab es in seinem Inneren eine Höhle, die von Dratini und Dragonir bewohnt wurde und in der ein kleines Kloster, bewohnt von Mönchen, die den Drachen huldigten, erbaut war.
    Mein Name lautet übrigens Maja Kassandra Sandra Drachenmeister, doch wollte ich einfach Maj genannt werden. Heute war für mich – und für meine Geschwister Claire und Siegfried – ein besonderer Tag. Wir wurden endlich zehn! Das bedeutete, dass wir unser erstes Pokémon – ein Dratini natürlich, nach der Familientradition – bekommen würden. Wir drei waren Drillinge, von denen ich um eine Viertelstunde älter war als meine Schwester Claire Maja Sandra, die bis auf die Haare, deren Blau ein wenig heller war als meine und sie immer in zwei Zöpfen fast ellbogenlang trug, ich jedoch meine gerade einmal schulterlang. Unser Bruder Siegfried – der eine halbe Stunde jünger als ich, also eine Viertelstunde jünger als Claire war – hatte jedoch rosa Haare, die er immer nach hinten aufgestellt trug.
    Vor Nervosität wachte ich schon um sechs auf. Ich hatte mir für den heutigen Tag einiges vorgenommen. Zuerst einmal würde ich natürlich das Dratini bekommen. Danach würde ich aber sofort in die Stadt gehen. Dort lebte nämlich ein Evoli, mit dem ich schon länger befreundet war. Einen Pokéball für diesen Zweck hatte ich mir auch schon besorgt. Dann würde ich wieder nach Hause gehen. Ich hatte ein Bewerbungsschreiben an Prof. Lind in Neuborkia geschickt, da es schon lange mein Traum war, Pokémon zu erforschen und so mehr über sie zu lernen. Hoffentlich würde noch heute die Antwort kommen. Ich hasste es immerhin, untätig herumzusitzen.
    Dann, nach einer, wie es mir vorkam, Ewigkeit, war es endlich halb acht und somit Zeit, aufzustehen. Wir drei gingen nach unten zum Frühstück, rissen unserer Mum die Pokébälle aus der Hand und schlangen unser Frühstück hinunter. Gleich danach lief ich hinaus, warf einen kurzen Blick auf die Ansammlung an die ohne System erbauten Häuser, die beinahe die gesamte Hochebene ausfüllten und den Namen Ebenholz City erhalten hatten. Meine Heimatstadt. Dann wandte ich den Blick wieder ab und rannte den Weg, der sich einige Male um den Stadtberg schlängelte, als sei er ein Dragonir, hinab, in Richtung Zentrum.


    Mein Ziel war ein behelfsmäßiger Verschlag aus Brettern im Hinterhof des Supermarktes, den ich vor einiger Zeit selbst zusammen gebastelt hatte, wie man recht eindeutig erkennen konnte. Mich wunderte, dass er noch immer stand.
    Kaum hatte ich mich der Behausung bis auf ein Stück genähert, sprang mir auch schon ein brauner Fellball entgegen. „Evo!“, rief das Pokémon glücklich.
    Ich kniete mich vor es und hielt den Pokéball in die Höhe, während ich das glänzende Fell streichelte. „Evoli, da ich jetzt endlich 10 bin, würde ich dich gerne fangen. Hast du etwas dagegen?“, fragte ich es.
    Das kleine Normal-Pokémon schüttelte nur den Kopf. Deshalb warf ich den Pokéball, der kein bisschen wackelte, da Evoli ja aus freien Stücken beschlossen hatte, gefangen zu werden. Ich steckte den Ball neben den Dratinis an den Gürtel und lief nach Hause zurück.


    „Maj, wo warst du denn?“, rief mir Mum entgegen, als ich die Küche betrat, „Siegfried und Claire sind zum Drachenzahn-Berg gegangen, um zu trainieren. Übrigens ist ein Brief für dich gekommen. Ein Brief aus Neuborkia.“
    Meine Augen strahlten. „Der Brief muss von Prof. Lind sein! Du weißt doch, dem habe ich eine Bewerbung als Assistentin geschickt! Das muss die Antwort sein!“ Ich war ganz aus dem Häuschen.
    Mum lächelte. „Je schneller du ihn aufmachst, umso schneller erfährst du, was drinnen steht.“
    „Dann hab ich ja keine Vorfreude!“ Ich schnappte mir den Brief und rannte wieder hinaus. Während ich die Haustür zuwarf, rief ich ihr noch zu: „Ich geh’ auch zum Drachenzahn-Berg!“
    Ich glaubte noch, ein seltsames Geräusch von Mum, halb Seufzen, halb Lachen, zu hören.


    Als ich endlich auf der Bergspitze angekommen war, sah ich schon meine Geschwister. Sie saßen vor dem kleinen Teich genau in der Mitte des Berges auf dem Felsboden. „Da bist du ja endlich, Maj! Wo warst du so lange?“, fragte mich Claire, die nebenbei aufstand.
    „Wenn ihr versprecht, es Mum nicht zu verraten, zeig’ ich’s euch.“ Sie versprachen es, und ich ließ Evoli aus dem Pokéball.
    Siegfried regte sich gleich auf: „Ein Evoli? Wir sind eine Drachentrainerfamilie! Du darfst keine anderen Pokémon außer Drachen haben!“
    „Du solltest mehr lesen, Siegfried. Ich hab im Gegensatz zu dir unsere alten Familienchroniken gelesen, auch wenn man danach aussieht, als ob man eine volle Packung Mehl abgekriegt hätte. Jedenfalls dort steht drin, dass wir auch andere Pokémon haben dürfen, solange mindestens eines ein Drachen-Pokémon ist. Das heißt, nur Eis-Pokémon sind tabu“, sagte ich.
    „Trotzdem...“, wollte er einwenden.
    „Was ist? Hast du etwa Angst, es könnte sich zu Aquana entwickeln und Aurorastrahl lernen?“ Ich setzte ein fieses Grinsen auf.
    Claire verdrehte entnervt die Augen. „Ach, wisst ihr was“, versuchte sie den Streit zu beenden, „kämpft doch einmal gegeneinander.“
    „Eine andere Lösung wird’s wohl nicht geben. Aber wenn ich gewinne, lässt du das Evoli gehen!“
    „Und wenn ich gewinne, hältst du die Klappe, sowohl was deine Einwände angeht, als auch, dass du Mum nichts erzählst. Und Opa, wenn er mal kommt, noch weniger.“ Mein Bruder und ich starrten und mit grimmiger Entschlossenheit an, Claire seufzte nur.
    „Macht doch endlich...“, murmelte sie, „Ich will nicht bis um Mitternacht hier oben stehen und euch zusehen...“ Auffordernd trat sie zwischen uns beide und streckte die Arme auf die Seite. „Ich denke mal, Dratini gegen Evoli. Also, worauf wartet ihr?“, sagte sie, „Wenn ich schon Schiedsrichterin sein muss, dann macht doch endlich!“
    „Evoli, leg los!“, rief ich voller Schwung und warf den Pokéball, woraufhin das braune Fellknäul erschien.
    „Dratini! Mach sie fertig!“ Auch mein Bruder holte sein Pokémon. Die kleine blau-weiße Schlange sprang sofort in den Teich.
    „Na gut, das Kampffeld ist von mir aus die ganze Bergspitze. Aber nur unter der Voraussetzung, dass der Kampf schon nach dem ersten Treffer beendet ist!“, seufzte Claire.
    Ich gab ihr keine Antwort, sondern rief nur: „Evoli, Tackle!“ Das braune Wesen lief in Richtung Teich, doch tauchte Dratini auf Siegfrieds Kommando hin unter. Verwirrt bremste das Normal-Pokémon am Ufer ab. Aber selbst ein Drache konnte nicht ewig unter Wasser bleiben... „Sobald es auftaucht, Ruckzuckhieb!“, befahl ich.
    Einige Minuten verstrichen, ohne dass etwas geschah, einzig und alleine Claire wurde immer genervter. „Jetzt macht endlich!“, fauchte sie.
    Wie auf Kommando stiegen genau in diesem Moment Luftblasen aus dem Wasser auf, genau wie Evoli begann, in gleißend weißem Licht aufzuleuchten. Es begann, auf die dreifache Größe anzuwachsen, der Schweif verschmälerte sich und teilte sich am Ende in zwei Spitzen. Auch der Körper wurde schlanker, die Ohren wirkten nun riesig im Vergleich zum Kopf. Alle drei starrten wir auf die Entwicklung, die vor unseren Augen vonstatten ging, selbst Claire zeigte jetzt Interesse.
    Dann erlosch das Leuchten und der kleine braune Fellball hatte sich in ein elegantes hellviolettes Geschöpf verwandelt. „Psiana!“, rief es, als es den Kopf in die Höhe warf und sich die Sonne in seinem roten Stirnamulett brach. Wie war es nur möglich, dass es sich bereits entwickelt hatte? Immerhin hatte ich das Pokémon noch nicht lange. Aber ich war schon lange mit ihm befreundet. Natürlich, das musste es sein.
    Der Zauber, der praktisch über uns lag, erlosch, als es lautes Spritzgeräusch ertönte und Siegfrieds Dratini nach Luft schnappend aus dem Teich auftauchte. Ich schaltete sofort. „Ruckzuckhieb!“, rief ich schnell. Das Psycho-Pokémon beschleunigte, bis es nicht mehr zu sehen war und traf den kleinen schlangenartigen Drachen voll.
    Erleichtert seufzte meine Schwester auf. „Gut, Evoli – das heißt, Psiana – hat einmal getroffen. Nach unseren Regeln haben wir somit unsere Siegerin: Maj.“
    Zerknirscht rief Siegfried seinen Drachen zurück. „Gut – ich halt mich an die Vereinbarung“, murmelte er recht unzufrieden.
    Darauf entgegnete ich: „Ich will es einfach einmal hoffen.“ Dann erst fiel mir der Brief ein. Ich zog ihn aus der Hosentasche und las, was auf dem weißen Papier geschrieben stand.
    Liebe Maja!
    Ich muss sagen, ich bin von deiner Bewerbung überrascht. Ich werde dich als Assistentin aufnehmen, doch wenn du zu faul oder etwas in dieser Art erweist, werde ich dich sofort entlassen. Das gilt zumindest für das erste Jahr, in dem ich dich einmal als Praktikantin haben will. Danach sehen wir einmal weiter.
    Komm doch am 19. Mai nach Neuborkia in mein Labor, um deine Stelle anzutreten. Aber sei pünktlich, wenn möglich!
    Prof. Lind, Neuborkia

    Oberhalb der letzten Zeile war noch eine Unterschrift, bestehend aus einer Schlaufe und einem waagrechten Strich, zu sehen.
    „Wow. Ich hab's geschafft! Ich hab's geschafft! Ich bin Assistentin!“, jubelte ich.
    Neugierig riss mir Claire den Brief aus der Hand und überflog ihn „Na dann... Glückwunsch. Was hältst du davon, wenn wir zurückgehen? Du musst doch noch packen und kannst sowieso erst morgen aufbrechen. Und bis Neuborkia brauchst du sicher zwei Tage“, meinte Claire, als sie das Schriftstück an unseren Bruder weiterreichte. Er sagte jedoch nichts dazu, sondern verhielt sich den ganzen Weg den Drachenzahn-Berg hinunter ruhig, während wir Schwestern über so ziemlich alles plauderten.


    Mum wartete schon in der Küche auf uns, da es bereits Mittagszeit war. Auf dem Tisch stand Chili extrascharf mit Tamotbeeren, unser Lieblingsessen. „Glückwunsch“, meinte sie, nachdem auch sie den Brief gelesen hatte, „Ich habe es mir schon gedacht. Wie du nur lächelst! Aber du wirst dann wohl in Neuborkia bleiben, höchstens am Wochenende heim. Der Weg ist ja einfach zu lange!“ Das wusste ich selbst auch.
    Nach dem Essen ging ich in mein Zimmer, um zu packen, was bis in den Abend hinein dauerte.
    Am nächsten Morgen prüfte ich noch einmal ganz genau, ob ich alles hatte: PokéCom, meine Pokémon und noch ein paar andere Kleinigkeiten. Nach dem Frühstück marschierte ich los.
    Was mich wohl alles erwarten würde?

  • Erst einmal vorneweg, ich werde nicht nach Rechtschreibfehlern suchen sondern versuchen, die Handlung zu kommentieren.
    Für deine erste Story ist sie, finde ich, gut und auf jeden Fall besser als meine erste, die ich nicht im BB veröffentlicht habe. Mir gefällt, dass deine Figuren im Prolog jünger sind als in der eigentlichen Story, du ersparst dir (und den Lesern) dadurch einige Erklärungen. Ebenfalls gut finde ich, dass Maja gleich am Anfang irgendwie aus der Reihe tanzt (ist positiv gemeint), sich ein Evoli fängt und an den Professor schreibt, dadurch merkt man, dass sie die Hauptfigur ist. ;)

    Zitat

    „Evoli, da ich jetzt endlich 10 bin, würde ich dich gerne fangen. Hast du etwas dagegen?“
    Evoli schüttelte den Kopf. Deshalb warf ich den Pokéball.


    Die Stelle verwirrt mich, sollte es nicht mit dem Kopf nicken, wenn es einverstanden ist? Übrigens würde ich hier ruhig etwas ausführlicher schreiben, dass ist ja ein großer Moment für Maj.

    Zitat

    Es war ein Schwimmbecken mit zwei Podesten für die Herausforderer und die Arenaleiterin Kassandra Sandra Maja Drachenmeister, übrigens meine Mutter, gebaut worden. Der See war der Drachensee, hinter dem die Drachenhöhle im Drachenzahn-Berg (lag), der diesen Namen trug, weil er wie ein überdimensionaler Drachenzahn aussah.


    Würde hier etwas weniger oft das Wort Drachen verwenden :D Mir gefällts so besser:

    Zitat

    Es war ein Schwimmbecken mit zwei Podesten für die Herausforderer und die Arenaleiterin, übrigens meine Mutter, gebaut worden. Hinter dem See erhob sich der Drachenzahn-Berg, der diesen Namen trug, weil er aussah wie ein überdimensionaler Drachenzahn. Außerdem gab es in seinem Inneren eine Höhle, in der verschiene Pokemon, wie zum Beispiel Dratini und Dragonir hausten.


    Mich stört ebenfalls, dass Evoli sich schon so früh entwickelt und das du im Steckbrief keine Charabeschreibungen hast.
    Ich freu mich schon aufs 1. Kapi,
    MFG Moonrise


  • 1. Kapitel: Die Johto-Reise beginnt


    [align=justify]Seit diesem Tag waren einige Jahre vergangen und viel hatte sich verändert. Claire hatte nun seit mehr als einem Jahr die Leitung der Arena von Ebenholz City übernommen und Siegfried es geschafft, zum Champ der Top 4 aufzusteigen. Ich war noch immer Prof. Linds Assistentin, allerdings hatte ich mir inzwischen schon ein Nachtara und ein Flamara gefangen, außerdem hatte sich mein Dratini zu Dragonir weiterentwickelt. Jetzt hielt ich ständig Ausschau nach Blitzas und Aquanas oder Evolis und Wasser- und Donnersteinen.
    Heute, an diesem wunderschönen sonnigen Tag, würde eine Trainerin namens Sara ihr erstes Pokémon bekommen. Prof. Lind hatte ihr gesagt, dass sie um neun Uhr vormittags erscheinen solle.
    Da es erst acht war, als ich das Labor betrat, meine grüne Weste an einen Kleiderhaken hing, meinen Labormantel anzog und die Knöpfe offen ließ, sodass mein oranges T-Shirt darunter hervorleuchtete, begann ich die Pokébälle mit Endivie, Feurigel und Karnimani herzurichten. Von diesen Startern Karnimani und Feurigel männlich, Endivie aber weiblich, eine Ausnahme für Starter, dir zu ungefähr drei Vierteln männlich sind.
    Chris, mein Arbeitskollege und Sohn des Professors, der mit seiner Brille und den hellbraunen Haaren eine perfekte jüngere Kopie seines Vaters abgab, holte inzwischen fünf Pokébälle aus dem nahe gelegenen Pokémon-Supermarkt, die, wie es üblich war, Sara bekommen würde.
    Um halb neun erschien schließlich der reichlich verwirrte Professor, was mich zu dem Verdacht verleitete, dass er irgendetwas plante. „Könnte ich dich um einen Gefallen bitten, Maj?“, fragte er mich.
    „Aber klar doch, Professor. Schließlich bin ich Ihre Assistentin.“ Was sonst sollte ich auf eine solche Frage antworten?
    Prof. Lind zeigte mir ein kleines Gerät, das in etwa wie ein Pokédex aussah, den wir neuen Trainern überreichten. Der Unterschied war jedoch, dass dieses Gerät auch eine kleine Tastatur mit Nummern und Navigationstasten hatte. „Ich will den Pokédex erweitern. Deshalb will ich von jeder Stadt und von jeder Route wissen, welche Pokémon wo vorkommen. Aber dafür ist eine Johto-Rundreise nötig. Und jetzt kommst du ins Spiel. Wie du weißt, ist Chris kein Trainer. Du bist jedoch eine Trainerin, die einiges draufhaut, obwohl sie nur vier Pokémon besitzt. Und jemand anderen habe ich nicht zur Auswahl. Ich immerhin weiß nicht, wie zuverlässig ein neuer Trainer ist. Also: In dieses Gerät kannst du eingeben, auf welcher Route welche Pokémon vorkommen. Du kannst ja währenddessen auch die Arenen herausfordern. So eilig hat es der neue Pokédex auch nicht. Außerdem, wenn du es machst, gebe ich dir ein Aquana.“
    Ich versuchte, den Professor vorwurfsvoll anzusehen. „Sagen Sie mal, wollen sie mich bestechen oder kommt es mir nur so vor? Ich hätte den Auftrag auch ohne die Belohnung angenommen. Wieso sollte ich denn ablehnen?“ Endlich konnte ich meine eigene Pokémon-Reise beginnen! Früher war ich zwar nicht so wild darauf gewesen, aber hatte schon so viele Jungtrainer beim Beginn ihrer Reise gesehen. Mit der Zeit hatte ich einfach Lust bekommen, auch durch die Welt zu reisen.
    Mein Arbeitgeber nicke erleichtert. „Vielen Dank, Maj. Ich wusste, auf dich kann ich mich verlassen. Aber...“ Er grinste. „Wenn du das Aquana nicht möchtest... Du brauchst es nicht zu nehmen.“
    Ich starrte ihn entgeistert an. „Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst, oder?“
    Nun grinste der Professor noch breiter. „Habe ich das gesagt?“
    Ich tat, als ob ich beleidigt wäre. „Mir reichen Andeutungen.“
    Mit einem Schlag war das Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden. „Oh nein. Bitte nicht. Ich entschuldige mich in aller Form und sage dir, dass das Aquana Aquaknarre, Aurorastrahl, Tackle, Ruckzuckhieb und Biss beherrscht.“
    „Eine Eisattacke? Wollen Sie mich jetzt wirklich veräppeln?“ Ich war zwar nicht die ultimative Drachentrainerin, aber gegenüber Eis-Pokémon und –Attacken hatte ich dennoch eine familienbedingte Abneigung. Der Professor wusste das auch. Ich drehte mich um und wollte die Pokébälle mit den Startern noch auf die richtigen Podeste legen, doch Chris war mir zuvorgekommen. Momentan war er damit beschäftigt, die fünf leeren Bälle aus der Einkaufstüte zu räumen. Ich warf meinem Kollegen einen kurzen, verwunderten Blick zu. Ich hatte ihn gar nicht kommen sehen...
    Mein Chef hingegen versuchte mich trotz allem davon zu überzeugen, das Aquana mitzunehmen. „Ach Maj, bitte. Aquana ist doch kein Eis-Pokémon und Aurorastrahl brauchst du auch nicht unbedingt einsetzen. Und außerdem... Wann sonst bekommst du so eine Gelegenheit?“ Ich ließ ihn noch eine Weile weiterreden. Ich würde sowieso losgehen, und zwar mit dem Aquana. Dennoch machte es mir Spaß, Prof. Lind ein wenig zappeln zu lassen. Schließlich war ich nur die Angestellte und er der Chef. Es war wirklich eine Gelegenheit, doch nicht auf das Aquana, sondern auf die Situation bezogen. Wann konnte man schon seinen Arbeitgeber veräppeln? Viel zu selten.
    Ich warf einen Blick auf die Wanduhr, die just in diesem Moment neun Uhr schlug. „Es ist neun“, meinte ich und hielt so einen neuerlichen Redeschwall auf Abstand. „Und geben Sie jetzt schon her. Und zwar dieses... wie heißt eigentlich das Teil? Und das Aquana.“ Ich lächelte sanft.
    „Ich bezeichne das Gerät als Pokémon-Kartographen. Du hilfst mir also wirklich? Vielen Dank! Ich wusste, auf dich kann ich mich verlassen! Hier, nimm... das Mädchen muss bald auftauchen.“ Er stellte sich geschäftig neben den Tisch mit den Pokébällen.
    „Professor, wissen Sie eigentlich, wie seltsam Sie manchmal sein können?“, murmelte ich der Stelle zu, an der dieser gerade noch gestanden hatte. In einem Moment flehte er mich an und im nächsten wartete er auf die neue Trainerin. Nun gut, sie konnte wirklich jeden Moment auftauchen, das musste ich ihm zugute halten.
    Als ob sie nur auf diesen Augenblick gewartet hatte, öffnete sich die Tür gerade, als ich zu meiner Tasche auf meinem Schreibtisch ging. Ich warf einen prüfenden Blick auf die Gestalt in der Tür, die sich gerade vorstellte. „Ha-Hallo. Ich bin Sara“, murmelte ein Mädchen mit hellblauen Haaren, die ihr in zwei Zöpfen vom Kopf abstanden, eingeschüchtert. Dazu trug sie noch ein rosa T-Shirt und eine weiße Weste sowie eine grün-gelbe kurze Hose und natürlich Turnschuhe. Sie kam auf den Professor zu, der sofort begann, ihr einen scheinbar endlosen Vortrag über die drei Starter zu erzählen. Ich selbst hörte nicht zu, da ich ihn auswendig kannte und auf der Suche nach meinem Psiana war, das sich irgendwo im Labor versteckt hatte.
    „Komm doch her, Psiana. Wir haben etwas zu erledigen“, meinte ich, und sofort tauchte das Pokémon auf. Es hatte es sich auf einem Bücherregal gemütlich gemacht. Ich begann, im Schnelltempo von Linds Auftrag zu erzählen. „Außerdem werden wir die Arenen aufsuchen“, setzte ich noch hinzu, „und dann treten wir bei der Spezial-Silberkonferenz an, gewinnen sie und zeigen dann meinem kleinen Bruder, dem Idioten, was du draufhast.“ Schließlich durfte der Sieger der Spezial-Silberkonferenz den amtierenden Champ herausfordern. Das Sonnengeschöpf gab einen kurzen, allerdings interessiert klingenden Laut von sich und sprang leichtfüßig zu Boden, während ich meinen Gedanken nachhing.
    Siegfried und ich stritten schon seit drei Jahren, doch an den Grund wollte ich jedoch nicht zurückdenken. Ich redete mir ein, es war alles nur, weil ich nur einen einzigen Drachen besaß. Ich vertrieb die Gedanken, nahm stattdessen Psianas Pokéball zur Hand und wiegte ihn in derselben. Sollte ich es darin einsperren? Es war doch normalerweise immer draußen.
    Ich registrierte, wie Sara meinte: „Gut, ich habe mich endlich entschieden. Ich würde gerne Endivie als Starter-Pokémon haben.“
    Ich gab mir einen Ruck und steckte den Ball wieder ein, während Prof. Lind seinen Vortrag fortsetzte, indem er ihr erklärte, was ein Trainer in verschieden Situationen zu tun hatte. Ich begab mich wieder zum Schreibtisch, um weiterzupacken und bemerkte Saras gelangweilten Gesichtsausdruck, von dem der Professor keine Notiz nahm oder nehmen wollte. Wer wusste das schon bei ihm? Ich arbeitete immerhin bereits einige Jahre im Labor, doch schlau war ich aus ihm noch nicht geworden. Mit einem skeptischen Blick auf meinen Chef zog ich den Labormantel wieder aus, um ihn in den Schrank zu hängen. Ich würde ihn in der nächsten Zeit wohl kaum brauchen. Dann eilte ich zum Kleiderständer und schlüpfte wieder in meine Weste. Wozu hatte ich mich überhaupt umgezogen?
    Chris gab dem Mädchen in dem Moment die leeren Pokébälle, als ich mir meine kleine Tasche umschnallte, in der nur das Nötigste Platz gefunden hatte. Ich sollte mir bald einen Rucksack oder etwas Ähnliches zulegen, um mehr Stauraum zu haben. Das kleine Ding hatte ich so voll wie nur irgend möglich gepackt, sodass es nun ziemlich verbeult aussah.
    Ich erreichte die Tür im selben Moment wie Sara. „Wo gehst du denn hin?“, fragte sie mich, „Ich dachte, du bist die Assistentin vom Professor.“
    „Bin ich auch.“ Dann überwand ich mich, ihr von dem Pokédex-Projekt erzählen, wie auch von der Tatsache, dass ich die Orden sammeln wollte.
    „Warum gehen wir dann nicht zusammen?“, fragte sie mich schließlich. „Ich will nämlich auch die Arenen herausfordern.“
    Ich dachte scharf nach. Einerseits wusste ich nicht, ob ich mich mit ihr verstehen würde, doch andererseits schien sie ein sonniges Wesen zu haben und wenn sie sich als unpassende Reisebegleiterin herausstellen würde, könnte ich immer noch alleine weiterziehen. So stimmte ich Saras Vorschlag zu.


