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  • Nachtdem ich hier ewig nicht mehr gepostet habe, dachte ich, ich teile einmal wieder eine neue Geschichte mit euch. Sie ist zu Der Schleier der Welt, spielt aber vor der Handlung des ersten Bandes (ein ganzes Stück vorher sogar). Vielleicht haben Sunaki , Thrawn und Aprikose aber dennoch Interesse an der Geschichte ;-)






    Sean stöhnte im Schlaf und wälzte sich hin und her.

    Wie so oft überlegte Sarah ihn zu wecken. Es würde es nicht besser machen. Es würde nichts ändern. Doch die Versuchung war da.

    Während er sich hin und her wälzte, traf eine kleine Hand oder vielleicht auch ein Fuß die Seite ihres Bauches, während das Kind dort – nun, was auch immer tat. Sie rieb über den Bauch, doch vorerst gab es keine weitere Bewegung.

    Sarah lag auf ihrer Seite, musterte Sean, während sein Gesicht sich immer wieder verzerrte. Es waren nur noch zwei Nächte bis Vollmond und dieser zeigte bereits jetzt seine Auswirkung.

    Seufzend rutschte sie von der Matratze und stand mühselig auf. Fast instinktiv legte die die Hand auf ihren Bauch. Ihr war etwas übel. Das kam in den letzten zwei Wochen immer häufiger vor. Dabei hatte sie bis dahin Glück gehabt und war von der Schwangerschaftsübelkeit verschont gewesen.

    Vielleicht war es auch Egoismus, der sie dazu antrieb, Sean wecken zu müssen. Sie konnte so einfach nicht schlafen.

    Dennoch blieb sie leise. Wenn Vollmond war, würde er ohnehin die ganze Nacht draußen sein. Da konnte er jetzt schlafen – soweit dieser Schlaf überhaupt erholsam war. Die zwei, drei Tage rund um die Vollmondnächte waren immer die schlimmsten.

    Sie atmete tief ein und aus, um gegen ihre Übelkeit anzukämpfen. Ihre Beine taten etwas weh, auch wenn ihr Arzt gesagt hatte, dass alles in Ordnung war.

    Lange würde es nicht mehr dauern. Es blieb zu hoffen, dass ihr Sohn sich nicht entschied in der Vollmondnacht zu kommen. Am besten wartete er bis zum nächsten Neumond. Sonst würde Sean den Stress der Geburt kaum durchstehen. Selbst wenn sie darauf vorbereitet war, notfalls allein ins Krankenhaus zu fahren.

    Sie ging zur Toilette und wusch sich schließlich das Gesicht mit kaltem Wasser. Ihr war warm, obwohl es Winter war. Vielleicht auch ein Nebeneffekt der Schwangerschaft.

    Noch einmal sah sie in das Schlafzimmer der kleinen Wohnung, die sein Rudel für sie bezahlte. Nur wegen dem Kind, das wusste sie, weil ihnen der Nachwuchs fehlte. Dabei hätte es deutlich bessere Zeitpunkte gegeben, schwanger zu sein. Doch was wollte man machen? Abtreibung wäre wirklich nie in Frage gekommen.

    Vielleicht würde ein Tee gegen die Übelkeit helfen. Dieser Gedanke brachte sie dazu in die Küche zu gehen. Diese war sehr klein und schmal, hatte jedoch das wichtigste Haushaltsgerät der Briten, wie ihr Vater immer scherzte: Einen guten Wasserkocher. Sie füllte diesen mit Wasser, ehe sie durch die Teekiste ging. Ein Earl Grey war nicht die beste Idee, wenn sie noch schlafen wollte. Ein Minztee vielleicht.

    Dann fiel ihr eine kleine Teepackung in die Hand, an die sie gar nicht mehr Gedacht hatte. Ein Tee gegen Übelkeit. Stimmt, Thia hatte den ihr mitgebracht. Vielleicht half es ja wirklich. Immerhin schworen die Wölfe auf diese Heilkräuter und all diese Dinge. Und es war in der Schwangerschaft ja eh besser, hatte man ihr gesagt.

    Also tat sie einen der Vorgefertigten Teebeutel in eine Tasse und wartete, bis das Wasser kochte, ehe sie es ebenfalls hineinfüllte. Dann wartete sie.

    Müde öffnete sie das Fenster, um die angenehm eisige Nachtluft hineinzulassen. Der fast volle Mond stand genau so, dass sein Licht gerade in die Küche fiel. Da er nur knapp über den nächsten Häusern stand, wirkte er größer, als er es eigentlich war.

    Ausgerechnet dieser Gedanke ließ sie schauern.

