MOSAIK

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    [28.04.2011 – D04 – Straßenklinik]


    „Ähm. Heidenstein hier“, meldete sich die mittlerweile halbwegs vertraute, müde Stimme des Docs am anderen Ende der Leitung.

    „Ich bin's“, erwiderte sie rau, „Pakhet.“

    „Ah, Pakhet.“ Er klang verwirrt. „Was kann ich für dich tun? Ich habe gerade zu tun.“

    „Ich habe einen Notfall“, antwortete sie. „Und brauche deine Hilfe.“

    „Notfall?“

    „Medizinischer Notfall“, erklärte sie. „Orion.“

    „Warum bringst du ihn nicht zur Zentrale?“

    Sie holte tief Luft und schürzte die Lippen. „Ich habe guten Grund, es nicht zu tun.“

    Stille. Er verstand. Dann räusperte er sich. „Okay. Von mir aus. Bring ihn her.“

    „Wohin?“

    Erneutes schweigen. Heidenstein räusperte sich nervös. „Ich habe eine kleine Straßenklinik im Norden der Cape Flats. Im Keller des Anderson Hospitals.“

    „Danke“, antwortete sie leise und gab den Namen des Krankenhauses bereits in ihr Smartphone ein.

    Sie fuhr – schnell, aber darauf bedacht, sich an das Geschwindigkeitslimit zu halten. Sie wollte nicht unbedingt riskieren, angehalten zu werden. Wenn jemand den Kofferraum öffnete und den halbtoten Orion vorfand, hätte sie ein Problem. Kein Problem, dass sich nicht beheben ließe, aber dennoch: Ein Problem.

    Natürlich hatte Heidenstein recht. Sie könnte Orion auch zur Zentrale zurückbringen. Ihn da versorgen lassen. Doch hatte sie einige Gründe, es nicht zu tun. Vor allem wollte sie Orion nicht länger in ihrem Team haben – und sie wusste, dass sie sich selbst darum kümmern musste. Sonst würde es nur als Gegenwehr gegen die Teamidee als solche gesehen.

    Daher fuhr sie keine fünfzehn Minuten später auf dem Parkplatz des Anderson Hospitals vor.




    Sie kannte das Krankenhaus nicht, was jedoch nicht viel heißen wollte. Sie besuchte selten normale Krankenhäuser. Noch seltener besuchte sie Krankenhäuser in der Nähe der Flats. Tatsächlich überraschte es sie, dass es hier draußen überhaupt eins gab. Die einzige Möglichkeit es zu erreichen, wenn man nicht durch die Flats fahren wollte, war über die M2. Das Gebäude lag am nordöstlichen Ende des Ghettos.

    Es wirkte auf den ersten Blick heruntergekommen – kaum verwunderlich für die Gegend. Das fünfstöckige, längliche Gebäude wirkte leer, auch wenn sie nicht sagen konnte warum. Es mochte eventuell an dem beinahe gänzlich verlassenen Parkplatz liegen, auf dem nur vereinzelte Fahrzeuge standen – gesamt nicht mehr als fünfzehn. Ein hoher, gesicherter Zaun umgab den Parkplatz.

    Es hatte definitiv Horrorfilmästhetik.

    Heidenstein hatte ihr eine Nachricht geschickt: Sie solle zum Hintereingang fahren und die beiden Männer, die dort standen ansprechen. Dubios, aber gut. Was erwartete sie von einer Straßenklinik?

    Sie kannte solche Einrichtungen aus anderen Städten: Ärztliche Notfallpraxen für diejenigen, die normale Ärzte nicht besuchen konnten. Vielleicht, weil sie Verbrecher waren oder sich illegal im Land aufhielten, oft aber auch, weil sie magischer Abstammung waren und ihre Krankheiten oder Verwundungen auf ihre magische Natur schließen ließen. Dankbarerweise gab es magische Ärzte, die sich auf magische Wunden spezialisiert hatten und die oftmals aus solchen Kliniken heraus agierten.

    Offenbar war Heidenstein einer von ihnen.

    Was zur Hölle machte er als Medic bei ihnen?

    Sie fuhr um das Gebäude herum, bis sie die Tür mit den zwei davorstehenden Herren in Anzügen entdeckte. Sah ganz so aus, als wäre auch dieser Laden unter Mafiaführung.

    Es konnte ihr egal sein.

    Sie stieg aus, nickte den beiden zu und ging um den Wagen herum. Sie öffnete den Kofferraum, hievte Orion heraus, um ihn sich über die Schultern zu werfen.

    Er atmete noch. Gut. Egal was für ein Arschloch war: Sie hatte ihn nicht töten wollen.

    „Ich suche Doctor Heidenstein“, sagte sie, als sie die beiden Herren erreichte.

    Die beiden nickten synchron. Golems?

    Zumindest ließen sie sie passieren, als sie die Tür mit einem Stoß aufkatapultierte.

    Sie fand sich vor dem Treppenhaus des Krankenhauses. Es gab einen Aufzug, doch bevorzugte sie die Treppe. Es war nur eine Etage.

    Langsam wurde Orion auf ihren Schultern deutlich schwer.

    Angespannt blickte sie sich um. Im Flur hinter der Feuerschutztür brannte Licht, also würde sie es dort versuchen. Sie stieß die Tür auf und eilte hindurch, um sich in einem üblichen Krankenhausflur mit grünlichem Linoleumboden wiederzufinden.

    Niemand war hier.

    „Heidenstein!“, rief sie.

    „Hier“, antwortete er. Eine Tür schwang auf, auch wenn er sich nicht sehen ließ.

    Sie lief zur Tür hinüber und schaute in den dahinterliegenden Raum.

    Dort saß er, offenbar damit beschäftigt eine unschöne Kratzwunde am Arm eines kräftigen, bärtigen Farbigen zu nähen. Ein Werwolf, seinen noch immer goldlichen Augen nach. Die Wunde sah ebenfalls nach Werwolfskrallen aus.

    „Bring ihn in den nächsten Raum“, sagte Heidenstein ohne aufzusehen.

