Katzen hassen Wasser? >Kap36<

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    [Tab='Vorwort','http://www.greenchu.de/sprites/icons/122.png']
    Hallo, Pika!


    Tut mir Leid, dass es etwas länger gedauert hat, aber ich musste mich diesen Monat erstmal konzentrierter um andere Sachen kümmern.


    Aber jetzt solls losgehen (hoffentlich kann ich überhaupt noch kommentieren ... :D)
    [tab=Positives]
    Beschreibungen
    Die Beschreibungen sind wie immer tadellos. Du könntest gelegentlich vielleicht noch mehr Adjektive verwenden, aber naja - ich mag besonders die Feinsinnigkeit, mit der du Namine beschreibst, wie genau deine Vorstellungen dieser Stadt sind. Gut gemacht!


    "Ungewöhnliche" Aufgaben
    Was ich gar nicht schlecht find, ist, dass du versuchst, ein umfassendes Bild über die Rebellen zu zeichnen. Ihr Alltag besteht nicht nur aus Kämpfen, Intrigen und co. Auch "gewöhnliche" Dinge gehören dazu, und dass du das mit einbindest, dem Leser auch solcherlei Dinge, die eher "unspannend" erscheinen, vermittelst, zeugt von einem großen Verständnis deiner Welt. Ein tiefes Einfühlungsvermögen, das sich in solchen Details widerspiegelt.


    Kampfschuhe
    Hehe, eine wirklich gute Idee! Okay, es ist zwar mehr oder weniger Allgemeingut, dass derartige Absätze wie die von Raika wie mörderische Waffen aussehen, aber sie tatsächlich als solche anwendbar zu machen, ist nicht schlecht. In der Tat ist das eine recht intelligente Lösung, da diese Waffe gewissermaßen unsichtbar ist, sehr mobil und jederzeit einsetzbar. Diese verstärkten Absätze sind in der Tat ungemein praktisch, da ist Raikas Eitelkeit ja doch mal zu was gut ;)


    Raika
    Uh, Raika gefällt mir immer besser. Du veränderst ihren Charakter langsam, aber allmählich, und das auf sehr subtile Art und Weise; sie benimmt sich nicht mehr ausschließlich so zickig und kühl wie am Anfang, im Gegenteil. Dadurch etwa, dass sie auf dem Marktplatz die Führung übernimmt, spinnst du sehr fein und hintergründig mit ein, dass sie sich langsam stärker zu einem Mitglied der Gruppe entwickelt, zu einem Teil davon wird. Das geschieht nicht plötzlich, sondern kaum spürbar und Schritt für Schritt. Sehr schön, das ist hohe Schreibkunst, meine Liebe!


    Mirai Yochi
    Die entwaffnende Ehrlichkeit, ja, die ist dir gut darzustellen gelungen. Diese verblüffende, unerwartete Charaktereigenschaft macht die Gute in der Tat sympatisch, und auch dem Leser gegenüber wirkt sie dadurch glaubwürdiger. Ein wirklich guter Einfall!
    Außerdem würzt diese Szene das Kapitel, das so alltäglich begann, mit etwas Mysteriösem, das den Leser rätseln lässt. Hier werden auch kleine Anregungen zum Nachdenken gegeben, etwa, was es mit dem nicht-metallenen Schwert auf sich hat. So wird ganz unblutig Spannung geschaffen, schön!


    Das Phantom
    Oi, schon wieder das "Phantom" ... aber diese Geschichten passen nicht so ganz zu unserem Shinzu ... ui, da machst dus aber spannend. Wer ist das Phantom? Ist es Shinzu? Gibt es doch noch einen weiteren Spieler auf dem Feld, der noch nicht (offensichtlich) in Erscheinung getreten ist?
    Dieses Phantom macht ja eher den Anschein eines "Rächers", hmmm ... ich bin gespannt!


    Die Hinrichtung
    Was so harmlos begann, endet also mit dem gewaltsamen Tod eines Halbmenschen. Was soll ich sagen, die Szene passt gut in das Gesamtbild und ist überzeugend geschrieben worden. Zumal hier weitere Fragen und Rätsel aufgeworfen werden, die sich der Leser natürlich gern beantworten würde: Die Königin soll also tot sein? Wie schafft sie es dann, doch noch die Fäden zu ziehen?
    Du benutzt eine schon selbst vor Spannung geladene Szene, um nur noch mehr Spannung zu erzeugen, sehr gut!
    Weiterhin finde ich die Idee der Ditto-Chimäre sehr gut, ebenso die Sache mit dem "es" (das ist in der Tat etwas anderes) und wie stringend du das durchgezogen hast. Ein Charakter, den man sicherlich gern näher kennengelert hätte, wie ein so geschlechtsloses Wesen sich so im Alltag verhält, ob es sich den Gestalten anpasst oder ganz anders ist als seine menschlichen Kollegen ... ich hoffe, wir lernen noch einmal ein lebendes Exemplar kennen.


    [tab=Verbesserungsvorschläge]
    Rai
    Mit Rai überrollst du den Leser ehrlich gesagt ganz schön. Am Ende des letzten Kapitels im Rebellenlager war seine Zukunft noch vollkommen ungewiss, der Leser wusste nicht - und außer Raika wohl auch keine Person in der Story - was jetzt letztlich mich ihm geschehen ist, wie und ob er bestraft wurde. Sicherlich musst du das noch nicht preis geben, das wäre je nach Art der "Bestrafung" ja auch eher ungünstig. Dass Rai aber erst einmal zu Beginn dieses Kapitels gar nicht auftaucht und dann wie selbstverständlich mit durch Namine läuft, ist etwas seltsam. Zumal niemand der Anwesenden sich zu wundern sscheint, niemand ist argwöhnisch, fragt nach der Strafe oder wundert sich, dass es scheint, als hätte er keine bekommen.
    In die Reaktionen der anderen hättest du also gern ein paar Sätzchen noch zusätzlich investieren können, Elektromaus.


    Zweipunktnüsse
    Ich bin grad nicht sicher, hattest du die schonmal beschrieben? Wenn nicht, so wäre das doch ratsam gewesen. Du magst jetzt sagen, "das sind Nüsse mit zwei Punkten", aber "Zweipunkt" kann ja durchaus auf unterschiedliche Weisen interpretiert werden, z.B., welcher Art diese Punkte sind. Farbe, Form, vielleicht sogar Geschmack fehlen überdies trotzdem in diesem Zusammenhang.


    Wachssiegel
    Mirais Wachssiegel hättest du noch etwas genauer beschreiben können. Wenn sie extra einen Siegelring hat, müsste ja auch ein Symbol eingraviert sein, doch das beschreibst du leider nicht. Wie sieht es aus, was stellt es dar? Das hätte deinen Lesern auch noch zusätzlichen Denkstoff geben können, in der Gestalt, dass sie rätseln, was das Symbol dann letztlich zu bedeuten hat.


    [tab=Fehlerteufel]

    Zitat

    Ein Strom aus Besuchern und Einwohnern der Stadt, die die Straße in ein buntes, lebendes Mosaik verwandelten, nahm ihr unteres Blickfeld aus ein.


    Zitat

    [...] auf der sich ein Soldat in empirischer Uniform postiert hatte.


    [Es ist klar, das du dich hier auf "empire" beziehen möchtest, aber der Ausdruck ist hier leider nicht richtig. "Empirisch" bedeutet so viel wie statistisch, durch die Sammlung von Daten etc. belegt. Was du meinst, ist sicherlich "imperial".]


    Zitat

    Gestehst du, entgegen dem Gesetzt im Königspalast spioniert zu haben?


    [tab='Schlussschreibsel','http://www.greenchu.de/sprites/icons/132.png']
    Wow, ein Kapitel, das so harmlos beginnt, steigert sich zu einem spannungsgeladenen Teil, der viele neue Fragen und Rätsel offenbart.
    Auch, dass Mizu offenbar viel weniger spricht als sonst, ist sehr auffällig, was das wohl zu bedeuten hat ...?


    Ein sehr schönes Kapitel, ich freue mich auf mehr!


    Liebe Grüße,


    ~ Clio
    [/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Achduheiligekacke]Hallodri ^^


    Wie ich feststellen musste, habe ich im vorigen Kapitel vor lauter Wald einen Baum übersehen… Es kommen ja so viele Themen vor, die wollte ich halt alle einbauen, da hab ich eins vergessen! >.< An sich ist dieser Zusatzteil nicht wichtig, allerdings kommt der Gegenstand, der daraus resultiert, im späteren Verlauf noch mal vor.
    Wo man die fehlende Stelle in „Großstadtdschungel“ einordnet, ist nicht weiter wichtig. Von daher editiere ich es einfach nur in den Post, nicht ins Kapitel selbst.


    Zum neuesten Kapi: Friendzoning vom Feinsten! xD Ein bissl Gefühlsduselei muss mal sein, und im nächsten Kapitel begegnen wir dann wieder der eigentlichen Story~
    Ich hätte statt „Schwarze Rose“ hier einmal fast „Schwarze Organisation“ geschrieben. Ich guck echt zu viel Detektiv Conan xDD Aber es ist so furchtbar tollig! ;___;
    Ich habe Schlurp als Icon genommen, weil es in dem Pokéspiel für die N64 für mein Lieblingsminispiel zuständig war! <3 Und wer das Spiel kennt, der weiß genau, warum gerade für dieses Kapitel x3
    Benachrichtigung muss noch etwas warten…


    Viel Spaß beim lesen ^^


    @Clio: Dein beantwortetes Kommi hab ich grad nich aufm Laptop, darauf werde ich noch ne GB-Antwort schreiben. Dann kommt dein neues Kapitel dran! <3[tab=Friendzone]Schlurp Kapitel 26: Guten Appetit!


    Ihr Rückweg verlief weitestgehend ohne weitere Zwischenfälle. Die Gruppe mied zu enge Durchgänge zwischen den Menschenmassen, beeilte sich, ohne zu hetzen. Auch Momoko verzichtete darauf, noch an irgendeiner Attraktion Namines stehen zu bleiben und weiter unnötig Geld auszugeben. Sogar sie erkannte den Ernst der Lage. Neko ging es, nachdem sie erbrochen hatte, zwar etwas besser, aber noch immer nicht glanzvoll. Und das würde sich auch nicht ändern, wenn sie noch länger in der Stadt blieben.
    Als sie das Stadttor, durch das sie auch hineingelangt waren, wieder passiert hatten, kam es Neko so vor, als schneide jemand ein Eisenband auf, das drückend um ihren Bauch gelegen hatte. Die Luft war zwar noch immer dieselbe, aber immerhin drängten sich die Menschen nicht mehr alle aufeinander. Normalerweise verspürte die Eloa eigentlich keine Klaustrophobie, doch da es ihr bereits schlecht ging, war es kein Wunder, dass sie sich in den Straßen so bedrängt gefühlt hatte.
    Nachdem das große Schubsen und Ausweichen überstanden waren, dauerte es nicht mehr lange, bis sie den Waldring wieder erreichten. Ein Fußmarsch von einer Dreiviertelstunde war für Neko jetzt zum Glück auch kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Kaum im ihr mittlerweile vertrauten Hauptquartier angekommen, lebten ihre Geister auch schon wieder auf und füllten sie mit Tatendrang. Auch ihr ganz realer Geist kam auf sie zugeflogen und umarmte sie stürmisch. Ob Traunfugil gespürt hatte, dass es seiner Menschenpartnerin nicht gut ergangen war?
    Ihr erstes Ziel war natürlich die Küche, in der Ryori und Pantimos bereits auf sie warteten. „Ach, seid ihr schon wieder zurück?“, fragte die Köchin gutgelaunt und unterbrach dafür eine fröhliche Melodie, die sie soeben gesummt hatte. Raika blitzte sie nur grimmig an und knallte die Liste mit Zutaten auf die Anrichte. Die Gepäckträger strömten in der Küche aus und stellten ihre Lasten da ab, wo Platz war. Ryori studierte die Liste genau, nahm zufrieden zur Kenntnis, dass die Häkchen, die vor jeden Eintrag gesetzt waren, die Wahrheit sprachen.
    „Was genau sollen wir jetzt eigentlich kochen?“, fragte Raika, nachdem die Köchin die Inventur beendet hatte.
    „Dies hier.“ Die Naminerin zog aus einer Tasche ihrer Schürze ein Kärtchen hervor, auf dem in kleiner Handschrift etwas geschrieben stand.
    Gemüsekuchen?!“ Raika machte kein Hehl aus ihrer Verwunderung.
    „Ganz genau. Wir haben schließlich auch den einen oder anderen Vegetarier hier. Zudem habe ich vergessen, Fleisch mit auf die Liste zu setzen.“ Ryori lachte ertappt. „Aber das macht nichts. Das Rezept ist eine alte Spezialität meiner Mutter und schmeckt einfach köstlich!“
    Sie gab jedem der Anwesenden Anweisung, was sie zu tun hatten. Gemüse musste gewaschen, geschält und geschnitten werden, Mehl für den Teig abgewogen, Käse gehobelt. Dabei bewies Ryori, dass die Küche ihr eigenes kleines Reich war, in dem sie sich besser auskannte, als ihr Anführer im Hauptquartier. Ihre Organisation war so perfekt, dass sie alles, was sie grade brauchte, war es ein Werkzeug oder Besteck, eine Schüssel oder auch nur eine kleine Schale, sofort fand, wenn sie nur die Hand danach ausstreckte.
    Als alle Aufgaben und die Rebellen diesen entsprechend in der Küche verteilt waren, bemerkte Raika mit einem Blick auf die Rezeptkarte: „Jetzt ist eigentlich alles geregelt. Was wirst du dann machen?“
    Ryori lächelte und knotete ihre Schürze auf. „Ich darf doch wohl auch mal Pause haben, oder? Außerdem sind die Aufgaben nicht weiter schwierig, da braucht ihr mich nicht. Macht nur, ich komme dann schon rechtzeitig zurück, wenn es ans Eingemachte geht. Und für alle Fälle ist Pantimos ja da.“
    „Kommt er denn nicht mit dir?“, fragte Akari.
    „Nein, das geht schon in Ordnung“, sagte Pantimos und zeigte damit, Ryoris Erstpartner zu sein. Diese winkte ihnen ein letztes Mal, dann verließ sie ihre Küche.


    Ryori hatte sie in zwei Arbeitsgruppen eingeteilt: Die eine sollte sich um die Vorbereitung des Teigs kümmern, der später als Kuchenboden dienen sollte, die andere um die Zubereitung des Gemüses für den Belag. Neko stellte zusammen mit Kasai und Momoko die Zuständigen für den Teig. Da sie in Sachen Kochen – wie die eigentlich meisten anderen ihrer Teammitglieder auch – so gut wie keine Erfahrung hatte, meldete sie sich freiwillig, das für den Teig notwendige Mehl abzuwiegen.
    Allerdings stellte sich auch diese Aufgabe als tückischer heraus, als sie zuerst gehofft hatte. Die kücheneigene Waage war ein altertümliches Modell, bei dem man die Masse des Mehls auf der einen Seite mit kleinen Bleigewichten auf der anderen ausgleichen musste. Nicht nur, dass Neko kaum eine Ahnung von der Benutzung solcher Waagen hatte, waren die Ziffern auf den Gewichten durch den vielen Gebraucht fast unleserlich geworden. Als sie endlich die richtige Anzahl an Gewichten zusammenhatte, stellte sie sie auf die Metallplatte, die dafür vorgesehen war. Auf der anderen Seite konnte man in einem Gestell aus Metallbanden eine passende Schüssel hängen; dabei wogen Gestell und Schüssel zusammen genauso viel wie die Metallplatte, sodass sich deren Gewicht gegenseitig aufhob.
    Neko griff zu der kleinen Schaufel, die neben dem Mehlsack bereitlag, und begann, die Schüssel langsam mit dem weißen Weizenpulver zu füllen. Allerdings gab die Waage auch dann keinen Ausschlag, als die Schüssel schon über die Hälfte gefüllt war.
    „Kommst du zurecht?“, fragte jemand hinter ihr, doch ein anderer Sinneseindruck lenkte sie augenblicklich davon ab: Eine Hand auf ihrer linken Hüfte löste eine so direkte Berührung aus, dass es sich unmöglich um ein Versehen handeln konnte. Als ihr Besitzer rechts von Neko ins Blickfeld der Chimäre trat, war die Hand auch schon wieder verschwunden.
    „Was sollte das denn?“, fragte sie verwirrt-empört und funkelte Shinzu vorwurfsvoll an. Zumindest bei letzterem ahnte sie, dass es ihr nicht so gelang, wie sie sich das vorstellte.
    „Was sollte was?“, gab dieser zurück und schenkte ihr den unschuldigsten Engelsblick der Welt. In seinen Augen allerdings blitzte der Schalk und strafte seinen Gesichtsausdruck Lügen.
    Neko spürte, wie ihr – mal wieder – das Blut ins Gesicht zu schießen drohte, und wandte hastig den Blick ab. „Ich kenne mich mit dieser Waage nicht aus. Zuhause hatten wie eine andere“, brachte sie hervor, schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und deutete auf die Gewichte. „Die hatte ein Ziffernblatt und eine Zeigernadel.“
    „Du benutzt sie auch ganz falsch“, erklärte Shinzu und fixierte die Waagschalen an einem kleinen Riegel, bevor er das Mehl zurück in den Sack kippte und die Gewichte wieder runternahm. Erst dann löste er die Fixierung, sodass die Waage sich wieder in Ruhe einpendeln konnte. „Es bringt nichts, wenn du die Gewichte alle schon vorbereitest und dann erst das Mehl dagegen anhäufst.“ Der Naminer nahm ein Bleigewicht und stellte es auf die Metallplatte. Die Waage quietschte und neigte sich ihrer schwereren Seite entgegen. „Du musst schrittweise vorgehen, nach und nach, nicht alles auf einmal“, instruierte Shinzu weiter. „Jetzt füllst du so lange Mehl ein, bis das Gleichgewicht wieder stimmt.“
    Die Chimäre nickte zackig und vergrub die Schaufel im Mehl. So vorsichtig wie vorhin gab sie nun Teelöffel um Teelöffel mehr in die Schüssel. Shinzu neben ihr lachte leise. „Ganz so vorsichtig musst du nicht vorgehen, sonst schlägt sie nie aus. Da kannst du ruhig ein bisschen enthusiastischer rangehen.“ Hemmungslos legte er die Hand um die ihre, die das Mehlschäufelchen hielt, und verlieh ihren Bewegungen mehr Schwung. Neko, ganz konfus und gedankenblockiert von dieser plötzlichen Geste, fragte sich, ob Shinzu noch immer von der Waage sprach oder nicht mittlerweile zum Thema ihrer holprigen Beziehung übergewechselt war.
    Endlich schlug die Waage aus und pendelte sich allmählich ins Gleichgewicht ein. Shinzu nahm ein weiteres Bleigewicht und stellte es zum zweiten dazu. „Und jetzt versuche es alleine“, wies der Naminer Neko an, die auch gleich damit begann. Wie er es ihr erklärt hatte, füllte sie nun nach und nach mehr Mehl in die Schüssel und legte erst dann ein Gewicht nach, wenn die Waagschalen auf gleicher Höhe waren. Schließlich war die nötige Menge Mehl abgewogen und bereit, als Basis für den Teig zu dienen.
    „Danke, Shinzu“, sagte Neko aufrichtig und betrachtete beeindruckt die beiden Dreieckspfeile, deren Spitzen genau aneinanderlagen. Das war das absolute Gleichgewicht!
    „Hey, Shinzu“, rief Rai vom anderen Ende der Küche aus zu ihnen rüber, wo er zusammen mit seiner Zwillingsschwester, Mizu und Akari Gemüse putzte. Er konnte akustisch nicht verstanden haben, was Neko und Shinzu besprochen hatten, ahnte aber vielleicht, um was es sich gehandelt hatte. Nun, da die Eloa beim Wiegen keine Hilfe mehr benötigte, konnte Shinzu sich getrost wieder seiner eigentlichen Arbeit widmen. „Wenn du damit fertig bist, den Küchenchef raushängen zu lassen, komm wieder her und hilf deinen Kleinangestellten.“
    Shinzu zog die Brauen hoch und verdrehte gespielt genervt die Augen. „Bin unterwegs“, antwortete er dem Tiro, und an Neko gewandt sagte er noch einmal leise: „Falls du noch irgendwie Hilfe brauchst, sag bescheid, ja?“ Als er ging, streiften seine Fingerspitzen wie zufällig Nekos Handrücken, aber ebenso wie bei ihrer Hüfte war sie sich sicher, dass der Naminer es mit Absicht getan hatte. Er hatte ganz plötzlich mit diesen kleinen Gesten angefangen…
    „Der Adler hat mal wieder seine Klauen ausgefahren.“
    Neko wirbelte herum, als sie Kasai hinter sich vernahm. Shinzu war mittlerweile am Gemüsetisch angekommen und hatte sich eine Tomate geschnappt, um sie zu schneiden. „Bitte, was?“, fragte sie verwirrt und wusste mit seiner Bemerkung nichts anzufangen.
    „Der Adler hat seine Klauen ausgefahren, um sie seiner hilflosen Beute in den Rücken zu schlagen, Kätzchen“, führte er seine Anekdote weiter und warf Neko einen verschmitzten Blick zu. Als er merkte, dass sie noch immer hinterherhinkte, ging er die Sache anders an: „Weißt du, während dir das Blut in den Kopf geschossen ist, ging es bei ihm geradewegs in die andere Richtung.
    „Wie meinst du das?“
    „Komm schon, Neko, das weißt du ganz genau!“, behauptete Kasai schelmisch. Damit hatte er zwar durchaus Recht, aber Neko wollte sich das nun wirklich nicht eingestehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Shinzu…
    Kasai nahm die Mehlschüssel von der Waage, sodass die Schale mit den Gewichten ungehindert herabfuhr und klappernd auf der Arbeitsplatte aufschlug, und das resultierende Geräusch Nekos Gedanken abwürgte, bevor sie ihn zu Ende gedacht hatte. „Glaub mir“, sagte der Keraner versöhnlich, wie um seine Bemerkung wieder gutzumachen oder wenigstens zu rechtfertigen. „Ich kenne Shinzu seit über zwei Jahren – ich weiß also, wie er mit Frauen tickt.“
    Neko ahnte, worauf er anspielte, ließ sich das aber nicht anmerken. Kasai wusste nichts davon, was Mizu ihr über Shinzu berichtet hatte, was der Lynoer wiederum vom Keraner selbst wusste.
    „Das nächste Mal solltest du die Waage besser fixieren“, meinte der Rothaarige noch, bevor er zum Teigtisch hinüberging und Momoko die Schüssel reichte.
    Neko starrte ihre mehlweißen Hände an und überlegte, ob sie sich das Gesicht weißeln sollte, um ihre Röte zu kaschieren, die noch schlimmer geworden war.
    Momoko blickte nachdenklich in die Mehlschüssel.
    Mizu verkrampfte die Hand, mit der er den Griff des Messers so fest umschlossen hatte wie den eines Schwertes im Kampf, und fuhr fort, eine Karotte in kleine Stücke zu schneiden.


    Ihre erste Kochwoche verging wie im Fluge. Neko begleitete ihre Gruppe nicht mehr mit nach Namine, was diese ohne Widerworte hinnahm. Stattdessen blieb sie bei Ryori in der Küche und half ihr bei den Vorbereitungen, ließ sich das eine oder andere erklären, was die Köchin tagtäglich zu meistern hatte. Auch wenn die übrigen Rebellen ihre Arbeit gut machten und später vielleicht in die Geschichte der Schwarzen Rose eingehen mochten, so schien Neko Ryori diejenige zu sein, die das Hauptquartier am Laufen hielt.
    Wenn sie unter Anleitung der Naminerin und ihres Erstpartners gekocht hatten, lieferten sie die Portionen bei den Wohnungen der Gruppen und an das Heilerhaus aus. Auch an Seijin wurde sein Anteil transportiert, jedoch nahm er sein Mahl stets an der Tür entgegen. Nekos Hoffnungen, das Büro dieses geheimnisvollen Menschen einmal von innen zu sehen, zerstreuten sich daher fürs Erste. Vielleicht ergab sich später einmal die Gelegenheit. Oder vielleicht sollte sie hoffen, nie dorthin zu müssen, wenn sie daran dachte, wie Rai Eintritt erhalten hatte.
    Wenn alle anderen Mitglieder des Hauptquartiers versorgt waren, fanden sich die acht ihrer Gruppe inklusive Tetsu in ihrem gemeinsamen Wohnhaus ein. Der große Tisch im Eingangsbereich diente ihnen dabei als Tafel. Wenn sie fertig mit ihrem eigenen Mahl wären, würden sie zurückgehen in die Küche, um sich ans Abwaschen des Geschirrs zu machen. Doch noch war es nicht so weit.
    Sie unterhielten sich heiter über den heutigen Tag und das aktuelle Gericht: Ein Reiseintopf mit weißem Käse und Tomaten. Bislang war das die leckerste Speise, die die Gruppe zubereitet hatte. Auch andere Rebellen im Hauptquartier hatten bereits Ähnliches erwähnt. Momoko machte Scherze darüber, dass Seijin sie nun hierbehalten musste, wenn sie alle gemeinsam etwas so Köstliches aufgetischt hatten. Natürlich war das nicht ernst gemeint, denn ihr Erfolg gründete nicht aus ihrem Können, sondern der professionellen Leitung durch Ryori. Ohne ihre Hilfe würde ihnen wohl kein Gericht so wirklich gelingen.
    „Shinzu, du hast deinen Teller ja noch gar nicht angerührt!“, rief Momoko aus, und jetzt fiel auch Neko auf, dass der Naminer noch nichts gegessen hatte. Die Grünhaarige lächelte gespielt tadelnd und sagte im Scherz: „Sag bloß, es schmeckt dir nicht.“
    Der Angesprochene blinzelte, als könne er sie nicht richtig ins Auge fassen, schüttelte den Kopf und rieb sich übers Gesicht. Sein Verhalten kam Neko bekannt vor – aber normalerweise war es doch Mizu, der sich so benahm, wenn er durch Tanhel wieder eine Vision empfangen hatte. Was hatte Shinzu nur? „Nein…“, murmelte er verwirrt und stand mit einem Ruck auf. „Danke, ich habe keinen Hunger.“ Eilig umrundete er den Tisch und stieg die Stufen ins obere Stockwerk hinauf.
    „Schade“, meinte Momoko traurig und betrachtete Shinzus stehengelassene Portion, als könne diese ihr die Sache irgendwie erklären. „Gerade heute, wo wir etwas so Leckeres gekocht haben…“
    Raika ließ ein verächtliches Schnauben hören. „Gerade heute? Er hat die letzten Tage fast nichts gegessen! Wenn dir das nicht aufgefallen ist, dann bist du noch…“
    „Außerdem scheint er auch nicht richtig zu schlafen“, unterbrach Rai seine Zwillingsschwester, bevor sie eine Beleidigung vom Stapel lassen konnte. „Jeden Morgen sieht er erschöpfter aus, aber nach nur wenigen Minuten scheint es ihm besser zu gehen. Wenn nicht, rastet er wegen jeder Kleinigkeit aus. Ihr Mädchen bekommt das vielleicht nicht so mit, weil es immer nur morgens der Fall ist.“
    Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, war auch Neko aufgestanden. „Ich, ähm…“, stammelte sie, als sich aller Augen mehr oder weniger neugierig auf sie richteten. Alle – bis auf Mizus, wie ihr auffiel. „Ich bin satt.“ Bevor noch jemand etwas erwidern konnte, lief sie hastig die Treppen hoch.
    Das, was Rai da erzählt hatte, machte ihr jetzt große Sorgen – was war mit Shinzu los? Sie dachte an die vielen kleinen Berührungen der letzten Tage, die heimlichen Blicke… Seit gestern waren solche nicht mehr aufgetreten. Bislang hatte sie sich nichts daraus gemacht, aber wenn Shinzu etwas plagte, und die könnte ihm vielleicht helfen, dann würde sie das natürlich tun. Hoffentlich geht es ihm gut…, dachte sie, als sie oben ankam.
    Anders als sie erwartet hatte, war Shinzu nicht in das Zimmer gegangen, das er sich mit den anderen Jungen teilte, sondern stand ein paar Schritte weiter mitten im Gang. Als er Neko hinter sich hörte, drehte er sich um. Zuerst schrak sie zurück, als sie seinen grimmigen Gesichtsausdruck sah, trat aber doch näher an ihn heran.
    „Warum bist du mir gefolgt?!“, schnauzte er sie an, und sie zuckte zusammen, als habe er sie geschlagen.
    Kleinlaut, ohne ihn dabei anzusehen, erwiderte sie: „Ich will nur wissen, wie es dir geht.“ Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass ihr sein Seelenzustand noch nicht aufgefallen war.
    „Ja, verdammt noch mal, es geht mir gut!“, schrie Shinzu und fing an, aufgebracht auf- und abzugehen. Neko zwang sich dazu, nicht von der Stelle zu weichen, während er wüste Flüche ausstieß. Schließlich beruhigte er sich, drückte die Stirn an die Wand, als brauche er einen sicheren Halt, und schlug kraftlos mit der Faust dagegen. „Es ist… alles gut“, flüsterte er wenig überzeugend.
    Unsicher blickte Neko zu Boden und brachte nach einigen Anläufen hervor: „Es tut mir leid, falls ich… falls ich dich…“ Sie fand nicht die richtigen Worte, aber die brauchte es auch nicht. Enttäuscht presste sie die Lippen aufeinander. Seit der Begebenheit unter der Silberranke hatte sie geglaubt, der Naminer empfinde etwas für sie, doch nach diesem Ausbruch war sie sich nicht mehr sicher…
    Als Shinzu ihre Gefühlsregung erkannte, seufzte er und stellte sich wieder vor sie. Langsam und widerwillig hob die Eloa wieder den Blick und sah ihn an. Erleichterung durchströmte sie, als sie gewahrte, dass kein Funken Zorn in seinen Augen geblieben war; diesen dunklen Augen, in denen sie sich verirren konnte wie in finsterster Nacht.
    „Sag so etwas nicht“, bat er, nun mit so sanfter Stimme, als sei der Ausbruch vorhin nur eine unschöne Illusion gewesen. „Ich sollte mich entschuldigen. Es war nicht richtig, dich so anzufahren.“ Er hob die Hand und legte die Fingerspitzen auf ihre Wange. Es war eine Berührung, die Neko sofort dahinschmelzen ließ, so heiß wurde ihr mit einem Mal. Ihre Knie wurden weich, doch hielten sie – glücklicherweise – stand. Sie wünschte sich, er möge endlich das zu Ende bringen, was sie in einem unbedachten Moment unterbrochen hatte. Warum nur hatte sie ihn im Wald nicht geküsst?!
    „Mir geht es gut“, versicherte Shinzu ihr, und jetzt konnte sie ihm auch endlich glauben. „Ich bin zurzeit einfach etwas aufgewühlt…“ Während er sprach, strich er zärtlich ihre Haarsträhnen zurück, bis er bemerkte, dass dort kein menschliches Ohr war, hinter das er sie hätte schieben können. War das Missbilligung, mit der er ihre fehlenden Menschenohren bedachte? Niemals!, entschied sie. Sie hätten sich beinahe geküsst. Wenn er sich jetzt dazu entschloss, sie zu verachten, weil sie eine Chimäre war, kam er damit reichlich spät.
    Hastig zog er die Hand zurück, als habe er einen Frevel begangen – und wieder bereute sie ihre Reaktion im Wald, denn nun konnte er sich nie sicher sein, ob sie seine Gesten auch entgegennahm; aber jetzt wollte, ja begehrte sie sie doch! –, blickte auf etwas hinter ihr und sah ihr schließlich wieder in die Augen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, wie es Glück verheißender nicht hätte sein können. „Mache dir bitte keine Sorgen.“ Damit trat er an ihr vorbei.
    Auch sie drehte sich um und stellte erschrocken fest, dass Mizu hinter ihr im Gang stand. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Die Miene des Lynoers war unergründlich, als er Shinzu entgegensah. Als dieser an ihm vorbei wollte, trat er nicht zur Seite, sondern nahm es hin, von dem Naminer grob mit der Schulter gerammt zu werden. Mit halb nach hinten gedrehtem Kopf beobachtete und aus den Augenwinkeln beobachtete er Shinzu, bis dieser die Tür des Schlafzimmers hinter sich zugeknallt hatte, und wandte sich daraufhin Neko zu. Sein Blick war eiskalt, und sie überlief ein Schauer mit ähnlicher Temperatur, der ganz besonders unangenehm war nach Shinzus Berührung.
    „Ich leg mich ein bisschen hin“, informierte sie unnötigerweise und ging schneller, als sie es wollte, zum Mädchenschlafzimmer. Mit der Hand auf der Klinke blickte sie noch einmal zurück – Mizu war nicht mehr da.
    Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich daran an und ließ sich in die Hocke sinken. Sie bemerkte, dass ihre Nackenhaare sich aufgestellt hatten, und rieb hastig darüber.
    Was war das eben gewesen? Die Begegnung zwischen Mizu und Shinzu hatte die Luft deutlich spürbar zum Kochen gebracht, und das, obwohl keine Worte gefallen waren. Empfand nun auch Mizu Ähnliches für sie wie der Naminer? Seine Reaktion im Wald sprach jedenfalls dafür, als er dem Schwarzhaarigen einen Fausthieb verpasst hatte. Und sie? Was war mit ihr? Sie dachte an Shinzus Berührung, die durchgewirbelten Gefühle, die in ihr brodelten, wenn sie auch nur an ihn dachte, der beinahe passierte Kuss…
    Sie liebte ihn, schlicht und ergreifend. Sie liebte Shinzu und mochte Mizu, und sie wollte um nichts in der Weltt, dass diese Liebe jene Freundschaft zum Opfer hatte, genauso wenig wie sie beabsichtigte, durch ihre Freundschaft zu dem Lynoer die Beziehung zum Naminer aufs Spiel zu setzen. Doch so, wie es aussah, konnte das Eine nur ohne das Andere existieren…
    Verzweifelt vergrub Neko das Gesicht in Händen. Shinzu, wenn es darum geht, aufgewühlt zu sein, scheinen wir uns am besten damit auszukennen…
    Sie dachte an den Brief, den Mirai Yochi geschrieben hatte. Der Umschlag lag seit Tagen unter ihrem Kissen, ohne dass sie ihn geöffnet hatte. Manchmal nahm sie ihn in die Hand und überlegte, ob es Zeit war, ihn aufzureißen, entschied sich dann aber doch dagegen. Ob darin auch vermerkt war, wer ihre Liebe eines Tages erhalten würde?
    Doch ihr war im Moment ganz und gar nicht danach, dieser und vielen anderen Fragen diesbezüglich nachzugehen; also kroch sie in ihre Bett hoch und versuchte, einfach an nichts zu denken.
    Leider rief die Pflicht, und Momoko holte sie und Shinzu ab, um zurück in der Küche den Abwasch zu starten. Zum Glück war die Küche groß und ihre Gruppenmitglieder zahlreich genug, dass sie weder dem Naminer noch Mizu direkt begegnen musste.

  • [tabmenu][tab=Kein Kommi ;__;]Da gibts dann auch nich viel zu sagen...
    Nyan, das neue Kapitel macht wieder viel Gefühlsduselei und Beziehungskisten, aber das nächste wird dann... auch nich besser xD Nein, es passiert dann was Interessanteres, und davor kommt sogar noch ein Spezialkapitel. Und dann werden wir sehen ^-^
    WARNUNG: Enthält sehr eindeutige sexuelle Anspielungen sowie Gewalt- und Todesdarstellung.
    Edit: Nach fast vier Monaten beschwert sich das Komitee über dieses jenes Kapitel... gerechtfertigt, denke ich x3 Ich ahnte ja schon, dass es etwas zu brisant ist, deswegen bin ich jetzt auch nicht besonders überrascht ^^ Wie auch immer, ich werde es natürlich bessern, und sollte irgendein Mensch irgendwann das Original lesen wollen, so möchte er sich bei mir melden - falls das überhaupt je geschehen sollte xP


    Büdde diesmal Kommis... ;(


    Kapitelbenachrichtigung kommt dann später ~[tab=Lesen]Liebiskus Kapitel 27: Heißer Wasserdampf


    Später am Tag entschied sich die Gruppe dazu, nach einem ausgiebigen Bad einen Übungskampf auszutragen. Beides war auch dringend nötig – das Eine wegen des langen und anstrengenden Tages, das Andere, damit die Pokémon nicht aus der Form fielen. Neko kamen diese Ablenkungen von ihren endlosen Grübelspiralen gerade recht. Im warmen Wasser würde sie sich entspannen können und mit ihren Freundinnen über alles Mögliche reden, das sie auf andere Gedanken brächte. Wenn dann das Training stattfand, würde sie sich so sehr darauf fixieren müssen, dass alle anderen Themen automatisch ausgeblendet wurden.
    Sie hatte ja keine Ahnung, wie sehr sie sich, das Bad betreffend, verrechnet hatte.


    „Wie läuft es eigentlich zwischen euch beiden, Neko?“, fragte Momoko, kaum dass sie in das Becken gestiegen waren. Die Angesprochene zuckte zusammen und blinzelte verwirrt, wollte sich selbst nicht eingestehen, dass sie genau wusste, wovon ihre Gruppenkameradin sprach. Die Dyrierin schüttelte ungläubig den Kopf, als wäre es ihr unbegreiflich, dass die Chimäre etwas so Offensichtliches wie diese Frage nicht durchschaute. „Zwischen dir und Shinzu!“, rief sie gespielt genervt und spritzte ihrer Freundin Badewasser entgegen, das sie jedoch nicht erreichte. Neko war zu gelähmt, um zu antworten, und hoffte, auf der anderen Seite der massiven Backsteinmauer – im Männerbad – möge man nicht hören, was diesseits gesprochen wurde.
    „Ich meine, das sieht doch jeder, dass du in ihn verschossen bist“, betonte Momoko ihre Frage, grinste verschwörerisch und kam näher. „Und Shinzu hat sich auch mächtig in dich verguckt!“
    „Nicht nur Shinzu“, kommentierte Raika aus ihrem entlegenen Winkel, ohne ihre Aussage zu erklären. Keine ging darauf ein; auch Neko starrte Momoko nur entgeistert an.
    Zwar hatte Neko geplant, dieses Thema fürs Erste ruhen zu lassen, doch die Grünhaarige hatte ihr einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt war es zu spät, den Gesprächsstoff noch zu wenden – sie kannte Momoko mittlerweile genug, um zu wissen, dass es müßig war, gegen ihre Dickköpfigkeit ankämpfen zu wollen. Die Chimäre war ein wenig verblüfft, dass die Dyrierin diese Sache gerade jetzt ansprach. Erst wenige Stunden zuvor hatte Neko allein darüber nachgedacht, so intensiv wie in den Wochen zuvor noch nicht. Es war, als könne Momoko in ihren Kopf schauen oder zumindest erraten, worüber sie gegrübelt hatte.
    Doch wenn Momoko und anscheinend auch Raika – wenn Neko ihre Bemerkung richtig deutete – beide der gleichen Meinung waren, Shinzu sei in sie verliebt, unterstrich, ja bestätigte das ihre eigene These nicht? Und was Mizu anging hatte die Tira dahingehend auch etwas eingeworfen. Zumindest kam niemand anderer als der Lynoer infrage, den sie gemeint haben könnte.
    „Wie… wie meinst du das?“, fragte Neko schließlich ausweichend, in der verzweifelten Hoffnung, doch noch von diesem Thema abtreten zu können. Sie spürte, wie ihr Gesicht heißer wurde. In Anbetracht dessen, dass es aufgrund der Wärme des Badewassers ohnehin schon rot gewesen war, hoffte sie, man sähe ihr ihre Verlegenheit nicht weiter an.
    Zumindest ging Akari nicht darauf ein, als sie den Faden, den ihre eine Freundin begonnen hatte, sehr zum Leidwesen ihrer anderen, weiterspann: „Was ist zwischen euch schon vorgefallen? Hat er dich schon gefragt, ob ihr ein Paar sein wollt?“
    „Was?!“, japste Neko auf, und ihr Ausruf hallte durch den Raum – was höchstwahrscheinlich auch im anderen zu hören war. Von Akari hätte sie nie erwartet, dass sie solch direkte Fragen stellte. Andererseits hatte sie im Mittelgebirge ja einen Freund, wie Neko sich erinnerte, den sie immerhin schon seit bald drei Monaten nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht interessierten sie daher die Beziehungen anderer umso mehr.
    Momoko setzte an dieser Stelle neu an: „Habt ihr schon…? Naja, du weißt schon…“, tänzelte sie um die Frage herum, die sie eigentlich stellen wollte, und zog eine eindeutige Schnute.
    „Ich verstehe nicht“, antwortete Neko, als die Dyrierin keine Anstalten machte, sich präziser auszudrücken, was sogar zum gut Teil der Wahrheit entsprach.
    Wieder schüttelte diese resigniert den Kopf und fuhr fort: „Wir waren ein paar Tage im Wald. Habt ihr euch da nicht ein stilles, lauschiges Plätzchen gesucht, ein, zwei Stunden allein und… du weißt schon, das bestimmte Wort mit drei Buchstaben.“
    „Momoko!“, schalt Akari ihre Freundin entsetzt. Auch Neko fuhr erschrocken zusammen, und sogar Raika hatte erstaunt den Blick gehoben.
    „Was denn? Alt genug sind sie jedenfalls dafür“, verteidigte sich Momoko und zuckte die Schultern. Etwas beleidigt wollte sie wissen: „Habt ihr euch dann wenigstens schon einmal geküsst?“
    Auf diese Frage antwortete Neko nicht sofort. Ihr machte dieses Thema immer noch zu schaffen, immerhin stimmte es ja, was ihre Teamkolleginnen hier insistierten. Da gehörte ein Kuss wohl dazu. „Das ist… kompliziert“, sagte Neko schließlich ausweichend und machte eine wegwischende Handgeste. Als Momoko eine unzufriedene Miene zog, warf Neko ein: „Und wenn schon, seht euch Shinzu doch mal an!“
    „Besser nicht in diesem Moment“, fuhr ihr Raika ungefragt über den Mund, ohne zu den dreien rüberzusehen.
    „Wenn er will, kann er jede haben“, setzte die Unterbrochene neu an und versuchte, das aufkommende Gefühl von Bedauern zu ignorieren. „Warum also ausgerechnet ich?“
    „Ach, Neko“, seufzte Momoko und sah sie mitleidig an. „Manchmal kann das doch der Reiz sein! Eben weil er jede andere kriegen kann, solltest du dich ins Zeug legen!“
    „Ich glaube, du denkst zu viel über dieses Thema nach“, meinte Akari. Neko zog die Augenbrauen hoch. Immerhin betraf dieses Thema sie selbst, warum sollte sie nicht darüber nachdenken? „Du unterschätzt dich laufend selbst“, fuhr die Gotela fort, und ihr Blick wurde weich. „Du bist viel hübscher, als du dir selbst eingestehen willst – der einzige Grund, warum dich noch kein Junge angesprochen hat deswegen, sind deine Katzenohren. Trotz aller Toleranz schrecken die meisten davor zurück – ich muss es ja wissen: Ob Ohren oder Vater, es läuft letzten Endes aufs Gleiche hinaus. Ich habe meine Liebe gefunden, und du kannst dich glücklich schätzen, es ebenfalls getan zu haben. Es ist gut, dass Shinzu nicht so oberflächlich ist.“
    Sei dir da mal nicht so sicher, dachte Neko mit der bitteren Erinnerung an heute, als der fragliche Naminer ihre Ohren betrachtet hatte, vor allem jene, die ihr fehlten. Nach wie vor wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Und überhaupt, woher wollte Akari wissen, dass noch keiner versucht hatte, bei Neko anzubandeln? Die Eloa dachte an Kinosei, den Rebellen, der, als sie noch dem Bau unterstellt gewesen war, häufig versucht hatte, ihr den Hof zu machen. Doch seine Bemühungen hatte sie nie ernst nehmen können, weil er schon vorher bei jeder anderen Rebellin gescheitert war. Sie war sozusagen seine letzte verbliebene Option gewesen. Eigentlich war Kinosei somit das genaue Gegenteil von Shinzu.
    „Und wenn schon“, konterte Neko erneut und kehrte zu den Beziehungen der Gegenwart zurück, „selbst wenn das alles stimmt und auch wenn wir zusammen wären, woher sollte ich die Gewissheit nehmen, dass er nicht mit einer anderen türmt? Es gibt gerade genug Frauen, die hübscher sind als ich.“
    „Ist es das Risiko nicht wert?“, fragte Momoko verschmitzt.
    „Wenn er dich wirklich liebt“, trat auch Akari hinzu, „dann wird ihn ohnehin jede andere kalt lassen.“
    „Diesen Gefühlsduseleien kann ich nicht mehr zuhören!“, ließ Raika sich plötzlich vernehmen. Mit einem Schnauben kam sie einen Schritt näher und band sich in die Unterhaltung ein. „Wir sind hier nicht in einem Manga, merkt euch das! Neko hat durchaus Recht.“ Bei diesem Satz stutzte Neko überrascht. Raika hatte ihr noch nie Recht gegeben! „Jemandem wie Shinzu kann man nicht sein Herz anvertrauen, wenn er in der Frauenwelt die Wahl hat. Woher wollt ihr schon wissen, wie standfest er ist? Kennt ihr ihn wirklich schon so gut?“
    „Kennst du ihn denn so gut?“, blaffte Momoko trotzig zurück.
    „Nein“, gestand Raika ohne Zögern, „aber ich behaupte es auch nicht.“
    „Ich glaube, Shinzu ist der Typ von Mann, der es vorsichtig angeht“, verkündete Momoko und wischte damit Raikas Einwände zur Seite. „Normalerweise ist es zwar der Mann, der seiner Angebeteten seine Liebe gesteht, aber in diesem Fall musst du das wohl übernehmen, Neko.“
    „Und seit wann bist gerade du Expertin in Beziehungskisten?“, zickte Raika, offenbar wütend darauf, dass sie ignoriert wurde. „Hast du das etwa aus deinen Mangas?“
    Zu Nekos Überraschen nickte Momoko. Sie hatte nicht erwartet, dass die Dyrierin diese Tatsache zugab, wo doch ganz gewiss war, dass die Tira sie dafür nur triezen würde. Bestimmt sagte sie: „Ich kann es selbst manchmal kaum glauben, aber ich habe schon sehr häufig erlebt, dass die Geschichten aus Büchern sehr der Realität entsprechen. Sie sind zwar nur ausgedacht, aber immerhin waren es echte Menschen, die sie erfunden haben.“
    Neko meinte fast zu hören, wie Raika mit den Zähnen knirschte, doch diese gab sich schließlich geschlagen und stieg ohne ein weiteres Wort aus dem Becken. Noch während sie den Baderaum verließ, fragte die Eloa sich, warum sich die Gelbhaarige überhaupt eingemischt hatte. Lag ihr vielleicht doch etwas an ihrer chimärischen Teamkameradin?
    „Also, wirst du es tun?“, wollte Momoko übereifrig bezüglich ihres Vorschlages wissen, Neko solle Shinzu beichten, dass sie ihn liebte.
    Geistesabwesend nickte die Angesprochene, sagte aber nichts mehr und hoffte, ihre Freundinnen würden auch nicht länger auf dem Thema herumreiten. Zwar hatte sie hiermit bestätigt, Shinzu ihre Liebe zu gestehen, war sich aber überhaupt nicht sicher, ob sie in dem Moment, in dem es so weit war, wirklich den nötigen Mut aufzubringen im Stande war. Eines jedoch war jetzt schon klar: Sie hatte den letzten Gedanken in dieser Geschichte noch nicht gegrübelt.


    „Jetzt wird es aber langsam Zeit“, meinte Akari irgendwann nach einer Zeit des Schweigens. Neko war soeben in einen leichten, vom Auftrieb des Wassers schwebenden Schlummer versunken und öffnete träge die Augen. Ihre Freundin meinte wohl, dass sie allmählich zur Trainingswiese aufbrechen sollten, da der Übungskampf schließlich noch stattfand. Sie warf einen vorsichtigen Blick nach oben, wo ein schmaler Spalt direkt unter dem Dach Licht und Luft hereinließ. So, wie es aussah, schickte sich die Sonne an, hinter ihrem westlichen Horizont zu verschwinden. Lange würden sie kein Tageslicht mehr haben.
    „Geht ihr schon mal vor“, sagte Neko, während Akari und Momoko aus dem Wasser stiegen. „Ich komme gleich nach.“
    „Kein Problem.“ Momoko zuckte nur die Schultern. „Aber bleib nicht zu lange, sonst treibst du noch ab.“ Sie kicherte, und Akari verdrehte grinsend die Augen.
    Als sie allein war, lehnt sich Neko gegen den Beckenrand und ließ sich langsam tiefer sinken, sodass sie den Kopf auf den steinernen Absatz legen konnte. Über ihr unter der Decke trieben Dunstwolken wie Sand im Wasser. Lichtstrahlen der tief stehenden Sonne spielten mit den Schatten und malten tanzendes Feuer in die Luft. Neko betrachtete sie verträumt, darum bemüht, sich nicht ihren Grübeleien zuzuwenden, doch es gelang ihr nicht. Immerhin war sie ja auch hier geblieben, um die Sache für sich endlich zu regeln – das konnte schließlich nicht ewig so weitergehen.
    Seit der Begebenheit im Flur heute Nachmittag – was noch harmlos ausgedrückt war, es war vielmehr eine Kollision gewesen, in vielerlei Hinsicht – hatte sie schon häufig versucht, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen, doch deren Widersprüchlichkeit an sich ließ dieses Vorhaben jedes Mal aufs Neue scheitern. Wobei die Erkenntnis, zu der sie im Schlafsaal der Mädchen gelangt war, bereits als Meilenstein gelten konnte. Schon allein, dass sie sich eingestanden hatte, was sie für Shinzu empfand und für Mizu eben nicht, hätte sie sich vorher nicht zugetraut.
    Doch wenn sie es sich wörtlich dachte – Ich liebe Shinzu – überkam sie ein schwer in Worte zu fassendes schlechtes Gewissen, das sie sich nicht erklären konnte. Wenn sie sich nicht täuschte, war es eben jenes Schuldgefühl, das sie im Wald dazu veranlasst hatte, Shinzus Kuss abzuweisen. Damals wie jetzt wusste sie jedoch weder, woher es gründete, noch, weshalb es sich einfach nicht abschütteln ließ, warum es diese ganze Angelegenheit so unnötig verkomplizieren musste. Auf jeden Fall stand es ihr aber im Wege, mit den Gefühlen, die sie für Shinzu hegte, so umzugehen, wie es ihnen gebührte.
    Plötzlich schreckte Neko zusammen, als sich die Dunstschwaden über ihr bewegten. Zwar hatten sie das auch vorher schon getan, langsam und beständig wie die Sterne, und hin und wieder hatte eine leichte Brise sie in kurze, sanfte Aufruhr versetzt. Doch diese neuerliche Bewegung war anders gewesen. Nicht, als hätte ein Windhauch von außen auf sie gedrückt, sondern als hätte sich innen für einen kurzen Moment ein Unterdruck gebildet, der die Luft um sich plötzlich wieder angesaugt hatte. Ein Unterdruck, wie er entsteht, wenn sich etwas von festerer Konsistenz als Wasserdampf bewegt.
    Jemand war hier.
    Kaum, dass Neko dieser Gedanke durch den Kopf schoss, sprang sie auf und versuchte instinktiv, ihre Blöße zu verbergen. Was ihr im nächsten Augenblick lächerlich vorkam: Sie hatte schon lange kein Problem mehr damit, vor ihren Teamkameradinnen nackt dazustehen, und die Zeiten mit ihnen hier im Bad waren Momente lockerer Gelassenheit, die sie nicht mehr missen wollte und die so im Alltag gar nicht möglich waren. Wer außer ihren Kolleginnen und anderen Frauen der Schwarzen Rose sollte schon herkommen? Vor keiner von ihnen brauchte sie sich zu schämen.
    Das Problem war nur, dass dort niemand war. Keine Frau, kein Mann, ja nicht einmal ein Pokémon. Und trotzdem fühlte sich Neko mit einem Mal derart beobachtet, dass sie hätte schwören können, dort stünde ein Zuschauer. „Ist da jemand?“, wollte sie fragen, weil sie vielleicht nicht gesehen hatte, wie dieser Jemand um die Ecke wieder aus dem Baderaum verschwunden war. Selbst wenn sie eine Antwort erhalten hätte, schaffte sie es nicht, die Worte über die Lippen zu bringen, und ihr Hals fühlte sich an wie zugeschnürt. Da war etwas, das wusste sie einfach mit Bestimmtheit. Aber angesichts dessen, dass sie es nicht sehen konnte, vermochte sie keine Bezeichnung für es zu finden, noch eine Erklärung, warum sie sich über seine Existenz so sicher war. Ihre Ohren zuckten in alle Richtungen, drehten sich in Winkeln, die sie selbst noch nicht gekannt hatte. Mehr traute sie sich nicht zu bewegen, aus Furcht, selbst für die Luftbewegungen zu sorgen und dadurch die einzigen Hinweise auf dieses Etwas durch falsche Spuren zu überlagern.
    Doch bis auf das erste Wabern der Dunstwolken über ihr verhielt sich alles um sie herum ruhig. Ganz so, als sei nie etwas passiert und sie hätte sich es nur eingebildet.
    Nein, hatte sie nicht. Es war neben ihr.
    Unfähig, den Angstschrei auszustoßen, der ihr im Hals steckte, fuhr sie herum und hob abwehrend die Hände. Doch wieder – da war nichts. Und doch wollte das Gefühl, beobachtet zu werden, nicht weichen. Vielmehr verstärkte es sich noch.
    Nekos Sinne waren zum Zerreißen gespannt, sodass ihr das Heulen, das jetzt durch den Raum hallte, überlaut an die Ohren drang. Sie zuckte so heftig zusammen, dass das Wasser bebte, doch es war nur Traunfugil, der so plötzlich, wie sein Kreischen hörbar geworden war, durch die Wand auftauchte und Schleifen durch die Nebelschwaden drehte. Der Dunst zerfaserte. Der Moment der Anspannung endete abrupt, und Neko ließ sich wieder ins Wasser sinken. Erleichtert beobachtete sie ihren geisterhaften Partner, wie er kreischend und spaßend durch den Baderaum flitzte und dabei immer wieder eine bestimmte Stelle mehrfach umrundete, als ob dort jemand stünde. Doch Neko argwöhnte seit seinem Auftauchen nichts mehr, daher wunderte sie sich auch nicht weiter über sein Verhalten.
    Der Nebelgeist setzte es noch eine Weile fort, dann schien er des Spieles überdrüssig geworden zu sein, und er kam zu ihr ins Wasser. Das schelmische Glitzern in seinen Augen wirkte, als habe er soeben einen besonders fiesen Streich begangen. Neko lächelte voller Liebe und streichelte seinen flammenden, graugrünen Kopf. „Da hast du mich ganz schön übel erschreckt“, seufzte sie und lehnte sich wieder zurück.
    Sie glaubte zwar, dass dies der Grund für den Schalk in Traunfugils Augen war, doch er hatte nicht sie geärgert. Und es war auch nicht er gewesen, der die Nebel in Bewegung versetzt hatte.


    Er war unsichtbar, stand im Eingang des Baderaumes der Frauen und beobachtete Neko. Lange würde ihm dieses Vergnügen nicht bleiben, denn er hatte sich nur für wenige Minuten bei den anderen Rebellen entschuldigt, um „in Ruhe ein gewisses Geschäft zu erledigen“. Je nach dem, wie man diese Umschreibung verstand, konnte sie auch anderweitig gedeutet werden und entsprach letztlich doch der Wahrheit. Als er erfahren hatte, dass sich Neko alleine im Bad aufhielt, hatte er seine Neugier kaum zügeln können. Der Moment schien wie geschaffen, um sie einmal so zu sehen, wie die Natur sie geboren hatte.
    Jetzt, da der Prinz endlich eine solche Gelegenheit erhalten hatte, konnte er seine sich überschlagenden Gefühle nicht im Zaum halten. Wenn es nur die körperliche Erregung allein gewesen wäre, hätte er ohne Weiteres damit umgehen können – auf seine ganz spezielle Weise und dadurch meistens gegen den Willen seiner Opfer. Doch noch kein einziges Mal bei einer von all den vielen war es passiert, dass diese Empfindungen sein Herz erreichten. Wenn er Neko nur ansah, war es ihm, als flösse neues, helleres Blut durch seine Adern, füllte sein Herz und vergrößerte es dermaßen, dass neben dem Zorn seiner düsteren Vergangenheit auch noch Platz für ihr Licht war, das seine Seele erhellte.
    Einerseits genoss er dieses Gefühl – andererseits machte es ihn im gleichen Maße schwach. Und Schwäche war etwas, was er sich nicht leisten konnte. Ein Gott hatte keine Schwächen.
    Unvermittelt wallte eine Hitzewelle durch seinen Körper, und er konnte sich nur mit Mühe wieder fangen und daran hindern, sich sofort auf sie zu stürzen, jetzt, da keiner da war. Dieser winzige Augenblick der Unachtsamkeit reichte aus, die Nebel hier in Bewegung zu versetzen – und erst recht, Neko auf ihn aufmerksam zu machen. Wie vom Donner gerührt, obwohl es nicht einmal ein Geräusch gegeben hatte, fuhr sie auf und warf hektische Blicke durch den Baderaum. Genauso, wie ihre Augen in alle Richtungen rollten, drehten sich auch ihre Katzenohren, doch er wusste, dass sie ihn weder hören noch sehen konnte – zumindest nicht, wenn er es nicht wollte oder wie eben unbedachte Schritte tat. Ein unsichtbares, amüsiertes, beinahe schon spöttisches Grinsen verzog seinen Mund, als er sah, wie sie ihren bloßen Körper vor seinen Blicken zu verbergen versuchte. Wenn sie wüsste, wie lange er hier schon stand… Es gab nichts mehr, was sie verstecken konnte, das er nicht schon gesehen hatte.
    Und doch, es war ihm nicht genug. Da ihm nicht mehr viel Zeit für ihre halbunsichtbare Zweisamkeit blieb, wollte er zumindest die letzten Sekunden auskosten. Vorsichtig, diesmal darauf bedacht, die Luft nicht mehr in Wallung zu versetzen, trat er tiefer in den Baderaum ein und begann, das Becken zu umrunden. Nekos Anspannung war unter ihrer Haut deutlich zu sehen, und sie starrte und lauschte aufmerksam ins Nichts. Auch wenn das kaum möglich war, schien ihr chimärisches Blut ihre Sinne derart zu verstärken, dass sie ihn trotz seiner Tarnung wahrnehmen konnte. Kein Mensch hätte sich um die Bewegungen der Dunstschwaden geschert und erst recht nicht so lange nach einem Beobachter gesucht, den es nach gesundem Verstand offensichtlich nicht gab.
    Doch letztlich überwog doch das Menschenblut in ihr: Als er näher trat, schien sie ihn zwar zu spüren, aber nicht die Richtung, aus der er kam, einschätzen zu können. Mit einem Mal wirbelte sie herum – aber nach rechts und nicht nach links, wo er stand. Wieder musste er lächeln. Dieses kleine Spielchen bereitete ihm perfide Freude. So, wie sie sich im Bad umsah, hatte sie etwas Unschuldiges, Ängstliches an sich, und genau das gefiel ihm an ihr – zusammen mit vielen anderen Attributen…
    Der Prinz merkte erst in dem Moment, als Traunfugil durch die massive Wand schoss, wie nahe er davor gewesen war, der Versuchung nachzugeben. Auf naive Weise ertappt, zog er die Hand zurück, deren Fingerspitzen schon beinahe auf Nekos Schulter geruht hätten. Eilig zog er sich einige Schritte zurück, sich selbst verfluchend, sich gehen lassen zu haben, doch der Quälgeist hatte ihn bereits entdeckt – über welche Sinne Traunfugil über Hören, Sehen und Fühlen hinaus noch verfügte, um ihn wahrzunehmen, konnte er ohnehin nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Nebelgeist begann auf seine typische Art kreischend um ihn zu kreisen, vielleicht etwas unsicher, sich ihm zu nähern, weil er ihn doch nicht wie normal sehen konnte.
    So oder so, der Moment mit Neko war vorbei, einerseits vielleicht gerade rechtzeitig, bevor er einen unwiderruflichen Fehler begangen hätte; aber auch noch viel zu früh vor der Zeit, die er sich hier hatte nehmen wollen. Schnell und flüchtig wie ein Schatten, der sich vor der Morgensonne in Sicherheit bringt, huschte er aus dem Frauenbadesaal, durch die leere Umkleidekabine und in die der Männer.
    Abrupt blieb er stehen, als er dort auf jemanden traf. Am dunklen Haar, aber überhaupt an seiner Haltung erkannte er jenes Mitglied seiner Gruppe, das er am meisten verabscheute. Allein er war daran schuld, durch seine bloße Existenz, dass Neko sich vor ihm verschloss. Wenn es nach dem Prinzen gegangen wäre, hätte es auch ruhig sein Rivale anstelle von Kisho sein können, als er diesen in jener ersten Nacht im Hauptquartier getötet hatte. Dieser Tod wäre noch gnädig gewesen, wie der Spion der Königin fand, doch er zwang seine kalte Wut hinunter. Ihm war noch nie besonders daran gelegen, was der Wert eines einzelnen Leben betraf, dennoch durfte er sich nicht von diesem Feuer verzehren lassen, das all seinen negativen Gefühlen so viel Energie verlieh, dass sein Verstand ihnen nur schwer standhalten konnte. Der Hass auf den anderen hatte sich schon zu einem unbeschreiblich finsteren Loch gesteigert, das alles zu verschlingen drohte, was an Selbstbeherrschung er bereit war, in dieser Sache aufzubringen.
    Der Prinz atmete tief durch und versuchte, die blutgierige Bestie in seinem Innern zu zügeln. Für die erste Zeit gelang es ihm sogar: Das Toben und Wüten des göttlichen Funkens in ihm wurde schwächer, verschwand aber nicht ganz. Ganz so, als wolle er ihm zeigen, dass er jederzeit als verheerende Feuersbrunst wieder ausbrechen konnte – und das würde er auch ohne Frage.
    Wieder einigermaßen Herr seiner Selbst, versuchte er seine Situation zu erfassen und zu lösen. An dem ungeduldigen Gesichtsausdruck des anderen Rebellen erkannte er, dass dieser wohl schon häufiger nach ihm gerufen, jedoch vonseiten der abgeschlossenen Toilettentür keine Antwort erhalten hatte. Der Unsichtbare verfluchte sich im Stillen für diese Nachlässigkeit. Er hätte einen Doppelgänger aus Doppelteam hinter der Tür aufstellen sollen, bildlich nicht einmal besonders überzeugend, aber wenigstens sprachfähig.
    Vielleicht wäre die Ausrede, dass er beim Austreten ungestört sein wollte, glaubwürdig genug, um zu rechtfertigen, dass er nicht geantwortet hatte. Doch da blieb noch immer ein anderes Problem: Es war ihm natürlich ein Leichtes, mittels Telekinese die Tür aus beiden Richtungen ab- wie auch aufzusperren, doch öffnen musste er sie dennoch, wenn er durch sie gelangen wollte. Und das würde der andere ohne Frage sehen. Wenn der Spion das vermeiden wollte, musste er ihn zuerst irgendwie hier rauslocken.
    Nach hastigem, aber gründlichem Hin- und Herüberlegen kam er schließlich zu dem Plan, Taumeltanz anzuwenden. Aufgrund seiner Unsichtbarkeit mochte dieser den anderen zwar nicht vollständig verwirren, zumindest aber kurz vergessen lassen, was er tat. Die Augen seines Gegenübers nahmen einen leicht trüben Ausdruck an, als der Prinz die Attacke einsetzte. Scheinbar grund- und ziellos bewegte sich der Verwirrte auf den Ausgang zu. Lange würde ihn das gewiss nicht ablenken, doch die Zeit, die er benötigte, um sich zu wundern, warum er entgegen seines Willens die Umkleide verlassen hatte, war ausreichend. Der Taumeltänzer sprang auf die Tür zu, ließ durch einen kurzen Gedanken den Riegel auffliegen, und die Tür öffnete sich geräuschvoll.
    Das war schon genug. Sein Rivale vom ersten Moment hatte nicht gesehen, ob jemand rein oder raus gekommen war, daher war das Knirschen der Tür bereits ausreichend für die Illusion, er sei durch sie getreten. Noch einmal vergewisserte sich der Unsichtbare, dass niemand ihn beobachtete, legte sodann den Schild der Tarnung ab, bevor auch er das Badehaus verließ. Sein Kontrahent, der nun wieder klar denken und handeln konnte, erwartete ihn bereits. Nicht ein Wimpernzucken verriet, ob er sich über den Moment der Verwirrung wunderte. Er trat an ihn heran und sie sahen sich eine Weile schweigend wie misstrauisch an.
    „Was tust du hier?“, fragte Mizu schließlich. Er gab sich nicht die geringste Mühe, seinen Argwohn zu verhehlen – der eigentlich völlig unangebracht war: Immerhin waren sie beide hier an einem frei zugänglichen Platz.
    „Dasselbe könnte ich dich fragen“, gab Shinzu daher unwirsch zurück. Keiner von beiden wagte auszusprechen, was er dachte, was der jeweils andere hier getan haben könnte – denn das würde nur bedeuten, dieselbe Anklage auf sich selbst zu ziehen.
    „Dir traue ich jedenfalls alles zu“, warf Mizu scheinbar zusammenhangslos ein, doch an der kaum sichtbaren Veränderung an Shinzus Miene erkannte er, dass sie beide genau wussten, worauf der Lynoer anspielte.
    „Du bist uns gefolgt!“ Mehr als das brauchte es nicht, denn sein Gedankengang war klar: Mizu hatte ihn und Neko durch den Wald verfolgt und unter der Silberranke beobachtet. Triumphgefühl und Zweifel mischten sich in Shinzu, als er an den Kuss dachte, den Neko so plötzlich verhindert hatte. Triumph, weil er dem Dunkelblauhaarigen dadurch im Ringen um Nekos Herz etwas voraus hatte; Zweifel, ob der Lynoer gesehen hatte, dass es doch nicht zum Kuss gekommen war.
    Aber Mizu hatte es nicht gesehen. Sein Zorn auf Shinzu gründete auf der Gewissheit, die beiden hätten sich geküsst. In kalter Wut ballte er die Hände zu Fäusten, was seinem Gegenüber nicht entging, und dieser dachte wohl dasselbe: Sie würden, hier und jetzt, das fortführen, woran Tetsu sie im Wald gehindert hatte, und es zu Ende bringen – ohne Waffen, ohne Pokémon. Beide wussten, dass nur einem von ihnen Nekos Herz gehören konnte, und der jeweils andere dabei nur im Weg stehen würde.
    Doch während der eine glaubte, es mit einem gewöhnlichen Gegner zu tun zu haben, war sich der andere schon seines Sieges bewusst. Sein Kontrahent wäre nach dem ersten Fausthieb, der fiel, egal von welcher Seite, bereits tot, und wären sie allein, würde er der Bestie in sich liebend gern freie Hand lassen, damit sie ihm einen so langen und qualvollen Tod wie nur möglich bescherte.
    Gewiss wären die beiden in den nächsten Augenblicken übereinander hergefallen, doch auch dieses Mal sollte ihnen eine Chimäre dazwischenfunken – und wäre es nicht ausgerechnet die gewesen, wegen der sie kämpfen wollten, so hätte sie sie auch nicht aufhalten können.


    Wieder zog Traunfugil eine Grimasse, und wieder schaffte Neko es nicht, das Lachen in ihrem Hals zu unterdrücken. Ihr Partner hatte die Trauer, die ihr Gemüt umnebelt hatte, gespürt und war zu ihr gekommen, um sie aufzumuntern. Was ihm auch gründlich gelungen war: Seit er da war, hatte sie sich nicht mehr den trübsinnigen Gedanken um ihre Gefühle zugewandt und war nun so gut drauf, als gäbe es sie nicht.
    Lachend verließ sie die Umkleide nach außen, und auch als sie Shinzu und Mizu sah – die ja eigentlich für ihre Trübsal verantwortlich waren – verschwand das Lächeln nicht aus ihrem Gesicht. Sir winkte den beiden zu und näherte sich ihnen in Begleitung des Nebelgeistes. Wäre sie nicht derart euphorisch gewesen, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie sich Trauer anfühlte, hätte sie die Anspannung zwischen den beiden Rebellen bemerkt. Doch so war sie nicht einmal erstaunt darüber, dass sich Mizu bei ihrem Auftauchen abwandte, als hätte sie ihn gerade bei einer Straftat erwischt.
    „Hey, ihr zwei“, rief sie vergnügt, „was macht ihr hier?“ Eigentlich brauchte sie darauf keine Antwort, und sowieso kam Traunfugil seiner Aufgabe, sie wieder aufzuheitern, weiter nach und verzerrte sein aus nebligem Dunst bestehendes Gesicht wieder zu einer lächerlichen Fratze. „Ich hab jetzt tierische Lust auf einen Übungskampf!“, verkündete die Chimäre wie ausgewechselt und schaffte es nur mit Mühe, nicht in einen Lachanfall auszubrechen.
    Während sie voranging, um zu den anderen Gruppenmitgliedern unter Tetsus Leitung aufzuschließen, warfen sich Mizu und Shinzu einen kurzen, aber eindeutigen Blick zu.
    Noch war diese Sache nicht erledigt, beendet schon lange nicht, sondern höchstens aufgeschoben. Diese Angelegenheit musste noch entschieden werden.


