Drachenreiter-Erzählungen – Geschichten aus den Dämonenkriegen

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  • Drachenreiter-Erzählungen

    – Geschichten aus den Dämonenkriegen –


    Klappentext

    Weyrherrin Sorka erzählt von einer Zufallsbegegnung mit Folgen, Fischermeister Erragon schildert Ereignisse aus seinen großen Seereisen. Des weiteren erleben wir Kindans Werdegang zum Drachenreiter, Nerilkas Flug durch Zeit und Raum und weitere Geschichten aus der Zeit der Dämonenkriege.


    Vorbemerkung

    Herzlich willkommen bei den Drachenreiter-Erzählungen. Diese spielen in einer Welt, die an die Vergangenheit aus der Welt des Drachenreiter-RPGs angelehnt ist, welches ich zusammen mit Nessi erstellt habe. Selbstverständlich werde ich bei den Erzählungen aber nicht davon ausgehen, dass der Leser die RPG-Beschreibung gelesen hat oder in dem RPG mitspielt.

    __Ein paar Informationen sind für das Verständnis der Geschichten aber vielleicht doch sinnvoll zu wissen:

    __Die Drachenreiter-Erzählungen spielen in einer Welt, in der es neben normalen Menschen auch Drachen, Dämonen und normale Tiere gibt. Dabei sind die Drachen bei fast allen Erzählungen deutlich kleiner als in dem RPG: Wenn sie auf allen vier Pfoten stehen, haben nichtmetallische Drachen eine mit Pferden vergleichbare Schulterhöhe, die Schulter von den selteneren Drachen mit einer metallischen Hautfarbe sind vielleicht zehn bis zwanzig Zentimeter höher. Von der Nasenspitze bis zum Schwanzende gemessen sind die Drachen deutlich länger als Pferde, was aber vor Allem daran liegt, dass sie über einen etwas längeren Hals und einen deutlich längeren Schwanz verfügen - der Schwanz eines Drachen kann sogar so lang werden, wie Körper, Hals und Kopf zusammen.

    __Pferde werden in den Drachenreiter-Erzählungen übrigens als Renner bezeichnet, was aber eigentlich eher daran liegt, dass diese in dieser Welt vor Allem als Reittiere genutzt werden.

    __Ein paar weitere Rassen werden im Verlauf der Geschichten noch hinzu kommen, aber auf die brauche ich an dieser Stelle nicht einzugehen, weil ich sie an der passenden Stelle in einer Erzählung einführen werde.

    __Nicht im Zusammenhang mit den Tieren, aber für das Verständnis der Erzählungen vielleicht dennoch wichtig ist der Beruf des Harfners. Wie in der Beschreibung des RPGs erläutert kann man sich diese als Musiker vorstellen, die in der Gesellschaft des Drachenlandes den Kindern auch das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen und mithilfe ihrer Lieder die Erinnerung an wichtige Ereignisse aus der Vergangenheit wach halten.


    Für Leser, die auch an dem RPG interessiert sind, sollte ich nicht verschweigen, dass es zwischen den Erzählungen und der Welt des RPGs durchaus zu Unterschieden kommen kann. Zum Teil werden diese einfach daran liegen, dass die Erzählungen in einer Zeit spielen, die von der Handlung des RPGs aus gesehen schon weit in der Vergangenheit liegt und dass entsprechend einige Details seitdem in Vergessenheit geraten sind. Aber es wird auch Dinge geben, die sich in späteren Erzählungen ändern, so dass es nur am Anfang so aussieht als ob hier ein Unterschied zwischen den beiden Welten vorläge. Im Moment habe ich vor, am Ende keine echten Unterschiede zwischen den Welten stehen zu lassen, aber ich kann jetzt noch nicht sagen, wie gut mir das gelingen wird, und falls ich zwischendurch bemerken sollte, dass bestimmte Sachen im Kontext der Erzählungen anders sinnvoller sind, könnte es auch dazu kommen, dass ich manche Unterschiede am Ende doch nicht auflöse.


    Copyright

    Die Welt, in der das RPG und die Erzählungen spielen, haben Nessi und ich uns gemeinsam ausgedacht. Bei der zur Zeit des RPGs lebenden menschlichen Gesellschaft haben wir uns an der Gesellschaft aus den von Anne McCaffrey geschriebenen Büchern über die Drachenreiter von Pern orientiert, dabei aber auch einige Dinge abgeändert, und weil die in den Pern-Büchern beschriebene Geschichte über die Besiedlung des Planeten nicht für das RPG passt, haben wir uns für dessen Vergangenheit - und damit auch für die Drachenreiter-Erzählungen - eine eigene Geschichte ausgedacht.

    __Vielleicht sollte ich erwähnen, dass wir uns bei der Welt des RPGs die meisten Ortsnamen nicht selbst ausgedacht haben, sondern diese einfach aus den Pern-Büchern übernommen, teilweise ins Deutsche übersetzt oder etwas abgeändert und schließlich auf einer für das RPG neu erstellten Landkarte komplett neu angeordnet haben. Auch für die Namen der im RPG vorkommenden Nicht-Spieler-Charaktere werden wir Namen aus dem Pern-Universum nehmen, und für die in den Erzählungen auftretenden Personen werde ich dies ebenso machen. Für die Namen der Orte auf dem Dämonenkontinent werde ich in den Erzählungen, die zum Teil dort spielen, Ortsnamen aus den von Christopher Paolini geschriebenen Eragon-Büchern übernehmen.


    Inhaltsverzeichnis

    1. Vorwort
    2. Eine Zufallsbegegnung mit Folgen – Teil 1Teil 2
  • Vorwort


    Nachdem der zweite Dämonenkrieg nun schon ein gutes Jahrzehnt vorbei ist und es für viele Bewohner des Drachenlandes so aussieht, als ob es in absehbarer Zeit nicht wieder zu einem erneuten Krieg kommen wird, möchte ich einmal die Gelegenheit ergreifen und ein paar Zeitzeugenberichte aus den Dämonenkriegen zu einem zusammenhängenden Buch zusammenfügen.

    __Mir ist durchaus bewusst, dass nur wenige Leute tatsächlich die Gelegenheit haben werden, dieses Buch zu lesen, und tatsächlich ist es auch die Aufgabe der Harfner, mithilfe der entsprechenden Lieder und Balladen die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten, aber wie ich bei den Recherchen zu diesem Buch mit Bedauern feststellen musste, gibt es Details, die in den Liedern nicht erwähnt werden. Es ist durchaus schade, wenn dass dazu führt, dass zum Beispiel die Drachenreiterin Renna in Vergessenheit gerät, nur weil die Ballade von der ersten Drachenprägung nur von Sean und Sorka erzählt. Selbst in Ruatha - dessen Name sich von ihrem Drachen ableitet und bei dessen Wandlung von einer Siedlung zum Fürstentum Renna und ihr Ehemann eine wesentliche Rolle gespielt haben, ist sie heutzutage so gut wie unbekannt.

    __Um zumindest ein paar solcher Details vor dem Vergessen zu bewahren, waren meine Helfer und ich in den letzten Jahren auf der Suche nach Zeitzeugenberichten, die sich mit wichtigen Ereignissen aus den beiden Dämonenkriegen beschäftigen. Bei jedem der Berichte werden wir noch ein paar Informationen voran stellen, damit der Leser die ausgewählte Erzählung zeitlich richtig einordnen und anhand des vorliegenden Buches die Geschichte der beiden Dämonenkriege nachvollziehen kann.


    Für ein besseres Verständnis der älteren Erzählungen möchten wir einmal daran erinnern, dass es im ersten Dämonenkrieg die Magier und die Vampire noch nicht gab. Beide Rassen wurden erst im Laufe der Zeit von den Dämonen erschaffen. Und auch die Where und die Feuerechsen gab es noch nicht - aber deren Erschaffung ist noch nicht so lange her, dass wir heutige Leser daran erinnern müssten. Für Leser, die das Buch aber vielleicht erst in ein oder zweihundert Jahren in die Hand nehmen und sich nicht an den Ursprung dieser beiden mit den Drachen verwandten Rassen erinnern, sollten wir schließlich noch erwähnen, dass die Drachen bei den meisten Geschichten in diesem Buch deutlich kleiner waren als sie es heute sind. Tatsächlich waren sie nur unwesentlich größer als die heutigen Where, und wenn mich die Drachenreiter richtig informiert haben, hatten die Urdrachen wohl auch ein besseres Gedächtnis als ihre heutigen, großen Artgenossen. Ein paar andere Unterschiede in den physischen und magischen Fähigkeiten der Drachen gibt es wohl auch, aber in diesem Punkt brauchen wir an dieser Stelle denke ich nicht zu weit in die Details zu gehen.


    Ich hoffe, dass ich mit dem Zusammenstellen des vorliegenden Buches einen kleinen Teil zur Bewahrung der Erinnerung an einige Details aus der Entwicklungsgeschichte der Drachenreiter beitragen kann.

    Meisterharfner Zist

    im Jahr 721 nach der ersten Drachenprägung

  • Wir beginnen die Reihe der Geschichten mit einem Bericht, in dem die achtzig Jahre alte Weyrleiterin Sorka von einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit berichtet. Bei den erzählten Ereignissen war sie gerade einmal siebzehn Jahre alt.

    __Der Vollständigkeit halber sollten wir erwähnen, dass der erste Dämonenkrieg schon rund zweihundert Jahre vorher begonnen hatte. Tatsächlich hatten die Menschen und die Dämonen schon immer auf unserem Kontinent und die Dämonen ursprünglich auf dem Dämonenkontinent gelebt. Etwa zweihundert Jahre vor den hier geschilderten Ereignissen waren die Dämonen dann plötzlich mit mehreren Kriegsschiffen in unserem Drachenland aufgetaucht und hatten begonnen, gegen uns Menschen Krieg zu führen.

    __Es ist nur eine Vermutung, aber es könnte durchaus sein, dass die Dämonen nicht von selbst auf die Idee gekommen sind, nach anderen Kontinenten zu suchen. Jedenfalls hatten die Menschen schon dreihundert Jahre vor dem Beginn des Dämonenkriegs begonnen, die Weltmeere zu erkunden, und einige dieser Expeditionen hatten durchaus auch das Ziel gehabt, auf möglichen fremden Kontinenten neue Kolonien zu gründen. Aber der Kontakt zu diesen Entdeckern ging verloren, und über das Schicksal der potentiellen Siedler ist uns nicht das geringste bekannt. Es wäre durchaus möglich, dass eines - oder vielleicht auch mehrere - der verloren gegangenen Schiffe den Dämonenkontinent erreicht und so die Dämonen auf die Existenz der Menschen aufmerksam gemacht hat.

