MOSAIK

  • 109729-21753605.jpg MOSAIK

    Ein Urban Fantasy Thriller

    Wenn Gewalt ein Geschäft ist, fällt es schwer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Macht es überhaupt einen Unterschied? Nach sieben Jahren Söldnerarbeit,in Südafrika scheinen die Grenzen zu verschwimmen, bis ein Auftrag neue Zweifel weckt ...





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    Kapstadt, Südafrika, 2011


    Joanne. Pakhet. Vor sieben Jahren gab sie ihren alten Namen, ihr altes Leben auf, zog nach Südafrika, wurde zur Söldnerin. Seither ist ihre Welt verrückter, ihr Leben jedoch kontrollierter geworden. Sie weiß was sie tut. Sie ist gut darin. Sie gehört zu den besten, hat Ansehen unter ihresgleichen, Geld. Sie ist frei … Solange sie für Michael arbeitet.


    Ein weiterer Streit mit ihm bringt seine Rache, die nicht so läuft, wie geplant. Beauftragt ein Team Neulinge für einen Auftrag vorzubereiten, gerät Pakhet nur weiter mit ihrem „Chef“ aneinander. Denn in dem Team Neulinge findet Pakhet, was sie am dringendsten gebraucht hat: Zwei Freunde.


    Doch das führt nur zur weiterer Rache und einem Auftrag, bei dem nicht nur ihr Leben und ihre Freiheit auf dem Spiel steht …



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    Pakhet

    Name: Joanne Snyder

    Alter: 33

    Geboren: 28. Januar 1978

    Pakhet lebt und arbeitet seit sieben Jahren als Pakhet in Kapstadt. Sie ist latent magisch begabt und war einst Soldatin. Ihr einziger Freund in Kapstadt ist Robert.
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    Doctor Heidenstein

    Name: J. A.

    Alter: 38

    Geboren: 14. Oktober 1973

    Doctor Heidenstein fängt erst an als Söldner zu arbeiten, war bisher ein Straßendoc, fängt nun aber als Medic an, als Feldarzt. Für einen Söldner ist er zu warmherzig, zu gutmütig. Eigentlich sehnt er sich nach dem Leben zurück, dass er einst hatte.

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    Michael Forrester

    Name: ???

    Alter: 41

    Geboren: ??? 1970

    Michael. Besitzer von Forrester Security, das als Front für das Söldnereiunternehmen genutzt wird. Er ist kühl und berechnend. Dass er Pakhet besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt, hat seine Gründe.
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    Mr Smith

    Name: ???

    Alter: 56

    Geboren: ??? 1955

    Einer der längsten Angestellten von Forrester Security. Er ist vor allem für das Einstellen neuer Söldner und die Planung von Einsätzen zuständig. Anders als Michael hat er ein ruhiges, manchmal sogar warmes Gemüt.



    Weitere Charaktere werden im Lauf der Geschichte ergänzt.



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    Eine Geschichte, die ich schon lange immer wieder angesprochen habe und bei der ich mich lange schon darauf freue, sie hochzuladen. Wie auch Der Schleier der Welt ist die Geschichte im Zusammenarbeit mit Yasha Wolf Seki geschrieben worden. Auch andere Figuren sind von einigen Freunden geschaffen wurden, da sie teilweise an Charaktere aus einer gemeinsamen Rollenspielrunde entnommen sind, selbst wenn wir die Story darum komplett neu konstruiert haben.


    Ein großes Dankeschön gilt Luna (nicht hier angemeldet), die einige Charaktere für diese Geschichte zur Verfügung gestellt hat, und Kuttelfisch, dem Zeichner der Illustrationen für diese Geschichte. Sowie Nektarine für den wunderbaren Titel, da mir keiner einfallen wollte, und Bastet , die mir mit ihrem Feedback bei ein paar Details der Charaktere geholfen hat!


    Die Genremischung ist etwas ungewöhnlich. Es ist ein Urban Fantasy Setting, die Handlung ist jedoch deutlich ein Thriller. Natürlich kommen auch andere Subgenre drin vor. Es spielen verschiedene Beziehungen eine Rolle, auch wenn diese nicht unbedingt romantischer Natur sind. Außerdem gibt es Massenhaft Drama und einige Krimi- und Horror-Elemente. Und natürlich Action, wobei diese nicht im Vordergrund steht.


    Mosaik ist in vier Arcs aufgeteilt: Maschinen. Menschen. Geister. Götter. Maschinen ist vor allem die Einführung, die die Charaktere und das Setting vorstellt, ehe in Menschen die eigentliche Story losgeht. :) (Deshalb ist Maschinen auch der kürzeste Teil der Reihe.)


    Es sei zudem kurz erklärt: Mosaik wird anstatt nach etwa identisch langen Kapiteln nach Szenen geupdatet werden, was mehr Updates, aber auch oftmals sehr kurze Kapitel bedeuten wird.


    Davon abgesehen freuen wir uns natürlich wieder über Feedback. Wundert euch nur nicht, dass es manchmal bis zum Wochenende dauern wird, darauf zu antworten!


    Viel Spaß mit der Geschichte!



    109814-eb6b10a6.png Altersempfehlung: 15+

    Generell würde ich diese Geschichte ab 15 Jahren empfehlen, innerhalb der in Deutschland üblichen Altersfreigaben jedoch ab 16. Die Geschichte beinhaltet dem Thriller-Genre und Söldner-Setting zu erwartende Themen, jedoch keine explizite Sexualität oder graphische Darstellung von Gewalt (sonst würde ich sie hier auch nicht hochladen).

    Als Triggerwarnung sei gesagt, dass die Themen Missbrauch, Drogen, Vergewaltigung und Mord vorkommen, selbst wenn die kritischen Aspekte nicht detailliert beschrieben werden. Ebenso kommen Rassismus und Sexismus settingbedingt vor.
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    Kapitel 109730-ac2b08d0.png


    Maschinen




  • [17.03.2011 – X01 – Überleben]



    Seit sie gestorben war, hatte Joanne drei Dinge gelernt.

    Erstens: Magie war real.

    Zweitens: Man vertraute besser niemanden, außer sich selbst.

    Drittens: Wer überleben wollte, hatte auch für's Backup ein Backup.

    Letzteres galt vor allem für Pläne. Normal begab sie sich nicht auf einen Einsatz, ohne mindestens drei Ersatzpläne bereit zu haben, doch der laute Knall von der Rückseite des Gebäudes einer Explosion verriet ihr, dass ihr dritter Plan gerade in Flammen aufgegangen war.

    Natürlich war sie nicht wirklich gestorben. Sie lebte noch, selbst wenn sie im Moment nicht sicher war, wie lang dieser Zustand noch anhielt. Dennoch hatte sie ihr altes Leben sehr wohl zu Grabe getragen.

    Und jetzt lief sie.

    Ihre Blick erfasste so viele Details, wie möglich, als sie sich nach links wandte und die Straße hinablief. Sie musste von hier weg.

    Es waren mindestens sechs Gegner und sie hatte keine Ahnung, ob aus ihrem Team noch jemand stand. Die Sprachkanäle waren gestört, sie hatte Polo nicht mehr gesehen, seit sie die alte Lagerhalle verlassen hatte und war sich recht sicher, dass Cris gemeinsam mit dem Fluchtwagen in die Luft geflogen war.

    Verzweifelt suchten ihre Augen den Himmel über ihr ab, in der Hoffnung eine von Aix' Drohnen zu sehen, die die Lage hatten überwachen sollen. Soweit entdeckte sie nichts.

    Sie brauchte einen Plan, um zu entkommen.

    Schüsse schnitten hinter ihr durch die Luft, verfehlten sie jedoch. Sie war zu schnell.

    Rufe in Zulu hallten durch die Nacht, gefolgt von raschen Schritte. Okay, sie sollte von der breiten Straße, die zwischen den großen Lagerhallen verlief, die zum Hafen von Durban gehörten. In der offenen Fläche stellte sie ein zu leichtes Ziel.

    Da hinten, noch knapp hundert Meter weiter, war das Firmengebäude irgendeiner Firma – inklusive eines durchgehenden Zauns aus Metallplatten. Das würde ihr mehr Sicherheit geben, auch wenn sie ohne den Wagen aktuell keine Möglichkeit hatte gänzlich zu entkommen. Außer zu rennen. Schneller rennen.

    Weitere Schüsse. Einer streifte sie an der rechten Seite des Halses, entlockte ihr ein schwaches Keuchen. Trotzdem rannte sie weiter. Sie hatte gelernt Schmerzen zu ignorieren. Wenn die kleine Truppe dahinten, bei der sie nicht einmal sicher war, wer sie waren, sie zu Fassen bekam, würde sie mit ganz anderen Schmerzen rechnen müssen.

    Eine weitere Kugel traf sie in den Rücken, wurde jedoch von ihrer Weste aufgehalten. Ein Hämatom würde es dennoch geben.

