[Kalos] Feurige Leidenschaft

  • 33. KapitelVertrauen


    Nachdem sich Louna von Dash und DJ verabschiedet hatte und den beiden noch kurz nachgesehen hatte, war sie auch bereit zu gehen. Der Tag im Park war großartig gewesen. Sie hatte Xelifs Libelldra kennenlernen dürfen, was ein imposantes Drachen-Pokémon war und einen ziemlich starken Eindruck hinterlassen hatte. Außerdem hatte sie mit ihren Pokémon ein wenig herumtoben können. Arcus und Chiari benötigten nicht viel Motivation, um sich ausgiebig zu bewegen, aber selbst Fabula hatte sich dem Spiel der anderen beiden angeschlossen, wenn auch noch etwas zurückhaltend. Immer wieder hatte sie zu Louna vorsichtige Blicke geworfen, als wollte sie sich davon überzeugen, dass alles in Ordnung war und von nirgendwo Gefahr drohte. Louna hatte natürlich aufgepasst und wenn Fabula ihre Nähe gesucht hatte, war sie gleich belohnt worden. Je mehr Louna ihre Pokémon kennenlernte, desto mehr mochte sie die. Besonders Fabula schlich sich unablässig in ihr Herz. Sie war nicht nur ein süßes Pokémon, sondern auch ein seltenes Fynx. Die graue Fellfarbe war ungewöhnlich, weswegen Fabula auch bei anderen Parkbesuchern Aufmerksamkeit erregt hatte. Zwischendurch waren auch ein paar Leute zu Louna gekommen und hatten wissen wollen, woher sie Fabula hatte, aber da die Kleine zu schüchtern gewesen war, hatte niemand sie anfassen und streicheln dürfen. Louna fand das nicht schlimm. Sie wollte ihre Pokémon nicht dazu zwingen, sich von fremden Händen antatschen zu lassen. Es war in ihren Augen daher völlig in Ordnung, wenn Fabula ein wenig zurückhaltender gegenüber Fremden war. Zudem war es ganz gut, weil dadurch ihr Pokémon vorsichtig war und nicht jedem vertraute. Nur mit Unwohlsein blickte Louna auf das Intermezzo in Aquarellia zurück, als so ein seltsamer Dieb Fabula entführen wollte. Das hatte sie ziemlich erschreckt. Wieso machten Menschen so etwas? Aus blanker Profitgier? Louna schüttelte den Kopf und war dabei den Rand des Parks zu erreichen. Dabei schob sie ihr Fahrrad neben sich her, während ihre Pokémon neben ihr herliefen. Chiari war noch jung und sah deutlich müder aus als noch vor wenigen Stunden. Sie hatte sich mit dem Spielen gut ausgepowert und würde die Nacht gut schlafen können. Auch Arcus war nicht mehr ganz so energiegeladen, war aber noch deutlich fitter und munterer als Chiari. Fabula hingegen ging dicht neben Lounas Beinen her und folgte ihr auf Schritt und Tritt. Wenn sie ehrlich war, dann gefiel es Louna sehr, dass Fabula mittlerweile eine solche Bindung zu ihr aufgebaut hatte und sie als ihre Trainerin ansah. Oder vielleicht einfach nur als Pokémon-Mutti? Auch Fabula war noch ein recht junges Pokémon und brauchte wohl jemanden, um sich orientieren zu können und sich sicher zu fühlen.
    Louna hob den Kopf und entdeckte in dem Moment einen Schatten unter einem Baum. Ein junger Mann stand angelehnt an der Rinde und hatte seine Arme vor der Brust verschränkt. Seine Sonnenbrille verdeckte seine blauen Augen, kurze schwarze Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht und zu seinen Füßen lag sein treustes Pokémon und hechelte obgleich der Wärme, die der Sommer mit sich brachte. Im Schatten des Baumes war es bestimmt angenehmer, da aber die Sonne sich auch langsam dem Horizont entgegen neigte, ließen auch langsam die Temperaturen nach. Kalt wurde es deswegen noch lange nicht. Das angenehme warme Wetter würde jetzt erst einmal für einige Wochen bestehen bleiben, so der Wetterbericht im Fernseher.
    »Hallo Soul, wie lange stehst du schon dort?«, sprach Louna den jungen Mann an, als sie ihn erreicht hatte und hob die Hand, um ihre Augen abzuschirmen. Im Gegensatz zu ihm besaß sie keine Sonnenbrille und wurde daher von einem vorwitzigen Sonnenstrahl, der genau durch das Blätterdach auf sie schien, geblendet.
    »Ein Weilchen«, antwortete Soul und stieß sich leicht vom Baumstamm ab, um sich bereit zum Weitergehen zu machen. Auch Dael zu seinen Füßen stand auf, wurde aber von Arcus und Chiari gleich belagert und begrüßt. Die Pokémon verstanden sich so gut, dass Louna wieder automatisch lächeln musste. Sie mochte diesen Anblick sehr!
    »Wieso bist du dann nicht zu uns gekommen?«, wollte sie derweil von Soul wissen. Wenn er schon eine Weile im Park war, hätte er doch zu ihnen kommen können! Er räusperte sich kurz.
    »Ich wollte euch nicht stören«, gab er zu und sah auf die Straße, die am Park entlang führte. Sie mussten dort lang, wenn sie nach Hause wollten.
    »Unsinn, du störst doch nicht!«, beharrte Louna und sah Soul direkt an. Er wandte sich von der Straße ab und erwiderte ihren Blick, doch wegen seiner Sonnenbrille konnte sie leider seinen Ausdruck nicht ganz deuten. Sie entschieden sich weiterzugehen. Louna würde ihr Fahrrad schieben, da Soul zu Fuß hier war. Sie wusste noch nicht einmal, ob er überhaupt ein Fahrrad besaß, ging aber nicht davon aus. Schließlich hatte er keines mitgenommen, als er aus seiner Wohnung gezogen war. Oder geflüchtet … oder heraus geworfen wurde. Wie auch immer man das genau nennen wollte. Schön war es nicht gewesen.
    Fabula wurde wieder in das Fahrradkörbchen gesetzt, so dass sie den besten Ausblick aller Pokémon hatte. Arcus und Chiari blieben auf dem Boden und würden um sie herum wuseln. Jetzt, wo auch noch Dael dabei war, waren die beiden wieder munterer als zuvor, besonders Chiari.
    »Wie war dein Tag gewesen?«, wollte Louna von Soul wissen, als sie den Park hinter sich ließen und sich auf den Heimweg machten.
    »Lang«, antwortete er knapp und Louna sah ihn mit hoch gezogenen Augenbrauen von der Seite an.
    »Wow, das ist aussagekräftig«, meinte sie, musste aber den Kopf schütteln und lachen. Sie sollte es gewöhnt sein, dass er sich nur selten ausführlich ausdrückte. Das war so typisch für ihn! Diesmal nahm sie es ihm nicht übel. Wenn er nichts erzählen wollte, hatte er bestimmt seine Gründe. Vielleicht war auch gar nichts Spannendes passiert, so dass er nicht viel zu berichten hatte? Doch sie irrte sich. Denn obwohl sie nicht weiter nachgefragt hatte, bekam sie doch noch eine ausführlichere Antwort von ihm. Er würde jetzt nicht wirklich anfangen mit ihr zu plaudern? Doch nicht der Soul, den sie kannte!
    »Ich hab nach einer neuen Wohnung gesucht«, begann er und weckte Lounas Interesse. Sie wollte natürlich wissen, ob er Erfolg gehabt hatte, aber sein Kopfschütteln verriet es bereits.
    »Solange ich keinen Job habe und ein regelmäßiges Einkommen ist es so gut wie unmöglich eine Wohnung zu bekommen.« Das ärgerte ihn am meisten. Die Vermieter gaben ihm dadurch gar keine Möglichkeit wieder selbstständig zu sein. Klar benötigte er eine Arbeit und Geld, aber wenn er nicht einmal eine Wohnung hatte, und wenn es nur eine kleine war, dann würde er die ganze Zeit bei Louna hocken müssen. Oder auf der Straße. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Eltern damit einverstanden waren, wenn er wochenlang bei ihnen hauste. Bisher war es nur eine Nacht gewesen, aber aus einer Nacht konnten viele Nächte werden. Er wollte der Familie Lavie nicht länger als nötig zur Last fallen. Schließlich war er in seiner Vergangenheit auch immer alleine zurecht gekommen, hatte sich um alles alleine gekümmert. Selbst in seiner Kindheit hatte das schon begonnen. Da hatten seine Eltern sich auch nicht großartig darum geschert, was aus ihm wurde.
    »Dann wäre es besser, erst einmal nach einer Arbeit zu suchen, hm? Hast du einen Beruf gelernt?«, wollte Louna von ihm wissen und riss ihn aus vergangenen Familienerinnerungen heraus. Dankbar war er dafür, denn nichts mehr hasste er als seine Vergangenheit. Sie war nicht besonders erzählenswert. Ein kurzes Zögern seinerseits zeigte allerdings Louna, dass er erst etwas anderes darauf antworten wollte, ehe seine Lippen die Worte formten, die er preis gab.
    »Nein«, sagte er. Oder meinte er nicht vielleicht doch ja und ließ es unter den Tisch fallen? Vielleicht hatte er etwas angefangen gehabt und nicht beendet? Dann nützte es ihm auch nicht viel.
    »Leider nicht. Ich hab mich von einem Aushilfsjob zum nächsten geangelt«, erklärte er ihr. Irgendwie hatte er Geld verdienen müssen. Mit einer Ausbildung bekam man kein richtiges Gehalt. Keines, womit man sich eine eigene Wohnung und alles, was dazu gehörte, leisten konnte.
    Bei ihrer Frage war Louna noch etwas anderes aufgefallen: Sie wusste nicht, wie alt Soul war. Nie hatten sie über das Alter gesprochen und auch wenn er nicht besonders alt aussah, könnte er bestimmt mindestens fünf Jahre älter als sie sein. Oder er war genauso alt wie sie? Es war im Prinzip alles möglich.
    Sie kamen an einer Ampel zum Stehen, da sie auf die Grünphase für die Fußgänger warten mussten. Das nutzte Louna, um ihre Frage zu stellen:
    »Wann hast du Geburtstag, Soul?« Sie fragte nicht nach seinem Alter, auch nicht nach seinem Geburtsjahr. Denn für sie spielte das gar keine so große Rolle. Doch der Geburtstag war interessant zu wissen. Soul hatte mit so einer Frage nicht gerechnet und sah sie sehr überrascht von der Seite an.
    »Was? Wieso willst du das wissen?«, fragte er statt zu antworten. Louna grinste ihn breit an.
    »Na, weil ich neugierig bin. Weißt du doch!« Allmählich sollte er das wissen. Er schnaubte. Ja, das hätte er sich denken können.
    »25. August«, murrte er vor sich hin.
    »Was?« Louna sah ihn überrascht an. War das gerade die Antwort auf ihre Frage gewesen?
    »Mein Geburtstag«, sagte er und wirkte weniger glücklich, als er sein müsste.
    »Dann bist du also eine kleine Jungfrau?«, sagte Louna direkt und erntete von Soul einen seiner skeptischen Blicke.
    »Ernsthaft jetzt?« Wollte sie sich über sein Sternzeichen lustig machen? Louna begann wieder zu lachen und grinste ihn am Ende erneut an.
    »Wann hast du das letzte Mal deinen Geburtstag gefeiert?«, ging ihre Fragerei weiter und schon hörte sie sein berüchtigtes genervtes Aufstöhnen. Er fragte sich wahrscheinlich, wofür er das wieder verdient hatte, dass Louna ihn mit Fragen löcherte. Aber anders als am Anfang ging er auch auf diese Frage ein.
    »Das letzte Mal war vermutlich gewesen, als ich fünf war. Oder so.« So genau konnte er sich nicht daran erinnern. In seiner Vergangenheit war sein Geburtstag weder was Besonderes gewesen, noch hatte er Freunde gehabt, um mit ihnen großartig zu feiern. Und von seiner Familie war auch nicht viel gekommen. Seine Eltern hatten zwar daran gedacht, aber ein großes Tamtam hatten sie daraus nicht gemacht. Nicht so wie Eltern es sonst bei ihren Kindern taten und groß feierten mit riesigen Geburtstagstorten, die richtige Anzahl an Kerzen darauf und unzähligen Geschenken nebst der Kindergeburtstagsfeier, wo es dann so richtig abging.
    Als Louna seine Antwort vernahm, wurde ihre gute Laune etwas getrübt. Soul sagte das so, als würde es ihn nicht weiter kümmern. Als wäre das alles nicht wichtig gewesen, aber Louna sah das anders. Den Geburtstag als Kind nicht zu feiern, war etwas sehr Trauriges. Das gehörte einfach zu einer schönen Kindheit dazu. Was war bei Soul alles falsch gelaufen, wenn er nicht mal das richtig erlebt hatte?
    »25. August, ist notiert«, sagte sie und würde sich das Datum gut einprägen. Bis der August einbrach, war noch viel Zeit. Aber sie würde sich den Tag merken und dann …
    Soul sah sie wieder von der Seite an. Er brauchte eine Minute länger um zu begreifen, was sie damit meinte und blieb daher stehen. Was keine gute Idee war, denn so stand er mitten auf der Straße, da bereits die Grünphase begonnen hatte. Besser war es erst einmal die Straße zu überqueren.
    »Oh nein, das wirst du nicht. Vergiss das Datum wieder!«, sagte er, ja brüllte er ihr fast schon nach, da Louna weiter ging, um die andere Seite zu erreichen. Sie drehte sich zu ihm um und grinste.
    »Niemals!«, kündigte sie ihm an. Sie würde keineswegs das Datum vergessen. Er würde seine Geburtstagsfeier bekommen, ob er wollte oder nicht! Er eilte ihr hinterher und kam noch rechtzeitig auf der anderen Seite an. Nur wenige Sekunden später und er hätte noch auf der Straße gestanden, als die Autos schon wieder los fuhren.
    »Hey, mach keinen Scheiß«, sagte er und wirkte wie ein brummiges Teddiursa.
    »Was hast du dagegen deinen Geburtstag zu feiern? Nur weil du es nicht kennst?«, wollte sie von ihm wissen. Begeisterung konnte sie bei ihm nicht auslösen.
    »Es ist nicht notwendig. Außerdem ist es völlig überzogen und lächerlich das Älterwerden zu feiern. Ein Jahr näher am Tod!« Bei seiner Antwort war es nun Louna, die auf schnaubte.
    »Ganz schön negativ, Herr Blanch, das werde ich Ihnen noch austreiben müssen!«, war alles, was sie dazu zu sagen hatte und sorgte dafür, dass Soul für einen kurzen Moment sprachlos war. Die Frau brachte ihn irgendwann wirklich noch ins Grab! Wahrscheinlich dann mit einem vergifteten Geburtstagskuchen!


    Des restlichen Weg verbrachten sie schweigend, bis sie Lounas Zuhause erreichten. Es war nicht schlimm, dass sie schwiegen. Am Anfang war es etwas bedrückend, aber je länger es anhielt, desto weniger schlimm empfand es Louna. Sie konnte neben Soul hergehen, ohne sich mit ihm zu unterhalten und ohne, dass es eine negative Stimmung auslöste. Auch wenn er wenig begeistert von einer Geburtstagsfeier für ihn war, schien er ihr das zumindest nicht übel zu nehmen. Bestimmt hoffte er insgeheim, dass sie es einfach wieder vergaß, bis der August eingebrochen war, aber diesen Gefallen würde sie ihm nicht machen.
    Bevor sie in die Wohnung gingen, musste Louna zuerst ihr Fahrrad in den Keller bringen. Es war besser es dort abzuschließen, als draußen stehen zu lassen. Zu schnell konnte ein Fahrrad geklaut werden, egal wie gut das Fahrradschloss war. Soul behielt derweil die Pokémon-Rasselbande bei sich und wartete darauf, dass Louna fertig war. Danach stiegen sie die Treppen nach oben und Louna schloss die Wohnungstür auf. Die Tür war noch nicht einmal richtig offen, da huschten Arcus und Chiari schon rein. Coco, das Familien-Coiffwaff, kam herbei geeilt, um zu überprüfen, wer da heimgekommen war, doch sie schniefte nur einmal, ehe sie sich umdrehte und dann ihren Lieblingsplatz im Wohnzimmer aufsuchte. Eine nette Begrüßung war das wie eh und je.
    Fabula und Dael hingegen warteten geduldig bei Louna und Soul, bis diese ihre Schuhe ausgezogen hatten und die Wohnung betraten. Lounas Mutter war bereits Zuhause und kam sie begrüßen.
    »Habt ihr Hunger?«, wollte sie von den beiden wissen und erklärte ihnen, dass im Kühlschrank das Abendessen bereit stand, welches gekocht hatte. Louna bedankte sich artig. Ihre Mutter verschwand daraufhin im Wohnzimmer auf die Couch, um den Abend entspannt ausklingen zu lassen. Morgen früh würde sie wieder arbeiten müssen, daher sah Louna ihre Mutter eigentlich nur abends und ihren Vater immer nur dann, wenn er gerade Zuhause war zwischen seiner Schichtarbeit. Momentan war er nicht da.
    »Stört es, wenn ich das Futter in der Küche für meine Pokémon fertig mache?«, wollte Soul von Louna wissen, als diese ihre Tasche abgestellt hatte und mit ihm auf den Weg zur Küche war.
    »Nein«, meinte sie und wunderte sich, dass er so eine Frage stellte.
    »Wieso?«, wollte sie daher wissen. Soul holte kurz darauf frisches Fleisch, verpackt in Papier und einer Tüte, aus seinem Rucksack heraus. Louna war neugierig. Sie hatte letztens im Pokémon-Geschäft, wo sie einiges für ihre Lieblinge eingekauft hatte, gehört, dass Frischfleisch besser war, als das abgepackte Dosenfutter. Der Meinung war auch Soul.
    »Ich hab vorhin extra welches gekauft«, erklärte er deshalb. Mittlerweile stand Louna und er in der Küche. Sie reichte ihm ein scharfes Messer und ein Brettchen, da er noch nicht wusste, wo man was in der Küche finden konnte. So konnte sie es ihm auch gleich zeigen.
    »Kaufst du immer Frischfleisch für deine Pokémon?«, wollte sie von ihm wissen.
    »Wenn es mir möglich ist. Manchmal muss ich auf das Dosenfutter zurückgreifen, wenn das Geld nicht reicht, aber ich versuche ihnen immer frisches Futter zu geben«, sagte er.
    Wenn das Geld reicht … Soul hatte es wirklich nicht einfach, das wurde Louna mehr und mehr bewusst. Sie selbst hatte ihre Eltern, die beide einen guten Beruf und daher auch ein gutes Einkommen besaßen. Sie musste sich keine Sorgen machen, dass das Geld mal nicht ausreichen würde. Anders als Soul, er kämpfte förmlich um das Überleben und vor allem darum, dass seine Pokémon gut versorgt wurden. Für Louna war das ein Grund mehr ihm helfen zu wollen, aber so wie sie ihn bereits kennengelernt hatte, würde er nicht so einfach freiwillig ihre Hilfe annehmen. Er fühlte sich schon jetzt unwohl, dass er ihre Gastfreundschaft angenommen hatte, damit er nicht draußen auf der Straße schlafen musste. Wie konnte sie ihm also helfen, ohne dass er sich davon gestört fühlte?
    Soul hingegen war schon dabei das Fleisch in passende Stücke zu zerschneiden. Dael, der den Geruch wahrgenommen hatte, saß zu seinen Füßen und sah hungrig zu ihm hinauf. Er bettelte nicht, war aber definitiv voller Vorfreude. Louna konnte dem Hunduster ansehen, wie ihm das Wasser im Maul zusammenlief. Als er dann das erste Stückchen von Soul bekam, war Dael mehr als zufrieden und verschlang es gierig. Louna lächelte und sah dabei zu, wie Soul weiter sein Pokémon fütterte. Sie hatte ihm extra mehrere Schalen gereicht, damit er eine Portion für Dael fertig machen und ihm hinstellen konnte. Die anderen Schalen benötigte Soul ebenfalls.
    Auch Nero, Souls Nachtara, bekam seine Portion, aber Soul erklärte Louna, dass Nero nicht ganz so viel bekam, wie seine anderen Pokémon. Da die Evoli-Reihe sich nicht nur vom Fleisch ernährte, bekam Nero auch Früchte wie verschiedene Beeren oder andere kleine Leckereien. Es war interessant zu sehen, wie ruhig alles ablief. Louna beobachtete Soul gerne, wie er mit seinen Pokémon umging. Wenn sie ihre Bande fütterte, dann entstand ein halbes Chaos, weil Arcus und Chiari so hungrig und gierig waren und ihr am liebsten alles aus der Hand fressen wollten. Apropos … dass die beiden noch nicht in die Küche gestürmt kamen, wo es doch hier so lecker nach Fleisch roch, wunderte Louna. Sie stand auf, da sie bis eben auf dem Küchenstuhl saß und lugte ins Wohnzimmer hinein. Arcus und Chiari lagen ruhig auf der Couch bei ihrer Mutter, ließen sich kraulen und waren schon dabei einzuschlafen. Der Tag war eben lang und energiegeladen gewesen.
    Fabula hingegen war noch wach und kam zu Louna, um ihre Nähe zu suchen. Louna nahm deshalb ihr Fynx auf die Arme und setzte sich mit diesem wieder auf den Stuhl in der Küche, um bei der Fütterung zuzuschauen. Mittlerweile war Dael fertig und hatte sich in eine Ecke verzogen und hingelegt. Er war satt und zufrieden und drängelte sich deswegen nicht bei den anderen an die Futterschalen heran. Denn auch Kinba, Souls Fiffyen, war nun aus dem Pokéball heraus geholt worden und saß vor einer Schale voll frischem Fleisch. Für sein junges Fiffyen hatte Soul die Fleischstückchen extra klein geschnitten, damit Kinba sie besser schlucken konnte. Soul drehte sich zu Louna und hielt ihr ein kleines Stück Frischfleisch entgegen oder besser gesagt ihrem Fynx. Auch Fabula hatte einen ausgewogenen Ernährungsplan wie Nero und Chiari. Neben Fleisch bekam sie ebenso leckere Beeren. Besonders die süßen Morbbeeren liebte Fabula. Das Fleisch verschmähte sie allerdings auch nicht und nahm dieses sehr behutsam aus Souls Fingern ab, um es genüsslich zu kauen und zu fressen. Louna musste wieder lächeln. Das war sehr nett von Soul, dass er auch Fabula etwas abgab.
    Nachdem Nero und Kinba fertig waren, rief Soul sie zurück in ihre Bälle. Er hätte sie auch draußen lassen können, doch dann würde es in der Küche ziemlich eng werden. So war es besser, denn im nächsten Moment entließ er Alice aus ihrem Ball. Alice war sein Kramshef und mit ihrer ein Meter Körpergröße immer noch ein beeindruckendes Vogel-Pokémon. Vor allem wenn sie die Flügel ausbreitete. Dann war Alice noch viel größer, als ohnehin schon. Soul ließ sie auf der Rücklehne des anderen Küchenstuhls sitzen. Er hätte sie auch auf den Arm nehmen können, doch die Krallen eines so großen Vogel-Pokémons waren nichts für kleine Menschenarme. Soul hätte dazu erst seinen Lederhandschuh heraus holen müssen, den er sich damals schon besorgt hatte, damit er mit Alice besser umgehen konnte. So schön es auch war das eigene Vogel-Pokémon auf den Arm zu nehmen, so musste man doch Vorsicht walten lassen bei den spitzen Krallen, die die meisten besaßen.
    Fabula wurde etwas unruhig in Lounas Armen und zappelte. Alice‘ Erscheinung erschreckte sie, weswegen Louna zuerst die Kleine wieder beruhigen musste. Dennoch vertraute Fabula diesem großen Vogel nicht und beäugte diesen mit misstrauischen Blicken. Solange Fabula aber nicht näher heran musste oder Alice nicht näher zu dem Fynx kam, war alles in Ordnung. Alice hatte sowieso nur Augen für das Fleisch, was Soul ihr anbot. Gierig verschlang sie jeden Happen, den Soul ihr reichte. Dabei musste er selber Acht geben, dass nicht versehentlich seine Finger zwischen dem kräftigen Schnabel landeten. So gut er sein Pokémon auch trainiert hatte, so konnte doch immer etwas schief laufen, wenn man nicht vorsichtig war. Und sei es nur ein Versehen. Wenn der Finger ab war, war er ab. Keine schöne Sache.
    Erst nachdem Alice gesättigt worden war, begann Soul über Alice‘ schwarzes Gefieder zu kraulen. Wie viele Vogel-Pokémon mochte sie es besonders um den Schnabel herum gestreichelt zu werden und schloss deswegen die Augen, als deutliches Zeichen der Zufriedenheit.
    »Wie lange hast du Alice schon?«, wollte Louna von Soul wissen, der überlegen musste.
    »Ich glaube, es sind jetzt fast fünf Jahre«, antwortete er, war sich aber gar nicht so sicher. Waren es fünf oder sechs Jahre schon? Aber das eine Jahr war nicht wichtig.
    »Und wo hast du sie her?«, fragte Louna weiter, die sehr an der Geschichte interessiert war. Soul stoppte nicht mit dem Streicheln von Alice‘ Gefieder, als er Lounas Frage beantwortete und selbst sogar begann zu lächeln. Das Besondere daran war nicht nur die Seltenheit, sondern auch, dass das Lächeln Souls blaue Augen erreichte. Da er hier drinnen seine Sonnenbrille abgenommen hatte, konnte es Louna deutlich sehen. Und ihr Herzschlag beschleunigte sich ungefragt.
    »In Cromlexia gibt es noch einen alten Kramurx-Schlag. Der Züchter der Kramurxe hatte damals zu viel Nachwuchs gehabt und konnte nicht alle seine Kramurxe behalten, weswegen er nach Trainern gesucht hatte, die ihm das ein oder andere Vogel-Pokémon abnahmen. Seine Gehege waren nicht groß genug, um so viele Kramurxe unterzubringen«, erzählte er. Louna staunte und bekam daher große Augen.
    »Du meinst wie ein Taubsi-Schlag? Wo Briefe verschickt werden können?«, wollte sie interessiert wissen.
    »Ja, unter anderem.« Taubsis waren nicht nur Briefträger, sondern wurden gerne bei Hochzeiten eingesetzt. Wobei manche bei so einem Event gerne lieber Dusselgurrs aufsteigen ließen. Dass man Kramurxe ebenfalls als Botschafter einsetzte, war gar nicht so ungewöhnlich. Zu ganz früheren Zeiten – vor Jahrhunderten – hatte es solche Kramurx-Schläge noch öfters gegeben. Heutzutage war das allerdings aus der Mode gekommen, weswegen es kaum noch solche Züchter gab. Soul hatte nur per Zufall diesen Züchter entdeckt, als es ihn einmal nach Cromlexia verschlagen hatte. Dort hatte er am Gehege gestanden und sich die schwarzen Vögel in der Nacht angesehen. Der Züchter hatte ihn bemerkt und gefragt, ob er daran interessiert war, einen dieser Vögel aufzunehmen, wobei Soul nicht lange überlegen musste. Er war fasziniert gewesen, auch wenn er zur damaligen Zeit wenig Erfahrung mit Vogel-Pokémon besessen hatte. Dank Alice hatte sich sein Erfahrungsschatz erweitert.
    So schön es auch war, so musste Alice dann schon bald zurück in ihren Pokéball. Gerade sie machte die kleineren Pokémon etwas nervös und niemand wollte, dass Fabula gestresst war und sich vor Angst wieder irgendwo verkroch. Nicht jetzt, wo sie langsam Vertrauen zu Louna aufbaute.
    Soul sah aus, als würde er über irgendetwas überlegen, sich aber nicht recht entscheiden können, was er nun tun sollte. Zuerst verstand sie nicht, was los war, als sie dann rüber zu dem restlichen Fleisch sah. Es war immer noch etwas übrig, aber nicht genug, um morgen wieder vier Pokémon zu füttern. Hatte sich Soul mit der Menge verschätzt oder … ?
    »Hast du noch ein fünftes und sechstes Pokémon?«, fragte sie daher. Heute war Soul-Fragestunde, jawohl! Da er so gut mitmachte, würde Louna bestimmt noch so manche Frage aussprechen. Er sah zu ihr und wirkte immer noch recht unentschlossen. Woran das lag?
    »Ich habe nur fünf Pokémon«, antwortete er ihr. Bisher kannte sie nur seine vier Pokémon. Dael, Nero, Kinba und Alice.
    »Welches ist dein Fünftes?«, wollte sie deswegen wissen und war ganz gespannt darauf, doch Soul zögerte. Gab es ein Problem?
    »Ist es zu groß?«, mutmaßte sie blind drauf los. Die Küche bot jetzt auch keinen unendlichen Platz an. Möglich, dass Soul sich deswegen Sorgen machte.
    »Ja … nein, es ist nur … «, begann er zögerlich. »Es ist schon mein größtes Pokémon, aber das ist es nicht … « Louna verstand nicht, was er hatte. Souls Bedenken waren begründet. Er besaß ein Pokémon, was unter Menschen alles andere als beliebt war, daher fürchtete er, dass Louna ebenfalls abwertend reagieren könnte, wenn sie es sah. Andererseits … Bisher war sie nie verurteilend ihm gegenüber aufgetreten. Sie hatte sich immer alles angehört und sich danach eine Meinung gebildet. Sie war mit offenem Herzen auf ihn zugegangen, auch wenn sie am Anfang geglaubt hatte, dass er der Pokémon-Dieb gewesen war. Am Ende hatte sie ihm vertraut, ohne, dass er ihr einen Grund dafür gegeben hatte. Sie hatte Recht gehabt, er war nicht der Pokémon-Dieb gewesen, aber andere Menschen wären nicht auf ihn zugegangen, wie sie es getan hatte. Sie war … ein guter Mensch. Vielleicht zu gut, aber gerade diese Eigenschaft könnte der springende Punkt sein und Souls Bedenken zunichte machen. Wenn sie allerdings negativ reagierte, dann … Würde er vermutlich nicht länger als nötig hier bleiben. Für sie würde er lieber auf der Straße leben.
    Gespannt wartete Louna darauf, dass Soul sein fünftes Pokémon zeigte. Er fühlte sich offenbar nicht wohl dabei, es heraus zu lassen. War es etwa so furchterregend? Hässlich? Gefährlich? Sollten sie lieber raus gehen, um es frei zu lassen? Aber wer wusste schon, ob das eine so gute Idee war?
    »Ich lasse sie nur selten vor anderen Menschen aus ihrem Ball.« Was im Umkehrschluss bedeutete, dass er selten mit ihr gegen andere Trainer kämpfte, wenn er denn mal kämpfte. Das bedeutete nicht, dass er sie nicht gut trainiert hatte. Tatsächlich war sie sein stärkstes Pokémon.
    »Lass sie raus! Oder muss ich mir wegen meiner Pokémon Sorgen machen?« War sie aggressiv, wer auch immer sie war? Neugierig sah Louna Soul an, der den Kopf schüttelte.
    »Nein, sie hat ein sehr sanftes Wesen«, sagte er und schritt zur Tat über. Er rief seine Saphira aus dem Ball heraus. Lounas Herz klopfte in ihren Ohren laut wider. Sie war so aufgeregt, denn die Unsicherheit, die von Soul ausgegangen war, war doch eher ungewöhnlich gewesen. Irgendetwas musste also an seinem fünften Pokémon sein, was ihn vorsichtig werden ließ. Doch alles, was Louna zu sehen bekam, war ein über ein Meter großes, schlankes Pokémon, welches schneeweißes Fell besaß. Seine Krallen waren enorm und sahen ziemlich gefährlich aus. Dadurch, dass diese schwarz waren, hoben sie sich sehr gut von dem weißen Fell ab. Auch das Gesicht war tiefschwarz und an der rechten Kopfseite wuchs sein gebogenes Horn heraus, was noch einmal mehr Eindruck schindete. Doch am verblüffendsten fand Louna diese strahlend blauen Augen, die sie neugierig musterten. Soul hockte sich neben seiner Saphira zu Boden, legte eine Hand auf ihren Kopf und strich ihr sanft über das Fell. Sofort klang ein zarter Ruf des Pokémon.
    Ein paar Mal blinzelte Louna und fragte sich allen Ernstes, wo das Problem nun lag. Sie verstand es im Moment nicht. Weder sah Saphira besonders furchteinflößend noch hässlich aus und es war auch nicht aggressiv!
    »Sie ist wunderschön!«, sagte Louna und meinte es ernst damit, was Soul sehr überraschte. Mit so einer Reaktion hatte er nicht gerechnet. Doch Louna sah nichts anderes, als das, was Saphira war: Ein wunderschönes elegantes Pokémon, was es mehr als nur verdient hatte öfters aus dem Ball gelassen zu werden!
    »Sie ist ein Absol!«, sagte Soul, als wollte er unbedingt eine andere Reaktion von Louna provozieren, doch diese sah ihn nur verständnislos an.
    »Und?« Was war sein Problem damit?
    »Und? Absols werden von den meisten Menschen gehasst und vertrieben, weil sie als Unheilbringer gelten!«, platzte es aus ihm heraus. Saphira gab einen unruhigen Laut von sich und wich zwei Schritte zurück, als Louna von ihrem Stuhl aufstand und näher heran kam.
    »Dann sind diese Menschen eben doof. Ich sehe nichts an deinem Pokémon, was den Hass rechtfertigt«, sagte sie offen und ehrlich und ging selbst in die Hocke. Auf ihren Armen war immer noch Fabula, die zwar ein wenig unruhig war, aber nicht panisch wirkte. Soul hingegen wusste gerade nicht, was vor sich ging. Er war sich so sicher gewesen, dass Louna am Ende genauso reagieren würde, wie alle anderen Menschen auch. Sobald sie hörten, dass Saphira ein Absol war, gerieten sie in Panik und verfluchten sie. Dabei waren Absols solch missverstandene Pokémon! Und was tat Louna? Sie streckte ihren Arm aus und hielt ihre Hand Saphira entgegen. Sie hoffte, dass diese sie nicht beißen oder zwicken würde, aber sie wollte gerne Kontakt mit Souls Pokémon aufnehmen. Denn das, was sie verstanden hatte, war, dass Saphira Soul unglaublich wichtig war.
    Saphira hatte mit anderen Menschen, außer Soul, nur wenige positive Erfahrungen gemacht, weswegen sie vorsichtig war. Aber Soul, ihr Trainer, war an ihrer Seite und schien diesem anderen Mensch so weit zu vertrauen, dass er sie vor ihr offenbart hatte. Das gab Saphira genügend Sicherheit, um Lounas Hand entgegen zu kommen und sich von ihr berühren zu lassen.
    Louna fand es sehr aufregend, als ihre Fingerspitzen über das sehr weiche Fell Saphiras streiften. Es war toll! Soul beobachtete das alles eher fassungslos. Louna besaß wirklich keine Bedenken? Ließ sich nicht davon abschrecken, dass ein Unheilbringer vor ihr saß?
    »Absols können Katastrophen vorhersehen, deswegen werden sie oft damit in Verbindung gebracht und als die Verursacher dessen angesehen«, erzählte Soul.
    »Wie?«, wollte Louna wissen, doch Soul verstand ihre Frage nicht.
    »Wie was?«
    »Wie können Absols solche Katastrophen vorhersehen?«, formulierte sie ihre Frage genauer.
    »Sie können in die Zukunft sehen. Durch ihr sanftmütiges Wesen versuchen sie deswegen andere vor Katastrophen zu warnen … «, erzählte Soul weiter. Er hatte das selbst erst alles lernen und herausfinden müssen, ehe er begriffen hatte, warum so viele Menschen damals, als er Saphira in sein Team aufgenommen hatten, so abwertend ihr gegenüber gewesen waren. Es war nicht schön, so etwas zu erfahren, deswegen versuchte er Saphira so gut es ging vor anderen Menschen zu schützen und ihr alles zu geben, damit sie sich bei ihm wohlfühlte.
    »Aber das ist doch eine äußerst praktische Fähigkeit!«, hörte Soul erstaunt von Louna sagen.
    »Wieso sollte man sie deswegen verurteilen?« Louna verstand diese Denkweise nicht, weswegen sie Soul zum Lächeln brachte, was wiederum Louna nun verdutzte.
    »Ich versteh‘s auch nicht.« In der Hinsicht waren sie sich beide einig und Soul war sehr froh darüber, dass er sich in Lounas guten Wesen nicht getäuscht hatte. Er wäre sehr enttäuscht gewesen, hätte sie wie alle anderen reagiert. Ja, enttäuscht, mehr als er sich eigentlich zugestehen wollte. Doch dazu war es zum Glück nicht gekommen.
    »Ich glaube, du solltest sie auch füttern«, meinte Louna, die ihre Hand wieder zurückgezogen hatte. Saphira hatte sich gerade etwas nach unten gebeugt und schnupperte an Fabula, die noch auf Lounas Armen saß. Auch das kleine Fynx schnupperte neugierig an Saphira, so dass die beiden sich auf diesen Wegen kennenlernten. Sie schienen sich zu verstehen, zumindest entspannte sich Fabula zusehends und lief auch nicht gleich weg, als Louna sie auf den Boden absetzte.
    »Was?«, fragte unterdessen Soul, bis ihm bewusst wurde, was Louna meinte. Füttern! Genau deswegen hatte er Saphira aus dem Ball gelassen. Er stand auf und reichte seinem Absol in einer Schale die Mahlzeit, damit sich Saphira den Magen vollschlagen konnte. Das Frischfleisch kam auf jeden Fall sehr gut an.
    »Eigentlich haben Absols rötliche Augen«, berichtete derweil Soul von sich aus. Er stand an der Küchenzeile gelehnt und Louna hatte sich wieder auf den Küchenstuhl gesetzt.
    »Und wieso hat sie blaue Augen? Deswegen heißt sie Saphira, oder? Weil ihre Augen wie zwei Saphire leuchten«, mutmaßte Louna richtig, denn Soul bestätigte es.
    »Ja, aber ich weiß nicht, warum ihre Augenfarbe anders ist, als von anderen Absols. Es stört mich allerdings nicht und eine Pokémon-Ärztin hatte gemeint, dass es auch keine Probleme mit den Augen gibt.« Denn das hatte Soul wissen wollen. Es hätte ja etwas mit Saphiras Augen sein können, aber die Ärztin hatte ihn damals beruhigen können. Saphira besaß zwar eine andere Augenfarbe, aber ansonsten war sie kerngesund und das war das Wichtigste von allem!
    »Woher hast du Saphira?«, fragte Louna auch dieses Detail nach.
    »Ich hab sie auf dem Muraille-Küstenpfad gefangen. Sie war in eine Falle getappt und kam nicht mehr davon los. Da sie aber so scheu und panisch war, musste ich sie in einem Ball fangen, sonst hätte ich sie weder befreien noch verarzten können. Seitdem ist sie bei mir.« Louna freute sich, dass Soul diese Geschichte so offen mit ihr teilte. Zwar es sehr traurig, dass Saphira in eine Wildererfalle gegangen war, aber wenigstens hatte Soul sie retten können. Es gab ein Happyend!
    Für Soul war Saphira etwas ganz Besonderes. Als er dieses Pokémon das erste Mal gesehen hatte, war er regelrecht verzaubert gewesen. Man könnte auch sagen, Saphira war seine erste große Liebe gewesen. Er hatte sie sofort ins Herz geschlossen und alles dafür gegeben, sie zu befreien und danach zu behandeln, damit sie wieder gesund wurde. Leider hatte die Falle an ihrem Hinterlauf einiges beschädigt gehabt, weswegen die Heilung recht lange gedauert hatte. In der Zwischenzeit hatte er ihr Vertrauen gewonnen, dass er sie am Ende bei sich behalten hatte.
    Louna war begeistert und auch dankbar dafür, dass sie an diesem Abend noch einiges über Soul und seine Pokémon erfahren hatte. Sie hatte deswegen nichts dagegen, wenn Saphira weiterhin draußen blieb. Soul hatte gesagt, dass sie ein sanftes Wesen besaß, daher machte sich Louna keine Sorgen, dass es Probleme geben könnte. Ihre Mutter war bereits im Schlafzimmer verschwunden, denn mittlerweile war sehr viel zeit vergangen und die Nacht eingebrochen. Arcus und Chiari schliefen immer noch auf der Couch und auch Coco war auf ihrer Lieblingsdecke eingeschlafen. Fabula zu Lounas Füßen gähnte. Es wurde langsam Zeit ins Bett zu gehen, doch da bemerkte Louna noch die Sitzstange im Wohnzimmer. Diese war ihr vorhin gar nicht aufgefallen, doch jetzt schon. Tornado, ihr Dartiri, saß dösend auf der Stange, wurde aber wacher und sah sie mit neugierigem Blick an, als sie sich ihm näherte. Er war ganz ruhig und nahm auch keinen Abstand, als Louna die Hand ausstreckte. Entweder war Tornado zu müde, um davon zu fliegen oder Lounas Training und die persönlichen Fütterungen hatten ausgereicht, dass er weitestgehend Vertrauen zu ihr aufgebaut hatte, um sich nicht auf der Gardinenstange zu verstecken. Sie lächelte. Aus der Hand ließ er sich schon füttern, doch es war das erste Mal, dass sie ihn berühren konnte. Ganz vorsichtig streichelte sie ihn um den Schnabel herum, wie sie es vorhin bei Soul und Alice gesehen hatte. Er wich zwar mit dem Körper etwas zurück, allerdings nicht mit den Füßen, so dass er immer noch an der gleichen Stelle sitzen blieb. Nur wenig Zeit verging, bis er begriff, dass Louna ihm nicht weh tat, sondern ihm sogar etwas Gutes zukommen ließ. Das Kraulen fand er nämlich genauso schön, wie Alice vorhin. Louna grinste und genoss selbst, dass sie ihr eigenes kleines Vogel-Pokémon berühren durfte. Wenn das mal kein abschließender Erfolg an diesem Abend war!


  • So, ich hatte ja eigentlich schon bis zum Ende von Kapitel 5 gelesen. Machen wir vorweg mal die Fragen.






    Gut, das wäre also das ... Insgesamt haben mir auch diese Kapitel ganz gut gefallen, wobei ich bewusst nach dem fünften für diesen Kommentar gestoppt hatte, da ich den Eindruck hatte, dass da sozusagen eine erste Zäsur dahingehend zu setzen wäre, dass ein neuer Charakter eingeführt wurde und der Überfall, in dessen Verlauf er aufgetaucht ist, jetzt eben beendet ist. Natürlich steht dann jetzt wohl mit dem Auftrag für Platan der nächste Akt an.
    Ich habe wohl mit der Beantwortung der Fragen schon das meiste abgehakt. Hinzufügen würde ich daher eigentlich fast nichts mehr.

    Zitat

    Schließlich hatte sie nie wirklich gekämpft und sie wusste nicht einmal ob Fukano stark genug wäre, um mehreren Angreifern stand zu halten. Geschweige denn einem!

    Diese kleine Stelle findet sich in Kapitel 4. Es ist nur eine sehr kleine Anmerkung, aber du verwendest hier "Fukano" wie einen Eigennamen, dabei ist der tatsächliche Name des Pokémon ja Arcus und so sollte es bezeichnet werden, oder aber, wenn man nicht dauernd den Namen schreiben möchte, dann bietet es sich zwar an, die Spezies zu nehmen, aber es sollte dann auch als Spezies gekennzeichnet sein, also "ihr Fukano", wie du es ja auch an anderer Stelle oft machst. Ich gehe davon aus, dass sich so etwas immer ein bisschen dadurch einschleicht, dass es in Spielen und im Anime eher selten "wirkliche" Namen gibt und der Name der Pokémonspezies schlicht immer zum Namen des einzelnen Pokémon wird - hier ist das freilich nicht der Fall, deshalb wollte ich es mal anmerken.
    Jedenfalls, ich bin gespannt, wie es weitergeht und werde wohl auch dranbleiben. Es sei gesagt, dass sich sicherlich nicht abspringen werde, aber es kann manchmal sein, dass es lange dauert, bis ich die Zeit zum Lesen und Kommentieren finde - dafür muss ich meistens den Kopf zumindest ein bisschen freihaben und es ist derzeit einfach ein bisschen stressig.^^
    Aber die zukünftige Entwicklung von Louna interessiert mich natürlich, da es so einige Ansätze gibt, wo sie sich verändern und mehr Erfahrungen sammeln kann.


    Insofern ... Schönen Sonntag noch und so ...

  • 34. KapitelJobangebot


    Ähnlich wie der letzte Abend geendet hatte, begann auch der neue Morgen. Nachdem Louna gewaschen und angezogen war, begann sie sich um ihre Pokémon zu kümmern, sie zu füttern und zu kraulen. Auch Tornado bekam seine Futterration und wurde von ihr um den Schnabel herum gestreichelt, was er sehr gerne mochte. Er zwitscherte ein Liedchen für sie, so bildete es sich Louna einfach optimistisch ein, denn der Gedanke war schön. Bereits jetzt war sie froh, dass Soul sie dazu gebracht hatte dieses temperamentvolle Dartiri zu fangen. Wenn Nad sich nicht aufregte, dann war er ruhig und umgänglich und dazu ein sehr süßes Dartiri. Er konnte wunderschön singen, was er auch jeden Tag deutlich demonstrierte. Ob es Gesangswettbewerbe für Dartiris gab? Lustig wäre es, weswegen Louna grinste.
    »Ja, das gefällt dir«, lächelte sie ihn an, wollte dann aber schon mit dem Streicheln aufhören. Leider konnte sie nicht den ganzen Tag damit zu verbringen Tornado zu kraulen und zog daher den Finger weg. Doch in diesem Moment griff er mit seinem kleinen Fuß diesen und hielt ihn fest. Sie hätte ihren Finger ohne Probleme wegziehen können, aber das wollte sie nicht. Stattdessen probierte sie Tornado auf den Finger zu nehmen, was gar nicht so schwer war, wie anfangs befürchtet. Offenbar hatte er seine Schüchternheit ihr gegenüber komplett verloren und vertraute ihr soweit, dass er diese Nähe uneingeschränkt zuließ. Louna freute sich wie eine kleine Sonne und trug kurzerhand Tornado auf ihrer Hand durch die Wohnung.
    Arcus und Chiari folgten ihr interessiert, als die beiden mit ihrer Futterportion fertig waren. Louna ließ sich, als sie in ihrem Zimmer ankam, auf ihrem Bett nieder und kraulte Tornado erneut. Er war zutraulicher geworden, weil sie ihn immer persönlich gefüttert hatte. Liebe ging eben durch den Magen, das wusste jeder und in diesem Fall hatte es mehr als Früchte getragen! Tornado begann wieder zu singen, vielleicht ja wirklich für sie, und plusterte sich dabei manchmal auf, streckte den Kopf weit in die Höhe und spreizte seine Schwanzfedern. Er gab alles, was er konnte und sie lauschte ihm.
    »Das machst du sehr gut, Tornado«, sprach sie mit ihm. Neugierig sah er sie aus seinen schwarzen Knopfaugen an. Ob er sie verstand? Wenigstens so weit, dass Tornado sein Name war und sie manchmal als Spitznamen Nad sagte?
    Schritte im Flur erregten ihre Aufmerksamkeit, da kurz darauf Soul ins Zimmer sah. Da sie die Tür offen stehen lassen hatte, brauchte er weder anzuklopfen noch zu befürchten, dass er in einem unpassenden Zeitpunkt kam. Dael war wie immer bei ihm, aber all seine anderen Pokémon waren in seinen Bällen.
    »Morgen«, meinte er noch ein wenig verschlafen und Louna hielt stolz ihre Hand nach oben.
    »Guten Morgen und schau mal!«, sagte sie und deutete somit auf Tornado. Wenn das kein Erfolg war, dass ihr kleiner Piepmatz auf ihren Fingern saß, was dann?
    »Oha!« Soul kam ein wenig näher heran.
    »Wenn Tornado dir so sehr schon vertraut, kannst du ja versuchen, ihn zu dir zu rufen. Das wäre dann die erste Lektion, die er lernen kann«, schlug Soul direkt vor. Spätestens jetzt war er voll wach, da er sich selbst für das Training Tornados interessierte. Louna hingegen wirkte noch etwas irritiert darüber.
    »Äh, wie soll ich denn das machen?«, wollte sie von ihm wissen. Sie wusste nicht, wie sie bei Tornado mit dem Training anfangen sollte, doch dafür gab es Soul, der sie darin unterstützte. Er deutete zur Sitzstange, die in ihrem Zimmer stand.
    »Setz ihn dort ab und komm dann zu mir«, meinte er. Da er immer noch nahe an der Tür stand, war das eine gute Entfernung zur Sitzstange. Louna erhob sich und ließ Tornado auf der Stange Platz nehmen. Danach ging sie zu Soul, wie er vorgeschlagen hatte und wartete auf weitere Instruktionen von ihm. Eigentlich war es nicht viel anderes, als wenn sie Arcus und Chiari trainieren würde, stellte sie später fest. Denn Soul schlug ihr vor, eine Kleinigkeit in die Hand zu nehmen, was Tornado gerne fraß. Eine kleine Beere zum Beispiel, und danach sollte sie ihre Hand mit dieser Beere ausstrecken, um Tornado zu sich zu rufen.
    »In erster Linie wird die Beere das Verlockendste sein, aber wenn du mehrmals mit ihm übst, wird er dein Kommando verstehen, was du von ihm willst«, sagte Soul und nahm ein wenig Abstand zu Louna, damit Tornado nicht durch ihn verunsichert wurde. Louna versuchte es, streckte den Arm aus, in ihren Fingern die Beere haltend, und rief danach Tornado zu sich. Dass das nicht sofort klappte, wunderte sie nicht. Wichtig war nur, dass sie ruhig blieb und nicht hektisch wurde. Zu viel Aufregung würde sich nur auf ihre Pokémon übertragen und jeder wusste, dass Aufregung Stress bedeutete und das nicht gut war.
    »Tornado, komm her!«, rief sie ihr Vogel-Pokémon weiter und versuchte ihn mit der Beere zu locken. Tornado hatte durchaus schon die Beere erspäht und wackelte unruhig auf der Stange hin und her, aber er scheint noch ein wenig unentschlossen zu sein.
    »Du könntest dir auch einen Pfeifton ausdenken, den du immer benutzt, wenn du ihn zu dir rufen willst. Am Ende wird es dann dieses Geräusch sein, womit du ihn rufen kannst.« Eine gute Idee, die Soul da von sich gab. Das probierte Louna gleich aus, indem sie eine kleine Melodie pfiff. Kurz und knackig, nicht zu lang, damit sie sich diese selbst merken konnte. Ab sofort würde sie immer erst so pfeifen, damit sich Tornado daran gewöhnen konnte und danach ein »Komm her!« rufen. Bis Tornado seine Flügel ausbreitete und in ihre Richtung flog dauerte es noch ein wenig, aber Louna war geduldig. Auch das Landen war für ihr Dartiri noch nicht ganz einfach. Statt die Finger als Landeplatz anzuerkennen, drehte er kurz eine unsichere Runde um sie herum und nahm wieder Platz auf der Sitzstange. Die Beere interessierte ihn sehr, aber er musste noch begreifen, dass er bei Louna einen Platz zum Sitzen finden konnte. Ein paar Anläufe brauchte es noch, bis Tornado auf ihren Fingern landete und sich die Beere redlich verdient hatte. Louna lobte ihr Vogel-Pokémon sofort und kraulte ihn auch. Damit wusste er, dass er etwas gut gemacht hatte, was den Lerneffekt steigern würde. Sie dankte Soul für diese kleine Lektion und würde ab sofort mit Tornado mehrmals am Tag für kurze Zeit üben.
    »Wenn das Rufen ohne Probleme funktioniert, kannst du mit ihm raus gehen«, kündete Soul an. Das würde sicher noch nicht heute sein, aber wenn Louna jetzt die nächsten Tage und Wochen dran blieb, würde Tornado schon bald auch draußen herum fliegen können und zu Louna zurückkehren, wenn sie ihn rief. So brauchte sie keine Angst zu haben, dass er ihr weg fliegen könnte und sie ihn nie wiedersah. Auf dieses Ergebnis freute sich Louna schon sehr! Doch fürs Erste war das Training heute Morgen vorbei. Dieses sollte sie am besten immer mit einem positiven Ergebnis abschließen und in diesem Fall war es, dass Tornado auf ihren Fingern Platz genommen hatte und die Beere essen durfte. Besser ging es wirklich nicht!


    Mitnehmen tat Louna ihr Vogel-Pokémon nicht, als sie gemeinsam mit Soul die Wohnung verließ. Er wollte sich wieder umsehen, ob er irgendwo einen Job oder eine Wohnung für sich auftreiben konnte und sie wollte ins Labor zum Professor gehen. Daher trennten sich relativ schnell ihre Wege wieder, vor allem da Louna ihr Fahrrad benutzte. Wie die letzten Male zuvor, wurde Fabula ins Körbchen gesetzt und Chiari und Arcus liefen neben ihr her. Solange Fabula noch zu schüchtern war und sich zu sehr vor dem Straßenverkehr und anderen Menschen erschreckte, wollte Louna nicht riskieren die Kleine auch laufen zu lassen. In einer dummen Situation würde Fabula sich so sehr vor etwas erschrecken, davon laufen und vielleicht vor ein Auto rennen, dass sie verletzt wurde. Nein, das wollte Louna vermeiden. Damit aber Fabula ihre Angst verlieren konnte, war es wichtig, dass sie den Lärm und das Leben der Großstadt mitbekam. Wenn man so will, hatte Louna für jedes ihrer Pokémon einen persönlichen Trainingsplan. Jeder lernte im Prinzip etwas anderes und doch war es immer das gleiche. Sie mussten auf die Grundkommandos hören, dass sie zu ihr kamen, wenn sie sie rief und darauf baute sich dann alles andere auf. Mit Adia, ihrem Leufeo, würde sie dieses Grundkommando auch üben müssen. Noch klappte es nicht so gut, wenn sie in der Wohnung übten, aber Louna war optimistisch eingestellt. Nur da Adia ein wildes Pokémon war, wollte sie dieses nicht einfach so neben dem Fahrrad herum laufen lassen. Bei Adia musste sie ein bisschen anders vorgehen. Die wilde Natur in Adia könnte sonst zu Problemen führen. Aber auch das würde Louna schon noch in den Griff bekommen. Sie war auf jeden Fall sehr stolz darauf, dass sie das Vertrauen ihrer Pokémon mit jedem Tag vertiefen konnte!


