Helden der Elemente

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  • Helden der Elemente

    Schönen guten Tag und willkommen zu meiner Geschichte.

    Sie ist die erste Idee, die ich je hatte und es schon seit der Grundschulzeit gab; schon immer hat mich Fantasy stets fasziniert aufgrund der Möglichkeiten, die sich einem beim Schreiben ergeben können. Ich will nun den Versuch wagen, meine erste Idee auch nun zu verschriftlichen. Mittlerweile bin ich auch sehr gut dabei, weswewegen ich es auch nun wagen kann, die Kapitel nach und nach zu veröffentlichen.


    Erfahrung habe ich schon vorher durch das Schreiben einer Fanfiction im Mystery Dungeon-Bereich bekommen; ich hoffe, dass mein Schreibstil nachwievor unterhaltend und spanned ist, sodass ihr euch in den Kapiteln verliert. Nun will ich euch nicht länger aufhalten: Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


    LugiaViel Freude!Lugia




    Klappentext

    Als Lucian dem Ruf einer ihm unbekannten Stimme folgt, ahnt er nicht, wohin ihn und seinen Bruder die Reise führen wird. Erst als er sich auf Marogia wiederfindet, sieht er sich zum Ersten Mal in seinem Leben mit der Magie konfrontiert. Bald auch schon wird sein Schicksal offenbart, indem er die Pläne des finsteren Magiers Yamiel verhindern soll, die Verheerung Ra wieder zu erwecken. Auch wenn er sich dieser Aufgabe nicht allein stellen muss: Wird es ihm und seinen Verbündeten gelingen, die Magische Welt vor ihrer Zerstörung zu bewahren?


    Kapitel-Liste
    Prolog - Flucht in der Dunkelheit

    Kapitel 1 - Familie Destiné

    Kapitel 2 - Der Ruf des Lichts

    Kapitel 3 - Die Räuber

    Kapitel 4 - New Dawn


  • Prolog
    Flucht in der Dunkelheit



    Ein gleißender Blitz durchzog den pechschwarzen Nachthimmel und erhellte den Weg vor den Füßen der Frau im schwarzen über ihr Goldkleid gezogenen Mantel, den sie in ihrer Eile zurücklegte. Sie sah, dass der Waldboden vor ihr in eine Grube überging und setzte zu einem gewagten Sprung in Mitten der Dunkelheit der stürmischen Nacht an. Sie übersprang den mit Regenwasser gefüllten Graben, landete aber auf einen breiteren Flecken feuchter Erde und rutschte dabei ohne Halt aus. Sie landete unsanft auf ihrer Seite und die weiße Sphäre, die sie wie ein wertvolles Kleinod im Arm festgehalten hatte, kullerte ein paar Meter von ihr weg und verschwand inmitten des Dickichts in der Dunkelheit. Bei dieser wäre nahezu unmöglich gewesen, sie wieder zu finden.


    Nein!“, dachte sich die Frau, die sich hastig aufrichtete und die Strähnen ihres hellblonden Haares aus dem Gesicht wischte. Sie konnte nicht warten, bis es Tag wurde. Sie hatte keine Zeit und musste sich verstecken, auch wenn es so gut wie aussichtslos war. Mit einem Flüstern wurde ihre Sicht schlagartig besser. Aus der Dunkelheit taten sich schärfere Umrisse hervor und sie sah ihre Umgebung in sichtbar definierten Schwarz-Weiß-Verhältnissen. Umringt wurde sie von einer Vielzahl von dicht bewachsenen Bäumen. In ihrer Flucht schien sie offenbar immer tiefer in den Wald gelangt zu sein. Doch ihr Blick galt mehr den Gebüschen, die aus dem mit modrigen Blättern bedeckten Boden wuchsen. Und in einem erkannte sie die halben Umrisse ihres wertvollen Gutes wieder. Sie spurtete zu dieser Stelle hin und nahm es wieder behutsam in ihre Arme, als dann mit dem nächsten Donnerschlag ein Knacken von Zweigen hinter ihr ertönte.


    „Wie leichtsinnig von dir, deine Magie zu benutzen!“, lachte eine höhnische Stimme, die ihr nur zu wider war. Doch sie hatte nicht das Interesse, in Zeiten der Not sich deren Besitzer zu widmen. Ohne sich umzudrehen setzte sie ihre Flucht fort. Sie achtete immer weniger auf den Boden. Die Frau wollte einfach nur fort von ihm, sie musste die Sphäre vor ihm in Sicherheit bringen. Doch der Weg vor ihr lag im Dunkeln, mehrmals lief sie gegen die rauen und dicken Stämme von Bäumen, deren tief hängenden Nadelzweige auch noch scharf ins Gesicht peitschten.


    Sie hatte das Zeitgefühl verloren, wie lange sie schon auf der Flucht war. Ihr blieben auch nicht die Sekunden, länger als ein Atemzug Pause zu machen, da sie immer wieder direkt jene verhassten Schritte von ihm hörte. Und auch schien die Nacht kein Ende mehr zu nehmen. Ununterbrochen durchlief sie die Dunkelheit, die immer stärker als lichter zu werden schien. Es hatte so gut wie keinen Sinn mehr. Denn die Finsternis war auf seiner Seite und ihm, ihrem Gebieter, loyal ergeben. Ihr blieb keine Wahl; sie musste ihre Magie nun doch einsetzen, umso besser die Fluchtrouten in den Bruchteilen von Sekunden, die ihr gestattet wurden, zu wählen. Doch sie wusste, dass sie damit genauso gut jede Chance auf Flucht zunichte machte, denn er würde ihre Magie wieder spüren und wissen, wo sie sich befände.


    Erneut flüsterte sie, was aber fast in ihrem Keuchen unterging. Dennoch wurden erneut die Umrisse in der Dunkelheit schärfer. Jetzt, wo sie auch nicht mehr darauf verzichtete, gelang es ihr viel eher, behände ihre Flucht durch den Wald fortzusetzen. Sie nahm scharfe Kurven um die Bäume, schob mit dem einen Arm weitere tief hängende Äste beiseite, während sie mit dem anderen ihr Kleinod fest an ihren Körper drückte.


    Doch sie spürte, wie langsam, wie bei einem Leck, die Kraft ihren Körper verließ. Die Arme konnte sie kaum mehr heben, und erneut peitschten ihr die Zweige wieder gegen ihren Körper und hinterließen wie zuvor zahlreiche Schrammen und Kratzer. Ihre Beine wurden immer schwerer, sie musste größte Mühe aufbringen, sie zum Laufen zu bewegen. Und ihr Atem wurde immer schwerer, es zerriss fast ihre Lunge, in derartigem Tempo ohne Pause zu rennen. Auch spürte sie, wie die weiße Kugel immer lockerer in ihren Armen lag und drohte, wieder heraus zu kullern. Das war ihre größte Sorge und ihr Blick fiel auf diese, während sie es mit andächtigem Flüstern bat, in ihrem Arm zu bleiben. Doch das stellte sich als fataler Fehler heraus. Ihrer Klarsicht bei Nacht ohnehin fast im Angesicht ihrer körperlichen Erschöpfung beraubt, sah sie nicht die Wurzel eines mächtigen Baumes, die sich über ihren Weg erstreckte. Ein stechender Schmerz und das Taubheitsgefühl überkam ihr, als sie mit voller Wucht mit ihrem bereits geschundenen Fuß gegen diese Wurzel krachte. Sie fiel vornüber mit dem Bauch voran auf den nassen Boden, Schlamm spritze in alle Richtungen. Doch zu ihrem größten Entsetzen schleuderte es die Kugel in weitem Bogen aus ihrem Arm, welche noch weiter als zuvor über den Boden rollte. Erst in weiterer Entfernung schien sie gegen was Hartes zu krachen, sie hörte ein entsetzliches Knacksen.


    Taub und wie gelähmt vor Entsetzen, sah sie, wie die Kugel weiter hinten schwach aufleuchtete. Zum Aufstehen schien ihr gänzlich die Kraft zu fehlen. Sie spürte eine Art von Knoten ihre Kehle zuschnüren und das Schlucken fiel ihr mehr als schwer. Dennoch, sie durfte nicht aufgeben, auch wenn sich Verzweiflung in ihrem Körper ausbreitete und sie wachsendes Eis mit Taubheit versah. Anstatt aufzustehen, zog sie sich mit ihren Armen langsam und allmählich zu ihrer wertvollen Sphäre heran, deren Leuchten immer stärker wurde. Sie spürte, als sie ihr immer weiter näherte, wie ein warmes Gefühl sich in ihr ausbreitete. Ein Gefühl des Glücks durchfuhr ihr Herz. „Ein Glück…!“, flüsterte sie, als sie endlich die Sphäre erreichte. Ihre gläsern wirkende Oberfläche war an etlichen Stellen mit Rissen versehen, aus denen weißliches Licht kam. Doch als die Frau ihre Hände auf diese legte, fühlte sie, wie sie noch immer intakt. Sie fühlte an, als würden in ihr mehrere Herzen schlagen. Und es war tatsächlich so etwas drin. Die Frau richtete sich und nahm die Sphäre in beiden Armen, als würde sie ihr eigenes Kind in diese schließen wollen.


    „Ich passe auf euch auf ...“, flüsterte sie leise, während sie in dem Moment der Glückseligkeit schwelgte. Ihre Augen fielen auf den Weg, der vor ihr lag. Sie musste weiter machen, sie durfte trotz allem nicht verharren. Doch das, was sie vor sich sah, ließ mit einem Schlag alle Hoffnung auf ein Versteck, gar auf eine Rettung, versagen. Vor ihr lag kein Weg mehr. Die Sphäre ist von da abgeprallt und ein paar Fußlängen zurückgerollt, deswegen hatte sie das nicht vorher gesehen. Eine hohe Felswand tat sich vor ihr auf, die sich im Halbkreis um sie herum erstreckte. Sie erkannte in dem Licht, das von ihrer Kugel ausging, dass die Wände zu rau waren, als dass sie in Windeseile hätte hinauf klettern können. Bebend vor Angst wollte sich aufrichten, was ihr auch endlich wieder gelang. Sie drehte sich um, sie musste dringend einen anderen Weg finden. Doch kaum wollte die Frau losgehen, schien eine unsichtbare Kraft sie sehr hart von vorne zu treffen, was sie förmlich von den Füßen riss. Sie flog im flachen Bogen gegen die harte Felswand, und sie spürte deren Spitzen am Boden hart in ihren Rücken stecken. Eine besonders gemeine schien sie in ihre Wirbelsäule zu treffen. Ein zunächst warmes Gefühl breitete sich in ihren Beinen aus, dann spürte sie diese gar nicht mehr. Jäh sackte sie am Boden der Felswand zusammen und Tränen der Schmerzen kamen ihr hervor.


    Es war vorbei. Sie hatte es im Vorfeld befürchtet, doch nun die ergebnislose Flucht wahrhaftig am eigenen Oberleib zu spüren verbitterte sie so sehr, dass sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Die Realität, die sie mit einem Schlag einholte, erschien ihr wie ein wahrhaftiger Alptraum, aus dem es kein Aufwachen mehr gab. Ihr Kampf gegen die Finsternis, den sie mit ihren geliebten Mitstreitern gewonnen zu haben schien, ward am Ende doch verloren. Sie war die einzige Überlebende der einstigen Gruppe von Helden, und der Verlust ihrer liebsten Freunde überkam ihr wie eine Kaskade. Alles war umsonst. Sie versank den Kopf in ihren Armen und schluchzte ihre Seele aus dem Leib.


    Es verging eine Zeit, in der ihre Trauer Oberhand über sie gewann. Dann hörte sie jene Schritte wieder, und in ihrer Verzweiflung und Angst wagte sie es nicht, in die Augen des Mannes zu schauen, dessen schattenhafte Silhouette sich auf der Lichtung formte. Bis auf seinen dunklen Umriss waren nur seine stechenden Augen zu erkennen, deren orange leuchtenden Pupillen sich zu siegesgewiss weiteten. Sie weideten sich lange an der misslichen Situation seiner Widersacherin, ehe der Mann zu sprechen begann. Es lag keine Spur von Mitgefühl oder Anteilnahme, alles was er forderte, war nur die Sphäre in ihren Armen, auf die nun sein Augenmerk lag: „Gib sie mir!“


    Sie reagierte nicht. Sie hasste ihn aus tiefstem Herzen, daher würde sie keinen Moment daran denken, seiner Forderung nachzugehen. Allein seine Präsenz war unerträglich für sie und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich bereits zehn Mal meilenweit von ihm weg teleportiert. Doch anders als er, war sie dazu nicht in der Lage. Wieder erhob der Mann vor ihr seine Stimme, nur dieses Mal lauter und energischer: „Gib sie mir! Sofort!“


    Es hatte keinen Zweck. Er hatte den Kampf gewonnen, doch sie weigerte sich nach wie vor, diese Realität zu erkennen. Auf einmal spürte sie, wie die Kugel wie von einer unsichtbaren Kraft aus ihren Armen heraus gezogen zu werden drohte. An das letzte Stück Hoffnung klammernd, dass ihr in dem Moment noch blieb, fing sie die Kugel noch im Flug auf und drückte sie wieder fest an ihren Körper. Die Kraft, die an ihr zog, war immens und kam der eines Schwarzen Loches gleich. Und obwohl sie nicht wusste, wie sie trotz allem es schaffte, diese Kraft noch am Ende ihrer Kräfte aufzubringen, hielt sie die Sphäre fest in ihrem Armen umschlossen.


    Vom Mann ein ungeduldiges Murren. Sie hörte, wie er sich ihrer Position ein paar Schritte näherte und wieder mit ruhigerer, wieder siegessicherer Stimme sprach: „Du weißt schon, dass ich sie mir auch deinem toten Körper entnehmen kann, oder?“

    Auch wenn diese Worte wie eine Drohung wirkten, so lösten sie dennoch eine trotzige Reaktion in der Frau aus. Er hatte Recht mit dem, was er sagte. Sie war zu entkräftet, um ihm in einem Kampf mit ihrer Magie noch irgendetwas entgegen zu setzen. Nach und nach blieb ihr nichts anderes übrig, als die Wahrheit anzuerkennen: Sie war geschlagen, sie hatte den Kampf verloren. Und doch spürte sie die Hoffnung sprichwörtlich in ihren Armen liegen. Sie wusste, dass trotz allem noch nicht alles verloren war. Langsam aber sicher formte sich in ihr ein Entschluss, der ihr zwar nicht besonders gut gefiel, ihr aber dennoch Mut gab. Soviel Mut, dass sie nun tatsächlich den Kopf und in die Augen des Mannes blickte, der nun dicht bei ihr war, und auf sie herabblickte. Eiseskälte stand in ihnen geschrieben, die durchaus Angst einflößend wirkten, aber dennoch lächelte sie: „Die Schlacht magst du heute gewonnen haben! Aber ...“, und mit diesen Worten nahm sie ihre allerletzte Kraft zusammen und übertrug sie auf die Sphäre, welche daraufhin stärker zu leuchten begann, „den Krieg hast du noch lange nicht gewonnen!“


    „Was tust du?!“, weiteten sich die Augen des Mannes vor Entsetzen, der beim gleißenden Aufleuchten der Kugel zurückwich und seine Augen mit seinem Arm bedeckte. Die Frau spürte, wie sich nun wieder ein warmes Gefühl ausbreitete, dieses Mal aber in ihrem restlichen Körper. Sie spürte, wie die Sphäre immer mehr Risse erfuhr, und sie stieß ein Stoßgebet in Richtung des dunklen Sturmhimmels aus: „Die Götter werden wissen, was zu tun ist!“. Und jäh schien die Sphäre in ihren Händen zu platzen. Eine mächtige Lichtsäule schoss hervor, die alles in ihrer Umgebung erleuchtete. Als die Säule den Himmel erreichte, stoben sämtliche schwarze Wolken vorbei, als fürchteten sie um deren Existenz und der Himmel ward für einige Zeit von einem vergleichsweise warmen Leuchten bedeckt, wie das einer zweiten Sonne.


    Die Frau sank nun vollständig zu Boden, ihr gesamter Körper gelähmt. Mit einem zufriedenen, aber auch traurigen Lächeln beobachtete sie, wie das, was in der Sphäre lebte, ebenso in den Himmel aufstieg: Eine Vielzahl von Lichtern in verschiedenen Farben, die wie Edelsteine funkelten. In Gedanken nahm sie Abschied von ihnen, doch sie war in Tränen froh, dass sie trotzdem in Sicherheit waren. Es stimmte sie traurig, dass sie nicht in der Lage war, sie besser zu beschützen. Doch zuversichtlich schaute sie dem Lichtspiel zu, ehe es mit einer gewaltigen Lichtexplosion endete und nichts außer einem wieder freien und sternklaren Himmel zurückließ. Der Vollmond schien und tauchte die Felsenlichtung in sanftes weißes Licht, das auch die Frau erfasste. Als sie spürte, wie ihr Element ihren Körper erfasste, fühlte sie die wohlige Wärme durch ihren Körper fahren, welcher selber nun im selben Licht aufleuchtete. Sie genoss für den letzten Moment, den ihr blieb, die Stille, welche die Umgebung füllte. Dann durchbrach mit wütendem Ton die Stimme des Mannes wieder: „Nach all dem gibst du einfach auf?“


    „Nein“, sagte die Frau mit ruhiger Stimme. Sie spürte wie all das Leid, das ihrem Körper widerfahren war, von ihr genommen wurde. „Aber ich sehe nach wie vor das Licht in der Dunkelheit, und so wirst du es auch bald wieder.“ Mit diesen Worten löste sich ihr Körper endgültig in weißem Licht auf, ehe wieder Stille einkehrte. Der Mann, der im Schatten der Bäume lauerte, sah zornig die Stelle an, an der seine Widersacherin bis eben noch lag. Dann, als er realisierte, dass er nichts mehr tun konnte, wurde er eins mit dem Schatten und verschwand ebenso lautlos wie er gekommen war.

  • 1

    Familie Destinè


    ~Lucian~


    Die Sonne verdunkelte sich. Die Erde bebte und brannte. Risse taten sich unter enormen Krachen auf und dunkle Schatten hüllten alles Umliegende in tiefster Schwärze. Ein junger Mann, in seinem letzten Jahr als Jugendlicher, stand regungslos auf einem Hügel. Er konnte sich nicht bewegen. Die Furcht, die eiskalt seinen Rücken entlanglief, hatte ihn fest in seinem Klammergriff. Er konnte nichts bewegen, keine Unternehmung wagen, um dieser Szenerie zu entkommen. Alles hätte er getan um zu fliehen, denn die Erde riss immer mehr auf und je näher der entstandene Spalt seiner Position kam, umso mehr hörte er das Brüllen eines Wesens, das aus den tiefsten Eingeweiden der Erde heraus zu kriechen schien. Der Schatten, der Finsternis über alles brachte, brach über ihn herein. Ein eiskalter Windhauch umhüllte, suchte seinen Weg durch den Stoff seiner Kleidung und biss in seine Haut. Er war so kalt, dass Arme, Finger, ein jedes Glied seines Körpers taub und er erst recht dazu gezwungen war, hilflos und tatenlos jenem Wesen in dessen rotglühenden Augen zu blicken, die sich bei seinem Anblick zu Schlitzen verengten. Die Welt um ihn herum war tot, verschlungen und von der Finsternis in die Leere gestoßen. Nur er und jenes Augenpaar waren als Einzige noch existent. Und er sah nun angsterfüllt, die Augen vor Entsetzen geweitet, wie sich ein weiterer Spalt auftat. Er sah es an dem Flackern, das sich unterhalb des dämonischen Augenpaares auftat, und welches immer größer wurde. Ein bläulich-schwarzes Licht kam zum Vorschein und ihm kam eine unangenehme Wärme entgegen. Die Luft wurde zunehmend heißer und im Bruchteil einer Sekunde sah er die schwärzliche Flamme aus dem Rachen des Wesens kommen. Wild und tosend suchte sie ihre Bahn, alles verschlingend. Eine Sekunde, weniger sogar, und es wäre vorbei. Er schloss die Augen und ... er öffnete sie wieder.


    Lucian atmete schwer. Er spürte die Kälte noch immer auf seiner Brust. Doch die rührte vom sanften Windhauch her, der durch das halb geöffnete Fenster wehte. Seine Brust war schweißgebadet, die Decke lag quer über dem Bett und wirkte sehr durchgewühlt. Er versuchte sich zu bewegen, und er merkte, dass sein ebenso feuchter Rücken an der Matratze klebte. Lucian, dessen hellblondes Haar zerzaust war und in alle Richtungen stand, richtete sich auf und hielt inne. In seinem Kopf wirbelte es und er sah die Farben seines in hellen und braunen Farben gehaltenes Zimmer verschwommen. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihm hoch und für einen dachte Lucian, dass er sich übergeben müsste. Doch nur Tropfen warmen Speichels spürte er auf seiner Handfläche, die er sich vor dem Mund hielt. Langsam aber spürte er, wie sein Puls sich normalisierte. Sein Kopf pochte nicht mehr und das Schwindelgefühl ließ nach. Lucian horchte weiterhin in seine Umgebung. Kein Beben und kein Krachen, und ebenso auch kein Brüllen eines Monsters. Er hörte stattdessen die friedlichen Gesänge draußen in den Baumwipfeln und wie der Wind seine Vorhänge leicht zum Flattern. Und ein weiteres Geräusch mischte sich unter diesen. Es war ein leises Atmen, das aber nicht von Lucian kam. Er ahnte aber bereits, zu wem dieses Atmen gehörte. Er wandte seinen Blick in Richtung des Tisches, der schräg gegenüber seinem Bett stand, und er begegnete Ignáces Blick.

    Ignáce war sein älterer Bruder. Genauer waren beide Zwillinge im Alter von siebzehn Jahren, die sich aber stark voneinander unterschieden. Während Lucian hellblondes und normalerweise ordentlich gekämmtes Haar besaß, so war Ignáce mit einem kohlschwarzen und relativ zerzausten Haarschopf ausgestattet, wo ein paar Strähnen über seine Augenbrauen fielen. Seine bernsteinfarbenen Augen waren auf Lucian gerichtet, der diesen Blick mit seinen blauen Augen erwiderte. Ignáce musterte seinen Bruder mit einer Mischung von Neugier und Besorgnis, ehe er ihm einen angenehmen Morgen wünschte. Nur murmelnd erwiderte Lucian diesen Gruß. Er tat so, als täte er dies aus Müdigkeit, denn er wollte nicht, dass sich sein Bruder groß Sorgen um ihn machte. Er löste sich aus dem Deckenwirrwarr und ging zum Waschbecken direkt neben seinem Fenster. Während er sich wusch, stand Ignáce auf. Er wartete aber, bis sein Bruder fertig damit war, so zu tun, als wäre er noch immer mit dem Waschen beschäftigt.