    Sie hatte den Zaun fast erreicht und sammelte auf den letzten Metern ihre Energie, um sich mehr Kraft für den Absprung zu geben. Dann sprang sie. Problemlos bekam sie den oberen Rand des knapp zweieinhalb Meter hohen Zauns zu fassen und schwang sich in einer fließenden Bewegung darüber. Auf der anderen Seite kam sie auf weichem, wenngleich leicht eingetrocknetem Rasen auf.

    Kurz wanderte ihr Blick über den Innenhof der Firma, die den Reklamen nach zu urteilen Farben herstellte oder vermarktete. Der Banner, der sich um das moderne Gebäude herumschlang, zeigte Pinsel, die in bunten Farben malten. Dazwischen das Logo der Firma auf weißem Grund. Auch gut.

    Sie wusste, dass sie keine Zeit hatte, sich auszuruhen. Die Schritte ihrer Verfolger kamen bereits näher. Weitere Rufe.

    Sie sollte wirklich ihr Zulu aufpolieren.

    Wohin jetzt? Sie könnte versuchen auf das Dach des Gebäudes zu kommen, doch hier im Hafengebiet, wo die Lagerhallen und Firmengebäude weit auseinander lagen, würde es ihr wenig bringen.

    Nach kurzem Zögern entschloss sie sich, um das Gebäude zu rennen. Vorhersehbar, ja, aber es konnte reichen, um zumindest etwas Abstand zu gewinnen. Die andere Seite des Gebäudes lag in Richtung Südwesten – in Richtung der Stadt. Wenn sie es schaffte in die belebteren Teile der Stadt zu kommen, wäre sie sicher. Sie glaubte nicht, dass man ihr dort folgen würde.

    Also rannte sie. Wieder sprang sie problemlos über den Zaun, froh, dass das Firmengelände unbewacht gewesen war. Glück hatte sie an diesem Tag jedoch nicht. Wieder schoss jemand auf sie.

    109728-8c9aa99e.pngWieder sah sie sich um, erkannte ihre Verfolger, die sich offenbar um den Zaun des Geländes herum verteilt hatten. Links von ihr standen sie bereits, rechts von ihr kamen zwei am Zaun vorbei gelaufen.

    Fuck.

    Direkt vor ihr war nur ein weiteres Gebäude – sie könnte vielleicht hochkommen, allerdings war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sie dabei erschießen würde.

    Was blieb ihr für eine Wahl?

    Sie rannte nach rechts, da die beiden Verfolger hier sich bisher nicht positioniert hatten. Sie bevorzugte es, Waffengewalt zu vermeiden, doch wer auf sie schoss, musste damit rechnen, dass sie zurückschoss.

    Mit einem Haken zur Seite, ging sie hinter einem am Straßenrand geparkten Van in Deckung und zog ihre Pistole, eine SIG Sauer P250, aus dem Holster an ihrer Hüfte. Mit der Waffe in der Hand kam sie hinter dem Wagen hervor und schoss auf die Angreifer. Sie zielte auf den ersten der beiden Angreifer und drückte ab. Ein Schuss, ein zweiter, dann ein dritter, unterbrochen von kurzen Pausen, um ihr Ziel zu justieren.

    Der erste traf, wie gezielt, den Mann in der rechten Schulter, riss ihn nach hinten. Der zweite verfehlte, der dritte traf die Hüfte, noch während der Mann fiel.

    Im Adrenalinrausch und dank ihrer Magie erschien der Schrei des Mannes um eine Ewigkeit verzögert.

    Sie ignorierte es. Stattdessen legte sie auf den zweiten an. Wieder drei Schuss – eins, zwei, drei, Schulter, Schulter, Beine – wie sie es trainiert hatte. Dieses Mal verfehlte der erste, der zweite aber traf, wenngleich zu nah am Körperzentrum, ehe der dritte sich in das Knie bohrte.

    Ein weiterer Schrei.

    Sie hörte nicht. Sie rannte. Sie musste weiter in Richtung der Stadt.

    Endlich: Ein Rauschen in ihrem Ohr. Gefolgt von einer leicht verzerrten Stimme. „Pakhet?“

    Endlich. „Aix?“

    „War gejammt“, erklärte die Hackerin kurz angebunden. „Was ist passiert?“

    „Keine Zeit zum Sprechen“, erwiderte Joanne. Pakhet war der Name, den sie als Söldnerin benutzte. Ein Codename, der nach ihrem vermeintlichen Tod zu ihrer neuen Identität geworden war. „Verfolger. Bin auf der“ – ihre Augen suchten nach einem Straßenschild – „Crabtree Road Richtung Westen. Brauche dringend eine Fluchtroute.“

    Einem Instinkt folgend, sprang sie zu ihrer linken Seite, als mehrere Schuss erklangen.

    „Was ist mit den Wagen?“, fragte Aix.

    „Explodiert.“ Mehr sagte Pakhet nicht. Sie hatte genug Erfahrung mit langen Läufen, um zu wissen, dass Gespräche der Ausdauer entgegenwirkten.

    Endlich erreichte sie die nächste Straßenecke Richtung Südwesten. Sie bog ab.

    Wo blieb die Polizei? Immerhin gehörte das Industriegebiet selten zu den Stadtteilen, in denen bewaffnete Straßenschlachten ignoriert wurden. Sie war in einer Hafengegend. In Häfen wurde nachts gearbeitet. Jemand musste sie gehört haben.

    Es war besser für sie, wenn keine Polizei kam, solange sie entkam. Dessen war sie sich allerdings nicht vollkommen sicher.

    Wieder erklang das Rauschen einer aktiven Leitung. „Wenn du dich weiter südlich hältst, kommst du zu der nächsten Wohngegend. Knapp fünfhundert Meter.“

    „Gut. Hast du Sichtkontakt?“, fragte Pakhet.

    „Positiv.“ Eine kurze Stille. „In zwanzig Metern links, danach die nächste rechts.“

    Pakhet erwiderte nichts. Wieder waren Schüsse zu hören, doch schienen ihre Verfolger zurückgefallen zu sein.

    Sie wandte sich kurz um. Da waren nur noch zwei.

    Wieder gab sie zwei Schüsse ab, Warnschüsse dieses Mal.

    Sie war sich nicht sicher, ob ihre Schüsse auf den zweiten Angreifer zuvor tödlich gewesen waren. Zumindest lag es im Rahmen des Möglichen. Der zweite Schuss hatte potentiell Organe oder Aota verletzt.

    Die Warnschüsse schienen Wirkung zu zeigen: Für einen Moment zögerten die beiden verbleibenden Verfolger.

    Noch immer wusste sie nicht, wer ihre Verfolger waren. Ihre Erfahrung hatte ihr allerdings gelehrt, dass es meist nicht sinnvoll war ein Gespräch mit Menschen anzufangen, die versuchten auf einen zu schiesßen. Also rannte sie.

    Sie bog ab, hielt sich nahe an dem Bürogebäude, das nun zu ihrer Rechten lag, und konnte bereits die schlichten Reihenhäuser in der Ferne erkennen. Sie erlaubte sich inne zu halten und sich zu ihren Verfolgern umzusehen.

    Sie blieben zurückzu. Endlich.

    Dennoch rannte Pakhet weiter. Sie musste sicher gehen.

    Kurz bevor sie die Gebäude – schmucklose, dreistöckige Betonbauten, wie sie früher oft in Arbeitervierteln hochgezogen worden waren, allerdings mit neu hinzugefügten gußeisernen Balkonen – erreichte, steckte sie ihre Waffe weg, ehe sie sprang.

    Sie besaß selbst wenig magische Kräfte, war jedoch fähig ihre Körperkraft weit genug zu beeinflussen, als dass sie mit ihrem Sprung den Balkon im zweiten Stock erreichen und sich an dessen Geländer in die Höhe ziehen zu können. Für eine Sekunde hielt sie inne, sprang dann auf das Flachdach und wandte sich dort ein letztes Mal um.

    „Ding dong“, säuselte eine Stimme in ihr Ohr. „Sie haben das Ziel erreicht.“

    „Was machen die Ärsche?“, fragte Pakhet.

    „Rückzug“, antwortete Aix schlicht. Sie hielt inne, wohl um etwas nachzuschauen. „Also, brauchst du Hilfe, um zum Safe House zu kommen oder kennst du den Weg?“








    Nachwort:

    Das ist soweit das erste Kapitel. Da diese Geschichte in derselben Welt wie Der Schleier der Welt spielt packe ich kurz Sunaki   Thrawn   Aprikose in die Mentions. Vielleicht interessiert sie euch ja. ;)






  • [19.03.2011 – F01 – Management]


    Pakhets Laune war nicht auf der Höhe, als sie zwei Tage nach der Katastrophe, die Durban gewesen war, das dunkle Bürogebäude betrat, in dem sie – zumindest offiziell – arbeitete. Das Missionsziel war erfüllt, man konnte ihr nichts vorwerfen, und dennoch wurmte es sie, dass sie nicht nur zwei Leute, sondern auch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Ausrüstung verloren hatte, zur Flucht gezwungen worden war. Sie wusste auch jetzt nicht, wer ihre Verfolger gewesen waren.