    __Auf jeden Fall waren die Menschen zweihundert Jahre vor der ersten Drachenprägung nicht auf einen Krieg gegen eine ihnen damals vollkommen unbekannte Rasse vorbereitet, und so gelang es den Dämonen, große Teile des Drachenlandes einzunehmen. Aber dann griffen die wild in den Bergketten lebenden Drachen in den Konflikt ein und vertrieben die Dämonen aus ihren bevorzugten Jagdgebieten. Als unsere Vorfahren dies bemerkten, begannen sie, in die Nähe der Drachennester umzuziehen - denn die Drachen waren durchaus schon soweit an die Menschen gewöhnt, dass sie unsere Vorfahren nicht als Feinde ansahen und uns in ihren Jagdgebieten wohnen ließen.

    __Einige Menschen wählten übrigens auch den Beruf des Soldaten und bekämpften die Dämonen auch außerhalb der von den Drachen beschützten Gebiete, aber die Soldaten konnten selbstverständlich nicht überall gleichzeitig sein, und so mussten viele Siedler sich eben halt auf den Schutz durch die Drachen verlassen - genau wie Sorkas Eltern und die restlichen Bewohner der Siedlung, in der Sorka aufgewachsen ist.


    Eine Zufallsbegegnung mit Folgen

    – Teil 1 –


    Der Tag, an dem Sean und ich uns zum ersten Mal trafen, war ein sonniger Frühlingstag mit milden Temperaturen. Also eigentlich ein sehr gutes Reisewetter, und tatsächlich war ich zusammen mit meinen Eltern, meinem kleinen Bruder und gut zwei Dutzend weiteren Kameraden unterwegs, um eine neue Heimat zu finden. Unsere alte Siedlung war einige Tage zuvor von Dämonen angegriffen und vernichtet worden. Vielleicht sollte ich euch an dieser Stelle daran erinnern, dass es damals noch keine Drachenreiter gab, und dass die wild lebenden Drachen die Umgebung zwar vor den Dämonen verteidigen, aber andererseits auch nicht daran denken, ein besonderes Augenmerk auf die Siedlungen der Menschen zu legen oder gar reisende Menschen zu begleiten. Deshalb rechneten die Menschen damals auch immer mit der Möglichkeit, dass ihr sie beschützender Drache sterben oder seine bevorzugten Jagdgebiete in eine andere Richtung verlagern könnte, und so war es damals keine Besonderheit, wenn die Bewohner einer Siedlung auf Wanderschaft gingen, um sich einen von den Drachen besser geschützten Ort zu suchen.

    __Dieses Mal hatte es jedenfalls uns erwischt. Nachdem die Dämonen bei dem Überfall alle Hütten unserer Siedlung zerstört und viele unserer Mitbewohner getötet hatten, mussten wir einsehen, dass unser Drache uns wohl nicht weiter beschützen würde, und so war uns klar, dass wir hier nicht bleiben konnten. Wir beschlossen, immer an der Bergkette entlang in die Richtung zu wandern, in der wir letzten Endes nach Süden kommen würden. Schon einige Jahre zuvor hatten wir nämlich gehört, dass die Bewohner einer anderen Siedlung ein ganzes Stück weiter südlich eine Festung errichtet und zum Schutz vor den Dämonen mit doppelten Festungsmauern versehen hatten und dass diese inzwischen schon hundert Jahre lang hielten. Natürlich war es uns eigentlich egal, ob wir bis zu dieser Burg Fort reisen oder irgendwo einen von Drachen beschützten Ort finden würden, an dem wir eine neue Siedlung gründen würden. Aber im Süden wussten wir, dass wir spätestens in ein paar Wochen einen sicheren Ort erreichen würden, und in die entgegengesetzte Richtung waren wir uns nicht so sicher.

    __Wir waren schon einige Tage lang unterwegs, als uns gegen Mittag ein bronzener Drache auffiel, der von einem der Berge vor uns auf das links neben der Bergkette vorhandene Flachland flog und dort mit seinem Feuer eine größere Gruppe von Kreaturen angriff. Obwohl wir zu weit weg waren um Einzelheiten zu erkennen war uns klar, dass hier ein Drache gegen Dämonen kämpfte. Als dem bronzenen Drachen wenig später ein goldener Artgenosse folgte, war uns klar, dass wir hier einen gut beschützten Ort gefunden hatten. Um ganz sicher zu sein, dass wir auch wirklich an der richtigen Stelle waren, würden wir zwar eigentlich noch bis zu dem Berg laufen müssen, von dem der bronzene Drache gekommen war, aber weil wir nicht von einzelnen Dämonen überrascht werden wollten, die dem Angriff von den Drachen entkommen waren, beschlossen wir, erst einmal etwas auf den rechts neben uns stehenden Berg hinauf zu klettern und dort eine Stelle zu suchen, die sich gut gegen die Dämonen verteidigen ließ. Tatsächlich fanden wir auf einem Drittel der Höhe des Berges eine Höhle, in der wir uns verstecken und ein paar Stunden lang abwarten konnten. Aber irgendwann am Nachmittag würden wir unsere Reise fortsetzen, um bis zu dem Berg zu laufen, von dem der bronzene Drache gekommen war und dort nach einer Höhle zu suchen, in der wir die ersten Wochen leben konnten - eben halt so lange, bis wir wieder einige Hütten errichtet hatten, in denen es sich angenehmer als in einer Höhle leben lässt. Wie gesagt, es war ein sonniger Frühlingstag mit milden Temperaturen, also eigentlich ein ideales Reisewetter.


    Was wir von unserem Standpunkt aus nicht sehen konnten, war, dass sich an der uns abgewandten Seite des Berges nicht nur eine passende Höhle, sondern einige hundert Meter weiter bereits eine kleine Siedlung und auf halber Höhe des Berges eine kleine Aussichtsstation befanden. Von der Aussichtsstation hatte ein Junge des Dorfes am Morgen die Dämonen entdeckt und war dann in das Dorf hinab gestiegen, um seine Kameraden vor dem bevorstehenden Angriff zu warnen. Weil man von der Aussichtsstation aus weit auf die Ebene hinaus gucken kann und die Dämonen sich nicht sehr zielstrebig auf die Siedlung zu bewegten, hatten die Siedler anschließend noch ein paar Stunden Zeit gehabt, um sich für die Verteidigung ihrer Siedlung zu bewaffnen und in aller Ruhe mögliche Pläne zur Verteidigung ihres Dorfes zu besprechen. Wie schon oft konnten sie aufatmen, als die beiden Drachen los flogen, um ihr Revier zu verteidigen. Natürlich konnte es immer vorkommen, dass einzelne Dämonen den Drachen auswichen und dann doch das Dorf angriffen, aber gegen einzelne Dämonen kann man sich leichter verteidigen als gegen eine größere Gruppe von denen.

    __Dieses Mal dachten die Dämonen aber wohl nicht daran, den Drachen auszuweichen. Statt dessen schienen sie beschlossen zu haben, gegen die Drachen zu kämpfen, um sie vernichten oder zumindest aus der Gegend vertreiben und dann wohl später ungehindert die Siedlung angreifen zu können. Jedenfalls tauchte kein Dämon bei der Siedlung auf, und auch wir Reisenden wurden dieses Mal nicht von den Dämonen belästigt. Etwa eine halbe Stunde, nachdem die beiden Drachen die Dämonen angegriffen hatten, flog der bronzene Drache wieder zurück auf seinen Berg, aber der goldene Drache blieb auf dem Flachland. Aus der Entfernung betrachtet sah es so aus, als ob er sich einfach so hingelegt hatte und eingeschlafen war.

    __Meine Eltern schlugen vor, noch ein, zwei Stunden abzuwarten und darauf zu achten, ob es irgendwelche Anzeichen gab, dass Dämonen überlebt hatten, aber mir kam es merkwürdig vor, dass ein Drache mitten auf einem Schlachtfeld einschlafen sollte. Während ich mir deswegen so meine Gedanken machte, beobachtete ich aufmerksam die Gegend rund um das Schlachtfeld, aber von unserem Berg aus war nicht ein einziges Indiz für die Anwesenheit eines verbliebenen Dämons zu sehen. Irgendwann - es mochte vielleicht eine Dreiviertelstunde, nachdem der bronzene Drache davon geflogen war, sein - wurden meine Befürchtungen, was den goldenen Drachen anging zu viel, und ich bat meine Gefährten, auf mich zu warten und lief dann los, um mir den goldenen Drachen aus der Nähe anzusehen.

    __Natürlich hatten auch die Bewohner der Siedlung den bronzenen Drachen davon fliegen sehen, und der Junge fand es ebenfalls merkwürdig, dass der goldene Drache auf dem Schlachtfeld blieb. Also war er erst einmal zur Aussichtsstation geklettert, und als er von dort nichts genaueres erkennen konnte, hatte er sich ebenfalls auf den Weg gemacht, um sich den Drachen einmal aus der Nähe anzusehen.

    __Um es kurz zu sagen: Wir erreichten den Drachen fast gleichzeitig, aber aus unterschiedlichen Richtungen, so dass wir einander nicht gleich bemerkten. Statt dessen, begannen wir, uns die Verletzungen des Drachen anzusehen. Ja, die Dämonen hatten den Drachen angegriffen, und es war ihnen gelungen, seinen Flügeln einen empfindlichen Schaden zuzufügen. Ich konnte von meiner Seite aus den linken Flügel des Drachen sehen, und dieser sah gar nicht gut aus. Anscheinend war der Flügel in eine Art Feuer geraten. Die komplette Haut war angesengt, und obwohl ich mich damals noch nicht mit der Anatomie von Drachen auskannte, hatte ich keinen Zweifel daran, dass der Drache mit diesem Flügel nicht so schnell wieder fliegen würde.

    __Bevor ich mir allerdings lange Gedanken darüber machen konnte, ob und wie man diese Verbrennungen behandeln konnte, hörte ich von der rechten Seite des Drachen die Stimme eines jungen Mannes: „Das sieht ja gar nicht gut aus“, murmelte er.

