MOSAIK

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    [28.04.2011 – D04 – Straßenklinik]


    „Ähm. Heidenstein hier“, meldete sich die mittlerweile halbwegs vertraute, müde Stimme des Docs am anderen Ende der Leitung.

    „Ich bin's“, erwiderte sie rau, „Pakhet.“

    „Ah, Pakhet.“ Er klang verwirrt. „Was kann ich für dich tun? Ich habe gerade zu tun.“

    „Ich habe einen Notfall“, antwortete sie. „Und brauche deine Hilfe.“

    „Notfall?“

    „Medizinischer Notfall“, erklärte sie. „Orion.“

    „Warum bringst du ihn nicht zur Zentrale?“

    Sie holte tief Luft und schürzte die Lippen. „Ich habe guten Grund, es nicht zu tun.“

    Stille. Er verstand. Dann räusperte er sich. „Okay. Von mir aus. Bring ihn her.“

    „Wohin?“

    Erneutes schweigen. Heidenstein räusperte sich nervös. „Ich habe eine kleine Straßenklinik im Norden der Cape Flats. Im Keller des Anderson Hospitals.“

    „Danke“, antwortete sie leise und gab den Namen des Krankenhauses bereits in ihr Smartphone ein.

    Sie fuhr – schnell, aber darauf bedacht, sich an das Geschwindigkeitslimit zu halten. Sie wollte nicht unbedingt riskieren, angehalten zu werden. Wenn jemand den Kofferraum öffnete und den halbtoten Orion vorfand, hätte sie ein Problem. Kein Problem, dass sich nicht beheben ließe, aber dennoch: Ein Problem.

    Natürlich hatte Heidenstein recht. Sie könnte Orion auch zur Zentrale zurückbringen. Ihn da versorgen lassen. Doch hatte sie einige Gründe, es nicht zu tun. Vor allem wollte sie Orion nicht länger in ihrem Team haben – und sie wusste, dass sie sich selbst darum kümmern musste. Sonst würde es nur als Gegenwehr gegen die Teamidee als solche gesehen.

    Daher fuhr sie keine fünfzehn Minuten später auf dem Parkplatz des Anderson Hospitals vor.




    Sie kannte das Krankenhaus nicht, was jedoch nicht viel heißen wollte. Sie besuchte selten normale Krankenhäuser. Noch seltener besuchte sie Krankenhäuser in der Nähe der Flats. Tatsächlich überraschte es sie, dass es hier draußen überhaupt eins gab. Die einzige Möglichkeit es zu erreichen, wenn man nicht durch die Flats fahren wollte, war über die M2. Das Gebäude lag am nordöstlichen Ende des Ghettos.

    Es wirkte auf den ersten Blick heruntergekommen – kaum verwunderlich für die Gegend. Das fünfstöckige, längliche Gebäude wirkte leer, auch wenn sie nicht sagen konnte warum. Es mochte eventuell an dem beinahe gänzlich verlassenen Parkplatz liegen, auf dem nur vereinzelte Fahrzeuge standen – gesamt nicht mehr als fünfzehn. Ein hoher, gesicherter Zaun umgab den Parkplatz.

    Es hatte definitiv Horrorfilmästhetik.

    Heidenstein hatte ihr eine Nachricht geschickt: Sie solle zum Hintereingang fahren und die beiden Männer, die dort standen ansprechen. Dubios, aber gut. Was erwartete sie von einer Straßenklinik?

    Sie kannte solche Einrichtungen aus anderen Städten: Ärztliche Notfallpraxen für diejenigen, die normale Ärzte nicht besuchen konnten. Vielleicht, weil sie Verbrecher waren oder sich illegal im Land aufhielten, oft aber auch, weil sie magischer Abstammung waren und ihre Krankheiten oder Verwundungen auf ihre magische Natur schließen ließen. Dankbarerweise gab es magische Ärzte, die sich auf magische Wunden spezialisiert hatten und die oftmals aus solchen Kliniken heraus agierten.

    Offenbar war Heidenstein einer von ihnen.

    Was zur Hölle machte er als Medic bei ihnen?

    Sie fuhr um das Gebäude herum, bis sie die Tür mit den zwei davorstehenden Herren in Anzügen entdeckte. Sah ganz so aus, als wäre auch dieser Laden unter Mafiaführung.

    Es konnte ihr egal sein.

    Sie stieg aus, nickte den beiden zu und ging um den Wagen herum. Sie öffnete den Kofferraum, hievte Orion heraus, um ihn sich über die Schultern zu werfen.

    Er atmete noch. Gut. Egal was für ein Arschloch war: Sie hatte ihn nicht töten wollen.

    „Ich suche Doctor Heidenstein“, sagte sie, als sie die beiden Herren erreichte.

    Die beiden nickten synchron. Golems?

    Zumindest ließen sie sie passieren, als sie die Tür mit einem Stoß aufkatapultierte.

    Sie fand sich vor dem Treppenhaus des Krankenhauses. Es gab einen Aufzug, doch bevorzugte sie die Treppe. Es war nur eine Etage.

    Langsam wurde Orion auf ihren Schultern deutlich schwer.

    Angespannt blickte sie sich um. Im Flur hinter der Feuerschutztür brannte Licht, also würde sie es dort versuchen. Sie stieß die Tür auf und eilte hindurch, um sich in einem üblichen Krankenhausflur mit grünlichem Linoleumboden wiederzufinden.

    Niemand war hier.

    „Heidenstein!“, rief sie.

    „Hier“, antwortete er. Eine Tür schwang auf, auch wenn er sich nicht sehen ließ.

    Sie lief zur Tür hinüber und schaute in den dahinterliegenden Raum.

    Dort saß er, offenbar damit beschäftigt eine unschöne Kratzwunde am Arm eines kräftigen, bärtigen Farbigen zu nähen. Ein Werwolf, seinen noch immer goldlichen Augen nach. Die Wunde sah ebenfalls nach Werwolfskrallen aus.

    „Bring ihn in den nächsten Raum“, sagte Heidenstein ohne aufzusehen.

    Pakhet nickte. Sie beschloss, dass er den Raum rechts von diesem meinte und ging zur entsprechenden Tür weiter. Es war eine Schiebetür, die sie mit Schwung öffnete.

    Dahinter lag ein Behandlungsraum, wie man ihn in vielen Notaufnahmen im Land fand. In der Mitte eine Liege unter einer Operationsleiste. Zwei Hocker, zwei Stühle, ein Schreibtisch mit Rechner, mehrere Schränke und Regale.

    Sie trat zur Liege hinüber und legte Orion ab. Er hatte noch immer Puls, wenngleich er trotz Ohnmacht zitterte und sich ein dünner Schaum vor seinem Mund gebildet hatte. Ab und an machte er leise Laute.

    Was auch immer das Toxin mit ihm anstellte: Er hatte es nicht besser verdient.

    Mit diesem Gedanken setzte sie sich auf einen der Hocker und verschränkte die Arme. Sie wartete. Eine Minute. Fünf Minuten. Zehn Minuten.

    Irgendwann hörte sie Stimmen im Nachbarraum. Schritte. Jemand ging.

    Dann wurde die Tür, die beide Behandlungsräume direkt miteinander verband geöffnet und Heidenstein kam hindurch. „Entschuldige, dass es etwas gedauert hat“, meinte er ruhig. Er musterte Orion. „Was ist passiert?“

    „Kurzfassung: Er hat angefangen ein paar Leute ohne Grund abzuknallen und ich habe ihm einen Dart mit Betäubungstoxin gesetzt“, antwortete sie. „Dann hat er angefangen zu zittern. Dann zu sabbern. Sein Puls ist schwach und unregelmäßig. Überdosis, nehme ich an.“ Sie wusste, dass die letzten Aussagen unnötig waren, da Heidenstein ihn selbst untersuchte.

    Auch er überprüfte den Puls, den Blutdruck, sah dem Magier in die Augen und horchte auf dessen Atem. „Überdosis“, bestätigte er schließlich. Er warf ihr einen missmutigen Blick zu. „Ich habe dir gesagt, du musst damit vorsichtig sein. Hat er in den letzten Tagen Blut verloren?“

    „Er ist heute Mittag angeschossen worden und hat sich selbst geheilt“, erwiderte sie.

    Heidenstein nickte. „Daran wird es liegen.“ Er ging zu einem Schrank hinüber, holte ein Fläschchen hervor, dann eine Spritze aus einem anderen. „Warum wolltest du ihn nicht zur Zentrale zurückbringen?“

    „Weil er sich meinen Anweisungen widersetzt hat“, erwiderte sie. „Er hat sinnlos getötet. So etwas dulde ich nicht.“

    „Sagt die eiskalte Söldnerin?“, meinte Heidenstein, während er Orion das Mittel verabreichte.

    „Ich hasse sinnlose Gewalt.“ Sie musterte ihn kühl. „Als jemand, dessen bevorzugte Waffe eine Betäubungspistole ist, gehe ich davon aus, dass du das verstehst.“

    „Sicher“, antwortete er und lächelte.

    Zu ihrer Überraschung wirkte das Lächeln aufrichtig.

    Nach einigen Sekunden seufzte er leise, fühlte erneut Orions Puls. „Und was hast du dann mit ihm vor?“

    „Ich sehe ihn als Gefahr für die Gruppe und die Firma“, erwiderte sie. „Deswegen schicke ich ihn fort.“

    Nun musterte Heidenstein sie. Er schwieg, überlegte, leckte sich schließlich über die Lippen, während er vorsichtig eine Frage formulierte: „Was ist mit Mr Smith? Mr Forrester?“

    „Sie werden sich damit abfinden müssen, dass Orion die Stadt verlassen hat“, antwortete sie. „Es wäre nicht das erste Mal.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Es sei denn, du willst sie darüber in Kenntnis setzen?“

    Für einige Sekunden – sie konnte nicht sicher sagen, wie lange genau – trafen sich ihre Blicke. Zweifel schien aus seinen Augen zu sprechen, ehe er langsam den Kopf schüttelte. „Nein“, sagte er. „Ich stimme dir zu.“ Er lächelte matt. Eine ungewisse Reue lag in dem Lächeln. „Aber wie willst du ihn davon überzeugen?“

    Sie zuckte mit den Schultern und betrachtete kühl zu dem ohnmächtigen Magier, der aufgehört hatte zu zittern. „Ich habe meine Methoden.“ Immerhin hatte sie einen Ruf.


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    Soviel zu diesem Kapitel. Dieses Mal wieder mit einer der wundervollen Illustrationen. Und ja, wir wissen, dass das Gebäude im Bild ein Stockwerk zu kurz geendet ist. Fehler passieren ;) Derweil freue ich mich, dass langsam die Charakterillustrationen fertig werden, selbst wenn es ein wenig komisch sein wird, ein Charakterbild für Murphy zu haben ... Doch warum, das werdet ihr sehen, wenn ihr Murphy kennen lernt.


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  • [30.04.2011 – S02 – Ersatz]


    „Du weißt, dass ich dir nicht glaube“, meinte Smith und seufzte, wenngleich seine Stimme amüsiert klang.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Das erwarte ich auch nicht von dir. Du musst es einfach nur so dokumentieren.“ Sie sah ihm fest in die Augen, bis er den Kopf schüttelte und sich wieder dem Computerbildschirm zuwandte.

    Sie hatte ihm bereits zum zweiten Mal ihre Geschichte über den vermissten Orion dargelegt: Er hatte die Stadt verlassen, weil er von der Mafia verfolgt wurde.

    Es war nicht einmal eine Lüge. Er hatte die Stadt verlassen und er wurde von der Mafia verfolgt. Einzig die Kausalität war nicht so gegeben, wie sie es dargestellt oder zumindest impliziert hatte. Vielmehr mochten es Drohungen ihrerseits, ihn an den Mob auszuliefern, gewesen sein, der ihn dazu bewegt hatte, die Stadt zu verlassen.

    „Ob du es glaubst oder nicht: Das habe ich schon“, erwiderte er. „Es ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl.“ Sein Blick verharrte auf ihrem Gesicht. „Du wirst mir nicht erzählen, was wirklich passiert ist, oder?“

    „Nein“, antwortete sie. „Aber wenn es dich beruhigt versichere ich: Er lebt noch und hat noch alle Finger.“

    Smith nickte. Der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen. „Nun, du wirst dich freuen, dass ich bereits einen Ersatz für den guten Orion gefunden habe.“

    „Aha?“, fragte sie. Sie seufzte. Sie war froh gewesen, die Anzahl der Idioten um eins reduziert zu haben. Doch wusste sie auch, dass Smith ein funktionierendes Team haben wollte. Ein funktionierendes Team, in dem alle wichtigen Rollen gefüllt waren. Wenngleich sie nicht sicher war, was überhaupt Orions Rolle gewesen war.

    „Ja.“ Er lächelte. „Ein magischer Conartist namens Murphy.“

    „Conartist, eh?“, meinte sie. Klang nicht besonders vielversprechend. Schon gar nicht in Kombination mit Magier. Diese waren ihr nie ganz geheuer.

    Smith sagte nichts, sondern schob ihr das Tablet hin, während er selbst wieder auf den Bildschirm sah.

    Sie schaute drauf. Zu sehen war ein junger Mann, um die 20. Hellhäutig, sommersprossig, dunkelhaarig. Er zeigte ein weites, gewinnendes Lächeln, das sie in erster Linie an Michael erinnerte. Musste sie sich das wirklich antun?

    In den Daten zu ihm fand sie eine Auffälligkeit: „Alter: Unbekannt.“ Was hatte das zu heißen? Normalerweise schätzte Smith das Alter. Irgendetwas sagte er ihr noch nicht und sie ahnte, dass sie es – was auch immer es war – nicht mögen würde.

    Als sie das Tablet zurückschob, räusperte sich Smith. „Er kann erst in zwei Wochen bei uns anfangen. Was etwas spät ist, aber wir können daran nichts machen. Er braucht körperliches Training.“

    „Okay.“ Das brauchten sie doch alle. Na ja, jedenfalls ein Großteil der Chaoten.

    „Hast du Mr Forrester schon davon erzählt?“, fragte Smith.

    „Von Orion?“ Sie schürzte die Lippen, schwieg.

    Smith ließ ein leises Lachen hören. „Habe ich mir schon gedacht. Ich denke mir was aus, ja?“

    Pakhet schenkte ihm ein müdes Lächeln. „Danke.“




    Ja, heute nur ein kurzes Kapitel. Aber das nächste kommt schon Montag.


  • Egal was für ein Arschloch war: Sie hatte ihn nicht töten wollen.