    „Du hast wieder im Schlaf geredet.“, sagte er nur, als Lucian sich zu ihm umdrehte. Sein Bruder winkte dies ab, indem er wie geistesabwesend das Fenster vollständig öffnete und damit eine angenehme Frühlingsbrise in den Raum ließ. Ignáce schmunzelte. Es war nicht das erste Mal, dass er seinen Bruder dabei beobachtete, wie er aus einem Albtraum aufwachte. Doch mittlerweile häuften sich diese Zwischenfälle, sodass er jede Nacht ihn laut reden und wimmern hören konnte. Lucian spürte seinen Blick in seinen Rücken, als würde er sich in diesen förmlich einbrennen. Er wandte sich vom Fenster ab und blickte ihm in die Augen: „Es sind nur Albträume. Es geht mir gut dabei“. Glücklicherweise fühlte er sich tatsächlich nun besser, was Ignáce an seiner Stimme zu hören schien. Er nickte bedächtig, wohlwissend dass es keinen Sinn brachte, groß darüber zu reden. Er schritt daher zur Zimmertür und während er sie öffnete, warf er einen Blick zu Lucian zurück: „Zieh dich übrigens schnell an. Vater und Glacia warten im Salon auf uns. Zusammen mit dem Oberst!“

    Lucians Magen zog sich zusammen und er spürte erneut einen Hauch von Übelkeit in ihm aufsteigen. Er hatte vergessen, was heute für ein Tag war. Er erinnerte sich nun aber daran, dass feinere Klamotten für diesen Anlass vorgesehen waren, die er sich aber am Vorabend im Schrank zurechtgelegt hatte. Eilig schlüpfte er in ein frisches weißes Hemd, über das er sich eine schlichte braune Weste zog. Die Hose aus etwas eng anliegendem Stoff und saubere Schuhe noch angezogen und Lucian stieg mit seinem Bruder Ignáce die Treppe in die Empfangshalle hinunter. Dieser hatte eine dunklere Version seines Outfits an, das aber auch besser zu seinem schwarzen Haar passte. Vom Treppenansatz an ging es nach links zur ersten Eichenholz-Tür, an der sich kurz innehielten. „Bereit?“, fragte er seinen jüngeren Bruder, der nervös und angespannt nickte. „Nun gut“, sagte Ignáce und öffnete die Tür, durch die beide in den Salon eintraten.


    Ein fast kreisrunder Raum mit dunklen Vorhängen vor den hohen Fenstern, durch die einen Spalt breit Licht auf eine Sitzgruppe im Zentrum des Raumes fiel. Von den drei Personen, die sich bereits dort niedergelassen hatten, stand nun eine auf und ging mit schnellen Schritten auf die beiden zu. „Schönen guten Tag, die Herren Lucian und Ignáce!“, reichte ihnen Oberst Justus die Hand. Obwohl er Notar war, wurde er von den Bewohnern der Stadt noch immer so genannt, da er einst in der Armee diente. Nach Jahren dieses Dienstes wurde sein Kopf immer kahler und sein Bauch immer fülliger, aber noch immer lebten sowohl in seinen Augen als auch in seinen Händen seine jugendhafte Energie, wie die Jungs beim Händeschütteln deutlich bemerkten. Mit einer eleganten Geste bat er die beiden zur Sitzgruppe hin, wo ihr Vater und ihre ältere Schwester saßen.

    Das weiße Haar des alten Mannes lag schlaff auf seinem Haupt und er selber war in mehreren Decken Stoffdecken gehüllt, da es ihm sonst zu kalt wurde. Er konnte sich nicht aufrichten, deshalb begrüßte er seine beiden jüngsten Söhne mit einer zittrigen Hand, worauf beide diese liebevoll in die ihre nahmen. Sie saßen sich neben ihrer Schwester Glacia, die ihnen nicht grüßte. Kühl und nahezu erhaben saß sie aufrecht auf ihrem Stuhl, das glatte hellblonde Haar zu einem eleganten Zopf gebunden. Als Lucian ihrem Blick begegnete, die sie ihm zuwarf, konnte er verstehen, warum sein Vater so viele Decken brauchte. Aber es waren nur er und Ignáce, die Glacia mit diesem Blick strafte. Oberst Justus kehrte wieder zur Sitzgruppe zurück und setzte sich. Er warf einen sachlichen Blick in die Runde: „Sehr schön! Dann sind jetzt alle beisammen, sodass wir nun mit der Angelegenheit beginnen können.“

    Er holte einige Formulare aus seiner ledernen Mappe hervor, die er vor sich auf dem Holztisch zurechtgelegt hatte. Diese breitete er vor sich aus, während er sich räusperte:

    „Wir haben uns hier versammelt, um vorzeitig das Testament des Herrn Mortimer Destine zu verlesen. Angesichts seiner eigenen Verfassung“ – er nickte bedächtig zu ihrem Vater, der bestimmt und zustimmend nickte – „bat Herr Destine mich darum, Formalitäten bezüglich seines Vermächtnisses vorzeitig abzuschließen. Kommen wir daher zum Wesentlichen. Zu diesem Anlass verlese ich das schriftlich verfasste und bestätigte Testament eures Vaters. Ich beginne nun den Vortrag, wenn nichts dagegen spricht.“ Er räusperte sich erneut, wartete noch ein paar Sekunden mit Blick zu den Kindern ab, dann wandte er sich seinem Papier zu:


    Ich, Mortimer Destine, beglaubige die nachfolgenden Zeilen, in denen ich meine Kinder Glacia, Ignáce und Lucian, gleichzeitig meine letzten lebenden Verwandten, zu Erben meiner Hinterlassenschaften ernenne:

    Meine geliebten Kinder, ich bedaure, dass ich vorzeitiger das Zeitliche segne als anfangs von mir erdacht. Gerne hätte ich euch weiterhin aufwachsen gesehen und auch vielleicht meine Enkelkinder in den Arm halten können. Doch nun kommt die Zeit, in denen ich euch das auf dem Weg gebe, was ihr für eure Zukunft brauchen könntet.

    An mein ältestes Kind und damit meine einzige Tochter Glacia: Dir vermache ich den Großteil meines Vermögens, dreihunderttausend in Goldstücken. Mach das Beste aus deiner Zukunft, dafür soll das Vermögen als Startkapital dienen. Weiterhin ernenne ich dich zur Verwalterin unseres Hauses, um das du dich kümmern sollst, bis deine beiden Brüder die Volljährigkeit erhalten haben. Ich sehe das Haus unserer Familie sich in den Händen derer Mitglieder.

    Meinen beiden Söhnen, Ignáce und Lucian…“, hielt Oberst Justus in dem Moment inne, während er verdutzt auf das Dokument blickte und dabei mit einem Blick zu Herr Destine nach Bestätigung fragte; dieser nickte. Mit hochgezogenen Augenbrauen fuhr er fort, „vermache ich neben einer kleineren Goldsumme eben jenes Haus, zu dessen Herren ich sie ernenne. Ich bin sicher, dass ihr euch zu zweit gut um dieses kümmern und mit Leben erfüllen werdet, wie ihr es euer Leben lang tatet, seit ihr auf die Welt gekommen seid. Haltet es instand und mit Andenken sowohl an mich als auch an eure Mutter. Jegliches Inventar könnt ihr frei untereinander aufteilen, sofern ihr keine Verwendung dafür findet. In Rücksicht auf eure Vergangenheit mit eurer Schwester bitte ich euch zu verstehen, dass ich will, dass sie sich stets in diesem Haus aufhalten darf, wann immer sie es sich wünscht.

    Ich verlasse euch mit gutem Gewissen und ich bin euch allen dankbar. Ihr seid mir die wundervollsten Kinder gewesen, die ich mir je hätte erhoffen können. Meine Segen und Hoffnungen ruhen nun auf euch!


    Lucian warf einen vorsichtigen Blick zu beiden Seiten. Glacia hatte für den Bruchteil einer Sekunde diesen erwidert, ehe sie wieder nach vorne blickte. Ignáce atmete lauter als gewöhnlich durch seine Nase aus, womit er ein Schnauben andeutete.

    „Nun gut, das wären die Einzelheiten bezüglich der künftigen Hinterlassenschaften eures werten Vaters“, erklärte Oberst Justus den drei Kindern, während er das Testament Herr Destine übergab. Mit zittriger, aber doch bestimmter Hand unterzeichnete er das Dokument, womit es seine Rechtskräftigkeit erhielt. Oberst Justus nahm es wieder entgegen und holte eine kleine Notiz hervor: „Des Weiteren soll das Handelsunternehmen eures Vaters unter eurer gemeinsamen Leitung fallen. Deren Führung hat er aber in seinen Augen fähigen Personen überlassen, die sich im schlimmsten Fall mit euch in Verbindung setzen werden, um über dessen Zukunft zu verhandeln. Damit wären die Angelegenheiten, wegen denen ich heute hier bin, geklärt.“ Oberst Justus stand auf und schritt zu Herr Destine hin und nahm dessen Hände in die seinen: „Ich komme morgen Abend nochmal zu Ihnen, dann werden wir nochmal einen heben, in Ordnung, alter Freund?“ Der alte Herr nickte eifrig. Oberst Justus setzte wieder zu seinem jugendhaften Funkeln in den Augen an und wandte sich mit einer Verbeugung zu den drei Kindern: „Ich empfehle mich, gnädige Herren und gnädige Dame!“

    „Ich begleite sie zur Tür, Oberst“, sagte Glacia in ruhigem Ton, wobei Lucian einen Hauch von Kälte spürte. Er und Ignáce sahen zu, wie sie in elegantem Gang den Oberst hinausbegleitete. Als sie sie mit ihrem Vater im Raum allein waren, wandte sich Ignáce diesem zu. In seinem Gesicht stand Unglaube geschrieben: „Ist es wirklich schon so bald?“ Herr Destínes perlförmige Augen suchten den Blick seines Sohnes. Als Vater und Sohn sich in die Augen blickten, setzte er zu einem schwachen Lächeln an; seine Stimme klang sehr matt, als wäre gerade aus dem Schlaf erwacht: „Ich fürchte ja, mein Sohn. Ich bin alt, da kommt das nun mal vor.“ Seine müden Augen galten der Tür, als Glacia wieder in den Salon etrat. Ihre Brüder bedachte sie mit einem kurzen Blick, der wie der eines Basilisken hätte töten können, ehe sie sich ihrem Vater zuwandte: „Benötigst du noch was, Vater?“ Der alte Herr schüttelte mit dankendem Blick die Augen. Glacia nickte zurück und machte auf den Absatz kehrt. Sie hörten, wie ihre Absätze auf den Treppenboden klopften und wenig später folgte das dumpfe Geräusch einer zugeschlagenen Tür.
    Herr Destine seufzte. „Ein schwieriges Mädchen“, sagte er, „kümmert euch besonders gut um sie.“ Lucian sagte nichts, aber sah seinem Vater in die Augen und nickte. Ignaces Blick allerdings galt noch immer der Decke. In dieser Richtung vermutete er Glacia, die sich in ihrem Zimmer befand. Selten sah sein jüngerer Bruder ihn mit einem derart grimmigen Blick, in dem Funken eines lodernden Feuers lagen. „Wenn sie nicht zuerst das Friedensangebot macht, braucht sie von mir keines zu erwarten“. Er drückte seinem Vater die Hand, küsste sie andächtig und verließ ebenfalls den Salon. Lucian wollte bleiben, doch Herr Destine nahm seine Hand in die Seine: „Geh ruhig, mein Sohn. Ich bin müde und würde mich gerne etwas ausruhen“. Er wühlte sich tiefer in seine Wolldecken und bat seinen Sohn noch darum, die Vorhänge etwas mehr zu schließen. Der Salon lag nun im Halbschatten und Herr Destine winkte seinem Sohn zu, als dieser nun auch aus dem Salon trat.


    Wieder einmal schlief Lucian sehr schlecht. Erneut träumte er, wie sich in der Erde ein finsterer Abgrund auftat und aus diesem ein Schatten mit rotglühenden Augen herauskroch. Doch dieses Mal schien es nicht direkt seinen Höllenatem auf Lucian abzufeuern, dem nichts anderes übrig blieb als mit starrem Entsetzen diesem Etwas zuzusehen. Es reckte sich in die Höhe und formte mit spiralförmigen Bewegungen eine Säule bestehend aus dunklen Schatten. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was genau dieses Wesen damit bezwecken wollte, wenn es doch nur verheerende Zerstörung brachte. Doch ihn ließ das Gefühl der Angst nicht los, als ahnte er, dass das Wesen einen niederträchtigen Plan verfolgte. Und tatsächlich schon hörte er das Schreien. Doch es war eine andere Art von Geräusch wie er erwartete. Ihm kam dieses Schreien seltsam bekannt vor. Und während er in Gedanken versank, merkte er nicht, wie die Schattensäule sich immer mehr ausbreitete und sich ihm bedrohlich näherte.

    In Lucians Ohren rauschte es laut, als die Säule nur noch wenige Momente von ihm entfernt war, und noch immer versank er in seinen Gedanken auf der Suche nach der Erinnerung, in der er den Schrei eins vernommen hatte. Ein Blitz durchfuhr die Schattensäule und hinterließ einen Spalt, aus dem ganz klar und deutlich Licht hervordrang. Lucian spähte nun angespannt in diesen hinein und das Rauschen wurde immer unerträglicher. Doch er machte keinerlei Anstalten, sich die Ohren zuzuhalten; zu sehr war er nun von dem fasziniert, was er durch den Lichtspalt in der Säule sah. Es war ein hell erleuchteter Raum und den grünen Baumkronen nach zu urteilen, die durch das kleine Fenster zu erkennen waren, war es ein sonniger Sommertag. Der Raum entbehrte sehr Vieles, einzig ein Bett mit weißen Bezügen füllte diesen aus. Und ein Stuhl ward vor ihm aufgestellt, auf dem ein Mann mit kräftigem schwarzen Haar saß, das ordentlich nach hinten gekämmt war. In seinen beiden Armen hielt er jeweils ein Bündel aus Stoff, aus denen das Geschrei kam. Jetzt erkannte Lucian auch dieses nun und sein Herz schlug nun höher. Er selbst war es, der schrie. Er und sein älterer Bruder Ignáce. Ihm wurde bewusst, dass er den Tag ihrer Geburt vor Augen hatte. Unbewusst, fast wie aus Reflex, fuhr ihm ein freudiges Lächeln über die Lippen, welches jedoch sofort erlosch, als er in das vergangene Gesicht seines damals jüngeren Vaters blickte – dem jungen Herrn Destine quollen unaufhörlich Tränen aus den Augen, die blutrot angelaufen waren. Er musste seit längerer Zeit schon weinen. Doch Lucian konnte es sich nicht erklären; war es für seinen Vater nicht die größte Freude seines Lebens, seine beiden Jüngsten auf einmal im Arm zu halten? Das ist es, was der Vater den beiden Brüdern öfters erzählt hatte.

    Jetzt wurde Lucian doch noch bewusst, warum sein Vater augenscheinlich seelische Qualen erlitt. Sein Blick wanderte langsam von Herr Destine auf das mit weißen Laken bezogene Bett. Doch es war ein Laken der Art, die keinen Schlafenden sonderlich warm hielten. Sein Atem wurde unruhiger, als er sich die Form des Lakens genauer betrachte. Es lag nicht eben auf dem Bett, in der Mitte hob es sich deutlich herab und hatte in gerader Linie seine Gefälle und Aufstiege. Lucians Blick galt nun dem Kopfende des Bettes, dort wo er auch das Kopfkissen vermutete. Doch dieses lag ebenfalls unter dem Laken verborgen. Dieses hatte an der Stelle eine kleine Hervorhebung, welche nahezu die Form einer Stupsnase hatte. Eine solche, wie er sich hatte …Sein Herz sank ihm in die Hose und Lucian merkte nicht einmal, wie er gegen das Bild der Szenerie schlug, als wollte er durch ein Fensterglas stoßen. Er hämmerte mit einer Faust, dann mit beiden. Doch das, was ihn von diesem Raum trennte, gab nicht nach und in seiner Verzweiflung schlug er noch heftiger dagegen, sodass seine Knöchel schmerzten und blau anliefen. Doch es war ihm gerade egal; zurzeit war er nur von einem Verlangen erfüllt, in das Gesicht der Person zu blicken, der die Stupsnase gehörte, die er ebenso als sein Eigen betrachtete. Er wollte sie anflehen, dass sie nun aufwachen sollte, da er und sie die einzigen Personen in dem Raum gewesen wären, die seinem Vater wieder gut hätten aufmuntern können. Und er wäre auch wieder glücklich, glücklicher als Lucian ihn jemals gesehen hatte. Doch dieses Verlangen wurde ihm nicht erfüllt und es zerstörte regelrecht seine Lunge, als er mit aller Kraft und mit lautem Verzweiflungsschrei in diese Szene eintauchen wollte. Doch es gelang ihm nicht. Als Lucian sowohl Kraft als auch die Luft ausgingen, sackte er in sich zusammen. Er war machtlos, er konnte nichts ausrichten. Und ein Lachen ertönte und es war eines, das ihm eiskalt den Rücken herunterlief. Dieses Lachen war nicht das eines Menschen, es war das eines Dämons, der nun Lucian diese Qualen zufügte. Und es sprach mit einer Stimme, in der eine solche Gnadenlosigkeit lag, der Lucian absolut nichts entgegensetzen konnte: „Verlier, was du liebst!“

    „Mutter!“, schrie Lucian ein letztes Mal aus Leibeskräften, als dann das Bild vor seinen Augen von den Schatten der Säule verschlungen wurde. Er war nun ein Gefangener der Finsternis, er lag im Mitten eines schwarzen Nichts. Nicht einmal jetzt konnte er das Gesicht seiner Mutter sehen, die er nie kennen gelernt hatte. Alles was er vor Augen hatte, war das Bild seines Vaters, wie er sichtlich betroffen vom Verlust seiner geliebten Frau weinte. Und er kannte seit geraumer Zeit die Wahrheit – sein Vater hatte den beiden Brüdern erzählt, was mit ihrer Mutter passierte. Nun hat er das Bild der Vergangenheit gesehen – und er war sich dessen sicher, dass es die Wirklichkeit der Vergangenheit wiedergab. Und Tränen schossen ihm die Augen. Er fühlte sich schuldig und dieses Gefühl sollte ihn umso mehr auf dem Herzen liegen und dieses im Klammergriff halten: Wären er und Ignáce nicht, dann würde sie noch leben. Sie, Herr Destine und ihre ältere Schwester Glacia, die als Einzelkind nicht einmal eine solche wäre – die drei wären nun eine glücklichere Familie als wenn die Zwillinge geboren worden wären. Herr Destine hätte eine Frau und ein Kind und wäre daher so glücklich, dass er vermutlich bis ins höhere Alter hinein gesund geblieben wäre. Glacia hätte die Liebe zweier Elternteile erhalten und hätte weniger, vielleicht auch gar nicht mehr ihre sonst kühle Haltung gegenüber anderen.

    Der Tod ihrer Mutter, Herr Destínes früheres Ableben und Glacias Abneigung ihren Brüdern gegenüber. Das alles war Lucians Schuld, war Ignáces Schuld. Es war …

    Ihre Schuld!“, gellte ein anderer, sehr spitzer Schrei durch die Dunkelheit. Auch diesen kannte Lucian zu gut, zumal er die Stimme erkannte, die so abfällig über ihn und seinen Bruder sprach. Doch dieses Mal kam kein Bild auf. Lucian lag durchgehend in der Stille der Schatten, von sich aus unfähig sich zu bewegen. Die Stille wurde ab und zu von Glacias Schreien durchbrochen und er wusste, dass diese aus verschiedenen Jahren seines und Ignáces Leben kamen. Eine Erinnerung daran, dass Glacia es ihnen nie verziehen hatte. Und jeder Satz war wie ein Sargnagel, der Lucian zur endlosen Untätigkeit verdammte.

    „Warum gehen sie nicht endlich?“

    „Sie haben uns Mutter genommen!“

    „Ich werde ihnen nie vergeben; ich verachte sie!“


    Verdient hatte es Lucian. Er konnte in dem Moment nicht anders als seiner Schwester Recht zu geben. Viel Leid wäre erspart geblieben, wenn er und Ignáce niemals geboren worden wären. Er schloss daher die Augen und hoffte auf ein baldiges Ende dieses Albtraumes. Und als hätte das finstere Wesen sich genug an der Verzweiflung und Machtlosigkeit geweidet, leuchteten dessen roten Augen selbst durch die geschlossenen Lider von Lucian hindurch. Und er fühlte erneut eine Hitze aufsteigen. Das Wesen setzte erneut zu seinem Höllenfeuer an. Dann durchbrach ein Brausen die Stille, der stechende Schmerz von Feuer, das innerhalb von drei Sekunden seine Haut wegbrannte – dann herrschte erneut Stille. Lucian fühlte nichts. War er tot? Er versuchte die Augen zu öffnen, doch er war sich nicht sicher, ob ihm das gelang, denn um Ihn herum lag vollendete Schwärze, die alles Licht zu verschlucken schien. Und er fühlte sich weder schwerelos noch von der Schwerkraft der Welt bewegt. Und dann durchbrach wieder einmal eine Stimme, doch es war weder die gnadenlose des Dämons noch die kalte seiner Schwester; es war eine andere Frauenstimme, die aber warm war und doch bestimmt. Und jäh fühlte er, wie sein Leben in ihm wiederkehrte. Und während sein gesamter Körper erstarkte, die Schwerkraft einsetzte und er im Sturz durch das schwarze Nichts war, hörte er sie sagen: „Du bist der Erbe des Schicksals, nimm es an!“


    Jäh schlug Lucian die Augen auf und schoss in die Höhe. Senkrecht saß er mit knappen Atemzügen auf dem Bett und kämpfte gegen ein Schwindelgefühl an. Er horchte in die Dunkelheit, die ihn umgab. Die eine Stimme, die er vernahm, war so laut und deutlich zu vernehmen gewesen, als hätte sie direkt in sein Ohr gesprochen. Doch er konnte kein Geräusch einer anderen Person im Zimmer vernehmen. Einzig den Wind hörte er draußen in den Baumkronen wehen, deren Äste sanft gegen die Häuser Fassade trommelten. Es überraschte ihn, dass er sofort hellwach war. Er schien nicht lange geschlafen zu haben, denn draußen war am Nachthimmel kein Anzeichen eines Morgengrauens zu erkennen. Und an ein Weiterschlafen konnte er gar nicht mehr denken, denn zu sehr hielt ihn die Erfahrung in seinem Albtraum wach. Er bemerkte zu seinem eigenen Erstaunen, dass sein Hemd dieses Mal trocken geblieben ist und dass er sich schneller als üblich zu beruhigen schien. Es stand für ihn außer Zweifel, dass das Auftreten dieser neuen Stimme ihn beschützt zu haben schien. Doch es zermarterte sein Erinnerungsvermögen, denn ihm kam diese Stimme zu sehr bekannt vor, nur fiel ihm kein dazugehöriges Gesicht ein.

    Da Lucian ohnehin nun hellwach, hatte er die Eingebung, dass er sich seinen Morgenmantel drüberziehen und in den Salon hinunter begeben wollte. Er fühlte, als würde irgendetwas ihn dorthin rufen. Bedacht darauf, keinen großen Lärm auf den Dielen zu verursachen, schlich er den Flur entlang und die Treppe hinunter. Auf dem Treppenabsatz spähte er in Richtung der Tür zum Salon, aus der tatsächlich schwaches Licht eines Kaminfeuers fiel. Seine Eingebung hatte sich zwar bestätigt, doch zögerte Lucian. War sein Vater noch drin und war er vielleicht schon am Schlafen? Sollte er daher diesen stören? Allerdings war dies auch eine der letzten Gelegenheiten, mit seinem Vater alleine Zeit zu verbringen. Drum nahm Lucian einen beherzten Atemzug, ehe er langsam die Tür öffnete und in den Salon trat.


