Sandkuchen

  • Hallo Mandelev!


    Ich wollte dir auch mal ein wenig Feedback dalassen und mir wurde gesagt, dass du zu „Einschlafhindernis“ einen Kommentar bekommen möchtest. Also mach ich das gleich mal!


    Einschlafhindernis

    Ah, ein visuelles Werk, faszinierend! Ich vermag das jetzt nicht konkret einzuordnen, ob es jetzt eher Konkrete Poesie oder Visuelle Poesie ist, aber nun, ich glaub, ist an der Stelle auch eher Nebensache. Bei Konkreter bzw. Visueller Poesie muss ich ja immer gleich an Ernst Jandl denken, weil ich den da als einzigen kenne. Und ich mag Ernst Jandls Sprachspiele sehr gern.

    Zurück zu deinem Werk, bevor ich abschweife.

    Inhaltlich zählst du hier von eins bis elf, aber zusammen mit dem Titel und dem visuellen Aufbau hab ich gleich gemerkt: es geht ums Schäfchenzählen! Gefällt mir sehr, wie die fünf und die sechs gerade den Zaun überspringen und vor allem das o als Mond ist auch eine schöne Idee! Die Punkte sehe ich als Gras an und so ergibt sich sehr schnell das klassische Bild von Schafen, die über einen Zaun springen.

    Wo ist aber das Hindernis? Auf den ersten Blick sieht das doch alles recht … nun, geordnet aus. Aber dann ist mir aufgefallen, dass die sieben verkehrtherum steht und es staut sich auch ziemlich bei acht, neun, zehn und elf. Steht die sieben als symbolisches Schaf hier vielleicht mit dem Hintern nach vorn und kann deshalb nicht über den Zaun springen? Deshalb können die anderen Schafe nicht nachrücken und es ergibt sich ein Stau? War jedenfalls meine Sichtweise auf die Sache. Das hilft dem Zähler dann natürlich nicht, weil wie soll er denn weiterzahlen, wenn es nicht weitergeht?

    Eine schöne, bildliche Darstellung von Einschlafschwierigkeiten. Denn manches Mal hilft selbst Schäfchenzählen nicht.

    Fantasievoll wie ich bin, denk ich mir natürlich jetzt: vielleicht ist die sieben ja gar kein Schaf! Vielleicht ist es ein Widder und der denkt sich: Also wirklich, was soll ich da jetzt über den Zaun springen? Oder vielleicht flirtet der Widder sieben gerade mit dem Schaf acht und die hat aber gerade überhaupt keine Lust auf das Gesäusel von dem Typen, weil sie hat nämlich große Lust über diesen Zaun zu springen.

    Ja, da lassen sich so einige Geschichten spinnen … also, für mich jedenfalls.

    Hat mir jedenfalls sehr gefallen, auch, dass es mich zum Nachdenken und weiterspinnen angeregt hat! Ist dir sehr gelungen.


    Fröhliches Schreiben!

    — Cynda

  • Thema: Stummer Fischer


    Wie ein Pfeil

    Gleich hinter der Abzweigung zum Wald sitzt ein Mann am kleinen Weiher. Die Füße baumeln, doch seine Mine ist angespannt. Mit verengten Augen fixiert er die stille Wasseroberfläche. Eine Rute hält er in der Hand, sie zittert nicht. Er wartet auf den Wal. Unablässig.

    Ein munteres Fischlein schwimmt herbei und zieht genüsslich seine Kreise. Die Idylle gleicht einem Stellungskrieg. Plötzlich zuckt die Leine. Mit aller Kraft reißt der Angler sein Gerät herum, zerrt hierhin und dorthin, der Fisch blickt ihn mit großen glasigen Augen an, windet sich und verschwindet in der Tiefe. Wortlos ballt der Betrogene die Hand zur Faust.




    Das einsame Glühwürmchen

    Es war einmal ein Glühwürmchen, ihr Name war Hero. Hero lebte alleine im Gras am Waldrand, denn wie alle weiblichen Glühwürmchen konnte sie nicht fliegen. Sie konnte überhaupt nicht viel, nur kriechen und krabbeln. Nachts fing ihr Körper an zu leuchten, aber mehr in der Art wie eine flackernde Flamme, die der Wind im nächsten Moment auslöscht. Das Licht war so schwach, dass man es kaum sah. Hero wurde immer trauriger und kam sich nutzlos vor. Sie sagte zu sich: „Ich werde wohl bis ans Ende meines Lebens einsam bleiben. Hier am Waldrand krieche ich durch das Gras, ohne ein Ziel. Niemand sieht mich, niemand weiß, dass es mich gibt.“


    Doch in der nächsten Nacht hörte sie ein leises Surren. Plötzlich näherte sich ein leuchtendes Etwas und ein fliegender Käfer tauchte über ihr auf.

    „Nanu, wer bist du denn?“, fragte Hero.