    Interessant wie sie ihre moralische Ader mit Konsequenz vermischt. Oben fand sie noch, eine Leiche zu beseitigen wäre nicht zu schlimm.

    Die beiden nickten synchron. Golems?

    Hm, die Frage ist, ob das Wissen, welche zu machen inzwischen publik geworden ist, oder das ein Hinweis auf die Religion eines Charakters ist. Generell mag ich Golems.

    Dahinter lag ein Behandlungsraum, wie man ihn in vielen Notaufnahmen im Land fand.

    Wenns eine Notaufnahme ist, müsste es dann auch Kontrollgeräte geben. Die dann generell abfallen und die Schwestern zum Wahnsinn treiben.

    Ja.“ Er lächelte. „Ein magischer Conartist namens Murphy.“

    Klingt vielversprechend. Vermutlich einer von drei passablen Teammitgliedern.

  • Interessant wie sie ihre moralische Ader mit Konsequenz vermischt. Oben fand sie noch, eine Leiche zu beseitigen wäre nicht zu schlimm.

    Ja. Es ist halt eine Sache, was man in Wut denkt und eine andere die tatsächlichen Konsequenzen.


    Hm, die Frage ist, ob das Wissen, welche zu machen inzwischen publik geworden ist, oder das ein Hinweis auf die Religion eines Charakters ist. Generell mag ich Golems.

    Das ist unsere moderne Welt. Nur das Magie auch real ist. ;) Wie halt auch in Der Schleier der Welt. Ist ja dieselbe Welt.

    Joanne kennt Popkultur genau so, wie du und ich.


    Wenns eine Notaufnahme ist, müsste es dann auch Kontrollgeräte geben. Die dann generell abfallen und die Schwestern zum Wahnsinn treiben.

    Was für Kontrollgeräte meinst du?

    Weil, wie gesagt, sie haben deutliche Budgetbeschränkungen in so einer Straßenklinik.


    Das ist wohl der Moment, wo ein leicht manisch klingender Doc fragen würde: "Schwestern? Was sind Schwestern? Ahahahaha ... *zitter*"


    Klingt vielversprechend. Vermutlich einer von drei passablen Teammitgliedern.

    Hihihi.


  • Nur zur Info: Ich habe festgestellt: Irgendwie ist mir ein Kapitel abhanden gekommen ... Das kommt morgen oder übermorgen nach. Sorry. ^^"




    [03.05.2011 – D05 – Auftrag]



    Interessiert schaute sie über Heidensteins Schulter, während er die beiden Einzelteile, die er vorbereitet hatte, zusammenschraubte.

    Er spannte eine Feder nach und zeigte ihr dann die mehr oder minder fertige Waffe. „Es wundert mich noch immer, dass du so etwas nie gemacht hast“, meinte er, während sie die Pistole in der Hand abwog.

    „Ich weiß, wie ich übliche Waffen, die aufgeteilt transportiert werden, zusammensetze“, antwortete sie. „Das reicht.“ Immerhin war es nicht eine gängige Fähigkeit – auch unter Söldnern nicht – aus ramponierten Einzelteilen verschiedener Waffen wieder eine funktionierende zusammensetzen zu können. Schon gar nicht aber, war es ein Standard, neue Waffen entwerfen zu können.

    „Das sagt jemand, der sein Auto beinahe komplett selbst gebaut hat“, meinte Heidenstein amüsiert. Auf ihren Blick hin, lachte er leise. „Ja, es ist mir aufgefallen.“

    Pakhet zuckte mit den Schultern. Dann lächelte auch sie matt. „Vielleicht habe ich bisher einfach keinen Lehrer gefunden.“

    Er schenkte ihr einen Vielsagenden Blick. „So?“ Damit streckte er die Hand aus, um die Waffe entgegen zu nehmen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal eine Schülerin hätte.“

    Sie verdrehte die Augen und setzte sich neben ihn.

    Sie waren in dem kleinen Werkraum, der ebenfalls im Keller des Krankenhauses war – selbst wenn dies sicher keinen Hygieneanforderungen entsprach. Es war ein kleiner Raum, der ursprünglich einmal als Abstellraum gedient haben musste, nun aber eine Werkbank, einen Werkzeugschrank, zwei einfache Hocker und einen Safe beherbergte.

    Blasses Licht flutete von einer Neonröhre an der Decke.

    „Nein, aber ernsthaft, Doc“, meinte Pakhet, „wie hast du das gelernt? Oder eher, warum? Als Arzt nicht unbedingt eine übliche Fertigkeit.“

    Sein Lächeln wirkte geheimnisvoll, als er sich ihr mit verschränkten Armen zuwendete. „Sagen wir es einmal so: Ich bin ein viel bereister Mann. Und habe auf meinen Reisen die ein oder andere nützliche Sache gelernt.“ Er zwinkerte ihr zu.

    „Du weißt, dass ich einfach jemanden beauftragen könnte, es herauszufinden.“

    „Aber das würdest du nicht tun“, stellte er sachlich fest. „Es würde mein Vertrauen verletzen.“

    „Und du glaubst, dass mir daran etwas liegt? Ich meine, ich bin eine hartgesottene Söldnerin.“

    „Ja“, erwiderte er. „Ja, ich denke, dass dir etwas daran liegt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich könnte auch Leute befragen, was es mit deiner Prothese auf sich hat, aber ich tue es nicht.“

    Sie ließ ein Stöhnen hören, bemüht es gen¬ervt klingen zu lassen. Es klang wie ein halbes Lachen. „Idiot“, murmelte sie und fragte sich gleichzeitig, wie es dazu gekommen war, dass sie so mit ihm redete. Sie verbrachte für gewöhnlich keine Freizeit mit ihren Kollegen, doch die Neugierde hatte am Ende gesiegt. Sie hatte wissen wollen, wie zur Hölle er die verdammte Waffe gebaut hatte und hier saßen sie und unterhielten sich.

    Er war angenehme Gesellschaft. Intelligent. Teilte ihren Humor.

    „Ja ja, ich bin ein Idiot“, murmelte er amüsiert. Er grinste, schürzte die Lippen und dachte über irgendetwas nach. Dann räusperte er sich und betrachtete. „Sag einmal, Pakhet“, meinte er.

    Als er den Satz nicht fortführte, hob sie eine Augenbraue. „Ja?“

    Noch einmal räusperte er sich. „Du kennst Mr Smith und Mr Forrester schon länger, nicht?“

    „Relativ lang, ja“, bestätigte sie. Sie arbeitete für Michael, seit sie Pakhet war.

    „Gut.“ Er überlegte kurz, ehe er seine Gedanken in Worte fasste. „Wie sieht es aus, wenn ich selbst einen Auftrag an die Firma vermitteln wollte  … Könntest du mir dabei helfen?“

    „Sicher“, antwortete sie und runzelte die Stirn. Das war eine Anfrage, mit der sie nicht gerechnet hatte. „Woran hattest du gedacht?“

    Er lächelte verlegen, sah sie dabei jedoch mit seltsam durchdringendem Blick an. „Ganz genau weiß ich es noch nicht“, erwiderte er nach kurzem Schweigen. „Es ist so  … Der Leiter von diesem Krankenhaus hat Interesse, bestimmte Forschungsunterlagen zu bekommen und ich habe angeboten danach zu fragen.“

    „Also wäre es nicht dein Auftrag?“ Misstrauisch beobachtete sie ihn. Etwas an seinen Worten wirkte auf sie verdächtig. Sie wusste jedoch nicht sicher, was es genau war.

    „Sozusagen“, antwortete er. „Ich hatte die Hoffnung, dass man, wenn die Chaostruppe speziell beauftragt wird, einen Nachlass aushandeln könnte.“

    Bei Michael? Sicher nicht. „Ich glaube nicht, dass das geht“, erwiderte sie.

    „Man könnte es versuchen.“ Er zuckte mit den Schultern. „So oder so. Kannst du Smith und Forrester deswegen ansprechen?“

    Sie verschränkte die Arme, nickte aber. „Ich werde mein Möglichstes tun.“

    „Danke.“

    Pakhet wandte sich den unsortierten Waffeneinzelteilen zu, die auf der Werkbank vor ihnen lagen und seufzte. Sie war sich noch immer nicht sicher, was sie über ihn denken sollte. Heidenstein. Denn ein Teil von ihr kam nicht umher, davon auszugehen, dass er ihre Verbindung zu Michael und Smith ausnutzen wollte. Seine Frage gerade schien sie zu bestätigen. Die Tatsache, dass Vory in seiner Klinik ein uns ausgingen, machte ihn verdächtiger.

    Als sie begann, sich die Teile herauszusuchen, wie sie es vorher bei ihm beobachtet hatte, seufzte er und räusperte sich erneut. „Ich hoffe, du denkst nicht zu negativ über mich.“

    Verdammt. War er in Gedankenleser? „Nein, nein“, murmelte sie und lächelte matt. „Ich denke nur, dass du ein verdammter Idiot bist.“

    Er lachte auf. „Gut.“ Sein Lachen erfüllte für einen Moment den Raum. „Dann ist gut.“ Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, als sein Handy klingelte. Ein weiterer tiefer Luftzug, ehe er abhob. „Ja? Doctor Heidenstein hier.“ Kurz herrschte Stille, während eine für sie kaum hörbare Stimme etwas am anderen Ende der Leitung sagte. Heidenstein wurde ernst und stand auf. „Da? Adin mament.“ Mit wenigen Schritten war er bei der Tür und trat hindurch.

    Pakhet runzelte die Stirn. Wenn sie nicht vollkommen irrte, war das Russisch gewesen. Er konnte also auch Russisch. Aber wer würde ihn auf Russisch anrufen? Wenn nicht ein russischer Mafioso.

    Wahrscheinlich nur ein Patient. Vielleicht hatte er einen Versorgungsvertrag.

    Oder  …?

    Ach, jetzt fing sie schon an, Verschwörungstheorien zu entwickeln.

    Sie schraubte weiter an den Einzelteilen, bis Heidenstein in das Zimmer zurückkam. Er blieb unsicher in der Tür stehen und schaute sie an. „Ich fürchte, ich muss gehen.“

    Sie betrachtete ihn. „Notfall?“

    Er zögerte. „Auftrag.“

    „Von der Firma?“

    Heidenstein schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen. „Ein Freund von mir hat eine Bitte.“ Ein weiteres Zögern. „Ich könnte Hilfe gebrauchen.“

    War das sein Ernst? „Was für ein Auftrag? Und was für ein Freund?“

    „Sein Name ist Viktor“, erwiderte Heidenstein. „Und es geht um ein paar Mädchen, die verschwunden sind.“

    Mädchen? Ihr Gehirn brauchte einen Augenblick, um diese Information zu entschlüsseln. „Prostituierte?“

    Wieder schürzte er die Lippen, nickte aber.

    „Fuck“, flüsterte sie und verfluchte ihr Leben. Es konnte auch nie einfach sein.







    Und nur zur Info: Im nächsten (regulären) Kapitel kommt die Suche nach genannten Mädels nicht vor. Ich hatte allerdings überlegt ein paar der Aufträge aus Maschinen, die halt zum Plot nichts beitragen, in Kurzgeschichten auszulagern. Was sagt ihr?



  • Sunaki Wie? Was? Ich weiß gar nicht was du meinst :P



    [04.05.2011 – R02 – Mittagspause]


    „Du wirkst müde“, stellte Robert fest und fixierte sie über seinen Schreibtisch hinweg.

    Sein Büro war das absolute Gegenteil von dem Michaels: Klein und vollgestopft mit Kram. Sein Schreibtisch war ein billiges IKEA-Modell, über den allerhand Papierkram verteilt lag. Er sollte dringend wieder aufräumen.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Es war eine anstrengende Nacht.“

    „Ah.“ Roberts Stimme klang ausdruckslos. Er wollte nicht über ihren Job reden.

    „Ich habe nur einem Freund ausgeholfen“, meinte sie matt, um ihn zu beruhigen. Sie lächelte ihn über die Plastikschüssel Salat, die sie sich mitgebracht hatte, während sie für ihn Pommes und Burger geholt hatte, an. „Mehr nicht.“

    „Oh“, meinte Robert und tunkte gedankenverloren eine Pommes in den Ketchup, als er auf einmal die Stirn runzelte. „Freund?“

    Pakhet räusperte sich. „Kollegen“, verbesserte sie sich rasch.

    Robert musterte sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde. „Wer?“

    „Willst du das wirklich wissen?“, erwiderte sie nüchtern und pikste weitere Salatblätter und ein Stück Tomate auf ihre Gabel.

    Es war Mittagspause. Für sie und für ihn. Eigentlich hatte sie gedacht, sie täte Robert und sich einen Gefallen, wenn sie bei ihm vorbeischaute – der einen Person, von der sie halbwegs sicher war, dass er sie nicht verraten würde. Jetzt bereute sie es fast. Robert kannte sie zu gut.

    Die letzte Nacht war chaotisch gewesen. Sie hatte Heidenstein begleitet. Sie hatten die Mädchen gefunden und waren dabei halb in einen verdammten Turfwar hinein geraten. Was heißt halb? Sie hatten sich eine Schießerei mit einer Gang geliefert, die der Meinung gewesen waren, der Gang des besagten Viktors Turf streitig machen zu können. Wobei Pakhet beinahe sicher war, dass die „Gang“ Viktors eigentlich Teil der Vory v Zakone war, der russischen Mafia. Jedenfalls waren auch die Mädchen russisch gewesen und Pakhet fragte sich, ob sie überhaupt freiwillig hier waren. Sie hatten froh gewirkt, gerettet zu werden, aber das konnte viel bedeuten.

    „Joanne?“, fragte Robert lauter und riss sie damit aus ihren Gedanken.

    „Entschuldige“, meinte sie mit einem müden Lächeln auf den Lippen und aß weiter.

    „Du bist heute sehr komisch, weißt du das?“, fragte er.

    Pakhet zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, es war eine anstrengende Nacht.“

    Robert schüttelte verständnislos den Kopf. „Du hast aber nicht  …?“ Er ließ die Frage offen ausklingen, so dass sie für einen Moment brauchte, um die Implikation zu verstehen.

    Da war eine Spur von Wut aus seiner Stimme zu hören. „Nein“, erwiderte sie mit Nachdruck. „Sicher nicht.“

    Robert sah sie an. Nun war es er, der mit den Schultern zuckte.





  • Gute Neuigkeiten für euch: Dieses Mal gibt es auch wieder ein längeres Kapitel und noch dazu eins, dass auch eine Actionszene beinhaltet. :) Es war allerdings auch das seltsamste Kapitel, um es aus dem originalen Setting zu überführen. Viel Spaß!