    Das Gebäude war innen, wie außen modern. Die Fassade dunkel und verspiegelt gehalten, das Gebäude insgesamt vier Stockwerke hoch und weitläufig. Etwas zu groß für eine einfache Security Firma, doch kam es selten vor, das jemand das hinterfragte. Sie waren international tätig. Damit konnte man vieles erklären.

    Auch die Flure wirkten modern: Die Wände teilweise mit abstrakten Mustern verziert, teilweise mit moderner Kunst behangen, die Bürotüren schlicht weiß, aber mit eckig geformten Türklinken, die Brandschutztüren dagegen aus dunklen Rahmen und fein gesäuberten Glas. Nichts, worauf sie viel gab.

    Sie war auf dem Weg zu einem Büro in der obersten Etage. Eins der größten Büros. Das Büro, in dem jemand saß, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte.

    Mit langen Schritten marschierte sie den Flur entlang. Sie hatte die Treppe genommen, die auf der Rückseite des Gebäudes lag. Dann schlug sie, ohne zu klopfen, die Tür auf und musste sich im nächsten Moment beherrschen, nicht in das Gesicht zu schlagen, das sie nun angrinste.

    „Ah, Pakhet, meine Liebe, ich sehe, du bist wieder da“, flötete Michael Forrester, ihr Chef. Ihr nomineller Chef, der offenbar an seinem Rechner gearbeitet hatte.

    Michael wirkte absolut durchschnittlich. Er war zwar hübsch, aber nicht auffallend hübsch. Er war normal groß, nicht unsportlich, aber auch nicht athletisch gebaut. Sein Haar war braun. Seine Augen grau. Sein Lächeln auf den ersten Blick geübt freundlich – wenn man genauer hinsah kühl und berechnend. Er musterte sie.

    „Und wieder beweist du deine Fähigkeit das Offensichtliche festzustellen“, erwiderte sie missmutig.

    Er setzte sich in seinem ledernen Bürostuhl auf, um ihr seine volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. „Aber, aber, hast du etwa was Schlechtes gegessen?“

    Sein Büro war protzig. Viel zu groß, mit einem verzierten, teuer wirkenden Schreibtisch aus poliertem Holz, die Fensterfront dahinter, irgendeinem modernen Gemälde, inklusive eigener Beleuchtung, an der Wand und – für den besonderen Arschloch-Faktor – einem ausgerollten Golf-Teppich auf der einen Seite des Zimmers.

    Pakhet ignorierte diese Frage. „Was war das für ein Scheiß, Michael? Die ganze Aktion war ein Hinterhalt, verdammt!“

    „Ja, dessen bin ich bereits informiert worden“, stellte Michael nüchtern fest.

    „Verdammt noch mal, es ist deine Aufgabe, Informationen zu beschaffen, um genau so etwas zu verhindern!“

    Michael zuckte mit den Schultern. „Es ist meine Aufgabe, Leute zu beauftragen, diese Informationen zu beschaffen. Aber du weißt, wie es ist. Die meisten Leute sind ihren Aufgaben einfach nicht gewachsen.“

    „Fick dich, Michael. Polo und Cris sind tot!“

    Wieder musterten seine Augen sie kalt. „Seit wann regst du dich so darüber auf? Es waren nicht die ersten Teammitglieder, die du hast sterben sehen, es werden nicht die letzten sein. So ist das halt. Berufsrisiko. Wie du sehr wohl weißt.“

    „Ich rege mich so auf, seit ich den Eindruck habe, dass jemand mit Informationen verschwiegen hat.“ Sie wusste, dass es nicht professionell war, kannte Michael aber lang genug, um zu wissen, dass er vor allem zwei Dinge war: Gewissenlos und berechnend. Sie wusste nicht, aus welchem Grund er sie in eine Falle locken würde – doch etwas an dem gesamten Einsatz erschien ihr faul.

    Natürlich nahm er sie nicht ernst. Er seufzte übertrieben und ließ sich wieder gegen die Rückenlehne zurückfallen, die Ellenbogen auf den Armlehnen aufgestützt. „Ich kann dir garantieren, dass ich dir keine Informationen verschwiegen habe, meine Liebe“, erwiderte er mit aalglatter Stimme. „Es ist dumm gelaufen.“

    Sie fixierte ihn, wollte zu einer Antwort ansetzen, kam aber nicht dazu.

    „Was für einen Grund sollte ich haben, dich loszuwerden?“, fragte er und setzte ein gewinnendes, jedoch übertriebenes Grinsen auf.

    „Ich weiß es nicht“, zischte sie.

    „Siehst du“, erwiderte er. Sein Lächeln wurde wieder zu einem Grinsen. „Ach komm, hab dich nicht so. Es ist halt blöd gelaufen. Jetzt entspann dich“ – er hielt inne – „oder auch nicht. Also je nachdem, wie es dir beliebt.“

    Sie verschränkte die Arme. „Fick dich, Michael.“

    „Nicht mein Stil, wie du wohl weißt.“ Er strahlte sie an. „Nun. Du bist angeschossen worden, nicht? Willst du es noch einmal nachsehen lassen? Wir haben einen neuen Medic.“ Auch wenn es eher wie eine Frage formuliert war, wusste Pakhet, dass es eine indirekte Aufforderung darstellte.

    Sie hatte den Streifschuss selbst noch in der Nacht ihres knappen Entkommens versorgt, hatte ihn mit einem großen Pflaster bedeckt. Es war nur eine oberflächliche Wunde, nicht weiter der Rede wert, doch so sehr sie auch Lust hatte, sich weiter mit Michael anzulegen, so wenig Sinn lag darin.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Dann sehe ich mir mal unseren neuen Medic an.“

    „Gut.“ Michaels Lächeln wurde wieder geschäftsmäßig. Er schob die Finger ineinander und beobachtete sie. „Smith hat übrigens ein paar Neulinge angeheuert.“

    Pakhet hob den Blick. Was sollte sie dazu sagen? „Okay“, meinte sie schlicht und wandte sich zum Gehen.

    „Wann bist du für den nächsten Job einsatzbereit?“, fragte Michael, gerade als sie die Hand auf die Türklinke legte.

    Ein weiteres Schulterzucken von ihr. „Immer.“ Sie warf ihm einen letzten Blick über die Schulter zu. „Solange ich deinen Hintergrundchecks in Zukunft weiter vertrauen kann.“

    „Wie gesagt“, antwortete er leichthin, „Fehler passieren.“

    „Ja.“ Damit drückte sie die Türklinke herunter und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.


  • Dann melde ich mich auch mal.

    Die Actionszene könnte auch aus einem normalen Actionflick kommen, da man bisher noch nichts von Magie sah.

    Ich mag das. Das Setup ließe sich je nach Laune in eine normale Actionstory umschreiben, von dem Punkt an jedenfalls.

    Ich weiß noch nicht genau, wohin die Geschichte geht, bis jetzt wurde ja nur die Heldin und ihr Chef etabliert, sowie deren Verhältnis zueinander. Deshalb konnte ich noch nicht viel sagen. Recht flüssige Beschreibung wie immer.

    Aber Forrester soll laut ihrer Beschreibung relativ attraktiv sein? Der Typ sieht aus wie eine Fusion aus einem Buchmacher und dem Grabwächter aus Tales from the Crypt. Na ja, man sieht immer älter aus auf Photos.


    Mal abwarten, wies weitergeht...


  • [19.03.2011 – D01 – Medic]



    Auch wenn außen vor dem Bürogebäude das Schild dem „normalen Menschen“, der eventuell daran vorbei fuhr oder mit dem Hund vorbei spazierte, weismachen wollte, dass sie eine einfache Firma für private Sicherheit waren, so war die Realität eine andere. Zwar nahmen normale Sicherheitsaufträge an, jedoch waren die meisten Aufträge eher delikater Natur: Militärunterstützung, Spionage, speziell Betriebsspionage, Auftragsmorde, Erpressungen, sowie eher ungewöhnlichere Jobs, wie Exorzismen und das vertreiben von andere, paranormalen Kreaturen, oft von belebten Orten.

    Was diese Einsätze zumeist gemeinsam hatten, war, dass sie mit allerhand Gesundheitsrisiken einher gingen. Von der üblichen Gefahr einem Unfall zum Opfer zu fallen einmal abgesehen, sah man sich relativ regelmäßig als Ziel von Waffen jedweder Art, von Magie und ab und an auch von Monstern, die entweder territorial waren oder Menschenfleisch für schmackhaft hielten.

    Kurzum: Es hatte einen Grund, warum sie einen eigenen, kleinen Krankenflügel hatten, warum mehrere Ärzte für sie arbeiteten und warum manche dieser Ärzte, so genannte Medics, auf gefährlich eingestufte Einsätze mitkamen. Auch wenn Michael nie besonders betroffen davon war, so waren Tote oder eingeschränkte Angestellte, mit finanziellen Ausfällen verbunden – und daran hatte er Interesse.