    Die Wahrheit war, dass der Gedanke an die Geburt sie nervös machte. Wie sollte sie all das nur schaffen? Da wäre ein Kind, das von ihr – nun, von ihnen – abhängig war. Ein Kind, das eventuell ein Werwolf wäre. Und sie war gerade neunzehn. Eigentlich viel zu jung.

    Und dann war da auch die andere Angst. Denn egal, wie sehr sie versuchte, es zu verdrängen: Die Chancen standen nicht schlecht, dass Sean starb, bevor er dreißig war. Die wenigsten Werwölfe wurden älter. Und dann? Was machte sie dann mit dem Kind?

    Sie kämpfte die Emotionen hoch, die in ihr aufkamen. Sie hasste diese einsamen Nächte, in denen sie nicht schlafen konnte. Sie machten sie viel zu emotional.

    Müde schloss sie die Augen und atmete die kalte Nachtluft ein. Die Lider noch immer geschlossen lauschte sie auf die Geräusche der Stadt. Irgendwo bellte ein Hund. Ein Wagen fuhr brummend eine der Straßen hinauf. Der Wind rauschte. Wenn sie ganz angestrengt lauschte, meinte sie in der Ferne einen Zug zu hören. Vielleicht ein Güterzug von der Nebenstrecke, der am Haymarket ausfuhr.

    Ein Geräusch, das viel näher war, ließ sie zusammenzucken. Es waren Schritten und das leise Quietschen von Türscharnieren.

    „Sarah?“, raunte Sean, als er in die Küche trat. Wie immer trug er nur T-Shirt und Unterhose. „Alles okay?“

    Sie nickte. „Ja. Mir ist nur etwas übel.“

    Die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er übertrieb ein wenig. „Sicher, dass dann alles okay ist?“

    „Nur die normale Übelkeit, Sean. Kein Grund sich zu sorgen.“

    Für einen Moment zögerte er, dann aber kam er zu ihr rüber und legte seine Arme um sie. „Habe ich dich wachgehalten?“ Er küsste sie auf die Stirn.

    „Nicht mehr, als das Kleine auch“, meinte sie.

    „Tut mir trotzdem leid … Vielleicht sollte ich …“

    „Es ist schon okay“, antwortete sie. „Ich mag es lieber, wenn du da bist.“ Solange er hier war und nicht irgendwo auf Jagd, wo er sein Leben riskierte. Nicht, weil er eine Wahl hatte.

    Noch einmal drückte er seine Lippen gegen ihre Stirn. „Okay.“

    Damit löste sie sich von ihm und nahm ihren Tee. Vorsichtig zog sie den Teebeutel heraus und legte ihn in der Spüle ab, ehe sie sich wieder zum Fenster drehte, die Tasse dieses Mal in der Hand. „Bleibst du ein wenig hier?“

    Er stellte sich hinter sie und legte die Arme um sie, so gut es der Bauch erlaubte. „Gern.“ Dabei roch er an ihrem Haar.

    Wieder schloss Sarah die Augen. Der irgendwie würzige Geruch des Tees drang in ihre Nase und vertrieb selbst ohne die Flüssigkeit schon einen Teil der Übelkeit, während sie weiter lauschte. Irgendwo gingen Jugendliche eine Nachbarstraße entlang. Ihr Gespräch und ihr Lachen waren als ein fernes Murmeln zu vernehmen. Ein Hund – vielleicht derselbe wie vorhin – jaulte im Versuch eines Heulens. So wie wahrscheinlich auch fünfzig Kilometer weiter westlich im Trossachs einige Wölfe den Mond anheulten.

  • Heute gibt es gleich 31 Drabbles, bzw. Double Drabbles. Diese habe ich im Oktober im Rahmen des WriteInkTobers geschrieben. Es handelt sich dabei um die Vorgeschichte von Pakhet/Joanne aus Mosaik.



    1. Gold – 6.10.1984


    Der Ring war auf ihrem Finger viel zu groß. Kein Wunder, sie hatte ihn ja von ihrer Mutter geklaut. Eigentlich nicht geklaut … Ihre Mutter hatte ihn abgelegt. Das tat ständig, wenn ihr Vater nicht im Haus war. Warum, dass wusste Jo nicht.

    Eigentlich fand sie das Konzept albern. Ein Ring aus Gold – warum eigentlich Gold? – mit eingeprägten Initialen und einem Datum. Wofür? Um sich an die Hochzeit zu erinnern? Sie wettete, dass ihre Eltern sie lieber vergaßen. Und selbst wenn gab es Kalender. Die einzige Frage war, ob ihre Mutter sauer würde, wenn sie das Fehlen des Rings bemerkte.