    __„Ist da jemand?“, fragte ich daraufhin.

    __„Ja, ich.“

    __„Wer ist ‚ich‘?“, erkundigte ich mich und begann, um den Drachen herum zu laufen.

    __„Na, ich eben. Sean.“

    __„Aha. Und was machst du hier?“

    __„Das könnte ich genauso gut dich fragen.“

    __„Ich habe von weiter weg gesehen, wie der Drache hier gegen ein paar Dämonen gekämpft hat und dann liegen geblieben ist. Seinen bronzenen Kameraden habe ich weg fliegen sehen, aber den hier nicht“, erklärte ich. Inzwischen war ich auch weit genug um den Drachen herum gelaufen, um den Jungen betrachten zu können. Er mochte wohl ungefähr so alt sein wie ich, hatte rotblonde Haare und trug stark verschlissene Kleidung. Bis auf das Geschlecht hätte diese Beschreibung übrigens genauso gut auch mich beschreiben können.

    __„Nun ich denke, der wird wohl nirgendwo mehr hin fliegen“, meinte der Junge und deutete auf den rechten Flügel des Drachen. „So wie ich das sehe, müssen ihn wohl mehrere Tierdämonen mit scharfen Klauen angegriffen haben, und es würde mich wundern, wenn bei diesen Schnittwunden nicht irgendwelche wichtigen Muskeln oder so etwas durchtrennt wurden. Aber ich bin kein Heiler und kenne mich mit so etwas nicht aus.“

    __„Mein Vater ist ein Heiler, und ich habe ihm schon oft bei der Behandlung von kleineren Verletzungen geholfen“, berichtete ich. „Aber mit der Anatomie von Drachen kenne ich mich nicht aus.“

    __Wir schwiegen einander eine Zeit lang an, aber dann ergriff Sean wieder das Wort: „Meinst du, wir sollten die Verletzungen behandeln?“, fragte er.

    __„Vielleicht. Aber wenn wir ihn hier lassen, wird das nicht viel bringen. Die Gefahr, dass ein Dämon vorbei kommt und den Drachen tötet, ist einfach viel zu groß.“

    __„Ich kenne eine Höhle, in der wir ihn unterbringen könnten.“

    __„Ach so? Und kennst du vielleicht auch eine Höhle, in der meine Kameraden und ich wohnen können? Wir sind so um die dreißig Leute, und unsere Siedlung wurde vor ein paar Tagen von Dämonen zerstört.“

    __„Ich kenne etwas besseres als eine Höhle. Natürlich müssen wir zuerst meinen Vater fragen, aber ich bin mir sicher, dass ihr bei uns in unserer Siedlung wohnen könnt. Für den Anfang wäre das vielleicht etwas beengt, aber in einer überfüllten Hütte lebt es sich doch immer noch besser als in einer Höhle?“

    __Nach einem kurzem weiteren Gespräch einigten wir uns darauf, dass ich meine Kameraden her holen und Sean inzwischen zu seiner Siedlung gehen und seinen Vater fragen sollte, ob er uns in die Siedlung führen durfte. Tatsächlich kam Sean dann aber zusammen mit seinem Vater und einigen anderen Leuten aus dem Dorf zurück zum Drachen, und nachdem ich meine Gefährten her gebracht hatte unterhielten sich mein Vater und Seans Vater mit einander. Wie sich dabei heraus stellte gab es in der Siedlung derzeit keinen Heiler, auch sonst sprach eigentlich nichts wirklich gegen eine Zusammenführung der beiden Gesellschaften. Unsere Väter entschieden also, dass wir mit in der Siedlung einziehen konnten, aber bevor wir das in die Tat umsetzten, behandelten mein Vater und ich noch die Wunden des Drachen, und gemeinsam mit allen anderen anwesenden Erwachsenen schafften wir den Patienten dann noch in die von Sean vorgeschlagene Höhle.


    Am Abend veranstalteten wir zusammen mit allen alten und neuen Bewohnern der Siedlung ein Fest, um einander noch etwas besser kennen zu lernen und zu besprechen, wie wir den Platz in den vorhandenen Hütten gerecht auf alle Bewohner der Siedlung aufteilen konnten. Wie ich dabei erfuhr, war auch Sean kein Einzelkind. Er hatte eine kleine Schwester, Renna, die damals gerade zwölf Jahre alt geworden und damit noch ein Jahr jünger war als mein Bruder Ryan. Der Vater von Sean und Renna hieß Natalon und war nicht nur ein sehr geschickter Zimmermann, sondern er besaß aus seiner Jugend ein gewisses Maß an Erfahrungen in der Verteidigung der Siedlung gegen die Dämonen - und deshalb hatten die Bewohner der Siedlung ihn genauso zu ihrem Anführer erwählt, wie die Bewohner meines alten Dorfes meinen Vater. Nach einigem hin- und her überlegen beschlossen die Anführer der beiden bisherigen Dorfgemeinschaften, dass meine Familie mit in die Hütte von Seans Familie einziehen sollte. Meine Eltern bekamen dabei von den vier Schlafzimmern das sonst nur als Gästezimmer verwendete vierte Zimmer, während Ryan mit in das Zimmer von Sean und ich in das Zimmer von Renna einziehen sollten. Auch für die anderen neuen Bewohner der Siedung wurde auf ähnliche Weise Platz geschafft.

    __Nachdem die Zuteilung der Wohnungen erledigt war, begann mein Vater von unserer Reise zu berichten. „Nachdem wir kurz vor dem Ozean das Ende der Bergkette erreicht hatten, gingen wir um den letzten Berg herum und begannen, auf der südlichen Seite der Bergkette entlang wieder zurück nach Westen zu reisen“, erwähnte er dabei.

    __„Einen Moment bitte“, unterbrach Natalon die Erzählung. „Ihr habt auf der nördlichen Seite der Bergkette gewohnt und seid trotzdem in die östliche Richtung gestartet? Und das obwohl ihr – wie ich einmal annehme – genau wusstet, dass ihr dann zwei Mal an denselben Bergen vorbei kommt - also dann eine ganze Strecke lang sicher sein könnt, dass da keine Drachen wohnen, weil ihr sonst auf der nördlichen Seite geblieben wärt? Wäre es da nicht besser gewesen, gleich nach Westen zu reisen und dann beim Hochlandgebirge nach Norden abzubiegen?“

    __„Ja, das war uns durchaus bewusst. Aber wir hatten vor einiger Zeit einen Bericht über die Burg Fort gehört, die mit doppelten Festungsmauern auch dann einen Schutz vor den Dämonen bietet, wenn gerade kein Drache in der Nähe ist.“

    __„Doppelte Festungsmauern? Wozu soll das gut sein?“

    __„Nun ja, soweit wir gehört haben, sind die äußeren Mauern aus Stein, da kommt man also nicht so leicht durch. Und die Gesteinsdämonen, für die eine Steinmauer kein Hindernis ist, würden dann an der inneren Festungsmauer gestoppt, denn die ist aus Holz, und da kommt ein Gesteinsdämon nicht durch.“

    __„Ah, das macht tatsächlich Sinn. Und weil ihr davon gehört habt, habt ihr einen Umweg gemacht? Wo liegt eigentlich die erwähnte Burg?“

    __„Soweit wir wissen südlich von hier. Und die Sicherheit, auf jeden Fall einen sicheren Ort zu finden, war uns den Umweg an der südlichen Seite unserer Bergkette entlang wert.“

    __„Ja, das kann ich verstehen.“ Seans Vater schwieg einen Moment und fuhr dann fort: „Erzähl weiter, was habt ihr auf der südlichen Seite der Bergkette so alles erlebt?“

    __Tatsächlich gab es nun nicht mehr viel zu berichten. Seans Siedlung befand sich auf der südlichen Seite unserer Bergkette, aber etwas weiter westlich als unsere ursprüngliche Siedlung. Und tatsächlich kam mein Vater auch ziemlich schnell dazu zu schildern, wie wir zuerst den bronzenen und dann auch den goldenen Drachen bemerkt hatten.

    __Nach dieser Schilderung der Reise wurde es langsam Zeit für Ryan und Renna, um ins Bett zu kommen, und weil Sean und ich mit den beiden jeweils ein Zimmer teilten, schickten unsere Eltern uns ebenfalls ins Bett. Wir waren zwar schon fast volljährig, aber genau deshalb war wohl stillschweigend vereinbart worden, dass wir auf unsere jüngeren Zimmergenossen aufpassen sollten.


    Am nächsten Morgen bat mein Vater mich, gleich als erstes nach dem Frühstück zu dem Drachen zu gehen und die Verbände zu wechseln. „Dass wir ihn behandelt haben, war ja schließlich deine Idee, also kannst du auch seine weitere Behandlung übernehmen“, fügte er noch hinzu. „Und wenn du damit fertig bist, kannst du zusammen mit Sean zur Aussichtsstation klettern. Natalon hat recht, wenn er verlangt, dass diese rund um die Uhr besetzt ist, und meiner Meinung nach kann es auch nicht schaden, wenn man dort ein bisschen Gesellschaft hat - und im Fall der Fälle kann einer von euch beiden ins Dorf runter laufen und der andere weiter dort oben die Gegend beobachten.“

    __Gegen dieses Argument fiel mir auf die Schnelle kein Einwand ein - auch wenn ich gerne auf einen Aufenthalt auf der Aussichtsstation verzichtet hätte. Aber dann kam auch Sean in die Wohnküche. Offensichtlich hatte er meinen Vater gehört, denn er fragte gleich als erstes: „Kann ich nicht auch mit zum Drachen kommen?“

    __„Nein, das ist zu gefährlich“, widersprach mein Vater. „Falls der Drache nicht bei Laune ist und euch beide angreift ...“

    __„... dann würde er mich auch dann angreifen, wenn ich alleine bin“, unterbrach ich ihn. „Du hast selbst oft genug gesagt, dass es bei Tieren oft hilfreich ist, wenn man als Heiler einen Helfer dabei hat, und was das angeht, ist ein Drache doch wohl auch nicht anders als ein sehr großes Tier?“

    __„Und was ist, wenn er euch beide angreift und ihr dann nicht mehr klettern könnt?“

    __„Wir müssen die Höhle nicht unbedingt gleichzeitig betreten“, wandte ich ein. „Sean kann draußen warten bis wir wissen, ob der Drache mich in seine Nähe lässt und mir dann folgen.“

    __„Ich denke, damit hat sie recht“, stimmte Seans Mutter mir zu, und damit war es dann auch entschieden. Sean und ich holten nach dem Frühstück reichlich Tücher, aus denen wir einen neuen Verband für die Wunden des Drachens herstellen konnten und gingen dann ohne zu Zögern zur Höhle.

