Characters


  • "You mean, like letters, or like people?"
    "Yes."


    Characters - Ein schöner, minimalistischer Begriff, der zugleich "Buchstaben" und "Charaktere" bedeuten kann. Charaktere sind das Herz und die Seele eines Romans, und auch in meinen Kurzgeschichten ist es mir wichtig, dass die Charaktere glaubwürdig sind. Gute Charaktere bleiben im Kopf, man fiebert mit ihnen mit, man will, dass sie Erfolg haben - oder sich nach einer Niederlage wieder hochrappeln.
    Herzlich Willkommen also an dieser Stelle. Ich bin #shiprekt, und habe mich auf die Wettbewerbsszene des Bisaboards verlegt, nachdem mir die Pokémon-FFs mir nicht mehr so zusagen wie früher und es sich recht zäh anfühlt, damit noch weiter zu machen. Seit 2010 schreibe ich beinahe täglich, und bisher ist es noch nie langweilig gewesen.
    Ich hoffe, du hast viel Freude beim Lesen meiner Texte und bei den Abenteuern, die meine, äh, Characters so erleben. Wenn du zu irgendetwas eine Frage hast, so zögere nicht, mir einen Kommentar da zu lassen - ich freue mich immer, wenn jemand Interesse zeigt.


    Zunächst folgt hier ein kleines Inhaltsverzeichnis. Eine Aufteilung zwischen Gedicht und Kurzgeschichte nehme ich mal nicht vor, da ich nur sehr selten Gedichte schreibe und darum die Kurzgeschichten stark überwiegen.



    Anfangen werde ich mit meiner Hälfte des Beitrags von Faröer und mir zum FFxFF-Collab. Aufgabe hierbei war, ein Ereignis aus zwei Perspektiven darzustellen. Ich übernahm die Seite der jüdischen Insassin, Faröer hat die Gegenseite beschrieben. Da der zweite Platz dieser Collab sozusagen mein Interesse an Wettbewerben entflammt hat, ist es nur passend, dass ich auch hier dieser Abgabe den ersten Post widme.




    mfg
    #shiprekt

  • Hallo Wollust,


    nachdem an anderer Stelle von einer "Unfassbaren Sache" die Rede war, die hier im FF-Bereich schändlicherweise ihr Unwesen treiben soll und deswegen aufgehalten werden muss ... Okay, Zynismus beiseite. Eine Igelmaus wünscht sich Post für dich und nachdem du bisher noch kein Feedback erhalten hast, nehme ich mich dem mal an.
    Zur Einleitung, ich finde es etwas schade, dass der Startpost eigentlich relativ kurz ist und nur in etwa aufgreift, wie du zu diesem Topic kamst, aber wenn es dir so gefällt, ist das natürlich in Ordnung. Sollte sich das einmal ändern, dann weißt du ja bereits bestens, wie man einen solchen ansehnlich designt.


    Nun zur Geschichte, ich war ja doch etwas überrascht, nachdem ich mir unter dem Titel Julia Birnbaum nichts vorstellen konnte (zumindest nehme ich an, dass das der Titel sein soll) und dann tatsächlich die Geschichte zur Zeit der Judenverfolgung spielt. Ist ja doch eine sehr ernste Thematik, die dahinter steckt und was soll ich sagen, du hast dir sehr viel Mühe gegeben, das Ganze authentisch zu beschreiben. Durch Julias Augen fühlt man sich tatsächlich wie zurückversetzt, glaubt, man gehe selbst diesen Weg. Auffällig dabei ist, dass der ganze Aufbau eigentlich dem typischen Gedankengang eines Menschen ähnelt: Viele kurze Sätze und die wichtigsten Gedanken zusammengefasst und knapp beschrieben. Ich muss zugeben, dass mich das anfangs etwas gestört hat, da dies unfreiwillig den Lesefluss ins Stocken bringt, allerdings war dies wohl die beste Möglichkeit, den Gang zu überbrücken. Die Konsequenz daraus ist jedoch, dass Julia sehr gleichgültig wirkt und man eigentlich nie erfährt, dass sie Angst verspürt oder dem Tod trotzen möchte, sprich, es fehlen Gefühle. Dass sie während ihrer Anwesenheit nämlich so stark abgehärtet wurde, dass sie das alles nicht mehr interessiert, wurde so nie erwähnt. Besonderes an der Stelle, an der sie zu Flehen begann, merkte man doch deutlich, dass es nicht die Wirkung erzielt hat, die eigentlich beabsichtigt war. Allerdings muss ich dazu sagen, dass die gesprochenen Worte hier perfekt waren und sicher am Gegenüber nagen werden.
    Ich musste ja doch lachen, als du dann das Aussehen des SS-Mannes beschrieben hast. Groß, blond und blauäugig; ich weiß nun nicht, ob das für diese Männer zwingend notwendig war, aber es ist nun einmal das Klischee schlechthin, einen Deutschen so zu beschreiben. Das nur so am Rande erwähnt. Er gibt sich schließlich recht wortkarg; vermutlich würde das auf der anderen Seite besser beleuchtet, wie er sich bei der Sache fühlt. Auf Julias Seite erweckt dies allerdings den Eindruck von Überlegenheit und Selbstsicherheit, was sicherlich beabsichtigt war. Schließlich befolgt er auch nur Befehle.
    Das Ende ist dabei sehr elegant gelöst worden, indem ein Ereignis mitten aus der Geschichte noch einmal aufgegriffen und für diese Szene abgeändert wird. Kudos an dich!


    Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass die Geschichte für die ernste Thematik gut umgesetzt wurde, wenngleich ich das Gefühl habe, dass die Wortobergrenze hier im Weg war, um noch mehr daraus machen zu können. Wenn du magst, kannst du das ja noch etwas erweitern, ist aber nur meine persönliche Meinung. Von daher belasse ich es hier nun dabei und hoffe, dass dir die Kritik geholfen hat. Eventuell liest man sich ja einmal wieder.


    ~Rusalka

  • Moin,


    hab endlich wieder ein wenig mehr Zeit und wollte mich noch einmal wörtlich für den Kommentar bedanken. Du hast recht, was den Startpost angeht, wenn man sich all die FFs ansieht, ist das wirklich enorm karg. Das ist nicht zuletzt meiner Unerfahrenheit in diesem Bereich der FF-Sparte zuzuschreiben. Darum muss ich das auch, so schnell es geht, beheben.


    Zu Julia selbst hast du den Nagel wieder auf den Kopf getroffen, womöglich war es keine gute Idee, den Teil meines Partners rauszulassen, aber eine relativ gute Wirkung wird auch so erzielt. Die Wortobergrenze ist in den Wettbewerben leider bei manchen Themen wirklich hinderlich, aber es sind nicht umsonst Wettbewerbe - man muss auch mit so etwas klar kommen. Wie dem auch sei, in nächster Zeit werde ich das Ganze hier mal ein wenig aufpolieren und das nächste Werk reinstellen.


    mfg
    Wollust

  • http://i.imgur.com/I1LgTlU.jpg
    Wollen se uns alle hopsnehmen? Det will ick sehn.


    Moin,
    Lotte hat mir im Wettbewerb Nummer 11 den ersten Platz gebracht, was für mich bedeutet, dass ihre Geschichte ein gut gelungener Text sein muss. Sämtliche Flüchtigkeitsfehler, die von den Votern angesprochen wurden, habe ich raus genommen, außerdem habe ich Guckys Empfehlung nach einige kleine Stellen verändert, die nicht realitätsgetreu genug waren.


    Nummer 2: Nacherzählung eines historischen Ereignisses


    Mauer auf!


    9 November 1989
    18 Uhr und 53 Minuten
    „Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Besucher der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Im Saal wird es ruhig. Nach dieser Ankündigung hört man nur hastiges Schreiben der anwesenden Reporter.
    „Wann tritt das in Kraft?“ Eine konkret gestellte Frage, doch die Antwort bleibt vorerst aus. Der Journalist, der sie gestellt hat, runzelt die Stirn. Vor ihm blättert der Mann mit den grauen Haaren in seinen Papieren. Er wirkt unbeholfen, versucht jedoch, die bekannte Professionalität auszustrahlen. Es gelingt ihm nur teilweise.
    „Das tritt nach meiner Erkenntnis...ist das sofort. Unverzüglich.“


    19 Uhr und 4 Minuten
    Wie bei einer kaputten Schallplatte höre ich den Satz immer wieder.
    „Das tritt nach meiner Erkenntnis...ist das sofort. Unverzüglich.“ Ein verstümmelter Satz zwar, geprägt von der Unsicherheit des „Genossen“ Schabowski, doch für mich, meine Familie, alle Bürger der DDR bedeutet er nur eins: Freiheit.
    So richtig fassen kann ich es noch nicht. Ich bin hier aufgewachsen. Hier in Berlin. Und immer war diese Mauer da. Seit 20 Jahren lebe ich mit dem Wissen, dass es ein Hindernis gibt, das wir nicht durchbrechen können. Bis heute.
    Vor nicht einmal einer Viertelstunde geriet Schabowski, der SED-Chef Ostberlins, ins Kreuzfeuer der Journalisten. Zuerst habe ich nicht verstanden, wieso nur wegen des neuen Reisegesetzes extra eine Pressekonferenz angesetzt wurde. Nach und nach, je mehr er sich in seinen umständlich formulierten Sätzen verhedderte, wurde klarer, worauf das hinauslief. Die SED verlor ihren Schrecken mit jeder neuen Frage, die von den Reportern gestellt und von Schabowski beantwortet wurde.
    Die Mauer, der eiserne Vorhang Berlins, fällt zusammen.


    20 Uhr und 13 Minuten
    Die großen Neuigkeiten machen wahnsinnig schnell die Runde. Durch das Küchenfenster sehe ich Menschen in Richtung Mauer ziehen. Nur kurze Zeit später brechen wir ebenfalls auf.
    „Los, zieht eure Jacken an. Es wäre eine Schande, wenn wir das verpassen würden“, sagt Mutter. Ich frage mich, was sich alles verändern wird. Muss ich nach wie vor zu den FDJ-Treffen? Die Partei hat keinen guten Draht zur Jugend. Jedenfalls nicht zu den Kreisen, in denen ich verkehre. Ich muss an einige Freunde denken, die in den Westen geflüchtet sind. An die Angst vor der Stasi. An die Passkontrollen der Grenzer. Ist das jetzt alles vorbei?
    Als meine Mutter meinen Bruder und mich aus der Wohnung scheucht, sehen wir, was wirklich draußen los ist. Ganz Ostberlin ist auf den Straßen. Einige Minuten lang stehen wir vor der Haustür, beobachten die vorbei kommenden Menschen.
    „Lotte, Max, bleibt bei mir. Vater kommt gleich“, sagt Mutter mit vor Aufregung zitternder Stimme. Als er schließlich die Treppe herunter kommt, machen wir uns auf den Weg zum nächsten Grenzübergang. In der Ferne höre ich Sprechchöre.
    „Was brüllen die denn da?“, fragt Max. Er sieht genau so aufgeregt aus wie Mutter. Für seine zwölf Jahre ist er erstaunlich aufgeweckt. Er hat sofort verstanden, dass hier etwas Besonderes vorgeht. Etwas, was man nur einmal im Leben mitmacht.
    „Mauer auf!“, brüllt ein Mann direkt neben uns.
    „Da haste deene Antwort.“ Ich recke die Faust in die Luft und tue es dem Mann gleich. Mein Vater schüttelt neben mir den Kopf, was mir nur ein Grinsen entlockt.
    „War schon lange klar, dass das passiert. Die konnten nicht anders. Nicht, nachdem die Tschechen letzte Woche gegen den ersten Reisegesetzentwurf protestiert haben“, sagt er. Ich lockere meinen Schal ein wenig. Für eine Novembernacht ist es erstaunlich warm. Vielleicht liegt das aber auch nur an der aufgeheizten Atmosphäre hier.
    „Ja, du Allwissender“, spottet meine Mutter. Er legt ihr einen Arm um die Schultern.
    „Das hat nichts mit Allwissenheit zu tun. Viele haben in den letzten Jahren die Oststaaten als Sprungbrett für einen Urlaub im Westen benutzt. Es ist nur logisch, dass die irgendwann die Schnauze voll haben müssen.“
    In den Gesichtern meiner Eltern sehe ich tiefe Zufriedenheit. Im Westen wird es uns besser gehen. So bald es geht werden wir unsere Sachen packen und rüber machen, da bin ich sicher. Keine Stasi mehr. Ein Traum wird wahr.
    Wir erreichen den Grenzübergang Friedrichstraße. Trabanten stehen Schlange. Jede Straße in der Umgebung ist dicht. Die Sprechchöre werden sogar noch lauter. Die Menge ist wie ein großes Tier, welches sich gegen seine Käfigstäbe wirft, um frei zu kommen. Und diese Stäbe werden jeden Moment brechen. Weiter vorn sehe ich die Grenzer, diese Instrumente der SED, die bei uns Ostberlinern nicht gerade gerne gesehen sind. Sie waren im Grenzbereich die ausführende Macht. Momentan wirken sie überraschend hilflos. Nicht so wie sonst. Normalerweise hatte die Bevölkerung Respekt vor ihnen, nun haben sie Respekt vor der Bevölkerung.
    Ein Grenzer erhebt die Stimme. Ein letztes Aufbäumen der SED-Autorität?
    „Werte Genossen Staatsbürger, ich weiß, was Sie alle hergeführt hat, aber ich bitte Sie, doch erst einmal bis Morgen abzuwarten! Es ist nicht bekannt, wie der Genosse Schabowski genau...“
    „Gib Ruhe! Das Gesetz ist schon in Kraft getreten. Er hat es selbst gesagt. Wir gehen, wohin wir wollen!“, wird er von einer Stimme aus der Masse angebrüllt. Daraufhin erwidert der Grenzer nichts mehr. Er und seine Kollegen wissen nicht, was sie tun sollen.
    „Mauer auf!“, erschallt es immer wieder. Ich lasse mich nur allzu gerne mitreißen. Begeistert stimme ich mit ein.
    „Lotte! Hör auf. Wenn die Staatssicherheit das erfährt...“, beginnt Mutter. Sie ist immer sehr vorsichtig. Erst recht, wenn man irgendwo „Hochverrat“ hinein interpretieren könnte. Ich glaube nicht daran, dass die alten Regeln noch gelten, daher teile ich ihre Sorge nicht.
    „Wat denn? Wollen se uns alle hopsnehmen? Det will ick sehn!“, falle ich ihr ins Wort.
    Ich fühle mich inmitten all dieser Menschen, die alle das gleiche Ziel haben, wahnsinnig stark. Gleichzeitig wünschte ich jedoch, dass auch meine Freunde Peter und Jenny das hier erleben könnten. Sie sind im Todesstreifen umgekommen, als sie flüchten wollten. Sie wurden nicht älter als ich.
    Die SED nannte das „Volksaufhetzung“ oder „Bedrohung des Volksapparats“. Wir nennen das „Freiheitswille“. Und nun kriegen wir sie, die Freiheit.
    Ostberlin war noch nie so zusammengeschweißt. Einfach unglaublich. Wir fordern unser Recht auf Freiheit ein. Gemeinsam. Sie können uns nicht stoppen.
    Der Strom an die Mauer bricht nicht ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Grenzer ihren Widerstand komplett aufgeben. Die Menge wird immer aufgeregter.


    23 Uhr und 14 Minuten
    Es ist so weit. Schließlich hören wir, dass die Bornholmer Straße als erster Grenzposten die Pforte aufgemacht hat. In den letzten Stunden wurde der Andrang zu groß. Die Grenzer haben keine Chance mehr, uns aufzuhalten. Unter andauerndem Hupkonzert der Trabis überqueren wir die Grenze zur BRD. Als ich sehe, wie sie da vorne jubeln und schreien, spüre ich die Aufregung stärker als zuvor. Es ist, als hätte ich Schmetterlinge im Bauch. Auf der Grenzlinie will ich kurz innehalten und irgendwas sagen, aber ich werde von den Massen weiter getragen. Macht nichts. Mich hätte eh keiner gehört.
    Die Luft auf der anderen Seite riecht förmlich nach Freiheit. Es ist kaum zu fassen! Alles wird sich verändern. Wirklich alles. Sogar belanglose Dinge wie der Weg zur Berufsschule oder zum Einkaufen. Es ist ein völlig neues Lebensgefühl. Zusammen mit meiner Familie entdecke ich den Westen.
    Im Laufe der Nacht gelangen wir über den Potsdamer Platz und den Tiergarten bis zum Brandenburger Tor. Vor den Banken stehen andere Ostbürger Schlange, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Die Restaurants und Bars schließen gar nicht erst. Auch auf dieser Seite der Mauer machen die Menschen die Nacht zum Tag. Als wir am Brandenburger Tor ankommen, dämmert es bereits.


    7 Uhr und 47 Minuten
    „Oh, sieh mal, da klettern welche auf die Mauer!“, sagt Max. Tatsächlich sehe ich viele Westberliner, die sich ebenfalls von unserer Laune anstecken ließen. Sie feiern den Fall der Mauer ebenso wie wir.
    „Det will ick ooch! Kommt schon!“, rufe ich begeistert. Mutter ruft mir noch irgendwas hinterher, doch ich höre gar nicht mehr hin. Mit großzügigem Ellbogeneinsatz bahne ich mir den Weg an die Mauer. Im Schatten dieses Bauwerks verharre ich. An das, was ich nun tue, hätte ich vor einem halben Jahr nicht einmal zu denken gewagt.
    Ich muss mich nicht einmal anstrengen. Wildfremde Menschen helfen mir hoch, von oben reckt sich mir eine Hand entgegen, die mich zieht. Die Mauer ist knapp drei Meter hoch und vor dem Brandenburger Tor eher breit als hoch, sodass wir bequem stehen können.
    „Danke!“, brülle ich, denn in dem Lärm hätte er mich sonst nicht gehört.
    „Kein Problem. Wie heißte?“
    „Lotte! Und du?“
    „Daniel. Na, so was erlebt man nur ein Mal, was?“ Er ist ein wenig älter als ich. Wir winken den anderen Ostberlinern zu, welche das Schauspiel bewundern.
    „Na und ob!“
    Der neunte November 1989 wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Denn dies ist der Tag, an dem die Mauer geöffnet wurde.


    Das Problem der Zeichengrenze gab es auch hier, aber ich glaube, darüber sehen wir mal großzügig hinweg, da ich vermutlich mit den kleinen Verbesserungen eh schon darüber liege. Falls es noch Dinge gibt, die ich verbessern kann, so zögert bitte nicht, es mir umgehend mitzuteilen.


    mfg
    Wollust

  • Moin,
    hier meine Abgabe zum ersten Wettbewerb der Saison 2015, Platzierung hätte wesentlich besser sein können, die wenigen Profis, die gewählt haben, hatten durchaus auch gute Resonanz gezeigt, trotzdem kann das Ganze wohl noch verbessert werden. Aufgabenstellung: Beschreibe den Moment eines Spielstarts aus der Sicht einer Figur oder des Spielenden. Das von mir gewählte Spiel war Mirrors Edge.



    It's not "news" anymore. It's advertising.




    Nummer 3: Spiel starten!


    Like a bullet
    Diese Stadt pulsierte einst vor Energie. Schmutzig und gefährlich, aber auch lebendig und wunderbar. Es war eine Stadt, in der man einige Gegenden meiden sollte, während andere sogar des Nachts leuchteten.
    Heute ist das anders. Die Veränderungen kamen zuerst ganz langsam. Den meisten Bürgern war das egal. Vielleicht haben sie es auch nicht gemerkt, als ihre Rechte nach und nach beschnitten wurden. Im Namen der öffentlichen Sicherheit wurden Kameras installiert. Auch die regelmäßigen Polizeikontrollen fielen ihnen nicht auf. Ich bin sicher, dass sie einen guten Grund dafür haben, ihre Meinung zugunsten eines gemütlichen Lebens aufzugeben.
    Andere haben demonstriert. Sie sind die wahren Helden der Umbruchsjahre. Wo die Feiglinge die Köpfe in den Sand gesteckt und auf ihre Rechte verzichtet haben, gingen mutige Menschen auf die Straße und standen dafür ein. Natürlich hatten sie keine Chance gegen die Polizei und die neuen Waffen, die unsere einst so schöne Stadt mittlerweile gekauft hatte. Demonstranten wurden in Dissidenten umgetauft. Kurz darauf machte man Jagd auf sie. Und heute brauchen sie meine Hilfe.
    „Wenn du die Aussicht ausreichend bewundert hast, können wir vielleicht sogar loslegen, was meinst du?“, fragt mich eine statisch verzerrte Frauenstimme. Sie dringt aus dem kleinen Headphone, das ich stets trage. Ich öffne die Augen.
    „Ich habe die Aussicht nicht bewundert.“ Das entspricht der Wahrheit, obwohl die Kulisse meiner Stadt atemberaubend ist. Wolkenkratzer, soweit das Auge reicht. Glas dominiert die Fassaden, und zwar in solch einem Ausmaß, dass die Gebäude in der Ferne aufgrund der Sonnenreflexion in reines Weiß getaucht sind.
    „Sicher?“
    „Ja.“
    Du fragst dich bestimmt, wieso ich hier oben auf einem Wolkenkratzer stehe. In einer Zeit, in der stinknormale Briefe politische Explosionen auslösen können, und in der E-Mails nicht mehr so sicher sind wie man einst dachte, verlässt man sich lieber auf menschliche Kuriere – auf Runner. Auf mich und meine Gleichgesinnten.
    Wir leben und laufen dort, wo der zu lange Arm des Gesetzes nicht hinreicht. Wo normale Menschen Hausdächer, Regenrinnen und Zäune sehen, sehen wir Wege, Sprungbretter und Leitern. Wir bleiben unter uns. Die Cops wissen das und lassen uns in Ruhe.
    Tanja ist derjenige, die meine Bewegungen anhand des Sensors im Headphone verfolgt. Außerdem hört sie den Polizeifunk ab und sagt mir, wann es besser ist, abzuhauen. Und sie kontrolliert die Aufträge, die ich abarbeite, wenn sie selbst nicht auf den Straßen unterwegs ist. In den letzten Jahren hat Tanja sich mehr und mehr auf den Job als mein Fräulein im Ohr verlegt. Sie sagt, für den Run wäre sie langsam zu alt. Schwachsinn, wenn du mich fragst. Die Frau geht gerade mal auf die 40 zu.
    „Was hast du für mich?“, frage ich. Tanja antwortet nicht sofort. Ich höre, wie sie über ihr Keyboard herfällt. Die Hektik, mit der sie in die Tasten haut, gefällt mir nicht.
    „Tanja?“, dränge ich.
    „Der Funk rastet gerade aus. Hast du irgendwas getan, was die Cops alarmiert haben könnte?“
    „Nein. Kein Graffiti, keine Flugblätter, kein ruchloser Meuchelmord“, gebe ich mit dem für mich typischen, charmanten Humor zurück. Aus irgendeinem Grund lacht Tanja nicht darüber. Schade.
    „Südlich von dir steht ein Baukran. Damit kommst du vom Dach. Lauf!“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Für die Cops gibt es immer mehrere Wege auf ein Hausdach, und am liebsten kommen sie mit dem Helikopter. Hoffentlich verzichten sie heute darauf. Die Dinger sind schneller als ich. Allerdings ist es merkwürdig, warum über mich berichtet wird. Ein paar Mal saß ich schon für einen oder zwei Tage mal in U-Haft, aber da man bei mir auch nie irgendwelche Beweise findet, mussten sie mich immer gehen lassen.
    Ich kehre der Aussicht den Rücken zu und renne los. Links von mir geht es wahnsinnig tief runter, rechts erstreckt sich das flache, weiße Dach. Die Dachkante kommt näher. Ich hole tief Luft, wappne mich innerlich, spanne die Beinmuskeln, springe ab.
    In fast 100 Metern Höhe fliege ich durch die Luft. Auf der anderen Seite rolle ich mich über die Schulter ab, damit die Fallenergie mir nicht die Füße bricht. So schnell ich kann, überquere ich das nächste Dach.
    Als ich dem Kran näher komme, sehe ich, dass er verlassen ist. Nach einem weiteren Sprung ziehe ich den rechten Fuß vor, lande damit auf dem Kranarm, nutze den Schwung aus, und renne einmal über den ganzen Ausläufer der Maschine. Es geht leicht abwärts. Kurz bevor ich am Führerhäuschen angekommen bin, springe ich erneut ab. Eine Hauswand aus weißem Beton rast auf mich zu. Ich fixiere eine Röhre, die daran befestigt ist und in die Tiefe führt. Meine Hände schnellen vor und packen das raue Metall.
    „Unter dir ist ein Balkon, von da aus gelangst du ins Innere“, gibt Tanja durch. Mir bleibt nur eine Wahl. Ich presse die Innenseiten meiner Schuhe gegen die Röhre, lockere die Hände und rutsche an der Röhre hinab.
    „Okay", sage ich, als ich auf dem Balkon stehe. Seltene Tropenpflanzen stehen hier herum und gedeihen in der prallen Sonne. Ich bin zwar oft in diesem Stadtteil unterwegs, aber ich war noch lange nicht in jedem einzelnen Gebäude, daher verlasse ich mich auf meine Kontaktfrau. Tanja hat es da leichter. Sie sieht jeden Gebäudeplan auf ihrem Computer. Einige der „Sicherheitssysteme“ der Stadt sind ein wenig zu durchsichtig. Tanja nutzt das gerne aus.
    „Durch die Suite. Danach in den Fahrstuhl. So kommst du ungesehen bis ganz nach unten.“
    „Bin dabei.“ Zum Glück ist die Glastür nicht verschlossen. Ich drücke sie auf, schleiche durch ein luxuriös eingerichtetes Wohnzimmer und halte Ausschau nach dem Bewohner dieser Suite. Der Teppichboden schluckt jeden meiner Schritte.
    „Im Schlafzimmer steht ein Fernseher, der so groß wie mein Bett ist. Wer auch immer hier wohnt, der schwimmt in Kohle“, staune ich.
    „Lauf geradeaus. Links ist das Badezimmer. Das kannst du ignorieren.“ Tatsächlich. Hinter der hellen Holztür höre ich das Rauschen von Wasser. Wie ein Schatten husche ich daran vorbei und erreiche nach einigen Momenten den Ausgang.
    Außerhalb der Suite muss ich vorsichtig sein. Wenn jemand rennt, macht er sich automatisch verdächtig. Ich zwinge mich zur Ruhe und gehe wie jeder andere auch die Flure entlang, bis ich einen Fahrstuhl erreiche, der mich ins Erdgeschoss bringt. Außer mir sind noch zwei alte Eheleute in dem Aufzug, und die Kombination aus besagtem Ehepaar, den teuer aussehenden Teppichen und der allgemein ziemlich eleganten Einrichtung des Gebäudes lässt mich schließlich darauf kommen, dass ich mich wohl in einem Hotel befinde.
    Die beiden würdigen mich kaum eines Blickes. Was sehen sie? Sie sehen jemanden, der nicht in ihre Welt gehört. Mit meinen verdreckten Schuhen, der weiten Trainingshose und einem T-Shirt, welches mit zwei Nummern zu groß ist, bin ich wohl nicht das, was man „gehobene Gesellschaft“ nennen würde. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, mich anders anzuziehen, weil diese Aufmachung beim Laufen viel zu bequem ist.
    Zum Glück machen die beiden keinen Aufstand, darum komme ich ohne Probleme ins Erdgeschoss. Ich durchquere unbehelligt das protzige Atrium, passiere die gläsernen Drehtüren und finde mich auf der Straße wieder.
    „Weißt du wenigstens, warum ich überhaupt weglaufe?“, frage ich. Vor mir rasen die Autos vorbei. Wieso musste ich ausgerechnet an einer Hauptstraße rauskommen? Hier bin ich für jeden Streifenwagen ein gefundenes Fressen. Ich gehe unauffällig weiter.
    „Ja. Ein Funkspruch kam eben rein. Die behaupten, du hättest den Polizeichef umgebracht.“ Mir wird heiß und kalt zugleich. Natürlich weiß ich, dass ich das nicht getan habe, aber scheinbar glaubt die Polizei daran – und dieses Verbrechen ist so ziemlich eins der schwersten, die man in dieser Stadt begehen kann.
    „Shit“, sage ich nur. Etwas Besseres fällt mir nicht ein, wenn ich ehrlich bin. Das Polizeipräsidium war tatsächlich nur einen oder zwei Blocks von meinem Hochhaus entfernt, als Tanja mir die Warnung durchgegeben hat. Ich kann nur mit Mühe dem Zwang widerstehen, sofort wegzurennen. Das würde nur unnötig viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Meine Gedanken rasen. Wieso glauben die Cops, ich hätte ihren Boss erledigt? Dazu habe ich nicht mal einen guten Grund.
    „Ich habe eben die Überwachungsvideos gesehen. Die Täterin sieht dir verflucht ähnlich. Dieselbe Frisur, dieselben Kleider. Sie hat sogar deine Mütze imitiert.“ Mein schwarzes Beanie ist mein Markenzeichen. Jeder Runner in der Stadt weiß, dass ich es nur selten ablege.
    „Lass mich raten: Das Gesicht ist nicht drauf“, knurre ich. In mir steigt Wut auf. Wer wagt es, mich zu kopieren? Wer auch immer dafür verantwortlich ist, er – oder sie – wird es bereuen.
    „Nein. Nur die Kleider. Ich werde mich mal ein wenig bei deinen Kollegen umhören, vielleicht weiß jemand, was es mit dieser Doppelgängerin auf sich hat. Wir kriegen das hin, Mary“, verspricht Tanja.
    „Danke. Steht unser Auftrag für heute wenigstens noch?“
    „Wurde eben storniert. Die zeigen dein Bild schon in den Nachrichten. Diese Stadt ist entschieden zu schnell, was Medienmanipulation angeht.“
    „Sieht aus, als müsste ich die Straße für eine Weile meiden. Zumindest solange, bis mein Name reingewaschen ist.“
    „Lauf geradeaus zum Central Plaza. Connor wartet auf dich. Lauf!“
    Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Hinter mir ertönen mehrere Polizeisirenen.
    „Nicht mit mir, Jungs“, sage ich leise und renne los.


    Die Abgabe war zugleich als möglicher Prolog für eine Story rund um Parkour gedacht und ich hoffe, das kommt gut so rüber. Möglicherweise haben also auch diejenigen unter euch, die sich nicht für die Wettbewerbe interessieren, Spaß daran!


    mfg
    Wollust

  • Da viele von euch sich womöglich nicht für die momentan laufende BBO interessieren, präsentiere ich nun meine Beiträge zu diesem Wettbewerb. Die Aufgabenstellung in Runde 1 lautete, einen Mythos der Pokémonwelt zu beschreiben. In Gedichtform.


    Nummer 4: BBO 2015, Runde 1


    Sinnohs Mythen


    Still, klar, tief und auch kalt
    Umgeben von Bergen, Tälern und Wald
    Liegen geheimnisvolle Seen
    Heimat vom Trio der drei Feen
    Die einst auserkoren waren
    Über Zeit und Raum zu wachen.


    Tobutz brachte uns Willenskraft
    Um die Welt in Balance zu halten
    Liegt es in einem ewigen Schlaf
    Im Kühnheitssee, in Sinnohs Westen
    Füge ihm kein Leid zu, sonst wirst du erstarren.


    Vesprit, Wächter der Gefühle
    Brachte uns Trauer, Freude und Leid
    Versteckt vor den Augen der Menschen
    Schläft es am Grunde vom See der Wahrheit
    Und jeder, der wagt, es zu berühren
    Wird alle seine Gefühle verlieren.


    Selfe, die Fee des Wissens
    Ruht im Stärkesee, in Sinnohs Norden
    Vor aller Lebenden Augen verborgen
    Doch all dein Wissen ist verwirkt
    Wenn du Selfe in die Augen blickst.


    Auf der Speersäule, wo alles begann
    Wo Arceus die Welt ersann
    Erscheinen Dialga, Palkia und Giratina
    Und niemand ist jemals gefeit
    Gegen Antimaterie, Raum und Zeit
    Nur die Wächter der drei Seen
    Können dieser Macht widerstehen.


    Gemeinsam gelten sie als Gegengewicht
    Wo Schatten herrscht, sind sie das Licht
    Willenskraft, Wissen und Emotion
    Bilden das Rückgrat der Sinnoh-Region.


    Drei Feen, um die Drachen zu binden
    Zwei Legenden, um ewige Macht zu finden
    Ein Berg, der sie alle vereint
    Friede kehrt ein, wenn das Trio erscheint.



    So, gerade Strophe 2,3 und 4, in denen die Feen vorgestellt wurden, gefielen einigen Votern nicht. Mir fiel es sehr schwer, die richtigen Reimworte zu finden, darum sind die Reime sehr unrein geworden. Wenn jemand Vorschläge dafür hat - immer her damit.


    mfg

    Wollust

  • Aloha Wollust.
    Nachdem du schon etwas länger kein Feedback mehr erhalten hast, dachte ich mir einfach spontan, dass ich eines deiner Werke kommentieren. Im Übrigen habe ich mich für die kurze Geschichte "Like a bullet" entschieden. Ich hoffe einfach mal, dass du dich über das kurze Feedback freust und ich dir irgendwie weiterhelfen kann.