    Pakhet nickte. Sie beschloss, dass er den Raum rechts von diesem meinte und ging zur entsprechenden Tür weiter. Es war eine Schiebetür, die sie mit Schwung öffnete.

    Dahinter lag ein Behandlungsraum, wie man ihn in vielen Notaufnahmen im Land fand. In der Mitte eine Liege unter einer Operationsleiste. Zwei Hocker, zwei Stühle, ein Schreibtisch mit Rechner, mehrere Schränke und Regale.

    Sie trat zur Liege hinüber und legte Orion ab. Er hatte noch immer Puls, wenngleich er trotz Ohnmacht zitterte und sich ein dünner Schaum vor seinem Mund gebildet hatte. Ab und an machte er leise Laute.

    Was auch immer das Toxin mit ihm anstellte: Er hatte es nicht besser verdient.

    Mit diesem Gedanken setzte sie sich auf einen der Hocker und verschränkte die Arme. Sie wartete. Eine Minute. Fünf Minuten. Zehn Minuten.

    Irgendwann hörte sie Stimmen im Nachbarraum. Schritte. Jemand ging.

    Dann wurde die Tür, die beide Behandlungsräume direkt miteinander verband geöffnet und Heidenstein kam hindurch. „Entschuldige, dass es etwas gedauert hat“, meinte er ruhig. Er musterte Orion. „Was ist passiert?“

    „Kurzfassung: Er hat angefangen ein paar Leute ohne Grund abzuknallen und ich habe ihm einen Dart mit Betäubungstoxin gesetzt“, antwortete sie. „Dann hat er angefangen zu zittern. Dann zu sabbern. Sein Puls ist schwach und unregelmäßig. Überdosis, nehme ich an.“ Sie wusste, dass die letzten Aussagen unnötig waren, da Heidenstein ihn selbst untersuchte.

    Auch er überprüfte den Puls, den Blutdruck, sah dem Magier in die Augen und horchte auf dessen Atem. „Überdosis“, bestätigte er schließlich. Er warf ihr einen missmutigen Blick zu. „Ich habe dir gesagt, du musst damit vorsichtig sein. Hat er in den letzten Tagen Blut verloren?“

    „Er ist heute Mittag angeschossen worden und hat sich selbst geheilt“, erwiderte sie.

    Heidenstein nickte. „Daran wird es liegen.“ Er ging zu einem Schrank hinüber, holte ein Fläschchen hervor, dann eine Spritze aus einem anderen. „Warum wolltest du ihn nicht zur Zentrale zurückbringen?“

    „Weil er sich meinen Anweisungen widersetzt hat“, erwiderte sie. „Er hat sinnlos getötet. So etwas dulde ich nicht.“

    „Sagt die eiskalte Söldnerin?“, meinte Heidenstein, während er Orion das Mittel verabreichte.

    „Ich hasse sinnlose Gewalt.“ Sie musterte ihn kühl. „Als jemand, dessen bevorzugte Waffe eine Betäubungspistole ist, gehe ich davon aus, dass du das verstehst.“

    „Sicher“, antwortete er und lächelte.

    Zu ihrer Überraschung wirkte das Lächeln aufrichtig.

    Nach einigen Sekunden seufzte er leise, fühlte erneut Orions Puls. „Und was hast du dann mit ihm vor?“

    „Ich sehe ihn als Gefahr für die Gruppe und die Firma“, erwiderte sie. „Deswegen schicke ich ihn fort.“

    Nun musterte Heidenstein sie. Er schwieg, überlegte, leckte sich schließlich über die Lippen, während er vorsichtig eine Frage formulierte: „Was ist mit Mr Smith? Mr Forrester?“

    „Sie werden sich damit abfinden müssen, dass Orion die Stadt verlassen hat“, antwortete sie. „Es wäre nicht das erste Mal.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Es sei denn, du willst sie darüber in Kenntnis setzen?“

    Für einige Sekunden – sie konnte nicht sicher sagen, wie lange genau – trafen sich ihre Blicke. Zweifel schien aus seinen Augen zu sprechen, ehe er langsam den Kopf schüttelte. „Nein“, sagte er. „Ich stimme dir zu.“ Er lächelte matt. Eine ungewisse Reue lag in dem Lächeln. „Aber wie willst du ihn davon überzeugen?“

    Sie zuckte mit den Schultern und betrachtete kühl zu dem ohnmächtigen Magier, der aufgehört hatte zu zittern. „Ich habe meine Methoden.“ Immerhin hatte sie einen Ruf.


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    Soviel zu diesem Kapitel. Dieses Mal wieder mit einer der wundervollen Illustrationen. Und ja, wir wissen, dass das Gebäude im Bild ein Stockwerk zu kurz geendet ist. Fehler passieren ;) Derweil freue ich mich, dass langsam die Charakterillustrationen fertig werden, selbst wenn es ein wenig komisch sein wird, ein Charakterbild für Murphy zu haben ... Doch warum, das werdet ihr sehen, wenn ihr Murphy kennen lernt.


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  • [30.04.2011 – S02 – Ersatz]


    „Du weißt, dass ich dir nicht glaube“, meinte Smith und seufzte, wenngleich seine Stimme amüsiert klang.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Das erwarte ich auch nicht von dir. Du musst es einfach nur so dokumentieren.“ Sie sah ihm fest in die Augen, bis er den Kopf schüttelte und sich wieder dem Computerbildschirm zuwandte.

    Sie hatte ihm bereits zum zweiten Mal ihre Geschichte über den vermissten Orion dargelegt: Er hatte die Stadt verlassen, weil er von der Mafia verfolgt wurde.

    Es war nicht einmal eine Lüge. Er hatte die Stadt verlassen und er wurde von der Mafia verfolgt. Einzig die Kausalität war nicht so gegeben, wie sie es dargestellt oder zumindest impliziert hatte. Vielmehr mochten es Drohungen ihrerseits, ihn an den Mob auszuliefern, gewesen sein, der ihn dazu bewegt hatte, die Stadt zu verlassen.