    Stunden später, in den rot erleuchteten Gassen von Namine…
    Fahles Morgenlicht dämmerte in die Straßen der Hauptstadt und weckte allmählich die ersten Frühaufsteher: Bäcker, Postboten, Taschendiebe. Rattfratz streckten verschlafen die feinen Nasen aus ihren Löchern und schnupperten des Morgens frische Luft. Irgendwo war das Maunzen zweier Katzenpokémon zu hören, die sich schon seit einigen Minuten einen nicht enden wollenden Kampf lieferten.
    Der Prinz fragte sich, ob es tatsächlich nur ein Kampf war, wie ihn Revierrivalen häufiger austrugen, oder vielleicht ein sehr heftiges Liebesspiel. Die ganze Nacht hatte er nicht geschlafen – er hatte es schließlich dank Unsterblichkeit nicht nötig.
    Die frischen Erinnerungen an sein eigenes Liebesspiel tobten in seinen Gedanken. Dutzende von Stunden, so schien es, hatte es gedauert, bis seine Partnerin schließlich erschöpft neben ihm eingeschlafen war. Er kannte nicht einmal ihren richtigen Namen – alle angestellten des Liebesnests, wie sich das größte Lusthaus Namines geziemte zu heißen, trug sie einen Decknamen: Suki. Obwohl sie am späten Vorabend in gewisser Weise beschäftigt gewesen war, mit der sie immerhin ihre Brötchen verdiente, hatte sie bei seinem Erscheinen nicht lange gezögert, ihm zu Diensten zu sein.
    Seit er Spion im Hauptquartier war, war er nicht mehr gekommen. Vielleicht hatte sie sich nach ihm gesehnt – obwohl oder gerade weil sie als die berühmteste Prostituierte des Etablissements täglich mehr Kunden hatte als ihre Kollegen.
    Im Moment schlief Suki, die Hand auf seine bloße Brust gelegt, als wolle sie ihn bei sich festhalten. Doch das ging nicht. Er musste fort, bevor die Sonne gänzlich aufging und auch das Hauptquartier der Rebellen aus den Federn lockte. Er war ja nicht das erste Mal nachts in Namine, aber zum ersten Mal war er die ganze Nacht weggewesen. Wenn auffiel, dass er nicht anwesend, wohlmöglich auch noch Stunden fort gewesen war, oder ihn gar jemand sah, wie er aus dem Waldring trat – seine ganze Tarnung wäre dahin und alles Bemühen der vergangenen Wochen, nicht aufzufliegen, umsonst. Der Fehler, gestern keinen Doppelgänger von sich als Alibi hinzustellen, war schon genug gewesen. Obwohl ihm diese Gefahr durchaus bewusst gewesen war, hatte er dennoch Sukis Dienste bedurft…
    Aufzustehen, ohne Suki aufzuwecken, war ein einziges Kunststück, doch letztendlich schaffte es der Prinz, unter ihrer Umklammerung hindurchzutauchen. Sie räusperte sich leise im Schlaf, und er hielt kurz inne, um sie still zu betrachten. Zugegeben, selbst für eine Naminerin war sie ungewöhnlich schön mit ihrem schulterlangen, fließenden Haar und den sinnlich geschwungenen Lippen. Ihr Anblick versetzte sein Blut spürbar in Wallung.
    Doch diese Erregung betraf allein seinen Körper und erreichte nicht sein Herz. Er hatte nie geahnt, dass das bei ihm – und seiner Vergangenheit – überhaupt möglich war, dass er sich verlieben konnte. Bis zu jenem Tag, an dem er Neko zum ersten Mal begegnet war. Dumm nur, dass diese Beziehung so unglaublich kompliziert war, viel schwieriger, als es mit Suki funktionierte.
    Über einen kleinen Tisch und den danebenstehenden Stuhl waren alle Klamotten verteilt, die er und Suki vor einigen Stunden im Rausch von sich geworfen hatten. Leise klaubte er die seinen zusammen und begann, sich wieder anzukleiden.
    „Willst du schon wieder fort?“
    Der Prinz zuckte zusammen und musste sich fangen, um vor Überraschung nicht über die halb angezogene Hose zu stolpern. Suki war wach und beobachtete ihn verträumt, den Kopf auf einen Arm gestützt. Ihr leicht lockiges Haar bildete kohlschwarze Kringel auf dem Kissenbezug. Sie schimmerten rötlich in dem blassen Licht, das durch die blutfarbene Fensterblende fiel. Wie lange sah sie ihm schon zu? Und warum hatte er es nicht bemerkt, wie sie sich aufgerichtet hatte? „Wie schade“, kommentierte sie und streckte sich lasziv. Dabei war es ganz gewiss kein Zufall, dass die Decke ihre Brüste nur noch knapp bedeckte.
    Er wandte den Blick ab und versuchte, sein verknotetes Hemd zu entwirren. Es wollte ihm nicht so recht gelingen.
    „Immer musst du so früh gehen“, fuhr Suki ihre Klage fort, „als ob du es gar nicht erwarten könntest, mich zu verlassen.“
    „Du weißt genau, dass das nicht wahr ist“, konterte der Prinz und fädelte einen Ärmel hervor. Was hatte Suki mit dem Kleidungsstück nur angestellt?
    Von seiner Verteidigung ließ sie sich jedoch nicht beeindrucken: „Du willst unbedingt zu dieser anderen, nicht wahr? Ich habe es dir angesehen – die ganze Zeit hast du nur an sie gedacht. Ein Wunder, dass du nicht auch noch ihren Namen gestöhnt hast, als wir…“
    „Suki, hör auf damit!“, fuhr er sie unvermittelt an und ließ sein Hemd wie eine Peitsche kreisen. Der entwirrte Ärmel streifte dabei die Blumenvase, die auf dem Tisch stand und für Atmosphäre sorgen sollte, und brachte sie ins Taumeln, aber sie blieb stehen. Der Prinz und Suki starrten sich eine Weile an. Was ging es sie schon an, was er außerhalb dieses Zimmers tat? Auch wenn er kein gewöhnlicher Kunde war: Sie war letzten Endes nur eine Hure.
    Suki strich sich mit der freien Hand eine Strähne hinters Ohr und linste zu dem Kristallanhänger, den er die ganze Zeit nicht abgelegt hatte. „Ist sie der Grund, warum du es nie abnehmen willst? Weil du auch dann noch etwas von ihr bei dir haben willst, wenn du es mit anderen treibst?“
    Unwillkürlich schloss der Angeklagte die Hand fest um den Kristall, wie um ihn vor ihren Giftblicken zu verbergen. So gut, wie sie im Bett war, so scharf war ihre Zunge. Sie kannte seinen Schwachpunkt und nutzte dies schamlos aus. Auch wenn sie bei seinen früheren Besuchen immer wieder versucht hatte, ihn auch noch des Lederbandes mit dem kostbaren Anhänger zu entledigen, warnte er sie immer wieder davor, es auch nur zu berühren. Dass sie bei diesen Mahnungen, die auch eine Todesdrohung enthielten, es jetzt wagte, ihn so auf dieses Thema anzusprechen, verstand er nicht.
    Und es machte ihn wütend. Was nicht besonders gut war: Noch lag ihm die Auseinandersetzung mit seinem Rivalen gestern quer, und er spürte, jede weitere Aufregung könnte einen Damm zum Brechen bringen. Ein Damm, der einen trügerisch ruhigen Stausee zurückhielt, und der nur darauf wartete, zur vernichtenden Flutwelle zu werden. Sowieso war es nur eine Frage der Zeit, bis diese Naturgewalt ausbrach, doch es musste nicht unbedingt jetzt sein – aber auch nicht im Hauptquartier unter rebellischen Zeugen.
    Jener Stausee füllte sich immer weiter, mit jeder Kleinigkeit, die den Prinzen auch nur sauer werden ließ. Bis die Wassermassen so sehr an Macht gewannen, dass sie alles mit sich reißen würden – und als allererstes seine Selbstbeherrschung. Dass Suki glaubte, sich einmischen zu müssen, gehörte definitiv zu diesen Kleinigkeiten. An wen er dachte, wenn sie sich gegenseitig Beischlaf leisteten, woher er den Kristallanhänger hatte und warum er ihn niemals ablegte, hatte sie nicht im Geringsten zu interessieren!
    „Nur ruhig, mein Großer, ich wollte dich nicht angreifen.“ Suki hob beschwichtigend die Hände, doch ihr Tonfall klang genervt. Wie beiläufig rutschte ihr die Decke nun gänzlich vom Oberkörper. Ihr Kunde zog sich das endlich entknotete Hemd über. „Aber mal ehrlich“, setzte sie hinzu, „wohin bist du jetzt schon wieder unterwegs? Ich meine, du darfst gehen, wohin du willst, aber du verschwindest immer so plötzlich – meistens ohne zu zahlen, wenn ich das sagen darf.
    Manchmal glaube ich, du bist Rebell.“ Sie sah ihn scharf an, als wolle sie ihn mit ihrem Blick durchbohren. „Auch wenn du mir sonst nichts anderes verrätst, antworte mir wenigstens auf diese Frage: Trägst du die Schwarze Rose in deinem Herzen?“
    Das war genug. Suki mochte ihm sonst was vorwerfen, und auch wenn sie zu Recht argwöhnte, er gehöre der Rose an, so war er doch der allerletzte Mensch der Sieben Länder und darüber hinaus, der es zuließ, dass die dunkle Saat dieser Dornenranke in ihm Wurzeln schlug. Mehr als das, er war sogar der Sohn der Frau, die die größte Feindin der Rebellion war, und lebte nur für ihr Ziel. Bis auf eine einzige Rebellin wollte er sie am liebsten alle vernichten. Wie konnte Suki es also wagen, ihn als herzblutigen Rebell zu bezeichnen?!
    Eine letzte Woge.
    Ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit.
    Und der Damm brach.
    Ohne vorher zu überlegen, hatte er sein inneres Licht über den Kristallanhänger angerufen, und noch bevor er es bemerkte, machte er dieser kalten Wut mittels kochend heißem Siedewasser Luft. Die Attacke schoss mit vernichtendem Druck auf Suki und warf sie mit voller Wucht gegen die gegenüberliegende Wand. Sie stieß ein spitzes Kreischen aus, das sich schnell veränderte und noch lange anhielt – bis der Prinz erkannte, dass es nur noch sein eigener Wutschrei war.
    Augenblicklich wieder bei klarem Bewusstsein brach er die Attacke ab und stolperte zurück. Dabei stieß er gegen den Tisch, und die Vase mit den trockenen Blumen fiel nun endgültig runter, um auf dem Boden in tausend Scherben zu zerschellen. Zu keinem höheren Gedanken fähig, starrte der Prinz die Wand gegenüber an.
    Dort, wo Suki gegen sie geschleudert worden war, erstreckte sich ein Fleck aus heißem Wasser und Spritzern verkochten Blutes. An die Wand gelehnt saß Suki mit in unmöglichen Winkeln verrenkten Gliedern. Das Siedewasser hatte ihr die Haut vom Fleisch gekocht, überall blitzte bleicher Knochen hervor. Leere Augenhöhlen glotzten anklagend zurück. Alles in dem kleinen, einstmals heimelig eingerichteten Zimmer war feucht, heiß und dampfte wie Kanaldeckel bei Regen. An einigen Stellen lösten Hitze und Feuchtigkeit schon die Tapete in welligen Lappen.
    Endlich wanderte der entsetzte Blick des Prinzen von der Toten auf seine Hände. Sie schienen schweißnass, doch es war nur der Rest der Attacke, die aus ihnen geschossen war, der sie mit einem Wasserfilm überzog. Wäre es Sukis Blut gewesen, er hätte kaum schockierter sein können über seine hitzige Reaktion. Trotz allem war ihm kalt – sein Blut war selbst kochend heiß, und dieser Temperaturunterschied zur nur um wenige Grade erhitzten Luft ließ ihn frösteln.
    „Was …?“
    Über das Rauschen in seinen Ohren hinweg konnte er kaum die Stimme hören, die nur piepsig an sein Trommelfell drang. In Trance hob er den Blick. Eine Frau, vielleicht eine Kollegin Sukis oder gar die Besitzerin des Bordells, war, von ihm unbemerkt, ins Zimmer gekommen. Wahrscheinlich hatte sie den Lärm gehört, der über die üblichen Geräusche innerhalb dieser Räumlichkeiten hinausgegangen war. Ihre Augen, in denen maßloses Entsetzen stand, glitten fassungslos über den zerstörten Leichnam, zuckten dann aber plötzlich zum Mörder hinüber. Was auch immer sie an ihm sah, schien ihren Schock nur noch zu steigern. So fern das noch möglich war, weiteten sich ihre Augen noch mehr, sodass sie fast aus den Höhlen zu treten schienen. Sie wirbelte herum und stürmte aus dem Zimmer.
    Nein, das durfte nicht passieren. Sie hatte sein Gesicht gesehen! Wann immer er als Phantom seine Opfer in Namine suchte, hinterließ er niemals Zeugen. Das war sein Grundsatz. Ob er nun irgendwie verhinderte, dass überhaupt jemand zum Zeugen wurde, oder, wenn es schon welche gab, sie ebenfalls zu seiner Opferliste hinzunahm. Er musste ihr hinterher, sie einholen, zum Schweigen bringen, bevor sie irgendjemandem erzählte, was hier geschehen war.
    Sein Blut kochte aber noch immer, sodass es gar nicht zu einer Verfolgungsjagd der Zeugin kommen konnte: Die Luft um ihn herum heizte sich mit einem Mal noch mehr auf und brannte die Feuchtigkeit aus dem Mobiliar. Die Hitze im Kopf des Prinzen wurde unerträglich, und er presste sich in blinder Verzweiflung die Hände an die Schläfen. Ehe er das Feuer in sich weiter zurückhalten, vielleicht sogar besänftigen konnte, brach es in Form einer Attacke aus ihm heraus.
    Die vernichtende Wut eines Infernos explodierte kugelförmig, breitete sich sekundenschnell im Zimmer aus. Der Feuerwalze eilte eine Druckwelle voraus, die das Fenster einschlug. Vor der Türöffnung machte der doppelte Zorn keinen Halt, sondern jagte den Gang entlang, drückte Türen ein, verzehrte alles in einem einzigen Höllenfeuer, das vorher von der Druckwelle zertrümmert worden war. Wer sich im Liebesnest aufhielt, wurde zerquetscht oder augenblicklich zu Asche verbrannt.
    Der Druck in seinem Kopf ließ nach, doch die Hitze war noch immer nicht aus seinem Körper gewichen. Von der mächtigen Attacke geschwächt, taumelte der Prinz zurück und stützte sich an der Wand hinter ihm ab.
    Was war nur los mit ihm? Warum nur brodelte dieser unberechenbare Zorn in ihm, seitdem er Unsterblichkeit erlangt hatte?
    Neben ihm lag das Fenster, und von draußen waren aufgeregte Rufe zu hören. Benebelt blickte er nach unten in die Gasse, die sich mit Leben zu füllen begonnen hatte. Ruß auf dem Pflaster zeugte davon, dass das Inferno bis nach draußen gelangt war. Ein paar Schaulustige drängelten sich um leblose, verkohlte Gestalten, die am Boden lagen. Eine Frau beugte sich schluchzend über ihr Kind, das von der herausgesprengten Eingangstür des Lusthauses erschlagen worden war.
    Und das alles war seine Schuld.
    Was ihn mehr kümmerte als die Menschenleben, die die ersten Sekunden des Feuers schon gekostet hatten, war die Frage, wie es für ihn weitergehen sollte. Warum sollte die Königin weiterhin einen Spion einsetzen, der sich nicht unter Kontrolle hatte? Warum weiterhin eine Macht gewähren, die zu kontrollieren er nicht im Stande war?
    Geistesabwesend legte der Prinz einen Tarnmantel über und stieg auf das Fensterbrett des in Flammen stehenden Zimmers. Sein Blut war noch immer so heiß, dass die Glasscherben schmolzen, die noch im Rahmen steckten. Er befand sich im dritten Stock des Liebesnests, doch mit einer Sprungfeder-Attacke durfte er auch in seinem leicht gebeutelten Zustand unbeschadet unten aufkommen.
    Kaum, dass seine Füße den Boden berührten, rannte er auch schon los, fort von dem Elend und der verzweifelten Aufregung, den Gebäudebrand zu löschen, bevor er übergreifen konnte. Doch das Feuer war kein gewöhnliches, sondern geboren aus einer Attacke, weswegen normales Wasser auch nicht in der Lage war, es zu löschen. Nur Wasserattacken von Pokémon konnten es besänftigen, weswegen die Bemühungen langsamer vorankommen würden, als wenn beides möglich wäre.
    Auf halber Strecke zurück zum Hauptquartier blieb der Prinz mitten auf dem Ruinenfeld stehen. Die Flammen hatten ihn nicht verbrannt, immerhin hatte er sie erschaffen. Doch Ruß und Asche hatten sich auf ihm und seiner staubtrockenen Kleidung abgesetzt. So konnte er nicht wieder unter Rebellen treten. Und schon gar nicht so heiß, wie er noch immer war.
    Er blickte nach oben und fand, was er dort suchte: Wolken. Im Sommer regnete es im Herzland selten, und es war meist klar und sonnig, doch morgens hingen immer ein paar Wolken am Himmel. Ohne diese wäre er nicht in der Lage, durch Regentanz einen Schauer zu beschwören. Doch er musste sich beeilen, denn jene watteähnlichen Wassergebilde zierte ein zartes Rosa, das von dem anbrechenden Tag kündete.
    Der Prinz rief einmal mehr sein inneres Licht an und hob die Hände zum Himmel. Wieder versuchte sein kochendes Blut, sich an seiner Macht zu entzünden, doch er schaffte es, sie in Wasserenergie umzuwandeln. Die zischte durch seine Adern, die Arme hinauf in die Fingerspitzen und sandte den unhörbaren Befehl an die Wolken, sich zu vergrößern und zu regnen. Sogleich nahmen die Wolken die ihnen geschickte Energie auf und nutzten sie, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Zuerst zeigte sich nur ein leichtes Tröpfeln, das sich aber bald zu einem Sintflutregen steigerte.
    Die Tropfen der kältesten aller Wasserattacken trafen auf seiner Haut auf und kühlten ab, was die heißeste angerichtet hatte. Allmählich beruhigte sich der Prinz wieder, genoss das Gefühl einer jeden kleinen Wasserperle, die er nicht nur auf sich spürte, sondern auch, wie sie auf die Erde um ihn herum fielen. Sie gehörten alle ihm, wie der unendliche Schatz eines Regengottes.
    Eines Gottes…[tab=Namensbedeutung]Suki = Liebe[/tabmenu]

  • Fufufufufu, das Bisaboard hat mein Zitat gelöscht. :< Das such ich jetzt nicht mehr raus, das Kapitel ist nämlich verdammt lang, Pika-sama. >:o Davor hattest du mich nicht gewarnt.
    Besagtes Zitat jedoch befand sich relativ am Anfang, dort hattest du geschrieben 'Über ihr unter der Decke'... Also Neko. Entscheide dich o.O Ich würde 'Unter der Decke' 'Über ihr' vorziehen, nur als Tipp am Rande. :3
    Hah, und wir haben es, der Prinz ist der schlimmste stalkerhafte Spanner aller Zeiten. Und ein Massenmörder, aber das wussten wir ja schon. •w• (Das arme Kind!! :_____; Das tat mir am meisten Leid, das unter der Tür...) Nur wissen wir noch immer nicht, wer von ihnen es nun ist - auch wenn sie eine Konfrontation hatten - Mizu oder Shinzu? Zu Anfang der Story (also wo es diese gewissen Anzeichen mit ihm gab) war ich noch fest überzeugt von Shinzu. Mizu war zuletzt mein Favorit (einfach weil es sein musste und er aussieht wie ein Naminer), aber nun bin ich mir nicht mehr sicher. Zu Anfang des Kaps gab's Anzeichen dafür, dass es doch Shinzu wäre (keine Lust zu zitieren aber es ging ungefähr in diesem einen Satz darum, dass es seine (also der, der er dann NICHT wäre) Schuld sei, dass Neko sich nicht zu ihm aufschließt (spricht für Shinzu)), aber später bei dem Gespräch benahm Mizu sich seltsam... Aber das passte zu seiner Art genauso wie zu dem, was der Prinz vorher getan hat. Wenn vom Prinzen die Rede ist habe ich in der Regel aber auch Shinzu als Bild vor Augen, aber ich denke Mizu. oo Am Ende sind se noch Brüder, dann haben wir den Salat. x) Und von Neko will ich gar nicht anfangen (Traunfugil ist ein schlaues Hündchen :> Es hat den perversen Stalker bemerkt), immer diese Beziehungskisten. Apropos, nach meinem Sprachgebrauch heißt Suki bloß mögen, kann allerdings auch als lieben benutzt werden, Zuneigung oder Liebe wäre aber Ai o: (daisuki wäre dann der eindeutige Gebrauch von lieben). Und apropos cool, Momoko liest so viele Mangas wie ich in letzter Zeit, auch wenn ich shounen und nicht shoujo lese. •q• So, dass war's jetzt erstmal von mir xP Ich frage mich, ob die Zuhälterin/Kollegin von Suki vielleicht irgendwann mal wa... Ach ne, sie ist ja tot, wtf. D: Also so wird die Identität des Unbekannten erstmal nicht aufgedeckt, dessen Wutausbrüche imo (na gut, noch nicht am Ende angelangt <.<) wahnsinnig sind, aber wahnsinnige Charaktere mag ich ganz gerne lesen. Ich glaube diese Sache mit dem Dasein als Möchtegerngott steigt ihm ein bisschen zu sehr zu Kopf. o:


    Liebe Grüße, Lumi x33

  • [tabmenu][tab=Gedöhns]Lumina, mir fällt auf, dass ich dein Kommi noch nicht gerekommitet habe xD Nun ja, ist jetzt vielleicht auch gar nicht mehr wichtig... wollte nur noch andeuten, dass du darin eine Bemerkung gemacht hast, von der ich zuerst dachte: "F**king f**k, woher weiß sie das?!" Aber da ich dir nicht verraten werde, welche das ist, kannst du sie nicht bestätigen. Wenn du schön am Ball und mir treu bleibst, wirst du es aber früher oder später erfahren, versprochen


    Das neue Spezialkapitel erzählt, wie das Chimärenblut in Nekos Familie gekommen ist. Nunja, und darumherum noch ein bisschen was anderes, damit es nicht so hohl wirkt xP Es hat zwar direkt nichts mit der Handlung zu tun, die im Moment kursiert, steht aber in Verbidnung mit dem nächsten Kapitel.
    Nun dann, viel Spaß beim Lesen ^^[tab=Spezialkapitel]
    Rattfratz Spezialkapitel 8: Die letzte Chimäre


    „Hiermit verfüge ich,
    dass der Hof, das Anwesen – sowie das ganze Mobiliar –,
    die Felder, Weiden und das Vieh
    meinem direkten Nachkommen, ob nun Sohn oder Tochter, vermacht werden sollen.
    Ist mein Nachkomme zu meinem Ableben nicht im fähigen Alter,
    das Landgut zu verwalten,
    soll seine Mutter dies vorübergehend übernehmen.“


    Die Haushälterin gab ihre aufregendsten und einfallsreichsten Flüche zum Besten, Wörter, die Gyoku sie noch nie hatte sagen hören – und immerhin kannte er sie schon sein ganzes Leben. Die blutenden Kratzer an ihrem Unterarm hatte sie notdürftig mit einem Lappen angebunden. Nakama, Gyokus Hausdiener und bester Freund, stand dabei und schmunzelte stumm in sich hinein.
    „Was hat Obana denn?“, fragte Gyoku, als er bei den beiden und fast der Hälfte seines Hauspersonals ankam. Sie alle hatten am Eingang der Lagerkammer auf ihn gewartet. Snobilikat, sein Erstpartner, folgte ihm und warf neugierige Blicke ins Innere der Kammer. Was sich der großen Raubkatze wohl offenbarte, das Gyoku in der Dunkelheit nicht sehen konnte?
    Nakama verbeugte sich förmlich und deutete in die Kammer. „Mir scheint, wir haben das Rätsel gelöst, das uns die verschwundenen Lebensmittel gestellt haben.“
    So genau wusste Gyoku mit dieser Aussage nichts anzufangen. Seit einigen Tagen hatte das Dienstmädchen, das für die Speisekammer zuständig war, bei der Inventur regelmäßig Defizite festgestellt. Doch eigentlich waren sie übereingekommen, dass es sich nicht um ein Rattfratz oder Nagelotz handeln konnte, die die Lebensmittel stahlen. Snobilikats feine Nase hatte deren Geruch jedenfalls nicht im Vorratsraum wahrgenommen. Obana hatte daraufhin das Dienstmädchen des Diebstahls bezichtigt, doch es gab keinen Grund dazu, das Lager zu plündern. Ein jeder auf Gyokus Hof bekam genug zu Essen und brauchte keine zusätzlichen Rationen.
    „Ja, und was ist denn nun?“, wollte er wissen und trat näher an den Eingang heran. Aus Lehm geformte Treppen führten da in die Tiefe des kühlen Steppenbodens, wo sich die eingelagerten Güter hier am besten hielten.
    „Dieses Monster hat mich aus den Schatten überfallen und verletzt!“, schimpfte Obana lauthals. „Was immer es ist, es hat verdammt scharfe Klauen.“
    „Dann werde ich mich mal danach umsehen“, entschied Gyoku und hob die Laterne vom Boden auf, mit der die Haushälterin die Kammer ausgeleuchtet hatte. Snobilikat trottete vor ihm her den schmalen Gang hinab in den Gewölbekeller. In der kühlen, muffigen Kammer schien eigentlich alles wie immer, bis auf eine Kanne Miltankmilch, die die Haushälterin fallen gelassen hatte, als sie von dem Eindringling angegriffen worden war.
    „Ich kann sie riechen“, flüsterte Snobilikat und tigerte durch den Raum.
    „Was meinst du mit ‚sie‘?“, fragte sein Menschenartner verdutzt und schlich hinter dem Löwenpokémon her. Dieses antwortete aber nicht, sondern gebot ihm mit einem Schwanzschnippen, neben es zu treten. Gyoku gehorchte und streckte die Lampe vor, um die Schatten zwischen zwei Regalen besser vertreiben zu können.
    Was die Haushälterin so in Aufruhr versetzt und die Vorräte vermindert hatte, war weder ein Rattfratz, noch ein Nagelotz noch ein anderes Pokémon, auch wenn Gyoku es zuerst fälschlicherweise für eines hielt. Es war ein Mensch – oder wenigstens ein menschliches Wesen –, selbst für die Verhältnisse der Eloi recht klein. Zerschlissene, ausgefranste Kleidung bedeckte nur dürftig einen Körper, der von glattem, beigefarbenem Fell bedeckt war, mit Ausnahme der Hände, der Füße und des Gesichts. Am Kopf wurde es länger, sodass es nahtlos in eine Kurzhaarfrisur überging. Schwarz geränderte Ohren stachen daraus hervor, waren jedoch gereizt nach hinten gelegt. Wenn Gyoku sich nicht irrte, sah er sich hier einer Chimäre gegenüber; welcher Art, wusste er jedoch nicht.
    Die Chimäre schirmte das Gesicht vor dem Licht ab und knurrte. Gyoku erhaschte einen kurzen Blick auf ihr Antlitz – ein schmallippiger Mund, ein eben verlaufender Nasenrücken, große, braun und grün gescheckte Augen mit schlitzförmiger Pupille –, doch er schrak zurück, als sie fauchend vorsprang und mit der krallenbewährten Hand nach ihm ausholte. Snobilikat kam ihm bei diesem Angriff nicht zu Hilfe, was auch gar nicht nötig war: Die Chimäre zog sich zurück, ohne ihm nachzusetzen. Piepsiges, wimmerndes Miauen klang aus den Schatten.
    Nachdem er eine Weile zugehört hatte, trat Snobilikat an Gyoku heran und meinte: „Sie hat große Angst und ist verwirrt. Lass mir bitte ein bisschen Zeit, um ihr Vertrauen zu gewinnen, dann bringe ich sie hier raus.“ Gyoku nickte bloß und machte sich auf den Rückweg nach oben.
    So weit er es wusste, waren Chimären zwar Mischwesen zwischen Mensch und Pokémon, jedoch weitestgehend und überwiegend zivilisiert. Was er soeben gesehen hatte, entsprach dieser Beschreibung jedoch nicht gerade. Allerdings hieß es ja auch, dass Menschen in Extremsituationen oft den Verstand verloren und zu nicht mehr als Tieren wurden. Wenn diese Chimäre so verängstigt war von den Menschen, die plötzlich auf sie eingingen, und verwirrt von dem grellen Licht im dunklen Keller, war es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich so verhielt.
    Als Gyoku den Keller verließ, verstummten augenblicklich die Spekulationen unter dem Personal, was sich in der Kammer abgespielt haben könnte. Er antwortete nicht auf Nakamas und Obanas Fragen, sondern wartete, bis Snobilikats helles Fell im schattigen Gang auftauchte. Die Großkatze bat die Menschen, Abstand zu wahren, als die Chimäre dichtauf aus dem Eingang trat. Sie sah sich furchterfüllt und misstrauisch um, ihr Schwanz zuckte nervös. Keiner sagte ein Wort, als sie Snobilikat zum Haupthaus folgte.


    Snobilikat hatte seine eigene Ecke im Haus, ein auf dem Boden ausgebreiteter, dicker Frotteeteppich. Hierher zog er sich zurück, wenn er Ruhe vor den anderen Hausbewohnern haben wollte, oder nachts, wenn er schlief. Der Chimäre, die mit niemandem sprach, erlaubte er, vorübergehend mit auf diesem Teppich zu liegen. Auch tagsüber kauerte der seltsame Gast auf der weichen Unterlage und ließ nicht mit sich reden. Wenn Gyoku seinen Rundgang zu den Feldern erledigte, kam sein Erstpartner nicht mehr wie üblich mit, sondern wachte bei der Chimäre.
    Einmal fragte Gyoku seinen Erstpartner, ob er gewusst habe, dass es die Chimäre gewesen war, die Lebensmittel gestohlen hatte. „Natürlich!“, empörte sich Snobilikat daraufhin ob dieser Verletzung seiner Ehre als Jäger. „Ich habe ihren Geruch aufgenommen.“
    „Und warum hast du es uns nicht gesagt?“, verlangte sein Menschenpartner zu wissen.
    „Ich sollte nur nach Rattfratz und Nagelotz wittern“, begründete der Löwe, „von anderen Wesen war nicht die Rede“
    Gyoku seufzte – so war sein Partner nunmal. Er dachte direkt und ohne Zusatz und tat nur genau das, was man ihm auftrug.


    Wann immer sie speisten, brachte Gyoku der Besucherin ebenfalls eine Portion zu essen. Zwar rührte sie den Teller in seiner Gegenwart nie an, aber wenn er nach seinem eigenen Mahl zurückkam, war dieser stets leer – und darauf, dass es nicht Snobilikat gefressen hatte, konnte er sich verlassen. Seiner Frau Konomi hatte er seine Gastfreundschaft erst schmackhaft machen müssen. Sie hielt nicht besonders viel von der Chimäre und war schon dagegen, überhaupt Pokémon im Haus zu haben. Sie auch noch durchzufüttern, kam für die Hausherrin absolut nicht in Frage. Aber Gyoku versprach ihr, die abgemagerte Chimäre erst nur aufzupäppeln, bevor sie wieder ihrer Wege geschickt werden würde.
    „Dann sag ihr wenigstens, sie soll sich waschen!“, verlangte Konomi. „Ihr Gestank füllt schon den ganzen Flur!“ Auch wenn sie Recht damit hatte, hätte er das nicht so harsch ausgedrückt.
    Bei der nächsten Mahlzeit brachte Gyoku der Chimäre eine Schale mit Wasser und einen Lappen, sowie ein paar Klamotten, wie die Dienstmädchen sie trugen. Selbst die waren der neuen Mitbewohnerin zwar noch immer zu groß, doch es musste gehe. „Damit kannst du dich sauber machen“, erklärte Gyoku der Chimäre und schob ihr das Wasser hin. Er wusste nicht, wie sie sich putzte, und hoffte einfach, das Richtige zu tun.


    Irgendwann beschloss Gyoku, dass es Zeit war, dass ihr besonderer Gast mit ihnen zu Tisch aß. Er ahnte, dass Konomi das ganz und gar nicht gefallen würde, hatte aber Nakama und Obana, die beide mit den Hausherren speisten, hinter sich. Die Haushälterin hatte sich schon längst wieder beruhigt, ihr Zorn auf die Chimäre war verraucht, wie die Kratzer an ihrem Arm geheilt waren. Mittlerweile empfand sie Mitleid für das Mädchen, obwohl sie so gut wie nichts über es wussten.
    Gyoku startete also seine Aktion und brachte der Chimäre fortan nur noch dann einen Teller mit Essen, wenn er seine Mahlzeit beendet hatte.
    Einmal ging er vor ihr in die Hocke und suchte ihren Blick. Sie wich zwar dem seinen aus, aber er glaubte zu erkennen, dass ihre Iris weniger grün war als bei ihrer ersten Begegnung, und stattdessen viel mehr Braun aufwies. „Es wäre mir eine große Hilfe, wenn du mit mir reden würdest“, meinte er sanft und versuchte, nicht zu vorwurfsvoll zu klingen. „Dann wüsste ich besser, wie ich dir helfen kann. Wie heißt du?“ Die Chimäre wagte noch immer nicht, ihm ins Gesicht zu sehen, und antwortete nicht. Seufzend stellte er ihr den Teller hin und ging.
    „Danke“, flüsterte es hinter ihm, so leise, dass er sich zuerst nicht sicher war, ob er richtig gehört hatte. Snobilikat, der neben der Chimäre döste, hatte die Ohren in ihre Richtung gedreht. Also hatte sie tatsächlich etwas gesagt! Gyoku fragte sich, ob sie sich für das Essen oder für das Interesse bedankte, das er ihr gegenüberbrachte.
    Fortan bedankte sie sich jedes Mal, wenn er ihr zu Essen und zu Trinken brachte, und verriet ihm sogar ihren Namen: Korata.


    Seitdem Gyoku damit angefangen hatte, Korata das Essen nur noch nach der eigentlichen Mahlzeit zu bringen, wurde jedes Mal für sie am Tisch mitgedeckt. Nie saß sie da, und Konomi tat immer häufiger ihren Unmut kund, wonach sie fand, das unbenutzte Gedeck wirke, als sei jemand verstorben. Doch was Gyoku damit erzielte und schon fast nicht mehr erhofft hatte, geschah: Korata wagte sich ins Esszimmer und nahm bei den Vieren Platz. Hinter ihr kam auch Snobilikat herein und legte sich in ihrer Nähe auf den Boden.
    Normalerweise nutzte Gyoku das Abendessen stets, um sich mit Obana auszutauschen. Als Haushälterin war sie dafür zuständig, die Arbeiter zu koordinieren, die im Anwesen tätig waren. Was auf den Feldern und Weiden geschah, war auch für sie von beruflichem Interesse, sodass er ihr täglich Bericht erstattete. Im Moment jedoch war die Situation angespannt, da Korata mit ihnen am Tisch saß und keiner ein falsches Wort verlieren wollte, um diesen Erfolg wieder zunichtezumachen.
    „Du wohnst jetzt schon lange bei uns, Korata“, sagte Konomi schließlich, und die Chimäre zuckte ertappt zusammen. Gyoku war erleichtert, dass sie nicht aufsprang und aus dem Esszimmer lief. „Erzähle uns von dir; wie bist du in unserer Speisekammer gelandet?“
    Korata blickte unschlüssig vom einen zum anderen, und als sie Gyoku länger fixierte, nickte er ihr aufmunternd zu. Und zum ersten Mal, seitdem sie bei ihnen wohnte, sprach sie wirklich zu ihnen: „Ich war mjit mjeiner Famjilie unterwegs“, fing sie an und erzählte, dass sie vom Herzland in die Steppe ausgewandert waren, weil es hieß, dass es hier noch andere reinblütige Chimären gab. Gyoku fiel auf, dass sie viele Laute anders aussprach, als es üblich war; so klangen jedes B und W weicher als normal, und jedes Sch und Ch wie das Fauchen einer Katze. Die M muteten wie Miauen an, und die R rollte sie überschwänglich in der Kehle. Außerdem betonte sie auch die Wörter ganz anders, aber im Großen und Ganzen war ihr Chimärenakzent zu verstehen.
    „Du kommst also aus dem Herzland?“, wiederholte Gyoku verblüfft und entsann sich der Nachrichten von vor ein paar Wochen, die ihn von dort erreicht hatten. „Sag, stimmt es, dass die Rebellion zerschlagen wurde?“, fragte er interessiert.
    Korata zuckte die schmalen Schultern. „Wir waren chon weg, wevor das gechah.“ Sie wirkte auf einmal sehr traurig. „Ich hatte eine Freundin unter den Rewellen…“
    „Du armes Kind“, gab Obana ihr Mitleid und tätschelte der Chimäre die Hand. Obwohl Gyoku es fast erwartet hatte, war er erleichtert zu sehen, dass Korata sie der Haushälterin nicht entzog.
    „Das ist natürlich bedauerlich“, meinte er, ganz den Diplomaten in ihm sprechen lassend, „aber vielleicht ist es besser so. Sie wollten, dass die Bürger ein Mitbestimmungsrecht beim Entwurf neuer Gesetze haben, aber nicht jeder ist dafür qualifiziert genug. Wer im Reich mitreden will, sollte erst über sein eigenes Gut gebieten können.“ Was er sagte, mochte in manchen Ohren überheblich klingen; immerhin, er hatte sein Wahlrecht. Im Moment durften nur Männer ab fünfundzwanzig Jahren für Gesetzesentwürfe stimmen, die über ein bestimmtes Mindestvermögen verfügten. Beide Bedingungen erfüllte er als Besitzer des Anwesens und der dazugehörigen Felder und Weiden. Er war der Meinung, dass man nur dann in der Lage war, vernünftige Entscheidungen zu treffen, wenn man selbst seinen eigenen Teil des Landes zu verwalten im Stande war. Allerdings hatte er gehört, dass an einem Gesetz gearbeitet wurde, das den einzelnen Ländern nur ein oder zwei Waffen zu benutzen erlaubte, und dass dafür keine Bürgerabstimmung vorgesehen war.
    „Du willst doch nicht ausgerechnet mit ihr über Politik diskutieren, oder?“, fragte Konomi spitz, als sei Korata gar nicht anwesend. Gyoku zog unwillkürlich die Augenbrauen zusammen. Seine Frau mochte Recht haben, aber es fehlte ihm einfach, sich mit jemandem über die Regierung auszutauschen, seitdem sein Vater vor vier Jahren verstorben war. Mit Konomi konnte er sich so nicht unterhalten, da sie Politik nicht interessierte. Obana und Nakama kannten sich nicht gut genug damit aus und hatten obendrein andere Aufgaben, und mit den anderen Mitgliedern des Personals über so etwas zu reden, war ihm einfach zu dreist und wäre eine einzige Unhöflichkeit. Sie waren ihm zwar unterstellt, aber er hatte dennoch seinen Respekt vor ihnen.
    „Warum seid ihr nicht in den Großen Wald gegangen?“, wollte Konomi soeben wissen, und Gyoku glaubte, einen leisen Vorwurf in ihrer Stimme zu hören, „oder im Herzland geblieben. Es gibt doch noch genug unbewohntes Gebiet, oder?“
    Korata antwortete sogleich: „Unser Lewensraum jist das Grasland – wir mjögen keine Wäumje üwer uns.“
    „Warum warst du jetzt eigentlich in unserem Lagerraum?“, fragte Konomi weiter.
    Die Chimäre schien auf ihrem Stuhl zusammenzusinken, und Trauer trübte ihren Blick. „Wir waren unterwegs, als wir in der Nacht phlötzlich angegriffen wurden. Ich win die Einzige, die entkam. Ich win dem Weg weiter gefolgt, ohne auf ihm zu gehen, und fand in der Dunkelheit ein kleines Haus mjit tiefen Fenstern. Ich phersteckte mjich vor denen…“ Sie brach ab.
    „Dann ist deine Familie …?“, begann Obana, brachte den Satz aber nicht zu Ende, als Korata stumm nickte. „Diese elende Banditen!“, rief die Haushälterin aus, und nicht nur die Chimäre zuckte zusammen, als sie so heftig auf den Tisch schlug, dass die Teller klapperten. Auch Gyoku erschrak, war aber auch das Temperament Obanas gewöhnt. Sie war ihm immer wie eine zweite Mutter gewesen und normalerweise der Sonnenschein in Person, doch sie konnte auch schnell aufbrausend und hitzig werden. Die Verbrecher, die sie so lautstark verfluchte, waren Rechtlose, die in Gruppen durch die Steppe wanderten und Reisende ausraubten. Immer wieder hörte man auch davon, dass sie diese nicht nur überfielen, sondern auch systematisch erschlugen. Gyoku sah wenig Hoffnung für Korata, dass ihre Familie den Raubzug überlebt hatte.
    Er sah, wie betrübt sie war, und fragte sie, um sie abzulenken: „Welcher Chimärenart gehörst du an?“
    „Mjauzi“, antwortete sie prompt, als habe sie nur darauf gewartet, dass ihr jemand diese Frage stellte. „Awer…“ Sie wirkte nachdenklich. „Mjeine Augen sind ganz wraun, oder?“, wollte sie wissen, und Gyoku schaute genauer hin. Tatsächlich, das Grün, das ihre Augen noch bis vor wenigen Tagen gesprenkelt hatte, war gänzlich dem aktuellen Haselnussbraun gewichen. Auch die Schwanzspitze der Chimäre, die in der ersten Zeit noch bräunlich gewesen war, hatte sich nun komplett der rechtlichen Fellfarbe angepasst.
    „Wie alt bist du überhaupt?“, fragte Obana dazwischen.
    „Dreizehn oder Phierzehn. Dann werden wir nämlich erwachsen und zu Snowilikat.“
    „So ein Zufall“, meldete sich Komomi, „Gyokus Partner ist auch ein Snobilikat.“
    Gyoku gefiel das „auch“ in ihrem Satz nicht, ging aber nicht darauf ein. „Dann bist du schon erwachsen?“, fragte er an Korata gewandt.
    Diese nickte und sagte: „Eigentlich sollte ich jetzt mjeinen phollen Namjen wekommen.“
    „Voller Name?“ Gyoku wusste nicht, was sie damit meinte.
    „Wir werden nach dem jersten Pokémjon wenannt, das die Mjutter nach der Gewurt sieht“, erklärte die Chimäre. „Mjein richtiger Namje ist…“ Sie stieß eine Reihe Maunzlaute aus, die wohl ihr Name in ihrer Muttersprache waren. Snobilikat drehte im Schlaf die Ohren in ihre Richtung. „Korata ist mjein Mjenchennamje.“
    „Nach welchem Pokémon bist du denn benannt?“, fragte Gyoku neugierig.
    „Rattfratz, weil ich in der Chtadt geworen win.“
    Konomi ließ ein empörtes Schnauben hören: „Muss ja schrecklich sein, nach Ungeziefer benannt zu werden!“ Gyoku warf ihr einen tadelnden Blick zu. Korata war gerade dabei, ihnen mehr über sich zu erzählen, als sie es in den Tagen zuvor auch nur gehofft hatten. Diesen Moment durften sie nicht durch unbedachte Aussagen zerstören!
    „Oh, üwerhaupt nicht“, versicherte die Chimäre. „Es ist eine Ehre. Rattfratz sind Üwerlewenskünstler; sie kommjen üwerall zurecht. Phielleicht hawe ich den Üwerfall deshalw üwerlewt…“ Der erneute Gedanke an ihre verlorene Familie schien sie erneut traurig zu stimmen.
    „Was hat es nun mit deinem vollen Namen auf sich?“, wollte nun Nakama wissen, der bislang nichts gesagt hatte. Offenbar war er auch nur darauf aus, Korata ein bisschen zu trösten und abzulenken von den schmerzhaften Gedanken.
    Nachdem die Chimäre einmal tief durchgeatmet hatte, erklärte sie auch gleich: „Jetzt, da ich Snowilikat win, kriege ich an mjeinen Gewurtsnamjen noch eine Eigenchaft, die mjich im Mjomjent am westen weschreiwt.“
    „So etwas wie… Gerettetes Rattfratz?“, schlug Obana vor. Korata nickte, schien aber noch nicht zufrieden.
    Geborgenes Rattfratz“, warf Nakama ein.
    „Wie wäre es mit Sattes Rattfratz?“, witzelte Konomi.
    Gyoku beobachtete Korata genauer. Welches Adjektiv passte am besten zu ihr und ihrer jetzigen Situation? Die drei Vorschläge der anderen Stammtischler waren alle in sich gut und griffig, aber wirklich passend waren sie nicht. „Nein, ich weiß was Besseres“, unterband Gyoku schließlich alle weiteren Angebote. Er sah Korata fest in die Augen, und diesmal wich sie seinem Blick nicht aus. „Glückliches Rattfratz“, tat er seinen Vorschlag kund.
    „Glücklich?“, fragte die Chimäre und wirkte dabei alles andere als das. Wahrscheinlich war sie in Gedanken wieder bei ihrer Familie. Genau das wollte Gyoku verbessern: Er wollte, dass sie sich hier Zuhause fühlte, nachdem ihre alte Heimat und ihre eigentliche Verwandtschaft für sie verloren waren. Seit sie hier war, hatte er beobachtet, wie sie immer weiter aus ihrem Bau hervorgekrochen war, bis sie schließlich sogar am Esstisch platzgenommen hatte. Im gleichen Maße hatte sie immer weniger unglücklich gewirkt, ganz so, als fände sie sich allmählich mit dem ab, was ihr Schlechtes und auch Gutes widerfahren war.
    „Ich nehme an, die Familienoberhäupter verleihen euch eure vollen Namen?“, fragte Gyoku, und Korata nickte. „Na dann, ich als das Familienoberhaupt dieses Anwesens verleihe dir hiermit deinen vollen Namen Glückliches Rattfratz!“, verkündete er feierlich und hob seinen Becher zum Trost. Korata folgte seinen Bewegungen sprachlos. „Und wie lautet dein voller Name in deiner Sprache?“
    Die Chimäre blinzelte. Ihre Ohren zuckten aufgeregt, als sie die Sequenz an Maunzlauten von zuvor wiederholte und einige weitere hinzufügte.
    „Ganz schön kompliziert“, kommentierte Konomi wenig begeistert. „Müssen wir dich jetzt immer so nennen?“
    „Nein“, widersprach das Glückliche Rattfratz. „Korata ist gut.“ Sie starrte verlegen auf ihren fast leeren Teller und stocherte mit der Gabel unbeholfen im Essen rum. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm ihren neuen Namen sowohl in ihrer als auch in der Menschensprache wiederholte und jedes Mal ein wenig mehr lächelte. Nur Gyoku fiel das auf, und er war sich sicher, noch nie ein glücklicheres Lächeln gesehen zu haben.


    Noch an diesem Abend veranlasste Obana, für Korata ein eigenes Zimmer herrichten zu lassen. Den Frottee in der Ecke, den sie sich mit Snobilikat geteilt hatte, tauschte die Chimäre somit gegen ein gemütliches, sauberes Bett in einem der vielen Gästezimmer des Anwesens ein. Die Haushälterin trieb sogar noch einige Kleidungsstücke unter den Angestellten auf, die sie in einer Kommode im Koratas neuer Unterkunft verstaute.
    Die Chimäre wurde allmählich Teil des Hauses, nahm aktiv am alltäglichen Leben teil und ging den Dienstboten hier und da auch mal zur Hand. Manchmal begleitete sie Gyoku und Snobilikat auf ihrem Rundgang über das Grundstück. Während der Hausherr mit seinen Arbeitern sprach, pirschten die Katzen über die abgeernteten Felder und folgten der Spur von Nagelotz und Kuckmarda, die jetzt ohne Deckung waren. Auf den Weiden lief Korata neugierig um das Vieh herum, streichelte den Miltank über die weichen Schnauzen und beobachtete interessiert die dreifache Bewegung der Taurosschweife. Im Garten des Anwesens schnupperte sie an Spätblühern, die von den Gärtnern mit Brunnenwasser gepflegt wurden.
    Besonders neugierig begutachtete sie die Herde Tuska und Noktuska, die um die Stallungen stationiert waren. Die Pflanzenpokémon benahmen sich tagsüber wie unbewegte Kakteen; nur in der Nacht wurden sie aktiv und wehrten effektiv Ganovil und Entwicklungen von ihrem Revier ab. Die Wüstenkrokodile stibitzten gerne mal das eine oder andere Kalb, doch wenn Noktuska in der Nähe waren, wagten sie sich nicht an das Vieh heran. Korata wartete bei Sonnenschein allerdings vergeblich darauf, dass die Nachtkakteen sich bewegten. Wenn sie ihrer Beobachtungen überdrüssig wurde, lauschte sie dem Rasselspiel von Maracamba, Konomis Partnerin, und tanzte manchmal dazu mit.


    Auf den Feldern waren die Umpflügungsarbeiten abgeschlossen. Bald würde die Regenzeit beginnen, die in der Steppe dann ansetzte, wenn in südlicheren Ländern der Winter begann. Für diese sechs Wochen andauernde Periode benötigte das Gut nur die Hälfte seiner Arbeiter, sodass ein Teil von ihnen entbehrt werden konnte. Konomi reiste dann zeitig los mit einem Gefolge Dienstboten, um die zwei Tagesmärsche entfernte Kleinstadt zu besuchen, in der ihre Eltern und Familie lebten.
    Gyoku kam nicht umhin, eine gewisse Erleichterung zu verspüren, als er Konomis Kutsche am Horizont, eingehüllt in eine Staubwolke, verschwinden sah. Die Atmosphäre im Anwesen war angespannt, seit Korata ihr eigenes Zimmer bekommen hatte. Konomi machte kein Hehl daraus, dass sie die Anwesenheit der Chimäre im Haus ganz und gar nicht billigte. Aber letztlich war Gyoku der Herr über das Landgut, das seine Familie viele Generationen in Ehren gehalten hatte, und er hatte über die Menschen darauf zu entscheiden – selbst wenn sie zur Hälfte Pokémon waren.
    Zumindest war anderthalb Monate Ruhe, bis Konomi wieder zurückkehrte. Vielleicht hatte sich seine Frau bis dahin beruhigt und akzeptiert, dass Korata nun dazugehörte.


    Menschen machen Fehler, vornehmlich dann, wenn sie sie eigentlich zu vermeiden versuchen. Oder wenn ihnen gar keine andere Wahl bleibt – allerdings: Kann man diese dann überhaupt noch als Fehler bezeichnen? Wenn es keine andere Möglichkeit zu handeln gibt, als die definitiv falsche?
    Die Verführung des Unbekannten, des Fremden und Exotischen ist manchmal mächtiger als der eigene Verstand. Da geschieht es schnell, dass man sich diesem völlig Neuen hingibt, ohne es zu merken. Und wenn man zu Bewusstsein kommt, ist es meistens zu spät…


    Als Gyoku erwachte, spielten rotgoldene Strahlen mit dem Staub in der Luft. Eigentlich sollte er schon längst auf sein, seinen Pflichten als Hausherr nachgehen und dergleichen. Doch er schloss die Augen wieder, um den Moment noch ein klein wenig länger auszukosten. Korata lag neben ihm, zusammengerollt wie eine schlafende Katze, und schnurrte leise und tief – ein so befremdliches Geräusch, dass er erst gedacht hatte, es handle sich um einen Streich aus Wind und Regen vor dem Fenster.
    Irgendwann richtete er sich auf und begann, nach seinen Klamotten zu suchen. Seine Lippe pochte vor Schmerz, wo Korata ihre spitzen Raubtierzähne in sie geschlagen hatte. Ihre Kratzspuren an seinem Oberarm und quer über den Rücken rissen auf, und frisches Blut trat zutage. Männliche Snobilikat-Chimären müssen ganz schön was aushalten, wenn das immer so abläuft…, überlegte Gyoku bitter belustigt.
    Korata hinter ihm regte sich, und ihr kehliges Schnurren brach ab. „Oh nein!“, rief sie aus und setzte sich ebenfalls auf. „Hawe ich dir wehgetan?“, fragte sie besorgt und schuldbewusst und strich mit der Hand sanft über die Striemen an Gyokus Rücken. Erneut brandete Schmerz auf, doch er war süß und scharf wie Zitronenpfeffer.
    „Kaum der Rede wert“, erwiderte er, um Selbstbeherrschung bemüht. „Das heilt schon wieder.“
    „Und wenn Konomji das sieht?“, gab Korata zu bedenken und beendete ihre Streicheleinheiten.
    Aha, sie hat es also begriffen. Gyoku streckte sich. „Keine Angst“, meinte er und versuchte dabei, besonders sorglos zu klingen, „ich lasse mir vom Hofarzt eine gute Wundsalbe geben. Bis Konomi zurückkommt, ist alles verheilt. Und beim nächsten Mal bist du einfach vorsichtiger.“ Bis er selbst hörte, was er da sagte, war es schon aus ihm raus. Das nächste Mal?! Zwar spürte er, dass er sich wünschte, es möge ein solches geben, wusste aber dass es nicht sein durfte. „Hört zu, Korata“, sagte Gyoku eindringlich und drehte sich zu ihr um. Auch ihr schien die Bedeutung seiner schlecht gewählten Worte klar zu sein. „Was heute Nacht hier passiert ist, darf niemals irgendjemand erfahren, hast du das verstanden?“
    Sie nickte, und er hoffte, es möge wahr sein. Zumindest konnte er sich sicher sein, dass sie niemand gehört hatte außer Snobilikat. Das Personal – selbst Obana und Nakama – wohnte im benachbarten Angestelltenhaus und nicht im Anwesen selbst. Und bei seinem Erstpartner brauchte Gyoku keine Angst zu haben, dass dieser ihn verriet. Niemand – insbesondere Konomi – würde davon erfahren, und das war wichtig. Solange er diesen Fehler nicht wiederholte, würde er schon in Ordnung gehen.


    Den ganzen Tag über schaffte Gyoku es nicht, sich auf seine Arbeiten und die seiner Angestellten zu konzentrieren. Korata hatte ihn wieder begleitet, und bei ihrem Anblick drifteten seine Gedanken jedes Mal zur Nacht zurück. Schließlich entschuldigte er sich, dass es ihm nicht gut ginge, und versprach, Nakama an seiner Stelle zu schicken. Völlig wirr im Kopf kehrte er ins Anwesen zurück und versuchte, Korata nicht mehr zu begegnen.
    Abends setzte der Regen ein, der gierig von dem umgepflügten Boden aufgesogen und für die nächste Saison eingespeichert wurde. Gyoku lauschte auf das Strömen und Rauschen, das seinen Kopf einnahm und die Erinnerungen an die vorige Nacht allmählich auszulöschen begannen. Vielleicht schaffte er es tatsächlich, über diesen Fehler hinwegzukommen und ihn langsam zu vergessen. Das anhaltende Geräusch von draußen lullte ihn ein, und bald griffen die Arme des Schlafes nach ihm.
    Wie vom Blitz getroffen schoss Gyoku auf, als es leise und verhalten an seiner Zimmertür klopfte. Noch bevor das dritte Hämmern verklungen war, wusste er, wer da im Flur stand. Langsam stieg er aus dem Bett, schlich wie durch zähflüssigen Honig auf die Tür zu, in der Hoffnung, die Person würde die Geduld verlieren und wieder abziehen. Vorsichtig öffnete Gyoku einen Spalt breit und lugte hinaus.
    Wie erwartet stand da Korata mit einer Kerze in der Hand, die ihr Licht spendete. Ihre Pupillen waren so sehr geweitet, dass ihre Augen fast schwarz wirkten. „Ich konnte nicht chlafen“, erklärte sie, ohne dass Gyoku eine Frage gestellt hätte. „Ich mjuss die ganze Zeit an dich denken…“
    Gyoku sah sie an, ließ ihren bettelnden Blick auf sich wirken – den Blick einer einsamen Katze, die nach Wärme und Liebe sucht. Er konnte hier und jetzt entschieden Nein sagen, ihr bestimmt die Tür vor der Nase zu machen und damit leben, dass ein anderer Teil von ihm sich nach etwas ganz anderem verzehrte.
    Gyoku zog die Tür noch etwas weiter auf.


    „Und, was hat sie denn nun?“, fragte Konomi ungeduldig, doch der Hofarzt war mit seinen Untersuchungen noch nicht fertig. Die Regenzeit war vorüber und die Hausherrin zurückgekehrt. Seit einigen Tagen klagte Korata über Bauchschmerzen und Übelkeit, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht erbrach. Der auf Gyokus Anwesen angestellte Arzt, der für die allerlei Wehwehchen der Arbeiter und Hausbewohner zuständig war, tastete den Bauch der Chimäre ab und achtete auf ihre Reaktionen darauf. Offenbar suchte er auf diese Weise den Herd des Schmerzes, sodass er die Art ihrer Beschwerden besser bestimmen konnte.
    Endlich gewährte er der Chimäre, ihre Bluse wieder runterzuziehen, und wandte sich mit ernstem Gesichtsausdruck an Gyoku, Konomi und Nakama. Der Hausherr hatte schon eine bittere Vermutung, was Korata fehlen – oder eher zu viel sein – könnte, wagte aber nicht, seinen Verdacht auszusprechen, und hoffte, dass man ihm nichts ansah.
    „Wenn ich ein Ohrdoch unter meinen Diensten hätte, könnte ich Genaueres sagen“, eröffnete der Hofarzt vieldeutig. „Aber wenn mich nicht alles täuscht und der Körper von Chimären auch nicht großartig anders ist als der von Menschen, würde ich vermuten, sie ist schwanger.“
    Jetzt ist die Katze aus dem Sack, dachte Gyoku sarkastisch. Konomi würde wissen wollen, was während ihrer Abwesenheit geschehen war, und letztlich doch erfahren, was er und Korata getan hatten.
    „Wie lange schon?“, fragte Konomi gerade.
    Der Arzt wirkte nachdenklich. „Das kann ich nicht so genau sagen, weil ich mit Chimären keine Erfahrung habe. Aber ich schätze mal etwas mehr als ein Monat – in der Zeit zeigen sich bei Menschenfrauen zumindest die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft.“
    Nun musste Konomi nicht mehr viel rechnen, um sicher zu sein, dass Korata das Kind während der Regenzeit empfangen hatte: Die Hausherrin war erst seit zwei Wochen wieder zu Hause. Konomi blieb gelassen – vielleicht argwöhnte sie nicht einmal, dass Gyoku der Vater und somit fremdgegangen war – und sagte allgemein und unverfänglich in die Runde: „Ich will wissen, wer es gewesen ist, der sie geschwängert hat, und ob es gegen ihren Willen geschehen ist. Korata ist unser Gast, und wer sich an ihr vergeht, wird dafür bestraft werden müssen.“
    Irgendwie kam es Gyoku so vor, als sehe seine Frau ihn ganz besonders eindringlich an. Sie ahnte doch etwas, dessen war er sich sicher. Und es ging ihr auch nicht darum, ob Korata vergewaltigt worden sein könnte oder nicht – sie wollte nur herausfinden, ob Gyoku mit der Chimäre im Bett gewesen war.
    „Ich war es, Herrin.“
    Alle Anwesenden, auch Korata selbst, blickten überrascht auf, als Nakama sich zu Wort meldete. Der Hausdiener war bislang wie gewohnt stumm dabeigestanden und hatte sich verhalten wie das Regal mit Medikamenten und die Liege, auf der die Chimäre lag: unauffällig. Nun sah er Konomi fest in die Augen und wiederholte: „Ich bin es gewesen, aber mit Korata als Zeugin will ich sagen, dass es nicht gegen ihren Willen geschehen ist.“
    Auch Gyoku – vor allem er – war erstaunt über die Aufopferung seines Hausdieners. Seit er denken konnte, war Nakama immer da gewesen, hatte ihm den älteren Bruder ersetzt, den er nie gehabt hatte. Er war viel mehr als ein Hausdiener und auch mehr als ein guter Freund; er war ein Gefährte, ein Kamerad, ja ließ sich sogar fast mit einem Erstpartner vergleichen. Er hätte Gyoku nicht unbedingt zur Seite springen und für ihn lügen müssen. Doch er hatte es getan, und das setzte voraus, dass er von der Liebelei der beiden wusste. Gyoku konnte sich sicher sein, dass weder Korata selbst noch Snobilikat ihn verraten hatten. Vielleicht ahnte Nakama, was passiert war. Schließlich kannte er seinen Herrn besser als jeder andere Mensch. Außerdem tat er sich mit seiner Lüge nichts an, während er Gyoku gewissermaßen den Hals rettete.
    „Ist das wahr?“, verlangte Konomi an Korata gewandt zu wissen, wobei nicht ganz klar war, was sie damit meinte: Ob es wirklich Nakama war, der ihr Beischlaft geleistet hatte, oder ob sie es tatsächlich auch gewollt hatte.
    Unwillkürlich hielt Gyoku die Luft an. Nach ihrem ersten Mal hatte er Korata eingeschärft, niemandem davon zu erzählen. Er wusste nicht, inwiefern sie Anweisungen befolgte. Doch wenn sie es so hielt wie Snobilikat, würde sie Konomi diese erste Nacht verschweigen – die darauf folgenden aber nicht.
    Doch zu Gyokus grenzenloser Erleichterung nickte die Chimäre, und Konomi richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nakama: „Dafür sollte ich dich rauswerfen. Du arbeitest für uns und hast deine Pflichten und Aufgaben, die es zu erfüllen gilt!“
    „Mit Verlaub, Herrin“, verteidigte sich der Hausdiener souverän und gelassen wie immer, „arbeite ich nicht für euch. Ich arbeite einzig und allein für deinen Ehemann.“ Allein für seine Dreistigkeit hätte er schon gefeuert werden können, weil er Konomi unter die Nase gerieben hatte, dass sie nur angeheiratet und somit nicht die direkte Erbin war. Gyoku wusste das, doch Willkür gehörte – normalerweise – nicht zu seinem Charakter. Er war Nakama etwas schuldig und konnte ihn jetzt nicht einfach so rauswerfen. Nicht, weil der Hausdiener ihn sonst doch noch verpfeifen könnte, immerhin hatte er keinen Beweis dafür, wer der wirkliche Vater des Ungeborenen war. Au0erdem war er zu loyal, um auch bei einer Entlassung einen solchen Verrat an ihrer Freundschaft zu begehen.
    „Wie entscheidest du?“, fragte Nakama an Gyoku gewandt. Der Hausherr musste sich erst sammeln, so erstaunt war er noch immer von der Notlüge seines Freundes ihm zugunsten. Er räusperte sich und richtete: „Dir sei vergeben, wenn es nicht wieder vorkommt.“ Selbst Gyoku hörte, wie gestelzt das klang, und hoffte, es möge niemandem zum Misstrauen gereichen – ganz besonders Konomi nicht.
    Nakama nickte ehrerbietig. „Es war ein einmaliges Vergehen, das ich nicht gedenke zu wiederholen.“ Der Hausdiener schenkte den Anwesenden ein leicht verschmitztes Lächeln aufgrund der Vieldeutigkeit seiner Aussage, die außer ihm wohl nur sein Herr in ihrer Gänze verstand, und verließ das Untersuchungszimmer des Hofarztes.


    Die Wochen verstrichen. Bald wurde die Arbeit auf den Feldern wieder aufgenommen, die Saat ausgebracht und das Ackerland somit für die nächste Ernte im Herbst vorbereitet. Im gleichen Maße, wie der Steppenweizen zu keimen und zu gedeihen anfing, wuchs auch das Kind in Koratas Leib heran, und bald konnte man auch sehen, dass unter ihrem Herzen neues Leben heranreifte. Sechs Monate dauerte die Schwangerschaft, und als sich der Weizen auf den Feldern golden färbte, erblickte auf dem Anwesen ein kleiner Junge das Licht der Welt.
    Doch so wirklich erblicken konnte er es noch nicht, da seine Augen nach der Geburt wie bei allen Mauzi-Chimären noch geschlossen waren. Man sah ihm an, dass er ein Halbblut war, dass ein Elternteil menschlich war: Die Hände waren die eines Menschen – der Daumen hatte die gleiche Opponierbarkeit bekommen, die ihm den Präzisionsgriff ermöglichte, die seine Mutter nicht beherrschte. Das Fell, das seinen Körper bedeckte, sparte, anders als bei Korata, auch den Bauch und die Innenseite der Arme aus. Am Kopf hatte es einen starken Stich ins Sanddornfarbene, ein eindeutiges Zeichen seiner eloischen Abstammung. Die Ohren glichen denen der Chimärenmutter, waren aber noch weich und schlaff. Nase und Mund waren hingegen menschlich, weswegen der Junge die Sprachprobleme einer Chimäre nicht haben würde. Doch im Moment war das ohnehin noch unwichtig.
    Nach dem ersten Pokémon, das Korata nach der Geburt sah, gab sie ihm in ihrer Sprache den Namen Snobilikat, während sein Menschenname Perushian lautete.
    Korata erwies sich trotz ihrer zum Teil kindlichen Naivität als gute Mutter. Sie trug den kleinen Schreihals ständig bei sich, mit einem Wickeltuch an ihren Körper gebunden. Tagsüber saß sie im Garten im Schatten einer Kamelienweide und stillte ihren Sohn friedlich. Nachts nahm sie ihn mit sich ins Bett, was ihrer Meinung nach wichtig war für die physische und psychische Gesundheit des Babys. Wann immer Gyoku konnte, suchte er sie auf und erkundigte sich nach ihrer beider Befinden, allzeit bereit, gegen jede Beschwerde sofort etwas zu unternehmen, wenn es sein musste auch selbst.
    Sowie das Getreide zu reifen begann, öffnete Perushian die Augen. Sie waren himmelblau, wie bei allen so jungen Mauzi-Chimären, und eine ovale Pupille musterte neugierig die Umgebung, ohne einzelne Formen auseinanderhalten zu können. Bewegungen hingegen schien er ganz besonders gut wahrnehmen zu können und lachte jede Mal, wenn etwas wackelte oder wippte. Korata glich ihrem vollen Namen mehr als je zuvor, so sehr standen ihr die Freude und das Mutterglück ins Gesicht geschrieben.
    Gyoku war nicht minder glücklich und vergaß darüber hinaus manchmal, welch heikle Situation um den kleinen Perushian herrschte.


    „Das Kind ist von dir, nicht wahr?“
    Als Konomi plötzlich diese eine Frage stellte, brach Gyoku aus allen Wolken. Hatte seine Frau nun doch Verdacht geschöpft? Es war fast stockfinster, und er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht sehen; auch ihr Tonfall war so absolut neutral, dass er darüber keine Rückschlüsse auf ihre Gemütslage machen konnte. Er richtete sich im Bett auf und fragte zurück: „Wie kommst du darauf?“
    „Spiel mir nicht den Unschuldigen!“, gab seine Frau barsch zurück. „Du bist kein besonders guter Schauspieler, zumindest nicht so gut, wie du glaubst. Ich mag zwar nur eine Frau sein, aber ich bin weder dumm noch blind. Du warst nicht gerade überrascht, als Nakama gesagt hat, er sei der Vater. Bestimmt habt ihr euch auf diese Lüge geeinigt, damit er dich in Schutz nehmen kann, das war mir eigentlich sofort klar.“
    „Warum hast du dann nichts gesagt?“ Gyokz beschloss, Konomi weder zu widersprechen noch Recht zu geben. Beides würde jetzt ohnehin alles nur noch schlimmer machen.
    „Mit welchen Beweisen denn schon?“, bemerkte seine Frau bedauernd. „Du hast dich auch nicht gerade unauffällig benommen. Wenn du von den Feldern zurückgekommen bist, hast du immer gleich nach ihr Ausschau gehalten und kaum mit dir reden lassen, bevor du sie gesehen und dich vergewissert hast, dass es ihr und dem Baby gut geht. Bloße Gastfreundschaft kann das nicht mehr sein.“
    Gyoku schwieg verbissen. Was hätte er denn auch schon erwidern sollen?
    „Wenn ich mir vorstelle, dass ihr es in diesem Bett getrieben habt…“ Konomis Stimme brach ab. „Wie oft?“, fragte sie schließlich. „Wie oft habt ihr miteinander geschlafen?“
    Auch darauf ging Gyoku nicht ein. So ziemlich jede Nacht wäre die richtige Antwort gewesen, doch was machte das schon noch für einen Unterschied? Ehebruch war Ehebruch, da war es egal, wie oft er ihn beging.
    „Bei Groudon!“, rief Konomi aus, die sein Schweigen wohl richtig verstanden hatte. Gyoku hatte sie noch nie mit dem Namen des Gottes fluchen hören, war sie doch nicht gerade die religiöseste Eloa. „Gyoku, was hast du dir nur dabei gedacht?“ Auch sie setzte sich nun auf. „Sie ist nur halb so alt wie du; sie ist nur ein Kind!“
    Streng genommen hatte sie bereits den Zustand einer Snobilikat-Chimäre erreicht und war somit erwachsen, aber Gyoku wusste, dass das Konomi nicht überzeugen würde. Deshalb fuhr er eine andere Schiene: „Als Nakama noch der Verdächtig war, schien dir das egal gewesen zu sein“, entgegnete er wahrheitsgemäß.
    Seine Frau erwiderte auch sogleich: „Mit ihm bin ich ja auch nicht verheiratet. Bei dir ist das was ganz anderes.“ Sie atmete tief durch, wie um ihre Raserei zu bremsen, und fuhr, nun etwas ruhiger, fort: „Weißt du, ich verstehe ja, dass du gewisse Bedürfnisse hast. Ich hätte es sogar noch verstanden, wenn es eine aus dem Gesinde gewesen wäre. Aber warum diese Chimäre? Was ist der Grund?“
    Gyoku hätte ihr ohne Weiteres dutzende Gründe auflisten können: Koratas seidenweiches Fell, das die Farbe des Steppenweizens hatte, mit dem er aufgewachsen war. Ihr graziler Körper, der sich an seinen schmiegte – ganz und gar nicht der eines Kindes, auch wenn sie das vom Alter und der Größe her nach menschlichen Maßstäben war –, so perfekt geformt, wie es der einer Menschenfrau niemals sein konnte. Ihr Einfallsreichtum, ihre unglaubliche Biegsamkeit… Selbst über ein halbes Jahr danach spürte Gyoku, wie sein Blut in Wallung geriet, wenn er nur an sie dachte.
    „Ich sollte diese Missgeburt verbannen lassen!“, drohte Konomi unheilvoll. „Und dieses Bald mit dazu.“
    „Nein, tu das nicht“, verlangte Gyoku, wusste er doch, dass Korata und Perushian alleine in der Steppe niemals überleben konnten. „Bestrafe sie nicht für einen Fehler, den ich gemacht habe“, bat er verzweifelt. „Besonders nicht den Jungen. Er kann doch am allerwenigsten dafür!“ Konomi ließ sich wieder auf ihr Kissen sinken, ohne etwas zu erwidern, und auch Gyoku legte sich hin.
    Sein Schlaf wurde von langandauernden Albträumen geplagt, in denen Korata und das Baby in einer endlosen Wüstenlandschaft gefangen waren.


