Die Tenku — Die Legende des Roten Ritters




  • Kapitelübersicht


    ~Prologue~
    ~Epic 1: Entdeckung~
    ~Epic 2: Gesehenes~
    ~Epic 3: Doktor Devon~
    ~Epic 4: Tenkukai des Feuers~
    ~Epic 5: Gute Taten~


    Vorwort


    Willkommen zu meiner freien Arbeit »Die Tenku«!
    Ich war hier im Fanfiction-Bereich des Bisaboards nie wirklich aktiv,
    auch wenn dieser zu einem der wohl besten im deutschsprachigen
    Raum gehört und ich schon seit vielen Jahren schreibe. Das will ich
    hiermit endlich nachholen und zwar mit dem Projekt, an dem ich schon
    lange arbeite: dem Start meiner Tenku-Serie.


    Bei den Tenku handelt es sich um eine Reihe, für die ich durch
    verschiedene Manga und Anime, aber auch durch Literatur, die mich
    in meinen Kindertagen begleitete, inspiriert. Nachdem ich viele Male an
    der Idee rumfeilte, ist letztlich nicht viel von den ursprünglichen
    Elementen übrig geblieben, die in den ersten Versionen noch großen
    Stellenwert hatten, stattdessen hat sich die Serie in Richtung Urban Fantasy,
    gepaart mit ein wenig Coming of Age und Mystery entwickelt.


    Ich wünsche allen Lesern viel Spaß mit dem folgenden Werk


    Klappentext


    Ein eigentlich entspannt geplanter Abend endet für Alex und Oliver,
    die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, in einer Konfrontation
    mit einem Ungetüm, das eine Wissenschaftlerin bedroht. Gerettet von
    einem ihnen unbekannten Mädchen und eingenommen von zwei leuchtenden
    Objekten, ändert sich Alex’ und Olivers Leben schlagartig.


    Charaktere, Begriffe und Orte


    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werde ich auf Charaktersteckbriefe verzichten.
    Eventuell werde ich mit zunehmenden Verlauf der Geschichte aber kleine
    Vorstellungstexte der verschiedenen Figuren bereitstellen.


    Besondere Begriffe und Orte werden hier gesondert vermerkt, sobald
    sie das erste Mal aufgetreten sind und auch erklärt wurden.

    [tabmenu]
    [tab=Begriffe]
    [subtab=Tenku]
    Ein Tenku ist ein mysteriöser Stein, der eine besondere Macht beinhaltet. Seinem Träger, dem Tenkukai, verleiht der Tenku die Kontrolle über diese Macht und stärkt zugleich den Körper und Geist des Tenkukai.
    Bekannte Tenku:

    • Tenku des Wassers ­­— Alexander Schmidt
    • Tenku des Windes — Oliver March
    • Tenku des Feuers — ?

    Die Wissenschaftlerin Doktor Devon erforscht die Tenku in dem Versuch ihre Funktionsweise, Natur und Herkunft aufzudecken.
    [tab=Orte]
    [subtab=Rothfurt]
    Die im Mittelgebirge liegende Stadt Rothfurt gehört mit ihren fast 20.000 Einwohnern zu den kleineren Städten im Lande. Obwohl klein und unbedeutend ist die Stadt für wenige Kenner als ein Ort bekannt, der ein Geheimnis verbirgt.
    [/tabmenu]


    Dank


    Mein Dank gilt bei meinen Omegalesern, deren ehrliche Kritik den Lauf dieses Werkes maßgeblich beeinflusst hat.

  • Prologue

    „Sichtung des Roten Ritters verhindert.“ Die Überschrift warmit der Hand in einer alt aussehenden Schrift auf das brüchige Papieraufgetragen worden. Sie war datiert auf „Siebenter Tag des fünften Monats imJahre 1831 AD“.
    Christopher begutachtete das alte Schriftstück sorgsam. DieSeiten der gelblichen Blätter waren ausgefranst und wellig. Es fiel ihm schwerdie Schrift zu lesen, war sie doch anders als jene, die er in der Schulegelernt hatte. Schon die Überschrift war kunstvoll ausgeschmückt und mit roterFarbe hinterlegt. Glücklicherweise war der Rest des Textes in schwarz gehaltenund nicht ganz so verschnörkelt.
    Christopher legte seine Hände auf die Tastatur derSchreibmaschine und tippte die Überschrift ab. Das Rattern der Schreibmaschineverstummte, als er überlegte, ob er das Datum in ein heute übliches Formatübertragen sollte, oder doch den alten Text einfach nur abzutippen hatte.
    Die Tür seines Zimmers öffnete sich vorsichtig. Christopherdrehte sich um sah die alte Frau. Ihr Gesicht war faltig und das Haar mehr grauals braun. Die Frau legte einen Stapel gebügelte Kleidungsstücke auf dasordentlich gemachte Bett.
    „Dein Vater erwartet dich. Er will gleich mit dir los“, sagtesie zu ihrem Enkel, als sie ihm die runzeligen Finger auf die Schultern gelegthatte. „Diese Schreibmaschinen machen es euch heute doch einfacher, dieSchriften zu übertragen“, fügte sie lächelnd hinzu.
    „Danke, Oma. Ich bin gleich unten“, antwortete Christopher kurzgebunden. Vorsichtig nahm er das alte Pergament und legte es zu den anderen Zeugnisseneiner vergangenen Zeit in die hölzerne Truhe zurück.
    Die Großmutter verließ das Zimmer, nicht, ohne ihrem Enkel zusagen, dass er sich beeilen sollte. Christopher stand von seinem Stuhl und dem durchgesessenenKissen auf. Er blickte aus dem Fenster zum sich langsam rosa färbenden Himmel.Bald würde die Sonne untergangen sein und den warmen Sommertag für beendeterklärt haben. Christophers Lust hielt sich in Grenzen, doch half es nicht. Ernahm die Kleider vom Bett, trug sie zum Kleiderschrank und räumte sie ein. Eheer den Schrank schloss, zog er ein langärmliges, schwarzes Oberteil heraus. Eröffnete die Knöpfe seines Hemdes, schlüpfte heraus und in das schwarze Stückhinein. Es war ihm fast schon zu eng. Noch ein paar Wochen zuvor hatte er esgut tragen können, doch sein Körper hatte sich schnell verändert, seitdem ersein Training intensiviert hatte.
    Der Himmel dunkelblau gefärbt und mit hellen Punktengesprenkelt. Es war fast Neumond und so spendeten nur die kleinen, fernenSterne ein wenig Licht in dieser Nacht. Die Wärme des Tages war noch nicht ganzverflogen, hier zwischen den alten Bäumen und duftenden Sträuchern des Waldes.
    Die feuchtwarme Luft strömte in Christophers Lungen, während erüber moosbewachsene Baumstämme stieg und sich durch dichtes Gestrüpp kämpfte.Die Geräusche des Waldes, das Schlagen zarter Insektenflügel, das Raschelnflinker Mäuse, ja gar das Plätschern des fernen Baches, mochten vielen Menschenin der Dunkelheit Angst einjagen, doch Christopher hatte seine Angst verloren.Vor zehn Jahren noch, zum Beginn seiner Ausbildung, fürchtete er die fremdenSinneseindrücke. Mittlerweile jedoch gab es in kaum einem Wald der Welt nochetwas, vor dem er sich fürchten musste.
    Und doch: er hasste es. Er wollte nicht seiner Bestimmungnachkommen. Er wollte den Samstagabend verbringen wie seine Freunde; mit seinenFreunden. Bei einer Feier in einem stickigen Lokal, mit einem Bier in der Handund den Mädchen hinterherguckend. Doch er hatte seine Verpflichtung und konntesich dieser auch nicht entziehen. Ihm war bewusst, wie wichtig er sein könnte.
    Christopher sah auf sein Handgelenk. In der Dunkelheit konnteer kaum was erkennen, doch die Nadelspitze seines Kompasses leuchtete und hobsich so von der Schwärze hervor. Zumindest stimmte die Richtung. Seufzendlehnte er sich an einen Baum, legte seinen Rucksack halbseitig ab, öffnete ihn undgriff hinein. Er spürte die Verpackungsfolie und zog den Proviantriegel heraus,riss die Folie mit seinen Zähnen auf undnahm einen großen Bissen. Noch gut einen Kilometer, dann müsste er angekommensein. Orientierung war nicht sein liebstes Fach, aber immerhin kam er ausdiesen Unterrichtsstunden ohne blaue Flecken oder gebrochene Knochen heraus. Nacheinem zweiten und letzten Biss verstaute er die silberne Verpackung in seinerHosentasche und setzte seine Wanderung durch die stille Dunkelheit der Nacht fort.
    Stille. Erst jetzt bemerkte er, dass die nächtlichen Geräuschedes Waldes verstummt waren. Er hörte nicht einmal mehr den sanften Wind, wie ersich durch die Baumkronen kämpfte. Christopher hielt inne. Er konnte seinenAtem sehen; kalte Luft hatte sommerliche Wärme vertrieben. Der junge Mann hattesich geirrt — in diesem Wald gab es etwas, vor dem er Angst haben sollte.
    Sein Herz schlug schneller in seiner Brust. Es konnte keinZufall sein, dass sie gerade jetzt, im Unterricht, hier auftauchten. War es derPlan seines Vaters gewesen, ihn mit den Geschöpfen der Kälte zu konfrontieren?Christopher konnte das kaum glauben, schließlich waren sie zu stark und zugefährlich für ihn.
    Er sah kaum etwas, denn das spärliche Sternenlicht konnte dieBaumkronen nicht durchdringen. Schwarz, dunkelblau und grau war die Umgebung,die vor wenigen Stunden noch in saftigem Grün und warmem Braun beschriebenworden wäre. Mit vorsichtigen Bewegungen tastete sich der junge Mann voran,streifte eine eiskalte Baumrinde. Erschrocken legte er seine Hand auf das Holz,nur um sich zu vergewissern und spürte die eisige Kälte auf seiner Haut. Errieb die Finger aneinander, Eiskristalle schmolzen in seinen warmen Händen zuWasser. Es gab keine Zweifel. Es musste einer von ihnen sein.
    Als Kind hatte Christopher in den Überlebens- undGefahrentrainings gelernt sich aus der Gefahrenzone zu begeben, leise undunauffällig, damit sein Vater ohne Acht den Kampf bestreiten konnte. Doch seinVater war nicht hier. Er wartete am Wagen darauf, dass Christopher das im Waldversteckte Etwas borg. Gehörte die Kreatur doch zu der Trainingseinheit?
    Eine unbeschreibliche Kälte umfasste seinen Körper. EisigerAtem fiel auf seinen Nacken, der seine Härchen gefrieren ließ. Christopher,noch den Blick auf den Baum gerichtet, dessen Umrisse er kaum ausmachen konnte,überlegte einen Moment zu lange, da spürte er schon die gewaltige Hand gegenseinen Oberarm schlagen. Die Kraft des Hiebs warf ihn zur Seite, in das kalteGeäst. Er spürte Schmerz in seinem Arm, nicht weil das Wesen fest zugeschlagen hätte,sondern von der Kälte, die der Kontakt mit diesen Kreaturen brachte: der Ärmeldes engen Pullovers war zugefroren. Mit der Hand des anderen Armes griff er denStoff und riss ihn ab, befreite so seinen Arm vom Eis, während er aufstand undzu dem großen Wesen aufblickte. Etwas größer als zwei Meter schien ihm derRiese zu sein, zumindest deutlich größer als Christopher selbst.
    Er sah die riesigen Hände nicht auf ihn zukommen, spürte aber,wie sie die Luft in Schwingung versetzten und reagierte darauf mit einem Sprungnach hinten, landete jedoch auf einem moosigen, glatten Stamm und rutschteerneut zu Boden. Ohne zu zögern rollte er sich zur Seite, über die von einerEisschicht überzogenen Blätter und Äste. Der Riese stampfte nur eine Sekunde zuspät auf die Stelle, an der Christopher gerade noch zu Boden gegangen war.
    „Reifriesen sehen sehr viel besser als wir“, erinnerte sich Christopher.Auch wenn er das Geschöpf nur an seinen Umrissen erahnen konnte: der Riese sahihn. Christopher war im Nachteil. Er wusste nicht, wie er es mit einemReifriesen aufnehmen sollte. Er konnte nur ausweichen, denn jeder Treffer desRiesen hätte schwere Gefrierwunden zufolge gehabt.
    Christopher machte noch einen weiten Sprung, hinüber zumnächsten Baum. Er hörte den Riesen hinter sich herlaufen, die breiten Füße zermahltendas Unterholz. Christopher drückte sich vom Boden ab, sprang hoch und griffnach einem Ast, den er nur erahnen konnte. Beide Hände hatten den Ast gegriffenund mit aller Kraft zog Christopher seinen schweren, muskulösen Körper hinauf.Er suchte nach einem weiteren Ast, in der Hoffnung von Baum zu Baum springen zukönnen, so wie er es als Kind so oft getan hatte. Doch er war kein Kind mehr.Der Ast auf dem er stand beugte sich unter seinem Gewicht gefährlich hinunter.
    Ein lauter Knall schreckte durch die Dunkelheit. Christopherverlor fast sein Gleichgewicht, als der Baum zu fallen begann. Gerade nochstieß er sich von dem Ast ab und landete erneut auf dem kalten Boden. Er spürte,wie warmes Blut seinen nackten Arm benetzte. Ein Stock oder ein Ast musste sichbeim Aufprall in seine Haut geschnitten haben, doch dafür hatte er jetzt keineZeit.
    Christopher sah hinauf, zu dem Umriss des großen Kopfs übersich. Die gewaltige Hand raste hinab und auf sein Gesicht zu. Seine eigenenHände schnellten vor seine Brust, um den wuchtigen Schlag abzufangen,wohlwissend dabei gefrieren zu können.
    Doch soweit kam es nicht. Wärme erfüllte die Luft, Hitze gar.Rötliches Licht erfüllte den Wald, brachte Grün und Braun zurück, wenn auch voneiner dünnen, weißen Frostschicht bedeckt. Der Riese lag im Laub, Flammenhockten auf ihm und malträtierten seinen gewaltigen Körper. Christopher saherst jetzt die graue, schrumpelnde Haut des Ungeheuers.
    „Lauf zum Wagen. Warte nicht auf mich, fahr sofort heim!“,sprach die vertraute, doch strenge Stimme der Person, die Christopher so geradedas Leben gerettet hatte. Das metallische Klirren der Autoschlüssel erklangneben dem Jungen. Er packte sich die Schlüssel, sprang auf und lief los.

