[Kalos] Feurige Leidenschaft

  • Ein herzliches Hallo an alle verirrten Seelen, die sich die Mühe machen, hier mal rein zu schauen und zu lesen!


    Seit mehr als 10 Jahren schreibe ich bereits Geschichten, RPGs, Gedichte, alles das, worauf ich Lust habe. Feurige Leidenschaft ist meine allererste Fanfiktion, die am 30.04.2015 startete. Vorher habe ich nie FFs geschrieben, da das Thema mich nur mittelmäßig bis gar nicht interessiert hatte. Selbst zu schreiben macht mir dabei aber am meisten Spaß.
    Manchmal dauert es ein wenig mit neuen Kapiteln, manchmal bin ich schneller und veröffentliche jede Woche etwas Neues. Das hängt von Zeit, Motivation und Feedback ab. Ich fühle mich durch Feedback eher inspiriert und motiviert weiterzuschreiben, als ohne. Das ist einfach so. Zudem gibt es viele Projekte, die ich am Laufen habe und deswegen versuche ein Gleichgewicht zu finden, zumal Zeichnen/Malen mein zweitgrößtes Hobby ist und dieses auch viel Zeit in Anspruch nimmt.


    Ich freue mich über jeden Leser und über jedes konstruktive Feedback.


    Viele Grüße
    Alexia Drael




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    Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Nachrichten/Feedback von euch.
    Alexia Drael


    Aktualisierungen des ersten Posts: Update 19.01.2018

  • Hallo Alexia,


    ich stöbere so durch ungelesene Beiträge und sehe eine neue FanFiction (wird das so geschrieben?)


    Wie auch immer, auf jeden Fall klingt deine FanFiction (wird das so geschrieben?) so vom Anfang und von dem Vorwort her sehr spannend und interessant.
    Und da ich gerne wüsste, wie es losgeht, schreibe ich hier mal einen Beitrag, um darüber informiert zu werden.


    Ach ja, ich würde mich gerne als Beta-Leser anbieten. Ich bin bereits für jemand anderem hier auf BisaBoard Beta-Leser. Ich habe einige Erfahrung, da ich selbst eine FanFiction (wird das so...., Ja, ist schon gut, ich hör ja schon auf!) schreibe, und eine Menge Bücher gelesen habe.


    Wie auch immer, ich bin gespannt. ^_^


    LG, Arrior

  • @ Dragon D. Arrior
    Dankeschön für dein Interesse!





    [Kalos] Feurige Leidenschaft
    Pokémon Fanfiction von Alexia Drael



    Prolog

    Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Selbst die besten Augen, die in der Nacht sehen konnten, vermochten diese Schwärze nicht zu durchdringen. Es war eine bedrückende Finsternis, die sich ausgebreitet hatte. Stille herrschte, aber nur noch für wenige Augenblicke. Der Atem wurde immer lauter durch die Panik, die sich im Körper manifestierte. Rauchwölkchen bildeten sich, da die Kälte an diesem Ort zunahm. Die Schmerzen pulsierten im Körper und ließen einen wissen, dass man noch lebte. Ja, noch. Denn die Gewissheit pochte im Verstand, dass sich diese Tatsache schnell ändern konnte. Wie lange würde man das aushalten? Wie lange überleben? Vielleicht war auch bereits das Ende gekommen. Denn die Dunkelheit wich einfach nicht. Sie war so schwer, dass man das Gefühl hatte die Lungen würden unter dem Gewicht zusammen gedrückt werden. Das machte das regelmäßige Atmen noch gleich viel schwieriger.
    Ruhig bleiben. Tief ein- und ausatmen.
    Gedanken, die versuchten die Panik im Zaum zu halten. Die Angst, die den Körper lähmte und verhinderte, dass man aufstand. Es musste einen Ausweg geben. Hoffnung schimmerte auf. Nur ganz kurz. Denn in dem Moment, als der markerschütternde Schrei durch die Luft hallte, bebte der Körper. Bebten die Knochen. Bebte einfach alles. Das Herz setzte einige Sekunden lang aus, ehe es mit rasender Geschwindigkeit weiter schlug. Heftiger, panischer. Man musste sich Sorgen machen, dass es gleich zersprang, weil es das alles nicht mehr aushielt.
    Wie viel konnte man ertragen? Wie lange war man schon hier in der Dunkelheit?
    Fragen, die nicht beantwortet werden konnten. Nicht jetzt, nicht heute. Vielleicht niemals. Mit dem letzten Rest der verbliebenen Kräfte, die man zusammen kratzen konnte, wurde versucht, den Kopf zu heben. Dabei war man sich nicht einmal mehr sicher, ob man ihn auch wirklich hob. Lag man denn tatsächlich am Boden? Der Körper fühlte sich neben dem pulsierenden Schmerz auch teilweise taub an. Stumpf. Die Dunkelheit half auch nicht gerade dabei, sich zu orientieren.
    Wieder ertönte der schmerzhafte Schrei. Schrill und zerreißend. Es war nicht die eigene Kehle, die ihn ausstieß. Es war nicht der eigene Körper, der unsagbar gequält wurde. Denn um nichts anderes als Qual konnte es sich dabei handeln. Nichts und niemand würde so sehr schreien, wenn es nicht Leid, Schmerz und Qual war. Man wollte sich aufrichten, wollte versuchen zu helfen. Obwohl man nicht einmal wusste, wohin man gehen musste. Selbst wenn man dem Schreien folgen wollte, würde man in die Irre geführt werden. Es klang, als kam es von überall her, aus jeder Richtung. Wände, die die Schreie zurück warfen und damit die Orientierung erst recht durcheinander brachten. Es half alles nichts. Irgendwoher erklang zusätzlich ein dumpfes Geräusch. Es dauerte ziemlich lange bis das Gehirn registrierte, dass es Schritte sein mussten.
    »N-nicht ... « Die Stimme war schwach, als sie aus der eigenen Kehle hervor krächzte. Unglaublich, dass man überhaupt noch dazu fähig war ein Wort zu verlieren. Man staunte über sich selbst, aber nicht lange. Denn da erklang es, das leise, wenn auch hörbare gehässige Lachen. Es war kein wahnsinniges Lachen, sondern nur eines, das heraus hören ließ, dass der andere sich überlegen fühlte und sich gerade amüsierte über einen kleinen Witz, den man eben gemacht hatte. Dabei meinte man es völlig ernst. Auch wenn man kaum in der Lage war einen richtigen Satz zu formulieren. Man wollte trotzdem, dass der Irrsinn endlich sein Ende fand! So konnte es einfach nicht weiter gehen und es hatten alle genug gelitten. Wann kam die Erlösung?
    »Bald ist es geschafft. Keine Sorge, du musst es nicht mehr miterleben, wenn du nicht willst.« Es war eine Drohung. Trocken ausgesprochen, als würde man sich gerade über das schöne Wetter unterhalten, ohne wirkliches Interesse daran zu haben, ob sich doch ein paar kleine Regenwolken bildeten. Die Stimmbänder waren nicht mehr in der Lage, darauf etwas zu erwidern. Es kam nur ein schmerzverzerrtes Stöhnen über die aufgeplatzten Lippen. Man spürte noch selbst wie sich die Hand hob in eine Richtung, in der man nicht einmal wusste, ob es die richtige war, um den anderen zu erreichen. Vielleicht hoffte man auch einfach insgeheim, dass da eine Hand sich entgegen strecken würde, die helfen wollte. Anstatt weitere Qualen auszuteilen. Doch man griff ins Leere und noch bevor der Kopf zurück auf den Boden prallte, waren bereits die Lider wieder gesunken und tiefe Schwärze war nicht nur noch um einem herum, sondern auch ins Bewusstsein eingedrungen. Das Letzte, was man hören konnte, war wieder dieses gehässige Lachen, das wusste, dass man der Sieger war und der schmerzhafte Schrei, der bereits von Schwäche sprach. Von Aufgeben und Hoffnungslosigkeit.
    Dann fühlte man nichts mehr.





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    1. KapitelPokémon pour aller


    Es war wundervoll. Anders konnte man es gar nicht ausdrücken. Nach den Tagen des Regens, der Nässe und der Kälte begann endlich das Wetter wieder schöner zu werden und die Sonne strahlte wie niemals zuvor. So kam es jedenfalls einem vor, wenn man den blauen Himmel mit den Wattewölkchen betrachtete. Wie aus einem Bilderbuch. Ohne Mist, mochte es auch ein wenig kitschig klingen, so war dieser Tag einfach super! Wenn nicht sogar perfekt. Mit einem herzhaften Strecken wurden die verspannten Muskeln gedehnt und die Lippen formten kurz darauf ein sachtes Lächeln, als die braunen Augen erneut gen Himmel sahen. Die Lungen sogen tief die frische Luft ein. Frisch, ja, frisch. So frisch wie es eben in einer Großstadt nur sein konnte. Trotz der Ruhe, die in ihr wohnte, herrschte außerhalb davon ein ordentliches Treiben. Es war viel los auf der Straße, aber wenn man es mal genau nahm, dann war das jeden Tag so. Selbst an den Wochenenden. Manchmal schien es, als würde sogar an denen noch sehr viel mehr in der Stadt los sein als sonst. Dummerweise würde sich das hektische Treiben nicht vermeiden lassen. Nicht, wenn sie zum Verlag wollte. Noch einmal tief eingeatmet, dann drehte sich Louna um und betrat ihr Zimmer. Sie hatte bis eben noch auf dem Balkon gestanden und das schöne Wetter bestaunt, doch jetzt wurde es langsam Zeit aufzubrechen. Noch einmal zupfte sie an dem Rocksaum ihres roten Kleides, dann streckte sie auch schon den Arm aus, um ihren Trilby auf den Kopf zu setzen. Sie mochte diese Art von Hüten mit Krempen. Solange sie stylisch aussahen. Ja, was denn? Wenn es um Hüte ging, war sie an vorderster Front. Sie mochte sie! Außerdem ergänzten sie sich gut zum Outfit. In diesem Fall war ihr Hut schlicht in schwarz gehalten, was aber eine tolle Kombination zum roten Kleid darstellte. Zusätzlich zog sie ihre Stiefeletten an, die ebenso schwarz waren. Mhm, wenn sie es recht bedachte, dann kombinierte sie ziemlich oft rot mit schwarz oder andersherum. Kurz darauf wurde bereits mit den Schultern gezuckt. Sie hatte keine Zeit sich über Modefragen den Kopf zu zerbrechen. Sie gehörte auch nicht wirklich zu den Leuten, die nach dem neusten Trend lebten, sondern lieber das anzogen, was ihnen gefiel. In ihrem Fall gehörten Röcke oftmals dazu, seltener Kleider, obwohl sie gerade eines trug mit dünnen Trägern und das ihr bis knapp über die Knie reichte. Es war ganz hübsch, aber nichts, um damit in der Weltgeschichte herum zu laufen. Nichts, um auf Berge zu klettern, Flüsse zu durchqueren oder in Höhlen herum zu kraxeln. Aber all das hatte sie auch gar nicht vor. Sie wollte zum Verlag! Richtig und deswegen nahm sie neben ihren Hut auch noch ihre Tasche mit. Mit eiligen Schritten stieg sie danach bereits die Treppe hinab, wobei sie mehrere Stufen auf einmal nahm. Mit ihrem Glück und nicht ganz so stark ausgeprägten Geschick schaffte sie es natürlich auf den letzten Stufen auszurutschen und dabei fast noch die Treppe hinab zu fallen. Nur mit Mühe und Not – und dem Festklammern am Geländer – verhinderte sie einen Sturz. Gut, das war jetzt wahrlich nicht sehr elegant gewesen. Wäre sie jetzt tatsächlich gestürzt und hätte sie sich was gebrochen, hätte sie echt ein Problem gehabt. Momentan war nämlich niemand Zuhause. Außer sie selbst und Coco und Arcus. Apropos: Die beiden kamen ihr bereits entgegen gelaufen, als sie ihre Schritte von der Treppe gehört hatten. Beide wirkten neugierig und leicht aufgeregt, aber Louna konnte sie schnell wieder beruhigen.
    »Ihr beiden bleibt schön Zuhause. Ich bin bald wieder da!«, sagte sie ihnen. Ob sie den Inhalt ihrer Worte wirklich verstanden, wusste sie nicht. Wusste sie nie, wenn man es genau nahm. Es gab Befehle, die konnte man ihnen natürlich antrainieren. Aber ob sie wirklich die ganze Konversation verstanden, die Menschen so miteinander führten, wagte sie anzuzweifeln.
    Louna schüttelte den Kopf über sich. Ihre Gedanken machten wahrlich immer das was sie wollten und dachten auch gern mal über eher sinnlosere Dinge nach. Wie dem auch sei. Bevor sie durch die Haustür trat, schnappte sie sich noch den Hausschlüssel vom Schlüsselbrett an der Flurwand und huschte danach endlich auf die Straße hinaus. Sie hatte einen ordentlichen Fußmarsch vor sich, denn Illumina City war bekanntermaßen nicht gerade klein. Ihr Zuhause befand sich in einer Nebenstraße nahe des Place Rouge, allerdings musste sie jetzt bis fast zum Place Cyan. Gut, dass sie heute nicht viel vor hatte und da so ein schönes Wetter war, wollte sie auch kein Taxi nehmen. Allerdings überlegte sie ernsthaft, ob sie sich nicht auf ein Chevrumm schwingen wollte. Nur waren die immer zahlreich von den Touristen und selbst von den Einheimischen besetzt. Das Chevrummmobil, wie es genannt wird, war schließlich auch nur begrenzt einsetzbar. Obwohl es durchaus Spaß machte auf so einem Pokémon zu reiten, entschied sich Louna dagegen. Sie würde zu Fuß gehen. Schließlich war das auch gesund und solange es nicht regnete, störte sie das auch gar nicht. Deswegen machte sie sich auf den Weg und grüßte gleich zwei Nachbarn, die ihr entgegen kamen. Anhand der vielen Einkaufstüten war ihr sofort klar, wo diese gewesen waren. Klar, Illumina City bot einiges an. Die Stadt war die größte von allen in ganz Kalos und zudem natürlich auch die Hauptstadt. Manchmal hatte man zwar das Gefühl, das sie aus allen Nähten platzte, aber eigentlich konnte sich Louna keinen anderen Ort vorstellen, wo sie lieber wohnen möchte. Sie war ein Großstadtkind seit ihrer Geburt. Auf dem Land wäre ihr vermutlich ziemlich langweilig geworden. Andererseits hätte sie dann auch eine andere Sicht gehabt, wäre sie an einem kleineren Ort aufgewachsen. Erneut schüttelte sie den Kopf. Sie ließ sich einfach zu leicht ablenken! Gerade rechtzeitig merkte sie noch, dass bedrohlich nahe eine Laterne vor ihr stand. Oder besser gesagt sie wäre fast in eine hinein gerannt und das nur, weil sie mit ihren Gedanken wieder weit weg gewesen war. Sie seufzte innerlich auf und konzentrierte sich nun mehr auf den Weg. Dieser führte sie auf die Herbstallee von wo aus sie Richtung Zentrum ging. Dadurch würde sie auch beim Prismaturm vorbei kommen, der wahrlich beeindruckend war. Doch sie hatte gar keine Zeit, diesen zu bestaunen, zumal sie den eh schon zur Genüge kannte. Schließlich konnte sie ihn sehen, wann sie wollte. Für Nicht-Illuminaner war das sicher etwas ganz anderes. Für Louna hingegen war es ein bekanntes Bild, das sie nicht ständig bestaunen musste. So also lief sie auch auf diesem Platz entlang ohne groß auf die Sehenswürdigkeiten zu achten. Viel mehr musste sie aufpassen nicht mit all den Passanten zusammen zu prallen. Hinzu kam der Verkehr auf der Straße, all die Autos und auch die Chevrumms, die sich ihren Weg suchten. Louna hatte das Zentrum fast hinter sich gelassen, als ihr Holo-Log unaufhörlich zu klingeln begann. Eine Nachricht für sie? Louna war ein bisschen irritiert, anderseits sollte sie sich darüber gar nicht wundern. Schließlich konnte man mit diesem Wundergerät richtige Bildernachrichten austauschen auf eine nie dagewesene Art und Weise! Sie holte ihren Holo-Log aus der Tasche und betätigte das Knöpfchen, um die Nachricht abzuspielen.
    »Louna? Bist du schon auf dem Weg? Tut mir leid, aber könnten wir uns doch bei mir treffen? Das wäre besser! Ich bin schon fast da und erwarte dich bei mir! Bis dann!«
    Mit gemischten Gefühlen betrachtet Louna die Nachricht. Es hätte doch auch gereicht, wenn Carole sie direkt angerufen hätte. Na auch egal! Dann würde sie eben wieder zurück gehen. Carole war ihre Nachbarin. Sie war nur wenige Jahre jünger als ihre Mutter und eine sehr lebhafte Person. So lebhaft, dass sie manchmal einen überhaupt nicht zu Wort kommen ließ, wenn sie aufgeregt etwas erzählte. Genau das war vermutlich auch diesmal wieder der Fall. Carole arbeitete beim Verlag, weswegen Louna erst dahin auf den Weg gewesen war. Nun jedoch drehte sie wieder um und ging den gleichen Weg zurück, den sie gekommen war. Hätte sie das gewusst, wäre sie gleich daheim geblieben. Carole wohnte direkt nebenan. Und vermutlich raste die Frau gerade auch so schnell wie möglich nach Hause. Louna konnte es sich in Gedanken sehr gut vorstellen. Was dazu führte, dass sie nun doch mit jemanden zusammenstieß, weil sie nicht aufgepasst hatte. Verdammt!
    »Ehm Entschuld-« Sie kam gar nicht dazu ihre Entschuldigung richtig auszusprechen, da wurde sie bereits unterbrochen.
    »Pass doch auf, wo du lang läufst!«, wurde sie von einem ziemlich mies gelaunten Typen angeschnauzt. Genau den hatte sie versehentlich angerempelt. Louna konnte nicht anders, als ihn verdattert anzusehen. Er war schwarz gekleidet, hatte sogar schwarze Haare und war mehr einen guten Kopf größer als sie. Aber auch um einiges unfreundlicher, wie sie feststellen musste. Ihr war es auch gar nicht möglich auf diese Unfreundlichkeit zu reagieren, weil er bereits weiter gegangen war. Stattdessen stand sie mit offenem Mund da, den sie wieder ein paar mal auf und zu machte, weil sie eigentlich hatte was sagen wollen. Typisch Karpador. Sie kniff die Augen zusammen und fasste sich wieder. Egal! Dann war der eben unfreundlich, na und!? Er wäre nicht der Erste. Es gab immer wieder Leute, die einen blöd anmachten wegen einer Kleinigkeit. Sie sollte sich darüber nicht wundern. Dennoch war es etwas nervig. Na wenigstens war er nicht auf sie los gegangen oder wollte gar ein Kampf mit ihr ausfechten. Himmel hilf! Innerhalb der Stadt war sowieso das Kämpfen untersagt. Es sei denn, man befand sich an einem Ort, wo es erlaubt war, weil es um das Kämpfen ging. Wie die Arena oder das Kampfhaus zum Beispiel. Aber diese Orte waren auch extra für solche Situationen konzipiert. Auf der Straße durften keine Kämpfe ausgeführt werden, was auch gut nachvollziehbar war. Wer wollte schon riskieren, dass bei so einer Auseinandersetzung was kaputt ging? Je nach Pokémonart konnte mal schnell was in die Luft gehen, zerbrochen werden oder noch schlimmeres. Niemand wollte, dass jemand verletzt wurde, weil man zu unvorsichtig war. Und trotzdem gab es so ein paar Experten, die es tatsächlich darauf anlegten und illegale Kämpfe durchführten. Dass das teilweise auch mordsgefährlich war, interessierte sie natürlich nicht. Über solche Leute konnte Louna nur den Kopf schütteln. Ach, aber was einen Kampf mit dem Typen anging: sie hätte es sowieso nicht machen können. So ganz ohne Pokémon bei sich. Zwar hatten sie daheim Coco und Arcus, aber die beiden gehörten schlichtweg zur Familie und waren nicht für Kämpfe trainiert. Überhaupt hatte Louna nur mit ihnen Kleinigkeiten geübt. Tricks oder auch Staffellauf, Parcourhindernisse und solches harmlose Zeug. Nie war da der Kampf im Mittelpunkt gewesen. Nie hatte sie je ein Gefecht ausgeführt. Wenn sie ehrlich war, dann wollte sie es auch nur ungern. Immerhin konnte da einiges passieren und so recht mochte sie sich bisher nicht damit anfreunden. Kämpfen … trotz allem erstaunte es sie, wie stark dieser Sport, wenn man es so nennen wollte, verbreitet war. Wie viele Trainer es gab und dann noch die offiziellen Arenen, nicht zu vergessen die Liga. Nein, sie gehörte definitiv nicht zu der Jugend, die sich wünschte, Meister im Kampf zu werden. Das überließ sie gern anderen.
    Jetzt hatte sie so intensiv über das Thema nachgedacht, dass sie glatt an ihrem eigenen Zuhause vorbei gestapft war. Ihr fiel es erst auf, als sie bereits den Place Rouge völlig überquert hatte und fast beim Sushi Wok angekommen war. Deswegen machte sie auf dem Absatz kehrt und huschte in die Nebenstraße hinein, in dem das Mehrfamilienhaus stand. Also ehrlich, manchmal fragte sie sich wirklich wie sie es schaffte noch immer hier und nicht irgendwo auf dem Mond gelandet zu sein, so oft wie sie scheinbar gedankenverloren durch die Welt wanderte. Sie überwand die letzten Meter, die paar Treppenstufen im Treppenhaus, um dann direkt vor der Tür zu ihren Nachbarn zu stehen. Sie brauchte nicht einmal anzuklopfen oder zu klingeln, obwohl sie das gerade hatte tun wollen, als bereits sich die Tür öffnete. Eine blondgelockte Frau erschien, die sehr aufgeregt wirkte. Geradezu ungeduldig. Mit dieser Ungeduld griff sie bereits nach Lounas Handgelenk und zerrte sie in die Wohnung hinein. Die junge Frau wusste gar nicht wie ihr geschah, als sie bereits im Wohnzimmer stand.
    »Du musst unbedingt eins nehmen!«, meinte Carole begeistert und hob bereits eines der Fellknäuel vom Boden auf, um jenes direkt in Lounas Hände zu drücken. Diese stand nur verdattert da und verstand gerade gar nicht, was man von ihr wollte.
    »Bitte?«, kam es nur von ihr und ihre hellbraunen Augen sahen in die Knopfaugen des kleinen süßen Dings, was sie in den Händen hielt. Kurz darauf ertönte ein zartes Fiepsen, das wie eine Frage klang. Erst dann realisierte Louna, was Carole gerade von ihr erwartete.


    »Aber das geht doch nicht!«, war ihre erste Reaktion darauf.




  • 2. Kapitel - Chiari



    Immer noch sehr skeptisch blickte Louna auf die spielenden Pokémon zu ihren Füßen. Sie waren noch nicht ganz ausgewachsen, aber auch keine kleinen Welpen mehr. Das bedeutete, dass die Zeit gekommen war, sie wegzugeben. Deswegen hatte Carole sie also zu sich gerufen. Sie wollte ihr aus ihrer Zucht eines abgeben. Damit hatte Louna eigentlich nicht gerechnet, denn schließlich hatten sie bereits zwei Pokémon! Die erste Frage, die sich da stellte: würde der kleine neue Fratz überhaupt mit Arcus und Coco zurecht kommen? Coco war eigentlich sehr tolerant, aber wenn man ihr zu sehr auf die Nerven ging, zeigte sie dem anderen durchaus schon mal seine Grenzen. Ein bisschen Eitelkeit gehörte bei der Coiffwaff-Dame dazu. Arcus hingegen war noch selbst jung. Vor knapp einem dreiviertel Jahr war Lounas Onkel aus Kanto wieder zu Besuch nach Illumina gekommen und hatte Arcus im Schlepptau gehabt. Damals war der Kleine auch noch ein Welpe und auch jetzt konnte man ihn eher als Teenager betrachten. Vielleicht war das auch der Schlüssel der Sympathie? Junge Pokémon könnten sich möglicherweise schneller anfreunden. Immerhin war das schon so eine Sache, ein neues Mitglied in der Familie zu begrüßen. Da konnte auch schnell Eifersucht und Neid aufkommen, wenn der Neuankömmling mehr Aufmerksamkeit bekam als die schon vorhandenen Pokémon.
    Louna überlegte weiter, während sie dem Spielen der Kleinen am Boden zuschaute. Niedlich waren sie wirklich, das musste auch sie zugeben. Und von Carole und ihrem Mann wusste Louna, dass sie außerordentlich gute Züchter waren, die ihre Pokémon diszipliniert, aber auch liebevoll großzogen. Trotzdem blieb die Frage bestehen, ob Lounas Eltern ein Problem damit hatten?! Theoretisch war Louna alt genug auszuziehen, aber solange sie unter dem Dach ihrer Eltern wohnte, würde sie kaum eine solche Entscheidung treffen können. Allerdings sah es so aus, als wenn Carole kein Nein akzeptieren würde.
    »Du musst unbedingt eins nehmen, Louna! Wir können leider nicht alle behalten, das weißt du«, meinte Carole, die mittlerweile etwas ruhiger war. Vorhin war sie wirklich sehr aufgeregt gewesen und hatte Louna förmlich damit überfordert.
    »Ich weiß«, antwortete diese und hockte sich gen Boden. Fünf kleine zuckersüße Welpen hatte das Psiana-Paar vor gut einem halben Jahr zur Welt gebracht. Drei von den Evolis waren bereits schon anderen versprochen. Wenn Louna eins nahm, würde ein Evoli übrig bleiben, was Carole und ihr Mann durchaus großziehen und behalten konnten, sofern sie nicht doch noch einen Abnehmer fanden, der sich gut darum kümmern würde. Louna seufzte tief. Sie mochte Pokémon und sie mochte auch das Psiana-Paar, das gelassen in ihrem großen Körbchen da lag und zufrieden vor sich hin schnurrte, während die kleinen Racker herum wuselten. Eines der Evolis kam auf Louna heran getapst, war aber so ungeschickt, dass es über die eigenen Pfoten stolperte und förmlich vor Lounas Füße purzelte. Das war einfach zu niedlich, da konnte man nun sagen, was man wollte. Außerdem erinnerte das Evoli sie an sich selbst. Denn schließlich schaffte sie es auch gern mal, über ihre eigenen Füße zu stolpern. Deswegen streckte Louna die Hände aus und nahm das Evoli auf den Arm. Es war sehr bezaubernd und kaum hatte Louna damit begonnen den kleinen Fratz zu kraulen, da begann es auch schon zufrieden zu schnurren und genüsslich die Augen zu schließen. Auf Caroles Gesicht breitete sich ein triumphierendes Lächeln aus. Sie wusste ganz genau, dass Louna unmöglich nein sagen konnte!
    »Na gut.« Da war es! Die Antwort, auf die Carole gewartet hatte, auch wenn Louna einen weiteren Seufzer voller Resignation von sich gab. Sie hatte einfach keine Chance gegen dieses Evoli. Jenes schmiegte sich nur noch mehr gegen die Hand, die es kraulte.
    »Oh das ist so wundervoll, Louna! Danke dir!«, ließ Carole sie begeistert wissen und huschte zu der Kommode an der rechten Wand des Wohnzimmers. Von dort holte die blondgelockte Carole einen Pokéball hervor, den sie auch sogleich Louna entgegen hielt.
    »Das ist der Pokéball von dem Evoli, welches du auf dem Arm hältst. Du nimmst es doch?« Die letzte Frage bezog sich mehr darauf, ob Louna genau dieses Evoli nehmen wollte oder nicht doch ein anderes. Aber warum ein anderes, wenn dieses auf ihrem Arm bereits entschieden hatte, sie zu mögen? Oder zumindest ihre Hand, die so unsagbar toll kraulen konnte!?
    »Ja, ich denke schon«, antwortete Louna, nickte dabei und betrachtete sich ihr neues Pokémon. Sie nahm es in beide Hände, um es von sich wegzuhalten, damit sie es genau anschauen konnte. Die schwarzen Kulleraugen sahen sie direkt an. Das Brust- und Nackenfell war ein wenig zerzaust und die linke Ohrspitze war weiß. Das fiel Louna erst jetzt auf. Es unterschied sich dadurch von den anderen Evolis ein wenig. Leise fiepte das Evoli sie an und Louna richtete ihren Blick wieder auf dieses, weil sie eben noch die anderen Racker betrachtet hatte.
    »Tja, und wie nenne ich dich nun?« Sie legte den Kopf schief, hatte aber noch keinen vernünftigen Namen, der zu dem Evoli passen könnte, weswegen sie die Namensbenennung auf später verschob. Sie nahm das Evoli wieder richtig auf den Arm und hielt es weiterhin, während sie gleichzeitig eine Hand frei machte, um den Pokéball anzunehmen, den Carole ihr hinhielt.
    »Vielen Dank, Carole. Ich hoffe nur, dass Coco und Arcus mit dem Kleinen hier zurecht kommen.« Das wäre für sie eigentlich das schlimmste, wenn es Stress geben würde. Sie musste positiv denken!
    »Ich bin mir sicher, das klappt schon! Arcus und Coco kommen doch auch sehr gut mit unseren Psianas zurecht.«
    »Ja, das stimmt.« Louna lächelte bei dieser Erinnerung und war endgültig überzeugt davon, dass das schon alles gut laufen würde.
    »Ach übrigens: es ist ein Mädchen«, meinte Carole noch.
    »Bitte?«
    »Dein neues Evoli. Es ist ein Mädchen!« Carole grinste breit, als Louna ein bisschen verdattert drein sah.
    »Oh ach so, ja, dann ehm … gut zu wissen.« Wenn das Evoli ein Mädchen war, würde Arcus vermutlich ganz gut damit zurecht kommen. Sie wusste von ihm, dass er andere Rüden nicht so gern hatte. Was nicht bedeutete, dass er prinzipiell auf andere männliche Pokémon los ging. Aber Arcus war eigen und besaß sogar schon in seinem jungen Leben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Was durchaus gut war, aber auch bei der ein oder anderen Situation zum Nachteil werden konnte.
    »Gut, dann werde ich mal rüber gehen und Coco und Arcus die Neue vorstellen. Viel Spaß noch mit der Rasselbande!« Jetzt grinste Louna auch, verabschiedete sich von Carole und verließ kurz darauf die Wohnung. Das Evoli auf ihren Armen sah noch einmal sehnsüchtig rüber zu den Geschwistern und den Eltern. Es wusste gar nicht so genau, was jetzt eigentlich passierte, aber noch war es nicht beunruhigt. Der Vorteil war, dass sie Nachbarn waren. Louna würde also das Evoli immer wieder zum Psiana-Paar bringen können, so dass es wenigstens noch Kontakt zu den Eltern-Pokémon hat.


    »Sei lieb, Arcus!«, sagte Louna im bestimmenden Ton, so dass er seinen Kopf anhob und zu ihr sah. Gerade hatte Arcus sehr intensiv das neue Evoli beschnüffelt. Möglicherweise konnte er den Geruch des Psiana-Paares an ihm riechen, aber auch den Duft von Louna selbst. Schließlich hatte sie bis eben noch das Evoli in den Händen gehalten. Der kleine Fratz ließ sich nicht entmutigen. Ganz im Gegenteil sogar! Das Evoli war viel zu neugierig, als das es sich vom großen Arcus einschüchtern ließ. Es schnupperte selbst an ihm, fiepste ihn an und hob die Pfote, um Arcus gegen das Gesicht zu patschen. Louna musste bei dem Anblick lachen, weil Arcus ganz perplex wirkte. Coco hatte sich königlich zurückgezogen und lag erhaben auf ihrer Lieblingskuscheldecke in der Zimmerecke des Raumes. Sie war vorhin kurz heran gekommen, um das Evoli selbst zu beschnuppern und zu begrüßen, aber die Coiffwaff-Dame hatte schnell das Interesse wieder verloren. Für Louna war das ein Zeichen der Akzeptanz. Es würde keine Probleme geben, solange das Evoli nicht anfing bei Coco an der Rute zu nagen oder anderweitig dem leicht arroganten Coiffwaff auf die Nerven zu fallen. Louna würde das natürlich zu verhindern wissen und dem Evoli Manieren beibringen wie es sich gehörte. Doch für's Erste begnügte sie sich damit, Arcus dabei zu beobachten, wie er mit dem kleinen Fratz umgehen sollte. Er brummte auf, ließ scharf die Luft aus der Nase entweichen, was wie ein Schnauben klang und senkte erneut den Kopf. Das Evoli schien äußerst agil zu sein, weswegen es mit einem kleinen Sprung auf Arcus Kopf sprang. Das irritierte Arcus nur noch mehr und es erschreckte ihn auch ein wenig, weshalb er zurück wich, so dass das Evoli auf den Boden purzelte. Ganz perplex rappelte es sich wieder auf und schüttelte das Fell. Dann fiepste es Richtung Arcus. Dieser hob erneut den Blick, um zu Louna zu schauen, als wollte er fragen: Was mache ich denn jetzt mit der Kleinen?
    Es war einfach herzzerreißend. Louna war froh darüber, dass es keine ernsthaften Auseinandersetzungen gegeben hatte. Sie würden sich zwar noch aneinander gewöhnen müssen, aber sie sah nun keine Probleme mehr darin. Arcus wandte sich erneut an das Evoli und weil es so verspielt war und keine Ruhe gab und wohl auch Arcus unfassbar interessant fand, ließ sich Arcus auf das Spiel ein. Die beiden Pokémon liefen im Kreis und jagten sich spielerisch. Arcus wusste instinktiv wie er mit der Kleinen umzugehen hatte ohne sie zu verletzen. Lounas Lächeln wurde noch sanfter und sie erhob sich von dem Stuhl, auf dem sie bis eben noch gesessen hatte und ging zu den beiden Pokémon rüber. Bei ihnen angekommen, ging sie in die Hocke, ließ sich aber dann komplett auf den Hintern fallen und setzte sich in den Schneidersitz. Mit einem Kleid war das eigentlich keine Position, die man so einnehmen sollte, aber da das nun mal für sie die gemütlichste Sitzvariante war und im Augenblick auch niemand sonst als sie und die Pokémon hier waren, ging das schon in Ordnung. Sie streckte die rechte Hand aus und legte sie auf das blonde wuschelige Kopffell Arcus'. Dieser fing gleich an mit der Rute zu wackeln und kam näher zu ihr heran. Wenn er Zuneigung bekam, dann konnte er auch sehr verschmust sein. Schnurren wie ein Psiana konnte er zwar nicht, aber dafür gab er ein äußerst zufriedenes Brummen von sich. Louna liebte Arcus seit sie ihn das erste Mal im Arm halten durfte! Ihr Onkel hatte den Welpen auf der Zinnoberinsel in Kanto aufgelesen. Was genau passiert war, wusste keiner. Aber ein allein gelassenes Fukano so mitten im Nirgendwo und nur ein paar Tage alt, konnte nicht lange überleben. Es war Arcus Rettung gewesen, dass Lounas Onkel ihn aufgelesen hatte. Weil er sowieso vorgehabt hatte seine Schwester hier in Illumina zu besuchen, hatte er Arcus mitgebracht und das Fukano war dann auch gleich bei der Familie geblieben.
    Louna kraulte ihren Freund liebevoll über den Kopf und den gestreiften Rücken. Das Fell fühlte sich immer so schön weich an, dass man sich darin verlieren konnte. Er war aber auch ein hübsches Kerlchen, fand sie! Fukanos gab es leider in Kalos nicht in freier Wildbahn, was sehr schade war. Sie hätte gern mal diese Pokémon in der Wildnis beobachtet. Vielleicht würde sie irgendwann nach Kanto reisen, um dort wilde Fukanos aufzuspüren. Lust hätte sie schon irgendwie und eigentlich sogar die Zeit dazu. Die Schule hatte sie erfolgreich abgeschlossen. Im Prinzip musste sie sich langsam Gedanken darüber machen, was sie mal werden wollte. Welchen Beruf sie nachgehen und in dem Zusammenhang, welche Ausbildung sie machen oder was sie studieren wollte. Das war allerdings gar nicht so einfach. Louna gehörte nicht zu der Generation, die es toll fanden zu kämpfen. Wie gesagt war das eine echt gefährliche Angelegenheit, bei der nicht nur die Pokémon, sondern auch die Menschen verletzt werden konnten. Wer als Trainer nicht vorsichtig war oder gar seine Pokémon nicht gut trainierte und unter Kontrolle hatte, musste wahnsinnig aufpassen. Louna könnte möglicherweise eine gute Trainerin sein, aber das Kämpfen an sich bereitete ihr eher Bauchschmerzen. Sich Sorgen zu machen, dass eines ihrer Pokémon auch ernsthaft verletzt werden konnte … Brr nein! Sie hatte noch so manche Schlagzeile aus der Presse vor Augen, wie schon manches Pokémon an den Folgen der Verletzungen eines Kampfes zu Tode gekommen war. Oder wie schlimm manchmal auch der eigene Trainer verletzt worden war, weil er eine Sekunde lang nicht richtig aufgepasst hatte … Ja, wer mit dem Feuer spielte, musste sich in Acht nehmen!
    Sie schüttelte diese Gedanken ab und dachte an etwas Schöneres. Züchten oder Beobachten – das wäre doch mal etwas! Aber sie könnte auch etwas machen, was gar nichts mit Pokémon zu tun hatte. Nur war sie sich immer noch sehr uneinig. Ihre Eltern hatten glücklicherweise das Nachsehen mit ihr und drängten sie zu keiner Entscheidung. Trotzdem wusste sie, dass es bald an der Zeit war, einen Weg einzuschlagen.
    Als von der Haustür aus bekannte Geräusche ertönten, wie etwa das Klappern des Hausschlüssels, erwachte Louna aus ihren Überlegungen und stand vom Boden aus.
    »Mom?« Ein kurzer Blick auf die Wanduhr hatte ihr gesagt, dass ihre Mutter Feierabend hatte und in diesem Augenblick nach Hause kommen müsste. Genauso war es.
    Eine schlanke und hochgewachsene Frau Anfang der Vierziger kam in das Wohnzimmer. Sie hatte genauso hellbraune Haare wie die Tochter, jedoch kürzer und in einem kleinen Zopf im Nacken zusammen gebunden. Auf der Nase befand sich eine Brille mit ovalen Gläsern und sie trug noch immer den weißen Kittel von ihrer Arbeit, den sie jetzt allerdings ablegte.
    »Hallo Schatz. Oh, wie ich sehe hat Carole dir bereits ein Evoli gegeben.« Die Worte ließen Louna sofort aufhorchen.
    »Du hast es gewusst?«
    »Natürlich. Gestern Abend habe ich mich mit Carole noch unterhalten, die mich gefragt hatte, ob wir bereit wären ein Evoli zu adoptieren. Schön, dass du eines genommen hast.«
    Louna stand sehr perplex da. Das hätte doch ihre Mutter auch mal früher sagen können! Himmel hilf, sie hatte sich echt deswegen den Kopf zerbrochen! Leicht seufzte Louna. Das war so typisch für ihre Mutter. Sie hatte oftmals so sehr ihre Arbeit im Kopf, dass sie darüber hinaus vergaß manche wichtigen Informationen auch an ihre Familie weiter zu geben.
    »Hast du dem Evoli schon einen Namen gegeben?«, wollte ihre Mutter wissen, die bereits auf den Weg in die Küche war.
    »Nein, noch nicht«, antwortete Louna und sah hinab zu ihren Füßen, wo das Evoli hockte und sie von unten aus ansah. Louna bückte sich, um es wieder auf den Arm zu nehmen und folgte danach ihrer Mutter in die Küche.
    »Ach Schätzchen, ich müsste dich um etwas bitten. Oder besser gesagt der Professor«, begann ihre Mutter, kaum das Louna die Küche betreten hatte. Diese lauschte gleich auf.
    »Ja? Worum geht es?«, wollte sie natürlich wissen. Es kam nicht gerade oft vor, dass ihre Mutter oder besser gesagt der Professor sie um etwas bitten wollte. Ihre Mutter arbeitete im hiesigen Pokémonlabor und ging Professor Platan bei den Forschungen zur Hand. Schon seit mehreren Jahren! Louna kannte das Labor, war aber trotzdem nicht sehr oft dort gewesen. Mit dem Professor selbst hatte sie auch nur wenig bis gar keinen Kontakt. Dass er nun etwas von ihr wollte, überraschte sie ein wenig.
    »Eigentlich wollte der Professor nach Escissia, aber er findet einfach keine Zeit dafür. Deswegen hat er angefragt, ob du nicht dorthin reisen könntest, um eine Lieferung abzugeben.« Louna bedachte ihre Mutter mit einem nachdenklichen Blick.
    »Eine Lieferung? Kann das nicht ein Kurier übernehmen?« Wozu gab es denn die Post und die Kuriere, wenn nicht genau dafür? Ihre Mutter sah von der Arbeitsfläche auf, wo sie angefangen hatte Gemüse für einen Salat zu schnibbeln.
    »Nein, das geht leider nicht. Es ist sehr wichtig und er möchte gern diese Aufgabe jemanden anvertrauen, dem er auch vertraut.«
    »Ehm und ich soll diese Person sein?« Noch mal als Erinnerung: Sie hatte sonst mit dem Professor gar nichts groß zu schaffen!
    Ihre Mutter lachte leise auf und lächelte sie an.
    »Natürlich! Ich habe dich ihm empfohlen, weil ich weiß wie sorgfältig und gewissenhaft du deine Aufgaben immer ausführst. Du wärst perfekt dazu geeignet. Außerdem hast du doch sowieso genug Zeit, also tu dem Professor den Gefallen, ja?«
    Lounas Augen verschmälerten sich voller Misstrauen.
    »Kann es sein, dass ihr mich los werden wollt?«, fragte sie, was dazu führte, dass ihre Mutter nun herzhafter auflachte.
    »Unsinn! Natürlich nicht!« Sie lachte immer noch amüsiert über die Frage, aber Louna atmete erleichtert auf. Eigentlich meinte sie diese Frage auch gar nicht so ernst.
    »Na fein. Wenn der Professor meine Hilfe benötigt, werde ich ihm helfen«, sagte sie und nickte bestimmend.
    »Das ist lieb von dir, Schatz«, antwortete ihre Mutter und schnitt weiter das Gemüse klein, welches sie in eine Schüssel neben sich hinein warf. Das Evoli auf Lounas Armen hatte bereits auch was Interessantes entdeckt. Deswegen zappelte es auch mit den Beinchen herum und wollte unbedingt auf die Arbeitsfläche drauf. Aber das ließ Louna nicht zu, jedoch bemerkte sie wie das Evoli die Schale mit den Beeren fixiert hatte und genau dorthin wollte.
    »Oh? Du bist wohl hungrig?«, fragte Louna das Kleine und griff nach einer Schukebeere. Wollte das Evoli eine essen? Soweit sie wusste, mochten Pokémon verschiedene Beerenarten, die Frage war immer nur welche genau. Die Schukebeere schien allerdings auf wenig Begeisterung zu treffen, denn das Evoli wich mit dem Köpfchen aus, als Louna ihr diese Beere hinhielt. Vielleicht war es eine Chiaribeere, die es haben wollte? Das waren die beiden einzigen Beerensorten, die sie gerade im Haus hatten. Louna legte daher die Schukebeere wieder zurück und nahm die Chiaribeere und voilá! Das Evoli machte sich förmlich über die Beere her, biss herzhaft hinein und schmatzte glücklich. Louna grinste bei dem Anblick.
    »Jetzt weiß ich, wie ich dich nennen werde!« Ihre Mutter blickte fragend auf. Das Evoli selbst ließ sich von der köstlichen Beere nicht ablenken.
    »Chiari!«



