Kooperativer Schreibwettbewerb BB-PF


  • Kooperativer Schreibwettbewerb BB-PF



    Aufgabe | Ergebnis



    Zwei Monate fand der kooperative Wettbewerb vom Bisaboard und von Pokefans statt. Einer Schreibphase, die insgesamt eine schöne Anzahl von 28 Teilnehmern hervorbrachte, folgte eine Abstimmungsphase, in der 6 Jurymitglieder (3 vom BB, 3 von PF) über die schönsten Geschichten entschieden haben. Natürlich steht der Spaß im Vordergrund, aber da dies ein Wettbewerb ist, ist auch der Konkurrenzkampf zwischen den Autoren da. Es gibt zwar nur einen Gewinner, dennoch präsentieren wir hier ausführlich die 5 besten Geschichten ;D (Zu den Ergebnissen kommt ihr am besten durchs runterscrollen^^)


    Platz 5



    Götter


    Der Mensch. Was zeichnet ihn aus? Was unterscheidet ihn von den Pokémon? Intelligenz ist es wohl kaum, da gibt es Pokémon, die weitaus mehr dieser Gabe besitzen. Physische Stärke? Nein, kaum ein Pokémon ist körperlich dem Menschen unterlegen. Was Menschen von Pokémon unterscheidet, was den Herrschaftsanspruch der Menschen über die Pokémon erklärt, ist der Größenwahn der Menschen.
    Mein Team und ich hatten seit Jahren an diesem Projekt gearbeitet. Wir wollten die Welt revolutionieren, beweisen, dass das menschliche Genie fähig war, die Natur zu überlisten, sie zu beherrschen, sie gar zu unterwerfen. Wofür die Natur Jahrhunderte brauchte, ihre wahnsinnigen Projekte, das wollten wir in Jahren schaffen. Und wir waren nicht zum Scheitern verdammt, schließlich waren wir Menschen, gesegnet mit einem äußerst effektiven Geist, der uns Technologie und Herrschaft über einen Planeten verschafft hatte.
    Wir wussten nicht, wo anzufangen war. Wir wollten nicht kopieren oder klonen, nicht der Natur nachmachen. Wir wollten eigene Schritte gehen, schon allein, weil ein Klon an sich niemals dem Original überlegen sein konnte. Aber wir wollten ja übertrumpfen, die Natur unterwerfen. Wir begannen damit, uns einzuarbeiten in die Thematik. Wir hatten Spezialisten die sich in ihren Bereichen auskannten und wahre Koryphäen waren, jeder von ihnen hatte schon Großartiges in seinem Leben erreicht, doch fiel es mir als Projektleiter schwer, diese einzelnen Genies, die sie ja zweifelsfrei waren, zu vernetzen. Selbst wenn wir in demselben Labor arbeiteten, so war es doch schwer für sie, sich untereinander zu verständigen. Denn so fantastisch ihre Arbeit auch auf ihrem Fachgebiet war, so schwierig fiel es ihnen, sich in andere Areale einzuarbeiten. Doch mussten wir uns auf ein Level hinaufarbeiten, das uns zumindest die angemessene Fachkommunikation ermöglichte.
    Und da waren schon die ersten Monate vergangen. Zwischenzeitlich hatten wir schon Erfolge erzielt. Es war uns gelungen, ein Raupy zu klonen. Ja, wir sahen ein, dass es wenig Sinn machte, die Natur von Grund auf zu übertrumpfen, wir mussten es in Etappen angehen, damit wir es in einer Zeit schafften, die nicht annähernd so umfassend war, wie die, die die Natur für unser Projekt benötigt hatte. Wir erforschten dieses Raupy von der ersten Zellteilung an. Wir sahen zu, wie sich diese Zellen zu einem Zellhaufen teilten, der sich spezialisierte, sich weiter ausbildete bis wir ein geklontes Raupy in unserem Forschungsbehälter hatten.
    Und dann … die einen begannen damit, die Entstehung dieses Raupys zu analysieren, während die anderen die verhaltensbiologische Entwicklung des jungen, künstlich erzeugten Pokémons festhielten. Wir verglichen unser eigenes Raupy, es war ja wirklich unser Raupy, denn wir hatten es erschaffen und es nicht nur der Natur mit einem Pokéball genommen, mit natürlich geschlüpften Raupy und waren zufrieden. Es entwickelte sich nicht anders, wie seine herkömmlichen Verwandten — bis aus den Raupy Safcon wurden, aus allen Raupy, mit der Ausnahme unseres.
    Es überlebte den Vorgang der Entwicklung nicht. Zwar leuchtete es im Licht der Entwicklung, wie die anderen, doch verblasste dieser Botschafter der Änderung wieder und der Klon lag leblos in seinem Studiergehege. Wir hatten den ersten Rückschlag erlitten. Und begannen sofort mit der Ursachenforschung, denn etwas musste beim Vorgang des Klonens missglückt sein, noch nie hatten wir nämlich von so einem Vorfall gehört.
    Wir fanden Monate später heraus, dass etwas bei der Ergbutübertragung nicht wie geplant geschehen war. Doch da war es bereits irrelevant, hatten wir doch begonnen, an stabileren Pokémon zu forschen. Wir hatten damit begonnen, die artifiziellen Pokémon zu studieren. Voltobal war die erste Spezies die wir untersuchten, allerdings erwies sich das als finanzielle Katastrophe, nachdem Explosion zum dritten Mal das Labor zerstört hatte. Mit Magnetilo taten wir uns da wesentlich leichter.
    Es war unglaublich, artifizielle Pokémon waren einfacher zu verstehen, sie waren nach der simplen Wissenschaft der Physik aufgebaut, wir mussten nicht erst die Biologie übersetzen. Wir machten so riesige Fortschritte, ja, es schien greifbar nahe, unser Projekt würde sich auszahlen, ganz klar, in absehbarer Zeit wären wir am Ziel.
    Wie gut, das geniale Köpfe vor uns bereits ein System entwickelt hatten, mit denen wir Pokémon digitalisieren konnten. Mithilfe des Pokémon-Lagerungssystems schufen wir eine digitale Signatur eines Magnetilo und versuchten, diese zu bearbeiten. Doch Erfolg hatten wir erst, als wir Signaturen verschiedener Magnetilo und Magneton verglichen, von da an machten wir die Teile der Signatur aus, identifizierten sie, erfuhren, was sie bewirkten. Es gelang uns die Magneten zu entfernen oder sie zu färben. Wir gaben Magnetilo zwei oder drei Augen, wir änderten die Form der Schrauben, gaben ihm Beine…
    Wir maßten uns an, an diesem Geschöpf, das nur mehr aus Daten bestand, herumzuspielen. Wir änderten die Formen, das Aussehen, versuchten es zu perfektionieren. Doch es misslang. Wir hatten zu viele Ideen, die wir einfließen ließen. Mein Team und ich, wir setzten uns zusammen, überlegten, was wir schaffen wollten. Nach langen Gesprächen hatten wir ein Thema, wir wussten, wie das Ergebnis aussehen sollte und hielten doch eine Flexibilität ein, die es zu etwas noch Besondererem machen sollte.
    Und wieder begannen wir damit, die Signaturen, diese virtuelle DNA, zu manipulieren. Zuerst erschufen wir einen Körper der zu unserem Thema passte, ein Körper, der aber zugleich auch lebensfähig war, sollte er jemals materialisiert werden. Das Design hatte uns ein besonderer Grafiker erstellt (an dieser Stelle möchte ich mich bei Ken bedanken). Nach Monaten dann war es geschaffen. Der erste Teil war vollendet. Wir hatten eine Hülle. Zumindest in digitaler Form. Doch wie leicht es war einen Körper zu formen, dass wussten wir bereits, seitdem die Menschheit Klone hervorbringen konnte. Diese Klone erhielten ihren Geist einfach vom Original. Da diese Hülle aber kein Klon, sondern eine Eigenkreation des Menschen war, fehlte es ihr noch ein einem Geist, einer Seele, dem Leben. Ich möchte hier nicht auf die Details eingehen, es ist auch nicht erwähnenswert, jeder kann sich vorstellen, dass es äußerst schwierig ist, eine virtuelle Intelligenz zu programmieren, die auch noch mit ihrem künftigen Körper interagieren können soll. Doch es gelang uns.
    Und nun … vor vier Jahren und sechs Monaten hatten wir das Projekt begonnen. Nun standen wir hier und hofften, dass es nicht vergebens war. Die Simulationen, die wir noch die letzten Tage durchgeführt hatten, sagten eigentlich, dass es gut gehen würde. Doch diese Spannung, die gerade jetzt in mir aufstieg, sollte es gelingen, ich würde der meist gefragte Mensch dieses Planeten sein, der Mensch, der die Natur übertrumpft hatte, so würde ich in die Annalen eingehen, wenn doch nun, jetzt endlich der finale Erfolg sichtbar würde.
    „Materialisierungsvorgang wird eingeleitet, Professor“, sprach dieser unwichtige Assistent, dessen Namen ich nicht kennen brauchte. Ihn würde man zukünftig sowieso nicht erwähnen. Nur ich, der Leiter des Projekts, nur ich war von Wichtigkeit!
    Mein Assistent gab den Befehl in den Computer ein. Mein Team, ich, allesamt angespannt, wir sahen zu, sahen, wie durch die Fenster der Reaktorkammer des umgebauten Terminals des Pokémon-Lagerungssystems grelles, helles Licht, Licht der Innovation, Licht der Superiorität der Menschheit drang. Und dann, die Kammer öffnete sich.
    Alle wollten durch die Luke schauen, aber nein, mir stand es zu, ich habe dieses Projekt geleitet, ich hatte das natürliche Recht, zuerst hindurchzuschauen! Ich drängelte mich vor, schubste die hübsche aber unwichtigte Doktorin zur Seite, sie würde mich bald verehren, mich für mein Genie vergöttern, und mir diese Ungeste verzeihen, und blickte durch die Luke.
    Das aus Vielecken bestehende Wesen starrte mich an. Seine rosa und türkisfarbene Komponenten, sie hielten, es bewegte sich sogar. Das Thema der Virtualität sah man diesem wirklich artifiziellen Pokémon an. Und ich, ich hatte es geschafft. Die Evolution der Natur hatte Millionen Jahre gebraucht um Pokémon hervorzubringen. Doch ich, ein einfacher Mensch, ich hatte es in weniger als fünf Jahren geschafft, ich habe ein Pokémon von Grund auf entwickelt, geschaffen. Von nun an konnte sich die Menschheit, allein wegen meiner Taten, eine Gottheit nennen, und ich würde der höchste der Götter sein.