    Am nächsten Morgen fand Nakama Snobilikat vor dem Ehezimmer vor, wie er nervös vor der Tür umhertigerte. Gyoku und Konomi lagen tot in ihrem Doppelbett. Gyokus Halsader war durchgeschnitten, und Konomi selbst hatte sich die Pulsadern am Handgelenk aufgeschlitzt. Das Messer, mit dem sie den Doppelmord begangen hatte, hielt sie noch immer in der anderen Hand. Damit hatte sie klar gemacht, dem Gyoku nach Eherecht eigentlich gehörte – und dass, sollte ihr dieser Besitzanspruch im Leben nicht vergönnt sein, sie ihn eben mit sich in den Tod nahm.
    Wie auch sein Vater hatte Gyoku sein Testament schon früh angesetzt für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte, und nur Nakama sein Geheimnis anvertraut, damit niemand auf die Idee kam, ihn wegen seines letzten Willens zu ermorden. Dass Perushian Gyokus einziger Nachkomme war, machte Korata praktisch über Nacht zur reichsten Chimäre der Sieben Länder.
    Sie witterte die Gefahr, die daraus gründete, und beschloss, auf dem Landgut grundlegende Veränderungen durchzuführen: Sie verkaufte den Feldarbeitern und Hausangestellten auf Kredit Grundstücke, auf denen es ihnen erlaubt war, eigene Häuser zu errichten. Der Landwirtschaft entsagte sie und ließ davon nur so viel übrig, dass ihr kleines Dorf sich von selbst ernähren konnte.
    Als Perushian schließlich alt genug war und den Hof übernahm, war von dem einstigen Wohlhaben seiner Ahnenreihe nicht mehr viel übrig – dafür genossen er und seine Mutter im Dorf und in der näheren Umgebung ein aus Dankbarkeit gegründetes Ansehen, das Chimären sonst nicht entgegengebracht wurde. In den folgenden Generationen, denen diese Dankbarkeit nicht mehr gebührte oder die sich nicht verpflichtet sahen, sie zu empfinden, verlor sie wieder an Wirkung. Das Chimärenblut in den Adern der Hausbesitzer sollte jedoch, trotz vielfacher Verdünnung mit Menschenblut, nie verschwinden.[tab=SpeziNamensbedeutungen]Korata = japanischer Name von Rattfratz
    Gyoku = Brocken (vom Sprichwort "Edelsteine und Brocken", das mit unserem "Spreu und Weizen" vergleichbar ist)
    Konomi = Frucht
    Obana = Steppengras
    Nakama = Freund
    Perushian = japanischer Name von Snobilikat


    Korata ist natürlich nicht die letzte Chimäre, allerdings die letzte reinblütige Mauzi-Chimäre, da alle anderen tot sind. Gleichzeitig ist sie aber die erste Chimäre in ihrer neuen Familie - und schwupps ist der Titel mal wieder sarkastisch x3[tab=nächstes Kapitel]
    Tauboss Kapitel 28: Neues Leben


    Der Regen hielt schon seit Stunden an.
    Neko konnte sich erinnern, mit dem ewigen Strömen und Rauschen aufgewacht zu sein. Es hatte sich durch den Tiefschlaf in ihr Unterbewusstsein gegraben und dort festgesetzt. Sie war davon nicht wach geworden, aber es war beständig dagewesen, während die Schleier des Schlummers einer nach dem anderen von ihr geglitten waren. Als sie schließlich wach genug gewesen war, um das beständige Prasseln wahrzunehmen, jedoch noch nicht ausreichend, um klar zu denken, hatte Neko tatsächlich zunächst angenommen, wieder in der Steppe in ihrem Heimatdorf zu sein. Der sintflutartige Wolkenerguss glich denen in ihrem Heimatland zur Regenzeit extrem.
    Doch für gewöhnlich schüttete es nicht so stark im Herzland, schon gar nicht im Sommer. Die Niederschläge hier begrenzten sich auf gelegentliche Schauer im Frühling und Herbst, ganz selten auch Schnee in besonders kalten Wintern. Und wenn es regnete, gab es immer noch ein Blitzen und Donnergrollen dabei, das von Wolken kündete, die sich in unvorstellbarer Höhe statisch aneinander rieben. Erst recht im Hügelland, in dem solche Regengüsse zum Alltag gehörten, waren stets das Knurren des Himmels zu hören und sein leuchtender Zorn zu sehen.
    Aber jetzt gab es nichts dergleichen. Die Wolken waren stumm und dunkel, als würden sie in stillem Kummer weinen, anstatt, wie üblich, der Erde ihre Wut entgegenzuschleudern.
    Neko versuchte, sich von dem nervigen Hintergrundgeräusch loszumachen. Die Sonne musste mittlerweile schon aufgegangen sein, doch im Eingangsraum ihres Gruppenwohnhauses war es noch immer zu dunkel. Eine von der Decke hängende Lampe, die Neko bislang nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte, spendete daher mit einer kleinen Flamme genug Licht, um wenigstens nicht in Düsternis zu frühstücken. Tetsus Gruppe hatte sich an dem großen Tisch versammelt und nahm schweigend und auf den Regen lauschend das Morgenmahl zu sich.
    Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, so auch Neko. Ihre widmeten sich der Unterhaltung, die sie mit ihren Kameradinnen am Vortag im Bad gehalten hatte. Verstohlen warf sie Shinzu immer wieder kurze Blicke zu, um sein Verhalten zu beobachten. Wie allen anderen schien auch ihm das unaufhörliche Rauschen auf das Gemüt zu schlagen, aber ansonsten verhielt er sich wie immer.
    Ob ich auf Momoko hören sollte?, überlegte Neko und tauchte einen Löffel in ein Glas Marmelade. Ihm meine Gefühle gestehen? Falls sie es tatsächlich tun sollte, musste es jedoch dann sein, wenn sie und Shinzu alleine waren. Das konnte sich im Hauptquartier als schwierig herausstellen, aber sie musste nur darauf warten, bis sich die passende Gelegenheit dazu ergab.
    Ein kräftiges Klopfen, verschieden von dem stetigen Prasseln des Regens, hallte durch den Eingangsbereich. Auch wenn niemand hereingebeten wurde, öffnete sich die Tür des Hauses sogleich, und Seijin trat ein. Hinter ihm stand Xatu mit bläulich glühenden Augen; er hatte den Regen telekinetisch von sich und seinem Menschenpartner ferngehalten.
    „Seijin“, begrüßte Tetsu den Rebellenanführer. „Was verschafft uns die Ehre?“
    „Guten Morgen“, erwiderte der weißhaarige Naminer mit einer Miene, die alles andere als das aussprach. „Ich will euch nicht lange stören. Es ist nur Post – sie kam gestern Abend schon an.“
    Das Postsystem des Hauptquartiers funktionierte relativ einfach: Jeder Brief ging bei Seijin ein, und jeder, der ein Schreiben erwartete, holte es sich in seinem Büro ab. Wer überraschend Post bekam, der wurde eben vom Anführer oder seinem Partner informiert, einen empfangen zu haben. Jetzt schien eine besondere Ausnahme zu sein, da wohl kaum ein Rebell vor die Tür ging und daher die Wahrscheinlichkeit, ihn draußen zu treffen, eher gering war.
    Zu Nekos Überraschen kam der Rebellenanführer genau auf sie zu und streckte ihr einen Brief hin. Schweigend nahm sie ihn entgegen und erkannte sogleich die drei verschiedenen Poststempel: Der eine zeigte eine Sonne neben einer kleinen, breiten Feder und zeugte davon, dass der Brief in der Hauptpoststelle der Steppe ausgeflogen worden war, und von welchem Pokémon: Einem Taubsi, das bei langen Flugstrecken eingesetzt wurde. Der zweite zeigte mit einer schwarzen Mondsichel und einem Datum vor ein paar Tagen, wann der Brief in einer Zwischenstation im Herzland angekommen war. Der letzte Stempel, eine Darstellung des Schlosses, belegte wiederum, wann er die Poststelle in Namine erreicht hatte.
    Der Brief war direkt an das Rebellenhauptquartier adressiert. Der Absender musste sich also sicher gewesen sein, dass er nicht von Soldaten abgefangen und geöffnet werden würde – in den meisten Fällen verhinderte das ohnehin ein rebellischer Spion an der Poststelle. Oder aber er enthielt politisch unverfängliche Themen, die nicht aus dem Schriftverkehr entfernt wurden. Neko ahnte bereits, von wem das Schreiben kam, und drehte das Couvert um. Auf der Rückseite standen, in vertrauten Lettern, ihr Name und ihre Volksabstammung. Spätestens jetzt wusste sie mit Gewissheit, von wem der Brief war…
    Sie wischte ein Messer an einer Serviette ab. Während sie damit den Umschlag vorsichtig öffnete, sagte Seijin: „Es haben mich Nachrichten aus Namine erreicht. Am frühen Morgen hat es einen furchtbaren Brand gegeben. Drei Straßen sind zu großem Teil zerstört worden, das Feuer war kaum zu löschen und griff schnell über.“ Neko erinnerte sich an die Architektur, die hauptsächlich in der Hauptstadt zur Anwendung kam: Die Häuser Wand an Wand zu bauen. Da war es kein Wunder, dass der Brand sich schnell und ungehindert ausgebreitet hatte, wo ganze Straßen praktisch ein einziges Gebäude waren. „Es gibt bislang über fünfzig Tote“, berichtete Seijin weiter, und eine Welle des Schocks spülte über die Speisenden hinweg und lähmte sie in entsetztem Schweigen wie die gleichnamige Attacke. „Und es werden wahrscheinlich noch mehr werden. Wenn es nicht recht am Anfang des Brandes zu regnen begonnen hätte, wäre das ganze Viertel abgebrannt.“ Während er langsam zur Tür ging, sprach er weiter: „Ich plane, eine Gruppe Rebellen und Heiler zusammenzustellen und sie zur Hilfe der Anwohner nach Namine zu schicken. Haltet euch also bereit.“ Damit öffnete er die Tür. Xatu bildete erneut einen Schutzschild telekinetischer Energie um sie beide, und sie verließen das Wohnhaus.
    Neko zog den gefalteten Brief aus dem Umschlag und klappte ihn auf.
    „Fünfzig Tote“, wiederholte Akari entsetzt, ihre Stimme klang belegt. „Und bestimmt etliche Verletzte und Rauchvergiftete. Wie schrecklich …“
    „Da hat nur jemand seinen Herd über Nacht nicht richtig gelöscht“, meinte Raika völlig ungerührt und biss in ihr Brötchen. „Selbst schuld.“
    „Sehr pietätvoll“, kommentierte Rai und knuffte seine Schwester.
    Neko hörte das übrige Gespräch schon nicht mehr. Sie hatte den Brief zu Ende gelesen und konnte kaum fassen, was darin geschrieben stand. Es verblasste zwar angesichts der Tragödie, die sich in Namine ereignet hatte, doch ihr Erschrecken dem gegenüber, was sie in Händen hielt, war größer.
    „Neko? Ist irgendwas?“
    Als Momoko ihre Freundin vorsichtig anrief, zuckte diese zusammen und hob ruckartig den Kopf. „Nein… nein, es ist alles in Ordnung“, beschwichtigte die Chimäre und stand ungeschickt auf, sodass sie ihren Becher mit Saft verschüttete. Schnell stellte sie ihn wieder hin, doch die Pfütze klebrig-süßer Flüssigkeit breitete sich bereits aus. Mit fahrigen Bewegungen presste sie ihre Serviette darauf, um sie daran zu hindern, zu Boden zu fließen. Momoko und Akari kamen ihr dabei zu Hilfe, und auch Kasai fing eine Schliere ab, die direkt auf ihn zuhielt.
    „Ich bin satt“, log Neko, als das Gröbste gerettet war, und hastete die Treppen hoch ins Schlafzimmer der Mädchen.
    Mizu folgte ihr mit Blicken, die zu ergründen versuchten, was sie so sehr aufgewühlt hatte.


    Eine frische Brise kam auf und raschelte in den verschiedensten Blättern. Beinwell und Schafgarbe neigten sich sanft im Wind, und der Duft von Yasmin und Leberbalsam vermischte sich mit dem intensiven Aroma der Zitronenmelisse. Der Wind drehte und trug aus einem anderen Teil des Heilergartens andere Gerüche der medizinischen Kräuter herbei. Alles war untermalt von dem allgegenwärtigen Geschmack feuchter Erde, die allmählich trocknete.
    Neko konnte weder dafür noch für die farbenfrohe Vielfalt der Gewächse wirkliche Aufmerksamkeit aufbringen, obwohl sie unter normalen Umständen von der Lebensfülle begeistert gewesen wäre. Als der Regen endlich aufgehört hatte, hatte sie ihr Gruppenwohnhaus verlassen. Auf der Suche nach einem einsamen Plätzchen, an dem sie ungestört den Brief lesen konnte, war sie schließlich hier gelandet. Sie saß auf einer einfach gezimmerten Holzbank unter dem leicht vorstehenden Dach des Heilerhauses und beobachtete das Tanzen der Heilpflanzen mit unbeteiligter Miene.
    Shinzu, ihre strudelnden Gefühle für ihn und ihr voriger Wille, sie ihm zu gestehen, waren vergessen.
    Eigentlich wollte sie über das nachdenken, was sie in dem Brief gelesen hatte, doch immer, wenn sie dazu ansetzte, begannen ihre Gedanken, sich im Kreis zu drehen und gegenseitig auszulöschen. Bis nichts mehr von ihnen übrig war und sie Neko mit leerem Blick in die Welt starren ließen. Doch sie kam nicht drumherum, sie musste es tun…
    Widerwillig ließ Neko die Augen über die Zeilen schweifen, die sie in den letzten Minuten immer und immer wieder gelesen hatte und mittlerweile glaubte, auswendig zu können. Doch genau wie ihre Gedanken schienen ihr die Worte immer genau dann zu entfallen, wenn sie sie sich in Erinnerung rufen wollte. Also musste sie sie gleichzeitig lesen, während sie über ihre Bedeutung grübelte… Aber es gelang ihr einfach nicht, sich zu konzentrieren. Was sie auch tat, ihr Verstand war jetzt Stillstand.
    Um wenigstens einen Teil der Sinneseindrücke auszublenden, die auf sie ohne Rücksicht auf ihre Verzweiflung eindroschen, lehnte sie den Kopf gegen die Hauswand hinter sich und schloss die Augen. Die Sonne stand fast genau über ihr und verwandelte das Rot ihrer Lider in gleißendes Gelb. In der Steppe unter dem warmen Licht der Sonne aufgewachsen, hatte sie es immer schon genossen, die goldenen Strahlen auf ihrem Gesicht zu spüren. Aber im Moment gab es nichts, was sie mehr verabscheute, und wünschte sich den Himmel voller Wolken, um das feurige Gestirn abzuschirmen…
    Wie, als habe Zabdos sie erhört und aus seiner fernen Heimat die erbetenen Wolken geschickt, verdunkelte sich das Licht vor ihren Augenlidern plötzlich und entspannte ihre Sehsinneszellen. Neugierig geworden, ob der Gott des Hügellandes tatsächlich auf ihre Bitte reagiert hatte, hob sie vorsichtig die Lider. Auf dem Hintergrund des grellen Sonnenlichts erkannte sie eine schwarze Silhouette, weniger noch als ein Umriss, da die Konturen verschwommen waren.
    Jetzt öffnete Neko die Augen ganz. Geblendet glaubte sie zuerst, Shinzu vor sich zu haben, erkannte aber bald ihren Irrtum: Die Schultern waren nicht ganz so breit, das Haar nicht gar so zerzaust, und die Haltung verriet, dass sich unter der unerschütterlichen Oberfläche ein Ozean an unbekannten Wesenszügen verbarg. Es war Mizu, dessen tiefblaues Haar für die halb blinde Chimäre zuerst schwarz erschienen war.
    Aus einem intuitiven Impuls heraus lächelte sie matt und schloss die Augen wieder, froh, dass der Lynoer bei ihr war.
    Aus Rot wurde wieder Gelb, und sie hörte, wie er sich neben sie auf die Bank setzte. Sie spürte, dass er sie gesucht hatte und nun erfahren wollte, warum sie so aufgelöst war. Dass er sie dabei nicht bedrängte, ja nicht einmal eine entsprechende Frage stellte, rechnete sie ihm hoch an, und sie war ihm sehr dankbar dafür.
    „Meine Tante ist schwanger“, sagte Neko schließlich nach unbestimmter Zeit und erschrak ob der Kälte, die in ihrer Stimme lag. Sie wusste, dass sie sich eigentlich freuen sollte, und das tat sie auch – Ichijuku hatte sich nie etwas sehnlicher gewünscht, als ein eigenes Kind zu bekommen, und ihre Welt war zerbrochen, als sie hatte erfahren müssen, dass sie nie schwanger werden würde. Dass sie es jetzt doch war, grenzte an ein Wunder. Aber da war noch etwas anderes…
    „Ich dachte, sie könne nicht schwanger werden“, bemerkte Mizu, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
    Die Chimäre nickte knapp und reichte ihm den Brief, den ihre Mutter ihr geschrieben hatte. Während der Lynoer ihn las, glaubte Neko die Worte zu hören, die darin geschrieben standen. Zuerst schrieb Sanako wie üblich über die Neuigkeiten im Dorf, wie es ihr selbst ging und dass sie hoffte, Neko finde sich gut zurecht im Hauptquartier. Ihre Mutter war keine besonders geschwätzige Person und beschränkte sich auch in ihren Briefen stets auf das Wesentliche. Umso mehr hatte es Neko überrascht, dass nach dem altbekannten Blabla, das sie lieben gelernt hatte, ein weiterer Absatz gekommen war.
    Darin hatte Sanako sich ungewohnt umschweifend auf das eigentliche Thema zubewegt und nur in einigen Nebensätzen die Sache erklärt. Noch immer war Neko erstarrt von dieser Nachricht. Ihre Tante war schwanger, trug also einen potentiellen Erben unter dem Herzen…
    Mizu faltete den Brief fast andächtig zusammen und gab ihn seiner Nebensitzerin zurück.
    Eine Weile herrschte Stille, in die sich das Rauschen des Windes und die Geräusche aus dem Heilerhaus mischten. Von weit her waren das leise Plätschern des Baches, der nach dem Regen wieder abzuschwellen begann, und die verhaltene Musik eines Übungskampfes zu hören.
    „Was soll ich jetzt tun?“, fragte Neko tonlos, um die verschiedenen Geräusche nicht zu übertönen. Irgendwie gab ihr das die Gewissheit, dass bis auf Mizu niemand sonst ihre Worte vernahm.
    „Wie meinst du das?“, gab der Lynoer eine Gegenfrage, und sein Tonfall verriet nicht, was er dachte. Warum verstand sie nur niemand?
    „Meine Tante wird ein Kind kriegen“, erklärte sie überflüssigerweise und legte sich den Handrücken über die geschlossenen Augen. Von dem blendenden Gelb gereizt, erschien die nun eintretende Schwärze hinter ihren Lidern blau – dunkelblau. „Sie muss schon im zweiten Monat sein, wenn das Ohrdoch meines Dorfes spüren kann, dass sie schwanger ist.“
    „Und wo liegt das Problem?“ Mizus Stimme war die Ruhe selbst, während die Eloa vor sich überbordender Gefühlen innerlich zu zerreißen drohte. Tränen mischten sich in das leuchtende Dunkelblau, die Neko hastig runterschluckte. Groudon oder vielleicht sogar alle sieben Götter hatten ihrer Tante ein unverhofftes, wunderbares Geschenk gemacht, und sie drohte deswegen in Tränen auszubrechen, die keine Freudentränen waren. Sie gründeten aus Abschiedsschmerz.
    „Wir werden unser Haus nicht verlieren.“ Nun war es Nekos Stimme, in der kein Gefühl mitschwang. „Jetzt kann kein Soldat kommen und Miete von uns verlangen.“
    Als sie nicht fortfuhr, brachte Mizu es so genau auf den Punkt, als könne er ihr direkt ins Herz sehen: „Und du denkst jetzt, dass du keine Rebellin mehr sein musst.“
    Neko war überrascht, dass er die Zwickmühle, in der sie sich befand, so mühelos durchschaut hatte, sagte aber nichts dazu. Er hatte recht, sie zweifelte daran, ob es sich für sie noch weiter lohnte, unter der Schwarzen Rose zu dienen. Das, wofür sie gekämpft hatte, hatte sich auf wundersame Weise von selbst aus dem Weg geräumt, und nun hatte sie keinen Grund mehr, weiter ihre Energien in etwas zu stecken, das sie nun nicht mehr erreichen musste. Es war kaum zu glauben, aber sie konnte nach Hause, zu ihrer Mutter, ihrer Tante und deren Ehemann, und zusehen, wie das Baby langsam heranwuchs. Wenn sie unnötigerweise hier blieb, würde sie das nicht miterleben. Ganz besonders nicht, wie die Unbeugsamkeit ihrer Familie gegen die strengen Erbschaftsgesetze des Königs obsiegten.
    „Du willst uns also verlassen“, sagte Mizu in ihre Gedanken hinein – es war eine Feststellung, keine Frage. Neko zuckte zusammen. Was er sagte, stimmte zwar, und sie konnte es auch nicht abstreiten, doch die Wortwahl, die er dabei traf, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich, ja fast schon ein nagendes schlechtes Gewissen.
    Verzweifelt und zwischen Familie und Freunden hin- und hergerissen, legte Neko nun beide Hände übers Gesicht und wünschte sich, hier und jetzt zu sterben und diese schwierige Entscheidung nie fällen zu müssen. Doch wie zuvor, als es doch nicht Zapdos gewesen war, der ihr einen Wunsch gewährt hatte, erbarmte sich auch jetzt kein Gott, sie tot umfallen zu lassen.
    „Gibt es nichts anderes, für das es sich für dich zu kämpfen lohnt?“, stellte Mizu eine sehr berechtigte Frage, und in seiner Stimme lag kein Vorwurf. Nur Mitgefühl.
    Darüber musste die Chimäre nicht lange nachdenken, zögerte aber plötzlich, da sie sich nicht sicher war. Bisher war ihr nur an ihrem Erbrecht gelegen, das es zurückzugewinnen galt, sodass sich keine weiteren Gründe für sie jemals aufgetan hatten.
    „Deine Familie ist nicht die einzige, der das Grundstück entzogen wird“, rief Mizu ihr in Erinnerung und sprach damit das aus, was sie vordergründig dachte. „In allen Sieben Ländern gibt es ohne Zweifel noch unzählige Menschen, denen dieses und ähnliches Unrecht angetan wird. Für dich und deine Verwandten hat sich das Problem gelöst – aber wenn nicht dauerhaft etwas bewegt und verändert wird, kann es sie immer wieder treffen. Jede nach dir folgende Generation wird dieser Gefahr ausgesetzt sein, genauso wie alle anderen Menschen. Wirst du mit dieser Gewissheit leben können?“ Neko spürte, wie er ihr das Gesicht zuwandte, wagte es aber nicht, die Hände vom Gesicht zu nehmen.
    Er sprach es zwar nicht aus, aber wenn sie sich dazu entschloss, in die Steppe zurückzukehren, ohne weiter mit den Rebellen zusammenzuarbeiten, trüge sie auf ewig eine gewisse Mitschuld daran, dass andere Familien besitzlos gemacht wurden. Selbst wenn sie nichts dazu beigetragen gehabt hätte – eben weil sie überhaupt nichts dagegen unternommen hätte, würde sie ebenso schuldig sein wie der Soldat, der unter dem Befehl des Königs handelte, auch wenn es nicht sein eigener Wille war. Und dann war da noch etwas…
    In ihrem Dorf würde man ihr zwar nach wie vor keinen Respekt entgegenbringen, sondern sie höchstens dulden. Hier hingegen, im Hauptquartier der Schwarzen Rose, hatte sie Freunde, die – wie Mizu gerade eindrucksvoll bewiesen hatte – immer für sie da waren, um sie zu unterstützen. Natürlich war es auch hier nicht immer mit jedem leicht, aber wenn sie ging, würde sie zwar ein glückliches, unbeschwertes und sorgenfreies Familienleben gewinnen – aber ihre besten Freunde verlieren. Das konnte sie sich, den anderen, Shinzu und insbesondere Mizu, der sich solche Mühe mit ihr gab, nicht antun. Seit sie ihn kannte wusste sie, dass zwischen ihnen etwas ganze Besonderes und Unbezahlbares aufgeblüht war.
    Gerade wollte sie zu einer Erwiderung ansetzen, als eine Tür in der Nähe geöffnet wurde. Neko und Mizu blickten auf, und eine Heilerin, die für die Behandlung der Pokémon zuständig war, winkte sie zu sich. Neben ihr im Türrahmen schwebte Traunfugil, der ihr anscheinend gezeigt hatte, wo sie die beiden fand – vielleicht hatte er auch Mizu geholfen, überlegte seine Menschenpartnerin. „Es ist gleich so weit!“, rief die Heilerin ihnen zu, ging raus und verschwand um die Ecke des Gebäudes.
    Die Chimäre und der Lynoer blicken sich kurz begriffsstutzig an, bis in beider Augen Verständnis aufblitzte. „Die Eier!“, rief Neko aus, während Mizu bereits herumgewirbelt war und sich anschickte, der Heilerin zu folgen.
    Neko schob den Brief ihrer Mutter in eine Hosentasche und dachte nicht mehr an das, was darin mit Tinte in Form von Worten festgehalten worden war.


    Zwei Minuten später standen sie nebeneinander in dem Teil des Heilerhauses, der für die Unterbringung und Pflege verletzter und kranker Pokémon genutzt wurde. Die Heilerin, die sie hierher geführt hatte, und eine Chaneira standen über einen rollbaren Kasten gebeugt und lauschten auf das dumpfe Klopfen, das aus dem Innern der Eier zu hören war. Ein Tauboss mit verbundenem Flügel beobachtete sie aus sicherer Entfernung von seinem Verschlag aus. Neko erinnerte sich, einmal gehört zu haben, dass Nidoran auf der Speisekarte vieler Flugpokémon standen. Sie hoffte, dass in diesem Fall die Vernunft eines Partners über die Instinkte eines Räubers triumphierte – sonst wäre das Leben der beiden Neugeborenen vorbei, noch ehe es richtig begonnen hatte.
    Traunfugil hatte die drei Menschen begleitet und beobachtete neugierig die beiden Arbeiterinnen. Er schien besonderes Interesse an den Markierungen zu haben, die irgendein schlauer Kopf an den Eiern angebracht hatte: Ein Flecken oranger auf dem einen und auf dem anderen blauer Farbe. Neko vermutete, dass diese Markierungen zeigen sollten, welches Ei von ihr und welches von Mizu ins Hauptquartier gebracht worden war. Ob es nun stimmte oder nicht, konnte sie nicht sagen, da die beiden ovalen Lebenssamen bis auf die künstlich zugefügten Kleckse für sie absolut gleich aussahen.
    Die Heilerin beendete ihre Inspektion und legte jedes der Eier in ein eigenes, aus Stroh geflochtenes Nest. „Ich lasse euch allein“, informierte sie die beiden Besucher. „Die Geburt eines Pokémon ist ein schöner, besonderer Moment, den ihr sicher auskosten wollt.“ Sie machte eine auffordernde Geste zu der Chaneira, und zu Nekos Überraschen ließ auch Traunfugil von den Eiern ab, um der Heilerin aus dem Stall zu folgen. Die Chimäre zog erstaunt die Augenbrauchen hoch – wurde ihr kleiner Quälgeist am Ende doch noch vernünftig? – und blickte ihrem Partner hinterher. Dieser schien ihre Aufmerksamkeit zu spüren und drehte sich um. Ein Lächeln huschte über sein geisterhaft nebliges Gesicht, das nichts mit dem schelmischen Grinsen gemein hatte, das er normalerweise zur Schau trug. Er wusste, wie wichtig ihr dieser gemeinsame Augenblick mit Mizu war, und wollte dabei nicht stören.
    „Neko, sieh“, sagte der Lynoer soeben, und die Chimäre drehte sich zu dem Brutkasten um.
    Eines der Eier, dasjenige mit dem orangefarbenen Fleck, wackelte leicht in einem unregelmäßigen Rhythmus. Ein leises Klicken war vernehmbar, das ankündigte, dass ein kleiner Zahn gegen die Innenseite der Eierschale schlug. Bei jedem Mal, wenn das Geräusch erklang, ruckte das Ei etwas heftiger als vorher, dafür wurden die Ruhepausen, die sich das Nidoran darin gönnte, immer länger.
    Jetzt begann auch das blau angemalte Ei, sich zu bewegen, allerdings war es in seinem Fall nur ein fast unmerkliches Hin und Her. Auch das ihm innewohnende junge Leben schlug den Schlüpfzahn gegen die Schale, allerdings leise und in regelmäßiger Frequenz.
    Sein Geschwisterchen im benachbarten Ei hatte es mittlerweile geschafft, ein winziges Bruchstück der Schale herauszuhauen, regte sich dann aber vorerst nicht mehr. Neko hatte schon Angst, ihr kleines Nidoran könnte noch im Ei gestorben sein, versuchte aber, sich diesen so absurden Gedanken auszureden. Das Schlüpfen war gewiss nicht die einfachste Art, das Licht der Welt zu erblicken, und dementsprechend brauchte das noch ungeborene Giftkaninchen eine Verschnaufpause.
    Unterdessen begann das andere – anders als sein Geschwisterchen, das mit dem schmalen Ende des Eis den Kampf aufgenommen hatte –, in der Mitte um sich herum einen Gürtel aus kleinen Löchern zu stanzen, sodass es dadurch die Schale mittig teilen würde. Auch dieses Unterfangen musste sehr kräftezehrend sein, aber da das Nidoran in dem blau markierten Ei langsam und schonend mit seiner knapp bemessenen Energie umging, bewies es weitaus mehr Ausdauer. Dennoch wurde es in seiner Arbeit immer langsamer und musste schließlich ganz abbrechen, als es noch nicht einmal die Hälfte des Lochkreises vollendet hatte.
    Das Lebewesen in Nekos Ei hatte sich nun genug ausgeruht und wieder Kraft geschöpft, um seinen Schlupf fortzusetzen. Nach zwei oder drei weiteren Stößen mit dem pränatalen Eizahn, war das Loch schon groß genug, dass es die kleine Nase durchschieben konnte. Einen Augenblick ließ das Nidoran das Schnäuzchen aus dem Ei hervorlugen und witterte die frische Luft, die es noch nicht kannte, nahm zum ersten Mal den Geruch von Stroh, Holz und Menschen wahr. Von diesen ersten Eindrücken anscheinend neugierig geworden, ging das kleine Wesen nun mit noch rabiaterem Enthusiasmus an die Sache heran und rammte seinen ganzen Kopf immer wieder gegen die Schale. Das bewirkte, dass es bis zum Hals mit ihm durchbrach und die Außenwelt nun auch sehen konnte. Kleine, neugierige schwarze Knopfaugen tasteten die Umgebung ab, ohne wichtig von unwichtig unterscheiden oder mit dem, was sie sahen, etwas anfangen zu können. Außerdem brachte der Schwung der letzten Bewegung das Ei derart ins Wanken, dass es umkippte und aus dem Nest fiel. Es kullerte gegen das andere Nest und warf auch das blau getupfte Ei um.
    Das Giftpokémon darin hatte es mittlerweile geschafft, den Kreis auszuweiten, und war mit der Durchlöcherung seines zu eng gewordenen Gefängnisses, das es so lange behütet hatte, fast fertig. Das Aufkommen auf dem Bogen des Brutkastens versetzte ihm einen Stoß, der der gemarterten Schale den Rest gab: Die beiden Hälften rissen entzwei, sodass sich das Nidoran nur noch dazwischen hervorwinden musste. Wie auch sein Geschwisterchen reckte es erst die Nase in die Luft und prüfte die Umgebung, bevor es seine Aufmerksamkeit darauf richtete, die Witterung des anderen Kaninchens aufzunehmen. Es kroch auf das nach wie vor im Ei Gefangene zu, und die beiden beschnupperten sich eine Weile interessiert.
    Als sie genug davon hatten, wollte das noch ungeschlüpfte den Kopf zurückziehen, um die Schale weiter von ihnen zu bearbeiten, aber seine überproportionierten Ohren blockierten das für sie viel zu kleine Loch. Um dem kleinen Ding zu helfen, hob Neko die Hand, aber Mizu hielte sie sofort zurück. Der Lynoer schüttelte auf ihren fragenden Gesichtsausdruck nur langsam und stumm den Kopf, ohne den Blick von dem Schauspiel des Lebens abzuwenden, das sich ihnen bot. Das unfreie Nidoran wirkte jetzt sehr konzentriert, und das ganze Ei wackelte, als bewege sich das Giftkaninchen darin. Mit seinen kräftigen Hinterläufen trat es immer wieder gegen die harte Schale, und seine Mühen wurden alsbald belohnt: Die Kalkschicht zeigte einen feinen Riss, der beim nächsten Kick aufklaffte und das Neugeborene endlich freigab. Das Nidoran versuchte zunächst, aufzustehen, doch ihm fehlte die Kraft. Also blieb es so liegen, wie es war, schloss erschöpft die Augen und schlief ein.
    Sein Geschwisterchen kam tapsig heran, beschnüffelte das andere noch einmal, bevor es sich daneben zusammenrollte und ebenfalls einschlummerte. Danach war es still.


    „Sind die beiden fertig?“
    Neko zuckte zusammen, als die Stimme der Heilerin hinter ihr ertönte. Es war so ruhig gewesen, dass das Flüstern der Frau fast schon laut erschien. Neko und Mizu traten zur Seite, sodass die Heilerin die Kleinen untersuchen konnte. Auch die Chimäre besah sich die Nidoran jetzt genauer. Obwohl ihre Fellfarbe noch sehr blass war und stark ins Grau stach, konnte man bereits einen leichten Schimmer der Farben erkennen, die sie in den folgenden Wochen annehmen würden: Das Nidoran aus Nekos Ei war leicht rosafarben, also ein Männchen, wohingegen das aus Mizus das typische Violettblau eines Weibchens trug.
    Die Heilerin trocknete die Nidojungen vorsichtig vom restlichen Eiklar, während die Chaneira die Schalen wegputzte und frisches Stroh auslegte. Danach schoben sie den Brutkasten an seine Stelle in eine der Stallboxen zurück, und die Heilerin schaltete eine darüber hängende Lampe an. Neko war überrascht darüber, dass das Hauptquartier anscheinend eine Stromverbindung nach Namine hatte, und fragte sich, ob dies das einzige Elektrogerät innerhalb des Waldrings war. Heute Vormittag wäre es nämlich sehr praktisch gewesen, wenn sie elektrisches Licht gehabt hätten statt einer rußenden Öllampe.
    Während die Heilerin sich die Hände säuberte, gebot sie ihr und Mizu, näher zu treten. „Die Mutter dieser beiden war doch die Nidoqueen, die ihr im Wald gestellt habt, nicht wahr?“, erkundigte sich die Frau und ließ den Blick über die eng aneinander gekuschelten Nidoran schweifen. „Eine Bunte?“, wollte sie genauer wissen, und Neko und Mizu nickten unisono. „Ihr wisst nicht zufällig, ob der Vater ebenfalls ein Bunter war?“
    Neko wollte zuerst antworten, war sich aber plötzlich nicht mehr sicher. Sie und Mizu warfen sich skeptische Blicke zu. Hatte Hito nicht etwas in dieser Richtung erwähnt? Die Heilerin seufzte, weil dieses Rätsel wohl ungelöst bleiben musste, und Mizu erkundigte sich: „Warum fragst du?“
    „Nun…“ Ihr Gegenüber schien nach den richtigen Worten zu suchen, um einen Umstand zu erklären, der so offensichtlich war, dass die beiden Besucher eigentlich von selbst hätten darauf kommen müssen. „Diese beiden hier“, sie deutete auf die Nidoran, „sind keine normalen Pokémon. Es sind Bunte.“
    „Was?“, platzte Neko heraus, und Mizu hob überrascht die Augenbrauen. Verwundert sah sich die Chimäre die Neugeborenen noch einmal an. Für sie sahen Weiblein und Männlein genauso gleich aus, wie die Eier, aus denen sie geschlüpft waren, von der Farbe abgesehen. Aber wenn sie beide Bunte waren, hatte das männliche Nidoran aus Mizus Ei die Farbe eines normalen weiblichen, und das Weibchen aus Nekos das rosafarbene Fell des anderen Geschlechts.
    „Wie wollt ihr mit ihnen verfahren?“, fragte die Heilerin und zückte einen Stift, während sie von ihrer eiförmigen Assistentin ein Klemmbrett überreicht bekam.
    Nur mit Mühe gelang es Neko, vorerst nicht darüber nachzudenken, was ihnen gerade offenbart worden war – Bunte waren so ungeheuer selten, und aus diesen Eiern waren gleich zwei von ihnen geschlüpft! – und sah zu Mizu auf. Der Lynoer schien seinen eigenen Grübeleien nachzuhängen und beobachtete die schlafenden Nidoran mit ausdrucksloser Miene. Ob sich ihm eines von ihnen als Partner anschließen würde? Auch wenn er bereits zwei Pokémon an seiner Seite hatte, war dennoch nie auszuschließen, dass die winzige Wahrscheinlichkeit, ein drittes zu erhalten, sich doch erfüllte.
    Bei Neko zumindest kam nicht jenes vertraute Gefühl auf, das sie zuletzt bei Traunfugil und ganz besonders intensiv bei Libelldra – damals noch Knacklion – empfunden hatte. Keines dieser beiden Giftkaninchen war dazu ausersehen, ihr ein weiterer Partner zu werden. Sie schalt sich selbst eine Närrin, dass sie darüber etwas verärgert war; ein Buntes an seiner Seite zu haben, konnte einem Menschen nicht schaden, sondern durch ihre übernatürliche Kraft nur nutzen. Sie sollte diesen wunderbaren Moment der Geburt nicht dadurch zunichtemachen, dass sie die Nidoran darauf beschränkte. Das war unmenschlich.
    „Ich stelle ihn der Rebellion frei“, verkündete Mizu soeben und nickte der Heilerin zu. Diese notierte sich etwas auf dem Formular, das sie aufgeklemmt hatte, und wandte sich dann Neko zu.
    Die Chimäre betrachtete ihr weibliches Nidoran nachdenklich. Sie konnte entscheiden, was mit dem kleinen Wesen geschah. Konnte verlangen, es in den Wald zurückzubringen, sobald es alt genug war, für sich selbst zu sorgen, oder aber wie Mizu handeln. Wenn sie es so tat wie er, konnte die Kleine vielleicht schon bald für einen anderen Rebellen zur Partnerin werden, wie es bei ihr mit Traunfugil und bei Mizu mit Tanhel geschehen war. So hätte die Schwarze Rose gleich zwei mächtige, bunte Pokémon auf ihrer Seite – auch wenn die Neugeborenen zu dieser Größe erst noch heranwachsen mussten – und damit einen klaren Vorteil gegenüber dem König und seinen Soldaten. Dann wäre der Tod ihrer Mutter nicht ganz umsonst gewesen. Außerdem konnte sie es nicht übers Herz bringen, die beiden Geschwister voneinander zu trennen.
    „Ich auch“, sagte sie schließlich, und die Heilerin kritzelte wieder, bevor sie sich verabschiedete und wieder ihren anderen Pflichten widmete.
    Mit dem guten Gewissen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, legte Neko die Hand auf das graurosa Nidoran und streichelte sie. Ihr Fell war aufgewärmt von dem blutroten Licht, das die Wärmelampe abstrahlte, und der körperlichen Nähe zu ihrem Bruder. Neko spürte zwischen dem weichen Flaum einige etwas härtete Haare, die später einmal gefährliche Giftstacheln sein würden. Das kleine Wesen räkelte sich und quiekte im Schlaf, bevor es sich zusammenrollte und das Gesicht mit der Pfote verbarg. Die Chimäre lächelte hingerissen.
    „Wie hast du dich entschieden?“, fragte Mizu, und Neko sah auf. Warum wollte er das wissen? Das hatte sie doch eben gesagt, bevor die Heilerin gegangen war.
    Doch plötzlich ging der Eloa auf, dass ihr Freund keineswegs den Verbleib der Nidoran meinte, sondern ihren eigenen: Würde sie nun in die Steppe zurückkehren oder nicht? Neko seufzte und wandte sich wieder den Jungen zu. Sie wusste nicht, wie sie sich letzten Endes entschieden hätte, wären die Ereignisse der letzten Minuten nicht geschehen, aber so wusste sie es ganz genau.
    „Neues Leben ist nicht, was ein Ende markiert“, sagte sie melancholisch und verscheuchte Traunfugil, der über den Neugeborenen schwebte und Licht und Wärme abschirmte, mit einer knappen Handbewegung. „Ich werde hier bleiben und kämpfen!“, verkündete sie.
    Der Lynoer lächelte ein nur sehr kleines, wissendes Lächeln und nickte. „Das habe ich nicht anders erwartet.“
    Plötzlich erschien die Heilerin wieder neben ihnen und verstreute eine Handvoll brauner Daunenfedern im Brutkasten. „Eine kleine Spende“, erklärte sie und deutete hinter sich zu dem verletzten Tauboss, das sich auch zur Ruhe gelegt hatte.[tab=Letzte Anmerkungen]Das ist eines der schönsten Kapitel meiner ganzen Fanstory <3 Ich hab mich so darauf gefreut, den Schlupf der beiden Putzigen zu schreiben! Natürlich sind sie als "Giftratten", als die ich sie bezeichne, eindeutig Säugetiere, und wie man am SpeziKap mit Raika sehen kann, werden Säugetier-Pokémon schwanger und legen keine Eier. Aber andernfalls hätte ich das nicht so toll machen können, deswegen vergebt mir diese Ungereimtheit ^^
    Tauboss' Dexnummer hab ich aus dem Gedächtnis heraus erraten. Ich hoffe, wenn ich den Post jetzt abschicke, dass sie auch stimmt xD Edit: Bäm, sie stimmt! lawl[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Paranoia?!]Ich bin noch immer traumatisiert von dem, was vor vielen Jahren geschah... Ich weiß nicht, ob das BB damals schon eigenständig war, jedenfalls war es zu meinen Anfängen als Pokémon-FF-Autorin. Ich schrieb da zwar hier schon eine Story, die unter "PokéFriends" betitelt ist, hatte zuvor allerdings schon eine andere, größere angefangen und eine andere, kleinere in einem anderen Forum beendet. Von jenen letzten beiden postete ich das jeweils erste Kapitel als Leseprobe. Leider kommentete niemand (das war damals schon ein Problem .___.). Irgendwann (Monate nach diesen ersten Leseproben) entschloss ich mich dazu, von der größeren FF das zweite Kapitel zu posten.
    Promt wurde das als Doppelpost gerechnet, und ich bekam eine Verwarnung. Ich weiß nicht, ob die Moderatorin von damals noch in diesem Forum ist, aber lasse dir eins gesagt sein, falls du das je lesen solltest: Das war definitiv kein Doppelpost - ich kann ja nichts dafür, wenn niemand schreibt, und habe ein Recht dazu, meine Kapitel dennoch zu posten, und das nach einer Zeit, nach der dieser gelbe Kasten erscheint und mir rät, ein neues Thema zu eröffnen, da das jetzige "veraltet sein könnte". Ich hoffe, die aktuelle Moderation stimmt mir da zu...


    Wegen dieser Geschichte sträubt es mich immer, Doppelposts zu erstellen nach Art von diesem hier. Zusätzlich kommt da noch eine andere, pikante (pika!nte) Note hinzu, aber solange man das Kapitel nicht liest, weiß man nix davon o3o
    Dieses Kapitel enthält Beschreibungen von Resultaten körperlicher Gewalt - also keine Darstellungen des Prozesses an sich. Das klingt jetzt vielleicht voll gefährlich, ist aber halb so wild - hoffe ich ... xD
    Es ist ein Spezialkapitel, das mal fast nix mit dem Haupthandlungsstrang zu tun hat. Bis auf eine Person, die nur sehr oft erwähnt wird und nicht sichtbar handelt, kommt kein bekannter Charakter vor. Ich wollte mal was anderes versuchen, und außerdem soll dieses Kapitel darstellen, was für ein Arghloch das Phantom ist ;~)


    Film ab![tab=Spezialkapitel]Hundemon Spezialkapitel 9: Auf der Jagd


    Da dieses Kapitel doch zu viel des Schlechten war, wurde ich vom Komitee darum gebeten, diverse Szenen abzuschwächen und umzuschreiben. Weil ich dazu eigentlich keinen Nerv habe (oder zu faul dafür bin oderso xP), habe ich das Kapitel einfach völlig entfernt. Es ist schließlich ein Spezielkapitel und daher für die Haupthandlung nicht weiter wichtig. Wer dennoch Interesse daran hat, der möge sich bei mir melden, ich schicke es ihm dann per PN. Und fresse einen Besen, wenn sich irgendjemand dieses Service bedient o0 Weil hier ja auch so viele lesen unso :knot:[tab=Wichtiges]Namensbedeutungen:
    Gekijo = Leidenschaft
    Narako = Hölle
    Yogan = Lava
    Rin = Perle
    Kaiko = Muschel, Muschelschale
    Isoji = fünfzig Jahre
    Kyodai = Bruder


    Im Glossar findet sich ein neuer Eintrag zum Leichenschauhaus unter der Kathegorie "Orte" und im Attackenverzeichnis die Attacken, die im Kapitel erwähnt werden.


    Gekijos Gefühle darzulegen fiel mir recht leicht. Da keiner der Hauptcharaktere eine jüngere Schwester hat, konnte ich diese Liebe, die ich meiner kleinen Schwester gegenüber empfinde, nie wirklich nutzen. Auch diesen Zweck erfüllt das Kapitel. Tja, nur schade, dass die beiden biologisch betrachtet keine Geschwister sind... OxO
    Der Titel des Kapitels gefällt mir persönlich sehr gut, da es eine gewisse Doppeldeutigkeit hat. Denn während die drei am Anfang dachten, sie seien hier die Jäger des Phantoms, so wendet sich das Blatt doch sehr schnell gegen Ende hin, und man erkennt, dass sie in Wirklichkeit die ganze Zeit die Gejagten waren.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Cover]Kleio meldete sich bei mir, ich solle eine Stelle im Kapitel 27 wegen zu brutaler Schilderungen entschärfen. Hab ich gemacht. Hoffe, es is nu besser so... o0 Kann ich schlecht einschätzen. Mich schockt das irgendwie nicht x°D So als Autorin...


    Blabla, neues Kapitel unso. Nicht das beste, ich möchte fast sagen eines der langweiligsten, und NekoxShinzu muss erst mal warten. Dafür ist dieses Kapitel Auftakt zu wesentlich actionreicheren ^^


    ~ katsching!


    Edit: Und mal wieder habe ich einen Part vergessen... *schnellreineditier* Blöd, dass mir das so spät erst auffällt =/
    Und wo ich schon dabei bin: Die Kapitelkarte in meiner Sig sollte ich auch mal updaten xD[tab=Buchseiten]Metang Kapitel 29: Sehenden Auges


    Seijin strich die Karteikarte glatt, die er vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Nur zu gut konnte er sich daran erinnern, wie er das kleine Auge in eine der Ecken gekritzelt hatte. Das Zeichen der Seher. Nach dem, was Rido beobachtet hatte, und dem, was auf Batos Boot geschehen war, war sich Seijin sicher gewesen, dass Mizu über eine Form des Wahrsehens verfügte. Tetsu hatte ihm berichtet, dass der Lynoer im Wald eine Vision gehabt hatte. Nun war diese aber nicht aus der Zukunft, sondern der Gegenwart gewesen. Es war gewiss, dass Mizu diese Fähigkeit durch Tanhel hatte; aber ob er auch Kommendes vorhersehen konnte, darüber war sich Seijin noch nicht im Klaren.
    Aber das Auge bedeutete mittlerweile auch noch etwas anderes. Als ob er es damals schon geahnt hatte, hatte Seijin sich damit ermahnen wollen, ein Auge auf Mizu zu werfen. Aus dieser ganz besonderen anderen Angelegenheit, die den Lynoer betraf…
    „Was genau besagt die Vision?“, wollte Seijin schon zum gefühlten dreizehnten Male wissen – wahrscheinlich waren es noch viel mehr.
    Diesmal antwortete Xatu, der wie immer in seiner Ecke hinter dem Schreibtisch stand, nicht sofort, sondern setzte anders an: „Direkte Worte sind es nicht. Es ist Auslegungssache. Ich spüre, dass sich vom Schloss Namines aus Unheil zusammenbraut. Wieso denkst du die ganze Zeit, es müsse ein Angriff sein? Doch nicht etwa nur wegen dieser Akte?“
    Vor einigen Tagen hatte Seijin auf seinem Schreibtisch eine aufgeschlagene Akte gefunden, in der die geheimen Aktivitäten der stärksten Hauptquartiergruppe aufgelistet waren. Die Missionen, auf die diese Eliteeinheit, die aus jenen bestanden, die dem Hauptquartier schon längere Zeit unterstellt waren, geschickt wurde, hielt er stets unter Verschluss. Offiziell nahmen sie die gewöhnlichen Aufträge an, die auch die anderen Gruppen zu erfüllen hatten. Doch ihre Missionen waren ungleich wichtiger und gefährlicher. Oft gingen sie in direkten Konfrontationskurs mit den Königlichen Soldaten, weswegen die Geheimakte auch von taktischer Brisanz war.
    Aber Seijin glaubte nicht, dass es demjenigen, der die Dokumente liegengelassen hatte, um das Wissen ging, wann und wo diese Gruppe wieder gegen Soldaten vorging. Er war sich sicher, hier waren andere Informationen gesucht worden. Das Hauptquartier war für die Dauer, da seine stärksten Kämpfer nicht anwesend waren, verwundbarer als üblich. Jemand hatte herausfinden wollen, wie lange dieser Zustand andauern würde, um ihn sich zu Nutze zu machen.
    Jemand plante einen Angriff auf das Hauptquartier. Und Seijin kannte diese Person nur zu gut.
    An der Schublade, in der er die Akten normalerweise einsperrte, waren keine Spuren zu sehen gewesen, die darauf hingedeutet hätten, dass sie jemand aufgebrochen hätte – genauso wie im Übrigen auch sein Büro bei Nacht. Dieser Umstand untermauerte die Theorie des Rebellenanführers, wer sich der Informationen hatte habhaft werden wollen. Das Problem war nur, dass er sich nicht erklären konnte, warum der Spion die Akte hatte liegen lassen. Warum war es so wichtig, dass Seijin etwas argwöhnte? Wenn tatsächlich ein Angriff folgen sollte – und dessen war er sich durch Xatus Vision sicher –, konnte das kein geheimer mehr werden, jetzt, da er ihn erwartete.
    „Und überhaupt“, warf sein Erstpartner in seine Gedankengänge hinein, „wenn du mit allen deinen Vermutungen richtig liegst, wird er uns wohl kaum verraten, was er sehen wird.“
    Auch der Rebellenanführer hatte das bereits bedacht. Aber er war zuversichtlich, dass Mizu, sollte es tatsächlich einen Angriff geben, es ihnen zukommen lassen würde, unabhängig davon, ob er es in seiner Vision sah oder nicht. So würde er sein Werk, Seijin auf den Angriff aufmerksam zu machen, das er mit der offenliegenden Akte begonnen hatte, vollenden. Zudem wusste die Königin, dass die Verteidigungsvorkehrungen des Hauptquartiers zu ausgereift waren, um es auf einen Schlag zu vernichten, selbst wenn die Rebellen überraschend angegriffen werden sollten. Es wäre also müßig, den Angriff jetzt noch zu verschleiern.
    Doch darüber hinaus machte Seijin Mizus inneres Licht zu schaffen. Es war so unfassbar hell, dass sich daneben die Lichter anderer wie der Neumond neben dem Vollmond ausmachten. „Was auch immer er uns verrät“, hob Seijin an, „ich hoffe, dass er nicht der Spion ist. Für die Schwarze Rose, weil wir ansonsten bereits verloren haben. Und für ihn; denn eine solche Macht lässt sich nicht kontrollieren, sondern kontrolliert …“ Und dieser Macht würde niemand etwas entgegenzusetzen haben. Insofern hegte er auch wieder Zweifel an seiner Theorie: Warum sollte die Königin jemanden zu ihrem engsten Vertrauten und wichtigsten Spitzel machen, der mächtiger war als sie selbst? Wie sollte sie sich seines Gehorsams versichern? Vielleicht kannte sie nach all den Jahren einen Trick, irgendeine Illusion, die ihm vorgaukelte, dass er allein von ihrer Gunst abhängig war. Dafür sprach auch, dass er nicht hypnotisiert war: Sie war sich seiner Treue sicherer als der der Soldaten, die sie mit einem Wink zu töten vermochte.
    Welcher Hintergrund sich auch immer hinter Mizu verbergen mochte, so war eine Angelegenheit jetzt eindeutig dringlicher. Er wollte sich Klarheit darüber verschaffen, ob sein Hauptquartier wirklich in Gefahr war, oder ob er die Wahrheit in Xatus Vision an anderer Stelle suchen musste. Denn wenn ihm dies nicht gelang, wie sollte er dann eine Bedrohung höherer Größenordnung abwenden können?
    Seijin hob ruckartig den Kopf, als es an seiner Bürotür klopfte.


    „Was meinst du, warum Seijin dich zu sich berufen hat?“, fragte Neko und beobachtete Mizu aus dem Augenwinkel. Seine Miene verriet nicht, was er dachte, aber sie sah ihm an, dass auch er sich wunderte. Vor allem, dass ihr Anführer ausdrücklich verlange hatte, dass Tanhel ihn begleitete. Das Metallpokémon schwebte dicht neben seinem Menschenpartner her, sein blauer Panzer blitzte blendend im Sonnenlicht. Neko hatte bereits eine Ahnung, welches Anliegen Seijin hatte. Anders konnte sie sich nicht erklären, warum Lynoer und Pokémon bestellt worden waren.
    Mizu hatte sie darum gebeten, ihn ebenfalls zu begleiten. Auch auf ihre Frage, warum, hatte er keine Antwort gegeben, ebenso wie auf ihre letzte.
    So gingen sie schweigend nebeneinander her, bis sie Seijins Büro erreichten. Mizu klopfte an, und noch vor dem dritten Anstoß schwang die Tür nach innen auf. Die beiden traten in den Raum, Tanhel schwebte zwischen ihnen hindurch und verharrte vor ihnen.
    Neko hatte den Kopf der Rebellion, von dem aus all ihre Aktivitäten gesteuert wurden, noch nie von innen gesehen. Das Büro war ein nahezu quadratischer, steril gehaltener Raum mit weißen Wänden und Parkettboden, wodurch seine Ausmaße und die Umrisse seiner Innenausstattung auch dann noch erkennbar waren, wenn man, wie sie, von Sonnenlicht geblendet war. An der linken Wand stand ein Regal, das die ganze Höhe des Raumes in Anspruch nahm und von einem hellgrauen Tuch verhängt war. Daneben stand eine Kommode, auf der ein paar Gegenstände ausgestellt waren. Darüber schwang der Pendel einer hölzernen Zeigeruhr. Über allem war eine Leuchtstoffröhre an der Decke befestigt, wie sie sich zur Zeit in Namine immer weiter verbreiteten, und die wohl an derselben Stromleitung angeschlossen war wie die Wärmelampe im Stall des Heilerhauses. Das künstliche Licht war im Moment nicht vonnöten, da das große Ostfenster zu ihrer Rechten für die nötige Beleuchtung sorgte. Die weißen Wände verstärkten diesen Effekt zwar, jedoch schien die hintere rechte Raumecke in undurchdringliche Schatten gehüllt zu sein. Xatu stand dort im Dunkeln; die roten Augen auf seiner Brust glühten kurz auf.
    Vor ihm stand ein wuchtiger Arbeitstisch, der viel ordentlicher als der war, an dem Rido residierte. Ein großer Kalender mit dem aktuellen Monat diente als Unterlage, an manche Tage waren Notizen gesetzt. Zwei Karteikästen standen einer kleinen Sammlung Füller in den vorderen Ecken gegenüber. In einem Bürostuhl thronte Seijin, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, die Hände verschränkt, das Kinn auf die Daumen gelegt. Sein durchdringender Blick musterte die Besucher fast noch mehr durchschauend als die Katzenaugen seines Erstpartners. Dieser Effekt wurde durch sein schneeweißes Haar verstärkt, das im argen Kontrast zu seinen tiefschwarzen Augen stand.
    „Ich hatte dich gebeten, alleine zu kommen.“ Vor dem Schreibtisch stand nur ein Stuhl bereit.
    „Ich sollte Tanhel nicht zurücklassen“, erwiderte Mizu, ganz und gar nicht eingeschüchtert ob des tadelnden Tonfalls seines Anführers. „Sonst war von niemandem die Rede.“
    „Ganz genau“, bestätigte Seijin, Mizus Worte absichtlich anders auslegend als dieser. Er stand auf, der Stuhl knirschte über den Holzboden. Nun etwas freundlicher sagte er: „Neko, ich muss dich leider bitten, mein Büro zu verlassen.“ Die Angesprochene blickte unschlüssig zwischen dem dunkelblauhaarigen Lynoer und dem weißhaarigen Naminer hin und her. „Mach dir keine Sorgen“, meinte letzterer und wedelte beschwichtigend mit der Hand. „Wir werden ihm schon nichts tun.“ Die Chimäre hatte das Gefühl, dass der Rebellenanführer einen Scherz zu machen versuchte, aber irgendwie klang es nicht danach. Ganz so, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, dieses Versprechen zu brechen, sobald sie draußen war. Falls die Situation wie auch immer geartet eskalieren sollte, wäre sie zwar ohnehin keine Hilfe, aber sie wollte Mizu auch nicht einfach so alleine lassen.
    „Geh, Neko“, sagte nun auch der Lynoer, ohne sie dabei anzusehen. Sein Blick war auf Seijin geheftet. In seiner Stimme schwang ein Unterton mit, der sie seltsamerweise an eine Drohung denken ließ – die allerdings nicht an sie gerichtet war. Noch einmal sah sie jeden der beiden an, dann drehte sie sich um und gehorchte. Kaum, dass sie über die Schwelle getreten war, schlug die Tür hinter ihr zu, und ein verräterisches Klicken erklang. Seufzend ließ Neko sich auf die Bank daneben sinken.
    Seijin hatte nur gesagt, sie solle sein Büro verlassen.


    „Mizu, du weißt, warum ich wollte, dass du mit Tanhel herkommst?“ Seijin nahm wieder Platz und bedeutete auch ihm, sich zu setzen.
    Mizu blieb, wo er war. „Ich ahne es“, antwortete er wahrheitsgemäß, sagte aber nichts weiter. Auf keinen Fall würde er dieses Gespräch und das, was daraus resultieren mochte, vorantreiben. Das überließ er dem Anführer.
    „Du verfügst über eine Gabe, Mizu“, eröffnete Seijin nur, was er bereits wusste. Er war sich im Klaren, wie schlecht dieser Satz formuliert war. Das mochte so klingen, als hätten sie ihn als den enttarnt, für den sie ihn hielten – den Spion der Königin mit übermenschlichen Fähigkeiten.
    „Nein“, widersprach der Lynoer, „ich verfüge nicht über sie.“
    „Nun, das stimmt wohl“, gab Seijin zu. „Deine Visionen kommen und gehen, wie sie wollen. Es gibt viele Menschen, die Seherfähigkeiten besitzen, weit mehr, als man glauben mag. Die meisten erfahren nie etwas über ihre Gabe, viele andere halten sie geheim. Die Deine ist die, die von allen Arten des Wahrsehens am seltensten entdeckt wird.“ Seijin beugte sich leicht vor, stützte die Ellenbogen wieder auf den Tisch und den Kopf auf die Hände. „Zum Einen braucht ein Mensch mit einer solchen Fähigkeit ein Partnerpokémon vom Typ Psycho. Zum Anderen muss er dessen Auge berühren, um unter Umständen, die bei jeder Vision anders sind, eine solche zu empfangen. Nur berührt man das Auge eines Pokémon nicht mal nebenbei, und bei nur sehr wenigen Psychopokémon ist es so unempfindlich wie bei Tanhel.“
    Der Anführer schwieg eine Weile und musterte Mizu. Ob es klappen würde?
    „Xatu plagt seit einigen Tagen ein schlechtes Gefühl“, fuhr er fort und deutete beiläufig hinter sich. „Eine Gefahr zieht auf – wir wissen, wo sie ihr Zentrum hat oder haben wird, aber nicht, von wem sie kommt und gegen wen sie sich richtet. Entweder vom Königsheer gegen uns oder anders herum. Da ich dir aber mit Gewissheit sagen kann, dass ich nichts dergleichen gegen Namine plane, bleibt nur die andere Option.“
    Mizu sah ihn noch immer unverwandt an, wurde aber hellhörig. Nun trat er doch an den Tisch und setzte sich.
    „Deine Visionen kamen bislang von selbst und ohne Vorwarnung.“ Seijin nahm etwas vom Tisch und ließ es ungesehen unter der Platte verschwinden. Mizu beobachtete die Bewegung. „Aber mithilfe der telepathischen Verbindung, die alle Psychopokémon auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpft, könnten wir eine Vision provozieren. Wenn Xatu Tanhel mit aller Konzentration seine Vorahnung übermittelt, könnte das die Vorhersehung sogar in die gewünschte Richtung lenken.“ Und selbst wenn das nicht gelingen sollte wie geplant, dachte Seijin für sich, wirst du es uns trotzdem verraten, damit wir uns auf einen Angriff vorbereiten können – aus welchem Grund auch immer sie das will.
    „Ein Versuch ist es wert“, meinte Mizu nur. Augenblicklich kam Xatu herbei und stellte sich zu Tanhel, dem es schwer fiel, den Psychoadler mit der Linse genau zu fokussieren. Seine Linse war trüb wie dürftig verdünnte Mich, und es konnte kaum noch etwas sehen. Dennoch hielt es starr Augenkontakt mit Xatu, dessen eigene Augen blau aufglühten. Mizu hatte erwartet, irgendetwas zu spüren von dem, was mental zwischen den beiden Psychopokémon vorging. Dass ihn eine Gänsehaut überkam, dass er Stimmen vernehmen würde. Doch das einzige, das sich von der stummen Zwiesprache zeigte, war ein winziger blauer Funke in Tanhels trübem Glasauge.
    Schließlich brach Xatu die Übertragung ab. Zunächst hing Tanhel noch weiter reglos in der Luft, dann drehte es sich so plötzlich zu seinem Menschenpartner um, dass es fast dessen Kopf gerammt hätte. Die Glaskugel war mit jeder Vision, die es Mizu übermittelt hatte, immer milchiger geworden und mittlerweile fast ganz weiß. Das Rot der Iris war nur noch undeutlich zu erahnen. Der blaue, glühende Punkt von zuvor war allerdings deutlich zu erkennen. Er verblasste bereits. Wenn Mizu das Auge nicht gleich berührte, würde das Licht vergehen, wahrscheinlich rettungslos.
    Doch Tanhel würde nach dieser Vision, wenn Mizu sie empfing, gewiss gänzlich erblinden. Außerdem hatte auch Mizus eigenes Wohl jedes Mal mehr gelitten: Während er am Anfang noch ein leichtes, kaum nennenswertes Unbehagen empfunden hatte – bei jener ersten Vision, in der er Neko fast von der Brücke hatte stürzen sehen –, hatten ihn bei seiner letzten Vision furchtbare Kopfschmerzen überrollt – im Großen Wald, als er das Nest der Nidoqueen gefunden hatte. Wie schlimm würde es jetzt wohl werden?
    Seine Entscheidung, die Glaskugel zu berühren oder nicht, entschied auch darüber, wie erfolgreich die Rebellen des Hauptquartiers den Angriff würden abwehren können auf der einen Seite, oder auf der anderen über Tanhels verbliebenes Augenlicht und seine eigene körperliche Unversehrtheit.
    Mizu hob die Hand.


    Nicht den Bruchteil einer Sekunde, nachdem Mizu zu schreien anfing, war Neko aufgesprungen. Nur ein Gedanke später war sie herumgewirbelt und stand direkt vor der Bürotür. So schnell, wie sie sich bewegt hatte, war ihre Wahrnehmung kaum hinterher gekommen und hinkte noch nach. Erst, als sie die Hand auf die Türklinke legte, registrierte sie Mizus infernalisches Schreien, das länger anzuhalten schien, als Luft in zwei Lungenflügel passte. Sie drückte die Klinke runter, doch die Tür ließ sich nicht öffnen, auch wenn sie mit ganzer Kraft daran rüttelte.
    „Mizu!“, rief Neko aus vollem Halse, ungeachtet der Schaulustigen, die sich allmählich einfanden. Immer wieder schrie sie seinen Namen, hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. Mizus Schmerzenslaute hielten noch immer an, als wolle er sich die Seele aus dem Leib brüllen. Neko schlug immer fester zu, bis sie gar versuchte, die Tür mit dem Oberkörper einzurammen. Doch mehr als pochenden Schmerz in der Schulter handelte sie sich dadurch nicht ein. „Mizu …“ Nekos Stimme war nur noch ein Flüstern, und sie gab ihre vergeblichen Versuche auf.
    Da wurde Mizus Schreien wieder lauter, und in ihr wurde eine Saite zum Klingen gebracht. Entschlossenheit durchströmte sie, und sie trat einen Schritt zurück, holte Anlauf. Sie legte all ihre Kraft in einen Sprung, schleuderte sich mit Wucht gegen die Tür. Der Schlag raubte ihr den Atem, kugelte ihr fast den Arm aus. Doch er verfehlte nicht seine erzielte Wirkung: Die Tür knirschte mitleiderregend und krachte nach innen auf.
    „Mizu!“, rief Neko erneut, noch bevor sie richtig hereingestolpert kam und sah, was im Büro los war: Seijin saß, sehr zu ihrem Entsetzen, ebenso seelenruhig und unbeteiligt an seinem Schreibtisch, wie sich sein Erstpartner wieder in seine dunkle Ecke zurückgezogen hatte. Mizu und Tanhel lagen am Boden, der Stuhl, der für den Lynoer bereitgestanden hatte, war umgekippt. Sofort war Neko an der Seite ihres Freundes, zögerte aber. Plötzlich wusste sie nicht mehr, was zu tun war.
    Mizu schrie noch immer wie am Spieß, lag in Embryonalhaltung vor ihr und presste die Hände gegen den Kopf. Das Meiste, was er aus sich herausbrüllte, war unverständlich, doch Neko hörte immer wieder „Nein, Vater“ und „Tu es nicht“ heraus. Was zeigte ihm die Vision, dass es ihn derart quälte?
    „Tu etwas!“, forderte sie Seijin heftig auf, der nach wie vor mit grimmiger Miene zu ihnen herabblickte. „Bitte!“ Tränen verschleierten allmählich Nekos Blick.
    „Wir können ihm nicht helfen.“ Xatus ganz sachliche Bemerkung drang an ihre Ohren, als stünde der Psychoadler genau neben ihr. Selbst Mizus Klagen übertönte er, obwohl er nicht sehr laut gesprochen hatte. Vielleicht ein Kniff, resultierend aus seinen telekinetischen Fähigkeiten.
    Neko sah zu Tanhel rüber. Das Auge des Metallpokémon war tiefschwarz, als sei es nicht aus Glas, sondern Obsidian. Gerade als sie glaubte, Mizu werde sich jetzt in den Tod brüllen, glomm in Tanhels Auge ein weißes Licht auf. Es verbreitete sich rasch und erstrahlte so hell, dass Neko den Blick abwenden musste. Mizu verstummte und riss die Augen auf. Sein Blick war völlig irre, die Pupillen weniger als stecknadelkopfgroße schwarze Punkte. Neko ahnte, dass er sie nicht sah, dass er gar nichts um sich herum wahrnahm.
    Das blendende Licht, das von Tanhel ausging, erlosch endlich. Neko sah auf und schrak unwillkürlich zurück, als sie nicht wie erwartet Tanhel, sondern ein Metang vor sich schweben sah. Das Pokémon hatte die Augen weit offen und blinzelte, sah sich überrascht im Büro um. Wahrscheinlich hatte es noch nie so klar gesehen, wie es ihm jetzt möglich war. Wieder wandte Neko ihre Aufmerksamkeit an Mizu. Der Lynoer war ohnmächtig geworden.
    „Was ist passiert, ist jemand verletzt?“ Am Eingang zum Büro des Anführers hatten sich einige Rebellen versammelt. Eine Heilerin trat vor und blickte besorgt ins Innere des Hauptgebäudes. Xatu ließ augenblicklich die Tür ihnen allen vor der Nase zuknallen.
    Nun kam endlich auch Mizu wieder zu sich. Neko half ihm, sich zu setzen, und stützte ihn, als er wieder hinzufallen drohte. Vor Schmerzen stöhnend hielt er sich den Kopf. Seijin trat zu ihnen und ließ sich in die Hocke sinken. Er reichte Mizu ein Glas Wasser, aus dem dieser aber nur einen kleinen Schluck nahm. Ihm schien übel zu sein, so bleich war er im Gesicht.
    „Mizu, was hast du gesehen?“, fragte der Rebellenanführer ihn direkt. Als der Lynoer nicht antwortete, packte er ihn grob an den Schultern und schüttelte ihn unsanft, was Neko mit einem Blick zwischen ungläubigem Entsetzen und sprachloser Verachtung quittierte. „Verdammt, antworte, Junge!“
    Endlich klärte sich Mizus Blick, seine Augen fanden wieder Halt an seiner Umwelt. Als er sprach, war seine Stimme unerwartet fest: „Sie kommen.“
    Seijin stand wieder auf und sah auf Mizu herab. „Gut. Du solltest dich jetzt unbedingt ausruhen. Es gibt das Eine oder Andere, das ich dich diesbezüglich noch fragen muss. Aber erhole dich erst einmal.“ Für Neko sprachen die beiden in Rätseln, aber sie ahnte, dass sie auf irgendwelche Fragen in dieser Hinsicht keine Antworten erhalten würde.
    Sie und Metang halfen Mizu, aufzustehen und zur Tür zu wanken. Draußen waren mittlerweile noch mehr Schaulustige zusammengekommen, auch die Heilerin war noch da. Sogleich kam sie herbei und bot ihre Hilfe an, doch Mizu winkte ab. „Mir geht es gut“, log er nicht gerade überzeugend. „Ich muss nur schlafen …“ Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen, ganz so, als sei er bereits auf dem Weg ins Reich der Träume – oder als sei er nach seiner Vision gar nicht richtig von dort zurückgekehrt. Neko und Metang brachten ihn, seinem Wunsch entsprechend und sich den Forderungen der Heilerin widersetzend, zum Wohngebäude ihrer Gruppe. Auch aus ihrem Team waren ein paar Mitglieder anwesend, und obwohl sie sanft und bestimmend auf sie einredeten, nahm Neko sie nicht so recht wahr. Auch dann nicht, als sie ihr halfen, Mizu die Treppen hoch und in den Schlafraum zu verfrachten und zur Ruhe zu legen. Kaum dass er das Bett berührte, schlief er auch schon ein, als sei er seit Wochen, nein, Jahren nicht mehr dazu gekommen.
    Was, bei allen Göttern, hatte er nur gesehen, das ihn so fertig machte?


    In der Nacht desselben Tages …
    Sie konnte wieder einmal nicht schlafen. Nachdem heutigen Tag war das sowieso schwer möglich. Die Aufregung, die im Hauptquartier geherrscht hatte, hatte sich auch auf sie niedergeschlagen und ließ ihr keine Ruhe. Dabei wusste sie nicht einmal genau, warum die anderen Rebellen so einen Radau veranstaltet hatten. Ihr war nur der Massenauflauf aufgefallen, der sich um Seijins Büro versammelt hatte. Auch, als sie nachgefragt hatte, hatte ihr niemand genaue Auskunft geben können. Es hieß, jemand sei innerhalb des Gebäudes zusammengebrochen, doch die Tür ließ sich nicht öffnen.
    Ihr war das alles zu blöd gewesen, und sie hatte auch nicht als Gafferin dastehen wollen, die nur Maulaffen feilzubieten hatte. Also hatte sie sich vom Trubel entfernt und nur später festgestellt, dass die Versammelten sich aufgelöst hatten.
    Nun war sie doch neugierig, was den Tumult verursacht hatte, aber sie wusste nicht, wen sie fragen sollte. Vielleicht würde sie das noch aus dem Tratsch der Rebellinnen und ihrer Teamkameradinnen hören.
    Um sich abzulenken und die Unruhe in sich zu dämpfen, drehte sie sich auf die Seite und sah aus dem Fenster. Sie wünschte sich, ihr Partnerpokémon wäre dort auf der Wiese und würde sie mit seiner bloßen Anwesenheit besänftigen. Doch es war unüblich, dass sich die Pokémon der Rebellen innerhalb des Waldrings aufhielten. Es wäre zwar genug Platz für alle, auch die Nacht auf der Wiese zu verbringen, aber so viele unterschiedliche Typen und Entwicklungsstufen, gepaart mit natürlichem Kampftrieb, führten fast zwangsläufig zu Konflikten. So lebten die Partner der Hauptquartiersrebellen außerhalb in der Nähe; im Randgebiet zu den Ruinen oder auch auf den umliegenden Wiesen und Weiden.
    Und trotzdem sah sie plötzlich eine Bewegung unter ihrem Fenster in der sonst regungslosen Nacht. Wie zu erwarten, war es kein Pokémon, sondern ein Mensch. Wahrscheinlich ein Mitglied eines anderen Teams, das eine gewisse Notdurft verrichten musste. Zumindest hatte sie niemanden den Flur runtergehen gehört, also konnte sie ausschließen, dass es jemand aus ihrer Gruppe war.
    Doch dann stutzte sie. Ihr Fenster deutete nach Norden – das wusste sie, weil mittags aus dem gegenüberliegenden Fenster die Sonne hereinschien und sie immer die Klappläden schließen mussten, wenn sich im Schlafraum nicht die Sommerhitze festsetzen sollte. Doch nördlich ihres Gruppenwohnhauses gab es keine weiteren mehr. Warum sollte jemand aus einem anderen Team diesen Umweg gehen? Und nicht nur das: Das Badehaus lag südwestlich ihres Wohnhauses – aber der unbekannte ging schnurstracks nach Westen. Selbst wenn dieser es vorzog, sein Geschäft unter freiem Himmel oder im Wald zu verrichten, gab es dennoch keinen Grund, gerade diese Richtung einzuschlagen.
    Nach Westen, wo Namine lag.
    Sie setzte sich vorsichtig auf, um sich nicht den Kopf am oberen Stockbett zu stoßen, und spähte aus dem Fenster. In ihrer ersten Nacht im Hauptquartier hatte sie jemanden beobachtet – jemanden aus ihrem Team, wie er nach Namine fortgeschlichen war. Jetzt, da sie genau hinsah, erkannte sie ihn auch. Es war niemand aus einer anderen Gruppe, wie sie eben geglaubt hatte, sondern jener Heimlichtuer aus der ersten Nacht!
    Sie ballte die Hände zu Fäusten. Wie dreist, sich nachts herumzuschleichen, wo sie doch alle genau wussten, mit welchem Misstrauen das hier behandelt wurde. Selbst, wenn man das Hauptquartier tagsüber verlassen wollte, musste man sich zuerst bei Seijin abmelden. In den ersten Tagen hatte sie das selbst als störend empfunden und sich in ihrer Freiheit eingeschränkt gefühlt. Aber mittlerweile verstand sie, wie wichtig es für das Hauptquartier war, seine Angestellten zu bewachen, um Verrat zu vermeiden. Es war nicht so, dass die Rebellen im Waldring gefangen gehalten wurden, da sie schließlich gehen konnten, wohin sie wollten, solange wenigstens ihr Anführer darüber im Bilde war.
    Sie musste zu Seijin und ihm berichten, dass sich ein Verräter direkt unter seiner Nase herumtrieb, dem er nicht länger trauen durfte. Besonders wichtig war es natürlich auch, ihm zu sagen, um wen es sich dabei handelte.
    Doch sie wurde in ihrem Enthusiasmus gebremst, als ihr plötzlich ein ungeheuerlicher Gedanke durch den Kopf schoss: Was, wenn Seijin längst von ihm wusste? Es gab doch kaum etwas im Hauptquartier, wovon der Rebellenanführer und dessen Erstpartner Xatu nicht bescheid wussten. So etwas Großes konnten sie wohl kaum übersehen haben. Ob Seijin nichts gegen den Verräter unternahm, weil er mit diesem kooperierte? Keiner kannte Seijins genaue Vergangenheit; war er vielleicht ein Spion des königs, der es zum Posten des Anführers gebracht hatte, um die Rebellion zu untergraben und zu zerschlagen? Waren vielleicht sogar auch noch weitere Rebellen in dieses Komplott verstrickt?
    Vielleicht steigerte sie sich zu sehr hinein in diese wilden Spekulationen, doch ihr wollte keine andere Erklärung für all diese Ungereimtheiten einfallen. Trotzdem, sie musste mit jemandem über diese Angelegenheit sprechen und ihm zeigen, wie der Verräter herumschlich.
    Es wurde wohl Zeit, dass sie ihren Bruder zu Rate zog.