    Gut über zwei Stunden später erreichte sie das Labor des Professors. Diesmal war Louna auf dem Nord- und Südring entlang geradelt statt direkt durch die Innenstadt zu fahren. Obwohl der Weg durch die Innenstadt vermeintlich kürzer erschien, hätte sie dort zahllose Straßen überqueren müssen. Indem sie den äußeren Ring der Stadt entlang fuhr, musste sie zwar einen Bogen fahren, brauchte dafür aber keine Straßen zu wechseln. Sie konnte sich die ganze Zeit auf dem Fahrradweg halten. Chiari und Arcus waren allerdings dann ganz schön aus der Puste und hechelten im Chor. Louna war extra langsam gefahren, damit die beiden nicht in Höchstgeschwindkeit neben ihr her laufen mussten. Das hätten die beiden auch gar nicht durchgehalten. Doch trotzdem war die Strecke nicht gerade kurz gewesen. Daher holte Louna ihre Wasserflasche hervor und ließ zuerst Chiari trinken und danach auch Arcus. Arcus als Feuer-Pokémon brauchte kaum Wasser. Die Nässe, die er benötigte, nahm er hauptsächlich über sein Futter auf. Direktem Wasser gegenüber war er sowieso scheu eingestellt, aber der Durst verlangte seinen Tribut und so schnappte er ein paar Tropfen des kühlen Nasses auf. Fabula hatte es da wesentlich einfacher gehabt, die sich fahren lassen konnte. Selbst Louna war etwas aus der Puste, obwohl sie nicht so schnell gefahren war. Aber die Wärme des Sommers ließ jeden schwitzen. Gut, dass sie sich heute kurze Sachen angezogen hatte. Diesmal eine kurze Hose und ein Tanktop, dazu passende Halbschuhe, um einfacher Rad zu fahren.
    Nachdem sie sich alle erfrischt haben, gingen sie ins Labor hinein. Natürlich hatte Louna zuvor ihr Fahrrad am Fahrradständer abgestellt und abgeschlossen. Sie musste sich auch keine Sorgen darum machen, ob ihre Pokémon ihr folgten oder nicht. Arcus lief ihr sowieso immer nach. Chiari orientierte sich an Arcus, begann aber auch auf die Kommandos von Louna zu hören und somit sich an ihr zu orientieren und Fabula hatte sie sowieso als Mittelpunkt auserwählt. Demzufolge achtete Fabula von ganz allein darauf, dass sie keinen zu großen Abstand zu Louna besaß.
    »Hallo«, begrüßte Louna die Dame hinter dem Tresen. Es war schon ein bisschen her, dass sie das letzte Mal hier gewesen war, aber unbekannt war Louna deswegen noch nicht.
    »Hallo Louna, wie kann ich dir helfen?«, wurde sie gefragt.
    »Ist der Professor da beziehungsweise hat er vielleicht ein paar Minuten Zeit für mich?«, wollte sie wissen und ärgerte sich ein wenig. Vielleicht hätte sie zuvor anrufen sollen, um einen Termin auszumachen? Darauf kam sie aber erst jetzt.
    »Er ist gerade in einem Meeting, aber wenn du möchtest, kannst du warten. Ich denke, es sollte in knapp einer Viertelstunde zu Ende sein«, wurde sie informiert. Na gut, das ging noch. Louna entschied sich also dafür zu warten. Sie wollte deswegen gerade im Wartebereich Platz nehmen, als zwei weitere Personen das Labor betraten. Es handelte sich dabei um zwei Angestellte des Professors. Louna wusste bereits, dass sie Sina und Dexio hießen. Sie waren älter als sie und unterstützten den Professor bereits seit einigen Jahren. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass diese beiden zum Forschungsbereich der Feen-Pokémon gehörten und dementsprechend versuchten, alles über diese Pokémon-Art herauszufinden. Da das Labor mehrere verschiedene Forschungsbereiche besaß, waren hier auch entsprechend viele Leute angestellt. Jährlich wurden die neusten Erkenntnisse veröffentlicht. Die Szene der Forschung war spannend und es gab auch ein großes Treffen der verschiedenen Forscher, bei dem die neusten Erkenntnisse ausgetauscht wurden. Soweit Louna wusste, gab es auch alle zwei Jahre eine Preisverleihung für den besten Forscher oder die sensationellen Errungenschaften. Oder so. Ganz so tief in der Materie war Louna nicht drin, aber das könnte sich möglicherweise bald ändern, wenn sie selbst im Labor arbeitete. Es war schon seltsam, sie hatte nie daran gedacht, später einmal hier zu arbeiten, wo ihre Mutter bereits angestellt war. Komisch, dass ihr Weg sie nun quasi auf den selben Pfad brachte, jetzt wo sie so darüber nachdachte …
    »Hallo?« Louna war mit ihren Gedanken so sehr abgelenkt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass Sina und Dexio auf sie zugekommen waren. Sina war eine schlanke, hochgewachsene junge Frau, die ihre Haare gern in den neusten Trends frisieren ließ. Momentan ließ sie ihre Haare wieder länger wachsen, weswegen sie diese in einen einfachen Zopf im Nacken zusammen gebunden hatte. Unter dem weißen Kittel, den sie offen trug wie Dexio, waren ganz normale kurze Sachen zu sehen. Bei dem Wetter konnte man sich auch nur mit wenig Stoff bekleiden, sonst würde man noch eingehen. Dexio handhabte es nicht viel anders und grüßte Louna ebenso, hob zusätzlich aber noch die rechte Hand zum Gruß.
    »Du bist Louna Lavie, richtig?«, wollte Sina von ihr wissen. Ein wenig verwirrt war Louna schon, da sie die beiden nie persönlich kennengelernt hatte. Dass sie wusste, dass die beiden Sina und Dexio hießen, lag an dem Foto, welches ihre Mutter ihr mal gezeigt hatte. Es war ein Gemeinschaftsfoto mit einigen Forschern und Angestellten, wo sowohl der Professor als auch Sina und Dexio mit drauf waren.
    »J-ja!«, bestätigte sie, wunderte sich allerdings, woher sie das wussten, bis Dexio in die Hocke ging und neugierig Fabula betrachtete.
    »Sieht aus, als hätte dieses Fynx schon ordentlich Vertrauen zu dir aufgebaut. Das ist sehr schön!«, meinte er und sah, wie Fabula sich hinter Lounas Beinen versteckte und damit bei ihr Schutz suchte. Ja, Fabula war schüchtern! Aber wenigstens jetzt verstand Louna, woher die beiden wussten, wer sie war. Sie haben bestimmt vom Professor gehört, zu wem Fynx gekommen war. Da Fabula zuvor auch in diesem Labor gewesen war, kannten Sina und Dexio sie.
    »Warum bist du hier, falls ich fragen darf?«, fuhr Sina fort und begann eine kleine Plauderei mit Louna. Diese erklärte, dass sie mit dem Professor gerne reden wollte und daher wartete, bis sein Meeting fertig war. Da es noch ein bisschen dauern würde, boten Sina und Dexio ihr kurzerhand an, sie ein wenig herum zu führen.
    »Hast du Lust in den Garten zu gehen?«, wollte Sina von ihr wissen.
    »Garten?« Auch wenn Louna ihre Mutter manchmal besucht hatte, wenn auch nicht oft, kannte sie keineswegs jeden Bereich des Labors. Sina nickte ihr zu und gemeinsam mit Dexio wies sie ihr den Weg zum besagten Garten. Denn hinter dem Labor war ein großer Gartenbereich angelegt, in dem sie nicht nur verschiedene Pflanzen anbauten, sondern auch einige ihrer Labor-Pokémon unterbrachten. Der Garten war überdacht und wirkte dadurch wie ein großes Gewächshaus. Groß deshalb, weil es beinahe einer Halle entsprach. Doch da viele Pflanzen hier wuchsen, fiel es gar nicht so sehr auf, dass man sich in einem abgeschlossenen Raum befand.
    »Was hältst du von Feen-Pokémon?«, wollte Sina von ihr wissen, als Louna damit beschäftigt war den sogenannten Garten zu bestaunen. In ihren Augen war er fast schon riesig. Bestimmt von der Grundfläche genauso groß wie das Labor selbst und das war auch nicht gerade klein.
    »Oh ähm, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht«, gab Louna zu. Da sie sich erst seit Kurzem intensiver mit Pokémon auseinandersetzte, war vieles ihr noch unbekannt. Was sie von Feen-Pokémon halten sollte, wusste sie nicht, aber sie erinnerte sich an eines, was sie bereits persönlich kennengelernt hatte.
    »Vor ein paar Wochen lernte ich ein Flunkifer kennen. Es war von seinem Verhalten sehr süß, aber sein Kiefer war ein bisschen erschreckend gewesen«, meinte Louna und hörte von Sina ein leises Kichern.
    »Ja, das stimmt. Flunkifer haben nur deshalb so eine Gestalt, um mögliche Feinde abzuschrecken. Ihr Wesen ist allerdings recht friedfertig. Dennoch sollte man sich vor ihrem Kiefer in Acht nehmen. Die Beißkraft ist enorm!« Davon hatte sich auch schon Louna überzeugen können und erinnerte sich an May und Aclasur zurück.
    »Es ist noch gar nicht so lange her, dass man herausfand, dass Flunkifer den Typ Fee angehört. Jahre lang dachte man nämlich, dass es ein reiner Stahltyp sei«, erzählte Sina weiter. Da Dexio und sie sich mit Feen-Pokémon sehr gut auskannten, konnte Louna in diesem Bereich sicher noch einiges von ihnen lernen. Erst seit wenigen Jahren war es bekannt, dass Flunkifer nicht nur ein Stahl-Pokémon war. Gerne wurde es auch als kleine Stahlfee bezeichnet, was mehr als passend war, allein wegen seiner Typen und seines Aussehens. Wenn es auch in mancher Hinsicht vielleicht wie eine unheimliche Fee aussah. Je nach Betrachtungsweise.
    »War Fabula auch hier untergebracht gewesen?«, wollte Louna wissen und lenkte vom aktuellen Thema ab. Sie deutete auf ihr Fynx, da Sina und Dexio etwas irritiert wirkten, bis sie begriffen, dass es sich bei Fabula um den Namen des Fynx handelte.
    »Oh, eher nicht. Da es sehr scheu war, war es eher schwer es hier zu halten. Wir hätten es bei all den Pflanzen kaum wieder gefunden«, erklärte diesmal Dexio. Weder er noch Sina waren für Fynx verantwortlich gewesen. Allgemein waren sie nicht wirklich für die Pokémon hier im Labor verantwortlich, bis auf die kleinen Feen, die es auch hier im Garten gab. Die beiden zeigten Louna, um welche es sich handelte. Es waren die winzigen Flabébés, die so klein waren, dass sie ohne Probleme auf einer menschlichen Hand Platz nehmen konnten.
    »Wir haben hier viele Feenblumen gepflanzt, damit sich unsere Flabébés wohlfühlen«, berichtete Sina stolz. »Wie du sehen kannst, wählen sie unterschiedliche Farben aus, aber es ist immer die gleiche Blumenart.« Die Flabébés, die Louna entdecken konnte, saßen tatsächlich auf verschiedenfarbigen Blumen, schwebten mal hierhin und mal dorthin, blieben aber weitestgehend zusammen.
    »Die Farben spielen vor allem für die spätere Entwicklung der Flabébés eine entscheidende Rolle«, übernahm Dexio. »Ein Flabébé mit einer blauen Blume entwickelt sich am Ende zu einem wunderschönen Florges mit blauen Blütenkopf, während ein Flabébé mit einer roten Blüte später zu einem Florges mit einem roten Blütenkopf wird. Das ist unheimlich interessant! Wir sind noch dabei herauszufinden, ob die Flabébés sich schon bewusst am Anfang für eine Farbe entscheiden oder ob es ein reiner Zufall ist, welche Blumen sie auserwählen, die ihre spätere Farbe definieren.« Louna merkte schnell, dass sowohl Sina als auch Dexio Feuer und Flamme für die Feen-Pokémon waren. Vermutlich konnten die beiden ihr den lieben langen Tag etwas über Feen-Pokémon erzählen, was allerdings von Louna nicht beabsichtigt war. So interessant das auch alles war, so erleichtert war sie, als Professor Platan auftauchte. War schon so viel Zeit vergangen?
    Louna rief Arcus und Chiari zu sich, da die beiden zwischen all den Pflanzen und Blumen herum wuselten, um den Garten zu entdecken. Glücklicherweise hörten sie auf ihr Rufen. Fabula hingegen wurde auf ihre Arme genommen, als sich ihr der Professor näherte.
    »Hallo Louna«, begrüßte er sie mit einem sanften Lächeln, welches Louna erwiderte.
    »Hallo Professor Platan, ich hoffe, ich störe Sie nicht bei Ihrer Arbeit?« Das war das Letzte, was sie wollte.
    »Aber nicht doch! Was kann ich für dich tun?«, wollte er von ihr wissen und Sina und Dexio verabschiedeten sich erst einmal von ihnen, damit die beiden ungestört reden konnten.
    »Ich wollte auf ihr Jobangebot zurückkommen«, sagte Louna direkt und ohne Umschweife. Sofort hellte sich das Gesicht des Professors auf.
    »Du nimmst es an?« Noch war es nicht offiziell, aber ja, deswegen war Louna hier. Sie hatte sich lange genug darüber Gedanken gemacht und fand, dass es ein guter Weg war, den sie einschlagen konnte. Wenigstens wusste sie so, was sie tun sollte anstatt weiterhin herumzusitzen und nicht zu wissen, welche Ausbildung oder Studium sie beginnen sollte.
    »Das würde ich gerne tun, ja«, bestätigte und löste in Professor Platan Euphorie aus. Schon seltsam, dass er sich so darüber freute. Schließlich war Louna niemand Besonderes und musste noch ganz viel lernen, um zu einer würdigen Angestellten zu werden!
    »Wie geht es der kleinen Fabula? Sie sieht sehr gesund aus«, wollte er außerdem wissen, obwohl Louna noch gar nicht fertig war. Sie besaß noch eine andere Bitte, doch zuerst ging sie auf seine Frage ein.
    »Sehr gut! Sie fasst immer mehr Vertrauen zu mir.« Das hörte der Professor gern und war froh, dass er sich dafür entschieden hatte, ihr das Fynx zu überlassen.
    »Sie wird sich bestimmt in deiner Obhut noch prächtig entwickeln!«, meinte er optimistisch und lud Louna dazu ein mitzukommen. Sie war schließlich hier, um Auszubildende zu werden, da mussten noch einige Zettel unterschrieben werden. Ohne diese lästige Bürokratie ging es leider nicht.
    »Professor?«, sprach Louna ihn dennoch an, als sie bereits den Garten verließen, um mit den Fahrstuhl nach oben in eines seiner Büros zu fahren.
    »Benötigen Sie vielleicht noch einen weiteren Angestellten? Vielleicht eine Aushilfskraft oder so?«, wollte sie wissen und ließ den Professor neugierig aufhorchen.
    »Warum fragst du?«, wollte er wissen. Arbeit gab es im Labor immer, doch was die Bezahlung anging, war das nicht immer so einfach. Da die Forschungseinrichtungen allgemein von der Regierung finanziert wurde, waren sie auf deren Gelder angewiesen und hatten daher nur ein begrenztes Budget. Das meiste davon floss in die einzelnen Forschungsbereiche ein, ein Teil davon wurde natürlich für die Bezahlung der Angestellten genutzt. Es gab auch private Investoren, aber in solchen Fällen musste das Labor auch unbedingt Ergebnisse liefern, um die Investoren bei Laune zu halten. Wenn Jahre lange nichts erreicht wurde, konnte es passieren, dass die Investoren sich zurückgezogen. Ja, die finanzielle Seite des Labors war etwas ganz anderes, als der »Spaß«, den man beim Entdecken und Forschen haben konnte.
    »Ich habe einen Freund, der aktuell nach einem Job sucht. Falls sie noch jemand brauchen, könnte ich ihn auf jeden Fall empfehlen«, begann Louna zu berichten. Sie hatte Soul nicht gefragt, ob er Interesse an so einer Arbeit hatte, weil sie zuerst einmal mit dem Professor das abklären wollte, ob es überhaupt möglich war. Sie wollte Soul keine Hoffnung geben und ihn dann am Ende enttäuschen, weil im Labor niemand Weiteres gebraucht wird.
    »Erzähl mir was von deinem Freund«, forderte Professor Platan sie auf und Louna legte gleich los.
    »Er ist ein guter Trainer und damit meine ich, dass er sich ausgesprochen gut um seine Pokémon kümmert. Er kennt sich da ziemlich gut aus. Zumindest konnte er mir in einigen Bereichen aushelfen. Was den Umgang mit seinen Pokémon angeht, ist er sehr fürsorglich und bedacht darauf, dass es ihnen an nichts mangelt.« Was diese Seite betraf, machte Soul in Lounas Augen einen sehr, sehr guten Eindruck. Auch wenn es ihm selbst nicht bewusst sein mag, aber Soul war ein guter Trainer. Dabei ging es Louna nicht um die Stärke seiner Pokémon, obwohl sie sich auch davon schon überzeugen lassen konnte.
    »Mit Pokémon-Kämpfen kennt er sich auch aus und hat in der Hinsicht sein Team gut trainiert.« Mag sein, dass er vielleicht nicht gegen jeden Trainer eine Chance hatte, vor allem weil er ein so einseitiges Team besaß und nicht gegen jeden Typen einfaches Spiel hatte. Aber er war keineswegs ein Anfänger so wie Louna. Das war auch schon klar geworden. Sie erinnerte sich noch an etwas anderem.
    »Offenbar hatte er Pokémon-Management studieren wollen, kam aber leider nicht dazu.« Das war ein Detail, was den Professor besonders sehr interessierte.
    »Ah, das bedeutet, dass er sich insbesondere für die Beziehung zwischen Mensch und Pokémon interessiert!«, fasste der Professor zusammen. Louna nickte bestätigend. Soul hatte ihr erst gestern erzählt gehabt, dass er sich von einem Job zum nächsten durchgeschlagen hatte. Sein Studium hatte er nie richtig in die Tat umsetzen, geschweige denn beenden können. Sicherlich, weil er mit dem Geld Probleme gehabt hatte. Auch wenn man vom Staat Unterstützung bekommen konnte, hieß das nicht, dass es deswegen ausreichte. Und wer weiß, was sonst noch alles schief gelaufen war? Alle Umstände kannte Louna nicht, aber sie wollte ihm helfen! Dabei blieb es.
    »Ich könnte ihm ein bezahltes Praktikum vorerst anbieten. Wenn er ein Jahr lang für mich arbeitet, kann durchaus mehr daraus werden. Aber ich muss mich zuerst von ihm überzeugen lassen«, bot Professor Platan an. Bezahltes Praktikum klang jetzt nach nicht viel. Aber wenn es dabei half, dass zumindest Soul erst einmal was hatte und damit wenigstens ein bisschen Geld verdienen konnte, war das mehr als gar nichts, oder? Sie würde es ihm vorschlagen!
    »Das ist sehr nett von Ihnen, danke! Ich werde es ihm ausrichten!« Wenn sie nachher nach Hause fuhr und Soul irgendwann wieder zurück war, würde sie direkt mit ihm reden. Wer weiß, vielleicht hatte er selbst heute schon Erfolg bei seiner Jobsuche gehabt? Aber falls nicht, gäbe es für ihn immerhin eine Option, die er annehmen konnte. Das war doch schon mal was.
    Nachdem das geklärt war, kümmerte sich Louna und der Professor um ihre eigene Ausbildung. Unterschriften wurden ausgetauscht, Louna wurde noch einmal aufgeklärt, was ihre Ausbildung beinhaltet. Neben der Theorie, die man ihr beibringen würde, würde sie auch direkt in die praktische Arbeit mit integriert werden, die ganz dem Sinne der Feldforschung diente. Das bedeutete, dass Louna draußen unterwegs sein würde, um teilweise wildlebende Pokémon zu beobachten und Daten zu sammeln. Das war nicht immer nur ein spaßiger Job, sondern teilweise auch sehr mühsam. Langes Warten, viel Geduld aufbringen, Stundenlanges Beobachten der Pokémon. Louna sollte im Vorfeld schon verstehen, worauf sie sich da einließ. Der Professor erwähnte noch einmal, dass sie unter anderem auch zu seinen Kollegen in anderen Städten geschickt wurde, um dort weiter zu lernen. Sie würde also nicht die ganze Zeit in Illumina City und dessen Umgebung bleiben, sondern in ganz Kalos unterwegs sein. Der Professor selbst konnte nur selten das Labor verlassen, um ausgiebige Feldstudien durchzuführen, da er eine Menge Verantwortung für das Labor besaß und somit die höchste Instanz war. Er leitete viele Projekte, war Ansprechpartner für im Prinzip jeden und musste vielerlei Dinge koordinieren. Deswegen bekam Louna auch seine Nummer, damit sie ihn jederzeit erreichen konnte, denn sie sollte, wenn sie vor allem draußen unterwegs war, ihm hin und wieder Berichte schicken. Aber das kam alles zu seiner Zeit. Louna würde nach und nach in ihren Aufgabenbereich eingearbeitet werden und vieles lernen.
    Sie war außerdem gut versichert, falls mal etwas passieren sollte. Auch für ihre Reisen und die Arbeit draußen im Freien war sie abgesichert. Hinzu kam, dass sämtliche Reisekosten vom Labor übernommen wurde und sie deshalb keinen Aufwand diesbezüglich besaß, es sei denn sie leistete sich zusätzlich noch etwas. Wenn sie unterwegs war, sollte sie natürlich nicht im teuersten Hotel übernachten. Meistens wurde schon im Vorfeld gebucht, worum sich Louna weniger Sorgen machen musste. Aber auch das war etwas, was Schritt für Schritt auf sie zukam. Die erste Zeit würde sie in Illumina City bleiben, um in die Theorie eingearbeitet und vorbereitet zu werden, was sie alles genau erwartete und wie sie ihre Arbeit zu verrichten hatte. Der Trainer-Pass gehörte mit zur Grundvoraussetzung, weswegen der Professor auch sehr daran interessiert war, dass Louna demnächst die dafür notwendige Prüfung absolvierte. Das hatte sie bereits auf dem Schirm und lernte daher meistens noch vor dem Schlafengehen. Aber auch die Praxis wollte sie noch üben, was nichts anderes war, als ihre eigenen Pokémon zu trainieren und darauf vorzubereiten, dass sie in der Trainerschule einen Kampf ausüben musste. Wie der am Ende gewertet wurde, wusste sie nicht, doch sie wollte gut vorbereitet sein. Bestimmt würden ihre neuen Trainerfreunde sie darin unterstützten. Auch das wollte sie die anderen noch einmal fragen. Denn sie wollte gerne ein Extratraining einlegen und so viel von den anderen lernen, wie sie konnte. Wenn sie schon Trainer kennengelernt hatte, dann konnte sie auch ihren Nutzen daraus ziehen, oder nicht? Vor allem weil Dash und die anderen so hilfsbereit ihr gegenüber waren. Außerdem waren sie teilweise mit daran Schuld, dass Louna in kürzester Zeit fünf Pokémon besaß!


    Beinahe drei Stunden hatte Louna im Labor verbracht und war froh, als endlich alles in Sack und Tüten war. Hungrig und ein bisschen erschöpft, schwang sie sich auf ihr Fahrrad, um nach Hause zu fahren. Chiari lief diesmal nicht mit. Diese hatte sie in ihren Ball zurückgerufen. Anders als Arcus, der lieber draußen verweilen wollte und neben ihr lief. Auch Fabula war noch draußen und saß brav im Körbchen, um das gute Wetter und den Fahrtwind zu genießen.
    Als Louna dann endlich Zuhause ankam, war es schon später Nachmittag und ihr Magen hing in den Kniekehlen. Sie hätte sich auch etwas unterwegs kaufen können, doch sie wollte lieber kochen. Auf die Tamotbeeren-Pasta freute sie sich besonders, doch zuvor fütterte sie ihre Pokémon noch, damit diese wenigstens versorgt waren. Erst danach begann sie zu kochen, denn alle Zutaten waren bereits eingekauft gewesen und daher vorhanden.
    Es verging mindestens noch eine Stunde, bis sie mit allen Dingen fertig war und sich mit einem vollen Teller auf die Couch vor dem Fernseher sinken lassen konnte. Ihr Abendessen würde sie mehr als nur genießen! Weder ihre Eltern noch Soul waren schon Zuhause, weswegen allein ihre Pokémon ihr Gesellschaft leisteten. Oder auch nicht, denn Arcus und Chiari waren von der Rennerei so erledigt, dass sie im Körbchen zusammen gerollt lagen, eng aneinander gekuschelt und den Schlaf der Gerechten schliefen. Fabula hatte sich hingegen neben ihr auf der Couch eingerollt und störte sich nicht weiter an den Geräuschen, die aus dem Fernseher kamen. Louna hatte die Nachrichten angeschaltet und bekam gerade mit, wie sie einen Bericht über das letzte, unangenehme Ereignis in Illumina City berichteten. Vor einigen Tagen war das Gewitter heftig gewesen. Nicht nur, dass dabei durch einschlagende Blitze in der Stadt Verwüstung angerichtet worden war, auch der Angriff der Pokémon war immer noch das Topthema in der Stadt. Aussagen zufolge schien dahinter tatsächlich eine Organisation gesteckt zu haben, aber nach wie vor fehlten den Medien die dazugehörigen Details, um etwas Genaueres sagen zu können. Daher berichteten sie vor allem, dass die Ermittlungen der Polizei noch lange nicht abgeschlossen waren und wie viele Opfer es am Ende tatsächlich gegeben hatte. Mittlerweile war es bekannt. Während noch in der gleichen Nacht einige Todesfälle leider zu verbuchen waren, hatte es auch viele Verletzte gegeben. Manche waren nur leicht, andere schwer verwundet worden. Einige, die schwere Verletzungen erlitten hatten, waren anhand derer noch im Krankenhaus später verstorben, andere hatten sich davon erholen können oder lagen immer noch auf der Intensivstation. Dass die Nacht so heftige Konsequenzen mit sich geführt hatte, war kaum begreiflich. Louna schob nur langsam ihre volle Gabel zum Mund, da sie von den Nachrichten zu sehr eingenommen war. Die Bilder waren erschütternd. Sie hatte einige Schäden in der Stadt sehen können, als sie mit ihrem Fahrrad unterwegs gewesen war. Auch hatte sie sich gestern mit Dash und DJ über das Ereignis unterhalten und daher erfahren, dass DJ bald deswegen einen Auftritt hatte. Bald? Wie sie gerade dank des Fernsehmoderators erfuhr, fand die Trauerzeremonie anlässlich der Opfer sogar schon morgen statt! DJ hatte dabei einen Auftritt, da sie nun mal Musikerin war. Oder Sängerin. Na ja, eigentlich tat sie so einiges. Sie sang nicht nur und war daher in Einall schon eine kleine Berühmtheit, sondern trat auch selbst als DJ in Clubs auf. Was irritierend wegen ihres Spitznamens war, denn eigentlich hieß DJ mit vollem Namen Dana-Jane. Sie nannte sich immer nur selbst DJ nicht nur wegen ihrer Berufung, sondern auch weil sie die Abkürzung lieber mochte, als ihren vollen Namen. Den mochte sie nämlich ganz und gar nicht.
    Alle Bürger der Stadt waren zu der Trauerzeremonie eingeladen. Der Bürgermeister würde eine kleine Rede halten und man würde der Opfer gedenken, die wegen so einer Sinnlosigkeit verletzt oder gar getötet wurden. Louna entschied für sich selbst, dass sie auch dabei sein wollte. Glücklicherweise war weder von ihren eigenen Freunden noch von ihrer Familie jemand verletzt wurden. Dank Soul war sie selbst nur knapp einem herunterfallenden Trümmerteil entkommen. Aber sie wollte trotzdem gerne dabei sein. Die Zeremonie fand auf dem großen Zentral-Plaza statt. Er war passend, da er genügend Platz bot, um unzählige Menschen zu empfangen. Ab morgen Nachmittag würden daher um den Platz sämtliche Straßen gesperrt werden, so dass man mit den Autos nicht mehr durchkommen würde.
    Eine ganze Weile sah Louna noch fern und aß ihr Abendessen auf. Der leere Teller stand auf dem Couchtisch, doch zum Wegräumen war sie nicht mehr gekommen. Offenbar war sie selbst so erschöpft gewesen, dass sie irgendwann eingeschlafen war und daher nicht mehr mitbekam wie Soul und ihre Eltern nach Hause kamen.


  • 35. KapitelTrauer


    Wie hatte es nur dazu kommen können? War sie wirklich so dumm und hatte geglaubt, ihm helfen zu können? Dass er es auch zuließ? Aber war es denn so verwerflich, dass sie ihn nur unterstützen wollte oder wäre es doch besser gewesen, ihn sein eigenes Ding machen zu lassen? Er wollte doch selbst vorankommen, also warum nahm er dann nicht einfach die Hilfe an?
    Noch immer stand Louna fassungslos da, versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. Ihr Herz hämmerte unkontrolliert in ihrem Brustkorb, da es sich einfach nicht beruhigen wollte. Arcus, ihr Fukano, lief aufgeregt im Zimmer auf und ab, warf ihr immer wieder einen prüfenden Blick zu oder bellte manchmal noch auf. Vorhin war es schlimmer gewesen. Da hatte er ununterbrochen vor Hilflosigkeit gekläfft. Auf der einen Seite hatte er sie beschützen wollen, auf der anderen hatte er nicht verstanden, was das eigentliche Problem war. Er war doch nicht der Feind, oder etwa doch?
    Mit schwerem Herzen ließ sich Louna auf ihr Bett sinken und starrte Löcher in die Luft.
    Wie hatte es nur dazu kommen können?
    Sie schloss die Augen und ließ die Szene Revue passieren. Heute Morgen war sie verschlafen auf dem Sofa im Wohnzimmer aufgewacht. Sie wäre vielleicht länger liegen geblieben, wenn ihre Eltern nicht dabei gewesen wären sich für die Arbeit fertig zu machen. Sie waren in der Küche gewesen, wo etwas gescheppert hatte. Dadurch war sie erwacht. Doch das war nicht das Problem gewesen. Viel später hatte sich die dunkle Wolke über ihren Kopf zusammengezogen und ein Gewitter über sie einbrechen lassen, mit dem sie nicht mal annähernd gerechnet hatte. Was hatten sie gemacht, bevor es los gegangen war? Mittag gegessen? Stimmt, das dreckige Geschirr dürfte noch immer in der Küche stehen. Sie hatten nur zusammen gesessen, ein bisschen über dies und das gesprochen, sich ausgetauscht und darüber unterhalten, wie es weitergehen sollte. Soul besaß immer noch keinen Job, keine Wohnung. Aber nach zwei Tagen konnte man auch noch nicht viel erwarten. Es würde seine Zeit brauchen, bis er fündig wurde. Oder … er nahm einfach Hilfe an. Das hatte Louna gewollt. Nur nicht er.
    Louna ließ sich zurück auf ihr Bett fallen, rollte sich ein und bemerkte, wie Arcus auf die Bettkante geklettert kam. Er winselte, merkte, dass es ihr nicht gut ging. Da sie mit dem Rücken zu ihm lag, drehte sie sich um, streckte ihren Arm aus und zog ihr Fukano nahe an sich heran. Arcus war erst etwas verwirrt darüber so festgehalten zu werden, aber er beruhigte sich schnell und kuschelte sich noch enger an sie. Ihre anderen Pokémon hatten sich verkrümelt. Besonders Fabula hatte die Flucht ergriffen, als es so hektisch und laut geworden war. Vermutlich saß sie nun irgendwo unter dem Sofa oder in irgendeiner Ecke gequetscht und hatte Angst. Louna sollte sich um sie kümmern, aber sie war gerade nicht in der Lage aufzustehen. Sie hatte immer noch die Augen geschlossen und dachte darüber nach, was passiert war.
    Wutentbrannt war er aufgesprungen und hatte sie gefragt, was sie getan hatte. Nichts hatte sie getan, außer ihm dabei zu helfen eine Arbeit zu finden. Nun, es stand noch nicht einmal irgendetwas fest. Er musste selbst noch zustimmen, den Vertrag unterschreiben, der bei einem Job dazu gehörte und dann wäre alles erledigt. Aber genau das wollte er nicht.
    »Spinnst du?«, hatte er sie gefragt. Seine Augen hatten vor Zorn aufgeblitzt.
    »Was soll das? Was fällt dir ein dich einzumischen?« So wütend hatte sie Soul noch nie erlebt. Er war richtig sauer geworden, als sie ihm erzählt hatte, dass sie bei Professor Platan nachgefragt hatte, ob Soul nicht bei ihm einen Job bekommen könnte. Konnte er, wenn er das wollte. Nicht die bestbezahlte Arbeit, aber es war mehr, als gar nichts zu haben!
    Soul sah das alles ein wenig anders. Er war schon immer alleine klar gekommen, nie darauf angewiesen sich von irgendwem helfen zu lassen. Er hatte es geschafft allein seinen Abschluss in der Schule zu absolvieren. Hatte es geschafft sich allein um sein Essen zu kümmern, geschafft Geld zu verdienen, sich eine Wohnung zu organisieren, eben einfach alles … Dass er gerade mit leeren Händen dastand, war nun mal ein heftiger Rückschlag, aber einer, mit dem er ebenso allein klar kommen würde, wie mit allem anderen. Dass er bei Louna vorerst wohnte, war nur eine kurze Notlösung für ihn. Eine, wo er Geld einsparen konnte, doch er würde so schnell wie möglich wieder ausziehen. Das hatte er sich vorgenommen, weswegen er jeden Tag nach einer Bleibe suchte, nach Arbeit, die sein Leben finanzieren konnte. Einfach war das nicht, aber auch nicht unmöglich. Er würde es allein schaffen. Wie er alles alleine für sich regelte.
    Und dann kam sie und meinte, sie hätte Arbeit für ihn! Pah, als würde ihm das gefallen. Sollte er noch mehr in ihrer Schuld stehen? Sich dafür bedanken und ihr zu Füßen liegen, oder wie stellte sie sich das vor? Soul war ausgerastet. In ihm war eine Sicherung durchgeflogen, ohne es selbst zu wollen. Er war aufgesprungen und hatte herumgebrüllt und weil Louna sich nicht alles gefallen ließ, hatte sie ihm Konter geboten. Am Ende hatten sie sich gegenseitig angeschrien, Arcus war wild und hilflos umher gerannt, hatte gebellt, als könnte er dadurch den Streit schlichten. Fabula und Chiari waren geflüchtet, um sich irgendwo zu verkriechen und Coco hatte empört geschnieft und geniest, um ihren Missmut über diese Ruhestörung kund zu tun. Dael, Souls Hunduster, hatte ganz ähnlich wie Arcus reagiert, war aber nicht annähernd so aufgeregt umher gelaufen. Stattdessen war er immer ganz nahe bei Soul geblieben, Kampfbereit wenn es denn sein musste. Zum Kampf war es nicht gekommen. Natürlich nicht. So einen Streit regelte man doch nicht mit einem Pokémon-Kampf. Es war etwas Persönliches gewesen, wo Pokémon nichts damit zu tun hatten.
    Am Ende hatten sie sich für ein paar Sekunden lang schweigend gegenseitig angestarrt, dann hatte Soul auf dem Absatz kehrt gemacht und war wütend abgerauscht. Hinter ihm war die Wohnungstür knallend zu gefallen. Louna hatte allein im Wohnzimmer gestanden. Allein mit Arcus, war dann aber hinauf in ihr Zimmer gegangen. In ihrem Bauch hatte sich ebenfalls Wut angestaut. Sie war sauer darüber, dass Soul einen solchen Sturkopf besaß. Dass er sich nicht helfen lassen wollte, obwohl es so viel einfacher für ihn wäre. Sie hätte am liebsten irgendetwas zerschlagen, um ihrer Wut Platz zu machen, doch am Ende hatte diese destruktive Energie nicht gesiegt, sondern die Enttäuschung und die Hilflosigkeit.
    Nun lag sie auf ihrem Bett und Arcus leckte ihr über die nasse Wange. Wenn sie sich aufregte, passierte es schnell, dass Tränen über ihre Wangen rollten. Unabsichtlich. Sie wollte nicht heulen, es geschah aber einfach.


    Irgendwann rappelte sie sich wieder auf und ging in die Küche hinunter. Arcus folgte ihr auf Schritt und Tritt und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Er bewachte sie, als hätte er Angst, dass wieder irgendetwas Schlimmes geschah. Dankbar strich sie ihm über den Kopf und wollte danach damit beginnen das dreckige Geschirr wegzuräumen, doch zuvor fielen ihr ihre anderen Pokémon ein.
    Tornado fand sie auf der Sitzstange im Wohnzimmer. Hatte er beim Streit dort auch gesessen oder war er weggeflogen? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Heute morgen hatte die Übung mit dem Rufen funktioniert, wenn auch nach ein paar Ansätzen. Jetzt würde sie nicht noch einmal üben, ging aber trotzdem zu ihm, um zu schauen, ob soweit alles in Ordnung war. Ein bisschen plusterte sich Nad auf, schüttelte sich kurz und ließ sich von Louna eine kleine Beere geben. Diese vernaschte er sofort. Danach sah sie sich nach ihren anderen Pokémon um. Coco lag auf ihrer Decke, hob den Kopf und wirkte immer noch etwas pikiert. Die feine Dame brauchte ihre Ruhe, aber sie war auch nicht mehr die Jüngste. Louna ignorierte sie und ging weiter.
    »Fabula!«, rief sie. »Chiari!« Irgendwo würden die beiden doch stecken. Adia war in ihrem Ball, das wusste sie, aber wo war ihr Fynx und ihr Evoli? Chiari kam relativ schnell herbei gerannt. Zwar etwas langsam und mit horchenden Ohren, aber nachdem sie sicher war, dass alles ruhig war, kam sie ohne große Probleme auf Louna zu und ließ sich von ihr kraulen.
    »Gutes Mädchen«, lobte Louna sie und sofort begann Chiari zu schnurren.
    »Fabula!«, rief Louna danach erneut. Ihr Fynx hielt sich noch irgendwo versteckt. Erst im Badezimmer fand sie diese. Sie war zwischen der Waschmaschine und der Badewanne eingequetscht. Dort gab es einen kleinen Spalt, in dem sich Fabula rein gezwängt hatte. Es sah etwas ulkig aus, aber kam sie dort auch wieder hinaus? Im Moment wirkte Fabula eher ängstlich, ob sie der ruhigen Stimmung vertrauen durfte oder nicht.
    »Fabula, na komm raus«, versuchte Louna sie zu locken. Sie könnte sie auch aus dem Spalt ziehen, da sie von oben hinein greifen könnte, aber sie wollte ihrem Fynx keine Angst einjagen. Mit deutlicher Mühe zwängte sich Fabula dann irgendwann selbst heraus und musste sich erst einmal schütteln. Ihr Fell war ganz platt gedrückt. Ein Glück, dass sie heraus kam und nicht noch stecken geblieben war!
    »Wo du alles rein passt, wow«, staunte Louna und hob Fabula behutsam auf ihre Arme. Noch immer konnte sie in den kleinen, zarten Körper die Anspannung spüren, weswegen Louna versuchte, gut auf ihr Fynx einzureden und sie zu kraulen. Sie sollte sich sicher fühlen, alles war wieder gut. Na ja, vielleicht nicht alles, aber im Moment brauchte Fabula keine Angst zu haben. Das persönliche Problem, welches Louna mit Soul hatte, musste Fabula schließlich nicht kümmern.
    Zurück in der Küche angekommen, setzte sie Fabula auf einen der Küchenstühle ab und begann nun damit aufzuräumen. Vom Mittagessen war noch etwas übrig geblieben, doch sie hatte wenig Lust die Reste später zu verwerten und warf sie deshalb einfach weg. Das dreckige Geschirr wanderte dann direkt in die Geschirrspülmaschine. Leider half das Aufräumen nicht dabei die Gedanken los zu werden, die in ihrem Kopf herum geisterten. Noch immer versuchte Louna zu verstehen, was geschehen war. Warum es zu dem Streit gekommen war. War es denn wirklich ein so großes Problem gewesen, dass sie Soul nur helfen wollte oder lag da noch was anderes im Busch? Sie verstand ihn nicht. Auf der einen Seite hatte sie geglaubt, ihn langsam besser kennenzulernen und sich mit ihm anzufreunden und auf der anderen Seite gab es dann solche Momente, die alles ins Wanken geraten ließen, bei denen sie nicht mehr weiter wusste. War er jetzt endgültig gegangen? Dieser Gedanke erschreckte Louna so sehr, dass sie regelrecht aus der Küche floh, gefolgt von Arcus, um die Treppe nach oben zu steigen. Als sie schwungvoll die Tür zum Gästezimmer aufriss, hätte sie Soul auf dem Bett sitzend erwartet und doch war er nicht dort. Natürlich nicht. Er hatte die Wohnung verlassen. War doch klar, dass er nicht da war. Aber trotzdem … Sollte es sie beruhigen, dass seine Taschen noch hier standen und damit seine Sachen noch da waren? Er würde also zwangsläufig zurückkommen müssen. Hoffentlich nachdem er sich beruhigt hatte. Sorgen machte sie sich dennoch und hatte etwas Angst vor ihrem erneuten Zusammentreffen.
    Was, wenn er nur zurück kam, um seine Sachen zu holen und danach wieder verschwand? Es wäre sicher gut, wenn er endlich für sich eine Wohnung gefunden hätte, aber irgendwie … Louna mochte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er dann verschwand. Gänzlich aus ihrem Leben. Das war eine seltsame und extrem verwirrende Vorstellung. Verwirrung deshalb, weil es ihr auch egal sein konnte, ob er da war oder nicht. Aber genau das war es ja eben nicht. Ihr war gar nichts egal. Tatsächlich litt sie mehr unter diesem Streit, als sie sich selbst eingestehen wollte. Und dabei ging es nur um eine völlig harmlose Sache. Eigentlich. Soul sah das wie immer anders.
    Etwas anderes fiel Louna auf: Der Pokéball auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett. Es war der einzige Ball, den sie entdecken konnte und sie wusste auch, welches Pokémon sich darin befand.
    »Kinba.« Warum war Kinba noch hier? Hatte er ihn zurückgelassen und die anderen mitgenommen oder hatte Soul seine anderen Bälle irgendwo anders verstaut? Sie wollte nicht in seinen Sachen herumwühlen. Das würde nur wieder Ärger bedeuten, wenn er davon was mitbekam. Doch den Ball von Kinba nahm sie an sich, um nicht lange darüber nachzudenken und ihn raus zu lassen.
    Das goldfarbene Fiffyen schüttelte sich zuerst, als es den Ball verlassen hatte und sah sich danach um. Es gab auch ein Rufen von sich, als würde es wissen wollen, wo sein Trainer war. Damit konnte Louna leider nicht dienen, aber vielleicht gefiel es Kinba, wenn er gestreichelt wurde? Oh ja, was für eine Frage! Kaum hatte sie sich zu ihm gehockt und begonnen über sein Fell zu streicheln, da war Kinba mit seiner Aufmerksamkeit ganz bei ihr. Er wedelte mit seiner Rute und ließ sich auch auf ihre Arme nehmen. So trug Louna das Fiffyen mit ins Wohnzimmer zu den anderen, damit er nicht alleine war. Kinba verstand sich, wie Dael, genauso gut mit Chiari und Arcus. Fabula hielt sich wie immer im Hintergrund, aber da die anderen keine großen Ausnahme machten, wurde das Fynx einfach mit ins Spiel einbezogen. Die Stimmung lockerte sich zunehmend, worüber Louna erleichtert war. Wenigstens ihre Pokémon konnten wieder etwas fröhlicher sein. Sie ließ auch Adia umher laufen, damit das kleine Raub-Pokémon mit den anderen spielen konnte. Es würde die Beziehung zu ihnen allen fördern und sie noch enger zusammenschweißen. Darauf kam es am Ende bei einem Team an. Sie mussten miteinander gut klar kommen, denn so konnte man später auch in Kämpfen die Harmonie dafür gebrauchen, dass sie sich gegenseitig unterstützten und verteidigten, gerade in Mehrfachkämpfen.


    Der Nachmittag zog sich wie zäher Kaugummi. Louna blieb den ganzen Tag Zuhause. Ihr war nicht danach raus zu gehen, abgesehen davon ihren Lieblingen einen kurzen Auslauf zu geben. Außerdem mussten sie ihr Geschäft erledigen. Vorbildlich wie sie war, hatte Louna immer ein paar kleine Plastiktüten dabei, um hinter ihnen aufzuräumen. Schließlich wollten die Stadtbewohner eine saubere Stadt und keine verdreckte. Das war allerdings auch das einzige, was Louna an diesem Tag noch tat. Sie hatte sogar vergessen, dass am Abend die Trauerzeremonie war, wo sie ursprünglich hingehen wollte.
    Erst als sie den Fernseher anschaltete und noch einmal einen Bericht darüber sah und die Erwähnung, dass die Zeremonie heute Abend stattfand, erinnerte sie sich daran. Ob sie noch hingehen sollte? Im Prinzip passte ihre Stimmung perfekt dazu. Sie fühlte sich so, als hätte sie jemanden verloren, dabei handelte es sich doch nur um Soul. Einen verschlossenen, sturen Typen, der irgendwie ihr immer wieder Rätsel aufgab. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.
    Als ihr Telefon klingelte, erschrak sie fürchterlich. Sie war so mit dem Bericht im TV und ihren Gedanken beschäftigt, dass das Telefonklingeln sie völlig heraus gerissen hatte.
    »H-hallo?«, ging sie hastig ran, ohne nachgesehen zu haben, wessen Nummer angezeigt wurde.
    »Hallo Louna, hier ist May«, hörte sie die Stimme der Pokémon-Trainerin, die sie im Nouvaria Wald kennengelernt hatte.
    »May!« Louna war so überrascht ihre Stimme zu hören, dass sie gar nicht wusste, was sie sagen sollte. Aber das regelte sich schnell.
    »Hallöchen, wie geht‘s dir? Sag mal, gehst du eigentlich heute Abend zu dieser Trauerzeremonie?«, wollte May von ihr wissen und verwickelte Louna in einen kleinen Plausch. Sie erwähnte nichts von Soul und dem Streit und nahm die Ablenkung von May mehr als gerne hin. So brauchte sie nicht ständig über dieses sture Pampross nachzudenken!
    »Eigentlich wollte ich hingehen, aber … «, begann Louna und war sich nicht mehr so sicher. Sollte sie nicht lieber Zuhause bleiben, falls Soul zurückkam? Er hatte doch gar keinen Schlüssel!
    »Aber? Hast du was anderes vor? Das wäre schade, ich wollte nämlich hingehen«, berichtete May und Louna wurde hellhörig.
    »Wirklich? Bist du etwa in Illumina City?«
    »Jab, gerade erst angekommen!«, antwortete ihr May. Für Louna änderte sich einiges. Sie lud May zu sich ein, damit sie gemeinsam zur Trauerzeremonie gehen konnten. Sofern May keine anderen Pläne noch hatte. Doch die Trainerin sagte sofort zu, würde aber noch eine Weile brauchen. Bis in den Norden zu kommen, dauerte es etwas, vor allem da bereits die Straßen gesperrt waren. May würde den äußeren Ring nutzen, der aber auch viel befahren wurde, eben wegen der Absperrungen. Das störte Louna allerdings wenig, denn so hatte sie mehr als genug Zeit, um sich fertig zu machen. Sie konnte schlecht in ihren Schlumpersachen zur Zeremonie gehen. Daher begann sie sich auch sofort etwas anderes anzuziehen, als sie aufgelegt hatte. Da es sich um eine Trauerzeremonie handelte, würde sie etwas Schwarzes anziehen. Ihr Kleiderschrank gab einige passende Stücke her. Sie entschloss sich für ihr schwarzes Kleid, welches einen Spitzensaum besaß. Es passte gut, da es nur dünne Träger besaß. Bei der Wärme völlig ausreichend. Schwarze Feinstrumpfhosen würde sie zusätzlich anziehen und ihre kleine schwarze Handtasche würde sie auch mitnehmen. Dort kam nur das Nötigste hinein. Was war mit ihren Haaren? Louna verschwand im Bad, um sich zu bürsten und sich eine schwarze Rosenhaarspange in die Haare zu klemmen. Das sollte ausreichen. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Ihr Make-up hatte sie bereits aufgetragen, diesmal nur sehr dezent.
    Dann brauchte sie nur noch darauf zu warten, dass May ankam. Derweil schickte sie Kinba zurück in seinen Ball. Sie hätte ihn mitgenommen, aber er gehörte ihr nicht. Sie wollte sich nicht erdreisten Souls Pokémon an sich zu nehmen. Wenn er zurückkam und es vermisste, gäbe es nur wieder Ärger. Also legte sie den Ball auf das Nachtschränkchen und schloss danach die Tür des Gästezimmers. Danach schickte sie auch ihre anderen Pokémon in ihre Bälle, denn diese würde sie mitnehmen. So taten es schließlich Pokémon-Trainer, nicht wahr? Der Einzige, der wie immer draußen blieb, war Arcus. Der würde auch nur ungern in einen Ball gehen wollen. Verständlich.
    Irgendwann klingelte es an der Tür und Louna stürmte regelrecht zur Freisprechanlage, nahm den Hörer ab und konnte Mays Stimme hören. Sofort drückte sie auf den Türöffner, doch als sie den Hörer schon auflegen wollte, hörte sie noch ein anderes Geräusch. Eines, was sie sehr verwunderte. Sie ging deshalb zum Küchenfenster, von wo man auf die Straße hinab sehen konnte. Was Louna dort sah, brachte sie dazu May entgegen zu kommen. Sie riss die Wohnungstür auf, um nach draußen zu gehen, anstatt May hochkommen zu lassen. Das musste sie einfach mit eigenen Augen sehen!
    Arcus war dabei und machte genauso große Augen wie Louna selbst, als sie draußen ankamen und May begrüßen konnten.
    »Du meine Güte«, meinte Louna. Nicht nur wegen des Outfits von May. Sie sah gut aus, denn sie trug eine lange schwarze Lederhose, darüber schicke schwarze Stiefel, die perfekt auch zum Reiten waren, ein schwarzes schulterfreies Oberteil und eine dezente silberne Halskette mit einem kleinen Anhänger daran. May war gerade dabei ihren Reithelm abzunehmen, als Louna näher heran trat und nur Augen für Mays Pokémon hatte.
    »Das ist ein Gallopa! Du besitzt ein Gallopa!« Sie konnte es kaum glauben. May musste lachen und klemmte sich ihren Reithelm unter den Arm. Ihre langen braun-blonden Haare waren zu einem langen geflochtenen Zopf zusammen gebunden. So konnte sie ohne Bedenken den Helm aufsetzen.
    »Bist du etwa den ganzen Weg auf Gallopa geritten?«, wollte Louna wissen und sah May wieder an. Sie war völlig aus dem Häuschen. Ein Gallopa! May grinste sie breit an und nickte.
    »Ja, das war für mich die schnellste Fortbewegungsmethode.« May hätte auch mit einem Auto oder dem Bus fahren können, aber dann wäre sie nicht so flexibel gewesen. Mit ihrem Gallopa war es wesentlich einfacher gewesen manches Hindernis zu überwinden. Louna konnte es immer noch kaum glauben.
    »Darf ich es anfassen?«, fragte sie neugierig und freute sich, dass May ihr die Erlaubnis gab. Gallopas hatte Louna schon immer toll gefunden. Man konnte auf ihnen reiten wie auf Mähikels oder Chevrumms, aber das war nochmal etwas ganz anderes. Denn Ponitas und Gallopas waren vom Feuer-Typ und daher auf ihre Weise gefährlich. Einfach sich drauf setzen und los reiten ging bei ihnen nicht. Man brauchte ihr Vertrauen und musste ein guter Reiter sein, damit sie einem nicht runter warfen, aber vor allem auch nicht verbrannten. So hatte es Louna immer gedacht, doch vom Feuer war wenig zu sehen. Die Mähne als auch der Schweif des Feuer-Pokémons waren weiß wie das Fell und bestanden aus nichts anderem als normalem Haar. So wie bei anderen Pokémon oder Menschen. Zumindest machte es den Anschein, als wäre es nur normales Haar, aber da sollte man sich besser nicht täuschen. Als Louna ihre Hand auf die sanften Nüstern des Pokémon legte, zeigte dieses ihr sofort, wo das Feuer zu finden war. Mähne und Schweif entbrannten sich lichterloh in einem bläulichen Feuer und Louna ging sofort zwei Schritte rückwärts.
    »Ach herrje, hab ich es erschreckt?« Eher umgekehrt. May schüttelte erneut den Kopf.
    »Nein, nein, mach dir keine Sorgen. Arabélle begrüßt auf diese Weise immer andere Leute, die sie noch nicht kennt, nicht wahr?« May wandte sich an ihre Stute und klopfte ihr sanft auf den kräftigen Hals. Louna war beruhigt, dass es kein Zeichen von Aufregung war und streichelte Arabélle erneut. Die blauen Flammen erloschen wieder und hinterließen die weiße Mähne und den Schweif. Es war faszinierend wie unterschiedlich die Feuer-Pokémon alle waren. Ihre eigenen Feuer-Pokémon hatten bisher keinerlei Anstalten gemacht ihren Körper in Brand zu stecken. Bei Ponitas und Gallopas sah das ganz anders aus. Durch ihre besondere Haarstruktur und ihrem einzigartigen Körperbau konnten sie Flammen aus Hals und Schweif entstehen lassen. Im Kampf sah man immer die Feuermähne, so dass man den Eindruck gewann, dass diese Pokémon ständig in Flammen standen, aber das stimmte nicht. Wie sollte denn ein Reiter auf so einem Pokémon Platz nehmen, wenn es brannte? Das ging nicht. Louna freute sich die Chance zu bekommen mal so ein Pokémon vom ganz Nahem zu sehen.
    »Hättest du mir nicht in Aquerellia sagen können, welche Pokémon du hast?«, meinte Louna sehnsüchtig und tätschelte noch ein wenig Arabélle. May hingegen kicherte nur.
    »Du hast mich nicht gefragt!«, sagte diese und grinste breit.
    »Das stimmt., dann frage ich eben jetzt!«, meinte Louna und sah May interessiert an.
    »Och, es gibt da noch ein paar andere, aber die zeige ich dir ein anderes Mal«, antwortete May nur und enttäuschte Louna ein wenig damit.
    »Hast du wenigstens Aci dabei?«, wollte sie von ihr wissen und May lachte erneut.
    »Natürlich!« Um diese Tatsache zu beweisen, ließ May ihr Flunkifer sofort erscheinen, so dass Louna dieses auch begrüßen konnte.
    »Hallo Aci, erinnerst du dich noch an mich?« Natürlich tat es das Flunkifer und ließ sich von Louna ebenso tätscheln. Derweil nahm May den Sattel und das Zaumzeug von ihrem Gallopa ab. Beides bestand aus feuerfestem Material, was auch dringend notwendig war. Ansonsten würde es jedes Mal in Flammen aufgehen und May müsste sich neue Reitausrüstung kaufen.
    »Ist es möglich, die Sachen vielleicht erst einmal bei dir zu lassen? Ich würde sie dann natürlich wieder mitnehmen«, fragte May. Sie rief zwar ihr Gallopa zurück in den Ball, aber die Reitausrüstung sollte deswegen ihr Pokémon nicht die ganze Zeit tragen. Das tat sie nur, wenn sie wirklich für längere Zeit unterwegs war und von einem Ort zum anderen reiste. Aber da kam es auch oft vor, dass sie direkt auf Arabélle ritt.
    Weil Louna und May sich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatten, unterhielten sie sich und tauschten die neusten Errungenschaften aus. Louna erzählte ihr von ihren Pokémon und ihrem Training mit ihnen, auch von ihrer baldigen Arbeit für den Professor, während May wiederum sie wissen ließ, dass sie auf den Weg in ihre Heimat war. In Relievera City wohnte May. Ihre Tante lebte dagegen in Aquarellia, weswegen sie dort gewesen war. Die beiden jungen Trainer, ihr Cousin Takaru und die kleine Mimi, trainierten fleißig mit ihren Pokémon.
    »Außerdem muss ich langsam mal wieder zurück, um nach meinem Pokémon zu sehen«, sagte May als sie gemeinsam mit Louna auf den Weg zum Zentral-Plaza war.
    »Ja? Was genau meinst du damit?«, wollte Louna wissen und sah May von der Seite interessiert an.
    »Mein Pupitar befindet sich in unserem Keller und … «, begann May zu erklären und Louna blinzelte verwirrt.
    »Im Keller?« Das klang nicht nach einem Ort, wo man ein Pokémon unterbringen sollte, oder?
    »Ja, im Keller. Dort ist es schön dunkel und kühl. Ein passender Ort, um sich auf die Weiterentwicklung vorzubereiten«, meinte May und musste etwas weiter ausholen, damit Louna sie richtig verstand. Pupitar war die Zwischenform von Larvitar und Despotar, einem Gestein- und Boden-Pokémon.
    »Wenn es sich zu einem Despotar weiterentwickelt, legt es den Boden-Typ ab und nimmt dafür den Unlicht-Typ an. Passend, da es davon auch einige Attacken erlernen kann. Na, wie auch immer. Jedenfalls kannst du dir Pupitar wie eine Art Kokon vorstellen. Ähnlich wie bei Safcon und Kokuna. Es ist eine Zwischenstufe zur Endentwicklung, die sich nur wenig bewegt. Am Anfang war Pupitar zwar noch bewegungsfreudiger, aber kurz bevor ich mich auf den Weg nach Aquarellia gemacht habe, hatte es schon deutliche Anzeichen dafür gehabt, dass es in seine Ruhephase übergeht.«
    »Und das bedeutet, dass es sich bald weiterentwickeln wird?«, wollte Louna wissen. May nickte. Wie lange es noch dauern würde, wusste sie nicht so genau. Aber sie erwartete in den nächsten Wochen bereits eine Veränderung. Da sie gerne dabei sein wollte, war sie auf den Weg zurück nach Relievera City. Allerdings hatte sie von dem Vorfall der letzten Tage erfahren und auch davon, dass heute eine Trauerzeremonie anlässlich dafür stattfand. Genau da kamen sie nun an – auf dem Zentral-Plaza.
    Er war bereits gut besucht, so dass die beiden Damen sich etwas durch die Menge zwängen mussten. May hatte Aclasur zurück in ihren Ball gerufen und Arcus durfte sich ausnahmsweise tragen lassen. Louna hielt ihn lieber bei sich, bevor sie ihn im Getümmel der Menschen noch verlor. Um einen guten Platz zu finden, von dem sie aus gut auf die Bühne schauen konnten, mussten sie noch ein wenig weiter nach vorne. Doch das war einfacher gesagt als getan. Die Menschen, die sich hier her drängten, wollten alle etwas sehen und so mussten sich May und Louna regelrecht durchkämpfen, um überhaupt etwas sehen zu können.
    »Wir hätten früher kommen sollen«, meinte Louna, was aber wiederum mit langer Wartezeit verbunden gewesen wäre. Etwas, womit sie nicht besonders glücklich wäre. Als sie sich endlich einen Platz erkämpft hatten, wo sie halbwegs gut auf die Bühne schauen konnten, mussten sie dann immer noch eine ganze Weile warten. Da sie sich aber noch über viele Dinge unterhalten konnten, kam ihnen die Wartezeit, bis es richtig los ging, gar nicht mehr so lange vor.