    Like a bullet
    Englischer Titel, wuhu. Es ist zwar immer eine Geschmacksfrage, ob man anderssprachige Titel mag oder nicht, aber ich lese sie ab und an mal ganz gerne. Kommt allerdings darauf an, wie sie gewählt sind - Einworttitel finde ich immer am Besten. Aber das interessiert ja aktuell nicht - jedenfalls: wie eine Kugel, was? Ich kommentiere Titel prinzipiell immer bevor ich den eigentlichen Text lese, weil man sich da einfach mehr Gedanken dazu machen kann und rückblickend betrachtet auch resümieren kann, inwiefern der Name zum Werk passt. Zunächst kann der Titel darauf anspielen, dass es sich innerhalb des Werkes um Menschen dreht, die sich gegenseitig beschießen (bullet), allerdings macht mich das "like" dann doch etwas stutziger, da man sich gewöhnlich nur mit einer Kugel vergleicht, wenn man Schnelligkeit beweisen oder unterstreichen möchte. Demnach gehe ich stark davon aus, dass Schnelligkeit in deinem Werk eine große Rolle spielen wird - aber mal sehen.
    Ha ha, manchmal finde ich meine Intuition schon amüsant. Ich nehme mal an, du meintest mit dem Text die erforderte Schnelligkeit von Mary, wenn sie ein Runner ist, hu? Lustigerweise musste ich dabei kurz an den Film "Maze Runner" denken (bzw. an die Bücher), wenn dir das was sagt, haha. Jedenfalls finde ich den Titel recht passend zum Werk.
    Der Grundaufbau deiner ehemaligen Wettbewerbsabgabe ist ansprechend. Erst gehst du allgemein auf die Welt und Umgebung ein, erklärst Sachen und führst den Leser langsam an die eigentliche Handlung ran. Danach geht es um aktuelle Geschehnisse des Protagonisten Mary - wer ist sie, was macht sie etc.pp. Zuletzt dann natürlich der Umschwung, sodass etwas mehr Action in die Hanglung kommt und ich muss sagen: zwar kenne ich das Spiel nicht, aber an sich klingt es doch recht interessant. Zumindest wenn ich die Informationen aus deinem Prolog heranziehe. Übrigens auch ein passendes Bild - es unterstreicht meiner Meinung nach die Umgebungsumschreibung zu Beginn des Werks. Ich liebe sowas ja, lol. Apropos Umgebungsbeschreibung - bekommst du mMn verdammt gut hin; solltest vielleicht mal öfter Werke schreiben, in denen das eventuell sogar mal der Hauptbestandteil ist. Nur mal so als kleiner Denkanstoß.
    Allgemein betrachtet ist das Werk echt gut, ich erinnere mich allerdings nur noch vage an das Wettbewerbsergebnis. Liegt vermutlich daran, dass zu der Zeit Abizeugs bei mir los war... na ja, wie auch immer. Ich hätte mir irgendwie noch mehr gewünscht an Text, vor allem weil ich wissen will, warum man nun Mary in solch eine Lage bringt, was das mit dem Doppelgänger auf sich hat etc.pp. Aber lass mich raten, ich soll das Spiel dafür spielen? Tch. Ach ja: die Ironie innerhalb des Werkes hat mir auch sehr zugesagt. Liegt aber daran, dass ich ebenfalls gern Sarkasmus, Ironie oder Zynismus in meinen Kurzgeschichten unterbringe.



    Nun denn, das war mein kurzer Kommi und ich hoffe einfach mal der Herr hat sich darüber gefreut. Ich wünsche dir viel Spaß beim weiteren Schreiben und mit diesen Worten verabschiede ich mich dann auch mal.



    ~ Liz

    ________________ஜ۩۞۩ஜ________________

    »Be the chaos you want to see in the world.«

    - Mollymauk

  • Moin, die BBO ist so gut wie rum und ich kann einen weiteren Text präsentieren, den ich für mein Team geschrieben habe. Einige Voter haben Anstoß an dem englischen Titel genommen, sodass ich "Falling Stars" in "Fallende Sterne" umtaufen werde. Darüber hinaus könnte die Sturzszene noch verbessert werden, aber da warte ich lieber ein paar Kommentare ab.


    Aber zuerst: Danke für den Kommentar, @rivai, und ich werde mal schauen, welche Ratschläge ich umsetzen kann.
    Zunächst einmal kenne ich Maze Runner leider nicht, bin aber ein großer Fan von, ja, sportlichen Büchern, und werde die Reihe mal im Hinterkopf behalten. Also danke für die Empfehlung und das Lob (Der Wettbewerb ist hier zu finden, ich war am Ende Platz 8, aber negative Kritik gab es irgendwie nicht, was das Ergebnis umso verwunderlicher erscheinen lässt. Trotzdem kaum Punkte, doch seien wir ehrlich, wenn mir stattdessen Leute wie Cass oder du sagen, wie gut der Text ist, ist mir das auch am Ende mehr wert). Ich hätte das mit den Beschreibungen gern im neusten Wettbewerb umgesetzt, aber jetzt ist das ein Gedicht, was meine Formulierungsfreiheit einschränkt. In zukünftigen Storys oder Abgaben wird die Umgebung aber garantiert eine wichtige Rolle spielen, den Tipp merke ich mir mit Sicherheit.
    Allerdings habe ich für deine letzten beiden Fragen bisher keine Antwort. Die Aufgabe des ersten Contests war, dass man einen Prolog schreibt, also müsste ich dazu ein ganzes Buch schreiben, was ich später tun werde. Allgemein gibt es in Mirrors Edge zwar ein "Framing", aber die Protagonistin wird im Spiel nicht per Doppelgänger ausgetrickst (Du könntest das Spiel trotzdem mal testen, ist super gemacht, und im Oktober nächsten Jahres kommt Teil 2 raus). Ich hätte vielleicht noch einen Antagonisten einführen können, oder einen Grund, wieso der Präsident stirbt, aber dafür hat die Zeichenzahl nicht gereicht. Ein Part, der die Wichtigkeit des Polizeipräsidenten unterstreicht, oder seine Rolle im Spiel der Runner und wieso sie in Ruhe gelassen werden (was auch teilweise seine Schuld ist), könnte noch rein, dazu müsste ich aber erst herausfinden, wo ich dafür andere Dinge streiche, um die 1500 Wörter nicht zu überschreiten.
    Oder aber ich baue das einfach so aus Spaß aus, der Wettbewerb ist immerhin jetzt vorbei. Hätte auf jeden Fall Lust, daran weiter zu schreiben, das steht fest.
    Nochmals danke für das Feedback, das lässt sich hervorragend verwerten. Und nun zum heutigen Text.


    Nummer 5: BBO 2015, Runde 3


    Fallende Sterne


    Es ist definitiv zu kühl für den Spätsommer. Trotzdem liege ich auf dem Rücken im Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und sehe in den Nachthimmel. Die Nacht ist kurz vor der Dämmerung am dunkelsten, das merke ich deutlich. Irgendwo hinter mir steht der Mond am Himmel. Ich habe keine Augen dafür.
    Mein Blick ist mitten in das schwarze Meer mit den funkelnden Pünktchen gerichtet. Früher dachte ich, es wären Glühwürmchen, die da am Himmel umher schwirren. Mittlerweile sind das nur noch Erinnerungen für mich. Erinnerungen an eine Zeit, in der das Leben groß und aufregend und voller Magie war. Ein Comic-Warzenschwein aus einem alten Film hat mir beigebracht, dass es in Wirklichkeit Gasriesen sind, Lichtjahre von uns entfernt.
    Heute ist die Magie verschwunden. Wenn ich in der Schule sitze und lerne, wenn ich mich mit Freunden treffe, oder wenn ich Joggen gehe – alles ist entzaubert.
    Es gibt nur einen Ort, an dem ich die Magie noch spüren kann, und das ist die Wiese hinter der verlassenen Kirche. Das Dach ist vor Ewigkeiten schon eingestürzt. Aus den Ritzen zwischen den Steinfliesen am Boden sprießt das Gras. Die Natur erobert sich ihr Territorium wieder. Wenn es nicht finsterste Nacht wäre, würde man auch die Wurzeln sehen, die sich durch die halb kaputten Wände gebohrt haben.
    Ich fröstele kurz in einem aufkommenden Windhauch.
    „Alex? Bist du da?“ Ich spitze die Ohren. Eine Stimme ruft meinen Namen. Dem Klang nach zu urteilen gehört sie Jack, meinem besten Freund. Er ist der einzige, der mein „Geheimversteck“ kennt. Um zu dieser Wiese zu gelangen, muss man einmal quer durch das marode Kirchenschiff laufen und hinter dem Altar durch ein großes Loch klettern. Das Echo seiner Stimme hallt von den verlassenen Wänden wider.
    „Ja. Bin hier“, erwidere ich leise. Ich will heute nicht gestört werden, auch von Jack nicht. Diese sternenklaren Nächte sind Schätze, die ich mit niemandem teilen will.
    Kurz darauf steigt er durch die Spalte in der Chormauer und sieht mich im Gras liegen.
    „Komm mit! Ich muss dir etwas zeigen“, sagt er aufgeregt.
    „Ich will nicht“, protestiere ich.
    „Du kannst auch morgen wieder hier liegen. Komm schon.“
    „Es ist zwei Uhr Nachts. Normale Menschen schlafen um diese Zeit.“
    „Hab dich nicht so. Jetzt mach schon!“, drängt Jack. Ich unterdrücke meinen Ärger darüber, dass er meinen Moment kaputt gemacht hat, nur mühsam, und erhebe mich.
    „Wir müssen schnell sein. Es dauert nicht lang.“
    „Was dauert nicht lang?“
    „Überraschung“, grinst er mich an, dann dreht er sich um und geht in die Kirche zurück. Ich reibe mir den Hals und folge ihm. Ich würde mir kurz ansehen, was auch immer er mir zeigen will, und mich dann wieder hinlegen. Kein Problem.
    Er führt mich durch die Kirche und hält auf den Kirchturm zu, dessen Eingang sich im Erdgeschoss zwischen zwei Säulen befindet. Ich achte genau auf meine Schritte, um nicht im Dunkeln zu stolpern.
    „Halt“, sage ich nur, und reibe mir nochmal den Hals. Eine kleine Angewohnheit, seit mir die Haare nur noch bis übers Kinn reichen und mir öfters mal kalt im Nacken wird.
    „Was denn?“, fragt Jack erstaunt.
    „Da ist es nicht sicher. Der Turm kann jeden Moment einstürzen.“ Auf meine Worte hin grinst er nur. Typisch Jack. Nicht nachdenken, einfach machen, das ist seine Devise. Das ist aber auch der Grund, wieso ich ihn so sehr mag – ich könnte nicht einfach loslassen und drauflos stürmen so wie er. Er kommt zurück und legt mir einen Arm um die Schultern.
    „Alex, Alex. Wir haben nicht mehr viel Zeit, bevor wir aufs College gehen und uns trennen müssen. Nur noch ein Jahr. Ein Jahr, verstehst du? Das müssen wir ausnutzen. Lass uns was erleben! Scheiß auf das Warnungsschild da. Komm einfach mit.“ Ich streife seinen Arm ab und trete näher an die Öffnung, in der früher mal eine Tür aus Holz hing. Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube sehe ich nach oben. Eine schmale Wendeltreppe schraubt sich in die Höhe. Absolute Finsternis empfängt uns.
    „Okay. Dieses eine Mal. Aber sobald irgendetwas auch nur knackt, hauen wir ab, kapiert?“
    „Wird es nicht. Ich pass auf dich auf, wie immer“, lacht er.
    Das flaue Gefühl verstärkt sich, aber ich ignoriere es und lasse Jack den Vortritt. Er setzt einen Fuß auf die unterste Stufe, verlagert sein Gewicht, reckt dann einen Daumen in die Höhe.
    Ich bleibe dicht hinter ihm, als er sich an der Wand entlang drückt und Stufe um Stufe erklimmt. In der Mitte der Treppe ist der Stein arg abgelaufen, als wären diese Stufen millionenfach benutzt worden. Mir kommt ein neuer Gedanke.
    „Was willst du mir denn da oben zeigen? Da gibt es doch nichts mehr außer Spinnweben.“
    „Es-“, fängt er an, wird aber unterbrochen. Ein lautes Knacken geht durch die Stufe, auf der er gerade steht. Wie in Zeitlupe bricht ein großer Teil des Steins weg. Jacks rechter Fuß verliert den Halt und sackt in die Tiefe.
    Ich sehe, wie er fällt. Wie um ihn aufzuhalten, strecke ich die Hand aus und höre einen Aufschrei. Ist es meine Stimme? Wieso klinge ich so panisch? Jack kann hier nicht sterben. Nicht jetzt. Und nicht so kurz vor meinem Umzug.
    Seine Arme schnellen im allerletzten Moment vor und prallen auf die obere Stufe, sodass Jack zwischen den Stufen in der Öffnung hängt. Für ein paar Augenblicke ist es totenstill. Ich höre unser beider Atem laut in der sonstigen Stille.
    „Alexis, hilf mir“, sagt Jack dann mit unnatürlich ruhiger Stimme. Ich knie nieder und greife nach seinem Arm. Allerdings ziehe ich ihn mit zu viel Schwung hoch, er kommt mir entgegen und wirft mich zu Boden.
    „Geh von mir runter“, sage ich, noch immer benommen davon, wie schnell das alles eben ging. Jack lacht kurz auf. Wahrscheinlich ist er geschockt oder hysterisch. Immerhin wäre er beinahe zu Tode gestürzt.
    „Oh, nein“, ruft er dann, steht auf und reicht mir die Hand. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich sehe, dass wir beide total verdreckt sind. Ich nehme seine Hand und lasse mir aufhelfen.
    „Wir verpassen es. Komm, wir müssen weiter“, sagt er atemlos. Ich klopfe mir ein wenig Staub von der Jeans, schüttele dann den Kopf.
    „Vergiss es. Wir drehen um. Ich habe dir gesagt, dass es nicht sicher ist!“
    „Aber es fängt gleich an“, ruft er und rennt los, wobei er die Stufe überspringt, die unter ihm weggebrochen ist. Ich starre ihm hinterher. Ist er wahnsinnig? Wir sind noch lange nicht oben, und das wird nicht die letzte Stufe sein, die einbricht.
    „Verdammter Idiot.“ Ich presse mich wieder an die Wand und folge Jack, nun auch meine eigene Dummheit verfluchend. Was ist in mich gefahren? Wieso mache ich das mit?
    Weil es Jack ist. Er bringt mich immer dazu, Grenzen zu überschreiten. Das Adrenalin rauscht in mir. Mit jeder Stufe, die ich hinauf steige, fühle ich mich stärker, bis es sich zu einer Art Unbesiegbarkeit aufschaukelt. Wir beide im Kampf gegen die Dunkelheit.
    Ich steige die letzten Stufen hinauf und erreiche die Turmspitze. Ursprünglich war hier wohl mal ein Dach. Die Wände sind bis auf ein paar Trümmer ruiniert. Es gibt kaum Schutz vor einem Fall. Jack wartet schon auf mich.
    „Hier geht es bestimmt dreißig Meter tief runter. Pass bloß auf“, sagt er zu mir. Ich verschränke die Arme vor der Brust.
    „Ja und? Hier gibt es nichts.“ Meine Wut ist verraucht, das Adrenalin fort – ich fühle mich überraschend erfrischt.
    „Doch“, sagt er nur, und legt sich neben einer der zerfallenen Mauern auf den Steinboden des Turms. Ich starre ihn verständnislos an.
    „Willst du mich verarschen?“
    „Nein! Leg dich hin.“
    „Liegen konnte ich unten auch.“
    „Aber nicht so gut wie hier. Hier bist du viel näher dran“, erwidert er ernst. Ich halte inne. Letztendlich will ich nur in den Himmel sehen, also sollte ich ihn nicht deswegen beleidigen.
    Ich lege mich neben Jack und spüre den kühlen Stein unter mir.
    „Der Himmel ist viel näher“, flüstert er. Ich brauche einige Momente, um meinen Atem zu beruhigen.
    „Ja“, erwidere ich eben so leise. Die Milchstraße fließt über uns hinweg.
    „Ich wollte, dass du es siehst. Dann erinnerst du dich an mich, wenn du in Oregon aufs College gehst und abends die Sterne ansiehst“, sagt er.
    „Dass ich-“, fange ich an, stocke dann jedoch. Streifen aus Licht erscheinen am Nachthimmel und ziehen kurze Bahnen. In mir flammt die Erkenntnis auf. Jack hat von diesem Meteorschauer gewusst! Meteoriten sind Steinbrocken, die in die Erdatmosphäre eintreten und verglühen. Bei uns auf der Erde sind sie aber unter einem anderen Namen bekannt.
    „Sternschnuppen“, sage ich, völlig gebannt von dem Anblick.
    „Es sollte eine Überraschung werden“, gibt Jack zu. Ich drehe den Kopf und sehe ihn an, er hat den Blick allerdings in die Sterne gerichtet.
    „Danke, Jacky. Das meine ich ernst“, sage ich ruhig.
    „Du darfst dir was wünschen, Alex.“ Es wird still. Ich spüre die Magie wieder.
    „Habe ich schon.“



    mfg
    Wollust

  • Hallo, Wollust. Mag sein, dass das hier ein bisschen ein Alibi-Kommentar für den Kommentar-Marathon wird, aber ich werde trotzdem versuchen, mir beim Kommentar zu Fallende Sterne Mühe zu geben. Zumal du ja Kommentare abwarten willst, aber bis jetzt (zumindest hier) noch kein Feedback erhalten hast. Die BBO habe ich so gut wie gar nicht verfolgt, aber ich kann mich erinnern, dass das Thema "Sterne" mal irgendwann dran kam. Ich habe jetzt die Kommentare aus dem Vote dazu nicht gelesen, weil ich versuchen will, unvoreingenommen an die Geschichte heranzugehen.
    Fangen wir also mit dem Titel an - ich weiß jetzt nicht, welche Sprachversion dir besser gefällt, ich mag eigentlich beide und habe ironischerweise sogar eher eine leichte Präferenz zum englischen Titel, da er meiner Meinung nach etwas runder und eleganter klingt. Und da die Protagonisten wohl aus dem englischsprachigen Raum kommen, hat der dann eigentlich auch einen stärkeren Bezug zur Geschichte.
    Jedenfalls finde ich es toll, wie du es schaffst, zu Beginn mit relativ wenigen Sätzen sowohl den Schauplatz als auch die Atmosphäre lebendig zu beschreiben. Ich mag den Verweis auf König der Löwen, ich finde diesen Film nämlich toll.
    Gleichzeitig finde ich es auch interessant, dass du ein bisschen die Veränderung der Wahrnehmung während des Erwachsenwerdens aufgreifst. Als Kind nimmt man ja vieles auf eine magische Art und Weise wahr, aber wenn man aufwächst, dann ändert sich das eben oftmals und es ist teilweise auch ein Verlust. Ich liebe dieses Thema und versuche selbst gelegentlich, es in meinen Geschichten zu verwenden.
    Auch danach finde ich es toll, wie du die Geschichte weiterschreibst. Die Gespräche wirken nicht aufgesetzt, die Handlung setzt sich plausibel fort und zusätzlich werden fast schon nebenbei, also keineswegs gezwungen, weitere Hintergrundinformationen über die Protagonisten und ihre Beziehung zueinander geliefert.
    Nun, dann will ich auch mal Bezug auf die Sturzszene nehmen. Der grundsätzliche Gedanke, die Stufe wegbrechen zu lassen, gefällt mir sehr gut, dadurch wird in die Geschichte ein sehr spannender Moment hereingebracht. Was mich ein bisschen stört, aber das ist mehr so ein persönliches Ding von mir, ist der Verweis auf die angeblich irreale Situation, also dass so etwas doch eigentlich nur im Film vorkommt. Zum Beispiel stolpere ich auch immer ein bisschen, wenn in einem Krimi gesagt wird, dass "so etwas doch nur in einem billigen Krimi vorkommen kann". Aber wie gesagt, das ist eine kleine Marotte von mir, das musst du deswegen nicht ändern, wenn du nicht willst. Dann muss ich zugeben, dass ich über das genaue Aussehen des Sturzes und wie Jack dann da hängt noch leicht verunsichert bin. Hängt er dann so mit beiden Händen quasi im Loch oder nur mit einer? Diesbezüglich finde ich dann den Ellenbogen etwas komisch, der hervorschnellt. Macht der das dann so, dass er irgendwie mit der einen Hand auf der oberen und mit der anderen an der unteren Stufe hängt? Wie gesagt, hier finde ich es noch ein bisschen verwirrend, es mag aber auch daran liegen, dass ich es einfach nicht richtig verstehe, dann tut es mir Leid. Eine alternative Möglichkeit, auf die du möglicherweise selbst schon gekommen bist, weil du sie sogar andeutest, wäre ja, dass Alexis ihren Freund festhält, statt dass er sich abfängt. Aber man kann den Ablauf auch so lassen, ich wollte es nur genannt haben. Dann wäre da vielleicht noch die Formulierung "der Ellenbogen kracht auf die obere Stufe". Das Verb hört sich da für mich ein bisschen ungewöhnlich bis merkwürdig an, es ist jetzt aber auch nicht so, dass das so gar nicht gehen würde. Etwas mit "abfangen" oder "festhalten" könnte sich da vielleicht besser anhören, aber das sind nur Vorschläge.
    Weitere Verbesserungsvorschläge fallen mir jetzt so eigentlich nicht ein, denn du schaffst es im restlichen Teil der Geschichte gelingt es dir eben auch wieder gut, diese magische und ruhige Atmosphäre, die es schon am Anfang kurz gab, zum Schluss hin wieder aufzubauen, dabei sogar noch ein wenig schöner als zuvor zu gestalten und wirklich die Magie nicht nur der Protagonistin (sofern es eine ist; der Name würde auch auf einen Jungen passen, ich habe nur irgendwie ein Mädchen im Kopf) zurückzubringen. Oh, und es wird wohl klar, was es mit den "fallenden Sternen" auf sich hat, der Titel passt also gut, ob nun auf Englisch oder auf Deutsch.
    Es mag sein, dass ich dieses Wort inzwischen zu inflationär verwendet habe, aber diese Geschichte muss ich einfach mit "schön" betiteln, denn genau das ist sie. Ich habe sie wirklich gerne gelesen, langweilig war sie an keiner einzigen Stelle, selbst dann, wenn gerade nicht so viel passiert ist.

  • http://i.imgur.com/eG0o505.png


    Ein Sturm zieht auf.


    So, Zeit für ein kleines Update. Im Startpost fange ich jetzt nach langer Zeit auch mit den von Rusalka damals vorgeschlagenen Verschönerungen an. Zunächst aber danke an Thrawn für seinen Kommentar und das große Lob, sowas liest man doch gern. Hier mal ein paar Punkte dazu:

    eher eine leichte Präferenz zum englischen Titel, da er meiner Meinung nach etwas runder und eleganter klingt

    Finde ich ehrlich gesagt auch, werde den dann wieder ins Englische übersetzen, vor allem, da englische Titel offenbar sowieso gerade im Kommen sind.

    Ich mag den Verweis auf König der Löwen, ich finde diesen Film nämlich toll

    "Wirklich? Ich dachte das wären gigantische Riesen aus Gas, billionen von Meilen entfernt!"

    also dass so etwas doch eigentlich nur im Film vorkommt

    Geht mir eigentlich auch so, aber irgendwie konnte ich mir das nicht verkneifen. Es soll für Sympathie sorgen, weil das Zitat in der heutigen Zeit in jedermanns Kopf ist. Ich glaube, dass ich das aber trotzdem rausnehme. Gefällt mir nicht mehr so.

    dass ich über das genaue Aussehen des Sturzes und wie Jack dann da hängt noch leicht verunsichert bin. Hängt er dann so mit beiden Händen quasi im Loch oder nur mit einer?

    Ja, das ist in dieser Fassung schlecht rüber gekommen, weil ich den Sturz einmal komplett umgeschrieben habe. Vorher hatte er sich noch halb zu Alex umgedreht, sodass ein Ellbogen oben und einer unten auf jeweils einer Stufe war. Danach drehte er sich nicht mehr um, und beide Ellbogen müssten eigentlich auf der oberen Stufe liegen. Werde ich auch ändern.


    Und nun kommt meine Abgabe für das BBO-Finale 2015, ein Text, mit dem ich so zufrieden war wie lange nicht mehr. Die Aufgabe war, eine Kurzgeschichte zum Thema "Wind" zu schreiben.
    Es gibt zwei Versionen der Abgabe, wobei die Unterschiede erst ab der zweiten Hälfte einsetzen, als es um den Zug geht. In V2 habe ich die geänderten Stellen blau markiert.


    Nummer 6: BBO 2015, Finale


    Orcan


    [tabmenu]


    [tab='OrcanV1']


    Das Holz ächzt unter meiner Hand, als ich mich auf einem umgestürzten Baum abstütze und die Beine darüber schwinge. Meine Füße landen auf dem staubigen Erdweg. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis ich mein Ziel erreiche. Ich renne weiter. Beinahe wäre ich in einen tief hängenden Ast hinein gelaufen, kann aber rechtzeitig ausweichen. Zwei Vögel flattern erschrocken auf und verschwinden zwischen den Bäumen. Links von mir huscht ein Reh den Hügel herab. Ich mag die Abendstunden, da bleibt man für gewöhnlich von menschlicher Gesellschaft verschont.
    Wenig später lasse ich den Kiefernwald hinter mir. Ein Schauer läuft mir den Rücken herunter. Hat der plötzlich stärker werdende, kühle Wind ihn ausgelöst? Oder ist es die Aufregung, die ich immer im Angesicht eines neuen Lost Places verspüre?
    Womöglich beides.
    „Lost Places“ sind Einrichtungen des öffentlichen Raumes, die irgendwann verlassen wurden. Heute geht da niemand mehr rein. Der alte Leuchtturm, vor dem ich gerade stehe, ist ein gutes Beispiel dafür. Ich bin an einen Ort gelangt, der in vergangener Zeit einmal wichtig war, in dem Menschen gewandelt sind, in dem Dinge passierten, von denen ich nie etwas wissen werde.
    Urbexer, so nennen sich Verrückte wie ich, sehnen sich nach Orten wie diesen. „Urbexer“ ist die Kurzform von Urban Explorer. Wir suchen „White Spots“, weiße Flecken, die von der Öffentlichkeit gemieden werden. Für mich sind sie Oasen der Ruhe, durchdrungen von der Romantik des Vergangenen. Ich liebe dieses Hobby sogar noch mehr als die belgischen Waffeln meiner Mum.
    Mit einer geübten Bewegung ziehe ich die Kopfhörer aus meinen Ohren. Meine Rockmusik verstummt und macht dem Kreischen der Möwen und dem Heulen des Windes Platz, der um die Klippe tost. Ich lasse den Blick für einige Momente schweifen. Auf meinen Lippen schmecke ich salzige Meeresluft.
    Der Leuchtturm thront gefährlich nah an der Klippe, und unten in der Stadt heißt es, dass dies der Grund dafür wäre, wieso er damals verlassen wurde. Es ist dem Wärter zu unsicher geworden. Ein maroder Zaun aus Holzbalken und Draht trotzt dem Zahn der Zeit und soll dafür sorgen, dass niemand von der Klippe stürzt. Vor dem Leuchtturm steht eine einsame Bank. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick über die Bucht.
    Ich trete näher an den Rand und sehe in die Ferne. Tief unter mir rauschen die Wellen. Ich kann die Stadt sehen, die sich zwischen Meer auf der einen und den bewaldeten Bergen auf der anderen Seite erstreckt. Die Abendsonne unternimmt letzte Versuche, Forren Bay noch ein wenig Wärme zu bringen, und wird vom Ozean reflektiert. Der Wetterbericht sprach von einem Sturm, der heute noch kommen soll, aber davon sehe ich nichts. Nostalgie überkommt mich: Hier bin ich aufgewachsen.
    Plötzlich klingelt mein Handy. Ich stelle es eigentlich immer ab, bevor ich einen neuen Ort erforsche. Das habe ich wohl heute vergessen. Ich wische über den Touchscreen und hebe das Gerät ans Ohr. Gleichzeitig decke ich mein anderes Ohr mit der rechten Hand ab, um das Rauschen des Winds abzuwehren.
    „Hey, Orcan.“ Es gibt nur zwei Personen, die mich so nennen. Eine davon ist männlich, sitzt gerade im Gerichtssaal und versucht, einen Mandanten vor dem Gefängnis zu bewahren. Mein Dad hat keine so hohe und durchdringende Stimme. Viel Auswahl bleibt da nicht.
    „April. Sorry, wirklich, ich wollte dich noch anrufen.“
    „Wann? Immerhin bist du seit drei Wochen wieder hier, wurde mir gesagt.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und presse mir Zeigefinger und Daumen der freien Hand für ein paar Momente an die Nasenwurzel, während ich mir eine Antwort überlege. Sieht so aus, als hätte sich April mit Mom unterhalten. Shit.
    „Das ist übertrieben.“ Es waren zweieinhalb. Superantwort. Große Klasse, Frances.
    „Ist das dein Ernst? Waren wir nicht mal beste Freundinnen?“ Sie klingt nicht beleidigt, nur enttäuscht. Ich fühle einen Stich. Sie hat immerhin Recht. Ich habe bis zu meinem fünfzehnten Geburtstag hier in Forren Bay gelebt, dann zogen wir nach Michigan, und ich habe April drei Jahre lang nicht mehr gesehen.
    „ich wollte wirklich anrufen. Aber in letzter Zeit hatte ich so verdammt viel zu tun“, erwidere ich. Etwas Besseres fällt mir nicht ein. Was soll man sagen, wenn man im Leben andere Wege geht?
    „Nicht wichtig genug, um dich vom Leuchtturm fernzuhalten“, kontert April.
    „Du Stalker.“
    „Wohl kaum. Es gibt nur einen Ort in der Stadt, der jetzt gerade so windig ist, wie es bei dir klingt.“
    „Es ist wie früher.“ Wenn es an einem Tag windig wird, merkt man das auf den Klippen zuerst. Wir sind damals zwar nie so weit rauf gekommen wie ich jetzt, aber wir kennen die Geschichten.
    „Ja, ist es. Aber lenk jetzt nicht ab! Ich bin noch nicht fertig mit dir.“
    „Was willst du hören? Soll ich auf Knien vor dir betteln, damit du mich nicht hasst?“
    „Wäre ein guter Anfang.“ Etwas in ihrer Stimme lässt mich vermuten, dass sie gar nicht so sauer ist, wie sie mir weismachen möchte. Ich zucke ein wenig hilflos die Schultern, obwohl April mich nicht sehen kann.
    „Okay. Wir treffen uns demnächst. Versprochen.“
    „Wieso nicht jetzt? Ich habe dich drei Jahre lang vermisst. Wir treffen uns in zehn Minuten an den Gleisen oben im Wald.“
    „In zehn...was?!“
    „Du warst doch schon immer so schnell wie der Wind. Los!“
    „Aber-“, fange ich an, doch das Telefon antwortet nur mit regelmäßigem Tuten. Sie hat einfach aufgelegt. Mit meinem Spitznamen aber hat sie Recht. Wir haben als Kinder oft Wettrennen gemacht, bei denen ich immer schneller war als die anderen.
    Ich wende den Kopf und blicke zum alten Leuchtturm herüber. Eigentlich würde ich gern mehr Zeit hier verbringen, aber ich will es mir mit April nicht verderben. Ich kenne hier außer ihr niemanden mehr.
    „Ich komme wieder“, verspreche ich dem weißen Steinbau.