    „Ob du es glaubst oder nicht: Das habe ich schon“, erwiderte er. „Es ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl.“ Sein Blick verharrte auf ihrem Gesicht. „Du wirst mir nicht erzählen, was wirklich passiert ist, oder?“

    „Nein“, antwortete sie. „Aber wenn es dich beruhigt versichere ich: Er lebt noch und hat noch alle Finger.“

    Smith nickte. Der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen. „Nun, du wirst dich freuen, dass ich bereits einen Ersatz für den guten Orion gefunden habe.“

    „Aha?“, fragte sie. Sie seufzte. Sie war froh gewesen, die Anzahl der Idioten um eins reduziert zu haben. Doch wusste sie auch, dass Smith ein funktionierendes Team haben wollte. Ein funktionierendes Team, in dem alle wichtigen Rollen gefüllt waren. Wenngleich sie nicht sicher war, was überhaupt Orions Rolle gewesen war.

    „Ja.“ Er lächelte. „Ein magischer Conartist namens Murphy.“

    „Conartist, eh?“, meinte sie. Klang nicht besonders vielversprechend. Schon gar nicht in Kombination mit Magier. Diese waren ihr nie ganz geheuer.

    Smith sagte nichts, sondern schob ihr das Tablet hin, während er selbst wieder auf den Bildschirm sah.

    Sie schaute drauf. Zu sehen war ein junger Mann, um die 20. Hellhäutig, sommersprossig, dunkelhaarig. Er zeigte ein weites, gewinnendes Lächeln, das sie in erster Linie an Michael erinnerte. Musste sie sich das wirklich antun?

    In den Daten zu ihm fand sie eine Auffälligkeit: „Alter: Unbekannt.“ Was hatte das zu heißen? Normalerweise schätzte Smith das Alter. Irgendetwas sagte er ihr noch nicht und sie ahnte, dass sie es – was auch immer es war – nicht mögen würde.

    Als sie das Tablet zurückschob, räusperte sich Smith. „Er kann erst in zwei Wochen bei uns anfangen. Was etwas spät ist, aber wir können daran nichts machen. Er braucht körperliches Training.“

    „Okay.“ Das brauchten sie doch alle. Na ja, jedenfalls ein Großteil der Chaoten.

    „Hast du Mr Forrester schon davon erzählt?“, fragte Smith.

    „Von Orion?“ Sie schürzte die Lippen, schwieg.

    Smith ließ ein leises Lachen hören. „Habe ich mir schon gedacht. Ich denke mir was aus, ja?“

    Pakhet schenkte ihm ein müdes Lächeln. „Danke.“




    Ja, heute nur ein kurzes Kapitel. Aber das nächste kommt schon Montag.


  • Egal was für ein Arschloch war: Sie hatte ihn nicht töten wollen.

    Interessant wie sie ihre moralische Ader mit Konsequenz vermischt. Oben fand sie noch, eine Leiche zu beseitigen wäre nicht zu schlimm.

    Die beiden nickten synchron. Golems?

    Hm, die Frage ist, ob das Wissen, welche zu machen inzwischen publik geworden ist, oder das ein Hinweis auf die Religion eines Charakters ist. Generell mag ich Golems.

    Dahinter lag ein Behandlungsraum, wie man ihn in vielen Notaufnahmen im Land fand.

    Wenns eine Notaufnahme ist, müsste es dann auch Kontrollgeräte geben. Die dann generell abfallen und die Schwestern zum Wahnsinn treiben.

    Ja.“ Er lächelte. „Ein magischer Conartist namens Murphy.“

    Klingt vielversprechend. Vermutlich einer von drei passablen Teammitgliedern.

  • Interessant wie sie ihre moralische Ader mit Konsequenz vermischt. Oben fand sie noch, eine Leiche zu beseitigen wäre nicht zu schlimm.

    Ja. Es ist halt eine Sache, was man in Wut denkt und eine andere die tatsächlichen Konsequenzen.


    Hm, die Frage ist, ob das Wissen, welche zu machen inzwischen publik geworden ist, oder das ein Hinweis auf die Religion eines Charakters ist. Generell mag ich Golems.

    Das ist unsere moderne Welt. Nur das Magie auch real ist. ;) Wie halt auch in Der Schleier der Welt. Ist ja dieselbe Welt.

    Joanne kennt Popkultur genau so, wie du und ich.


    Wenns eine Notaufnahme ist, müsste es dann auch Kontrollgeräte geben. Die dann generell abfallen und die Schwestern zum Wahnsinn treiben.

    Was für Kontrollgeräte meinst du?

    Weil, wie gesagt, sie haben deutliche Budgetbeschränkungen in so einer Straßenklinik.


    Das ist wohl der Moment, wo ein leicht manisch klingender Doc fragen würde: "Schwestern? Was sind Schwestern? Ahahahaha ... *zitter*"


    Klingt vielversprechend. Vermutlich einer von drei passablen Teammitgliedern.

    Hihihi.


  • Nur zur Info: Ich habe festgestellt: Irgendwie ist mir ein Kapitel abhanden gekommen ... Das kommt morgen oder übermorgen nach. Sorry. ^^"




    [03.05.2011 – D05 – Auftrag]



    Interessiert schaute sie über Heidensteins Schulter, während er die beiden Einzelteile, die er vorbereitet hatte, zusammenschraubte.

    Er spannte eine Feder nach und zeigte ihr dann die mehr oder minder fertige Waffe. „Es wundert mich noch immer, dass du so etwas nie gemacht hast“, meinte er, während sie die Pistole in der Hand abwog.

    „Ich weiß, wie ich übliche Waffen, die aufgeteilt transportiert werden, zusammensetze“, antwortete sie. „Das reicht.“ Immerhin war es nicht eine gängige Fähigkeit – auch unter Söldnern nicht – aus ramponierten Einzelteilen verschiedener Waffen wieder eine funktionierende zusammensetzen zu können. Schon gar nicht aber, war es ein Standard, neue Waffen entwerfen zu können.