    Nahezu vollkommene Dunkelheit erfüllte ihn. Die zugezogenen Vorhänge blockierten das fahle Licht, das von den Straßenlaternen auf den Straßen ausging. Das gesamte Mobiliar des Salons verschmolz mit der Dunkelheit und war nicht zu erkennen. Die einzige Lichtquelle bildete das Kaminfeuer, welches bereits halb erloschen war. Vor diesem Feuer, in Decken eingehüllt und im Halbschatten gelegen, saß sein Vater im Sessel, dessen Augen schwer wirkten und fast geschlossen waren. Auf die Schritte aufmerksam geworden wandte er langsam den Kopf und lächelte, als er seinen jüngsten Sohn auf sich zukommen sah. „Mein Sohn, stimmt etwas nicht? Du bist noch ziemlich spät wach.“

    Lucian versuchte zu lächeln, doch es war ein krampfhaftes, denn so schwach wie die Stimme seines Vaters klang, machte ihn die Vorstellung seines baldigen Todes sehr zu schaffen. Offenbar war Herr Destine noch aufmerksam genug, um dies zu bemerken. Aus dem Haufen an Decken, in denen er eingehüllt war, kam seine Hand hervor, die im schwachen Licht des Feuers regelrecht geisterhaft wirkte. Sofort nahm Lucian diese in die seine. Er fühlte eine Welle der Geborgenheit in seinem Körper und schon fiel es ihm leichter zu lächeln. Sein Vater lächelte zurück. „Bitte setz dich doch“, sagte er und neigte seinen Kopf in Richtung des Hockers, der in der Nähe stand. Lucian stellte diesen an den Sessel, sodass er nah bei seinem Vater war. Er blickte diesem in die Augen, die sorgenvoll auf ihn ruhten. „Ignace erzählte mir, dass du schlecht schläfst seit geraumer Zeit.“

    Lucian sagte kein Wort, doch sein überraschter Blick sprach für seinen Vater Bände, worauf er lachte: „Es ist nur natürlich, dass sich dein älterer Brüder Sorgen um dich macht. Vor allem, wenn dich diese Albträume zu plagen scheinen. Er hat mir vorhin davon erzählt, in der Hoffnung, dass ich dir vielleicht eine Stütze sein kann.“

    „Er war hier?“, fragte Lucian überrascht. „Oh ja“, sagte Herr Destine lächelnd. „Ich wäre sonst in völliger Dunkelheit, wenn er nicht noch einmal das Feuer ordentlich zum Prasseln brachte. Und ich wäre deutlich weniger in diesen warmen Decken eingewickelt, wenn Glacia nicht noch einmal bei mir vorbeigeschaut hätte.“ Er regte sich ein wenig; Lucian dachte, dass es für seinen Vater fast schon zu viele Decken gewesen wären, doch er sah, dass er es sich nur noch mehr in ihnen gemütlich machte. Er realisierte erneut, wie alt er tatsächlich war, jetzt wo sein Gesicht mehr dem Feuer zugewandt war. Ganz anders als im Traum war sein Gesicht von noch tieferen Falten durchzogen und die einstigen kräftigen Gesichtszüge waren erschlafft und die Haut wirkte wie über seine Wangen und Kiefern gespannt. Herr Destine tat einen langen Seufzer, als er sich tiefer in seinem Sessel vergraben hatte. „Ihr seid alle drei gute Kinder“, sagte er nur und sein Blick galt dem Feuer, als suchte er dort drinnen etwas, „doch ich weiß, dass zwischen euch nicht gerade Frieden herrscht. Es macht mich traurig zu wissen, dass ich nicht miterleben werde, wie ihr euch versöhnen werdet.“

    „Falls wir uns je versöhnen werden“, murmelte Lucian grimmig. Herr Destine sah seinem Sohn überrascht in die Augen: „Solche Worte bin ich bisher nur von deinem Bruder und deiner Schwester gewohnt. Ich habe gedacht, dass du mehr dazu in der Lage wärst, zwischen den beiden zu vermitteln.“ Lucian war es wohl anzusehen, dass er ungläubig diese Worte zur Kenntnis nahm, denn sein Vater blickte wieder zum Feuer. „Weißt du, ihr drei könntet unterschiedlicher nicht sein, obwohl ihr alle das Herz am rechten Fleck habt. Glaubst du das macht Sinn? Ich vermute nicht, deinem Blick nach zu urteilen. Doch du kennst nur die Tatsache, die du dein Leben lang gekannt hast. Soll ich dir etwas anvertrauen, worauf dein Bruder genauso ungläubig reagiert hat?“ Lucian nickte nur.

    „Glacia hat sich einst darauf gefreut, eine große Schwester zu werden. Die Jahre davor, als sie die ersten Tage im Kindergarten war, kam sie zu mir und deiner Mutter und hat gefragt, warum sie keinen Bruder oder keine Schwester hatte. Und sie war regelrecht enttäuscht, als eure Mutter ihr sagte, dass Zeit und Schicksal es noch nicht gewollt hätten.“ Herr Destine lachte beim Erzählen vergnügt, während Lucian diese Art der Vergangenheit vollkommen fremd war und er sich daher nur zu einem leichten Schmunzeln überreden lassen konnte. Doch war er im Inneren froh, seinen Vater noch einmal so guter Dinge zu erleben. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sie strahlte, als wir ihr dann von euch beiden erzählten. Es war mehr als sie wollte, dass sie gleich zwei Geschwister bekommen würde. Die Monate darauf blieb sie dicht an der Seite eurer Mutter. Sie hatte ihre Hände und ihre Ohren auf ihrem Bauch, immer neugierig, sehr dem Zerreißen vor lauter Spannung nahe. Immer darauf bedacht, wann es endlich soweit sein würde…“. Herr Destínes Blick verlor sich im Lichtspiel des Feuers und Lucian wusste direkt, dass er zu dem Punkt kommen würde, dessen Zeuge er wenige Minuten vorher war. Er beobachtete, wie das vergnügte Lächeln verlosch.

    „Dann war es endlich soweit. Für Ignace allein brauchte eure Mutter sehr lange, doch dann warst du an der Reihe … Sie hat ihr Bestes getan und ihr zwei kamt gesund und kräftig zur Welt …“. Erschrocken musste Lucian mit ansehen, wie die müden Augen seines im orangenen Licht glitzerten. Auf sein Schlottern kroch eine seiner Hände aus dem Deckenhaufen hervor. „Vater, es ist gut, du brauchst nicht …“

    „Es ist in Ordnung, Lucian!“, winkte sein Vater auf seine Gesten der Beruhigung hin ab und wischte sich die Augen mit seiner zittrigen Hand. „Ich habe nie diesen Tag vergessen können und auch nicht das Gefühl, das ich hatte, als ich euch beide in den Händen hielt, während Scarlett … eure Mutter …“. Seine Stimme wurde brüchig und Lucian wusste nicht, was er tun sollte. Es juckte ihn in den Händen, und dann nahm er die Hand seines Vaters erneut in die seine. „Ich weiß, Vater“, sagte er nur. „Ich weiß wie es an dem Tag für dich war. Ich … ich habe es gesehen …“. Unsicher, wie er hätte fortfahren können, wollte er dieses Thema ruhen lassen, doch das Gesicht seines Vaters lag in noch tieferen Falten. „Du hast es gesehen? Aber … wie?“

    Lucian war sich nicht sicher, wie er es hätte beschreiben können. Einerseits wollte er seinen Vater nicht wieder weinen sehen, andererseits hatte ihm schon Ignáce davon berichtet. Und so erzählte auch Lucian nun von seinen Träumen, die er Nacht für Nacht hatte. Wie er von ein und demselben Wesen träumte, dass nichts als Zerstörung und Finsternis brachte. Herr Destine hörte die ganze Zeit aufmerksam zu, die Augen hin und wieder auf die Augen seines Sohnes und auf seinen Mund gerichtet. Er beharrte auch darauf, dass Lucian kein Detail ausließ, gerade als er auf neuesten Traum zu sprechen kam und auf die Vision und die Stimmen, die er empfangen hatte. Als Lucian geendet hatte, wandte sich Herr Destínes Blick wieder dem Feuer und sagte kein Wort. Sein Sohn allerdings, dessen Ängste sich erneut entflammt hatten, richtete sich auf, ohne dies wirklich zu realisieren: „Hat Glacia wirklich diese Worte gesagt? Sind wir – mein Bruder und ich – wirklich unerwünscht für sie?“ Eine lange Pause trat ein. Dann sagte sein Vater nur: „So wie sie es mir sagte ... ja“.

    „Wie kommst du dann auf den Gedanken, dass zwischen uns dreien jemals Frieden herrschen kann?“

    „Weil ihre Wut tatsächlich eine schöne Form ist der Liebe“. Lucians Mund klappte leicht auf und ihm entfuhr ein ungläubiger Atemzug. Sein Vater blickte ihm wieder in die Augen und das erste Mal seit einiger Zeit sah Lucian ein Funken von Lebendigkeit in seinem Gesicht. „Glacia hat eure Mutter sehr geliebt, genauso wie sie euch liebte, als ihr noch ungeboren ward.“

    „Aber“, wollte Lucian protestieren, doch sein Vater fiel ihm mit kräftiger Stimme ins Wort. „Glaubst du, dass jemand, der so voller Liebe ist, wahrhaft dazu in der Lage wäre, jemanden aus tiefstem Herzen zu hassen? Dass das Gefühl der Liebe durch so eine Abneigung ersetzt werden kann? Ich weiß sehr wohl, wie es ist zu lieben. Mir käme nie in den Sinn, euch zu hassen, genauso wie ich niemals eure Mutter oder deine Schwester verabscheuen würde. Gewiss, es gab Zeiten, wo es nicht leicht war, wo wir miteinander gestritten haben. Doch stets haben wir uns versöhnt, nicht wahr? Sag mir, Lucian: Könntest du deine Schwester jemals hassen? Wäre sie dir derartig egal, dass, wenn sie doch eines Tages auf dich und deinen Bruder zugehen würde, du sie ohne Weiteres in die Kälte schickst? Selbst dein Bruder hatte es gestern morgen gesagt: Er würde wenn abwarten wollen, dass Glacia von ihrer Seite aus den Schritt täte, dann wäre - so hoffe ich es - bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und wie ich gesehen habe, verabscheut dein Bruder mehr als du eure Schwester genauso, wie sie es dem Schein nach tut.“ Darauf fiel Lucian nichts mehr ein. Doch es wirkte dermaßen unmöglich, denn er konnte sich sehr gut an die Gefühlskälte erinnern, die Glacia ihren Brüdern immer wieder entgegen gebracht hatte. Es gab keinen Zeitpunkt, wo sie einmal ihrer Brüder wegen erweicht gewesen war Nie kam von ihr ein Gruß zum Geburtstag, nie war sie da, als ihre Brüder es in der Schule oder anderweitig schwer hatten. Ihre Brüder waren ihr stets gleichgültig und das hat sich in ihre beiden Herzen eingebrannt.

    „Es war mein Fehler“, sagte sein Vater traurig und Lucian erwachte jäh aus seinen zornigen Gedanken. „Ich habe mit ihr nie darüber geredet, vor allem als sie noch jung war. Ich habe ihr nie deutlich vor Augen geführt, für was eure Mutter verstorben ist. Vielleicht hätte ich diese Wut, die sie euch gegenüber hegte, mildern können und irgendwann hätte sich euer Verhältnis zueinander gebessert. Doch ich war zu sehr damit beschäftigt, für euch zu sorgen und ständig zu arbeiten. Meine Pflichten habe ich auf andere abgewälzt und nun sieh, was geworden ist: Glacia verachtet euch noch immer und Ignace hegt auch heute noch ebenso solche Gefühle ihr gegenüber. Die beiden sind tatsächlich wie Feuer und Eis, wird mir auf einmal bewusst“. Für einen Moment sah Herr Destine danach aus, als würde jeden Moment aufstehen wollen, um diese Fehler von ihm wieder gutmachen zu wollen. Tatsächlich versuchte er, sich aus den Decken zu befreien, doch sehr schnell sah er ein, dass er nicht mehr stark genug war, um selber aufzustehen. „Vater, soll ich vielleicht …“, bot Lucian seine Hilfe an, doch sein Vater winkte ab und wischte sich mit seiner Hand die Augen. „Ich kann auch nichts mehr machen, es ist zu spät … trotz all meiner Mühen fühle ich mich als hätte ich als Vater vers…“.

    „Hast du nicht!“, rief sein Sohn nun kopfschüttelnd ein. „Du hast getan, was du tun konntest, damit es uns dreien an Nichts mangelt. Und wir selber haben am Anfang Versuche unternommen, zu Glacia ein besseres Verhältnis aufzubauen.“ Er drückte die Hand seines Vaters, während ein Gefühl der Entschlossenheit in ihm aufflammte. „Und wir werden das auf irgendeine Art und Weise klären…“. Lucian war sich nicht bewusst, woher dieser Glaube kam, dass er und Ignáce sich tatsächlich mit ihrer Schwester versöhnen könnten. Es kam ihm zwar nahezu unmöglich vor, dann doch wieder nicht. Sein Vater, der ihm in die Augen sah, lächelte nur durchgehend, was Lucian verwirrte, und dann fing er an, so laut wie er konnte zu lachen. Auf die fragende Miene seines Sohnes hin lächelte er erfreut: „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann! Du wirst deinen Geschwistern den Frieden bringen, den ihr unbedingt braucht, ihr alle drei.“

    „Aber wie soll ich das machen, wäre ich tatsächlich dazu in der Lage?“, sank Lucian wieder ratlos auf den Hocker. Herr Destine blickte wieder ins Feuer, dass mittlerweile fast vollständig erloschen war. Sein Gesicht lag nun noch viel mehr im Schatten: „Ich weiß es nicht, mein Sohn. Mein Blick hat sich zu sehr getrübt, als dass ich für euch einen Weg erkennen kann. Das könnt nur ihr selber…“ Er löste seine Hand von seinem Sohn und zog sie wieder in die Decke ein. Er schien sich erneut in seinen Sessel zu versenken und auch Lucian spürte, wie es immer kälter wurde.

    „Versuche, etwas zu schlafen, Lucian“, sagte sein Vater matt und seine Stimme klang schwächer als je zuvor. „Und was deine Träume betrifft … ich denke, dass es sich um mehr als gewöhnliche Albträume handelt … vielleicht antwortest du der Stimme das nächste Mal?“

    Lucian ließ die Frage unbeantwortet. Er richtete sich auf, küsste seinem Vater auf die Stirn und ging in Richtung zur Tür. An der Tür angekommen hörte er ihn noch einmal kräftig aufatmen, worauf er sich umdrehte. Er sah, wie im sich immer mehr ausbreitenden Schatten etwas regte und ihm eine gute Nacht wünschte. Dann trat Lucian aus dem Salon. In wenigen Minuten würde dieser in vollkommener Dunkelheit liegen und das Feuer, das bis zur letzten Minuten gebrannt hatte, wäre auch erloschen.

  • Hi Silvers,


    bevor ich für eine Woche wieder verschwinde, wollte ich mein Wort halten und dir einen kleinen Kommentar dalassen (na ja, ich weiß noch nicht genau, wie lang er wird).


    Ich beginne wie immer am Anfang und das ist bei den Topics hier der Startpost. Zunächst war ich überrascht, dass du kein Bild hattest, weil die für mich hier das Cover repräsentieren. Aber dann habe ich gedacht, es soll jeder so machen wie er will und ich bin ja eh schon da und muss nicht mehr überzeugt werden. Dann hattest du plötzlich doch ein Bild (ohne Quelle - ist es von dir) und ich war von seiner Einfarbigkeit überrascht. Bei Elementen erwarte ich immer etwas sehr Buntes (so rot, blau, braun), aber gleichzeitig macht mich das neugierig, ob dieses Symbol noch eine tiefere Bedeutung für die Geschichte erhalten wird - irgendein alter Talisman oder ein Amulett oder so. Ich finde es übrigens auch faszinierend, dass ich mit einer so "alten" Idee zu tun habe. Meine Grundschulideen sind nie so weit gekommen. (Ich hoffe aber, dass die Kapitel neuer sind (; ) Und dass mich der Klappentext angesprochen hat, weißt du ja schon. Der wirkt wirklich, als könnte er hinten auf einem Fantasy-Roman stehen. Also machen wir uns mal auf den Weg in die Geschichte!


    Zunächst schildere ich mal meine allgemeinen (inhaltlichen) Eindrücke zum Prolog, bevor ich zu deinem Stil übergehe. Also wir haben eine Frau, die vor einem Mann (ihrem Ex) flieht und ein magisches Kleinod beschützt, ehe sie die Seelen (?) darin freilässt, damit sie ihm nicht in die Arme fallen. Prologe (ist das der Plural?) sind ja immer etwas undurchsichtiger, sie ergeben erst dann richtig Sinn, wenn man die Geschichte kennt, zu der sie gehören. Und diese düstere, unerklärte Stimmung schaffst du sehr gut in deinem Prolog. Auch wenn ich mir natürlich gewünscht hätte, zu wissen, was da jetzt eigentlich passiert, so hofft man doch mit der Frau, dass sie es schafft.

    Gleichzeitig (und das muss jetzt einfach sein) konnte ich den Prolog nicht so genießen, wie ich es gerne getan hätte. Immer wieder wurde ich durch unklare Formulierungen gestört. Das beginnt schon beim ersten Satz, in dem ich mich gefragt habe, warum dieses Goldkleid unbedingt Erwähnung finden musste. Es wirkte ein bisschen erzwungen und hatte bis jetzt aber keinerlei Einfluss auf die Geschichte (falls das noch kommen sollte und das eine raffinierte Art von Foreshadowing sein soll, will ich nichts gesagt haben). Es gab aber auch noch ein paar andere Dinge, die mir aufgefallen sind:

    Entschuldige, dass das ein bisschen viel geworden ist, aber ich will dir nur helfen. Und es ist nur meine Meinung. Aber meiner Meinung nach gibt es noch eine wichtige Sache, die ich ansprechen sollte, weil sie sich auch im ersten Kapitel fortsetzt:

    Und es war tatsächlich so etwas drin.

    Umgangssprache. Das ist nur ein Beispiel (besser: darin), aber es ist einfach, als könntest du dich nicht entscheiden, wie du deine Geschichte schreiben willst, denn du hast einige sehr hochtrabende Sätze und dann dazwischen solche Umgangssprache. Du müsstest bestenfalls auf die Mitte zwischen diesen beiden Extremen kommen, dann hättest du eine gute Romansprache (zumindest eine solche, wie ich sie häufig in Romanen lese). Es ist einfach wirklich schade. Inhaltlich ist dein Prolog sehr gut, abgesehen von ein/zwei Ungenauigkeiten, die ich im Spoiler angesprochen habe, hast du alles super gemacht, hast einen dunklen Wald erscheinen lassen, eine Idee von Magie gegeben und einen wirklich mit der Frau hoffen lassen. Nur leider konnte man das nicht so recht genießen. Das war so schade. Vor allem weiß ich, dass du es besser kannst. Vielleicht hilft es dir, noch einmal drüberzulesen.

    Ach, und eine Kleinigkeit noch: Das Kursive hätte nicht wirklich sein müssen. Wir kennen diesen Mann noch nicht. Er ist nicht "der dessen Name nicht genannt werden darf" (verzeih die Referenz zu einem Buch, das ich nie gelesen habe), wir müssen ihn auch nicht von unserem Protagonisten abgrenzen, da der eine Frau ist. Zumal du es selbst nicht durchziehst. Also lieber gleich ganz weglassen ;3


    Ich wollte nicht so kritisch gegenüber dem Prolog sein, aber leider hatte ich nnicht so viel zu sagen. Ich kann halt nicht mit vielen Worten loben, aber zu Verbesserungsvorschlägen kann man viel mehr schreiben ...

    Auf jeden Fall kommen wir dann zum ersten Kapitel, in dem du mit dem Titel versprichst, dass wir die Familie kennnenlernen, nur um uns dann in eine völlig andere Situation zu versetzen (die mir übrigens selbst eine Idee verschafft hat, danke schön^^). Ich spekuliere jetzt mal, dass die Kinder etwas von der Magie aus dem Prolog abbekommen haben und Lucian entsprechend seiner Träume zum Element der Erde gehört (Ingáce und Glacia haben ja eher Telling Names). Aber das ist nur eine These.

    Auf jeden Fall haben mich nach seinem Aufwachen zwei Dinge verwundert: 1. Er teilt sich nicht mit seinem Zwillingsbruder ein Zimmer. Klar, das muss nicht sein, aber mein Gehirn war eben spontan davon ausgegangen. 2. Sie sind 17. Offiziell geht das Teenager-Alter bis 19, da man dann Nineteen ist.

    Aber gut, das will uns jetzt nicht weiter stören. Lucian erwacht also und sagt seinem Bruder, er habe nur Albträume und es ginge ihm gut dabei. Es geht ihm gut, während er Albträume hat? Ist es das, was du aussagen wolltest? Denn das ist das, was bei mir angekommen ist. Wobei das dem Ganzen ein ganz anderes Gefühl gäbe. Das machte seine Albträume irgendwie interessanter. Als wären sie gar nicht wirklich Albträume. (Dementsprechend wiederspricht sich das ja doch ein wenig.) Ich bezweifle einfach, dass er das seinem Bruder so sagen würde, aber dafür kenne ich Lucian nicht gut genug.

    Als nächstes gehen sie also nach unten bekommen das Testament ihres Vaters verlesen. Interessant. Ich wusste gar nicht, dass das so geht. Aber glücklicherweise musste ich mich auch noch nicht damit befassen. Zumal ich keine Ahnung habe, in welcher Zeit und an welchem Ort wir uns befinden. Sollte ich das überlesen haben, entschuldige bitte, aber ich würde irgendwie auf Italien (eigentlich Lodon, aber die Namen wirken eher italienisch) irgendwann in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts tippen. Oder einer Zeit/Welt, die dieser ähnlich ist.

    Was ich mir dann ein wenig gewünscht hätte. wäre mehr von Glacia und den Brüdern. Ich denke, dass ihr Verhältnis sehr wichtig wird, aber du erklärst nicht viel. Im Laufe des Kapitels bekommen wir die Erklärung vom Vater, aber ich hätte gerne vorher schon ein bisschen mehr zu ihnen erfahren. Es ist, als erhielten wir die Hintergrundinformationen, bevor wir den Vordergrund kennen. Dabei ist diese Verbindung doch so interessant. Und auch die Hintergrundinformationen sind sehr schön gelegt. Allerdings wollte ich dich in dem Zusammenhang auf den Unterschied zwischen Hass und Gleichgültigkeit hinweisen. Das ist häufig in solchen Situationen genutzt. Hass ist eine Emotion, eine starke sogar. Man kann niemanden hassen, wenn man nichts für ihn empfindet. Hass muss man aktiv ausleben. Gleichgültigkeit ist emotionslos. Sie ist das schlimmste, was man einem anderen Menschen entgegenbringen kann. Gut möglich, dass Glacia ihre Brüder im Augenblick hasst oder glaubt zu hassen. Aber sie könnten ihr mit Sicherheit niemals gleichgültig sein. Ich hab das Gefühl, das ist es, was uns ihre Geschichte sagen wollte. Wobei ich es sehr schade finde, dass niemand je mit ihr gesprochen zu haben scheint. Das hätte so viel Kälte in dieser Familie vermeiden können.

    Wie du siehst, hat mir das Gespräch zwischen Vater und Sohn sehr gefallen. Und ich finde es auch schön und irgendwie tröstlich zu wissen, dass alle Kinder noch einmal bei ihrem Vater waren, denn der letzte Satz ist fast auffällig metaphorisch dafür, dass er stirbt. Und er ist sehr schön! (Siehst du, wie gut du schreiben kannst?)

    Was ich übergangen habe, war Lucians zweiter Traum. Zu diesem weiß ich aber auch nicht ganz so viel zu sagen. Ich fand es etwas schade, dass du sehr filmisch an die Szene mit der toten Mutter herangegangen bist, weil sich das in diesem Medium auch anders besser hätte lösen lassen, aber ansonsten sagt er mir noch nicht wirklich etwas. Ich glaube, dafür muss ich warten, bis ich mehr von der Geschichte kenne, um alles besser einordnen zu können. Vielleicht lernen wir ja noch irgendwas über traumleitende Geister oder Lucians geheime Gabe oder sonst was. Das heißt es wohl einfach abwarten.