    Eine halbe Stunde später laufe ich erneut zwischen Bäumen entlang. Die Klippe liegt nun weit hinter mir, aber ich bin dort nicht weggegangen, ohne auf der Mauer des Leuchtturms ein kleines Wirbelsturm-Graffiti hinterlassen zu haben. Das machen wir so. Jeder Urbexer dokumentiert sein Ankommen an einem Ort auf irgendeine Weise. Meistens geschieht das mit einem Foto, ich aber bevorzuge mein Graffiti.
    Wieso einen Wirbelsturm? Kann ich nicht genau sagen. Ich wurde seit Ewigkeiten nicht mehr Orcan genannt, aber irgendwie passt der Name zu gut zu mir, als dass ich ihn nun einfach wieder vergessen könnte. Schnell und frei wie der Wind. So kam April auf meinen Spitznamen. Mein Vater hatte eine andere Motivation. „Du bist wie ein Wirbelwind“, sagte er immer zu mir, wenn ich mich mal wieder irgendwo gestoßen hatte.
    Der Wald lichtet sich und ich erreiche die Gleise. „April!“, rufe ich laut, erhalte aber keine Antwort. Es ist nicht ihr Stil, mich zu versetzen. Jedenfalls war er das früher nicht. Ich renne weiter, passiere einen alten Schrottplatz. Die hier aufgetürmten, verrosteten Karosserien erfüllen mich mit einer seltsamen Gelassenheit. Als ich die letzten Autowracks hinter mir lasse, tritt eine Gestalt hinter einem der Schrotthaufen hervor.
    April steht vor mir und blinzelt mich ungläubig an. Ich verschränke die Arme vor der Brust und hoffe, dass sie daran merkt, wie wenig ich es mag, angestarrt zu werden.
    „Orcan?“, fragt sie nach einer Sekunde des Zögerns.
    „Wow. Du hast dich verändert.“ Ich hatte sie völlig anders in Erinnerung. Damals hatte sie ihr blondes Haar stets zu Zöpfen geflochten und ging nie ohne ihre Backstreet-Boys-Tragetasche aus dem Haus.
    Die April, die nun vor mir steht, wirkt wesentlich erwachsener. Ihr Haar fällt bis über ihre Schultern und glänzt in der untergehenden Sonne. Die Windjacke und ihre Jeans sind nach dem neusten Trend ausgewählt.
    „Du bist es wirklich!“ Sie fällt mir um den Hals und drückt mir beinahe die Luft ab. Keine Spur mehr von ihrer Enttäuschung. Stattdessen wirkt sie sogar fröhlich. Das ist typisch für sie. Ihre Laune schlägt immer sehr schnell um. Beinahe unheimlich.
    „Wer sonst?“, erwidere ich, während ich ihr ein wenig unbeholfen den Rücken tätschele.
    „Und du bist spät.“ April löst sich wieder von mir und blickt an mir herab. Ich bin einen halben Kopf größer als sie. Früher war es andersherum.
    „Versuch du doch mal, in nur zehn Minuten einmal um die Stadt herum zu rennen. Das ist unmöglich.“
    „Mit der Aufmachung schon, da hast du Recht. Willst du zum Campen?“, fragt sie mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. Ich schüttele den Kopf. Lederjacke und Cargohosen sind zwar nicht so modisch wie ihr Aufzug, aber dafür wesentlich praktischer. In den Taschen der Hose habe ich ein paar Pflaster, Tabletten und andere Dinge, die man im Falle einer Verletzung braucht.
    „Nein, ich hatte nur ein Date mit einem Leuchtturm.“ Es ist merkwürdig, April nach all diesen Jahren wieder zu sehen. Früher war sie ein gut aussehendes Mädchen, heute ist sie bildschön. Kaum zu glauben, was nur drei Jahre aus einem Menschen machen können.
    „War nur ein Spaß. Hübsch siehst du aus. Ich mag deine Frisur“, sagt sie dann. Nett ausgedrückt. Ich sehe nicht eben schlecht aus, aber mit ihr kann ich nicht mithalten.
    „Danke.“
    „Kayla hat mir von deinem Hobby erzählt. Ist das nicht sehr gefährlich?“ April setzt sich in Bewegung und ich folge ihr. Die Sonne ist beinahe verschwunden. Der Wind ist noch stärker geworden und zerrt an unseren Kleidern. Ich sehe April kurz von der Seite her an.
    „Manchmal. Kommt drauf an, was für einen Ort du findest. In U-Bahnschächten steht manchmal Wasser drin, das man nicht richtig sieht.“
    „Gruselig.“ April schüttelt sich kurz. Diesmal bin ich sicher, dass der Wind schuld daran ist. Es wird merklich kälter.
    Und dunkler wird es auch. Irritiert sehe ich über die Schulter. Dichte Wolken sind aufgezogen und bedecken einen Teil des Himmels. Die grauen Schleier, die in diesem Moment den Leuchtturm erreichen, gefallen mir gar nicht. Sieht aus, als hätte der Wetterbericht doch richtig gelegen.
    „Shit. Regen“, warne ich April. Sie sieht sich ebenfalls kurz um seufzt.
    „Schade. Es war so ein schöner Tag.“ Ich will gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da erreicht uns der Sturm. Von der einen auf die nächste Sekunde wird der böige Wind doppelt so stark. Meine Frisur war durch den Lauf schon zerzaust, jetzt aber ist sie vollends hinüber.
    „Wir suchen uns besser einen geschützten Ort“, befindet April. Ich stimme ihr zu. Ein Lichtblitz erhellt den Himmel. Kurz darauf kracht es laut.
    „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Lauf!“ Wir rennen los. April läuft auf den Gleisen entlang, während ich mich ein Stück weiter rechts halte. Hinter uns verändert sich der Donner. Es klingt, als würde der Himmel zerreißen. Dazu kommt noch ein Geräusch, welches ich nicht einordnen kann. Ich wische mir die ersten Regentropfen aus der Stirn. Der Kies knirscht unter meinen Turnschuhen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere.
    „Spürst du das?“, ruft April mir über den tosenden Wind hinweg zu.
    „Was?“
    „Die Erde bebt!“ Seltsam, davon merke ich nichts. Mein Blick fällt auf ihre Schuhe. Dann auf die Gleise. In meinem Gehirn verknüpfen sich das unbekannte Geräusch und ihre Bemerkung. Ein ungutes Ziehen breitet sich in meinem unteren Rücken aus.
    Ich schaue noch einmal nach hinten. Ein Zug rast hinter uns heran.
    „Spring!“, schreie ich panisch. Sie muss von den Gleisen runter, und zwar schnell.
    Und natürlich bleibt ihr Stiefel gerade in diesem Moment an einer der Sparren hängen. Sie stürzt. Ohne lange zu zögern beuge ich mich vor, umfasse ihre Taille und ziehe sie zu mir, so fest ich kann. Ihr Stiefel bleibt zurück, aber April kommt frei und stürzt neben mich.
    Der Zug donnert an uns vorbei. Schwere Räder aus Metall rauschen über die Gleise und lassen den Boden vibrieren. Wir bleiben für einige Momente im Kies liegen. In einem Anflug seltsamer Distanziertheit blicke ich April an, die mit schreckgeweiteten Augen und angewinkeltem Bein dem Zug hinterher starrt. Ihr Atem geht ebenso schwer wie meiner. Nur eine Sekunde später...lieber nicht darüber nachdenken.
    „Wir müssen weiter“, sage ich. Dicke Regentropfen fallen auf uns herab. Die Kombination aus kaltem Wasser und noch kälterem Wind setzt mir nun auch zu, dabei bin ich eigentlich recht abgehärtet. Nur Hitze mag ich nicht.
    „Ja“, erwidert sie nur, und lässt sich von mir hoch helfen. Ihr Stiefel ist ein wenig verrußt, als sie ihn wieder anzieht.
    Der Schreck sitzt uns in den Gliedern, aber wenn wir nicht weiterlaufen, fliegt uns die ganze Welt um die Ohren. Der Sturm wird immer stärker.
    „Schau mal, da vorn!“
    Ihr Finger ist geradeaus gerichtet, in den Regen hinein. In der Ferne erkenne ich eine Weiche und ein kleines Häuschen daneben, vermutlich mit den Kontrollelementen. Es steht ein Stück weit von den Gleisen entfernt auf einem kleinen Hügel.
    „Ich sehe es. Schnell, bevor das Gewitter uns einholt“, sage ich. Zwar sind wir schon mitten im Sturm, aber solange das Gewitter uns nicht erreicht, sind wir zumindest nicht in größerer Gefahr.
    Die Bäume werden von einem Wind gebeutelt, der so stark ist, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Außerdem wird der Donner immer lauter, die Blitze vermehren sich. Manche von ihnen erhellen den nun beinahe nachtschwarzen Himmel für mehrere Sekunden. Ich wünsche mir die leichte, sonnige Atmosphäre zurück, die ich am Leuchtturm vorhin gespürt habe.
    Ein weiterer Blick nach hinten zeigt mir, dass wir von einer Art Sturmbö verfolgt werden, die Dreck, Blätter und kleine Steine vor sich herschiebt. Wenn die uns trifft, tut es weh.
    „Schneller, schneller!“ Das Heulen des Windes und der Donner sind zusammen so laut, dass ich schreien muss. Dem Abstand des Donners von den Blitzen ist nun so gering, dass uns das Gewitter bald erreichen muss. Nur noch ein paar Meter, der Abstand verkürzt sich, endlich erreichen wir das Haus. Ohne zu zögern ramme ich den Fuß gegen das verrostete Schloss. Die Tür fliegt auf.
    April schlüpft hinein, ich hinterher, hastig knalle ich die Tür zu und sehe, dass man die Tür innen mit einem Metallriegel sichern kann. Ich schiebe ihn vor.
    Danach sinke ich erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand. Draußen wütet der Sturm, und in diesem Moment erreicht das Gewitter unsere kleine Hütte. Die Sturmbö rauscht gegen die geschlossenen Fensterläden. Es ist stockdunkel hier drin.
    „Du hast mich gerettet“, keucht April, die sich neben mich gesetzt hat.
    „Hättest du auch für mich getan“, entgegne ich. Sie muss niesen.
    „Gesundheit.“
    „Danke. Und, wow, du bist so furchtlos.“
    „Wenn man einmal in seinem Leben eine Nacht in einem verlassenen U-Bahntunnel verbracht hat, verliert man seine Feigheit.“
    Es kracht direkt über uns. Donner zerreißt die Luft um uns herum und wir zucken beide heftig zusammen. April rutscht ein Stück näher. Ich lehne mich zur Seite und lege ihr meine Arme um die Schultern.
    „Stell dir nur mal vor, du würdest jetzt im Leuchtturm sitzen“, sagt sie leise und erwidert die Umarmung.
    „Lieber nicht.“
    „Ich bin froh, dass du wieder da bist.“ Ich antworte nicht sofort, drücke sie ein wenig fester an mich.
    „Ich auch“, sage ich dann und stelle überrascht fest, wie ernst ich das meine. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich besser, so als wäre ich endlich wieder zuhause.
    Wir bleiben lange so sitzen. Der Sturm tobt bis in die Nacht hinein.


    [tab='OrcanV2']


    Das Holz ächzt unter meiner Hand, als ich mich auf einem umgestürzten Baum abstütze und die Beine darüber schwinge. Meine Füße landen auf dem staubigen Erdweg. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis ich mein Ziel erreiche. Ich renne weiter. Beinahe wäre ich in einen tief hängenden Ast hinein gelaufen, kann aber rechtzeitig ausweichen. Zwei Vögel flattern erschrocken auf und verschwinden zwischen den Bäumen. Links von mir huscht ein Reh den Hügel herab. Ich mag die Abendstunden, da bleibt man für gewöhnlich von menschlicher Gesellschaft verschont.
    Wenig später lasse ich den Kiefernwald hinter mir. Ein Schauer läuft mir den Rücken herunter. Hat der plötzlich stärker werdende, kühle Wind ihn ausgelöst? Oder ist es die Aufregung, die ich immer im Angesicht eines neuen Lost Places verspüre?
    Womöglich beides.
    „Lost Places“ sind Einrichtungen des öffentlichen Raumes, die irgendwann verlassen wurden. Heute geht da niemand mehr rein. Der alte Leuchtturm, vor dem ich gerade stehe, ist ein gutes Beispiel dafür. Ich bin an einen Ort gelangt, der in vergangener Zeit einmal wichtig war, in dem Menschen gewandelt sind, in dem Dinge passierten, von denen ich nie etwas wissen werde.
    Urbexer, so nennen sich Verrückte wie ich, sehnen sich nach Orten wie diesen. „Urbexer“ ist die Kurzform von Urban Explorer. Wir suchen „White Spots“, weiße Flecken, die von der Öffentlichkeit gemieden werden. Für mich sind sie Oasen der Ruhe, durchdrungen von der Romantik des Vergangenen. Ich liebe dieses Hobby sogar noch mehr als die belgischen Waffeln meiner Mum.
    Mit einer geübten Bewegung ziehe ich die Kopfhörer aus meinen Ohren. Meine Rockmusik verstummt und macht dem Kreischen der Möwen und dem Heulen des Windes Platz, der um die Klippe tost. Ich lasse den Blick für einige Momente schweifen. Auf meinen Lippen schmecke ich salzige Meeresluft.
    Der Leuchtturm thront gefährlich nah an der Klippe, und unten in der Stadt heißt es, dass dies der Grund dafür wäre, wieso er damals verlassen wurde. Es ist dem Wärter zu unsicher geworden. Ein maroder Zaun aus Holzbalken und Draht trotzt dem Zahn der Zeit und soll dafür sorgen, dass niemand von der Klippe stürzt. Vor dem Leuchtturm steht eine einsame Bank. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick über die Bucht.
    Ich trete näher an den Rand und sehe in die Ferne. Tief unter mir rauschen die Wellen. Ich kann die Stadt sehen, die sich zwischen Meer auf der einen und den bewaldeten Bergen auf der anderen Seite erstreckt. Die Abendsonne unternimmt letzte Versuche, Forren Bay noch ein wenig Wärme zu bringen, und wird vom Ozean reflektiert. Der Wetterbericht sprach von einem Sturm, der heute noch kommen soll, aber davon sehe ich nichts. Nostalgie überkommt mich: Hier bin ich aufgewachsen.
    Plötzlich klingelt mein Handy. Ich stelle es eigentlich immer ab, bevor ich einen neuen Ort erforsche. Das habe ich wohl heute vergessen. Ich wische über den Touchscreen und hebe das Gerät ans Ohr. Gleichzeitig decke ich mein anderes Ohr mit der rechten Hand ab, um das Rauschen des Winds abzuwehren.
    „Hey, Orcan.“ Es gibt nur zwei Personen, die mich so nennen. Eine davon ist männlich, sitzt gerade im Gerichtssaal und versucht, einen Mandanten vor dem Gefängnis zu bewahren. Mein Dad hat keine so hohe und durchdringende Stimme. Viel Auswahl bleibt da nicht.
    „April. Sorry, wirklich, ich wollte dich noch anrufen.“
    „Wann? Immerhin bist du seit drei Wochen wieder hier, wurde mir gesagt.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und presse mir Zeigefinger und Daumen der freien Hand für ein paar Momente an die Nasenwurzel, während ich mir eine Antwort überlege. Sieht so aus, als hätte sich April mit Mom unterhalten. Shit.
    „Das ist übertrieben.“ Es waren zweieinhalb. Superantwort. Große Klasse, Frances.
    „Ist das dein Ernst? Waren wir nicht mal beste Freundinnen?“ Sie klingt nicht beleidigt, nur enttäuscht. Ich fühle einen Stich. Sie hat immerhin Recht. Ich habe bis zu meinem fünfzehnten Geburtstag hier in Forren Bay gelebt, dann zogen wir nach Michigan, und ich habe April drei Jahre lang nicht mehr gesehen.
    „ich wollte wirklich anrufen. Aber in letzter Zeit hatte ich so verdammt viel zu tun“, erwidere ich. Etwas Besseres fällt mir nicht ein. Was soll man sagen, wenn man im Leben andere Wege geht?
    „Nicht wichtig genug, um dich vom Leuchtturm fernzuhalten“, kontert April.
    „Du Stalker.“
    „Wohl kaum. Es gibt nur einen Ort in der Stadt, der jetzt gerade so windig ist, wie es bei dir klingt.“
    „Es ist wie früher.“ Wenn es an einem Tag windig wird, merkt man das auf den Klippen zuerst. Wir sind damals zwar nie so weit rauf gekommen wie ich jetzt, aber wir kennen die Geschichten.
    „Ja, ist es. Aber lenk jetzt nicht ab! Ich bin noch nicht fertig mit dir.“
    „Was willst du hören? Soll ich auf Knien vor dir betteln, damit du mich nicht hasst?“
    „Wäre ein guter Anfang.“ Etwas in ihrer Stimme lässt mich vermuten, dass sie gar nicht so sauer ist, wie sie mir weismachen möchte. Ich zucke ein wenig hilflos die Schultern, obwohl April mich nicht sehen kann.
    „Okay. Wir treffen uns demnächst. Versprochen.“
    „Wieso nicht jetzt? Ich habe dich drei Jahre lang vermisst. Wir treffen uns in zehn Minuten an den Gleisen oben im Wald.“
    „In zehn...was?!“
    „Du warst doch schon immer so schnell wie der Wind. Los!“
    „Aber-“, fange ich an, doch das Telefon antwortet nur mit regelmäßigem Tuten. Sie hat einfach aufgelegt. Mit meinem Spitznamen aber hat sie Recht. Wir haben als Kinder oft Wettrennen gemacht, bei denen ich immer schneller war als die anderen.
    Ich wende den Kopf und blicke zum alten Leuchtturm herüber. Eigentlich würde ich gern mehr Zeit hier verbringen, aber ich will es mir mit April nicht verderben. Ich kenne hier außer ihr niemanden mehr.
    „Ich komme wieder“, verspreche ich dem weißen Steinbau.


    Eine halbe Stunde später laufe ich erneut zwischen Bäumen entlang. Die Klippe liegt nun weit hinter mir, aber ich bin dort nicht weggegangen, ohne noch ein schnelles Foto vom Leuchtturm gemacht zu haben. Jeder Urbexer dokumentiert seinen Besuch auf eine bestimmte Weise, und ich bevorzuge das Foto.
    Mir geht mein Spitzname nicht mehr aus dem Kopf, seit April ihn eben verwendet hat.
    Ich wurde seit Ewigkeiten nicht mehr Orcan genannt, aber irgendwie passt der Name zu gut zu mir, als dass ich ihn nun einfach wieder vergessen könnte. Schnell und frei wie der Wind. So kam April auf meinen Spitznamen. Mein Vater hatte eine andere Motivation. „Du bist wie ein Wirbelwind“, sagte er immer zu mir, wenn ich mich mal wieder irgendwo gestoßen hatte.
    Der Wald lichtet sich und ich erreiche die Gleise. „April!“, rufe ich laut, erhalte aber keine Antwort. Es ist nicht ihr Stil, mich zu versetzen. Jedenfalls war er das früher nicht. Ich renne weiter, passiere einen alten Schrottplatz. Die hier aufgetürmten, verrosteten Karosserien erfüllen mich mit einer seltsamen Gelassenheit. Als ich die letzten Autowracks hinter mir lasse, tritt eine Gestalt hinter einem der Schrotthaufen hervor.
    April steht vor mir und blinzelt mich ungläubig an. Ich verschränke die Arme vor der Brust und hoffe, dass sie daran merkt, wie wenig ich es mag, angestarrt zu werden.
    „Orcan?“, fragt sie nach einer Sekunde des Zögerns.
    „Wow. Du hast dich verändert.“ Ich hatte sie völlig anders in Erinnerung. Damals hatte sie ihr blondes Haar stets zu Zöpfen geflochten und ging nie ohne ihre Backstreet-Boys-Tragetasche aus dem Haus.
    Die April, die nun vor mir steht, wirkt wesentlich erwachsener. Ihr Haar fällt bis über ihre Schultern und glänzt in der untergehenden Sonne. Die Windjacke und ihre Jeans sind nach dem neusten Trend ausgewählt.
    „Du bist es wirklich!“ Sie fällt mir um den Hals und drückt mir beinahe die Luft ab. Keine Spur mehr von ihrer Enttäuschung. Stattdessen wirkt sie sogar fröhlich. Das ist typisch für sie. Ihre Laune schlägt immer sehr schnell um. Beinahe unheimlich.
    „Wer sonst?“, erwidere ich, während ich ihr ein wenig unbeholfen den Rücken tätschele.
    „Und du bist spät.“ April löst sich wieder von mir und blickt an mir herab. Ich bin einen halben Kopf größer als sie. Früher war es andersherum.
    „Versuch du doch mal, in nur zehn Minuten einmal um die Stadt herum zu rennen. Das ist unmöglich.“
    „Mit der Aufmachung schon, da hast du Recht. Willst du zum Campen?“, fragt sie mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. Ich schüttele den Kopf. Lederjacke und Cargohosen sind zwar nicht so modisch wie ihr Aufzug, aber dafür wesentlich praktischer. In den Taschen der Hose habe ich ein paar Pflaster, Tabletten und andere Dinge, die man im Falle einer Verletzung braucht.
    „Nein, ich hatte nur ein Date mit einem Leuchtturm.“ Es ist merkwürdig, April nach all diesen Jahren wieder zu sehen. Früher war sie ein gut aussehendes Mädchen, heute ist sie bildschön. Kaum zu glauben, was nur drei Jahre aus einem Menschen machen können.
    „War nur ein Spaß. Hübsch siehst du aus. Ich mag deine Frisur“, sagt sie dann. Nett ausgedrückt. Ich sehe nicht eben schlecht aus, aber mit ihr kann ich nicht mithalten.
    „Danke.“
    „Kayla hat mir von deinem Hobby erzählt. Ist das nicht sehr gefährlich?“ April setzt sich in Bewegung und ich folge ihr. Die Sonne ist beinahe verschwunden. Der Wind ist noch stärker geworden und zerrt an unseren Kleidern. Ich sehe April kurz von der Seite her an.
    „Manchmal. Kommt drauf an, was für einen Ort du findest. In U-Bahnschächten steht manchmal Wasser drin, das man nicht richtig sieht.“
    „Gruselig.“ April schüttelt sich kurz. Diesmal bin ich sicher, dass der Wind schuld daran ist. Es wird merklich kälter.
    Und dunkler wird es auch. Irritiert sehe ich über die Schulter. Dichte Wolken sind aufgezogen und bedecken einen Teil des Himmels. Die grauen Schleier, die in diesem Moment den Leuchtturm erreichen, gefallen mir gar nicht. Sieht aus, als hätte der Wetterbericht doch richtig gelegen.
    „Shit. Regen“, warne ich April. Sie sieht sich ebenfalls kurz um seufzt.
    „Schade. Es war so ein schöner Tag.“ Ich will gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da erreicht uns der Sturm. Von der einen auf die nächste Sekunde wird der böige Wind doppelt so stark. Meine Frisur war durch den Lauf schon zerzaust, jetzt aber ist sie vollends hinüber.
    „Wir suchen uns besser einen geschützten Ort“, befindet April. Ich stimme ihr zu. Ein Lichtblitz erhellt den Himmel. Kurz darauf kracht es laut.
    „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Lauf!“ Wir rennen los. April läuft auf den Gleisen entlang, während ich mich ein Stück weiter rechts halte. Hinter uns verändert sich der Donner. Es klingt, als würde der Himmel zerreißen. Ich wische mir die ersten Regentropfen aus der Stirn. Der Kies knirscht unter meinen Turnschuhen.
    „Siehst du das da vorn?“, ruft April mir über den tosenden Wind hinweg zu.Ihr Finger ist geradeaus gerichtet. In der Ferne erkenne ich eine Weiche und ein kleines Häuschen daneben, vermutlich mit den Kontrollelementen. Es steht ein Stück weit von den Gleisen entfernt auf einem kleinen Hügel.
    „Ja“,antworte ich.
    „Wir müssen es erreichen, bevor das Gewitter uns einholt!“, ruft sie. Sie hat Recht. Zwar sind wir schon mitten im Sturm, aber solange das Gewitter uns nicht erreicht, sind wir zumindest nicht in größerer Gefahr.
    Die Bäume werden von einem Wind gebeutelt, der so stark ist, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Außerdem wird der Donner immer lauter, die Blitze vermehren sich. Manche von ihnen erhellen den nun beinahe nachtschwarzen Himmel für mehrere Sekunden. Ich wünsche mir die leichte, sommerliche Atmosphäre zurück, die ich am Leuchtturm vorhin gespürt habe.
    Ein weiterer Blick nach hinten zeigt mir, dass wir von einer Art Sturmbö verfolgt werden, die Dreck, Blätter und kleine Steine vor sich herschiebt. Wenn die uns trifft, tut es weh.
    „Schneller,schneller!“ Das Heulen des Windes und der Donner sind zusammen solaut, dass ich schreien muss. Dem Abstand des Donners von den Blitzen ist nun so gering, dass uns das Gewitter bald erreichen muss. Nur noch ein paar Meter, der Abstand verkürzt sich, endlich erreichen wir das Haus. Ich bin ein paar Meter vor April. Ohne zu zögern rammeich den Fuß gegen das verrostete Schloss. Die Tür fliegt auf.
    „Rein! Los, rein!“
    April schlüpft hinein, ich hinterher, hastig knalle ich die Tür zu und sehe, dass man die Tür innen mit einem Metallriegel sichern kann. Ich schiebe ihn vor. Draußen wütet der Sturm, und in diesem Moment erreicht das Gewitter unsere kleine Hütte. Die Sturmbö rauscht gegen die geschlossenen Fensterläden. Es ist stockdunkel hier drin.Mit der Linken suche ich nach meiner Taschenlampe, die sich irgendwo in den Tiefen meiner Taschen befindet. Ich finde sie, schalte sie ein, und sehe mich dann um.
    Mehrere Aktenschränke sind hier abgestellt worden. Der Lichtkreis huscht über Regale, Werkzeugkästen und einen Stapel Gleise.
    „Sieht aus, als müssten wir eine Weile hier bleiben.“ Ich spreche das Offensichtliche aus; bei dem Sturm gehen wir so schnell nirgends mehr hin.
    „Was ist das da?“, fragt April auf einmal. Ich schwenke den Lichtkegel herum und sehe, dass eines der Regale in eine gefährliche Schräglage geraten ist. Vermutlich habe ich die Tür beim Hereinkommen dagegen gerammt. Es wird umkippen. Und April steht direkt davor.
    „Weg!“ Ich springe vor, packe sie bei der Schulter und reiße sie mit mir zu Boden. Ein großer Hammer fällt aus dem Regal. Es kippt tatsächlich um, kotzt dabei noch einige weitere Werkzeuge aus, die direkt danach wieder begraben werden. Der stählerne Rahmen kracht nur Millimeter von Aprils rechtem Fuß entfernt zu Boden. Es scheppert laut.
    „Holy shit.“ Ich lehne mich erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand.
    „Wo hast du das denn gelernt?“, keucht April, nachdem sich neben mich gesetzt hat.
    „In einer Fabrik“, entgegne ich. Sie muss niesen.
    „Gesundheit.“

    „Danke. Und, wow, du bist so furchtlos.“
    „Wenn man einmal in seinem Leben eine Nacht in einem verlassenen U-Bahntunnel verbracht hat, verliert man seine Feigheit.“
    Es kracht direkt über uns. Donner zerreißt die Luft um uns herum und wir zucken beide heftig zusammen. April rutscht ein Stück näher. Ich lehne mich zur Seite und lege ihr meine Arme um die Schultern.
    „Stell dir nur mal vor, du würdest jetzt im Leuchtturm sitzen“, sagt sie leise und erwidert die Umarmung.
    „Lieber nicht.“
    „Ich bin froh, dass du wieder da bist.“ Ich antworte nicht sofort, drücke sie ein wenig fester an mich.
    „Ich auch“, sage ich dann und stelle überrascht fest, wie ernst ich das meine. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich besser, so als wäre ich endlich wieder zuhause.
    Wir bleiben lange so sitzen. Der Sturm tobt bis in die Nacht hinein.



    [/tabmenu]


    Ich habe zwei Versionen reingestellt, weil es bis kurz vor DL diese zwei Versionen gab. Der Zug war einer der Kritikpunkte der Voter, er wirkte zu erzwungen und zu random, aber ich wollte unbedingt ein wenig Action reinbringen. Womöglich ist die zweite Variante auch nicht wirklich gut, dann werde ich den Spannungsfaktor ganz streichen, aber ich wollte euch nicht vorenthalten, wie genau die Abgabe im Finale aussah.


  • I wish this moment could last forever...but then it wouldn't be a moment anymore.



    Es ist wieder ein wenig Zeit ins Land gegangen, zusammen mit Glühwürmchen habe ich am FFxGedicht-Collab teilgenommen, und - wer hätte es gedacht - hier ist unsere Abgabe, damit auch diejenigen, die nicht wirklich Interesse an unserer Wettbewerbskultur haben, sich daran erfreuen können.


    Nummer 7: FFxGedicht-Collab


    Lebenstanz


    [tabmenu]


    [tab='Vorwort']


    You do not need any more salt. Was soll ich sagen, nach Orcan dachte ich schon, dass ich mein Pulver erst einmal verballert hätte, aber Lebenstanz gefiel mir ebenfalls ausnehmend gut - auch jetzt noch. I would do the same again if I could reverse time. Wir haben die grobe Struktur der Abgabe schon seit Ewigkeiten festgelegt gehabt, der Plan stand, und ja, ich bin mit den fünften Platz nicht zufrieden. Der Gewinner des Collabs hatte ebenfalls einen enorm guten Text, ja, aber von der Aufgabenstellung her fand ich A6 nicht ausreichend, wenn man bedenkt, dass das Gedicht einfach in ein paar Zeilen vor den Text gehauen und der vorgegebene Sommeraspekt in einem kurzen Nebenaspekt erwähnt wurde. Wie auch immer, das ist Geschichte. Hier zur Abgabe:


    [tab='Lebenstanz']


    Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Vergeblich. Schon heute Morgen wurde das Auto von der Sonne in einen Backofen verwandelt. Ab und zu wird die Hitze von einer Windbö unterbrochen, die durch die offenen Fenster hereinweht. Der Highway ist mit Ausnahme der Rostlaube, in der ich sitze, vereinsamt. Sauber wie der Schnitt eines Skalpells zerschneidet er die ausgetrocknete Landschaft. Braune Büsche säumen den Straßenrand. In der Ferne sehe ich ein paar Berge.
    „Ich hoffe, Emily ist nicht allzu sehr beleidigt, dass wir sie nicht mitgenommen haben“, sagt Oliver plötzlich. Ich wende träge den Kopf. Ihm ist genauso heiß wie mir. Sein T-Shirt klebt ihm am Körper, die blonden Haare sind schweißnass.
    „Ach was. Sie wird schon ein paar Tage ohne mich überleben“, erwidere ich dann.
    „Bist du sicher? Ihr seid normalerweise unzertrennlich.“ Er klingt skeptisch.
    „Klar bin ich sicher. Sie versteht das. Es war schon seit Monaten so geplant, nur wir zwei. Nach all diesen Klausuren haben wir uns das verdient.“
    „Das haben wir wirklich.“
    „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du dir diese Retro-Karre besorgt hast. Der Wahnsinn.“
    Oliver lächelt stolz. Der Wagen bedeutet ihm einiges, egal, wie alt die Karre sein mag. Auch über die halb defekte Klimaanlage kann er hinweg sehen. Immerhin funktioniert das Radio einwandfrei. Ruhige Indiemusik dringt aus den Lautsprechern:


    Straßenschilder lenken weise
    durch das zielstrebige Leben
    alle Menschen auf der Reise,
    während sie ihr Bestes geben.


    Folge der Straße wie empfohlen.
    Folge dem Ziel, das ich anstrebe.
    Unaufhaltsam die Räder rollen
    und ich vergesse, dass ich lebe.


    „Ich habe lange davon geträumt, diese Reise zu machen“, sagt Oliver dann.
    „Ich auch.“
    Jahrelang, um genau zu sein. Wenn ich nur daran denke, wie lange er gebraucht hat, um mich auch nur nach einem Date zu fragen, muss ich grinsen. Es war am Ende einfacher als ich dachte. Wir haben uns vor vier Tagen von unseren Familien und Freunden verabschiedet, sind ins Auto gestiegen, und dann nichts wie raus in die weite Welt. Dieses Gefühl war mir anfangs absolut neu.
    „Ein weiser Mann sagte einst: Nur, wenn man täglich aus der Tiefkühltruhe isst und die einzige Sorge die ist, ob auf den nächsten hundert Meilen ein Cop auf dich und deinen Joint wartet, dann darf man sich wahrhaftig frei fühlen“, sinniere ich. Oliver prustet los.
    „Was? Wer sagt denn so etwas?“
    „Du. Gestern. Kurz nach besagtem Joint.“
    „Oh.“ Kurzes Schweigen. Mein Freund knetet nervös seine Unterlippe.
    „Stimmt etwas nicht?“
    „Nein! Alles okay. Uhm, habe ich noch mehr gesagt, von dem ich nichts mehr weiß?“
    „Nicht dass ich wüsste.“ Ich zögere kurz, gebe dann aber der Verlockung nach. „Naja, außer, dass du offenbar Interesse an gewissen Handlungen hast, die neben mir noch Emily einschließen und für gewöhnlich im Schlafzimmer stattfinden.“ Nun reißt er die Augen auf und starrt mich an.
    „Ich habe WAS?!“
    „Schau auf die Straße. Das war ein Witz.“
    „Du machst mich fertig“, stöhnt er. Ich lache ihn an. Manchmal ist er so naiv, dass es schon süß ist. Das muss ich natürlich ausnutzen.
    „Vergiss es. Also, wo stehen wir?“
    „In ein paar Stunden sind wir an der Grenze. Ich will dir unbedingt den Fremont-Troll zeigen. Das wird der Hammer.“ Nach einem ausgiebigen Räuspern hat Oliver seine Fassung wiedergefunden.
    „Fremont-Troll?“
    „Du bist hier die Künstlerin. Du solltest das wissen“, zieht er mich auf. Ich verdrehe die Augen.
    „Tut mir leid, o Sokrates.“
    „Der Fremont-Troll ist eine Plastik, die sich unter der Aurora Bridge in Seattle befindet.“ Aurora Bridge? Da klingelt was, auch wenn ich es nicht genau benennen kann.
    „Davon habe ich tatsächlich schon gehört.“
    Mit ihm werden mir die langen Stunden auf den Highways nicht langweilig,weil wir quasi pausenlos über Gott und die Welt miteinander reden können. Er hat ein unglaubliches Allgemeinwissen, obwohl er sich in der Schule eigentlich nur auf Physik konzentriert hat.
    Ich drehe das Radio ein wenig auf. Der Song gefällt mir.


    Ein weiterer Tag ist letztlich um.
    Ich komme meinen Zielen näher.
    Ein weiterer Tag ist plötzlich um.
    Nur welcher? Das weiß ich bloß nicht mehr.


    Ich halte an und bin ohne Plan,
    vorbei an all den Schildern.
    Vor mir hat sich aufgetan
    die Front aus finst'ren Wolkenbildern.


    Auf einmal fegt eine erfrischende Böe durch den Wagen. Endlich ein wenig Abkühlung.
    „Entweder das, oder Country. Viel Auswahl gibt es hier draußen nicht“, sage ich, als Oliver die Stirn runzelt. Dann merke ich, dass er nicht wegen der Musik so irritiert aussieht, sondern wegen der schwarzen Wand, die hinten am Horizont steht und langsam größer wird. Erschreckend, wie gut der Song zu unserer Situation passt.
    „Hatten die Regen angesagt?“ Er klingt überrascht, was mich zu der Annahme verleitet, dass es eigentlich sonnig bleiben sollte.
    „Ich weiß nicht. Du hattest die Route und die Vorhersage gecheckt. Ich war für die Snacks zuständig, schon vergessen?“
    „Mist. Sorry, Rieke. Ich suche einen Rastplatz.“ Aber so sehr wir auch suchen, wir finden keinen. Der Highway will uns nicht gehen lassen.Im Laufe der nächsten halben Stunde wird es immer dunkler. Die ersten Tropfen fallen auf die Frontscheibe. Der Himmel ist zweigeteilt. Auf unserer Hälfte ist es noch relativ hell, dafür aber nehmen die Wolken schon einen rostroten Ton an, auf der anderen Hälfte herrscht die Finsternis.
    „Spürst du es?“, frage ich.
    „Was meinst du?“
    „Die Chrysalis.“
    „Kenne ich nicht.“
    „Wow. Das ist neu. Etwas, das unser Einstein nicht weiß“, spöttele ich, werde dann aber wieder ernst.
    „Chrysalis ist das Gefühl, welches man bekommt, wenn man während eines Sturms in einem Haus sitzt. Man sieht raus und spürt die Elemente, ist aber von ihnen getrennt.“
    „Ah. Und du spürst das?“
    „Jeder spürt es. Nur weiß nicht jeder, was er da spürt. Halt bitte an.“ Oliver drückt auf die Bremse. Wir halten mitten im Nirgendwo. Der Regen prasselt auf das Dach und auf die Frontscheibe, wo er in kleinen Strömen herabfließt. Olivers neuer Scheibenwischer tut sein Bestes, verliert den Kampf gegen die Regentropfen aber dennoch. Durch die Frontscheibe sieht man nichts mehr.
    Ich drücke die Tür auf, krame in der Kühltruhe auf der Rückbank nach zwei Flaschen, finde sie, und laufe hinaus in den Regen. Jung, wild und frei – diese drei Worte habe ich noch nie so gelebt wie in den letzten paar Tagen. Der sandige Boden ist schon mit kleinen dunklen Punkten gesprenkelt.
    „Hey, was hast du vor?!“ Ich bleibe stehen und lächele breit.
    „Das ist nur ein kleiner Schauer. Lass uns hier bleiben.“ Oliver sieht mich zweifelnd an, aber er weiß, wie gern ich mich dort aufhalte, wo es nass ist. Das hier ist zwar nicht meine Schwimmhalle, aber mindestens genauso erfrischend.
    „Das ist mehr als nur ein kleiner Schauer.“
    „Nur wenige Menschen können den Regen spüren. Der Rest wird lediglich nass“, entgegne ich. Manchmal frage ich mich, wie es trotz des heftigen Regens so warm sein kann. Ich hebe einen Arm, krempele den Ärmel meines Hemds hoch und sehe zu, wie die Regentropfen immer schneller auf meiner Haut zerplatzen. Es gibt nichts Schöneres als Sommerregen. Er wäscht den Schweiß und den Staub ab. In den letzten Wochen entkam man beidem nicht. Die Hitzewelle hat unsere Stadt voll erwischt, Ventilatoren und Kühlmittel waren schon lange ausverkauft. Umso dringender habe ich mir den Regen gewünscht. Die Luft riecht während des Regens herrlich.
    „Endlich.“ Mit geschlossenen Augen lege ich den Kopf zurück und genieße das Gefühl des Regens auf meinem Gesicht. Innerhalb weniger Sekunden sind das Hemd und meine Jeans durchnässt. Ich verstehe nicht, wieso die meisten Menschen ein unfassbar blödes Gesicht ziehen und die Schultern hochziehen, sobald es anfängt, zu regnen. Dadurch werden sie nicht weniger nass.