  • 3. Kapitel - Überfall



    Die erste Nacht war unruhig verlaufen. Chiari hatte irgendwann mitbekommen, dass es fern von seinen Eltern blieb und hat dementsprechend mitten in der Nacht begonnen nach den Geschwistern als auch den Eltern zu suchen. Das hat es unter anderen mit fiependen Geräuschen getan, so dass Louna nicht sonderlich viel Schlaf abbekommen hatte. Das Pokémon wieder zu beruhigen und ihm zu zeigen, dass es nicht allein war, war nicht einfach gewesen. Aber irgendwann hatte sich das kleine Evoli beruhigt nachdem Louna keine Geduld mehr gehabt und es schlichtweg mit in ihr Bett genommen hatte. Arcus, der auch bei ihr im Zimmer schlief, hatte erst verschlafen aufgesehen, doch das Fukano hatte sich nicht weiter daran gestört und wieder den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet, um in seinem Körbchen weiter zu schlafen.
    Erst als die ersten Sonnenstrahlen sich durch den Vorhang in ihr Zimmer verirrten und Louna an der Nase kitzelten, begann sie wach zu werden. Trotzdem hatte sie das Gefühl nicht genug geschlafen zu haben. Mit müden Augen und einem müden Geist war sie dennoch aufgestanden und hatte sich im Bad soweit zurecht gemacht, dass sie präsentabel war. Sie erinnerte sich noch genau, was ihre Mutter am Vorabend erzählt hatte. Eine Lieferung musste nach Escissia gebracht werden und Louna sollte diejenige sein, die sich dieser Aufgabe annahm. Im Grunde genommen klang das nach nicht viel. Einfach zu dem Städtchen laufen und das war's. Tatsächlich bedeutete das aber sehr viel mehr! Nicht nur, dass sie mehrere Tage unterwegs sein würde, nein. Der Weg bis dorthin war auch nicht gerade ungefährlich. Zumindest der Teil des Weges, der durch unbewohntes Gebiet führte, also durch die Wildnis. Louna wurde vor allem nervös, wenn sie daran dachte, dass sie durch den Nouvaria-Wald gehen musste. Es wäre besser, wenn sie stets den Wegen folgte und nicht irgendwo falsch abbog. Wilde Pokémon konnten sehr gefährlich werden und in dieser Welt gab es monströse Pokémon, denen man lieber gar nicht erst begegnen wollte. Zwar gehörte der Nouvaria-Wald eigentlich nicht zu den Regionen, die zu gefährlich waren, aber trotzdem. Louna war schon immer lieber vorsichtiger. Manchmal auch zu übervorsichtig, dass musste sie zugeben.
    »Das müsste ausreichen.«, sagte sie zu sich selbst. Schon gestern Abend hatte sie bereits ihren Rucksack gepackt, um heute aufbrechen zu können. Wechselsachen waren wichtig, aber da sie sich nicht halb tot schleppen wollte, hatte sie nur das nötigste eingepackt. Unter anderem eine lange Hose, denn jetzt trug sie einen Rock, der bis zu ihren Knien reichte und ein schwarz-rot kariertes Muster aufwies. Dazu eine schwarze Bluse, deren Ärmel sie hochgekrempelt hatte. Außerdem eine lange Strumpfhose und sie würde natürlich ihre rote Lederjacke darüber ziehen wie auch ihren schwarzen Trilbyhut, der ein absolutes Muss war. Im Rucksack selbst hatte sie noch einiges an Proviant mit eingesteckt, ihr Mobiltelefon, ihre Waschtasche, in der sich auch für den Notfall Pflaster befanden, und sie hatte auch an ihren Liebling Arcus gedacht. Der brauchte für unterwegs auch etwas zum Fressen! Ihre Mutter hatte gestern noch gemeint, dass es besser wäre, wenn sie nicht ohne Arcus aufbrach. Deswegen rief sie nach ihrem Freund:
    »Arcus, komm her.« Das Fukano hörte aufs Wort, worüber sie sehr stolz war. Er war ein treuer Gefährte seitdem sie ihn adoptiert hatte und er lernte auch ziemlich schnell neue Kommandos. Louna legte ihm um den Hals das schwarze Halsband mit dem Anhänger an, worauf sein Name stand und natürlich auch ihr eigener, um zu verdeutlichen, dass er ihr gehörte. Arcus kannte das Halsband schon und störte sich nicht weiter daran. Er schüttelte sich nur kurz, als sie ihn wieder entließ und sich selbst erhob. Dann wollte sie auch schon ihr Zimmer verlassen, doch da fiepste es hinter ihr auf. Louna drehte sich um und betrachtete das Evoli, welches sie erst gestern von Carole bekommen hatte. Mit seinen großen Kulleraugen sah es sie an und schien darauf zu warten ebenfalls mitkommen zu dürfen. Wobei es sicherlich auch von ganz allein einfach hinterher tapsen würde. Louna betrachtete Chiari sehr nachdenklich. Es war noch ein wenig jünger als Arcus und kannte die Welt dort draußen noch überhaupt nicht. Sie war nicht sicher, ob es so eine gute Idee war das kleine Evoli mitzunehmen. Dennoch entschied sich Louna dafür zu ihrer Kommode zu gehen, um den Pokéball hervor zu holen, der zu Evoli gehörte. Auf den Pokébällen standen jeweils die Spitznamen darauf. Das bedeutete, dass auf dem Ball von Arcus eben der Name des Fukanos verewigt war sowie auf dem Ball des Evolis nun seit gestern Abend Chiari darauf stand. Schließlich sahen die Pokébälle alle gleich aus! Da war es nicht einfach sie auseinander zu halten. Den Ball selbst steckte Louna in ihren Rucksack ein, während sie Chiari auf die Arme hob und dann erst einmal mit ihr und auch Arcus ins Wohnzimmer ging. Coco lag faul auf ihrer Kuscheldecke und döste vor sich hin. Sie machte sich nicht einmal die Mühe aufzusehen, als Louna und die beiden anderen Pokémon das Zimmer betraten. Louna hingegen ignorierte die Coiffwaff-Dame auch, da sie anderes im Sinn hatte. Das Evoli wurde kurzerhand auf den Stuhl beim Essenstisch abgesetzt während sie sodann in einer Schublade des Schrankes begann herum zu wühlen.
    »Wir haben doch bestimmt … «, murmelte Louna vor sich hin. »Ah genau, hier!« Sie holte ein weiteres Halsband heraus, das sie in Reserve hatten. Es war auch schwarz wie das von Arcus, besaß jedoch silberne filigrane Verzierungen, so dass es ein bisschen edler wirkte. Es hätte ein Halsband für Coco sein können, doch jetzt würde es zu Chiari gehören. Ohne große Umwege legte es Louna dem Evoli um den Hals. Das war noch ein wenig ungewohnt für das Pokémon und mit der Hinterpfote kratzte es sich am Hals, als wolle es das Halsband wieder abbekommen.
    »Du gewöhnst dich schon noch daran.« Louna nahm das Evoli wieder auf die Arme und ging dann zur Haustür. Einen Anhänger hatte das Evoli-Halsband noch nicht, aber das würde sie bei Gelegenheit nachholen. Jetzt jedoch wollte sie zum Pokémon-Labor des Professors!



    Eine gute halbe Stunde später hatte sie es geschafft. Früher als erwartet, wenn sich Louna daran erinnerte, was wieder heute auf der Straße alles los war. Sie musste tief durchatmen und zur Ruhe kommen, weil sie sich beeilt hatte und daher etwas außer Atem war. Erst nachdem ihr Puls sich normalisiert hatte, kam sie der Tür des Labors näher. Es war ein hohes Gebäude mit einer automatischen Tür. Von außen wirkte es fast schon unscheinbar, aber sobald man in das Gebäude herein kam, befand man sich in einer größeren Eingangshalle. Hier gab es auch eine Anmeldung, denn als Besucher konnte und durfte man nicht so ohne weiteres herum spazieren. Auf der rechten Seite des Raumes befand sich eine Sitzgruppe mit Stühlen und gemütlichen Sesseln, auf denen man sich nieder lassen konnte, wenn man warten musste. Ebenso stand dort ein Tisch auf dem ein paar wissenschaftliche Zeitschriften ausgelegt waren. Hinzu kam auch das Regal mit weiteren Büchern über diverse Pokémon-Entdeckungen und Erkenntnissen der Wissenschaft. Louna hatte schon einmal dort gesessen, aber das war lange her. Auf der linken Seite befand sich die Anmeldung. Ein langer Tresen trennte die Besucher von dem Personal, das hinter dem Tresen stand. Eine Dame mit dunkelbraunen Haaren, die zu einem Knoten zusammen gebunden waren, einer eckigen Brille auf der Nase und einem dunklen Kostüm, saß auf dem Stuhl dahinter und tippte eifrig etwas auf die Tastatur ihres Computers ein. Sie schien nicht bemerkt zu haben, dass Louna das Gebäude betreten hatte oder sie ignorierte es einfach. Was es auch war, lange würde es nicht mehr so sein. Denn Louna schritt selbstbewusst auf den Tresen zu und blieb erst davor stehen. Genau da hob auch schon die Empfangsdame ihr Kinn und sah sie an.
    »Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte die Dame und musterte Louna Stirnrunzelnd. Offenbar ging ihr auf, dass sie Louna schon einmal gesehen haben musste. Auch Louna kannte die Dame, wenn auch mehr vom Sehen und weniger davon, dass man sich persönlich nahe stand.
    »Hallo, ich bin Louna Lavie. Meine Mutter und der Professor wollten mich sprechen.«, kündigte sie an. Sofort hellte sich das Gesicht der Empfangsdame auf, als es offenbar klick in ihrem Kopf machte.
    »Ah richtig, genau! Schön, dass du gekommen bist.« Ohne Umschweife war die Frau auf ein Du umgestiegen. Louna sollte es nicht stören. Das Siezen war etwas, was sie immer für sich befremdlich befunden hatte. Während die Dame nach dem Hörer ihres Telefons griff, um Louna beim Professor anzumelden, blickte sich Louna selbst noch einmal um. Arcus saß brav neben ihren Füßen am Boden und wartete geduldig. Doch Chiari schien da andere Interessen zu verfolgen. Louna hatte sie schon vorhin beim Eintreten des Gebäudes auf den Boden abgesetzt und das Evoli war ihr auch tatsächlich bis zum Tresen gefolgt. Doch jetzt hier zu warten, schien langweilig zu sein, weshalb es sich auf Erkundungstour gemacht hatte. Bevor ihr Evoli ihr entwischen konnte, eilte Louna auch schon zu dem kleinen Racker und klaubte es wieder vom Boden auf ehe es noch irgendwo verschwand im großen weiten Labor.
    »Du musst bei mir bleiben, Chiari.« Es dürfte noch eine Weile dauern bis Chiari alles begriffen hatte und wusste wo das Haspiror langläuft. Louna war optimistisch eingestimmt. Mit Arcus hatte es schließlich auch funktioniert und das Fukano wartete schließlich so lange bis es weiter ging. Apropos …
    »Louna? Du kannst mit dem Fahrstuhl in die zweite Etage fahren. Der Professor erwartet dich.« Louna nickte. Eigentlich war es albern den Fahrstuhl zu nehmen. Die Treppe hätte es auch getan, da man ihr aber schon die Richtung wies, ging sie zum Fahrstuhl. Davon mal abgesehen kannte sie die Richtung. Ihre Mutter hatte sie manchmal hier her genommen. Zwar nicht oft, aber es hatte ausgereicht, um sich den wichtigsten Weg zu merken. Sie musste nur den Raum durchqueren und auf den Knopf des Aufzugs drücken. Dann ging alles recht schnell. Sie hatte Glück, denn der Aufzug war bereits unten, so dass mit einem typischen Kling-Geräusch die Türen sich öffneten und sie einsteigen konnte. Wenige Augenblicke später war sie in der zweiten Etage und durfte wieder einmal erleben wie außerordentlich hektisch es hier zur Sache gehen konnte.
    Ein paar Assistenten des Professors liefen hin und her. Louna kam an mehreren Türen vorbei, als sie durch den langen Gang ging. Die meisten Türen waren verschlossen, aber diejenigen, die offen standen, gaben den Blick auf sehr geschäftige Laboranten und Assistenten frei. In einem Raum saß ein Bisasam auf einem Tisch, das von einem Assistenten zum anderen sah, die sich angeregt unterhielten. Louna konnte nicht verstehen worum es ging, aber da es sie auch nichts anging, folgte sie dem Gang weiter.
    War es die vierte Tür oder … ?
    Noch während sie überlegte, öffnete sich bereits eine Tür und ihre Mutter stand direkt vor ihr.
    »Louna, da bist du endlich!« Ohne viele Worte zu verlieren, gebot sie ihrer Tochter den Eintritt in den Raum, aus dem sie eben gekommen war. Auch hier blickte sich Louna kurz um. Geräte, Regale und Schränke wohin das Auge blickte. Ebenso einige verschiedene Tische mit diversen Forschungsmaterialien und anderem Kram von dem Louna absolut keine Ahnung hatte. Wissenschaft gehörte nicht zu den Dingen, die sie besonders gut beherrschte. Sie überließ das großzügig anderen, beispielsweise ihrer Mutter. Zwar beobachtete Louna sehr gern Pokémon und wie sie sich verhielten und alles. Aber was hinter manchen Prozessen wissenschaftlich stand, das konnte sie nicht sagen noch war sie besonders gut darin es heraus zu finden. Es war auch ganz einerlei. Schließlich waren Professoren und Wissenschaftler dafür da den Geheimnissen der Biologie, Physik und allem anderen auf die Schliche zu kommen.
    »Louna! Schön, dass du kommen konntest!«, rief der Professor bereits aus einem anderen Winkel des Raumes. Louna drehte sich, um den hochgewachsenen Mann zu entdecken. Seine dunklen Haare waren etwas zerzaust. In seinem Gesicht war ein Drei-Tage-Bart zu erkennen, der jedoch nicht überdecken konnte, dass der Professor eigentlich noch recht jung war. Im Gegensatz zu anderen Kollegen versteht sich. Er trug wie die meisten anderen Angestellten einen weißen Kittel, sah jedoch gerade nicht von seinem Tun auf, als Louna ein wenig näher heran kam.
    »Hallo Professor Platan.«, begrüßte Louna ihn trotzdem.
    »Meine Mutter hat mir bereits erzählt, dass sie jemanden brauchen, der eine Lieferung nach Escissia bringt?!« Es war mehr oder weniger eine Frage, obwohl dieser Fakt schon klar war. Der Professor brauchte jemanden. So viel stand fest. Endlich sah er auch von seinen Unterlagen auf und lächelte sie freundlich an.
    »Oh ja, das ist korrekt und … Du meine Güte, bist du groß geworden!« Es war offensichtlich, dass Professor Platan erst etwas anderes sagen wollte, sich dann aber von ihrem Anblick ablenken ließ.
    »Ehm, na ja, nicht sehr viel seit dem letzten Mal … « Louna war das ein wenig unangenehm. So lange konnte das doch überhaupt nicht her sein, dass sie hier gewesen war. Außerdem war sie schon lange kein Kind mehr! Himmel sei Dank fuhr Professor Platan auch schon fort mit seinem Anliegen.
    »Ich möchte, dass du nach Escissia gehst, um die Lieferung zu überreichen. In Escissia warten junge Trainer darauf endlich in die Weiten von Kalos aufzubrechen, um-«
    »Professor! SCHNELL! KOMMEN SIE!«, brüllte eine andere Stimme das halbe Labor zusammen. Sowohl Professor Platan, als auch Louna schreckten zusammen. Was war denn auf einmal los? Noch eben hatte man ihr von den jungen Trainern erzählen wollen, die vermutlich sämtliche Arenen herausfordern wollten, um die Stärksten von Kalos zu werden und nun brach auf einmal Chaos im Labor aus? Louna war nicht sicher was sie davon halten sollte. Von beidem nicht. Junge Trainer, die kämpfen würden, was bekanntermaßen gefährlich war und was auch noch vom Professor unterstützt wurde! Oder das eben hier gerade Chaos ausbrach. Wegen Letzterem rannte bereits der Professor schon hinaus auf dem Gang. Ihre Mutter folgte ihm, aber auch Louna setzte sich in Bewegung, um zu erfahren, was los war.
    »HALT! STEHEN GEBLIEBEN! DIEB! DIEB!« Die Worte verhießen eindeutig nichts Gutes!
    Als Louna selbst aus dem Zimmer rannte und auf den Gang trat, konnte sie gerade noch die Gestalt erkennen, die zum Treppenhaus rannte. Louna handelte instinktiv. Sie raste los so schnell sie konnte und war in dem Moment froh, dass sie ihre Stiefeletten anhatte, die keinen besonders hohen Absatz hatten. Deswegen war es auch ein leichtes schnell zu rennen und die Treppe zu erreichen. Dort nahm sie mehrere Stufen auf einmal, als sie hinunter rannte. Dabei wusste sie nicht einmal was genau passiert war oder wem sie verfolgte. Ja ob das womöglich sehr gefährlich war! Wer wusste schon zu sagen wie unberechenbar derjenige sein konnte, den sie gerade verfolgte! War das überhaupt ein Mann oder eine Frau? Die Körpergröße ließ nichts erahnen und da eine schwarze Kapuze über dem Kopf gezogen war, konnte Louna von hinten auch nicht sonderlich viel erkennen. Nur eben, dass die weglaufende Person ganz schwarz gekleidet war und der Dieb sein musste. Denn warum sonst rannte er oder sie in so einem Galoppatempo? Louna hatte damit zu kämpfen nicht abgehängt zu werden noch über die eigenen Füße zu stolpern. Sie kam in der Eingangshalle an, wo sie noch erkannte wie die verdächtige Person zwei Personalleute aus dem Weg schubste und dann hinaus auf die Straße rannte.
    »Stehen geblieben!«, rief sie noch hinter her ehe sie auch schon die Verfolgung aufnahm. Was bildete sie sich dabei eigentlich ein? Aber sie wollte denjenigen nicht einfach entkommen lassen. Arcus, der ihr auf Schritt und Tritt gefolgt war, legte an Geschwindigkeit zu. Er war eben ein schnelles Fukano und hier auf der Straße huschte er geschickt zwischen den Beinen der vielen Menschen hindurch. Denn es war unglaublich viel los. Das war einerseits gut wie auch schlecht. Louna musste sich durch die Menge drängeln, um nicht abgehängt zu werden, aber auch der Dieb kam nur voran indem er andere Leute bei Seite schubste, wenn diese nicht schnell genug auswichen. Das bremste auch sein Tempo, wenn auch nur mäßig. Als er in eine Nebenstraße einbog, glaubte Louna ihn bereits verloren zu haben. Doch Arcus huschte ebenfalls dort entlang und wollte den Dieb nicht entkommen lassen.
    Louna bog in die Nebenstraße ein, lief noch ein paar Meter und stoppte dann. Das war eine Sackgasse! Und von dem Dieb war nirgendwo was zu sehen!
    »Oh verdammt!,« fluchte sie ungehalten los und stampfte mit dem rechten Fuß auf. Das konnte doch nicht wahr sein! Noch viel schlimmer war, dass ihr erst jetzt auffiel, dass sie beim Rennen ihren Hut verloren hatte.
    »Nein, das darf doch nicht wahr sein! Das war mein Lieblingshut!« Ein Grund mehr auf den Dieb sauer zu sein! Und sie hatte ihn verloren! Das ärgerte sie dermaßen, dass sie am liebsten platzen wollte. Bevor es noch dazu kam, hörte sie das Bellen von Arcus, der sie auf etwas aufmerksam machen wollte. Das Fukano kratzte an einer unscheinbaren Falltür im Schatten der rechten Hauswand. Das war ihr gar nicht aufgefallen, weswegen Louna ein bisschen überrascht war. Sie ging zu Arcus und betrachtete sich diese Falltür. Diese könnte vielleicht zu einem Keller oder so etwas führen. Arcus knurrte und kratzte noch einmal mit den Krallen über das Holz der Tür.
    »Du bist großartig, Arcus. Deine Nase hat die Fährte aufgenommen, was!?« Stolz darüber strich sie ihrem Freund über den Kopf und begann dann an der Klinke zu drücken und zu drehen. Ging sie auf? Ja, tat sie! Sie war nicht abgeschlossen, was vermutlich an der schnellen Flucht geschuldet war. Keine Zeit, um alles zu verschließen, was?! Das kam ihr mehr als zu gute! Bevor sie jedoch die paar Stufen hinab stieg, die sich ihr offenbarten, als Louna die Falltür öffnete, blickte sie noch einmal zurück. Sollte sie nicht besser jemanden holen? Denn scheinbar war sonst niemand weiter gefolgt. Wussten die anderen nicht, wo sie war? Mist. Louna war einfach los gerannt und hatte nicht nachgedacht. Wenn sie dem Dieb weiter nacheilen wollte, würde sie das schnell tun müssen. Wer konnte schon wissen, ob sie ihn noch einholte, wenn sie jetzt zu viel Zeit verschwendete? Andererseits stürzte sie sich hier gerade Hals über Kopf in etwas hinein, von dem sie nicht wusste wie harmlos es war oder eben auch gefährlich. Sie biss sich auf die Unterlippe.
    »Ach verdammt, was soll's!«, sagte sie zu sich selbst.
    Sie würde hinabsteigen.



  • 4. Kapitel - Missverständnis



    Dumme Idee. Verflucht dumme Idee. Was hat sie sich dabei nur gedacht? Wenn es nur ein Keller wäre, oh ja. Dann hätte sie den Dieb sicherlich schnell gefunden. Aber zu Lounas Bedauern war das hier kein einfacher Keller. Es war ein ewig lang währender Gang. Und dieser befand sich direkt unter der Stadt! Wie viele Treppenstufen sie hinab gestiegen war, wusste sie nicht. Sie hatte nicht mitgezählt. Aber es war genug, um unter der Erde zu sein und kein Sonnenlicht zu sehen. Das machte sie nervös.
    Sei kein Schisser, Lou.
    Leichter gesagt, als getan. Louna war dafür bekannt Vernunft gesteuert zu sein. Auch für ihre Vorsicht. Zu dieser Vorsicht gehörte eine gute Portion Angst und Respekt vor großen gefährlichen Dingen oder auch dunklen Orten wie diesem hier. Kein Licht brannte. Dass sie eine Taschenlampe im Rucksack gehabt hatte, war mehr ein Zufall gewesen. Normalerweise hätte sie die sicher nicht gebraucht. Aber die Vorstellung von einer Nacht im Wald hatte sie dazu gebracht doch eine einzupacken. Gut so, denn so konnte sie den Gang hier im Keller – oder was auch immer das sein möge – ausleuchten. Zumindest soweit, dass sie nicht komplett ins Dunkle tapste.
    Louna schluckte. Ihr war nicht wohl dabei. Vielleicht sollte sie zurückgehen und es dabei belassen, dass der Dieb entkommen war. Allerdings nagte das wiederum an ihrem schlechten Gewissen. Was hatte der Dieb geklaut? Waren es wichtige Forschungsunterlagen aus dem Labor? Konnte man auf sie verzichten? Oder handelte es sich vielleicht sogar um geklaute Pokémon? Sie wusste, dass im Labor einige Pokémon lebten. Nicht, um sie durch Experimente zu massakrieren. Ihnen wurde kein Leid zugefügt. Man untersuchte ihre Vitalfunktionen auf eine Art und Weise, die nicht schlimm war. Es war nichts Verwerfliches. Aber wenn der Dieb tatsächlich eines der Pokémon gestohlen hatte, was würde er dann wohl damit anfangen? Louna wollte sich keine Horrorszenarien ausdenken. Sie war viel zu gut darin sich das Schlimmste vorzustellen, weshalb sie ihre Gedanken auf den Weg vor sich lenkte. Blöd nur, dass sie überhaupt nicht wusste, wohin sie eigentlich ging. Es gab keine Tür, keine Treppe, nichts außer den Gang, der immer weiter führte. Das konnte doch nicht wahr sein! Hier musste es irgendwo einen Ausgang geben oder einen Raum oder sonst irgendwas. Von dem schwarzen Dieb war bislang auch nichts zu sehen. Nicht einmal Schritte konnte sie hören außer ihre eigenen. Zum Glück war sie nicht ganz allein hier. Arcus war schließlich bei ihr, so dass sie sich ein wenig sicherer fühlte. Auch wenn ihr Herz ziemlich weit nach unten gerutscht war. Ihr machte die Dunkelheit wirklich zu schaffen. Vor allem da sie fast Nachtblind war. Das bedeutete, dass sie fast gar nichts sehen konnte, wenn es kein Licht gab. Das war eine echte Herausforderung für sie.
    Ein Fiepsen lenkte ihre Aufmerksamkeit zu ihren Füßen. Chiari. Selbst das kleine Evoli war mitgekommen. Vorhin im Labor hatte Louna keinen Gedanken an das Pokémon verschwendet. Sie war einfach los gerannt, um den Dieb aufzuhalten. Dass das Evoli mit hinter her gerannt kam, hätte sie nicht erwartet. Noch immer war es bei ihr und wich nicht von ihrer Seite, aber sie konnte sehen, dass Chiari diesen Ort nicht mochte. Sie zitterte leicht, die Rute war nach unten, fast schon zwischen den Hinterläufen eingeklemmt und auch die langen Ohren hingen hinab. Am liebsten würde sich das Pokémon verstecken wollen. Louna blieb stehen. Das war zu viel für Chiari und es war nicht nötig, dass das junge Evoli hier herum laufen musste. Louna hockte sich hin, nahm den Rucksack von ihrem Rücken und holte den Pokéball von Chiari hervor.
    »Komm zurück, Chiari.« Ohne Mühe verschwand das Evoli in den Pokéball. Selbst heute noch war es für Louna unbegreiflich wie diese wundersamen Geschöpfe in so einen kleinen Ball passen konnten. Welche Technik lag dahinter? Sicherlich könnte sie sich ernsthaft mit dem Mechanismus des Pokéballs befassen. Es gab sogar eine Pokéballfabrik in Kalos. Aber eigentlich wollte sie gar nicht so genau nachdenken darüber. Sie steckte den Ball zurück in den Rucksack und erhob sich wieder. Arcus blieb an ihrer Seite. Er war mutiger und er würde sie beschützen. Das wusste sie. Dennoch wollte sich Louna nicht nur auf ihr Fukano verlassen. Denn schlussendlich war es auch ihre eigene Pflicht ihr eigenes Pokémon vor Gefahr zu schützen! Es war ein Nehmen und Geben.
    »Na Arcus, kannst du immer noch die Fährte des Diebes riechen?«, fragte sie ihren Freund, der weiter voran lief. Louna ging nur knapp hinter dem Fukano her, als sie im nächsten Augenblick auch schon einen Schreckenslaut aus ihrer Kehle stieß. Die Taschenlampe fiel ihr aus der Hand und somit zu Boden. Sie flackerte kurz, aber zu ihrer Erleichterung erlosch das Licht nicht. Oder war es zu ihrem Pech? Der Grund, weshalb sie erschrocken war, lag an den flatterhaften Dingern, die auf einmal wie aus dem Nichts über sie hinweg gefegt waren. Es war ein kleiner Schwarm von Zubats, die kreischend entlang flogen. Dass diese Pokémon hier überhaupt existierten, wunderte sie doch sehr.
    Zittrig hockte Louna am Boden, die Arme über den Kopf gelegt, um sich zu schützen, aber es passierte nicht viel. Die Zubats verschwanden in die andere Richtung. Nur Fukano hatte laut aufgebellt und geknurrt, aber er beruhigte sich schnell wieder. Tief atmete Louna durch. Ihr Herz pochte immer noch heftig in ihrer Brust. Nein, sie war wirklich nicht für solche Dinge geschaffen. Sollten doch andere mit ihrem Mut prahlen. Sie gehörte nicht dazu. Trotzdem hatte sie sich auf das hier eingelassen und jetzt einen Rückzieher zu machen, erschien ihr nicht richtig. Deswegen griff sie nach der fallen gelassenen Taschenlampe und rappelte sich auf.
    »Oh man, wenn hier nicht langsam mal ein Ausgang auftaucht, drehe ich noch durch.«, sprach sie mit sich selbst und ging weiter. Arcus lief vorweg, aber nicht weit. Sie konnte mit jedem weiteren Schritt erkennen, dass ihr Freund unruhiger wurde. Hatte er etwas mitbekommen? Gehört oder gerochen? Möglicherweise endlich ein Ausgang? Sie hoffte es, denn sie hatte keine Lust mehr diesen Gang ewig zu folgen. Am Ende führte er nur noch in eine Sackgasse! Was eigentlich bedeuten müsste, dass sie den Dieb finden müsste. Oder wo war er sonst, wenn nicht irgendwo hier unten?
    Sie hörte etwas! Louna blieb ruckartig stehen und lauschte in die Finsternis hinein. Da war ein Geräusch wie ein … Jaulen? Sie war sich nicht ganz sicher, legte die Stirn in Falten und schlich weiter. Arcus schien selbst zu wissen, dass es besser war leise zu sein. Aber seine Pfoten machten meistens sowieso keine Geräusche, von daher war er eigentlich der geborene Schleicher. Endlich konnte sie auch ein schwaches Licht erkennen. Sie dimmte das Licht ihrer eigenen Taschenlampe, um nicht zu sehr aufzufallen und bemerkte, dass es ein paar Meter weiter vorne um eine Ecke ging. Sie hörte noch einmal ein Jaulen, was gequält klang. Dann folgte ein dumpfes Geräusch und falls sie es sich nicht einbildete, war da auch noch eine Stimme zu hören. Oder mehrere? Sie war nicht sicher, aber es könnten durchaus mehrere Stimmen gewesen sein. Falls ja, hatte sie ein ernsthaftes Problem, falls der Dieb Komplizen hatte.
    Okay, jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Ich nutze einfach das Überraschungsmoment!
    Wenn sie es schaffte die Diebe zu überraschen, könnte sie sie vielleicht auch überwältigen.
    Quiekel blöde Idee! Schließlich hatte sie nie wirklich gekämpft und sie wusste nicht einmal ob Fukano stark genug wäre, um mehreren Angreifern stand zu halten. Geschweige denn einem!
    Louna setzte in diesem Augenblick alles auf eine Karte. Sie kniff kurz die Augen zusammen, sammelte ihre innere Kraft und stürmte dann voran.
    »Los Arcus!« Das war auch der Startschuss für das Fukano, welches gleich mit gerannt kam und gemeinsam mit Louna um die Ecke in das schwache Licht bog. Dieses Licht wurde durch eine alte Öllampe in der Mitte des Raumes erzeugt, der relativ klein war. Es gab hier nichts Besonderes. Wenn man mal von der Nässe absah, die hier wie auch draußen im Gang existierte und deshalb in einer der Ecken eine Pfütze vom schmutzigen Wasser bildete. Die Decke war ungefähr drei Meter hoch. Vielleicht auch ein bisschen niedriger, aber nicht viel. Auf der anderen Seite des Raums ging es wohl in einen weiteren Raum oder einen anderen Gang. Das wusste sie nicht, denn so viel konnte sie nicht erkennen. Dafür reichte das Licht nicht aus und außerdem lag ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Typen, der mitten im Raum war und sich dank ihres Erscheinens und ihrem Gebrüll »Stehen geblieben!« erschreckte. Arcus knurrte sogar drohend, um sie zu unterstützen. Da der Typ so perplex war, nutzte Louna die Gelegenheit. In diesem Fall dachte sie auch nicht lange nach, was alles passieren könnte, sondern handelte mal wieder instinktiv. Sie warf sich auf ihn, um ihn von dem Pokémon weg zu stoßen, welches nicht unweit von ihm am Boden lag. Es schien verletzt zu sein, aber Louna konnte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen. Erst Feind ausschalten und dann sich um Verletzte kümmern! Das war ihr Plan. Mag sein, dass der nicht ganz ausgereift war, aber sie versuchte ihr bestmögliches!
    Blöd nur, dass der Kerl noch während ihrer eigenen Attacke zu Sinnen kam und selbst reagierte. Sie hatte gehofft ihn zu Fall zu bringen oder irgend so etwas. Aber dem war nicht so. Stattdessen hatte er sogar einen Schritt zurück gemacht und ihr ein Bein gestellt. Natürlich besaß sie so viel Pech, dass sie selbst zu Boden ging. Um das aufkommende Desaster noch zu vergrößern, war er es nun, der sie zu Boden drückte. Nicht nur, dass es ausgereicht hätte sie zu Fall zu bringen, nein, er umfasste ihre Handgelenke und drückte ihre Arme über ihren Kopf zu Boden. Sein Gewicht nutzte er, um sie buchstäblich am Boden festzunageln. Ihr Herz stolperte, ihre Atmung wurde hektischer. Das war nicht sehr nett von ihm sie so aus dem Konzept zu bringen und Louna begann mit den Beinen zu zappeln, was nur dazu führte, dass er sich auf ihre Oberschenkel setzte und dadurch ihre Bewegungsfreiheit noch zusätzlich eingrenzte.
    »Lass mich los, lass mich los, du Skuntank!«, schrie Louna den vermeintlichen Dieb an. Er war schwarz gekleidet – komplett! Und er hatte auch schwarze Haare, die ihm gerade teilweise ins Gesicht fielen. Aber das hinderte ihn nicht daran sie mit seinen blauen durchdringenden Augen wütend an zu funkeln. Sie hatte jedes Recht dazu gehabt nervös gewesen zu sein. Jetzt saß sie im Schlamassel, denn wer weiß, was er mit ihr anstellen würde!
    »Arcus!«, rief sie ihr Fukano. Vielleicht konnte ihr Pokémon ihn so weit ablenken, dass sie wieder frei kam. Sie musste einfach alles versuchen, denn aufgeben war keine Option! Da ihr Fukano sowieso sehr beschützend war, eilte es bereits herbei. All das: ihr Angriff, der Sturz zu Boden und das Rufen nach Arcus hatte nur wenige Sekunden gedauert. Der Dieb richtete sich ein Stück weit auf, denn er bemerkte das Pokémon, was zu ihm gerannt kam. Beißen lassen wollte er sich nicht, weshalb er eine Hand von Louna los ließ, um selbst nach einem Pokéball zu greifen, den er an seinem Gürtel befestigt hatte. Diesen warf er in Richtung des Fukano, doch er konnte keinen Befehl erteilen, da Louna die Chance nutzte und mit ihrer freien Hand auf ihn einschlug. Irgendwie musste sie doch frei kommen! Leider hatte sie noch nie groß körperliche Kräfte besessen und war deshalb haushoch dem jungen Mann unterlegen, der über ihr war. Entnervt von ihrem Gezeter, das sie von sich gab und dem wilden Zappeln und Versuchen sich zu befreien, griff er bereits wieder nach ihrem freien Handgelenk, um sie festzuhalten. Doch so einfach wollte sie sich das nicht gefallen lassen.
    »Schluss jetzt!«, maulte er sie an und sah noch finsterer drein, falls das überhaupt möglich war. Er hatte es nämlich echt drauf böse und finster drein zu schauen. Unter anderen Umständen hätte Louna die Beine in die Hand genommen und wäre ihm weit aus dem Weg gegangen, wäre sie ihm auf der Straße begegnet. Doch hier war das nicht möglich. Sie musste frei kommen! Dabei machte sie sich nicht einmal so viele Sorgen um sich selbst, sondern viel mehr um ihr Pokémon. Denn sie hörte im Hintergrund wildes Knurren und Zähnefletschen, was sie nur noch mehr beunruhigte. Einen kurzen Moment wagte sie es ihren Kopf zu drehen, um zur Seite zu blicken. Sie erhaschte tatsächlich einen Blick auf ein anderes Pokémon. Na klar, schließlich hatte der Typ einen Pokéball geworfen. Heraus gekommen war ein schwarzes Hunduster, dessen Augen rot glühten. Die scharfen Krallen an den Pfoten hinterließen am steinernen Boden Kerben. Wenn Hunduster mit Fukano kämpfte, konnte man nicht sagen, was heraus kam. Außer dass es sehr blutig enden würde, wenn nichts unternommen wurde. Die beiden Pokémon gingen bereits aufeinander los. Louna konnte nicht viel erkennen, weil sie sich ineinander verbissen, kratzten und gegenseitig zusetzten.
    »Nein! Lass mich los, du Dieb! Damit kommst du nicht durch! Arcus!« Louna schrie noch lauter und versuchte noch viel energischer aus der Falle zu entkommen, in der sie steckte. Sie wollte nicht, dass Arcus kämpfte. Sie wollte nicht, dass er verletzt wurde! Sie hatte ihren kleinen Freund sehr lieb gewonnen, auch wenn sie ihn erst seit knapp einem dreiviertel Jahr hatte. Mit ansehen zu müssen welche schlimmen blutigen Wunden er zugefügt bekommen würde, wäre entsetzlich für sie. Die Vorstellung erschütterte sie so sehr, dass ihre Kehle sich zuschnürte und Tränen in ihre Augen schossen.
    Dann war alles anders.
    Der Druck ließ nach, ihre Arme kamen frei und das Gewicht von ihrem Körper verschwand. Verwirrt darüber blinzelte sie und sah wie der schwarzgekleidete Typ sich umwandte und rief: »Dael, komm her!« Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, lösten sich die Zähne des Hundusters aus der Schulter des Fukanos und es sprang zurück und lief zu dem Kerl, der es gerufen hatte. Das Hunduster setzte sich zu seinen Füßen, war aber eindeutig angespannt. Arcus, der das nicht auf sich beruhen lassen wollte, lief hinterher.
    »Ruf dein Pokémon zurück! Sofort!«, zischte der Dieb scharf gen Louna als Aufforderung. Diese hatte sich bereits aufgesetzt, verstand aber nicht, was hier gerade vor sich ging. Trotzdem gehorchte sie, einfach auch, um einen weiteren Kampf möglichst zu verhindern.
    »Arcus, komm her, Arcus!« Glücklicherweise war Arcus in keinem Blut- oder Kampfrausch, so dass er die Stimme Lounas wahrnahm und auf ihr Rufen hin hörte. Er lief sofort zu Louna, die die Arme um ihr Pokémon legte und es an sich drückte. Obwohl damit doch eigentlich noch nicht die Gefahr gebannt war, oder? Bevor sie vergaß wo sie sich befand, sah sie sofort auf und zu dem Kerl. Der stand jedoch schon nicht mehr an der Stelle, wo er eben sich noch befunden hatte, sondern war ein paar Schritte weiter gegangen. Er kniete sich nieder und klaubte das verletzte Pokémon vom Boden auf, das sich nicht rührte. Es blutete an der Seite stark, so dass das Fell bereits ganz verdreckt und verschmiert war.
    »W-was … ?« Irgendwie verstand Louna die Welt überhaupt nicht mehr. Was ging hier vor sich? Was hatte das zu bedeuten? Langsam hievte sie sich wieder nach oben. Der Schwarzgekleidete sah zu ihr rüber, wirkte aber immer noch nicht wirklich freundlich, weil er nach wie vor so schrecklich finster drein sah, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen konnten.
    »Ich bin kein Dieb, klar?!«, sagte er und wirkte tatsächlich beleidigt darüber, dass sie ihn vorhin so beschimpft hatte. Das musste Louna erst einmal sacken lassen. Das Bild, was sich vor ihren Augen abspielte, war einfach zu skurril. So finster der Typ auch wirkte, so gefährlich er auch sein konnte, so mitfühlend schien er gegenüber dem Pokémon auf dem Arm zu sein. Er versuchte das kleine Ding zu beruhigen während er mit einem hervor geholten Tuch die Wunde an der Flanke des Pokémon abtupfte und die Blutung zu stoppen versuchte. Das Hunduster saß immer noch zu seinen Füßen, blickte zu ihm auf, schien aber den Fremden – Louna und Arcus – nicht zu trauen, weshalb es ihnen einen eindringlichen Blick zuwarf. Wehe sie kamen näher.
    Louna stand schweigend da, um die Situation zu beobachten. Es brauchte seine Zeit bis sie ihre Stimme wieder fand, die jedoch ein bisschen zittrig klang – leider.
    »Wenn … wenn du kein Dieb bist. Was machst du dann hier unten?«, wollte sie von ihm wissen. Was ist, wenn das alles nur eine Finte war und er sie reinlegte? Was eigentlich schwachsinnig war, da er vorhin eigentlich im Vorteil gewesen war. Sie war keine wirkliche Bedrohung für ihn gewesen. Er könnte sich also die Trickserei sparen.
    »Das gleiche könnte ich dich genauso fragen.«, gab er mürrisch zurück und sah nicht auf, sondern kümmerte sich nur um das Pokémon auf seinen Armen. Louna verzog das Gesicht, versuchte aber den aufkommenden Ärger herunter zu schlucken, damit sie die Situation klären konnte. Wenn es einen friedlichen Weg gab, dann würde sie immer den bevorzugen.
    »Ich bin hier, weil ich den Dieb aufhalten wollte, der im Pokémon-Labor eingebrochen war und etwas gestohlen hat.« Blöd, dass sie nicht genau wusste, was es war, aber das spielte keine Rolle. Der Dieb durfte so oder so nicht damit durchkommen.
    »Tja und dann hast du mich gesehen und dachtest ich sei das. Wie nett. Du weißt offenbar nicht wie der Dieb aussieht, was!?« Der Typ bemühte sich nicht einmal annähernd nett oder freundlich zu klingen. Oder wenigstens neutral! Nein, er ließ seinen Ärger freie Luft und verharrte in seiner mürrischen Stimmung. Louna hätte ihm gern eine geklatscht, aber andererseits musste sie einsehen, dass er Recht hatte. Irgendwie. Was sie noch mehr innerlich aufregte.
    »Ja.«, gab sie zerknirscht zu. »Aber er war schwarz gekleidet und du … !«
    »Deswegen glaubst du ich sei der Dieb? Lächerlich.«
    Ihr blieb der Mund offen stehen.
    »Ach ja? Kannst du denn beweisen, dass du nicht der Dieb bist? Möglicherweise sagst du das nur, weil du mir irgendwas vorspielen willst!« Wenn der Kerl sich so aufplustern wollte und weiterhin behauptete er sei nicht der Dieb, dann sollte er es auch beweisen. Das war der Moment in dem er endlich aufblickte und sie ansah. Mist, er hätte das nicht tun sollen, denn Louna fühlte sich gleich wieder unsicher, als seine blauen Augen sie trafen.
    »Ich bin nicht der Dieb.«, betonte er noch einmal ganz ausdrücklich. »Ich habe vorhin selbst mitbekommen wie jemand eilig aus dem Labor gelaufen kam und offenbar etwas angestellt hat. Also bin ich ihm bis hier hin gefolgt und habe ihn gestellt. Besser gesagt sie. Es waren nämlich zwei. Aber dann bist du rein geplatzt und die beiden sind entwischt!« Der Kerl stapfte auf sie zu, so dass Louna befürchtete, dass er seinen Zorn gleich an ihr entladen wollte. Aber es gab kein Donnerwetter wie sie es erwartet hätte. Es klatschte keine Ohrfeige, er stieß sie nicht weg oder tat sonst irgendetwas Verwerfliches. Dafür holte er einen Pokéball hervor, den er ihr hinhielt. Verwirrt darüber sah sie diesen Ball an.
    »Diese Idioten haben das Pokémon gestohlen, was sich in diesem Ball befindet. Bring es zum Labor zurück. Die zwei wirst du aber sicher nicht so schnell wieder finden. Die sind längst über alle Berge.«
    Louna betrachtete den Ball, dann das Gesicht ihres Gegenübers, dann wieder den Ball.
    »I-ich … das … eh … «
    »Ja, ja, nichts zu danken. Nimm ihn.«, meinte er in seinem mürrischen Tonfall. Sie tat wie ihr geheißen und nahm den Ball an sich. War das wirklich richtig so?
    »Warte, wo willst du denn hin?«, fragte sie eilig als er bereits sich in Bewegung setzte, um zu gehen.
    »Den Ort verlassen.«
    »Ja, aber … !«
    Ein entnervtes Seufzen kam über seine Lippen.
    »Was denn?« Er blickte zu ihr zurück und sah wie Louna zu ihm gelaufen kam, um sich das Pokémon auf seinem Arm näher anzusehen.
    »Wie schlimm ist es verletzt?«, wollte sie besorgt wissen. Sie wusste nicht mit Garantie ob die Geschichte, die er ihr erzählt hatte wirklich wahr war. Schließlich machte er nach wie vor auf sie keinen besonders vertrauensvollen Eindruck. Aber sie war bereit es vorerst auf sich beruhen zu lassen. Für das Wohl des verletzten Pokémon, damit es nicht noch mehr zu Schaden kam.
    »Es wird schon wieder.«, meinte er. Lounas Gesichtszüge wurden ganz nachdenklich. Vermutlich lag es an dem wenigen Licht, das hier herrschte oder sie hatte wirklich noch nie dieses Pokémon gesehen, was er auf dem Arm hielt. Denn sie konnte es gar nicht richtig identifizieren. Was unter anderem auch daran lag, dass sie fast nichts sah außer viel Fell und Blut und das Tuch, das der Typ auf die Wunde des Pokémon drückte.
    »Du solltest dich lieber um dein eigenes kümmern.« Louna zuckte so heftig zusammen als hätte man ihr eine Ohrfeige verpasst. Auf ihrem Gesicht blitzten Schuldgefühle auf und sie sah sofort zu Arcus, der nur wenige Schritte von ihr entfernt stand und zu ihr treuherzig aufsah.
    »Oh Himmel Arcus!« Schon kniete sie neben ihrem Fukano und überprüfte wie schlimm seine Verletzungen waren. An der Schulter hatte es einen Biss abbekommen, aber die Wunde war nur oberflächlich. Zwar war an der Stelle das Fell blutverschmiert, aber es würde schnell wieder verheilt sein. Keine ernsthafte Verletzung. Trotzdem würde sie sich darum kümmern damit sie sich nicht noch entzündete.
    »Dein Pokémon scheint nicht sonderlich trainiert zu sein, aber es hat einen ganz ordentlichen Biss drauf.«, hörte sie die Stimme des anderen und sah zu dem Schwarzhaarigen auf. Ihr Blick huschte jedoch zu dem Hunduster weiter, das nicht weit von ihm und ihr entfernt saß. Tatsächlich hatte auch dieses Hunduster etwas abbekommen, weswegen sich Louna schlecht fühlte. Ja, sie mochte Kämpfe nicht. Sie waren einfach nur fürchterlich.
    »Das tut mir leid für dein Pokémon.«, sagte sie. Eigentlich hätte er darauf noch etwas erwidert, aber da man ihr das schlechte Gewissen dermaßen gut ansehen konnte, verkniff er sich ein weiteres Kommentar. Sie hätte nicht so unbedacht handeln sollen, dann wäre die Auseinandersetzung zwischen Dael und Arcus gar nicht passiert. Aber das wusste sie vermutlich auch schon selbst. Ohne noch etwas zu sagen, drehte er sich um und wollte gehen.