  • Epic 1: Entdeckung
    No story lives unless someone wants to listen. — Joanne K. Rowling


    Das Rauschen des Wassers übertönte die gedämpfte Musik. Das von oben herabfallende Licht war ein starker Kontrast zu der von Blitzen durchsetzten Schattenhaftigkeit. Seinen Kopfschmerzen half es nicht. Alexander reichte seine Hände in den kalten Wasserstrahl und vergrub sie anschließend in sein Gesicht. Die angenehme Kälte linderte das Leiden, doch nur kurzweilig, wie ihm bewusst war. Gleich würde der die Tür öffnen, die Musik wäre nicht mehr gedämpft und man erwartete sicherlich, dass er noch ein paar Stunden bliebe.
    Er hob seinen Blick. Der Wandspiegel war von eingetrockneten Wassertropfen und Schlieren übersät. Alex sah sich seine Erschöpfung an. Seine geröteten, sonst blauen Augen, war von dunkel konturiert, er wirkte ungewöhnlich blass dafür, dass er jeden Tag draußen verbrachte.
    Es war ein sommerlicher Samstagabend, den Alexander mit seinem Team verbrachte. Ausnahmsweise stand den Sonntag kein Spiel an, sodass die Jungs den Abend im Playa verbrachten, zusammen mit der halben Stadt, wie es schien.
    Noch tropfte der Wasserhahn, doch als Alex die Tür endlich öffnete wurde das regelmäßige Tropfen von einer akustischen Welle überrollt. Er ging durch die Menschenmassen, die Jungs und Mädels in den Grüppchen bewegten ihre Münder, ihre Gespräche waren nicht mehr als ein Hintergrundrauschen für Alexander. Schatten flitzten über Boden und Wände, über Gesichter und Rücken, immer wieder unterbrochen von gleißenden Blitzen. Alex nahm drei Treppenstufen hinauf auf ein Podest, dann nach rechts zu einer gepolsterten Sitzecke hin, wo mehrere Jugendliche saßen. Er setzte sich, spürte ein Klopfen auf seinen Schultern.
    „Alles klar?“, fragte Mike, Alex‘ bester Freund.
    „Klar“, log Alex, nahm sein Glas und nippte daran. „Aber ich glaube, ich haue gleich ab.“
    „Was? Jetzt schon?“, insistierte Mike. „Der Abend hat doch gerade erst angefangen.“
    „Ich wollte meinem Vater morgen früh aushelfen“, antwortete Alex, wieder gelogen. Er leerte sein Glas mit einem Zug und erhob sich. „Wir sehen uns Montag“, sagte er in die Runde, klopfte seinem besten Freund auf die Schulter und verließ anschließend den Tisch. Er hörte noch, wie jemand fragte, ob alles in Ordnung sei. Mike bejahte.
    Alex kämpfte sich durch die feiernden Menschen. Sein Kopf schmerzte, hinter seinen Augen spürte er ein unangenehmes Pochen. Seit einiger Zeit ging es ihm nun nicht mehr so gut wie sonst. Er konnte sich nur schwer konzentrieren. Zwar ließ er sich nicht ablenken, doch es gelang ihm auch nicht mehr eine Sache zu packen und seine gesamte Kraft darauf zu fokussieren. Und ständig war er müde, gar erschöpft.
    Endlich erreichte er die Tür. Kühle Sommernachtsluft drang in seine Lungen. Der junge Mann hielt kurz inne, atmete tief ein. Für einen kurzen Augenblick vergaß er sein Leiden. Das Playa lag etwas abgelegen in der Nähe des Parks. Vor seinen Türen standen große Keramikkübel mit Palmen, um deren Stämme Lichterketten gewunden waren. Die leuchtenden Palmen säumten den ganzen Weg bis zur Straße. Auch hier standen Menschen und unterhielten sich, doch Alex hatte nicht das Gefühl von ihren Gesprächen erdrückt zu werden. Der Sternenhimmel über ihm und die Luft darunter gaben ihm das ersehnte Gefühl der Freiheit.
    Nach seiner kurzen Pause setzte er seinen Weg fort, nicht den palmengesäumten, sondern einen dünneren, sandigen Weg, der ihn in die Dunkelheit führte. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die dunklere Umgebung und zusammen mit den Sternen der wolkenlosen Nacht sah er recht viel, auch ohne künstliche Beleuchtung oder Mond. Und in der Ferne erkannte er die Laternen im Park. Die Abkürzung durch den Park ersparte ihm den lärmenden Verkehr und schenkte ihm sicher zwanzig Minuten mehr Leben.
    Die paar Minuten an der Luft hatten seine Kopfschmerzen betäubt, da erreichte er den Stadtpark. Alex nahm auf einer der Bänke Platz, lehnte sich zurück, streckte seine Arme an der Rückenlehne aus. Es ging ihm wieder besser. Zwar war er noch müde, aber die Aussicht auf sein Bett war eine äußerst angenehme. Und das grelle Licht der Straßenlaterne über ihm störte ihn kaum.
    Es war keine Stille. Das Zirpen der Grillen lag im Hintergrund, noch weiter dahinter das Plätschern des Wassers. Wer nicht bewusst hinhörte, nahm es kaum wahr. Und doch machte es einen Großteil der hiesigen Atmosphäre aus. Alexander Schmidt gehörte nicht zu den Menschen die großen Gefallen an der Natur fanden. Normalerweise hätte er den Abend mit seinen Freunden verbracht, die Aufmerksamkeit und Beliebtheit genossen, seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Doch heute Nacht genügte es ihm einfach nur da zu sitzen.
    Ein Schrei teilte die Ruhe. Alex schreckte auf. Er sah sich um, nach rechts, von wo der Schrei sein Ohr erreichte hatte. Er erkannte wenig, denn große, schwarze Büsche versperrten die Sicht. Dahinter lag ein weiterer Sandweg, das wusste Alex, denn dort musste er entlang, wenn er nach Hause wollte. Und jemand brauchte Hilfe. Alex sprang auf und rannte los, den Weg entlang, bis er sich schließlich gabelte. Er bog rechts ab.
    Ein blonder Junge saß auf dem Boden. Das eine Knie zum Gesicht gezogen begutachtete er seinen Knöchel. „Oliver, alles okay?“, fragte Alex, eilte zu seinem Mitschüler und reichte ihm die Hand. Dankend nahm der Blonde an und ließ sich von Alex aufhelfen.
    „Ich weiß nicht. Eine … ich glaube, es war eine Frau. Sie hat mich umgerannt. Aber sie war nicht allein“, antwortete Oliver unsicher.
    Alex mochte Oliver nicht besonders. Zwar kannte er ihn hauptsächlich vom Sehen, und das auch schon sehr lange, doch hatte er nie Interesse gehabt ihn besser kennenzulernen. Doch es war dunkel und seine Beschreibung des Geschehens machte Alex etwas unruhig. „Komm mit“, sagte er.
    Oliver schien das nicht zu gefallen. „Hör mal, ich bin nicht so besonders erpicht darauf, zu sehen was da in den Büschen vor sich geht.“ Er sah sich vorsichtig um, die dunklen Bäume und Büsche wirkten plötzlich bedrohlich.
    „Erpicht?“, erwiderte Alex leise. Das war einer der Gründe weshalb er Oliver nicht besser kennenlernen wollte. Während er Fußball spielte, verbrachte Oliver die Zeit mit einem Buch.
    Oliver öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch Alex packte ihn am Arm und zog ihn runter auf den Boden. Langsam bewegte sich Alex auf einen Busch zu, immer noch mit Oliver im Schlepptau. Alex versteckte sich hinter dem Busch und Oliver tat es ihm gleich.
    „Ist das die Frau?“, fragte Alex leise. Er hatte den Kopf hoch gestreckt. Eine Frau stand an einem Baum. Sie war viel älter als er, wahrscheinlich so alt wie Alex und Oliver zusammen. Und doch fand Alex, dass sie gut aussah mit ihrem langen, rotblonden Haar.
    Oliver lugte vorsichtig hervor. Er erkannte den weißen Kittel wieder. „Ja, das ist sie“, flüsterte er. Sie trug einen metallenen Koffer, hielt ihn schützend vor sich. Oliver wunderte sich ob dieser Haltung, bis er den großen Mann erkannte, der die Frau offensichtlich bedrohte. Er war riesig, bestimmt über zwei Meter. Im Kontrast zu der Frau trug er einen schwarzen Mantel, eher noch einen Umhang, der auch seinen Kopf bedeckte. Oliver ging wieder in Deckung, sah Alexander fragend an.
    „Los, wir müssen ihr helfen.“ Alex wirkte entschlossen.
    „Was?! Du weißt doch gar nicht was da los ist!“
    „Sei kein Feigling, Mann“, erwiderte Alex. Er sprang auf, zog Oliver hoch und stieg über den Busch. „Hey, leg dich lieber mit jemandem in deiner Liga an!“
    Der Mann drehte sich um. Die Kapuze verdeckte den Großteil seines Gesichtes, der Rest lag im Schatten.
    „Das ist keine gute Idee“, protestierte Oliver leise. Er machte einen Schritt zurück und stellte sich hinter Alex.
    „Seid ihr lebensmüde?!“, rief die Frau Alex zu.
    „Siehst du?“ Oliver fühlte sich bestätigt.
    „Verschwindet von hier! Schnell!“ ergänzte die Frau.
    Alex schien irritiert, ganz anders als der Mann, der mit großen Schritten auf die Jugendlichen zuging.
    Olivers Herz schlug schneller, raste sogar. Er erkannte das Kinn des Mannes, fahl und blass war es. Die Lippen hatten einen gelblichen Ton, doch alles aufwärts verdeckte die Kapuze des Umhangs. Oliver wollte schreien. Er öffnete den Mund, schloss die Augen — ein lauter Knall ertönte.
    „Lass mich los“, forderte Alex. Er versuchte sich von Oliver zu lösen, der ihn zu Boden gerissen hatte. Als es ihm gelang richtete er sich wieder auf. Jetzt erkannte er, was geschehen war: Der Mann hatte sich umgedreht, starrte wieder die Frau an. Doch sein Mantel hatte ein Loch im Rücken und eine Flüssigkeit strömte aus diesem Loch über das Schwarz. Alex begriff, doch versicherte er sich mit einem Blick auf die Frau. Sie hatte eine Pistole gezogen und einen Schuss abgefeuert.
    „Haut jetzt endlich ab!“, rief sie Alex zu. Der Mann ging auf sie zu. „Nimm deinen Freund und verschwinde!“ Sie schoss noch einmal auf den Mann, der von der Wucht einen Schritt zurückstolperte, sich aber nicht weiter beeindrucken ließ. Der Riese erreichte die Frau, ehe sie noch einmal schießen konnte. Er hob seine Hand und schlug sie zu Boden. Sie packte ihren Metallkoffer, sprang auf und rannte auf die beiden Jungs zu. „Meine Güte, ihr seid wirklich dumm!“, rief sie ihnen zu.
    Auch der Mann setzte sich in Bewegung und rannte los, der Frau hinterher und damit auf Alex und Oliver zu. Er machte schwerfällige Schritte.
    „Wo ist die Waffe?“, fragte Alex, als die Frau ihn erreichte.
    „Die bringt nichts gegen ihn. Er ist hinter dem Koffer her.“ Die Frau blieb bei Alex stehen. „Ich werde jetzt weiterrennen und ihr seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Dieses Monster wird euch nichts tun, wenn ihr euch nicht in die Quere stellt.“ Dann schrie sie auf. Sie hatte einen Moment zu lange geredet, in dem der riesige Mann sie eingeholt und erneut zu Boden geschlagen hatte. Sie lag auf dem Bauch, vor Alex und Oliver. Mit einem Zug rollte sie sich auf den Rücken, hielt den Koffer wieder schützend vor sich. Der Mann holte noch mal aus, seine Faust raste hinab und traf den Metallkoffer.
    Alex wurde von grellem Licht geblendet. Er kniff die Augen zusammen, dann spürte er einen Schmerz in seiner Brust. Für einen Moment dachte er von einer Kugel durchbohrt worden zu sein. Er fiel nach hinten über. Seine Hände verbohrten sich in sein T-Shirt, genau über seinem Herzen, das schnell, aber unregelmäßig schlug.
    Die Kühle der Nacht wich einer sengenden Hitze. Die rotblonde Frau hatte sich aufgerappelt. Ihr Koffer hatte sich geöffnet. Erschrocken warf sie sich wieder zu Boden, suchte und tastete um sich herum. Das Flammenmeer um sie herum interessierte sie nicht.
    „Für dich gibt es hier nichts zu suchen, Kyklop“. Eine selbstbewusste Stimme, weiblich, aber nicht die der Frau hatte gesprochen.
    Der Mann bellte auf. Seine Stimme war tief, zu tief. Noch nie hatte Alex solch eine Stimme gehört. Mit Mühe öffnete er die Augen, hob den Kopf. Der Park stand in Flammen. Rote und braune Lichter warfen tanzende Schatten. Es knisterte und loderte und jetzt bemerkte Alex auch den Geruch des Verbrannten.
    Eine junge Frau hatte sich vor den Mann gestellt, kleiner als Alex. Das Feuer schien aus ihrem Körper zu kommen. „Verschwinde!“, rief sie mit Nachdruck.
    Der Mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Er wirbelte herum und lief davon. Mit einem Sprung über die Flammen verschwand er in einem Gebüsch.
    Das Mädchen widmete sich nun Alex. Sie hatte schwarzes, schulterlanges Haar. Ihre Unterlippe war blutig und sie sah mitgenommen aus. „Du vergisst besser, was du gesehen hast“, sagte sie. Als sie ihren Satz beendet hatte verschwanden die Flammen wie von Zauberhand.
    Alex verlor das Mädchen aus den Augen, die sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten, jetzt wo das Feuer erloschen war.
    „Und kümmer dich um deinen Freund.“ Die Stimme war nun entfernter.
    „Oh verdammt, Oliver!“, rief Alex entsetzt. Er hatte seinen Mitschüler fast vergessen. Oliver lag am Boden. Er hatte sich zusammengerollt und wimmerte. Alex kniete sich nieder und versuchte Oliver aufzuhelfen. Wie er zuvor selbst hatte auch Oliver sich ans Herz gepackt.