  • 2. Kapitel: Planänderung


    [align=justify]„Okay, bis jetzt hab’ ich hier nur Taubsi und Wiesor entdeckt“, sagte ich zu mir selbst und gab die Daten ein. Hell strahlte die Mittagssonne vom tiefblauen, wolkenlosen Himmel über der schon fast kitschigen Landschaft. Nur aus sanft abfallenden Grasflächen, die von knallbunten Blumenfeldern durchzogen wurden, während der nördliche Horizont vom steilen Drachengebirge geprägt wurde, schien die gesamte Route 29, der schnellste Weg von Neuborkia nach Rosalia City, zu bestehen. Sara und ich waren anscheinend die beiden einzigen sich bewegenden Menschen, und auch wir schlenderten nur den Weg entlang. Wer außer uns war schon so verrückt, an diesem wunderschönen Tag zu wandern?
    Mein Blick wandte sich verträumt gen Norden, hin zu dem imposanten Gebirge, über das man meine geliebte Heimatstadt erreichen konnte. All die Jahre, die ich nun schon im Labor arbeitete, war nun dieser Weg zwischen den Bergen und Pässen hindurch an Freitag- und Sonntagabenden mein Arbeitsweg gewesen. Ich erinnerte mich verhalten grinsend, wie ich den Pfad immer schneller hatte bewältigen können. Waren es anfangs noch fast anderthalb Tage gewesen, schaffte ich die Strecke jetzt schon in ein paar Stunden.
    Wehmut erfüllte mich. Wann werde ich wieder durch das Gebirge wandern und die Stadt selbst wiedersehen können?, fragte ich mich. Vermutlich erst, wenn ich mir Claires Orden, den ich fest als letzten eingeplant hatte, holen wollen würde. Schon seltsam, dachte ich. Um offiziell gegen meinen Bruder kämpfen zu können, würde ich erst einmal meine Schwester in einem Arenakampf besiegen müssen. Und das, nachdem wir beiden Schwestern uns so viele Übungsduelle geleistet hatten... Doch seit mehr als einem Jahr war damit Schluss. Damals, zu unserem vierzehnten Geburtstag, hatte Mum gehen müssen, ganz wie es die Tradition vorschrieb. Claire hatte die Arena übernommen, ich hingegen wurde mit der Aufgabe betraut, die Tradition der Familie zu wahren. Gerade ich, die nur Dragonir besaß, keine weiteren Drachen. Und ich sollte die Tradition wahren? Das konnte nur Hohn sein, denn warum gerade ich? Aber wer sollte schon etwas gegen die fast ein Jahrtausend alten Regeln unternehmen können?
    „Maj, schau mal, da ist ein PokéCenter. Gehen wir hin und essen wir was. Es ist ja schon Mittag. Außerdem kannst du dort auch fragen, ob es hier noch andere Pokémon gibt“, riss mich Sara aus meinen Gedanken, während sie auf ein recht modern wirkendes hellgraues Gebäude mit knallrotem Kuppeldach wies. Ich zuckte zusammen. Was? Ach so. Sie dachte, ich hätte nach anderen Pokémon Ausschau gehalten. Schnell warf ich ihr einen unauffälligen Seitenblick zu.
    Es war schon interessant gewesen, wie schnell sie Kontakt zwischen uns aufgebaut hatte, denn kaum waren wir aus der Stadt gewesen, hatte sie mir alles über sich erzählt. Da meine Begleiterin vor zwei Wochen ihren zehnten Geburtstag gefeiert hatte, hatte ihr Vater, der meist irgendwo unterwegs war, um Geschäfte für seine Firma abzuschließen, in die Wege geleitet, dass sie ein Pokémon von Prof. Lind erhalten würde. Von ihrer Mutter hatte sie die gesamte Ausrüstung, darunter auch ihren dunkelgrünen PokéCom, geschenkt bekommen. Geschwister hatte sie allerdings keine, deshalb tat ihr ihre Mutter jetzt leid, weil diese alleine in ihrem Haus in der Nähe des Hafens von Neuborkia wohnte. Schließlich hatte sie auch keine Arbeit, sondern wirtschaftete mit dem Geld, das sie von ihrem Mann zugeschickt bekam, der glücklicherweise genug verdiente. Doch dass ihre Mutter nun vollkommen alleine war... all deren Freundinnen hatten schließlich einen Job, also konnte sie diese auch nur am Abend treffen. Sara hatte mir dieses Problem ausführlich erörtert. Beinahe den ganzen bisherigen Weg entlang hatte sie erzählt. Nach dem Mittagessen würde wohl oder übel ich an der Reihe sein.
    „Ach, ich war nur in Gedanken“, meinte ich, „Aber gegen etwas Essbares hätte ich nichts einzuwenden.“ Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr mir eigentlich der Magen knurrte. Seit dem Joghurt mit Amrenabeeren zum Frühstück hatte ich heute noch nichts gegessen.
    Wir machten uns also auf den Weg zum PokéCenter, während mir Sara wieder von ihrer Mutter erzählte. Ich hingegen war an dem Thema nicht mehr interessiert. So begann ich, meine Gedanken wieder schweifen zu lassen und landete wieder bei all den altehrwürdigen Traditionen. Warum musste mein Leben nur so sehr von ihnen geprägt werden? Auch ich würde Johto verlassen müssen, sobald meine zukünftige erste Tochter ihren vierzehnten Geburtstag feiern würde, doch würde ich dieser das Leben um einiges erleichtern können, würde ich mir einen vernünftigeren Mann suchen als mein Vater, den ich nie kennengelernt hatte, gewesen war.


    Aus der Nähe konnte man erkennen, dass die rote Kuppel in Wirklichkeit die obere Hälfte eines Pokéballs darstellen sollte. Vor dem Gebäude stand ein Junge mit schwarzen Haaren, von denen eine Strähne unter einer schwarzen Kappe mit einem gelben Streifen in der Mitte hervorstand. Dazu trug er eine ebenfalls schwarze Dreiviertelhose und einen roten Pullover mit weißem Kragen. Ich schätzte ihn auf knappe elf Jahre.
    Kaum hatten Sara und ich den Eingang zum Center erreicht, kam er auf uns zu und fragte ohne Vorwarnung: „Hey, wollt ihr kämpfen? Ein 1-gegen-1-Match? Ich würde gerne trainieren.“ Ich warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Verlangte der gute Ton nicht, dass er uns zuerst einmal seinen Namen verriet? Schon wollte ich einen Kommentar dazu abgeben, doch meine neue Reisegefährtin hatte bereits den Pokéball mit ihrem Endivie in die Hand genommen. Auch ihr Gegner zückte wortlos einen solchen Ball. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die Schiedsrichterin zu mimen. Aber wieso mussten sie gerade hier kämpfen? Hinter dem Gebäude gab es doch sicher Kampffelder.
    Seufzend ergab ich mich meinem unvermeidlichen Schicksal. „Ein 1-gegen-1-Match, sagtest du? Von mir aus. Fangt einfach an, ich melde mich, wenn der Kampf zu Ende ist.“ An der Schiedsrichtertätigkeit hatte ich schließlich noch nie Gefallen gefunden.
    Sogleich riefen die beiden Kontrahenten ihre Pokémon, Saras Endivie musste also gegen ein Felino kämpfen. Schweigend und auch gelangweilt beobachtete ich eine kurze, doch irrwitzige Verfolgungsjagd, bei der das kleine Wasser/Boden-Pokémon das Pflanzen-Pokémon jagte. Sie kam zu einem plötzlichen Ende, als die Trainerin einen Rasierblatt-Angriff befahl, die dem blauen Fisch dank der Vierfachschwäche endgültig den Rest gab.
    „Mist, wenn das so weitergeht, gewinne ich nie einen Wettbewerb“, sagte der Junge, als er sein besiegtes Pokémon zurückrief. „Ach, übrigens, ich heiße Jan. Und wie heißt ihr?“
    „Maj“, war meine einsilbige, da gereizte Antwort. Konnten wir nicht zuerst einmal essen gehen? Zuerst machte Sara einen Vorschlag, doch dann begann sie, mit einem wildfremden Jungen zu plaudern.
    Meine Reisebegleiterin war um einiges gesprächiger: „Ich heiße Sara. Sag mal, wie hast du denn das mit den Wettbewerben gemeint? Ich meine, ich bin wirklich großer Fan von den Wettbewerben in Sinnoh und Hoenn, aber in Johto gibt es auch welche?“
    „Schön, euch kennen zu lernen.“ Dass er nicht sofort auf Saras Frage antwortete, wunderte mich nicht besonders. Wettbewerbe... so ein Unsinn. Da ließ man sein Pokémon einfach auf der Bühne herumspringen und erhielt dafür ein Band. Betont langsam ging ich zur Außenmauer des Pokémon-Centers und lehnte mich dort an. Aber wer wusste es schon... Sara schien die Idee zu gefallen, denn sie schaute ganz entzückt, als Jan weitersprach: „Natürlich gibt es auch in Johto Wettbewerbe... Übermorgen findet ein Anfängerbewerb in Rosalia statt. Allerdings braucht man dafür zwei Pokémon, ich muss also mein Felino noch trainieren. Macht‘s gut!“ Er drehte sich um und lief davon. Ich war von diesem plötzlichen Abschied ein wenig überrascht, sollte er vorher nicht sein besiegtes Pokémon heilen lassen, wenn er schon direkt vor einer Einrichtung stand, die solche Dienste kostenlos anbot? Vor allem, da er mit genau diesem trainieren wollte. Dennoch drückte ich mich von der sonnengewärmten Außenwand weg.
    Als er aus unserm Blickfeld verschwunden war, kam Sara zu mir und meinte: „Die Wettbewerbe wären was für mich. Weißt du, ich habe mir immer gerne die Übertragungen aus Sinnoh und Hoenn angesehen. Ich bin einfach begeistert von all den wunderschönen Pokémon und ihren Attacken.“
    Ich unterdrückte mir ein Gähnen. „Ist doch nur albernes Rumgehopse.“
    Vorwurfsvoll schaute sie mich an. „Sag das nicht. Du wirst deine Meinung ändern, wenn ich den Wettbewerb in Rosalia gewinne.“ Meine Miene richtig deutend fügte sie allerdings hinzu: „Aber jetzt sollten wir mal was essen gehen.“ So betraten wir nun endlich das Center, wo allerdings ein Plakat hing: Pokémon Wettbewerbe! Registrierungen in jedem PokéCenter möglich!
    Kaum hatte Sara das gesehen, rannte sie auch schon zu Schwester Joy, um sich eintragen zu lassen. „Hey! Hast du keinen Hunger mehr!?“, rief ich ihr hinterher.
    Doch sie gab keine Antwort. Ich bestellte seufzend zwei Portionen Tagesmenü und Futter für die Pokémon bei einem Chaneira und ging in den Speisesaal. Dieses Mädchen war recht sprunghaft, wie mir schien... und dennoch recht lustig, beharrlich und energiegeladen, also recht nett.
    Schon ein paar Minuten später kam Sara doch noch zu mir und fing an, mit Heißhunger das Essen hinunterzuschlingen. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir heute hierbleiben würden? Ich brauche immerhin noch ein zweites Pokémon. Außerdem sollte ich auch irgendetwas einstudieren.“
    „Von mir aus...“ Ich konnte die Zeit immerhin anderwärtig nutzen. Zum Beispiel Claire anrufen, schoss es mir durch den Kopf. Aber das hatte noch ein paar Tage Zeit. Musste ich meiner kleinen Schwester alles brühwarm erzählen? Ein paar Tage in Unwissenheit würden sie auch nicht umbringen, egal wie neugierig sie war. Noch dazu hatte ich einen Arbeitgeber, der recht geschwätzig sein konnte.
    So blieben wir den ganzen Tag auf Route 29. Sara trainierte für den Wettbewerb, während ich versuchte, andere Pokémon zu finden. Glück war mir dabei allerdings nur an einem See beschert, wo ich einige Marill beobachtete, die munter umhersprangen. Eines dieser blau und weiß gefärbten kugeligen Pokémon mit langem Schweif fing sich Sara auch.


    Am nächsten Tag erreichten wir am frühen Nachmittag Rosalia. Es war kleines, angeblich romantisches Städtchen, das direkt am Meer lag. Doch all seine Romantik ging an uns vorbei. Während ich nichts für romantische Dinge übrig hatte, obwohl ich sehr wohl die netten tiefroten Dächer bemerkte, lief Sara gleich zur Wettbewerbshalle, um sich für den Wettbewerb anmelden zu lassen. „Wir treffen uns im Pokémoncenter!“, rief ich ihr hinterher, wobei ich mir nicht sicher war, ob sie mich auch gehört hatte, bevor ich mich auch direkt dorthin begab, uns ein Zimmer reservierte und mich schließlich in die Lobby setzte. Die Zeit vertrieb ich mir, indem ich die Leute beobachtete und wieder einmal meine Gedanken schweifen ließ, bis ich dabei war, mir neue Kampfstrategien auszudenken, bis schließlich mein Blick an der Rezeption des Centers hängen blieb, hinter der sich mehrere Chaneira tummelten.
    Eine Viertelstunde später kam auch Sara endlich zum Center. „Hast du dich angemeldet?“, fragte ich sie gelangweilt, nachdem ich meinen Blick von einer Dame abgewendet hatte, die mit ihrem Wiesor im Arm gerade gekommen war und die die diensthabende Schwester Joy gerade zu beruhigen versuchte. Ich würde wohl morgen nicht umhin kommen, zuzusehen, obwohl ich mir Interessanteres vorstellen konnte.
    „Klar. Außerdem hab’ ich mich nach den genauen Regeln erkundigt.“, antwortete sie freudestrahlend.
    „Dann erzähl mal“, gähnte ich.
    Sie ließ sich auf den Sessel neben dem meinen fallen. „In der ersten Runde werden mit einem Pokémon Vorführungen gemacht, von den drei Schiedsrichtern werden dann die vier besten Vorstellungen ausgewählt. Im Halbfinale werden dann auf Zeit Kämpfe mit dem zweiten Pokémon durchgeführt und im Finale steigt ein Doppelkampf ebenfalls auf Zeit.“
    Ich starrte sie schief an. „Kämpfe?“, fragte ich überrascht. Sollte ein Wettbewerb doch recht interessant sein können? Sofern ich in der ersten Runde nicht einschlafen würde.
    „Ja, Kämpfe. Die Attacken müssen aber gut aussehen, sonst gibt es Punkteabzug.“
    Auf diese Aussage hin zog ich die Augenbrauen hoch. „Kompliziert“, murmelte ich leise.


  • 3. Kapitel: Saras erster Wettbewerb


    [align=justify]Am nächsten Tag fand der Wettbewerb statt, wovon ich nicht sehr begeistert war. Denn kaum waren wir aufgestanden, drängte Sara schon dazu, endlich zur Wettbewerbshalle zu gehen. Ich hingegen brauchte erst einmal etwas zwischen die Zähne. Mit einiger Mühe konnte ich auch Sara davon überzeugen, zuerst zu frühstücken. Doch schlang sie ihr Müsli so schnell hinunter, dass sie fertig war während ich gerade einmal mein halbes Joghurt gegessen hatte. „Beeil dich doch ein bisschen, Maj!“, rief sie.
    „Mein morgendliches Joghurt will ich erst einmal genießen, bevor ich sonst etwas mache. Aber du kannst ja schon einmal vorgehen. Ich komm dann nach“, meinte ich, noch total verschlafen und unmotiviert. Wie viel Schwung hatte dieses Mädchen denn bitte? Ich warf Psiana, das neben meinem Stuhl lag, einen gelangweilten Blick zu. Erst dann bemerkte ich, dass es schlief und meinen Blick wohl kaum erwidern würde. Du bist wohl der selben Meinung wie ich, was?, dachte ich. Die einzige Regung, die das Pokémon machte, war, die Schweifspitzen etwas zu bewegen. Dann wandte ich mich wieder ich mich wieder der Glasschüssel vor mir zu. Die Amrenabeeren darin sahen wie kleine rote Punkte aus. „Wie gesagt, wenn du so nervös bist, geh doch mal voraus und ich komm dann nach“, wiederholte ich, als mich Sara weiterhin schief anstarrte.
    Meine Reisegefährtin sprang auf. „Ich bin nicht nervös! Ich will einfach nicht zu spät kommen! Und ein wenig aufgeregt darf man wohl sein, oder nicht?“
    „Wo ist der Unterschied zwischen nervös und aufgeregt, abgesehen von der Wortlänge?“
    Sara starrte mich einige Sekunden beleidigt an, dann meinte sie: „Na gut. Nachdem du dich mit deinem Joghurt nicht beeilen willst... Bis später!“ Mit diesen Worten verließ sie den Speisesaal des Pokémoncenters, durchquerte die Lobby und ging aus dem Gebäude. Ich widmete mich wieder genüsslich meinen Amrenabeeren in der aus pasteurisierter Miltank-Milch hergestellten weißen Masse. Wettbewerbe... was für ein Unsinn.
    Ich warf einen Blick auf die Uhr. Zeit hatte ich noch, und wann würde sich eine passendere Gelegenheit ergeben, um meine Schwester anzurufen? Sara brauchte ich nicht auf die Nase binden, dass ich zur ältesten Familie Johtos gehörte und nebenbei der Champ der Pokémon-Liga, auf den die meisten Mädchen und Frauen im Land verknallt waren. Nun, dafür teilten sich Claire und ich als Fangemeinde alle Männer in Ebenholz. Ich grinste. Außer, wenn wir beiden zusammen kämpften. Dann wechselten auch alle weiblichen Wesen der Stadt zu uns, selbst wenn wir gegen unseren Bruder kämpften. Ja, was das anging, war diese Stadt mitten in den Bergen sehr seltsam, genau, wie wir unsere Traditionen hochhielten. Ebenholz City war nun einmal eine Stadt, die man nur verstand, wenn man dort aufwuchs.
    Nachdem ich mit dem Frühstücken fertig war, räumte ich die Schüssel weg und begab mich zu den Telefonen. Zwar konnte ich auch mit meinem PokéCom telefonieren, aber ich bevorzugte die Telefone in den Centern, da das Telefonieren um einiges bequemer war.
    Kaum hatte ich die Nummer der Ebenholz-Arena eingegeben, meldete sich Claire. Sie wirkte genau so verschlafen wie ich es war. „Ja, hallo?“, meinte sie und unterdrückte sich ein Gähnen. Dann erst schaute sie auf ihren Bildschirm. „Ach, du bist es, Maj. Hi, Schwesterherz.“
    „Hi. Weißt du, echt nett, auch ein anderes verschlafenes Gesicht zu sehen.“
    Meine Schwester starrte mich verwundert an. „Was?“
    „Prof. Lind hat mich auf eine Johto-Reise im Rahmen seiner Pokédex-Forschung geschickt und nebenbei fordere ich auch die Arenen heraus. Also dann auch gegen dich. Aber dir gewähre ich Galgenfrist.“
    „Ach, da hat er gestern etwas erzählt. Schlau geworden bin ich aus seinem Geschwätz allerdings nicht. Wie hältst du das aus, wenn du im Labor bist?“
    „Genau so, wie du es aushältst, wenn Siegried und ich streiten.“
    „Abschalten also, und das Ganze ein wenig als Belustigung sehen. Aber was hat das alles mit deiner Müdigkeit zu tun?“
    „Ach, ich mache die Reise nicht alleine, sondern mit einer neuen Trainerin namens Sara. Das heißt, eigentlich jetzt Koordinatorin. Heute will sie hier an einem Wettbewerb teilnehmen, der in einer halben Stunde anfängt. Und nachdem ich ihr zuschauen soll, wie sie das Band gewinnen will, muss ich eben zur Wettbewerbshalle.“
    Claire begann laut zu lachen. „Du und bei einem Wettbewerb zuschauen? Das ist der Witz des Jahrhunderts!“, japste sie.
    „Und warum bist du so müde?“ Ich konnte mir die Antwort denken, doch war es die beste Möglichkeit, sie von ihrem Lachanfall zu befreien.
    Meine Schwester seufzte. „In letzter Minute ist noch ein Trainer in die Arena gekommen. Und da ich keine Herausforderung abschlagen darf, ging der Kampf weit über die Öffnungszeiten. Ich hab im Endeffekt zwar gewonnen, aber musste dann einmal putzen und Wasser nachfüllen. Tja, jetzt musste ich dann logischerweise auf, um die Arena wieder zu öffnen. Ich hab zwar noch keinen Herausforderer, aber...“
    „Die müssen wohl erst den Weg hinauf finden.“ Unser Haus, das immerhin auch den Kampfraum beinhaltete, lag auf einem Hügel mitten im Talkessel und das letzte Stück des Weges war hinter einer Klippe versteckt.
    „Vermutlich. Wie weit bist du eigentlich mit deinem Evoli-Entwicklungen-Team?“
    „Ich hab jetzt ein Aquana vom Professor bekommen. Mit Eisstrahl.“ Das letzte Wort betonte ich besonders.“
    „Oh nein... Aber ein Blitza fehlt dir noch, was?“
    Ich wusste, worauf sie hinauswollte. „Ich brauche keinen zweiten Drachen. Mit einem im Team erfülle ich die Tradition. Was bringt mir ein Seedraking?“
    Claire seufzte. „Mit dir ist Diskussion zwecklos.“ Auf einmal hörte ich das Aufschlagen einer Tür. „Ein Herausforderer“, sagte meine Schwester nach einem kurzen Blick nach links, wo, wie ich wusste, der Bildschirm für die Überwachungskamera war. „Ich muss wohl Schluss machen.“
    „Tschüss.“ Ich legte auf, erhob mich von dem Hocker vor dem Telefon und begab mich aus dem Center zur Wettbewerbshalle.


    „Willkommen zum diesjährigen Rosalia Anfänger-Wettbewerb! Ich bin Ihre Kommentatorin Miriam Meridian und freue mich, Ihnen unsere Schiedsrichter vorstellen zu dürfen: Unser Oberschiedsrichter Mr. Contester, der Chef den Pokémon Wettbewerbskommitees! Der Vorsitzende des Pokémon Fanclubs Herr Sukitzu, und schließlich unsere Schwester Joy hier aus der Stadt!“, rief eine ganz in grün gekleidete schlanke Frau mit braunen, schulterlangen Haaren, während sie auf die drei Angesprochenen zeigte, die hinter einem Tisch saßen. Ich war fünf Minuten vor dem Start gekommen und hatte nur mit Mühe einen Sitzplatz in der letzten Reihe ergattern können. „Bedenken Sie: Dies ist ein Wettbewerb nur für Anfänger, also für Koordinatoren, die kein einziges Band gewonnen haben und außerdem nicht an mehr als zwei Wettbewerben teilgenommen haben. Es gilt allerdings als offizielles Band für das Große Festival in Johto. Ich will Sie aber nicht zu lange mit meinem Geschwätz langweilen, sehen Sie nun den ersten Teilnehmer: Jan aus Neuborkia!“
    Das war eine Tatsache, die mich mehr interessierte als der gesamte Wettbewerb. „Ach, dieser Komiker kommt aus Neuborkia, genau wie Sara? Hätte ich mir nie gedacht. Du, Psiana?“, sagte ich.
    Psiana schüttelte die Kopf: „Psi-Psiana.“
    Jan bot eine gute Vorstellung mit seinem Feurigel, auf die ich allerdings nicht sonderlich achtete. Es überraschte mich, dass er ein solches Pokémon hatte, schließlich war es der gewöhnliche Feuerstarter in Johto und man bekam es im Normalfall nur von Prof. Lind, in der Wildnis waren sie allerdings selten. Ich konnte mich aber nicht an ich erinnern. Aber zerbrach ich mir darüber nicht weiter den Kopf. Schließlich konnte er ein gezüchtetes von irgendjemand anderem bekommen haben.
    Nach weiteren langweiligen Vorstellungen war schließlich Sara an der Reihe. Ich war froh darüber, bisher nicht eingeschlafen zu sein, denn ich nahm an, dass Sara sich über ihre Vorstellung unterhalten wollte. „Es geht los! Endivie!“, rief Sara und warf den Pokéball, worauf Endivie erschien, das mit seinem Blatt den Zuschauern winkte. Diese klatschten, zumindest die meisten. Ich hingegen gähnte nur. Was war daran so begeisternd?
    „Rasierblatt, dann Rankenhieb!“, gab Sara ihr Kommando. Mit einer einzigen fließenden Bewegung ließ das kleine Pflanzen-Pokémon die Blätter fliegen. Danach begann es mit seinen Ranken auf die Blätter zu schlagen, doch nicht der Reihe nach, sondern, wie es schien, im Durcheinander.
    Als alle grünen Geschosse am Boden lagen, begann das Publikum zu klatschen; sogar ich applaudierte halbherzig. Auf der Bühne befand sich ein Herz aus Rasierblättern, Endivie und Sara genau in der Mitte. Mit einer Verbeugung wurde die Vorstellung beendet.
    Nachdem die Runde beendet war, begab ich mich in den Aufenthaltsraum der Koordinatoren, der extra für diese Pause geöffnet wurde. Sara saß auf einem Sofa und starrte auf den Bildschirm, wo man sah, wie sich die Schiedsrichter berieten.
    Ich schlich mich von hinten an, griff ihr ruckartig auf die Schultern und rief: „Buh!“ Sie sprang auf und drehte sich um, während ich um die Sitzgelegenheit herumging und mich fallen ließ. „Du bist ganz schön schreckhaft, weißt du das?“, sagte ich in einem Unschuldston.
    „Maj! Musst du mich so erschrecken?“
    „Klar. Sonst fehlt mir die Übung.“
    Stirnrunzelnd sah sie mich an. „Übung?“
    „Ja, Übung. Meine Schwester ist auch ziemlich schreckhaft.“ Nach einem Seitenblick auf das Mädchen fügte ich allerdings hinzu: „Du schlägst allerdings alle Rekorde.“
    „Danke für die Blumen.“ Sie ließ sich neben mich auf das Sofa fallen und meinte: „Ich bin nur so schrecklich nervös. Wann sagen sie endlich, wer weiter ist?“
    „Also doch!“, rief ich triumphierend, „Doch nervös, was?“
    „Ich dachte, der Unterschied ist die Wortlänge?“ Damit hatte ich mir wohl selbst ins Fleisch geschnitten...
    „Wie dem auch sei, deine Vorstellung war wirklich nicht schlecht, immerhin war das dein erster Auftritt bei einem Wettbewerb“, sagte ich zu ihr. Dass ich die meisten anderen nicht registriert hatte, verschwieg ich ihr lieber.
    „Tja, ich hoffe, Marill macht sich auch so gut wie Endivie. Schließlich geht es bei den Kämpfen nicht nur um Stärke, sondern auch um die Art und Weise, wie die Attacken ausgeführt werden. Und ich hab erst gefangen.“
    „Endivie hast du auch nicht länger“, erklärte ich trocken. „Na gut, vielleicht ein paar Stunden.“
    Sara gab darauf keine Antwort, also blieben wir schweigend nebeneinander sitzen. Ich streichelte Psiana, Sara starrte wieder auf den Bildschirm, bis auf ihm plötzlich Miriams Gesicht angezoomt wurde.
    „Nun, da sich unsere Schiedsrichter beraten haben, werden die vier Trainer, die in die zweite Runde vorrücken bekannt gegeben.“ Das Bild wechselte, nun war ein grauer Hintergrund zu sehen. Dann wurden nacheinander drei Fotos von Koordinatoren gezeigt, unter denen auch Jan war. Er hatte es geschafft, den zweiten Platz dieser Runde zu erringen. Die beiden anderen waren mir unbekannt, selbst, als Miriam die Namen und Platzierungen vorlas. „... und nun zum vieren Platz und damit dem letzten Startplatz für die zweite Runde! Es ist...“ Neben mir hielt Sara die Luft an. „...eine Koordinatorin aus Neuborkia! Und ihr Name lautet.... Sara!“ Diese sprang sofort auf. „Ja!“, rief sie und führte einen Freudentanz auf. Ich warf einen letzten Blick auf den Bildschirm, wo jetzt die gesamte Liste mit den Punkten angezeigt wurde. Die ersten vier Plätze hatten allesamt einen großen Vorsprung auf die anderen Platzierungen.
    Ich stand auf und wollte gehen, doch die nun Vierplatzierte hielt mich auf, indem sie mich von hinten umarmte und sozusagen fesselte. „Was soll das werden? Ich muss zurück, sonst ist mein Platz weg.“ Mit einer kleinen Anstrengung entkam ich ihr.
    „Warte doch, bis die Kampfpaarungen feststehen.“
    „Das kann ich drüben auch sehen. Ich will einfach nicht stehen. Komm, Psiana.“
    „Psi-ana!“, rief das Psycho-Pokémon und sprang vom Sofa um mir in den Zuschauerraum zu folgen.
    Meinen Platz konnte ich wieder ergattern, und während sich auch die anderen Sessel wieder füllten, kraulte ich das Pokémon, das für mich wie das erste war, hinter den Ohren.
    Endlich war es so weit und die Auslosung begann. Als erster Kampf war der zwischen Jan und der Drittplazierten angesagt, danach wurde es Sara mit dem Ersten der Vorstellungsrunde zu tun bekommen.


  • 4. Kapitel: Und der Sieger ist...