    2. Pattern – 8.3.1985


    Angewidert musterte Jo das Kleid, das ihre Nanny in den Händen hielt. Es war lächerlich. Niedlich, fein und mit einem Blümchenmuster überzogen. Sie verzog das Gesicht. „Das zieh ich nicht an!“

    „Jetzt komm schon, Süße“, meinte Ms Robinson, „das ist ja nur für heute Abend.“

    „Ich will das trotzdem nicht anziehen!“ Es hatte ein Blümchenmuster!

    „Deine Eltern bestehen aber darauf. Du willst doch nicht, das ich Ärger bekomme, oder?“

    „Meine Eltern sind doof!“

    Ein mitleidiges Lächeln zeigte sich auf den Zügen der jungen schwarzen Frau. „Aber sie meinen es doch gut mit dir.“

    Das bezweifelte Jo. „Es hat ein Blumenmuster!“


    3. Crack – 12.05.1986


    Da war ein Riss im Beton der Straße. Das war jedoch der einzige Markel, den Jo an ihrer Umgebung feststellen konnte. Irgendwie hatte sie sich dieses „Afrika“ anders vorgestellt, als das hier.

    Sie stand mitten am Rand einer Straße, deren Seiten fast überall von Mauern begrenzt waren. Mauern, die private Häuser vom Rest des Viertels trennten. Die Luft war schwül, aber von der Temperatur her angenehm.

    Größtes Manko war dieses doofe Kleid, in das ihre Mutter sie schon wieder gezwängt hatte.

    Eben diese stand neben dem Wagen. „Jetzt komm schon, Joanne. Wir müssen in dreißig Minuten bei der Firma sein.“


    4. Forge – 25.04.1987


    Es herrschte reges Treiben auf diesem Mittelaltermarkt. Joanne mochte das, und sei es nur weil sie daheim ständig allein war. Sie schaute zu Jonas, dem Sohn von Ms Robinson, und grinste verhalten. Er grinste zurück. Einer seiner Eckzähne fehlte. Er war ja auch ein Jahr jünger als sie.

    Dann wandten sie die Aufmerksamkeit wieder dem Schmied zu, der auf dem langen glühenden Metall rumhämmerte, das mal ein Schwert werden sollte.

    Joanne konnte die Hitze bis hierhin spüren. Zu gern würde sie sowas selbst einmal ausprobieren. Das war definitiv cooler als Schneidern oder so. Würden ihre Eltern es doch nur erlauben …


    5. Hollow – 04.09.1989


    Joanne klopfte gegen die Wand. „Ganz schön hohl.“

    Ihre Zimmergenossing, Magret, zuckte mit den Schultern. „Na ja, sind halt nur solche Gipswende, ne?“

    Jetzt ließ sich Joanne wieder auf die obere Matratze des Hochbetts sinken. „Ach komm, ein wenig Fantasie.“

    „Was für Fantasie?“

    „Na, vielleicht ist dahinter ein Geheimgang.“

    Magret schaute zu ihr hoch. Die Spur eines Grinsens zeigte sich auf ihrem blassen Gesicht. „Geheimgang?“

    „Ja. Geheimgang. Zu einer Folterkammer. Wohin sie Kinder entführen.“

    Magret lachte. „Und warum sollten sie das tun?“

    „Um Geld zu erpressen oder so.“

    „Verstehe.“ Ein verhaltenes Kichern. „Du bist seltsam. Auf die gute Art.“


    6. Victory – 05.10.1990


    Das Adrenalin rauschte in Joannes Adern, als der Pfiff erklang. Sie lief weiter, wurde langsamer, drehte sich um. Sie war tatsächlich die erste gewesen. Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit, dann lachte sie. Was war gerade passiert? Sie war in den Flow gekommen, so nannte man das wohl. Auf einmal war das Laufen von allein gegangen. Sie spürte ihr Herz noch immer Pumpen. Wow. Sie war wirklich schnell gewesen.

    „Snyder!“, rief ihr Sportlehrer und sie joggte zu ihm hinüber, um nicht länger die Zielbahn zu versperren.

    Er lächelte. „Ausgezeichnete Zeit.“

    Derweil kam der erste der Jungs gerade erst an.



    7. Blink – 02.04.1991


    Es geschah im Bruchteil eines Augenblicks. Marty hatte sie schon wieder gegen die Wand gedrängt, sie hatte sich wieder gewehrt. Und dann … irgendwas in ihr hatte nachgegeben. Hatte seinen Arm gepackt. Und dann war da dieses Knacken, dieses unschöne Knacken.

    Jetzt lag er am Boden. Sie stand über ihm. Er schrie. Sie atmete schwer. Die anderen starrten.