    Es war der Bürgermeister der Stadt mit seinem kleinen Gefolge, der als Erstes auf die Bühne trat, um seine Trauerrede zu halten. Er versprach den Bürgern alles dafür zu tun, dass die Verbrecher gefasst werden und er sprach auch sein Beileid für die Opfer aus. Ebenso appellierte er an alle, dass man gerade in solchen Zeiten fest zusammenhalten und sich nicht erschüttern lassen sollte. Das Leben ging weiter, der Tod gehörte zum Leben dazu, so tragisch dieser Vorfall auch war. Ebenso wurde des Weiteren angekündigt, dass Sicherheitsmaßnahmen eingeführt werden sollen. Im Zuge der Ermittlungen wollte man überprüfen, wie sicher die Stadt vor weiteren solchen Anschlägen waren. Natürlich hoffte niemand, dass es noch einmal dazu kam, aber man wollte für einen solchen Fall besser vorbereitet sein. Damit die Polizei schneller darauf reagieren konnte! An dieser Stelle wurde noch einmal offiziell den Trainern gedankt, die sich heldenhaft eingemischt hatten, um die Bedrohung zu bekämpfen und die feindlichen Pokémon in die Flucht geschlagen hatten.
    Louna hörte eine ganze Weile zu, driftete aber ein wenig mit den Gedanken ab, da sie sich erneut daran erinnerte, wie Soul sie gerettet hatte. Wenn sie ihm so lästig war, warum half er ihr? Oder lag es am Ende nicht direkt an ihr, sondern an etwas anderem, dass er so … widerborstig manchmal war? Sie seufzte und bekam mit, wie der Bürgermeister eine musikalische Künstlerin auf die Bühne moderierte. Genau da wurde Louna wieder sehr hellhörig, denn sie erinnerte sich auch, dass DJ etwas von ihrem Auftritt erzählt hatte. Genau diese trat auf die Bühne. Ihr bunter Irokese stach deutlich zwischen den eher dunkel gekleideten Trauernden hervor, doch immerhin trug sie auch ein langes schwarzes Kleid, welches ihre Figur gut betonte. DJ war sportlich und schlank und brauchte sich nicht zu schämen. Sie allerdings in so einem Kleid zu sehen, war für Louna ein wenig ungewohnt. Gut, sie kannte die Eis-Pokémon-Trainerin noch nicht so gut, doch allein durch ihre ausgeflippte Figur erwartete man so einen Auftritt nicht. Ganz besonders nicht so einen mit dieser wahnsinnigen Stimme!
    Louna hatte sich bereits im Park davon überzeugen lassen können, dass DJ sehr gut singen konnte, doch das Lied, welches sie hier anstimmte, sprach sie nicht nur auf der emotionalen Ebene an, sondern auch von der Stimme an sich. DJs Gesangsstimme war unglaublich und das in mehrerlei Hinsicht! Louna kannte ihren Akzent und die Probleme, die sie mit der Sprache von Kalos hatte. DJ tat sich in der Hinsicht ein wenig schwer und trotzdem sang sie nun genau in dieser Sprache, so dass alle Anwesenden sie sehr gut verstehen konnten. Sehr gut – das war das Stichwort! Denn von ihrem Akzent war gar nichts zu hören. Wie machte sie das nur, dass sie beim Singen diesen ganz ablegte? Louna war so verblüfft darüber, dass sie an DJs Lippen hing und jede Strophe, jede Verszeile und jedes Wort auf sog wie ein Schwamm. Ja, nicht nur die Stimme war unglaublich. Auch der Inhalt berührte die Herzen der Menschen, so dass man den ein oder anderen schniefen hören konnte.


    »Wenn der Regen fällt und die Sonne erlischt,
    sei nicht traurig darüber, denn sie kommt zurück – irgendwann
    Wenn das Herz schwer wird und die Tränen fließen,
    alles sinnlos erscheint und du bist bedrückt – so irgendwann
    So irgendwann geht das auch vorüber … «


    »Sieh hinauf zum Sternenzelt, dort warte ich auf dich,
    nehme dich auf in mein Herz, wo du glücklich bist – irgendwann
    Sieh hinauf zum leichten Regen, der die Tränen weg spült,
    sei nicht mehr traurig darüber, denn mir geht es gut – so irgendwann
    So irgendwann geht der Schmerz vorüber … «


    »Es kommt bald der Tag, da fallen Grenzen nieder,
    dann sind wir vereint und glücklich darüber – irgendwann
    Es kommt bald die Nacht, da versiegen deine Tränen,
    dann ist dein Herz leicht und wir fliegen wieder – so irgendwann
    So irgendwann geht die Trauer vorüber … «


    »Denke an mich von Zeit zu Zeit,
    doch lebe dein Leben, denn es ist soweit,
    lass es hinter dir, den Schmerz und die Trauer,
    irgendwann bist auch du bei mir und wir wieder vereint
    Ja, wieder vereint, dann sind wir wieder vereint
    und der Schmerz geht vorbei,
    wieder vorbei … «


    »Ja, wieder vereint, dann sind wir wieder vereint
    und der Schmerz geht vorbei,
    wieder vorbei … «


    Lass es hinter dir, den Schmerz und die Trauer, irgendwann bist auch du bei mir und wir wieder vereint …

    Der Part ging Louna besonders nahe und nicht mehr aus dem Kopf. Das Lied als solches hatte eine tiefe Bedeutung, besonders für diejenigen, die jemanden verloren haben. Eigentlich war es bezogen auf den Anschlag und die Opfer, die gestorben waren, aber man könnte die Zeilen auch anders interpretieren, auf andere Situationen. Louna versuchte ihre aufkommenden Gedanken dazu zu unterdrücken. Hier ging es nicht um sie oder über irgendeinen sturen Kerl, sondern um diejenigen, die nicht mehr unter ihnen verweilten.
    Nachdem DJ ihr Lied gesungen hatte, bekam sie viel Anerkennung und Applaus. Es gab noch einige andere Künstler und Redner, die sich präsentierten, ihr Beileid ausdrückten und mit den Menschen waren, die heute um verlorene Familienmitglieder weinten. Dafür gab es auch zahlreiche Orte, an denen man Kerzen oder Blumen niederlegen konnte, um seine Anteilnahme zu zeigen. Louna würde mit May später auch eine Kerze entzünden, doch zuerst einmal waren sie wie der Rest der Anwesenden überrascht. Niemand anderes als der amtierende Arenaleiter von Illumina City betrat ganz überraschend die Bühne. Gemurmel und Raunen ging durch die Menge. Bisher galt der Arenaleiter noch als verschollen. Niemand hatte gesagt, dass er wieder da war. Nichts war in den Medien darüber zu hören gewesen. Dementsprechend wurden auch alle Fernsehkameras auf ihn gelenkt und viele Fotos geschossen. Der Arenaleiter hob seine Hand, damit sich die Menge wieder beruhigte, denn er wollte etwas sagen.
    Laurent war ein hochgewachsener Mann mit blonden Haaren. Nicht nur seine Pokémon waren trainiert, auch er selbst. Auch wenn er keine Muskelberge vorzuweisen hatte wie so manche Bodybuilder. Er war trotz allem fit wie ein Turnschuh. Seit Jahrzehnten leitete er die Arena in Illumina City und war daher ein angesehener Bürger der Stadt. Wie alle Arenaleiter besaß er neben dieser Pflicht auch noch andere. Er wurde zu Rate gezogen, wenn es Vorfälle mit Pokémon gab, so wie in der Gewittersturmnacht. Seitdem galt er als verschwunden.
    »Verehrte Bürgerinnen und Bürger von Illumina City, verehrte Gäste, mir ist durchaus bekannt, dass ich vor Kurzem noch als verschwunden galt. An dieser Stelle möchte ich Ihnen allen versichern, dass es mir soweit gut geht und Sie sich keine Sorgen machen müssen. Ich habe in den letzten Tagen eine Spur verfolgt, um mehr über die Ereignisse herauszufinden, die geschehen waren. Diese grässliche Zerstörungswut, die über uns eingebrochen war. Bedauerlicherweise kann ich jetzt leider nicht dazu in Details übergehen. Viele Dinge muss ich noch für mich behalten, da vieles erst noch geklärt werden muss. Ich versichere Ihnen aber allen, dass Illumina City von mir ebenso beschützt wird, wie von dem Sondereinsatzkommando der Polizei. Sie haben nichts weiter zu befürchten! Ihre Wut und ihren Hass dürfen nicht Ihre Oberhand gewinnen. Das wäre der falsche Weg. Trauern Sie um ihre Liebsten, die sie verloren haben. Dafür haben Sie jedes Recht. Doch ihre Trauer darf nicht in Zorn umschlagen. Bitte bedenken Sie das. Ich werde mit meinem Team alles dafür geben, dass solch ein Verbrechen kein zweites Mal geschehen wird!«
    Der Arenaleiter sprach zu der Menge und Louna wusste, dass er sehr beliebt in Illumina war. Er besaß eine Familie mit zwei Kindern und seine Frau dürfte sich auch unheimlich viele Sorgen um ihn gemacht haben. Seit wann er wieder da war, erwähnte er nicht. Aber die Menge jubelte ihm zu, als er mit seiner Rede fertig war und sich vorerst verabschiedete. Er würde zwar noch auf dem Platz bleiben, doch einen offiziellen Auftritt würde er nicht noch einmal haben. Louna fragte sich, was alles passiert sein musste. Vielleicht war es auch beabsichtigt gewesen zu verheimlichen, wo sich Laurent aufgehalten hatte, um die Ermittlungen nicht zu stören? Louna kannte ein paar Vorgehensweisen der Polizei dank ihres Vaters. Aber genaue Details kannte sie nicht über das, was vorgefallen war. Ihr Vater stand unter der Schweigepflicht und seine Tochter würde ihn nicht dazu drängen irgendetwas auszuplaudern, was er nicht sagen durfte.
    »Wow, das war echt krass. So ein Auftritt!«, meinte May neben Louna. Letztere stimmte mit ein. Es war überraschend und beeindruckend gewesen. Wer hätte damit schon gerechnet?
    »Aber auch die Sängerin war echt gut. Ich habe immer noch Gänsehaut!« Das war Lounas Stichwort!
    »Du meinst DJ? Vielleicht können wir sie treffen?«, sagte Louna und musste May dann erst einmal aufklären, dass sie DJ persönlich kannte. Das gäbe ihnen tatsächlich die Möglichkeit DJ zu treffen. Louna versuchte es gleich mal, doch DJ ging nicht an ihr Telefon. Gut, wenn sie diese so nicht erreichte, dann vielleicht über Dash? Der wuselte garantiert hier auch irgendwo herum! May blieb gespannt und als Louna auflegte und eine Antwort von Dash bekommen hatte, meinte May nur so zu Louna:
    »Du lernst auch immer wieder neue Leute kennen, was?« Louna erwiderte das Grinsen und stimmte zu. Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht! Seitdem sie vom Professor Platan ihren kleinen Botengang auferlegt bekommen hatte, war sie nun schon einigen interessanten Menschen begegnet. Das war etwas sehr Positives, denn so hatte sie neue Freunde dazu gewonnen.
    »Lass uns gehen«, sagte Louna zu May und gemeinsam brachen sie auf.

  • So, ich sag dann mal was zu den nächsten drei Kapiteln, die ich behandeln wollte - ist leider gerade alles irgendwie ein bisschen stressig so von der Zeit her, daher tut es mir leid, dass es länger gedauert hat, bis ich wieder was dazu schreiben konnte (ich brauche für so etwas nämlich nicht nur Zeit, sondern auch einen zumindest ein bisschen freien Kopf, sonst wird das nie was, haha).



    Insgesamt dann also: Louna verlässt endlich die Stadt, hihi. Dabei zeigt sich so ein bisschen ein Anime-Muster: Sie bekommt einen Begleiter zur Seite gestellt und reist mit diesem - ich weiß natürlich noch nicht, wie lange er eventuell bei ihr bleiben wird, schließlich geht es ja erst einmal "nur" nach Nouvaria und dann wohl weiter nach Escissia, aber man sieht hier vielleicht Potential für längeres gemeinsames Reisen, zumal Dash ihr ja einige Dinge über das Trainerdasein beibringen kann bzw. es ja auch schon tut. Das hat eigentlich auch insofern einen netten Effekt, als dass man sich dann auch als Leser gut einfinden kann, weil man ja quasi durch Louna die Welt kennenlernt.
    Bei dem Übungskampf finde ich es dahingehend aber irgendwie etwas ungewöhnlich, dass man da an einer Stelle mehr aus Dashs Perspektive zusieht. Das muss natürlich nicht schlecht sein - in gewisser Weise haben wir Louna ja auch schon einmal in einer Kampfsituation erlebt, Dash hingegen noch nicht - aber wenn es mehr um sie in der Geschichte gehen soll, wäre das eigentlich ein guter Moment für sei gewesen - aus ihrer Sicht hätte man natürlich ihre Unsicherheit wieder schildern, aber das Ganze auch mit ein paar neuen Dingen kombinieren können: Zum Beispiel könnte sie ja dann auch mal während des Kampfes zu Dash hinübersehen und sehen, dass er ein bisschen grinsen muss und sich dazu dann auch ein bisschen was denken. Das kann dann entweder zu weiterer Unsicherheit führen oder aber zu einer Art trotzigen Entschlossenheit - solche Sachen eben. Generell ist, denke ich, auch das Beobachten des anderen Trainers ein wichtiger Bestandteil von Kämpfen, insbesondere wenn sie zur Charakterisierung beitragen - auch wenn der Fokus sicherlich auf den kämpfenden Pokémon und damit der Action liegt.
    Jedenfalls aber: Der Übungskampf ist ein guter realistischer Anfang, Louna wagt sich langsam an die Materie heran, ist aber natürlich zu plötzlichen Höchstleistungen noch nicht in der Lage - da wird wohl noch ein weiter Weg gegangen werden müssen, aber der Anfang ist gemacht. Mal sehen, wie es weitergeht, vielleicht kann Louna ja irgendwann dem Kämpfen doch etwas abgewinnen - vielleicht am Ende immer noch nicht sehr viel, aber ich könnte mir vorstellen, dass es am Ende auf einen verantwortungsbewussten Umgang damit hinausläuft; möglicherweise wird sie immer noch nicht oft kämpfen, aber es tun, wenn es wirklich notwendig ist.
    Ansonsten bin ich noch gespannt, wie es auch in Bezug auf andere Dinge noch weitergehen wird - Soul wird ja sicher noch einmal auftauchen und eventuell ergibt sich noch irgendwas, was mit dem Diebstahl aus den vorherigen Kapiteln in Zusammenhang steht - das muss natürlich sein, aber es wäre jetzt so ganz spontan ein Punkt, der mir einfällt und an dem ansetzen könnte.
    Aber ich werde dafür wohl einfach weiterlesen müssen, haha. Insofern: Bis demnächst!

  • 36. KapitelKampfprobe


    Der letzte Abend war trotz des ernsten Themas für Louna schön gewesen. Sie hatte sich darüber gefreut, May wiederzusehen und hatte ihr DJ und Dash vorgestellt. Es war ein wenig schwierig gewesen, die beiden anderen Trainer in der Menge zu finden, aber nachdem Dash sie zusammen gelotst hatte, konnten sie sich in Ruhe unterhalten. May war fasziniert von DJs Auftritt gewesen und gleichzeitig erstaunt, dass diese eine Eis-Pokémon-Trainerin war. Das gab die Möglichkeit irgendwann mal einen Trainingskampf auszuführen.
    Apropos Training! Louna hatte May gefragt, ob sie ihr am nächsten Tag nicht ein bisschen beim Training helfen konnte. Denn nachdem sie noch beide eine Kerze für die Opfer entzündet und den Zentral-Plaza verlassen hatten, war Louna neugierig gewesen zu erfahren, wann May weiterziehen würde. Sie hätte ihr das Gästezimmer angeboten, dummerweise war jenes schon besetzt, so dass May in einem Hotel schlafen musste. Doch das stellte keine Probleme für die Trainerin aus Kalos dar, da sie sowieso damit gerechnet hatte. Zwar hatte sie vorgehabt, am nächsten Morgen gleich direkt weiterzuziehen, doch für Louna machte sie eine kleine Ausnahme und würde sich am Vormittag mit ihr treffen.


    Genau deswegen war Louna nun an diesem sonnigen Tag unterwegs. Allerdings versuchte sie angestrengt sich keine Gedanken um Soul zu machen. Er war alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Außerdem hatte er sich nicht bei ihr gemeldet, denn ihre Nummer besaß er. Louna selbst hatte es vermieden ihn anzurufen oder ihm eine Kurznachricht zu schreiben. Am Ende sah es so aus, als würde sie ihm hinterher laufen und das wollte sie nicht. Er wäre vermutlich nur wieder genervt von ihr und das war das Letzte, was sie zusätzlich herauf beschwören wollte. Dennoch war es schwierig nicht an ihn zu denken. Er war gestern nicht mehr nach Hause gekommen, hatte keine Nachricht hinterlassen und auch heute Morgen war er immer noch nicht zurück gewesen. Ob er eine Bleibe für sich gefunden hatte? Wünschenswert für ihn wäre es. Dann musste Louna kein so schlechtes Gewissen haben, dass er vielleicht eine Nacht unter freiem Himmel verbracht hatte. Andererseits war sie auch nicht dafür verantwortlich, wenn er nicht zurückkam. Irgendwann würde er schon auftauchen … Schließlich waren seine Sachen noch bei ihr und Kinba! Dieser hatte heute Morgen von Louna, wie der Rest ihrer Pokémon auch, Futter und Auslauf bekommen, doch wieder einmal ließ sie seinen Ball mitsamt Kinba Zuhause zurück. Dabei hätte sie es ihm gegönnt draußen herum zutoben. Aber wenn Soul nun mal nicht da war und noch nicht abzusehen war, wann er zurück kam …
    »Und wenn ihm wirklich was passiert ist?« Louna schüttelte den Kopf, damit Soul endlich aus ihren Gedanken verschwand. Ja, er war alt genug und konnte gut auf sich selbst aufpassen. Er brauchte keine besorgte Louna, die sich den Kopf um ihn zerbrach! Außerdem war sie jetzt mit May verabredet, weswegen ihr Weg zum Tor zu Route 5 – dem Coteau-Weg – führte! Sie hatte sich extra etwas Sportliches angezogen, damit sie beweglich war. Außerdem machte sich eine kurze Hose doch wesentlich besser auf ihrem Fahrrad als ein Kleid oder ein Rock. Und wie könnte es anders sein? Auch dieses Mal waren Fabula, Arcus und Chiari mit dabei und besaßen ihren angestammten Platz. Fabula im Fahrradkörbchen, Arcus und Chiari neben ihr herlaufend. Sobald Louna das Tor erreicht hatte und auf den Coteau-Weg ankam, würde sie auch Adia heraus lassen. Bei Tornado war sie sich noch nicht ganz sicher, aber das konnte sie später immer noch entscheiden. Zuerst einmal musste sie ankommen. Der Straßenverkehr war nicht ganz ohne. Es war mitten in der Woche und dementsprechend viel los. Bis sie endlich den Südwesten erreicht hatte, verging viel Zeit, aber danach kam sie wesentlich besser voran.
    Sie fuhr durch das große Tor aus Illumina City hinaus. Von der Hauptstraße fuhr sie kurz danach ab, um den Rad- und Wanderweg zu nehmen, der nebenbei auch noch zu einer größeren Skateranlage führte. Gerade deswegen kamen ihr immer wieder Skateboarder oder Rollerskater entgegen. Bei dem schönen Wetter musste man es einfach ausnutzen ein paar Runden zu drehen. Louna fuhr in die Nähe des Skaterplatzes, da sie hier mit May verabredet war. Die Anlage war super und Louna konnte alle die Skater nur dafür bewundern, wie sie die Hindernisse überquerten und dabei Sprünge und andere Figuren machten. Man konnte auf den ersten Blick sofort erkennen, wer Profi war und wer noch viel üben musste. Um den Skaterplatz herum gab es viel Grünfläche. Blumen blühten überall und viele Bäume boten schattige Erholungsorte.
    Da sie erst einmal ihr Fahrrad abstellen musste, fuhr sie an die Seite der Skateranlage, wo es auch Abstellmöglichkeiten für Fahrräder gab. Dort schloss sie ihr eigenes an und entfernte sich danach etwas von dem Platz. Arcus und Chiari folgten und auch Fabula hielt mit ihr Schritt. Anscheinend war May noch nicht da, denn als sie sich umsah, konnte sie die andere bislang noch nicht entdecken.
    Während sie warten würde, konnte sie Adia aus ihrem Ball lassen. Sofort folgte die Tat und das junge Leufeo fand sich auf einer Blumenwiese wieder und musste erst einmal niesen, da ihm eine Polle in die Nase flog. Louna lachte und streichelte Adia, die daraufhin aufmauzte. Sie ließ die Kleine laufen und herum tapsen, damit sie ihre Umgebung erkunden konnte. Arcus und Chiari waren schon wieder dabei miteinander zu spielen und Fabula hatte sich ein Plätzchen gesucht, wo sie sich einrollte und herzhaft gähnte. So ein Mittagsschläfchen hätte auch was für sich.
    Während Lounas Pokémon das schöne Wetter genossen, holte sie aus ihrem Rucksack eine Decke hervor, die sie über das Gras ausbreitete, damit sie sich hinsetzen konnte. Sie hatte alles mitgebracht, was man für ein kleines Picknick im Freien benötigte. Auch belegte Sandwiches durften dabei nicht fehlen! Doch Hunger hatte sie noch keinen. Die Brotration war für später gedacht. Gerade als sie sich auf die Decke niederließ, um die Sonne zu genießen, hörte sie jemanden nach ihr rufen.
    »Louna!« Es war May, die auf ihrem Gallopa angelaufen kam. Mit viel Neid konnte Louna nur dabei zusehen, wie May heran kam und danach aus dem Sattel stieg. Arabélle scharrte ein wenig mit dem Huf, bis May abgestiegen war und ihr erlaubte ein paar Runden zu drehen. May hatte keine Angst davor, dass Arabélle verschwinden könnte. Ihre Stute war schon sehr lange in ihrer Obhut und sie vertrauten sich blind.
    »Schön, dass du gekommen bist!«, begrüßte Louna die Trainerin, die sich zu ihr auf die Decke setzte.
    »Wie verabredet!« May hätte sie keinesfalls sitzen lassen.
    »Also, erzähl mal!«, forderte May Louna auf, denn schließlich war sie nicht nur hier, um das schöne Wetter zu genießen, sondern Louna auch ein wenig mehr beizubringen.
    »Wann genau ist die Prüfung?«, wollte May wissen und Louna verzog das Gesicht.
    »In nicht mal mehr als zwei Wochen!« Weniger sogar! Nervös war sie schon deswegen, denn Louna hatte Angst zu versagen. Wenn es nur für sie alleine wäre, wäre das bestimmt was anderes, aber da nun auch noch Professor Platan darauf wartete, dass sie ihren Trainer-Pass bekam, wurde gleich viel mehr Druck aufgebaut. Prüfungsdruck, den sie eigentlich mit der Abschlussprüfung aus der Schule hinter sich gelassen hatte. Dass sie nun schon wieder eine Prüfung bestehen musste, behagte ihr gar nicht.
    »Mach dir keine Sorgen darum. Jeder bekommt das hin, sogar Kinder. Die Prüfung ist danach ausgelegt, dass du die Grundlagen des Trainerdaseins verstanden hast.« Es ging weder darum, dass sie einen Pokal gewann noch anderweitig ein erstklassiger und starker Trainer war. Die Stärke kam mit dem Training. Louna musste sich nur beweisen, dass sie genügend Verantwortungsbewusstsein an den Tag legte, um sich offiziell als Trainerin bezeichnen zu dürfen. Alles andere kam mit den Erfahrungen.
    »Die Schwerpunkte der Prüfung sind die Pflege und Aufzucht der Pokémon, der Umgang mit ihnen, die Wechselwirkungen der Elemente und der Kampf als solches«, zählte Louna auf und bekam noch mehr Angst, dass sie versagen könnte. Besonders bei dem Kampf.
    »Gut, was weißt du alles schon über die Pflege und Aufzucht?«, wollte May wissen. Sie gingen direkt in die Wissensabfrage über. Denn Louna war nicht untätig gewesen, sie hatte gelernt, nur ob sie schon alles wusste, war hier eine ganz andere Frage.
    »Das Thema ist nicht so schwer. Ich weiß, wie ich das Fell meiner Pokémon pflegen muss und welches Futter sie bekommen.« Das klang im ersten Moment einfacher als man glaubte, denn tatsächlich gab es da auch einige Unterschiede. Louna hatte sich intensiv mit der Ernährung ihrer Pokémon beschäftigen müssen. Außerdem wurden Pokémon in unterschiedliche Ernährungsgruppen gegliedert. Einmal diejenigen, die sich ausschließlich von Fleisch ernährten oder nur von pflanzlicher Kost und dann jene, die sowohl das eine, als auch das andere brauchten. Darüber hinaus gab es noch einige Unterkategorien, die sich Louna angesehen hatte und was eine reine Fleißarbeit war. Sie musste es mehr oder weniger auswendig lernen, mehr war es nicht. Damit hatte sie weniger Probleme.
    »Bei Arcus, Chiari, Adia und Fabula ist es recht einfach. Sie kann ich alle mit der Bürste pflegen und die Krallen schneiden. Bei Tornado ist es ein wenig anders.« Ihn konnte sie nicht bürsten, da er Federn statt Fell besaß. In der Hinsicht brauchte sich Louna auch nicht viel einzumischen, da Tornado selbst sehr gut dafür sorgte, dass sein Federkleid immer reinlich war.
    »Nur bei seinen Krallen muss ich aufpassen, dass sie nicht zu lang werden.« Daher war es gut, dass sie sein Vertrauen gewann und ihn mittlerweile auch anfassen konnte. Falls es nötig wurde, würde sie irgendwann seine Krallen mal stutzen müssen, aber im Idealfall würde es nicht dazu kommen. Dennoch würde sie ein waches Auge darauf haben, wie auf alles andere auch.
    Bei dem Futter muss sie dafür einige Unterschiede beachten.
    »Adia und Arcus bekommen hauptsächlich Fleisch. Chiari und Fabula haben eine eher ausgeglichene Ernährung. Ihnen kann ich auch beispielsweise Beeren geben. So wie bei Tornado, der auch zahlreiche verschiedene Körner und Samen zum Fressen bekommt«, erklärte Louna weiter. May hörte sich alles an, was die angehende Trainerin zu sagen hatte. Falls sie der Meinung war, dass Louna irgendwas vergessen hatte, hackte May noch einmal nach, aber bisher klang das alles ganz vielversprechend.
    »Der Umgang mit ihnen fällt mir auch nicht sonderlich schwer, aber am meisten macht mir der Kampf Sorgen und die zahlreichen Wechselwirkungen. Zwar gibt es dafür eine schöne Übersicht, aber ich verhaue es trotzdem immer wieder. Vor allem verstehe ich manche Zusammenhänge noch nicht.« In diesem Fall konnte May ihr vielleicht weiterhelfen!
    »Mir fällt es schwer, vor allem die Stärken und Schwächen von Pokémon zu erkennen, die zwei Typen besitzen. Beispielsweise deine Aci«, fuhr Louna fort. Aclasur, Mays Flunkifer, kam sofort aus dem Ball, als May sie rief.
    »Sie ist doch ein Stahl- und Feen-Pokémon, richtig?«, wollte Louna von ihr wissen und May bestätigte es.
    »Deswegen sind Feuerattacken sehr effektiv gegenüber Aci, ja?«, fragte Louna, was May wieder bestätigte.
    »Aber Kampfattacken angeblich nicht? Warum? Ich dachte diese wären auch sehr gut gegen Stahl-Pokémon?« Das verwirrte Louna. Der Kampf-Typ bot Vorteile gegenüber den Stahl-Typ, doch warum hatte dieser keine besondere Auswirkungen gegenüber Aci? Weder war sie besonders anfällig noch nicht anfällig darauf.
    »Wegen dem Fee-Typ«, meinte May und Louna sah sie verwirrt an.
    »Du hast den Fee-Typ von Aci vergessen, obwohl du ihn vorhin genannt hast. Durch diesen Zweittypen kann Aci die Kampfattacken ausgleichen und ist deshalb nicht anfällig darauf!« Bei Louna ging förmlich ein Lichtlein auf. Sie hatte sich so auf den Typ-Stahl versteift, dass sie trotz des vorhandenen Wissens vergessen hatte, dass der Fee-Typ nicht anfällig auf Kampfattacken war. Dadurch glichen sich die Typen aus und Aci musste sich keine besonders großen Sorgen machen, wenn ihr ein Kampf-Pokémon gegenüber stand. Im Gegenteil! Wenn sie Feenattacken einsetzte, war sie sogar im Vorteil!
    »Oh wow, das ist echt schwierig sich das alles zu merken«, seufzte Louna. Diese ganze Theorie über die Wechselwirkungen konnte sehr verwirrend sein.
    »Ich weiß. Am einfachsten merkt man es sich, wenn man es in der Praxis erlebt. Allerdings wird das in deinem Fall nicht ganz so ausgeprägt vorkommen, nicht wahr?« May grinste und sah rüber zu Lounas Pokémon. Durch ihre Feuer- und Normal-Pokémon würde sich Louna nur auf wenige Typen beschränken müssen. Es sei denn sie hatte vor, ihren Pokémon verschiedene Attackentypen beizubringen. Dann konnte sie natürlich gegenüber anderen Pokémon einen Vorteil herausschlagen.
    May ging mit Louna die Tabelle der Wechselwirkungen durch, insbesondere auch in Bezug auf ihre eigenen Pokémon, damit Louna es sich noch besser einprägen konnte. Dadurch, dass May so viel Wissen schon als Trainerin angesammelt hatte, war sie eine große Hilfe und konnte gleichzeitig auch erklären, warum und wieso ein Typ gegenüber einem Pokémon mal besser oder schlechter wirkte. Besonders bei zwei Typen war es nicht immer sofort ersichtlich, was besonders effektiv oder nicht effektiv war. May schlug ihr deswegen vor, immer erst für jeden einzelnen Typen die Stärken und Schwächen aufzuschreiben und danach diese untereinander abzugleichen und jene raus zu streichen, die sich zueinander aufhoben. Dadurch blieben die tatsächlichen Stärken und Schwächen übrig.
    »Krass, du machst daraus eine richtige mathematische Gleichung!«, bewunderte Louna sie dafür und May grinste erneut.
    »Im Endeffekt ist es auch nichts anderes als das. Natürlich ist das alles nur Theorie. Die wahre Stärke und Schwäche des jeweiligen Pokémon hängt immer davon ab, wie gut es trainiert ist und was es tatsächlich kann.« Ein sehr robustes Pokémon konnte auch Attacken von Typen wegstecken, gegen die es normalerweise unterlegen wäre. Das würde es zwar nicht auf Dauer aushalten können, aber möglich war es trotzdem.
    »So, wie wäre es nun mit einem kleinen Übungskampf?«, fragte May und sah Louna auffordernd an.
    »Ääääh, ich weiß nicht, ob … «, begann sie. Ein Kampf? Gegen May? Himmel hilf! Louna wurde ganz nervös. Mit wem sollte sie kämpfen? Eigentlich blieb da nur Arcus übrig, da die anderen noch gar keine Übung darin besaßen.
    »Na los, ohne Übung wird das nie was!«, meinte May und stand auf.
    »Ich werde Aci einsetzen, dann bist du auch direkt im Vorteil«, bot May zusätzlich an. Sie hatten gerade die Wechselwirkungen zu Flunkifer erörtert, so dass Louna gut Bescheid wusste. Außerdem war ihr Fukano vom Feuertyp und daher eine sehr gute Wahl für den Kampf. Natürlich unterschieden sie sich in der Erfahrung, daher war Louna klar, dass nur May gewinnen konnte. Aci besaß mehr Kampferfahrungen als Louna und Arcus zusammen. Eine reelle Chance besaß sie also nicht gegen May, aber das machte nichts. Es ging um die Übung und nicht ums Gewinnen.
    Louna stand auf und rief Arcus zu sich, der gerade einer interessanten Spur mit der Nase folgte. Doch sie war nicht so interessant wie das Rufen seiner Trainerin. Sofort kam er herbei geeilt und wurde von ihr gekuschelt. So viel Zeit musste einfach sein.
    »Bereit?«, wollte May wissen, die sich in mehreren Metern Abstand zu Louna positioniert hatte und ihr Flunkifer ebenfalls zu sich gerufen hatte.
    »Mir bleibt doch eh keine Wahl«, war alles, was Louna sagte und schon ging es los. May überließ allerdings Louna den ersten Zug. Sie würden es langsam angehen, damit Arcus begriff, dass er jetzt zu kämpfen hatte und sowohl Pokémon als auch Trainerin sich darauf einstellen konnten.
    »Okay Arcus, es geht los, auf in den Kampf!«, sagte Louna und deutete auf Aci. Mal sehen, ob Arcus sich noch an die Attacken erinnern konnte, die er schon mal eingesetzt hatte. Es war jetzt ein Weilchen her, dass er kämpfen musste. Hoffentlich hatte das nicht zu einem Trainingsrückschritt geführt.
    »Biss!«, rief als erstes Louna. Ihr war bewusst, dass eine Bissattacke nicht besonders effektiv gegen einem Flunkifer war. Aber als Einstieg für den Kampf war es nicht verkehrt. So verstand wenigstens Arcus, was er zu tun hatte. Mit dem Feuer konnten sie danach immer noch spielen. Dummerweise wirkte Arcus erst ein wenig irritiert. Er sollte beißen? Das Flunkifer?
    »Ach komm schon, Arcus, du weißt doch ganz genau, wie das geht!« Als Antwort bekam sie nur ein Winseln und May musste auf der anderen Seite lachen.
    »Besonders kämpferisch scheint Arcus nicht zu sein«, meinte diese und schickte deshalb Aci los. Wenn Arcus nicht anfangen wollte, weil er Aclasur nicht als Gegner ansehen wollte – dieses friedfertige Fukano! – dann würde Aci eben zeigen müssen, dass sie sehr wohl ein Gegner sein konnte.
    »Beginnen wir eben mit Verhöhner!« May setzte bewusst keine offensive Attacke ein, da Acis Angriffe sehr stark waren. Sie wollte vermeiden, Arcus versehentlich zu verletzen. Außerdem sollte der Verhöhner Arcus dazu animieren, los zu legen. Das Flunkifer begann also Arcus zu verhöhnen. Es schüttelte sich, scharrte mit den Beinen, provozierte Arcus auf mehrerlei Hinsicht, bis Arcus genug hatte und endlich los lief, um eine Bissattacke einzusetzen. May befahl ihrem Pokémon noch nicht einmal auszuweichen, weswegen Arcus Aci zu fassen bekam. Doch eine richtige Wirkung erzielte er dadurch nicht. Er konnte so fest auf Aclasur herum kauen wie er wollte, sein Angriff war weder stark noch effektiv genug. Louna hatte das geahnt und rief Arcus wieder zurück, damit er ein wenig Abstand gewann. Nur widerwillig gehorchte er ihr, weil er sich noch zu sehr provoziert fühlte und noch Übung im Kämpfen an sich benötigte. Doch das würde schon noch werden, davon war vor allem May überzeugt.
    »Arcus, setz Glut ein!« Diese Attacke kannte er auch schon und dieses Mal brauchte er nicht lange und fackelte auch schon los. Kleine Feuerfunken stoben aus seinem Maul heraus und warf sie direkt auf Aci. Auch diese taten ihr nicht sonderlich weh, obwohl Aci von einigen Glutfunken getroffen wurde. Louna wurde mehr denn je bewusst, wie gut dieses Flunkifer trainiert worden war. Obwohl es anfällig auf Feuerattacken war, richtete die Glutattacke kaum etwas aus.
    May befahl ihrem Pokémon sich umzudrehen, so dass der große, gefährliche Kiefer für Arcus und Louna sichtbar wurde. Dieser schnappte drohend aufeinander, was nicht nur Arcus, sondern auch seine Trainerin erschreckte. Es war nur eine Drohung, kein wirklicher Angriff, aber Louna verstand, dass es besser war dem Kiefer nicht zu nahe zu kommen. Hoffentlich ging dabei nichts schief! Arcus sollte eine weitere Glutattacke einsetzen, aber auch diese verpuffte regelrecht, als der Kiefer die Funken einfach verschluckte. Anders konnte man es gar nicht beschreiben. Louna versuchte daher etwas anderes und wies Arcus an, um Aci herum zu laufen, aber das Flunkifer war nicht dumm und drehte sich mit Arcus mit. Es war schwierig für ihn wieder die Vorderseite zu erreichen, denn das war eher eine Schwachstelle als der Kiefer selbst. Wenn Arcus Aci von vorne direkt treffen könnte, hätte er mehr Chancen, doch das müsste er erst einmal schaffen.
    »Nicht schlecht, aber du musst eine richtige Strategie entwickeln, um einen Kampf gewinnen zu können«, rief May Louna zu und gab ihr damit einen Tipp. Eine Strategie …
    Bisher hatte Louna einfach nur so wahllos einen Befehl nach dem anderen gegeben, aber sie erinnerte sich an den Kampf in der Nouvaria Arena zurück. Dort musste sie Gehweiher auch von den Seilen herunter bekommen, damit Arcus zuschlagen konnte. Dank seiner Glutattacke hatte er die Seile verbrennen können und damit dem Gehweiher keine weitere Fluchtmöglichkeit mehr geboten. Ähnlich würde es Louna bei dem Flunkifer tun müssen. Die Verteidigung brechen, um einen Schlag ausführen zu können, aber wie? Ein direkter Angriff würde nicht funktionieren. Arcus konnte zwar sein Feuer einsetzen, aber wenn Aci immer wieder diese Attacke abwehrte, würde es nichts bringen. Arcus musste schneller sein. Schneller als Aci, es brauchte eine Ablenkung …
    In Lounas Kopf entwickelte sich ein Plan, doch sie hatte keine Ahnung, ob das funktionieren konnte. Sie würde bei den Feuerangriffen bleiben. Da May in ihrer defensiven Kampfhaltung mit Aci verweilen würde, boten sie ihr die Möglichkeit an, Arcus aktiv angreifen zu lassen. Genau das würde er auch weiterhin tun. Laut Lounas Befehl feuerte er eine weitere Glutattacke ab, aber noch während diese auf Aci flog, sollte er um sie herum rennen und auf der anderen Seite eine weitere Glutattacke auf Aci werfen. Dieses Spielchen sollte dazu führen, dass Aci mit nichts anderem beschäftigt war, als immer wieder die Angriffe zu blocken, aber dafür musste sie auch selbst schnell genug sein, um sich umdrehen zu können. May verfolgte das Spielchen, wie Arcus Aci umrundete, eine Feuerattacke nach der nächsten ausspie und immer schneller und schneller wurde. Moment, schneller wurde?
    »Hey, setzt du etwa Nitroladung ein?«, wollte May wissen. Louna war schon wieder verwirrt.
    »Nitroladung?«
    »Ja, so nennt man die Attacke von Feuer-Pokémon, die immer schneller und schneller werden!« May deutete auf Arcus, dessen Geschwindigkeit beachtlich zunahm. Wieso hatte niemand Louna darüber aufgeklärt, dass ihr Pokémon dazu in der Lage war? Ach egal! Arcus sollte weiter machen, bis sich die Chance ergab, sich Aci so sehr zu nähern, dass er sie angreifen konnte. Noch während sie dabei war eine weitere Glutattacke abzuwehren, warf sich Arcus direkt von vorn auf sie und folgte dem Befehl seiner Trainerin und setzte seinen Feuerzahn ein. Den hatte er nämlich auch schon gelernt gehabt. Die Flammen aus seinem Maul ließen diese Bissattacke nun deutlich unangenehmer für Aci werden, als vorhin ohne Feuer.
    May befahl einen kleinen Gegenstoß, so dass Arcus abgewehrt wurde und zurück zu Louna lief, als diese ihn rief. Aci war durch das Feuer nicht schwer verletzt worden und könnte ohne Probleme weiter kämpfen, doch die beiden Trainerinnen einigten sich darauf, dass es vorerst genug war. In erster Linie ging es nur darum, dass Arcus seine Kampferfahrungen ausbaute und das hatte er gerade getan, weswegen er von Louna äußerst zufrieden geherzt wurde.
    »Wuhu, gar nicht schlecht gewesen!«, gab es auch Beifall vom Publikum.
    Publikum? Louna erschrak sich und sah zur Seite, wo Dash und DJ ganz gemütlich auf der Decke saßen und ihr grinsend zujubelten.
    »Seit wann seid ihr denn hier?«, wollte Louna sofort wissen und ging zu den beiden rüber. Neben ihnen saßen auch Chiari, Adia und Fabula, die offenbar Arcus‘ Kampf genauso mitverfolgt hatten, wie Crystal und Raku. DJs Glaziola und Dashs Blitza lagen recht nahe beieinander, was DJ schon vorhin nicht gefallen hatte, aber sie sagte nichts weiter dazu. Noch nicht.
    »Och, wir sitzen schon eine ganze Weile hier«, antwortete derweil Dash auf Lounas verstörte Frage und grinste nur noch breiter, als sie ihn anblinzelte.
    »Und da sagt ihr nichts?«
    »Wieso auch? Wir wollten dich doch nicht aus deiner Konzentration reißen!«, sagte Dash erneut und holte sich die Bestätigung von DJ ein: »Yes!«
    Louna und May setzten sich ebenfalls auf die Decke. Louna hatte extra eine große mitgebracht, da sie schon damit gerechnet hatte, dass die beiden auftauchen würden. Heute morgen hatte sie noch einmal mit Dash telefoniert gehabt und erwähnt, dass sie mit May hier her kommen würde. Es war schön, dass DJ und Dash Zeit dafür gefunden haben. Sie hatten sogar selbst noch eine Kleinigkeit zum Knabbern mitgebracht.
    »Deine Pokémon waren ganz brav gewesen, als sie Arcus beim Kämpfen bewundert haben«, meinte Dash und deutete auf die Rasselbande, die um Arcus herum schlawinerte.
    »Es ist gut, wenn sie zu schauen. So lernen sie selbst auch gleich noch was dazu«, sagte May. Aclasur kam zu ihr und legte sich neben sie. Der perfekte Moment, um ihr Flunkifer zu kraulen.
    »Ich denke, du wirst keine Probleme haben bei der Prüfung«, sagte DJ und machte Louna damit Mut.
    »Ich hoffe es! Ich bin schon ganz nervös deswegen«, gab sie zu und sah dementsprechend aus. Dash grinste sie wieder an.
    »Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, das läuft schon. Es geht ja nicht darum einen Arenaorden zu gewinnen!« Der Kampf war nur ein Teil der Prüfung. Selbst wenn sie den nicht herausragend meisterte, konnte sie mit den anderen Prüfungsbereichen genug Punkte sammeln, um ihren Trainer-Pass zu bekommen.


    Lounas Laune war deutlich besser als am Morgen. Die Zeit, die sie mit ihren Freunden verbrachte, tat ihr gut und half dabei, nicht ständig an Soul zu denken. Außerdem bekam sie durch die drei Trainer noch eine Menge Tipps, worauf sie achten sollte, wenn sie einen Kampf bestritt. Sie musste stets den Überblick über die Gesamtsituation behalten. Außerdem musste sie ihre Pokémon gut lesen können. Wenn sie verletzt waren und sie es nicht merkte, konnte das für den Kampf ein Nachteil sein. Manchmal hatten die Pokémon auch eigene Ideen und versuchten sie ihrem Trainer mitzuteilen. Es lag am Trainer selbst alles richtig umzusetzen und auf die gegebenen Situationen einzugehen, die sich vor ihm abspielten. Nur so konnte er richtig gut werden. Louna war froh, dass sie so gute Freunde gewonnen hatte, die ihr halfen!
    »Heda!«, rief ein junger Mann, der schlendernd auf die Vierergruppe zu kam. Zuerst dachte sich Louna nichts dabei. Er sah wie ein Skater aus, da er unter seinem rechten Arm ein Skateboard trug. Auf Schutzausrüstung verzichtete er, wie seine anderen Kollegen auch, denn er war nicht allein hier. Neben ihm waren noch drei weitere Personen, die auf die Freunde zu kamen. Sie alle trugen eher dunklere Kleidung. Zwei von ihnen waren Skater, der dritte trug zwar auch verhältnismäßig sportliche Kleidung wie die beiden Skater, hatte allerdings kein Skateboard dabei. Vielleicht hat er es irgendwo abgelegt oder er war mit etwas anderem unterwegs? Der Vierte schien auf den ersten Blick gar nicht mit seinem schwarzen Anzug in die Truppe zu passen. Wenigstens hatte er kein Sakko an, denn das wäre wirklich zu warm bei dem Wetter. Trotzdem trug er eine schwarze Krawatte auf seinem weißen Hemd. Louna fragte sich, wer er war oder warum er überhaupt so fein gekleidet war. Was hatte er überhaupt mit ihnen zu schaffen? Wirklich viel sagte er nicht und schien sich auch eher im Hintergrund zu halten. May schien von dem Anzugtypen ebenfalls fasziniert zu sein. Ihre grünen Augen lagen nur auf ihm und ihre Stirn war nachdenklich in Falten gelegt. Die anderen drei Hampelmänner nahm sie gar nicht richtig wahr. Anders als DJ und Dash, die sich schon jetzt provoziert fühlten, obwohl noch gar nichts passiert war, oder?
    Louna sah zu ihren beiden anderen Freunden und merkte deren Anspannung. Was hatten sie denn? Der Typ, der sie als erstes angesprochen hatte, war mittlerweile so nahe, dass er schon fast neben der Decke stand. Er grinste, aber es war keines von der freundlicheren Sorte. Da bemerkte auch Louna, dass die Typen eher eine passive Aggressivität ausstrahlten. Das machte nun auch sie nervös. Der Sprecher hielt seinen Pokéball nach oben und balancierte ihn auf seinen ausgestreckten Zeigefinger.
    »Wie wär‘s denn mit ‘nem Battle, hm?«, wollte er wissen und schien alle herauszufordern. War er irre? Wollte er etwa … ? Nein, wollte er nicht. Louna musste sich nur die anderen ansehen, um zu wissen, dass der Kampf nicht eins gegen vier war, sondern vier gegen vier. Oder doch eher ein Dreierkampf? Der Typ im Anzug hatte die Arme verschränkt und blieb hinter den drei anderen Kerlen, die begannen sich mächtig aufzuplustern. Dash erhob sich und ging auf Abwehrhaltung.
    »Und wenn wir keine Lust darauf haben?« Ihm war nicht nach Stress. Darauf hatte er echt keinen Bock. Konnten diese Typen nicht einfach wieder ab zischen? DJ sah genauso grimmig drein wie Dash. Lounas Nervosität nahm noch mehr zu. Mittlerweile konzentrierte sich auch May auf die drei Hampelmänner, wirkte aber genauso wenig angetan wie der Rest von Lounas Freunden.
    »Ablehnen ist nicht!«, meinte der zweite Skater, der auf sie zukam.
    »What? Warum fragst du dann?«, wollte DJ wissen, die sehr angepisst klang. Sie und May erhoben sich ebenfalls. Dass ihre Ruhe jetzt so gestört wurde, sorgte für wenig gute Laune. Louna hoffte, dass es nicht zum Kampf kam, vor allem dass sie selbst nicht mitkämpfen musste. Sie wäre keine große Unterstützung. Aber wie sie bereits vermutet hatte, hielt sich der junge Mann im Anzug zurück und ging nicht in den Angriff über. Er war nur stiller Beobachter, während die anderen drei bereits ihre Pokémon riefen. Sie provozierten einen Kampf herauf und wollten ganz offensichtlich Ärger machen. Dash passte das gar nicht, würde sich aber keinesfalls einschüchtern lassen. Daher rief er auch seine süße Asuka, die bereit war, ihn zu unterstützen. Seitdem sein Alola-Raichu zu ihm gehörte, waren sie unzertrennlich.
    DJ schickte direkt Crystal in den Kampf, die sich vor ihre Trainerin stellte, das Nackenfell aufstellte und die drei Typen böse anfauchte. Raku würde zwar nicht direkt kämpfen, aber sein Fell war stachliger als jemals zuvor. Da bekam auch Louna ein wenig Angst wegen Dashs Blitza. Gut, dass sie befreundet waren und sie daher von ihm nichts zu befürchten hatte.
    May ließ sich nicht zweimal bitten. Wenn die anderen beiden kämpften, war sie auch dabei! Sie rief »Melodia!«, welches Louna noch nicht kannte. Zumindest hatte May ihr Kirlia ihr noch nicht vorgestellt. Die Pokémon-Art selbst kannte Louna und wusste, dass es sich dabei um ein Psycho- und Fee-Pokémon handelte. Sie selbst würde sich lieber im Hintergrund halten und wich von den anderen ein Stück zurück. Dadurch war sie nicht mehr auf der Decke, vor der ihre drei Freunde standen, um die Störenfriede abzuwehren. Es wurde nicht viel geredet und nicht viel angekündigt, außer die Befehle der Angriffe zu bellen. Louna versuchte erst einmal sich darüber im Klaren zu werden, welche Pokémon von den Angreifern eingesetzt wurden. Die beiden Skater hatten ein Blanas und ein Tyracroc eingesetzt. Von letzterem wusste Louna, dass es sich dabei um ein Wasser-Pokémon handelte. So wie es aussah, war das sehr naheliegend. Das echsenartige Pokémon mit dem äußerst kräftigen Kiefer machte eher einen schwerfälligen Eindruck, doch davon würde sich keiner täuschen lassen. Bei Blanas war sich Louna dafür nicht mehr ganz so sicher, welchen Typen es angehörte. Pflanze machte Sinn, allein wegen des grünen Blatts auf dem Kopf. Aber besaß es noch einen Typ oder war Pflanze der einzige? Das dritte Pokémon von dem dritten Trainer war wiederum ein Sandamer. Louna kannte es, weil sie wusste, dass es nördlich von Illumina City in der Wüstensteppe lebte. Es war eindeutig vom Typ Boden, was allerdings für Dashs Raichu ein Nachteil war. Die Elektroattacken würden überhaupt keine Wirkungen auf Sandamer haben!
    »Hey, dieses Raichu … ?!«, meinte der zweite Skater zum ersten. Louna bemerkte die Blicke, die die beiden austauschten und wunderte sich darüber. Aber vielleicht heckten sie auch nur eine Strategie aus, um Asuka zu besiegen? Der dritte Typ mischte sich ein – dem das Sandamer gehörte. Er selbst schien Tom zu heißen, während seine beiden anderen Kollegen Samuel und Pascal hießen. Samuel mit Blanas und Pascal mit Tyracroc.
    »Xander, Zermalmklaue auf das Raichu!«, befahl Tom seinem Pokémon und sofort stürzte sein Sandamer los, um sich auf Asuka zu werfen. Dash brauchte nichts zu sagen, damit Asuka sich auf ihren Schweif setzte und über den Boden entlang schwebte, doch dieses Sandamer war schnell und könnte eine echte Gefahr für sie darstellen.
    »Wenn du gestattest?«, mischte sich May ein, die Melodia in den Kampf schickte, um Asuka zur Hilfe zu eilen. Als erfahrene Trainerin wusste sie, dass Sandamer anfällig auf Pflanzenattacken reagierten, weswegen ihr Kirlia im nächsten Augenblick ihre Zauberblätter auf Sandamer warf. So konnte sie den Angriff auf Asuka vorerst stoppen, doch die Freunde ahnten, dass das nur der Anfang war.
    »Hey, wenn du dich um Sandslash kümmerst, so ich kämpfe gegen Nuzleaf!«, warf DJ dazwischen und deutete auf das Blanas, welches ebenfalls Asuka in Visier hatte. Schon im nächsten Moment konnten sie beobachten, wie jenes zum Angriff überging, doch das ließ DJ nicht zu und befahl ihrem Glaziola den Einsatz von Barrier. Die Eisbarriere, die Crystal daraufhin erschuf, schützte noch rechtzeitig Asuka vor einem heftigen Angriff Blanas, doch für wie lange?
    »Haben sie es auf Asuka abgesehen?«, fragte sich Louna. Oder war das alles Teil einer Strategie? Erst einen Gegner ausschalten und sich danach um den Rest kümmern? Möglich war alles. Fakt war jedoch, dass Asuka gegenüber Blanas und Sandamer im Nachteil war und deswegen von den beiden immer wieder attackiert wurde. Dadurch kam Asuka noch nicht dazu etwas gegen das Tyracroc auszurichten, denn sie war damit beschäftigt den Angriffen auszuweichen. DJ und May versuchten Dashs Pokémon zu unterstützen, in dem sie Angriffe abwehrten oder zum Gegenangriff übergingen. Doch solange sie in die Defensive gedrängt wurden, war es äußerst schwierig zu einem richtigen Gegenschlag auszuholen.
    Louna sah den Kampf mit gemischten Gefühlen entgegen, denn die drei Trainer gönnten ihren Freunden nichts. Sie bellten einen Befehl nach dem anderen und selbst wenn ihre eigenen Pokémon etwas einstecken mussten, wurden sie trotzdem immer wieder in den Kampf geschickt, ohne dass mal nachgesehen wurde, ob es ihnen gut ging. War das normal? Sie wich noch ein Stück weiter zurück, da der Kampf ziemlich viel Platz in Anspruch nahm. Die umher springenden Pokémon, die Attacken, die ausgetauscht wurden … Louna wollte nicht riskieren von etwas Herumfliegendem getroffen zu werden. Ein Winseln zu ihren Füßen lenkte sie ab, so dass sie den Kampf für einen Moment vergaß. Arcus war nervös, bellte aufgeregt und blickte zurück, nicht zum Kampf. Er lief auch schon los, als Louna mit ihren Augen ihm folgte und dabei etwas Ungeheuerliches feststellen musste.
    »Fabula?« Was tat dieser Typ dort mit ihrem Pokémon?
    »Fabula!«, schrie Louna und lief los. Sie hatte nicht gemerkt, wie ein fünfter Mann sich von hinten der Gruppe genähert hatte. Oder sollte sie besser sagen: Sich ihrem Pokémon angeschlichen? Fabula war zu Boden gedrückt und fiepte verängstigt, während sie versuchte sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Doch sie war nicht stark genug. Louna schrie noch einmal und rannte wie eine Verrückte, um ihr Pokémon von diesem Idioten zu befreien. May bemerkte Lounas Aufregung und drehte sich um, doch da forderte Samuel ihre Aufmerksamkeit ein.
    »Hier spielt die Musik! Nevio, Spukball auf das Kirlia!« Er deutete auf Melodia und sogleich erfolgte der Angriff. May konnte Louna nicht zu Hilfe eilen, weil sie sich um ihr eigenes Pokémon kümmern musste. Den anderen beiden erging es nicht anders …

  • Kleine Info: Vor September wird definitiv kein neues Kapitel mehr erscheinen. Wann genau ich wieder komme, weiß ich nicht. Mir geht's momentan sehr, sehr schlecht, da komme ich nicht dazu irgendwas zu schreiben. Als Info, damit sich niemand wundert.


    LG Lexi

  • Hey Lexi,


    ich hab mich über Mays Auftritt im letzten Kapitel gefreut, da der schon lange überfällig war. Mit ihren Pokémon und ihrem Wissen wird sie für Louna wohl auch eine gute Lehrmeisterin abgeben, um ihr etwas beibringen zu können. Nachdem sie ja noch mit der Prüfung zu kämpfen hat, ist jeder Rat wichtig. Da war es zum einen gut, dass Flunkifer für die Beobachtungen herhalten konnte und zum anderen auch gleich ein Übungskampf folgte, um das Gelernte mehr oder weniger in die Tat umzusetzen. Mich erinnert das an diese Lektionen der Trainerschule in Pokémon Stadium 2, wo es ähnlich gehandhabt wurde (und ja auch Sinn macht, sofern Arcus nicht zu sanft gegenüber den Kämpfen wäre).
    Eine richtige Strategie hat sich da aber nicht entwickelt und Louna war halt nach wie vor unsicher. Besonders als die Nitroladung ins Spiel gebracht wurde, hast du das gut gelöst, dass sie sich einfach mal keine Gedanken darum macht und lieber Arcus rät, den Angriff in die Tat umzusetzen. Alles andere hätte mich bei ihr stark verwundert, da man auf eine plötzlich neue Attacke schon sehr schnell reagieren muss, um damit gleich eine perfekte Strategie zu landen. Kurz danach aufzuhören und es für den Moment dabei zu belassen war daher gut. Bewundernswert ist übrigens auch, wie lange Arcus gebraucht hat, um für den Kampf warm zu werden und im Anschluss so schnell abgekühlt ist.
    Der nächste Kampf kam auch eher unerwartet und hat die ein oder andere unerwartete Wendung, etwa als Fabula niedergedrückt wurde. Anhand des Verhaltens der Trainer ist anzunehmen, dass sie Pokémon stehlen wollen und wohl auch auf Raichu ein Auge geworfen haben. Erwähnenswert ist an der Stelle übrigens auch Mays Kirlia. Scheint so, als hätte sie Interesse an Feen-Pokémon gefunden, was auch zu ihrer Art gut passt.


    Wir lesen uns!

  • So, dann will ich mich auch mal wieder melden.