    Und apropos, ich stelle jetzt mal eine sehr gewagte These auf: Die Frau aus dem Prolog ist Lucians Mutter. Ich habe dabei den Gedanken von einer Parallelwelt und diesen Lichtern, die Lucian und Ingáce sind, für die sie gestorben ist. Das wäre irgendwie sehr faszinierend. (Und es wäre noch faszinierender, wenn ich das tatsächlich nach dem ersten Kapitel schon richtig hätte.^^)

    Dann will ich jetzt im Kapitel auch noch etwas zum Stil sagen. Den großen Punkt habe ich ja schon angesprochen also komme ich jetzt zu "Absätze, Kommas, Akzente". Kommas ist dabei der einfachste Punkt: Guck nochmal drüber, du hast ein/zwei Kommas vergessen. Ähnliches gilt für die Akzente. Ist dir aufgefallen, dass ich es vermieden habe, den Familiennamen in diesem Kommentar zu benutzen? Das liegt einfach daran, dass ich keine Ahnung habe, wie er geschrieben wird, weil du ihn im Titel anders als bei beiden Schreibweisen innerhalb des Kapitels geschrieben hast. Ich wäre echt froh, zu wissen, was nun die richtige Variante ist. (Und ich glaube, du hast auch irgendwann bei Ingáce einen Akzent vergessen.) Und zu guter Letzt die Absätze. Das ist etwas, das mir tatsächlich erst recht spät aufgefallen ist, aber es scheint eine Konvention zu sein, dass man bei einem Sprecherwechsel einen Absatz macht. Ich habe bisher noch keine Quelle dazu gefunden (oder gesucht), aber es hilft doch häufig dabei, einem Gespräch zu folgen. Deshalb wollte ich das einmal ansprechen. Da es mir ja aber nicht sofort aufgefallen ist, scheint es auch keine große Sache zu sein, wenn du es nicht machst. Das bleibt deine Entscheidung.

    Kommen wir zu guter Letzt zu den Kleinigkeiten, die mir noch aufgefallen sind. Es sind trotz des längeren Textes weniger als beim Prolog. ;3

    Und noch eine grammatikalische Sache:

    „Du hast wieder im Schlaf geredet.“, sagte er nur, als Lucian sich zu ihm umdrehte.

    Ich gehe davon aus, dass du das eigentlich wissen müsstest, aber zur Sicherheit erwähne ich nochmal, dass am Ende eines Satzes kein Punkt kommt, wenn der Begleitsatz der wörtlichen Rede nachgestellt wird. Einfach den Punkt entfernen und alles ist gut. =3


    Das wars dann erstmal von mir. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

    Der Klappentext lässt zwar nicht drauf hoffen, aber vielleicht bekomme ich ja noch mehr von dem Verhältnis zwischen Glacia und ihren Brüdern zu lesen. Das klingt unheimlich spannend. Und wenn sie nebenbei die Welt retten, ist das auch nicht schlimm. x3

    Hoffentlich kannst du mit meinem Kommentar etwas anfangen, ohne das die negativen Sachen überwiegen. Denn das sollen sie nicht. Sie sollen nur helfen, die gute Geschichte noch besser zu machen.

    Na dann, also bis zum nächsten Mal!

    ~ShiraSeelentau


  • 2
    Der Ruf des Lichts


    ~Lucian~


    „Mein aufrichtigstes Beileid euch allen!“ Oberst Justus nahm alle drei Händepaare der Geschwister in die seine und drückte sie andächtig und mit einem aufmunternden Lächeln, obwohl seine Stimme bebte und seine Augen rötlich und feucht wirkten. Sie standen am Rand der Eichentür, die in den Salon führte. Glacia, Ignace und Lucian, die alle drei ihre Sonntagssachen trugen, erwiderten dankend, während sie den schwarz gekleideten Männern Platz machten, den einen edlen hölzernen Sarg aus dem Salon trugen. Lucian hatte ein unangenehmes Gefühl im Bauch bei dem Gedanken, dass der leibliche Körper seines eigenen Vaters sich unmittelbar vor ihm befand, aber er selbst außer aller Reichweite war. Kein Rufen hätte ihn nicht mehr zurückholen können, kein Greifen hätte ihn an Ort und Stelle festhalten könnten. Mit einer Mischung aus Unglauben und unterdrückter Trauer sah er zu, wie der Sarg durch die Haustür hinausgetragen wurde. Hilfesuchend wandte sich sein Blick zu Ignace und Glacia, die aber beide mit genauso versteiftem Gesichtsausdruck ihrem Vater nachsahen. Alle vier sahen durch die Tür, wie der Sarg in eine schwarze Kutsche vorsichtig hineingelegt wurde, die dann daraufhin abfuhr.

    „Was wird nun mit ihm passieren?“, fragte Lucian Oberst Justus mit so einer kindlichen Stimmlage, dass es ihm selber etwas peinlich wurde. Doch Oberst Justus lächelte nur und legte die Hand auf Lucians Schulter: „Euer Vater wird zunächst ordentlich hergerichtet. Dann wird er solange im Bestattungsinstitut aufgehoben, bis ihr ihn für die Beerdigung abholt.“ Er wandte sich an Glacia, da sie die älteste Tochter war: „Ist schon ein Termin für diese vereinbart?“

    „Ich werde mich gleich selber auf den Weg dorthin machen“, sagte Glacia kurz und knapp angebunden. Ihr Blick fiel ganz kurz – so kam es Lucian vor – auf ihre Brüder, ehe sie an den Oberst gewandt fortfuhr: „Ich werde einen Termin in sieben Tagen ausmachen und der Tradition unserer Familie nach wird sie um um zwölf Uhr mittags abgehalten. Die beiden werden die Einladungen raussenden“. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Lucian, wie sein älterer Bruder bereits protestieren wollte, doch dieser ließ davon ab. Stattdessen nickte er noch immer mit grimmigem Gesichtsausdruck, während er sich seinem Bruder zuwandte: „Dann wollen wir besser mit dem Schreiben mal anfangen; wir wissen ja schon, wen Vater unbedingt bei seiner Beerdigung dabei haben wollte. Das hat er vor Wochen schon erzählt“.
    Lucian nickte schweigend. Glacia nahm dies zur Kenntnis und ohne ein weiteres Wort zu sagen oder sonst Notiz von ihren beiden Brüdern zu nehmen verließ sie sie das Haus. Oberst Justus nahm seinen Hut vom Kleiderhaken und zog ihn sich über.
    „Wenn ich sonst etwas für euch beiden tun kann …?“, fragte er die beiden Brüder, doch Ignace schüttelte dankbar den Kopf. Nun war auch der Oberst zu einem schwachen Lächeln bereit, dann verabschiedete er sich höflich, als er von Ignace zur Tür begleitet wurde.
    Als dieser dann diese schloss, trat Schweigen in der Empfangshalle ein. Lucian war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Überhaupt war ihm nicht klar, wie er fortfahren sollte. Das letzte Gespräch mit seinem Vater war nur ein paar Stunden her, aber mittlerweile kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. So weit war sein Vater bereits in die Ferne gerückt, ohne niemals wieder zu kehren. Doch hatte ihm das letzte Gespräch irgend eine Art der Erleichterung gebracht? Wieder hatte er denselben Albtraum, als er wieder eingeschlafen war. Dieses Mal hatte er keine Stimme mehr gehört und kein Licht war ihm erschienen.
    Ohne, dass er es wirklich realisierte, trübte nun ein dunkler Schleier seine Sicht, während sein Blick sich in den Dielen des Fußbodens verlor. Es war, als würde ein schweres Gewicht seinen Blick nach unten ziehen. Seine Augen wurden schwer und langsam hörte er immer mehr das Brausen, dass er jedes Mal im Traum hörte. Lucian atmete schwer, denn eine Kälte hüllte seine Brust und er zitterte am ganzen Leib, da er bereits jene grausame Stimme, die voller Gnadenlosigkeit im Traum zu ihm sprach und dann auch noch Recht behielt: „Verlier, was du liebst!“ Wie ein Echo hallte es in seinen Ohren. Verlier, was du liebst! Verlier, was du liebst! Verlier -

    „Lucian?“. Etwas Warmes, fast Heißes fasste ihn an den Schultern. Mit einem Mal war Lucian raus aus dem Sog der Dunkelheit, die ihn umgab und er blickte überrascht in die bernsteinfarbenen Augen seines Bruders, die sorgenvoll in die seinen blickten.
    „Was ist?“, fragte Lucian und er war froh, dass seine Stimme normal klang. Er mochte es nicht, dass Ignace ihn immer wieder auf seine Albträume ansprach, und er wollte im Moment darauf verzichten. Ignace trat einen Schritt zurück und musterte seinen jüngeren Bruder von unten nach oben. „Du hast gezittert wie Espenlaub, hast du das gemerkt?“

    „Nein…“, versuchte Lucian überrascht zu klingen. Entweder konnte er es nicht schauspielern oder man konnte ihm die Furcht tatsächlich ansehen, denn Ignace hob skeptisch eine Augenbraue. „Sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“
    „Es geht mir gut“, sagte Lucian nun deutlich bestimmter und er war dankbar, dass sein Bruder ihn aus seinen Gedankensog herausgeholt hatte. Doch auf die beharrlich sorgenvolle Miene seines Bruders hin gab er nach: „Es ist wegen Vater, weißt du? Er ist … nun … ich…“ Doch Ignace nahm seinen Bruder in die Arme. Für eine Zeit lang verharrten beide in dieser Haltung, doch Lucian hatte keinen Grund, sich zu beschweren. Es war schön, nahezu beruhigend, sich in derartiger Nähe zu seinem Bruder zu befinden, der ihm zärtlich den Hinterkopf streichelte. Er war wesentlich größer als Lucian selbst, daher konnte dieser nur den Rücken seines älteren Bruders streicheln. Dennoch gab es ihm ein Gefühl der Sicherheit. Beide Brüder verstanden sich in dem Moment, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Zufrieden schloss Lucian die Augen und lächelte trotz allem glücklich.

    Dann, als sich sein Bruder von ihm löste, konnte er ihm zuversichtlich in die Augen schauen. Auch Ignace war nun überzeugt, denn er lächelte, ehe es verblasste. Er drehte sich um und wandte sich zur Tür gegenüber dem Balkon, wo das mittlerweile ehemalige Arbeitszimmer ihres Vaters lag. „Komm schon, wir müssen die Einladungen für die Beerdigung schreiben. Hoffentlich schafft Glacia es, den Termin in sieben Tagen anzusetzen, sonst bekommt sie was von mir zu hören, wenn wir einen falschen Termin angeben haben!“
    Auch wenn sie 200 Einladungen hätten schreiben müssen, hätten die beiden Brüder diese Arbeit ohne größere Beschwerden durchgeführt. Dennoch waren sie froh, dass die Zahl der Gäste, die ihr Vater zu seiner Beerdigung einladen wollte, einigermaßen gering ausfiel. Die engsten Freunde sowie die noch lebenden Verwandten sollten kommen. Relativ schnell, jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit sowie in eigener Handschrift, waren dreißig Einladungen formuliert und in Umschläge gesteckt, als Schlüssel klirrten und Glacia durch die Tür ins Haus trat. Ihr Blick begegnete denen ihrer Brüder und sie bemerkte die fertigen Briefe in deren Händen. „In sieben Tagen, punkt 12 Uhr in der Kapelle“, sagte sie knapp und ging mit zügigen Schritten die Treppe hoch, ohne ihre Brüder einen weiteren Blick zu schenken.
    „Ich vermute, sie will auch raus dem Haus, sofern die Beerdigung vorbei ist…“, schüttelte Ignace grimmig den Kopf. Dann machten sich er und Lucian auf, die Einladungen bei der Poststelle mittels Eilauftrag zu verschicken.


    In darauf folgenden Woche wechselten die Brüder mit ihrer Schwester kein Wort. Sie blieben meist unter sich. An einem Tag verabschiedete sich Ignáce für einige Stunden, da er mit Geschäftsleuten ihres Vaters wichtige Angelegenheiten zu klären hatte. Schließlich war er nun Teilhaber des Import-Geschäfts, das sein Vater vor seinem Ableben geführt hatte. Lucian indes zog es vor, allein in der Stadt herumzuwandern, um seinen Kopf von den jüngsten Erlebnissen frei zu machen. Während sein älterer Bruder im Eifer aufging, versuchte Lucian sich vom beunruhigenden Gedanken abzulenken, dass er mit seinem Vater nicht über seine Albträume gesprochen hatte, die ihn weiterhin jede Nacht plagten. Mittlerweile, so dachte er sich beim Spaziergehen im Park, sollte er sich daran gewöhnt haben. Doch jedes Mal aufs Neue erfüllten ihn die Erlebnisse im Traum mit Entsetzen, sodass er schreiend und verschwitzt aufwachte. Ignáce fragte ihn nicht mehr nach diesen; entweder wollte er respektvoll sein oder aber er befand sich im absoluten Tiefschlaf. Lucian war auch froh, dass er das nicht tat, denn es wäre ermüdend gewesen, immer wieder vom Gleichem zu erzählen.

    Lucian kam zu einer Parkbank aus schwarzem, kunstvoll gebogenen Metall. In Gedanken versunken setzte er sich hin und beobachtete die Enten im Teich gegenüber, wie sie scheinbar sorglos an Brotkrümeln knabberten, die Kinder von einer darüberliegenden Brücke runter warfen. Während er ihnen dabei zusah, fragte er sich, ob Tiere ebenso Albträume bekommen könnten. Und selbst wenn, würden sie sich untereinander austauschen? Lucian fiel es schwer, das zu glauben, da Tiere vermutlich nicht so wie er dauernd Gedanken daran verschwenden würden. Ein Brotkrümel reichte schon und schon würden sie sich diesem widmen. Warum konnte er dann nicht so einfach davon loskommen? War es das Schuldgefühl, das ihn erfüllte, da er einmal seinen eigenen Vater sah, wie er seine Frau bei der Geburt seiner Söhne verloren hatte? Oder die scharfen Worte seiner Schwester, die von diesem Tage an nicht mehr als Abscheu für sie übrig hatte? Lucian dachte auch an die Stimmen, die er hörte. Eine grausame und voller Kälte, während eine andere ihn wiederum mit Mut erfüllte. Und ihm kam diese Stimme seltsam vertraut vor, obwohl er sich sicher war, diese nie zuvor gehört zu haben. Zornig über diese Ungewissheit warf er einen kleinen Kieselstein ins Teichbecken, das darauf hin Wellen schlug. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er vom Boden einen aufgehoben hatte. Die Enten stoben vor Schreck davon.
    Ein Glockenschlag zog im Nebel seiner Überlegungen seine Aufmerksamkeit auf sich und sein Blick wandte sich nach rechts in Richtung des Glockenturms der Kirche. Das große Zifferblatt zeigte fünf Uhr nachmittags an, die Zeit, die das Ende der Beichte bedeutete. Eine Zeit lang saß Lucian regungslos, den Blick auf den Kirchturm gerichtet. Auch wenn es für ihn aberwitzig vorkam, doch er hatte das seltsame Empfinden, in die Kirche zu gehen.


    Pfarrer Simeon war ein Mann mittleren Alters, der bereits grau überzogene Schläfen besaß aber noch recht kräftig wirkte. Als er aus der Sakristei trat, bemerkte er den einzigen Besucher der Kirche und schritt andächtig auf ihn zu. In seiner schwarzen Robe wirkte er relativ einschüchternd, doch Lucian wusste, dass Pfarrer Simeon in der Stadt angesehen war und gemocht wurde. Auf die Frage des Pfarrers, ob er trotz Ende der Beichtzeit diese nachträglich ablegen wollte, entgegnete Lucian, dass er ein anderes Anliegen auf dem Herzen hatte. Pfarrer Simeon lächelte freundlich und wies ihm den Weg.
    Sein Büro war ordentlich aufgeräumt, Bücher mit christlichen Symbolen auf ihren Rücken reihten sich im rechten Bücherregal aneinander und zur Linken war die Tür des Schranks, in der Pfarrer Simeon seine kirchlichen Gewänder lagerte, sicher verschlossen. Dieser bot Lucian etwas zu trinken an, was er auch dankend annahm. Nachdem beide ein Glas Wasser in der Hand hatten, saßen sie sich am Schreibtisch gegenüber.

    „Nun, mein Sohn“, begann Pfarrer Simeon, „wie kann ich dir behilflich sein?“
    Das ist doch schwieriger als ich dachte, schoss es Lucian in den Kopf. Auf der Parkbank erschien es weitaus weniger verrückt, sich einer dritten Person anzuvertrauen. Doch nun von in Flammen liegenden Feldern und Schattengestalten zu sprechen, kam ihm nicht nur unangenehm, sondern auch peinlich vor. Es war schon schwierig, alltägliche Sorgen jemandem anzuvertrauen. Dies schien Pfarrer Simeon an seiner Körperhaltung auszumachen, denn er bot ihm statt des Wassers eine Tasse Tee an. Peinlich über seine Stille berührt räusperte sich Lucian: „Also … ich weiß nicht so richtig, wie ich das erzählen soll, doch ich habe … Nacht für Nacht dieselbe Art von Albtraum…“.
    Er empfand es als richtig, so oberflächlich wie möglich beim Thema zu bleiben. Und erzählte, wie ihn die Albträume immer wieder aus dem Schlaf rissen. Pfarrer Simeon hörte ihm aufmerksam zu, ohne eine Frage zu stellen. Zunehmend fühlte sich Lucian zuversichtlicher und er begann nun in der Wärme des Vertrauens auch von Einzelheiten der Träume zu berichten. Pfarrer Simeon sah nachdenklich drein, als Lucian von den Stimmen berichtete. „Und diese Stimmen hast du nur einmal bisher in deinen Träumen gehört?“, fragte er, als Lucian fertig erzählt hatte. Dieser nickte. „Nun ... ist dir Josef, der Sohn Jakobs, ein Begriff?“

    „Ja“, sagte Lucian. „Er war ein Sklave in Ägypten, bis er zur rechten Hand des Pharaos aufgestiegen ist, oder?“ Pfarrer Simeon nickte: „Und weißt du, wie ihm das gelungen ist?“ Lucian war nie ein Freund biblischer Geschichten; in der Art von Lehre hat er sich nur halbherzig mit diesen auseinander gesetzt. Doch Pfarrer Simeon sah über sein Zögern lächelnd hinweg: „Er hat die Träume von Menschen gedeutet; vielmehr war es der Herr selbst, der Josef sagte, was diese Träume zu bedeuten hatten. Die Träume, die Josef sowohl selber kannte als auch von anderen hörte, hatten den Charakter einer Vision, die in der Zukunft Wirklichkeit werden würden. Auch die Träume des Pharaos deutete er mit Hilfe des Herren insofern, dass er sieben Jahre reiche Ernte für Ägypten erkannte, auf die sieben Jahre voller Missernten folgten. Doch konnte er den Pharao rechtzeitig warnen, sodass dieser für diese sieben Jahre vorsorgen konnte.“

    „Dann waren die Träume also stets Visionen von der Zukunft?“, fragte Lucian. „Nun“, entgegnete Pfarrer Simeon und er schlug im Geiste die Seiten der Bibel zu diesem Thema auf. „Auf verschiedenen Wegen sind sie tatsächlich wahr geworden. Manche wurden erst wahr, eben weil Josef durch die Traumdeutung Gottes auf diese reagieren konnte.“ Lucian verstand, doch eine Unruhe machte sich in ihm breit. „Aber meine Träume müssen nicht unbedingt wahr werden, oder?“

    „Nun, für gewöhnlich sind die meisten Träume nichts anderes als Eindrücke des Vortages, die man verarbeitet, oder aber auch Fantasien, die man auslebt. Ich glaube nicht, dass mein Traum, dass ich sechzig Kilometer Marathon laufen kann, unbedingt Realität werden müsste… und könnte. Doch in deinem Fall … es ist schwierig zu sagen, denn für gewöhnlich erfährt man im Traum keine Stimmen, die tatsächlich zu einem sprechen. Ich muss übrigens sagen“, sagte er auf Lucians bestürzte Miene, “dass es sich in biblischen Träumen um symbolische Botschaften des Herren handelte. Rein bildlich wurden sie nie wahr. Vielleicht stehen die Szenarien, von denen du erzählt hast, auch symbolisch für etwas anderes? Ich kann es dir nicht sagen, vielleicht aber eröffnet sich dir Gott im Gebet und klärt dich über die Hintergründe deiner Träume auf?“

    „Vielleicht …“, murmelte Lucian nachdenklich. Er trank sein Glas mit Wasser aus, bedankte sich bei Pfarrer Simeon für seine Zeit und ging auf der Hauptstraße entlang nach Hause. Anstelle von Ruhe, wie er es sich erhofft hatte, machte sich das genaue Gegenteil in seiner Magengegend breit. Es war für ihn offensichtlich, wofür brennende Felder und eine grauenhafte Verkörperung der Zerstörung symbolisch standen. Doch die Frage, die ihn quälte war: Wann wird es passieren? Und vor allem: Wo?


    Trotz aller Kurzfristigkeit kamen alle Gäste, die eingeladen wurden, zur Beerdigung. Lucian, Ignáce und so auch Glacia hatten – mit gegenseitigem Einverständnis – geradezu in Stillarbeit die Herrichtung der Kapelle bewältigt und alle drei empfingen nun den Rest der Familie und Freunde, die ihrem Vater die letzte Ehre erweisen wollten. Von Personen, die die drei bereits näher kannten, bekamen sie eine herzliche Umarmung, als wollten sie ihnen ihr Mitgefühl bekunden. Auch für sie war Herr Destiné ein wertvoller Mensch gewesen und ebenso waren sie alle bereit, ihre Art der Trauerrede den anderen vorzutragen. Teilweise waren es Geschichten, über die die drei Kinder staunten. Von einem engen Freund ihres Vaters hörten sie die aufregenden und witzigen Eskapaden ihrer eigenen Jugendzeit, andere erzählten von den Momenten, wo er ein Mensch herausragenden Charakters gewesen wäre. Und auch wenn nicht alle etwas zu erzählen hatten, so fühlte Lucian doch, dass sie alle die Erinnerung an seinen Vater in den höchsten Ehren hielten.

    Von der Beerdigung aus, die bei strahlendem Wetter abgehalten wurde, ging es zum Leichenschmaus in ein edleres Restaurant, in dem Glacia einen größeren Tisch für die Gäste reserviert hatte. Sie hatte sich zwar nicht mit ihren Brüdern darüber ausgetauscht, doch es störte die beiden nicht sonderlich; sie alle sind gerne mit ihrem Vater dort essen gewesen, wenn er einen erfolgreichen Geschäftsabschluss zu feiern hatte. Jeder Gast konnte bestellen was er wollte; Vor- und Hauptspeise ebenso die Getränke wurden von Glacia bezahlt. Lucian fragte sich, ob sie ein Teil ihres geerbten Geldes dazu aufgewandt hatte, wollte aber nicht weiter mit Ignáce darüber diskutieren. Viel lieber hörten sie den anderen Trauergästen, wie sie sich weiterhin munter Geschichten austauschten, die sie mit ihrem Vater erlebt hatten. Auch teilweise erheiternde Anekdoten kamen zu Tage und Lucian sah mit Freuden, dass selbst Glacias Mund sich zu einem beherrschten Grinsen verzog. Für einen Moment fühlte sich Lucian wieder wohl im Kreise seiner Familie, umgeben von fröhlichen Menschen trotz des traurigen Anlasses. Es war das, was sich sein Vater für ihn und seine Geschwister erhofft hatte.