    [align=justify]Gleich nach der Auslosung war es auch schon so weit: Der erste Kampf im Halbfinale begann. Sogar ich war einigermaßen gespannt, schließlich wurde jetzt gekämpft, nicht nur unnötig auf der Bühne herumgehopst.
    „Nun, verehrtes Publikum, nähern wir uns den Kampfrunden! Fünf Minuten stehen den Gegnern zur Verfügung, um entweder die Punkte des anderen auf null zu setzen oder einfach den Sieg durch KO zu erringen! Sollte die Zeit ablaufen bevor einer der Kontrahenten besiegt wird, triumphiert derjenige, der noch einen höheren Punktestand aufzuweisen hat. Zu Beginn des Kampfes stehen jedem Kämpfer genau hundert Punkte zur Verfügung! Aber schon wieder plappere ich zu viel, ich muss doch darauf achten, dass wir den Zeitplan einhalten! Aber halt, ich habe vergessen zu erwähnen, dass unsere Schiedsrichter entscheiden, wir viele Punkte unseren Koordinatoren abgezogen werden. Außerdem entscheiden sie, wann ein Pokémon als besiegt gilt! Dabei ist zu beachten: zwei zu eins ist überstimmt. Mr. Contester kann den Kampf allerdings mit einer plausiblen Erklärung den Kampf jederzeit unterbrechen. Nun habe ich aber wirklich zu viel geredet, beginnen wir mit dem Kampf!“
    Jan und seine Gegnerin betraten die Bühne, jeder einen Pokéball in der Hand. Auf dem Bildschirm über dem Kampffeld waren Fotos der Koordinatoren zu sehen, darunter ein komplett gelber Balken, in dessen Mitte die Zahl 100 zu sehen war. Zwischen den Balken befand sich die Zeitangabe, die momentan auf fünf Minuten eingestellt war.
    Auf einmal ertönte ein Horn, die Zeit begann zu laufen. Es war wohl an der Zeit, die Pokémon in den Kampf zu schicken... Auch wenn ich es ungern zugab, war ich gespannt, auf welche Weise sich ein solcher Kampf von einem normalen unterschied. Immerhin hatte ich es immer geliebt, Mum bei ihren Arenakämpfen zuzusehen, meist vom Balkon über dem Feld aus. Claire und Siegfried hatten soviel Zeit wie möglich mit dem Trainieren verbracht, ich aber war immer eher eine Theoretikerin gewesen. Vor allem Mums Dragonir hatte mich fasziniert, mit all seinen Tricks, die es zu ihrem stärksten Pokémon gemacht hatten. Aus diesem Grund hatte es sich auch nie zu einem Dragoran weiterentwickelt, denn vor allem die Techniken gegen Eis wären nicht mehr ausführbar gewesen. Ich lächelte verhalten. Auch mein Dragonir beherrschte ein paar dieser Kniffe, die Mum immer gern angewendet hatte.
    Ein Ruf holte mich in die Gegenwart zurück. Jan hatte gerade sein Felino gerufen, nun warf auch seine Gegnerin ihren Ball, um ein Ledyba erscheinen zu lassen. Ein Käfer gegen einen Fisch... Was war das für ein Kampf? Klar, ein Anfängerkampf. Dennoch, es konnte wohl interessanter werden als ich gedacht hatte.
    „Felino, starte mit einem Lehmschuss!“, befahl Jan. Seine Gegnerin hingegen grinste nur und gab kein Kommando. Eine logische Reaktion. Schließlich hatte Ledyba einen Käfer/Flug-Dualtypen, sodass ihm der Lehmschuss überhaupt nicht schadete. Jan war das anscheinend nicht klar, also versuchte er es ein weiteres Mal.
    Diesmal aber überraschte das Ledyba Felino. „Los, Tempohieb!“, rief seine Trainerin.
    „Verdammt! Felino, versuch auszuweichen, indem du Aquaknarre gegen den Boden richtest!“ Hatte die Sache mit den Boden-Attacken begriffen oder reagierte er einfach nur angemessen auf die Situation? Doch angemessen war wohl nicht das richtige Wort. Ledybas Tempohieb traf voll ins Schwarze. Sofort wurden Jan zwanzig Punkte abgezogen.
    „Ein wunderschön ausgeführter Tempohieb, der noch dazu voll trifft! Dieser Kampf scheint vollkommen von Ledyba kontrolliert zu werden, aber wer weiß? Vielleicht kann Felino noch überraschen?“, rief die Kommentatorin dazwischen. Was schwärmte sie so von der Attacke? Mir war daran jedenfalls nichts Besonderes aufgefallen... Wettbewerbe, war mein einziger Gedanke.
    Auf der Bühne schien Jan seine Boden-Attacken aufgegeben zu haben. Wusste er, warum oder tat er es einfach, weil sie keinen Effekt hatten? „Los, versuch es einmal mit Matschbombe!“, gab er gerade ein Kommando.
    „Block mit Kometenhieb ab!“ Eine interessante Strategie, die allerdings gegen eine spezielle Attacke nichts ausrichten konnte.
    Schon diese eine Attacke reichte, um Ledyba zu besiegen. Die Koordinatorin hatte wohl nur darauf geachtet, die Attacken zu trainieren, das Pokémon selbst jedoch nicht. Wie dumm musste man dafür sein? Doch anscheinend war nicht nur ich perplex. Auch auf der Bühne starrten alle das Ledyba an, dem restlichen Publikum schien sogar der Jubel und der Applaus vergangen sein.
    „Nun, ähm,... nun haben wir unseren ersten Finalisten! Jan aus Neuborkia hat mit seinem Feurigel die erste Runde als zweiter abgeschlossen, das Halbfinale hat er mit einer Matschbombe seines Felino geschafft! Wir sehen ihn im Finale wieder! Nur... wer wird sein Gegner sein? In ein paar Minuten finden wir’s raus! Ich hoffe, Sie warten auf uns!“
    Bald darauf begann das zweite Match des Halbfinales. Saras Marill stand nun vor seiner ersten Bewährungsprobe. „Unser erster Kampf ist bereits beendet, doch benötigen wir noch jemand anderen im Finale! Und es wird sich in den nächsten fünf Minuten zeigen, wer es schafft! Aber labere ich nicht schon wieder zu viel? Wie dem auch sein, starten wir den Kampf!“ Erneut wurde das Zeichen zum Starten gegeben, die Kontrahenten riefen ihre Pokémon: Sara natürlich ihr Marill, ihr Gegner ein Ponita. Es sollte eigentlich ein leichter Kampf für das Wasser-Pokémon werden.
    Sara startete sofort den ersten Angriff: „Los, Aquaknarre!“
    „Halte mit Glut dagegen!“ Beide Pokémon entfesselten ihre Attacken, die genau in der Mitte des Feldes aufeinandertrafen. Sobald sie sich berührten, stieg Dampf in die Höhe, da die Glut das Wasser sofort verdampfen ließ. Beiden wurden in gleichem Maße langsam Punkte abgezogen, da kein Strahl den Gegner berührte. Wenn es sein müsste, konnte es wohl die ganze Zeit so weitergehen, ohne dass sich eines der Pokémon einen Vorteil verschaffen könnte.
    „Verdammt, Marill, so wird das nichts! Einigler und dann stoß dich mit deinem Schweif in die Luft!“
    „Ponita, folge dem Pokémon mit deinem Feuer durch die Lüfte!“ Die Aquamaus beendete ihren Angriff, rollte sich zusammen und stieß sich ab, um sich so selbst in die Luft zu katapultieren. Das Feuerpferd hingegen behielt die Attacke bei, sodass Marill gegrillt werden würde, wenn Sara jetzt keinen rettenden Einfall hätte.
    „Oh, wow! Nachdem die beiden durch ihre Attacken den gesamten Luftraum über der Bühne mit feinem Nebel gefüllt haben, ist nun auch Marill in der Luft! Doch wird es gerade geröstet! Wie wird der Kampf weitergehen? Die Uhr zeigt noch ganze drei Minuten!“
    Während diesem Kommentar schien Sara ein Licht aufzugehen. Sie starrte mitten in die Dampfwolke. „Marill, katapultiere dich weiter nach oben, indem du Aquaknarre gegen den Boden richtest!“
    „Folg ihm!“ Mithilfe des Wasserstrahls gelang es Marill, bis in den Nebel aufzusteigen. Dieser fungierte wie ein Schutzschild, der das Feuer um einiges schwächte.
    „Jetzt dreh dich!“, rief Sara triumphierend. War das ihr Plan gewesen? Jedenfalls funktioniere er. Durch die Drehung wurde aus der Aquaknarre eine Spirale, die die gesamte Bühne und auch die ersten Reihen befeuchtete. Einige dort unten kreischten auf... Auch Ponita bekam einiges ab. Auf diese Weise angewandt war die Technik zwar nicht so stark, doch jaulte das Feuer-Pokémon auf, als das Wasser auf seine Mähne und seinen Schweif trafen. Es unterbrach seine Glut.
    Es war nur noch eine knappe Minute zu kämpfen. Sara hatte allerdings einen großen Vorsprung herausgeholt. Einen so großen Vorsprung, dass sie eigentlich auch die Punkte ihres Gegners auslöschen konnte, bevor die Zeit aus war. Und genau das schien sie auch vorzuhaben, denn kaum hatte ihre Aquamaus wieder festen Boden unter den Füßen, rief sie siegessicher: „Los! Beende es mit Aquaknarre!“
    „Du glaubst wohl nicht, dass die Attacke Ponita jetzt nahe kommt? Ponita, wieder Glut!“
    „Vergiss du mal nicht deinen Punktestand!“ Die Koordinatorin grinste, als sie einen Blick auf die Punktanzeige warf. Gerade war auf dem einen Balken zu sehen: 2 – 1 – 0. Dann ertönte auch schon das Signal. Sara hatte es also geschafft, ins Finale einzurücken!
    „Auch der zweite Halbfinalkampf ist damit entschieden. In einer Viertelstunde geht’s weiter mit dem Finale, also warten Sie auf uns! Ich muss allerdings unsere beiden Finalisten hinter die Bühne bitten, außerdem sollten alle anderen Teilnehmer den Aufenthaltsraum verlassen. Ein Mitarbeiter des Wettbewerbskomitees wird Ihnen den Weg zur Koordinatorenloge zeigen, von wo aus Sie in aller Ruhe den Finalkampf verfolgen können! Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß! In fünfzehn Minuten sehen wir uns wieder!“
    Um mich herum begannen die Leute zu plaudern. Ich hingegen lehnte mich entspannt in meinem Sessel zurück. Wettbewerbe waren doch nicht so übel, wie ich gedacht hatte. Die Kämpfe waren sogar recht spannend, wenngleich die Verfrühungen zum Einschlafen waren. Ich musste zugeben, beide Halbfinalkämpfe hatte ich sogar als spannend empfunden. Während ich still vor mich in mich hinein philosophierte, verging die Pause viel schneller, als ich angenommen hatte.


    „Nun endlich wird das Finale ausgetragen. Ich will Sie zuvor aber an eine Regeländerung speziell für Anfängerwettbewerbe im Vergleich zu normalen erinnern: Anders als bei anderen Wettbewerben erhält hier jeder der Finalisten ebenfalls ein Startguthaben von hundert Punkten. Sollten Sie nicht mit den Regeln vertraut sein, werde ich es Ihnen erklären: Für das Finale wird die Punktzahl berechnet, indem man die übrig gebliebenen Punkte des Halbfinales durch zwei teilt. Bei einer ungeraden Zahl wird vorher aufgerundet, mit halben Punkten kann der Computer nicht rechnen! Zu dieser Menge werden noch weitere fünfzig Punkte hinzugezählt. Und das ist auch schon die ganze Hexerei! Nun allerdings wird es Zeit, deshalb stelle ich Ihnen unsere beiden Gegner vor: Auf der einen Seite haben wir Jan aus Neuborkia, der in der ersten Runde mit seinem Feurigel als Zweitbester abgeschnitten hat und das Halbfinale mit Felino gemeistert hat! Auf der anderen Seite sehen wir Sara, ebenfalls aus Neuborkia! Sie hat die erste Runde mit Endivie knapp gemeistert hat, im Halbfinale allerdings mit Marill bestochen hat! Doch nur einer der beiden wird das Rosalia-Anfängerband am Ende in der Hand halten? Ich sage, finden wir‘s raus! Und wie? In einem Doppelkampf, bei dem beide Pokémon eingesetzt werden! Bevor es losgeht, sage ich: Kampf ab!“ Eines musste ich Miriam lassen: Sie hatte die Fähigkeit, alle Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Doch auch die Lichteffekte trugen einiges zur Spannung bei: Kaum hatte die Kommentatorin ihre Rede abgeschlossen, gingen sämtliche Lichter im Saal aus, bis vier Scheinwerfer das Kampffeld beleuchteten. Dann erst wurde das Startsignal gegeben.
    Die beiden Kontrahenten riefen sofort ihre Pokémon.
    Sobald die vier erschienen waren, gaben ihre Trainer im selben Sekundenbruchteil die Kommandos. „Endivie, Rasierblatt auf Felino, Marill, Aquaknarre auf Feurigel!“ Sie versuchte also, mit Typenvorteil zu kämpfen. Doch vergaß sie das Wichtigste beim Doppelkampf: Die Pokémon konnten als Team zusammenarbeiten.
    Genau das machte Jan auch. „Feurigel, verbrenn die Blätter! Und Felino, stell dich vor Feurigel!“ Natürlich, das war die sinnvollste Lösung. Doch war Felino nicht nur ein Wasser-Typ. Dank dem Ausgleich durch Boden waren Wasser-Attacken normal effektiv.
    Das war nun Saras Glück, denn so wurde Felino stärker verletzt als Jan anscheinend angenommen hatte. Ihm wurden einige Punkte abgezogen. Meine Reisebegleiterin sah darin eine Chance: „Greift beide Felino an!“, rief sie ihren Pokémon zu. Sofort regierten diese; Die Rasierblätter wurden allerdings vom Wasserstrahl mitgerissen. Ein Vorteil, wenn man genau überlegte. Sie konnten so nicht verbrannt werden.
    Jan sah, dass sein Fisch nicht ausweichen konnte. Anstatt eines unnötigen Kommandos beschloss er jedoch einen Vergeltungsschlag: „Feurigel, Glut, während das Endivie nicht ausweichen kann!“ Es schien, als wollte er ein Doppel-KO riskieren. Doch war sein Pokémon dann nicht im Nachteil? Irgendetwas hatte er vor... Ich warf einen Blick auf die Zeitanzeige. Noch dreieinhalb Minuten, noch genug Zeit, das Blatt zu wenden.
    Die Punktestände schrumpfen langsam, während die Attacken ausgeführt wurden. Dann endlich fiel Felino um und die Schiedsrichter werteten es als besiegt.
    Gleich darauf war auch Saras Laub-Pokémon erledigt.
    „Auf jeder Seite wurde ein Pokémon besiegt! Das bedeutet für jede Seite fünfzig Punkte Abzug, und das, wo gerade einmal zwei Minuten um sind! Meine lieben Zuschauer, werfen Sie einen Blick auf die Tafel! Nun ist der Unterschied zwar gering, aber kann Jan sich die Führung erobern, obwohl sein Feurigel im Nachteil ist? Ja, das sind Wettbewerbskämpfe, wie wir sie lieben!“, kam von irgendwo aus der Dunkelheit hinter dem Feld Miriams Stimme.
    „Nun bin ich dort, wo ich sein wollte! Schaufler, damit machen wir dieser Aquamaus den Garaus!“
    Mir war, als hielte der gesamte Saal die Luft an. Der gesamte Saal, außer mir. Denn in diesem Moment ging meine PokéCom an. „Was denn...“, knurrte ich und nahm ihn aus der Hosentasche. Ich hatte einen Anruf von Prof. Lind. Ich drückte auf „Annehmen“ und meinte: „Professor, könnte ich Sie später vielleicht zurückrufen?“
    „Oh, hallo, Maj. Tut mir leid, aber es muss jetzt sein. Ich gehe gleich mit meiner Frau essen, aber ich habe eine Mail von Mr. Pokémon bekommen.“
    Ich stöhnte. „Was will er denn diesmal entdeckt haben?“
    „Angeblich ein Pokémon-Ei, das noch vollkommen unbekannt ist. Wie gesagt, angeblich. Trotzdem... schau es dir bei nächster Gelegenheit an und sag mir Bescheid. Meine Frau wird langsam ungeduldig, tschüss.“ Er legte auf.
    „Wiederhören, Professor...“, murmelte ich. Entweder quatschte er ewig oder gar nicht. Warum konnte ich nicht einen normaleren Chef haben? Nun, besser, einen verrückten Chef als eine verrückte Familie. Ich hatte aber beides. Warum nur... Missgelaunt schaute ich wieder zur Bühne. Beide Pokémon standen noch, aber Jan hatte kaum noch Punkte auf dem Konto. Wie ist denn das passiert?, fragte ich mich in Gedanken. Das Gespräch war so kurz gewesen und doch hatte ich das Interessanteste verpasst.
    „So, Marill, jetzt beenden wir es mit Aquaknarre!“
    „In die Erde!“ Sofort vergrub Feurigel sich wieder.
    „Jetzt lass das Wasser ins Loch!“ Das kleine Wasser-Pokémon zielte auf das Loch, das Feurigel hinterlassen hatte, um so die Aquaknarre hineinströmen zu lassen. Jans Punkte schrumpften und näherten sich...
    Dong! Sie waren auf null.
    Sofort brach die Hölle los. Sogar Miriam hatte Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. „Wir haben unsere Siegerin! Sara aus Neuborkia gewinnt das Anfänger-Band von... Hören Sie mir überhaupt zu? Sobald unsere Bühne wieder aussieht wie eine Bühne, fahren wir mit der Verleihung an. Haben Sie gehört? Ich sagte... ach, bleiben Sie einfach hier, bis es weitergeht! Viel Spaß!“
    Ich hielt es in diesem Irrenhaus nicht weiter aus. „Psiana?“, meinte ich kurz angebunden, dann stand ich auf. Langsam ging ich die Stufen hoch, durch die Tür und den anschließenden Gang, bis ich mich in der Empfangshalle wiederfand. Dort wartete ich eine gute Stunde, bis Sara regelecht angetanzt kam.
    „Maj?“
    „Hallo.“ Ich war gerade einigen Gedanken nachgehangen.
    „Wie hast du denn den Finalkampf gefunden? Sag schon!“
    Ich beschloss, ehrlich zu sein. „Schlecht. Dein Glück war, dass Felino ein Wasser/Boden-Dualtyp ist, ansonsten hättest du verloren. Doppelkämpfe verlangen Teamwork von Menschen und Pokémon. Beiden kämpfenden Pokémon.“
    „Was soll das heißen?“
    „Wenn du willst, führ ich es dir morgen vor. Aber bedenke: Ich mache selten solche Angebote. Ich frag dich jetzt nur, weil mir in diesem Kampf die Dynamik gefehlt hat.“
    „Aber–“
    „Überleg es dir. Morgen will ich dann eine Antwort.“
    Den Rest des Weges gingen wir schweigend nebeneinander her.


    Als wir beim Abendessen im Pokémoncenter saßen, sagte Sara: „Gut, du hast mich überzeugt. Zeig mir morgen bitte, was du gemeint hast.“
    „Gut“, meinte ich einsilbig. Der Haufen Sandwiches vor mir sah einfach zu verlockend aus, als dass ich mehr sagen wollte.
    „Ich glaube, ich bleibe lieber bei den Wettbewerben. Die Arenen können mir gestohlen bleiben.“
    Ich schaute auf. „Ach?“
    „Ja. Wettbewerbe sind so... schön. Es macht mir einfach Spaß, alles so elegant auszubauen. Aber weißt du, wo noch Wettbewerbe stattfinden?“
    Ich kramte den Reiseführer heraus, den mir Prof. Lind gegeben hatte. Mist! Ich hatte mir immer noch keine größere Tasche gekauft, und jetzt hatten die Geschäfte schon alle geschlossen. Zweifelnd warf ich einen Blick auf den Umschlag, dann auf mein Sandwich.
    Seufzend legte ich mein Essen auf den Teller und überflog das Inhaltsverzeichnis des Führers. „Mal sehen... Ah, hier: In Dukatia, Teak, Anemonia und in Mahagonia. Das große Festival findet übrigens in Dukatia statt.“ Doch fiel mir etwas anderes auf. Rosalia war nicht eingetragen. Vermutlich ein Tippfehler, ich dachte mir nicht Großartig etwas dabei.
    „Nun ja, dass das große Festival in Dukatia stattfindet, hätte ich mir ja denken können. Schließlich ist es die größte Stadt Johtos.“
    „Und obendrein noch die Hauptstadt. Ach, übrigens, wenn wir morgen weiterreisen, müssen wir einen Umweg machen. Der Professor hat einen Bekannten, der angeblich“, dieses Wort betonte ich besonders, „etwas entdeckt hat. Ich würde aber nicht viel darauf geben, der findet ständig irgendwas längst Entdecktes und glaubt, etwas Besonders gefunden zu haben.“ Ich packte den Reiseführer wieder ein und wandte mich schweigend meinem Abendessen zu.


  • 5. Kapitel: Die Entdeckung


    [align=justify]Kaum waren wir am nächsten Morgen aufgestanden, drängte Sara mich auch schon dazu, mein Versprechen einzulösen. „Oder hast du es dir schon überlegt?“, fragte sie mich, als wir zum Frühstück gingen.
    „Nicht ohne mein Joghurt“, meinte ich, „außerdem werde ich dir erst alles erklären, wenn wir unterwegs sind. Hier gibt es genau ein Kampffeld, und ich weiß nicht, wie lange wir beschäftigt sein werden. Ich will nicht unbedingt, dass wir es den ganzen Vormittag belegen. Andere Trainer wollen sicher auch kämpfen. Aber keine Sorge... Ich hab's dir immerhin versprochen und was ich verspreche, halte ich auch.“
    „Was findest du eigentlich so an Amrenabeeren?“, wechselte meine Begleiterin plötzlich das Thema.
    Ich beschloss, auf ihre Frage einzugehen. Das würde sie vermutlich von weiterer Nörgelei abhalten. „Sie sind schön scharf. Zwar nicht so scharf wie Giefebeeren oder überhaupt leckere Tamotbeeren, aber nicht ohne. Noch dazu haben sie die perfekte Größe für ein Joghurt, man muss sie nicht klein schneiden.“
    „Wie bitte? ‚Leckere Tamotbeeren‘? Aber... die verbrennen einem doch die Lippen!“, kreischte Sara.
    Ich zeigte mich unbeeindruckt. „Mir schmecken sie und die Lippen hab ich mir noch nie verbrannt, obwohl ich schon ziemlich viele gegessen hab. Deswegen brauchst du nicht das ganze Center aufzuwecken.“
    Die junge Koordinatorin warf mir einen zweifelnden Blick zu, sagte allerdings nichts.


    Nach einem gemütlichen Frühstück in ein wenig seltsamer Atmosphäre gingen wir zu Route 30. Hierbei handelte es sich um eine lange, flache Straße in nördliche Richtung, die später nach Westen in Richtung Viola City abbog. Ganz in der Nähe befand sich auch das Haus von Mr. Pokémon.
    Doch bevor wir ihn aufsuchen würden, musste ich mein Versprechen Sara gegenüber einlösen. Deshalb blieb ich schon auf der nächsten halbwegs geeigneten Grasfläche stehen.
    „Hol deine Pokémon raus, ich zeig dir die Grundregeln für einen Doppelkampf.“ Ich selbst zuckte nur einen meiner Pokébälle; das zweite Pokémon, das ich einsetzen wollte, stand bereits vor mir. „Nachtara!“, rief ich und warf den Ball, woraufhin sich das Mondgeschöpf aus dem roten Licht heraus materialisierte. Psiana und Nachtara. Tag und Nacht, Psycho und Unlicht, Sonne und Mond, Yin und Yang, Hell und Dunkel. Noch dazu konnte meine beiden ähnliche und sogar gleiche Attacken, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Sara hatte inzwischen Marill und Endivie herausgeholt und starrte nun meine Pokémon an, die sich perfekt synchron hingesetzt hatten, Psiana rechts, Nachtara links, und sich keinen Millimeter rührten. Sie hatten beide die Schweife um die Körper geschwungen, die Spitzen jeweils nach außen zeigend. Ein wunderschönes Bild, das musste ich selbst zugeben.
    Sara war von diesem Anblick hin und weg. „Wow...“, hauchte sie, „Wenn ich‘s nicht besser wüsste, würde ich sagen, die bist eine wahnsinnig gute Koordinatorin...“
    „Die beiden haben sich das selbst beigebracht, weil sie es einfach lieben, zu zweit zu kämpfen. Wenn ich Pech habe, kann es passieren, dass sich Nachtara weigert, in einem Doppelkampf nicht zusammen mit Psiana zu kämpfen. Ich lass sie aber sowieso meist so kämpfen. Sie ergänzen sich gegenseitig. Damit wären wir schon beim ersten Punkt: Deine Pokémon sollten entgegengesetzte Typen haben. So können sie sich gegenseitig decken.“
    „Das heißt... wie Feuer und Wasser? Pflanze und Wasser?“
    „Genau. Psycho und Unlicht. Elektro und Wasser. Was auch immer dir einfällt. So kann ein Pokémon das andere decken. Punkt zwei: Teamarbeit. Wenn du einfach nur Attacken auf den Gegner abschießen lässt, als ob du einfach zwei verschiedene Kämpfe zur gleichen Zeit erledigst, kannst du mit einer Kombination leicht überrumpelt werden.
    Dabei wären wir gleich bei einem weiteren wichtigen Punkt: Den Attacken. Setzt nie zwei ein, die sich gegenseitig auflösen, wie Rasierblatt und Glut.“ Ich musste an Saras misslungenen Versuch vom Vortag denken. „Wenn beide Pokémon die gleiche Attacke beherrschen, warum nützt du es nicht aus?“ Ich warf einen Blick auf Psiana und Nachtara, die mit einer fließenden Bewegung aufstanden. „Biss!“, befahl ich beiden.
    Sie legten sofort los, liefen einen Bogen nach außen, sodass sie die beiden anderen Pokémon einkesselten. Sara starrte entsetzt auf den hellvioletten und den schwarzen Streifen.
    „Gut, das reicht!“, sagte ich kurz bevor der Angriff tatsächlich vonstatten ging. Ich bekam zwei enttäuschte Blicke zugeworfen. „Das hier ist kein Kampf, ihr beiden, sondern einfach nur ein Crashkurs. Verstanden? Euren Kampf werdet ihr schon noch kriegen, versprochen. Aber nicht heute!“
    „Nacht...“, murrte Nachtara.
    Ich starrte es belustigt an. „Klappe!“, meinte ich, konnte mir ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Dann blickte ich wieder zu Sara. „Wo war ich stehengeblieben... ach ja, gleiche Attacken. Wie du gesehen hast, ist das ja ganz praktisch. Es funktioniert natürlich auch mit anderen Attacken, aber mir zwei gleichen hat es einen ziemlich... durchschlagenden Effekt, meinst du nicht auch?“
    „Irgendwie... schon...“ Sie starrte noch immer auf die Stelle, an der meine Pokémon den Angriff abgebrochen hatten.
    „Na bitte, ich sag‘s ja. Nun gut, kommen wir zum letzten Punkt, den ich dir erklären will: Was machst du, wenn du eine Attacke einsetzen willst, die länger dauert, weil sich das Pokémon erst aufladen muss?“
    „Ähm... Keine Ahnung?“
    Das war ja zu erwarten gewesen. „Das Zauberwort heißt: Ablenkung. Warte, ich zeig‘s dir. Das heißt, eigentlich zeigen es dir die beiden hier.“ Mehr Aufforderung meinen Pokémon gegenüber war nicht nötig. Nachtaras Muster begannen sofort zu glühen.
    Zur Sicherheit warf ich einen Blick auf Sara. Perfekt, sie beobachtete nur das Unlicht-Pokémon. „Gehe ich recht in der Annahme, dass du in einem Kampf jetzt Nachtara angreifen würdest?“
    „Ja.“
    „Dann bist du auf meinen alten Trick reingefallen. Psiana wird angreifen. Es hat sich in der Zwischenzeit aufgeladen. Nun, du weißt, was du zu tun hast!“ Der letzte Satz war an das Psycho-Pokémon gerichtet, das sich in den letzten Sekunden aufgeladen hatte. „Hyperstrahl!“, rief ich hingebungsvoll. Mit Abstand die stärkste Attacke in meinem gesamten Team. Dennoch setzte ich sie nur sehr selten ein, da sich Psiana vorher, nicht nachher wie andere Pokémon, aufladen musste. Noch dazu hatte es den Angriff manchmal nicht vollständig unter Kontrolle. Dennoch, das hier war schließlich nur ein Training.
    Auf mein Kommando hin entfesselte das Pokémon sofort den mächtigen Strahl. Viel zu mächtig, und noch dazu in die völlig falsche Richtig, nämlich genau auf mich zu. Ich machte einen Hechtsprung nach links, gerade noch rechtzeitig...
    Dennoch bekam ich einiges von der Druckwelle ab. Sie schleuderte mich regelrecht einige Meter weg, wo ich recht hart auf dem mit federndem Gras bewachsenen Boden aufschlug. Dadurch wurde der Sturz abgebremst, doch hörte ich Saras entsetzen Schrei. Mühsam rappelte ich mich auf.
    „Psiana, so war das eindeutig nicht gedacht. Das war viel zu stark. Außerdem ging es in die falsche Richtung. Hast du mich falsch verstanden oder hat's einfach wieder einmal nicht funktioniert, hm? Ich hoffe für dich, dass es die zweite Möglichkeit war“, meinte ich, während ich mir die Grashalme aus den Haaren zog. „Nur gut, dass hier das Gras so dicht und weich ist. Sonst hätte es schlimmer ausgehen können.“
    Sara war inzwischen zu mir gekommen. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
    „Ein paar blaue Flecke, dank dem Gras. Wenn das hier Felsen gewesen wären...“ Ich wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. „Wie dem auch sei, der Doppelkampf-Crashkurs ist sowieso zu Ende. Wir sollten nun einmal zu Mr. Pokémon gehen.“ Ich fuhr mir mit den Händen noch einmal durch die Haare. „Noch irgendwo ausgerissene Grashalme zu sehen?“
    Meine Reisebegleiterin starrte mich verdutzt an. „Ähm... du wurdest gerade einige Meter weit geschleudert und das Einzige, was dich interessiert, ist ob du noch Gras in den Haaren hast?“
    „Mich interessiert momentan, was Mr. Pokémon angeblich entdeckt hat. Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
    Sie schüttelte den Kopf. „Du bist echt seltsam, Maj. Was macht dieser Mr. Pokémon eigentlich so? Ich meine, was hat er für einen Beruf.“
    Skeptisch schaute ich sie an. Kam es mir nur so vor, oder machte es ihr Spaß, meine Frage nicht zu beantworten? Dann musste es eben so gehen. „Bei nächster Gelegenheit werd ich duschen...“, murmelte ich, während ich mein Nachtara wieder in den Ball beförderte. „Du solltest Endivie und Marill auch zurückrufen. Ich wird dir erzählen, während wir weitergehen.“
    Folgsam schickte Sara ihre Pokémon in die Bälle, dann gingen wir weiter.
    Ich begann, nachdem wir ein Stück gegangen waren: „Eigentlich war Mr. Pokémon ein Lehrer von Prof. Lind auf der Uni, allerdings noch ziemlich am Anfang. Ich weiß allerdings nicht, was der Alte dort gelehrt hat, auf alle Fälle sind sie in Kontakt geblieben, als der Professor dann seine Kurse abgeschlossen hatte. Inzwischen gönnt sich Mr. Pokémon seine wohlverdiente Rente. Jedoch ruft er immer wieder im Labor an, wenn er etwas – angeblich – entdeckt hat. Er kennt nämlich einen Haufen Leute, nicht nur in Johto. Die sagen ihm dann Bescheid, er dem Professor, und ich darf dann zum Haus zockeln und was auch immer es ist abholen. Meistens, eigentlich fast immer, ist es sowieso nichts Interessantes. Trotzdem, ich war echt froh, als sich mein Dratini sich entwickelt hat. Dank Dragonir hab ich nicht immer einen ganzen Tag gebraucht, bis ich zurück war, sondern nur ein paar Stunden. Ach ja, er ist außerdem auch noch ein guter Freund von Prof Eich. Ich hab aber keine Ahnung, woher sich die beiden kennen. Sonst noch Fragen?“
    „Wie alt ist er?“
    Ich warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Woher soll ich das wissen? Alt. Sonst wäre er nicht in Rente.“
    „Natürlich. Was anderes – wie alt bist du? Und hast du Geschwister? Und den ganzen anderen Kram. Ich hab dir schon mein ganzes Leben erzählt, du mir noch gar nichts. Was ist Maj überhaupt für ein Name? Bitte beantworte diese Frage als erste.“
    Innerlich musste ich kichern. Es wurde schließlich einmal Zeit, dass sie mich fragte. Inzwischen hatte ich immerhin genau beschlossen, wie viel ich ihr verraten sollte. „Maj ist mein Spitzname“, begann ich, „Mein vollständiger Vorname lautet Maja Kassandra Sandra. Ziemlich lang, und Maja alleine gefällt mir auch nicht – deswegen sage ich meist einfach nur Maj. Allerdings gibt es immer ein paar Unbelehrbare, die Maja sagen, obwohl ich es nicht wirklich leiden kann... dagegen kann man halt nichts machen. Ich denke, das beantwortet deine Frage. Weiter im Text – ich bin fünfzehn und lebe in Ebenholz City. Ich habe zwei Geschwister, einen Bruder und eine Schwester. Wir sind Drillinge. Was sonst noch?“
    „Was ist mit deinen Eltern?“
    Ein pikantes Thema, das musste ich zugeben. „Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, er hat Mum sitzenlassen, noch während sie schwanger war. Ihrer Bezeichnung nach war er aber ein ‚hübscher junger Mann aus einer anderen Region, der mit seinem Charme und seiner Fröhlichkeit einfach so bezaubernd war‘, dass sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt hat. Mum ist auch nicht mehr da. Weißt du, in meiner Familie gibt es nämlich eine Tradition, die vorschreibt, dass die Mutter geht, sobald das älteste Mädchen vierzehn wird.“ Damit die Arena eine neue Leiterin bekam, aber das brauchte ich ihr ja nicht auf die Nase binden. „Jetzt sucht sie ihr Glück irgendwo anders.“
    Sara schaute mich betroffen an. „Tut mir leid für dich. Hast du in Ebenholz nicht andere Verwandte?“
    „Schon in Ordnung, ich bin schließlich mit der Gewissheit aufgewachsen, dass Mum eines Tages gehen musste. Andere Verwandte hab ich in der Stadt nicht, ich kenne immerhin meine komplette väterliche Verwandtschaft nicht, meine Großmutter musste auch so gehen, wie es meine Mum musste und mein Opa lebt in Hoenn.“ Drake Drachenmeister, der letzte der Top Vier in Hoenn. Lauter starke Drachentrainer unter meinen Vorfahren. „Bei ihm lebt auch eine Cousine von mir, und hier in Johto, in der Nähe von Viola City, wohnt allerdings eine weitere Cousine.“ Lisa, die Wächterin im Gluracific Nationalpark. „Sonst kenne ich keine weiteren Verwandten von mir. War‘s das mit deinen Fragen?“
    „War Psiana dein erstes Pokémon?“
    Ich konnte nicht anders: Ich musste einfach in hohles Kichern ausbrechen. Psiana – mein erstes Pokémon? Was für eine Frage! „Nein“, meinte ich schließlich, nachdem ich mich beruhigt hatte, „Ganz nach alter Sitte war mein erstes Pokémon Dragonir. Nun... Psiana hab ich mir noch am gleichen Tag gefangen.“
    Nun schienen Sara die Fragen ausgegangen zu sein. Auch gut, dachte ich und ging ebenfalls schweigend weiter.