    „Das sagt jemand, der sein Auto beinahe komplett selbst gebaut hat“, meinte Heidenstein amüsiert. Auf ihren Blick hin, lachte er leise. „Ja, es ist mir aufgefallen.“

    Pakhet zuckte mit den Schultern. Dann lächelte auch sie matt. „Vielleicht habe ich bisher einfach keinen Lehrer gefunden.“

    Er schenkte ihr einen Vielsagenden Blick. „So?“ Damit streckte er die Hand aus, um die Waffe entgegen zu nehmen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal eine Schülerin hätte.“

    Sie verdrehte die Augen und setzte sich neben ihn.

    Sie waren in dem kleinen Werkraum, der ebenfalls im Keller des Krankenhauses war – selbst wenn dies sicher keinen Hygieneanforderungen entsprach. Es war ein kleiner Raum, der ursprünglich einmal als Abstellraum gedient haben musste, nun aber eine Werkbank, einen Werkzeugschrank, zwei einfache Hocker und einen Safe beherbergte.

    Blasses Licht flutete von einer Neonröhre an der Decke.

    „Nein, aber ernsthaft, Doc“, meinte Pakhet, „wie hast du das gelernt? Oder eher, warum? Als Arzt nicht unbedingt eine übliche Fertigkeit.“

    Sein Lächeln wirkte geheimnisvoll, als er sich ihr mit verschränkten Armen zuwendete. „Sagen wir es einmal so: Ich bin ein viel bereister Mann. Und habe auf meinen Reisen die ein oder andere nützliche Sache gelernt.“ Er zwinkerte ihr zu.

    „Du weißt, dass ich einfach jemanden beauftragen könnte, es herauszufinden.“

    „Aber das würdest du nicht tun“, stellte er sachlich fest. „Es würde mein Vertrauen verletzen.“

    „Und du glaubst, dass mir daran etwas liegt? Ich meine, ich bin eine hartgesottene Söldnerin.“

    „Ja“, erwiderte er. „Ja, ich denke, dass dir etwas daran liegt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich könnte auch Leute befragen, was es mit deiner Prothese auf sich hat, aber ich tue es nicht.“

    Sie ließ ein Stöhnen hören, bemüht es gen¬ervt klingen zu lassen. Es klang wie ein halbes Lachen. „Idiot“, murmelte sie und fragte sich gleichzeitig, wie es dazu gekommen war, dass sie so mit ihm redete. Sie verbrachte für gewöhnlich keine Freizeit mit ihren Kollegen, doch die Neugierde hatte am Ende gesiegt. Sie hatte wissen wollen, wie zur Hölle er die verdammte Waffe gebaut hatte und hier saßen sie und unterhielten sich.

    Er war angenehme Gesellschaft. Intelligent. Teilte ihren Humor.

    „Ja ja, ich bin ein Idiot“, murmelte er amüsiert. Er grinste, schürzte die Lippen und dachte über irgendetwas nach. Dann räusperte er sich und betrachtete. „Sag einmal, Pakhet“, meinte er.

    Als er den Satz nicht fortführte, hob sie eine Augenbraue. „Ja?“

    Noch einmal räusperte er sich. „Du kennst Mr Smith und Mr Forrester schon länger, nicht?“

    „Relativ lang, ja“, bestätigte sie. Sie arbeitete für Michael, seit sie Pakhet war.

    „Gut.“ Er überlegte kurz, ehe er seine Gedanken in Worte fasste. „Wie sieht es aus, wenn ich selbst einen Auftrag an die Firma vermitteln wollte  … Könntest du mir dabei helfen?“

    „Sicher“, antwortete sie und runzelte die Stirn. Das war eine Anfrage, mit der sie nicht gerechnet hatte. „Woran hattest du gedacht?“

    Er lächelte verlegen, sah sie dabei jedoch mit seltsam durchdringendem Blick an. „Ganz genau weiß ich es noch nicht“, erwiderte er nach kurzem Schweigen. „Es ist so  … Der Leiter von diesem Krankenhaus hat Interesse, bestimmte Forschungsunterlagen zu bekommen und ich habe angeboten danach zu fragen.“

    „Also wäre es nicht dein Auftrag?“ Misstrauisch beobachtete sie ihn. Etwas an seinen Worten wirkte auf sie verdächtig. Sie wusste jedoch nicht sicher, was es genau war.

    „Sozusagen“, antwortete er. „Ich hatte die Hoffnung, dass man, wenn die Chaostruppe speziell beauftragt wird, einen Nachlass aushandeln könnte.“

    Bei Michael? Sicher nicht. „Ich glaube nicht, dass das geht“, erwiderte sie.

    „Man könnte es versuchen.“ Er zuckte mit den Schultern. „So oder so. Kannst du Smith und Forrester deswegen ansprechen?“

    Sie verschränkte die Arme, nickte aber. „Ich werde mein Möglichstes tun.“

    „Danke.“

    Pakhet wandte sich den unsortierten Waffeneinzelteilen zu, die auf der Werkbank vor ihnen lagen und seufzte. Sie war sich noch immer nicht sicher, was sie über ihn denken sollte. Heidenstein. Denn ein Teil von ihr kam nicht umher, davon auszugehen, dass er ihre Verbindung zu Michael und Smith ausnutzen wollte. Seine Frage gerade schien sie zu bestätigen. Die Tatsache, dass Vory in seiner Klinik ein uns ausgingen, machte ihn verdächtiger.

    Als sie begann, sich die Teile herauszusuchen, wie sie es vorher bei ihm beobachtet hatte, seufzte er und räusperte sich erneut. „Ich hoffe, du denkst nicht zu negativ über mich.“

    Verdammt. War er in Gedankenleser? „Nein, nein“, murmelte sie und lächelte matt. „Ich denke nur, dass du ein verdammter Idiot bist.“

    Er lachte auf. „Gut.“ Sein Lachen erfüllte für einen Moment den Raum. „Dann ist gut.“ Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, als sein Handy klingelte. Ein weiterer tiefer Luftzug, ehe er abhob. „Ja? Doctor Heidenstein hier.“ Kurz herrschte Stille, während eine für sie kaum hörbare Stimme etwas am anderen Ende der Leitung sagte. Heidenstein wurde ernst und stand auf. „Da? Adin mament.“ Mit wenigen Schritten war er bei der Tür und trat hindurch.