  • Epic 2: Gesehenes
    Wenn wir wollen, daß alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, daß sich alles verändert. — Giuseppe Tomasi di Lampedusa


    Mit langsamen, der Vorsicht gewidmeten Schritten tastete sich Alexander Schmidt durch die Dunkelheit des Flures, darauf bedacht keinesfalls seinen Vater aufzuwecken. Er wollte sich jede Erklärung sparen. Nicht, dass es ein Problem für ihn sei, spät nach Hause zu kommen, aber wusste Alex nicht wie mitgenommen er aussah.
    Er hatte Oliver beruhigen können, ihm aufgeholfen und mit ihm zusammen den Park verlassen, ohne viele Worte mit ihm zu wechseln. An der Straße hatten sich ihre Wege dann getrennt. Von der Frau im Kittel oder dem Mädchen hatte Alex nichts mehr gesehen. Und glücklicherweise auch nicht von dem riesigen Mann.
    Seine Hand suchte nach der alten Kommode, dem besten Anhaltspunkt, um in sein Zimmer zu gelangen. Er spürte das morsche Holz an seinen Fingerspitzen. Die Hand glitt voran, der Körper folgte. Mit einem leisen Quietschen gelang es Alex die Tür zu seinem Zimmer zu öffnen. Er knipste das Licht an und kniff die Augen.
    Nach einigen Sekunden hatte er sich an das Licht gewöhnt. Das Zimmer war klein. Die blauen Tapeten hatte es schon, so lange Alex zurückdenken konnte. Auch die Möbel waren alt. Dem Kleiderschrank fehlte eine Schranktür, die andere, an der ein Spiegel montiert war hing etwas schief. Zwischen Schrank und Bett gab es einen kleinen Gang, der zum Schreibtisch am Fenster führte.
    Alex begutachtete sich im Spiegel. Sein weißes Hemd war an der Brust dunkelrot gefärbt. Das Blut war bereits eingetrocknet. Mit schnellen Griffen knöpfte er es auf und warf es in die Ecke. Das trockene Blut blätterte schon von der Haut ab, doch eine Wunde fand Alex nicht. Er rieb sich mit dem Handballen die Brust sauber. Jetzt erst sah er die gerötete Stelle über seinem Herzen.
    Seufzend setzte sich Alex auf sein Bett. Er zog sich die Schuhe aus und warf sie dem Hemd hinterher. Er stand noch einmal auf, um das Licht auszuschalten, dann legte er sich hin.


    Auch Oliver lag in seinem Bett. Gedimmtes, lila Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge seines Fensters. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den die Hände stützten. Es war schon fast sieben Uhr, doch geschlafen hatte Oliver kaum.
    „Wahrscheinlich steh ich unter Schock“, hatte er vor ein paar Stunden gedacht, als er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte als einzuschlafen. Doch jetzt war er ruhig, lag einfach nur da und lauschte den Morgengesängen der Vogeleltern, die vom aufmerksamkeitsheischenden Piepsen der Küken gefolgt wurden. Jedes Jahr nistete eine Familie über seinem Fenster.
    Oliver hatte viel gelesen und gesehen. Fantasy-Romane und Science-Fiction-Filme, Krimis und Dramen. Szenen wie er sie vor einigen Stunden erlebt hatte, kannte er nur aus seiner Literatur. Er erinnerte sich an das fahle, blasse Kinn und die gelben Lippen. Keinem Menschen wünschte er ein solch widerliches Aussehen. Doch er war sich nicht sicher ob es überhaupt ein Mensch gewesen ist. „Kyklop“, hatte das schwarzhaarige Mädchen ihn genannt.
    „Zyklopen sind riesig.“ Oliver setzte sich langsam auf. „Aber nicht real.“
    Er erinnerte sich noch, wie der Mann den metallenen Koffer der Frau im Kittel entzwei geschlagen hatte, wie die zwei Lichtkugeln heraus geschossen waren. Seine Nackenhaare sträubten sich bei dem Gedanken an den Schmerz, den er verspürte, als das Licht sich in seine Brust bohrte. Vorsichtig strich er sich über die Stelle seines Pyjamas, unter der die Haut noch gereizt war.
    Mit einem Ruck hob er seine Beine aus dem Bett und war aufgestanden. Er nahm die Wasserflasche von dem Nachttisch und trank einen Schluck.
    „Er hat uns echt in Gefahr gebracht. Dieser Blödmann“, murmelte Oliver, als er die Flasche wieder zudrehte. Doch er hatte wohl keine Wahl, als mit ihm zu reden. Er tauschte die Flasche mit dem Mobiltelefon auf dem Tisch aus, ging seine Kontakte durch. Alexander hatte er nicht gespeichert. Und wo er wohnte, wusste er auch nicht.
    So verging der Sonntag, den Oliver zu Hause verbrachte, lesend und an seinen Hausaufgaben arbeitend, doch immer mit den Gedanken an vergangene Nacht.


    Es läutete, gefolgt von Schülermassen, die aus ihren Klassenzimmern drängten, hinaus auf den Pausenhof, in die Sonne. Oliver verließ mit einem brünetten Mädchen, fast zwei Köpfe kleiner als er, das Kunstatelier. Die Beiden blieben vor einer Pappmaché-Skulptur in Form einer großen Schildkröte stehen.
    „Komm bitte mit mir“, flehte Oliver mit großen Augen. Er stand vor seiner besten Freundin. Er wusste, dass sie nicht nein sagen konnte.
    „Muss das wirklich sein?“, fragte Jasmin zurück. Das Grün ihrer Augen traf auf Olivers braune Augen. Sie seufzte.
    „Es ist auch nur ganz kurz“, versprach Oliver. Jasmin war der netteste und beste Mensch, den Oliver kannte. Sie war eine wunderbare Freundin, auf die man sich seit dem Kindergarten immer verlassen konnte. Und obwohl er sie so lange kannte, hatte er noch nie miterlebt wie sie gemein zu anderen Menschen war. Abgesehen von einem.
    „Wirklich, wenn dieser widerliche Mike mich auch nur einmal doof anmacht, dann haue ich ihm meine Tasche ins Gesicht“, versicherte Jasmin ihrem besten Freund, der daraufhin grinste. „Und was willst du überhaupt von Alexander? Abgesehen natürlich davon, dir blöde Sprüche anhören zu müssen.“
    „Es geht um eine Sache vom Wochenende“, antwortete Oliver. Er hoffte, dass Jasmin nicht zu viele Fragen stellte.
    „Oh ja. Das Wochenende. Eigentlich hast du es nicht verdient, dass ich dich begleite, nachdem du mich im Playa allein gelassen hast. Weißt du, wie aufdringlich Mike war?“ Jasmin wirbelte sich durch das ordentliche, gewellte Haar. Dann zog sie eine dünne Strickjacke aus ihrer Tasche und zog sie sich über ihr ärmelloses Blümchenkleid. „Sehen meine Haare so furchtbar genug aus?“
    Oliver nickte, noch immer grinsend, und machte sich mit Jasmin auf dem Weg nach draußen. Er wusste, dass Alexander die Pause mit seinen Freunden an den Tischtennisplatten verbrachte. Das Kunstatelier war im Keller der Schule, von dem nächsten Ausgang führte eine steile Treppe hoch auf den Schulhof.
    Die Sonne schien, die Hitze kochte die Schüler, von denen die Kleinen aber unbeirrt ihr Fangspiel fortsetzten. Für einen Moment machte sich Enttäuschung in Oliver breit, er sah keine große Gruppe von pubertierenden Jungs. Erst auf dem zweiten Blick erkannte er, dass sich Alexander und Mike allein an die Tischtennisplatten gelehnt hatten und sich unterhielten.
    „Hey, Alex“, grüßte Oliver. Seinem Blick versuchte Alexander auszuweichen.
    „Was willst du? Ich bin beschäftigt und habe keine Lust mich mit dir sehen zu lassen.“ Alexander stupste Mike an, doch der reagierte nicht
    Er war also wieder der Alte, dachte sich Oliver, ohne sich aber etwas anmerken zu lassen. „Es ist wichtig.“
    Jasmin seufzte. „Hallo Mike“, sagte sie anschließend, begleitet von ihrem mädchenhaftesten Lächeln.
    „Na, Minni. Wie geht’s?“
    „Es ist furchtbar heiß.“ Jasmin war ein Engel, wie Oliver wieder mal bewusst wurde. Zwar wirkte sie nicht sonderlich an Mike interessiert, doch das musste sie auch nicht.
    „Wir könnten zum Bistro und uns ein Eis holen“, schlug Mike vor. „Ich lade dich ein.“ Er hob seinen Arm, gebot ihr sich einzuhaken, was Jasmin zu Olivers Überraschung auch machte.
    Jasmin warf ihrem besten Freund noch einen Blick zu, der viele Botschaften enthielt, die Oliver auch verstand, dann verschwanden sie und Mike im Schulgebäude.
    „Können wir jetzt reden?“, wiederholte Oliver in abgewandelter Form.
    „Worüber denn?“, gab Alexander entnervt nach.
    „Über Samstagnacht vielleicht?“, schlug Oliver vor, als sei sein Anliegen nicht offensichtlich.
    „Nicht so laut“, bat Alex, sah sich vorsichtig um. Niemand schien auf die beiden zu beachten. „Hör mal, nur weil wir irgendeine Freakshow zusammen erlebt haben, sind wir sicher keine Freunde. Also belästige mich nicht weiter.“
    „Du denkst wirklich, dass wir nicht darüber reden sollten, was wir gesehen haben?“
    „Ich habe nichts gesehen!“, sagte Alexander nachdrücklich.
    „Nichts? Keinen gruseligen Mann?“, fragte Oliver nach, doch Alexander verneinte. „Kein Feuermeer im Park?“ Alexander schüttelte den Kopf. „Du hast nicht gespürt wie eine Lichtkugel sich in deinen Körper eingenistet hat?“
    „Eine Lichtkugel?“ Alexander wirkte plötzlich neugierig. „Was meinst du damit?“
    „Das hast du wirklich nicht gesehen, oder?“ Oliver war sich nun gar nicht mehr sicher, ob das, was er gesehen hat, wirklich passiert ist.
    „Hör mal, mir ging es Samstagabend nicht gut. Ich habe keine Ahnung was passiert ist, aber ich finde dass es ein peinliches Erlebnis war, an dass ich mich gar nicht erinnern möchte. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe.“ Alexander hatte sich aufgebaut, stand nun bedrohlich vor Oliver. Er war stärker als Oliver, keine Frage, sportlicher und breiter und gewiss auch aggressiver.
    „Verstehe“, sagte Oliver schließlich. Er hielt noch mal inne, dann nickte er. „Ich habe eigentlich erwartet, dass du auch wissen willst, was passiert ist. Aber vielleicht fürchtest du dich einfach.“
    Einen dumpfen Knall später lag Oliver am Boden, hielt sich eine Hand an den Mund. Er spürte das warme Nass auf seiner Haut, den Schmerz an seiner Lippe. Er versuchte sich aufzurappeln, griff hinauf auf die Tischtennisplatte und zog sich hoch.
    Oliver und Alexander hatten nun die Aufmerksamkeit des ganzen Schulhofs auf sich gezogen. Es gab kein anfeuerndes Gejohle nach einer Schlägerei, aber entsetzte Blicke. Wie Alexander auch genoss Oliver große Sympathien.
    „Oliver!“ Jasmin hatte ihr Eis fallen gelassen, sich von Mikes Arm gelöst und lief ihrem besten Freund zur Hilfe. „Alles okay?“, fragte sie. Sie öffnete hektisch ihre Tasche, zog eine Packung Taschentücher hervor. „Wie kannst du nur?!“, machte sie Alexander einen Vorwurf.
    „Mir geht es gut, Jasmin“, versuchte Oliver seine Freundin zu beruhigen. Er wusste wie sehr sie Gewalt verabscheute.
    Alexander drehte sich um und ging fort.
    „War es das jetzt mit uns?“, fragte Mike enttäuscht, doch Jasmin beachtete ihn gar nicht. Sie versorgte Oliver mit voller Übertreibung. Mike seufzte, dann lief er Alexander hinterher.
    „Er ist ein Monster! Kaum besser als sein widerlicher Freund! Was wolltest du überhaupt von ihm?“, fragte Jasmin. Sie wirkte völlig durch den Wind.
    „Nicht jetzt“, wimmelte Oliver ab. Er sah, wie die Pausenaufsicht auf ihn zugelaufen kam. Eine breite Frau mit strengem Dutt und noch strengerem Blick. Oliver stöhnte. Frau Bärenknecht war die Letzte, die er jetzt sehen wollte.
    „Zur Sozialarbeiterin! Sofort! Diese Schule ist eine gewaltfreie Zone!“ Bärenknechts militärischer Tonfall war Oliver gewidmet, auch wenn sie an ihm vorbei und Alexander hinterher lief.
    „Soll ich mitkommen?“, fragte Jasmin. Sie hatte ihren Arm um Oliver gelegt, begleitete ihn durch die Schülerscharen, die wieder ihren normalen Pausenbetrieb aufgenommen hatten.
    Oliver schüttelte den Kopf. „Ich komm schon zurecht. Und du hast schon genug für mich getan“, antwortete er, als er aus Versehen auf die Eiswaffel am Boden trat.