    „Hast du den Hoothoot aufgetragen, die Lichtung zu beobachten?“, wollte Seijin wissen und spielte nervös mit einem Stift herum. Das weiße Emblem einer Rosenblüte aus Keiffel-Elfenbein blitzte schwach im kalten Mondschein, der durchs Fenster fiel. Er wagte es nicht, sein Büro zu erhellen. Nicht diese Nacht …
    „Natürlich“, bestätigte Xatu. „Aber mir ist noch immer nicht klar, was du damit bezweckst“, fuhr der grüne Psychoadler fort. „Selbst wenn du die genaue Identität des Spions heute noch erfährst, was bringt es dir? Und warum ausgerechnet heute?“
    Der Rebellenanführer tippte nun langsamer mit dem Stift auf die Schreibtischplatte. Was war nur los mit ihm? So aufgekratzt war er normalerweise nicht, egal, wie verzwickt eine Situation war. Er wusste, wen auch immer die Königin im Hauptquartier eingeschleust hatte, dieser Spion würde heute gewiss das Schloss aufsuchen, um Bericht zu erstatten, dass sie nun davon wussten. Selbst wenn es doch nicht Mizu war und er ihnen seine Vision nicht bemerkenswert meisterlich vorgespielt hatte, hatten die anderen Rebellen davon erfahren, damit also auch ganz sicher der Spion – dafür hatte Seijin gesorgt. Ob sich sein Verdacht heute bestätigte oder nicht, war nicht von Belang. Tatsache aber war, dass der Spitzel seiner Herrin durchgeben würde, dass das Hauptquartier von dem bevorstehenden Angriff bescheid wusste, dass sie sich rüsteten. Wenn er zurückkam, würde er erwartet werden.
    Und genau hierin lag das Problem: Wie würde der Spion reagieren, wenn er sich enttarnt sah? Würde er weiterhin die Fassade wahren oder alle Mitglieder des Hauptquartiers töten, damit seine Identität auf jeden Fall sicher war? Er hatte schon Kisho grausam ermordet; Seijin durfte unter keinen Umständen riskieren, dass ihm noch weitere Rebellen zum Opfer fielen – selbst wenn er dafür in Kauf nehmen musste, weiter ausspioniert zu werden. Andererseits war er zuversichtlich, dass jener drastische Schritt vonseiten des Spions nicht erfolgen würde. Sie war viel zu vorsichtig und wusste, dass es mit der Auslöschung des Hauptquartiers noch lange nicht getan war, die Schwarze Rose zu zerschlagen. Und ohne Hauptquartier hatte sie keine Basis, von der sie ihre wichtigsten Informationen erhalten konnte. Sicher hatte sie Vorkehrungen getroffen, damit ihr Spion hier nicht wüten würde.
    „Das wirst du noch sehen“, meinte Seijin kryptisch als Antwort zu Xatus Frage und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
    Die Sekunden verstrichen wie Stunden, und das Warten dehnte sich zu einer Ewigkeit. Hatte Seijin sich vielleicht doch geirrt? Würde der Maulwurf doch nicht gehen, der Königin seine Informationen weitergeben?
    Gerade, als er dachte, es würde sich nichts mehr tun, klopfte etwas in hektischem Taktschlag ans Fenster. Sofort sprang Seijin auf, schlug sich wie ein Idiot das Knie am Schreibtisch an und hastete zum Fenster. Bevor er den Riegel zurückschieben konnte, öffnete sich das Fenster wie von selbst, als Xatu seine telekinetischen Kräfte darauf anwandte. Sogleich landete ein Hoothoot ungeschickt auf dem unteren Fensterrahmen und schüttelte sein Gefieder. Es stieß einige seiner charakteristischen Gurrlaute aus, unterstrich seinen Bericht mit Flügel- und Schwanzbewegungen und entfernte sich danach wieder in die Nacht hinaus. Seijin schloss das Fenster wieder vor der kalten Luft, die ins Zimmer hereinwehte, und wandte sich an Xatu.
    „Es hat gesagt, es hätte etwas gesehen“, übersetzte der Psychoadler die minimalistische Lautfolge der kugelförmigen Eulenpokémon. Damit ließ sich natürlich noch nicht viel anfangen.
    „Hat es den Spion gesehen?“, wollte Seijin genauer wissen.
    „Nicht direkt. Es hat sich recht mehrdeutig dazu geäußert… Es meinte, die Nacht habe sich mit ihm verbunden und ihn dadurch geschützt. Jedenfalls war das Einzige, was von ihm sichtbar war, wie die Tür des Hauses seiner Gruppe sich geöffnet hat. Ich kann aber nicht sagen, ob das auch wirklich Tetsus war.“
    „Nach der sonstigen Beschreibung möchte ich das schon behaupten“, gab Seijin zu, der eine Ahnung hatte, warum das Hoothoot den zu Observierenden nicht richtig gesehen hatte. Aber auf keinen Fall würde er sich von diesem Verdacht in die Irre führen lassen. Es war gut möglich, dass er sich in allem täuschte, und der Spion nicht einmal in der Gruppe des Gotela war.
    „Und was gedenkst du nun zu unternehmen?“, fragte Xatu. „Ihm hinterherlaufen? Wenn das, was du über sein inneres Licht gesagt hast, stimmt, wird nicht einmal ein Ninjask ihn noch einholen können.“
    Seijin verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, das nicht. Wie viele deiner Freunde kannst du in den nächsten ein bis zwei Stunden herbestellen?“
    Selbst seinem unmenschlichen Adlergesicht sah man an, dass Xatu von dieser Frage überrascht war. „Kommt darauf an. Wie viele sollen es denn sein?“
    „So viele wie möglich“, erwiderte der Rebellenanführer und unterbreitete seinem Erstpartner seinen Plan.


    Ein bis zwei Stunden später …
    Das Ruinenfeld flog nur so an ihm vorbei, als der Spion zum Hauptquartier zurückkehrte. Die Nacht schlug ihm als kalter, schneidender Gegenwind entgegen, dessen scharfer Biss er kaum wahrnahm und sogar genoss. Die Geschwindigkeit verlieh ihm ein Gefühl der absoluten Freiheit, zu tun, was er wollte, ja selbst seine üblichen Hemmungen wurden hinfort gerissen. Andererseits kam er sich dabei auch so vor, als würde er vor etwas davonlaufen, doch genau das wollte er nicht. Hindernisse räumte er so weit wie möglich aus dem Weg und umging sie nicht.
    Jetzt, da die Königin wusste, dass sich die Rebellen für den Angriff wappneten, bezweifelte er, dass sie ihn doch noch abblasen würde. Sie benötigte Informationen über die aktuellen Verteidigungsmaßnahmen, die er selbst ihr nicht beschaffen konnte. Außerdem gedachte sie eine neue Waffe auszuprobieren, die sie ihm nicht näher erläutert hatte. Insofern kam es ihr vielleicht sogar zugute, dass die Rebellen von dem baldigen Sturm auf ihr Hauptquartier wussten. Alles, was sie morgen dadurch erfuhr, würde sie für jenen letzten Schlag gegen die Schwarze Rose anwenden können.
    Der Prinz war auf seiner höchsten Geschwindigkeit, als er abrupt eine Vollbremsung hinlegte. Erde spritzte zu allen Seiten auf, wo er eine meterlange Bremsspur hinterließ, und sprühte als dreckig brauner Regen herab. Nur heftig mit den Armen rudernd schaffte er es, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und warf einen Blick zurück. Wäre er nicht unsichtbar gewesen und damit auch nicht zum Teil unverwundbar, hätte ihm die Reibungshitze die Fußsohlen verbrannt. Misstrauisch die Augen zusammengekniffen, blickte er sich um. Bevor er es überhaupt selbst gemerkt hatte, war er unbewusst aus irgendeinem Grund stehen geblieben. Doch warum?
    Er stand direkt vor dem Waldring, der das Hauptquartier umschloss, war benetzt von den finsteren Schatten, die unter den dichten Kronen hingen, roch den würzigen Duft verschiedenster Pflanzen. Es war so unheimlich still, dass er glaubte, das Rieseln der Erdkrumen zu hören, die er aufgewirbelt hatte und die noch nicht ganz wieder zur Ruhe gekommen waren.
    „Mach dich sichtbar“, tönte plötzlich eine Stimme vor ihm aus dem Unterholz. Rote Augen leichteten in der Finsternis unter den Baumkronen auf, und das Wesen trat näher.
    Der Prinz nahm keine Abwehrhaltung ein, wie er es wohl getan hätte, wenn er bereits sichtbar gewesen wäre. Woher sollte der Sprecher auch schon wissen, ob der noch hier stand? Er könnte, nachdem die Bremsfurche seinen Standort kurzzeitig verraten hatte, schon längst wieder fortgegangen sein, ohne, dass der andere das bemerkt hätte. Nicht einmal sein Atmen war durch die Tarnung zu hören. Es musste so scheinen, als sei die Nacht mit ihm verschmolzen.
    „Es ist sinnlos, sich noch weiter zu verbergen“, sagte der Unbekannte im Wald jetzt und trat ins Mondlicht, wie um seinen Worten mehr Bedeutung zu verleihen. Er war nicht sonderlich überrascht, sich Xatu gegenüber zu sehen. Der Erstpartner des Rebellenanführers und seine nichtmenschlichen Sinne waren extrem gefährlich, das war dem Prinzen schon bei seinem ersten Tag im Hauptquartier klar geworden. „Ich kann dich sehen“, behauptete der Psychoadler, wie um diesen Gedanken zu untermauern, und das Leuchten der Katzenaugen auf seiner Brust wurde intensiver. Trotzdem, was er von dem Spion auf diese Weise sehen mochte, war nicht mehr als ein Schemen, dafür sorgte die Tarnung. So konnte das Pokémon nicht erfahren, wer er wirklich war.
    „Und wage es nicht, mich anzugreifen“, warnte Xatu bedrohlich und schloss die normalen Augen. Die Katzenaugen glühten noch immer. „In diesem Wald sitzt gerade eine Hundertschaft Vogelpokémon; nicht die üblichen Hoothoot, die für die Überwachung zuständig sind. Solltest du versuchen, zu entkommen oder mich anzugreifen, werden sie sich auf dich stürzen. Und ich bin mir sicher: Nicht einmal du könntest sie alle schnell genug abwehren, ehe sie dich zerhacken. Also lass deine Maske fallen und stelle dich!“
    Der Prinz reagierte nicht auf die Forderung, sondern ließ den Blick unbeeindruckt durch die Baumwipfel schweifen. Xatus Armee war außerordentlich gut versteckt, das musste er ihm eingestehen, doch als er seine Sicht mit Wunderauge verstärkte, vermochte er auch durch das dichte Laubwerk zu spähen. Zumindest hatte Xatu nicht gepokert, was die Vogelpokémon betraf: Die Äste der Bäume bogen sich unter dem Gewicht von sogar mehr als hundert von ihnen. Washakwil, Schwalboss, Starawia, Tauboss, Ibitak, Noctuh, Togekiss, Panzaeron, … alles, was unter den Vogelpokémon Rang und Namen hatte, hockte wachsam dort oben und wartete nur auf ein Signal zum Angriff. Selbst er musste zugeben, dass er gegen sie alle unmöglich bestehen konnte, sollten sie alle gleichzeitig versuchen, ihn auszuschalten. Xatu hatte ihn in eine ausgefuchste Fall gelockt, aus der er scheinbar nicht entkommen konnte.
    Scheinbar.
    Wenn Xatu erwartete, er würde seine Identität einfach so preisgeben, nur weil er mit dem Rücken zur Wand stand, musste der Psychoadler noch eine Menge über ihn lernen. Jedenfalls würde der Prinz seine Aufgabe als Spion und damit alles, was von der Gunst der Königin abhing, nicht leichtfertig gefährden, indem er sich jetzt offenbarte. Nein, er würde dieser Falle entkommen und wusste auch bereits, wie er das anstellen konnte.
    Ein kurzer Gedanke reichte aus, einen Funken aus seinem inneren Licht zu ziehen, den er zu Doppelteam umformte. Von seiner unsichtbaren Position aus löste sich eine Kopie von ihm. Obwohl er die Fertigkeit besaß, ihn fast perfekt aussehen zu lassen, gab er seinem Klon nur das Nötigste: Eine menschliche Gestalt, nichtssagende, undefinierbare Gesichtszüge, schlichte Kleidung. Aus diesem Hologramm ließ sich nicht ableiten, wie das Original aussah, und das war auch gut so.
    „Nettes Kunststück“, kommentierte Xatu spöttisch. „Ich weiß, dass du das nicht bist!“
    Du nicht, erwiderte der Spion in Gedanken und schickte seine Projektion auf die Reise. Die Bewegungen der Kopie wirkten steif und abgehackt, als hätte sie kaum brauchbare Gelenke, als sie auf Xatu zusprang und ihn angriff. Natürlich waren diese Attacken absolut harmlos für den Psychoadler, aber wenn seine Leibwächter darauf hereinfielen, hatte der Klon seinen Zweck erfüllt. Und tatsächlich: Die Vogelpokémon schluckten den Köder, waren doch so ziemlich alle von ihnen nicht in der Lage, den Unsichtbaren zu sehen und somit von der Fälschung zu unterscheiden. So hielten sie diese für denjenigen, den sie daran hindern sollten, Xatu anzugreifen, und ließen sich aus den Ästen auf die vermeintlichen Widersacher fallen. Xatu stieß fordernde Adlerrufe aus, befahl seinen Kameraden wahrscheinlich, nicht zur Verteidigung überzugehen. Doch es war bereits zu spät: In dem Durcheinander aus Federn, Flügeln und Schnäbeln und dem undurchdringlichen Schnarren unterschiedlichster Vogellaute gingen Xatus Anweisungen unter. Zudem kam dadurch noch ein weiterer Vorteil für den Prinzen hinzu: Durch das Chaos war es dem grünen Psychoadler unmöglich, ihn direkt zu sehen und ihn vielleicht zu verfolgen.
    So entkamt der Spion ohne weitere Schwierigkeiten und ohne, dass ihn diese Nacht noch jemand sah.


    Als alle Anspannung von ihm wich, ließ Seijin sich in seinen Bürostuhl fallen. Nachdem das Vogelkreischen erklungen war, das von dem ziellosen Kampf zeugte und durch den Wald glücklicherweise nur gedämpft ins Hauptquartier geströmt war, hatte er nur noch gezittert. Zu ungewiss war das Ergebnis, das sein halsbrecherischer Plan hervorgebracht hatte. Er sorgte sich um seinen Erstpartner, wie er noch nie Angst um jemanden gehabt hatte, und konnte nur beten, dass der Spion dem Psychoadler nichts angetan hatte. Auch wenn er so viele Vogelpokémon im Rücken gehabt hatte, war der Macht, über die der Spion verfügte, ungefähr so viel entgegenzusetzen wie einer zu Fleisch gewordenen Naturgewalt.
    Doch nun war Xatu in der Tür erschienen. Obwohl sein Gefieder völlig zerzaust und zerwühlt war, war er unverletzt. Sie mochten zwar noch immer nicht wissen, wer das Hauptquartier unter ihrer Nase untergrub, aber wenigstens war nichts weiter geschehen.
    Oder würde noch etwas kommen? Jetzt, da der Spion – Mizu oder wer immer er nun auch sein mochte – im Bilde war, dass sie von ihm wussten, schwebte insbesondere über dem Psychoadler, aber auch ganz allgemein über dem Hauptquartier ein bedrohlicher Schatten. Das Einzige, was ihnen zu tun blieb, um ihn zu vertreiben, war, den Spitzel zu enttarnen. Wenn er in seiner Mission erst einmal gescheitert war, würde er höchstwahrscheinlich abziehen – oder aber jeden Mitwisser töten. Was er tun würde, davon war Seijin überzeugt, war abhängig von den Befehlen, die der Spion von seiner Herrin erhalten hatte. Doch wenn diese lauten sollten, das Innere des Waldrings dem Erdboden gleich zu machen, hätte ihr Informant das schon lange tun können.
    Wie man es auch drehte und wendete, irgendwie mussten sie die Identität des Spions herausfinden, und zwar am besten so, dass er es selbst nicht bemerkte. Dann hätten sie schon eine Menge gewonnen.
    Wütend schlug Seijin mit der flachen Hand auf den Tisch. Doch wie war diesem Geheimnis beizukommen? Wie nur?![tab=Rückseite]Mein erstes Kapitel in meinem siebten Jahr im BB! <3 Am 13. November war Jahrestag. Damit bin ich fast ein Drittel meines Lebens hier angemeldet. Wollte ich nur mal so sagen xD[/tabmenu]

  • [tabmenu]
    [tab='Vorwort','http://www.greenchu.de/sprites/icons/025.png']
    Fuh, lang ists her, hm? Dafür kriegst du einen super-mega-Nachholkommi x3
    Ich will die entsprechenden Kapitel(teile) mal verlinken, dann ist das vll übersichtlicher.



    [tab=Anhang K. 25]
    [subtab=Positives]
    Carbographie
    Interessant, wenn auch sehr "klassisch" der älteren Photographie entlehnt. Auch erklärst du diese Technik sehr gut, sodass man sich gut vorstellen kann, wie das ganze abläuft und nicht mit vielen unnötigen Fragezeichen zurückgelassen wird. Die Beschreibungen sind auch sehr detailliert, was in diesem Fall aber nicht stört, weil die Erklärungen gut in die Handlung eingebettet sind. Auch gut ist, dass die Bilder keine Farbe aufweisen. Zum einen wirkt das authentischer (zumal wenn man bedenkt, dass elektrisches Licht im Vergleich gerade im Anlaufen begriffen ist), zum anderen kannst du diesen Umstand später benutzen, um gewisse Sachverhalte (Todesfälle z.B.) zu entschäfen oder Eindrücke intensiver zu beschreiben (indem diese "Fotographie" etwa nur einen Denkanstoß gibt, und sich die betreffende Person eben an die Farben erinnert und so leichter in die Erinnerung gleiten kann).
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    -


    [tab=K. 26]
    [subtab=Positives]
    Gemüsekuchen
    Eine nette Idee, muss ich sagen. Gerade, weil das Gericht sehr einfach zu sein scheint, ist es doch etwas Besonderes, wenn man bedenkt, was alles benutzt wird, es zuzubereiten. Es ist eben eine Mahlzeit, die gut ins Bild des Lebens im Rebellenlager passt, sich in das gesamtbild einfügt. Es fällt außerdem der (unbeabsichtigte?) bezug zu Pizza auf. Beides sind Gerichte, die so scheinen, als seien sie einmal aus der Not heraus kreiert worden (weil nichts anderes im hause war und man demzufolge Reste zusammengebacken hat). Ein "arme-Leute-Essen", wenn man so will, dieser Eindruck passt zusätzlich zum doch eher bescheidenen Leben der Gruppe.


    absolutes Gleichgewicht
    Ein kleiner Aspekt, aber dennoch: Schön ist hier die Analogie zu Beziehungen, die durchscheint. Die Waage als Bild für Zusammenpassen, im Grunde Zusammengehören, eine Einheit bilden - gerade im Kontext der Annäherungsversuche Shinzus nicht unwichtig.


    Mehl weißeln
    Die Schamesröte durch das Weiß des Mehls verbergen ... das scheint hier etwas mit durch. Klingt gut, es ist auch mehr eine unbedachte Handlung, die aber dennoch ihre Wirkung hat.


    Ryoris Rolle
    In diesem Kapitel stellst du Ryori, die Köchin des Hauptquartiers, auf subtile Art in den Vordergrund. Es ist schön, dass du auch die hintergründigen Figuren mit Bedeutsamkeit versiehst. Zumal das hier sehr schön zur Ausformung kommt: Durch sehr feinsinnige Mittel führst du dem Leser vor Augen, wie unendbehrlich sie ist, unterstreichst mit diesem Stil aber auch, dass das eher im Hintergrund geschieht.


    Veränderungen bei Shinzu
    Was in Bezug auf Shinzu auffällt, ist, dass sein Charakter und seine Rolle immer tiefer und vor allem tiefer ins Geschehen verstrickt werden. Seine Gefühle Neko gegenüber werden nicht nur immer stärker, auch wird er paradoxerweise durch die größere Ausfaltung seines Charakters noch viel nebulöser und mysteriöser, was ihn umso interessanter macht.
    Interessant ist auch, dass er und Mizu sich durch Vergleiche und ähnliche Mittel immer stärker in Beziehung bringen, was den Neko-Konflikt noch stärker unterstreicht. Es macht das Ganze auch zusätzlich spannender.


    Nekos Gefühle
    Hah, endlich! Wir erfahren nun also, für wen Nekos Herz schlägt: Shinzu.
    Aber vollkommen egal, wen sie am Ende letztlich nimmt oder bide oder keinen: Es ist nicht von Anfang an klar (auch jetzt, nach dem "Geständnis", nicht), und das ist ein ziemlich schwieriges Stück Arbeit, das so hinzukriegen. Das erfordert sehr viel subtile Feinarbeit.
    Ein schönes Mittel in diesem Zusammenhang ist ein Kontrast, den die beiden Rivalen um das Menschenkätzchen darstellen - und das nicht, weil die bidenbum das gleiche Mädchen rangeln. Viel mehr ist es die Haltung, die hier hervorsticht. Shinzus Wärme, Mizus Kälte - mehr muss ich glaube ich nicht sagen.
    Es wird auf jeden Fall spannend bleiben, denke ich!
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Schlurp
    Mein erster Kritikpunkt betrifft das Kapitelmon Schlurp. Klar, es fällt schwer, hier ein besonderes Pokémon zu finden, da kein neues vorkommt. Aber gerade, da es sonst immer sehr starke Bezüge zum Inhalt gibt - wie später das Liebiskus in "Heißer Wasserdampf" etwa, das zwar nicht in persona vorkommt, aber eine symbolische Bedeutung hat. Dafür ist das Schlurp als Essenssymbol in meinen Augen etwas zu schwach geraten. Ich will dir ja auch nicht vorschreiben, wie du deine Geschichte zu gestalten hast, aber vielleicht wäre ein stärkeres Motiv tatsächlich schöner gewesen. Etwa ein Vesprit Vesprit, da Gefühle in diesem Kapitel ja sehr zentral sind.


    /ii
    Vielleicht hast du selbst schon bemerkt, dass ein ziemlich langes Stück deines Textes kursiv ist. Das iegt an folgendem Problem:

    Zitat

    "Jetzt ist eigentlich alles geregelt. Was wirst du [/ii] dann machen?"


    Streich ein "i" im Schlusstag, dann passts wieder ;3


    " Bislang hatte sie sich nichts daraus gemacht, aber wenn Shinzu etwas plagte, und die könnte ihm vielleicht helfen, dann würde sie das natürlich tun."
    Das "die könnte im vielleicht helfen" verwirrt in diesem Satz. Man geht ja davon aus, dass Neko von sich selbst spricht, weshalb eigentlich keine Dritte gemeint sein dürfte. Das "die" würde darauf hindeuten, allerdings würde diese Formulierung im Speziellen voraussetzen, dass die entsprechende Person schon vorher genannt worden ist.
    Als Bezeichnung für Neko - noch dazu sich selbst - ist das aber deutlich zu unpersönlich. Es wird also leider nicht so ganz klar, was du an dieser Stelle meinst.


    "Ob darin auch vermerkt war, wer ihre Liebe eines Tages erhalten würde?
    "

    Als Neko über den Brief der Wahrsagerin nachdenkt, denkt sie über ihre mögliche Liebe nach. In diesem Kontext erscheint das aber als sehr paradox, da sie kurz zuvor in Gedanken mit starker Sicherheit bekräftigt hat, dass sie Shinzu liebt. Ist gemeint, wer sie liebt? Oder richtet dieser Gedanke sich evtl. auf unbestimmte, weit fernere Zukunft?
    [tab=K. 27]
    [subtab=Positives]
    "Nicht nur Shinzu"
    Dass Raika diesen Ausspruch einfach unkommentiert stehenlässt, ist gut gewählt. Andeutungen erzeugen oft mehr Bilder und Assoziationen, als eine detaillierte Beschreibung es kann. Zumal soetwas (sofern es sich "naturalistisch" ins Geschehen einfügt) weit interessanter ist, als die Dinge gleich beim Namen zu nennen (wie gesagt, solange, bis etwas sehr grob unlogisch erscheint). Auch die unausgesprochene Anspielung auf Mizu erhöht das Spannungsfeld innerhalb der Dreiecksbeziehung noch einmal.


    Akaris Beziehungsinteresse
    dass Akari möglicherweise deshalb so großes Interesse an den Beziehungen anderer hat, weil sie selbst "Bedarf und Mangel" leidet - eine eigentlich ganz gute Idee, allerdings wirkt der Charakter der jungen Frau doch eher anders. Was aber keine kritik sein soll, das muss sich ja nicht widersprchen. Jedenfalls scheint sie mir eher der Typ zu sein, der sich einfach für die (Herzens-)Angelegenheiten seiner Freunde interessiert. Anders als bei Raika, bei der Klatsch, Tratsch und Lästereien motivierender seien dürften ...


    Momokos Offenherzigkeit
    "Das Wort mit drei Buchstaben", jajaja. Sehr direkt, unsere Momoko, doch das fügt sich hervorragend in ihren Charakter. Warm, offen, auf ... freundschaftliche Art direkt, nicht so, wie Raika es ausdrücken würde. Auch wird hier mehr von Momokos Charakter gezeigt. Dass das gut ist, muss ich ja nicht extra erwähnen: Du führst die einzelnen Nebendarsteller immer näher in die Geschichte hinein. Was an Momoko zusätzlich noch sichtbar wird, ist, das ihre Verspieltheit verschiedene Ausprägungen besitzt ...


    Raika gibt Neko Recht!
    Das kommt etwas unerwartet. Sicherlich steckt Raikas eigener, durchtriebener Sinn darin, aber es verleiht ihrem Charakter durchaus mehr Tiefe, nicht die Klischee-Zicke zu sein. Nicht, dass diese Äußerung reine Nächstenliebe wäre, aber es differenziert sie doch etwas mehr aus.


    Manga-Bezug
    Erneuter Manga-Bezug, jaja ... dass hier die Rolle von echten/erfundenen Menschen ein wenig vertauscht wird, ist gar nciht so schlecht. Im Übrigen, das mit der "Realität" ist auch so eine Sache. Das, was wir in unseren Träumen erleben, was wir sehen, wenn wir tief in unser Innerstes tauchen - ist nicht auch das eine Form von Realität? jaja, fast schon philosophisch, das Ganze ...


    Schuldgefühle
    Dass Neko Schuldgefühle gegenüber Mizu empfindet, bringt noch einmal eine Prise mehr Würze in die ganze Beziehungskiste. Es verkompliziert den Eindruck der Beziehung, was ein weiteres, feines Element ist, um den Ausgang der Sache offener zu halten (du kennst ja noch das Buch mit dem sie-nimmt-einfach-beide-Schema, von dem ich geschwärmt habe ...? :'D).


    "Ein Gott hatte keine Schwächen."
    laberrhababer, na klar. Das zeugt in gewisser Weise von einem abgearteten Gott-Komplex, lol. Wie auch immer, das Sich-gehen-lassen deutet wiederum auf starke gefühle hin und macht Ihn menschlicher, als er sein will. Das zeugt wiederum von einem inneren Konflikt, wie es so schön heißt, der dem ganzen noch einmal zusätzlich Spannung verleiht.


    Starker Stil
    Was an deinem Stil immer wieder unglaublich und überraschend ist, ist deine Feinsinnigkeit. Zum Ausdruck kommt das wieder sehr schön in der bad-Konfrontation, wo man letztlich erst im Nachhinein wird genauer herausanalysieren können, wer nun Wer ist in dieser Situation. Z.B. ist der Aspekt der Haare da unscheinbar wirkender, aber wichtiger Punkt: Der Gegenüber hat dunkle Haare. Nun wähnt man die Lösung des Rätsels nah, doch schaut man sich die Charaktere noch einmal genauer an, ergibt sich: Auf beide kann die Bezeichnung "dunkel" in diesem Sinne hindeuten. Wie gesagt, deine Feinsinnigkeit in solchen Dingen gefällt mir sehr, aber ein aber gibt es natürlich auch, das kommt aber im nächsten Tab.


    Liebesspiele
    Das "Vertiefen" zwischenmenschlicher Beziehungen zeigt, dass es langsam immer ernster wird. Nicht unbedingt aufgrund der Sache an sich, aber schlicht deshalb, weil das Ganze etwas aus einer behüteten Sphäre gehoben wird.
    Hm, es ist einfach nicht schlecht, sich auch der Schattenseiten einer Gesellschaft (wobei ich nicht den Sex an sich meine, sondern die hier recht verrucht erscheinende Bordellwelt). Abgesehen davon verkompliziert das Seine Beziehung und gefühle zu Neko nocheinmal stärker.


    Das aufmüpfige Freudenmädchen
    Eine "Dienstleistungsanbieterin", die nicht kuscht, wenn ihr Kunde etwas will, ist sicherlich ein interessanter Charakter. Es ist schade, dass wir nicht mehr von ihr erfahren, aber eines scheinst du hier berücksichtigt zu haben (vll auch unbeabsichtigt?): Ein Rat an Autoren ist, sich auch die Hintergrundgeschichten und Charakterzüge von Figuren, die nur sehr kurz vorkommen, näher zu überlegen, einfach, um sie glaubwürdiger wirken zu lassen. Dass davon am Ende dann nciht alles benutzt wird, ist natürlich klar.


    Druckwelle
    An Seinem Wutausbruch gefiel mir gut, dass du teilweise auf natürliche Begebenheiten von bestimmten Phänomenen eingehst. Hier in Form einer Druckwelle: Wenn viel Energie schlagartig und regelrect "explodiert", zieht das selbstverständlich etwas solches mit sich.


    Kontrast in persona
    Ein sehr schöner Aspekt dieses Kapitels kam gegen Ende zum Tragen. Denn die innere Zerrissenheit, die nun schon des Öfteren bei Ihm durchschien, wird noch einmal metaphorisch zum Ausdruck gebracht: Einerseits die kochende, in Attackenform ihren Weg bahnende Wut, andererseits aber der kühle, beinahe eisige Regen. Hier wird verdeutlicht, dass Ihm auch diese Gegensätze innewohnen, was das Ganze noch einmal zusätzlich interessant macht.
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Wasserdampfbewegungen
    Dass die zu einem unsichtbaren Beobachter gehören, war eigentlich abzusehen. Zumal Nekos Reaktion das recht klar gmacht hat und nichts anderes ünrig blieb, als den Gedankengang mitzugehen. Anders lösen hätte man das aber eigentlich nur können, in dem man die Badeszene und die Konfrontationsszene Shinzu/Mizu trennt, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Im Übrigen ist dieser Punkt eher neutral zu sehen, das ist ja nun nicht allzu schlimm.


    Traunfugils Erscheinen
    Nekos Reaktion auf das Erscheinen ihres kleinen Quälgeistes ist ehrlich gesagt etwas schwer nachzuvollziehen. Es mag ja sein, dass sie das Gefühl des beobachtetseins in den hintersten Winkel ihrer Gedanken schiebt, doch trotzdem geht das bei Weitem zu schnell. Auch, wenn Traunfugil sie glaubwürdig erschreckt und ihr eine mögliche Erklärung liefert, so hätte das Unbehagen eigentlich doch deutlich länger anhalten müssen.


    Enthüllungstanz
    Meiner Meinung nach ist immernoch ziemlich klar, auf wen das Ganze hinausläuft, aber um meine Bedenken mal von beiden Seiten zu analysieren:
    Option 1: Er = Shinzu
    In diesem Fall bleibt die Gestalt zu lange nebulös. vereinzelte, zum Zeitpunkt des Erscheinens unwesentlich erscheinende und vll vergessbare Details könnten da hilfreich sein. Die Enthüllungsspezifika ziehen sich leider etwas in die Länge, eine Konfrontation wie die im Bad hätte in diesem Fall gern etwas früher kommen können, um das Ganze etwas einzugrenzen.
    Option 2: Er = Mizu
    Jah, #2. Auch hier hätte ich Bedenken, und zwar der Gestalt, dass er von seinem Verhalten und Carakter eher ein ungeeigneter Kandidat für diese Rolle zu sein scheint. Man könnte das dann auch als Überraschungsenthüllung deuten, allerdings ist das zu diesem Zeitpunkt ungünstig geworden, da de facto nur noch zwei Anwärter übrig sind.


    Schlaf und Unsterblichkeit
    Hier stellst du einen unmittelbaren Zusammenhang her, indem du sagst, Er brauche als Unsterblicher keinen Schlaf. Das Problem ist hier, dass dieser Zusammenhang zu selbstverständlich stehen bleibt: Nicht Sterben zu können bedeutet ja nicht, nicht erschöpfen zu können und schlaflos leben zu können. Wenn du diesen Umstand aber für deine Geschichte brauchst, könntest du ihn vll eher auf die geheimnisvollen Kräfte beziehen, die Ihm innewohnen.


    Die fragliche Szene
    Ja, diese Todesszene, ich muss nochmal darauf zu sprechen kommen. Du hast sie deutlich entschärft, was gut ist. Allerdings sind gerade die leeren Augenhöhlen oder die hervorblitzenden Knochen noch ziemlich brutal. Bitte denk beim Schreiben ein wenig daran, auf welcher Bühne du vorträgst, aber im Nachwort mehr dazu.


    Brand und Wände
    So schön ich die Druckwelle auch fand, bleibt doch Skepsis zurück: Warum pulverisiert das flammende Inferno quasi alles auf seinem Weg, scheint aber Wände und Gänge zu verschonen? Besonders deutlich wird es, als die Flammen aus dem Zimmer hinausbrechen. Sie breiten sich ja kugelförmig aus, allerdings scheinen sie auch der Architektur der Gänge zu folgen, was doch etwas seltsam wirkt.


    Attackenerklärung
    Jaa, ich weiß, wir sind ein Pokémonforum. Dennoch ist es nicht ganz so schön, wenn du Attackennamen einfach nur niederschreibst. Du hättest speziell hier (Sprungfeder) ja sagen können, dass er sich abstieß und unnatürlich hoch in die Luft schnellte, o.Ä. Ein wenig so, wie du es mit Attackn machst, die du nicht explizit beim Namen nennst, etwa die, mit der letztlich das Bordell pulverisiert wurde.


    Regentanz - die kälteste aller Wasserattacken
    Hier wird nicht so ganz klar, wie du das meinst. Was unterscheidet regentanz denn von anderen Attacken des feuchten Typs, dass es als kälteste beschrieben wird? Wenn das als Kontrast zur Feuerattacke gedacht war, hätte sich ein kleiner Nebensatz oder eine kleine Phrase gut gemacht, so etwas wie, "die aufgrund ihres Erscheinens aus leblosen Höhen kälteste Wasserattacke" oder etwas in der Art.
    [tab=Sp. 8]
    [subtab=Positives]
    Reinere Chimärenart
    Nun, eigentlich wird man sich denken können, dass es hier um Nekos Vergangenheit/Vorfahren gehen wird, aber das ist gar nicht mal das Interessanteste. Es ist spannend, dass man tiefer in die Materie "Chimäre" eintaucht. Bisher hatte man ja sehr klar "menschliche" Pokémonmischlinge. Doch nun erfährt man, bzw. lernt konkret kennen, dass es also auch "reinrassigere", ursprünglichere Chimären gibt bzw. gab. Diese Verbindung ist hochinteressant, außerdem ist regt es dazu an, erneut über den "Ursprung" dieser Arten nachzudenken.


    Snobilikats Fürsorge
    Dass Snobilikat sich so rührend um das kleine Kätzchen kümmert, ist richtig niedlich ...
    Hier werden jedenfalls vaterinstinkte verdeutlicht, wie sie bei Tieren (~ Pokémon) vielleicht noch stärker vorhanden sind als bei Menschen. Gut gemacht!
    Abgesehen davon ist "Perushian" als Name in Anlehnung an die Perserkatzen sowie Snobilikats Name in anderen Sprachen eine gute Wahl. Abgesehen davon, dass sein Verhalten sehr natürlich wirkt und auch das somit gut gelungen ist.


    Unsicherheiten
    Die Unsicherheiten gegenüber der fremdartigen neuen Mitbewohnerung werden in der Frage des Putzens sehr symbolisch. Leckt das Mädchen sich wie eine Katze? Braucht es tatsächlich Lappen/Schüssel für die Körperhygiene? Hierbei kommt auch gut zum Ausdruck, dass die Chimäre wie ein "normaler Mensch" behandelt wird, ihre Fremdheit in gewisser Weise aber auch als normal betrachtet wird (immerhin gesteht man ihr die Grundprinzipien menschlicher Körperpflege zu).


    Annäherung an das Kätzchen
    Gut daran ist, dass das Ganze allmählich geschieht, und wir uns selbst zum Ende der Geschichte an einem Punkt befinden werden, wo das Misstrauen noch nicht bei allen verschwunden ist. Der Nachteil daran, jemanden hoppla-dihopp aufzunehmen und anzuerkennen, der so ist wie die Chimäre, ist, dass es nicht glaubwürdig wirkt, wenn vorher eine eher zaghafte Annäherung geschah.
    Sehr schön wird diese Zaghaftigkeit dadurch ausgedrückt, dass der Tisch vorsichtshalber um ein gedeck mehr bereichert wird.


    Wahlrecht
    Männlich, 25, Mindestvermögen - ein sehr klassisches Wahlrechtsbild, aber gut, dass du an solche Details denkst. Interessant wäre es noch, zu erfahren, ob es hier wohl ein geschichtliches Vorbild gegeben hat? Ein konkretes, meine ich.


    Tragische Geschichte Koratas
    Die Schilderung des Schicksals der jungen fast erwachsenen Chimäre ist dir sehr gefühlvoll gelungen, sodass man direkt mitleiden kann. Im Grunde soll es auch so sein: gefühlvolle Situationen sollen auch entsprechende Emotionen im Leser wecken.


    Rattfratz Rattfratz
    Das erste Pokémon nach der Geburt wird der Name des Kindes ... eine süße Tradition, und dazu noch absolut nachvollziehbar. Gut!
    Abgesehen davon stellst du hier in Bezug auf Rattfratz untersciedliche Ansichten dar, die einen daran denken lassen, dass man eine Sache auch von mehreren Seiten aus betrachten kann (man denke nur an Kakerlaken ...).


    Streunende Normalität
    Ein kleiner Aspekt: Im Zuge von "Rattfratz" Streifzügen, während alles allmählich zur Normalität wird, bekommt man subtil ein schönes Stück der "tierischen" Merkmale ihrer Chimärenseite mit. Eine schöne Sache ...


    Affaire
    Hm, hier wird die Geschichte auf "menschliche" Art und Weise verkompliziert. Außerdem ist es gut, dass hier nicht das Gutsbesitzer-verführt-"Magd"-Klischee angewandt wird, sondern dass die Initiative auch von Korata ausgeht. Dass die Schwangerschaft dann als Konsequenz daraus hervorgeht, ist nur folgerichtig und gibt unserer Neko einen vielschichtigen Hintergrund.
    An dieser Stelle ist auch die Beschreibung des "durch zähflüssigen Honig Laufens" sehr schön gelungen und veranschaulicht das Ganze zusätzlich.


    Vaterschaftsfrage
    Dass Nakama für seinen Herrn in dieser Frage einspringt, ist ein guter Aspekt, wenn er das Ganze auch eher hinauszieht. Doch für den weiteren Verlauf der Handlung scheint das nötig, in sofern ist das auch gut so.
    Das Verhalten Konomis wirkt dabei etwas seltsam. Einerseits hegt sie bereits berechtigte Verdachtsmomente, andererseits gibt sie eher ihrem Mann die Schuld und glaubt an eine Vergewaltigung. Was hier aber nicht "unlogisch" wirkt, sondern eher zum Nachdenken anregt, was die Hintergründe dieses verhaltens sein könnten. Abgesehen davon man es den leser argwöhnisch, dass es nicht auf ein "Happy Endind" in dieser Sache hinauslaufen dürfte.
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Gyoku
    Ein kleines Problem in diesem Teil ist, dass du Namen teilweise erwähnst, als müsste der Leser sie schon kennen. Wenn du Personen neu einführst, musst du das irgendwie kenntlich machen, wenngleich du auch noch nicht alles über sie verrätst. Z.B. "der Gutsbesitzer aus dem herzland" oder etwas in der Richtung.


    Snowilikat
    Mit 13, 14 werden Mauzichimären also zu Snobilikat. Aber was ist dann mit Neko? Müsste sie sich dann nicht auch zu einer Snobilikatchimäre entwickelt haben, auch, wenn ihr Blut nicht mehr so stark ist wie das Koratas? Zumindest in Bezug auf die Ohren?
    Es wäre ganz gut, wenn du das irgendwann in deinen Kapiteln nochmal aufgreifen könntest, um dieses Rätsel zu lösen.


    "Bald"
    An einer Stelle verwendest du das als Bezeichnung für das ungeborene Kind - "g" statt "d" ;3


    (Selbst-)Mord
    Das Ganze kommt überraschend, ja, was durchaus nichts Schlechtes ist. Das Ganze wirkte aber etwas "losgelöst" vom Handlungsgeschehen, vll hättest du stärker auf die Vorzeichen eingehen können. Nichtsdestotrotz ist dieser Punkt wichtig fürs Folgegeschehen und besonders Interessant ist dabei die Frage, wie es um die Verwandtschaftsfolge und somit Nekos direktere Verwandtschaft stehen könnte.
    [tab=K. 28]
    [subtab=Positives]
    Titel
    Der Titel in Verbindung mit einem späteren Aufgriff im Kapitel ruft Erinnerungen an "Final Destination 2" wach. Ich weiß nicht, ob das gewollt ist, aber es ist ein interessanter Aspekt. Denn dort Fällt der Ausspruch, "Nur neues Leben besiegt den Tod", was auch im Sinne deiner FF einen gewissen Interpretationsreiz hat. Abgesehen davon, dass "Finales/Endgültiges Schicksal" ein sehr plakativer Bezug wäre. Allzu deutlich scheint mir das gegen Ende des Kapitels: "Neues Leben ist nicht, was ein Ende markiert" - das klingt nach einer kreativen Umformulierung dieses Motivs.


    Wand an Wand
    Die Bauweise der Häuser der Hauptstadt ist deshalb gut gewählt, weil das besonders für alte Städte sehr typisch ist. Selten sind sie auf dem Reißbrett entworfen, sondern historisch und zeitlich gewachsen, was oftmals eben diese "Art" zur Folge hat. Zwar nur ein kleiner Aspekt, der aber nichts desto trotz sehr "realistisch" wirkt.


    'Rettungsaktion'
    Es ist eine sehr nette Geste des Anführers, Heiler und andere Rebellen zur Hilfe abzustellen, zumal dabei ja auch immer die Gefahr besteht, die organisation selbst zu stark in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Deutlich wird hier auch, dass er nicht nur gegen das Königshaus kämpft - solche Richtungen sind ja bei vielen aufständischen organisationen nicht untypisch - sondern vor allem für die Bewohner des Landes. Interessant wird es sein, etwas über die Pläne zu erfahren, die er für das Land hat - neue Monarchie? republik? Oder etwas ganz anderes?


    Kräutergarten
    Harr, eine herrlich schöne Sache. Besonders die Tatsache, dass die Beschreibungen hier sehr "sanft" sind, verstärkt den Eindruck einer friedlichen, stärkenden Atmosphäre, die zudem recht erfrischend scheint aufgrund der Gerüche, die man sich so vorstellt. Man spürt den würzigen oder auch süßlichen gerüch der verschiedenen Kräuter quasi in der Nase. Was mir allerdings etwas fehlt, ist eine nähere Charakterisierung der einzelnen Pflänzchen. Nein, nicht die Beschreibung jedes einzelnen Blattes, aber eher so, dass man irgendwas mit dem Kraut verbinden kann und die Namen nicht allein da stehen.


    Determiniertes Lesen
    Sie will das Gelesene verdrängen, doch ein innerer Drang zwingt sie innerlich dazu, den Blick widerwillig wieder auf die Zeilen zu richten ... der innere Zwiespalt, der Neko bedrückt, kommt hier sehr schön raus. Gerade in dieser Feinheit des Widerwillens spürt man den Konflikt regelrecht.


    Janus
    Die Verwechslung, die anfängliche Annahme, nicht Mizu, sondern Shinzu stünde vor der verzweifelten Chimäre - das ist ein guter Punkt, den er verdeutlicht die Problematik der Dreicksbeziehung. Außerdem wird das Er-Problem unterstrichen, dessen identität offiziell noch immer nicht enthüllt ist, wobei sich der Kandidatenkreis nur noch auf diese beiden beschränkt.


    "Gewisse Umstände"
    Nette, etwas altmodische Umschreibung. Dabei wirkt die Schwangerschaft der Tante irgendwie überraschend, obwohl sie dem Leser schon angekündigt wurde. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Neko über dieses recht freudige Ereignis so unglaublich schockiert ist. So etwas zu einer Art Problem werden zu lassen, ist kein schlechter Schachzug.


    Musik eines Übungskampfes
    "Nur" ein Detail, aber dennoch: Eine schöne, wenn auch klassische Bemerkung (Kämpfen als Tanz etwa). Dadurch werden "friedliche" Künste und kriegerische Handlungen auf harmonische Art und Weise miteinander verschmolzen, was einen interessanten gesamteindruck ergibt.


    Das eigentliche Problem
    Die Freude über die Rettung der Familie und die nagende Qual, was nun aus ihrer eigenen Zukunft werden soll, verweben sich in Nekos Geist zu einem unlösbar scheinenden Problem. Wirklich nicht schlecht, das verursacht auch einiges an Spannung, weil man sich zunächst nicht im Klaren darüber sein kann, dass so schnell deutlich wird, wie sie sich endscheidet. Auch, wenn ich nicht gerade ein Fan dieser determinierten Helden bin, die wegen "ihrer Bestimmung" von A nach B laufen und auch Mizus Bemerkungen mich mehrfach haben aufstöhnen lassen (Menschen handeln nunmal nur danach, was sie "unmittelbar angeht" - für den Erhalt des eigenen Ackers oder die Gesundheit der Familie lässt sich nunmal viel besser und nachvollziehbarer kämpfen als für etwas Abstraktes wie "Freiheit"): Die Beweggründe, dann doch zu bleiben, sind eine annehmbare Lösung.


    Erneuter Bezugspunkt: Die Eier
    Hach, die Nidoqueenkinder, die man schon längst wieder aus dem gedächtnis gestrichen hatte, werden nun schlüpfen. Dass das in Bezug zur Schwangerschaft der Tante Nekos steht, ist ja offenkundig. Nett ist auch, wie diese Eier mit ihren Findern verbunden werden und so noch einmal ein ganz neuer Punkt für das Mizu-Shinzu-neko Dreieck hergestellt wird.
    Auch der Schlüpfvorgang an sich ist sehr gut gelungen. Das vorsichtige Klopfen und Scharben, die ganz langsamen Knackgeräusche und -bewegungen, das ganz allmähliche "Abknabbern" der Schale, noch dazu in unterschiedlichen Techniken - wirklich, sehr schön.
    Farblich ist hierbei auch sehr gut, dass das Fell noch nicht so stark ausgeprägt ist, sondern einen eher gräulichen Ton hat. Das unterstreicht das Alter der Schlüpflinge in gewisser Weise. Die Bezeichnung "Nidojungen" in diesem Zusamenhang ist auch sehr schön. Und schließlich sind es "Bunte" - abgesehen davon, dass die Eigenschaften von Schillermons verfremdet werden (was aber als Autorin durchaus dein Recht und auch legitim ist), ist das kein schlechter Gedanke. Das wirkt im ersten Moment vielleicht etwas beliebig, unterstreicht aber die Besonderheit der Situation und des Augenblicks.
    Dass die Entscheidung letztlich auf das Verbleiben der Kleinen bei den Rebellen fällt ... naja, ich kann mich damit ehrlich gesagt nicht anfreunden, weil die "Freiheit" für mich immernoch die akzeptabelste Variante ist, wenn man keien persönliche Beziehung aufbauen kann, aber gut, persönlicher Geschmack. Auch hier kann man wieder eine Beziehung zu Nekos Bleiben sehen, was sie ja letztendlich auch sagt.


    Spende
    Der Kontrast zwischen der ursprünglichen Bedrohung, die man angesichts des Tauboss vermutete, und die Federspende am Schluss, ist sehr schön. Das macht das Ganze noch etwas ... "vielschichtiger", als immer vom äußeren Anschein auszugehen.
    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Postscriptum
    Ich finde, die Postsendungen der Rebellen stellen ein gewisses Problem dar. Es wird nämlich gesagt, dass diese direkt ans Hauptquartier geliefert werden - aber ist das nicht deutlich zu auffällig? Wenn im prinzip jeder wissen kann, wo die Rebellen sich aufhalten, dürfte das für die Unternehmung ja eher kontraproduktiv sein. Und auch, wenn es dafür eine Erklärung gibt, so wird mit diesem (dann ja scheinbaren Widerspruch) zu offen gespielt. Es müsste irgendwie eingeflochten werden, in wiefern das alles zusammenhängt.


    "Rauchvergiftete"
    Hm, der Ausdruck passt nicht gut (existiert er eig.? x3"). Vielleicht hättest du das mit einer Umschreibung besser lösen können, etwa "viele Fälle von Rauchvergiftung" oder "Menschen mit Rauchvergiftungen", "viele wurden auch mit Rauchvergiftungen eingeliefert" o.Ä.


    Das Rot ihrer Lider
    Diese Stelle ist sehr schön, weil auf hübsche Art und Weise mit Farben gespielt wird. Allerdings ergibt sich hier ein Bezugsproblem; dem Satzbau nach wären Nekos Lidr rot, heißt, sie hätten an sich eine rote Farbe, äähnlich Schminke oder eine veränderten Hautfarbe, was hier ja aber nicht gemeint ist.


    Der sanfte Bruder der Himmelsnarbe
    Wolltest du Zapos' sanfteren Bruder Zabdos vorstellen? :3


    Beschreibung der Nidoran
    Wirklich sehr schade ist, dass Aspekte der Nidoran nicht gleich von Anfang an erwähnt werden, sondern erst, als es um die Farbfrage geht. Z.B., als eines der Rattenhäschen die Stupsnase aus dem Löchlein stecckt, wäre eine gute Möglichkeit gewesen, schon einmal auf die Farbe einzugehen. Gerade aufgrund der schillernden Verwechslung hätten da interessante Aspekt bei herauskommen können.


    Eiklar
    Gut ist zwar, dass du an diesen Aspekt gedacht hast - aber du hättest da auch schon etwas früher drauf eingehen können. Erwähnt wird das erst beim Abtrocknen, zuvor hat man eher den Eindruck einer "Trockenschlüpfung". Das verwudnert doch sehr, kleinere Andeutungen wären da vielleicht ganz nett gewesen.


    "Semantischer" Fehler

    Zitat

    Mit gutem Gewissen, die richtige ENtscheidung getroffen zu haben, legte Neko die Hand auf das graurosa Nidoran und streichelte sie.


    Wird durch die Unterstreichungen denke ich schon deutlich: Dann entweder "streichelte es" oder "die graurosa Nidorandame" bzw. etwas ind er Richtung.
    [tab=Sp. 9]
    [subtab=Positives]Sommersprossensternbild
    Eine interessante Assoziation, die mir so noch nie in den Sinn gekommen ist. Aber ja, Sommersprossen wirken in der Tat wie rötlich-braune Sternensprenkel auf einem hellen Firmament ... ja, nicht schlecht, und ein schönes Bild für den, den es betrifft.


    Beziehungen
    Die Beziehung der drei Protagonisten dieses Kapitels wird von Anfang an nicht als unproblematisch dargestellt, was nie verkehrt ist. Einerseits wird die sehr harmonische Stimmung zwischen ihnen anhand ihres vertrauten Umgangs deutlich. Andererseits taucht z.B. im Aspekt der Entjungferung der jungen Frau auch ein gewisser Knackpunkt auf. Im Grunde stärkt das aber nur den freundschaftlichen Eindruck (sie überstehen ja auch das), was wiederum ein sehr komplexes, aber gut dargestelltes Bild abgibt.


    “Criminal Minds“?
    Das “Profiling“ im Kutscheninneren erinnert mich sehr an „Criminal Minds“. Stimmt die Assoziation? Es ist jedenfalls nicht verkehrt, sich auf solche Art und Weise Inspiration zu organisieren.


    Überraschender Platzregen
    Ah, hier wird ein zeitlicher Bezug hergestellt, schön. Besonders interessant, weil man sich fragt, ob hier neue Protagonisten vorgestellt werden. Du sagst zwar irgendwo, dass die keine große Rolle spielen und nur der Verdeutlichung dienlich sein sollen, aber das eine schließt das andere auf Dauer ja nicht aus.


    Eigenschaften Ramoth Ramoths
    Hm, ein Ramoth kann also nicht fliegen, wenn seine Flügel feucht sind? Ich bin zwar jetzt nicht sicher, ob das im Pokédex steht, aber im Grunde ist das auch irrelevant. Denn egal, ob du dir das selbst ausgedacht oder aus “offiziellen“ Quellen übernommen hast: Auf solche Details einzugehen, die die Lebensgewohnheiten der Pokémon beschreiben, ist definitiv lobenswert. Zumal du hier auch nicht zu sehr ins Detail gehst, wodurch es schon wieder zu ausführlich geworden wäre.


    Gallopa
    Hier habe ich mir “Einhornlogik“ notiert, lol. Ein typisches, stolzes Wesen mit gewissen Prinzipien. Man kann regelrecht sehen, wie die Feuerstute griesgrämig und mit zusammengezogenen Brauen vor dem Karren herstapft. Schade, dass man nicht mehr von ihr erfährt – was ja aber auch nicht das Thema gewesen ist – denn sie hat sicher einen interessanten Charakter, der evtl. sogar dem von Raika etwas ähneln könnte, hm? ;3


    Halbhundert
    Detail. Ein netter Ausdruck für die schlichte Zahl “50“, umschreibend ist selten verkehrt.


    Ähnlichkeiten
    Huh, jetzt müsste man noch wissen, was Shinzu für Augen hat … egal, ein wirklich spannender Aspekt, den wir hier erfahren. Gekijos Schwester hat also Ähnlichkeit mit dem Phantom, das heißt, ihre Augen … das wirft einige Rätsel auf, außerdem schafft das eine Verbindung zur Elternschaftsfrage in Narakos. Ist sie wohl eine verschollene Verwandte des Königshauses? Allerdings würde das die Ereignisse am Ende des Kapitels ehrlich gesagt viel zu makaber und … widerlich machen, sry … wie auch immer, interessante Aspekte, die die Identitätsfindung noch ein Stückchen vorantreiben.


    Panflam als Kinderfreund
    Hehe, das Panflam Gekijos als Auflockerungsäffchen für das verstörte Kind zu gebrauchen, ist ein guter Gedanke. In der Tat wirkt der Feuerprimat selbst etwas kindlich und ist daher nicht als Schlechtester für diese Position besetzt.


    “Rin ist tot.“
    Nunja, das war voraussehbar. Allerdings macht sich diese tödlich simpel ausgesprochene Feststellung am Anfang eines Absatzes sehr gut, weil sie im ersten Moment, so direkt nach einer “Pause“, einen Schockmoment verursacht, der die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt.


    Frigometri
    Hm, es müssen also unbedingt Frigometri sein, und diesen und jenen Gründen … hmhm, nicht schlecht. Dazu hast du sehr genaue Überlegungen angestellt, die in diesem Fall auch nicht verkehrt sind. Denn sie verraten nicht zu viel, sondern liefern interessante Informationen, ähnlich wie bei der Carbographie-Erläuterung.


    “Trauerbewältigung“
    Dass die drei Freunde unterschiedliche Arten haben, mit Trauer/schweren Schlägen umzugehen, unterstreicht ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten. Das ist deshalb gut, weil das zeigt, dass du dir individuell über sie Gedanken machst und sie nicht nach Schema F abhandelst.


    Blaue Lippen ...
    … und Mandelgeruch, hm? Man merkt den Conan-Fan in dir, da das Muster der blauen Lippen (hier wird zudem die Unmöglichkeit des Erfrierens betont) dort eine doch “alltäglich“ untersuchte Begebenheit darstellt. Zumindest lässt dieses Faktum schnell an einen Aoyamaschen Giftmord denken (Erstickung wäre wahrscheinlich auch möglich, ersteres ist aber dort a Plakativsten imo).


    Im gleichen Alter
    Dass Narako und die tote Frau sich im gleichen Alter befinden, ist ein guter Bezug. Denn so führt das Ganze auf eine viel persönlichere Spur, und auch, wenn der geneigte Leser sich nicht in diesem Alter befindet, so spürt er/sie doch eine noch größere Form der Betroffenheit.


    “Und dabei ein bisschen vergessen, dass wir eines der heutigen Opfer gekannt haben ...“
    Hmhm, nur zu verständlich. Damit zeigst du vor allem, dass die drei auch nur Menschen sind. Bisweilen reagieren Charaktere ja nur in emotionalen Ausnahmesituationen, doch zu diesem Zeitpunkt ist eine solche nicht mehr unmittelbar. In sofern trägt die Erwähnung eines nächtlichen Besäufnisses zur “Bewältigung“ des Erlebten zur Darstellung der Charaktere der “Ermittler“ bei.


    Narakos Tod
    Oh, das ist verdammt tragisch … war im Grunde aber abzusehen. Die reine Tatsache, dass Narako dieses Kapitel nicht überleben kann, macht das Ganze auf tragische Weise sehr emotional und für den Leser mit Gefühlen greifbar. Außerdem wird er hier mit einem sehr persönlichen Schicksal konfrontiert, da das Opfer nun kein anonymes ist.


    “Spitze des Vulkans“
    Der Teufel steckt im Detail. Ein schöner Ausdruck, weil er in einer nicht zu verachtenden Feinheit die Herkunft der drei unterstreicht (warum sollten Vulkananwohner auch von Eisbergen sprechen?).


    Emotionales Ende
    Abgesehen von den Handlungen am Ende, aber: Die Gefühle, der Schmerz, die Verzweiflung, die gehen einem wirklich ans Herz in diesem Teil der Geschichte. Überraschend auch, dass der zutiefst getroffene Bruder nicht nach Rache sinnt - wobei ja relativ ist, ob sich das nicht ändert. Und wie Yogan darüber denkt ... birgt auf jedenfall noch einiges Potential, ich bin gespannt, ob wir beide oder einen von ihnen noch einmal wiedersehen werden.



    [subtab=Verbesserungsvorschläge]
    Gewalt
    Das hier ist nur eine Vorankündigung, da das hier einfach nicht hingehört: Wegen der Gewaltanteile werde ich dir im Wesentlichen nochmal eine PN schreiben, denn da gab es leider Punkte, die sehr angestoßen haben.


    Gedächtnistechnik?
    Das ist ein Aspekt, den ich hochinteressant finde, zumal ich mich insgeheim selbst einmal daran versuchen möchte. Was mich stört, ist auch weniger, dass du da nicht näher drauf eingehst - sodnern eher, dass es überhaupt nicht geschieht. "Diese Technik, mit Informationen umzugehen" - nun, man fragt sich, welche denn? Gerade das "diese" impliziert ja, dass der Leser Bescheid wissen müsste. Kleine, feine Andeutungen können solchen Verwirrungsmomenten schon vorbeugen.


    Ermittler?
    Ein weiterer Punkt, der im Grunde an "Gedächtnistechnik?" anschließt, betrifft die "Funktion" der drei Freunde. Sind sie Ermittler? Oder so etwas wie Privatdetektive? Oder keins von bleiben? Das bleibt bis zum Schluss ungeklärt. Nun, das ist erstmal ncihts grundsätzlich Schlechtes - wenn es Andeutungen diesbezüglich gibt. Man kann zwar Vermutungen anstellen, weil (leider etwas spät in meinen Augen) davon gesprochen wird, sie hätten sich als Reporter ausgegeben. Auch die Akten deuten ja auf eine gewisse Vorbereitung hin, allerdings wirkt das ganze etwas zu selbstverständlich, beinahe, als wäre etwas in der Richtung schoneinmal erwähnt worden. Du musst ja nicht expressis verbis sagen, worum es hierbei geht - du hast ja auch schon bemerkt, an anderen Stellen habe ich soetwas kritisiert. Aber man muss manchmal sehr fein abwägen, wieviel man dem Leser an Informationen gibt und was man in ganz seichten Andeutungen belässt.
    Speziell bei diesem Beispiel könnte man z.B. gleich zu Anfang Andeutungen machen - nicht im Sinne von, "sie waren drei Komissare auf dem Weg zu ihrer Ermittlung". Wäre zwar auch möglich, aber wahrscheinlich wieder etwas zu direkt. Eher in die Richtung, dass schon in den Kutschengesprächen etwas durchschimmert. "Fummelte nervös an dem gravierten, golden schimemrnden Metallstück im Mantel" z.B., könnte ein Hinweis auf eine Marke sein, oder Hinweise auf Motive, "konnte es nicht ausstehen, wenn ein Fall nicht recht vorankam" - nun ja, "Fall" ist vielleicht schon wieder einen Hauch zu stark, aber ich denke, du verstehst, worauf ich hinaus will.


    Vergewaltigungsopfer
    Ah, ein neuer Aspekt, der die Grausamkeiten auf ein neues Level bringt. Das Problem ist auch nicht, dass das erwähnt wird. Bedenklich ist eher die Frequenz, mit der du diese sehr sensible Thematik behandelst. Das Kapitel ist bestimmt von Gewalt, die vor allem sexueller Natur ist, und, tut mir Leid, aber das muss nicht sein. Dabei geht es nicht (nur) um die Beschreibungen – die sind gerade noch im Rahmen. Aber du vermittelst Eindrücke, lässt Bilder im Kopf entstehen, und das war mir hier einfach zu dicht. Gerade solche Themen solltest du – sry – nicht so geballt behandeln.


    “Witz“
    Ich muss ehrlich sagen, dass ich zunächst nicht genau wusste, unter was ich diesen geschmacklosen Witz fassen soll. Natürlich, das Ganze wird aufgeklärt und so, aber … ganz ehrlich, auch, wenn man Gekijo noch nicht lange kennt, passt das nicht so ganz zu seinem sonstigen Verhalten im Kapitel. Eine derart geschmacklose Bemerkung von jemandem, der in so simpler gedankenweise darauf bedacht ist, den Täter zu fassen? Ich weiß, du bist Autorin dieser Geschichte, aber das passt iwie nicht. Als Gedanke vielleicht schon, ja, aber nicht unbedingt laut ausgesprochen, imo.


    Gespaltene Persönlichkeit
    Im Prinzip ist der Gedanke einer psychischen Erkrankung bzw. der Konstruktion eines zweiten Ichs zur Verdrängung der Geschehnisse kein falscher Gedanke. Ich bin zwar keine Psychologin, aber das scheint mir plausibel. Nur wurde mir zugetragen, dass Schizophrenie das nicht korrekt wiedergibt, aber da müsste man noch genauer recherchieren.


    Hinrichtungsmethoden
    Zunächst einmal ein Vorstellungsproblem: So schnell Bambus auch wächst, müsste er nicht erst ab einer gewissen Höhe stabil genug sein, einen menschlichen Körper zu durchbohren?
    Wie auch immer, das kann ja durchaus Teil deiner Vorstellungswelt sein. Aber diese Art der Tötung, zudem so detailliert beschrieben, ist um ehrlich zu sein etwas zu viel. Das Ganze zeugt zwar auch von einer gewissen Kreativität, aber … weniger Details in solchen Fällen wären angebracht (aber dazu sage ich dir in der PN noch Genaueres).


    “Pokémonatatcken! O.O“
    Hmm, es ist zwar nicht schlecht, dass Narako dieser Gedanke kommt, der aus Sicht der Protagonisten zurecht als unsinnig abgetan wird. Aber wie kommt sie denn konkret darauf? Das ist zwar ein Detail, das im Zuge des Storyverlaufs im Grunde auch weggelassen werden darf, allerdings hinterlässt das Fehlen hier eher einen Beigeschmack.


    Exkumierung
    “Exhumierung“ bedeutet ja eigentlich eher, eine bereits bestattete Leiche wieder “ans Tageslicht zu bringen“ (vergraben passt nicht weil Art der Bestattungen ja stark variieren kann). In sofern ist es etwas unschlüssig, dass Yogan Gekijo um Erlaubnis zu einer solchen bittet.


    Deutlichere Warnung!
    Du wirst das Ganze in der PN noch einmal zu hören kriegen, aber, Pika!: Nicht nur, was die Gesamtstimmung des Kapitels angeht, aber gerade beim Ende, da muss eine weit deutlichere Warnung hin! Gerade bei dieser Ballung höchst verstörender Gewalt. Aber darauf möchte ich dann doch privat näher eingehen, weil das dann zu grundsätzlichen Dingen überspringt.
    [tab=K. 29]
    [subtab=Positives]Metang Kapitelpokémon
    Hehe, man ahnt dadurch ja schon, was kommt. Ist in diesem Fall aber nicht schlimm, weil man das wie und warum nicht kennt. In sofern verschafft einem dieser doch sehr deutliche Hinweis eine gewisse Spannung fürs Kapitel.


    Bedeutungsänderung
    „Das Auge bedeutete mittlerweile auch etwas ganz anderes“, ein kleines Symbol wird zum vieldeutigeren Bild eines furchtbaren Verdachts … schön, muss ich sagen. Solch größere Bedeutungsmuster sind selten verkehrt.


    Spannungssteigerung
    Ah, die Situation wird also immer akuter – es droht Krieg, und zwar nicht nur in ferner Zukunft, sondern ganz unmittelbar. Sehr gut, denn so steigt die Spannung und man merkt deutlich, dass es langsam immer ernster wird (auch im direkten Umfeld der Rebellen).


    Spannende Entscheidung
    Als es schließlich dazu kommt, dass Mizu sich für oder wider der möglichen Version entscheiden muss, beschreibst du sehr schön. Das Für und das Wider, beides in nicht unwichtigem Sinne, stellen hier nun wirklich keine Entscheidung dar, die man als besonders leicht bezeichnen dürfte. Die beiden Seiten also so direkt nebeneinander zu stellen, bedeutet einen gewissen Knistereffeckt, wenngleich die Entscheidung direkt darauf folgt.
    Ein weiterer, soannender Aspekt ist der Satz am Ende eines Absatzes: "Was, bei allen Göttern, hatte er nur gesehen, das ihn so fertig machte?" - peinlicherweise fällt mir gerade nicht ein, wie das entsprechende sprachliche Mittel heißt, das du hier angewendet hast, aber es kommt gut zum Ausdruck und trägt dazu bei, die Ernsthaftigkeit und in gewisserweise Gefahr der Situation zu verdeutlichen.


    "So schnell, wie sie sich bewegte, war ihre Wahrnehmung kaum hinterhergekommen."
    Eine sehr schöne Stelle, die auf beinahe zarte Weise ein Phänomen beschreibt, dass jeder von uns nur zu gut kennen dürfte. Unser Unterbewusstsein zwingt uns manchmal regelrecht dazu, Dinge zu denken oder zu tun, für die unser bewusstes Selbst deutlich länger brauchen würde. Das kann man hier ebenso auf die Wahrnehmung anwenden.


    Entwicklung
    Hm, ein interessanter Aspekt der Entwicklung, der hier aufkommt. Einerseits die plötzliche Verfinsterung des Auges des Metallpokémon, andererseits aber auch die Nähe zu einem emotional regelrecht verstörenden Augenblick. Die Schmerzen Mizus hängen hier eng mit der Formveränderung Tanhels zusammen, was der Entwicklung einen interessanten, düsteren beigeschmack gibt. Andererseits wird auch die Nähe zu den Visionen deutlich, was das ganze wiederum noch "tiefer" werden lässt.


    "Xatu ließ augenblicklich die Tür ihnen allen vor der Nase zuknallen."
    Etwas eigenartiger Satzbau, aber wayne. Ein Aspekt, der die Ernsthaftigkeit der Situation durch eine gewisse Komik wieder auflockert, ohne dabei allzu "lächerlich" zu wirken. Eine gute Mischung wurde hier gefunden, schön!


    Sie
    Hmmm, wir befinden uns später im Kapitel also in einer Parallele zur Mordnacht, die Raika beobachtete. Schön, weil dadurch sofort eine gewisse Erwartungshaltung einprogrammiert ist, was zusätzlich brisant wird, weil man inzwischen weiß, wie das Phantom mit Mitwissern umgeht. nett auch, dass in diesem Kapitel enthüllt wird, dass es um Raika geht, was vorher afair nicht so deutlich wurde - das meinte ich in bezug auf Shinzu und Mizu und die Er-Problematik. Je nachdem, wann du die Enthüllung planst, solltest du die Hinweise über die Geschichte verteilen - sonst kommst du zu einer Art Aoyama-Problem (70+ Bände und das Ganze muss gestreckt werden, damit ein plötzliches Ende nicht zu beliebig wirkt).
    Dass sie außerdem überlegt, ob weitere rebellen verstrickt sind, ist auch interessant. Zwar kann sich der Leser denken, dass das eher unwahrscheinlich ist - wir hatten schon recht viel er-Perspektive, da wäre sicherlich etwas derartiges zu interprätieren gewesen - aber für die in-Story-Sicht nicht unwichtig. Wobei Raikas Bruder natürlich auch Mitwisser sein kann, derartige Überraschungsakteure können, richtig eingesetzt, ebenfalls sehr würzend sein.


    Lebensraum der Partner
    Ah, eien Erklärung, wieso man sie bislang nicht inenrhalb des Lagers sah, sehr schön. Wobei dieser Aspekt nie wirklich gestört hat, weil das Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet war jeweils. In sofern auch wieder gut, diese Erklärung, da etwas, für das man eine Erklärung erwartet, normalerweise eher störend wirkt. Aber natürlich hält sich der kleine Traunfugil Quälgeist als einziger nicht daran :3


    "Sie", die zweite
    ... diesmal die andere, die "wahre" sie. Relativ spät (Asche auf mein Haupt ...) ist mir aufgefallen, was nur ganz leise aus deinen Wortwäldern zu uns spricht: Seijin kennt die Königin, bzw. weiß er von ihr. Dabei ahben wir in Namine gelernt, dass diese als tot gilt - wenn Seijin also so spricht, muss der Rebellenführer eine sehr nahe Beziehung zu der Monarchin haben. Ob er vielleicht mal Leibwächter war? Auf jedenfall sehr spannend ...


    Die Falle
    Die Falle für Ihn ist wirklich geschickt gestellt. Man sollte meinen, dass Xatu und Seijin alles bedacht haben, aber auch hier macht das gewitzte Phantom ihnen einen Strich durch die Rechnung. Fast noch toller als die Falle selbst ist nämlich die Art und Weise, wie Er entkommt: Er verwendet nicht irgendwelche "Antäuschtricks" im Sinne von "ich weich mal eben zur Seite aus oder schleich mich an ihnen vorbei". Nein, die Lösung ist viel einfallsreicher: Er verwendet die angespannter Situation, in der die Vögel nur aufs Zuschlagen warten, zu seinem Vorteil. In der Tat, gar nicht dumm ...


    Frage als Ende
    Das ist zwar nur ein sehr kleiner, technischer Aspekt, aber dennoch erwähnenswert: Das beenden des Kapitels mit einer Frage ("Doch wie war diesem geheimnis beizukommen? Wie nur?"). Das führt unweigerlich dazu, dass die Leser sich diese Frage selbst stellen und dait automatisch darauf getrimmt werden, sich diese Frage in Form des Weiterlesens beantworten zu lassen. Wobei auch dieses Mittel natürlich nicht immer eingesetzt werden sollte, um noch ins Auge stechen zu können.


    [subtab=Verbesserungsvorschläge]Spionageverdacht
    Im Prinzip empfinde ich diese neuerliche Verstrickung von Shinzu und Mizu als äußerst spannend und interessant. Allerdings verwirfst du das leider ein wenig, indem du Verdacht/Gewissheit durcheinander würfelst. Einerseits scheint sich Seijin sehr sicher zu sein, das geht aus Anmerkungen wie „So würde er sein Werk […] vollenden“ hervor. Andererseits ist sich der Anführer gar nicht so sicher und wünscht sich das Gegenteil: „ich hoffe, dass er nicht der Spion ist“. Das sind zwei der Stellen, an denen das Ganze etwas zu diffus ist in meinen Augen. Meine Empfehlung wäre gewesen, entweder in Richtung ich-weiß-es-nicht-plane-es-aber-vorsichtshalber-ein zu gehen, oder, bei Seijins Unsicherheit zu bleiben. Dieses Schwanken enthebt den an sich interessanten Aspekt aber ein wenig seines Reizes.


    inneres Licht
    Meinst du Mizus Seherkräfte? Es wird nicht ganz klar, was du mit diesem Ausdruck meinst.
    Abgesehen davon gerät der Ausdruck - so interessant er auch ist - später etwas durcheinander, als du ihn auf die Kräfte des Phantoms anwendest. Gut, man könnte zwar sagen, dass das eine Beziehung darstellen kann, aber imo verwirrt es eher.