    Doch er wusste, dass dies nur ein flüchtiger Augenblick war. Schon bald säßen sie alle in ihren Kutschen in Richtung ihrer eigenen Heimat und er, Ignáce und Glacia wären allein in dem großen Haus, das nun einen Bewohner weniger hatte. Zwei sogar, denn es war, wie Ignáce es prophezeite, unwahrscheinlich, dass Glacia weiterhin unter einem Dach mit ihnen wohnen würde. Mit Traurigkeit nahm Lucian einen vorfreudigen Unterton in der Stimme seines Bruders wahr, doch konnte und wollte er dem nichts hinzufügen. Neben Glacia war Ignáce die zweite Person, von den er sehr gut erwarten konnte, dass sie ihre Meinung nie freiwillig ändern würde. Selbst wenn seine Geschwister auf einer einsamen Insel gestrandet wären, so eher auf diese eigene Staaten gründen als gemeinsam eine Lösung zu suchen.


    Auf dem Heimweg grübelte Lucian darüber, wie er es schaffen könnte, die beiden irgendwie zur Versöhnung zu bringen. Schließlich wollte er den letzten Wunsch seines Vaters diesbezüglich erfüllen. Doch er merkte schon aus den Augenwinkeln, dass beide mit verschränkten Armen und den Blick nach außen auf die Straßen gewandt hatten. Es war sinnlos, in dem Moment einen Versuch zu starten. Wie Lucian auch schnell merken sollte, gab es sehr geringe Zeitfenster, in dem die Mühe eines Versuchs möglich gewesen wäre. Kaum aus der Kutsche ausgestiegen, als sie wieder daheim angekommen waren, gingen Ignáce und Glacia mit zügigen Schritten auf das Haus zu. Als dann Lucian heraus auf die Straße trat, ertönte ein erschreckend lauter Donner. Der Himmel hatte sich in wenigen Stunden seit dem Begräbnis sehr schnell mit dunklen Wolken verfärbt und nun goss es, als hätten sich Schleusen eines Dammes geöffnet. Durchnässt trat Lucian in das Haus, deren Haustür Ignáce ihm rücksichtsvoll aufhielt. Kaum klickte das Schloss, als Glacias monoton kühle Stimme den Eingangsbereich füllte: „Ich werde übrigens noch heute ausziehen, damit ihr Bescheid wisst.“ Ignáce feixte und Lucian bemerkte dies mit gar nicht glücklicher Miene. „Sollen wir dir beim Packen hel-“, wollte er Glacia fragen, doch schon schlug oben die Tür ihres Zimmers zu.

    „Schlag es dir aus dem Kopf, Lucian, von der kannst du nichts erwarten“, schüttelte sein Bruder den Kopf, während er seinen Mantel an den Kleiderhaken hing. „Das einzige, was du von ihr bekommst, ist eine kalte Schulter, ein kühler Blick und eine Eiseskälte in ihrer Stimme. Nichts, was uns von Nutzen sein könnte.“

    „Aber“, versuchte Lucian das Gespräch zu beginnen, „sie ist unsere Schwester und…“
    „Und was?“, fiel ihm Ignáce direkt ins Wort. „Hast du vergessen, dass sie uns all die Jahre genau das gegeben hat? Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, dass du überhaupt daran denkst, das Gespräch mit ihr zu suchen.“
    Er ging hinüber in die Küche, und kam mit zwei mit Wasser gefüllten Gläsern wieder, von denen er eines Lucian reichte, welcher annahm. „Und ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte.“
    „Vater hätte es gewollt, dass wir uns wieder vertragen würden…“
    Wieder“, schnaubte Ignáce verächtlich, dann ruhte sein Blick auf seinen jüngeren Bruder. Er schien etwas im Gesichtsausdruck zu lesen. Lucian war nicht sicher, wie er im Moment dreinschaute. Ignáces Gesicht hellte sich auf: „Du hast mit Vater darüber gesprochen, oder?“

    „Nur am Rande“, sagte Lucian, den Blick leicht gesenkt. Er schien es als Vorwurf von seinem Bruder zu nehmen, doch Ignáce winkte dies ab und schritt mehrmals auf und ab: „Vater gab sein Bestes, damit es uns an nichts mangelte. Dummerweise war er sehr oft und bis sehr spät auf der Arbeit, sodass wir von Kindermädchen großgezogen wurden. Und du weißt, dass auch sie ohne Ergebnis versucht hatten, Glacia umzustimmen?“
    Lucian nickte und Ignáce tat dies auch, da er sich bestätigt fühlte. Er blickte mit strengem Blick durch das Fenster. Die Sicht war durch den starken Regenfall verschwommen, dennoch schien sein Blick etwas zu suchen. Dann nach einiger Zeit klang Ignáce Stimme nun nicht mehr streng. Tatsächlich hörte Lucian das erste Mal, sofern er sich erinnern konnte, eine Spur von Bedauern: „So viele Jahre hatte sie die Gelegenheit dazu … ich meine, spätestens im Erwachsenenalter sollte es klar werden, oder?“

    „Was denn?“, wollte Lucian wissen, doch er wusste es anhand des traurigen Blickes seines Bruders, was er meinte. Dieser wurde nachdenklich und blickte wieder aus dem Fenster. Ohne den Blick davon abzuwenden wandte er sich an Lucian: „Was wäre, wenn es andersrum gewesen wäre? Würden wir beide genauso über sie denken wie sie es über uns tut?“
    Lucian sagte nichts. Er selber hatte sich die Frage schonmal gestellt, doch konnte er genauso wie in dem Moment keine Antwort darauf finden. Tatsächlich behagte der Gedanke ihm nicht, eine derartig abgrundtiefe Abneigung gegenüber jemandem zu empfinden. Er hatte diese Frage immer wieder in den Hintergrund gestellt, doch nun schien sie wieder Besitz von seiner Seele zu nehmen, wie ein langsam wirkendes Gift. Sein Blick verlor sich im Boden, während er darüber nachdachte. Und vermutlich lag es an dem erschreckend finsteren Gedanken, dass sich sein Blick trübte und schließlich immer mehr verfinsterte. Ein Brausen ertönte…

    „Hey!“. Lucian schreckte auf und sah in die Augen seines Bruders. Sie hatten sich auf ihn fixiert und musterten aufmerksam jeden Aspekt seines Gesichtes. Dann lockerte sich Ignáces Haltung und er wandte sich komplett seinem jüngeren Bruder zu: „Ich mache mir mittlerweile große Sorgen um dich, kleiner Bruder“.
    Lucian konnte es nicht leiden, wenn sein Bruder so mit ihm sprach. Alles, was er wollte, war nicht in dem Moment über seine wiederkehrenden Albträume zu sprechen. Er wollte sich schon zur Treppe begeben, doch offenbar war es Ignáce dieses Mal leid, das Thema wieder fallen zu lassen. Er versperrte seinem Bruder den Weg nach oben und sein breiterer Körperbau ließ nicht zu, dass Lucian ein Schlupfloch finden konnte.
    „Lass mich durch, bitte“, sagte er nur, in der Hoffnung sein Bruder würde zur Seite treten. Doch dieser legte behutsam seine Hand auf seine Schulter: „Ich würde gerne langsam wissen, was dir diese Albträume bereitet“.
    „Ich habe kaum noch welche“, entgegnete Lucian gereizt und wollte ihn zur Seite schieben, doch Ignace versteifte sich ausgesprochen gut auf seiner Position. Bestimmt sah er seinem Bruder in die Augen: „Ich höre dich jede Nacht im Schlaf wimmern, und du fängst nun an am Tag abzudriften., wie gerade eben. Ich will allmählich wissen, was mit dir los ist, Lucian!“.
    „Es sind nur Albträume, da gibt es nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest“.
    „Das sehe ich aber anders!“ Mittlerweile waren die beiden sich fast am Rangeln, da Lucian unbedingt nach oben wollte, aber Ignáce es nicht zuließ.
    „Lass mich los!“, schrie dann Lucian, als Ignáces Griff immer einem Schraubstock glich. Wie vom Blitz getroffen ging dieser ein paar Schritte zurück und sah seinem Bruder mit geweiteten Augen ins Gesicht: „Du hast mich vorher noch nie angeschrien …“

    Bestürzt eilte Lucian die Treppe nach oben, während Ignáce ihm verdattert nachblickte. Während der Schrecken über sich selbst weiter in seinen Gliedern saß, lehnte er sich an die Wand im Flur, um sich zu beruhigen. Als sich dann sein Puls beruhigt hatte, wollte er auf sein Zimmer gehen, um einen kühlen Kopf zu bekommen, doch bevor er in dieses eintreten wollte, blieb er im Flur schlagartig stehen und blickte nach links. Er hätte schwören können gesehen zu haben, wie sich eine Türklinke im letzten Moment in ihre Ausgangsposition zurück versetzt hatte. Mit Unbehagen dachte er zunächst, dass eine fremde Person sich im Schlafzimmers seines Vaters befand, doch beim genauen Hinsehen bemerkte erleichtert, dass es sich nur um die Tür zu Glacias Zimmer handelte. Wieder dachte er, an dieser zu klopfen in der Hoffnung, sie wäre zu einem Gespräch bereit. Doch dieses Mal war es Ignace, der sein Denken einnahm und Lucian stimmte ihm im Stillen zu, dass es zurzeit keinen Sinn machte. Auch wenn er von der Idee selber nicht begeistert war, vielleicht würde es sich doch als effektiv erweisen, wenn die Geschwister einmal getrennt voneinander leben würden. Er hoffte, dass Glacia dann zur Einsicht kommen und dann den Frieden mit ihren Brüdern suchen würde. Denn nach dem Tod ihres Vaters und ihrer Mutter waren ihre Brüder das Einzige, was ihr an nächster Familie noch übrigblieb. Und er erinnerte sich, was sein Vater über sie sagte: Glaubst du, dass jemand, der so voller Liebe ist, wahrhaft dazu in der Lage wäre, jemanden aus tiefstem Herzen zu hassen?

    Lucian lächelte, während er die Tür öffnete und in sein Zimmer eintrat. Er fühlte sich wegen seiner Schwester weniger unruhig als vorher. Wenn nicht jetzt, so dachte er sich, dann zu einem anderen Zeitpunkt. In dem Moment fühlte er, wie ihn der Tag einholte. Die Beerdigung, die Runde am Tisch, der Streit mit seinem Bruder – er merkte nun, wie alles davon an seiner Kraft gezehrt hatte und er schaffte es nicht mehr, das Hemd auszuziehen. Er fiel der Länge auf die weiche Matratze seines Bettes, und war trotz gemischter Gefühle sehr froh, von ihr in Empfang genommen zu werden.

    Sie wirkte so weich, dass er sich wie im Treibsand fühlte. Leicht sank er immer tiefer in den weichen Stoff, doch es war ihm egal. Er bekam fast nichts mit, da seine Augenlider schwer wie Eisen waren und fast sofort zu fielen. Und er sank nun immer tiefer, eine angenehm weiche Wolke umfasste ihn. So weiß wie Schnee und sie wirkte genauso einladend wie sein Bett. Er räkelte sich in dieser und egal wie er sich positionierte, er fühlte sich wie schwerelos, was er sehr willkommen hieß. Auf einmal schien alles andere von seiner Seele abgehangen zu sein und er fühlte, wie seine Brust viel freier als vorher atmen konnte. Er nahm einen tiefen Zug von der Luft, die ihn umgab. Sowohl mit der Nase als auch mit dem Mund tat er dies. Die Luft in der Wolke schmeckte süßlich, fast wie gesüßtes Wasser und auch konnte er diese wie Watte anfassen. Lucian wusste natürlich, dass dies ein Traum war, und doch fand er Freude daran, aus der Wolke kleine Tiere zu formen. Endlich träumte er nicht von verbrannten Feldern und finsteren Wesen. Er legte sich auf den Rücken – er glaubte zumindest, dass er es tat – und nahm mit geschlossenen Augen einen weiteren Zug der Wolkenluft. Dieses Mal aber roch sie etwas nach Kamin und auch auf seiner Zunge schmeckte sie wie angebranntes Karamell. Jäh schlug Lucian die Augen auf, in ängstlicher Vorahnung. Und tatsächlich glich das Schneeweiß einer immer dunkler werdenden Farbe von Ruß und sein Blick wandte sich nach unten. Er hätte sich selbst dafür verfluchen können, daran gedacht und es sozusagen damit herauf beschworen zu haben. Er kannte zwar diesen Anblick, doch jedes Mal wurde ihm schlecht davon; zumal er diese Verheerung dieses Mal von oben betrachtete. Sollte es wirklich die Hölle auf Erden geben, so sah er sich vor sich ausgebreitet.

    Kein Flecken Land stand nicht in Flammen oder war nicht bereits zerstört. Unzählige Türme schwarzer Rauchschwaden verdunkelten den Himmel und raubten dem Erdboden jeglichen Anblick des Lichts. Und die Luft stank entsetzlich, sodass Lucian größte Anstrengung hatte, so wenig Luft wie möglich zu holen. Der Geruch von Verwesung und Tod erfüllte sie und er konnte kein Lebewesen außer sich in diesem Inferno ausmachen. Sein Blick schweifte ratlos über jenes zerstörte Land, welches er immer wieder in seinen Träumen sah. „Was ist nur passiert?“, flüsterte er vor lauter Angst. Jäh ertönte das gewaltige Krachen eines Donners in seiner unmittelbaren Nähe und mit einem Mal hatte ihn die Schwerkraft am Körper gepackt, Lucian schrie vor Schreck. Die Wolke schien ihn nicht mehr halten zu wollen und er fiel rücklings in die Hölle hinein, geradewegs auf ein Flammenbecken. In Sekundenschnelle fühlte er, wie die Hitze und das Feuer sich nach ihm streckten. Er hörte es Brausen und er hörte ein boshaftes Gackern, als wären sie von kleinen Dämonen bewohnt, die sich über ihr neues Opfer der Peinigung freuten.

    Durch die Flammen hindurch fiel Lucian auf den harten Steinboden. Er spürte die Schmerzen, als würde er sie leibhaftig spüren, und ihm blieb die Luft weg aufgrund des Sturzes. Doch darüber konnte er sich auch nicht beschweren. Er musste hier weg, und zwar sofort. Doch kaum hatte er sich aufgerichtet, überfielen ihn die Schmerzen, als stünde sein Körper kurz davor, in jedem seiner Knochen gebrochen zu sein. Da ihm die Hitze ins Gesicht schlug, kniff er die Augen zu und versuchte zu erspähen, wie er herauskommen konnte. Panik stieg in ihm auf, da er einige Zeit lang keinen Weg daraus fand. Zu allem Überfluss schienen die Flammen es nun vollständig auf ihn abgesehen zu haben, denn sie sammelten sich in Scharen um ihn. Langsam musste er sich was einfallen lassen, damit er nicht bei lebendigen Leibe verbrannt wird. Die Hitze wurde unerträglich, seine Haut fing langsam an Blasen zu werfen, er schrie jetzt vor Schmerz auf, unfähig sich diesem zu entziehen. Und obwohl er schreiend so schnell rannte wie er konnte, er fand keinen Ausweg, während die Flammenwand ihm immer näher kam. Schon bald würde er von den Flammen komplett verschlungen sein.

    Dann kam ein Windhauch. Ein sehr kühler, fast so kalt wie Eis. Doch er war stark genug, die Flammen, die Lucian umgaben, fortzuwehen. Mit einem Mal spürte er auch keine Schmerzen mehr. Unter starkem Zittern und Keuchen betrachtete er seinen Körper, der wie geheilt war. Keine Brandblasen schmückten ihn und die Flammen waren mit einem Mal wie ausgepustet. Der Wind, der dies bewerkstelligt zu haben schien, wehte andachtsvoll um ihn, streichelte sanft sein Haar und umspielte sanft seine Stirn. Die Erlösung ließ ihn einbrechen und ihn auf die Knie senken. Wie dankbar er jetzt für diesen Windhauch war, dass ihm Gnade gewährt wurde.

    Doch der Windhauch verließ ihn bald wieder und mit einem Schlag stand er inmitten einer Leere. Keine Spur von einem Erdboden, durch den er gefallen war. Nur Dunkelheit umgab ihn. Offenbar blieb ihm nichts anderes übrig als entweder an Ort und Stelle zur verharren oder einen Ausgang zu suchen, auch wenn ihm dieser Gedanke abwegig vorkam. Dennoch schritt er in eine beliebige Richtung, und das einzige was er hörte, war das Hallen seiner Schritte. Das Echo seiner Schritte verfolgte ihn in einem gleichmäßigen Takt, er selber blickte umher, auf der Suche nach etwas, das ihn aus dieser Leere hinausführen würde. Er wusste nicht, wie lange er ging oder wie spät es bei ihm zu Hause war. Das Echo seiner Schritte war sein einziger zeitlicher Orientierungspunkt.

    Es kam ihm wie Stunden mittlerweile vor, in dieser Leere unterwegs zu sein. Lucian spürte eine Unruhe in sich aufsteigen: Was wäre, wenn er nicht mehr erwacht? Wird er für immer im Schlaf in dieser Leere umherwandern? Während seine Gedanken sich in wachsende Panik verloren, wurde das Echo seiner Schritte frühzeitiger wiederholt als er überhaupt ging. Er blieb jäh stehen und horchte in die Dunkelheit. Eine Zeit lang blieb es still, dann aber hörte er tatsächlich das Trittgeräusch von einer weiteren Person, falls es eine war. Mit größter Anspannung richtete Lucian seinen Blick in die Richtung, aus der die Schritte kamen. Und da löste sich eine schemenhafte Gestalt aus der Dunkelheit heraus, die stillschweigend auf ihn zukam. Auch wenn Lucian nach Weglaufen zu Mute war, so wollte er sich die Gestalt genauer ansehen, als sie näher kam.

    Es war nicht viel zu erkennen, lediglich eine schwarze Robe, deren Kapuze tief über das Gesicht der Person gezogen wurde. Sie schien ihren Kopf gesenkt zu halten, denn nicht mal einen Mund konnte Lucian aus der Entfernung erkennen. Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit und auch eines der Gefahr mischten sich in seiner Magengegend. Er schien die große und dünne Gestalt wieder zu erkennen, doch hatte er selber noch nie zuvor eine solche Person gesehen. Eine Kälte erfüllte die Luft, wie er sie noch nie derartig gespürt hatte. Sie ging von der schwarzen Gestalt aus, die nur noch wenige Schritte entfernt war. Jede Sekunde bedeutete immer näher kommende Gefahr, doch Lucian blieb weiterhin wie angewurzelt stehen, unentschieden darüber, was er tun sollte. Er hörte auch schon die Andeutung des Brausens und er war sich nun sicher, dass die Quelle seiner Alpträume direkt auf ihn zukam. Sofort kam ihm das Zittern, doch ein Blick nach hinten verriet ihm, dass es keinen Ausweg aus dieser endlosen Leere gab. Als das Brausen immer lauter wurde, wandte er sich und sah die Gestalt nicht weniger als drei Schritte von ihm entfernt vor sich, die auch nun langsam den Kopf hob. Und das Glühen der roten Augen tauchte unterhalb der Kapuze auf. Beim Anblick derer wäre wie schon bei den ersten Malen Lucians Körper vor Furcht erstarrt. Doch er konnte nicht fort und auch gar nicht mehr aufwachen.

    Kein Ausweg, schoss es ihm durch den Kopf. Und mit angstvoller Gewissheit konnte er erahnen, dass es vor seinem Gegenüber kein Entkommen gab.
    „Also gut!“, rief er im Versuch, tapfer zu wirken. Und tatsächlich fühlte er jetzt zum ersten Mal eine Entschlossenheit in sich entstehen, die seinen gesamten Körper belebte und auch seine Stimme lauter werden ließ. Auch wenn es irrwitzig war, unbewaffnet der Gestalt entgegenzutreten, so wollte er dies mit dem Funken an Mut tun, die das Feuer in seiner Stimme wieder belebte: „Ich werde nicht mehr vor dir weglaufen! Und Angst werde ich auch keine mehr haben! Nimm das!“

    Mit einem Stoßgebet zum schwarzen Himmel der Leere ballte er seine Hand zur Faust, holte mit einem lauten Kampfschrei aus und zielte inmitten auf das Augenpaar, dass nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war. Die Entschlossenheit, die in ihm aufgeflammt war, schien sich in seiner Faust zu bündeln und es war, als würde Eisen auf Glas treffen. Er traf punktgenau und jäh zersprang nicht nur die Gestalt, sondern auch die gesamte Leere mit einem Mal in Tausende von kleinen Scherben, die ins Nichts verschwanden.


    Nun schwebte er in einer Sphäre aus weißem Licht, das ihn nicht einmal blendete. Verwirrt betrachtete Lucian seine Faust, die dies bewerkstelligt zu haben schien. Das Gefühl der Entschlossenheit füllte sie noch immer, obwohl sich sein Puls schlagartig merklich beruhigt hatte. Dann erkannte er das Leuchten seines Handrückens, den er verwundert und fasziniert ansah. Seine Hand hatte keinerlei Schaden vom Angriff davon getragen und ein seltsames Symbol zierte nun die gesamte Fläche des Handrückens. Lucian war sich sicher, dass er dieses noch nie gesehen hatte, dennoch kam es ihm in unheimlicher Weise mehr als nur vertraut vor. Es war, als wäre dieses Symbol immer dagewesen und hätte sich gerade erst zum ersten Mal wieder gezeigt. „Was ist hier nur los?“, sagte er vor lauter Unglauben über das, was ihm in nur gefühlt wenigen Stunden passiert war, vor sich hin.

    „Lucian…“, schien auch tatsächlich jemand antworten zu wollen. Es war die Frauenstimme, die er schon einmal hörte und die ihm erneut seltsam vertraut vorkam.
    „Wer bist du?“, wollte er endlich wissen, doch er war nicht sicher, wohin er hinsehen sollte, da die Stimme von überall zu kommen schien.

    „Du hast der Finsternis getrotzt und so dein Schicksal angenommen. Deine Fragen werden schon sehr bald alle beantwortet werden“
    „Ich verstehe nicht!“, protestierte Lucian ungeduldig, dem es nun langsam leid war, stets im Unklaren gelassen zu werden. „Was soll ich tun, damit das alles ein Ende findet?“

    Die Stimme antwortete ihm nicht, doch jäh tauchten vor seinem geistigen Auge Bilder von Orten und Landschaften auf, die er nicht erkannte. Und es war, als würden sie etwas in seinem Kopf eingeben. Es war eine Art Wegbeschreibung, die er sich sofort merken konnte. Dann sprach die Stimme wieder: „Dein Weg liegt dir vor Augen. Folge ihm und ich werde dir dein Schicksal offenbaren!“


    „Ich verstehe aber nicht –“, wollte Lucian dazwischen rufen, doch ein Erdbeben unterbrach ihn. Die gesamte Sphäre schien zu beben und mit einem Mal zersprang auch sie in mehrere Scherben. Dieses Mal traten an deren Stelle Details, die ihm endlich wieder vertraut vorkamen. Er hatte die Decke seines Zimmers vor Augen und fühlte unter sich die Matratze seines Bettes. Ein Griff mit seinen Fingern genügte und er merkte, dass er dieses Mal nicht seine gesamte Bettdecke nass geschwitzt hatte. Er blickte aus dem Fenster. Am leicht feurigen Streifen des Himmel hinter den Häusern erkannte er, dass die Abenddämmerung angebrochen war. Da sein Zimmer nun spärlich erleuchtet war, betrachtete er seinen rechten Handrücken, wo er das Leuchten von vorhin vermutete. Doch sein Handrücken war blank. Von einem Symbol war nichts zu sehen.