    In den Fluren war es angenehm kühl. Die Wunde an Olivers Lippe hatte aufgehört zu bluten. Er saß auf einem Stuhl vor dem Büro der Sozialarbeiterin, einer netten, jungen Frau, die letztes Jahr ein Projekt geleitet hatte, an dem Oliver teilgenommen hatte. Es ging um Konfliktbewältigung, etwas, dass er kaum nötig hatte, wie er fand.
    An der Bürotür war eine Ampel befestigt. Sie war auf Rot. Alexander saß zwei Plätze neben Oliver, doch die beiden mieden jeden Blick. „Er hat Konfliktbewältigung nötig“, überlegte sich Oliver, jedoch kam ihn dann in den Sinn, dass Alexander zu vielen Menschen äußerst nett war. Er hörte immer, wie hilfsbereit er sei, wie gutmütig, und wie er für Zusammenhalt sorgte.
    Die Ampel wechselte auf grün, die Tür öffnete sich. Alexander war schnell aufgesprungen und im Büro verschwunden. Oliver holte tief Luft, dann folgte er ihm.
    Das Büro war sehr lichtdurchflutet. Am großen Fenster befand sich der Schreibtisch der Schulsozialarbeiterin, doch Alexander hatte sich auf der Sofaecke niedergelassen. Auch Oliver setzte sich auf das Sofa, hielt aber den größtmöglichen Abstand ein.
    „Da seid ihr ja“, sagte die bekannte Stimme.
    Oliver wusste nicht, wie sie so plötzlich auftauchen konnte. Am Schreibtisch hatte sie zumindest gerade noch nicht gesessen, doch genau von dort kam sie. Sie hatte weder das blonde Haar, noch war sie so jung wie die Sozialpädagogin der Schule. Und doch kannte Oliver das dunkle, rotbraune Haar.
    „Ich denke wir haben viel zu bereden, Tenkukai“, fuhr die Frau im Kittel fort.

  • Epic 3: Doktor Devon
    Der Beginn aller Wissenschaften ist das Erstaunen, daß die Dinge so sind, wie sie sind. — Aristoteles


    „Sie sind nicht Frau Thomms“, bemerkte Oliver das Offensichtliche.
    Die Frau schüttelte den Kopf, dann reichte sie Oliver die Hand. „Doktor Veronika Devon“, stellte sie sich vor. „Ab heute bin ich hier zuständig.“
    Alexander war aufgestanden. „Das tue ich mir nicht an.“ Er wandte sich der Tür zu.
    „Alexander Schmidt, geboren am zwölften November 1997. Deine Mutter starb drei Jahre später. Du lebst mit deinem Vater in einer kleinen Wohnung über eurer Bäckerei und spielst Fußball im TSV Rothfurt, recht erfolgreich sogar“, zählte Doktor Devon auf, um Alexanders Aufmerksamkeit wiederzugewinnen.
    Sie hatte Erfolg. „Was sind Sie? Eine Stalkerin?“, fragte Alexander überrascht und entrüstet zugleich.
    Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Doktorin aus. „So ähnlich. Ich bin Wissenschaftlerin“, sagte sie mit einem süffisanten Ton in der Stimme. „Und zwar eine von nur ganz wenigen, die die Tenku erforschen.“ Sie ging zu ihrem Schreibtisch und holte einen Tablet-Computer hervor. „Setz dich doch bitte wieder, Alexander. Die Tür ist elektromagnetisch verschlossen, die wirst du nicht öffnen können.“
    Alexanders Augenbrauen hoben sich. Er packte die Türklinke, drückte sie runter und zog, doch die Tür öffnete sich nicht.
    „Was wollen Sie von uns?“ Es war Oliver, der gefragt hatte. Er saß noch auf dem Sofa, in seinem Gesicht stand Neugier, aber auch Vorsicht geschrieben. Alexander hatte sich hinter dem Sofa positioniert, stützte sich mit den Ellbogen auf der Lehne auf.
    „Euch beschützen. Ihr habt mit eurer Dummheit in der Nacht auf Sonntag Kräfte auf euch aufmerksam gemacht, mit denen man nicht Spaßen sollte.“ Doktor Devon hatte sich auf einem Sessel niedergelassen. Ihre Finger wischten über das Tablet. „Vor manchen kann ich euch beschützen. Aber es sind auch Kräfte dabei, vor denen nur ihr euch beschützen könnt.“
    „Der Zyklop?“, fragte Oliver, doch war er sich sicher die Antwort schon zu kennen.
    Devon nickte.
    „Was?“, schoss es aus Alexander heraus. „Zyklop?“
    „Einäugige Riesen der griechischen Mythologie“, antwortete Oliver wie auf Kommando.
    „Ich weiß was Zyklopen sind. Aber sowas gibt es nicht“, erwiderte Alexander.
    Wieder nickte Devon. „Das dachte ich auch. Allerdings hat die Tenkukai ihn so genannt.“ Sie überlegte. „Kyklop nannte sie ihn. Eine andere Variante. Ich habe auch noch nie einen Kyklopen gesehen, aber ich glaube, dass es einer war.“
    „Und warum sollte eine Sagengestalt Sie verfolgen?“, fragte Alexander mit spöttischem Unterton.
    „Deshalb.“ Veronika Devon hielt den beiden so unterschiedlichen Jugendlichen nun den Rechner hin. Zwei Steine waren auf dem Bildschirm abgebildet, der eine blau wie ein kostbarer Saphir, der andere in einem sanften Rosa gehalten. Sie waren leicht durchsichtig.
    Oliver rückte etwas vor. Obwohl er sich sicher war, dass es sich um ein Standbild handelte, hatte er das Gefühl, dass etwas in diesen Steinen pulsierte, ein Licht ging von ihrem Innern aus.
    „Das sind Tenku. Mystische Steine mit großer Macht. Ich erforsche sie seit vielen Jahren. Ich habe vor zwei Jahren eine Möglichkeit gefunden, ihre Energiesignaturen zu orten und so konnte ich diese beiden Exemplare in einer alten Höhle an der Nordsee finden“, erzählte die Wissenschaftlerin. In ihrer Stimme schwang die Faszination mit. „Und in dieser Stadt konnte ich wieder einen Tenku orten. Seit Wochen suche ich ihn, aber er ist nicht einfach zu finden.“
    „Das Mädchen“, begriff Oliver langsam. Er hatte sich nicht eingebildet, dass sie Feuer aus ihrem Körper ausstieß. Er hatte es wirklich gesehen.
    „Ja. Der Tenku ist in ihr. Sie ist eine Tenkukai, genauso wie ihr es jetzt seid.“
    „Das ist absoluter Schwachsinn“, sagte Alexander, doch er schien nicht mehr von sich selbst überzeugt.
    „Wasser und Wind“, erklärte Devon, zeigte dabei erst auf den blauen, dann auf den rosa Stein. „Als der Kyklop sie aus dem Koffer befreite, spürten sie die Gefahr, in der sie sich befanden und suchten einen Schutz. Deshalb haben sie sich in euch eingenistet. Ich nehme an, ihr habt die Wunde an eurer Brust entdeckt?“
    Oliver nickte kurz, Alexander fasste sich an die besagte Stelle. „Da war keine Wunde“, antwortete er schließlich.
    „Ja, eine der vielen Fähigkeiten der Tenku ist die Verbesserung eures Immunsystems. Schau dir Olivers Lippe an, die Verletzung die du ihm in deiner Verzweiflung zugefügt hast, ist bereits verheilt.“ Doktor Devon sah Alexander mit einem scharfen Blick an.
    Oliver tastete über seine Lippe. Er fühlte keine schützende Kruste, keine blutende Wunde.
    „Ich bin nicht verzweifelt. Und ich habe auch nicht so fest zugeschlagen“, beschwichtigte Alexander insbesondere sich selbst.
    „Sie hat aber Recht. Ich habe geblutet.“ Oliver machte Alexander keinen Vorwurf. Er war selbst irritiert. „Jasmin hat es gesehen. Die ganze Schule hat es gesehen.“
    „Wie dem auch sei“, fuhr Devon fort. „Ich kannte zwar bisher keine Kyklopen, jedoch andere gefährliche Kreaturen, die nicht von dieser Welt sind, aber die Tenku ebenso suchen wie ich. Nun ist mein Interesse wissenschaftlicher Natur, doch ich denke nicht, dass die Kyklopen oder wer auch immer sie beherrscht ebenso wissensgierig sind. Ihr werdet lernen müssen, eure Kräfte zu kontrollieren. Und dabei kann uns die Tenkukai des Feuers helfen.“
    „Wissen Sie, wer es ist?“, fragte Oliver. Es fiel ihm schwer, die Geschichte der Doktorin zu glauben, doch noch schwerer fiel es ihm, es nicht zu tun. Er hatte sich die letzten achtunddreißig Stunden viele Fragen gestellt, die diese Frau ihm beantworten konnte.
    „Euch zu finden war einfach. Doch sie habe ich noch nicht ausfindig machen können“, antwortete Devon nachdenklich. „Ich schätze, sobald euch wieder Kyklopen oder andere Kreaturen angreifen, wird sie auftauchen um euch zu beschützen. Dann werden wir sehen, wer es ist.“ Doktor Devon war aufgestanden. Sie ging auf ihren Schreibtisch zu, legte das Tablet ab. Mit einem Blick aus dem Fenster sagte sie schließlich: „Ihr begreift es noch nicht, doch ihr werdet schon bald sehen, was viele Menschen in ihrem ganzen Leben nie sehen werden. Und nun geht. Wir haben genug geredet.“
    Alexander ließ sich das nicht zweimal sagen, er sprang zur Tür, öffnete sie erfolgreich und war verschwunden.
    Oliver stand langsam auf. „Wo ist Frau Thomms?“, fragte er. Er musste an die Waffe denken, die die Wissenschaftlerin vor zwei Tagen bei sich trug.
    „Sie hat ein lukratives Angebot bekommen. Mehr Geld, mehr Urlaub. Ich gehöre nicht zu den Bösen, Oliver March.“