    [06.05.2011 – D06 – Überraschungen]


    Nervös blickte Pakhet zur Straßenecke, dann wieder in den Rückspiegel, wo der trotz seiner dunklen Haut blass wirkende Mann in seinem teuren, dreckigen Anzug saß. Er wirkte verängstigt und gleichzeitig wütend.

    „Nun fahren Sie endlich!“, forderte er – übrigens nicht zum ersten Mal.

    Sie sagte nichts, wartete, sah wieder zur Straßenecke. Wo blieb er? Verdammt. Heidenstein. Wahrscheinlich hätte sie ihn nicht mitnehmen sollen. Nein, sie hätte ihn nicht zurücklassen sollen, hätte nicht auf ihn hören sollen.

    Wieso waren sie nur zu zweit?

    Sie saß in ihrem Wagen. Der kanariengelben Chimäre, die sie über die Jahre hinweg mit Robert zusammengebaut hatte. Es wäre unmöglich gewesen zu sagen, von welcher Marke er war, da sie diverse Teile aus anderen Wagen zusammengeräubert hatten. Die kanariengelbe Lackierung gab dem Wagen seinen eigenen Charme. Sie war absolut auffällig – weshalb niemand erwarten würde, dass es damit etwas Seltsames auf sich hatte. Immerhin verwendeten die meisten Verbrecher weiße Transporter oder schwarze Mercedes, nicht?

    Die Straßenlaterne an der Ecke flackerte. Halb rechnete Pakhet damit, dass sie ganz ausgehen würde, doch erholte sich die Lampe nach einigen Sekunden und strahlte wieder anhaltend. Dabei war es nicht ungewöhnlich, im Sprawl ganze Straßen ohne Lampen zu haben.

    Wieder schaute sie in den Rückspiegel. Ja, wenn er wirklich ein ernsthafter Geschäftsmann war, war sie die Königin von England. Drogenboss? Waffenhändler? Was auch immer  … Eine Sache war er sicher: Ein absoluter Feigling.

    „Wenn Sie nicht fahren, dann  …“, fuhr er sie an und richtete sich etwas auf.

    „Dann was?“, fragte Pakhet.

    Der Mann biss sich auf die Unterlippe und fiel wieder in den Rücksitz zurück.

    Da. Endlich. Eine Gestalt hastete um die Ecke. Allem Anschein nach war es Heidenstein. Zumindest trug die Gestalt dieselbe feste Jacke, die Heidenstein trug und schien die richtige Größe zu haben.

    Sie startete den Wagen. Wartete.

    „Sie werden nicht sein Leben über meine Sicherheit stellen!“, rief der Mann aus.

    Erneut schenkte sie ihm nur einen entgeisterten Blick über den Rückspiegel. „Entspannen Sie sich. Es scheint nicht, als würde er verfolgt. Es gibt keine konkrete Gefahr für Sie.“ Hatte Heidenstein es geschafft, die Eloko loszuwerden? Hatte er sie getötet? Denn Pakhet war sich nicht sicher, ob seine Betäubungsdarts gegen Fae wirkten. Zur Hölle, was hatte Mr Ungeduld überhaupt mit Fae am Hut gehabt?

    Heidenstein hatte den Wagen fast erreicht, umrundete nun die Kühlerhaube.

    Pakhet öffnete ihm die Tür und er ließ sich mit einem unterdrückten Stöhnen auf den Beifahrersitz fallen. Jetzt erkannte sie warum: Der Schaft eines Pfeils ragte aus seiner Schulter. Das Geschoss hatte ihn sehr hoch getroffen und steckte nicht tief. Dennoch konnte sie Blut glitzern sehen.

    „Was ist passiert?“, fragte sie, während sie losfuhr.

    „Nichts weiter“, erwiderte er. Er biss die Zähne zusammen, griff nach dem Schaft, schloss die Augen und zog den Pfeil mit einem Ruck aus seiner Schulter hinaus. Ein leises Keuchen kam über seine Lippen. „Fuck.“

    „Du fluchst?“

    „Jeder flucht mal“, antwortete er, die Augen noch immer geschlossen.

    „Blut mir nicht die Sitze voll“, meinte sie scherzhaft und warf ihm einen schnellen Seitenblick zu, ehe sie sich wieder auf die Straße und speziell darauf konzentrierte, dass ihr nicht ein weiterer Eloko auf die Fahrbahn sprang. Was wusste sie, woher die Viecher auftauchen konnten?

    Heidenstein hatte weiterhin die Zähne zusammengebissen. „Ich bemühe mich.“ Damit legte er die Hand gegen seine Schulter. Als sie ihm den Blick erneut zuwandte, wirkte er etwas entspannter.

    Heilmagie? Es sah ganz danach aus. Also war der gute Doc auch noch ein Magier? Ein echtes Überraschungspaket. Sie sagte jedoch nichts.

    „Ihre Firma hat uns beauftragt, sie im Parkhaus abzuliefern“, erklärte sie stattdessen ihren missmutigen Fahrgast, der mit den Schultern zuckte.

    „Gut.“

    Ein richtiger Charmeur.

    Sie schürzte die Lippen und wandte die Augen wieder der Straße zu. Jetzt gab es kaum funktionierende Straßenlaternen zu beiden Seiten der Straße. Also sollte sie besser aufpassen, dass ihr keine kleinen Kriecher auflauerten. Wenn es keine Fae waren, konnte es auch anderer Kram sein.

    Ihr Blick wanderte über die kleinen, halb zerfallenden Häuser des Sprawls, und andere Unterkünfte, die nicht einmal wirkliche Häuser waren. Kaum jemand war draußen. Wegen den Fae? Oder lief aktuell noch etwas anderes, wovon sie nicht wusste?

    Es konnte ihr egal sein, solange es sie nicht aufhielt. Und es hielt sie nicht auf.

    Sie erreichte das Parkhaus des alten Einkaufszentrums, das seit langem leer stand und allerhöchstens von Squattern genutzt wurde. Auch hier brannten die Lampen, die einst auffahrt und Parkflächen erhellt hatten, nicht mehr und so war ihr Sichtfeld gänzlich auf den Lichtkegel der Scheinwerfer eingegrenzt.

    Dennoch kam sie zur dritten Ebene von vier und fuhr, wie im Auftrag beschrieben, um das halbe Parkhaus herum, um einen alten, grünlich grauen und stark angerosteten Van am Ostende zu finden.

    Der Wagen hatte Schiebetüren an den Seiten und gesamt fünf Leute lungerten – drei von ihnen dunkelhäutig, die anderen beiden hell – um das Fahrzeug herum. Zwei saßen an der offenen Seitentür, rauchten, einer lehnte an der Haube, einer am Heck, der andere Stand daneben. Sie alle sahen zu ihnen.

    Es war recht klar, welcher der fünf der Anführer war. Derjenige, der nicht gegen den Wagen lehnte, trug eine recht schmucke Jacke und Pakhet erkannte außerdem einen schmucken Siegelring an seiner Hand. Definitiv ein Mitglied von einer der vielen Flat-Gangs. Vielleicht auch Mafia.

    Dieses Empfangskomitee gefiel ihr so gar nicht.

    „Sieht aus, als würde man Sie schon erwarten“, meinte sie.

    Der Mann nickte und zögerte.

    Mit einem genervten Stöhnen öffnete sie die Fahrertür und stand auf, um die Hintertür aufzureißen. „Komm, lass uns Feierabend machen, ja?“

    „Ihnen fehlt grundlegender Respekt“, erwiderte der Mann, ganz so, als wäre er Adel.

    Sie verdrehte die Augen. „Respekt ist ein Luxus, den man sich verdienen muss“, zischte sie und packte ihn beim Arm, um ihn aus dem Wagen zu ziehen. Sie wandte sich den Typen mit dem Van zu. „Ich nehme an, er gehört zu Ihnen?“

    „Sehr wohl“, erwiderte der Typ mit der guten Jacke. Er schenkte ihr ein Lächeln, das so falsch wie das Michaels wirkte.

    Auf irgendetwas schien er zu warten.

    Sie starrte ihn an. „Was?“

    „Bezahlung?“, meinte der Kerl.

    Sie hob eine Augenbraue. Fuck, darüber hatte sie nicht nachgedacht. Wenn sie große Aufträge machten, erfolgten die Bezahlungen online. Bitcoins. Lokale Ganger legten aber selten Geld in Bitcoins an. Wieso hatte ihr Michael nichts gesagt? Viel mehr noch: Wieso fühlte es sich wie eine verdammte Falle an?

    Sie holte ihr Handy heraus und schrieb eine kurze Nachricht an Michael. „Was zur Hölle? Keine Vorbezahlung?“ Mit der Prothese hielt sie Mr Ungeduld zurück, der sich offenbar doch entschlossen hatte, zu seinen Kumpanen hinüber zu gehen.

    „Was is' los, Snow?“, meinte das Grinsegesicht mit der schmucken Jacke.

    „Moment“, grummelte sie zur Antwort. Normal brauchte Michael nicht mehr als zwei Minuten für eine Antwort. Weniger, wenn es um Geld ging.

    Immer wieder sah sie zu den Gangern hinüber. Sie wollte darauf vorbereitet war, wenn jemand auf sie schoss. Sie hasste das Gefühl, dass es wie eine Falle wirkte. Ach, verdammt. Sie machte den Job lang genug. Es war eine Falle. Sie wusste es. Daran änderte es auch nichts, als ihr Handy knappe dreißig Sekunden später vibrierte und eine Nachricht auftauchte: „Nope. Eilauftrag. Ich wäre dir verbunden.“

    „Fick dich, Michael.“ Seufzend funkelte sie die Nachricht an, ehe sie ihren geretteten „VIP“ mit der linken Hand griff. Sie hoffte, dass ihn das Gefühl des harten Metalls unter ihrer vermeintlichen Haut verunsicherte.

    Der Mann warf ihr einen kühlen Blick zu, ließ sich aber eskortieren, während sie den Boss der anderen Ganger im Auge behielt, während dieser ein Bündel Scheine aus seiner Innentasche hervorholte.

    Bargeld! Michael hasste Bargeld. Sie hasste Bargeld.

    Sie blieb knapp zwei Meter vor dem Typen stehen und hielt seinen unfreiwilligen Kompagnon zurück. Eine Hand streckte sie dem Typen entgegen in einer eindeutigen Geste.

    Er lächelte sie an und legte das Scheinbündel in ihre Hand. Sie nahm es entgegen, schätzte es ab. Es waren 200-Rand-Scheine und eine nicht unerhebliche Menge davon. Wenn sie nicht vollkommen irrte, waren es etwa achttausend Rand. Internationale Jobs zahlten besser.

    „Gut“, knurrte sie und schubste Mr Ungeduld vor.

    Dass die vier herumstehenden Ganger ihre Waffen zogen, wunderte sie nicht. Sie hatte damit gerechnet.

    Der erste von ihnen – einer der Beiden, die in der hinteren Tür gesessen waren – war nur knapp eineinhalb Meter von ihr entfernt. Sie war bei ihm, noch bevor er zielen konnte, schlug seine Waffe mit dem linken Arm zur Seite und versetzte ihm einen Kinnhaken mit dem rechten.

    Er knallte mit dem Hintertür gegen die Tür des Wagens und ging zu Boden. Nicht ohnmächtig, aber desorientiert genug, als dass sie seine Waffe unter den Minibus kicken konnte.

    Sie war hinter dem Typen, der sie bezahlt hatte, versetzte ihm einen Tritt in die Kniekehlen und schubste ihn nach vorne, während die drei anderen die Waffen gehoben hatten.

    Zwei von ihnen waren zu ihrer Linken, einer zu ihrer Rechten, am Buk des Wagens. Im Bruchteil einer Sekunde traf sie die Entscheidung, ihn zu priorisieren. Er schoss, doch wie viele Ganger priorisierte er viele Schüsse über Genauigkeit.

    Es war wenig verwunderlich, dass die ersten beiden Schüsse zu hoch waren, zumal er seine beiden Kollegen hinter ihr nicht treffen wollte. Mehr als zwei Schüsse schaffte er nicht, ehe sie bei ihm war und seine Waffe erneut mit einem Rückhandschlag der linken Hand zur Seite wischte.

    Ein weiterer Schuss traf den Wagen, dann drehte sie die Hand, legte die Rechte nach und riss die Waffe nach vorn, während sie erst gegen die Innenseite seines Knie trat und ihm schließlich das eigene Knie im Magen versenkte.

    Unwillkürlich ließ er die Waffe los und sie riss sie ihm aus der Hand. Sie setzte einen Schuss in sein Bein, ehe sie um das Buk des Wagens lief, als die Kugeln von hinter ihr flogen.

    Sie ging in die Hocke, sah um die Haube des Wagens herum, um zu sehen, wie die beiden Typen mit erhobenen Waffen auf sie zu kamen.

    Auch ihr verdammter geretteter VIP hatte sich eine Waffe geschnappt – von wo auch immer er die hatte. Arschloch. Sie hatten ihm sein verfluchtes Leben gerettet!

    Generell war diese Aktion deutlich unüberlegt. Ein paar halbstarke Gänger, die meinten, sich einen Dienst erschleichen zu können, indem sie den Beauftragten ermordeten. Wussten sie nicht, dass Leute wie Michael ihnen das Leben zur Hölle machen würden?

    Da fiel der nächste.

    Pakhet erkannte einen Pfeil in seinem Nacken.

    Sie sah zu Heidenstein, der mit erhobener Waffe bei ihrem Wagen stand, halb hinter diesem in Deckung.

    Er schoss wieder, traf ihren eben noch geretteten Mr Ungeduld in den Nacken.

    Sie schoss mit der dem Ganger abgenommenen Waffe, zielte auf den Arm des Typen, der sie gezahlt hatte und sich wieder berappelte.

    Er schrie auf, als sie ihn traf, holte aber dennoch eine Waffe unter seiner Jacke hervor und zielte auf sie. Das war eine halbautomatische.

    Schnell verschwand Pakhet wieder hinter der Kühlerhaube. Sollte er doch seinen eigenen Wagen zerschießen! Sie kroch um den Wagen herum, um den letzten Typen von hinten erwischen zu können, sofern Heidenstein es ihr nicht abnahm.

    Während sie lief tauschte sie die Waffe gegen die Pfeilpistole aus.

    Sie lugte hinter dem Wagen hervor.

    Da war Nr. Fünf.

    Sie beschloss zu probieren, ob die Darts Jeansstoff durchdringen konnten und zielte auf sein Bein. Dann drückte sie ab.

    Der Pfeil bohrte sich in sein Bein und entlockte ihm einen kurzen Aufschrei. Er fuhr zu ihr herum, hob seine Waffe, schoss.