    Es schloss diesen albernen Ledereinband, dessen Geschichte sich vor Jahrzehnten abgespielt hatte, wenn man der Datierung des Tagebuchs trauen konnte. Und dann sah es sich um. Die Straßen waren menschenleer, die Gebäude, Türme zum Himmel, unbewohnt. Mit Schritten der künstlichen Beine setzte es sich in Bewegung. Götter hatte es ewig nicht mehr gesehen.



    von Furanty, Gratulation!

    Platz 3



    Einer von vielen?


    Stratos City ist eine verdammt große Stadt. Sieben Millionen Einwohner, locker. Sieben Millionen Gesichter, die in der Menge schlicht untergehen, bedeutungslos werden. Die Stadt ist die Maschine, wir die Energie. Man sieht uns nicht, aber man spürt uns: Wir erhalten die Stadt am Leben. Ich mag diese Anonymität in Großstädten. Du bist nichts besonderes, einfach nur du.
    Die Sommersonne knallt gnadenlos auf die Stadt. Die Häuserwände, die sich scheinbar unendlich hoch in den Himmel erstrecken, reflektieren das Sonnenlicht, sodass auf den Straßen brüllende Hitze herrscht. An einigen Stellen um Kanaldeckel herum fängt der Asphalt teilweise an zu schmelzen. Die Stadt hat sich in den Schatten verkrochen, nirgendwo ist eine Menschenseele zu sehen.
    In der Stille des Nachmittages lehne ich mich aus dem Fenster meines Appartements, nichts besonderes, eine kleine Wohnung im fünften Stock, das Stadtzentrum zu Fuß erreichbar. Es weht nicht das leiseste Lüftchen. Die Lautlosigkeit hämmert sich mit einer unglaublichen, imaginären Lautstärke in den Kopf, dass ich fast froh bin, dass ich auf der Straße Geschlurfe höre. Ich blicke nach unten und erkenne, soweit es das Flimmern der Luft zulässt, ein halb kriechendes, sichtlich durstiges Picochilla. Verzweifelt blickt es um sich, röchelnd und vertrocknend.
    Ich schnappe mir so schnell ich kann eine Schale und eine Flasche Mineralwasser, eile zum Aufzug und renne nach einer gefühlten Ewigkeit im Lift hinaus auf die Straße. Das Picochilla ächzt, als es mich erblickt, ein leises Ächzen, das seinen letzten Hoffnungsschimmer mehr als deutlich macht. Ich nicke ihm nur kurz zu, fülle die Schale mit Wasser und schiebe sie dem grauen Pokémon hin. Mit letzter Kraft kann es trinken. Sichtliche Entspannung macht sich in seinem Gesicht breit, ich schaue ihm geduldig zu, wie es Leben in sich aufsaugt. Die Schale ist mehr als schnell geleert und ich beschließe kurzerhand, das Picochilla bei mir aufzunehmen.
    Nach einem gefühlten halben Jahrzehnt im Aufzug zeige ich meinem neuem Haustier seinen Schlaf- und seinen Essplatz, wo es hin darf und wo nicht, kurzum: Ich mache Picochilla die Hausordnung klar. Freundlich strecke ich ihm meinen Zeigefinger hin, streichele es am Kinn. Das mag es offensichtlich. Ohne Vorwarnung jedoch fängt es an, zu husten und dabei Staub und Sand zu spucken. Umgehend steige ich mit ihm in mein Auto und fahre beim Pokécenter vor. Eine kühle Brise umschmeichelt mich wohltuend beim Hineingehen in das hochmoderne Gebäude. Eine freundliche Schwester begrüßt uns, ich frage nach Dr. Tajiri. Er ist der leitende Chefarzt der Klinik, der mir schon zahllose Male geholfen hat. Das heißt, eigentlich meinen Pokémon, die mittlerweile allerdings alle friedlich entschlafen sind.
    Mit vollstem Vertrauen setze ich mich ins Wartezimmer und fange an, wahllos ein altes Pokémon-Journal zu durchstöbern. Ich finde eine interessante Reportage über Johto, dessen tolle Strände bei Oliviana City und aufregende Kulturstadt Teak City in dem Artikel besonders ausführlich betrachtet werden. Dort sollen Pokémon leben, von denen ich noch nie gehört habe, wie Voltilamm oder Miltank, deren Milch mein Frühstück genießbar macht. Die muss natürlich erst mal importiert werden. Die Welt wächst immer mehr zusammen, Globalisierung. Wir sind 7 Milliarden. Die Welt ist ein Dorf. Nein, eine Großstadt. Diese geballte Ladung Anonymität beeindruckt mich. Ich lasse meine Gedanken und meine Blicke durch das karge Zimmer streifen, wahllos und ziellos.
    Aufzüge und Wartezimmer haben eines gemeinsam: Man hat in ihnen viel Zeit. Dr. Tajiri reißt mich irgendwann aus meinem Mittagsschlaf, der mich eben noch nach Johto entführt hat und mich nun umso härter in die Realität wirft. In völliger Schlaftrunkenheit höre ich ziemlich passiv, was der Arzt mir erzählt. Das Picochilla muss laut Diagnose tagelang durch die Wüste geirrt sein, es sei vollkommen überhitzt und dehydriert gewesen. Ich soll es nun besonders pfleglich wieder aufpäppeln. Einverstanden, gegen ein wenig mehr Gesellschaft habe ich nichts einzuwenden.