    Alexander lief die glühend heiße Straße herunter. Die Schule befand sich auf einem kleinen Hügel und überthronte so die Stadt. Schweißperlen kullerten von seiner Stirn herab, verfingen sich in den Augenbrauen und flossen seitlich der Augen hinab. Dieser Sommer hatte es in sich, dachte Alex sich. Doch er hielt nicht inne. Er wollte so schnell wie möglich weg von dieser Devon.
    Woher wusste sie nur so viel über ihn. Wo er wohnte, dafür musste sie ihm nur gefolgt sein. Das Geburtsdatum hatte sie womöglich aus den Schulakten. Aber wie konnte sie von seiner Mutter wissen? Diese Doktorin weckte eine Unwohlsein ihn ihm, das er nicht beschreiben konnte.
    Und er hatte ein schlechtes Gewissen. Oliver zu schlagen war falsch, genauso falsch, wie ihn bei der Verrückten zurückzulassen.
    Alex hielt nun doch inne. Er war am Fuß des Hügels angelangt, an einer stark befahrenen Straße mit Ampel. Er betätigte mit der einen Hand die Fußgängerampel, mit der anderen wischte er sich über die Stirn.
    Wieso dauert das so lange, dachte Alex sich, schlug mit der Faust gegen den Schalter der Ampel, zweimal, dreimal.
    „Dass du deine Aggressionen jetzt an Dingen auslässt, werte ich als Besserung.“
    Alex drehte sich zur Seite und erkannte Jasmin. Er hatte bisher kaum mit ihr gesprochen und doch war sie oft präsent. Mike redete den halben Tag von ihr. Alex musterte sie argwöhnisch. Wollte sie ihm Vorwürfe machen? Ihr Gesicht zeigte das typische sanfte Lächeln. Alex verstand, was sein Freund an ihr fand.
    „Ich wollte mich bei dir entschuldigen“, sagte Jasmin.
    Alex‘ Brauen hoben sich. „Wofür?“ Er verstand es nicht.
    „Ich habe heute die Fassung verloren. Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen“, erklärte Jasmin.
    Alex wimmelte ab. „Ich muss mich entschuldigen“, gestand er ein.
    „Aber nicht bei mir. Ich warte gerade auf Oliver. Wenn du willst, kannst du dich gleich entschuldigen“, bot Jasmin an. Sie klang so, als ob sie ihm wirklich helfen wollte.
    Das Ampelmännchen sprang auf grün. „Nicht jetzt“, sagte Alex kopfschüttelnd. Er wollte Oliver nicht sehen. Er setzte wieder zum Laufen an und ließ Jasmin allein zurück.


    Nach einiger Zeit erreichte Alex endlich die kleine Bäckerei. In roten Lettern stand auf einem gelben Schild „Schmidts“. Irgendwann im Laufe der Zeit hatten Alexanders Vorfahren wohl von ihren Ambossen und Hämmern zu Brot und Backöfen gewechselt.
    Alex betrat das Ladenlokal und erkannte seinen Vater hinter der Theke, wie er gerade eine Kundin bediente. Er nickte ihm kurz zu und verschwand dann durch eine Tür hinter der Theke in die Backstube. Von dort aus nahm er eine Tür zur Linken und die Treppe hinauf in die Wohnung.
    Sein T-Shirt war durchnässt vom Schweiß. Er warf es in die Wäscheecke zwischen Schrank und Schreibtisch, griff in den Kleiderschrank und zog eine kurze Hose hervor, ehe er sein Zimmer wieder verließ und ins Bad verschwand.
    Das Badezimmer war ebenso winzig wie der Rest der Wohnung. Zwischen Toilette, Waschbecken und Dusche war noch irgendwie eine alte Waschmaschine gequetscht worden. Alex, jung und dynamisch, hatte keine Probleme sich durch die Enge zu manövrieren, dabei auch den Rest seiner Kleidung abzulegen und schließlich in der Dusche zu verschwinden.
    Das kalte Wasser tat seinem erhitzten Körper gut. Alex war kein Warmduscher, doch etwas kam ihn anders vor. Während er seinen Körper mit Duschgel einrieb, musste er an die Worte Doktor Devons denken. Wasser und Wind. Ihm war klar, dass wenn diese Geschichte stimmte, was er für sehr unwahrscheinlich hielt, er den blauen Stein in sich hatte. Und der symbolisierte eindeutig Wasser.
    Das Wasser fühlte sich anders an. Es war nicht nur erfrischend, es benetzte seinen Körper nicht nur. Es war, als würde es ihn durchströmen. Das Gefühl erfüllte Alexander. Es war wohltuend — dennoch — es war ihm auch ungeheuerlich. Er drehte das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Nachdem er sich abgetrocknet hatte und in eine Hose geschlüpft war, verließ er das Badezimmer, ließ das Handtuch am Boden liegen.
    „Hallo.“
    Alexander wich zurück. Auf seinem morschen Bett saß Oliver im Schneidersitz. „Was machst du hier?“
    „Dein Vater hat mir gesagt, dass du hier seist“, antwortete Oliver ausweichend. „Und Jasmin sagte mir, wo du wohnst.“
    „Mike“, grummelte Alex. Dann fragte er erneut: „Aber was machst du hier?“
    „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich von jetzt an in Ruhe lassen werde. Du musst mit mir über nichts sprechen, wenn du es nicht willst. Ich habe mir nur gedacht, dass du vielleicht darüber reden wolltest“, erklärte Oliver etwas durcheinander.
    Alex nahm ein graues, ausgewaschenes T-Shirt aus seinem Schrank und steckte seinen Kopf durch. „Das nennst du in Ruhe lassen?“, fragte er abweisend.
    Oliver löste seinen Schneidersitz, setzte mit den Füßen auf und erhob sich.
    „Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen haben“, sagte Alexander, zwar leise, aber für Oliver verständlich.
    „Schon gut“, erwiderte dieser.
    „Glaubst du dieser Devon?“
    Oliver holte Luft. „Ich habe keine bessere Erklärung für das, was passiert ist. Eigentlich schon, aber die sind alle ziemlich blöd“, erklärte er.
    „Ja, ich weiß, was du meinst“, stimmte Alex zu. „Ich bring dich runter.“
    Oliver folgte Alex aus dem Zimmer heraus, durch den Flur, die Treppe hinunter. Die Haustür, sie war mehr ein Hintereingang, hatte ein vergilbtes Glasfenster. Aus der anderen Tür, neben der Treppe, hörte man das Summen der Backautomaten. Alex öffnete die Tür und trat mit Oliver nach draußen in die dunkle Gassen zwischen der Bäckerei und dem Nachbarshaus.
    „Na dann, wir sehen uns in der Schule“, verabschiedete sich Oliver. Er drehte sich um, wollte losgehen. Da sah er am lichten Ende der Gasse zwei große Personen.
    „Verdammt“, sagte Alex, der sie auch gesehen hatte. Er packte Oliver am Arm, schlug die Haustür hinter sich zu und lief los, in die andere Richtung, die sich in mehrere Gassen gabelte.
    „Du glaubst Doktor Devon doch ihre Geschichte!“, bemerkte Oliver, der nicht so schnell wie Alex war, aber von ihm gut mitgezogen wurde.
    „Ich weiß, wann es gefährlich wird“, erwiderte Alex. Sie hatten eine Sackgasse erreicht. Drei Gebäude, ineinander verbaut, hatten hier ihre Müllcontainer. „Scheiße! Wir sind eins zu früh abgebogen!“, fluchte Alexander. Er und Oliver wollten umkehren, doch die Männer hatten sie eingeholt.
    Diesmal trugen sie keine Umhänge, keine Mäntel. Es waren nackte Kreaturen. Die Körper waren von einer fahlen, weißen Haut überzogen. Von plumper, aber gewaltiger Statur mit großen Köpfen. Und tatsächlich: wo sich bei einem Menschen die Nase befunden hätte, hatten diese zwei Geschöpfe nur ein großes, gelbes Augen. Stattdessen befanden sich auf der Stirn Nüstern und unter dem Auge war ein großer, runder Schlund, umgeben von gelben Lippen. Kyklopen.

  • Auch wenn du schon etwa ein halbes Jahr lang nichts mehr zu deiner Fanfiction hinzugefügt hast, möchte ich anlässlich des Kommentar-Marathons auch einmal hier einen Kommentar verfassen. Vielleicht hilft dir dieser ja, deine Leistung einzuschätzen und vielleicht wieder Lust daran zu finden, an der Geschichte weiterzuschreiben.


    Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich zunächst ein paar Worte zum Startpost sagen. Durch die nicht (mehr) richtig eingebundene Titelgrafik wirkt dieser irgendwie lieblos zusammengeschustert, aber ich denke das liegt wohl einfach daran, dass du schon lange nicht mehr in das Thema hinein geguckt und so noch nicht bemerkt hast, dass du das Bild woanders hoch laden oder als Dateianhang einbinden solltest.
    Abgesehen von der Titelgrafik muss ich sagen, dass ich generell kein großer Fan von Tabmenüs bin - ich will mich nicht erst durchklicken müssen, um alle wichtigen Informationen lesen zu können. Was den Umfang an Informationen angeht, fehlt mir auf jeden Fall ein Klappentext, und den Tab mit der Ankündigung, dass du die Charakterprofile irgendwann ergänzen willst, könntest du entweder weg lassen oder die Ankündigung in die Tat umsetzen - wobei ich selber es eher bevorzuge, wenn die Leser die handelnden Personen im Laufe der Geschichte kennen lernen. Aber das ist (genau wie die Frage, ob man die Informationen in einem Tabmenü anordnet oder nicht) wohl auch Geschmackssache.




    Bei dem Inhalt der Geschichte muss ich sagen, dass mir tatsächlich nicht viel aufgefallen ist, was ich spontan kritisieren müsste. Ich kann der Handlung gut folgen, und wenn mir im Moment noch nicht klar ist, wie der Prolog zu der Geschichte passt, denke ich wohl eher, dass das wohl so gewollt sein wird und der Zusammenhang später schon irgendwann klar werden wird. Ich stelle an eine Geschichte normalerweise allerdings auch keine besonders hohen Anforderungen und entscheide auch mehr aus dem Bauch heraus, ob sie mir zusagt oder nicht, so dass andere Kommentatoren vielleicht doch noch die ein oder andere Sache finden würden.
    Ein paar wenige Sachen möchte ich allerdings doch noch ansprechen:

    • Am Ende vom ersten Abschnitt vom Prolog schreibst du: „Er öffnete die Knöpfe seines Hemdes, schlüpfte heraus und in das schwarze Teil hinein. Es war ihm fast schon zu eng. Noch ein paar Wochen zuvor hatte er es gut tragen können, doch sein Körper hatte sich schnell verändert, seitdem er sein Training intensiviert hatte.“ Hier habe ich mich gefragt, wie es sein kann, dass man durch ein intensiviertes Training dicker wird. Normalerweise hätte ich es genau anders herum erwartet: Durch das Training baut der Körper mehr Muskeln auf, diese brauchen Energie und weil diese irgendwo her kommen muss, nimmt man (auf längere Zeit betrachtet) ab. Aber vielleicht reichen für den letztgenannten Effekt ein paar Wochen auch einfach noch nicht aus.
    • Im zweiten Kapitel sind mir ein paar Stellen aufgefallen, an denen du streng genommen die Zeitformen mischst. Als Beispiel möchte ich eine davon zitieren:

      [...]
      „Eine Lichtkugel?“ Alexander wirkte plötzlich neugierig. „Was meinst du damit?“
      „Das hast du wirklich nicht gesehen, oder?“ Oliver war sich nun gar nicht mehr sicher, ob das, was er gesehen hat, wirklich passiert ist.
      [...]

      Streng genommen handelt es sich bei „gesehen hat ... passiert ist“ um eine Vorzeitigkeit, die Auswirkungen auf die Gegenwart hat. Tatsächlich richtig wäre hier aber die Vorzeitigkeit in Bezug auf die Vergangenheit, so dass der letzte zitierte Satz eigentlich „Oliver war sich nun gar nicht mehr sicher, ob das, was er gesehen hatte, wirklich passiert war.“ Aber an dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das auch erst beim genaueren Durchlesen aufgefallen ist. Es gibt viele Leute, die die Zeiten eher nach dem Bauchgefühl einsetzen und dabei den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler machen.