    Pakhet duckte wieder in Deckung, während ein zweiter Schuss folgte. Ein dritter. Dann ein verwirrtes Stöhnen.

    Auch die anderen Schüsse verklangen.

    Sie schloss die Augen und zählte bis zwanzig, ehe sie um den Wagen herumkam.

    Die Ganger lagen am Boden. Entweder KO oder zumindest unfähig sich zu rühren. Derjenige, den sie als erstes entwaffnet hatte, sah sie mit unfokussierten Augen an.

    „Fick dich, Boer“, lullte er.

    Pakhets Blick wanderte zu Heidenstein, der von seiner noch immer angeschlagenen Schulter abgesehen unverletzt schien, auch wenn sie die Spuren von zwei Kugeln in der Tür ihres Wagens sehen konnte. Sie nickte ihm zu, er erwiderte das Nicken.

    Dann blickte sie zu dem Ganger und verdrehte die Augen. „Ich bin Amerikanerin.“ Die Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen.

    Sie nahm das Geld aus ihrer Tasche, entrollte das Bündel und überprüfte es. Es schien zumindest echt zu sein. Also zuckte sie mit den Schultern und eilte zum Wagen zurück.

    Sie merkte, wie Heidenstein zögerte.

    Dann aber nickte er und stieg mit ihr in den Wagen ein.



  • Er biss die Zähne zusammen, griff nach dem Schaft, schloss die Augen und zog den Pfeil mit einem Ruck aus seiner Schulter hinaus. Ein leises Keuchen kam über seine Lippen. „Fuck.“

    Das sollte sie schon ab da aufhorchen lassen, da der Pfeil eigentlich die Blutung blockiert.

    Heilmagie? Es sah ganz danach aus. Also war der gute Doc auch noch ein Magier?

    Überrascht mich, Erklärt aber warum er den Pfeil entfernt hat.

    waren es etwa achttausend Rand

    So heißt also die Währung dort, interessant?

    Er schoss wieder, traf ihren eben noch geretteten Mr Ungeduld in den Nacken.

    Und er zielt wirklich gut und hat die Nerven dafür. Würde sagen, er ist sehr gut ausgebildet, auch schon vorher.

    Dann blickte sie zu dem Ganger und verdrehte die Augen

    Was ist ein Ganger? Ich dachte zuerst du hättest Gangster falsch geschrieben, aber nach dem 3. Mal scheint es Absicht gewesen zu sein.

  • Überrascht mich, Erklärt aber warum er den Pfeil entfernt hat.

    Genau das. :) Überrascht Pakhet ja auch. Immerhin sind Magier selten. (Auch wenn er im Vergleich zu Lilly ein ziemlich schwacher Magier ist. Er kann oberflächlich heilen, ohne großes Brimborium zu veranstalten.)


    So heißt also die Währung dort, interessant?

    Genau. R18 sind übrigens 1€. Nur um ein Größenverhältnis zu geben. :)

    Und ja, ist eine Scheiß-Übersetzung.


    Würde sagen, er ist sehr gut ausgebildet, auch schon vorher.

    Hehe. Seinen Hintergrund erfahrt ihr noch früh genug. Aber ja, er hat auch eine interessante Hintergrundgeschichte.



    Was ist ein Ganger? Ich dachte zuerst du hättest Gangster falsch geschrieben, aber nach dem 3. Mal scheint es Absicht gewesen zu sein.

    Ganger ist einfach ein kurzes Wort für "Gangmitglied". :)


  • Das nächste Kapitel, in dem ihr nun auch den guten Murphy kennen lernt. Ein Charakter, der später nur ein gänzlich unwesentliche Rolle spielen wird :P



    [08.05.2011 – M01 – Plangemäß]


    „Ich weiß nicht, was du hast“, meinte der junge Mann mit lauter Stimme, da er gegen den durch die Einschusslöcher pfeifenden Wind anschrie. „Ist doch alles bestens.“

    „Ja, glorreich“, grummelte Pakhet und fragte sich, warum er überhaupt in ihrem Auto saß.

    Der junge Mann war Murphy, der magische Conartist. Er grinste und war bester Laune, während ihr Wagen aktuell in Konsistenz und Farbe Schweizerkäse glich, nachdem eine automatische Waffe es einmal seitlich erwischt hatte.

    Das waren zu viele Aufträge für wenige Tage gewesen. Scheiß auf das Geld. Sie musste die Reparatur des Wagens am Ende selbst bezahlen. Es lohnte sich kaum.

    Sie konzentrierte sich auf die Straße, froh um die Dunkelheit, die sich über die Straße gesenkt hatte. Sie musste es irgendwie schaffen, bis nach Kapstadt zu kommen, ohne dass jemand aufgrund des Zustands des Wagens die Polizei rief. Was für ein großartiger Tagesabschluss. Wirklich großartig.

    Vielleicht sollte sie doch auf einen Minibus umsteigen. Bei denen wunderte es zumindest niemanden.

    „Mach dir keine Gedanken. Im Notfall halte ich dir den Rücken frei“, versicherte Murphy.

    Er hatte die Gestalt eines durchschnittlich großen, jungen Mannes mit braunem Haar, blauen Augen und heller Haut, aber sie wusste, dass es nicht viel bedeutete. Sie hatte gesehen, wie er seine Gestalt nach freiem Willen veränderte. Wenn er wollte, könnte er innerhalb weniger Minuten langes, wallendes blondes Haar haben. Wahrscheinlich konnte er seinen Körper sogar weiblich formen. Sein Aussehen war nicht konsistent und sagte damit wenig über ihn aus.

    „Sicher. Wie du's draußen getan hast, hmm?“, meinte sie und spielte damit auf sein zurückhaltendes Verhalten im Kampf an. Er hatte ihnen geholfen, den vermaledeiten Vampir, den sie verfolgt hatten, aufzuhalten. Aber sobald sich herausgestellt hatte, dass der Vampir eine Waffe hatte, hatte er Deckung gesucht.

    „Ich habe nur meine wichtigsten Assets beschützt“, erwiderte der junge Mann süffisant. „Kannst du es mir vorwerfen, Lady?“

    „Nenn' mich nicht Lady“, grummelte sie zum dreiundzwanzigsten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte.

    „Pakhet ist ein komischer Name“, kommentierte er und zuckte mit den Schultern.

    Sie seufzte, verdrehte ihrem Schicksal ergeben die Augen und konzentrierte sich wieder auf die Straße, als ihr Handy, das in der an der durch ein Wunder unversehrten Frontscheibe hängenden Haltung lag, klingelte.

    Heidensteins Nummer.

    Sie hob ab. Das Handy war im Freisprechmodus. „Was gibt's?“

    „Ich habe einen Vorschlag zu machen“, erwiderte Heidenstein's Stimme.

    „Schieß' los.“

    Der junge Mann neben ihr kicherte. War der Wortwitz wirklich so albern?

    „Wir fahren zum Krankenhaus. Dann müssen wir mit den demolierten Wagen nicht in die Stadt reinfahren.“

    Was so viel hieß, als dass sie ihren Wagen dort lassen musste. Sie mochte diesen Gedanken nicht, wusste jedoch, dass sein Vorschlag nicht dumm war. „Klingt gut, danke.“

    „Krankenhaus?“, fragte Murphy.

    „Er hat noch einen anderen Job“, erwiderte Pakhet. „Kennst du Straßenkliniken?“

    „Du meinst, wo man mit einem Werwolfsbiss hingehen kann?“, meinte er.

    Sie nickte schweigend, während sie in Gedanken die beste Route zu finden suchte. Wenn sie vom Norden kam, würde sie am wenigsten Stadtstraße fahren müssen – das hieß auch die wenigste Überwachung.

    „Klar, kenn ich.“ Murphy wartete offenbar auf eine Antwort. „In sowas arbeitet er?“

    Wieder war ein Nicken Pakhets einzige Antwort.

    Sie hätte zu gern gewusst, wo Heidenstein mit dem Chaosmobil war – dem mittlerweile neu ramponierten Van, in dem auch Spider, Mik und der eigentlich nutzlose Hacker waren.

    Missmutig schaute sie zur Tür zu ihrer Rechten, deren Glasscheibe komplett zertrümmert war, während auch das Blech von mehren Löchern geziert wurde. Die Tür würde ersetzt werden müssen. Dasselbe galt für die Hintertür auf Fahrerseite. Auch das Blech der Haube hatte einiges abbekommen. Sie würde Robert anrufen müssen. Ob sie den Wagen so lange würde am Krankenhaus stehen lassen können?

    Würde der Besitzer des Krankenhauses keine Fragen stellen?

    So lange sie nicht Michael bitten musste, sich für sie um die Bullen zu kümmern, war es wahrscheinlich egal.

    Ach, verdammt. Das war das letzte, was sie jetzt noch hatte gebrauchen können. Als wäre ihr Job als glorifizierter Babysitter nicht schlimm genug.


  • Sunaki Wie immer danke für den Kommentar und ja, das hast du nicht gänzlich falsch (aber auch nicht gänzlich richtig) im Kopf. Hihi. Aber hier kommt das nächste Kapitel.


    [09.05.2011 – D07 – Unterkunft]


    „Doc?“, rief sie den dunklen Flur hinab. „Doc?“ Sie grummelte genervt. „Hey. Heidenstein!“

    Keine Antwort. War wirklich niemand hier? Verdammt.

    Sie erinnerte sich daran, dass sie ein Taxi rufen konnte, doch fühlte sie sich nur bedingt wohl bei dem Gedanken, ihr ramponiertes Auto in der Garage, die eigentlich für Krankenwagen gedacht war, stehen zu lassen.

    Morgen würden die Ersatzteile kommen. Dafür jedoch musste der Wagen morgen hier noch stehen.

    Morgen  …

    Wenn sie den Wagen nicht direkt reparieren konnten, würde sie Robert bitten müssen, sie mit zu ihrer Wohnung zu nehmen. Dann würde sie später mit ihrem Motorrad herfahren.

    Morgen …

    Sie blickte auf die Uhr an der Wand des Flurs, in dem nur jede zweite Lampe brannte. Es wäre faktisch heute. Es war bereits nach Mitternacht. Als hätte sie nicht schon genug Schlafmangel über die letzten Tage angesammelt.

    „Doc?“, versuchte sie es erneut, ehe sie fluchte. „Fuck.“

    Unschlüssig stand sie dort. Vorsichtig schlich sie zu einem der Behandlungsräume. Verdammt noch mal, sie hatte keine Lust am nächsten Morgen erst wieder mit einem verfluchten Taxi hierher zu fahren. Da konnte sie ebenso gut hier bleiben.

    Wenn niemand hier war, würde sie auch niemand aufhalten.

    Etwas wunderte es sie, dass es hier keine Patienten gab, die über Nacht blieben. Doch auf der anderen Seite  … Seit sie mit der Firma in der Stadt waren, hielten sich die Magier aus mehr und mehr Konflikten heraus. Das örtliche Werwolfsrudel würde Heidenstein nicht trauen. Und Kriminelle? Die blieben wahrscheinlich ungerne hier.

    Was scherte es sie?

    Sie durchsuchte die Schränke in dem Behandlungsraum und fand schließlich eine Wolldecke, mit der sie sich auf die Liege an der Wand legte. Besser als noch weniger Stunden Schlaf, beschloss sie und schloss die Augen, froh gelernt zu haben, in so ziemlich jeder Situation einschlafen zu können.

    Das Licht ging flackernd an und ließ sie aufschrecken.

    „Pakhet?“ Das war die Stimme Heidensteins.

    Sie blinzelte. Mit einem Blick auf die Uhr über der Tür wurde ihr klar, dass sie bereits drei Stunden geschlafen hatte. Es fühlte sich an, als hätte sie erst gerade die Augen geschlossen.

    „Guten Morgen, Doc“, erwiderte sie scherzhaft.

    Ungläubig starrte er sie an. Er hatte einen Arztkittel an, so, als würde er arbeiten wollen. „Was machst du hier?“

    „Ich habe geschlafen, bist du mich geweckt hast.“ Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen nüchternen Klang zu geben.

    Mit offenem Mund starrte er sie an. „Warum hast du nicht gefragt?“

    „Ich habe dich nicht gefunden und dachte, du wärst nach Hause gefahren. Da niemand da war, dachte ich, es würde niemanden stören.“

    Heidenstein brauchte einen Moment um sich zu sammeln, dann seufzte er, schüttelte den Kopf. „Verstehe.“ Er lächelte matt, seufzte wieder. „Komm mit. Ich bekomm' einen Patienten. Notfall.“

    „Okay“, meinte sie und stand auf. Innerlich fluchte sie. Sie war so verdammt müde.

    Sie folgte ihm den Gang hinab, bemüht sich die Müdigkeit nicht anmerken zu lassen. Es würde sich kaum lohnen, daheim noch zu schlafen, wenn sie bald doch wieder herkommen müsste. „Ich kriege in vier Stunden Ersatzteile hierher geliefert“, erklärte sie. „Für den Wagen.“

    „Wenn mit dem Patienten alles gut geht, kann ich dir helfen“, bot er an.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Danke.“

    Anders als erwartet, führte er sie nicht in Richtung des Treppenhauses, sondern in die entgegengesetzte Richtung, wo sich hinter einer Biegung des Flurs die Hauptaufzüge des Krankenhauses fanden.

    „Ich nehme lieber die Treppe“, meinte sie nüchtern. Er wusste es mittlerweile.

    Er musterte sie wortlos, rief den Aufzug und wartete. Wie so oft, wenn er nervös war, schürzte er die Lippen.

    Misstrauisch beobachtete sie ihn. „Planst du mir, eine Niere rauszunehmen?“

    Er schüttelte den Kopf und versteckte die Händen in den Taschen des Kittels, als der Aufzug ankam.

    Heidensteil ließ ihr den Vortritt und wählte dann, als er die metallene Kabine betrat, die oberste Etage aus.

    „Was soll das?“, fragte sie und runzelte die Stirn.

    „Wart's ab.“

    Sie war sich nicht sicher, ob sie das wirklich tun sollte, schwieg dennoch. Er hatte keine Waffe bei sich und sie war sich sehr sicher, dass sie ihm im Nahkampf jeder Zeit überlegen wäre. Also verschränkte sie die Arme und wartete.

    Die Tür öffnete sich mit einem „Pling“ und offenbarte einen verlassenen, dunklen Flur.

    Direkt bei den Aufzügen war eine Tür, die nicht aussah, als würde sie hierher, in die oberste Etage eines Krankenhauses gehören: Es war eine schwere Doppeltür, vom Modell einer Brandschutztür, mit einem Kartenschloss daneben.