  • 5. Kapitel - Soul



    »Warte! Du solltest mit ins Labor kommen!«, rief sie ihm noch hinterher. Erneut blieb er stehen und drehte sich zu ihr um. Eigentlich hätte er längst weg sein können, aber dieses Weib war ganz schön anhänglich. Er schluckte den Ärger in sich hinunter, den er verspürte.
    »Warum sollte ich?«
    »Na weil … weil … ehm … das Pokémon verletzt ist und du ehm … du könntest den Pokéball selbst zurück geben.« Je länger es dauerte, dass er darauf nichts erwiderte, sie aber einfach nur anstarrte, desto nervöser wurde Louna. Es war erschreckend, was er für eine Wirkung auf sie hatte. Es musste an seiner selbstbewussten Art liegen und seinen blauen Augen, die scheinbar bis in die Tiefen der Seele seines Gegenübers schauen konnten. Louna hatte jedenfalls diesen Eindruck, obwohl der vermutlich etwas weit hergeholt war. Aber solche blauen Augen hatte sie noch nie zuvor gesehen. Oder? Je länger sie darüber nachdachte desto mehr glaubte sie ihn doch schon mal irgendwo gesehen zu haben. Das war verrückt und konnte überhaupt nicht sein! Sie kannte ihn nicht, woher denn auch? Sie würde sich doch bestimmt daran erinnern, wenn …
    »Du traust mir nicht.«, hörte sie seine Stimme, was sie aus ihren Überlegungen heraus holte.
    »Bitte?«
    »Du traust mir nicht. Wenn ich mit zum Labor komme, kann ich nicht einfach verschwinden, weil du glaubst ich könnte doch der Dieb sein.« Louna sah ertappt aus. Eigentlich hatte sie das so nicht direkt gedacht, aber andererseits war da auch was Wahres dran.
    »Es ist nur … «, versuchte sie zu erklären, unterbrach sich aber als sie das Aufseufzen des Kerls hörte.
    »Na schön.« Sie glaubte sich zu verhören.
    »Wirklich?«, fragte sie vorsichtshalber noch einmal nach.
    »Ja, ich komme mit.« Als er ihr diese Antwort gab, hellte sich ihr Gesicht auf. Seine Augen verschmälerten sich dafür und er sah sie von der Seite an.
    »Oder du hast einfach nur Schiss hier im Dunklen allein zurück zu bleiben.«, mutmaßte er frei heraus, dass ihr die Kinnlade nach unten fiel.
    »W-was? D-das ist doch überhaupt nicht wahr!«, empörte sie sich. Ihre Wangen bekamen einen rosafarbenen Glanz. Also wirklich! Was bildete der sich einfach ein? Führte sich auf wie ein aufgeblasenes Lohgock! Und dann besaß er noch die Frechheit die Mundwinkel leicht zu einem amüsierten Schmunzeln nach oben zu ziehen, dass Louna gänzlich puterrot darüber wurde. Da sie aber leider gerade keinen intelligenten Spruch auf der Zunge hatte, beließ sie es dabei zu schweigen und vor sich hin zu murren.
    So was Unverschämtes … ärgerte sie sich immer noch in Gedanken. Jedoch musste sie sich zu Boden bücken, um ihre Taschenlampe aufzuheben. Vorhin als sie in den Raum gestürmt kam und sich auf ihn geworfen hatte, war diese ein weiteres Mal zu Boden gefallen. Leider musste sie auch feststellen, dass sie die Lampe ihren Geist aufgegeben hatte. Oh verflixt! Das war nicht gut. Musste sie denn wirklich durch die Dunkelheit weiter gehen?
    »Ehm weißt du wo … es heraus geht?« Ihre Stimme zitterte, weswegen sie sich innerlich darüber ärgerte. Sie wollte nicht wie ein kleines verängstigtes Mädchen klingen. Aber die Vorstellung davon durch das Dunkle des langen Ganges zurück gehen zu müssen, erschreckte sie. Sie mochte so etwas überhaupt nicht! Außerdem flatterten dort irgendwo lauter Zubats herum! Wer konnte sagen, ob die sich nicht auf sie stürzten, wenn sie ohne Licht da entlang lief?
    Vermutlich konnte man ihr die Gedanken ablesen. Der Typ, dessen Namen sie noch gar nicht kannte, deutete mit einer Kopfbewegung auf die andere Seite des Raumes, in der vorhin die zwei Diebe wohl entwischt waren.
    »Dort geht es raus.«, meinte er und ging voran. Louna folgte ihm sofort. Die Öllampe ließ sie hier stehen, denn sie sah bereits das schwache Licht von draußen, als sie aus dem Raum in den kleinen Gang oder Flur trat und wo sich eine weitere Treppe befand, die nach oben führte. Von dort oben drang das Licht durch ein paar Spalten einer morschen Tür.
    »Ziemlich seltsam dieser Ort.«, murmelte sie vor sich hin. Ein langer Gang, ein Raum – so mitten unter der Stadt im Nirgendwo? Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Hier gab es schließlich nichts. Als sie die letzten Stufen erklomm und endlich wieder hinaus ins Tageslicht treten konnte, fiel die erdrückende Schwere von ihren Schultern, die durch die Finsternis ausgelöst worden war. Sie fühlte sich freier und konnte wieder besser atmen. Eine echte Erleichterung für sie! Ihre Augen mussten sich zwar kurz an die Helligkeit wieder gewöhnen, aber das war allemal besser als weiterhin unten in einem finsteren Gang umherzuirren.
    »Wo sind wir denn hier?«, wollte sie wissen nachdem sie tief durchgeatmet hatte und sich zu dem Kerl umdrehte. Schock schwere Not! Als er sie ansah, weil sie diese Frage stellte, funkelten seine blauen Augen nur noch mehr. Sie starrte ihn an wie ein dummes Waaty.
    »Ich glaube … «, begann er zu antworten und ging weiter, um aus der Sackgasse, in der sie sich befanden, heraus zu kommen. Louna starrte ihm nach ehe sie auf die Idee kam ihre eigenen Füße zu benutzen. Sie folgte ihm und blieb dann am Rande des Platzes neben ihm stehen.
    »Place Verte!«,stellte sie erstaunt fest.
    »Ja.«, bestätigte er.
    Das war ein gutes Stück vom Pokémon-Labor entfernt. Sie hatte nicht geglaubt so viel gelaufen zu sein. Wie man sich täuschen konnte! Dann zuckte sie auf einmal zusammen. Das Telefon in ihrem Rucksack begann sich lautstark zu melden und zwar so unerwartet, dass ihr Herz einen Sprung machte.
    Himmel hilf!
    Sie kramte ihr Telefon heraus und ging heran.
    »Hall-«
    »Louna? Louna? Bist du das? Endlich erreiche ich dich! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht! Wo bist du? Geht es dir gut? Louna?«
    »Eh ja doch, Mom, schon gut! Alles in Ordnung!« Sie hatte noch nie so aufgeregt ihre Mutter erlebt.
    »Ich habe versucht dich die ganze Zeit zu erreichen! Wo bist du jetzt?« Hatte sie das wirklich? Das Telefon hatte unten nicht geklingelt. Vielleicht hatte sie keinen Empfang gehabt. Louna war nicht mal auf den Gedanken gekommen ihr Telefon zu zücken, um gegebenenfalls Hilfe zu rufen. Oh man, sie war vielleicht ein Bummelz!
    »Ich bin beim Place Verte. Wir haben das gestohlene Pokémon wieder!«
    »Gut, dann komm schnell her!«
    »Jab, tue ich. Bis gleich.« Sie legte auf und steckte ihr Telefon weg. Erst dann bemerkte sie, dass der Kerl sie von der Seite seltsam musterte.
    »W-was ist?«
    »Nichts.« Die Antwort kam so schnell und er drehte sich von ihr weg, dass Louna davon nur noch verwirrt war. Was war das eben für ein Ausdruck auf seinem Gesicht gewesen? Irgendwie hatte das nicht richtig gepasst. Es war keine Wut, keine Belustigung, eher etwas … Trauriges? Sie schüttelte den Kopf, weil das absurd schien und machte sich darüber keine weiteren Gedanken.


    »Oh Louna, endlich!«, rief ihre Mutter und schlang die Arme um ihre Tochter. Louna war erstaunt über so viel Zuneigung. Ihre Mutter war nicht kalt, aber Umarmungen kamen trotzdem nicht gehäuft vor. Sie lächelte darüber und löste sich wieder von ihr.
    »Alles gut, wir sind nicht verl-« Sie unterbrach sich kurz und blickte zu Arcus hinab.
    »Nicht sehr schwer verletzt.«, korrigierte sie sich. Noch immer musste sie sich um Arcus Wunde kümmern!
    »Das ist gut. Aber Louna, wer ist das dort?«, wollte ihre Mutter wissen und blickte hinter ihr zu dem jungen Mann, der auf Abstand geblieben war. Er wirkte nicht so, als würde er sich hier im Pokémon-Labor wohl fühlen. Sie befanden sich in der Eingangshalle. Nicht nur Lounas Mutter war hier, auch Professor Platan und einige andere Assistentin, die sich Sorgen gemacht hatten.
    »Oh, das ist ehm … « Ja, jetzt kam sie in Erklärungsnot. Wie sollte sie ihn bezeichnen? Sie kannte nicht einmal seinen Namen! Aber das änderte sich schlagartig, weil er selbst antworte.
    »Soul Blanch.« Mehr sagte er nicht. Es gab kein Lächeln von seiner Seite. Nur das grimmige Gesicht, dass offenbar zu seinem Wesenszug gehörte.
    »Ehm ja. Er hat mir geholfen … das gestohlene Pokémon wiederzubeschaffen.« Louna holte sofort den Ball hervor, um ihn Professor Platan zu überreichen. Der jedoch hob abwehrende die Hand.
    »Behalte es. Es ist eines der Pokémon, was du nach Escissia bringen sollst.« Das überraschte Louna.
    »Oh? Ach so? Na gut.«
    »Mit Wir vorhin meintest du also Soul und dich.«, hörte sie ihre Mutter nachdenklich sagen.
    »Mhm?« Sie verstand nicht sofort, was ihre Mutter meinte bis es ihr einfiel. Es bezog sich auf das, was sie vorhin am Telefon gesagt hatte.
    »Ja.«, bestätigte sie noch einmal und sah Soul an. Der wirkte immer noch so, als würde er gern endlich gehen. Das war auch verständlich, denn auf seinem Arm befand sich ein verletztes Pokémon.
    »Louna, geht erst einmal ins Pokémon-Center rüber und lasst eure Pokémon untersuchen, ja?«, schlug der Professor vor, denn auch ihm ist aufgefallen, dass Fukano verletzt war. Sie nickte, warf ihrer Mutter noch einen Blick zu und wandte sich dann ab. Sie musste nichts sagen, damit Soul sich bewegte. Er reagierte von allein und gemeinsam verließen sie das Labor. Wenn Louna daran dachte, dass heute ihr noch eine Reise bevorstand, wäre sie am liebsten zurück in ihr Bett gekrochen. Nach der ganzen Aufregung, die es heute schon gegeben hat, fühlte sie sich bereits erschlagen.


    Deswegen ließ sie sich dann auch auf einen der Sessel mit einem tiefen Seufzer nieder. Sie musste im Center sowieso warten, da sich gerade eine Schwester um ihr Fukano kümmerte. Soul selbst brachte sein verletztes Pokémon gerade in einen anderen Raum, wo es behandelt werden sollte.
    Hier im Center war auch ständig etwas los. Das Personal hatte immer ordentlich was zu tun, weshalb es Louna schon überraschte, dass sie so schnell dran genommen worden waren. Hier im Wartebereich waren einige Leute, die ungeduldig auf die Behandlung ihrer Pokémon warteten. Sie konnte darunter auch zwei Trainer identifizieren, die Louna zwar nicht kannte, aber sehr typisch für Trainer wirkten. Diese besaßen so eine besondere Ausstrahlung, dass man einfach es merken musste. Louna wandte den Blick von ihnen ab ehe diese sich noch herausgefordert fühlten. Das brauchte sie jetzt wirklich nicht. Müde drehte sie den Kopf in die andere Richtung und sah gerade wie Soul von dem Gang, der zu den Behandlungszimmern führte, kam. Ohne das Pokémon, was er auf den Arm getragen hatte. Louna erhob sich von ihrem Sessel, verließ den Wartebereich und ging auf ihn zu.
    »Wie geht es deinem Pokémon?«, wollte sie von ihm wissen als sie ihn erreicht hatte. Er sah ihr direkt in die Augen. Wann sie sich daran je gewöhnen würde, wusste sie nicht. Es machte sie mal wieder etwas nervös und zu ihrer Schande auch etwas verlegen. Innerlich versuchte sie ganz ruhig zu bleiben, damit sie sich nicht lächerlich machte.
    »Es ist nicht mein Pokémon. Man wird es noch einige Tage hier behalten, um die Wunden zu pflegen.«
    »Oh, ach so. Armes Ding. Aber, wenn es nicht deines ist, wem gehört es dann?«, wollte sie von ihm wissen. Soul zuckte mit den Schultern.
    »Keine Ahnung. Könnte geklaut gewesen sein oder was weiß ich. Es besitzt kein Halsband und scheint auch keinem Pokéball zu geordnet zu sein.«
    »Mhm. Dann ist es ganz allein.«, sagte Louna nachdenklich. Die Vorstellung gefiel ihr nicht. Ein Pokémon, das seiner Heimat beraubt worden war, denn keiner wusste wohin es gehörte. Und wenn es auch keinen Besitzer hatte, wohin sollte es denn dann? Sie blickte Soul ernst an.
    »Behältst du es?«
    »Ich?« Er schien ehrlich überrascht darüber zu sein.
    »Na ja, es braucht doch ein Zuhause, oder nicht?« Er sah sie an, als würde er an ihrem Verstand zweifeln. Das gefiel ihr nicht.
    »W-was denn? Ist doch so!«
    »Mhm. Vorhin hast du mich noch einen Dieb genannt und jetzt fragst du mich ob ich das Pokémon behalten werde?« Sofort kam das schlechte Gewissen zu ihr zurück. Er war wohl sehr nachtragend, wie?
    »Das tut mir leid. Ehrlich! Ich … ja, das war dumm von mir. Aber du scheinst dich zumindest anständig um deine Pokémon zu kümmern.« Würde er das nicht tun, hätte er sich nicht so rührend um das verletzte Pokémon gekümmert. Es war für sie nur logisch, dass er es nahm, aber wenn er das nicht wollte, würde man für den kleinen Racker jemand anderen finden müssen.
    »Es muss erst einmal wieder gesund werden. Danach sehen wir weiter.«, meinte er ohne groß auf ihre Entschuldigung einzugehen. Er war wohl nicht der Typ, der lange darauf herum ritt und es eher stumm annahm. Was schon irritierend sein konnte, weil man dann nicht wusste, ob er es wirklich angenommen hatte oder nicht doch noch sauer deswegen war.
    »Okay.«, meinte sie kleinlaut. In dem Moment tauchte eine der Schwestern des Centers auf und Arcus kam auf sie zu gerannt. Freudig sprang er an ihren Beinen hoch, das Louna nichts anderes übrig blieb als sich hinzuknien. Ihr Gesicht strahlte, als sie ihren Freund wieder bei sich hatte. Diese Freude teilten sie gemeinsam, denn die Rute des Fukanos wedelte aufgeregt hin und her und er schmiegte sich an die Hand, die ihn streichelte.
    »Na mein Kleiner, dir scheint es wieder besser zu gehen.« Das war sehr gut!
    »Die Wunde wird in wenigen Tagen verheilt sein. Ich habe sie desinfiziert. Genäht werden musste sie nicht.«, sagte die Schwester mit einem Lächeln.
    »Da bin ich aber erleichtert! Vielen Dank dafür!« Die Schwester verabschiedete sich wieder, da es noch andere Patienten gab, um die sie sich zu kümmern hatte. Louna stand wieder auf und sah Soul an, der seine Hände in seine Hosentasche vergraben hatte.
    »Also, ich muss dann wohl jetzt gehen. Der Professor wollte noch, dass ich was für ihn erledige und ehm … « Irgendwie kam ihr das ganz komisch vor sich jetzt von ihm zu verabschieden. Vor allem weil er sie einfach nur ansah und wenig durchblicken ließ.
    »Ja, geh nur.«
    »Mhm, okay. Also dann … eh vielleicht sieht man sich … irgendwann.« Sie wartete noch ein paar Sekunden, ob er darauf was sagen wollte. Da sie aber schnell verstand, dass er stumm blieb, drehte sie sich um und ging. Trotzdem blickte sie noch einmal über die Schulter, nur um festzustellen, dass er ihr nachsah. Sie wusste nicht was sie von ihm halten sollte. Nur, dass er es drauf hatte sie gehörig nervös zu machen auf eine Art und Weise, die sie nicht verstand. Doch jetzt war keine Zeit dafür groß darüber nachzudenken. Sie musste zurück ins Labor, um den Rest der Lieferung abzuholen, die sie nach Escissia bringen sollte.
    Hoffentlich ging dabei nichts schief.



  • 6. KapitelTanzfieber



    Professor Platan erklärte Louna, was er ihr alles mitgab während er ihr alles notwendige überreichte, was sie nicht vergessen durfte. Das gestohlene Pokémon besaß sie immer noch. Den Ball hatte sie nach wie vor im Rucksack verstaut, doch nun kamen noch zwei weitere Bälle hinzu. Drei Pokémon, die neuen jungen Trainern überreicht werden sollten. Louna äußerte sich nicht über die Tatsache, dass sie nicht besonders froh darüber war dabei zu helfen aus jungen Menschen Trainern zu machen. Es ging sie eigentlich auch nicht besonders viel an. Sie war nur der Bote, der die Ware abliefert. So blöd das auch klingen mochte.
    »Außerdem habe ich hier noch ein Päckchen. Übergib es ihnen bitte, ja?« Professor Platan reichte ihr das besagte Päckchen. Es war schwerer als es aussah, aber nicht so sehr, dass es nicht zu tragen wäre. Genauso wie die Pokébälle verschwand das Päckchen im Rucksack. Es war ungefähr 210 Zentimeter breit und 150 Zentimeter groß. Allerdings auch etwas dicker.
    »Was befindet sich darin?«, wollte sie von dem Professor neugierig wissen. Oder ging sie das gar nichts an?
    »Das sind nigelnagelneue Pokédexe.«, antwortete Platan sofort. Louna war überrascht, andererseits war es nur logisch. Es kam nicht selten vor, dass Professoren den neuen Trainern dieses Hightechgerät überreichten. Ob nun gegen eine Kaution oder tatsächlich als Geschenk. Denn die Daten, die die Trainer damit sammeln konnten, half den Forschungsarbeiten. Außerdem war es sehr praktisch, da die Trainer selbst dieses elektronische Lexikon nutzen konnten, um Informationen über die Pokémon abzurufen.
    »Hier, nimm auch einen.«
    »I-ich?« Louna stockte und blinzelte den Professor verwundert an.
    »Aber ich bin doch keine Trainerin!«, widersprach sie, obwohl sie durchaus Interesse an einem solchen Gerät besaß.
    »Ach nicht doch. Er wird dir genauso nützlich sein. Na los, nimm schon.«, beharrte der Professor darauf und lächelte sie sehr charmant an. Widerwillig nahm Louna den Pokédex entgegen, freute sich allerdings auch sehr darüber.
    »Vielen Dank dafür!«
    »Nichts zu danken. Eigentlich muss ich dir danken, dass du dich bereit erklärt hast die Lieferung zu bringen. Ich wünsche dir eine gute Reise. Pass auf dich auf und rufe doch gern mal zwischendurch an, wenn du magst.«
    »Das werde ich. Vielen Dank noch einmal!« Louna verabschiedete sich, auch von ihrer Mutter, die lächelnd im Hintergrund gestanden hatte und nun ihre Tochter ebenso verabschieden wollte. Es dauerte nicht lange, da verließ Louna das Labor. An diesem Tag bereits das zweite Mal.
    »Na gut. Jetzt wird es aber Zeit endlich mich auf den Weg zu machen.«, sagte sie und sprach gleichzeitig mit Arcus, der wie immer neben ihr war. Allerdings setzte sie sich noch nicht in Bewegung. Durch das Ereignis heute früh, war Louna ziemlich müde geworden. Zwar hatte sie sich vorhin im Labor wie auch im Pokémon-Center etwas ausruhen können. Das täuschte aber nicht über die Müdigkeit hinweg, die ihr auf den Knochen lagen.
    »Okay, bevor ich die Stadt verlasse, brauche ich noch einen Kaffee!« Sie musste wach werden! Denn es war noch nicht mal richtig Mittagszeit und sie hatte noch einen weiten Weg vor sich! Besser sie kam wieder etwas mehr in Schwung und da half Koffein. Sie machte sich auf den Weg. Statt Richtung Südosten zu laufen, um das Tor zur Route vier zu nehmen, ging Louna in die entgegengesetzte Richtung. Sie kam dabei auch am Style-Salon vorbei, weswegen sie aufseufzte.
    »Aaah, zum Friseur wollte ich eigentlich auch mal wieder gehen. Na dazu werde ich vorerst nicht kommen.« Das war schade, aber auch nichts zu ändern. Leider erinnerte sie sich daran, dass sie ihren Hut verloren hatte. Ihr schöner Trilbyhut, den sie echt geliebt hatte. Jetzt waren ihre braunen langen Haare offen und wehten ihr erst recht ins Gesicht sobald der Wind ein bisschen stärker wurde und von der falschen Seite kam. Mit ihrem Hut passierte ihr das sonst nicht so schnell!


    Ein Schritt vor, zwei zurück und schon mit der nächsten Drehung befanden sich die Handflächen auf dem Boden. Pfiffe ertönten und dienten dazu noch mehr anzufeuern. Die Drehung bekam ihre Perfektion erst richtig am Boden. Die Beine flogen durch die Luft und brachten den Körper noch besser zum Drehen. Dann fanden die Sohlen wieder festen Halt am Boden. Der Beat hallte durch den Körper, der sich zum Takt rhythmisch bewegte. Ein paar Hände klatschten aneinander zum Takt. Dann kam noch mehr Bewegung auf die Fläche. Eine zweite Person wagte ihn herauszufordern. Schon in der nächsten Sekunde führten sie ihren Kampf aus, auf eine Weise, die man sicher nicht so oft hier vorfand. Doch es war genial, einfach nur genial. Die Musik war verflucht gut und es war unmöglich sich nicht dazu zu bewegen. Auf den Lippen wollte das Lächeln gar nicht mehr verschwinden während man voll und ganz der Leidenschaft nachkam. Seine Gegnerin wusste wie man die Hüften passend zur Musik bewegte. Aus den scheinbaren Konkurrenten, die sich gegenseitig nichts nehmen wollten, wurde eine Einheit. Sie wurden zum Paar, das dasselbe wollte. Nämlich tanzen. Sie wiegten sich im Takt, kamen näher und stießen sich doch wieder auseinander. Es war ein Spiel, das sie ausführten ohne sich vorher abgesprochen zu haben. Sie reagierten ganz automatisch und instinktiv auf die Bewegungen des jeweils anderen. Die anderen, die um sie herum einen Kreis gebildet hatten, bewegten sich selbst zur Musik, wenn auch nicht so wie die beiden in der Mitte. Die Köpfe wippten, die gesamten Körper standen niemals still. Sie alle waren von der Musik gefesselt und gaben sich ihr hin. Ein dritter Tänzer wollte es unbedingt wissen und kam mit einer ausladenden Tanzbewegung vom Rand in die Mitte hinein. Das Paar, das eben enger zusammen gestanden hatte, ging in einer fließenden Bewegung auseinander. Sie boten dem neuen Tänzer Platz. So konnte er nun zeigen, was er drauf hatte. Während sie sich noch weiter bewegte und gewillt war auch mit dem Neuen zu tanzen, hatte er langsam genug. Klar, er hätte das Spielchen weiter fortführen können, doch Dash war bestimmt schon seit über einer Stunde hier und langsam erinnerte er sich, dass er heute noch andere Dinge hatte tun wollen. Obgleich er die Musik abgöttisch liebte sowie das Tanzen an sich. Er entfernte sich aus der Mitte und hob noch die Hand zum Gruß als seine Tanzpartnerin ihm einen fragenden Blick zuwarf. Es reichte aus, um sich zu verabschieden. Die anderen sollten ruhig noch weiter ihren Spaß haben. Er selbst wollte langsam los und griff deshalb nach seinen zwei Taschen am Rand der Mauer, wo er sie vorhin abgelegt hatte. Die größere Tasche, in der sich seine Gitarre befand, setzte er auf den Rücken. Der kleinere Rucksack blieb in seiner linken Hand. Zudem nahm er auch den Hut und setzte sich ihn locker auf den Kopf. Dabei wusste er gar nicht genau, was er mit dem Ding überhaupt tun sollte. Schließlich war er nicht so der Hutträger. Das Ding war allerdings trotzdem cool.
    Nur ein paar Schritte war Dash weit gekommen als er auch schon verwundert stehen blieb. Eine andere Person stand weiter vorne ihm im Weg. Wenn er aus der Gasse wollte – denn die Tanzparty hatte in einem Hinterhof stattgefunden – musste er an dieser Person vorbei. Das wäre nicht einmal das Problem. Er war stehen geblieben, weil er sie kannte.
    »Lou? Hey Lou, du bist's wirklich, ne?!« Überrascht war er sie hier zu sehen. Die Stadt war groß. Sich einfach zufällig zu begegnen, war keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr freute er sich.
    Louna stand einfach nur da und musste sich daran erinnern, dass es besser wäre endlich den Mund zu schließen. Sie hatte mittlerweile einen Kaffeebecher in der Hand, den sie von einem kleinen Coffeeshop her hatte, der in der Nähe des Style-Salon zu finden war. Aber genau dort in der Nähe hatte sie auch die Musik gehört und war dieser in die Seitenstraße gefolgt. Jetzt stand Louna hier und hatte das Tanzereignis mit angesehen gehabt und war sprachlos. Sie hatte gewusst, dass Dash ein Musikfanatiker war. Anders konnte man es kaum beschreiben. Aber das er auch noch so verflucht gut tanzen konnte, hatte sie nicht geahnt. Denn solange kannte sie ihn bisher noch nicht. Kennen gelernt hatte sie ihn vor knapp einem halben Jahr. Dash kam nämlich ursprünglich aus Kanto. Genauer gesagt aus Prismania City. Seit ungefähr drei Jahren bereiste er allerdings die Welt und war von seinem Aufenthalt in Einall nach Kalos gekommen. Wo sie sich beide in Illumina City getroffen haben. Da Dash also von woanders her kam, konnte man ziemlich gut seinen Akzent hören. Es war erfreulich, dass er sie wieder erkannte und auch so freudig ihr entgegen kam.
    »Oh eh h-hallo.« Louna musste erst einmal ihre Sprache wieder finden.
    »Du liebe Zeit, ich habe nicht gewusst, dass du so gut bist!«, sagte sie ehrlich anerkennend. Dash grinste breit über das ganze Gesicht. Er freute sich über das Lob. Wer würde das auch nicht?
    »Tja, wir waren auch noch nie tanzen gewesen. Das sollten wir dringend nachholen!« Es sah bereits so aus, als wollte er am liebsten sie mit nach hinten in den Hof nehmen, um gleich los zu legen. Doch da musste Louna passen.
    »J-ja, vielleicht ein ander Mal. Ich habe noch was vor. Eigentlich wollte ich schon längst weg sein, aber ich glaube, ich schaffe es nie aus dieser Stadt.« Mal ehrlich, ständig passierte etwas, so dass sie aufgehalten wurde. Wenn das so weiter ging, wäre es Abend und sie hockte immer noch hier in Illumina City. Dash war neugierig geworden bei ihren Worten. Fragend blickte er sie mit seinen braunen Augen an. Seine Haare waren blond und sehr zerzaust. Er trug eine schwarze Hose an der eine metallene Kette an der Seite hing. Sein Shirt war dunkelgrün und um den Hals trug er noch eine Kette mit einem kleinen Schlüssel als Anhänger. Ob der Schlüssel tatsächlich in ein Schloss passte oder nur als Accessoire diente, wusste Louna nicht. Dash wirkte ziemlich sportlich. Was eigentlich sehr nahe lag, wenn man berücksichtigte wie gut er tanzen konnte. Er konnte sich wahnsinnig gut bewegen und hatte einige Moves drauf bei denen man nur neidisch werden konnte. Außerdem war er drei Jahre lang auf Reisen. Da er mal erzählt hatte, dass er diese hauptsächlich zu Fuß unternahm, konnte man davon ausgehen, dass so eine Reise auch ihre Wirkung auf den Körper hatte.
    »Wo willst du denn hin?«, wollte Dash wissen und riss Louna aus den Gedanken heraus.
    »Nach Escissia, da soll ich … Sag mal? Dieser Hut … « Eigentlich hatte Louna erzählen wollen, worum der Professor sie gebeten hat, doch dann registrierte sie, was auf Dashs Kopf saß. Die blonden zerzausten Strähnen lugten frech hervor, was ihm durchaus stand. Doch irgendwie kam ihr dabei was bekannt vor, weshalb sie so dreist war und sich den Hut von seinem Kopf schnappte.
    »Hey!«, beschwerte sich Dash, wenn auch nur halbernst. Er ließ sie gewähren als sie bereits den Hut umdrehte und in die Innenseite blickte. Dort war ein kleiner Aufnäher und dann folgte ein Aufschrei: »Aaah!« Dash guckte verwirrt und wusste gar nicht, was Louna hatte.
    »Was ist los? Was hast du?« Er sah sich selbst den Aufnäher im Hut an. Es war der Buchstabe L in einer verschnörkelten Schriftform.
    »Das ist mein Hut! Das ist meiner! Siehst du das? Den hab ich da rein genäht!« All ihre Lieblingsklamotten – besonders ihre Hüte und Mützen – hatten solch einen Aufnäher. Sie wusste nur zu gut wie schnell man mal so ein tolles Accessoire verlieren konnte oder auch verwechseln, wenn es nicht gerade einzigartig war. Deswegen hatte sie sich solche Mühe auch mit den kleinen Schildchen gemacht. Dash Gesicht verwandelte sich von anfänglicher Verwirrung in Verständnis.
    »Ach echt? Ich hab den Hut vor … puh einer Stunde auf der Straße gefunden. Der sah noch so neu aus, dass ich ihn einfach mitgenommen habe. Wenn er dir gehört, hast du ja echt Glück mich getroffen zu haben.« Er lachte auf und grinste wieder breit, was gleichzeitig sehr bubenhaft, aber auch was sympathisches an sich hatte. Louna war wirklich froh darüber.
    »Vielen Dank!« Sofort setzte sie ihre kleine Kostbarkeit wieder auf den Kopf und fühlte sich komplett. Vorher hatte ihr einfach was gefehlt.
    »So und jetzt erkläre mir noch mal wohin du willst. Esci-was?«, beharrte Dash auf das Thema, was sie vorhin angeschnitten hatte. Louna begann zu lächeln und erklärte ihm, welche Aufgabe sie hatte. Dash nickte verstehend. In Kalos hatte er bisher noch nicht viel gesehen, wenn man jetzt mal Illumina City außen vorließ. Wenn man es recht bedachte, dann hatte er die Stadt bislang einfach nicht verlassen können. Sie war spannend und so groß, dass er immer wieder was Neues entdeckt hatte. Er mochte diesen Ort, weswegen er es nicht sehr eilig gehabt hatte von hier weg zu kommen. Doch jetzt bot sich eine neue Möglichkeit für ihn, die ihn interessierte.
    »Hättest du was dagegen, wenn ich dich begleite, Lou? Dann würde ich auch mal andere Ecken von Kalos sehen.« Louna hatte mit so einer Frage nicht gerechnet, aber die Überraschung legte sich schnell und sie nickte.
    »Wenn du das möchtest, sehr gern. Dann bin ich nicht so allein.«, antwortete sie ihm, worauf hin er lachen musste.
    »Aber du bist doch gar nicht allein. Dein Arcus ist bei dir! Es hieß doch Arcus, oder?« Ganz sicher war er nicht, ob er sich den Namen von Fukano gemerkt hatte.
    »Da hast du Recht. Arcus ist bei mir. Oh und ich hab seit gestern auch noch Chiari.«, fiel Louna ein, die das Evoli beinahe vergessen hätte.
    »Chiari? Wer ist das?«, wollte Dash wissen. Etwa ein Pokémon aus der Kalos-Region, was er noch nicht kannte? Louna tat ihm den Gefallen und suchte den Pokéball aus dem Rucksack heraus. Vielleicht sollte sie wie Trainer ihre eigenen Bälle auch am Gürtel befestigen? Eine Überlegung wäre es allemal wert. Jetzt erst einmal entließ sie Chiari aus ihrem Ball. Das Evoli erschien und saß direkt neben Arcus. Seine schwarzen Kulleraugen blickten fragend auf. Dann sah es zur Seite und erkannte Arcus, weswegen es sich gleich auf ihn stürzte. Arcus war darüber überrascht und wich zurück, was jedoch Chiari nicht aufhielt. Das kleine Evoli war prompt in Spiellaune und bekam sein linkes Ohr zu fassen. Louna grinste, als sie sah wie Chiari auf dem Ohr herum kaute. Natürlich nicht so, dass es Arcus weh tat. Eben jener lag mittlerweile auf dem Boden und ließ es über sich ergehen.
    »Das ist ja ein Evoli!«, meinte Dash und holte seinen eigenen Pokéball hervor. Im nächsten Augenblick rief er auch schon: »Raku!«
    Lounas Augen wurden ganz groß. Das Pokémon, welches aus dem Ball kam und größer als Arcus und Chiari war, besaß dunkelblondes Fell. Abgesehen von der Mähne um den Hals, die eher ins weiß ging und auch länger war als das übliche Fell. Auch am Hinterteil besaß Raku längeres Fell, aber das fiel nicht so stark auf. Über dem rechten Auge verlief eine Narbe, die jedoch nicht das Sehvermögen des Pokémon beeinträchtigte. Es erinnerte allerdings an einen Kampf, der länger her sein musste. Trotzdem verlor Raku dadurch nichts an seiner Eleganz und Schönheit – und Stärke! Louna war ganz verzückt.
    »Raku ist ganz zauberhaft!«, meinte sie angetan und kniete sich nieder. Sie streckte den rechten Arm in Richtung Raku aus, damit es an ihr schnuppern konnte, wenn es wollte. Raku schien tatsächlich interessiert zu sein und berührte sogar mit der feuchten Nase die Hand. Ob versehentlich oder mit Absicht war nicht ganz klar. Aber Louna nutzte die Gelegenheit und begann das Kinn des Pokémon zu kraulen. Augenblicklich konnte man ein Schnurren vernehmen, das dem der Psianas ähnelte, die ihre Nachbarn besaßen. Lounas Lächeln verschwand gar nicht mehr.
    »Ein schönes Blitza hast du.«, sagte sie zu Dash und blickte zu ihm hoch. Er kniete sich selbst hin und streichelte sein Elektro-Pokémon über den Kopf. Die Zuneigung fand jedoch ein jähes Ende, als Chiari sich dazu entschloss von Arcus abzulassen und dafür neugierig Raku beäugte. Raku reagierte und wandte sich dem kleinen Evoli zu, schnupperte an ihm, was Chiari wohl ein wenig befremdlich fand. Es wich sogar zurück und guckte leicht verschreckt. Doch die aufkommende Panik verschwand genauso schnell wie sie gekommen war. Die Pokémon verstanden sich. Auch Arcus nutzte die Gelegenheit, um Raku näher kennen zu lernen, sich dessen Geruch einzuprägen und zu prüfen ob der andere wirklich in Ordnung war.
    Louna stand wieder auf. Ihr Kaffee hatte sie wegen Dash und der Pokémon völlig vergessen, weswegen dieser nun kalt war und ungenießbar. Sie könnte jetzt behaupten, dass das heute einfach nicht ihr Tag war, aber es hatte auch gute Momente gegeben, so dass sie es nicht aussprach. Dafür jedoch sah sie Dash an.
    »Ich glaube, wenn wir heute noch vorwärts kommen wollen, sollten wir uns endlich auf den Weg machen.« Dash war ganz ihrer Meinung. Es wurde Zeit aufzubrechen …





  • 7. KapitelEntwicklung?