    Pakhet runzelte die Stirn. Wenn sie nicht vollkommen irrte, war das Russisch gewesen. Er konnte also auch Russisch. Aber wer würde ihn auf Russisch anrufen? Wenn nicht ein russischer Mafioso.

    Wahrscheinlich nur ein Patient. Vielleicht hatte er einen Versorgungsvertrag.

    Oder  …?

    Ach, jetzt fing sie schon an, Verschwörungstheorien zu entwickeln.

    Sie schraubte weiter an den Einzelteilen, bis Heidenstein in das Zimmer zurückkam. Er blieb unsicher in der Tür stehen und schaute sie an. „Ich fürchte, ich muss gehen.“

    Sie betrachtete ihn. „Notfall?“

    Er zögerte. „Auftrag.“

    „Von der Firma?“

    Heidenstein schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen. „Ein Freund von mir hat eine Bitte.“ Ein weiteres Zögern. „Ich könnte Hilfe gebrauchen.“

    War das sein Ernst? „Was für ein Auftrag? Und was für ein Freund?“

    „Sein Name ist Viktor“, erwiderte Heidenstein. „Und es geht um ein paar Mädchen, die verschwunden sind.“

    Mädchen? Ihr Gehirn brauchte einen Augenblick, um diese Information zu entschlüsseln. „Prostituierte?“

    Wieder schürzte er die Lippen, nickte aber.

    „Fuck“, flüsterte sie und verfluchte ihr Leben. Es konnte auch nie einfach sein.







    Und nur zur Info: Im nächsten (regulären) Kapitel kommt die Suche nach genannten Mädels nicht vor. Ich hatte allerdings überlegt ein paar der Aufträge aus Maschinen, die halt zum Plot nichts beitragen, in Kurzgeschichten auszulagern. Was sagt ihr?



  • Sunaki Wie? Was? Ich weiß gar nicht was du meinst :P



    [04.05.2011 – R02 – Mittagspause]


    „Du wirkst müde“, stellte Robert fest und fixierte sie über seinen Schreibtisch hinweg.

    Sein Büro war das absolute Gegenteil von dem Michaels: Klein und vollgestopft mit Kram. Sein Schreibtisch war ein billiges IKEA-Modell, über den allerhand Papierkram verteilt lag. Er sollte dringend wieder aufräumen.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Es war eine anstrengende Nacht.“

    „Ah.“ Roberts Stimme klang ausdruckslos. Er wollte nicht über ihren Job reden.

    „Ich habe nur einem Freund ausgeholfen“, meinte sie matt, um ihn zu beruhigen. Sie lächelte ihn über die Plastikschüssel Salat, die sie sich mitgebracht hatte, während sie für ihn Pommes und Burger geholt hatte, an. „Mehr nicht.“

    „Oh“, meinte Robert und tunkte gedankenverloren eine Pommes in den Ketchup, als er auf einmal die Stirn runzelte. „Freund?“

    Pakhet räusperte sich. „Kollegen“, verbesserte sie sich rasch.

    Robert musterte sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde. „Wer?“

    „Willst du das wirklich wissen?“, erwiderte sie nüchtern und pikste weitere Salatblätter und ein Stück Tomate auf ihre Gabel.

    Es war Mittagspause. Für sie und für ihn. Eigentlich hatte sie gedacht, sie täte Robert und sich einen Gefallen, wenn sie bei ihm vorbeischaute – der einen Person, von der sie halbwegs sicher war, dass er sie nicht verraten würde. Jetzt bereute sie es fast. Robert kannte sie zu gut.

    Die letzte Nacht war chaotisch gewesen. Sie hatte Heidenstein begleitet. Sie hatten die Mädchen gefunden und waren dabei halb in einen verdammten Turfwar hinein geraten. Was heißt halb? Sie hatten sich eine Schießerei mit einer Gang geliefert, die der Meinung gewesen waren, der Gang des besagten Viktors Turf streitig machen zu können. Wobei Pakhet beinahe sicher war, dass die „Gang“ Viktors eigentlich Teil der Vory v Zakone war, der russischen Mafia. Jedenfalls waren auch die Mädchen russisch gewesen und Pakhet fragte sich, ob sie überhaupt freiwillig hier waren. Sie hatten froh gewirkt, gerettet zu werden, aber das konnte viel bedeuten.

    „Joanne?“, fragte Robert lauter und riss sie damit aus ihren Gedanken.

    „Entschuldige“, meinte sie mit einem müden Lächeln auf den Lippen und aß weiter.

    „Du bist heute sehr komisch, weißt du das?“, fragte er.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, es war eine anstrengende Nacht.“

    Robert schüttelte verständnislos den Kopf. „Du hast aber nicht  …?“ Er ließ die Frage offen ausklingen, so dass sie für einen Moment brauchte, um die Implikation zu verstehen.

    Da war eine Spur von Wut aus seiner Stimme zu hören. „Nein“, erwiderte sie mit Nachdruck. „Sicher nicht.“

    Robert sah sie an. Nun war es er, der mit den Schultern zuckte.





  • Gute Neuigkeiten für euch: Dieses Mal gibt es auch wieder ein längeres Kapitel und noch dazu eins, dass auch eine Actionszene beinhaltet. :) Es war allerdings auch das seltsamste Kapitel, um es aus dem originalen Setting zu überführen. Viel Spaß!



    [06.05.2011 – D06 – Überraschungen]


    Nervös blickte Pakhet zur Straßenecke, dann wieder in den Rückspiegel, wo der trotz seiner dunklen Haut blass wirkende Mann in seinem teuren, dreckigen Anzug saß. Er wirkte verängstigt und gleichzeitig wütend.