    __Als wir uns der Höhle näherten, konnten wir auf einmal deutlich hören, wie der Drache darin anfing, bedrohlich zu knurren, und weil der Einwand meines Vaters noch zu frisch war, brachten wir die Tücher wieder zurück in unsere Hütte, um dann anschließend zur Aussichtsstation zu klettern. Oben angekommen warfen wir als erstes einen Blick auf die Umgebung - und Sean erklärte mir, worauf ich achten sollte, um potentielle Dämonen möglichst früh zu entdecken. Anschließend unterhielten wir uns noch eine Weile, und schließlich begannen wir eine Art Spiel, um unsere Aufmerksamkeit zu testen: Einer von uns beiden suchte sich irgend etwas in der Umgebung aus und gab nur grobe Hinweise während der andere raten musste, um was es dabei ging. Nachdem das Rätsel gelöst war, war der andere mit Raten dran.


    Kurz vor dem Mittagessen kamen Ryan und Renna auf die Aussichtsstation geklettert. Während mein Bruder offensichtlich ganz gespannt auf die Aussicht war, die er hier oben haben würde, hatte Renna schlechte Laune. „Wieso muss ich eigentlich immer über Mittag hier oben bleiben?“, fragte sie.

    __„Nicht immer“, wandte Sean ein. „Dieses Mal ist es das erst das erste Mal, und letzte Woche musstest du doch gar nicht hier herauf?“

    __„Aber hier oben ist es laaaangweilig. Und was ordentliches zu Essen bekomme ich hier auch nicht.“

    __„Immerhin hast du ab heute Gesellschaft“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Und damit kann die Zeit damit sehr schnell vergehen.“

    __„Auf die Gesellschaft von dem da“, sie deutete auf Ryan, „kann ich gerne verzichten. Der ist doof.“

    __„Wieso denn das? Ich dachte, du wolltest schon immer einen Freund haben?“, fragte Sean.

    __„Aber nicht so einen! Der hat vorhin im Unterricht damit geprahlt, welche Lieder er schon kennt. Aber als wir dann gemeinsam gesungen haben, hat er nicht einen einzigen Ton getroffen.“

    __„Was kann ich dafür, wenn der Harfner sich erkundigt, welche Lieder ich schon kenne?“, widersprach Ryan. Darauf, dass er bei den Melodien nur deshalb unsicher war, weil wir in unserer alten Siedlung keinen Harfner gehabt und die meisten Lieder daher entweder von einer alten, vollkommen unmusikalischen Oma oder von reisenden Harfnern, gelernt hatten, die zufällig durch unsere Gegend gekommen und dann für ein oder zwei Tage in unserer Siedlung geblieben waren, ging er allerdings nicht ein.

    __Sean und ich ließen unsere Geschwister in der Aussichtsstation, kletterten wieder hinunter ins Dorf und gingen zur Hütte unserer Familien. Als wir dort ankamen, unterhielten sich unsere Eltern gerade mit dem Harfner.

    __„Gut, dass ihr jetzt schon kommt“, wandte sich Natalon an uns als er uns bemerkte. „Harfner Jofri hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir euch beide eigentlich schon längst in irgend einem Beruf hätten ausbilden sollen.“

    __„Ja, ich weiß, in einer großen Siedlung ist so etwas wohl üblich“, antwortete ich darauf. „Aber ich musste in den letzten Jahren doch fast überall mit anpacken, weil einfach immer zu wenig Leute da waren. Natürlich weiß ich nicht, ob es bei dir anders war?“, wandte ich mich an Sean.

    __„Nein, hier war es genauso“, antwortete er.

    __„Ja, in einer kleinen Siedlung stimmt das wohl“, mischte Jofri sich ein. „Aber gestern hat unsere Siedlung deutlichen Zuwachs bekommen, und damit können wir anfangen, auch an solche Dinge zu denken.“

    __„Ich dachte, dass zuerst die fehlenden Hütten für Sorkas Kameraden gebaut werden müssen?“, wandte Sean ein. „Genau deshalb habt ihr mich doch heute und in den nächsten Tagen häufiger für die Aussichtsstation eingeplant.“

    __„In ein ein, zwei Monaten werden wir mit den Bauarbeiten fertig sein, und dann haben wir Zeit für eure Ausbildung“, meinte Natalon.

    __„Was?! Monate?“, bemerkte Sean mit einem erstaunten Gesichtsausdruck. „Sonst brauchst du längst nicht so lange für ein paar kleine Hütten.“

    __„Wir haben gestern Abend beschlossen, die Hütten erst zu bauen, wenn wir mit den Festungsmauern fertig sind“, ging mein Vater auf diese Bemerkung ein. „Aber da wart ihr beide wohl schon im Bett.“

    __„Festungsmauern? Meinst du genau solche wie die bei der Burg Fort?“, erkundigte ich mich.

    __„Ja, wenn wir einen Bergbaumeister finden, der uns die dafür benötigten Steine liefert - und idealerweise auch einen Maurer, der weiß, worauf man bei dem Bau einer Steinmauer achten muss.“

    __Bevor wir weiter reden konnten, mischte sich meine Mutter in das Gespräch ein: „Das Essen ist übrigens schon längst fertig und wird kalt, wenn ihr lange weiter redet.“

    __„Ja, dann muss ich mich verabschieden“, meinte Jofri. „Meine Frau wartet auch mit dem Essen auf mich.“ Anschließend wandte er sich noch einmal an Sean und mich: „Also, ihr beide habt noch etwas Zeit, um euch zu überlegen, was ihr in Zukunft beruflich machen wollt. Aber denkt darüber nach.“ Danach verließ er die Hütte, und wir setzten uns für das Mittagessen an den Esstisch.

    __Als wir mit der Mahlzeit schon fast fertig waren, fragte Sean auf einmal: „Was essen eigentlich Drachen?“

    __„Keine Ahnung“, meinte ich. Und soweit ich es in den Gesichtern unserer Eltern ablesen konnte, schienen die sich bei den Ernährungsgewohnheiten von Drachen auch nicht auszukennen. Um die peinliche Gesprächspause zu beenden fügte ich nach kurzem Zögern noch hinzu: „Meinst du, wir müssen unseren Patienten füttern?“

    __„Wenn der sich nicht frei bewegen kann, müssen wir wohl davon ausgehen“, meinte mein Vater.

    __„Ich kann euch ein paar Brote und etwas Gemüse mitgeben“, meinte Seans Mutter daraufhin. „Ihr geht doch jetzt wieder zu ihm in die Höhle?“

    __„Ja, wenn er uns rein lässt“, antwortete ich.

    __Nach dem Mittagessen gingen Sean und ich also wieder zur Drachenhöhle. Als wir dort ankamen, schlief der Drache gerade, und das nutzten wir aus, um die Höhle zu betreten und die Verbände zu erneuern - was wie ich dabei mit Entsetzen feststellen musste auch dringend nötig war. Kurz nachdem wir mit den Verbänden an dem zweiten Flügel begonnen hatten, bemerkten wir auf einmal, wie der Drache aufwachte. Er sah uns einige Zeit mit rot leuchtenden Facettenaugen an, und Sean begann, auf ihn mit einem beruhigenden Tonfall einzureden und ihm zu erklären, dass wir dabei waren, uns um seine verletzten Flügel zu kümmern. Irgendwie schien unser Patient das verstanden zu haben, jedenfalls wechselten seine Augen den Farbton, und während er uns mit seinen nun grünen Augen beobachtete, konnten wir das Wechseln der Verbände ungehindert fortsetzen. Bevor wir die Höhle wieder verließen, breiteten wir noch das Brot und das Gemüse in seiner Nähe aus und baten ihn, davon zu nehmen, wenn er Hunger hatte.

    __Nachdem wir den Nachmittag wieder auf der Aussichtsstation verbracht hatten, gingen wir nach dem Abendessen noch einmal zu dem Drachen. Dieses Mal war er wach, als wir bei der Höhle ankamen, aber wir konnten diese trotzdem ungehindert betreten. Erneut wechselten wir die Verbände. Das Brot und das Gemüse hatte er überhaupt nicht angerührt, so dass wir davon ausgingen, dass das wohl die falsche Art von Nahrung für einen Drachen ist - und dementsprechend nahmen wir die Lebensmittel auch wieder mit.


    Weil ich am nächsten Morgen eine gute halbe Stunde früher als gewöhnlich aufwachte, entschied ich mich spontan, an dem Tag einmal noch vor dem Frühstück bei dem Drachen vorbeizusehen, und irgendwie musste Sean wohl auch schon wach gewesen sein und mich gehört haben, jedenfalls kam er als ich gerade zur Haustür heraus gehen wollte aus seinem Zimmer. Wir gingen dann gemeinsam zur Höhle, und auch dieses Mal erlaubte der goldene Drache uns, die Höhle zu betreten. Ich sah mir dann auch gleich die Verbände an und entschied, dass wir die bei der Gelegenheit noch einmal erneuern sollten. Als wir damit fertig waren und gerade die Höhle verließen, kam uns Renna entgegen.

    __„Also, da seid ihr also!“, meinte sie. „Als ihr beim Aufstehen nicht auf euren Zimmern wart, hat sich Mama Sorgen gemacht und Ryan uns mich los geschickt, um euch zu suchen.“

    __„Es tut mir Leid“, antwortete ich. „Wir waren schon vor der Zeit zum Aufstehen wach und haben dann erst einmal nach dem Drachen gesehen.“ Kurz entschlossen wandte ich mich an Sean: „Vielleicht hätten wir in der Wohnküche einen Hinweis hinterlassen sollen.“

    __„Hmm, irgendwie hast du recht damit“, stimmte er zu, wandte sich aber dann an seine kleine Schwester: „Aber irgendwie ist uns die Idee erst jetzt gekommen.“

    __Anschließend gingen wir gemeinsam zu unserer Hütte zurück, und unterwegs tauchte auch Ryan auf und fragte: „Wart ihr wirklich beim Drachen?“

    __„Ja, waren wir“, antwortete ich.

    __„Na siehst du?“, wandte sich Ryan wieder an Renna. „Das hat mein Vater doch gleich gesagt!“

    __Tatsächlich konnten wir anschließend noch in Ruhe frühstücken, bevor unsere Eltern Sean und mich wieder auf die Aussichtsstation schickten.

    __Auch an den nächsten Tagen waren Sean und ich vormittags und nachmittags auf der Aussichtsstation, während wir morgens, mittags und abends zur Höhle gingen, um die Verbände des Drachen zu wechseln. Am fünften Tag knurrte der Drache uns morgens erneut an, so dass wir an dem Tag die Höhle erst mittags betraten, aber sonst ließ er uns ungehindert seine Höhle betreten. Weil wir noch nicht heraus gefunden hatten, wovon sich Drachen ernährten, nahmen wir mittags unterschiedliche Lebensmittel mit, aber die waren abends immer noch genau so in der Höhle, wie wir sie zurück gelassen hatten, so dass wir sie dann auch wieder mit nahmen.