    Okay, mit dem 11. Kapitel bin ich dann wohl auch da angekommen, wo das Fragesystem endet. Nun, aber es geht ja auch so. Also, Louna und Dash finden erst einmal ihre Raststätte und danach gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass Dash es sich zum Ziel gemacht hat, aus Louna eine Trainerin zu machen. Das finde ich eine ganz nette Entwicklung, nur vielleicht ... Also, sie wirkt manchmal ein bisschen passiv, das heißt, das ist jetzt nicht schlecht, nur wirkt es beim Lesen ein bisschen so, als würde er sie da manchmal ein bisschen sehr drängen. Ich meine, vielleicht wäre an manchen Stellen neben ihrer Unsicherheit vielleicht auch ein bisschen mehr - was wäre ein passendes Wort? - Neugierde (?) angebracht, also dass sie auch ein bisschen experimentierfreudiger wird. Aber vielleicht muss das auch einfach erst noch kommen, vielleicht muss sich ihr Charakter da erst noch weiterentwickeln; mal gucken, wie es weitergeht.
    Ansonsten fand ich den Kampf in der Arena ein wenig überraschend, aber ich denke, er passt ganz gut hinein. Ich finde es gut, dass Louna hier nicht direkt gegen die Leiterin antritt, sondern gegen einen anderen Trainer von der Arena. Ach ja, und ich habe es nachgeguckt - den Trainer gibt es in den Spielen ja tatsächlich auch. Nur hat er kein Gehweiher, aber das ist hier dann wohl die Freiheit, die man sich herausnehmen kann, zumal das die Situation auch spannender macht, denn Arcus muss schließlich gegen ein Pokémon antreten, das ihm gegenüber einen Typvorteil hat. Der Kampf selbst war eigentlich recht spannend zu lesen und man erkennt, dass Louna und Arcus währenddessen auch wirklich Erfahrungen sammeln. Beide gewöhnen sich mehr an Kämpfen, Arcus erlernt anscheinend eine neue Attacke und Louna gelingt es, den Terrainvorteil von Gehweiher zu negieren. Beides erinnert beinahe wieder an den Anime, wo oftmals eine neue Attacke den Wendepunkt bedeutet und der Kampfplatz auch oft von den Trainern während des Kampfes verändert wird.
    Mit Hinblick auf diesen Kampf sollte man eigentlich meinen, dass Louna mit dem praktischen Teil der Trainerprüfung keine großen Schwierigkeiten haben sollte, haha. Aber mal gucken; ich bin jedenfalls schon gespannt darauf, wie Lounas Charakterentwicklung noch verlaufen wird. Außerdem wird vielleicht auch Dashs Arenakampf ganz interessant und außerdem frage ich mich, ob nicht vielleicht noch aufgelöst wird, was denn auf Route 3 passiert ist und ob das nicht vielleicht noch wichtig wird. Aber gut, dazu muss man wohl einfach nur weiterlesen. ;)

  • 37. Kapitel – Fluchtinstinkt


    »Fabula!«, schrie Louna und rannte auf ihr Pokémon zu. Sie wusste nicht, was genau hier vor sich ging. Warum tauchte ein weiterer Typ auf, der sich von hinten anschlich und nach ihrem Pokémon griff? Vom Aussehen her könnte er zu der Gruppe gehören, die ihre Freunde herausgefordert hatte, andererseits könnte es irgendjemand sein, der mit den Trainern rein gar nichts zu tun hatte. Welche Umstände nun auch dahinter steckten, Louna würde ganz sicher nicht dabei zu sehen, wie man ihr Fabula wegnahm. Wie dreist konnte man eigentlich sein, mitten am Tag und bei der Anwesenheit der Trainerin, ein Pokémon zu klauen? Oder warum sonst griff er nach ihrem Fynx?
    »Lass Fabula los!«, brüllte Louna, die ihn noch nicht erreicht hatte. Der Schwarzhaarige, der Fabula fest umklammert hielt und versuchte das zappelige Pokémon hochzuheben, musste seinen Griff lockern, da er selbst einen Pokéball nach der anrennenden Trainerin warf.
    »Axo!« Ein nicht ganz ausgefallener Name für ein Quaxo, welches er frei ließ. Das grüne Wasser-Pokémon sprang aus dem Ball und direkt auf Louna zu. Seine rosa Wangen vergrößerten sich und seine blaue Antenne auf dem Kopf vibrierte regelrecht, als es in den Angriff überging.
    Arcus bellte, da er direkt vor Louna war. Er war bereit anzugreifen und seine Pokémon-Freundin zu verteidigen. Louna brauchte nicht mal einen Befehl rufen, da Arcus schon bereit dafür war fest zu zubeißen. Leider kam es nicht dazu, denn das gegnerische Quaxo spuckte auf Geheiß seines Trainers eine kräftige Aquaknarre direkt auf Arcus. Louna erschrak, als sie ihr Fukano an sich vorbei nach hinten fliegen sah. Arcus winselte auf und landete unsanft auf dem Boden, wo er weiter jammernde Geräusche von sich gab. Dadurch war Louna hin und her gerissen, ob sie zu Arcus laufen sollte, um sich zu erkundigen, ob er nicht böse verletzt worden war oder ob sie Fabula zuerst helfen sollte. Was nun? Arcus war durch die Aquaknarre völlig durchnässt, was ihm sehr viel Unbehagen verursachte, aber Louna musste verhindern, dass man ihr Fabula einfach vor der Nase wegnahm. Was dachte sich dieser Typ dabei?
    Selbst wenn sie zu Fabula wollte, so versperrte leider immer noch dieses Quaxo den Weg. Es drohte ihr, klatschte in seine Hände und gab quakende Geräusche von sich. Ein Befehl und es würde sie angreifen.
    »Pfoten weg von meinem Pokémon!«, rief sie noch einmal, doch alles, was sie bekam, war nur ein verhöhnendes Gelächter des Typen und den triumphalen Ruf, als er ihr Fynx aufhob und in die Höhe hielt, als wäre sie eine Trophäe.
    »Ich nehme an, du hast keine Verwendung für dieses Schmuckstück?«, wagte er auch noch sie anzusprechen und so zu tun, als wäre sie einverstanden damit, dass er sie ihr wegnahm. Der Typ musste doch völlig den Verstand verloren haben!
    »Psychoklinge!« Ein Befehl, der scheinbar aus dem Nirgendwo kam. Louna konnte sich gar nicht umblicken, denn sie sah bereits das weiße Pokémon herbei springen. Das Horn an seinem Kopf leuchtete hell auf und stieß danach eine Energieklinge von sich, die den Dieb direkt traf. Er schrie auf, als er zurückfiel und zu Boden ging. Dabei ließ er Fabula fallen, die selber vor Angst wie am Spieß schrie. Noch bevor Louna auch nur ansatzweise reagieren konnte, sprang das weiße, große Pokémon auf den Typen und Fabula zu und schnappte sich ihr Fynx mit den Zähnen. Zuerst hatte Louna Angst um ihr kleines Pokémon, doch sie stellte schnell fest, dass das Absol sehr behutsam mit der Kleinen umging und weglief. Sie folgte ihr mit den Blicken, bis Soul in ihr Sichtfeld kam. Er stand weiter hinten und hatte seine Saphira eingesetzt, um Fabula zu retten. Oder? Genau das hatte er doch getan?
    Louna stand nur da und starrte zu ihm hinüber. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er auftauchen würde. Seine schwarze Sonnenbrille verhinderte, dass sie seinen Gesichtsausdruck deuten konnte. Wie immer war er dunkel gekleidet und wirkte so unnahbar wie eh und je. Er nahm Fabula vorsichtig von Saphira ab, die immer noch nach Louna fiepte.
    »Du verdammter … «, murrte der Dieb, als der sich wieder aufrappelte. Sein Oberteil war vorne völlig zerfetzt. Er konnte von Glück reden, dass er nicht ernsthaft verletzt worden war und nur einige Kratzer abbekommen hatte, doch das hielt ihn nicht davon ab, sein Quaxo in den Kampf zu schicken.
    »Lächerlich«, murmelte Soul, der Saphira erneut anwies anzugreifen. Wenn der Dieb der Meinung war, dass er noch eine Abreibung benötigte, würde er eben eine bekommen! Louna stand wie angewurzelt da, wusste nicht, ob sie vor oder zurück gehen sollte. Sie war so perplex über Souls Eingreifen, dass ihr Gehirn damit zu kämpfen hatte, all die Eindrücke zu verarbeiten.
    Saphira stürmte erneut voran. Kleine Blitze sprangen durch ihr weißes Fell, bis sie diese auf das Quaxo schleuderte. Es war ein Donnerblitz! Louna war fasziniert davon, dass dieses Pokémon eine Elektroattacke einsetzte. Es lag am Trainer, seinen Pokémon verschiedene Attackentypen beizubringen, um auf verschiedene Situationen vorbereitet zu sein. Saphiras Donnerblitz war sehr effektiv gegen Quaxo und beendete die Sache ganz schnell. Das Quaxo hatte von diesem Angriff mehr als genug und auch sein Trainer sah ein, dass er keine Chance besaß. Er rief Quaxo zurück und nahm die Beine in die Hand. In dem Moment sollte Louna ihm hinterher laufen, damit sie ihn direkt bei der Polizei abliefern konnte, doch durch Arcus‘ Winseln drehte sie sich um und lief zu ihm.
    »Arcus!« War ihr Fukano verletzt? Er lag immer noch am Boden, hob schwermütig den Kopf und jammerte. Die Wasserattacke war zu viel für ihn gewesen. Sein Körper zitterte, aber eine offene Wunde konnte Louna nicht finden. Er hatte nur kleine Blessuren, die schnell wieder verheilen würden. Wahrscheinlich war die Nässe das Schlimmste an allem. Er als Feuer-Pokémon mochte diese ganz und gar nicht.
    »Schon gut, Arcus, du trocknest ganz schnell wieder.« Ein bisschen rubbelte sie über sein Fell, damit es schneller in der Sonne trocknete, doch hatte sie nicht noch etwas vergessen?


    »Icy Wind!«, rief DJ und ließ ihr Glaziola einen kräftigeren Eissturm entfachen, um nicht nur dieses gegnerische Blanas zu treffen, sondern auch das Sandamer, welches wieder versuchte Asuka das Leben schwer zu machen. Asuka schwebte auf ihrem Schweif über die Köpfe der Trainer hinweg und damit auch über Louna. Diese sah auf und blickte von dem Alola-Raichu hinüber zu ihren Freunden, die immer noch mitten im Kampf waren.
    »Lou! Ist alles in Ordnung?«, rief May ihr zu, doch schon war sie wieder dabei ihrem eigenen Pokémon eine Anweisung zu geben: »Melodia, Zauberblatt!« Am effektivsten war nun einmal die Pflanzenattacke gegen das Sandamer, welches von scharfen Blättern getroffen wurde. Es hatte keine Chance auszuweichen und wurde nach diesem Treffer auch noch direkt von Crystal mit einem Eiszahn attackiert. Die spitzen Zähne der Evoli-Entwicklung bohrten sich in die rechte Vorderklaue und begannen diese einzufrieren. Sandamer stieß einen hellen Schrei aus und versuchte sich zu befreien, doch Crystal hatte sich festgebissen. Der einzige Rückzug, dem Xander noch blieb, war der Pokéball. Der Trainer war zum Glück schlau genug, um sein Sandamer zurückzurufen und damit diesen Kampf aufzugeben.
    »Verdammt noch mal!«, fluchte er lautstark und bekam von seinen Kollegen nur abfällige Bemerkungen. DJ und May waren sehr zufrieden, dass sie das erste Pokémon aus den Kampf befördert hatten. Vor allem hatte dadurch Asuka endlich eine kleine Verschnaufpause. Fertig waren sie deswegen aber noch lange nicht!
    »Muss ich denn hier alles allein machen?«, meckerte Samuel, der sein Blanas weiter voran trieb. Mit einer Laubklinge sollte er auf Mays Kirlia los gehen, doch daraus wurde nichts. DJ schickte Crystal dazwischen, um einen weiteren Eissturm zu entfachen, der dem Pflanzen-Pokémon zusetzen würde. Samuel quietschte vor Schreck auf, was nicht sehr hilfreich für sein eigenes Pokémon war. Dieses versuchte dem eisigen Wind zu entkommen, wurde jedoch von hinten getroffen und ging zu Boden. Kleine Eiskristalle legten sich auf Blanas braunen Körper, welches es frösteln ließ. Währenddessen hatte sich Asuka dem gegnerischen Tyracroc genähert, um dieses mit einem kräftigen Donnerblitz zu schocken. Sowohl Samuel als auch Pascal – die Trainer von Blanas und Tyracroc – fluchten um die Wette und stampften mit den Füßen auf. Sie waren auch nicht besonders zurückhaltend mit ihren Beleidigungen, die sie gegen DJ und Dash warfen.
    »Habt ihr endlich genug?«, wollte May ernst wissen und war bereit, eine weitere Attacke zu befehlen, damit Melodia noch einmal angriff. Doch das war nicht länger nötig. Die Trainer riefen ihre Pokémon zurück, drehten sich um und machten sich aus dem Staub. Noch während sie davon liefen, sahen sie zurück, um ihnen weitere Beleidigungen entgegenzuwerfen und ihnen zu versprechen, dass sie eines Tages sie fertig machen würden. Das würde Rache geben!
    Dash schnaubte über so ein armseliges Verhalten nur auf und wandte sich von den Idioten ab. Sollen die nur rennen, die waren doch selbst dran Schuld gewesen! Trotzdem ärgerte er sich über diese drei Trainer und ignorierte den Vierten, der die ganze Zeit nur still aus der Ferne alles beobachtet hatte.


    Während Dash und auch DJ sich zu Louna umwandten und zu ihr gingen, um herauszufinden wie es Arcus ging, starrte May noch zu dem anderen Trainer, der sich nur langsam von ihnen allen abwandte. Er gab keinen Ton von sich, lachte nicht und gab auch keine schnippische Bemerkungen von sich. Wer war dieser Typ und warum hatte er einfach nur zugesehen?
    »Hey!«, rief May ihm nach, als er gehen wollte, doch er reagierte nicht. Was sollte das? Das war alles ziemlich mysteriös und ihr war so, als hätte sie ihn schon irgendwo mal gesehen. Leider kam sie nicht darauf. Vielleicht täuschte sie sich.
    »Fabula!« Es war Lounas erleichterte Stimme, die May dazu brachte sich umzudrehen und sich wichtigeren Dingen zu widmen. Als sie sah, dass Louna gerade Fabula auf die Arme nahm, war sie selbst sehr erleichtert.
    »Was bitte war gerade los?«, wollte Dash wissen, der etwas verwirrt schien. Auch darüber, dass auf einmal Soul mit einer total ernsten Miene hier stand, jedoch nichts sagte.
    »Da war so ein anderer Typ, der Fabula stehlen wollte!«, sagte Louna aufgebracht und strich sanft über Fynx‘ Fell. Die Kleine zitterte am ganzen Körper und drückte sich gegen sie, um bei ihr Schutz zu suchen.
    »Scht-scht-scht, jetzt bist du in Sicherheit, Fabula«, versuchte Louna sie zu beruhigen. Arcus hatte sich mittlerweile aufgerappelt, wirkte aber immer noch sehr unzufrieden. Da er sich mehrfach geschüttelt hatte, stand nun sein feuchtes Fell in alle Richtungen ab, was auf den ersten Blick auch sehr komisch aussehen konnte, wenn die Situation nicht so ernst wäre. May kniete sich zu dem Fukano nieder und streichelte ihm über den Kopf.
    »Du warst sehr tapfer, Arcus«, lobte sie ihn. Dafür, dass er im Gegensatz zu den anderen wenig Kampferfahrungen besaß, war er sehr mutig gewesen, um Fabula zu helfen. Er hatte sich einem Wasser-Pokémon entgegen gestellt, auch wenn er nicht viel hatte ausrichten können. Da alles gut gegangen war, mussten sie sich keine weiteren Sorgen machen. Oder vielleicht doch?
    »Du solltest eine Anzeige gegen den Dieb machen!«, beharrte May und sah Louna auffordernd an, die daraufhin nickte. Recht hatte May. Sie hatten den Dieb davon abhalten können, Fabula zu klauen, aber wer wusste schon, ob er sich nicht das nächste Opfer suchte, wo er dann möglicherweise sogar Erfolg besaß?
    DJ rief erst einmal Crystal in ihren Pokéball zurück. Asuka, Dashs Alola-Raichu, hingegen kam zu ihm geschwebt und kletterte auf seine Schulter, wo sie sitzen blieb. Auch May schickte ihr Pokémon zurück in ihren Ball, nicht bevor sie es jedoch gelobt hatte. Melodia hatte gut gekämpft, genauso wie die anderen. Sie hatten sich alle eine Pause gegönnt. Zwar hatten sie keine schlimmen Verletzungen davon getragen, aber es war wichtig, dass sie später noch einmal überprüften, dass es ihren Pokémon gut ging. Vorerst entschieden sie sich dafür diesen Ort für heute zu verlassen. Die ganze Aufregung war etwas zu viel gewesen. Außerdem wollte Arcus sicher nicht solange nass bleiben. Louna würde ihn nach Hause bringen, damit er sich dort ausruhen konnte.
    »Soul«, sprach Louna ihn an. Dass er so plötzlich aufgetaucht war, war Fabulas Rettung gewesen. Louna wusste, dass ihre anderen drei Freunde ihr auch geholfen hätten, aber durch den Kampf war es etwas schwierig gewesen sich auf zwei Sachen gleichzeitig zu konzentrieren. Sie war ihnen auch nicht böse deswegen. Mit Soul hingegen hatte sie vor kurzem erst einen Streit gehabt, weswegen es schon überraschend war, dass er überhaupt hier aufgetaucht war. Sei es beabsichtigt oder tatsächlich nur der pure Zufall. Er war hier und er hatte nicht gezögert ihr zu helfen. Das sagte viel über ihn aus.
    »Danke, dass du Fabula gerettet hast«, meinte Louna deswegen ganz aufrichtig zu ihm. Soul zuckte nur die Schultern und deutete auf sein Absol, welches sich neben ihn gesetzt hatte.
    »Saphira hat sie gerettet, nicht ich«, meinte er trocken. Das war typisch für ihn, schreckte aber Louna nicht ab. Im Gegenteil, sie fing an zu lächeln und trat vor Absol und ging in die Hocke.
    »Vielen Dank, Saphira, dass du Fabula gerettet hast!«, wiederholte sie an das Absol gerichtet und streckte die Hand aus. Tatsächlich ließ Saphira zu, dass sie sie berühren durfte, so dass Louna ihr einmal über den Kopf kraulen konnte. Soul überraschte es, auch wenn er sich nach außen hin nicht viel anmerken ließ.
    Die anderen drei Trainer standen nur da und beobachteten die Szenerie. Dash wusste nicht, was er davon halten sollte. Seine Sympathie gegenüber Soul war nicht sonderlich groß, aber immerhin hatte er geholfen. Das ging also in Ordnung. DJ kannte Soul nicht gut genug, um sich ein Urteil über den Unlicht-Pokémon-Trainer zu machen und nickte nur anerkennend. Sie selbst war dankbar genug, dass alles noch so glimpflich ausgegangen war. May musterte Soul dafür ganz genau und wunderte sich darüber, woher er so plötzlich gekommen war. Die Stadt war groß, das Gebiet um Illumina City noch größer. Wie groß musste der Zufall sein, dass er ausgerechnet zur gleichen Zeit am gleichen Ort war? May behielt ihre Gedanken für sich. Sie wollte kein Zweifel und Misstrauen säen, zumal es Soul zu verdanken war, dass Fabula nicht gestohlen worden war. Allein das zählte. Auch wenn ihr die Frage auf der Zunge lag, ob er vielleicht diese seltsamen Typen kannte oder nicht. Sei‘s drum, alles war gut ausgegangen. Sie sollten nicht hinter jeder Ecke das Schlechteste sehen. Obwohl das gerade nach so einem Ereignis nicht ganz einfach war.


    Nach fast drei Stunden hatten sie es endlich geschafft. Louna war mit ihren Freunden, auch mit Soul, zur nächsten Polizeistation gegangen, um eine Anzeige gegen den vermeintlichen Dieb aufzugeben. Die Beamten waren sehr freundlich gewesen und hatten jedes Detail notiert, was Louna ihnen gab. Auch ihre Freunde wurden zu dem Thema befragt. Am Ende gab es noch eine ausführliche Beschreibung für die Beamten, wie der Täter ausgesehen hatte. Da Louna und Soul ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatten, waren sie es auch, die die Beschreibung komplettierten, während die anderen drei Trainer derweil warteten, bis das Fahndungsbild fertig war.
    Was war sie froh, als sie endlich die Haustür hinter sich schließen konnte, um diesen Tag zu beenden. Soul war mit ihr gekommen, da nun mal auch all seine Sachen hier waren. Es wäre eher lächerlich gewesen, wenn er sich wieder aus dem Staub gemacht hätte. Die anderen hatten sie schon ein paar Straßenecken zuvor verabschiedet, die zu ihren eigenen Unterkünften gegangen waren. Jetzt waren Soul und Louna allein – mit ihren Pokémon. Lounas Eltern waren noch nicht Zuhause. Ihr Vater hatte noch einiges zu tun und ihre Mutter würde wohl heute eine längere Schicht im Labor machen. Das gab ihnen Zeit miteinander zu reden … oder auch nicht. Louna beobachtete Soul, wie er langsam zur Treppe ging, um ins Gästezimmer zu gehen. Er sagte nichts. Allgemein hatte er sich den ganzen Weg über sehr zurückhaltend gegeben und nur das Nötigste von sich gegeben. Nämlich dann, wenn er etwas gefragt wurde wie auf der Polizeistation.
    »Soul?« Louna ging zum Treppenanfang und rief ihn. Er war schon ein paar Stufen weiter oben und drehte sich zu ihr um. Fragend sah sie zu ihm hinauf, da sie selbst nicht so genau wusste, was jetzt Sache war. War er noch sauer auf sie? Hatte er sich beruhigt?
    »Ich hole meine Sachen, dann bin ich weg.« Die Offenbarung, dass er verschwinden würde, schockierte sie. Louna wusste nicht einmal, warum es sie so traf, aber das konnte doch nicht alles gewesen sein! Wollte er wirklich einfach so gehen?
    »H-hast du eine neue Wohnung gefunden? Arbeit?«, wollte sie deswegen wissen. So einfach würde sie ihn nicht gehen lassen und lief ihm deswegen nach oben hinterher bis ins Gästezimmer. Dort war er schon dabei das Wenige, was er besaß, in seine Tasche zu packen, damit er gehen konnte. Sie stand unterm Türrahmen und beobachtete ihn dabei, wie er alles an sich nahm, was ihm gehörte. Wirklich ausgebreitet hatte er sich nie. Als er sich wieder aufrichtete und zu ihr sah, bewegte sie sich keinen Millimeter weg. Er würde ihr schon eine Antwort geben müssen, ehe sie daran dachte ihm aus dem Weg zu gehen.
    »Ich find schon was«, meinte er nach einem tiefen Seufzen, weil sie sich wieder so stur benahm und ihn nicht durchlassen wollte. Louna presste ihre Lippen fest zusammen und sah ihn sehr ernst an. Er besaß also keine Unterkunft und vermutlich auch noch keine Arbeit, um sich irgendetwas finanzieren zu können.
    »Aha. Und wo willst du diese Nacht schlafen?«, wollte sie von ihm wissen und löste in ihm wieder diese sture Abneigung aus, die er jedem entgegen brachte, damit man ihm ja nicht zu nahe kam.
    »Was kümmert es dich schon?« Es konnte ihr egal sein, wo er abblieb, aber das würde es nicht. Wann würde er begreifen, dass er ihr nicht egal war und sie sich um ihn sorgte?
    »Du hast Fabula gerettet. Du hast … mir so oft schon geholfen«, begann sie sich an ihn zu wenden.
    »Und wenn schon«, schnaubte er ungehalten los. Wieso war auf einmal seine Wut zurück? Konnten sie sich denn nicht vernünftig unterhalten? Warum musste er immer wieder versuchen ihr vor den Kopf zu stoßen? Langsam reichte es ihr, aber das bedeutete nicht, dass sie ihn deswegen einfach in Ruhe ließ, im Gegenteil sogar. Seine sturen Abweisungen brachten sie nur noch mehr dazu sich wie ein Wattzapf an ihn festzuklammern und nicht mehr los zu lassen.
    »Was ist eigentlich dein Problem?«, fragte sie ihn, zugegebenermaßen etwas ungehalten. Sie hatte schon einige Seiten an ihm entdeckt, doch bislang hatte sie nicht herausfinden können, was sein tatsächliches Problem war. Warum er sich immer dermaßen anstellte und sich kaum helfen lassen oder bei jeder kleinsten Konfrontation den Rückzug einlegen wollte.
    »Das gleiche könnte ich dich fragen!«, gab er nur mies gelaunt zurück. Wieso kümmerte es sie denn, was aus ihm wurde? Es war nicht so, dass er jemals besonders nett zu ihr gewesen war, als das er es verdient hätte …
    »Du bist ein echter Idiot, weißt du das? Was ist so schlimm daran, dass ich dir helfen will? Oder was ist so schlimm daran ein einfaches Jobangebot anzunehmen, damit du weiter voran kommst? Himmel noch eins!«, platzte es aus Louna heraus. Er wollte unabhängig sein? Dann sollte er sich helfen lassen! Auf diese Weise würde er wieder seine Freiheit erlangen können, an der er offenbar so hing. Louna konnte Soul einfach nicht verstehen, warum er sich so anstellte. Sie war mittlerweile in das Zimmer hinein gekommen und hatte sich ihm genähert. Sich nicht aufzuregen, wenn er sich wie ein stures Kleinkind benahm, war echt schwierig, doch sie versuchte etwas ruhiger weiter zu sprechen.
    »Ich verstehe einfach nicht, warum du meine Hilfe so sehr ablehnst«, sagte sie in einem versöhnlicheren Tonfall.
    »Weil ich‘s nicht wert bin«, rutschte ihm heraus, worüber er sich in den nächsten Sekunden selbst ärgerte. Louna konnte es ihm ansehen, als sie überrascht den Kopf hob und direkt in sein Gesicht sah. Offenbar hatte er das nicht sagen wollen, was sie nur noch mehr verwirrte. Sie öffnete schon die Lippen, um etwas zu erwidern, als er auch schon an ihr vorbei stürmte und das Zimmer verlassen wollte. Auf ihre Worte würde er vermutlich nicht hören, weswegen sie in einer Kurzschlussreaktion einfach nach dem Kissen auf dem Bett griff und es ihm nach warf. Sie traf ihn sogar und sorgte auch dafür, dass er stehen blieb und sich wieder zu ihr umdrehte.
    »Was soll das?«, wollte er wissen, doch sie streckte ihm nur die Zunge raus.
    »Was denn? Leidest du etwa unter mangelndem Selbstvertrauen?« Das war eigentlich etwas, was man bei ihm gar nicht erwarten würde. Selbstbewusst gab er sich zu jeder Zeit und ohne Probleme gab er auch oftmals Konter, wo sich andere abschrecken ließen. Nur sein Fluchtinstinkt schien ziemlich stark ausgeprägt zu sein, aber das lag wohl sicher nicht daran, weil er Angst hatte, oder? Er floh … vor zwischenmenschlichen Beziehungen.
    Ein erneutes Aufbrummen seinerseits zeigte ihr, wie genervt er von ihr war. Außerdem legte er ziemlich viel Wert auf seinen bösen Blick, den er ihr zuwarf, was sie allerdings nicht davon abhielt nach dem zweiten Kissen auf dem Bett zu greifen und es ebenfalls in seine Richtung zu werfen. Dieses Kissen fing er in der Luft auf, dafür musste er aber seine Tasche fallen lassen, die mit einem Rumpeln auf dem Boden aufkam. Louna ignorierte es, denn Soul holte aus, als er das Kissen zu ihr zurückwarf. Sie quietschte erschrocken auf und sprang aufs Bett, um nicht getroffen zu werden. Doch er hatte sich auch noch das zweite Kissen geschnappt und warf es ebenfalls in ihre Richtung. Um diesem auszuweichen, wollte sie einen Schritt zurück machen, leider war das Bett nur viel zu weich und sie verlor ihren Halt. Mit einem sehr lauten Rumpeln und einem Schreckenslaut fiel sie auf der andere Seite des Bettes runter. Kurze Zeit später konnte man auch schon ein schmerzhaftes Stöhnen von ihr hören.
    »Lou!« Statt sauer zu sein oder die Gelegenheit zu nutzen sich aus dem Staub zu machen, hechtete Soul zum Bett, stützte sich darauf ab und sah auf die andere Seite, um zu prüfen, ob sie sich ernsthaft verletzt hatte. Er hatte sogar die Hand Hilfe reichend zu ihr ausgestreckt, was eine unbewusste Geste seinerseits war. Noch einmal stöhnte sie schmerzverzerrt, doch da das Kissen neben ihr auf dem Boden lag, nahm sie es und warf es direkt in Souls Gesicht. Der war so überrascht, dass er erst einmal kurz zurückschreckte.
    »Also wirklich«, stöhnte sie immer noch vor Schmerzen und versuchte sich aufzurappeln.
    »Wenn ich dich so sehr nerve, warum hilfst du mir dann immer wieder?« Sie hatte sich ihren Kopf an dem hinteren Schrank gestoßen und ihr Hintern und ihre Gliedmaßen haben beim Sturz auch was abbekommen. Soul ließ sich derweil vor dem Bett nieder und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Was für ein Tag …
    Derweil krabbelte sie wieder nach vorn und saß keine zwei Minuten später neben ihm am Bett gelehnt. Dafür rieb sie sich mit beiden Händen über den Hinterkopf.
    »Auuuu«, gab sie von sich und sog die Luft scharf ein. »Das ist alles deine Schuld!«, meinte sie dabei zu Soul. Der sah tatsächlich ein wenig peinlich berührt drein.
    »Du hast damit angefangen!«, versuchte er sich zu verteidigen, sah aber weg, als Louna ihn direkt musterte. Ihm war das wirklich peinlich! Sie sagte nichts dazu und rieb sich weiter über ihren Hinterkopf. Auch ihre Ellenbogen und Knie schmerzten etwas.
    »Das werden bestimmt blaue Flecke«, jammerte sie leise neben ihm, so dass er wieder zu ihr sah.
    »Ja, und eine dicke Beule, so dass du jedem Rihorn Konkurrenz machen kannst.« Bei dieser Aussage streckte Louna wieder die Zunge Soul entgegen. Erst war er wütend und nun besaß er auch noch die Dreistigkeit Witze über sie zu reißen. Sie nahm es ihm nicht übel, auch wenn die schmerzenden Stellen nur sehr langsam nachließen. Auch jetzt hätte er die Gelegenheit einfach aufzustehen und zu gehen. Diesmal würde Louna ihn nicht davon abhalten. Wer wusste schon, was sonst noch passierte. Am Ende fiel sie die Treppe runter, im Versuch ihn aufzuhalten, weil sie auf seinen Rücken sprang. Nein, lieber nicht!
    »Besteht … das Angebot eigentlich immer noch?«, wollte er ganz plötzlich wissen. Er sah sie nicht direkt an, als sie überrascht ihren Kopf zu ihm drehte. Sie wusste sofort, was er meinte, glaubte aber sich verhört zu haben. Die ganze Zeit war er sauer gewesen, weil sie ihm hatte helfen wollen. So wütend, dass sie sich gestritten hatten und er hatte gehen wollen. Und jetzt?
    »N-natürlich!«, antwortete sie ihm und blinzelte ihn überrascht an, fing dann aber auch an zu lächeln.
    »Du brauchst nur zum Professor zu gehen, dann wird alles geregelt«, erklärte sie ihm. Wenn er wirklich Interesse an dem Job hatte, dann konnte er das Angebot annehmen. Natürlich musste er erst mit dem Professor darüber reden und alle Konditionen aushandeln, aber das war sicherlich das kleinste Problem. Soul hätte dadurch immerhin wieder die Möglichkeit Geld zu verdienen und damit sich später wieder eine eigene Wohnung leisten zu können.
    Auch wenn Louna es gar nicht so schlimm fand, wenn er hier bei ihr wohnte. Als Gast. Ihre Eltern hatten schließlich bislang nichts dagegen gehabt.
    Ein leises Winseln von der Zimmertür lenkte sie beide ab. Arcus war näher gekommen und stand nun an der Tür und sah fragend zu ihnen hin. Wer weiß, wie lange er schon da war und alles beobachtete?
    »Er … sieht wie ein kleines begossenes Coiffwaff aus«, merkte Soul trocken an, als er Arcus beobachtete. Louna blickte wieder zur Seite und damit zu Soul, sah aber auch relativ schnell zurück zu ihrem Fukano. Wo Soul Recht hatte, hatte er Recht und dann kam es plötzlich aus ihr heraus. Sie musste einfach lachen. Laut und herzlich fing sie an zu lachen und bekam sich kaum noch ein. Der Tag war unglaublich chaotisch gewesen, aber wenn sie bedachte, dass sie sich eine kleine Kissenschlacht mit Soul geliefert hatte und wie Arcus nun gerade aussah … Das war einfach zu komisch. Vielleicht lachte sie auch ihren Schmerz einfach weg und die Sorgen, die sie mit sich trug. Es war egal, warum sie lachte. Es tat einfach nur unglaublich gut. Selbst Soul konnte sich ein Lächeln abringen, was schon mehr als erwartet war.
    Arcus derweil kam näher und ließ sich von der lachenden Louna auf die Arme nehmen. Nur langsam beruhigte sie sich wieder und kuschelte mit ihrem strubbeligen kleinen Fellknäuel.
    »Mein armer, kleiner Kerl«, meinte sie noch zu Arcus, der sich sichtlich wohler fühlte. Warum auch nicht? Ein bisschen Kuscheln vertreibt Kummer und Sorgen!



  • 38. KapitelIntelligente Spiele oder spielerische Intelligenz?


    Die Lungen sogen tief und gierig die frische Luft ein, ehe sie mit einem langem Atemzug alles wieder ausstießen. Bevor Louna das Gebäude betreten würde, hoffte sie inständig, dass es sich Soul nicht am Ende noch einmal anders überlegte und das Jobangebot ablehnte. Oder sich mit dem Professor gleich von vorn herein schlecht stellte. Dennoch wollte sie an ihn glauben, denn sie war sich sicher, dass er das hinbekommen würde. Der Professor war ein aufgeschlossener Mann und würde niemanden so einfach vor dem Kopf stoßen. Und Soul? Er hatte gezeigt, dass er interessiert war. Dass er den Job haben wollte, denn er sah selbst ein, dass im Augenblick alles besser war, als arbeitslos zu sein. Er hatte allein gelebt und was mit seinen Eltern passiert war, wusste Louna nicht. Sie wusste nur, dass er keine mehr hatte und sich daher allein durch das Leben kämpfte. Ein Grund mehr, warum sie ihm helfen wollte. So verrückt das manchmal auch klang, aber sie mochte ihn. Auf seine verschrobene Art und wie er sich aufführte, sie mochte ihn trotzdem. Viele hätten ihn schon längst in Stich gelassen und sich nicht mehr weiter darum gekümmert, was aus ihm wurde. Nicht so Louna. Außerdem hatte Soul ihr so oft geholfen, da wollte sie ein Teil zurückgeben. Sie konnte ihm zwar keinen richtigen Job geben und ihn bezahlen, aber sie konnte ihm Unterkunft und vielleicht die ein oder andere Bekanntschaft zur Verfügung stellen. Als Heldin konnte sie dafür nicht auftreten. Nicht so wie er es tat und sie aus kritischen Situationen heraus boxte. Da blieb die Frage offen, warum er das alles für sie getan hatte, wo er immer so genervt von ihr wirkte.
    »Egal!« Ganz genau, es war egal. Jetzt zählte nämlich nur eines: Training!
    Während Soul zum Labor ging, hatte sie sich dazu entschlossen zu trainieren. Nicht so wie gestern, als sie mit May einen Übungskampf bestritten hatte. Sie wollte es auf ihre Weise tun und das bedeutete, dass sie erst einmal ihre Pokémon fit bekommen musste. Außerdem mussten sie lernen auf ihre Kommandos zu hören. Die Grundlegenden kannten sie bereits, aber manchmal klappte es noch nicht so gut. Besonders Chiari, die so verspielt war, ließ sich schnell von anderen Dingen ablenken. Das musste trainiert werden! Arcus machte zwar schon in Übungskämpfen einen ganz passablen Eindruck, aber die anderen waren noch weit davon entfernt in einem echten Kampf bestehen zu können. Daher stand Louna vor dieser Trainingshalle, die sie in der Vergangenheit mit Arcus bereits mehrere Male besucht hatte. Ihr feuriger Freund neben ihr war deswegen auch schon ganz aufgeregt, da er wusste, was auf ihn zu kam. Sie grinste ihn von oben an und drückte die Tür nach innen auf. Schnell wie der Wind huschte Arcus ins Innere und lief voraus, da er den Weg kannte. Louna brauchte sich nur am Eingang anzumelden. Eine Gebühr oder Ähnliches musste sie nicht zahlen. Das war ganz praktisch, denn jedem standen diese Räumlichkeiten zur Verfügung. Dafür wurde das Personal und auch die gesamte Einrichtung mittels Spenden an den Verein finanziert.
    »Arcus!«, rief Louna ihr Fukano, ehe sie nach rechts in einen Gang einbog und zu den Umkleiden kam. Umziehen musste sie sich nicht, da sie heute früh bereits sportliche Sachen angezogen hatte. Das bedeutete, dass sie eine lange enganliegende Sporthose trug, dazu ein Top und ihre langen Haare hatte sie zu einem Zopf zusammen gebunden. So fielen ihr nicht ständig die Strähnen ins Gesicht, was sehr wichtig war. Auch sie würde sich heute viel bewegen müssen.
    Bevor es allerdings los ging, nahm sie ihre Pokébälle und verstaute sie in ihre extra angelegte Gürteltasche, damit sie diese nicht verlor. Den Rest ihrer Sachen, beispielsweise ihren kompletten Rucksack und die darin enthaltenen Wechselsachen, schloss sie in einen der Schließfächer ein, die hier in der Umkleide standen. Einzig ihre Wasserflasche nahm sie mit, damit sie zwischendurch etwas trinken konnte. Danach ging es auch schon weiter in die große Sporthalle. Sie war sehr groß und es gab drei Etagen, somit auch drei große Hallen nebst kleineren Übungsräumen, wo man nicht so viel rennen musste.
    Heute jedoch legte es Louna sehr auf Kondition an, weswegen sie sich zuerst ein freies Plätzchen suchte. Obwohl sie erwartet hatte, dass hier noch sehr viel mehr los sein würde, entdeckte sie gar nicht so viele Menschen und Pokémon. Ein schon in die Jahre gekommenes Pärchen trainierte in der rechten Ecke der Halle mit ihren zwei Pokémon. Soweit Louna es erkennen konnte, handelte es sich dabei um ein Enekoro und ein Terribark. Es gab noch einen anderen Trainer, der ebenfalls hier anwesend war und mit seinem Flug-Pokémon trainierte. Daher benötigte er die Gerätschaften am Boden nicht, die überall aufgestellt waren. Das gab Louna die perfekte Gelegenheit und den Freiraum mit ihren eigenen Pokémon zu trainieren.
    »Na gut, dann wollen wir mal«, murmelte sie zu sich selbst und entließ als erstes Fabula aus ihrem Ball. Das schüchterne Fynx machte sich im ersten Moment klein und hatte keinerlei Ambitionen irgendwo hin zu rennen. Arcus Anwesenheit gab Fabula zusätzliche Sicherheit und Louna strich ihr sanft über den Kopf. Der gestrige Tag war sehr aufregend gewesen, aber ihre beiden Pokémon hatten sich glücklicherweise gut erholt. Arcus sah nicht mehr ganz so strubblig aus, außerdem schien er die unangenehme Wassererfahrung schon verdrängt zu haben, denn heute machte er einen sehr aufgeweckten Eindruck. Seine Rute wedelte die ganze Zeit und man konnte ihm ansehen, dass er direkt mit dem Agility-Training los legen wollte. Er winselte sogar Louna an, als hoffte er, dass sie sofort beginnen. Ein bisschen musste er sich noch in Geduld üben, denn Lounas andere Pokémon wollten ebenso heraus gelassen werden.
    Mit Chiari fuhr sie fort. Der Grund, warum Louna nicht alle auf einmal heraus ließ, zeigte sich besonders bei ihrem neugierigen Evoli. Kaum war die Kleine aus dem Ball, da wollte sie sich auch schon überall umgucken. Louna musste sie davon abhalten sofort los zu rennen und ihr erst einmal begreiflich machen, dass sie sitzen bleiben musste. Das war eine echte Geduldsprobe nicht nur für Louna selbst, sondern auch für ihr Pokémon. Ihr Evoli war einfach zu aufgeregt, als dass es lange sitzen bleiben wollte.
    »Chiari, bleib hier«, sagte sie noch einmal und langsam schien ihr Evoli es zu begreifen. Zwar mit leichter Enttäuschung, was man an den hängenden Ohren sehen konnte, aber Chiari würde schon noch ihre Gelegenheit bekommen herumzutoben.
    Als nächstes folgte dann Adia, Lounas Leufeo. Auch dieses Pokémon wollte sie trainieren. Tornado, ihr Dartiri, ließ sie vorerst im Ball. Mit ihm würde sie sich später beschäftigen. Adia war ähnlich neugierig wie Chiari, allerdings sehr viel vorsichtiger. Obgleich sich das Leufeo umsah, fauchte es immer mal wieder und legte die Ohren an. Der fremde Ort war gewöhnungsbedürftig für das junge Pokémon und daher blieb Adia lieber freiwillig in Lounas Nähe. Außerdem kraulte diese ihre Pokémon, was ein guter Grund war bei ihr zu bleiben, nicht wahr?
    »Nun denn, meine Lieben«, sagte Louna und stand auf. Es wurde Zeit, dass hier ein bisschen Action in die ganze Sache kam. Bevor es aber tatsächlich los ging, musste sie ihren Pokémon zeigen, was sie von ihnen wollte. Für den Anfang wäre es nicht schlecht, wenn alle auf sie hörten und ihr folgten, wenn sie sie rief. Um diese Einfachheit zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu bringen, hatte Louna extra auch ein paar Leckerlis mitgebracht, um ihre Lieblinge zu belohnen, wenn sie etwas richtig gemacht haben. Auf diese Weise wollte sie die Rasselbande dazu motivieren, ihr zu folgen und ihre Kommandos bei Bedarf auszuführen.
    »Kommt mit«, sagte sie und lockte die Bande mit sich. Arcus kam sofort, da er den weitesten Trainingsfortschritt besaß. Auch Chiari folgte, allerdings war das vermutlich ihrer Neugier zu verdanken, was jetzt auch nichts Schlechtes war. Wenn ihr Pokémon so viel Neugier zeigte, konnte Louna diese auch ausnutzen, um Chiari neue Dinge beizubringen. Besser, als wenn es so ängstlich und schüchtern wie Fabula war. Denn ihr Fynx brauchte ziemlich viel Überzeugung, um voran zu gehen. Selbst Adia folgte, was wohl ihr Instinkt vorgab. Da Fabula allein zurückgelassen wurde, bewegte auch sie sich und lernte dadurch, dass es immer besser war bei der Gruppe zu bleiben. Wer wollte schon alleine zurückbleiben? Nein, nein, das war gar kein schönes Gefühl.
    Bevor Louna auch nur an eines der Geräte ging, um ihre Pokémon darüber laufen, springen oder durch jagen zu lassen, ging sie die ein oder andere Runde erst einmal mit ihnen durch die Halle. Zum einen lernten sie alle den Raum besser kennen, zum anderen aber auch, dass sie ihr immer fein folgen sollten. Je besser sie auf sie hörten, desto eher bekamen sie von ihrer Trainerin eine Leckerei zum Naschen, was die Motivation gleich doppelt erhöhte.
    Während dieser simplen Übung trainierte sie auch, dass ihre Pokémon mal einfach nur dasitzen und auf sie warten sollten, bis sie wieder dazu aufforderte zu ihr zu kommen oder bis Louna selbst zu ihnen kam, um sie zu loben, dass sie gewartet hatten. Für Fabula und Adia war das Sitzen und Warten weniger ein Problem, bei Chiari sah das schon anders aus. Dieses neugierige Evoli besaß einfach zu viel Energie, weswegen Louna ahnte, dass sie eine der Ersten sein würde, die hier trainiert wurde. So würde Chiari ihre überschüssige Energie besser abbauen können und hoffentlich etwas ruhiger werden.
    »Fabula, Adia, bleibt hier«, forderte Louna von ihren zwei Pokémon. Diese setzten sich ohne Murren auf die Stelle, die Louna ihnen vorgab und warteten, was als nächstes passierte. Zuerst natürlich die leckere Belohnung, aber danach wollte sich Louna mit Arcus und Chiari beschäftigen. Das ungestüme Evoli konnte es kaum abwarten, als Louna schon dabei war Arcus zum Startpunkt zu schicken, wo er als erstes über eine aufgebaute Holzkonstruktion laufen musste. Es war nichts anderes als eine kleine Erhöhung über die er hinweg laufen musste. Sie sah sehr einfach aus, aber manche Pokémon hatten am Anfang damit ihre Probleme, weil sie dem nicht so recht trauen wollten. Bei Arcus sah das schon anders aus. Er lief ohne Scheu über das Hindernis hinweg, denn er wusste, dass da nichts wackeln oder rutschen konnte.
    Louna rief ihren besten Freund wieder zu sich zurück und nahm im gleichen Moment Chiari mit zum Startpunkt. Das junge Evoli musterte diesmal mit ein wenig mehr Misstrauen die Konstruktion, doch als Arcus ein zweites Mal drüber hinweg lief, schien Chiari bereits ihre Scheu verloren zu haben. Ihre Neugier gewann die Oberhand und Louna brauchte nicht viel machen, als nur neben Chiari entlang zu gehen, während diese den kleinen Aufstieg nahm und über das Holz hinweg tippelte. Das Gerät war nicht besonders hoch und schien Chiari auch nicht sonderlich abzuschrecken. Auch wenn der Boden, über den sie lief, nicht sehr viel breiter war, so war alles sehr stabil, so dass Chiari nicht einmal ihre Krallen einsetzen musste. Das Schöne an dieser Halle war auch, dass die Pokémon hier nicht so leicht ausrutschen konnten. Der Hallenboden war mit rutschfestem Material ausgestattet und die Geräte, wo die Pokémon drüber oder durchlaufen mussten, waren genauso rutschfest konzipiert.
    »Sehr gut gemacht«, lobte Louna ihr Pokémon, als es das Ende des ersten Gerätes erreicht hatte. Chiari freute sich und wurde gleich ein zweites Mal über die Hürde geschickt, die sie mit mehr Enthusiasmus und Geschwindigkeit überging. Alles kein Problem für das junge Evoli, doch wie würde es sich bei den nächsten Übungen anstellen?
    Louna ging mit Arcus und Chiari zum nächsten Gerät, was aus einem einfachen Reifen bestand. Er war dünn und hing ein paar Zentimeter über dem Boden in der Luft, da er dazu gedacht war, dass die Pokémon dort durchspringen sollten. Für Arcus natürlich wieder eine sehr einfache Übung, für Chiari hingegen schon eine größere Herausforderung. Bevor das kleine Evoli überhaupt sprang, setzte es sich auf seine Hinterpfoten und inspizierte zuerst den Reifen, ob man dem trauen konnte. Begeisterung sah anders aus. Louna lächelte, als sie Chiaris Skepsis erkannte, doch das würde sicherlich anders aussehen, wenn es danach eine leckere Belohnung gab. Sie setzte Chiari kurz zur Seite, damit Arcus noch einmal durchspringen konnte, um es ihr zu demonstrieren. Danach war Chiari dran. Louna hockte sich hinter den Reifen und hielt ein Leckerli in der Hand, um Chiari durch den Reifen zu locken. Die ersten paar Male wollte Chiari nicht und versuchte einfach an dem Reifen vorbei zu laufen, doch das ließ Louna nicht gelten. Das Leckerli bekam Chiari erst, wenn sie gesprungen war. Mit ein paar mehr Anläufen schaffte es das junge Evoli dann auch. Die Hürde war gar keine so große Herausforderung wie es zu Anfang schien. Das begriff auch Chiari, die noch ein zweites und drittes Mal hindurch sprang, nur um weitere Leckereien abstauben zu können.
    So ging das dann den gesamten Vormittag weiter. Bei jedem einzelnen Gerät demonstrierte Arcus, wie es gemacht wurde und Louna lockte dann ihr ungeübtes Pokémon über oder durch die Hürde und belohnte es, wenn es alles richtig gemacht hatte. Das alles benötigte viel Zeit, besonders bei Fabula und Adia, die beide unterschiedlich an die Sache heran gingen. Während Chiari dank ihrer Neugier relativ leicht zu überzeugen war ein Hindernis zu überwinden, benötigte Louna besonders bei Fabula sehr viel Überzeugungsarbeit, damit diese überhaupt etwas tat. Und selbst wenn diese dann das Hindernis überwunden hatte, wirkte sie nicht so, als wollte sie es ein zweites Mal ausprobieren. Da stand noch viel Arbeit mit Fabula an. Bei Adia sah es dafür etwas anders aus. Zwar war das junge Leufeo auch misstrauischer als Chiari, allerdings wollte Adia zuerst einmal immer alles schön inspizieren und bei Leufeos sah das eben so aus, dass sowohl die Krallen als auch die spitzen Zähne eingesetzt wurden. Louna musste daher sehr darauf achten, dass ihr Leufeo nicht noch irgendetwas kaputt nagte oder kratzte. Das könnte sonst Ärger mit dem Verein geben.


    Gegen Mittag herum hatte Louna es dann soweit geschafft, dass all ihre Pokémon wenigstens einmal an den Geräten zu schaffen gewesen waren. Außerdem hatte sie die volle Aufmerksamkeit ihrer Lieblinge, weswegen sie diese gar nicht mehr so oft auffordern musste ihr zu folgen. Sofern sie nicht irgendwo sitzen und auf sie warten sollten, folgten sie ihr von allein und blieben in ihrer Nähe, ohne sich großartig von etwas anderem ablenken zu lassen. Das war schon mal ein sehr gutes Ergebnis, weil es eine Basis für alle weiteren Trainingseinheiten bot.
    »Fabula?« Sie blickte auf und zu ihrem Pokémon, welches am wenigsten von den sportlichen Übungen begeistert gewesen war. Adia und Chiari zeigten spielerische Neugier, wodurch es einfacher war, sie mit den Geräten vertraut zu machen und sie zu überwinden. Bei Fabula war es die ganze Zeit eher mühsam gewesen. Jetzt hockte ihr schüchternes Pokémon vor einem Spielzeug und inspizierte es sehr genau. Auch ein zweites Mal rufen brachte nichts, da Fabula das Spielzeug interessanter fand, als alles andere. So viel dazu, sie würden sich nicht ablenken lassen …
    Sie ging zu ihrem Pokémon, um zu sehen, was daran so toll war. Knurspe! Drei Behälter waren auf einer Stange aufgehängt worden, wobei die Behältnisse beweglich waren. Louna kannte diese Konstruktion bereits. Ein Pokémon brauchte nur einen der Behälter auf der Stange umzudrehen und ein Knursp würde heraus fallen. Da die Behälter aber so konzipiert waren, dass sie immer wieder in ihre Ursprungshaltung zurück schwangen, konnte das eine kleine Herausforderung darstellen, wenn man keine Hände besaß. Fabula schien es auf die Leckereien im Inneren abgesehen zu haben und das, wo Louna schon einige verteilt hatte. Ihre anderen Pokémon kamen dazu und Adia war die Erste, die einfach ihre Tatze einsetzte, um einen der Behälter anzutippen. Da das kleine Leufeo etwas mehr Kraft hinein steckte, schwang der Behälter für kurze Zeit hin und her und erschreckte es kurzzeitig wegen der unerwarteten Bewegung. Louna grinste darüber und sah, dass auch Chiari das austesten wollte. Sie schienen zu begreifen, dass etwas sehr Leckeres im Inneren war, da man auch in die Behälter sehen konnte, weil sie durchsichtig waren. Aber wie bekam man das Innere heraus?
    Louna hätte es ihnen zeigen können, wenn ihr da nicht jemand anderes zuvor gekommen wäre. Der mittlere Behälter fing an sich zu bewegen. Äußerst misstrauisch begutachtete Adia das Spektakel, während Chiari gleich zwei Schritte zurück wich. Das war ihr nicht geheuer. Arcus beobachtete alles interessiert, wusste aber wohl auch nicht recht, was da vor sich ging. Die Einzige, die sich hier nicht bewegte, war Fabula, welche einen sehr angespannten Eindruck hinterließ. Oder sollte man besser sagen einen sehr konzentrierten? Louna runzelte die Stirn und beobachtete ihr Pokémon wie auch den Behälter, der nun kopfüber stand und ein paar Knurspe offenbarte, die zu Boden fielen.
    Da Louna ihre Hausaufgaben gemacht hatte, brauchte sie nicht lange zu überlegen, um das Geheimnis zu lüften. Fabula war zwar ein Feuer-Pokémon, war allerdings in der Lage psychokinetische Fähigkeiten zu entwickeln. Dass der Behälter sich wie von selbst umdrehte, lag also nicht an einem Geist, sondern daran, dass Fabula ihre Psychokräfte einsetzte. Nachdem der Behälter wieder in seine Ursprungsposition zurückkehrte, strich Louna sanft über das graue Fell Fabulas. Währenddessen schnappten sich Adia, Arcus und auch Chiari die heraus gefallenen Knurspe.
    »Das hast du sehr gut gemacht«, lobte Louna Fabula und sofort sah diese zu ihr auf. Ihre roten Augen besaßen einen so intelligenten Ausdruck, dass Louna glaubte, dass Fabula sehr viel mehr verstand, als sie bisher selbst geglaubt hatte.
    »Kann es sein, dass du Intelligenzspiele lieber magst, als sportliche Ertüchtigung?« Prompt antwortete ihr Fabula mit einem leisen Fiepen zu ihr hinauf. So wie es aussah, würde Fabulas Trainerin sich etwas einfallen lassen müssen, um der Kleinen eine geistige Herausforderung zu bieten.


    Zum Schluss wollte Louna noch eine große Runde mit Arcus laufen. Gerade als sie Adia, Fabula und Chiari dazu auffordern wollte am Rand sitzen zu bleiben, kam ein weiterer Trainer in die Halle. Louna hatte Soul Bescheid gegeben, dass sie hier sein würde, falls er sie suchte. Sein Gespräch mit dem Professor war bereits vorbei, ansonsten wäre er nicht hier her gekommen. Als Louna ihn sah, lächelte sie ihm entgegen, da er auf sie zukam.
    »Hey«, begrüßte er sie eher zurückhaltend und sah von ihr zu Arcus und dann zu ihren anderen Pokémon, die am Rand saßen oder lagen und es gelassen angingen.
    »Kommst du voran?«, wollte er von ihr wissen und betrachtete sie wieder. Louna konnte in seine blauen Augen sehen, da er heute auf die Sonnenbrille verzichtet hatte. Wenigstens in diesem Gebäude, wo es nicht notwendig war. Ansonsten stand er wie eh und je ganz in schwarz vor ihr, weswegen sie sich fragte, ob er auch noch etwas anderes als schwarz in seinem Schrank besaß. Es störte sie nicht weiter, es war nur auffällig an ihm noch keinerlei Farbe gesehen zu haben.
    »Ja, geht so. Chiari ist schnell zu begeistern, aber die anderen beiden machen es mir ein wenig schwerer«, berichtete sie Soul.
    »Möglicherweise ist Agility nicht so ihre Sportart?«, mutmaßte Soul frei heraus und löste bei Louna ein Grinsen aus.
    »Vielleicht. Fabula scheint Intelligenzspiele interessanter zu finden.« Louna richtete sich mit ihrem letzten Satz an ihr Fynx, welches neugierig zu ihr aufsah. Auch Arcus sah zu ihr auf, der es nicht erwarten konnte, eine letzte Runde mit ihr zu laufen.
    Soul trat ein Stück zur Seite, um den beiden nicht im Weg zu stehen, als Louna auch schon den Start vorgab und gemeinsam mit Arcus los rannte. Die beiden zeigten, wie man es richtig machte. Arcus hatte die ganze Zeit schon darauf gewartet, dass sie den Parcours einmal komplett durchgehen würden. Jetzt war es soweit. Er und Louna demonstrierten Kondition und Präzision bei der Überwindung der Hürden. Louna rannte neben Arcus her und gab ihm jeweils das Kommando, welches Gerät als nächstes dran war, während er selbst jedes Hindernis überwand, was ihm vorgegeben wurde. Ihr Fukano war nicht schlecht. Man sah, dass es schon viel trainiert hatte. Ohne Angst oder Unsicherheiten lief Arcus über jede Hürde, sprang durch jeden Reifen, krabbelte durch jeden Tunnel, der vor ihm lag. Er machte das sehr gut, vor allem da Agility eigentlich auch ein Geschwindigkeitsparcours war. Arcus war schnell, daher musste Louna sich anstrengen nicht abgehängt zu werden, bis sie das Ziel erreichten und Arcus auf dem kleinen Podest Platz nehmen durfte. Dort wurde er herzlich gekrault und gelobt für seine tolle Leistung, die er geboten hatte.