    Entsprechend waren die Ärzte gut bezahlt. Viele von ihnen hatten, wie auch die einfachen Söldner, einen Militärhintergrund, wussten entsprechend mit einer Waffe umzugehen.

    Die „medizinische Abteilung“ befand sich im Erdgeschoss in der nordöstlichen Hälfte des Gebäudes. Wenn man einmal mithilfe der Mitarbeiterkarte die Sicherheitstür vor dem Gebäudeabschnitt passiert hatte, konnte man den Eindruck bekommen, sich in einem Krankenhaus zu befinden. Die Flure waren breiter, als im Rest des Gebäudes, der Boden mit demselben PVC belegt, wie man es meistens im Krankenhaus fand. Einzig die Schilder, die in Krankenhäusern die Räume und Abteilungen ausschilderten, fehlten. Dasselbe galt für eine Rezeption, doch Pakhet wusste, wohin sie sollte.

    Sie wandte sich, kurz nachdem sie die Abteilung betreten hatte, nach rechts und klopfte an der zweiten Tür. Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat sie den Raum – das Untersuchungszimmer, in dem man zu jeder Zeit mindestens zwei Ärzte auffand.

    Den Krankenhausverordnungen hätte dieses Zimmer trotz oberflächlicher Ähnlichkeit nicht entsprochen. Es gab, wie in den Ambulanzen vieler Krankenhäuser mehrere Liegen, um die herum Vorhänge gezogen werden konnten, die üblichen weißen Schränke, in denen das medizinische Equipment aufbewahrt wurde, und zwei Schreibtische mit Computern, alles übliche Einrichtung. Doch war es in Krankenhäusern für gewöhnlich verboten in den Behandlungsräumen zu essen und hier fand sich eine Kaffeemaschine, mitten auf einem der unteren Schränke, und Dr. Heath, eine der beiden Ärzte, aß in Ruhe einen Donut.

    Dr. Heath war eine afrikanische Frau, die Pakhet auf Anfang vierzig schätzte. Das kurze krause Haar der Ärztin war – ähnlich wie Pakhets kurze Stoppeln – rot gefärbt. Ihr Gesicht war faltig und eine Narbe an ihrem Kiefer verriet, dass sie als Medic tätig gewesen war. Mittlerweile arbeitete sie jedoch ausschließlich vor Ort.

    Der andere Arzt arbeitete an einem der beiden Rechner. Das musste der Neue sein, von dem Michael gesprochen hatte. Ihn schätzte sie um die fünfzig. Sein Haar musste einst dunkel gewesen sein, war jetzt jedoch von grau-weißen Stoppeln durchsetzt. Sein Gesicht war kantig, aber auch faltig. Er wirkte müde.

    Die meisten Ärzte, die hier anfingen, waren bereits am Ende ihrer Karriere angelangt.

    Dr. Heath hob den Kopf. „Pakhet.“ Sie musterte sie. „Was kann ich für dich tun?“

    Von dem Streifschuss war nichts zu sehen. Aufgrund der Jahreszeit trug Pakhet einen einfachen, dunklen Pullover, der das Pflaster verdeckte. Sie war daran gewöhnt, sich die Folgen von Verletzungen nicht anmerken zu lassen.

    Sie setzte ein distanziertes Lächeln auf. „Mr Forrester schickt mich, wegen einer Verletzung vom letzten Einsatz“, erklärte sie. „Streifschuss.“

    Dr. Heath nickte stumm und stand auf. „Ich schaue es mir an.“ Mit dem Kopf deutete in Richtung der ersten Liege.

    Pakhet kam der unausgesprochenen Aufforderung nach, ging zur Liege hinüber und wartete auf die Ärztin, zog sich bereits den Pullover aus. Sie trug einen schwarzen Sport-BH drunter, entblößte sich daher nicht vollständig. Wie so oft bliebt der Pullover beim Ausziehen an den Gurten ihrer Armprothese hängen, doch Dr. Heath kannte sie gut genug, um ihr keine Hilfe anzubieten.

    Stattdessen wartete die Ärztin, bis der Pullover ausgezogen war und Pakhet auf der Liege saß.

    „Was ist genau passiert?“, fragte Dr. Heath, während sie begann, das Pflaster, das an Pakhets rechter Schulter anlag, abzuziehen.

    „Es gab einen Hinterhalt“, erklärte sie knapp. „Jemand hat den Fluchtwagen gesprengt.“ Eine Tatsache, die ihr noch immer zu Denken gab. Wer sollte es wann getan haben? Vielleicht war es auch eine Granate gewesen, die sehr glücklich gelandet war – oder ein Zauber. „Ich musste zu Fuß fliehen. Verfolger haben auf mich geschossen. Daher der Streifschuss.“

    „Seither irgendwelche Auffälligkeiten?“

    Pakhet deutete ein Kopfschütteln an.

    Die Ärztin schwieg und knipste die Lampe über der Liege an, um sich die Wunde unter dem Licht genauer anzusehen. „Sieht nicht dramatisch aus“, schloss sie nach einer knappen Untersuchung. „Es braucht keine Stiche. Ich werde die Wunde aber neu auswaschen.“

    „In Ordnung.“ Pakhet nickte, während sie zu dem neuen Arzt hinübersah.

    Sein Blick ruhte auf ihr. Als er jedoch bemerkte, wie sie ihn fixierte, wandte er sich rasch ab. Wahrscheinlich hatte er die Gurte bemerkt und daher ihren Arm genauer in Augenschein genommen. Jetzt aber, tippte er weiter, die Augen auf den Bildschirm des Rechners gerichtet.

    „Irgendwelche anderen Wunden?“, fragte Dr. Heath, während sie destilliertes Wasser, Jod und Salbe, sowie Pflaster und Topfer aus dem Schrank holte. „Irgendwelche Probleme wegen der Explosion? Klingeln in den Ohren? Desorientierung?“

    Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Pakhet zu nahe bei einer Explosion gestanden hatte. Es würde auch nicht das letzte sein. Sie kannte die Gefahren, die üblichen Symptome, wusste, worauf sie achten musste. „Nein. Nichts.“

    „Gut.“ Die Ärztin begann mit ihrer Arbeit. „Dann werden Sie keine weiteren Probleme haben.“

    Pakhet nickte wieder stumm und wartete. Noch einmal blickte sie zum neuen Arzt hinüber, sagte aber nichts. Sie fragte sich, ob er sie auf die Prothese ansprechen würde, wie es zu viele taten. Für den Moment jedoch schwieg er.

    Während sie darauf wartete, dass Dr. Heath ihre Arbeit beendete, wanderte Pakhets Blick zur Kaffeemaschine. Vielleicht sollte sie sich einen Kaffee schnorren – doch auf der anderen Seite würde ein Kaffee mit Gesprächen einher gehen, die sie zu vermeiden mochte. Davon abgesehen, wartete zuhause ihre Kaffeemaschine und vor allem ihr Kaffee auf sie, der sehr wahrscheinlich von weit höherer Qualität war, als das hier verwendete Pulver. Also würde sie warten, bis sie daheim war.

    Keine fünf Minuten später war die Wunde neu versorgt und mit einem neuen, wasserfesten Pflaster bedeckt.

    „Ich gebe Ihnen Ersatzpflaster mit“, sagte Dr. Heath. „Und eine Salbe.“

    „Danke.“ Pakhet nickte. „Sonst noch etwas?“

    Die Ärztin schüttelte den Kopf. „Nein. Von meiner Seite aus nicht.“

    „Gut.“ Damit zog sie sich den Pullover wieder über und bewegte vorsichtig die Schulter, um sicher zu gehen, dass das Pflaster sie nicht behinderte. Dann wartete sie darauf, dass Dr. Heath ihr die versprochenen Pflaster gab, auch wenn sie zu Hause genügend hatte.

    „Danke“, meinte sie, als sie schließlich Pflaster und Salbe in der Hand hielt. „Dann will ich nicht weiter stören.“

    Die Ärztin nickte. „Gute Besserung.“

    „Danke.“ Damit schritt sie zur Tür.

    Zwar sah der neue Arzt noch einmal auf, sagte aber nichts, und so verließ sie ohne ein weiteres Wort das Zimmer.



    [Nachwort]


    So, damit sind die Kapitel für diese Woche online, das nächste wird am folgenden Dienstag (4.12.) kommen. :) Wobei sich Kapitel als Begriff hier noch immer falsch anfühlt. Eigentlich sind es Szenen, wie man an einigen der kommenden (die teilweise nur ca 500 Wörter haben) noch deutlich merken wird.


  • Dachte mir doch, dass es etwas kürzer ist als früher.

    Scheinbar werden also erstmal die Hauptpersonen vorgestellt. Hab nichts dagegen.