    Inzwischen sind zwei Wochen ins Land gezogen. Es ist Hochsommer, bis zum kühleren Herbst ist es immer noch lange hin. Die Temperatur hat noch weiter zugelegt und das Picochilla sich mittlerweile ganz gut bei mir eingelebt. Wie jeden Morgen bringt es mir den „Stratos-Anzeiger“, den ich wie immer gründlich studiere. Picochilla liest wie gewöhnlich mit, wenn man das so nennen kann. Plötzlich scheint seine Aufmerksamkeit komplett auf eine Randspalte gelenkt worden zu sein, denn es zupft mich aufgeregt am Arm und tapst über den Politikbericht zu einer kleinen Anzeige.
    „PICOCHILLA VERMISST“ titelt die Zeitung. Direkt unter der Überschrift sieht man das Gesicht einer in Tränen aufgelösten Trainerin, die uns ein Bild entgegenstreckt, auf dem das vermisste Pokémon abgebildet ist. Bei näherer Betrachtung erkennt man am linken Auge des grauen Fellknäuels eine kleine Naht. Erschrocken schaue ich meinem Haustier ins Gesicht. Es blickt mich traurig an und runzelt die Stirn, was die Narbe über seinem linken Auge nur noch deutlicher macht. Der Moment stillsten Anschauens zieht sich lang. Ich will mein Picochilla aber nicht hergeben. Ich war es, der es vor dem sicheren Tode bewahrt hatte, ich war es, der es zum Arzt gefahren hatte, ich war es, der sich in den letzten 14 Tagen liebevoll für das Wohlergehen des kleinen Pokémons aufgeopfert hatte, und da soll ich es jetzt einfach weggeben?
    Das ist eine ziemliche Zwickmühle. Natürlich habe ich mein Pokémon gepflegt, aber – ist es wirklich meines? Laut dem Artikel hat Tamara, so heißt die verzweifelte Trainerin, das Pokémon gefangen, aufgezogen und dann eines Nachmittages unbeaufsichtigt im Garten spielen gelassen. Eigentlich ist Picochilla ihr rechtmäßiges Pokémon. Ein Kloß im meinem Hals bildet sich, ich starre das graue Fellknäuel noch immer wie festgewachsen an. Vermutlich würden wir zwei uns nie wieder begegnen, ich bin schließlich einer von sieben Milliarden Menschen und Picochilla eines von wahrscheinlich noch mehr Pokémon. Das Schicksal hat uns zusammengeführt, jetzt reißt uns es wieder auseinander.
    Schweren Herzens lasse ich mein Haustier auf Zeit ein letztes Mal auf meine Schulter klettern, schneide den Artikel aus und begebe mich, dieses Mal über das Treppenhaus, in meinen Wagen. Erst jetzt bemerke ich, dass Tamara gar nicht in Stratos City, sondern in Rayono City lebt, jenseits der großen Wüste. Ein Zucken geht durch meinen Kopf, das erklärt, weshalb das Picochilla halb verdurstet hier ankam, warum es Staub und Sand hustete. Stöhnend fahre ich los. Immerhin muss ich durch die Einöde. Zwanzig Kilometer nichts als gelbliche Körner, die in der Gluthitze des Sommers darauf warten, zu schmelzen. Eine dreiviertel Stunde lang kämpfe ich mich durch die widrigsten Witterungsbedingungen. Umso erleichtert bin ich, als ich Rayono City endlich erreiche. Ich parke den vom Sand der Wüste tadellos glatt geschmirgelten Wagen vor dem Pokécenter der Stadt, wo ich mir einen Stadtplan zulege. Eifrig bin ich auf der Suche nach dem „Östlichen Ring“, denn dort wohnt Tamara und sucht nach ihrem ausgebüxten Gefährten.
    Ich kenne jetzt den Weg, fahre langsam an und erreiche schließlich das Haus von Tamara. Ich schwitze, woran teilweise auch meine Nervosität Schuld trägt. Es öffnet mir eine am Boden zerstörte Trainerin, eine Person, deren Leben offensichtlich in Trümmern vor ebendieser liegt. Unsicher stelle ich mich vor und stammele, dass ich das Picochilla vor zwei Wochen auf der Straße fand und bei mir aufnahm. Ich erzähle Tamara die Geschichte in allen ihren Einzelheiten. Ungläubig den Kopf schüttelnd bittet sie mich zu sich herein.
    Sie besitzt eine Villa mit mediterraner Bauweise, überall Terra Cotta-Fliesen, ich überlege ernsthaft eine Umgestaltung meiner Wohnung. Überglücklich fällt Tamara mir um den Hals. Ich genieße den Moment, denn das hat schon seit Jahren keiner mehr mit mir gemacht. Als Belohnung für meine Entscheidung, ihr das Picochilla zurückzubringen, drückt sie mir einen Batzen Geld in die Hand, einen Kuss auf die Wange und gibt mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. Wir sitzen noch gemeinsam bei einem Glas Rotwein, bis ich mich wieder auf die Heimfahrt mache.
    Die Sonne ist bereits dabei, unterzugehen, die unerträgliche Hitze lässt langsam nach. In der Abenddämmerung, der Himmel ist schon antrazithfarben, komme ich zu Hause an. Wieder in meiner Wohnung fange ich bitterlich an zu weinen, bis mir der Zettel mit Tamaras Nummer einfällt. Ich lade sie gleich für nächstes Wochenende zu mir ein, unsere Zusammenkunft muss gefeiert werden, denn ich glaube, es hat zwischen uns beiden gefunkt.
    Obwohl uns eine Unzahl von Sandkörnern trennt und keiner vorher von dem anderen etwas wusste, obwohl wir nur zwei von sieben Milliarden sind und in der Masse untergehen, bedeutungslos werden, die Maschine hat uns zusammengebracht, durch ein Sandkorn im Getriebe namens Picochilla. Ich bin einer von vielen, ich bin anonym. Aber alleine bin ich niemals.