    Ich halte inne, komme ab.
    Fühle mich dennoch nicht verloren.
    Der Regen fällt auf mich herab,
    fühle mich dadurch neu geboren.


    Mein Tag holt mich nun endlich ein.
    Ich werd' mir selber so gewahr!
    Wie konnt' es all die Zeit nur sein,
    dass ich ihn hielt für ersetzbar.


    „Komm schon! Es ist herrlich“, rufe ich Oliver zu. Er wirft einen Blick in den Himmel. Es blitzt kurz, der Donner lässt aber lange auf sich warten. Endlich steigt er aus dem Wagen.
    „Du bist verrückt, Rieke“, sagt er kopfschüttelnd.
    „Verrückt nach dir. Hier, nimm. Gedeelde smart is halve smart.“ Ich reiche ihm die zweite Flasche. Manchmal geht die Belgierin mit mir durch.
    „Was heißt das?“
    „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Er nimmt seine Flasche entgegen und stößt sie gegen meine. Es klirrt leise.
    „Auf unseren Abschluss. Und auf eine erfolgreiche Zukunft“, sagt Oliver feierlich.
    „Und auf uns“, füge ich hinzu.
    „Yeah.“
    Für einige Momente ist es ruhig, nur das gleichmäßige Rauschen des Regens ist zu hören.
    „Ich fühle mich im Regen so lebendig.“ Wir sind allein, es gibt keine Regeln, keine Klausuren, nur uns beide und die endlose Freiheit. Nicht einmal die vielen Stunden im Schwimmbecken haben bisher etwas Vergleichbares in mir ausgelöst.
    „Wir sollten ins Auto zurück. Der Regen wird stärker“, bemerkt Oliver.
    „Oder wir tanzen. Komm, sei nicht so zugeknöpft! Wir haben die Schule gepackt. Was willst du im Auto? Herum sitzen? Das tun wir noch lange genug.“ Er gibt seine Bedenken nun doch auf und tritt näher. Wurde auch Zeit.
    „Du hast recht. Tanzen wir.“
    Wo diese Faszination nach Wasser herkommt, weiß ich nicht. Es bringt Leben, kann aber auch große Zerstörungen verursachen. Vielleicht fühle ich mich deswegen so angezogen davon. Ich drehe mich mit ausgestreckten Armen im Kreis. Oliver sieht mir zu, darum schenke ich ihm ein strahlendes Lächeln als Kontrast zum Regen. Wenn ich diesen Moment doch nur festhalten und auf ewig behalten könnte... aber dann wäre es kein Moment mehr.
    Er tritt näher, legt mir eine Hand an die Hüfte und hält mit der anderen meine Linke. Wir tanzen im nassen Sand und auf dem Asphalt der Straße. Es gibt nichts außer uns, dem Wasser und der Musik, die aus dem Wagen dringt. Selbst für jemanden wie mich ist das hier eine völlig neue Erfahrung. Ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass wir uns in einem extra für uns geschaffenen Universum befinden.
    Wir haben wirklich Glück, dass dieses Gewitter kam. Manchmal muss man das Glück dort suchen, wo andere Pech sehen. Oder vielleicht sind wir wirklich verrückt. So oder so, ich werde diesen Tag nie vergessen, an dem wir durch den Regen tanzten. Nie.


    Heut lach ich in die Wolken rein
    und mein Weg wird breiter.
    Der Tag bleibt nun auf ewig mein,
    auch wenn ich fahre weiter.


    [tab='Der Plan']


    Ich sagte wörtlich damals zu Cass: "Wichtig sind mir der Reiseaspekt und Chrysalis". Chrysalism ist per Definition "the amniotic tranquility of being inside during a thunderstorm, listening to waves of rain pattering against the roof like an argument upstairs, whose muffled words are unintelligible but whose crackling release of built-up tension you understand perfectly". In den Kommentaren dazu mehr.


    Zitat von Glühwürmchen

    Die ungefähre Idee wäre dann, dass es inhaltlich darum geht, dass das Leben sehr gerade, zielgerichtet und verplant sein kann (gerader Highway) und man die Chance nutzen soll, auch mal inne zu halten und Ungeplantes zu machen, sich so gesehen selber Abwechslung ins Leben holen (Zwischenstopp im Regen). Das ganze mit der Botschaft, dass man solche Möglichkeiten nicht als Störfaktoren sieht (also nur "nass" wird), sondern auch lebt und nutzt (den Regen spürt), sonst bringt man das Leben womöglich hinter sich und alle Erinnerungen wirken gleich/farblos.


    Zitat von Glühwürmchen

    Kritik und Verbesserungen sind natürlich erlaubt. Das Metrum ist im Großen und Ganzen regelmäßig, grad die ersten beiden Strophen. Ab der dritten kommt ein inhaltlicher Umbruch und eine leichte Unregelmäßigkeit rein, die sich dann wieder legt. Die letzte Strophe ist wieder leicht abwechselnd, weil das erstmal für die letzte Strophe besser klingt und ich ganz leicht symbolisieren wollte, dass es für das lyrische Ich okay ist, wenn nicht alles perfekt läuft.


    Das hier war die Idee zum Gedicht, wie Cass sie vor vielen Wochen dargestellt hat, auch dazu mehr in den Kommentaren.


    [tab='Kommentare']


    Das Gedicht hat ein nicht ganz regelmäßiges Metrum, was ich ihm aber nachsehe, da es ja ein Lied sein soll, wo das Metrum ja auch oft unregelmäßig ist. Gesungen könnte ich mir das Gedicht nämlich durchaus vorstellen. Die Reime sind regelmäßig und Inhalt und Aufbau des Gedichts gefallen mir ganz gut.
    Wie das Gedicht in die Geschichte integriert wurde, finde ich leider nicht so gut, thematisch passt es zwar zusammen, aber das Gedicht hat keinen Einfluss auf die Geschichte, wird nur kurz erwähnt und erscheint mir ersetzbar.


    Das unregelmäßige Metrum sollte das Abweichen vom größeren Plan verdeutlichen. Text und Gedicht interagieren auf einer anderen Meta-Ebene als in den anderen Abgaben, genau so hatten wir das geplant. Wir wollten, dass das Gedicht wie ein Song wirkt, weil Songs in Film und Fernsehen die Stimmung verstärken und zusätzlich dafür sorgen, in welche Richtung die Gefühle des Zuschauers gehen - genau so wie es Syd Matters Soundtracks in Life is Strange tun. Als ich die letzten Veränderungen vorgenommen habe, dachte ich: In Filmen gehen die Protagonisten auch nicht auf den Soundtrack ein, wie sieht das denn aus?



    Dieser Text ist so was von Life Is Strange.


    ICH BRAUCHE EPISODE 5 UND ICH BRAUCHE SIE JETZT


    Ähem. So, was soll ich sagen, ich suchte das seit Monaten und finde immer wieder neue Details, egal wo. Für mich ist das nach Mirrors Edge das beste Spiel, was momentan existiert, und was Charakterentwicklung und -darstellung angeht, ist das ein Meisterwerk schlechthin. Darum werte ich das da von dir als ein Extremkomplient - danke, mehr kann ich da nicht zu sagen.

    Aufgrund der Hitzewelle in Deutschland — die den meisten wohl wenig ausgemacht hat, weil wohl nur die wenigsten wie ich in einem Büro in München arbeiten mussten. Klimaanlage? Was ist das? Kann man das essen?


    35° straight, den ganzen Juli durch. War froh, dass ich dann für einen Monat im Norden war. Sagen wir, das hat beim Schreiben...inspiriert.



    (Ach ja, warum ich sofort an Life Is Strange denken musste: Indiemusik, Chrysalis, Schwimmbecken, Künstlerin. Es tut mir leid, aber so ein bissl erinnern mich Oliver und Rieke an Warren und Max — wenn auch nur entfernt, Max und Rieke haben recht wenig gemeinsam.)


    Der Vergleich kam mir auch später in den Sinn, ich habe mich allerdings größtenteils auf meine Erlebnisse meiner, ja, High-School-Zeit auf einem belgischen NATO-Stützpunkt leiten lassen. Halfway through dachte ich: Was wäre, wenn sie im selben "Universum" leben würden? So kam dann der Fremont-Troll dazu, und die Anspielung auf Oregon. Nicht vergessen: Noch bin ich Fanfictionist. Ich konnte mir gerade noch so verkneifen, die zurückgelassene Freundin Orcan oder Kate zu nennen.



    Das Ganze vor der Kulisse eines amerikanischen Roadmovies — perfekt. Viel mehr kann man hierzu dann eigentlich auch nicht sagen, mir gefällt’s durch und durch. Sehr subtil sind hier die lyrischen Zeilen eingebaut, die als Titelsong, sowie musikalische Untermalung dienen.


    Unheimlich, wie exakt du unseren Plan durchschaut hast. Glaube, du warst da aber auch die Einzige. Hab mich jedenfalls enorm über deinen Vote gefreut.



    Was das Gedicht betrifft, so kann ich es mir ganz gut als das vorstellen, als was es geschrieben wurde - als Lied.


    Beinahe :D War als Titelsong gedacht. Chrysalism ist übrigens der englische Ausdruck, ich habe es einfach grob übersetzt, vielleicht heißt es aber auf Deutsch eher Chrysalismus. Würde erklären, wieso du nichts gefunden hast. Finde es gut, dass du immerhin interpretieren wolltest, denn die Unterordnung ist wirklich ein Aspekt, der gefährlich war. Allerdings lege ich hier erneut den Vergleich zum Titelsong nahe. Manche Filme würden ohne die Musik gar nicht funktionieren, daher sehe ich das Gedicht auch als gleichwertig an. Ohne das Gedicht würde dieses Abweichen vom Plan auf der Ebene des Lebens komplett untergehen.



    Text und Gedicht sind unabhängig voneinander gut, verbessern sich aber nicht merklich durch ihr Zusammenspiel, wie es bei anderen Abgaben der Fall ist. Und das ist einfach unglaublich schade.


    Wie oben erklärt findet das Zusammenspiel auf einer höheren Ebene statt, was aber außer Cyndaquil niemand so wirklich erkannt hat. Zum Highway noch zwei Dinge: Linksverkehr ist nur in England, oder nicht? Und natürlich fährt Oliver rechts ran, dachte aber, dass das offensichtlich wäre, darum hab ich das nicht hingeschrieben :P  
    Klar könnte man Gedicht und Text auseinander reißen und getrennt betrachten, aber dann wäre es unmöglich, das Abweichen von Riekes und Olivers Route mit dem Abweichen vom Plan des Lebens zu vergleichen und aufeinander zu beziehen.



    Da scheint die vorher aufgebaute Stimmung aber etwas abzusacken, weil es plötzlich recht schnell vorangeht, vermutlich wegen der Wortobergrenze.


    Ich habe am Ende recht viel im Nachhinein editiert, vielleicht liegt es daran. Ich selbst sehe aber kein Absacken der Stimmung, wo genau ist für dich da der Wendepunkt? Liegt es an Riekes Gestik?


    [/tabmenu]


    Nun, das wars auch schon wieder. Wie ihr seht, war der größte Kritikpunkt die fehlende Interaktion von Gedicht und Text, nun frage ich euch, ob das auch mit der Erklärung genauso wirkt, oder ob man erst Life is Strange zocken muss, um die Abgabe gut zu finden. Könnte natürlich noch einige Sätze wie "So ein Zufall, dass genau das jetzt im Radio spielt" einbauen, wie ich es damals bei "Haunted Heart" getan habe, aber man weiß ja nie.

  • Hallo Wollust,


    Ich habe am Ende recht viel im Nachhinein editiert, vielleicht liegt es daran. Ich selbst sehe aber kein Absacken der Stimmung, wo genau ist für dich da der Wendepunkt? Liegt es an Riekes Gestik?

    Um darauf noch zu antworten: Nein, es liegt tatsächlich nicht an der Gestik, sondern allein am Ende. Ich fand, dass du diese nordamerikanische Stimmung - eher an Kanada angelehnt - ziemlich gut umgesetzt hast und da haben nicht nur die sympathischen Charaktere, sondern auch das Setting wirklich gut umgesetzt und das alles in einem angenehmen Pacing. Besonders beim Tanz gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass du den Höhepunkt der Geschichte erreicht hast und doch war mir persönlich dieser Abschnitt zu kurz geraten. Der Tanz etwas zu schnell abgehakt, die Gefühle des Regens waren recht flott verwaschen, da du schnell in diese Art Rückblende überleitest.
    Wie hätte man das Ganze verfeinern können? Womöglich mit ein paar weiteren Sätzen, wie sie tanzen und den Regen über sich ergehen lassen, sodass man als Leser die Freiheit und Ausgelassenheit der beiden zu diesem Zeitpunkt spürt. Das hätte eure Abgabe in meinen Augen perfekt abgerundet. Falls du noch weitere Details erfahren möchtest, kannst du natürlich jederzeit nachfragen.
    Übrigens wusste ich gar nicht, dass dahinter Inspiration von Life is Strange steckt. Das Spiel kenne ich leider noch nicht, werde mir das aber bei Zeiten holen, wenn die fünfte Episode draußen ist, dann kann ich hier vielleicht auch ein paar Vergleiche herstellen.



    So, aber um das Update gebührend einzuweihen, nehme ich mich deiner letzten Geschichte an, Orcan. Zu der hatte ich BBO-bedingt noch nichts zu sagen und ich werde mich dabei auf die zweite Version stürzen. Generell muss ich aber sagen, dass die Unterschiede im Detail doch recht enorm sind. Einmal war das Geheimzeichem ein Wirbelsturm-Graffiti, danach ein Foto; der Zug und das umfallende Regal sind dabei auch recht verschieden.
    Hier gefällt mir allen Dingen die Idee, eine quasi verlassene Landschaft mit diesen Lost Places zu erzeugen. Es hat fast schon etwas Post-Apokalyptisches an sich, als würden gar nicht mehr so viele Menschen in dieser Welt leben, als man vielleicht annehmen möchte. Und dadurch steigt natürlich auch der Abenteueranteil rapide an, denn man weiß nie, was um die nächste Ecke sein wird, geschweige denn, was einen in diesen Lost Places erwartet. Und die eigenen Bezeichnungen wie Urbexer und White Spots, die Oasen der Ruhe ausstrahlen sollen, erinnern doch in gewisser Hinsicht an Mirror's Edge. Ich kann's mir kaum verkneifen, den Vergleich aufzustellen, denn einige Elemente passen gut zusammen; nur, dass das Setting eben ganz anders ist.
    Orcan ist natürlich ein interessanter Spitzname. Der Wirbelwind in der ersten Version deutet noch ganz gut darauf hin, während die zweite Version dieses Detail fallen lässt. Aber generell darf man sich natürlich fragen, wie sie wirklich heißt, denn der Name, wenn ich richtig gesehen habe, wurde nie erwähnt. Aber ganz davon abgesehen überzeugen auch hier wieder die Charaktere mit ihren Dialogen. Du hast ein wirklich gutes Gespür für authentische Dialoge und vielschichtige Charaktere und das macht deine Geschichten auch so unterhaltsam.
    Auch hier darf man daher wieder mit einer etwas hektischeren Szene rechnen und der Spannungsaufbau ist dir dabei abermals gut gelungen. Die Flucht vor dem Sturm (ein zweiter Hauch des Orcans aus dem Titel?) wie auch die generelle Atmosphäre in dieser Sequenz hast du gut eingefangen und insbesondere im Schutz der Hütte hast du diese Spannung wieder leicht abflauen lassen, idealerweise. Die Innigkeit der beiden hättest du gegen Ende noch mit einer Umarmung beschließen können (schließlich befinden sie sich ja mitten im Sturm), aber ansonsten wie gewohnt gute Arbeit von dir!


    Ich hoffe, der Kommentar hat dich unterhalten und man liest sich sicher wieder. Spätestens beim nächsten Wettbewerb. Bis dahin!


    ~Rusalka


  • Es gibt Dinge im Ozean, die man besser nicht anfasst.


    Es ist Zeit für die dritte Regenabgabe meinerseits, nach Orcan und Lebenstanz folgt nun mein Beitrag zum Wettbewerb "Schnapp sie dir alle", und diesmal sogar mit neuem Namen. Da ich momentan vier von den hier vorhandenen Texten überarbeite, kann es sein, dass mein nächstes Update eine Weile auf sich warten lässt. Umso mehr hoffe ich, dass ihr ebenso gut unterhalten werdet wie die Voter aus besagtem Wettbewerb. Nun denn, los gehts.


    Nummer 8: Komm und schnapp' sie dir!


    Fury from the deep


    [tabmenu]


    [tab='Kommentar Orcan']
    Zunächst beginne ich mit Rusalkas sehr ausführlichem Feedback zu "Orcan" und "Lebenstanz". Das Foto, welches Orcan schießt, ist meinem Besuch in einem Urbexer-Forum zu verdanken, wo ausdrücklich steht, dass Urbexer nur dokumentieren, aber nie "Vandalismus" verursachen, weswegen das Graffiti undenkbar war. Ich mag die Sturmsymbolik aber sehr gern, da lasse ich mir was einfallen. Vielleicht kann der Wirbelsturm ja ein Tattoo sein oder so, vielleicht auch ein schon vorhandenes Graffiti, sodass Orcan den Kodex nicht bricht.

    Der Tanz etwas zu schnell abgehakt, die Gefühle des Regens waren recht flott verwaschen, da du schnell in diese Art Rückblende überleitest.

    Jetzt, wo du es aussprichst, habe ich dasselbe Gefühl. Ich hoffe, dass die Änderungen jetzt nicht zu forciert wirken, aber ich versuche, das noch auszubauen. In meinem Kopf endete die Abgabe mit einer Kamerafahrt die zuerst nah auf die beiden Tanzenden gerichtet ist und dann weiter rauszoomt, schließlich in den verregneten Himmel schwenkt und dann würde eine Ausblende folgen.
    Macht schon gut was her, aber in Textform merkt man das nicht. Also muss ich da nochmal ran.

    Ich kann's mir kaum verkneifen, den Vergleich aufzustellen, denn einige Elemente passen gut zusammen; nur, dass das Setting eben ganz anders ist.

    Unheimlich, wie nah du damit der Wahrheit kommst. Mein Charactersheet sieht Orcan nämlich als beste Freundin (z.T. auch Gegenstück) einer weiteren Protagonistin vor, die allerdings Parkour macht und kein Urbexing, und die ursprünglich von Faith inspiriert wurde. Hatte anfangs geplant, eine Anspielung auf die Parkourläuferin einzubauen, aber dann passte das nicht mehr.

    Aber generell darf man sich natürlich fragen, wie sie wirklich heißt, denn der Name, wenn ich richtig gesehen habe, wurde nie erwähnt.

    Ihr richtiger Name war anfänglich Francis, was sie auch im Text an einer Stelle in einem Nebensatz anmerkt (ich glaube, sie referiert mit "Ganz toll gemacht, Francis" auf sich selbst), allerdings wird sie im Buch später Frances heißen, weswegen ich das auch im Text ändern werde - glaube ich.

    Die Innigkeit der beiden hättest du gegen Ende noch mit einer Umarmung beschließen können (schließlich befinden sie sich ja mitten im Sturm), aber ansonsten wie gewohnt gute Arbeit von dir!

    Wird gemacht, gib mir nur ein paar Tage, um in Schwung zu kommen. Denke, damit kommt das Verhältnis der beiden zueinander wirklich besser rüber. Ein fettes Danke für das enorme Lob und dein Feedback, sowas motiviert einen zum Weitermachen und mein Ziel ist nun, dass genau so später die Kritiken zum Roman aussehen. Wenn alles exakt so erkannt wird, wie man es geplant hat, hat man sein Ziel wirklich erreicht. Ich finde, dass ein Charakter unvergesslich sein sollte, sei es nun in einer Wettbewerbsabgabe oder im Buch, nur dann wird das Werk richtig gut. Dass du gerade das bei mir so hervorhebst, freut mich extrem.


    [tab='Kommentare Nemo']
    Das ganze Lob, was meine Abgabe mir gebracht hat, war wirklich erfrischend (vor allem bei dem hohen Niveau des Contests), also danke schon mal an diejenigen, die mir Punkte und produktives Feedback gegeben haben. Fury from the deep entstand an drei verschiedenen Tagen und spielt in einem Hoenn, welches seit mehreren Wochen von Kyogres Regen heimgesucht wird. Gleichzeitig ist das mein erster Platz 1 in der laufenden Saison, wenn man von der BBO mal absieht, und was soll ich sagen, ich bin wirklich zufrieden mit dem Text. Jetzt zu den Kommentaren, wobei ich mich auf die Dinge beschränke, die man verbessern kann:

    Minuspunkt: Diese Liebe zum Meer ist ein bisschen klischeehaft, störte mich aber nicht wirklich.

    Das fiel mir auch irgendwann auf. In der Tat ist das der einzige Part, der nicht zu Nemos sonst recht pragmatischem Charakter zu passen scheint. Da muss ich noch mal ran, nur weiß ich noch nicht genau, wie ich das ändern werde.

    Was mich wundert, ist dass du Nemo "Nemo" anstatt Ahab genannt hast, was ich passender gefunden hätte, schließlich war es Ahab, der Moby Dick (also quasi Kyogre) gejagt hat. Andererseits eignet sich Ahab als Mädchenname nicht besonders, glaube ich.

    Hatte erst mit dem Gedanken gespielt, Nemo einfach Selene, Tsunami oder so zu nennen, irgendein aquatisch-mystisch aufgeladener Name halt. Andererseits gibt es noch keine weibliche Figur, die Nemo heißt, und ich dachte, das wäre mal Zeit. Ahab war gewollt, weil er derjenige ist, der schon gegen seinen "weißen Wal" gekämpft hat, und darum am Ende die Warnung ausspricht.

    Mit Lanturn – ob das vielleicht Marvin oder Dory heißt?

    Verdammt. Warum ist mir das nicht eingefallen :( Von jetzt an heißt Lanturn Marlin.

    Aber nachdem Lanturns Aquawelle so herrlich überhaupt keine Wirkung hat … haben Wasserattacken in der Protomorphose von Kyogre nicht tatsächlich keine Wirkung? Oder spinne ich und es ist ganz anders?

    Nein, du hast Recht, es macht tatsächlich ein wenig Schaden, aber ich wollte mich nicht direkt auf die paar KP beziehen. Kyogres SpezDef ist so unnormal hoch, dass eine kleine Aquawelle von Lanturn da wirklich nicht viel ausrichtet, mehr sollte ich damit nicht sagen.

    Da löst sich was in den Bronchien. Aber schrei mal "SHITCLUB!!!" - da löst sich nichts.

    Dein Vote macht mich ein wenig traurig :( . Anstatt auf Aufgabenstellung, Formulierung oder so zu achten, passiert das, was wir hier sehen, und minimalste Dinge werden als Aufhänger gebraucht.
    Wie auch immer, ich habe im Titel nicht die Intention gehabt, aggressiv zu klingen. Fury from the deep hat einen sehr schönen Klang, was man von "Zorn aus der Tiefe" nur bedingt sagen kann. Alternative wäre "Beware the depth" oder "Hadal", was die tiefste Wasserschicht der Ozeane darstellt. Als kleines Beispiel, wie so ein Titel sich anhören sollte, habe ich dieses hier rausgesucht:


    Ich erkenne auch keinen wirklichen Grund für den englischen Titel, abgesehen vielleicht die Anspielungen auf "Moby Dick"

    Zum Teil. Die Aussprache des "Deep" war mir wichtig. Ich finde diese Tauchgeräusche super, die Nautilus zwischendurch macht. FURY FROM THE DDEEP- kshhhh-. Blöd, dass man da als Leser unmöglich drauf kommen kann, und letzten Endes bin ich wohl ein Fan von englischen Titeln.

    Mal ehrlich, der Aufbruch mag plötzlich und alles gewesen sein, aber dass sich die beiden erst dann mit Namen vorstellen, kaufe ich dir nicht ab.

    Der einzige Teil der Kritik, die ich nachvollziehen kann. Außerdem finde ich jetzt schon Stellen, an denen ich die Namen gut anbringen kann. Mal schauen, wie ich das löse, aber ja, da muss ich noch nachbessern. Danke für den Tipp, jetzt im Nachhinein stört mich das auch :P  

    Davon abgesehen hat man eine reichlich spannende Geschichte, auch wenn vielleicht die eigentliche Konfrontation etwas zu kurz kommt.

    Das ist ein Proto-Kyogre, eine der stärksten Lebensformen überhaupt. Einer der größten Mäkel der Pokémon-Spiele ist der Umstand, dass man die nach einer Weile nicht mehr ernst genug nimmt. So wie beschrieben würde ein Kampf eben laufen, oder nicht? Nemo hätte Elektroattacken benutzen können, aber dann hätte sie sich gleich mit gegrillt. Lanturn war mehr für das Licht und für den späteren Kampf in der Höhle gedacht. Der Rest ihres Teams sind Starmie, Impoleon und Golking. Von denen hat auch keiner eine wirkliche Chance, darum erschien es mir das Beste, Kyogre auf der Stärkeskala nach oben zu balancen.

    da muss man sich konzentrieren, um nicht den Überblick zu verlieren.

    Ich habe jetzt auch keine Stelle gefunden, an der das irgendwie schwer wäre, aber vielleicht liegt das auch nur an mir. Wo genau hattest du Probleme?


    Okay, nun zur Abgabe. Danke noch mal an die Voter, die Wettbewerbsszene profitiert von euch.


    [tab='Fury from the deep']
    Es gibt viele Arten verrückter Trainer. Ich habe mal von einem Typen gehört, der ein ganzes Jahr lang oben in Johto auf dem Silberberg saß. Es gibt auch harmlose Verrückte, Käfersammler zum Beispiel.
    Und dann gibt es mich. Ich muss verrückt sein, andernfalls würde ich mich nicht bei diesem Sturm nach draußen trauen.
    Nein, kein Sturm. Vielmehr eine nasse Hölle. Sintflutartige Regenfälle rauschen vom Himmel herunter, Blitze zucken über die dunkelgraue Leere über dem Horizont, die vor tausend Jahren einmal aus hübschen kleinen Schäfchenwolken bestand, und das Meer ist zu einem Ungeheuer aus dunklen Fluten geworden, gefräßig und unberechenbar.
    Ich schüttele kurz den Kopf. Wasser löst sich von der Kapuze meines Mantels und spritzt in alle Richtungen. Wenigstens schade ich nur mir selbst, wenn das hier schief geht.
    „Wir sind bald da“, brüllt der Kapitän von hinten. Es war nicht leicht, diesen Kerl aufzutreiben, denn nachdem das Gewitter damals begann, haben die Häfen in Moosbach und Graphitport dichtgemacht. Ich musste durch die halbe Hoenn-Region reisen, um nach Seegrasulb zu gelangen, und dort hatte ich Glück. Ich glaube, dass er sogar noch verrückter ist als ich. Kaum hatte ich ihn gefragt, ob er mit mir raus fährt, leuchteten seine Augen und er drängte mich, so schnell wie möglich ins Boot zu steigen.
    „Danke für die Warnung“, schreie ich gegen das Heulen des Winds an. Die Szene könnte aus einem Actionfilm stammen. Hohe Wellenberge, tobende Elemente, die einzige Lichtquelle ist der Scheinwerfer unseres Fischerboots. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, ob ich in die richtige Richtung fahre, aber ich vertraue dem alten Seebären mit seinen nautischen Instrumenten da hinten. Mein Ziel ist eine antike Unterwasserhöhle südlich von Xeneroville.
    „Das ist mal ein Wetterchen, was? Neptun ist immer für eine neue Herausforderung gut“, lacht der Alte grimmig. Wahrscheinlich fließt durch seine Adern Salzwasser statt Blut. Der Kerl ist Seemann durch und durch.
    „So kann man es natürlich auch ausdrücken“, erwidere ich, und dann: „Sind Sie sicher, dass wir geradeaus gefahren sind?“
    „Aye, sind wir. Ich habe mein ganzes Leben auf dem Meer verbracht. Das mit Ihrer Höhle war mir trotzdem neu, Nemo!“ Nemo, das bin ich. So nennen mich meine Freunde schon seit ich ein kleines Mädchen war.
    Wieso wirft sich eine Trainerin wie ich in diesen Hexenkessel aus Wasser und Gischt, während normale Menschen in ihrem sicheren Zuhause sitzen und sich heiße Schokolade mit Marshmallows machen? Ganz einfach. Mich lockt das Abenteuer.
    „Mir auch, aber die Karte sagt, dass es sie gibt“, rufe ich.
    „Können Sie die Karte denn noch lesen? Es wird bald dunkel sein!“
    „Nicht nötig, Captain Ahab. Ist alles in meinem Kopf.“ Mein fotografisches Gedächtnis erlaubt es mir, dass ich mir große Mengen an Information in sehr kurzer Zeit merken kann.
    Der Ozean bedeckt sieben Zehntel der gesamten Erdoberfläche. Wenn ich auf dem Meer bin, spüre ich die Reinheit seines Atems, so pur und gesund wie sonst nichts auf der Welt. Man fühlt sich nie allein, denn von allen Seiten fühlt man das marine Leben pulsieren.
    Es gibt nur eine Lebensform, deren bloße Präsenz für Sintfluten, Tsunamis und Gewitter sorgen kann. Diese Lebensform heißt Kyogre. Und heute werde ich Kyogre fangen, koste es, was es wolle. Erstens bin ich dann meinem Ziel, alle Wasser-Pokémon zu fangen, einen Schritt näher, und zweitens bin ich dann die Heldin, die Hoenn vor dem Regen gerettet hat.
    Klingt doch ganz nett, oder?
    Das Boot hüpft über Wellenberge und rauscht durch die anschließenden Täler aus Wasser. Ich zähle routinemäßig meine Pokébälle durch, ziehe den Reißverschluss meines Mantels noch weiter hoch und wische mir den Regen aus dem Gesicht. Mit solch einer Nussschale dem Sturm zu trotzen grenzt an Selbstmord, aber mir läuft die Zeit weg. Ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin, die ein Auge auf Kyogre geworfen hat.
    „Wir sind da! Beim Klabautermann, Sie sind ein mutiges Mädel, wirklich.“ Der Kapitän hat sich zu mir gesellt. Ich sehe, wie der Wind an seinem Regenmantel zerrt.
    „Man lebt schließlich nur einmal“, erwidere ich mit einem frechen Grinsen, und ziehe meinen Regenmantel aus. Darunter trage ich lediglich einen Neoprenanzug. Den brauche ich, denn jetzt geht es in die Tiefe. Die Angst, die ich bisher unterdrücken konnte, krallt sich in meine Eingeweide. Noch kannst du umkehren, sagt sie mir. Aber das könnte ich mir nie verzeihen. Die letzten Stunden habe ich wie im Traum verbracht, eingeschüchtert von meinem eigenen Mut, und ich würde nie im Leben jetzt aufgeben.
    Also setze ich mir die Tauchmaske auf, stecke meine Pokébälle an die kleinen Halterungen aus Hartgummi, die sich am Gürtel befinden, und ziehe die Schwimmflossen an, bevor ich mich auf die Reling des Boots setze.
    „Das ist wohl wahr.“
    „Falls ich nicht zurückkomme, fahren Sie ohne mich.“
    „Sie kommen zurück. Ganz sicher. Petri Heil!“
    Ich strecke kurz den Daumen in die Luft, stecke dann das Atemgerät in meinen Mund und lasse mich rückwärts in die aufgewühlte See fallen.
    Zuerst raubt mir die eisige Umarmung beinahe den Atem, dann entsteht ein kleiner Film aus wärmerem Wasser zwischen Neopren und meiner Haut. Für einen Moment hänge ich im kalten Nass und sehe mich um. Über mir treibt der Rumpf des Fischerboots, unter mir wartet der Abyss.
    Mein Atem klingt in der völligen Stille überlaut. Die oberen Wasserschichten sind aufgewühlt, aber je tiefer meine langsamen Flossenschläge mich tragen, desto ruhiger wird die See. Als die Schwärze nahezu undurchdringlich wird, rufe ich mein Lanturn aus seinem Ball. Dieses Pokémon ist in der Tiefsee zuhause und verfügt über eine Laterne, welche die Finsternis erhellen kann. Anscheinend freut es sich, mal wieder in seinem Element zu sein, denn es schwimmt in fröhlichen Kreisen um mich herum. Ein Mantaxschwarm zieht an uns vorbei.
    Ich bin sehr geübt im Tauchen, darum habe ich mit Tiefendruck und richtiger Atmung keine Probleme. Nur eins stört mich: Laut den alten Karten gibt es im Inneren der Höhle einen Hohlraum, in dem man Luft bekommt. Wieso sollte Kyogre in solch einer Höhle warten? Es ist ein Geschöpf der Meere, da macht das eigentlich wenig Sinn.
    Seltsam.
    Ich schwimme weiter und versuche dabei, die Zweifel zu verdrängen. Nach einer Weile scheint mir der pure Sauerstoff irgendwie die Birne zu vernebeln, denn ich bilde mir ein, ein Netz aus feinen Lichtlinien in der Ferne zu sehen, tief unter uns.
    Beinahe gleichzeitig wird mir klar, dass ich nicht halluziniere. Da schweben wirklich weiße Lichter im Wasser. Hastig gehe ich die mir bekannten Wasser-Pokémon durch. Außer Lanturn gibt es noch einige andere, die fluoreszierende Stoffe im Körper haben, aber keins von denen ist so groß wie das da unten.
    Ich lege Lanturn eine Hand auf den Rücken. Es erkennt meine Geste und macht sein Licht aus. Wenn das da unten Kyogre ist, habe ich Glück. Jetzt brauche ich nur noch das Element der Überraschung.
    Die Lichter kommen näher, und ich spüre, wie mir immer wärmer wird. Endlose Energie scheint durch mich hindurch zu fließen. Meine Muskeln brennen. Kyogre kommt aus der Finsternis empor, die Muster auf seinem Körper erleuchten das gigantische Wesen. An Land wäre mir der Mund offen stehen geblieben. Mein Atem geht schneller.
    Kyogre sieht mich. Es reißt das Maul auf, sein Brüllen löst eine Druckwelle aus, die mich einmal herumwirbelt.
    Neuer Plan: Scheiß drauf. Alles oder nichts.
    Ich klopfe Lanturn zwei Mal schnell hintereinander auf den Rücken. Wir sind geübt im Unterwasserkampf. Lanturn benutzt Aquawelle, ein Angriff, der im Ozean weitaus stärker ist als sonst, trotzdem lässt es Kyogre völlig kalt.
    Seinen Gegenangriff werde ich nie vergessen. Kyogre brüllt erneut, schlägt mit den Flossen, und ich kann nicht anders, als im Angesicht seiner gleichzeitig eleganten und kraftvollen Bewegungen bisher ungekannte Ehrfurcht zu empfinden. Im Hauche eines Augenblicks ist es hinter uns, und dann sehe ich nur noch, wie ich von Strahlen aus blauer Energie durchbohrt werde.
    Ich muss meine ganze Kraft aufwenden, um das Atemgerät im Mund zu behalten. Mit zitternden Fingern taste ich nach den Pokébällen an meinem Gürtel. Dann wird alles schwarz.