    Er hielt eine Karte davor und öffnete die Tür. „Du kannst hier schlafen“, meinte er dann nüchtern und beobachtete sie.

    Sie runzelte die Stirn. Schon wollte sie etwas darüber sagen, dass sie sich hinter der Tür wie eine Gefangene fühlen würde, als er das Licht anmachte.

    Vor ihr lag ein Zimmer, das ohne Frage – obwohl es keine Fenster hatte, da es wohl eigentlich als ein Wartezimmer gedacht war – als Wohnzimmer genutzt wurde. Da war ein Sofa, ein Wohnzimmertisch, ein Fernseher, ein Bücherregal.

    Hinter dem Sofa war freier Raum, das Bücherregal schien einen Teil des Raums abzugrenzen, von dem aus zwei Türen abgingen.

    Heidenstein trat zu einer von ihnen.

    „Du wohnst hier?“, fragte Pakhet ungläubig. Das ergab keinen Sinn. Wer lebte in einem verdammten Krankenhaus?

    Zur Antwort zuckte er mit den Schultern. „Sieh es als Gästezimmer“, meinte er, als er die Tür öffnete.

    Sie sammelte sich. Was sollte sie dazu sagen? Wieso lebte er hier? Wieso erlaubte das Krankenhaus, dass er hier lebte? Es ergab keinen Sinn. Sie war zu müde. „Danke“, stammelte sie matt und musterte ihn lange.

    „Kein Problem“, antwortete er und lächelte sie an. „Ich muss dich nur bitten, niemanden davon zu erzählen.“

    Er meinte in der Firma. Klar. Niemand sollte wissen, wo er lebte. Hatte er auch bei Michael die falsche Adresse angegeben? Sie sollte morgen darüber nachdenken. „Klar“, erwiderte sie und ging an ihm vorbei.

    Heidenstein nickte ihr zu. „Ich muss nach unten.“

    Pakhet erwiderte das Nicken, sagte nichts mehr, als er die Hand zum Abschied hob und sich abwandte. Sie sah ihm nach, wie er durch die Wohnungstür verschwand und sie so in seiner „Wohnung“ allein ließ.

    Er war verrückt. Vertraute er ihr wirklich?

    Sie schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken und trat in den Raum hinein. Es war ein kleiner Raum, der gerade einmal Platz für ein einfaches Bett – ein Krankenhausbett – einen alten Nachtschrank und einen schmalen Schrank ließ.

    Warum lebte Heidenstein hier?

    Nein. Das war die falsche Frage. Die bessere Frage war: Wer zur Hölle war er?



  • Sunaki fand den Doc ja schon ziemlich verdächtig. Findet Pakhet auch. Übrigens, Thrawn , hast du auch mal wieder Zeit? :P



    [09.05.2011 – X03 – Heidenstein]


    Pakhet hatte die Beine übereinandergeschlagen. Ein Becher Kaffee stand vor ihr auf dem gläsernen Wohnzimmertisch, während sie Fernsehen schaute.

    Ihre Prothese lag im Schlafzimmer, um aufzuladen, weshalb der verkrüppelte Rest ihres linken Arms nutzlos zu ihrer Seite hing.

    Sie hasste es, doch sie hatte gewusst, dass der Akku der Prothese den Tag nicht überstehen würde. Leider waren die meisten Prothesen darauf ausgerichtet, maximal 24 Stunden ohne Wiederaufladen zu schaffen. Die Tatsache, dass ihre eine Hochleistungsprothese war, änderte daran wenig. Die Akkus waren zwar leistungsstärker, aber die Prothese hatte dafür auch mehr einzelne Motoren, die entsprechend mehr Strom verbrauchten.

    Mit einem Seufzen sah sie dem kläglichen Armstumpf hinab, konzentrierte sie dann wieder auf den Fernseher.

    Ihr Wagen stand noch immer bei Heidenstein in der Krankenhausgarage. Sie hatten einen Teil der Bleche heute wieder beheben können, jedoch nicht genug, als dass sie hätte in die Innenstadt fahren können, wo so ziemlich jeder zweite Quadratmeter von Sicherheitsfirmen videoüberwacht wurde. Natürlich war sie mitgezogen, auch wenn sie anders als ihre alten, weißen Nachbarn wusste, dass die Wahrscheinlichkeit hier in der Gegend ermordet zu werden, verschwindend gering war.

    Kapstadt hatte eine hohe Kriminalitätsrate. Doch diese Kriminalität spielte sich in den äußeren Bezirken und vor allem in den Cape Flats ab.

    Pakhet sah zum Bildschirm. In den Nachrichten gab es wenig Neues. Wieder war das Budget der Polizei gekürzt worden. Man hatte kein Geld. In den USA schon wieder ein Drama um das Recht Waffen zu tragen. Ein Bericht über diesen Wikipediarechtsstreit in England.

    Eine Sache schwirrte ihr noch immer im Hinterkopf herum: Heidenstein.

    Er war verrückt, dass er ihr gezeigt hatte, wo er lebte. Er war wirklich verrückt. Vertraute er ihr oder spielte er nur etwas vor? Mit welchem Ziel? War er wirklich so gutgläubig?

    Sie war es zumindest nicht. Zwar hatte sie erlaubt, dass er sie ins Viertel fuhr, jedoch hatte sie sichergestellt, dass er sie fast einen Kilometer von ihrem Haus entfernt absetzte und hatte gewartet, dass er gefahren war, ehe sie ihren Heimweg angetreten hatte.

    Sie verstand ihn nicht.

    Dennoch gab es da eine andere Frage, die an ihrem Bewusstsein nagte. Wer war er? Wer zur Hölle war er, dass er in einem Krankenhaus, das nicht wirklich in Betrieb zu sein schien, lebte. Warum hatte er überhaupt eine Straßenklinik in einem Krankenhaus in den Flats? Da draußen war doch alles, was Klinik war, effektiv eine Straßenklinik. Niemand kontrollierte sie. Niemand käme auf die Idee. Man konnte da draußen keine Klinik betreiben, ohne von zumindest einer größeren Gang Schutz zu bekommen oder viel Geld in private Sicherheit zu stecken.

    Aber wer war er, dass er in dem Krankenhaus lebte?

    Er vertraute ihr. Sie sollte ihm nicht hinterher spionieren und trotzdem konnte sie sich kaum beherrschen.

    Sie holte ihr zweites Handy heraus, das sie beinahe ausschließlich nutzte, um auf das Internet zuzugreifen. Es hatte den Vorteil, dass es sich leicht mit nur einer Hand bedienen ließ. Und so lehnte sie sich auf dem Sofa zurück und legte die Füße auf den Tisch, bevor sie den Namen des Krankenhauses in die Suchleiste eingab: „Anderson Hospital, Kapstadt“.

    Natürlich fand sie die Adresse des Krankenhauses. Sogar eine funktionierende Webseite. Damit hätte sie nicht gerechnet. Nicht bei einem Krankenhaus in den Flats. Doch ja, da war eine Webseite, wenngleich diese zuletzt vor einem Jahren geupdated war.

    Sie zeigte das Krankenhaus und das Gelände in einem gänzlich anderen Zustand. Neuer. Gepflegter, als das was Pakhet da draußen gesehen hatte. Offenbar hatte man damals noch Geld gehabt. Oder vielleicht war es, bevor diverse Gangs die halbe Inneneinrichtung auf der Suche nach Drogen oder entsprechenden Zutaten zerlegt hatten.

    Nach einigem herumklicken auf der Webseite, die den üblichen Eindruck eines Krankenhauses vermittelte, fand sie den Betreiber: Eine Pharmazeutikfirma. ABC Technologies.

    Was ein einfallsreicher Name.

    Kurz überlegte sie, zuckte dann sie mit den Schultern, als sie den Gedanken verwarf, dass es sich nicht lohnte.

    Sie suchte nach dieser Firma. ABC Technologies.

    Sie fand einen Eintrag. Eine Webseite. Ebenfalls schon seit über einem Jahr nicht wirklich geupdated. Warum?

    Dennoch konnte sie einige Sachen daraus lesen: Die Firma war erst vor acht Jahren in den UK gegründet worden. Sie hatte sich auf Pharmazeutik, genauer auf Gentherapien spezialisiert. Auch investierte sie aktiv in der Forschung und in dem Aufbau einer medizinischen Infrastruktur in weniger ausgeprägten Ländern und Gegenden.

    Das erklärte das Anderson Hospital.

    Sie suchte weiter und stolperte über einige ältere Zeitungsartikel. Warum las sie den Kram eigentlich?

    Letzten Endes konnte sie ohne ihren Arm ohnehin nicht viel tun. Training hatte keinen Sinn und es war spät. Heute würde sie auch nicht mehr arbeiten und wirklich Lust auf Fernsehen hatte sie nicht. Also konnte sie lesen.

    Nach und nach setzte sich ein Bild in ihrem Kopf über die soweit kurze Geschichte der Firma zusammen. Sie war vor acht Jahren von einem Dr. Anderson gegründet worden, nachdem dieser eine neue Art der genetischen Behandlung einer bestimmten Krebsart entdeckt hatte. Dieser Dr. Anderson hatte ursprünglich bei der Konkurrenzfirma Westa gearbeitet. Trotz des stark von wenigen Firmen beherrschten Marktes, hatte es die Firma geschafft, recht schnell erfolgreich zu sein. Laut einem Marktforscher vor allem dank Investitionen in den aufstrebenden asiatischen Markt. Und dann war, vor zwei Jahren der Gau gekommen: Westa hatte Klage gegen Anderson erhoben. Er hätte Forschung von innerhalb der Firma gestohlen.

    Das Gericht hatte ihnen Recht gegeben. Er hatte Wiedergutmachungen zahlen müssen. Genug, um eine mittelgroße Firma zu ruinieren. Der Grund, schloss Pakhet, für die fehlenden Updates im letzten Jahr: Die Firma hatte kein Geld mehr, viele Leute anzustellen. Wenn überhaupt jemanden.

    Leider fand sie dazu keine Daten. Selbst auf Wikipedia nicht.

    Dafür fand sie einen Artikel über Dr. Anderson. Der Typ war offenbar eins dieser jungen Genies. Er hatte mit 21 bereits seinen Doktortitel gehabt, hatte die Firma mit 27 gegründet. Und war dann mit 35 bereits ruiniert gewesen. Eine echte Sternschnuppe.

    Sie betrachtete das Bild des Mannes. Ein veraltetes Bild von einer Messe 2007. Ein junger, energetisch wirkender Mann mit kurzem, schwarzen Haar, das bei nur wenigen Millimetern mehr kraus gewesen wäre. Er wirkte groß und für einen Arzt kräftig.

    Ihr Blick glitt über seinen Lebenslauf. Er hatte nach dem Studium eineinhalb Jahre in Kenia verbracht. Sozialarbeit.

    Was wohl aus ihm seit dem Ruin seiner Firma geworden war? Hatte er persönlich Heidenstein das Krankenhaus vermietet? Oder wurde es jetzt von jemand anderen verwaltet.

    Ein Gedanke kam ihr. Sie musterte auf das Bild genauer und schüttelte den Kopf.

    Nein. Heidenstein war zu alt. Er war mindestens fünfzig und nicht Ende dreißig.

    Aber, warf eine dünne Stimme in ihrem Hinterkopf ein, es war nicht neu, dass Menschen unter enormen Stress rapide altern konnten.

    Dann wiederum  … Sie hatte gesehen, wie Heidenstein Magie eingesetzt hatte und ein Magier war nicht Firmenbesitzer, oder? Ein Magier würde nicht Pharmazeutik und Medizin lernen, wenn er magisch heilen konnte. Oder?

    Sie könnte ihn danach fragen. Doch dann wiederum  … Warum sollte sie? Es ging sie letzten Endes nichts an.



  • Jetzt komme ich auch mal wieder zum Lesen und Antworten, auch wenn meine Kommis wohl recht oberflächlich bleiben dürften.

    Nein. Das war die falsche Frage. Die bessere Frage war: Wer zur Hölle war er?

    Jemand, der sich keine Wohnung leisten kann, vielleicht?

    Die Akkus waren zwar leistungsstärker, aber die Prothese hatte dafür auch mehr einzelne Motoren, die entsprechend mehr Strom verbrauchten.

    Interessanter Einblick in die Funktion ihrer Protese. Nicht nötig, aber eine willkommene Ergänzung. Wie damals der Frostbite? Frostblitz? aus einer gewissen Serie. Bestimmte Metalle reagieren negativ auf Kälte, weshalb man Maschinen aus bestimmten Kältefesten Metallen bauen muss, das war die Sache, die ich als Vergleich nennen wollte, aber die Bezeichnung fällt mir nicht mehr ein.

    In den USA schon wieder ein Drama um das Recht Waffen zu tragen.

    Es ist löblich, dass sie es immer noch versuchen.

    ohne von zumindest einer größeren Gang Schutz zu bekommen oder viel Geld in private Sicherheit zu stecken.

    Aber wer war er, dass er in dem Krankenhaus lebte?

    Das impliziert, dass er starke Kontakte hat. Wenn nicht zu einer Gang, dann zu anderen großen Firmen.

    Sie kam natürlich sofort auf Gangs, da sie das für am wahrscheinlichsten hielt, mit all ihrem begrenzten Wissen.

    ABC Technologies

    Klingt wie ein falscher Name.

    Die Firma war erst vor acht Jahren in den UK gegründet worden.

    In der Ukraine! ^^

    In England also, möglicherweise sagt uns das was über Heidensteins mögliche Beziehungen zu anderen Fabelwesen?

    Vielleicht auch nicht.

    Sie war vor acht Jahren von einem Dr. Anderson gegründet worden, nachdem dieser eine neue Art der genetischen Behandlung einer bestimmten Krebsart entdeckt hatte. Dieser Dr. Anderson hatte ursprünglich bei der Konkurrenzfirma Westa gearbeitet.

    Das könnte Heidensteins wahrer Name sein.

    Trotz des stark von wenigen Firmen beherrschten Marktes, hatte es die Firma geschafft, recht schnell erfolgreich zu sein.

    In der Pharmaindustrie? Klingt unwahrscheinlich, was auf eine Manipulation hinweist.

  • Jetzt komme ich auch mal wieder zum Lesen und Antworten, auch wenn meine Kommis wohl recht oberflächlich bleiben dürften.

    Ich finde deine Kommentare absolut ausreichend :D

    Ich freue mich generell über Feedback! (Und bin aktuell sehr traurig, dass du der einzige bist.)


    Jemand, der sich keine Wohnung leisten kann, vielleicht?