    von PikaFan1995, sehr schön!

    Platz 3



    Regen


    Die Regentropfen explodierten wie unzählige winzige Pistolenschüsse auf dem grauen Stein der schlecht gepflasterten Straße.
    Vorhin hatte es nur leicht genieselt, doch in einem unaufhaltsamen Crescendo hatten sich die Tröpfchen zu einem prasselnden Wolkenbruch gesteigert und das abfließende Regenwasser spülte die bunten Herbstblätter die Gullys hinab. Hier stand er also nun, wie festgefroren, seit einigen Minute hatte er sich nicht vom Fleck bewegt, und auch sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Nur graue Augen, die auf graue Straßen starrten, während die Schlieren des Regens das Kleinstadtpanorama vollends zu einer Groteske aus gedämpfter Farblosigkeit degradierten. Wieso er hierher zurückgekehrt war, wusste er nicht. Hier gab es nichts, was das Kommen rechtfertigte, und die Bleibenden wirkten ausgeblichen wie die Fassaden der Häuserzeilen ringsherum. Er erschauderte beim Gedanken daran, dass dies einmal seine Heimat war. Dass es eine Zeit gab, wo er sich gern hier aufgehalten hatte, dass es ihm wichtig war, diesen Ort zu seinem Ort zu machen, seinem persönlichen Nirvana und Paradies. So spielte es, das Leben, es ließ die Spielfiguren von Level zu Level hinübergleiten, als wäre es nichts, und war das eine gemeistert, folgte das Nächste. Diese Stadt war alt und nichts als eine Erinnerung, eine Randnotiz in einer Vita unter hunderttausenden unbedeutenden Leben in einer Welt, die alles bot, was man sich wünschen konnte, und doch musste man sich jeden dieser Wünsche selbst erfüllen. Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, man sollte ihn hier nicht sehen. Die Phantome dieses leeren Traumes sollten nicht geweckt werden, teilte er auch einst so vieles mit ihnen. Wieso war er hier? Verabschiedet hatte er sich schon seit langer Zeit, und die versunkenen Schätze vergangener Tage wieder auszugraben, würde viel Kraft kosten, weit mehr als sich lohnen würde zu investieren.
    Was er sich hier erhoffte? Er wusste es nicht. Er hatte Frieden mit sich geschlossen, war zu neuen Horizonten aufgebrochen und nichts, aber auch gar nichts kettete ihn an den Kerker, an diese Statdt voller Gespenster ohne Gesichter. Verändert hatte er nicht viel. Der alte Springbrunnen stand noch immer da. Wasser traf auf Wasser und zog Kreise, weite, tiefe Kreise. Auch er hatte hier einst seine Kreise gezogen. Er hatte sich beweisen müssen und er glaubte, er habe Spuren hinterlassen, aber sie waren nicht mehr da. Alles war so vertraut, und dennoch, diese Stadt war wie ein Radiergummi, jede Seele löschte sie aus und zurück blieb nichts als ein Haufen Fussel, der weggepustet und in alle Winde verstreut wurde.
    Was wäre diese Stadt ohne mich? Das, was sie jetzt ist.
    Das Leben ist ein Markt und es gibt nicht nur einen Stand. Ständige Konkurrenz prägt das Leben der Menschen, sie fragen nicht nach Sinn und Unsinn, es muss nur immer höher, schneller, weiter gehen, alles muss neu sein und besser sein und auch dann ist es nicht gut genug. Menschen waren apathische und naive Tierchen, die sich wie ein Hamster im Rad ständig drehten und nicht merkten, dass sie nicht vorankamen, aber immer müder wurden. Anderswo ist alles besser, das Gras ist grüner und der Regen ist – ja, aber regnet es denn anderswo tatsächlich weniger oder haben die Menschen nur ihre Schirme herausgeholt? Menschen. Sie strebten nach dem Optimum und wissen nicht, was das ist.
    Er war ein Mensch und er liebte die Menschen für ihre Macken, einige mehr, andere weniger, und am meisten seine eigenen, denn wozu sollte er sich Sorgen machen? Jeder wollte sorgenfrei leben, wieso also Sorgen machen, wenn man die Wahl hat?
    Die Straßenlaterne flackerte. Das Licht drohte zu erlöschen, das Grau würde einem tiefen Schwarz weichen, einem Schwarz und dem stetig wiederkehrenden Geräusch des trommelnden Schauers auf den massiven Wegen des Trugbildes einer Stadt.
    Vielleicht war er für die Erinnerung hier. Klar, Erinnerung glich keine Verluste aus und machte nichts wieder lebendig, was einmal tot war. Eine schöne Erinnerung war wie eine flüchtige Droge, die das Gehirn für einen halben Augenblick betäubte und etwas von dem zurückgab, was verloren ist. Doch auch die Erinnerung hatte diesen Ort verlassen, wie so vieles diesen Ort verlassen hatte außer die Gewöhnlichkeit. Die Gewöhnlichkeit und der Regen. Hinter milchigen Scheiben starrten kalte Augen ihn, den Fremden, an. Er gehörte nicht hierher und das war gut so. Er hatte seinen Platz gefunden. Das stimmte so eigentlich nicht, denn wenn er es recht bedachte, hatte sein Platz ihn gefunden, und nur die Flügel seines Geistes verwandelten dieses Etwas, das das Schicksal ihm anbot, in ein Mehr.
    Er stach heraus aus der grauen, verschwommenen Masse der Stadt, das wusste er. Er war ein Grenzensprenger. Ein Freidenker. Ein Rebell und Revolutionär. Er war ein Nichts und doch war er alles, was er brauchte. Er war immer noch ein Suchender.
    Wonach er suchte, wusste er, dass er es hier nicht finden würde, wusste er genau so. Doch Sehnsucht ist ein Gefühl ohne Richtung, sie zieht dich dahin, wo der Wind sie hinträgt, und wenn alles still und windstill ist, zieht sie dich nach unten. Vor ihm verschwamm die Silhoutte der Straßenlaterne mehr und mehr, doch vor seinem inneren Auge sah er klare Bilder: Hier war es, als er sie das erste Mal traf. Noch war es ein leichtes flackern und knistern gewesen, eine Ladung, die sich wenig später entladen sollte, die frei wurde in Form von Erdbeben und Eruptionen, so unsichtbar wie gigantisch, die Fusion zweier Seelen, die eins wurden. Es waren intensive Zeiten und nur zu gern dachte er daran zurück, nicht mit Wehmut oder Leidenschaft, nein, viel mehr mit wissenschaftlichem Interesse, und tatsächlich dann und wann mit Sorge. Es trennte sich, was nicht getrennt werden durfte, und es blieb viel Leere und ein Teil von ihr in ihm zurück. Zeit ließ ihn weiter schweben und goldene Tage versiegelten seine Wunden, er setzte sich Ziele, ließ sich nicht weiter treiben und man sollte meinen, er sei zur personifizierten Unabhängikeit gereift – doch solange dieser Teil von ihr zurückblieb, konnte und wollte er die Erinnerung nicht auslöschen. Und das war es, was er wollte, die Erinnerung auffrischen. Den Teil von ihr, den zerstörten Teil des großen Ganzen am Leben erhalten. Regen tropfte von oben, er sog ihn auf und atmete tief ein und aus. Freiheit. Legende.
    Er hatte genug vom damals, zumindest für den Moment. Sein Teil war getan. Fast. Er griff in seine Manteltasche, förderte einen Pokeball zu Tage und ließ hier, an diesem magischen Ort, ein Illumise in die Freiheit fliegen. Hell wie ein Stern, frei wie der Wind. Fort von dem was war.
    Dann verschwand er.