  • Hallo Silvers ,


    Wie du vielleicht schon in anderen Threads gesehen hast, versuche ich aktuell meine Zeit nach abgeschlossener Masterarbeit zu nutzen, um ein wenig Feedback zu verteilen auf die hier hochgeladenen Stories, die Originale oder zu Fandoms, die ich gerne lese, sind. I


    Deine Geschichte ist die letzte von 2019 (bei den älteren bin ich mir noch nicht sicher, ob es sich überhaupt lohnt, zu kommentieren?).


    Ich habe soweit den Prolog und das erste Kapitel gelesen.


    Soweit muss ich sagen: Du beschreibst wirklich ziemlich gut, hast größtenteils kaum Fehler im Text und alles in allem lässt es sich recht gut lesen! Dahingehend definitiv top! :)


    Ein paar Fehler habe ich aber doch gefunden, sowie generell ein paar Dinge, die ich dir vielleicht ans Herz legen würde.


    Ich bin gerade auch nicht sicher. Bisher habe ich so etwas immer aufgelistet, aber eventuell lässt sich ein Teil doch besser, am Text erklären? Ich weiß es nicht. Ich denke, ich mach dennoch meine Liste, einfach um eine Übersicht zu haben.

    • Wurmsätze. Du neigst dazu sehr lange Sätze zu machen. Das ist mit vor allem im Prolog aufgefallen, der ja eine sehr actionlastige Szene darstellt. Dabei nehmen jedoch lange Sätze Tempo heraus, so dass von der sprachlichen Seite aus die Dringlichkeit der Flucht etwas verloren geht. Das ist generell ein Tipp, den ich geben kann: Sätze etwas einkürzen. Informationen auf mehrere Sätze verteilen. Das ermöglicht ein schnelleres Lesetempo und macht das Lesen damit angenehmer. :)
    • Absätze. Mein ewiges Steckenpferd, kommt es mir vor. Ich bin dahingehend zugegebenermaßen ein wenig verwirrt: Ab und zu machst du es auf die eine, ab und zu auf eine andere Art. Prinzipiell: Versuche immer, wenn ein handelnder/sprechender Charakter wechselt, auch einen Zeilenumbruch zu machen. (Siehe dazu den Guide, den ich geschrieben habe.)
    • Vorzeitigkeit. Du bleibst dauerhaft im Präteritum, auch an Stellen, die das Plusquamperfekt erfordern würden.
    • Ab und an machst du vor einer Inquit-Formel im Dialog einen Punkt. An anderen Stellen nicht. Das hat mich etwas verwirrt. Der Punkt gehört natürlich weg.
    • Um beim Thema Inquit-Formeln zu bleiben: Du versuchst diese oft durchzuwechseln (nicht verwunderlich, da es einem in der Schule oft eingebläut wird). An sich etwas, wo ich im Deutschen sage, kann man so oder so machen. Ab und an nutzt du dann aber Sätze als Inquit-Formeln, die so nicht gehen, da du als Inquit-Verb etwas nutzt, das mit "reden" nichts zu tun hat. Unten habe ich auch ein Beispiel dabei. Ansonsten hatte ich auch dazu was in einem Artikel zu Dialogen geschrieben.
    • Zwei Sachen zum selben Effekt: Du nutzt "schien" sehr oft (etwas, das ich absolut nachvollziehen kann, ich liebe das Wort, aber jeder Lektor, mit dem ich bisher zu tun hatte, hasst es). Ein Verb, das Unsicherheit in eine Aussage bringt, die du an ein paar Stellen glaube ich nicht vermitteln willst. Effektiv sagst du damit ja "etwas ist nicht so, es scheint nur so" oder zumindest kann es beim Leser so ankommen. Zum anderen habe ich auch sehr viele Filterworte gesehen, die einen ähnlichen Effekt haben. Wenn ein Charakter etwas hört, heißt es nicht, dass es diesen Laut auch gibt. Vereinfacht gesagt. So etwas kann natürlich genutzt werden, um Surrealität zu schaffen, aber im Verlagswesen (jedenfalls bzgl. Unterhaltungsliteratur) habe ich es bisher nur verschrien gesehen.
    • An ein paar Stellen ist mir aufgefallen, dass du versuchst Wiederholungen zu meiden, dadurch aber sehr künstliche, sehr unnatürliche Formulierungen nutzt, die den Leser oft mehr rausreißen, als es die Wiederholung tun würde.


    Ich möchte aber noch mal anmerken, dass es größtenteils bei dir wirklich meinerseits schon Jammern auf hohem Niveau ist und gerade die stilistischen Sachen eher ist "nitty gritty" gehen. Wenn man nur zu viel Zeit mit Lektoren verbringt - auch in seiner Freizeit - fällt es schwer, gewisse Dinge auszublenden. :P


    An der Stelle dann vielleicht direkt weiter mit den entsprechenden Textstellen:




    Joa. Das liest sich jetzt nach einer Menge, aber wie gesagt, das meiste waren ähnliche Dinge. Und alles in allem hast du schon einen sehr schönen Stil. Wie gesagt, es ließ sich eigentlich ziemlich gut lesen :)


    Insofern ... Beende ich an dieser Stelle mal den Kommentar und hoffe, dass ich vielleicht irgendwie helfen konnte und so.


    Ich muss natürlich auch sagen: Sorry, dass das jetzt so meckerig klingt. Denn alles in allem gibt es eigentlich gar nicht so viel auszusetzen - aber man schreibt an Kritik halt länger, als an Lob. :P


    Möchte dennoch betonen, dass es mir eigentlich sehr gut gefallen hat.

  • Alaiya vielen Dank für deine Kommentare. Ich habe es dir in deinem Gästebuch schon mitgeteilt, dass ich gewiss einige Tipps mitnehmen kann. Tipps, die ich versucht habe, hier in diesem Kapitel umzusetzen. Ich bin gespannt, ob dir was Neues auffällt ;) Desweiteren wünsche ich dir viel Spaß mit dem Weiterlesen!




    Kapitel 3
    Die Räuber


    ~Lucian~


    „Wohin soll es gehen?“

    Lucian zuckte zusammen und blieb an der Eingangstür stehen. Mit einem Blick nach links sah er seinen Bruder, der sich an der Tür zum Salon lehnte und ihn skeptisch ansah. Er war sich sicher, dass Ignáce oben in seinem Zimmer schlief und dass sein Verschwinden am frühen Morgen nicht vorzeitig entdeckt werden konnte.

    „Wohin du willst“, wiederholte Ignáce ruhig, als sein Blick auf den Rucksack fiel, den Lucian vor Schreck auf den Boden fallen gelassen hatte. Dieser stand da wie angewurzelt und begegnete dem Blick seines Bruders. Er fragte sich, ob er sich ihm anvertrauen sollte. Ignáce nippte an seinem Tee, aus dem es nicht mehr dampfte. Offensichtlich hatte er ihn vor einer Weile schon gemacht.

    „Du bist schon auf“, bemerkte Lucian mit dem Versuch locker zu klingen. Doch er hörte selbst, wie seine Stimme vor Aufregung leicht höher klang als gewöhnlich. Doch es kümmerte seinen Bruder nicht.
    „Es fällt mir seit geraumer Zeit schwer, bei deiner Lautstärke gut zu schlafen“, sagte er und blickte vom Inhalt der Tasse in Lucians Augen. Ein Schuldgefühl jagte einen Schauer über seinen Rücken, doch hielt Lucian seinem Blick stand, der ihn durchdringend ansah. Wieder fiel dieser auf den Rucksack zu Lucians Füßen und wieder fragte Ignáce nach dem Grund des frühen Aufbrechens.

    „Ein Spaziergang“, sagte Lucian. Sein Bruder hob nur eine Augenbraue.

    „Ja, ein Spaziergang“, versuchte er sowohl sich selbst als auch seinen älteren Bruder zu überzeugen, der ihn weiterhin ungläubig ansah. „Wird lange dauern, deswegen habe ich mir was zu essen eingepackt“, ergänzte er mit dem Blick auf seinen Rucksack, den er sich wieder um die Schultern warf.

    „Du warst nicht in der Küche“, sagte Ignáce. Er tat die letzten Schlücke aus seiner Teetasse, die er dann auf einen kleinen Tisch neben sich stellte. Er verschränkte nun die Arme und sah seinen Bruder erwartungsvoll an. „Wirst du mir nun endlich sagen, was Sache ist, oder willst du weiter versuchen, dich rauszureden? Und den Schlüssel zur Haustür habe ich hier übrigens“, und holte er aus seinem Morgenmantel eben diesen hervor und hob ihn für Lucian demonstrativ in die Höhe. Dieser sagte nichts. Natürlich würde er zu gerne sich seinem Bruder anvertrauen. Doch Ignáce würde ihm den Vogel zeigen, dass eine körperlose Stimme Lucian im Traum gesagt hätte, sich auf eine Reise zu begeben. Auch würde er ihn nicht aus so einem Grund fortgehen lassen. Dessen konnte sich Lucian sicher sein und im Grunde war er auch mehr als dankbar, dass sein Bruder sich wie sonst immer um ihn sorgte. Doch nun war es eine Eigenschaft seines älteren Bruders, auf die er momentan gut verzichten konnte. Daher hob Lucian seinen Arm auf Brusthöhe: „Bitte gib mir den Schlüssel.“

    „Und was hast du dann vor?“, wiederholte Ignáce die Frage. Doch Lucian blieb bestimmt und ließ alle Deckung von sich gleiten: „Ich werde verreisen. Nach Vaters Tod und dem ganzen Stress fühle ich mich, als müsste ich diese antreten. Einfach, um den Kopf frei zu bekommen.“

    „Aha“, nickte sein Gegenüber schmunzelnd, „und dieser Stress hat nichts mit den Albträumen zu tun, die du Nacht für Nacht hast, oder?“

    „Und selbst wenn?“, entgegnete Lucian genervt. „Was kümmern dich meine Träume?“

    „Sehr viel, wenn sie dich so oft quälen“, sagte Ignáce ernst. Lucian machte deutliche Gesten in Richtung des Schlüssels. "Gib mir bitte jetzt den Schlüssel“. Sein Bruder ließ diesen in seinen Fingern kreisen. Dann warf er ihn vor Lucians Füßen. Mit verägerterm Blick hob Lucian diesen auf. Ignáces hingegen war weiterhin argwöhnisch: „Weißt du, wohin es gehen soll?“

    „Nicht wirklich…“

    „Weißt du wie lange du weg sein wirst?“

    „Vermutlich länger…“

    „Wie lange genau?“

    „Das weiß ich nicht, warum willst du das wissen?“, rief Lucian genervt, doch Ignáce fuhr altbekannte Geschütze auf: „Erstens, weil du mein Bruder bist. Und zweitens, da es mir nicht egal ist, was aus dir wird!“

    Er schritt nun auf Lucian und für eine Sekunde dachte er, dass Ignáce ihn nun am Schlafittchen packen und ihn in sein Zimmer zurückschleifen würde. Instinktiv wollte er eine Abwehrhaltung einnehmen, doch Ignáce griff nach dem Schlüssel und schloss die Haustür auf. Er öffnete die Tür und trat zur Seite, scheinbar um Lucian den Weg freizumachen. Dieser zögerte angesichts dieser Handlung. Mit zaghaften Schritten trat er auf die Türschwelle und spürte bereits die frische und feuchte Morgenluft, die ihm entgegen wehte. Es war ein windiger Tag und bewölkter Tag. Mit einem Blick zu Ignáce, der ihn eingehend beobachtete, war er sich sicher, dass er ihn nicht aufhalten würde und trat hinaus.

    „Moment!“

    So schnell konnte man sich irren. Lucian blickte zurück und sah, wie Ignáce ihn zurückwinkte. Da er seinem Bruder nicht widersprechen wollte, tat er wie geheißen und trat wieder ein. Auf seine Geste hin schloss er auch wieder die Tür und wartete ab, was nun passieren wird.

    „Warte hier“, sagte Ignáce knapp und ging die Treppe hoch und ließ Lucian erstaunt zurück. Fünfzehn Minuten später kam sein Bruder wieder die Treppe herunter, dieses Mal war er selber reisetauglich angezogen, mit einem Mantel auf der rechten Seite unter seiner Schulter eingeklemmt und einem Reiserucksack über die linke Schulter geworfen. Den Mantel drückte er Lucian an die Brust, den er mit halb offenem Mund entgegennahm. Dann verschwand er in die Küche. Zwei Minuten später sah Lucian, wie sein Bruder zwei belegte Brote in seinen Rucksack verstaute. Als er Lucians überraschtem Blick begegnete , lächelte er verschmitzt: „Du sagtest, dass du dir schon welche eingepäckt hättest“. Lucian druckste aufgrund dieses Scherzes, doch musste er nach dem Grund dieses Sinneswandels fragen.

    „Wie gesagt“, antworte sein Bruder, der sich den Mantel anzog und danach den Rucksack über die Schulter warf. „Du bist mein Bruder und es kümmert mich sehr wohl, was du machst. Wenn du so entschlossen bist zu gehen, werde ich mitkommen. Irgendwer muss schließlich auf dich aufpassen."

    "Aber was ist mit dem Haus? Und überhaupt mit allem hier?", fragte Lucian, da er erwartet hatte, dass sich sein Bruder um alles kümmern würde. Doch dieser winkte lächelnd ab und schritt auf eine Kommode nahe der Haustür zu und lehnte einen Brief an die Wand. "Ich hinterlasse Oberst Justus ein paar Anweisungen. Er und weitere Freunde von Vater sollen sich um die übrigen Angelegenheiten kümmern, solange wir unterwegs sind. Außerdem gibt es da noch Glacia, die hält das schon alles zusammen."

    Lucian fragte sich, ob seine Schwester sich Gedanken darüber machen würde, wohin ihre beiden Brüder unterwegs wären. Doch Ignáce schnaubte grimmig und sagte, dass sie froh wäre, wenn beide möglichst weit weg wären. Er sah seinem Bruder in die Augen: "Eben wolltest du unbedingt los und jetzt willst du doch hierbleiben?"

    "Ich fühlte mich sicherer, wenn du da bleiben würdest", entgegnete Lucian.

    Ignáce nickte: "Wird schon werden. Außerdem ist es ohnehin wichtiger, dass jetzt wir beide sicher zurückkommen. Und nun lass uns aufbrechen!"

    Mit diesen Worten klopfte er Lucian auf die Schulter und trat ins Freie. Nur zögerlich trat Lucian ebenfalls wieder hinaus. Er war noch immer überrascht, dass sein Bruder sich ziemlich rasch darauf eingelassen hatte. Er blickte noch einmal zurück in das Innere und verweilte noch an Ort und Stelle. Das Mobiliar lag im Halbschatten, da nur das Tageslicht in die Eingangshalle fiel. Doch in Lucian tat sich das unruhige Gefühl auf, dass all die Dinge, die er in seiner Kindheit für selbstverständlich hielt, nun immer mehr in die Dunkelheit verschwanden, als würden sie nun für immer erlöschen. Einen kurzen Moment lang kam in ihm Zweifel auf, ob er wirklich der Stimme im Traum vertrauen sollte. Erst auf ein erneutes Rufen von Ignáce hin schloss er mit gemischten Gefühlen die Tür.


    Ignáce war zielstrebig unterwegs. Lucian war froh, dass er zuerst daran dachte, in der Bank eine gute Summe an Geld abzuheben, damit sie sich die weitere Reise überhaupt leisten konnten. Lucian tat es ihm gleich und hob auch von seinem Konto eine beachtliche Höhe ab. Mit genügend Münzen und Geldscheinen in der Tasche besorgten sie sich ein ausgedehntes Frühstück. Bei Croissant und Kaffee erwachten ihre Geister und Lucian fiel es leichter, sich auf die bevorstehende Reise zu konzentrieren. "Also", mampfte Ignáce mit seinem Brötchen im Mund, "woran dachtest du hinzugehen?"

    "Zum Newdawner Hafen", sagte Lucian mit einer Sicherheit, die ihm fremd vorkam. Es war, als hätte ihm die Stimme Details seiner Reiseroute in sein Gedächtnis gemeißelt, die erst nach und nach offenbart wurden.

    "Newdawn ... das ist eine halbe Tagesfahrt mit der Kutsche entfernt. Sicher, dass du dort hin gehen willst?" Lucian war noch immer überrascht, dass sein Bruder keine Anstrengungen mehr unternahm, ihn von der Reise abzuhalten. Doch er nickte über das aktuelle Reiseziel.

    Wenige Minuten später trafen die beiden auf eine Kutsche am Straßenrand. Da es noch ein früher Sonntag Morgen war, gab es noch keinen Andrang auf diese bequeme Reisemöglichkeit, was sie auch willkommmen hießen. Der Kutscher, ein kleinerer untersetzter Mann mit Dreitagebart und wässrigen Augen, lehnte sich an der Kutsche und stöberte vor sich hinmurmelnd in der Tageszeitung.

    "Guten Morgen", sagte Ignáce heiter, als sie näher traten. Der kleine Mann sah auf und eine Zeit lang musterten seine kleinen Augen die beiden von unten nach oben.

    "Mor'n", sagte er mit leiernder Stimme und faltete die Zeitung zusammen. "Nur ihr beide?".

    Ignáce nickte. Der Kutscher nickte zurück und öffnete den beiden die Tür, durch die beide eintraten. Die Sitze der Kutsche waren im roten Leder gehalten, auf dem sich die beiden gut setzen konnten. Die Tür wurde zugeschlagen und wenig später setzte sich die Kutsche in Bewegung. Durch das Fenster hindurch sahen sie die Reihenhäuser an sich vorbeiziehen und einige Minuten später auch das Stadttor. Ignáce Miene wurde skeptisch: "Ehm ... wissen Sie überhaupt wo wir hinfahren wollen?"

    Die Kutsche geriet mit einem Ruck im Stillstand. Lucian dachte, dass er sich genauso verhalten würde, wenn ihm ein Fehler unangenehm peinlich wäre.

    "Wohin soll's gehen?", kam dann von außerhalb die Stimme des Kutschers. Als Ignáce ihm das Reiseziel nannte, wurde die Fahrt fortgesetzt und Lucian sah seinen Bruder den Kopf schütteln. "Ich weiß, es ist noch früh am Morgen, aber sowas?"

    Sie fuhren durch das große Westtor und folgten der Straße, die nach Süden führte. Lucian hielt es für eine gute Idee, den ausgebliebenenen Schlaf nachzuholen. Eine Idee, die auch Ignáce teilte, da er sogar vor seinem Bruder schon wach war. Die ersten Stunden verbrachten die beiden daher schlafend in der Kutsche, die Köpfe hatten sie an die am nächsten liegende Kutschenwand gelehnt. Als die Kutsche dann auf eine unebene und brüchigere Straße fuhr und diese darauf begann, in unregelmäßigen Abständen unsanft auf und ab zu hüpfen, war es für beide mit dem Schlaf vorbei.

    Es ging schon auf den Mittag zu, der Himmel leuchtete nun in einem deutlich kräftigeren Blau als vorher. Lucian öffnete das kleine Fenster, das in die Tür eingelassen war und lugte mit dem Kopf aus der Kutsche. Sie fuhren entlang eines Feldes. Er erkannte auch das dazugehörige Bauernhaus, das nicht weit weg von diesem lag. Aus dessen Schornstein stieg gräulicher Rauch.

    "Die kochen bestimmt gerade", murmelte Ignace gequält, der sich an die Seite von Lucian gequetscht hatte, um ebenfalls mehr von der Umgebung sehen zu können. Sein Magen grummelte unmerklich und bei dem Klang bekam auch Lucian Hunger. Ignáce verbog sich wieder zurück auf seinen Sitz und kramte in seinem Reiserucksack. Er holte die belegten Brote hervor und warf eines Lucian zu.

    "Wenn wir in Newdawn ankommen, holen wir uns was Kräftiges zu essen, ehe es weitergeht.", sagte Ignáce. Er schaute seinen Bruder von der Seite an. "Weißt du überhaupt was als Nächstes kommt?"

    Lucian überlegte. Er versuchte sich an die Details aus seinem Traum zu erinnern. Die Wegbeschreibung, die ihm die Stimme seinem Gedächtnis eingeflüstert hatte, lag vor seinem geistigen Auge wie im Nebel verborgen. Der einzige Wegpunkt, an dem sich beide zu dem Zeitpunkt orientieren konnten, war ihr momentanes Reiseziel. Lucian schaute auf und schüttelte den Kopf, was Ignáce mit einem lässigen Schulterzucken entgegennahm. Mit dem Blick auf die Kutschenwand ihm gegenüber biss er nachdenklich in sein Brot. Lucian schaute wieder aus dem Fenster und betrachtete den Weg, der noch vor ihnen lag. Weiter schien immer mehr ein Wald aus dem Boden zu ragen. Dessen Bäume wurden immer größer und Lucians Sicht nach vorne wurde immer mehr von deren Grün eingenommen. Zu dem stetigen Klappern der Pferdehufe und dem Knarren der Holzräder gesellte sich der sanfte Vogelgesang, der die Reisenden empfing. Lucian schloss die Augen und nahm einen großen Zug von der süßlichen Waldluft, die durch das offene Fenster in die Kutsche drang. Auch Ignáce schien ganz angetan vom Wechsel der Atmosphäre.


    "Ho!"

    Der Kutscher schien die Zügel kräftig nach hinten zu packen, denn die Kutsche kam langsam aber allmählich zum Stehen, während das Hufklappern erstarb. Ignáce warf einen Blick auf seine Armbanduhr. "Wir können noch nicht da sein", murmelte er und öffnete das Fenster auf seiner eigenen Seite und steckte seinen Kopf heraus. Sein Blick suchte den des Kutschers. "He, warum halten wir an?"

    "Pferde brauchen 'ne Pause", sagte dieser unbekümmert. Lucian hörte, wie er von seinem Führersitz abstieg und sich an die Seite der Kutsche begab. Er hörte Metall scheppern, ehe ihr Fahrer wieder sprach. "Ich hole kurz Wasser, hier in der Nähe ist ein Bach". Auch wenn Lucian nichts sah, sah er es anhand der Geräusche draußen vor sich, wie der Kutscher in den Wald verschwand. Äste knackten und Blätter wurden unter Rascheln aufgewirbelt.

    "Hat man da noch Töne?", blickte Ignáce herausgefordert seinen Bruder an. "Lässt er uns hier alleine."

    "Vielleicht hatte er vorher eine anstrengende Nacht", versuchte Lucian sich verständnisvoll zu zeigen. Doch er konnte es seinem Bruder nicht verübeln, dass dieser sich genervt und leicht mit den Zähnen knirschend gegen die Rückenpolsterung warf. Jede Sekunde, die sie mit dem Stillstand inmitten eines ihnen fremden Waldes verbrachten, bedeutete keinerlei Fortschritt. Lucian wurde nervös. Um Ignáce nicht weiter zu beunruhigen, hatte er auf Details aus seinen Träumen verzichtet. Und auch hatte er darauf verzichtet zu betonen, dass ihre Reise eine besondere Art von Eile gebot. Und sollte er zu spät sein, auch nur für ein paar Minuten, dann ...

    Er schüttelte den Kopf. Es gab keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen. Zumal war sich Lucian nicht sicher, ob an seinen Visionen und Traumbegegnungen nun auch tatsächlich ein Funke Wahrheit dranhing. Doch seine Anspannung und auch die von Ignáce legten sich, als ein erneutes Aufwirbeln von Blättern die Rückkehr des Kutschers ankündigten.

    Doch etwas war anders. Das Rascheln schien sowohl von links als auch rechts zu kommen. Die Pferde scharrten nervös mit den Hufen, einige schnaubten. Lucian blickte zu Ignáce, dessen Augen alarmiert aufgerissen waren. Stillschweigend einigten sie sich darauf, kein Geräusch von sich zu geben. Das Rascheln wurde lauter und von beiden Seiten knackten Äste. Es näherten sich mehrere Personen der Kutsche. Lucian versuchte zu horchen und auszumachen, wie viele es waren. Er wollte nach draußen schauen und einen Einblick über die Situation gewinnen, doch eine mahnende und auch vernünftige Stimme riet ihn zur Besonnenheit und Deckung. Er beobachtete Ignáce, wie dieser mit einem offenbar ähnlichen Einfall zu kämpfen hatte.