    Nach einiger Zeit erreichten wir dann die kleine gemütliche Villa von Mr. Pokémon. Sie lag direkt vor dem Wald, davor blühten hunderte Blumen. Ein schöner Anblick, wenngleich die Erhaltung der Anlage wohl einiges an Zeit in Anspruch nahm. Direkt am Zaun begann ein weißer Kiesweg, der direkt zur Eingangstür führte.
    Dort angekommen drückte ich gleich einmal auf die Klingel.
    „Guten Tag?“, vernahm ich eine tiefe männliche Stimme, die, wie ich wusste, dem Butler gehörte, nachdem sich das Knacksen in der Leitung gelegt hatte.
    „Guten Tag. Maj, die Assistentin von Prof. Lind. Ich habe den Auftrag, dass ich hier wieder einmal etwas anschauen soll?“
    „Oh, Maj, Sie sind es! Schön, dass Sie da sind. Ja, ich habe tatsächlich etwas. Wenn ich Sie bitten dürfte, nach hinten in den Garten zu kommen? Der Hausherr hat es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht.“
    „Natürlich“, erwiderte ich höflich, bevor die Verbindung wieder getrennt wurde.
    Im Garten angekommen bemerkte uns Mr. Pokémon sofort und sagte: „Ach, Maja! Es freut mich, dass Sie mich wieder einmal beehren. Aber wer is denn diese junge Dame hier?“
    „Das ist Sara. Wissen Sie, ich bin momentan eigentlich dabei, für eine neue Version den Pokédex Daten zu sammeln. Alleine wäre so etwas ja recht langeilig, und da sie an genau dem Tag – das heißt, vorgestern – ihr erstes Pokémon erhalten hat...“
    „Verstehe, verstehe... Nun, ich denke, es wird Zeit, dass ich Ihnen meine neue Entdeckung zeige... mein Butler wird sie wohl gleich bringen. Es handelt sich dabei um ein Pokémon-Ei, ich habe allerdings trotz emsiger Nachforschungen nicht herausgefunden, was daraus schlüpfen wird...“ Der alte Mann seufzte und rutschte in eine bequemere Position in seinem Korbsessel. „Wie dem auch sei... Maja, Sie wollen doch alle Evoli-Entwicklungen besitzen, nicht wahr?“, wechselte er plötzlich das Thema.
    „Ähm... ja. Allerdings fehlt mir noch ein Blitza.“ Was sollte das jetzt?
    Mr. Pokémon klatschte plötzlich in die Hände. „Sehr gut! Wissen Sie, ich habe vor kurzem ein solches geschenkt bekommen, von einem Freund aus... wo lebt er nochmal? Ich glaube, ich habe es vergessen... Wie dem auch sei, dieses Blitza ist viel zu energiegeladen. Ich brauche es nur aus dem Ball lassen, will es sofort mit Blitzen um sich schießen.“ Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Ich denke, was ihm fehlt, ist ein Trainer, der es fördert. Jemand, bei dem es auch auf seine Kosten kommt. Deshalb würde ich es Ihnen gerne schenken. Ich wüsste es dann in besten Händen und bräuchte mir keine Sorgen um meine Möbel machen. Was sagen Sie?“
    Verblüfft starrte ich ihn an. Ich brauchte einige Sekunden, um mich wieder in den Griff zu kriegen. „Oh, vielen Dank. Das wäre nicht nötig...“
    „Für mich ist es nötig. Sonst legt es mir eines Tages noch die ganze Villa in Schutt und Asche.“ Umständlich kramte er in seinen Sakkotaschen, bis er einen kleinen rot-weißen Ball heraus holte. „Ich bestehe darauf“, meinte er mit ernstem Blick und fester Stimme.
    „Nun, ich denke, da kann ich nicht nein sagen“, sagte ich schließlich zögerlich. Das streckte ich vorsichtig meine Hand aus und umschloss den Pokéball. „Vielen Dank“, murmelte ich, nachdem ich ihn an meinem Gürtel befestigt hatte.
    „Gern geschehen.“ Der alte Mann lächelte mich an. „Aber was bin ich nur für ein unhöflicher Gastgeber! Setzen Sie sich doch, meine Damen!“
    Dankbar nahmen wir Platz, doch kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, kam der Butler mit dem Ei. Es war bis auf ein schmales gelbes Oval vollständig pink gefärbt. Entsetzt starre ich es an. Ich wusste, was für ein Pokémon daraus schlüpfen sollte...
    „Nun, haben Sie eine Idee?“
    „Ja, die habe ich“, erklärte ich mit zitternder Stimme. Vor Zorn und Hass oder vor Angst? Ich wusste es nicht. „Dieses Ei enthält ein Shiny-Pokémon... ein Shiny Sniebel“, eröffnete ich langsam. „Während sie normalerweise schwarz mit einer pinken Feder sind, haben Shinys dieser Pokémon-Art pinkes Fell und eine gelbe Feder.“
    Mr. Pokémon starrte mich verdutzt an. „Ich weiß ja, dass Sie aus Ebenholz City stammen, Maja, und dass Sie deshalb Eis-Pokémon nicht wirklich mögen... Aber wieso dieser Hass, wenn ich fragen darf?“
    „Sie dürfen. Wissen Sie...“, begann ich, doch dann überlegte ich mir meine Wortwahl noch einmal. „Als ich sieben Jahre alt war, habe ich mich einmal – nur dieses eine Mal – in den Eispfad begeben. Ohne Begleitung.“ Eine Mutprobe, dank diesem Wichtigtuer Lukas damals. War der ein verdammter Idiot gewesen... „Dort habe ich dann die wilden Sniebel aufgescheucht. Ihr Anführer – ein Shiny – hat mich dann mich dann angegriffen. Und mir dabei diese Narbe zugefügt.“ Ich zeigte auf mein rechtes Handgelenk, wo der dünne, kaum zu sehende weiße Streifen sich in einer perfekten Geraden bis zum Zwischenraum von Ring- und Mittelfinger zog und dann über das erste und zweite Glied von kleinem und Ringfinder ging. „Seitdem kann ich meine Hand nicht bewegen, wenn auf irgendeine Weise Druck auf die Narbe ausgeübt wird.“ Mein Glück war gewesen, dass Mum mir gefolgt war und mich so gerettet hatte. Ansonsten... ich wollte nicht weiterdenken. Lukas hatte allerdings eine mit meiner Linken geschmiert bekommen. Sobald meine Rechte auch wieder halbwegs einsatzfähig gewesen war, hatte er damit auch eine eingefangen. Später war er mit seiner Familie weggezogen. Sein Glück, ansonsten hätte ich ihn herausgefordert, sobald ich zehn geworden war. „Jedenfalls... das ist der Grund, warum ich Sniebel – insbesondere Shinys – so sehr hasse.“
    Es folgte eine bedrückende Stille.


  • Dieses Kap hat fast vier Seiten, wenn ich denke, dass ich das mit dem anderen zusammenlegen wollte... und ich hab schon wieder weniger Handlung untergebracht als ich dachte, also der versprochene Kampf muss noch warten. Gut, ich hätte zwar noch weiterschreiben können, aber ich denke, hier hab ich gut abgebrochen, später wird es wohl schwerer werden... kommt auch darauf an, wie viel mir einfällt ^^ Wie dem auch sein, das wird die Zukunft zeigen...


    6. Kapitel: Die Ereignisse überstürzen sich


    [align=justify]Sara brach sie schließlich mit recht zittriger Stimme: „Wie... wie meinst du das mit der Hand?“
    Ich warf ihr bloß einen traurigen Blick zu, dann nahm ich Psianas leeren Pokéball in die rechte Hand, den Handrücken nach oben gestreckt. „Ich meine es... so.“ Nach diesen Worten hob ich meine Linke und legte sie sanft auf den schmalen Streifen. Sofort verlor ich jegliches Gefühl vom Handgelenk ab und die Hand erschlaffte so plötzlich, dass der Ball aus meinen kraftlosen Fingern glitt. Mit einem schnellen Reflex fing ich ihn mit links wieder auf.
    Ein paar Sekunden später kehrte auch das Gefühl bis in die Fingerspitzen zurück. Probeweise bewegte ich meine Finger, zufrieden, dass es so schnell gegangen war. „Je stärker der Druck, umso länger bleibt die Hand gelähmt. Am Anfang war es schon seltsam... bei jeder unbedachten Bewegung, wenn irgendetwas streifte, fiel mir alles aus der Hand. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt... Ich kann nicht einmal jemandem die Hand schütteln. Wie auch immer... Vergangenes kann man nicht rückgängig machen. Was macht es jetzt noch Sinn, darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn ich nicht zum Eispfad gegangen wäre? Ich werde auf alle Fälle einmal dem Professor Beschied sagen.“ Mit diesen Worten nahm ich meinen PokéCom und suchte im Verzeichnis nach der Nummer des Labors.
    „Maj, verstehst du, es ist nur...“
    Ich konnte mir denken, was sie sagen wollte. „Sara, versteh doch. Ich will kein Mitleid, da ich mir das selbst zuzuschreiben habe. Ich bin von alleine gegangen, also ist meine eigene Schuld. Mein Fehler, ganz einfach. Soll ich Mitleid dafür bekommen? Sei realistisch.“
    „Aber –“, begann sie.
    „Kein aber. Tu einfach so, als ob nicht wäre, in Ordnung?“
    Ich erntete nur Kopfschütteln. „Nichts ist in Ordnung...“
    Mr. Pokémon hingegen war praktisch zu einer Statue mit entsetztem Blick geworden, der Butler ließ sich – ganz typisch – überhaupt nichts anmerken.
    Nun hatte ich die Nummer gefunden. Ich startete den Wählvorgang.
    Lange ließ der Professor nicht auf sich warten. „Ja, bitte?“
    „Ich bin’s, Maj.“
    „Oh, schön, dass du anrufst.“ Seine Stimme verriet, dass ihn das begeisterte. „Und?“, fügte er bedeutungsvoll hinzu.
    „Die Entdeckung ist ein Shiny-Ei. Sniebel.“ Das letzte Wort war nur mehr ein Knurren.
    „Oh, gut. Das heißt, nicht gut. Aber auch nicht besonders schlecht. Zumindest für mich.“ Als mein Arbeitgeber wusste er natürlich Bescheid. „Für mich sogar recht gut, für dich allerdings –“ Das letzte Wort ging in einem Krachen unter.
    „Gibt’s in Neuborkia gerade ein Gewitter?“, meinte ich scherzhalber. Reflexartig drückte ich allerdings die Aufnahmetaste. Irgendetwas stimmte dort nicht. Was auch immer, eine Aufzeichnung konnte nicht schaden. „Was ist bei Ihnen los?“, fragte ich drängend.
    „Ein... ein paar Männer in dunklen Anzügen haben gerade die Tür gesprengt.“ Entsetzen schwang in diesem Satz mit.
    „Schalten Sie auf Lautsprecher und tun Sie, als ob Sie gerade aufgelegt hätten.“ Ohne zu denken gab ich ihm einfach diesen Befehl. Meinem Chef!
    Es gab ein Klicken in der Leitung, dann waren eindeutig Schritte zu hören. „Was... was wollen Sie hier?“
    Eine dunkle Stimme antwortete. „Die Pokémon des Labors, ganz einfach. Rücken Sie schon raus damit, sonst...“ Die Drohung blieb in der Luft – und in der Leitung – hängen. Was hatte der Inhaber der Stimme vor?
    „Was – Natürlich. Natürlich. Ja, ich verstehe. Aber... was wollen Sie mit ihnen?“ Einzig und allein Panik war zu hören.
    Es ertönte grauenhaftes Lachen. „Wir, Team Rockets neue Johto-Abteilung, werden sie nutzen, um unsere Pläne zu verwirklichen!“ Nun stimmten auch andere ein. Ein grausiger Chor.
    Im nächsten Moment mischten sich weitere Geräusche unter es. Klirren. Ein mehrstimmiger Aufschrei. Scheppern, wie es entstand, wenn Pokébälle zusammenschlagen.
    „Halt!“, rief eine weitere, ziemlich junge Burschenstimme. „Ich werde nicht dulden, dass ihr hier die Arbeit meines Vaters fortsetzt! Ich werde euch stoppen!“ Langsam würde es unübersichtlich, welche Stimme zu wem gehörte. Am Rande bemerkte ich, dass meine Hand, in der ich den PokéCom hielt, feucht vom Schweiß war.
    „Ach wirklich? Du hast doch kein Pokémon, Sven. Wie willst du uns aufhalten? Lachhaft. Aber wir gehen ja sowieso schon wieder.“ Ein Rascheln ertönte, gefolgt von leisem Scheppern und Kichern. „Tschüss!“, schnelle Schritte waren zu hören.
    „Bleibt hier! Ich krieg euch!“, rief der Junge, der danach anscheinend auch abhaute, und das im Laufschritt.
    Erst dann hörte ich wieder ein Lebenszeichen von Prof. Lind. „Maj? Bist du noch dran?“
    „Ja. Was –“
    „Nachher. Bitte komm zum Labor, ich brauch dich hier.“
    Auch das noch. „Rufen Sie die Polizei. Ich komme so schnell ich kann.“ Endlich lösten sich meine Finger von der Taste, um aufzulegen.
    Gleich danach rief ich eine andere Nummer an, um ein Knistern und eine gelangweilte Stimme zu vernehmen. „Ah, Agentin Maja. Was gibt’s denn?“
    „Tag, Alan. Ich habe Grund zur Vermutung, dass im Labor von Prof. Lind eingebrochen wurde.“ Ich war nun mit dem Hauptquartier der Pokémon-G-Men verbunden, einer Organisation, die sich für den Frieden in Johto einsetzte. Nach der Familientradition war ich – genau wie mein jüngerer Bruder – mit Vollendung des fünfzehnten Lebensjahres zu einer Agentin der G-Men geworden. Bisher hatte ich nicht viel dafür gemacht, doch war Siegfried schon seit jeher mein Partner, genau wie Alan mein Techniker.
    „Ach ja? Wieso denn?“
    „Ich habe es über den PokéCom mitbekommen.“
    „Schön. Aber sollte das nicht eine Sache für die Polizei sein?“
    „Wenn du den Mitschnitt hörst, weißt du was ich meine, also warte mal bitte kurz.“ Mit ein paar kurzen Knopfdrucken sendete ich die Aufzeichnung von vorhin an Alan.
    Gleich darauf wurde die Leitung von Rauschen erfüllt, wie es entstand, wenn am anderen Ende etwas angehört wurde.
    Als es schließlich erstarb, meinte mein Techniker: „Gut, du hast mich überzeugt. Das ist wirklich eine Sache für uns. Am besten, du checkst einmal ab, was los ist, dann sehen wir weiter. Ich werde auf alle Fälle die Chefetage kontaktieren.“ Da niemand außer der Handvoll Top-Agenten wusste, wer wirklich zu den Chefs der Organisation gehörte, wurden sie als „Chefetage“ bezeichnet.
    „Allein?“
    „Ja. Ich kann deinen Partner gerade nicht erreichen.“ Partner wohlgemerkt, nicht Bruder. Alles rein beruflich. Wer vermischt schon gerne Berufliches mit Privatem?
    „Das kommt vermutlich vom Funkloch beim Silberberg.“ Dort lag immerhin der Sitz der Top 4 von Johto.
    „Wohl wahr. Jedenfalls – du checkst das einmal ab, wenn du es erledigt hast, erstattest du mir Bericht, den ich weiterleite. Was dann kommt, müssen die dort oben entscheiden. Deinen Mitschnitt werde ich auch weiterleiten. Ach, und außerdem würde es Sinn machen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Wollte ich nur noch erwähnen, ist dir aber sicherlich klar. Obwohl... das ist dein erster Auftrag, den man auch so bezeichnen kann, nicht wahr?“
    „Ähm... ja?“
    „Na dann... Viel Glück. Du wirst es brauchen... Maj.“ Noch bevor ich reagieren konnte, legte er auf.
    Ich starrte nur verwirrt auf das Display des PokéComs. Seit wann nannte mich Alan Maj? Normalerweise sagte er Agentin Maja. Was hatte das jetzt zu bedeuten? Wollte der sich... an mich heranmachen? Dann sollte er anders vorgehen. Was solche Dinge anging, mochte ich keine Schleichwege von hinten herum. Konnte sich dieser Techniker nicht einfach klar ausdrücken? Mit einem Seufzen auf den Lippen nahm ich zwei Pokébälle von meinem Gürtel. „Psiana, in den Ball“, murmelte ich, worauf die einzige Reaktion des Pokémons ein finsterer Blick war. „In Neuborkia lass ich dich wieder raus, versprochen. Aber jetzt musst du rein. Sonst fällst du von Dragonir, willst du das etwa?“
    „Psi...“, knurrte das Sonnen-Pokémon nur.
    Missgelaunt warf ich ihm einen Blick zu. „Ruhe auf den billigen Plätzen“, brummte ich, dann drückte ich einfach auf den Knopf in der Mitte des Balles, sodass Psiana nichts anderes übrig blieb, als zu verschwinden. Außerdem war ich sicher, dass es die miese Laune nur spielte. „Sara, ich möchte dich bitten, nach Rosalia zurückzugehen, oder weiter nach Viola. Ich werde wohl einige Tage in Neuborkia blieben, um die gestohlenen Pokémon zu finden.“
    „Aber... wieso kann ich nicht mit?“, fragte sie sichtlich enttäuscht und mit einem Ton in der Stimme, der mich wissen ließ, dass sie sich nicht einfach mit fadenscheinigen Argumenten abspeisen lassen würde.
    „Verdammt noch mal... Ich hab jetzt keine Zeit für großartige Diskussionen! Ich weiß nicht, was mich erwartet, bin nicht einmal noch ein Jahr G-Man, hab keine wirkliche Erfahrung, weiß nicht, was mich erwartet... Bitte, Sara. Warte einfach auf mich, oder setz deine Reise alleine fort, falls du sauer bist, aber ich muss jetzt nach Neuborkia.“ Langsam wurde ich selbst nervös. Ein Auftrag, bei dem ich wohl wirklich einmal arbeiten musste, nicht nur irgendwelche Phantome jagen, die alte Omas angeblich gesehen hatten und sich dann als Hypno oder Hundemon herausstellten, die man leicht erledigen konnte.... Wie lange hatte ich davon geträumt, endlich einen Auftrag dieser Art zu bekommen? Seitdem ich eine G-Man geworden war. Ich wollte trotz des mulmigen Gefühls im Magen endlich loslegen. Bis Dragonir Neuborkia erreichen würde, hätte ich sowieso genug Zeit, meine Nerven zu beruhigen...
    „Es... ich bin nicht sauer. Ich würde dir nur gerne helfen.“
    „Nein“, erklärte ich entschieden. „Und jetzt... Auf Wiedersehen, Mr. Pokémon.“ Wie gut, dass der Butler schon wieder ins Haus gegangen war, ich hatte keine Ahnung wie er hieß... „Nun, Sara? Rosalia oder Viola?“
    „Rosalia natürlich!“
    Ich nickte kurz. „Dann wäre das auch geklärt. Bis in ein paar Tagen, schätz ich mal.“ Mit diesen Worten schleuderte ich den Pokéball meines einzigen Drachens. „Dragonir, auf nach Neuborkia!“, rief ich, sobald ich auf ihm saß.
    Ich trieb mein Pokémon an, schneller zu fliegen als es gewohnt war. Auch verzichtete ich auf das Training der Techniken, die normalerweise auf längeren Flügen übte. Doch dies war kein normaler Flug. Es war der zu meinem ersten richtigen Auftrag. Noch dazu wäre ich sowieso zurückgeflogen – schließlich musste ich wissen, was in meiner Arbeitsstätte passiert war.