    __Auch bei Renna und Ryan verliefen die Tage planmäßig ab: Vormittags bekamen sie Unterricht vom Harfner, mittags schickte dieser sie dann zur Aussichtsstation, um für die Zeit, in der Sean und ich beim Mittagessen waren und uns um die Verbände des Drachen kümmerten, die Beobachtung der Umgebung zu übernehmen. Soweit ich es bei den kurzen Zeiten, die wir alle vier zusammen waren, beurteilen konnte, schienen die beiden Kinder nach einigen Tagen besser miteinander auszukommen als dies am ersten Tag gewesen war.

    __Nachdem sich diese Routine schon eine gute Woche wiederholt hatte und wir abends wieder einmal die eigentlich für den Drachen bestimmte Nahrung mitbrachten, platzte meiner Mutter aber dann der Kragen. „Sorgt ihr eigentlich bewusst irgendwie dafür, dass der Drache nichts davon anrührt?“, fragte sie mich. „Der muss was essen, sonst verhungert er doch.“

    __Bevor ich darauf antworten konnte, mischte Renna sich jedoch ein: „Kann es nicht sein, dass der nichts davon anrührt, weil der bronzene Drache ihn schon mit seiner Nahrung versorgt?“

    __„Jetzt mach mal halblang“, widersprach Sean. „Wir hätten den bronzenen Drachen doch gesehen, wenn er regelmäßig zu der Höhle und wieder weg geflogen wäre.“

    __„Also ich habe tatsächlich zwei mal gesehen, dass er morgens kurz nach unserem Frühstück aus der Höhle kam, ein paar Meter in die Luft stieg und dann einfach so verschwand - ganz so, als ob er sich in Luft aufgelöst hätte. Das erste Mal war ich mir unsicher, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hatte, aber vorgestern habe ich das erneut beobachtet.“

    __„Wann war denn das erste Mal?“, fragte Sean.

    __„Genau am Tag, nachdem Ryan, Sorka und ihre Kameraden bei uns eingezogen sind.“

    __„Dann war also bei den Malen, wo wir morgens angeknurrt wurden, der bronzene Drache zu Besuch in der Höhle?“, fragte ich. „Hast du zufällig auch beobachtet, wann er dort angekommen ist und ob er Nahrung für seinen Artgenossen mitgebracht hat?“

    __„Nein, leider nicht.“

    In den folgenden Tagen blieb die Routine ganz so wie wir sie schon gewohnt waren - nur mit dem Unterschied, dass wir mittags nun keine Nahrung mehr mitnahmen. Ein paar Tage, nach dem Gespräch mit meiner Mutter und Renna schien wieder der bronzene Drache zu Besuch in der Höhle zu sein, jedenfalls wurden wir von einem der beiden Drachen angeknurrt. Dieses Mal versteckten wir uns aber in der Nähe und konnten tatsächlich beobachten, wie der bronzene Drache aus der Höhle kam, ein paar Meter in die Höhe stieg und dann plötzlich nicht mehr da war. Als wir dann sofort zur Höhle gingen, konnten wir diese ungehindert betreten und die Verbände wechseln.

  • Eine Zufallsbegegnung mit Folgen

    – Teil 2 –


    Eine gute Woche, nachdem Sean und ich den bronzenen Drachen gesehen hatten, bemerkte Sean am Nachmittag eine Gruppe von Wanderern, die sich unserer Siedlung näherten. „Ich glaube, die wollen zu unserem Dorf“, meinte er.

    __„Sollen wir runter gehen und unsere Väter darüber informieren?“, fragte ich.

    __„Als ich noch alleine hier oben war, habe ich das nicht gemacht. Die Wanderer sind ja keine Gefahr für uns.“

    __„Aber jetzt sind wir hier zu zweit, und ich könnte mir vorstellen, dass zumindest mein Vater informiert werden will.“

    __„Meiner wohl auch, wenn wir dabei die Aussichtsstation nicht unbesetzt lassen. Willst du runter gehen oder soll ich?“

    __„Du hast sie entdeckt, also kannst du auch die Meldung übernehmen“, entschied ich.

    __Sean ging also hinunter zur Siedlung und kam etwa eine Viertelstunde später wieder zurück. „Unsere Väter waren gerade irgendwo unterwegs - vielleicht, um Holz für die Festungsmauer zu organisieren. Also habe ich Jofri informiert, und der hat sich dafür bedankt und gemeint, dass wir richtig entschieden haben. Er will unsere Väter informieren, sobald sie wieder in der Nähe sind.“


    Tatsächlich kamen die Wanderer kurz vor dem Abendessen in die Siedlung, und nachdem Sean und ich uns um die Verbände des Drachen gekümmert hatten, versammelten wir uns mit den Bewohnern der Siedlung, um zu hören, was die Fremden so alles zu berichten hatten.

    __Tatsächlich war einer der Wanderer ein Steinmetz mit dem Namen Dalor. „Toldur und ich sind seit ein paar Jahren auf der Wanderschaft und bieten überall dort, wo wir vorbei kommen unsere Dienste an“, erzählte er. „Toldur hat das Handwerk des Bergbaus gelernt, und die anderen beiden sind Söldner und beschützen uns unterwegs, wenn wir von Dämonen angegriffen werden. Natürlich habe ich mir in der Zeit auch ein paar Fähigkeiten im Bergbau abgeguckt und Toldur kann mir auch bei dem Bearbeiten der Steine helfen.“

    __„Hier wäre auf jeden Fall Arbeit für euch“, merkte Jofri daraufhin an. „Unsere beiden Anführer haben entschieden, sich an der Burg Fort ein Beispiel zu nehmen und unsere Siedlung mit Festungsmauern zu schützen.“

    __„War diese Entscheidung auch gut überlegt?“, wandte Kaylek, einer der beiden Söldner, ein. „Seit die Burg Fort Festungsmauern hat, konzentrieren sich die Dämonen mit ihren größten Angriffen auf eben diese Burg. Anscheinend haben sie sich wohl überlegt, dass es da wegen der Mauern etwas besonderes zu holen geben muss. Und wenn ihr Mauern baut, könnte das gleiche auch euch passieren.“

    __„Dann halten Sie die Mauern also für sinnlos?“, fragte mein Vater nach.

    __„Nein, ganz und gar nicht. Aber ihr solltet mit dem Bau nur nicht anfangen, bevor ihr euch sicher seid, dass ihr auch stärkere Angriffe durch die Dämonen überstehen könnt.“

    __„Wobei die Mauern doch eigentlich helfen sollen.“

    __„Nur, wenn die nicht von Drachen aufgefressen werden. Ihr habt doch Drachen in der Gegend?“

    __„Nur, wenn - was?!“, erkundigte sich Natalon.

    __„Wenn die Mauern nicht von den Drachen aufgefressen werden“, wiederholte Dalor Kayleks Aussage. „Vor ein paar Tagen gab es einen sehr großen Angriff auf die Burg Fort, und natürlich haben sich auf der Seite der Menschen auch zwei Drachen an dem Kampf beteiligt. Und nachdem sich der Kampf etwas länger hin gezogen hat, hat erst der eine und etwas später der andere Drache seine Angriffe unterbrochen, ist zur Steinmauer geflogen und hat einen Teil davon gefressen. Anschließend haben die Drachen den Kampf fortgesetzt, und es ist den Bewohnern der Burg auch gelungen, die Däonen zu vertreiben, aber damit, dass die Mauern von den Drachen kaputt gemacht werden, hat wohl niemand gerechnet.“

    __„Dann ernähren sich die Drachen also von Gestein?!“, bemerkte meine Mutter. „Dann verwundert es mich nicht, wenn der goldene Drache nichts von unserer Nahrung annehmen wollte.“

    __„Also, irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass Drachen sich von Gestein ernähren“, widersprach mein Vater. „Das kann doch gar nicht funktionieren, wenn die ganz normale Lebewesen aus Fleisch und Blut sind.“

    __„Was weiß ich“, meinte Dalor. „Vielleicht sind sie gar nicht aus Fleisch und Blut, oder sie verwenden für die Verdauung irgend eine Art von Magie. Aber spielt es eine Rolle, was die essen?“

    __„Nein, vermutlich nicht“, meinte mein Vater. „Aber die sind ganz sicher aus Fleisch und Blut - und können auch verletzt und von Heilern behandelt werden – wenn sie jene in ihre Nähe lassen. Erst vor zweieinhalb Wochen habe ich schließlich einen goldenen Drachen behandelt, dessen Flügel im Kampf gegen die Dämonen verletzt wurden.“

    __„So etwas hört man nicht oft“, meinte Kaylek.

    __„Soweit ich weiß, bin ich der erste, der von sich behaupten kann, einen Drachen behandelt zu haben - na ja, abgesehen von meiner Tochter, die mir dabei geholfen und die weite Pflege übernommen hat. Ach ja, wir vermuten, dass ein bronzener Drache dem goldenen alle paar Tage etwas zu Essen bringt. Also um auf die Frage von vorhin zu antworten: Ja, wir haben hier Drachen, aber nur einer davon ist derzeit in der Lage, uns bei einem Angriff durch die Dämonen zu unterstützen.“

    __„Das klingt auf jeden Fall interessant“, meinte der zweite Söldner. „Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich gerne hier bleiben, um die Siedlung im Kampf zu unterstützen.“

    __„Du nimmst mir das Wort aus dem Mund, Tarri“, bemerkte Kaylek.

    __„Ein paar Söldner können wir auf jeden Fall gebrauchen. Und falls wir den Plan mit den Mauern fortsetzen, könnten wir auch einen Bergbaumeister und einen Steinmetz gebrauchen. Wenn die Festungsmauern fertig sind, kann es nicht schaden, stabilere Häuser zu bauen als die Hütten hier, und wenn die steinerne Mauer kaputt geht, wollen wir sie sicher auch reparieren können.“

    __„Also ich hätte nichts dagegen, endlich mal wieder sesshaft zu werden“, meinte Toldur daraufhin.

    __„Abgemacht. Wir übernehmen erst einmal den Bau der Mauer und bleiben dann hier“, stimmte auch Dalor zu.

    __„Wenn Kaylek und ich hier die einzigen Söldner wären, sollte ich mich aber vielleicht noch nicht sofort hier niederlassen“, wandte Tarri dann aber doch noch ein. „Zwei Söldner sind zu wenig, um die Festung zu beschützen. Aber ich bin mir sicher, dass ich ein paar Kameraden auftreiben kann bis ihr mit dem Bau der Mauern fertig seid.“

    __Dieser Vorschlag fand allgemein Zustimmung, und so besprachen wir als nächstes, wo die drei neuen Bewohner wohnen konnten. Am nächsten Tag machten sich Toldur und Dalor gleich daran, für die Festungsmauer Steine aus den Felsen zu schlagen. Tarri setzte seine Reise fort und Natalon und seine Helfer unterbrachen die Arbeit an der hölzernen Mauer, um nun doch erst einmal eine große Hütte zu bauen, die als Kaserne für die noch zu erwartenden Söldner dienen konnte.