    Als ich die Augen wieder öffne, regnet es immer noch. Der graue Himmel füllt mein Blickfeld aus. Plötzlich schiebt sich ein wettergegerbtes Gesicht davor.
    „Ahoi, Captain“, sage ich leise. Er sieht wütend und traurig aus. Seltsame Kombo.
    „Nemo, Sie hatten von einer Höhle gesprochen, nicht davon, dass Sie sich mit Kyogre anlegen!“ Kopfschüttelnd setzt er sich neben mich auf das Deck. Ich presse mir eine Hand an die Seite, wo es übel pocht.
    „Ja, es hat Sie ganz schön erwischt. Ihr Lanturn ist okay, es konnte Sie wieder rauf holen, aber Sie brauchen dringend einen Arzt.“ Ich lache kurz, muss dann einmal husten.
    „Sieht so aus. Oh, verdammt, t-tut das weh.“
    „Diese Lektion musste ich auch einst lernen. Es gibt Dinge im Ozean, die man besser nicht anfasst“, sagt Ahab. Diesmal liegt er falsch. Ich bin Nemo, die Taucherin, und ich werde ganz sicher nicht aufgeben. Dieser Fisch entkommt mir nicht, egal wie groß er ist. Ich balle die Fäuste.
    „Wir sehen uns wieder, Kyogre“, verspreche ich dem Himmel.


    [/tabmenu]


    Das war es auch schon wieder. Wie angesagt muss ich mich jetzt um die vier Texte kümmern, weswegen der nächste Post wohl ein wenig in der Zukunft liegt. Kommentare und so sind natürlich immer gern gesehen.

  • Hallo @#shiprekt


    Du hast mit "Fury from the deep" ein wirklich atmophärisch schönes Werk geschaffen, das mit einer guten Kulisse punkten kann. Für Geschichten mit und über das Meer kann ich mich ja stets auch begeistern lassen und gerade der Umstand, dass du dich an zwei berühmten literarischen Werken bedient hast, die zwar so im Großen und Ganzen zwar nichts mit der Story zu tun haben, womit man aber sehr gut Vergleiche ziehen kann.


    So heißt die Trainerin "Nemo" und sie liebt das Meer und taucht sehr gerne. Eine Anspielung an Kapitän Nemo aus "20.000 Meilen unter dem Meer". Wenn du Lanturn nun noch "Nautilus" genannt hättest, wäre es wahrscheinlich ganz witzig geworden, aber viel zu offensichtlich, daher ein Lob an dich, dass du es nicht gemacht hast.
    Und der alte Seebär "Ahab" kommt ursprünglich aus "Moby Dick", der immer zu auf der Jagd nach dem weißen Wal war. Und hier geht es sogar soweit, dass ich Kyogre mit eben diesen Wal vergleiche, auch wenn Ahab diesen nicht jagt, sondern eben Nemo mit ihrem Lanturn. Trotzdem finde ich es klasse, wie du diese beiden Aspekte miteinander kombiniert und in deine Geschichte eingebaut hast. Sie ergänzen sich gut und bieten auf diesem Weg eine eben andere Art, altbekanntes völlig neu zu interpretieren.


    Auch gefällt mir die Gefühlslage der Protagonistin, denn du beschreibst ganz genau ihre Verbundenheit zur offenen, unendlich weiten See, sowie die damit gekoppelte Liebe zu Wasser-Pokémon. Sie möchte unbedingt alle fangen und da bietet sich der böse Wal Kyogre doch geradezu an. Und ich muss sagen, ich habe bei dem Kampf in den Tiefen eine Gänsehaut bekommen. Liegt einfach daran, dass man es sich bildlich vorstellt, wie die Trainerin von dieser dunklen, bedrohlichen Weite unter Wasser umschlungen ist und nichts anderes hat, als ihr Lanturn an ihrer Seite. Es verursacht ein beklemmendes Gefühl, und als dann Kyogre sich aus dem Dunkel erhebt, stelle ich es mir geradezu beängstigend vor. Man bekommt schon große Angst und tiefen Respekt, wenn man im Meer einem Hai begegnet, der gerademal halb so groß wie man selbst ist, aber das Gefühl einem gigantischen Wal vor sich zu haben, ist eine ganz andere Liga.


    Und im Gegensatz zu den Spielen, finde ich toll, dass du Kyogre in Freiheit gelassen hast. Dies gibt dem Text einen allzu logischen Touch, da es meiner Meinung nach in den Spielen unglücklich ist, dass man ein so mächtiges Wesen so einfach fangen kann. Kyogre ist für die Meere unverzichtbar, also sollte es dort erstmal bleiben. Bin ja mal gespannt, ob du einen zweiten Teil schreibst, in welchem Nemo einen zweiten Versuch startet. Mal sehen, wie es dann ausgeht.


    Ansonsten habe ich im ganzen Text nur einen Fehler gefunden.

    Wieso wirf sich eine Trainerin - Bei "wirft" fehlt das -T-


    Bis dahin und weiterhin viel Spaß beim Schreiben.


    Mfg Miss Fox

    "Wie beim Kartenspiel kommt es auch im wirklichen Leben darauf an,
    das Beste aus dem zu machen, was einem gegeben wurde,
    anstatt sich über ein ungünstiges Blatt zu beschweren und mit dem Schicksal zu hadern."


    [Astor, Pokémon - Schwarze Edition]

    Nur noch sporadisch im BisaBoard.

    2 Mal editiert, zuletzt von Foxhound ()


  • Wut ist immer am einfachsten. Wut kann ich empfinden.


    Ahoy,


    Zeit für einen neuen Text. Ich habe Orcan, Lebenstanz und Falling Stars aktualisiert, wobei ich mich an die Vorschläge von Thrawn und Rusalka gehalten habe, außerdem ist der Fehler in Fury from the deep getilgt, danke an @Foxhound`71 für den Hinweis, deinen Kommentar und das ganze Lob, das hat mich sehr gefreut. Der Vergleich von Kyogre als Moby Dick für Nemo anstatt für Ahab war tatsächlich so geplant, finde es super, dass es dir gefallen hat. Kyogres Freiheit musste auch sein, wie gesagt gehören die Legendären ganz oben in die Nahrungskette und sollten nicht so einfach gefangen werden.
    Fury from the deep war eine Story, die quasi von allein kam, ich mag das Setting im Ozean sehr gern und es ging mir irre leicht von der Hand. Es gab im letzten Jahr auch nur eine Story, die ähnlich befriedigend zu schreiben war, und die zeige ich euch heute.


    Und darum, ohne viel Herumgerede:


    Nummer 9: Lyrics in einer kurzen Geschichte einbinden


    Verfolgt


    [tabmenu]


    [tab='Vorwort']


    Haunted Heart kann ich mir persönlich auch gut in einem Buch vorstellen, zum Teil, weil es damals keinen Pokémonbezug gab, und zum Teil weil die Protagonistin mir recht geheimnisvoll erscheint und noch enorm Potenzial hat. Ich werde hier ein paar Kommentare posten, anhand derer ich später die verbesserte Version des Texts schreiben kann. Falls euch noch etwas einfällt, immer raus damit. Dies war eine Aufgabe aus der Saison 2014, aber ich vergesse nie einen Text. Viel Spaß also beim Lesen.


    [tab='Kommentare']


    10 - Haunted heart
    Zum Titel kann ich eigentlich nicht allzu viel sagen, Songtitel eben ^^ Erscheint mir aber recht passend im Bezug auf die Geschichte.
    Diese beinhaltet übrigens eine ziemlich interessante, wenn auch schwierige Thematik, die der Autor/die Autorin meiner Meinung nach aber gut umgesetzt hat. Ich für meinen Teil konnte mich jedenfalls gut in die Protagonistin hineinversetzen; der Text ist angenehm lesbar, die Wortwahl auch schön. Was mich jedoch ziemlich gestört hat, sind die Umstände, wie die Freunde der jungen Frau ums Leben gekommen sind. Ich meine, müsste es nicht bekannt sein, wenn es eine Insel gibt, auf der "Verstoßene" leben? Wieso wurde diese Insel dann überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, oder wie konnten die Leute sonst auf die Insel gelangen? Hat sie niemand gewarnt oder so? Genauere Umstände hierzu haben mir noch sehr gefehlt, ebenso zumindest eine "genauere" Andeutung, wie die Protagonistin entkommen konnte. Vor allem, wie konnte sie es alleine und nicht, als sie die Unterstützung zweier Freunde hatte? Das hat mich doch ziemlich verwirrt und wie gesagt hätte ich mir definitiv genauere Erklärungen gewünscht. Da die Geschichte aber sonst gut geschrieben ist, bekommt sie dennoch einenPunkt von mir.

    Hier seht ihr schon, was die Voter - und im Nachhinein betrachtet auch mich - am meisten stört. Die Hintergrundstory ist enorm random und kam mir auch nur in den SInn, weil ich kurz zuvor das Reboot von Tomb Raider gezockt hatte, wo 2 von Laras Freunden auf eine ähnliche Weise umgekommen sind. Da muss ich aber dringend noch mal ran.

    10 - Haunted Heart
    Inhaltlich wie gesagt vom Grundprinzip her nichts Neues in dem Sinne. Aber bei dieser Abgabe gefallen mir Details, die der 'Trauergeschichte' einen besonderen Anstrich verpassen. Einerseits wäre da die Wortwahl, die angesichts der aufgebrachten Hauptperson sehr authentisch wirkt. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie mit ihren Freunden auf dieser gruseligen Insel war ... Der Einfall mit den 'Eingeborenen', die regelrecht Jagd auf sie gemacht haben, war im ersten Moment ziemlich schockierend. Man stelle sich das mal vor! Die Schuldgefühle sind keinesfalls aus der Luft gegriffen, wenn man bedenkt, dass sie die Idee der Erkundungstour hatte. Hier sind die Lyrics auch wieder tatsächlich Teil der Story, wurden an den passenden Stellen eingebunden und haben mit ihrem MP3-Player oder was das war (?) auch direkten Bezug zur Geschichte. Dass es am Ende bergauf geht, und zwar nicht zu schnell / unglaubwürdig, finde ich gut!

    In "Tomb Raider" ist es so, dass Croft und ihre Leute eine abgelegene Insel aufsuchen, um nach dem zerfallenen Reich der Priesterkönigin Himiko zu suchen. Allerdings ist die Insel von einem recht seltsamen Kult bewohnt, dessen Herkunft allerdings im Spiel ebenfalls nicht wirklich erklärt wird; ich gehe davon aus, dass es zum größten Teil Schiffbrüchige und Ausgesetzte bzw. Ausgestoßene sind. Lara kippt im Laufe der Story, und nachdem der zweite ihrer Freunde fällt, beginnt sie, jeden umzubringen, der ihr dasselbe antun will. Maria hat dies in der Story auch getan, wobei ich darauf verzichtet habe, das zu erwähnen.

    Abgabe 10:
    Dieses Mal setzte ich die Krone für die beste Abgabe dieser hier auf! Mit dem hier behandeltem, ziemlich schwierigen, Thema wird für mich sehr professionell umgegangen. Man kann sich -nicht zuletzt wegen der Ich-Perspektive, aus der erzählt wird- hervorragend in die Hauptfigur hineinversetzen und nebenbei wird eine Prise Humor in die eigentlich recht ernste Geschichte durch die Missfallensbekundungen der Hauptperson gegenüber ihrem Psychiater eingebracht. Insgesamt kann ich nur sagen: DAS IST GANZ GROßE SCHREIBKUNST!!!

    Ich weiß noch zu gut, wie froh ich über den Kommentar war. Tatsächlich habe ich typische Symptome gegoogelt, um eine bessere Darstellung von Maria zu erreichen.

    10) Haunted Heart
    Muss zugeben, der Psychiater klingt tatsächlich sehr nervig - aber ich bin der Ansicht, solchen Phrasen muss man sich auch öffnen und sie nicht nur zerdenken. Schreibstil ist an sich gut, auch die Story bzw der Konflikt der PoV gut dargestellt. Wie es zum Tod der drei Freunde kam, ist aber dann doch ganz schön hochgegriffen. Erinnert mich an Türkisch für Anfänger. Einfach nur unrealistisch, dafür, dass hier eigentlich so gut wie keine Fantasy enthalten zu sein scheinen sollte müsste hätte könnte =/ Wenns hier darum ging, eine individuelle Storyline zu kreieren, ist das ziemlich misslungen... Auch der Einbau der Zitate aus den Lyrics (was ich sowieso unpassend in diesem Wetti finde, siehe Kommentar zu Abgabe 7) war ziemlich nervig und insgesamt schlechter als in 5.

    Hier wird noch deutlicher, dass die Hintergrundgeschichte anders sein muss. Die Lyrics werde ich so aber beibehalten, da sie dem Großteil der Voter - und mir selbst - ziemlich gut gefällt und in meiner Story mehr als Ohrwurm gedacht sind.

    Abgabe 10 – Haunted Heart
    Leider schon wieder die Sache mit dem Titel. Wie bei „Let her go“ und „Black“ hätte mir auch in diesem Fall ein individuellerer Titel mehr zugesagt.
    Der/Die Autor/in hat sich sichtlich Mühe gegeben, sich mit dem Thema Trauma auseinander zu setzten. In diesem Zusammenhang mag ich besonders die realistische Ausdrucksweise des Protagonisten, die Wut, die sie oftmals auch auf den Psychiater abzuwälzen scheint. Die Aufgabenstellung wurde natürlich ebenfalls gut erfüllt. Der Walkman bringt die Lyrics gelungen in die Handlung ein, allerdings habe ich erst recht spät verstanden, dass sich bald ein Ohrwurm festgesetzt hatte und war so zunächst verwirrt, ob das Lied wohl in der Wiederholungsschleife auf dem Walkman abgespielt wurde.
    Sehr stark rausgerissen hat mich dann allerdings die Sache mit den Kannibalen. Natürlich kann ein solcher Fall eintreten und der/die Autor/in wollte möglicherweise einfach mal etwas anderes einbauen. Dennoch wirkte dies im Kontext zu der sehr ernsten und absolut glaubwürdigen Thematik irgendwie doch stark an den Haaren herbeigezogen und auch äußerst überdramatisch. Sehr schade. Gerade, da auch die kurze Beschreibung der Tode der Freunde äußerst emotional sind. Hervor sticht in dieser Beziehung natürlich noch einmal ganz deutlich der Tod Evies.
    Das Ende ist super. Es gibt Hoffnung und, trotz all des Leides, passt dies meiner Meinung nach sehr gut in die Geschichte.

    Aufgrund von Payas Vote habe ich den Titel "Haunted Heart" vorerst in "Verfolgt" geändert. Ob das so gut ist oder nicht, werden zukünftige Kommentare, die ich immer sehr gern sehe, zeigen. Mir schien es damals passend, da der Text sozusagen die epische Version der Lyrics darstellen soll.

    Auch wenn ich den Titel des Songtextes und Alliterationen allgemein liebe, bin ich immer noch der Freund von eigenen Titeln, welche den Leser überzeugen. Allgemein ist das ruhelose Her an der Stelle meiner Meinung nach etwas unpassend, denn ist es nicht der Kopf, welcher hier ruheloser als das Herz ist? Nichtsdestotrotz finde ich die Kombination aus Ich-Perspektive, ausgewogenen Umschreibungen und Präsens geschickt gewählt, um den Leser hautnah in die Situation und den Charakter zu versetzen, welcher verständlich vom Hundertsten ins Tausendste gelangt und eine ziemlich große Charaktertiefe zeigt, z.B. durch die Kommentare zum Therapeut. Die Einbindung des Songtextes sagt mir ebenfalls sehr zu, vor allem durch den Walkman.
    Teils wirkt das Gesamtbild der Handlung dadurch und durch den Todesfall der Freunde etwas überspitzt und unrealistisch. Eine Insel mit Verstoßenen, welche Jagd auf Menschen machen und von drei Freunden, von denen eine auf ungeklärte Weise überlebt ... Der Grund wirkt irgendwie nicht so passend und ich könnte mir echt eine rundere Abgabe vorstellen, wenn die Hintergründe andere, nachvollziehbarere wären. Der Schreibstil hat mir jedoch als Abwechslung zu den meist langen Sätzen in den vorherigen Abgaben zugesagt, auch wenn mich die abgehackten Worte manchmal ins Stocken brachten.

    Okay, "Verfolgt" ist keine Alliteration, aber vielleicht fällt mir noch etwas Besseres ein. Ich brauche immer ein wenig Zeit, bevor ich wirklich zufrieden mit einem Titel bin. Die angesprochenen Dinge bezüglich der Hintergrundstory sind wirklich dringend, insgesamt haben das 80% der Voter angesprochen. Gebt mir ein paar Tage, dann hab ich da eine Lösung. Hoffe ich. Wie auch immer, Maria ist eine Protagonistin, die ich in 3 meiner FFs hier im Board benutzt habe, und die ich auch in Zukunft gebrauchen werde, da sie mir unheimlich sympathisch ist und immer wieder hart einstecken musste, aber trotzdem niemals aufgibt.

    Abgabe 10:
    Hierbei finde ich gerade die Thematik, die der Text anspricht und beinhaltet, sehr gut, aber gleichzeitig auch sehr schwierig und kompliziert. Definitiv nicht einfach, dazu einen Text zu schreiben und noch dann ist es natürlich viel schwieriger, dazu einen guten Text zu schreiben. Und ich finde, dass genau das hier gelungen ist!
    Die Umsetzung der guten Idee ist schön gelungen und wirkt sehr authentisch, gleichzeitig aber auch ernst und sachlich, ohne dabei zu versteift zu wirken. Sprich: Eine sehr gute Mischung, die so definitiv nicht ganz einfach ist. Der Text wurde meiner Meinung nach sehr einfühlsam und auch nachvollziehbar geschrieben, auch wenn sich das Mädchen in einer sehr schwierigen Lage befindet und das nicht einfach zu beschreiben ist. Hat der Autor oder die Autorin wirklich gut umgesetzt.
    Was mich weiterhin sehr anspricht, sind die in den Text eingebundenen Songzeilen. Die Stellen dafür sind sehr gut ausgewählt und passen wunderbar zusammen, was mich sehr anspricht. Auch die verschiedenen Gefühle, die hierbei beschrieben wurden (unsicher, sauer, traurig, hoffnungsvoll, etc.), sprechen mich sehr an und ich finde, dass diese Abgabe durchweg gut gelungen ist.

    Anhand der Votes komme ich also auf folgendes Fazit: Die Hintergrundstory muss ein wenig verändert werden, während die Lyrics so bleiben, wie sie sind. Aus diesem Grund mache ich zwei Tabs dafür, eine für die Abgabe, wie sie im Wettbewerb stand, und eine "Baustelle", auf der ein verbesserter Text entsteht. An dieser Stelle danke für das Feedback und für die Punkte.


    [tab='Verfolgt']


    Würde jetzt gerne hier das Lied posten, aber auf youtube ist es nicht vorhanden. Also hier ein Link.


    Song: Haunted Heart von Emmelie de Forest


    Eigentlich ist das eine schöne Nacht. Eine sternklare Nacht. Eine Vollmondnacht. Früher hätte ich hier Frieden gefunden. Ich stütze die Ellbogen auf einen der hölzernen Pfähle, welche den Steg aufrecht erhalten, und betrachte die schwarzen Wellen unter mir. Als ich mich vorhin entschied, hierher zu fahren, hatte ich noch gehofft, dass die spiegelnde Oberfläche meines Sees mich beruhigt. Nun weiß ich es besser. Auch die Musik aus meinem Walkman hilft nicht. Im Gegenteil. Es ist ein beinahe melancholischer Song, der meine Gedanken genau da hinlenkt, wo ich sie nicht haben will. Ich kann mich allerdings auch nicht dazu durchringen, ihn abzuschalten.


    „Your ghost still wanders this earth
    At night I constantly hurt“


    Wie recht diese Sängerin hat. Ich bilde mir ein, das Gesicht einer jungen Frau im Wasser zu sehen. Sie hat langes, schwarzes Haar und starrt mich vorwurfsvoll an. Natürlich ist das Gesicht nicht echt. Ich vergrabe mein eigenes Gesicht in den Händen. Das war Evie. Evie war meine beste Freundin, und sie ist tot. Und es ist meine Schuld.
    Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf! Die Worte meines neuen Seelenklempners kommen mir in den Kopf.
    „Manche Menschen zerbrechen an solch einem Trauma. Machen Sie Spaziergänge. Sie müssen mal raus“, hat er gesagt. Ich weiß noch, wie wütend ich während der ersten Sitzungen war. Er hat leicht reden. Typisches Psycho-Gelaber. Wenn er hätte mitansehen müssen, wie zwei seiner Freunde ermordet wurden und die letzte eine Klippe herabstürzt, dann wäre er auch so drauf wie ich. Stattdessen sitzt er täglich im Trockenen und verdient sein Geld mit Gesprächen. Und bisher habe ich ihn umsonst bezahlt. Eine erkennbare Verbesserung stellt sich nicht ein. Ich sehe die Gesichter meiner Freunde, die mich anflehen, sie zu retten. Sie hindern mich am Einschlafen. Ich komme morgens wie gerädert aus dem Bett und sehe sie immer noch. Jeden Tag seit dem Vorfall. Und ich weiß nicht, wann sie endlich verschwinden. Der Therapeut sagt, das wäre normal. Genau so normal wie das nervöse Zucken meines rechten Beins, das immer dann auftritt, wenn ich still sitzen will, oder die Flashbacks. Aber ich müsse den ersten Schritt tun.


    „Night falls night falls night falls night falls
    Falls on my haunted heart“


    Diese Mischung aus Musik und meinen Gedanken macht mich fertig. Schau den See an, Mädel! Denk nicht daran, wie knapp du selbst entkommen bist, ermahne ich mich selbst. Mein Blick wandert über die Wasseroberfläche. Das sanfte Auf und Ab der Wellen löst normalerweise sanftere Gefühle aus, wie ich bereits sagte. Nach der Sache auf der Insel ist das allerdings unmöglich. Ich hätte zuhause bleiben sollen. Verflucht.
    Ich seufze leise und drehe mich um. Hätte ich nur diesen beschissenen Abenteuerausflug nicht gebucht. Dann wäre das alles nicht passiert.
    „Sie müssen sich davon befreien. Eine Frau in Ihrem Alter hat noch das ganze Leben vor sich.“ Besten Dank, Herr Psychotherapeut. Werde ich berücksichtigen. Gleich morgen gehe ich los. Versprochen.
    Ich weiß natürlich, dass ich viele typische Trauma-Symptome aufweise. Ich sehe kurz über die Schulter. Als ich hier ankam, hatte ich daran gedacht, in den schwarzen Tiefen meine Ruhe zu finden. Dann wären die Gesichter endlich weg. Dann hätte ich Frieden. Für immer. Aber Evie, Carl und Pete hätten nicht gewollt, dass ich auf diese Weise abtrete.
    Als ich mich auf mein Motorrad schwinge und den Helm aufsetze, versuche ich, mich auf mein warmes Bett und die Decke zu konzentrieren, in die ich ich gleich einwickeln werde. Die Bäume ziehen nur so an mir vorbei, als ich beschleunige. Kühle Nachtluft fährt unter die Lederjacke.
    Zuhause schlage ich die Tür hinter mir zu. Den Helm werfe ich achtlos zu Boden. Die leuchtende Digitalanzeige meiner Uhr zeigt 3:46 Uhr. Vielleicht kriege ich noch ein paar Stunden Schlaf. Zuerst hatte ich Angst davor, schlafen zu gehen, weil ich mich vor den Gesichtern gefürchtet hatte. Mittlerweile macht es keinen Unterschied mehr. Ich sehe sie überall.


    „I can't sleep
    I can't sleep
    Your name still reigns in my room“


    Das wird ja immer schöner, durchfährt es mich bitter. Ich versuche, etwas zu fühlen. Trauer. Verzweiflung. Ich verziehe die Mundwinkel. Versuche, Trauer zu spüren. Die Tränen kommen noch immer nicht. Erst im Morgengrauen schlafe ich ein.
    Im Traum durchlebe ich alles noch einmal. Wie in den letzten drei Wochen und vier Tagen. Wir hatten uns mit dem Boot auf eigene Faust hinaus gewagt. Dass die Insel, die unbewohnt sein sollte, diesen Horrortrip bereit halten würde, ahnte niemand von uns. Es war meine Idee gewesen. Ich wollte die Insel erkunden. Nur wegen mir sind sie jetzt tot. Wäre ich nur nicht so neugierig gewesen. Im komplett unangetasteten Dschungel hatten wir seltene Pflanzen und Tiere gesehen. Kurz darauf fanden wir die Sekte mit ihrem irren Anführer. Nein, er fand uns, nehme ich an. Ich habe noch immer keine Ahnung, wie lange sie da schon lebten. Pete hatte es witzig gefunden. Schau, Maria, Eingeborene. Die essen bestimmt Eidechsen und so was. Später habe ich erfahren, dass sie das nicht tun. An Eidechsen war ihnen nicht genug dran. Und Eingeborene waren es auch nicht. Es waren Ausgestoßene.
    Die Traumbilder zeigen mir unseren verzweifelten Fluchtversuch durch den verregneten Urwald. Sie zeigen mir den Pfeil, der von einem primitiven Bogen abgeschossen wird, angetrieben von den irrsinnigen Schreien unserer Verfolger. Carl war zuerst dran. Zwei Tage später erwischte es Pete. Schließlich waren nur noch Evie und ich übrig. Wir rannten an einer Klippe entlang. Das Gestein brach weg. Meine Kraft reichte nicht mehr aus. Evie stürzte.
    Ich wache schweißgebadet auf.
    Was würde ich nicht alles geben, um meine Freunde noch ein einziges Mal wieder zu sehen! Jetzt sagt sich das natürlich leicht. Ab und zu war ich genervt von ihnen. Von Petes Bowling-Begeisterung, oder von Evies Shoppingsucht. Dennoch standen sie mir so nah wie sonst niemand.
    Im Badezimmerspiegel sehe ich dasselbe blauäugige Gespenst, welches mir jeden Morgen entgegenblickt. Mein Gesicht zeigt keinerlei Gefühlsregung. 'Emotional abgestumpft' nennt der Therapeut das. Immer, wenn er einen dieser Ausdrücke benutzt, sieht er mich über seine Hornbrille auf dieselbe Weise an, die zugleich mitfühlend und berechnend wirkt.
    Ich habe ihm nicht erzählt, wie genau ich überlebt habe, und das werde ich auch nicht. Diese Abgründe in mir muss ich selbst reinwaschen. Zumindest das fühle ich. Das und Wut.


    „You drain my heart drop by drop
    From the night till the dawn“


    Ich werde diesen Song nicht los. Man sollte diese Sängerin auch mal auf der Insel aussetzen, vielleicht merkt sie dann, wie ausgesaugt sich so ein Herz anfühlen kann. Wut ist immer am einfachsten. Wut kann ich empfinden. So wie jetzt gerade. Der Ausbruch kommt grundlos, so wie es die letzten beiden auch waren. Nachdem ich mit Wucht eine Vase und zwei Teller gegen die Wand geschmissen habe, verpufft mein Zorn so schnell wie er gekommen ist. Was bleibt, ist Resignation. Ich habe keine Ahnung, wie ich weitermachen soll.
    Noch während des Frühstücks merke ich, dass heute etwas anders ist. Ich hatte zwar den selben Traum wie sonst, aber kein Flashback. Ich hatte oft dieses blitzartige Aufleuchten von verzerrten Bildern vor meinem inneren Auge, auch am helllichten Tag. Meist wurde mir einer der letzten Momente meiner Freunde gezeigt. Wie auf einem Foto.
    Ein Fortschritt, wird der Therapeut sagen. Vielleicht kann ich wieder mit dem Freerunning anfangen.
    „Sie brauchen ein nettes Hobby“, hat der Mann gesagt. Ich spüre einen kleinen Funken Hoffnung. Das muss ich ausnutzen. Gleich nah dem Essen gebe ich mir einen Ruck. Ich schnüre meine Laufschuhe und ziehe mir ein Tanktop an. Hauptsache ich bin abgelenkt. Mit eine geübten Handgriff stecke ich meine Kopfhörer in die Ohren. Danach schließe ich die Haustür hinter mir ab und laufe los.
    Vielleicht ist es das, was mein Therapeut meinte. Man bemerkt die Verbesserung nicht. Tag für Tag muss es ein kleines Stück voran gehen. Ich laufe durch eine Regenpfütze. Meine Jogginghose wird nass. Mit gleichmäßigen Zügen atme ich ein und aus. Der kleine Funken in mir glimmt weiter. Ich habe überlebt. Es liegt an mir, etwas daraus zu machen. Das brennende Adrenalin in meinen Muskeln fühlt sich gut an. Das Gefühl werde ich mir merken.


    „You lay the cards one by one
    You're my pleasure and pain“


    Okay. Vorwärts.


    [tab='Baustelle']


    Hier entsteht sozusagen die perfektionierte Variante des Texts, die ich anhand der Kommentare in den nächsten Tagen erstellen werde. Hauptaugenmerk liegt auf der Hintergrundstory, in welcher die Freunde Marias gestorben sind. Bin da auch für Vorschläge offen.


    Eigentlich ist das eine schöne Nacht. Eine sternklare Nacht. Eine Vollmondnacht. Früher hätte ich hier Frieden gefunden. Ich stütze die Ellbogen auf einen der hölzernen Pfähle, welche den Steg aufrecht erhalten, und betrachte die schwarzen Wellen unter mir. Als ich mich vorhin entschied, hierher zu fahren, hatte ich noch gehofft, dass die spiegelnde Oberfläche meines Sees mich beruhigt. Nun weiß ich es besser. Auch die Musik aus meinem Walkman hilft nicht. Im Gegenteil. Es ist ein beinahe melancholischer Song, der meine Gedanken genau da hinlenkt, wo ich sie nicht haben will. Ich kann mich allerdings auch nicht dazu durchringen, ihn abzuschalten.



    „Your ghost still wanders this earth
    At night I constantly hurt“



    Wie recht diese Sängerin hat. Ich bilde mir ein, das Gesicht einer jungen Frau im Wasser zu sehen. Sie hat langes, schwarzes Haar und starrt mich vorwurfsvoll an. Natürlich ist das Gesicht nicht echt. Ich vergrabe mein eigenes Gesicht in den Händen. Das war Evie. Evie war meine beste Freundin, und sie ist tot. Und es ist meine Schuld.
    Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf! Die Worte meines neuen Seelenklempners kommen mir in den Kopf.
    „Manche Menschen zerbrechen an solch einem Trauma. Machen Sie Spaziergänge. Sie müssen mal raus“, hat er gesagt. Ich weiß noch, wie wütend ich während der ersten Sitzungen war. Er hat leicht reden. Typisches Psycho-Gelaber. Wenn er hätte mitansehen müssen, wie zwei seiner Freunde ermordet wurden und die letzte eine Klippe herabstürzt, dann wäre er auch so drauf wie ich. Stattdessen sitzt er täglich im Trockenen und verdient sein Geld mit Gesprächen. Und bisher habe ich ihn umsonst bezahlt. Eine erkennbare Verbesserung stellt sich nicht ein. Ich sehe die Gesichter meiner Freunde, die mich anflehen sie zu retten. Sie hindern mich am Einschlafen. Ich komme morgens wie gerädert aus dem Bett und sehe sie immer noch. Jeden Tag seit dem Vorfall. Und ich weiß nicht, wann sie endlich verschwinden. Der Therapeut sagt, das wäre normal. Genau so normal wie das nervöse Zucken meines rechten Beins, das immer dann auftritt, wenn ich still sitzen will, oder die Flashbacks. Aber ich müsse den ersten Schritt tun.


    Anmerkung: Vielleicht einen Serienkiller erfinden, der auf der Insel gewartet hat? Der Abenteuerurlaub würde dann Hintergrund bleiben.