    Schließlich landete Dragonir genau beim Labor, vor dem ein Polizeiauto parkte. Gut, der Professor hatte die Ordnungshüter eingeschaltet. Vermutlich würde ich mich ausweisen müssen, um ins Gebäude zu kommen, also zückte ich meinen dunkelroten Ausweis, den ich ständig bei mir trug, bevor ich auf den Haupteingang zuging. Zudem rief ich Dragonir in den Ball zurück und holte Psiana pflichtbewusst wieder heraus.
    Ich hatte Recht – vor der Tür waren tatsächlich zwei Polizisten positioniert, einer starr geradeaus starrend, der andere den Blick auf mich gerichtet.
    „Entschuldigen Sie bitte, aber Sie können momentan nicht rein. Es ist ein Verbrechen an diesem Ort verübt worden.“
    „Ich weiß. Und genau deshalb bin ich auch hier.“
    Nun wurde mein Gegenüber skeptisch. „Presse?“, fragte er stirnrunzelnd.
    „Nein. Maja Kassandra Sandra Drachenmeister, Assistentin vom Professor. Und außerdem...“ Ich hielt ihm den Ausweis hin.
    Überraschung war in seinen Augen zu sehen. „Oh. Ähm. Entschuldigung. Ähm... Agentin. Aber Drachenmeister... Sind Sie vielleicht zufälligerweise verwandt mit dem Ch-?
    „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, unterbrach ich kalt und ging an dem Beamten vorbei ins Labor.
    Dort sah ich meinen Arbeitgeber mit der zuständigen Officer Rocky sprechen. Er wirkte ziemlich aufgewühlt, die Polizistin hingegen beherrscht. Natürlich, für sie war es ja Routine.
    Der Professor bemerkte mich sofort. „Maj! Da bist du ja endlich! Was hat dich so lange aufgehalten?“
    „Von der Villa bis hierher fliegt man doch einige Stunden. Noch dazu haben die da draußen...“, ich deutete über die Schulter zur Tür, „erst einmal meinen Ausweis sehen wollen.“
    Nun schaltete sich auch die Officer ein. „Natürlich, das ist ihr Job. Aber darf ich erfahren, was Sie hier wollen?“
    „Nun hören Sie mal! Ich habe Ihnen doch erklärt, dass Maj meine Assistentin ist!“
    „Nebenbei...“, murmelte ich und zeigte erneut meinen Dienstausweis.
    Stirnrunzelnd nahm sie das Dokument in Augenschein. Sie betrachtete es lange und intensiv, bevor sie es mir zurückgab. „Nun, Agentin Maja, was wollen Sie von mir?“
    „Maj reicht völlig“, stellte ich gleich einmal klar. „Ich denke, der Professor hat Ihnen erzählt, was vorgefallen ist. Wissen Sie, ich habe alles zufälligerweise über den PokéCom mitbekommen. Haben Sie vielleicht ein Gerät, auf das ich die Aufzeichnung des Gesprächs übertragen kann?“
    Verdutzt schaute mich die Polizeibeamtin an. „Natürlich... Meinen Dienst-PokéCom. Sie haben wohl mitgedacht, was?“
    „Eher eben nicht. Es war alles wie ein Reflex. Was ist eigentlich mit dem Jungen... diesem... wie hieß er noch mal... Sven?“
    Diesmal antwortete der Professor. „Er ist durchs Fenster gesprungen. Rote, ungefähr kinnlange rote Haare, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Er hat diese zwielichtigen Typen verfolgt.“
    Konzentriert schloss ich die Augen. War das ein Verbündeter? Oder verfolgte er andere Pläne? Eine wichtige, nicht zu unterschätzende Frage. Ich musste ich auftreiben, genau wie ich herausfinden sollte, wohin Team Rocket gegangen war. Ich musste sie finden und die Pokémon des Labors zurückbringen.
    „Hm... und wohin? Ich meine, sind alle hingegangen?“
    „Bei der Tür raus, die Straße entlang und bei der zweiten Nebengasse links raus.“
    „Also aus dem Ort hinaus...“, überlegte ich halblaut. „Die krieg ich. Officer, ich werde mich später mit Ihnen in Verbindung setzen. Jetzt muss ich los.“
    Ich machte auf dem Absatz kehrt, spürte die verwunderten Blicke zweier Augenpaare in meinem Rücken, ging zur Tür hinaus, in Gedanken versunken. Diese eine Gasse führte direkt in den Wald, dort teile sie sich in einen Trampelpfad und eine befestigte Straße. Wahrscheinlicher war, dass Team Rocket den versteckteren Weg genommen hatte. Soweit ich wusste, führte er ziemlich gerade durch den Wald, bis er in den Vorläufern des Gebirges endete. Dieser Auftrag war im Moment das Wichtigste und einzige, an das ich denken konnte.
    Kaum hatte ich ein paar Meter auf der Straße zurückgelegt, lief ich los. Ich musste es schaffen!


  • Nun aber kommt das neue Kappi mit etwas weniger als fünf Seiten... Es gibt einen kleinen Kampf, einige Verbrecher und etwas, das, nja... noch eine interessante Rolle spielen wird... Mehr dazu beim Lesen!


    7. Kapitel: Der Auftrag


    [align=justify]Ein paar Minuten später hatte ich den Waldrand und damit die Wegteilung erreicht. Ich war nun schon knappe zwei Monate nicht mehr hier gewesen, alles wirkte unverändert.
    Zumindest fast alles. Der Trampelpfad wirkte, als ob ihn in letzer Zeit ziemlich viele Fahrzeuge benutzt hätten. Ich schien auf der richtigen Spur zu sein. Normalerweise wurde dieser Weg kaum benutzt und musste ihn eigentlich mehr zu erahnen als dass man ihn sah. Doch nun wirkte er eher wie ein geschotterter Feldweg, der oft benutzt wurde. Nur die Bäume herum störten diese Illusion ein wenig. Noch dazu diese gespenstige Ruhe... Irgendetwas stimmte hier nicht. Dieser Teil des Waldes sollte voller Pokémon sein, die raschelten oder hoch oben in den Wipfeln sangen. Was war mit diesem Ort geschehen? Eine leicht zu beantwortende Frage. Etwas mehr Raffinesse hätte ich Team Rocket schon zugetraut... Es sei denn... Was wäre, wenn es eine Falle war? Um allzu neugierige Polizisten oder gar G-Men wie mich anzulocken und dann gefangen zu nehmen? Ich musste vorsichtiger vorgehen als ich gedacht hatte, auch wenn ich gewusst hatte, dass es schwierig werden würde, hätte ich mir vorher mehr Gedanken machen sollen... Ich hätte den Flug eher für Pläne nutzen sollen... Jetzt musste ich es wohl nachholen.
    Prüfend warf ich einen Blick nach oben, ins Blätterdach. Bäume! Das war die Lösung! Ich konnte mich vorsichtig wie ein Griffel von einem Baum zum nächsten schwingen. Aber ich wusste nicht, wie weit der Stützpunkt von den Gangstern von meinem Standort entfernt war. Es konnten ein paar hundert Meter sein oder auch einige Kilometer! Es würde lange dauern, viel zu lange. Noch dazu wusste ich nicht, wie weit die Bäume weiter im Inneren des Waldes aussahen und wie stark die Äste waren. Hier am Waldrand waren sie stark genug, um problemlos von einem Baum zum nächsten zu hangeln, doch gab es weiter drinnen nicht so viel Sonnenlicht, weshalb sie vermutlich schwächer waren. Mir musste etwas anderes einfallen. Einfach den Weg zu folgen wäre wohl zu riskant.
    Seufzend lehnte ich mich mit geschlossenen Augen an einen Baum. Irgendetwas musste mir doch einfallen, aber was? Obwohl... was, wenn ich einfach dem ehemaligen Trampelpfad folgte, nur eben in einigen Metern Entfernung im Schutz der Bäume. Einfach, aber elegant. Sollte ich etwas Verdächtiges hören, konnte ich immer noch auf den Plan mit den Bäumen zurückgreifen.
    Etwas Besseres wollte mir nicht einfallen, also setzte ich diese Idee langsam, um ja nichts zu überstürzen, in die Tat um. Vorsichtig tastete ich mich bei immer schwächerem Licht weiter, immer wieder kontrollierend, ob ich nicht zu sehr vom tatsächlichen Weg abwich.
    Ich wanderte so lange durch den Wald, bis ich jegliches Zeitgefühl verlor und die Umgebung nur mehr schemenhaft erkennen konnte. Mir kam es vor, als ob ich jederzeit in die Vorläufer des Gebirges kommen würde. Vielleicht befand sich das, wo auch immer die Gangster aus dem Labor hin geflüchtet waren, erst dort? Möglich wäre es. Ja, sogar ziemlich wahrscheinlich. Schließlich gab es dort mehr versteckte Winkel und Durchgänge, als dass man sie alle erahnen konnte.


    Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich Stimmen. Panisch schaute ich mich um, presste mich gegen einen Baumstamm, hielt die Luft an. Dann erst setzte mein Verstand ein. Wenn ich einfach wie angewurzelt stehen bleiben würde, könnte ich gleich umdrehen. Ich musste mir einen Überblick verschaffen.
    Leise, um ja kein unnötiges Geräusch zu machen, drehte ich mich um, hin zum Baum und griff nach dem untersten Ast. „Psiana, versteck dich irgendwo im Unterholz!“, zischte ich, bevor ich mich mit einem Bein am Stamm abstützte und mit einer halbwegs eleganten Bewegung nach oben schwang, bis ich auf dem Ast saß. Dann prüfte ich die Dicke der anderen Äste, die stark genug schienen, um mich tragen zu können.
    Der Abstand zu den anderen Bäumen war auch passend, also stand ich vorsichtig auf, um in Richtung Weg zu gehen, während ich mich immer mit den Händen an weiter oben gelegenen Ästen festhielt.
    Schließlich war ich auf einem Baum angelangt, der direkt neben dem Pfad wuchs. Einige seine Äste hingen auch über. Wie geschaffen für mich, schoss mir durch den Kopf. Vorsichtig robbte ich mich auf einem der oberen Äste noch vor, bis ich mich ziemlich genau über der Mitte des Weges befand und der Ast schon leicht mit meinem Gewicht zu kämpfen hatte. Ich schob einige der Blätter in meinem Gesichtsfeld auf die Seite, um nach unten sehen zu können. Nur gut, dass ich nicht an Höhenangst leide!, dachte ich. Die Stimmen wurden inzwischen lauter, sie kamen also auch mich zu. Ich hatte sie also noch nicht verpasst, während ich im Geäst herumgeturnt war.
    Wenige Sekunden später schob sich eine Gruppe nach und nach in mein Blickfeld. Allesamt junge Männer, ganz in eine schwarze Jacke und Hose mit Stiefeln gekleidet. Einzig und allein die erste Person war eine Frau. Sie trug einen weißen Rock, dazu einen weiten schwarzen Pullover mit Dreiviertelärmeln und einem großen roten R darauf. Dazu hatte noch etwa kinnlange dunkelrote Haare und trug dunkle, jedoch modische Sandalen. Die Männer hinter ihr hatten alle die gleiche Frisur, kurze Haare, jedoch in allen möglichen Farben. Die beinah komplette Uniformierung, da sie allesamt ungefähr gleich groß waren. Was lief da nur ab?
    Im hinteren Teil der Menge befanden sich weitere fünf Männer, die älter als die anderen wirkten und neben die schwarzen Sachen wie sie auch die anderen trugen, noch gleichfarbige Baskenmützen und auch Masken trugen. Außerdem hatten sie, wie die Frau, ein rotes R auf der Brust prangen.
    „Anführer kleiden sich meist anderes als Rüpel, dazu kommt, dass die auch keine Masken tragen, die alle Rockets am Ende ihrer Ausbildung erhalten. Erst dann ist es ihnen auch erlaubt, das große rote R, Markenzeichen Team Rocket mit dem sie im Normalfall ihre Türen beschriften, zu zeigen“, erinnerte ich mich wieder an das Grundlagenbuch der G-Men. Ich krallte meine Fingernägel in die weiche Borke, so plötzlich überkam mich die Lösung. Hier stand eine Rocket-Schule! Auch das noch. Nun musste ich nur noch herausfinden, wozu die Pokémon aus dem Labor gestohlen worden waren.
    Ich verharrte regungslos auf meinem Ast, bis ich die Gangster in sicherer Entfernung währte. Dann begann ich, mich vorsichtig zurück zum Baumstamm zu schieben.
    Leider nicht vorsichtig genug. Kaum hatte ich mich ein Stück bewegt, knackte das Holz. Ich erstarrte ängstlich. Was jetzt?, dachte ich. Wenn ich mich auch nur noch einen Millimeter bewegte, würde es vermutlich abwärts gehen. „Psiana?“, rief ich leise. Wenn ich Glück hatte, war es noch nahe genug. Wenn nicht... konnte ich mich schon einmal auf einen Absturz von gut drei Metern gefasst machen. Bäume waren wirklich praktisch, solange man nicht in Situationen wie diese gelang. Ich schielte nach unten. Ohne das Psycho-Pokémon lagen meine Chancen, mich nicht zu verletzen, unter null. Heute war wohl nicht mein Tag...
    Ich registrierte eine Bewegung am Boden, dann sah ich etwas Hellviolettes. „Psi?“, erklang es verwundert von unten. Glück gehabt!
    „Gut, dass du da bist, Psiana. Weißt du, ich stürze hier gleich runter, weil ich den Ast zu sehr belastet habe. Hättest du vielleicht die Güte, mich mit Konfusion hier herunterzuholen?“
    „Psi-Psi.“ Diese beiden Silben klangen eindeutig schadenfroh. Ich beobachtete, wie es sich gemütlich hinlegen wollte.
    „Ist dir klar, dass du heute noch etwas gutzumachen hast?“
    „Psiana!“, murrte das Sonnengeschöpf. Ich seufzte und ließ den Kopf hängen. Wohl etwas zu ruckartig. Mein Ast knackte noch einmal – dann ging es schon abwärts. Eindeutig nicht mein Tag... „Mach schon!“, kreischte ich, als ich den Boden immer näher kommen sah.
    Kurz bevor ich unten aufschlug, wurde mein Fall tatsächlich aufgehalten. „Geht doch...“, murmelte ich.
    „Psi-i“, meinte mein Pokémon hochmütig, während seine hellblau leuchtenden Augen erloschen und wieder ihr normales tiefblau annahmen. Es unterbrach seine Konfusion.
    „Du erwartest doch nicht, dass ich dir danke? Du hast dich am Vormittag auch nicht bei mir entschuldigt.“ Ich starrte den Weg entlang. „Und jetzt komm, bevor es Nacht wird. Sonst hol ich Nachtara heraus und schicke dich in den Ball.“
    „Ana!“, nörgelte es. Wortlos nahm ich den Pokéball in die Hand. Eine Drohung, die wirkte. „Psi-Psiana!“, bekam ich hastig zur beschwichtigenden Antwort.
    „Dann halt die Klappe und komm. Aber halt deinen Psystrahl bereit.“ Ich ließ nur alle Vorsicht fallen und folgte einfach dem Weg. Weit konnte es nicht mehr sein.


    Nach einiger Zeit konnte ich einen schwachen Lichtschein zwischen den Bäumen ausmachen. Ich verdrückte mich zur Sicherheit wieder in den Schatten des Waldes, blieb aber diesmal am Boden. Diese eine Erfahrung hatte mir für heute die Lust an höheren Sphären ausgetrieben...
    Als Ursache für den Lichtschimmer stellte sich eine Ansammlung von mehreren niedrigen Gebäuden heraus. Eines davon wirkte wie ein Lagerhaus, es hatte keine Fenster und ein Dach aus dunklem Wellblech. Auf der metallenen Schiebetür war ein großes rotes R zu erkennen.
    Die anderen Gebäude – drei an der Zahl – wirkten um einiges freundlicher: Sie hatten alle Fenster, die Türen waren aus hellem Holz gefertigt. Wenn meine Schlussfolgerung richtig war, handelte es sich dabei wohl um ein Schulgebäude, ein Schlafgebäude und ein Haus für die tatsächlichen Rockets, die wohl Lehrerposten übertragen bekommen hatten. Draußen war keine Menschenseele mehr zu erkennen, Licht drang auch nur aus den Fenstern eines Gebäudes.
    Leise schlich ich zur nächstgelegenen Hauswand, drückte mich dagegen. Mein Herz klopfte wie verrückt, als ich meine Optionen durchdachte: Einschleichen war unmöglich, bis auf die Anführerin waren alles Männer. Eine Hau-Drauf-Aktion wäre zu gefährlich. Ich sollte mich einmal umsehen, jetzt, wo niemand zu sehen war, musste ich die Gelegenheit einfach am Schopf packen. „Licht, Psiana!“, flüsterte ich so leise wie möglich.
    Das Pokémon schloss kurz die Augen, bis die Kugel auf seinem Kopf sanft aufzuleuchten begann. Eine lebendige Taschenlampe, während Nachtara die gesamte Umgebung beleuchten konnte. Beide Eigenschaften waren recht praktisch, doch war in dieser Situation ein dezenter Lichtschein sinnvoller.
    Während ich noch überlegte, welche Richtung ich einschlagen sollte, lief mein Pokémon nach rechts um die Hausecke. Gibt es etwa einen Hintereingang?, dachte ich, als ich ihm hinterherlief.
    Kaum war ich ebenfalls um die Ecke gebogen, sah ich das Sonnengeschöpf auf einem Fensterbrett sitzen. „Was machst du denn da?“, zischte ich, als ich zu ihm hinschlich. Genau gegenüber lag die Eingangstür des erleuchteten Gebäudes.
    Mit einem Satz war das hellviolette Wesen verschwunden. „Was?“, stammelte ich und rannte zum Fenster. Es stand offen, Psiana beleuchtete im Inneren einen relativ großen Raum, der von Regalen gesäumt war. In der Mitte stand ein massiver Holztisch, auf dem etwas Unförmiges lag. Ich zwängte mich recht mühsam durch das recht kleine Fenster und ließ mich mit einem recht lauten Plumps auf dem Boden fallen. Fliesen, wie ich sofort bemerkte. „Autsch...“, murmelte ich, bevor ich mich dem Tisch näherte.
    Das Psycho-Pokémon sprang in genau dem Moment auf die Holzplatte, als ich meine Hand nach dem Etwas ausstreckte. Es war eine Plastiktüte, gefüllt mit einigen runden Gegenständen. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Die gestohlenen Pokébälle? War das möglich?
    In dem Augenblick, in dem ich nach der Tüte griff, ging das Licht an. „Eine Spionin!“, hörte ich eine Frauenstimme schreien. Entsetzt schaute ich auf. Ich war entdeckt!
    In der Tür stand die Frau mit dem schwarzen Pullover und dem weißen Rock, hinter ihr mindestens zwei der bereits ausgebildeten Gangster. Vor Schreck meinem Verstand großteils beraubt, stammelte ich: „Nein... Agentin Maja Drachenmeister... Pokémon G-Men. Ich will nur die Pokémon des Labors zurückholen...“
    Die Frau begann zu lachen; es war ein glockenhelles, falsches Lachen, das mir die Nackenhaare aufstellte. „Eine Agentin! Nun, ich denke, dann sollte ich mich auch vorstellen. Prisca, so lautet mein Name, ich bin die Ehefrau von Giovanni, dem Urheber unserer Organisation. Ich gehöre zu den Chefs der Johto-Abteilung, bin die einzige Frau in der ganzen Abteilung. Und weißt du warum?“ Wieder ließ sie ihrem Lachen freien Lauf. „Weil niemand es mit meiner Schönheit aufnehmen kann, deshalb! Auch du nicht! Und deswegen... werde ich dich wohl einsperren müssen!“ Sie zückte eine Pokéball, die Männer hinter ihr taten es ihr gleich. „Los, Golbat!“, riefen alle wie aus einem Munde. Einem gut und gerne sechsstimmigen Mund.
    Im nächsten Moment befanden sich sechs Fledermäuse im Raum. Fahrig griff ich nach meinem neusten Ball. Psiana hatte zwar einen Typenvorteil, aber gegen diese Überzahl war es machtlos...
    Ich schaffte es nicht, auf den Knopf zu drücken, so zitterten meine Hände. Es musste also ohne gehen. „Psiana, Psystrahl!“, rief ich mit leicht zittriger Stimme. Ein in allen Regenbogenfarben schillernder Strahl schoss direkt auf das vorderste Pokémon zu.
    „Ganze Kompanie Konfustrahl!“, konterte Prisca. Sechs Schallwellen bewegten sich auf das hellviolette Geschöpf zu.
    „Tyracroc, Aquaknarre!“, hörte ich hinter mir die Stimme, die ich bereits über den PokéCom belauscht hatte. Ich fuhr herum.
    Direkt unter dem Fenster stand ein Junge mit dunkelroten Haaren, einer dunkelblauen Jeans und einer schwarzen Jacke mit roten Streifen. Vor ihm stand die erste Entwicklung eines Karnimani und feuerte einen Wasserstrahl auf die Golbat ab, die erschrocken auseinander stoben.
    „Sven!“, rief die Rocket-Anführerin erstaunt aus, „Du verrätst dein eigen Fleisch und Blut?“
    „Nur weil du meine Mutter“, er spie das Wort regelrecht aus, „bist, heißt das noch lange nicht, dass ich zwingend Team Rocket betreten muss. Ihr werdet es niemals schaffen, mich dazu zu zwingen, und wenn ihr mich umbringt!“ Eine wahrhaft heldenhafte Haltung, das musste ich zugeben.
    „Du bist nicht nur mein Sohn, sondern auch der Giovannis! Und woher stammt dieses Pokémon? Als du damals weggelaufen bist, hattest du noch kein einziges!“
    „Was interessiert es mich, wer meine Eltern sind? Seit damals ist zu viel geschehen.“
    Hätte mich dieses Streitgespräch nicht zu sehr in den Bann gezogen, hätte ich Psiana befohlen, die Fledermäuse anzugreifen. Glücklicherweise ging es den Ganoven hinter Prisca nicht anders. Es war nun einmal eine spannende Wendung...
    „Sämtliche deiner Halbgeschwister sind ebenfalls beigetreten!“, kreischte die Frau.
    „Wen interessieren meine Halbgeschwister? Ich bin dein einziges Kind, und sein einziges offizielles!“
    „Ich befehle dir, sofort auf dieser Seite zu kämpfen! Golbat, Schlecker!“ Alle Fledermäuse streckten die Zunge heraus und bewegten sich in kreiselnden Bewegungen auf Psiana zu.
    Dieser Angriff rüttelte mich wach: „Halt sie mit Konfusion auf!“ Mitten in der Luft erstarben die Bewegungen, in dem blauen Licht gefangen konnten sie nur noch hilflos mit den Flügeln schlagen. „So, jetzt bist du dran!“, rief ich Sven zu, der noch immer mit zornerfüllten Gesicht auf seine Mutter starrte. „Hey, ich rede mit dir! Mach was!“ Je länger Psiana die Konfusion aufrecht erhielt, umso mehr begannen die fledermausähnlichen Gift-Pokémon in der Luft zu zappeln.
    „Tyracroc, noch einmal Aquaknarre!“, rief der Junge, den Blick immer noch voller Hass. Ein weiteres Mal öffnete der Kaiman sein Maul, um einen Wasserstrahl auf die Fledermäuse zu schießen, die diesmal dank Psianas Konfusion nicht ausweichen konnten. Zwei von ihnen waren sofort besiegt, drei weitere wirkten ziemlich erschöpft. Einzig und allein Priscas Golbat wirkte noch recht fit. Die Besitzer der besiegten Pokémon riefen sie eilig zurück und verließen beschämt ihre Posten, rannten weg.
    „Psystrahl!“, befahl ich nun voller Elan, worauf mein Pokémon wiederum einen regenbogenfarbenen Strahl ausspie, doch musste es dafür die Konfusion beenden. Dennoch konnte nur die fitteste der vier übrigen Fledermäuse ausweichen, die anderen drei, die bereits ziemlich geschafft waren, wurden außer Gefecht gesetzt.
    Auch ihre Trainer holten sie beschämt in die Bälle zurück um liefen weg. Nun war nur noch das stärkste Golbat übrig...
    Die Rocket-Anführerin grinste mich nur hämisch an, ihren Sohn ließ sie links liegen, tat, als ob er gar nicht da war. „Meine Mitarbeiter sind also weg. Nun, kein großes Problem, nicht wahr? Mit einem Psiana wie deinem wird mein Pokémon ganz locker fertig. Flügelschlag!“ Das Kommando kam vollkommen überraschend, doch agierte das Golbat sofort. Seine Flügel färbten sich weiß, es schoss mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das Sonnengeschöpf zu. Keine Zeit zum Ausweichen oder um anders zu reagieren...
    Im nächsten Moment stand das Psi-Pokémon hinter der Fledermaus. „Psiana... wie...?“, stammelte ich nur. „War das... Teleport? Aber wie...? Und seit wann...?“ Konnte diese Pokémon-Art überhaupt diese Attacke lernen? „Wie... auch immer. Psychokinese.“ Nur mit einem Winkel meines Verstandes war ich mit dem Kampf beschäftigt, der Rest dachte über die neue Situation nach. Wie war das nur möglich? Ich konnte wohl nicht abstreiten, dass ich überrascht war. Wie hieß es doch so schön? Die Welt der Pokémon steckt noch voller ungelöster und unentdeckter Geheimnisse...
    Wieder einmal begannen die Augen des Psycho-Pokémons hellblau aufzuleuchten, als es begann, sich zu konzentrieren. Gleich darauf fiepte das Golbat schmerzerfüllt auf. Ein zufriedenes Lächeln umspielte meine Lippen. Ja, Psychokinese war nicht umsonst eine der stärksten und auch gemeinsten Psycho-Attacken. Wie schmerzhaft es sein konnte, wenn der Körper zusammengedrückt wurde... das war wohl eine Erfahrung, die bisher nur die wenigsten Menschen gemacht hatten. Zu denen ich mich glücklicherweise nicht zählen musste. Noch nicht. Man kann schließlich die Zukunft nicht vorhersagen...
    „Tyracroc, Aquaknarre!“ Konnte Sven seinem Wasser-Pokémon nicht auch mal einen anderen Befehl geben? Der Wasserstrahl aus dem mit messerscharfen Zähnen bewaffneten Maul schoss wieder einmal auf die dunkle Fledermaus zu. Zum letzten Mal, denn dieser Angriff machte ihr den Garaus.
    Zornfunkelnd sah Prisca mich an. „Nun, Agentin... wie war dein Name? Egal. Ruf doch deine Freunde von der Polizei, sie können von mir aus die Schüler festnehmen. Viel bringen wir es ihnen aber nicht, wir haben mehrere Anstalten über ganz Johto verteilt. Ich für meinen Teil schließe mich meinen Untergebenen an und verschwinde fürs Erste. Fr dich, junge Dame, hoffe ich hingegen, dass wir uns nie wieder begegnen! Noch einmal ließ sie ihr Lachen hören, während sie eine graublaue Kugel von der Größe eines Pokéballs warf, worauf sich weißlicher, scheinbar undurchdringlicher Rauch im ganzen Raum ausbreitete.
    Meine Augen tränten, selbst als sich die Luft wieder aufgeklart hatte. Ich sah mich im Zimmer um. Nicht nur Prisca war verschwunden, sondern auch der Junge! War er freiwillig gegangen oder... eher unwahrscheinlich. Selbst wenn, dachte ich, ändern, wenn es so ist, kann ich es sowieso nicht. Seufzend ging ich auf den Tisch zu, auf dem die Plastiktüte immer noch lag. Ich nahm sie in die Hand und spähte hinein. Erleichtert seufzte ich auf, als ich die Bälle des Labors darin erkannte. Zumindest das war mir gelungen.
    Dann fiel mein Blick aber auf etwas anderes, das noch auf dem Tisch lag. Eine kleine dunkelgrüne Kugel mit einem Durchmesser von vielleicht einem Zentimeter. Spontan nahm ich sie in die Hand.
    Im ersten Moment fühlte sie sich eiskalt an, doch plötzlich wurde sie warm. Kurz leuchteten gelbe Muster auf. Endlich..., hörte ich eine Stimme in meinem Kopf wiederhallen.
    Panisch schaute ich mich um, mein Herz klopfte wie verrückt. Waren diese beiden Silben nicht aus der Kugel gekommen?

  • So endlich kommt auch mal ein Kommentar von mir^^


    Ich muss mich wirklich entschuldigen, dass ich bis jetzt noch keinen gemacht habe, das wird ab sofort aber anders ;)


    Wow, ich bin echt begeistert vom 7.Kapitel..Ich hab mich schon am Ende vom 6. gefragt, was es mit diesem Sven auf sich hat und was Maj im Wald finden wird..dass Sven der Sohn von Giovanni ist, finde ich sehr überraschend. Ganz gut hat mir auch die Stelle gefallen, als Maj von Sven im Kampf plötzlich unterstützt wurde. Sein Tyracroc finde ich übrigens erste Sahne. Ich mag Karnimani schon voll gern und Tyracroc, finde ich, passt auch gut zu Sven.


    Der Kampf ist dir, wieder einmal, sehr gut gelungen. Ich finde es echt wahnsinn wie lebendig du schreiben kannst. Das ist mir natürlich besonders auch beim Wettbewerb und bei Majs Crashkurs aufgefallen.^^


    Dir ist auch sehr gut die Beschreibung des Team Rocket Lagers gelungen. Die Stelle im Wald mit Psiana fand ich wieder einmal sehr amüsant. Ich mag vor allem Majs ironische Bemerkungen, die du ab und n in die Story einbaust^^


    Der Schluss des Kapitels mit der Kugel erinnert mich ein bisschen an den 8.Kinofilm Lucario und das Geheimnis on Mew. Das eine Stimme aus der Kugel kommt hat mich sofort daran erinnert wie Lucario aus dem Stab zu Ash spricht.


    Ich finde dieses Kapitel wieder genausogut gelungen wie die vorherigen und hoffe, dass diese Geschichte noch sehr lange weitergeführt wird


    Liebe Grüße


    Evoli-Girl

  • Mhm, und wieder ein Kappi^^
    Deine Story zu kommentieren ist doch Pflicht für alle Gold/Silber/Heartgold/Soulsilver Fans. Außerdem hinterlässt du ja auch regelmäßig deinen Senf in meiner Story. :-)


    Maj ist ja ein interessanter Chara. Vor allem ihre Gedanken über Psiana wareen in diesem Kapitel wieder mal köstlich! Den Anfang mit dem Bäumen fand ich einfach nur toll umgesetzt und genial - ach, eigentlich war das ganze Kapitel wunderbar. Die außergewöhnlichen Wörter wie Sonnengeschöpf machen es, das alles so interresant wird.