    • Im dritten Kapitel stimmen zwar (falls ich nichts übersehen habe) die Zeiten, dafür hast du beim Korrektur lesen ein paar Stellen übersehen, an denen die Anzahl nicht zusammen passt - wie zum Beispiel bei dem vorletzten Satz des Kapitels: „Und tatsächlich: wo sich bei einem Menschen die Nase befunden hätte, hatten diese zwei Geschöpfe nur ein großes, gelbes Augen.“ Ich denke, dass hier eher „ein großes, gelbes Auge“ hinein gehört.
    • Wenn ich schon dabei bin, Fehler aufzuzählen, möchte ich auch einen Fehler im Startpost nicht unerwähnt lassen. In dem E-Book-Tab schreibst du: „Bei Probleme bitte ich dennoch um einen Hinweis, dann versuche ich es zu fixen.“ Ich denke, es dürfte klar sein, wie es richtig lauten muss.
  • Epic 4: Tenkukai des Feuers
    Die Männer mögen das Feuer entdeckt haben. Aber die Frauen wissen besser, wie man damit spielt. — Sarah Jessica Parker



    Sie rannte so schnell sie konnte. Sorgen quälten sie. Sie spürte diese mächtige Präsenz, die darauf aus war zu töten. Nach einer Bäckerei bog sie nach links, in eine schmale Gasse, ein. Obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand, wehrten die Gebäude, die die Gasse bildeten, geschickt das Sonnenlicht ab. Hier war es schwül und dunkel.
    Ihr antrainiertes Gespür sagte ihr, wo sie lang musste. Es war ein diffuses Gefühl, so wie man spürte, wo es warm und wo es kalt war, spürte Kira Kendall die dunklen Kräfte, die ihre Stadt unsicher machten. Sie bog nach links, dann rechts. Dann schließlich sah sie die Beiden.
    Der blonde, schmächtige Junge lag am Boden, während der Kräftigere versuchte ihn hochzuziehen. Letzterer war barfuß unterwegs. Zwei Kyklopen bedrängten die beiden Jugendlichen.
    Zwei Kyklopen, dachte Kira. Zwar hatte sie zwei Tage zuvor bereits einen Kyklopen vertrieben, doch ihre Erfahrung mit diesen Ungeheuern sagte ihr, dass dies ein gefährlicher und harter Kampf werden würde.
    Kira schnipste mit den Fingern beider Hände und spürte, wie sich die angenehme Wärme über ihre Hände ausbreitete, wie die flammenden Bälle Form annahmen. Wie eine Kugelstoßerin drehte sie sich und schleuderte die feurigen Geschosse auf den Rücken eines der beiden Kyklopen.
    Das Ungeheuer brüllte auf, als sich seine versengte Haut schwarz färbte. Es drehte sich um und sah Kira mit seinem gelben, eitrigen Auge an.
    „Ihr beiden übernehmt den anderen!“, befahl Kira den Jungs, die sie erst jetzt bemerkten. Während der Kyklop sich mit holprigen Schritten auf sie zu bewegte, entfachte sie ihre Hände erneut. Die Faust des Monsters näherte sich ihrem Gesicht, eine riesige Faust, die ihr den Kopf hätte vom Rumpf abtrennen können, wenn sie nicht mit Schwung zwischen den Beinen des Kyklopen durchgerutscht wäre. Wieder prallten die Flammenkugeln gegen den Rücken des Ungeheuers.
    „Wir brauchen Hilfe!“, rief der muskulöse Junge, der den Arm des Blonden über seine Schulter gelegt hatte und ihn stützte.
    „Ihr seid Tenkukai, also handelt auch so!“, erwiderte Kira in wütendem Ton. Zwar hatte sie noch nie andere Tenkukai getroffen, jedoch hatte sie sich oft gefragt, wie stark Andere wohl seien; es war enttäuschend. Doch ihre Aufgabe war es, jene zu beschützen, die sich nicht selbst beschützen konnten. Sie rannte auf den zweiten Kyklopen, der die Jungs bedrohte, zu. Mit einem hohen Sprung landete sie auf seinen Schultern, griff um seinen Kopf herum und presste ihre brennenden Hände auf sein gelbes Auge.
    Der Schrei des Ungetüms war eine Mischung zwischen schrillem Geheule und wütendem Gebrüll. Seine massigen Hände schnellten empor, seine gewaltigen Finger umschlungen Kiras dünnen Oberkörper, fest und kräftig. Dann warf er sie mit einem Ruck nach vorn, ehe sich die feurige Kriegerin wehren konnte.
    Das Mädchen prallte gegen die Ziegelsteinwand der Gasse. Steinige Splitter rasselten zu Boden, genauso wie Kira. Sie lag nun hinter den beiden Tenkukai, die zu nichts gut waren.
    „Hilf ihr“, sagte der Blonde, lehnte sich an einen Müllcontainer. Der Braunhaarige eilte auf Kira zu, griff nach ihrer Hand, doch sie wehrte ab.
    „Ich brauche deine Hilfe nicht“, sagte sie stolz. Ihre Hände tasteten die Wand hinter ihr ab, griffen in die Rille zwischen zwei Steinen und so zog sich Kira auf. „Verschwindet von hier, wenn ihr nicht kämpfen könnt oder wollt. Hauptsache ihr steht mir nicht im Weg.“
    Die Kyklopen standen nun Schulter an Schulter. Der eine hatte sein Auge schmerzhaft zusammengekniffen, der andere starrte Kira wütend an, die ihre Arme weit nach vorn ausgestreckt hatte. Sie schloss die Augen, ließ ihren Fokus von den Schultern über die Arme zu den Händen wandern und dann ihren Körper verlassen. Sie hatte den Boden, auf dem die Kyklopen standen gut vor Augen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und mit einem lauten Knall hatte ein Feuerwirbel die Ungeheuer erfasst
    „Das hält sie nicht lange auf“, rief Kira den Jungs zu. „Wenn ihr nicht kämpfen wollt, solltet ihr die Gelegenheit jetzt nutzen und verschwinden!“ Sie versuchte sich auf das Feuer zu konzentrieren, es zu mehren, doch es fiel ihr schwer. Sie hatte schon immer Probleme damit gehabt, Flammen in der Entfernung zu kontrollieren und wachsen zu lassen.
    Der geblendete Kyklop brach aus dem Wirbel aus, setzte zu einem Sprung an. Sein massiger Körper flog nicht weit durch die Luft, doch es reichte um Kira unter sich zu begraben. Sofort erlosch das Feuer.
    Der zweite Kyklop stieg über seinen Gefährten und ging auf den blonden Jungen zu. Dieser, kaum imstande zu stehen, konnte sich den großen, fahlen Händen nicht entziehen. Das Monster zog ihn hoch, während er versuchte mit seinen Händen den Griff zu lösen. Er schlug auf die dicken Finger ein, doch es half ihm nicht. Und dann — er wusste nicht, warum er es tat — nahm er seine Hände und hielt sie dem Kyklopen vor das vergilbte Auge. Die schwüle Luft sammelte sich vor den Handflächen, verdichtete sich für den Bruchteil einer Sekunde um sich anschließend explosionsartig zu entladen. Die entstandene Windbö warf das Ungetüm nach hinten und der Tenkukai des Windes purzelte aus seinen modrigen Händen heraus auf den kalten, dreckigen Boden.
    „Wie hast du das getan?“, fragte sein Gefährte überrascht, der dem Blonden gerade hatte zur Hilfe eilen wollen und den starken Windzug bemerkt hatte.
    Die Antwort des Tenkukai des Windes ging in einem tosenden Lärm unter. Eine Feuersäule hatte den zweiten Kyklopen in die Luft katapultiert. Die Luft erhitzte sich rasant, das Feuer schien nicht aufhören zu wollen, bis Kira aus dem flammenden Strahl heraustrat und dieser schnell zusammenschrumpfte. Ihr rechter Arm hing ungewöhnlich tief und sie hielt sich die Schulter mit der Hand des anderen Arms fest.
    „Ich habe mir die Schulter ausgekugelt“, knirschte sie mit zusammengebissenen Zähne. „Gebt mir einen Moment Rückendeckung.“ Es war keine Bitte, sondern ein kühler Befehl.
    Der schmächtige Blonde humpelte auf den so kontrastierenden, kräftigen Braunhaarigen zu, während der in die Luft geschleuderte Kyklop in einen Müllcontainer einschlug und ihn dabei zerschlug.
    „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe“, gab der Schmächtige zu. Seine Atmung ging schnell, er war erschöpft.
    „Es ist einfacher für dich“, antwortete Kira, die dabei war, ihren verletzten Arm zwischen einem Müllcontainer und der Backsteinwand zu fixieren. „Du musst nur die Luft um dich herum nutzen. Feuer zu erzeugen erfordert mehr Konzentration.“ Mit einer flotten Bewegung kugelte sie ihre Schulter wieder ein wobei sie einen Schmerzensschrei zu einem leisen Stöhnen unterdrückte.
    Jetzt war Kira wütend. Ihre Schulter schmerzte, auch wenn sie spürte, wie sie bereits heilte. Sie war dreckig vom staubigen Boden, doch die Flammen, die sie erzeugt hatte, hatten keine Spuren an ihr oder ihrer Kleidung hinterlassen. Sie sah hinüber zu dem Kyklop, der vom Angriff des Tenkukai des Windes zu Boden geworfen worden war, sich nun aber aufraffte.
    „Du blödes Vieh!“, fluchte Kira. Sie streckte ihren rechten Arm aus. Aus ihrer Handfläche brachen Flammen heraus, formten sich zu etwas länglichem, verfestigten sich schließlich zu einer schwarzen, breiten Klinge. Mit einem starken Griff hielt sie das Schwert gekonnt in den Händen, ging zielstrebig auf den Kyklopen zu, der mit seinem Arm ausholte. Kiras Reflexe waren schnell und geübt, sie wich der massigen Faust aus und rammte dann mit einem Stoß die dunkle Klinge von unten in den Bauch des Ungeheuers, schob sie gar mit aller Kraft bis zur Parierstange in den Körper hinein.
    Mit einem Gebrüll fiel das Geschöpf auf die Knie. Eine gelbe Flüssigkeit trat aus der Wunde hervor, tropfte von der Parierstange ab. Kira schloss schwer atmend die Augen und entzündete das Schwert mit ihren Gedanken. Unter einem grausigen Gestöhne verlor der Kyklop an Masse, schrumpfte und fiel in sich zusammen. Es war, als zerfiele er zu Staub, dass die Flammen verschlangen.
    Kira sah, wie der Blonde seine Augen bei dem gequälten Schrei des Ungeheuers zukniff. Ob er Mitleid empfand, obwohl das Ungeheuer versucht hatte, sie zu töten? Kiras Blick wanderte dann auf den Müllcontainer, den der andere Kyklop bei seiner Landung zerstört hatte. Vom Kyklopen war nichts mehr zu sehen, stattdessen bedeckte dunkler, gelber Sand die Überreste des Containers. Auch der unnütze Tenkukai des Wassers hatte bemerkt, dass der Kyklop nicht mehr war.
    „Sie zerfallen bei ihrem Tod“, erklärte Kira, die sich nun erschöpft an eine Wand lehnte. Das Schwert war mit einem Flammenblitz verschwunden.
    „Hast du kein schlechtes Gewissen?“, fragte Blonde, der sich zu Boden fallen gelassen hatte, um sein angeschlagenen Knöchel nicht weiter zu belasten.
    „Er wollte dich töten und dir den Tenku aus der Brust reißen. Kyklopen sind Wesen ohne Verstand, einzig darauf aus zu töten. Außerdem leben sie ohnehin nur ein paar Tage. Es sind künstlich geschaffene Kreaturen“, erklärte Kira gelangweilt. Ihr Körper beruhigte sich langsam. Und doch, sie ärgerte sich über den Jungen. Er hatte Mitleid mit einem Monstrum.
    „Interessant.“
    Kira bemerkte die Frauenstimme und sah sich mit eilendem Blick um. Die Frau aus der Nacht zwei Tage zuvor war plötzlich am zerstörten Container aufgetaucht. Sie begutachtete die verbrannten, staubigen Überreste des Kyklopen.
    „Du“, sagte Kira abschätzig.
    „Ja, wir kennen uns noch nicht“, erwiderte die Frau, die wieder einen langen weißen Kittel trug. Sie ging auf Kira zu und reichte ihr die Hand. „Doktor Veronika Devon.“
    „Interessiert mich nicht“, wimmelte Kira ab. Sie hatte sich von der Wand gestemmt und war imstande, die Gruppe zu verlassen.
    „Ja, deinen Namen kenne ich bereits, Kira Kendall“, rief ihr die Wissenschaftlerin hinterher. „Es ist nur schade, dass du auf die Sankt-Barbara-Schule gehst. Ich kann schließlich nicht an zwei Schulen arbeiten.“
    Kira hielt inne, drehte sich sogar um. „Woher weißt du das?“
    „Ich habe viele Quellen. Deine Freunde, Oliver und Alexander, haben diese Erfahrung auch schon machen müssen. Aber keine Angst, ich gehöre zu den Guten“, erklärte Devon mit einem versuchten, aber nicht besonders erfolgreichem Lächeln.
    „Haltet euch von ihr fern. Und von mir auch“, forderte Kira die Jungs auf. „Es ist nicht gut, wenn jemand unser Geheimnis kennt.“ Sie drehte sich wieder um.
    „Willst du jetzt einfach gehen? Du könntest uns so viel erklären!“, rief Alexander ihr hinterher. Er fühlte sich ausgeschlossen. Kira und Doktor Devon wussten viel mehr als sie preisgaben und Oliver hatte es zumindest mit einem der Monster aufgenommen.
    „Ich habe euch nichts zu erklären. Und ohnehin, Wasser und Feuer machen kein gutes Team“, schnaubte Kira, dann ging sie los, bog ab und ließ die schwachen Tenkukai und die mysteriöse Frau hinter sich zurück.
    Wer war diese Frau? Sie trug die Tenku bei sich, als Kira sie zum ersten Mal gesehen hatte, gut behütet in einem Koffer. Ihr Auftauchen war ein Problem für Kira, soviel war ihr klar. Drei Kyklopen in drei Tagen war viel Arbeit, vor allem aber gefährliche Arbeit.
    „Könnte sie zum Orden gehören?“, murmelte Kira abwesend, während sie die Gasse verließ und endlich wieder Sonnenlicht auf ihrer blassen Haut spürte. Die Sonnenstrahlen waren warm, ein wunderbares Gefühl für die Tenkukai des Feuers.