    Stille trat ein. Lucian hörte sein Herz immer höher und lauter in seinem Kopf schlagen Das Blätterwirbeln und das Knacken der Äste war wie ausgestorben und die Pferde schienen sich immer mehr zu beruhigen. Eine Zeit lang passierte nichts. Lucian und Ignáce wollten langsam wieder tief aufatmen, da erklang das Geräusch wie von einer kleinen Peitsche und ein ganz kurzes Trommeln kam von Seiten der Kutschentüren. Sie schraken auf, denn sie wussten, dass soeben ein Pfeil abgefeuert wurde. Weitere kurze Schläge folgten direkt, allesamt auf das Holz der Kutsche und Lucian, der sich so tief wie möglich in seine Sitzecke presste, hörte es an seinem Ohr vibrieren. Wäre das Holz nicht zwischen ihm und den Angreifern gewesen, so hätte der Pfeil ihn in sein Ohr getroffen. Ein paar Sekunden erfolgte der Angriff, ehe dann wieder Ruhe eintrat. Beide keuchten und horchten nach draußen. Nichts war zu hören.


    "Also, ihr beiden. Die Kutsche ist umzingelt. Kommt mit erhobenen Händen raus, dann sind wir nicht gezwungen, euch mit Löchern zu versehen!"

    Lucian sah, wie Ignáce sich auf die Lippe biss. Grimmig schien er Möglichkeiten durchzugehen, aus dieser Lage herauszukommen. Doch nachdem unter deren Aufschrei etwas schmales und dünnes durch das eine Fenster rein und durch das andere hinaus schnellte, mussten sie aufgeben und traten mit erhobenen Händen aus der Kutsche heraus. Ungefähr zehn vermummte Gestalten, einige kaum vom hinter ihnen liegendem Gebüsch zu unterscheiden, hielten ihre Bogen gespannt, deren Pfeile bedrohlich auf die beiden Jungen gerichtet waren.

    Erwartet wurden sie draußen von einem Mädchen, das Lucian ungefähr in seinem Alter schätze. Sie war sommersprossig um die Nase und ihr zottliges braunes Haar fiel ihr wie ein Schal über die linke Schulter. Siegessicher grinsend empfing sie die beiden, als sie aus der Kutsche stiegen, und Lucian erkannte, dass ihre Hände auf dem Riemen ihres Gürtels lagen, eine Hand war dabei gefährlich dem Griff eines Dolches nah. Ignáce zorniger Blick galt währenddessen der kümmerlichen Gestalt, die seinen Blick mied. Es war der Kutscher und Lucian wurde schnell klar, dass dieser von Anfang vorhatte, die beiden in einen Hinterhalt zu locken.

    "Ihr hättet euch nicht so fein rausputzen sollen", sagte das Mädchen, die beiden von unten nach unten mit ihren tiefblauen Augen abschätzend. "Man kann förmlich riechen, dass ihr aus gutem Elternhaus kommt. Rathan hier", und sie nickte ihren Kopf in Richtung des Kutschers, "hat entgegen seines Hygiene-Sinns einen guten Riecher für gute Ziele."

    Ihr Blick ruhte durchdringend auf den beiden, während sie besonders Ignáce flammenden Blick in Augenschein nahm. Lucian sah, dass er seine Faust fest geballt hielt. Er fürchtete, dass Ignáces Temperament jeden Augenblick mit ihm durchging. Belustigt fuhr dem Mädchen ein Lächeln übers Gesicht. Dann, auf ihr Fingerschnipsen hin, tauchten plötzlich zwei Gestalten an der Seite jedes Jungen auf. Mit ziemlich schnellen und sichtlich geübten Handgriffen wurden sie um sämtliches Geld, das sich in ihren Taschen befand, erleichtert und Lucian bemerkte, dass auch im Inneren der Kutsche an deren Gepäck hantiert wurde. Mit einem Stöhnen hörte er, wie die Räuber ebenso Erfolg hatten und das restliche Papiergeld, das sich beide am Morgen abgehoben hatten, an sich rissen. Das Mädchen, das den Vorgang beobachtet hatte, grinste vergnügt.

    "Was sollen wir mit ihnen machen?", fragte eine männliche Stimme, die von einer der vermummten Gestalten kam. Das Mädchen ließ sich mit der Antwort Zeit, als die dann einen Entschluss fasste: "Fesselt sie, wir nehmen sie mit!"

    Ehe Lucian reagieren konnte, haben die zwei Männer zu seiner Seite ihn schnell auf den Boden geworfen und seine Hände auf den Rücken gelegt. Ignáce entstieg ein Wutschrei und Lucian war, als er aufblickte, beeindruckt, dass sich Ignáce gegen seine zwei Gegner behaupten konnte. Ein unschönes Knacken ertönte, als er mit seiner Faust in das Gesicht von einem schlug, der daraufhin zurückwich. Nun hatte Ignáce einen befreiten Arm zur Verfügung, um auch den zweiten mit einer Energie und Kraft zu bearbeiten, die Lucian beeindruckte und auch erschrak. Doch kaum hatte Ignáce seinen zweiten verscheucht, traten dieses Mal drei andere heran, denen es erst unter Anstrengung gelang, ihn zu überwältigen und seine Hände auf dem Rücken zu fesseln. Beide wurden aufgerichtet und die Gestalt, der Ignáce einen Fausthieb auf die Nase verpasst hatte, trat an diesen heran und schlug ihm sehr hart in die Magengegend. Ignáce stöhnte und krümmte sich, Lucian schrie.

    Das Mädchen hatte ungerührt die Szene beobachtet, doch auch sie schien vom Kampfgeist Ignáces beeindruckt. Sie wandte sich an den Mann, der inzwischen seine Maske abgenommen hatte und Blut auf den Boden spuckte. Seine Nase war wie platt gequetscht und Blut hatte seinen Oberlippenbart rot gefärbt. "Ich hoffe, die Blagen sind es wert, Maria!", spuckte er zornig, während er Ignáce böse anfunkelte. Das Mädchen winkte ab. "So wie sie angezogen sind, wird es das bestimmt. Die Eltern von denen werden bestimmt viel Geld bezahlen. Deren Schaden wird es nicht sein."

    "Aber der eurer!", krächzte Ignáce, immer noch vom Magenhieb wie benebelt. Maria wandte sich ihm zu und ihre Augen verengten sich leicht zu bedrohlichen Schlitzen.

    "Wie war das?", fragte sie herausfordernd. Ignáce richtete sich auf und blickte ihr trotzig in die Augen. Er grinste spöttisch: "Wir haben keine Eltern, deswegen sind wir beide unterwegs. Wir kommen aus einem Waisenhaus und wollten von da weg."

    "Ja sicher", sagte Maria höhnisch nahm einen Zipfel von seinem Mantel in ihre Hand. "Und diese Klamotten habt ihr wohl gestohlen oder wie darf ich es verstehen?"

    "Genau das", lachte Ignáce gehässig. "Die und das Geld, das ihr uns eben entwendet habt. Wir hatten es satt und haben daher alles genommen, was wir mitnehmen konnten."

    "Dir kaufe ich das sofort ab", meinte Maria, doch ihr Blick galt dabei Lucian. "Ihm hier traue ich es nicht zu; ich erkenne Weicheier, wenn ich sie-"

    "Red nicht so über meinen Bruder!", rief Ignáce wieder zornig und machte Anstalten, sich aus dem Griff der Räuber zu befreien, die ihn festhielten. Maria schritt einen sehr kleinen Schritt zurück. Sie tat gut daran, dachte sich Lucian, denn beide waren vor wenigen Sekunden Zeugen von dessen Kraft. Doch wünschte er sich, dass auch er in der Lage gewesen wäre, zurückzuschlagen. Nun lag er vollkommen wehrlos auf den Boden, während vier kräftige Arme ihn auf diesen festnagelten.

    "'nädigste?", meldete sich der Kutscher hinter ihr zu Wort. Maria hörte zu, ohne den Blick von Ignáce zu lassen, der sich noch immer sträubte.

    "Ich kenne diese Jungen, ich habe sie vor einigen Jahren schonmal in meiner Kutsche gefahren. Damals lebte ihr Vater noch. Mortimer Destiné, ein bekannter Geschäftsmann!"

    Lucian bemerkte, wie Ignáce erstarrte und er sah, dass sein wütender blick dem Kutscher galt. Dieser zuckte zusammen, als seine wässrigen Augen den seinen begegneten. "Doch wohl keine Waisen", sagte Maria genussvoll und siegessicher.

    "Wie es scheint, wird dann euer Vater sehr gern bereit, für euch ein paar Tausender springen zu lassen."

    "Eben nicht, 'Nädigste", meldete sich der Kutscher zu Wort. "Deren Vater ist vor wenigen Tagen verstorben. Ich habe es in der Zeitung gelesen."

    Lucian spürte, wie sein Herz von einem anderen großen Nagel durchstochen wurde. Er schaute hinüber zu seinem Bruder und sah diesen, wie er seinen Kopf hängen ließ, die Augen fest geschlossen. Aber auch Maria und einige der Umstehenden wirkten wie betroffen. Lucian spürte, wie die Räuber, die ihn festhielten, ihren Griff lockerten. Maria wirkte wie vom Blitz getroffen, ehe sie blitzschnell ihr Lächeln aufgesetzt hatte.

    "Nun gut, und ich denke es gibt niemanden mehr, der für die beiden Lösegeld zahlen würde?"

    Lucian konnte nicht klar erkennen, an wen diese Frage gerichtet war. Maria blickte in die Luft, als würde sie dort jemanden vermuten. Erst nach einem Zögern bestätigte der Kutscher, dass es außer der Schwester keinen nächsten Verwandten gibt. Maria blickte Lucian fragend an, und er ahnte was sie wissen wollte. Er ging in sich. Würde Glacia Lösegeld für die beiden zahlen? Doch er ahnte die traurige Realität und er schüttelte langsam den Kopf. Marias Lippen wurden schmal. Dann wandte sie sich an ihre Gefährten: "Wir überlegen uns daheim, was wir mit ihnen machen. Nehmt alles Verwertbare aus ihrem Gepäck und dann geht es ab nach Hause."

    Einige brummten zustimmig, einige klatschten. Lucian fühlte sich alles andere als erfreut. Die Erinnerung an seinen Vater hatte ihn alle Kraft gekostet, die er hätte aufbringen können, um sich aus dem Griff seiner Wächter zu befreien. Auch Ignáce wirkte, als wäre sein inneres Feuer mit einem Schwall eiskalten Wassers zum Erlöschen gebracht worden. Ohne Gegenwehr zu leisten ließen sie sich von den Räubern abführen, die Maria vorneweg anführte.


    Der Eingang zum Versteck der Räuber lag zwischen den Ästen und Ranken eines mit Dornen spitzen Blättern bewehrten Baumes, der nahe einer Felswand wuchs. Lucian und Ignáce wurden nicht vorsichtig durch diese geführt, daher wiesen ihre Arme und Gesichter feine Kratzer auf. Sie betraten eine Art Korridor, der von Fackeln an den Wänden hell erleuchtet wurde. Nervös staunte Lucian nicht schlecht, als sie nach dem Korridor in einem großen Hohlraum der Höhle traten, aus dessen Decke Tageslicht fiel und somit die Umrisse natürlich erleuchtet wurden. An etlichen Stellen an den Wänden führten andere Ausgänge außerhalb dieses Hohlraumes. Holzbrücken sind dort geschlagen worden, wo es sonst einen Spalt zwischen zwei Enden eines Weges gegeben hätte. Und von unten konnte Wasserrauschen ausgemacht werden; es schien ein Fluss, vielleicht sogar auch ein Wasserfall durch diesen Ort zu fließen. Maria, die Lucians Blick aufmerksam gefolgt war, grinste ihn an: "Deutlich anders als bei euch in der Villa, stimmt's`?"

    Lucian blickte zurück, sagte aber nichts. Auch Ignáce ließ sich nichts anmerken und blieb unbeeindruckt von der Szenerie und versuchte, seinen Blick weder seiner Entführerin noch der Höhle gelten zu lassen.

    Die Jungen wurden bis zur untersten Ebene der Höhle gebracht. Dort angekommen schritten sie auf eine große eichene Tür zu, die zu beiden Seiten von weiteren Räubern bewacht wurde. Anders als die Heimkehrer trugen sie keine Masken. Einer von ihnen, ein kleiner Mann mit harten Gesichtszügen, starrte unablässlich nach vorne, während der andere, ein deutlich größerer älterer Mann mit bereits weißem Haar und Vollbart, die hinzutretende Maria herzlich begrüßte.

    "Hallo, Terrance", sagte Maria mit einem Lächeln. Lucian meinte festzustellen, dass dies das erste warmherzige ist, das er bei ihr sah.

    "Ist Ramdaz da?", fragte sie den alten Räuber. Dieser nickte und öffnete nur mit einer Hand die schwer wirkende Holztür. Er winkte Maria hinein, während Sein Augenmerk neugierig auf die Neuankömmlinge fiel. Als seine und Lucians Blicke einander kreuzten, bekam Lucian das sonderbare Gefühl, dass er in Terrance einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner gefunden hatte. Er wollte zu Ignáce blicken, ob er eine Reaktion zeigte, doch beide wurden barsch von den anderen Räubern in den Raum geschubst.

    Der kreisrunde Raum ähnelte einer Kammer. Die Decke war nicht viel höher als zwei Meter vom Boden entfernt und kaum mehr als sieben Personen hätten aufrecht stehen können, ohne dem anderen auf die Zehen zu treten. Die einzige Lichtquelle stellte eine große Laterne dar, die auf einem kleinen Holztisch stand. Ignáce und Lucian wurden im Zentrum des Raumes aufgestellt, während Maria, von der nur ihre Silhouette zu sehen war, weiter vor ihnen mit einer Person sprach. Auf die Bitte einer starken Stimme hin trat sie zur Seite und Lucian bekam einen Blick auf den Mann, der hinter dem Tisch saß. Seine Falten, welche sich über sein Gesicht zogen, wirkten im Lampenschein wie Furchen, sodass der Mann wie entstellt wirkte. Sein graues Haar war straff zurückgekämmt, doch seine grauen Augen waren so wachsam wie die eines Tieres, das seine Beute fixierte. Ramdaz betrachtete zuerst Lucian und dann Ignáce eingänglich, ehe er sich seiner Untergebenen wieder zuwandte: "Und für diese Jungen gibt es keinen Verwandten mehr?"

    "Nur eine Schwester", sagte Maria sachlich, "doch die wird nichts für die beiden zahlen." Ramdaz nickte nachdenklich. Lucian beobachte ihn dabei, wie er die beiden Jungen wieder musterte. Dann lag sein Blick auf Ignáce: "Ich hörte von Maria, dass du Lukasz eine blutige Nase verpasst hast."

    "Hat er verdient", sagte Ignáce prompt, das erste Mal seit der Ankunft schenkte er einer Person seine Aufmerksamkeit. Ramdaz lachte amüsiert: "Sowas missfällt ihm ordentlich. Es würde mich nicht wundern, wenn er sich dafür gerächt hat .. oder sich noch rächen wird"

    Ignáce zwang sich zu einem Lächeln, welches der Räuberanführer richtig deutete. Er blickte wieder zu Maria: "Von dem einen Jungen haben wir noch immer keine Gewissheit darüber, ob jemand für ihn aufkommt?" Maria schüttelte den Kopf: "Wir warten noch immer auf eine Nachricht, aber das ist schon einen Monat her..."

    Lucian fragte sich, von wem die beiden sprachen.

    "Dann bringt es nichts mehr weiter zu warten", seufzte Ramdaz mit teilnahmsloser Miene. "Steckt diese beiden Jungen in eine Zelle, die können dann morgen mit dem anderen zu Jack gebracht werden."

    Maria machte eine Geste, die ihrem Anführer nicht entging, und er blickte sie forsch an: "Einwände?"


    "Nein", sagte sie, doch Lucian erkannte eine Spur von Nervosität in ihrer Stimme. Sie wandte sich um und schritt aus dem Raum heraus. Die Jungen und ihre Wächter folgten ihr. Sie schritten quer durch die Höhle, ohne die Ebene zu wechseln, und kamen in einem Höhlenkorridor an, der wie die anderen von Fackeln erleuchtet war. Manchmal unterbrach eine eisenbeschlagene Tür die raue Höhlenwand und die erste, an der die Gruppe ankam, wurde von Maria geöffnet. Ohne, dass sie ein Wort sagten, lösten die Räuber die Fesseln an den Händen der beiden Brüder und stießen sie mit einem kräftigen Stoß hinein. Als Lucian nach Ignáce hineinstolperte, den Halt verlor und auf dem Boden landete, wurde die Tür rasch hinter ihnen geschlossen. Ignáce, dem plötzlich die Lebensgeister wieder eingehaucht wurden, hämmerte mit eiserner Faust gegen die Tür. Die Zelle lag nur im Halbschatten. Das Licht der Fackeln schien nur von oberhalb der Tür herein, sodass Lucian es sich bildlich vorstellen musste, wie sein Bruder mit grimmig verzerrter Miene seinen Weg in die Freiheit zu kämpfen versuchte. Selbst als beide sich mit gemeinsamer Kraft mehrmals gegen die Tür warfen, gab sie nicht nach.

    Lucian war sich nicht sicher, wie viel Zeit seitdem verging, als dann auch Ignáce zähneknirschend aufgab und sich dem Geräusch nach an einer Wand der Zelle niederließ. Lucian hatte sich bereits geschlagen auf den Boden gesetzt. Betten oder andere weiche Unterlagen gab es in der Zelle nicht. Die beiden würden in dieser Nacht in kalter Höhlenluft und auf hartem Stein übernachten. Es kam ihm, als wären seit ihrer Abreise bereits Wochen vergangen. Seine vertraute Heimat war bereits in so eine Ferne gerückt. Wehmütig dachte er an die Zeit zurück, in der sein Vater noch lebte. Und unruhig machte ihn der Gedanke, was passieren würde. Was wenn er und Ignáce tatsächlich nie mehr zurückkehrten? Sie würden nie wieder ein vertrautes freundliches Gesicht sehen. Was war mit ihrem Zuhause? Würde Glacia es übernehmen, während sie hoffte, dass ihre Brüder nie wieder kämen? Lucian fragte sich, wie es überhaupt nun dazu geführt hatte, dass er und Ignáce sich in einer derartig misslichen Lage wieder fanden.

    Doch es dämmerte vor seinem Auge ziemlich schnell: Hätte er nicht darauf bestanden der Stimme zu folgen, dann wären sie noch immer daheim. Es war, als hätte er seinen Bruder in eine Falle mitgezogen, die nur für ihn ausgelegt war. Ignáce hätte er zu gerne da rausgelassen. Es war seine alleinige Schuld, dass sie nun Gefangene von Räubern waren. Und so wie es sich anhörte, wären sie bald Gefangene von jemand anderem. Marias Reaktion bedeutete für ihn ganz sicher, dass dieser Jack eine schlimme Person darstellen musste, dass jemand Gefasstes wie sie bei seinem Namen zusammenzuckte.

    Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Lucian an die harte Wand hinter ihm gewöhnt hatte. Er fiel in einen unruhigen Schlaf, er hörte Peitschen knallen, Sklaventreiber, die alle Jack hießen, rufen, und er hörte es wieder. Dieses Brausen, das seine Alpträume erfüllt hatte und ihn mit Angst erfüllte. Und er sah sich auf einer Ebene, die nach und nach von Dunkelheit erfasst wurde...

  • Kapitel 4

    New Dawn


    ~Ignace~


    Ein lautes Treiben riss ihn aus dem ohnehin unruhigen Schlaf. Er richtete sich auf und hörte, wie Lucian es ihm gleichtat. Ein Klirren von Metall ertönte und mit einem Mal wurde die Tür zu ihrer Zelle aufgerissen. Eine Fackel trat ein, deren Flamme geisterhaft war. Erst wurde sie in Richtung Lucian gehalten, dann war er im Fokus des Flammenscheins.

    "Das ist er", rief eine Stimme knapp. Unter dem Licht des Feuers griffen Hände nach ihm und Ignáce wurde nach oben gerissen und aus der Zelle gezerrt. Lucian, der nicht rechtzeitig realisieren konnte, was passierte, wurde ratlos zurückgelassen. Erst als die Männer ihn fortführten, hörte Ignáce seinen jüngeren Bruder nach ihm rufen. Er selber hatte große Schwierigkeiten, in seiner Müdigkeit die nötigen Kräfte aufzuwenden, um sich gegen seine Ergreifer zu wehren. Doch diese waren nicht auf einen Kampf aus. Kaum hatte Ignáce eine Kampfstellung gefunden, wurde er sofort nach unten gerissen und sofort wieder aufgerichtet. Sie brachten ihn in eine Ecke der Höhle, die von anderen Positionen nicht direkt war. Er wurde mit dem Rücken voran an die Wand gepresst und seine Arme wurden von behaarten und deutlich dickeren festgehalten. Der Fackelträger trat an das laute Handgemenge heran und Ignáce erkannte ihn anhand der geplätteten Nase wieder.
    "Hey Lucky", lächelte er überspitzt heiter. Lukasz' Augen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen. Im Lichtschein der Fackel wirkten sie wie schwarze Perlen, von denen ein gefährlicher Glanz ausging. Sein bartbesetzter Mund formte sich zu einem Grinsen. Ignáce stellte fest, dass er in dem Licht eine Ähnlichkeit mit einem Wolf, der auf seine Beute hinabstarrte, besaß.
    Lukasz reichte seine Fackel einem seiner Kumpane und lief die Gelenke seiner Finger ziemlich laut knacken. "Du hast mir die Nase gebrochen, du kleiner Mistkerl!"
    Er trat näher und sein Gesicht kam dem von Ignáce immer mehr. Er wich zurück, da er den Atem seines Gegenübers riechen konnte. Lukasz ließ ihn nicht lange mit der Rache warten, denn blitzschnell versenkte er seine Faust in Ignáce Magengegend. Der Schlag war so stark, dass es ihn und seinen Rücken sehr hart gegen die Wand stieß. Ignáce keuchte, doch Lukasz setzte direkt nach, dieses Mal war es sein Knie, das scharf gegen Ignáces Brust stieß. Ignáce stöhnte laut auf, er japste und hätte sich auf den Boden gekrümmt, hätten ihn die Männer zu seinen beiden Seiten nicht hochgehalten. Lukasz, sichtlich in Ekstase, packte Ignáce bei seinem schwarzen Haarschopf und hielt seinen Kopf hoch, sodass er ihm direkt in die Augen blicken konnte: "Mal sehen, wie dir ein gebrochener Arm oder ein gebrochener Kiefer steht."
    Sein Atem roch fürchterlich und Ignáce wusste nicht, ob es deswegen oder wegen etwas in ihm Erwachten war, doch er sammelte alle Kraft in seinen Beinen und stieß sich ab. Er traf wie er es sich vorgestellt hatte. Seinen Kopf hatte er direkt in das Gesicht von Lukasz manövriert. Wieder hörte er ein unschönes Knacken und Lukasz heulte vor Schmerz auf, als dieser zurückwich. Ignáces Wächter waren verdutzt über diesen Angriff, und darin sah Ignáce seine Chance. Mit einem hiebartigen Bewegung schleuderte er seinen rechten Festhalter gegen den linken, der daraufhin die Fackel fallen ließ. Fast vollständig im Dunkeln brauchte Ignáce ein paar Versuche, bis er die beiden ausreichend bearbeitet hatte. Das war seine Chance. Einer von den beiden musste den Schlüssel zu seiner und Lucians Zelle besitzen und tatsächlich - sehr zu seiner Freude - ertastete er in einer Manteltasche eines Räubers den Schlüssel. Es war, als würde ein Feuer ihn mit Energie versorgen. Er musste jetzt nur noch den Weg zur Zelle zurückfinden, seinen Bruder befreien und dann-

    Wumm! Etwas Bärartiges tauchte aus dem Schatten hervor und warf sich mit seinem ganzen Körper gegen ihn. Ignáce taumelte und fiel rücklings um.
    "Du!", schrie er zornig auf.
    Lukasz hatte sich auf ihn geworfen, sein Gesicht lag im Halbschatten, doch Ignáce konnte sehen, dass ihm ebenso aller Zorn ins Gesicht geschrieben stand. Und etwas Hartes surrte auf Ignáce herab und traf ihn so hart wie eine Eisenkugel auf den Kiefer. Etwas Warmes füllte seinen Mund und Ignáce spuckte aus. Flecken von Blut besprenkelten Lukasz' Gesicht, was ihn nur weiter in Rage versetzte. Ignáce bekam eine Handfrei und schlug zurück. Seine Faust schmerzte, als sie ebenso einen Treffer auf das Gesicht landete. Beide verhingen sich ineinander, wild entschlossen den anderen zu verletzen. Irgendwo aus der Ferne erklang eine Stimme, die "Aufhören, sofort" schrie, doch die Geräusche seiner Umgebung trafen in Ignáces Ohren auf Taubheit. Erst als sowohl ein Messer als auch ein Pfeil mit Eisenspitze an den beiden vorbeisurrten und in der Wand ihm gegenüber stecken blieben, hielt Ignáce inne und blickte zurück. Dies nutzte Lukasz und stieß ihn von sich runter, und gerade als er aufgestanden war und sich auf ihn stürzen wollte, erstarrte er, als er in Marias strengen Augen blickte. Begleitet wurde sie von sechs weiteren Räubern, von denen zwei Fackeln trugen und die anderen ihre Bogen gespannt hielten und anteilig auf die beiden Kontrahenten zielten.