    Zitat

    werde ich dich wohl einsperren müssen!“ Sie zückte eine Pokéball

    An dieser Stelle dachte ich, sie will Maj in einem Pokeball einsperren! :DDD

    Zitat

    „Nur weil du meine Mutter“, er spie das Wort regelrecht aus, „bist, heißt das noch lange nicht, dass ich zwingend Team Rocket betreten muss.

    Mit einer schlichten direkten Rede hast du eine Menge Hintergründe der G/S/HG/SS Story aufgeklärt, z.B., warum Sven bzw. Silber ein Dieb ist... etwas, das ich selten schaffe.


    Das mit den G-Men ist natürlich voll und ganz deine Sache, ich fand es nur etwas seltsam und musste natürlich gleich meinen Senf dazu abgeben^^ Wegen der Kugel, TR etc. frag ich mal gar nicht, weil ich mir die Antwort denken kann^^
    Ps.: Deine Story soll schlecht sein?? Vielleicht das original, aber die Neufassung ist dank Majs Charakter(wie oft sage ich das noch? xD), deinem Stil und der interessanten Story ein ganzes Kappi (oder mehr?) über Maj in meiner Story wert. ;)


    MfG


  • Dieses Kap ist das erste Spezialkap in der Story (mindestens eines folgt noch - später :D). Er erzählt von dem Tag, an dem Maj von dem Sniebel angegriffen worden ist. Kap 5 beinhaltet nur eine kurze Zusammenfassung

    Zitat

    „Als ich sieben Jahre alt war, habe ich mich einmal – nur dieses eine Mal – in den Eispfad begeben. Ohne Begleitung.“ Eine Mutprobe, dank diesem Wichtigtuer Lukas damals. War der ein verdammter Idiot gewesen... „Dort habe ich dann die wilden Sniebel aufgescheucht. Ihr Anführer – ein Shiny – hat mich dann mich dann angegriffen. Und mir dabei diese Narbe zugefügt.“


    (falls es jemand vergessen haben sollte) Ich hab diese ganze Sache jetzt auf knapp drei Seiten ausgeweitet, mal sehen, wie die Sache bei euch ankommt. Wie man am Anfang merkt, hab ich eine Erzählhaltung eingenommen, bei der es schon geschehen ist. Wie auch immer...


    1. Spezialkapitel: Die Hand


    [align=justify]Dieser Tag begann wie jeder andere. Die Schäfchenwolken am Frühlingshimmel – es war Ende April – kündigten nichts Besonderes an. Nun gut, Mum hatte uns gesagt, dass heute oder morgen Opa kommen würde. Opa mit seinem starken Brutalanda, das bei einem Kampf vor vielen Jahren fast einen Flügel verloren hatte. Ich liebte dieses Pokémon, Opa hingegen erschien mir manchmal unheimlich. Aber was interessierte mich dieser alte Griesgram? Hauptsache, bald hatten wir unseren achten Geburtstag! In knapp einem halben Monat war es so weit. Claire strich schon fleißig die Tage auf ihrem Kalender durch, Siegfried hingegen tat so, als ob ihm alles egal wäre. Ich freute mich einfach, wenn wieder ein Tag vergangen war.
    Nichts an diesem Morgen deutete darauf hin, wie er sich noch entwickeln würde. Er war wie jeder Morgen: Aufstehen, Anziehen, Frühstücken und dann nichts wie in die Schule. Dorthin, wo dieser Idiot von Lukas nur darauf wartete, mich zu ärgern. Warum gerade mich? Konnte er sich nicht einmal, ein einziges Mal, ein anderes Opfer suchen? Nicht, dass er verletzend wäre. Er schaffte es immer nur, mich so wütend zu machen, dass ich ihn entweder anschrie oder mit allem Möglichen, was ich gerade in die Finger bekam, nach ihm warf. Oft, wenn gerade die Lehrerin hineinkam. Was dann immer wieder Nachsitzen für mich bedeutete.
    So war es auch an jenem Tag. Kaum hatten wir zu dritt die Klasse betreten, fiel mir auf, dass sich die meisten Jungen sich um Lukas geschart hatten. Einzig und allein ein paar seiner blonden Haare konnte man zwischen den Kopfender anderen ausmachen. Claire würdigte den Auflauf keines Blickes und steuerte geradewegs auf ihre Freundin Ina zu, die gerade dabei zu sein schien, die Aufgaben für die erste Stunde, Drachenmythologie, zu schreiben. Was hatte die nur gestern Abend gemacht? Hatte sie keine zehn Minuten dafür opfern können? Ich schmiss meine Schultasche neben meinen Tisch, an dem meine Sitznachbarin Ira – aus irgendeinem Grund durften Claire und ich nicht nebeneinander sitzen – schon saß und ging auf die Jungen, zu denen sich mein Bruder inzwischen gesellt hatte, zu. Was brütete dieser Angeber von Lukas jetzt schon wieder aus?
    „Na so was, Jungs, seht doch! Da kommt ja schon unsere zukünftige Wächterin des Tempels! Hey, Maja! Was machend denn die Drachen so?“, rief er lachend. Alle anderen Buben bis auf Siegfried stimmten mit ein. Sie waren alle nur Mitläufer, wie man merkte, wenn Lukas einmal fehlte. Dann waren sie alle einfach nur nett.
    „Du weißt genau, dass du mich Maj nennen sollst!“, fauchte ich. Aus irgendeinem Grund ging ich an diesem Morgen auf seine Spielchen ein, was ich relativ selten machte. Normalerweise begann ich sofort mit Ira zu tratschen.
    „Warst du eigentlich schon einmal im Eispfad? Allein, meine ich.“
    „Lukas hat uns nämlich gerade erzählt, dass er erst gestern wieder dort gewesen ist!“, rief ein anderer Junge dazwischen.
    „Und sobald ich mein erstes Pokémon hab, geh ich hin und komm mit einer gelben Sniebel-Feder wieder zurück!“, frohlockte er. Da seine Familie bereits öfters umgezogen war, hatte er erst später mit der Schule begonnen. Bereits nächstes Jahr würde er ein Trainer werden. Hoffentlich zog er bald wieder um, dann wäre ich endlich seine Sticheleien los.
    Langsam fühlte ich, wie sich die Wut in mir aufzustauen begann. „Was erzählst du für Blödsinn? Glaubst du wirklich, dass dir ein Shiny über den Weg laufen wird?“
    „Papa hat mir erzählt, dass der Anführer der Sniebel-Bande im Eispfad ein Shiny ist. Und genau dem werde ich die Feder abknöpfen!“ Es galt als Beweis für den Mut, wenn man es schaffte, einem Sniebel eine Feder abzuluchsen.
    „Ach, lass sie doch. Du weißt genau, dass ihre Mami ihr nie erlauben wird, alleine in den Pfad zu gehen. Und dem da auch nicht.“ Der Junge, der auch vorher geredet hatte, deutete auf Siegfried, der nun so vor Spannung knisterte, dass ihm wohl die Haare vom Kopf weggestanden wären, würde er nicht immer Unmengen an Gel in sie hinein schmieren.
    „Halt den Rand!“, brüllte mein Bruder.
    Ich hingegen sah mich gezwungen, härtere Maßnahmen zu ergreifen, so sehr sah ich rot. Ich griff einfach nach dem nächstbesten Bleistift auf dem Tisch vor mir und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen Lukas‘ Gesicht. Ich traf ihn mit der Spitze genau zwischen die Augen.
    Natürlich kam just in diesem Moment die Lehrerin in den Klassenraum. „Maja Drachenmeister!“, kreischte sie, „Was fällt dir ein? Das bedeutet Nachsitzen! Und außerdem werde ich deine Mutter anrufen!“
    Wie oft hatte ich diesen Satz schon gehört? Ich hatte aufgehört, mitzuzählen. Deswegen antwortete ich recht ruhig: „Momentan ist Hochsaison mit den Herausforderern. Die erreichen Sie sowieso nicht.“ Nachsitzen alleine war auch kein Beinbruch. Wenn Opa wirklich heute kommen würde, bräuchte ich ihn eine Stunde weniger lang sehen. Immer das Positive sehen, so lautete meine Devise.
    „Wenn ich noch einmal sehe, wie du Gegenstände gegen Mitschüler wirfst, werde ich deine Mutter herbestellen müssen!“
    „Dann passe ich eben auf, dass Sie es nicht sehen, Frau Lehrerin“, meinte ich mit einem Anflug von einem Grinsen im Gesicht. Alle Mädchen und mein Bruder lachten.
    „Du wirst dich noch wundern...“, knurrte der Lehrkörper, was natürlich der andere Teil der Klasse lustig fand. „Los, alle auf ihre Plätze, wir fangen mit dem Unterricht an!
    „Wetten, dass du nie alleine in den Eispfad gehen wirst?“, murmelte mir Lukas noch im Vorbeigehen zu. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, als ich ihn wie ein Dragoran anknurrte.


    „Schwesterherz, ich werde nach dem Nachsitzen heute zum Eispfad gehen“, erzählte ich Claire in der großen Pause von meinem Plan.
    Sie sah mich nur geschockt an. „Spinnst du?! Du bist doch sonst nicht so verrückt!“
    „Ich will nur Lukas zeigen, dass ich mich traue. Ich werde eine Sniebel-Feder mitbringen. Eine gelbe.“
    „Das ist einfach nur dumm!“, war die einzige Verteidigung, die ihr einfiel.
    „Glaubst du, das weiß ich nicht? Ich senkte die Stimme. „Aber du wirst mich nicht aufhalten können.“ Als ich das sagte, starrte ich allerdings mein Pausenbrot an. Nun war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Ich hatte es meiner Schwester, die schließlich meine engste Vertraute war, gesagt. „Verrate es bitte nicht Mum.“
    „Du kannst du nicht von mir verlangen“, murmelte Claire dumpf. Ihr Brot hatte sie nicht einmal noch angerührt.
    „Wie gesagt...“, meinte ich nur, dann packte ich meine Jause wieder ein und die Sachen für die nächste Stunde aus.


    Nach der Stunde Nachsitzen, in der ich die angekritzelten Tische putzen musste, schlug ich nicht den Weg in Richtung Berg ein, sondern lief Richtung Eispfad. Wenn ich morgen eine Sniebel-Feder dabei hatte, konnte er sich nicht mehr über mich lustig machen. Dieser Gedanke stärkte mich innerlich noch mehr, dass ich noch einen Zahn zulegte. Die Passanten starrten mir nur verwundert hinterher.
    Nach einigen bewegten Minuten erreichte ich schließlich den Höhleneingang. Kalte Luft schlug mir entgegen, als ich hindurchging.
    Obwohl nur wenig Licht hineinfiel, wirkte der Eispfad hell erleuchtet, da das Eis das Tageslicht so brach, dass es von überall zu kommen schien. Auch wenn ich dieses Element hasste, konnte ich die Schönheit nur kaum verdrängen. Ich ging noch ein paar Schritte in den Pfad hinein.
    Fröstelnd zog ich den Reißverschluss meiner Weste komplett zu, während ich mich umsah. Es gab eine Hauptrichtung, eine Spur, die Hunderte von Trainer im Laufe der Zeit geschaffen hatten. Doch bemerkte ich auch einige weitere Durchgänge, in denen es viel dunkler war. Und ich hatte keine Taschenlampe dabei... Bei dem Gedanken, in dunklen Tunneln nach Eis/Unlicht-Pokémon suchen zu wollen, wurde mir noch kälter, langsam bekam ich Angst. Doch jetzt war es für einen Rückzieher zu spät...
    Langsam machte ich noch einige Schritte in Richtung des dunkelsten Durchgangs. Wenn schon denn schon, dachte ich mir nur. Unlicht-Pokémon bevorzugten wohl finstere Orte.
    Mit einem Aufschrei rutschte ich auf dem Glatteis aus. „Ich muss wohl vorsichtiger sein“, murmelte ich. Dann rappelte ich mich auf und steuerte mit schmerzenden Knien wieder auf den dunklen Fleck an der Höhlenwand zu.
    Ich wusste nicht, wie lange ich durch den dunklen Tunnel wanderte. Bis auf meine Schritte war es vollkommen still und nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, brauchte ich auch nicht mehr meine Hände nach vorne auszustrecken, um nicht gegen eine Wand zu laufen. Interessanterweise gab es hier kein Glatteis.
    Schließlich landete ich in einer geräumigen Höhle. Nichts regte sich, dennoch war eine feindselige Atmosphäre vorhanden. Ängstlich wollte ich wieder umkehren. War wohl doch eine dämliche Idee gewesen, hierher zu kommen... Zögerlich machte ich ein paar Schritte rückwärts.
    Ich hörte ein Knurren. Ein vielkehliges, bösartiges Knurren. Nun bekam ich wirklich Schiss. Zitternd, und das nicht vor Kälte, blieb ich stehen und ließ meinen Blick erneut herumwandern.
    Da sah ich sie: Hunderte, wie es mir schien, Sniebel standen in mehreren Kreisen um mich geschart. Direkt vor mir stand aber ein pinkes: Der Anführer der gesamten Bande, wie es in der Stadt hieß. Und aus irgendeinem Grund beäugte es mich sehr feindselig...
    „Äh-hem... Ich hau sofort ab. Versprochen. Ganz fest. Ihr müsst mich nur durchlassen, dann verschwinde ich. Wirklich. Bitte. Tut mir ja Leid, dass ich eure Ruhe hier gestört habe und alles... aber...“, nur zögernd kamen mir diese Worte über die Lippen, als ich mich nebenbei langsam rückwärts schob.
    „Sniebel!“, knurrte das pinke Pokémon laut. Im nächsten Moment sah ich nur einen farbigen Schatten... Dann spürte ich einen alles betäubenden Schmerz auf meinem rechten Handrücken. Schreiend riss ich die Hand in die Höhe. Einen kurzen Augenblick lang verspürte ich keine Angst, nur diesen schrecklichen Schmerz. Ich wankte, als ich zappelte, dann fiel ich schreckensgelähmt nach hinten und schlug hart mit dem Rücken auf.
    In genau diesem Wimpernzucken kehrten auch alle anderen Empfindungen zurück. Auch die Angst, die sich drastisch verstärkt hatte.
    Jetzt war es Todesangst. Vollkommen erstarrt beobachtete ich das Pokémon vor mir, spürte, wie mir etwas Warmes über die Hand lief. Mein Blut. Das Sniebel machte einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen. Es hob seine Pfote, auf deren Klauen etwas Rötliches glänzte. Wie gebannt starrte ich darauf, selbst als es ausholte. Mein Atem ging nur stoßweise. „Nein... lass mich in Ruhe“, wimmerte ich, bevor ich die Augen schloss, zum letzten Mal, wie ich befürchtete.
    Ein hellblauer Lichtstrahl schoss an mir vorbei, der alles, selbst meine fest zugekniffenen Augenlider, durchdrang. Zögerlich öffnete ich meine Augen wieder.
    Die Höhle war erfüllt von einem umher zuckenden hellblauen Lichtstrahl, dessen Urheber ein Dragonir war. Mums Dragonir, das seinen aus unerklärlichem Grunde hellblauen Hyperstrahl einsetzte und so alle wilden Sniebel umriss.
    Atemlos betrachtete ich die Szene um mich herum. Ausnahmslos alle Pokémon wurden von dem schlangenartigen Drachen ausgeknockt. Ich schaute so gespannt zu, dass ich zuerst gar nicht bemerkte, wie mein Sehfeld zu verschwimmen begann. Immer mehr, immer dunkler wurde es um mich herum.
    Ich hörte nur noch eilige Schritte, dann ließ ich mich in die betäubende Schwärze fallen.


    Es war weich. Und es war warm. Was...? Ich öffnete die Augen und starrte gegen eine weiß getünchte Decke eines abdunkelten Raumes. Vorsichtig richtete ich mich auf und sah mich um. Ich lag in einem bequemen Bett mit weißer Bettwäsche, auch die Wände hatten genau diese Farbe. Der Boden bestand aus PVC in einer undefinierbaren Farbe. Außer dem Bett gab es kaum Einrichtung im Zimmer, nur ein Tisch mit zwei Sesseln stand unter einem Fenster mit zugezogenen Vorhängen. Draußen schien es dunkel zu sein, allerdings gab es keine Uhr, an der ich die Zeit feststellen konnte.
    Ich zog meine Hände unter der Bettdecke hervor und begutachtete meine rechte Hand, die in einem strahlend weißen Verband steckte, nur die Finger schauten heraus. Probeweise versuchte ich, sie zu bewegen.
    Ich keuchte erschrocken auf, als es nicht funktionierte. Dann nahm ich die Linke zu Hilfe und berührte die Finger zögerlich. Das konnte doch nicht sein!
    Mit den Fingern der linken Hand, spürte ich, wie kalt die der Rechten waren. Mit rechts hingegen spürte ich nichts. Ich wimmerte, als ich die gelähmten Finger mit der anderen Hand hin und her bewegte, bis mich schließlich der Schlaf übermannte.

  • Wow..das ist das einzige Wort, das mir gerade dazu einfällt.. ;)



    Ich finde dieses Sonderkapitel sehr aufschlussreich. Majs Narbe hat mich schon in der Geschichte fasziniert, vor allem da sie, wenn Druck darauf ausgeübt wird, über ihre Hand keine Kontrolle mehr hat.


    Im Sonderkapitel kommt wieder ein Mal dein Talent zum lebendigem Schreiben zum Vorschein.


    Mir gefallen besonders Majs Wutausbrüche gegenüber ihrem Klassenkameraden Lukas. Dass sie einen Bleistift nach ihm geworfen hat, fand ich ein bisschen..nun ja..komisch..ich glaube mit einem Buch wäre das glaubwürdiger gewesen, aber so finde ich die Geschichte auch wieder toll.


    Ich finde vor allem den Eispfad sehr gut beschrieben. In Gold und Silber mochte ich den Eispfad leider nicht so gern (liegt wohl auch daran, dass ich fast 2 wochen damals gebraucht hab, um da durchzukommen ;) ) Trotzdem gefällt mir die beschriebene Atmosphäre dort sehr gut. Den Auftritt der Sniebel finde ich übrigens besonders klasse. Auch deine Idee, dass der Anführer ein Shiny ist, bringst du sehr überzeugend rüber.


    Ich bin echt froh, diese Fanstory entdeckt zu haben und lese sie natürlich weiter.


    Im übrigen bin ich eh schon sehr gespannt auf das nächste Kapitel und hoffe, dass du diese Story noch sehr lange weiterführst!


    Liebe Grüße


    Evoli-Girl

  • Da hast du dir ja was tolles einfallen lassen...ein Spezialkapitel? Darf ich sowas auch bei meiner Story machen? *anbettel*
    Das du erst so wenige Leser hast liegt wohl daran, das die ersten Kapis noch nicht sonderlich toll sind/waren. Mittlerweile werden sie aber immer besser und fantasievoller. Hey, das meine ich ernst!


    Allgemein gefällt mir die Idee mit dem Spezkapi eigentlich sehr gut. Ein Absatz erklärt oft noch nicht alles. Das du die Ohrfeigen nicht genau beschreiben willst kann ich verstehen und respektieren xD
    Vom Stil her würde ich diesem Kapitel jetzt gleich einmal eine 1 geben. Mag ja sein das ich nicht die beste FS-Kommentiererin bin, hoffe, du respektierst mich trotzdem. :) Man merkt, das Maj noch ein Kind ist und trotzdem ist sie noch Maj. Bah, ich kann das einfach nicht beschreiben! xD
    Zur Handlung sage ich mal nichts, weil es sich ja 'bloß' um eine ausführlichere Erzählung der Sniebelgeschichte handelt.

    Zitat

    „Du wirst dich noch wundern...“, knurrte der Lehrkörper, was natürlich der andere Teil der Klasse lustig fand.

    Bin ich wirklich schon so tief gefunden, das ich Rechtschreibfehler kommentieren muss? :( An diesem Spezkapi gibt es wirklich fast nichts zu bemängeln, Kompliment!

    Zitat

    Wer sagt, dass Sven ein Dieb ist? Das hab ich nie gesagt... er hat einfach nur einmal das Fenster im Labor zerbrochen

    Ich hab das so verstanden, als wäre Sven der Rivale aus HG/SS. Wenn ich mich nicht irre sieht er ja genauso aus und hat außerdem ein Tyracroc, während Jan ein Feurigel besitzt. In HG/SS stiehlt er ja ein Pokemon aus dem Labor und man muss ihn verfolgen. Ich wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, das er der Sohn von Giovanni ist O.o

    Zitat

    Du kannst dur die Antwort wegen der Kugel schon denken? Teilweise vielleicht. Meine gesamten Pläne errätst du erst, wenn sich mehr getan hat

    Och, damit meinte ich bloß, dass du warscheinlich bloß wieder auf die nächsten Kapitel hinweisen würdest


    MfG


  • Nun zum neuen Kap: Hauptsächlich ist es ein Übergangskapitel (muss halt leider auch sein...), ich hab aber versucht, es ein wenig aufzupeppen (und bin auf etwas mehr als fünfeinhalb Word-Seiten gekommen *zum kA wievielten Mal nachgezählt hab*). Außerdem wird eine Passage auch von Sara erzählt, ich dachte, ich probiers einfach mal, so eine neue Erzählhaltung...


    8. Kapitel: Unerfreuliche Gespräche


    [align=justify]Endlich..., wiederholte die Stimme, Endlich, Maja Kassandra Sandra, findest du dein Schicksal erneut.
    „W...wie? Mein Schicksal... erneut?“ Ich war kurz davor, die Kugel zurück zu legen.
    Du scheinst es vergessen zu haben. Aber ist unsere Begegnung nicht einmal tausend Jahre her?
    „Wer bist du überhaupt?“, fragte ich mit halbwegs fester Stimme, den Blick auf die Kugel gerichtet, auf der die Muster wieder aufzuleuchten begannen. „Und was soll heißen... tausend Jahre?“
    Du scheinst es vergessen zu haben...
    „Das hast du bereits gesagt“, stellte ich trocken fest. Ich hätte das grüne Ding am liebsten weggeworfen, doch klebte es aus unerfindlichen Gründen auf meiner Handfläche fest.
    Es scheint dennoch so.
    „Könntest du vielleicht meine Fragen beantworten?“
    Seit wann lässt sich ein Legendärer Befehle von einem Menschen geben?, bekam ich eine Gegenfrage gestellt. Ich werde sie dir jedoch dennoch beantworten, Maja Kassandra Sandra. Ich bin es, dein Herr Rayquaza. Du bist die Auserwählte der Drachen. Wieder einmal liegt es an dir, die Welt zu retten. Wie schon vor tausend Jahren. Solltest du es vielleicht vergessen haben?
    „Ich bin gerade mal fünfzehn“, erklärte ich.
    Du hast es damals vollbracht und wirst es wieder tun.
    „Selbst wenn ich 985 Jahre vor meiner Geburt dazu fähig gewesen wäre kann das nur schief gehen...“, murmelte ich. Diskussion erschien mir zwecklos.
    Ach ja? Dir ist es bereits einmal gelungen, vergiss das nicht. Jedoch ist es noch eine Frage der Zeit, der langen Zeit, bis es so weit ist... Schließlich bin ich nicht Dialga. Sei dennoch bereit, wenn ich dich zu mir rufe. Und auch sonst. Mit dieser Antwort zog sich der legendäre Drache aus meinem Geist zurück. Die darauf folgende Leere kam so plötzlich, dass mir die Beine wegsackten.
    Auf dem Boden sitzend betrachtete ich, wie die Kugel jetzt fast weiß aufzuleuchten begann. Etwas, das aussah wie Fühler, begann sich seitlich herauszuschieben. Dann stieg sie in die Höhe, das Fühlerähnliche begann, sich um meinen Hals zu legen. Fasziniert betrachtete ich das Schauspiel, kam gar nicht auf die Idee, dass ich vielleicht gleich erwürgt werden würde. Ich spürte, wie die Fühler hinter meinem Nacken zusammenflossen. Dann wurde die Kugel wieder grün, auch die Muster leuchteten nicht mehr auf. Nun wurde es mir klar: Ich trug die Grüne Kugel, den Gegenstand, um Rayquaza zu rufen, nun um den Hals. Sorgfältig befühlte ich meine neue Kette. Sie schien aus demselben Material wie die Kugel selbst, doch konnte ich die Kugel problemlos auf ihr herum schieben, obwohl es wirkte, als ob beides aus einem Stück bestehen würde. War das die Magie der Drachen?
    Dann kehre auch das Gefühl in meinen Körper zurück. Mir war, als ob ein Teil des Legendären noch in der Kugel schlummerte. Dann rappelte ich mich auf, von dem staubigen Boden hier hatte ich für heute genug.
    Während ich mir den Staub von der Hose wischte, ließ ich mir den heutigen Tag noch einmal durch den Kopf gehen. Zuerst war ich fast von einem Hyperstrahl getroffen worden, dann von einem Baum gefallen und schließlich hatte ich noch erfahren, dass ich die Welt zu retten hatte. Wie viel schlimmer konnte es noch kommen?
    Ich nahm meinen PokéCom in die Hand, registrierte dann jedoch seufzend, dass ich keinen Empfang hatte. Mit einem weiteren Seufzen auf den Lippen steckte ich das Gerät wieder ein und sah mich ein weiteres Mal im Raum um, bis ich mich entschied, einfach zurück nach Neuborkia zu gehen. Dort konnte ich dann zuerst einmal Officer Rocky Bericht erstatten und dann die Pokémon zurückgeben. Alan würde ich auch noch Bescheid geben, dass die Sache aufgeklärt war...
    Abermals seufzend nahm ich die Plastiktüte in die linke Hand und ging durch die Tür, um einem Gang zu folgen, der schließlich nach draußen führte. Dann begab ich mich auf den Weg zurück in die Stadt.



    Glücklich seufzend betrat ich das Zimmer, zog so schnell wie möglich meine Schuhe aus und setzte mich auf mein Bett. Dann knipste ich die Leselampe an und betrachtete zufrieden das Magazin Trainergeschichten in meinen Händen. Es handelte sich um die neuste Ausgabe meiner Lieblingszeitschrift, die seit heute erhältlich war. Dieses Mal im Trainerinterview: Claire, Arenaleiterin von Ebenholz City, verkündeten die großen Buchstaben auf dem Titelblatt. Man erkannte hinter dem Schriftzug ein Mädchen, das etwa sechzehn wirkte und gerade einen Pokéball warf. An ihren langen blauen Haaren und ihrem dunklen Umhang, die beide hinter ihr flatterten, erkannt man, das sie dies wohl mit ziemlichem Schwung tat. Auf der linken Seite des Blatts befand sich ein gelber Streifen, der etwa ein Fünftel der Seite einnahm. Zwei weitere Schlagzeilen waren zu lesen: Wettbewerb in Herzhofen, Sinnoh und Kombinationen für Kampf und Wettbewerb. Gierig schlug ich das Magazin auf und suchte im Inhaltsverzeichnis nach dem Artikel über die Arenaleiterin. Lange brauchte ich nicht suchen; er begann gleich auf Seite fünf, direkt nach dem Vorwort des Herausgebers.
    Das Interview setzte sich mindestens über die nächste Seite fort, wie ich bemerkte. Dann begann ich, das Kästchen mit den genaueren Informationen zu überfliegen. Geschwister, stand dort unter anderem, Siegfried und Maja Kassandra Sandra. Unter dem Kästchen war ein Foto mit der Bildunterschrift Die Drillinge abgedruckt: Es zeigte die Arenaleiterin mit dem Champ von Johto und... Maj. „Was?!“, entfuhr es mir so laut, dass mein Endivie, das es sich inzwischen neben mir bequem gemacht hatte, erschrocken aufsprang. „Maj... Ist die Schwester vom Champ?“ Diesem wahnsinnig coolen und süßen Drachentrainer? Und sie hatte mir gar nichts davon erzählt! Aber wieso? Ich schmiss die Zeitschrift mit solcher Wucht auf das Bett, dass mein Pflanzen-Pokémon erneut aufsprang. Mit schnellen Schritten war ich beim Tisch, auf dem ich meinen Rucksack abgelegt hatte. Daneben stand ein Behälter mit dem Shiny Sniebel-Ei, das mit Mr. Pokémon noch geschenkt hatte, bevor ich heute am frühen Nachmittag zurück nach Rosalia gegangen war. Als mein Blick es streifte, musste ich breit lächeln. Ein Shiny, noch dazu von den Typen Eis und Unlicht. Wie gut das bei den Wettbewerben abschneiden würde... Ich suchte nach meinem dunkelgrünen PokéCom, den ich dank meiner Ordnung schnell fand. Nur gut, dass Maj und ich bereits die Nummern ausgetauscht hatten. Ich wählte sie im Verzeichnis aus und ließ es läuten, während ich langsam zum Bett zurückging.
    Kaum hatte ich mich hingesetzt, gab das Gerät ein Piepsen von sich. Ich schaute auf das Display. Teilnehmer nicht erreichbar, stand dort. Auch das noch... Dann musste ich eben warten, bis Maj wiederkam. Immer noch aufgeregt nahm ich wieder Trainergeschichten in die Hand und vergrub mich zwischen den Zeilen.