    „Nun fahren Sie endlich!“, forderte er – übrigens nicht zum ersten Mal.

    Sie sagte nichts, wartete, sah wieder zur Straßenecke. Wo blieb er? Verdammt. Heidenstein. Wahrscheinlich hätte sie ihn nicht mitnehmen sollen. Nein, sie hätte ihn nicht zurücklassen sollen, hätte nicht auf ihn hören sollen.

    Wieso waren sie nur zu zweit?

    Sie saß in ihrem Wagen. Der kanariengelben Chimäre, die sie über die Jahre hinweg mit Robert zusammengebaut hatte. Es wäre unmöglich gewesen zu sagen, von welcher Marke er war, da sie diverse Teile aus anderen Wagen zusammengeräubert hatten. Die kanariengelbe Lackierung gab dem Wagen seinen eigenen Charme. Sie war absolut auffällig – weshalb niemand erwarten würde, dass es damit etwas Seltsames auf sich hatte. Immerhin verwendeten die meisten Verbrecher weiße Transporter oder schwarze Mercedes, nicht?

    Die Straßenlaterne an der Ecke flackerte. Halb rechnete Pakhet damit, dass sie ganz ausgehen würde, doch erholte sich die Lampe nach einigen Sekunden und strahlte wieder anhaltend. Dabei war es nicht ungewöhnlich, im Sprawl ganze Straßen ohne Lampen zu haben.

    Wieder schaute sie in den Rückspiegel. Ja, wenn er wirklich ein ernsthafter Geschäftsmann war, war sie die Königin von England. Drogenboss? Waffenhändler? Was auch immer  … Eine Sache war er sicher: Ein absoluter Feigling.

    „Wenn Sie nicht fahren, dann  …“, fuhr er sie an und richtete sich etwas auf.

    „Dann was?“, fragte Pakhet.

    Der Mann biss sich auf die Unterlippe und fiel wieder in den Rücksitz zurück.

    Da. Endlich. Eine Gestalt hastete um die Ecke. Allem Anschein nach war es Heidenstein. Zumindest trug die Gestalt dieselbe feste Jacke, die Heidenstein trug und schien die richtige Größe zu haben.

    Sie startete den Wagen. Wartete.

    „Sie werden nicht sein Leben über meine Sicherheit stellen!“, rief der Mann aus.

    Erneut schenkte sie ihm nur einen entgeisterten Blick über den Rückspiegel. „Entspannen Sie sich. Es scheint nicht, als würde er verfolgt. Es gibt keine konkrete Gefahr für Sie.“ Hatte Heidenstein es geschafft, die Eloko loszuwerden? Hatte er sie getötet? Denn Pakhet war sich nicht sicher, ob seine Betäubungsdarts gegen Fae wirkten. Zur Hölle, was hatte Mr Ungeduld überhaupt mit Fae am Hut gehabt?

    Heidenstein hatte den Wagen fast erreicht, umrundete nun die Kühlerhaube.

    Pakhet öffnete ihm die Tür und er ließ sich mit einem unterdrückten Stöhnen auf den Beifahrersitz fallen. Jetzt erkannte sie warum: Der Schaft eines Pfeils ragte aus seiner Schulter. Das Geschoss hatte ihn sehr hoch getroffen und steckte nicht tief. Dennoch konnte sie Blut glitzern sehen.

    „Was ist passiert?“, fragte sie, während sie losfuhr.

    „Nichts weiter“, erwiderte er. Er biss die Zähne zusammen, griff nach dem Schaft, schloss die Augen und zog den Pfeil mit einem Ruck aus seiner Schulter hinaus. Ein leises Keuchen kam über seine Lippen. „Fuck.“

    „Du fluchst?“

    „Jeder flucht mal“, antwortete er, die Augen noch immer geschlossen.

    „Blut mir nicht die Sitze voll“, meinte sie scherzhaft und warf ihm einen schnellen Seitenblick zu, ehe sie sich wieder auf die Straße und speziell darauf konzentrierte, dass ihr nicht ein weiterer Eloko auf die Fahrbahn sprang. Was wusste sie, woher die Viecher auftauchen konnten?

    Heidenstein hatte weiterhin die Zähne zusammengebissen. „Ich bemühe mich.“ Damit legte er die Hand gegen seine Schulter. Als sie ihm den Blick erneut zuwandte, wirkte er etwas entspannter.

    Heilmagie? Es sah ganz danach aus. Also war der gute Doc auch noch ein Magier? Ein echtes Überraschungspaket. Sie sagte jedoch nichts.

    „Ihre Firma hat uns beauftragt, sie im Parkhaus abzuliefern“, erklärte sie stattdessen ihren missmutigen Fahrgast, der mit den Schultern zuckte.

    „Gut.“

    Ein richtiger Charmeur.

    Sie schürzte die Lippen und wandte die Augen wieder der Straße zu. Jetzt gab es kaum funktionierende Straßenlaternen zu beiden Seiten der Straße. Also sollte sie besser aufpassen, dass ihr keine kleinen Kriecher auflauerten. Wenn es keine Fae waren, konnte es auch anderer Kram sein.

    Ihr Blick wanderte über die kleinen, halb zerfallenden Häuser des Sprawls, und andere Unterkünfte, die nicht einmal wirkliche Häuser waren. Kaum jemand war draußen. Wegen den Fae? Oder lief aktuell noch etwas anderes, wovon sie nicht wusste?

    Es konnte ihr egal sein, solange es sie nicht aufhielt. Und es hielt sie nicht auf.

    Sie erreichte das Parkhaus des alten Einkaufszentrums, das seit langem leer stand und allerhöchstens von Squattern genutzt wurde. Auch hier brannten die Lampen, die einst auffahrt und Parkflächen erhellt hatten, nicht mehr und so war ihr Sichtfeld gänzlich auf den Lichtkegel der Scheinwerfer eingegrenzt.

    Dennoch kam sie zur dritten Ebene von vier und fuhr, wie im Auftrag beschrieben, um das halbe Parkhaus herum, um einen alten, grünlich grauen und stark angerosteten Van am Ostende zu finden.