    Das Tor zur Route vier war wie alle anderen vier Tore genauso riesig wie man es gewohnt war. Illumina City war eine kreisrunde sehr große Stadt. Die Entstehungsgeschichte dazu war sicherlich sehr interessant und man würde bestimmt auch einiges dazu im Museum erfahren können. Doch heute würde kein Besuch im Museum mehr drin sein. Es wurde Zeit die Stadt zu verlassen! Schließlich lag noch ein langer Weg von Louna und ihr wäre es ganz lieb wenn sie heute wenigstens noch Nouvaria City erreichen würde. Ob sie das noch schaffen würde, wusste sie nicht. Aber solange sie sich auf dem Parterre-Weg halten würde, würde sie sich immer nicht verlaufen. Apropos verlaufen! Sie hatte von ihrer Mutter noch eine Karte bekommen, so dass sie notfalls eine Orientierungshilfe hatte. Dash hatte damit bestimmt weniger Probleme. Da er ihr erzählt hatte, dass er schon einige Länder und Orte gesehen hatte auf seiner Reise, dürfte er eigentlich ein relativ guten Orientierungssinn haben. Irgendwie war Louna wirklich froh, dass er bei ihr war. Dass sie nicht ganz allein gehen musste. Ja klar, Arcus und Chiari waren auch noch da. Aber wenn es doch mal wirklich drauf ankam und es zu unerwarteten Problemen kam, konnte man schon froh sein, wenn ein zweiter Trainer anwesend war. Wobei Louna sich selbst nicht als Trainer ansah. Genau da lag ja auch ihr Problem! Sie hatte ihre Pokémon nicht für einen Kampf trainiert und sie wollte auch gar nicht kämpfen. Aber was wäre, wenn sie in der freien Wildbahn doch mal auf angriffslustige Pokémon traf? Was dann? Dann würde sie vielleicht kämpfen müssen, wenn eine Flucht ausgeschlossen war. Vorstellen wollte sie sich das zwar nicht, aber der Gedanke war trotzdem besorgniserregend. Dash hingegen war bereits kampferfahren. Er hatte schon das ein oder andere Gefecht hinter sich gebracht und war sogar auch in der ein oder anderen Arena angetreten. Jedoch hatte er nie das Ziel besessen der stärkste Trainer einer Region oder gar der Welt zu werden. Wozu? Sein Interesse galt in erster Linie der Reise als solches. Das Kennenlernen der neuen Ortschaften und auch der Spaß, den man erleben konnte.
    »Sag mal Dash, woher hast du dein Raku bekommen?«, wollte Louna nun interessiert wissen als sie gemeinsam mit Dash durch das große Tor spazierte und die Route vier betraten. Vor Illumina City befand sich an der Straßenseite mehrere Blumenbeete und auch labyrinthartige Heckengewächse. Es war eine schöne Gartenanlage, die das Auge bezaubern konnte und Luna erfreute sich auch wirklich an dem Anblick.
    »Raku war mein erstes Pokémon.«, berichtete Dash lächelnd und dachte an die Zeit zurück als er noch viel jünger war und Raku bekommen hatte.
    »Wirklich?« Damit hatte Louna nicht gerechnet gehabt. Sie wollte mehr erfahren!
    »Ja. In Kanto gibt es keine wildlebenden Evolis. Sie sind dort sogar sehr, sehr selten. Aber in Prismania City gab es einen Evoli-Züchter, der mir aus seiner Zucht eins überlassen hatte, weil ich die so cool fand. Ich hatte gehört, dass sich Evoli in verschiedene Pokémon entwickeln kann. Soweit ich weiß, ist es sogar das einzige, dass so wandlungsfähig ist.« Louna nickte, als sie Dash Erzählung hörte. Sie hatte auch schon gehört, dass Evoli mehrere verschiedene Entwicklungen besaß, kannte sich da aber nun nicht ganz so sehr aus. Carole, ihre Nachbarin, besaß ein Psiana-Paar, weswegen sie diese Art recht gut kannte. Aber alle anderen Entwicklungen von Evoli hatte Louna bisher nicht gesehen gehabt. Außer vielleicht mal in Büchern oder auch im Fernseher. Dass sie gewusst hatte, dass Raku ein Blitza war, lag allein daran, dass sie vom Arenaleiter in Illumina City wusste, dass dieser Elektro-Pokémon trainierte. Angeblich war darunter auch ein Blitza. Zumindest hat es darüber mal einen kleinen Bericht gegeben.
    »Welche Entwicklung hast du für Chiari vorgesehen?«, fragte Dash neugierig, wenn sie doch gerade schon mal beim Thema waren. Louna sah ihn verwundert an.
    »Entwicklung?« So weit hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Schließlich hatte sie Chiari erst seit gestern und sie war noch gar nicht dazu gekommen sich ernsthafte und intensive Gedanken darüber zu machen in welche Richtung sich Chiari entwickeln sollte. Etwa auch in ein Psiana wie die Eltern? Oder vielleicht doch in ein cooles Blitza wie Raku? Louna war da gerade echt überfragt.
    »Ehrlich gesagt weiß ich das noch gar nicht.« Sie blickte hinab zu ihren Füßen, wo Arcus neben ihr lief. Chiari selbst hatte sie wieder in ihren Pokéball vorhin zurück gerufen. Auch Raku befand sich im Ball, so dass nur Arcus frei herum laufen konnte.
    »Macht ja nichts. Dein Evoli ist noch recht jung. Die Entwicklung hat ja noch Zeit. Nur solltest du ein waches Auge darauf haben. Nicht, dass es sich plötzlich entwickelt, weil ein bestimmter Faktor die Entwicklung fördert.«
    »Wie meinst du das?«, fragte Louna und klang ein bisschen panisch. Dass sich Chiari einfach so unerwartet entwickeln könnte, fand sie gerade etwas erschreckend. Warum eigentlich? Es gehörte zum natürlichen Prozess der Pokémon dazu. Aber …
    »Oh na ja, weißt du. In Einall habe ich gesehen wie ein einfacher Stein, der von Schnee und Eis bedeckt war die Entwicklung eines Evolis gefördert hat. Das war ziemlich spannend, aber auch ein wenig überraschend gewesen.«
    »Echt? Du scheinst dich damit recht gut auszukennen.«, sagte Louna nachdenklich. Sie würde sich über die Entwicklung ihres Evolis unbedingt noch nähere Gedanken dazu machen. In Illumina gab es beispielsweise auch einen Steinladen, wo man Entwicklungssteine kaufen konnte. Das wusste sie. Genauso wie sie wusste, dass manche Steine davon auch für ein Evoli förderlich waren. Nur welche Form wäre für Chiari am besten und woher sollte sie wissen, welche Entwicklung ihr am meisten gefallen würde? Louna würde sich unbedingt noch mehr Informationen über die einzelnen Formen einholen müssen ehe sie auch nur annähernd eine Entscheidung darüber treffen konnte!
    »Huh? Was ist denn dort vorne los?« Dash hatte seinen rechten Arm ausgestreckt und deutete auf Szene, die Lounas Aufmerksamkeit genauso erregte. Weiter vorn auf der Straße standen zwei Kids, die vielleicht knapp zwölf Jahre alt waren. Vielleicht auch ein wenig jünger. Heutzutage war es gar nicht mehr so einfach das Alter der Kinder einzuschätzen. Aber diese beiden Jungen wirkten noch nicht alt genug und auch noch nicht wirklich reif. Sie brüllten alle beide wild herum, hatten ihre Fäuste zusammen geballt und feuerten ihre eigene Pokémon an. Lounas Augen weiteten sich ein Stück ehe sie sich hastiger in Bewegung setzte.
    »Hört sofort auf!«, rief sie, als sie der Szene näher kam. Ein wildes Fauchen war zu hören und das verzweifelte Krächzen eines Vogel-Pokémon, das am Boden lag. Es war verletzt und kämpfte um sein Leben. Anders konnte es Louna gar nicht beschreiben. Das Gefieder war vom Staub der Straße übersäht, aber noch viel schlimmer war, dass bereits einige Federn um die kämpfende Pokémon herum lagen. Die Jungen schienen diese kleinen Details nicht wahrzunehmen. Im Gegenteil! Der Junge mit den braunen Haaren, der eine Schirmmütze und kurze blaue Hose sowie ein weißes Shirt trug, stampfte mit den Füßen wütend.
    »Jetzt mach doch endlich mal, Taubsi! Setzt' deinen Schnabel ein!« Er schien wütend darüber zu sein, dass das kleine Taubsi Schwierigkeiten damit besaß den Zähnen und Klauen des anderen Pokémon zu entkommen oder gar einen direkten Gegenstoß zu liefern. Schon sauste die scharfe Kralle des anderen Pokémon durch die Luft und traf das Taubsi, dass es gar nicht mehr richtig weg kommen konnte. Verzweifelt flatterte es mit den Flügeln und versuchte über den Boden hinweg zu springen, aber das andere Pokémon war bereits heran gesprungen. Die spitzen Zähne, mochte sie auch nicht so lang sein, so waren sie trotzdem gefährlich genug, waren kurz davor sich in das Gefieder des Taubsis zu bohren. Bevor das geschehen konnte, musste sich Louna einfach einmischen. Sie rannte auf die beiden Pokémon zu und rief ihren besten Freund.
    »Arcus, benutzt deinen Brüller!« Arcus gehorchte. Sein Bellen war laut und stark genug, um gehört zu werden, so dass das Katzenpokémon aufsah und sich von dem Angriff ablenken konnte. Es fauchte auf und ergriff die Flucht in Richtung seines Trainers. Dieser war vollkommen empört darüber. Er trug im Gegensatz zu seinem Rivalen eine lange Hose, aber auch ein weißes Shirt. Seine grünen Augen funkelten Louna bitter böse an.
    »Ey geht’s noch? Ich war gerade dabei zu gewinnen!«, beschwerte er sich. Obwohl gerade das Taubsi vor einer Attacke gerettet worden war, schien auch der Taubsi-Trainer nicht besonders begeistert darüber zu sein.
    »Hey was soll denn das?«, wollte dieser auch wissen. Das Taubsi am Boden atmete schwer, was man gut daran sehen konnte, dass es den Schnabel offen stehen hatte und der kleine Brustkorb sich heftig hob und senkte. Es hatte nicht einmal genügend Kraft, um sich wenigstens in eine bessere Position zu erheben. Erschöpft lag es am Boden, was Louna schrecklich leid tat, die sich neben dem Vogel-Pokémon nieder hockte und dem armen Piepmatz half, in dem sie es behutsam auf die Arme nahm. Es sah ganz fürchterlich aus. Völlig zerrupft und kraftlos.
    »Heyheyhey Jungs, macht mal langsam, ja?!«, mischte sich auch Dash ein. Dieser war neben Louna stehen geblieben und warf einen prüfenden Blick auf das Taubsi. Auch er erkannte, dass der Zustand kritisch war.
    »Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?« Louna war außer sich. Normalerweise regte sie sich nicht so sehr auf, aber das hier war für sie einfach nur die Höhe. Sie war wütend, was man ihr auch ansehen konnte. Strafend blickte sie zu dem Taubsi-Trainer, der auf sie zugekommen war, weil er wohl sein Pokémon wieder haben wollte.
    »Habt ihr denn nicht gesehen, dass das arme Taubsi schon völlig am Ende war?!«, wollte sie von ihm wissen wie auch von dem anderen Trainer, der noch nicht näher heran gekommen war. Sein Pokémon hatte er bereits in seinen Ball zurück gerufen. Es war ein Eneco gewesen. Normalerweise waren diese Pokémon ziemlich friedfertig, aber wenn man sie für den Kampf trainerte, konnten sie genauso gefährlich werden wie jedes andere Pokémon. Schließlich besaßen sie auch Krallen und Zähne, die Wunden schlagen konnten. Und das Taubsi hatte einiges abbekommen!
    »Was? Ich hätte den Kampf noch voll rumreißen können!«, beschwerte sich der Taubsi-Trainer und wirkte selbst immer noch sehr wütend.
    »Ach ja? Sieh dir nur mal dein Pokémon an! Es ist völlig erschöpft und verletzt!« Die Wunden, die das Pokémon erlitten hatten, bluteten auch. Das war kein schöner Anblick. Hätte das Eneco den Angriff von eben ausführen können, hätte Louna nicht sagen können, ob das Taubsi das noch überlebt hätte.
    »Ihr wollt euch Trainer nennen? Dann lernt erst einmal wann ein Kampf wirklich zu Ende ist! Ihr könnt doch eure Pokémon nicht einfach aufeinander hetzen ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie dabei auch verletzt werden könnten! Man sollte erkennen, wenn sein Pokémon keine Chance hat und den Kampf rechtzeitig beenden bevor es noch schlimme Verletzungen erleiden muss!« Louna schimpfte, was den Taubsi-Trainer dazu brachte zu verstummen, obwohl er gerade noch Widerworte von sich geben wollte. Louna warf auch den Eneco-Trainer einen scharfen Blick zu. Der sollte sich genauso angesprochen fühlen wie der andere! Genau das fand sie so problematisch an Pokémon-Kämpfen. Besonders wenn es sich um viel zu junge Trainer handelte. Sie war der Meinung, dass Kinder gar nicht erst erlaubt werden sollte zu kämpfen. Besonders dann nicht, wenn sie gar keine Ahnung hatten wann Schluss ist und wie weit man es überhaupt treiben durfte. Kämpfe waren brutal, da konnte man sagen was man wollte. Das man schon bei diesen kleinen Pokémon. Von großen entwickelten Pokémon wollte sie gar nicht erst anfangen.
    »Was ist denn hier los?«, ertönte eine Stimme, die zu einem älteren Mädchen gehörte. Sie war vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als Louna, aber eindeutig erwachsener als die Zwölfjährigen hier. Woher sie gerade kam, wusste Louna nicht. Die Fremde kam ein Stück näher und sah ziemlich verwirrt aus. Als sie das verletzte Taubsi auf Lounas Armen sah eilte sie sofort heran. Sie trug eine lange Jeanshose und ein rotes Topf mit einem stylischen Aufdruck. Ihre braunen Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen gebunden.
    »Tom, ist das nicht dein Taubsi? Ach du liebe Güte, was ist denn passiert?« Die junge Frau sah von dem Taubsi rüber zu dem Junge, der Tom hieß und demnach der Taubsi-Trainer sein sollte.
    »Äh … « Gerade schien der nicht viel als Antwort zustande zu bringen. Deswegen sah sie zu Louna und schien von dieser eine Erklärung zu erwarten.
    »Die beiden Jungs haben gekämpft.«, antwortete Louna trocken, die innerlich immer noch wütend war, aber gerade versuchte nach außen ruhiger zu sein.
    »Und du bist … ?«, wollte Louna außerdem noch wissen.
    »Cassy, seine Schwester.« Cassy warf ihrem Bruder einen ernsten Blick zu und nahm Louna das Taubsi ab. Offenbar besaß Cassy mehr Verstand als der Junge.
    »Hat Mom nicht letztens euch schon gesagt, dass ihr beiden behutsamer mit euren Pokémon umgehen sollt?« Cassy warf beiden Jungen einen Blick zu.
    »Sieht dein Eneco etwa genauso schlimm aus? Herr Gott noch eins, ich werde Mom sagen, dass ihr noch nicht bereit seit Pokémon zu trainieren.«
    »Was? Nein! Das ist nicht fair! Frances hat einen Kampf vorgeschlagen!«, begehrte Tom auf, dem die Nachricht gar nicht gefiel. Ein Blick von seiner Schwester genügte, um ihn zum Verstummen zu bringen.
    »Ich werde Taubsi erst einmal zum Pokémon-Center bringen. Du kannst froh sein, wenn du überhaupt wieder ein Pokémon in die Obhut bekommst!«, meinte sie noch zu Tom. Frances hielt sich bisher stumm zurück.
    »Vielen Dank, dass ihr eingeschritten seit. Und tut mir leid für die Umstände.«, bedankte und entschuldigte sich Cassy bei Louna und Dash. Tm und Frances gab sie nur einen Wink dazu mitzukommen ehe sie auch schon gemeinsam Richtung Illumina City aufbrachen. Mit gemischten Gefühlen sah Louna der Gruppe hinterher. Das arme Taubsi, es tat ihr so leid.
    »Du magst Pokémon-Kämpfe wirklich nicht.«, stellte Dash neben ihr fest, so dass Louna wieder zu ihm aufsah und sich von dem Anblick der verschwindenden Gruppe löste.
    »Ich … Nein. Tue ich nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, was andere so toll daran finden.« Das hier war gerade eines der Negativ-Beispiele gewesen. Und es gab sicherlich noch mehr. Der Hype um die Kämpfe war ihr einfach unverständlich.
    »Kämpfe können schon ganz interessant sein, aber wie du vorhin bereit sagtest: man muss wissen wann genug ist und damit verantwortungsvoll umgehen.«, sagte Dash. Er besaß keine so starke Ablehnung gegenüber Kämpfen wie Louna. Wie erwähnt hatte er schon den ein oder anderen hinter sich gebracht. Aber er gab Louna auch Recht damit, dass man seine Pokémon nicht einfach aufeinander hetzen sollte. Das war nicht gut für die Pokémon selbst. Junge Trainer sollten das als erstes Lernen, aber vielen Kids wurde einfach ein Pokémon in die Hand gedrückt und geschenkt und dann sich selbst damit überlassen. Die wenigsten machten sich darüber Gedanken, dass es notwendig war über die Erziehung und das Training der Pokémon zu reden. Allerdings musste man auch dazu sagen, dass es durchaus Trainer gab, die sehr verantwortungsvoll waren und durchaus wussten, was sie taten. Man konnte nur hoffen, dass Tom und Frances auch noch lernten, was es wirklich bedeutete ein Trainer zu sein.
    »Lass uns weiter gehen.«, schlug Dash vor. Louna wirkte jetzt etwas niedergeschlagen. Nach dem Vorfall von eben war die gute Laune ziemlich ramponiert.




  • 8. KapitelTrainingsstunde



    Seit mehreren Stunden waren Dash und Louna nun schon unterwegs. Bis zum Abend würden sie es schaffen in Nouvaria City anzukommen. Sofern sie sich nicht total von etwas anderem ablenken ließen oder gar noch vom eigentlichen Weg abkamen. Das hatte Louna nicht vor. Eigentlich wäre es sogar einfacher gewesen, hätten sie ein Taxi genommen und wären direkt bis nach Escissia durchgefahren. Aber das hätte auch einiges an Geld gekostet und das war dann Louna persönlich doch zu viel. Da der Professor nicht gesagt hatte, dass sie unbedingt morgen schon in Escissia aufschlagen musste, hatte sie demnach Zeit genug, um zu Fuß sich bis dorthin zu schlagen. Das sollte kein Problem darstellen. Trotzdem machte ihr immer noch die Vorstellung von dem Wald ein wenig Sorgen. Dunkle Orte waren nicht das, was sie mochte und Wälder waren doch perfekt dafür da, um sich zu verlaufen. Sie hoffte einfach mal, dass Dash bis nach Escissia mitkommen würde, damit sie sich an ihn orientieren konnte.
    Eben jener saß nur wenige Schritte neben ihr auf dem Boden auf der Decke, die Louna ausgebreitet hatte. Sie machten gerade eine Pause, da sie einerseits schon recht lange unterwegs waren, aber andererseits auch großen Hunger hatte. In der letzten Stunde hatte Lounas Magen die ganze Zeit geknurrt, weshalb Dash lachen musste. Seit sie heute früh aufgestanden war, hatte sie auch nichts mehr gegessen. Das holte sie gerade nach und biss herzhaft in ein Sandwich rein, welches sie als Proviant eingepackt hatte. Dash bekam sogar eines ab. Da es jetzt momentan so schön friedlich war und es um sie herum von duftenden Blumen nur so wimmelte, konnte sie auch das Zwischenereignis kurz vor Illumina City vergessen. Solche Kämpfe waren nicht schön, sie würde bei ihrer Meinung diesbezüglich bleiben. Aber Louna musste auch Dash recht geben, dass es durchaus praktisch war, wenn die eigenen Pokémon in der Lage waren Kämpfe auszufechten. Nicht zwangsläufig aus purem Vergnügen, sondern um sich auch schützen zu können. Zwar mochte hier am Rande der Straße die Welt harmonisch und friedlich wirken, aber Louna war nicht naiv, um zu glauben, dass das überall so war. Sie müssten von hier nur weiter in wilderes Gelände eintauchen und sie würden wilde Pokémon begegnen, die nicht mehr ganz so harmlos waren. Einen Blick über die Schulter ließ sich da gerade nicht vermeiden. Doch alles was sie sehen konnte war die Wiese mit den vielen verschiedenen Blumen und ein Stück weiter hinten die angelegten Gärten. Es war wirklich schön hier. Louna war früher schon manches Mal hier raus gekommen und hatte den Sommer genossen. Sie schloss die Augen und atmete tief die frische blumige Luft ein. Es war herrlich! Arcus, der nicht weit neben hier gesessen hatte, um seine Portion Pokémon-Futter regelrecht zu verschlingen, kam zu ihr hinüber. Er war satt und zufrieden und war gerade jetzt nach der Mahlzeit etwas anhänglich und schmiegte den Kopf gegen ihre Hände. Lounas geschwungene Lippen bildeten ein sanftes Lächeln und sie sah ihr Fukano an, um es dann in die Arme zu ziehen. Dadurch hockte Arcus nun auf ihren Beinen und schloss auch dann noch die Augen, als sie damit begann ihn zu kraulen. Sie fand ihn so niedlich, dass sie sich etwas nach vorn beugte und sich an ihn kuschelte.
    »Du liebst dein Arcus sehr, nicht?«, stellte Dash lächelnd fest als er die Situation so beobachtete. Es war keine wirkliche Frage, denn man sah Louna an, wie sehr sie an ihrem Fukano hing. Diese Zuneigung schien auch auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Ein schöner Anblick.
    »Ja!«, antwortete Louna trotzdem und sah wieder auf. Eine ganze Weile betrachtete Dash die beiden nachdenklich. Seine Reise hatte in Kanto begonnen. Er war zwar nicht los gegangen, um sämtliche Arenen herauszufordern, aber er hatte bereits einige Kämpfe hinter sich und seine Pokémon trainiert. Deswegen besaß auch Raku die Narbe über dem rechten Auge. Dash konnte sich gut an den Kampf darin erinnern. Es war ein Wechselbad der Gefühle gewesen und als Raku verletzt worden war, war selbst sein Herz in die Hose gerutscht. Es hätte viel schlimmer enden können, aber Raku und er waren noch mal mit ein paar Blessuren und Kratzern davon gekommen. Die Verletzung über den Auge von Raku hätte nur ein paar Millimeter tiefer sein müssen und sein Kumpel wäre auf der Seite erblindet. Daran zu denken, war nicht schön. Aber es hatte Dash nicht davon abgehalten wieder in den Kampf zu ziehen, wenn es sich ergeben hatte. Man konnte nicht immer fliehen, selbst wenn man es versuchte. Es gab Situationen, denen musste man sich einfach stellen.
    Aus den Gedanken wieder heraufschauend und das Bild von Louna und Arcus vor sich sehend, fasste Dash einen Entschluss. Er stand auf und stützte die Hände in die Hüfte.
    »Na komm, steh auf. Zeit für ein Training!«, meinte er selbstbewusst und voller Ernst. Louna blickte von unten zu ihm rauf. Sie sah ihn an, als würde sie ihn nicht verstehen können, dabei war er sich absolut sicher, dass er gerade nicht in seiner Muttersprache gesprochen hatte, sondern in ihrer.
    »Bitte?«, fragte Louna nach, die ihn immer noch unverständlich anstarrte.
    »Wir kämpfen jetzt. Ein Übungskampf, na los!«
    »W-was? Wieso? Warum? Ich meine … ich bin doch gar keine Trainerin!« Konnte er sich denn niemand anderen suchen mit dem er kämpfen konnte, wenn er das unbedingt wollte? Gerade fuhren ein paar Skater an ihnen vorbei Richtung Illumina City. Vielleicht hatten die Pokémon?
    »Natürlich bist du eine Trainerin, du hast schließlich Pokémon!« Louna setzte schon an zu widersprechen, doch Dash ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.
    »Nur weil du bisher nicht gekämpft hast, heißt das nicht, dass du keine Trainerin bist. Außerdem trainierst du doch bereits deine Pokémon, richtig? Ich meine, du zeigst ihnen, dass sie auf dein Rufen zu dir kommen sollen, du erziehst sie wie sie sich in manchen Situationen verhalten müssen. Du kannst ihnen diverse Tricks beibringen. Das ist auch ein Training, also bist du eine Trainerin. Und jetzt wird es Zeit, dass du und vor allem Arcus lernt wie es ist zu kämpfen.«
    »A-aber ich will das nicht! Kämpfen finde ich nicht gut, das ist gefährlich und man könnte verletzt werden!« Besonders ihre Pokémon! Dash schüttelte den Kopf dabei.
    »Pokémon werden nur dann verletzt, wenn sie nicht genug trainiert sind und der Trainer nicht weiß wie er sich in einem Kampf richtig verhalten muss.« Louna starrte Dash entsetzt an. Es war, als hätte er ihr gerade eine verbale Ohrfeige verpasst. Das musste sie erst hinunterschlucken und verdauen. Mit solch einer Antwort hatte sie wahrlich nicht gerechnet.
    »Na komm, Louna. Ich meine es ja nicht böse. Aber meinst du nicht, dass es vielleicht doch Sinn macht ein bisschen zu trainieren? Es ist auch nur ein Übungskampf. Unsere Pokémon sollen sich nicht gegenseitig böse verletzen.«, versuchte es Dash nun etwas sanfter. Louna sah auf Arcus hinab, der immer noch über ihren Beinen lag und anschmiegsam war.
    »Ich … ich glaube, du hast Recht. Aber wohl dabei fühle ich mich trotzdem nicht.«, gab Louna zu.
    »Ist okay. Wir schauen erst einmal was Arcus alles drauf hat, was meinst du dazu?«
    »O-okay.« Louna konnte man die Nervosität sichtlich ansehen. Das tat Dash ein bisschen leid, aber er war sicher das Richtige zu tun. Louna war ihm sympathisch, aber da er schon mehr von der Welt gesehen hatte als sie, lag ihm doch einiges daran, dass sie auch wusste wie man kämpfte, wenn es darauf ankam. Er streckte ihr die Hand entgegen und half ihr beim Aufstehen. Louna nahm sie an und Arcus musste nun auch sich erheben. Die Kuschelstunde war vorbei, dafür würde nun trainiert werden. Allein der Gedanke ließ ihr die Nackenhaare aufstellen.
    Um nicht mitten im Weg zu stehen, entschieden sie sich dafür den Kampf auf der Blumenwiese auszuführen. Louna hatte noch kein einziges Mal richtig gekämpft gehabt. Sie hatte sich nie mit dem Thema auf dieser Art auseinandergesetzt. Dass sie es jetzt tun würde, verunsicherte sie sehr. Aber sie würde es probieren. Hinter her konnte sie immer noch sagen, dass sie nicht dafür geeignet war, sollte sich dem so herausstellen. Trotzdem wusste, dass sie nie ein Fan von den Kämpfen als solches werden würde. Sie würde nicht zum Trainer werden, um Arenen herauszufordern oder gar danach streben der stärkste und weltbeste Trainer der Welt zu werden. Das wäre zu viel des Guten.
    Dash rief sein besten Freund aus dem Pokéball. Es war niemand anderes als Raku, das Blitza. Seit sie Illumina City verlassen hatten, war Raku im Ball geblieben. Jetzt kam es wieder hervor und würde für die Trainingsstunde zur Verfügung stehen.
    »Alles klar, Louna. Du darfst anfangen.«, rief Dash ihr rüber. Allerdings machte ihr das keinen besonders großen Mut. Tatsächlich wusste sie nicht einmal wie sie beginnen sollte. Welche Fähigkeiten und Attacken konnten ein Fukano erlernen und einsetzen? Welche wären jetzt im Augenblick am naheliegenden? Eine gute Frage. Arcus konnte ordentlich bellen, so dass er dadurch andere vertreiben konnte. Aber das wäre jetzt in dem Übungskampf nicht das, was am sinnvollsten war. Jedoch Arcus anzuweisen, dass er auf Raku los gehen sollte, um ihn zu beißen, behagte Louna auch nicht.
    »Lou?«, fragte Dash nach, der darauf wartete, dass sie irgendwas tat. Er erkannte ihr Zögern und ihre Unsicherheit.
    »Okay, dann fange ich an.«
    »Was?« Bevor Louna noch weiter widersprechen oder selbst anders handeln konnte, hörte sie auch schon Dash den ersten Befehl an sein Blitza rufen.
    »Los Raku, setze deinen Ruckzuckhieb.« Dash wollte Arcus nicht verletzen. Er würde es weitestgehend vermeiden elektrische Attacken von Raku zu fordern. Im Augenblick würden sie erst noch herausfinden müssen wozu Arcus in der Lage war. Das Blitza gehorchte sofort, als es den Befehl seines Trainers hörte. Augenblicklich lief es los. Seine Geschwindigkeit nahm mit jedem weiteren Schritt zu und Louna sah, wie es bereits auf Arcus los stürmte. Das half ihr nicht unbedingt dabei einen kühlen Kopf zu bewahren.
    Arcus, der aufmerksam die Situation bisher beobachtet hatte, stand auf allen vier Pfoten angespannt. Die Nervosität, die von Louna zu ihm herüber schwappte, half ihm auch nicht dabei ruhig zu bleiben. Das Fukano tänzelte deshalb auf der Stelle und als es auch noch sah wie das Blitza auf es zugerast kam, reagierte es instinktiv. Arcus versuchte auszuweichen und rannte zur Seite. Dadurch entging es dem ersten direkten Treffer, aber Blitza lief ihm hinterher. Es war wie ein Rattfratz und Mauzi Spiel. Die Pokémon jagten hintereinander her, wobei in diesem Fall Arcus eindeutig das Rattfratz war und Blitza das Mauzi. Louna konnte nur dabei zusehen und wusste nicht, was sie tun sollte.
    »Lou, konzentriere dich! Du musst die Fassung bewahren!« Es brachte niemanden etwas, wenn der Trainer den Kopf verlor. Denn so würde das eigene Pokémon den Kampf verlieren und in ganz schlimmen Fällen sogar das eigene Leben. Zwar würde es hier nicht so weit kommen, aber Louna sah ein, dass sie sich zusammen reißen musste. Es war ein Kampf und in einem solchen kämpfte man. Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Aber würde Arcus überhaupt verstehen, was sie von ihm verlangte? Um das herauszufinden, blieb ihr nur eine einzige Möglichkeit: »Arcus, versuche Blitza zu beißen!« Dash grinste bei dem Befehl. Arcus soll es also versuchen? Da steckte noch eine Menge Unsicherheit drin, aber immerhin ging Louna schon mal den ersten Schritt in die richtige Richtung. Übung machte den Meister und in diesem Fall würde Louna mit mehr Kampferfahrung auch selbstbewusster werden. Da war sich Dash ganz sicher. Arcus, der zwar die Stimme seiner Trainerin gehört hatte, aber noch von Raku verfolgt wurde, wusste offenbar nicht recht, was man eigentlich von ihm wollte. Er war darauf konzentriert dem Blitza auszuweichen, was ihn die ganze Zeit jagte. Es hätte ein Spiel sein können, doch die Körpersprache von Blitza war für das Fukano mehr als eindeutig. Es war kein Spiel, es war ein Angriff! Demzufolge versuchte Arcus auch eher auf Abstand zu bleiben, wenn auch er immer wieder knurrte. Nur war Raku zu selbstbewusst, als das er sich von einem brüllenden unerfahrenen Fukano in die Flucht schlagen ließ. Schon im nächsten Moment hatte Raku Arcus erreicht und sprang ihn an. Arcus verlor von dieser unerwarteten schnellen Konfrontation etwas die Balance. Es war zwar nicht viel, aber da Raku hinterher setzte, verlor Arcus das Gleichgewicht. Er fiel zu Boden und damit teilweise auf die Seite, teilweise auf den Rücken. Raku war über ihn, weshalb Arcus ganz instinktiv die Zähne einsetzte und versuchte das Blitza zu beißen. Louna konnte das gar nicht mit ansehen. Am liebsten hätte sie den Kampf abgebrochen. Was, wenn sich wirklich einer der beiden noch ernsthaft verletzte? Das wilde Knurren, das Arcus ausstieß, half auch nicht dabei, dass sie ruhig bleiben konnte. Es klang schrecklich. Im Gegensatz dazu fauchte Raku immer wieder auf. Als es dem Blitza dann wohl doch etwas zu viel wurde, konnte man das Knistern in der Luft hören, wenn elektrische Ladung bildete. Das Fell von Raku lud sich auf, so dass sich besonders die längeren Fellhaare aufstellten. Dash ließ einen Pfiff ertönen. Es war das Zeichen für seine Pokémon auf Abstand zu gehen. Er hatte ihnen allen dieses Kommando beigebracht, um sie besser navigieren zu können. Raku horchte sofort und sprang von Arcus weg. Sein Fell war trotzdem immer noch aufgerichtet, dass es wie ein stacheliges Nidoking wirkte. Der Abstand gab Arcus die Möglichkeit sich wieder auf die Pfoten zu stellen. Keines der Pokémon war ernsthaft verletzt, aber das Fell von Arcus war ein wenig zerzaust. Er schüttelte sich und trabte in die Nähe von Louna, warf aber Raku einen misstrauischen Blick zu. Dash wies seinem Pokémon an zu warten, weswegen sich Raku auf das Hinterteil setzte. Dann ging Dash direkt zu Louna hinüber.
    »Hey.«
    »Ich kann das nicht.«, kam es gleich von Louna frustriert.
    »Doch du kannst. Es ist nur eine Übungssache. Du musst lernen deine Emotionen in Griff zu behalten und ruhig zu bleiben.«
    »Aber das kann ich nicht, wenn ich mir Sorgen darum machen, wenn eines der Pokémon verletzt werden könnte!«Dash seufzte bei der Antwort von Louna.
    »Aber wenn du nicht ruhig bleibst, dann wird dein Pokémon erst recht verletzt. Hast du eben gesehen, was passiert ist? Arcus ist hin und her gerannt und konnte nicht einmal auf der Stelle ruhig am Anfang stehen bleiben. Deine Unsicherheit und Nervosität haben sich auf ihn abgefärbt. Das ist nicht gut. Ein Pokémon muss im Kampf ruhig sein, damit es nicht die Nerven verliert, wenn der Gegner auf es zustürmt, verstehst du?« Louna nickte mit hängenden Schultern und frustrierter Miene.
    »Okay, ich glaube das soll's erst einmal gewesen. Mhmmm … wir sollten was anderes ausprobieren.« Dash löste sich und suchte am Boden zwischen den Blumen und vor allem in der Nähe von den Sträuchern und Bäumen nach irgendetwas. Louna sah ihm nachdenklich hinterher und wartete ab, was er vorhatte. Dann bückte er sich schon und klaubte einen einfachen Ast vom Boden auf, der seiner Meinung nach dick genug war. Kein kleiner dünner Zweig, der schnell zerbrechen konnte.
    »Ich glaube, es wäre zuerst wichtig die Kommandos richtig zu üben, damit Arcus auch weiß, was du von ihm willst, wenn du irgendwas zu ihm rufst.« Dash war wieder zu ihr gekommen und reichte ihr den Ast. Fragend sah Louna auf diesen.
    »Handhabe es wie ein Spiel. Lass Arcus in den Ast beißen und nenne dabei das Kommando. Dann wird er begreifen, was du von ihm willst.«
    »Ach? Und das soll funktionieren?« Die Skepsis stand Louna ins Gesicht geschrieben. Dash schüttelte schmunzelnd den Kopf und nahm den Ast wieder an sich. Dann wandte er sich an das Feuer-Pokémon, welches einige Schritte entfernt dastand.
    »Hey Arcus, komm her!« Er lockte ihn zu sich. Zwar war Arcus erst kurz zögerlich, aber er war bereits gut darauf trainiert auf seinen Namen zu reagieren. Er kam näher und schnüffelte zuerst die Hand von Dash, die er ihm hinhielt. Das sollte noch einmal Vertrauen wecken damit Arcus sich wohl fühlte und vor allem sich auf das Spiel einließ. Louna beobachtete Dash dabei wie er Arcus zum Spiel aufforderte in dem er unter anderem den Ast vor Arcus hin und her bewegte. Das Pokémon beobachtete erst nur, fühlte sich aber schnell dazu hingerissen dem Ast zu folgen und danach zu schnappen. Das Spielchen ging eine kurze Weile so bis Dash den Ast in beiden Händen hielt, dass Arcus nur noch in die Mitte des Astes beißen konnte. Immerhin dann, wenn Arcus dazu neigte, sagte Dash: »Biss!«
    Arcus konnte beißen, das hatte man jetzt mehrere Male sehen müssen. Aber er musste das Kommando mit der eigenen Reaktion, nämlich mit dem Biss, verbinden. Wenn Arcus in den Ast gebissen hatte und ihn festhielt, drückte Dash ein bisschen mit der Hand gegen die Brust von Arcus, um ihn dazu zu bringen wieder los zu lassen. Am Anfang gefiel das Arcus gar nicht, weil er festhalten wollte, aber Dash blieb ruhig und bestimmt, so dass Arcus gehorchte. Das Spiel wiederholte Dash ein paar Mal bis er zu Louna fragend sah.
    »Verstehst du was ich meine? So kann Arcus besser lernen, was du von ihm willst. Anstatt ihn zu bitten es einfach mal mit beißen zu versuchen.« Dash grinste sie an, was Louna verlegen machte – wegen der Worte vor allem.
    »Ja, ich verstehe.«
    »Wichtig ist nur, dass Arcus auch begreift, dass du entscheidest wann genug ist und das er dann auch aufhört. Wir wollen ja nicht, dass er durch die Beißübung am Ende noch zu einem aggressiven Pokémon wird und dann alles und jeden attackiert.« Auch da nickte Louna verstehend wieder. Das wollte sie auf keinen Fall riskieren! Dash überreichte ihr den Stock, dass sie es auch mal versuchen konnte.
    »Vergiss nicht: ruhig bleiben und mit fester Stimme bestimmt handeln.« Wenn sie nervös wurde, würden ihre Pokémon sie nicht ernst nehmen und ihr noch auf der Nase herum tanzen. Das war auch nicht das, was sie erreichen wollten. Louna konnte ruhig und bestimmt sein. Schließlich hatte sie Arcus beigebracht auf sie zu hören. Sie würde das nur auf das Kämpfen ausweiten müssen. Wenn sie das schaffte, würde sie nicht mehr wie ein verschrecktes Taubsi reagieren. Ein paar Mal probierte sie die Beißübung mit Arcus noch und Dash konnte schnell feststellen, dass Louna fähig dazu war ihr Pokémon angemessen zu dirigieren. Arcus ließ sich ohne Probleme von ihr sagen, was er machen sollte. Sobald er den Ast wieder los lassen sollte, tat er es auch und wenn sie »Biss!« sagte, biss er in den hingehaltenen Ast.
    »Das klappt doch ganz gut. Tja, ich würde mal sagen, dann können wir weiter gehen, was?«
    »Weiter? A-aah ach ja, ja.« Oh je, das hätte Louna fast völlig vergessen! Sie war nicht hier draußen mit Dash um ihre Pokémon zu trainieren. Nicht als Hauptaufgabe, sondern um nach Escissia zu kommen! Es wurde Zeit die Decke einzupacken und weiter zu gehen. Die Übungsstunde war damit für jetzt erst einmal beendet.



  • 9. KapitelSperrgebiet



    Die dichten Blumenbeete an den Seiten der Straße, die nach Nouvaria City führte, nahmen kein Ende. Auch nicht dann, als man der Stadt näher kam, wenn man von Illumina City kam. Solange man sich immer auf der Straße befand und dieser folgte, konnte kaum ein Gefühl davon aufkommen, dass man sich in der Wildnis befand. Louna wusste es zwar besser, denn während sie mit Dash den ganzen Tag auf dem Parterre-Weg unterwegs gewesen war, hatte sie das ein oder andere wilde Pokémon sehen können. Aus der Ferne versteht sich. Die meisten Pokémon waren eher scheu, wenn man mal von einigen Ausnahmen absah. Im Dickicht der Blütenpracht konnte man kleine Insekten-Pokémon summen hören und auch beobachten. Wadribies sind hier weit verbreitet und sammeln um diese Jahreszeit fleißig den Nektar der einzelnen Blüten. Auch Ledybas sind hin und wieder zu sehen. Zwischen den gelben Blumen fielen sie viel mehr auf, als zwischen dem satten rot, wo die Insekten eher untergingen. Keinem einzigen dieser Pokémon kam sie näher. Nicht, weil sie unfähig war sich heranzuschleichen oder es gar darauf anlegte überhaupt ihnen nahe zu kommen. Es lag viel mehr daran, dass Louna wenig Interesse daran besaß ihnen nahe zu kommen. Aus dem einfachen Grund, dass Insekten-Pokémon sie nicht unbedingt begeistern. Wenn sie damit begannen auf einem herum zu krabbeln oder schlimmer noch zustachen, dann war für Louna die Welt katastrophal. Sie durfte sich das ganze Gekrabbel nicht einmal vorstellen, sonst wurde ihr ganz flau im Magen. Sie hatte nicht prinzipiell gegen jedes Käfer-Pokémon eine Abneigung. Manche sahen auch ganz hübsch aus wie die Schmetterlings-Pokémon. Aber trotzdem! Lieber beobachtete sie aus der Ferne. Das war sicher und angenehmer für sie wie auch für die wilden Pokémon. Andererseits hatten Dash und sie gar nicht so viel Zeit dafür irgendetwas zu beobachten. Wenn sie nicht mitten in der Nacht in Nouvaria City ankommen wollten, mussten sie sich ein bisschen ran halten, weswegen sie auch auf den letzten Kilometern der Strecke ein eifrigeres Schritttempo an den Tag legten.
    »Ich hätte gern ein Flabébé gesehen.«, murmelte sie Louna vor sich hin, als bereits am Horizont die ersten Dächer der Stadt zu sehen waren.
    »Flabébé? Was ist das?« Da Dash nicht aus dieser Region kam, kannte er dementsprechend nicht die einheimischen Pokémon. Nicht alle. Nicht die, die er vorher nicht irgendwo anders gesehen hatte.
    »Flabébé ist ein Feen-Pokémon! Es lebt ausschließlich in Regionen, in denen es viele Blumen und Blüten gibt.«, erklärte Louna. Ihr fiel noch etwas anderes ein: ihr nigelnagelneuer Pokédex. Den holte sie während des Gehens hervor und begann auf ihm herum zu drücken. Zuerst einmal musste sie überhaupt schauen wie der richtig funktionierte. Seit sie ihn vom Professor bekommen hatte, besaß sie noch keine Zeit dafür, um sich damit genauer zu beschäftigen. Das würde sie nachholen müssen. Da die Bedienung aber nicht sonderlich kompliziert schien, erkannte Louna schnell, wo sie die Suchfunktion des kleinen elektronischen Lexikons fand und war bereits dabei nach Flabébé zu suchen.
    »Mhmmm. Ah, hier ist es!«, sagte sie und reichte dann nach einer kurzen Dauer den Dex an Dash weiter, damit er einen Blick auf das Bild werfen konnte.
    »Oh, das ist aber winzig.«, meinte Dash. Nicht das Bild, sondern das Pokémon an sich. Louna kicherte vergnügt.
    »Ja, es ist ein wirklich kleines Pokémon, da es auf Blüten lebt.«
    »Auf den Rückweg können wir doch im Blumenbeet mal rumkrabbeln und schauen ob wir eins finden. Was hältst du davon?«, schlug Dash mit einem breiten Grinsen vor, weswegen Louna anfangen musste mit lachen.
    »Das klingt gut. Ich weiß zwar nicht, ob das so einfach wird, aber ja, warum nicht?«