    Dann lachte jemand. Jane. Eine der älteren Schülerinnen. „Großartig, Snyder.“ Sie klatschte.

    Marty wimmerte.

    Einige andere Mädchen stimmten in Janes Lachen mit ein, während Marty sich auf die Beine kämpfte, den Arm den Körper gedrückt. Er funkelte Joanne an. „Das wirst du bereuen, Bitch.“


    8. Euphoria – 18.04.1991


    Euphorie erfüllte Joanne, als das Flugzeug landete und sie endlich aussteigen durfte. Daran konnte auch der vernichtende Blick ihrer Mutter nichts ändern. Natürlich war ihre Mutter sauer und auch ihr Vater würde sauer sein, wenn sie erst einmal daheim war. Na und? Es konnte ihr egal sein, denn es bedeutete, dass sie endlich dem beschissenen Internat entkommen war. Dass alles, was sie dafür hatte tun müssen, gewesen war, diesem verflixten Arschloch den Arm zu brechen, war in ihrem Kopf nur ein weiterer Bonus.

    Jetzt war sie hier. Kapstadt. Soweit weg von daheim. Bisher war sie nur ein paar Mal hier gewesen, doch erfüllte sie im Moment vor allem die freudige Erwartung darauf, dass es hier anders war. Alles würde hier anders sein. Gesetzt dem Fall, dass sie es schaffte, an eine normale Schule zu kommen. Eine normale Schule mit normalen Teenagern. Nicht anderen reichen Schnöseln.

    Ihre Mutter räusperte sich harsch und mit Nachdruck. „Jetzt komm, Mädchen. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

    Joanne verdrehte die Augen, folgte ihrer Mutter jedoch weiter in den Flughafen hinein.

    Es würde alles besser werden. Nicht ihre Mutter. Nicht ihre Eltern. Die ließen sich nicht ändern. Aber vielleicht konnte sie endlich etwas normaler leben.


    9. Blinded – 07.02.1992


    Joanne blinzelte, als ihr das Licht in die Augen schien. Genug für Jaqueline, um sie zu greifen zu bekommen und sie mit einen Wurf zu Boden zu befördernd, wo die Matten ihren Fall abfingen. Jaqueline legte sich auf sie, pinnte sie auf den Boden, während Joanne versuchte, sich zu befreien.

    Dann aber rief Mr Pieterson: „Aus. Das reicht. Du hast gewonnen Jaqueline.“

    Andere klatschten, während Joanne sich wieder aufrichtete. Ein wenig war ihr Stolz schon gekränkt, aber doch lachte sie. Immerhin war sie hier. Mit anderen in ihrem Alter.

    So klopfte sie dem anderen Mädchen auf die Schulter. „Gut gemacht.“


    10. Collapse – 28.05.1992


    Joanne sah von ihren Hausaufgaben auf und schaute zum Fernseher, wo dieser Mandela eine Rede hielt. Es war eine Übertragung von den Protesten, um die Apartheid zu beenden.

    Mrs Botha, die Staub wischte, bemerkte ihren Blick. „Das ist der Anfang vom Ende“, sagte sie entschieden.

    Joannes Blick wanderte zu der molligen schwarzen Frau. „Wie meinen Sie?“

    „Das ist das Ende von diesem ganzen miesen System“, meinte sie. „Du wirst schon sehen. Die können die Änderung nicht mehr aufhalten.“

    Joanne schaute zum Fernseher. Südafrika war ein seltsamer Ort. Doch auf der anderen Seite war es in den USA auch so gewesen.


    11. Dawn – 02.02.1993


    Die Sonne ging bereits auf, als Joanne sich über die Gartenmauer schwang. Dankbarerweise war sie sportlich, sodass es ihr leicht fiel, die fast zwei Meter hohe Mauer zu überwinden.

    Eigentlich hätte sie vor mehr als sieben Stunden zurücksein sollen. Doch sie war es nicht gewesen. Wären ihre Eltern ehrlich, hätten sie zugegeben, dass es ihnen ja doch egal war. Das einzige, was ihnen wichtig war, das war die Meinung von anderen. Fremden. Kollegen. Irgendwem.

    Joanne konnte nicht weniger auf die Meinungen dieser Personen geben. Oder auf die Meinung ihrer Eltern. Dafür würde sie die Zeit mit echten Freunden nicht aufgeben.


    12. Examine – 22.11.1993


    Joannes Mund war trocken. Sie musterte Jacob. Es war das erste Mal, dass sie einen nackten Mann sah. Aber er sah gut aus. Seine Muskeln zeichneten sich deutlich unter der dunklen Haut ab. Dabei war seine Brust sogar rasiert.