  • Nachdem ich bei den meisten aktiven Werken des allgemeinen Fanfictionbereiches mit seit Längerem unkommentierten Kapiteln Abhilfe geleistet habe, kann ich mich jetzt (immer noch im Zuge des Kommentar-Marathons) um dein neues Kapitel kümmern. Vorweg möchte ich erwähnen, dass der Startpost nach meinem Empfinden jetzt deutlich besser aussieht. Gegen die Verwendung des Tabmenüs bei der Beschreibung der in der Geschichte auftauchenden besonderen Begriffe und Städte habe ich übrigens gar nichts einzuwenden - an der Stelle hätte ich wahrscheinlich auch selbst ein solches verwendet.


    Das neue Kapitel ist (genau wie die voraus gehenden) gut ausgearbeitet und lässt sich gut lesen. Tatsächlich hatte ich nicht erwartet, dass es aus dem Blickwinkel der Tenkukai des Feuers erzählt sein würde, die bis jetzt ja nur als rätselhafte Nebenfigur vorgekommen ist. Dass sie ähnlich wie Alex und Oliver einen realen Hintergrund hat und irgendwo zur Schule geht, hätte ich mir eigentlich aus den Informationen der voraus gehenden Kapitel zurecht reimen können, aber weil ich an der Stelle zwei und zwei nicht zusammengezählt hatte, hatte ich das so nicht erwartet - wobei es mich auch nicht wirklich überrascht hat.


    Wie üblich habe ich das Kapitel übrigens nicht einer Rechtschreibprüfung unterzogen oder explizit nach Rechtschreibfehlern gesucht, sondern es mir einfach nur ganz entspannt vom Computer vorlesen lassen. (Längere Texte am Bildschirm zu lesen ist mir zu anstrengend.) Dabei habe ich dieses Mal allerdings sehr genau auf Stellen geachtet, die sich nicht gut anhören:


  • Epic 5: Gute Taten
    Kritik ist gut, Vorbild ist besser. — Lothar Schmidt



    Weißes Licht erfüllte die Nacht. Der Vollmond stand hoch oben am wolkenlosen Himmel; er hatte sich zu den kleinen, viel weiter entfernten Sternen gesellt. Die Sommernacht war erfrischend kühl im Vergleich zu der sengenden Tageshitze.
    Oliver saß auf seinem Balkon, hatte seinen nackten Fuß auf einem anderen Stuhl hochgelegt. Er war noch leicht geschwollen, doch er konnte wieder gehen. Der Kyklop hatte ihn zwar verletzt, doch sein Tenku hatte ihn gut geflickt, wie Doktor Devon vorausgesagt hatte. Sie hatte ihn nach Hause bringen wollen, doch Oliver war nicht geheuer bei dem Gedanken gewesen in einem Auto mit der Wissenschaftlerin zu sein. Er kannte sie nicht gut genug. Sicherlich, sie hatte ihm und Alexander geholfen, doch war sie mysteriös, geheimnisvoll und verschlossen.
    Oliver lehnte sich zurück und genoss den Vollmond. „Ob es wohl Werwölfe gibt?“, fragte er sich laut. Nein, bisher hatte er nicht an Werwölfe geglaubt, aber nachdem sich Kyklopen als sehr lebendig erwiesen haben, hielt er die Existenz von sich an Vollmond in Wölfe verwandelnden Menschen für absolut nicht abwegig. Schließlich hatte er sich selbst in gewisser Weise verwandelt. Er hob seine Hand ein wenig, öffnete sie schalenförmig und konzentrierte sich auf die Luft. Er versuchte sie mit seinem Blick in die geöffnete Hand zu lenken, doch es gelang ihm nicht. Oliver hatte es bereits einige Male diesen Abend probiert, doch ohne Erfolg.
    Ein vibrierendes Geräusch drang in seine Ohren und sein Blick fiel sofort auf sein Handy auf dem Tisch. Jasmin rief ihn an.
    „Hallo Jasmin“, meldete sich Oliver, als er das Telefon an sein Ohr hielt.
    „Oliver! Wie geht es dir?“ Jasmins vertraute, beruhigende Stimme tat Olivers Ohren gut. Wie ein Fels in der Brandung strahlte sie eine gewisse Sicherheit aus, die Oliver in den letzten Tagen verloren geglaubt hatte. Er antwortete ihr und schnell fand Jasmin das Thema, weswegen sie angerufen hatte. „Wie ist euer Gespräch verlaufen? Mit Alexander?“
    „Oh“, setzte Oliver an, um sich selbst eine kurze Denkpause zu geben. Er konnte ihr nicht erzählen, dass er einen Kyklopen bekämpft hatte, nicht weil das unglaubwürdig schien, sondern weil Jasmin jede Form der Gewalt strikt ablehnte. Aber das Gespräch, das er mit Alexander geführt hatte, war ziemlich erfolgreich gewesen, wie Oliver fand. „Wir haben uns ausgesprochen. Er ist eigentlich gar nicht so furchtbar.“
    „Natürlich nicht. Menschen sind nie furchtbar“, erwiderte Jasmin mit einem leicht tadelnden Unterton in ihrer sonst sanften Stimme.
    „Außer Mike, ich weiß“, antwortete Oliver mit rollenden Augen.
    „Ach, fang nicht mit dem an. Er ist mittlerweile fest davon überzeugt, dass ich Interesse an ihm habe.“ Oliver hatte das ziemlich sichere Gefühl, dass diesmal Jasmins Augen gerollt haben. „Er wird mich morgen furchtbar belagern.“
    „Halt dich einfach an Malte. Den wird Mike nicht mal dir zu liebe ertragen“, sagte Oliver mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er mochte Malte, doch die Fußballer fanden ihn furchtbar und zeigten ihm das auch des Öfteren. Doch Mike war Oliver von allen Fußballern am sympathischsten. Er war nicht gemein wie Alexander und der Rest der Mannschaft, insbesondere in Jasmins Anwesenheit nicht.
    „Und dich werde ich auch brauchen“, ergänzte Jasmin. „Aber es ist spät. Wir reden morgen weiter, okay? Dann schlaf gut, Oliver!“
    Oliver schüttelte grinsend den Kopf. Jasmin war wirklich die beste Freundin die man sich wünschen konnte.


    Stunden später war der helle Mond von der gleißenden Sonne ersetzt worden. Der Morgen begann so wolkenlos wie die Nacht aufgehört hatte und die Frische war schnell vergangen. Langsam füllte sich der Hof hinter dem alten Schloss, in dem die Schule hauste, mit den Schülern. Manche, hauptsächlich die Älteren, ätzten unter der Hitze, doch die jüngeren Schüler spielten vergnügt.
    Oliver wurde fast von zwei Fünftklässlern umgerannt, als er mit Jasmin den Schulhof erreichte. Sie waren spät dran, gleich würde der Unterricht beginnen, aber natürlich würde kein Schüler vor dem Läuten daran denken, den Klassenraum aufzusuchen. Die beiden Freunde nahmen eine Treppe nach unten, gesäumt von bunten, blütentragenden Büschen und verschwanden im schwülen Schatten. Von hier führte die Tür zum Kunsttrakt im Keller des Schulgebäudes, aber auch ihr Raum für ihren Englischunterricht befand sich hier. Als Oberstufenschüler genossen Oliver und Jasmin das Privileg, sich auch außerhalb der Unterrichtszeiten im Schulgebäude aufhalten zu dürfen.
    Sie gingen durch den alten Flur. Im Innern hatte die Schule nicht sehr viel von einem Schloss. Der Boden war mit blauem Linoleum ausgelegt, die Wände weiß verputzt und mit Kunstwerken der Schüler dekoriert. Eine der Halogenlampen an der Decke flackerte nervtötend.
    Vor dem Raum standen bereits einige Schüler. Oliver erkannte Mike, der etwas abseits stand, und auf dessen gebräuntem Gesicht sich ein Lächeln ausbreitete, als er Jasmin erkannte. Alexander hingegen fand Oliver nicht sofort. Für einen Moment dachte er, Alexander sei noch draußen an den Tischtennisplatten, doch er sah die Jungs, mit denen er die Schulzeit verbrachte. Nicht alle waren in seiner Fußballmannschaft, doch sie alle waren groß gewachsen und sportlich. Oliver ließ Jasmin zurück — eine Gelegenheit, die Mike sofort am Schopfe packte — und näherte sich der Sportlertraube. Er hörte das Gejohle, das Gelächter.
    Der dickere Junge mit den roten Haaren und dem blauen Superman-T-Shirt, war von Alexanders Gruppe umkreist und musste ihren Spott ertragen. Oliver stellte zu seinem Bedauern fest, dass Alexander auch zu denen gehörte, die lachten. Ihm war klar, wer den Spruch, der für diese Paviane so erheiternd war, gebracht hatte.
    „Na, Queipo, wieder dabei anderen Menschen den Tag zu versauen?“, fragte Oliver mit einer Portion Selbstbewusstsein, die ihn selbst überraschte. Oliver war zwar ein ängstlicher Mensch, aber keinesfalls ein Feigling. Er hatte von Jasmin die Abscheu gegenüber Mobbing, Ausgrenzung und systematischen Gemeinheiten übernommen, doch heute war es ihm danach, Fernando Queipo nicht nur zu verabscheuen, sondern auch mal etwas Richtiges zu tun.
    „Olli, gefiel es dir etwa, eine Faust im Gesicht zu spüren?“, erwiderte der große, schwarzhaarige Junge. Er war deutlich größer als Oliver und sah mit voller Arroganz zu seinem Herausforderer hinunter.
    Oliver bereute für einen Moment, den Held spielen zu wollen. Er wusste nicht wie es kam, möglicherweise lag es an seinem Sieg gegenüber den Kyklopen, aber das war mehr Glück als Können. Und er wollte Fernando ganz gewiss nicht wehtun. „Lasst einfach Malte in Ruhe“, versuchte Oliver zu deeskalieren. Er suchte für einen Moment den Blick zu Alex, der ihn aber nicht erwiderte und wandte sich dann Malte zu. „Komm, Jasmin steht hinten und muss vor Mike gerettet werden.“
    Malte ließ sich das nicht zweimal sagen, eilte an Fernando und den anderen vorbei und stellte sich zu Oliver, ohne ein Wort zu sagen.
    Oliver wollte sich umdrehen und zurück zu Jasmin, doch Queipo hatte ihn an der Schulter gepackt. Olivers braune Augen trafen auf die noch brauneren Augen Queipos und für einen Moment fürchtete er die Eskalation.
    „Ich lass mir von dir Prinzessin nicht in meine Morgenbeschäftigung hineinpfuschen“, machte Fernando Queipo deutlich, als er Oliver zu sich gezogen und seinen Arm bedrohlich um seine Schulter gelegt hatte.
    Oliver überlegte, was er erwidern konnte, doch es fiel ihm nichts ein. Glücklicherweise war das auch nicht notwendig.
    „Lass ihn los!“ Alexander hatte Queipos breiten Arm von Olivers Schulter geworfen. „Ich habe keine Lust auf noch mehr Ärger wegen ihm“, rechtfertigte Alexander seine Handlung vor dem größeren Jungen. Oliver entging nicht der abschätzige Ton, mit dem Alexander „ihm“ gesagt hatte, doch er glaubte zu verstehen, was Alex’ Vorhaben war. Er wollte sein Gesicht wahren und zugleich Oliver helfen.
    „Na schön, Alex, wie du meinst“, gab Queipo schließlich nach.
    Oliver entfernte sich von Alexander, Fernando und den anderen Jungs und folgte Malte zu Jasmin. „Solche Idioten“, sagte Oliver kopfschüttelnd und an Mike gewidmet.
    „Sie spielen nur“, verteidigte Mike seine Freunde, mied aber den Blick auf Malte.
    „Spielen? Sie ärgern Menschen, die mir was bedeuten. Das ist abartig“, machte Jasmin sehr deutlich. Ihr Gesicht hatte sich verzogen, so als hätte sie einen ekelhaften Geruch aufgeschnappt.
    „Ich werde mal mit ihnen reden“, gab Mike schließlich nach und verließ Olivers Gruppe um in seine zurückzukehren.
    „Danke“, sagte Malte schließlich. „Ohne dich wäre ich da nicht rausgekommen, Olli.“
    „Das war wirklich mutig“, stimmte Jasmin zu, auch wenn sie nicht alles mitbekommen hatte. „Aber auch gefährlich. Gerade erst hat Alexander dich schließlich geschlagen!“
    Oliver zuckte die Achseln. „Das war nichts“, spielte er seine Leistung herunter. Ehe er etwas Weiteres hinzufügen konnte, schloss Frau Bärenknecht das Klassenzimmer auf und beendete so das Gespräch.