    Die Stadt kam immer näher und während vorhin nur die Dächer zu sehen waren, entwickelte sich mit jedem weiteren Schritt vor ihren Augen eine wahre Silhouette von Nouvaria City. Die Stadt war nicht so groß wie Illumina. Nicht mal annähernd! Aber so klein war sie auch nicht. Louna wusste, dass es in Nouvaria eine Trainerschule gab, wo explizit junge Menschen lernen konnten mit Pokémon umzugehen. Die zwei Jungs von heute Mittag sollten besser dort lernen, was es heißt ein Trainer zu sein.
    Und sie selbst? Louna musste an das kurzweilige Training mit Dash denken und vor allem an seine Wort. Sie war auch eine Trainerin. Auch wenn sie sich nicht als solche bezeichnen wollte, hatte er vermutlich Recht damit. Schließlich hatte sie jetzt zwei Pokémon und auch Zuhause hatte sie dabei mitgewirkt Coco zu erziehen. Auch wenn diese einen Sturkopf und starke Persönlichkeit besaß. Coco wusste immerhin, was sie durfte und was nicht. Ob Louna bei dieser Trainerschule in Nouvaria mal reinschauen sollte? Vielleicht auf den Rückweg, wenn mehr Zeit war. Heute würde es sowieso nichts mehr werden. Man brauchte nicht in den Himmel zu blicken, um zu erkennen, dass es bereits dämmerte und immer dunkler wurde. Die Sonne war schon eine Weile dabei am Horizont hinab zu steigen und der dunklen Nacht ihren Platz einzuräumen. Nicht mehr lange und man würde noch viel besser den aufgehenden Mond sehen können.
    »Gibt es ein Hotel oder irgend so etwas in Nouvaria?«, wollte Dash von ihr wissen und riss Louna aus ihren eigenen Überlegungen.
    »Ehm ich glaube ja. Müsste eigentlich.« In jeder Stadt gab es Pensionen, Hotels, kleine oder größere Gasthäuser. Musste es ja auch! Allein schon wegen der vielen Trainer, die durch das Land reisten, um in diversen Arenen zu kämpfen. Apropos Arenen: in Nouvaria gab es auch eine. Natürlich hatte Louna nicht vor dort mitzumachen, aber … Sie drehte ihren Kopf, um Dash besser von der Seite her ansehen zu können.
    »Hast du eigentlich vor hier in Kalos Arenaleiter herauszufordern?«, wollte sie von ihm wissen.
    »Ich? Öh öhm mhm, weiß ich noch gar nicht.« Dash war nicht unterwegs, um der Champ von einer Region oder der Welt zu werden. Aber wie er bereits mal gesagt hatte, hatte er in anderen Regionen schon einige Arenakämpfe auch hinter sich und den ein oder anderen Orden gewonnen. Wenn Louna jetzt so intensiv darüber nachdachte, musste das doch eigentlich bedeuten, dass Dash ein starker Trainer war, oder? Schließlich waren Arenaleiter die stärksten Trainer in einem Land. Um sie besiegen zu können, brauchte man starke Pokémon und die musste man schließlich trainieren.
    Wow.
    Jetzt, wo ihr das bewusst wurde, sah sie Dash gleich noch mal mit anderen Augen. Er war viel herum gekommen, hatte trainiert und kannte sich in der Welt aus. Und sie? Sie hatte ihr Leben lang kaum Illumina City verlassen. Klar, manchmal um Escissia zu besuchen oder andere Ortschaften, die in der Nähe lagen. Aber nicht alle und auch nicht für lange. Es waren eher so kurze Momente gewesen, meistens mit ihren Eltern. Als Kind nahm man die Welt nicht so wahr wie als Erwachsener. Sie konnte sich an schöne Landschaften und spannende Momente erinnern. Aber was waren schon Kindheitserinnerungen im Gegensatz zu den Erfahrungen, die man auch später machte? Sie wusste noch nicht einmal, was sie werden wollte oder überhaupt beruflich tun möchte. Dash hingegen hatte ein Ziel. Gut, er reiste durch die Welt, wodurch er nicht unbedingt einen Beruf als solches ausübte. Aber er hatte ein Ziel. Darauf kam es doch an, oder?
    »Louna? Hey Lou?« Vor Lounas Augen schnippten ein paar Finger herum. Dash versuchte sie aus ihren Gedanken herauszureißen, in denen sie schon wieder versunken war.
    »Äh ja?«
    »Wohin bist du denn jetzt abgedriftet?«, wollte er von ihr wissen. Als Louna nachdachte, was sie sagen wollte und ihr aufging, dass sie gerade eigentlich auch über ihn sich den Kopf zerbrochen hatte, färbten sich ihre Wangen etwas rosa. Es war bestimmt komisch ihm zu sagen, dass sie gerade an ihn gedacht hatte, oder?
    »A-ach … an nichts Besonders.«, versuchte sie sich herauszureden und konzentrierte sich sehr stark auf den Weg vor sich. Dash musterte sie misstrauisch von der Seite, zuckte dann aber mit den Schultern und ging nicht weiter darauf ein.
    Schließlich erreichten sie endlich die Stadt und konnten einen Blick auf das Stadtschild davor werfen. Na ja, wenn man denn was erkennen würde. Es war mittlerweile so dunkel, dass es schwierig war ohne Licht einen Text auf einem Schild zu lesen. Daher befassten sie sich damit auch nicht sehr lang und gingen weiter.
    »Wir sollten zuerst wirklich ein Hotel aufsuchen.«, schlug Dash vor, weshalb Louna mit einem Nicken zustimmte. Heute würden sie nicht mehr viel machen können. Den Wald im Dunklen betreten – das kam für Louna absolut nicht in Frage!
    »Okay, ich glaube in diese Richtung lag ein Hotel, falls mich meine Erinnerungen nicht trügen.« Sie deutete mit ihrem Arm in die rechte Richtung. Falls sie sich nicht täuschte, müsste es dort irgendwo das Hotel »Blumengarten« geben. Es sei denn es hatte in den letzten Jahren geschlossen. Aber das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Ein paar Straßen weiter inklusive eines kurzen Umweges, da sich Louna im Dunklen verlief und die Häuser irgendwie gerade alle gleich für sie aussahen wie auch die Straßen, fanden sie dann doch endlich das Hotel. Es brannte in den zahllosen Fenstern noch Licht. Das war nicht ungewöhnlich denn obwohl es schon dunkel war, war noch nicht unbedingt Zeit für jeden ins Bett zu gehen. Außer natürlich für Kinder. Die sollten längst schlafen.
    Dash betrat mit Louna das Hotel »Blumengarten«. Warum das so hieß, war eigentlich nicht schwer zu erraten. Einerseits war es eine Anlehnung an all die Blumenwiesen zwischen Nouvaria und Illumina und hinter dem Hotel selbst gab es noch einmal einen schönen frischen Blumengarten. Das Hotel war sehr stolz auf diesen Garten. Manche Gäste sagten, dass sie nur hier her reisten, um sich diesen Garten ansehen zu können. Louna war froh, dass sie es geschafft hatten. Denn jetzt, wo sie am Tresen standen, um zu erfragen ob noch ein Zimmer frei war, merkte sie erst einmal richtig wie müde sie eigentlich war.
    Der Tag war ereignisreich gewesen. Auch gestern als sie Chiari bekommen hatte. Heute hatte sie kaum Zeit gehabt mal vernünftig durchzuatmen. Es war so viel passiert! Angefangen damit, dass sie sich auf die Reise vorbereitet hatte und dann gleich ein Diebstahl passiert war und sie dem Dieb nachgerannt war. Dort hatte sie dann diesen dunklen Typen getroffen. Ob er wirklich der Dieb gewesen war oder nicht war nicht sicher. Er hatte drauf beharrt nicht der Dieb zu sein, aber wer sagte ihr, dass sie sich da nicht getäuscht hatte? Louna schüttelte den Kopf. Sie sollte nicht schon wieder darüber nachdenken! Schließlich hatte sie auch gesehen, dass Soul sich fürsorglich um das verletzte Pokémon gekümmert hatte. Was sie wieder zu der Frage brachte, dass sie eigentlich gern wissen wollte, was es für eines gewesen war. Es hatte so braun-goldenes Fell gehabt. Mehr hatte sie nicht erkannt.
    »Äh Lou?« Dash wunderte sich allmählich, dass Louna jetzt in kürzester Zeit ziemlich oft mit den Gedanken weg war. Vielleicht war sie einfach nur müde? Könnte durchaus sein, denn sie hatte ihm erzählt gehabt, was sie heute Vormittag schon alles erlebt hatte.
    »Ja?« Louna sah erschrocken auf und wurde wieder ein bisschen rot, weil sie sich ertappt fühlte. Sie sollte sich ein bisschen mehr konzentrieren.
    »Die Dame hier meinte, dass nur noch ein Doppelbettzimmer zur Verfügung steht. Alle anderen sind bereits belegt.«
    »Oh okay.« Louna wirkte ziemlich gelassen. Auch das überraschte Dash, der sich wieder zur Dame umdrehte, die für sie das Zimmer reservierte wie auch einen Schlüssel aushändigte. Sie wollten sowieso nur diese Nacht hier verbringen. Morgen würde es gleich weiter gehen.
    »Vielen Dank!«, sagte er, als er den Schlüssel entgegen nahm. Louna schien bereits wieder an andere Dinge zu denken. Trotzdem folgte sie Dash ohne erst aufgefordert zu werden. Die Lobby des Hotels war eher klein gehalten. Dafür gab es aber drei Stockwerke mit genügend Zimmern. Oder fast genügend, denn angesichts dessen, dass sie das letzte Zimmer bekommen hatten, musste man sich doch wundern. Entweder waren derzeit wirklich viele Leute unterwegs und besuchten diese Stadt – was Louna nicht unbedingt erwartet hätte – oder das Hotel war am Ende viel kleiner, als sie glaubte. Mal ehrlich: fand irgendwas in Nouvaria statt, irgendein Event? Louna überlegte fieberhaft, konnte sich aber an keine Meldung erinnern. Was nicht bedeutet, dass es nicht eine gab. Gut möglich, dass es einfach an ihr vorbei gegangen war.
    Dash und sie mussten in die zweite Etage, um ihr Zimmer zu erreichen. Da Dash den Schlüssel besaß, war er es auch, der das Zimmer aufschloss und sie danach eintreten ließ. Louna war froh, dass sie ihren Rucksack endlich absetzen konnte. Ihn die ganze Zeit tragen zu müssen, war ziemlich anstrengend und sie spürte es auch im Rücken und in den Schultern, dass sie verspannt war. Arcus, der die ganze Zeit treu und still neben ihr her gelaufen war, ließ es sich nun nicht nehmen im Zimmer ein bisschen hin und her zu laufen, um es zu erkunden. Dabei war es nicht sonderlich groß. Es gab ein paar wenige Schränke, einen Tisch, sogar einen Fernseher und einen kleinen Balkon gab es auch. Auch ein Bad existierte, allerdings war das sehr klein und nicht sonderlich viel Platz. Trotzdem würde es ausreichen. Es war immerhin sauber und frische Handtücher lagen auch bereit, damit man sich duschen gehen konnte. Was wollte man mehr?
    Vielleicht ein Bett? Louna betrachtete sich das, welches im Zimmer stand. Es war nicht dreckig oder sonst irgendwie abstoßend. Es war frisch bezogen und allgemein roch es im Zimmer gut. Keine abgestandene Luft oder andere unangenehme Gerüche. Das Hotel konnte mit gepflegten Zimmern auf alle Fälle punkten. Doch das Bett irritierte Louna und sie blickte sich fragend und suchend um, ehe ihr klar wurde, was sie so seltsam fand: Doppelbett. Es gab nicht zwei Betten und auch keine zwei Zimmer, sondern ein großes Bett.
    Offenbar konnte Dash ziemlich gut ihre Gedanken in ihrem Gesicht ablesen. Denn er reagierte sofort darauf.
    »Die Hotelfachfrau unten hat doch gesagt, dass es nur noch ein Doppelbettzimmer gibt.« Louna würde sich doch jetzt nicht etwa beschweren wollen?
    »A-ah j-ja sch-on.« Ach du liebe Zeit! Sie hatte das vorhin gar nicht so richtig wahrgenommen, was das eigentlich bedeutet. Denn jetzt würde sie allen ernstes mit Dash ein Bett teilen müssen! Sie wollte wirklich nicht prüde sein, aber so gut kannte sie ihn nun auch nicht, als das es für sie selbstverständlich wäre. Um ihm aber nicht vor den Kopf zu stoßen, damit er nicht glaubte sie hätte was gegen ihn, würde sie sich zusammenreißen. So gut es eben ging. Es war auch nur für eine Nacht.
    Nur eine Nacht!
    Daran war nichts auszusetzen. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, richtig?
    »Hey ich geh mal runter und schaue mal, ob ich noch was zum Essen auftreiben kann, oder?« Louna war erleichtert, dass Dash nicht auf die Peinlichkeit einging und lieber das Thema wechselte. Wohl auch, weil er tatsächlich noch Hunger hatte.
    »Ist gut.« Sie würde hier im Zimmer bleiben und sich erst einmal frisch machen. Nach der ganzen Wanderung war das auch bitter notwendig.


    Am nächsten Morgen wurde Louna von Arcus geweckt. Ihr Fukano hockte neben ihr auf dem Bett und schien so munter zu sein, dass er langsam anfing zu betteln. Denn Arcus hatte Hunger und je mehr Zeit verstrich desto hungriger wurde er. Das ging nicht! Seine Trainerin würde ihn füttern müssen bevor er noch anfing auf die Idee zu kommen irgendwas in diesem Raum anzuknabbern. Louna brummelte erst nur vor sich hin. Sie war eigentlich noch viel zu müde, um aufzustehen, aber nachdem Arcus damit begann ihr über das Gesicht zu lecken und sich mit dem Kopf an sie kuschelte, blieb ihr gar keine andere Wahl mehr als wach zu werden.
    »Arcus!« Ihre Stimme klang noch vom Schlafen etwas brüchig, aber ihr Geist fühlte sich wacher an als ihr Körper. Sie hatte die Augen geöffnet und sah ihren lieben Freund an, dem es gefiel, dass sie ihn bereits kraulte. Nichtsdestotrotz hatte er immer noch Hunger und das wusste Louna. Ihr selbst knurrte der Magen. Aber ihr fiel auch noch etwas anderes ein, weswegen sie sich ruckartig aufsetzte. Ihr Blick flog zur Seite. Da war nichts. Sie sah nichts außer das Laken beziehungsweise die Bettdecke und das Kissen. Keine Spur von Dash. Louna sah sich im Raum um, aber von Dash war tatsächlich nirgendwo was zu sehen? Sie überlegte wie der gestrige Abend geendet hatte.
    Nachdem Dash runter gegangen war, um was zum Essen zu besorgen, war Louna duschen gewesen. Danach war sie allerdings so müde gewesen, dass sie sich aufs Bett gesetzt hatte und dann … Dann musste sie eingeschlafen sein. Denn sie erinnerte sich nicht mehr daran, dass Dash zurück gekommen war oder sie selbst noch was gegessen hatte.
    »Mhm. Und jetzt ist er schon weg?«, fragte sie sich selbst mit dem Blick auf der anderen Hälfte des Bettes. Hatte Dash überhaupt geschlafen? So wie die Decke und das Kissen aussahen: ja. Es war zerwurschtelt. Dass Dash schon aufgestanden war, überraschte Louna. Oder war er einfach so ein Frühaufsteher? Als sie auf den Wecker sah, der neben dem Bett auf dem kleinen Beistelltischchen stand, erkannte sie, dass es wirklich noch sehr früh war. Sie hatte gut geschlafen und fühlte sich trotz Restmüdigkeit erholt. Verständlich, wenn sie daran dachte wie schnell sie eingeschlafen sein musste. Um nicht noch mehr Zeit mit Überlegungen zu verschwenden, erhob sich Louna endlich und machte sich fertig für den Tag. Das bedeutete, sie fütterte zuerst Arcus während sie sich dann wusch und anzog. Auch Chiari bekam ihr Futter, damit die Kleine nicht am Ende noch hungern musste. Aber sobald die Fütterung vorbei war, rief Louna Chiari wieder zurück in den Pokéball. Im Moment war ihr das so einfach lieber, damit sie nicht darauf konzentrieren musste, dass Chiari ihr nicht einfach weglief. Noch war das Pokémon jung und nicht an sie gewöhnt. Es war zwar zutraulich und zahm genug, aber das würde nicht ausreichen. Arcus hingegen vertraute Louna ohne weiteres. Sie wusste von ihm, dass er stets an ihrer Seite blieb. So auch jetzt, als sie nur ihre Geldbörse aus dem Rucksack nahm und diese in ihre Jackentasche steckte. Die Jacke zog sie über, da sie nur ein kurzärmeliges Top trug und lange Hosen. Draußen könnte es vielleicht zu frisch sein. Falls sie raus ging. Sie würde sich umsehen und nach Dash Ausschau halten, aber vielleicht war der auch unten in der Lobby oder anderswo im Hotel zu finden. Nachdem sie alles hatte, wollte Louna das Zimmer verlassen. Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein. Hatten sie zwei Schlüssel vom Hotel bekommen? Sie wusste es gar nicht und sah sich noch einmal im Zimmer um. Da entdeckte sie einen Schlüssel auf dem Tisch im Raum und nahm diesen an sich. Das war doch der Schlüssel für das Zimmer, oder? Anhand der kleinen Nummer, die am Schlüssel dran baumelte, würde sie schon sagen, dass dem so war. Außerdem passte er auch dann ins Schloss, als sie das Zimmer verschloss. Den Schlüssel steckte sie ebenfalls in ihre Jackentasche und ging dann mit Arcus los, um sich umzusehen.


    Im Hotel hatte sie Dash nicht mehr angetroffen gehabt, weswegen sie dieses verlassen hatte, um sich draußen umzusehen. Sie hoffte, dass sie ihn auf gut Glück einfach irgendwo in der Stadt antreffen würde. Da er ihr keine Nachricht hinterlassen hatte, wusste sie leider nicht wo er sich herum trieb. Hoffentlich war nichts passiert. Andererseits war er bestimmt fähiger als sie sich in brenzligen Situationen zu verteidigen oder sich da irgendwie wieder raus zu boxen als sie selbst.
    »Mhmm, wo könnte er wohl sein?« Louna blickte sich um, egal wo sie lang ging. Die Häuser waren im Gegensatz zu Illuminas Architekt kleiner gebaut. Nicht so hoch und riesig. Ein Dorf war das hier trotzdem nicht. Viele der Häuser wiesen Blumentöpfe auf. Der Sinn zu der Natur schien hier ziemlich stark verbreitet zu sein. Auch der Brunnen auf dem Hauptplatz wurde von zahlreichen Blumen umsäumt, was den Anblick nur noch harmonischer wirken ließ. Eigentlich war es hier ziemlich hübsch. Auch viel ruhiger als Illumina City, aber keineswegs still. Menschen waren zur genüge auf der Straße unterwegs und Louna hatte bereits einige junge Schüler gesehen, die garantiert zur Trainerschule wollten. Immerhin trugen sie alle Pokébälle bei sich. Einige in ihrer Hand, anderer direkt am Gürtel. Man konnte sehen, dass sie aufsteigende Trainer waren. Sie riss sich von dem Anblick los und suchte weiter nach Dash. Arcus war neben ihr und schnupperte hier und da, wenn er einen für sich interessanten Geruch entdeckt. Er verlor aber niemals den Anschluss zu Louna.
    »Wo könnte sich Dash wohl aufhalten?« Etwa in der Arena? Ob er dort hingegangen war? Aber da hätte er ihr bestimmt Bescheid gegeben. Sie war vielleicht kein Fan von Pokémon-Kämpfen, trotzdem hätte sie gern Dash mal zugesehen wie sein Stil war.
    »Mann, das ist doch bescheuert. Wie lange soll ich denn warten, ey?!«
    Nur zufällig hörte sie das Meckern einer fremden Person. Es war laut genug, dass es zu ihren Ohren dran, weswegen sich Louna um eine Vierteldrehung nach rechts neigte und jemanden sah, der aus der Richtung des Ouvert-Weges kam. Mit ziemlich schlechter Laune. Louna wollte gar nicht wissen, was denjenigen so aufregte, der nun schon an ihr vorbei ging. Es war ein junger Trainer, der sehr wütend wirkte und bestimmt gern irgendwas zerschlagen hätte. Ein Grund mehr sich ihm nicht in den Weg zu stellen. Wollte sie wirklich wissen, was vorgefallen war? Ihre Augen huschten erneut in die Richtung der Route drei. Sie würde mit Dash dort lang müssen, damit sie den Nouvaria Wald durchqueren konnte. Nichts, was sie gerne tat, aber unvermeidlich, um später nach Escissia zu gelangen. Sie erkannte die blauen Uniformen, die zwei Personen trugen, die gerade auch in die Stadt kamen. Es waren Polizisten, die eine Absperrbandrolle bei sich trugen. Außerdem wurden sie von einem weißen Coiffwaff begleitet.
    Ohne wirklich groß nachzudenken ging sie auf die beiden Beamten zu.
    »Entschuldigen Sie? Ist irgendwas auf dem Ouvert-Weg passiert?«, fragte sie geradewegs heraus. Wenn da irgendwas los war, wäre es schon wichtig zu wissen, falls das ihre weitere Reise beeinträchtigen sollte. Louna hatte wenig Hemmungen mit den Polizisten zu sprechen, da ihr eigener Vater einer war. Sie kannte auch ein paar seiner Kollegen, wenn auch nicht die beiden Herren, die gerade vor ihr standen.
    »Ja, es gab leider einen unangenehmen Zwischenfall dort, weswegen der Weg und damit der Zutritt zum Nouvaria Wald gesperrt ist.«
    »Wie bitte? Wie lange denn?«
    »Das können wir noch nicht genau sagen. Heute den ganzen Tag auf jeden Fall. Entschuldigen Sie bitte, wir müssen dringend weiter.«
    »Äh ja, natürlich.« Louna trat aus dem Weg damit die beiden Herren von der Polizei weiter gehen konnten. Ein unangenehmer Zwischenfalls, der zur Sperrung des Weges führte? Ja, sie wollte wirklich nicht wissen, was passiert war. Ihre Phantasie war schon wieder drauf und dran sich sämtliche Horrorszenarien auszudenken.
    Ohweia.





  • Hey :)  
    Ich bin vor kurzem auf deine Story gestoßen und finde sie wirklich sehr gelungen. Du beschreibst alles so, dass man es sich gut vorstellen kann und deinen Schreibstil finde ich auch sehr angenehm.
    Du hast auch keine Rechtschreibfehler gemacht (zumindest hab ich keine entdeckt ;) ) und die Idee mit den Fragen finde ich auch wirklich toll. Deswegen werde ich jetzt gleich mal ein paar beantworten :D


    Kapitel 7:
    1. Ich finde, dass zu Chiari eine Entwicklung zu Feelinara oder Folipurba am besten passen würde, da es so niedlich, verspielt und unschuldig wirkt. Alternativ vielleicht auch Aquana.
    2. Ich finde die Idee mit den realistischen Kämpfen gut, da es etwas neues ist und diese Idee sehr viel Potenzial hat. Bis jetzt hast du es eigentlich super umgesetzt^^
    3. Meiner Meinung nach sollte man in dieser realistischen Welt mit 14 ein Pokémon bekommen, da man in diesem Alter anfängt, auch kompliziertere Dinge zu verstehen und Zusammenhänge, die nicht auf Anhieb klar zu erkennen sind, bemerkt. Man wird auch ruhiger und vernünftiger und ist nicht mehr so verspielt, übermütig und naiv wie mit 11 oder 12 (das muss jetzt nicht auf alle zutreffen, ich rede jetzt mehr aus meiner Erfahrung ;) )


    Kapitel 8:
    1. Hmm ... bestimmte Wünsche hab ich jetzt nicht, allerdings würde es mich sehr interessieren, wie du ein voll entwickeltes oder sogar legendäres Pokémon in deine Story integrieren würdest (z.B Gewaldro, Glurak, Zekrom oder Dialga nur um mal en paar zu nennen) :)  
    2. Ich fand die Beschreibung eigentlich ganz gut, es war höchstens ein bisschen unklar, ob Arcus den Biss-Befehl kapiert hatte und nur nicht ausführen konnte oder ob er mit Lounas Anweisung generell ganz schön überfordert war und die ganze Zeit rein instinktiv gehadelt hat.
    3. Ich finde die Übung gut, in dieser Welt macht sowas Sinn, es erinnert mich irgendwie total daran, einem Hund oder Pferd einen Trick beizubringen^^
    4. Wahrscheinlich würde ich mein Pokémon so trainieren, dass es mindestens 3-4 Attacken lernt und sich selbst verteidigen könnte, auch gegen größere Gegner. Allerdings würde ich es auf keinen Fall zur Kampfmaschine erziehen ;)  
    5. Natürlich kann ich Lounas Ängste nachvollziehen, obwohl ich denke, dass sie etwas zu viel nachdenkt und grübelt und darübr ganz vergisst, zu handeln. Allerdings gehört das zu ihrem Charakter und es macht sie in meinen Augen sehr sympathisch :)


    Kapitel 9:
    1. Ich glaube es würde mir nicht so viel ausmachen, wenn ich weiß, dass ich der Person vertrauen kann. Wenn man denjenigen (so wie Louna hier Dash) schon ein paar Wochen kennt und weiß, dass er in Ordnung ist, dann dürfte ja auch nichts passieren.
    2. Ganz ehrlich? Na gut, ich stelle es mir irgendwie wie eine Mischung aus Hundeschule und Uni vor xD
    3. Hmm ... vielleicht ein Trainerkampf bei dem irgendwas gewaltig schief gelaufen ist? Ein wildes aggressives Pokémon? Team Flare? Keine Ahnung^^
    4. Fände ich auf jeden Fall sehr interessant. Das Louna gegen Viola kämpft ist wahrscheinlich eher unrealistisch, aber ein Kampf zwischen Dash und Viola wäre sicher sehr spannend.
    5. Nein, man kann ja auch verlieren oder es endet unentschieden. Aberich denke, ein Arenaleiter sollte wissen, wann er aufhören muss, falls das gegnerische Pokémon unterlegen ist.
    6. Ich teile definitiv Lounas Abneigung gegen Insekten ... äh Käferpokémon xD Also sowas wie Ariados, Rollum oder Voltula steht sicher nicht auf meiner Wunschliste^^


    So, ich hab jetzt mal nur die Fragen der letzten 3 Kapis beantwortet, weil ich sonst sicher einen ewig langen Text geschrieben hätte^^
    Ich hoffe, ich konnte dich und deine Story trodem etwas motivieren ;)  
    Mach auf jeden Fall weiter so!


    Glg Glaziola


    PS: Ich hoffe du bekommst noch ein paar mehr Kommis, die hättest du nämlich ganz dringend verdient^^

    FC: 2723-8395-6602
    Kontaktsafari: (Normal) KrakeeloDummiselEvoli
    Würde mich freuen wenn ihr mich addet, falls ihr eines dieser Pokemon habt: LuxioBisaknospIgastarnishRutenaIgnivor

  • 10. Kapitel - Trainer-Pass


    Heute würde kein Weiterkommen mehr möglich sein. Was blieb Louna demnach anderes übrig als in Nouvaria City zu verharren? Die Stadt war klein. Im Gegensatz zu Illumina City war sie wirklich winzig. Trotzdem ähnelte sie keinem Dorf, denn auch diese Kleinstadt hatte ein paar Attraktionen zu bieten. Bevor sie diese jedoch besuchen würde, sollte sie besser Dash suchen. Wo war der nur abgeblieben? Louna drehte sich zur Stadt um. Was auch immer auf den Weg nach Aquarellia passiert war, dieser würde vorerst gesperrt bleiben. Louna ging los. Arcus war natürlich wie immer an ihrer Seite. Ihm war es egal wohin sie gingen, solange er dabei sein durfte. Es war auch gar nicht nötig ihn an einer Leine zu führen. Die Monate, in der er bei ihr war, hatte sie dafür genutzt, um ihn gut zu erziehen. Auf ihr Wort hörte er meistens sofort, wenn sie ihn rief. Was das betraf, würde sie es wohl genauso mit den Befehlen für den Kampf handhaben müssen. Wenn sie sowieso nicht weiter gehen konnten, könnten sie vielleicht sogar noch so eine Trainingsstunde machen, damit sie Arcus mehr beibringen konnte. Aber dafür brauchte sie Dash. Dieser wusste wie man seine Pokémon trainierte. Von seiner Erfahrung konnte sie auf alle Fälle profitieren. Auch wenn ihr der Gedanke des Kampfes immer noch Bauchschmerzen bereitete, hatte sie nach der Diskussion mit Dash für sich eingesehen, dass es auch eine Notwendigkeit war. Aktiv kämpfen musste man ja nicht, aber wenn wirklich mal unterwegs was passierte, konnte es von Vorteil sein sich verteidigen zu können. Louna hatte demnach also einen Entschluss gefasst. Sie würde Arcus trainieren! Er war ein Feuer-Pokémon, deswegen würde sie vorsichtig sein müssen. Feuer konnte verheerende Auswirkungen haben, aber für’s Erste wollte sie es sowieso langsam angehen.

    »So, und wo ist jetzt Dash?« War schön und gut, dass sie einen Plan hatte was Arcus betraf und das Kämpfen, aber sie kam auch nicht wirklich weiter, wenn sie ihren Freund nicht wieder fand. Warum hatte er auch nicht einfach eine Nachricht hinterlassen?
    Männer!
    Manchmal fragt man sich doch ernsthaft, was in deren Köpfen vor sich ging. Vermutlich nichts. Louna seufzte. Sie sollte nicht so denken. Irgendwo würde er schon sein. Die Stadt war schließlich nicht so groß wie Illumina und demnach etwas übersichtlicher. Aus dem Staub gemacht, hatte er sich nicht. Sonst hätte er all seine Sachen mitgenommen und das hatte er nicht. Das meiste Zeug von ihm war noch immer im Hotelzimmer. Mit wachsamen Blick marschierte Louna los und sah sich um. irgendwo würde er sein. Dash würde sie wieder erkennen. Er war ein doch recht auffälliger Typ und falls sie sich nicht täuschte, lief er sogar irgendwo mit seinem Gitarrenkoffer herum. Denn den hatte sie im Zimmer nicht gesehen gehabt. Vielleicht übte er einfach nur irgendwo? Könnte doch sein!
    Zwei Straßen weiter ließ sie sich allerdings schon wieder ablenken. Schuld war das Modegeschäft, das in ganz Kalos für die tollsten Accessoires berühmt war. Besser noch: für die schönsten, außergewöhnlichsten und zahlreichsten Hüte und Mützen, die man je gesehen hatte. In der Kindheit hatten Kopfbedeckungen für Louna nie eine Rolle gespielt gehabt, aber als sie in ihrer Teenagerzeit hinein gewachsen war, hatte sie die Welt der Hüte und Mützen für sich entdeckt. Man konnte jetzt davon halten, was man wollte, aber mittlerweile fühlte sie sich echt nackig auf den Kopf, wenn sie keine Mütze oder keinen Hut trug. Deswegen hatte sie auch jetzt immer noch ihren Trilby auf den Kopf. Der, wenn man es mal so nebenbei erwähnen durfte, nach wie vor echt stylisch war. Was für andere Frauen Schuhe waren, waren für sie Hüte. Schuhe waren ihr schnuppe, aber Hüte und Mützen waren ein Muss für sie!
    Arcus verstand natürlich nicht, was seine Trainerin auf einmal hatte. Lounas Augen waren ganz groß geworden, als sie vor dem Schaufenster des Geschäfts stehen geblieben war und die Auslage bewunderte. Es gab Mützen und Hüte, die waren einfach nur seltsam oder viel zu bunt. Aber es gab auch echte Highlights, bei denen sie nicht widerstehen konnte. Trilbys gehörten zu ihren Lieblingshüten, weswegen sie daheim mehrere verschiedene Varianten davon hatte. Viele auch in dunklen Farben: schwarz oder verschiedene Grautöne. Aber auch die ein oder andere hellere Farbe. Ehe Louna sich versah, betrat sie auch schon das Geschäft. Arcus, der stets an ihrer Seite war, huschte mit hinein. Ob das nun erlaubt war oder nicht: Louna schien darauf gerade keine Rücksicht zu nehmen. Ihre braungoldenen Augen hatten bereits eine Ballonmütze entdeckt, die ihr farblich wie auch von der Form gefiel. Andere Besucher des Geschäfts oder auch die Verkäuferinnen wurden von ihr völlig ignoriert. Sie ging direkt zum Regal, wo die Mütze auf einem kleinen Ständer drapiert war. An der rechten Mützenseite war eine Schleife in der gleichen dunkelroten Farbe wie die Mütze selbst. Ganz dünne weiße Streifen zierten die Mütze und gaben ihr das gewisse Extra. Nicht zu langweilig, weil es nur einfarbig war, aber auch nicht zu bunt, weil keine weiteren Farben sich in das Rot mischten. Es reichte aus. Louna mochte meistens eh nur die einfarbigen oder eher dezent gehaltenen Farbvarianten. Sie nahm die Mütze vom Ständer und gleichzeitig ihren Trilby vom Kopf, um die Ballonmütze aufzusetzen. Da es hier im Geschäft überall Spiegel gab, brauchte sie nur zwei Schritte zur Seite zu treten und konnte sich betrachten. Die langen Haare, die sie offen trug, umrahmten noch besser ihr Gesicht und die Mütze selbst passte wie angegossen. Es gab unter Mützen und Hüte auch verschiedene Größen, aber oft kam es auch vor, dass sie nur eine Größe hatten. Diese Ballonmütze hier schien auch nur eine zu besitzen, aber genau die richtige für Lounas Kopf. Am Boden hockte Arcus, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und gab ein leises Winseln von sich. Gefiel es ihm hier nicht? Louna sah noch einmal in den Spiegel und war zufrieden ehe sie hinunter sah, um Arcus zu erblicken.
    »Ist ja gut, wir gehen ja gleich.«, sagte sie zu ihrem Fukano und sah wieder auf direkt in das Gesicht der Verkäuferin.
    »Entschuldigen Sie Miss, aber Pokémon dürfen hier nur rein, wenn sie in ihrem Pokéball sind.«
    »Oh!« Daran hatte sie nicht gedacht, war ja klar, dass das passieren musste. In den wenigsten Geschäften waren freilaufende Pokémon erlaubt. Die Welt liebte diese Wesen und es gab etliche Themen über sie, aber da sie auch Schaden anrichten konnten, war es stets besser sie in ihren Pokébällen mitzunehmen.
    »Tut mir leid, ich-«, begann Louna und brach mitten im Satz ab. Sie konnte an der Verkäuferin nach draußen durch das Fenster sehen. Dadurch konnte sie sehen, dass eine bekannte Person an dem Geschäft vorbei ging.
    »Ah! Da ist er ja!« Die Verkäuferin zuckte zusammen, als Lounas Stimme etwas lauter wurde. Eben jene lief an der Verkäuferin vorbei Richtung Ausgang. Sie wollte Dash nicht aus den Augen verlieren. Dabei vergaß sie vollkommen, dass sie auf dem Kopf noch die Ballonmütze trug. In ihrer rechten Hand hielt sie ihren Trilby, den sie natürlich nicht vergaß. Auch die Verkäuferin vergaß nicht so einfach und brüllte ihr hinterher: »Hey! Sie müssen die Mütze bezahlen, wenn Sie die mitnehmen wollen! Halt!«
    Mütze?
    Louna blieb nur kurz stehen, um sich die Mütze vom Kopf zu reißen, die ihr wieder einfiel und warf sie mit einem entschuldigenden Lächeln der Verkäuferin entgegen. Das war ganz sicher nicht die feine Art, aber sie hatte es eilig und rannte deshalb bereits aus dem Geschäft heraus. Arcus lief knapp hinter ihr. Er wusste gar nicht was das jetzt für eine Aufregung war, aber er hielt Schritt egal wohin Louna auch ging.
    »Dash!«, brüllte sie bereits, hatte die Arme gehoben und wedelte heftig damit, um auf sich aufmerksam zu machen. Das wäre sicher nicht nötig gewesen, denn Dash hörte sie laut genug rufen und drehte sich um.
    »Oh Louna, hey da bist du.«
    »Ja und wo warst du? Ich habe mich gewundert.«
    »Sorry, ich wollte mich ein wenig umsehen und dich nicht wecken.« Das mochte zwar rücksichtsvoll von ihm sein, aber eine Nachricht wäre trotzdem vorteilhaft gewesen. Wie auch immer. Louna ging gar nicht erst darauf ein. Nachtragend war sie eigentlich nicht. Nicht bei solchen Kleinigkeiten.
    »Ich habe heraus gefunden, dass der Ouvert-Weg gesperrt ist. Vorerst sitzen wir hier in Nouvaria fest.«, berichtete Louna gleich.
    »Echt? Dann sollten wir die Zeit für was Sinnvolles nutzen. Ich habe mitbekommen, dass es hier eine Arena gibt.« Dash grinste Louna an.
    »Willst du dort etwa kämpfen?«
    »Weiß noch nicht. Aber mal gucken gehen kostet ja nichts, ne?«
    »Das stimmt. Ich glaube, die Arenaleiterin hier nutzt Käfer-Pokémon.«
    »Tatsächlich? Woher weißt du denn das, wo du dich doch gar nicht dafür interessierst?«, wollte Dash grinsend wissen. Louna steckte ihm kess die Zunge entgegen.
    »Nur weil es mich eigentlich nicht interessiert, heißt das nicht, dass ich nichts mitbekomme. Berichte gibt es ständig und da Viola auch eine exzellente Fotografin ist, kommt sie auch regelmäßig in der Künstlerzeitschrift Farbenpracht vor. Sie macht echt tolle Fotos!« Kunst interessierte Louna eindeutig mehr als Pokémon-Kämpfe, deswegen kaufte sie sich auch gern mal solche Zeitschriften und las dort auch immer mal wieder etwas über Viola.


    Die Arena zu finden, war nicht schwer. Ausschilderungen gab es überall und da die Höhe der Häuser sich in Grenzen hielt, war die Arena allein schon am Dach zu erkennen, da diese teilweise die Gebäude um sich herum überragte. Louna war neugierig auf die Arena und das, was sich drin abspielen würde, aber auch nervös. Nicht nur wegen dem Kampf, den sie nicht ausfechten würde und der möglichen Verletzungsgefahr, sondern auch wegen der Krabbeltierchen an sich. Sie war kein Fan von Käfern. Manche fand sie zwar ganz hübsch wie die Schmetterlings-Pokémon, aber unbedingt zu nahe kommen, musste sie keinem von denen. Als sie die Arena erreichten, fackelte Dash nicht lange herum und betrat diese. Louna blieb nichts anderes übrig und folgte mit Arcus ihm hinein. Zuerst kamen sie wie bei jeder anderen Arena auch, in den Vorraum. Die Anmeldung, wenn man es so nennen wollte. Denn eine Dame hinter einem Tresen war für die Termine der Arenaleiterin zuständig. So ein Arenaleiter konnte schon sehr gefragt sein und dementsprechend auch einen vollen Terminkalender besitzen. Da war es einfach notwendig alles ordentlich zu managen, damit nichts durcheinander kam. Louna sah sich in dem eher dürftigen Raum um während Dash bereits ein Gespräch mit der Dame am Tresen begann, um herauszufinden wann es möglich sei gegen die hiesige Arenaleiterin zu kämpfen. Eifrig tippte die Dame auf ihrer Tastatur einige Daten ein, um nachzusehen, doch Dash würde heute kein Glück haben. Zum einen war Viola jetzt nicht da, zum anderen hatten sich bereits etliche andere Trainer gemeldet, so dass Dash heute nicht mehr zu einem Kampf kommen würde. Selten hatte man die Chance sofort, wenn man die Arena betrat, einen Kampf austragen zu können. Louna erfuhr später von Dash, dass er eigentlich immer warten musste und daher immer einen Termin für einen Kampf vereinbarte. Anders klappte es so gut wie nie. Louna konnte das verstehen. Es gab in einer Region nur insgesamt acht offizielle Arenaleiter. Die inoffiziellen mal außen vor gelassen. Diese Acht waren stets gefragt, denn es gab sehr, sehr viele Trainer, die sich mit einem Leiter messen wollten. Dash hatte in seiner Heimatregion in Kanto auch mal in einer anderen Arena kämpfen wollen und hätte fast drei Monate warten müssen bis er dran gekommen wäre. Deswegen hatte er es sein gelassen. Er forderte zwar hier und da Leiter heraus und sammelte, wenn es sich ergab, die Orden, aber er hatte nicht vor alle Orden zu erhalten. Er nämlich nie vor in der Liga der Besten zu kämpfen. Dafür gab es einen Grund, doch Louna kam nicht mehr dazu nachzufragen, da Dash ihr bereits vorschlug die Trainer-Schule zu besuchen.
    »Bitte was?«, wollte Luna wissen. Natürlich hatte sie von den Trainer-Schulen gehört, die es überall gab, aber warum sollten sie dort hin gehen?
    »Na du willst doch das Kämpfen erlernen und üben. Da wäre es doch ganz praktisch dorthin zu gehen.«
    »Aber in der Schule muss man sich anmelden und das ist ja auch nichts, was man mal eben nebenbei so macht.«, protestierte Louna. Wer an solch eine Schule wollte, musste zum einen Schuldgeld bezahlen, denn es gab verdammt viele die gerne Trainer werden wollten und deshalb solch eine Schule besuchen wollten. Zum anderen war der Schulbesuch etwas Langfristiges. Man konnte schließlich nicht innerhalb von zwei Stunden mal eben zu einem guten Trainer mutieren. Dieser Illusion sollte man sich gar nicht erst hingeben.
    »Das ist schon richtig, aber normalerweise darf man sich in den Schulen trotzdem umsehen solange man den Unterricht nicht stört und vielleicht kannst du dort noch etwas Wissen aufschnappen.« Dash schien ganz schön optimistisch zu sein, grinste sie an und schleppte sie mit zur Schule, die nur ein paar Straßen weiter von der Arena entfernt stand. Louna war wenig begeistert. Erst recht als sie die ersten Schüler sah, die nicht nur ein unterschiedliches Alter aufwiesen, von klein zu groß, von alt zu jung, sondern auch wegen all der Pokémon, die mit dabei waren. Nicht in ihren Pokébällen, sondern draußen. Gegen Pokémon hatte sie nichts, aber wenn diese Schüler ihr gleich auf die Pelle wegen eines Kampfes rückten …
    »Hey jetzt sei doch nicht so nervös.«, meinte Dash, dem die Anspannung von Louna auffiel.
    »Na du hast Nerven, dort sind überall Trainer … « Dash lachte bei Lounas Antwort.
    »Ja und? Die werden dich schon nicht fressen. Außerdem sind das meistens alles nur Anfänger. Kein Grund zur Panik.«
    Schön wär’s! Sie selbst war auch ein Anfänger. Mehr noch: sie hatte keine Ahnung von Kämpfen!
    Offenbar war gerade Pause. Die Schüler unterhielten sich miteinander, kümmerten sich um ihre Pokémon und nahmen keine wirkliche Notiz von Louna und Dash. Zwar sahen ein paar von ihnen neugierig zu ihr rüber, weil sie Arcus entdeckten, aber keiner sprach sie an. Fukanos gab es in Kalos normalerweise nicht. Ein Hingucker war Arcus auf alle Fälle. Louna war jedoch froh in Ruhe gelassen zu werden. Dash hingegen war viel zu locker drauf, nach ihrer Meinung und betrat die Trainer-Schule mit ihr.
    Das Gebäude war groß, besaß mehrere Gänge und Räumlichkeiten und Schüler und Lehrer kamen ihnen hier und da entgegen. Kein Grund zur Nervosität. Im Prinzip war diese Schule nicht viel anders als andere normale Schulen, wenn man davon absah, dass Pokémon hier auch außerhalb ihrer Pokébälle sich aufhalten durften. Solange sie nichts anstellten, verstand sich. Strenge Regeln schien es hier nämlich auch zu geben damit alles seine Ordnung hatte.
    »Sag mal Louna, du hast bestimmt keinen Trainer-Pass, oder? Hier in Kalos ist das bestimmt doch auch so, dass man als Trainer einen braucht?«, wollte Dash wissen während sie sich beide umsahen und die Gänge der Schule durchstreiften.
    »Richtig. Ich habe keinen und bräuchte einen, wenn ich offiziell als Trainer auftreten will. Allerdings … «
    »Allerdings brauchst du einen!«, redete Dash ihr dazwischen, der ahnte, dass sie sagen wollte, dass sie eh keinen brauchte.
    »Wenn du Arcus trainieren willst und gegen andere kämpfst, vielleicht sogar gegen Arenaleiter, sollten wir dir unbedingt einen besorgen.«
    »M-moment, nicht so schnell! Ich will doch gar nicht gegen andere kämpfen!«
    »Aber es könnte trotzdem vorkommen. Mit einem Pass bist du definitiv auf der sicheren Seite, egal ob du am Ende wirklich gegen andere kämpfst oder nicht.«, hielt ihr Dash entgegen. Louna seufzte und ließ die Schultern hängen. Der Verlauf, der sich anbahnte, gefiel ihr gar nicht.
    »In solchen Schulen kann man doch auch Pässe anfordern. Zumindest ist das in Kanto so.«, redete Dash weiter und hielt bereits nach dem Büro der Schule Ausschau. Louna ergab sich in ihrem Schicksal. Dann würde sie eben einen Pass besorgen, sofern der nicht so viel kosten würde! Sie hatte auch keine Ahnung wie das überhaupt vonstatten ging. Aber das würden sie im Büro erfahren. Hoffentlich. Dash hatte bereits das Hinweisschild gefunden und kurz darauf waren sie bereits im Büro. Vor ihnen standen noch drei andere Trainer, die von der Sekretärin etwas wollten ehe Dash und Louna an der Reihe waren. Louna überließ Dash das Reden, der selbstbewusst gleich loslegte sobald er die Aufmerksamkeit der Frau hatte.
    »Meine Freundin möchte gerne einen Trainer-Pass anfordern. Ist das hier möglich?« Die Dame nickt gleich. Sie trug eine Brille mit einfachen Gestellt, die Haare waren zu einem normalen Zopf hinten im Nacken zusammen gebunden und die Kleidung war ein typisches Kostüm wie man es von vielen Büroarbeiterinnen kannte - in grau.
    »Gehst du hier zur Schule?«, wollte die Frau von Louna wissen. Eben jene zuckte zusammen und schüttelte den Kopf.
    »Äh nein. Ist das ein Problem?«
    »Kommt ganz darauf an. Wer nicht hier zur Schule geht und einen Pass haben möchte, muss die Prüfung bestehen.«
    »W-w-was denn für eine Prüfung?« Prüfung? In Louna kam gleich Panik auf. Sie mochte keine Prüfung, erst recht nicht, wenn sie unvorbereitet war. Musste sie diese gleich ablegen oder wie war das jetzt?
    »Die Prüfung dient dafür, um die Kenntnisse und Fähigkeiten des Trainers festzustellen. Es gibt eine schriftliche und eine praktische. In der Schriftlichen werden lediglich Fragen beantwortet. Man muss über achtzig Prozent davon richtig beantworten, um die Genehmigung für einen Pass zu erhalten. Bei der Praktischen geht es darum wie der Trainer mit seinem Pokémon umgeht. Ein Kampf gehört dabei auch dazu.«
    »E-ein Kampf? Ich … oh Arceus, ich hab doch nie gekämpft.« Okay, das war’s für Louna. Sie würde auf den Pass verzichten, denn die Prüfung würde sie nicht bestehen können! Sachte lächelte die Frau ihr gegenüber, die vermutlich nicht das erste Mal solch eine Reaktion gesehen hat.
    »Keine Sorge. Bei dem Kampf geht es nicht darum zu gewinnen. Die meisten sind sowieso Anfänger. Es geht wirklich mehr darum wie du mit deinem Pokémon umgehst. Das ist halb so schlimm wie sich das anhört.«
    »Okay, aber … muss ich die Prüfung jetzt sofort machen oder kann ich mir das noch mal überlegen.« Auch da gab es ein verständnisvolles Lächeln für Louna bei ihrer Frage.
    »Jetzt sofort findet sowieso keine Prüfung statt. Diese werden immer am Ende des Monats abgehalten bei denen man sich rechtzeitig vorher eintragen muss, um daran teilnehmen zu dürfen. Du hast also noch Zeit dich darauf vorzubereiten.«
    »Oh okay.« Das erleichterte Louna dann doch ein wenig. Arceus sei Dank!
    »Was wird denn bei der Prüfung alles abgefragt?«, mischte sich Dash auch noch ein. Die Dame verschwand gleich danach im Nebenraum, um von dort etwas hervor zu holen. Es war zum einen Mal das Anmeldeblatt, welches Louna ausfüllen musste und zum anderen ein dickes Buch in der viel Pokémonwissen enthalten war.
    »Dieses Buch bereitet euch auf die Prüfung vor, wenn ihr es durchgelesen und das verinnerlicht habt, was darin steht. Viele Fragen, die in der Prüfung dran kommen, können dadurch beantwortet werden. Wenn ihr möchtet, könnt ihr das Buch mitnehmen. Ihr müsst nichts bezahlen, wenn ihr es am Tag der Prüfung zurück gebt. Es wird lediglich ein Vermerk auf dem Anmeldebogen gemacht, dass ihr es ausgeliehen habt.«
    Oha, alles war genau geregelt. Louna nahm den Anmeldebogen entgegen und Dash das Buch. Sie warf ihm einen ziemlich unsicheren Blick zu. Wollte sie wirklich die Prüfung machen? Das klang nach ziemlich viel und im Augenblick fühlte sich gar nicht bereit dazu. Dash meinte trotzdem zu ihr, dass sie sich anmelden sollte, um dabei zu sein. Er würde ihr beim lernen helfen und ihr das beibringen, was auch er wusste. Eigentlich war das keine große Sache. Sie würde das schon packen, schließlich war sie nicht dumm. Mit vernünftigen Menschenverstand war so eine Prüfung auf alle Fälle zu meistern. Louna seufzte noch einmal, füllte den Anmeldebogen aus und gab ihn ab. Falls sie sich später dazu entschloss doch nicht dran teilzunehmen, konnte sie immer noch davon zurücktreten. Außerdem hatte sie noch ein paar Wochen Zeit das nötigste zu lernen und wenn Dash ihr dabei helfen wollte, dann sollte das doch für sie zu schaffen sein.