    Jetzt trat er vorsichtig zu ihr, sah sie an.

    Joanne leckte sich über die Lippen und öffnete ihre eigene Bluse, ließ sie zu Boden rutschen und hoffte dabei halbwegs sexy zu wirken.

    Vorsichtig legte er seine Hände auf ihre Seiten und küsste sie, während sie ihre Hose öffnete. Es war ungewohnt. Aufregend. Doch es fühlte sich gut an. Ihr erstes Mal.


    13. Adrenaline – 03.02.1994


    Das Adrenalin rauschte in Joannes Adern, als sie sich vor Robert stellte. Sie fixierte den anderen jungen Mann. Ein weißer Typ, der Uniform nach von einer der besseren Schulen. „sLass ihn in Ruhe.“

    Der Typ grinste. „Ach, willst du dich echt für eine Schwuchtel verprügeln lassen, Sweetheart?“

    Woher wusste er überhaupt, dass Robert schwul war. Sie hob die Augenbrauen. „Du?! Mich veprügeln? Das will ich sehen.“

    Seine beiden Kollegen lachten darüber, die würden sich noch wundern.

    Der Typ knackste mit den Fingern.

    „Jo?“, fragte Robert kleinlaut.

    Doch Joanne grinste. Sie würde das hier genießen. Dieses Arschloch hatte es einfach verdient.


    14. Trail – 19.11.1994


    „Also ich weiß, dass meine ideale Freitagsabends Beschäftigung anders aussieht“, murrte Nan, folgte den anderen drein aber durchs Dickicht.

    „Komm schon“, erwiderte Joanne, die die Führung übernommen hatte, „wenn wir oben sind, hat es sich gelohnt.“

    „Bevor wir oben sind, sterbe ich den Hitzetod!“

    Sie lachten. Eigentlich war es Jacobs Idee gewesen, doch hatten sie letzten Endes Nan und Nils überstimmt. Weil letzterer ein mieser Verlierer war, war er nicht dabei. Das Dickicht zu beiden Seiten des Pfades war dicht, der Pfad steil und die Nacht im Wald düster. Doch die Aussicht vom Plateau des Tafelbergs wäre die Mühe wert.


    15. Contort – 04.01.1995


    Die Gesichtszüge ihrer Mutter waren von Wut verzerrt. „Du wirst mit ihm Schluss machen.“ Ihre Stimme war scharf, ließ keine Widerrede zu.

    Joanne ließ sich davon nicht abhalten. Sie ließ sich von niemanden einschüchtern, der sich die meiste Zeit einen feuchten Kehricht um sie scherte. „Oder was?“

    Das erwischte ihre Mutter auf dem falschen Fuß. „Stubenarrest“, schnaufte sie.

    „Du weißt schon, dass ich leicht vom Vordach rauskomme, oder?“ Einmal davon abgesehen, dass ihre Eltern es wohl schlecht kontrollieren konnten, wo sie doch kaum daheim waren.

    „Was soll das heißen?“

    „Das soll heißen, dass ich mir von dir nichts vorschreiben lasse, Mum.“ Das letzte Wort sprach sie voller Sarkasmus aus. Denn die Person vor ihr war ihr nie eine Mutter gewesen.

    „Ich beschlagnahme dein Moped.“

    Als würde das funktionieren. „Und wie komme ich dann zur Schule?“

    Ihre Mutter starrte sie fassungslos an. Für einige Momente öffneten und schlossen sich die geschminkten Lippen mehrfach. „Du bist zu frech.“

    „Nein. Ich lasse mir nur nicht von dir vorschreiben, wie ich mein verdammtes Leben zu leben habe.“

    „Was sollen die Nachbarn denken?“

    Joanne lachte auf. Natürlich. Natürlich wurde nun alles auf die Nachbarn geschoben. „Was sollen die schon denken? Ist am Ende doch egal!“


    16. Induldgence – 23.04.1995


    Sie waren wieder in Jacobs Auto, wieder irgendwo auf dem Berg. So war es am einfachsten. Seine Eltern waren nicht da. Ihre Eltern waren nicht da. Und ihre Haushilfen mussten nicht wegschauen.

    Das hier war definitiv eine Sache, an die sie sich gewöhnen konnte: Sich ihren Lüsten hingeben. Einfach nicht denken. Einfach nur genießen.Sein Körper glühte förmlich zwischen ihren Beinen. Sie sprachen nicht mal viel. Dafür blieb ihnen nicht der Atem.

    Dennoch fühlte sie sich schlecht. Nicht wegen ihrer Eltern, sondern wegen dem Blick in Jacobs Augen. Darin lag ein Gefühl, das sie – da war sie mittlerweile sicher – nicht erwiderte.