    Ja, das vielleicht auch ... Aber das sieht sie nicht so wirklich als möglichkeit. Immerhin arbeitet er ja auch in der Firma.


    Interessanter Einblick in die Funktion ihrer Protese. Nicht nötig, aber eine willkommene Ergänzung. Wie damals der Frostbite? Frostblitz? aus einer gewissen Serie. Bestimmte Metalle reagieren negativ auf Kälte, weshalb man Maschinen aus bestimmten Kältefesten Metallen bauen muss, das war die Sache, die ich als Vergleich nennen wollte, aber die Bezeichnung fällt mir nicht mehr ein.

    Ich bin tatsächlich dabei nach der Beschreibung einer Prothese, die vom Militär Entwickelt und getestet wurde, gegangen. Freut mich, dass es dir gefällt :D


    Es ist löblich, dass sie es immer noch versuchen.

    Wie meinen?


    Das impliziert, dass er starke Kontakte hat. Wenn nicht zu einer Gang, dann zu anderen großen Firmen.

    Sie kam natürlich sofort auf Gangs, da sie das für am wahrscheinlichsten hielt, mit all ihrem begrenzten Wissen.

    Ja, das heißt es durchaus.


    In der Ukraine! ^^

    In England also, möglicherweise sagt uns das was über Heidensteins mögliche Beziehungen zu anderen Fabelwesen?

    Vielleicht auch nicht.

    Das werden wir dann bald sehen :D


    Morgen kommt das nächste Kapitel.

  • Sorry, meine Katze hatte die Kommentare gefressen. :(

    Okay, damit ist also ein Teammitglied schon mal weg - aber wer weiß, ob sich der nicht doch nochmal rächen wird. Der Rest scheint ja soweit zumindest in Bezug auf die Einstellung relativ gut zu funktionieren - wobei Agent dahingehend ja auch nicht positiv auffällt, aber mal gucken. Ansonsten behaltet ihr hier eine gute Balance zwischen Action und einigen ruhigeren Kapiteln bei, so wird es nicht langweilig, aber auch nicht überhastet. Soweit hat sich das Ganze dann ja jetzt mehr auf Heidenstein und Pakhet konzentriert, wobei Murphy noch dazukam - hoffe eigentlich, dass man von den anderen Teammitgliedern noch in naher Zukunft etwas mehr sehen kann. Ich meine, versteht mich nicht falsch, ich finde das bisher gut und alles, nur fehlen mir die anderen soweit noch ein wenig (wenn natürlich auch nicht komplett). Aber das ändert sich ja vielleicht noch.

    Ich hatte ja übrigens eine Hypothese zu Michael, aber andererseits halt keine wirklichen Indizien dafür. Mal gucken, ob sich was dran ändert, dann komme ich vielleicht drauf zurück, haha. Darüber hinaus ist ja gerade das aktuell behandelte Mysterium wohl der gute Doc - interessant finde ich hier, dass er einen Auftrag hätte, Forschungsunterlagen für den "Leiter des Krankenhauses" zu beschaffen und ironischerweise der (angebliche?) Diebstahl von Forschung damals Dr. Anderson wohl ruiniert hat. Man könnte hier natürlich eine Verbindung herstellen, wenn man möchte. Wenn man annimmt, dass Heidenstein und Anderson ein und dieselbe Person sind, könnte er ja zum Beispiel irgendetwas finden wollen, was beweist, dass er damals unschuldig war, oder so. Andererseits natürlich der Altersunterschied, aber dafür kann es ja gerade in der Welt einer Magie tausend Gründe geben. Und wenn man es recht bedenkt, könnte eigentlich ja auch die vorschnelle Alterung noch irgendwas direkt mit der Sache von damals zu tun haben, anstatt eventuell "nur" eine einfach Nebenerscheinung von damit verbundenem Stress zu sein ...

    Naja, davon ab - er macht kein Ausdauertraining, ohne dass ich dafür direkt einen Grund finden könnte - der Hacker hat einfach keine Lust, okay, aber Heidenstein ist ja eigentlich relativ "engagiert" und Schießtraining macht er ja auch. Ist es etwa nicht gut, wenn er sich zu sehr anstrengt oder sein Puls in die Höhe geht? Man gewinnt fast den Eindruck - wobei er ja auch in einer Reihe gefährlicher Situationen war, die möglicherweise ähnliche Bedingungen erzeugen würden, insofern ... Nun ja. Man wird's ja sehen.

    Abseits davon hätte ich vielleicht noch eine Anmerkung - also, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr euch, gerade, wenn diese Geschichte sich an einer Stelle befindet, wo sie an Fahrt aufnimmt, nicht mit umfassenden Erklärungen zu bestimmten Begriffen aufhalten wollt. Und gleichzeitig ist es ja auch nicht so, dass ich die Geschichte gar nicht verstehen würde, wenn ich mal ein Wort nicht kenne, sondern man kann sich ja immer so ungefähr und abstrakt noch aus dem Kontext erschließen, worum es geht (das macht ihr halt schon echt gut so). Dennoch ... Nun, für manche Leute kann es vielleicht manchmal schon ein wenig überfordernd sein. Ich persönlich lese halt "Boer", "Vory", "Eloko" etc. und kann mir wie gesagt ungefähr etwas zu denken, aber dann muss ich trotzdem mal googeln, weil's mich irgendwie nicht zufriedenstellt, es halt nur ungefähr zu wissen. Und ich lerne dadurch halt auch was, was ja immer nett ist, aber wie gesagt: Andere Leute könnte das eventuell etwas abschrecken, wenn es einige Wörter gibt, die sie nicht kennen. Womit ich jetzt aber nicht unbedingt sagen will, dass ihr das alles näher in der Geschichte erklären müsst - also, könntet ihr natürlich, ich nehme aber nun einmal nicht an, dass das jetzt etwas ist, was ihr machen wollt, weil es ja auch Tempo rausnimmt. Persönlich würde ich hier eventuell ein separates Glossar als Lösung vorschlagen, was zumindest Leser*innen die Arbeit abnehmen würde, selbst zu googeln. Allerdings ist das natürlich ein Mehraufwand für euch und vielleicht auch einer, der sich gerade bei einer Onlineveröffentlichung noch nicht so sehr lohnt, weil man da ja eh beim Lesen immer sein Endgerät zum Googeln bereit hat und es ein so großer Aufwand für die Lesenden dann ja doch nicht ist. Im Falle einer "gedruckten" Buchveröffentlichung wär's dann aber vielleicht noch mal eher eine Überlegung wert - einfach, weil man da beim Lesen vielleicht nicht sein Buch zur Seite legen und den Computer anschmeißen will.

    Insofern also nur als kleine Anmerkung - müsst ihr nicht unbedingt was draus mitnehmen, aber ich dachte, ich sag's mal. Ansonsten, macht ruhig weiter so, mir gefällt die Geschichte bisher echt gut.

  • Gott, oh, Gott. Jetzt habe ich in der Woche ein wenig verpennt, hier zu antworten/posten.


    Am Nachmittag lade ich die verpassten 3 Kapitel noch hoch, keine Sorge. Bis dahin erst einmal ... Antwort an Thrawn! (Und wie immer Danke)


    Okay, damit ist also ein Teammitglied schon mal weg - aber wer weiß, ob sich der nicht doch nochmal rächen wird. Der Rest scheint ja soweit zumindest in Bezug auf die Einstellung relativ gut zu funktionieren - wobei Agent dahingehend ja auch nicht positiv auffällt, aber mal gucken.

    Agent basiert auch mehr oder minder auf einem Teammitglied der ursprünglichen Gruppe, das der Auffassung war, dass allein wegen dem Alter es der viel bessere Anführer war. Ein Konflikt, den wir hier ein wenig heruntergespielt haben. Aka der: Männer, die Probleme damit haben, von einer Frau herumkommandiert zu werden, Konflikt.


    Soweit hat sich das Ganze dann ja jetzt mehr auf Heidenstein und Pakhet konzentriert, wobei Murphy noch dazukam - hoffe eigentlich, dass man von den anderen Teammitgliedern noch in naher Zukunft etwas mehr sehen kann. Ich meine, versteht mich nicht falsch, ich finde das bisher gut und alles, nur fehlen mir die anderen soweit noch ein wenig (wenn natürlich auch nicht komplett).

    Das hat schon seine Gründe, die zu Anfang vom zweiten Arc dann recht deutlich werden dürften :) (Um es einfach zu sagen: Das Team sind keine Hauptcharaktere. Es hat einen Grund, warum es von ihnen keine Bilder im Startpost gibt.)


    Ich hatte ja übrigens eine Hypothese zu Michael, aber andererseits halt keine wirklichen Indizien dafür.

    Ich möchte sie hören, Thrawn. Sag es mir! o.o


    Darüber hinaus ist ja gerade das aktuell behandelte Mysterium wohl der gute Doc - interessant finde ich hier, dass er einen Auftrag hätte, Forschungsunterlagen für den "Leiter des Krankenhauses" zu beschaffen und ironischerweise der (angebliche?) Diebstahl von Forschung damals Dr. Anderson wohl ruiniert hat. Man könnte hier natürlich eine Verbindung herstellen, wenn man möchte. Wenn man annimmt, dass Heidenstein und Anderson ein und dieselbe Person sind, könnte er ja zum Beispiel irgendetwas finden wollen, was beweist, dass er damals unschuldig war, oder so.

    *kicher* Ich möchte an dieser Stelle einen Hinweis geben: Manchmal sind Dinge erstaunlich einfach und die Lösung überraschend unkompliziert.


    Und gleichzeitig ist es ja auch nicht so, dass ich die Geschichte gar nicht verstehen würde, wenn ich mal ein Wort nicht kenne, sondern man kann sich ja immer so ungefähr und abstrakt noch aus dem Kontext erschließen, worum es geht (das macht ihr halt schon echt gut so). Dennoch ... Nun, für manche Leute kann es vielleicht manchmal schon ein wenig überfordernd sein. Ich persönlich lese halt "Boer", "Vory", "Eloko" etc. und kann mir wie gesagt ungefähr etwas zu denken, aber dann muss ich trotzdem mal googeln, weil's mich irgendwie nicht zufriedenstellt, es halt nur ungefähr zu wissen.

    Hmm, guter Punkt. Auf Animexx, wo ich die Geschichte ja auch hochlade, habe ich sogar ein Glossar angelegt, da es dort von den Möglichkeiten relativ einfach ist. Wobei ich zugeben muss, dass manche Sachen für mich auch immer schnell untergehen, weil sie für mich so in den Alltagsgebrauch übergegangen sind. Wie Boer halt. Dabei hat man den Begriff im Deutschen wohl sogar mit "Buren" übersetzt?! o.ô


  • [16.05.2011 – S03 – Frühsport]


    Pakhet war auf dem Laufband, als sich die Tür zum Trainingsraum öffnete und – zu ihrer Überraschung – Smith hereinkam.

    Sie ließ sich vom Laufband nach hinten tragen und sprang ab, um ihn anzusehen. Sie konnte sich nicht davon abhalten, etwas Misstrauen in ihren Blick zu legen. „Was machst du hier?“

    Smith lehnte an die Wand in dem ansonsten leeren Raum. Es war noch früher Morgen und die wenigsten neigten dazu, ihren Tag mit Sport zu beginnen. Normalerweise war auch sie um diese Zeit daheim, trainierte mit ihren eigenen Geräten, doch Heidenstein hatte sich mit ihr um halb neun treffen wollen. Deswegen war sie bereits hier.

    „Ich hatte gehört, dass du schon da bist“, meinte er. „So früh sieht man selbst dich nicht hier.“

    Pakhet nahm sich ihr Handtuch, wischte sich das Gesicht. „Und deswegen wolltest du ein Pläuschchen halten?“

    Smith lachte. „Gut, gut. Ich hatte gestern 'ne Mail vom Doctor bekommen. Einen Auftrag. Ich nehme an das, worauf du mich angesprochen hattest.“

    Zur Antwort zuckte sie mit den Schultern. „Nehme ich auch an.“

    „Weißt du schon, worum es geht?“

    Die Antwort war: „Nein, nicht wirklich“, aber so sagte sie es Smith nicht. Heidenstein hatte einige Andeutungen gemacht, war aber sehr zurückhaltend gewesen, wirklich darüber zu reden. „Noch nichts genaueres.“

    „Er will das Team, um eine Krankenhausausrüstung zu stehlen“, erklärte Smith.

    Das sollte sie eigentlich nicht überraschen. „Wahrscheinlich für seine Straßenklinik. Du weißt davon, oder?“

    „Natürlich.“ Smith musterte sie. „Aber es wäre mir neu, dass eine Straßenklinik hochspezialisiertes Equipment braucht.“

    Subtil war etwas anderes. Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Wer weiß. Normalerweise hinterfragen wir die Aufträge von Kunden nicht.“

    „Sicher“, meinte Smith. Er musterte sie. „Du scheinst gut mit dem Doc klarzukommen, eh?“

    „Er ist intelligenter als viele andere hier.“ Sie sah zu Smith und fragte sich, ob er etwas andeuten wollte. „Das weiß ich zu schätzen.“ Dann schüttelte sie den Kopf und schaute auf die Uhr über der Tür. Es war kurz vor acht. Sie brauchte dringend den nächsten Kaffee. „Wieso?“

    „Es ist mir aufgefallen“, antwortete Smith. „Und hey, du weißt. Ich sehe euch gerne als Team zusammenarbeiten. Ich finde es hat Vorteile.“

    Sie schüttelte den Kopf. „Wenn du das meinst.“ Matt seufzte sie. „Kommst du mit auf einen Kaffee?“

    Erneut lachte Smith. Er schien heute wirklich gut aufgelegt zu sein. Anders als bei Michael machte es ihr bei Smith jedoch weniger Sorgen. „Liebend gerne, Madame.“



    .


    [16.05.2011 – D08 – Privatauftrag]


    Der kleine Besprechungsraum im Erdgeschoss der Zentrale sah aus, wie man es wohl von einem Besprechungsraum in einem Bürogebäude erwartet hätte: Sechs schwarze Tische in einer Hufeisenform, Stühle, Projektor, weiße Wände, große Fenster, durch die Paarden und den dahinter liegenden Hafen zu sehen war. Man hätte einen ähnlichen Raum wohl in diversen Bankfilialen und Computerfirmen gefunden.

    Allerdings wurden weder in Bankfilialen, noch in Computerfirmen Überfalle, Entführungen, Morde oder auch nur groß angelegte Sicherheitsoperationen oder Gangraids geplant.

    Wenn Pakhet den Worten Smiths Glauben schenkte, würden sie hier einen Überfall planen.