    Eine halbe Stunde später waren sie mit dem Training fertig und saßen gemeinsam vor dem Gebäude auf einer Bank. Louna war von der Rennerei selbst erschöpft und froh über die Mittagspause, die sie sich jetzt gönnten. Denn Soul hatte ungefragt unterwegs was zum Essen besorgt, worüber Louna unglaublich dankbar war.
    »Mhmm!« Man konnte ihr sehr gut ansehen, wie gut es ihr schmeckte und wie erfreut sie darüber war, etwas essen zu können. Egal wie blöd sich Soul in der letzten Zeit angestellt hatte, das mitgebrachte Essen machte locker alles wieder wett! Auch ihre Pokémon kamen nicht zu kurz und bekamen alle für sie eine abgestimmte Portion, damit sie satt werden konnten.
    »Wie lief‘s im Labor?«, wollte Louna neben zwei Bissen von Soul wissen. Wie sie aß er sein Mittagessen und musste erst herunter schlucken ehe er ihr antworten konnte.
    »Gut, denke ich«, meinte er und sie sah ihn nachdenklich an.
    »Also hast du den Job?«, wollte sie ganz genau wissen. Sie ging zwar nicht davon aus, dass es schlecht gelaufen sein könnte, aber wer weiß, ob Soul am Ende zugestimmt oder nicht doch lieber abgelehnt hätte?
    »Ja, hab ich. Und ich werde zu deinem Babysitter«, meinte er ganz lapidar, weshalb sie ihn sehr fragend und leicht verstört ansah.
    »Was meinst du damit?«
    »Das heißt, dass der Professor von mir erwartet, dass ich dich begleite, wenn du … keine Ahnung wohin geschickt wirst.« Soul kannte nicht die Ziele, die der Professor in Planung hatte, aber man hatte ihm bereits angedeutet, dass er Louna auf ihrem Weg begleiten sollte. Ganz unschuldig war sie daran nicht gewesen. Sie hatte dem Professor gegenüber erwähnt, dass Soul ein guter Trainer war und ihr mehrfach schon geholfen hatte. Das bedeutete nicht, dass sie erwartet hatte in nächster Zeit mit Soul tatsächlich zusammen zu arbeiten.
    »Ist … ist das für dich … okay?«, wollte sie wissen und fühlte sich nervös und verunsichert. Sie hatten beide ihre Differenzen schon gehabt und sie wusste, dass die Zusammenarbeit auch etwas schwieriger werden konnte. In erster Linie hoffte sie aber, dass er es nicht als nervig empfinden würde, wenn er die ganze Zeit mit ihr unterwegs sein würde.
    »Sicher. Ich werde ja dann dafür bezahlt«, meinte Soul nur Schultern zuckend, was für Louna gar keine so eindeutige Antwort war. Tat er das jetzt alles nur, weil er dafür bezahlt wurde? Oder freute er sich vielleicht auch ein bisschen darauf? Wobei Letzteres unwirklich erschien. Soul erledigte vermutlich einfach nur seine Arbeit und mehr wollte er nicht. So schätzte sie ihn ein. Louna war nicht sicher, was sie davon halten sollte, wollte sich darüber aber auch keine weiteren Gedanken machen. Es würde sie sowieso nur verwirren, wenn sie zu viel hinein interpretierte.
    Zum Glück lenkte Fabula sie ab, da ihr graues Fynx die Vorderpfoten auf die Bank stellte. Louna sah ihr kleines Pokémon an und wollte ihm schon helfen hinauf zu kommen, doch ihr Fynx schaffte es ganz allein auf die Bank zu klettern und damit auch auf ihren Schoß. Seit nur wenigen Wochen besaß sie Fabula und doch hatte die kurze Zeit ausgereicht, um das Vertrauen des Pokémons zu bekommen. Louna war glücklich darüber und kraulte Fabula hinter den großen Ohren.
    »Du kannst wirklich gut mit Pokémon umgehen«, hörte sie Souls staunende Stimme neben sich. Louna sah fragend zu ihm.
    »Es ist nicht nur dein Fynx, sondern auch alle anderen«, redete Soul weiter. Diesmal musste Louna ihm nicht alles aus der Nase ziehen. Offenbar hatte sie es geschafft, auch Souls Vertrauen zu gewinnen. Mehr als sie am Anfang besessen hatte.
    »Saphira hat nicht lange gezögert und dich heran gelassen und Dael hast du sowieso schon um den Finger gewickelt.« Es klang wie ein Vorwurf, der aber nicht böse gemeint war. Louna lächelte, war allerdings auch ein bisschen verwirrt. Besonders über Saphira.
    »Was ist mit ihr? Ist Saphira sonst scheu?« Soul hatte bereits durchblicken lassen, dass die meisten Menschen nicht so sehr von einem Absol angetan waren, weil es als böses Omen galt, welches Katastrophen mit sich brachte. Das musste aber noch lange nichts über die Persönlichkeit des Pokémons aussagen.
    »Scheu ist zu viel gesagt«, erklärte er. »Saphira ist eher misstrauisch gegenüber allen Fremden. Normalerweise.« Bei seinem letzten Wort sah er Louna skeptisch von der Seite an.
    »Keine Ahnung wie du das schaffst, aber du gewinnst ziemlich schnell das Vertrauen von Pokémon.« Er deutete auch auf ihre Pokémon, die vor ihr auf dem Boden saßen oder lagen und sich ausruhten.
    »Normalerweise braucht es noch mehr Zeit und Fürsorge, besonders bei wilden und schüchternen Pokémon wie Adia und Fabula.«
    »Du meine Güte«, warf Louna dazwischen und Soul sah sie fragend an.
    »Mhm?«
    »Bitte rede nicht so viel, das bin ich nicht gewohnt. Das verstört mich etwas«, sagte sie trocken und löste bei Soul Empörung aus, weshalb sie laut anfangen musste mit lachen. Sein Gesichtsausdruck war einfach großartig.
    »Machst du dich lustig über mich?«, fragte er nun eindeutig pikiert, weil er das nicht witzig fand. Doch Louna ließ sich davon nicht beirren und lachte einfach weiter.
    »Nein, ich lache dich nur an!«, meinte sie zwischen zwei Japsern und kicherte noch weiter. Souls skeptischer Blick nahm nicht ab, was sie nur weiter amüsierte.
    »Aber um auf das Thema zurückzukommen«, begann sie vom Neuem. »Es ist doch gut, wenn ich das Vertrauen der Pokémon gewinne, oder? Ich meine, das vereinfacht manche Dinge«, sagte sie nachdenklich. Ihr Lachen war nun verebbt und sie dachte darüber nach, was er ihr gerade offenbar hatte.
    »Schon«, bestätigte er, wirkte aber immer noch etwas skeptisch. »Es ist nur etwas ungewöhnlich.«
    »Ungewöhnlich? Ich dachte, das wäre normal. Es gibt doch so viele Trainer und Züchter und was nicht alles, die sich mit Pokémon beschäftigen, sie züchten und aufziehen und trainieren«, zählte sie auf.
    »Ja, aber da steckt viel Arbeit dahinter«, sagte er und Louna verdrehte die Augen.
    »Hey, ich arbeite auch hart! Ich bin ja schon froh, wenn die Kleinen mir folgen, wenn sie es sollen!« Jetzt war es Soul, der grinsen musste.
    »Und wenn sie es nicht tun, wenn sie es nicht sollen, nicht?«, fügte er hinzu und erinnerte sich nur lebhaft daran zurück, wie ihre Pokémon ihr vor allem zu den Mahlzeiten gerne mal folgten. Besonders wenn Louna das Futter für sie vorbereitete. Wenn sie nicht konsequent blieb, hatte sie schneller die Bande an ihren Beinen kleben, als dass sie die Futterschalen füllen konnte.


    Zusammen mit Soul verließ sie den Trainingsort. Für heute hatten sie genug Sport gemacht, so dass sie nach Hause zurückkehren wollte. Auf ihren Armen trug sie Fabula, die aktuell sehr anhänglich und verschmust war. Woher das kam, konnte Louna nicht so genau sagen. Man müsste annehmen, dass Fabula nach dem gestrigen Ereignis noch sehr verängstigt war. Das war das kleine Fuchs-Pokémon tatsächlich, allerdings nicht gegenüber Louna. Es schien, als wäre es seit gestern nur noch anhänglicher geworden, was fürs Erste nicht schlimm war. Mit ihren Pokémon zu kuscheln, hatte durchaus was für sich. Vor allem weil Fabula ein so samtenes Fell besaß, dass es einfach Spaß machte, sie zu knuddeln.
    »Du bist so süß, weißt du das eigentlich?«, redete Louna mit ihrem Pokémon auf dem Arm, welches sie aus großen Äuglein ansah. Ob Fabula verstanden hatte, was sie gesagt hatte? Arcus sah auch zu ihr hinauf. Adia und Chiari waren mittlerweile in ihren Pokébällen zurückgerufen worden.
    »Keine Angst, Arcus, du musst nicht eifersüchtig werden. Dich hab ich auch sehr lieb«, beruhigte sie ihr Fukano.
    »Da wäre ich mir nicht so sicher«, warf Soul einen Zwischenkommentar ein, so dass Louna ihn nun ansah.
    »Was denn? Willst du vielleicht auch geknuddelt werden?«, fragte sie ihn frei heraus und er nahm gleich einen Schritt mehr Abstand zu ihr.
    »Ich verzichte, danke«, antwortete er, als würde er tatsächlich befürchten, dass Louna ihm zu nahe kommen könnte. Sollte sie jetzt darüber erleichtert oder nicht doch beleidigt sein? Sie nahm es lieber mit Humor, so brauchte sie sich nicht zu ärgern.
    »Hätte ich sowieso nicht gemacht«, sagte sie und grinste ihn frech an.
    »Bei dir kann man nie wissen«, gab Soul zurück und musterte sie misstrauisch, als könne sie jeden Augenblick eine unerwartete Bewegung machen. Sie lachte nur ein wenig, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte. Weiter vorne war irgendetwas los, daher versuchte sich Louna lang zu machen, um was zu entdecken. Einige Passanten, die an ihnen vorbei kamen, murmelten hier und da etwas und Louna konnte tatsächlich das Wort »Arenaleiter« aufschnappen. War dort vorne etwa der Arenaleiter von Illumina City? Das wäre äußerst spannend, schließlich gehörte er zu den berühmten Menschen von Kalos! Sie hatte ihn bei der Trauerfeier auf der Bühne gesehen, aber die Entfernung war doch größer gewesen, so dass sie ihn nicht so gut hatte erkennen können. Ihn mal vom Nahem zu sehen, wäre schon inspirierend. Ohne darüber nachzudenken, griff sie nach Souls Hand und zog an ihm.
    »Komm!«, sagte sie und rannte los, Soul einfach hinter sich her schleifend. Dieser war so überrascht, dass er nur hinter ihr her stolperte, ohne sich gegen die plötzliche Entführung zu wehren. Louna wollte unbedingt einen Blick riskieren und drängelte sich durch die immer voller werdende Menschentraube, die sich an einer Gehwegkreuzung zusammen fand. Fabula drückte sich enger an sie heran, da ihr so viele Menschen Angst einjagten. Sie suchte instinktiv nach mehr Schutz bei Louna, die sie nicht los ließ. Genauso wie sie Soul nicht los ließ. Seine Hand fest umklammert, um ihn nicht zu verlieren, schob sie sich zwischen den Menschen entlang, um nach weiter vorn zu gelangen. Arcus huschte derweil zwischen all den langen Beinen entlang, was auch nicht immer sehr einfach war. Schlängellauf kannte er schon aus dem Agility-Training und konnte davon profitieren. Außerdem wollte er seine Trainerin nicht aus den Augen verlieren und bemühte sich stets an ihrer Seite zu bleiben.
    Auf Zehenspitzen stehend, versuchte Louna über die Köpfe der anderen hinweg zu sehen und entdeckte dann tatsächlich Jérôme Garnier, den Arenaleiter von Illumina City. Er war größer, als er auf der Bühne gewirkt hatte und gab dadurch schon eine imposante Gestalt ab. Sein Kleidungsstil war auch nicht zu verachten, wenn man sich mal seine teuer aussehende schwarze Lederjacke genauer betrachtete und seine dunklen Jeans, die er trug. Als Arenaleiter konnte man einiges verdienen, nebst den ganzen Verpflichtungen, die damit einher gingen. Aber wenn man so will, dann waren Arenaleiter auch die großen Stars eines Landes und daher sehr angesehen und beliebt. Wer es auf den Posten schaffte, sollte sich lieber darum bemühen dort oben sitzen zu bleiben, um nicht ausgewechselt zu werden. Je nach Können und vor allem dem Nachkommen der Pflichten, konnte es auch passieren, dass ein Arenaleiter abdanken musste und durch einen neuen ersetzt wurde. Im Prinzip war dieser Posten genauso wie jeder andere Job auch. Man verdiente Geld, während man seiner Arbeit nachging und wenn man schlecht darin war, musste man riskieren, gekündigt zu werden. Die Arenaleiter wurden vom Vorstand der Pokémon Liga ausgewählt und eingesetzt. Und dort … ja dort kannte sich Louna am aller wenigsten aus. Auf den ersten Blick dachte man gar nicht, dass hinter der Pokémon Liga ein großes Unternehmen stand, aber Tatsache war, dass es eine der Wichtigsten überhaupt war! Bedachte man, wie viele Trainer es gab und wie jährlich all die Wettbewerbe und Veranstaltungen hoch gefeiert wurden. Allein wenn Louna daran dachte, wurde ihr ganz schwindelig. Der Hype darum war enorm. Karten für die besten Plätze in den Stadien waren Monate zuvor ausverkauft! Wenn nicht sogar Jahre …
    »Es ist immer noch nicht bekannt, ob sie die Täter geschnappt haben oder was weiter diesbezüglich unternommen wird«, murmelte Soul leise neben ihr. Sie standen mitten in der Menschentraube zusammen, der Arenaleiter nur wenige Meter vor ihnen, der ein Live-Interview einer Reporterin gab. Auch hier wurden keine genaueren Details bekannt gegeben. Die Arbeit der Beamten wurde bedeckt gehalten, während man versuchte, die breite Masse zu beruhigen und ihr klar zu machen, dass alles unter Kontrolle war. Bei Zeiten würde man schon Ergebnisse liefern, wenn diese erreicht worden waren. Es waren Standardfloskeln, die eingesetzt wurden, damit niemand sich größere Sorgen machen musste. Doch wenn Louna an das schreckliche Gewitter zurück dachte und daran, wie viele dabei verletzt oder gar ums Leben gekommen waren …. Dann wurde ihr ganz mulmig.
    »Soul?« Sie sprach ihn an, immer noch fest seine Hand haltend. Er reagierte nicht und blickte nur nach vorn während sich ihr Magen verkrampfte und ihr Herz höher schlug …


  • 39. KapitelStrahlende Sonne


    Langsam aber sicher merkte man, dass der Hochsommer Kalos endgültig in seinen Fängen hatte. Gerade zu dieser Zeit ärgerte er sich ein bisschen über seine schwarzen Sachen, die er immer trug. Er konnte gar nicht mehr sagen, wann er damit angefangen hatte sie zu tragen. Es hatte sich einfach so entwickelt. Doch an besonders sonnigen Tagen wurde es ziemlich heiß in seiner schwarzen Hose und seinem schwarzen Shirt. Das einzig Gute war seine Sonnenbrille auf der Nase, die seine Augen wenigstens ein bisschen schonte. Normalerweise würde er lieber erst am Abend unterwegs sein, aber seitdem er bei Louna mehr oder weniger wohnte, musste er sich überlegen, wie er die Tage verbrachte. In erster Linie war er unterwegs, um nach passenden Wohnungen zu suchen. Er wollte unbedingt wieder seine eigenen vier Wände besitzen, aber sobald es zu einem Gespräch kam, konnte er im Gesicht der Makler die fehlende Begeisterung erkennen. War doch klar, dass sie niemandem eine Wohnung überlassen wollten, der keine Arbeit besaß und damit auch kein geregeltes Einkommen. Je öfter er das erlebte, desto mehr ärgerte sich Soul darüber. Zuerst brauchte er einen Job, doch all die Stellen, wo man direkt anfangen konnte, waren so schlecht bezahlt, dass es schwer wurde davon allein zu leben. Da müsste er schon drei Jobs annehmen, damit es vorne und hinten reichte, aber dann hätte er gar keine freie Zeit mehr.
    Leise stöhnte Soul auf und ließ sich in einer Seitenstraße an der Wand nach unten gleiten. Dael setzte sich direkt vor ihn und sah ihn neugierig an.
    »Ich muss mir was einfallen lassen«, murmelte er zu seinem Hunduster. Dael war sein erstes Pokémon gewesen. Durch ihn hatte er vieles gelernt, aber auch einige Situationen besser überstehen können. Daran denken wollte Soul nur ungern, denn so schön es auch war, Dael an seiner Seite zu wissen, dabei helfen konnte er ihm auch nicht, eine Arbeit zu finden. Das musste er allein schaffen. Erneut stöhnte Soul, als seine Gedanken zurück zu Louna drifteten, mit der er sich vor Kurzem gezofft hatte. Hatte er überreagiert? Er verstand, dass sie es nur gut meinte und ihm helfen wollte, aber … Wieso tat sie das überhaupt? Es war ja nicht so, dass er besonders charmant zu ihr gewesen war. Die ein oder zwei Male, die er ihr geholfen hatte, waren nichts weiter gewesen. Kein Grund ihm deswegen einen Job aufzudrängen, den er nicht wollte!
    »Pff, als ob ich für einen bescheuerten Professor arbeiten will … « Warum sollte er das tun? Irgendwo im Labor stehen oder irgendwelchen Pokémon hinterher rennen, um was auch immer über sie heraus zu finden. Am ehesten würde der Professor ihn nur als Laufburschen missbrauchen. Das wäre ja noch schöner! Besonders gut bezahlt werden würde er bestimmt auch nicht.
    »Hmpf!« Soul wollte sich mit diesem Gedanken nicht abfinden. Er hatte keinen Bock darauf wieder die Marionette von irgendwem zu sein. Dael legte den Kopf zur Seite und stupste mit seiner feuchten Nase seinen Handrücken an.
    »Sie sollte sich lieber raushalten«, murmelte er weiter vor sich hin und dachte dabei an Louna. Ihr ständiges Lächeln und ihre goldenen Rehäuglein, diese ekelhafte Hilfsbereitschaft ständig … Das nervte! Und ständig machte sie sich Sorgen, während sie selbst durch die Weltgeschichte stolperte und noch total grün hinter den Ohren war. Sie war dermaßen naiv, dass es schon lächerlich schien. Außerdem war sie so ängstlich, was Kämpfe anging. Er konnte es zum Teil verstehen, nicht jeder kam mit der Brutalität klar, die dahinter steckte. Er selbst hatte schon das ein oder andere mal erlebt, was passieren kann, wenn ein Kampf außer Kontrolle gerät. Nicht nur Pokémon kamen dabei zu Schaden, auch Menschen. Lounas Sorge darüber war berechtigt, aber wer seine Pokémon entsprechend trainierte, würde sehr viel besser solche extremen Situationen verhindern können. Sie tat also gut daran, ihre Pokémon zu trainieren.
    »Louna«, murmelte Soul vor sich hin. Seitdem er sie das erste Mal getroffen hatte, war einiges passiert.
    »Ich dachte, dir wäre etwas Schlimmes zugestoßen … «
    Sie machte sich Sorgen um ihn, ohne ihn richtig zu kennen.
    »So machen das doch Freunde, nicht? Sich gegenseitig helfen!«
    Freunde! Seit wann waren sie Freunde? Er hatte nie um ihre Freundschaft gebeten. Sie drängte sich ihm einfach ohne zu fragen auf! Genauso mit dem Jobangebot! Ihm das einfach vor die Nase halten, damit er auch ja zugriff, oder was?
    Dael brummte auf und leckte über seine Finger. Er merkte, dass sich Soul innerlich aufregte und wollte ihn beruhigen. Als Dank für diese Fürsorge kraulte er seinem Freund hinter den Ohren.
    »Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann«, sagte er zu ihm. Die einzig wahren Freunde, die er besaß, waren seine Pokémon. In Bezug auf menschliche Beziehungen war er nie gut gewesen. Wie auch? Er hatte nie das Gefühl besessen, dass es irgendjemanden schert, was aus ihm wurde oder wo er abblieb.
    »Wann hast du Geburtstag, Soul?«
    »Was? Wieso willst du das wissen?«
    »Na, weil ich neugierig bin. Weißt du doch!«
    »25. August.«
    »Dann bist du also eine kleine Jungfrau?«
    »Ernsthaft jetzt?«
    »Wann hast du das letzte Mal deinen Geburtstag gefeiert?«
    »Das letzte Mal war vermutlich gewesen, als ich fünf war. Oder so.«
    »25. August, ist notiert.«
    »Oh nein, das wirst du nicht. Vergiss das Datum wieder!«
    »Was hast du dagegen deinen Geburtstag zu feiern? Nur weil du es nicht kennst?«
    »Es ist nicht notwendig. Außerdem ist es völlig überzogen und lächerlich das Älterwerden zu feiern. Ein Jahr näher am Tod!«
    »Ganz schön negativ, Herr Blanch, das werde ich Ihnen noch austreiben müssen!«
    Er hörte ihr Lachen immer noch in seinem Kopf, sah die Freude in ihrem Gesicht. Ob das nun daher kam, dass sie ihn einfach aufziehen wollte oder vielleicht doch etwas plante, war irrelevant. Sie strahlte förmlich, wenn sie sich freute. Diese Freude hatte er zerstört, als er ausgerastet war und nun sauer auf sie war, weil sie ihre Nase in seine Angelegenheiten gesteckt hatte. Bislang hatte sie sich nicht von ihm abschrecken lassen, doch er vermutete, dass es nun genug war. Wenn er sie spätestens heute Abend wieder sah, würde es anders sein. Er sollte sich eine andere Bleibe suchen, dann musste er sie nicht weiter mit seiner Anwesenheit belästigen.
    Dael winselte auf, als hätte er seine Gedanken gelesen. Soul wusste, dass sein Hunduster Louna mochte. Sie kam erstaunlich gut mit Pokémon aus, obwohl sie solche noch gar nicht so lange trainierte. Soweit er wusste, besaß sie Arcus auch erst seit knapp einem halben Jahr und hatte mit ihm schon das Agility-Training absolviert. Das war eine gute Gelegenheit, um die Kondition und Konzentration des Pokémons zu verbessern.
    Sei es wie es sei, er hatte es vermasselt. Daran ließ sich nicht rütteln, egal wie er es auch sah. Irgendwann würde auch Lounas Geduld mit ihm an eine Grenze stoßen, wo sie keine Lust mehr hatte. Es war besser, wenn er einfach verschwand. Wenn nicht seine Sachen noch bei ihr wären, hätte er sich schon längst aus dem Staub gemacht.
    Mit einem tiefen Atemzug stand er wieder auf und sah die Seitenstraße runter. Er war in der Nähe des Place Cyan, weswegen er das Stimmengewirr der vielen Menschen hören konnte. Irgendwo hupten aufgeregt ein paar Autofahrer. Vielleicht hatte da jemand einem die Vorfahrt genommen. In einer Großstadt gab es ab und zu Verkehrschaos, so war das eben. Soul besaß auch einen Führerschein, doch er hatte nicht das Geld, um sich ein Auto oder ein Motorrad zu kaufen. Dafür reichte es einfach nicht. Ansonsten wäre er viel mobiler unterwegs. Manche Trainer verzichteten auf Verkehrsmittel, weil sie ihre Pokémon zum Reiten benutzten. In seinem Team war kein Pokémon dafür geeignet, aber das störte ihn nicht weiter.
    Er ging los und Dael lief an seiner Seite entlang. Weder musste er ihn in seinen Pokéball rufen, noch musste er Angst haben, dass Dael sich von etwas ablenken ließ und ihm weg lief. Sie kannten sich schon mehrere Jahre und waren ein sehr gutes Team. Es war für Soul einfacher mit Pokémon auszukommen, als mit Menschen. Wenn er es recht bedachte, dann wurde es langsam mal Zeit, dass auch Dael sich entwickelte. Bisher hatte jedoch sein Freund keinerlei Anstalten in die Richtung gemacht, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war. Andererseits würde Dael nach einer Entwicklung noch viel größer sein und das könnte in Städten schon wieder zu Problemen führen. Prinzipiell war man offen für die Lieblinge der Menschen, aber wenn sie zu groß wurden, dann konnte es ein wenig zu eng werden. Pokémon waren schon überwältigende Geschöpfe. In Form, Farbe und Größe waren sie so unglaublich vielfältig.
    Fast hatte Soul das Ende der Seitenstraße erreicht, um auf den Place Cyan zu kommen, als sich ihm eine Person in den Weg stellte. Soul musste nicht lange überlegen, um zu wissen, wer da vor ihm stand. Der junge Mann in seinem dunklen Anzug, die Frisur perfekt frisiert und die dunkle Sonnenbrille waren an ihm nicht selten zu sehen. Was er allerdings hier tat und vor allem von ihm wollte, wunderte Soul dann doch. Er hatte lange keinen Kontakt mehr mit ihm gepflegt und insgeheim gehofft, dass es auch so bleiben würde.
    »Marek«, sprach Soul sein Gegenüber an und wurde hinter den verdunkelten Gläsern genau gemustert.
    »Soul, lange nicht gesehen«, begrüßte Marek ihn. Sie waren in etwa im gleichen Alter, aber woher Marek kam, wusste Soul nicht. Allgemein kannte er nicht viele Details über diesen Typen. Er war eines Tages aufgetaucht und sie hatten den ein oder anderen Job gemeinsam durchgeführt, aber das war’s auch schon. Weder waren sie miteinander befreundet, noch verband sie etwas anderes. Für Soul war Marek ein mysteriöser Typ, der von sich selbst nie wirklich was preis gab. Das einzige, was Marek interessiert hatte, war der aktuelle Job, den er durchführte.
    »Was willst du?«, wollte Soul wissen und klang wenig vertraulich. Wenn Marek hier auftauchte, dann ahnte Soul nichts Gutes.
    »Darf ich einen alten Freund nicht mal wiedersehen?«, sagte Marek und steckte beide Hände in seine Hosentaschen. Er hatte die Ruhe weg, aber so war er schon immer. Selbst in stressigen Situationen ließ er sich niemals aus der Ruhe bringen und bedachte alles mit einem kühlen Kopf.
    »Ist mir neu, dass wir Freunde sind«, antwortete Soul abweisend und verschränkte die Arme vor dem Körper.
    »Wie bedauerlich. Dabei warst du einer der wenigen Vernünftigen.« Marek zuckte mit den Schultern und kam ein paar Schritte näher heran.
    »Tu mir einen Gefallen und lass mich einfach in Ruhe, okay? Ich hab andere Dinge, um die ich mich kümmern muss«, sagte Soul, da er den anderen schnellstmöglich abwimmeln wollte. Er war nicht daran interessiert, einen netten Plausch mit Marek zu führen. Weder heute noch ein anderes Mal.
    »Ja, so kenne ich dich. Deswegen kann ich dich auch so gut leiden. Aber soweit ich weiß, könntest du einen Job gebrauchen, ist es nicht so?« Soul war nicht sicher, ob Marek ihn provozieren wollte. Im Inneren war er unglaublich angespannt, doch nach außen hin durfte er es nicht zeigen.
    »Keinen Job von dir«, wies Soul ihn erneut ab. Dael neben seinen Füßen zog die Lefzen nach oben. Es war eine deutliche Warnung gen Marek, der zum Hunduster leicht nach unten sah.
    »Ich verstehe schon«, meinte er und schien keine weiteren Anstalten machen zu wollen, ihn zu überzeugen noch etwas ihm aufdrängen zu wollen. In dem Moment klingelte Mareks Telefon und es dauerte nicht lange, da nahm er den Anruf entgegen.
    »Ja?« Soul hörte nur einige Gesprächsfetzen heraus, konnte jedoch nicht viel damit anfangen, bis Marek wieder auflegte und sein Telefon wegsteckte. Holo-Logs benutzten sie selten, da diese zu auffällig waren. Das war nur eine Spielerei für andere und ein völlig überzogenes und unnötiges Feature - So Mareks Meinung. Er nahm seine Sonnenbrille ab, atmete tief durch und suchte den Augenkontakt zu Soul, der sich keinen Millimeter weg bewegt hatte.
    »Ich soll dir im Übrigen schöne Grüße von deinem Vater ausrichten«, fing er auf einmal an. »Nicht, dass ich jetzt mit ihm telefoniert hätte. Das war jemand anderes, aber … « Wollte Marek einen Smalltalk führen oder wo sollte das hinführen?
    »Ich habe keinen Vater«, sagte Soul ganz entschieden und unterbrach Marek. Dieser musterte ihn sehr eingehend mit seinen blauen Augen und zuckte wieder die Schultern.
    »Wie du meinst. Ich hab jetzt noch etwas auf dem Coteau-Weg zu erledigen. Man sieht sich.« Marek hob sogar die Hand zum Gruß, als er sich umdrehte und ging. Dass er den Weg erwähnte, war kein Zufall, trotzdem wunderte sich Soul darüber. Wenn er glaubte, er würde ihm einfach folgen …


    »Arcus, setz Glut ein!« Gar nicht schlecht, dachte Soul, als er unter einem Baum im Schatten stand, um sich ein wenig vor der Sonne zu verstecken. Und vor Louna. Ob er darüber überrascht sein sollte oder es hätte ahnen müssen, dass sie hier auf dem Coteau-Weg war, wusste er nicht genau. Sie trainierte mit May und Arcus, was gut war. So bekam sie mehr Übung darin und würde sich in zukünftigen Kämpfen sicherer fühlen. Außerdem war sie so sehr abgelenkt, dass sie nicht mal im Ansatz erahnte, dass er nahe der Baumgruppe stand und sie beobachtete. Es war keine Absicht gewesen, aber als er hier her gekommen war, hatte er sie entdeckt. Nicht nur sie. Mittlerweile sah er auch den Rest ihrer Freunde. Dash und DJ kamen hinzu und unterhielten sich mit ihr. Sie alle drei waren Trainer und konnten Louna genügend Tipps geben. Dafür brauchte sie ihn nicht. Er sollte wieder gehen, bevor er noch entdeckt wurde. Dabei war er nicht wegen ihr hergekommen, sondern wegen etwas anderem.
    Marek hatte gemeint, dass er hier etwas zu erledigen hatte, die Frage war nur was und vor allem wo er sich gerade befand. Der Coteau-Weg war jetzt auch nicht so klein und durch die Skateranlage teilweise unübersichtlich. Eigentlich hatte Soul nicht hier her kommen wollen, doch Marek hatte es geschafft, ihn hier hin zu locken. Und das nur mit einer nebensächlichen Aussage. Soul wusste, dass Marek nicht ohne Grund solche kleinen, scheinbar nebensächlichen Details frei heraus rückte, ohne nicht damit etwas bezwecken zu wollen. Die Neugier, aber vor allem das schlechte Gefühl hatte ihn dazu gebracht herzukommen.
    »Heda!« Soul richtete seine Augen auf die Kerle, die sich Louna und ihren Freunden näherten. Soul entwich ein leises Zischen. Er war zu weit weg, als dass sie ihn bemerken würden. Das war gut.
    »Ernsthaft, Marek, du nimmst diese Hohlköpfe mit?« Soul konnte nur den Kopf schütteln. Die drei Typen, die Louna und die anderen herausforderten, hatten doch gar nichts drauf. Was bezweckte Marek damit? Vor allem da dieser weiter im Hintergrund war und nur rumstand und dabei zu sah, wie sich Samuel, Pascal und Tom lächerlich machten. Dass Louna nicht mitkämpfte, wunderte Soul nicht weiter. Sie war noch nicht bereit dafür, einen so ernsten Kampf zu bestreiten. Er wusste, dass die Jungs sich nicht zurückhalten würden. Das sah man allein an ihrem aggressiven Kampfstil. Sie schickten ihre Pokémon hemmungslos in den Kampf und nutzten jede Gelegenheit dem Gegner eine rein zu würgen.
    Den Kampf über beobachtete Marek das Geschehen aus dem Hintergrund heraus und mischte sich kein einziges Mal ein. Das wunderte Soul doch stark, doch als er wieder zu den anderen sah und vor allem auch Louna und ihre Pokémon ins Auge fasste, entdeckte er Fabula. Einen Wimpernschlag später schrie Louna nach ihrem Pokémon und Soul fluchte vor sich hin. Ihr Ziel war also doch Fabula gewesen! Soul hatte gehofft, dass es nicht so war. Dass sie wegen etwas anderem hier waren und die Hohlköpfe nur aus einer Laune heraus gegen die anderen kämpfen wollten. Das wäre auch ein nachvollziehbarer Grund, weshalb Marek sich zurückhielt und sich nicht einmischte. Weil er keine Lust auf den Kindergarten hatte … Aber Soul hatte sich getäuscht. Das alles diente nur zur Ablenkung, damit sich Maxime von hinten anschleichen konnte, um möglichst ungesehen Fabula zu klauen. Leider war er einfach zu dumm dafür und wurde natürlich entdeckt. Andererseits verschaffte diese Dummheit Soul ein wenig Luft. Louna war schon dabei Fabula helfen zu wollen, doch als Maxime sein Quaxo rief, wusste Soul, dass das nichts werden konnte. Da er vorhin Dael in seinen Ball geschickt hatte, rief er nun Saphira hervor. Sie war für diesen Kampf besser geeignet.
    »Psychoklinge!« Es war Soul egal, ob Louna auf ihn sauer war. Es war ihm auch egal, was Marek davon halten würde. Solange sich dieser nicht einmischte, würde Soul eine direkte Konfrontation mit Marek vermeiden. Aus sehr guten Gründen. Doch er würde nicht hier stehen und dabei zu sehen, wie Fabula von diesen Hohlköpfen Louna entrissen wurde.
    Sein Absol spurtete los, kaum dass er den Befehl gebellt hatte. Saphira war schnell und hielt das Quaxo auf, so dass Fabula gerettet werden konnte. Es war für Soul auch eine Kleinigkeit Maxime in die Flucht zu schlagen, während die anderen drei noch dabei waren die Gegner zu besiegen. So viel traute Soul ihnen zu. Dash, DJ und May würden schon zurecht kommen, denn Marek mischte sich immer noch nicht ein. Als Soul ihm einen Blick zuwarf, war er nicht sicher, was Marek von alledem hielt. Geschweige denn was er mit dieser ganzen Aktion hatte bezwecken wollen …


    »Soul?«, sprach Louna ihn an und blickte mit ihren Augen zu ihm rauf. Sie schüttelte sogar seinen Arm.
    Es war gut, dass Fabula gerettet worden war und Marek ohne weitere Einmischung sich davon gemacht hatte. Wäre es zum Kampf gekommen, hätte Soul nicht sagen können, wer von ihnen gewonnen hätte. Er hätte es nur ungern herausgefunden, denn er wusste, dass man Marek nicht unterschätzen durfte. Er war ein starker Trainer, allerdings überlegte er zweimal, ob er sich in einen Kampf stürzen wollte oder nicht. Anders als die Hohlköpfe, die zu jeder Gelegenheit gerne Stunk verursachten.
    »Soul?«, sprach Louna ihn ein weiteres Mal an und er blickte in ihre goldglänzenden Augen. Es war faszinierend. Wenn weniger Licht vorhanden war, dann waren ihre Augen viel dunkler, aber jetzt, wo die Sonne so schien, strahlten auch ihre Augen. Er hatte noch nie jemanden mit solchen Augen gesehen. Er hatte auch nie mit einer so fröhlichen Person etwas zu tun gehabt. Wenn Louna anfing zu lächeln und zu lachen, dann war es, als würde der ganze Raum erleuchtet werden. Ein bisschen unheimlich für jemanden, der so viel Fröhlichkeit nicht gewohnt war. Auf der anderen Seite ließ es das Bedürfnis aufkommen, diese Fröhlichkeit bewahren zu wollen. Auf dass die strahlende Sonne nie erlöscht …
    »Soul?« Ein drittes Mal sprach Louna ihn an, doch alles was er tat, war sie direkt anzusehen. Dabei standen sie hier mitten auf der Straße! Was er wohl dachte? Er sah sie zwar an, sah in ihre Augen, aber er reagierte ansonsten gar nicht. Es war, als würde er tief in sie hinein sehen, was sie nervös machte. Dabei war sein Blick so verträumt, dass es nichts Schlechtes sein konnte. Als er blinzelte, schien er endlich zu begreifen, wo sie waren. Das Interview mit dem Arenaleiter war mittlerweile vorbei und Letzterer war auch weiter gegangen, um zur Arena zu fahren. Daher hatte sich bereits die Menschentraube aufgelöst.
    »Hey, alles in Ordnung?«, fragte sie Soul, weil sie sich nicht sicher war. Dann fing er auch noch an sanft zu lächeln, was für sie noch ungewohnter war als sein verträumter Blick.
    »Natürlich«, antwortete er wie selbstverständlich. Sie war sich immer noch nicht sicher, folgte aber seinem Blick, der weiter nach unten schweifte. Hinab an ihren Armen und zu ihren miteinander verschränkten Händen. Sie hielten sich immer noch fest, was selbst Louna entgangen war, deren Wangen sich nun rosa färbten. Soul entriss nicht gleich ihr seine Hand, aber er löste sie langsam und sanft aus ihrer. Es war etwas komisch länger weiter so dazustehen, das sah wohl auch er ein. Jetzt, wo er wieder im Hier und Jetzt gelandet war. Er räusperte sich leise, als er einen Schritt zurück machte, damit sie nicht mehr ganz so nah beieinander standen.
    »Wolltest du nicht nach Hause und lernen?«, fragte er sie, um sie beide von dieser komischen Situation abzulenken. Sie hatte ihm erzählt gehabt, dass bald - nächste Woche schon - ihre Prüfung war und sie deshalb möglichst jeden Tag trainieren und lernen wollte. Sowohl Praxis als auch theoretisches Wissen wurde bei der Prüfung für den Trainer-Pass abgefragt. Um bestmöglichst vorbereitet zu sein, wollte Louna ihre freie Zeit sinnvoll nutzen.
    Sie räusperte sich selbst und stimmte ihm zu. Ja, sie wollte nach Hause und hoffte, dass ihr Magen endlich aufhörte sich so seltsam anzufühlen. Da konnte sich doch kein Mensch richtig konzentrieren!
    »Wann genau fängst du beim Prof. an?«, führte sie das Gespräch fort, während sie gemeinsam den Weg nach Hause antraten. Arcus lief ruhig neben ihnen her.
    »Am Montag«, beantwortete er ihre Frage, sah sie aber nicht an. Das war früher als Louna ihre Ausbildung beginnen würde.
    »Er will mich in alle möglichen Dinge einarbeiten, damit ich meinen Aufgabenbereich kenne«, erklärte Soul. Da er zukünftig Louna und vielleicht auch andere Personen begleiten sollte, war es für ihn wichtig, zu wissen, was er tun sollte. Er würde nicht wie der Professor oder die Assistenten forschen und herausfinden, warum manches so war, wie es eben war. Er war in erster Linie dafür da, dass alles gut ging. Besonders wenn man in der Wildnis unterwegs war, musste man auf wilde Pokémon achten, falls diese ein aggressiveres Verhalten zeigten und gegebenenfalls angriffen. Er diente also mehr als Begleitschutz und weniger als Forscher. Auch wenn er anscheinend kleinere Aufgaben trotzdem übernehmen sollte. Aber das würde der Professor ihm alles noch erklären, sobald er nächsten Montag anfing.
    »Ich bin echt neugierig, was uns alles so erwartet«, meinte Louna, verschränkte die Arme hinter den Rücken und lächelte in den Himmel hinauf. Da war sie wieder … die Sonne, die so sehr strahlte, dass man nicht wollte, dass sie erlosch.


    Mit einem äußerst zufriedenen Gähnen bettete Dael seinen Kopf auf Souls Bauch, der selbst mit dem Rücken auf dem weichen Bett lag und die weiße Decke über sich anstarrte. Draußen war es dunkel, da es fast Mitternacht war. Der Tag war vorbei und für morgen stand das Training mit Tornado an. Louna wollte auch mit ihrem Dartiri weiter üben, weshalb er ihr dabei helfen würde. Er hatte es ihr schon seit Längerem versprochen.
    Louna … Sie hatte heute keine Anzeichen gehabt, dass sie noch sauer auf ihn war. Wie gutherzig musste sie sein, dass sie ihm so einfach verzieh? Er war nicht sehr freundlich gewesen und hatte sich wie ein wildes Tauros aufgeführt. Er hätte es verstanden, wenn sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und ihn einfach vor die Tür gesetzt hätte. Aber das hat sie nicht getan, stattdessen hatte sie vorhin zum Abendbrot für sie beide gekocht. Sie war viel zu gut, weshalb sie Gefahr lief ausgenutzt zu werden. Wenn er ein richtiger Arsch wäre, dann könnte er sie ausnehmen, ohne dass sie es mitbekam. Aber das würde er nicht tun. Er könnte viele Dingen machen, die andere nicht tun würden, aber er wollte es nicht. Warum auch? Er hätte nichts davon. Louna brachte ihn zwar manchmal auf die Palme, aber wenn er ganz ehrlich war, dann mochte er sie. Das würde er ihr nicht sagen. Am Ende bildete sie sich noch was drauf ein oder dachte wer weiß was. Außerdem wollte er zu ihr gar keine so starke Bindung aufbauen, denn jeden Augenblick könnte sie auch zerreißen und dann … Dann stünde er wieder allein da. So war das immer, warum sollte es diesmal anders sein? Nein, er würde aufpassen. Nicht nur auf sich selbst.
    Die vergangenen Ereignisse hatten ihm einiges klar werden lassen. Er machte sich ernsthafte Sorgen um Fabula und das zu Recht. In Aquarellia mochte es noch Zufall gewesen sein, dass sie entdeckt und deswegen gestohlen worden war. Aber alles was danach kam, würde kein Zufall mehr sein. Auch dass Marek mit den Hohlköpfen aufgetaucht war. Sie hatten ein Auge auf das andersfarbige Fynx geworfen. Soul konnte das verstehen, denn er wusste, dass diese Pokémon-Art in Kalos beliebt war. Allerdings waren andersfarbige Pokémon generell sehr beliebt, weil sie sehr selten waren. Fynx noch mehr als andere Exemplare. Jetzt wo Marek und die anderen Louna mit Fabula entdeckt hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auftauchten. Lounas Pokémon waren noch weit davon entfernt sich gegen solche Ganoven zu behaupten. Es war also gar nicht mal so verkehrt, dass Soul den Job vom Professor angenommen hatte. Tatsächlich verdiente er nicht schlecht. Er würde zwar davon jetzt nicht superreich werden, doch er würde davon ohne Probleme die Grundbedürfnisse wie Wohnung und Essen abdecken können. Das war vorerst das Wichtigste. Wenn es dabei blieb, würde er auch Louna zukünftig begleiten können und das gab ihm die Gelegenheit, auf sie und vor allem auf Fabula aufzupassen. Es könnte ihm natürlich alles egal sein, was aus ihnen wurde, war es aber nicht. Ob er nun wollte oder nicht, er machte sich Gedanken über sie. Solange Louna als Trainerin noch ganz am Anfang stand, würde er eben auf sie aufpassen. Außerdem wusste er ganz genau, wenn diese Schurken es schafften Fabula zu stehlen, würde Louna keine ruhige Minute mehr haben. Abgesehen davon, dass sie nervlich sicherlich am Ende wäre, würde sie alle Hebel in Bewegung setzen, um Fabula zurück zu bekommen. Dabei würde sie sich keinesfalls nur auf die Polizei verlassen, da war sich Soul sicher. Leider würde das bedeuten, dass Louna sich dabei selbst in Gefahr brachte und in etwas hinein gezogen werden könnte, was für niemanden gut war. Um es nicht dazu kommen zu lassen, würde er eben aufpassen müssen, dass Fabula dort blieb, wo sie war, nämlich bei Louna. Dort gehörte das kleine Fynx auch hin.
    Wenn man vom Teufel dachte, dann kam er auch. In diesem Fall stimmte das jedenfalls, denn während Soul auf seinem Bett lag und die Decke nachdenklich anstarrte, öffnete sich leise die Tür und eine sehr neugierige Gestalt trat ein.
    »Ich hoffe, ich störe nicht«, meinte Louna entschuldigend. Dael auf seinem Bauch blickte auf und rollte sich direkt auf den Rücken. Das war einer der Gründe, weshalb sich Soul auf die Ellenbogen aufstützte und skeptisch sein Pokémon anschaute.
    »Hey, was wird das, wenn‘s fertig ist, hm?«, wollte er von ihm wissen, doch Dael schenkte ihm nur einen sehr unschuldigen Blick ehe er wieder zu Louna sah, die näher kam. Ist das zu fassen? Daels Rute wackelte vor Aufregung und als Louna sich vorsichtig auf die Bettkante setzte, war für Dael kaum ein Halten mehr. Er rappelte sich auf und ging Louna entgegen, dabei halb auf ihrem Schoß landend. Diese lachte und schloss beide Hände um Daels Gesicht, um ihn zu kraulen und gleichzeitig ihm einen Kuss auf die Knochenplatte auf seinem Kopf zu geben. Das war mehr als genug und Dael war hin und weg und kuschelte sich noch mehr an sie heran.
    Soul verstand die Welt nicht mehr. Sein Kinn stand offen und zweifelnd blickte er sein Pokémon an, aber auch ein wenig mit Vorwurf.
    »Was zum … ?« Ging Dael gerade fremd, oder was?
    »Er liebt mich eben!«, meinte Louna nur grinsend und kuschelte noch mehr mit Dael, der das sichtlich genoss. Soul atmete hörbar aus und setzte sich auf, um sich mit dem Rücken gegen die Wand zu lehnen.
    »Ich glaub‘s ja echt nicht«, murmelte er dabei und beobachtete Louna, die sehr gut mit Dael zurecht kam. Er wusste doch, dass sein Hunduster Louna mochte, aber dieses Bild, welches sich ihm gerade bot …
    Dael liebte Louna wohl tatsächlich, so wie er sich von ihr herzen ließ. Niemals hätte Soul erwartet, dass seine Pokémon von jemand anderen so begeistert sein könnten. Normalerweise waren sie anderen Menschen gegenüber zurückhaltender.
    Ganz allein war Louna nicht ins Zimmer gekommen. Arcus und Fabula waren ihr gefolgt. Ihr Fukano war mutiger und kam direkt zum Bett gelaufen, um hinauf zu springen. Da Dael und Louna miteinander beschäftigt waren, setzte sich Arcus einfach neben Soul, um die beiden anderen zu beobachten.
    »Du kannst es auch nicht glauben, nicht wahr?«, flüsterte Soul Arcus entgegen und legte seine Hand auf seinen Nacken. Arcus konnte zwar jetzt mit seiner Trainerin nicht kuscheln, doch dafür ließ er sich einfach von Soul kraulen. Pokémon-Tausch?
    Fabula, die das Schlusslicht bildete, stand mitten im Zimmer, die linke Vorderpfote unsicher nach oben gezogen und nicht recht wissend, ob sie näher kommen konnte. Sie spürte die Wärme, die von den anderen ausging. Die Zuneigung, die ausgetauscht wurde, aber konnte sich Fabula einfach so dazu gesellen? Das kleine Fynx sammelte allen Mut zusammen und kam näher heran. Bislang war ihr hier nichts passiert und dabei würde es auch bleiben, solange Louna in der Nähe war.
    Fabula war nicht ansatzweise so schwungvoll wie Arcus und stellte sich deshalb nur auf die Hinterläufe, die Vorderpfoten auf der Bettkante gestützt. So blickte sie auf das Bett, hatte dabei allerdings Probleme überhaupt hinauf zu kommen. Das sollte kein Problem darstellen, da Louna kurzerhand ein wenig nachhalf und Fabula hinauf schob. So konnte sich auch Fabula zur Kuschelrunde gesellen und es sich gut gehen lassen.
    »Du solltest May mal fragen, wie man am besten psychokinetische Fähigkeiten weiter trainieren kann«, meinte Soul. Louna hatte ihm schließlich von Fabulas Fähigkeiten erzählt, die sie beim Agility-Training entdeckt hatte. Da aber Soul nur wenig mit solchen Fähigkeiten zu tun hatte, war er nicht der beste Ansprechpartner dafür. Anders als May, die selbst ein Psycho-Pokémon besaß. Bestimmt konnte sie dabei helfen, wie man Fabulas Talente verbessern konnte.
    »Das werde ich«, sagte Louna und streckte eine Hand aus, um Fabula am Kinn zu kraulen. Gleichzeitig schob Soul seine Finger durch ihr Rückenfell, so dass Fabula von beiden Trainern verwöhnt wurde.
    »Kennst du die Stärken und Schwächen von Fabula?«, wollte Soul wissen und sah Louna fragend an, die allerdings etwas verwirrt war.
    »Wie bitte?« Sie blinzelte und verstand nicht recht, worauf er hinaus wollte.
    »Die musst du als Trainerin kennen. Vielleicht ist das eine Frage in der Praxis?«, fuhr er fort und Louna ging ein Licht auf. Er bezog sich auf die Prüfung nächster Woche.
    »Oh äh ja, natürlich!« Da er sie immer noch fragend und auffordernd ansah, schien er noch sehr viel mehr von ihr zu erwarten.
    »Warte, willst du mich etwa abfragen?«, wollte sie von ihm wissen und er wackelte mit seinen Augenbrauen, so dass sie lachen musste.
    »Sicher, oder wozu lernst du den ganzen Tag?«, sagte er und sie setzte sich direkt neben ihm hin, um es sich gemütlicher zu machen. Dael folgte ihr dabei und legte sich erneut auf ihren Schoß, damit sie ihn weiter kraulte. Das tat sie auch, während sie Soul Rede und Antwort stand.
    »Stärken und Schwächen von Fabula. Sie ist ein Fynx und deswegen ein Feuer-Pokémon, weswegen sie besonders auf Wasserattacken empfindlich reagiert. Auch Attacken von Boden oder Gestein schaden ihr«, zählte Louna auf. Das war einfach, da es die gleichen Schwächen wie bei Arcus waren. Soul nickt daraufhin und wartete, dass sie die Stärken aufzählte.
    »Mit Feuerattacken hat sie Vorteile gegenüber Pflanzen-, Käfer-, Eis- und Stahl-Pokémon. Andere Feuerattacken und welche vom Typ Fee kann sie rein theoretisch gut abwehren.« Auch da nickte Soul, sah Louna aber immer noch auffordernd an, als würde er noch etwas erwarten.
    »Was ist mit ihren Psycho-Kräften?«, fragte er deshalb nach, da sie etwas hängen blieb.
    »Oh, die hab ich noch gar nicht beachtet«, bemerkte sie selbst und überlegte. Theoretisch war immer etwas anders als praktisch. In der Praxis demonstrierten einige Trainer wie es auch anders ablaufen konnte. Selbst wenn man einen Typenvorteil besaß, war das noch lange keine Garantie zum Sieg. So etwas war immer abhängig vom Pokémon selbst, den Attacken, die es beherrschte und dem Trainer, der es anwies zu kämpfen.
    »Rein von der Theorie her wären Fabulas Psycho-Kräfte ziemlich gut gegen … äh Kampf- und Gift-Pokémon«, fuhr Louna fort und wurde leicht verunsichert, vor allem da Soul noch nicht fertig war.
    »Aber?«, wollte er ihr einen Anstoß geben und erntete erst nur einen sehr fragenden Blick, bis Soul auf sein Hunduster sah und Louna mit den Augen ihm folgte, bis sie begriff.
    »Oh! Aber gegenüber Unlicht-Pokémon sind ihre Kräfte völlig machtlos!«, fiel ihr ein und Soul nickte erneut.
    Die Fragerei ging die nächsten Stunden weiter, obwohl es schon sehr spät war. Soul stellte eine Frage nach der anderen, die Louna beantworten musste und wenn sie doch einmal nicht weiter wusste, dann half er ihr aus. Entweder sie erinnerte sich daran oder sie lernte direkt etwas Neues. Es gab so viele Dinge, die man zu beachten hatte und die Pokémon ausmachten, dass es gar nicht so einfach war, sich alles zu merken. Louna würde auf jeden Fall noch die Tage bis nächster Woche brauchen, um sich noch mehr einzuprägen, damit sie bestmöglichst vorbereitet war.
    Irgendwann wurde sie trotzdem müde, das merkte Soul. Für ihn war das kein Problem lange aufzubleiben. Allein durch seine Pokémon hatte er sich oftmals angewöhnt bis mitten in die Nacht wach zu bleiben und draußen mit ihnen unterwegs zu sein. Das hatte ihn nie gestört. Louna hingegen schlief dann doch irgendwann ein. Das merkte Soul allein daran, wie schläfrig ihre Antworten wurden, bis gar nichts mehr von ihr kam. Das war zwar alles schön und gut, bedeutete allerdings auch, dass er jetzt in einem kleinen Dilemma saß. Oder eher lag. Während der gesamten Fragerei waren sie beide weiter nach unten gerutscht, so dass sie auf dem Bett nebeneinander lagen. An sich störte ihn das nicht weiter, wenn da nicht sein Arm wäre, der unter ihrem Kopf lag. Wie es dazu gekommen war, konnte er selbst nicht mehr erklären. Dummerweise konnte er sich nicht einfach so weg bewegen und war nun verdammt dazu so liegen zu bleiben. Es sei denn er weckte sie, damit sie in ihr eigenes Bett gehen konnte … Ein Blick auf sie und er ließ den Gedanken wieder fallen. Sicher, er könnte sie wecken, wollte es aber nicht. Allein schon, weil auch die Pokémon bei ihnen lagen. Louna hatte die Arme um Dael gelegt, so dass sein Hunduster nahe an ihr gekuschelt lag, während sie selbst zu ihm lag und das auch ziemlich nah. Dael war also zwischen ihnen. Hinzu kam, dass Fabula sich auf seinem Bauch gemütlich gemacht hatte und eingerollt da lag, während Arcus oberhalb von ihren Köpfen lag und seelenruhig schlummerte. Diese Schlafmützen!
    Jetzt war er der Einzige, der noch wach war und sich ziemlich komisch vorkam. So hatte er sich das nicht vorgestellt »auf sie aufzupassen«. Bis er selbst einschlief, dauerte es noch eine ganze Weile, aber als er dann endlich eingeschlafen war, bekam er es nicht mehr mit, wie sich Chiari und Nero noch dazu legten. Frieren würde in dieser Nacht definitiv niemand.