    17. Echo – 04.09.1995


    Es war kaum mehr als ein Echo, ein Nachhall, doch es tat noch immer weh. Sie hatte es nicht gewollt. Sie hatte es wirklich nicht gewollt. Sie hatte niemanden wehtun wollen. Ihm am wenigsten. Sie hatte es nicht gewollt.

    War es wirklich das beste gewesen? Vielleicht hätte sie nicht so ehrlich sein müssen. Überhaupt: Was war Liebe? Am Ende doch nur ein abstraktes Konzept, oder? Ein Konzept, das für viele so viel bedeutete …

    Sie hatte ihn nicht verletzen wollen. Aber genau deswegen war sie ehrlich gewesen. Das in ihrem Innern war anders, als das, was er fühlte. Lust, nicht Liebe.


    18. Sweet – 21.12.1995


    „Ich kann wirklich nicht glauben, dass du keine Schokolade magst“, murmelte Robert, während er genüsslich den Schokoriegel kaute. „Jeder mag Schokolade!“

    „Ich halt nicht, Rob“, erwiderte Joanne mit einem Seufzen. „Jedenfalls nicht diese da.“

    „Aber es schmeckt doch so gut.“

    „Mir nicht. Hol mir eine echte, dunkle Schokolade. Etwas mit Kakaobutter und weniger Zucker. Dann reden wir weiter. Dieses Zuckerzeug ist doch widerlich.“

    Robert verschlang den Rest des Riegels. „Jetzt hast du seine Gefühle beleidigt.“

    Für einen Moment sah Joanne ihren Freund entgeistert an, dann lachte sie aber los. „Du bist echt ein Weirdo.“

    „Sagt die, die keine Schokolade mag.“


    19. Midnight – 29.08.1996


    Es war kurz nach Mitternacht, als der Flieger in New York landete. Und das war nicht einmal ihr letzter Stop. Joanne ahnte, dass ihr das Jetlag in den nächsten Tagen böse zusetzen würde. Hoffentlich verhaute sie ihr Vorstellungsgespräch und die Tests nicht. Es war nur eine fixe Idee, doch es war immer noch besser als keine Idee. Und allein um es ihrem Vater auszuwischen war es das wert. Egal. Sie wusste eh nicht, was für einen Job sie sonst machen wollte. Polizei war ausgeschlossen. Profisport? Nun, weder Leichtathletik, noch Karate konnten die Rechnungen bezahlen. Also war es keine schlechte Wahl.


    20. Signature – 08.09.1996


    Joanne atmete tief durch, als sie den Stift ansetzte. Noch einmal überflog sie die letzten Zeilen des Vertrags. Dabei würde sie daran nichts ändern können. Immerhin war es die US Army, bei der sie den Arbeitsvertrag unterschrieb. Sie würde Soldatin sein.

    Das hatte ihr Vater davon, dass er auf diesen ganzen Schwachsinn bestanden hatte. Sie würde sich nicht kontrollieren lassen. Sie war keine Forscherin. Sie war eine Kämpferin.

    „Ms Snyder?“, fragte Cpl Hustings.

    Kurz schenkte sie ihm ein Lächeln, dann nahm sie den Stift und unterschrieb. Es würde keine leichte Karriere werden. Aber sie war fest entschlossen, sich anzustrengen.


    21. Healing – 14.05.1997


    Immer hatte es geheißen, dass Militär sei nicht für jeden. Es hatte geheißen, dass Militär sei für Frauen besonders hart. Doch selbst wenn es nicht für „jeden“ war, so war sie offenbar eine der Personen, für die es richtig war. Seltsam, oder? Sie hasste es sinnlose Aufgaben zu verrichten und davon gab es hier genug. Dennoch hatte alles etwas Beruhigendes, Heilendes. Denn anders als zuvor wurde ihr hier Respekt entgegengebracht. Für gute Leistung. Für schnelles Denken.

    Es war tatsächlich eine gute Entscheidung gewesen. Einzig eine Sache hatte sie nach dem ersten Parkour bereut: Die langen Haare. Jetzt waren sie kurz.


    22. Trust – 05.05.1998


    Der Parkour brauchte Fitness, brauchte gute Reflexe, brauchte Ausdauer und Kraft. Vor allem aber brauchte er auch ein wenig Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Zumindest davon hatte Joanne einiges. Selbst wenn sie es nicht immer verstand: Wenn sie es wirklich brauchte, dann hatte sie Kraft, dann konnte sie beinahe alles schaffen. Fünf Meter weit springen? Kein Problem. Die Wand hochkommen? Es war nicht einmal eine Herausforderung. Sich die Griffe entlanghangeln? Leicht. Die Seile schwingen? Ebenfalls keine Herausforderung.