    „Night falls night falls night falls night falls
    Falls on my haunted heart“



    Diese Mischung aus Musik und meinen Gedanken macht mich fertig. Schau den See an, Mädel! Denk nicht daran, wie knapp du selbst entkommen bist, ermahne ich mich selbst. Mein Blick wandert über die Wasseroberfläche. Das sanfte Auf und Ab der Wellen löst normalerweise sanftere Gefühle aus, wie ich bereits sagte. Nach der Sache auf der Insel ist das allerdings unmöglich. Ich hätte zuhause bleiben sollen. Verflucht.
    Ich seufze leise und drehe mich um. Hätte ich nur diesen beschissenen Abenteuerausflug nicht gebucht. Dann wäre das alles nicht passiert.
    „Sie müssen sich davon befreien. Eine Frau in Ihrem Alter hat noch das ganze Leben vor sich.“ Besten Dank, Herr Psychotherapeut. Werde ich berücksichtigen. Gleich morgen gehe ich los. Versprochen.
    Ich weiß natürlich, dass ich viele typische Trauma-Symptome aufweise. Ich sehe kurz über die Schulter. Als ich hier ankam, hatte ich daran gedacht, in den schwarzen Tiefen meine Ruhe zu finden. Dann wären die Gesichter endlich weg. Dann hätte ich Frieden. Für immer. Aber Evie, Carl und Pete hätten nicht gewollt, dass ich auf diese Weise abtrete.
    Als ich mich auf mein Motorrad schwinge und den Helm aufsetze, versuche ich, mich auf mein warmes Bett und die Decke zu konzentrieren, in die ich ich gleich einwickeln werde. Die Bäume ziehen nur so an mir vorbei, als ich beschleunige. Kühle Nachtluft fährt unter die Lederjacke.
    Zuhause schlage ich die Tür hinter mir zu. Den Helm werfe ich achtlos zu Boden. Die leuchtende Digitalanzeige meiner Uhr zeigt 3:46 Uhr. Vielleicht kriege ich noch ein paar Stunden Schlaf. Zuerst hatte ich Angst davor, schlafen zu gehen, weil ich mich vor den Gesichtern gefürchtet hatte. Mittlerweile macht es keinen Unterschied mehr. Ich sehe sie überall.



    „I can't sleep
    I can't sleep
    Your name still reigns in my room“



    Das wird ja immer schöner, durchfährt es mich bitter. Ich versuche, etwas zu fühlen. Trauer. Verzweiflung. Ich verziehe die Mundwinkel. Versuche, Trauer zu spüren. Die Tränen kommen noch immer nicht. Erst im Morgengrauen schlafe ich ein.
    Im Traum durchlebe ich alles noch einmal. Wie in den letzten drei Wochen und vier Tagen. Wir hatten uns mit dem Boot auf eigene Faust hinaus gewagt. Dass die Insel, die unbewohnt sein sollte, diesen Horrortrip bereit halten würde, ahnte niemand von uns. Es war meine Idee gewesen. Ich wollte die Insel erkunden. Nur wegen mir sind sie jetzt tot. Wäre ich nur nicht so neugierig gewesen. Im komplett unangetasteten Dschungel hatten wir seltene Pflanzen und Tiere gesehen. Kurz darauf fanden wir die Sekte mit ihrem irren Anführer. Nein, er fand uns, nehme ich an. Ich habe noch immer keine Ahnung, wie lange sie da schon lebten. Pete hatte es witzig gefunden. Schau, Maria, Eingeborene. Die essen bestimmt Eidechsen und so was. Später habe ich erfahren, dass sie das nicht tun. An Eidechsen war ihnen nicht genug dran. Und Eingeborene waren es auch nicht. Es waren Ausgestoßene.
    Die Traumbilder zeigen mir unseren verzweifelten Fluchtversuch durch den verregneten Urwald. Sie zeigen mir den Pfeil, der von einem primitiven Bogen abgeschossen wird, angetrieben von den irrsinnigen Schreien unserer Verfolger. Carl war zuerst dran. Zwei Tage später erwischte es Pete. Schließlich waren nur noch Evie und ich übrig. Wir rannten an einer Klippe entlang. Das Gestein brach weg. Meine Kraft reichte nicht mehr aus. Evie stürzte.
    Ich wache schweißgebadet auf.

    Was würde ich nicht alles geben, um meine Freunde noch ein einziges Mal wieder zu sehen! Jetzt sagt sich das natürlich leicht. Ab und zu war ich genervt von ihnen. Von Petes Bowling-Begeisterung, oder von Evies Shoppingsucht. Dennoch standen sie mir so nah wie sonst niemand.
    Im Badezimmerspiegel sehe ich dasselbe blauäugige Gespenst, welches mir jeden Morgen entgegenblickt. Mein Gesicht zeigt keinerlei Gefühlsregung. 'Emotional abgestumpft' nennt der Therapeut das. Immer, wenn er einen dieser Ausdrücke benutzt, sieht er mich über seine Hornbrille auf dieselbe Weise an, die zugleich mitfühlend und berechnend wirkt.
    Ich habe ihm nicht erzählt, wie genau ich überlebt habe, und das werde ich auch nicht. Diese Abgründe in mir muss ich selbst reinwaschen. Zumindest das fühle ich. Das und Wut.


    Anmerkung: In Kroatien gibt es beispielsweise Wege, die nicht gesichert sind, weil dort Landminen aus einem Krieg vergraben sein könnten. Macht sich Marias Gruppe auf eigene Faust auf den Weg und ignoriert eine solche Warnung? Todesursache könnte dann ein Erdrutsch sein, ein wegbrechende Klippe, irgendwas.
    Andererseits ist das Schuldgefühl wichtig, und ja, Maria kann sich auch für eine wegbrechende Klippe die Schuld geben, sofern sie diejenige ist, die den "Ausflug" vorschlug, aber ich weiß nicht recht.



    „You drain my heart drop by drop
    From the night till the dawn“



    Ich werde diesen Song nicht los. Man sollte diese Sängerin auch mal auf der Insel aussetzen, vielleicht merkt sie dann, wie ausgesaugt sich so ein Herz anfühlen kann. Wut ist immer am einfachsten. Wut kann ich empfinden. So wie jetzt gerade. Der Ausbruch kommt grundlos, so wie es die letzten beiden auch waren. Nachdem ich mit Wucht eine Vase und zwei Teller gegen die Wand geschmissen habe, verpufft mein Zorn so schnell wie er gekommen ist. Was bleibt, ist Resignation. Ich habe keine Ahnung, wie ich weitermachen soll.
    Noch während des Frühstücks merke ich, dass heute etwas anders ist. Ich hatte zwar den selben Traum wie sonst, aber kein Flashback. Ich hatte oft dieses blitzartige Aufleuchten von verzerrten Bildern vor meinem inneren Auge, auch am helllichten Tag. Meist wurde mir einer der letzten Momente meiner Freunde gezeigt. Wie auf einem Foto.
    Ein Fortschritt, wird der Therapeut sagen. Vielleicht kann ich wieder mit dem Freerunning anfangen.
    „Sie brauchen ein nettes Hobby“, hat der Mann gesagt. Ich spüre einen kleinen Funken Hoffnung. Das muss ich ausnutzen. Gleich nah dem Essen gebe ich mir einen Ruck. Ich schnüre meine Laufschuhe und ziehe mir ein Tanktop an. Hauptsache ich bin abgelenkt. Mit eine geübten Handgriff stecke ich meine Kopfhörer in die Ohren. Danach schließe ich die Haustür hinter mir ab und laufe los.
    Vielleicht ist es das, was mein Therapeut meinte. Man bemerkt die Verbesserung nicht. Tag für Tag muss es ein kleines Stück voran gehen. Ich laufe durch eine Regenpfütze. Meine Jogginghose wird nass. Mit gleichmäßigen Zügen atme ich ein und aus. Der kleine Funken in mir glimmt weiter. Ich habe überlebt. Es liegt an mir, etwas daraus zu machen. Das brennende Adrenalin in meinen Muskeln fühlt sich gut an. Das Gefühl werde ich mir merken.



    „You lay the cards one by one
    You're my pleasure and pain“



    Okay. Vorwärts.


    [/tabmenu]


  • Viele Menschen haben Angst vor der Finsternis. Wie recht sie haben.


    Arrr.
    Habt ihr schon einmal eine indianische Superheldin gesehen? Ich nicht. Jedenfalls habe ich so kurz nach "Fury from the deep" direkt den nächsten ersten Platz gemacht und finde meinen Text so extrem genial, dass ich ihn sofort hier hinein posten werde. Die Vorgabe für den Wettbewerb war "Superhelden", und ich habe mir nach dem Vorbild von "Shadow", einer Heldin, zu der ich früher mal eine Geschichte schreiben wollte, Kohana ausgedacht, die Indianerin der Schatten. Mir fiel auf, dass die Indianer in Sachen Superhelden arg außen vor gelassen werden, und das, obwohl die klassischen Superhelden in Amerika erfunden wurden, dem Heimatland der NATIVE Americans. Alles Weitere findet ihr in den Tabs weiter unten. Viel Spaß beim Lesen.


    Nummer 10: Superhelden


    Die letzte Chowanok


    [tabmenu]


    [tab='Ertränkt in Lob']
    Ich kann gar nicht genug sagen, wie gut es tat, zu sehen, dass meine Geschichte so extrem gut ankam. Ich musste kurz an einen Buchrücken denken, wo die Kommentare der Zeitschriften und Kritiker draufstehen, so kam ich darauf, diese Zeile zu erstellen.

    Wow. Gutes Ding.

    Heftige Story.

    TALK ABOUT KREATIV, SO HAB ICH DAS GERN

    Diese Geschichte hat mich wirklich mitgerissen

    Diese Abgabe hat etwas Mystisches an sich und damit einen ganz besonderen Charme

    diese Geschichte ist schlicht und ergreifend genial und einfach wundervoll

    Die Geschichte ist toll geschrieben

    Yeah. I am awesome.
    (Ich nutze das hier mal so gut es geht aus, denn falls ich die freie Kurzgeschichte versaue, ist das vor dem Finale die letzte Chance, da wahrscheinlich wieder das freie Gedicht Contest Nr. 20 ist. Seht es mir nach. Hier schon mal das erste große Danke für das ganze Feedback.)


    [tab='Kommentarception']
    Und ein zweites Danke, diesmal für eure Punkte. "Die letzte Chowanok" hat beinahe die vollen 2 Wochen gebraucht, bis ich zufrieden war, und sogar kurz vor Schluss habe ich noch die letzten Verbesserungen vorgenommen. Nun aber zu den Dingen, die euch aufgefallen sind, und die ich nicht mehr in die 1500 Wörter reingequetscht bekam.


    Ich habe sogar gegoogelt, ob es ihn gibt.

    Die Chowanok gab es wirklich, sie sind aber - wie beschrieben - im Laufe der Pilgerfahrten und der Besiedlung durch den weißen Mann ausgestorben. Ich bin gründlich, was Recherche angeht. Und neugierig. Vor allem neugierig.

    Ooder ich bin zu blöd um zu kapieren, was es mit Jane auf sich hat. Wieso ist sie anfangs ein Kind und dann fast volljährig? Ist sie sowas wie ein Geist?

    Nun also die Auflösung für all diejenigen, die sich an Jane gestoßen haben: Jane ist in der Tat schon seit 10 Jahren tot und war vor Maggie Kohanas Auserwählte. Als sie gestorben ist, war sie 8, und es war Tag, weswegen Kohana ihr nicht helfen konnte. Sie WÄRE 18 geworden, schaffte es aber nicht. Logischerweise. Da sich aber viele schwer darin taten, Janes Zweck zu erkennen, werde ich vermutlich die 1500 demnächst brechen, um eine ausreichende Erklärung einzubauen. Der Finaltext soll perfekt sein.

    Und was hat es mit dem "Versprechen bis auf den Tod" auf sich

    Das Versprechen ist hier sozusagen ein Pakt, den Kohana mit einem Lebenden eingeht und sich dann dazu bereit erklärt, ihm oder ihr bei allem beizustehen, was er oder sie sich vornimmt. Sie wird ein dunkler Schutzengel, wenn man so will, und konzentriert ihre volle Kraft darauf, den Auserwählten am Leben zu erhalten. Mehr dazu in den Zusatztabs.

    Schade war, dass ihre kleine Begleiterin allem Anschein nach schon lange tot ist

    Mir ist Jane auch irgendwie immer sympathischer geworden, aber es ging nicht anders. Wenn sich eine Idee festsetzt, ziehe ich sie durch. Auch wenn dafür eine coole Protagonistin gehen muss. Snoop grogg hats erkannt.

    Dass Jane tot ist, war ein riesiger Plot Twist für mich, haha

    Molnija auch. So wars geplant. (: Der Vergleich mit Pocahontas war übrigens passend, in einer der früheren Versionen wurde Kohana einmal scherzhaft sogar so genannt. Ich mag den Film sehr gern, vor allem die Atmosphäre.

    Klingt jetzt sicherlich nach Haarspalterei, ich weiß, aber es wirkte auf mich so (kann mich natürlich auch irren), als würden die sich ja schon länger und durchaus persönlich kennen, aber Kohanas Reaktion wirkt so, als würde sie das von Jane zum ersten Mal hören

    Naja, da spielen mehrere Dinge mit rein. Erstens ist es ja eigentlich Kohana, die mit sich selbst redet, zweitens war sie wegen der Erinnerungen und der Dunkelheit in einer sehr gelassenen und spirituellen Stimmung, weswegen sie nicht mit solch "frechen" Antworten rechnete. Jane selbst war ein Straßenkind, welches ohne Kohanas Einschreiten schon im Alter von 5 Jahren gestorben wäre.

    "Eine weiß gekleidete Schauspielerin, die sich vom Hollywood-H stürzt? Was ist das - 'Die drei Fragezeichen: Schatten über Hollywood'?"

    Ich glaube, ich weiß, worauf du anspielst. Als der Hollywood-Schriftzug noch "Hollywoodland" buchstabierte, brachte sich tatsächlich eine Schauspielerin dort um. Ihr Name war Peg Entwhistle und sie hatte in einem Film mitgespielt, der floppen sollte - erst nach Ihrem Tod kam heraus, dass sie noch eine Hauptrolle erhalten sollte, aber die Verzweiflung und die Angst hatten den Schaden bereits angerichtet. Hitchcock hatte sich vermutlich ebenfalls von Entwhistles Legende inspirieren lassen.
    Ach ja, speziell an dich noch: Ich hatte einige der Eigenarten Mewtus erkannt, aber für mich war es absolut unmöglich, dass es tatsächlich ein Mewtu ist, weil du sagtest, es sei "eine neue Art". In sämtlichen mir bekannten Pokémon-Universen ist Mewtu längst registriert, darum habe ich diese Möglichkeit wohl einfach ausgeschlossen.

    Kohana scheint tot zu sein

    Nein. Sie war tot, ist dann aber durch die Kraft des Manitus wiedergeboren worden. Steht auch recht deutlich dort geschrieben.

    denn so ganz habe ich nicht verstanden, was sie denn in der heutigen Zeit tut

    Sie ist von der Massentötung weißer Männer abgekommen und hat sich darauf verlegt, Menschen zu helfen - ich war der Ansicht, dass das durch die doch recht offensichtliche Rettung von Maggie deutlich wurde.

    sie gibt nur einige, nicht aber alle Informationen preis

    Ich werde in der nächsten Tab versuchen, alles aufzuklären, wobei ich eigentlich davon ausging, dass die von mir gegebenen Hinweise ausreichend gewesen wären. Der geänderte Name spielt keine wirklich große Rolle, er deutet nur im Hintergrund darauf hin, dass sich Lenmana sehr verändert hat und ihr altes Leben hinter sich ließ. Da mir die Indianerin allerdings außerordentlich gut gefällt, könnte ich mir vorstellen, sie nach Maria und Orcan ebenfalls in einem Roman zu verarbeiten, sozusagen "Shadow" neu aufgelegt.


    [tab='Entstehungsprozess']


    [subtab='Der Plan']
    Gebt es zu, ihr wart neugierig. Wäre ich jedenfalls, wenn ich Dinge lese, die sich mir nicht sofort erschließen. Man kann die Voter in zwei Gruppen einteilen: Eine weiß, was mit Jane los ist, die andere nicht. Jane war ein Straßenkind, welches von Kohana gerettet wurde, und wurde ihre erste Auserwählte. Anfangs hatte ich mir Kohana als personifizierte Finsternis vorgestellt, eine dunkle Antiheldin, die zwar Gutes tun will, aber durch den schwarzen Nebel, den sie emittiert, nur Negatives erschafft. Das passt nicht wirklich gut zu einer Heldin, darum dachte ich, dass da irgendwas fehlt, was ihr den Kontakt zu Menschen erlaubt. So kam ich auf die Idee einer Wahl, die ich zuerst die "Flamme" nannte. Kohanas "Flamme" ist also der einzige Mensch, der sich in ihrer Nähe aufhalten kann. Schritt eins. Schritt zwei ist dann ihr Versprechen bis in den Tod, wie ich Jefi schon erklärt habe. Kohana will mit aller Kraft diesen einen Menschen retten, koste es, was es wolle. Ursprünglich war es eine Art symbiotische Beziehung: Die Indianerin schenkt der Flamme ihre Macht und erhält dafür im Gegenzug das Licht der Freundschaft oder Liebe, je nachdem wie tief ihre soziale Bindung geht. In der Tat war diese Bindung bei Jane und Kohana dermaßen stark, dass sie sich als Schwestern ansahen, weswegen der Tod Janes Kohana umso näher ging und sie beinahe wahnsinnig machte. Ich meine, stellt euch mal vor, wie es wäre, 400 Jahre lang allein zu sein, dann endlich jemanden kennen zu lernen, dem ihr vertraut, nur damit derjenige dann stirbt. Jedenfalls hat sie sich Jane dann eingebildet, um nicht so allein zu sein - unwillig, sich an einen anderen Menschen zu binden, bis Maggie ihr begegnet ist.
    Dass Jane tot ist, hatte ich an drei Stellen subtil eingebaut - erst ist davon die Rede, dass Jane Kohana "aus der Seele" spricht, außerdem kann Maggie, wie man beim "Blick durch ihre Augen" bemerkt, zwar Kohana, nicht aber Jane sehen, und drittens ist sie im Kampf plötzlich verschwunden und wird auch von der Indianerin nicht erwähnt, bis sie wieder am Boden ist und sich Jane erneut einbilden kann. Am Ende muss Kohana sie gehen lassen, weil Maggie ihre ganze Konzentration in Anspruch nehmen wird, sobald sie sich ihrer neuen Aufgabe widmet.


    In den nächsten paar Subtabs werde ich den Entstehungsprozess posten, zusammen mit kleinen Erklärungen dahinter. Einige Ideen, die ich nicht explizit im Text erwähnt habe, sind dort zu finden. Vielleicht ist das ja für jemanden spannend und verdeutlicht die Situation, in der Kohana sich befindet. Am wichtigsten war mir, dass es Nacht ist, außerdem sollte Kohanas Unsterblichkeit als Fluch und nicht als Segen dargestellt werden - sie hat niemanden mehr außer dem Auserwählten, ihre Kultur ist untergegangen und sie kann sich nicht einmal mehr befreien.


    Kohanas Fähigkeiten steigen mit jeder Stunde an, nachdem die Nacht angebrochen ist. Ihr Repertoire ist gewaltig, so kann sie Gedanken lesen, sich und andere in einen Schatten verwandeln, mit ihrem Schatten den Platz tauschen, Menschen manipulieren (passiv, das tut der Nebel automatisch), sie kann Lichter mit bloßem Willen zum Erlöschen bringen und einem Menschen gezielt den Lebenswillen absaugen. Kohana ist unsterblich und kann jede noch so schwere Verletzung binnen weniger Sekunden heilen, diese Fähigkeit ist die einzige, die auch tagsüber funktioniert. In ihrer dunkelsten Stunde hat sie Zugriff auf alle Fähigkeiten zugleich, davor und danach nur auf gewisse Bruchteile. Außerdem steigt ihre Muskelkraft in der Nacht exponentiell an, wohingegen sie am Tag nicht stärker ist als ein normales Mädchen. Nun aber zu den versprochenen Tabs.


    [subtab='Version 1']


    Manchmal wünsche ich mir, ich könnte die Sonne genießen. Am Strand liegen, die warmen Strahlen auf der Haut spüren und irgendwelche bunten Getränke aus zu kleinen Gläsern trinken. Ich wünschte, ich könnte mit irgendwelchen Freundinnen im Sommer zum Shopping gehen und Bikinis anprobieren, wie es die Mädels im Fernsehen tun.
    Ich schaue kurz in den Nachthimmel hinauf. Der Mond hängt wie eine Scheibe aus Milch hoch über Beverly Hills und berauscht meine Sinne. Noch in der nächsten Sekunde verdränge ich die Gedanken von vorher. Es bringt nichts, Wünschen hinterher zu trauern, die nie in Erfüllung gehen werden.
    Ein junges Paar geht an mir vorbei. Ihr Lachen, vermutlich ausgelöst von romantischen Gefühlen oder einem charmanten Witz des Mannes, erlischt, kaum dass sie mich passieren. Ihre Stimmen werden kälter. Ein ihnen vermutlich unbekannter, düsterer Ton webt sich in das Muster ihrer Unterhaltung. Genau so ergeht es auch der Mutter und ihrem Kind, die gerade einen kleinen Spätsommerspaziergang unternehmen.
    „Nein, Kyle, wir gehen nicht ins Kino“, sagt die Mutter ungehalten. Das Kind ist überrascht, ich sehe, wie es zu seiner Mama aufblickt und zu einer patzigen Erwiderung ansetzt.
    Sie können nichts dafür. Es ist meine Schuld.
    „Schau doch nicht so“, sagt Jane, die neben mir herläuft. Ich lege eine Hand auf ihren Kopf und streiche sanft über ihr seidiges Haar. Jane ist die Einzige, die nicht von dem schwarzen Nebel, der mich stets umgibt, beeinflusst wird. Die Stimmen der beiden hinter uns werden leiser. Vor mir taucht eine Straßenlaterne auf, deren Lichtkreis ich ausweiche.
    Ich meide das Licht, wo immer ich kann, denn es brennt in meinen Augen und auf meiner Haut. Nein, ich bin keine Vampirin, falls du das jetzt denkst, ich bin schlimmer. Zum tausendsten Mal suchen die Erinnerungen mich heim.


    „Wie schaue ich denn?“, frage ich leise.
    „So traurig.“ Ihr kleines Gesicht zeigt Sorge.
    „Ich bin nicht traurig.“ Das ist keine Lüge, auch wenn es sich beinahe so anfühlt. Tatsächlich weiß ich nicht, was ich fühle, wenn man mal von der kleinen Flamme in meiner Brust absieht, die ich immer spüre, wenn Jane bei mir ist.
    „Ich glaube dir nicht, große Schwester“, sagt sie einige Momente später, als wir an einer der großen Villen vorbeilaufen, welche es in diesem Teil der Stadt überall gibt. Ich weiß noch, wie hier 1914 für ein neues Wohngebiet geworben wurde. Damals hatte ich keine Ahnung, dass dies mal die bevorzugte Gegend für Filmstars, Regisseure und andere Superreiche werden würde. Tagsüber sehen die Villen bestimmt noch eindrucksvoller aus. Nicht, dass ich sie mal bei Tageslicht sehen könnte. Ich kann gar nichts mehr bei Tageslicht sehen.


    Das Mädchen läuft seiner Schwester davon. Die Bäume sind so hoch, dass sie den Himmel berühren. Die Höhle findet sie durch Zufall, ihr Abenteuergeist nimmt Oberhand und sie beschließt, sie zu erkunden. Zum letzten Mal in ihrem Leben sieht sie das Sonnenlicht, dann betritt sie die Höhle. Noch nie zuvor in ihrem Leben war sie so vollkommen von Dunkelheit umschlossen.
    Sie tastet sich an der Wand entlang, sieht aber den Abgrund nicht, der sich vor ihr auftut. Niemand hört ihren Schrei.


    Mein Blick scannt die protzige Fassade der Villa. Ich sehe keinen Sinn darin, sich so eine Hütte zuzulegen. Überall auf der Welt hungern Menschen, und hier leben sie im Überfluss. Ab und zu spenden sie etwas, um den Schein zu wahren.
    „Hey, Tamara“, ruft Jane. Mit einer schnellen Drehung wende ich mich von der Villa ab. Wir laufen unter einigen Palmen entlang.
    „Entschuldige. Ich war kurz in Gedanken. Wieso glaubst du mir nicht?“ Sie ist erst sechs Jahre alt. Wie kann sie mich so durchschauen? Bröckelt meine Fassade?
    „Du weinst.“
    „Oh.“ Ich wische mir verstohlen die Tränen weg. Ich habe es gar nicht gemerkt. Besonders überrascht bin ich allerdings auch nicht. Jemand, der die Finsternis im Herzen trägt, neigt nicht eben zum Optimismus.


    Sie liegt drei Tage lang mit unzähligen Knochenbrüchen in der Höhle. Von ihrer Schwester hört das Mädchen nie wieder etwas. In der dritten Nacht stirbt sie. In der vierten setzen sich ihre Knochen wieder zusammen, ihr Herz beginnt erneut zu schlagen. Sie weiß nicht, was sie da verwandelt, aber eins weiß sie: Sie muss dafür sorgen, dass das Licht nicht die Überhand auf der Welt gewinnt.


    Diese Nacht ist nun mehr als 500 Jahre her und ich habe immer noch keine Ahnung, was mich damals erwischt hat. Ich habe jedes Buch über Magie gelesen, einige davon kann ich auswendig, aber nirgends war eine logische Antwort zu finden.
    Seit neustem ist man hier in Amerika der Ansicht, magische Fähigkeiten seien einfach im Laufe einer kleinen Musicalnummer zu perfektionieren. Wer auch immer sich das ausgedacht hat, mit dem würde ich gern mal ein Wörtchen reden. Ich brauchte mehr als 100 Jahre, um auch nur einen Bruchteil meiner Macht zu entdecken. Jane und ich erreichen eine Kreuzung. Weit und breit sind keine Autos zu sehen, nur zwei Kerle mit Lederjacken, die auf der anderen Straßenseite an uns vorbeilaufen.
    „Tamara.“ Janes Ton hat sich verändert, sie klingt nervös. Sieht so aus, als müsste ich einige meiner Kräfte gleich einsetzen.


    Es braucht nur einen Gedanken, und schon wird mein Körper so leicht wie Luft und verwandelt sich in einen Schatten. Ich lasse die Erde unter mir, fliege Richtung Osten, auf die Hollywood Hills zu.
    Wenig später habe ich Beverly Hills hinter mir gelassen und lande auf dem H des berühmten Hollywood-Schriftzugs. Die Scheinwerfer, welche den Schriftzug beleuchten, flackern und erlöschen. Ich bin hier fast immer ungestört, nur manchmal kommt jemand her und will den Kick erleben, den ich früher auch spürte. Bei Nacht sieht die Stadt unter mir atemberaubend aus. Rechts schimmert das Wasser des Hollywood Reservoirs im Mondschein, links erstrecken sich die zum Teil erleuchteten Prachtvillen. Ein paar Glühwürmchen schwirren durch die Nacht. Ich lebe gern hier, denn auch bei Nacht ist Beverly Hills mit seinen Grünflächen und Palmen einzigartig auf der Welt.
    „Es ist so schön hier“, flüstert Jane. Ich nicke geistesabwesend. Eine Weile lang sitzen wir einfach nebeneinander und bestaunen das Bild, das sich uns bietet. Die Ruhe habe ich mir nach dem Kampf eben verdient.
    Oder auch nicht.
    „Hey“, sagt eine Stimme hinter mir. Ich wäre vor Schreck fast von meinem H gefallen. Mit einem irritierten Blick drehe ich mich um und sehe runter. Ein älterer Mann mit einer Taschenlampe schaut zu mir hoch. Ich schätze ihn auf Mitte fünfzig.
    „Hi“, erwidere ich knapp. Was will er wohl von mir?
    „Könnten Sie da herunter kommen? Es ist verboten, da zu sitzen, und wir haben einen Stromausfall. Sie verletzen sich noch.“
    „Natürlich.“ Ich springe ab, ohne nachzudenken, und lande vor seinen Füßen.
    „Sind Sie wahnsinnig! Sie hätten sterben können!“
    „Nein. Glauben Sie mir. Ich habe alles versucht.“ Er kann mit meinem Humor offensichtlich nichts anfangen, also lasse ich ihn stehen und verlasse das Plateau. Der leere Hollywood-Schriftzug bleibt hinter mir zurück.


    „Lass mich endlich los, Tamara.“ Ich drehe kurz den Kopf. Meine kleine Freundin sieht stur geradeaus.
    „Ich kann nicht.“ Meine Stimme klingt schon wieder verschnupft.
    „Doch, du kannst. Du hilfst allen, nur dir selbst nicht.“ Auf ihre Worte hin folgt eine lange Stille.
    Ich kann es nicht wirklich erklären, aber je länger ich in den Schatten gelebt habe, umso mehr fühlte ich mich zu allem, was lebte, hingezogen. Ich verbreite Finsternis und sehne mich zugleich nach Licht in meinem Herzen. Jane war so ein Licht.
    „Wie du willst“, flüstere ich. Ein strahlendes Lächeln überzieht ihr Gesicht.
    „Du schaffst das. Lass die Flamme nicht ausgehen“, haucht sie. Danach verstummt Jane für immer.


    Das hier waren sozusagen ein paar Ideen zum Ur-Entwurf. Kohana hat hier noch Angst vor der Sonne, da sie ja als personifizierte Finsternis schlecht ins Licht kann, ferner wird hier deutlich, dass sie nach Janes Tod sogar Suizidgedanken hatte. Außerdem kam sie in dieser Version aus Serbien und hieß Tamara. Ich weiß noch, wie ich zum Archetypen des "Schwarzen Manns" recherchiert habe, weil meine Heldin einige Aspekte davon übernehmen sollte. Im ersten Entwurf war der Titel "500 Jahre Finsternis", um deutlicher zu machen, dass Kohana im Licht nicht leben kann. Blöderweise habe ich den ersten Teil ihrer Erinnerungen vorschnell gelöscht, wo beschrieben wurde, wie die beiden Schwestern miteinander im Wald spielen und immer weiter in ein verbotenes Gebiet hinein laufen.


    [subtab='Version 2']


    „Hey, Kohana, bist du wach?“, flüstert die Stimme eines kleinen Mädchens neben mir.
    „Ja“, antworte ich ebenso leise, und öffne meine Augen. Die Büffel und die Trommeln verblassen. Stattdessen sitze ich wieder auf der Bank mitten in einem der Parks, welche Beverly Hills prägen.
    „Du sahst aus, als hättest du geschlafen.“ Ich wende den Blick und sehe Jane neben mir sitzen. Sie sieht mich aus ihren großen, blauen Augen an und sieht aufgeregt aus. Ich kann es ihr nicht verdenken. In der Nacht ist alles anders, und gerade für Kinder sind Nächte im Freien Abenteuer, die sie nur selten erleben. Die Nacht ist für viele Menschen eine Art Tabuzone.
    Nicht für mich. Ich lebe seit langer Zeit in der Finsternis.
    „Ich habe nur nachgedacht“, erwidere ich und streiche ihr sanft über den Kopf. Jane ist acht Jahre alt und folgt mir überall hin, auch wenn meine Gesellschaft nicht die beste ist.
    „Über was?“
    „Über Bisons.“
    „Du bist seltsam“, befindet sie schließlich, und blickt wieder geradeaus. Mir verschlägt es für einige Momente die Sprache. Kindermund tut Wahrheit kund, nehme ich an.
    „Ja, das bin ich wohl“, sage ich nachdenklich. Ich schaue kurz in den Nachthimmel hinauf. Der Mond hängt wie eine Scheibe aus Milch über Beverly Hills. Ein junges Paar kommt an uns vorbei. Ihr Lachen, vermutlich ausgelöst von romantischen Gefühlen oder einem charmanten Witz des Mannes, erlischt, kaum dass sie mich passieren. Ihre Stimmen werden kälter. Ein ihnen vermutlich unbekannter, düsterer Ton webt sich in das Muster ihrer Unterhaltung.
    Es ist nicht ihre Schuld. Meine Gegenwart sorgt dafür, dass die dunkle Seite eines Menschen nach außen gekehrt wird.
    „Wir müssen los“, sagt Jane. Ich nicke knapp, erhebe mich und greife nach ihrer Hand. Gemeinsam laufen wir den von Palmen gesäumten Erdweg entlang und verlassen die Parkanlage. Unser Ziel ist eine große Villa nur ein paar Querstraßen von hier entfernt. Das Grundstück wird von einer großen Hecke umschlossen, in der ein massiver Stahlzaun versteckt ist. Das Tor wird von zwei Kameras und der besten Alarmanlage gesichert, die es momentan gibt. Eindringlinge und Diebe haben normalerweise keine Chance, und trotzdem wurde ich beauftragt, der Villa heute Nacht einen Besuch abzustatten.
    Irgendetwas ist faul an der Sache, nur weiß ich nicht, was es ist. Wenn ich ehrlich bin, stört es mich nicht weiter. Was soll mir schon passieren? Solange es Nacht ist, gibt es niemanden, der es mit mir aufnehmen kann. Ich bin keine Vampirin, falls du das jetzt denkst. Ich bin schlimmer.
    Viel schlimmer.


    Zuerst waren die fremden Männer friedlich. Ich verstand ihre Sprache nicht. Unser Schamane war der einzige, der sich halbwegs mit ihnen verständigen konnte. Sie wollten Fleisch, und wir erlaubten ihnen, ein paar Bisons zu jagen. Danach gingen sie wieder, und ich hoffte, sie würden nicht wiederkehren.
    Natürlich kehrten sie doch wieder und wollten noch mehr Fleisch und Häute. Außerdem brachten sie Waffen mit. Unser Schamane sagte ihnen, dass sie das Gleichgewicht der Natur nicht stören dürfen.
    Sie hörten nicht auf ihn. Kurz darauf kamen die Stürme.