    __Tatsächlich erfuhren Sean und ich am nächsten Tag beim Mittagessen, dass sich von nun an auch für uns die tägliche Routine ändern sollte. Kaylek weigerte sich nämlich, als Soldat - wie er es nannte - niedere Arbeiten zu übernehmen und bei dem Bau der Festungsmauern mit anzupacken. Weil mein Vater und Natalon den Plan für die Mauern schon fertig hatten und er nichts daran auszusetzen hatte, übernahm er also täglich eine Schicht bei der Aussichtsplattform, so dass Sean und ich nun am Nachmittag Zeit hatten, um andere Aufgaben zu übernehmen.

    __„Können wir nicht bereits mit unserer Ausbildung anfangen?“, schlug Sean vor als mein Vater uns beim Mittagessen von diesen Änderungen informierte.

    __„Wir brauchen immer noch alle verfügbaren Kräfte für den Bau der Festungsmauern“, wandte Natalon ein, fügte dann aber noch hinzu: „Was willst du denn eigentlich werden?“

    __„Wie du weißt, habe ich mich immer schon gerne um unsere Kühe und Schafe gekümmert, und es macht mir irgendwie auch Spaß bei der Behandlung des Drachen zu helfen. Daher habe ich mir überlegt, dass ich vielleicht ein Tierpfleger werden oder versuchen könnte, bessere Nutztiere zu züchten?“

    __„Das klingt auf jeden Fall interessant“, meinte mein Vater. „Also ich habe nichts dagegen, wenn du dich von nun an regelmäßig nachmittags um die Tiere kümmerst. Dadurch müssten wir dann auch keine Erwachsenen mehr dafür einplanen.“

    __„Eine richtige Ausbildung ist das aber noch nicht“, wandte Natalon ein. „Dafür müssten wir jemanden suchen, der so etwas beruflich macht oder dich für eine Lehre fortschicken. Aber ich denke, das können wir auch noch besprechen, wenn wir die Festungsmauern und die neuen Wohnungen fertig haben.“ Anschließend wandte er sich an mich: „Und was willst du machen, Sorka?“

    __„Nun, ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht genau wie mein Vater ein Heiler werden könnte“, antwortete ich. „Ein paar Handgriffe dafür kenne ich ja schon.“

    __„Ich übernehme gerne deine Ausbildung“, antwortete mein Vater. Anschließend wandte er sich an Natalon: „Ich denke, es ist in Ordnung, wenn ich mir dafür an drei Nachmittagen in der Woche von der Arbeit an der Mauer frei nehme? Im Gegenzug kann sie auch jetzt schon die Behandlung von kleineren Verletzungen übernehmen, so dass ich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zurück zur Siedlung muss.“

    __„Natürlich, kein Problem“, antwortete Seans Vater.

    __Tatsächlich setzte mein Vater diese Idee auch gleich in die Tat um, indem er gleich am selben Tag schon mit meiner Ausbildung anfing. Am nächsten Tag blieb ich am Nachmittag einfach in unserer Hütte, und weil auch Ryan und Renna nachmittags in der Wohnküche waren und ihre Hausaufgaben machten und miteinander spielten, konnte ich sehen, dass die beiden inzwischen sehr gut mit einander auskamen. Kurz vor dem Abendessen wandte sich Renna aber auf einmal an mich. „Können wir nicht auch irgendwann mit in die Höhle zum Drachen kommen?“, fragte sie.

    __„Soweit ich es gehört habe, scheint er nur Sean und mich zu dulden und alle anderen Personen anzuknurren, wenn sie sich der Höhle nähern“, wandte ich ein.

    __„Ryan und ich sind schon mehrmals in der Nähe der Höhle gewesen ohne dass er geknurrt hat“, meinte sie. „Ryan war einfach zu neugierig, was ihr da morgens und abends in der Höhle macht, also sind wir euch gefolgt. Aber dann hat er sich doch nicht getraut, euch bei dem Drachen zu stören.“

    __„Wir wechseln eigentlich nur drei mal täglich die Verbände - also morgens, abends und mittags - während ihr auf der Aussichtsstation seid.“ Nach kurzem Überlegen fügte ich noch hinzu: „Vielleicht meint der Drache, dass ihr keine Gefahr für ihn seid, weil er euch für Kinder hält. Aber ich würde euch dennoch nicht mitnehmen. Mit Drachen sollte man immer vorsichtig sein.“

    __„Schade“, meinte Renna daraufhin.


    Am nächsten Tag setzte mein Vater am Nachmittag meine Ausbildung fort, und am darauffolgenden Morgen wachte ich wieder einmal früher als gewöhnlich auf. Spontan entschloss ich mich, erst einmal einen kleinen Morgenspaziergang zu machen, aber dann kam auch Sean nach draußen. „Wollen wir wieder einmal die Verbände vor dem Frühstück wechseln?“, fragte er. „Ryan war schon wach und kann den anderen mitteilen wo wir sind“, fügte er noch hinzu.

    __„Gerne“, antwortete ich, und so sagten wir nur einmal schnell meinem Bruder Bescheid und gingen dann zu der Höhle.

    __Wie erwartet ließ uns der goldene Drache ohne Probleme eintreten, und um möglichst schnell fertig zu werden machten wir uns auch gleich an die Arbeit. Kurz bevor wir mit der Behandlung des ersten Flügels fertig waren, hörten wir aber auf einmal vor der Höhle ein Geräusch - ganz so, als würde irgend ein großes Tier oder so zuerst einmal etwas stärker auftreten und sich anschließend humpelnd der Höhle nähern. „Was ist das?“, fragte ich leise Sean.

    __„Vielleicht der bronzene Drache?“, schlug ich vor.

    __„Heißt das, wir müssen jetzt die Höhle verlassen?“

    __„Ich wüsste nicht wie, ohne dem Bronzenen zu nahe zu kommen. Der Goldene ist ja inzwischen an uns gewöhnt.“

    __Während die Geräusche näher kamen, schaute der goldene Drache erwartungsvoll zum Eingang der Höhle, und schon nach wenigen Augenblicken konnten wir tatsächlich den Kopf des bronzenen Drachen in der Höhle auftauchen sehen. Als er uns bemerkte, begann er, uns mit seinen rot leuchtenden Facettenaugen zu fixieren und dazu zu knurren.

    __Bevor wir jedoch irgend etwas deswegen unternehmen konnten, streckte der goldene Drache seinen Kopf in die Richtung des Bronzenen, und letzterer änderte daraufhin seine Augenfarbe und hörte schon kurz darauf auf zu knurren. Statt dessen betrat er die Höhle - und nun konnten wir auch erkennen, warum er humpelte: Er lief auf nur drei Pfoten, weil er mit der vierten - oder genauer gesagt, mit einer der beiden Vorderpfoten - ein anscheinend frisch getötetes Schaf festhielt. Dieses Beutetier legte er vor den goldenen Drachen, und dieser begann auch gleich, seine Mahlzeit zu verspeisen.

    __Der bronzene Drache blieb noch eine Weile in der Höhle. Nach einiger Zeit fragte Sean: „Meinst du, wir sollten mit dem Wechsel der Verbände weiter machen?“

    __„Ja, wenn wir vorsichtig sind und darauf achten, ob der Bronzene etwas dagegen hat“, schlug ich vor. Also gingen wir wieder an die Arbeit - und wie wir dabei bemerkten, schien keiner der beiden Drachen etwas gegen unsere Aktionen einzuwenden zu haben. Irgendwie kam es mir zwar merkwürdig vor, dass der zweite Drache uns erst anknurrte, aber uns dann fröhlich an den Flügeln seines Artgenossen herum hantieren ließ, aber damals wusste ich auch noch nicht, dass sich Drachen untereinander per Telepathie unterhalten können.

    __Nachdem wir mit der Behandlung der Verletzungen fertig waren, ließen wir die beiden Drachen in der Höhle zurück und gingen wieder zurück zu unserer Hütte, um dort ein spätes Frühstück zu essen. Natürlich berichteten wir unseren Eltern davon, dass der bronzene Drache tatsächlich Nahrung bringt und das Drachen Fleisch essen.

    __Die nächsten Tage sahen für mich also so aus, dass ich mich morgens, mittags und abends zusammen mit Sean um die Behandlung des goldenen Drachen kümmerte, vormittags mit ihm zusammen auf der Aussichtsstation war und dreimal in der Woche nachmittags von meinem Vater in der Kunst eines Heilers unterrichtet wurde. An den übrigen Nachmittagen half ich manchmal Sean bei den Tieren, während ich an anderen Tagen in unserer Hütte blieb und einfach auf potentielle Patienten wartete und dabei zusah, wie Renna und Ryan ihre Hausaufgaben machten oder miteinander spielten. Anders als sonst wurden Sean und ich nun übrigens nicht mehr von dem bronzenen Drachen angeknurrt, so dass wir unseren Patienten nun behandeln konnten wann immer wir wollten.


    Ein paar Tage, nachdem wir zum ersten Mal gesehen hatten, dass der bronzene Drache seinem goldenen Artgenossen tatsächlich Futter brachte, kam Kaylek schon am frühen Nachmittag von der Aussichtsstation herunter und unterbrach meinen Vater und mich bei meiner Ausbildung. „Ich habe da irgend etwas gesehen, was ich nicht so recht einordnen kann“, meldete er, fügte dann aber noch hinzu: „Da sind irgendwelche Bewegungen im Wald.“

    __„Kann es sein, dass das Dämonen sind?“, fragte ich.

    __„Wenn das welche sind, dann sind die noch zu weit weg um für uns gefährlich zu werden“, widersprach Kaylek.

    __„Vielleicht sind die weit weg, vielleicht kommen die aber auch näher. Auf jeden Fall sollten wir das im Auge behalten“, entschied mein Vater. „Sorka, wir brechen deine Ausbildung für heute ab. Du gehst sofort zusammen mit Kaylek auf die Aussichtsstation, und ich werde Ryan bitten, Sean zu suchen und ihn auch dorthin zu schicken. Ich denke, der kann am besten beurteilen, was da los ist.“

    __Ich kletterte also zusammen mit Kaylek auf die Aussichtsstation und konnte von dort aus klar erkennen, was der Söldner gemeint hatte. „Wenn ich mich richtig erinnere, ist das einer der Dinge, von denen Sean mir gesagt hat, worauf ich achten soll“, antwortete ich, nachdem ich das einige Zeit beobachtet hatte.