    Während die anderen Rekruten hinter ihr zurückgeblieben war, übertrat sie die Ziellinie. Ein Pfeifen. Sie fühlte sich nicht einmal außer Atem.


    23. Spark – 11.09.2001


    Es war ein Funke, der ein Feuer entfachen würde. Das wusste Joanne. Das wusste jeder hier. Es gab nichts, was sie tun konnten, außer hier zu sitzen, im Speisesaal der Kaserne, und auf den Fernseher zu starren. Ein uralter Röhrenbildschirm. Sie konnten nichts tun, außer zuzusehen, wie die Gebäude brannten, wie Schutt und Staub hinabrieselte. Terrorangriff, das war das Wort, das die Reporter am häufigsten erwähnten. Angriff auf Amerika und ihre Werte. Es waren drei Flugzeuge gewesen. Soweit. Es gab Gerüchte.

    Jeder von ihnen ahnte, dass es mehr bedeuten würde. Krieg. Einsatz. Nur gegen wen? Das war die offene Frage.


    24. Vessel – 24.06.2002


    Das Surren der Motoren war beinahe ohrenbetäubend. Sie waren jetzt seit einigen Tagen auf See. Und sie wusste nicht einmal ob sie eine Chance auf einen richtigen Einsatz bekommen würde. Man war „unentschlossen“, hatte man gesagt. Denn die Regeln standen: Keine Frauen im Kampfeinsatz. Wie albern. Wie sexistisch.

    Sie starrte auf die Decke über ihrem Bett, das kaum verdiente, so genannt zu werden. Koje. Die Notlichter sorgten dafür, dass die Kabine von einem geisterhaften grünlichen Licht erfüllt war.

    Ihre Kollegin unter ihr war schon lange eingeschlafen. Auch das lernte man beim Militär: Einschlafen, sobald man sich hinlegte. Und schnelles Aufstehen.


    25. Accident – 29.11.2002


    Es war ein Unfall gewesen, hatten sie gesagt. Ein Autounfall. Ihr Vater war zu schnell gefahren, hatte im Regen die Kontrolle über den Wagen verloren. So jedenfalls lautete die Geschichte, die man ihr erzählt hatte.

    Joanne fühlte sich fehl am Platz. Man hatte ihr erlaubt die Beerdigung der Eltern zu besuchen, dafür einige Tage in die USA zu reisen. Ganz in Schwarz stand sie vor den in der Kirche aufgebahrten Särgen, in denen die perfekt restaurierten Leichen lagen, und fühlte … nichts.

    Die beiden Menschen in den Särgen waren Fremde für sie. Fremde, denen sie ihr ganzes Leben lang egal gewesen war.


    26. Command – 23.09.2003


    Bitter schmeckte Joanne die Galle in ihrem Mund. Sie hatte kein gutes Gefühl dabei. Etwas stimmte nicht und das Schlimme war, dass sie ahnen konnte was.

    Sie war Soldatin. Sie war eine der wenigen Soldatinnen hier. Sie konnte sich nicht einfach einem Befehl widersetzen. Sie musste zeigen, dass sie nicht schlechter war, als die anderen. Schon wollte ihr Training übernehmen, wollte sie den anderen Soldaten folgen lassen.

    Doch ein Teil ihres Gehirns widersetzte sich, versuchte sich loszureißen.

    Sie hatte einen Befehl. Einen konkreten Befehl. Sie musste gehorchen.

    Eine Bewegung zu ihrer Linken. Eine Person. Sie hob das Gewehr und schoss.


    27. Void – 03.01.2004


    Joannes Magen verkrampfte sich, als sie an ihrer linken Seite hinabsah. Da war nichts. Gar nichts. Nur noch ein Stumpf, der in Bandagen gewickelt war. Mehrere Schläuche führten hinein oder hinaus. Ihr Arm war weg. Komplett weg.

    Sie weinte nicht. Sie war Soldatin. Sie würde nicht weinen. Aber ihr Arm war verschwunden, war wahrscheinlich irgendwo im Abfall gelandet. Da war nichts. Sie spürte nichts mehr. Nicht einmal die Schmerzen, die von Medikamenten erstickt worden waren. Nichts.

    Die Ärzte hatten keine Wahl gehabt, dass hatten sie gesagt. Dennoch kam sie nicht umher, sich eine Welt vorzustellen, in der das anders war.