    Katzenaugen
    In Bezug auf Xatu verwendest du an einer Stelle den Ausdruck „Katzenaugen“. Das ist zwar nur eine Detailfrage, aber wenn du das so ausdrückst, hätte Xatu die Augen einer Katze, was ein wenig seltsam angesichts seiner Spezies ist. Vielleicht könnten formulierungstechnische Auseinanderziehungen, z.B. „Augen, die denen einer Katze glichen“ o.Ä. eine Alternative sein.


    Metang and friends
    So schön die Entwicklung auch war: Der einzige Aspekt, den du bei Metang beschreibst, ist, dass es wohl besser gucken kann. Auch, wenn man sich das aufgrund des Titelbildes vielleicht bzw. aufgrund der Plattform hier vielleicht denken kann, da hättest du mehr Beschreibung drauf verwenden müssen.
    Außerdem werden auch die Vogelpokémon im späteren Teil mit eher sparsamen Informationen bedacht. Zwar werden "gestische" Charakteristika wie Gurrlaute oder bestimmte Bewegungen genannt, was sehr kreativ ist, aber dafür fehlen auch hier leider weitestgehend die sostigen Erscheinungsbilder.


    "In der Nacht desselben Tages ..."
    Im Prinzip ist an diesem Satz nichts verkehrtes dran, zumal er absolut legitim verwendet werden kann. Allerdings hebt er sich komplett aus der sonstigen Struktur deiner Texte heraus, und das stört ehrlich gesagt ein wenig beim Lesen. Ich glaube, dass das durch eine deiner feinsinnigen Umschreibungen stilistisch schöner hätte gelöst werden können.


    "Maulaffen feilhalten" ...
    ... nicht "feilbieten" ;3


    Unverwundbarkeit
    Unsichtbar = z.T. unverwundbar - wie das? Das wird hier nicht ganz deutlich. Bewegt Er sich dann in einer anderen Dimension? Dann ister aber doch etwas zu sehr im Hier und Jetzt verhaftet. Auch hier wäre ein kleiner Nebensatz schön gewesen, um sich das besser vorstellen zu können.


    [tab='Nachwort','http://www.greenchu.de/sprites/icons/150.png']
    Wie gesagt, zur stetig wachsenden Gewalt in deiner FF werde ich dir "offizieller" (naja ...) per PN noch einmal etwas mitteilen.
    Was die Warnungen angeht: Wie schon erwähnt, mach sie bitte deutlicher und nicht so harmlos, wie das bei Spezialkapitel 9 der Fall war. Außerdem wäre es nciht verkehrt, wenn du schon im Startpost darauf hinweist, dass die FF zunehmend sehr brutal werden wird, oder zumindest eine sehr deutliche Warnung schon dort anbringst.


    Und noch ein Aspekt: Höllenglauben gleich erfundene Schreckgeschichten für kleine Kinder? Pika, Pika, das kannst du doch einer Theologiestudentin nicht vorsetzen :'D
    Nicht, dass ich kirchlich, religiös, gläubig oder eine Mischung aus allem wäre. Eigentlich wohl eher nichts davon. Aber religiöse Aspekte sind erwachsen, und – nunja, wenn du theologische Diskussionen führen möchtest, kontaktiere mich privat, das gehört hier ja nicht hin x3


    Die Geschichte spitzt sich also immer mehr zu. Einige neue, interessante Aspekte habe ich gesehen und ich bin schon gespannt, in wieweit sie thematisiert werden werden.


    Bis zum nächsten (Monster-?)Kommentar!


    Deine


    ~ Kleio :)
    [/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Nach allzu langer Pause]Endlich habe ich mich dazu durchgerungen, dieses Kapitel zu schreiben o0 War auch ganz schön lästig, da es so viele unterschiedliche Themen zusammenfasst; außerdem hab ich mich mit dem Kampf schwerer getan, als es eigentlich angebracht war xD


    @Kleio, danke nochmal für das umfangreiche Kommi <3  (ohne dich wäre hier ja gar nix los ;___; ) Ich habs in Word auch gerecommentet, das aber irnwie nich auf diesem PC ._. Ich werds noch nachreichen ~


    So, viel Spaß daran, an einem der längsten aber auch actiongeladensten Kapitel meiner Story![tab=Kapitel 30]Glurak Kapitel 30: Mit gestutzten Dornen


    Nachdem Seijin im ganzen Hauptquartier bekanntgab, dass ein Angriff von Soldaten bevorstand, hatten die Gruppenanführer umgehend mit der Planung der Verteidigung begonnen.
    Da davon auszugehen war, dass die Armee aus Namine von Westen her über das Ruinenfeld kommen würde, musste diese Seite des Waldrings ganz besonders besetzt werden. Zwischen den zerstörten Gebäuden einzelne Kämpfer zu postieren, um die herannahenden Angreifer aufzureiben, kam nicht in Frage. Sie hatten keine Ahnung, wie groß das Aufgebot des Königs sein würde, und ihre kampfstärkste Gruppe war derzeit auf Mission und daher nicht anwesend; bei gerade einmal knapp fünfzig Menschen – von denen nicht die Hälfte waffenfähig war – und nicht einmal doppelt so vielen Partnerpokémon konnten sich die Rebellen es nicht leisten, ihre womöglich unterlegene Kampfkraft aufzuspalten und dem Waldring nur einen Teil des Schutzes zuzusprechen. Das Ruinenfeld bot den feindlichen Truppen ohnehin nicht genug Raum, geschlossen aufzumarschieren – von ihnen konnte also immer nur eine begrenzte Anzahl direkt an der Front kämpfen. Da es nur diese Linie zu verteidigen galt und sie sich von dieser nicht zu entfernen brauchten, konnten die Rebellen des Hauptquartiers dies zu ihrem Vorteil nutzen. Einige Pfade durch die Ruinen wurden mit Geröll und Schutt versperrt, um den Soldaten so einen genauen Weg aufzuzwingen und sie dadurch zumindest ein bisschen aufzuspalten.
    So sollten dem Königsheer an der westlichen Flanke des Waldrings die Waffenkämpfer entgegentreten, während gleich in ihrem Anschluss zwei Flügel an Pokémon dafür sorgen sollten, dass jene Flanke nicht umgangen wurde.
    Mit der Nachricht des bevorstehenden Kampfes ging auch die Information herum, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk waren. Dass Seijin den Zeitpunkt des Angriffs so genau wissen konnte, nämlich die Mittagszeit des folgenden Tages, verdankte er Mizus Seherfähigkeiten. Niemand wunderte sich über diesen Umstand. Manche hatten schon von ähnlichen Vorfällen gehört oder glaubten zumindest, sich daran zu erinnern; andere verstanden, dass noch nicht alles über die wundersamen Wesen Pokémon bekannt war, und dass man daher immer mal wieder von neuen Fähigkeiten erfuhr.
    Die stumme Frage, warum sie das Hauptquartier nicht evakuierten und alles Wichtige mit sich nahmen, schwebte – zusammen mit der Erwartung vor dem Angriff selbst – wie ein Schatten über den verschiedenfarbigen Köpfen. Doch keiner wagte, sie aus der Luft zu greifen. Denn das Wichtigste am Hauptquartier und seinem Waldring konnten sie nicht mit sich nehmen und würden es dem Willen des Königs und seiner Soldaten überlassen müssten: Das Hauptquartier selbst.
    Weil es zu einer Zeit entstanden war, als die Schwarze Rose nichts weiter als ein unorganisierter Haufen aufrührerischer Seelen gewesen war, hatte sich niemand um seine Entstehung gesorgt. Jetzt, da die Rebellion in allen Ländern bekannt war und agierte, würde der König es nicht zulassen, dass sie einen weiteren Stützpunkt in solcher Nähe zum Herrschersitz errichtete. Das Hauptquartier war der Rose mächtigster Dorn, und seine Rebellen mussten alles daransetzen, dass er nicht gestutzt wurde.


    Der nächste Tag – der Tag des Angriffs – war schon ab dem frühen Morgen der Vorbereitung des Kampfes gewidmet. Hier wurden noch letzte Besserungen an den verfügbaren Waffen vorgenommen, dort eine Aufwärmübung ausgeführt. Die einzelnen Gruppen, wie sie normalerweise zusammengestellt waren, wurden einstweilig aufgelöst und neu formiert. Wer wo zugewiesen wurde, entschieden die Anführer abhängig der Pokémonpartner. Die neuen Teams bildeten an verschiedenen Stellen Menschen- und Pokémontrauben, und die Kommandanten, die sie umstanden, gaben Anweisungen.
    Neko und ihre Partner gehörten einem Team an, das sich um Nana, die sonst Anführerin einer anderen Gruppe und damit gleichrangig mit Tetsu war, versammelt hatte. Mit dabei waren vier weitere Rebellen, die die Waffenkunst nicht erlernt hatten – hauptsächlich Frauen – sowie deren Pokémon. Bis auf Akari kannte Neko niemanden von ihnen persönlich, doch dank Nanas fürsorglichen Ansprachen gelang es dieser, das neugeformte Team aufeinander abzustimmen.
    Mit zwei weiteren, ähnlich organisierten Gruppen und etwa der Hälfte der Pokémon, deren Menschenpartner selbst durch Waffengebrauch aktiv am Kampfgeschehen teilnahmen, bildeten sie den rechten Flügel, der den Waldring nach Norden hin absichern sollte.
    Neko sah hinüber zu Bojelin, der mit dem frisch entwickelten Metang ebenfalls zum rechten Flügel dazugehörte, jedoch näher an den Waffenkämpfern postiert werden sollte. Gerade Mizu war der Einzige, der überhaupt nicht mitwirken würde. Noch geschwächt von seiner letzten Vision, war er nicht dazu in der Lage, eine wirkungsvolle Verstärkung für die Verteidiger abzugeben. Es hatte einiger Überzeugungsarbeit bedurft, ihn zu überreden, dass er sich dringend ausruhen musste. Zwar hatte der Lynoer nachgegeben, aber Neko hatte trotzdem das ungute Gefühl, dass er damit noch lange keine Ruhe geben würde. Eine Heilerin hatte sich angeboten, ein Auge auf ihr Gruppenhaus zu haben, und Bojelin war in der Nähe der Waffenkämpfer, falls Mizu sich unvernünftigerweise dazu entscheiden sollte, sich ihnen anzuschließen. Neko war sich sicher, dass das Wasserwiesel eigens zu diesem Zweck darauf bestanden hatte, mehr zur Mitte der Kampflinie stationiert zu werden, weil es die gleichen Befürchtungen hegte wie die Eloa.
    Neko lauschte Nanas Instruktionen nachlässig nur mit halbem Ohr und ließ den Blick über die Lichtung schweifen. Überall teilten die Kommandanten den Rebellen ihren Verteidigungsplan mit, überall fragten die Befohlenen zwecks genauerer Informationen an mancher Stelle nach. Während er wanderte, begegnete Nekos Blick dem Shinzus, der sie aus einigen Metern Entfernung musterte. Auch er schien seinem zeitweiligen Anführer nur halbherzig zuzuhören. Da er ihres besorgten Gesichtsausdruckes gewahr wurde, lächelte er ihr aufmunternd zu. „Wir packen das!“, formte er stumm mit den Lippen.
    Neko lächelte ebenfalls, doch nicht wirklich überzeugt, und nickte, bevor sie sich wieder Nana zuwandte. Ihr jetzt Zuspruch zukommen zu lassen, hatte nur eine schwache Wirkung. Sie brauchte jemanden, der ihr während des Kampfes derart beistand. Shinzu und Porygon2 fochten unglücklicherweise am linken Flügel mit, waren daher eine ganze Schlachtreihe von ihr entfernt. Zumindest würde sie Akari um sich haben, wenngleich auch sie nicht die Zuversicht ausstrahlte, die Neko sich wünschte.


    Einige Meter weiter bemerkte Kasai Shinzus Unaufmerksamkeit und folgte dem Blick des Naminers. Kopfschüttelnd stupste der Keraner seinen Freund mit dem Ellenbogen an und flüsterte ihm zu: „Mach dir keine Sorgen um sie, ihr wird nichts geschehen. Bei den Pokémon kann sie nicht verletzt werden.“
    Endlich ließ der Angeflüsterte den Blick sinken und murmelte zurück: „Trotzdem kann ihr irgendetwas passieren. Man kann nie wissen, was die Königlichen Soldaten als nächstes tun – was ist, wenn sie Geiseln nehmen?“
    Zur Antwort prustete Kasai leise abfällig. „Diese Eierköpfe? Niemals! Komm schon, was denkst du wirklich?“, hakte er nach.
    Shinzu lächelte ertappt und blinzelte aus dem Augenwinkel zu Neko rüber. „Wenn das hier vorüber ist, will ich es ihr sagen. Ihr… gestehen“, sagte er unvollständig, doch der Keraner verstand.
    Dieser zuckte nur desinteressiert die Schultern und meinte gelangweilt: „Solange das nicht wieder so endet wie bei deinen anderen, soll’s mir recht sein.“
    „Das wird es nicht“, erwiderte Shinzu bestimmt. „Das hier ist anders.“
    Die beiden merkten nicht, dass Raika ihnen ganz genau zuhörte.


    Alle so zusammengestellten Truppen und Teams nahmen ihre Plätze von Nord nach Süd westlich des Waldringes ein. Neko stand bei ihren Partnerpokémon und streichelte Libelldras rundlichen Drachenkopf. Sie war nervös und machte daraus auch keinen Hehl, dennoch versuchte sie nach Kräften, ihre Anspannung abzuschütteln. Dieser Kampf mochte der bislang schwerste sein, in den sie je involviert gewesen waren, und es war zu erwarten, dass ihre Partner verletzt werden würden. Traunfugil, den nichts zu erschüttern schien, schwebte um seine Partnerinnen herum und summte ein fröhliches, disharmonisches Liedchen.
    Hinter sich hörte Neko Schritte im Gras, und Akari trat neben sie. Die Chimäre verzog ihre Lippen zu etwas, das wie ein zuversichtliches Lächeln aussehen sollte, und widmete sich wieder den Streicheleinheiten ihrer Wüstendrachin. „Aufgeregt?“, fragte ihre Freundin verständnisvoll. Als Neko nickte, fuhr Akari fort: „Als Vater und ich hier ins Hauptquartier versetzt wurden, hat man mir gesagt, dass wir schwere Kämpfe zu bestehen haben.“ Ob des abwesenden Tonfalls ihrer Teamkollegin wandte Neko sich dieser zu. Die moosgrünen Augen der Gotela funkelten in einer seltsamen Mischung aus Entschlossenheit und Angst. „Das mit Nidoqueen war schon ganz schön heftig“, fuhr sie zögerlich fort, „und auch zu erwarten, aber …“
    Weil ihre Freundin nicht die richtigen Worte zu finden schien, half Neko aus: „Man hofft immer, dass es weniger schlimm kommt als befürchtet.“
    Akari lachte bitter. „Ja, so kann man es ausdrücken. Das hier ist viel größer als Nidoqueen – und es wird härter als der Kampf auf der Welsarherold.“ Als die Eloa nur nickte, fügte sie, mit einer Kopfgeste zu ihren zeitweiligen Teamkameraden, etwas offener hinzu: „Zumindest sind wir nicht allein.“
    Wieder nickte Neko, wollte noch etwas dazu sagen, doch der durchdringende Ton eines Signalhorns unterbrach sie. Hastig wirbelte sie herum, dem Ruinenfeld entgegen. Die Angreifer näherten sich dem Hauptquartier!
    Sogleich eilten Neko, Akari und ihre Partner zu Nanas Team, die den auf ihrer Seite anrückenden Pokémon entgegensahen. Alle erdenklichen, unterschiedlichen Spezies vermischt, waren auch sie in einzelne Kampfgruppen eingeteilt, die über und zwischen den zerstörten Häusern, die einmal Stadtteil Namines gewesen waren, auf die Verteidiger zukamen. Dabei waren sie nicht in geringster Eile – wahrscheinlich ähnlich wie die Pokémon am südlichen Flügel und an der Waffenkämpferfront die Soldaten. Bald, als die Entfernung immer geringer wurde, kristallisierte sich heraus, welche Gruppe gegnerischer Pokémon auf welches Team der Schwarzen Rose treffen würde.
    Sowie dies einigermaßen sicher war, wandte Nana sich an ihre Untergebenen, um die Feinjustierung an ihrer Kampfstrategie vorzunehmen. Sie deutete abwechselnd auf einzelne von ihnen, anschließend auf einen Haufen Gegner, dem sie die Erwählten zuwies. Dabei sollten Neko durch Libelldra und Traunfugil, Akari durch Kussilla und eine Lynoerin namens Umi durch ihr Kabutops zusammen kämpfen. Ihnen zu Hilfe stellte Nana ein Irokex, dessen Menschenpartner bei den Waffenkämpfern focht.
    Die gegnerischen Pokémon, denen sie sich annehmen sollten, waren ein Rizeros, das zwischen den vernachlässigten Trümmern hindurchwalzte wie eine Naturgewalt; ein Lepumentas, das ihm in gemäßigterem Tempo folgte, während seine acht riesigen Augen durch die leichte Drehung seines flachen Hauptes die Situation auskundschafteten. Das Schlusslicht bildete ein Glurak, das mit kräftigen Flügelschlägen über die Ruinen hinwegglitt. Dabei bildete es eine einzige, dunkle Drohung, in doppelter Hinsicht: Die gewaltigen, mächtigen Schwingen und der wuchtige Drachenlaib waren nicht von orangefarbenen, sondern rauchschwarzen Schuppen überzogen.
    Nekos Herz verkrampfte sich. Ein Buntes!
    „Nana, ist das dein Ernst?“, fragte Umi schockiert. „Dieses Glurak ist stärker als Gewöhnliche – und ein solches wäre schon schwierig genug zu besiegen.“ Sie warf einen unsicheren Blick zu ihrem Partnerpokémon. „Kabutops ist das einzige Pokémon in unserem Team, das ihm wirklich schaden könnte, aber er kann es nicht angreifen, solange es in der Luft ist.“
    „Dann müsst ihr es eben aus dem Himmel holen“, meinte die Gruppenanführerin und winkte zu Libelldra hinüber. „Außerdem kann Kabutops gegen Rizeros viel ausrichten. Ihr kriegt das schon hin.“ Damit wandte sie sich ab und entfernte sich mit jenen Pokémon und Rebellen, an deren Seite sie kämpfen würde.
    Neko legte die zitternde Hand auf Libelldras raue Schnauze. Warum war ausgerechnet sie mit der Aufgabe betraut, das abnormal starke Bunte auf den Boden zu holen? Bis ihr das gelang, mochte Glurak sie bereits besiegt haben. Gewiss, sie durfte auch Libelldras Kraft nicht unterschätzen; doch bei den ungewöhnlich gefärbten Sonderlingen konnte man nie wissen.
    „Bist du bereit?“, fragte Libelldra sanft, die großen Augen hinter der roten Membran blinzelten. Traunfugil stieß einen leisen Schrei aus und machte ein entschlossenes Gesicht.
    Neko lächelte, zum ersten Mal wirklich zuversichtlich. „Das bin ich.“


    Die drei Rebellinnen stellten sich nebeneinander auf, ihre Pokémon und Irokex in einer Kampflinie vor ihnen. Die Pokémon des gegnerischen Heeres waren schon fast in Angriffsnähe, als das schwarze Glurak plötzlich beschleunigte, Rizeros überholte und zu einem blutroten Inferno ansetzte. Der glühend heiße Feuerstrahl schoss auf die Reihe zu. Umi befahl Kabutops Schutzschild, um sich und die anderen Pokémon vor diesem Erstschlag zu bewahren. Er sprang vor, kreuzte die grauen Knochenscheren vor dem Gesicht und baute die bläulich glimmende, immaterielle Wand auf. Die dunklen Flammen trafen auf die durchsichtige Energie und faserten in alle Richtungen auseinander.
    Hinter diesem heißen, blendenden Sichtschutz donnerte Rizeros heran. „Kussilla, halte Rizeros mit Bitterkuss auf!“, rief Akari ihrer Erstpartnerin zu. Diese tippelte auf den kurzen Beinchen um den Schutzschild herum, wich dabei geschickt den für sie besonders gefährlichen Flammenzungen aus. Die Lippen der Eistänzerin glühten blau auf, bereit, das herannahende Felsennashorn in Verwirrung zu versetzen.
    Als Irokex ihr dichtauf folgte, die rechte Faust in die Schatten eines Nachthiebs gehüllt, schoss, zu Nekos überraschtem Ärgernis, auch Traunfugil hinterher. Der Nebelgeist stieß einen wie Kriegsgebrüll klingenden Heuler aus, der geisterhaft schauerlich über den Kampfplatz fegte.
    Während die drei auf Rizeros zuhielten, stürzte Libelldra sich auf Glurak, um es an seiner Attacke zu hindern und Kabutops damit zu befreien. Sie hüllte es ihrerseits in violett-gelbe Drachenwut. Als Gegenwehr hackte der schwarze Drache mit flammenden Zähnen nach ihr, und auch wenn sich die Wüstendrachin diesen Angriffen elegant entwand, fürchtete Neko doch um das Heil ihrer Erstpartnerin.
    Der schnelle Irokex war bei Rizeros angekommen und verpasste ihm einen schattengetränkten Fausthieb, und auch Kussilla hatte das Felsennashorn fast erreicht. Gerade, als das kleine Eispokémon zur Attacke ansetzte, erinnerte das bislang unbeteiligte Lepumentas an seine Anwesenheit: Die rosafarbenen Augen leuchteten auf, und aus ihnen schossen mehrere Psystrahle. Ein jedes der rebellischen Pokémon wurde davon getroffen; da der Angriff jedoch nicht gebündelt war, richtete er keinen schweren Schaden an, brachte die Getroffenen dennoch erfolgreich von ihren Absichten ab.
    Rizeros nutzte die kurze Ablenkung und fegte Kussilla und Traunfugil mit präzise treffendem Steinwurf davon. So war es jetzt nur noch in einen Zweikampf gegen Irokex verwickelt, dem der Psystrahl nichts ausgemacht hatte.
    Glurak packte Libelldra und schleuderte sie mittels Geowurf genau auf Kabutops. Die Wüstendrachin und der Pfeilschwanzkrebs gingen beide zu Boden, rappelten sich jedoch rasch wieder auf. Neko bemerkte die leichte Unsicherheit ihrer Erstpartnerin und rief ihr zu: „Sandgrab. Benutze Sandgrab!“
    Libelldra hob den Kopf und schüttelte die langen Fühler, bevor sie kräftig mit den Schwingen schlug, ohne vom Boden abzuheben. Eine Wolke grober Sandkörner sammelte sich um den Geist der Wüste, wirbelte schneller und wurde rasch dichter. Jetzt schwang sich Libelldra in die Luft, begleitet von einem wahren Sandsturm braunen Kies, und flog auf ihre Kontrahenten zu. Die Wolke breitete sich über den Kampfplatz aus und fegte über ihre Gegner hinweg. Während Lepumentas sich lethargisch der wenig effektiven Attacke hingab, brannte Glurak ein gläsernes Loch in die unbeständige Wand, um sich vor den verheerenden Auswirkungen zu schützen. Rizeros, das ebenfalls empfindlich gegenüber der Bodenattacke war, wandte seinerseits eine an und grub sich in den Boden; als der Sandsturm sich verzog, kündete nur noch ein Maulwurfshügel von seiner Präsenz.
    Neko atmete erleichtert auf. Ihre Erstpartnerin hatte zwar keinen großen Schaden anrichten können, aber zumindest waren die gegnerischen Pokémon so erst einmal von einem eigenen Angriff abgebracht worden.
    Das Felsnashorn befand sich noch immer unter der Erde und konnte jeden Moment ausbrechen, um einen von ihnen mit Schaufler anzugreifen. Kabutops stieß die knöchernen Klingen in den Boden und nahm über sie die Vibrationen auf, die Rizeros bei seinem Tauchgang hervorrief. Offenbar erkannte er, welches seiner Teamkameraden das unwissende Opfer sein würde, und stieß Irokex im letzten Moment zur Seite. Kaum war der gelbe Kämpfer in Sicherheit, brach Rizeros aus der Erde, umgeben von Erdkrumen und Steinchen, die in alle Richtungen davonspritzten.
    „Kalkklinge!“, rief Umi ihrem Erstpartner zu, der schon dabei gewesen war, ebenfalls vor dem Felsnashorn zurückzuweichen, die Chance einer Attacke aus nächster Nähe missachtend. Die Klingen des aufrechtgehenden Pfeilschwanzkrebs glühten blau, als er sie gegen seinen Gegner schwang. Wo die sehr effektive Attacke am steinharten Panzer Rizeros‘ entlangschrammte, stoben blaue Funken wie Wassertropfen auf. Das Felsnashorn brüllte vor Schmerz, packte Kabutops bei den Schultern, hob ihn hoch und rammte ihm einen Hornbohrer in die Brust.
    Mit Schrecken sah Neko zu, wie der Pfeilschwanzkrebs gepeinigt wurde, und konsultierte ihren Nebelgeist damit, die Macht der Attacke mit Heuler abzuschwächen. Traunfugil schoss heran und stieß einen markerschütternden Schrei aus, doch auch wenn sich das Horn langsamer zu drehen schien, ließ Rizeros nicht von Kabutops ab. Nun nahm auch Irokex sich seines Kameraden an und ließ das Felsnashorn seinen Gegenstoß spüren. Weil sie im selben Team kämpften und Kabutops vom Hornbohrer großen Schaden davontrug, war die Unlichtattacke derart gestärkt, dass sie das zentnerschwere Rizeros umwarf und den Pfeilschwanzkrebs befreite. Von der Attacke, die im Normalfall bei nur einem Treffer besiegte, hatte er dank Traunfugil und Irokex nur einige Schrammen am Brustpanzer davongetragen.
    Neko wandte ihre Aufmerksamkeit in den Himmel, wo sich Libelldra und Glurak einen heftigen Zweikampf aus Furienschlag und Schlitzer lieferten. Während sie auf Rizeros fixiert gewesen war, hatten die beiden Drachen begonnen, in unterschiedlichem Takt umeinanderzutanzen. Die Wüstendrachin schoss immer wieder vor, fast zu schnell, sie mit dem Auge zu verfolgen, und stieß mal von links, mal von rechts nach ihrem Kontrahenten. Der schwarze Drache hingegen vertraute auf seine rohe Kraft, während er, wesentlich schwerfälliger als Libelldra, gnadenlos mit den scharfen Krallen nach ihr hieb.
    Gerade wollte Neko Libelldra befehlen, noch einmal ein Sandgrab heraufzubeschwören, als plötzlich alle Pokémon auf ihrer Seite zusammenbrachen und sich wie unter Schmerzen den Kopf hielten – alle bis auf Kussilla, die die nur kurze Verwirrung abschüttelte und Konfusion auf Glurak einsetzte, damit es die zur eigenen Verteidigung unfähige Libelldra nicht angriff, und Irokex, der Rizeros ohne Unterbrechung mit Fuchtler traktierte. Erschrocken starrte Neko zu Lepumentas, das fast unbeteiligt im Hintergrund schwebte. Die Antenne auf seiner Stirn war umgeben von einer weißen Aura. Höchstwahrscheinlich setzte es Sondersensor ein und brachte damit die Hirnströme seiner Gegner in Unordnung. Die Psychoattacke hatte nur wenig Auswirkungen auf Kussilla, die vom selben Typ war, und gar keine Wirkung auf Irokex‘ Unlichtnatur.
    Um sich der Irokesenechse zu erwehren, beschoss Rizeros ihn und Kabutops mit Steinwurf. Als der Sondersensor endlich abbrach und der Pfeilschwanzkrebs somit wieder zum Handeln fähig, wehrte er die herumfliegenden Steinbrocken mit stahlharter Metallklaue ab, beschützte so auch Irokex, dem die Attacke dank seines Zweittyps Kampf auch nicht viel anhaben konnte.
    „Wir müssen was gegen dieses Lepumentas tun“, befand Umi und deutete auf die Lehmpuppe, die das Kampfgeschehen immer mit vier ihrer acht Augen im Blick behielt. „Immer, wenn wir im Vorteil sind, setzt es irgendeine Attacke ein, die das wieder zunichtemacht.“
    „Ich glaube, ich hab eine Idee“, meinte Akari sofort und sah Neko an. „Dafür brauchen wir deine Partner.“ Sie legte den beiden in aller Eile ihren Plan dar.
    Als sie endete, nickte die Eloa und rief: „Traunfugil, lass Lepumentas mit Spukball blind werden!“ Der kleine Geist nickte eifrig und flog auf das gegnerische Psychopokémon zu. Zuerst schien Glurak ihn aufhalten zu wollen, doch als Libelldra es mit Drachenwut angriff, ließ es sich von Traunfugil ablenken. Dieser steuerte um Lepumentas im Kreis herum und schoss einen Ball geisterhafter Energie nach dem anderen auf die großen, rosafarbenen Augen. Sein Opfer versuchte anfangs noch, die einseitige Blindheit dadurch auszugleichen, dass es seinen Rosettenkopf herumdrehte; doch da bald alle seine Augen getroffen waren, wurde diese Methode nutzlos.
    Jetzt rief Neko Libelldra herbei, die nach Akaris Plan Kussilla vom Boden aufhob und mit ihr auf Lepumentas zuflog. Glurak versuchte, sich der Wüstendrachin in den Weg zu stellen, doch sie wich elegant aus. Stattdessen schoss der schwarze Drache ihr ein höllisches Inferno hinterher. Neko hielt angespannt die Luft an, als der Feuerstrahl auf ihre Erstpartnerin zuwalzte. Doch ihre Sorgen waren unbegründet: Libelldra vollführte ein halsbrecherisches Flugmanöver, in dem sie der Attacke seitwärts nach unten entging, dabei jedoch die Kontrolle verlor und sich um ihre eigene Achse drehend aus der Bahn geriet. Sie schlug mit den Flügeln, um ihren Flug wieder zu stabilisieren und an Höhe zu gewinnen. An Lepumentas heran, ließ sie die kleine Eistänzerin auf den Kopf der Lehmpuppe fallen und schlingerte dann weiter. Erst einige Meter vom Kampfplatz entfernt schaffte sie es, ihre Flügel in eine waagerechte Position zu bringen, und kehrte in einer weiten Schleife zum Geschehen zurück.
    Kussilla hingegen landete so unglücklich auf dem irdenen Kopf, dass sie beinahe wieder herabgerutscht wäre. Traunfugil schoss herbei und bewahrte sie davor. „Jetzt, Eishieb auf die Antenne!“, rief Akari laut. Ihre Erstpartnerin sprang zu dem Dorn, ihre kleinen Händchen in eisiges Licht gehüllt. Mit einem kräftigen Schlag, den man ihrer geringen Größe nicht zugetraut hätte, vereiste sie Lepumentas‘ empfindliche Antenne. Nachdem es vor Geisterenergie schon nichts mehr sehen konnte, verlor nun auch sein letztes Organ, mit dem es seine Umgebung wahrnehmen konnte, an Sensibilität, je kälter es wurde, und es drohte abzustürzen.
    Jetzt stieß Glurak heran, kleine Flammen züngelten aus seinem schwarzen Drachenmaul, als es die Eistänzerin mit Feuerzahn packte und von Lepumentas herunterwarf. Trotzdem war die Lehmpuppe durch die richtig gesetzte Eisattacke zu geschwächt und fiel wie ein Stein aus seiner Schwebe.
    Der schwarze Drache spie erneut Inferno nach Kussilla, die wehrlos unter ihm auf dem Boden lag, zu benommen, dem Feuer auszuweichen. Neko rief Libelldra zu ihrem Schutz herbei; die Wüstendrachin hüllte sich in eine Wolke aus graubraunem Sandgrab und gelb-violetter Drachenwut. Der so entstehende Drachenzorn prallte mit dem blutroten Inferno zusammen, erzeugte eine Explosion ungewöhnlich gefärbter Flammen, die sich gegenseitig auslöschten. So war Kussilla vor der Feuerattacke bewahrt, doch die, die Glurak zuvor auf sie eingesetzt hatte, hatte ihr übel mitgespielt. Traunfugil schwebte zu der gebeutelten Eistänzerin, gehüllt in ein sanftes, gelbliches Licht. Per Leidteiler übernahm der Nebelgeist einen Teil ihrer Erschöpfung und gab ihr gleichzeitig etwas von seiner Kraft ab. Von neuer Energie erfüllt, bedankte sich Kussilla bei ihrem Retter, und gemeinsam gingen sie mit Irokex auf einen Bodenangriff auf Lepumentas über.
    Kabutops war zu beschäftigt damit, sich Rizeros‘ Angriffen zu erwehren und gleichzeitig selbst Treffer zu landen, um Libelldra irgendwie zu helfen. Diese war jetzt nämlich in arger Bedrängnis: Das bunte Glurak hatte seinen Feuerzahn in einen Flügelansatz getrieben und sich fest darin verbissen. Nur ihre dicke Lederhaut bewahrte sie vor bleibenden Schäden an ihrer Schwinge. Zwar versuchte sie, sich gegen den Feuerdrachen mit Furienschlag zu erwehren, doch dieser ließ nicht im Mindesten locker. Neko überlegte, ob sie ihr Sandgrab befehlen sollte, war sich aber nicht sicher, ob die Attacke aus dieser Nähe überhaupt treffen konnte. Immerhin hatte sie einen gewissen Abstand zu ihrem Anwender.
    „Libelldra, hierher!“, ertönte plötzlich eine Stimme von links, und Libelldra wie Neko wandten den Kopf. Es war Bojelin, der in schnellem Tempo angelaufen kam, die beiden Schweife steil aufgerichtet, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Wüstendrachin schien zu verstehen, und mit einem ungeheuerlichen Kraftaufwand und einem Schlagen ihrer halb gelähmten Flügel drehte sie Glurak mit dem Rücken zu dem herannahenden Wasserwiesel. Dieses bremste scharf, als es nahe genug heran war, atmete tief ein und schoss eine Hydropumpe auf den schwarzen Drachen ab. Bojelin landete einen Volltreffer, insbesondere, da er die rubinrot brennende Schwanzspitze erwischte. Die sehr effektive Wasserattacke ließ Glurak vor Pein brüllen, sodass es endlich von Libelldras Flügel abließ. Zuvor hatten nur seine mächtigen Flügelschläge die beiden in der Luft gehalten, jetzt war Libelldra mit ihren für dieses Gewicht viel zu schwachen Schwingen allein. Der Geist der Wüste stieß das Bunte von sich, bevor sie beide schwer auf dem Boden aufkommen konnten.
    Der schwarze Drache stemmte sich wieder auf, versuchte, sich wieder in die Lüfte zu erheben, doch seine Flugmuskeln waren von dem Wasser kurzzeitig so erkaltet, dass es sie nicht bewegen konnte. Kabutops, der Rizeros immerhin so weit geschwächt hatte, dass es keinen großen Schaden mehr würde anrichten können, widmete sich Glurak auf Befehl seiner Menschenpartnerin.
    Neko hingegen achtete nur noch auf Bojelin, der jetzt auf sie zukam. Was tat er hier? Sollte er nicht in der Nähe der Waffenkämpfer sein, um besser im Blick zu haben, ob sich Mizu ihnen zugesellte? „Neko!“, rief er schon von weitem, überflüssigerweise, wie sie fand, doch das überging sie, als sie die Panik in seiner Stimme heraushörte. Das Wasserwiesel blieb vor ihr stehen, stellte sich auf die Hinterbeine. Als schneller Sprinter nicht für Langstreckenläufe gemacht, schon gar nicht an Land, keuchte er, fand aber dennoch genug Luft, um auszustoßen: „Mizu ist im Kampf!“
    Auch wenn sie das erwartet hatte, schockte die direkte Aussprache dieser Tatsache Neko dennoch bis auf die Knochen. „Warum hast du ihn nicht aufgehalten?“, fragte sie aufgeregt, jedoch nicht als Vorwurf. Wenn Bojelin seinen Menschenpartner gesehen hatte, wie er sich dem Kampf anschloss, hatte er ihn doch auch irgendwie davon abbringen können.
    „Xatu“, war die knappe, hervorgepresste Antwort, und Neko reimte sich den Rest zusammen: Wahrscheinlich hatte der Psychoadler an Metang eine telepathische Nachricht geschickt und dieses sie dann Bojelin weitergegeben. „Du musst mit mir kommen“, forderte das Wasserpokémon hektisch, allmählich wieder zu Atem kommend. „Ich kenne ihn schon fast mein ganzes Leben. Auf mich wird er nicht hören, wenn ich ihn zurückholen will!“
    „Aber ich …“, setzte Neko an, verstummte aber. Sie waren noch immer mitten im Kampf, da konnte sie doch nicht einfach gehen, ihre Teamkolleginnen und ihre Partner im Stich lassen.
    „Was ist los?“, hörte sie hinter sich Akaris Stimme, und sie und Umi kamen hinzu.
    Nachdem Bojelin in knappen Worten dargelegt hatte, was vorgefallen war, ließ die Lynoerin den Blick über ihren Kampfplatz schweifen. Glurak konnte sich aufgrund der ununterbrochenen Angriffe ihres Erstpartners und Libelldras nicht mehr in seine überlegene Position am Himmel erheben, Rizeros hatte arge Mühe, sich des Trios aus Nebelgeist, Eistänzerin und Irokesenechse zu erwehren, das bereits Lepumentas mit sehr effektiven Angriffen außer Gefecht gesetzt hatte. „Ich denke, wir haben die Situation hier unter Kontrolle“, meinte Umi. „Nana hat bestimmt kein Problem damit, wenn du und deine Partner eine kleine Pause machen.“
    Neko blickte zwischen ihr und Akari, die ermutigend nickte, hin und her. „Danke“, sagte sie aufrichtig und trommelte ihre Pokémon zusammen. Sie wandte sich an Bojelin und forderte: „Führ uns zu Mizu!“


    Die Pokémonkämpfe fanden auf einem halbwegs von Gebäuderuinen freien Areal zwischen Waldring und dem verlassenen Stadtviertel statt. Auch gegen die Soldaten war zu Anfang in dieser Entfernung zum Hauptquartier gekämpft worden. Doch die Anzahl der Königlichen Krieger, die mit ihren homogenen Katana gegen die bunt gemischten Waffen der Rebellen anbrandeten, war ungleich größer als die der Verteidiger. So waren diese im Verlauf der Auseinandersetzung immer weiter zum Wald hin zurückgedrängt worden – wenn das so weiterging, würden bald die ersten Gefechte zwischen den Baumstämmen stattfinden.
    Bojelin führte Neko und ihre Partnerpokémon mitten durch die Kämpfenden hindurch. Sie waren weit genug voneinander gestreut, sodass sie nicht in potentielle Gefahr gerieten, doch die Situation ähnelte dem Tanzparkett auf einer Feier: Wer versuchte, ohne mit den Tänzern zusammenzustoßen, durch sie hindurchzugelangen, musste die Augen offen halten nach unvorhergesehenen Bewegungen, Schlenkern und Richtungsänderungen. Die Eloa knirschte wegen dieses Vergleichs, den sich ihr Verstand da zusammengereimt hatte, die Zähne. Hier konnte sie ernsthaft verletzt werden, ganz anders als auf einer Tanzfläche. Zumindest war sie in Begleitung kampfkräftiger Pokémon; vor allem Libelldra musste lediglich den Schweif schwingen, um ihre Menschenpartnerin vor einem Angriff zu beschützen, ohne selbst eine Attacke anwenden zu müssen. Die Wüstendrachin hatte sich deswegen dazu entschlossen, Bojelin zu Fuß zu folgen, denn wenn sie über ihre Köpfe hinwegflog konnte sie im Ernstfall vielleicht nicht schnell genug landen.
    Ihnen wurde plötzlich der Weg versperrt, als zwei Kämpfer wie aus dem Nichts vor ihnen erschienen, in ein heftiges Duell verwickelt. Einer der beiden führte eine fast zwei Meter lange Waffe, konnte ihre überlegene Reichweite jedoch nicht effektiv anwenden, weil sein Kontrahent mit dem Katana viel zu nahe war. Außerdem war dieser im Vergleich wesentlich schneller und flinker, weil er nicht so weit ausholen musste. Der Soldat nutzte diese kurze Paralyse und rammte dem Rebell den Schwertknauf mit voller Wucht von unten gegen das Kinn. Der Sensenmann strauchelte und fiel der Länge nach auf den Rücken. Benommen von dem Stoß, sah er nicht kommen, wie der Soldat das einschneidige Schwert hob, bereit, ihn mit einem Schlag zu töten.
    Da war Libelldra heran und warf den Soldaten um, baute sich drohend vor ihm auf, um ihn daran zu hindern, wieder anzugreifen, während Neko, Bojelin und Traunfugil aufholten. „Verdammter Mist“, fluchte Rai in diesem Moment und rappelte sich auf. Er hustete und rieb sich das Kinn. Zwischen seinen Fingern rann Blut aus der Platzwunde, die ihm der Soldat zugefügt hatte. Außerdem blutete er aus zahlreichen kleineren und größeren, tieferen und oberflächlicheren Schnittwunden an Beinen, Armen und Brust. Auch zwischen seinen Lippen sickerte ein roter Tropfen hervor.
    „Alles in Ordnung?“, fragte Neko, als der Tiro aufstand, schwer auf den Schaft seiner Sense gestützt.
    „Sehe ich etwa so aus?“, gab er derb zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn, der ihm sein Haar in Strähnen daran kleben ließ. „Danke jedenfalls“, meinte er aufrichtig in Richtung Libelldra. „Dieser Harlekin wollte sich einfach nicht abschütteln lassen.“ Neko fragte sich ernsthaft, wer denn wirklich der Harlekin war, denn mit den starren, stechenden gelben Augen, seinem blutbefleckten Hemd und dem blutbesudelten Sensenblatt gemahnte Rai an einen Boten des Todes. Er schien erst jetzt wirklich zu registrieren, wer da vor ihm stand, und fragte verwundert: „Was macht ihr denn hier? Pokémon haben hier nichts zu suchen.“ Und Frauen auch nicht, hörte Neko ihn fast schon im spöttischen Tonfall Raikas sagen, doch der Tiro hatte kein ganz so bissiges Mundwerk wie seine Schwester. Doch er hatte durchaus recht mit dem, was er sagte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Pokémon bei Kämpfen, die allein zwischen Menschen per Waffen ausgetragen wurden, nicht mitzumischen hatten.
    „Mizu ist hier irgendwo“, informierte die Chimäre ihn. Bojelin, der ungeduldig neben ihr zappelte, warf ihr einen gehetzten Blick zu. Sie mussten weiter!
    „Was?“, rief Rai aus und vergaß dabei sogar, die Blutung an seinem Kinn zu reiben – was sie bislang nur verschlimmert hatte. Er blickte sich um, als könnte er den Lynoer so irgendwo entdecken.
    „Wir müssen ihn finden“, fuhr Neko fort und meinte damit eigentlich sich, Libelldra, Traunfugil und Bojelin.
    Das wusste der Sensenmann höchstwahrscheinlich, verstand es aber bewusst falsch: „Genau. Wir müssen uns beeilen, bevor er sich noch den Schädel spalten lässt.“ Er wirbelte herum und stapfte in die Richtung, in die Neko und die drei Pokémon zu gehen im Begriff gewesen waren. Die Chimäre warf Bojelin einen fragenden Blick zu, doch dieser sprintete bereits weiter. Natürlich war es ihm gleichgültig, wer ihn – außer Neko – begleitete, solange sie nur das Ziel erreichten, Mizu von seinem hirnrissigen Unterfangen abzubringen.
    In Begleitung ihres neuen Gefährten führte der Suchtrupp weiter seine Mission aus. Mit Rai an ihrer Seite zogen sie vielleicht sogar einen gewissen Vorteil aus seiner Anwesenheit: So konnten sie sich gegen eventuelle Übergriffe seitens der Soldaten erwehren, ohne sich dafür verantworten zu müssen, Pokémon in die Waffenkämpfe mitgebracht zu haben, die aktiv daran teilhatten.
    „Hey, was ist denn da los?“ Rai blieb plötzlich stehen und deutete in Richtung der Ruinen, wo eine Phalanx von Soldaten Stellung bezogen hatte, die meisten von ihnen dyrischer Abstammung. Anstelle der obligatorischen Katana hielten sie mannslange Bogen in der Linken, mit dem Wurfarm spannten sie die Sehnen der Waffen. Die dazugehörigen Pfeile richteten sie in den Himmel. Selbst Neko erkannte, dass die Flugparabel, die diese Geschosse beschreiben würden, direkt auf den Waldrand zuhalten würde – genau da, wo sie jetzt standen, umringt von kämpfenden Rebellen und Soldaten. „Die werden doch nicht etwa …?“, begann Rai, doch er konnte den Satz nicht zu Ende bringen.
    Selbst auf die Entfernung und über den metallischen Lärm von Klingen, die aufeinandertrafen, war das Sirren der Bogensehnen deutlich zu vernehmen. Die Pfeile wischten lautlos in den Himmel, mit einer Geschwindigkeit, die anmutete, als wollten sie geradewegs in das unendliche Blau stechen. Bald verlangsamte die unbarmherzige Erdanziehung ihren Flug, sie kippten mit den im Sonnenlicht blitzenden Spitzen nach vorn. Einen Moment schien es, als würden sie schwerelos in der Luft hängen, wie in Glas gegossen.
    Dann stießen sie herab.
    Überall um Neko und ihre Begleiter herum gingen die tödlichen Geschosse nieder, in einem dichten Hagel, der bis in den Wald hineinreichte. Viele gingen daneben und gruben sich tief in die Erde, andere trafen verschiedentliche Ziele: Mitglieder sowohl der Schwarzen Rose als auch des Königlichen Heeres wurden getroffen, als stünden sie alle auf derselben Seite. Die Pfeile schienen in diesem Augenblick der Feind, der über ihnen allen stand und keine Ausnahme unter ihnen machte. Schmerzerfülltes Stöhnen kam von den Getroffenen, die mit tiefen Fleischwunden zusammenbrachen.
    Auch die Gruppe, die nach Mizu suchte, wurde von Pfeilen überfallen. Doch Libelldra reagierte instinktiv, stieß Neko, Rai und Bojelin zusammen und legte einen ledernen Drachenflügel schützend über sie. Es gab ein hässliches, trockenes Geräusch, als sich drei Pfeilspitzen in die raue Haut bohrten, doch die Wüstendrachin verzog keine Miene. Panisch drehte Neko sich zu ihrer Erstpartnerin um, bildete sich ein, den Schmerz mit ihr spüren zu können. Wie, als hätte sie damit bereits gerechnet, wandte Libelldra die Rückseite ihrer Schwinge ab und lenkte gekonnt die Aufmerksamkeit ihrer Menschenpartnerin ab: „Bojelin, was ist los?“
    Das Wasserwiesel war, nachdem die Pfeile niedergegangen waren, zur Salzsäule erstarrt. Gebannt starrte er in jene Richtung, in die sie unterwegs gewesen waren, etwas näher zum Wald hin. Das einzige, was sich an ihm bewegte, waren die kurzen Tasthaare an seiner Schnauze.
    Der Moment der Erstarrung währte nur wenige Sekunden. Dann schoss Bojelin plötzlich davon, schneller, als jeder Mensch ihm folgen konnte.
    „Bojelin!“, rief Neko nach ihm, doch das Wasserwiesel ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Chimäre überkam eine schauerliche Ahnung dessen, was ihn antreiben mochte, und drängte Rai und ihre Partnerpokémon dazu, ihm schnellstens zu folgen.
    Überraschenderweise schossen die Bogenschützen keine weitere Salve an verheerenden Pfeilen ab, trotz der Tatsache, dass sie auch viele ihrer eigenen Männer getroffen hatten. Die Katanakämpfer selbst zogen sich sogar zurück, ohne die Chance zu ergreifen, den verletzten Rebellen einen vernichtenden Schlag zuzufügen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin wandten sie sich alle wie eine Person herum und ergriffen die Flucht. Die so ausbleibenden Zweikämpfe ermöglichten es Neko und den anderen, leichter über das Schlachtfeld zu kommen. Auf Schwerverletzte oder gar Tote wollte sie gar nicht achten; ohnehin nahmen sich derer die weniger Verletzten an, halfen ihnen, aufzustehen und durch den Wald zum Heilerhaus zu humpeln.
    Endlich hatten sie Bojelin erreicht, dessen orangebrauner Pelz wie ein Signalfeuer leuchtete. Neko bemerkte in seiner Nähe einen Soldaten, ein Lynoer mit himmelblauem Haar. In der Blutlache, die sich unter ihm ausbreitete, meinte sie ein Schwert zu sehen, das jedoch kein Katana war. Es war ein Kurzschwert, die Nationalwaffe des Landes am großen Fluss, doch da der Lynoer Soldat war, war sie gewiss nicht seine Waffe. Schaudernd wandte sie den Blick ab und überbrückte die letzten Meter zu Bojelin in weiten Sätzen. Eine Blutspur führe von dem gefallenen Soldaten zu dieser Stelle, doch es war nicht das Blut des Kriegers.
    Es war Mizus.
    Bojelin hatte seinen Menschenpartner an einen Baum herangezogen und ihn mit dem Rücken dagegengelehnt. Blut färbte sein Hemd dunkelrot, wo einer der Pfeile sich tief ins Fleisch seiner linken Schulter gebohrt hatte. Nekos ungeheuerliche Vermutung bestätigte sich: Bojelin hatte gespürt, dass Mizu in Lebensgefahr war, so wie jeder Erstpartner es vermochte.
    Rai erreichte sie gleich darauf. Als er Mizu erblickte, warf er seine Sense hin und ging vor dem Lynoer in die Hocke. Dieser konnte den Kopf nur mit Mühe aufrechthalten, seine Augenlider flatterten. „Hey, Kumpel“, polterte Rai unwirsch und schlug Mizu unsanft gegen die Wange. „Nicht schlappmachen!“
    „Wir müssen ihm den Pfeil rausziehen!“, rief Neko verzweifelt, als sie ihre vor Schreck verflogene Stimme wiederfand. Sie sprang um den Lynoer herum auf seine linke Seite und setzte dazu an, die Hand um den Schaft des Pfeils zu legen.
    Doch bevor ihr das gelang, packte Rai sie am Handgelenk. „Wenn du das tust, wird er erst recht verbluten!“ Er ließ sie los und wandte sich wieder dem Verletzten zu, der das Bewusstsein verloren hatte. „Verdammt …“, fluchte er leise und sah sich sinnfrei um. „Wenn wir ihn durch den Wald schleifen, kommt er vielleicht nicht rechtzeitig im Heilerhaus an. Wenn er durch die Erschütterungen nicht schon vorher verblutet.“ Der Tiro sah zu Libelldra auf. „Irgendwie musst du ihn über die Bäume fliegen, sonst macht er’s nicht mehr lange!“
    Libelldra zuckte überrascht mit den Fühlern, und Neko zitterte. Die Wüstendrachin hatte bislang nur sie auf ihrem Rücken getragen, und sie war wesentlich leichter als Mizu. Außerdem war sie erschöpft von dem Kampf vor allem gegen das schwarze Glurak, ganz zu schweigen von den Pfeilen, die in ihrem Flügel steckten.
    „Und du wirst mitfliegen müssen“, sagte Rai nun zu Nekos Entsetzen, während er aufstand und Mizu unter den Armen packte, um ihn zur Wüstendrachin zu schleifen. „Jemand muss ihn auf Libelldras Rücken halten.“
    „Dann wird sie nicht einmal abheben können!“, widersprach die Eloa heftig. Obwohl ihr Verstand gründlich dagegen war, half sie dem Tiro dennoch, Mizu auf den Drachenrücken zu hieven, als steuere eine höhere Macht ihre Bewegungen. Und vielleicht war das auch so: Ihre Vernunft sagte ihr, dass Rais Vorschlag die einzige Möglichkeit war, Mizu irgendwie das Leben zu retten.
    „Liii“, stieß Traunfugil neben ihr aus und schwebte zum Kopf seiner Mitpartnerin. Ihren kleinen Quälgeist hatte sie schon beinahe vergessen. Wie zuvor bei Kussilla erglühte er in einem warmen gelben Licht und nahm damit einen Großteil von Libelldras Erschöpfung auf sich. Die Eloa schluckte. Wie oft konnte er Leidteiler noch einsetzen, bevor er selbst zusammenbrach? Zumindest wurde seine Kampfkraft nicht mehr gebraucht, jetzt, da das Königliche Heer sich zurückzog.
    „Ich werde zum Heilerhaus gehen und Bescheid geben“, verkündete Bojelin, als sein Menschenpartner sicher auf dem ledernen Rücken angekommen war. Sofort wirbelte er herum und schoss in halsbrecherischer Geschwindigkeit ins Unterholz des Waldrings.
    Neko kletterte ebenfalls auf Libelldras Rücken, die Beine fest an die harte Haut gepresst. Mizu lag vor ihr in einer Position, die halbwegs sicher schien. Der Blutfleck auf seiner Brust hatte sich ausgebreitet. „Es ist kaum noch Zeit“, sagte Rai, als auch er den größeren Anteil roter Färbung im Stoff des Hemdes bemerkte. Höchstwahrscheinlich meinte er damit Es ist keine Zeit mehr, sprach aber die Ungeheuerlichkeit nicht aus.
    Mit schweren Schritten entfernte sich Libelldra vom Wald, um mehr Strecke zum Aufschwung zu haben, bevor sie sich wieder umdrehte und in die Hocke ging. Neko konnte spüren, wie sich die mächtigen Drachenmuskeln unter der Lederhaut anspannten, um die Kraft aufzubringen, sie in die Lüfte zu katapultieren. Libelldra stieß sich vom Boden ab, sprang in die Höhe und schlug verzweifelt mit den rautenförmigen Flügeln. Rechts von Neko klapperten die Holzschäfte der Pfeile leise aneinander, doch sie versuchte, sie nicht zu beachten, sondern konzentrierte sich mehr auf den Flug, um ihre Erstpartnerin wenigstens geistig zu unterstützen.
    Zuerst schien es tatsächlich, als könnte Libelldra abheben. Sie hob ein oder zwei Meter nach ihrem Sprung, nur von den Flügeln getragen, ab, doch dieser Triumph währte nicht lange. Gleich darauf fielen sie wieder wie ein Stein zur Erde, ein Sturz, den die Wüstendrachin mit den kräftigen Hinterläufen abfing. Wie ein Gummiball stieß sie sich erneut vom Boden ab, bevor die Trägheit ihrer Masse sie wieder in den völligen Ruhezustand versetzte. Diesmal war ihr Sprung weniger hoch, dafür weit, sodass sie sich mit ihren Schwingen schlagend einige Meter in der Luft halten konnte. Wie Ruder bearbeiteten die Flügel die Luft und fingen endlich einen Windstoß auf, der sie weiter nach oben transportierte. Neko wagte es nicht, nach unten zu sehen, aus Angst, den Boden viel zu nahe zu erblicken. Über sich sah sie stattdessen Traunfugil, der einen von Libelldras Fühlern gepackt hielt und mit aller Kraft daran nach oben zog.
    Libelldra gewann an Höhe, doch plötzlich verlor sie das Gleichgewicht, als eine leichte Böe sie erwischte. Sie schlingerte weit von ihrem direkt gewählten Pfad zum Wald ab, entfernte sich von der Stelle, wo sie Mizu bewusstlos gefunden hatten. Erst nach heftigem Flügelschlagen und lenkenden Schwanzpeitschen schien sich ihr Körper daran zu erinnern, dass er für wesentlich härtere Gegebenheiten mitten in Sandstürmen geschaffen war. Endlich konnten sie in gerader Linie auf die Baumkronen zuhalten, waren jedoch nicht ganz hoch genug: Sie stießen durch die obersten Äste, waren für einen Moment in Blätter und Zweige gehüllt, die hölzern berstend abbrachen und zu Boden fielen. Dies brachte Libelldras Flug erneut zum Schlingern, doch sie schaffte es, ihn wieder zu stabilisieren.
    Der sonst eher schmale Waldring wuchs sich zum Großen Wald aus, während sie über seine viel zu hohen Baumwipfel hinüberglitten. Neko hatte es während all der Turbulenzen tatsächlich geschafft, Mizu mit aller Kraft festzuhalten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass auch sie nicht vom Drachenrücken glitt. Ihre Arme und Beine waren so verkrampft, dass sie jede einzelne Muskelfaser zu spüren glaubte, und das urinstinktive Verlangen, sie zu entspannen, war übermächtig. Doch der Anblick von Mizus Blut, das einen scharfen Kontrast zu seiner erbleichten Haut schuf, verlieh ihr verzweifelte Kraft.
    Endlich hatte Libelldra es über die Bäume geschafft und sank nun hinab – weniger, weil sie bewusst zu Boden gehen wollte, als vielmehr, weil sie sich einfach nicht mehr in der Luft halten konnte. Ganz in der Nähe des Heilerhauses traf sie auf der Wiese auf, konnte den Sturz diesmal aber nicht abfedern. Vom Schwung ihres Falles getragen, stolperte sie nach vorne und fiel der Länge nach hin. Ein Stoß ging durch ihren gesamten Körper, als sie schwer aufkam, der Neko kurzzeitig alle Sinne raubte. Sie keuchte und klammerte sich sowohl an ihrer Drachin als auch an Mizu fest.
    Sofort waren zwei Helfer herbei, die eine Trage anschafften und den Lynoer aufluden, um ihn eilig ins Heilerhaus zu schaffen. Das ging so schnell, dass Neko nicht einmal bemerkte, wie ihre verkrampften Finger sich von Mizus Hemd gelöst hatten. Immerhin, überlegte sie geistlos, habe ich nicht die Stelle ergriffen, die voll von seinem Blut war. Da hab ich wenigstens saubere Hände.
    Sie schüttelte ihre Benommenheit ab und rutschte kraftlos von Libelldras Rücken, lehnte sich aber sogleich gegen deren Flanke. Sie keuchte und war insgeheim froh, die Last, auf Mizu sorgen zu müssen, von sich zu wissen. Während sie keuchend zu Atem kam, erblickte sie die Pfeile, die noch immer in Libelldras Flügel steckten. Trotz ihrer Erschöpfung kroch die Eloa darauf zu, um einen davon herauszuziehen. Das Wurfgeschoss, obwohl es nicht tief saß, ließ sich nur schwer lockern. Libelldra knurrte leise vor Schmerz, als Neko ihn endlich entfernte und fortschleuderte. Blut sickerte aus der Wunde, die für die harte, dicke Lederhaut wohl nicht viel mehr als ein Kratzer war.
    Neko wollte sich gerade dem nächsten Pfeil widmen, als sich plötzlich eine winzige, rosafarbene Hand auf die ihre legte. Mit tränenverschleierten Augen sah die Eloa auf und blickte einer Wonneira ins besänftigend lächelnde Gesicht. Das kleine eiförmige Pokémon schob ihre Hand mit sanfter Kraft fort und legte die eigenen um den Holzschaft. Ohnmächtig sah Neko mit an, wie das Pokémon, das von der Natur zur gebürtigen Heilerin gemacht worden war, den Pfeil aus der Drachenhaut zog, so vorsichtig, dass sich die Wundränder nicht einmal anhoben. Es schien, als würde die Spitze bei Wonneira nicht im Fleisch stecken bleiben. Anstatt eines Schmerzknurrens entwich Libelldra ein erleichtertes Seufzen, als der Fremdkörper entfernt wurde. Auch mit dem letzten Pfeil verfuhr das Heilerpokémon genauso, und anders als bei Nekos kläglichem Hilfeversuch bluteten die zurückgebliebenen Wunden kaum. Wonneira nahm sich auch dieses Kratzers an und betupfte ihn mit Mullbinden, um die Blutung zu lindern.
    Schuldbewusst erhob sich Neko schwankend und ging zu Libelldras Kopf, der kraftlos auf dem Gras ruhte. Obwohl so erschöpft, atmete die Drachin tief und gleichmäßig, wohl deswegen, weil sie sich nach dem entkräftenden Flug schon etwas beruhigt hatte. Sie öffnete die Augen, als sie spürte, wie ihre Menschenpartnerin näher kam, und sah zu ihr auf. Neko ließ sich in die Hocke und streichelte zärtlich über die schuppige Stirn. „Danke, Libelldra“, hauchte sie tonlos, weil ihre Stimme keine Kraft hatte.
    Libelldras weiße Schnauze zuckte, als ob sie ein menschliches Lächeln zu imitieren versuchte. „Ist doch klar.“ Müde schloss sie die Augen und genoss die Streicheleinheiten.
    Wonneira, die mit der Behandlung der Drachenschwinge fertig war und Libelldra auch auf weitere Verletzungen untersucht hatte, kam nach vorne und bot ihr ein kleines Ei aus weißlichem Licht an. Die Wüstendrachin neigte leicht den Kopf, um ihr Einverständnis zu geben, sodass die Heilerin das Weichei darauf aufschlagen konnte. Die seidene Schale platzte auf, und ein Schauer matter, weißer Funken verteilte sich über Libelldras Körper. Der Geist der Wüste seufzte tief und richtete sich langsam auf. Sie besah sich ihren rechten Flügel, dessen rautenförmiges Grün von weißen Streifen verunziert wurde. Wonneira hatte ihn professionell verarztet. Die kleine Heilerin war, ohne Dankesworte zu erwarten, bereits davongetippelt, um anderen Pokémon zu helfen.
    So wie Neko die Verbände sah, überkam sie ein heftiges Schuldgefühl. Sie hatte Libelldras Flugkünste über alle Maßen ausgereizt, und das auch noch, nachdem die Wüstendrachin sowohl geschwächt als auch verletzt worden war. Auch wenn das die einzige Möglichkeit gewesen war, Mizu so schnell zum Heilerhaus zu bringen, wie sie es schließlich geschafft hatten, schmeckte diese Rechtfertigung bitter. Das Gefühl, ihre Erstpartnerin ausgenutzt zu haben, wog schwer in Nekos Gewissen. Im Affekt warf sie sich gegen die Drachenhaut und umarmte Libelldra.
    „Es tut mir so leid“, flüsterte sie gepresst.
    Die Wüstendrachin legte Schweif und Schwingen um sie, die unmissverständliche Geste der Zuneigung ihrer Spezies. „Geh zu Mizu“, forderte sie überraschend und entzog sich Nekos festem Griff. Auf den verwirrten Gesichtsausdruck ihrer Menschenpartnerin fuhr sie fort: „Er braucht dich jetzt dringender als ich. Da, wo er jetzt ist, braucht er viel Kraft. Du musst für ihn da sein.“
    Die Eloa nickte, weil der Kloß in ihrem Hals ihr das Sprechen versagte. Eigentlich wollte sie noch weiter bei ihrer Erstpartnerin bleiben, aber diese hatte Recht. Es mochte sein, dass Mizu schwerstverletzt war und die Heiler ihm mit ihrem Handwerk zu helfen vermochten; doch seelische Unterstützung konnte nur von Freunden kommen. Neko wollte auf keinen Fall, dass die Bemühungen der Wüstendrachin umsonst waren, weil der Lynoer sich aufgab. Sie streichelte Libelldra noch einmal dankend über die weiße Schnauze und entfernte sich von ihr Richtung Heilerhaus.
    Auf dem Weg dorthin begegnete sie Akari, Momoko und Kasai, zwei Chaneira mit einer Trage im Schlepp. Auf der Bahre lag Camaub, die einige Kratzwunden auf ihrem Vulkanbuckel davongetragen hatte. Auch wenn Kasai durchaus besorgt aussah, glaubte Neko nicht, dass seine Partnerin ernsthaft verletzt war. Kussilla, Duflor und Magcargo waren nicht zu sehen – vielleicht waren die Pokémonkämpfe doch noch nicht ganz abgeklungen, oder sie waren im Durcheinander am Ende der Schlacht verloren gegangen und würden sich später wieder zeigen. Dass sie verletzt im Stall am Heilerhaus liegen konnten, wollte Neko lieber nicht in Erwägung ziehen.
    Die rosafarbenen Eipokémon überholten die kleine Menschengruppe, die bei Neko stehenblieb, und schafften Camaub in jene Stallungen, um sie zu behandeln. Auf ihre überraschte Frage hin, warum die drei zusammen unterwegs waren, obwohl sie doch in verschiedenen Teams gekämpft hatten, antworteten sie, dass sie sich zufällig begegnet waren. Camaub hatte einen schweren Schlag aus Steinspitzen einstecken müssen, also hatte Kasai sie eigenhändig zum Heilerhaus bringen wollen. Als sie auf halbem Wege auf Momoko gestoßen waren, hatte sie sich erboten, Duflor vorauszuschicken, um Chaneira mit Trage herbeizubestellen. Beim Warten war Akari dazugekommen, die sich um Neko Sorgen gemacht hatte.
    „Was ist denn passiert?“, wollte die Gotela daher verständlicherweise wissen. So weit sie schließlich informiert war, war Neko nur gegangen, um Mizu von seinem Himmelfahrtskommando abzubringen; sie jetzt hier zu sehen, Libelldra in der Nähe verletzt und erschöpft am Boden, ließ bei ihr die Alarmglocken anklingen.
    „Ein paar Pfeile haben Libelldra getroffen… und Mizu.“ Nekos Stimme tönte nur heiser aus ihrem Hals.
    „Pfeile?“, wiederholte Momoko überrascht, und auch die anderen beiden machten ratlose Gesichter. Wo sie zuständig gewesen waren, waren keine Pfeile niedergegangen – nur dort, wo mit Waffen gekämpft worden war. „Seit wann schießen Soldaten mit Pfeilen?“ Neko hob nur müde die Schultern, Momokos Frage blieb unbeantwortet.
    Ein leises Heulen kam näher und manifestierte sich als Traunfugil, der Spiralen um die Gruppe flog, wie der allgemeinen Szenerie zum Trotz wie gewöhnlich gut gelaunt. „Was hat Traunfugil da?“, rief Akari überrascht aus, als der Nebelgeist dicht an ihr vorüberschwebte. Sowie er seinen Namen hörte, brach er sein Liedchen ab und blieb in der Luft stehen. Tatsächlich: Irgendetwas trug er bei seinem Tänzchen mit sich her.
    „Gib es mir“, befahl Neko und steckte ihm auffordernd die Hand entgegen. Zu ihrer Freude gehorchte er und überreichte ihr den länglichen Gegenstand. Es war ein absolut perfekt gerader Holzstab, an einem Ende mit sorgfältig gestutzten Federn versehen. Das andere Ende zierten drei winzige, schmale Stahlklingen, die rot von Blut glänzten. Neko riss vor Schreck die Augen auf, als sie erkannte, dass es einer der Pfeile war, die über die Waffenkämpfer geregnet waren. Einer von Libelldras konnte es nicht sein, dafür war das Blut zu klar und dünnflüssig. Fast hätte sie die Waffe fallen gelassen, als ihr gewahr wurde, was es stattdessen war.
    Das ist menschliches Blut.
    „Das ist ein Lautloser Tod.“ Momoko war näher getreten und hatte sich das Objekt genauer angesehen.
    „Ein was?“, fragte Kasai skeptisch.
    Ungewohnt ernst erklärte die Dyrierin: „Mein Großvater hat sie angefertigt, als er noch sehr jung gewesen ist. Er hat noch immer einen über seiner Tür hängen, aber ihre Herstellung ist schon seit Jahrzehnten verboten, weil es kaum eine furchtbarere Waffe gibt.“ Sie deutete auf die entsprechenden Stellen des Mordwerkzeugs, ohne sie zu berühren, während sie erläuterte: „Die Noctuhfedern geben ihm den Namen, denn sie ermöglichen einen fast geräuschlosen Flug. Außerdem erzeugen sie durch ihre spezielle, spiralförmige Anordnung eine Drehbewegung, die den Flug des Pfeils stabilisiert. Dadurch bohren sich auch die Metallspitzen tief ins Ziel. Weil sie mit dem Schaft und untereinander nur mit einem dünnen Metallring verbunden sind, brechen sie leicht ab und bleiben stecken, wenn man den Pfeil herausziehen will.“
    Neko drehte den Lautlosen Tod geistesabwesend, während sie mehr oder weniger zuhörte. Da hatte Libelldra eigentlich Glück gehabt, dass die Spitze, die Neko herausgezogen hatte, nicht stecken geblieben war. Vielleicht waren die Pfeile, die die Soldaten verwendeten, und jene, die Momokos Großvater herzustellen gelernt hatte, verschieden angefertigt.
    Ein orangebrauner Fleck erschien in ihrem Augenwinkel, und sie sah auf. Wie sie vermutet hatte, war es Bojelin, der sich der kleinen Gruppe anschloss, langsam auf allen Vieren heranschleichend. Seine Schritte setzte er mit äußerster Vorsicht, als könne jedes zu feste Auftreten den Zustand seines Menschenpartners verschlechtern. Er hob den matten Blick zu dem Pfeil, den Neko in der Hand hatte. „Das ist der, der Mizu getroffen hat.“
    Im ersten Augenblick war Neko erleichtert, das Wasserwiesel sprechen zu hören – das bedeutete nämlich immerhin, dass Mizu noch lebte. Als Erstpartner des Lynoers würde Bojelin in dem Moment, in dem Mizu seinen letzten Atemzug tat, diese Fähigkeit verlieren.
    Der zweite Augenblick flutete ihren Kopf mit der Bedeutung der Worte, die Bojelin gesagt hatte. Jetzt schmetterte sie den Pfeil erst recht zu Boden und wich einen Schritt zurück. Das war also nicht nur menschliches Blut, das war Mizus Blut!
    „Sie haben ihm den Pfeil aus der Schulter gezogen“, erzählte Bojelin. „Traunfugil war die ganze Zeit in der Nähe und hat ihn geklaut, sobald sie ihn zur Seite gelegt hatten.“
    Neko verschwendete nur einen Gedanken an die Frage, ob ihr Quälgeist den Heilern im Weg gewesen war, und wirbelte zum Heilerhaus herum. Hals über Kopf stürzte sie darauf zu, nur noch an Mizu denkend, der zwischen Leben und Tod in der Schwebe hing. Noch in Hörweite zu den anderen vernahm sie, wie Akari Bojelin fragte, wo man Mizu untergebracht habe, damit sie ihn leichter finden konnten, bevor sie ihrer Gruppenkollegin folgten.
    Im Heilerhaus war das Chaos ausgebrochen. Fast minütlich trudelten weitere Verletzte ein. Man versuchte, Ordnung zu schaffen, indem man sie, je nach Schwere ihrer Wunden, in akute Notfälle und weniger Behandlungsbedürftige einteilte. Doch bis die Wunden von einem Rebellen untersucht waren, hatten schon zwei weitere das Gebäude betreten. Überall liefen Heiler herum, erweckten durch ihre Präsenz bei jedem ihrer Patienten, das sie von größerer Zahl waren, als es eigentlich der Fall war. Das Spiel mit der überfüllten Tanzfläche begann von Neuem.
    Neko ließ sich von ihren Teamkollegen führen, die von Bojelin die begehrte Information erhalten hatten. Mit größter Ungeduld versuchte sie jedes Mal, wenn sie durch etwas aufgehalten wurden, den Drang zurückzuhalten, einfach durch die Barriere hindurchzubrechen, Verletzte und Heiler über den Haufen zu rennen. Als sie endlich bei einer Tür im hintersten Eck des Raumes ankamen, schien es ihr wie eine Ewigkeit, jenen durchquert zu haben.
    Doch kurz, bevor sie das Einzelzimmer betreten konnten, stellte sich ihnen eine junge Heilerin in den Weg. „Ich muss da rein!“, rief Neko über den allgemeinen Lärmpegel hinweg, bevor die Frau etwas sagen konnte. Sie versuchte, an der Naminerin vorbeizuschlüpfen, doch diese schob sie wieder zurück.
    „Tut mir wirklich leid, das geht im Moment nicht“, wimmelte sie sie auskunftsarm ab.
    „Und warum nicht?!“ Nekos Tonlage war viel zu schrill und gehässig, aber mit dem Gedanken des mit dem Tode ringenden Mizu im Hinterkopf kümmerte sie das wenig.
    Die Heilerin verzog die Augenbrauen und erwiderte: „Es ist nicht möglich, ganz einfach. Wir haben auch schon seinen Erstpartner weggeschickt – es sollte niemand hier sein.“
    Gerade wollte Neko zu einem Argument anheben, das begründete, warum sie unbedingt zu Mizu musste, da tönte es von hinter ihr: „Ich hab gehört, was passiert ist.“ Zwischen Akari, Momoko und Kasai drängelte sich Shinzu nun zu Neko nach vorn. „Wie geht es ihm?“, verlangte der Naminer von der Heilerin zu erfahren, die ihn jedoch nur ebenso trotzig entgegenstarrte, wie er ihr fordernd.
    Neko beschlich ein ungutes Gefühl, warum sie nicht zu Mizu durchgelassen wurde …
    „Bitte, als ob dich das wirklich interessieren würde!“, gab jemand einen Kommentar zum Besten. Auch die letzten beiden Mitglieder ihrer Gruppe stießen zu ihnen. Wie nicht anders zu erwarten, war Raika nicht verletzt, allerdings hatte ihr Bruder mittlerweile ärztliche Hilfe angenommen und seine Schnittwunden verbinden lassen. Doch relativiert zu Mizu ging es ihm wohl noch blendend.
    „Was soll das heißen?“, konterte Shinzu empört und verschränkte die Arm vor der Brust. „Wir sind schließlich Teamkameraden!“
    Raika winkte unbeeindruckt ab. „Und wenn du der Prinz von Namine persönlich wärst, die lassen uns trotzdem nicht rein!“
    „Du bist auch verletzt“, unterbrach Neko gedankenverloren Shinzus Retourkutsche und deutete auf seinen verbundenen Unterarm.
    „Ach, nur ein Kratzer“, platzte der Naminer gereizt und entknotete seine Arme wieder. „Warum dürfen wir nicht zu ihm?“, wandte er sich wieder an die Heilerin, jetzt unverfroren seinen unwiderstehlichen Charme ausspielend.
    Darauf sprang die junge Frau zwar nicht an, doch sie schien nun endlich zu begreifen, dass die Gruppe sich nicht so einfach würde abspeisen lassen. „Wir müssen operieren“, gestand sie schließlich ein, obwohl sie mit dieser Nachricht nicht hatte herauskommen wollen, „und er hat jetzt schon viel Blut verloren. Unser Oberheiler kann jetzt keine Störung gebrauchen.“
    Neko fing an zu zittern, ihre Ohren rauschten. Wenn Mizu operiert werden musste, konnte das unmöglich etwas Gutes bedeuten. Wie sollte er die Operation überleben, wenn er schon nach dem Treffer des Pfeils dem Tode so nahe gewesen war, dass Bojelin das durch ihre Verbindung gespürt hatte?
    „Wo bist du eigentlich plötzlich hin verschwunden?“, hörte sie Raika wie durch Watte fragen; anscheinend an Shinzu gerichtet. „Keiner hat dich gehen sehen.“
    „Was meinst du damit?“, fragte dieser zurück.
    „Nachdem Kasai mit Camaub weggegangen ist“, stellte die Tira klar. „Porygon hast du auch mitgenommen, obwohl wir es noch gut hätten gebrauchen können.“
    Der Naminer verdrehte die Augen. „Weil ich dachte, er bräuchte vielleicht unsere Hilfe“, erklärte er. „Aber wir haben ihn nicht mehr eingeholt, weil ein Soldat uns plötzlich angegriffen hat. Irgendwie ist der in den Waldring gelangt, und Porygon hat ihn zurückgeschlagen.“
    „Dann wird es nicht sehr viel zu tun gehabt haben“, meinte Raika betont arglos. „Kurz danach sind sie doch abgezogen, nachdem es Pfeile geregnet hat.“
    Shinzus Kiefermuskeln traten hervor, als er die Zähne zusammenknirschte. „Es ging schnell.“
    Neko hatte nicht die geringste Ahnung, warum es so wichtig war, wo Shinzu sich aufgehalten hatte, nachdem er und Porygon2 sich vom Kampfgeschehen entfernt hatten. Hinter der Tür, die sie nicht durchschreiten durften, lag Mizu im Sterben. Das war doch das Einzige, was zählte!