    __„Natürlich ist es das“, bestätigte Sean, der in diesem Moment auch gerade die Station betrat. „Ich war gerade zufällig in der Nähe der Siedlung, so dass Ryan mich gleich gefunden hat, und diese Bewegung habe ich auch eben auf dem Weg hierhin bemerkt“, fügte er als Erklärung noch hinzu. Anschließend wandte er sich an den Söldner: „Was machen Sie noch hier? Ich bin mir sicher, dass das Dämonen sind, und für den Fall, dass die sich nähern, sollten Sie die Siedlung auf die Verteidigung vorbereiten.“

    __„Aber wir wissen doch gar nicht, ob die wirklich hier hin unterwegs sind.“

    __„Wo sollten die wohl sonst hin wollen? Und außerdem ist es doch besser, bei einem Fehlalarm zu vorsichtig zu sein als im Ernstfall überrascht zu werden? Sorka und ich übernehmen jetzt das Beobachten von hier.“

    __Kaylek blieb also gar nichts anderes übrig als wieder nach unten zum Dorf zu klettern und dort die Vorbereitungen für die Verteidigung zu treffen. Wie ich später erfuhr, musste er sich Seans Argumente übrigens noch einmal von einem der beiden Anführer anhören - also entweder von meinem Vater oder von Natalon, den mein Vater nach der ersten Meldung bereits auf Verdacht hin informiert hatte.

    __Die Bewegungen im Wald waren tatsächlich von Dämonen verursacht worden, und diese näherten sich auch wirklich unserer Siedlung. Kaylek und diejenigen von den Bewohnern der Siedlung, die sich in den letzten Jahren den Umgang mit Pfeil und Bogen angeeignet hatten, machten sich bereit, auf jeden Dämon zu schießen, der dem Dorf zu nahe kam. Aber kurz bevor die Feinde nahe genug dafür waren, kam der bronzene Drache angeflogen und begann, die Dämonen mit seinem Feuer anzugreifen. Irgendwann wurde sein Feuer jedoch schwächer, und er unterbrach seine Angriffe. Statt weiter zu kämpfen, flog er zu einem der beiden Steinhaufen, die Toldur und seine Helfer für den Bau der Mauer zurecht gelegt hatten und begann, Steine zu fressen. Nachdem er damit fertig war, flog er wieder auf die Dämonen zu - die die Pause ausgenutzt hatten, um sich weiter dem Dorf zu nähern und nun von Kaylek und seinen Helfern mit Pfeil und Bogen auf Abstand gehalten wurden - und griff sie erneut mit frischem Feuer an.

    __Tatsächlich gelang es dem bronzenen Drachen und den unter Kayleks Befehl handelnden Anwohnern, die Dämonen wieder zu vertreiben, und so kehrte der Alltag wieder ein. Aber als Dalor sah, dass der Drache von einem der beiden Steinhaufen gefressen hatte, sagte er: „Die Drachen scheinen also tatsächlich in bestimmten Situationen Steine zu fressen.“

    __„Wen dem so ist, dann müssen wir immer damit rechnen, dass die Steinmauern von Drachen gefressen werden“, merkte Natalon an.

    __„Nur, wenn es den Drachen egal ist, welche Sorte von Steinen sie fressen“, widersprach Toldur. „Wir waren uns noch nicht so ganz sicher, welche Art von Gestein wir verwenden sollen. Also haben wir erst einmal zwei Steinsorten abgebaut um später entscheiden zu können. Die Steine hier“, er deutete auf den größeren Steinhaufen, „können wir recht nahe bei der Siedung abbauen, aber soweit ich es gehört habe, sollen Dämonen wohl Gebiete meiden, in denen nicht nur Drachen leben, sondern deren Gestein überwiegend aus jener Sorte besteht“, er deutete auf den Steinhaufen, von dem der Drache gefressen hatte. „Die Steinmauern der Burg Fort bestehen übrigens aus einer Mischung beider Steinsorten“, fügte er noch hinzu.

    __„Wenn das so ist, sollten wir unsere Festungsmauer aus der ersten Steinsorte bauen“, entschied mein Vater. „Dann müssen wir die Steine nicht nur nicht so weit schleppen, sondern verringern gleichzeitig das Risiko, dass die Mauer von den Drachen gefressen wird.“

    __„Aber wie wir gesehen haben, kann es nicht schaden, zusätzlich einen Steinhaufen von der anderen Sorte zu haben - damit die Drachen bei Bedarf davon fressen und nicht von unserer Mauer“, schlug Toldur vor.


    Rund zweieinhalb Wochen später - also auf den Tag genau sechs Wochen, nachdem wir den goldenen Drachen in seine Höhle gebracht hatten - half ich Sean am Nachmittag mit den Tieren, und zufälligerweise waren wir gerade in der Nähe der Drachenhöhle als wir auf einmal hörten, wie der Drache auf einmal anfing zu brummen.

    __„Was ist da denn auf einmal los?“, fragte Sean.

    __„Keine Ahnung“, antwortete ich.

    __Bevor wir uns weiter unterhalten konnten, sahen wir, wie der bronzene Drache auftauchte und direkt in die Höhle hinein flog. Aber der goldene Drache setzte sein Brummen davon unbeeindruckt fort.

    __„Sollen wir mal nachsehen, was da passiert sein kann?“, schlug ich nach einer Weile vor. „Irgend etwas muss da los sein, sonst würde der doch nicht die ganze Zeit so brummen“, fügte ich hinzu - wobei ich mir überhaupt nicht sicher war, ob Drachen nicht gelegentlich doch ohne irgend einen Grund anfingen zu brummen.

    __„Ja, ich denke, das sollten wir machen. Die Kühe kommen auch eine Weile ohne uns aus.“

    __Also verließen wir die Wiese und gingen vorsichtig zur Höhle. Bevor wir eintraten, versuchten wir einmal, einen vorsichtigen Blick hinein zu werfen, aber irgendwie schien es so, als ob keiner der beiden Drachen auf uns achtete. Also traten wir in die Höhle, und nachdem unsere Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten wir erkennen, dass der goldene Drache dabei war, Eier zu legen. Zwei weiße Eier mit bunten Punkten auf der Schale und einem Durchmesser von etwa einem Fuß lagen schon auf dem sandigen Boden der Höhle, und gerade war der goldene Drache dabei, ein goldenes Ei zu legen, welches etwas größer zu sein schien als die beiden gepunkteten.

    __„Kann es sein, dass unser Patient weiblich ist?“, fragte ich. Tatsächlich hatte ich mir bisher noch keine Gedanken darüber gemacht, welches Geschlecht der Drache hatte - oder ob Drachen überhaupt unterschiedliche Geschlechter haben.

    __„Sieht irgendwie so aus“, antwortete Sean. „Aber vielleicht sollten wir sie weiter Eier legen lassen. Es sieht nämlich nicht wirklich so aus, als ob wir hier viel helfen könnten.“

    __„Ich glaube, du hast Recht. Und was das Wechseln der Verbände angeht, sollten wir denke ich auch abwarten, bis das Eierlegen durch ist.“

    __Also verließen wir die Höhle, und als wir abends zur Siedlung zurück kehrten berichteten wir meinem Vater und den anderen Mitgliedern unserer beiden Familien, das wir heraus gefunden hatten, dass der goldene Drache weiblich war und dass er gerade dabei war Eier zu legen.

    __Natürlich wollten nicht nur mein Vater, sondern auch Ryan, Renna, Nataon und meine Mutter sich die Eier einmal aus der Nähe ansehen, aber als wir nach dem Abendessen alle gemeinsam zur Höhle gingen, fing der bronzene Drache an zu knurren, so dass wir unverrichteter Dinge wieder zurückkehren mussten. Immerhin hatte ich bemerkt, dass der goldene Drache immer noch brummte, also war er wohl immer noch nicht mit dem Eierlegen fertig.

    __Als der Drache am Morgen des folgenden Tages zwar immer noch brumte, aber gerade keine Eier zu legen schien, entschied ich, dass wir nun doch einmal die Verbände erneuern müssen. Inzwischen waren der Heilungsprozess zwar schon gut voran gekommen, aber dennoch war ich der Meinung, dass wir die Verletzungen nicht tagelang vernachlässigen konnten. Wir baten den goldenen Drachen also für den Fall, dass es etwas ungemütlich würde, um Entschuldigung und wechselten den Verband bei dem Flügel mit den Schnittwunden. Bei dem anderen Flügel nahen wir die Verbände nun ganz ab - Brandwunden sehen zwar nicht gut aus, aber irgendwann brauchen sie auch mal frische Luft, um weiter auszuheilen.

    __Als wir mittags wieder zur Höhle gingen, war unser Patient wieder dabe, Eier zu legen, aber dafür konnten wir am Abend und am nachfolgenden Tag morgens wieder den Verband an dem Flügel mit den Schnittwunden wechseln - auch wenn der Drache immer noch brummte. Gegen Mittag war er wieder mit Eierlegen beschäftigt, aber am Abend hatte er aufgehört zu brummen, weil er anscheinend fertig geworden war mit dem Eierlegen. Trotz einiger Pausen hatte er in etwas mehr als achtundvierzig Stunden ganze 39 Eier gelegt, darunter ein goldenes.

    __Natürlich berichteten wir beim Abendessen davon, dass der Drache mit dem Eierlegen fertig war, und dass es ganze 39 Eier geworden waren.

    __„39 Eier? Habt ihr irgend eine Ahnung, wie oft Drachen Eier legen, wenn die gleich 39 Eier auf einmal legen?“, fragte meine Mutter. „Nicht, dass wir am Ende noch eine Überbevölkerung von Drachen haben.“

    __„Es ist ja noch nicht gesagt, dass aus jedem Ei auch wirklich ein Drache schlüpft, und wie hoch die Kindersterblichkeit bei den Drachen ist, wissen wir auch nicht“, widersprach mein Vater.

    __„Außerdem hätte ich durchaus nichts dagegen, wenn wir hier ein paar mehr Drachen hätten, die die Dämonen zuverlässig von den Bergen fern halten“, fügte Natalon hinzu.