    Als ich Neuborkia endlich erreichte, dämmerte es bereits. Hinter meinem Rücken war nur mehr ein schmaler Streifen der Sonne zu sehen, in Richtung Hafen hingegen war es schon dunkel. Alles wirkte so ruhig und friedlich... Obwohl es das gar nicht war... Nein, vertrieb ich diese Gedanken wieder, Im Moment ist diese Illusion die Wirklichkeit. Team Rocket hat einen Rückschlag erlitten. Einen hoffentlich großen. Prisca hat sicherlich nur angegeben, als sie meinte, sie hätten mehr Anstalten als diese eine, versuchte ich mein Gewissen zu beruhigen.
    „Psi-Psiana!“, riss mich mein Pokémon aus meinen Gedanken.
    Verwirrt blieb ich stehen. „Was ist denn jetzt schon wieder?“
    Mit beiden Schweifspitzen zeigte es auf eine Hauswand neben mir. „Ana!“, rief es.
    Taschen, Rucksäcke & Co., stand in großen Buchstaben über einer schlichten Glastür, auf der ein Plakat angebracht war: Shoppen nach Feierabend! Tägliches Sonderangebot ab 18 Uhr (Laden rund um die Uhr geöffnet): minus zwanzig Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment, ausgenommen bereits reduzierte Ware. Greifen Sie jetzt zu!
    „Minus zwanzig Prozent Rabatt?“, murmelte ich. Rabatt bedeutete bereits eine Ermäßigung. Ein Minus davor sollte doch eigentlich heißen, dass man zwanzig Prozent mehr bezahlen sollte? Dennoch wimmelte es in dem Laden nur so von Menschen. Es war wohl nur ein Schreibfehler... Wieso sonst sollten so viele Leute in dem Geschäft sein? Ich warf noch einen Blick auf die Tür, wollte schon weitergehen. Dann überlegte ich es mir doch anders. Ich brauchte eine neue, größere Tasche und warum sollte ich die Gelegenheit nicht nutzen? Mit schnellen Schritten wandte ich mich um und betrat den überfüllten Geschäftsraum.


    Zehn Minuten später verließ ich den Laden wieder. Über die linke Schulter hing jetzt der Riemen meiner nagelneuen Umhängetasche. Sie war komplett in einem sanften Dunkelblau gehalten und war recht groß. Außer dem Hauptfach, das noch ein Innenfach mit Reißverschluss aufwies, gab es an der linken Schmalseite noch ein kleines Fach, das nur von einem Gummizug zusammengehalten wurde. Dort steckte jetzt mein Pokémon-Kartograph. Meine andere Tasche und die Plastiktüte hatte ich bereits eingepackt, nachdem ich das Papier das drinnen gewesen war, an der Kasse zurückgelassen hatte. Von der Abendaktion hatte ich keinen Nutzen ziehen können, die Tasche war ein Reststück gewesen und hatte deshalb nur die Hälfte gekostet.
    Als ich am Labor vorbeikam, merkte ich sofort, dass kein Licht mehr brannte. „Von mir aus... murmelte ich nur und bog in eine schmale Gasse ein, in der sich das Wohnhaus von Prof. Lind befand. Ich selbst wohnte normalerweise unter der Woche auch dort, ich schlief dann im Gästezimmer. In nächster Zeit wohl eher nicht...
    Als ich zur Haustür ging, bemerkte ich den Lichtschein hinter den geschlossenen Rollos des Küchenfensters. Aufwecken würde ich also niemanden. Ich stahl mich zum Eingang und suchte mit einiger Mühe nach der Türklingel, die in der absoluten Dunkelheit der unbeleuchteten Gasse kaum zu erkennen war.
    Kurze Zeit später hörte ich das Geräusch eines Schlüssels, der umgedreht wurde, kurz danach starrte mich ein Auge hinter Brillengläsern durch den Türspalt hindurch an.
    „Hallo Chris. Lässt du mich bitte rein?“, fragte ich mit einer Stimme, die vor Streitigkeiten warnte.
    „Oh, ähm... natürlich. Komm rein. Meine Eltern sitzen mit Officer Rocky in der Küche, starren aber meist nur ins Leere. Ähm... keine Ahnung, warum.“ Ich bemerkte, wie er mich mehrmals von oben nach unten musterte, und das relativ interessiert.
    Ich verschränkte die Arme. „Und was soll das jetzt?“, knurre ich entnervt, „Ich dachte, du lässt mich rein?“ Ich wollte endlich unter die Dusche, davor musste ich aber anscheinend noch einen Bericht abliefern.
    Leicht rosa anlaufend öffnete mein Arbeitskollege die Tür. „Klar doch...“, murmelte er undeutlich.
    „Eines Tages bist du noch zerstreuter als der Professor“, prophezeite ich ihm düster, als ich an ihm vorbeiging. Ich kickte meine Turnschuhe einfach zur Seite und marschierte in Richtung Küche, deren Tür offen stand. Ich setzte mich auf einen noch freien Stuhl und packte die Tüte mit den Pokébällen aus.
    „Fall gelöst“, sagte ich, als ich den raschelnden Behälter auf den Tisch stellte. Zwei der Bälle rollten heraus, einer davon fiel zu Boden.
    Die drei Erwachsenen erschraken sichtlich. „Wie?“, stieß die schwarzhaarige Frau Lind hervor. Sie trug eine hellgrüne Bluse und einen passenden Rock, ihre recht kurzen Haare waren perfekt frisiert.
    Mein Chef schrak ebenfalls hoch, als der Ball aufschlug. Ohne ein Wort zu sagen, hob er ihn auf und begann, die Bälle zu zählen. „Da fehlt einer!“, stellte er schließlich fest. „Das Nidoking mit dem großen Horn fehlt!“, fügte er hinzu.
    „Dann haben diese Gangster doch noch etwas mitgehen lassen“, murmelte ich. Obwohl... Sven war ja nach dem Rauchball auch verschwunden. Ausgeschlossen war es nicht, der er den Ball vielleicht genommen hatte... Ich könnte die Kapsel allerdings auch übersehen oder verloren haben... Oder die einfachste Lösung: der Professor täuschte sich und der Pokéball lag in einer Schublade im Labor.
    „Jedenfalls... Agentin Maj, ähm... könnten Sie mir vielleicht Bericht erstatten?“, mischte sich die Polizistin ein.
    „Natürlich“, meinte ich und erzählte ihr von meinem Nachmittig, sparte aber die Grüne Kugel aus. Abschließend meinte ich noch: „Vielleicht sollten Sie den Komplex mit ein paar Beamten noch unter die Lupe nehmen.
    „Eine ausgezeichnete Idee!“, rief Rocky aus und erhob sich. „Professor... falls sich mit dem fehlenden Pokémon etwas ergibt, werde ich Ihnen Bescheid geben“, sagte sie noch, dann ging sie.
    Der Professor seufzte. „Gut, dass du das gelöst hast, Maj.“
    „Ich habe nur meine Arbeit gemacht. Genauer gesagt... meine beiden Jobs.“
    „Apropos... Würde es dir etwas ausmachen, nächste Woche einen Vortrag über die Evoli-Entwicklungen in der Trainerschule von Viola City zu halten?“
    Ich sprang geschockt auf. „Machen Sie Witze? Ich und unterrichten? Nie im Leben!“, kreischte ich.
    „Aber ich habe denen schon die Zustimmung gegeben“, erklärte mein Chef mit einer Unschuldsmine.
    „Dann müssen Sie sich etwas anderes einfallen lassen. Ich brauche einmal eine Dusche.“ Mit diesen Worten ging ich aus der Küche und lief die Treppe hoch. Ich und ein Vortrag an der Trainerschule? Nie und nimmer. Ich hatte für solche Dinge einfach keine Geduld.
    Der ansonsten dunkle obere Flur wurde in schwaches grünes Licht getaucht. Nimm an und es wird der Sache nützlich sein. Für dich., hörte ich diese vor Macht bebende Stimme.
    „Rayquaza?“, flüsterte ich entsetzt, „belauscht du mich?“
    Ich mache, was ich will, wozu bin ich denn sonst legendär? Nach diesen Worten erlosch das Licht wieder. Anscheinend leuchtete die Kugel immer auf, wenn der Drache mit mir in Kontakt trat. Seufzend betrat ich das Badezimmer und schloss die Tür hinter mir.


    Frisch geduscht verließ ich den Raum einige Zeit später wieder. Ich hatte recht gehabt; in meinen Haaren waren noch ganze drei Grashalme zu finden gewesen, die allerdings schon recht vertrocknet gewirkt hatten. Jetzt schwammen sie wohl in irgendeiner Abwasserleitung.
    Während mir das warme Wasser über den Kopf geronnen war, hatte ich noch einmal über das Angebot der Trainerschule nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es einen Versuch wert war. Rayquaza würde wohl nichts Genaueres verlauten lassen. Wenn er sich in absehbarer Zeit wieder einmal melden würde.
    Nur mit dem Bademantel über dem Pyjama bekleidet ging ich in das Gästezimmer. Dort war ich am ungestörtesten und konnte außerdem einpacken, was mir sofort in den Sinn gekommen war, als ich den Taschenladen betreten hatte.
    Ich öffnete eine Schublade des Nachtkästchens und nahm eine kleine und längliche, jedoch reich verzierte Schachtel heraus und öffnete sie. Selbst im Halbdunkel des Raumes, da ich das Licht nicht angeknipst hatte, leuchtete mir der Inhalt strahlend gelb entgegen.
    Es war die Feder des ehemaligen Anführer-Sniebels im Eispfad. Vor drei Jahren, nachdem es passiert war, hatte ich die eisige Höhle zum erst zweiten Mal in meinem Leben aufgesucht. Ich hatte mich einfach abreagieren müssen. Psiana war es damals mittels Psychokinese gelungen – wenngleich ich nicht wusste, wie – alle Sniebel auf einmal auszuschalten. Diese eine Feder hatte ich mir dann als Trophäe angeeignet. Sie schien mir Ersatz zu sein für das, was fünf Jahre zuvor passiert war.
    Ich verschloss die Schachtel wieder und packte sie in meine neue Tasche. Ich musste sie einfach mitnehmen... sie erinnerte mich an meinen Leichtsinn, meine Dummheit und war nebenbei noch eine Trophäe und in gewisser Weise auch ein Glücksbringer.


    Am nächsten Morgen brach ich nach Rosalia auf, nicht ohne dem Professor davor zu sagen, dass ich diesen Vortrag doch halten würde. Er war natürlich ganz aus dem Häuschen und wollte mir „hilfreiche“ Tipps geben, die ich ablehnte. Ich besaß fünf der bisher entdeckten sieben Evoli-Entwicklungen, da würde ich wohl wissen, was ich den Schülern erzählen würde.
    Dann ging ich wirklich los und ließ Neuborkia schnell hinter mir. Jetzt, da Sara nicht dabei war und ich auch nicht nach Pokémon Ausschau halten musste, traf ich schon gegen sechs Uhr in der nächsten Stadt ein. Da ich annahm, dass sich meine Reisebegleiterin ein Zimmer im Pokémon-Center genommen hatte, suchte ich es sofort auf.
    Von der diensthabenden Schwester Joy erhielt ich auf meine Nachfrage sofort eine freundliche Antwort: „Ja, diese Trainerin hat sich gestern hier ein Zimmer genommen, ein Zweibettzimmer. Momentan ist sie aber nicht hier, soweit ich informiert bin, ist sie heute Morgen zur Felseninsel hinausgefahren.“
    „Was für eine Felseninsel?“, fragte ich verwundert.
    „Die Felseninsel von Rosalia. Wöchentlich gibt es Ausflüge für Trainer dorthin. Man kann dann nach angespülten Items suchen oder auch Stahl-Pokémon fangen, die es dort zuhauf gibt. Es ist eine der größten Attraktionen der Stadt.“ Sie reichte mir einen Reiseführer.
    „Danke, so ein Teil hab...“, begann ich. Dann warf ich einen genaueren Blick auf den Umschlag. Das Buch zierte eine Karte von Johto, genau wie meines. Doch war auf den ersten Blick zu sehen, dass es eine andere war. „Moment mal“, murmelte ich und kramte meine Ausgebe aus der Tasche. Ich öffnete die erste Seite und überprüfte die Jahreszahl. „Könnte ich den Reiseführer vielleicht doch haben? Meiner ist schon drei Jahre alt!“, stieß ich schließlich hervor. Was hatte sich der Professor gedacht? Vermutlich nichts oder zumindest nicht viel.
    „Natürlich. Wozu haben wir hier kostenlose Reiseführer aufliegen?“ Sie drückte mir die aktuelle Ausgabe in die Hand.
    „Danke...“, sagte ich, bevor ich das alte Buch in einen Mülleimer warf. „Ach, und sagen Sie, welches Zimmer hat meine Freundin genommen?“
    Schwester Joy drückte mir einen Schlüssel in die Hand. „Die Treppe rauf in den ersten Stock, dritte Türe rechts.“


    Das erste, was ich sah nachdem ich das Zimmer betreten hatte, war das Ei. Wie unter Hypnose starrte ich es an. „Mr. Pokémon, Sie... besten Dank. Das hat mir noch gefehlt“, knurrte ich den Glasbehälter an, in dem es sich befand. Ich verspürte nur Wut. Aber nicht gegen den alten Herren. Auch nicht gegen Sara. Nein, die Wut richtete sich einzig und alleine auf das, was einmal schlüpfen sollte. Unbändige Wut.
    Dann erst fiel mein Blick auf das Magazin, das direkt daneben lag. Auf der Titelseite prangte ein großes Foto von meiner Schwester. Sie war interviewt worden, wie die Überschrift besagte. „Und, Clairchen, was hast du denen denn so alles erzählt?“, fragte ich das Bild, bevor ich die Zeitschrift aufschlug.
    Die nächste Fotographie, die mir entgegen leuchtete, zeigte uns drei: Claire, Siegfried und mich. Wann genau es aufgenommen worden war, konnte ich nicht erkennen, aber es war eindeutig, dass es höchstens drei Jahre alt sein konnte. Wie der Reiseführer, schoss mir durch den Kopf, das nennt man wohl Ironie des Schicksals.
    Was mich mehr beschäftigte, war, dass Sara sich nun wohl auskannte. Sie wusste, wer meine Geschwister waren. Was würde sie wohl sagen, wenn sie auftauchte? Ich starrte nun wie hypnotisiert das Foto an.
    Wie lange ich das tat, wusste ich nicht, doch machte ich es so lange, bis ich die Tür aufgehen hörte. Erschrocken sah ich auf. Konnte man nicht einmal in Ruhe überlegen, von wann ein Foto stammte? Es gab ja nicht sonderlich viele Möglichkeiten.
    Ich der Tür stand Sara. „Oh... Maj. Hallo. Du bist ja wieder da“, stammelte sie nach einigen Sekunden.
    „Hallo“, murmelte ich nur und fügte nur hinzu: „Du hast es gelesen.“
    „Aber...“
    „Vergiss es. Schließlich ist es die Wahrheit. Die ungeschminkte Wahrheit.“
    „Maj... ich wollte dich ja anrufen. Aber ich hab dich nicht erreicht. Wieso hast du es mir nicht gesagt?“ Der letzte Satz klang recht vorwurfsvoll.
    „Du hast keine Ahnung. Es war... vor drei Jahren. Damals... ist es passiert.“ Näher konnte ich darauf nicht eingehen. Es schmerzte so... „Seitdem... bin ich anders. Ich hänge meine Verwandtschaft nicht so an die große Glocke.“ Mit einiger Mühe gelang es mir, die Tränen zurückzuhalten. „Mehr ist nicht von Belang“, zog ich den Schlussstrich für das Thema. „Wieso hast du das verdammte Ei?“
    Meine Reisebegleiterin starrte mich nur verwundert und mit leicht offen stehenden Mund an.
    „Dann eben nicht“, sagte ich und wandte mich ab. „Gute Nacht.“


    Im Traum kamen die Schatten über mich.
    „Nein... lass uns in Ruhe. Was willst du denn? Nein!“ Ein entsetzter Aufschrei. Nein! Blitzschnell zog die Szene an mir vorbei. Die Umgebung konnte ich nicht erkennen, nur die Dunkelheit. Nicht... jetzt, konzentrierte ich mich. Nicht... die Erinnerung...
    Das Bild veränderte sich. Alles... begann zu leuchten. Es war ein beruhigendes, wunderschönes Grün, durchzogen von gelben und roten Streifen. Alles, hörte ich eine wohl bekannte, vor Macht bebende Stimme, hat seinen Sinn. Du musst ihn entdecken und eventuell auch umkehren. Maja Kassandra Sandra, widerstehe all diesem!
    Ich fuhr hoch, starrte keuchend gegen die Wand. Genau deshalb wollte ich nicht darüber reden. Dann kam sie immer wieder, die Erinnerung an damals. Doch dieses Mal hatte ich Glück gehabt. „Aber wie soll ich...? Rayquaza!“, flüsterte ich.
    Aber die Kugel zeigte kein Licht in der Finsternis.

  • Es war wohl Seufztag, oder? *g* Erstmal muss ich dir recht geben, Maj bleibt Maj. Waaah, dieser Charakter ist... so... genial! xD Bin der gleichen Meinung wie Evoli-Girl, du schreibst einfach super! Nur die Stelle, als sie zum 2. Mal in den Eispfad geht find ich nicht. Hab ich was verpasst?
    Das Rayquaza Majs Meister ist fand ich dann doch irgendwie verwirrend, da Rayquaza aus Hoenn und Maj aus Johto stammt. Aber seis drum, ich kann verstehen, das du Rayquaza genommen hast, es ist ja wohl noch das drachenähnlichste Legendäre.

    Zitat

    Meine Eltern sitzen mit Officier Rocky in der Küche, starren aber meist nur ins Leere.

    Glaub, das schreibt man so. Kleiner Tippfehler, der jedem mal passieren kann.


    Habe ich schon einmal erwähnt, dass du die ersten zwei, drei Kapitel und den Prolog noch ein bisschen überarbeiten solltest? Die Steckbriefe vielleicht löschen und deine Charas dafür in den Kapis genauer beschreiben. Ich möchte dir ja nicht ins Werk pfuschen, aber man überfliegt ja zuerst einmal die ersten Kappis, bevor man entscheidet, ob man weiter ließt (zumindest bei mir ist das so). Ich kommentiere dafür auch die Überarbeitungen (was ich sowieso machen würde).


    Übrigens hätte ich noch ein paar Vorschläge für einen neuen Titel: "Erbin der Drachen" oder "Die Nacht der Drachen" oder "Drachenkugel" oder so ähnlich. Dann würdest du ja vielleicht auch mehr Leser kriegen *gg*
    MfG


  • Kap 9 ist im Anflug! Es hat nur 3 2/3 Seiten und Handlung gibts leider auch nicht viel... Allerdings ist eine Legende im Angebot, die Maj ein Licht aufgehen lässt (und deine Verwirrung vermutlich legt, Moonrise). Ansonsten wirds nur am Ende des Kaps (Gut, es besteht hauptsächlich aus der Legende...) ein wenig unerfreulich (für Maj, wohlgemerkt...). Dennoch, einfach Dinge, die auch dazugehören, also viel Spaß beim Lesen!


    9. Kapitel: Kleine Geschichtsstunde


    [align=justify]Am nächsten Morgen wachte ich so plötzlich auf, dass ich zuerst dachte, es wäre der Wecker gewesen. Dann erst fiel mir der Traum wieder ein. Wieder einmal war ich in der Dunkelheit gewandelt, zurückversetzt an diesen Tag, der alles verändert hatte. Alles. Nicht nur, dass Siegfried und ich seitdem kein Wort ohne Streit gewechselt hatten, ich hatte mich auch immer mehr zurückgezogen. Außerdem hatte ich einiges an Fröhlichkeit eingebüßt.
    Sofort musste ich an Ira denken. Noch gut konnte ich mich an den Tag erinnern, an dem wir Freundinnen geworden waren. Es war in der ersten Schulwoche gewesen. Schon am allerersten Tag war sie mir aufgefallen, dieses damals noch so schüchterne Mädchen mit den sehr langen hellbraunen Haaren aufgefallen, das sich verschreckt in die letzte Reihe gesetzt hatte und jedes Mal, wenn ihr Blick einen Jungen gefallen war, knallrot im Gesicht geworden war.
    Dann war ich einmal alleine auf den Spielplatz gegangen, weil ich etwas vergessen gehabt hatte. Und dann hatte ich sie sitzen gesehen, ganz alleine auf der Schaukel und war vor Schreck zusammengezuckt, als ich mich ihr genähert hatte. Naiv, wie ich damals gewesen war, hatte ich sie geradeheraus gefragt, ob wir nicht Freundinnen werden wollten.
    Sie hatte ganz einfach ja gesagt. So hatte es plötzlich angefangen, das Ende kam dann zögerlich, aber unaufhaltsam, nach dem Tag. Wir hatten uns immer weniger gesehen, bis schließlich der Kontakt ganz abgebrochen war. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Es gab nur ein Wesen, das daran schuld war! Die Schuld trug einzig und allein...
    Nein. Nein, wenn ich schon wieder daran dachte... Vielleicht konnte mich ja Rayquaza schützen, aber irgendwann würde es ihm wohl auch zu bunt werden, dessen war ich sicher.
    Ich stand auf und ging zum Fenster, um die Vorhänge aufzuziehen. Vielleicht konnte das Licht die dunklen Gedanken bannen? Langsam, aber bestimmt streckte ich meine Hand nach dem Stoff aus.
    Dann aber durchbrach ein Seufzer die Stille des Raumes. Verwundert drehte ich mich um. Was war denn das jetzt gewesen? Als mein Blick auf das zweite Bett im Zimmer fiel: Hatte ich die Erklärung: Sara hatte im Traum geseufzt und murmelte nun undeutlich: „...danke, danke... Ich fühle mich geehrt... danke... Es ist herrlich... danke, Mr. Contester... verehrtes Publikum, ganz Johto...“ Dann war sie wieder still. Wovon sie wohl geträumt hatte? Ein leises Lächeln umspielte meine Lippen, als ich mir meine Klamotten schnappte, das Badezimmer betrat und nebenbei soviel Licht wie möglich machte. Vielleicht war es so auch möglich?


    Keine zehn Minuten später verließ ich den kleine Raum wieder, fertig angezogen und eine ordentliche Menge kaltes Wasser im Gesicht. Nun war ich wirklich hellwach, im Gegensatz zu meiner Reisegefährtin, die immer noch tief und fest schlief. Psiana hingegen streckte sich, es war wohl gerade erst aufgewacht.
    Dann warf mir das Pokémon einen verschlafenen, aber hungrigen Blick zu. Ich schaute auf die Uhr, es war kurz nach sieben. „Das Frühstück müsste bereits hergerichtet sein. Was hältst du davon, wenn wir gleich mal hinuntergehen und Sara schlafen lassen?“, fragte ich das Sonnengeschöpf leise.
    Anstatt zu antworten, stellte sich das hellviolette Wesen vor die Tür und öffnete diese mit einer geschickten Konfusion. Wenn es bereits die so die Tür öffnete, musste es wirklich sehr hungrig sein...