    Heidenstein war bereits da. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Aktenkoffer, aus dem er einige Papiere hervorholte. Er war etwas fahrig, wirkte nervös.

    Als er sie nicht bemerkte, räusperte sie sich.

    „Ah, Pakhet. Du bist schon da“, meinte er und stand auf.

    Sie hob eine Augenbraue und sah auf das Papier. Es schienen Zeit- oder Fahrpläne zu sein. „Ich bin schon seit zwei Stunden hier“, antwortete sie.

    „Früher Vogel, eh?“ Er zwinkerte ihr zu und brachte sie damit dazu, die Augen zu verdrehen.

    Sie zog den Stuhl neben ihn bei Seite und setzte sich. „Du willst also wirklich die Chaostruppe engagieren, eh?“

    „Das war der Plan, ja“, meinte er. „Chaostruppe plus eins.“

    „Plus eins?“

    Heidenstein nickte. Er ließ ein kurzes Seufzen hören und schürzte kurz die Lippen. „Ich hatte mich letztens um ein Mädchen aus der Firma gekümmert. Hackerin. Ich dachte, ich nehme sie als externen Support mit dazu. Ich werde mehr als einen Hacker brauchen.“

    Pakhet seufzte. „Hättest du nicht dafür sorgen können, dass sie Agent ersetzt?“ Sie war froh, wenn sie den alten Hacker nicht ertragen musste. Er war ein elendiger Besserwisser. Davon abgesehen, dass sie bei einem Großteil der Missionen, die sie bisher mit dem Team abgearbeitet hatte, nicht eingesehen hatte, wofür sie einen Hacker brauchte. Sie hatten den anderen Söldner entführt – ohne dass der Hacker großartig geholfen hatte. Sie hatten das eine Mädel vom Mob befreit – ohne, dass der Hacker geholfen hatte. Sie hatten eine Mission einen Geschäftstypen aus den USA Personenschutz gewährt – ohne Hacker. Und sie hatten der Polizei geholfen, ein Drogenlabor ausfindig zumachen – dafür hatte der Hacker zumindest geholfen, indem er Informationen gesucht hatte.

    Alles in allem: Hacker waren praktisch, um Informationen zu finden. Hacker waren praktisch zum Hacken. Hacker halfen manchmal, digital verschlossene Türen zu öffnen. Doch waren Hacker sinnvoller auf Bedarfsbasis dazu zu holen, anstelle davon permanent in einem Team zu arbeiten, dass sie die meiste Zeit nicht brauchte.

    „Ich fürchte 'Nein'“, erwiderte Heidenstein.

    „Zu schade.“ Sie verzog das Gesicht und trank einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Also. Was ist jetzt dein großer Auftrag?“

    Er lächelte verschmitzt – etwas nervös. „Kannst du nicht bis nachher warten?“

    „Und da habe ich dich schon mit Smith in Verbindung gebracht.“ Sie schützte vor zu schmollen. Dann seufzte sie. „Schon gut.“

    „Gut.“

    Keine fünf Minuten fand sich Agent ein. Natürlich war er der erste. Er war ein Besserwisser, nahm jedoch alles sehr genau. Eine Minute später glitt ein Schatten in den Raum, verschwand in die hinterste Ecke und versteckte sich dort hinter einem Laptop. Es war ein asiatisch wirkendes Mädchen, mit schwarzem Haar und einer einzelnen blauen Strähne, die in sein Gesicht hing.

    Murphy kam kurze Zeit später. Heute trug er lange blonde Haare und eine hagere Gestalt, die an einen Rockmusiker nach zu viel Drogenkonsum erinnerte. Wäre seine Körperhaltung nicht gewesen, hätte man angenommen, er wäre nur zufällig reingelaufen. Er setzte sich auf einen Stuhl, schlug die Beine auf den Tisch und grinste dann zu ihnen hinüber. „Hi, Pakhet. Hi, Doc.“

    „Murphy?“, fragte Heidenstein.

    „Genau der.“ Ein breites Grinsen.

    Pakhet schüttelte den Kopf und leerte ihre Kaffeetasse.

    Murphy blickte zu dem asiatischen Mädchen. „Wer ist sie?“

    „Unterstützung“, erwiderte Heidenstein.

    Murphy richtete sich neugierig auf, schrumpfte etwas und sein Haar bekam eine dunkle Färbung. Er grinste zu dem Mädchen und hob die Hand. „Hi.“

    Das Mädchen sah kurz vom Bildschirm ihres Laptops auf, bemerkte ihn, errötete und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Rechner zu. Sie starrte auf den flimmernden Bildschirm. „Hi.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen.

    Verständnislos schaute Murphy zu ihnen. Seine Mimik sagte eindeutig: „Habe ich etwas falsch gemacht?“

    Niemand machte sich die Mühe zu antworten.

    Es folgten Spider und Mik – mit drei Minuten Verspätung. Immerhin keine Viertelstunde.

    Das würde wohl vorerst das Team sein.

    Pakhet sah zu Heidenstein, klopfte ihm auf die Schulter. Sie nickte, sprach aber nicht. Er würde schon verstehen.

    Er schien tatsächlich angespannt, nickte aber. Er holte tief Luft, stand auf, trat in die Mitte des Raums. Dort blieb er stehen und räusperte sich. „Smith hat euch schon informiert, richtig?“

    „Mr Smith sagte, dass Sie dieses Mal einen Auftrag für uns haben“, meinte Agent. Er sprach ruhig, distanziert.

    „Richtig.“ Heidenstein nickte. Noch einmal räusperte er sich. „Um genau zu sein vermittel ich nur. Ich agiere im Interesse eines Bekannten, der dringend Hilfe braucht.“

    „Worum geht es denn?“, fragte Spider mit der nörgelnden Stimme eines Grundschülers, der fragte, wann endlich Pause sei.

    Heidenstein legte die Pläne hin. „Ähm, der Medizinkonzern Westa soll in zwei Monaten ein neues Krankenhaus in Outshoorn in Betrieb nehmen. Und die Lieferungen werden im Verlauf der kommenden Woche geschehen.“

    Westa also. Pakhet musterte ihn, bemüht sich nichts anmerken zu lassen. Hatte sie Recht mit ihrer Vermutung? War dieser Mann Doktor Joachim Anderson? Sie beobachtete ihn, versuchte ihn zu lesen. Sie könnte ihn darauf ansprechen. Nicht vor den anderen. Später. Besser nicht. Es ging sie nichts an. Normal war sie nicht so neugierig. Zu viel Neugierde brachte einen in Probleme.

    „Also sollen wir verhindern, dass die Lieferungen ankommen?“, fragte Agent.

    „Nicht ganz“, meinte Heidenstein. „Ich möchte, dass ihr mir helft, die Ware zu stehlen.“ Damit nahm er die zusammengehefteten Papiere aus dem Aktenordner und verteilte sie.

    Pakhet nahm ihre Kopie. Wie sie schon vorher gesehen hatte, enthielt die kleine Mappe Zeitpläne. Darüber hinaus aber auch zwei Karten und das Profil einer Firma. Viljoen Logistik.

    „Hazel, Agent“, sagte Heidenstein und sah zu den beiden Hackern, „ich möchte, dass ihr uns als neue Fahrer für die Firma Viljoen eintragt. Es gibt speziell vier Lieferungen, die ich umleiten möchte.“

    Zum Krankenhaus, da war sich Pakhet sicher. Zum Anderson Hospital in den Cape Flats. Wenn nicht direkt, dann auf Umwegen. Er wäre töricht, wenn er die anderen direkt dahinfahren ließ.

    „Das wird nicht unbemerkt bleiben“, meinte Agent mit zusammengezogenen Augenbrauen.

    „Schon, wenn wir die richtigen Leute abstechen“, erwiderte Spider strahlend.

    Murphy verdrehte die Augen, machte ein verächtliches Geräusch. „Oder die richtigen Leute bestechen.“

    Pakhet betrachtete ihn an. „Ich nehme an, du meldest dich freiwillig?“ Sie schenkte ihm ein süffisantes Lächeln, das er gekonnt erwiderte.

    „Immer gern, Lady.“

    Sie seufzte. Ihr fielen aus dem Stehgreif zwanzig Wege ein, wie all das schief gehen konnte.



    .


    [18.05.2011 – M02 – Conartist]


    Noch immer war Pakhet davon überzeugt, dass etwas schief gehen musste. Sie war sich sehr sicher. Soweit jedoch verlief alles nach Plan.

    „Sei einfach entspannt“, flötete Murphy und klopfte ihr auf die Schulter.

    Sie trugen T-Shirts, wie sie zu Vieljoen Transport gehörten. Alles in allem wirkten sie unauffällig. Murphy hatte die Gestalt eines dunkelhäutigen jungen Mannes angenommen, sie trug eine dunkle, lange Perücke und hatte sich älter geschminkt, als sie eigentlich war. Sie sollten normal wirken. Doch irgendetwas konnte dennoch schief gehen.

    Was war, wenn die Firma nicht korrekt eingetragen war? Was wenn die falschen Trucks auffielen? Sie war sich bei weitem nicht so sicher, wie Murphy, dass es funktionieren würde.

    Eigentlich war die Idee einfach: Hazel und Agent hatten die Daten von Westa Pharma verändert, so dass ein anderes Unternehmen, dass ähnlich zu Viljoen Logistics klang, die Ware nun in Joburg abholen würde.

    Sie saß neben Murphy in dem großen Truck. Sie fuhr.

    Auch wenn der Junge geschworen hatte, er würde das auf die Reihe bekommen. Sie hatte Erfahrung damit große Trucks zu fahren. Sie hatte einige Male für andere Jobs getan. Es war ein nützlicher Skill. Bei Murphy war sie sich nicht sicher. Zumal sie das Gefühl nicht los wurde, dass er sehr kindlich wirkte.

    Das Gelände von Westa Pharma kam in Sicht. Auf dem Gelände wurden keine Medikamente hergestellt. Es beherbergte vor allem ein Krankenhaus und eine private Universität, in der offenbar im Bereich der Medizintechnik geforscht wurde. Bei weitem nicht so detailliert, wie es in den UK der Fall war. Vielleicht doch. Jedenfalls war es der Firmensitz in den UK, der die meiste internationale Anerkennung bekam.

    Was sie mehr als Krankenhaus und Universität interessierte, waren die Lagerhallen. Vier große Lagerhallen am Rückende des Geländes. Laut den Informationen Heidensteins, wurde es vor allem als Durchgangslager für Westa verwendet. Hier kamen Waren, meist Medizintechnik und Laborequipment, die zu anderen Firmensitzen in Südafrika und den benachbarten Ländern weitergeleitet wurden. Hier sollten sie sich melden.

    Unsicher suchte sie die Einfahrt für Lieferanten. Sie fand ein großes Tor an der Rückseite einer Parkanlage auf dem Gelände.

    Ein Wächterhäuschen stand links neben dem Tor, angestrahlt durch eine darüber befestigte Straßenlaterne.

    Ein Mann öffnete die Tür und schob sich hindurch. Dunkelhäutig, wahrscheinlich Mitte 30, dünn. Er trug eine graue Uniform und eine dunkle Kappe, kam zu ihnen hinüber.

    „Ja, bitte?“

    Murphy beugte sich an ihr vorbei. „Hey, wir sind von Vieljoen Transport und sind wegen der Lieferung nach Kaptstadt da.“ Er nannte die Liefernummer. „Uns wurde gesagt, wir sollen uns hier melden.“

    „Einen Moment.“ Der Mann holte ein Handy hervor, rief eine Liste auf und schaute nach. Dann nickte er. „Ich lasse sie durch. Melden Sie sich bei Halle 2.“

    „Klar.“ Murphy schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln.

    Der Mann kehrte in das Häuschen zurück und betätigte einen Knopf. Das weiße Tor fuhr langsam auf und ließ sie so passieren.

    Sie fuhren hindurch, rauf auf eine schmale Straße, zu deren rechten die Lagerhäuser lagen. Links von ihnen war die Parkanlage.

    Murphy grinste Pakhet zu und zeigte mit den Daumen nach oben.

    Sie verdrehte nur die Augen.

    So fuhr sie am ersten Lagerhaus vorbei. Vor dem zweiten sah sie Leute stehen. Arbeiter. Bereit Sachen aufzuladen. Gut.

    Niemand durfte verdacht schöpfen. Dann wären sie in einer Stunde von ihr weg. Nur eine Stunde.

    „Überlass das Reden mir, ja?“, meinte Murphy grinsend.

    „Wie du meinst, Junge“, murmelte sie und seufzte. Sie stieg dennoch aus. Jemand würde ihren Ausweis – ihren gefälschten Ausweis – sehen wollen.

    Während sie aus dem Fahrerhäuschen kletterte, sprang Murphy förmlich vom Beifahrersitz hinab. Er kam auf dem Boden auf und lief um das Häuschen herum, um an ihrer Seite zu sein. Schien amüsiert und zu lebhaft, für die späte Stunde.

    Pakhet bemerkte, wie seine Augen über die Arbeiter huschten, ehe sie den am wichtigsten Aussehenden fanden. Einen Vorarbeiter in einer dunklen Lageruniform.

    Er hielt auf diesen zu. Winkte. „Hey.“

    Einige Pakete waren bereits vor das Lagerhaus gebracht worden. Sie waren durchweg in hölzerne Kisten gepackt, sollten aber, wenn alles korrekt verlief, die Einzelteile eines besseren Röntgengeräts und einiges an Laborzubehör beinhalten.

    „Ihr seid die Lieferanten?“, fragte der Vorarbeiter ohne ein Wort des großes. Er schlurfte auf sie zu, streckte ihnen die Hand entgegen. Sein Handschlag war fest, selbstbewusst. Das lockige, kurze Haar des Mannes war an einigen Stellen angegraut, größtenteils jedoch schwarz.

    „Ja, wir sind von Vieljoen Transport“, erwiderte Murphy mit breitem Grinsen.

    „Ihr seid früh“, stellte der Mann fest.

    „Gute Verkehrslage“, antwortete Murphy.

    Der Mann musterte sie beide. „Deine Kollegin wirkt angespannt.“ Er runzelte die Stirn.

    „Ach, ihr ist es nur zu spät“, kommentierte Murphy. „Schau sie dir an. Vollkommen übernächtigt, die Gute.“

    „Sollte sie dann überhaupt fahren?“, meinte der Vorarbeiter. Sein Namensschild wies ihn als „N. Moers“ aus.

    „Er läuft auf Kaffee“, scherzte Murphy und log damit nicht einmal.