    von ShinyBlue, sauber!

    Platz 2



    Ohne Titel


    Er kam auf mich zu. Einen Dämon von solcher Größe hatte ich noch nie gesehen, als erfahrener Schattenjäger habe ich zwar schon viele Bekanntschaften mit anstoßenden Kreaturen gemacht, diese übertraf jedoch alle. Von seinem Körper tropfte schwarzes Sekret, das einen ekelhaft ätzenden Geruch in die Luft steigen ließ, er fletschte die Zähne, an einem tropfte etwas Blut herunter. Es war mein Blut. Die Wunde brannte, wie sonst nur Folter-Runen brennen können, das abgesonderte Gift fraß sich ätzend immer tiefer in mein Fleisch. Das schrillende Kreischen des Dämons hallte noch immer in meinen Ohren, denn mit einem festen Schlag in sein Maul zog es sich schmerzerfüllt zurück. Doch jetzt stand er wieder vor mir. Von seiner nun gespaltenen Zunge tropfte das schwarze Blut herunter, in dem Gesteinsstaub auf dem Boden schimmerte es leicht rötlich in dem von meinem Elbenstein ausgesandten Licht. Für einen Moment vergaß ich die Schreie, den stechenden Geruch und den Grund, weswegen ich kämpfen musste. In diesem abwesenden Gedankenschwung schlug der Schwanz des Dämons, der an einen Morgenstern erinnert, vor mir nieder, ich konnte gerade noch ausweichen und fiel geschockt zu Boden. Es war schwer für mich, wieder aufzustehen, ich würde lieber hier und jetzt sterben. Doch der Gedanke an meine bisherigen Erfolge gab mir wieder etwas Kraft und ich stand leicht zitternd auf dem staubig aufgewühlten Boden. Langsam führte ich meine Hand zu dem goldenen Griff meines Schwertes, er war mit Edelsteinen und Diamanten geschmückt, er fühlte sich kühl und doch geschmeidig an. Erinnerungen kamen hoch, die ich schluckend beiseite schob. Erst jetzt bemerkte ich den kupfernen Geschmack meines eigenen Blutes, das von dem Riss in meiner Unterlippe langsam runterlief, gemischt mit dem ätzenden Schleim des Dämons, röchelnd fing ich an zu würgen. Der Griff um mein Schwert verstärkte sich, langsam zog ich die einzigartig rein glänzende Klinge aus der ledernen Hülle, Blut und Staub klebten an ihr, ich holte zum Schlag aus und rannte in Elbenlicht getaucht auf den Dämon zu.