    Als ich mein Joghurt zu mehr als der Hälfte aufgegessen hatte, tauchte Sara auch endlich auf, wirkte jedoch noch ziemlich müde. „Na, auch schon wach?“, fragte ich sie.
    „Bitte verschone mich. Ich hatte vorher einen Albtraum. Ich hab das Große Festival gewonnen, und dann wollte mich der Bändercup auffressen.“
    Ich kicherte nur.
    „Das ist aber nicht sehr höflich.“
    „So wie du gestern geredet hast, war es ebenfalls nicht die feine Art“, konterte ich. Dann sah ich mich im überfüllten Speisesaal um. Rappelvoll. „Dennoch... wir reden später weiter.“ Während ich in letzte Beere aus der Glasschüssel fischte, sah mich Sara nur mit großen neugierigen Augen an. Gereizt erwiderte ich ihren Blick. „Wenn wir aus der Stadt sind, versprochen. Dann stehe ich dir Rede und Antwort. Ich sehe doch, wir neugierig du bist.“
    „Wirklich?“ Sie hatte ihr Müsli noch nicht angerührt.
    Ich seufzte. „Ja. Aber je länger du dein Frühstück nicht anschaust, umso länger wirst du dich noch gedulden müssen.“ Die Koordinatorin starrte mich nur durchdringend an. „Was denn jetzt schon wieder?“, fragte ich mit einem warnenden Unterton in der Stimme.
    Peinlich berührt schaute sie einmal gegen die Decke, dann konzentrierte sie sich auf ihr Müsli, das hauptsächlich aus getrockneten Pirsifbeeren zu bestehen schien und murmelte: „Ach nichts...“
    Skeptisch betrachtete ich meine Begleiterin, als sie den ersten Löffel aß. Wie süß musste das Zeug wohl sein? Viel zu süß. „Kennst du eigentlich die Legende der Stadt Ebenholz City?“, fragte ich plötzlich.
    Anscheinend konnte sie sich nicht entscheiden, wie sie reagieren sollte, bis sie scheinbar beschloss, sich erst einmal zu verschlucken um sich so Zeit zu verschaffen, einen Reim auf meinen plötzlichen Themenwechsel zu machen. „Woher sollte ich?“, keuchte Sara schließlich.
    Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. „Kann ich hellsehen? Ich bin kein Xatu, sonst hätte ich wohl kaum gefragt.“ Ich gab meiner Stimme diesen mystischen Klang, wie immer, wenn ich über Legenden und Sagen redete. „Soll ich sie dir erzählen?“, fragte ich sie, noch immer ich meiner nach hinten gelehnten Position.
    „Ähm... warum nicht?“, murmelte das Mädchen verdutzt.
    „Nun denn...“, sagte ich leise, dann richtete ich mich auf und sah sie durchdringend an. „Nachdem die Giganten das Duell von Wasser und Dürre beendet hatten, in einer entfernten Region, brach eine Frau auf, um das unbekannte Gebirge, das heutige Drachen-Gebirge, in Johto zu erforschen. Diese Wanderin hatte den Gerüchten nach auch etwas mit der Beendigung des Kampfes zu tun, niemand wusste, warum sie nun ging, es wurde viel gemunkelt. Die meisten Menschen nannten es schließlich das Gebirge des ewigen Eises, da zu dieser Zeit nur Eispokemon dort lebten, die Frau stammte aus einer Stadt der Flug-Pokémon. Wie auch immer die genaue Vorgeschichte nun aussieht, die Frau durchquerte der Eispfad, der damals noch gar nicht entdeckt war, und fand sich auf einer riesigen Hochebene wieder. In der Mitte der Ebene befand sich ein Berg, die an seiner Spitze abgeflacht war. Ansonsten war nichts, nicht einmal ein einziges Pokémon auf dem Plateau.
    Die Wanderin, beschloss, da die mondlose Nacht schon hereingebrochen war, dort droben ihr Lager aufzuschlagen. Also begab sie sich, so schnell wie es beim alleinigen Licht der Sterne möglich war, auf diesen abgeflachten Berg.
    Oben angekommen, sah sie sich um. Dort stand ein riesiges steinernes Haus, schon eine Villa, die zwar verlassen, aber dennoch gut instand war, und ein riesiger See, der über die Grenzen der Bergspitze hinzuziehen schien. Inmitten dieses Sees befand sich der Eingang zu einer Höhle. Da die Berge berüchtigt für die Eispokemon, die dort lebten und gerne Wanderer angriffen, ging sie in die Villa. Sie war noch viel geräumiger, als sie von außen ausgesehen hatte, von der Eingangshalle führte je eine Tür nach links und rechts.
    Nach einigem Suchen fand die Wanderin ein Schlafzimmer, in dem sogar eine Petroleumlampe stand. Diese zündete sie an, da sie sich noch ein wenig umsehen wollte. Doch da sah sie einen Schatten durch das Zimmer huschen. Vor Schreck ließ sie die Lampe auf den Steinfußboden fallen und lief hinaus, da sie natürlich nur einen Gedanken hatte: Ein Eispokemon! Etwas anderes gab es schließlich nicht in diesen Bergen, so viel war bekannt.
    Vor dem Gebäude sah sie sich um, bis sie vor Schreck erstarrte: Auf einmal war alles voller Eispokemon. Sniebel, Snibunna, Quiekel, Keifel, Shnebedeck, Rexblisar... all sie und noch viele mehr waren vertreten.
    Diese wollen sie gerade mit dem Eisstrahl angreifen, als sich am Grunde des Sees etwas zu regen beginn schien, Luftblasen stiegen auf. Die Wasseroberfläche begann zu funkeln und dann stiegen einige längliche schattenhafte Gestalten aus dem Wasser empor. Die Stelle, die leuchtete, bedeckten die Gestalten aber nicht.“ Ich holte einmal Luft und genoss es, als ich sah, dass Sara so gespannt war, dass sie ihren Blick nicht von meinem Mund lassen konnte. Auf ihr Müsli hatte sie natürlich schon wieder vergessen.
    „Das hörte das Leuchten so plötzlich auf wie es begonnen hatte und ein lautes Spritzgeräusch zerriss die Stille der Nacht. Eine noch größere Gestalt erschien, die einen starken hellblauen Hyperstrahl abfeuerte. Die Eispokemon liefen weg, in den Eispfad, und seit diesem Augenblick hat bis heute kein Eispokemon mehr diese Ebene betreten.
    Die Wanderin inzwischen erkannte, dass es sich bei den Gestalten aus dem Wasser um Dratini, Dragonir und bei der großen um ein Dragoran handelte. Die Drachen zogen sich in die Höhle zurück, wo sie bis heute ungestört im heiligen Drachenland leben. Nur das Dragoran blieb zurück.
    Obwohl die Wanderin nicht mit ihm sprechen konnte, wusste sie sofort, was es wollte: ihr Begleiter und Untertan werden. Da sie sich glücklich schätzen konnte, einen Mysticball, einen sehr seltenen Ball, der aus der violetten Aprikokko hergestellt wurde, zu besitzen, fing sie das Dragoran. Und sie schwor sich, dass sie zum Dank für ihre Rettung einen Schrein an die Stelle bauen würde, an der sie gestanden hatte. Außerdem wollte sie für immer dort auf dieser Hochebene leben und jedes Jahr zu diesem Neumond ein großes Fest zur Ehre der Drachen veranstalten. Das heutige Fest der heiligen Drachen.
    Die Kunde über die Drachen verbreitete sich für damalige Zeiten sehr schnell, und immer mehr Menschen zogen auf das Hochplateau, hauptsächlich aus der Heimatstadt der Wanderin: Baumhausen City. Der See, die Höhle und das Gebirge wurden nach den Drachen benannt, und die Stadt nach dem Holz, aus dem der Schrein bestand: Ebenholz City. Die Wanderin wurde mit ihrem Dragoran zur Wächterin des Schreins.
    Als die erste Wächterin schließlich eine Tochter gebar, gab sie ihr den Namen Sandra Maja Kassandra, dazu den Ehrentitel Drachenmeister. Bei dem Vornamen handelte es sich einfach um eine umgestellte Version ihres eigenen Namens, indem sie einfach ihren letzten Namen nach vorne stellte. Eine Tradition, die von der restlichen Stadtbevölkerung übernommen wurde und bis heute erhalten geblieben ist. So wiederholen sich unsere Vornamen alle drei Generationen.“ Mit diesen Worten beendete ich meine Erzählung und begann, zum ersten Mal über den Anfang der Legende nachzudenken, denn mir schien ein Licht von der Größe Dukatia Citys aufzugehen. Rayquaza... konnte er das gemeint haben? Die Geschichte war schon beinahe tausend Jahre alt und das Duell von Dürre und Wasser... Groudon und Kyogre, deren Herrscher eben jener legendäre Drache war... noch dazu hatte die erste Wächterin denselben Namen wie ich getragen. War es möglich, dass sich der Lauf der Dinge wiederholen würde? Nein, das erschien mir zu einfach. Als heiliges Pokémon musste er schließlich von der Legende wissen, noch dazu wurde er in unserer Stadt auch verehrt. Mich ließ das Gefühl nicht los, dass hinter all den Andeutungen etwas viel Gewaltigeres als nur das steckte. Nur was?
    „Hallo? Maj? Jemand zu Hause?“, fragte mich Sara so überraschend, dass ich zusammenzuckte.
    „Was denn?“, gab ich nur gereizt zurück, schließlich hatte sie meine Gedankengänge unterbrochen. Nebenbei registrierte ich, dass sie ihr Müsli bereits gegessen hatte.
    „Du hast ein paar Minuten lang nur auf die Decke gestarrt“, erklärte die Koordinatorin schlicht.
    „Ich mir einige rote Fäden im Kopf zusammengesponnen und du hast sie abgerissen“, murmelte ich.
    „Oh, ähm... tut mir Leid?“ Natürlich. Was sollte man auf so eine Aussage schon antworten?
    „Mir ist sowieso schon die Wolle ausgegangen.“
    Jetzt merkte man dem Mädchen an, dass es überhaupt nicht mehr verstand. „Wie bitte?“
    „Ohne Wolle kein Faden, nicht war?“
    „Was?“
    Ich zog die Augenbrauen hoch und schaute sie an. „Vergiss es einfach. Aber ich denke, da du fertig bist, können wir ja endlich gehen.“ Ohne ein weiteres Wort packte ich meine neue Tasche und hängte sie über die Schulter. Dann warf ich Psiana noch einen auffordernden Blick zu und ging einfach aus dem Speisesaal. Kurz spürte ich noch Saras verwunderten Blick im Rücken, dann stand auch sie auf und folgte mir.


    Kaum hatten wir die Stadt hinter uns gelassen, begann Sara, ihre Fragen zu stellen. „Es stimmt also, was in Trainergeschichten steht?“, war ihre erste.
    Ich seufzte nur. „Es war ein Interview mit meiner Schwester. Warum sollte sie lügen?“
    Meine Reisebegleiterin sah mich mit einem seltsamen Blick, teilweise unverhohlenes Interesse, teilweise etwas anderes, das ich nicht einschätzen konnte, an. „Das heißt, der Champ von Johto ist dein Bruder“, flüsterte sie ehrfürchtig.
    „Er ist ein Idiot“, murmelte ich traurig und starrte zu Boden. Warum holte mich dieser Tag in letzter Zeit so oft ein? Es war nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich wieder auf den dunklen Pfaden hinauf zur Spitze er Drachenzahn-Berges wandeln würde...
    „Wieso das denn?“ Die Koordinatorin klang eindeutig interessiert.
    „Ich will nicht darüber reden. Nur... seit drei Jahren... muss ich ihn als Idioten empfinden. Seit... seit dieser einen Begegnung... Auch wenn ich nicht will. Aber mehr wirst du nicht aus mir herauskriegen.“ Ich versuchte mich an einem aufmunternden Lächeln, scheiterte aber kläglich. Warum musste es denn nur so kompliziert sein?
    „Ich dachte, du willst alle meine Fragen beantworten?“, warf Sara wütend ein.
    „Diese Sache ist etwas anderes.“ Jegliche noch verbliebene Fröhlichkeit wich aus mir, als ich einen schnellen Seitenblick auf meine Reisebegleiterin warf. „Das Ei“, sagte ich urplötzlich als ich das Leuchten bemerkte, „Es schlüpft.“ In diesem Satz schwangen sämtliche Gefühle, die ich für es hatte, mit.
    Sara warf nur einen überraschten Blick auf den Behälter mit dem pinken Ei in ihren Händen. Sie strahlte über das ganze Gesicht.


  • So, nun kommt Kap 10, das gerade einmal ein wenig über drei Seiten hat. Insgesamt, bin ich heute draufgekommen, haben Prolog + die 10 Kaps 39 dreiviertel Seiten, hinzu kommt das Spezialkap mit seinen dreieinviertel, ergibt zusammen in sogesagt 12 Kaps 43 Seiten Text *stolz auf mich sei*. Hätte nie gedacht, dass das so viel ist, ehrlich gesagt... Aber ich quatsche schon wieder zu viel. Hier kommt es, das erste Kap mit zweistelliger Zahl!


    10. Kapitel: Meinungsverschiedenheit


    [align=justify]„Es schlüpft!“, wiederholte Sara entzückt und stellte den Behälter auf den Boden, um gleich danach die Glasglocke zu entfernen. Man konnte richtiggehend das Glück aus ihren Augen sprühen sehen. Ich hingegen hielt Abstand zu der Szene vor mir und hypnotisierte mit starrem, kaltem Blick das Ei. Immer stärker begann es in einem strahlenden Weiß zu leuchten, bis es begann, auch seine Form zu verändern.
    Das erste, das passierte, war das Emporschießen der Feder, noch immer in blendendes Licht getaucht. Dann wurde der Hals sichtbar, danach sprossen die Arme aus dem Körper und teilten sich an den Enden sofort in zwei Teile, die die Klauen darstellen sollten. Erst jetzt wurden die Beine ausgebildet, die sich wiederum zweiteilten. Es folgten die beiden Ohren, kaum sichtbare Erhöhungen am Kopf. Den Schluss bildeten die drei Schweiffedern.
    Die fertige Silhouette stand nun auf dem Boden des Behälters, als langsam das weiße Licht den tatsächlichen Farben Pink und Gelb wich. Sobald es nicht mehr leuchtete, kaum Bewegung in das Wesen. Es war die Arme nach hinten und rief in jammerndem Ton: „Snie!“
    Fast automatisch öffnete ich das seitliche Fach meiner Tasche und holte mein Taschenmesser, ein Familienerbstück das schon ein paar hundert Jahre hinter sich hatte, heraus. Nur kurz fiel mein Blick auf den Griff, der aus Landschaftsjaspis gefertigt war. Auf der einen Seite konnte man das Drachengebirge erkennen, wie man es sah, wenn man vor dem Haupteingang der Arena von Ebenholz stand, auf der anderen das Panorama vom Schrein aus. Mit einem Knopfdruck ließ ich die Klinge heraus schnellen, die im Gegensatz zum Griff immer wieder ausgetauscht worden war. Immer das neuste Material, momentan rostfreier Stahl. Nach dem nächsten Austausch würde er wohl durch Keramik ersetzt werden.
    Ich stellte mich breitbeinig hin und hielt das Messer so in der rechten Hand, dass ich jeden Moment zustechen konnte. Dabei behielt ich das Eis-Pokémon ständig im Auge. Vorsicht war eben die Mutter der Porzellankiste... Und bei diesem Pokémon, noch dazu in der Shiny-Variante, konnte ich nie vorsichtig genug sein.
    Sara war vollkommen begeistert von ihrem neuen Pokémon, hob es hoch und drehte sich mit ihm in den Armen im Kreis. Dabei ignoriert die die jämmerlichen „Snie!“-Rufe, die wohl bedeuteten, dass das pinkfarbene Wesen Hunger hatte. Gut... ich würde nichts sagen.
    Ich warf noch einen Blick auf die Szene, spürte den harten Griff meines Messers in der Hand. Es war so einfach... solange Sara dieses Pokémon nicht im Ball hatte, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich wollte ständig auf es losgehen, konnte mich nur mit Mühe zurückhalten. Dazu noch diese Furcht, ein kurzer Gedanke an meine erste Begegnung im Eispfad und sofort kam der Hass zurück. So konnten wir nicht mehr zusammen reisen, das war mir klar. Noch ein schneller Blick, dann drehte ich mich um und ging den Schotterweg entlang weiter, Sara und das Sniebel hinter mir lassend.
    Kaum war ich ein paar Schritte gegangen, hörte ich auch schon die Stimme der Koordinatorin: „Hey, Maj, wo gehst du denn hin?“ Es klang verwundert, doch konnte sie das Glück nicht verbergen.
    Ich antwortete, ohne mich umzudrehen. „Jetzt, wo dieses Sniebel geschlüpft ist... Sara, es wäre nicht sinnvoll, wenn wir weiterhin zusammen reisen würden. Sobald diese... Kreatur nicht im Ball ist, brennen bei mir vor Wut und Hass beinahe die Sicherungen durch. Ich weiß, wenn ich in so einer Situation bin, folgen meine Pokémon nicht meinen Befehlen, doch ich selbst kann auch angreifen.“ Das Taschenmesser hielt ich immer noch fest umklammert.
    „Aber...“
    „Es wäre einfach unsinnig“, stellte ich klar.
    „Nein!“, rief sie plötzlich in einer bisher noch nicht dagewesenen Intensität. „Wenn du alleine weiterziehen willst, dann erst, wenn du mich geschlagen hast! Maja Kassandra Sandra Drachenmeister, kämpf gegen mich!“
    Verwirrt drehte ich mich tatsächlich um. Sie hatte sich meinen vollständigen Namen gemerkt? Diese Tatsache schrie richtiggehend nach Würdigung. „Na gut“, lenkte ich ein. „Eins gegen eins. Aber schick vorher dein Sniebel in den Ball.“
    Sara fummelte umständlich in ihrer Tasche herum und holte zwei Pokébälle heraus; in den einen rief sie ihr Pokémon, den anderen hielt sie in der Hand uns starrte mich an. „Ich bin bereit“, sagte sie.
    Als das Shiny im Ball verschwunden war, entspannte ich mich ein wenig, steckte das Taschenmesser weg und kam zu dem Schluss, überreagiert zu haben. Dennoch... Sara sollte einmal ihren Kampf haben. Nur welches meiner Pokémon sollte ich einsetzen?
    Die Koordinatorin besaß schließlich nur zwei kampfbereite Pokémon, ich konnte meine Wahl also ziemlich einschränken. Flamara hatte zwar einen Vorteil gegenüber Endivie, doch was wäre, wenn Sara Marill einsetzten würde? Gegen die Aquamaus hätte zwar Blitza gute Karten, doch wäre gegenüber dem Pflanzen-Pokémon die Attacken nicht sehr effektiv. Aquana einzusetzen wäre der größte Stuss. Im Nachteil gegenüber dem Laub-Pokémon, während Wasser gegen Wasser eine Geduldsprobe sondergleichen wäre. Psiana war viel zu hoch im Training, es fiel also auch aus, genau wie Nachtara, dessen Vorzüge ich Sara schon genauestens vorgeführt hatte. Blieb also mur noch eine Möglichkeit übrig.
    „Dragonir, komm raus!“, rief ich und war den Ball mit dem kleinen eingravieren M, worauf sich der blau und weiße schlangenartige Drache aus dem roten Licht schälte. Es war ein Anblick zeitloser und dennoch wunderschöner Eleganz, der mich durchatmen ließ.
    „Panzaeron, es geht los!“, befahl nun auch Sara. Ein großer grauer Vogel mit langem Schnabel und roten Flügeln erschien. Ebenfalls ein wunderschönes Pokémon, nur auf seine ganz eigene Art und Weise, nicht zu vergleichen mit meinem Drachen.
    Dennoch... „Panzaeron?“, echote ich, „Seit wann das denn?“
    Sara lächelte recht verhalten. „Ich war ja gestern auf dieser Felseninsel, wo man alle möglichen Stahl-Pokémon fangen kann. Ich hab mich sofort in dieses wunderbare Wesen hier verliebt, bin ihm über die halbe Insel gefolgt und hab es schließlich gefangen. Dann hab ich sofort mit dem Training begonnen und die Zeit vergessen. Als ich einen Blick auf den PokéCom warf, bemerkte ich, dass die Fähre schon vor fünf Minuten abgelegt hatte. Zuerst war ich natürlich geschockt, aber ich hatte die rettende Idee: Ich bin einfach auf ihm geflogen, und muss sagen, es hat eine ziemliche Ausdauer. Du wirst es also nicht leicht haben mit ihm!“
    Ich versuchte, nicht mit der Wimper zu zucken. Respekt, das musste man ihr lassen. In den wenigen Tagen, die sie nun schon Trainerin war, hatte sie schon vier Pokémon und auch bereits ein Band gewonnen. Sara hatte Talent... Dennoch, davon durfte ich mich jetzt nicht ablenken lassen, schließlich stand ein Kampf bevor. „Da wir keinen Schiedsrichter haben, was schlägst du vor?“, fragte ich, worauf mir die junge Koordinatorin nur mit einem ratlosen Blick antwortete. „Gut, dann würde ich gerne einen Vorschlag machen. Da wir beide über fliegende Pokémon verfügen, werden wir den Kampf in der Luft austragen. Sobald eines der beiden auf dem Boden landet, hat es verloren, selbst wenn es unbeabsichtigt ist. Einverstanden?“
    Meine Gegnerin nickte. „Einverstanden“, meinte sie.
    „Nun denn... dann lass uns anfangen“, meinte ich und gab sofort den ersten Befehl: „In die Luft, Dragonir und Drachenwut!“ Der blaue Drache stieg in die Höhe, um von dort aus rote Flammen auf den Stahlvogel zu schleudern.
    „Ausweichen! Sternschauer!“, schrie Sara. Elegant tauchte Panzaeron zwischen den heißen Brocken hindurch und begann nebenbei, Dragonir mit goldgelben Sternen zu beschießen.
    „Spezieller Angriff, also Verteidigungsplan B, Zusatz 4“, murmelte ich so schnell, dass ich es selbst nicht verstand. „Dragonir, Bodyguard und spiralförmiger Flug Richtung... du weißt schon!“ In gleißend weißem Licht begann mein Pokémon aufzuleuchten, bis es strahlte wie die Sonne. Das Leuchten wurde von den hell glänzenden Sternen gebrochen und in allen Regenbogenfarben zurückgeworfen, sodass es den Gegner blendete. „Jetzt!“, gab ich den Befehl zum Versteckspiel am wolkenlosen Himmel.
    Erst als Panzaeron den Angriff abbrach, wurde die Sicht klar. Sara starrte verwundert auf den Himmel über ihr, auch ihr Pokémon wirkte recht orientierungslos. „Was...? Wo ist es hin?“, rief sie entsetzt.
    Ich konnte nicht anders; ich musste ein diebisches Grinsen aufsetzen. „Keine Sonnenbrille dabei, was? Hau noch mal Drachenwut drauf!“ Den zweiten Satz richtete gen die Sonne.
    Im ersten Moment sah es aus, als würde diese explodieren, als wieder Feuerbrocken auf die Erde und den Stahlvogel regneten. Dann allmählich löste sich Dragonirs Bodyguard wieder auf und man konnte es mit einiger Mühe direkt vor der Sonnenscheibe ausmachen, ein langer dunkler Bogen, mehr nicht. Fasziniert starrte die Koordinatorin auf den Anblick, der dort über ihr thronte und vergaß, Anweisungen zu geben, sodass ihr Pokémon die volle Wucht der Drachenwut abbekam. Recht lädiert sackte es ab, konnte allerdings noch im letzten Moment die Flügel ausbreiten und wieder in luftige Höhen zu gleiten. Dennoch zierten bereits einige Schrammen den Panzer des Stahlvogels, während mein Drache nur vor Kraft strotzte.
    „Wie es scheint, nähern wir uns dem Finale!“, rief ich triumphierend, „Donnerblitz!“ Eine Attacke, die nur die geweihten Dratini erlernten bevor sie sich entwickelten. Sobald sie allerdings schlussendlich zu Dragoran wurden, veränderte sich ihr Denken und aus dem Donnerblitz wurde Donnerwelle, dafür besaßen sie aber größere Flügel als normale.
    Die Kugel um den Hals meines Pokémons begann, in einem elektrisch bläulichen Licht aufzuleuchten, bis ebenfalls blaue Blitze daraus hervor stoben. Panzaeron bekam – wiederum verursacht durch Saras Faszination gegenüber meinem Drachen – erneut die volle Wirkung ab und konnte sich diesmal nicht fangen. Getroffen stürzte es auf den Boden, wo es sich zwar wieder aufrappelte, doch nach unseren Regeln besiegt war.
    Mich starr vor Entsetzen anblickend, rief Sara das besiegte Pokémon in den Ball zurück. „Maj... bitte, geh nicht. Alleine weiterreisen... ich denke nicht, dass ich das kann. Ich brauche Gesellschaft.“ Bildete ich es mir nur ein oder schwammen ihre Augen tatsächlich in Tränen?
    Ich holte meinerseits Dragonir ebenfalls zurück. „Wir haben es uns ausgemacht, also bleiben wir auch dabei – ich habe gewonnen, also mach ich, was ich will.“ Betont langsam drehte ich mich um und meine Schritte verursachten leises Knarren des Kieses.
    Nach lief sie mir nicht, doch versuchte mich Sara dennoch zum Bleiben zu bringen. „Maj, weißt du... Ich meine wir kennen uns erst seit ein paar Tagen und dennoch bist du eine richtig gute Freundin! Zeitweise bist du zwar so distanziert, aber du bist einfach toll! Ich bin sicher, ich kann von dir noch eine Menge lernen! Bitte... ich bitte dich wirklich aufrichtig, geh nicht!“ All das wurde von zahlreichen Schluchzern unterbrochen. Mir wurde es langsam zu bunt. Wollte sie mein Problem nicht verstehen?
    Ich fuhr herum und brüllte sie an: „Du hast keine Ahnung! Weißt du, wie es ist, mit gerade einmal sieben Jahren fast von einem Pokémon getötet zu werden? Jetzt besitzt du ein solches, noch dazu auch ein Shiny, wie dieses welches. Immer wenn ich es sehe, würde ich am liebsten mein Messer nehmen und ihm die Kehle durchschneiden! Versuch also gar nicht, mich aufzuhalten!“ Mit fliegenden Haaren drehte ich mich wieder von ihr weg und ging, nun mit schnellen Schritten, den Weg entlang. Diesmal hielt sie mich nicht auf.
    Als mich nach einer Kurve ein angrenzendes Wäldchen verbarg, zog ich mich in den Schatten der schützenden Bäume zurück. Warum, verdammt noch mal, musste ich immer so überreagieren? Warum nur? Ich raufte mir die Haare. Warum? Hätte es nicht sicherlich eine friedlichere Lösung geben können? Eine Lösung, wie sie auch normale Menschen finden konnten? Natürlich nicht, wie auch?
    Noch immer vor Wut über mich selbst kochend zog ich meinen PokéCom heraus. Den Hauptweg nach Viola wollte ich jetzt auf alle Fälle meiden, also suchte ich auf der Karte nach einem weiteren halbwegs schnellen Weg nach Viola City, den ich auch schnell fand. Ich stand vom moosbedeckten Boden auf und lief einfach los. Die Hauptrichtung war ja noch immer Nordwesten, wohin auch der Weg führte. Verlaufen würde ich mich also nur schwerlich können.


    Zwei Tage später erreichte ich gegen Abend die Stadt. Als ich von einem Hügel auf sie hinabblickte, schien sie ungefähr so groß zu sein wie Ebenholz, doch wirkte sie selbst noch um diese späte Zeit viel geschäftiger. Wen wunderte es, dass überall Bürogebäude standen, die einen krassen Gegensatz zum Knofensaturm, gelegen im Norden der Stadt, bildeten.
    Außerdem war auch eine Wettbewerbshalle vorhanden. „Vor drei Jahren hat's die wohl noch nicht gegeben“, murmelte ich in mich hinein, als ich mich auf den Weg in die Stadt begab.
    Überall in den Straßen hingen Plakate, die den nächsten Wettbewerb den übernächsten Tag ankündigten. So ist es also..., dachte ich, übermorgen. Sara wird sicherlich daran teilnehmen. Ich muss unbedingt mit ihr reden, nach der Sache mit dem Sniebel bin ich einfach übergeschnappt. Irgendeine Lösung musste es doch geben! Zwei Tage hatte ich Zeit, mir etwas einfallen zu lassen. Alleine, das hatte ich gemerkt, war eine Reise doch recht langweilig. Das Problem war das Sniebel, einzig und allein das Sniebel und mein Verhältnis zu ihm. Die Sache musste doch irgendwie zu klären sein!

  • Hi ^^
    In der Überschrift stand du wolltest ein paar Kommis mehr und da dachte ich mir, ich schau mal vorbei. ^^  
    Ich werde mir die Überarbeitete Version des Prologs mal durchlesen.



    Erstmal ein paar Negative Dinge, die mir weniger gefallen:
    Du beschreibst die Umgebung und das passt an dieser Stelle auch, aber die Sätze sind leider oftmals kurz geraten und lassen einen beim Lesen etwas stocken, denn viele von ihnen hätte man zusammenfassen können. Auch einige Beschreibungen vermisse ich, vielleicht hättest du den Sonnenaufgang beschreiben können oder wie der Berg auf das Dorf wirkt. Majestätisch oder eher bedrohlich? So ein gigantischer Drachenzahnberg hat doch sicher eine Wirkung auf die Menschen dort. ^^
    Teilweise sind im Prolog viele kurze Sätze enthalten, vielleicht schaust du noch einmal drüber und konzentrierst dich darauf einige Sätze zu verbinden und Konjunktionen zu verwenden. Mir fehlen auch etwas die Empfindungen und Gefühle des Hauptcharakters, die sind bei der Ich-Perspektive doch recht wichtig.
    Negatives zum Inhalt könnte man vielleicht anführen, das sich Evoli etwas zu schnell entwickelt hat, aber da eine lange Freundschaft vorausging, denke ich kann man das auch so stehen lassen. ^^


    Positiv ist, das du aus der Ich-Perspektive schreibst, weil ich das persönlich als schwieriger zum schreiben empfinde und deshalb nicht aus dieser Perspektive schreibe. Aber ich lese gerne Geschichten aus dieser Perspektive, weil sie eine Herausforderung darstellen, man muss sich schließlich gut in den Charakter einfühlen, damit es nicht nüchtern wirkt. Im Prolog ist dir das gelungen, aber einige Beschreibungen hätten hier noch etwas nachhelfen können. ^^
    Was mir sehr gut gefällt ist die Idee für die Story: Nicht nur das ich Johto, von allen Ländern der Pokémonwelt am meisten liebe, nein, du beleuchtest einen Winkel von Johto der doch recht unbekannt ist, nämlich Ebenholz City, die Stadt der Drachen. Das zusammen mit der Tatsache, dass die Hauptperson mit Siegfried verwandt ist macht die Story wirklich außergewöhnlich und fantasievoll. Mir gefiel auch, wie du die Verwandtschaft erklärt hast und das sie Drillinge sind, hat mich doch sehr überrascht. ^^  
    Das man in Ebenholz City ein Drachenpokémon bekommt, wenn man zehn Jahre alt ist, finde ich passend, schließlich sind wir in der Stadt der Drachen. ^^
    Die Kampfbeschreibung finde ich gelungen, leider wenig ausgebaut, aber doch gut, ebenso wie die Beschreibung der Entwicklung von Evoli.
    Auch gefällt mir die Idee, das Maj als Praktikantin, bei Professor Lind anfängt, da liegt also eine Reise vor ihr, die man gut ausbauen kann und ich hoffe das nutzt du auch. ^^


    Allgemein finde ich deine Story sehr gut, man merkt, das du bereits Erfahrung im Schreiben hast, allerdings kannst du dich noch mehr verbessern, wenn du dich mehr in die Story und die Umgebung einfühlst. Mir gefällt das Konzept der Story und die Art wie du schreibst. Allerdings ist das ja erst der Prolog und ich freue mich darauf das überarbeitete Version des ersten Kapitels zu lesen, das werde ich in den nächsten Tagen machen. ^^


    Freue mich schon darauf und bitte um eine Pn Benachrichtigung.


    lg Cynda