    Das Tor sieht in der Nacht noch massiver aus als tagsüber. Es ist bestimmt vier Meter hoch, wenn nicht sogar noch mehr. Ich drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Hinter mir rauscht ein Auto vorbei.
    „Kohana“, sage ich nur. Wer auch immer da drin sitzt, erkennt das abgemachte Codewort und öffnet das Tor. Ich betrete das Grundstück und ignoriere das mechanische Summen, mit dem sich das Tor wieder schließt. Mein Blick scannt die protzige Fassade der Villa. Es ist ein moderner Bau, zusammengebaut aus weißen rechteckigen Kästen, welche jeweils von einem Band aus großen Glasscheiben durchschnitten werden.
    „Das ist unheimlich.“ Janes Stimme durchbricht die Stille. Sie spürt Unheil immer lange bevor es passiert; Ich hoffe, dass sie sich diesmal irrt.
    „Ich bin bei dir.“ Wir laufen einen langen Kiesweg entlang, der leicht bergauf führt.
    „Was siehst du?“, will sie dann wissen. Sie weiß, dass ich im Dunkeln so gut sehe wie eine Katze.
    „Nur glatte Wiesen und diesen Kiesweg.“
    „Keine Fußballtore?“
    „Nein.“
    „Blöd. Dann gibt es hier keine Kinder“, schmollt Jane. Ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen und drücke kurz ihre kleine Hand.
    „Das macht nichts. Du hast doch mich.“ Wir erreichen einen seltsamen Steg aus ebenfalls weißem Beton, der zur Tür an der Seite der Villa führt. Die Fassade besteht mehr aus Glas als aus Stein. Im Gegensatz zu dem großen Tor unten ist die Eingangstür recht unscheinbar. Eine zum Rest des Designs passende, rechteckige Lampe erleuchtet den Eingangsbereich.
    „Sie ist nur angelehnt!“ Jane ist überrascht, ich hingegen nicht. Der Eigentümer wusste, dass ich komme.
    „Halt dich bereit.“ Ich weiß noch, wie hier 1914 für ein neues Wohngebiet geworben wurde. Damals hatte ich keine Ahnung, dass dies mal die bevorzugte Gegend für Filmstars, Regisseure und andere Superreiche werden würde.
    Im Inneren erwartet uns recht wenig Schmuck, hier und da sehe ich eins von diesen neuartigen Gemälden, die ich vor 100 Jahren das erste Mal gesehen habe. Genau wie außen dominiert hier die Farbe Weiß. Das Wohnzimmer wird von vier großen Säulen getragen. Flache Sofas und Sessel stehen parallel zur Wand im Raum. Die Fenster reichen von der Decke bis zum Boden. Weiter hinten sehe ich eine Treppe.
    „Was sollen wir hier?“ Jane sieht sich mit offenem Mund um.
    „Ich weiß nicht. Vielleicht-“, sage ich, werde dann aber unterbrochen. Ein Mann in einem langen schwarzen Ledermantel und dazu passenden Stiefeln kommt die Treppe herab.
    „Wenn das mal nicht Pocahontas ist“, begrüßt er mich, während sein Auge zuerst meine tiefschwarzen Haare und dann den Lederrock begutachtet. Er hat dunkle Haut, und als er unten ankommt und sich mir zudreht, dass er eine Augenklappe trägt. In seinem Arm hält er ein halbautomatisches Maschinengewehr. Ich spüre, wie mein Herzschlag sich beschleunigt.


    Um die Stürme zu besänftigen, sah unser Schamane nur einen Ausweg. In einer Nacht, so finster und stürmisch wie keine vor ihr, vollzog er ein gefährliches Ritual. Die Tochter des Häuptlings meldete sich freiwillig, um das Gefäß der Geister zu werden. Sie starb, wurde neugeboren und erhielt unendliche Macht. Diese Nacht ist nun mehr als 500 Jahre her.


    Ein heißer Blitz fährt durch meinen Körper und macht ihn leicht wie eine Feder. Mit nur einem Gedanken habe ich mich in einen lebenden Schatten verwandelt und spüre, wie die erste Salve durch mich hindurch rast. Die Kugeln stanzen eine geschwungene Linie in die Wand hinter mir.
    Die Finsternis in meinem Herzen nimmt zu, der schwarze Nebel verdichtet sich und hüllt mich ein. Der Mann wirft die Waffe von sich, stürzt auf mich zu und setzt zu einer Reihe schneller Kicks an. Ich weiche einigen aus, blocke dann sein Bein ab und sehe ihm ins Gesicht. Für einen Moment sehe ich mich selbst durch sein Auge, ein zierliches Indianermädchen gegen diesen Riesen. Damals war man noch nicht so groß gewachsen. Ich überlege, ob ich ihm das Bein brechen oder gleich ausreißen soll, da hebt er auf einmal die Hände.
    „Ich gebe auf“, ruft er laut. Erleichtert lasse ich ihn los, woraufhin er ein „Scheiße, ich bin zu alt für so was“ hören lässt. Ich hasse das Töten. Seltsam, oder? Je länger ich in der Finsternis lebte, umso mehr liebte ich das Leben.
    „Wer sind Sie?“, frage ich ruhig, nachdem ich mich auf einem der Sessel niedergelassen habe. Er scheint erstaunlich gefasst zu sein, und das, nachdem ich ihm sogar einen Teil meiner Fähigkeiten gezeigt habe. Er ist nicht normal, das steht fest. Der Mann atmet keuchend und wischt sich über die Stirn. Das Licht springt wieder an.
    „Nick Fury. Ich bin der Direktor von S.H.I.E.L.D“, antwortet er, und setzt sich ebenfalls. Ich horche auf. Diese Organisation war letztens ganz groß im Fernsehen. Angeblich hat sie ein Team aus Superhelden versammelt, welches die Erde beschützen soll.
    Ich spüre, wie ich aufgeregt werde. Vielleicht gibt es dort jemanden wie mich.
    „Wie haben Sie mich gefunden?“ Auf meine Frage hin grinst er erschöpft.
    „War nicht leicht, Indianermädchen. Sagen wir, ich hatte eine Menge Hilfe und musste viel Zeit in staubigen Archiven verbringen. Per Zufall gelangte ich an eine Telefonnummer, aber das spielt jetzt keine Rolle. Was bist du?“ Er sieht mir eindringlich ins Gesicht. Ich lehne mich zurück.
    „Gute Frage. Die einfachste Antwort ist: Ich bin die Finsternis.“ Nun lacht er laut.
    „Das musst du mir erklären. Ich kenne Halbgötter, Supersoldaten, und einen Verrückten im Anzug, aber keine Finsternis.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. Der schwarze Nebel wallt einmal zornig auf.
    „Ich meine es so, wie ich es sage. Sobald es dunkel ist, werde ich stärker. Wird es hell, werde ich schwächer. Das da vorhin war nur ein Vorgeschmack. Sie hatten Glück, dass es noch nicht Mitternacht ist.“ Er schluckt sichtbar.



    Man nehme eine ausgedehnte Filmnacht in der erlesenen Gesellschaft von Disney und Marvel, gebe eine gute Prise von der Spotify-Playlist "Native American Flute" hinzu, und schon kommt so etwas dabei heraus. "Warte. Was wäre, wenn sie Indianerin ist?" Hier war Kohana als eine Art Söldnerin gedacht, die auf Anruf Leute umbringt, auch wenn sie es verabscheut. Einen großen Widerspruch wollte ich in ihrem Charakter lassen.
    Jedenfalls ist diese Version dicht an das Avengers-Universum angelehnt und man sieht hier Nick Fury, der Kohanas Fähigkeiten testen und sie sogar rekrutieren will. Ist alles recht unausgegoren, allerdings ist das hier auch die einzige Version, in der Kohana kämpft - und in der Dunkelheit ist sie beinahe unbesiegbar.
    Der Grund, wieso ich von dieser Idee abgekommen bin, ist, dass Kohana eine Einzelspielerin ist. Sie würde nicht ins Team passen, und mir gefiel das plötzliche Auftauchen von Fury nicht, da man vorher so gar nicht in Avengers-Laune kommt.


    [subtab='Version 3']


    „Sie kommt“, sagt Jane mit ruhiger Stimme. Ich wende den Kopf und sehe, wie eine junge Frau unser H erklettert. Es ist kurz vor Mitternacht. Meine dunkle Stunde bricht gleich an, die Zeit, in der meine Kraft am größten ist. Es ist leicht, in den Kopf der Frau einzudringen und ihre Gedanken zu lesen. Ich sehe große Trauer und Verzweiflung. Im selben Moment weiß ich, was sie vorhat.
    Ich rücke ein Stück weiter nach links, um möglichst weit von ihr weg zu sein. Der schwarze Nebel, der mich umgibt, kehrt die Finsternis im Herzen eines Menschen nach außen, und im Moment möchte ich das bei der Frau gern vermeiden. Ich schließe die Augen und forsche weiter in ihrem Kopf. Ihr Name ist Olive, sie will Schauspielerin werden – und dies ist das vierte Mal, dass sie hier hinaufklettert. Die Finsternis hat von ihrem Herz Besitz ergriffen. Diesmal macht sie Ernst.
    In völliger Stille sehe ich zu, wie sie sich am linken Längsbalken festhält, während sie nach unten schaut. Der Sturz würde nicht lange dauern. 40 Meter sind nicht viel. Wahrscheinlich würde man ihre Leiche in ein paar Tagen unten in einem der Kakteen finden. Ich höre, wie sie schluchzt.
    „Wie sieht sie aus?“, will Jane wissen. Sie weiß, dass ich im Dunkeln besser sehen kann als eine Katze.
    „Hübsch wie immer. Sie trägt ein weißes Kleid und weint“, hauche ich zurück.
    „Wirst du sie retten?“ Ich lege den Kopf schief, während ich nachdenke.
    „Ja“, antworte ich dann schlicht. Ich weiß, wie weh so ein Sturz tut, und wie es sich anfühlt, wenn jeder Knochen im Leib zerbricht. Im Gegensatz zu mir ist Olive allerdings nicht unsterblich, weswegen ich ihr die Qual ersparen muss.
    „Hey, du“, sage ich dann laut. Olive erschrickt, sie hat mich vorher nicht gesehen. Ich erhebe mich und verschränke die Arme vor der Brust.
    „W-was?“, fragt sie völlig verwirrt. Sie hatte erwartet, sich in ihrem Selbstmitleid zu ertränken und dann zu springen, wenn die Verzweiflung am größten ist, meine Anwesenheit hat sie aus dem Konzept gebracht. Ich muss sie noch ein paar Minuten hinhalten, vorher kann ich mein Ass nicht ausspielen.
    „Was glaubst du, was du da tust?“ Ich gebe meiner Stimme einen ruhigen Klang, so als würde ich zu einem verängstigten Kaninchen sprechen.
    „Das geht dich n-nichts an. Lass mich in Ruhe.“
    „Du bist viel mehr wert als du glaubst. Tu das nicht.“
    „Ich bin gar nichts mehr wert“, sagt sie mit einem traurigen Lächeln, bevor sie springt. Ich zucke zusammen.
    00:00.
    Mein erster Gedanke löst ein heißes Ziehen in meinem Körper aus und verwandelt ihn in einen Schatten. Ich fühle mich so leicht wie Luft, springe ab und rase dem Mädchen hinterher. In einem Atemzug habe ich sie eingeholt. Sie schreit laut, hört aber schlagartig auf, als ich sie berühre und ebenfalls in einen Schatten verwandele. Das ist mein Ass, meine Trumpfkarte. Die Kraft der Geister bindet Olive an mich. Unser Fall verwandelt sich in einen Steigflug, wir lassen den Boden unter uns. Wir schweben zwischen zwei Ozeanen, gemalt aus Licht und Finsternis. Ich dringe in Olives Verstand ein und sehe, wie sie alles in sich aufsaugt; Die Schönheit der Sterne und des Monds über uns, die funkelnde Stadt unter uns, den schimmernden Horizont, den Wind, der uns umtost. Ich sehe ihr Herz und weiß, dass ich sie gerettet habe.


    Um die Stürme zu besänftigen, sah unser Schamane nur einen Ausweg. In einer Nacht, so finster wie keine vor ihr, vollzog er ein antikes Ritual. Die Tochter des Häuptlings meldete sich freiwillig, um das Gefäß der Geister zu werden. Sie starb und wurde neu geboren. Von nun an verlieh ihr der Manitu in jeder Nacht unendliche Kraft. Doch diese Macht hatte ihren Preis: Sie konnte nicht mehr sterben, sie würde nie in den ewigen Jagdgründen ihre Ruhe finden.
    In den nachfolgenden Jahrhunderten musste das Mädchen zusehen, wie die fremden Männer sich überall ausbreiteten. Die Bisons verschwanden, die Wälder wurden gerodet. Ihr Stamm, die stolzen Mattaponi, verschwand gemeinsam mit ihrer Kultur und ihrer Sprache. Sie kämpfte und kämpfte, tötete unzählige Männer und Frauen, und doch verlor sie den Kampf.
    Irgendwann war ich allein.


    Ich weiß nicht, wie lange wir durch den Nachthimmel fliegen, aber es kann nicht länger als eine Stunde dauern. Irgendwann halte ich in der Luft an und lasse uns wie eine Feder zu Boden sinken. Wir landen genau dort, wo wir losgeflogen sind. Ich trenne uns voneinander, konzentriere mich und gebe uns unsere Körper wieder. Olive bricht in die Knie und atmet schwer, während ich ein paar Schritte zurücktrete, damit der Nebel sie nicht berührt.
    „Das Vorsprechen gestern war ein Desaster, ja, aber es war nur eins von vielen. Dein Freund hat dich betrogen, vergiss das Arschloch. Du suchst seit Monaten nach einem Job, und du wirst einen finden. Das verspreche ich dir.“ Auf meine Worte hin starrt sie mich nur fassungslos an, und für einen Augenblick sehe ich mich selbst durch ihre Augen, ein zierliches Indianermädchen in Lederrock und Mokassins, das schwach vom Licht der Stadt beleuchtet wird.
    „Bitte“, haucht sie leise, „Mach mich zu deinem Licht. Ich habe gesehen, was du bist. Ich brauche dich!“ Ihr Ton klingt flehend, und ich fühle einen kalten Blitz in meinem Hinterkopf. Ich kann immer nur einen Menschen zu meinem Licht erwählen, und dieser Mensch ist der einzige auf der Welt, der gegen den schwarzen Nebel immun ist. Die Realität holt mich auf brutalste Weise wieder ein.
    „Lass mich endlich los, Kohana“, sagt Jane plötzlich. Ich drehe kurz den Kopf. Meine kleine Freundin sieht stur geradeaus. „Du kannst nicht näher an sie heran, wenn du sie nicht erwählst.“
    „Ich darf nicht“, erwidere ich. Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Jane sieht mich traurig an.
    „Du musst.“ Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Es gibt einen Grund dafür, wieso niemand außer mir Jane sehen kann und wieso sie überall da ist, wo ich bin.
    „Tu es. Du brauchst jemanden, der lebt“, flüstert Jane eindringlich.
    Ich kann es nicht wirklich erklären, aber je länger ich in den Schatten gelebt habe, umso mehr fühlte ich mich zu allem, was lebte, hingezogen. Ich verbreite Finsternis und sehne mich zugleich nach Licht in meinem Herzen. Jane war so ein Licht, bis sie vor zehn Jahren gestorben ist. Ich war unachtsam, nur für eine Sekunde, und es war Tag. Ich konnte sie nicht retten, weigerte mich aber, mir das einzugestehen.
    Doch jetzt braucht Olive mich.
    „Wie du willst“, sage ich leise. Ein strahlendes Lächeln überzieht Janes verblassendes Gesicht. Ich wende mich wieder Olive zu, die mich immer noch flehend ansieht.
    „Bitte“, wiederholt sie nur. Ich nicke und schreite zu ihr herüber, greife dann nach ihren Händen. Der Nebel wallt zornig auf, wogt über unsere Füße, hüllt uns beide ein. Ein schwarzer Blitz zuckt von unseren Händen direkt in Olives Herz.
    „Ich bleibe bis zum Tod bei dir“, sage ich dann mit sanfter Stimme.
    „Danke.“ Wir sehen uns stumm an, während der Nebel sich von ihr zurückzieht. Das ist die Bürde, die ich mir auferlegt habe. Ich helfe den Menschen, wo ich nur kann, und doch wissen es nur die wenigen, denen ich mich zeige.
    Ein letztes Mal höre ich Janes Stimme in meinem Kopf.
    „Lass das Licht nicht ausgehen.“
    Ich sehe in Olives Augen, spüre die Flamme in meiner Brust und höre die Trommeln.
    „Niemals.“


    Hier habe ich mich viel zu sehr auf das "Licht" konzentriert, oder auf die Auserwählte, wie es im finalen Text heißt. Maggie hieß hier noch Olive, was ich geändert habe, da ich dachte, dass einige Voter es vielleicht wie das deutsche Wort lesen und nicht wissen, wieso das Mädchen denn so heißt. Der Stamm von Kohana war hier noch Mattaponi, das war bevor ich zu den Chowanok recherchiert habe. Jedenfalls kommen hier einige der Kernaspekte zum Vorschein, welche das Licht beinhaltet - der Moment der Auswahl ist etwas, was über einen bloßen Pakt herausgeht. Kohana und ihr Licht erhalten beide für einen Moment Zugriff auf alle Erinnerungen und Gefühle der jeweils anderen und sind quasi von nun an verbunden. Ohne Wörtergrenze hätte ich erklären können, dass es ein enger, spiritueller Bund ist, den die beiden eingehen und der sogar den Pakt der Blutsbruderschaft übertrifft.


    [tab='Die letzte Chowanok']


    Wenn ich die Augen schließe, ist wieder alles wie früher. Ich sehe meinen Vater, wie er neben mir im hohen Gras liegt. Er hält einen Speer in der Hand. Ahiga, 'Er, der kämpft', wurde er genannt. Ich höre die Bisonhufe über die Ebenen stampfen, ich höre die Trommeln meines Stamms, welche durch Wald und Wiese schallen. Ich rieche das Gras unter mir, spüre, wie die Halme meine Waden kitzeln. Ich sehe den Pfeilschaft, der die Sehne meines Bogens verlässt und in hohem Bogen durch die Luft fliegt. Damals hieß ich noch Lenmana, 'Das Mädchen, das Flöte spielt'.
    Wir lebten im Einklang mit der Natur. Wir nahmen nur, was wir brauchten, und niemals mehr als das. Es war eine Zeit des Friedens.
    Doch dann änderte sich alles.


    „Kohana“, flüstert die Stimme eines kleinen Mädchens neben mir.
    „Ich bin wach“, antworte ich ebenso leise, und öffne meine Augen. Die Bisons und die Trommeln verblassen. Stattdessen sitze ich wieder auf dem H-Querbalken des Hollywood-Schriftzugs in Los Angeles.
    „Du sahst aus, als hättest du geschlafen.“ Ich wende den Blick und sehe Jane neben mir sitzen. Sie blickt mich aus ihren großen, blauen Augen an und wirkt aufgeregt. Ich kann es ihr nicht verdenken. In der Nacht ist alles anders, und gerade für Kinder sind Nächte im Freien wie ein Abenteuer, gefährlich und doch verführerisch. Viele Menschen haben Angst vor der Finsternis.
    Wie recht sie haben.
    „Ich habe nur nachgedacht“, erwidere ich und streiche ihr sanft über den Kopf. Jane ist acht Jahre alt und folgt mir überall hin.
    „Über was?“, fragt sie, neugierig wie immer.
    „Über Bisons.“
    „Du bist seltsam“, befindet sie. Mir verschlägt es für einige Momente die Sprache. Kindermund tut Wahrheit kund, nehme ich an.
    „Ja, das bin ich wohl“, sage ich nachdenklich. Der Mond hängt wie eine Scheibe aus Milch über Beverly Hills. Bei Nacht sieht die Stadt atemberaubend aus. Rechts schimmert das dunkle Wasser des Hollywood Reservoirs im Mondschein, links funkelt das Lichtermeer von Los Angeles. Ein paar Glühwürmchen schwirren an mir vorbei. Ich lebe gern hier, denn auch bei Nacht ist Beverly Hills mit seinen Grünflächen und Palmen einzigartig auf der Welt.
    „Wunderschön.“ Jane spricht mir aus der Seele. Eine Weile lang sitzen wir einfach bloß nebeneinander und bestaunen das Bild, das sich uns bietet.


    Zuerst waren die Männer friedlich. Ich verstand ihre Sprache nicht, sie klang rau und fremd. Unser Schamane war der einzige, der sich halbwegs mit ihnen verständigen konnte. Sie wollten Fleisch, und wir erlaubten ihnen, ein paar Bisons zu jagen. Danach gingen sie wieder. Ich hoffte, sie würden nicht wiederkehren. Unser Land war zwar reich an Wald und Wild, es gab mehr als genug von allem, aber ich hatte ein ungutes Gefühl bei diesen merkwürdig aussehenden Männern.
    Natürlich kehrten sie doch wieder und wollten noch mehr Fleisch und sogar Häute. Außerdem brachten sie seltsame Waffen mit. Mein Vater sagte ihnen, dass sie das Gleichgewicht der Natur nicht stören sollen. Er sagte, dass sie die Geister verärgern würden und dass sie nicht zu viel jagen dürften.
    Sie hörten nicht auf ihn. Kurz darauf kamen die Stürme.


    „Sie kommt“, sagt Jane. Ich wende den Kopf und sehe, wie eine junge Frau in einem weißen Kleid unser H erklettert. Es ist kurz vor Mitternacht. Meine dunkle Stunde bricht gleich an, die Zeit, in der meine Kraft am größten ist. Es ist leicht, in den Kopf der Frau einzudringen und ihre Gedanken zu lesen. Ich sehe große Trauer, Enttäuschung, Verzweiflung.
    Hastig rücke ich ein Stück von ihr weg. Der schwarze Nebel, der mich stets umgibt, kehrt die Finsternis im Herzen eines Menschen nach außen, und im Moment möchte ich das bei der Frau gern vermeiden. Ich schließe die Augen und forsche weiter in ihrem Kopf. Ihr Name ist Maggie, sie will Schauspielerin werden – und dies ist das vierte Mal, dass sie hier hinaufklettert. Ihr Herz weint. Diesmal macht sie Ernst.
    In völliger Stille sehe ich zu, wie sie sich am linken Längsbalken festhält, während sie nach unten schaut. Der Sturz würde nicht lange dauern. 40 Meter sind nicht viel. Ich höre, wie sie leise schluchzt.
    „Wirst du sie retten?“, will Jane wissen.
    „Ja“, antworte ich schlicht. Ich weiß, wie weh so ein Sturz tut, und wie es sich anfühlt, wenn jeder Knochen im Leib zerbricht. Es ist meine Aufgabe, ihr das zu ersparen.
    „Maggie White“, sage ich dann laut. Maggie erschrickt, sie hat mich vorher nicht gesehen. Ich erhebe mich und verschränke die Arme vor der Brust.
    „W-was?“, fragt sie völlig verwirrt. Sie hatte erwartet, sich in ihrem Selbstmitleid zu ertränken und dann zu springen, wenn die Verzweiflung am größten ist. Meine Anwesenheit hat sie aus dem Konzept gebracht. Ich muss sie noch ein bisschen hinhalten, vorher kann ich mein Ass nicht ausspielen. Ihr rotes Haar ist völlig durcheinander.
    „Tu das nicht.“ Ich gebe meiner Stimme einen ruhigen Klang, so als würde ich zu einem verängstigten Kaninchen sprechen. Für einen Augenblick sehe ich mich selbst durch ihre Augen, ein zierliches Indianermädchen in Lederrock und Mokassins, das schwach vom Licht der Stadt beleuchtet wird.
    „Das geht dich n-nichts an! Lass mich in Ruhe.“
    „Du bist viel mehr wert als du glaubst. Bleib bei mir.“
    „Ich bin gar nichts mehr wert“, sagt sie mit einem traurigen Lächeln, bevor sie springt. Ich zucke zusammen.
    00:00.
    Mein nächster Gedanke löst ein heißes Ziehen in meinem Körper aus und verwandelt ihn in einen Schatten. Ich fühle mich so leicht wie Luft, springe ab und rase dem Mädchen hinterher. In einem Atemzug habe ich sie eingeholt. Sie schreit laut, hört aber schlagartig auf, als ich sie berühre und ebenfalls in einen Schatten verwandele. Die Kraft der Geister bindet Maggie an mich, unser Fall wird zu einem Steigflug, wir lassen den Boden unter uns zurück. Gemeinsam schweben wir zwischen zwei Ozeanen, gemalt aus Licht und Finsternis. Ich dringe in Maggies Verstand ein und sehe, wie sie alles in sich aufsaugt; Die Schönheit der Sterne und des Monds über uns, die funkelnde Stadt unter uns, den rauschenden Wind. Ich sehe ihr Herz und weiß, dass sie heute nicht springen wird.


    Um die Stürme zu besänftigen, sah unser Schamane nur einen Ausweg. In einer Nacht, so finster wie keine vor ihr, vollzog er ein antikes Ritual. Als Tochter des Häuptlings meldete ich mich freiwillig, um zum Gefäß der Geister zu werden. Ich starb und wurde neu geboren. Von nun an verliehen mir die Geister in jeder Nacht unendliche Kraft. Doch diese Macht hatte ihren Preis: Ich würde nie in den ewigen Jagdgründen meine Ruhe finden.
    In den nachfolgenden Jahrhunderten musste ich zusehen, wie die fremden Männer sich überall ausbreiteten. Die Bisons verschwanden, die Wälder wurden gerodet. Mein Stamm, die stolzen Chowanok, verschwand gemeinsam mit unserer Kultur und unserer Sprache. Ich kämpfte für eine Ewigkeit, und doch verlor ich den Kampf.
    Irgendwann war ich allein.


    Ich halte in der Luft an, lasse uns dann wie eine Feder zu Boden sinken. Wir landen genau dort, wo wir losgeflogen sind. Ein gedachter Befehl gibt uns unsere Körper wieder. Maggie bricht in die Knie und verliert wie schon so viele vor ihr das Bewusstsein. Ich trete zurück, damit der Nebel sie nicht berührt.
    „Wirst du sie erwählen?“, will Jane wissen. Ich setze mich mit überkreuzten Beinen auf den Erdboden. Jane sitzt mir gegenüber. Ein leichter Wind kommt auf und fährt in die Wipfel der Palmen.
    „Ich weiß nicht.“ Ich kann einen Menschen erwählen, der gegen den schwarzen Nebel immun ist. Es ist keine Wahl, die ich leichtfertig treffe, denn sie bindet zwei Schicksale untrennbar aneinander. Ich nenne es das 'Versprechen bis in den Tod'. Man könnte es mit der Blutsbruderschaft vergleichen, nur noch enger. Menschen, mit denen ich diesen Pakt eingehe, müssen sich nie wieder vor der Dunkelheit fürchten, denn sie steht auf ihrer Seite.
    „Maggie braucht Hilfe“, sagt das kleine Mädchen traurig. Im Schlaf sieht Maggie friedlich aus, und sobald sie erwacht, muss ich dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Ich werde sie mit all meiner Kraft beschützen.
    „Ich weiß.“ Ich stütze die Ellbogen auf meine Knie und seufze schwer.
    „Du wusstest, dass dieser Moment irgendwann kommt.“
    „Es tut mir so leid, Jane. Ich konnte dich nicht retten.“ Das ist der Grund dafür, wieso niemand außer mir Jane sehen kann. Sie ist seit mehr als zehn Jahren tot.
    „Hilf den Lebenden.“ Ihre Worte sind kaum mehr als ein Hauch. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. In ein paar Tagen wäre sie volljährig geworden.
    „Du wirst immer in meinem Herzen sein“, flüstere ich mit erstickter Stimme.
    „Und du in meinem. Bleib stark, Kohana.“


    Ich ertrank, verhungerte, verdurstete, doch nichts konnte mich erlösen. Ironischerweise fühlte ich, wie jedes Jahrhundert, das ich in der Finsternis verbrachte, meine Liebe zum Leben nährte. Meine Existenz wurde von einem Widerspruch geprägt: Nach so vielen Kämpfen, nach so viel Tod und Leid, welches ich erlebte, verspürte ich den Wunsch, das Licht zu bringen. Die Kraft des Manitu sollte nun Leben retten, anstatt sie zu nehmen.


    Ich wende mich Jane zu, deren Gestalt schon verblasst, und streichele ihr über ihre blonden Haare. Sie schenkt mir ein letztes Lächeln.
    Mit feuchten Augen hole ich die kleine, aus Knochen geschnitzte Flöte aus meiner Rocktasche. Janes Abschied besteht aus ruhigen Flötentönen, welche durch die nächtliche Luft schweben und sich irgendwo in der Ferne verlieren. Sie erzählen von Sehnsucht, von längst vergangenen Jagden, und von Liebe.
    Màdjàshin, Jane.“


    [/tabmenu]


    Hier folgt noch die Aktualisierung von Lenmanas Geschichte. Ihr Deckname ist nun anders, und außerdem sind einige Details verändert, darunter das mit der "Fackel", an dem sich einige gestoßen hatten.



  • No! I will never, ever turn my back on people who need me.


    Ahoy,
    Diesmal gibt es keine Wettbewerbsabgabe, sondern einen Text, der beinahe eine Wettbewerbsabgabe geworden wäre. Die Rede ist vom Wettbewerb "Sei dein Lieblingscharakter", bei dem ich aus der Sicht von Korra aus "Legend of Korra" geschrieben habe. Ich hatte noch einen anderen Text geplant, und zwar aus der ersten Avatar-Staffel. Es gibt dementsprechend weder Kommentare noch sonst irgendwas dazu. Viel Spaß!


    Nummer 11: Die Rückkehr der bemalten Lady


    Kühle Luft streicht über mein Gesicht und über das Gras um mich herum. Die Halme flüstern ein beinahe unhörbares Lied. Ich lausche für einen Moment, bevor ich mich wieder der kleinen, weißen Schale widme, die vor mir steht.
    „Du solltest dich beeilen, Katara“, sagt Aang neben mir. Ich nicke mechanisch und gehe in die Knie, während er meinen Spiegel festhält. Es dauert eine gute Viertelstunde, bis ich mein gesamtes Gesicht weiß geschminkt habe. In der schnell voranschreitenden Dämmerung ist das ein Kunststück, welches nicht gerade leicht zu bewerkstelligen ist.
    „Bist du endlich fertig?“
    „Ich dachte, Luftbändiger wären Meister der Geduld“, versetze ich lächelnd, während ich mich der anderen Schale zuwende.
    „Sind wir auch“, bestätigt er, „Aber das Dorf dort unten ist in Gefahr. Du musst dich schneller schminken.“ Ich gehe nicht weiter auf sein Gedrängel ein, sondern vervollständige meine Bemalung.
    „Katara“, warnt Aang. Ich richte mich auf, nachdem mit den letzten Details fertig bin. Dann sehe ich in die Richtung, in die Aang zeigt.
    Wir kauern nebeneinander in einem Gebüsch, von dem aus man auf das Dorf herabsehen kann, welches dort unten in der Abenddämmerung am Fluss liegt. Es ist geradezu winzig, sicher leben nicht mehr als hundert Seelen hier. Die Häuser sind aus Holz und Bambus gebaut und halten vermutlich nicht einmal einem schweren Sturm stand.
    Nach den langen Wochen in Ba-Sing-Se bin ich vermutlich einfach an Steinbauten gewöhnt, sodass mir dieses Dorf fragiler vorkommt, als es in Wahrheit ist. Aber der dunkle Rauch, der von einigen Hütten aufsteigt, gefällt mir ganz und gar nicht.
    Ich setze den Basthut auf und komplettiere meine Verkleidung damit.
    „Ich bin ja schon fertig. Weißt du, wenn ich mich nicht schminken würde, könnte mir der Eine oder Andere die bemalte Lady nicht abkaufen.“
    „Schon klar. Aber wir haben nicht viel Zeit“, drängelt Aang erneut.
    „Doch, haben wir. Die Sonne ist noch nicht ganz untergegangen. Wir wollen erst loslegen, wenn es ganz dunkel ist. Denk an den Plan!“, ermahne ich Aang. Als ich ihn damals kennen lernte, war er nicht mehr als ein verspieltes Kind, das sich mit seiner Rolle als Avatar nicht recht anfreunden konnte. Doch im Laufe unserer Reisen entwickelte er sich weiter, wurde zum stärksten Bändiger, den ich kenne – und zu meinem Freund. Es gibt niemanden auf der Welt, auf den ich mich mehr verlassen würde.
    „Mir ist gerade eingefallen, dass ich auch einfach selbst da unten reingehen könnte. Du weißt schon: Frieden stiften, Menschen helfen, für das Gleichgewicht sorgen, das ist immerhin mein Job.“
    „Oh ja, du große Brücke zwischen Menschen und Geistern, erleuchte sie mit deiner Weisheit“, spöttele ich.
    „Warum denn nicht? Das hat damals in der großen Schlucht auch geklappt.“
    „Weil die Banditen, die das Dorf jeden Monat überfallen, dann wissen, dass sie nur deine Abwesenheit abwarten müssen, um den nächsten Überfall zu wagen. Nein, die bemalte Lady ist das Symbol dieser Region. Wenn denen klar wird, dass ein Flussgeist das Dorf beschützt, werden sie sich hüten, erneut anzugreifen. Ich habe geschworen, dir immer zur Seite zu stehen, heute aber mache ich die Arbeit.“ Mit einer beiläufigen Bewegung ziehe ich meine Schuhe aus und verstecke sie hinter ein paar Felsen. Das Gras unter meinen Sohlen fühlt sich nass an.
    „Wenn du es so sagst, macht das natürlich Sinn. Alle Welt denkt, ich wäre gerade im Erdkönigreich.“
    „Und das ist auch gut so. Hast du den Plan noch im Kopf?“, frage ich, während ich losrenne. Aang folgt mir mit geringem Abstand.
    „Sicher. Zuerst sehe ich nach, wie viele es sind, dann machst du sie fertig, und dann ab nach Hause“, spult er ab, springt dann flink über einen großen Felsen, der im Weg liegt.
    „Sehr gut. Los geht’s!“


    Als wir das Dorf erreichen, brennen zwei weitere Hütten. Aang und ich verstecken uns hinter einer der hintersten Bambushütten. Zuerst müssen wir wissen, mit wie vielen Gegnern wir es zu tun haben. Ich nicke ihm knapp zu, woraufhin er ohne sichtbare Mühe auf die Hütte springt und dabei einen Windstoß erzeugt, der mir beinahe den Hut vom Kopf weht. Für einige Momente ist es still, nur ein paar Zikaden zirpen rechts von mir im Gras.
    „Es sind knapp drei Dutzend Banditen. Sie haben sich aufgeteilt. Eine Gruppe durchsucht die Häuser am Fluss, die andere sitzt in einer Gasse weiter vor mir und verschanzt sich“, gibt Aang dann durch. Ich atme tief durch und befestige den kurzen Schleier an meinem Hut.
    „Halt dich bereit.“


    ~


    Giang Fei traut seinen Augen nicht. Er und seine Leute rauben dieses Dorf schon seit einigen Monaten regelmäßig aus, und noch nie war ihre Beute so gewaltig gewesen. Eine zwei Fuß lange Kiste befand sich in einem der Häuser, und nun steht sie geöffnet vor ihm, bis zum Rand gefüllt mit Silberstücken.
    „Boss“, sagt einer seiner Männer beinahe ehrfürchtig.
    „Ich weiß, Männer. Wir sind reich“, sagt Giang Fei, und lacht laut auf. Er steht in einer Seitengasse zwischen zwei Hütten, aus der nächsten Straße dringt Kampfeslärm an seine Ohren. Die Dörfler versuchen jedes Mal, sich zu wehren, und immer erfolglos. Erbärmliche Fischer. Sie kämpfen nur mit Spießen und kleinen Sicheln, er hingegen kann eine Armee aus Bergbanditen ins Feld führen.
    „Durchsucht die letzten Häuser, dann hauen wir ab“, befiehlt er mit lauter Stimme. Seine Männer johlen und laufen dann los, um weiter zu plündern. Giang Fei packt die Kiste und verlässt die Gasse, um nach dem Rest seiner Leute zu sehen. Als er die Hauptstraße betritt, fällt ihm zuerst der dichte Nebel auf, der vom Fluss her ins Dorf wogt.
    „Was geht hier vor“, verlangt er zu wissen. Ein älterer Mann, der sich vor Angst an einer Hauswand zusammen gekauert hat, lächelt wissend, was Giang Fei sofort auf die Palme bringt. Er läuft zu dem Mann herüber und packt das verdreckte, nach Fisch stinkende Hemd des Alten.
    „Lachst du mich aus, Wurm?“
    „Nein. Ihr solltet verschwinden, Herr Bandit. Vor langer Zeit lebte eine Frau, deren Naturverbundenheit ohnegleichen war. Nach ihrem Tod wurde sie zu einer Beschützerin ihres Flusses. Und jetzt kommt sie, um Euch zu holen.“
    „Schwachsinn!“, schnaubt Giang Fei, stößt den Alten von sich, und dreht sich um.
    Was er dann sieht, jagt ihm kalte Schauer über den Rücken. Fünf seiner Männer liegen besiegt mitten auf der Erde, über ihnen steht eine schlanke Gestalt mit braunen Haaren, die ihr bis zur Hüfte reichen. Ihr Gesicht ist ebenso weiß wie der kurze Schleier, der von ihrem Hut herabhängt.
    Ein roter Streifen verläuft von der Unterlippe der jungen Frau herab zum Kinn, vier weitere verlaufen in sanft geschwungenen Bahnen unter ihren Augen.
    „Verlasst dieses Dorf. Kommt nie wieder.“ Ihre Stimme klingt ruhig, beinahe heiter, so als wäre sie es gewohnt, dass man ihren Befehlen sofort gehorcht. Giang Feis Wut hatte seine Vernunft in der Vergangenheit schon oft besiegt und ihn Dinge tun lassen, die andere Menschen bereuen würden. Mit Gewalt kann man alles lösen, das ist seine Devise. Und trotz der Angst, die irgendwo in seinem Magen sitzt, hört er sich sagen: „Zwing mich doch dazu, du Miststück. Männer, zum Angriff!“
    Mit lautem Gebrüll stürzt sich ein Dutzend seiner besten Krieger auf die junge Frau. Giang Fei nimmt die Kiste in den rechten Arm und zückt mit links sein Schwert.
    „Es hat keinen Sinn. Sie ist ein Geist“, sagt der alte Fischer hämisch.
    Giang Fei will zu einer Erwiderung ansetzen. Bevor er aber den Mund öffnet, beginnt der Kampf.
    Oder eher: Das Gemetzel. Die Banditen haben keine Chance, zwei von ihnen werden von lebendigem Wasser angegriffen, das sie einfach von der Straße wischt als wären sie Fliegen. Die nächsten drei schießen Pfeile auf die Frau ab, doch sie springt mühelos zehn Meter hoch in die Luft und weicht auf diese Weise aus. Der Gegenangriff erfolgt sofort. Heftige Sturmböen erwischen die Männer frontal und wirbeln sie durch die Gegend wie Blätter in einem Herbststurm. Die Frau landet sanft auf einem Hausdach, streckt die Hand aus und richtet sie auf die übrigen Krieger, die nun ebenfalls von Wasser und Wind angegriffen werden und am Boden festfrieren.
    Nun bekommt Giang Fei es doch mit der Angst zu tun. Keine normale Frau kann so viele Männer auf einmal besiegen. Der Fischer hat Recht! Es muss wirklich ein Geist sein, der gekommen ist, um Giang Fei zu bestrafen.
    Der Geist hebt die Arme über den Kopf. Der Nebel wird noch dichter, das Rauschen von Wasser erfüllt die Luft. Es ist, als würde sich der ganze Fluss gegen Giang Feis Armee wenden.
    „Rückzug! Wir hauen ab, Männer!“, schreit der Bandit, nun voller Angst, und stolpert beim Versuch, so schnell wie möglich von dem Geist wegzukommen. Eine der Schlangen aus Wasser hat sich um seinen Knöchel gewickelt. Der Mann kracht auf den Boden. Die Kiste wird ihm aus der Hand geprellt, er kümmert sich jedoch nicht mehr darum, will nur weg von dem unheimlichen Wesen hinter ihm.