    Der Wagen hatte Schiebetüren an den Seiten und gesamt fünf Leute lungerten – drei von ihnen dunkelhäutig, die anderen beiden hell – um das Fahrzeug herum. Zwei saßen an der offenen Seitentür, rauchten, einer lehnte an der Haube, einer am Heck, der andere Stand daneben. Sie alle sahen zu ihnen.

    Es war recht klar, welcher der fünf der Anführer war. Derjenige, der nicht gegen den Wagen lehnte, trug eine recht schmucke Jacke und Pakhet erkannte außerdem einen schmucken Siegelring an seiner Hand. Definitiv ein Mitglied von einer der vielen Flat-Gangs. Vielleicht auch Mafia.

    Dieses Empfangskomitee gefiel ihr so gar nicht.

    „Sieht aus, als würde man Sie schon erwarten“, meinte sie.

    Der Mann nickte und zögerte.

    Mit einem genervten Stöhnen öffnete sie die Fahrertür und stand auf, um die Hintertür aufzureißen. „Komm, lass uns Feierabend machen, ja?“

    „Ihnen fehlt grundlegender Respekt“, erwiderte der Mann, ganz so, als wäre er Adel.

    Sie verdrehte die Augen. „Respekt ist ein Luxus, den man sich verdienen muss“, zischte sie und packte ihn beim Arm, um ihn aus dem Wagen zu ziehen. Sie wandte sich den Typen mit dem Van zu. „Ich nehme an, er gehört zu Ihnen?“

    „Sehr wohl“, erwiderte der Typ mit der guten Jacke. Er schenkte ihr ein Lächeln, das so falsch wie das Michaels wirkte.

    Auf irgendetwas schien er zu warten.

    Sie starrte ihn an. „Was?“

    „Bezahlung?“, meinte der Kerl.

    Sie hob eine Augenbraue. Fuck, darüber hatte sie nicht nachgedacht. Wenn sie große Aufträge machten, erfolgten die Bezahlungen online. Bitcoins. Lokale Ganger legten aber selten Geld in Bitcoins an. Wieso hatte ihr Michael nichts gesagt? Viel mehr noch: Wieso fühlte es sich wie eine verdammte Falle an?

    Sie holte ihr Handy heraus und schrieb eine kurze Nachricht an Michael. „Was zur Hölle? Keine Vorbezahlung?“ Mit der Prothese hielt sie Mr Ungeduld zurück, der sich offenbar doch entschlossen hatte, zu seinen Kumpanen hinüber zu gehen.

    „Was is' los, Snow?“, meinte das Grinsegesicht mit der schmucken Jacke.

    „Moment“, grummelte sie zur Antwort. Normal brauchte Michael nicht mehr als zwei Minuten für eine Antwort. Weniger, wenn es um Geld ging.

    Immer wieder sah sie zu den Gangern hinüber. Sie wollte darauf vorbereitet war, wenn jemand auf sie schoss. Sie hasste das Gefühl, dass es wie eine Falle wirkte. Ach, verdammt. Sie machte den Job lang genug. Es war eine Falle. Sie wusste es. Daran änderte es auch nichts, als ihr Handy knappe dreißig Sekunden später vibrierte und eine Nachricht auftauchte: „Nope. Eilauftrag. Ich wäre dir verbunden.“

    „Fick dich, Michael.“ Seufzend funkelte sie die Nachricht an, ehe sie ihren geretteten „VIP“ mit der linken Hand griff. Sie hoffte, dass ihn das Gefühl des harten Metalls unter ihrer vermeintlichen Haut verunsicherte.

    Der Mann warf ihr einen kühlen Blick zu, ließ sich aber eskortieren, während sie den Boss der anderen Ganger im Auge behielt, während dieser ein Bündel Scheine aus seiner Innentasche hervorholte.

    Bargeld! Michael hasste Bargeld. Sie hasste Bargeld.

    Sie blieb knapp zwei Meter vor dem Typen stehen und hielt seinen unfreiwilligen Kompagnon zurück. Eine Hand streckte sie dem Typen entgegen in einer eindeutigen Geste.

    Er lächelte sie an und legte das Scheinbündel in ihre Hand. Sie nahm es entgegen, schätzte es ab. Es waren 200-Rand-Scheine und eine nicht unerhebliche Menge davon. Wenn sie nicht vollkommen irrte, waren es etwa achttausend Rand. Internationale Jobs zahlten besser.

    „Gut“, knurrte sie und schubste Mr Ungeduld vor.

    Dass die vier herumstehenden Ganger ihre Waffen zogen, wunderte sie nicht. Sie hatte damit gerechnet.

    Der erste von ihnen – einer der Beiden, die in der hinteren Tür gesessen waren – war nur knapp eineinhalb Meter von ihr entfernt. Sie war bei ihm, noch bevor er zielen konnte, schlug seine Waffe mit dem linken Arm zur Seite und versetzte ihm einen Kinnhaken mit dem rechten.

    Er knallte mit dem Hintertür gegen die Tür des Wagens und ging zu Boden. Nicht ohnmächtig, aber desorientiert genug, als dass sie seine Waffe unter den Minibus kicken konnte.

    Sie war hinter dem Typen, der sie bezahlt hatte, versetzte ihm einen Tritt in die Kniekehlen und schubste ihn nach vorne, während die drei anderen die Waffen gehoben hatten.

    Zwei von ihnen waren zu ihrer Linken, einer zu ihrer Rechten, am Buk des Wagens. Im Bruchteil einer Sekunde traf sie die Entscheidung, ihn zu priorisieren. Er schoss, doch wie viele Ganger priorisierte er viele Schüsse über Genauigkeit.

    Es war wenig verwunderlich, dass die ersten beiden Schüsse zu hoch waren, zumal er seine beiden Kollegen hinter ihr nicht treffen wollte. Mehr als zwei Schüsse schaffte er nicht, ehe sie bei ihm war und seine Waffe erneut mit einem Rückhandschlag der linken Hand zur Seite wischte.