    Seijin warf das keranische Schwert, mit dem er gekämpft hatte, in eine Ecke seines Büros. Geschaffen von einem der besten Schmiede des Vulkanlandes, war seine Klinge von so hervorragender Qualität, dass jeder Blutstropfen davon abperlte. So war sie nicht mit Blut beschmiert, das er jetzt im Zimmer verteilen konnte. Außerdem war sie hart und widerstandsfähig genug, bei solch rabiater Behandlung nicht zu verbiegen oder zu zerbrechen. Keuchend ließ der Anführer der Schwarzen Rose sich in seinen Sessel fallen und riss sich das Kopftuch runter, mit dem er mehr denn je wie ein Pirat wirkte.
    Es hatte dazu gedient, seine auffällige Haarfarbe vor den Soldaten zu verbergen. Natürlich mochte es sein, dass die Königin durch ihren Spion bereits spitzgekriegt hatte, dass er als Naminer Haar hatte, das weißer als Schnee war; doch wenn sie auch noch direkt von ihren Soldaten erfuhr, dass dieselbe Person mit einem Schwert focht wie ein jahrelanger Meister, wäre er in unbestimmter Gefahr.
    Die Tür öffnete sich leise quietschend, und Xatu trat ein. Der Psychoadler hatte sich auf der Wiese und im Heilerhaus umgehört, was die Rebellen, in deren Herzen der Kampf noch immer glühte, untereinander sprachen. „Sie wundern sich, warum die Soldaten einfach plötzlich abgezogen sind“, berichtete Xatu unumwunden.
    Seijin nickte – das hatte er erwartet. Es war schließlich nicht sehr begreiflich, warum die Königlichen Krieger die Chance nicht genutzt hatten, etliche Rebellen zu töten, nachdem diese von den Fliegenden Toden getroffen worden waren. Auf der anderen Seite waren die Soldaten das Risiko eingegangen, selbst schwere Schläge zu erhalten, weil sie ihre eigenen Männer mit Pfeilen getroffen hatten. Zumindest Seijin hatte bereits einen Verdacht …
    „Wie viele Tote?“, fragte er seinen Partner.
    „Auf Seiten der Soldaten – ich weiß es nicht“, gab Xatu zu. „Sie haben sie recht schnell vom Schlachtfeld entfernt. Auf unserer Seite hingegen niemand, aber viele Verletzte.“
    Seijin nickte. Das hatte er vermutet. Dieser Angriff hatte nicht dazu gedient, Rebellen zu töten. Das Königliche Heer hatte sie lediglich angestochen, um ihre Reaktion zu beobachten. Und sie hatten diese Pfeile ausprobieren wollen, deren Herstellung seit Langem gesetzlich verboten war – vom Königshaus selbst! Warum war sie jetzt wieder zu dieser furchtbaren Waffe zurückgekehrt? Was plante sie damit?
    „Die Pokémon?“, fragte Seijin, jedoch weniger, weil es ihn wirklich interessierte. Pokémon kämpften selten bin zum Tod, doch fürs Protokoll musste er auch das wissen.
    „Viele Schrammen, Kratzer, Verbrennungen, aber nichts Weltbewegendes“, erklärte der Psychoadler. „Die Chaneira haben sich ihrer angenommen.“ Er zögerte einen Moment, bevor er fortfuhr: „Es gibt bei den Menschen allerdings einen Schwerverletzten, der dem Tod näher ist als dem Leben.“
    Seijin hob die Augenbrauen. „Wirklich? Wer ist es?“
    Der Blick der großen, grauen Adleraugen war unergründlich, als Xatu antwortete: „Mizu.“
    Jetzt wandelte sich Seijins Überraschen zu einer Mischung aus Schreck und Unglauben – weniger, weil er seinem Erstpartner nicht vertraute, sondern eher, weil er die Tatsache, Mizu sei tödlich verletzt, ungeheuerlich fand. Er sprang auf. „Bist du dir sicher?“
    Der Psychoadler nickte. „Ich habe ihn nicht aufgehalten, als er in den Kampf ging.“
    er Anführer sich langsam wieder sinken.
    Das warf alle seine Vermutungen über den Haufen. Mizus Inneres Licht war so hell, warum sollte ein Mensch mit solcher Macht sich so schwer verletzen lassen? Nicht nur, dass er es hätte verhindern können, es wäre ihm auch ohne Weiteres gelungen, sich einfach wieder zu heilen. Er hatte zudem gar nicht am Kampf teilnehmen sollen und war jetzt doch verwundet, was Seijin nur noch mehr verwirrte. War das Ganze vielleicht nur ein weiteres Täuschungsmanöver, nachdem Xatu ihn mit seinen Vogelfreunden gestellt hatte? Wollte er wieder von sich ablenken?
    Oder, was noch schlimmer war: War Mizu letzten Endes doch nicht der, für den Seijin ihn hielt?
    Denn in diesem Fall musste der Rebellenanführer noch einmal bei Null anfangen.[tab=Sonstiges]Umi = Meer


    Hab ich den Lautlosen Tod schon im Glossar? xD[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Verzeihung?]So lange habe ich hier nix mehr geschrieben, und das tut mir furchtbar leid. Nicht meinen Lesern (welchen denn schon...), sondern meinen Charakteren, meiner Story. Da hab ich so lange und intensiv an ihnen geschliffen, nur um hier einfach mitten drin aufzuhören. So ein Autor bin ich nicht und will auch niemals sein!
    Ich konnte mir bislang einreden, dass ich, wenn ich auch keine Leser habe, für mich schreibe. Und für irgendeinen Herumirrenden, der vielleicht doch einmal hierher stolpert. Doch das ist schwieriger, als ich angenommen habe, und wird auch immer schwieriger. Man siehts ja, vier Monate konnte ich mich zu nichts aufraffen. Hinzu kam, dass ich noch eine weitere Story plante und an meinem Roman gebastelt habe (die beide ebenfalls irgendwie nicht in die Startlöcher kommen). Die Frühjahrsmüdigkeit ging in Sommerdepression über, und tadaa, fertig war das Nichtankhwschreiben.


    Was ebenfalls mitspielte, ist, dass das Kapi 31 so doof ist, dass ich es einfach nicht schreiben will. Es ist mir selbst langweilig. Da ich aber unter keinen Umständen will, dass meine ganze Story wegen dieses einzelnen kaggen Kapitels den Bach runtergeht, habe ich beschlossen, es einfach nur zusammenzufassen, sonst nichts. Es ist auf seine Weise für die Handlung wichtig, deswegen kann ich es nicht weglassen. Vielleicht, irgendwann finde ich Zeit, Muße und Motivation, es dann auch richtig zu schreiben. Doch so muss es jetzt erst einmal reichen.
    Und demnächst kommt dann ein besseres, emotionales Kapitel. Das werde ich dann liebend gerne schreiben <3[tab=Zusammenfassung 31]Kramurx Kapitel 31: Das falsche Opfer


    Es ist die Nacht nach dem Angriff der Königlichen Soldaten auf das Hauptquartier der Schwarzen Rose. Die bislang namenlose Beobachterin, die den Spion bereits öfters dabei sah, wie er sich aus dem Hauptquartier fortstahl, stellt sich als Raika heraus. Sie hat ihren Zwillingsbruder hinzugeholt, um noch einen weiteren Zeugen zu haben. Gemeinsam erleben sie mit, wie sich der Spion vor ihren Augen in Luft aufzulösen scheint, was Raika völlig neu ist.
    Zur Observierung des Unsichtbaren schickt Rai ihm ein Hoothoot aus dem Waldring hinterher, wobei natürlich nicht sicher ist, ob dies Früchte tragen wird. Das nötige Codewort, eines der Hoothoot von ihrer eigentlichen Aufgabe, den Waldring zu bewachen, abzuziehen und ihm eine neue einzugeben, hat Rai von Xatu erfahren, als er nach den Vorfällen im Großen Wald in Seijins Büro auf den Anführer wartete.
    Die Zwillinge teilen stumm die Befürchtung, dass der Spion in Wirklichkeit ein Mittelsmann zwischen Seijin und dem König von Namine ist – ein Komplott gegen die Schwarze Rose, um sie mithilfe von Informationen aus ihrem Innern von außen zu zerschlagen. Obwohl sie nicht wissen, wer sonst noch darin verwickelt ist, sind sich Rai und Raika einig, dass sie sich jemandem anvertrauen müssen. So beschließen sie, Tetsu zu wecken und mit ihm auf die Rückkehr des mutmaßlichen Informanten zu warten.


    Indes gelangt der Spion, das Phantom Namines, in der Großstadt an. Er ist zornerfüllt – am wenigsten deswegen, dass er im Kampf von einem Lautlosen Tod getroffen wurde. Er wandte Gesichte bei seinem Rivalen an, wodurch er dessen Inneres Licht sehen konnte.
    Diese natürliche Kraft ist in jedem Menschen unterschiedlich hell und Quelle übernatürlicher Fähigkeiten, wenn man – wie das Phantom – in Besitz eines ganz bestimmten Kristalls ist. Je heller das Licht, umso stärker sind diese Fähigkeiten ausgeprägt. Und des Phantoms Rivale hat ein Licht, das mindestens doppelt so hell ist wie das seine. Nun fürchtet der unsterbliche Prinz, dass sein Rivale in der Liebe zu Neko jetzt auch seine Position neben der Königin streitig machen könnte – denn warum sollte sie noch Verwendung für ihn haben, wenn sie jemanden findet, der doppelt so mächtig ist wie er?
    In seiner Wut führt das Phantom sein mörderisches Handwerk aus, für das es in Namine bekannt ist; angefangen bei einer obdachlosen Fiffyen-Chimäre, die er eiskalt erwürgt. Auch das Hoothoot, das Rai ausgesandt hat, entdeckt der Prinz und beseitigt es kurzerhand. Als er die Seitengasse verlässt, bemerkt er nicht die kleine Gestalt, die sich in den Schatten verbirgt – zu ihrem Glück.
    Nach Stunden kehrt er zum Hauptquartier zurück. Auf seinem Weg begegnet ihm ein Kramurx, das ihm einen Brief der Königin übergibt. Darin ermahnt sie ihn, sich zurückzuhalten und nicht mehr über die Stränge zu schlagen wie in dieser Nacht.


    Rai, Raika und Tetsu warten lange Zeit im Waldring. Auch wenn Tetsu ungeduldig wird, so ist ihm bewusst, dass er der ungeheuerlichen Behauptung der Zwillinge nachgehen muss – zumal nicht nur sie beide, sondern auch der Spion in der ihm unterstellten Gruppe sind. Als er mit eigenen Augen sieht, wie der Beschuldigte aus dem Nichts auftaucht, wie die Zwillinge ihn haben verschwinden sehen – etwas, das er nicht begreifen kann –, erfüllt die hünenhafte Chimäre tiefe Angst.
    Er fasst den Entschluss, Seijin davon zu berichten, da er, anders als die Zwillinge, nicht glaubt, dass sein Anführer und der Spion unter einer Decke stecken. Rai und Raika erklären sich zögerlich damit einverstanden.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=o.o]Fast einen Monat, nachdem ich diese verkorkste Zusammenfassung online gestellt habe, hab ichs doch tatsächlich geschafft, das neue Kapitel korrekturzulesen, um auch dieses jetzt in den Äther zu schießen. Wollte ja eigentlich früher, aber iwie... Ich bin furchtbar <<


    Wers lesen will, gut, wer nicht, halt nicht. Ich nehms, wies kommt =/
    Aber wär schon toll. Und Kommentare unso. Oder zumindest ein GB-Eintrag oder ne PN, dass mans gelesen hat. Ist das zu viel verlangt? ;__; Oder liest schlicht einfach niemand? xP Naja... [/kummerkasten][tab=in den Äther!]Zwirrlicht Kapitel 32: An der Schwelle


    Kaum, dass Neko die Augen am nächsten Morgen aufschlug, machte sie sich gleich auf den Weg zum Heilerhaus. Sie verschwendete keinen Gedanken an ihren vor Hunger protestierenden Magen und gönnte sich nur wenige Minuten zum Umziehen. Außer ihr schien noch niemand sonst aus ihrer Gruppe wach zu sein, also versuchte sie, möglichst kein Geräusch zu verursachen, als sie die Treppe herabeile, an dem großen Esstisch vorbeiflitzte und in den milden Morgen hinaustrat.
    Eigentlich musste die frische Luft, die erste, sachte Anzeichen des Herbstes mit sich brachte, Neko beruhigen und entspannen, doch ihre aufgewühlten Gedanken ließen ihr dazu keine Gelegenheit. Sie hatte eine sehr unruhige Nacht durchlebt.
    Nachdem der Angriff der Soldaten erfolgreich abgewehrt worden war, hatte sie Mizu besuchen wollen, doch die Heilerin hatte sie immer wieder hinausgedrängt. Neko war klar, dass der schwer verletzte Lynoer Ruhe brauchte, doch sie hatte sich nicht zurückhalten können und war den ganzen Abend um den Eingang des Heilerhauses getigert, um auch ja die Erste zu sein, die Neuigkeiten erfuhr. Mehrmals war sie kurz davor gewesen, die Tür einzutreten oder den Heiler, der sie hatte abwimmeln wollen, beiseitezuschubsen; doch letztlich hatte sie weder den Mut noch die Kraft aufbringen können, es zu tun.
    Schließlich waren Momoko und Akari gekommen und hatten sie dazu überredet, sich zur Ruhe zu legen. Zwar hatte Neko ihr Bestes versucht, ein wenig Schlaf zu finden, und war ein ums andere Mal tatsächlich eingenickt. Normalerweise träumte sie nicht intensiv genug, um sich nach dem Erwachen auch nur ansatzweise daran zu erinnern, doch in dieser Nacht war es anders gewesen. Jedes Mal, wenn sie eingeschlafen war, hatten sie die schrecklichsten Träume heimgesucht, die schon nach kürzester Zeit damit endeten, dass Mizu gestorben war. So war sie in kurzen, nervenaufreibenden Intervallen immer wieder aus dem Schlaf aufgeschreckt und hatte, mit den vor Klarheit strotzenden Traumbildern im Kopf, nur schwer wieder einschlafen können.
    Sowie die Sonne sich endlich mit blassem Schimmer am östlichen Horizont ankündigte, war Neko augenblicklich aufgestanden. Und in den vielen wachen Stunden hatte sie einen Entschluss gefasst: Dieses Mal würde sie sich nicht davonschicken lassen, nicht einmal, wenn die Heilerin Tetsu beordern musste, zum Zwecke, sie von Mizu wegzuschaffen.
    Nach nur wenigen Schritten vom Haus ihres Teams fort stieß Traunfugil zu ihr. Der kleine Nebelgeist umschwirrte sie einige Runden, freudig jaulend, sie zu sehen, bevor er sich ungewohnt brav auf ihre Schulter sinken ließ. Die Chimäre lächelte matt und streichelte ihrem Zweitpartner den flammenden Kopf. Es war unschwer zu erkennen, dass auch er nach Mizus Befinden sehen wollte, wenn er dafür sogar kurzzeitig die Manieren annahm, die Neko ihm schon seit Jahren einzugewöhnen versuchte. Irgendwie war sie froh, ihn bei sich zu haben und diesen Schritt nicht allein tun zu müssen.
    Gerade wollte sie die kleine Holzbrücke betreten, die über den Bach führte, der die Gärten und die Gebäude der Heiler vom Rest des Hauptquartiers trennte, als sie aus dem Augenwinkel eine hellbraune Bewegung gewahrte. Es war Bojelin, dessen Blick sie eine Weile verfolgt zu haben schien. Das Wasserwiesel stand auf allen Vieren im flachen Wasser und ließ das glänzende Fell von ihm umspülen. Neko ging ein paar Schritte auf ihn zu, bis sie sich nahe genug wähnte, dass er sie auch verstehen konnte, wenn sie in normaler Lautstärke sprach. Im Moment wollte sie nicht die Stimme heben.
    „Geht ihr zu Mizu?“, fragte Bojelin, bevor sie etwas sagen konnte, und kam etwas näher.
    Neko – unsagbar erleichtert, dass Bojelin der menschlichen Sprache noch mächtig war, weil das bedeutete, dass Mizu noch lebte – nickte nur leicht, was er vermutlich gar nicht richtig sah. Doch eine klare Antwort war auch gar nicht nötig. „Möchtest du … mitkommen?“, lud sie ihn ein, sie zu begleiten.
    Doch Bojelin schüttelte den Kopf und druckste einen Moment herum, bevor er ausweichend erklärte: „Es wäre vielleicht nicht so gut, du weißt schon, wegen … Keimen. Und so …“
    Neko kniff die Augen zusammen und versuchte, diese Ausrede zu durchschauen. Gewiss, Mizu war zwar bei Weitem der am schwersten Verwundete im Hauptquartier, aber lange nicht der einzige. Bojelin mochte zwar nicht starren vor Dreck, doch man konnte nie wissen, was sich unbemerkt im Fell eines Pokémon verbarg, das die meiste Zeit auf vier Pfoten ging. Ein Staubkorn, nur ein winziger Schmutzpartikel, und eine Wunde entzündete sich schneller, als die Heiler sie säubern konnten. Aber dieses Risiko war so gut wie nichtig, schließlich waren alle Verletzungen verbunden, und Bojelin würde außer vielleicht den Boden, auf dem er lief, nichts direkt berühren.
    Aber vielleicht waren es gar nicht die strengen Hygienevorschriften des Heilerhauses, die das Wasserwiesel vor einem Besuch bei seinem Menschenpartner abhielten. Vielleicht wollte er Mizu auch einfach nicht in seinem jetzigen Zustand sehen. Eine Entscheidung, die Neko zwar nicht unbedingt nachvollziehen konnte, aber umso mehr respekrierte.
    Die Eloa wusste nicht, was sie weiter sagen sollte, doch Bojelin nahm ihr die Verantwortung ab, indem er sich wortlos umwandte und stromabwärts entfernte. Neko blickte ihm einen Moment schweigend hinterher, bis Traunfugil aus Langeweile mit ihrem Ohrläppchen zu spielen begann und sie damit aus ihrer Starre löste. Sie wimmelte seine kitzelnden Fingerchen ab, drehte sich ruckartig um und nahm den Weg über die Brücke zum Heilerhaus erneut in Angriff.
    Das Gelände der Heiler teilte sich in zwei Bereiche auf: Zum einen war da der Heilergarten, in dem seine Angestellten Medizinkräuter zogen und ernten konnten. Die verschiedenen Arzneipflanzen bildeten einen dichten Dschungel unterschiedlichster Farben, Formen und Gerüche, dessen Zusammensetzung sich je nach Jahreszeit veränderte. Für den Laien herrschte hier keine Ordnung, aber ein geübtes Heilerauge vermochte gewiss jedes einzelne Blättchen vom anderen zu unterscheiden. Neko konnte die beiden kleinen Nidoran sehen, die sich unter einem Balsamstrauch nebeneinander zum Schlafen zusammengerollt hatten. Seit sie geschlüpft waren, waren zwar nur wenige Wochen vergangen, doch die zwei waren bereits agil genug, im Garten miteinander zu spielen, und wurden nur abends hereingeholt.
    Zum Garten gehörte ein kleiner Schuppen, in dem allerhand Medikamente und Heilmittel gelagert wurden; allerdings gab es innerhalb des größeren Gebäudes Notfallschränke, aus denen die Heiler schnell an die wichtigsten Erstehilfemittel gelangen konnten.
    Das Hauptgebäude selbst bestand zum einen Teil aus einer stallähnlichen Baute mit verschiedensten Einrichtungsmöglichkeiten. Hier wurden kranke und verletzte Pokémon von den Menschen getrennt behandelt. Die Nidoran waren dort geschlüpft, und auch Libelldra befand sich seit gestern dort. Neko überkam ein schlechtes Gewissen, als sie die großen Fenster sah, durch die ihre Erstpartnerin sie ohne Probleme von innen beobachten konnte, während die Chimäre selbst von außen nichts erkannte. Sie hatte die Wüstendrachin nicht mehr besucht und zu allem Überfluss neben ihrer Sorge um Mizu kaum an sie gedacht. Es hatten sich durch die ständige Abweisung der Heiler gerade genug Gelegenheiten ergeben, zu ihr zu gehen, und wenigstens so zu tun, als sorge sie sich auch um ihre Partnerin. Sie musste unbedingt zu Libelldra, das war Neko ihr nach dem Rettungsflug gestern einfach schuldig.
    Aber jetzt würde sie sich zuerst nach Mizu erkundigen.
    Der andere Teil des Hauptgebäudes, auf den Neko jetzt zuhielt, bildeten ein paar wenige Krankenzimmer, in denen besonders schwierige Patienten oder solche mit ansteckenden Krankheiten behandelt wurden, sowie ein größerer Raum, in dem mehrere Menschen untergebracht werden konnten.
    Neko stellte sich vor die Eingangstür und hob gerade die Hand, um sie zu öffnen, als das Holz vor ihr plötzlich nach innen aufgerissen wurde. Überrascht zuckte die Chimäre zusammen, als sie einen der Heiler vor sich stehen sah – jenen Mann, der sie gestern auf Wunsch der Oberheilerin mehrmals des Hauses verwiesen hatte. Der Mut, notfalls Berge aus dem Weg zu räumen, wenn sie sich zwischen sie und Mizu zu stellen wagten, schwand augenblicklich, und Neko stammelte unsicher: „Ich … wollte nur … nach Mizu sehen. Wäre das … wäre das irgendwie möglich?“ Sie schluckte, um das Zögern in ihrer Stimme zu vertreiben.
    Zumindest machte der Heiler keine Anstalten, die wieder fortzuschicken, sondern deutete hinter sich in das winzige Eingangszimmer. „Ich habe dich kommen sehen“, erklärte er und ließ sie ein. „Ich soll dich holen.“ Mehr sagte er nicht, sondern schob die Tür zum großen Krankensaal auf und ließ sie allein.
    Neko seufzte und machte sich gleich daran, ihre Füße der Schuhe zu entledigen, die sie trug, und stattdessen sich eines der vielen Paare Hausschuhe zu nehmen, die hier im Eingang bereitlagen. Eine der vielen wichtigen Vorschriften des Heilerhauses sah vor, es nur dann mit Straßenschuhen zu betreten, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Als sie gestern mit Mizu hergekommen war, hatte sie diese Regel zwar gebrochen, jedoch aus sehr triftigem Grund. Doch da jetzt kein solcher bestand, schlüpfte sie in die Hausschuhe, erklomm die eine Stufe, die den für Straßenschuhe verbotenen Bereich endgültig vom äußeren abhob, und betrat den Krankensaal.
    Der Raum, der sich vor ihr öffnete, war mehr lang als breit. Einige Türen zweigten von ihm ab: links des Eingangs, jedoch verschlossen, zu den Kräutergarten; gegenüber zu Treppen, die zu den Wohnräumen der Heiler im Obergeschoss führten; und rechterseits zu den Einzelzimmern. An den Wänden standen die Krankenlager aufgereiht, mehr, als zurzeit gebraucht wurden. Die meisten der hier anwesenden Patienten schliefen noch, nur zwei von ihnen hatten sich aufgerichtet und unterhielten sich leise über die Ereignisse am Vortag. Als Neko eintrat, unterbrachen sie nur kurz ihr Gespräch, um aufzusehen und sie mit stummem Nicken zu begrüßen, bevor sie weiter miteinander murmelten. Die Oberheilerin und eine Chaneira wuselten geschäftig zwischen den Betten umher und kontrollierten Verbände und das Befinden ihrer Schützlinge.
    Wenn Neko sich nicht täuschte, schien keiner von ihnen ernsthaft in Lebensgefahr zu schweben – keiner bis auf Mizu. Dieser lag, wie sie mit leichtem Entsetzen feststellte, hier im Krankensaal, nicht mehr in seinem eigenen Zimmer. Sie mochte sich nicht ausmalen, was das zu bedeuten hatte …
    Als auch die Heilerin ihre Ankunft bemerkte, fühlte sie nur den Puls des schlafenden Patienten, bei dem sie gerade angekommen war, und kam dann mit geübt geräuschlosen Schritten auf sie zu. „Du bist wegen Mizu hier“, stellte sie flüsternd fest und gebot ihr mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. „Sein Zustand hat sich seit gestern nicht gebessert“, erklärte sie leise und sachlich mit dem an ihr gewohnten Tonfall eines Menschen, der bittere Erfahrungen mit dem Überbringen schlechter Nachrichten gemacht hat – und sich angewohnt hatte, keine falschen Hoffnungen zu erwecken. Neko war schon kurz davor, bei diesen Worten innerlich zu verzweifeln, bis die Heilerin hastig hinzufügte: „Allerdings hat er sich auch nicht nennenswert verschlechtert.“ Was die Sache auch nicht erträglicher für die Eloa machte.
    Im Gegenteil: Mizu bewegte sich auf einem haarfeinen Grat zwischen Leben und Tod, und selbst diese „nicht nennenswerte“ Verschlechterung mochte in diesem Fall eine Menge bedeuten.
    Die Oberheilerin inspizierte kopfschüttelnd den Verband an Mizus Schulter, auf dessen weißen Leinen sich frisches, hellrotes Blut breitete wie ein alles aufzehrender Giftpilz. „Du kannst dich eine Weile zu ihm setzen.“ Sie seufzte, maß Neko mit einem letzten bedauernden Blick und widmete sich wieder ihrer Arbeit.
    Die Chimäre nahm das Angebot an und ließ sich langsam auf den Stuhl neben Mizus Krankenbett sinken. Eine geraume Weile betrachtete sie den Lynoer nachdenklich und nahm jedes noch so winzige Lebenszeichen von ihm wie ein trockener Schwamm in sich auf. So, wie er hier neben ihr lag, konnte man fast meinen, er sei tot. Nein, verbesserte sie sich selbst in Gedanken, er sieht absolut aus wie tot. Die Augen friedlich geschlossen, das Gesicht fast so bleich wie der Bezug des Kissens, auf dem er ruhte, und die praktische Abwesenheit eines sichtbaren Pulsschlags an der Halsader wirkten auf Neko, als habe man seine Leiche für ihre letzte Ruhe aufgebahrt.
    Aber er war nicht tot. Nicht nur, dass ihr Verstand sich weigerte, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen, spürte sie auch ganz einfach, dass noch Leben in ihm war. Und wenn man genau hinsah, war es auch zu erkennen: Seine Brust hob und senkte sich, so schwach und langsam zwar, dass man es als optische Täuschung abtun konnte, eine Gaukelei des bloßen Wunsches – aber er atmete. Der blutrote Fleck auf seinem Verband hatte sich zu Nekos Entsetzen weiter durch den Stoff gefressen, aber auch das hatte sein Gutes: Wäre Mizu tot, so hätte er keinen Herzschlag und konnte folglich auch nicht mehr weiter bluten.
    Neko wagte es, sein Gesicht mit Blicken auf ein Anzeichen von Leben abzusuchen, und fand winzige Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten. Vorsichtig streckte sie die Hand nach ihm aus und berührte seine Haut so sacht, wie ihr möglich war. Sofort zog sie den Arm wieder zurück. Ihr war, als hätte sie in glühende Kohlen gefasst, so heiß war Mizus Gesicht vom Fieber.
    Misstrauisch betrachtete sie den weiß-roten Stoff, der die Wunde vor tieferen Einblicken verbarg. Neko hoffte, dass sein Fieber nicht bedeutete, dass sie dabei war, sich zu entzünden. Wenn der Wundbrand erst einmal eine bestimmte Schwelle überschritten hatte, war das entzündete Gewebe nicht mehr zu retten und würde den restlichen Körper vergiften. Ein brandiges Bein oder auch einen Arm konnte man notfalls noch amputieren, bevor das Schlimmste eintraf. Doch da der Lautlose Tod Mizu in die Schulter getroffen hatte, war nicht einmal das noch möglich. Falls er nicht vorher am Blutverlust starb, weil sich die Wunde nicht schließen wollte.
    Das letzte, was Neko blieb, war, auf die Heilkünste der ihm zugewiesenen Heilerin zu vertrauen und zu hoffen, dass weder das eine noch das andere eintraf.
    Sie schluckte die bittere Galle, die sich in ihrem Mund gesammelt hatte, und straffte sich ergebnislos. Sie schaffte es einfach nicht, der Zuversicht in ihr Herz Einlass zu gewähren. Vom Mut verlassen, hob sie wieder die Hand und nahm Mizus in ihre. Wie dem glühenden Fieber, unter dem er litt, zum Trotz, war seine Hand zwar ebenfalls schweißfeucht, aber nahezu eiskalt. Dennoch brachte Neko es fertig, ihn diesmal nicht loszulassen. Auch wenn er bewusstlos oder etwas noch viel Schrecklicheres war, hatte sie das Gefühl, für ihn da sein zu müssen. Ihn im Leben festzuhalten, damit seine Seele nicht seinem Körper entfloh. Am Rande nahm sie die Schwielen wahr, die der regelmäßige Gebrauch eines Schwertes an Handfläche und Fingern hinterlassen hatte. Letztlich hatten Mizu diese vielen Trainingsstunden gegen den Pfeil nicht geholfen.
    Traunfugil hatte sie ganz vergessen, bis sich dieser von ihrer Schulter in die Schwebe erhob und dabei einen hohen, aber leisen Fiepton ausstieß. Langsam und mechanisch zwang sich Neko, den Blick von Mizus bleichem Gesicht loszureißen und ihn dem Nebelgeist folgen zu lassen. Sie war ein wenig, aber nicht unangenehm überrascht, als sie Shinzu erkannte, der nur wenige Schritte entfernt im Gang zwischen den Betten im Leeren stand und zu ihr herübersah. Traunfugil drehte eine gemächliche Runde um ihn, bevor er sich auf dem schwarzen Schopf des Naminers niederließ, ihn jedoch nicht wie üblich zu zerzausen begann.
    Neko lächelte schwach, wurde aber sofort wieder von der Trauer und Sorge um Mizu überschwemmt. Plötzlich spürte sie Tränen, die sich einen Weg von ihrem Herzen direkt zu den Augen bahnen wollten, doch noch war es nur ein zaghaftes Klopfen.
    Shinzu räusperte sich unbehaglich und murmelte: „Wie geht es ihm?“ Etwas verunsichert rieb er sich den Hinterkopf – ungeachtet des Geistes, der es sich darauf gemütlich gemacht hatte – und schien nicht so recht zu wissen, ob seine Wortwahl die richtige gewesen war. Eine blöde Frage hatte er da gestellt, wo man doch sofort sah, in welcher Verfassung sich Mizu gerade befand.
    „Nicht gut“, antwortete Neko schließlich – und wollte auch weiter nichts sagen. Diese zwei kleinen Wörter beschrieben nicht einmal annähernd, wie schlecht es um Mizu bestellt war, und das auch noch so sehr, dass scheinbar auch die Oberheilerin ihn aufgegeben hatte. Warum sonst lag er nicht in seinem Einzelzimmer, warum sonst hätte der Heiler sie so plötzlich passieren lassen sollen? Warum nicht als aus dem einfachen Grund, dass er nicht einsam sterben sollte, dass man sich noch von ihm verabschieden konnte. Auch wenn Neko versuchte, diese Eventualität als Unsinn abzutun, wollte ihr das nicht so recht gelingen. Langsam begannen die Tränen, ihre Sicht zu verschleiern.
    „Kann ihr irgendetwas für dich tun?“, bot Shinzu ihr seine Hilfe an, doch sie schüttelte nur den Kopf. Das Einzige, was sie sich nun wünschte, konnte ihr niemand erfüllen – nur die Zeit, auch wenn sie sich davor fürchtete, was diese außerdem sonst noch zu vollbringen vermochte. Shinzu seufzte, zog sich den Stuhl des danebenstehenden Krankenbettes heran und setzte sich zu Neko. Die Arme auf die nach vorn gedrehte Lehne gestützt, leistete er ihr stumm schweigend Gesellschaft. Insgeheim war sie froh, dass er ihr bei ihrer Wache zur Seite stand. Nach den Vorkommnissen im Wald und vor allem der Konfrontation der beiden am Abend des Tages, an dem ihre Gruppe zum ersten Mal für das Hauptquartier gekocht hatte, hätte sie nie erwartet, dass er überhaupt auf den Gedanken käme, sich um Mizu zu sorgen.
    Sie überkamen Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit Mizu, und was sie seitdem gemeinsam erlebt hatten. Zweimal hatte ihnen das Schicksal alles verfügbare Glück geschenkt, als Mizu, obwohl noch nicht lange bei den Rebellen, nicht nur ebenfalls zum Hauptquartier befördert, sondern auch noch in dieselbe Gruppe wie sie eingeteilt worden war. Aber was waren all diese Erlebnisse und Glücksmomente schon wert, wenn der Lynoer jetzt starb? Neko konnte und wollte nicht zulassen, dass das geschah, doch es lag nicht in ihrer Macht, etwas daran zu ändern.
    Verzweifelt einen Halt suchend drückte sie seine Hand fester. Zum ersten Mal, seit sie ihn gestern Abend hatte hier lassen müssen, regte er sich daraufhin: Mit einer schwachen Bewegung drehte Mizu den Kopf um eine Winzigkeit und nuschelte etwas Unverständliches. Dann war der Moment vorüber, und er lag wieder genauso mehr tot als lebendig da.
    Neko kam der Verdacht, dass sie seine Hand nur fest genug drücken musste, um ihm genügend Kraft zum Weiterleben zu übertragen. Doch noch bevor sie naiverweise diesen Einfall in die Tat umsetzen konnte, klinkte sich im letzten Moment ihr Verstand ein und hielt sie davon ab. Er würde auch nicht ins Leben zurückfinden, wenn sie ihm wie ein stures Kind die Finger brach!
    Stattdessen sagte sie ganz spontan: „Er war mein erster wirklicher Freund.“ Ihre Stimme klang spröde und zu ihrem Erschrecken viel emotionsärmer, als sie sich eigentlich fühlte. Aber irgendwie war ihr das egal; also fuhr sie fort: „Außer meiner Familie war Mizu der einzige Mensch, der bedingungslos nett zu mir war.“
    Sie musste plötzlich an Kinosei denken, jenen Rebellen, der sich damals im Bau häufiger an sie herangemacht hatte. Und der einzige ohne Hintergedanken, fügte sie im Stillen hinzu, wagte aber aus irgendeinem Grund nicht, es auszusprechen. Kinosei hatte sie nur deswegen als ihr Ziel erwählt, weil er bei allen anderen Rebellinnen seines Alters – wahrscheinlich aus gutem Grund – nicht hatte landen können.
    Nur am Rande ihres Bewusstseins nahm sie wahr, wie Shinzu ihre freie Hand ergriff und vorsichtig umschloss. Seine Hand war das genaue Gegenteil der Mizus: Auf der einen Seite berührte Neko die kalte, fast tote Haut einer steifen Hand, die darauf nicht einmal wirklich reagierte – auf der anderen Seite spendete ihr eine warme und starke, aber zärtliche Hand Trost und Kraft. Während der eine eines Halts an ihr bedurfte, um überhaupt dem Tode weiterhin zu entfliehen, half der andere ihr, nicht völlig zusammenzubrechen.
    „Du hast hier viele andere Freunde, die für dich da sind“, erinnerte Shinzu leise, aber eindringlich. „Momoko und Akari sowieso, und Kasai auch, auf seine Art. Sogar Rai, und ganz bestimmt auch Raika, egal, was sie bisher getan oder gesagt hat. Nicht zu vergessen deine Partner.“ Als Traunfugil merkte, dass die Rede unter anderem von ihm war, nickte er mit großen Augen und gab eine quiekende Bestätigung.
    Neko hob den Blick und starrte zuerst zu dem Nebelgeist auf, dann sah sie Shinzu tief in die pechschwarzen Augen. „Und du?“, fragte sie tonlos, als er keine Anstalten machte, fortzufahren.
    Der entschlossene Gesichtsausdruck, sie mit allen Mitteln aus ihrer Trauer zu retten, wurde weich, und er legte nun auch die andere Hand auf die ihre. „Ich will dir helfen, wo es nur möglich ist“, eröffnete er und erwiderte standhaft ihren Blick. „Wenn es irgendetwas gibt, das ich für dich tun kann, will ich es erfüllen, und wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, egal, was es ist, bin ich für dich da, um es dir von der Seele zu reden. Jeder Mensch sollte jemanden haben, auf den er sich immer und überall verlassen kann – und in deinem Fall will ich das für dich sein, was auch immer geschieht.“
    Noch während er diese letzten Worte sprach, sammelten sich in Nekos Augen nun endgültig Tränen und verwässerten sei Antlitz. Plötzlich brach die Verzweiflung nur so über ihr zusammen und riss sie mit sich fort. In einer ansatzlosen Bewegung warf sie sich Shinzu an den Hals und fing hemmungslos zu weinen an. „Ich will nicht, dass er stirbt, Shinzu!“, rief sie, wütend auf das Schicksal, das ihr den besten Freund einfach so zu nehmen im Begriff war. Die beiden Patienten, die bereits wachgewesen waren, als sie hergekommen war, und ein paar kürzlich erwachte fuhren erschrocken herum, als ihr Schreien die friedliche Ruhe durchbrach, die im Raum geherrscht hatte. Doch das war ihr egal.
    Ohne Mizu wären sie jetzt alle tot, so viel war gewiss. Hätte er nicht die Vision vom Angriff auf das Hauptquartier gehabt, wären gestern viele Menschen unvorbereitet davon getroffen und getötet worden. Es war einfach nicht gerecht, dass gerade er, dem sie ihr Leben zu verdanken hatten, als einziger Toter aus diesem Kampf hervorging.
    Sie schluchzte laut und ungeachtet dessen, dass ein paar Schlafende davon zu erwachen drohten, und ließ ihrer hilflosen Wut auf das Schicksal freien Lauf. Halt suchend presste sie das Gesicht gegen Shinzus Schulter, die schon nach kürzester Zeit von ihren Tränen durchgeweicht war. Der Naminer erwiderte ihre Umarmung vorsichtig, als habe er Angst, sie in ihrem aufgewühlten Zustand zu zerbrechen. Einige der Anwesenden sahen unwillig zu ihnen herüber, manche nicht gerade glücklich damit, aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.
    Shinzu legte Neko die Hände auf die Schultern, um sie auf Armeslänge von sich wegzuschieben und mit sanftem Rütteln dazu zu zwingen, ihm in die Augen zu sehen. Von Verzweiflung gepackt verbarg Neko ihr Gesicht in den Händen und wollte sich am liebsten vor der ganzen Welt verschließen, um all die Trauer und das Unglück, das sie zu ereilen begonnen hatte, zu vergessen.
    „Neko, sieh mich an!“, forderte Shinzu und schüttelte sie erneut. Als sie darauf nicht reagierte, ergriff er ihre Handgelenke, um sie mit sanfter Gewalt von ihrem Gesicht wegzuschieben. Erst, als er seine Forderung wiederholte, schaffte es Neko, die tränenverschleierten Augen zu öffnen, doch sie sah nicht ihn an, sondern seine Hände, die sie immer noch festhielten. Aus dieser Berührung schöpfte sie die nötige Kraft, um ihren Weinkrampf zu stoppen und wieder Ruhe im Krankensaal einkehren zu lassen.
    „Ich versichere dir, Neko“, begann Shinzu und verstärkte seinen Griff, „dass die Heiler das auch nicht wollen. Sie haben alles getan, was sie können, um ihm zu helfen, so wie sie es mit jedem machen, der hier landet.“ Langsam sah sie auf und versuchte, seine Augen zu fixieren, was ihr nicht so recht gelang.
    Ihr kam in den Sinn, dass sie Shinzu bei ihrer ersten Begegnung in Gedanken mit dem leibhaftigen Tod verglichen hatte aufgrund des argen Kontrastes, den sein schwarzes Haar und die schwarzen Augen mit der blassen Haut bildeten. Wenn er das war, sollte er Mizu dem Leben zurückgeben!
    „Und was ist, wenn das nicht reicht?“ Ein neuerliches Schluchzen stieg in Nekos Kehle auf, aber sie hielt es zurück.
    „Dann steht es nicht in unserer Macht, etwas dagegen zu unternehmen“, sagte Shinzu bestimmt und löste den Griff um ihre Handgelenke. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie fest er tatsächlich zugepackt hatte, und spürte erst jetzt den Schmerz. Aber er war einer jener höchst willkommenen Sorte, die sie in die Wirklichkeit zurückholte, und dafür war sie Shinzu sehr dankbar.
    Dennoch bildete die Trauer weiterhin ein schwarzes Loch in ihrem Herzen, das alle anderen Gefühle verschlang und vernichtete. Sie wünschte sich, diese Sache auch so objektiv betrachten zu können wie Shinzu, um diesen saugenden Mahlstrom endlich versiegeln zu können. Doch dann blickte sie in Mizus totenstarres Gesicht und wusste, dass ihr das absolut unmöglich war – weil sie ihn einfach zu gern hatte.
    „Momoko hat Brötchen besorgt“, informierte der Naminer und stand auf. „Du solltest kommen und etwas frühstücken. Du brauchst die Energie.“ Damit verließ er das Heilerhaus, aber Neko bemerkte weder das so wirklich, noch, dass Traunfugil ihn begleitete, und sie somit jetzt alleine war.
    Ihre Gedanken kreisten allein um Mizu und das, was Shinzu gesagt hatte. Alles davon entsprach den Tatsachen, sogar das, was er zuletzt bemerkt hatte, bevor er gegangen war. Sie hatte seit dem letzten Morgen nichts mehr gegessen, aber bis auf ein daran erinnerndes Magenknurren kurz nach dem Aufstehen hatte sie davon nichts verspürt. Die Sorge um Mizu hatte ihr auch dieses Gefühl genommen. Aber es stimmte: Mizu wäre nicht geholfen, wenn er aufwachte und sie verhungernd neben sich fand.
    Ein paar Minuten oder auch eine ganze Weile länger saß sie noch bei ihm, bevor sie schließlich doch widerwillig aufstand. Zuerst zögerte sie, das zu tun, was ihr soeben spontan in den Sinn kam, da es seiner Genesung auch nichts weiter bringen würde; doch da es ihm auch nicht schadete, brachte sie die begonnene Bewegung doch zu Ende. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm vor und flüsterte ihm so leise zu, dass nicht einmal sie selbst die Worte hören konnte: „Du darfst nicht sterben, hörst du? Ich brauche dich doch!“ Bevor sie sich wieder zurückließ, küsste sie ihn in einem Anflug von Melancholie auf die fiebrig glühende Wange. Es war nicht mehr als der Hauch einer Berührung durch ihre Lippen, nichts, was man tatsächlich als Kuss bezeichnen konnte. Aber zu mehr fühlte sie sich im Moment nicht fähig.
    Wieder rief ihre Handlung eine Regung in Mizu hervor, der nun, ganz so, als ob er ihre Anwesenheit in seiner Ohnmacht spürte, den Kopf in ihre Richtung drehte. Wie auch beim letzten Mal murmelte er etwas, und die beiden kaum verständlichen Silben bauten sich in Nekos Ohren zu ihrem Namen zusammen.
    Ich lasse dich nicht gehen!, schrie sie ihm in Gedanken entgegen, bevor sie sich abwandte und mit kraftlosen Schritten auf den Ausgang zuhielt[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Hallodilu]Jaja, mich gibts auch noch. Will jetz gar nicht viel sagen, also ab gehts. Das nächste Kapitel lässt vielleicht nicht mehr so lange auf sich warten...


    :pika: [tab=etwas kurzes Kapitel]Hoothoot Kapitel 33: Der Wahrheit näher


    „Vielen Dank, Tetsu, dass du mir das gemeldet hast“, sagte Seijin aufrichtig, als die Chimäre mit ihren Ausführungen zum Ende kam. „Er ist plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, sagtest du?“ Der Rebellenanführer zeigte weder, ob er über diesen Umstand beunruhigt, noch auch nur erstaunt war.
    Er war froh, endlich zu wissen, wen sie bei ihnen eingeschleust hatte – bislang war das Risiko, Posten aufzustellen, einfach zu hoch gewesen. Ohne Zweifel war es die Person, die Tetsu, Rai und Raika in der vorigen Nacht beobachtet hatten. Die Beschreibung, die Tetsu ihm geliefert hatte, wies eindeutig auf die Attacke Tarnung hin – und bis auf die Königin selbst vermochte unter Menschen nur noch der Spion, Pokémonattacken anzuwenden. Und eine verdammt gute Tarnung musste es sein, wenn sie zusätzlich zu der Unsichtbarkeit bewirkte, dass ihr Benutzer weder zu hören war noch Fußspuren im Gras hinterließ. Das konnte nur bedeuten, dass er noch zu sehr viel mehr fähig war – das Umtreiben des Phantoms in Namine deutete mehr als ausreichend darauf hin.
    Seijin hatte sich getäuscht. Die Gesichte hatte ihm den Falschen offenbart. Und dennoch gestattete er es sich nicht, deswegen erleichtert zu sein.
    Oberste Vorsicht war geboten. Der Spion durfte nicht erfahren, dass er erkannt worden war. „Bitte verzeihe mir aber, wenn ich es jetzt noch nicht bekannt geben werde“, meinte Seijin. Tetsu hatte nach seinem Bericht eisern geschwiegen und ihn in grimmiger Erwartung angestarrt. „Wir haben glücklicherweise keinen Toten zu beklagen, aber viele Verletzte, unter den Menschen wie unter den Pokémon. Ich will über diese Sache den Festtag über nachdenken, aber nicht überstürzt handeln.“ Das Hauptquartier bereitete sich zurzeit auf den Tag der Ankunft vor, jenes Fest, das gefeiert wurde, um daran zu gedenken, wie die ersten Menschen nach langer Reise durch die Todeswüste auf das Reich gestoßen waren, um es seit dem zu besiedeln. Nach dem halbüberraschenden Angriff fand Seijin, hatten seine Rebellen einen entspannten Tag verdient. „Ihn jetzt vor dem versammelten Hauptquartier anzuklagen, wäre töricht und sehr gefährlich. Du und die Zwillinge, gebt ihm nach wie vor das Gefühl, unentdeckt zu sein, damit er keinen Verdacht schöpft. Ich werde sehen, was ich tun kann.“
    Tetsu, der durch seine massige Hünengestalt das eigentlich geräumige Büro des Anführers nur halb so groß wirken ließ, blickte ihn nur nachdenklich an. „Du weißt mehr, als du zugibst.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
    Seijin lächelte entwaffnet und drehte einen Stift in der Hand. Er war von sich und seinen Schauspielkünsten mehr als nur überzeugt – immerhin hatte er viele Jahre Zeit gehabt, sie zu erproben. Aber es wunderte ihn nicht, dass Tetsu seine Fassade wenigstens ein bisschen durchschaut hatte. Schon bei ihrer ersten Begegnung, als der Gotela nur neun Jahre alt gewesen war, hatte Seijin bemerkt, dass er dank seines Chimärenblutes nicht nur enorme körperliche Kraft besaß, sondern für Menschen und ihren Charakter auch noch ungewöhnlich empfänglich war. Das war eine Art der Menschenkenntnis, die man sich niemals aneignen konnte, sondern mit der man geboren wurde. Seijin war auch jetzt noch, nach über dreißig Jahren, unsagbar froh, diesen großartigen Krieger und Freund nicht an sie verloren zu haben – die Königin, seine Feindin.
    „Das stimmt allerdings, Tetsu Hammerarm“, gab er zu und redete sein Gegenüber mit seinem Ehrentitel an – ein typisches Ablenkungsmanöver, von dem er nicht wirklich glaubte, dass es Wirkung zeigte. „Und ich bedaure sehr, dir nicht mehr verraten zu können. Wenn die Zeit reif dafür ist, das schwöre ich dir, werde ich dir alles sagen – doch das ist noch nicht jetzt.“
    Tetsu nickte nur, aber Seijin sah ihm seine Besorgnis an. Was auch kein Wunder war, da diese Sache der höchsten Gefahrenstufe ein Mitglied der Gruppe betraf, die ihm unterstellt war. Wahrscheinlich sah sich die Maschock-Chimäre daher in der Verantwortung für des Spions Tun und Handeln. Doch Seijin käme nie auf den Gedanken, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Was jetzt im Gange war, war größer, als Tetsu es sich ausmalen konnte – und indirekt auch Seijins Schuld. Nicht erst, seit die Königin ihren Spion im Hauptquartier eingeschleust hatte, auch nicht, seit er Rebellenanführer war. Nein, sein Fehler lag viele Jahre zurück …
    „Rai und Raika solltest du ebenfalls Antworten geben“, forderte Tetsu soeben und verhinderte, dass sein Anführer sich in uralten Erinnerungen verlor. Als der Gotela gewiss sein konnte, die Aufmerksamkeit seines Gegenübers zu haben, fügte er hinzu: „Zumindest Antworten, von denen du denkst, sie dürften es erfahren. Sie haben ein Recht dazu.“
    Seijin nickte. Sie hatten sich dieses Recht nicht nur dadurch verdient, endlich die von ihm heiß begehrte Information eingeholt zu haben – sondern auch, weil sie dafür unwissentlich ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten.
    Der Rebellenanführer seufzte tief. „Lass sie herein.“


    „Was, meinst du, wird Seijin jetzt wegen ihm unternehmen?“, fragte Rai seine Zwillingsschwester, nachdem sie sich flüsternd über die vorige Nacht unterhalten hatten. Voltenso lag zu ihrer beider Füßen und hatte wachsam die scharfen Ohren gespitzt. Sie hatten es immerhin mit jemandem zu tun, der beliebig verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen konnte, wie es ihm passte. Es war nicht ausgeschlossen, dass er sie nicht belauschte, sollte er mitbekommen haben, dass sie ihn beobachtet hatten.
    „Keine Ahnung. Hoffentlich irgendetwas, das ein Verräter wie er auch verdient“, antwortete Raika und meinte es auch so. Die Frage blieb natürlich, ob das überhaupt möglich war. Wenn sie über diese unglaublichen Fähigkeiten verfügte, würde sie sich auch aus jeder Schwierigkeit, in die sie geriet, hinfortteleportieren.
    So wie aus dieser.
    Ihr war unwohl bei dem Gedanken, Seijin vermutlich jede Kleinigkeit der vergangenen Nacht und vielleicht auch der Nächte davor, da Raika den Verräter beobachtet hatte, auszubreiten. Selbst wenn sie diese für sich selbst rekapitulierte, klangen sie abgedreht und nach einem einzigen Hirngespinst. Wäre es jemand anderes, der ihr einen solchen Schwachsinn erzählte, sie würde entweder an seinem Verstand zweifeln oder darauf pochen, er habe geträumt. Einen der tüchtigsten Rebellen einfach so des Verrates zu bezichtigen, war kein Pappenstiel. Und dann auch noch dazuzusetzen, er habe sich einfach in Luft aufgelöst und daraus wieder manifestiert, grenzte an Wahnsinn.
    Raika schielte zu Rai hinüber. Er hatte es auch gesehen. Es konnte also keine Einbildung oder ein Traum gewesen sein, oder?
    Darüber hinaus flimmerte in ihr eine unterbewusste Angst, die sie sich nicht so recht erklären konnte. Aus irgendeinem Grund kam ihr immer wieder das Bild des toten Kisho in den Sinn. Irgendetwas hatte ihn an ihrem ersten Tag im Hauptquartier getötet. Doch was hatte das eine schon mit dem anderen zu tun?
    Sie zuckte zusammen, als mit einem hölzernen Knirschen die Tür zu Seijins Büro geöffnet wurde. Synchron zu seiner Menschenpartnerin und ihres Zwillings wendete auch Voltenso den Kopf. Es stand niemand im Türrahmen. „Scheint wohl unser Zeichen zu sein“, meinte Rai flapsig, doch Raika hörte ihm die innere Anspannung, die auch sie im Hintergrund spürte, deutlich an. Es gab nichts zwischen den beiden, das je lange ein Geheimnis geblieben wäre.
    Der treue Donnerhund erhob sich von seinem Platz und folgte den Tiro, nur um sich ein paar Schritte weiter vor der Tür wieder zu Boden niederzulassen und weiterhin Wache zu schieben. Als die Zwillinge in das kleine Gebäude eingetreten waren, erglühte die Tür in einem zarten Blauton und glitt wieder mit dem gleichen wenig eleganten Geräusch zu, mit der sie auch aufgegangen war. Sofort fiel Raika die hintere Ecke des Zimmers auf, in der sich die Schatten zu sammeln und zu überlagern schienen. Augen, in derselben Farbe wie eben die Tür glühend, erloschen soeben und ließen ein leichtes Nachbild auf der Netzhaut der Tira zurück. Xatu hatte seine telekinetischen Fähigkeiten angewandt, um die Zwillinge einzulassen.
    Der nächste, der in Raikas unmittelbaren Fokus trieb, war unweigerlich Tetsu, was in der Natur seiner Masse lag. Dennoch war die Autorität, ja die geistige Macht, die von der Person hinter dem Schreibtisch ausging, größer als die beeindruckende Gestalt des Gotela und fast ebenso greifbar.
    Der Rebellenanführer wies mit einer einladenden Bewegung auf zwei Stühle, die vor dem Schreibtisch bereit standen. „Bitte, setzt euch.“
    Rai und Raika blickten sich einen Moment fragend an und ermittelten die Antwort auf sein Angebot beinahe sofort. „Vielen Dank“, erwiderte Rai.
    „Wir stehen lieber“, fügte Raika nach alter Zwillingsmanier hinzu.
    „Gut.“ Seijin beugte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und musterte die beiden kurz. „Tetsu hat mir bereits alles Wichtige berichtet“, eröffnete er sogleich. „Allerdings habe ich noch ein paar Fragen, und ihr ganz gewiss auch. Ich will versuchen, euch so viele davon zu beantworten, wie mir möglich ist. Aber zuerst möchte ich wissen, wie lange ihr von dieser prekären Sache bereits wisst.“
    Wie auf ein geheimes Stichwort trat Raika vor. Wenn es um die Zeit vor gestern ging, hatte ihr Bruder nichts damit zu tun. Sie beschloss, dieses unliebsame Thema auf das Nötigste zu reduzieren: „Gleich in der ersten Nacht nach der Gruppeneinteilung habe ich ihn das erste Mal durch das Hauptquartier schleichen sehen, ohne vorher die Türen unseres Wohnhauses gehört zu haben. Danach hin und wieder, etwa jede Woche einmal.“
    „Und gestern hat sie mich dazugeholt, um einen weiteren Zeugen zu haben“, ergänzte Rai.
    Seijin nickte. „Tetsu hat es mir geschildert.“ Er stützte sich auf der Tischplatte ab, verschränkte die Hände und blickte die beiden scharf an. „Ist euch daneben noch irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Etwas, das mit diesem plötzlichen Unsichtbarwerden gleichzieht?“
    Bevor Raika über die Frage an sich nachdenken konnte, stutzte sie. Auch Rai schien dasselbe aufgefallen zu sein, denn er fragte: „Unsichtbar? Ist er nicht …?“
    Seijin fiel ihm mit einem barschen Wink dazwischen, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte: „Wortklauberei. Verschwunden oder unsichtbar spielt keine Rolle. Also?“
    Raika wechselte einen Blick mit ihrem Zwillingsbruder und versuchte, sich an Begebenheiten zu erinnern, die dem Ersuch des Rebellenanführers entsprachen. „Da war einmal was …“, begann sie zögerlich, als sich etwas in ihre Erinnerung zu schieben begann. Rai und Tetsu sahen sie aufmerksam an, während Seijin und Xatu nur ausdruckslos darauf warteten, dass sie fortfuhr. „Voltenso hat es mir erzählt. Es war im Großen Wald, in dem Dorf, in dem wir übernachtet haben, bevor wir unser Ziel erreichten.“
    „Du meinst das, aus dem man uns wegkomplimentiert hat?“, präzisierte Tetsu.
    Raika bejahte und dachte angestrengt nach. Voltensos kindlicher Verstand hatte diese Angelegenheit bereits als unwichtig abgestempelt, und als er seiner Menschenpartnerin nebenher davon erzählt hatte, war es auch in ihren Ohren auf Durchzug gestoßen. „Ich bin mir nicht mehr sicher“, meinte sie daher, „aber es war, als Voltenso einen Kontrollgang durch unser Zeltlager gemacht hat.“ Als Schäferhund war er an kurze Schlafphasen gewöhnt, die durch regelmäßige Patrouillen unterbrochen wurden. Obwohl außer im Hügelland keine Voltilamm-Herden zu finden waren, die es zu hüten galt, ging er dieser Angewohnheit strikt nach, wenn er in einer größeren Gruppe war. Raika kratzte weitere Detailfetzen zusammen. „Er meinte, er habe Menschengeruch wahrgenommen, aber ohne Vermischung mit Zeltgeruch.“
    „Was wohl bedeutet, dieser Mensch war zu dem Zeitpunkt außerhalb eines Zeltes“, schlussfolgerte Seijin.
    „Rika, nichts für ungut“, meldete sich Rai zu Wort. „Aber kann es nicht einfach sein, dass da jemand dem Ruf der Natur folgte?“
    „Hat Voltenso den Geruch erkannt?“, wollte Tetsu wissen.
    „Genau deswegen kann niemand austreten gewesen sein“, sagte Raika etwas beleidigt in Rais Richtung. Glaubte er etwa im Ernst, diese Möglichkeit sei ihr noch nicht in den Sinn gekommen? Sie wandte sich wieder Seijin zu. Jetzt konnte sie sich genau erinnern. „Gerade in dem Moment, da Voltenso sich auf den Geruch konzentrieren wollte, umschwebte ihn ein anderer. Es roch plötzlich so intensiv nach Blumen, dass er einige Zeit nichts anderes mehr wittern konnte.“ Und dieser Blumenduft musste ungeheuer stark gewesen sein, beachtete man, wie empfindlich die Nasen der Donnerhunde waren.
    Jetzt hob Seijin eine Augenbraue. „Blumen …“, murmelte er langgezogen und wirkte für einen Moment, als habe er eine Ahnung, was das bedeutete.
    Nein, korrigierte Raika ihre eigenen Gedanken. Er hat Ahnung! „Seijin, bei allem Respekt“, hob sie an. „Ich will endlich wissen, was hier gespielt wird! Wer ist der Kerl wirklich, und warum kann er einfach verschwinden und woanders wieder auftauchen? Bei Zapdos, das ist doch nicht normal!“ Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie Rai sie mit einem Blick bedachte, der sie zur Vorsicht gemahnte, ihrem Anführer gegenüber einen anderen Ton anzuschlagen. Zugleich spürte sie aber, dass er genauso empfand wie sie, und deswegen kein mündliches Veto einlegte.
    Seijin starrte sie an aus schwarzen, undurchdringlichen Augen mit diesem abschätzenden Ausdruck, der Raika so auf die Nerven ging. Dieser Mann legte erst jedes seiner Worte wie Dominosteine zurecht, bevor er es wagte, den ersten umzustoßen und zu reden. Was befürchtete er denn schon? Dass sie und Rai hinausspazierten und alles, was sie hier erfuhren, in die Welt posaunten? Alle Befürchtungen vor dieser Befragung, die Raika vor ihrem Eintreten gehegt hatte, waren verflogen. Wenn Seijin etwas wusste, sollte er es ihnen sagen!
    „Warum hast du mir oder zumindest Tetsu nicht schon eher von deinen Beobachtungen berichtet?“, wollte der Anführer wissen, ohne auf ihren respektlosen Ton einzugehen oder mit dem seinen zu zeigen, was er von dieser Frechheit hielt.
    Das machte Raika noch wütender, doch sie schluckte ihren Ärger runter. Sie war vernünftig genug, um vor ihren beiden Vorgesetzten nicht in Raserei auszubrechen. Wenn Seijin so provozierend ruhig bleiben konnte, musste sie das auch. „Hätte mir irgendjemand geglaubt?“, fragte sie – und wusste selbst, wie unbeholfen das klang. Eigentlich hatte sie keinen besonderen Grund gehabt. Doch hier und jetzt, mit dem Wissen, wie unsagbar gravierend diese Angelegenheit war, konnte sie doch nicht zugeben, sie vorher nicht für wichtig erachtet zu haben. Auch im letzten Moment war sie dagegen gewesen, Seijin oder Tetsu etwas zu verraten, weil sie sogar eine Verschwörung befürchtet hatte. Dass sie jetzt hier stand, hatte sie allein Rai zu verdanken.
    Ich hätte dir geglaubt.“ Seijin schob den Stuhl zurück, stand auf und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er schritt durch den durch Tetsus Anwesenheit noch kleiner wirkenden Raum und schien ihn dort, wo er ging, wieder zu vergrößern. Schließlich blieb er vor einer Holzuhr stehen, die an der Wand hing, sah zu dieser auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich will dir nichts unterstellen, Raika“, sagte er, als seien Rai und Tetsu gar nicht mehr da. „Dein Zögern ist vielleicht begründet durch eine instinktive Vorahnung.“ Er drehte sich um und sah sie an. „Manchmal ist zu zaudern nicht immer mit Angst verbunden, sondern erfordert den Mut, die Dinge ziehen zu lassen. Gut möglich, dass dieser Mut dir und deinem Bruder das Leben gerettet hat.“
    „Was meinst du damit?“, wollte dieser prompt wissen.
    „Das Hoothoot, das ihr aussandtet, ihn zu verfolgen, ist nicht zurückgekehrt.“
    „Was?“, entfuhr es Rai daraufhin sofort. Er war es gewesen, der die Kugeleule ausgeschickt hatte.
    Zum ersten Mal, seit die Zwillinge das Büro betreten hatten, sprach nun auch Xatu aus seiner dunklen Ecke: „Es ist heute Morgen nicht aufgetaucht, als ich mir ihre Berichte anhörte. Und wäre es inzwischen im Waldring angekommen, wüsste ich davon.“
    „Wir haben Grund zu der Annahme, dass er es beseitigt hat“, endete Seijin.
    „Du meinst, er hat es … getötet?“ Rai hörte sich so befangen an, wie Raika entsetzt war. Sicher, Pokémon zwecks der Fleischgewinnung zu schlachten, war Gang und Gäbe und auch im Hügelland verbreitet. Auch zählte Raika sich nicht zu der ethischen Gruppe, die selbst die wirtschaftliche Haltung von Pokémon kritisierte. Dennoch wollte sie nicht glauben, dass jemand so grausam sein konnte, auch noch ein Angehöriges eines der friedlichsten Spezies ohne Nutzen umzubringen.
    Ihr Herz flatterte. Was, wenn es dieser Schuft gewesen war, den Voltenso im Wald gerochen hatte, und er ihn auch noch getötet hätte?
    „Aber das kann nicht sein!“, begehrte Rai auf. „Vogelpokémon kann man, wenn sie frei sind, wenn überhaupt nur mit Pfeil und Bogen erlegen. Außerdem war es stockfinster!“ Das war zwar eine maßlose Übertreibung, denn Mond und Sterne hatten genügend Licht gespendet, doch Rais Standpunkt war klar. Die Nachtsicht der Hoothoot war bis auf wenige Ausnahmen bei Pokémon und Chimären unschlagbar – Menschen konnten sich nicht im Entferntesten damit messen.
    „Ist er … eine Chimäre?“, fragte Raika daher und warf einen kurzen Blick auf Tetsu. Damit ließen sich fast alle übermenschlichen Fähigkeiten hinreichend erklären.
    Jetzt war es Seijin, der von allen Anwesenden im Raum abschätzend gemustert wurde. Selbst Xatu schien der Antwort seines Menschenpartners zu harren. Die schwarzen Augen des Rebellenanführers waren so undurchdringlich wie eh und je, doch das schneeweiße Haar warf Schatten in ihre Höhlen. Raika lief ein kalter Schauer über den Rücken.
    „Ich fürchte, nicht.“
    Mit dieser Antwort hatte Raika nicht gerechnet. Eben noch hatte sie eine unbestimmte Angst verspürt, Angst vor diesem geheimnisvollen Mann, der die Stricke einer Organisation zog, die im ganzen Reich agierte. Der alles über die Schwarze Rose wusste, ohne dass die Schwarze Rose Kenntnisse von ihm hatte. Und jetzt sagte er doch tatsächlich, er fürchte sich davor, dass der Verräter keine Chimäre war. Was denn schon stattdessen? Wohl kaum ein Pokémon, und vor einem Menschen brauchte er doch keine Angst zu haben. Oder?
    Auch wenn Raika – genau wie Rai und sogar Tetsu – noch unzählige Fragen hatte und diese kryptische Antwort erst recht neue aufwarf, wusste sie, dass sie aus Seijin keine weiteren Informationen herausholen konnte, egal, wie sehr sie sich gebärden würde. Ihr Anführer ging zu seinem Stuhl zurück, während sein Partner die Tür wieder öffnete. Schweigend verließen die Zwillinge und die Maschock-Chimäre sein Büro.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Blumenmädchen]Hallo die Leutz!


    Gawd, warum schaffe ich es einfach nicht, hier etwas schneller zu posten? >.< Gerade jetzt, da die Handlung mal wieder etwas Fahrt aufnimmt…
    Nunja. Ich habe lange und viel mit den Icons für diese Kapitel jongliert, weil hier einfach keine dafür brauchbaren Pokémon auftreten. Deswegen sinds jetzt einfach welche, die zu den Titeln passen und fertig. Es wird spannend, was einige Beziehungen betrifft, und wir tun einen weiteren kleinen Schritt in Richtung Wahrheit.
    Und im nächsten Kapitel …!