  • Hallo Alexia,


    wir haben ja schon privat miteinander über die Geschichte geschrieben, aber ich möchte die Gelegenheit auch gleich dazu nutzen, einen Kommentar zu hinterlassen. Zuallererst freut es mich zu sehen, dass sie in Kalos spielt, was so gesehen schon eine Seltenheit darstellt. Die Region ist wohl nicht so beliebt, obwohl sie das abwechslungsreichste Landschaftsbild für eine Pokémon-Region bietet und ich muss sagen, dass du das auch schon recht gut einfangen konntest. Aber alles der Reihe nach.


    Der Prolog ist relativ kryptisch und man kann eigentlich gar nicht abschätzen, was da vor sich geht. Vor allen Dingen ist er auch sehr distanziert geschrieben, was das Einfinden umso schwieriger gestaltet. "Man" ist auch eine eher ungewohnte Ausdrucksformel für eine Person und das war auch später bei Dashs Vorstellung der Fall. Es empfiehlt sich, in diesem Fall auf Pronomen wie er, sie und einige andere Anreden zurückzugreifen, wenn du die Namen an der Stelle noch nicht nennen möchtest. Ansonsten kannst du aber auch gleich die verwenden, denn später erfährt man sie ohnehin.
    Die restliche Reise gestaltet sich sehr turbulent und erfrischend ausführlich. Angefangen von einer Trainerin, die eigentlich keine ist und es auch nicht so leicht sein möchte, die erst ihre ersten Hürden überwinden muss, spinnt sich langsam ein gewisser roter Faden durch die Geschichte, der ihr wohl auch auf dem Weg zum Trainerdasein hilft. Wer weiß, ob Louna irgendwann einmal ihre Hemmungen vergisst und sich wirklich voll und ganz dem Kampf hingeben kann? Sie weiß schließlich, was für ihre Pokémon gut ist und daher könnte ich mir so eine Entwicklung mit der Zeit durchaus vorstellen; besonders mit einem so guten Lehrer wie Dash an der Seite. Es ist nicht auszuschließen, dass er sie weiterhin begleiten wird, denn nachdem er Kalos noch kaum kennt, wäre das die ideale Gelegenheit, Louna auch ein paar Nachhilfestunden zu geben. Apropos Dash: Deine Charaktere haben interessante Namen, wenn ich mir auch gleichzeitig Soul ansehe. Magst du englische Wörter als Namen generell oder war das eher Zufall?
    Davon abgesehen gehst du alle Begebenheiten recht gemächlich an. Man fühlt sich fast schon wie im Anime, in dem eine Sache pro Folge behandelt wird. Das Kämpfen, die Suche nach einer Raststätte, die Einschreibung zur Trainerprüfung; das alles hat etwas gut formatiertes an sich, denn man findet so wieder schnell in die Geschichte rein und kann einen Happen lesen. Mitunter wünsche ich mir, dass du nicht ganz so ausführlich auf gewisse Dinge eingehst - du musst zum Beispiel nicht alle Tätigkeiten und Handgriffe genauestens beschreiben -, aber sie waren so weiters auch nicht störend.


    Zum Schluss bin ich gespannt, wie es weitergeht und ich hoffe doch, man liest sich bald hier wieder. Frohes Schaffen!


    ~Rusalka

  • 11. KapitelÜbungskampf


    Den ganzen Abend über hatte Louna sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Prüfung bestehen sollte. Sie hatte auch bereits angefangen das Buch durchzublättern, welches sie erhalten hatte. Trotzdem fürchtete sie sich vor der Prüfung. Während ihrer Schulzeit damals hatte sie die Zwischenprüfungen nicht gemocht und war deswegen tierisch nervös gewesen. Selbst wenn sie ordentlich gepaukt hatte, war die Unsicherheit nie verflogen. Erst nachdem sie das Ergebnis in den Händen hielt und positiv ausgefallen war, hatte sie sich besser gefühlt.
    Sie seufzte, als sie gemeinsam mit Dash am nächsten Tag durch die Straßen von Nouvaria City ging. Das Buch hatte sie vorerst im Hotelzimmer zurück gelassen, denn für heute hatte Dash tatsächlich die Möglichkeit bekommen gegen die Arenaleiterin Viola zu kämpfen. Louna war neugierig darauf, allerdings auch nervös. Obwohl sie selbst nicht kämpfen würde, fürchtete sie, dass der Kampf nicht sonderlich angenehm werden könnte. Schließlich bestand nach wie vor Verletzungsgefahr! Trotzdem wollte sie offen gegenüber diesem Thema sein. Bisher war sie noch nie live bei einem Kampf gegen einen Arenaleiter dabei gewesen. Das würde eine Erfahrung sein, die sie bestimmt nicht so schnell vergaß - auch wenn sie nur eine Zuschauerin war. Die Arena fanden sie schnell wieder und auch die Anmeldung war innerhalb von kürzester Zeit erledigt. Trotzdem wurden sie von der Dame im Anmeldebereich darum gebeten, noch ein wenig zu warten, denn Viola schien noch nicht da zu sein. Um die Wartezeit nicht mit Schweigen zu verschwenden, richtete Louna sich an Dash. Neugierig war sie sowieso!
    »Wirst du Raku eigentlich einsetzen? Oder welches Pokémon nimmst du?«, wollte sie von ihm wissen. Die eigenen Fragen führten sie automatisch zu einer weiteren, weswegen sie ein wenig verwirrt drein sah.
    »Wie viele Pokémon darfst du denn überhaupt einsetzen?«, fragte sie zusätzlich.
    »In Arenakämpfen ist es üblich zwei bis fünf Pokémon einzusetzen. Aber die maximale Anzahl hängt immer von der Arena selbst ab. Mal sehen was Viola vorgibt. Daran orientiere ich mich.«, erklärte Dash.
    »Okay. Mhmm … hast du denn so viele Pokémon überhaupt, falls du fünf einsetzen darfst?« Die Frage mochte ein wenig komisch sein, für Louna aber war sie völlig normal. Schließlich hatte sie selbst nur zwei Pokémon und davon war eines noch ihrer Meinung nach zu jung, um wirklich zu kämpfen. Dash hingegen grinste sie einfach nur an.
    »Natürlich. Daran dürfte es nicht scheitern.« Genug hatte er, das stellte keine Probleme dar, aber er selbst vermutete, dass es gar nicht dazu kam die maximale Anzahl einzusetzen.
    »Hey ihr! Wollt ihr etwa die Arenaleiterin herausfordern?«, erklang eine fremde Stimme. Louna und Dash drehten sich, um die Person ansehen zu können, die direkt auf sie zukam. Es schien sich dabei um einen Jugendlichen zu handeln, der vielleicht sogar von der Trainer-Schule stammte. Aber das war lediglich eine Vermutung von Louna. Wissen tat sie es nicht.
    »Jap, ich will gegen Viola kämpfen.«, antwortete Dash dem Jungen, der gut einen Kopf kleiner als er selbst war. Die strubbeligen braunen Haare hingen dem Jungen fast bis in die Augen. Seine Klamotten waren lässig und weil es draußen derzeit angenehm warm war, nicht heiß, trug er eine kurze Hose.
    »Ah, alles klar. Ich bin Matze. Ich gehöre auch zur Arena!«, stellte sich der Junge vor.
    »Du gehörst zur Arena? Wie meinst du das?«, fragte Louna, die nicht ganz verstand, was Matze damit meinte.
    »Das heißt, du kannst gegen ihn auch kämpfen, bevor du gegen die Arenaleiterin antrittst. Dadurch kann man herausfinden, ob man gegebenenfalls schon gut genug ist oder doch noch mehr Training benötigt.«, erklärte Dash an Matzes Stelle. Louna sah Dash fragend an.
    »Ach echt?«
    »Yeah, ganz genau! Und wie sieht’s aus? Willste kämpfen?«, wollte Matze gleich von ihr wissen und grinste über das ganze Gesicht.
    »Ääääh, was? Ich? N-nein! Ich hab keine Ahnung davon! Außerdem will doch Dash … !«
    »Hey, das wäre doch ein netter Übungskampf.«, schlug Dash vor und handelte sich einen bösen Seitenblick von Louna ein. Verzeihend zuckte er mit den Schultern.
    »Du bist noch eine Anfängerin?«, wollte Matze interessiert wissen.
    »Ja.«, antwortete Louna verlegen. Warum war ihr diese Tatsache auf einmal peinlich? Sie hatte sich für nichts zu schämen!
    »U-und ich hab eh noch keinen Trainer-Pass, also wird nichts aus dem Kampf.«, sagte sie schnell, um hoffentlich dem zu entrinnen. Doch sowohl Matze als auch Dash fegten diese Tatsache einfach zur Seite.
    »Ist nicht weiter schlimm. Ohne Pass kannst du zwar in der Arena nicht antreten, aber Übungskämpfe kannst du trotzdem machen.«, sagte Matze.
    »Genau! Nutze doch die Gelegenheit gleich mal!«, fügte Dash hinzu.
    »Oh man, aber du wolltest doch hier kämpfen!«, entgegnete Louna Dash.
    »Stimmt schon, aber Viola ist eh noch nicht da. Also los!« Dash wandte sich an den Jugendlichen.
    »Hey Matze, wäre eins gegen eins für dich okay? Louna hat wie gesagt noch nicht viel Erfahrung.«
    »Kein Problem, geht klar. Du bist also Louna, ja?« Stimmt, vorgestellt hatten sie sich noch gar nicht.
    »Richtig.« Louna sah nicht besonders glücklich aus. Warum ließ sie sich auch zu so etwas nötigen?
    »Ich bin Dash, freut mich.«
    »Mich ebenfalls. Lasst uns nach hinten gehen, ja? Da ist mehr Platz!«, bot Matze an und ging gleich weiter.
    »Menno … «, jammerte Louna, die von Dash einfach mitgeschleift wurde.
    »Komm schon, das wird nicht so schlimm wie du glaubst. Und selbst wenn du verlierst, ist das nicht tragisch. Du und Arcus können nur gewinnen. An Erfahrung!«
    »So habe ich mir das aber eigentlich nicht vorgestellt … «, meinte Louna kleinlaut. Dash grinste immer noch, als sie nach hinten gingen in den Kampfbereich.
    Die Halle war sehr groß und überall hingen Seile, die wie Spinnennetze aussahen. Nicht besonders erfreulich für Louna, die Krabbeltierchen doch gar nicht mochte. Man konnte ihr ansehen wie unwohl sie sich fühlte. Besonders als Matze auf seine Position ging und nur darauf wartete, dass sie auch bereit war. Vom Platz her dürfte es keine Probleme geben, aber wenn hier irgendwas in Brand gesetzt wurde, könnte das vielleicht gefährlich werden. Was Louna nicht sah: Die Arena war natürlich mit Sicherheitsmaßnahmen ausgerüstet, wie jede Arena es sein sollte. Es gab versteckte Rauchmelder, die besonders in dieser Arena eine wichtige Rolle spielten. Käfer-Pokémon waren bekanntermaßen anfällig auf Feuer. Es gab viele Herausforderer, die diesen Vorteil ausspielen wollten und deshalb mit Feuer-Pokémon ankamen oder mit welchen, die Feuerattacken beherrschten. Da konnte einiges schief gehen, wenn man nicht vorbereitet war.
    Louna schlotterten im übertragenem Sinne die Knie, aber Dash hatte Recht: es war egal, ob sie gewann oder verlor. Wichtig war die Erfahrung an sich und die würde sie sammeln müssen. Da führte kein Weg dran vorbei. Es sei denn, sie wollte einen Rückzieher machen und ihre Pokémon nicht mehr trainieren. Doch das wäre schwachsinnig. Louna würde es tun, egal wie das jetzt ausging. Wenn es zu gefährlich wurde, könnte sie immer noch abbrechen.
    »Bereit? Dann wähle dein Pokémon, das du einsetzen möchtest!«, rief ihr Matze zu. Sie nickte und holte ihren Pokéball aus ihrer Tasche, die sie bei sich trug. Arcus hatte sie heute extra im Ball verschwinden lassen, da eigentlich Dash hier kämpfen und sie nicht unbedingt Arcus herum laufen lassen wollte. Wer weiß wie so ein Arenakampf schon ablief - wie viel Temperament vorhanden war. Dash, der nur ein paar Schritte von ihr entfernt stand, kam zu ihr.
    »Lass doch auch Chiari raus. Dann kann sie mit zu gucken.«, schlug er vor.
    »Was? Wozu denn?«
    »Kann auf jeden Fall nichts schaden, glaube mir. Ich passe schon auf sie auf, versprochen.« Dash lächelte und Louna zuckte mit den Schultern. Dann eben auch Chiari. Zuerst rief sie »Arcus!« aus seinem Ball und kurz darauf auch: »Chiari!«
    Das junge Evoli schüttelte sich einmal durch und wurde dann von Dash auf den Arm genommen. Kurz nur sah Chiari verwirrt drein ehe es sich von Dash streichelnder Hand überzeugen ließ und zufrieden schnurrte. So gefiel ihr das natürlich sehr! Louna lächelte bei dem Anblick und sah dann ihr Arcus an. Erwartungsvoll wartete er darauf, was kommen würde, allerdings schnüffelte er in der Luft ein wenig umher. Dieser Ort war ihm fremd und am liebsten würde er ihn erkunden. Doch er blieb bei Louna, bis diese ihre Aufmerksamkeit rüber zu Matze warf.
    »Was ist denn das für ein Pokémon? Etwa Feuer?«, wollte dieser gleich wissen. Fukanos kannte er gar nicht, schließlich gab es diese nicht in Kalos. Er hatte bisher auch noch nie eines gesehen gehabt. Louna nickte erneut.
    »Ja, das ist ein Fukano. Mein Onkel brachte es mir aus Kanto mit.«
    »Echt? Wie cool. Trotzdem sind Käfer viel besser! Los Giero, du bist dran!«, rief Matze und warf seinen Ball nach vorn. Dieser öffnete sich noch während des Flugs und wie nicht anders erwartet, erschien ein Käfer-Pokémon. Es war nicht sonderlich groß, besaß aber eine auffällige blaue Körperfarbe, die Louna ein wenig irritierte. Vom Körper gingen mehrere dünne blaue Beine aus und nach oben führte eine gelbe Spitze in die Höhe. Es sah ein wenig seltsam aus, was Louna gar nicht recht beschreiben konnte. Da sie nicht viel Ahnung von Käfern hatte, sich aber an ihr elektronisches Lexikon erinnerte, zückte sie ihren Pokédex hervor. Kurz darauf konnte sie auch schon ein paar Daten nachlesen. Bei Giero handelte es sich um die Art Gehweiher. Ein Käfer-Pokémon, welches meistens an Bächen und Flüssen lebte. Es schien wohl auch die Affinität zum Wasser zu besitzen. Das bedeutete, dass es durchaus auch im Vorteil gegenüber Arcus sein konnte. Louna machte sich schon jetzt Sorgen noch ehe der Kampf überhaupt begonnen hatte.
    »Okay, weil du Neuling bist, überlasse ich dir den Anfang. Du darfst beginnen!«, rief Matze ihr zu. Sie durfte beginnen? Und wie?
    Louna, mach dich nicht lächerlich, mahnte sie sich selbst. Jeder wusste, dass man ein paar Befehle bellen musste und dann ging der Kampf los. Das Problem war nur, dass sie Arcus noch nicht wirklich trainiert hatte. Mist.
    »Also gut, dann werde ich mal … «, redete sie mit sich selbst.
    »Arcus!«, rief Louna, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf das Gehweiher.
    »Los geht’s: Biss!« Ob das funktionierte? Alle Augen beobachteten die Situation ganz genau, doch egal was man erwartete, es kam nicht so wie es sein sollte. Arcus sah immer noch Louna an und schien nicht ganz zu begreifen, was sie von ihm wollte. Er sah zwar auch in die andere Richtung und damit zum Gehweiher und zu Matze, aber schlussendlich kehrte sein Blick wieder zu Louna zurück.
    »Oh je, ich sehe schon. Dein Arcus braucht ein bisschen mehr Motivation. Na fein, dann los Giero! Ruckzuckhieb!« Kaum hatte Matze den Befehl gegeben, da lief das Gehweiher bereits los. Schneller als Louna erwartet hätte! Der Käfer flitzte über den Boden mit seinen dünnen Beinchen direkt auf Arcus zu. Das Fukano selbst bekam die Bewegung mit und registrierte auch, dass Gehweiher auf ihm zu lief. Was es auch war, es reichte aus, um Arcus in Bewegung zu setzen. Das Fukano spielte zwar gern, aber wenn etwas so direkt auf ihn zu kam, war das schon eine Herausforderung. Arcus wich von allein aus und lief vor dem Gehweiher weg, was ihm hinter her setzte.
    Der Anblick war köstlich. Dash hätte zu gern gelacht, aber das hätte Louna nur noch mehr verunsichert. Diese wusste in diesem Augenblick nicht, was sie tun sollte. Wenn sie wieder Arcus rief, damit er den Biss einsetzte, würde er vermutlich wieder nicht wissen, was sie von ihm wollte. Aber Arcus reagierte bereits instinktiv. Da er keine Lust hatte, die ganze Zeit vor dem Gehweiher wegzulaufen, blieb er stehen, drehte sich um und knurrte. Das anfängliche Knurren reichte nicht aus, um Giero zum Stoppen zu bringen. Das begriff auch Arcus, dessen Stimme lauter und drohender wurde und somit ein Brüllen ausstieß. Das zeigte viel mehr Wirkung. Gehweiher unterbrach sein Heranstürmen und schien verunsichert zu sein. Die Zähne des Fukanos wirkten auch nicht sonderlich einladend, denn Arcus knurrte immer noch. Sein Nackenfell sträubte sich.
    »Louna, das ist der perfekte Moment. Versuch’s noch einmal!«, rief Dash der jungen Trainerin zu. Arcus Aufmerksamkeit war auf den Käfer gerichtet, trotzdem bekam er mit, was in seinem Umfeld passierte, besonders gut hörte er Lounas Stimme, als diese erneut rief: »Arcus, Biss!«
    Arcus schien sich auch an die Übung vor zwei Tagen zu erinnern und lief nun seinerseits auf das Gehweiher zu. Das Spiel wurde umgedreht, der Käfer rannte vor dem Feuerhund davon, um auszuweichen, aber Arcus war schnell.
    »Vorsicht, Giero!«, rief Matze, der nun selbst besorgt um sein eigenes Pokémon war.
    »Setze deinen Blubber ein!« Wie auch schon zuvor reagierte Giero sofort, blieb stehen und drehte sich zu Arcus um. Nur eine Sekunde später sprudelten mehrere Wasserblasen aus der Mundhöhle von Giero und schossen Richtung Arcus. Leider war das Fukano zu überrascht und nicht schnell genug, um auszuweichen. Deswegen bekam Arcus die volle Ladung ab und winselte auf. Normalerweise taten ein paar Wasserblasen nicht weh, aber bei einem Pokémon, das empfindlich gegenüber diesem nassen Element war, hatte es durchaus Auswirkungen. Die Wasserblasen ließen das Fell des Fukanos feucht werden und ähnlich als würde ein Pflanzen-Pokémon von einer Glut-Attacke getroffen werden, war es für ein Feuer-Pokémon wie Arcus sehr unangenehm von Blubber getroffen zu werden. Louna konnte verstehen, dass Arcus nicht begeistert war. Aber das war noch kein Grund aufzugeben. Denn jetzt schien Arcus Leidenschaft richtig entflammt zu sein. Nachdem es sich wieder gefangen hatte, stürmte es direkt auf Gehweiher los und warf sich auf dieses. Die Zähne versuchten das andere Pokémon zu beißen. Giero wollte sich das nicht gefallen lassen, aber da wurde es auch schon von Arcus gepackt und an einem der dünnen Beine mit den Zähnen festgehalten. Arcus knurrte drohend.
    »Nein! Giero noch einmal Blubber!«, rief Matze. Leichte Panik lag in seiner Stimme. Im Nahkampf war Giero auf jeden Fall unterlegen. Andersherum hatte Arcus auch den Nachteil, wenn es so nahe bei Giero war, dass es direkt vom Blubber getroffen werden konnte. Genau das war jetzt das Risiko. Arcus schien diese Gefahr zu wittern und ließ das Gehweiher los, noch ehe es die ersten Blubberblasen ausstoßen konnte. Mit schnellen und wendigen Bewegungen nahm er Abstand zum Käfer und lief zu Louna. Der Blickkontakt war intensiv und selbst jemand, der nicht viel Ahnung von Pokémon hatte, konnte erkennen, dass zwischen den beiden bereits eine tiefere Verbindung bestand. Zufrieden lächelte Dash über den Anblick und dem Verlauf des Kampfes. Noch war nichts entschieden, aber die ersten Erfahrungen waren gemacht.
    Louna war erleichtert, dass es ihrem Fukano noch gut ging. Der erste Schlagabtausch war zwar vollbracht, dennoch war der Kampf noch lange nicht vorbei. Entweder würde Giero oder Arcus gewinnen. Eine andere Möglichkeit gab es einfach nicht.
    »Na schön, Arcus!« Sie rief erneut ihr Pokémon und deutete dann auf Giero. Diesmal schien Arcus besser zu verstehen. Seine Aufmerksamkeit wanderte zurück zum Käfer, der nur darauf wartete, wieder mit seiner Blubberattacke los zu legen.
    »Versuche es erneut zu beißen. Biss!«, forderte Louna. Die selbstbewusste Stimme reichte aus, um Arcus voran preschen zu lassen. Dash staunte nicht schlecht und verstand, dass Arcus ein schlaues Kerlchen war. Es brauchte nicht viel, um ihm etwas beizubringen. Das würde beim Trainig auf jeden Fall ein großer Vorteil sein. Dash war sich sogar sicher, dass aus Arcus ein guter Kämpfer werden konnte, wenn es Louna nur richtig anstellte. Chiari, die auf seinem Armen noch immer war, zappelte unruhig herum. Sie fiepste auf und schien mitmischen zu wollen. Zumindest wollte sie hinter her laufen. Aber das durfte sie nicht. Dash hielt sie fest und versuchte sie mit ein paar Streicheleinheiten zu beruhigen.
    Arcus jagte das Gehweiher solange, bis es auf eines der Seile hinauf gelangte. Da Arcus nicht dafür gemacht war auf Seilen herum zu turnen, konnte er auch nicht hinter her. Der Kopf in Nacken gelegt, konnte Arcus nur dabei zu sehen wie das andere Pokémon auf den Seilen ohne Mühe balancierte.
    »Tjahahaha, das ist unser Vorteil!«, jubelte Matze und brüllte bereits kurz darauf: »Blubber!« Giero reagierte wieder sofort und schoss eine Ladung der Wasserblasen in Richtung Arcus ab. Dieser war wenig begeistert und wich so gut aus wie er eben konnte. Die beste Möglichkeit war, so viel Abstand wie möglich zu nehmen. Dadurch kam allerdings Arcus auch nicht an das Gehweiher heran und konnte es nicht beißen. Was sollten sie tun? Louna biss nervös auf ihrer Unterlippe herum. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie vertieft sie selbst in diesem Kampf war und wie angestrengt sie versuchte den Kampf für sich mit Arcus zu gewinnen. Verlieren wollte sie nicht. Es war, als wäre sie jemand anderes und trotzdem war sie immer noch Louna. Dash hätte es nicht gewundert, wenn sie auf der Stelle begann auf und ab zu wippen oder hin und her zu tänzeln. Viele Trainer eiferten beim Kampf mit und konnten kaum still stehen bleiben.
    Leider half das jetzt nicht bei dem Problem, dem Arcus gegenüber stand. Louna konnte schließlich nicht einfach an den Seilen hoch klettern, um Giero dort runter zu holen. Arcus kam also überhaupt nicht dran, während Giero selbst dort oben entlang klettern konnte. Das tat es auch, um sich Arcus zu nähern und es mit Blubber anzugreifen. Zwar konnte Arcus ausweichen, aber dieses hin und her würde am Ende zu nichts führen. Außer vielleicht dazu, dass irgendeiner von ihnen aufgeben musste. Vor Erschöpfung. Das könnte noch eine ganze Weile dauern, was weder Louna gefiel noch Matze. Doch Matze sah dem gelassen entgegen. Louna könnte schließlich einfach aufgeben. Ihm wäre das nur recht. Davon überzeugt, absolut im Vorteil zu stehen, verschränkte Matze die Arme vor der Brust und grinste.
    »Tja, sieht so aus, als wenn der Kampf sich für mich und mein Giero entscheiden würde.«, sagte er großspurig und grinste noch immer.
    Ja, ja, der Esel nennt sich immer zuerst, dachte sich Louna, sagte aber nichts. Sie biss die Zähne zusammen und dachte nach. Leider kam sie auf keine passende Lösung. Arcus war im Nachteil. Er kam nicht an Giero heran. Das war doch zum Miltank melken!
    »Louna, vergiss nicht, dass Arcus ein Feuer-Pokémon ist!«, rief Dash ihr zu. Sie sah zu ihm rüber.
    »Das weiß ich, aber was soll ich denn machen? Arcus kann doch nur beißen.« Na ja und brüllen. Das hatte sie mitbekommen.
    »Bist du dir sicher?«, stellte Dash diese Behauptung in Frage und deutete mit einem Kopfnicken zu Arcus rüber. Louna war evrwirrt und sah zu ihrem Liebling. Was sie sah, verwirrte sie noch mehr. Arcus stand geduckt da, die Zähne fest aufeinander gedrückt, dabei knurrend. Die Lefzen waren hoch gezogen, weshalb man die Zähne sah und dadurch eben auch, was sich noch abspielte. Funken? Irgendetwas glühte zwischen den Zähnen. Louna glaubte sogar einen Funken heraus fallen zu sehen, der sich mitten im Flug auflöste, weil er verglühte. Könnte es sein, dass Arcus doch mehr drauf hatte, als ihr bisher bewusst gewesen war?
    »Aber … ?« Selbst wenn dem so wäre, wie sollte sie Arcus dazu bringen sein Feuer einzusetzen? Kannte er denn die Befehle? Nein, woher denn auch!
    »Arcus, greif wieder an! Biss!«, versuchte es Louna. Sie wusste ganz genau, dass Arcus nicht an Gehweiher heran kam. Nicht so ohne weiteres, dennoch folgte sie einer inneren Eingebung, die sie hatte. Ob das funktionierte, wusste sie nicht. Doch so wie Arcus sich auf das Gehweiher fixierte, könnte es vielleicht doch klappen. Denn Arcus versuchte an Giero ran zu kommen, konnte es aber nicht. Das ärgerte scheinbar das Fukano selbst, das am Boden hin und her tänzelte, hier und da den Blubberblasen auswich und doch wieder versuchte nach dem Käfer zu schnappen. Giero war einfach zu weit oben. Das schien Arcus nur noch mehr aufzuregen. Das ganze Spielchen dauerte ein paar Minuten ehe Arcus sich zu seiner vollen Größe aufrichtete, tief Luft holte und dann tatsächlich einen Schwall von Feuer ausstieß.
    »Das ist Glut!«, rief Dash. Die Glutfunken sprühten dem Gehweiher zwar entgegen, trafen es aber noch nicht.
    »Was?« Matze schien auch überrascht zu sein, spannte sich wieder an und gab seinem Giero Anweisungen immer wieder Blubber einzusetzen, um mögliche Feuerattacken abzuwehren.
    Arcus, der sein inneres Feuer für sich entdeckt hatte, brauchte gar keine Anweisungen. Er spie immer wieder von allein die Glutattacke dem Gehweiher entgegen. Allerdings erkannte Louna sehr schnell, dass das zu keinem Erfolg führen würde. Auch wenn das eine Mal Giero fast getroffen worden war, so konterte es danach immer wieder mit Blubber, so dass die Glut erlosch noch ehe sie den Käfer traf. So kamen sie auch nicht weiter. Anders jedoch schon!
    »Arcus!«, rief sie ihren Freund, musste dann aber doch einmal mit den Fingern pfeifen, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen, weil er so vertieft in seinem Tun war. Als er zu ihr sah, lief er auch ein Stückchen ihr entgegen.
    »Arcus, schau!« Sie deutete nach oben zu den Seilen.
    »Setzt deine Glut ein!« Louna war nicht sicher, ob er sie wirklich verstand. Er sah fragend drein bellte und knurrte leise vor sich hin und spuckte ein Schwall Glut aus. Es dauerte einen Moment länger und es brauchte auch den glücklichen kleinen Zufall, dass die Glut auf die Seile traf, ehe Arcus langsam auch verstand, was seine Trainerin von ihm wollte. Denn immer wieder deutete sie auf die Seile, rief »Glut!« und wollte ihm begreiflich machen worauf er seine Aufmerksamkeit legen sollte. Zwar würde das Pokémon nicht sofort verstehen, welchen Effekt das alles hatte. Aber wenn Louna von ihm wollte, dass er die Seile ankokelte, dann tat Arcus das eben. Und es hatte seinen Effekt! Auch Matze verstand, worauf Louna hinaus wollte und wies Giero dazu an wieder Blubber einzusetzen. Doch es war bereits zu spät. Die Seile fingen Feuer. Zwar kein großes, aber es reichte aus, dass sie an den getroffenen Stellen verbrannten bis das erste Seil riss. Ein bisschen erschrak Arcus, als das Seil mit einem leisen Peitschenklang auseinander riss. Die Stabilität, die das Seilkonstrukt bisher geliefert hatte, geriet nun ins Wanken. Arcus feuerte noch ein paar mehr Glutattacken ab und sorgte dafür, dass noch mehr Seile auseinander rissen. Giero konnte sich dadurch nicht mehr weiter frei über den Boden bewegen. Außerdem wies Louna Arcus dazu an, die Seile anzugreifen, auf denen Giero saß. Das war nun der entscheidende Durchbruch für das Feuer-Pokémon. Es brauchte nicht viel Anstrengung und Giero fiel bereits gen Boden, als es keine Ausweichmöglichkeit mehr fand. Arcus brauchte sich nicht zweimal bitten zu lassen und rannte auf Giero zu. Mit einer weiteren Glutattacke wurde Giero angegriffen und einen Stoß gab es von dem Fukano auch noch, so dass Giero ein paar Meter weiter flog und am Ende rollte. Das reichte aus, um das Käfer-Pokémon außer Gefecht zu setzen. Louna gewann diesen ersten Kampf ohne es wirklich begreifen zu können. Erst als Dash begeistert in die Hände klatschte und jubelte, wurde ihr klar, was gerade passiert war.
    Und sie sah verdammt verwirrt aus.



  • 12. Kapitel - Fotografenherz


    Unglaublich. Noch immer stand sie da und rührte sich nicht. Hatte sie gerade gekämpft? Und dann auch noch gewonnen? Dash kam zu Louna gelaufen und strahlte selbst über das ganze Gesicht.
    »Na, wie fandest du es? War doch super! Arcus hat sogar gewonnen.« Seine braunen Augen strahlten genauso wie sein Lächeln. Es war ansteckend, deswegen musste Louna auch lächeln. Endlich! Denn langsam begriff sie auch, was eben geschehen war. Sie hatte zum ersten Mal selbst einen Pokémon-Kampf ausgefochten und trotz der Unerfahrenheit hatte es irgendwie geklappt, den Gegner zu besiegen. Das verdankte sie keineswegs ihren eigenen Fähigkeiten, das wusste sie. Es war Arcus’ Verdienst, dass sie beide gewonnen hatten. Er saß vor ihr und sah sie mit seinen treuen Augen an. So süß und liebenswert, dass sie kaum glauben wollte, dass er eben noch gegen ein Geweiher gekämpft hatte. Louna beugte sich hinab und strich über das blonde Kopffell ihres Freundes.
    »Das hast du super gemacht!«, lobte sie ihn. Arcus bellte als Antwort und stellte sich auf die Hinterpfoten, um ihr über das Gesicht zu lecken. Seine Rute wackelte hin und her und er ließ sich nur all zu gern von ihr kraulen.
    »Das hat er sich auch verdient«, lachte Dash bei dem Anblick. Matze, der leider verloren hatte, kam zu ihnen rüber. Er hatte bereits Giero zurück in seinen Pokéball gerufen und nahm die Niederlage gelassen hin.
    »Nicht schlecht. Obwohl dein Arcus nicht zwangsläufig einen Typenvorteil hatte und durch die Wasserattacken meines Pokémon hätte besiegt werden können, habt ihr euch echt gut geschlagen. Raffiniert, die Seile einfach durch zu fackeln.« Besonders der letzte Satz ließ Louna zu Matze schauen und ein erschrockenes Gesicht machen.
    »Oh je, die Seile! Ist das schlimm, dass sie jetzt kaputt sind?« Lounas braungoldene Augen wanderten zu dem Konstrukt über dem Boden, das sich bis hoch unter die Decke wand. Die Seile ergaben ein riesiges Spinnennetz, doch jetzt war durch ihre Aktion mit Arcus’ Feuer die Stabilität nicht mehr so gegeben wie zuvor. Zwar fiel nicht alles hinunter, aber es gab Stellen, die die Pokémon nicht mehr ausnutzen konnten. Überrascht sah Louna, dass Matze eine wegwerfende Handbewegung machte.
    »Nicht tragisch. Arenen sind darauf vorbereitet, dass in den Kämpfen etwas zu Bruch gehen kann. Das gehört dazu. Die Seile wurden schon etliche Mal durchgeschnitten oder durch Feuer abgebrannt.« Louna machte große Augen bei Matzes Erklärung.
    »Wenn das so ist, gibt es dann keine andere Möglichkeit etwas Feuerfestes aufzuspannen?«, wollte sie wissen.
    »Wozu? Genau darum geht es doch. Die Gegner sollen die Chance haben, den Arenakampfplatz zu nutzen und gegebenenfalls ihre Vorteile daraus ziehen.« Langsam verstand Louna, worauf es ankam. Zwar hatte sie noch viel zu lernen, aber ihr ging auf, dass diese Arena zwar für Käfer-Pokémon konzipiert war, aber auch allen anderen Pokémon die Möglichkeit bieten sollte hier zurecht zu kommen. Nicht jedes Pokémon konnte nach oben klettern. Das hatte man an Arcus deutlich gesehen. Es war wichtig, dass es dann auch andere Möglichkeiten gab oder der Herausforderer musste eben doch ein anderes Pokémon einsetzen. Alles hier feuerfest zu gestalten, würde zwar dafür sorgen, dass die Arena durch Feuerattacken keinen Schaden nahm, jedoch konnte man solche Raffinessen wie vorhin nicht einsetzen. Louna nickte nachdenklich. Wenn sie ehrlich war, war sie nun echt neugierig geworden, wie andere Arenen aufgebaut waren. Ob sie genauso waren wie hier? Aber nicht jeder Arenaleiter nutzte Käfer-Pokémon.
    »Wow, das ist echt toll!« Als die unbekannte Stimme erklang, drehten sich alle um. Eine junge Frau war gerade dabei den Kampfplatz zu betreten und kam auf die kleine Gruppe zu. Sie hatte helles blondes Haar, war eher lässig gekleidet und hielt eine Kamera vor sich hin. Sie achtete mehr auf das Display ihrer Kamera als darauf, wo sie lang ging.
    »Viola!«, rief Matze und rannte auf sie zu. »Hast du wieder Fotos gemacht?«, wollte er von ihr wissen. Viola sah von ihrer Kamera auf und grinste Matze an.
    »Ja, schau mal!« Sie drehte ihre Kamera so, dass Matze einen Blick auf das Display werfen konnte.
    »Hey, das will ich auch in groß mal sehen!«, meinte er. Louna und Dash, die nicht zu Viola gegangen waren, sahen sich fragend an. Das war doch die Arenaleiterin, richtig? Louna hatte Viola bereits in Zeitschriften mal gesehen, aber noch nie persönlich getroffen. Eben jene kam nun auf die beiden anderen zu und lächelte erfreut.
    »Toller Kampf. Ich konnte ein paar interessante Fotos machen«, meinte sie als Begrüßung. Louna sah erschrocken drein.
    »Fotos?« Hatte Viola etwa die ganze Zeit zugesehen? Eben jene nickte auf die Nachfrage hin und zeigte Louna kurz darauf bereits ein Bild, auf dem Lounas Fukano zu sehen war wie es die Feuerattacke Glut einsetzte und auf die Seile warf.
    »Echt fabelhaft. Dein Pokémon ist ein schönes Motiv! Ich würde ihn auch gern mal in anderen Situationen fotografieren.«
    »Äh, öh … okay?« Völlig verblüfft war Louna, die damit gar nicht gerechnet hatte. Viola selbst war sehr gelassen und schien die Ruhe weg zu haben. Sie sah von ihrer eigenen Kamera auf und blickte sie direkt an.
    »Bist du hier, um auch gegen mich zu kämpfen?«, wollte sie von Louna wissen, die sofort energisch den Kopf schüttelte. Der Kampf gegen Matze mochte eine Übung gewesen sein, aber gegen eine Arenaleiterin würde Louna definitiv nicht antreten! Da hätte sie doch keine Chance!
    »E-er ist der Herausforderer!« Louna deutete sogleich auf Dash, der von ihr zu Viola wieder blickte.
    »Äh, ja, ich wollte kämpfen.« Er lächelte Viola an.
    »Oh, ach so! Nun, wenn dem so ist, können wir gerne gleich anfangen. Darf ich vorher erfahren, wie viele Orden du bereits hast?«, wollte Viola wissen. Diese Frage stellte sie immer am Anfang, denn dadurch konnte sie in etwa einschätzen wie gut ihr Gegenüber sein würde. Ob sie eher die Pokémon nehmen musste, die gegen Anfänger-Trainer kämpfen sollten oder ob sie nicht ihre Käfer wählte, die schon sehr viel besser trainiert waren. Ein Arenaleiter hatte die Pflicht, sich seinem Gegenüber anzupassen, allerdings war es auch wichtig, ihn nicht einfach gewinnen zu lassen. Sie sollten den Herausforderer schließlich testen, wie gut er wirklich war.
    »Acht Orden«, berichtete Dash und Louna sah erstaunt aus. Genauso auch Viola.
    »Ach, wirklich? Entschuldigung, warst du schon mal hier? Ich kann mich leider nicht … « Dash schüttelte bereits den Kopf.
    »Nein. Die Orden habe ich aus anderen Regionen gesammelt. Du wärst die erste Leiterin, die ich in Kalos herausfordere«, erklärte Dash.
    »Oooh, so ist das. Interessant. Aber wenn du schon so viele Orden besitzt, dann hast du auch schon einiges an Erfahrung. Das heißt für mich, dass ich meine stärkeren Pokémon einsetzen kann.« Es war schon eine Weile her, dass Viola diese Chance bekam. In der letzten Zeit waren hauptsächlich Trainer zu ihr gekommen, die erst einen oder gar keinen Orden besessen hatten und demzufolge noch ganz am Anfang standen. Das war zwar alles schön und gut, aber manchmal vermisste sie auch die stärkeren Herausforderer. Schön, dass heute so ein Tag war, an dem sie noch mehr gefordert wurde!
    »Also dann, Matze?« Viola brauchte nicht viel zu dem Jungen zu sagen, da flitzte er auch schon davon und holte den Schiedsrichter, der den Arenakampf überwachen würde und schlussendlich auch den Sieg oder die Niederlage verkündete. Ein paar Minuten später kam jener, der ganz normale Kleidung trug, allerdings auch einen Ausweis um den Hals hängen hatte, der ihn als offiziellen Schiedsrichter auswies. Damit würde sein Urteil am Ende offiziell und anerkannt werden und wenn Dash gewinnen sollte, würde er auf jeden Fall das Recht besitzen den Orden der Arena einzufordern. Falls denn die Arenaleiterin diesen nicht herausrücken wollte. Aber so etwas war noch nie vorgekommen. Trotzdem gab es allgemeine Regeln, die man beachten musste, weil sie wichtig waren. Hinzu kamen nun auch jene, die für den aktuellen Kampf notwendig waren.
    »Jeder von uns darf jeweils drei Pokémon einsetzen. Gewinner ist derjenige, der den Kampf am Ende für sich entscheiden kann und noch mindestens ein einsatzfähiges Pokémon hat. Bist du damit einverstanden … äh … ?« Viola fiel auf, dass sie den Namen ihres Herausforderers noch gar nicht wusste.
    »Dash«, sagte er lächelnd und nickte. »Ja, ich bin einverstanden.«
    »Gut«, bestätigte sie. »Ich glaube, ich habe noch gar nicht gesagt wie ich heiße, richtig? Ich bin Viola, Arenaleiterin von Nouvaria City und leidenschaftliche Fotografin! Zeig mir dein Bestes, denn ich will tolle Fotos machen, klar?« Was sie mit Letzterem ausdrücken wollte, war weder Louna noch Dash wirklich klar, aber trotzdem nickte Dash. Er würde sein Bestes geben, das war doch vollkommen klar.
    Bevor er selbst seinen Platz einnehmen konnte, musste er zuvor die kleine Chiari, die er immer noch auf dem Arm hielt, Louna zurück geben.
    »War sie auch brav gewesen?«, wollte Louna in diesem Moment wissen und nahm Chiari an sich. Die Kleine fiepste auf und begann wieder zu schnurren, als sie ein bisschen gekrault wurde.
    »Ja, war sie und ich empfehle dir, sie auch zu trainieren. Sie hat einen eindeutigen Bewegungsdrang«, grinste Dash sie an und ging auf seine Position am Rande des Kampfplatzes. Diesmal war es wirklich Louna, die als Zuschauerin hier dabei sein würde. Sie eilte auf die andere Seite zum Rand, wo es auch Zuschauerplätze gab, auf denen sie sich nieder lassen konnte. Arcus folgte ihr und setzte sich dann direkt neben sie hin. Er hatte seine Pause verdient.
    »Bereit?«, rief Viola, die auch ihre Position gegenüber auf der anderen Seite eingenommen hatte.
    »Klar!«, antwortete Dash. Der Schiedsrichter gab die Anweisungen, dass der Kampf nun beginnen würde. Viola hielt ihren Pokéball bereit und rief ihr erstes Pokémon.
    »Auf geht’s, Pearl!« Louna sah gespannt dabei zu wie aus einem so kleinen Ding wie einen Pokéball ein größeres Pokémon erschien. Die Konturen wurden schnell klar und dann kamen die Farben hinzu. Der Ruf des Pokémon war hell und hoch, die Flügel flatterten in einem schnellen Tempo, um den sonst eigentlich recht kleinen Korpus in der Luft zu halten. Die Färbung dieser Flügel war in einem schlichten weiß mit schwarzen Linien und nur wenigen dunkleren Flecken. Louna runzelte die Stirn. Sie hatte davon gehört, dass Vivillon viele verschiedene Farben besaß, was die Färbung der Flügel anbelangte, aber das hier war doch kein Vivillon, oder?
    »Hey, das ist ja ein Smettbo, wie cool!« Dash lieferte prompt die Antwort, denn er war begeistert ein Pokémon zu sehen, dass in seinem Heimatland weit verbreitet war. Er mochte Smettbos und es war nicht das erste Mal, das sein Gegner so eines einsetzte. Viola stand mit einer Hand in der Hüfte gestützt da und lächelte selbstbewusst drein.
    »Na dann los, ruf dein Pokémon!«, forderte sie von ihm. Dieser Aufforderung kam Dash sofort nach.
    Sein »Kuro!« erschien nur wenige Augenblicke später auf dem Kampfplatz. Louna war von diesem Anblick genauso eingenommen, wie bei Smettbo, welches sie zuvor nie gesehen hatte. Es sah ganz so aus, als würde sie noch eine Menge Pokémon treffen, die sie in Kalos noch nie gesehen hatte. Kuro besaß eine ziemlich auffällige blaue Fellfarbe. Es wirkte eher unnatürlich, als hätte man es einfach nur so eingefärbt, aber da sie von Dash wusste, dass er nicht viel davon hielt, seine Pokémon in irgendeiner Weise zu frisieren oder einzukleiden – wenn es nicht einen gesundheitlichen Ursprung hatte – war die Farbe des Pokémons vermutlich richtig so. Das Fell im Nacken des Pokémon war sehr viel länger, doch Louna konnte schon jetzt sehen, wie es sich aufstellte.
    Ist das ein Elektro-Pokémon? Angesichts dessen, dass sie kurz darauf es im Fell von Kuro aufblitzen sah, wurde ihre Frage schnell beantwortet. Das Nackenfell wurde durch die elektrische Ladung vermutlich aufgestellt. An der Kopfseite hatte Kuro auch noch blondes Fell. Das waren jedoch nur dünne Streifen. Hauptsächlich war es blau. Irgendwie verwirrte sie das, doch da Louna es nun ganz genau wissen wollte, erinnerte sie sich an ihr Lexikon und holte es hervor. Der Pokédex war wirklich eine praktische Erfindung. Sie musste ihn nur so halten, dass der weitläufige Scanner das Pokémon erfassen konnte, welches sie nachschlagen wollte und schon erschien es auf dem Display. Die nächste Überraschung kam sofort, als die Abbildung in ihrem Dex von den Farben völlig anders aussah.
    »Wieso ist es denn grün?« Diese Frage hörte weder Dash noch Viola, da diese beiden sich auf ihren jeweiligen Gegner fixierten. Louna hingegen verpasste den Anfang des Kampfes während sie gebannt auf das Display starrte und den dazugehörigen Text las, der erklärte, was das für ein Pokémon war. Es war ein Frizelbliz, die normalerweise in der Hoenn Region verbreitet waren. Auch in Kalos konnte man solche Exemplare finden.