  • 40. Kapitel Prüfungstag


    Ein leises Winseln neben ihrem Ohr und die darauffolgende ungewollte Wascheinlage sorgte dafür, dass Louna aus ihrem traumlosen Schlaf erwachte. Mit einem müden Brummen versuchte sie Arcus von sich weg zu schieben, der ihr über das Gesicht geschlabbert hatte. Sie liebte ihn, keine Frage, aber früh am Morgen brauchte sie nicht so viel Zuneigung von ihm.
    Arcus war allerdings sehr hartnäckig und ließ sich nicht so einfach von ihr wegschieben. Er kam immer wieder näher heran und versuchte sie zu animieren, endlich aufzustehen.
    »Arcus, nein«, murmelte Louna noch immer sehr verschlafen. Warum tat er ihr das nur an? Sie war so müde und wollte sich auf die andere Seite drehen. Arcus gab mittlerweile ein Bellen von sich. Spätestens da öffnete sie ein Auge und sah ihn direkt an. Sein süßer unschuldiger Blick konnte kein Wässerchen trüben. Er wartete, dass sie sich erhob. Mit einem leisen Seufzen blickte sie auf ihren Wecker, um zu prüfen, wie spät es überhaupt war. Um welche Herrgottsfrühe wollte er sie aus dem Bett scheuchen? Als sie die Zeitanzeige sah, bekam sie allerdings einen mordsmäßigen Schreck. Wie von einem Voltula gestochen, sprang Louna auf und verhedderte sich in ihrer eigenen Bettdecke, so dass es erst einmal abwärts ging. Mit einem Schreckenslaut gefolgt von einem Schmerzenslaut stöhnte sie am Boden auf. Arcus war von ihr weg gesprungen, um nicht im Weg zu stehen, doch jetzt kam er wieder näher und leckte ihr erneut über das Gesicht.
    »Oh nein, oh nein, oh nein«, kam es von ihr und sie versuchte sich aufzurappeln. Sie war spät dran! Ausgerechnet an ihrem Prüfungstag verschlief sie! Sonst hatte ihr Wecker immer sehr zuverlässig geklingelt, warum heute nicht? Sie fühlte sich wahnsinnig gestresst, als sie ins Bad taumelte und versuchte, wacher zu werden, sich zu waschen und später im Zimmer anzuziehen. Sie hatte keine Zeit zu verlieren und rannte von hier nach da und zurück, um ihre Sachen aufzuklauben, alles Notwendige einzupacken und sich fertig zu machen. Hatte sie gestern echt vergessen, ihre Tasche zu packen? Offenbar schon.
    Arcus verfolgte sie auf Schritt und Tritt, was für sie keine große Hilfe war. Er meinte es sicher nur gut, aber Louna hatte nicht viel Zeit, um sich jetzt großartig um ihre Pokémon zu kümmern. Zum Glück gab es den Trockenfutterspender, so dass ihre Lieblinge nicht ganz so hungrig sein dürften, sofern sie am heutigen Morgen schon was gefressen hatten. Für eine richtige Fütterung hatte sie nämlich jetzt überhaupt keine Zeit.
    Selbst Tornado, ihr Dartiri, ließ sich von dem Tumult anstecken, den sie durch ihre Hatz verursachte. Er flatterte aufgebracht durch die ganze Wohnung über ihren Kopf hinweg. Irgendwann machte es sie so kirre, dass sie stehen blieb und zu ihm aufsah.
    »Tornado!«, rief sie ihr Dartiri und streckte den Arm aus. Es dauerte keine Minute, da kreiste Tornado über sie hinweg, ehe er sich auf ihrer Hand niederließ. Sie war erstaunt. Die letzten Tage hatte sie gemeinsam mit Soul oder auch mit May ihre Pokémon trainiert. Sie war immer noch eine Anfängerin, aber allein an Tornado zeigte sich, dass sie Fortschritte machte. Er war nicht mehr so scheu, hatte sich gut mit Futter von ihr bestechen lassen und sich mittlerweile so sehr an sie gewöhnt, dass er sogar auf seinen Namen reagierte. Obwohl heute wirklich zum ersten Mal der Moment war, wo sie nicht so lange auf ihn warten musste, bis er zu ihr kam. Das war schon eine kleine Sensation, weswegen sie erstaunt dastand und ihn einfach nur ansah. Er plusterte sich ein wenig auf, so dass sein Gefieder noch flauschiger als sonst wirkte. Dann begann er zu singen, ehe sie sich daran erinnerte, dass sie nicht viel Zeit hatte.
    »Okay, ich nehme dich mit«, sagte sie zu ihm, schnappte sich Tornados Pokéball und rief ihn hinein. Als nächstes folgten ihre anderen Pokémon, außer Arcus, der nicht wollte. Dafür folgte er ihr ganz brav.
    Soul, der noch da war, bekam ein »Ich bin dann mal weg!« zugerufen. Sie machte ihm keine Vorwürfe, dass er sie nicht geweckt hatte. Er sah auch nicht so aus, als wäre er schon lange wach gewesen. Dass er ihr viel Glück bei ihrer Prüfung wünschte, bekam sie gar nicht mehr mit, da sie bereits die Wohnung verlassen hatte.
    Mit großen Schritten flog sie regelrecht die Treppenstufen nach unten, raste aus dem Gebäude und hetzte zur Hauptstraße, um von dort aus den Bus Richtung Tor 4 zu nehmen. Von dort aus würde sie in den Bus nach Nouvaria City steigen, damit sie zur Trainerschule kam. Kaum zu glauben, dass der Tag endlich angebrochen war, wo sie die Prüfung ablegen konnte. Sie hatte das Gefühl, das unglaublich viel passiert war, aber unterm Strich war es verhältnismäßig wenig. Ja gut, sie hatte sich entschieden, Pokémon zu trainieren, bekam eine Ausbildungsstelle bei Professor Platan und in der Zwischenzeit hatte sie auch ein paar tolle Menschen kennengelernt, die allesamt auch Trainer waren. Das war alles schon ganz spannend, doch ein langer Weg stand ihr noch bevor. Besonders jetzt nach Nouvaria City. In wenigen Stunden würde die Prüfung beginnen. Wenn sie zu spät kam, wusste sie nicht, ob sie noch dran teilnehmen durfte oder innerhalb weniger Tage alles nachholen konnte. Wenn sie großes Pech hatte, würde sie einen Monat warten müssen, bis sie erneut die Chance besaß, die Prüfung zu absolvieren. Nicht nur der Professor und ihre Eltern würden dann enttäuscht sein, sie selbst wäre es auch. Und das nur, weil ihr Wecker nicht geklingelt hatte!
    Jetzt saß sie vorerst im ersten Bus und wartete darauf, am Tor 4 anzukommen. Leider wurde ihre Geduld ziemlich herausgefordert. Der Verkehr war heute in Illumina eher stockend, weil es den ein oder anderen Unfall gegeben hatte. Dadurch waren manche Straßen blockiert oder nur schwer zu befahren. Leider betraf das auch die Strecke, die sie nehmen musste. Unruhig starrte sie immer wieder auf ihre Armbanduhr und hoffte, dass sie noch rechtzeitig den zweiten Bus erreichen würde. Leider fuhren nur jede halbe Stunde die Busse Richtung Nouvaria City. Wenn sie es nicht schaffte, die nächste Linie rechtzeitig zu nehmen, würde sie nicht mehr pünktlich in der Trainerschule ankommen. Sie hatte nur eine Chance!
    Eigentlich hatte Louna geplant gehabt, schon etwas früher zu fahren, damit – falls etwas schief ging – sie noch genug Zeit besaß, um nicht in Stress zu geraten. Jetzt war genau das Gegenteil passiert und sie fürchtete schon, dass alles umsonst sein würde.
    »Komm schon, komm schon«, murmelte sie, als der Bus, indem sie saß, nur sehr langsam anrollte, um die grün gewordene Ampel hinter sich zu lassen. Das dauerte ihr alles zu lange. Außerdem schien es so, als wäre heute ganz Illumina unterwegs. Zahlreiche Menschen stiegen bei den Haltestellen ein oder aus, während unglaublich viele Autos unterwegs waren. Sie konnte auch das Chevrumm-Mobil zwischendurch beobachten. Wegen denen musste nämlich der Bus auch anhalten, damit dieses erst vorbei konnte.
    Louna seufzte auf und lehnte sich zurück. Sie konnte nicht viel tun, als zu warten, bis sie ankam …


    »Nein, nein, nein, nein, neeeeein!« Völlig außer Atem kam Louna bei der zweiten Haltestelle an. Arcus war ihr nachgelaufen, war aber deutlich fitter als sie. Leider brachte es ihnen beiden nichts, denn sie konnten nur noch dabei zusehen, wie der Bus nach Nouvaria City am Horizont verschwand. Sie hatte es nicht geschafft! Sie hatte ihre Linie verpasst und würde nicht mehr rechtzeitig zum Prüfungsbeginn erscheinen können. Louna war am Boden zerstört. Sie musste gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen, um nicht einfach los zu heulen.
    »Das darf doch jetzt alles nicht wahr sein!« Sie war verzweifelt. Besonders in den letzten Tagen hatte sie so viel gelernt und trainiert, um bestmöglich darauf vorbereitet zu sein, dass es ein großer Schlag ins Gesicht für sie war, dass sie nun nicht mehr rechtzeitig würde ankommen können. Sie hatte es vermasselt.
    Deprimiert ließ sie sich zu Boden sinken und wusste nicht, was sie tun sollte. Arcus winselte neben ihr, da er ihre Stimmungsschwankung wahrnahm und sie trösten wollte.
    »Oh man, warum musste das heute passieren?«, fragte sie ihn. Natürlich konnte er ihr keine Antwort darauf geben. Wie auch? Er konnte nicht sprechen. Wäre sie doch nur eher aufgewacht, als Arcus sie versucht hatte zu wecken.
    Das Klingeln ihres Telefons schreckte sie ein wenig auf, aber aufheitern tat es sie nicht. Trotzdem suchte sie es aus ihrer Tasche heraus und nahm den Anruf entgegen. Auf der anderen Seite der Leitung war May.
    »Hallo Louna, ich wollte dir nur ganz viel Erfolg für deine Prüfung wünschen!«, sagte sie. Louna hätte am liebsten los geheult.
    »Das wird heute nichts mehr. Ich hab den Bus verpasst und werde nicht mehr rechtzeitig in Nouvaria ankommen«, berichtete sie tieftraurig.
    »Was? Wo bist du gerade?«, wollte May besorgt wissen.
    »An der Bushaltestelle in der Nähe vom Tor 4«, antwortete ihr Louna, ohne sich dabei was zu denken.
    »Okay, ich hole dich ab«, hörte sie May sagen, ehe diese auflegte. Vermutlich wollte May zu ihr kommen, um sie zu trösten. Das war Louna ganz recht. Sie war unglaublich enttäuscht, dass alles schief gelaufen war.


    Es dauerte keine zehn Minuten, da kam May auf ihrem Gallopa herbei geeilt. Louna beneidete sie um dieses Pokémon. Nicht nur, dass Arabélle unglaublich erhaben und grazil wirkte. Es war zudem ein Feuer-Pokémon und wunderschön. Zwar hatte Louna ursprünglich nie vorgehabt, ausschließlich nur Feuer-Pokémon zu trainieren, aber sie musste zugeben, dass sie ihren ganz eigenen Reiz auf sie auswirkten. May hatte einen guten Fang mit Arabélle gemacht. Außerdem besaß diese nicht die üblich rot-gelben Flammen, sondern blaue, weswegen Bélle zusätzlich etwas ganz Besonderes war. Schon als Louna sie zum ersten Mal gesehen hatte, war sie hin und weg gewesen. Durch den Anblick des Gallopas und ihrer Trainerin fühlte sich Louna automatisch besser.
    »Hallo«, begrüßte Louna die beiden und lächelte tapfer.
    »Meine Güte, Lou, du siehst aus, als wärst du nicht mal dazu gekommen, dir die Haare zu kämmen«, merkte May vom Rücken ihres Gallopas an. Sie grinste dabei. Louna versuchte daraufhin ihre eigene Mähne ein wenig zu bändigen, peinlich davon berührt.
    May machte einen wesentlich besseren Eindruck als sie. Sie trug ihre langen Stiefel und ihre Hose, die perfekt zum Reiten geeignet waren, während sie nur ein schulterfreies Top trug, da der Sommer einfach herrlich warm war. Eigentlich wäre es von Vorteil, wenn sie einen Reithelm tragen würde, doch darauf hatte May verzichtet. Wenigstens ihre langen Haare hatte sie zu einem anmutig geflochtenen Zopf zusammengebunden, damit diese beim Ritt nicht so wild herum wehten.
    »Na, willst du aufsteigen?«, fragte May Louna, die sie verwirrt ansah.
    »Was meinst du?«, wollte Louna wissen und sah, wie May auf ihre eigene Armbanduhr sah.
    »Also noch haben wir Zeit, aber wir sollten uns sputen, wenn du pünktlich sein willst«, sagte sie salopp. Lounas Kinnlade fiel nach unten. Sie sah May einfach nur schockiert an.
    »Du meinst doch nicht etwa … ?« Sie kam nicht dazu ihren Satz zu vollenden, da nickte May triumphal und bot ihr eine Hand an.
    »Na los, auf, auf, sonst kommst du wirklich zu spät!« Louna konnte es kaum glauben. May löste ihren Fuß aus dem Steigbügel des Sattels, damit Louna eine weitere Hilfe hatte, um mit aufzusteigen. Ihre angebotene Hand war ebenfalls hilfreich, um sie mit hinauf zu ziehen. Erst als Louna sicher hinter May im Sattel saß, rutschte May mit ihren Fuß wieder in den Steigbügel.
    Normale Sättel waren nicht unbedingt dafür geeignet jemanden zusätzlich mit aufsteigen zu lassen, aber May besaß eine Variante, bei der das möglich war. Glück für Louna, die dazu aufgefordert wurde, sich gut festzuhalten. Daher schlang Louna auch ihre Arme um Mays Bauch.
    »Das wird ein wilder Ritt, also pass auf, dass du nicht runter fällst. Halt dich auch mit den Oberschenkeln fest, ja?« Ohne das Festklammern könnte es sonst passieren, dass Louna im hohen Bogen von Arabélles Rücken fiel. Arcus musste diesmal ausnahmsweise in seinen Pokéball verschwinden. Er würde mit der Geschwindigkeit des Gallopas nicht mithalten können. Als die beiden jungen Frauen so weit waren, gab May das Kommando, dass Bélle so schnell laufen sollte, wie es ihr möglich war. Zuerst trabte Arabélle langsam an, doch mit jedem weiteren Schritt wurde sie schneller und schneller. Erst da begriff Louna, wie schnell ein solches Pokémon sein konnte und warum sie sich unbedingt sehr gut festhalten musste. Die Landschaft rauschte an ihnen nur so vorbei, während sie sich auf den Weg nach Nouvaria City machten.
    »Whooohooo!«, ließ es sich Louna nicht nehmen zu rufen. Es war einfach herrlich so schnell wie der Wind zu sein.


    »Oh wow, mir tut der Hintern weh«, jammerte Louna, als sie mit wackeligen Beinen aus dem Sattel rutschte und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Sie hätte nicht erwartet, dass Reiten so anstrengend war. Da sie selten auf dem Rücken eines Pokémon gesessen hatte, war sie nicht daran gewöhnt. May grinste sie an.
    »Da musst du jetzt leider durch«, sagte sie. Louna wusste, was May meinte. Zeit, um sich wirklich vom Ritt zu erholen, gab es nicht. Sie würde gleich ihre Prüfung beginnen und dann erst mal fast zwei Stunden sitzen müssen, um die Theorie durchzumachen. Zwei Stunden mit schmerzendem Hintern zu überstehen würde die größte Herausforderung sein. Aber wenigstens war sie noch rechtzeitig angekommen! Sei‘s um den Schmerz, das würde Louna jetzt einfach durchziehen.
    »Ich danke dir, May. Und dir natürlich auch Arabélle.« Louna tätschelte sanft die Nüstern des Gallopas, das kurz schnaubte. Sie hatte sich eine Pause regelrecht verdient. Ohne die beiden, hätte es Louna jetzt nicht mehr geschafft, doch nun musste sie sich sputen.
    »Drückt mir die Daumen«, verabschiedete sich Louna vorerst von May und ihrem Pokémon, ehe sie das Gebäude der Trainerschule betrat. Jetzt kam es darauf an, wie gut sie alles gelernt hatte und was von all dem Wissen in ihrem Kopf hängen geblieben war. Louna war megaangespannt und nervös, dass es ihr schwer fiel, allein bei der Anmeldung alle nötigen Informationen zu geben, die das Prüfungspersonal benötigte, damit sie Louna auf ihrer Liste abhacken konnten. Eine schriftliche Anmeldung zur Prüfung war eine Voraussetzung gewesen, um teilnehmen zu dürfen.
    »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg«, sagte die Prüfungsdame mit einem Lächeln und wies Louna ihren Platz im Prüfungssaal zu. Sie war nicht die Einzige und es erstaunte Louna, wie unterschiedlich das Alter der hier zukünftigen Trainer war. Von Kindern um die zwölf Jahre, bis hin zu älteren Herren und Damen war alles vertreten. Das war das Positive an der Prüfung: Man konnte sie jederzeit absolvieren. Es gab keine Altersbegrenzung.


    Wie viele offizielle Arenaorden waren notwendig, um an der jährlich stattfindenden Pokémon-Liga teilzunehmen? Welche Stärken und Schwächen besitzt ein Pokémon mit der Typenkombination Eis und Geist? Oder was sollte man tun, wenn man ein wildes, junges Pokémon fand? Das waren alles Fragen, die Louna beantworten sollte.
    Ein wildes, junges Pokémon sollte man definitiv nicht sofort aufklauben und ins nächste Pokémon-Center bringen. Oftmals war das Mutter-Pokémon in der Nähe oder gerade auf Futtersuche und würde später wieder kommen. Auch wenn man Mitleid mit so einem kleinen, jungen Pokémon hatte, weil man glaubte, es wäre hilflos und ganz allein. Indem man es einfach mitschleppte, könnte es sein, dass man es direkt seiner Familie entriss und dadurch aus seiner natürlichen Umgebung nahm. Selbst wenn man es nur gut meinte. Man sollte sich besser erst informieren, ob das Pokémon wirklich Hilfe benötigte. Am besten gab man einem Pokémon-Ranger Bescheid, die kümmerten sich oft um solche Fälle und konnten die Situation sehr viel besser einschätzen. Das war etwas, was Louna bis vor wenigen Wochen auch noch nicht gewusst hatte. Sie hätte wahrscheinlich auch so dumm gehandelt und das kleine Pokémon mitgenommen. Na ja, wenn sie an ihr kleines Leufeo dachte, dann war es schon richtig gewesen, es nicht allein zurück zu lassen. Die unmittelbare Gefahr hatte quasi direkt vor ihr gestanden. Hätte sie Adia sich selbst überlassen, würde sie bestimmt nicht mehr leben. Mit ungutem Gefühl dachte Louna an den Vorfall im Nouvaria Wald zurück, ehe sie versuchte, sich wieder auf die zahlreichen Fragen auf ihrem Fragebogen zu konzentrieren.
    Es gab Fragen, da brauchte sie nur die richtige Antwort anzukreuzen. Dabei gab es oft mehrere Möglichkeiten und manchmal nur eine richtige Antwort. Dann gab es Fragen, wo sie selbst ein paar Sätze oder Stichpunkte als Antwort schreiben musste. Es war nicht ganz einfach, besonders die Ankreuzfragen. Gerade die wirkten auf den ersten Blick einfach, aber wenn man nicht wusste, wie viele richtige Antworten es gab oder ob man nur eine Antwort ankreuzen durfte, dann war das schon schwer. Besonders wenn mehrere Möglichkeiten in Frage kämen. Da konnte man sich sehr schnell verunsichern lassen.
    Louna gab ihr Bestes und rief all ihr Wissen ab, was sie in den letzten Wochen angesammelt hatte. Sie hatte genug gelernt und hoffte, dass es ausreichen würde, um die Theorieprüfung zu meistern. Sicher war sie sich am Ende trotzdem nicht und besaß deshalb ein sehr gemischtes Gefühl. Doch das größte Problem, welches sie nach den zwei Stunden Sitzen hatte, waren ihre schmerzenden Glieder und ihr schmerzender Hintern.
    Sie war so froh, als sie endlich wieder aufstehen und sich strecken konnte. Dennoch merkte sie, wie ihre Beine etwas eingeschlafen waren, deswegen ging sie eine kleine Runde. Zum einen musste sie sowieso unbedingt mal aufs Klo und zum anderen wollte sie sich in der Mensa etwas Kleines zum Essen kaufen. Sie hatte jetzt Pause, bis sie zur praktischen Prüfung dran war. Man hatte ihr bereits die Uhrzeit mitgeteilt, weswegen sie ungefähr zwei Stunden frei hatte. Die nutzte sie damit, um sich zu stärken, aber vor allem auch, um mit May ein wenig darüber zu reden, was für Fragen dran gekommen waren. Denn diese hatte draußen auf sie gewartet.
    »Wie war‘s?«, wollte May wissen, als Louna nach draußen kam und sich auf die Bank neben ihr setzte. Dabei hatte sie selbst ein Sandwich in der Hand, in das sie genüsslich hinein biss. Wenn man es genau nahm, dann war das heute ihr erstes Essen, was sie zu sich nahm. Eigentlich hatte sie vorgehabt, vor der Prüfung ausreichend zu frühstücken, aber wie man gesehen hatte, war ihre Planung komplett umgeworfen wurden.
    »Es ging«, antworte Louna zwischen zwei Bissen auf Mays Frage. »Ich hab‘s mir schwerer vorgestellt, aber andererseits bin ich mir nicht sicher, ob ich manche Frage wirklich richtig beantwortet habe.« Die zwei jungen Frauen fachsimpelten ein wenig darüber. May erinnerte sich dabei selbst an ihre Trainer-Pass-Prüfung, die sie allerdings schon als halbes Kind gemacht hatte. Da May bereits früh gewusst hatte, dass sie Trainerin sein wollte, war es für sie selbstverständlich gewesen, so früh wie möglich den Pass zu machen. Es gab zwar keine maximale Altersbegrenzung, jedoch ein Minimum, was eingehalten werden musste. Als Sechsjähriger durfte man also noch keine Prüfung ablegen, vor allem da man zu dem Zeitpunkt meistens noch nicht mal richtig schreiben konnte.
    »Also hast du schon mit zwölf deine Prüfung abgelegt?«, wollte Louna wissen und May nickte.
    »Ja, aber die Fragen waren ähnliche wie deine. Jedes Jahr ändern sie die Fragen, damit es immer wieder ein bisschen anders ist, aber im Prinzip kommen trotzdem auch immer wieder die gleichen Themen vor.« Man konnte eben schlecht was ganz Neues erfinden, wenn es um die Grundlagen des Trainerdaseins ging und vor allem um die Aufzucht der Pokémon und wie man sich ihnen gegenüber verhalten musste. Besonders bei den wilden Exemplaren.
    »Wenn man sich gut vorbereitet hat, ist die Theorie nicht das Problem. Viele jedoch fallen schon mal bei der Praxis durch«, meinte May und machte Louna nervös. Sie wusste, dass sie kämpfen würde. Dass sie nicht drum herum kam. Das machte nun mal einen Trainer aus. Der Kampf, der ein unmittelbares Kriterium des Trainers war. Dafür trainierten weltweit die Menschen ihre Pokémon. Selbst bei den Wettbewerben gab es Kämpfe, die integriert wurden. Das war verrückt, aber eben auch eine Disziplin, die kaum wegzudenken war.
    Manchmal fragte sich Louna, was den Reiz eines Kampfes ausmachte. Sie hatte das Adrenalin gespürt, als sie in einem Kampf verwickelt war. Wie in der Nouvaria Arena, als sie gegen Matze gekämpft hatte. Aber genauso hatte sie Angst gehabt, als sie in Escissia von den zwei fremden Trainern herausgefordert worden war. Oder als das wilde Pyroleo hinter ihr her gewesen war. Einer der Gründe, weshalb sie ihre Pokémon trainieren wollte. Sie wollte sich verteidigen können. Lag nicht genau dort der Ursprung des Kampfes? Wilde Pokémon waren nicht immer friedfertig und durch ihre Größe, Stärke und besonders ihren Fähigkeiten waren sie teilweise sogar sehr gefährlich. Indem man selbst Pokémon an seiner Seite hatte, die stark waren, musste man sich nicht vor den wilden Pokémon fürchten. Man konnte sie verjagen, bekämpfen, wenn es denn zu einem Zwischenfall kam.
    Louna seufzte und aß ihr Sandwich auf, während sie darauf wartete, dass die Zeit verging und sie an der Reihe war.


    Die Prüfungsergebnisse würde sie erst später erhalten, deswegen hatte sie keine Ahnung, ob die Theoretische bestanden war. Nichtsdestotrotz musste sie sich auch der Praxis stellen und zeigen, dass sie würdig war, offiziell als Trainer anerkannt zu werden. Auch wenn sie noch ein Anfänger war, mit dem Trainer-Pass bekam sie das Recht offizielle Kämpfe durchzuführen, Arenaleiter herauszufordern, wenn sie das wollte und würde sogar um Geld kämpfen dürfen. Besonders Pokémon-Trainer, die es darauf anlegten, in der Pokémon-Liga teilzunehmen und durch die Länder zogen, waren darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Es war eine gute Strategie, um die eigene Reise zu finanzieren, sofern man gut trainierte Pokémon besaß, die für einen gewannen. Die Regeln waren dabei simpel. Vor dem Kampf wurde festgelegt, um wie viel die Trainer kämpfen wollten. Sie mussten wie bei einer Wette ihren Einsatz machen, ehe es los ging. Der Gewinner bekam dann alles überreicht. Wer sich nicht betrügen lassen wollte, ließ eine dritte Person als Schiedsrichter fungieren, damit alles fair ablief. Es gab in den größeren Städten sogar offizielle Schiedsrichter, die nur dafür da waren, Kämpfe zu organisieren, zu managen und dafür zu sorgen, dass kein Trainer einen anderen betrog.
    Louna hatte eigentlich weniger Interesse daran, um Geld zu kämpfen, aber als ihr der Gedanke kam, überlegte sie, warum Soul das nicht tat. So könnte er eigentlich auch ganz gut Geld verdienen oder befürchtete er, auf Trainer zu treffen, die ihm gegenüber im Vorteil waren? Da er nur Unlicht-Pokémon trainierte, konnte das natürlich ein großer Nachteil sein. Er musste nur auf den falschen Trainer mit den falschen Pokémon treffen und schon hätte er ein Problem.
    »Louna? Du bist dran«, riss May sie aus den Gedanken. Louna hatte nicht auf den Aufruf reagiert, weswegen May sie anstupste und ihr noch einmal viel Erfolg wünschte. May war sich sicher, dass Louna das schaffen würde, auch wenn diese verunsichert und nicht so überzeugt davon war.
    Mit einem mulmigen Gefühl folgte Louna der Prüfungsdame von vorhin, die sie in den hinteren Hof der Trainer-Schule führte, wo mehrere Kampfplätze aufgezeichnet waren. Sie waren nicht so groß wie beispielsweise bei großen Turnieren, aber sie besaßen immer noch die Mindestgröße, die für ein Kampffeld vorgeschrieben waren. Louna wurde sogar gefragt, ob sie eventuell ein Wasser-Pokémon einsetzen wollte. Wäre das Fall hätte sie auf ein Wasserfeld ausweichen müssen, da bestimmte Wasser-Pokémon nicht auf dem Land kämpfen konnten. Da die Trainer-Schule aber nur ein solches Wasserfeld besaß, würde es dabei zu Wartezeiten kommen. Louna konnte zum Glück verneinen. Das einzige Pokémon, welches sie einsetzen würde, war ihr Fukano. Arcus war vom Trainingsstand am weitesten, weswegen sie auf Nummer sicher gehen wollte. Keine Experimente bei der Prüfung mit ihren anderen Lieblingen! Die würden noch früh genug ihren Auftritt bekommen. Wenn auch nicht heute.
    »Gut, dann stelle ich Ihnen ihren Prüfungspartner vor«, sagte die blonde Prüfungsdame, die ein Klemmbrett in der Hand hielt. Sie würde sich während der praktischen Prüfung Notizen machen, um Lounas Fähigkeiten einzuschätzen, damit später bewertet werden konnte, ob sie bestanden hatte oder nicht.
    Ein junger Mann kam auf Louna zu, der ein freundliches Lächeln auf den Lippen trug. Er war ziemlich groß, weswegen sie zu ihm hinauf schauen musste. Er trug eine Brille, hatte dunkles, sehr kurzes Haar und wirkte ziemlich gelassen.
    »Hallo, ich bin Willi«, stellte er sich selbst vor, ehe die Prüfungsdame seinen Namen nennen konnte. Ihr sollte es nur recht sein. Willi hatte nichts dagegen mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Diese ganzen Höflichkeitsfloskeln waren in seinem Fall nicht nötig, was Louna selbst auch entspannter fand.
    »Hallo, ich heiße Louna«, antwortete sie ihm und gemeinsam reichten sie sich die Hand.
    »Na dann, ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg!«, sagte er und lächelte freundlich. Das war wirklich sehr nett von ihm, auch wenn Louna zusehends nervöser wurde. Der folgende Ablaufplan sah vor, dass sie einen Kampf gegen Willis Pokémon führen musste, um dabei zu zeigen, was für eine Trainerin sie war. Louna war bewusst, dass sie nicht hektisch oder panisch werden durfte, wenn sie das alles souverän meistern wollte. Innerlich war sie trotzdem nervös, weil sie Angst hatte, etwas falsch zu machen oder noch schlimmer: Dass ihr Pokémon verletzt wurde.
    Willi selbst schien kein Anfänger mehr zu sein. Sie erfuhr außerdem, dass er bereits seinen Trainer-Pass besaß und nur hier war, um auszuhelfen. Er gehörte also mit zum Prüfungsteam.
    »Seid ihr bereit?«, wollte die Prüfungsdame wissen und gebot ihnen, ihre Pokémon zu rufen. Da für Louna nur eines in Frage kam, musste sie nicht lange überlegen und rief Arcus endlich aus seinem Pokéball. Er schüttelte sich, als er festen Boden unter den Füßen hatte und sah neugierig zu seiner Trainerin, die ihm den Kampfbefehl gab. Daran hatte sie auch die letzten Wochen geübt. Ihre Pokémon mussten wissen, wann sie sich kampfbereit machen mussten und wann nicht. In diesem Fall würde es heiß hergehen. Keine Zeit zum Spielen, Arcus würde alles geben müssen!
    Willi, der auf der anderen Seite des Spielfeldes ganz gelassen stand und eine Hand in der Hosentasche hatte, rief ebenfalls sein Pokémon. Louna hatte nicht gewusst, mit was sie rechnen sollte, doch dass er ausgerechnet ein Fiffyen in den Kampf schickte, überraschte sie dann doch. Sein Fiffyen war nicht andersfarbig wie das von Soul, aber es besaß auch keinen Typenvor- oder Nachteil gegenüber Arcus. Das war gut. Hoffte Louna.
    »Der Prüfling darf beginnen«, ertönte die Stimme der Prüfungsdame, die das Zeichen gab, dass sie anfangen durften. Louna hatte zwar die letzten Tage überlegt, wie sie einen solchen Kampf beginnen sollte, aber im Grunde genommen hing das auch immer davon ab, welchem Pokémon Arcus gegenüber stand. Dass sein Gegner ein Fiffyen war, würde vielleicht den Kampf vereinfachen. Sie waren beide ähnlich, auch wenn sie unterschiedlichen Typen angehörten. Da allerdings konnte auch ein Problem liegen. Fiffyens und ihre Entwicklung konnten Bissattacken ziemlich gut wegstecken. Das hatte ihr auch Soul bestätigt, weswegen Louna nicht besonders viel Auswahl an Attacken besaß. Schließlich kannte Arcus noch nicht so viele. Trotzdem schickte sie ihn vorwärts, damit er Fiffyen attackierte. Irgendwie mussten sie beginnen.
    Arcus, der bisher gegenüber dem anderen Pokémon eher neugierig eingestellt war, machte sich bereit. Allein schon, weil das gegnerische Fiffyen in eine eigene Angriffsposition übergegangen war und die Lefzen nach oben zog. Eine deutliche Drohung gegenüber dem Fukano. Auch wenn das auf den ersten Blick nach einem leichten Kampf aussah, es konnte alles anders kommen, als gedacht. Louna konnte noch nicht einmal sagen, wie gut dieses Fiffyen trainiert war. Das würde sich gleich herausstellen.
    Arcus setzte sich in Bewegung und rannte auf das Fiffyen zu, das keinerlei Anstalten machte auszuweichen. Es blieb an Ort und Stelle und wartete auf einen Befehl seines Trainers. Auch Willi rührte sich nicht und wartete nur darauf, bis das Fukano nahe genug heran war. Louna wunderte sich darüber, dachte sich aber nichts dabei. Vielleicht überließ man ihr ja wirklich den ersten Schlag.
    Sie täuschte sich. Arcus hatte Fiffyen noch nicht komplett erreicht, da reagierte Willi und gab einen Befehl an sein Pokémon weiter.
    »Tiefschlag!« Nur ein Wort, was er sagte und sein Pokémon reagierte sofort. Noch bevor Arcus überhaupt darauf eingehen konnte, geschweige denn ausweichen konnte, sprang Fiffyen nach vorn und verursachte einen direkten Treffer gegenüber dem Fukano. Arcus wurde zurück geworfen und landete unsanft auf dem Boden. Es war wie eine Tackleattacke, nur noch viel heftiger.
    Fiffyen wirkte nicht so, als hätte die Attacke ihn viel Mühe gekostet, anders als Arcus, der sich erst wieder aufrappeln musste. Louna war erschrocken, allerdings auch froh, dass ihr Pokémon so viel Freiraum bekam, um sich wieder zu erheben. Es sah aus, als hätte die Attacke ziemlich weh getan, aber das sorgte auch dafür, dass Arcus Kampfwille entfacht wurde.
    Gut, wenn ein direkter Angriff keine so prickelnde Option war, würde Louna es aus der Ferne probieren. Sie wies ihrem Pokémon an, sich zu entfernen, was allerdings Willi nicht akzeptieren wollte. Er schickte nämlich nun sein Fiffyen hinterher, damit der Abstand zwischen den beiden Pokémon verringert wurde.
    Arcus war schnell. Durch das Agility-Training, aber auch dadurch, dass er ein Fukano war, war er flink, so dass das Fiffyen es nicht so leicht hatte, sich ihm zu nähern. Trotzdem war es sehr hartnäckig und ausdauernd, weswegen eine kleine Hetzjagd entstand. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, befahl Louna die einfache Glut-Attacke, damit Fiffyen stoppen musste. Auch Arcus musste anhalten, um sein Feuer zu entfachen, doch auch wenn er nicht beim ersten Mal traf, so konnte Arcus vorerst vermeiden, dass sich das gegnerische Pokémon zu sehr näherte. Fiffyen war vorerst damit beschäftigt, den folgenden Feuerattacken auszuweichen, um nicht getroffen zu werden. Wenn es schlecht lief, könnte sich Fiffyen daran verbrennen und das würde sehr unangenehm werden. Verbranntes Fell wollte hier niemand.
    »Na gut, wenn das so ist, dann nutze Schaufler!«, rief Willi seinem Pokémon zu. Louna sah verwirrt drein, als das gegnerische Pokémon anhielt und unglaublich schnell begann ein Loch zu buddeln, in dem es verschwand. Das verwirrte auch Arcus, der sich langsam dem Loch näherte, in dem Fiffyen verschwunden war.
    Da das Kampffeld auf dem Hof war und nicht aus Beton bestand, sondern einen erdigen Untergrund hatte, war so eine Attacke durchaus möglich. Zum Vorteil für Willi und seinem Fiffyen, doch was sollten Louna und Arcus machen?
    Vorsichtig schnüffelte Arcus am Locheingang und lauschte in die Tiefe, doch hinterher krabbeln würde er nicht. Wo war das Fiffyen? Wo würde es wieder auftauchen? Es konnte nicht so weit weg sein, doch es kam nicht aus dem ersten Loch hervor, sondern sprang hinter Arcus herauf. Der Erdboden rutschte weg, so dass Arcus sich ein wenig erschreckte, besonders als Fiffyen wieder auftauchte und von hinten in sein linkes Hinterbein biss. Arcus winselte erschrocken und vor Schmerzen auf. Er versuchte dem Angriff zu entkommen und sich los zu reißen, doch auch da zeigte sich wieder Fiffyens große Hartnäckigkeit. Es ließ nicht los und trieb seine Zähne tiefer in Arcus Bein.
    Louna war sehr besorgt darüber, musste sich aber dazu zwingen nicht den Kopf zu verlieren. [style type="italic"]Denk nach, Louna, denk nach! [/style]Was konnte sie tun, um ihren Pokémon zu helfen? Ein Blick zur Prüfungsdame half ihr auch nicht weiter. Eher machte es sie nervös, wie streng diese alles beobachtete und irgendwas auf ihrem Klemmbrett schrieb. War das gut oder schlecht? Arcus Winseln forderte Lounas Aufmerksamkeit zurück. Verzweifelt versuchte sich Arcus zu befreien, biss selbst nach Fiffyen, das seinen Biss nicht lockerte. Arcus musste unbedingt die fremden Zähne los werden. Louna wusste nämlich, dass Fiffyens eine hohe Beißkraft besaßen. Wenn das so weiter ging, könnte Arcus schwer verletzt werden. Das musste sie unbedingt verhindern.
    Willi stand immer noch sehr gelassen da. Er hatte die Ruhe weg, was nicht verwunderlich war. Er kontrollierte den Kampf, während Arcus und Louna sich total hilflos fühlten.
    »Arcus, nutze dein Flammenrad!«, rief Louna ihrem Pokémon zu. Seitdem Arcus diese Attacke zum ersten Mal eingesetzt hatte, haben sie beide daran noch ein wenig gefeilt. May hatte ihr gezeigt, wie sie die Attacke einsetzen konnten, vor allem aber hatte Arcus gelernt, wie er sie am besten kontrollierte. Er brauchte keine hohe Geschwindigkeit, um sie zu nutzen. Wenn er das Feuer, welches in ihm brodelte, nur kontrolliert einsetzte, dann konnte er auch diese Attacke nutzen. Arcus Mähne begann zu glühen und zwischen seinen Zähnen stoben Flammen hervor. Sein ganzer Körper wurde regelrecht entfacht und er hüllte sich in eine kleine Feuerkugel, so dass Fiffyen nun doch dazu gezwungen wurde, los zu lassen. Da Arcus allerdings diesmal derjenige war, der nachsetzte, wurde Fiffyen getroffen. So schnell konnte es nicht ausweichen und purzelte dadurch ein paar Schritte zurück. Diesmal war es nicht Arcus, der winselte, sondern das Fiffyen, das nun doch eine Verbrennung erlitt. Damit sein Fell nicht ganz in Flammen aufging, musste sich Willis Fiffyen über den Boden rollen. Dennoch hatte er Schaden davon getragen, jedoch nicht so viel, dass er aufgeben wollte. Louna erkannte das Durchhaltevermögen des Pokémon und machte sich gleichzeitig Sorgen um Arcus. Dieser schnaufte deutlich mehr, als sein Feuer wieder erlosch und war schon erschöpft. Lange würde der Kampf nicht mehr gehen, doch ob Louna ihn noch soweit herumreißen konnte, um zu gewinnen, war fraglich. Was, wenn sie verlor? Würde sie dann durchfallen?
    »Gut, lass uns das nicht mehr so sehr in die Länge ziehen«, meinte Willi und gab seinem Pokémon einen erneuten Angriffsbefehl. Sofort setzte sich Fiffyen in Bewegung und stürmte auf Arcus zu. Da dieser schon erschöpft war, würde er dem Gegner nicht mehr so einfach entkommen. Willi setzte auf den Nahangriff, obwohl das Flammenrad von Arcus nicht zu unterschätzen war. Doch auch wenn Louna ihrem Pokémon noch einmal befahl, genau diese Attacke einzusetzen, so kam Arcus nicht mehr dazu.
    »Donnerzahn!«, rief Willi und es dauerte keine drei Sekunden, da verbiss sich Fiffyen erneut in Arcus Fell, der aufheulte und zu Boden stolperte. Schon wieder musste er die scharfen Zähne ertragen, weil er es nicht schaffte, Fiffyen abzuschütteln, besonders da dieses ihn im Nacken gepackt hatte. Arcus schaffte es nicht, sein Feuer einzusetzen. Seine Konzentration lag darauf, irgendwie das gegnerische Pokémon abzuschütteln, was ihm nicht gelang. Lange wehren konnte sich Arcus auch nicht, denn kaum, dass Fiffyen zugeschnappt hatte, konnte Louna das Britzeln zwischen Fiffyens Zähne hören und erkennen. Kurz darauf wurde Arcus von einem Elektroschock durchgeschüttelt, der durch den Donnerzahn ausgelöst wurde.
    Das war eindeutig zu viel. Louna hörte den Schmerzenslaut ihres Pokémon, das jämmerliche Winseln, was darauf folgte und sie wusste ganz genau, dass Arcus aus dieser Situation nicht mehr unbeschadet heraus kam. Sie rannte los und brüllte.
    »Stopp! Stopp! Stopp!« Sie hatte wirklich versucht ruhig zu bleiben, aber dieser Anblick war zu viel für sie. Sie wollte um keinen Preis gewinnen. Das war es ihr nicht wert. Noch bevor sie ihr eigenes Pokémon erreichen konnte, rief Willi augenblicklich seines zurück, als Louna das erste Mal Stopp gerufen hatte. Sein Pokémon war ausgezeichnet trainiert und reagierte sofort, löste sich von Arcus und lief zu seinem Trainer, um sich vor ihn zu setzen. Es wirkte immer noch allzeit bereit und vor allem machte es nicht den Eindruck, als wäre es besonders erschöpft. Zwar hatte es ein paar Verbrennungen erlitten, aber dieses schien es recht gut wegzustecken. Es leckte sich über eine angegriffene Stelle, um diese ein wenig zu lindern, aber ansonsten machte Fiffyen einen guten Eindruck.
    Ganz anders als Arcus. Er lag am Boden und winselte, dass es Louna fast das Herz brach. Sie hockte sich zu ihm auf den Boden und betrachtete seinen kleinen geschundenen Körper. Er hatte einige Bisswunden erlitten. Manche waren nicht schlimm, aber gerade beim Nacken und am Hinterlauf konnte sie sehen, wie tief Fiffyens Zähne gereicht hatten. Die Wunden, die Arcus erlitten hatte, bluteten und verschmutzten sein Fell. Und der zum Schluss eingesetzte Donnerzahn hatte ihm zusätzlich noch mal geschadet.
    »Es tut mir so leid, Arcus.« Es war schwer für sie, tapfer zu sein und die Tränen aus ihren Augenwinkeln zu verbannen. Sie musste aber jetzt unbedingt stark für ihr Pokémon sein und streichelte beruhigend über Arcus Köpfchen. Er brauchte die Ruhe von ihr, sonst würde es ihm nur noch schlechter gehen.
    »Sie brechen den Kampf ab?«, wollte die Prüfungsdame wissen und kam ein Stück näher heran. Louna hätte sich am liebsten aufgeregt, weil die Frau so distanziert wirkte, als würde es sie nicht kümmern, dass ihr Pokémon verletzt worden war. Doch alles, was Louna tat, war nur zu nicken und ein kurzes »Ja!« von sich zu geben. Sie würde auf keinen Fall weiter kämpfen. Das wäre zu viel für Arcus. Wenn das bedeutete, dass sie durch die Prüfung gefallen war, dann war es ihr egal. Arcus hatte keine Chance gegenüber Fiffyen gehabt. Auch wenn dieses ein Stückchen kleiner war als Arcus, so war es von Willi viel besser trainiert worden. Daran zeigte sich noch mehr, dass er kein unerfahrener Trainer war. Allein die Attacken, die sein Pokémon eingesetzt hatte, waren keine Attacken gewesen, die ein Fiffyen von Anfang an beherrschte. Er hatte einiges getan, um sein Pokémon auf dieses Level zu bringen.
    Die Prüfungsdame hob ihre Hand und rief einen weiteren Mitarbeiter zu sich heran. Louna war vorhin gar nicht aufgefallen, dass ein Sanitäter in der Nähe gewesen war. Genau dieser kam herbei geeilt und versorgte Arcus. Zuerst mussten die Wunden desinfiziert werden, was gleich an Ort und Stelle geschah, danach bekam er jeweils einen kleinen Verband für die Bisswunden, die bluteten. Louna fühlte sich schrecklich, dass sie Arcus solch einen Kampf ausgesetzt hatte. Es hätte nicht so weit kommen dürfen.
    Bevor sie ihr Pokémon wieder an sich nahm, wurde sie darum gebeten mitzukommen, da Arcus einer ausführlichen Untersuchung unterzogen werden sollte, damit auch keine Verletzung übersehen wurde. Stumm nickte sie nur und folgte dem Sanitäter.
    »Hey«, rief Willi ihr noch nach, so dass sie kurz stehen blieb und zu ihm zurück sah.
    »Dein Pokémon hat gut gekämpft«, meinte er, aber es munterte sie nicht auf. Arcus war verletzt und das war nur ihre Schuld. Sie war eine lausige Trainerin.


  • 41. KapitelAller Anfang ist schwer


    Obwohl heute ein wunderschön sonniger Tag war, zog Louna Lavie ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. May konnte sie verstehen. Louna war frustriert darüber, wie der Kampf bei der Trainer-Pass-Prüfung abgelaufen war. Sie hatte verloren, aber das Schlimmste von allem war, dass Arcus verletzt worden war. Nun saßen sie beide draußen auf einer Bank mitten in der Sonne, während Arcus auf Lounas Schoß dalag und ihre Finger, die durch sein Fell streichelten, genoss. Er wirkte weder unruhig noch als hätte er besonders starke Schmerzen. Das lag auch an der Spritze, die die Ärztin ihm gegeben hatte, damit er keine Schmerzen hatte und vor allem, damit seine Wunden besser verheilten. Die Verbände um die Bisswunden musste er ein paar Tage tragen, bis sie soweit abgeheilt waren, dass sie keine Probleme mehr machen würden. Eine Bisswunde war sogar genäht worden, weswegen sich Louna nur umso schlechter fühlte. Sie hatte nicht gewollt, dass so etwas passierte.
    »Louna«, sprach May sie an und versuchte sie zu trösten.
    »Sei nicht traurig über den Verlauf des Kampfes. Niederlagen gehören zum Trainerdasein dazu«, wollte sie sie beruhigen. Auch May hatte in ihrem Leben schon einige Niederlagen einstecken müssen. Mittlerweile war sie eine recht starke Trainerin, aber das bedeutete nicht, dass sie nicht besiegt werden konnte. Sie hatte ihr Team gut trainiert, wusste aber, dass nach oben hin immer noch vieles möglich war.
    »Aber Arcus wurde verletzt!«, sagte Louna und May zerriss es fast das Herz. Louna machte sich selber Vorwürfe und ertrug es nicht, ihr Pokémon leiden zu sehen. Dabei sah Arcus gerade sehr entspannt aus, wie er so auf ihrem Schoß dalag.
    »Das ist richtig, aber das lässt sich in Kämpfen nur schwer vermeiden«, sagte May und sah nach vorn, um die Menschen zu beobachten, die an ihnen vorbei gingen. Einige fuhren Fahrrad, andere waren mit ihren Pokémon unterwegs.
    »Aber wie kann man so was nur gutheißen? Wie kann man nur freiwillig solche Kämpfe bestreiten und zulassen, dass die Pokémon verletzt werden!?«, wollte Louna aufgeregt wissen. Sie war etwas lauter geworden, so dass May sie überrascht ansah. Obwohl sie ungern angeschrien wurde, begann May zu lächeln. Sie verstand Lounas Sorge und Einsprüche, aber etwas hatte sie dabei nie beachtet.
    »Pokémon sind dazu da, um zu kämpfen«, sagte sie entschieden, was Louna nicht gefiel. Sie sah regelrecht geschockt darüber aus.
    »Verstehe mich nicht falsch. Ich mag es auch nicht, wenn meine Pokémon verletzt werden. Ich hasse es sogar und mache mir dann genauso Sorgen wie du. Aber es gehört zu ihrem Wesen. Manche von ihnen wollen sogar unbedingt kämpfen, weil es zu ihrer Natur gehört. Wenn sie es nicht tun, besitzen sie überschüssige Energie, die in manchen Fällen sogar negative Auswirkungen haben können. Es gibt sogar den Typ Kampf. Pokémon, die allein für das Kämpfen existieren. Die sich freiwillig stärkere Gegner suchen, um sich mit ihnen zu messen!« Louna wollte kaum glauben, was sie da hörte. War sie zu friedfertig? Zu schwach für diese scheinbar brutale Welt? Es fiel ihr schwer, in Kämpfen etwas zu sehen, was … Spaß machen könnte. Was nicht nur ausschließlich mit Gewalt und Verletzungen zu tun hatte.
    »Schau dir Arcus an!«, meinte May und deutete auf Lounas Fukano.
    »Er sieht nicht aus, als würde er unter dem Kampfergebnis leiden. Klar, er hat Verletzungen davon getragen, die ihm weh tun, aber ich glaube sogar, dass er sich wieder für dich in den Kampf stürzen würde, wenn du es von ihm verlangst. In Arcus steckt eine große Portion Beschützerinstinkt, aber nicht nur das. Er ist auch eine Kämpfernatur.« Louna sah auf ihr geliebtes Pokémon und streichelte ihm über den Kopf. Arcus sah mehr als nur zufrieden drein und schien es ihr wirklich nicht böse zu nehmen, was sie von ihm verlangt hatte. Er leckte sogar über ihre Finger, als wollte er sie beruhigen. Das trieb ihr glatt Tränen in die Augen, weswegen sie sich zu ihm runter beugte und ihn zärtlich umarmte. Arcus Rute begann aufgeregt hin und her zu schwenken und er brummte zufrieden. Kuscheln war doch was Feines. May lächelte über den Anblick und stand von der Bank auf.
    »Hast du jemals groß bei anderen Pokémon-Kämpfen zugesehen?«, wollte sie von ihr wissen und Louna sah sie fragend an.
    »Ähm … nein?« Louna hatte sich nie groß dafür interessiert. Sie hatte ein paar Kämpfe im Fernseher gesehen, aber sich diese nie bis zum Schluss angesehen. Meistens hatte sie weggeschaltet oder sich mit etwas anderem beschäftigt. Kämpfe hatten sie schon immer abgeschreckt. Sie erinnerte sich allerdings auch an den Kampf in der Arena von Nouvaria, als Dash gegen Viola angetreten war. Es war spannend gewesen und nervenaufreibend und sie wusste, wie aufgeregt und gefesselt sie gewesen war. Es hatte sie richtig mitgerissen, trotz aller Sorgen, die sie gehabt hatte.
    »Komm mit«, forderte May Louna auf, die immer noch ganz fragend drein sah.
    »W-Wohin denn?«, wollte Louna wissen, doch May verriet nichts. Louna erhob sich und behielt Arcus auf ihren Armen, was ihm nur recht war. So war er seiner Trainerin ganz nahe, besaß aber auch aus der erhöhten Position eine bessere Sicht.
    »Mal sehen«, murmelte May vor sich hin, als sie in Richtung der Trainerschule ging, Louna im Schlepptau. Nach irgendetwas hielt May Ausschau, doch Louna wusste nicht, wonach. Was hatte sie nur vor? Hier bei der Schule waren zahlreiche Trainer, die entweder an der Schule lernten oder einen Ort suchten, wo sie kämpfen und trainieren konnten. Einige von ihnen unterhielten sich angeregt und verabredeten sich zu besagten Kämpfen. Die Kampfplätze der Trainerschule waren nicht nur ausschließlich für die Schüler der Schule da, sondern standen auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Zwei der Kampfplätze konnte man dafür nutzen, um andere Trainer herauszufordern, damit man nicht mitten in der Stadt kämpfen musste – was sowieso nicht gern gesehen war – oder sich außerhalb der Stadt auf einem Feld duellierte. Das war ganz praktisch, deswegen war May auch genau dorthin unterwegs.
    Die heutige Prüfung war vorbei, weshalb die Kampfplätze wieder den Schülern und der Öffentlichkeit zur Verfügung standen. Eigentlich hätten Louna und May schon längst wieder auf den Weg nach Illumina City unterwegs sein können, doch das waren sie nicht. Sie mussten erst warten, bis Arcus versorgt gewesen war und hatten vorhin auch noch etwas gegessen.
    »Komm hier lang«, sagte May und führte Louna zu den besagten Kampfplätzen. Sofort wurde Louna unruhig. Vor wenigen Stunden noch war Arcus genau dort verletzt worden. Sie wollte nicht dorthin zurück!
    »Ich will aber nicht … !«, begann sie. Louna wollte nicht schon wieder kämpfen. Das hatte ihr heute mehr als genug gereicht.
    »Du musst nicht kämpfen. Du sollst nur zusehen«, meinte May und führte Louna an einen der Plätze, der bereits belegt war.
    »Schau einfach nur zu«, forderte sie die andere auf und deutete auf die beiden Trainer, die sich bereits eine Weile einen Kampf lieferten. Louna war nicht begeistert davon, tat aber wie ihr geheißen und sah zu den beiden Trainern.
    Auf der linken Seite stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einer Brille auf der Nase. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und war voll und ganz auf den Kampf fixiert. Er sah nicht wütend aus, nur hochkonzentriert. Er war mit Verstand und Seele bei seinem Pokémon, um es im Kampf anzuweisen. Louna musste ein paar Augenblicke den Kampf beobachten, um herauszufinden, welches Pokémon zu wem gehörte. Zu dem schlanken Brillenträger gehörte ein ausdauerndes Schillok. Louna hatte so ein Pokémon schon mal im Fernseher gesehen und wusste, dass es ein Wasser-Pokémon war. Sein Panzer schützte es vor vielen Attacken, allerdings bezweifelte sie, dass es große Chancen gegen das Eguana besaß. Denn dieses war vom Typ Elektro und damit allein deswegen schon im Vorteil. Sie verzog die Mundwinkel nach unten, besonders als das gegnerische Eguana eine Donnerschockattacke austeilte und Schillok direkt traf.
    »Halte durch!«, rief sein Trainer ihm zu. Wie sollte ein Wasser-Pokémon solch eine Attacke lange genug standhalten, wo sie so effektiv war? Louna glaubte nicht, dass dieses Schillok eine Chance hatte, aber sie wurde überrascht. Schillok war zwar direkt getroffen wurden, wehrte aber die Attacke ab, indem es sich daraus befreite, einen Sprung zurück machte und die Arme nach oben warf. Es war noch immer voll motiviert und ließ sich von so einer Elektroattacke nicht in die Knie zwingen. Sein langer buschiger Schweif schwenkte nach rechts und nach links. Bereit zum Angriff.
    »Ja, genau!«, rief sein Trainer ihm zu, der unglaublich stolz auf sein Pokémon war.
    »Glaube nicht, dass du damit durchkommst, Hans!«, sagte sein Gegner, weswegen Louna zu diesem hinüber sah. Sie war schon wieder überrascht, diesmal, weil sie den anderen Trainer erkannte. Es war Willi, gegen den sie in der Prüfung verloren hatte. Diesmal kämpfte er mit seinem Eguana, nicht mit seinem Fiffyen.
    »Das ist … !« Louna wusste nicht, was sie sagen sollte. Willi war nicht unfreundlich zu ihr gewesen, aber sie hatte gegen ihn verloren. Sein Fiffyen war sehr gut trainiert und stark gewesen. Daher vermutete sie automatisch, dass sein Eguana auch nicht schwach sein dürfte. Ein Grund mehr zu glauben, dass Hansis Schillok keine Chance hatte.
    »Ja, ja, glaub nur, was du willst«, sagte Hans grinsend und schickte sein Wasser-Pokémon in einen Angriff. Das gegnerische Eguana schaffte es nicht, der Schädelwumme zu entkommen und wurde direkt getroffen, so dass es zurück geschleudert wurde. Es kreischte auf und landete auf dem sandigen Boden. Willi ließ sich davon nicht beirren und feuerte sein Pokémon an, damit es wieder aufstand. Daran erkannte Louna, dass es genauso hartnäckig war wie Schillok. Keiner der beiden Kontrahenten wollte aufgeben. Das Verblüffendste daran war allerdings, dass die beiden Trainer ihren Spaß daran hatten. Sie beleidigten sich nicht gegenseitig, sondern achteten den jeweils anderen, grinsten und lachten, piesackten sich zwar gegenseitig auch, aber ließen dem anderen auch anerkennende Worte zukommen, wenn ein Angriff beeindruckend gewesen war. Louna sah zwischen den beiden jungen Männern hin und her und begriff langsam, was May ihr begreiflich machen wollte. Es ging in Kämpfen nicht allein nur um Gewalt und darum, dem Gegner Schaden zuzufügen. Es ging um sehr viel mehr.
    Willi wies sein Pokémon erneut dazu an, eine Elektro-Attacke durchzuführen, weswegen Hans seinem Pokémon befahl den Panzerschutz einzusetzen. Das Schillok zog sich keine Sekunde zu spät in seinen Panzer zurück, da wurde es auch schon von den elektrischen Schlägen getroffen. Eguana gab dabei alles. Sein ganzer Körper leuchtete durch die abgegebenen Blitze, die es auf das Schillok einschlagen ließ. Wie lange dieses das aushalten konnte, war fraglich. Wenn Schilloks Verteidigung nachließ, würde Hans verlieren. Ihm musste unbedingt etwas einfallen, um den Kampf noch herum zu reißen. Gab es noch Hoffnung?
    »Er wird verlieren«, mutmaßte Louna.
    »Wart‘s ab«, meinte May nur, die den Kampf noch nicht für als beendet erachtete. Sie sollte Recht behalten, denn Schilloks Körper begann sich zu verändern. Alle Anwesenden sahen nachdenklich drein, dann trat Überraschung auf die Gesichter, als langsam klar wurde, was vor sich ging. Es waren nicht die Stromschläge, die Schilloks Körper ekstatisch zucken ließen. Es war etwas anderes.
    »Es entwickelt sich!«, stieß May verblüfft aus. Louna sagte dazu nichts. Ihre Augen waren nur sehr geweitet und auf das Schillok gerichtet, dessen Form sich langsam veränderte. Seine Körpergröße nahm deutlich zu, seine Beine wurden größer, aber auch kräftiger, der buschige Schwanz entwickelte sich langsam zurück und wurde dadurch kleiner. Der Panzer jedoch bekam eine eindrucksvolle Größe und wurde noch härter als er zuvor je gewesen war. Entwicklungen von Pokémon waren seit jeher eine geheimnisvolle Metamorphose, die bis heute kaum einer nachvollziehen konnte. Dieses schnelle Wachstum, die Veränderungen bei den Pokémon auslöste, war auch unter den großen Forschern ein sehr großes Rätsel. Zwar war bekannt, dass während dieser Phase sehr viel Energie frei gesetzt wurde, doch welche Ursachen dafür existierten, das konnte bislang niemand sagen. Man hatte nur heraus gefunden, dass manche Ereignisse die Pokémon dazu brachten, sich zu verändern. In diesem Fall war es der Kampf, der Schillok dazu brachte, seine Entwicklung freizusetzen. Bei anderen Pokémon hieß es, dass es die Zuneigung ihrer Halter und Trainer war, die sie dazu brachten, sich zu verändern. Louna hatte einiges schon darüber gelesen.
    Eguana hatte mittlerweile seine Attacke beendet und stand genauso wie sein Trainer da, um die Wandlung zu beobachten. Hansis Augen begannen mit jeder weiteren Sekunde, in der sich sein Pokémon veränderte, zu leuchten. Er war hellauf begeistert und betrachtete sein Turtok mit großem Stolz.
    Louna war ergriffen. Turtok war sehr viel größer als Schillok, sein Panzer war unglaublich beeindruckend, besonders die zwei Öffnungen auf diesem. Turtoks Stimme war zudem viel tiefer, als es ein brummendes Geräusch von sich gab und sich nach vorn auf alle vier Beine stützte. Sein Blick lag auf Eguana, welches zusammenzuckte, als es begriff, was gleich passieren würde. Willi war gar nicht in der Lage, einen Abwehrbefehl auszustoßen, da passierte es auch schon. Die Öffnungen auf Turtoks Panzer schossen mit großem Druck Wasser heraus, die Eguana direkt trafen. Es wurde davon geschleudert und flog sogar außerhalb des Kampfplatzes. Damit war der Kampf eindeutig entschieden. Hans jubelte vor Freude auf und rannte zu seinem Wasser-Pokémon, um es zu loben.
    »Das hast du großartig gemacht, Kumpel!«, sagte er zu seinem Turtok und tätschelte es liebevoll. Das Besondere daran war, dass Turtok selbst ganz zufrieden und glücklich wirkte. Obwohl es noch vor kurzem heftige Elektroschocks hatte aushalten müssen, war es zufrieden mit alldem und wirkte nicht so, als wäre es großartig verletzt oder böse darüber, gekämpft zu haben.
    Willi hatte derweil sein Eguana eingesammelt und auf den Arm genommen, als er hinüber zu Hans und seinem Turtok ging.
    »Mann, das war ein Kampf. Du hättest aber nie gewonnen, wenn sich dein Pokémon nicht entwickelt hätte«, sagte Willi und grinste dabei. Freundschaftlich reichte er Hans seine Hand und die beiden schlugen ein. Sie nahmen es gelassen und freundschaftlich. Keiner von ihnen war sauer oder beleidigt über den Kampfverlauf. Auch Eguana auf Willis Armen sah nicht aus, als hätte es sich am Kampf gestört.
    Louna wurde sehr nachdenklich, als sie diese Szene beobachtete. Die jungen Männer hatten ihr Publikum gar nicht wahrgenommen und unterhielten sich noch, besonders über Turtok, welches eingehend gemustert werden musste. Es war größer und stärker und sein Panzer noch viel fester und härter als zuvor. Auch Willi nutzte die Gelegenheit Turtok vom Nahem zu betrachten, schließlich bekam man nicht oft solch eine Möglichkeit. Die musste man nutzen.
    »Also? Was sagst du?«, wollte May von Louna wissen. Die beiden standen mehrere Meter von den anderen zwei Trainern entfernt da und hatten alles beobachtet.
    »Ich … ich weiß nicht«, gestand Louna. Sie war hin und her gerissen, was Kämpfe anging.
    »Die beiden haben ihre Pokémon ziemlich gut trainiert, deswegen können sie auch viel einstecken, ohne schweren Schaden zu nehmen. Darauf kommt es an. Auch darauf, dass man weiß, wann Schluss mit einem Kampf ist, um großen Schaden zu vermeiden«, sagte May und sah zu den beiden anderen Trainern.
    Willi hatte gewusst, dass der Kampf vorbei gewesen war, als sein Eguana von der heftigen Wasserattacke getroffen worden war. Weiter zu kämpfen, hätte nichts gebracht. Ein guter Trainer wusste solche Situationen einzuschätzen und würde dementsprechend angemessen reagieren. Hätte er Eguana wieder in den Kampf geschickt, hätte er riskiert, dass es noch schlimmen Schaden genommen hätte.
    »Das habe ich nicht geschafft«, meinte Louna leise und sah auf Arcus, der zu ihren Füßen stand. Sie hatte ihn vorhin runter gelassen.
    »Das denke ich nicht. Siehst du denn nicht?« gab May ihr zu denken und sah selbst zu Arcus runter.
    »Ihm geht es gut. Ja, er hat ein paar Bissverletzungen davon getragen, aber sieh ihn dir genau an. Der Kampf, den er mit verfolgt hatte, hat auch seinen Kampfwillen gestärkt. Arcus sieht aus, als wollte er sich gleich wieder in den nächsten Kampf stürzen, um es allen zu beweisen, dass er nicht schwach ist. Louna, dein Mitgefühl in allen Ehren, aber du musst deinen Pokémon auch die Möglichkeit geben, sich zu beweisen und vor allem dir zu zeigen, was in ihnen steckt. Du sollst sie natürlich nicht triezen, aber sie müssen ihre Erfahrungen machen, um daran zu wachsen. Gib nicht auf, okay?« Louna sah May sehr nachdenklich an. Die ganze Zeit machte sie sich Sorgen, dass ihre Pokémon verletzt wurden. Machte sie sich zu viele Gedanken? War sie wirklich zu ängstlich?
    »I-ich … versuch‘s«, sagte sie zögerlich, wenig überzeugend.
    »Konzentriere dich darauf deine Pokémon weiter zu trainieren. Wenn du willst, helfe ich dir dabei auch. Dann musst du zukünftig nicht mehr so viel Angst haben, ja?« May wollte ihr wirklich helfen, weswegen Louna gerührt war. Andere hätten schon längst die Geduld mit ihr verloren.
    »Danke May!«, sagte sie ihr, was wirklich nötig war.
    »Ach, nicht dafür«, winkte May nur ab und lächelte.
    »Du stehst noch am Anfang, aber das ist nicht schlimm. Irgendwann werden du und deine Pokémon selbstbewusst genug sein, um sich in einem Kampf auch beweisen zu können.« Es ging Louna zwar nicht darum die Allerstärkste zu werden, aber sie wollte schon ganz gern, dass ihre Pokémon wussten, wie sie kämpfen konnten und sollten. Damit in kritischen Situationen niemand von ihnen zu Schaden kam. Dabei erinnerte sie sich erneut an den Vorfall mit den Pyroleos. Mit einem trainierten Pokémon hätte sie nicht solche Angst haben müssen. Wilde Pokémon waren gefährlich, aber wenn man ein Team an seiner Seite hatte, würde man solchen Gefahren gefasster gegenübertreten können.
    »Okay, ich werde weiter trainieren und bei der nächsten Prüfung nicht mehr so versagen«, entschied Louna für sich. Sie würde es schaffen! Sie musste es schaffen! Das war sie ihren Pokémon einfach schuldig. Sie brauchte den Trainer-Pass, um ihre Pokémon behalten zu dürfen. Ohne Pass durfte man sie nicht haben, vor allem durfte man mit ihnen dann auch nicht kämpfen. Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als die Prüfung zu bestehen, wenn sie ihre Lieblinge weiterhin an ihrer Seite wissen wollte.
    »Noch ist nichts entschieden«, meinte May.
    »Wer weiß, ob du die Prüfung nicht doch bestanden hast?«, gab sie zu bedenken, doch Louna besaß keine große Hoffnungen. Sie hatte verloren. Wie sollte sie dabei die Prüfung bestanden haben?