    „Ja! Endlich habe ich ihn, den Gartenpass! Victini, du bist so gut wie mein!“ Nico saß fröhlich im Sessel und spielte Pokemon. Er wusste ja nicht, dass seine Schwester gerade um ihr Leben kämpfte. Zufrieden griff er nach der Tasse, die auf dem kleinen gläsernen Couchtisch stand, der Kakao dampfte noch, der Duft durchströmte das gesamte Zimmer, denn seine Mutter verfeinerte ihn immer mit etwas Vanille und Zimt. Vorsichtig testete er schlürfend, ob er auch nicht zu heiß war, und nahm anschließend, der Kakao hatte die perfekte Temperatur, einen großen Schluck. „Ahh, genau richtig.“ „Wie ich höre schmeckt’s?“ In diesem Moment kam seine Mutter ins Zimmer, um nach ihm zu sehen. Ihre langen, braunen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden, er fiel in mehreren Strähnen über ihre rechte Schulter. Ihre scheinbar makellose Haut war bei näherem Betrachten mit dünnen weißen Narben übersäht, Narben von Runen, Narben von Kämpfen. Diese zierten in der Regel alle Schattenjäger, die älter als fünfzehn waren. „Mama?“ Nicos Stimme war von jeglicher, eben noch vorhandener Euphorie befreit. „Ja, mein Schatz?“ „Wie geht’s Nami?“ Seine Stimme klang leicht fordernd, als würde er etwas ahnen. „Es geht ihr gut. Sie kommt bestimmt bald wieder, um mit dir zu spielen.“ Mit sorgenvollem Blick wandte sie sich ab und stand von der Lehne des Sessels, auf den sie sich zuvor gesetzt hatte, wieder auf, sie ging rüber zum Fenster. Ihr Blick streifte über die Dünen und das dunkle, fast schwarze Meer.
    Ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit um ihre Tochter. Sie war sich nicht sicher, ob sie sie jemals wieder sehen würde. Sie hatte zwar ihr bestes gegeben, um Nami auf den Kampf vorzubereiten, doch die Zweifel daran holten sie schnell wieder ein. Sie kniff die Augen zu, eine kleine Träne rollte langsam über ihre Wange. Schnell wischte sie sich den salzigen Wassertropfen aus dem Gesicht und drehte sich zu Nico um. Der hatte sein Spiel bereits beendet, kam auf seine Mutter zu und stand mit ernster Miene vor ihr. „Du denkst vielleicht, ich bin noch zu jung, um zu verstehen, was hier vor sich geht. Aber ich bin doch kein kleines Baby mehr. Ich hab mehr Ahnung, als du dir vorstellen kannst. Also sag mir, was mit Nami ist! Immer wenn ich nach ihr frage, wendest du dich ab und fängst oft an zu weinen. Ist doch nur logisch, dass da etwas nicht stimmt!“ „Nico… ich…“ Sie seufzte und deutete mit ihrer Hand auf das Sofa. „Setzen wir uns lieber.“ Der blonde Junge lief schnell zur Sitzgruppe und nahm sich ein Kissen, das er fest umklammerte. Er sah aus, wie ein kleines Kind, das eine spannende Geschichte zu hören bekommt. Dabei war er schon zwölf Jahre alt. Seine durchwuschelten Haare und blauen neugierig blickenden Augen ließen seine Mutter schmunzeln. Sie kam langsam nach und setzte sich neben ihn. „Ja, du hast recht. Nami geht es nicht so gut, wie behauptet, sie befindet sich im Krieg. Im Krieg gegen eine Armee von Dämonen und Schattenwesen. Doch sie wird den Weg finden. Sie wird sie besiegen und nach Hause kommen. Ich muss ihr doch noch sagen, wie stolz ich bin. Ich muss sie doch noch einmal in den Arm nehmen. Ich muss ihr doch noch sagen, dass ich sie über alles liebe. Dass ihr zwei das Beste seid, was ich habe!“ „Mama… das wirst du bestimmt noch können.“ Nico versuchte seine Mutter aufzubauen, doch es half nichts. Sie fing an zu zittern, ihre Hände wurden bleich, die Fingerknochen stachen weiß hervor. Feucht von Schweiß wischte sie sich die Hände an ihrer Hose ab. Da fing sie an zu schluchzen, zu jammern, zu schreien. Sie fühlte tief in ihr, dass sie ihre Tochter nie wiedersehen würde.

    Da stand er. Chrupon. Schelmisch grinsend zeigte er mit seinem dünnen langen Schwert auf mich, angetrocknetes Blut klebte noch daran. Für mich sah es nach einem gewöhnlichen Schwert aus, er schwang es so gekonnt hin und her, sodass sich das davon ausgehende Geräusch im Raum verbreitete. Der Raum. Erst jetzt fielen mir die steinernen Wände auf, die ganz glatt geschliffen waren und eine bedrückende Kälte verbreiteten. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Bilder waren auf die Wände gemalt, Schlachtbilder mit erschreckend vielen Details. „Du bist also Nami, die Auserwählte?“, spottend und arrogant blickte er von dem Vorsprung, auf dem er stand, herunter. Ich nahm all meinen Mut zusammen und versuchte ebenso hochnäsig zu kontern. „Und du bist Chrupon? Es gibt also doch einen Beweis dafür, dass man nicht auf das Gerede anderer hören soll. So furchteinflößend kommst du jetzt nicht rüber.“ „Haha, auch noch frech?“ Das Lachen war definitiv gestellt. Panik machte sich langsam in mir breit, meine Hände fingen an zu zittern und mein herz hatte fühlbar die Intensität einer Atombombe. „Große Klappe – nichts dahinter“ schoss es mir durch den Kopf. Langsam kam er auf mich zu, je näher er kam, desto mehr erhöhte er sein Tempo, bis er anfing zu rennen. Ich zog mein Schwert, das einzige Schwert, das dieses besessene Monster töten konnte.
    Besessen von Macht und Stärke. „Mögen die Spiele beginnen“, unsere Schwerter schlugen gegeneinander, immer wieder. Ich lief weg, er kam überraschend schnell nach. Ich drehte mich geschickt um, krachend schlugen unsere Schwerter erneut gegeneinander. Ich hatte nicht erwartet, dass der Kampf so schnell zu Ende gehen würde. Während wir den Schwertkampf weiterführten kam mir ein Gedanke an den Dämonen, den ich bereits besiegt hatte, auf. Bei dem Kampf waren der Gestank und das Geschrei sehr erschwerend, hier ist es hingegen ruhig. Bedrückend ruhig. Die Luft ist jedoch sauber, ich atmete tief ein. Sie erfüllte meine Lungen und ich schlug mein Schwert in die Brust meines Gegners. Chrupon riss die Augen auf. Ohne einen Ton zu verlieren, fiel er auf die Knie. Ich zog das Schwert aus der triefenden Wunde und hielt es triumphierend in die Luft. Doch eh ich mich versah, spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Bauch, es pulsierte, ich wandte meinen Blick nach unten und würgte. Ich spuckte Blut, das auf den matt glänzenden Boden spritzte. Chrupon’s Schwert durchbohrte mich, der Schmerz war unbeschreiblich, ich fing sofort an zu heulen, zu schluchzen und zu kreischen. Dann fiel ich nach hinten. Das Geräusch der Klinge, die als erstes auf den Boden schlug, das Gefühl, als sie erneut durch meinen Bauch, in die entgegengesetzte Richtung drang, war grauenhaft. Ich fühlte nur noch Schmerz, konnte an nichts anderes mehr denken, wollte nur noch sterben. Dann beruhigte ich mich, wurde ganz still, mein Herz schlug langsamer. Ich atmete tief ein, verschluckte mich und hustete, ein paar Blutspritzer landeten auf meinem Gesicht. Röchelnd lag ich am Boden. Ich hatte das Gefühl, der Raum würde sich drehen und langsam erhellte sich alles. Ich schloss meine Augen und befand mich in einem hellen Licht, das mich an mein geliebtes Elbenlicht erinnerte. Das war also mein Ende, die entscheidende Schlacht gewonnen und den Sieg mit meinem Leben bezahlt. Ein letzter Gedanke schweifte zu meiner Mutter, bevor ich erneuten Schmerz fühlte, stärker und ätzender. Ich röchelte, würgte… und sackte anschließend vollkommen in mir zusammen.


    von jingdoo, good job!