    Der Raum hatte sich verändert. Die pastellgelben Wände waren weiß gestrichen, die Bilder waren entfernt worden. Das Eichenholzmobiliar hatte sie durch moderne Möbel ersetzen lassen. Das Büro der Schulsozialarbeiterin hatte seine Wärme verloren und wirkte nun klinisch und wenig einladend.
    Alex saß auf einer ledernen Couch, hatte sich zurückgelehnt und wartete darauf, dass Doktor Devon ihnen erzählte, warum sie ihn und Oliver her zitiert hatte. Die Doktorin schenkte gerade mit zittrigen Händen heißes Wasser in schwarze Tassen. Sie wirkte als Gastgeberin deutlich weniger souverän denn als Monsterforscherin, dachte Alexander.
    „Nun, ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Hier, bitte“, sagte Veronika Devon, als sie Oliver eine Tasse Tee reichte. „Ich schätze, Kira wird meiner Einladung nicht entsprechen, deshalb lohnt es nicht, zu warten.“ Die Wissenschaftlerin reichte nun auch Alex eine Tasse, nahm dann auf ihrem großen Sessel Platz.
    „Ich denke kaum, dass Kira was mit uns zu tun haben will“, erwiderte Oliver, der seine Tasse auf einem Tischchen neben ihm abgestellt hatte.
    „Das Gefühl hatte ich auch“, antwortete Doktor Devon. Sie wirkte müde. Ihre Augen waren von dunklen Schatten unterstrichen. „Aber dennoch wäre es besser, wenn wir Kontakt aufbauen würden. Auch sie braucht meinen Schutz. Und sie kann euch viel besser lehren, eure Tenku zu nutzen.“
    „Als ob sie Schutz braucht“, schnaubte Alex. Es war das erste Mal, dass er was sagte, seitdem er das Büro betreten hatte. Er musste daran denken, wie hilflos er war, während das Mädchen riesige Monster besiegte. Und sogar Oliver, ein Schwächling, konnte sich wehren, während Alex nur tatenlos zusehen konnte.
    „Oh, verteidigen kann sie sich sehr wohl, das ist mir bewusst. Aber vor Ungeheuern kann ich euch ohnehin nicht schützen. Nur vor der Öffentlichkeit“, antwortete Doktor Devon. Sie nippte vorsichtig an ihrer Tasse.
    Daran hatte Alexander bisher nicht gedacht. Natürlich war ihm klar, dass er seinem Vater nicht einfach erzählen konnte, dass er von Kyklopen bedroht wurde. Doch dass so gut wie kein Mensch was davon mitkriegen durfte, das war ihm bisher nicht wirklich bewusst gewesen.
    „Und wie?“, fragte Oliver kritisch.
    „Ich habe meine Mittel. Aber das spielt auch keine Rolle“, wechselte Doktor Devon das Thema. „Wie ihr ja wisst, suche und studiere ich Tenku. Nun sind die Tenku keine Allerweltsgegenstände, die man überall und jederzeit trifft. Deshalb hat es mich gestern Abend so überrascht, als meine Geräte eine höhere Präsenz an Tenku-Energie registrierten.“ Die müden Augen funkelten wie die eines Kindes, das gerade ein Geschenk auspackte.
    „Noch ein Tenku?“, fragte Oliver. Er wirkte misstrauisch, fand Alex. Bisher hatte er den Eindruck gemacht, die ganze Angelegenheit wenig zu hinterfragen, doch dieses Bild hatte Alex mittlerweile nicht mehr.
    „Nun, die Energie, die ich beobachte, schwankt immer. Während eures Kampfes gegen die Kyklopen war natürlich viel mehr dieser mysteriösen Tenku-Energie wahrzunehmen. Doch gestern stieg sie ungewöhnlich hoch. Es gibt eigentlich nur die eine Erklärung: ein vierter Tenku muss sich in der Nähe befinden.“ Die Augen der Doktorin funkelten nun wie frisch geschliffene Diamanten.
    „Wie viele Tenku gibt es überhaupt?“, fragte Alexander. Wenn es allein in Rothfurt schon vier gab, dann müssten es insgesamt unzählige sein.
    „Das kann ich nicht sicher sagen. Ich habe die Anzahl der Tenku auf der Erde früher auf ein bis zwei Dutzend geschätzt, doch seitdem ich meine Geräte verbessert habe, musste ich meine Schätzung nach oben korrigieren. Es sind viel mehr als ich lange Zeit dachte“, antwortete Doktor Devon. Sie hatte sich erhoben und den Sessel umkreist, lehnte nun mit den Ellbogen auf der Lehne.
    „Und jetzt wollen Sie den vierten Tenku suchen, nehme ich an?“ Oliver setzte mit seinen Lippen an der Tasse an, doch der Tee war ihm wohl noch zu heiß, denn er stellte die Tasse schnell wieder ab.
    „Sicherlich. Der Tenku war vorher nicht hier, möglicherweise wird er von euch dreien angezogen“, sagte die Wissenschaftlerin mit einem raschen Blick auf ihre Uhr.
    „Es sind doch Steine?!“, warf Alex ein. Er dachte an das Bild, das Devon ihnen auf ihrem Tablet gezeigt hatte.
    „Ja. Wahrscheinlich ist es ein Tenkukai“, verbesserte Veronika Devon sich. „Nun denn, ich werde mich heute Abend auf die Suche machen. Alex, für dich habe ich folgende Aufgabe …“
    „Ich habe schon genug zu tun“, erwiderte Alex genervt. Er hatte keine Lust auf weitere Hausaufgaben.
    „Ich möchte, dass du lernst deinen Tenku zu benutzen. Setz dich in eine Badewanne, spring in einen See oder tanz im Regen, aber komm mit Wasser in Kontakt“, befahl Doktor Devon.
    „Nun, da habe ich es ja doch etwas einfacher“, sagte Oliver grinsend, doch verstummte sofort wieder, als er den bösen Blick bemerkte, den Alex ihm zuwarf.
    „Für dich habe ich auch eine andere Aufgabe: nimm Kontakt zu Kira auf.“
    Und plötzlich freute Alex sich über seine Aufgabe. Er sollte sich in diesem heißen Sommer einfach nur abkühlen. Oliver hingegen war dazu verdammt, sich die Finger zu verbrennen.


    __________________________________________________


    So Feuerdrache,


    erstmal Entschuldigung dafür, dass ich auf deinen ersten Kommentar nicht reagiert habe. Ich bin mir zwar sicher, dazu irgendwas geschrieben zu haben, aber scheinbar ist das verloren gegangen. Wie dem auch sei...


    Danke für deine beiden Kommentare. Das Topic hier war tatsächlich eingeschlafen und erst durch dich wurde ich aufmerksam darauf, dass die Titelgrafik Probleme machte. Das habe ich verbessert und deine Kritik zum Startpost hoffentlich ordentlich umgesetzt.


    Im zweiten Kapitel sind mir ein paar Stellen aufgefallen, an denen du streng genommen die Zeitformen mischst. Als Beispiel möchte ich eine davon zitieren:
    [...]
    Im dritten Kapitel stimmen zwar (falls ich nichts übersehen habe) die Zeiten, dafür hast du beim Korrektur lesen ein paar Stellen übersehen, an denen die Anzahl nicht zusammen passt - wie zum Beispiel bei dem vorletzten Satz des Kapitels: „Und tatsächlich: wo sich bei einem Menschen die Nase befunden hätte, hatten diese zwei Geschöpfe nur ein großes, gelbes Augen.“ Ich denke, dass hier eher „ein großes, gelbes Auge“ hinein gehört.

    Da hast du vollkommen Recht und ich habe es bereits in meiner Arbeitsdatei verbessert. Die Kapitel hier im Bisaboard werde ich natürlich auch noch aktualisieren. Solche Tempusfehler sind immer blöd, kommen mir aber beim Plusquamperfekt öfter mal vor. Die in deinem zweiten Kommentar genannten Fehler werde ich natürlich auch noch angehen.


    Ansonsten: Danke noch mal für deinen Kommentar, der mich doch wieder motiviert hat.

  • Ich habe zwar erst vorgestern das vorige Kapitel kommentiert, aber irgendwie bin ich gerade in Kommentier-Stimmung, weshalb ich dir jetzt auch zu dem gestrigen Kapitel etwas Feedback geben möchte:


    Nach einem actionreichen vierten Kapitel haben wir es hier mit einem deutlich ruhigeren Kapitel zu tun, in dem - soweit ich das als Leser beurteilen kann - nicht viel passiert, was für den großen Handlungsverlauf wichtig wäre: Oliver und Alex gehen wieder einmal zur Schule und müssen sich mit ihren Schulkameraden beschäftigen. In der zweiten Hälfte gehen sie zu einem Treffen mit der Schulsozialarbeiterin Doktor Devon, wo sie erfahren, dass in der Gegend noch ein vierter Tenkukai aufgetaucht sein müsse.
    Natürlich tritt die Handlung in diesem Kapitel quasi auf der Stelle, aber dennoch finde ich, dass solche Kapitel einer Geschichte durchaus gut tun, wenn sie in der richtigen Mischung mit actionreicheren Kapiteln auftreten. Auch das fünfte Kapitel liest sich gut, und die hier geschilderten Nebenhandlungen - wie zum Beispiel die Interaktion mit den Mitschülern - bieten auch genügend interessanten Lesestoff für das Kapitel.


    Was Fehler angeht, hatte ich beim Durchlesen (oder beim Anhören des vom Computer vorgelesenen Textes) nicht das Gefühl, dass irgendwo welche vorhanden sind. Bei einer Stelle bin ich zwar der Meinung, dass sich ein Satz durch eine Umstellung der Wörter etwas besser anhört, aber das würde ich jetzt nicht als Fehler bezeichnen:


    Oliver lehnte sich zurück und genoss den Vollmond. „Ob es wohl Werwölfe gibt?“, fragte er sich laut. Nein, bisher hatte er nicht an Werwölfe geglaubt, aber nachdem sich Kyklopen als sehr lebendig erwiesen haben, hielt er die Existenz von sich an Vollmond in Wölfe verwandelnden Menschen für absolut nicht abwegig. Schließlich hatte er sich selbst in gewisser Weise verwandelt. Er hob seine Hand ein wenig, öffnete sie schalenförmig und konzentrierte sich auf die Luft. Er versuchte sie mit seinem Blick in die geöffnete Hand zu lenken, doch es gelang ihm nicht. Oliver hatte es diesen Abend bereits einige Male diesen Abend probiert, doch ohne Erfolg.


    Ob ich auch bei deinen nächsten Kapiteln regelmäßig Kommentare schreibe, weiß ich noch nicht. Wie gesagt bin ich im Moment gerade in der Stimmung dafür, aber wie weit diese über das Ende des Kommentar-Marathons anhalten wird, kann ich noch nicht sagen. Auf jeden Fall werde ich deine Fanfiction weiter verfolgen, und wenn es außer „Gut gemacht. Weiter so“ etwas zu sagen gibt, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass ich mich ab und zu mal melde.