    Es ist etwas schade, dass sie in dieser Zeitlinie schon ihre Protesen hat, aber die bekam sie wohl in der selben Zeit rum, inder sie Magie entdeckt hat. Ähnlich wie in ihrer ursprünglichen Geschichte. Kommt vielleicht noch als eine Art Flashback.


  • [24.03.2011 – R01 – Pizza]


    Pakhet konnte es sich nicht verkneifen, leise aufzustöhnen, als der große Held auf dem Bildschirm – in bester Actionfilmmanier – rückwärts durch ein Fenster sprang, das prompt zerbrach, während er gleich zwei Pistolen abfeuerte.

    Robert verdrehte die Augen. „Denk nicht zu viel darüber nach.“

    Sie warf ihm einen übertrieben gereizten Blick zu. „Ach bitte, du regst dich auch über jedes unrealistische Beschleunigungsmanöver auf.“

    Mit einer Hand nahm er ein Stück Pizza aus dem Karton, zuckte dabei mit den Schultern. „Ich habe einen Pet Peeve. Ich rege mich nicht über alles auf.“

    „Wir könnten auch eine Doku schauen“, bot sie sarkastisch an.

    Daraufhin war er es, der stöhnte. „Bloß nicht.“

    Sie lächelte. „Dann wirst du meine Genervtheit über dich ergehen lassen müssen.“

    „Na großartig“, murmelte Robert und ließ sich auf ihrem Sofa zurücksinken. Während er begann, das Stück Pizza zu verschlingen, wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Film zu.

    Auch Pakhet nahm ein Stück Pizza. Es war eine Pepperoni-Pizza, die zusätzlich mit Pilzen belegt war. Ihre einzige Schwäche, wenn es um Fastfood ging. Ab und an konnte sie es sich erlauben, solange sie nicht übertrieb.

    Es war Mittwoch und damit Filmabend. Wie jeden oder eher fast jeden Mittwoch hieß das schlechte Actionfilme, blöde Kommentare und Pizza – selbst wenn sich die Kommentare beinahe wöchentlich wiederholten. Sie war nicht einer jener Leute im Internet, die genug Zeit hatten, um lustige Kommentare zu allen möglichen Filmen zu machen. Mehr noch: Sie besaß nicht die nötige Kreativität.

    Wozu brauchte sie das auch? Die Kommentare gehörten genau so zur Tradition, wie die fettige Pizza.

    „Na endlich“, seufzte sie, als schließlich die Credits über den Bildschirm liefen.

    Robert lachte. „Jetzt übertreib' mal nicht. So schlimm war es nun auch nicht!“

    „Nein, viel schlimmer“, erwiderte sie trocken und stand auf, um in die Küche zu gehen und sich einen Kaffee zu machen.

    „Jedes Mal dasselbe mit dir“, beschwerte sich Robert, der auf dem Sofa sitzen blieb und den Karton zuklappte.

    „Ja ja.“

    Die Küche war, wie alles im Haus, nur mit dem nötigsten versehen und sah nahezu genau so aus, wie an dem Tag, da sie in das bereits zuvor möbilierte Haus eingezogen war. Weiß. Sauber. Modern.

    Sie nahm die Kaffeedose von der Anrichte neben dem Fenster, holte einen Filter aus dem Schrank hervor und machte sich an die Vorbereitung.

    Robert schwieg, hatte seine Aufmerksamkeit wahrscheinlich auf sein Handy oder die Filmcredits gerichtet. Er redete ungern mit ihr, wenn sie nicht im selben Zimmer war.

    Als sie schließlich mit der Tasse Kaffee zurückkam, schenkte er ihr einen entgeisterten Blick, den sie sehr wohl kannte. Er sagte: „Wie kannst du um diese Zeit noch Kaffee trinken?“

    Wie immer beantwortete sie den Blick mit einem knappen Lächeln und setzte sich wieder neben ihn auf das weiße Kunstledersofa.

    Robert war ein Jahr jünger als sie, 32, hatte rotbraunes, kurzes Haar, war kräftig gebaut und besaß ein ungewöhnlich gewinnendes Lächeln, wenn er nicht – wie im Moment – einen übertriebenen Schmollmund zog. Auch zierten Sommersprossen seine Nase.

    „Du erzählst mir ja auch nicht“, kommentierte er gespielt beleidigt.

    „Ich bin mir relativ sicher, dass du nichts von den fünf Leuten wissen willst, die ich letzte Woche getötet habe.“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu.

    Er schluckte, wich ihrem Blick aus. „Wirklich?“

    „Nein“, antwortete sie. „Aber du weißt genau so gut wie ich, dass du nichts über meine Arbeit wissen willst.“

    Bestenfalls würde er sich Sorgen machen, schlimmstenfalls würde er wieder verschreckt sein. Er hatte in der Vergangenheit mehr als einmal zum Ausdruck gebracht, dass er ihren Job als unmoralisch empfand.

    Daher seufzte er, wechselte das Thema. „Bei mir gibt es wenig neues. Mehr Autos. Die üblichen Kunden.“ Er zögerte. „Der neue Chauffeur von Mr Thomson hat den Wagen mal wieder vorbei gebracht.“

    „Aha?“ Pakhet musterte ihn über die Kaffeetasse hinweg..

    Robert lächelte verträumt. „Ja. Netter Typ.“

    „Nett nett?“, fragte Pakhet.

    Robert zuckte mit den Schultern und seufzte. „Ja. Aber nicht  …“ Er ließ den Satz ausklingen, doch Pakhet verstand.

    Sie nickte. „Du solltest mehr rausgehen.“

    „Sagt die Richtige“, erwiderte Robert und verzog den Mund erneut zu einem Schmollen.

    Zur Antwort verdrehte sie die Augen und trank einen weiteren Schluck des schwarzen Kaffees. Als er nichts weiter sagte, meinte sie: „Anders als du, bin ich nicht auf der Suche. Und ich behaupte, dass ich häufiger rausgehe als du.“ Wenngleich mit einem anderen Ziel, als er.

    Robert schürzte die Lippen. „Flirten ist nicht meins.“

    „Ja ja“, murmelte sie. „Warte darauf, dass Prinz Charming vor deiner Haustür steht.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und zog ihre Beine aufs Sofa.

    Robert antwortete nicht. Vielleicht gab er ihr heimlich Recht, vielleicht schmollte er, vielleicht war es eine Mischung aus beidem, doch leerte sie ihren Kaffee fast komplett ehe er wieder sprach.

    „Davon abgesehen, kriege ich nächste Woche vielleicht einen F-Type rein. Vielleicht magst du vorbeischauen“, meinte er.

    „Klingt gut“, antwortete sie.

    Wieder herrschte Schweigen.

    Schließlich holte Pakhet Luft und erhob die Stimme. „Wann willst du mich das nächste Mal ins Kino entführen?“

    „Hmm?“ Er schaute zu ihr. „Weiß noch nicht. Mal sehen. Nächsten Monat wollte ich mit Kollegen gehen. Vielleicht magst du mitkommen.“

    Nächster Monat? Er sagte es, als würde er erwarten, dass sie wusste, wovon er redete. Doch sie musste überlegen. Dunkel erinnerte sie sich, das wieder einer dieser Superheldenfilme herauskommen würde.

    Sie seufzte. „Mal sehen.“

    Bevor sie das Gespräch weiterführen – oder sich Roberts Gründe dafür, warum dieser Film ganz bestimmt toll werden würde, anhören konnte – klingelte ihr Handy. Eine Pushnachricht von einer ihrer abonnierten Newsseiten.

    Sie tapte drauf und zog im nächsten Augenblick die Augenbrauen zusammen, als sie sah, dass es Kapstadt betraf.

    „Was?“, fragte Robert besorgt.

    Sie zeigte ihm den kleinen Bildschirm. „Explosion. Hier. Im Hafen.“ Dann nahm sie das Handy, um den Artikel zu überfliegen. Ein Warenlager am Hafen war in die Luft geflogen. Chemische Fabrik. Aktuell war man sich nicht sicher, ob es sich um einen Unfall oder einen Anschlag handelte.

    Wahrscheinlich ersteres. Dennoch  … Sie hatte ein ungutes Gefühl.



    Ironischerweise endet dieses Kapitel dann auf dem Stück, mit dem die alte Version dieser Geschichte angefangen hat: Mit dem großen BOOM das die ganze Handlung in Bewegung setzt. It all started with a bang ...




    Nächstes Kapitel kommt Freitag.

  • rückwärts durch ein Fenster sprang, das prompt zerbrach, während er gleich zwei Pistolen abfeuerte.

    Robert verdrehte die Augen. „Denk nicht zu viel darüber nach.“

    Ja, zu viel Wissen verdirbt einem so schnell eine Szene.

    Defibrillator, writing allgemein... Manchmal bleibt man lieber unwissend.

    erwiderte Robert und verzog den Mund erneut zu einem Schmollen.