    Njoy :pika:


    [tab=Teil 1]Lilminip Kapitel 35: Blumenmädchen


    Blubella Teil 1: Himmelsblume


    Über das nächtliche Land spannte sich ein tief dunkelblauer Himmel, gepunktet von vereinzelten Sternen, die hier und da aufblitzten. Die Luft war klar und mild, in weiter Ferne trällerten Zirpeise um die Wette. Eine typische Spätsommernacht. Untypisch jedoch war, dass neben den natürlichen Musikanten auch noch menschliche hinzukamen, die auf ihren künstlichen Instrumenten spielten. Die Melodien, die sie schufen, drifteten von dem Waldring in die Nacht hinaus und konkurrierten mit den Pokémon.
    Doch beide Kontrahenten wurden übertönt von den Feuerwerksraketen, die hin und wieder von Namine aus in den Himmel geschossen wurden – ganz so, als wolle der König sowohl Rebellen als auch Pokémon auf diese Weise den Krieg erklären. Doch es war der Tag der Ankunft, der Feiertag, der als Gedenken galt für die Ankunft der Menschen im Reich vor über eintausend Jahren. Es war ein Tag nationalen Friedens. So war auch das Feuerwerk Teil dieser Festivitäten. Seit dem Abend wurde ein farbenfrohes Lichterspektakel dargeboten, das für zehn Minuten andauerte und bis zum Morgengrauen allstündlich wiederholt wurde. Das Feuerwerk an sich galt als Erfindung der Keraner, doch die Darbietung in Namine am Ankunftstag war die größte ihrer Art.
    Neko sog tief die Nachtluft ein, die nach Wasser und Gras duftete. Sie hatte sich vor einigen Minuten aus dem Hauptquartier davongestohlen und saß nun, ein paar hundert Meter vom Waldring entfernt, an jenem Bach, der auch diesen durchquerte. Nicht nur sie wartete auf den Beginn der nächsten Vorführung. Auch andere Rebellen hatten sich herbeibegeben, um zuzusehen und zu staunen. Einige von ihnen hatten es heute schon erlebt; andere verzichteten auf eine weitere Vorstellung. Wer es noch gar nicht gesehen hatte, würde später kommen.
    Doch Neko war nicht nur gekommen, um sich an dem bunten Feuer zu erfreuen; hauptsächlich brauchte sie einen Moment für sich. Sie war unglaublich glücklich, ganz anders noch als am Tag zuvor. Mizu ging es besser! Die Oberheilerin persönlich war zu ihr gekommen, um ihr die gute Nachricht zu überbringen und sie zu einem Besuch einzuladen. Die Blutung hatte endlich aufgehört, und Neko hatte mit Freude gesehen, dass Mizu wieder etwas Farbe im Gesicht hatte, der kalte Schweiß auf seiner Stirn getrocknet war. Noch war er nicht erwacht, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis es so weit war. Verschlechtern, so hatte die Oberheilerin der Eloa versichert, könne sich sein Zustand jetzt nicht mehr. Neko konnte es kaum erwarten, ihn wieder bei Bewusstsein zu sehen.
    Ein kleines, pilzartiges Feuerwerk erstrahlte im Himmel und kündigte damit den Beginn einer weiteren Vorstellung an. Als der Schall sie erreichte, rieb sich Neko vorfreudig die Hände. Endlich ging es los!
    Mit staunenden Augen verfolgte die Chimäre das Spektakel. Wer im Reich hatte nicht von dem alljährlichen Feuerwerk gehört, das in Namine am wichtigsten aller Feiertage stattfand? In der Steppe schon hatte sie davon geträumt, es einmal miterleben zu dürfen. Später, als sie in den Bau versetzt worden war, hatte sie sich schon näher an der Erfüllung dieses Wunsches gewähnt, jedoch nie weiter darüber nachgedacht. Immerhin hatte Neko auch nie angenommen, je ins Hauptquartier befördert zu werden. Doch nun war sie hier! Zwar nicht dort, wo man das Lichtereignis am besten verfolgen konnte – in Namine selbst –, aber doch noch in akzeptabler Entfernung. Auch das Schloss, das wegen der Perspektive den Blick auf manche Farbexplosionen verhinderte, störte sie nicht weiter.
    So vertieft war sie in die feurigen Himmelblumen, dass sie Shinzu erst bemerkte, als er sich neben ihr ins Gras sinken ließ. Auch weiterhin ignorierte sie ihn und beobachtete gebannt das Feuerwerk.
    Nach einer Weile, als der brennende Himmel eine Pause einlegte, sagte er schließlich: „Ich habe dich gesucht. Momoko und Akari haben mir zwar gesagt, du sähest dir das Feuerwerk an, aber in der Dunkelheit kann man die Leute kaum auseinanderhalten.“
    Neko nickte bitter, musste aber trotzdem grinsen. Eigentlich hatte sie sich eben deswegen rechtzeitig aus dem Staub gemacht, bevor das Feuerwerk die Landschaft hatte erhellen können. Von ihren beiden Freundinnen hatte sie sich auch nur wegbegeben, als diese davon abgelenkt waren, Kasai zum Geigenspielen zu überreden. Sie hatte versucht, zu vermeiden, dass jemand mit ihr ging oder ihr nachträglich folgte. Aber jetzt, da Shinzu bei ihr saß, erkannte sie, dass das auch nicht übel war.
    „Es steht dir gut, wenn du lächelst. Solltest du öfter machen“, meinte dieser gerade in saloppem Tonfall.
    Die Chimäre zuckte ob dieses unerwarteten Kompliments – nicht unangenehm – überrascht zusammen. Erst jetzt registrierte sie, dass sie die ganze Zeit über ein Grinsen um die Lippen trug, das prompt etwas breiter wurde. Verlegen rieb sie sich die errötenden Wangen. „Findest du?“ Groudon, warum frage ich das?, schalt sie sich selbst in Gedanken. Es war ja nicht so, dass sie unbedingt seine Bestätigung wollte. Oder? Schnell fügte sie hinzu: „Ich bin einfach erleichtert, dass Mizu wieder auf die Beine kommen wird. Ich wüsste wirklich nicht, was ich getan hätte, wenn er gestorben wäre.“ Sie wandte sich an Shinzu.
    In dem am Himmel erblühenden Licht wurden seine Gesichtszüge erhellt, die gezeichnet waren von einer sonderbaren Mischung aus Unzufriedenheit und leichter Verärgerung. „Das… freut mich für dich“, gab er gepresst zurück.
    Neko erkannte, dass sie einen wunden Punkt erwischt hatte, und ihr tat augenblicklich leid, was sie gesagt hatte. Mit Bedauern in der Stimme fragte sie: „Du kannst Mizu nicht besonders gut leiden, was?“
    „Ich war gestern jedenfalls nicht wegen ihm im Heilerhaus“, bekräftigte der Naminer. Die Chimäre nickte – das hatte sie sich bereits gedacht. Wieder etwas offener fuhr Shinzu fort: „Natürlich kann ich ihn nicht leiden. Wie sollte ich auch? Ihr beide wart von Anfang an so vertraut miteinander. Und ich … in dem Moment, in dem ich dich das erste Mal sah …“ Er verstummte abrupt, als habe er etwas Unbeabsichtigtes gesagt.
    Neko spürte die Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute – die eigentlich schon seit Wochen bestand. Sie hielt die Luft an. Sie fühlte sich dem Feuerwerk plötzlich noch weiter weg als jemals in der Steppe.
    Shinzu brach zwar nicht ab, was er hatte sagen wollen, wählte aber einen anderen Ansatz: „Weißt du, ich habe nie an die berühmte Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Ich dachte immer, die gäbe es nur in Märchen und Romanen. Aber seit ich dich kenne, habe ich meine Meinung geändert.“ Shinzu sprach langsam, jedoch nicht so, als müsse er erst die richtigen Worte finden – sondern vielmehr so, als setze er diese mit äußerstem Bedacht. Er richtete die sommernachtschwarzen Augen auf sie.
    Sich in diesem tiefen Dunkel zu verlieren drohend erschauerte Neko. Sie schluckte. Bedeutete das etwa, was sie glaubte, dass es das bedeutete? Jedenfalls fiel ihr keine andere Interpretation ein. Shinzu hatte ihr soeben seine Liebe gestanden! Ein feuriges Glücksgefühl überkam sie, das sie dazu veranlasste, in sich selbst nach einer entsprechenden Erwiderung zu suchen – aber fand keine. Überrascht musste sie feststellen, dass sie für Shinzu die gleichen Gefühle hegen musste wie er für sie. Doch sie konnte diese nicht in Worte kleiden. Sie auszusprechen wäre ihr zwar möglich, doch damit hätte sie im Grunde nur sein Ego gefüttert und für sich selbst nichts erreicht.
    Für einige Augenblicke herrschte Ruhe, die nur von dem gelegentlichen Krachen des Feuerwerks unterbrochen wurde. Alsbald stimmten die rebellischen Musiker ein weiteres Stück an. Eine langsame, hochtönende Flötenmelodie wurde von leisen, tiefen Instrumenten begleitet wie die Vorahnung eines nahenden Unheils. Das Lied war eigentlich auch für Singstimmen ausgelegt und gewiss wurde auch mitgesungen, aber der Text war auf die Entfernung nicht mehr zu verstehen.
    „Ah, ich mag dieses Lied“, sagte Shinzu vergnügt. „Kennst du die Geschichte, die dahintersteckt?“
    Neko nickte bloß, um auf die Musik zu lauschen. Wer kannte sie nicht? Der Text berichtete von zwei Liebenden, die sich schon in der Alten Welt, weit jenseits im Norden der Todeswüste, ewige Liebe geschworen hatten. Von den vielen Einwanderungsgruppen, die in das Land gereist waren, das später als das Reich bekannt werden sollte, waren sie beide in derselben gewesen. Doch bei einem Sandsturm wurde die Gruppe gespalten, und die jungen Verlobten getrennt. So weit drifteten die Gruppen voneinander ab, dass die eine das Reich schließlich über die Steppe, die andere über das Lynordelta erreichte.
    Der Mann, der die Steppe betreten hatte, zog ein paar Jahre später mit seiner Familie in den Großen Wald. Laut der Legende war die Steppe zu der Zeit so trocken, dass viele Bewohner ausgewandert waren – ein Phänomen, das Groudon zugeschrieben wurde, da der Gott wollte, dass sich die Liebenden wieder näher kämen. Auch die Göttinnen des Flusses und des Waldes trugen ihren Teil dazu bei: Demnach ließ Suicune das Boot, in dem sich die Frau befand, abdriften und verhinderte, dass sie landete und ausstieg. Nach einer langen Irrfahrt strandete die Frau schließlich im Wald, wo Celebi ihr versprach, sie wieder dahin zu bringen, wo sie hingehörte.
    Davon überzeugt, dass sie zum Lynor zurückgeführt werden würde, folgte sie der Elfe in ein Dorf – eben jenes, in das ihr Verlobter gezogen war. Viele Jahre hatten die beiden nicht gewusst, ob der jeweils andere den Sandsturm überlebt hatte, und standen sich endlich wieder gegenüber.
    Natürlich wies das Märchen gewisse Ungereimtheiten auf, zum Beispiel, warum keiner der beiden sich je einen anderen Partner suchte oder warum die Frau auf ihrer tagelangen Reise auf dem Fluss nicht verhungerte. Aber es zeigte auf, wie die Flucht aus der alten Heimat Menschen und Völker getrennt hatte, die dann aber durch das neue Land mit all seinen Wundern wiedervereint wurden, unabhängig davon, wie viel Zeit verging.
    „Kannst du tanzen?“, fragte Shinzu gleich zu Beginn des Liedes.
    „Nicht wirklich“, antwortete Neko verlegen. Der Moment romantischer Anspannung war verflogen – fürs Erste. „Nur eloischen Volkstanz. Mein Onkel hat es mir, meiner Mutter und meiner Tante vor langer Zeit einmal beigebracht.“
    „Das reicht doch. Dann kennst du ja das Grundprinzip“, behauptete Shinzu und stand auf.
    „Grundprinzip?“
    „Du musst die Musik in deine Bewegungen fließen lassen – das ist die Grundregel des Tanzens. Dann ist es egal, ob du auf eloische Volksmusik oder klassische Lieder tanzt.“ Shinzu machte es mit einigen Schritten vor, eine Abfolge von eleganten Bewegungen, die eindrucksvoll veranschaulichten, was er meinte. Anschließend verbeugte er sich formvollendet vor ihr und streckte ihr auffordernd die Rechte Hand entgegen.
    Neko dachte zuerst, er mache einen Scherz, wenn er jetzt und hier von ihr verlangte, mit ihm zu tanzen. Doch sein fester, unwiderstehlicher Gesichtsausdruck strahlte standhaften, aber freundlichen Ernst aus.
    Eigentlich gab es keinen Grund, es nicht zu tun, befand Neko. Es war niemand da, der sie beobachten konnte. Und was sprach schon dagegen, von Shinzu ein paar Tanzschritte beigebracht zu bekommen? Sie legte die Hand in seine und ließ sich von ihm aufhelfen.
    Soeben endete die glückliche erste Strophe, und die dramatische Sandsturmszene wurde besungen. Zwar war die Melodie jetzt noch dieselbe, doch andere Instrumente waren nun dominant, erzählten in reißendem Stakkato und schlagenden Klängen von dem Unglück, das sich vor einem Jahrtausend in der Todeswüste ereignet hatte. Trotz der relativ wilden Unwettermusik ging Shinzu vorsichtig zu Werke und nahm Rücksicht auf Nekos mangelnde Tanzübung.
    „Wichtig ist, dass du den Rhythmus durch deine Ohren über dein Herz in deine Gliedmaßen strömen lässt – ohne Umwege über das Hirn“, erklärte er sanft und führte ihre Bewegungen mit leichten Berührungen. Die körperliche Nähe zu ihm ließ Neko wieder das Blut in den Kopf steigen, aber sie zwang sich dazu, sich auf die Tanzschritte zu konzentrieren und seinen Anweisungen zu folgen. „Tanzen ist nichts, worüber man großartig nachdenken sollte“, fuhr Shinzu fort, „es ist keine Wissenschaft, auch wenn so mancher eine daraus zu machen versucht. Tanzen ist eine Herzangelegenheit – pures Gefühl.“ Seine Stimme war weich, selbst wenn sie einen Fehler machte und er sie darauf hinwies, wie sie einen solchen vermeiden konnte.
    Wieder wechselte die Strophe, und wieder passte sich die Instrumentalbesetzung an, diesmal der Zeit, die die Liebenden aus der Legende getrennt voneinander verbracht hatten. Unter Shinzus Leitung und Aufsicht gelang es Neko tatsächlich, passend zum Rhythmus zu tanzen, und das viel vollendeter, als sie es sich je zugetraut hätte. Es schien, als flössen unsichtbare Energien zwischen den Tanzpartnern hin und her und verliehen Nekos Bewegungen dieselbe Perfektion wie Shinzus.
    Dieses unglaubliche Talent, seine ausgesprochen weitreichende Allgemeinbildung, seine gewählte Ausdrucksweise – Neko fragte sich, wie ein einfacher Junge von der Straße all diese Fertigkeiten in dieser Vollkommenheit beherrschen konnte.
    Da fing die letzte Strophe, die Wiedervereinigung, an, und die Melodie wurde nun beschwingt und heiter wiederholt. Mit der nächsten Drehung wirbelten Nekos Gedanken herum, bevor sie sie zu Ende denken konnte. Ihr wurde schwindlig. Ihr Magen flatterte wie ein flügge gewordener Nestling. Trotz dieser Körperreaktionen war ihr nicht übel; das leichte Unwohlsein hatte etwas Berauschendes, Beflügelndes. In Shinzus Armen fühlte sie sich leicht wie eine Feder, die von zarten Windböen in den Himmel getragen wurde, erhellt von bunten Sternen, die dort immer wieder aufglühten.
    So schön ihr Tanz auch war, neigte sich das Lied der beiden Liebenden dem glücklichen Ende zu. Shinzu wirbelte Neko herum, und mit der letzten abschließenden Drehung blieb sie dicht an ihn gepresst stehen, den Rücken gegen seine Brust gedrückt, ihre wie seine Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Ihr Atem ging schnell – was nicht zuletzt auch der Nähe zwischen ihnen geschuldet war –, während Shinzus nicht einmal leicht beschleunigt war. Sie spürte ihren Herzschlag überdeutlich, ebenso wie seinen ganz dicht an ihr, und erkannte, dass beide genau dem Takt der Musik entsprachen. Es war so geschehen, wie Shinzu es beschrieben hatte: Der Rhythmus war Teil ihrer Bewegungen geworden.
    Sie hob den Blick – sein Gesicht war ihrem ganz nah. Und kam noch näher.
    Ihre Herzschläge passten sich noch mehr aneinander an, sodass sie zu einem verschmolzen. Neko lauschte darauf, während Shinzu die Distanz zwischen ihren Lippen noch weiter verringerte, und dachte an ein Herz, das so kurz davor gewesen war, niemals wieder zu schlagen.
    Unwillkürlich wandte Neko das Gesicht ab und starrte beschämt zu Boden. Warum kamen ihr solche Gedanken immer in diesen kostbaren Augenblicken? Weder Shinzu noch Mizu hatten das verdient. Shinzu hinter ihr ließ ein mehr als enttäuscht klingendes Seufzen hören, als sie sich sanft seinem Griff entwand. Die Musikanten im Hauptquartier begannen ein neues Stück.
    „Ich … gehe jetzt wohl besser“, murmelte sie und schämte sich, schon wieder das Weite zu suchen wie im Wald unter der Silberranke. Aber diesmal würde sie nicht fortlaufen, als gelte es, einer Gefahr zu entkommen, sondern ganz normal gehen. Sie hoffte, dass er verstand, dass sie lieber alleine ins Hauptquartier zurückkehren wollte und seine Gesellschaft fürs Erste meiden. Sie musste sich erst noch darüber klar werden, was sie denn jetzt wirklich empfand – um ein solches Ende dieser wunderbaren Situationen künftig zu vermeiden.
    Neko tat die ersten Schritte, hielt aber inne, als Shinzu ruhig sagte: „Bleib hier.“ Irgendetwas daran, wie er es sagte, ließ ihr plötzlich das Blut in den Adern gefrieren. Erst im zweiten Augenblick erkannte sie, was es war: Gefühlskälte. Shinzu hatte keine Emotion in seine Worte gelegt, was angesichts der Spannung, die eben noch in der Luft gehangen hatte, eigentlich unmöglich schien. Darüber hinaus hatte es nicht wie eine Bitte geklungen – vielmehr wie ein Befehl.
    Sie drehte sich halb zu Shinzu um. Das fahle Licht der Sterne glänzte in seinen Augen, die sie wie die einer Wachsfigur fixierten. Neko schaffte es nicht, sich von diesem starren Blick zu lösen. Erst, als hinter Shinzu ein Feuerwerk aufblühte und sein Antlitz in Schatten hüllte, gelang es ihr, sich wieder abzuwenden und weiterzugehen. Er sagte nichts mehr, aber sie spürte sein Starren, das angetan war, sie zum Bleiben zu zwingen, noch immer im Nacken.
    Als sie plötzlich auch seine Schritte im Gras hörte, drehte Neko sich abrupt um, erschrocken darüber, dass er ihr folgen wollte. Doch zu ihrer Verwunderung stand er noch immer an derselben Stelle, wo sie ihn verlassen hatte, in derselben Position. Sie war mittlerweile weit genug gekommen, um sein Gesicht in der spärlichen Beleuchtung nicht mehr erkennen zu können. Auch war sonst niemand in unmittelbarer Nähe, von dem das Geräusch hätte stammen können. Sie kam zu dem Schluss, dass sie sich das Rascheln im Gras nur eingebildet oder das Geräusch ihrer eigenen Schritte fälschlicherweise für das seiner gehalten hatte, und ging weiter.
    Maßloses Entsetzen überkam sie mit einem Mal: Jetzt hatte sie ganz deutlich fremde Schritte gehört!
    Ihr Pulsschlag beschleunigte sich; die Kapillaren wurden weit, um mehr Adrenalin aufzunehmen, das plötzlich ihren Körper durchflutete. Ihre Muskeln verkrampften sich und schienen ihr ein Wort zuzurufen: Lauf.
    Doch anstatt ihnen zu gehorchen, ging Neko einfach nur etwas schneller. Denn warum sollte sie schon vor Shinzu davonlaufen? Nachdem er ihr seine Liebe gestanden hatte, würde er ihr wohl kaum etwas antun. Erst recht nicht nach diesem unbeschreiblichen Tanz.
    Wo waren überhaupt die anderen vereinzelten Rebellen, die ebenfalls das Feuerwerk bestaunten?
    Die Schritte hinter ihr waren nicht verklungen. Im Gegenteil schienen sie nach dem Knall der eben explodierten Feuerwerksrakete noch näher gekommen zu sein. Doch sie klangen langsam und gemächlich, als würde Shinzu hinter ihr im Schritttempo gehen. Sie selbst war etwas schneller als das – wie konnte er sie dann schon einholen?
    Lauf!
    Ihre Anspannung wuchs weiter, aber noch immer war Neko nicht bereit, einfach wegzurennen. Sie verfiel jetzt in einen leichten Laufschritt, der von den Rebellen des Hauptquartiers als Ausdauertraining angewandt wurde. Shinzus noch immer langsame Schritte wurden nicht leiser, als ob sie sich nicht von ihm entfernen könnte. Neko versuchte, sie zu ignorieren. Auch wagte sie es nicht, sich noch einmal nach dem Naminer umzusehen, aus Angst, er könne direkt hinter ihr sein oder sich noch immer nicht vom Fleck gerührt haben – sie wusste nicht, was schrecklicher wäre. Sie war nicht gerade erpicht darauf, festzustellen, dass sie den Verstand verlor.
    Musste sie eigentlich nicht schon den Waldring erreicht haben? Sie konnte seine Umrisse vor sich erkennen, also war sie nicht irgendwie vom Weg abgekommen. Anders als der Bach, der noch eine Kurve schlug, bevor er auf das Hauptquartier zufloss, lief sie schnurgerade darauf zu.
    Nur warum war es so dunkel? Eben noch waren einzelne Bäume erkennbar gewesen, jetzt war alles pechschwarz, obwohl der Sternenhimmel so klar war, wie Neko ihn noch nie gesehen hatte. Eigentlich musste die Umgebung in silbriges Licht getaucht sein; stattdessen war sie ein einziger tiefdunkler Scherenschnitt unter dem Sternenmeer. Die Musik aus dem Hauptquartier war verklungen, die nächtlichen Laute verstummt. Nicht einmal ihren eigenen Atem konnte Neko hören – dafür die ruhigen Schritte im Gras überdeutlich.
    In diese Stille brach unnatürlich laut der Knall eines Feuerwerkskörpers, der zeitgleich mit dem Licht eintraf. Der rote Schein erhellte für einen kurzen Augenblick die Umgebung und ließ sie wirken wie in Blut getränkt.
    LAUF!!
    Für Neko gab es jetzt kein Halten mehr. Auch wenn sie vor sich nichts anderes sah als alles verschlingende Schwärze, erfüllte sie endlich ihren Beinen den Wunsch, in halsbrecherischem Tempo davonzujagen. Sie wurde fast verrückt an den Schritten, die noch immer das einzige Geräusch waren, das sie hörte. So waren so laut, so deutlich geworden, dass Shinzu eigentlich neben ihr herschlendern musste, doch dafür war sie viel zu schnell. Verzweiflung umnebelte ihr Gehirn. Der rettende Waldring kam und kam nicht näher.
    Wieder krachte eine Rakete und schickte ihren Schall über die sanften Hügel. Das bläuliche Licht entriss dem allgegenwärtigen Scherenschnitt für eine Sekunde einen einzelnen Baum – ein Walnussbaum, in der Steppe das Symbol für Schutz, denn kein anderer Baumschatten war so kühl wie seiner. Auf diesen Lebensretter konnte Neko sich flüchten und in seiner Krone vor ihren unbarmherzigen Verfolgern in Sicherheit bringen.
    Als das Licht abklang, war der Walnussbaum nur noch als Silhouette vor dem Sternenhimmel zu sehen, auf die Neko zusteuerte. Es war nicht mehr weit bis zu seinen tief hängenden Ästen …
    Plötzlich stolperte Neko über ebenen Boden und fiel der Länge nach hin. Ohne Zögern wollte sie sich gleich wieder aufrappeln und sofort weiterhasten, doch ihr Fuß hing in etwas fest. Schnell setzte sie sich auf. Ein weißes, besonders helles Feuerwerkslicht erstrahlte und ermöglichte ihr die Sicht auf ihren Fuß, der sich in einigen Grashalmen verfangen hatte. Sie zerrte daran, nahm die Hände zu Hilfe, um sich aus der herbalen Umklammerung zu befreien – doch ihr Fuß schien wie mit dem Boden verwurzelt.
    Erst jetzt bemerkte Neko, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Das Licht war noch nicht verblasst! Keine Feuerwerksblume war am Himmel zu sehen – ja das Licht blendete so stark, dass es den Sternenhimmel überdeckte. In endloser Schwärze bildete es einen hellen Kreis um Neko, als habe jemand einen Scheinwerfer genau auf sie gerichtet – nur war keine Lichtquelle in Sicht. Alle Farben schienen von diesem grellen Licht getilgt zu werden wie auf einer schwarzweißen Charbografie mit unnatürlichem Kontrast.
    Und das einzige Geräusch in bodenloser Stille waren die Schritte, die jetzt genau vor ihr erklangen. In ihren einsamen Lichtkreis trat Shinzu, genauso ruhig und langsam, wie es bisher zu hören gewesen war. Neko sah entsetzensstarr zu ihm auf – und erkannte ihn kaum wieder: Er grinste zähnefletschend zu ihr herab nach Art eines Jägers, der seine hilflose Beute in die Ecke gedrängt hat. Seine Augen, die noch dunkler wirkten als üblich, sprühten vor einer Gier, die versprach, unaufhaltsam das zu verfolgen, wonach es sie verlangte.
    Voll Panik senkte Neko den Blick und zerrte verzweifelt an den Grashalmen, die so reißfest waren wie Draht. All ihre Bemühungen führten nur dazu, dass sie sich an ihnen die Finger aufschnitt. Shinzu kam noch näher heran und ging vor ihr in die Hocke. Er ergriff ihr Kinn und zwang sie dazu, ihn anzusehen. Unwillig kniff Neko die Augen zu – sie wollte diese Maske des lebendigen Grauens, erhellt von dem unnatürlichen Licht, nicht sehen.
    „Die Furcht steht dir gut“, sagte Shinzu, seine Stimme tief und heißer.
    Blanker Schrecken erfasste Neko, und sie riss noch fester an ihrer pflanzlichen Fessel.
    Plötzlich packte Shinzu sie an beiden Handgelenken und presste sie mit unnachgiebiger Kraft auf den Boden. Geschockt riss Neko die Augen auf – und blickte geradewegs in das Dämonengesicht, das wie ein einziger konzentrierter Albtraum über ihrem schwebte. Das weiße Licht schien nun von unten zu kommen und zwang Neko dazu, jede Einzelheit, jedes winzige Detail überdeutlich wahrzunehmen. Jetzt erkannte sie auch, dass Shinzus Augen keineswegs schwärzer waren als gewöhnlich. Die Pupillen waren nur so sehr geweitet, dass sie die Iris gänzlich verdrängten – was ihnen jede Menschlichkeit raubte.
    Ein Schrei, geboren aus unendlicher Angst, bildete sich in Nekos Kehle, doch erstickte noch im selben Moment. Ihre Gegenwehr, die ihr bislang gegen Shinzus überlegene Kraft nichts genutzt hatte, erstarb plötzlich ohne ihr Zutun. In verzweifeltem Schrecken musste sie feststellen, dass sie sich nicht mehr rühren konnte, dass ihr ihr eigener Körper nicht mehr gehorchte. Ihr Verstand, ja ihre tiefsten Gefühle wollten sich dagegen verteidigen, was Shinzu ihr aufzuzwingen versuchte – doch ihr Körper schien völlig anderer Meinung zu sein. Nicht nur, dass er sich jedem ihrer Befehle widersetzte, schien er sich auch noch ganz bewusst darauf einzustellen, was unmittelbar folgen musste …
    Shinzu beugte sich zu Neko herab und raunte ihr ins Ohr, sein Atem brennend heiß auf ihrer Haut: „Meine Geduld ist am Ende. Jetzt werde ich mir nehmen, was mir gehört!“



    [tab=Teil 2]Hubelupf Teil 2: Butterblümchen


    „Ich finde, du hast deinen Spaß gehabt, Freundchen!“
    Shinzu, dessen Werk beendet worden war, bevor es begonnen hatte, hob den vor Entsetzen geweiteten Blick zu der Person, die ihn unterbrochen hatte. Unter größter Willensanstrengung gelang es der Chimäre unter ihm, den Kopf zu drehen und ebenfalls hinzusehen.
    Den Rücken an den mächtigen Stamm des Walnussbaums gelehnt stand Raika, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Miene verriet nicht, was sie dachte, doch das Stechen ihrer zitronengelben Augen, das durch die Dunkelheit strahlte, schien dazu angetan, jedes Gegenüber in Stein zu verwandeln. Zu ihren Füßen stand Voltenso. Der blau-gelbe Donnerhund knurrte wie eine einzige Drohung und war leicht geduckt, so als ob er jederzeit wie eine unter Spannung stehende Feder vorspringen würde. Die Fänge waren gebleckt, die Krallen im Boden vergraben, als hätte er Mühe, sich zurückzuhalten.
    „Raika“, sagte Shinzu ruhig, doch in seiner Stimme schwang so viel Zorn mit, dass dieser sogar auf Neko überging. Erschrocken über diese Gefühlsregung, schüttelte sie sie eilig ab. Raika hatte die Unsäglichkeit verhindert, die Shinzu Neko hatte antun wollen, da sollte sie ihr eher dankbar sein!
    Als die Tira sich vom Baum abstieß und auf die beiden zukam, erhob sich Shinzu auf Hände und Knie und ließ Neko damit endlich wieder Luft. Noch immer schienen ihr Körper und Geist getrennt zu sein, sodass das Aufatmen aus Erleichterung, das Neko gerne getätigt hätte, eher ein Seufzen der Enttäuschung war.
    Nichts an ihrem Gang deutete darauf hin, was Raika gedachte zu tun. Es war schon fast ein gelassener Schritt, mit dem sie sich ihnen näherte, als wolle sie nur über die Klarheit der Nacht plaudern oder wie nett das Feuerwerk war. Nur Voltenso blieb wachsam und hielt die Kraft seiner Raubtierexistenz auf Abruf. Shinzu spannte sich an, fast so, als mache auch er sich bereit, aufzuspringen und Raika anzugreifen. Doch als die Tira endlich ankam, blieb sie nicht, wie Neko angenommen hatte, einfach neben ihnen stehen, sondern bewies, dass auch sie zur Attacke bereit gewesen war: Bei ihrem letzten Schritt holte sie weit mit dem Bein aus und trat Shinzu mit ganzer Kraft in die Magengrübe – oder noch tiefer gelegene Gefilde. Der Naminer keuchte vor Schmerz und Überraschen und fiel neben Neko ins Gras.
    Plötzlich wieder Herrin über ihren Körper, wälzte sie sich augenblicklich von Shinzu weg auf den Bauch herum und robbte ein paar Meter fort von ihm. Sie konnte sich nicht überwinden, aufzustehen und wegzulaufen, so sehr zitterten ihre Gliedmaßen; aber wenigstens hatte sie sie wieder unter Kontrolle. In, wie sie meinte, sicherer Entfernung setzte Neko sich auf, zog die Beine an und schlang die Arme um sie, um das Schlottern zu unterbinden.
    Als habe das alles nichts mehr mit ihr zu tun, beobachtete sie die Szene vor sich, die sich jetzt zwischen Raika und Shinzu abspielte: Der verhinderte Täter hatte sich wieder auf die Knie aufgerichtet. Mit der einen Hand stützte er sich im Gras auf, die andere hielt er auf den schmerzenden Bauch gepresst. Raika schwang den Fuß wieder in einem verheerenden Kick herum. Der hohe Absatz ihrer bevorzugten Kampfschuhe traf Shinzu mit voller Wucht ins Gesicht, sodass er wieder auf die Seite hinschlug. Ohne Gnade trat sie ihn in die Schulter und zwang ihn somit auf den Rücken. Um ihn so zu halten, bohrte sie ihm die Hacke unter das Brustbein und verlagerte ihr Gewicht auf diesen Fuß. Voltenso näherte sich knurrend, hielt sich aber im Hintergrund, um seine Menschenpartnerin machen zu lassen.
    „Ich würde dir raten, dich nicht zu bewegen“, drohte Raika ihrem Gefangenen und drückte, wie um ihre Worte zu untermauern, kräftiger zu. „Ein gezielter Tritt an diese Stelle, und dein Zwerchfell reißt wie alter Wollstoff. Solange du dich nicht wehrst, werde ich es nicht tun – das wäre ohnehin ein zu gnädiger Tod für dich.“
    Tatsächlich regte sich Shinzu nicht, allerdings sah Neko ihm an, wie sehr er sich beherrschen musste: Er ballte die Hände zu Fäusten, und Arm- und Kiefermuskeln traten hervor. Ein langer, blutiger Striemen, dunkel verfärbt und angeschwollen, zog sich von seiner Schläfe bis fast zum Kinn.
    Neko erschauderte, als sie sich plötzlich an Seijin erinnert fühlte, der eine ähnlich angelegte Narbe im Gesicht hatte, und die ihm und Shinzu eine erschreckende Ähnlichkeit verlieh. Raika mochte Shinzu jetzt und auf ihre Weise bestrafen, doch was würde der Rebellenanführer von all dem halten? Auf nachweisbare Vergewaltigung stand nach dem Gesetz der Sieben Länger unweigerlich die Todesstrafe. Aber immerhin war es doch nicht so weit gekommen …
    „Was hast du schon vor?“, blaffte Shinzu Raika jetzt an. „Mich töten? Damit machst du dich nur des Mordes schuldig!“
    Es schien fast unmöglich, doch Raika schaffte es tatsächlich, noch fester zuzudrücken. Allein dadurch würde Shinzu zusätzlich zu dem Striemen im Gesicht nicht ohne einen Bluterguss davonkommen. Der Naminer verstummte und ächzte vor Schmerz. „Stelle mich nicht in dieselbe Sparte wie dich“, flüsterte sie unter gut portionierter Wut, so leise, dass Neko ihre Worte kaum verstand. „Aber es wäre ohnehin kein Mord“, fuhr sie in normaler Lautstärke fort. „Zur eigenen Verteidigung oder der anderer darf man durchaus handgreiflich werden, wenn die Partner nicht zum Schutz da sind. Nekos Partner sind nicht hier, und Voltenso könnte einem Menschen nie schaden.“ Bei Erwähnung seines Namens knurrte der Donnerhund wie zur Erinnerung, dass er auch noch da war, und widersprach damit absichtlich den letzten Worten seiner Menschenpartnerin.
    Neko wurde erst jetzt die Absurdität der Situation bewusst. Shinzu kauerte am Boden, bedroht von einer Frau, die ihn zwar töten konnte, deren Bein er allerdings nur ergreifen musste, um sie aus Gleichgewicht und Konzept zu bringen. Auf der anderen Seite bedrängte Raika einen Mann, der einen Kopf größer, doppelt so breit und dreimal so stark war wie sie, war jedoch ausgebildet in einem Kampfsport, der für genau diese Ungleichheiten geschaffen war. Und trotzdem debattierten die beiden über das Rechtssystem des Reiches, als diskutierten sie über einen Fall, in den sie nicht involviert waren!
    „Dann machst du dich genauso strafbar“, beharrte Shinzu weiter. „Anders als dein Partner ist meiner nämlich nicht hier!“
    Raika warf den Kopf zurück und lachte freudlos. „Du armseliges Weichei!“, rief sie. „Damit willst du mich beeindrucken?“ Sie wandte sich an ihren Erstpartner: „Wenn ich bitten darf?“ Der Donnerhund wedelte sogleich freudig mit dem kurzen Schwanz und bellte: „Gerne!“ Funken stoben aus seinem Fell, und von der statisch aufgerichteten Mähne auf seinem Kopf schoss ein dünner, gelber Blitz hervor – genau auf Neko zu! Diese zuckte zuerst erschrocken zurück, doch dann merkte sie, dass der Blitz nicht ihr galt, sondern etwas über ihr.
    Getroffen von der Attacke landete Porygon2 neben ihr. Um sich zu tarnen, hatte es die Farbe und das Sprenkelmuster des Sternenhimmels angenommen, die es jetzt beide abwarf und zum gewohnten Rosa und Blau wechselte. Die Kolibriente schüttelte die Benommenheit ab und nahm Reißaus vor Voltenso, der sie wieder mit Blitzen traktierte. Porygon2 floh vor dem wild bellenden Donnerhund über die Weide, entkam ihm aber nie weit genug, bevor es schon wieder elektrisiert wurde.
    Mit triumphierendem Gesichtsausdruck, aber ganz ohne Siegesgrinsen, richtete Raika ihre Aufmerksamkeit wieder auf Shinzu. „Was willst du jetzt noch abstreiten?“, fragte sie hypothetisch und beugte sich über ihr Knie zu ihm hinab. Am Himmel leuchtete ein gelbes Feuerwerk auf und hüllte Raika in eine schimmernde, goldene Lichtrüstung, sodass sie erschien wie eine Fleisch gewordene mythische Kriegerin aus einer alten Volkssage. Ihre Stimme senkte sich zu einer Tonlage, die an Bedrohlichkeit dem Knurren ihres Erstpartners in nichts nachstand, als sie sagte: „Wenn du Neko noch ein einziges Mal zu nahe kommst, verpasse ich dir eine Abreibung, an die du dich nicht einmal mehr erinnerst, wenn du je aus dem Koma erwachen solltest. Verstanden?“ Als Shinzu nichts erwiderte, löste Raika ihren Fuß von seiner Brust und presste den Absatz stattdessen gegen seinen Hals, genau da, wo die Schlagader lag. „Haben wir uns verstanden?“, fuhr sie ihn wütend an, jedes Wort überbetonend, die bisher gespielte Geduld potentieller Gefahr außer Acht lassend.
    Shinzus Miene drückte noch immer seinen Trotz aus, doch da er erkannte, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als zu kapitulieren, sagte er schließlich gepresst: „Verstanden.“
    „Gut“, meinte Raika wieder halbwegs gelassen, nahm den Fuß von seinem Hals und bückte sich zu ihm runter, bevor er irgendetwas tun konnte. Sie packte ihn beim Kragen, zog ihn unsanft auf die Füße. „Und jetzt“, giftete sie, indem sie ihn von sich stieß, „verschwinde!“
    Shinzu stolperte ein paar Schritte, gewann aber rasch sein Gleichgewicht wieder. Raika stand nun genau zwischen ihm und Neko wie eine zum tödlichen Schlag bereite Waffe, die sich selbst führte. An der Tira vorbei warf Shinzu Neko einen schwer zu deutenden Blick zu, der der Chimäre einen Schauer wie von Myriaden von Sandkörnern über den Rücken jagte. Hastig schaute sie in eine andere Richtung, wo Voltenso immer mal wieder gelbliche Blitze durch die nachtgeflutete Wiese schickte. Mehr ahnte sie, als sie es hörte, geschweige denn sah, wie Shinzu sich abwandte und ging. In einem plötzlichen, unpassenden und irrationalen Anflug von Bitterkeit presste Neko die Lippen aufeinander.
    Sie schreckte zusammen, als Raika ohne Vorwarnung rief: „Voltenso, es reicht jetzt! Lass es gehen!“ Der Donnerhund unterbrach folgsam seine Attacken, sodass Porygon2 sich endlich von ihm befreien konnte und sich eilig seinem Menschenpartner anschloss. Anders, als Neko erwartet hatte, kam das Elektropokémon nicht zu Raika gelaufen, sondern setzte seine Jagd fort, nun hinter anderer Beute; vielleicht Rattfratz oder Nagelotz oder andere kleine Nager.
    Neko, die das Feuerwerk fast vergessen hatte, zuckte zusammen, als ein grellgrünes Licht den Schauplatz erleuchtete. Sie stand auf und sah sich prüfend um. Obwohl sie so weit gelaufen war, bevor Shinzu sie eingeholt hatte, war sie nur wenige Meter vom Bach entfernt – sie konnte sogar die Stelle sehen, an der sie und der Naminer gesessen, das plattgetretene Gras, auf dem sie getanzt hatten. Sie erzitterte vor Grauen, als sie die flache Mulde im Gras bemerkte, an der Shinzu sie zu Boden gezwungen hatte. Das drahtige Gewächs, das ihr zur Fußfessel und Stolperfalle geworden war, schien verschwunden, und sollte es noch dort sein, ließ es sich nicht vom sonstigen Kraut unterscheiden.
    Der Walnussbaum, in dessen Ästen sie hatte Zuflucht finden wollen – im Nachhinein betrachtet ein seltsam absurder Gedanke – war tatsächlich in greifbarer Nähe, jedoch viel dichter am Flüsschen, als es vorher den Anschein gehabt hatte. Gewiss, überlegte Neko, hatten ihr die Panik und der ständige Wechsel des Feuerwerkslichts einen Streich gespielt, und sie hatte sich ihre kopflose Flucht so, wie sie schien, nur eingebildet.
    Sie beendete ihre Rundschau und blieb mit dem Blick an Raika heften, die unverwandt in Richtung Hauptquartier starrte, als wache sie darauf, ob Shinzu zurückkehrte. Unschlüssig suchte Neko nach Worten, um der Tira ihre Dankbarkeit auszudrücken. Seit sie sich kannten, hatte es zwischen ihnen keinen wirklich freundschaftlichen Moment gegeben – bis selbstverständlich auf den einen, da Raika sie im Großen Wald abgefangen hatte, als sie von der Silberranke fortgelaufen war. Auch damals, bemerkte Neko, war Shinzu der Grund für ihre Flucht gewesen, wenn auch von ganz anderer Natur als heute. Schon dafür hatte sich Neko nicht erkenntlich gezeigt – und wenn nicht jetzt, wann sonst?
    „Du brauchst dich nicht zu bedanken“, meinte Raika, indem sie sich zu Neko wandte, als könne sie die Gedanken ihres Gegenübers lesen. „Irgendjemand musste ihn in seine Schranken weisen. Und ich war gerade … zufällig in der Nähe.“ Neko entging das kurze Zögern nicht, wusste aber nichts damit anzufangen. Die Tira drehte sich dem Rascheln zu, das zwischen den Grasbüscheln erklang, wo ihr Erstpartner den Boden aufwühlte, um unterirdische Gänge freizulegen. „Ich will nicht, dass du Voltenso missverstehst.“ Sie strich sich eine zitronengelbe Strähne hinters Ohr, die unter dem weißen Licht verglühenden Magnesiums vom Himmel wie das eines Engels erstrahlte – eines Schutzengels. „Porygon hat von den Blitzen nichts gespürt. Durch Umwandlung2 war es kurzzeitig ein Bodentyp. Und Porygon selbst sollte ich dir auch erklären.“ Raika sah Neko so tief in die Augen, als wolle sie ihr die Bedeutung ihrer folgenden Worte schon im Voraus übermitteln, um zu gewährleisten, dass die Chimäre sie auch begriff. „Es mag so aussehen, als ob Porygon über dir schwebte, um dich an einer Flucht zu hindern. Tatsächlich aber war es dort, um dich im Ernstfall zu beschützen. Bei einer solchen Schandtat, wie dieser Mistkerl sie begehen wollte, würde kein Partnerpokémon der Welt helfen, nicht einmal, wenn man sein Leben bedrohen sollte.“
    „Warum hast du mir geholfen?“, fragte Neko, um Raikas Redefluss zu stoppen. Sicher, sie hatte behauptet, zufällig in der Nähe gewesen zu sein, doch die Eloa war nicht so dumm, ihr das abzukaufen. Wie hätte sie denn darauf kommen sollen, dass Neko zu etwas gezwungen wurde, wo sie sich doch nicht gewehrt hatte? Schließlich hätte es doch genauso gut ein heimliches Stelldichein gewesen sein können – mit aller Objektivität betrachtet, derer Neko sich trotz ihres Entsetzens bedienen konnte. Hätte die Tira Neko fortlaufen sehen, wäre also schon vorher dagewesen, hätte sie ebenso gut vorher eingreifen können. Es war also nur möglich, dass sie erst kurz, bevor sie sich eingemischt hatte, angekommen war. Und zwar ganz gezielt.
    „In völliger Dunkelheit sind auch Katzen blind“, sagte sie kryptisch, was gar nicht zu ihr passte. Doch anstatt sich zu erklären, wandte sie den Blick wieder zum Waldring und ergänzte: „Du gehörst einfach nicht zu diesem Möchtegern-Rebell.“
    „Wie … wie meinst du das?“, wollte Neko zögernd wissen.
    Die Tira grinste freudlos, ohne sie dabei genau anzusehen. „Du gehörst einfach zu jemand anderem.“ Mit dieser Aussage konnte Neko nicht viel anfangen – zumal sie nicht die Antwort auf ihre Frage gewesen war. Mit dieser hatte sie sich nämlich auf Raikas Möchtegern-Rebell bezogen. Was hatte die Gelbhaarige damit ausdrücken wollen? Doch die Chimäre getraute sich nicht, noch einmal nachzuhaken.
    So wandte sich ihr Gegenüber ab und pfiff zwischen den Fingern nach Voltenso. Mit dem Rücken zu Neko sagte sie: „Falls er noch mal aufdringlich wird, melde dich bei mir.“ Neko schauderte bei dem Gedanken, was Raika Shinzu in solch einem Fall wohl anzutun gedachte, aber sie nahm dieses Angebot an.
    Von der Wiese kam gerade der Donnerhund angelaufen, dessen Schnauze verschmiert vom Blut frisch erlegter Kleinbeute war. Ohne ein weiteres Wort an die Eloa schritt Raika los, zum Waldring zurück. Voltenso hüpfte aufgeregt um sie herum wie ein Welpe, und Neko konnte hören, wie er fragte: „Gibt’s jetzt was zu Futtern?“
    „Du hattest doch schon was“, erwiderte seine Menschenpartnerin, gelangweilt davon, an diese Situationen gewöhnt zu sein. Der Donnerhund widersprach erneut, und so ging es wohl noch eine Weile weiter, aber Neko hörte die beiden bald nicht mehr.
    Sie blieb allein am Fluss bei der Walnuss stehen und merkte erst jetzt, dass das Feuerwerk in Namine vorbei war. Mit der Einsamkeit in der Dunkelheit der Nacht kehrten das Zittern wieder und die quälend frischen Erinnerungen an die letzten Minuten. Sie starrte auf ihre Handflächen, die im Sternenlicht so bleich wirkten wie aus Wachs. Tiefe Einschnitte zogen sich durch die Haut, doch glücklicherweise bluteten nur die wenigsten; die übrigen waren bereits verschorft. Tränen der Verzweiflung und Erleichterung sammelten sich in Nekos Augen, als sie an den Moment der Hilflosigkeit dachte, in dem sie sich nicht von dem reißfesten Gewächs hatte befreien können. Sie ballte die Hände zu Fäusten, um den Schmerz der Schnitte zu fühlen – und die Befriedigung, ihn selbst hervorrufen zu können. Mit Kontrolle über ihren Körper, mit Absicht und ganz bewusst.
    Woran auch immer Raika Shinzu gehindert hatte, so unsagbar grauenhaft es geworden wäre, sie war froh, dass es nicht eingetreten war. Doch allein schon ihre absolute Unbeweglichkeit war eine Folter gewesen, schlimmer als alles, was sie bislang erlebt hatte – ein einziger Albtraum, der Realität geworden war. Sich nicht wehren zu können, weil der Gegner irgendeinen Vorteil hatte, war eine Sache. Aber sich nicht wehren zu können, weil der eigene Körper nicht gehorchte, ja sogar das Gegenteil anstrebte, war eine andere. Das war eine Art der Machtlosigkeit, die mit nichts in der Welt vergleichbar war.
    Neko erschauerte und sank kraftlos in die Knie, presste die Hände aufs Gesicht und schluchzte.
    Mehr spürte sie einen Luftzug, als dass sie das sanfte Rauschen lederner Schwingen hörte und das dumpfe Geräusch, mit dem Libelldra auf dem Gras neben ihrer Menschenpartnerin aufkam. Traunfugil schwebte heran und drückte zärtlich den Kopf gegen Nekos. Sie nahm die Hände vom Gesicht, sodass der Nebelgeist vorsichtig ihre Tränen trocknen konnte.
    „Voltenso hat gesagt, wir sollen herkommen“, sagte Libelldra, und Neko spürte in sich ein so tiefes Gefühl der Dankbarkeit Raika gegenüber, dass sich ihr Magen verkrampfte. Sie kauerte sich ins Gras. Die Wüstendrachin legte sich neben sie und rollte sich um sie, breitete einen verbundenen Flügel schützender als jedes Hausdach über ihr aus. Der Nebelgeist quiekte leise und kuschelte sich an Nekos Brust.
    So lag sie da, abgeschirmt durch Libelldras Wärme in ihrem Rücken und beruhigt durch Traunfugils kühlen, dunstartigen Körper.


    Als die Nacht zu kalt wurde, als dass sie noch länger auf der ungeschützten Wiese bleiben konnten, geleiteten Nekos Partner sie zum Hauptquartier zurück. Sie achteten darauf, dass niemand der Feiernden die aufgewühlte Eloa bemerkte und wohlmöglich ansprach, und führten sie sicher zum Wohnhaus ihrer Gruppe. Während Libelldra draußen Wache stand, begleitete Traunfugil Neko herein bis ins Schlafzimmer der Mädchen. Dort ließ er sie auf ihren eigenen Wunsch allein.
    Ihre Gedanken waren sowohl leer als auch ruhelos, und es gelang Neko nicht, Schlaf oder etwas vergleichbar Erholsames zu finden. Irgendwann kamen Akari und Momoko ins Zimmer und legten sich in ihre Betten, kurze Zeit später folgte Raika. Nur Neko hörte, wie die Tira den Schlüssel der Tür im Schloss umdrehte.


    Noch vor jenem Feuerwerk.
    „Also, diese Ankunftsfeiern waren auch schon mal besser als das hier“, murrte Rai und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier, bevor er den Krug mit vollem Karacho auf den Tisch zurückknallte.
    „Was gibt’s da zu motzen?“, fragte Raika sarkastisch und machte eine umfassende Handbewegung. „Wir haben doch alles da, was für ein Fest nötig ist: gut gelaunte Leute, passende Musik, und nicht zu vergessen das hier.“ Sie tippte missbilligend auf das Maß Bier, das schon das dritte ihres Zwillings war – von dem sie wusste. „Du musst dich nicht unbedingt so zukippen.“
    „Jaja, was immer du sagst“, gab Rai zurück. „Außerdem kannst du das hier nicht als Feier bezeichnen, mit den paar Spaßvögeln hier. Und die Musik ist auch lahm.“
    Da musste Raika ihm leider Recht geben: Die wenigen Instrumentalisten und eine Sängerin, die sich im Hauptquartier zusammengefunden hatten, machten ihre Sache zwar gut, doch weil es nur eine Handvoll von ihnen war, fehlte es den Liedern teilweise an Klangfarbe. Aber Raika war zuversichtlich, dass sich mit steigendem Blutalkohol und fallenden Hemmungen der ein oder andere Amateurmusikant zeigen würde. Das wäre zwar alles andere als ästhetisch, dafür aber umso amüsanter für jene, die noch nüchtern waren. Und zu denen wollte Raika sich zählen – ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder. Dieser trank erneut aus dem Krug und leerte ihn beinahe. Wie es schien, wollte er sämtliche Vorräte Feiertagsbier, das dem Hauptquartier für heute zur Verfügung stand, alleine konsumieren.
    Raika beobachtete die anderen Rebellen, die tanzend, lachend und schwatzend im Licht der zahlreichen Lampions, die über der zweckentfremdeten Trainingswiese aufgehängt waren, die Nacht feierten. Auch viele der Pokémon mischten mit, beschränkten sich bei der Unterhaltung nicht nur auf die eigenen Menschenpartner. Raika hatte nie so recht verstanden, wie man auch nach eintausend Jahren noch immer ein Ereignis feiern konnte, das die halbtoten Wanderer damals sowohl mit Erleichterung als auch mit Furcht erfüllt haben musste. Dennoch schien der Anlass des Fests die Grenzen zwischen den Völkern, Partnerschaften und sogar der Rassen verwischen zu lassen, und das, obwohl es eigentlich nur die Menschen betraf. Zusätzlich überschattete das bunte Treiben den vorausgegangenen Angriff und steckte auch Raika mit seiner Freude an, doch sie war vernünftig genug, es langsam angehen zu lassen.
    Außerdem grübelte sie seit dem Vormittag über das nach, was Seijin ihnen über den Spion erzählt hatte. Wenn dieser keine Chimäre war, was sollte er sonst sein? Anders konnte sich Raika sein plötzliches Verschwinden nicht erklären. Menschen waren zu so etwas einfach nicht fähig; allerhöchstens vielleicht in alten Mythen, die durch mündliche Überlieferung zunehmend fantastischer geworden waren.
    Ihre Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, und sie wandte den Kopf. In der Nähe zeterte Momoko herum, mit Vorsicht von Akari unterstützt. Die beiden versuchten mit schleichendem Erfolg, Kasai dazu zu überreden, die Musikergruppe mit seiner Violine zu verstärken. Dieser schien noch immer zu hoffen, seine Leidenschaft für das Streichinstrument abstreiten zu können, obwohl es in ihrer Gruppe ein offenes Geheimnis war, über welche Begabung er verfügte.
    „Ist dir schon aufgefallen“, richtete Raika das Wort an ihren Zwillingsbruder, „dass Kasai gewachsen ist, seit wir ihn kennen? Da war er noch knapp kleiner als sich, jetzt ist er eine gute Handbreit größer.“ Das war zwar maßlos übertrieben, doch was Raika damit erreichen wollte, trat tatsächlich ein:
    Rai, der schon zuvor dabei gewesen war, den Bierkrug wieder an die Lippen zu führen, verzog die Miene, als sei sein Gesöff plötzlich bitter geworden. Da die Zwillinge gleich groß waren, bedeutete das, dass der zwei Jahre jüngere Kasai auch Rai überragte, und das gefiel diesem natürlich ganz und gar nicht. Es konnte ihm, wie Raika fand, nicht schaden, wenn sie ihn ein bisschen an seinem männlichen Stolz kratzte, damit er wenigstens ein bisschen Vernunft bewahrte. Sie lehnte sich mit verschränkten Armen auf ihrem Stuhl zurück und genoss die verdrossene Miene ihres Zwillings, als schaue sie in einen miesgelaunten Spiegel.
    „Raika. Raika!“
    Der kalte, sirrende Ruf hallte über den Festplatz und übertönte nur schwer die Musik, die die Instrumenten gerade dudelten: Das Lied von einer tragischen Liebesgeschichte, die in der alten Heimat der Menschen begonnen und ihr glückliches Ende über den Lynor im Großen Wald gefunden hatte. Im warmen, orangefarbenen Schein der Lampions blitzte eine Bewegung auf, die rasch auf Rai und Raika zuflog. Nur mit einem abenteuerlichen Manöver, das einen Salto und mehrere Kurven beinhaltete, schaffte das Flugobjekt, zu bremsen, ohne mit etwas zusammenzustoßen. Vor den Zwillingen schwebte Porygon2, das sogar dafür, dass es als künstliches Wesen kaum zu Gefühlsregungen imstande war, sehr gehetzt wirkte.
    „Raika!“, rief die Kolibriente erneut, als sei sie noch immer auf der Suche nach der Tira.
    „Was ist denn?“, fragte diese und gab sich genervt.
    „Du musst mitkommen und etwas unternehmen!“ Porygon2 schwebte näher heran und starrte Raika eindringlich an. „Shinzu ist dabei, einen riesigen Fehler zu begehen!“
    Die Zwillinge tauschten einen kurzen Blick, und trotz der Promille, die sie trennten, wusste Raika ganz genau, was ihr Bruder soeben dachte. Doch sie zuckte nur die Schultern und meinte gelassen: „Wird bestimmt nicht sein erster sein.“
    „Nein, du verstehst nicht“, behauptete der Erstpartner des Naminers, von dem die Rede war. Seine Augen blitzten, als es Raika einschärfte: „Es geht um Neko.“
    Mit einem Mal sehr hellhörig geworden, erwiderte Raika den durchdringenden Blick des Datenpokémon. Das klang nicht gut … Sie kramte aus ihrer Hosentasche eine kleine Flöte zutage und blies kräftig hinein. Zwar drang kein hörbarer Laut aus dem winzigen Instrument, da es in einer Tonhöhe rangierte, die menschliche Ohren nicht mehr vernahmen. Aber Raika wusste, dass Voltenso den Pfeifton auch über die Musik hinweg wahrnehmen konnte, und egal, wo er sich im Hauptquartier aufhielt, zu ihr kommen würde. „Zeig mir den Weg“, wies sie Porygon2 an und stand auf.
    „Also hilfst du mir?“, fragte die Kolibriente hoffnungsvoll.
    Raika hätte gerne verneint und berichtigt, dass sie Neko helfen würde, sagte aber nichts. Gerade wollte sie loslaufen, als Rai sie am Arm packte und davon abhielt. Überrascht wandte sie sich zu ihm um. In seinen Augen, die von einer solchen Klarheit erfüllt waren, als sei er mit einem Mal nüchtern geworden, stand tiefe Sorge. „Rika, das kannst du nicht tun!“, schärfte er ihr ein. „Er wird dich …“
    Mit einem Ruck entwand Raika ihrem Zwillingsbruder ihren Arm und fuhr ihn barscher an als beabsichtig: „Das ist mir klar! Aber ich werde trotzdem gehen. Ich kann nicht zulassen, dass Neko ihm schutzlos ausgeliefert ist!“
    „Wenn das so ist“, erwiderte Rai fest, „dann komme ich mit!“ Auch er erhob sich nun, doch die Maß Bier, die er intus hatte, forderten ihren Tribut: Er wankte gefährlich, bemühte sich aber um einen festen Stand. „Ich hole nur meine Sense …“
    Raika lachte freudlos, legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte ihn wieder auf den Stuhl. „Davon träumst du wohl! Du kannst nicht einmal aufrecht stehen. Bleib lieber hier; ich will nicht auch noch dich beschützen müssen.“ Sie ergriff den Bierkrug und kippte den wenigen verbliebenen Inhalt neben Rai ins Gras. Ohne auf seinen Protest, sowohl sein Getränk als auch seine Ausgangssperre betreffend, zu achten, folgte sie Porygon2, das schon losgeflogen war und ungeduldig auf sie gewartet hatte.
    Voltenso stieß alsbald zu ihnen, als sie an den Wohnhäusern vorbeikamen. Sie dachte an Rai, der seine Sense hatte holen wollen. Ganz ohne Waffen konnte sie sich dieser Herausforderung nicht stellen. „Entschuldige mich kurz“, hielt Raika die Kolibriente noch einen Augenblick auf.
    „Was hast du vor?“, fragte das künstliche Wesen gehetzt, wusste es doch, dass jede Sekunde zählte …
    „Dauert nicht lang“, versicherte Raika und steuerte auf das Haus ihrer Gruppe zu. „Ich muss nur schnell ein anderes Paar Schuhe anziehen.“
    Im westlichen Himmel, wo Namine lag, erstrahlte eine blutrote Feuerwerksrakete.[tab=Der Titel]Der Titel ist hier bewusst so gewählt, dass man ihn sowohl als singular als auch als plural interpretieren kann. Ich denke, es ist klar, warum ^^

  • [tabmenu][tab=-][tab=--]Caesurio Kapitel 35: Herzblut lügt nicht


    Die Trainingswiese barst geradezu unter dem Gewicht der Versammelten. Noch vor wenigen Stunden hatten sie an derselben Stelle die Ankunftsfeier abgehalten; noch standen die Bierbänke und Tische quer verteilt, die eine oder andere umgestürzt. Überall lagen Müll und Unrat, gebrauchte Teller, Becher und Gläser. Eine Kette Lampions war heruntergerissen, die papiernen Kugeln eingedellt. Es würde den halben Tag dauern, die Überbleibsel des Festes aufzuräumen.
    Nahezu alle Rebellen des Hauptquartiers waren anwesend. Wer fehlte, waren die Mitglieder der einen Gruppe, die noch immer auf Mission war, vereinzelte Seelen, die noch am Kater des Festes litten, die Verletzten im Heilerhaus sowie bislang Tetsu und der Anführer selbst. Neko stand inmitten der anderen, quasselnden Menschen, neben sich das ununterbrochene Quatschen Momokos, die eine hauptsächlich von ihr ausgehende Diskussion mit Akari führte. Das allgemeine Gesprächsthema war natürlich, warum Seijin sie so früh am Morgen zusammengerufen hatte, was auch Neko stumm beschäftigte. Die Chimäre ließ den Blick über die Anwesenden schweifen, Ausschau haltend nach ihren anderen Teamkameraden. Mizu war natürlich noch immer im Heilerhaus, Kasai und Rai hatte sie heute noch nicht gesehen. Raika war ihr zwar über den Weg gelaufen, doch sie hatte kein Wort bezüglich der vergangenen Nacht verloren. Und Shinzu …
    Plötzlich wurden die Spekulationen, was vorgefallen sein mochte, leiser, denn die Tür zum Wohnhaus des Anführers öffnete sich. Heraus trat Seijin, wie immer dichtauf gefolgt von Xatu; die beiden Partner kamen auf die Menge zu, bis sie eine kleine Erhebung auf der Wiese erreichten, die für ebensolche größeren Ansprachen gedacht war, wie der Anführer sie zu halten gedachte. Der Psychoadler blieb einige Schritte hinter dem weißhaarigen Naminer stehen und sondierte wachsam die Rebellen.
    Stille kehrte ein, als Seijin mit einer Handgeste um Ruhe bat. Mit seiner kräftigen Stimme hob er an: „Der Angriff, der uns vorgestern ereilt, uns fast ein Leben und die Gesundheit vieler Menschen und Pokémon gefordert hat, kam nicht überraschend, wie ihr wisst. Ich hatte euch schon einige Stunden zuvor Anweisung erteilt, euch darauf vorzubereiten. Vielen von euch war das Anlass zum Misstrauen – ich gebe zu, dass ich bescheid wusste.“
    Die Rebellen sahen sich an, jedoch gänzlich ohne Überraschen. Der gesunde Menschenverstand hatte ihnen schon diese Wahrheit vermittelt.
    „Der Angriff hat uns in einem Moment getroffen, in dem unser bestes Team auf Mission ist, sodass es uns nicht hatte zu Hilfe eilen können. Aber unsere Feinde hätten das so nie herausfinden können. In den letzten Wochen sind viele Teams außer Haus gewesen, und dass uns der Überfall gerade dann trifft, wenn es unser bestes ist … Ich will auf den Punkt kommen: Wegen vieler Ungereimtheiten habe ich Grund zu der Annahme, dass wir verraten worden sind.“
    Ein Raunen lief durch die Versammelten, das auch Momoko erfasste. Auch sie griff die Frage auf, wer sich der Gefahr aussetzen könnte, die Rebellen auf diese Art zu hintergehen.
    Seijin wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war, dann fuhr er fort: „Ich will euch nicht vorenthalten, wer sich hinter der Maske unseres Verräters verbirgt.“ Er machte ein Zeichen, und in den hinteren Reihen der Zuschauer wurden Rufe laut.
    Neko und ihre beiden Teamkameradinnen reckten die Hälse, um zu sehen, wer sich auf dem Pfad, der sich durch die Menge bildete, der Anhöhe näherte. Tetsu überragte jeden anderen Rebellen weithin sichtbar, und auch der Gefangene, den er vor sich herstieß, gehörte von der Körpergröße zum oberen Durchschnitt. Die Grobheit, mit der ihr Gruppenanführer dabei vorging, überraschte Neko. So brutal und rücksichtslos hatte sie ihn noch nicht erlebt, und wahrscheinlich war die Maschock-Chimäre auch noch zu mehr fähig. Mit Grauen erinnerte sie sich daran, wie hilflos und schwach sie sich letzte Nacht gefühlt hatte – diese Kraft half ihrem Peiniger gegen den Hünen nun nicht mehr. Zischen und Beleidigungen erklangen hier und da unter den Rebellen, aber auch Bedenken dahingehend, ob der an den Handgelenken Gefesselte wirklich der Verräter sein sollte. Dieser stolperte nur zwischen ihnen hindurch, ließ sich von Tetsu schubsen und tat keinen Schritt selbst, während er mit starrem Blick vermied, irgendeinen Rebellen anzusehen.
    Aus dem Augenwinkel gewahrte Neko zwei zitronengelbe Flecke. In Erwartung, die Zwillinge zu sehen, warf sie rasch einen Blick hinüber, doch das gelbe Blitzen war schon zwischen anderen Farben verschwunden. Vielleicht waren es nicht einmal Rai und Raika gewesen, sondern andere Tiro.
    Der Gang zwischen der Menge schloss sich, als Tetsu mit seinem Gefangenen die Anhöhe erreichte und diesen Seijin schon fast vor die Füße schleuderte, sodass er mühsam das Gleichgewicht halten musste, um seine bröckelnde Schutzmauer aus Stolz und Würde vor dem Einsturz zu bewahren.
    Seijin bedankte sich bei dem Gotela, ohne auf die grobe Handhabung einzugehen, und wies ihn an, wegzutreten. Dann wandte er sich an den Verräter vor ihm. „Unser Ziel ist es, von den alten, unwürdigen Vorgehensweisen abzuschwören, auch wenn wir sie gegen unsere Feinde einsetzen“, meinte er altklug, zog den Dolch, den er wie immer am Gürtel trug, und befreite sein Gegenüber von den viel zu fest gezurrten Schlingen. Während er die Waffe in ihre Scheide zurückschob, führte er an: „Vor wenigen Wochen musste ich feststellen, dass meine Unterlagen, die vorgeplanten Missionen aller Gruppen betreffend, nicht mehr der Ordnung entsprachen, mit denen ich sie einzuräumen pflege. Daraufhin hat Xatu den Raum eingehend inspiziert und Reste deiner physischen Anwesenheit gefunden. Nun bist du mit meiner Erlaubnis noch kein einziges Mal in meinem Büro gewesen, weswegen ich berechtigte Bedenken gegen dich hege.
    Dir wird Hochverraten vorgeworfen, Junge, und du weißt, welche Strafe bei solchen Verbrechen droht. Aber wie ich bereits sagte, sind die alten Traditionen jene, die wir verwerfen wollen, also fürchte nicht die Todesstrafe – vorerst. Was sagst du zu der Anklage?“
    Während er die leicht blau angelaufenen Hände mehrmals zur Faust ballte und wieder erschlaffen ließ, um sie wieder zu durchbluten, arbeiteten seine Kiefermuskeln, als müsse er seine Erwiderung vorkauen. Schließlich antwortete Shinzu, und seine Stimme bebte vor bitterem Zorn: „Ich habe niemanden verraten!“ Er richtete sich zur vollen Größe auf, sodass er mit dem Rebellenanführer auf Augenhöhe war.
    Genau wie in der Nacht zuvor fiel Neko wieder die signifikante Ähnlichkeit zwischen den beiden Naminern auf. Zwar erkannte sie nun auch besser die Unterschiede – der Verlauf von Unterkiefer und Nasenbein, Frisur und insbesondere die absolut gegensätzlichen Haarfarben, nicht zuletzt die Jahre, die sie im Alter trennten –, doch schien es trotzdem, als stünden die beiden einem nur leicht verzerrten Spiegelbild gegenüber. Nicht nur, dass die beiden von ähnlich kräftiger, drahtiger Statur waren; Mund und vor allem Augenpartie waren völlig gleich, noch unterstrichen durch Seijins Narbe und Shinzus Schramme, die Linien von der Stirn über die Wange hinab bis zum Kinn zeichneten.
    Seijin ließ sich nicht beeindrucken. Er trat einen Schritt auf den jüngeren Mann zu, der standhaft blieb und nicht zurückwich, und legte eine Hand auf dessen Schulter. „Verrate mir die Wahrheit: Hat man dich zu diesem Verrat genötigt? Die Strafe könnte milder ausfallen, wenn du beweisen kannst, dass dich jemand gezwungen hat.“
    „Warum spielt sich Seijin so auf?“, flüsterte Momoko ihren beiden Freundinnen zu. „Er verlangt von Shinzu Beweise, aber er selbst kann nicht beweisen, dass Shinzu uns wirklich verraten hat.“
    Akari nickte zustimmend. „Das mit Xatu kann auch nur eine Behauptung sein. Zumindest habe ich noch nie von einem Psycho-Pokémon gehört, das diese Fähigkeit besitzt.“
    Neko schluckte. „Vertraut ihr Seijin nicht?“, wollte sie bang wissen. Er war immerhin ihr oberster Anführer – wenn sie ihm nicht glauben konnten, dann war die Schwarze Rose eine einzige Lüge.
    „Eigentlich schon“, legte Akari dar. „Aber was ist, wenn er uns aus irgendeinem Grund verraten hat und hier nur eine große Show abzieht, um uns einen Sündenbock zu präsentieren?“
    „Außerdem wusste der vom Angriff bescheid – als hätte er ihn selbst geplant!“, ergänzte Momoko nachdrücklich. „Wie könnte das sonst möglich sein, außer, dass er mit dem König gemeinsame Sache macht?“
    Skeptischen Blickes musterte Neko den Rebellenanführer, der mit ruhiger Stimme auf den regungslosen Shinzu einredete, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Was ihre Freundinnen sagten, hatte durchaus Hand und Fuß, doch einen Aspekt konnten die beiden nicht so betrachten, wie die Chimäre ihn kannte: Es war Mizus Seherfähigkeit gewesen, die Seijin die Gewissheit des Angriffs gegeben hatte. Vorher hatte dieser nur eine vage Ahnung durch eine Vision Xatus gehabt. Oder war das alles auch nur Schauspiel gewesen?
    Plötzlich ging alles ganz schnell. Shinzu schoss vor, zog Seijins Messer. Er stürzte in die Menge, den blitzenden Dolch wie ein Schwert gegen jeden führend, der ihm im Wege stand. Viele waren es nicht, die der Wütende dadurch mit Schock und Überraschung vertreiben musste, bevor er Neko erreichte. Ehe sie begriff, wie ihr geschah, hatte er sie schon gepackt, mit dem Rücken an sich gepresst und ihr das Messer an die Kehle gelegt. Ein Raunen des Schreckens ging durch die Versammelten, aber keiner wagte, sich zu bewegen. Sie alle starrten Shinzu und seine Geisel entsetzt an.
    „Wehe, einer von euch rührt sich!“, bellte Shinzu sie an und festigte den Griff um Neko. Weiter musste er nicht reden – jeder wusste, was er dann zu tun gedachte.
    Die Eloa selbst konnte noch nicht recht realisieren, was vorging, und hing hilflos in des Naminers Armen. Bis gestern hatte sie sich diese körperliche Nähe zu ihm als angenehm vorstellen können. Doch was in der vergangenen Nacht geschehen war und jetzt im Moment vonstatten ging, ließ sie für Neko zur schlimmsten Wirklichkeit werden. Er hatte seine Anziehungskraft auf sie völlig verloren. Was erzielte Shinzu damit, den Rebellen mit ihrem Tod zu drohen?
    „Auch du!“, schrie Shinzu jetzt weiter – weil er einen Köpf größer war als seine Geisel direkt in ihr Katzenohr. Schon jetzt hatte Neko das Gefühl, ihr Trommelfell müsse reißen; zum Glück hatte sie nur die Ohrform und nicht das überempfindliche Gehör ihrer Vorfahren geerbt, denn sonst wäre Shinzus Ausruf für sie noch schmerzhafter gewesen. Jener Ausruf galt Xatu, der sich ihnen – wie alle anderen Anwesenden – zugewandt hatte und jede Bewegung Shinzus wachsamen Blickes beobachtete. „Wage es ja nicht, irgendeinen deiner Tricks anzuwenden. Wenn ich sehe, dass deine Augen glühen, bring ich sie sofort um!“, drohte Shinzu grausam.
    Neko schluckte. Die Stahlklinge lag auf ihrer Haut wie ein haarfeiner Eisendraht. Meinte der Naminer das hier wirklich ernst?
    Mit ihr im Schlepp setzte er sich langsam rückwärts in Bewegung. Die Rebellen hinter ihm machten augenblicklich Platz und bildeten einen Korridor in der Menge. Niemand griff ihn von hinten an, zu groß war das Risiko, dass Neko dabei ernsthaft verletzt wurde.
    Seijin trat vor, blieb aber in gebührendem Abstand, um den jüngeren Naminer nicht unnötig zu provozieren. Ruhig sagte er: „Was hast du vor, Shinzu? Libelldra hat längst gespürt, dass Neko in Lebensgefahr schwebt. Glaubst du etwa, sie wird dich am Leben lassen, wenn du ihrer Menschenpartnerin etwas antust?“
    Neko spürte, wie Shinzu hinter ihr den Kopf hob, und auch sie versuchte einen vorsichtigen Blick nach oben. Die grüne Wüstendrachin flog nervöse Kreise über der Trainingswiese, unschlüssig, was sie tun sollte. Auch Traunfugil war da, doch dieser schien seiner Mitpartnerin nur spielerisch hinterherzuschweben, ohne die Gefahr an Nekos Lage zu erkennen.
    Shinzus Atem beschleunigte sich vor Anspannung. „Wenn ihr mich gehen lasst, wird ihr nichts geschehen.“
    Neko erzitterte und überlegte fieberhaft nach einer Möglichkeit zur Flucht. Shinzu hielt sie so fest, dass ihre Füße über den Boden schleiften und keinen Stand fanden, um sich ihm entreißen zu können. Außerdem schien sich die Dolchklinge bei jeder ihrer Bewegungen fester auf ihre Haut zu drücken. Noch etwas mehr, und sie würde die ersten Schichten anschneiden.
    Wohin ging Shinzu überhaupt? Der einzige Ort, an dem er jetzt noch sicher war, war allerhöchstens der Königspalast in Namine – weil er dem dortigen Herrscher wichtige Informationen geliefert hatte, war er da gewiss willkommen. Neko fürchtete den Gedanken, dass er sie vielleicht durch das ganze Ruinenfeld bis zum Schlosshügel mitzerren würde, um unbehelligt sein Ziel zu erreichen. Der Weg, der zwischen verfallenen Gebäuden auf unebenen Straßen entlangführte, nahm zu Fuß eine gute halbe Stunde in Anspruch – ohne Geisel. Würde er das wirklich so lange durchhalten? Falls nicht, was geschah dann eher? Würden die Rebellen Neko noch retten können, oder Shinzu sie töten? Was war, wenn sie am Palast angekommen waren und Shinzu keine Verwendung mehr für sie hatte …?
    „Worauf wartet ihr?“, fuhr Seijin seine Rebellen barsch an. „Auf die Ankunft von Arceus‘ Engel? Der wird uns hier gewiss nicht helfen! Geht, holt eure Waffen, ruft eure Partner!“ Während die Männer und Frauen ausschwärmten, richtete er seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf Shinzu und Neko.
    Der Naminer und die Chimäre hatten die Menge nun verlassen und bewegten sich auf einer freien Fläche auf die kleine Brücke zu, die über den Bach zum Gelände der Heiler führte. Seijin stand am Rande der Zuschauer, ohne sich zu rühren. Auch Raika und ihre Teammitglieder sowie Tetsu konnte Neko unter der Versammlung erkennen. Sie warf ihnen allen flehentliche Blicke zu, doch sie wusste, dass sie ihr nicht helfen konnten.
    „Warum hast du dich mir verweigert?“, raunte Shinzu, kaum, dass er sie für diese Lautstärke außer Hörweite der anderen gebracht hatte. „Ich hätte dich zur Göttin gemacht. Wir wären unsterblich geworden, hätten gemeinsam Jahrtausende gelebt.“ Er keuchte vor Nervosität. „Nein, wir können es immer noch, wenn Yamiko mir noch eine zweite Chance gibt …“
    „Wovon redest du?“, fragte Neko. Aus seinen Worten sprach der blanke Wahnsinn. Seine Stimme war rau, als habe er viel geschrien, und durchsetzt von vernichtendem Hass und verzehrender Gier. Das war nicht mehr der Shinzu, der sie aus dem Fluss gerettet, mit ihr getanzt und sie zweimal fast geküsst hätte. Der ihr seine Liebe gestanden hatte. Sondern der Shinzu, der sie gestern Nacht so erbarmungslos verfolgt und ihr seinen Willen aufgezwungen hatte. Neko spürte wieder die Furcht in sich, die sie dabei empfunden hatte.
    Sie schloss die Augen und legte die Hände auf Shinzus linken Unterarm, mit dem er sie festhielt. Sie fühlte die Muskeln unter der warmen Haut, zur Härte von Drahtseilen gespannt. Es bestand keine Hoffnung, sich von selbst aus diesem starken Griff zu befreien, aber sie versuchte, an seine Gefühle zu appellieren – auch wenn sie nicht mehr an sie glaubte: „Shinzu, wenn du mich liebst, lass mich los!“
    Doch entgegen ihres innigen Wunsches, er möge sich auf sein Liebesbekenntnis rückbesinnen, lachte er nur freudlos und bitter auf. „Oh, nein!“, höhnte er ohne echten Spott. „Ich werde dich nie wieder gehen lassen. Du wirst meine perfekte Königin werden, schöner als die Sonne selbst. Ganz ohne diese Katzenohren …“
    Auch wenn Neko beim Unsinn dieser Worte ebenfalls am liebsten spöttisch gelacht hätte, rückte der letzte Satz schnell in den Fokus ihres Denkens. Shinzu hatte kein Adjektiv benutzt, das beschrieb, wie er wirklich ihren Ohren gegenüber eingestellt war; doch die Verachtung, mit der er das gesagt hatte, legte seine Meinung offen. Er mochte Neko lieben, doch ihre dreieckigen Ohren schien er so sehr zu verabscheuen, dass er ernsthaft plante, sie zu entfernen. Davon abgesehen, wie er gedachte, das zu tun, war die Vorstellung, sie zu verlieren, für Neko zu viel.
    Ärger stieg in ihr auf, sammelte sich in ihrem Herzen und wurde von da aus in ihren ganzen Körper gepumpt. So oft hatte sie ihr offensichtliches chimärisches Erbe verflucht, weil sie wegen diesem ausgestoßen und verhöhnt worden war. So viele Male davon hatte sie sich gewünscht, es irgendwie loswerden zu können. Doch hier und jetzt, in den Armen ihres gnadenlosen, wahnsinnigen Entführers, erkannte sie, dass ihre Mauzi-Ohren, ihr Chimärenblut ein Teil von ihr waren, den sie sich von und für niemanden nehmen lassen würde. Schon gar nicht, wenn es dieser selbstgefällige Mistkerl war!
    Sie entsann sich seiner letzten Worte an sie aus der vergangenen Nacht: „Jetzt werde ich mir nehmen, was mir gehört!“ Aus Nekos Angst wurde Wut über das ganze Ausmaß seiner Anmaßung, über sie bestimmen zu können und sie als sein Eigentum anzusehen. Jetzt war ihr egal, ob Shinzu sie liebte oder ihr ein Messer an den Hals drückte. Für sie zählte jetzt nur noch, ihm wehzutun. Sie schlug mit den Beinen heftig um sich im Bestreben, ihm in die Schienbeine zu treten. Ihre Finger krümmten sich und gruben sich in die Haut seines Unterarms, fuhren mit den Nägeln darüber. Am liebsten hätte sie ihn zusätzlich dazu noch gebissen, doch ein stechender Schmerz am Hals verhinderte, dass sie den Kopf senken konnte.
    Die Klinge hatte einen oberflächlichen Schnitt verursacht, aus dem ein dünner Blutfaden Nekos Schlüsselbein hinablief. Als Shinzu merkte, was geschah, entfernte er vor Schreck den Dolch ein paar Zentimeter von der Verletzung. In diesem Moment rief jemand hinter ihm voller Zorn seinen Namen. Nekos Gegenwehr erstarb sofort, als sie die Stimme erkannte.
    Mittlerweile hatten sie fast die Brücke erreicht; die Rebellen waren ihnen gefolgt, ein paar von ihnen hatten sich am Ufer des Baches verteilt. Genauso ungläubig wie Neko wandte Shinzu sich um. Der Haupteingang des Heilerhauses stand offen. An den Türrahmen stützte sich mit kaum vorhandener Kraft derjenige, von dem der Ruf gekommen war.
    Mizu.
    Unter anderen Umständen hätte Neko vor Freude geweint, Mizu wieder bei Bewusstsein und mehr oder minder auf den Beinen zu sehen. Doch jetzt war er in zu großer Gefahr, als dass sie sich über seine Gesundung hätte freuen können. Wenn Shinzu sogar bereit war, sie zu töten oder zumindest, ihr Leben zu bedrohen, würde er nicht davor zurückschrecken, den Lynoer, der sich kaum aufrecht halten konnte, einfach niederzustechen. Im Heilerhaus wäre Mizu einigermaßen sicher vor ihm gewesen.
    „Du … Bastard!“, stieß Mizu mit aller Wut hervor, die er aufzubringen vermochte, bevor er vor Schwäche zusammenbrach. Sofort waren zwei Heiler herbei, die sich seiner annahmen.
    „Das musst du gerade sagen“, spottete Shinzu. Dass er das Messer von Nekos Kehle genommen hatte und jetzt kurzzeitig abgelenkt war, nutzte jemand zu seinem Vorteil, der bislang nicht den Eindruck erweckt hatte, die Situation in ihrer Ernsthaftigkeit zu durchschauen. Weder Neko noch Shinzu sahen es kommen, als der Naminer urplötzlich von etwas umgerissen wurde und mitsamt seiner Geisel zu Boden fiel.
    Endlich lockerte sich sein Griff, und Neko konnte sich trotz ihres Erschreckens aus ihm befreien. Auch Shinzu rappelte sich auf und hielt sich den Kopf. Ein faustgroßer Stein lag neben, Traunfugil schwebte über ihm. Wahrscheinlich hatte Nekos Partner seine Fähigkeit genutzt, durch Materie zu dringen, indem er, den Stein im Gepäck, mit hoher Geschwindigkeit durch Shinzus Kopf geflogen war. Dabei war der stoffliche Stein gegen die Schläfe des Naminers geprallt und hatte ihn umgeworfen.
    „Du elender Quälgeist!“, brüllte Shinzu wütend, während er wieder nach dem Messer griff, Traunfugil an der Perlenkette packte, der daraufhin ein überraschtes Quietschen ausstieß, hinab auf den Boden warf und darauf festhielt. „Du bist mir zum letzten Mal in die Quere gekommen!“ Er hob den Dolch und ließ ihn silbern blitzend hinabfahren.
    „Nein!“, kreischte Neko voller Panik und Angst um das Leben ihres Partners.
    Die Klinge drang tief bis zum Griff ins Grün – aber nicht in das nebelhafte Graugrün von Traunfugils unstetem Körper, sondern in das saftige Smaragdgrün des Rasens. Traunfugil war im letzten Moment, bevor er hatte aufgespießt werden können, buchstäblich im Boden versunken und hatte sich damit in Sicherheit gebracht. Shinzu zog den Dolch aus der Erde und starrte verblüfft die verdreckte Klinge an.
    Ein Wimpernschlag später wandte er sich Neko mit wildem Blick zu, bereit, sie wieder als Geisel zu missbrauchen. Doch noch bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, stieß von oben ein sandgrüner Schatten auf ihn herab. Mit einem gewaltigen Flügelschlag der diamantförmigen Schwingen erhob sich Libelldra ein, zwei Meter in die Luft, um Shinzu dann von sich und Neko fortzuschleudern. Ihr einer Flügel war noch immer verletzt, doch der Zorn über den Mann, der ihre Menschenpartnerin hatte verletzen wollen, ließ sie Schmerzen und Schwäche vergessen.
    Der Naminer flog einige Meter weit, donnerte gegen die jenseitige Böschung des Baches und rollte schließlich daran hinab ins seichte Wasser. Libelldra positionierte sich zwischen ihm und Neko. Sie reckte den Hals und stieß ein Brüllen aus, das wie das Tosen eines Sandsturms klang und dem Beinamen ihrer Spezies – Geist der Wüste – alle Ehre machte. Dabei spie sie gelb-violette Drachenwut-Flammen wie eine Fanfare in den Himmel.
    Ehrfürchtig blickte Neko zu ihrer Erstpartnerin auf. Noch nie hatte sie die Wüstendrachin so wütend, so furchteinflößend und majestätisch erlebt wie jetzt. Es war gewiss, würde Shinzu es noch ein weiteres Mal wagen, Neko zu nahe zu kommen, würde sie ihn bei lebendigem Leib in Stücke reißen.
    Jetzt, da Neko endlich frei war, näherten sich ihr die angespannten Rebellen. Akari und Momoko waren sofort bei ihr und erkundigten sich nach ihrem Befinden, und eine Heilerin wollte die Schnittwunde am Hals untersuchen.
    „Es geht mir gut“, versicherte Neko mit zitternder Stimme. „Wo ist …?“, begann sie, doch da kam Traunfugil, nach dem sie hatte fragen wollen, auch schon zu ihr. Erleichtert nahm sie ihn in den Arm. Für einen Moment hatte sie wirklich befürchtet, Shinzu werde ihn töten. Die Chimäre sah sich zum Heilerhaus um. Mizu war nicht mehr im Eingang.
    Die anderen Rebellen indes hatten sich am Ufer zu einer dicht gedrängten Mauer versammelt. Ein Teil war nur als Zuschauer da, doch einige Männer waren Seijins Befehl gefolgt und hatten ihre Waffen geholt. Auf der anderen Bachseite im Heilergarten hatten sich ein paar Pokémon eingefunden, die den Aufruhr im Hauptquartier mitbekommen hatten und ihren Menschenpartnern zu Hilfe eilen wollten.
    Shinzu im Bach richtete sich schwankend wieder auf. Er bot ein Bild des absoluten Wahnsinns: Das tiefschwarte Haar stand ihm feucht und wirr vom Kopf ab. Die Platzwunde, die ihm Traunfugils Stein beigebracht hatte, hüllte die eine Seite seines Gesichts in blutiges Rot; auf der anderen Seite war die Schürfwunde von Raikas Hacke wieder aufgerissen. Den linken Unterarm zierten Striemen, Blutrinnsale tropften von der Hand ins Wasser – wie hatte Neko ihn mit bloßen Fingernägeln so tief kratzen können? –; die rechte Faust krampfte sich um den Dolch, den das Wasser wieder rein gespült hatte.
    Mit unvermindert wildem Blick sah er sich hektisch um, nach einem Ausweg aus seiner Situation suchend. Auf der einen Seite wachten Pokémon nahezu aller Typen; auf der anderen zielten ausgebildete Krieger mit Waffen aller sieben Länder auf ihn, allen voran Seijin mit einer zwei Meter langen Hellebarde. „Gib auf, Shinzu“, sagte der Anführer der Schwarzen Rose ruhig und gebieterisch. „Es ist vorbei.“
    Auf Shinzus geschundenem Gesicht zeichnete sich sichtbar allmähliches Begreifen ab. Die Wut aus seiner Mimik verschwand und machte Kapitulation Platz. „Du hast Recht“, sagte er, den Dolch abwägend in der Hand drehend. „Es ist vorbei ...“ Plötzlich ruckte sein Arm hoch, die Silberklinge leuchtete in der Sonne.
    „Im Namen der Königin!“, schrie er in den Himmel.
    Der Dolch sauste hinab, bohrte sich tief in Shinzus Herz.