    28. Ethereal – 14.06.2004


    Warum hatte sie sich darauf eingelassen, wieder zurückzukommen? Sie konnte ohnehin nicht mehr kämpfen. Sie war nutzlos. Doch der Gedanke daran, dass er sie sonst besiegt hätte, dass er sie sonst losgeworden war, quälte sie. Davon abgesehen: Wohin sollte sie? Nach Amerika? Dort würde sie wahrscheinlich ohne Geld auf der Straße landen. Die VA war bekannt dafür, unzuverlässig zu sein. Nach Südafrika? Wenn sie überhaupt eine Aufenthaltserlaubnis bekam. Also blieb sie hier, in der Hoffnung sich ein wenig Überlegenheit erarbeiten zu können. In der Hoffnung sich doch noch irgendwie zu beweisen und einen flüchtigen Moment der Siegesgewissheit genießen zu können.


    29. Leap – 24.08.2004


    Joanne vertraute diesem Michael nicht. Sie vertraute ihm nicht und doch hatte sie sich hierauf eingelassen. Was war auch ihre Wahl? Sie hatte keine mehr. Sie hatte keine Wahl mehr, keine Zukunft, wenn sie blieb, wenn sie in die USA zurückkehrte. Also besser das hier. Eine Chance. Ein Risiko. Wahrscheinlich würde sie sterben. Wahrscheinlich endete sie im Gefängnis – und dann tot. Es war, was man mit Kriegsverbrechern tat, oder? Terrorist. Dann wäre sie auf einmal ein Terrorist.

    Und wenn schon!

    Was hatte sie davon zu bleiben? Was hatte sie davon inne zu halten. Zumindest gab es hier eine kleine Chance auf eine Zukunft und die Rückkehr nach Südafrika, nach Kapstadt. Der einzige Ort, der sich irgendwie wie ein Zuhause angefühlt hatte. Ob sie Robert wieder treffen konnte?

    Es war egal. Sie musste erst überleben, musste sich konzentrieren. Sie lief, sprang, ging hinter einem der Container am Rande des Lagers in Deckung. Sie war nur eine Ablenkung. Sie würde nur den Alarm auslösen. Dann verschwand sie. Dann wurde sie bezahlt. Dann begann ihr neues Leben. Nur ein wenig. Es musste funktionieren.

    Ein Schuss vom anderen Ende des Camps. Verflucht, war einer der anderen verletzt? Es wurde heller. Die Soldaten wachten auf.


    30. Burn – 04.09.2004


    Die Hitze des Dschungels war unerträglich. Selbst die Nacht hatte sie nicht besser gemacht. Die Schwüle war noch schlimmer.

    Eigentlich hätte sie im Gebäude bleiben sollen. Es war ein Wunder, das sie überlebt hatte. Doch sie brauchte das hier. Den Anblick der Flammen, wie sie die letzten Erinnerungen an Joanne Snyder auffraßen. Das Namensschild. Die Papiere, die Michael gerettet hatte. Gemeinsam lagen sie in der kleinen Metallschale und wurden nach und nach von den Flammen verschlungen.

    Das war er. Ihr Tod. Der Tod von Joanne Snyder. Erschossen. Eine Verwechselung. Kugel in den Kopf. Sofortiger Tod. Nur der Sarg war leer.


    31. Renew – 30.09.2004


    Pakhet schenkte dem Sicherheitsbeamten ein distanziertes Lächeln. War es zu angespannt? Verriet es sie?

    Doch der Mann schaute sich nur den Ausweis an, nickte, stempelte. „Willkommen zurück, Ms Bekker“, erwiderte er.

    Rasch nahm sie den gefälschten Ausweis entgegen, nickte und ging weiter. Es klappte wirklich alles. Sie hatte nicht daran geglaubt, hatte diesem Michael nicht getraut. Doch es hatte alles funktioniert. Ihre neuen Papiere waren einwandfrei. Er hatte ihr garantiert, dass sie auch mit entsprechenden Registereinträgen versehen waren. Umsonst. Als kleine Prämie für den Einstieg in seine „Firma“. Egal. Es war ohnehin nur ein Deckname. Joanne Snyder war tot. Stephanie Bekker nur eine Illusion. Von nun an war sie Pakhet. Söldnerin. Was auch immer das auf dauer bedeuten würde.

    Für den Moment war es egal. Sie war zurück in Kapstadt, wo ein eigenes Haus auf sie wartete. Ein Haus, das sie würde abbezahlen müssen. Doch immerhin war der Job als Söldnerin nicht schlecht dotiert. Sie würde sehen, wohin es sie brachte.

    So sehr sie sich selbst auch nicht enttäuschen wollte: Sie spürte Hoffnung. Es war besser, als auf die VA angewiesen zu sein. Auch mit nur einem Arm, war sie nicht machtlos. Sie konnte kämpfen. Sie würde kämpfen. Als Pakhet.