    Platz 1



    Im Schnee


    Seit Tagen schon fällt der Schnee herab. Den Menschen, die hier in diesem kleinen Dorf wohnen, erscheint es wie eine sehr lange Zeit. Ich habe gehört, wie einige sich darüber beschwert haben, dass es entsetzlich ist, wie lange sie brauchen, um die weißen Berge von der Einfahrt auf den Straßenrand zu verlagern. Die kleinen Kinder hingegen freuen sich über das alljährlich wiederkehrende Winterwunder, als wäre es das Wertvollste auf der Welt. Wie ich höre, hoffen sie darauf, er möge nie wieder schmelzen; und dennoch ist es für sie eine Ewigkeit bis zur heutigen Nacht gewesen.
    Mir ist es wie wenige Augenblicke erschienen, die ich noch nicht einmal ganz wahrgenommen habe. Würde man mich fragen, ich könnte nicht sagen, wann das Wetter sich geändert und die Wärme sich verzogen hat. Es ist nur ein Moment gewesen, ein Wimpernschlag inmitten tausender Stunden und abertausender Sekunden.
    Verfehle ich meine Aufgabe? Ist sie es denn nicht, hier zu sitzen und zu beobachten? Nun, ich bin mir meiner Wachsamkeit sicher, und das Wichtige behalte ich für immer in meinem Gedächtnis. Aber was für die Menschelein einzigartig erscheint, das habe ich schon viel zu oft gesehen, um mich noch daran erfreuen zu können.
    Eine einzige Zahl kann ich nennen, wann immer ich nach ihr gefragt werde. Es sind die Jahre, die ich hier an dieser Stelle verharrt habe, während um mich herum das Leben sprießt, heranwächst und wieder vergeht. Im Kreis laufen sie an mir vorbei, die Jugendlichen und Alten, die Männer und Frauen. Und die Zeit, in einem endlosen Strom.
    Einhundertsiebenundsechzig Jahre. Weitere Jahrhunderte werden folgen, bis auch der letzte Lebensfunke mich verlässt und kein Gedanke mehr zurückbleibt. Diese Zahl – 167 – ist meine Unendlichkeit. Einst war ich frei wie die Wesen, denen ich Tag um Tag zusehe. Ich konnte kämpfen, sprechen, laufen und lieben; ich konnte leben.
    Damals war ich nicht größer als ein kleines Menschenkind, doch in meinem Inneren brannte ein Feuer, das stärker war als das meiner Artgenossen. Sie liebten mich dafür, dass ich sie gegen jede Gefahr verteidigen konnte, und ich dachte, niemals würde mir irgendjemand etwas zuleide tun.
    Wer hätte etwas anderes erwarten können? Schließlich war ich jung, ich war stark! Suka war mein Name, und wer ihn hörte, der wusste, was auf ihn zukam. Ein Flammenblitz, klein auf den ersten Blick, doch geschickt und voller Energie!
    Wannimmer ich zurückdenke an diese Zeit, ist es dieser Tag. Schon damals war er für die Menschen etwas Besonderes, auch wenn ich noch immer nicht genau begriffen habe, weswegen. Wenn sie ihr größtes Bauwerk verlassen, reden sie vom Feiern und von ihrem großen Glück. Gleich wird es wieder so weit sein: Ein bunter Strom wird auf den großen runden Platz herausrollen, bestehend aus in dicke Mäntel gehüllten Personen.
    Schon erklingen die tiefen Glockenschläge, die ich erwartet habe. Sie sind wohl das Einzige, was mich noch zum Erzittern bringt – oder eher, den Stein, zu dem ich geworden bin. Im Gegensatz zu anderen steinernen Skulpturen bin ich nicht aus starkem Felsen gehauen, sondern zu diesem geworden, als mein Herz erkaltete. Nichts vermag meine Knochen mehr zu brechen, und so würde ich selbst dann noch bestehen, wenn ein Berg über mir zusammenfiele. Selbst jetzt, da mit den klaren lauten Tönen meine Zeitrechnung auf einhundertachtundsechzig Jahre umgesprungen ist.
    Mein Schicksal war es, nach mehr Macht zu streben, als es mir gut tat – oder das von Suka. Ich bin kein Lebewesen mehr, sondern ein Mahnmal als Warnung vor der Blindheit.
    Denn als Suka war ich blind. An diesem Tag vor unzähligen Jahren hatte er sich an dem Schnee gestört, der seine Sicht störte und sein glänzendes rotbraunes Fell befleckte. Suka, ein außergewöhnliches Vulpix, wurde zornig, da seine ganze Macht im Kampf nicht dazu ausreichte, die zarten kleinen Schneeflocken abzuwehren. Sein Flammenwurf konnte nicht überall zur gleichen Zeit sein, nicht gleichzeitig Rücken, Pfoten und Schnauze vor dem unerwünschten Weiß bewahren. Wie konnte das sein? Er war doch so stark, fühlte sich unbesiegbar, denn selbst die Älteren mit wesentlich mehr Erfahrung waren ihm unterlegen! Es erschien ihm nicht möglich, dass es keinen Weg geben sollte, mit diesem kleinen Ärgernis fertig zu werden. Und er hatte Recht.
    Ich stehe auf einem Sockel ungefähr einen Meter über dem gepflasterten Boden. Auf dieser Erhebung findet sich kein einziges Flöckchen, das sich in meine Nähe verirrt haben könnte. Mein steinerner Körper ist zu jeder Zeit des Jahres vom gleichen Grau, nie bedeckt ihn eine dichte weiße Decke, wie es bei den Dächern und Straßen der Fall ist. Auch der Regen hält sich von mir fern, und seine Tropfen verdampfen, wenn sie nicht genug auf die Entfernung bedacht sind. Menschen spüren instinktiv, dass meine bloße Nähe gefährlich für sie werden könnte, wenn sie nicht aufpassen. Suka hatte seinen Willen bekommen.
    Nicht allzu weit entfernt von seiner Ebene und seinem Wald befand sich eine kleine Stadt, in deren Mitte auf einem runden Platz ein faustgroßer Stein eingelassen war, der von den Bewohnern des Orts heilig genannt wurde. Das übermütige Vulpix rannte wie im Rausch durch die Gassen und Straßen, wobei es nicht auf die Leute achtete, die sich versammelten, um das Fest dieses Tages gemeinsam zu feiern.
    Sie schrien es an, verfluchten es in allen erdenklichen Namen und Sprachen. Suka jedoch lachte nur über ihre Schwäche, da er nicht an die Flüche glaubte, die ihm hinterhergeworfen wurden. Achtungslos bewegte er sich immer weiter dem Feuerstein, wie man ihn nannte, entgegen. Er war sich seiner Macht so sicher, dass er blind war für die Kraft der anderen.
    Jene Erinnerung ist die deutlichste, die ich überhaupt habe. Einen Moment später wurde ich das, was ich nun bin: eine bewegunglose Statute. Ein stummer Wächter über alle, die nicht so töricht handelten wie Suka damals.
    Mit der linken Vorderpfote berührte ich die rot glänzende Oberfläche, die das Einzige war, was der Stein mir von sich zeigte. Hätte ich genauer hingesehen, so wäre mir klar geworden, dass ich blind gewesen war und der Versuchung nicht nachgeben durfte. Wie wertvoll erschienen mir ein paar Schneeflocken!
    Mittlerweile ist mir klar geworden, dass ich für den Schutz vor ihnen mehr bezahlt habe, als sie es jemals wert sein werden. Mein Leben ist mir genommen worden, doch ich gab es freiwillig, jeder Vernunft zuwider. Feurige Energie, so intensiv, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte, schoss mein Bein hinauf und erfüllte meinen Körper. Diese drei, vier Sekunden lang glaubte ich tatsächlich, ich hätte es gemeistert – nun weiß ich es besser.
    Diese mystische Kraft verteilte sich in mir, nicht nur in meinen Gliedern, sondern auch in meinem Geist und in meiner Seele. Sie veränderte mich, formte aus meinem Fleisch und Fell ein Wesen, das in den Sagen meines Volkes Vulnona genannt wurde. Sein Äußeres trage ich auch heute noch, aber ich trage kein Haar, weich und braun wie Karamell. Wer immer die neun Schweife von mir berührt, wird von einem Fluch getroffen werden, doch niemand wird mich jemals wieder berühren. In jenem Augenblick traf die Verdammnis mich, der ich den Feuerstein berührt hatte.
    Allerdings ging nicht nur Verhängnis mit meinem Wandel einher. Tausend Jahre Leben wurden mir geschenkt, selbst wenn ich dieses Leben niemals würde wirklich leben können, da Steine offensichtlich nicht leben. Zudem strömte die uralte Kraft in meine Schweife, stärker als so Vieles auf dieser Welt. Alle hundert Jahre erwacht eine dieser Mächte; die erste, im Jahr Null, war die der Erinnerung. Die zweite lehrte mich die Telepathie; jedoch war mein Geist seither zu müde, sie zu nutzen. Und so sitze ich auf dem Sockel des Feuersteins, wartend.
    Dies ist meine Geschichte, und Sukas Geschichte zugleich.