    „Ich habe dein Leuchten von oben gesehen“, erklärte das zweite Glühwürmchen. „Mein Name ist Leander.“

    „Du kannst fliegen“, staunte Hero. „Wie schön muss das sein, wie frei musst du dich fühlen! Aber warum kommst du ausgerechnet zu mir?“

    „Schon die ganze Nacht halte ich Ausschau nach leuchtenden Punkten auf der Wiese. Wie magisch fühle ich mich zu ihnen hingezogen. Manche leuchten hell, aber dort sammeln sich schon andere Glühwürmchen, die schneller waren als ich. Allerdings sind meine Augen scharf, und dein Licht war zwar nicht sehr hell, aber doch die ganze Zeit über zu sehen. Deswegen kam ich her.“

    „Es sind noch mehr Glühwürmchen auf dieser Wiese?“, wunderte sich Hero.

    „Aber ja, sehr viele sogar“, bestätigte Leander. „Du glaubst gar nicht, wie wunderschön der Waldrand aussieht, wenn sich unzählige Glühwürmchen hier versammeln. Soll ich dir davon erzählen?“

    Hero nickte – so gut ein kleiner Käfer eben nicken kann.

    Und Leander fing an zu erzählen, was er gesehen hatte. All die Formationen und Mustern, die man von oben betrachten konnte, beschrieb er in den leuchtendsten Farben, wie sie hin und her, auf und nieder schwebten und ein unvergessliches Schauspiel boten, Nacht für Nacht. Hero fühlte sich, als könnte sie mit Leander über die Wiese fliegen. Sie sah alles vor ihrem inneren Auge, und je länger er erzählte, desto stärker begann ihr Licht zu glühen. Jetzt fühlte sie sich nicht mehr einsam.


    Und die beiden lebten glücklich bis ans Ende des Tages. Denn wenn Glühwürmchen sich verlieben, erlischt ihr Lebenslicht.



    Zum Verständnis:

    Irgendwie ging mir das erste Thema aus Flocons Novemberliste nicht aus dem Kopf, so dass ich ein kleines Drabble dazu schreiben musste. Mein erster Versuch hatte 50 Wörter mehr, aber Begrenzung ist schließlich die Kunst der Gattung. Es sind Anspielungen auf zwei Klassiker darin versteckt, ein Musikstück und ein Buch. Ich wäre gespannt, ob jemand sie erkennt ^^


    Der zweite Text, Das einsame Glühwürmchen, war meine Wettbewerbsabgabe zum Thema "Erlebnisse in der Nacht" in der dritten Runde des saphirblauen Schreibturniers. Wie ich auf die Glühwürmchen kam, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich möchte die Geschichte allerdings Cassandra und Tragosso widmen, die mir auf verschlungenen Pfaden zur Inspiration geworden sind.

    Zunächst hatte ich Sorge, dass die Idee zu sehr in Kitsch abdriften könnte, dann aber bei einer kurzen Recherche festgestellt, dass das Leben eines Glühwürmchens überhaupt nicht kitschig abläuft. Das wollte ich darum unbedingt einbauen; nachdem die beiden letzten Sätze als eine der ersten feststanden, war meine Sorge auch soweit getilgt.

    Nur der Vollständigkeit halber: Es existieren natürlich unterschiedliche Leuchtkäferunterarten. Bei manchen können die Männchen leuchten, bei anderen nicht, bei manchen können sie nicht einmal fliegen. Dass ich damit in einer Erzählung relativ frei umgehe, sollte logisch sein.


    Noch mehr Rekommi:

    Und plötzlich schien ein neuer Kontinent

    am Horizont, wir sind noch lange nicht am End’!
    _________________________________________________- Flocon

    Vielen Dank an Yara für diesen wunderbaren Avatar ^-^

  • Hallo Mandelev!


    Bei deinem Update hat mir deine kleine Geschichte um das Glühwürmchen es gleich angetan, als ich allein schon den Titel gelesen hab. Deshalb wollte ich dazu gern ein paar Gedanken dalassen. (:


    Das einsame Glühwürmchen

    Ich finde es schön, wie diese kurze Geschichte sehr viel erzählt. Die Protagonistin Hero ist zwar ein Glühwürmchen kann aber nicht fliegen — dass weibliche Glühwürmchen dazu nicht in der Lage sind, wusste ich gar nicht, danke für’s Schließen dieser Bildungslücke! — und ihr Licht ist unstet. Zurecht fühlt sie sich da einsam, denn was kann ein kleiner Käfer vom Boden aus auch schon sehen? Und leider ist sie auch kaum in der Lage etwas zu verändern — obwohl ich es Hero durchaus zugetraut hätte, dass sie vielleicht auf eine Pflanze klettert, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber das passiert nicht, stattdessen bleibt sie am Boden. Und wird tatsächlich gefunden! Von einem anderen Glühwürmchen, Leander. (Was für ein hübscher Name!) Leander kann als männliches Glühwürmchen fliegen und anscheinend ist gerade Paarungszeit. Fand ich irgendwie niedlich, wie du die Nennung davon geschickt umschifft hast, sodass dein Text weiterhin so eine unschuldig, romantische Note behält. Leander ist so freundlich und beschreibt Hero, was er aus der Luft alles sehen kann und vergrößert ihre Welt damit enorm! (Und ich bin froh, dass es um Insekten geht, weil bei menschlichen Charakteren würde mich das stören, weil das so klischeehaft ist.) Hero erlebt jedenfalls durch die Erzählungen von Leander eine Welt, die ihr bisher verschlossen blieb, weil sie nicht fliegen kann und das ist doch eine schöne Vorstellung, wie sie sich darüber freut.