    Ich denke mal, die Mitbbewohnerdynamik ist ähnlich locker wie bei Kyra, nur mit etwas weniger bissigem Humor.

    It all started with a bang ...

    Was das wohl zu bedeuten hat? Steht definitiv in Verbindung mit dem Rest.



  • [25.03.2011 – S01 – Babysitter]


    Pakhet hätte wissen müssen, dass es irgendetwas mit Michael zu tun hatte. Sie hätte ahnen müssen, dass es die Neulinge gewesen waren. Sie hätte damit rechnen müssen, dass es auf sie zurückfallen würde!

    Bemüht ihre Fassung zu wahren, starrte sie Smith an. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

    Smith erwiderte ihren Blick. Er stand auf, klopfte ihr auf die Schulter und lächelte. „Jetzt sieh' es nicht so eng, Pakhet.“

    Sie schnaubte. „Du weißt genau so gut, wie ich, dass es Michaels Plan ist, mir auf den Keks zu gehen“, erwiderte sie.

    Verlegen seufzte Smith. Er war ein großgewachsener Afrikaner, der trotz seines deutlich zu bemerkbaren Alters noch immer kräftig wirkte. Aktuell zierte ein ordentlicher Drei-Tage-Bart sein Kinn. „Ich möchte nicht ausschließen, dass Mr Forrester weiterführende Gründe für seine Entscheidung hatte.“ Er räusperte sich. „Doch ich stimme ihm zu. Unsere Neulingsgarde braucht erfahrene Unterstützung. Du bist erfahren. Du hast schon öfter Teams angeführt. Entsprechend liegt die Entscheidung nahe.“

    „Warum sind die fünf überhaupt noch hier?“, fragte Pakhet. „Sie haben es vergeigt. Aber so richtig. Wieso zur Hölle haben wir sie nicht ausgeliefert und das ganze als einen Terroranschlag verkauft?“

    Smith biss sich kurz auf die Lippen. Er lächelte verlegen. „Ich vertrete noch immer die Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient.“

    Erzählte er ihr gerade wirklich, dass er sie nicht herausgeworfen hatte, da er es moralisch nicht hätte vertreten können? Ja, fraglos war Smith das absolute Gegenteil von Michael, wenn es zur Frage des Charakters kam, doch sie arbeiteten in einem Feld, wo Entscheidungen pragmatisch getroffen werden mussten. Emotionale oder gar moralische Entscheidungen führten, wenn man übertrieb, zum Tod oder zum Scheitern der Mission.

    „Nicht, wenn er damit die Leben anderer Menschen gefährdet“, warf sie ein.

    „Jetzt komm schon, Pakhet“, meinte Smith. „Versuch es.“ Er hielt ihr ein Tablet hin, auf dem offenbar die Lebensläufe ihrer explosiven Neulinge waren.

    Lebensläufe war zu viel gesagt. „Bisherige Erfahrungen“ war die direktere Bezeichnung.

    Mit einem Seufzen ließ sie sich zurück auf den Stuhl fallen, nahm das Tablet und sah die Unterlagen an.

    Ihr Bauchgefühl am Vortag hatte sie nicht betrogen. Es waren die Neulinge, von denen Michael ihr erzählt hatte, gewesen, die für die Explosion im Hafen verantwortlich gewesen waren. Eigentlich hatte Smith sie losgeschickt, um Daten aus der Fabrik zu stehlen. Es war ein Probeauftrag gewesen, um zu sehen, ob die fünf etwas taugten. Und dann hatte sie jemand bemerkt, einer von ihnen war panisch geworden und hatte es für eine glorreiche Idee gehalten, den Sprengstoff als Ablenkung zu zünden.

    Das von den fünf dabei niemand gestorben war, grenzte an ein Wunder.

    Die fünf waren: Ein Möchtegern-Meisterdieb mit Namen Spider. Dessen Bruder, zumindest wenn sie Smiths Notiz glauben durfte, mit dem einfallsreichen Namen Mik. Ein Hacker namens Agent. Ein Magier, namens Orion, und ein einfacher Kämpfer, dessen Name Punches alle anderen in Sachen Einfallsreichtum bei weitem übertraf. Ob er so einfallslos war oder einfach nur wenig auf Codenamen gab? Es hatte nicht jeder Verständnis für das System. Wenn sie ehrlich war, fand auch sie es manchmal albern, selbst wenn sie die Notwendigkeit gerade bei internationalen Aufträgen sah und sich lange an ihren Namen gewöhnt hatte. Meistens dachte sie von sich selbst als Pakhet, nicht mehr als Joanne.

    Allerdings war unter den Daten von Mr Punches ein Vermerk von Smith: „Nicht zurückgekehrt.“

    Sie sah auf. „Nicht zurückgekehrt?“

    „Ist abgehauen“, erwiderte Smith und zuckte mit den Schultern. „Ich gehe persönlich davon aus, dass er derjenige mit dem explosiven Gemüt war.“

    Pakhet seufzte. „Okay.“

    „Dafür haben wir noch jemanden“, meinte Smith und bedeutete ihr, die nächste Datei zu öffnen.

    Sie tippte auf den Button, blätterte weiter und hob im nächsten Moment die Augenbraue. „Der neue Doktor?“, fragte sie und überflog das Profil des Arztes, der sich unter dem Codenamen „Doctor Heidenstein“ eingetragen war. Kein sonderlich guter Codename, da diese idealer Weise kurz waren, um schnell Anweisungen oder Warnungen geben zu können. Er würde das Schicksal jedes anderen teilen, dessen Codename mit „Doctor“ begann: Man würde ihn einfach „Doc“ nennen.

    „Ja“, erwiderte Smith. „Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass diese Gruppe einen Arzt brauchen wird.“

    „Sie sollten selbst erste Hilfe lernen“, erwiderte Pakhet tonlos und hob dann wieder den Blick, um Smith zu mustern. Eine Sache verstand sie nicht. „Warum ein Team? Das ist nicht, wie wir normal vorgehen.“

    „Ich dachte, es wäre einmal ein Experiment wert“, antwortete Smith mit einem fröhlichen Lächeln. „Ich meine, wir haben gesamt vier Dreier-Teams, ein Vierer-Team und sie sind effizienter, da sie aufeinander eingespielt sind. Also dachte ich mir, ich versuche, selbst ein Team zu bauen.“ Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Und Mr Forrester hat mir zugestimmt.“

    Langsam verstand sie. „Und zugleich beschlossen, dass ich die arme Sau bin, die das Experiment leiten darf.“

    Smith zuckte mit den Schultern und streckte die Hand aus, um das Tablet zurück zu nehmen. „So in etwa.“

    Pakhet verdrehte die Augen und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Sie stöhnte genervt, verzog dann aber den Mund zu einem grimmigen Lächeln. Manchmal erinnerte Michael sie an das Arsch, wegen dem sie überhaupt in dieser Situation gelandet war. An denjenigen, der sie vermeintlich vor sieben Jahren getötet hatte. Nur, dass Michael nichts tat, weil sie eine Frau war – er tat es, um ihr persönlich auf den Keks zu gehen, sich mit ihr zu messen. Er tat es, um sich zu amüsieren, wenn sie die Beherrschung verlor, und ihm eine verpasste. Auf irgendeine masochistische Art und Weise schien ihn das mehr als alles andere zu amüsieren. Nein, es ging ihm darum, zu zeigen, dass er ihr überlegen war.

    Sollte er doch krepieren!

    Diese Truppe würde es nicht lange tun. Sie würden sterben oder gefangen genommen werden. Wahrscheinlich sterben. Sie hatte keine Lust, dafür verantwortlich zu sein – aber was hatte sie für eine Wahl?

    „Von mir aus“, sagte sie mit grimmiger Stimme. „Bring mich zu den Chaoten.“ Sie seufzte. „Dann sehen wir, was wir mit ihnen machen können.“

    „Sieh es als Herausforderung“, meinte Smith.

    Sie richtete sich auf. „Was meinst du, das ich tue?“






    So, damit haben wir einen Großteil der 01 Kapitel abgearbeitet und einen guten Teil der wichtigen Charaktere für MENSCHEN etabliert. Ich frage mich derweil durchaus auch, ob Thrawn noch mitliest (und tagge ihn ganz hinterhältig, Muhahaha).






  • dass es Michaels Plan ist, mir auf den Keks zu gehen

    Ich frage mich bei dem Namen, Erzengel und so, wie viele mythologische Figuren in deinen Storys noch vorkommen werden.

    „Warum sind die fünf überhaupt noch hier?“, fragte Pakhet. „Sie haben es vergeigt. Aber so richtig. Wieso zur Hölle haben wir sie nicht ausgeliefert und das ganze als einen Terroranschlag verkauft?“

    Das ist ein bisschen kalt von ihr.


    Und dann hatte sie jemand bemerkt, einer von ihnen war panisch geworden und hatte es für eine glorreiche Idee gehalten, den Sprengstoff als Ablenkung zu zünden.