    Frizelbliz leben vermehrt in kleinen Rudeln und werden nicht selten von einem Voltenso angeführt. Sie können eine hohe Geschwindigkeit erzielen, wodurch sich in ihrem Körper Elektrizität aufbaut und im langen Fellhaar gespeichert wird. Durch Entladung dieser Energie in der Beinmuskulatur sind diese Pokémon in der Lage, explosivartig nach vorn zu springen und zu sprinten. Besonders zu stürmischen Zeiten entladen sie ihre Elektrizität, so dass gehäuft Funken aus ihrem Fell sprühen.


    Louna blätterte im Dex weiter und konnte sowohl die Größe als auch das Gewicht nachlesen, was sie aber weniger interessierte. Viel interessanter war die Farbgebung, die immer noch üblicherweise grün war. Diese wurde auch dadurch begründet, dass Frizelbliz in Regionen mit saftigen grünen Wiesen lebte und sich dadurch anpasste. Leider wurde nicht erklärt, weshalb ein Frizelbliz auch blaues Fell haben konnte. War das ein Sonderfall? Sie würde nach dem Kampf mit Dash reden, denn das hatte Lounas Neugier geweckt.
    Apropos Kampf! Sie hob das Kinn und sah gerade noch, wie Kuro sich vom Boden abdrückte und dem fliehenden Smettbo in den Rücken sprang. Es gab wieder einen hellen Schrei des Schmetterling-Pokémons, vor allem da der gesamte Körper des Frizelbliz voll Strom prickelte. Da Smettbo nicht nur ein Käfer-, sondern auch ein Flug-Pokémon war, nahm es durch diesen elektrischen Schlag mehr als sonst Schaden.
    Louna erschrak und sah dabei zu wie Smettbo zu Boden fiel. Es schien, als wäre der Kampf bereits entschieden. Aus Violas Ecke nahm Louna ein paar Blitze wahr, weswegen sie gleich dachte, dass dort drüben bei ihr auch noch Elektro-Pokémon zu Gegen waren. Obwohl das keinen Sinn ergeben würde. Doch als sie ihren Blick zu der Arenaleiterin warf, konnte sie sehen, dass diese damit beschäftigt war Fotos zu schießen.
    »Ernsthaft jetzt? Du solltest lieber mehr auf den Kampf achten anstatt nur Fotos zu machen!«, rief Dash zu der Leiterin rüber. Diese konnte sich kaum von ihrer Kamera trennen. Mochte alles schön und gut sein, dass sie so eine leidenschaftliche Fotografin war, aber wenn sie den Blick für das Wesentliche verlor, würde sie auch den Kampf verlieren. Dash sah sich im Vorteil. Zu Recht! Smettbo lag am Boden, auch wenn es sich bemühte wieder aufzustehen. Kuro stand nicht weit entfernt und könnte jeden Augenblick erneut zuschlagen, doch es wartete auf einen Befehl seines Trainers. Das ließ vermuten, dass es sehr diszipliniert war und nicht einfach irgendetwas machte ohne eine Anweisung zu bekommen. Das war gut, oder?
    »Na, na, na – nicht so voreilig, mein Freund!«, rief Viola zurück, ließ aber wenigstens die Kamera sinken.
    »Pearl, mein Liebling, wir sind noch nicht besiegt! Erhebe dich!« Viola streckte den einen Arm nach vorn aus, während sie die Anweisung an ihr Pokémon gab. Louna blickte zu dem Smettbo und erkannte, dass der Käfer sich erneut in die Lüfte schwang. Allerdings war es bereits schon ordentlich geschwächt. Noch einen Treffer würde es nicht überstehen können. Die Luft knisterte vor Anspannung und daran war nicht allein der Strom von Kuro Schuld, das wusste Louna. Diese hätte fast nicht mitbekommen, wie Chiari sich aus ihren Armen lösen wollte, um durch die Gegend zu laufen. Am besten noch auf den Kampfplatz hinaus. Doch Louna bemerkte es noch rechtzeitig und hielt das junge Evoli fest.
    »Schsch, sei lieb, Chiari. Du kannst jetzt nicht herum laufen.« Sie verstand, was Dash vorhin gemeint hatte. Chiari hatte einen eindeutigen Bewegungsdrang, weshalb sich Louna vornahm, sobald der Kampf hier vorbei war, mit Chiari raus zu gehen, um sie laufen zu lassen. Doch jetzt ging das nicht. Am Ende würde die Kleine nur zwischen die Fronten geraten und hier wollte sicher niemand, dass irgendwer verletzt wurde.
    Zurück zum eigentlichen Geschehen hörte Louna, wie Viola »Giftpuder!« schrie und damit den weiteren Angriffsbefehl ihres Pokémon ankündigte. Giftpuder? Kuro hatte keine Chance auszuweichen. Das Smettbo flog einfach über ihn hinweg, so dass das Frizelbliz eine volle Ladung an giftigen Puder abbekam. Es hatte auch sofort seine Wirkung. Frizelbliz röchelte und hustete, knickte sogar kurzzeitig ein.
    »Verdammt!« Dash ärgerte sich darüber. Giftattacken konnte er noch nie leiden. Sie waren gefährlich, nicht nur während des Kampfes, sondern auch danach. Mit so etwas musste man immer rechnen, wenn man gegen Pflanzen-, Käfer- oder direkt Gift-Pokémon kämpfte. Dash hatte gehofft, dass er hier in der Arena davor verschont blieb, aber wie man sah, war dem nicht so. Kuro hatte damit zu kämpfen, sich vom Gift nicht niederstrecken zu lassen. Doch bevor das Gift noch größeren Schaden anrichten konnte, wollte Dash wenigstens das Smettbo außer Gefecht setzen.
    »Los Kuro! Einen Funkensprung bekommst du noch hin!« Kuro hörte sofort. Obwohl das Giftpuder ihm zu schaffen machte, rannte das Frizelbliz sofort los. Wieder konnten alle Beteiligen sehen, wie es im Fell des blauen Pokémon brizzelte. Kurz darauf stoben Funken in alle Richtungen und Louna wurde Zeuge von der explosivartigen Sprungkraft, die im Pokédex beschrieben worden war. Kuro schoss voran, dass man kaum mit den Augen hinterher kam. Es sprang hoch genug und vor allem schnell genug, um Smettbo keine Möglichkeit zu geben, noch davon zu fliegen. Mit dem elektrischaufgelandenem Körper sprang Kuro Pearl an und brachte es wieder zum Fall. Das war der entscheidende Treffer, den Viola nicht ignorieren konnte und deshab den ersten Kampf aufgeben musste. Auch der Schiedsrichter verkündete wenige Augenblicke später die Niederlage von Pearl.
    Freuen tat sich trotzdem keiner. Viola sowieso nicht, die jedoch noch lange nicht den Kampfgeist verloren hatte. Dash und Louna wirkten auch nicht sehr fröhlich, denn beide konnten erkennen wie Kuro hechelte und mit dem Gift kämpfte.
    »Gut, du hast die erste Runde gewonnen, doch die Zweite wird nicht so einfach! Vivie!« Viola rief ihr zweites Pokémon heraus und diesmal war sich Louna sofort sicher: Das war Vivillon! Auch dieses war ein Schmetterling-Pokémon, doch anders als Smettbo besaß es purpurfarbene Flügel, da es sich um ein Blumenmeermuster handelte. Louna war begeistert. Der Anblick des Pokémon war wunderschön, auch wenn sie eigentlich auf Dashs Seite stand. Vivillon war im Gegensatz zu manch anderen Käfern ein echter Hingucker! Ja, Smettbo hatte auch etwas für sich, aber wenn sie sich zwischen beiden Schmetterlingen entscheiden müsste, wären es wohl Vivillon gewesen. Gespannt blickte Louna zwischen beiden Kontrahenten hin und her. Es war Dash, der den ersten Angriff rief und Kuro los sprinten ließ. Mit eiligen Schritten lief Kuro über das Feld zu Vivillon hinüber, das wie Smettbo ebenfalls in der Luft war. Ebenso war dieser Käfer zusätzlich ein Flug-Pokémon, weswegen Elektroattacken ihm ordentlich schaden konnten. Hatte Viola keine anderen Käfer gehabt?
    Das Frizelbliz stieß sich wie zuvor schon vom Boden kräftig ab, um das Vivillon zu attackieren, doch bevor es den Schmetterling treffen konnte, hatte bereits Viola eine Attacke befohlen, der Vivie sofort ausführte. Es war ein einfacher Windstoß, der durch kräftiges Schlagen mit den Flügeln erzeugt wurde und Kuro direkt traf. Dadurch schaffte es das Frizelbliz nicht seinen Gegner zu erreichen und wurde sogar zurück auf den Boden gestoßen. Kuro schrie auf, als es hart auf dem Boden landete. Der Windstoß mochte vergleichweichse zu anderen nch relativ harmlos gewesen sein, doch es hatte ausgereicht, um Schaden anzurichten. Der Fall, der Aufprall und vor allem das Gift setzten Kuro so sehr zu, dass Dash sich für das Beste für sein Pokémon entschied.
    »Komm zurück, Kuro!« Er wollte seinem Frizelbliz nicht noch mehr zumuten. Es war in dieser Situation nicht länger fähig weiterzukämpfen ohne noch mehr Schaden zu erleiden. Dazu war Dash nicht bereit, weswegen er ohne Probleme diese Runde Viola gönnte. Verloren hatte er aber deshalb noch lange nicht!
    »Bist du bereit zu verlieren, Viola?«, fragte er frech grinsend die Arenaleiterin. An Selbstbewusstsein mangelte es ihn nicht. Jetzt wurde es doch erst spannend!
    »Na los, zeig mir, was du drauf hast!«, ging Viola auf seine Frage ein und erwiderte das Grinsen mit einem selbstbewussten Lächeln.
    »Diego!«, mehr rief Dash nicht, als er seinen nächsten Pokéball heraus holte und somit sein zweites Pokémon in den Kampf schickte. Louna machte große Augen und war gespannt, was es diesmal sein würde. Sie kannte seine Pokémon nicht alle. Eigentlich kannte sie erst zwei. Kuro von eben und Raku, als sie ihn in Illumina wiedergesehen hatte. Vorher hatten die beiden sich zwar schon ein wenig gekannt, aber Pokémon war da nie ein Thema zwischen ihnen gewesen. Mit einem Aufschlag als wäre es ein Donnerknallen, prallten die harten Hufe auf den Boden der Arena auf. Die Nüstern stießen ein kräftiges Schnauben auf und die Augen des Pokémon, welches Dash eben gerufen hatte, zeigte die Bereitschaft zum Kampf. Im Gegensatz zu zuvor hatte Kuro noch kuschelig gewirkt. Diego hingegen wirkte so, als wenn es besser wäre sich ihm nicht in den Weg zu stellen. Das helle Fell, was ihm über Kopf und Rücken reichte, war aufgerichtet. Der rechte Huf scharrte über den Boden vor Ungeduld. Louna schluckte bei dem Anblick. Gut, dass sie nicht gegen Dash kämpfen musste. Allein der Anblick ließ sie schon den Gedanken zur Flucht aufkommen.
    »Oh-oh.« Selbst Viola schien beeindruckt zu sein. Aber das lag bei ihr mehr daran, dass sie dieses Pokémon auch noch nie gesehen hatte. Als Arenaleiter bekam man zwar viel zu sehen, doch eben auch nicht alles. Dieses Pokémon war ihr fremd und wirkte sehr kampfwillig. Das könnte möglicherweise eine harte Nuss werden, aber gerade das machte es für sie umso spannender. Sie war begeistert, nahm ihre Kamera und musste einfach ein Foto schießen.
    »Interessante Pokémon hast du mitgebracht. Mal sehen, wer am Ende gewinnen wird.« Viola würde nicht klein bei geben, egal mit welchen Pokémon er ihr ankommen würde. Sie hatte sogar schon so einige Feuertypen in die Flucht geschlagen, weil sie ihre Käfer unterschätzt hatten!
    »Aaaaaauf geht’s!«, rief sie und die nächste Runde begann.



  • Hallo Alexia,


    ich nutze die Gelegenheit gleich einmal, dir etwas ausführlicheres Feedback mitzugeben.


    Die zwei neuen Kapitel beschränken sich dabei weitestgehend auf Erlebnisse in der Arena und auch den überraschenden Kampf, den Louna gegen einen Assistenten in der Arena ausführen darf. Da ist nur allzu verständlich, dass sie sich erst einmal dagegen wehrt und gar nicht antreten möchte. Ich mag es, wie du hier, trotz der Übungsversuche durch Dash nach wie vor diese Abneigung aufrecht erhältst. Man merkt dadurch, dass auch das Kämpfen gelernt sein will und man nicht einfach nach ein, zwei Versuchen schon vollständig drin ist wie so manche zehnjährigen Kinder. Genau diese langsame Charakterentwicklung macht es so ungemein interessant, deine Geschichte zu lesen, weil man den Fortschritt laufend spürt. Und man darf annehmen, dass sie irgendwann eine richtige Koriphäe im Kampf ist, aber das wird wohl noch lange dauern. Apropos Kampf, dieser ist auch sehr abwechslungsreich geworden! Besonders zu Anfang wusste Arcus noch gar nicht, wie ihm geschieht und so vollführte er eher zufällig genau das, was Louna ihm angewiesen hatte. Gegen Ende nimmt die Spannung etwas ab, als sich die Pokémon eigentlich nur noch mit Funken und Blubber angegriffen haben, aber auch hier hast du die Kurve noch ganz gut bekommen und einen Sieg für Arcus verbuchen können. Man sieht eben auch, dass Pokémon ebenfalls mitdenken müssen.
    Auch Dashs Part kann sich sehen lassen und auch, wenn der Kampf noch nicht abgeschlossen ist, merkt man hier den direkten Vergleich der Erfahrung recht stark. Die Pokémon sind entsprechend stärker und neigen auch zu komplizierteren Strategien, sofern ihnen das aufgetragen wird. Hervorzuheben ist dabei auch die Dynamik der Attackenfolge, die dir gut gelingt und nach der man sich den Kampf sehr anschaulich vorstellen kann. Das Highlight des Kapitels war aber wohl, als Viola ihre Pokémon fotografiert und dabei den Kampf etwas zu vergessen scheint. Hier zeigt sich die Fotografie-Expertin besonders und wer weiß, ob sie nicht noch einmal zur Kamera greifen wird.


    Ich hoffe, dass dich der Kommentar unterhalten hat und wir lesen uns dann hoffentlich bald wieder. Bis dahin!


    ~Rusalka

  • 13. Kapitel - Lichtexplosion


    Beide Kontrahenten sahen selbstbewusst drein. Louna war schon ein wenig neidisch. Sie selbst würde vor Nervosität vergehen. Selbst hier auf dem Zuschauerplatz wurde sie ganz nervös und konnte nicht sagen, wer am Ende gewinnen würde. Dash mit Diego oder Viola mit Vivie? Diego scharrte erneut mit den Hufen. Es war ungeduldig und wollte beginnen. Die kraftstrotzenden Muskeln zuckten unter dem gestreiften Fell und waren bereit, nicht nur den eigenen Körper in Bewegung zu setzen, sondern auch um etliche elektrische Funken abzugeben. Spätestens als Louna nämlich ihren Pokédex wieder fragte, um welches Pokémon es sich handelte, wusste sie es. Zebritz kamen hauptsächlich in Einall vor, was Louna neugierig machte, woher Dash dieses Pokémon hatte. Sie wusste, dass Dash aus Kanto kam und schon hier und dort das ein oder andere Land gesehen hatte. Aber hatte er die Pokémon dann auch tatsächlich aus Kanto, Hoenn und Einall? Hatte er schon so viel gesehen? Je länger dieser Kampf dauerte, desto bewusster wurde ihr, wie wenig sie von Dash wusste. Gut, das wunderte sie eigentlich nicht. Schließlich kannten sie sich beide noch nicht solange, aber trotzdem … ! Es machte sie mehr denn je neugierig. Jetzt jedoch wurde sie von ihren Gedanken abgelenkt, da der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten wieder aufgenommen wurde. Dash fackelte nicht lange herum und gab bereits den ersten Befehl an sein Pokémon weiter. Obwohl allein die Elektrizität ein Vorteil gegenüber dem Vivillon war, überraschte er mit einer Feuerattacke, die er zu Beginn einsetzte: »Nitroladung!«
    Louna blinzelte verwirrt. Sie hatte nicht gewusst, dass Elektro-Pokémon auch Feuerattacken beherrschen konnten. Das war ihr neu und zeigte ihr, wie viel sie noch zu lernen hatte. Diego, das Zebritz, stürmte los. Seine Hufe krachten förmlich über den Boden, als würde es gleich ein Erdbeben auslösen wollen. Seine blauen Augen fixierten das Schmetterlings-Pokémon. Trotz dass Vivillon in der Luft war, da es fliegen konnte, glaubte Louna fest daran, dass Diego ohne Probleme dieses erreichen würde. Doch zuerst einmal löste es die Feuerattacke aus, in dem es während des schnellen Galopps sein gestreiftes Fell in Flammen aufgehen ließ. Louna bekam riesige Augen. Verbrannte das Pokémon jetzt oder wie war das? Nein, natürlich nicht. Das Zebritz stürmte immer noch voran, so schnell, dass all das hier nur wenige Sekunden dauerte, ehe es sich kräftig vom Boden abdrückte und sich in die Luft katapultierte. Direkt gegen das Vivillon, das die volle Nitroladung abbekam. Man hörte den Schrei von Vivie, man hörte das scharfe Einatmen von Viola und man hörte die krachenden Hufe, die wieder auf dem Boden aufkamen. Diego brüllte triumphal auf, war aber noch lange nicht mit dem Kampf zu Ende. Das Vivillon war zu Boden gegangen und musste sich erst wieder aufrichten. Für eine Sekunde sah es so aus, als wäre der Kampf bereits entschieden. Man konnte deutliche Schmauchspuren an Vivie sehen. Doch dieses zartaussehende Pokémon konnte mehr einstecken, als man auf den ersten Blick denken würde. Der Schmetterling erhob sich wieder in die Luft, zwar angeschlagen, aber mit noch genug Energie, um sich zur Wehr zu setzen und gegen den Gegner zu kämpfen. Viola hatte einen ernsten Gesichtsausdruck und Dash glaubte schon diesen Kampf für sich entschieden zu haben. Er würde den Käfer platt machen!
    »Diego, noch einmal Nitroladung!«, rief er deshalb seinem Zebritz zu, das keine Sekunde wartete.
    »Nicht so schnell!« Auch Viola hatte etwas beizusteuern.
    »Pulverschleuder, Vivie!« Das Zebritz war schon dabei zu laufen, doch Vivie war schenll genug, um ihre Pulverladung direkt auf das anstürmende Zebritz abzuladen. Es schien keinen Effekt zu haben. Noch nicht. Dash ließ sich davon nicht beirren und Louna fragte sich, warum Viola diese Attacke einsetzen hatte lassen, wenn es doch keine Wirkung erzielte? Doch sie täuschte sich in ihrer Annahme. Das sah sie, als Diego wieder sein Fell mit Flammen eindeckte. Genau in diesem Moment, als der erste Funke des Feuers aufkam, reagierte das Pulver, was auf Diego lag, sofort. Es gab eine knallende Explosion, welche Diego aus dem Konzept brachte. Nicht nur, dass Rauchschwaden aufkamen, nein, es taumelte auch. Der Angriff wurde dadurch verhindert und Diego erlitt selber Schaden durch die eigene Attacke, die es nicht richtig einsetzen hatte können. Dash war überrascht und machte sich natürlich Sorgen um sein Pokémon. Diego stand da und keuchte wegen des Rauches, der ihm in die Nüstern und damit in die Lungen gestiegen ware. Sein Fell war angekokelt, aber es sah nicht so aus, als hätte es eine ernsthafte Brandwunde davon getragen. Das erleichterte Dash ein bisschen. Viola war mehr als zufrieden.
    »Das erste Mal waren wir vielleicht ein bisschen langsam gewesen, aber das wird uns kein zweites Mal passieren«, sagte sie gelassen und lächelte selbstbewusst. Dash verstand. Beim ersten Mal war es noch die Überraschung und die Schnelligkeit von Diego zu verdanken gewesen, dass sein Zebritz das Vivillon so hatte angreifen können. Doch sie besaßen eine Vertedigigungsstrategie gegen Feuerattacken.
    »Verstehe. So jagst du Feuer-Pokémon in die Flucht, was?« Viola antworte auf Dashs Worte nicht, aber das war auch gar nicht notwendig. Für Dash war jetzt klar, dass er Nitroladung nicht noch einmal einsetzen konnte. Nicht, ohne zu riskieren den gleichen Schaden erneut einzustecken wie zuvor. Diego hatte sich mittlerweile wieder gefangen, schüttelte den Körper und machte sich bereit erneut auf das Vivillon loszugehen. Wenn es nicht die Feuerattacken sein würden, dann eben doch die Elektroattacken! Schließlich war Zebritz genau das: ein Elektro-Pokémon! Dagegen würde sich Vivillon nicht so einfach wehren können! Mit diesem Vorsatz ging der Kampf weiter. Dash wies sein Zebritz an seine Elektroattacken gegen das Käfer-Pokémon einzusetzen. Louna war in diesem Moment froh weit genug entfernt von den kämpfenden Pokémon zu sitzen, wurde aber immer nervöser je näher sie manchmal kamen. Von umherfliegenden Blitzen wollte sie nur ungern getroffen werden. Das sah echt gefährlich aus und sie wollte nicht wissen, wie schmerzhaft das sein mochte. Vor allem für ein Käferpokémon, das gleichzeitig auch den Typ Flug hatte, der bekanntermaßen anfällig auf Elektrizität war. Durch die Attacke Lichtschild, die Vivie manchmal einsetzte, konnte das Vivillon den Schaden eindämmen, den es durch die unermüdlichen Elektroattacken einstecken musste. Dennoch konnte es nicht verhindern von einer der Attacken paralysiert zu werden. Es war schwer für Vivie sich weiter zu bewegen, weswegen es zu Boden gesunken war. Trotz aller Bemühungen wieder in die Luft aufzusteigen, verhinderte die Paralyse dieses Vorhaben. Das war die perfekte Chance für Zebritz, um dem Vivillon den letzten Schlag zu verpassen. Erneut stürmte Diego voran. Seine Hufe stampften gefährlich auf dem Boden auf. Wenn Vivie davon getroffen wurde, war es endgültig vorbei. Mehr noch: Sie könnte ernsthaften Schaden davon tragen. Nicht auszudenken, was sein würde, wenn die Flügel unter den Huftritten kaputt gingen! Auch Viola verstand das. Konnte sie riskieren eine weitere Attacke einzusetzen, die dank der Paralyse möglicherweise verhindert wurde?
    »Genug! Du hast gewonnen!«, rief sie. Nein, sie wollte die Gesundheit ihres Pokémons nicht länger gefährden und überließ Dash diesen Sieg. Trotzdem war Diego immer noch im stürmischen Galopp, so dass Dash erst einen lauten Pfiff ausstoßen musste, um Diego von seinem Angriff abzuhalten und ihn wieder zu sich zu rufen.
    Es war wichtig, dass Trainer ihren Pokémon beibrachten auf ein bestimmtes Kommando zu reagieren. Ganz besonders, wenn es darum ging auch einen Angriff abzubrechen. Wie in diesem Fall. Diego hätte Vivie definitiv noch getroffen und wer weiß, was für einen Schaden angerichtet. Doch Dash hatte seine Pokémon von Anfang an darauf getrimmt bei diesem Pfeifton, den er ausstieß, aufzuhören. Egal, was sie gerade taten. Sei es nun tatsächlich ein Angriff oder außerhalb von Kämpfen das spielerische Miteinander. Sie hatten auf diesen Pfiff zu hören und zu ihm zu kommen. Ohne dieses Kommando konnte vieles schief gehen. Wenn Pokémon in einem Kampf regelrecht in Rage gerieten wurde es umso gefährlicher. Dazu durfte man es nicht kommen lassen. Die Kämpfe faszinierten Menschen seit Anbeginn der Zeit und nach wie vor gab es Herausforderungen, Wettbewerbe und Turniere, wo man seine Pokémon gegeneinander antreten ließ. Aber diese Kämpfe brachten nicht immer nur gute Neuigkeiten. Oftmals wurde auch von verletzten Pokémon und sogar Trainern berichtet, die entweder knapp dem Tod von der Schippe gesprungen waren durch den Angriff eines Gegners oder die so schwer verletzt wurden, dass sie nie wieder kämpfen konnten. Es gab so einige schlimme Berichte und trotz dieser Gefahr, die im Kampf steckte, wurde weiter gemacht. Man suchte immer wieder neue Methoden, Regelungen und Vorgehensweisen, um einen Kampf sicherer zu gestalten. Wobei die meiste Verantwortung dabei natürlich bei den Trainern lag.


    Auch wenn Viola nun zwei Niederlagen bereits eingesteckt hatte, so war der Kampf ansich noch nicht vorbei. Noch besaß sie ein einsatzfähiges Pokémon und auch wenn Diego gerade über ihre Vivie gesiegt hatte, so war dieses Zebritz auch angeschlagen. Die Psychoattacke vorhin von Vivie hatte ihm zugesetzt und auch zu Anfang der Rückschlag durch die Pulverschleuder hatte Schaden hinterlassen. So kraftstrotzend das Zebritz auch war, es würde nicht mehr lange durchhalten und das wollte sich Viola zunutze machen.
    Louna saß nach wie vor auf ihrem Platz und beobachtete alles, doch der Kampf zwischen Vivie und Diego hatte sie sehr aufgewühlt. Es war einer der Kämpfe, die sie dazu brachte dem Kampf den Rücken zu kehren. Es wurde ausgeteilt, verletzt und die Pokémon mussten auch mit Schmerzen umgehen. Schließlich verletzten sie sich gegenseitig. Wie konnte man das gutheißen? Louna fand sich wieder in ihrem Zwiespalt und sah der dritten Auseinandersetzung sehr skeptisch und auch ein wenig ängstlich entgegen. Viola rief ihr drittes und damit letztes Pokémon in die Arena. Es würde wieder ein Käfer sein, da waren sich alle einig. Doch was sie diesmal erblickten brachte Lounas Augen zum Leuchten vor Staunen. Auch Dash wirkte ein bisschen überrascht, behielt seine Mimik aber weitestgehend im Griff und blieb dadurch trotzdem recht gefasst.
    Aus Violas Pokéball tauchte ein Käfer auf, wie bereits angenommen und ja, es flog genauso wie Smettbo und Vivillon zuvor. Aber irgendetwas war an ihm anders. Louna hatte das Gefühl, das der gesamte Raum viel wärmer auf einmal wirkte, viel heller, doch sie konnte nicht sagen, woran das lag. Ihre braungoldenen Augen lagen noch immer auf dem Pokémon, dessen Artennamen sie nicht kannte. Es besaß rotfunkelnde Flügel und einen seidig-flauschigen aussehenden Körper.
    »Was für ein Pokémon ist das?«, wollte Dash wissen. Er hatte schon vieles gesehen, dieses jedoch noch nicht. Viola wirkte sehr stolz, ihre Augen leuchteten als sie ihr eigenes Pokémon ansah, wie es in der Luft majestätisch flog und wie die Sonne selbst wirkte.
    »Rahkul ist ein Ramoth. Vor mehreren Jahren habe ich ein kleines Ignivor gefunden, das verletzt war und seitdem lebt es bei mir. Später hat es sich weiterentwickelt. Ramoths sind sehr selten, weißt du, und ich muss sagen, ich bin sehr stolz und froh darüber Rahkul zu meinen Pokémonfreunden zu zählen.« Viola setzte Rahkul nur selten in Kämpfen ein, was nicht bedeutete das es nicht trainiert war. Im Gegenteil! Ramoth war eine Wucht! Viola liebte es und würde mit ihm alles geben, um Dash nicht so einfach gewinnen zu lassen. Noch mehr: sie würde alles geben, um ihn verlieren zu sehen!