    Ein weiterer Schuss traf den Wagen, dann drehte sie die Hand, legte die Rechte nach und riss die Waffe nach vorn, während sie erst gegen die Innenseite seines Knie trat und ihm schließlich das eigene Knie im Magen versenkte.

    Unwillkürlich ließ er die Waffe los und sie riss sie ihm aus der Hand. Sie setzte einen Schuss in sein Bein, ehe sie um das Buk des Wagens lief, als die Kugeln von hinter ihr flogen.

    Sie ging in die Hocke, sah um die Haube des Wagens herum, um zu sehen, wie die beiden Typen mit erhobenen Waffen auf sie zu kamen.

    Auch ihr verdammter geretteter VIP hatte sich eine Waffe geschnappt – von wo auch immer er die hatte. Arschloch. Sie hatten ihm sein verfluchtes Leben gerettet!

    Generell war diese Aktion deutlich unüberlegt. Ein paar halbstarke Gänger, die meinten, sich einen Dienst erschleichen zu können, indem sie den Beauftragten ermordeten. Wussten sie nicht, dass Leute wie Michael ihnen das Leben zur Hölle machen würden?

    Da fiel der nächste.

    Pakhet erkannte einen Pfeil in seinem Nacken.

    Sie sah zu Heidenstein, der mit erhobener Waffe bei ihrem Wagen stand, halb hinter diesem in Deckung.

    Er schoss wieder, traf ihren eben noch geretteten Mr Ungeduld in den Nacken.

    Sie schoss mit der dem Ganger abgenommenen Waffe, zielte auf den Arm des Typen, der sie gezahlt hatte und sich wieder berappelte.

    Er schrie auf, als sie ihn traf, holte aber dennoch eine Waffe unter seiner Jacke hervor und zielte auf sie. Das war eine halbautomatische.

    Schnell verschwand Pakhet wieder hinter der Kühlerhaube. Sollte er doch seinen eigenen Wagen zerschießen! Sie kroch um den Wagen herum, um den letzten Typen von hinten erwischen zu können, sofern Heidenstein es ihr nicht abnahm.

    Während sie lief tauschte sie die Waffe gegen die Pfeilpistole aus.

    Sie lugte hinter dem Wagen hervor.

    Da war Nr. Fünf.

    Sie beschloss zu probieren, ob die Darts Jeansstoff durchdringen konnten und zielte auf sein Bein. Dann drückte sie ab.

    Der Pfeil bohrte sich in sein Bein und entlockte ihm einen kurzen Aufschrei. Er fuhr zu ihr herum, hob seine Waffe, schoss.

    Pakhet duckte wieder in Deckung, während ein zweiter Schuss folgte. Ein dritter. Dann ein verwirrtes Stöhnen.

    Auch die anderen Schüsse verklangen.

    Sie schloss die Augen und zählte bis zwanzig, ehe sie um den Wagen herumkam.

    Die Ganger lagen am Boden. Entweder KO oder zumindest unfähig sich zu rühren. Derjenige, den sie als erstes entwaffnet hatte, sah sie mit unfokussierten Augen an.

    „Fick dich, Boer“, lullte er.

    Pakhets Blick wanderte zu Heidenstein, der von seiner noch immer angeschlagenen Schulter abgesehen unverletzt schien, auch wenn sie die Spuren von zwei Kugeln in der Tür ihres Wagens sehen konnte. Sie nickte ihm zu, er erwiderte das Nicken.

    Dann blickte sie zu dem Ganger und verdrehte die Augen. „Ich bin Amerikanerin.“ Die Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen.

    Sie nahm das Geld aus ihrer Tasche, entrollte das Bündel und überprüfte es. Es schien zumindest echt zu sein. Also zuckte sie mit den Schultern und eilte zum Wagen zurück.

    Sie merkte, wie Heidenstein zögerte.

    Dann aber nickte er und stieg mit ihr in den Wagen ein.



  • Er biss die Zähne zusammen, griff nach dem Schaft, schloss die Augen und zog den Pfeil mit einem Ruck aus seiner Schulter hinaus. Ein leises Keuchen kam über seine Lippen. „Fuck.“

    Das sollte sie schon ab da aufhorchen lassen, da der Pfeil eigentlich die Blutung blockiert.

    Heilmagie? Es sah ganz danach aus. Also war der gute Doc auch noch ein Magier?

    Überrascht mich, Erklärt aber warum er den Pfeil entfernt hat.

    waren es etwa achttausend Rand

    So heißt also die Währung dort, interessant?

    Er schoss wieder, traf ihren eben noch geretteten Mr Ungeduld in den Nacken.

    Und er zielt wirklich gut und hat die Nerven dafür. Würde sagen, er ist sehr gut ausgebildet, auch schon vorher.

    Dann blickte sie zu dem Ganger und verdrehte die Augen

    Was ist ein Ganger? Ich dachte zuerst du hättest Gangster falsch geschrieben, aber nach dem 3. Mal scheint es Absicht gewesen zu sein.

  • Überrascht mich, Erklärt aber warum er den Pfeil entfernt hat.

    Genau das. :) Überrascht Pakhet ja auch. Immerhin sind Magier selten. (Auch wenn er im Vergleich zu Lilly ein ziemlich schwacher Magier ist. Er kann oberflächlich heilen, ohne großes Brimborium zu veranstalten.)


    So heißt also die Währung dort, interessant?

    Genau. R18 sind übrigens 1€. Nur um ein Größenverhältnis zu geben. :)

    Und ja, ist eine Scheiß-Übersetzung.


    Würde sagen, er ist sehr gut ausgebildet, auch schon vorher.

    Hehe. Seinen Hintergrund erfahrt ihr noch früh genug. Aber ja, er hat auch eine interessante Hintergrundgeschichte.



    Was ist ein Ganger? Ich dachte zuerst du hättest Gangster falsch geschrieben, aber nach dem 3. Mal scheint es Absicht gewesen zu sein.

    Ganger ist einfach ein kurzes Wort für "Gangmitglied". :)