    Der Sprengstoff aus der Fabrik, oder hat er welchen mitgebracht? Es erschien mir jedenfalls komisch, dass eine Spionageeinheit sich mit Sprengstoff bewaffnet.

    Wenn sie ehrlich war, fand auch sie es manchmal albern, selbst wenn sie die Notwendigkeit gerade bei internationalen Aufträgen sah

    Ich schaue gerade einen ewig langen Persona 5 Stream und die Codenamen von dir sind nicht viel dümmer.

    Meistens dachte sie von sich selbst als Pakhet, nicht mehr als Joanne.

    Gedanken der Autorin?

    „Ich meine, wir haben gesamt vier Dreier-Teams, ein Vierer-Team und sie sind effizienter, da sie aufeinander eingespielt sind.

    Bin mehr ein Fan von Viererteams. Viererteams können sich selbst aufteilen und nach dem Buddyprinzip gegenseitig den Rücken decken, während Dreierteams beim Aufteilen immer jemanden zurücklassen müssten. Deshalb sollte man nur dann Dreierteams bilden, wenn man muss, oder wenn das Team absolut keinen Grund haben wird, sich nochmal aufzuteilen.

    Interessant, dass er ihr die Anzahl und den Aufbau der Teams nennt. Entweder schummelt er, oder er hat einen Grund so offen zu ihr zu sein.


    Das könnte jetzt das Thema der Story sein. Ein Team ausbilden.

    Das wäre gar nicht mal so schlecht. Man kann viel Progression einbauen und Charakterdynamik stünde im Vordergrund.

    Simpel, aber ausbaufähig.



  • [30.03.2011 – D02 – Reperaturservice]



    Wie hatte sie sich dazu überreden lassen?

    Sie war sich nicht sicher. Es hatte mit ihrem Drang zu tun, sich zu beweisen, und ebenso damit, dass sie nicht riskieren wollte, dass ihr ein weiteres Fahrzeug explodierte.

    Also fuhr sie an diesem Mittag vor Roberts Werkstatt vor, um sich den Wagen, den die Chaostruppe von einem Gebrauchtwagenhändler gekauft hatte, genauer anzusehen.

    Sie war mit ihrem Motorrad hergekommen, einem roten Enduro von Yamaha, dass sie bei normalen Einsätzen viel zu selten nutzen konnte. Dabei war es wahrscheinlich unauffälliger als ihr normaler Wagen.

    Die Chaostruppe, so würde sie fortan die Gruppe der Neulinge nennen, die nun ihre Verantwortung waren. Wenn man sie fragte waren Spider und sein vermeintlicher Bruder Mik – beide kaum Älter als zwanzig – ein Beispiel von Dumm und Dümmer. Von allem, was sie gehört hatte, war Spider an der Idee mit dem Sprengstoff beteiligt gewesen, auch wenn es Mr Punches gewesen war, der das Zeug hatte hochgehen lassen.

    Agent, der selbsternannte Superhacker, war ein alter Sesselfurzer – sie schätzte ihn auf Mitte Vierzig – mit einem Ego, dass an das von Michael heranreichte. Wenn man ihn fragte, war er wohl der Gruppenanführer. Vielleicht sollte sie ihn wegen der ganzen Explosion zur Rechenschaft ziehen.

    Und dann war da Orion, der Meistermagier. Er hatte angeben wollen. Sie hatte ihn gelassen. Er war gescheitert. Sein Unsichtbarkeitszauber war nicht sonderlich unsichtbar, sein Charme bei weitem nicht so überzeugend, wie er es glaubte.

    Zuletzt war da Heidenstein, aka „der Doc“. Er hatte geschwiegen, hatte beobachtet und hatte dann aus dem Nichts angeboten, sich um den Wagen zu kümmern, als sich Spider und sein Bruder gegenseitig darin übertrumpft hatten, wie dringend sie einen Wagen brauchten – am beste einen Transporter. Irgendwie hatte Michael es ihnen erlaubt.

    Tja, und hier war sie.

    Roberts kleiner Familienbetrieb, den er von seinem Vater übernommen hatte, war eine Mittelgroße Autowerkstatt. Sie hatten mehrere Plätze, mehrere Hebebühnen, um sich die Wagen anzuschauen und so war es ein leichtes, einen davon für einen kleinen Betrag zu mieten.

    Der Geruch von Motoröl, Lack und Staub lag in der Luft.

    Auf dem Parkplatz vor der Werkstatt stand bereits ein weißer Transporter, an dem ein Mann lehnte. Heidenstein. Also war er da geblieben. Was hatte sie erwartet?

    Sie stieg von dem Motorrad ab, nahm den Helm ab und ging raschen Schrittes zu ihm hinüber. „Hast du lange gewartet?“, fragte sie und musterte Heidenstein, der eine Nachricht auf seinem Handy las.

    Er sah auf; musterte sie. „Ah.“ Er zögerte. „Pakhet.“ Einmal blickte er sich um, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Nicht besonders lang.“

    „Gut.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist der Wagen?“

    „Ja“, erwiderte er. „VW T6. Standard Transporter. Drei Jahre alt. Gehörte vorher offenbar einem Malereibetrieb.“

    Ein weiteres Schulterzucken. So etwas musste sie nicht wissen. „Hast du eine Möglichkeit zur Firma oder“ – sie hielt kurz inne – „nach Hause zu kommen?“ Wenn er den Wagen hergefahren hatte, bräuchte er wohl jemanden, der ihn abholte.

    „Nein“, erwiderte er. Auch er zögerte. „Ich dachte, ich könnte helfen.“

    „Helfen?“

    „Ich habe dich richtig verstanden, oder? Du willst den Wagen selbst reparieren, oder?“

    Sie seufzte. Eigentlich hatte sie den Wagen mit Roberts Hilfe reparieren wollen. Immerhin wusste Robert was er tat – anders, als sie es von einem Arzt erwartete, wenn es um Wagen ging. Doch Robert wollte nicht in diese Sachen mit hineingezogen werden. Sie konnte es verstehen. „Hast du Ahnung von Automechnanik?“

    „Ich kenne die Grundlagen“, erwiderte er.

    „Und das heißt?“

    „Ich weiß, wie man Zündkerzen austauscht. Ich habe Ahnung von üblichen Fehlern. Ich habe das ein oder andere Mal einen Jeep repariert.“

    „Ah.“ Sie verkniff sich ein genervtes Stöhnen. „Und was ist mit Grundüberprüfung?“

    Er schenkte ihr ein geübtes Lächeln. „Was soll damit sein?“

    „Schon mal gemacht?“

    „Nein. Aber ich dachte mir, du kannst mir die Grundlagen zeigen. Man lernt immer dazu.“

    Na großartig. Also sollte sie selbst für ihn noch Lehrerin spielen? „Solche Services kosten normalerweise.“

    „Und was könnte ich tun, um dafür zu bezahlen?“

    „Das ist es ja“, erwiderte sie grimmig. „Nichts.“

    „Zu schade.“ Er zuckte mit den Schultern.

    Pakhet wandte sich ab, als ihr doch etwas einfiel. „Vielleicht gibt es eine Sache“, erwiderte sie. „Warst du bei der Jungfernmission der Chaostruppe dabei?“

    „Chaostruppe?“ Er hob eine Augenbraue hoch, schien aber sehr wohl zu verstehen. „Ja, das war ich tatsächlich. Mr Smith hatte mich als Backup mitgeschickt.“

    „Gut.“ Sie wandte sich ab. „Dann erzähl mir, wie das ganze so schief gehen konnte und wir können darüber reden.“

    „Deal“, erwiderte er, aber sie war bereits auf dem Weg zu Robert.

    Sie brauchte den Schlüssel für das Tor zu der seitlichen Garage, die ebenfalls eine Hebebühne hatte, halbwegs aber vom Rest der Werkhalle getrennt war. Dort würde sie in Ruhe arbeiten können. Soweit in Ruhe zumindest, wie es der Doktor mit dem zu langen Namen zulassen würde. Worauf hatte sie eigentlich eingelassen?

    Die Werkstatt unterschied sich nicht großartig von den meisten anderen. Sie bestand aus einer einzelnen großen Halle und zwei Garagen. Daneben fand sich ein kleiner Shop, hinter diesem ein Büro, von dem aus Robert arbeitete.

    Zielstrebig schritt sie zum Shop und in diesem zur Tür neben der Kasse. Sie klopfte und wartete auf Roberts Antwort.

    Schritte erklangen. Dann wurde die Tür geöffnet. „Hey, Jo.“ Robert lächelte sie an und deutete kurz eine Umarmung an. „Also, wo ist der Patient?“

    Sie konnte sich den Witz nicht verkneifen. „Beim Doktor.“

    Verwirrt schaute Robert sie an.