    Der Schiedsrichter gab erneut das Zeichen, das sie beginnen konnten und kurz darauf zischte und knisterte der erste Blitz wieder durch die Luft, um das Ramoth zu treffen. Doch es wich aus. Diego hatte es mit seiner Attacke verfehlt, weswegen es ihm nachsetzte. Dash wusste, dass Diego ein sehr temperamentvolles und stürmisches Pokémon war. Es setzte immer viel Energie ein, aber genau das könnte noch zum Nachteil werden. Wenn Diego sich zu sehr verausgabte – und danach sah es momentan aus – dann würde Rahkul einen Vorteil daraus ziehen können. Egal wie sehr Diego versuchte Rahkul mit seinen Elektroattacken zu treffen, es wich ständig aus.
    »Diego komm ein Stück zurück!«, rief Dash seinem Freund zu. Nur widerwillig zog es sich zurück, ließ aber keine Sekunde lang den neuen Gegner aus den Augen. Gegen ein fliegendes Pokémon zu kämpfen war nicht immer leicht. Man brauchte Attacken, die diese Pokémon auch treffen konnten, selbst wenn man weiter entfernt von diesem war. Mit physischen Angriffen würden sie nicht viel ausrichten können, wenn Zebritz Rahkul nicht erreichte – und danach sah es derzeit aus. Rahkul war besser darin den Abstand zu Diego zu wahren, als Vivie zuvor im Kampf.
    »So, jetzt pass mal auf, was eine richtige Feuerattacke ist!«, rief Viola voller Euphorie. Sie war guter Dinge gegen Diego gewinnen zu können. Das sah man ihr an. Doch was meinte sie mit Feuerattacke? Diese Frage stellte sich Louna, allerdings nicht für lange. Die Antwort kam kurz darauf, als Viola den nächsten Befehl brüllte: »Flammenblitz!« Louna konnte sehr gut beobachten wie der Körper des Ramoths begann heller zu leuchten. Es war ein rot-weißes Glühen, so intensiv, dass man fast gezwungen war wegzuschauen, weil es blendete. Aber es dauerte nicht lange, denn Ramoth ließ regelrecht einen flammenden Blitz auf Diego los, der ihn, wie auch Ramoth selbst, einhüllte. Arcus neben Louna winselte auf. Machte ihn diese Attacke Angst oder war es Lounas eigene Gefühlswelt, was das Fukano aufwühlte?
    Dash konnte nichts gegen die Attacke machen. Diego hatte nicht rechtzeitig ausweichen können und so konnte sein Trainer nur dabei zusehen, wie Diego einen direkten Angriff ausgesetzt wurde. Als das Glühen nachließ, war Diego eingeknickt. Der Kopf war nach unten gerichtet und man sah ihn schwerer atmen. Aber man sah auch, dass er noch nicht gewillt war aufzugeben, trotz allem, dass er Verbrennungen davon getragen hatte. Der Körper des Elektro-Pokémons brannte vermutlich. Louna ahnte, dass Diego Schmerzen hatte, aber Diego war noch nicht bereit aufzugeben. Es war eine wahre Kämpfernatur und richtete sich wieder auf. Das beeindruckte auch Viola, die jedoch wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie Diego klein bekommen hatte. Durch die Schwäche von Diego fiel den Beteiligten allerdings nicht auf, dass auch Rahkul durch die eigene Attacke Schaden abbekommen hatte. Es war nicht so heftig und viel gewesen, wie Diego hatte einstecken müssen, aber auch Rahkul musste bei dem Flammenblitz immer mit einem Rückstoß rechnen. Da jedoch das Pokémon noch fit war, weil es gerade erst eingewechselt worden war, machte ihm dieser kleine Rückschlag nicht viel aus.
    Louna schluckte und hielt Chiari dicht an ihrem Körper fest, um sich selbst irgendwo festzuhalten. Auch wenn Chiari, ihr Evoli, gerne schmuste und kuschelte, wurde ihr das gerade auch zu viel, so dass sie beschwerend auffiepste, wodurch Louna ihren Griff lockerte.
    »'tschuldigung, Chiari.«
    Viola wandte sich dafür direkt an Dash: »Willst du lieber aufgeben?« Dash lächelte, als er diese Frage hörte.
    »Frage lieber mal Diego«, antwortete er ihr und deutete auf sein Pokémon. Dieses fixierte bereits Rahkul sehr intensiv und war bereit dazu erneut anzugreifen. Es ignorierte Schmerz und Schwäche. Dieser Kampfwille konnte von Vorteil sein, aber Dash musste auch aufpassen, dass Diego sich nicht zu sehr verausgabte. Er wusste selbst, dass Diego nicht mehr lange durchhielt.
    »Okay, alles oder nichts! Diego! DONNER!« Dash durfte und konnte diesen Kampf nicht zu sehr in die Länge ziehen. Er würde alles in diese eine Attacke legen und hoffentlich Rahkul dadurch so genug schwächen können, dass sein drittes Pokémon leichteres Spiel haben würde. Nach dem, was er gesehen hatte, wusste er, dass Diego nicht mehr in der Lage war zu gewinnen. Doch zum Ende durfte es ruhig noch einmal knallen! Und das tat es auch. Nicht nur, weil Diego all seine Energiereserven zusammennahm, um sie in eine gewaltige Donnerattacke zu entladen und sie somit auf Ramoth zu schleudern. Auch Viola setzte zu einem Angriff an, zum gleichen wie zuvor: »Flammenblitz, Rahkul!«
    Beide Pokémon hatten viel Kraft und Energie, die sie auf ihren Gegner schießen konnten. Louna wusste nicht, welche Attacke ihr mehr Respekt und Angst einflößte. Sie sah Rahkul, wie er begann zu leuchten, um kurz darauf seine feurige Attacke abschoss, direkt auf Diego. Und sie sah Diego, das angeschlagene Zebritz, das selbst durch die elektrische Ladung, die es entließ, hell leuchtete, als wäre es selbst ein Blitz.
    Beide Blitze – Feuer und Elektrizität – prallten gegeneinander und verursachten eine Lichtexplosion, die man kaum für möglich gehalten hätte. Erschrocken duckte sich Louna weg, in der Befürchtung selbst noch etwas abzubekommen. Funken von Feuer und Blitz stoben in jede Richtung. Sie konnte durch die Helligkeit gar nicht mehr sehen, welches der Pokémon nun im Vorteil war. Dash musste ebenso wie Viola die Augen durch den Arm abschirmen, um nicht zu sehr geblendet zu werden.
    Erst eine gefühlte Ewigkeit später ließ das Licht nach und man konnte sehen, was passiert war. Wer hatte gewonnen, wer hatte verloren? Gab es überhaupt einen Sieger? Wie schlimm waren die Pokémon getroffen wurden? Mit bebendem Herzen sah Louna auf das Kampffeld und sog besorgt die Luft ein, als sie Diego am Boden liegen sah. Das Zebritz war sehr in Mitleidenschaft geraten, hatte einige Verbrennungen einstecken müssen und sich extrem verausgabt. Es hatte keine Kraft mehr, um aufzustehen. Dash, der noch viel besorgter war, rannte auf das Kampffeld zu seinem Freund und kniete sich neben ihm hin. Erleichtert stellte er fest, dass Diego atmete, sogar so heftig, dass man sehen konnte wie sehr er aus der Puste war. Besser das, als gar keine Atmung. Vorsichtig legte er seine rechte Hand auf die Schläfe des Zebritz.
    »Hey Kumpel, du hast gut gekämpft.« Dash war stolz auf Diego. Er hatte viel gegeben und seinen Trainer in diesem Kampf sehr weit gebracht. Jetzt hatte sich Diego wahrlich eine Pause verdient. Daher rief Dash seinen Freund zurück in den Pokéball und nahm seinen Platz wieder am Rand des Kampffeldes ein.
    Was war aber mit Rahkul? Dash hatte geahnt, dass es nicht ausreichen würde, um das Ramoth jetzt schon zu besiegen, aber mit Genugtuung konnte er sehen, wie erschöpft Rahkul war. Den Körper konnte es nicht mehr so weit in der Luft halten. Es war deutlich weiter hinab gesackt und man sah auch, dass es selbst Verbrennungen davon getragen hatte. Nicht nur das, eine leichte Paralyse schien es sich auch eingehandelt zu haben. Wer genau hinsah, konnte manchmal die Funken erkennen, die über seinen Leib zuckten. Dash stimmte das optimistisch. Rahkul war Violas letztes Pokémon. Wenn er es geschickt anstellte, würde er es besiegen können!
    »Das war beeindruckend«, erhob Viola ihre Stimme. »Schade, dass ich keine Fotos davon machen konnte. Ruf dein nächstes Pokémon!«, forderte sie Dash auf. Dash tat wie ihm geheißen. Sein drittes und letztes Pokémon würde »Raku!« sein. Sein bester Freund. Raku war sein erstes Pokémon gewesen, wie er Louna bereits schon erzählt hatte. In Prismania City in Kanto, wo er ursprünglich herkam, hatte er sein Evoli bekommen. In Kanto waren Evolis keine Seltenheit. Nicht unter den Trainern, wenn auch in der Wildnis selbst keine Evolis anzutreffen waren. Aber gerade in Prismania City gab es viele, die Evolis besaßen und so hatte es einfach so kommen müssen, dass auch Dash eines Tages eins bekam. Schlecht war das nicht, vor allem weil Raku sich zu einem Blitza weiterentwickelt hatte und wie man an Dashs Pokémonwahl erkennen konnte, besaß er eine deutliche Leidenschaft für Elektropokémon. Der schwierige Umgang mit ihnen war der größte Reiz für ihn. Nicht jeder konnte eines halten, vor allem weil sie schnell mal ihre elektrischen Ladungen abfeuern konnten. Davon getroffen zu werden, war ein Riskio, das nicht jeder gewillt war einzugehen.
    »Also gut, lass uns den Kampf beenden!«, brüllte Viola und gab ihrem Ramoth die Anweisung eine Glutattacke auf Blitza zu schleudern.
    »Raku!«, rief Dash. Er musste gar nicht viel mehr sagen. Sein Freund wusste ganz genau, was zu tun war und so konnte man sehen, wie flink Blitza eigentlich war. Jeder Glut, die Rahkul auf ihn schleuderte, wich er aus. Rahkul war zu langsam. In seinem geschwächten Zustand konnte es mit der Schnelligkeit von Raku nicht aufnehmen, was ein Vorteil für Raku selbst war. Viola musste diese Tatsache akzeptieren, auch wenn sie sich ein wenig ärgerte. Sie wollte nicht riskieren und versuchte es daher mit Flugattachen wie dem Windstoß oder gleich einem ganzen Orkan. Raku konnte diesen Windattacken nicht ohne weiteres ausweichen und wurde getroffen, aber er steckte das erstaunlich gut weg. Solche Attacken waren einfach nicht effektiv genug gegen ein Elektropokémon. Viola wollte allerdings nicht noch einmal einen Flammenblitz einsetzen, denn das würde Rahkuls Ende bedeuten. Das wusste sie. Wie also sonst dieses flinke Pokémon aufhalten? Viola blieben nur die Feuerattacken übrig. Leider wich jedes Mal Raku aus. Wenn Rahkul nicht an Raku heran kam, wie sollte sie gewinnen? Dabei hatte bisher Raku noch keinen einzigen Gegenschlag erteilt. Viola erschrak, als ihr das auffiel. Konnte es sein, dass Raku versuchte Rahkul durch diese Taktik noch mehr zu ermüden? So nicht!
    »Los Rahkul, zeig diesem Pokémon mal eine echte Käferattacke! Käfergebrumm!« Wenn es nicht mit Feuer funktionierte, sollte sie sich besser auf die Käferattacken besinnen. Schließlich war sie eine Käfer-Pokémon-Trainerin! Das tiefe Brummen von Rahkul vibrierte durch den gesamten Raum und brachte Raku dazu innezuhalten. Das Pokémon legte sich sogar auf den Boden, als wollte es dem Gebrumm dadurch ausweichen, indem es sich so klein wie möglich machte. Aber Raku hatte keine Chance diesen Schallwellen auszuweichen. Egal wohin es lief oder ob es sich irgendwo versteckte. Es wurde davon getroffen! Viola johlte auf. So sollte das sein! Dash hingegen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Louna war sowieso sehr erstaunt mit wie viel Ruhe er an diesen Kampf ging. Sie saß nur auf der Bank und sah zu und war schon nervös und hätte gewusst, wäre sie an Dashs Stelle gewesen, hätte sie kaum still stehen können und wäre hin und her gerannt. Vor allem vorhin bei dem Kampf zwischen Rahkul und Diego. Doch Dash blieb souverän. Das zeigte wie geübt er in Kämpfen war, wie oft er das schon gemacht hatte. Auch wenn jeder Kampf anders verlief. Wenn der Trainer keine Ruhe bewahrte, wie sollte es dann sein eigenes Pokémon können?
    Als das Brummen des Käfers nachließ, sprang Raku sofort auf. Dash musste nicht viel sagen. Raku ging dieses Mal in einen Gegenangriff über und ließ einen Donnerblitz auf Rahkul los. Der Feuerkäfer konnte unmöglich ausweichen, dafür war er zu langsam und wurde daher voll getroffen. Raku hielt nicht inne. Denn durch seinen Donnerblitz war Rahkul noch weiter hinab gekommen, so dass Raku nichts anderes tun musste, als einmal zu springen. Viola konnte brüllen, was sie wollte. Ihr Ramoth war unfähig auszuweichen und wurde von dem Blitza angesprungen und somit auf den Boden befördert. Auf dem Rücken liegend, schaffte es Rahkul nicht mehr sich zur Wehr zu setzen und steckte noch eine Donnerzahnattacke ein, die Dash seinem Pokémon befahl. Raku biss zu und ließ den Strom in Rahkul fließen, was endgültig dafür sorgte, dass das Pokémon besiegt wurde. Mehr konnte es nicht mehr einstecken und Viola sah sich gezwungen endgültig aufzugeben.
    »Ich habe verloren.« Viola war etas geschockt davon, fasste sich aber schnell wieder und lächelte, als sie Rahkul zurück rief. »Du hast super gekämpft, mein Freund!« Sie war stolz auf ihn, auch wenn sie nicht mehr gewonnen hatte. Der Kampf war ereignisreich und aufregend gewesen und das war es, was ihr gefiel. Wer am Ende gewann oder verlor, spielte doch gar keine so wichtige Rolle mehr.
    Raku lief seinem Trainer entgegen, als Dash zu Viola rüber ging. Er hatte gesiegt! Dank dem Einsatz seiner Pokémon, vor allem von Diego, hatte er es geschafft, die Arenaleiterin von Nouvaria City zu besiegen.
    »Donnerwetter, da haben mich deine Pokémon aber ordentlich geschockt«, sagte Viola mit einem Lächeln und bot ihre Hand Dash an. Sie gratulierte ihm zum Sieg.
    »So einen aufregenden Kampf hatte ich lange nicht mehr. Vielen Dank dafür!«
    »Gerne doch! Aber deine Pokémon waren gar nicht mal so schlecht, vor allem dein Ramoth. Ich dachte fast, ich würde doch noch verlieren.« Ja, kurzzeitig hatte es eng ausgesehen, aber Dash hatte den Kampf für sich entscheiden können.
    »Nun gut, als Zeichen für meine Anerkennung deines Sieges in dieser Arena, möchte ich dir feierlich den Krabbelorden überreichen. Und wer weiß, vielleicht kämpfen wir eines Tages wieder gegeneinander? Ich hoffe es doch!« Viola war fröhlich trotz ihrer Niederlage. Sie hatte viel Spaß beim Kampf gehabt.
    »Vielen Dank und gerne kämpfe ich noch einmal gegen dich.« Dash nahm den Orden entgegen und steckte ihn ein. Für ihn war der Orden weniger wichtig, denn in erster Linie war er in Sorge um seine Pokémon. Besonders Kuro und Diego. Die Vergiftung von Kuro musste schnell behandelt werden und Diego war so erschöpft, dass er viel Ruhe brauchte. Nicht nur das, er hatte ja auch einige Verbrennungen abbekommen. Deswegen wollte sich Dash von Viola verabschieden.
    Louna musste erst die ganzen Eindrücke noch sacken lassen. Im Fernseher hatte sie natürlich auch schon Pokémonkämpfe gesehen, aber sie so live mitzuerleben war noch einmal was ganz anderes. Sie beeilte sich zu Dash zu kommen, gratulierte ihm und sprach sowohl Viola als auch ihm noch einmal ihre Anerkennung aus.
    »Der Kampf war unglaublich gewesen!« Für sie, die nicht so viel Ahnung davon hatte, war das sehr aufregend gewesen. Aber sie verstand auch, dass Dash schnell ins nächste Pokémon-Center wollte, weshalb sie sich ebenfalls von Viola verabschiedete und gemeinsam mit ihm die Arena verließ.





  • Hallo Alexia,


    nachdem also Vivillon und Zebritz in den Kampf gerufen wurden, hat mich ehrlich gesagt gewundert, dass von Zebritz zuerst ein paar Feuer-Attacken folgen. Normalerweise würde man ja Elektro-Attacken erwarten und der Typ-Vorteil würde trotzdem bestehen bleiben. Da du aber auch die Konter-Attacke Pulverschleuder zeigen wolltest, geht das natürlich in Ordnung. Im direkten Kampf mit einem Feuer-Pokémon wäre das vermutlich noch interessanter geworden, da der erste Angriff ebenfalls als Finte gedient hätte und mit allen weiteren dann gezeigt wird, dass das Feuer gar nicht eingesetzt werden kann. Aber das nur nebenbei erwähnt; mit Zebritz konnte Dash dann ja auch recht schnell auf andere Attacken ausweichen. All zu lange hat es nicht mehr gedauert und zum Ende der Auseinandersetzung hast du auch wieder auf die Verantwortung der Trainer aufmerksam gemacht, die größer nicht sein könnte. Gerade durch ihren Status als Arenaleiterin muss Viola quasi als Vorbild vorangehen und da überrascht es mich wenig, dass sie trotz ihrer Kampflaune rechtzeitig abwinkt.


    Ramoth als nächstes Pokémon war wiederum eine Überraschung, da es eher selten anzutreffen ist und in der Käferarena für jeden Herausforderer anstrengend werden kann. Ich möchte hierbei aber kurz ansprechen, dass Diego schon ziemlich lange im Kampf war und das im Verhältnis zu allen anderen Pokémon sehr langwierig war. Mag sein, dass er die Kraftreserven hatte, aber er hat schließlich einige starke Attacken eingesetzt und auch einstecken müssen und das hat sich durch ihn etwas gezogen. Raku hat danach das Finale eingeläutet und ab diesem Zeitpunkt war es durch das geschwächte Ramoth schon abzusehen, wie der Kampf ausgehen wird. Auf alle Fälle war der richtig spannend gemacht und ich merke, wie du in den Kämpfen aufblühst und auch hier alles gibst, erlebnisreich und lebhaft zu beschreiben. Insbesondere die Wortwahl und die Umschreibungen der Attacken können sich echt sehen lassen und ich hatte nicht selten das Gefühl, einen voll animierten Kampf vor Augen zu haben. Mal sehen, ob Louna auch bald wieder diese Ehre bestreiten darf.


    In dem Sinn: Bis dahin!


    ~Rusalka

  • 14. Kapitel »Wiedersehensfreude«



    Es war erleichternd zu wissen, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Pokémon-Center gehen konnte, damit die eigenen Pokémon versorgt wurden, wenn sie krank oder verletzt waren. Dieser Service war weltweit einzigartig, da er auch kostenlos war. Mehr oder weniger. Eine Spendenbox gab es nämlich in jedem Center, denn ohne diese würde man auch den Service nicht anbieten können. Alles kostete nun einmal Geld. Der Strom, die Medikamente, das Personal natürlich auch. Trotzdem hatte man bisher keine Gebühr im Center eingeführt, aus dem einfachen Grund, dass man jeden Trainer dazu animieren wollte sich ordentlich um seine Pokémon zu kümmern. Gäbe es Kosten im Center, würden nicht annähernd so viele Menschen mit ihren kranken oder verletzten Pokémon herkommen, um sie gesund pflegen zu lassen. Das würde wiederum bedeuten, dass es mehr Pokémon gäbe, die weniger gut behandelt und gepflegt wurden und viele Trainer nachlässiger wurden. Auf der anderen Seite konnte das kostenlose Angebot dazu führen, dass die Trainer zu viel von ihren Partnern erwarteten und weniger Rücksicht auf sie nahmen, weil sie wussten, dass man sie ohne Probleme ins Center bringen konnte. Um diesem Verhalten weitmöglichst Einhalt zu gebieten, wurden auffällige Trainer wie auch Pokémon im Auge behalten. Wenn ständig das eigene Pokémon verletzt und behandelt werden musste, fiel das auf jeden Fall auf.
    Dash hatte sich angewöhnt jedes Mal, wenn er eines seiner Pokémon im Center behandeln lassen musste, eine kleine Spende abzuliefern. Mal mehr, mal weniger, aber niemals nichts. Gäbe es die Center nicht, was würde er dann sonst tun? Als Trainer konnte man kaum auf solch eines verzichten, wodurch er sehr dankbar war. Auch jetzt in diesem einen Moment war er froh über die angebotene Hilfe. Kuro war vergiftet und musste dringend behandelt werden und auch um Diego sah es nicht so besonders gut aus. Das Zebritz war völlig ausgepowert und brauchte dringend Erholung. Raku hingegen ging es einigermaßen gut. Er hatte nicht annähernd so viel Energie verloren wie die beiden anderen Pokémon. Trotzdem würde Dash vorerst eine Weile in der Stadt festsitzen bis seine Pokémon wieder völlig genesen waren. Aus diesem Grund vereinbarte er mit Louna, dass sie schon weiter gehen sollte, sofern die Straße wieder frei war. Dann konnte sie trotz allem den Auftrag des Professors erledigen und würde keine Zeit verschwenden, weil sie auf ihn warten musste.
    Für Louna wäre das nicht so problematisch gewesen. Sie hätte auch auf Dash gewartet und vor allem darauf, dass Dashs Pokémon wieder gesund und fit waren. Aber sie sah selbst ein, dass sie nicht zu viel Zeit vertrödeln sollte. Auch wenn der Professor sie nicht zur Eile drängte, würde er es ebenfalls nicht gutheißen, wenn sie ewig brauchte bis sie in Escissia ankam. Daher stand Louna mit Dash auch gerade draußen vor dem Pokémon-Center, um sich von ihm zu verabschieden.
    »Vielleicht ist der Ouvert-Weg auch noch gar nicht frei«, meinte sie zu Dash. Es hieß doch, dass es dauern würde bis er wieder passierbar war. Am Ende würde sie noch einen Tag länger in Nouvaria City bleiben müssen. Dash wusste es auch nicht, da er aber lieber wegen seiner Pokémon im Center bleiben wollte, würde er Louna nicht begleiten um das herauszufinden.
    »Na schön, ich schau dort mal vorbei und falls er frei ist, werde ich weiter ziehen. Wir sehen uns später wieder in Illumina?«, wollte sie noch zuletzt von Dash wissen. Möglicherweise würden sie sich heute sogar wiedersehen, denn wenn der Weg wirklich noch gesperrt war, würde sie einfach zurück ins Pokémon-Center zu Dash gehen.
    »Ist gut, pass auf dich auf«, verabschiedete sich Dash von Louna, die sich daraufhin umdrehte, um zu gehen. Weit kam sie allerdings nicht, denn kaum hatte sie sich umgedreht, prallte sie gegen ein Hindernis.
    »Ey, pass doch auf!«, wurde sie dann natürlich auch noch angepflaumt. Louna verschlug es die Sprache. Erst einmal wegen dem Schreck, dass sie fast jemanden umgerannt hatte, zum anderen auch wegen dieser Unhöflichkeit. Sie brauchte ein paar Wimpernschläge ehe sie sich gefasst hatte und die Person ihr gegenüber erkannte. Jedenfalls glaubte sie, dass sie ihn kannte. Die dunkle Sonnenbrille verbarg die stechend blauen Augen, aber da sie ihn so schwarz gekleidet bereits begegnet war, erkannte sie Soul trotzdem.
    »Soul? Äh, Tschuldigung, das war nicht meine Absicht«, entschuldigte sie sich aufrichtig.
    »Warum entschuldigst du dich denn? Du konntest doch nicht sehen, dass er hinter dir war!«, mischte sich Dash ein, denn noch war er nicht zurück ins Center hinein gegangen. Von Soul gab es noch keine weiteren Worte, doch bevor Louna auch nur annähernd begriff, was hier los war, spürte sie bereits die zunehmende Unruhe aufkommen. Sie sah zwischen Dash und Soul hin und her und musste feststellen, dass die beiden sich ziemlich böse Blicke zuwarfen. Auch wenn man bei Soul nicht viel von den Augen erkennen konnte, so spürte man es ganz automatisch. Zwischen den beiden Herrschaften war augenblicklich eine Anspannung vorhanden, die in Lounas Augen übertrieben schien. Ja, sie war gegen Soul geprallt und ja, er hatte sich kurz aufgeregt, aber das konnte doch schon mal passieren, oder?
    »Schon gut, alles in Ordnung«, meinte sie deshalb, um die Anspannung zwischen den beiden zu lösen, aber diese beiden starrten sich immer noch gegenseitig an.
    »Ooookay? Was ist denn jetzt los? Hallohoho?« Da die beiden dastanden wie zwei streitende Lohgocks, die gleich aufeinander los gehen wollten – so wirkte es auf Louna – wedelte sie mit ihrer Hand zwischen den beiden hin und her, um die Blicke zu lösen. Tatsächlich funktionierte das auch, denn Dash wandte sich wieder an sie.
    »Pass auf dich auf und lass dich nicht von daher gelaufenen Idioten dumm anmachen, ja? Ich muss wieder rein«, ließ er sie wissen, drehte sich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und verschwand. Völlig verwirrt blieb Louna zurück. Sie hatte Dashs Blick gesehen, den er noch einmal Soul zugeworfen hatte, als er sie gewarnt hatte. Was sollte denn das? Sofort drehte sie sich zu Soul um und sah ihn fragend an.
    »Okay, was war das? Kennt ihr euch etwa?«, wollte sie wissen und wehe dem, er kam ihr mit irgendeiner Ausrede! Das interessierte sie nämlich wirklich. Da musste doch irgendwas zwischen Dash und Soul vorgefallen sein, nicht?
    »Kennen ist zu viel gesagt.« Aha! Na wenigstens war das schon mal eine Antwort, auch wenn sie noch nicht zu viel verriet.
    »Und was war das dann eben?«, wollte Louna immer noch wissen, die nicht vorhatte klein bei zu geben.
    »Nichts.«
    »Wie ‚nichts‘ sah das aber gerade ganz und gar nicht aus«, protestierte sie
    »Wir sind uns ein- oder zweimal begegnet, mehr ist da nicht. Jetzt lass mich in Ruhe damit«, brummte Soul genervt und sah von ihr weg. Offenbar hatte er vor weiter zu gehen, aber Louna ließ sich nicht abschütteln und begleitete ihn einfach.
    »Und bei diesem ein- oder zweimal Treffen habt ihr nicht gerade Freundschaft geschlossen, was?«, mutmaßte sie frei heraus. Souls Schweigen und die grimmig nach unten gezogenen Mundwinkel sagten ihr bereits alles. Vielleicht würde sie später von ihm oder auch von Dash noch mehr erfahren, aber fürs Erste sollte sie es gut sein lassen. Nicht nur, weil sie befürchtete Souls Unmut auf sich zu laden, sofern sie das nicht schon hatte, sondern auch, weil noch etwas anderes sie interessierte.
    »Wie geht’s dem verletzten Pokémon? Hat es sich wieder erholt?«, fragte sie und sah Soul von der Seite an. Der Themenwechsel schien ihm mehr als recht zu sein. Er erwiderte sogar ihren Blick.
    »Ja fast. Es soll noch nicht herum springen und laufen, aber ansonsten geht es ihm ganz gut.« Louna war erleichtert das zu hören und lächelte.
    »Das ist schön. Wem gehört es denn? Hat man den Besitzer ausfindig machen können?« Soul ließ sich bei dieser Frage Zeit mit der Antwort und brummte erst einmal, allerdings war Louna sich nicht sicher, ob das nun eine Verneinung oder Zustimmung war. Seine Worte entschlüsselten dieses Rätsel schon eher.
    »Da es kein Halsband, keine Marke oder sonst auch keine Vermisstenanzeige vorlag, die darauf hinweisen könnte, dass das Pokémon irgendwem gehörte: Nein, der Besitzer wurde nicht ausfindig gemacht.«
    »Aber was wird dann aus ihm?« Louna war leicht besorgt. Das Pokémon, was sie gemeinsam mit Soul im Kellergewölbe von Illumina City gefunden und aus den Klauen der Diebe gerettet hatte, war noch ein sehr junges Pokémon gewesen. Allein, ohne Familie es zurückzulassen, war kein schöner Gedanke.
    »Na ja, ich sollte es nehmen. Die Pflegerin im Center lag mir in den Ohren damit.« Louna starrte mit großen goldenen Augen Soul an, der daraufhin nur mit den Schultern zuckte, als wäre nichts dabei. Er hätte doch gleich sagen können, dass er sich jetzt um das Pokémon kümmerte! Sie trat ihm in den Weg, so dass sie ihn dazu zwang stehen zu bleiben.
    »Kann ich es mal sehen? Bitte?« Soul legte den Kopf zur Seite, als wollte er sie fragen, wozu das gut sein sollte, aber er schien auch schnell zu begreifen, dass Louna es unbedingt sehen wollte. Er seufzte und nahm einen Pokéball von seinem Gürtel, an dem er mehrere Bälle angebracht hatte. Sehr praktisch, um sie jederzeit griffbereit zu haben. Vielleicht sollte sich Louna auch so was zulegen, denn sie hatte ihre Bälle bisher nur in ihrem Rucksack.
    Soul entließ das kleine Pokémon, das nun zwischen ihren Füßen auf dem Boden hockte und noch recht schüchtern wirkte. Es sah sich mit seinen roten Augen vorsichtig um und hatte eine eher geduckte Haltung eingenommen. Seine beiden Vorderbeinchen hatten jeweils noch einen Verband, aber ansonsten wirkte es recht munter. Louna ging in die Hocke und streckte ihre Hand aus, damit das Pokémon an den Fingern schnuppern konnte. Das würde ihm vielleicht dabei helfen ein bisschen Vertrauen aufzubauen. Trotzdem runzelte sie die Stirn während sie es so betrachtete.
    »Ist das die natürliche Fellfarbe von ihm? Eigentlich doch nicht, oder?« Louna behauptete nicht von sich, dass sie sich mit allen Pokémon auskannte, aber dieses hier hatte normalerweise ein schwarz-graues Fell, oder? Oh man, dadurch, dass sie noch zu wenig Wissen hatte, war sie sich gar nicht so sicher. Aber ihr war das schon in Illumina City aufgefallen, dass die Fellfarbe anders aussah, als man es sonst erwarten würde.
    »Stimmt. Normalerweise sind Fiffyen schwarz-grau, da aber dieses hier eine braun-goldene Farbe aufweist, wurde es vermutlich deshalb auch von diesen Schurken festgehalten.« Das machte im Nachhinein mehr Sinn.
    »Solche andersfarbigen Pokémon sind recht selten, nicht wahr?«, mutmaßte Louna. Sie hatte sonst nicht wirklich andersfarbige Pokémon gesehen, aber allein diese Erkenntnis ließ sie begreifen, warum diese Diebe diesem kleinen Fiffyen so zugesetzt hatten. Sie hatten es gewollt, weil es anders aussah. Louna würde es nicht wundern, wenn es da draußen Menschen gab, die für so ein seltenes Pokémon viel Geld geben würden. Allein diese Vorstellung machte sie wütend, weshalb sie angestrengt versuchte die Wut wieder herunter zu schlucken. Es brachte ihr nichts sich jetzt darüber aufzuregen.
    »Aaaah genau!«, fiel es ihr auch noch wie Schuppen von den Augen. Soul sah bei ihrem plötzlichen Ausruf erschrocken drein. Das kleine Fiffyen zuckte sogar zusammen und starrte sie an, als wäre ihr gerade ein zweiter Kopf gewachsen.
    »Deswegen ist Kuro blau und nicht grün!« Das hatte sie Dash fragen wollen, hatte das aber völlig vergessen. Nun gut, jetzt besaß sie die Antwort dazu.
    »Kuro?« Soul wusste nicht, wovon sie sprach und war immer noch irritiert.
    »Ja, Kuro, das ist das Pokémon von Dash.« Kaum gab Louna die Antwort schnaubte Soul auch schon auf.
    »Du kannst ihn wirklich nicht leiden, was?«
    »Muss ich denn das?« Gute Frage. Vermutlich nicht, obwohl Louna es ein wenig schade fand, dass die beiden sich offensichtlich nicht riechen konnten. Was ist nur vorgefallen, dass sie so sehr von einander abgeneigt waren? War es schlichte Antipathie?
    Soul kniete sich nieder, um Fiffyen auf die Arme zu nehmen. Dadurch wurden auch Lounas Gedanken wieder mehr auf das kleine Pokémon gelenkt und sie lächelte erneut.
    »Es ist sehr süß. Wie nennst du es?«, fragte sie nach.
    »Ehm … « Soul schien keine Antwort darauf zu haben.
    »Hast du etwa noch keinen Namen für ihn?«
    »Sollte ich?« Kurze Zeit starrten sich Louna und Soul einfach nur an.
    »Ist ja gut, mir ist noch nichts eingefallen. Vielleicht … Yen?« Soul sah Lounas Augenbraue, die nach oben wanderte.
    »Also kreativ bist du schon mal nicht«, kommentierte sie seinen halbherzigen Vorschlag.
    »Fällt dir etwa was Besseres ein?«, entgegnete er ihr, doch leider war auch Louna nicht besonders kreativ.
    »Ich werde darüber nachdenken.«
    »Ja, sicher doch … « Offenbar nahm er sie nicht wirklich ernst, was sie dazu veranlasste ihm die Zunge heraus zu strecken. Ja, es war eine kindische Reaktion, aber gerade da konnte Louna das Zucken von Souls Mundwinkeln erkennen. Eine kleine Andeutung eines Lächelns? Lächelte dieser Kerl denn überhaupt irgendwann? Bisher hatte sie ihn eher wie einen zurückgezogenen, recht mürrischen Typen kennengelernt.
    »Wo willst du eigentlich hin?«, unterbrach sie ihr eigenes Schweigen und sah schon wieder, dass Soul wohl darüber nachdachte, ob er sie nicht einfach nur als lästig erachten sollte. Ehrlich, es stand in seinem Gesicht geschrieben und so wie er gerade tief einatmete …
    »Warum fragst du?« Statt zu antworten, stellte er ihr einfach eine Gegenfrage.
    »Ach, nur so. Ich muss nach Escissia, aber der Weg war noch versperrt. Ich frage mich, ob er wieder frei ist. Du musst nicht zufällig in diese Richtung?«
    »Mhm? Willst du etwa, dass ich für dich den Kundschafter spiele?«
    »Nicht direkt«, antworte Louna und wirkte auf einmal ein wenig kleinlaut.
    »Ich meine, falls du in die Richtung musst, könnten wir auch zusammen weiter gehen«, schlug sie vor.
    »Oh? Wie war das? Offenbar musst du dich nicht davor in Acht nehmen von Idioten angemacht zu werden, weil du es schon selbst bei ihnen tust.« Lounas Kiefer fiel nach unten. Sie starrte Soul an und ihre Wangen erröteten. Was redete er da auch? Sollte das ein Scherz sein?
    »D-das ist ja gar nicht wahr! Ich mach dich gar nicht an! U-und außerdem … « Sie war ganz schockiert und auch peinlich berührt. Zusätzlich wurde ihre Stimme immer leiser, je mehr sie aussprach.
    »Ein Idiot bist du auch nicht. Ich meine … du hast einem Pokémon geholfen, so schlecht kannst du nicht sein«, gab sie zu, was ihr insgeheim nur noch viel peinlicher war. Warum? Eigentlich musste sie sich dafür nicht schämen, denn es war ihre ehrliche Meinung. Trotzdem machte der Typ sie nervös, aber nicht in dem Sinne nervös, wenn man Angst hatte. Es war ein anderes nervös, eines was ihre Wangen zum Glühen brachte.
    So ein Mist!
    »Oh, wie gnädig von dir«, war alles, was Soul dazu zu sagen hatte, weshalb Louna eine Schnute zog.
    »Blödmann!« Natürlich verdrehte er die Augen. Das konnte sie zwar nicht wirklich hinter der Sonnenbrille sehen, aber sie ahnte es instinktiv.



    Trotz der Peinlichkeit von vorhin gingen Louna und Soul gemeinsam nach Süden, um den Ouvert-Weg zu erreichen. Aber wie Louna das letzte Mal hier bereits festgestellt hatte, war der Weg immer noch gesperrt. Das war nervig! Am liebsten würde sie weiter gehen und eigentlich sprach auch nichts dagegen es einfach zu tun. Denn die Sperre könnte man auch einfach umrunden. Die Frage war nur, ob dann nicht einer der Zuständigen auftauchte und dann was dagegen hatte.
    »Mhm, ich sehe keinen Grund dafür, warum die Straße gesperrt sein sollte … « Sie konnte weder einen Unfallort noch irgendein anderes Hindernis oder einen anderen Grund erkennen, was die Sperre begründete. Louna sah sich um, aber egal wohin sie sah, sie sah einfach nichts. Soul ging es da nicht anders, doch bevor dieser einfach schnurstracks weiter gehen konnte, tauchte ein Wachmann auf. War das der, mit dem Louna bereits schon mal gesprochen hatte?
    »Entschuldigung?« Louna winkte ihn heran. Sie wollte sich informieren wie lange es denn noch dauern würde. Wollten sie denn wirklich Tage lang den Weg versperren? Das ging doch nicht!
    »Hören Sie, der Weg ist nicht sicher. Es wurde ein ganzes Rudel Pyroleos gesichtet. Sie sollten lieber einanderes Mal hier entlang kommen, wenn es eine Entwarnung gibt.«
    »Pyroleos? Ernsthaft?« Louna glaubte sich zu verhören. Normalerweise waren in dieser Gegend Richtung den Wald keine Pyroleos anzutreffen. Erst recht nicht so nahe an der Zivilisation. Louna kannte diese Pokémon-Art, auch wenn sie live noch keines gesehen hatte. Allerdings hatte sie einmal einen interessanten Dokumentationsfilm über sie gesehen gehabt. Es waren sehr faszinierende Pokémon, aber auch sehr gefährliche!
    »Ja genau, und da momentan auch Paarungszeit ist, sollten Sie erst recht vorsichtig sein«, warnte der Wachmann sie.
    »Schön und gut, aber das ist kein Grund für mich hier Däumchen zu drehen«, hörte Louna auf einmal Soul sagen.
    »Äh, du willst wirklich weiter gehen?«, fragte sie vorsichtshalber nach.
    »Natürlich. Also was ist? Dürfen wir?« Die Frage stellte Soul direkt an den Wachmann, der wenig begeistert darüber war, trotzdem trat er zur Seite.
    »Es ist Ihre eigene Verantwortung, hören Sie? Wenn Sie auf Pyroleos treffen, dann flüchten Sie besser! Aber so, dass diese sie nicht bemerken oder erwischen! Seien Sie vorsichtig!«
    »Ja ja, schon gut«, meinte Soul nur abweisend und ging weiter. Nach ein paar Schritten blieb er dann aber stehen und drehte sich zu Louna um.
    »Was ist denn? Kommst du nun oder nicht?«
    »Bist du dir sicher, dass … ?«
    »Wenn du Angst hast, dann bleib eben hier.« Mehr sagte er nicht und wandte sich schon von ihr ab.
    »W-warte!« Louna war das nicht ganz so geheuer, aber zurückbleiben wollte sie trotzdem nicht. Soul schien ziemlich selbstbewusst zu sein. Sie hoffte, wenn sie auf Pyroleos traf, dass er dann immer noch so cool blieb und wusste, was zu tun war.
    »Nehmen Sie sich auch vor anderen Pokémon in Acht! Sie sind derzeit etwas aufgeschreckt durch das Rudel!«, brüllte der Wachmann ihnen nach. Soul unterdrückte nur schwer ein genervtes Stöhnen, hob die Hand wie zum Gruß, ohne sich dabei aber umzudrehen. Er hatte keine Angst vor wilden Pokémon. Sicherlich gab es gefährliche Exemplare, aber damit wurde er schon fertig, wenn er auf welche treffen sollte.



    Nach einer Stunde Wanderung war immer noch nichts Auffälliges passiert. Die einzigen Pokémon, denen sie begegneten, waren jene, die in der Luft weit oben über sie hinweg flogen oder ein paar vereinzelte Käfer-Pokémon, die im Gras und in den Büschen zirpten, sangen und herum krabbelten. Nichts Auffälliges und erst recht nichts Gefährliches.
    »Scheint alles ruhig zu sein. Von Pyroleos keine Spur«, meinte Louna, um das Schweigen zu durchbrechen. Sie hatten seit ihrem Aufbruch nicht mehr viel miteinander geredet, aber die Stille, die zwischen ihnen geherrscht hatte, war auch nicht unangenehm gewesen.
    »Sag das nicht zu laut, sonst springt doch noch eins hinter einem Busch hervor.«
    »Wäh, sag das nicht! So nahe möchte ich keinem Pyroleo kommen!« Faszination hin oder her, einem wilden Pyroleo stellte man sich nicht in den Weg!
    Dieses Feuer-Pokémon sollte allerdings nicht ihr Problem werden. Nicht jetzt und auch nicht heute. Denn je näher sie dem Wald kamen – und Louna konnte nicht verhindern, dass ihre Nervosität deshalb zunahm – desto unruhiger wurde ihre Umgebung. Es war das anfänglich entfernte Kreischen eines Pokémon, das voller Aufruhr schien. Louna fürchtete schon, dass es aufgeschreckt worden war, weil tatsächlich ein oder mehrere Pyroleos es erschreckten. Aber das war weniger das Problem, denn von den Feuer-Pokémon war nach wie vor keine Spur. Stattdessen tauchte ein aufgeregt flatterndes Pokémon auf, das über ihre Köpfe hinweg schoss. Louna musste sich weg ducken, um nicht Ziel eines Angriffs zu sein.
    »Irks, hey, was soll denn das?« Louna war gerade dabei sich wieder aufzurichten, als Soul sie erneut hinunter drückte.
    »Vorsichtig!« Schon sauste das kleine flattrige Pokémon über sie hinweg, kreischte und schlug heftig mit den Flügeln.
    »W-was … was soll das? Was hat es denn?«
    »Möglicherweise will es sein Revier verteidigen. Oder es ist wirklich aufgebracht, weil Pyroleos hier waren.« Die letzte Aussicht gefiel Louna gar nicht. Sofort suchten ihre Augen die Umgebung ab, aber mehr als vereinzelte Bäume, hohes Gras und Büsche konnte sie nicht ausmachen. Wenn man jetzt das aufgeregte Pokémon über ihren Köpfen mal außen vor ließ. Schon stürzte es sich erneut auf sie hinab. Das war wirklich nervig, daher warf Soul einen Pokéball, der sein Pokémon heraus ließ. Mit einem Knurren und darauffolgenden Fletschen der Zähne zeigte es sich. Louna war nicht sicher, ob der Anblick dieses Pokémons beruhigender sein sollte, als der Anblick des flatternden Pokémons in der Luft. Aber da Soul sein Pokémon anwies sich gegen das Flug-Pokémon zu stellen, war es vielleicht gar nicht so schlecht. Immerhin griff das Dartiri sie nicht weiter an. Gut für Louna auf alle Fälle. Dass überhaupt so ein kleiner Piepmatz so aufgebracht sein konnte, war für sie neu. Da sie aber eh immer was Neues dazu lernte, sollte sie das eigentlich gar nicht wundern.
    »Dael, setz Glut ein!«, rief Soul.
    »Glut?« Louna war überrascht. Schon wieder. Oh man. Gut, das Pokémon von Soul konnte Feuer-Attacken einsetzen, auch wenn sie nicht wusste, was es für eine Art war.
    »Oh Moment!« Wie war das mit ihrem elektrischen Lexikon? Ganz genau! Sie zückte ihren Pokédex aus der Tasche und bekam ein paar Informationen zu Dael.



    Hunduster leben eng im Rudel zusammen und werden nicht selten von einem Hundemon angeführt. Ihre einzigartige Jagdtechnik deutet auf eine beeindruckende Teamfähigkeit hin, die für diese Pokémon überlebensnotwendig in der Wildnis ist. Durch ihr verschiedenartiges Geheul kommunizieren sie untereinander, wodurch ihnen ein komplexeres Sozialverhalten zugesagt wird. Trotzdem fürchten sich viele Menschen vor den nachtaktiven Pokémon.



    Woran das nur lag, dass sich Menschen vor diesem Pokémon fürchten? Wenn sich Louna Dael ansah, dann konnte sie sich ungefähr vorstellen, wie es wirken musste, wenn man nachts auf dieses traf. Das schwarze Fell, welches durch Knochenplatten am Kopf, Beinen und Rücken durchzogen war, sah echt gefährlich aus. Die aufblitzenden Zähne und Krallen wirkten auch nicht gerade harmlos. Wenn dieses Pokémon im Jagdmodus war, sollte man es besser nicht unterschätzen.
    Die Glutattacke, die Dael ausstieß, verfehlte das wilde Dartiri nur ganz knapp. Beruhigen oder abschrecken ließ es sich davon aber noch lange nicht. Louna sah, wie das Vogel-Pokémon in den Angriff über ging und sich nun Dael vornahm. Immer wieder versuchte es mit dem Schnabel nach dem nachtaktiven Pokémon zu hacken.
    »Verdammt, ich habe keine Pokébälle«, hörte Louna neben sich Soul.
    »Ich hab welche!« Und das nicht, weil sie unbedingt Pokémon fangen wollte. Es gehörte einfach zur Grundausrüstung dazu. Irgendwie. Louna holte einen der leeren Bälle hervor und wollte ihn Soul überreichen.
    »Wirf ihn!«
    »W-was? Wieso denn?«
    »Weil … Vorsicht!« Er kam nicht mehr dazu ihr zu erklären, warum es dabei helfen könnte das Dartiri einzufangen, denn genau dieses kam schon wieder herbei geschossen. Soul und Louna mussten zur Seite springen. Dael war in ihre Richtung geflüchtet, um den Schnabelattacken auszuweichen, aber dabei hatte sich das Dartiri von ihm gelöst und auch die Menschen wieder angegriffen. Aufgebracht schrie es auf. Der kleine Brustkorb des Pokémons bebte, weil es eigentlich schon außer Atem war. Wer wusste schon, wie lange es sich in diesem hektisch-aufgebrachten Zustand befand?! Beruhigen wollte es sich wohl trotzdem nicht.
    »Wirf!«, rief Soul Louna zu, die sich noch eher aufgerappelt hatte als Soul.
    »Aber … das bringt doch nichts … « Louna war nicht wirklich überzeugt davon. Fing man nicht Pokémon in einem geschwächten Zustand? So aufgekratzt wie Dartiri war … Trotzdem warf sie den Ball, was eher aus der Verteidigung heraus folgte. Denn Dartiri flog direkt auf sie zu, den Schnabel weit aufgerissen, kreischend und auf sie stürzend. Louna warf den Ball, der das Pokémon traf. Für einen Moment sah es so aus, als würde dieses aus der Luft gerissen werden und abstürzen, aber der Ball öffnete sich und sog es hinein. Ja, eine seltsame Technik, das stellte Louna nicht zum ersten Mal fest. Der Ball fiel zu Boden und wackelte mehrere Augenblicke lang. Mit klopfendem Herzen sah Louna dabei zu bis der Ball sich nicht mehr rührte.
    »Oh mein Gott, ist es … jetzt gefangen?« Sie konnte es kaum glauben. Soul klopfte sich den Dreck gerade von der Hose und trat zu ihr heran. Seine Sonnenbrille hatte er vorhin schon abgenommen, so dass man seinen nachdenklichen Blick gut erkennen konnte.
    »Du siehst aus, als würdest du zum ersten Mal ein Pokémon fangen«, stellte er fest. Louna drehte sich zu ihm und er hob beide Augenbraue an.
    »Oha? Herzlichen Glückwunsch zum ersten selbst gefangenen Pokémon.« Lounas Blick hatte für ihn Bände gesprochen. Es war wohl wirklich ihr erstes gefangenes Pokémon. Was Louna davon halten sollte, wusste sie nicht.
    »Aber was soll ich denn damit? Ich wollte doch nicht … ! Nimm du es!«
    »Warum ich? Du hast es doch gefangen.«
    »Aber … aber doch nicht, weil … Dein Pokémon hat gegen es gekämpft!«
    »Aber du hast es gefangen«, beharrte Soul darauf. Er wollte wirklich das Pokémon nicht, das wurde Louna bewusst. Sie begann zu grummeln.
    »Na toll«, murrte sie.
    »Ist doch jetzt kein so schlechter Fang. Trainiere es und es könnte vielleicht ein gefährlicher Kämpfer sein.«
    Ja, einer, der mit spitzem Schnabel auf andere los geht.
    »Aber ich hab doch schon zwei Pokémon!« Lounas Aufbegehren führte dazu, dass Soul sie mit rollenden Augen bestrafte.
    »Zwei Pokémon, oh mein Gott, ist das viel!«
    »Hey, machst du dich etwa über mich lustig?«, wollte Louna pikiert wissen.
    »Du kannst dieses Dartiri auch wieder frei lassen, aber besser lieber erst später, wenn es sich beruhigt hat. Jetzt würde ich es nicht heraus lassen.« Dieser Vorschlag besänftigte Louna schon eher, auch wenn sie Soul mit einem mürrischen Blick bestrafte. Sie klaubte den Ball vom Boden auf und steckte ihn weg. Nach dieser Aufregung konnten sie weiter gehen. Trotzdem wandte sich Louna wieder an Soul.
    »Warum willst du es nicht?« Gab es irgendeinen besonderen Grund dafür?
    »Es passt nicht in mein Team», antwortete Soul überraschend ehrlich.
    »Wie? Was meinst du damit? Hast du schon so viele Pokémon?« Louna kannte Souls Pokémon nicht, abgesehen von Dael und dem Fiffyen, welches einen Namen brauchte.
    »Nicht unbedingt. Aber es passt nicht. Allein wegen des Typs«, erklärte er, was Louna nicht viel schlauer machte.
    »Magst du keine Vogel-Pokémon?«, wollte sie wissen.
    »So würde ich es nicht nennen.« Mehr sagte er zu diesem Thema vorerst nicht. Daher gingen sie weiter, doch Lounas Unruhe stieg wieder an, als sie den Blick auf den Wald am Horizont richtete. Der Nouvaria Wald – Sie mochte ihn immer noch nicht. Dunkle Wälder waren ihr unheimlich, erst recht, wenn man darin übernachten musste. Zu ihrem eigenen Unmut würde ihr das bevorstehen, denn der Nachmittag war auch nicht mehr der jüngste und irgendwann würde es dunkel werden. In ein paar Stunden …