    *

    „Wer ist Suka?“
    Ich höre eine Stimme sprechen, leise und dünn, wahrscheinlich die eines Kindes. Durch den Schal, der um sein Gesicht geschlungen ist, kann ich nicht erkennen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, aber als ich meine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richte, sehe ich zumindest, dass es tatsächlich ein Kind ist, das vor mir steht. Große dunkle Augen blicken fragend zu mir herauf.
    Neben ihm steht eine erwachsene Frau mit halb genervtem, halb verzweifeltem Gesichtsausdruck. „Lara, rede nicht mit der Figur. Sie wird dir nicht antworten. Steine sprechen nicht, also komm!“, versucht sie, das Kleine zu überzeugen, aber dieses bleibt, wo es ist.
    „Aber er hat gesprochen. Er hat mir von Sukas und seiner Geschichte erzählt. Denkst du, er heißt Suka?“, fragt das Kind neugierig. Seine Mutter – ich nehme an, dass sie das ist – erwidert darauf nichts, nur ihr Blick verrät, dass sie nichts von der Idee hält. Das Kleine, von ihr Lara genannt, streckt den Arm nach mir aus.
    Die unsichtbare Grenze, die den Schnee von meinem Leib fern hält, scheint für sie nicht zu existieren. Ihre kleinen Finger berühren mich, den niemand seit Ewigkeiten berührt hat.
    Wärme breitet sich von der Stelle an aus, wo das Kind mein Bein gestreichelt hat.
    Die Kleine lächelt mich an, ich sehe es an ihren Augen. Und ich... ich lebe.



    von Rael, herzlichen Glückwunsch!

    Gesamttabelle



    Glückwunsch an die Gewinner, aber auch an alle anderen Teilnehmer ;D




    1 Im Schnee Rael (BB) 8,1
    2 Ohne Titel jingdoo (PF) 7,7
    3 Regen ShinyBlue (PF) 7,6
    3 Einer von vielen? PikaFan1995 (BB) 7,6
    5 Götter Furanty (PF) 7,5
    6 Bei Kerzenschein Rumo (PF) 7,4
    7 Feuersturm EVoLiNa X (PF) 7,0
    8 Gefangen Jingle (PF) 6,8
    9 Wie die sechs Flächen eines Würfels Pika! (BB) 6,7
    10 Bis ans Ende der Welt Chiyoko (BB) 6,6
    10 Chroniken eines Elitetrainers – Memoiren der Top Vier Anissa ダイケンキ (BB) 6,6
    12 Der Austausch TCCPhreak (PF) 6,4
    12 Schönheitswahn Renoir (PF) 6,4
    14 Freundschaft Akatsuki (BB) 6,3
    15 Promqueen BlackRoseMii (BB) 6,2
    16 Einkaufszettel N-Friend (PF) 6,1
    17 Talentwüste dragon king (BB) 5,9
    18 Zusammenkunft der anderen Art, oder: Wenn sich Interessen treffen Eagle (BB) 5,8
    19 Ohne Titel Baldox (PF) 5,5
    20 Stimmen Piedmon (PF) 5,4
    21 Eiskalter Verrat - mein Weg durch tieftse Finsternis Malfuria (PF) 5,3
    22 Konfrontation der Legenden Despotar176 (PF) 5,2
    23 Evolis 7. Geburtstag Shiny_Sumpex (PF) 4,8
    24 Never forget Vivien (BB) 4,4
    25 Abenteuer in Einall Vulnonchen+ (PF) 3,6
    26 Die Nacht der Vergessenen Yoshi's Stage (BB) 3,4
    26 Lost Memories Miyuta (BB) 3,4
    28 Die Rettung Zekroms Trissika (PF) 2,3



    War noch was?


    Auf jedenfall möchten wir uns noch einmal ganz herzlich Bedanken bei den Jurymitgliedern. Riako, Light, Lauriel (vom BB), Furanty, EVoLiNa X und Rumo (von PF). 28 Geschichten haben wirklich eine Menge Zeit beansprucht und dann auch noch fair zu bewerten erfordert schon einiges. In unseren Augen haben sie es aber wirklich gut hinbekommen, unseren Dank habt ihr (:
    Aber auch den Teilnehmern gebürht dank, dass sie durch ihre Teilnahmen diesen Wettbewerb erst möglich gemacht haben ist wohl kein Mysterium.

    Schließlich möchten wir noch sagen, dass ihr eure Geschichte gerne in beiden Foren präsentieren könnt. Im BisaBoard gibt es dafür den "Kurzgeschichten & Gedichte" Bereich im Fanfiction Bereich, auf PF habt ihr die Möglichkeit im "Kurzgeschichten Sammelthema" oder durch ein eigenes erstelltes Kurzgeschichten Topic im FanFiction Board.


    Aka und NF verabschieden sich mit einem schönen "Bis zum nächsten Mal" ;D