    „Na gut“, grummelte der Mann. „Wir haben hinten eine Kaffeeküche. Wenn ihr mögt könnt ihr euch da reinsetzen, bis wir verladen haben.“

    „Klar.“ Murphy grinste. „Danke.“

    „Geht an der Lagerhalle vorbei und dann links. Hinter Lagerhalle Drei. Da wo die Fenster sind. Nicht zu verfehlen.“

    Erneut zeigte Murphy mit dem Daumen nach oben. „Bis später.“ Damit klopfte er Pakhet auf die Schulter und dirigierte sie in die Gasse neben dem Lagerhaus. Es war finster hier, da die Gasse von bloß zwei Lampen gesamt erhellt wurde.

    Pakhet verkniff sich ein Seufzen, stapfte neben Murphy her und versuchte sich zu entspannen. Wenn sie hier weg waren, sollte nichts mehr schief gehen. Jedenfalls nicht für sie. Anders würde es mit dem Team von Heidenstein aussehen, bestehend aus ihm und Mik. Halb war sie darauf vorbereitet, die beiden früher oder später aus einem Gefängnis befreien zu müssen.

    Sie bogen um die Ecke hinter dem Lagerhaus, fanden die angesprochenen Fenster und eine nur angelehnte Tür. Die Kaffeeecke, deren Wände gänzlich aus Blech bestand, war klein, aber gemütlich. Obwohl sie heruntergekommen wirkte, schien die Kaffeemaschine neu. Es gab außerdem einen uralt wirkenden Süßigkeitenautomaten.

    „Siehste? Kein Grund zur Anspannung“, meinte Murphy und klopfte ihr auf die Schulter.

    „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, erwiderte sie und schüttelte den Kopf. Zumindest wirkte der Junge kompetent.

    „Klar.“ Er grinste und studierte die Kaffeemaschine.

    Derweil zog sie einiges Kleingeld aus ihrer Tasche hervor und steckte es in den Automaten. „Kid?“

    Murphy drehte sich zu ihr herum, als sie ihm den Snickers-Riegel zuwarf.

    „Hier.“

    Der Junge schaute auf den Riegel in seiner Hand und grinste. Verstand er, worauf sie hinauswollte? „Danke.“



  • So, die nächsten beiden Kapitel. Morgen wird wahrscheinlich schon das nächste kommen. Leider habe ich aktuell immer das Problem, dass ich die neuen Kapitel unterwegs online setze und das BB oftmals über mobiles Netz nicht ordentlich lädt. Daher teilweise die Verspätungen.


    [19.05.2011 – D09 – Dank]


    Zwei durchgearbeitete Nächte hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie schlief am Tag nicht so lang wie nachts. Entsprechend war sie noch müde, als sie gegen Mittag aufwachte.

    Sie war im Krankenhaus, im Gästezimmer Heidensteins.

    Noch immer konnte sie nicht glauben, dass die ganze Sache gut gegangen war. Sie hatten die Ware gestohlen, hatten sie in ein Lagerhaus, das Smith für sie gebucht hatte, gebracht. Dort gingen Agent und Hazel sicher, dass keine Tracker an den Kisten befestigt waren – eine solche Taktik war nicht unüblich für große Firmen und teure Ware. Auch wenn die Tracker gestört sein sollten. Sie hatten Aluminiumdecken über die Kisten gelegt.

    Mehr als alles andere verwunderte sie, dass Mik und Heidenstein nicht aufgefallen waren. Sie hatte Murphy dabeigehabt, der jeden Verdacht reflektierte, wie ein Schild.

    Sie schleppte sich in die Küche, setzte Kaffee auf, wartete, ging ins Badezimmer, um sich frisch zu machen.

    Sie hatte am Vorabend nicht mehr nach Zentralkapstadt reinfahren wollen. Zu gefährlich. Sie war ohnehin übermüdet gewesen. Zumindest war sie sich mittlerweile sicher, dass niemand ihr hier eine Niere entnehmen würde.

    Heidenstein war nicht hier. Vielleicht war er in seiner Straßenklinik. Vielleicht war er auch im Lagerhaus. Sie würden mit anderen Lastwagen die Ware später hierherbringen lassen.

    Agent und Hazel hatten falsche Daten für die Lieferungen in die Datenbank der örtlichen Klinik gegeben, falsche Bestätigungen gesendet. Wenn alles gut lief, würde der Diebstahl erst in fünf Tagen auffallen. Wenn alles gut lief  …

    Die Tür zur improvisierten Wohnung öffnete sich und Heidenstein kam herein. Sie war sich nicht sicher, wie er es machte, doch manchmal schien es, als würde er keinen Schlaf brauchen.

    „Ah, wir sind schon wach, hmm?“, scherzte er, als er sie bemerkte. „Guten Morgen.“

    „Uhum.“ Sie nickte müde. Gähnte. „Ich brauche einen Kaffee.“

    „Irgendwie habe ich langsam, aber sicher das Gefühl, mit einem Junkie befreundet zu sein.“ Er zwinkerte. Er hatte beste Laune.

    „Vielleicht bist du das auch“, meinte sie. „Was weiß ich schon über deinen Freundeskreis.“ Sollte es sie nicht beunruhigen, dass er sie als „Freund“ ansah?

    Er musterte sie. „Hat der Junkie noch etwas Kaffee für mich über?“

    „Wenn der Kaffee denn durchgelaufen wäre.“ Sie warf der Kaffeemaschine einen ungeduldigen Blick zu.

    Das Wasser zischte, gluckste, war laut Stand der Maschine aber erst halb durchgelaufen.

    Pakhet wandte sich zurück an Heidenstein. „Du wirkst bester Laune.“

    Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Grund zu feiern, nicht? Es ist alles bestens gelaufen.“

    „Wohl wahr.“ Sie seufzte. „Bisher.“

    „Pessimistin“, murmelte er.

    „Realistin“, verbesserte sie.

    Er verdrehte die Augen, lächelte aber, als er sie ansah. „Danke.“

    Sie zuckte mit den Schultern. „Es war ein Job.“ Mehr oder weniger. Auch wenn es eine Sache gab, über die sie nachdachte. „Die Sachen sind für das Krankenhaus, oder?“

    „Ja“, meinte er.

    Pakhet musterte ihn für einen Moment. „Der eigentliche Besitzer des Krankenhauses“ – also er selbst, doch sie sagte es nicht – „ist der Auftraggeber, oder?“

    Zur Antwort nickte Heidenstein. Sein Blick glitt zum Fenster, durch das man die rückseitige Zufahrt des Krankenhauses, den kleinen Verschlag für die dortigen Müllcontainer und das dahinterliegende trockene Grasland sehen konnte. Er wich ihrem Blick aus. Ein weiterer Punkt für ihre Theorie. „Er will das Krankenhaus gerne wieder normal in Betrieb nehmen.“

    „Ich habe Geschichten gehört“, meinte sie, „dass er Leute aus den Flats umsonst behandelt hat.“

    Heidenstein schürzte die Lippen. Sein Gesichtsausdruck war deutlich ernster als zuvor. „Ja. Er hat sich bemüht, Gutes zu tun, denke ich. Bevor  … Bevor er in finanzielle Probleme gekommen ist. Hier draußen wird es ohnehin wenig bezahlte Arbeit geben. Du weißt schon.“

    „Sicher“, meinte sie. Es war nicht so, dass niemand in den Flats versichert war. Doch viele waren es nicht. „Ich dachte nur  … Wenn er die Sachen dafür einsetzt. Er muss zumindest mich nicht bezahlen. Kannst du ihm das sagen?“

    Heidenstein schaute sie an. Für einen Moment schien er unsicher zu sein, was er sagen sollte. Er räusperte sich, holte Luft. „Das werde ich ihm ausrichten“, sagte er schließlich. „Danke. Pakhet. Das ist  … Überraschend  …“ Er suchte nach den richtigen Worten.

    „Ich weiß aufrichtige Arbeit zu schätzen“, erwiderte sie. „Ich weiß zu schätzen, wenn jemand versucht anderen zu helfen.“ Sie musterte zu ihm, fragte sich, ob er etwas sagen würde.

    Er schwieg.

    Sie wandte sich wieder der Kaffeemaschine zu, deren trockenes Zischen verriet, dass sie durchgelaufen war. Sie stellte die Maschine aus und fischte zwei Tassen aus dem Schrank über der Spüle. „Hier.“ Damit reichte sie kurz darauf eine der gefüllten Tassen Heidenstein.

    Er nickte und musterte sie noch immer. „Danke.“


    .


    [20.05.2011 – X04 – Ablenkung]


    „Wie ist das überhaupt passiert?“ Der Mann strich über ihren Arm.

    Pakhet schürzte die Lippen und seufzte genervt. Manche Leute hatten kein Taktgefühl. „Ein Drache hat meinen Arm gefressen.“

    Der Kerl – er hatte sich als Daniel vorgestellt und war recht sicher ein Tourist – schwieg für einen Moment. „Entschuldige.“

    Sie erwiderte nichts, starrte zum Fenster des Hotelzimmers. Warum konnte der Typ nicht endlich einschlafen? Normalerweise wartete sie darauf, ehe sie ging, doch langsam aber sicher spannte er ihre Geduld hart auf die Probe.

    „Es tut mir wirklich leid“, meinte er. „Ich wollte nicht taktlos sein.“

    „Warst du aber“, erwiderte sie.

    „Wie gesagt. Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang, als würde er es meinen.

    Er kuschelte sich näher an sie heran, brachte sie damit dazu, ihrerseits weiter vorzurücken.

    Erneut seufzte sie genervt und setzte sich auf. Es hatte keinen Sinn darauf zu warten. Daniel hatte eindeutig andere Vorstellungen davon, wie er die Nacht verbringen wollte, als sie. Da hatte es auch keinen Sinn, weitere Freundlichkeiten vorzuschützen.

    Zumindest verstand er, was sie vorhatte. „Gehst du?“, fragte er bedrückt.

    „Ja.“ Sie ließ ihre Stimme nüchtern klingen und machte Anstalten gänzlich aufzustehen, als er nach ihrer Hand griff – dieses Mal ihrer Rechten.

    „Bitte. Warte.“

    Was war sein Problem?

    Auch er setzte sich auf und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Bitte, bleib noch etwas. Ich mach', was du willst.“

    Oh, verdammt. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass er einsam war. Dabei versuchte sie einsame Männer zu meiden. Sie wollte kurzen, unverbindlichen Spaß, nicht mehr. Sie wollte Ablenkung, aber sie wollte niemanden verletzen.

    „Ich sollte gehen“, meinte sie nüchtern.

    „Kann ich irgendetwas machen, damit du bleibst?“, fragte er.

    Verdammt. Was erwartete er denn? „Nein.“

    „Nur noch etwas“, flüsterte er und küsste ihren Nacken.

    Und am Ende spielte er all das nur vor und war in Wahrheit ein Menschenhändler. Als ob es für jemanden wie sie einen Markt gab. Dürr, muskulös, einarmig. Sicher, es war erstaunlich leicht, Bekanntschaften für eine einzelne Nacht zu finden, wenn man richtig aufzutreten wusste – zumal ihre Prothese auf die Ferne beinahe jeden täuschte – aber wer würde schon dafür zahlen?

    Sie verdrehte die Augen, während seine Lippen zu ihrer Wange wanderten. Sie wusste, dass sie gehen sollte.

    „Okay“, meinte sie leise und drehte sich zu ihm herum. Er war dunkelhaarig und hatte strahlend blaue Augen. „Ich bleibe. Nicht mehr als eine Stunde. Wenn du verdammt noch mal die Klappe hältst.“ Sie war nicht hier um zu reden.

    Daniel verstand. Er sah sie an, nickte. „Okay.“

    Es war eine dumme Idee, doch sie war genervt, verspannt, sie brauchte Ablenkung, brauchte Sex und wenn sie ihn schon hier hatte, konnte sie es genau so gut nutzen. Er sollte verstanden haben, dass es für sie nicht mehr war, als Sex. Sie musste kein schlechtes Gewissen wegen ihm haben. Sie würde ihn ohnehin nie wieder sehen.

    Und so fickte sie ihn noch einmal. Das dritte Mal diese Nacht. Ob er eine natürliche Ausdauer hatte oder Medikamente geschluckt hatte?

    Sie war froh, dass er zu seinen Worten stand und schwieg.

    Dennoch glitt sie schließlich, vielleicht vierzig Minuten später, aus dem Bett, stand auf und hob ihre Unterhose vom Boden auf, schlüpfte hinein.

    Er beobachtete sie schweigend, wie sie auch ihren schwarzen BH wieder anzog und die dunkle, halb durchsichtige Bluse überzog. Dann aber erhob er wieder die Stimme, als sie in ihren Rock schlüpfte: „Wie war noch einmal dein Nachname, Mary?“ Seine Stimme klang unsicher. Er wusste, dass sie nicht antworten würde, wollte die Hoffnung aber nicht aufgeben.

    Selbst wenn sie ihm den falschen Nachnamen der falschen Identität – Mary Montgomery – gab, würde es ihm wenig bringen. Doch tat sie es nicht. „Ich habe keinen.“

    Er war es, der daraufhin seufzte. Enttäuscht. „Oh.“

    Sie zog den kurzen Rock hoch und setzte sich auf den blauen Sessel des komfortabel eingerichteten Zimmers, um ihre Stiefel anzuziehen. „Denk' dir nicht zu viel, wegen dieser Sache“, meinte sie und musterte ihn.

    Er nickte still.

    „Sollte ich dich in irgendeiner Form verletzt haben, tut es mir leid.“ Warum sagte sie das überhaupt?

    Daniel drehte sich auf den Rücken und starrte zur Decke. Er seufzte ein weiteres Mal und leckte sich über die Lippen. „Schon gut. Du hast deine Intention deutlich genug gemacht“, erwiderte er tonlos. „Ich bin nur ein Idiot.“

    Was auch immer er überhaupt an ihr gefunden hatte.

    Sie atmete leise aus, nahm ihre Tasche und schritt eilig zur Tür. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Genau deswegen wartete sie meistens, bis ihre etwaigen Partner eingeschlafen waren. „Noch  …“ Sie schüttelte den Kopf und öffnete die Tür. „Gute Nacht.“

    „Mach's gut“, kam es leise von ihm zur Antwort.

    Sie trat durch die Tür, schloss sie, hielt inne und atmete tief durch. Sie hasste solche Situationen. Doch was sollte sie tun?

    Mit einem Kopfschütteln machte sie den ersten Schritt und ging den Gang hinab. Ach, verdammt. Sie wollte gerade nichts mehr, als eine warme Dusche, einen heißen Kaffee und  … Sie wusste nicht einmal was.