    "Maria!", lief Lukasz empört. "Du kannst doch nicht zulassen, dass dieser Scheißkerl mit dem davonkommt, was er mir antat!"
    Maria betrachtete sein Gesicht, das sie im Licht ihrer Fackelträger erkennen konnte. Ignáce grinste über sein Werk, denn die gesamte Nasenparty war purpurfarben und erneut wurde Lukasz Bart rot gefärbt. Sie zeigte keine Anzeichen, dass es sie kümmern würde.
    "Geh dich waschen und schone die Nase, Lukasz".
    Diesem klappte der Mund auf. Zornig blickte er zu Ignáce und trat bereits einen Schritt auf ihn zu, da erklang Marias Stimme wie ein Donnerschlag: "Du tust, was ich dir sage, Lukasz!"

    Er regte sich nicht. Ignáce hörte, wie es im Kopf des Räubers ratterte. Und zu seiner Verwunderung drehte dieser sich wieder um und blickte seiner Anführerin in die Augen: "Du befiehlst mir nichts mehr, du vorlaute Göre. Was denkst du eigentlich, wer du bist?"

    Maria wirkte sehr gefasst. Die Räuber in ihrer Nähe wichen ein paar Schritte zurück, als fürchteten sie einen Vulkanausbruch in ihrer Nähe. Maria sah ungerührt zu, Wie Lukasz das Messer, welches offenbar ihr gehörte, aus der Wand zog und es angriffslustig in seiner Hand umherwirbelte. Verächtlich schaute er Maria in die Augen: "Seit einem Jahr schon erschmeichelst du dir die Gunst unseres Bosses, und du glaubst, du hast das Recht verdient, uns herum zu kommandieren wie es dir passt?"
    Maria lächelte: "Wenn du glaubst, ich bin nur dank meiner Weiblichkeit soweit gekommen, dann vergisst du wohl, was ich mit allen hier gemacht habe, die an mir gezweifelt hatten"

    "Zufall und Glück!", rief Lukasz puterot, sichtlich peinlich getroffen. Ignáce kam trotz aller Abneigung gegenüber Maria nicht umhin, ihr Respekt zu zollen, und er war gespannt was passieren würde. Maria hatte noch immer ihre Arme gekreuzt. Sie war unbewaffnet, nur in dünnen Kleidungsstücken aus Leinen gewandt. Lukasz hingegen tigerte vor ihr in voller Ledermontur und mit einem Messer in der Hand.
    "Ich werde allen zeigen, dass hinter diesem hübschen Gesicht nichts steckt. Die Narben werden es zeigen!"
    Und jäh spurtete er auf sie los, das Messer auf Brusthöhe. Es ging alles sehr schnell. Ignáce sah nur, wie sie einen tiefen Seufzer tat, ihre Arme und Beine lockerte und in nur wenigen Sekunden hatte sie nicht nur Lukasz entwaffnet, sondern saß sie auch auf seinen Rücken und hielt mit einem Hand seinen Kopf unten. Von Seiten ihrer Begleiter kam zustimmendes Murmeln und Ignáce hörte einen von ihnen "war zu erwarten" murmeln. Lukasz sträubte sich auf den Boden, doch Marias Griff blieb standhaft. Dann gab er mit einer Handgeste auf und sie richtete sich auf. Mit einer Handgeste deutete sie ihren Begleitern Lukasz fortzubringen. Seine Nase müsste behandelt werden, sagte sie nur. Keiner kam nach der Vorstellung auf die Idee, ihr zu widersprechen. Sie nahm vorher eine Fackel entgegen und drehte sich zu Ignáce um.


    Ihr Gesicht wirkte im Licht des Feuers anders als bei der ersten Begegnung mit ihr. Die Gesichtszüge waren weicher und sanfter und auch ihre Augen besaßen einen seltsam schönen Glanz. Ignáce richtete sich auf, während Maria ihn dabei beobachtete. Als Ignáce erneut Blut spuckte und sich an den Kiefer fasste in Erwartung, einen Knochenbruch vorzufinden, schüttelte Maria langsam den Kopf, ihr braunes Haar fiel in kleinen Strähnen über ihr Gesicht. "Du verstehst es wohl wirklich, in Schwierigkeiten zu geraten, oder?"
    "Was redest du da?", ächzte Ignáce unter Schmerzen, während er immer noch seinen Körper untersuchte. Verschmitzt lächelnd erwiderte er ihrem Blick: "Ich hatte nur einen netten Plausch mit deinem Freund Lukasz.“
    Ihre Augen verengten sich: "Wenn du glaubst, mit so jemandem wie ihm wäre ich befreundet, schätzt du mich da falsch ein. So wie du manchmmal zu glauben scheinst, du scheinst dich aus jeder Situation herauskämpfen zu können, nicht wahr?"
    Sie sah ihn erwartungsvoll an. Und obwohl ihm eher danach war, sich aufgrund seines benommenen Körpers hinzulegen, zwang sich Ignáce gespielt mühelos zu einer aufrechten Haltung. Er brauchte nichts zu sagen, Maria las es an seinen Augen ab, was er sagen wollte. Und noch immer blickte sie ihn erwartungsvoll an, und Ignáce sah sie, wie sie sich nur scheinbar entspannte. Doch er ahnte, dass sie es nur vortäuschte. Er winkte ab mit einem Lächeln: "Ich merke schon, dass es heute noch keinen Sinn macht, es mit dir aufzunehmen."
    "Oho?" Maria hob überrascht eine Augenbraue. "Taff und kühn, wenn es gegen drei Räuber geht, doch bei einem Mädchen zögerst du?"
    Sie öffnete ihre Arme, als würde sie ihm all ihre Schwachpunkte offenbaren. Ignáce war sich nicht sicher, ob es an dem Licht des Feuers lag, doch ihre Figur, welche trotz Marias Kraft recht zierlich wirkte, war regelrecht verführerisch. Die Schatten umspielten die richtigen Stellen, doch Ignáce war sich sicher, dass Maria nur ihre Waffen ausspielte, die nur eine Frau ausspielen konnte. Er blickte ihr bestimmt in die Augen: "Wenn die Zeit reif ist, dann tragen wir es aus. Doch ich denke, du bestehst darauf, dass ich dich zu meiner Zelle begleite, oder?"

    Maria lächelte. Es schien sie zu beeindrucken, dass Ignáce zu den ersten Personen gehörte, die nicht auf ihre Weiblichkeit hereingefallen waren. Ohne Protest, und doch mit unterdrücktem Widerwillen, ließ sich Ignáce von ihr zu seiner Zelle zurückführen. Lucian, der hellwach an seinem Stück der Wand gelehnt hatte, sprang auf und fiel seinem Bruder um die Arme, der verdutzt erwiderte.
    "Was war...?", wollte Lucian von ihm wissen, doch es war Maria, die sich zu Wort meldete: "Lukasz und die anderen haben ihn nur etwas die Höhle gezeigt, stimmt´s?" Dabei blickte sie Ignáce aus dem Schatten heraus an, nachdem sie die Fackel gelöscht hatte. Ignáce spürte, dass sie dies tat, damit Lucian nicht direkt auf sein Veilchen blicken konnte, das sein linkes Auge kreisrund umspielte. Sie schloss die Tür, doch ehe sie den Schlüssel umdrehte, öffnete sie diese wieder. "Ihr könnt eigentlich jetzt schon rauskommen. Es dämmert und wir brechen gleich auf."


    Als Ignáce und Lucian heraus traten, sahen sie, wie zwei andere Räuber in ihre Richtung kamen. Sie hörten einen Schlüsselbund klirren, doch sie schritten an den dreien vorbei und öffneten eine benachbarte Zelle. Sie hörten die Räuber jemanden unsanft wecken, als diese dann wieder heraustraten. Zwischen ihnen befand sich eine dritte, deutlich kleinere Gestalt, die der eines Kindes ähnelte. Ignáces Magen verkrampfte sich. Er hatte nach der Schlägerei mit Lukasz völlig vergessen, dass er und sein Bruder und augenscheinlich noch ein viel kleinerer Junge Opfer von Entführungen waren. Und nun erinnerte sich daran, was Ramdaz über sie sagte: "Die drei können dann morgen zu Jack gebracht werden". Während er sich fragte, was dieser Jack für eine Person sein musste, wurden die drei Gefangenen von Maria und den anderen Räubern zurück in den Zentralteil der Höhle geführt, der leicht erhellt war. Das Licht des Morgens fiel durch einen Spalt in der Höhlendecke und Ignáce erspähte die klaren Umrisse von Ramdaz, dessen faltiges Gesicht noch zerknitterter wirkte. Er machte den Eindruck, als hätte er vergeblich versucht einzuschlafen, denn sein graues Haar war sehr zerzaust. Zu seiner Seite stand Terrance, der ziemlich wach und ausgeschlafen wirkte. Er besaß noch immer das freundliche Lächeln vom Vortag, mit dem er Maria und auch alle anderen begrüßte. Ramdaz konnte nur ein mürrisches Knurren hervorbringen, ehe er sprach: "Nun, Jungs, ich hoffe, ich konnte euch ein angenehmer Gastgeber sein" - Ignáce wollte sarkastisch schnauben, doch Maria gebot ihm mit einem strengen Blick, keine Reaktion zu zeigen - "denn heute werden wir Abschied voneinander nehmen. Ich kann nicht sagen, wie ihr es bei Jack haben werdet, doch das ist nicht mehr meine Verantwortung. Also dann..."

    Er wandte sich an Terrance und Maria: "Ihr sorgt dafür, dass alles glatt läuft. Ihr wisst, wie es abläuft."
    Beide nickten und dies stimmte Ramdaz zufrieden. Er winkte den anderen Räubern, die die Gefangenen beaufsichtigten, zu und verschwand in sein Quartier. Prompt wurden die drei von Maria dazu aufgefordert, sich in Bewegung zu setzen, während sie daraufhin verschwand. Nun war es Terrance, der die Gruppe anführte. Sie gingen den Weg zurück, den sie gestern gegangen waren, als sie in die Höhle geführt wurden. Terrances Ton war wesentlich freundlicher, wenn aber nicht weniger bestimmt. Auch vor ihm hatten die anderen Räuber offenbar großen Respeskt, denn sie traten zur Seite, als die Prozession an ihnen vorbeikam. Unterwegs bekamen Ignáce und Lucian hin und wieder einen Blick auf ihren Mitgefangenen, der hinter ihnen herging, bevor sie dann dazu gebracht wurden, auf den Weg vor ihnen zu achten. Es war ein Junge, der deutlich jünger als die Brüder selbst war. Sein blondes Haar war zerzaust und unkrontrolliert schauten viele Strähnen hervor. Er war bereits seit einiger Zeit schon in Gefangenschaft, stellte Ignáce fest. Draußen angekommen wurden sie von Rathan und seiner Kutsche empfangen. Bei seinem rattenhaften Anblick stieg Ignáce Zornesröte hervor und hätten die Räuber nicht instinktiv ihn an den Armen gepackt, hätte er sich mit Sicherheit auf ihn gestürzt. Er empfand es als tiefste Beleidigung, dass er mit Lucian in dieselbe Kutsche hineingesteckt wurde, in der er gestern überhaupt erst in der Falle saß.

    "Irgendwelche Vorkommnisse hier draußen, Rathan?", fragte Maria, die als Letzte aus der Höhle trat. Sie hatte sich einen ledernen Mantel über sich geworfen, der ihr bis zu den Füßen reichte. "Die Straße war ziemlich ruhig die Nacht über", verneigte sich Rathan andächtig ihr gegenüber. "Darf ich betonen, dass euer Versteck wahrhaft sehr gut ausgesucht ist, wenn hier keine Behörden vorbeischauen?"

    "Nur wenn du das nicht noch einmal laut aussprichst", fuhr Maria ihn scharf an.
    "Pass auf, dass du das nicht herauf beschwörst." Rathan nickte bestürzt. Maria schätzte währenddessen sowohl das Äußere als auch das Innere der Kutsche ab. "Drinnen wird nicht genug Platz für alle sein", sagte sie zu Terrance und ihren Gefährten. "Ich werde mit Rathan oben die Kutsche führen, der Rest von euch behält die Jungs im Auge."

    Es folgte kein Widerspruch. Als sich dann die Kutsche in Bewegung setzte, saßen Ignáce und Lucian dicht aneinander gedrängt zwischen zwei Räubern auf einer Bank, während ihnen gegenüber der andere Junge von Terrance bewacht wurde. Nun hatten beide die Gelegenheit, diesen genauer in Augenschein zu nehmen. Obwohl der Junge ihren Blick mied, konnte nun auch Lucian erkennen, dass seine Gesichtszüge zu jugendhaft, nahezu kindlich waren. Sein Gesicht war rund und er besaß eine kleine Stupsnase. Obwohl sie an manchen Stellen eingerissen waren, wirkten seine Klamotten relativ fein, als käme er wie die beiden aus gutem Elternhaus. Während der Fahrt sprach keiner der Insassen ein Wort miteinander. Der Junge schien es vorzuziehen, stur auf den Boden der Kutsche zu starren, während Terrance aufmerksam die beiden Brüder beobachtete. Ignáce kam nicht drum herum, ab und zu seinen Blick zu erwidern. Und er war erstaunt, dass er keineswegs das Gefühl verspürte, dass ihm ein Räuber gegenüber saß, der sich nur für Geld interessierte. Von Terrance ging eine Wärme aus, die Ignáce und Lucian bisher nur spürten, als sie mit ihrem Vater zusammen waren. Überhaupt machte Terrance den Eindruck, als wäre er früher einmal ein Vater gewesen. Seine Stimme war sanft, als er mit den beiden anderen Räubern sprach, wie das kommende Prozedere mit diesem Jack vorgehen würde. Ignáce, der aufhörte zu zählen, wie oft er diesen Namen gehört hatte, brach sein eigenes Schweigen und fragte Terrance um wen es sich handelte.

    "Käpt'n Jack ist ein Pirat", sagte Terrance sachlich. Der Junge neben ihn stöhnte. Terrances Blick ruhte auf diesen, dann wandte er sich Ignáce zu: "Aber ihr braucht euch keine wirklichen Sorgen zu machen. Ich kenne ihn, er ist ein alter Jugendfreund von mir. Sein Ton ist barsch, das muss ich gestehen, aber er ist nicht dafür bekannt, grausam zu sein."
    "Und warum liefert ihr uns an diesen aus?", sagte Ignáce sichtlich gereizt auf das, was er als Antwort erwartete. Terrance blickte aus dem Fenster, doch er besaß den Anstand, Ignáces Frage mit direktem Blickkontakt zu beantworten: "Ihr könnt euch vorstellen, dass das Leben auf hoher See rau ist. Und nicht selten gerät man in Situationen der natürlichen oder menschlichen Art, wo es brenzlig wird. Und nicht selten hat man dann ... nun ja ..."
    Er stockte in seiner Erklärung, dann fuhr er fort: "Jack kann stets neue Mitglieder für seine Crew gebrauchen. Wir haben mit ihm die Abmachung, dass wir ihm diese bringen, wenn er uns anteilig an seiner Beute aus seinen Streifzügen teilhaben lässt. Denn es gibt Zeiten, wo wir nicht das Glück besitzen, auf gut betuchte Jungen wie euch drei zu stoßen." Sein Blick ruhte auf jeden einzelnen. Auf Ignáce, der schmallippig mit seinen Zähnen knirschte. Auf Lucian, der dagegen eine neutrale Haltung besaß. Und auch auf den Jungen zu seiner Rechten, der sich nun fassungslos mit seinen Händen an den Kopf fuhr. Ignáce sah es ihm an, dass er sich im Moment unwohl in seiner Haut fühlte. Die beiden anderen Räuber ließen sich nichts anmerken. Dann beugte sich Terrance nach vorne und sah mit seinen braunen Augen die beiden eindringlich an: "Ich kann mir gut vorstellen, was ihr von uns halten mögt. Ich will euch auch nicht diese Meinung ausreden. Ich will nur sagen", und er blickte vielsagend seine beiden Gefährten an, "dass wir alle an unser eigenes Überleben denken müssen, gerade wenn wir nur uns selber haben. Für euch mögen wir nur gewissenslose Räuber sein, doch ich selber sehe uns als eine Art Familie an, die aufeinander Acht gibt und stets das tut, was deren Überleben sichert." Seltsamerweise galt sein Blick bei seinen letzten Worten durchgehend der Holzwand hinter den beiden Brüdern; es war die Wand, die dem Kutscher am nächsten war.

    Er lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Ignáce blickte zu seinem Bruder. Sie mussten sich eingestehen, dass es sie berührt hatte, als Terrance über seine Art von Familie sprach. Doch beide waren sich einig, dass es noch lange nicht die Berechtigung dazu gab, minderjährige Jungen zu entführen und sie hin und her zu schieben wie Gegenstände, die von Hand zu Hand gingen. Ignáce blickte trotzig und zornig zu Terrance, der noch immer gedankenverloren nach draußen blickte. Jetzt, so dachte er, war die Gelegenheit ideal, um einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen. Er müsste nur zeitgleich mit Lucian ihre beiden Wächter mit einem Tackle zur Seite ausschalten und Terrance überrumpeln. Doch selbst wenn sie nach draußen gelangten, würden sie ohne Zweifel von Maria wieder eingefangen und schlimmstenfalls wie Lukasz vermöbelt werden. Obwohl seine Arme förmlich bebten vor Anspannung, so verlangte er alles von seinem Körper ab, genau das Gegenteil zu tun. Und endlich konnte er sich mit einem verachtenden Schnauben in seinem Sitzplatz zurücksacken lassen. Terrance hatte ihn dabei beobachtet, ohne dass sein Gesicht Aufschluss darüber gab, was er dachte.

    "Woher wisst ihr eigentlich, wann Jack wieder da ist?", fragte Lucian im Versuch, die Situation aufzulockern. Ignáce fragte sich, warum Lucian überhaupt fragte. Terrance erzählte, dass ein anderer Räuber in Newdawn Stellung bezogen hatte und während diverser kleiner Diebstähle Ausschau nach dessen Schiff hielt, wenn die Ankunft kurz bevor stand. Er würde mit dem Piraten dann einen Zeitpunkt ausmachen, an dem der Austausch stattfinden würde.
    "Austausch der Waren", dachte sich Ignáce mit Zornesröte im Gesicht. Terrance entgegnete dem nichts, obwohl er Ignáces Gesichtsfarbe richtig deutete. Sein Blick fiel wieder auf dem Jungen zu seiner rechten, der seinem Kopf so tief in seinem Schoß vergraben hatte, dass er sich fast einrollte. "Warum richtest du dich nicht etwas auf, mein Junge?" schlug er freundlich vor, während seine Hand auf dessen Schulter ruhte. Ignáce spürte jäh ein Verlangen, die Hand von dieser wegzuschlagen. Nur langsam richtete sich wieder der Junge auf und dieses Mal konnten die beiden Brüder ihm in die Augen sehen und waren entsetzt was sie vorfanden.

    Das Veilchen, dass mittlerweilen leicht abgeklungen war, konnte Ignáce ganz leicht als das Werk von Lukasz identifizieren. Vielmehr war es die Leere in ihren Augen, die Ignáce und Lucian zutiefst bestürzten. Sie wirkten wie leerstehende Fenster. Jeglicher Glanz war aus ihnen gewichen und es war, als hätte man dem Jungen die Seele aus dem Leib gesogen, so wie er sich matt und widerstandslos zurück in seinen Sitz führen ließ.
    "Was habt ihr mit ihm gemacht?!", polterte es direkt aus Ignáce und Lucian heraus, die beide aufgesprangen waren. Terrance und die anderen Räuber waren sehr überrascht, dass in den beiden solche Lebensgeister erwacht waren. Doch Terrance bedeutete seinen Gefährten, einen Kampf auf sich ruhen zu lassen. "Unglüclicherweise haben wir ihn so gefunden ", sagte er mit Blick auf den Jungen.
    "Maria und die anderen haben ihn in derartig desolatem Zustand auf der Straße aufgelesen, wo sie euch traf. Bis heute wollte er uns nicht sagen, wer er ist oder woher er kommt. Und einige Männer von uns haben haben in nahe gelegen Städten Ausschau nach Vermissten-Anzeigen gehalten, jedoch ohne Erfolg." Er seufzte.
    "Ich wünschte Lukasz hätte nicht versucht, diese Antworten aus ihm herauszuprügeln. Maria konnte zum Glück Schlimmeres verhindern, ehe es dazu kam." Darauf sagten Ignáce und Lucian nichts. Auch wenn sie immer noch auf ihren Beinen standen, glaubten sie Terrance seine Geschichte, wenn aber nicht zur Gänze überzeugt. Lucian ließ sich als erster auf seinen Sitz zurückfallen und beugte sich vorsichtig vor. Er versuchte, dem Jungen in seine hellblauen Augen zu blicken.
    "Ähm Entschuldigung? Kannst du gerade einen Gesprächspartner gebrauchen?" Der Junge sagte nichts. Ignáce versuchte es nun: "He, wir reden mit dir!"
    "Ignáce!"
    "Was ist? Vielleicht kommt man so eher zu ihm durch."


    Wieder zeigte der Junge keinerlei Reaktion. Unablässlich galt sein Blick dem Waldstück, das er durch das Kutschenfenster erblicken konnte. Dem Blick folgend stellte Ignáce fest, dass es draußen immer heller geworden ist und der Wald immer lichter wurde. "Oh", sagte Terrance, und von außen rief Marias Stimme ihnen zu: "Newdawn liegt vor uns, wir sind in wenigen Minuten da."