    ~


    „Habt Dank, bemalte Lady. Tausend Dank!“ Ich senke die Arme und schaue dem alten Mann in die Augen, der eben noch von diesem behaarten Riesen bedrängt wurde.
    „Lebt lang und in Frieden“, sage ich nur, weil Geister meines Wissens nach nicht sehr gesprächig sind, und ich nicht aus der Rolle fallen will. Dann drehe ich mich um und mache mich auf den Weg zurück zum Fluss, wo Aang auf mich wartet. Ich spüre die Blicke der Dörfler im Rücken, die sich langsam wieder aus ihren Hütten trauen.
    „Danke für deine Hilfe. Ohne dein Luftbändigen hätten die Pfeile mich erwischt“, sage ich mit einem Seufzen, als ich Aang erreiche.
    „Und ohne deine Idee hätte der ganze Plan nicht funktioniert. Du hast das Dorf gerettet, Katara. Sei mal ein wenig stolz auf dich!“
    Ich lächele ihn dankbar an und nehme seine Hand. Gemeinsam lassen wir das Dorf hinter uns.



    Ich glaube, dass ich ein wenig über die 1500 hinausgeschossen bin, was aber in Anbetracht dessen, dass diese Abgabe nie eingereicht wurde, kein Problem darstellt. Ich werde mal wieder eine kleine Postpause einlegen, um "Verfolgt" und "Die letzte Chowanok" ein wenig zu verbessern, und poste die Korra-Abgabe beim nächsten Mal.


    Arr.
    #shiprekt

  • Grüßle!


    Ich bin ausgesprochen begeistert von deiner Geschichte und der Rückkehr Kataras als bemalte Lady! Vor allem als großer Fan der Serie.


    Zunächst ist mir grob aufgefallen, dass der Krieg noch nicht zuende sein kann. Somit wirkt es noch ein Stück weit realistischer, kennt man die Serie und die damit verbundenen Umstände. Ich konnte mir also gut ausmalen, wie die Stimmung dort ist. Natürlich hilft mir mein Hintergrundwissen soweit auch, mir alles noch besser vorzustellen, zumal ich mich gut an diese Folge erinnern kann, in der Katara als bemalte Lady auftaucht.
    Weiterhin ist mir aufgefallen, dass du zwischendurch die Perspektive wechselst. In der ersten großen Passage liest man aus der Sicht von Katara, ihre Gefühle und ihre Wahrnehmungen. Als Hauptfigur also sehr sinnvoll. In der zweiten Passage wechselst du eher auf einen Erzählerbericht, wobei wir die Gefühle Giang Feis kennen und uns von Katara distanzieren. Somit liegt der Schwerpunkt eher auf der Handlung, was in der Passage auch Sinn ergibt, weil du kleine Details wie den alten Mann einbaust. Das baut Spannung auf. Letztlich befinden wir uns dann in der 3. Passage wieder in Kataras Sicht der Dinge, was mir gut gefällt, weil das so einen Rahmen um die Haupthandlung aufbaut, der sich einfach auf die Hauptperson bezieht. Gefällt mir gut!
    Sprachlich ein großes Lob an dich: Man kommt gut durch die Sätze durch und kann super folgen. Es ist nicht kompliziert oder verworren geschrieben, sodass das Lesen wirklich viel Freude bereitet.


    Und eben zwei Zitate:

    „Ich dachte, Luftbändiger wären Meister der Geduld“


    „Oh ja, du große Brücke zwischen Menschen und Geistern, erleuchte sie mit deiner Weisheit“

    Musste hierüber wirklich lachen xD Kann mir gut vorstellen, wie Katara das zu Aang sagte!


    Fazit: Tolle Sprache, toller Inhalt, toller Aufbau, sehr realistisch vor dem Hintergrund der Serie - somit also ein voller Erfolg! Ich danke dir, für dieses Werk :)

  • http://i.imgur.com/ehPOcU4.jpg
    Korra: I don't think I ever really apologized.
    Asami: For what?
    Korra: For being gone all that time. For not coming back sooner.


    Wie versprochen kommt nun die wahre Wettbewerbsabgabe und gleichzeitig Teil 2 meiner (bisher) 3 Avatar-Texte. Ich bin ein großer Fan dieses Franchises, vor allem von den Vertretern der Wasserstämme. Die Aufgabe des Wettbewerbs war, einen Text aus der Sicht des Lieblingscharakters zu schreiben, und da ich Katara bereits einmal hatte, musste sie diesmal pausieren - Korra kam mir dann direkt danach in den Sinn. Ich habe die Wettbewerbsabgabe schon ein wenig bearbeitet, um dem Feedback zu entsprechen, die Originalabgabe ist also nur im Votetopic zu lesen.


    Nummer 12: Sei dein Lieblingscharakter!


    Bei Vollmond


    [tabmenu]


    [tab=Kommentar: Die Rückkehr der bemalten Lady]
    Danke an Cosi für den Kommentar, der viel Lob beinhaltete, was mich außerordentlich freut. Ich lese ebenfalls gerne Texte über Avatar, diese Mythologie und die Regionen in ATLA haben mich immer sehr fasziniert.


    Zunächst ist mir grob aufgefallen, dass der Krieg noch nicht zuende sein kann.

    Chronologisch sollte die Abgabe tatsächlich kurz danach stattfinden, da Katara und Aang erst nach dem Sieg über den Phönixkönig zusammenkommen. Die Banditen haben nichts mit Ozai oder der Feuernation zu tun.

    Sprachlich ein großes Lob an dich: Man kommt gut durch die Sätze durch und kann super folgen. Es ist nicht kompliziert oder verworren geschrieben, sodass das Lesen wirklich viel Freude bereitet.

    Puh, danke. Hatte vorher schon Sorgen, dass der Sichtwechsel irgendwie fehl am Platz ist oder so. Es gab vorher noch eine Version, in der alles aus Kataras Sicht geschrieben ist, aber mir wurde das mit dem Bändigen einfach zu eintönig. Ich finde es recht problematisch, Magie aus der ersten Sicht Singular zu beschreiben, weil ich da noch sehr ungeübt bin. Auf jeden Fall motiviert mich dein Kommentar für weitere Avatar-Abgaben. Nun denn, los geht's!


    [tab=Kommentar: Bei Vollmond]


    Ich weiß, dass auf dieser Stelle nicht der Fokus liegt, aber hier hätte ich mir gewünscht, dass zumindest das Wasserbändigen ein bisschen detaillierter dargestellt wird.

    Ich glaube, am meisten hat mir die Wortobergrenze reingepfuscht. Da der Wettbewerb jetzt vorbei ist, kann ich anfangen, die Kampfszene auszubauen, wobei ich wie gesagt mit der ersten Person Singular und Magieverwendung in Kombination Probleme habe.

    Ein bisschen störe ich mich an den Dialogen, oder vielmehr daran, dass die Charaktere ein wenig seicht dadurch wirken, dass sie sich in etwas klischeehaften Phrasen wie "Habe ich: Angreifen!" oder "Das war Rettung in letzter Sekunde" ergehen. Und dann versucht Korra mit der Seeschlange noch halbwegs vernünftig zu reden und als Antwort kriegt sie quasi eine aufs Maul, das mag ich nicht so gerne. Auch wenn ich die Idee mit dem Schleim witzig finde, aber selbst dazu habe ich auch so viele Szenen aus Büchern und Filmen im Kopf, in denen es genau nach diesem Muster abläuft.

    "Habe ich: Angreifen!" kommt meines Wissens nach nur in den Avengers vor, an der Stelle, als Loki und Thor sich bekämpfen. Was "Rettung in letzter Sekunde" angeht, so werde ich mal schauen, ob das auch anders geht, aber für die Situation und in Bezug auf den angriffslustigen Charakter Korras sowie Asamis Erleichterung schienen mir diese Sätze recht passend. Auch ist die Szene mit dem Schleim sehr an den Avatar-Humor angelehnt(#korraface), und es ging immerhin darum, den Charakter so darzustellen, wie er wirklich ist. In dem Vote wäre es wichtig gewesen, darauf einzugehen. Allerdings werde ich das alles noch ein wenig ausbauen, vielleicht wird es dir dann klarer.

    Der Flashback am Anfang hat leider auch nicht viel Bezug zur folgenden Handlung

    Ich glaube, dafür muss man die Serie kennen. Korra reflektiert über ihre 3 Jahre in Abwesenheit, das ist der Knackpunkt. Der Krieg gegen Kuvira, die Antagonistin, ist vorbei, und Korra kann sich endlich mal ausruhen, weswegen sie kurz abdriftet. Soll ich diesen Krieg noch kurz einbauen, damit deutlich wird, wie ausgelaugt sie ist, oder was genau störte dich da? Der Bezug zur Handlung ist durch das friedliche Gefühl und die Freundschaft zu Asami dargestellt, diese Rückblende soll nur zeigen, wie weit ihr Weg war, und wie sehr Korra zwischendurch einstecken musste - steht also im direkten Kontrast zur sehr friedlichen Anfangs- und Schlussszene.

    (zumindest denke ich, dass das, was am Ende beschrieben wird, nicht 'Canon' ist)

    Doch, ist es, die Entwickler haben es bestätigt. Korrasami lebt. Muhaha.

    Was man hätte möglicherweise anders machen können, ist z.B. einen anderen Titel wählen. Die eine kurze Erwähnung der Verstärkung der Kräfte wirkt ein wenig erzwungen.

    Titel sind für mich immer schwierig, weil ich mich nur sehr schwer entscheiden kann. Ich überlege mir einen Neuen, vielleicht wird das ja was. Muss dir beim zweiten Teil aber zustimmen, das Bändigen kam zu kurz.

    Außerdem hätte ich es mir noch sehr interessant vorgestellt, das körperliche Gefühl beim Bändigen der verschiedenen Elemente näher zu beschreiben – aber gut, man hat ja auch nicht unendlich viel Platz.

    Wortgrenzen sind schon böse, ja. Egal, ich krieg das hin. Gib mir nur ein paar Tage, dann kann ich den Kampf besser ausbauen. Danke an alle Voter für die Punkte und das Feedback!


    [tab=Bei Vollmond]


    Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so friedlich gefühlt habe. Mit einem für mich völlig untypischen Seufzen beuge ich mich vor und stütze die Ellbogen auf das kühle Geländer des Balkons, auf dem ich stehe. Der Vollmond scheint auf mich herab und legt einen sanften Schleier aus milchigem Licht über das kalte Wasser tief unter mir.
    Kaum zu glauben, dass ich noch vor einem Jahr Schwierigkeiten damit hatte, meine Beine richtig zu bewegen. Damals war ich dabei, mich von einer schweren Vergiftung zu erholen, und wollte die ganze Welt ausschließen. Dieses Verlangen nach Einsamkeit und einem neuen Antrieb, im Leben weiterzumachen, war so groß, dass ich alles zurückließ und die vier Kontinente bereiste.
    Meine Gedanken driften in die Vergangenheit ab.


    ~


    Ich stand an einem breiten Fluss und starrte aufs Wasser. Frieden spürte ich keinen, nur einen tobenden Sturm in meiner Brust. Ich hatte Angst. Angst davor, nie wieder zu meiner alten Stärke zurück zu finden. Angst davor, zu versagen. Angst davor, nicht mehr gebraucht zu werden.
    Langsam hob ich die Hand mit dem Messer. Mit der anderen griff ich in mein langes Haar, hob es an, und atmete tief aus. Das Messer schwebte einige Millimeter unter meinem Ohr.
    Für einen Moment musste ich an meine größte Niederlage denken: Den Kampf gegen Zaheer, der mir mit seinen Kräften die Luft aus den Lungen raubte, mich vergiftete, mich beinahe umbrachte.
    „Scheiße.“ Ich konnte noch nicht zurück in die Hauptstadt, auch wenn meine Eltern glaubten, ich wäre auf dem Weg dorthin. Nach all der Zeit zuhause, nach all diesen Stunden der Genesung, brauchte ich eine Auszeit. Ich musste weg. Von allem.
    Die Klinge glitt durch mein Haar wie durch warme Butter. Ich warf die langen, braunen Strähnen in den Fluss, machte dann kehrt und lief zu dem kleinen Boot herüber, mit dem ich hergekommen war. Die Reise, die vor mir lag, versprach, nicht gerade einfach zu werden.


    ~


    „Kannst du nicht schlafen?“, fragt mein Vater mich, der auf einmal hinter mir auftaucht. Er ist der Anführer des südlichen Wasserstammes und zeigt denselben besorgten Blick, den ich damals so oft von ihm sah. Ich lächele ihn an, was ihn sichtlich beruhigt. Mein Flashback verschwindet.
    „Das ist es nicht. Ich bin nur so aufgeregt, weil das Schiff bald ankommt.“
    „Du freust dich sicher darauf, dass deine Freundin endlich ein wenig Freizeit hat.“ Er weiß, dass Asami die Firma ihres Vaters leitet, welcher sich im Kampf um Republika für uns geopfert hatte, und vermeidet es, ihn zu erwähnen. Wer hätte gedacht, dass mein Vater so viel Taktgefühl besitzt?
    „Ja, tue ich.“ Für einen Moment spüre ich Unruhe in mir. Ich sollte es ihm endlich sagen. Asami hatte sich noch nicht völlig mit ihrem Vater ausgesöhnt, als es damals passierte, und darum schwor ich mir, in Zukunft eine bessere Tochter zu sein.
    Trotzdem gibt es Dinge, die ich meinem Vater bisher nicht sagen konnte. Dinge, die mit Asami und mir zu tun haben. Ich weiß nicht, wie ich sie ihm sagen soll.
    „Was ist das?“, fragt er plötzlich, und späht angestrengt in Richtung Horizont. Ich folge seinem Blick. Direkt unter dem Vollmond erblicke ich ein Schiff aus Metall, das zwischen den Eisschollen umhertreibt.
    „Asamis Schiff!“, rufe ich erfreut, drehe mich herum und will die Treppe herabstürmen. Vater aber packt meinen Arm und hindert mich daran. Sein Tonfall klingt angespannt.
    „Warte. Da stimmt was nicht. Ich meine das, was dahinter schwimmt.“
    „Oh, nein.“ Ich habe nun auch genauer hingesehen und erkenne eine gigantische Rückenflosse, von der ich eben noch dachte, sie sei ebenfalls ein Eisberg. Jetzt wird auch klar, wieso das Schiff so viel Tempo macht.
    „Wir müssen den Wachen Bescheid sagen“, befindet mein Vater. Ich greife nach dem Geländer und setze einen Fuß darauf.
    „Die sind zu langsam. Ich mache das.“
    „Korra...“ Für einen Moment sieht er aus, als würde er mir raten wollen,auf mich aufzupassen, dann aber huscht der Schatten eines Lächelns über sein Gesicht.
    „Ich schaffe das schon. Mach dir keine Sorgen“, sage ich ruhig, aber bestimmt. In mir wohnt der Geist des Lichts, genannt Raava, und dieser Geist ist die Quelle meiner Macht. Dank Raava gebiete ich über alle vier Elemente. Aus diesem Grund bin ich immer die Erste, die sich in den Kampf stürzt.
    „Ich weiß. Ich warte hier auf euch.“ Ich spanne die Muskeln und springe vom Balkon, lasse meinen Vater hinter mir zurück. Meine Kräfte verwandeln das Wasser unter mir in ein Surfboard aus Eis, auf dem ich lande, und das mich mit rasender Geschwindigkeit in Richtung des Schiffs trägt. Die Wellen gehorchen mir und sorgen für den nötigen Schwung.
    Asami ist keine Bändigerin. Ich weiß nicht, ob sie irgendwelche Sicherheitskräfte mit an Bord hat, darum ist es wichtig, dass ich so schnell wie möglich zu ihr gelange. Um keinen Preis würde ich zulassen, dass das Monster da hinten sie erwischt. Ich darf keine Zeit verlieren. Ich beiße die Zähne aufeinander und jage noch mehr Kraft in das Wasser unter mir.
    Mein Wettlauf gegen das Seeungeheuer dauert nur ein paar Minuten. Ich nähere mich dem Schiff und sehe, wie dicht das Monster schon hinter ihnen ist. Kaum bin ich in Sichtweite, werden Stimmen laut.
    „Es ist der Avatar!“, ruft eine Männerstimme oben auf dem Deck. Mehrere Männer laufen dort herum, allem Anschein nach in höchster Alarmbereitschaft.
    Der Avatar ist das Bindeglied zwischen den Welten der Geister und der Menschen. Es ist meine Pflicht, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Allerhöchste Zeit für ein wenig Korra-Action.
    „Korra!“ Diesmal ist es die Stimme einer jungen Frau. Ich sehe hinauf und spüre die Schmetterlinge in meinem Bauch, die ihr Anblick bei mir auslöst. Dieses Lächeln würde ich überall erkennen.
    „Asami. Ihr habt da eine Seeschlange am Heck. Ich dachte, ich schneie mal vorbei und helfe euch!“, rufe ich, und gebe mir dabei Mühe, möglichst cool und lässig zu wirken. Anscheinend klappt es, denn Asami entspannt sich.
    „Wie überaus nobel von dir. Hast du schon einen Plan?“
    „Uhm, daran arbeite ich sozusagen noch!“, erwidere ich laut.
    „Typisch. Meine Leute werden dich unterstützen“, ruft sie zu mir runter. Ich sammele meine Kräfte und wende mich dem Monster zu. Die Flosse, die hinter dem Schiff durch die kalten Fluten schneidet, wird schnell größer. Ein paar Männer am Heck des Schiffs brüllen sich gegenseitig Befehle zu. In das kühle Gefühl, was durch mich hindurchfließt, wenn ich das Wasser kontrolliere, mischt sich ein heißes Ziehen. Ich aktiviere meine Feuerkräfte und atme tief ein. Im Gegensatz zum Wasserbändigen muss man beim Feuerbändigen auf die richtige Atmung achten. Mir ist das schon immer sehr leicht gefallen.
    „Passt auf da hinten!“, brülle ich. Noch während ich rufe, stoße ich abwechselnd die Fäuste vor, als würde ich einem unsichtbaren Gegner im Boxkampf gegenüberstehen, und sehe zu, wie sich Feuerbälle aus meinen Händen lösen und knisternd die Flosse treffen. Mein Board umkreist das Biest, damit es nicht weiß, von wo die nächste Attacke kommt. Von rechts rauschen weitere Feuerbälle heran. Sieht aus, als hätte Asami sich Feuerbändiger als Bodyguards geholt.
    Aus irgendeinem Grund aber scheinen unsere Angriffe keinen Erfolg zu haben. Ist die Flosse feuerresistent? Wenn das nicht funktioniert, sollte ich mich wohl auf meine Wurzeln besinnen. Ich bin gebürtig vom Wasserstamm, aber mein „Hitzkopf“, wie Vater es ausdrückt, sorgt dafür, dass ich am liebsten mit Feuer angreife.
    „Feuer hat keine Wirkung“, entfährt es mir überrascht. Die Bodyguards erkennen das anscheinend nicht, denn sie greifen einfach weiter an. Ich wende den Kopf und erhebe erneut die Stimme. „Das klappt nicht. Die Schuppen wehren Feuer ab! Versucht, den Hafen zu erreichen. Ich erledige das!“
    „Ich gehe nicht ohne dich!“, entgegnet Asami widerspenstig und nicht weniger laut.
    „Das ist echt süß von dir, aber ich bin zufällig die stärkste Bändigerin der Welt. Dieses Ding hält mich nicht auf!“ Ein gebrüllter Dialog ist anstrengender als man denkt. Vor allem, wenn man nebenher noch mit einer fünfzig Meter langen Wasserschlange kämpft.
    Fontänen branden hoch und machen mich nass. Das Biest erhebt sich aus dem Meer und löst damit Wellen aus, die mich beinahe verschlucken. Es ist gigantisch, dunkle Schuppen bedecken seinen schlanken Körper, nur die Flosse am Rücken ist schneeweiß. Kleine, schwarze Augen starren mich an. Der Kopf der Seeschlange ist recht klein, umso größer wirken die langen Fangzähne, die aus ihrem Maul ragen. Ich sehe besorgt zum Schiff herüber, aber Asamis Mannschaft ist zum Glück schon in relativer Sicherheit.
    „Okay, Kleiner. Das da hinten ist zufällig meine Freundin. Tu uns den Gefallen und verzieh dich!“ Statt einer Antwort brüllt die Schlange mich an und kotzt mir eine Ladung Schleim entgegen, die in mein Gesicht klatscht. Wie charmant.
    „Urgh.“ Der Gestank ist ekelerregend. Zeit, den Kampf zu beenden. Ich breite die Arme aus und konzentriere meine Kräfte auf das Wasser rings um das Monster. Bei Vollmond wird mein Wasserbändigen stärker und ich fühle, wie zusätzliche Kraft durch meine Adern fließt. Innerhalb weniger Sekunden verschwindet das heiße Ziehen und wird erneut durch das kalte Gefühl in meinem Magen ersetzt, das sich diesmal aber in meinem ganzen Körper ausbreitet. Ich kann die Macht des Mondes in mir spüren. Die Wellen folgen meinem Willen, ändern die Richtung. Ein Strudel entsteht und saugt das Monster ein. Lautes Kreischen hallt durch die Nacht. Die Kraft des Monsters reicht nicht aus, um gegen einen Strudel anzukämpfen. Unaufhaltsam wird es in Richtung Meeresgrund gezerrt.
    „Geschieht dir Recht, du Mistkerl.“ Ich gehe leicht in die Knie und gebe dem Strudel einen letzten mentalen Stoß, damit er nicht zu schnell erstirbt. Anschließend teile ich meine Kraft und lasse einen Teil davon wieder in die Wellen fließen, die mich auf meinem kleinen Board in Richtung Stadt tragen. Das Geheul hinter mir wird leiser und verstummt kurz darauf. Erst, als eine gehörige Distanz zwischen dem Monster und mir liegt, kappe ich die Kraftströme, die den Strudel aufrecht erhalten haben, und spüre, wie die Kälte in meinem Magen verschwindet.


    ~


    „Ich weiß nicht, wann es unsere Fährte aufgenommen hat, aber ohne dich wären wir jetzt Fischfutter. Danke, Korra“, sagt Asami, als ich an Bord des Schiffes stehe und mir den Schleim vom Gesicht wische. Ihre Leute laufen auf dem Schiff umher und bereiten das Anlegen vor.
    „Kein Problem. Bah, ist das ekelhaft.“ Ich spucke einmal kräftig aus, um den widerlichen Geschmack loszuwerden. Asami zückt ein Taschentuch.
    „Warte, ich mach das.“
    „Danke. Freust du dich auf deinen Urlaub?“
    „Natürlich“, antwortet Asami, beißt sich dann allerdings nervös auf die Unterlippe.
    „Was ist?“ Meine Stimme klingt ein wenig heiser. Kein Wunder. Ich räuspere mich kurz.
    „Hast du es deinen Eltern schon gesagt?“, will sie wissen. Ich schüttele langsam den Kopf. Das hatte ich ganz verdrängt.
    „In der Hinsicht bin ich ein Feigling. Das ist etwas Anderes als gegen eine Seeschlange zu kämpfen.“
    „Wir schaffen das. Ich meine, wir haben sogar Kuvira besiegt, da sind deine Eltern doch ein Kinderspiel!“, sagt Asami aufmunternd.
    Ich nicke ihr dankbar zu und sehe dann in Richtung der Stadt, über der langsam die Sonne aufgeht und den Schnee und die Eisberge rosa färbt.
    „Zusammen schaffen wir alles“, sage ich leise. Asamis Hand tastet nach meiner, findet sie, umschließt sie. Der Kuss, den sie mir gibt, lässt mich meine Ängste vergessen. Ich weiß, dass ich nie mehr allein sein werde, und dass sich meine Reise gelohnt hat, egal wie schwer sie mir erschien.
    Ein schönes Gefühl.


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  • Na, Pirat?
    Da ich ein riesiger Avatar-Fan bin, sowohl Aang als auch Korra, und ich noch etwas Zeit habe, bevor ich gleich ins Training gehe, schreibe ich dir mal einen Kommentar zu deiner letzten Kurzgeschichte. ^-^


    And everyboy is like damn those girls are lesbian like whaaat?!? Interessante Behandlung der beiden Charaktere Asami und Korra, mit der ich absolut nicht gerechnet habe. Die Schmetterlinge im Bauch haben es in der Mitte des Textes schon leicht angekündigt, aber erst im allerletzten Absatz machst du richtig deutlich, was Sache ist. Ich finde es sehr gewagt, aber sehr interessant und freue mich, dass du so eine Kurzgeschichte geschrieben hast. Inhaltlich eine super Kurzgeschichte und vor allem die (kurze) Kampfszene fand ich super beschrieben. Insbesondere die vom Element, das gebändigt wird, abhängigen Gefühle im Körper von Korra, also das heiße Ziehen bzw. das eiskalte Gefühl, sind ein sehr kreativer Einfall. Vielleicht hättest du darauf noch ein bisschen mehr eingehen können – ich weiß jetzt nicht genau wie es mit der Wortgrenze für dich war – um dieses „Phänomen“ noch deutlicher zu beschreiben, denn solche Dinge die man im Inneren fühlt kann man gar seitenweise rauf und runter beschreiben. Einige Metaphern bzw. Vergleiche hätte ich an der Stelle sehr passend gefunden. Der Kampf ist dir dafür noch umso besser gelungen, wie bereits gesagt. Das Bändigen an sich hast du sehr anschaulich beschrieben und man konnte dem Verlauf des Kampfes auch sehr gut folgen. Wie es in einer Kurzgeschichte eben ist, hast du nicht jede Kleinigkeit beschrieben und so wissen wir bspw. nicht, wie die Seeschlange genau aussieht, aber das Wort „Seeschlange“ und die Farbgebung, die du leicht andeutest, genügen bereits, um sich ein ungefähres Bild von der Situation zu machen. Den Fokus legst du dann ganz auf Handlung und Dialoge und genau so sollte es sein!
    Was du meiner Meinung nach allerdings noch ausbauen solltest ist die Beschreibung von Dialogen. Die Dialoge an sich, also was gesagt wird, sind stimmig und obwohl Asami und Korra ziemlich trocken wirken und sich irgendwie nur wenig um die Seeschlange zu kümmern scheinen, finde ich doch, dass der Dialog einen sinnvollen und schlüssigen Aufbau hat, denn man kann sich denken, dass Asami tiefstes Vertrauen in ihre Geliebte setzt und deshalb in der Tat nicht nervös ist. Was aber definitiv etwas komisch rüberkam beim Lesen, war die Art, wie der Dialog geführt wird. Kaum, bzw. erst ganz am Ende, erwähnst du, dass die beiden Schreien. Ich meine, klar, natürlich schreien sie, aber wenn du es nicht so beschreibst, stelle ich mir das ganze ziemlich monoton vor. Die Reaktionen in sich, hast du meiner Meinung nach ganz gut beschrieben mit schönen Adjektiven, es fehlen aber die richtigen Verben. Das ist mir allgemein bei deiner wörtlichen Rede in dieser Kurzgeschichte aufgefallen: Du benutzt lediglich Verben, die angeben ob agiert oder reagiert wird, also sowas wie antworten, befinden, entgegnen, usw. Ob dabei aber laut oder leise, geschrien oder gebrüllt, gerufen oder gesprochen wird, lässt du irgendwie fast immer außen vor. Natürlich kann man nicht alles mit einem Wort beschreiben, aber ich würde darauf achten, zumindest am Anfang, bzw. an wichtigen Stellen, eines Dialogs klar erkenntlich zu machen, wie die Lautstärke- und „Aggresivitätsverhältnisse“ (was Besseres fällt mir dazu nicht ein, ich hoffe, du weißt was ich meine, wenn nicht, melde dich ^^‘) sind, damit man sich den Dialog genau so vorstellen kann, wie du ihn dir vorstellst bzw. wie er sein sollte, um den Inhalt logisch zu vermitteln. Auf dem Meer, eine Person auf dem Schiff und die andere auf ein Eis-Surfboard, während einem Kampf, gegen eine riesige Seeschlange … da muss geschrien und gebrüllt werden und um die richtige Atmosphäre zu erzeugen, muss das auch hin und wieder erkenntlich gemacht werden. Versuch mal darauf zu achten, wenn du das nächste Mal sowas schreibst, denn so kommt bspw. die Anfangsszene, in der klar wird, dass Asamis Schiff von einer Seeschlange bedroht wird, kaum Panik rüber.
    Das Flashback, dass du eingebaut hast, ist sehr schön beschrieben (und erinnert mich so hart, an die Stelle, an der Zuko und Iroh ihre Zöpfe abschneiden und in den Fluss werfen, omg!), das hat mir gut gefallen (und ich dachte erst, es geht vielleicht wirklich um Zuko). Aber was genau wolltest du mit dem Flashback zeigen? Zumindest oberflächlich kann ich jetzt keinen richtigen Kontext zum späteren Geschehen, bzw. zu der Beziehung von Asami und Korra vorstellen. Schneidet sie sich ihre Haare ab um einen neuen Lebensabschnitt zu „kennzeichnen“, ein Abschnitt, den sie mit Asami verbringen möchte? Das wäre zumindest eine Deutung, die mir einleuchten würde. Was mir gefällt, ist, dass man im Nachhinein nochmal einige Gedanken an das Flashback verlieren kann, während man es zu Anfang der Geschichte kaum wahrgenommen und verstanden hat. Bin mal auf deine Antwort gespannt, was diese Rückblende betrifft. ^-^ Insgesamt also eine sehr schöne Kurzgeschichte, an der du stilistisch insbesondere was Atmosphäre und Dialoge angeht noch etwas arbeiten kannst, die aber sehr schön und flüssig zu lesen ist und ein sehr interessantes Thema behandelt, sowie eine tolle Kampfszene darbietet.


    Zitat

    Meine Kräfte verwandeln das Wasser unter mir in Surfboard aus Eis

    Da fehlt ein „ein“, oder nicht?


    Liebe Grüße!