    Die beiden verlieben sich dann und leben leider gar nicht so lang. Aber in ihrem kurzen Leben, waren sie doch sehr glücklich, so hatte ich jedenfalls den Eindruck.

    Dass Hero und Leander aus der griechischen Mythologie kommen, wusste ich tatsächlich nur durch deinen Rekommi drunter. Bin da leider nicht besonders bewandert — ich kenne die Geschichte von Amor und Psyche in Grundzügen, aber das war’s auch schon.

    Ich mochte diese kleine Geschichte jedenfalls sehr, du hast sie einfach gehalten und doch Themen wie Einsamkeit und Zweisamkeit schön dargestellt. Hat mir sehr gefallen und nachträglich Glückwunsch zum dritten Platz!


    Fröhliches Schreiben!

    — Cynda

  • Ein paar Gedanken zu " Einschlafhindernis":

    Man liest ja von rechts nach links, und ich bin automatisch davon ausgegangen, dass die Schafe in derselben Richtung springen. Aber wenn man sich die Zahlen ansieht, müssen die Schafe zwangsläufig von rechts nach links springen. Das war irgendwie ein seltsamer Moment, als ich das erkannt habe und mein Gehirn die Szene quasi gegen den Lesefluss umgedreht hat, ein bisschen wie bei einem Vexierbild. Fand ich auf jeden Fall interessant.


    Mir ist auch aufgefallen, dass du die Elemente deines Gedichtes auf verschiedene Arten verwendest:

    Zuerst einmal das O als Mond: Der Buchstabe hat hier keine lautliche oder inhaltliche Bedeutung, sondern wurde nur aufgrund seiner Form gewählt. Das Wort "Zaun" dagegen erfüllt eine doppelte Funktion: Es trägt eine inhaltliche Bedeutung, repräsentiert aber auch visuell einen Zaun. Und dann sind da noch die Zahlwörter: Sie können zunächst wie in jedem normalen Text gelesen werden - ein Mensch, der zählt. Aber gleichzeitig stehen sie auch visuell für die gezählten Schafe - eine Bedeutung, die nur durch den Kontext entsteht. (Vielleicht würde das Gedicht noch besser zur Geltung kommen, wenn der Prompt "Rebellisches Schaf" nicht direkt darüber steht und man das Bild mehr selbst entschlüsseln muss.)


    Ich fand es eine originelle Umsetzung des Prompts.

  • Hallo Mandelev!


    Ich hab mich ein wenig in deinem Topic umgeschaut und bin auf das Drabble „Ausreißerin“ gestoßen; dazu wollt ich dir einen kleinen Kommentar dalassen. (:


    Ausreißerin

    So stell ich mir einen Ameisenstaat vor, vor allem aber die Arbeiterinnen — so bissl militärisch angehaucht. Und im Militär gibt es ja gewisse Regeln, wie etwa, dass ein Soldat das Klettern automatisch einstellt, sobald er die Spitze des Baumes erreicht hat oder dass bei Nacht mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen ist. (Ohne Witz, solche Anweisungen hat die Bundeswehr irgendwo schriftlich festgehalten.) Und da gibt es immer wen, der besonders genau drauf schaut, wie hier diese Arbeiterin, weil eine andere Arbeiterin es wohl entgegen der Richtlinien durch die Musterung Kontrolle geschafft hat. Ja, wie konnte das bloß passieren? Ich habe keine Ahnung und die Oberbeaufsichtigte anscheinend auch nicht.

    Und wie das so ist, wird natürlich gleich mit der Vorgesetzten der Vorgesetzten argumentiert. Klassiker. „Wenn Sie nichts tun, was wird dann wohl Ihre Chefin dazu sagen? Huh? Huh?!“ Furchtbar so eine Energie.

    Jedenfalls ist die Königin gerade mit anderen, wesentlich wichtigeren Dingen beschäftigt. Was ich ja wirklich genial fand, wie du quasi DEN wirklich wichtigen Grund genannt hast, warum das der Königin gerade so richtig am ehrenwerten Hinterleib vorbeigeht. Sie ist auf Hochzeitsflug. Ja, da steht die Zukunft des ganzen Staates auf dem Spiel! Definitiv, wie du schreibst, hat sie da keine Zeit für derartige Lappalien.

    Ach, das war ein schönes Drabble! Hat mir sehr gefallen, wie du diese Szene zwischen den Ameisen hier eingefangen hast und der Beschwerde perfekt den Wind aus den Segeln genommen hast. Zwar hast du nicht aufgeschrieben, wie die Arbeiterin darauf reagiert hat, aber ich finde, gerade das macht es so passend hier. Was soll sie auch anderes tun, außer mit offenem Mund herumzustehen? Dagegen kann man einfach nicht argumentieren. Sehr geschickt von dir gemacht, wirklich.


    Fröhliches Schreiben!

    — Cynda