    Neko stand am Zenit der Böschung und blickte zum Bach hinab. Das Gras war an einer Stelle blutbesudelt, der rote Lebenssaft sickerte noch immer ins Wasser, wo er in Schlieren von der Strömung hinfortgetragen wurde. Erst vor einem Augenblick hatten zwei Rebellen den toten Naminer weggeschafft.
    Zu Nekos Leidwesen hatte sie Shinzu weder im Sterben noch im Tod erblickt. Sie malte sich aus, mit welcher Genugtuung es sie erfüllt hätte, ihren unbarmherzigen Verfolger in seinem eigenen Blut verenden zu sehen. Zu wissen, dass er nun die verdiente Strafe erhalten, auch wenn er sie sich letztendlich selbst auferlegt hatte, musste ihr irgendwie genügen. Nicht das geringste Mitleid regte sich in ihr für den Mann, der sie hatte leiden lassen wollen. Der die Schwarze Rose verraten hatte und deswegen für so viele Verletzte und beinahe für Mizus Tod verantwortlich gewesen wäre.
    Im Namen der Königin …“ Raika trat neben Neko und betrachtete dieselbe Stelle wie sie. „Der Mistkerl musste auch noch große letzte Worte tönen, bevor er sich ein Ende gesetzt hat“, spuckte sie.
    „Ich glaube, er hatte Angst“, erklang nun eine zweite, Raikas sehr ähnliche Stimme. Ihr Zwillingsbruder hatte sie begleitet, war aber hinter ihr stehen geblieben. „Angst vor seiner Strafe für seinen Verrat, aber noch mehr davor, was ihn von seinem Auftraggeber erwartet hätte, weil seine Identität aufgedeckt wurde.“
    „Wie meinst du das denn?“, fragte die Tira.
    Auch Rai wiederholte nun Shinzus letzte Worte: „Im Namen der Königin. Er hat in ihrem Namen die Strafe vollstreckt, die ihn erwartet hätte für sein Fehlen. Oder zumindest, was er dachte, es erwarte ihn.“
    „Es gibt keine Königin“, meinte Neko geistesabwesend. Sie sah auf und blickte Raika an. Möchtegern-Rebell. Jetzt musste sie es erfahren! „Hast du gewusst, dass er uns verraten würde?“
    Die Tira schüttelte den Kopf. „Shinzu hat vorhin nicht gelogen. Er hat uns nicht verraten, ganz einfach deswegen, weil er nie auf unserer Seite gewesen ist. Er ist kein Verräter, sondern ein Spion.“ Sie hob die Schultern. „Was auch nicht besser ist. Und jetzt ist es sowieso egal.“
    „Jetzt jedenfalls müssen alle Skeptiker glauben, dass er es wirklich getan hat“, fügte Rai hinzu und spielte damit auf die Spekulationen der Rebellen an, dass vielleicht Seijin der Verräter war und Shinzu nur der auserwählte Sündenbock. „Er hätte sich wohl kaum so benommen, wenn er unschuldig gewesen wäre.“
    Neko nickte. Hoffentlich hatte Rai Recht.


    Wie ein Wirbel aus Schneeflocken rieselten die Splitter des Kristalls hinab. Langsam hob Seijin den faustgroßen Stein an, mit dem er das Schmuckstück zerbrochen hatte. Nur feiner weißer Staub war auf dem Felsen übrig geblieben, der im Waldring unweit des Anführerhauses stand. Die unsagbare Bedeutung des Felsens für die Schwarze Rose war nur sehr wenigen Rebellen bekannt. Mit der Zerstörung des Kristalls, die Shinzu seine übermenschlichen Kräfte gewährleistet hatten, war ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Findlings hinzugekommen.
    „Er hat versucht, ihn noch einmal anzuwenden“, murmelte Seijin. Er war nicht alleine auf der Lichtung: Xatu war bei ihm, wie schon seit Jahren beinahe ununterbrochen. „Selbst im letzten Moment, als er wusste, er würde sich nicht mehr retten können … Eigentlich bemerkenswert, diese Halsstarrigkeit. Dieser unbedingte Unwillen, zu verlieren.“ Das erinnerte Seijin an sich selbst. Und an seine Schwester …
    Er wandte sich an den Psychoadler, der nur stumm dastand und den Geräuschen des Waldes lauschte. Insbesondere wachte er darüber, dass ihnen niemand folgte und mitbekam, worüber sie redeten.
    „Ich frage mich nur, warum er sich nicht gewehrt hat“, fuhr Seijin fort. „Er hätte uns alle umbringen können. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass das in Yamikos Interesse liegt.“ Er sah Xatu fest in die graublauen Adleraugen. „Du hast es gewusst“, stellte der Rebellenanführer fest. „Du hast gewusst, dass er keinen Gebrauch vom Xylith machen würde. Nur woher?“ In seiner Stimme schwang eindeutiger Argwohn mit. Nicht, dass er seinem Partnerpokémon nicht vertraute. Nur manchmal warf Xatu das eine oder andere Mysterium auf, für das Seijin keine Antwort kannte. „Warum hast du ihn nicht daran gehindert, mir den Dolch zu entwenden? Warum hast du es zugelassen, dass er Neko als Geisel nimmt?“
    „Ich habe es aus der Zukunft gespürt“, antwortete der Psychoadler und schloss die Augen.
    Das erkannte Seijin als Zeichen, dass Xatu nicht mehr weiter darüber reden wollte, und fand sich mit dieser Antwort ab. Doch seine Zweifel blieben. Kein Psychopokémon der Welt konnte so umfangreiche Visionen empfangen. Noch weniger, weil die Situation so angespannt war und Xatu nur wenig Zeit gehabt hatte, die sehr metaphorischen Bilder und Empfindungen zu deuten. Es hätte Nekos Tod bedeuten können.
    So viele Jahre waren Seijin und Xatu schon Partner. Aber im Grunde wusste der Rebellenanführer so gut wie gar nichts über das, was der Psychoadler vor ihrem Aufeinandertreffen erlebt hatte.[/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=-]Shinzus Lebensgeschichte, von ihrem unmöglichen Beginn bis zu ihrem dramatischen Ende …[tab=Spezialkapitel 10]Porygon2 Spezialkapitel 10: Tagebuch eines treuen Verräters


    Als er sein Leben in einem letzten Atemzug aushauchte, zogen die schwerwiegendsten Erinnerungen daran an seinem inneren Auge vorbei …


    [tab=Namensbedeutungen]Kanya - Winternacht
    Anei - Schatten

  • [tabmenu][tab=Aufteilung][tab=Spezialkapitel 10 Teil 2 und Rest]


    Und nun stand er hier, am Ende eines Lebens, wie es, besonders in den letzten Monaten, nicht lasterhafter hätte sein können. Ein Leben, das nicht einmal zwei Jahrzehnte gedauert hatte, und in dem er dennoch alle Sünden begangen hatte, derer ein Mensch sich anderen gegenüber schuldig machen konnte: Er hatte gelogen und betrogen, gestohlen und Rache verübt, beide Seiten, die ihm vertraut hatten, verraten, unzählige Wesen an Körper und Seele verletzt, Kannibalismus begangen, vergewaltigt, gefoltert, gemordet. Wie hätte es auch jemals anders kommen sollen? Dieses Schicksal war ihm vorherbestimmt gewesen, zu genau dem Zeitpunkt, als Yamiko die Saat seines Lebens gepflanzt hatte. Er war als Opfer geboren und zum schlimmsten aller Verbrecher geworden.
    Er war am Ende. Mit einer Kindheit, nicht gerade dafür angetan, ein gesundes Moralempfinden zu entwickeln und ethische Wertvorstellungen auszubilden, einer Zukunft, die all ihrer Stützen beraubt war, und einer in alle ihre Teile zerbrochenen Psyche stand er nun so dicht am Abgrund, dass es nur eines Windhauchs bedurfte, um ihn hinabzustoßen. Sein verzweifeltes letztes Aufbäumen gegen sein Schicksal – Nekos Geiselnahme – war vereitelt worden. Welche andere Option blieb ihm da noch außer der dunklen Umarmung des Todes?
    Während jeder Herzschlag mehr Leben aus seinem Körper pumpte, das er vor drei Tagen so verzweifelt zu retten versucht und von dem er bis gestern Abend gedacht hatte, es würde bis in alle Ewigkeit unsterblich sein, glaubte er für einen kurzen Moment, Yamiko beuge sich mit vorwurfsvoller Miene zu ihm herab. Shinzu blinzelte die Schleier weg, die seinen Geist zu umnebeln begannen, und erkannte Seijin. Ein Lächeln wie aus den Tiefen des Wahnsinns verzerrte die Züge des Sterbenden, und er sagte mit schwächer werdender Stimme: „Du wirst das Geheimnis nie erfahren, alter Mann!“
    Seijin entdeckte das Lederband, das unter Shinzus Hemdkragen hervorgerutscht war. Vorsichtig zog er daran; der Sterbende beobachtete ihn dabei. Niemals würde der Rebellenanführer herausfinden, welches perfide Spielchen Shinzu tatsächlich wochenlang unter seinen Augen gespielt hatte. Der Xylith war zerstört, und mit seinem einstigen Nutzer starb auch das Wissen um ihn.
    Umso überraschter war Shinzu, als Seijin an der Lederschnur einen glasklaren, diamantartig reflektierenden Bergkristall hervorholte. Geschockt riss Shinzu die Augen auf. Wie war das nur möglich? Er hatte doch gesehen, wie der Xylith in seinen Händen zerkrümelt war! Hatte Yamiko ihn zum Narren gehalten? Warum hätte sie das tun sollen?
    Er hatte sich den Dolch mitten durch Herz gestoßen. Eine solche Verletzung zu heilen, hatte er nicht die Macht – um das zu glauben, reichte nicht einmal seine Vermessenheit aus. Aber vielleicht bestand ja doch eine geringe Hoffnung …?
    Als Seijin sah, wie sich in dem Kristall in seiner Hand die weißen Bläschen der Genesung-Attacke bildeten, zog er eine Braue hoch. „Wie merkwürdig, dass du ihn erst jetzt gebrauchst … Glaubst du wirklich, du kannst dich noch retten?“, fragte er skeptisch. „Nicht einmal Yamiko könnte dir jetzt noch helfen, selbst wenn sie sofort hier erschiene.“
    Diese Worte verblüfften Shinzu so sehr, dass er darüber völlig vergaß, die regenerative Attacke aufrechtzuerhalten. Woher kannte Seijin nur Yamikos Namen? Seit sie die Macht über Namine und die Sieben Länder vor fast zweieinhalb Jahrhunderten an sich genommen hatte, war sie keinem Menschen, der bei Bewusstsein war, begegnet – zumindest bis auf Shinzu. Sie verbarg sich hinter dem Schleier einer erfundenen Königsfamilie und lenkte das Herrschergeschick im Verborgenen. Es war unmöglich, dass Seijin ihren Namen kannte. Es sei denn …
    Shinzus verblassende Gedanken wurden unterbrochen, als der Rebellenanführer mit einem Ruck an dem Lederband zog und ihm den Kristall so vom Hals riss. Augenblicklich – und diesmal unwiederbringlich – brach die Verbindung zu seiner inneren Macht ab. Der schwerlich begonnene Heilungsprozess wurde schlagartig beendet.
    „Es ist schade um deine Kraft und dein Talent“, meinte Seijin mit echtem Bedauern. „Du hättest so vielen helfen können. Doch stattdessen hast du dich dazu entschieden, nur dir selbst auf Kosten anderer zu helfen. Ich hätte dich früher erkennen und aufhalten müssen.“ Der Anführer der Schwarzen Rose schloss die Faust um den Kristall, wandte sich ab und ging.
    Hilflos musste Shinzu mit ansehen, wie sich der Schlüssel seiner Macht von ihm entfernte und Seijin ihm damit den für ihn denkbar schrecklichsten Tod überhaupt bescherte.
    Ohnmächtig schloss er die Augen und gab sich der Schwärze hin. Langsam kroch sie näher und fraß ein Teil von ihm nach dem anderen, alles, was ihn ausmachte: Seine Erinnerungen, seine Gefühle, Wesenszüge und Charaktereigenschaften, alles schmolz dahin. Bis er nur noch nichts war und von einer großen Leere in sich aufgenommen wurde.
    Endgültig.

  • Hallo Pika! :3


    Ich wollt mal die Feedback-Kette weiter antreiben und fand mich vor soooo vielen Kapiteln vor, haha. Habe zwar angefangen zu lesen, aber meine Motivation so schnell wie möglich einen Beitrag zu verfassen, hat mir gesagt, dass ich deine Geschichte nicht so konzentriert lesen werden, wie ich sollte. Also dachte ich mir, ich lese die gesamte Geschichte in Ruhe nach und konzentriere mich jetzt eher auf deine Spezial-Kapitel, weil man die gut bewerten kann, ohne wirklich die ganze Geschichte zu kennen. Dementsprechend verzeih, wenn ich irgendwo Unsinn kritisiere, weil ich wirklich nur die Informationen aus dem Spezial-Kapitel habe. Ich hab mich jetzt natürlich auf Nummer 10 konzentriert, weil das aktuell ist :3 Fangen wir also an mit den Zitaten, die ich mir beim Lesen markiert habe:


    Formulierungen, Grammatik usw.


    Inhaltliche Logikfehler und Verständnisprobleme


    Allgemein
    Du hast auf jeden Fall das Talent lebendige Bilder beim Lesen zu wecken. Deine Vergleiche, Metaphern und Beschreibungen machend eine Geschichten wirklich bunt und man ist schnell drin im Ganzen. Sehr gut hat mir zum Beispiel auch folgende Formulierung gefallen:

    die ihre Netze zwischen den Gebäuden der ganzen Stadt knüpften

    Hier wird mit wenigen Worten deutlich, dass die dunklen Gassen der Stadt in der Macht unzähliger Banden liegen und die Menschen hilflos sind. Gleichzeitig wird auch klar, dass diese Banden ihre Finger überall mit ihm Spiel haben und die Menschen das auch für sich nutzen.
    Generell liest sich die Geschichte recht einfach und wird nicht langweilig. Du hast kaum Zeit verschwendet, sondern eigentlich für jede Lebensphase passend viel Text genutzt. Etwas zu viel umschrieben fand ich die Wandnische von Shinzu; habe gedacht, dass da mal mehr passiert, als dass er nur gefunden wird. Eigentlich war dieser Ort im Endeffekt beliebig austauschbar. Lediglich die Tatsache, dass er sich "so klein" machen musste, find ich wichtig. Ansonsten erzählst du alles recht fließend, fast wie "nebenbei" und dennoch kriegt man Gefühle mit. Dein Erzählstil spricht für sich, ohne dass du viele Emotionen umschreiben musst. Das mag ich bei dir doch recht gerne.
    Etwas Schade finde ich die paar Stellen, die offensichtlich als Mittel für den Plot genutzt wurden, aber nicht ganz durchdacht. Der Tod des Vaters oder auch das mit den Soldaten. Du überdenkst sowas normalerweise etwas detaillierter und hast immer total kreative Ideen in solchen Situationen. Deswegen fällt sowas auch mehr auf. Teilweise krieg ich das Gefühl, dass du hoch motiviert warst Shinzus Geschichte niederzuschreiben, aber nicht motiviert genug diese auszuarbeiten. Seine Persönlichkeit wird aber einem definitiv näher gebracht. Sein Ende erscheint mehr als logisch, weil er einfach seit seiner Kindheit nur noch kaputt war und nie gelernt hat Verluste zu kompensieren. Deswegen verwundert es auch nicht, dass so viele Verluste auf einmal ihn komplett gebrochen haben. Insgesamt finde ich seine Entwicklung aus psychologischer Sicht nachvollziehbar, trotz paar kleiner Schwächen. Interessant ist, dass ich weder Sympathie noch Antipathie entwickelt habe. Irgendwie habe ich alles hingenommen; vielleicht weil ich wusste, dass er am Ende stirbt? Positiv überrascht war ich dennoch, weil ich wirklich befürchtet habe, dass die Liebe zu Neko ihn bekehrt. Ich mein, sicher kann ein Mensch sich bessern und/oder es versuchen. Aber eine 180°-Wendung, wie man sie so oft bei romantischen Geschichten liest, ist ein No-Go. Dementsprechend danke dafür, dass du seine Persönlichkeit nicht über den Haufen geworfen hast.


    Hat wirklich Spaß gemacht das zu lesen und bin auch überrascht, wie viel Dramatik drin steckt. Habe eigentlich bei dem Titel eher etwas romantisch-komödienhaftes erwartet. Keine Geschichte, wo krieg und Intrigen usw. eine große Rolle spielen. Habe mir auch vorgenommen die ganze Geschichte mal nachzulesen; vielleicht werde ich dann noch mehr zu diesem Spezial-Kapitel sagen können, wenn ich Shinzu anders kennen lerne. Und du, lass dich nicht entmutigen, nur weil wenige Kommentare kommen. Bin mir ziemlich sicher, dass so einige User das auch lesen :3



    .: Cassandra :.

  • Nach ein paar Jahren mal wieder Feedback von mir! Mittlerweile hat sich ja einiges getan. Deine Story war damals schon toll, leider konnte ich mich nur noch an den ungefähren Inhalt erinnern - und habe sie dann lieber noch einmal ganz von vorne gelesen. War (Tablet sei Dank) eine spannende Lektüre für den Urlaub, obwohl ich die Spezialkapitel mangels Zeit vorerst ausgelassen habe. Aber die Hauptstory konnte ich innerhalb von fünf Tagen bis zum aktuellen Stand lesen, kann also niemand sagen, sie sei nicht fesselnd! (: Jedenfalls beziehe ich mich jetzt nur auf die nicht-Spezialkapitel ...
    Erst einmal finde ich es interessant, wie sich das alles entwickelt hat! Mizu ist nach wie vor mein Liebling, auch wenn er zeitweise seine stillen Momente hatte. <3 Shinzu mochte ich am Anfang gar nicht, mit der Zeit wurde er dann symphatischer. Ich hatte immer eher ihn im Verdacht, zum Teil war ich mir aber echt nicht mehr sicher (gerade diese Unsicherheit, die sich durch die ganze Geschichte zieht, ist so spannend!). Vor allem diese eine Szene, in der der unsichtbare Prinz von dem anderen bei den Baderäumen erwartet wird (war das Kapitel "Heißer Wasserdampf", denke ich), ist supermegatoll geschrieben und hat mich fast wahnsinnig gemacht. Eigentlich hätte sich jeden Moment klären müssen, wer er denn nun ist - aber du hast es immer wieder geschafft, diese Antwort so knapp zu umrunden! Umso glücklicher darf man jetzt wohl sein, dass zumindest dieses eine Geheimnis gelüftet ist. Bleiben ja nur noch die ganzen anderen ... Mich würde ja brennend interessieren, woher Mizu sein ungewöhliches Aussehen hat - oder was es mit der Seijin/Shinzu Ähnlichkeit auf sich hat - oder was man von ihr noch erwarten kann - so einiges ist noch unklar! Natürlich habe ich meine Spekulationen, aber ich hoffe vorerst einfach darauf, dass du weitere Hinweise einfließen lässt. (: Und ich hoffe, dass es Mizu bald besser geht. In den letzten Kapiteln war er leider nicht besonders aktiv am Geschehen beteiligt, die Szene im Heilerhaus mit Neko war trotzdem süß und ich shippe die beiden mehr denn je! <3 Auch Raika taut zunehmend auf. Das hatte ich nach dem etwas turbulenten Start auch gehofft bzw. erwartet. Trotzdem scheint die Entwicklung der Charaktere bei dir stets nachvollziehbar und nicht aus der Luft gegriffen. Da merkt man, wie gut du die Geschehnisse planst und wie sehr du deine Charaktere "kennst". Auch Rai und Mizu konnte ich mir während der Übungszeiten gut als Kämpfer Seite-an-Seite vorstellen. Hoffentlich freunden die sich im Laufe der Zeit noch mehr an? So verkehrt finde ich den Kerl nämlich nicht, wenn man von der Aktion mit Nidoqueen absieht ... Wie er zu seiner Schwester steht, finde ich bemerkenswert und manche Gespräche sind einfach göttlich! Wer mir jetzt überraschenderweise nicht so symphatisch ist, ist Momoko. Keine Ahnung warum, vielleicht dieses "versehentliche" Teevergießen am Anfang ... Mal sehen, wie sie Shinzus Tod aufnimmt? Und ist er jetzt überhaupt tot, da war doch noch die Sacht mit der Unsterblichkeit. Allerdings ist er ziemlich überzeugend tot ... ? So viel dazu, dann hat sich die Lebensverlängerung wohl doch nicht wirklich gelohnt.^^" Bin jedenfalls gespannt, wie es weiter geht!


    Liebe Grüße,
    Lufa

  • [tabmenu]


    [tab=Einleitung]


    Huhu, Pika Pikachu!


    Nun bekommst du mal wieder von mir
    einen Kommentar. Ich werde mich dieses Mal aber darauf beschränken,
    nur den zweiten Teil des letzten Spezialkapitels (sprich den letzten
    Post) genauer zu analysieren, für das Geschehen davor gebe ich eher
    einen allgemeinen Eindruck wieder.


    [tab='Das davor']


    Verletzungen und
    Tode


    Wenn ich mich recht erinnere, möchtest
    du deine Welt darauf aufbauen, dass Pokémonattacken (von den
    Taschenmonstern ausgeführt) nicht zum Tod führen können. Es ist
    deine Geschichte, also kannst du das auch als Voraussetzung geben –
    aber sei vorsichtig. Die Handlungsführung wird zunehmend ernster
    (nicht nur anhand der Gewalt, das gab es vorher auch schon) und es
    kann dann schnell seltsam wirken, wenn Pokémon wie wild aufeinander
    einschlagen und trotzdem mit dem Leben davonkommen. Dass sie sich
    allerdings gegenseitig töten können, hat spätestens
    Voltensos Jagd im Waldring gezeigt. Das lässt darauf schließen,
    dass Pokémon neben ''ihren Attacken'' noch andere Möglichkeiten
    haben, zu kämpfen. Worauf ich hinaus will: Bei zunehmendem Ernst der
    Gesamtsituation musst du aufpassen, dass Pokémonkämpfe nicht zu
    'harmlos' wirken, sonst beeinflusst das wiederum die Gesamtstimmung
    der Geschichte und selbst die härtesten Kämpfe der Menschen wirken
    weniger dramatisch. Am Günstigsten wäre es wahrscheinlich, wenn
    dieses tödliche Jagdverhalten nach und nach öfter angesprochen wird
    bzw. dem Leser klar gemacht wird, dass Pokémon nicht nur sportliche
    Wettkämpfe miteinander austragen (denn töten können sie ja
    offensichtlich). Ich will dir damit nicht sagen, wie du deine
    Geschichte zu schreiben und zu entwickeln hast. Ich will nur auf die
    oben erwähnten Gefahren aufmerksam machen. Du könntest z.B. auch
    auf 'wissenschaftliche Art und Weise' auf das nicht tödliche
    Kampfverhalten der Pokémon eingehen und warum das so ist, wie es
    ist. Das hilft dem (meinem Empfinden nach größeren) Teil der
    Leserschaft des BB, die Pokémonattacken durchaus als
    (lebens-)gefährlich sehen, deine Welt zu verstehen und ihre
    'Gesetze' kennenzulernen (srsly wünsche ich mir so etwas, das deine
    Vorstellungen in dieser Hinsicht thematisiert).


    Zusammenfassung


    Ich gebe zu, dass ich die
    Zusammenfassung sehr angenehm zu lesen fand, weil sie bedeutend
    kürzer war als die normalen Kapitel (nicht böse gemeint, lange
    Texte sind natürlicher Weise schwerer zu verdauen). Nichts desto
    trotz darfst du so etwas eigentlich nur machen, wenn es dazu auch ein
    (oder mehrere) ausgeschriebene Kapitel gibt. Es wirkt so etwas
    unschön und man kann zu einer Zusammenfassung auch nicht besonders
    viel sagen bzw. kommentieren oder generell wenig damit anfangen.


    Dass du darauf keine Lust hattest
    verstehe ich, das kenne ich auch zu Genüge. Dass die Informationen
    aber trotzdem nicht verschwiegen werden sollten, ist auch logisch,
    weil einige Szenen der folgenden Kapitel sonst wenig Sinn ergeben
    hätten bzw. einige Fragezeichen hinterlassen. Nichts desto trotz, du
    hättest statt einem vollen Kapitel auch andere Wege gehen können.
    Z.B. die Hauptinformationen (das Phantom wird von den und den Leuten
    aus den und den Gründen enttarnt) auf die anderen Kapitel
    verstreuen, etwa in Getuschel zwischen den Zwillingen, ernsten
    Blicken zwischen Tetsu und dem Anführer, seltsames Verhalten, vll
    das Sehen, wie jemand von ihnen bei Seijin rauskommt, Andeutungen
    durch Raika (''bald wird er seine gerechte Strafe erhalten''),
    nachträgliche Erklärungen o.Ä. Dadurch gibst du die nötigen Infos
    wieder, hast aber nicht das Problem, ein ganzes Kapitel schreiben zu
    müssen.


    Ich weiß nicht, ob du dich an das
    erinnerst, was bei Namenlos zum Schluss passiert ist, aber
    ursprünglich sollten der Rückblick in die Vergangenheit des
    Dragoran aus drei Teilen bestehen. Im ersten ging der Bruder fort, im
    zweiten starb die Mutter, und im dritten sollte dann die Erklärung
    folgen, was Mewtu mit der Drachin verbindet. Ich hatte aber offen
    gesagt keine Lust auf den dritten Teil, weil die Informationen zwar
    wichtig und nötig waren, man aber eine Länge an Worten gebraucht
    hätte, das zu schildern. Ich hätte viel länger dazu gebraucht, als
    gut gewesen wäre, und hätte ich das nächste Kapitel geschrieben,
    wäre es auch anders gekommen: Ich hätte diese Erklärungen in
    Rückblicken geliefert, damit das Entscheidende überliefert wird,
    man aber nicht ein ganzes Kapitel von doppelter oder dreifacher Länge
    dazu lesen muss.


    Gewalt


    Du weißt ja, dass deine FF schon Grund
    für FFK-Diskussionen war. Ich muss wirklich zugeben, dass es mich
    immer massiv gestört hat, wenn Gewalt so exzessiv beschrieben wurde
    wie z.B. im Bordell-Kapitel. Das liegt nicht daran, dass ich
    grundsätzlich keine Gewalt in Geschichten lesen will, sondern daran,
    dass in meinen Augen alles eine gewisse Dosis haben muss. Daher finde
    ich es verdammt positiv, dass du in der Beziehung offenbar einen
    Wandel vollziehst: Du setzt Kampf und Brutalitäten sparsamer und
    bedachter ein, das macht deine Geschichte gleich viel interessanter
    und lenkt das Augenmerk mehr auf die Handlung als splitternde Knochen
    und gekochtes Fleisch! Weiter so! :)


    Zeitpunkt des Angriffs auf
    das Hauptquartier


    Ich bin zwiegespalten, was diesen Punkt
    angeht. Der Einsatz eines wichtigen Feiertages, um beiden Seiten eine
    Verschnaufpause zu gönnen und plausible Kampfesruhe für Shinzus
    Enttarnung zu schaffen, ist sicherlich gut und richtig. Aber es wirkt
    einfach seltsam, dass die Armee des Kaiserreiches nach einem
    missglückten Vorstoß nicht erneut angreift bzw. wenn es so lange
    dauert, die Truppe neu zu organisieren, das so kurzfristig vor einen
    Feiertag legt. Ich meine, klar, man will das vermutlich vor dem
    Feiertag noch geregelt haben, um dem Volk einen zusätzlichen Grund
    zum Feiern zu präsentieren. Aber gerade dann müsste man eigentlich
    – selbst, wenn man zuversichtlich ist – mit mehreren Tagen
    rechnen, denn der Waldring kann selbst ohne rechtzeitige Kenntnis des
    Angriffs schnell mobilisiert werden (man hat ja auch Späher und eine
    kleine Armee ist auch nicht gerade unauffällig) und mit zahlreichen
    waffenfähigen Kämpfern und Pokémon musste mit heftiger Gegenwehr
    gerechnet werden. Es kann natürlich sein, dass du anderes im Sinn
    hattest, aber ich finde das ein bisschen komisch und etwas ungereimt.
    Ich vermute einfach, dass Shinzus Enttarnung der Dreh- und Angelpunkt
    ist, der bestimmte schriftstellerische Entscheidungen bezüglich des
    Angriffes beeinflusst hat: Nach Seijins Informierung durfte die
    öffentliche Enttarnung nicht allzu lang auf sich warten lassen, aber
    der Kampf musste erst ausgefochten werden, durfte dementsprechend
    nicht zu lange dauern usw. Aber das wirft auch die genannten Probleme
    auf – ist imo etwas unglücklich gelaufen, idealerweise hätte
    Shinzu schon vor dem Kampf unter Arrest gestellt werden müssen,
    damit du mehr Zeit und Ruhe hast, die Kämpfe ums Hauptquartier
    auszubauen bzw. komplexer zu gestalten (mit 'müssen' meine ich btw
    keine Vorschriften, wie du deine Geschichte zu gestalten/aufzubauen
    hast, sondern nur, was dr Geschichte in meinen Augen besser
    getan hätte).


    Noch ein Aspekt, der mich ein wenig ins
    Grübeln brachte, ist die Entfernung Hauptquartier-Schloss, die
    irgendwann in den Kapiteln angegeben wird. Selbst, wenn man davon
    ausgeht, dass der Herrschersitz außerhalb der Mauern der Hauptstadt
    liegt (als man seinerzeit zum Markt ging, war der Weg afair deutlich
    länger), ist es komisch, warum dieser Angriff zu überstürzt (→
    Nähe zum Feiertag) erfolgt – eine halbe Stunde ist so gut wie
    nichts, man hätte also keinen so dringend wirkenden Zeitpunkt für
    den Angriff gebraucht, sondern hätte (mit entsprechenden
    Vorüberlegungen) spontaner agieren könnten. Abgesehen davon wirkt
    das Ausbleiben eines erneuten Angriffes der Kaiserlichen dadurch noch
    etwas seltsamer, weil man eine neue Welle sehr schnell auf den Weg
    hätte bringen können.


    Erklärungen


    Die Balance zwischen dem, was direkt
    gesagt und dem, was nur angedeutet wird, ist schwierig, ich weiß. In
    den letzten Kapiteln, die ich gelesen habe, hatte ich aber
    gelegentlich den Eindruck, dass du zu viel erläuterst. Es kommt für
    meinen Geschmack zu oft vor, dass Charaktere sich oder Sachverhalte
    genau erklären, das kann schnell etwas langgezogen wirken bzw. fand
    ich das an manchen Stellen konkret unglücklich, weil manche, gerade
    kleinere, Sachverhalte schöner durch Andeutungen (zumindest nicht
    direkt erklärt) zur Geltung gebracht werden oder wenn sie nach und
    nach enthüllt werden oder zusammenfassend geschildert sind. Durch zu
    häufige und detaillierte Erklärungen nimmt man dem Leser die
    Möglichkeit, sich selbst Gedanken zu machen. Die gelegentliche
    Erwähnung der ''Königin, die es nicht geben kann'' ist zum Beispiel
    ein hervorragend gelöster Aspekt: Hier wird ein Geheimnis angedeutet
    und der Sachverhalt nach und nach über Andeutungen und Vermutungen
    in den Kopf des 'Zuschauers' eingepflanzt. Das geht bei kleineren
    Aspekten natürlich nicht, aber gerade bei Reaktionen von Charakteren
    stört es eher, als dass es hilft, wenn sie sich noch genau daran
    denken (nicht im reflektierenden Sinne), weshalb sie gerade so
    handeln wie es tun – da ist es meist schöner, wenn man das
    Verhalten der Personen selbst interpretieren kann (Beispiele kann ich
    bei Bedarf gern raussuchen, aber ich hoffe, es ist auch so
    verständlich, was ich meine x3).


    'Enthüllung'


    Hm, leider habe ich auch hier etwas zu
    meckern ^^''


    Es hat sich ja schon länger
    abgezeichnet, wer das Phantom ist. Das Problem, dass ich hier habe,
    ist, dass es bis zum entscheidenden Punkt etwas zu lang gedauert hat:
    Die Spannung um Identität und Enthüllung des Spions war leider kaum
    noch vorhanden. Das Problem ist glaube ich, dass hier Enthüllung für
    die Protagonisten und Enthüllung für die Leser 'offiziell' auf den
    gleichen Punkt gefallen ist: Hättest du den Leser schon zu einem
    früheren Zeitpunkt klar über Shinzus wahre Identität aufgeklärt,
    wäre die Spannung erhalten geblieben, weil man dann den schmalen
    Grad zwischen Entdecktwerden und Verborgenbleiben mit balancieren
    kann. So hat dieser Aspekt gegen Ende leider ein wenig an Reiz
    verloren, was ich sehr schade finde.


    Das klingt größtenteils vielleicht
    etwas unzufrieden, alles in allem waren die Kapitel aber gut
    geschrieben. Es sind auch viele interessante Aspekte wie mögliches
    Misstrauen zwischen Mensch und Erstpartner (→ Seijin/Xatu)
    aufgetaucht und durch Shinzus Tod hat man den Eindruck, dass ein
    Abschnitt der Geschichte endet und ein neuer, ernsterer beginnt, was
    gespannt auf mehr macht. Die erwähnten Bemängelungen sind imo zum
    größten Teil einfach unglücklich gelaufen bzw. in der Situation,
    wie sie sich entwickelt hat, nicht mehr anders möglich.


    [tab='Spezialkapitel 10.2']


    [subtab='Positives']


    Titel


    Ich finde ''Strahlende Zukunft'' hat
    eine schöne Verbindung zu ''Dunkle Vergangenheit''. Zwar hätte der
    Übergang zwischen den beiden Teilen meiner Meinung nach nicht so
    fließend sein dürfen, weil die Überschriften eine stärkere
    Trennung implizieren (ein eingefügtes ''warum einer ihrer Soldaten
    nicht bei den Rebellen spionieren konnte'' reicht ja schon als
    Übergang). Da beide Teile am gleichen Tag gepostet wurden, geht das
    noch, aber dennoch, nur als Hinweis.


    ''Wenn
    er weiterhin Kopien ihres Xyliths von ihr erhalten wollte,
    [...]''
    [/i]


    Interessanter Aspekt und geschickt
    nebenbei eingeflochten. Das klingt danach, als würde sich dieses
    besondere Gestein 'abnutzen'/relativ schnell kaputt gehen/seine Kraft
    versiegen, wenn Shinzu öfter als einmal neue Exemplare benötigt.
    Später wird dann angedeutet, dass Yamiko die Kristalle zerstört,
    wobei sich die Frage stellt, wie genau sie das anstellt.


    [b][size]Gefühle vs Gefühle[/size]


    Ich finde dieses Kapitel als
    Hintergrundgeschichte zu Shinzu sehr schön. Viele Dinge wie etwa den
    inneren Konflikt zwischen Treue und dem kalten Wesen und den warmen
    Gefühlen hat man sich schon denken können, aber es ist gut, das
    noch einmal deutlicher vor Augen geführt zu kommen. Dadurch wird die
    Figur im nachhinein auch nochmal ein Stückchen plastischer.
    Abgesehen davon, dass mich das schwer an Romane erinnert, in denen
    ähnliche Charaktere wie Shinzu mit den vollkommen ungewohnten
    Gefühlen einen regelrechten Schlag in die Magengrube bekommen.
    Dieser Kontrast und Konflikt mit den nicht so einfach abzulegenden
    früheren Verhaltensweisen ist immer interessant und lässt einen
    eigentlich 'bösen' Charakter vielschichtiger erscheinen.


    Das Phantom und sein
    Partner


    In diesem Teil wird auch noch näher
    auf die Beziehung zwischen Shinzu und Porygon2 eingegangen. Ich habe
    diese Stellen sehr genossen, weil sie dem Prinzen noch mehr
    emotionale Tiefe beschert und seinen Charakter vielschichtiger
    gestaltet haben. Zumal es äußerst wichtig war, die starke
    emotionale Bindung zwischen Mensch und Erstpartner zu thematisieren,
    um das Bild von Shinzu zu vervollständigen. Abgesehen davon wurden
    diese Aspekte schön ausgearbeitet und toll beschrieben. Besonders
    emotional und traurig war dann auch die Szene des 'Abschieds' – man
    konnte regelrecht mitleiden. Schön war an der Szene auch die
    Beschreibung des Schockzustandes, als Shinzu realisiert, was er mit
    seinem Wutausbruch angerichtet hat.


    ''Woher
    kannte Seijin nur Yamikos Namen?''


    Mein
    bescheidener Tipp ist: Bruder/Schwester *hust*
    ^^


    Mir
    sagt zu, dass hier ein neuer Aspekt aufgemacht wird, der der
    Geschichte ein spannendes Element gibt. Wenn das aber tatsächlich so
    gedacht ist, würde ich dir vorschlagen, diesen Sachverhalt zumindest
    dem Leser gegenüber möglichst rechtzeitig zu klären. Wie in Bezug
    auf Shinzus Enthüllung gesagt verliert sich die Spannung sonst mit
    der Zeit. Sollte eine andere Verbindung der beiden gedacht sein (was
    angesichts der sehr eindeutig wirkenden Andeutung zu Seijins
    Schwester fast unwahrscheinlich wirkt) oder du trotzdem noch nicht
    völlig eindeutig werden wollen, halte ich es aber für sinnvoll,
    diese Verdachtsmomente ernsthaft zu verstreuen. Ich liebe Dan Brown
    ja dafür, dass er einen so lange rumrätseln lässt, bis man eine
    überraschende Antwort erhält, der wahre Kern dann aber doch wieder
    vollkommen anders ist, als gedacht. Das ist natürlich sehr
    schwierig, aber du könntest z.B. verschiedene Möglichkeiten der
    Beziehung andeuten, ohne einer zu früh den Vorzug zu geben oder
    diese abwechselnd in den Vordergrund rückst, sodass es immer
    spannend bleibt. Oder bei der frühzeitigen Enthüllung für den
    Leser/nicht für die Protagonisten den Aspekt des 'wie kommt es raus'
    spannend zu gestalten – es gibt da ganz viele Möglichkeiten,
    solche Rätsel mit immer neuem Interessantheitsgrad zu füttern :)


    [subtab='Verbesserungsvorschläge']


    Münzenstapelei


    Auch eine nette Idee und raffinierte
    Überlegung, den Xylith-Versand zu erklären. Hier stellt sich
    allerdings die Frage, was das mit Nachtnebel zu tun hat. Natürlich
    werden Attacken bei menschlichen Anwendern etwas freier
    interpretiert, aber Nachtnebel ist ein reiner Schadensangriff und hat
    nichts mit Tarnung oder Täuschung zu tun. Hier hätte eine
    'abgewandelte Form des Wandler' oder etwas in der Art meiner Meinung
    nach besser gepasst. Oder Trickbetrug, der bei bestimmter Anordnung
    der Münzen dann die Gegenstände tauscht.


    ''Bei
    all den Schandtaten, die er begangen hatte, wäre es nur eine von
    vielen gewesen.''


    Hm,
    selbst, wenn dieser Satz durch 'er wollte den Blick derer nicht
    sehen, die er liebte' etwas relativiert wird, konnte mich Shinzus
    Verhalten gegenüber Neko nicht wirklich überzeugen. Liebe schützt
    einen nicht davor, den Verstand ausklinken zu lassen, gerade, wenn
    man im Grunde so sehr von Verlust- und Niederlagenängsten zerfressen
    ist wie das Phantom. Aber mir fehlt hier der Schockmoment, der
    Moment, in dem realisiert wird, was er seiner einzigen Liebe, der
    einzigen Person, der er wirkliche Gefühle entgegenbringen kann und
    für die er sogar seine sonst unbändigen Rachegelüste (→ Mizu)
    zügeln konnte, beinahe angetan hätte. Ich meine, klar, dass er das
    gegenüber seinem Erstpartner nicht zugeben möchte – das würde
    nicht zu seinem Charakter passen. Aber zumindest in seinem Inneren
    (und da das Spezialkapitel aus seiner Sicht erzählt wird) müsste da
    so etwas wie ein Blitzeinschlag stattfinden, der ihn lähmt und ihm
    sein Handeln vor Augen führt, ihn vielleicht wütend auf sich selbst
    und verwirrt werden lässt o.Ä. Mir fehlt also auch das emotionale
    Chaos an dieser Stelle – klar ist Shinzu dein Charakter, aber bei
    dem, was man bisher von ihm kennt, wirkt das, was in bezug auf Neko
    passiert, etwas seltsam.


    [subtab='Fehlerteufel']


    Zitat

    Außerdem
    hatte er sich in den letzten Jahren einfach von der Außenwelt
    verfremdet […]


    [Eher
    ''entfremdet''.]


    [subtab='Weiteres']


    [...] das
    Einzige, was ihn an ihr störte, waren ihre Katzenohren.


    Du hast leider nicht erklärt oder
    angedeutet, warum er dagegen etwas hatte – was ist denn der Grund?


    [tab='Schlusswort']


    Ich habe ja schon gesagt, dass es ein
    paar Dinge gab, die mir nicht so sehr zugesagt haben. Umso gespannter
    bin ich, wie die Geschichte weitergehen wird, wie die Ereignisse die
    Charaktere und Geschichte verändern werden, ob es vielleicht sogar
    einen Zeitsprung geben wird oder was nun mit dem Hauptquartier
    passieren soll, wie Neko mit Shinzus Tod und Verrat fertig wird und
    was das mit den anderen anstellt. Ich freue mich schon auf die
    Fortsetzung :)


    lg


    Sheo Mewtu


    [/tabmenu]

  • [tabmenu][tab=Vorgeplänkel]Obwohl ich gelobte, schneller zu posten, ging das bei diesem „Mammutkapitel“, wie ich es nenne, sehr schwierig. Die vielen Teile mussten geplant, geschrieben und in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden, ganz zu schweigen davon, dass ich das viel zu oft korrekturgelesen habe xP
    Letztlich wichtig ist der Teil „Der Rote Faden“ und das, was davor und danach außerhalb seines Spoilers steht. Alle sechs „Unterkapitel“ nehmen hier die Stellung von Spezialkapiteln ein, sind für die Handlung an sich also nicht wichtig, können aber ergänzend und erklärend gelesen werden. Müsste ich einen Favoriten wählen, nähme ich „Scherben bringen Glück“ und „Kleiner Geist ganz Groß“. Gerade bei letzterem ist der Titel sehr interessant zu interpretieren… x3


    Inspiriert ist dieses Kapitel an der Folge von Avatar - Der Herr der Elemente, die da den Namen trägt Geschichten aus Ba Sing Se. Außerdem hal Namine Elemente der Städte York und Würzburg. Die Allee ist entlehnt einer gleichnamigen Straße in einer meinem Wohnort nahen Stadt, die seit ihrer Renovierung dem Namen nicht mehr gerecht wird: Keine Bäume mehr...


    @Sheogorath

    [tab=Wird wohl aufgespalten werden müssen oo]Kapitel 36: Geschichten aus Namine


    Wie Xatu erwartet hatte, waren ihm die Soldaten tatsächlich entgegengekommen.
    Es war der zweite Tag nach dem unliebsamen Zwischenfall, den Shinzu im Hauptquartier verursacht hatte. Zwei volle Tage waren vergangen, in denen sich Seijin zusätzlich zu seinen Aufgaben als Rebellenanführer auch noch unnötigerweise die Entscheidung darüber aufgebürdet hatte, was mit dem Leichnam des Spions geschehen sollte. Viel zu viel Aufwand, befand Xatu, und hatte sich der Sache schließlich selbst angenommen – ohne das Wissen seines Menschenpartners. Mithilfe seiner telekinetischen Kräfte ließ der Psychoadler den schmucklosen Holzsarg, in den Shinzu nach seinem Freitod gelegt worden war, hinter sich herschweben. Auch jetzt, früh am Morgen, waren die Wachen des Stadtrandes, die den Weg zur Naminischen Festung observierten, höchst aufmerksam. Während Xatu sich zwischen den Ruinen auf die stolze, alles in der Gegend überragende Baute zu bewegte, entdeckten die Soldaten ihn und kamen ihm entgegen. Vornehmlich, ihre auferzwungene Pflicht zu erfüllen, doch Xatu war nicht gekommen, sich mit irgendjemandem anzulegen.
    Vorsichtig ließ er den Sarg zu Füßen der Krieger sinken. „Des Königs Spion“, sagte er ruhig – natürlich wusste er genau, dass Shinzu von einer Frau geschickt worden war, die den Platz einer Königin einnahm; doch es war von Vorteil, wenn Yamiko nicht davon erfuhr, dass jemandem ihre geheime Herrschaft bekannt war. „Mit Grüßen“, fügte Xatu sarkastisch hinzu, breitete die weißen Schwingen auch und kehrte auf dem Luftweg ins Hauptquartier zurück.


    „Das ist alles überhaupt kein Problem!“, verkündete Ryori noch einmal, als sie Neko aus der Küche geleitete. „Besorg du nur, was du benötigst, ich halte hier wie immer die Stellung.“
    „Vielen Dank“, erwiderte Neko, ebenfalls zum wiederholten Male. „Das bedeutet mir sehr viel.“ Neben ihrem Kopf schwebte Traunfugil und gab ein bestätigendes „Fii“ von sich.
    „Natürlich. Aber bevor du gehst, nimm wenigstens das hier.“ Die Köchin des Hauptquartiers drückte der Eloa ein Brötchen in die Hand, das sie auf dem Weg nach draußen wohl zwischendurch ergriffen hatte. Mütterlich tätschelte sie Neko die Wange. „Du musst selbst auch was essen.“
    Dankbar lächelte Neko und drehte die Gabe in den Händen. Die letzten Tage hatte sie tatsächlich nicht viel zu sich genommen – zuerst aus Sorge um Mizu, dann aus Gründen, bei denen sie es vorzog, nicht allzu genau über sie nachzudenken. Als Ryori an ihr Werk zurückkehrte, biss Neko herzhaft in das Brötchen. Mizu ging es besser!
    Als Neko und Traunfugil ihre Wanderschaft der Erlaubniseinholung fortsetzten, stießen sie auf Momoko, Akari und Kasai. „Morgen!“, flötete Momoko sogleich fröhlich, sowie sie ihre Teamkameradin erblickte. Ihr unerschütterlicher Frohsinn hatte Neko aus dem Schrecken, den der vorgestrige Morgen bei der Eloa hinterlassen hatte, zusätzlich zu Mizus Gesunden hinweggeholfen. „Wohin die Reise?“, wollte die Dyrierin wissen. „Wir besorgen schnell das Frühstück, und dann solltest du auch dabei sein!“, tadelte sie Neko, wohl aus denselben Beweggründen, aus denen Ryori der Chimäre das Brötchen überreicht hatte. Während sie es sagte, tanzte sie um Neko, ergriff ihre Hand und drehte sie so mit, was ihren Worten jegliche Schärfe nahm.
    „Ich will nach Namine“, erklärte Neko grinsend und ließ sich von ihrer Freundin mitreißen. Zusammen mit ihren Teamkameraden ging sie nun in die die von ihr angestrebten eigentlich entgegengesetzten Richtung.
    „Ganz allein?“, meinte Momoko überrascht. „In die gefährliche Großstadt?“ Dass die Grünhaarige das nur halb im Scherz meinte, war Neko natürlich klar. Ihr erster und bislang letzter Besuch in Namine war für die Eloa schließlich nicht sehr rosig verlaufen – und da war ihr ganzes Team dabeigewesen.
    Als habe Momoko ihn persönlich verletzt, schwebte Traunfugil vor und reckte empört den Kopf. Neko schob ihn sanft beiseite und meinte: „Wenn Traunfugil mich begleitet, kriege ich das schon hin. Und ich bin ja schon groß“, witzelte sie unbeholfen.
    „Wirst du das Seijin melden?“, flocht sich nun auch Akari in die Unterhaltung mit ein.
    „Was denn auch sonst?“, verlautbarte Momoko, bevor die Gefragte antworten konnte. „Nach dem Fiasko mit Shinzu, der hier rein- und rausgeschlichen kam, wie es ihm passte!“
    „Momoko!“ Die scharfe Zurechtweisung Akaris kam zu spät. Ihre Freundin hatte bereits die unvorsichtigen Worte gesprochen.
    Neko verstand Akaris Umsicht. Immerhin befanden sich zwei Menschen in unmittelbarer Nähe, die Shinzu auf verschiedene Art sehr nahe gestanden hatten: Sie, Neko, die geglaubt hatte, in ihn verliebt zu sein; und Kasai, der eng mit dem Naminer befreundet gewesen war.
    Als der Rothaarige begriff, was Akaris Anliegen war, hob er nur gelangweilt die Schultern. „Ich habe gedacht, Shinzu zu kennen, ja. Deswegen war ich schon ziemlich geschockt, als rauskam, was er verzapft hat. Aber es ist mir egal. Er ist Geschichte, und damit hat sich’s.“ Daran, wie rasch er die Konversation verließ und in der Küche verschwand, war jedoch erkennbar, dass ihm die Sache näher ging, als er zugeben wollte. Sein bester Freund hatte sich als der Feind in den eigenen Reihen herausgestellt und kurz darauf Selbstmord begangen. Einfach abtun ließ sich das ganz sicher nicht.
    Zumindest für Kasai. Was Neko betraf, so hatte sie nicht mehr viel überraschen können, nachdem Shinzu ihr sein wahres Gesicht gezeigt hatte.
    „Junge, was hat der denn?“, schnaubte Momoko.
    Akari sinnierte: „Ich glaube, es ärgert ihn ein bisschen, dass er nicht vorher etwas bemerkt hat. Immerhin kannte er Shinzu von uns allen am längsten. Aber man kann Kasai keinen Vorwurf machen. Shinzu hat uns alle getäuscht.“
    Das, fand Neko, traf den Nagel auf den Kopf.


    Ein bisschen nervös war Neko dann doch, als sie vor der Tür zu Seijins Büro stand. Würde er einzelne Personen überhaupt noch alleine in die Hauptstadt gehen lassen, nachdem das mit Shinzu bekannt geworden war? Ob er sie vielleicht sogar zurechtweisen würde? Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf traute sie sich gar nicht mehr, die Hand zu heben und zu klopfen.
    Wie immer, wenn nichts Spannendes passierte und ihm langweilig wurde, fing Traunfugil an, mit Nekos Ohren zu spielen. Diesmal jedoch zupfte er etwas kräftiger als üblich, bis seine Menschenpartnerin ihm ihre Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ: „Was denn?“, fragte sie leicht genervt. Als wisse ihr Nebelgeist, was in ihr vorging – und es lag nahe, immerhin hatte er als ihr Partnerpokémon eine enge Bindung zu ihr –, quietschte er entschlossen: „Mii!“
    Neko atmete tief durch. „Du hast Recht“, flüsterte sie. „Für Mizu!“ Also hob sie die Faust und klopfte bestimmt gegen die Holztür.
    Sie war es gewohnt, dass sich diese wie von Geisterhand öffnete, kaum dass man die Hand wieder sinken ließ. Doch diesmal geschah einige Zeit nichts, und Neko nahm schon an, dass Seijin möglicherweise nicht in seinem Büro weilte. Da endlich wurde die Türklinke betätigt, und der Rebellenanführer persönlich stand vor ihr. „Verzeihung“, murmelte er nur, bevor er sich gleich wieder umwandte, zum Schreibtisch zurückkehrte und hinzufügte: „Wenn Xatu nicht da ist, vergesse ich manchmal, dass die Tür nicht von alleine aufgeht.“
    „Schon recht“, meinte Neko verwundert. So zerstreut hatte sie den weißhaarigen Naminer, der schon wieder zu seinen Akten zurückgekehrt war, noch nie erlebt. Zögernd trat sie ein und ließ die Tür vorsichtig hinter sich ins Schloss fallen. Traunfugil klammerte sich an ihre Schulter – wahrscheinlich machte ihm die angespannte Atmosphäre ebenfalls zu schaffen.
    Das letzte Mal war sie hier gewesen, als Seijin Mizu zu sich bestellt hatte, um über Tanhels Glasauge und seine Seherfähigkeit den Angriff auf das Hauptquartier zu bestätigen, von dem Xatu in einer eigenen Vision eine Ahnung erhalten hatte. Da hatte sich Neko nicht eingehender im Herzen der Rebellion umgesehen, sodass sie die Gelegenheit nutzte, um einen genaueren Eindruck zu bekommen: Was ihr als Erstes ins Auge fiel, war, dass der Psychoadler nicht anwesend war. Für gewöhnlich befand er sich stets in unmittelbarer Nähe von Seijin, und wenn sich beide hier aufhielten, in der hinteren rechten Ecke, eingehüllt von Schummerlicht, als könne die Deckenlampe die Schatten dort nicht vollständig vertreiben. An der anderen Seite führte eine Tür in ein Nebenzimmer, vermutlich Seijins Schlafzimmer. Der große, wuchtige Eichenschreibtisch stand nach wie vor unbewegt an seiner Stelle gegenüber dem Eingang. Dahinter erhob sich ein schlichter, gepolsterter Stuhl, auf dem der Rebellenanführer Platz genommen hatte. Papiere lagen auf dem Tisch verstreut, manche beschriftet, andere kahl, und ein geöffnetes Tintenfässchen leistete einem Füllfederhalter auf der einzig papierfreien Stelle Gesellschaft.
    Gegenüber dem Fenster, also demonstrativ vom Sonnenlicht beschienen, kauerte sich eine Kommode an die Wand. Das dunkle Kiefernholz glänzte feucht, die Knäufe der Schubladen hingegen waren nicht lackiert und verliehen dem Kasten etwas Zielloses. Neugierig trat Neko näher heran, als sie etwas darauf liegen sah. Auf den ersten Blick war es lediglich eine Rose, doch genau hingesehen offenbarte sich ihre wahre Natur: Es war ein Kunstwerk aus Glas, so meisterlich verarbeitet, dass man sogar noch die feinsten Adern auf den Blättern erkennen konnte – ganz so, als sei eine lebendige weiße Rose zu Kristall erstarrt.
    Neben der Glasrose stand eine Arceus-Figur, die aus verhärteten und gefärbten Tengulist-Nadeln geknüpft war – natürliches Weiß und künstliches Schwarz und Neongrün, die drei Farben des Gottes des Herzlandes. Über dem Schrank an der Wand hing eine Uhr, die wirkte, als sei sie aus einem Stück Holz geschnitzt worden. An Pendel, Seitenwänden und Dach waren verschiedenste Vogelpokémon eingraviert, und über allen thronte ein Xatu, das fast wie sein lebendiges Gegenstück mit alles durchdringenden Augen auf Neko herabsah. Daneben prangte ein bunter Wandteppich. Auf dessen graublaues Grundleinen hatte der Weber ein Garados aufgenäht, detailliert bis in die letzte Drachenschuppe. Die intensive, karmesinrote Tönung eines Bunten hob sich kontrastreich vom blauen Hintergrund ab, der tosende Wellen in allen Blauabstufungen darstellte.
    „Gefällt dir meine Sammlung?“
    Neko schreckte auf und sprang zurück, ein überraschtes Miauen entwich ihr. Lautlos wie ein Schatten war Seijin neben sie getreten. „Ich, ähm …“ Fieberhaft suchte die aufgescheuchte Chimäre nach den passenden Worten. Eigentlich wusste sie gar nicht so genau, was er eigentlich meinte. „Sie ist … sehr interessant.“
    Der Anführer der Schwarzen Rose lächelte, bückte sich zum unteren Schrankfach und öffnete es. „Du bist noch nicht volljährig, also werde ich dir nichts Alkoholisches anbieten“, meinte er geschäftsmäßig, während er zwischen den Flaschen wählte, die in der Kommode Spalier standen. Schließlich entnahm er ihr eine, betrachtete sie prüfend und nickte zufrieden. Aus dem oberen Fach klaubte er zwei Gläser. Während Seijin zu seinem Schreibtisch zurückkehrte, kam er auf das vorige Thema zurück: „Ich bin vor allem stolz auf die Glasrose. Mit ihr ist meine Sammlung komplett.“
    Neko fragte sich, was Seijin damit meinen mochte. Von was für einer Sammlung sprach er bloß? Wenn er die Gegenstände meinte, die die Wand und die Kommode zierten, standen diese wahrscheinlich stellvertretend für seine Partnerpokémon: Die Holzuhr für Xatu, die Arceus-Figur für Tengulist und der Wandteppich für Garados. Doch in diesem Fall passte die Glasrose nicht ins Bild. Oder symbolisierten die Kunstwerke wichtige Ereignisse in seinem Leben, und die Rose hatte etwas mit der Rebellion zu tun? Warum war sie dann nicht schwarz?
    „Bitte, setz dich doch“, wies Seijin sie auf, was Neko sogleich befolgte. „Einen Schluck Feigensaft?“, fragte er und hob die Flasche, die er erwählt hatte. In ihr schwappte eine goldene Flüssigkeit, die einen leichten Stich ins Pfirsichfarbene aufwies.
    „Oh ja, bitte.“ Nachdem der Anführer Neko eingeschenkt hatte, nahm sie das Glas dankend entgegen. Sich selbst goss er auch was ein, während die Chimäre an dem Getränk nippte. Mit der Flut an Aromen in fast allen Bereichen des Geschmacks kamen Kindheitserinnerungen wieder. Seit sie im Herzland lebte, hatte sie keine Feigen mehr gegessen, geschweige denn deren Saft gekostet. Sie rang das nostalgische Gefühl nieder, das sich ihrer gerade heute zu bemächtigen drohte, und nahm einen weiteren Schluck.
    „Ich bewundere diese Kunstfertigkeit“, plauderte Seijin weiter. Sein Verhalten kam Neko immer merkwürdiger vor: Im einen Moment schien er der Welt entrückt seinen Gedanken nachzuhängen, im nächsten führte er ein gewöhnliches Alltagsgespräch. Es schien, als wolle er sich von den tiefen Grübeleien, die ihn als Rebellenanführer wohl regelmäßig heimsuchten, ablenken. Insgesamt war er aber auch ein Mann, bei dem man nicht immer genau wusste, woran man war. „Diese Blütenblätter so geschickt hinzubekommen erfordert viel Fingerspitzengefühl. Nur sehr talentierte Glaskünstler sind dazu in der Lage. In Namine gibt es ein Geschäft, geführt von …“
    „Namine“, unterbrach Neko den Redefluss des Anführers, als das Stichwort fiel. „Ich will nach Namine. Aber dafür brauche ich eine Genehmigung.“
    Seijin schien, entgegen ihrer Befürchtungen, nicht im Mindesten erbost zu sein, dass sie ihm über den Mund gefahren war. Er nickte, als habe er geahnt, mit welchem Begehr sie zu ihm gekommen war, und schob ein paar Unterlagen beiseite. „Weißt du, viele Rebellen im Hauptquartier wollen sich mit dieser Regelung nicht abfinden“, erklärte er währenddessen. „Naja, aber sie sind ja auch Rebellen, was? Sie finden es übertriebene Vorsicht und dass ich sie hier drin festsetze. Aber ich halte ja niemanden zurück, ich will nur informiert sein, wer wann wohin geht. Denn gewisse … Beispiele haben gezeigt, dass es nicht verkehrt für einen Anführer ist, zu wissen, wo sich seine Leute aufhalten.“
    Zweifelsohne spielte Seijin dabei auf Shinzu an. Neko fragte sich, was wohl mit seinem Leichnam geschehen sein mochte. Einen Friedhof hatte das Hauptquartier nicht, demnach musste er seinen nächsten Verwandten übergeben werden. Doch Shinzu selbst hatte Neko gesagt, er sei ein Straßenkind gewesen. Ließe sich seine Familie so überhaupt finden? Nicht, dass es Neko wirklich wichtig war, was mit Shinzu nach seinem Selbstmord geschah.
    Seijin schaffte es endlich, unter dem Papierstapel die Schreibtischunterlage hervorzugraben, auf der ein Kalender eingezeichnet war. Er suchte nach dem aktuellen Datum und zog die Augenbrauen hoch, als er es fand. „Ich pflege, so weit ich informiert bin, die Geburtstage meiner Rebellen hier einzutragen“, meinte er nachdenklich und blickte Neko an. „Dann hätte ich dir vielleicht doch Alkohol anbieten können. Möchtest du, dass ich es deinen Gruppenmitgliedern weitergebe?“
    „Nein“, erwiderte Neko rascher als beabsichtigt. „Ich sage es ihnen selbst …“ … irgendwann, fügte sie in Gedanken hinzu. Im Moment gab es einfach wichtigere Dinge.
    „In Ordnung.“ Seijin nahm die Feder zur Hand und setzte in das Kalenderkästchen eine Notiz. Nachdem er einen Moment gewartet hatte, dass die Tinte trocknete, bedeckte er die Unterlage wieder mit den Unterlagen und verkündete Neko: „Dann hast du hiermit meine Erlaubnis.“
    Neko bedankte sich bei Seijin dafür und für den Feigensaft, erhob sich und ging zur Tür. Gerade, als sie die Klinke betätigen wollte, glitt die Tür von selbst auf, und Xatu stand vor ihr. Sie grüßte den Psychoadler, der sie nur unergründlich musterte; dann wechselten die beiden die Plätze, und Neko machte sich auf den Weg zurück zur Küche, einen Korb besorgen.