    Mit einem leisen Seufzen erklärte sie: „Einer meiner Kollegen hat den Wagen hergebracht. Ein Medic. Doctor Heidenstein. Und er will eine Einweisung in die Grundlagen der Fahrzeugkontrolle, scheint mir.“

    „Dann schick ihn weg“, erwiderte Robert nüchtern.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Er weiß etwas, was ich wissen will. Also habe ich ihm einen Deal angeboten.“

    „Das wird nur zu Schwierigkeiten führen“, murmelte Robert und Joanne seufzte.

    „Wird es. Wahrscheinlich.“

    Für einen Moment seufzte Robert. Dann griff er in sein Büro rein und holte einen Schlüssel hervor. „Hier.“

    „Danke. Du bist ein Schatz.“

    „Und du schuldest mir eine Pizza.“

    „Darüber können wir reden.“ Sie zwinkerte ihm zu und brachte sogar ein mattes Lächeln zustande, ehe sie zur Tür lief und die Hand zum Abschied hob, ehe sie den kleinen Shop verließ.

    Sie eilte zur Garage hinüber, wo sie den Tür in das Schloss neben dem schweren, automatischen Tor steckte und umdrehte.

    Der Motor erwachte dröhnend zum Leben und hob das Tor an. Als es schließlich mit einem Knacken einrastete, winkte sie Heidenstein hinüber, der nickte, in den Wagen einstieg und ihn hineinfuhr.

    Zumindest hatte er genug Kontrolle über den Wagen, als dass der kleine Transporter schon nach dem ersten Versuch auf den Schienen der hydraulischen Bühne stand.

    „Mietest du die Garage?“, fragte er, als er ausstieg.

    „Ja“, erwiderte sie. „Mr Forrester zahlt am Ende aber.“ Das war natürlich gelogen, doch Doctor Heidenstein musste das nicht wissen.




    „Ah.“ Er seufzte, während sie den Wagen umrundete. Sie machte das Licht an und begann den Wagen von außen zu inspizieren. Zuallererst wollte sie sicher gehen, dass kein Blechschaden vorlag – nicht das dieser die Leistungsfähigkeit des Wagens beeinflusste.

    Sie entdeckte auf Anhieb einige Kratzer im Lack. Das hieß, sie würden auf Dauer neu lackieren müssen. Vielleicht besser, denn wenn man genau hinsah konnte man sehen, wo einst das Logo der Malerei gewesen war.

    „Mir ist eine Beule in der Kühlerhaube aufgefallen“, merkte Heidenstein an.

    „Dazu komme ich gleich“, erwiderte sie. „Ich will erst einmal wissen, was auf dieser Mission schief gegangen ist.“

    „In Ordnung.“ Er wirkte amüsiert und lehnte sich lächelnd an den Wagen. „Was weißt du?“

    „Ich weiß so viel: Ihr solltet einen Ordner aus dem Büro in der Chemiefabrik stehlen. Ihr wurdet von Security überrascht. Jemand hielt es für eine tolle Idee, irgendetwas hochgehen zu lassen.“

    Heidenstein schmunzelte. „Das ist arg vereinfacht ausgedrückt.“

    Mittlerweile war sie bei der Kühlerhaube angekommen und sah, wovon er zuvor gesprochen hatte. An der rechten Seite war das Heck eingedellt. Wahrscheinlich war einmal jemand an einer Mauer oder vergleichbaren langgeschrabt. Man hatte mit einem Lackstift den Lackschaden notdürftig verdeckt.

    Fuck. Dieses Fahrzeug war ein Wrack. Aber dafür war es wahrscheinlich billig gewesen.

    „Erzähl“, meinte sie.

    „Gut. Grundlegend hast du Recht. Wir sollten Informationen holen. Keinen Ordner. Daten von einem Rechner. Forschungsdaten. Mr Smith hatte extra etwas herausgesucht, für das man einen ITler brauchte.“

    „ITler im Feld sind immer eine beschissene Idee“, murmelte Pakhet, während sie sich auf den Wagen stützte und dagegen drückte, um zu sehen, ob die Federn davon allein nachgaben.

    Heidenstein ignorierte sie. „Wir sind ohne große Probleme reingekommen. Mik hat jemanden bequatscht, der dort arbeitet. Er hatte einen Schlüssel. Soweit also alles kein Problem. Spider, er, Punches und Agent sind rein. Orion und ich sind draußen geblieben. Erst schien alles wunderbar zu laufen, aber dann wurden sie von einem Hund entdeckt.“ Er machte eine dramatische Pause und brachte sie damit dazu, die Augen zu verdrehen, während sie zur Kontrolle der Bühne ging.

    „Und dann?“

    „Und dann haben sie den Hund erschossen“, erwiderte Heidenstein nüchtern. „Und haben damit noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Bevor wir draußen viel mitbekommen haben, hatten sie weitere Security gerufen. Wir wollten nachziehen, aber Mr Punches“ – sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er den Namen genau so albern fand, wie sie – „meinte, er hatte einen Plan.“

    „Und dann Bumm?“, fragte sie.

    „So in etwa. Sie haben noch etwas gerufen, dass wir sie in Richtung Stadtmitte treffen sollen. Und dann   … Dann ist das ganze Gebäude in die Luft geflogen. Offenbar haben sie das Sprengstoff im Lacklager deponiert.“

    „Und wie sind die Idioten rausgekommen?“, fragte Pakhet.

    „Kanalisation“, erwiderte Heidenstein.

    „Lecker.“

    „Absolut.“

    Sie seufzte. „Und wer war es, der das Zeug hat hochgehen lassen?“

    „Punches. Soweit ich es verstanden habe. Aber es war ein gemeinschaftlicher Plan.“

    Wundervoll. Sie duckte unter den Wagen. Womit hatte sie das alles nur verdient?

    „Und du machst das schon lange?“, fragte er, als er ihr unter den Wagen folgte und eine kleine Taschenlampe aus seiner Jacke hervorholte.

    Mit Absicht tat sie, als würde sie ihn nicht verstehen. „Was?“

    „Söldnerei“, erwiderte er.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Seit einer Weile.“ Es hatte ihn nicht zu interessieren. „Und du bist genau so neu, wie die Chaoten.“

    „Kann man so nicht sagen“, erwiderte er.

    „Das heißt?“

    Er lächelte. „Wer weiß.“

    Sie würde ihn nicht bedrängen. Es ging sie genau so wenig an, wie es umgekehrt der Fall war. „Also, Doc, was kannst du mir zu dem Wagen sagen?“

    „Doc?“, meinte er.

    „Doctor Heidenstein ist für einen Codenamen zu lang“, erwiderte sie. „Also, der Wagen.“

    „Der Wagen ist deutlich mitgenommen“, meinte er. „Die Aufhängung ist ausgeleiert, das Blech an mehreren Stellen demoliert. Vor allem aber sind die Antriebswelle ziemlich mitgenommen. Und wenn du mich fragst, brauch der Motor allgemein ein wenig Zuwendung.“

    Sie machte einen halb amüsierten Laut. „Das war besser als erwartet.“

    „Ich habe doch gesagt, ich habe ein wenig Erfahrung.“ Damit warf er ihr ein kurzes Lächeln zu.

    „Ich merke es.“

    Er betrachtete. „Und Heidenstein ist zu lang? Schade.“

    „Schade?“

    „Ich dachte, der Name wäre amüsant.“

    „Nun, du weißt schon, dass der Doktor Jekyll war und Hyde das Monster, oder?“, erwiderte sie. Zumindest war sie zu dem Schluss gekommen, dass Heidenstein eine Zusammensetzung von Hyde und Frankenstein war.

    „Vielleicht wollte ich darauf hinaus“, meinte er.

    „Und was? Plötzlich wird der Doktor Grün?“

    Er zuckte mit den Schultern, lachte aber leise. „Ich denke, das ist das falsche Universum.“





    Sunaki : Danke, wie immer. Deine Antwort kommt morgen, da ich gerade ein wenig Kopfschmerzen habe. Entschuldige bitte ^^"

  • Mr Smith hatte mich als Backup mitgeschickt.“

    Das heißt, er hat schon etwas mehr Erfahrung. Trotz des unpassenden Decknamens.


    Sie entdeckte auf Anhieb einige Kratzer im Lack.

    Ob irgendwas an den Schäden verdächtig sein könnte? Vielleicht wurde der Wagen noch anderweitig benutzt.

    Ordner aus dem Büro in der Chemiefabrik

    Ah ja, das war eine Chemiefabrik, das erklärt die Größe der Explosion.

    Offenbar haben sie das Sprengstoff im Lacklager deponiert.“

    Der Sprengstoff kommt dann aber doch von der Truppe und war nicht im Depot der Fabrik?

    Ist immer noch eine schlechte Art der Bewaffnung, selbst wenns nur eine Ablenkung sein soll.

    Nun, du weißt schon, dass der Doktor Jekyll war und Hyde das Monster, oder?

    Na ja, Hyde war eine Manifestation der negativen Eigenschaften des Doktors, also auch Teil des Doktors.

    Wobei er andererseits auch viel mehr schlechte Eigenschaften hatte, als der eigentliche Jekyll...