    In Lounas Augen war es nicht notwendig nachzusehen, ob sie bestanden hatte oder nicht. Ihr war klar, dass sie in der praktischen Prüfung jämmerlich versagt hatte. Wenn sie diese nicht bestand, dann war es relativ egal, ob sie in der Theorie gut abgeschnitten hatte oder nicht. Es war wichtig, dass sie beide Teile geschafft hatte. Nicht nur einen. Auch wenn man nicht davon ausgehen konnte, dass jeder, der hier seine Trainer-Prüfung absolvierte, schon ein herausragender Trainer war. Im Gegenteil, sehr viele waren Anfänger, besonders die jungen Menschen. Mit ihren 18 Jahren war Louna sogar schon verhältnismäßig alt. Auch wenn es noch viel ältere Menschen gab, die ab und an sich dazu entschlossen den Trainer-Pass für sich zu erstehen, so war es ganz normal, dass schon die meisten Kinder mit zwölf Jahren sich darum bemühten, ihren Trainer-Pass zu bekommen. Wenn also ein Zwölfjähriger es schaffte, diese Prüfung zu bestehen, dann sollte sie das doch auch schaffen, oder? Wobei die meisten tatsächlich auch direkt die Trainer-Schule für ein paar Jahre besuchten, um best möglichst auf die Prüfung vorbereitet zu sein. Vielleicht wäre das sogar eine Alternative für Louna? Sich an der Trainer-Schule anmelden, um dort richtig zu lernen, was einen Trainer ausmachte?
    »Schau mal dort«, sagte May und deutete auf die Traube vor sich. Ein paar Trainer hatten sich vor dem Sekretariat versammelt und wollten wohl wissen, ob es schon Prüfungsergebnisse gab. War denen denn nicht klar, dass eine solche Auswertung seine Zeit brauchte?
    »Lass uns auch mal nachfragen!«, schlug May vor, die sich eine ihrer braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht wischte und Louna voll motiviert ansah. Diese sah alles andere als zuversichtlich drein.
    »Heute werden wir eh noch nichts erfahren«, meinte Louna, wurde aber kommentarlos von May mitgeschleift, die sich einen Weg durch die Menschentraube bahnte, um bei der Prüfungsvorsitzenden stehen zu bleiben. Diese erklärte gerade einem anderen angehenden Trainer, dass man ihm postalisch Bescheid geben würde, wenn sein Ergebnis bekannt war. Louna machte sich gar nicht erst die Mühe, um nachzufragen. Sie wusste, dass sie die gleiche Antwort bekommen würde, doch May ließ nicht locker.
    »Entschuldigen Sie! Ist es vielleicht möglich, schon etwas über die praktische Prüfung herauszufinden?«, wollte May unbedingt wissen und sah die Prüfungsvorsitzende direkt an. Diese schob ihre Brille auf der Nase zurecht und blickte auf ihren Zettelblock, den sie dabei hatte.
    »Und Sie sind?«, wollte sie wissen, doch May lenkte die Aufmerksamkeit auf Louna und deutete zu ihr.
    »Louna Lavie! Sie würde gerne wissen, ob sie die Praxis bestanden hat oder nicht.« Louna sah schweigend und skeptisch May an. Wieso fragte sie denn nach? War doch klar, dass es noch keine Ergebnisse geben konnte!
    »Nun, lassen Sie mich mal kurz nachsehen«, meinte die Prüfungsvorsitzende, die in ihren Zetteln nach etwas suchte. May wandte sich an Louna und zuckte mit den Schultern.
    »Hey, jetzt guck nicht so. Die Theorie müssen sie zwar noch auswerten, aber in der praktischen Prüfung wird schon während der Prüfungszeit festgelegt, ob der Trainer Potenzial besitzt oder nicht.«
    Louna wollte es gar nicht so genau wissen. Sie ahnte, was man ihr sagen würde, weswegen sie große Lust hatte ganz weit weg zu rennen. Vor allem deswegen, weil hier noch so viele andere Leute standen. Wenn die das mitbekamen, würde es für sie ultramegapeinlich!
    »Mhm, also so wie es aussieht, gibt es noch kein eindeutiges Ergebnis, aber … eigentlich sieht es gar nicht so schlecht aus«, meinte die Frau mit der Brille und sah dann von ihrem Zettel auf und Louna direkt an.
    »Wie bitte?«, fragte diese halb schockiert nach. »Ich hab doch verloren! Ist doch klar, dass ich durchgefallen bin!« Obwohl sie das nicht hatte sagen wollen, war es ihr nun doch heraus gerutscht, so dass das auch fremde Ohren gehört hatten. Peinlich!
    »Oh?« Die Prüfungsvorsitzende schien überrascht darüber zu sein. Nicht wegen der erwähnten Niederlage an sich, sondern dass die junge Dame automatisch davon ausging, durchgefallen zu sein.
    »In der praktischen Prüfung geht es nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren«, begann sie deshalb zu erklären.
    »Nicht?« Louna war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie gewinnen musste, um zu bestehen.
    »Aber nein! Der Trainer-Pass ist schließlich der Ausweis für alle, die ihre Pokémon trainieren wollen. Wir testen hier ausschließlich das bisherige Wissen der angehenden Trainer und vor allem ihr Verantwortungsbewusstsein ihren Pokémon gegenüber. Besonders Letzteres lässt sich mit Hilfe eines Kampfes recht gut einschätzen. Geht der Trainer bis zum Äußeren und ignoriert dabei, dass sein Pokémon schweren Schaden nimmt oder nimmt er lieber eine Niederlage in Kauf? Andererseits kommt es auch vor, dass ihre Pokémon bereits schon ganz gut trainiert sind und die Trainer gar nicht erst in die Lage kommen, dass ihre Pokémon verlieren. Aber auch anhand dessen können wir sehen, welche Verbindung zwischen dem Pokémon und dem Trainer besteht.« Lounas Augen waren ganz groß, als sie das hörte.
    »Das heißt … ich könnte trotz Niederlage bestehen?«, wollte sie ganz genau wissen und bekam ein positives Nicken.
    »Die Prüfung ist in erster Linie dafür da, um angehenden Trainern zu zeigen, wo sie noch an sich arbeiten müssen, was sie unbedingt noch lernen müssen, um besser zu werden. Nicht dafür, um zu sehen, ob jemand stark oder schwach ist. Stärke kommt mit der Zeit und dem investierten Training.«
    Louna hätte so eine Antwort nicht erwartet. Als sie May ansah und ihr selbstzufriedenes Lächeln entdeckte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
    »Du hast das gewusst?«, wollte Louna von ihr wissen und da begann May zu lachen.
    »Aber natürlich hab ich gewusst, worauf es in der Prüfung ankommt. Schließlich habe ich auch mal so was durchlebt, auch wenn das schon ein paar Jahre her ist. Aber du hättest es mir vermutlich eh nicht geglaubt.« Daher standen sie hier, damit Louna es von offizieller Seite einmal hörte.
    »Auch wenn du verloren hast, gibt es immer noch eine Chance für dich, dass du deine Prüfung erfolgreich gemeistert hast! Also zieh nicht mehr so einen langen Flunsch und lass uns nach Illumina City zurückkehren, okay?« May lachte, als Louna nur schockiert und verwirrt zustimmte und nicht glauben konnte, was May und die Prüfungsvorsitzende ihr da offenbart hatten. Wieso war sie auch so überzeugt davon gewesen, dass sie unbedingt gewinnen musste? Nicht, dass sie jetzt die Garantie besaß, bestanden zu haben, aber wie May schon sagte: Eine Chance bestand nun erst recht. Sie würde die Ergebnisse abwarten müssen, dann wusste sie mehr. Wenn sie ganz großes Glück hatte, brauchte sie dann wenigstens keinen Monat mehr zu warten, um erneut an der Prüfung teilnehmen zu dürfen.
    Mit beruhigten Gewissen konnte sie sich so mit May auf den Weg nach Hause machen.


    Nach Hause? Auf den Weg nach Illumina City saßen die beiden jungen Frauen wieder auf Mays Gallopa Arabélle. Diesmal ritten sie nicht im rasenden Tempo neben der Hauptstraße her, sondern in einem gemütlichen Trab, da sie es nicht sonderlich eilig hatten. Sie hätten auch mit dem Bus fahren können, doch einerseits hatte May angeboten Louna wieder auf diese Weise mitzunehmen, zum anderen war das mal was anderes und viel aufregender. Louna beneidete May um ihr Gallopa. Theoretisch würde so ein Pokémon auch sehr gut in ihr eigenes Team passen, aber sie wüsste leider gar nicht, wo sie ein solch großes Pokémon unterbringen sollte. Die Pokémon, die Louna bereits besaß, konnte sie gut auch in der Wohnung aus den Pokébällen lassen, doch bei einem Ponita oder Gallopa sah das schon ein wenig anders aus. Zumal es auch sehr viel Auslauf und noch mehr zu Fressen brauchte. Ein Stall wäre daher nicht schlecht, aber zu solch einem hatte Louna keinen Zugang. May konnte sich deswegen hervorragend um ihre Pokémon kümmern, weil sie draußen viel unterwegs war und so die Gelegenheit hatte, ihre Pokémon an die frische Luft zu lassen. Außerdem hatte sie ihr erzählt, dass sie Zuhause in Relievera City ein großes Grundstück besaß. Besser gesagt ihre Eltern, wodurch ihre Pokémon ebenfalls noch einmal ausreichend Platz hatten, um beispielsweise faul in der Sonne zu liegen. Selbst einen kleinen Stall für Arabélle gab es.
    »May? Darf ich dich um einen kleinen Gefallen bitten?« Louna hatte dank diesem Prüfungstag ziemlich viel nachgedacht. Es gab immer noch unglaublich viel, was sie lernen musste, ganz besonders was Pokémon betraf. Auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein machte, als würde man innerhalb weniger Stunden das ganze Prinzip um diese Geschöpfe verstehen, das Kämpfen und Trainieren und alles was dazu gehörte, so war es wesentlich komplizierter, als man für möglich halten würde.
    Louna würde an sich arbeiten müssen, nicht nur ihre Pokémon trainieren. Sie würde begreifen müssen, was es bedeutete mit Pokémon zusammenzuleben und mit ihnen zu kämpfen. Dabei wusste sie ganz genau, dass sie noch einen sehr langen Weg vor sich hatte und es noch viele Situationen geben würde, bei denen sie verunsichert sein würde. Was ihr blieb, war einen Schritt nach dem anderen zu machen. Den Vorteil, den sie allerdings hatte, waren die Trainer, die sie kannte und die dazu bereit waren, ihr zu helfen.
    »Was für einen?«, wollte May wissen, die sich hauptsächlich darauf konzentrierte, Arabélle den Weg zu weisen und darauf zu achten, dass keine Passanten oder Autos sich ihnen in den Weg stellten und wenn doch, dass man denen rechtzeitig ausweichen konnte. Da aber momentan nicht so viel auf dem Straßenabschnitt los war, hatten sie ein sehr gemütliches Vorankommen und brauchten sich weniger Sorgen zu machen.
    »Ich würde gerne Fabula trainieren. Mittlerweile habe ich einen ganz guten Draht zu ihr aufgebaut und sie vertraut mir. Ist nicht mehr so scheu. Aber ich weiß noch nicht so recht, wie ich sie trainieren kann, insbesondere wegen ihrer speziellen Fähigkeiten.« Louna hatte bereits May davon erzählt, dass sie letztens Fabulas Psychokräfte entdeckt hatte. Das war gut, aber wie ging man damit um? Jedes Pokémon brauchte sein individuelles Training und Soul hatte auch schon zu ihr gemeint, dass sie May mal fragen sollte. Immerhin hatte die ein Psycho-Pokémon im Team. Sie würde doch bestimmt wissen, wie man damit am besten umging, oder?
    »Huch? Wo reitest du denn jetzt hin?«, wollte Louna überrascht wissen, als May Arabélle dazu brachte von der Hauptstraße abzuweichen und über das Feld trabte, welches sich rechts von der Straße erstreckte.
    »Du hast mich doch gerade um eine Übungsstunde gebeten«, meinte May mit einem Lächeln und brachte nach kurzer Zeit Arabélle zum Stehen, wo sie dann absteigen konnten. Weg von der Straße und viel freier Platz, wo nichts schief gehen konnte. Das war genau der passende Ort, um ein bisschen zu trainieren. Louna hatte nicht erwartet, dass May sofort auf ihre Bitte eingehen würde. Auch sie ließ sich von Gallopas Rücken runter rutschen und sah sich kurz um. Viel freie Fläche hatten sie hier, bis irgendwann weiter hinten ein lichter Wald begann. Abgesehen von einzelnen Vogel-Pokémon, die manchmal über sie hinweg flogen, konnte sie sonst keine wilden Exemplare entdecken. Die hatten sich sehr gut versteckt. Aber selbst wenn ein wildes Pokémon auftauchte, brauchte man sich in dieser Gegend vermutlich keine Sorgen machen. Die kleineren Pokémon waren in der Regel relativ ungefährlich und größere sollte es hier nicht geben.
    Jetzt, wo sie schon einmal hier waren, ließ Louna auch gleich ihre Pokémon aus den Bällen. Zum einen natürlich Arcus, der nur ungern in seinem Ball war und sich darüber freute, seine Trainerin zu sehen. Zum anderen durfte auch Fabula aus dem Ball, um frische Luft zu schnuppern. Anders als ganz am Anfang sah sie sich nicht ganz ängstlich um, sondern wirkte doch relativ entspannt. Klar sah sie mal hier hin und mal dorthin, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, aber im Großen und Ganzen war Fabula entspannt. Das freute nicht nur Louna, sondern auch May, die das andersfarbige Pokémon betrachtete.
    »Sie hat sich in deiner Obhut schon echt gut gemacht. Selbst der Vorfall mit diesen komischen Idioten, die sie stehlen wollten, scheint sie nicht mehr so zu belasten«, merkte May an und Louna stimmte ihr zu.
    »Ja, darüber bin ich auch sehr froh.« Sie hatte sich zu Fabula gekniet und kraulte ihren Nacken, was sie wohlwollend annahm.
    »Na Fabula, wie sieht es aus? Hast du vielleicht Lust dazu, deine besonderen Kräfte zu trainieren?«, wollte Louna von ihrem Fuchs-Pokémon wissen, welches gleich mit den Ohren wackelte. Ein fragender Ausdruck blitzte in ihren Augen auf und May entließ ihr eigenes Psycho-Pokémon aus dem Ball.
    Melodia, Mays Kirlia, war bereits als Trasla zu ihr gestoßen. Besser gesagt: May hatte sich ein Trasla selbst gefangen, ähnlich wie Xelif damals. Mittlerweile hatte sich ihr Trasla aber schon zu einem Kirlia weiterentwickelt, war dadurch größer, wirkte noch humaner als vorher, weil es auf zwei Beinen ging und war auch von den Psychokräften um einiges stärker als am Anfang. May hatte vor, Melodia dabei zu helfen auch die letzte Entwicklungsstufe zu erreichen, damit sie eines Tages ein anmutiges Guardevoir sein konnte. Diese Pokémon waren besonders, nicht nur weil sie den Zweittypen Fee besaßen und mit ihren Psychokräften enorme Leistungen erbringen konnten. Es war auch ihre Art, wie sie mit ihren Trainern kommunizierten.
    Anders als andere Pokémon waren Psycho-Pokémon in der Lage auf telepathische Weise mit Menschen in Verbindung zu treten. Nicht unbedingt mit »gesprochenen« Worten, sondern mit Gedanken und Gefühlen, um sich mitzuteilen. Nicht ohne Grund wurden Psycho-Pokémon hohe Intelligenz nachgesagt. Aber auch nicht jedes Psycho-Pokémon tat es und es kam auch immer darauf an, welche Art es angehörte. Jede Art war verschieden und dann hing es allein auch noch von der Persönlichkeit eines Pokémons ab, wie es sich verhielt.
    »Ich werde dir einfach mal erklären, wie ich mit Melodia angefangen habe zu trainieren, okay?«, schlug May vor, nachdem sich die beiden Frauen geeinigt hatten, ihr eine Übungsphase einzuleiten. Fabula musste lernen mit ihren Kräften umzugehen. Dadurch, dass sie noch sehr jung und unerfahren war, konnte sie noch nicht so viel. Das konnte sie allerdings ändern, indem Louna ihr beim Training half. Irgendwann würde Fabula also nicht nur Feuer richtig beherrschen können, sondern auch Psychokräfte einsetzen, die dem Gegner gefährlich werden konnten.
    »Im Prinzip kann man sich das bei Psycho-Pokémon genauso vorstellen wie bei Kampf-Pokémon. Sie müssen ihre Muskeln trainieren. Während sich das bei Kampf-Pokémon tatsächlich auf ihre körperlichen Muskeln beschränkt, müssen Psycho-Pokémon ihren Geist trainieren, um ihre Kräfte einsetzen zu können. Das ist nicht immer ganz einfach, aber wenn sie erst einmal den Dreh heraus haben, sollte das funktionieren. Zudem besitzen sie in gewisser Weise ja auch die Veranlagung diese besondere Begabung einzusetzen. Fabula hat dir bereits gezeigt, was sie kann. Darauf kannst du aufbauen!«, erklärte May und holte einen kleinen Ball aus ihrer Tasche. Den hatte sie immer mit dabei. Er war zwar ganz gut, um mit ihren Pokémon zu spielen, aber eigentlich benutzte die Trainerin ihn mehr, um ihre Pokémon damit zu konditionieren.
    »Pass auf. Indem Fabula lernt Gegenstände zu bewegen, kann sie ihren Muskel quasi trainieren, um stärker zu werden.« May wandte sich an ihr eigenes Pokémon und warf den Ball zu Melodia. Diese kannte bereits dieses Spiel und fing den Ball nicht mit ihren Armen auf, sondern mit ihrer psychischen Kraft, die sie einsetzte. Der Ball begann deswegen in der Luft zu schweben, bewegte sich um sie selbst herum und schwebte dann weiter über Fabula, die ganz fasziniert, dem Ball nachsah. Arcus selbst fühlte sich direkt mal dazu animiert, dem Ball nachzurennen, um ihn zu fangen, doch Melodia trieb dieses Spiel weiter und sorgte immer dafür, dass Arcus nicht heran kam. Das hielt das Fukano trotzdem nicht davon ab, es zu versuchen. Louna lächelte darüber.
    »Einen Ball einfach nur schweben zu lassen, ist für ein junges Psycho-Pokémon gar nicht so einfach. Der Ball hat ein gewisses Eigengewicht, was erst einmal gestemmt werden muss. Also kurz gesagt: Fabula muss Gewichte heben, nicht körperlich, sondern mit dem Geist. Und je größer und schwerer das Gewicht wird, desto mehr muss sie sich anstrengen.« Louna verstand. Es war nichts anderes, als wenn sie ins Fitnessstudio gehen würde, um Gewichte zu heben, um dadurch ihre Arm- und Beinmuskulatur zu trainieren.
    »Das ist interessant. So habe ich das noch gar nicht gesehen«, gestand sie und nickte May zu. Diese bat Melodia darum den Ball zu ihr zurückzubringen. Auch wenn Arcus diesem noch nachjagte, Melodia hatte keine große Mühe damit den Ball wieder sicher in Mays Hände abzulegen. Danach übergab sie den Ball an Louna weiter, die es nun mit Fabula probieren sollte. Das kleine Pokémon hatte Melodia und den Ball beobachtet. May war sich sicher, dass Fabula bereits das Prinzip verstanden hatte, denn eine gewisse Intelligenz war auch den Fynx gegeben.
    »Okay Fabula, versuch dich mal auf den Ball zu konzentrieren und lass ihn genauso schweben wie gerade eben«, sprach Louna einfach zu ihrem Pokémon. Sie war sich zwar nicht sicher, ob Fabula sie richtig verstand, aber das würde sich gleich zeigen. Sie hielt ihrem Pokémon den Ball vor die Nase, um zu sehen, ob Fabula wusste, was sie damit anfangen sollte. Zuerst sah diese ein wenig ratlos drein und stupste mit der Nase den Ball an. Arcus schien auch eher im Spielmodus zu sein und wollte sich am liebsten den Ball schnappen, doch Louna hielt ihn zurück und ließ ihn Abstand nehmen. Er würde sich erst einmal gedulden müssen. Jetzt war Fabula an der Reihe!
    Noch wirkte Fabula unsicher, wie sie das alles bewerkstelligen sollte, weswegen Mays Kirlia sich neben sie stellte und Kontakt zu ihr aufnahm. Es war eine stille Kommunikation, die die Menschen so nicht hören konnten. Aber May verstand, dass ihr Kirlia zu Fynx gedanklich sprach und zwar so, dass es auch Fabula verstand. Die Intelligenz der Pokémon war ganz außergewöhnlich und teilweise auch sehr anders als die von Menschen.
    Melodia ließ den Ball kurz in die Luft schweben, ehe sie ihn wieder in Lounas Hände ablegte. Das Spielchen wiederholte Melodia ein paar Mal, um Fabula begreiflich zu machen, was von ihr verlangt wurde. Dann sollte sie es ebenfalls probieren und man konnte richtig gut in ihrem Gesicht ablesen, wie sie sich versuchte zu konzentrieren. Louna spürte wie sich der Ball in ihrer Hand leicht bewegte, doch von Schweben war noch keine Spur zu sehen. Fabula schnaufte auf, als hätte sie gerade einen langen Lauf hinter sich. Offenbar war es schwieriger als gedacht. Das überraschte Louna, denn bei Melodia hatte das alles so einfach ausgesehen. Auch May verstand das Problem und sah sich kurz um, ehe sie ein paar Schritte wegging, sich bückte, um etwas aufzuheben und zu Fabula zurückkehrte.
    »Schau mal, versuche es mit diesem Blatt«, schlug sie Fabula vor. Ein einfaches Laubblatt wog im Gegensatz zu dem Ball fast nichts. Sie würden ganz klein anfangen müssen. Melodia gab wieder eine kleine Starthilfe und brachte das Blatt zum Schweben, ehe Fabula es ihr nachmachen sollte. Angestrengt konzentrierte sich das kleine Feuer-Pokémon auf das Laubblatt und schaffte es schon eher dieses in Bewegung zu versetzen. Doch diesmal war es etwas zu heftig. Während Melodia das Laubblatt eher sanft bewegt hatte, beförderte es Fabula mit einem heftigen Ruck in die Luft. Das war etwas zu stark gewesen.
    »Fabula muss nicht nur lernen ihre Kräfte einzusetzen, sondern auch, wie stark oder schwach sie diese nutzen kann«, erklärte May, da Louna fragend zu ihr sah.
    »Das wird schon noch«, sagte May zuversichtlich und die beiden Damen verbrachten einige Zeit damit Fabula Anweisungen zu geben und mit ihr zu üben. Fabula musste herausfinden, wie sie ihre Kräfte nutzen konnte, um ein leichtes Laubblatt schweben zu lassen, während bei dem Ball ein bisschen mehr Kraft von Nöten war, um ihn überhaupt zu bewegen. Diese Unterschiede mochten auf den ersten Blick kaum der Rede wert sein, aber aller Anfang war schwer. Und so würden sie sich alle darum bemühen, dass es funktionierte.



  • 42. KapitelRivalenkampf


    Es war ein phantastischer Tag! All der Stress durch die Prüfung löste sich in Luft auf, als Louna dabei beobachtete, wie ihr eigenes Pokémon dazu lernte. Sie sah, wie Fabula den Ball in der Luft schweben ließ. Noch steckte viel Anstrengung dahinter und Fabula musste sich gewaltig konzentrieren, aber dass sie ihn überhaupt in der Luft halten konnte, ohne dass er zu Boden fiel, war ein enormer Schritt. Auch wenn es nach einer Kleinigkeit aussah, es steckte viel mehr dahinter.
    Das alles hatten sie May zu verdanken, die bei dem Training half. Louna war ihr so dankbar und sah in der anderen Trainerin bereits eine Freundin. Wie sollte sie das alles wieder gut machen?
    »Es ist schön zu sehen, dass Fabula noch am gleichen Nachmittag solch einen Fortschritt zeigt«, sagte May zufrieden und lächelte. Sie hatte ihre langen, braunen Haare zu einem Zopf gebunden, damit ihr die Strähnen nicht ins Gesicht fielen. Ihre Arme waren vor ihrem femininen Körper verschränkt und ihr eigenes Pokémon stand neben ihr und beobachtete ebenfalls Fabula beim Training.
    Das graue Fynx zeigte viel Ehrgeiz, was man ihm gar nicht zugetraut hätte, wenn man bedachte, wie schüchtern es am Anfang gewesen war. Louna war unheimlich stolz auf Fabula und probierte nun mit ihr und dem Ball zu spielen. Auch das war eine Idee von May gewesen. Es war gut und schön, dass Fabula von sich aus den Ball mittlerweile in der Luft halten konnte, doch der nächste Schritt war, diesen in seiner bereits vorhanden Bewegung telekinetisch aufzufangen. Schritt für Schritt würden sie sich annähern müssen, bis Fabula keine großen Schwierigkeiten mehr besaß, andere Dinge zu bewegen. Daher warf Louna vorsichtig den Ball Richtung ihres Fynx. Dieses sollte nun den Ball auffangen, doch das sah leichter aus als gedacht. Der Ball kam direkt auf das kleine Pokémon zu geflogen und man konnte richtig in Fabulas Gesicht erkennen, wie angestrengt sie versuchte mit Hilfe ihrer Fähigkeiten den Ball zu stoppen, damit er in der Luft stehen blieb. Doch sie war nicht schnell genug und musste dem Ball ausweichen, ehe er ihr noch auf den Kopf fiel. Fabula fiepste erschüttert auf, während May sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Auch Louna lächelte darüber, besonders weil sie Arcus sah, wie er dem Ball nachjagte, der springend davon flog. Wie praktisch, dass ihr Fukano sich dazu bereit erklärte, den Ball wieder zurück zu bringen. Als Arcus diesen nämlich gefangen hatte und ins Maul nahm, kam er mit erhobenem Haupt zurück gelaufen, ganz stolz über seine Jagdtrophäe.
    »Komm Arcus, gib mir den Ball«, forderte Louna und ging in die Hocke, um den Arm auszustrecken. Arcus sah im ersten Moment so aus, als müsste er überlegen, ob er sich wirklich vom Ball trennen wollte, doch dann überließ er ihn seiner Trainerin, die sich abermals an ihr Fynx wandte. Das Spiel ging von vorne los und Arcus bekam noch einige Male die Chance, dem Ball nachzulaufen, weil Fabula noch ein paar Probleme damit hatte, das bewegte Objekt mit ihren Kräften zu erfassen. Das machte aber nichts. Aller Anfang war schwer und sie würden wortwörtlich am Ball bleiben. Irgendwann würde es schon klappen. Immerhin erzielte Fabula bereits die ersten Erfolge, doch man sah ihr auch an, dass das Training sie ermüdete. Da sie es für heute nicht übertreiben wollten, legten sie schon bald eine Pause ein und Fabula wurde mit ihren Lieblingsbeeren belohnt. Ein paar Beeren hatte Louna nämlich in einer kleinen Schachtel dabei, die sie jetzt ihrem Pokémon reichen konnte. Auch Arcus bekam etwas, nämlich Pofflés, die Louna mitgebracht hatte. Es hatte etwas gedauert, bis sie herausgefunden hatte, welche Sorte Arcus besonders mochte, aber nachdem das klar war, wusste sie ganz genau, wie sie ihn bestechen konnte. Schmatzend nahm er einen der Pofflés entgegen und wirkte unheimlich zufrieden.
    Während sich Louna um das leibliche Wohl ihrer Pokémon kümmerte, bemerkte sie gar nicht, dass ein weiterer Trainer dazu kam. May hatte ihn vorhin kontaktiert, als Louna mit dem Training ausreichend beschäftigt gewesen war. Erst als Dash die beiden Damen fast erreicht hatte, sah Louna auf und staunte nicht schlecht.
    »Du reitest auf Diego?!«, stellte sie erstaunt fest, da Dash auf seinem ausgewachsenen Zebritz saß. Ganz lässig, ganz cool grinste er sie an und ließ sich sodann vom Rücken seines Pokémons hinab gleiten.
    »Na, aber sicher doch!«, antwortete er ihr und tätschelte Diegos gestreiften Hals.
    »Macht doch Sinn, oder nicht? Zugegeben, am Anfang war es etwas schwierig, da Diego ziemlich störrisch war, aber jetzt ist es ein praktisches Fortbewegungsmittel«, erklärte Dash und wurde danach erst mal richtig von den beiden anderen Trainerinnen begrüßt.
    Sein Zebritz durfte als Dank ein wenig auf der Wiese allein umher traben und sich das frische Gras schmecken lassen. Doch ganz so allein waren sie nicht. Neben Zebtritz war auch Asuka außerhalb ihres Pokéballs. Das Alola-Raichu war kaum mehr von Dashs Seite wegzudenken. Louna musste lachen, als sie sah, wie sich Asuka an Dashs Schultern schmiegte und den Kopf gegen Dashs Wange rieb. Dabei hielt sie sich immer noch selbst mit ihren Kräften in der Luft.
    »Sieht aus, als wenn dein Raichu sehr anhänglich ist«, kommentierte May das Bild und Dash grinste erneut.
    »Das kannst du laut sagen. Ich bekomme sie kaum noch los!«, meinte er und hörte Asukas Ruf zustimmend neben seinem Ohr. Nicht nur das, da sie auch psychokinetische Fähigkeiten besaß, ließ sie immer wieder ihre Gefühle auf ihn einwirken, so dass er wusste, dass sie im Augenblick unheimlich zufrieden war. Obwohl er Asuka noch gar nicht solange besaß, war sie bereits sehr zutraulich ihm gegenüber. Dash war das nur recht. Dieses süße Pokémon hatte es verdient einen guten Trainer zu besitzen und auch wenn er nicht angeben wollte, aber genau das war er nun mal. Er kümmerte sich sehr gut um seine Pokémon und würde keines von ihnen so schlecht behandeln, wie es der Trainer getan hatte, der vor ihm Asuka besessen hatte.
    »Hey Dash, wie gut kann Asuka eigentlich ihre Psychokräfte einsetzen?«, wollte Louna wissen. Wenn es heute schon darum ging und Asuka auch da war, dann konnten sie das doch gleich mal bereden, oder?
    »Willst du eine Kostprobe haben?«, fragte Dash und sah sie auffordernd an. Seine braunen Augen blitzten förmlich auf.
    »Äh, wenn du damit einen Kampf meinst: Nein danke!«, sagte Louna schnell und hob abwehrend die Hände. Sie schätzte Dash als Freund und Trainer, aber wusste gleichzeitig, dass er kein einfacher Gegner war. Auch wenn das zwischen ihnen nur ein Übungskampf war, wollte Louna lieber erst einmal mit ihren Pokémon allein trainieren, ehe sie den nächsten Übungskampf bestritt. Ihr war es wichtig, dass Fabula ihre Kräfte richtig kontrollieren konnte, ehe sie beide in einen Kampf übergingen. Das war ihr Plan. Bis dahin würden sie sich alle gedulden müssen.
    »Mhm, okay«, sagte Dash und wandte sich an Asuka.
    »Hey Liebes, möchtest du nicht trotzdem mal zeigen, was in dir steckt?« Dash redete ganz normal mit seinem Pokémon, weshalb Louna glaubte, dass Asuka gleich direkt antworten würde. Das tat sie auch, aber nicht so wie ein Mensch mit menschlicher Stimme, sondern indem sie auf ihrem Schweif ein paar Meter davon schwebte. Sie war allein deswegen schon beeindruckend, dass sie ihren eigenen Körper in der Luft halten konnte, weswegen auch Fabula aufsah und sie beobachtete.
    Asuka drehte eine Runde über die Wiese, auf der auch zahlreiche wilde Blumen blühten. Während sie über diese hinweg schwebte und dabei aussah, als würde sie über das Blumenmeer surfen, lösten sich hier und da einige Blüten und schwebten in die Höhe. Louna staunte, denn wie viel Konzentration brauchte es, nicht nur ein Objekt zu bewegen, sondern gleich zahlreiche? Immer mehr Blüten und auch Blätter wurden in die Luft gestoben und begannen um Asuka zu kreisen, die mittlerweile mitten in der Luft stehen blieb. Sie stand noch immer auf ihrem Schweif und bewegte ihre Vorderbeinchen in die Höhe, als würde sie wie ein kleiner Dirigent über das Blütenmeer befehligen.
    Louna beobachtete mit immer größer werdendem Staunen den Tanz der Blüten, der sich vor ihr und um Asuka abspielte. Mittlerweile sah es wie ein kleiner Tornado aus, nur weniger schnell und weniger gefährlich. Es erinnerte Louna an die tanzenden Dressellas in Escissia bei dem Fest, welches sie mit Soul besucht hatte.
    Der Blütensturm, wenn man es so nennen wollte, kreiselte immer weiter und höher und formte über Asuka ein Gebilde aus bunten Farben, bis Asukas Backentaschen britzelten und einen Blitz in die Höhe schießen ließen – direkt ins Blütengebilde. Dieses stob daraufhin auseinander und rieselte als winzige Partikelchen zu Boden, dabei glitzerte es im warmen Sonnenschein. Es sah aus, als hätte ein Papinella den Silberstaub eingesetzt, nur dass hier und da noch immer die Farben der Blütenblätter zu sehen waren.
    Über ihnen konnte Louna einen dunklen Schatten sehen. Er war noch viel höher, als Asuka, flog aber einige Runden über sie hinweg, bis er wieder verschwand. Das war seltsam, denn er erinnerte Louna an ein Kramshef. Doch davon ließ sie sich nicht weiter ablenken. Sie war hellauf begeistert und angetan von dem Anblick, den Asuka ihnen geboten hatte. Sie konnte nicht sagen, ob es der Blitz gewesen war, der die Blüten auf diese Weise auseinander stoben ließ oder ob nicht am Ende Asukas Psychokräfte die Ursache dafür gewesen waren. Der Blitz dann nur als kleiner Spezialeffekt. Vielleicht war es ja wirklich beides, was dazu geführt hatte, dass sie nun vom Blütenstaub und -glitzer berieselt wurden?
    »Wow Dash, du könntest mit Asuka locker bei einem Wettbewerb mitmachen!«, merkte May an, die genauso fasziniert war wie Louna.
    »Wie hast du Asuka so einen Trick beigebracht?«, wollte Louna unbedingt von ihr wissen. Das Alola-Raichu schwebte bereits zu ihnen zurück und schmiegte sich wie vorhin an Dashs Seite.
    »Ganz einfach: Ich habe ihr gedanklich Bilder gezeigt, was sie tun soll und das hat sie mit ihren Kräften umgesetzt«, erklärte er. Für Louna klang das alles andere als »ganz einfach«!
    »Das … verstehe ich ehrlich gesagt nicht«, gab sie zu.
    »Dank Asukas Psychokräfte kann ich mit ihr auf eine ganz andere und neue Weise kommunizieren als mit meinen anderen Pokémon. Das ist das Besondere an Psycho-Pokémon. So war es mir möglich ihr zu erklären, was ich von ihr wollte und sie konnte es dank der gedanklichen Bilder verstehen und umsetzen«, versuchte es Dash erneut. Louna begriff, dass Psycho-Pokémon im Gegensatz zu manch anderen Arten noch etwas ganz Spezielles waren. Sie blickte auf Fabula hinab, die neben ihr saß und zu ihr hinauf sah. Nachdenklich betrachtete sie diese und fragte sich, ob sie eines Tages auch auf diese Weise mit Fabula kommunizieren konnte. Schon jetzt besaß sie den Eindruck, dass Fabula sie mit intelligenten Augen betrachtete und mehr von ihr verstand, als sie bisher glauben wollte. Sie hob vorsichtig Fabula auf ihre Arme und kraulte sie unterm Kinn. Diese schloss die Augen und schmiegte ihren Kopf kurz an ihre Wange. Ihr Vertrauen hatte sich schon mal. Irgendwann würden sie sich vielleicht auch auf einer ganz anderen Ebene miteinander austauschen können. Wünschenswert wäre es, denn Louna fand das unheimlich spannend, was die beiden anderen Trainer ihr gezeigt und erklärt hatten.


    Gemeinsam hatten sie sich auf die Wiese gesetzt und genossen die Nachmittagssonne. Im Hintergrund grasten Arabélle und Diego seelenruhig, ohne sich von etwas anderem ablenken zu lassen. Dash gab nicht nur Asuka Freilauf, sondern auch Raku und Kuro. Sein Blitza lief auf der Wiese hin und her und verfolgte neugierig ein paar interessante Gerüchen, die es witterte. Solange Raku in der Nähe blieb, störte sich Dash nicht daran, dass seine Pokémon nicht direkt an seiner Seite blieben. Kuro, sein andersfarbiges Frizelbliz, hingegen blieb lieber in der Nähe. Das lag auch daran, dass er genauso viel Lust hatte zu spielen wie die anderen. Neben Adia, Lounas Leufeo, und Chiari, ihrem Evoli, hatte Dash noch seine anderen beiden Pokémon aus den Bällen gelassen. Da war zum einen sein Luxio, welches eine ähnliche Statur besaß wie Adia, nur dass es ein bisschen größer war. Adia war einfach viel jünger und daher noch ein bisschen kleiner. Das hielt das Feuer-Pokémon aber nicht davon ab, sich spielerisch auf das Elektro-Pokémon zu werfen. Louna konnte lachend beobachten, wie die beiden über die Wiese kullerten. Dash hätte schon mal früher erwähnen können, dass er ein Luxio besaß! Es war der perfekte Spielpartner für Adia, da die beiden ähnlichen Pokémon-Arten angehörten. Sie wussten, wie sie miteinander umgehen mussten und wie sie ihre Kräfte einsetzen konnten. Das war ideal und erfreute Louna. Adia hatte in Dashs Luxio einen guten Freund gefunden! Das schwarze Fell des Elektro-Pokémons schimmerte in der Sonne teilweise bläulich auf. Leuchten taten auch die Streifen an seinen Vorderbeinen, wenn Elektrizität durch seinen Körper floss. Ähnlich wie die Schwanzspitze, dessen Fell sternenartig wirkte. Es war süß die beiden Pokémon zu sehen, die so ausgelassen miteinander spielten.
    Dashs anderes Pokémon, welches Louna auch heute zum ersten Mal sah, war noch ein Waaty. Dieses war allerdings weniger am Spielen interessiert. Dash erklärte ihr, dass es eher zur gemütlicheren Sorte gehörte und sich meistens aus der ganzen Aufregung heraus hielt. Daher entfernte es sich von den anderen und schloss sich dem Gallopa und dem Zebritz an beim Grasen.
    Während Dash sein Waaty damals in Johto erhalten hatte, wo er längere Zeit unterwegs gewesen war, um den ein oder anderen Arenaleiter herauszufordern, war er wegen seinem Luxio extra nach Sinnoh gereist. In einem Waldstück hatte er sich damals ein Sheinux gefangen, was er erst hatte zähmen müssen. Jetzt war sein Luxio sehr zutraulich, teilweise sogar verschmust, aber unterschätzen sollte es niemand. Die spitzen Zähne und Krallen war nicht das Gefährlichste an ihm. Der Trip nach Sinnoh war für ihn aufregend gewesen, aber lange Zeit hatte er sich dort nicht aufgehalten. Irgendwann würde Dash zwar dorthin zurückkehren, um auch andere Gebiete kennen zu lernen, doch zuerst würde er in Kalos bleiben.


    Louna ließ sich noch ein paar Geschichten von Dash erzählen. Ab und an warf auch May eine Frage mit ein. Die Trainer machten sich weniger Sorgen darum, dass ihre Pokémon frei umher tollten. Zwar sahen sie manchmal auf, aber im Großen und Ganzen war die Lage sehr ruhig und sie brauchten sich keine Sorgen machen.
    Raku, Dashs Blitza, entfernte sich ungehindert von den anderen und verfolgte eine interessant riechende Fährte. Dass dabei Chiari ihm nachlief, bemerkte Raku erst, als es schon zu spät war und er erschrocken einen Satz nach vorn machte, als sie ihn von hinten ansprang. Dieses kleine Gerangel der beiden Pokémon blieb nicht unentdeckt. Irgendwann bemerkte nämlich Louna, dass Chiari mal wieder ihren Artgenossen gewaltig auf die Nerven ging. Das gleiche Spiel gab es auch immer mit Nero, Souls Nachtara. Auch wenn die ausgewachsenen Pokémon einem fast leid tun konnten, dass so ein quirliges Evoli sich immer wieder auf sie stürzte, so war der Anblick doch immer sehr erheiternd. Louna musste deswegen lachen, als sie sich mit Dash den beiden näherte. Ihr kam dabei nicht in den Sinn, Raku vor Chiari zu »retten«. Schlussendlich gingen sowohl Nero als auch Raku immer sehr vorsichtig mit Chiari um. Wenn es den beiden doch einmal zu viel wurde, konnten sie es immer noch zeigen. Doch die Artgenossen von Chiari hatten vermutlich schon von Anfang an begriffen, dass es Chiari nur ums Spielen ging. Sie war einfach so jung und viel zu niedlich, als dass man sie deswegen rügen wollte.
    Ein Schatten über ihnen ließ Louna den Kopf in den Nacken legen. Da die Sonne noch sehr hell war und sie blendete, legte sie eine Hand über ihre Augen, um einen Schatten zu werfen und damit besser sehen zu können. Dabei entdeckte sie das schwarze Vogel-Pokémon, welches sich in der Nähe auf einem Baumast niederließ.
    »Ein Kramshef?« Da sie diese Pokémon-Art dank Soul recht gut kannte, war es auch kein Problem, sie zu erkennen. Doch was machte ein Kramshef hier? War es vielleicht das selbe, welches sie schon vorhin über sie hinweg fliegen sah? War das vielleicht sogar sein Revier? Raku war der Erste, der sich dem Vogel-Pokémon näherte, aber es war außerhalb seiner Reichweite. Auf den Baum klettern konnte Raku nämlich nicht. Was ihn nicht davon abhielt neugierig unter dem Baum entlang zu laufen.
    »Es scheint keine Scheu zu haben«, stellte Louna fest, die sich mit Dash ebenfalls dem Kramshef näherte. Das Pokémon beobachtete sie aus seinen roten Augen. Musste sich Louna Sorgen machen? So ein kleines Evoli war bestimmt ein guter Snack für ein so großes Vogel-Pokémon. Doch da bemerkte sie den Ring, um das Bein des Pokémons. Es gehörte jemanden und war kein wildes Exemplar! Sie kannte nur einen Trainer, der ein Kramshef besaß, doch konnte es wirklich sein, dass Soul in der Nähe war? Louna wollte es kaum glauben, sah sich aber dennoch um, ob sie den sonst so miesepetrigen Trainer irgendwo entdecken konnte.
    Derweil drehte sich das Kramshef um und wechselte seine Position auf dem Ast. Raku musterte es noch immer von unten, bis er auf einmal sehr erschrocken zur Seite springen musste.
    »Was zum … ?« Dash traute kaum seinen Augen. Das Kramshef hatte sich ernsthaft erdreistet sich umzudrehen und dann einfach mal zu defäkieren! Mit anderen Worten: Wäre Raku nicht zur Seite gesprungen, hätte dieses Kramshef ihm direkt auf den Kopf gekackt.
    Es war wirklich nicht einfach, sich in diesem Moment zusammenzureißen und keinen spitzbübischen Kommentar dazu abzulassen. Dennoch war das Bild einfach zu köstlich gewesen. Welch glücklicher Zufall, dass Soul dieses Spektakel nicht verpasst hatte, obwohl er es fast ein bisschen schade fand, dass Alice Raku nicht getroffen hatte. Lustig wäre es allemal gewesen. Wenn auch nicht für den Trainer, denn als Dash den ankommenden Soul entdeckte und ihm klar wurde, dass dieses Kramshef wirklich zu ihm gehörte, wurden bitterböse Blicke ausgetauscht. Ganz gleich, dass Soul seine Sonnenbrille auf der Nase trug.
    »Soul, was machst du … ?«, begann Louna, die ihn fragen wollte, was er hier zu suchen hatte. War das nur ein Zufall oder pure Absicht? Sie kam nicht dazu, ihre Frage auszusprechen, da stapfte Dash auch schon wütend an ihr vorbei.
    »Sag mal, geht‘s noch? Kannst du deinen Pokémon nicht Manieren beibringen, oder was?«, wollte Dash wissen, der sich darüber echauffierte, dass Alice fast Raku angegackt hatte. Louna musste sich nun auch zusammenreißen nicht darüber zu lachen. Sie wollte Dash nicht noch mehr aufregen, aber angesichts der Lage war das gar nicht so einfach. Soul hob nur die Schultern und wirkte sehr gelassen.
    »Was raus muss, muss raus«, sagte er trocken, weshalb Louna sich nun den Mund fest zuhielt.
    Nicht lachen … niiiicht lachen!
    Leider half das nicht Dashs Wut einzudämmen, im Gegenteil, er regte sich nur noch mehr auf.
    »Mir stinkt deine Arroganz zum Himmel!«, regte er sich weiter auf. Soul blieb immer noch ruhig, wirkte geradezu nachdenklich.
    »Ich glaube nicht, dass ich das bin. Eher …«, setzte er an und sah kurz zum Häufchen, welches Alice hinterlassen hatte. Diese saß immer noch königlich auf ihrem Ast, als hätte sie nie etwas verbrochen. Warum regte man sich auch so auf?
    »Jetzt reicht‘s! Ich fordere dich heraus! Hier und jetzt!«, brüllte Dash Soul an und überraschte alle Beteiligten. Die beiden waren sich noch nie grün gewesen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie erneut gegen einander kämpften. Leider wusste Louna nicht, wem sie die Daumen drücken sollte. Dash, der für sie ein guter Freund war? Oder Soul, den sie trotz seiner Art mochte?
    »Ist das dein Ernst?«, wollte Louna nur wissen und sah Dash grimmig nicken, der Soul nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.
    »Sicher! Oder hat seine Königliche Hoheit vielleicht Angst vor einem Kampf?«, wollte Dash wissen und provozierte absichtlich Soul. Zumindest versuchte er es. Die Sonnenbrille verhinderte, dass man Souls genaue Emotionen erkannte.
    »Hmpf, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du gewinnen könntest?«, wollte Soul von ihm wissen. Offenbar ging er auf die Herausforderung ein.
    »Wenn das so ist, bin ich eure Schiedsrichterin. Ist das okay für euch?«, mischte sich May ein, die näher heran trat. Sie hatte die Situation aus der Entfernung beobachtet und war langsam näher gekommen. Wenn die beiden Herrschaften sich unbedingt bekämpfen wollten, dann wenigstens mit fairen Regeln. Damit diese auch eingehalten wurden, würde May ein besonders waches Auge darauf haben. Beide stimmten dem zu und Louna wusste nicht, was sie von allem halten sollte. Hoffentlich ging das gut. Sie konnte nicht mal ansatzweise einschätzen, wer von beiden gewinnen würde.