    __Als sich die Nachricht von den Dracheneiern in der Siedlung herum sprach, entschieden sich wohl immer wieder einzelne Leute, einen Blick auf die Eier zu werfen. Aber die meisten kehrten unverrichteter Dinge um, als sie merkten, dass der goldene Drache sie von der Höhle aus anknurrte - und das war auch die bessere Entscheidung, denn der goldene Drache zögerte durchaus nicht, fremde Personen mit seinen Klauen anzugreifen, wenn sie sich trotz seiner Drohung weiter näherten. In den folgenden Tagen mussten mein Vater und ich also regelmäßig Verletzungen von Kameraden behandeln, die zu weit gegangen und vom Drachen angegriffen worden waren.

    __Sean und mich ließen sowohl der goldene als auch der bronzene Drache weiterhin in die Höhle kommen, aber an uns waren die beiden ja schon gewöhnt, und sie wussten wohl auch, dass wir ihnen nichts antun würden. Ob Ryan und Renna auch zur Höhle gingen und ob sie diese vielleicht sogar betreten konnten, weiß ich nicht. Ich würde es den beiden durchaus zutrauen, aber sie haben nichts davon erzählt, und auf jeden Fall mussten mein Vater und ich keinen der beiden behandeln.


    Drei Wochen nachdem der Drache seine Eier gelegt hatte, entdeckte ich am späten Vormittag von der Aussichtsstation aus eine Reisegruppe, die zum Teil aus Reitern und zum Teil aus Wanderern bestand. Tatsächlich war es schon so spät, dass Sean und ich nicht sofort für eine Meldung ins Dorf liefen sondern noch die paar Minuten abwarteten bis wir von Renna und Ryan abgelöst wurden.

    __Wie sich am Nachmittag heraus stellte, bestand die Reisegruppe aus zwei Dutzend Söldnern, die von Tarri angeführt wurden und von denen die Hälfte mit Rennern unterwegs waren. Nachdem Kaylek sie begrüßt und sich anschließend mit Natalon und meinem Vater besprochen hatte, sagte er: „Ich denke, dass wir Söldner von nun an die Wachen auf der Aussichtsstation übernehmen. Aber es wäre gut, wenn ihr beide“, er deutete auf Sean und mich, „in den nächsten Tagen noch mit rauf kommt und uns beibringt, worauf wir achten müssen, um mögliche Dämonen früh zu erkennen.“ Mit einem Blick auf die neuen Söldner fügte er hinzu: „Die Bewohner der Siedlung haben recht, wenn sie der Meinung sind, dass es besser ist, wenn wir uns einmal zu oft aufgrund eines Fehlalarms kampfbereit machen als wenn wir im Ernstfall von den Dämonen überrascht werden.“

    __„Und wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich mich gerne um eure Renner kümmern“, mischte sich Sean ein. „Ich will sowieso Tierpfleger werden, also fällt das in meinen Aufgabenbereich.“

    __„Was das angeht, werde ich dich unterstützen“, merkte einer der berittenen Söldner an. „Ich habe früher einmal als Tierpfleger gearbeitet, bevor unsere Siedlung von Dämonen angegriffen und vernichtet wurde - weswegen ich dann auch den Beruf gewechselt habe.“

    __„Wäre es möglich, dass Sie Seans Ausbildung übernehmen?“, fragte Natalon. „Wir haben hier bisher keinen ausgebildeten Tierpfleger, und müssten sonst einen solchen suchen oder den Jungen für die Ausbildung fort schicken.“

    __„Klar, das mache ich gerne.“

    __Anders als Kaylek waren die meisten Söldner durchaus bereit, bei der Errichtung der Festungsmauern mitzuhelfen, und weil die Söldner stillschweigend Kaylek als Kommandanten akzeptierten, wurde die Siedlung fortan gemeinschaftlich von Natalon, Kaylek und meinem Vater geleitet.


    Etwa eine Woche später - oder ziemlich genau einen Monat, nachdem der goldene Drache mit dem Eierlegen fertig geworden war - waren Sean und ich nach dem Frühstück gerade in der Drachenhöhle, um noch einmal nach den Verbänden zu sehen.

    __„Ich denke, die Schnittwunden sind jetzt auch gut genug verheilt, dass wir die Verbände weg lassen können sagte ich, nachdem wir den alten Verband abgenommen und ich mir den Flügel angesehen hatte.“

    __Wie als eine Antwort darauf fing der goldene Drache auf einmal an zu brummen.

    __„Will der schon wieder Eier legen?“, fragte Sean daraufhin.

    __„Kann ich mir nicht vorstellen“, meinte ich. „Was meinst du, sollen wir noch etwas hier bleiben und abwarten?“

    __„Auf jeden Fall. Der Söldner, der meine Ausbildung übernommen hat würde mich ausschimpfen, wenn ich ihm nicht erzählen kann, was das jetzige Brummen zu bedeuten hat.“

    __„Ich glaube, mein Vater würde auch gerne wissen, was hier passiert“, merkte ich an. Also blieben wir noch. Um den Drachen aber nicht zu stören, gingen wir etwas von ihm weg und stellten uns dann so an eine der Höhlenwände, dass wir die ganze Höhle im Blick hatten.

    __Nach kurzer Zeit kam dann auch der bronzene Drache in die Höhle gehumpelt. Wie gewohnt hatte er in einer seiner Vorderpfoten ein Beutetier - dieses Mal hatte er sich für eine Kuh entschieden. Nachdem er diese vor die Pfoten des goldenen gelegt hatte, begann dieser allerdings nicht, das Beutetier wie gewohnt zu fressen, sondern er benutzte seine Klauen, um es in kleine Stücke zu reißen, die er dann zwischen die Eier warf.

    __Der bronzene Drache war inzwischen wieder aus der Höhle verschwunden, kehrte aber wenig später mit einem zweiten Beutetier wieder und begann dann ebenfalls, dieses in kleinere Stücke zu reißen, die er dann auch zwischen die Dracheneier warf.

    __„Was soll das werden?“, fragte Sean, als er dieses seltsame Verhalten der beiden Drachen sah. „Sind die beiden verrückt geworden?“

    __Aber mir war in diesem Moment etwas anderes aufgefallen. „Sieh doch mal. Die Eier bewegen sich“, erzählte ich ihm daraufhin.

    __Und tatsächlich hatten ein paar von den Eiern angefangen zu wackeln. Es dauerte nicht lange, bis auch die anderen Eier damit anfingen, und kurze Zeit später konnten wir bei den ersten Eiern auch schon Risse sehen.

    __Bevor wir die Eier allerdings weiter beobachten konnten, fing der goldene Drache auf einmal an, bedrohlich zu knurren, wobei er mit seinen Augen den Eingang der Höhle fixierte.

    __Dieses Mal schien es so, als ob der bronzene Drache seinem Artgenossen irgendwie wortlos etwas mitteilte, woraufhin der goldene Drache mit dem Knurren aufhörte, und nur wenig später konnten wir sehen, dass Renna die Höhle betrat. Als sie Sean und mich bemerkte, kam sie direkt auf uns zu. „Habt ihr die Zeit aus den Augen verloren oder wieso braucht ihr so lange?“, fragte sie uns. „Sonst habt ihr doch nicht so lange gebraucht, um den Drachen zu behandeln. Unsere Väter machen sich schon Sorgen.“

    __„Na dann kannst du zurück gehen und berichten, dass die Jungdrachen gerade dabei sind zu schlüpfen“, schlug Sean vor.

    __„Und das beste verpassen? Nie im Leben!“, antwortete Renna.

    __Während wir so abgelenkt gewesen waren, hatten sich noch auf weiteren Eiern Risse gebildet, und bei einem Ei sah es nun irgendwie so aus, als ob dieses jeden Moment in zwei Teile zerfallen könne. Tatsächlich dauerte es auch nicht lange, bis daraus tatsächlich ein kleines, blaues Drachenbaby kletterte, welches - nachdem es sich ausgestreckt hatte - von der Nasenspitze bis zum Schwanzende vielleicht einen Meter lang sein mochte. Während es sich mit rot leuchtenden Facettenaugen sofort einem der Fleischstückchen zuwandte und dieses ganz gierig verschlang, kletterten schon weitere Drachenbabys aus ihren Eiern. Die meisten davon waren in verschiedenen nichtmetallischen Farben, aber ich konnte darunter auch ein oder zwei bronzene sehen.

    __„Nein, sind die niedlich“, meinte Renna und steckte ihre Hand aus, um eines der Drachenbabys zu streicheln. Allerdings dachte dieses gar nicht daran, sich von ihr berühren zu lassen und stieß sie unsanft zurück.

    __„Wie man merkt, sind selbst die kleinen Drachenbabys nichts anderes als wilde Tiere“, bemerkte Sean.

    __Aber dann sahen wir, wie direkt vor uns ein kleines, rotes Drachenbaby aus seinem Ei schlüpfte. Statt wie die anderen gleich ein Fleischstück vom Fußboden zu nehmen, lief es geradewegs auf Renna zu.

    __„Pass auf, Renna“, rief ich.

    __Aber sie hatte schon ein Fleischstückchen vom Boden aufgehoben und hielt es dem Drachen hin. „Ruath heißt du also? Das ist ein schöner Name“, sagte sie dabei zu dem kleinen Wesen.

    __Während ich mir noch Gedanken darüber machte, was das bedeuten mochte, kam ein frisch geschlüpftes bronzenes Drachenbaby direkt auf Sean zu. Als er es bemerkte, streichelte er es und hob dann ebenfalls ein Stück Fleisch vom Boden auf, um den kleinen Drachen zu füttern. „Der hier heißt Carenath“, meinte er dabei zu mir.

    __„Was ist nur in euch gefahren?“, fragte ich.

    __Aber es war weder Sean noch Renna, sondern eine eindeutig weibliche Stimme, die mir antwortete. „Ich habe Hunger“, konnte ich sie direkt in meinem Kopf hören - ganz so, also ob irgend jemand statt laut zu reden seine Stimme per Telepathie übertragen hätte. Als ich mich umsah, konnte ich sehen, dass ein goldenes Drachenbaby direkt auf mich zu kam und mich mit seinen blau leuchtenden Facettenaugen ansah. Weil ich irgendwie Mitleid mit dem kleinen Drachenmädchen hatte, hob ich auch ein Stück Fleisch vom Fußboden auf und begann, Faranth zu füttern. Irgendwie war ich mir sicher, dass sie so hieß, auch wenn mir das niemand zuvor verraten hatte. Aber das Gefühl, meine Gedanken mit einem kleinen Drachen teilen zu können, war das beste, was ich bis dahin erlebt hatte.