    Beide Kontrahenten hatten sich in Position gebracht. Auf der Wiese, auf der sie standen, war mehr als genug Platz, um einen Kampf auszutragen. May hatte den beiden Trainern klar gemacht, wo die Grenzen des imaginären Kampffeldes waren. Sie stand quasi in der Mitte, allerdings am Rand, um alles so gut es ging im Auge zu behalten.
    Louna war ziemlich nervös. Sie wusste noch immer nicht, wen sie anfeuern sollte und konnte mit keinerlei Sicherheit sagen, wer von beiden am Ende gewinnen würde. Wer war stärker? Sie hatte beide Trainer schon kämpfen sehen, aber noch nie gegeneinander. Sie wusste nur, dass Soul schon mal gegen Dash gekämpft hatte und seitdem waren die beiden Rivalen. Aus welchen Gründen auch immer. Die beiden waren in der Hinsicht so stur, dass sie nicht wirklich viele Erklärungen abgaben. Vielleicht war es aber auch einfach nur eine typische Ich-kann-den-Typ-nicht-ausstehen-Situation.
    »Jeder von euch kann nur ein einziges Pokémon einsetzen. Wenn ein Pokémon besiegt wird oder wenn ein Trainer aufgibt, ist der Kampf beendet«, erklärte May mit lauter Stimme, damit alle sie hörten.
    Die Pokémon-Wahl der beiden Trainer überraschte Louna nicht im geringsten. Dash hatte natürlich Raku gewählt, der nicht auf sich sitzen lassen konnte, fast von Alice … na ja. Am besten nicht weiter darüber nachdenken. Auf der anderen Seite hatte Soul sein Nachtara aus dem Ball gerufen, so dass sich nun zwei Evoli-Entwicklungen gegenüber standen. Das würde ganz gewiss ein spannender Kampf werden. Umso schwieriger würde es werden, sich für eine Seite zu entscheiden. Louna mochte nicht nur beide Trainer, sondern auch beide Pokémon.
    »Oh je«, seufzte sie. Sollte sie am Ende mit dem Verlierer Mitleid haben und dem anderen gratulieren? Was für eine verzwickte Situation!
    »Mhmmm«, brummte Louna weiter vor sich hin und wurde ganz nachdenklich. May gab das Startsignal und beide Pokémon liefen aufeinander zu, kaum dass ihre Trainer den Angriffsbefehl gegeben hatten. Sie würden ihrem Rivalen nichts schenken und gar nicht erst abwarten, bis der andere handelte. Das könnte ein sehr dynamischer Kampf werden! Doch gerade in diesem Moment wurde Louna eines klar. Es fiel ihr förmlich wie Schuppen von den Augen, weswegen sich diese weiteten.
    »Ah, das gibt’s doch nicht!«, sagte sie erschrocken und griff nach Mays Arm. Louna war ganz aufgeregt und riss May aus der Konzentration. Kein guter Zeitpunkt, da sie doch aufpassen musste, dass der Kampf mit rechten Dingen vonstatten ging!
    »Was ist denn los?«, wollte May verwirrt wissen, als Louna auf die beiden kämpfenden Pokémon deutete.
    »Licht und Schatten, oh Himmel, warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen?«, meinte Louna nur ganz aufgeregt.
    »Was?« May kam ihren Gedanken nicht nach und starrte Louna nur verständnislos an.
    »Na, Nero und Raku! Die beiden sind wie Licht und Schatten, verstehst du nicht? Ein epischer Kampf zwischen Dunkelheit und Licht!« May sah sie an, als hätte sie völlig den Verstand verloren.
    »Was in Herrgottsnamen ist in dich gefahren, bitte?«
    »Oh man, mir ist das bisher nicht aufgefallen, aber die beiden, also Soul und Dash, sind quasi wie die zwei Seiten einer Medaille. Soul als Unlicht-Pokémon-Trainer verkörpert das Dunkle und Dash als Elektro-Pokémon verkörpert das Licht. Wooow!« Louna hatte wirklich den Verstand verloren, oder? May sah sie jedenfalls immer noch so an, doch als sie ihren Blick wieder auf die kämpfenden Pokémon und deren Trainer warf, wurde ihr langsam klar, dass Louna mal gar nicht so Unrecht hatte. Soul war immer der finster drein blickende Typ, der auch stets schwarze Sachen trug. Gesellig war er nicht unbedingt, auch wenn er auffallend oft in Lounas Nähe auftauchte. Auf der anderen Seite war Dash, der Elektro-Pokémon trainierte. Diese konnten durchaus als Lichtquelle mit ihrer Energie dienen, so dass der Vergleich gar nicht mal so weit an den Haaren herbei gezogen war. Apropos Haare, während Soul schwarzhaarig war, besaß Dash blondes Haar. Außerdem kleidete sich Dash nicht so dunkel und war allein von der Persönlichkeit ein viel lebensfroherer Mensch. Wenn man so will also genau das Gegenteil von Soul. Als May das erkannte, wurden auch ihre Augen größer, da sie aus dem Staunen kaum heraus kam.
    »Oh, kein Wunder, dass die beiden sich nicht leiden können!«, stellte sie fest, weswegen Louna sie seltsam von der Seite musterte.
    »Das … hatte ich nicht ausdrücken wollen«, sagte Louna, musste aber insgeheim May Recht geben. Sicherlich war das alles nur ein dummer Zufall, dass die beiden so wirkten. Wenn sie Soul und Dash erzählten, zu welcher Erkenntnis sie gekommen waren, würden die beiden bestimmt ihnen den Vogel zeigen. Aber schlussendlich war es auch gar nicht so falsch. Die beiden Trainer mochten sich wohl gerade deswegen nicht, weil sie so verschieden waren.
    »Nadelrakete!«, brüllte Dash und sein Blitza ließ sein Fell durch Elektrizität stachelig werden, so dass kurz danach spitze Haarnadeln Richtung Nero schossen. Soul befahl seinem Nachtara auszuweichen, doch so flink Nero war, so wurde er doch von einigen elektrischen Nadeln getroffen und zog sich deshalb ein Stück zurück. Wenn es um Schnelligkeit ging, war Raku auf jeden Fall eine Spur schneller. Nero würde diese Schnelligkeit mit seiner eigenen Verteidigung ausbügeln müssen.
    »Los Nero, setz Konfustrahl ein!« Es gab kaum eine Pause für die Pokémon. Sie hetzten immer wieder gegeneinander und die Trainer gönnten sich einfach nichts. Louna beobachtete, wie Neros helle Fellringe aufleuchteten und über seiner Stirn eine Art Lichtkugel entstand, die kurzerhand auf Raku geworfen wurde. Obwohl Raku versuchte dieser auszuweichen, schien diese ihn zu verfolgen, bis sie ihn traf. Dash fluchte auf, denn er musste mit ansehen, wie sein eigenes Pokémon in einen verwirrten Zustand versetzt wurde. Leider konnte er nicht viel dagegen machen und musste beobachten, wie Raku sich im Kreis drehte und versuchte sich selbst zu beißen. Das war einfach nur lächerlich, doch wie konnte die Verwirrung wieder aufgehoben werden?
    Louna begann auf ihrem Daumennagel herum zu kauen. Normalerweise machte sie so was nicht, doch sie wurde nervös. Um Raku sah es gerade nicht gut aus, aber sollte sie deswegen Soul anfeuern? Sie war so hin und her gerissen!
    Derweil schickte Soul sein Pokémon wieder in den Angriff, so dass Nero auf Raku zu lief und es mit voller Breitseite traf. Die Finte musste nicht einmal angedeutet werden, weil Raku zu verwirrt war, um überhaupt zu bemerken, wo der Gegner herkam. Dennoch half dieser direkte Treffer, um wieder zu klarem Verstand zu kommen. Dash reagierte sofort und befahl Raku den Doppelkick. Louna war überwältigt davon, wie ratzfatz die Jungs die Befehle ausspien. Das alles lief teilweise innerhalb von wenigen Sekunden ab, in denen sie reagieren mussten und Entscheidungen trafen. Allein dass ihre Pokémon auch noch so zeitnah reagierten und handelten, war erstaunlich. Mussten sie überhaupt darüber nachdenken, was sie taten? Louna sah, wie sich Raku auf seine Vorderpfoten stützte, damit er seine Hinterbeine dafür verwenden konnte, nach Nero zu treten. Tatsächlich traf er auch, so dass Nero zurück geschleudert wurde. Doch der Treffer war nicht der Rede wert. Nero konnte ihn recht gut wegstecken und der Kampf ging weiter.
    »Die beiden sind gleich stark. Man kann überhaupt keine Prognose abgeben, wer gewinnen wird«, hörte Louna May neben sich sagen. Als sie wieder zu den beiden Pokémon sah, bekam sie gerade noch mit, wie Soul es mit einer Psychoattacke versuchte.
    »Wie bitte? Nero beherrscht auch noch Psychokinese?« Das hatte sie nicht gewusst. Sie wusste, dass Saphira, Souls Absol, eine Psychoattacke beherrschte, aber dass auch Nero in der Lage war, erstaunte sie.
    »Na, sieh einer an. Noch jemand, der dir beim Training mit den Psychokräften helfen kann«, amüsierte sich May. Beide Trainerinnen beobachten die Auswirkungen der Attacke, denn Nero hatte es geschafft Raku festzuhalten. Ganz mit seinen eigenen Psychokräften. Raku konnte sich keinen Millimeter mehr bewegen, obwohl Dash ihn dazu anhielt, dass er sich aus dieser Attacke befreien musste.
    »Komm schon Raku, gib nicht auf!« Doch Raku stand felsenfest und schaffte es nicht auch nur sein linkes Vorderbein nach vorn zu strecken. Man erkannte die Anstrengung, die Raku dafür aufbrachte, sich aus dieser Attacke zu befreien, während Nero selbst stillstand und hochkonzentriert war. Nicht nur seine hellen Fellringe leuchteten, sondern auch seine Augen. Im Dunklen hätte das sicher noch beeindruckender ausgesehen, aber sicher auch furchteinflößender. Gut, dass noch die Sonne über dem Horizont stand und sie alle noch genug sehen konnten. Wäre es dunkel gewesen, hätte Nero seine Unlichtfähigkeiten noch viel besser ausnutzen können.
    »Raku, probier deinen Donnerblitz!«, rief Dash seinem Pokémon zu. Sein Blitza bemühte sich redlich und stieß einen Schrei aus, als es so viel Kraft aufbringen konnte, um die Elektrizität in seinem Körper auszustoßen. So stark Neros Psychokräfte auch waren, so war er nicht in der Lage diesen Stromschlag zurückzuhalten. Ein Blitz schoss durch die Luft direkt auf Nero zu. Bevor dieser jedoch getroffen wurde, löste er die Psychokinese, die er auf Blitza gewirkt hatte und sprang zur Seite. So bohrte sich der Blitz direkt an der Stelle in den Boden, wo eben Nero noch gestanden hatte. Erde war aufgewühlt worden.
    »Keine Zurückhaltung, Spukball!« Falls man glaubte, dass nach diesem Attackenwechsel eine kurze Verschnaufpause bestehen würde, hatte man sich getäuscht. Soul wollte den Moment nutzen, indem Raku noch schniefend dastand und sich wieder sammelte, um anzugreifen. Nero reagierte sofort, sammelte seine Kräfte zusammen und ließ einen unheimlich dunklen Energieball entstehen, den er direkt auf Raku warf. Er war wesentlich gefährlicher als der Konfustrahl, den Raku zuvor abbekommen hatte. Das wusste auch Dash, der augenblicklich Raku befahl seinen Lichtschild zu aktivieren.
    Louna wusste gar nicht, wo sie zuerst hinsehen sollte. Während der dunkle Energieball auf Raku zuflog, ließ das Blitza zur selben Zeit eine Energiebarriere vor sich entstehen, um sich zu schützen. Der dunkle Energieball traf somit nicht direkt Raku, sondern prallte gegen die Energiewand, so dass eine Explosion ausgelöst wurde. Blütenblätter stoben in den Himmel auf, genauso wie Staub, der die Sicht versperrte. Lounas Herz raste, weil sie nichts mehr erkennen konnte. Gleichzeitig machte sie sich Sorgen um die Pokémon, da sie befürchtete, dass einer von ihnen verletzt worden war. Sie hoffte es nicht!
    Auch Dash war um sein Pokémon besorgt. Er konnte die Sorge ebenso von Asuka empfinden. Sein Alola-Raichu war nämlich die ganze Zeit in seiner Nähe gewesen und kletterte nun gerade wieder auf seinen Rücken und hielt sich an seiner Schulter fest.
    »Schon gut, Raku geht‘s gut«, murmelte Dash zu Asuka und tätschelte eher gedankenverloren. Seine braunen Augen suchten nach seinem Blitza, bis er es fand. Es war etwas außer Atem und keuchte, aber es stand noch auf allen vier Pfoten! Dash war zufrieden damit, denn der Kampf konnte weiter gehen!
    »Wird Zeit für ein paar Elektroschocks!«, rief Dash und Raku ging in den Angriff über. Noch bevor der restliche Staub verschwunden war, schoss Raku vorwärts und direkt auf Nero zu.
    Soul hob die Mundwinkel nach oben. Er konnte Dash zwar nicht leiden, doch dieser Kampf war genau nach seinem Geschmack. Während Raku seinen Stromstoß einsetzen wollte, befahl Soul Nero seine Finsteraura einzusetzen. Dieser Kampf war noch lange nicht entschieden …

  • Hallihallo, Alexia !


    Dir ist mal wieder ein tolles Kapitel gelungen. Einerseits waren ruhiger, andererseits amüsante Momente darin und alles wirkte gut aufeinander abgestimmt. Auch die Spannung kam nicht zu kurz, sodass man ein super Gesamterlebnis erleben durfte!

    Was mich aber immer ganz besonders freut, sind die kleinen Details. Nehmen wir die Tatsache, dass Psychopokémon bzw. psychisch veranlagte Pokémon nicht auf Anhieb im Mewtu-stil alles plattmachen können, sondern sich ihre Fähigkeiten mühsam erarbeiten müssen. Oder, dass die Pokémon deiner Protagonisten unterschiedliche Persönlichkeiten haben, wie das ruhigere Waaty von Dash. oder Arcus' hundegemäße Freude an Ballspielen. Oder, oder oder, diese Details und eigentlich nebensächlich erwähnten Sachen finde ich gerade am Faszinierendsten und ich meine auch, dass gerade die eine Geschichte viel glaubwürdiger und lebhafter gestalten!

    Der Blütensturmtanz war auch sehr toll beschrieben. Das hatte etwas wildes und zugleich sehr beruhigendes und faszinierendes an sich, das man sich sehr gut vorstellen konnte!

    Interessant finde ich auch die Überlegung der Kommunikation zwischen Mensch und (Psycho-)Pokémon. Da du Pokémon eher als Tiere siehst, ist es nur natürlich, dass die Kommunikation zu ihren Trainern nicht 1:1 verlaufen kann und es da Schwierigkeiten gibt. Dass man sich über Bilder/den Austausch von Gedanken aber möglicherweise besser verständigen kann, ist eine tolle Idee! Ich denke allerdings, dass Pokémon nach tierischem Vorbild ihre Menschen so schon besser verstehen können als den Zweibeinern bewusst ist, da Tiere Körpersprache ja ganz anders lesen als wr.

    Es gibt aber einen Punkt, der mir noch unklar geblieben ist. Du berücksichtigst doch die Typenwechselwirkungen, richtig? Woran liegt es, dass der Doppelkick bei Souls Nachtara kaum Wirkung zeigt? Ist es in Wirklichkeit nicht gleichstark wie das Blitza, sondern deutlich kräftiger, war die Attacke einfach nicht besonders stark oder steckt da noch etwas anderes dahinter?


    Es wird auf jeden Fall richtig spannend und wir können uns darauf freuen, zu sehen, wie der Kampf der beginnenden Rivalen ausgeht!


    glg


    ~ Sheo

  • 43. Kapitel - Misstrauen


    Der Beat war unglaublich und ging in jede Faser seines Körpers über. Dash spürte die Melodie und den Drang sich zum Takt der Musik zu bewegen. Es war das, was ihn ausmachte. Das, was seine große Leidenschaft definierte. Schon als kleiner Knirps hatte er nicht anders gekonnt und sich zur Musik bewegen müssen, wenn er sie gehört hatte. Alte Aufnahmen bestätigten dieses Verhalten, die im Schrank seiner Eltern gut verstaut waren und ab und zu wieder heraus geholt wurden, um sie erneut anzuschauen. Manche davon waren für Dash sehr peinlich. Andere aber zeigten sehr wohl seine Anfänge, wie er sich neue Schritte überlegte oder einfach von den großen Tänzern, die im Fernseher gezeigt wurden, die Bewegungen nachahmte. Er konnte sich an keinen Tag erinnern, wo er nicht diese Leidenschaft tief in sich spürte.

    Umso erfreulicher hatte er in Illumina City feststellen dürfen, dass die Tanzgemeinde gar nicht mal so klein war. Er brauchte nur die richtigen Orte, die richtigen Straßen und Hinterhöfe aufsuchen und würde auf die Menschen treffen, die die gleiche Mentalität wie er selbst besaßen. Allein tanzen machte Spaß, gerade wenn er sich wieder Neues ausdachte. Doch mit anderen diese Passion zu teilen, war für ihn ein viel größeres Glück. Er war froh darüber und genoss jede Sekunde. Außerdem fand er es wahnsinnig interessant, den anderen dabei zuzusehen, wie sie tanzten, welche Stile sie miteinander kombinierten oder welche neuen Moves sie benutzten. Von manch einem konnte er sich selbst noch was abgucken. Anderen wiederum konnte er sogar was beibringen. Dieser rege Austausch, ob nun direkt auf der Tanzfläche, oder in einem netten Gespräch, war genau das, was er immer wieder suchte. Sein großer Traum war daher, eines Tages auf einer großen Bühne zu stehen, Tausenden Menschen zu zeigen, was er drauf hatte und dabei ihre Herzen zu berühren. Mit seinem Tanz versuchte er eine Geschichte zu erzählen, ganz ohne Worte. Es reichte ihm schon, wenn nur ein paar Menschen ihn verstanden. Wenn sie ein Lächeln auf den Lippen trugen und angetan waren von dem, was sie sahen.

    Genauso erfreute es ihn, wenn andere neidvoll auf ihn sahen oder ihn direkt zu einem Tanz herausforderten. Auch das gehörte in die Szene dazu: Sich gegenseitig zu messen, die besten Moves zu zeigen, das Publikum entscheiden zu lassen, wer der Bessere war. Es war einfach großartig! Wenn das Adrenalin durch die Adern schoss, wenn die Menge begeistert tobte, seufzte, schrie und pfiff, wenn sie einem anerkennend zuklatschten und zujubelten.

    Ähnlich war es auch mit Pokémon-Kämpfen, doch auch wenn er diesen einiges abgewinnen konnte, stand bei Dash immer das Tanzen an vorderster Front.

    »Arigatō«, bedankte er sich bei Lucy, die mit ihm eben noch über den Boden gefegt war.

    »Das war unglaublich gewesen!« Lucy war eine wahnsinnig gute Tänzerin. Dash konnte neidvoll, aber auch anerkennend ihren Tanzstil bewundern. Er hatte sie direkt hier im Hinterhof kennen gelernt. Als Tänzer brauchte man nicht viel zu sagen. Man mischte sich ein, legte los, zeigte, was man drauf hatte. Genau das hatte Dash getan und damit ein paar neue Bekanntschaften in der Hauptstadt von Kalos geknüpft.

    »Mann Alter, du bist auch ziemlich gut«, grinste Lucy, nahm seine Hand und drückte sie fest. Die Frau hatte Power, das musste er ihr hoch anrechnen. Mit einer nebensächlichen Bewegung brachte sie die vorwitzigen blonden Strähnen wieder in Ordnung. Obwohl sie ihre langen Haare zusammengebunden hatte, waren bei all den Bewegungen einige Haarsträhnen heraus gerutscht.

    »Arigatō«, sagte er noch einmal und lächelte ihr zu. Ein anderer Tänzer klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, weswegen Dash es fast schon schade fand, dass er gehen musste. Er würde gerne länger bleiben, musste jedoch langsam zu seinem Hotel, um einzuchecken. Durch die Tänzer hier lief er Gefahr es zu versäumen.

    »Vielleicht sieht man sich wieder!?«, meinte Lucy und winkte ihm nach, als er sich verabschiedete.

    »Ich hoffe doch! Ich will später eine Revanche!“, rief er ihr zu und lachte. Lucy bestätigte es und freute sich bereits darauf.

    Dass er die Tänzer kennengelernt hatte, war Raku zu verdanken. Sein Blitza, welches oftmals neben ihm her lief, hatte ihm den Weg gezeigt. Sein Kumpel wusste einfach, worauf es ankam. Doch langsam wurde es Zeit, dass er sich um andere Angelegenheiten kümmerte. Mit seiner Reisetasche und zusätzlich seinem Gitarrenkoffer auf dem Rücken verließ er die Hintergasse. Er war nach Kalos gekommen, um die Musikszene ein wenig aufzumischen, aber auch, um den ein oder anderen Arenaleiter herauszufordern. Durch Kämpfe gegen andere Trainer konnte er sich zusätzlich noch ein bisschen Geld verdienen. Allerdings auch verlieren, wenn er nicht vorsichtig war. Kämpfe waren zwar spannend, aber sie brachten auch viel Verantwortung mit sich. Er würde sich deshalb auch erst einmal umsehen und die hiesigen Trainer abchecken, um zu ergründen, welche Kampfstile hier in Kalos verbreitet waren.

    Da Dash sich gerade nach links wandte, bemerkte er nicht, wie von rechts jemand angesaust kam. Deswegen verpasste er es auch, einen Schritt zur Seite zu machen, um auszuweichen. Dadurch wurde er von einem Fremden unsanft angerempelt und sie beide taumelten auf der Stelle. Glücklicherweise nicht so sehr, dass sie umfielen, aber unangenehm war die Situation trotzdem. Genauso wie der Blick des Fremden nicht gerade angenehm war. Richtig finster sah der Schwarzgekleidete Dash an, was jenen wiederum dazu veranlasste, nicht gerade freundlich zu fragen: »Kannst du nicht aufpassen?«

    »Pfft, was stehst du auch hier im Weg rum?«, entgegnete der Schwarzhaarige ihm, was Dash ziemlich wütend machte. Dieser Typ war doch angerannt gekommen! Er hätte aufpassen müssen, nicht Dash. Bevor er jedoch noch was darauf erwidern konnte, schien es der andere ziemlich eilig zu haben und rannte auch schon weiter. Dash sah ihm Kopfschüttelnd hinterher und danach auf sein eigenes Pokémon nach unten.

    »Was ist, Raku?«, wollte er wissen. Rakus Fell sträubte sich und stand daher in sämtliche Richtungen ab. Keine gute Idee ihn jetzt zu streicheln, wenn er keinen Stromschlag bekommen wollte. Das Knurren seines Pokémons war auch nicht gerade besänftigend. Dash runzelte die Stirn und blickte wieder auf, in die Richtung, in der der Typ davon lief. Hinter ihm rannte ein Nachtara her, was wohl zu ihm gehörte.

    »Ach so, verstehe.« Da hatte sich wohl in Raku einfach die Rivalität gemeldet. Nicht jedes Pokémon kam mit seinen Artgenossen aus. Bei Raku waren es vor allem männliche Artgenossen, die ihn reizten. Zwar nicht alle, aber gerade wenn die anderen genauso selbstbewusst waren wie er selbst, konnte es schon zu angespannten Situationen kommen.

    »Hey Kumpel, alles in Ordnung, beruhige dich wieder«, besänftigte Dash sein Pokémon, als er sich neben es gehockt hatte. Es brauchte einen Moment, bis Raku wieder sanftmütig war und Dash ihn ungehindert streicheln konnte, ohne geschockt zu werden.


    »Schau dir mal den Prismaturm an, Raku«, meinte Dash nebenbei und pfiff durch die Zähne. Mittlerweile hatte er das Zentrum erreicht und staunte bei der Architektur nicht schlecht. Raku antwortete ihm mit einem knappen Kläffen. Beide blieben sie stehen, um nach oben zu schauen. Da langsam die Sonne unterging, waren bereits alle Lichter am Turm hell erleuchtet. In der Nacht wirkte der Turm sicherlich noch beeindruckender!

    »Ich hab gehört, dass dort drin auch die Arena von Illumina sein soll. Der Leiter setzt angeblich Elektro-Pokémon ein. Was sagst du, Raku? Das wäre doch die perfekte Gelegenheit für uns!« Dash ballte seine Hand zu einer Faust und sah zu seinem Pokémon hinab, welches allzeit bereit wirkte. Sich mit anderen Elektro-Pokémon-Trainern zu messen, war für Dash unheimlich spannend. Gewinnen konnte man nur, wenn man geschickt die Fähigkeiten und Attacken seines Pokémon kombinierte. Einen wirklichen Typenvorteil gab es nämlich nicht. Es sei denn das eigene Pokémon konnte Attacken einsetzen, die die Vorteile ausnutzten.

    Ein gellender Schrei hielt Dash davon ab, sich in der Arena anzumelden. Er wusste bereits aus mehreren Erfahrungen, dass man meistens auf die Termine angewiesen war, die man bei der Anmeldung der Arenen erhielt. So ein Leiter war eben sehr beschäftigt und musste vielen Trainern die Möglichkeit geben, sich mit ihm zu messen. Dass er dabei nicht am Tag fünfzig Leute dran nehmen konnte, war logisch. Ein Kampf dauerte einfach seine Zeit und die Pokémon des Arenaleiters benötigten danach auch ihre Ruhe. Schließlich besaßen sie selbst nicht unendlich viele.

    Der plötzliche Lärm ließ Dash um hundertachtzig Grad herumfahren.

    »Woher kam das?« Der Schrei hatte ihn beunruhigt und ließ die kleinen Härchen auf seinem Arm zu Berge stehen. Raku lauschte mit seinen langen Ohren und lief dann los, als er die Richtung erkannte, aus dem der Tumult kam. Mit langen Schritten folgte Dash seinem Pokémon, bis er den kleinen Platz erreichte, wo sich bereits eine Traube an Menschen versammelt hatte. Dash musste sich groß machen, um über die Anwesenden hinweg zu sehen, so gut es eben ging. Eine Frau saß nicht unweit auf dem Boden, vor ihr ein Pokémon, welches regungslos dalag. Dash kannte das Pokémon selbst nicht, hörte aber wie die umstehenden Menschen etwas von einem »armen Psiaugon« murmelten. Das weiße Fell des Pokémon war zerrupft und als er genau hinsah, konnte er den roten Fleck erkennen, der sich immer weiter ausbreitete. Erst da wurde ihm bewusst, dass das Pokémon nicht einfach nur schwer verletzt war. Die Blutlache unter diesem breitete sich mehr und mehr aus, das Fell sog sich teilweise mit dem roten Lebenssaft voll. Ein grausiges Bild.

    »B-bitte … jemand … bitte … ah … « Die Frau, der offenbar das Pokémon gehörte, stand völlig unter Schock. Sie hielt ihre Hände an die Wangen und ihr Gesicht zeigte das Entsetzen, welches sie empfand. Die umstehenden Menschen waren genauso schockiert und verstanden zum Teil nicht, was eigentlich passiert war. Auch Dash konnte es nicht verstehen. Wer attackierte ein Pokémon mitten auf der Straße, wo es noch immer hell genug war? Er wollte gar nicht so genau wissen, ob es tatsächlich tot war. Allein der Anblick ließ ihn übel aufstoßen und er trat einige Schritte zurück. Mittlerweile waren ein paar Menschen zu der Frau gegangen, um ihr zu helfen damit sie wieder auf die Beine kam, aber auch damit die Polizei gerufen wurde. Vielleicht gab es sogar Zeugen, die den Vorfall beobachtet hatten? Dash war zu spät gekommen, um den Tatvorgang nachzuvollziehen, doch ihm fiel dafür etwas anderes auf.

    »Dieser dunkle Typ schon wieder!« Er bemerkte den Schwarzhaarigen weiter rechts in der Menschentraube, wo er sich gerade davon machen wollte. Während die anderen Menschen weiter gafften oder der Frau und ihrem Pokémon zu Hilfe eilten, suchte der Typ anscheinend das Weite. Das war doch verdächtig! Irgendetwas stimmte an diesem Kerl nicht, das spürte Dash einfach. Er nahm die Verfolgung auf, da er das einfach nicht auf sich beruhen lassen konnte und stellte schnell fest, dass der Fremde es ziemlich eilig hatte. Das schürte nur noch mehr Dashs Misstrauen, der mit Raku dem Verdächtigen verfolgte. Sie mussten sich beeilen, um nicht abgehängt zu werden, vor allem da der Fremde Nebengassen nutzte, die Dash nicht kannte. Als er ein weiteres Mal um eine Hausecke bog, fand er sich selbst in einer Sackgasse wieder.

    »Das kann doch nicht …!« Der Typ konnte unmöglich verschwunden sein. War es möglich, dass er einfach über die marode aussehenden Kisten geklettert war? Die Sackgasse war so richtig typisch Großstadtflair. Alt, verschmutzt, umgeworfene Mülltonnen neben denen alte Pappkartons standen. Von einer zur anderen Ecke huschten ein paar kleine Rattfratz entlang, die sich versteckten, als Dash näher kam, um über die Kisten nach oben zu klettern, damit er die dahinter liegende Steinmauer überwinden konnte. Raku hatte wesentlich weniger Probleme als er. Ganz besonders, weil Dash auch sein Gepäck dabei hatte. Keine guten Voraussetzungen, um bei einer Verfolgungsjagd dran teilzunehmen. Mit einem Ächzen schwang er sich über die Mauer und landete auf der anderen Seite. Es ging nicht so tief herunter, weswegen Dash sich schnell wieder aufrappelte.

    Er war sehr froh, dass die Kisten nicht unter ihm nachgegeben hatten. So wie diese geknarrt und gewackelt hatten, hätte er auch genauso gut nach unten fallen und sich verletzen können.

    Die Mauer hinter sich lassend, fand er sich auf einem Lagerhallengelände wieder. Es war nicht sehr groß, jedoch von einem Stacheldrahtzaun umgeben, sofern hohe Mauern nicht den Zugang versperrten.

    »Das gefällt mir nicht«, murmelte Dash und ging mit seinem Pokémon weiter. Keine Menschenseele war zu sehen. Selbst Pokémon schienen sich von diesem Ort fernzuhalten und je weiter die Sonne unterging, desto länger wurden die Schatten, die alles ins Dunkle tauchten. Irgendwo hier musste dieser Typ abgeblieben sein. Das wusste Dash einfach, vor allem da Raku mit seinem guten Gehör etwas wahrgenommen hatte. Sein Blitza lief voraus und er hinterher. Ob es erlaubt war, die Lagerhalle zu betreten, interessierte Dash dabei nicht. Er wollte den Typen stellen. Selbst wenn er dabei irgendwo einbrechen musste. Zum Glück musste er keine Tür eintreten, da Raku ihn zu einem offenem Tor führte, durch das sie hindurch treten konnten. Wirklich Spannendes konnten sie darin nicht erkennen. Nur einige große Container, bei denen man nicht erkennen konnte, was sich darin befand, Kisten, die sich bis unter die Decke stapelten, Eisentreppen und -gänge, die auch in höhere Bereiche der Lagerhalle führten … Es war eine standardisierte Lagerhalle, die man überall finden konnte. Vorsichtig ging Dash weiter und sah sich um. Noch kam Licht durch die Fenster, die weiter oben waren, so dass er noch genug erkennen konnte. Doch das würde sich schon bald ändern. Wenn er nicht bald den Typen fand, würde er ihn nicht wiederfinden können. Das wäre sehr ärgerlich. Doch solange Raku zielsicher durch die Halle streifte, war noch nichts verloren.

    »Wie siehst du denn nur aus?«, hörten sie beide eine fremde Stimme sagen. Dash hielt Raku zurück, damit dieser nicht sofort los stürmte. Gemeinsam schlichen sie weiter voran, bis sie um einen großen Container um die Ecke sehen konnten, wo sich endlich ihr Zielobjekt befand: Der schwarzhaarige, verdächtige Typ!

    Er stand im Schein einer Lagerhallenlampe, die an der nahestehenden Säule hing. Dadurch konnte Dash gut beobachten, wie der Typ sich zu seinem Pokémon kniete und ihm die Schnauze säuberte. Begeistert schien das Hunduster darüber nicht zu sein, doch es ließ es anstandslos über sich ergehen. An und für sich wirkte das nicht unbedingt verdächtig, würde Dash die Flecken nicht auf dem Boden bemerken. War das Blut? Oder nur eine dunkle Flüssigkeit? Und das, was an der Schnauze des Hundusters klebte?

    »Dieser … !« Dashs Hand ballte sich zu einer Faust. Es sah ganz danach aus, als hätte dieses Hunduster das Psiaugon verletzt! Dash konnte nicht länger warten und trat in den Schein der Lampe und damit auf den Fremden zu. Raku war dicht neben ihn und knurrte.

    »Hey!«, rief er zu dem anderen und wartete, dass er sich erhob.

    »Was willst du?«, wollte der Schwarzhaarige wissen und kniff die Augen leicht zusammen.

    »Warst du das, der das Pokémon von dieser Frau verletzt hat, ja?« Keine lange Vorrede, Dash würde diesen Typen zur Rechenschaft ziehen und der Polizei übergeben. Jemand, der rücksichtslos andere verletzte, sollte nicht auf freien Straßen umher laufen dürfen!

    »Was zum … ?« Der Fremde wirkte überrascht, was für Dash nur noch mehr ein Anzeichen dafür war, dass dieser Kerl dafür verantwortlich sein musste.

    »Was weißt du denn schon?« Nicht besonders laut sprach der Fremde, aber Dash konnte ihn trotzdem hören. Er war so wütend über diese kalte Art, dass er nicht länger abwarten wollte. Er streckte den Arm aus und zeigte mit dem Zeigefinger auf den vermeintlichen Übeltäter.

    »Du wirst dich vor der Polizei verantworten!« Entkommen lassen würde er ihn nämlich nicht.

    »Vergiss es!« Offenbar wurde dem Schwarzhaarigen bewusst, worauf diese Begegnung abzielte. Er spannte sich an und Dash ahnte, dass der Typ abhauen wollte. Um dies zu vermeiden, schickte er augenblicklich Raku in den Kampf.

    »Los, Nadelrakete!« Dashs Blitza rannte sofort los. Die Elektrizität in seinem Körper sorgte dafür, dass sein Fell sich stachelig aufstellte. Vor allem das Fell an Rakus Rückseite besaß eine besondere Struktur, was ihm ermöglichte, gefährlich spitze Stacheln abzuschießen. Raku brauchte nur seine Elektrizität dafür einzusetzen, um diese aus dem Fell rasend schnell zu lösen, was er auch tat, als er nahe genug an dem Fremden heran gekommen war.

    Mit einem Sprung entkam der Fremde dem Angriff. Auch seine beiden Pokémon wurden nicht getroffen, das bedeutete aber nicht, dass Dash sie so einfach ziehen lassen würde. Raku wetzte den beiden gegnerischen Pokémon nach, bis deren Trainer ihnen zu verstehen gab, dass sie kämpfen sollten. Damit stand es zwei gegen eins, weswegen Dash ein weiteres seiner Pokémon zur Hilfe rief.

    »Shizu, los geht’s!« Sein Pokémon kam regelrecht aus dem Ball gesprungen. Kaum, dass es mit den Pfoten auf dem Boden aufkam, brüllte es erst einmal bedrohlich, ehe es sich Raku anschloss und gegen die beiden anderen Pokémon in den Kampf zog. Die Wildheit in Dashs Luxio war besonders beim Kämpfen zu beobachten. Selbst die Feuerattacke, die das gegnerische Hunduster Shizu entgegen warf, hielt ihn nicht davon ab, weiter nach vorn zu preschen. Mit wildem Fauchen warf sich Shizu auf das Hunduster und beide Pokémon kullerten über den Boden. Sie nahmen sich nichts und kratzten und bissen sich gegenseitig.

    Während sich Dashs Luxio mit dem Hunduster anlegte, wetzte Raku hinter dem gegnerischen Nachtara hinterher. Beide Pokémon hetzten durch die Halle und versuchten sich gegenseitig immer wieder abzuwehren, während ihre Trainer ihnen Attackenbefehle zu riefen. Dadurch, dass sie einer Art angehörten, auch wenn sie unterschiedlichen Typs waren, überraschte es Dash nicht, dass sein Gegner seinem Pokémon ebenfalls den Ruckzuckhieb befahl. Sowohl Dashs Blitza als auch das fremde Nachtara gingen rücksichtslos aufeinander los und prallten von einander ab. Auch wenn Dash besorgt um seine Pokémon war, wusste er, was er ihnen alles zutrauen konnte. Raku machte noch lange nicht den Eindruck, dass er genug hatte und schoss seine Nadeln wieder Richtung Nachtara. Auch wenn jenes nicht ganz so flink wie Raku war, es zeigte eine außerordentlich ausgeprägte Robustheit. Es schien viel einstecken zu können, selbst als es von einigen Nadeln getroffen wurde, schien es sich kaum daran zu stören. Und das, wo normalerweise Nadelraketen sehr effektiv gegen Unlicht-Pokémon waren. Bevor Dash sich zu sehr in den Kampf zwischen den Evoli-Entwicklungen verlor, sah er schnell rüber zu seinem Luxio, welches erneut laut aufbrüllte. Das sich das Hunduster davon nicht einschüchtern ließ, überraschte Dash überhaupt nicht. Auch dieses brüllte und knurrte auf und ging zu einem Gegenangriff über. Mit seinem heißen Flammenatem rückte es Shizu arg auf die Pelle, weswegen Dash ihn dazu anwies, so schnell wie möglich auszuweichen, um eine bessere Position einnehmen zu können. Das Hunduster war nicht schnell genug, als es seine Attacke beendete. Shizu stürmte bereits wieder auf es zu und traf es mit seinem Funkensprung. Funken sprühten dadurch in sämtliche Richtungen. Ein bisschen war Dash froh darüber, dass gerade nichts in der Nähe stand, was sich entzünden konnte. Hier in der Lagerhalle zu kämpfen, war sicher nicht die beste Idee. Aber er konnte und wollte diesen Typen einfach nicht entkommen lassen.

    »Konter!«, rief jener und Dash sah auf. Konter? Wer konterte? Ehe er rechtzeitig darauf reagieren konnte, sah er, wie sein Luxio durch einen harten Stoß davonflog und ein paar Meter weiter hart aufprallte. Auch wenn sich Shizu wieder aufrappelte, war Dash sehr angespannt. So wie er das einschätzte, waren die Pokémon des fremden Trainers vielleicht nicht unbedingt die schnellsten, so wie seine Elektro-Pokémon, jedoch besaßen sie eine hervorragende Verteidigung und Angriff. Sie zu besiegen, könnte sehr knifflig werden.

    »Raku! Shizu!« Beide Pokémon folgten seinem Ruf und positionierten sich nicht unweit vor ihm, um sich für den nächsten Angriff bereit zu halten.

    »Na los, jetzt zeigen wir mal, was Teamwork bedeutet!« Sein Gegner ließ sich davon nicht beeindrucken und schickte sein Hunduster und Nachtara in den Angriff. Ein weiterer Flammenwurf wurde Dashs Pokémon entgegen geworfen, weswegen er Shizu befahl, den Lichtschild einzusetzen. Auch Raku konnte diese Verteidigungsmöglichkeit einsetzen, jedoch sollte sich dieser einfach hinter Shizu mit verstecken, damit er dann schnell in den Gegenangriff wechseln konnte. Die heißen Flammen prallten gegen das elektrisierende Lichtschild ab, so dass beiden Pokémon Verbrennungen erspart blieben. Das war die Gelegenheit für Raku flink hinter Shizus Rücken hervor zu preschen und den Spukball einzusetzen, den Dash anwies. Ihm war bewusst, dass eine Geistattacke nicht viel Wirkung auf Unlicht-Pokémon zeigen würde. Sein Gegner ahnte jedoch nicht, dass das nur als Ablenkung dienen sollte. Allerdings hatte Dash nicht damit gerechnet, dass das Nachtara auch den Spukball beherrschte. Genauso wie Raku setzte jenes Nachtara den unheimlichen Energieball ein, so dass sich mit einem dröhnenden Knall die Energien entluden, als sie in der Mitte aufeinander prallten und somit Dreck und Staub aufwirbelten. Keine Chance irgendetwas zu sehen.

    Die Staubwolke verschonte niemanden. Dash begann zu husten, als ihm die kleinen Körnchen in die Nase und damit in die Atemwege gelangten. Er machte sich auch Sorgen um seine Pokémon und rief nach ihnen, um sicher zu gehen, dass es ihnen gut ging. Als er sie endlich sah und der Staub sich halbwegs gelegt hatte, sah nicht nur er grau aus, sondern auch Raku und Shizu. Sie schüttelten sich beide und niesten. Dem anderen Trainer dürfte es nicht anders ergangen sein, doch egal wie sehr Dash auch mit den Augen nach dem Fremden und seinen Pokémon suchte, er konnte sie nirgendwo mehr entdecken.

    »Was zum … ?«


    »Was zum … ?« Die beiden Spukbälle, die die Pokémon eingesetzt hatten, verpufften in einem Knallen und Donnern. Es war gut, dass sie hier draußen kämpften. So kam hoffentlich niemand zu Schaden. Außerdem zog dadurch der Staub viel besser wieder davon, so dass die Sicht schnell wieder optimal war. Nachdem Raku seinen Stromstoß und Nero seine Finsteraura eingesetzt hatten, war ein weiterer hektischer Schlagabtausch zwischen den beiden entstanden, der mit der Spukballattacke geendet hatte. Nun standen sie sich immer noch gegenüber und keiner wollte aufgeben. Oder vielleicht doch?

    Als Dash endlich wieder mehr sehen konnte, erstaunte ihn das Bild, welches sich vor ihm offenbarte. Nicht nur, dass dieses Mal Soul nicht einfach davon gelaufen war, sondern immer noch an Ort und Stelle stand, hatte sich nun eine dritte Partei in den Kampf eingemischt. Dash war genauso überrascht wie Soul und die bis eben kämpfenden Pokémon, die sich nicht mehr rührten.

    »Um Himmelswillen! Chiari, was machst du denn da?!«, brüllte Louna über die Wiese hinweg, als sie bemerkte, dass ihr kleines Evoli sich zwischen die Kontrahenten gedrängt hatte und nun ganz fröhlich und munter mit dem Kopf hin und her wackelte. Wie Chiari dorthin gekommen war, konnte Louna beim besten Willen nicht sagen. Sie war einfach nur schockiert, so dass ihr der Mund offen stand. Was tat Chiari dort?

    »Wie … liebreizend?« May war genauso überrascht und runzelte die Stirn. Das war doch Liebreiz, was Chiari einsetzte, oder? Ganz verzückt und niedlich hatte die Kleine die beiden Kämpfenden dazu gebracht aufzuhören. Weder Raku noch Nero griffen wieder an. Auch von Soul oder Dash kam kein weiterer Attackenbefehl, weswegen der Kampf damit gelaufen war. May grinste, trat etwas nach vorn und warf den Arm in die Luft.

    »Und der Gewinner ist Chiiiiiiari!«, verkündete sie den Sieger, weswegen Louna sie verdattert ansah.

    »Wie bitte?«

    »K.O. durch zuckersüßen Liebreiz!«, fügte May hinzu und begann zu lachen. Louna fand das alles andere als witzig. Sie legte die Hände auf die Wange und schüttelte den Kopf. Das alles konnte nicht wahr sein.

    »Das tut mir so leid!«, sagte sie. Bestimmt waren Dash und Soul jetzt sauer auf sie, oder? Doch statt großes wütendes Geschrei zu verursachen, seufzte Dash einfach nur und begann danach zu lächeln.

    »Na gut, mit einem Unentschieden kann ich mich gerade noch so abfinden.« Soul ging es da wohl ganz ähnlich. Raku hatte sich derweil auf den Hintern gesetzt und betrachtete neugierig Chiari, die auf ihn zu getapst kam. Nero hingegen hielt etwas Abstand und schien unschlüssig zu sein, was er jetzt tun sollte. Gut, dass sein Trainer zu ihm kam.

    Besonders freundschaftlich gingen Dash und Soul immer noch nicht miteinander um, doch wenigstens war der Kampf vorbei. Keiner konnte genau sagen, wer am Ende gewonnen hätte. Die beiden waren zu gleich stark und ihre Pokémon zu stur, um einfach so aufzugeben. Möglicherweise war Chiaris Eingreifen die beste Option von allen gewesen.

    »Chiari, mach das nicht noch mal, hörst du? Das ist gefährlich!«, ermahnte Louna ihr Pokémon, welches sie anhob und streng ansah. Das Evoli mit der weißen linken Ohrspitze schien sich keiner Schuld bewusst zu sein und fiepte vergnügt auf. Louna seufzte und gab es auf. Dieser kleine Wirbelwind würde sie bestimmt noch auf Trab halten.

    »Na gut, ich schätze, es wird langsam Zeit nach Hause zu gehen«, sagte sie und rief all ihre Pokémon zurück, bis auf Arcus. Der durfte wie immer außerhalb seines Balls bleiben.

    Der Kampf zwischen Soul und Dash war spannend gewesen, keine Frage, aber Louna war auch ein bisschen froh darüber, dass keiner von beiden direkt gewonnen hatte. Das hätte irgendwie das Gleichgewicht aus der Bahn geworfen. Dash und Soul waren gleich stark, das war gar nicht so schlecht. So konnten sie sich direkt auf Augenhöhe begegnen.


    »Kommt ihr mit?«, wollte Louna von May und Dash wissen. Gemeinsam mit Soul würde sie nach Hause gehen. Es bot sich einfach an, da er nichts weiter mehr geplant hatte. May und Dash allerdings lehnten ab. Offenbar wollten sie noch ein Weilchen länger hier draußen bleiben. Louna war davon überrascht, verabschiedete sich dann aber kurz danach von den beiden. Sie dankte ihnen auch noch einmal für all die Hilfe, die sie ihr zukommen ließen.

    »Das ist unglaublich nett von euch!« Dash winkte bei ihren Wort leicht verlegen ab. Für ihn war das keine große Sache, ihr zu helfen. Es hatte sich einfach angeboten und außerdem machte es Spaß.

    »Komm gut nach Hause«, sagte May noch und sah Louna und Soul hinterher, die sich langsam auf den Weg machten. Soul war wie immer sehr zurückhaltend und wortkarg. Nicht mal ein einfaches »Tschüss« kam über seine Lippen. Seine Distanziertheit bereitete May Sorgen, allerdings war ihr auch aufgefallen, dass er sich zumindest Louna gegenüber nicht ganz so mürrisch verhielt. Vielleicht war er am Ende einfach nur schüchtern?

    »Was für ein Kampf«, seufzte sie, sah zur Seite und Dash an, der immer noch Soul und Louna nachsah. Seine Stirn zeigte Falten und seine Miene wirkte recht ernst.

    »Was ist los?«, wollte sie von ihm wissen. Bis er überhaupt reagierte, verging erst einmal ein längerer Augenblick. Dann schüttelte er den Kopf und sah May ebenfalls an.

    »Nichts«, meinte er nur knapp.

    »Nichts? Das sieht mir aber nicht so aus. Los, raus mit der Sprache!«, forderte sie ihn auf. Dash machte ein so ernstes Gesicht, dass sie zugegebenermaßen besorgt war. Irgendetwas beschäftigte ihn und sie ahnte, mit was es zu tun hatte. So wie er den beiden anderen nachgesehen hatte. Da war doch was im Busch.

    Dash zögerte und schien sich seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Dennoch rückte er langsam mit der Sprache raus. Wie May geahnt hatte, betrafen Dashs Gedanken Soul. Jenen Trainer, den Louna für eine Weile bei sich aufgenommen hatte. May war gegenüber Soul einfach skeptisch, weil er nicht unbedingt den freundlichsten Eindruck hinterließ. Doch wie sah das bei Dash aus? Sie hatte ihn nie gefragt, was sein eigentliches Problem mit Soul war. Dass die beiden nicht besonders gut miteinander auskamen, lag auf der Hand. Jeder Blinde hätte das gesehen. Doch eine einfache Antipathie schien es auch nicht zu sein. Auch wenn Dash nur zögerlich mit der Sprache herausrückte, erzählte er ihr, wie er zum ersten Mal auf Soul getroffen war. Der Typ, der ihn in Illumina City angerempelt hatte, was jetzt nicht unbedingt ein Verbrechen war. So etwas passierte ständig bei größeren Menschenmassen. Nichts Außergewöhnliches. Aber alles, was danach kam, ließ auch May stutzig werden. Der Angriff auf das Pokémon dieser Frau, die Dash gesehen hatte … Später hatte er erfahren, dass jenes Psiaugon an seinen Verletzungen gestorben war. Das war echt heftig und für die Trainerin und Halterin sicherlich ein großer Schock gewesen. Den Täter hatte man bis heute nicht wirklich zu fassen bekommen, allerdings war Dash sich auch nicht mehr sicher, ob dahinter wirklich Soul steckte.

    »Er hat es, als ich ihn später wieder einmal gesehen habe, vehement abgestritten. Ich meine, klar, wer würde so etwas schon freiwillig zugeben? Andererseits habe ich auch keine Beweise dafür, dass er es wirklich gewesen war.« Er musste zugeben, dass er damals ziemlich übereifrig reagiert hatte. Auch nicht die beste Art sich zu präsentieren. Dennoch fand er Soul verdächtig.

    »Du misstraust ihm«, stellte May simpel fest, die sich Dashs Geschichte angehört hatte. Sie hatte sich mit ihm auf eine nahestehenden Bank gesetzt, wo er ihr den Vorfall geschildert hatte. Die Erzählung darüber, wie er Soul nachgerannt war und ihn zum Kampf gefordert hatte. Keine guten Voraussetzungen, um Freundschaft zu schließen.

    »Selbst wenn er es nicht gewesen war, irgendwas lässt mich an ihm die Haare zu Berge stehen … Ich weiß auch nicht«, gab Dash zu und May sah ihn wieder an. Dann begann sie zu lächeln.

    »Du stehst also unter Spannung, ja?«, witzelte sie und deutete zusätzlich auf Raku, der zu Dashs Füßen saß und zu ihm aufblickte.

    »Ach Mann!« May musste bei seinem Ausruf lachen, doch die Heiterkeit verflog sehr schnell wieder.

    »Vielleicht bin ich auch einfach nur paranoid?« Sie schüttelte bei seiner Mutmaßung den Kopf.

    »Ich denke nicht. Ich muss zugeben, dass ich ihm auch nicht vertraue. Er hat einfach etwas an sich, was ihn nicht sehr vertrauensselig erscheinen lässt.« Dash pflichtete ihr bei.

    »Und dann lässt Lou ihn einfach noch bei sich pennen!« Dash hoffte inständig, dass sie auf sich Acht gab und Soul nicht einfach Hundertprozentig vertraute. Wer wusste schon, ob das dann gut ging?

    »Das Absurde daran ist allerdings, dass er in ihrer Gegenwart schon fast umgänglich wirkt.« In Souls Maßstäben versteht sich. Er würde nie zu einem echten Sonnenschein werden. Aber wenn Louna in der Nähe war, wirkte er nicht ganz so abweisend. Das war Dash schon selbst aufgefallen und das verdutzte ihn nur noch mehr.

    »Nicht nur das, er hilft ihr ja auch immer wieder«, gab May zu bedenken. Eigentlich waren das Dinge, die für Soul sprachen. Die Vertrauen zu ihm erwecken müssten, dennoch fiel es den beiden unheimlich schwer, dieses Vertrauen zu ihm aufzubauen.

    »Kannst du dich noch daran erinnern, als diese Typen aufgetaucht waren? Die uns herausgefordert haben auf der Route 4 und wie sie versucht haben, Fabula zu stehlen?«, warf Dash mit ein. May nickte ernst.

    »Solange ist das noch nicht her, ja.«

    »Da hatte er ihr geholfen, so dass Fabula nicht gestohlen werden konnte. Wir waren so sehr in den Kampf verstrickt, dass wir gar nicht dazu gekommen wären, ihr zu helfen. Das wäre ziemlich dumm gelaufen, wenn er nicht gewesen wäre.« Ein weiterer Punkt, weshalb man Soul eigentlich vertrauen müsste. Er half. Er rettete sogar Pokémon.

    »Mhm, es war schon ein seltsamer Zufall, dass er da gerade in der Nähe gewesen war«, überlegte May und stützte das Kinn auf ihre Hand.

    »Ja, aber auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass diese Typen Soul gekannt haben. Irgendwie, ich weiß auch nicht. Dieser eine Typ im Anzug, der alles nur beobachtet hatte, ohne sich in den Kampf einzumischen, weißt du noch?« Als Dash diesen Fremden erwähnte, lief es May kalt den Rücken runter. Sie hatte schon damals das ungute Gefühl gehabt, jenen zu kennen. Irgendwo schon einmal gesehen zu haben, doch das war völlig absurd. Das konnte nicht sein. Die einzige Person, die ihr dazu einfiel, war bereits vor mehreren Jahren gestorben. Vermutlich hatte es nur Ähnlichkeiten gegeben, weswegen sie sich an ihn erinnert hatte. Eine Verbindung diesbezüglich konnte es aber nicht geben. Das war unmöglich.

    »Ich sag dir, der steckt mit diesen Idioten unter einer Decke und irgendwie kennt er auch Soul. Was dahinter steckt, weiß ich natürlich nicht. Aber irgendwas ist da, das hab ich einfach so im Gefühl.« Das alles kam Dash sehr suspekt vor. Er konnte sich nicht vorstellen, dass da nichts sein sollte. Oder war er tatsächlich nur paranoid und wollte etwas sehen, was nicht existierte?

    »Mir kam es beinahe wie ein Test vor«, meinte May.

    »Ja, ein Test und ein Ablenkungsmanöver.« Dash nickte. Diese Typen hatten sie mit Absicht in einen Kampf verwickelt. So hatten sie Louna nicht im Auge behalten können, besonders nicht Fabula. Kein Wunder, dass sich ein weiterer Mistkerl heran geschlichen hatte.

    »Und warum war Soul in der Nähe? Weil er einen gemütlichen Spaziergang gemacht hatte? Ganz sicher nicht«, fuhr Dash fort. Natürlich konnte er nichts davon beweisen. Aber wenn er so im Nachhinein darüber nachdachte, kam ihm das alles nicht geheuer vor.

    »Lou und er hatten eine Auseinandersetzung zuvor gehabt. Vielleicht hatte er sich entschuldigen wollen?«, spekulierte May und versuchte einen sinnvollen Grund zu finden, der nicht nur aus reinem Zufall bestand.

    »Sieht Soul wie jemand aus, der so einfach angerannt kommt, um sich zu entschuldigen?«, warf Dash dazwischen und May musste ihm Recht geben.

    »Stimmt. Das scheint irgendwie unglaubwürdig. Aber … jetzt wo wir darüber reden. In Aquarellia gab es eine ähnliche Situation. Da hatte auch jemand versucht Fabula zu klauen. Ich dachte bis jetzt, es wäre nur ein einzelner Täter, der zufällig das Fynx gesehen hatte und dann einfach mitnehmen wollte, aber … !?« Dash staunte, als er Mays Erzählungen hörte.

    »Davon wusste ich noch gar nichts!«, gab er zu. Louna hatte ihm davon gar nichts erzählt. Von all den anderen Dingen, ja, auch von dem Vorfall mit den wilden Pyroleos, aber nicht von dem gescheiterten Diebstahl.

    »Ja, pass auf. Zuvor war Soul auch gegangen und dann tauchte er wie aus dem Nichts auf, um den Dieb zu stellen und Fabula zu retten. Das mag eine glückliche Wendung gewesen sein und Aquarellia ist ja nun wirklich nicht so groß. Aber …«

    »Zwei Zufälle bei zwei ähnlichen Situationen? Selbst wenn, auffällig ist es trotzdem«, merkte Dash an.

    »Ganz genau. Es kann tatsächlich nur ein Zufall sein, aber wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich das fast nicht.« Was, wenn alles geplant war und Soul mehr wusste, als er zugeben wollte? Egal, ob er selbst mit den Typen unter einer Decke steckte und ein perfides Spielchen durchführte oder ob er etwas anderes im Schilde führte. Was es auch war, irgendetwas war da. Da waren sich May und Dash einig.

    »Was es auch ist, wir sollten wachsam sein. Was meinst du?«, fragte May den anderen Trainer, der zustimmend nickte.

    »Bin ganz deiner Meinung! Hoffentlich vertraut Lou da nicht der falschen Person …«

    Ja, hoffentlich tat sie das nicht. Ein gesundes Misstrauen sollte sich jeder bewahren.


    Nachdenklich starrte Soul Louna von der Seite an. Während sie sich am Sonnenuntergang erfreute und bereits am Horizont Illumina City sehen konnte, grübelte er über einige Dinge nach. Zum Beispiel, dass sie viel zu vertrauensvoll war und in seinen Augen daher zu unvorsichtig. Sie stolperte quasi durchs Leben und von einer Situation in die andere, ohne darauf wirklich vorbereitet zu sein. Wäre nicht er oder jemand anderes ab und zu eingesprungen, hätte es bereits mehrere Male für sie unschön enden können. Das bereitete ihm Sorgen, auch wenn er das nicht zugeben wollte. Fest stand jedoch, dass sich daran so schnell auch nichts ändern würde. Solange sie nicht in der Lage war, auf sich selbst aufzupassen, könnte es noch so einige unangenehme Überraschungen für sie geben.

    Er bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging und sie langsam spürte, dass er sie die ganze Zeit ansah. Irgendwann drehte sie ihren Kopf und lächelte ihn an, was dazu führte, dass er ein wenig zusammenzuckte und seinen Blick wieder nach vorn richtete.

    »Was ist?«, wollte sie von ihm wissen.

    »Nichts«, sagte er wie immer wortkarg. Es war ziemlich blöd von ihm sich Sorgen zu machen. Das sollte er dringend abstellen. Leider war das nur leichter gesagt, als getan … Da er ihren Blick immer noch auf sich spürte, sah er sie wieder an, direkt in ihre goldschimmernde Augen. Eine seltsame Augenfarbe …

    »Du … solltest gut aufpassen«, sagte er zögerlich und blickte wieder nach vorn.

    »Hm?« Sie verstand nicht, wie er darauf kam oder worauf er sich bezog.

    »Wegen Fabula meine ich. Es ist gut, dass du deine Pokémon trainierst«, fügte er deswegen hinzu. Wenn sie in der Lage war mit ihren Pokémon zu kämpfen, könnte sie sich selbst verteidigen, besonders wenn wieder Pokémon-Diebe auftauchten.

    »Du spielst auf die Situationen an, als man mir Fabula wegnehmen wollte?!« Sie dachte ganz richtig, doch Soul schwieg einfach nur. Er wollte das Thema gar nicht zu sehr vertiefen, denn es war klar, dass sie auf ihr andersfarbiges Fynx sehr gut aufpassen musste.

    »Keine Sorge, ich werde nicht zulassen, dass mir jemand Fabula wegnimmt oder jemand ihr weh tut. Außerdem habe ich gute Freunde, die mir dabei helfen!«, sagte Louna fröhlich und Soul schenkte ihr einen äußerst skeptischen Blick.

    »Du bist zu vertrauensselig!«, warf er ihr vor. Wie konnte sie nur so leichtfertig und gutgläubig so etwas sagen?

    »Und du bist zu misstrauisch!«, entgegnete sie ihm, weswegen er wieder schwieg. Vielleicht war er wirklich zu misstrauisch, aber darauf zu hoffen, dass alles gut werden würde oder das immer jemand in der Nähe zum Helfen war, war einfach zu naiv.

    Eine ganze Weile schwiegen sie und kamen dabei Illumina City immer näher. Louna war bewusst, dass Soul Recht hatte. Gerade um Fabula machte sie sich öfters Sorgen, als ihr lieb war. Umso glücklicher war sie auch darüber, Freunde zu haben, die ihr bei den Dingen halfen, von denen sie gar keine Ahnung hatte.

    »Du hilfst mir doch, oder?«, begann sie die Stille zu durchbrechen. Soul sah sie wieder an.

    »Ich meine, weiter zu trainieren, besser zu werden und so?!« Sie lächelte zaghaft. Ohne die Hilfe der anderen, auch die von Soul, würde sie es bestimmt nicht hinbekommen, ihre Pokémon besser zu trainieren.

    »Ja«, war alles, was er dazu sagte und ein Strahlen stahl sich in ihre Augen.

    Wie von einer Sonne.

  • Liebe BB-LeserInnen,


    an dieser Stelle möchte ich offiziell bekannt geben, dass ich Feurige Leidenschaft nicht weiter im Bisaboard, also hier in diesem Thema, veröffentlichen werde. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiterschreibe. Im Gegenteil, es gibt bereits mehr Kapitel, als jene, die man hier lesen kann. Meine Geschichte hat noch längst nicht ihr Ende gefunden und ich werde auch weiterhin dran schreiben, mit viel Freude und viel Spaß, denn das macht es auch für mich aus. Allerdings veröffentliche ich sie nur noch auf Fanktion.de. Wer weiterlesen möchte, kann gerne dort vorbei schauen.


    Damit bedanke ich mich bei euch allen, besonders aber bei meinem tollen Betaleser, der mir hoffentlich weiter erhalten bleibt, sowie auch für das Feedback, welches ich hier erhalten habe.


    Lieben Gruß

    Alexia Drael


    PS: Sowohl auf Twitter als auch auf Fanfiktion.de findet ihr mich unter meinen Künstler- und Autorennamen "Alexia Drael".